Und ewig zieht die Karawane...
Kulturtourismus als Instrument zur Förderung der Tuareg-Kultur in der Region Agadez?
Von Harald A. Friedl
Erschienen in: In: Kurt Luger, Karlheinz Wöhler (2008): Welterbe und Tourismus – World
Heritage and Tourism. Schützen und Nützen aus einer Perspektive der Nachhaltigkeit. Innsbruck:
Studien-Verlag, S. 407-424.
Zusammenfassung
In der Sahel-Region Agadez (Westafrika) leben viele der Kel Ewey-Tuareg noch als Nomaden
und Karawaniers. Ein Teil ihres natürlichen Lebensraums, das Aïr-Ténéré-Reservat, wurde
aufgrund der einzigartigen Kombination von Natur- und Kulturelementen bereits vor Jahren in
die UNESCO-Liste aufgenommen. Nun sollen auch die nach wie vor genutzten Karawanenwege
sowie die alte „Hauptstadt“ der Tuareg, Agadez, zum Welt-Kulturerbe ernannt werden.
Der politische, ökonomische und ökologische Wandel der Lebensbedingungen in der Region
Agadez setzt die Tuareg unter wachsenden Anpassungsdruck. Auf der Suche nach neuen
Einkommensquellen wird im Ethnotourismus eine Chance gesehen traditionelle Lebensweisen zu
fördern, aber auch Tuareg mit modernem Hintergrund zu integrieren. Die unkontrollierte
Tourismusentwicklung, die aus einer langjährigen Rebellion hervorgegangen war, schien diese
Hoffnungen vorerst zu enttäuschen. Seit sich innerhalb der Organisation der örtlichen
Agenturbetreiber ein grundlegender Umdenkprozess durchsetzt, scheint sich die
Tourismusentwicklung in geordnete Bahnen mit höheren integrativen Effekten und geringeren
destruktiven Auswirkungen zu bewegen. Vor diesem neuen Hintergrund verspricht die
Anerkennung von Agadez als Weltkulturerbe einen realistischen Beitrag zur Förderung eines
sozialverträglichen Tourismus leisten zu können.
Abstract
In the Sahel region of Agadez in Niger many members of the Kel Ewey Tuareg still live as
nomads and caravaners. Part of their traditional natural territory, the Aïr-Ténéré Reserve, was
inscribed on the UNESCO WHS list as early as 1991, due to its unique combination of natural
and cultural elements. Now also the ancient caravan route and the traditional Tuareg ‘capital’ of
Agadez are set for WHS inclusion.
The political, economic and environmental changes in living conditions in the Agadez region
have been placing the Tuareg under increasing pressure to adapt. In the search for new sources of
income, it appeared that ethnotourism could provide a chance to promote traditional lifestyles
while also enabling some integration. Then, with the uncontrolled development of tourism, as
well as years of military conflict and civil disturbance, these hopes seemed doomed. However,
thanks not least to a thorough reappraisal and rethinking within the organisation of local tourism
agencies, the development of tourism now appears set on a new and promising course, with a
more integrated approach and fewer destructive side-effects. Against this backdrop, the
inscription of Agadez as a World Heritage Site should be seen as a realistic contribution to
promoting socially acceptable tourism in the area.
