Technik als Querschnittsdimension
Kulturwissenschaftliche Technikforschung am Beispiel von
Weblog-Nutzung in Frankreich und Deutschland
Von Klaus Schönberger, Hamburg!Wien
Im Jahr 2003 nahm am Institut für Volkskunde der Universität Harnburg das
Forschungskolleg Kulturwissenschaftliche Technikforschung seine Arbeit auf. 1 Kul-
turwissenschaftliche Technikforschung ist nicht nur der Name des Kollegs, sondern
auch ein Forschungsprogramm, das theoretische Überlegungen und empirische
Untersuchungen zu bündeln und weiterzuentwickeln versucht. Im Anschluss an
programmatische Überlegungen zur Querschnittsdimension Technik im ersten
Teil (I) des Artikels folgt im zweiten Teil ihre Operationalisierung am Beispiel der
Frage nach der unterschiedlichen Diffusion des Medienformates Weblog in Frank-
reich und in Deutschland (II). 2
I Kulturwzssenschaftliche Technikforschung
I I Technisierung und die Erfindung der Volkskunde
Die Erfindung der Volkskunde als akademische Disziplin ist vielfach als "Folge"
der mit der Industrialisierung verbundenen soziokulturellen Wandlungsprozesse
beschrieben worden. Die mit der kapitalistischen Produktionsweise verbundenen
Technisierungsprozesse und - damit eng verbunden - das Entstehen der bürgerli-
chen Gesellschaft und der Übergang von einer agrarisch-ländlichen zu einer ar-
beitsteilig urban geprägten Gesellschaft können als Geburtshelfer der Volkskunde
angesehen werden. Insofern lässt sich die Institutionalisierung der Volkskunde ei-
nerseits selbst quasi als Technik-"Folge" wie andererseits als frühe Form von kultu-
reller Technikfolgenabschätzung3 analysieren. Hermann Bausirrger hat in "Volks-
Seine Finanzierung basiert auf Mitteln des Gottfried Wilhelm Leibniz-Programms der
Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), die Thomas Hengartner in Form des sogenann-
ten Leibniz-Preises erhalten hat. Webseite: http//www.rrz.uni-hamburg.de/technik-kultur
und Weblog: http://technikforschung.rwoday.net (vgl. insbesondere die Rubrik "AusDem-
Forschungskolleg").
2 Der Verfasser bedankt sich fiir Anregungen, die in diesen Artikel eingeflossen sind, bei Tho-
mas Hengartner (Hamburg) und Elisabeth Timm (Wien). Außerdem bedankt er sich fiir
die Diskussion einer Vortragsversion im Kolloquium des CNRS-Laboratoires "Cultures et
Societes en Europe" der Universire Mare Bloch in Straßburg und darüber hinaus insbeson-
dere bei Patrick SchmolL
3 Thomas Hengartner: Zur 'Kultürlichkeit' von Technik. Ansätze kulturwissenschaftlicher
Technikforschung. In: Technikforschung: zwischen Reflexion und Dokumentation: Tagung
der Schweizerischen Akademie der· Geistes- und Sozialwissenschaften vom 12. und 13. No-
vember 2003 in Bern. Bern 2004, S. 39-60, hier S. 54.
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Klaus Schönherger Technik als Querschnittsdimension
kultur in der technischen Welt" auf jenen - fast konstitutiven - Gegensatz von I2 Technisierungsprozesse, Gewöhnung, Gewohntsein im Alltag
"Volkswelt" und "technischer Welt" in der Fachgeschichte hingewiesen. 4 Die his-
torischen wissenschaftlichen Betrachtungsweisen changieren: Entweder wird Tech- Hermann Bausirrger hat jüngst während des "II. Kongress[es] Kulturwissen-
nik als Indikator oder aber als Auslöser von soziokulturellem Wandel missverstan- schaftliche Technikforschung" in Harnburg den quantitativen wie qualitativen
den. Aufgrund ihrer zentralen alltagsweltlichen Bedeutung ist es nicht verwunder- Wandel hinsichtlich der Technisierung des Allrags in den letzten beiden Jahrzehn-
ten betont. 8
lich, dass die Analyse der Bedeutung und Nutzung von Technik als Perspektive für
die Neukonstitution des Faches eine prominente Rolle spielre. 5 Stefan Beck geht Diese Beobachtung verweist auf den einen Aspekt hinsichtlich der Bedeutung
dabei davon aus, dass in dem Moment, als die Annahme eines statischen Kultur- von Technisierungsprozessen im Alltag beziehungsweise der Alltäglichkeit des
modells über eine "sozial ungeteilte Kultur" obsolet geworden war, auch die Unter- Technischen: Das Neue, die Innovation und den WandeL Zugleich muss allerdings
suchung "komplexer Gesellschaften" möglich wurde. Die der alten Volkskunde in- berücksichtigt werden, dass Technik nicht mehr in allen Fällen als Technik identifi-
härenten Dichotomien wie Kultur versus Zivilisation oder Moderne versus Vor- ziert wird. Die "unauffällige Omnipräsenz des Technischen" 9 gilt Hermann Bau-
moderne verloren an Überzeugungskraft, und der damit verbundene "Perspekti- singer als die wesentlichste Veränderung: "Technik ist a:bsorbiert", und insofern
venwechsel" und komplexe Kulturbegriff gehören zu den Voraussetzungen, "unter durchdringt Technik den Alltag und "wird vom Alltäglichen verschlungen" 10 •
denen der alltägliche Umgang mit Technik beobachtbar und als kulturelle Leistung Technik sei dann im Alltag unsichtbar geworden und werde nicht mehr als Technik
thematisierbar wird". 6 Insofern ist die Fachgeschichte- zugespitzt formuliert- "bis empfunden. In dem Moment, in dem ein technisches Artefakt selbstverständlich ge-
Bausinger" - den Technisierungsprozessen seit der Industrialisierung zwar überwie- nutzt werde, nehme in der Wahrnehmung offensichtlich auch der Grad des Tech-
gend ex negativo, aber eben doch schon eng verbunden gewesen. Insofern lässt sich nischen ab. Es sind diese Dimensionen der Wahrnehmung und Bewertung von
mit einer gewissen Berechtigung die Abwehr der Technisierung und die negative Technik, die im Konzept Kulturwissenschaftliche Technikforschung "die Erfor-
(technikdeterministische) Konnotation des soziokulturellen Wandels als zentrale schung des 'Sitzes der Technik im Leben'" ermöglichen: "Ziel dieses Vorgehens ist
Voraussetzung für das "Making of ... " der traditionellen Volkskunde ansehen. die Analyse der 'Kultürlichkeit von Technik', des offenen oder verdeckten, bewuss-
Umgekehrt dürfte für die Nachfolgedisziplinen der Volksk-unde, die nicht nur All- ten oder meist unbemerkten Einflusses von Technik, der Bedeutung und der Kon-
tagswissenschaften, sondern auch Wissenschaften des Wandels (wie des Beharrens) sequenzen der technischen Hinterlegung von Erfahrungen, Handlungen und Sinn-
schlechthin sind, ohne die Berücksichtigung eines angemessenen Verständnisses konstruktionen der modernen Allragskultur." 11
von Technik der Prozess des soziokulturellen Wandels der Gegenwart kaum gegen-
standsadäquat analysierbar sein.? Die Begründung einer Kulturwissenschaftlichen Technikforschung ergibt sich
aus den evidenten gesellschaftlichen Technisierungsprozessen, die nicht zuletzt zur
historischen Periodisierung selbst immer wieder herangezogen werden. Die Indus-
4 Hermann Bausinger: Volkskulrur in der technischen Welt. 2.Aufl. Frankfurt a. Main 1986 trialisierung und ihre historischen Etappen wurden und werden häufig über ihre
(1961), S. 19. jeweiligen "Leitfossilien" 12 (wie Dampfkraft, Elelmizität sowie Eisenbahn, Auto-
5 Bei Hermann Bausinger, aber auch bei anderen Studien von Anfang der 1960er Jahre. Vgl. mobil) charak-rerisiert. Für die Gegenwart ist es nicht sehr gewagt, den Computer
etwa Wilhelm Brepohl: Industrievolk im Wandel von der agraren zur industriellen Daseins-
form dargestelltarn Ruhrgebiet. Tübingen 1957; Ulrich Bentzien: Das Eindringen der Tech-
nik in die Lebenswelt der mecklenburgischen Landbevölkerung. Eine volkskundliche Unter-
suchung. Mschr. vervielE Diss. Berlin 1961; sowie Rudolf Braun: Sozialer und kultureller Technikforschung" in Harnburg. In: Deutschlandfunk Studiozeit- Aus Kultur und Sozial-
Wandel in einem ländlichen Industriegebiet (Zürcher Oberland) unter Einwirkung des Ma- wissenschaften. Online verfügbar unter: http://www.Dradio.de/dlf/sendungen/studiozeit-ks/
schinen- und Fabrikwesens im 19. und 20.Jahrhundert. Erlenbach u. a. 1965. 633780/ [Stand: 15.06.2007].
6 Stefan Beck: Umgang mit Technik. Kulturelle Praxen und kulturwissenschaftliche For- 8 Vgl. Klaus Schönberger: Forschungskolleg meets Hermann Bausinger: Über "Volkskultur in
schungskonzepte. Berlin 1997, S. 125ff. der technischen Welt" (5). In: Kulturwissenschaftliche Technikforschung [Weblog], l.Juni
7 Vgl. auch das Radiointerview mit Hermann Bausirrger anlässlich des IL Kongresses Kultur- 2007. Online-Publikation: http:/I technikforschung. twoday.net/stories/3792240/ [Stand:
wissenschaftliche Technikforschung (Hamburg, 1.-3. Juni 2007): "Mir war es wichtig zu 15.06.2007].
zeigen, dass die Technik zum Volksleben gehört, dass sie also kein Fremdkörper ist, sondern 9 Hermann Bausinger: Technik im Alltag. Etappen der Aneignung. In: Zeitschrift für Volks-
dass sie integriert ist. Und wenn man will, kann man davon ausgehen, dass die menschliche kunde 77 (1981), S. 227-242, hier S. 239.
Kultur eigentlich mit der Technik anfängr, egal ob ich an das Feuer denke oder an andere 10 Ebd.
Errungenschaften, das sind technische Errungenschaften. Und man kann natürlich von der 11 Thomas Hengartner: Zur 'Kultürlichkeit' von Technik (wie Anm. 3).
