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Working Paper Nº Department of Social Anthropology and Cultural Studies Zurich Anthropology Working Papers Tamilische Flüchtlinge, philippinische Ehefrauen, chinesische Touristen – Sozialfiguren asiatischer Migration in der Schweiz – Annuska Derks und Olivia Killias (Hrsg.) © 2017 ANNUSKA DERKS & OLIVIA KILIAS NATALIA ADZINTSOVA, PRAKASINIY APPUTHURAI, DAVIDE BRANCA, KÉVIN BUTHEY, VIVIANNE DÜRST, PAUL-ADAM FEHR, SIMONA WALTER, LAURIE WILLI ZANTHRO - Zurich Anthropology Working Papers Published by ISEK – Ethnologie Andreasstrasse 15 CH 8050 Zurich zanthro@isek.uzh.ch Editorial Board: Sandra Bärnreuther Annuska Derks Molly Fitzpatrick Heinz Käufeler Olivia Killias Matthew Parsfield Francesca Rickli Irina Wenk Graphic Design: University of Zurich, Information Technology, MELS/SIVIC, Sarah Steinbacher Cover Photo: Olivia Killias ZANTHRO Working Papers N°1 | Juli 2017 Tamilische Flüchtlinge, philippinische Ehefrauen, chinesische Touristen: Sozialfiguren asiatischer Migration in der Schweiz A N N U S K A D E R K S , ISEK – ETHNOLOGIE UZH O L I V I A K I L L I A S , ISEK – ETHNOLOGIE UZH Einführung „The migrant has become the political figure of our time“, schreibt Thomas Nail (2015, Klappentext) in seiner Analyse kontemporärer Migration. Ständig kategorisiert und häufig problematisiert, ist die Gestalt des Migranten in heutigen Debatten über Nation, Gesellschaft und Globalisierung kaum wegzudenken. Die Brisanz des Themas Migration zeigt sich in der täglichen Berichterstattung zu Zuwanderung und Flucht, in den Chancen und Ängsten, die damit verbunden werden, sowie in den politischen Interventionen, die beabsichtigen, Migration zu steuern oder gar ganz zu stoppen. Der Migrant, beziehungsweise immer öfter die Migrantin, wird in der gegenwärtigen nationalstaatlichen Ordnung zu einer zentralen Sozialfigur der Gegenwart: Die Migrantin steht für mehr als ein Individuum, sie verkörpert etwas, das grösser ist, als sie selbst (Barker et al. 2014, 2). Sozialfiguren sind, wie Moebius und Schroer (2010, 8) es formulieren, „zeitgebundene historische Gestalten, anhand deren ein spezifischer Blick auf die Gegenwartsgeschichte geworfen werden kann.“ Sozialfiguren sind nicht abstrakte Sozialtypen, welche eine funktionelle Rolle innehaben und zu Zwecken der Klassifizierung herangebracht werden – wie bei Webers Idealtyp. Noch weniger geht es bei Sozialfiguren darum, einfach nur gewisse Elemente eines Typus zu betonen und so ideologische Stereotypen zu schaffen. Sozialfiguren stehen in einem ganz bestimmten historischen und sozialen Kontext: Bestimmte historische Momente bringen neue Sozialfiguren hervor – und die Bedeutung bestehender Figuren verschiebt sich, während andere Figuren gar ganz aus der gesellschaftlichen Wahrnehmung verschwinden (Moebies und Schroer, 2010). Auch haben Sozialfiguren keine universelle Gültigkeit (Barker et al. 2014). Die in diesem Working Paper beschriebenen Sozialfiguren asiatischer Migration drücken somit sozialen Wandel aus und beschreiben insbesondere veränderte Beziehungen zwischen Asien und der Schweiz – das Aufkommen der Sozialfigur der asiatischen Touristin im öffentlichen Diskurs, zum Beispiel, signalisiert den wirtschaftlichen Aufstieg Asiens und damit sowohl Aussichten auf ökonomische Profite als ein gewisses postkoloniales Unbehagen (Jain 2015, 143). Das Konzept der zeit- und ortsgebundenen Sozialfigur versucht daher, etwas Dynamisches auszudrücken, etwas, das sowohl konkret als auch abstrakt ist (Barker et al. 2013, 165). 1 ZANTHRO Working Papers N°1 | Juli 2017 Die Ethnologen Barker, Harms und Lindquist (2013, 160; 2014) benutzen das Konzept von figure als methodologischen Ausgangspunkt für eine gegenwärtige ethnologische Herangehensweise. Sie betonen dabei das Zusammenspiel von figure und ground und versuchen eine dialektische Herangehensweise zu skizzieren, die einerseits eine ethnographische, dichte Beschreibung der Handlungsmacht individueller Personen und andererseits den weiteren soziopolitischen Kontext beinhaltet (Barker et al. 2015, 166). In dieser Herangehensweise sind Sozialfiguren auch immer echte Personen, die sich mit der eigenen Position in der Gesellschaft auseinandersetzen. Sozialfiguren werden also nicht einfach durch den Kontext „gemacht“: Sie sind Teil dieses Kontexts, agieren in diesem und auf diesen und reflektieren auch darüber (ebd., 165). Die Sozialfiguren, die wir identifiziert haben, beschreiben wir demnach durch die Porträtierung einer „echten” Person. Diese Herangehensweise erlaubt es, die Reflexivität und subjektive Sichtweise dieser Personen einfliessen zu lassen (s. Barker et al. 2013, 2014). Das Zusammenspiel zwischen dem individuellen Schicksal einer Person und dem breiteren gesellschaftlichen Wandel macht es möglich, Spannungsfelder zu thematisieren und eine Figur nicht auf reduktionistische Art und Weise darzustellen. Die Realitäten des Alltagslebens erlauben es, die Figur vielschichtiger darzustellen und stellen deren gesellschaftliche Bedeutung auch immer wieder in Frage (ebd.,163). In diesem Working Paper werden wir verschiedene Sozialfiguren Asiens in der Schweiz vorstellen. Die Auswahl der hier beschriebenen Sozialfiguren ist keineswegs beliebig – nach Moebius und Schroer war es unsere Absicht, „die gegenwärtig kursierenden Sozialfiguren zu versammeln, die in kulturellen Debatten, in den Medien und den gesellschaftlichen Diskursen eine Schlüsselstellung einnehmen“ (Moebius und Schroer 2010, 9) – und einen Einblick in hiesige gesellschaftliche Repräsentationen Asiens ermöglichen. Wir haben versucht, eine diverse Sammlung von Sozialfiguren zusammenzubringen, die es jeweils aufgrund von Geschlecht, Alter, Herkunft, Aufenthaltsdauer und Beschäftigung ermöglichen soll, eine ganz bestimmte Facette der Schweiz als postmigrantische1 Gesellschaft zu beleuchten. Diese sind: der tamilische Flüchtling, der/die asiatische Take-Away BesitzerIn, der vietnamesische Secondo, die philippinische Ehefrau, die chinesische Karrierefrau, der Thai-Koch, der indische Wissenschaftler und der/die chinesische TouristIn. Die nationale Bezeichnung der Sozialfiguren erinnert an die Tatsache, dass die öffentliche Wahrnehmung von MigrantInnen in erster Linie „nationalstaatlich gerahmten Konjunkturen“ folgt (Berking 2010, 293). In den jeweiligen Beiträgen wird diese nationalstaatliche Ordnung problematisiert, stellen doch die interviewten Personen selbst solche nationalen Zuschreibungen auch immer wieder in Frage. In Kontrast zueinander deuten diese nationalen Zuschreibungen jedoch auf die hiesige Hierarchisierung von Nationen und Nationalitäten, die ihrerseits durch postkoloniale Verflechtungsgeschichten bestimmt sind. Es gilt also, solche Hierarchisierungen zu beschreiben und zu problematisieren. Bei den hier beschriebenen Sozialfiguren geht es sowohl um Figuren, die eine eher jüngere Genealogie, als auch um solche, die bereits eine längere Geschichte in der Schweiz haben. Die einzelnen Beiträge folgen einem eher essayistischen Format und sind bewusst kurz gehalten. Zusammen können die hier porträtierten Sozialfiguren jedoch viel 1 Der Begriff ‚postmigrantische Gesellschaft’ verweist auf eine sich pluralisierende und heterogenisierende Gesellschaft, die wesentlich durch die Erfahrung der Migration geprägt ist (Foroutan et al. 2014). 2 ZANTHRO Working Papers N°1 | Juli 2017 über Wandel und Kontinuität in der schweizerischen Migrations- und Integrationspolitik, über Verflechtungen zwischen Asien und der Schweiz, und über das Leben in der postmigrantischen Gesellschaft aussagen. Was sagt uns zum Beispiel die Sozialfigur des tamilischen Flüchtlings über den Umgang mit heutigen Fluchtbewegungen? Was lernen wir durch die Figur des vietnamesischen Secondos über Alltagsrassismus in der Schweiz, ein Rassimus, der in der hiesigen Gesellschaft oft unsichtbar gemacht wird (Purtschert, Lüthi und Falk 2013, 51)? Wie werden exotische Stereotypen bezüglich „asiatischem Essen“ oder der „asiatischen Frau“ im schweizer Alltag produziert oder aber in Frage gestellt? Inwiefern trägt die neuere Mobilität von WissenschaftlerInnen und TouristInnen dazu bei, die Schweiz zu provinzialisieren? Somit sagen die ausgewählten Sozialfiguren asiatischer MigrantInnen in der Schweiz vor allem auch etwas über die gegenwärtige Schweiz und über die Verflechtungsgeschichten eines „Postkolonialismus ohne Kolonien“ aus (Randeria 2013). Die hier präsentierte Sammlung von Sozialfiguren ist das Resultat der engagierten Arbeit von BA-Studierenden des Seminars „Asien in der Schweiz“. Jede/r hat sich eine Figur ausgesucht, den Kontext mittels Literaturrecherche erarbeitet, Interviews und, wo möglich, Beobachtungen durchgeführt sowie Daten ausgewertet. Die Forschungsresultate wurden im Unterricht diskutiert, die schriftlichen Beschreibungen kommentiert und die Endversionen für diese Publikation editiert. Wir hoffen mittels dieser gemeinsam erarbeiteten Sozialfiguren asiatischer Migration aufschlussreiche Einsichten in gegenwärtige gesellschaftliche Konstellationen zu ermöglichen und zur kritischen Auseinandersetzung mit dominanten Diskursen über Migration und herkömmlichen Darstellungen Asiens in der Schweiz beitragen zu können. Literatur Barker, Joshua, Erik Harms und Johan Lindquist. 2014. „Introduction.“ In Figures of Southeast Asian Modernity. Honolulu: University of Hawaii Press: 1-17. Barker, Joshua, Erik Harms, und Johan Lindquist. 2013. „Introduction to Special Issue: Figuring the Transforming City.“ City & Society 25(2): 159-172. Berking, Helmuth. 2010. „Der Migrant“. In Moebius, Stephan und Markus Schroer, Hrgs. Diven, Hacker, Spekulanten. Sozialfiguren der Gegenwart. Frankfurt a.M: Suhrkamp. Foroutan, Naika, Coşkun Canan, Sina Arnold, Benjamin Schwarze, Steffen Beigang, Dorina Kalkum. 2014. Deutschland postmigrantisch I. Gesellschaft, Religion, Identität – Erste Ergebnisse. Humboldt Universität zu Berlin / BIM: Berlin. Jain, Rohit. 2015. „Bollywood, Chicken Curry – and IT. The Public Spectacles of the Indian Exotic, and Postcolonial Anxieties in Switzerland“. In Colonial Switzerland: Rethinking Colonialism from the Margins, Hrsg. Purtschert, Patricia und Harald Fischer- Tiné, 133-153, Basingstoke: Palgrave Macmillan. Moebius, Stephan und Markus Schroer, Hrgs. 2010. Diven, Hacker, Spekulanten. Sozialfiguren der Gegenwart. Frankfurt a.M.: Suhrkamp. Nail, Thomas. 2015. The Figure of the Migrant. Stanford: Stanford University Press. Purtschert, Patricia, Barbara Lüthi und Francesca Falk. 2013. “Eine Bestandesaufnahme der postkolonialen Schweiz”. In Postkoloniale Schweiz : Formen und Folgen eines Kolonialismus ohne Kolonien, 13-63. Bielefeld: Transcript Verlag. Randeria, Shalini. 2013. “Verflochtene Schweiz: Herausforderungen eines Postkolonialismus ohne Kolonien.” In Postkoloniale Schweiz : Formen und Folgen eines Kolonialismus ohne Kolonien, 712. Bielefeld: Transcript Verlag. 3 ZANTHRO Working Papers N°1 | Juli 2017 Der tamilische Flüchtling P R A K A S I N I Y A P P U T H U R A I , ISEK – ETHNOLOGIE UZH In der Nähe von Othmarsingen im Kanton Aargau lebt die Familie Rajah2 in einem typischen Einfamilienhaus. Nichts lässt darauf schliessen, welche Nationalität oder kulturellen Hintergrund die Besitzer haben könnten. Mein Onkel, der mich zum Treffen mit der Familie begleitet, klingelt. Frau Kavitha Rajah öffnet uns die Tür und begrüsst uns herzlich. Sie und ihr Mann, Shekar Rajah, haben sich das Einfamilienhaus vor einem halben Jahr gekauft und leben da mit ihrer Tochter Thanushya Rajah und ihrem Sohn Nishanth Rajah. Die Tochter hat letztes Jahr die Matura beendet und nutzt das Zwischenjahr für ein Praktikum. Nishanth Rajah ist noch in seiner Lehrausbildung als Informatiker. Frau Rajah bittet uns herein und bietet uns etwas zu trinken an. Nichts an der aufgestellten, fröhlichen Frau lässt darauf schliessen, dass sie als Flüchtling in die Schweiz gekommen ist und anfänglich eine schwierige Zeit hatte – mehr noch als ihr Mann. Im Jahr 1983, als der bewaffnete Konflikt zwischen der LTTE3 und der sri-lankischen Regierung ausbrach, sahen sich viele tamilische Männer gezwungen, aus ihrer Heimat zu flüchten (Moret, Efionayi und Stants 2007, 23). Shekar war LTTE-Anhänger und wurde von der sri-lankischen Armee verhaftet. Er verbrachte drei Jahre und einen Monat in Gefangenschaft, bis ein einflussreicher Bekannter seine Freilassung bewirkte und anschließend seine Flucht in die Schweiz ermöglichte. So verliess Shekar Rajah 1989 sein Heimatsland und kam zwei Monate später in der Schweiz an – dass seine Flucht „nur“ zwei Monate dauerte und dass er wusste wohin er flüchtete, sei ungewöhnlich gewesen, erzählt Shekar: Er habe dies ausschliesslich dem politischen Einfluss seines Bekannten zu verdanken, der über die Möglichkeiten, in die Schweiz zu fliehen, Bescheid wusste. Kavitha kam drei Jahre später in die Schweiz, um Shekar zu heiraten. Die Heirat mit Shekar wurde durch einen Bekannten vermittelt. Vor allem nach Ausbruch des Bürgerkrieges in Sri Lanka, suchten viele Eltern gezielt einen tamilischen Mann im Ausland, um ihren Töchtern eine sichere Zukunft zu ermöglichen. Obwohl Kavitha selbst niemals die Absicht hatte ihre Heimat zu verlassen, erzählt sie von zwei Schlüsselereignissen, die sie dazu bewegt haben trotzdem ins Ausland zu gehen. Das erste dieser Ereignisse spielte sich an einem Nachmittag in der Region Trincomalee ab, wo Kavitha damals lebte: Es gingen Militärpatrouillen von Haus zu Haus und trommelten die Menschen auf einem grossen Sportplatz zusammen. Kavitha war alleine mit ihrem Vater zuhause, als das Militär bei ihnen klingelte. Der singhalesische Offizier, der vor ihr stand als sie die Tür öffnete, kannte sie zufällig von ihrer Arbeit als Bibliotheksassistentin. Er empfahl ihr, alle Türen und Fenster abzuschließen und sich ruhig zu verhalten. Von der Der Familienname und die Vornamen wurden geändert um die Anonymität der Interviewpersonen zu wahren. 2 LTTE bedeutet Liberation Tigers of Tamil Eelam. Die LTTE oder Tamil Tigers war eine tamilische militante Organisation, die um die Unabhängigkeit des Territoriums der Tamilen in Nordost Sri Lanka kämpfte. 3 4 ZANTHRO Working Papers N°1 | Juli 2017 zusammengetrommelten Menschenmenge wurden dann ein dutzend junge Männer abgeführt, von denen bis heute niemand etwas gehört hat. Dieses Erlebnis hat Kavitha in Angst und Schrecken versetzt, aber es ist das zweite Ereignis, das sie nachhaltig erschüttert hat und sie noch immer sehr belastet: Auf der Strasse wurde ihr Onkel von ein paar singhalesischen Extremisten dazu genötigt, Singhalesisch zu sprechen. Als er sich weigerte, schlugen sie brutal auf ihn ein und verbrannten ihn bei lebendigem Leibe. Weder die Polizei noch andere Regierungsbehörden zogen die Täter jemals zur Rechenschaft. In Folge dieser Ereignisse erschien Kavitha die Ehe ins Ausland als einziger Ausweg aus der aussichtslosen, unsicheren Zukunft in Sri Lanka – auch wenn sie auf der Flucht immer wieder an ihrer Entscheidung zweifelte und kurz davor war, wieder zurückzukehren. Sie flüchtete in einer Gruppe von TamilInnen, die durch Schlepper über die Grenzen gebracht wurden. Auf der Flucht hatte sie schwer mit dem ungewohnten Klima, der körperlichen Anstrengung und dem Verlust von Mitflüchtenden zu kämpfen. Sie erzählt mir, dass sie sich auf der Flucht immer wieder gefragt habe, ob es diese ganzen Anstrengungen Wert waren. Der Preis, den sie für ihr Überleben und für eine sichere Zukunft zahlen musste, erschien ihr unwahrscheinlich hoch. Zudem kannte sie, wie viele tamilische Flüchtlinge, das Land in welches sie flüchtete, kein bisschen. Laut Moret, Efionay und Stans (2007, 38) gab es für die tamilische Flüchtlingswelle Anfang der 1980er Jahre keine klaren Beweggründe, die Schweiz als Zielland zu wählen. Auf meine Frage, warum Shekar Rajah in die Schweiz geflüchtet sei, antwortete er: „Ich habe mich nicht für die Schweiz, sondern gegen Sri Lanka entschieden. Ich wusste damals wahrscheinlich nicht mal, wo die Schweiz auf der Weltkarte liegt.