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Inhalt
1. Region Agadez, Mythos Sahara, Mythos Tuareg ....................................................................2
2. Welterbe als Prestigeprojekt oder als strategisches Entwicklungsinstrument?........................3
2.1 Agadez..............................................................................................................................4
2.2 Aïr-Ténéré-Bioreservat ....................................................................................................4
2.3 Karawanenroute ...............................................................................................................6
3. Tuareg-Kultur im Wandel ........................................................................................................7
4. Tourismus als Chance und Bedrohung.....................................................................................9
5. Potenziale und Perspektiven für Tuareg und Touristen .........................................................12
6. Tourismus aus der Sicht der Tuareg.......................................................................................15
7. Fazit: „Geordneter“ Wandel bei kontrolliertem Tourismus...................................................16
„Wollte man die Dinge belassen, wie sie sind, man müsste alles verändern!“
Giacomo Lampedusa (Der Leopard)
1. Region Agadez, Mythos Sahara, Mythos Tuareg
Die Tuareg in der Zentralsahara gelten unter Europäern als Inbegriff einer exotischen Kultur in
einem extremen, faszinierenden Lebensraum. Diese kriegerische Nomadenkultur war die große
Barriere in der Sahara, an welcher die französischen Kolonialbestrebungen bis zum Beginn des
20. Jahrhunderts scheiterten. Dieser Umstand trug zur Bildung zahlreicher Mythen bei, welche
sich noch heute um diese Kultur ranken (vgl. Henry, 1996, S 265). Seit ihrer Unterwerfung durch
die Franzosen tragen die Tuareg den Nimbus des „typischen Sahara-Nomaden“. In dieser Rolle
dienen sie europäischen Reisenden, Touristikern und Forschern als eine beliebig gestaltbare
Projektionsfläche für Attribute wie „freiheitsliebend“ oder „edel und ehrwürdig“. Dies spiegelt
sich in klischeehaften Darstellungen wider, die auffallende Facetten dieser Kultur dem
europäischen Publikum in prachtvollen Bildbänden und TV-Dokumentationen als
„charakteristisch“ vermitteln sollen.
Ein besonders beliebtes und beeindruckendes Element der Tuareg-Kultur ist die Salzkarawane
(taghlam), denn dieser beschwerliche Marsch durch die Ténéré-Wüste bestätigt in hohem Maße
das europäische Image vom „freien Wüstenritter“. Vom Untergang eben dieser Kultur mitsamt
der Karawanen-Wirtschaft ist seit den 1960er Jahren in den Medien wiederholt die Rede, obwohl
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hinsichtlich der Karawanen für diesen Zeitraum keine signifikanten Veränderungen festgestellt
werden konnten (vgl. Spittler 2002, S 27). Unbestreitbar ist nur die Veränderung der
Lebensbedingungen der Tuareg in den letzten vierzig Jahren aufgrund von politischen,
wirtschaftlichen und ökologischen Umwälzungen sowie infolge zweier gravierender Dürren (vgl.
Spittler, 1989; Claudot-Hawad, 1993; Bourgeot, 1995).
Seit den 1970er Jahren wurden die vormals abgelegenen Lebensräume der Tuareg für Touristen
auf zunehmend einfachere und billigere Weise erreichbar. Dadurch eröffnete sich der verarmten
Region die Chance, Tourismus als Entwicklungsinstrument zu nutzen. Andererseits gerieten
nunmehr Vertreter zweier „Kulturen“ aneinander, die unterschiedlicher kaum sein könnten:
einerseits postmoderne Touristen, deren Wesen in der konsumtiven Bestätigung angeeigneter
Images liegt, und andererseits Nomaden, die scheinbar im Schatten der globalen Modernisierung
ihre archaische Lebensform bewahrt haben.
Oberflächlich betrachtet könnte man meinen, im Ethnotourismus bewahrheite sich das
Enzensberger’sche Paradox wonach der Tourist zerstöre, was er sucht, indem er es findet. Je
mehr postmoderne, mit Kameras ausgerüstete, in Eile befindliche, kaufwillige Touristen in
klimatisierten Allrad-Wägen zu abgelegenen Nomaden-Camps chauffiert werden, um dort
„authentische Souvenirs“ wie alte Ledertaschen und Ziegenkäse zu kaufen, desto eher werde sich
die ökonomische Basis dieser Camps weg von der Subsistenzwirtschaft hin zum
nachfrageorientierten Souvenirhandel verändern. Am Ende blieben von der Tuareg-Kultur nur ein
paar Schauziegen und Empfangszelte übrig, während die Schau-Nomaden hinter einer Düne im
klimatisierten Bungalow vor dem Batterie betriebenen Sat-TV grünen Tee schlürfen...