Gegenwart ausgehen, wo es einfach undenkbar ist, dass jemand ohne technische Geräte, 12 Vgl. auch]ürgen Link, Siegfried Reinecke: ,,Aurofahren ist wie das Leben." Metamorphosen
ohne technische Kommunikationsvorgänge lebt." Zitiert nach Hans-Peter Ehmke: Von musi- des Autosymbols in der deutschen Literatur. In: Harro Segeberg (Hrsg.): Technik in der Lite-
zierenden Automaten und dem Klangraum Auto. Der Kongress "Kulturwissenschaftliche ratur. Frankfurt a. Main 1987, S. 436-482, hier S. 437 und Martin Scharft: Utopie und
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Klaus Schönherger Technik als Querschnittsdimension
und das Internet als zentrale alltagsbedeutende Technologien zu beschreiben. Die nur unter Bezug auf die Zugänglichkeit, sondern muss vielmehr unter der Perspek-
"Leitfossil"-Funktion ergibt sich aus der allumfassenden Bedeutung des PCs und tive des Umgangs und der unterschiedlichen Gebrauchsweisen untersucht werden.
des Internet fur die gesellschaftliche Produktion wie fur die Konsumtion. Sowohl Die Frage lautet nicht mehr nur, wer "drin ist", sondern zunehmend auch, wer
im Dienstleistungssektor wie in der Industrie als auch in der Landwirtschaft kann dort was machen kann. Somit tangiert dieser Meta-Prozess des soziokulturellen
zu Recht von Informatisierung gesprochen werden, wobei hier nicht nur die zu- Wandels zahlreiche Untersuchungsfelder des Faches: Populär- und Popularkul-
nehmende Arbeit mit dem Computer gemeint ist13 , sondern vielmehr ein histori- tur(en), Arbeit, Konsumkultur, interkulturelle Kommunikation, Gesundheit, Film
scher Prozess, in dem systematisch Informationen und Informationssysteme er- und Fotografie, aber auch Geschlechterforschung. Das bedeutet zugleich, dass fur
zeugt werden, die den Produktionsprozess steuern. Dieser Prozess erfasst gleicher- das Verständnis der gegenwärtigen Prozesse soziokulturellen Wandels auch die viel-
maßen die Bereiche des Konsums und der Freizeit (Spiel und Unterhaltung) sowie fältigen Tendenzen der Technisierung des Alltags in die Untersuchungen der Ge-
die persönliche und die gesellschaftliche Kommunikation beziehungsweise die po- genwart mit einbezogen werden müssen. Wenn sich die Nachfolgedisziplinen der
litische Partizipation. Hinzu kommt, dass nunmehr die Funktion als Massenme- Volkskunde darüber hinaus als historisch argümentierende Alltagswissenschaften
dium und Kommunikationsmedium potenziell in einem medientechnischen Arte- verstehen, ist es nahe liegend, die historisch gewordene "Technizität des Alltags"
fakt zusammenfallen. Insofern konvergieren in der Nutzung dieser Technologien beziehungsweise die Prozesse der "kulturellen Gewöhnung" zum Thema zu ma-
immer mehr bisher technisch, räumlich und zeitlich getrennte soziokulturelle Prak- chen. Thomas Hengartner hat - ausgehend von Hermann Bausirrgers Formulie-
tiken und soziale Pra-"en (Fernsehen, Radio, Foto, Film, Einkaufen und auch Se- rung, dass Technik unsere "gewöhnliche und gewohnte Umwelt" 15 bestimme, vor-
xualität oder Beziehungen). Das Internet und der PC sind inzwischen in nahezu geschlagen, "lieber von einem 'Gewohntsein' an die Technik zu sprechen", um jene
allen alltäglichen Lebensbereichen präsent und können insoweit als "veralltäglicht" "Mehrschichtigkeit und Mehrdeutigkeit (...) herauszustreichen", wenn etwa im
gelten, als dass sie fur immer mehr Menschen zur fraglosen Normalität erwachsen Zuge der Technisierung des Alltags "die Benutzer und Bedieneroherflächen als
sind. Die zentrale Voraussetzung hierfur ist ihre allgemeine Verbreitung. 14 Der "di- scheinbar kaum mehr technisch wahrgenommen werden". In diese Begrifflichkeit
gital divide" darf daher- zumindest in den europäischen Ländern- nicht mehr gehen darüber hinaus Überlegungen zum "Zwang zur Internalisierung" von Tech-
nischem und deren Brüchigkeit im Zusammenhang von kleinen und großen tech-
nischen Störfällen ein. 16 Kulturwissenschaftliche Technikforschung meint nun, die
Physik. Zum Lebensstil der Moderne. In: Michael Dauskardt, Helge Gerndt (Hrsg.): Der in- Zusammenschau des Gewöhnungsaspektes ("d. h. die substanzielle Erforschung
dustrialisierte Mensch. Vorträge des 28. Deutschen Volkskunde-Kongresses in Hagen vom der historischen Dimensionen der gegenwärtigen Kultur" - hier die "Technisie-
7.-11. Oktober 1991. Hagen 1993, S. 73-90, hier S. 80.
rungsprozesse" des Menschen) "mit jenem des Gewohntseins" zusammenzubrin-
13 Der Begriff Informatisierung zielt nämlich auf den bereits länger andauernden historischen
Prozess der Erzeugung und Nutzung von Informationssystemen: "Uns erscheint es wichtig, gen. Kurzum, Gewöhnung im Sinne von Aspekten der Technisierung von Lebens-
sich im Verständnis der Informationstechnik grundsätzlich von Analogien oder sogar und Alltagswelten sowie Gewohntsein als "Durchwirkung des Alltags mit Tech-
Gleichsetzungen zu traditionellen Maschinen zu lösen und nach einer anderen Perspektive nischem und dem Eingang von Technischem" 17 etwa in den Konzepten der alltäg-
zu suchen, ist der Computer doch auf die Manipulation nichtmaterieller, formal-informato- lichen Lebensfuhrung18 der Akteure oder etwa in Form dessen, was Pierre Bour-
rischer Gegebenheiten gerichtet, und nicht, wie die traditionelle Maschine, auf die Bearbei-
tung materieller Dinge. Damit ist die Informations- und Kommunikationstechnik auch ei- dieu den Habitus 19 der Subjekte nennt, sind zentrale Fragen der Kulturwissen-
nem anderen Zusammenhang zuzuordnen als allein dem stofflichen Produktionsprozeß. Sie schaftlichen Technikforschung. 20
ist eingebettet in den historischen Prozeß der Informatisierung der Produktion brw. der Ar-
beit, also in eine Dynamik, durch die systematische Information und Informationssysteme
erzeugt werden, die den Produktionsprozeß steuern." Andrea Baukrowitz, Andreas Boes, Rudi
Schmiede: Die Entwicklung der Arbeit aus der Perspektive ihrer Informatisierung. In: kom- 15 Hermann Bausinger: Volkskultur in der technischen Welt (wie Anm. 4), S. 32.
munikation@gesellschaft 1 (2000) Beitrag 5, S.l. Online-Publikation: http://www.Uni- 16 Thomas Hengartner: Zur 'Kultürlichkeit' von Technik (wie Anm. 3), S. 53.
frankfurt.de/fb03/K.G/B3 2000 Baukrowitz.pdf [Stand: 15.06.2007]. 17 Ebd.
14 Vgl. hierzu die Entwicklung der Nutzerlinnen-Zahlen laut der ARD/ZDF-Online-Umfra- 18 Zur Verwendung des Konzepts alltäglicher Lebensführung im Kontext der "Transformation
ge. Erstmals sei 2007 die 40 Millionen-Grenze für die Internet-Nutzung überschritten wor- von Alltagsbeziehungen von Internetnutzerlnnen" vgl. Klaus Schönberger: Internet und Netz-
den. Aufgrund eines Zuwachses gegenüber 2006 von 2,2 Millionen "neuen" Anwendern kommunikation im sozialen Nahbereich. Anmerkungen zum langen Arm des real life. In:
verfügen gegenwärtig 40,8 Millionen Deutsche ab 14Jahre über einen Zugang zum Inter- forum meclienethik 7/2 (2000): Netzwelten, Menschenwelten, Lebenswelten. Kommunika-
net. Das bedeutet, dass der Anteil der Nutzer/innen von 1997 bis 2007 von 6,5% auf tionskultur im Zeichen von Multimedia, S. 33-42; zur Verwendung im Kontext der Arbeits-
62,7% angestiegen ist. Vgl. die Tabelle auf der Webseite der ARD: Onlinestudie 2007: Erste kulturenforschung vgl. Klaus Schönberger: Widerständigkeit der Biographie. Zu den Gren-
Ergebnisse der Onlinestudie 2007- Entwicklung der Onlinenutzung in Deutschland 1997 zen der Entgrenzung neuer Konzepte alltäglicher Lebensführung im Ubergang vom fordisti-
bis 2007- "gelegentliche Onlinenutzung". Online-Publikation: http://www.daserste.de/ser- schen zum postfordistischen Arbeitsparadigma. In: Manfted Seifort, lrene Götz, Birgit Huber
vice/onlinestudie-2007-vorab.pdf [Stand: 15.06.2007]. (Hrsg.): Arbeitskulturen und Biographie. Franlcfurt a. Main u. a. (im Druck).
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Klaus Schönberger Technik als Querschnittsdimension
l3 Perspektivenintegration und Querschnittsdimension Technik Die Bedeutung von Technik wird zwar universal, der soziokulturelle Wandel
geht aber nicht im technischen Wandel auf, sondern die Technik unterstützt, er-
Es soll allerdings nicht erneut das Klagelied erhoben werden, dass sich das Fach
möglicht oder verstärkt spezifische soziale Praxen und ihre soziokulturellen Prakti-
noch diesseits oder jenseits der Medien oder des Computers und neuerdings des
ken in sehr unterschiedlicher Weise. Die Technik fungiert in diesem Sinne als En-
Internet bewege. Für die weitere Theoriebildung einer volkskundlichen Kulturwis-
abling-Potenzial und hat nicht eine Folge, sondern ermöglicht ganz unterschiedli-
senschaft insgesamt erscheint es jedoch geboten, die Erforschung des technisierten
ches Handeln und damit auch differenziert zu betrachtende Formen des Wandels
Alltags und damit verbundener kultureller Praktiken und Artefakte nicht begriffs-
wie im Übrigen auch der Persistenz. Die technische Genese medienkultureller Ar-
los vorzunehmen oder gar das Alltagsverständnis als Analysekategorie misszuverste-
tefakte, ihr sozio-technisches Potenzial im Alltag und der soziokulturelle Wandel
hen. Daher betrachtet das Konzept Kulturwissenschaftliche Technikforschung- im
sind in vielfacher Weise, und nicht in unilinearer Weise, miteinander verschränkt.
Gegensatz zum Begriff der Mediatisierung2 1 beispielsweise - Technisierungspro-
Kulturwissenschaftliche Technikforschung untersucht daher Technikgenese und
zesse nicht als Metaprozess des soziokulturellen Wandels, mit dem sich derselbe
Techniknutzung im Sinne einer Querschnittsdimension. Insofern geht es also nicht
sinnvoll analysieren ließe. Allerdings können sie als "basso continuo" des soziokul-
darum, den volkskundlich-kulturwissenschaftlichen Kanon zu erweitern oder zu
turellen Wandels verstanden werden und im Kontext weiterer Faktoren Aufschlüsse
rekapitulieren, als vielmehr die Konsequenz daraus zu ziehen, in welcher Weise
über denselben geben. Insofern sollen hier Technisierungsprozesse beziehungsweise
Technik in immer mehr Lebensbereichen omnipräsent ist und diese vom Zusam-
die Analyse der Nutzungsformen und -muster von Technik im Sinne einer Quer-
menspiel mit Technik geprägt werden. In diesem Sinne wird hier Technik als
schnittsdimensionverstanden werden. Ein weiterer Hinweis hieraufergibt sich aus
Querschnittsdimension verstanden und im Idealfall mittels dreier Perspektiven in
der Tatsache, dass in nicht wenigen Bindestrich-Begriffiichkeiten das Erscheinen
eine multiperspektivische Kulturanalyse integriert. Eine erste Perspektive zielt auf
von (neuer) Technik als Marker für den soziokulturellen Wandel insgesamt dient.
das technische Artefakt selbst, wobei die Materialität der Technik, das Ding selbst,
Inwiefern damit eine technikdeterministische Sichtweise verdoppelt wird, die mit
im Mittelpunkt steht. 24 Die zweite Perspektive der Analyse sind die Nutzerinnen
Byran Pfaffenherger als "master narrative of modern culture" 22 analysiert werden
und Nutzer, die Nutzungsformen und die damit verbundenen Praktiken. 25 Für die
muss, kann hier nicht weiter verfolgt werden. Es wird aber deutlich, dass sich Kul-
Nachfolgedisziplinen der Volkskunde ist sowohl absorbierte (veralltäglichte omni-
turwissenschaftliche Technikforschung nicht mit einer Sichtweise auf Kulturtheorie
präsente) als auch explizit sichtbare Technik von Interesse. Die absorbierte Technik
verträgt, die den soziokulturellen Wandel mit der Entwicklung von Medientechnik
verweist auf die dritte, historische Perspektive26 , in der sich historische Technisie-
gleichsetzt. 23
rungsprozesse (u. a. "Gewöhnung") von einer eher nutzungsbezogenen Perspektive
im Sinne von "Technik als biografische Erfahrung" 27 ("Gewohntsein") unterschei-
19 Pierre Bourdieu: Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Frank- den.
furt a. Main 1987.