“ Als die TamilInnen anfangs der 1980er Jahre in die Schweiz kamen, hatten sie mit einem sehr negativen Image zu kämpfen (Moret, Efionayi und Stants 2007, 39). In den Medien wurden sie als Drogendealer und Sozialbetrüger dargestellt, letzteres vor allem weil sie “aufgrund des Arbeitsverbots, dem sie zu Beginn ihres Aufenthalts unterlagen, von Sozialhilfe abhängig waren” (ebd. 39; s. auch Mathis 1997, 49-50). Mathis (1997, 49) schreibt über die mediale Präsenz der TamilInnen folgendes: „Verfehlungen von Tamilen wurden überhöht dargestellt, Ausschreitungen gegen Tamilen trocken dokumentiert und repressive Massnahmen gross angekündigt.“ Durch folgende Schlagzeilen wurden Prozesse des Othering 4 begünstigt: „Tamilen zogen in Bern grossen Drogenring auf“, „Drogen-Tamile vergrub 127'000 Franken im Wald“ oder „Tamilin mit 2.7 kg Heroin erwischt, sie wollte Asyl“ (Mathis 1997, 55). Im Kontext dieser hetzerischen Medienkampagne wurden TamilInnen auch Opfer zahlreicher verbaler und zum Teil physischer fremdenfeindlicher Übergriffe (Moret, Efionayi und Stants 2007, 39). In den neunziger Jahren kamen in der Schweiz auch Brandstiftungen auf Flüchtlingseinrichtungen sehr häufig vor: Allein für das Jahr 1992 listet die Datenbank der Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus (GRA) zwanzig schwerwiegende Fälle auf. Die Täter hat man selten gefasst. Unterstützung bekamen die tamilischen Flüchtlinge in der Schweiz durch Hilfswerke, welche sich um die Betreuung von tamilischen AsylbewerberInnen kümmerten. Die Hilfswerke organisierten mit der finanziellen Unterstützung des Bundes Unterkunft, Die Identitätsbildung in kolonialen und postkolonialen Zeiten ereignet sich über den Prozess des Othering. Die Schweiz sieht sich als moderne Nation durch die Herabsetzung der vormodernen und archaischen Anderen (siehe Purtschert, Lüthi und Falk 2013, 40). 4 5 ZANTHRO Working Papers N°1 | Juli 2017 Schulung und Arbeitssuche (ebd. 102). Shekar Rajah beispielsweise wurde durch die HEKS5 an seinen ersten Arbeitgeber vermittelt. Laut Moret, Efionayi und Stants (2007, 39) veränderte sich durch die wirtschaftliche Integration auch zunehmend das Image der TamilInnen in der Schweiz: In der Arbeitswelt galten sie fortan als fleissige ArbeiterInnen ohne grosse Forderungen. Shekar und Kavitha erwähnten im Interview wiederholt, dass die SchweizerInnen sie am Arbeitsplatz mögen. Shekar meinte dazu: „Wir arbeiten harter, fleissiger als manche Schweizer und machen keine Probleme, weil es Arbeiten sind, für die sich die meisten Schweizer zu schade sind (...). Wir gehen den Schweizern, wenn es zu Konflikten kommen sollte, aus dem Weg. Wir lassen sie in Ruhe und darum lassen sie uns in Ruhe.“ TamilInnen sind vor allem im Gastgewerbe, in der Pflege, der Betreuung und der Reinigung tätig und befriedigen somit die Nachfrage nach geringqualifizierten Arbeitskräften (siehe Moret, Efionayi und Stants 2007, 39). So auch Shekar, der anfangs in der Küche als Tellerwäscher arbeitete – ein Job, der ihn sehr traurig machte. Im Interview erinnert er sich an sein Leben in Sri Lanka zurück: „Zu Hause, damals in Sri Lanka, musste ich nicht einmal meinen eigenen Teller abwaschen.“ Trost und Kraft schöpfte er von seinen weiteren sechs Arbeitskollegen, die ebenfalls Tamilen waren. Auch Kavitha hatte anfangs Schwierigkeiten, mit ihren ersten Berufserfahrungen in der Schweiz zurecht zu kommen. Sie fühlte sich gedemütigt und schämte sich zum Beispiel, als Putzfrau zu arbeiten. Um Kavithas und auch Shekars Schwierigkeiten nachvollziehen zu können, muss an dieser Stelle erwähnt werden, dass beide aus gebildeten Familien stammen, die der wohlhabenden Mittelschicht angehören. Zudem ist die tamilische Gesellschaft durch das Kastenwesen geprägt. Dieses gliedert die Gesellschaft hierarchisch nach Berufsgruppen und nach der „Reinheit“ bzw. „Unreinheit“ der beruflichen Tätigkeit. Shekar und Kavitha gehören der Vellala-Kaste an: Diese Kaste ist in der Hierarchie „nur“ die dritthöchste, aber politisch und ökonomisch ist es die dominante und zugleich numerisch die grösste der oberen Kasten (siehe Lüthi 2005, 20). Nebst der beruflichen Umgewöhnung wohnten Shekar und Kavitha anfangs zu zweit in einer kleinen Personalwohnung, welche nur mit den wichtigsten Dingen ausgestattet war. Eine Küche stand zur Verfügung, musste aber mit den anderen BewohnerInnen geteilt werden. Dies war eine weitere drastische Änderung für die beiden. Shekar, der seine letzten Jahre in Sri Lanka im Gefängnis verbracht hatte, empfand dies als weniger schlimm als Kavitha, die in einem grossen Einfamilienhaus gelebt hatte und deren Familie viel Land besass. Somit erlebten die Rajahs in der Schweiz einen sozialen Abstieg, was für die beiden, aber vor allem für Kavitha, die anfangs viel Zeit allein zuhause verbachte, schwer zu verkraften war. In der Tat erzählt Kavitha, dass sie in der Schweiz anfangs sehr frustriert war und das Leben hier nicht wollte, sie vermisste die Familie und ihre Freunde. Oft stritt sie sich mit ihrem Mann, weil sie meist alleine zuhause war, während er arbeiten ging. Sie sass in einem kleinen Zimmer und kannte niemanden. Interessanterweise schreiben Moret, Efionayi und Stants (2007, 39), dass sich das öffentliche Image der TamilInnen in der Schweiz gerade durch die Ankunft der ersten Frauen 5 Hilfswerk der Evangelischen Kirchen Schweiz 6 ZANTHRO Working Papers N°1 | Juli 2017 und den Rückzug ins Private veränderte: „Die Gruppen alleinstehender Männer, die in den 1980er Jahren (vor allem in Bern) auf den Strassen herumstanden, verschwanden aus dem Stadtbild. Sobald die ersten Frauen nachzogen, lebten die Tamilen – zur Beruhigung der schweizer Bevölkerung – als Ehepaare und Familien.” Man erkennt in der Problematisierung der Präsenz von ausländischen Männern im öffentlichen Raum eine Konstante im öffentlichen Diskurs, die auch heute immer wieder bedient wird: Der von der Öffentlichkeit begrüsste Rückzug ins private Heim ist jedoch für die Betroffenen und insbesondere die betroffenen Frauen selbst oft mit Abgeschiedenheit und Einsamkeit verbunden, wie die Erfahrungen von Kavitha eindeutig zeigen. Als das Ehepaar Rajah im Jahre 1994 eine Tochter und knapp zwei Jahre später einen Sohn bekommt, gelingt es ihnen zunehmend, ihre Anfangsschwierigkeiten zu überwinden und zu vergessen. Insbesondere Kavithas Depression und Frustration lassen erheblich nach. „Als meine Tochter zur Welt kam, hatte mein Leben wieder einen Sinn. Ich hatte eine Aufgabe, die mich erfüllte. Mutter zu werden war genau die ‚Medizin’, die ich damals gebraucht habe“, erzählt sie mir. Da nun beide erwerbstätig waren, konnten sie in eine eigene Wohnung ziehen und durch die Kinder kamen sie vermehrt in Kontakt mit der schweizer Bevölkerung. Hauptsächlich aber bewegten sie sich in der tamilischen Gemeinschaft. Ihr Alltag bekam einen geregelten Ablauf. Während Shekar teils sechs Tage in der Woche arbeitete, kümmerte sich Kavitha um die Erziehung der Kinder: Den Kindern die bestmögliche Ausbildung zu ermöglichen, hat für die Rajahs erste Priorität. Kavitha erwähnt im Interview, dass sie ihren Kindern all das ermöglichen möchte, was ihr selbst in der Schweiz verwehrt blieb. Zur Veranschaulichung nannte sie mir folgendes Beispiel: „Falls ich die Gelegenheit gehabt hätte, die Sprache zu lernen und mich hier weiterzubilden, dann wäre bestimmt mehr aus mir geworden und ich bräuchte keine Jobs zu machen, für die ich eigentlich überqualifiziert bin.“ Kavitha unterstützte ihre Kinder bei ihren Hausaufgaben, organisierte NachhilfelehrerInnen und arbeitete Teilzeit, während die Kinder in der Schule waren. Doch für das Ehepaar Rajah waren nicht nur die Leistungen ihrer Kinder in der öffentlichen Schule von Bedeutung. Sie waren und sind noch heute sehr bemüht darum, dass ihre Kinder die tamilische Kultur leben. Kavitha empfindet die schweizer Bevölkerung als sehr angenehm und freundlich. Doch sie meint auch: „In unserer Kultur ist die Familie sehr wichtig. Unsere Kinder ziehen mit dem 18. Lebensjahr nicht einfach aus. Wir bleiben zusammen und unsere Kinder dürfen so lange bei uns wohnen bleiben, wie sie wollen. Bei den Schweizern ist das anders. Die Kinder können nicht ihr ganzes Leben mit den Eltern zusammenwohnen.“ Dem Ehepaar Rajah ist es wichtig, dass ihre Kinder, vor allem die Tochter, sich der tamilischen Kultur entsprechend verhalten. Um dies zu fördern, besuchten beide Kinder die tamilische Samstagsschule bis zur zehnten Klasse. Die Tochter nahm zusätzlich auch am Barathanatyam-6 und Sangeetham-7 Unterricht teil und partizipiert heute noch sehr engagiert an Wettbewerben oder begeistert die tamilische Diaspora mit Tanzeinlagen an Kulturveranstaltungen. An einem freien Wochenende oder in den Ferien steht die Familie an erster Stelle. „Wenn wir keine Feste oder Veranstaltungen oder sonstige Pläne haben, verbringen wir die Abende zuhause. Meist haben wir dann Besuch, 6 Barathanatyam ist die Bezeichnung für den klassischen Tanzstil, der ursprünglich aus (Süd-) Indien stammt. 7 Sangeetham ist die Bezeichnung für den klassischen Musikstil, der ebenfalls aus (Süd-) Indien stammt. 7 ZANTHRO Working Papers N°1 | Juli 2017 wir essen gemeinsam, sitzen zusammen, lachen, scherzen“, erzählt Kavitha. Mittlerweile fühlen sich Kavitha und Shekar in ihrer neuen Heimat zuhause. Beide betonten im Interview mehrmals, dass sie nicht mehr nach Sri Lanka zurückgehen möchten. Ihr Zuhause sei nun die Schweiz. Mehr als zwanzig Jahre sind vergangen seit Shekar und Kavitha Rajah hilflos, verunsichert und teils frustriert ihr gemeinsames Leben in der Schweiz begannen, in einer Zeit, in der hetzerische Medienkampagnen und fremdenfeindliche Übergriffe keine Seltenheit waren. Heute haben Kavitha und Shekar, wie auch viele andere tamilische Ehepaare, die Flucht, den Kampf um die Anerkennung im Zielland und die Etablierung eines sicheren Lebens hinter sich und sind aus der schweizer Gesellschaft nicht mehr wegzudenken – auch die Veröffentlichung des Romans „Der Koch“, des erfolgreichen schweizer Schriftstellers Martin Suter, lässt erkennen, dass der tamilische Flüchtling zu einer geläufigen Sozialfigur geworden ist, die in der Migrationsgeschichte der Schweiz eine Schlüsselstellung eingenommen hat. Die Fluchtgeschichten von Shekar und Kavitha lassen jedoch auch erkennen, dass Migrations- und Fluchterfahrungen immer auch geschlechtsspezifisch sind. Kaum noch jemand erinnert sich heute an „den tamilischen Flüchtling“, der mit Drogenhandel und Betrug in Verbindung gebracht wurde. Unwirklich erscheinen Zeitungsartikel, die über Übergriffe von rechtsradikalen Jugendlichen auf einen Tamilen berichten (Mathis 1997, 46). Doch wer sind die neuen TamilInnen heute in der schweizer Gesellschaft? Haben die neuen Flüchtlinge mit denselben Problemen zu kämpfen, wie die TamilInnen vor über zwanzig Jahren? Wiederholt sich die Geschichte, nur dass es gestern die TamilInnen waren und heute die EritreerInnen oder die SyrerInnen sind? Literatur Lüthi, Damaris. 2005. Soziale Beziehungen und Werte im Exil bewahren: Tamilische Flüchtlinge aus Sri Lanka im Raum Bern. Arbeitsblatt Nr. 30 des Instituts für Ethnologie, Universität Bern. Mathis, Christof. 1997. Die Geschichte der Tamilen in der Schweiz 1981-1996. Zürich: Ethnologisches Seminar der Universität Zürich. Moret, Joëlle, Denise Efionayi und Fabienne Stants. 2007. Die srilankische Diaspora in der Schweiz. Bern: Bundesamt für Migration (BFM). Purtschert, Patricia, Barbara Lüthi und Francesca Falk. 2013. „Eine Bestandesaufnahme der postkolonialen Schweiz.” In Postkoloniale Schweiz : Formen und Folgen eines Kolonialismus ohne Kolonien, 13-63. Bielefeld: Transcript Verlag. 8 ZANTHRO Working Papers N°1 | Juli 2017 Der asiatische Take-Away-Besitzer L A U R I E W I L L I , ISEK – ETHNOLOGIE UZH „Using food to think about colonial and post-colonial history and political realities permits the complexities and paradoxes involved to be thought about vividly and concretely, without danger of sacrificing nuance and detail to totalizing pictures of colonial and postcolonial realities“ (Narayan 1995, 64) Am ersten Festtag des diesjährigen Sächsilüüte (dem traditionellen Zürcher Fest der Zünfte), einem äusserst regnerischen und kalten Tag Mitte April, lässt nichts auf die sonst so zahlreiche Kundschaft am Frühlingsrollen-Stand der Familie Kim schliessen. Auf den Seiten der beiden Stände (einem weissen Anhänger mit chinesischen Lampions dekoriertem Vordach) stehen nebst den Kontaktdaten auf Deutsch auf je einer Seite auf Chinesisch und Khmer die Aufschrift: Kim’s Frühlingsrolle - Chinesische Spezialitäten. In den drei Stunden, in denen ich mit Ralph und Alex, den beiden Söhnen von Herrn Kim, an einem der zwei aufgestellten Take-Away-Stände ausgeharrt und auf Kundschaft gehofft habe, sind gerade mal drei Personen an den Stand gekommen. Zwei haben nach Toiletten gefragt und eine Kundin hat sich eine vegetarische Frühlingsrolle geschnappt und ist ohne viele Worte schnell weiter, um sich vor dem immer stärker werdenden Regen zu schützen. „Es ist halt ein Risiko-Business und es kommt stark auf das Wetter und den Event an, ob jetzt nun viel oder wenig verkauft wird“, erklärt mir Ralph. Den Preis für den Stellplatz der beiden Stände würden sie dieses Jahr wohl nicht rausholen und da es sich um ein Familienbetrieb handle, könnten sie wohl unter diesen Umständen auch nicht mit einer Entlohnung rechnen. Ralph, Alex und Sandra (die ältere Schwester) halfen bereits im Alter von neun Jahren aus, da sie nicht alleine zuhause bleiben konnten, weil schon damals beide Elternteile zusammen den Betrieb führten. Herr und Frau Kim flüchteten Ende der 1970er Jahre aus ihrer von Krieg und Schreckensherrschaft zerstörten Heimat Kambodscha. Vor allem Herr Kim scheint es wichtig, mir von den Lebensumständen und den Entbehrungen unter dem Khmer-Rouge-Regime und der anschliessenden Flucht zu erzählen. In seinen Ausführungen betont er immer wieder eine Thematik besonders – das Essen: „Obwohl wir tagtäglich grosse Mengen Reis anbauten, hatten wir, die bis zur Erschöpfung 8 arbeiten mussten, am Abend kaum etwas zu Essen. Angka hat alles zu sich genommen und wir mussten hungern, oder uns mit dem, was wir im Wald finden konnten, begnügen – natürlich ohne dass die Aufseher etwas davon mitbekamen, da sonst schwere Strafen drohten.“ Nachdem sie nach monatelangem Ausharren an der Grenze zu Thailand endlich in das Flüchtlingslager Cao-I-Dang aufgenommen wurden, kamen nach einiger Zeit schweizer 8 Angka ist die Bezeichnung der Organisation des Khmer-Rouge-Regimes. 