Ethnotourismus als Piefke-Saga à la Tuareg? Angesichts solcher Befürchtung fragt sich, ob die
Attraktivitätssteigerung der Tuareg-Kultur durch ihre Aufwertung als „UNESCO-Welterbe“ als
förderlich oder eher als problematisch zu bewerten sei.
2. Welterbe als Prestigeprojekt oder als strategisches Entwicklungsinstrument?
Die Tuareg leben seit der Dekolonialisierung als Minderheiten in Sahara- und Sahelgebieten der
Staaten Algerien, Libyen, Niger, Burkina Faso und Mali. Im äußersten Norden des Niger liegt die
Region Agadez, wo die Tuareg die größte Bevölkerungsgruppe stellen. Hier befinden sich drei
Kultur- bzw. Naturelemente der Tuareg, von denen eines den Status eines UNESCO-
Weltkulturerbes bereits innehat, während sich zwei weitere noch im Antragsstadium befinden.
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2.1 Agadez
Die größte Stadt der Region ist das gleichnamige Agadez. Diese Gründung der Tuareg-Nomaden
aus dem 15. Jahrhundert soll laut Ibn Batutas (zit. in Ritter, 1979, S 96) die „größte, schönste,
stärkste Stadt des Sudan“ gewesen sein. Infolge zunehmender Konflikte zwischen den Tuareg-
Stämmen wurde Agadez bald bedeutungslos. Im Jahr 1850 berichtete Heinrich Barth, der erste
europäische Besucher, von verfallenen Vierteln dieser zum Dorf verkommenen Ansiedlung (vgl.
Barth, 1986, S 183 ff.).
Für Saharatouristen ist Agadez aufgrund seiner touristischen Infrastruktur der zentrale
Anlaufpunkt. Zudem ist die Altstadt eine der wichtigsten baulichen Attraktionen im Niger. Noch
in den 1970er Jahren beschrieb Ritter (vgl. Ritter, 1979, S 93) Agadez als „ethnologisches
Freilichtmuseum“, in der „schwerttragende Nomaden (...), Gaukler, Wanderheilige (und)
Kamelkarawanen (...) zum Alltag gehören (...).“. Der Altstadt-Kern ist von einer sahelo-
sudanesischen Architektur geprägt, in der sich der starke Einfluss der zentralalgerischen Tuat-
Region widerspiegelt, mit der seit Jahrhunderten enge Handelsbeziehungen bestehen. Im ältesten
Stadtviertel, Katanga, liegen die bedeutendsten Gebäude der Stadt, die große Moschee mit dem
27 Meter hohen Lehmminarett und der Sultanspalast, beide aus dem 16. Jahrhundert. Weitere
sehenswerte Gebäude finden sich im schachbrettartigen Gewühl der angrenzenden Vierteln.
In den letzten Jahren drohten die historischen Viertel durch Modernisierung und Verarmung der
Stadt Schaden zu nehmen. Um diesem Verfall Einhalt zu gebieten und um der wachsenden
Bedeutung der Altstadt als touristische Attraktion sowie als Element der nationalen Identität zu
entsprechen, wurde im Jahr 1995 ihre Aufnahme in die UNESCO-Liste beantragt. Konkrete
Maßnahmen in Hinblick auf den Anerkennungsprozess wurden jedoch erst im Jahr 2002 in die
Wege geleitet, indem die wichtigsten Gebäude restauriert wurden (vgl. OQ1). Der Fortgang des
Anerkennungsprozesses wird seither von der Universität Bayreuth (vgl. OQ3) begleitet.
2.2 Aïr-Ténéré-Bioreservat
Das einzige bereits eingetragene UNESCO-Welterbe der Region Agadez ist das 77.360 km2
große „Réserve naturelle nationale de l’Aïr et du Ténéré“. Rund 400 Kilometer nordöstlich der
Stadt Agadez zwischen dem Aïr-Massiv und der Ténéré gelegen, wurde das Gebiet aufgrund
seiner darin befindlichen archäologischen Stätten sowie der reichen Fauna (35 Säuger, 160
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Vogel- und 27 Reptilienarten) unter Schutz gestellt. In diesem Gebiet leben zudem einige
Tausend nomadisierende und sesshafte Tuareg (vgl. OQ4). Im Zentrum dieses größten Reservats
Afrikas befindet sich ein 13.000 km2 großes, streng geschütztes Rückzugsgebiet für die Addax-
Antilope, wohin nur Wissenschaftler Zutritt haben.