20 Thomas Hengartner: Zur 'Kultürlichkeit' von Technik (wie Anm. 3), S. 53f.: "Gewohntsein
beinhaltet - neben dem eben Genannten - auch den Wechsel vom aktiven Aneignen zum
weitgehend selbstverständlichen Vermittelt-, Gewohnt- und Ausgehandeltsein von Ding allein kontrollierbaren Medien, sondern Medien schaffen durch ihre Verbreitung und den
und Idee, Ding und Bedeutungen. Gewohntsein verweist damit auch auf neue, andere Qua- intensiven Nutzern in gewissem Sinne ihre ihnen angepassten gesellschaftsähnlichen Syste-
litäten der 'Handlungspotenziale', die im konkreten Gebrauch von bzw. mit Technik aktua- me." Manfted Faßler: Netzwerke. München 2001, S. 316.
lisiert werden (... ),verweist des Weiteren zudem auf jenseits von Beliebigkeit und Willkür 24 Vgl. z. B. Andrea Mihm: Die Rolltreppe. Kulturwissenschaftliche Studien zu einem mecha-
liegenden Formen der Orientierung bzw. des Beziehens." Vgl. auch Stefan Beck: Umgang nisch erschlossenen Zwischenraum. Marburg 2005. Online-Publikation: http://archiv.ub.
mit Technik (wie Anm. 6), S. 347. uni-marburg.de/diss/z2007/0061/ [Stand. 15.06.2007].
21 Friedrich Krotz: Die Mediatisierung kommunikativen Handelns. Der Wandel von Alltag 25 Vgl. z. B. Anneke Wolf Diaristen im Internet. Vom schriftlichen Umgang mit Teilöffent-
und sozialen Beziehungen, Kultur und Gesellschaft durch die Medien. Opladen 200 I. lichkeiten. In: Kommunikation@Gesellschaft 3/6 (2002), Online verfügbar unter http://
22 Bryan Pfoffinberger: The Social Anthropology of Technology. Annual Review of Anthro- www.uni-frankfurt.de/fb03/K.G/B6_2002_Wolf.pdf [Stand. 15.06.2007].
pology 21 (1992), S. 491-516, hier S. 493. 26 V gl. z. B. Andreas Reucher: Maschinengespräche. Vom Reden über neue Technik im 19. Jahr-
23 Werner Köster etwa behauptet, "dass die Technik, und hier vor allem die Medientechnik, der hundert. In: Thomas Hengartner (Hrsg.): Kulturwissenschaftliche Technikforschung. Eine
eigentlich ausschlaggebende Faktor für die Form einer Kultur, ja sogar für den Zustand der Bestandsaufnahme. Zürich (im Druck).
g_anzen Weltgesellschaft sei". Werner Köster: Ein Nomade zwischen Kunst und Wissenschaft. 27 Thomas Hengartner: Zur 'Kultürlichkeit' von Technik (wie Anm. 3), S. 46ff. Vgl. hier bei-
Uber Peter Weibel als Vertreter des Techno-Diskurses. In: Kar! Heinz Bohrer, Kurt Scheel spielsweise auch Hans Joachim Schröder: Technik als biographische Erfahrung (1930-2000).
(Hrsg.): Medien. Neu? Über Macht, Ästhetik, Fernsehen. Stuttgart 1993 (=Merkur 47, H. Dokumentation und Analyse lebensgeschichtlicher Interviews. Zürich 2007; Gerrit Herlyn:
9/10 = Nr. 534/535), S. 795-806, hier S. 795. Ähnlich argumentiert der Mediensoziologe Langweilige Ethnographien? Technik als Thema der Alltagskulturforschung und Biogra-
Manfred Faßler, wenn er zunächst noch rhetorisch fragt: "Gesellschaft folgt Medien?", um phieforschung. In: Thomas Hengartner (Hrsg.): Kulturwissenschaftliche Technikforschung.
dann zu konstatieren: "Soziale Systeme schaffen sich nicht mehr ihre eigenen und durch sie Eine Bestandsaufnahme. Zürich (im Druck).
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Klaus Schönberger Technik als Querschnittsdimension
11 Die Erscheinung der Weblogs in Deutschland und Frankreich Der quantitative, inzwischen millionenfache Erfolg von Weblogs basiert zum
einen auf der Einfachheit ihrer Bedienbarkeit, zum anderen auf der Möglichkeit
Verschiedene Aspekte des Konzepts Kulmrwissenschaftliche Technikforschung zur freien Publikation von Inhalten und der Möglichkeit zur unmittelbaren Kom-
sollen im Folgendem am Beispiel der "Erscheinung" 28 des neuen Medienformates munikation mit den Leserinnen und Lesern mittels der softwareseitig eingebauten
Weblog im Internet konkretisiert werden. Der Ausgangspunkt ist dabei die Frage, Kommentarfunkrion. Weblogs sind zwischen persönlicher Webseite, auf der ein
in welcher Weise die unterschiedlichen Nutzerzahlen und Nutzungsmuster von Autor oder eine Autorirr zu einem dispersen Publikum "spricht", das nicht antwor-
Weblogs in Frankreich und Deutschland erklärt werden können. Ausgehend von tet, und einem Internetforum, in dem alle gleichzeitig sprechen können, anzusie-
der Kritik der bisher vorliegenden kulturalistischen und technikdeterministischen deln. Auch wenn immer mehr professionelle Weblogs von Journalisten, Politikern
Hypothesen, soll im Rahmen dieses Beitrags unter Zuhilfenahme des multiper- und Intellekmellen zu verzeichnen sind, sind sie in ihrer überwiegenden Mehrzahl
spektivischen Ansatzes der Kulturwissenschaftlichen Technikforschung ein grund- Werkzeuge zur persönlichen Präsentation und, zur Mitteilung subjektiver Meinun-
legenderes Verständnis dieser Unterschiede diskutiert werden. gen und Fantasien privater Betreiberinnen und Betreiber.
Mit der zunehmenden Diffusion des internetbasierten Medienformats "Web-
Ill Weblogs als neues internetbasiertes Medienformat log" (2004 ff.) wird die Frage aufgeworfen, warum Weblogs in Deutschland im
Weblogs (oder kurz Blogs) sind regelmäßig aktualisierte Webseiten, die be- Vergleich zu Frankreich im Allgemeinen wie hinsichtlich politischer Weblogs einen
stimmte Inhalte in umgekehrt chronologischer Reihenfolge darstellen und übli- sehr viel geringeren Verbreitungsgrad aufzuweisen vermögen. Mit diesem Thema
cherweise durch Verweise und Kommentare untereinander sowie mit anderen On- beschäftigen sich die Forschung30 , die ldassischen Medien, anwendungsorientierte
line-Quellen verbunden sind. Dabei kombiniert ihre spezifische Kommunikations- Blag-Konferenzen wie "Les Blogs"31 oder "re:publica" 32 sowie mit IT-Themen be-
architektur Elemente der persönlichen Hornepage und des Diskussionsforums im fasste Internet-Portale33 als auch die 'Blogosphäre' selbst. Dabei wird Deutschland
Internet, was ein dicht gespanntes Netzwerk von hypertextuellen und sozialen Ver- als "Entwicklungsland in Sachen Blogs" charakterisiert oder gar von einer "deut-
knüpfungen ermöglicht, die man auch als "Blogosphäre" bezeichnet. Weblogs ha- schen Blog-Verweigerung" 34 gesprochen. Als Ursachen finden sich in den Medien
ben die (technischen) Hürden zur Veröffentlichung von Texten, Bildern oder ande- wie in der Blogosphäre selbst neben Hinweisen auf mögliche infrastruktruelle,
ren multimedialen Inhalten im Internet weiter gesenkt und sich in den letzten Jah- ökonomische oder politische Ursachen ,bisher nur unzureichende - insbesondere
ren rasant verbreitet. Als Form der onlinebasierten Kommunikation sind Weblogs
inhaltlich nicht festgelegt, und so ergeben sich ganz unterschiedliche Funktionen.
30 }an Schmidt, Christian Stegbauer, Klaus Schönberger: Erkundungen von Weblog-Nutzungen.
Nämlich als Anmerkungen zum Stand der Forschung. In: ]an Schmidt, Christian Stegbauer, Klaus Schön-
-persönliche Online-Journale zur Veröffentlichung tagebuchartiger Refle- berger (Hrsg.): Erkundungen des Bloggens. Sozialwissenschaftliche Ansätze und Perspekti-
xionen, subjektiver Meinungsäußerungen, von Fotos oder anderen persön- ven der Weblogforschung. (=Sonderausgabe von kommunikarion@gesellschaft, Jg. 6). On-
linepublikation: http://www.soz. uni-frankfurt.de/K. G ./B4_2005 _Schmidr_Schoenberger_
lichen Werken, von Anekdoten oder für literarischer Versuche, Sregbauer.pdf [Stand: 15.06.2007].
- als Medien der (internen wie externen) Organisationskommunikation, 31 Mario Sixtus: Les Blogs: Soziale Software, Firmen-Wilcis und bezahlte Blogger. In: heise-
-als (quasi-)journalistische Publikationen oder news online, 26.04.2005. Onlinepublikarion: http://www.heise.de/newsrickerlmeldung/
- als Medien der Expertenkommunikation und des persönlichen Wissens- 58992 [Stand: 15.06.2007].
32 Markus Beckdahl: Politik 2.0 - Wie verändert das Netz die polirische Kommunikation und
managements. Partizipation? In: re:publica 07, 27.03.2007. Onlinepublikarion: http://re-publica.de/2007/
Inzwischen hat sich eine Vielzahl weiterer Ausdifferenzierungen ergeben, die 03/27Ipolitik-20-wie-veranderr-das-netz-die-politische-komm unikarion-und-parrizi pation/
sich allesamt aber auf die von Susan Herring u. a. erstellte und auch hier zugrunde [Stand: 15.06.2007].
33 "Tatsächlich gibt es in Frankreich im Gegensatz zu Deutschland bereits wesentlich mehr ak-
gelegte funktionale Typologie zurückführen lassen. 29 tive Blogger und Webleser. Nach Schätzungen bloggen mindestens vier Millionen Franzo-
sen, die meisten von ihnen sind jünger als 25 Jahre alt. Laut Lo!c le Meur lesen inzwischen
genauso viele Franzosen Blogs wie traditionelle Zeitungen." Gillmor: Journalismus wird
zum Gespräch. Blogs in Frankreich gleichauf mit traditionellen Medien. In: Golem.de- IT-
28 Vgl. zum Begriff der "Erscheinung" Carsten Lenk: Die Erscheinung des Rundfunks- ein News für Profis, 23.01.2006. Online-Publikation: http://www.golem.de/0601142862.hrml
Forschungsbericht. In: Tübinger Korrespondenzblatt 46 (1996), S. 22-32. [Stand: 15.06.2006].
29 Susan C Herring, Lois Ann Scheidt, Sabrina Bonus, Elijah Wright: Weblogs as a Bridging 34 Moe: Deutschland, Blog-Entwicklungsland? In: plasricthinking, 26.04.2005 [Weblog] On-
Genre. Information, Technology, & People, 18/22 (2005), S. 142-171. Online verfügbar: line-Publikation: http:/ /web log. plasricthinking. org/item/200 5I 41261 deutschland-bio g-enr-
http:/ /www.blogninja.com/it&p.final. pdf [Stand: 15.06.2007]. wicldungsland [Stand: 15.06.2007].
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Klaus Schönberger Technik als Querschnittsdimension
kulturalisierende - Erklärungen, die mehr über das Bild dessen, was jeweils als Auch in Frankreich werden im Januar 2006 gemäß dem französischen Medien-
französisch oder deutsch gilt, aussagen, als dass diese Entwicklung tatsächlich hin- reichweitenforschungs-Institut Mediametrie 26,8 Millionen Nutzer über elf Jahre
reichend erklärt werden kann. gezählt, sodass nun einer von zwei Franzosen online ist. 38 Gegenüber dem Jahr
2005 ist das eine elfprozentige Steigerung. Die Nutzungszahlen sind in einem
schnellen Wandel begriffen.