9 ZANTHRO Working Papers N°1 | Juli 2017 Delegierte der UNO und wählten die Personen aus, die in die Schweiz aufgenommen würden.9 Dass Herr Kim mit seiner damals schwangeren Frau das – wie er es nennt – „Privileg“ erhielt, in die Schweiz aufgenommen zu werden, führt er darauf zurück, dass er vor der Machtübernahme der Khmer-Rouge zwei Semester an der naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität von Phnom Penh studiert hatte und etwas Englisch sprach. Anscheinend wurde, so Herr Kim, vor allem nach Intellektuellen Ausschau gehalten. Das Paradoxe an dieser Situation war, dass er einige Monate zuvor noch eben diesen Aspekt vor dem zerstörerischen und mörderischen Khmer-Rouge-Regime verborgen halten musste, um seine Überlebenschancen etwas höher zu halten. Die fünfköpfige Familie Kim betreibt nun seit über 20 Jahren ihren Take-Away-Stand und Catering-Service. Als Herr und Frau Kim Ende der 80er Jahre den Ein- respektive Umstieg in das Take-Away-Business beschlossen, entschieden sie sich gleichzeitig gegen einen fixen Standort. Bei einem fixen Standort brauche es Personal, das einen fixen Lohn erhält. Im Marktfahrer-Familienbetrieb sei es so, dass wenn die Kosten für den Stellplatz die Einnahmen des Tages überschreiten, niemand Geld erhalte. Was zuerst nur als Nebenerwerb nebst dem in der Schweiz erlernten Beruf von Herrn Kim als Polymechaniker gedient hatte, wurde mit der eigenen Rezeptur der Frühlingsrolle Hauptberuf von Herrn und Frau Kim. Der asiatische Take-Away hat sich in der Schweiz etabliert und ist nicht mehr aus dem öffentlichen Raum wegzudenken. Die Ausgaben für Essen und Trinken ausser Haus sind in den letzten Jahren zwar leicht zurückgegangen, aber der prozentuale Anteil der Ausgaben in den Take-Aways der Schweiz ist relativ hoch: 23 % des Konsums ausserhalb des eigenen Haushaltes der schweizer Bevölkerung findet in Take-Aways und Kantinen statt (Agrarbericht 2015: Ausser Haus Konsum in der Schweiz). Somit hat sich auch der Take-Away-Besitzer, wie die Familie Kim, zu einer relevanten Figur des sozialen Alltags in der Schweiz gewandelt. Redewendungen wie: „Going for / Having an Indian / (a) Chinese“ im angelsächsischen Kontext (siehe z.B. Buettner 2008, Parker 2000), wie aber auch in der Schweiz „Gömmer zum Asiat“, lassen diese Relevanz erahnen. Diese Ausdrucksformen sind zum einen manifest gewordene Konzeptionen einer in der Gesamtgesellschaft verankerten Fremdwahrnehmung gegenüber den asiatischen Take-Away-Besitzern, implizieren aber auch eine räumlich- nachbarschaftliche Nähe, wie es auch David Parker beschreibt: „The very phrase commonly used to describe the purchase of food from a Chinese takeaway […] condenses the hierarchical dimensions of the transaction […] and also carries seeds of cultural and social transformation, marking the widespread insertion of the global into the economies of pleasure and consumption which define the local neighborhood.” (2000, 80 und 93) Der/die BesitzerIn des asiatischen Take-Aways stellt für viele KundInnen nach wie vor die Verkörperung einer exotisch-asiatischen Herkunft dar. Diesbezüglich äusserte sich auch der jüngste Sohn Ralph: 9 Es ist schwierig an genaue Zahlen heranzukommen, aber laut der Website des Khmer Kulturzentrum in der Schweiz haben seit 1979 etwa 500 kambodschanische Familien, oder rund 2500 Personen politisches Asyl in der Schweiz bekommen (http://www.khmer-kulturzentrum.ch/de/Siftung/uberuns.html). 10 ZANTHRO Working Papers N°1 | Juli 2017 Ralph: Ich: Ralph: „Genauso wenig wie ich als Asiate hinter einem Racletteofen stehen und Kartoffeln mit Käse verkaufen könnte, könnte ein Schweizer hinter unserem Tresen stehen und asiatische Produkte verkaufen.“ „Aber du hast mir doch gesagt du seist Schweizer?“ „Ja, aber für andere sehe ich halt … ja … anders aus – und das zählt halt wohl. Es geht um Repräsentation von Traditionellem […] ich vertrete halt asiatisch, auch durch mein Äusseres, auch weil ich nicht typisch kambodschanisch aussehe. “ Ralph ist 29 Jahre alt und wurde in der Schweiz geboren. Er hat seine schulische und berufliche Ausbildung hier absolviert und arbeitet hauptberuflich als Elektromonteur. Auf die Frage, was denn „typisch kambodschanisch“ sei, entgegnete er einerseits, dass er und seine Familie bezüglich des Äusseren häufig auf asiatisch, seltener auf südostasiatisch reduziert würden, weil für Schweizer anscheinend alle Asiaten sehr ähnlich aussehen würden. Auf Grund solcher Fremdzuschreibungen geht Ralph davon aus, dass man ihn wegen seines Aussehens nicht als Schweizer wahrnimmt, sondern als „Asiate“. Die Aussagen von Ralph lassen sich gut mit der orientalistisch geprägten Annahme der wenigen Kunden am Sächsilüüte verknüpfen, dass nur Asiaten authentisch asiatisch kochen können. Die Familie Kim betont in Folge solch ethnisierenden Annahmen ihre asiatische Herkunft im hart umkämpften Markt der Take-Aways und bedient damit „die exotisierende Sehnsucht nach dem Konsum des ,,Anderen” bei der eigenen Klientel (Jain 2013, 182). Die Reduktion der Familie Kim auf „Asiaten“ und deren Küche auf die „asiatische“ Küche bedeutet gleichzeitig eine Homogenisierung des asiatischen Raumes und lässt erahnen, dass „mit den räumlichen Distanzen, Dichte und Substanz der Zuschreibungen zu schwinden scheinen“ (Berking 2010, 294). Herkömmliche Vorstellungen in der schweizer Bevölkerung bezüglich asiatischem Essen als in erster Linie chinesischem Essen, waren laut Herrn Kim in der Tat ausschlaggebend dafür, primär „Frühlingsrollen“ und „chinesische Spezialitäten“ anzubieten und den eigenen Stand entsprechend zu beschriften. Die kambodschanische Küche hätte aus demselben Grund beim schweizer 10 Konsumenten wenig Anklang gefunden, zumindest bis vor einigen Jahren. Das Rezept der chinesischen Frühlingsrolle, des „Bestsellers“ der Kims, ist inzwischen ein gut gehütetes Familiengeheimnis – allerdings eines, das die Kims viel Geduld, Arbeit und unzählige Versuche gekostet hat. Im Gegensatz zu den ethnisierenden Vorstellungen ihrer schweizer KundInnen und der Art und Weise, wie sich die Kims im Rahmen ihres Take-Aways selbst darstellen, hat die verkaufte Frühlingsrolle wenig mit ihrer eigenen Herkunft zu tun: Inspiriert von einem älteren, erfolgreichen chinesischen Take-AwayBesitzer, den sie in der Schweiz kennengelernt haben, hat die Familie herumgetüftelt, bis die Frühlingsrollen in Qualität und Geschmack an diejenigen des „älteren Chinesen“ herankamen. Über die Jahre wurden zu den mit Gemüse oder Fleisch gefüllten Frühlingsrollen auch andere Gerichte in das Angebot aufgenommen – nicht nur chinesische Menus, sondern z.B. auch das indonesische Bami Goreng. Die Entscheidung, sich in erster Linie als asiatischer Take-Away zu bezeichnen kann somit auch als Verkaufsstrategie gesehen werden, welche es dem Kunden erleichtern soll, das Angebot einzuordnen. Es störe die Familie auch nicht, wenn sie als Asiaten und nicht Herr Kim argumentierte, dass kambodschanisches Essen in der Schweiz nicht funktioniert (hat). Als Beispiel erzählt er mir von einem kambodschanischen Restaurant in Genf, das im Jahr 2001 schliessen musste, weil die Kundschaft ausblieb. 10 11 ZANTHRO Working Papers N°1 | Juli 2017 als Kambodschaner chinesischer Herkunft wahrgenommen werden. Die Familie selbst betone je nach Situation eine andere ethnische Zuschreibung – khmer, chinesisch, asiatisch. Herr Kim selbst argumentierte, dass wenn es um das Essen gehe, der chinesische Aspekt hervorgehoben werde, ihre Sprache khmer sei und sie von aussen meist einfach als Asiaten wahrgenommen würden. Trotzdem sei es wichtig, den Stand auch in khmer zu beschriften. Sie selber wüssten schlussendlich wer sie sind, erklärt mir Ralphs älterer Bruder Alex während seiner Pause am Stand. Es gäbe auch durchaus Personen, die mehr über ihre „exakte“ Herkunft erfahren möchten und etwas länger beim Stand blieben um sich zu unterhalten. Das wachsende Interesse an der „exakten“ Herkunft muss in einem breiteren gesellschaftlichen Kontext gesehen werden: Es hat sich im Bezug auf die öffentliche Wahrnehmung asiatischen Essens in der Schweiz in der Tat viel geändert seit Herr und Frau Kim ihren Take-Away vor 20 Jahren angefangen haben. Wie Rohit Jain (2008) beschreibt, wird in Städten wie Zürich das Spiel mit dem Exotisch-Asiatischen gerade gesucht, um dem Anspruch einer „global city“ gerecht zu werden und der Globalisierung und ihrer Auswirkungen, hier spezifisch mit Ethno-Food, einen Sinn zu geben (Jain 2008, 143). Im Zuge dieser Entwicklungen spielen „feine Unterschiede“ (Bourdieu 1982) im Konsum von EthnoFood eine immer wichtigere Rolle: In gewissen Fällen brüste man sich sogar mit „seiner vorhandenen Weltoffenheit“ und seinem (vermeintlich) differenzierten Wissen über das „dortige Essen“, verrät mir eine 22-jährige Passantin. Dies sei wohl auch darauf zurückzuführen, dass immer mehr SchweizerInnen in den asiatischen Raum reisen und dann ein gewisses Mass an Authentizität bezüglich des hier servierten Essens erwarten. Wie aber Uma Narayan schreibt, ist es fragwürdig, wie und von wem Authentizität überhaupt festgestellt werden kann: „I want to insist that most of us are not only ignorant about the historical and cultural context of the food of Others, but equally ignorant about our own.“ (1995, 77; meine Hervorhebungen). Mit anderen Worten, auch bei differenzierteren Wahrnehmungen lassen sich Exotismus und food colonialist attitudes feststellen. Wie Narayan (1995, 78) beispielsweise in Bezug auf ethnic food consumption 11 von „mainstream westerners“ schreibt, könne man als Verbraucher dem „food colonialism“ nur dann entkommen, wenn man versuche, sich über die gesellschaftlichen Implikationen bezüglich Ethnie und Klassenstruktur bewusst zu werden oder diese zumindest zu reflektieren. Für die Mehrheit der befragten Personen an diesem regnerischen Sächsilüüte Tag ist der asiatische Take-Away im Alltag des schweizer Normalverbrauchers angekommen. Das ist auch, was Herr Kim als seine „Daseinsberechtigung“ formuliert. Seine Frau und er haben mit dem Take-Away-Familienbetrieb einen hart erarbeiteten Platz in der schweizerischen Gesellschaft erhalten und sich damit ein Stück weit Respekt verschafft. Im Vergleich zu früher seien Sticheleien und diskriminierende Äusserungen weniger geworden, erzählt er, und sie machen ihm auch nicht mehr so viel zu schaffen. Dass Herr Kim aber das Gefühl hat, es brauche für Ausländer in der Schweiz eine Daseinsberechtigung, sagt vieles über die hiesige Gesellschaft aus. 11 Zu ethnic food und Multiculturalismus siehe z.B Buettner, Elizabeth. 2008. „Going for an Indian”: South Asian Restaurants and the Limits of Multiculturalism in Britain.” In The Journal of Modern History, 80(4): 865-901. Oder zum Begriff ‘celebratory multiculturalism’ siehe Parker, David. 2000. „The Chinese takeaway and the diasporic habitus: Space, time and power geometries” In Un/Settled Multiculturalisms, Hrgs. Barnon Hesse, 75- 95. London: Zed Books. 12 ZANTHRO Working Papers N°1 | Juli 2017 Was stellt nun die Figur des kambodschanischen-chinesisch-asiatischen Take-AwayBesitzers dar? Die weiter oben gemachten Ausführungen zeigen auf, dass sich die Figur des Take-Away-Besitzers über die Zeit verändert hat und mehr oder weniger differenziert, aber noch immer exotisiert, wahrgenommen wird. Die Figur hilft uns, Darstellungen des „typischen“ asiatischen Take-Away-Besitzers und der Darstellung Asiens im Allgemeinen in der Schweiz aufzuspüren und zu hinterfragen. Literatur Agrarbericht. 2015. „Ausser-Haus-Konsum in der Schweiz.“ Zugriff am 20.04.2016. http://www.agrarbericht.ch/de/markt/marktentwicklungen/ausser-haus-konsum-in-derschweiz. Berking, Helmuth. 2010. „Der Migrant“. In Moebius, Stephan und Markus Schroer, Hrgs. Diven, Hacker, Spekulanten. Sozialfiguren der Gegenwart. Frankfurt a.M: Suhrkamp. Bourdieu, Pierre. 1982. Die feinen unterschiede: Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Frankfurt aM: Suhrkamp. GastroSuisse. 20.02.2014. „Mehrwertsteuer in der Schweiz – Reformversuche.“ Zugriff am 21.04.2016. http://www.gastrosuisse.ch/de/gastrosuisse/medien-politik/unsere-positionen/mehr wertsteuer/. Jain, Rohit. 2015. „Bollywood, Chicken Curry – and IT. The Public Spectac<le of the Indian Exotic, and Postcolonial Anxieties in Switzerland.“ In Colonial Switzerland: Rethinking Colonialism from the Margins, Hrsg. Purtschert, Patricia und Harald Fischer- Tiné , 133-153. Basingstoke: Palgrave Macmillan. Jain, Rohit. 2013. „Migrationsforschung als transnationale, genealogische Ethnographie - Subjektivierungsprozesse von „InderInnen der zweiten Generation“ aus der Schweiz‟. In Migrationsforschung als Kritik? Hrsg. Mecheril, Paul, Oscar Thomas-Olalde, Claus Melter, Susanne Arens und Elisabeth Romaner, 175–191. Wiesbaden: Springer Fachmedien. Narayan, Uma. 1995. „Eating cultures: incorporation, identity and Indian food.” Social Identities 1(1): 63-86. Parker, David. 2000. „The Chinese takeaway and the diasporic habitus: Space, time and power geometries.” In Un/Settled Multiculturalisms, Hrsg. Barnon Hesse, 75-95. London: Zed Books. 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Er hat immer hier gelebt und studiert in Lausanne Filmwissenschaften. Seine Eltern jedoch kamen in den 1970er und 1980er Jahren aus Vietnam in die Schweiz. Michels Mutter floh aus Vietnam, sie gehörte jenem Teil der südvietnamesischen Bevölkerung an, der am Ende des Vietnamkrieges in den 1980er Jahren das Land verliess, als der siegreiche Norden dem Süden den Kommunismus brachte. Die Geschichte seiner Mutter und seiner Tanten erfuhr Michel nach und nach bei Familienessen, an denen sie ihre Abenteuer erzählten. Sie verliessen damals ihr Dorf in Südvietnam alleine und, wie Millionen andere, riskierten ihr Leben während ihrer Flucht auf Fischerbooten. Michel erklärt, dass seine Tanten vor dem Kommunismus geflohen sind, glaubt aber, dass es keine ideologische Frage war, sondern dass „Kommunismus“ einfach der Name war, den sie der Bedrohung gaben, die aus dem Norden kam. Sie fuhren nach Indonesien, wo eine humanitäre Organisation sie in einem Flüchtlingslager aufnahm. Später entschieden sie sich, in der Schweiz Asyl zu beantragen, obwohl ihre Eltern ihnen Frankreich angeraten hatten. Nach ihrer Ankunft in der Schweiz – Michel kennt das genaue Datum nicht – traf seine Mutter seinen Vater, der als Dolmetscher für vietnamesische MigrantInnen in der Schweiz arbeitete. Er war bereits 1973 mit einem Stipendium der vietnamesischen Regierung in die Schweiz gekommen, um an der EPFL in Lausanne zu studieren. Er stellte sich einem Verein als Dolmetscher zur Verfügung, um neu angekommene vietnamesische Flüchtlinge zu unterstützen. So lernten die beiden sich kennen und lieben und gründeten eine Familie. Michels Familie lebt heute zwischen Genf und Lausanne. Ein Teil der Familie lebt immer noch in Vietnam, allerdings kommunizieren sie kaum. Die Migrationsgeschichten von Michels Eltern sind nicht ungewöhnlich. Der Fall von Michels Vater zum Beispiel, erinnert daran, dass es vor der Ankunft der sogenannten boat people eine relativ große vietnamesische Gemeinschaft an den Universitäten und in den urbanen Zentren der Schweiz gab. Dies hatte vor allem damit zu tun, dass sich die diplomatischen Beziehungen zwischen Vietnam und der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich in den sechziger Jahren verschlechterten und daraufhin die Regierung in Saigon vietnamesischen StudentInnen verbot, nach Frankreich zu gehen. Wollten sie ihr Studium im Ausland fortsetzen, mussten vietnamesische Studierende von da an ein anderes Reiseziel wählen. Im Süden, wo in der Regel reichere Familien wohnten, fiel die Wahl oft auf die Schweiz, Kanada oder Belgien, da die vietnamesischen Schulen als Folge der 12 Name geändert. 