In den 1980er Jahren hatten sinkende Einnahmen aus dem Uran-Export die Zentralregierung zur
Suche nach neuen Einnahmequellen gezwungen. Damals wurde die wachsende Bedeutung des
Tourismus erkannt und zur wirtschaftspolitischen Priorität erklärt (vgl. Grégoire, 1999, S 290).
Als Tourismus fördernde Maßnahme wurde die Region Aïr-Ténéré unter Schutz gesellt, um sie
zu einer lukrativen Attraktion aufzuwerten. Langfristig sollte sich dieses einzigartige Natur- und
Kultur-Ensemble durch Ökotourismus selbst finanzieren.
Die neue Einschränkung der Holz- und Weidenutzung führte unter der betroffenen Bevölkerung
anfänglich zu vereinzelten Zusammenstößen mit den Behörden. Darum wurde im Jahr 1990 das
ursprünglich rein Naturschutz-orientierte Konzept des WWF durch eine integrale, am Nutzen der
Bevölkerung orientierte Entwicklungsstrategie unter der Betreuung der IUCN ersetzt (vgl.
Aoutchiki, 1992, S 119). Zur Integration der sesshaften Bevölkerung in den Tourismus wurde im
Verwaltungszentrum des Reservats, in der Oase Iferouane, ein Naturkunde-Museum mit
Ausstellungs- und Verkaufsräumen für Kunsthandwerksprodukte errichtet.
Im Jahr 1991 zum UNESCO-Welterbe erklärt, wurde das Reservat bereits ein Jahr später wegen
der massiven Schädigung der Fauna durch Tuareg-Rebellen in die Liste der gefährdeten
Kulturerbe-Stätten aufgenommen. Das begleitende Entwicklungsprojekt wurde wegen der
Übergriffe auf Projektmitarbeiter bis 1999 unterbrochen (vgl. Allakaye, 2000, S 8), was zur
Ausweitung der Schäden führte. Mittlerweile ist der einstmals reiche Artenbestand an Großtieren
ernsthaft bedroht. Die exzessive Jagd durch Wilderer, besonders aber durch Militärangehörige
und Rebellen während des Bürgerkriegs, verursachte verheerende Schäden, die durch Dürren und
durch Weidekonkurrenz zwischen wildlebenden und domestizierten Tieren verschärft wurden.
Auch Touristen stellen eine gewisse Bedrohung der Fauna dar, wenn etwa Gazellen für ein
schönes Foto mit dem Geländewagen zu Tode gehetzt werden. Ein besonderes Problem ist das
Einsammeln von prähistorischen Artefakten durch Touristen und Agenturangehörige. Solchen
Fundstücken hatten Nomaden früher keinerlei Wert beigemessen, doch mittlerweile stellt für sie
der Verkauf von Pfeilspitzen an Touristen ein willkommenes Zusatzeinkommen dar.
Nach dem Ende der Tuareg-Rebellen, im Jahr 1997, wurde das Schutzgebiet zum
Biosphärenreservat aufgewertet. Damit wurde dem besonderen Wesen dieser Region Rechnung
getragen, in der eine nomadische Kultur in Symbiose mit einer speziellen Fauna und Flora unter
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extrem ariden Umweltbedingungen existiert. Mag das Reservat auch als Natur-Welterbe
anerkannt sein, sein Wesen liegt vielmehr in einem Naturbegriff, der nur vor dem Hintergrund
der dortigen Nomadenkultur als kultureller Lebensraum zu verstehen ist. Zeitgleich mit dieser
Anerkennung wurden ein Notprogramm der UNESCO zur Begrenzung der Umweltschäden
umgesetzt und die Projekte zur Integration der Nomaden wieder aufgenommen.