Internetnutzung in Deutschland und Frankreich
Sowohl in Frankreich wie in Deutschland wird die Internetnutzung seit Mitte
der 1990er Jahre regelmäßig hinsichtlich Nutzerzahlen, sozialstruktureUer Zusam- Die Blagasphäre in Frankreich und Deutschland
mensetzung und der Herausbildung und Veränderung von Nutzungsweisen er- Die ersten Weblogs entstanden Mitte der 1990er Jahre im angelsächsischen
forscht. Zwar existieren eine Reihe von Panel-Untersuchungen (bezogen auf die de- Sprachraum. Im Oktober 2006 zählte die Blagsuchmaschine 'Technorati' weltweit
mografische Zusammensetzung und das Nutzungsverhalten), doch ist ein Manko 57 Millionen Weblogs. Allgemein wird in Europa Frankreich als führend angese-
ihre "fehlende Vergleichbarkeit aufgrund unterschiedlicher Definitionen und Un- hen.39 Während für Deutschland für 2005 Zahlen zwischen 50.000 40 und
tersuch ungsansätze "35. 200.000-300.000 genannt wurden, wurde für Franlrreich Ende 2005 bereits eine
2002 lagen Deutschland und Frankreich in der Europäischen Union (EU) noch Zahl von über zwei Millionen Weblogs erhoben. Allerdings differieren die Zahlen
im Mittelfeld bei der Verfügbarkeit von Netzzugängen in privaten Haushalten. 36 je nach Umfragen sehr. 41 Mitunter basieren die Angaben - insbesondere für
Deutschland- nur auf Schätzungen. 42
Gemäß diversen Studien liegt 2002 bis 2003 Frankreich gegenüber Deutschland
noch zurück. Dies beruhte jedoch nicht auf einer geringeren Internet-Affinität, Lo!c le Meur, Generaldirektor einer Plattform für Weblogs, schätzte für Ende
sondern lag an dem paradoxen Effekt, dass die sehr viel frühere und sehr viel stär- 2005 eine Zahl von circa zweieinhalb Millionen französischen Weblogs, die wie-
kere Akzeptanz eines Vorläufers des Internet, das Minitel in Frankreich (seit 1982) derum von zehn Millionen Nutzerlnnen, darunter acht Millionen Jugendliche, be-
und die sehr viel geringere Verbreitung seines Pendants, dem BTX in Deutschland sucht wurden. 43 Zwar ist es offensichtlich auch für Frankreich schwierig44 , ein ge-
ursächlich hierfür sein dürfte. Im Verlauf der vergangenen Jahre kam es in beiden naueres Bild zu erhalten, doch tangiert das nicht die Unterschiede zwischen Frank-
Ländern zu weiteren Steigerungen in der InternetnutzungY
git van Eimeren, Heinz Gerhard, Beate Frees: ARD/ZDF-Online-Studie 2003. Internetver-
35 NFO Infratest im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Arbeit (BMWI): breitung in Deutschland: Unerwartet hoher Zuwachs. In: Media Perspektiven 8 (2003),
Monitaring Informationswirtschaft. 6. Faktenbericht 2003. München 2003, S. 2. Online S. 338-358, hier S. 338. Im Jahr 2003 ergibt sich dieses vergleichsweise hohe Wachstum
verfügbar: http:/ /www.bmwa.bund.de/Redaktion/Inhalte/Downloads/ 6-faktenbericht-voll- von 22%. Für die weitergehenden Gründe aus der Sicht des ARD/ZDF-Online-Panels vgl.
version,property=pdf.pdf [Stand: 30.03.2007]. Beispielsweise werden in Deutschland die ebd. S. 345 und 358. Gegenüber 2004 nahm 2005 die Verbreitung in Deutschland um 1,2
Nutzer erst ab 14 Jahren und in den französischen Studien offenbar schon ab 11 Jahren er- Millionen 'neue' Anwendet zu. 2005 waren insgesamt 38,6 Millionen Erwachsene in
hoben. Dabei lässt sich auch zwischen den verschiedenen deutschen Studien wie den franzö- Deutschland (59,5% der Bevölkerung ab 14Jahre I 2004: 57,9%) im Sinne der ARD/
sischen Erhebungen die Vergleichssituation als "babylonische Verwirrung" charakterisieren. ZDF-Online-Studie Internetnutzer. Dieser Zuwachs erldärt sich in Deutschland vor allem
Andreas Boes, fosefPreißler: Digitale Spaltung (Kap. III.12). In: Martin Baethge u. a.: Bericht- aus der Zunahme von älteren "Silver-Nutzern", die die Jahre zuvor als internet-abstinent
erstarrung zur sozioökonomischen Entwicklung in Deutschland: Arbeit und Lebensweisen; galten. Birgit van Eimeren, Beate Frees: ARD/ZDF-Online-Studie 2006. Schnelle Zugänge,
erster Bericht. Wiesbaden 2005, S. 247-274, hier S. 248. neue Anwendungen, neue Nutzer? In: Media Perspektiven 8 (2006), S. 402-415. Online
36 Flash Eurobarometer Juni 2002, zitiert nach NFO Infratest im Auftrag des Bundesministe- verfügbar: http:/ /www.ard-werbung.de/showfile.phtml/eimeren.pdf?foid= 17746 [Stand:
riums für Wirtschaft und Arbeit (BMWI): Monitaring Informationswirtschaft. 6. Faktenbe- 15.06.2007].
richt 2003. München 2003, S. 169. Online verfügbar: http://www.ms-infratest.com/06_BI/ 38 Daten nach Le Monde, 1~.03.2006: "C'est la premiere fois, quell'on peut noter un change-
bmwalinfrasearchreg/ reg6.asp?dflie=Falctenbericht_Vollversion. pdf [Stand: 15 .06.2007]. ment si radicale" (Francois-Xavier Hussherr).
37 Die Entwicklungstendenz lässt sich am Beispiel des jährlichen ARD/ZDF-Online-Panels re- 39 Claudia Jüch, Anja Stobbe: Blogs: Ein neues Zaubermittel der Unternehmenskommunikati-
konstruieren. Sie verläuft nicht linear. Waren Ende der 90er Jahre (1998-2000) noch Zu- on. In: Deutsche Bank Research(= Economics- digitale Ökonomie und struktureller Wan-
wachsraten von 60% die Regel, so hatte sich nach dem Zusammenbruch der sogenann,ten del) 2005, S. 3. Online verfügbar: http://www.dbresearch.de/PROD/DBR_INTERNET_
New Economy das Wachstum bis 2001 (14%) erheblich reduziert: "In den Jahren danach DE-PROD/PRODOOOOOOOOOO 190744.pdf [Stand: 15.06.2007].
ließ dieser Boom nach, sodass von vielen Experten die mittelfristige Wachstumsgrenze für 40 julia Pranz: Praktiken des Bloggens im Spannungsfeld von Demokratie und Kontrolle. In:
die Internetverbreitung bei rund 50 Prozent angesetzt wurde. Aber: Entgegen aller Prog- ]an Schmid, Christian Stegbauer, Klaus Schönherger (Hrsg.): Erkundungen des Bloggens. So-
nosen wächst in 2003 der Anteil der Internetnutzer wieder schneller. Dies ist umso erstaun- zialwissenschafdiche Ansätze und Perspektiven der Weblogforschung. (= Sonderausgabe von
licher, da sich weder die wirtschaftlichen Rahmendaten und damit zusammenhängend die kommunikation@gesellschaft, ]g. 6), S. 2. Online-Publikation: http://www.rz.uni-frank-
individuellen Rahmenbedingungen noch die Technologien wesendich geändert haben." Bir- furt.de//K.G/BX_2005_Franz.pdf [Stand: 15.06.2007].
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Klaus Schönherger Technik als Querschnittsdimension
reich und Deutschland. In welcher Weise dieselben zustande kommen, ist nicht am Samstag auf der Titelseite der Liberation, Frankreichs linksliberaler Zeitung
einfach zu erklären. Auf der Ebene der Zahlen lässt sich konstatieren, dass es den Nummer eins." 47
Anschein hat, als ob die französischen Blaggerinnen generell etwas jünger sind (die
Bereits zu diesem Zeitpunkt scheint ein Tenor auf, der eine Art Leitmotiv des
Mehrheit ist jünger als 25 Jahre alt). In Frankreich gibt es auch proportional zur
Blag-Diskurses insgesamt darstellt. Gerade im Blick nach Frankreich wird von
Anzahl der Weblogs aktivere Blagger und Blagleser bzw. -leserinnen als in
deutscher Seite aus eine Analyse des Phänomens Weblog, wie sie die Tageszeitung
Deutschland. Offenbar fallen nicht nur die Zahlen hinsichtlich der existierenden
Liberation liefert (wonach Weblogs in Frankreich "eine Gegenmacht und Inspirati-
Weblogs, sondern eben auch die Praktiken und Nutzungsweisen unterschiedlich
onsquelle für die Medien darstellen"), zustimmend rezipiert.
aus. Für die Interpretation dieser Zahlen kommt noch hinzu, dass Deutschland
vergleichsweise mehr Internetnutzer besitzt und beispielsweise bei anderen Anwen- Es sind nämlich überwiegend die Akteure des Diskurses über Bürgerjournalis-
dungen, etwa bei der Nutzung von eBay oder Wikipedia, gegenüber Frankreich mus48, die ergründen wollen, warum 'die Franzosen' gerade in diesem Medienfor-
führend ist. Dies macht den Unterschied noch augenscheinlicher. · mat einen solch großen Vorsprung besitzen. Auch wenn es noch keine empirische
Erforschung der Ursachen der unterschiedlichen DiffUsion von Weblogs und Prak:-
tiken des Blaggens in Frankreich und Deutschland gibt, kursieren in den Medien
II2 Kulturalismus und Technikdeterminismus und in der Blogosphäre selbst Erklärungsmuster, die im Folgendem analysiert wer-
Das unterschiedliche Ausmaß in der Nutzung von Weblogs in Frankreich wird den sollen. Die Debatte erfolgt in unterschiedlichen Kontexten49 (Medien, Web-
in der deutschen Blogosphäre erstmals im Dezember 2004 zur Kennmis genom- logs, Internetportale, Wissenschaft und Beratung) und anhand verschiedener Prak-
men. Unter der Überschrift "Blog auf der Eins" 45 wird in dem unter anderem von tiken (Journalismus, Politik, Organisationskommunikation und Tagebuchschrei-
dem damals prominenten A-List-Blogger46 "Don Alphonso" betriebenen "Blogs!" ben).
über die bemerkenswert ausführliche Weblog-Berichterstattung in der französi-
schen Presse berichtet: "Blogs haben in Frankreich einen großen Auftritt gehabt,
41 Die 21. W3B Study im November 2005 von Fittkau & Maass erhob 4.284.000 Blogleser/ die Schwärmerei der französischen Internetnutzer/innen gegenüber den Weblogs als Infor-
innen sowie 750.000 Blogbetreiber/innen, die mindestens einmal pro Woche ihr Weblog mationsmittel vor allem eine jugendliche Erscheinung sein sollte (70,3% der 16-24 Jäh-
aktualisierten. Fittkiu&Maass: Ergebnisse der 21. W3B-Umfrage. November 2005. On- rigen besuchten schon einmal einen Blog zu Informationszwecken), ändert das nichts daran,
line-Publikation: http:/ /www.w3b.org/ergebnisse/w3b21/ [Stand: 15.06.2007]. dass bei den über 35-Jälirigen gleichermaßen 40,5% erklärten, dieses ebenfalls schon ge-
42 Jan Schmidt errechnete auf der Basis der ARD/ZDF-Online-Studie 2006, dass es Anfang macht zu haben. Crmmetrix: La montee en puissance des blogs comme moyen d'informati-
2006 zwischen einer und eineinhalb Millionen Blaggerinnen und Blagger gegeben haben on et de communication se confirme. Juli 2006. Online-Publikation: http://customerliste-
könnte. Konservativ geschätzt kann für 2006 von 350.000 aktiven Weblogs ausgegangen ning. typepad.com/baroblogs/BaroBlogs-FRance-crmmetrix-June-06. pdf [Stand: 30.03.07].
werden. Vgl. hierzu Birgit van Eimeren, Beate Frees: ARD/ZDF-Online-Studie 2006 (wie 45 Dogfood: Blog auf der eins. In: Blogs!, 12.12.2004 [Weblog]. Online-Publikation: http://
Anm. 37). ]an Schmidt: Doch eine Million deutsche Blogs? In: Bamblog [Weblog], blogbar.de/archiv/2004/12/12/blogs-auf-der-eins/ [Stand: 15.06.2007]. Vgl. das Buch zum
12.09.2006. Online-Publikation: http://www.bamberg-gewinnt.de/wordpress/archives/548 Weblog: DonAlphonso, Kai Pfahl (Hrsg.): Blogs! Text und Form im Internet. Berlin 2004.