14 ZANTHRO Working Papers N°1 | Juli 2017 Kolonialisierung französisch geprägt waren. So kamen viele vietnamesische Studierende nicht nur nach Lausanne, sondern auch nach Genf, Neuenburg und Freiburg. Mit der Ankunft der boat people wurde die vietnamesische Diaspora in der Schweiz sozial vielfältiger, die bisherige Homogenität wurde durchbrochen. Insgesamt kamen in dieser Zeit rund 5.000 VietnamesInnen aus fast allen sozialen Schichten in die Schweiz – davor waren es etwa 1.000, die hier lebten (BLI, 2011). Trotz dieser relativ kleinen Zahlen kündigte der damalige Bundesrat an, die Flüchtlinge aus Vietnam im ganzen Land zu verteilen, um keine Ghettos zu schaffen und keine rassistischen Reaktionen bei der lokalen Bevölkerung hervorzurufen (Nhung AgustoniPhan 1995, 150). Darin lässt sich erkennen, dass Flüchtlinge aus Vietnam durchaus solchen Reaktionen ausgesetzt waren, obwohl Menschen vietnamesischer Herkunft im heutigen öffentlichen Diskurs in der Schweiz oft als „Beispiel für die Integration“ zitiert werden (BLI, 2011). Michel selbst versuchte zunächst, sich diesem Bild des „integrierten Migranten“ anzupassen und sich als „guter Schweizer“ zu behaupten, vor allem durch sein Interesse an der westlichen Literatur. Michels Eltern wurden vor seiner Geburt eingebürgert und er besitzt nur die schweizerische Staatsbürgerschaft. Er spricht Französisch. Er trägt ähnliche Kleidung wie alle anderen Studierenden der Universität Lausanne. Während wir auf der Terrasse unseren Wein trinken, grüßt er immer wieder Freunde, die vorbeigehen und beweist hiermit, dass sich sein soziales Umfeld hier befindet. Er betont, dass er nie Teil der vietnamesischen Diaspora in Lausanne gewesen sei. Und doch wird seine Zugehörigkeit zur Schweiz immer wieder in Frage gestellt. Michel erklärt mir sehr schnell, dass er sich als Teil einer „sichtbaren Minderheit“ fühlt. Dies aufgrund seines Äusseren: Immer wieder ist er mit Alltagsrassismus konfrontiert - zum Beispiel nannten ihn seine Mitschüler den „Chinesen“. Durch die Tatsache, dass Rassismus in der Schweiz generell nicht als ein strukturelles Problem, sondern höchstens als eine Frage von wenigen individuellen „Ausrutschern“ gesehen wird (Purtschert 2013, 113), werden Erfahrungen von SchweizerInnen wie Michel missachtet. Diese Erfahrungen haben bei ihm viele Fragen über seine Identität ausgelöst. Die Tatsache, dass seine Zugehörigkeit zur Schweiz von anderen immer wieder in Frage gestellt wird, wird noch verstärkt durch kulturelle Normen, die er nicht kennt und mit seinen Landsleuten nicht teilen kann: Zum Beispiel wusste er lange nicht, was ein „Carnotzet“ ist – dieses typisch waadtländische Wort für einen eingerichteten Keller, in dem man mit Freunden essen kann. Selbst sagt er dazu, dass er bald einmal erkannt habe, dass er eine „halb westliche und halb vietnamesische Erziehung“ gehabt habe. Die Art und Weise, wie Michel über seine Erfahrungen von Andersartigkeit spricht, erinnert stark an die transnationalen Subjektivierungsprozesse, die Rohit Jain in seiner Arbeit zu „InderInnen der zweiten Generation“ beschrieben hat. Jain schreibt darin, dass solche Aussagen über „halbe Zugehörigkeiten“ „alltägliche Indizien hegemonialer Normen von kultureller Zugehörigkeit“ sind (2013, 175), die „in den hegemonialen Kontext des schweizerischen Assimilationsregimes“ eingebettet werden müssen (Jain 2013, 180). Dass Michel stark durch dieses Assimilationsregime beeinflusst wurde, zeigt sich auch daran, dass Michel seine vietnamesische Herkunft lange Zeit ablehnte. So erzählt er, dass sein ganzer Lebensstil, sein Geschmack, von dieser Distanzierung gegenüber seiner vietnamesischen Herkunft – und seiner Familie - geprägt wurde. Darüber hinaus hat aber 15 ZANTHRO Working Papers N°1 | Juli 2017 auch er manchmal das Gefühl, dass seine Familie ihn abgelehnt hat, weil er sich beruflich nicht den familiären Erwartungen angepasst hat. Zum Beispiel ist er unter seinen Cousins der Einzige, der ein Studium an der philosophischen Fakultät absolviert. Er begann ursprünglich mit Medizin, gab das aber bald auf. Er musste seine Mutter von dieser Entscheidung überzeugen, die sie zunächst nicht verstand. Michels Cousins aber sind alle begeistert von der juristischen Fakultät oder wirtschaftlichen Ausbildungen – Gebiete, „die Geld bringen“, und laut Michel „typisch [sind] für die Kinder von Zuwanderern.“ Heute versucht Michel positive Aspekte seiner vietnamesischen Herkunft zu betonen. Zum Beispiel kocht er für seine Freunde vietnamesische Mahlzeiten – der Boom um asiatisches Essen, eine in der Öffentlichkeit positiv besetzte Facette der multikulturellen Diversität, ermöglicht ihm somit eine andere Form der Anerkennung (s. auch Jain, 2013, 182). Rassistische Äußerungen hingegen beeinflussen ihn heute nicht mehr, sagt er. Er lacht manchmal selbst darüber. Michel ist überzeugt, dass es viele andere Secondos in der gleichen Situation gibt und er glaubt daran, dass dies dazu führen wird, dass seine Identität als zunehmend „natürlicher“ erscheinen wird und ihm „weniger Fragen“ gestellt werden. Seit dem Beginn der 2000er Jahre kann man beobachten, dass AktivistInnen der zweiten Generation sich für eine andere Migrations- und Einbürgerungspolitik einsetzen und den Begriff Secondo, der anfangs ein eher stigmatisierender Begriff für die Kinder von spanischen und italienischen MigrantInnen war (Bolzman et al., 2003), stets mehr positiv besetzen (Wessendorf 2007, 349). Die Figur des vietnamesischen Secondo vermag durch die Geschichte von Michel zwei Dimensionen aufzuzeigen. Einerseits ist Michel durch die Heirat seiner Eltern zum Vertreter einer Generation geworden, die zwei Teile der vietnamesischen Diaspora verbindet: Die Gemeinschaft der StudentInnen, die vor dem Ende des Krieges in die Schweiz kamen, und die Gemeinschaft der VietnamesInnen, die auf dem Seeweg flohen. Andererseits ist das Narrativ von Michel repräsentativ für die Komplexität von transnationalen Subjektivierungsprozessen im 21. Jahrhundert und seine Biographie ermöglicht es, über Zugehörigkeiten in der postmigrantischen Gesellschaft zu reflektieren. Literatur Agustoni-Phan, Hung. 1995. Viêt-Nam: nouveau dragon ou vieux tigre de papier ? Genève: Olizane. Barker, Harms and Lindquist. 2014. „Introduction.“ In Figures of Southeast Asian Modernity. Honolulu: University of Hawaii Press: 1-17. Bolzman, Claudio, Rosita Fibbi und Marie Vial. 2003. Secondas – Secondos: Le processus d’intégration des jeunes adultes issus de la migration espagnole et italienne en Suisse. Zürich: Seismo. Bolzman, Claudio, Élisabeth Hirsch Durret, Simon Anderfuhren, Marilène Vuille und Monique Jaggi. 2008. „Le regroupement familial des ascendants. Le traitement national d'une problématique transnationale: l'exemple de la Suisse.“ Retraite et société 3(55). Dahinden, Janine. 2011. „Kulturelle Vielfalt? Grenzziehungen mittels ‚Kultur’ im Kontext von Migration und Integration.“ In Von der Deklaration zur Umsetzung – Schutz und Förderung der kulturellen Vielfalt in der Schweiz : 33-46. Feray, Pierre-Richard. 2001. Que sais-je ? Le Viêt-Nam, Paris: Presses universitaire de France. Fibbi, Rosita und Marinette Matthey. 2010. „Petits-enfants de migrants italiens et espagnols en Suisse Relations familiales et pratiques langagières.‟ Hommes et migration 1288: 58-69. 16 ZANTHRO Working Papers N°1 | Juli 2017 Gayral-Taminh, Martine. 2009. „Une immigration invisible, gage d’intégration ? Récits de vie d’étudiants vietnamiens émigrés en France dans les années 1955-1970.‟ In Ethnologie française 39 (4): 721-732. Gayral-Taminh, Martine. 2010. „Voyage au bout de la mer : les boat people en France.‟ In Homme et migration 1285: 163-171. Jain, Rohit. 2013. „Migrationsforschung als transnationale, genealogische Ethnographie– Subjektivierungsprozesse von „InderInnen der zweiten Generation aus der Schweiz.“ In Migrationsforschung als Kritik? Hrsg. Mecheril, Paul, Oscar Thomas-Olalde, Claus Melter, Susanne Arens und Elisabeth Romaner, 175–191. Wiesbaden: Springer Fachmedien. 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Es machte mir nichts mehr aus, dass meine Eltern mich nicht gehen lassen wollten.“ Ich lernte Gina Salangsan13 durch die Vermittlung einer Kollegin kennen. Nach kurzem SMS-Kontakt verabredeten wir uns zu einem Gespräch bei ihr zu Hause. Es war für sie sehr wichtig, dass Tagalog gesprochen wurde: Auch nach mehr als dreissig Jahren in der Schweiz werde sie immer noch nervös, wenn sie mit SchweizerInnen Deutsch sprechen müsse, sagte sie. In unserem Gespräch brauchte Gina oft das inklusive „wir“14 und schloss mich, der selbst eine philippinische Mutter hat, in die imaginierte Gemeinschaft der philippinischen Diaspora ein. Sie erzählte, dass sie mit der Reserviertheit und Ernsthaftigkeit der hier in der Schweiz angetroffenen Menschen immer Mühe hatte, da sie sich und ihre Landesgenossinnen als eher gesellig und locker beschrieb und immer noch oft das Gefühl hat, dass sie nicht sie selbst sein kann, sobald sie sich in einer Gruppe von SchweizerInnen befindet. “Wir sind eben anders, weil wir aus den Philippinen sind.“ Gina ist über einige Umwege in die Schweiz gekommen. Sie begann ihre Reise als Arbeitsmigrantin im Entertainmentbereich und verliebte sich unterwegs. Mit ihrer Tanzgruppe reiste sie zuerst nach Japan, später in den Irak. Dort lernte sie ihren jetzigen Ehemann, einen Schweizer, kennen. Nachdem er sein Praktikum als Ingenieur im Irak abgeschlossen und sie ihren Vertrag bei der Tanzagentur beendet hatte, reisten die beiden in die Schweiz und heirateten. Mit der weiten Reise in die Schweiz begann für Gina eine ungewisse Zukunft. Zu Beginn ihrer Ehe war sie oft einsam, weil ihr Ehemann aufgrund seiner Arbeit oft auf Reisen war und hatte kaum Kontakt zu ihren philippinischen Verwandten, da die Telefongespräche zu der Zeit noch sehr teuer waren. Damals hatte sie noch keine Freunde in der Schweiz und mit der Familie ihres Mannes hatte sie nicht viel zu tun, zumal diese ihr zu Beginn mit Skepsis begegnete. Es plagten sie zudem Geldprobleme, da ihr Ehemann damals noch Student war und sie mangels deutscher Sprachkenntnisse nicht arbeiten konnte.15 Auch ganz alltägliche Praktiken machten ihr zu schaffen. Sie wusste anfänglich nicht, wie sie sich adäquat für den Winter einkleiden musste und fühlte sich mit dem ersten Kind sehr alleine gelassen, da sie keinerlei Unterstützung erhielt und sich alles selbst beibringen musste: „Als ich mein erstes Kind bekommen habe, wusste ich nicht einmal, wie man es wickelt. Ich war ja noch so jung, damals! Es wurde uns in den Philippinen nicht beigebracht, aber es war ja wenigstens die Mutter zur Stelle um zu helfen, hier in der Schweiz aber war man einfach auf sich alleine gestellt.“ 13 Name geändert. 14 tayo auf Filipino 15 Mag-tiis ka talaga – Das musste ich wirklich erdulden. 18 ZANTHRO Working Papers N°1 | Juli 2017 Ihre Situation verbesserte sich in den nächsten Jahren nicht wesentlich, da sie nach der Geburt ihres ersten Kindes zuerst sieben Jahre zuhause blieb. Erst als das Kind eingeschult wurde, konnte sie arbeiten gehen, was für sie eine regelrechte Befreiung darstellte. Heute besteht der Alltag von Gina Salangsan aus einem Wechselspiel zwischen der Arbeit im Haushalt und manchmal noch das Aufpassen auf den Enkel und ihrer Arbeit in einem Altersheim, wo sie betagte und demente Personen beim Essen und der Körperpflege unterstützt und manchmal mit ihnen spazieren geht. Durch ihre Arbeit im Altersheim hat sie mit der Zeit immer mehr philippinische Kolleginnen kennengelernt und mit ihnen eine Community aufgebaut, die auch heute noch besteht, sehr aktiv ist und regen Zulauf erfährt. Vor allem für junge Frauen aus den Philippinen, die neu in der Umgebung sind, sind die monatlichen Treffen der Community und die philippinischen Gottesdienste wichtige Anlässe, die ihnen das Gefühl vermitteln, auch in der Ferne aufgehoben zu sein, sich nicht alleine zu fühlen und bei Problemen Unterstützung zu bekommen. Viele junge Frauen in den Philippinen, wie auch Gina Salangsan damals, träumen davon, ins Ausland gehen zu können. Tatsächlich verlassen hunderttausende philippinische Frauen jährlich ihr Land, viele darunter über staatliche Arbeitsmigrationsprogramme, um in stark feminisierten Arbeitssektoren im Ausland zu arbeiten – als Krankenschwestern, Hausarbeiterinnen oder Tänzerinnen (siehe z.B. Lauser 2008; Szanton Blanc 1996). Andere überqueren Grenzen als sogenannte „Katalogbräute“: Diese Frauen werden durch Agenturen an heiratswillige Männer aus dem Westen und Japan vermittelt (Constable 2003; Lauser 2004, 105). Die strikte Trennung zwischen Arbeits- und Heiratsmigration ist jedoch trügerisch, da die Realität oft komplexer ist und solche Kategorisierungen nicht klar trennbar sind (Lauser, 2004) – wie auch die Migrationsgeschichte von Gina Salangsan aufzeigt. Historisch gesehen, zeichnet sich die philippinische Gesellschaft schon seit Generationen durch Migration und Mobilität aus und Migration hat sich als kulturelles System etabliert (Larkin, 1993 in Lauser 2004, 68). Heiratsmigration ist in dieser Hinsicht allerdings ein jüngeres Phänomen, das Mitte des 20. Jahrhunderts aufkam (Szanton Blanc, 1996). Es begann im Zusammenhang mit der amerikanischen Kolonisierung der Philippinen, als US-amerikanische Soldaten vermehrt philippinische Frauen heirateten und mit in die Vereinigten Staaten nahmen (ebd.). Im Zuge transnationaler Arbeitsmigration aus den Philippinen kamen später immer mehr Ehen zwischen philippinischen Frauen und ausländischen Männern zustande, wobei insbesondere seit den 1990er Jahren das Phänomen der sogenannten Intermarriages vermehrt Eingang in wissenschaftliche und medienöffentliche Diskussionen fand (Lauser, 2004). Nicole Constable beschreibt die in den USA zirkulierenden, orientalistischen Vorstellungen der asiatischen Ehefrau als lieblich-unschuldige, fügsame Puppe – Vorstellungen, denen auch philippinische Frauen ausgesetzt sind (Constable 2003, 13). In der Schweiz sind einige Internetforen vorhanden, die solche Vorstellungen bestätigen und die die Vorzüge philippinischer Ehefrauen als sehr loyal und familienorientiert darstellen.16 In der Auseinandersetzung mit ihrer Lebenssituation in der Schweiz reproduziert Gina Salangsan solche Vorurteile, vor allem wenn sie in einer selbstorientalisierenden Art und Weise über den Unterschied spricht zwischen „strengen, rigiden“ Schweizerinnen und den Siehe dafür: Philippinen-Tipps: Reisen, Auswandern und Leben auf den Philippinen (2010), Philippinische Partnervermittlung myfilgi my filipina girl (n.d.), Philippine Community Europe (2016). 16 19 ZANTHRO Working Papers N°1 | Juli 2017 Philippinischen Frauen, die dem Ehemann nicht widersprechen. Im Bezug auf ihre Arbeit unterscheidet sie sich von ihren Kolleginnen, in dem sie sagt, sie pflege alte Menschen als wären sie ihre eigenen Eltern: „Es ist eben anders, weil die anderen einfach schnell schnell Menschen pflegen, es ist ihnen eigentlich egal. Ich aber habe ein Herz.“ Interessanterweise erzählt Gina aber auch, dass sie das vermeintlich schweizerische Verhalten des „sich-dem-Ehemann-Widersetzens“ übernommen habe und dieses Verhalten gibt sie innerhalb ihrer philippinischen Community auch kürzlich zugezogenen und frisch verheirateten Frauen aus den Philippinen weiter, damit diese sich schon von Anfang an gegen Ungerechtigkeiten zur Wehr setzen können. Im Gegenzug zum Bild der „loyalen, familienorientierten Frau“, werden asiatische Ehefrauen im Westen gleichzeitig auch als von ökonomischen Interessen getriebene, berechnende, durchtriebene dragon ladies dargestellt, die nur Ausländer heiraten wollen, um der Armut entfliehen zu können (Constable 2003, 13; Lauser 2004, 13). Die asiatische Ehefrau wird in all diesen Darstellungen also entweder jeglicher Handlungsmacht beraubt, oder dann mit extremer Handlungsmacht dargestellt, welche sie befähigt, auf unlautere Weise die eigene Position auf Kosten „ehrlicher“ westlicher Männer zu verbessern (Constable, 2003, S. 13). Solche Vorstellungen sind teilweise auch in der öffentlichen Wahrnehmung und der staatlichen Regulierung binationaler Ehen in der Schweiz zu finden. „Insgesamt 36,0% der 2015 eingegangenen Ehen waren gemischt-national”, schreibt das Bundesamt für Statistik.17 In der Schweiz sind binationale Ehen also keine Ausnahme. Trotzdem sind binationale Paare immer dem Verdacht ausgesetzt, keine „richtige“ Ehe zu führen, keine aufrichtige Liebe für einander zu empfinden. Insbesondere die ausländischen PartnerInnen werden verdächtigt, mit der Heirat andere Zwecke zu verfolgen (Lavanchy 2014). Seit 2008 sind „Scheinehen“ Straftatbestände, Standesbeamte sind mit fremdenpolizeilichen Aufgaben betraut worden und die Ehe ist somit immer mehr zu einer Angelegenheit der Grenzkontrolle geworden. Gina Salangsan erlebte selbst, dass ihre Ehe und insbesondere ihre eigenen Heiratsmotivation von der schweizer Gesellschaft kritisch beäugt wurde. An ihrem Arbeitsplatz zum Beispiel seien Stereotype über philippinische Frauen teilweise virulent. Sie wurde dort immer wieder nach dem Alter ihres Ehemanns gefragt – eine Frage, die allgemein als eher unhöflich eingestuft werde, was er arbeite und ob er überhaupt noch arbeite. Sie sagt: „Ich weiss es nicht, wahrscheinlich weil wir aus einem armen Land kommen. Sie denken, dass wir alte Männer geheiratet haben, um hierher zu kommen. Die anderen nehmen einfach an, dass es wegen dem Geld ist.