Derzeit ist man von einer nachhaltigen Eigenfinanzierung des „Kultur- und Naturparks“ durch
Ökotourismus weit entfernt, denn das Gebiet ist aufgrund seiner enormen Größe unkontrollierbar.
Weil aber aktive Schutzmaßnahmen unabdingbar sind, engagiert sich seit dem Jahr 2005 auch der
WWF wieder für die Rettung der verbliebenen Wildbestände unter Berücksichtigung der
Lebensgrundlagen der ansässigen Bevölkerung.
2.3 Karawanenroute
Beim zweiten, im Planungsstadium befindlichen UNESCO-Projekt handelt es sich um das nicht-
materielle Kulturgut der Karawanenpisten, welche die Kulturregion des „Sudan“ seit der Antike
bis ins 20. Jahrhundert mit dem Orient und dem Mittelmeer verbanden. Auf dem Gebiet der
Republik Niger befindet sich neben der alten „Sklavenroute“ zwischen Tschadsee und Fezzan
(Südlibyen) auch jene Karawanenroute, die noch heute von Kel Ewey-Tuareg genutzt wird: die
Salzkarawane (taghlam). Alljährlich nach der Regenzeit brechen Karawanen, beladen mit Datteln
und anderen Tauschwaren, von den Weideplätzen in Aïr auf, um die 500 km breite, baumlose
Ténéré zu durchqueren. Ziel dieser beschwerlichen Reise, zu deren Bewältigung zwei Wochen
lang täglich 16 Stunden marschiert wird, sind die Salzoasen Fachi und Bilma. Hier werden
Salzkegel (kantu) gekauft und zurück in die Aïr-Berge und dann weiter in den Süden
transportiert, wo der verbreiteten Viehzucht wegen hoher Bedarf an Salz besteht.
Die Erscheinung einer solchen Karawane hatte Europäern schon immer imponiert. Das liegt zum
einen an der enormen Leistung, die eine Sahara-Durchquerung abverlangt. Zum anderen ist die
Erscheinung einer Karawane in der Wüste ungemein beeindruckend. Schon in den 1950er Jahren
schilderten französische Kolonialbeamten begeistert das Auftauchen eines solchen grandiosen
Zuges, der damals noch 20.000 Kamele umfasste (vgl. Bernus, 1993, S 235). Heutzutage sind
Begegnungen mit Karawanen nicht mehr so pompös, tragen doch Karawaniers oftmals zerrissene
westliche Kleidung als Arbeitsgewand.
Die ersten Berichte über Karawanen stammen aus dem 15. Jahrhunderts (vgl. Spittler, 2002, S
26). Und obwohl seit dreißig Jahren der Untergang der Karawanenkultur beweint wird (vgl.
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Spittler, 1985; Ponath, 2003), zieht auch im dritten Jahrtausend immer noch eine große Anzahl
von Tieren alljährlich im Herbst durch die Ténéré. Im Jahr 1988 wurden in Bilma an die 50.000
Kamele registriert (vgl. Bourgeot, 1994, S 130). Gegenwärtig ziehen jährlich etwa 500
Karawanen mit insgesamt 16.000 Kamelen nach Bilma und weitere 200 Karawanen mit 7000
Kamelen nach Fachi. „Groß“ ist eine Karawane heute schon mit 260 Tieren. Mögen die
Karawanen auch kleiner geworden sein, so können insgesamt für das 20. Jahrhundert keine
Belege für eine langfristige Reduktion des Kamelbestands pro Besitzer festgestellt werden. Auch
das Tauschverhältnis von Kantus gegen Hirse weist seit den 1960er Jahren trotz erheblicher
Schwankungen keine generelle Verschlechterung auf. Wahrscheinlich verursachen wachsende
Viehbestände im Süden eine steigende Nachfrage nach Bilma-Salz (vgl. Spittler, 2002, S 28).