[Stand: 15.06.2007] und]an Schmidt: Nochmal zur Größe der Blogosphäre. In: Bamblog 46 Als A-List-B!ogger sind jene Weblog-Betreiber zu verstehen, die ein besonders stark von an-
[Weblog], 25.09.2006. Online-Publikation: http://www.bamberg-gewinnt.de/wordpress/ar- deren Weblogs verlinktes und damit im Sinne eines Massenmediums 'relevantes' Weblog
chives/556 [Stand: 15.06.2007]. führen. Zum Terminus ,,A-List" vgl. Clay Shirlry: Power Laws, Weblogs, and Inequality. In:
43 Eine ähnliche Größenordnung kolportiert die angesehene deutsche Computerzeitschrift c't: Clay Shirky's Writings About the Interner. Economics & Culture, Media & Community,
"Zumindest in Frankreich breitet sich die Blogosphäre, also die Gesamtheit aller Weblogs, Open Source, 08.02.2003. Online-Publikation: http://www.shirky.com/writings/weblogs
mit erstaunlicher Dynamik aus. Nach der englischen ist die französische Sprache in der publishing.html [Stand: 15.06.2007].
Blagwelt am stärksten vertreten. Nach einer Regierungsstudie bloggt insbesondere bereits 47 Auf der Titelseite der Liberation, 11.12.2004, heißt es: "La blog generation. De plus en plus
die Hälfte der französischen Schüler. Allein das sind drei Millionen." Mario Sixtus: "Wie internautes tiennent leur journal sur Ia Teile. Ils contestent et completent !es medias tradi-
einen Schneeball rollen". Die Vordenker der internationalen Weblog-Community trafen tionels, eux aussi seduits par le phenomene."
sich zum Gedankenaustausch. In: c't 11 (2005), S. 58. 48 Regelrecht fasziniert konstatiert ein Beitrag im Internetportal "Golem.de": "Durch das In-
44 Für Frankreich erhob das Online-Barometer BaroBlogs durch CRMmetrix im Juni 2006, ternet kann jeder Bürger zum Journalisten werden. Davon zumindest sind der amerikani-
dass 26,7% der französischen Internetnutzer/innen mindestens einmal im Monat ein We- sche Journalist Dan Gillmor und der Blagger Lok le Meur überzeugt "Bislang spielt sich
blog besuchen, dass 18,8% bereits einen Kommentar in einem Weblog abgegeben haben dieser 'Bürgerjournalismus' vor allem in Blogs ab." Ohne Verfasser: Gillmor: Journalismus
und dass 8,1% bereits ihr eigenes Weblog eingerichtet hatten. Die Internetnutzer/innen, die wird zum Gespräch. Blogs in Frankteich gleichauf mit traditionellen Medien. In: Golem.de
regelmäßig Weblogs besuchen, taten dies, um sich informieren (74,4%), um ihre Erfahrun- - IT-News für Profis, 23.01.2006, Online-Publikation: http://www.golem.de/0601/
gen und Interessen auszutauschen (57%) und um sich Rat zu holen (56,7%). Selbst wenn 42862.html [Stand: 15.06.2006].
208 209
Klaus Schönberger Technik als Querschnittsdimension
Kulturalistische Abkürzungen: Französische Extrovertiertheiten versus deutsche land fehle, dass es keine sogenannten Qualitäts-Blogs gebe, dass die deutschen
Innerlichkeit? (Mentalitäten) Eliten technologiefeindlich eingestellt seien, dass es in Deutschland keine Kultur
der Rhetorik gebe 52 , die Menschen würden sich sehr an Reputation orientieren
Jene Analysen, die hier als kulturalistische Erklärungsmuster gefasst werden, be-
und dass die Idee der Freiheit des Wortes im öffentlichen Raum weniger verbreitet
haupten einen Mentalitätsunterschied zwischen introvertierten Deutschen und ex-
sei, als in Frankreich. Schließlich hätten 'die Deutschen' im Gegensatz zu 'den
trovertierten Franzosen, der angeblich ein größeres französisches Interesse an einem
Franzosen' auch noch eine Scheu, sich öffentlich zu präsentieren.53
Medienformat wie den Weblogs nach sich ziehe, da es eine entsprechende öffent-
liche Selbstdarstellung ermögliche. Solche kulturalistischen Abkürzungen scheinen In einem Interview mit der französischsprachigen schweizerischen Wochenzei-
in ganz verschiedenen (nationalen beziehungsweise sprachlichen) Kontexten als Er- tung I.;Hebdo (30.06.2005) bekennt Lo!c le Meur, Europa-Chef des Weblog-An-
klärungsmuster auf ... bieters Six Apart, der in Frankreich als A-List-Blogger gilt, mit dem sich pro-
minente französische Politiker treffen, um für.ihr eigenes Webblog Werbung zu
Shel Israel und Roben Scoble diagnostizieren beispielsweise eine solche kultu-
machen: "Im allgemeinen seien die romanischen Länder dem Bloggen sehr viel
relle Bedingtheit der Unterschiede 50 : "It's particularly interesting to me because,
mehr zugetan, als die germanischen. Das ist eine Frage der Kultur. " 54 Die Frage
when we wrote Naked Conversations, we were surprised that the more populated,
"Why is France so big?" beantwortet er zunächst auch in kulturalistischer Manier
automated and industrialized Germany lagged far behind France in blogging. We
"Cu!tural reasons: France is the Country of the Revolution, May 68, and weekly
concluded it was a cultural thing, that Germans tended to be private, often keeping
strikes, the French have a long tradition to debate and express themselves. "55
their hostilities so close to the vest that they could be mistaken for tattoos." 51
"Sind Weblogs in Deutschland nach wie vor ein Randphänomen, hat die Blag-
Ein zentraler Vertreter des kulturalistischen Erklärungsmusters in diesem Dis-
welle in Frankreich bereits enorme Fahrt aufgenommen. 'Die Franzosen lieben es,
kursfeld ist der einstige Wissenschaftsredakteur des Wochenmagazins Focus und
sich laut darzustellen', versucht Lo!c Le Meur, (... ) diese Dynamik zu erklären. "56
gegenwärtige Chefredakteur von "Focus Online", Jochen Wegener. Er unterstreicht
während der Konferenz "Les Blogs" in Paris 2005 die vergleichsweise geringe Zahl Tim Fischer fragt in dem Weblog "bloginitiativegermany" gleichermaßen, ob
an deutschen Bloggern vor dem Hintergrund einer gegenüber Frankreich größeren denn solche kulturalistischen Argumente tatsächlich den Unterschied hinreichend
Anzahl an Internetnutzerinnen bzw. -nutzern und Breitbandanschlüssen in Deutsch- erklären können: "Yes, it might be that the german blogosphere is lacking behind
land. Er behauptet, dass es an seriösen und professionellen Vorbildern in Deutsch- because german blogging culture is different than the French, British or US menta-
52 Ähnlich argumentiert der Wirtschaftswissenschaftler Tim Fischer, wenn er als eine Begrün-
49 Irritierend an dieser Debatte um die Relevanz von Weblogs ist die Doppelfunktion nicht dung (unter mehreren) den Mangel eines kollektiven Ereignisses in der deutschen Biogo-
weniger Beteiligten als Forscherlinnen wie als Blogger/innen, die durchaus in einem norma- sphäre und die vergleichsweise geringere Bedeutung einer deutschen Streitkultur anführt,
tiven und emphatischen Sinne dazu beitragen wollen, dass die Elogesphäre auch in der aber anderen Argumenten des kulruralistischen Diskurses widerspricht. Tim Fischer: Hy-
Deutschland eine mit Frankreich vergleichbare Größe erreichen kann. In diesem Zusam- potheses why Germans don't blog or do they? In: bloginitiativegermany, 06.03.2006 [We-
menhang bleibt es dem Wiener Weblog-Ferseher Themas. N. Burg vorbehalten zu fragen, blog]. Online-Publikarie n: http:/ I fisch er. blogs.com/blogini tiativegermany/2006/ 03/hypo-
ob es nun wirklich das Hauptproblem sei, dass die Welt am deutschen Blogging-Wesen ge- rheses_why_.hrml [Stand: 15.06.2007].
nesen müsse. Thomas. N Burg: Tropes and Walls. In: Randgänge, thomas n. burg- on soci- 53 Mario Sixtus: Les Blogs: Soziale Software, Firmen-Wilcis und bezahlte Blogger. In: heise-
al software and it's usage in emerprises, and sametim es gossip, 28.04.2005 [Weblog]. On- news online, 26.04.2005. Online-Publikation: http://www.heise.de/newstickerlmeldung/
line-Publikation: http:/ I randgaenge.net/2005/04/28/tropes-and-walls/ [Stand: 15.06.2006]. 58992 [Stand: 15.06.2007].
50 Robert Scoble, Shel!srael: Naked Conversations: How Blogs are Changing rhe Way Busines- 54 I:Hebdo: "Vous dites qu'en Suisse, le blaggingest encore balburiam?" Lolc le Meur: "De
ses Talk with Customers. New York u. a. 2005. maniere gene'rale, !es pays latins en Europe sont beaucoup plus portes au blog que !es ger-
51 Aufgrund einer skandalträchtigen Diskussion zwischen dem Vater und Manager des "Top mains. C' est une question de culrure." Loi'c le Meur: "Le papier va dispara1tre, vivem !es
Models" Heidi Klum und einigen Blaggern tendiert Shel!srael im nächsten Satz zwar zu blogs". In: I:Hebdo, 30 06.2005. Online verfügbar: http://www.hebdo.ch/index.efm?id=
einer Revision dieser kulturalisierenden Argumentation: "I guess we'll have to revise that in 1800 [Stand: 15.06.2007].
the secend edition." Doch unterstreicht auch der Widerruf die Wirkmächtigkeit des kul- 55 Summary page. Comments. In: LoicLeMeur-Wiki, 11.06.2005:0nline-Publikarion: http://
turalistischen Argumentes im Diskurs um die deutsch-französischen Unterschiede. Shellsra- www.eu.socialtext.net/loicwiki/index.cgi?summary_page [Stand: 15.06.2007].
el: Battle in the German Blogosphere. In Global Neighbourhoods, 03.01.2006 [Weblog]. 56 Mario Sixtus: Les Blogs: Profi-Sex ist auch nicht besser als Amateur-Sex. In: heise-news on-
Online-Publikation: http://redcouch. rypepad.com/weblog/2006/0 1I the_usually_im.hrml line, 25.04.2005. Online-Publikation: http://www.heise.de/newsticker/meldung/58973
[Stand: 15.06.2007]. [Stand: 15.06.2007].