“ Aufgrund ihres Aussehens und ihres nicht akzentfreien, aber ansonsten einwandfreien Deutschs, erlebte sie nicht nur auf der Arbeit, sondern auch im Dorf schon abschätzige Blicke, was Gina Salangsan auf ihre privilegierte soziale und ökonomische Stellung zurückführt, die sie aufgrund ihres Ehemannes geniesst. Trotz dieser privilegierten gesellschaftlichen Stellung in der Schweiz, treibt die Frage nach Zugehörigkeit Gina Salangsan weiterhin um: Sie hegt den grossen Wunsch, nach der Pensionierung in die Philippinen zurückzukehren und mit ihrem Ehemann den Lebensabend in den Philippinen zu verbringen – dafür lernt ihr Ehemann schon fleissig Tagalog. 17 https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/bevoelkerung/migrationintegration/integrationindikatoren/alle-indikatoren/familie-demografie/gemischt-nationale-ehen.html 20 ZANTHRO Working Papers N°1 | Juli 2017 Zurück zum Leben, das sie gehabt hat, damals, als sie noch ein junges Mädchen war und ihr Leben noch unbekümmert und einfach war, denn schlussendlich, so sagt sie, ist es das, was sie vermisst: „Ich möchte mein altes Leben zurück.“ Die philippinische Ehefrau, verkörpert durch Gina Salangsan, ist eine vielschichtige soziale Figur, die verschiedene Aspekte in sich vereint. Aufgekommen im Kontext neokolonialer Beziehungen, zeigt die globalisierte Figur der philippinischen Ehefrau, dass transnationale Ehen in der Schweiz „als Thema der Politik in die Öffentlichkeit getreten und unter Generalverdacht gestellt“ worden sind (Jashari 2014). Die philippinische Ehefrau agiert in diesem politisierten Feld, in dem homogenisierende, ethnisierende Bilder philippinischer Ehefrauen dominieren. Sie zeigt durch tägliche Aushandlungen, dass die philippinische Ehefrau jedoch nicht nur ein passives Objekt ist, wie sie oft in westlichen Diskursen imaginiert wird, sondern dass sie ein handelndes Subjekt ist, das ihr Leben aktiv gestaltet. Literatur Barker, Joshua, Erik Harms und Johan Lindquist. 2014. „Introduction.“ In Figures of Southeast Asian Modernity. Honolulu: University of Hawaii Press: 1-17. Constable, Nicole. 2003. Romance on a Global Stage: Pen Pals; Virtual Ethnography, and „MailOrder“ Marriages. Berekely Los Angeles London: University of California Press. Jashari, Shpresa. 2014. „Zwischen Privatsache und Politik: Transnationale Ehen in der Schweiz“. Dialogplus. Zugriff am 07.04.2017. http://dialogplus.ch/de/zwischen-privatsache-und-politiktransnationale-ehen-in-der-schweiz-602. Lauser, Andrea. 2004. Ein guter Mann ist harte Arbeit: Eine ethnographische Studie zu philippinischen Heiratsmigrantinnen. Bielefeld: Transcript. Lauser, Andrea. 2005. „Transnationale Subjekte zwischen Deutschland und Philippinen. Ethnologische Perspektiven am Beispiel philippinischer Heiratsmigration.‟ Zeitschrift für Ethnologie 130(2): 273-292. Lavanchy, Anne. 2014. „Die Gefühlswelt des Gesetzes: die kritische Umsetzung von eherechtlichen Vorschriften im Zivilstandsamt.“ In La pratique du droit de la famille, Hrgs. Schwenzer, Ingeborg, Andrea Büchler und Michelle Cottier, 92-117. Bern: Stämpfli Verlag. Leshkowich, Ann Marie und Carla Jones. 2003. „What Happens When Asian Chic Becomes Chic in Asia?‟ Fashion Theory 7 (3/4): 281-300. Philippine Community Europe. „Philippinenforum Deutschland: Das grösste deutschsprachige Diskussionsforum über die Philippinen.“ Zugriff am 16.06.2016. http://www.philippinenforum.net/index.php?page=Index&s=6579efdc655051c930810c4cc68ea9be b356d6cf. Philippinen-Tipps: Reisen, Auswandern und Leben auf den Philippinen - Stimmen die Klischees über philippinische Frauen? 2010. „Philippinische Frauen - deine philippinische Freundin.“ Zugriff am 16.06.2016. http://www.philippinen-tipps.com/allgemeine-infos-philippinen/filipinasfilipinos/philippinische-frauen/. Philippinische Partnervermittlung myfilgi my filipina girl. „Wie unterscheiden sich philippinische Frauen von deutschen Frauen?“ Zugriff am 16.06.2016. http://myfilgi.de/fragen-undantworten/wie-unterscheiden-sich-philippinische-frauen-von-deutschen-frauen/. Purtschert, Patricia, Barbara Lüthi und Francesca Falk. 2013. „Eine Bestandesaufnahme der postkolonialen Schweiz.” In Postkoloniale Schweiz : Formen und Folgen eines Kolonialismus ohne Kolonien, 13-63. Bielefeld: Transcript Verlag. Szanton Blanc, Cristina. 1996. „Balikbayan: A Filipino Extension of the National Imaginary and of State Boundaries.“ Philippine Sociological Review 44 (1/4): 178-193. 21 ZANTHRO Working Papers N°1 | Juli 2017 Der thailändische Koch D A V I D E B R A N C A , ISEK – ETHNOLOGIE UZH Das Alpendorf St. Moritz ist die Hauptortschaft des Oberengadins im Kanton Graubünden. Mit seiner hohen Konzentration an Grandhotels und seiner einzigartigen Landschaft stellt St. Moritz den Motor der touristischen Geldmaschine des Oberengadins dar. Mitten im Zentrum eines Nachbardorfes befindet sich ein grosses Hotel. Wie viele andere Hotels in der Region, hat das Hotel von aussen den Anschein eines sehr modernen und großen Chalets. Gleich neben dem Haupteingang hängt ein großes Plakat, welches Werbung für das thailändische Restaurant innerhalb des Hotels macht. Im Internet wird das Restaurant angepriesen mit dem Slogan: „Exotic in [Engadin]! You are heartily invited to come and experience taste sensations on a culinary Thai expedition! Our menu card is offering a unique selection of traditional and new innovative dishes of the great Asian kitchens.” Das Restaurant selbst sieht sehr modern und gepflegt aus. Nichts erinnert an den typischen architektonischen Stil aus der Region und auch auf die typischen Merkmale eines Thai Restaurants wurde verzichtet: Der Boden ist ein sehr heller und glänzender Parkett, die Tische sind, wie es in Hotels üblich ist, mit weissen Tischtüchern überzogen und mit Silberbesteck bedeckt. Das Servierpersonal trägt einen schwarz-weissen Frack (für Kellner) oder eine Tracht aus der Alpenregion (für die Kellnerinnen). Am Ende des Restaurants gibt es eine grosse Glasscheibe, hinter der die Küche zu erkennen ist. Durch die Glasscheibe sind die zwei Köche zu erkennen, und sie sind die einzigen im Raum, die asiatisch aussehen. Einer dieser beiden Köche, Chanchai, ist ein 39-jähriger Mann mit mittellangen, schwarzen Haaren. Da er laut seiner Mitarbeiter enorme Ähnlichkeiten mit dem berühmten Schauspieler Jackie Chan aufweise, wird er auch „Jackie“ genannt. Mitten im leeren Speisesaal des Restaurants erzählte mir Chanchai an einem Nachmittag, er im Nordosten Thailands geboren wurde, dort die obligatorische Schulzeit verbrachte und während seiner Freizeit seinem Vater half, welcher eine kleine Garage besass und dort als Automechaniker für seine Familie sorgte. Als er mit der Schule fertig war, fand er einen Job in einem Pferdestall, wo er als Kutscher arbeiten konnte. Schon bald zeigte er eine grosse Passion für Pferde und eine ausserordentliche Fähigkeit im Umgang mit ihnen, wodurch der Pferdestallbesitzer ihn einsetzte, um Pferderennen zu reiten. Nach mehreren Jahren und einigen Verletzungen entschloss sich Chanchai, einen weniger riskanten Job zu suchen und begann eine Lehre als Koch. Die Lehre dauerte ein halbes Jahr. Er fand zuerst einen Job als Koch in einem lokalen Restaurant. Nach der Geburt seines ersten Sohns entschied er sich, eine Stelle zu suchen, die einen besseren Lohn garantierte. Das Glück wollte, dass er in einem Hotel in einer touristischen Region am Meer, in der Nähe von Bangkok, eine Stelle fand, wo er dann mit seiner Familie hinzog. Eines Tages bekam Chanchai einen Anruf eines Arbeitskollegen aus seiner Ausbildungszeit: Es wurde ihm eine Stelle als Koch in einem thailändischen Restaurant in der Schweiz angeboten. Die Entscheidung war nicht einfach. In der Schweiz zu arbeiten bedeutete einerseits, dass er seine Familie hinter sich lassen musste. Andererseits würde ihm aber 22 ZANTHRO Working Papers N°1 | Juli 2017 ermöglicht, Geld zu verdienen, um für seine Familie eine bessere Existenz zu erzielen. Er entschloss sich daher, das Angebot anzunehmen und landete in einem Hotel im Oberengadin. Er erzählte, wie er, als er zum ersten Mal ins Engadin kam, sich von den Bergen überwältigt fühlte. So hohe Berge von Schnee bedeckt kannte er nicht. Er hätte am Anfang fast Angst gespürt, sich von den Bergen erdrückt gefühlt. Und auch das Klima machte ihm zu schaffen. Chanchai arbeitete fünf Jahre in dem Restaurant im Oberengadin. Als das Hotelmanagement ein anderes Hotel im Engadin übernahm und dort auch ein thailändisches Restaurant einrichten wollte, wurde Chanchai gefragt, ob er in diesem neuen Hotel die Stelle des Küchenchefs des Restaurants übernehmen wolle. Und das ist, was er bis heute macht. Migrationsgeschichten wie die von Chanchai hängen stark mit der Geschichte der Globalisierung der thailändischen Küche und mit der allgemeinen Migrationsgeschichte Thailands zusammen. Thailand kennt eine lange Geschichte transnationaler Migration. Während mehreren Jahrhunderten hat Thailand erlebt, wie „Ausländer“ kamen, um sich auf thailändischem Boden niederzulassen und wie „Inländer“ in andere Länder aufbrachen (Archavanitkul 1995). Der Vietnamkrieg hatte jedoch einen erheblichen Einfluss auf die Emigrationsgeschichte Thailands (ebd.). Die US-Amerikaner stellten ab Ende der 1960er Jahre mehrere Militärstützpunkte für ihre Truppen in Thailand auf (ebd.). Diese Kontakte mit den USA führten dazu, dass thailändische Bürger vermehrt in die USA (und später auch andere westliche Länder) zogen, um Geld zu verdienen und so ihre Familien in Thailand zu unterstützen (Archavanitkul 1995; Chantavanich 1993). Mit der Migration der Menschen hat sich auch die Thai-Küche verbreitet. Die thailändische Küche ist, so Trenk, „[...]eine Mischung aus chinesischen, indischen und europäischen Einflüssen, die im Laufe der Jahrhunderte zu einer Landesküche verschmolzen sind“ (2012, 103). Interessanterweise wurde das thailändische Essen bis weit ins letzte Jahrhundert hinein von fremden Besuchern in Thailand häufig als ungeniessbar wahrgenommen (Trenk 2014). Das änderte sich mit dem Vietnamkrieg, als die amerikanischen GIs einen Geschmack für das thailändische Essen entwickelten (Trenk 2011). Als dann die ersten thailändischen Migranten in den USA thailändische Restaurants – in erster Linie für die eigene Diaspora – eröffneten, wurden diese auch immer mehr von AmerikanerInnen besucht und geschätzt (Sunanta 2005). Das führte dazu, dass die thailändischen Restaurants ihren Markt immer mehr auf die Amerikaner ausrichteten: Es ging dabei vor allem darum, einige wenige Gerichte für westliche Kunden ein bisschen milder zu kochen, indem weniger Scharfes und mehr Kokosmilch hinzugefügt wurde (Sunanta 2005). Das gilt schon längst nicht mehr nur für die USA. Die globale Expansion der thailändischen Gastronomie ist beeindruckend: „Weltweit scheint die Thai-Küche everybody’s darling geworden zu sein[...]“ (Renk 2014, 272) und sie wird als gesunde Ernährung mit wenig Fettgehalt gefeiert (ebd.). Diese enorme Expansion und Popularität der thailändischen Gastronomie hat auch dazu beigetragen, dass Chanchai als Koch in einem Engadiner Hotel arbeitet. Obwohl die ThaiKüche inzwischen nicht mehr aus der gehobenen Hotellerie wegzudenken ist, sieht Chanchai seinen Verbleib in der Schweiz als temporär. Zwischen den Saisons, wenn das Hotel schliesst, fliegt er zu seiner Familie nach Thailand. Während der Saison arbeitet er viel und versucht, so viel wie möglich zu sparen, um seine Familie in Thailand zu unterstützen und seinen Söhnen eine höhere Bildung zu ermöglichen. Er möchte aber auch 23 ZANTHRO Working Papers N°1 | Juli 2017 genug Geld auf die Seite legen, um dann wieder nach Thailand zurückzukehren und ein eigenes Restaurant zu eröffnen, in dem er vielleicht auch ein paar schweizer Gerichte in das Menu aufnehmen möchte. Diese Aussicht hat auch Einfluss darauf, wie er sein Leben in der Schweiz und in seiner Freizeit gestaltet: Meistens zieht er sich in der Nachmittagspause zurück auf sein Zimmer, um mit seiner Familie in Thailand über Skype zu sprechen. Manchmal schaut er einen Film auf dem Computer an oder trifft sich mit Arbeitskollegen im Staff-House, in welchem alle Arbeitskollegen untergebracht sind. Kontakte mit lokalen Bewohnern hat er kaum: „Wir bleiben meistens unter uns. Wir haben so verschiedene Arbeitsstunden, es lohnt sich mehr, mit Menschen aus dem Hotel zusammen zu sein.“ Tatsächlich ist es so, dass die Arbeits- und Wohnbedingungen so angelegt sind, dass es für Arbeitsmigranten wie Chanchai schwierig ist, ein soziales Leben im Engadin aufzubauen. Einerseits hat dies mit seiner befristeten und zweckgebundenen Aufenthaltsbewilligung (B) zu tun. Andererseits bietet sein Arbeitsalltag wenig Möglichkeiten für einen Austausch mit Leuten vor Ort. Chanchai arbeitet elf Stunden am Tag: Er fängt morgens um neun Uhr mit der mise-en-place für den ganzen Tag an, damit er in den Rush-Zeiten über den Mittag und am Abend schneller ist, hat dann von drei bis fünf Uhr eine Nachmittagspause und arbeitet dann von fünf Uhr nachmittags bis das Restaurant um elf Uhr abends schliesst. Durch die langen Arbeitszeiten und die Isolation im Staff-House haben die Hotelangestellten kaum die Möglichkeit, die lokale Sprache zu lernen. Sie leben ein Leben in einer isolierten parallelen „Gesellschaft“, die aus dem sozialen Netzwerk der Hotelangestellten besteht. Chanchai scheint dies aber nicht zu stören: Er erklärt, dass er sich unter den Angestellten des Hotels wohl fühlt. Ausserdem sei das Leben ausserhalb des Hotels viel zu teuer und widerspreche sich daher mit seiner Motivation, für seine Familie zu sparen. Chanchai sagt: „Die Schweizer wissen, dass wir nur kurz hier sind und nur um Geld zu verdienen, deswegen werden wir oft einfach ignoriert. Wir sind Teil der „TourismusMaschine“ hier im Engadin. Aber ich weiß, dass die Schweizer wissen, dass wir gute Arbeiter sind und dass unser Essen einfach gut ist und wir gut darin sind.“ In diesem Zitat wird klar, dass sich Chanchai seiner Rolle als Gastarbeiter in der schweizer Gesellschaft bewusst ist und dass er sich wahrscheinlich schon lange damit abgefunden hat, indem er sich selbst als Teil der „Tourismus-Maschine“ des Engadins bezeichnet. Sein Leben dreht sich hauptsächlich um seine Arbeit und er wird auch von anderen Menschen über seine Arbeit wahrgenommen, beziehungsweise sogar auf seine Arbeit reduziert. Jedoch zieht Chanchai auch einen gewissen Stolz aus seiner Arbeit: „Ich bin der ThaiKoch! Nur ich weiss, wie man Thai kocht. Niemand hat mir etwas bei meinem Kochen zu sagen, auch nicht der Manager des Hotels.“ Für Chanchai, wie auch für seinen Manager und seine Kunden, ist seine thailändische Herkunft entscheidend für seine Fähigkeit, thailändisches Essen zubereiten zu können: „Wenn du nicht Thai bist, dann kannst du auch nicht Thai kochen. Nur wir wissen, wie es schmecken soll. Den Thai-Geschmack kann man nicht lernen“, meinte Chanchai, „der Thai-Geschmack ist nur den Thais eigen.