Die Besonderheit dieses „potenziellen“ Kulturerbes liegt in seiner zentralen ökonomischen,
kulturellen und logistischen Schlüsselrolle. Die Salzkarawane war konstitutiv für einige zentrale
Elemente des ökonomischen Systems der Tuareg:
- in Agadez brachen die Karawanen gemeinsam zu den Salzoasen auf, um sich gegen Überfälle
zu schützen;
- in die Oasen der Aïr-Berge lieferten die Karawanen aus dem Süden die lebenswichtige Hirse;
- für die Salzoasen stellten die Karawanen bis zur Kolonialisierung die einzige Verbindung zur
Außenwelt und somit die wichtigste Versorgungsquelle dar;
- im Süden lieferten die Karawanier den Viehzüchtern lebenswichtiges Salz, kauften von
Hirsebauern Getreide und überdauerten mit ihren Kamelen die Trockenzeit, weil hier bessere
Weiden zur Verfügung standen.
Aufgrund dieser Bedeutung der Karawanen für die ökonomische und soziokulturelle
Entwicklung des Sahel-Raums wurde im Jahr 1995 die Aufnahme der Salzroute in die UNESCO-
Liste beantragt. Seit dem Jahr 2002 werden Maßnahmen zur Erhaltung dieser und anderer
Karawanenrouten erarbeitet (vgl. OQ1).
3. Tuareg-Kultur im Wandel
Hinter den drei Phänomenen Agadez, Aïr-Ténéré-Bioreservat und Salzkarawane stehen die Kel
Ewey. Diese Tuareg-Gruppierung hatte sich seit dem 16. Jahrhundert in den Aïr-Bergen
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angesiedelt. Sie weist gegenüber anderen Tuareg-Gesellschaften einige Besonderheiten auf (vgl.
Bourgeot, 1995). Die Kel Ewey praktizierten schon früh eine differenzierte Wirtschaft, indem sie
die nomadische Ziegen- und Kamelzucht mit dem Karawanenhandel verbanden. Durch ihren
Dreieckshandel zwischen dem Aïr-Massiv, den Salzoasen und dem Süden, kombiniert mit dem
Element der Transhumanz, konnten sie das Risiko des Herdenverlusts durch Dürren reduzieren.
Ein weiteres wirtschaftliches Standbein stellt seit etwa 100 Jahren der Gartenbau dar, auf den
mittlerweile immer mehr Karawaniers umsatteln, denn er ist lukrativer als der Karawanenhandel
und erlaubt die ganzjährige Arbeit im Umfeld der Familie.
Was wie ein ausgewogenes, auf Tradition beruhendes Risikomanagement wirkt, ist jedoch die
Anpassung an veränderte ökonomische und politische Rahmenbedingungen, die durch die
Kolonialisierung geschaffen wurden. Vor dieser Zeit waren Karawanenhandel und Gartenbau der
Kel Ewey einer ständigen Bedrohung durch Überfälle ausgesetzt. Erst seit der „Befriedung“ der
Region begann sich der Gartenbau zu lohnen, und die Institution der Salzkarawane erlebte unter
Frankreich einen regelrechten Boom, der gegen Ende der 1950er Jahre seinen historischen
Höhepunkt erlangte, was die Anzahl an registrierten Kamelen im Bilma anbelangt.
Diese französische Förderung der Tuareg-Kultur, die zu deren Konservierung beitrug, hatte einen
besonderen Grund. In den Angehörigen der als „aristokratisch“ betrachteten, herrschenden
Gesellschaftsschicht der Tuareg meinten die ebenfalls adeligen Offiziere gleichsam ihre
barbarischen Vorfahren zu erkennen. Die äußerlichen Elemente, die dabei als Referenz dienten,
waren die „weiße“ Hautfarbe der Tuareg im Vergleich zu jener der Schwarzen, ihre „Herrschaft“
gegenüber den Sklaven und ihr „freies“ Nomadentum im Vergleich zu sesshaften Bauern. Auch
ihr Gesellschaftssystem wurde als „feudal“ interpretiert und insofern als dem alten französischen
Feudalsystem ebenbürtig angesehen (vgl. OQ2).