210 211
Klaus Schönberger Technik als Querschnittsdimension
lity (although I do not agree to Heiko Hebigs blagging culture tips). But is this den. 60 Wer untersuchen möchte, warum gerade das Medienformat Weblog ins
really the main reason why blagging in Germany is lacking behind?"5 7 Hintertreffen geraten ist, muss umgekehrt konzedieren, dass andere Online-Ange-
Wenn auch andere- ökonomische, infrastrukturelle oder politische- Ursachen bote wie Wikipedia61 oder eBay62 einen deutschsprachigen Vorsprung aufv.,eisen.
mitunter in einem Atemzug genannt werden, so besitzen die kulturalistischen Er- Damit wird außerdem das Argument einer traditionell historisch gewachsenen
Technologiefeindlichkeit der deutschen Eliten 63 und eine spezifische Mfinität der
klärungen dennoch eine größere Ausstrahlungskraft. "Kultur" funktioniert hier of-
politischen französischen Eliten gegenüber der Technologie im Allgemeinen 64 in
fenbar im Sinne einer Blackbox, in die alles Mögliche hineingeworfen werden
Bezug auf das Internet obsolet. Eine historische soziale Verortung des Kulturmus-
kann und über die am Ende wie ein negativer "leerer Signifikant" ein gleicherma-
ßen mobilisierender wie erklärender Kitt zur Verfügung gestellt wird, der durchaus ters Tagebuchschreiben könnte allerdings Hinweise darauf ergeben, warum das-
selbe in Deutschland bei inzwischen sehr ähnlichen technologischen Rahmenbe-
widersprüchliche Interessen zu bündeln vermag.5 8 Mitunter geht es dabei gar nicht
dingungen nicht gleichermaßen in ein netzbasiertes Kulturmuster transferiert wird.
um eine Naturalisierung nationaler Unterschiede, sondern schlichtweg darum,
Es erscheint daher ebenfalls notwendig, sich rriit der Form der Kommunikation
komplexe Ursachenbündel zusammenzubringen. Das resultiert schon allein daraus,
selbst auseinanderzusetzen, die sich gegenwärtig als Praktiken des Blaggens heraus-
dass doch sehr unterschiedliche Faktoren (neben Mentalität beispielsweise auch das
ideologische Kräfteverhältnis zwischen unterschiedlichen Klassenfraktionen wie bilden. Während in Deutschland die Grenzeil zwischen privat und öffentlich-
rechtlich enger gefasst sind, erscheinen diese Grenzen unter Berufung auf die Rede-
zwischen dem Bildungsbürgertum und den technisch ausgerichteten Funktionseli-
und Pressefreiheit in Frankreich durchlässiger und sind dort offensichtlich entspre-
ten) als "Kultur" gelten. Ausgehend von der oben als Programm beschriebene Per-
chend abgesichert.
spektiven-Integration im Konzept Kulturwissenschaftliche Technikforschung lassen
sich die quantitativ ermittelbaren deutsch-französischen Differenzen in der Web-
lognutzung auf den Ebenen der Handlungsmuster der Praktiken, der Deutungs-
muster der Diskurse aber eben auch im Hinblick auf die Materialität der (Soft-
ware-)Technik (nämlich in Bezug auf das Enabling-Potenzial der Technik ange-
sichts unterschiedlicher ökonomischer, organisatorischer und politischer Struktu-
ren) differenziert untersuchen.
60 Vgl. allgemein hierzu, Klaus Schönberger: Der Mensch als Maschine. Flexibilisierung der
Subjekte und Hartnäckigkeit des Technikdeterminismus. In: Das Argument 43 (2000),
Technikdeterministische Abkürzungen
s. 812-823.
61 Derzeit zählt die deurschsprachige Wikipedia 598.ll2 (Stand: Juni 2007) und die franzö-
In welcher Weise die Verengung auf eine Perspektive des Konzepts Kulturwis- sischsprachige Wtkipedia 510.192 Artikel (Stand: Mai 2007). Vgl. Statistiques de Wi-
kipedia. In: Wikipedia. I.:encyclopedie libre. Online-Publikation: http://fr.wikipedia.org/wi-
senschafcliche Technikforschung problematische Ergebnisse nach sich ziehen wür- ki/Special:Statistics [Stand: 15.06.2007]. ,,In der deurschsprachigen Wikipedia werden zu
de, zeigt die Diskussion in der Weblog-Debatte über die Rolle der Technik selbst. diesem Zeitpunkt 412.339 registrierte Benutzer gezählt, wovon 274 (= 0,07%) Administra-
Ein Bezugspunkt ist die Verwunderung darüber, dass trotz der überaus frühen Dif- toren-Rechte besitzen. Wikipedia: Statistik: Online-Publikation: http://de.wikipedia.org/wi-
fusion von DSL-Breitbandanschlüssen diese vergleichsweise flächendeckendere ki/Spezial:Statistik [Stand: 15.06.2007]. In der französischsprachigen Wikipedia hingegen
Ausstattung offenbar nicht zu einer entsprechenden Weblognutzung geführt habe: sind es 261.081 registrierte Benutzer, davon sind 151 (= 0,06%) Administratoren.
62 Offensichdich sind die Nutzungen von eCommerce-Angeboten (etwa bei arnazon, aber ins-
"Bloggen ist ein Breitband-Phänomen." 59 Diese Entwicklung blamiert jenes tech- besondere bei eBay) wesendich höher als in Frankreich. Beispielsweise umfasst laut Angaben
nikdeterministische Apriori, dass, wenn die Nutzerinnen und -nutzer über eine im französischen "Logistiques Magazine" der Versand von eBay-Paketen bei der Deutschen
medientechnische Innovation verfügen, sie diese tatsächlich auch einsetzen wür- Post-AG inzwischen bereits 20% aller Paketauslieferungen an die Privathaushalte. "e-Com-
merce: eBay accounts for 20% of Deutsche Post's domestic traffic!!!" In: Tech IT Easy,
13.09.2006, [Weblog]. Online-Publikation: http:l/jeremyfain.wordpress.com/2006/09/13/
e-commerce-ebay-accounrs-for-20-of-deursche-posrs-domestic-traffi c/ [Stand: 15.06 .2007].
57 Tim Fischer: Hypotheses why Germans don't blog or do they? (wie Anm. 52). 63 Noch Anfang der 1960er Jahre vertrat Ernst Topirsch die These, dass das deutsche Bildungs-
58 Ernesto Laclau: Emanzipation und Differenz. Wien 2002. Erneste Laclau geht es demgegen- bürgertum die wissenschaftlich-technische Revolution nach wie vor nicht wirklich aufgear-
über um das theoretische Problem einer Vermittlung von Universalität und Partikularität. beitet habe. Ernst Topitsch: Sozialphilosophie zwischen Ideologie und Wissenschaft. Neu-
Bei ihm steht der "leere Signifikant" für einen Partikularismus, der die Universalität auf- wied 1961, S. 286ff. Und auf der anderen Seite sehen Burkhard Dietz, Michael Fessner und
scheinen lässt. Ein negativer "leerer Signifikant" hingegen verwandelt Universalität in Par- Helmut Maier innerhalb der Technischen Intelligenz nach wie vor ein "ambivalentes Selbst-
tikularismus. verständnis( ...) über ihre eigene gesellschaftliche Selbstverortung". Burkhard Dietz, Michael
59 Zitiert nach Mario Sixtus: Les Blogs: Soziale Software, Firmen-Wikis und bezahlte Blogger, Fessner, Helmut Maier (Hrsg.): Technische Intelligenz und "Kulturfaktor Technik". Kultur-
2004 (wieAnm.31). vorstellungen von Technikern und Ingenieuren zwischen Kaiserreich und früher Bundesre-
212 213
Klaus Schönberger Technik als Querschnittsdimension
Kulturelle Kapitalien: Persönliche Journale versus journalistische Praktiken des also diejenigen Nutzer, die tagebuchartige, sogenannte persönliche Online-Journa-
Blaggens le69 führen, hat der Verfasser bereits an anderer Stelle hingewiesen.7° Einen Hinweis
für die Interpretation liefert auch der häufig genannte Begriff "Qualitätsblogs" für
Das in den kulturalistischen (und technikdeterministischen) Abkürzungen zum die "guten" und besonders öffentlichkeitswirksamen Weblogs, der die journalisti-
Ausdruck kommende "Verschwinden des Sozialen" 65 ist nicht zuletzt die Kon- schen Praktiken von den angeblich banalen und trivialen persönlichen Online-
sequenz eines übergreifenden gesellschaftlichen Diskurses, der Unterschiede um- Journal-Praktiken abgrenzen soll. Der Diskurs lässt sich auch als Auseinanderset-
standslos und unter Ausblendung beispielsweise ökonomischer - aber auch politi- zung um die Wertigkeit der jeweiligen kulturellen und symbolischen Kapitalien in-
scher - Handlungs- und Deutungsbedingungen unmittelbar mit Kultur zu erklä- nerhalb der Gatekeeper-Eliten interpretieren.7 1 Wenn zudem die geringe Quantität
ren versucht. Gerade in diesem Sinne lässt sich nach der Funktion des Diskurses in der deutschen Blogosphäre beklagt wird, impliziert das kulturalistische Argument
Frankreich wie in Deutschland beziehungsweise nach dem Reiz der kulturalisti- zugleich eine (Blogger-)Avantgarde-Position, die sich aus der eigenen Isolierung er-
schen Erklärung fragen. In diesem Kontext ist auf den weiter gehenden Diskurs gibt. Insbesondere diejenigen, die sich als "Qualitäts-Blogger", A-List-Blogger oder
über Weblogs und den "Bürgerjournalismus" zu verweisen. Hierbei geht es im Blogger der ersten Stunde begreifen, können auf diese Weise eine herausgehobene
Kern um die Behauptung prominenter A-List-Blogger, dass Weblogs die neue Praxis für sich reklamieren. Ein über die historische Perspektive der Kulturwissen-
Form und der "Sargnagel" des Journalismus seien und über kurz oder lang auch schaftlichen Technikforschung informierter Blick auf solche Auseinandersetzungen
den Journalismus als Ganzes obsolet erscheinen lassen. 66 Tatsächlich versteht sich weiß in Rechnung zu stellen, in welcher Weise der Gewöhnungs- und Veralltägli-
in Deutschland (aber eben auch in Frankreich) überhaupt nur eine Minderheit von chungsprozess von neuer Technik mit Distinktionskämpfen zwischen rivalisieren-
Blaggern als Journalisten bzw. Journalistinnen. Dennoch wird die Debatte über ( den sozialen Gruppen einhergeht.72
Weblogs sowohl in der klassischen Medienöffentlichkeit wie in der wissenschaftli-
chen Betrachtungsweise darauf reduziert. 67 Auf den für die kulturwissenschaftliche Darüber hinaus wird über den expliziten Elitenbezug implizit erneut eine Per-
Perspektive demgegenüber besonders interessierenden "Long Tail" 68 der Weblogs, spektive auf die Weblogs festgeschrieben, die den "Long Tail" ignoriert und sich
publik Deutschland. Münster u. a. 1996, S. 1-34, hier S. 32. Sie sehen den Ausgangspunkt wissenschafriet Christoph Neuberger: "Weblogs =Journalismus"? Kritik einer populären The-
einer "bis heure nur. partiell und äußerlich vollzogene[n] Integration der Technischen Intelli- se. In: Vtmessa Diemand, Michael Mangold, Peter Weibel (Hrsg.): Weblogs, Podcasting und
genz in den Kreis der traditionellen akademischen Schichten" in der zweiten Hälfte des Videojournalismus. Neue Medien zwischen demokratischen und ökonomischen Potenzi-
19.Jahrhunderts. Als gesellschaftliche Antagonisten sehen sie "vor allem (...)Adel, Militär, alen. Hannover 2006, S. 107-135.