“ Es geht dabei nicht nur darum, dass das Essen thai schmeckt, sondern auch dass es wie Thai-Essen aussieht. Chanchai ist bekannt für seine schönen Dekorationen, für die Gemüse in Form von Blumen oder Tieren geschnitzt werden. Er ist daher auch immer der Letzte, der den Teller noch bearbeitet, bevor dieser dem Kellner übergeben wird. 24 ZANTHRO Working Papers N°1 | Juli 2017 Die Reduktion von Chanchai auf seine Arbeit ist daher nicht nur durch seinen Status als Gastarbeiter bedingt, sondern auch durch die Ethnisierung seiner beruflichen Fähigkeiten (Jain 2013). Chanchai übernimmt teilweise diese essentialisierende Logik, zum Beispiel in dem er sein wichtigstes Arbeitsinstrument wie folgt definiert: „Nein, nicht die Hände. Was ich benutze zum Kochen ist meine Zunge. Meine Zunge weiss, wie man Thai kocht, meine Hände machen es einfach. Hände hat ja jeder Koch, aber nur Thai-Köche haben eine ThaiZunge.“ Durch diese Selbst- sowie Fremdzuschreibung werden thailändische Köche zu „skill-producing-groups“ (Sigaut 1994): Ihre spezifischen Fähigkeiten und deren Authentizität müssen durch Performanz und die „Produktion“ von spezifischen „Waren“, in diesem Fall die thailändischen Gerichte, immer wieder demonstriert werden. Das erklärt auch, warum die beiden thailändischen Köche im Hotel während der Arbeit hinter einer Glasscheibe stehen: So können die Gäste die „Authentizität“ ihrer Performanz und des gekochten Essens selbst beobachten. Oder wie Chanchai es selber formulierte: „Vielleicht möchten die Leute sehen, dass ich ein Thai bin, damit sie wissen, dass das, was sie essen, richtig Thai ist.“ Chanchai arbeitet jetzt bereits seit dreizehn Jahren in der Engadiner Gastronomie. Trotz dieser langen Zeit in der Schweiz hat Chanchai immer noch den Status eines Gastarbeiters und lebt ein isoliertes Leben innerhalb des Hotelbetriebs. In der Schweiz dreht sich sein gesamtes Leben um seinen Beruf als Thai-Koch. Das wahre Leben von Chanchai findet jedoch nicht in der Schweiz statt, sondern in Thailand: Mit seiner Familie kommuniziert er virtuell über Skype und irgendwann in der Zukunft, wenn seine beiden Söhne ihre Ausbildung abgeschlossen haben und selbst erwerbstätig werden, wird er definitiv nach Thailand zurückkehren. Die Sozialfigur des Thai-Kochs veranschaulicht einerseits die globale Expansion der ThaiKüche, die inzwischen auch zum Angebot gehobener Hotels in den schweizer Alpen gehört. Andererseits verkörpert der Thai Koch aber auch die Schattenseiten eben dieser gehobenen Hotellerie in der Schweiz. Obwohl er täglich und für alle sichtbar hinter einer Glasscheibe kocht, und somit die Ansprüche nach „Authentizität“ seiner Kundschaft bedient, bleiben gerade die prekären Arbeits-und Aufenthaltsbedingungen des Thai-Kochs für seine reichen Gäste unsichtbar. Literatur Archavanitkul, Krittaya. 1995. An Overview of Transnational Migration in Thailand: Policy and Areas of Research. Institute of Population and Social Research: Mahidol University. Barker, Joshua, Erik Harms und Johan Lindquist. 2014. „Introduction.“ In Figures of Southeast Asian Modernity. Honolulu: University of Hawaii Press: 1-17. Barker, Joshua, Erik Harms, und Johan Lindquist. 2013. „Introduction to Special Issue: Figuring the Transforming City.“ City & Society 25(2): 159-172. Chantavanich, Supang. 1993. „Mass Movements of People from Indochina: Challenges for the 1990s“. In Jahrbuch für vergleichende Sozialforschung, 75-104. Berlin: Edition Parabolis. Jain, Rohit. 2013. „Migrationsforschung als transnationale, genealogische Ethnographie– Subjektivierungsprozesse von „InderInnen der zweiten Generation“ aus der Schweiz.“ In Migrationsforschung als Kritik? Hrsg. Mecheril, Paul, Oscar Thomas-Olalde, Claus Melter, Susanne Arens und Elisabeth Romaner, 175–191. Wiesbaden: Springer Fachmedien. Moebius, Stephan und Markus Schroer, Hrgs. 2010. Diven, Hacker, Spekulanten. Sozialfiguren der Gegenwart. Frankfurt a.M: Suhrkamp. 25 ZANTHRO Working Papers N°1 | Juli 2017 Purtschert, Patricia, Barbara Lüthi und Francesca Falk. 2013. „Eine Bestandesaufnahme der postkolonialen Schweiz.” In Postkoloniale Schweiz: Formen und Folgen eines Kolonialismus ohne Kolonien, 13-63. Bielefeld: Transcript Verlag. Sigaut, François. 1994. „Technology.“ In Companion Encyclopedia of Anthropology, Hrgs. Tim Ingold, 420-449. London: Routledge. Sumanta, Sirijit. 2005. „The Globalisation of Thai Cuisine.” Papier präsentiert beim Canadian Council for Southeast Asian Studies Conference, York University, Toronto, 14.-16. Oktober 2005. Trenk, Marin. 2012. „Jenseits von McDonald’s: Thailands Esskultur im Wandel.“ OrientierungenZeitschrift für Kultur Asiens. Themenheft 24. Thailand, Facetten einer südostasiatischen Kultur. Edition Global: 104-121. Trenk, Marin. 2014. „Abwehr und Verlangen – Zur deutsch-thailändischen kulinarischen Begegnung der letzten 150 Jahre.“ In Deutschland und Thailand. 150 Jahre Diplomatie und Völkerfreundschaft, Hrsg. Volker Grabowsky im Auftrag der Thailändischen Botschaft, 270-291. Segnitz bei Würzburg. 26 ZANTHRO Working Papers N°1 | Juli 2017 Die chinesische Karrierefrau N A T A L I A A D Z I N T S O V A , ISEK – ETHNOLOGIE, UZH Geräuschvolle Kantine einer Schweizer Bank, Donnerstagnachmittag vor Ostern. Die Herrschaften, die um diese Zeit hier zusammensitzen, sind alle streng und elegant angezogen, man führt Geschäftsgespräche oder unterhält sich über die Pläne für die bevorstehenden Osterferien. Ich treffe Cao am Buffet, sie bestellt gerade eine Gemüsesuppe und einen Salat. „Eigentlich mag ich das Essen hier nicht“, sagt sie leise auf Englisch. „Ich bringe oft mein eigenes Mittagessen - chinesische Spezialitäten und gekochtes Gemüse - und genieße es dann ohne Hektik.“ Die Mitte dreissigjährige chinesische Karrierefrau trägt kein Make-up auf ihrem fröhlichen Gesicht, ihre Haare sind dezent hochgesteckt, der schlichte Schnitt ihres klassischen dunkelblauen Anzugs betont den kompetenten Auftritt einer Bankangestellten. Seit 2012 lebt Cao mit ihrem Ehemann, einem Österreicher, in Zürich und seit 2014 arbeitet sie als Compliance Officer bei einer schweizer Bank. Geboren und aufgewachsen in einer Mittelschichtfamilie in der Megacity Shanghai, entschloss sich Cao eines Tages ihre Heimat der Karriere und Liebe willen zu verlassen. Die Entscheidung ist ihr aber schwer gefallen. Als Einzelkind einer Ärztin und eines Lehrers wurde ihr fast jeder Wunsch erfüllt: „I always got what I wanted“, erinnert sich Cao. Schon als kleines Mädchen lernte Cao, allein und selbständig zu sein. Ihre Kindheit war geprägt durch das Versprechen des kommunistischen Parteichefs Mao Zedong, dass Frauen die „Hälfte des Himmels tragen“ (Roloff 2011). Ihre Eltern haben die meiste Zeit bei der Arbeit verbracht, daher war es für sie selbstverständlich, dass auch ihre Tochter studieren und anschließend finanziell unabhängig sein würde. Als eine der wenigen Frauen ihres Landes machte Cao einen Bachelorabschluss in Ingenieurswissenschaft, und bekam danach einen guten Job in einer Investment Bank, wo sie auch ihren künftigen Ehemann, Thomas18, kennenlernte. Ihre Familie und Freunde waren immer in der Nähe und Cao genoss ihr unabhängiges Leben. Ihre Arbeit hatte oberste Priorität für sie. Die Mehrheit der Frauen aus Caos Freundeskreis in Shanghai war zu der Zeit genau wie sie: jung, ausgebildet, gut verdienend und unverheiratet. Diese Gruppe von Frauen wurde 2007 vom nationalen Frauenverband als „übrig gebliebene Frauen“ (Sheng Nü) bezeichnet (Zhang 2015). Seither ist die Bezeichnung Sheng Nü zum offiziellen Begriff für unverheiratete Frauen über 27 Jahre geworden, und obwohl sich Cao selber zu der Zeit nicht als solche bezeichnete, entsprach sie durch ihrer alleinstehenden Lebensweise und ihrem ausgeprägten Selbstwertgefühl dem Bild einer solchen Frau. Sheng Nü sind, so Cao, ambitionierte Karrierefrauen, die ihre „traditionelle Bestimmung“ zwar nicht ablehnen, jedoch versuchen, diese mit ihrem Karriereleben in Einklang zu bringen. Wie Cao, sind solche Frauen als Einzelkinder im Kontext des wirtschaftlichen Aufschwungs in Chinas Metropolen aufgewachsen und müssen sich nun mit den gesellschaftlichen Erwartungen bezüglich der konfuzianisch geprägten Rollen einer Ehefrau, Mutter, Tochter 18 Der Name wurde geändert. 27 ZANTHRO Working Papers N°1 | Juli 2017 (Attane 2009, 9ff) in einer sich rasch verändernden Welt auseinandersetzen. Eigenverantwortung bildet hier das Stichwort. Dies propagiert auch der chinesische nationale Frauenverband mit dem sogenannten „4-Selbst-Slogan“ von „Selbst-Respekt, Selbst-Vertrauen, Selbständigkeit, Selbst-Verbesserung“ (Zhang 1995, 39). Die Unabhängigkeit als Lebensform gilt als „Emanzipation von den sozialen und moralischen Bindungen des alten gleichheitsorientierten Arbeitsregimes und als explizit anti-kollektivistisch“ (Wichterich 2016, 10). Als 2008 die Finanzkrise kam, verlor Cao’s österreichischer Freund seinen Job. Nach einigen gescheiterten Versuchen, in Shanghai eine neue Stelle zu finden, kehrte er zurück nach Europa. Eine Krise drohte auch der Beziehung. „I was very independent and selfcentered at that time and not good in relationship-feeling”, erzählt Cao. Weder ihr Freund noch sie waren sich über eine gemeinsame Zukunft sicher. Das Paar trennte sich auf Zeit. Den Sheng Nü wird oft vorgeworfen, überhöhte Ansprüche an potenzielle Ehepartner hinsichtlich Ausbildung, Persönlichkeit, Finanzen und Wohnsituation zu haben, bei gleichzeitigem Bedürfnis nach Unabhängigkeit (Zhang 2015). „All the pressures are mainly on the men”, bestätigt auch Cao. Sie erzählt weiter, dass wenn ein Mann in China in fünf Jahren keine Fortschritte in seiner Karriere gemacht hat, keine Wohnung und Auto besitzt, er von der Gesellschaft nicht akzeptiert wird. Dazu gibt es wesentlich weniger Frauen auf dem chinesischen Heiratsmarkt, was sowohl eine Folge der EinKind-Politik ist als auch einer neueren Entwicklung, nämlich der Heiratsmigration ins Ausland (Bekel 2013, 48). Diese Heiratsmigration wird häufig mit dem steigenden Interesse der chinesischen Frauen für ausländische, insbesondere westliche Männer aufgrund von Toleranz, Offenheit und Möglichkeiten dieser Männer erklärt (Granrose 2005, 185). Ob dies der Realität entspricht, konnte Cao mir mit ihrem eigenen Beispiel nicht bestätigen. Doch auch sie berichtet, dass es in China hoch angesehen wird, wenn man durch Heirat mit einem Ausländer ins Ausland zieht: „People go for it! Many girls get married with a foreigner because they think they will get a new life. For me it is not the case.“ Sie war glücklich und zufrieden mit ihrem Leben in Shanghai. Doch auch Cao war sich des grossen Konkurrenzdrucks in der chinesischen Arbeitswelt bewusst: „In China you do not have a lot of chances.” In diesem Konkurrenzkampf sind Frauen meist die Verliererinnen, weil von ihnen erwartet wird, dass sie ihre Verantwortung als Tochter, Ehefrau und Mutter nicht vernachlässigen, unabhängig davon, ob sie im oder ausserhalb des Hauses arbeiten (Ganrose 2005, 17). Männer gelten als flexibler und werden daher häufig bevorzugt. Zwar steigt der Anteil von Frauen in Behörden und Firmen in China stetig – in China besetzen Frauen 32 Prozent aller höheren Managementpositionen, was den Anteil der Frauen in z.B. der USA (23 Prozent) deutlich übersteigt (Kamp 2011) – die Frau bleibt in Wirtschafts- und Staatspositionen aber immer noch eine Ausnahme oder „Boss im Hintergrund“ (Müller 2013). Cao machte sich auch Sorgen um ihre berufliche Zukunft, weil sie nur einen BachelorAbschluss hatte und überlegte sich, eine Weiterbildung zu machen. Thomas habe sie dann angespornt, ein Masterstudium in der Schweiz zu absolvieren, weil dies sowohl ihre Kompetenzen und somit ihre beruflichen Perspektiven verbessern, als auch mehr Klarheit für ihre gemeinsame Zukunft bringen würde19. Doch ihr Visumantrag für das Studium Cao betonte mehrmals, dass sie auf keinen Fall die Ehe aus Not schliessen wollte und dass ihre Beziehung durch keinen äußeren Druck (wie das Verlieren vom Job etc.) beeinflusst wurde. 19 28 ZANTHRO Working Papers N°1 | Juli 2017 wurde abgelehnt. Sie habe eine langjährige Erfahrung im Bankenwesen, daher wirkte ihr Wunsch, ein freies Masterstudium in der Schweiz zu machen, nicht realistisch: „They thought that I wanted to come here in order to look for a job.“ Obwohl China als strategischer Geschäftspartner und neben der EU und den USA als drittwichtigster Markt für die Schweiz gilt (Scheindorfer 2005, 26), sind ChinesInnen strengen Aufenthaltsregelungen ausgesetzt. Für Cao und Thomas hatte die Ablehnung des Gesuchs zur Folge, dass sie noch entschlossener wurden, ihre gemeinsame Zukunft gelingen zu lassen: „This time made us tighter, and after that we married.“ 2012 heirateten sie und Cao zog nach Zürich. Die erste Zeit in der Schweiz erlebte Cao als frustrierend. Sie musste ihren Alltag neu gestalten. Sie hatte niemanden ausser ihrem Mann und musste Hartnäckigkeit und Selbstständigkeit neu erlernen: „I got panicked. I couldn’t find a job. The priority that I used to have in Shanghai - it disappeared. It was a challenge to face all the things that I did not know. It was the hardest time ever in my life!“ Ihre Selbstwahrnehmung als unabhängige und selbstsichere Karrierefrau, die sie in Shanghai immer war, veränderte sich nun zu jener der ruralen Arbeitsmigrantin, die versucht in Shanghai ein Leben aufzubauen und die meist einfach ignoriert wird: „And now I’ve become one of these people: I know how much effort they have to bring to be in the same position as Shanghai people.“ Heute leben rund 10’000 ChinesInnen in der Schweiz und nur ca. 1300 davon in Zürich. In der Schweiz sei es schwierig, sich wohl zu fühlen, sie kenne die lokale Sprache und Regeln nicht, sei ständig verunsichert: „Here you get rejected everywhere. You lose your own value. You do not know what kind of person you should be, you lose your confidence of being. As a foreigner you have to bring at least double efforts”. Man würde meinen, dass die Bankenmetropole Zürich nach qualifizierten Leuten wie Cao (Sprache, Kenntnisse über das Land und Erfahrung in der Bankenbranche) suchen würde – in der Tat ist auch die nationale schweizerische Migrationspolitik insbesondere im Falle von China auf qualifizierte Arbeitskräfte ausgerichtet (vgl. Lieber 2010; Riaño et. al 2006). Dass es jedoch für Cao anfangs nicht einfach war einen geeigneten Job zu finden, lässt vermuten, dass Annahmen bezüglich Genderrollen sowie Mangel an lokalen Erfahrungen und Sprachkenntnissen höher gewichtet werden. Tatsächlich scheint die chinesische Karrierefrau eher eine Sozialfigur Chinas zu sein, die in der Schweiz noch nicht recht angekommen ist. Zuschreibungen kultureller Differenz (Othering) sowie das hiesige Verständnis von der Aufgabenteilung zwischen den Geschlechtern („Mütter bleiben zu Hause“) und insbesondere stereotype Darstellungen asiatischer „nachziehenden Ehefrauen“ erschweren den Zugang zum schweizerischen Arbeitsmarkt für qualifizierte Migrantinnen wie Cao (vgl. Riaño et al. 2006, 48). Cao versuchte daher Strategien zu entwickeln, um sich sozial wie ökonomisch zu integrieren und ihre professionelle Beschäftigung auf dem Niveau von vor ihrer Migration in die Schweiz zu halten. So musste sich Cao auf Zeit als Kellnerin in einem chinesischen Restaurant und später als Assistentin bei einer chinesischen Telekommunikationsfirma requalifizieren, um neue Beziehungen aufzubauen, ihr Selbstvertrauen zurück zu gewinnen und den persönlichen und finanziellen Druck der Arbeitslosigkeit loszuwerden. Cao sah diese Arbeiten aber nur als ein Mittel zum Zweck: Sie wollte wieder in die Bankindustrie wechseln, wo sie ihre Professionalität zeigen und leben konnte. Im Juli 2014 bekam sie ein Jobangebot von einer grossen schweizer Bank, deren internationale Abteilung immer wieder Leute mit Bankerfahrung, Kultur- und Sprachkenntnissen von spezifischen Regionen braucht: „They wanted to have people with regional knowledge 29 ZANTHRO Working Papers N°1 | Juli 2017 to screen the clients in the local language.