Diese französische Begeisterung führt dazu, dass den Tuareg der Zwang zur Anpassung an
veränderte ökonomische, politische und gesellschaftliche Bedingungen „erspart“ wurde. So
wurde etwa geduldet, dass Tuareg die Kinder ihrer Sklaven anstelle ihrer eigenen Kinder in die
Schulen schickten. Daraufhin konnte die damalige schwarze Bevölkerung nach der
Unabhängigkeit des Landes weit mehr gebildete Personen stellen, um höhere Positionen im
Staatsdienst zu übernehmen. Somit hatte die Förderung der „traditionellen“ Tuareg-Kultur deren
Anpassungsfähigkeit an neue Gegebenheiten beeinträchtigt.
Nach dem Wegfall der französischen Fürsprache, in den 1970er und 1980er Jahren, führte die
Kombination aus nomadenfeindlicher Regierungspolitik und verheerender Dürren zum
weitgehenden Zusammenbruch des Nomadismus. Durch die mehrheitliche Vernichtung der
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Herden hatten Tausende Nomaden ihre Lebensgrundlage verloren und mussten in
Flüchtlingslagern ihr Auskommen finden. Junge entwurzelte Tuareg, so genannte "Ischomars",
suchten Arbeit auf den Ölfeldern in Algerien oder als Söldner in Gaddafis Islamischer Armee.
4. Tourismus als Chance und Bedrohung
Ein weiteres neues Berufsfeld entdeckten die Ischomars im Tourismus. Mitte der 1980er Jahre
engagierte sich ein charismatischer und gebildeter Nomade aus dem Aïr, Mano Dayak, um die
"Targuisierung" und Dynamisierung des Niger-Tourismus. Dank guter Kontakte nach Europa
und der Fähigkeit, den Mythos der Wüste zu instrumentalisieren, löste er einen regelrechten
Tourismus-Boom aus. Bezeichnend für Mano Dayaks Tourismus-Ideologie war seine Ablehnung
von Ethnotourismus, den er als "Zootourismus" (Dayak, 1992, S 78) verurteilte. Um die
Bevölkerung vom Tourismus zu "verschonen", wurde zwar ausschließlich Wüstentourismus
veranstaltet, mit dessen Einnahmen aber die Dürre-geschädigte traditionelle Wirtschaft
subventioniert wurde.
Diese Strategie funktionierte bis zum Jahr 1991, als eine Rebellion der Ischomars gegen die
Zentralregierung ausbrach. Auslöser war die Rückkehr kampferprobter Ischomars aus Libyen,
nachdem sie von der Regierung dazu eingeladen worden waren. Doch statt auf den
versprochenen Arbeitsplätzen fanden sich die Ischomars in schlecht organisierten
Flüchtlingslagern wieder. Die daraus resultierenden Spannungen zwischen Ischomars und
Behörden eskalierten zu einem Massaker an Tuareg-Flüchtlingen durch das Militär, woraufhin
einige Ischomars zum bewaffneten Kampf gegen den Staat aufriefen. Nach anfänglichen
Erfolgen zerfiel die Front in zahlreiche unterschiedliche Gruppierungen, die verschiedene Dörfer
oder Familien repräsentierten und Privilegien zu erzwingen versuchten. Die Kampfhandlungen
zogen sich über Jahre dahin. Erst im Jahr 1997 legten die Rebellen unter dem Druck der
Bevölkerung ihre Waffen nieder und stimmten einem Friedensvertrag zu.
Die Kel Ewey waren während der Rebellion im Aïr praktisch isoliert. Alle
Entwicklungsorganisationen hatten die Region verlassen, wodurch die wirtschaftliche Lage der
Bevölkerung katastrophal wurde. Zugleich durchlief die Bevölkerung einen soziokulturellen
Modernisierungsschub, waren doch nunmehr viel mehr Eltern als früher bereit, ihre Kinder
unterrichten zu lassen. Unter Jugendlichen hatten sich infolge des Kontakts zu Ischomars neue
Vorlieben und Werte etabliert, etwa die Leidenschaft für die heroischen Rebellionsgesänge zu
Elektrogitarren-Begleitung.