Beamtenschaft und Bildungsbürgertum". Zwar können "die allermeisten Argumentations- 67 Kritisch hierzu: ]an Schmidt, Christian Stegbauer, Klaus Schönberger: Erkundungen von We-
linien dieses sozialen Konflikts bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts zurückverfolgt blog-Nurzungen (wie Anm. 30), S. 4.
werden: "Die bis zur Gegenwart von den Ingenieurvereinen beklagte gesellschaftliche Zu- 68 Der Begriff "long tail" bezeichnet in der Blogosphäre all jene Millionen von Weblogs, die
rücksetzung lässt sich ohne eine historische Rückblende auf die vielgestaltigen kontinuierli- wenig oder nur sehr überschaubare Resonanz oder Rezeption durch andere Internetnutzer/
chen und diskontinuierlich verlaufenden Emanzipationsbestrebungen der Technischen In- innen erfahren. Nicht selten wird ein solches Weblog auch nur für sich selbst geschrieben.
telligenz und ohne einen differenzierten Blick auf die dazu parallel entwickelten Abwehrstra- Für eine Nutzung des Begriffs im Kontext der Debatte um die Fragmentierung von Öffent-
regien der traditionellen Eliten vor dem Hintergrund des jeweilig gesellschaftlichen und po- lichkeit, den Bedeutungsverlust ldassischer Massenmedien bzw. Massenkultur im Zuge des
litischen Systems nicht hinreichend erklären." Doch zugleich betonen sie, dass es in unter- Aufkommens des Internet sei auf den ökonomischen Ursprung des Begriffs bei Chris An-
schiedlichen polirischen Systemen auch zu differenziert zu betrachtenden Konflikten ge- derson verwiesen. Im ökonomischen Kontext meint der Begriff eine Entwicklung ("econo-
kommen sei. In dieser nicht kulruralisierenden Konfliktlinie sehen sie bis heure "eine mehr my of scale"), in der die ständig sinkenden Produktions- und Distributionskosten auch frü-
oder minder unversöhnliche Diskrepanzzweier Geisreswelten" sich gegenüberstehen, näm- her unwirtschaftliche kleine Stückzahlen ermöglichen. In dieser ökonomischen Logik ma-
lich "die der materiellen und die der geistigen Kultur". Ebd., S. 2. chen auch dann publizistische Angebote wie Persönliche Online-Journale Sinn. Vgl. Chris
64 Das ergebe sich aus der Zusammensetzung der französischen Funktionseliten aus in den Anderson: The long tail. In: Wired, Issue 12.10- Ocrober 2004. Online verfügbar: http://
Grandes Ecoles gleichermaßen ausgebildeten Ingenieuren. Demzufolge seien Großprojekte www.wired.com/wired/archive/12.1 0/rail.hrml [Stand: 15.06.2007].
wie Minitel durch den Staat initiiert. 69 Vgl. hierzu ]an Schmidt: Weblogs. Eine kommunikationssoziologische Studie. Konstanz
65 Woljgang Kaschuba: Kulturalismus: Vom Verschwinden des Sozialen im gesellschaftlichen 2006, S. 69-94.
Diskurs. In: Zeitschrift für Volkskunde 91 (1995), S. 27-46, S. 27ff. Vgl. auch Woljgang Ka- 70 Klaus Schönberger: Weblogs: Persönliches Tagebuch, Wissensmanagement-Werkzeug und
schuba: Kulturalismus: Kultur statt Gesellschaft? In: Geschichte und Gesellschaft 21 (1995), Publikationsorgan. In: Peter Schlobinski (Hrsg.): Von "hell" bis "cul8r". Sprache und Kom-
s. 80-95. munikation in den neuen Medien. DUDEN Thema Deutsch. Bd. 7. Mannheim u. a. 2006,
66 Vgl. z. B. Don Alphonso: Ein Dutzend Gründe, warum Blogs den Journalismus im Internet S. 233-248, hier S. 243 sowie Klaus Schönberger: Using ICT and socio-cultural change: Per-
aufmischen werden. In: Don Alphonso, Kai Pfohl (Hrsg.): Blogs! Text und Form im Internet. sistent and recombinant practices in using weblogs. In: Fay Sudweeks, Herbert Hrachovec,
Berlin 2004, S.17-43. Die Gegenposition hierzu vertritt Medien- und Kommunikations- Charles Ess (Hrsg.): Cultural Attitudes towards Technology and Communication 2006. Pro-
214 215
Klaus Schönberger Technik als Querschnittsdimension
überaus ignorant gegenüber den zahlreichen nicht-journalistischen Blogging-Prak- 113 Politische Kultur und politische Praktiken des Bloggens
tiken zeigt. In diesem Sinne sind auch Argumente zu werten, clie behaupten, es Daran knüpft clie sehr verwandte Debatte darüber an, warum es in Deutschland
fehle an journalistischen Vorbildern oder wirklich prominenten deutschen A-List-
im Vergleich zu Frankreich weniger explizit politische Weblogs gebe. Die vermeint-
Bloggern, was außerdem auch nicht dem französischen Diffusionsverlauf ent- lichen Erklärungen des behaupteten75 französischen Vorsprungs bei der Anzahl po-
spricht. Bereits während der ersten Thematisierung der deutsch-französischen Un- litischer Weblogs beinhaltet ebenfalls eine Diskussion über den Zusammenhang
terschiede in "Blogs!" im Jahr 2004 wurde die Funktion des Jugend-Radiosenders zwischen Praktiken des Bloggens und klassischen Massenmedien, die eine andere
S1:yrock als kostenloser Webloghoster betont; ebenso, dass weitere Jugend-Radio- politische Kultur hervorbringe. Der Einfluss der Weblogs auf die französische öf-
sender nach dem Skyrock-Erfolg ("über 1 Million") nun ebenfalls ihren Hörern fentliche Meinung anlässlich politischer Ereignisse wie die Volksabstimmung über
und Hörerinnen Wehspace für eigene Weblogs anbieten: "Die hohe Zahl scheint die europäische Verfassung, die Unruhen in den französischen Vororten oder die
sich, gemäß dem Artikel, zum Teil daraus zu erklären, dass viele junge Medien, studentischen Proteste gegen den CPE (Contrat Premiere Embauche) ist sowohl in
unter anderem das Jugendradio "Skyrock", Weblogs [...]propagiert haben." 73 Frankreich wie in Deutschland erwähnt worden. Der Hintergrund ist, dass die
Diese französischen Weblogs - etwa im Umfeld der Radiostation Skyrock- be- französischen Medien während der Kampagne über das Referendum am 29. Mai
legen offensichtlich das Gegenteil. Gerade hier geht es überhaupt nicht um Journa- 2005 über die europäische Verfassung für eine Zustimmung warben. Wahlent-
lismus. Gemeinhin werden diese Weblogs gerade hierfür kritisiert, und clie Domi- scheidend für die Ablehnung (55% der Stimmen bei einer Wahlbeteiligung von
nanz von Skyrock-Weblogs wird in Frankreich selbst dazu genutzt, die hohen Nur- 70%) -so nicht wenige Beobachter nicht nur in der Blogosphäre76 - sei der Ein-
zerzahlen im Hinblick auf deren geringe "Qualität" zu relativieren.74 fluss der Weblogs gewesen, die dem in den Medien nicht repräsentierten Wahlvolk
eine Stimme gegeben haben. So seien die Weblogs ein Teil derjenigen Gegenmacht
gewesen, die schließlich den Meinungsumschwung für ein "Nein" zur Verfassung
herbeigeführt habe, was aufgrund der überwiegenden "Ja"-Einstellung der klassi-
schen Massenmedien kaum vorhersehbar gewesen sei. Gemäß einer solchen Lesart
gebe es in Frankreich und Deutschland unterschiedliche Formen der Aneignung
des öffentlichen Raumes, die auf ein ausdrucksstärkeres und leidenschaftlicheres
ceedings of the Fifth international conference on Culrural Attitudes rowards Technology
politisches Temperament zurückzuführen seien. Diese implizite Anrufung 'franzö-
and Communication Tartu, Estonia, 28 June - 1 July 2006. Murdoch 2006, S. 642-658,
S. 648ff. Online verfügbar: http://wwwl.uni-hamburg.de/technik-kulrur/download/ca- sischer' demokratischer und revolutionärer Tugenden stärkt darüber hinaus die ei-
tac06_schoenberger.pdf [Stand: 15.06.2007]. Einen Überblick über die Debatte über die gene Avantgarde-Funktion, wenn auch damit nur ein bezeichnender Technikdeter-
journalistischen Weblog-Praktiken bietet}an Schmidt: Weblogs (wie Anm. 69), S. 119-148. minismus artikuliert wird.
71 V gl. hierzu ausführlicher Klaus Schönberger: Weblogs: Persönliches Tagebuch, Wissensmana-
gement-Werkzeug und Publikationsorgan, 2006 (wie Anm. 70). Die Multiperspektivität der Kulturwissenschaftlichen Technikforschung ermög-
72 Vgl. auch Tanja Carstensen: "Das Internet" als Effekt diskursiver Bedeurungskämpfe. In: licht eine andere Sicht auf den Ausgang des Referendums in Frankreich formulie-
kommunikation@gesellschaft 7 (2006), Beitrag 5. Online-Publikation: http://www.soz.uni- ren: Die Mehrheit der Franzosen war und ist Gegner des europäischen Einigungs-
frankfurt.de/K.G/B6_2006_Carstensen.pdf [Stand: 15.06.2007], die gezeigt hat, in welcher
Weise im Diskurs über Neue Medien und insbesondere über das Internet innerhalb der Ge- prozesses und insbesondere jenes vorgelegten Verfassungsentwurfes. Weblogs stell-
werkschaften grundlegende Probleme der Organisation und der Gesellschaft stellvertretend ten in diesem Moment das passende Medium dar, sich zu Wort zu melden. Dieses
verhandelt werden. Medienformat basiert auf einer (Software-)Technik, die ihre Nutzerinnen und
73 Dogfood: Blog auf der eins. In: Blogs!, 12.12.2004 (wie Anm. 45), S. 34. Nutzer im Sinne eines Enabling-Potenzials ermächtigt oder unterstützt, ihre Sicht-
74 "En France, on evalue le nombre de Blogs a plus de 1 millions, a relativiser puisque Skyrock,
Ia plateforme de Shcyrock, en revendique un million a elle seule." Pascal Riche, FrMerique
Roussel: Le Monde selon blog. Depuis cinq ans, ces carnets de bord se multiplient sur le
Net, devenant un contre-pouvoir et une source d'inspiration pour !es medias. In: Liberation, eu (encore ?) le phenomene Skyrock et l'appropriation en massedes Blogs par !es ados ce
11.12.2004. Was Frankreich anbetrifft, wird die Tatsache, dass bei Skyrock hauptsächlich qui avait eu pour effet en France de mediatiser ce nouveau util." Cedric Giorgi: Les blogs en
,,Ados" (Teenager) Weblogbetreiber/innen sind, in der Debatte um die Unterschiede norma- l'allmagne, lundi 19. septerobre 2005. [Weblog] Online-Publikation: htrp://cedricgior-
tiv festgestellt, "dass die Millionen von Skyrocks Blogs wohl auch ein ziemlich komisches gi. blogspirit.com/ archive/2005/09 /16/les-blogs-en-allemagne.html [Stand: 15 .06.2007].
Niveau haben. Lo"ic sprach dabei mehr von SMS-Blogs. Das wird halt vom Sender Skyrock 75 Dieser Diskurs beruht auf schlichten Behauptungen. Es gibt keinerlei empirisches Material,
gepusht und hat sich wohl verbreitet." Kommentar bei moe: Deutschland, Blog-Entwick- auf dessen Grundlage eine solche Argumentation belegt werden könnte.
lungsland? In: plasticthinking, 26.04.2005 (wie Anm. 34). Ganz ähnlich, wenn auch weni- 76 Vgl. beispielsweise den Eintrag "Bloggen für die deutsch-französischen Beziehungen". In:
ger pejorativ kommentiert Cedric Giorgi in "Les blogs en l'allmagne", der in Deutschland Das Frankreich-Blag (Klett-Verlag), 11.09.2006. [Weblog] Online-Publikation: http://
lebt und sich als Vermittler zwischen beiden Ländern positioniert: "Tour d' abors, il n'y a pas www.france-blog.info/?p=16 [Stand: 15.06.2007].