“ Als einzige Angestellte, die über Kenntnisse des chinesischen Bankenwesens sowie Kultur und Sprache verfügte, gelang es Cao relativ schnell, gute Leistungen zu erbringen. Abgehärtet durch den langwierigen Prozess der Jobsuche, arbeitete sie stets eifrig und pflichtbewusst, wie es von ihr auch erwartet wurde: „Managers admire people who are working like ants.“ Jetzt arbeitet Cao schon zwei Jahre als Compliance Officer. Zu ihren täglichen Aufgaben gehören Austausch mit dem FrontOffice, Bereinigung der Dokumentation anspruchsvoller Kundendossiers aus dem Asienund Pazifik-Raum, sowie Analyse und Beurteilung von Transaktionen hinsichtlich Geldwäscherei, Sanktionen und Reputation. Im Zuge internationaler Skandale rund um Korruption und Geldwäscherei ist Compliance zu einem wachsenden Berufsfeld im Bankenwesen geworden, auch in der Schweiz: Compliance Officers wie Cao haben den expliziten Auftrag, sich um die Einhaltung von geltenden Gesetzen zu kümmern und „schwerwiegende Imageschäden, strafrechtliche Konsequenzen oder existenzbedrohende Schadenersatzforderungen“ (Tages Anzeiger 2017) für die Banken vorzubeugen. Die Tatsache, dass die Bank eine Mitarbeiterin eigens für chinesische KundInnen angestellt hat, deutet auf die Vielzahl solcher KundInnen hin: Die Figur der chinesischen Karrierefrau symbolisiert somit auch die wirtschaftliche Bedeutung Chinas für das schweizerische Bankenwesen. Ein großes Netzwerk hat Cao in der Schweiz nicht („I like to be alone“), aber das Umfeld von Cao und ihrem Ehemann ist sehr international. Caos Bekanntenkreis besteht hauptsächlich aus chinesischen verheirateten Hausfrauen und Menschen, die sie über Foren und insbesondere ein buddhistisches Event kennengelernt hat. Mit den Hausfrauen, die nebst den AkademikerInnen und Studierenden die zweitgrösste chinesische Bevölkerungsgruppe in der Schweiz bilden20, wolle sie nicht tauschen, sagt Cao: „Ich würde meine wirtschaftliche Unabhängigkeit auf keinen Fall mehr aufgeben.“ Und doch fühlt sich Cao wohl in der Schweiz. Sie hat einen guten Job, ihren Ehemann und „peace of mind“: „I feel at home here. It brings me down.“ Erst in der Schweiz lernte Cao die besondere Ruhe und die Abwesenheit von Hektik zu schätzen. Die anfänglichen Schwierigkeiten in der Fremde veranlassten Cao, sich verstärkt mit Buddhismus zu beschäftigen: Tägliches Meditieren gehört nun zu ihrem Alltag. Ihre Eltern sind fast das Einzige, was Cao aus ihrer Heimat vermisst. Neben der beruflichen Entwicklung sieht Cao die Familie als einen wichtigen Teil ihrer persönlichen Identität sowie als natürliches Ziel einer jeden Frau: „I will feel satisfied if I think I am able to contribute to the society, and to my family as well. Simply earning money will not satisfy me in the long run.“ Ihre Zukunftsplanung ist ebenso von dem Wunsch bestimmt, die erzielte Harmonie weiter zu pflegen, sei es am Arbeitsort oder im privaten Leben. Dabei will Cao ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit auf jeden Fall behalten: „For the future I do not have a very concrete plan. I am watching and searching. But compliance is an interesting business. Many challenges. I would like to think about doing business on my own.“ Cao steht einerseits für die neuen Möglichkeiten, die junge Frauen im aufstrebenden China haben, als auch für die moralischen Ambivalenzen, die Frauen in China und in der Vgl. https://www.stadt-zuerich.ch/prd/de/index/statistik/publikationenangebote/publikationen/webartikel/2013-02-07_Starke-Zunahme-der-Chinesinnen-und-Chinesen-inZuerich.html 20 30 ZANTHRO Working Papers N°1 | Juli 2017 Schweiz auszuhandeln haben. Als chinesische Compliance Officer in einer grossen schweizerischen Bank symbolisiert sie aber auch die gegenwärtige wirtschaftliche Bedeutung Chinas für das schweizerische Bankenwesen, und die Tatsache, dass eben dieses Bankenwesen im Zuge der internationalen Finanzkrise sowie GeldwäschereiSkandale einer wachsenden Regulierung unterworfen und vermehrt auf ComplianceSpezialistInnen wie Cao angewiesen ist. 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Diese Erfahrung illustriert die ambivalente Position ausländischer WissenschaftlerInnen in der Schweiz: Rekrutiert, um den Forschungsstandort Schweiz zu stärken, aber nicht immer willkommen. „Schweizer Innovationen haben oft einen ausländischen Hintergrund“, schreibt die Handelszeitung (Brandt 2017). Tatsächlich ist der schweizerische Forschungsplatz so international wie kaum in einem anderen Land und nur die USA und Deutschland ziehen noch mehr ausländische ForscherInnen an (ebd.). Der Anteil ausländischer WissenschaftlerInnen an schweizer Hochschulen hat sich in den letzten Jahren tatsächlich kontinuierlich erhöht. Während der Anteil ausländischer ProfessorInnen im Jahre 1990 bei ca. 30% lag, erreichte er im Jahre 2015 schon über 50% bei Assistierenden und wissenschaftlichen MitarbeiterInnen lag der Anteil im selben Jahr selbst bei 64% (Bundesamt für Statistik 2015). Auch F. Kansal unterstreicht die Internationalität der akademischen Elite in der Schweiz: „There‘s an interesting sort of bubble that I am surrounded by. Most of my colleagues here in my group aren’t actually Swiss.“ Diese Internationalität wurde in der schweizer Öffentlichkeit stets mehr beanstandet und zunehmend politisiert, und insbesondere die Berufungen deutscher ProfessorInnen wurden von hetzerischen Medienkampagnen begleitet. „Die Germanen kommen“, hiess es zum Beispiel im Bund (Zimmerman 2013). Dass der Standort Schweiz diese ausländischen Fachleute braucht, wurde seitens der Hochschulen stets betont, so zum Beispiel auch im Manifest der Schweizer Hochschulen22: „Die geplante Kontingentierung der ausländischen NachwuchswissenschaftlerInnen (PhD und PostDoc) bedroht die Exzellenz unseres Bildungs- und Forschungsraums. Wir verlieren dadurch den Zugang zum wichtigsten Rohstoff für die Schweiz und die Möglichkeit, global in der ‚ersten Liga’ mitzuspielen“ (2016). Prof. Kansal zählt zu diesen exzellenten WissenschaftlerInnen und hat nichts weniger vor, als das Internet schneller zu machen. Als ich ihn in seinem Büro traf, unterhielten wir uns neben einer mit Formeln und Berechnungen vollgekritzelten Wandtafel. Als mein Blick zum wiederholten Mal über die Wandtafel lief, fragte ich mich, ob ich wohl jemals verstehen würde, was dieser sympathische und bescheidene Mann in seiner Forschung genau tut. Begeistert, aber dennoch langsam und verständlich, erklärte er mir: 21 Name wurde geändert. Das Manifest der Schweizer Hochschulen wurde als Antwort auf der von der SVP lancierten und am 9. Februar 2014 angenommenen sogenannten “Masseneinwanderungsinitiative” verfasst. 22 33 ZANTHRO Working Papers N°1 | Juli 2017 „I work on network design […], a work in two directions. One is in speeding up the Internet and the other is in the design of these very large facilities where you have tens of thousands of servers […] and you have to connect those servers together to do useful tasks. So I work on designing networks that connect these servers together […]. And the „speeding-up-the-Internet“-project is much […] easier for people who are not computer scientists to understand. There the goal is basically … If you are making a search query with Google for example and lets say Google servers are somewhere in Paris. Now from Zurich to Paris and back – if you were to travel at the speed of light in vacuum […] that would be around three milliseconds. But the actual time it takes you to get your search query answer is closer to a second. In this case, the Internet is hundreds of times slower than the speed of light. In the typical case, it’s more than a factor of thirty slower. […] The idea would be to build a speed of light Internet.“ Mit Gedankenexperimenten arbeitet er sich durch verschiedene mögliche Designoptionen, tauscht sich mit Studierenden und ProfessorInnen aus, was die Mehrheit seiner Arbeit ausmacht. Nächstes Semester hat er vor, sein erstes Seminar zu unterrichten und möchte in den kommenden Semestern sein Unterrichtspensum erhöhen. Der gebürtige Inder absolvierte seinen Bachelor am Indian Institute of Technology in Bombay, einer der besten Universitäten des Landes. Daraufhin verliess er sein Heimatland, um in den USA seinen PhD in Computer Science zu erlangen. Als Sohn eines Biochemieprofessors und einer ebenfalls studierten Mutter, sei seine Ausbildung Teil des family business gewesen, erzählt Prof. Kansal. Er fuhr fort, „When you grow up as a child in India, people don’t ask ‚What do you want to be?’, but people ask ‚Are you going to be an engineer or a doctor?`“, was die hohen Anforderungen schon erahnen lässt. Er erzählt weiter, dass er nach seinem Bachelorabschluss an einer der angesehensten Universitäten des Landes, „still the least educated in the family“ gewesen sei. Nach seinem Bachelorabschluss verliess F. Kansal sein Land und setzte seine Ausbildung in den USA fort. „Our university had a tradition of people going abroad to pursue higher education because […] the postgraduate degrees in India are not that great, at least in computer science.“ In Indien hat sich die höhere Bildung vor allem seit der indischen Unabhängigkeit im Jahr 1947 explosionsartig entwickelt. Davor waren die Ausbildungsmöglichkeiten limitiert und vor allem den höheren Kasten zugänglich. Vergleicht man die Situation heute mit der Situation vor der indischen Unabhängigkeit, hat sich nicht nur die Zahl der Universitäten drastisch vervielfacht, sondern auch der Zugang zu höherer Bildung wurde massiv erweitert (World Bank in Buga und Meyer 2012, 2). Dies mag einer der vielen Gründe sein, wieso die Zahl der indischen, hochqualifizierten MigrantInnen in den letzten Jahren beträchtlich gestiegen ist. In absoluten Zahlen gehört Indien zu den Ländern, aus denen am meisten hochqualifizierte ArbeiterInnen ausgewandert sind (Buga und Meyer 2012, 1). Indien wird von den hiesigen Medien also nicht grundlos als „Supermacht des Wissens“ hochgepriesen (Lossau 2008). Indien verfügt über akademische Eliteeinrichtungen, die sich in einzelnen Gebieten mit den Spitzenuniversitäten des Westens messen können (Spiewak 2008, 1). Die ehrgeizigen Raumfahrtmissionen pushen das Image der indischen Wissenschaft zweifelsohne. „Die aufstrebende Wirtschaftsmacht greift zwar noch nicht nach den Sternen, aber immerhin zum Nachbarplaneten“, schreibt Lossau (2008), als die indische Weltraumforschungsorganisation erstmals eine unbemannte Sonde zum Mars schickte (Sen 2013, 1). 34 ZANTHRO Working Papers N°1 | Juli 2017 Nur durch eine erneute grosse Wissenschafts- und Bildungsoffensive, so die Regierung in Neu Delhi, wird man die Herausforderungen der Zukunft, sprich die Bekämpfung der Armut, die Lösung des Ernährungs- und Energieproblems, sowie die Abwehr von Terrorismus, meistern können (Lossau 2008, 1). „Klasse durch Masse“ titelt die Zeit und verweist auf den Vorteil Indiens mit seiner jungen Bevölkerung (Spiewak 2008, 1f.). Tatsächlich liegt das Durchschnittsalter der indischen Bevölkerung bei 26.2 Jahren, was im Vergleich zur europäischen Bevölkerung mit 40.9 Jahren viel jünger ist (CIA World Factbook 2010 in Buga und Meyer 2012, 9). Schon heute gibt es in Indien mehr als 14 Millionen Studierende, eine Zahl die durch den angestrebten Ausbau des Bildungssektors in nicht allzu ferner Zukunft vervielfacht werden dürfte (Lossau 2008, 1). Houben und Rehbein (2010, 151-152) schreiben dazu: „Es ist wahrscheinlich, dass der Aufstieg des globalen Südens anhalten wird. Die Bildungsoffensive in Ländern wie Indien und China lässt sogar eine Beschleunigung des Aufstiegs erwarten. Während die deutsche Professorenschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts auf W-Besoldung hinuntergestuft wurde und die amerikanischen Universitäten in Finanznot geraten sind, kamen die indischen Hochschullehrer 2008 in den Genuss einer Gehaltserhöhung von 50 Prozent.” Indien wird also einerseits als (potentielle) Supermacht des Wissens hochgepriesen, andererseits ist das Land auch bekannt für seine extremen Kontraste. Eliteuniversitäten und ambitionierte Raumfahrtprogramme einerseits, politische Instabilität, limitierte Möglichkeiten, wirtschaftliche Depression und Gesundheitsrisiken andererseits. Dies sind gemäss Raveesh (2013, 13) unter anderem Gründe für das Phänomen des sogenannten brain drain – „the movement of highly skilled and qualified people to a country where they can work in better conditions and earn more money“ (Oxford Advanced Learner’s dictionary in Raveesh 2013, 12). Jedes Jahr verlassen tausende indische WissenschaftlerInnen, ÄrztInnen, IngenieurInnen und andere qualifizierte Personen Indien, um in einem anderen Land zu leben und zu arbeiten (Raveesh 2013, 12). Buga und Meyer (2012, 1) entgegnen dem aber, dass trotz der grossen Zahl indischer WissenschaftlerInnen, die das Land verlassen, das Problem des brain drain nicht verallgemeinert werden darf. Nur einige Bereiche – unter anderem die Biotechnologie und die Gentechnik – haben mit dem Phänomen des brain drains zu kämpfen. Ausserdem ist inzwischen nicht nur von brain drain die Sprache, sondern auch von brain circulation: Viele junge, gut ausgebildete InderInnen und ChinesInnen kehren in ihre Herkunftsländer zurück, um dort Unternehmen aufzubauen (vgl. Saxenian 2005). Nichtsdestotrotz bietet Indien den Industriestaaten, einschliesslich Europa, mit seiner gut ausgebildeten und zahlenmässig grossen Arbeiterschaft eine beachtliche Menge an hochqualifizierten Spezialisten (Buga und Meyer 2012, 1f). Für (Ingenieur-) Wissenschaften (Mathematik, Computer Science, Business und Management) formen diese eine potentielle Quelle, jene wissensintensiven und mangelhaft besetzten Forschungsgebiete in den Aufnahmeländern abzudecken (ebd., 4). Die USA, Kanada, England sowie neulich auch nicht-Englisch sprechende europäische Länder, sind bevorzugte Destinationen für hochqualifizierte MigrantInnen aus Indien (Buga und Meyer 2012, 1f.). Ein Blick auf die Schweiz verrät, dass auch sie die Forschungszusammenarbeit mit sieben aussereuropäischen Ländern, insbesondere mit Indien, in den vergangenen Jahren vertieft hat. Das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) hat im 35 ZANTHRO Working Papers N°1 | Juli 2017 Jahre 2008 zusammen mit den indischen Ministerialpartnern das „Indo-Swiss Joint Research Programm (ISJRP)“, ein bilaterales Forschungsprogramm, initiiert. Damit soll eine Forschungstradition zwischen der Schweiz und Indien ermöglicht werden, die auf wissenschaftlicher Exzellenz, beidseitigem Nutzen und einer ausgewogenen Finanzierung beruht. Zudem ist die Schweiz mit einem Wissenschaftsrat der schweizer Botschaft in Neu Delhi vertreten und seit 2010 auch mit swissnex in Bangalore in Indien – einer Plattform für den wissenschaftlichen und technologischen Austausch (Eidgenössisches Departement für auswärtige Angelegenheiten 2016). Gemäss F. Kansal unterstütze ihn die Universität, an die er berufen wurde, in vielerlei Hinsicht. Unter anderem musste er nicht selbst nach einer Wohnung Ausschau halten – „Things were quite easy in that sense.“ Ausserhalb seines universitären Lebens spielt er Gitarre, liebt es zu wandern und freut sich auf den Sommer, um endlich im See schwimmen gehen zu können. Er betont die positiven Erfahrungen, die er in der Schweiz gemacht hat: „[A]part from the strange SVP pamphlet, I have only had positive and welcoming experiences living in Zürich, and people have been very, very nice to me.” Auf die Frage, ob er hier in der Schweiz bleiben möchte oder früher oder später zurück nach Indien oder an einen anderen Ort ziehen wolle, entgegnete er: „At every point I moved before this, it was either not my will to move or it was a professional temporary decision.“ Er hat also nicht vor, erneut weg- oder umzuziehen, sondern hier zu bleiben: „That is the hope, that is the best case scenario: I‘ll get old and die here“, schmunzelt er, scheint es aber durchaus sehr ernst zu meinen. In einer globalisierten Welt, die sich das ökonomische Wachstum zum Ziel gesetzt hat, ist die Figur des hochqualifizierten, mobilen Wissenschaftlers nicht mehr wegzudenken. Die Figur des indischen Wissenschaftlers steht für die Bildungsexpansion in Indien, für neue Machtverhältnisse zwischen Asien und Europa und für globale akademische Mobilität. Auch wenn politische Kräfte die akademische Bildung zu einer ausschliesslich nationalen Angelegenheit machen möchten: Forschung ist längst ein global business (Kaul 2006, 4), in dem Länder wie Indien und China eine stets wichtigere Rolle einnehmen. Literatur Brandt, Mathias. 2017. „Die Schweiz lockt viele ausländische Forscher an.” Handelszeitung 31.01.2017. Zugriff am 19.03.2017. http://www.handelszeitung.ch/konjunktur/die-schweiz-lockt-vieleauslaendische-forscher-1329999. Buga, Natalia und Jean-Baptiste Meyer. 2012. „Indian Human Ressources Mobility: Brain drain versus Brain gain.“ Zugriff am 14.06.2016. http://www.india-eu-migration.eu/media/CARIM-India2012%20-%2004.pdf. 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Sie erzählten mir, dass zwei von ihnen im Moment in Frankreich Informatik studieren und dass die anderen zwei bei ihnen in Frankreich zu Besuch waren. Sie hatten sich entschieden die Gelegenheit zu nutzen, um zusammen für einige Tage in die Schweiz zu fahren und sich Zürich, Interlaken und den Rheinfall anzuschauen. Für die Aufenthalte hatten sie sich ausreichend viel Zeit eingeplant, um die beiden Städte auf eigene Faust entdecken zu können. Diese vier jungen Chinesen sind Teil einer wachsenden Zahl von chinesischen TouristInnen, die jährlich die Schweiz besuchen. Statistiken zeigen, dass sich die Zahl von ins Ausland reisenden ChinesInnen in den letzten 20 Jahren versiebenundzwanzigfacht hat, 24 von 4.5 Millionen in 1995 auf 120 Millionen in 2015. Ein Grund für die stetige Zunahme an reiselustigen Chinesinnen und Chinesen ist unter anderem der wirtschaftliche Aufschwung Chinas, welcher seit 1978 mit der Politik der „Öffnung und Reform“ begonnen hat (Arlt 2004, 4). Daraus resultierte eine grösser werdende und wohlhabendere Mittelklasse sowie die zunehmende Mobilität dieser Personen. Bis zu Beginn der 1990er Jahren wurde der Tourismus von der Kommunistischen Partei jedoch noch als „unproduktiv“ und als etwas Negatives betrachtet. Das änderte sich, als China 1995 das Approved Destination Status (ADS)-System lancierte. Das ADS-System reguliert und kontrolliert die internationalen Reisen der chinesischen BürgerInnen. Das System erlaubt ChinesInnen, in Gruppen diejenigen Länder zu bereisen, welche beim Staat als „approved“ gelten (Arita et al. 2012, 7). Anfänglich waren dies vor allem Staaten in Südostasien, wie Singapur, Thailand, Malaysia und die Philippinen. Anfang der 2000er Jahre kamen auch vermehrt andere Destinationen, mitunter auch europäische Länder, dazu. Mit der Einführung des ADS-Systems und der Öffnung Chinas wuchs der „Outbound-Tourismus“ zunehmend an (Arlt 2004). Heute steht 25 China an der Spitze des internationalen outbound tourism . Das ADS ist ein bilaterales Tourismusabkommen. Die Schweiz schloss ein solches Abkommen im Juni 2004 ab. Seither gilt die Schweiz in China als anerkannte Reisedestination und chinesische TouristInnen können in Gruppen von mindestens fünf Personen ohne offizielle staatliche Ausreisebewilligung die Schweiz besuchen. Des Weiteren darf Schweiz Tourismus die Destination Schweiz in China ohne Einschränkungen vermarkten (Gallarotti 2012). Seit dem ADS-Abkommen nahm die Zahl der chinesischen TouristInnen, 23 Pseudonyme http://data.worldbank.org/indicator/ST.INT.DPRT?locations=CN, http://www.chinadaily.com.cn/china/2016-01/28/content_23288004.html 24 Outbound tourism steht für den grenzüberschreitenden Reiseverkehr in das Ausland (Gabler Wirtschaftslexikon). 25 38 ZANTHRO Working Papers N°1 | Juli 2017 welche die Schweiz bereisen, stetig zu: Kamen 2009 noch 187'138 chinesische TouristInnen in die Schweiz, waren es 2015 schon 1'122’852 (Bundesamt für Statistik 2016). Die Schweiz gehört damit zu den drei beliebtesten europäischen Reisezielen der Chinesen (Hotelleriesuisse 2017, 17). Laut der Welttourismusorganisation ist „der Okzident [...] aufgrund seiner Andersartigkeit für chinesische Gäste ebenso „exotisch“ wie der Orient für Europäer“ (WTO in Arlt 2003). Das gilt sicherlich auch für die Schweiz. Ein junger chinesischer Tourist, mit dem ich mich beim Zwingliplatz in Zürich unterhielt, schwärmte von der sauberen Luft, dem klaren Zürichsee und den schneebedeckten Bergen. Wie man beobachten kann, sind es auch diese Bilder von Zürichsee, Schwänen, farbigen Blumenbeeten oder Kirchen wie das Grossmünster, die mit Hilfe von Spiegelreflexkameras und Smartphones, mit oder ohne Selfie-Stick, aus mehreren Perspektiven festgehalten werden. Eine Studie der Università della Svizzera Italiana (USI) analysierte Bilder, welche chinesische TouristInnen auf Sina Weibo, dem bekanntesten sozialen Netzwerk in China, nach ihrer Reise in die Schweiz veröffentlichten. Die Ergebnisse widerspiegeln klassische, stereotypische Vorstellungen der Schweiz. Am häufigsten wurden Bilder von Bergen (18%) und Seen (11%) geteilt, gefolgt von Zügen (9%), Schokolade und Käse (9%) sowie Dörfern und historischen Städten (8%). Diese asiazentrische Repräsentation der Schweiz, in der stereotypische Bilder der Schweiz – als einem Land voller Berge, Seen, Schokolade und Käse – zelebriert und popularisiert werden, kann sicherlich als eine Form von Exotismus beschrieben werden. Es geht hier um einen Exotismus, nicht wie bei Putschert et al. (2013) als Schweizer, sondern vielmehr als Chinesisches Spektakel. Andererseits muss erwähnt werden, dass sich die Schweiz in Hinsicht auf den Tourismus den (vermeintlichen) Vorstellungen der TouristInnen anpasst und genau diese stereotypischen Werte vermarktet. Laut USI stellen die Bilder auf Sina Weibo ein nahezu perfektes Abbild der von der Schweizer Tourismusbranche durchgeführten Werbekampagnen dar, deren Inhalte zu 22% genau diese Bilder vermarkten (Università della Svizzera Italiana 2013). Das zeigt sich auch am Zürcher Flughafen, wo der Tourist bei Ankunft in der Skymetro mit Bildern von Heidi, den Schweizer Alpen, Jodelgesängen und Gemuhe in der Schweiz willkommen geheissen wird. Im Gegensatz dazu steht der Anspruch der Schweiz als moderne, globale Nation anerkannt zu werden. Für den chinesischen Touristen ist die Schweiz laut einem Tagesanzeigerartikel (Metzler 2015) eine „Meisterin der Widersprüche: von grossem Reichtum – ohne diesen Reichtum penetrant vorzuführen; hoch entwickelt, bestens erschlossen – ohne dass die Schönheit der Natur darunter leidet; ein Nationalpark mit tollen Läden, perfekt für Natur- und sonstigen Konsum.“ Sogar Zürich, das sich gerne als pulsierende Grossstadt präsentiert, wird von einem chinesischen Tourist, welcher aus der Metropole Chengdu stammt, als eine „halb leere Kleinstadt mit Naturpool“ beschrieben. Auch ein junger chinesischer Tourist meinte, als ich ihn fragte, welche die grössten Unterschiede zwischen der Schweiz und China darstellten: „The air is so pure in Zurich, and it is very calm and quiet here. The people are very relaxed. It is very different from China“ (Metzler 2015). Es ist die Neugier nach Erfahrungen und Bildern, die ganz anders sind, die chinesische TouristInnen vermehrt in die Schweiz bringt. Die jungen ChinesInnen, denen ich in Zürich begegnet bin, gehören nun zu den globalen Bewegungen von TouristInnen, die Bachleitner (2010, 423) als „bewusste und systematische Sammler von Neuheit, Fremdheit oder 39 ZANTHRO Working Papers N°1 | Juli 2017 Andersartigkeit“ beschreibt. Gleichzeitig entsprechen diese jungen ChinesInnen gerade nicht dem Stereotyp des „chinesischen Touristen“. In den schweizer Medien (z.B. Aeschlermann 2013) wird der chinesische Tourist meist als Teil einer Reisegruppe dargestellt, der von einer Stadt zur nächsten hetzt und in einer Woche mehrere Länder besucht und dabei ständig eine Kamera zur Hand hat, um ja alles festhalten zu können. Die von Bachleitner (2010, 424) beschriebene kulturkritische Sicht auf den Touristen als „Eindringling in gewachsene Kultur-, Sozial- und Naturbedingungen [...] und mit vielschichtigen negativen Pauschalurteilen versehen“, gilt daher umso mehr für den chinesischen Touristen. Als ich meine Interviewpartner auf diese Pauschalurteile ansprach, fingen sie laut an zu lachen. Einer der jungen Männer erklärte mir, dass das vor allem die Art und Weise der älteren Generationen sei, welche kaum Englisch sprechen können, einfach bequem seien und sich gerne herumführen und alles von einem Guide erklären liessen. Oft hätten sie auch nur sehr begrenzte Zeit für ihre Europareise zur Verfügung und wollten trotzdem so viel wie möglich sehen. Ausserdem gilt das ADS-Abkommen ausschliesslich für Gruppen (minimal fünf Personen) unter chinesischer Reiseleitung. Zudem haben schweizer Reisebüros sowie Reiseveranstalter dafür zu sorgen, dass eine Reisegruppe China gemeinsam verlässt und gemeinsam zurückkehrt (Hotelleriesuisse 2017, 16). Die jungen chinesischen Touristen, mit denen ich sprach, hatten jedoch ihre Reise selber organi26 siert und waren ohne Guide unterwegs. Obwohl erkannt wird, dass eine steigende Zahl von chinesischen IndividualtouristInnen die Schweiz besucht, werden die Charakteristiken chinesischer TouristInnen stark pauschalisierend dargestellt. Die Broschüre „Chinesen zu Gast in der Schweiz“ der Hotelleriesuisse (2017) beschreibt, wie chinesische TouristInnen „immer noch hauptsächlich in grossen Gruppen“ reisen und „sich schnell von einem Ort zum anderen“ bewegen (ebd., 4), „eher ungeduldig“ sind und „nicht gerne warten“ (ebd., 21), es lieben, „gemeinsam laut zu plaudern – auch in der Öffentlichkeit“ (ebd., 22) und „ungerne alleine“ essen (ebd., 24). Medien berichten sogar über „chaotische Zustände“ (Lenzlinger 2015) und die Notwendigkeit eines „Chinesen-Alarms“ (Hauser und Murmann 2015), der u.a. auf das Spucken, das Gedränge und den Lärm der chinesischen TouristInnen zurückgeführt wird. Es wird jedoch immer wieder festgehalten, wie wichtig Tourismus aus China für die schweizerische Tourismusbranche ist. Chinesische TouristInnen geben im Schnitt 350 Schweizerfranken pro Tag aus und gehören somit, nach TouristInnen aus Japan und den Golfstaaten, zu den dritt-ausgabefreudigsten Besucher der Schweiz (Metzler 2015). Da in China ausländische Markenprodukte oft durch eine Luxussteuer verteuert werden, sind vor allem schweizer Uhren und andere Luxusprodukte beliebt. Der Erwerb von einer „echten“ Schweizer Uhr aus Zürich bringt in China soziales Ansehen mit sich. Durch die erhöhte Mobilität der chinesischen TouristInnen hat sich nicht nur das Konsumverhalten der TouristInnen verändert, sondern auch die internationale Tourismusindustrie. Ferienorte, wie auch die Schweiz, passen sich mehr und mehr an die chinesischen TouristInnen an. Im Hotel wird chinesisches Essen angeboten und Personal angestellt, welches Chinesisch spricht (Aeschlermann 2013). In ihrer Broschüre zum Thema „Chinesen zu Gast in der Schweiz“ gibt die Hotelleriesuisse Tipps, wie sich schweizer Dienstleister gegenüber den chinesischen Gästen verhalten sollen und deren Wün26 Durch die Organisation eines Schengenvisums zum Beispiel. 40 ZANTHRO Working Papers N°1 | Juli 2017 schen am besten nachkommen können, wie zum Beispiel: „Grüntee ist die Teesorte, welche Chinesen am besten schmeckt“; „Chinesen lieben die Vielfalt: Offerieren Sie Ihren chinesischen Gästen deshalb lieber mehrere kleine Platten als eine grosse Speise”; „Chinesische Besucher haben hohe Erwartungen: Zeigen Sie grösstmögliche Flexibilität und berücksichtigen Sie ihre Wünsche”; oder „Geben Sie Chinesen die Möglichkeit, etwas einzukaufen – das kann auch im Hotel sein“ (Hotelleriesuisse 2017). Mit diesen Informationen und Ratschläge kommt es zu einem Erziehen (educating) des Personals innerhalb der Tourismusindustrie. Daraus zeigt sich, wie James Clifford formulierte, dass „[n]ot only do tourists travel, but their cultures travel as well“ (Clifford 1992 in Yu 2014). Trotz der Bemühungen, die chinesischen TouristInnen für die Schweiz zu begeistern, indem versucht wird, auf ihre Vorstellungen und Erwartungen einzugehen (Aeschlermann 2013), sind 2016 weniger chinesische TouristInnen in die Schweiz gereist (Kneubühler 2016). Das hat vor allem damit zu tun, dass seit dem Oktober 2015 chinesische TouristInnen, die nach Europa reisen wollen, einen biometrischen Pass benötigen. Bis Anfang dieses Jahres gab es in China aber nur drei Stellen, wo man einen solchen Pass für eine Reise in die Schweiz erwerben konnte und es mussten zum Teil lange Reisen unternommen werden, nur schon um ein solches Visum zu beantragen. Die NZZ am Sonntag (Kneubühler 2016) berichtete, dass es von Januar bis April 2016 einen Rückgang von 28% bei den Visaanträgen gegeben hat. Bis Ende Juni sollen jedoch schon 15 Antragsstellen in China in Betrieb sein, um so wieder mehr chinesische TouristInnen in der Schweiz verzeichnen zu können. Ein weiterer Grund für den Rückgang von Visaanträgen und chinesischen TouristInnen in der Schweiz ist die Terrorgefahr. Nach den Terroranschlägen in Paris und Brüssel habe die Reiselust deutlich abgenommen (Kneubühler 2016). Ein älterer Herr aus Singapur sagte mir, er gehe aus Angst vor einem erneuten Terroranschlag nicht nach Paris, sondern bleibe in der Schweiz und Deutschland, da ihm diese Länder sicherer vorkämen. Die Figur des chinesischen Touristen geniesst in den schweizer Köpfen und Medien eine zwiespältige Position. Einerseits passt man sich ihm an, denn er ist bekannt für seine Geldausgaben, andererseits hat er auch das Bild des unfreundlichen und unsauberen Touristen inne (Strittmatter 2015, 27). Auf der einen Seite wird sichtbar, dass sich der moderne Mittelklasse-Chinese durchaus Ferien in der Schweiz und den Erwerb von Luxusartikeln leisten kann. Die schweizer Tourismusbranche erhofft sich mehr kauffreudige, chinesische TouristInnen und bildet ihr Personal gezielt aus, um sich TouristInnen aus China weiterhin so gut wie möglich anpassen zu können und Profite zu machen. Auf der anderen Seite hält man dem chinesischen Touristen seine schlechten Manieren vor und er wird als unangepasst, unzivilisiert und unwissend dargestellt (Swissinfo.ch 2016). Aber die Frage ist, ob diese Diskurse über den „unzivilisierten chinesischen Touristen“ nicht einfach Ausdruck des „postkolonialen Unbehagens“ (Jain 2015) ist, den die Schweiz – so wie andere Länder im Globalen Norden – verspürt, indem sie sich mit dem zunehmenden Aufstieg der chinesischen Wirtschaft konfrontiert und damit die kulturelle Autorität und auch die wirtschaftliche Überlegenheit der Schweiz in Frage gestellt sieht. Da die chinesische Mittelklasse zunehmend grösser wird und dadurch auch immer mehr 27 Letzteres ist etwas, womit auch China selbst sich beschäftigt hat. Im Oktober 2013 wurde ein Tourismusgesetz eingeführt, welches chinesischen Touristen verbietet, sich auf Reisen schlecht zu benehmen, da sonst Sanktionen drohen (Warnholtz 2014). Hier wird das Erziehen (educating) der Touristen durch den chinesischen Staat ersichtlich. 41 ZANTHRO Working Papers N°1 | Juli 2017 ChinesInnen über mehr finanzielle Mittel für eine Reise in die Schweiz verfügen, treten sie selbstbewusst auf und kehren eurozentrische Hierarchien gegebenenfalls um, indem auf Chinas Stellung als zweitgrösste Volkswirtschaft der Welt verwiesen wird. Durch diese Umkehrung eurozentrischer Vorstellungen wird die Schweiz als Land der Seen, Berge, des Käses und der Schokolade, zunehmend provinzialisiert. Die Figur des chinesischen Touristen verkörpert das Unbehagen, das damit einhergeht. 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