216 217
Klaus Schönberger Technik als Q;i.erschnittsdimension
weise zu artikulieren. Das Beziehungsgeflecht ist komplexer: Nicht die Weblogs blogs verstärkt zur persönlichen Selbstdarstellung zu nutzen. Aber auch im politi-
stürzten das europäische Einigungsprojekt ins Chaos, sondern ein Teil der Franzo- schen Alltagsgeschäfr erscheinen Weblogs für das Gros der deutschen Parlamenta-
sen nutzte diese Technik, um ihre Haltung publik zu machen, da sie bereits weit rier unattraktiv. Die Logik, nach der Parteien und Fraktionen in der repräsentati-
verbreitet ist und offensichtlich auf Resonanz in den klassischen Medien hoffen ven Demokratie funktionieren und organisiert sind, und die Subjektivität und Ge-
kann.77 schwindigkeit des Medienformats Weblog erscheinen derzeit als nicht kompati-
bel.78
Gleichermaßen wird beklagt, dass, während in Frankreich prominente Politiker
wie Nicolas Sarkozy, Segolene Royal, Francais Bayrou, Dominique Srrauss-Kahn
oder Alain Juppe ein eigenes Weblog führen, Deutschlands Parlamentarier mehr III Fazit: Horizonte des Vergleichs
als zurückhaltend seien.
Vor diesem Hintergrund käme es im Kontext von Weblogs darauf an, den Mo-
Wenn außerdem das Bild vom "lärmenden", "expressiven" Franzosen zur Ursa- dus der Aneignung des öffentlichen Raumes ZU analysieren. Dabei stellen sich aus
che verklärt wird, erscheint es aus der Perspektive der Kulturwissenschaftlichen Sicht der Kulturwissenschafrlichen Technikforschung einige Fragen, die den Hori-
Technikforschung hilfreich, die beiden politischen Systeme und Formen der demo- zont hinsichtlich der politischen Kultur vermeintlich "radikaler Franzosen" und
kratischen Repräsentation in die Analyse mit einzubeziehen, die in solchen Zu- "braver Deutscher" überschreitet:
schreibungen unberücksichtigt bleiben.
Sind die Weblogs in Frankreich tatsächlich ein Anzeichen für eine lebendige
Das deutsche Wahlverfahren beruht in weit größerem Maße auf einem Listen- Öffentlichkeit, die Diskussionen und Debatten widerspiegeln, oder umgekehrt,
verfahren, dem Verhältniswahlrecht, bei dem die Parteien selbst bestimmen, wer sind sie Ausdruck eines Mangels an öffentlicher Auseinandersetzung? Äußern sich
hierüber in das Parlament gewählt wird. Das französische Wahlsystem hingegen ist die Blagger und Blaggerinnen überwiegend deshalb, weil sie das Gefühl haben, an-
ein Mehrheitswahlrecht, bei dem die Abgeordneten direkt gewählt werden. Hier dernorts kein Gehör zu finden? Zu fragen wäre also, ob der Erfolg von Weblogs
kann nur ein Abgeordneter bzw. eine Abgeordnete den Wahlkreis gewinnen und eine 'Folge' von Konzentrationserscheinungen zwischen einigen wenigen Medien-
muss deshalb die absolute Mehrheit hinter sich bringen. Eine solche Personalisie- unternehmen und die Folge mangelnder Ausdrucksmöglichkeiten, insbesondere in
rung der politischen Repräsentation könnte daher mit einer Kultivierung der per- den Massenmedien, ist? Welche Rolle spielt hierbei der Zentralismus in Frank-
sönlichen Inszenierung von Aufrreten und Meinungen verbunden sein. In Frank- reich? Insofern wäre das Bild Frankreichs als Volk von Widerständigen daraufhin
reich begünstigt ein solch spezifisches Verhältnis zwischen Kandidaten und Wäh- zu befragen, inwiefern es möglicherweise nicht auch auf ein Defizit von demokrati-
lern die Nutzung einer dieser politischen Kultur entsprechenden Form der Selbst- schen Ausdrucksmöglichkeiten in Frankreich verweist und welche anderen Mög-
darstellung in Form von Weblogs. Hier steht auch aus Sicht der Wählernneu und lichkeiten der Mobilisierung von politischem Widerspruch im öffentlichen Leben
Wähler tatsächlich eine Person zur Wahl. Insofern macht es aus Sicht der Stimm- in Deutschland gegeben sind? 79
bürger tatsächlich auch Sinn, sich hier zu informieren und zu engagieren. Dies
ließe sich anhand der vergangeneu Wahlen in Frankreich beobachten. Im Gegen-
satz dazu in Deutschland, wo es für einen großen Teil der Kandidatinnen und Kan- 78 Vgl. hierzu auch die Untersuchung von Till Westermayer, der diese Problematik des Zusam-
didaten nicht darauf ankommt, direkt gewählt zu werden, sondern es von ihrer mentreffens der Logik einer Partei und eines Parteitags mit der Logik computervermittelter
Kommunikation arn Beispiel eines virtuellen Parteitags von Bündnis 90/Die GRÜNEN, he-
bzw. seiner Listenplatzierung abhängt, ob sie oder er in das Parlament gewählt rausgearbeitet hat. Till Westermayer: Politische Online-Kommunikation unter Wirklichkeits-
wird, dürfre dies nicht dazu ermuntern, ein Kommunikationsmittel wie die We- verdacht: Der Virtuelle Parteitag von Bündnis 90/Die Grünen Baden-Württemberg. In:
kommunikation@gesellschaft 4 (2003) 5. URL: http://www.soz.uni-frankfurr.de/K.G/
B5_2003_Westermayer.pdf [Stand: 15.06.2007].
79 Vielleicht gibt es in Deutschland für die Bürgerlinnen jenseits der politischen Parteien bes-
77 Vgl. hierzu auch die Nurzung der Internet-Foren der CDU anlässlich der sogenannten Hoh- sere oder vielleicht auch andere oder einfach nur mehr Möglichkeiten sich zu artikulieren
mann-Mfäre Ende 2003 durch ihre Parteibasis, die mit dem Beschluss der Parteiführung, als in Frankreich? "Es gibt keinen Zweifel, dass man - in Frankreich - manchmal ein paar
Hohmann wegen seiner antisemitischen Äußerungen aus der CDU auszuschließen, nicht Pflastersteine werfen muss, um wahrgenommen zu werden. Jeder weiß, dass das ein Zeichen
einverstanden war. Klaus Schönberger: Das Internet und die Hohmann-Affiire. Kulturwissen- dafür ist, dass die Transmissionsriemen zwischen Volk und Macht schwach sind. In anderen
schaftliche Perspektiven auf die Artikularion und Kontextualisierung von Amisemirismus Ländern Europas hat die Regierung bestimmte Zuständigkeiten und eine bestimmte Macht,
· und Neonationalismus. In: Andrea Hoffmann, Utz ]eggle, Reinhard fahler, Martin Ulmer aber sie ist nicht 'die Macht'. So zu reden ist schrecklich französisch und ... verrät viel.
(Hrsg.): Die kulturelle Seite des Antisemitismus zwischen Aufklärung und Shoah. Tübingen Frankreich ist sehr republikanisch und weniger demokratisch. (...)" (Übersetzung zit. n. eu-
2006, S. 299-329. Online verfügbar: http://wwwl.uni-hamburg.de/technik-kultur/down- rofropics. Presseschau. Onlinepublikation: http://www.eurotopics.net/de/presseschau/auto-
load/Schoenberger_Hohmann_Internet.pdf [Stand: 15.06.2007]. renindex/autor_weck_roger_de/ [Stand: 15.06.2007]). Im Orginalartikel heißt es weiter:
218 219
Klaus Schönberger Technik als Querschnittsdimension
In diesem Zusammenhang wäre gerade vor dem Hintergrund der jugendkultu- English Summary
rellen Praktiken des Bloggens zu prüfen, in welcher Weise die jeweiligen Schul-
und Bildungssysteme dazu beitragen, dass in Deutschland bisher weniger Interesse KLAus ScHÖNBERGER: Technology as cross-section dimension. Culrural-scientific technology
am Bloggen besteht als in Frankreich. Eine Hypothese könnte lauten, dass für die research by the example of weblog use in France and Germany
deutschen Schülerinnen und Schüler sowie Studierenden deshalb ein geringerer Against the backdrop of the historical processes of (industrial) mechanization and in the fra-
Bedarf besteht sich mittels Weblogs auszudrücken, da die unterschiedlichen For- mework of the German Volkskunde, a discipline which has been for a long time dominared by an
men der Vergesellschaftung (förderal, dezentral, geringere Verschulung, andere For- abstinence from technology, the article outlines the development of the concept of cultural-scien-
tific technology research. Constirutive for this concept arenot only the materialiry of the technol-
men der Partizipation und Teilhabe) andere Gelegenheiten bieten, Hoffnungen, ogy and the users but also biographic experiences in terms ofhabiruation and familiarization as a
Wünsche, Bedürfnisse, Meinungen und Kritik etc. zu artikulieren. further historical dimension. By the example of the discourse about the different uses of the In-
ternet-based media format weblog in France and Germany the article shows in which respecrs
Es geht also nicht darum, Unterschiede zu leugnen, sondern zunächst einmal culrural-scientific technology research provides an extended analysis perspective. Both in relation
frei zu legen, inwiefern jenseits kulturalisierender Diskurse grundlegende und wei- to technology-deterministically and culturalistically abbreviated explanations of the empirical dif-
terreichende Ursachenforschung betrieben werden kann. Unstrittig dürfte sein, ferences in the diffusion as weil as in the practices of blogging, the article insists on the necessiry
dass mit dem Reden über die Differenzen im Besonderen und dem Diskurs über of including basic political, economic and instirutional conditions. Concretely it is asked, in how
Technik im Allgemeinen Bilder über die jeweils 'eigene' und die 'andere' Gesell- far the political as weil as the educational system contribute ro the production of these differ-
ences.
schaft hergestellt werden. Dabei werden von sehr unterschiedlichen Akteuren his-
torische Bezüge reklamiert, die jeweils spezifische Vorstellungen über die Möglich-
keiten und Bedingungen der Technisierung des Alltages zum Ausdruck bringen.
Das bedeutet auch keineswegs, dass diese in Frankreich frühere Etablierung von
Weblog-Anbietern und die massenhafte schnellere und offensichtlichere "Gewöh-
nung" nicht auch unterschiedliche kulturelle Muster im Umgang mit Texten und
Autorschaft anzeigen (können). Das deutsche Beispiel zeigt, dass die Möglichkeit
von selbstreflexiver Autorschaft (wie es etwa das Tagebuchschreiben voraussetzt
und hervorbringt) sowie technisierte Kommunikation nicht selbstverständlich und
automatisch zusammenkommen.
Es sollte deutlich gemacht werden, in welcher Weise die Analyse der Praktiken
des Bloggens sowie die Diskussion der damit mehr oder weniger verbundenen Dis-
kurse über Weblogs von einem multiperspektivischen Ansatz wie dem der 'Kultur-
wissenschaftlichen Technikforschung profitieren kann. Der Blick auf die Debatten
über Technisierung, die Materialität der Technik selbst, die Nutzungspraktiken so-
wie die politischen, ökonomischen und instimtionellen Rahmenbedingungen ver-
einfachen keineswegs die Antworten, ermöglichen jedoch einen weiterreichenden
Fragehorizont.
"Le paradoxe franc;ais consiste a faire appel a Ia bonne volonte de citoyens dont Ia volonte ne
compte guere. Et quand ils se rebiffent, on deplore !es 'blocages' de Ia societe ou le blocus de
Ia Sorbonne, tout comme !es Franc;ais ont bloque Ia Constirution europeenne et de ce fair
l'Europe tout entiere. Le debat sur Je traite constiturionnel aurait ete bien plus terre a
terre et nuance si !es referendums etaient cbose COUrante Oll, pour le moins, si Ia demo-
cratie franc;aise donnait voix au chapitre aux representants du peuple qui vegetent a
!'Assemblee nationale." Roger de Weck: Frankreich überrascht, ohne zu überraschen. In: Les
Echos, 22.03.2006. Online verfügbar: http:/ /www.lesechos.fr/journal20060322/lecl_idees/
4398345.htm [Stand: 15.06.2007].
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Zeitschrift
für Volkskunde
Im Auftrag der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde
herausgegeben von
Silke Göttsch und Reinhard Johler,
Sabine Doering-Manteuffel und Uwe Meiners
103. Jahrgang 2007
Waxmann: Münster I New York I München I Berlin