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Zur Stabilisierung des Friedens finanzierte die EU regionale Projekte zur Integration der
Flüchtlinge und zur Revitalisierung der regionalen Wirtschaft. Eine wichtige Maßnahme war die
Einbindung der Ex-Rebellen in die regulären Sicherheitskräfte. Viele dieser Männer entdeckten
jedoch den Tourismus als ihr neues "Kampffeld". Jeder Ischomar, der sich während der Rebellion
ein Allradfahrzeug „organisiert“ hatte, eröffnete eine Agentur, sodass bald 70 neue Agenturen
existierten. Dieser neue Tourismus-Boom unterschied sich wesentlich von der Entwicklung unter
Mano Dayak, der als einigende politische und wirtschaftliche Kraft das Ziel verfolgt hatte, die
bedürftige Bevölkerung am Tourismuseinkommen zu beteiligen. Doch Mano Dayak war 1995
verunglückt und hatte ein Machtvakuum hinterlassen. Unter den neuen, chaotischen
Rahmenbedingungen brachte der Agenturmarkt sehr bald oligopolistische Strukturen hervor.
Denn da es den vielen kleinen Agenturen an geeigneten Kommunikationsmitteln, an Marketing-
Kapazitäten und an Kontakten zu europäischen Partnern fehlte, war es für die wenigen hoch
qualifizierten und erfahrenen Agenturen einfach, den Markt zu dominieren.
Die Mitarbeiter der meisten Unternehmen waren Nomaden und Rebellen. Sie konnten kochen
und einen Wagen chauffieren, doch wichtige touristische Kompetenzen wie die Beherrschung
von Fremdsprachen oder Kenntnisse über die Region fehlten ihnen weitgehend. Ursächlich dafür
sind die traditionellen Tuareg-Werte, denen die Mitarbeiter noch stark verbunden sind und die in
radikalem Widerspruch zu europäischen Werten stehen. So werden unter Nomaden keine
Kommandos erteilt oder Diskussionen mit Fremden geführt, geschweige denn Konflikte offen
ausgetragen. Auch die Vermittlung von abstraktem Wissen ist Nomaden fremd, da sie allein
durch Beobachtung und Übung lernen. Auch die Führung einer Karawane wird bewerkstelligt,
indem einfach gehandelt wird. Wer nicht freiwillig folgt, bliebe in der offenen Wüste zurück (vgl.
Spittler, 2002). Unter solchen Bedingungen wären Argumente überflüssig.
In ähnlich antiautoritärer, jedoch charmanter Weise handeln Touristen-Führer, wodurch zwischen
Reisegruppen und ihre Tuareg-Crew stets ein angenehmes Klima herrscht. Versuchen Touristen
jedoch mit Nomaden zu kommunizieren, dann führt der Mangel an interkultureller
Vermittlungskompetenz unter den Tuareg-Führern oft zu Missverständnissen. Sogar im Fall von
krassem touristischem Fehlverhalten, etwa wenn sich Touristen am Pool von Timia vor
Einheimischen entkleiden, um ein Bad zu nehmen, wird kommentarlos zugesehen.
Ein großes Problem für die touristische Regionalentwicklung wirft die spezifische Konfliktkultur
der Ischomars auf. Die schon während der Rebellion gepflogene Strategie,
Meinungsverschiedenheiten durch Spaltung und Kooperationsverweigerung zu „lösen“, wurde
nunmehr auch im Tourismus praktiziert. Weil keine Einigung über verbindliche Marktregelungen
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gefunden werden konnte, wurden etwa destruktive Dumpingpreise zu gängigen
Geschäftsmethoden. Ähnlich fahrlässig wurde auch gegenüber touristischen Attraktionen
gehandelt, um die Sympathie der Reisekunden nicht zu gefährden. So war es üblich, das
Einsammeln von prähistorischen Artefakten durch Reisende zu dulden oder gar Gazellen für gute
Fotos zu verfolgen. Dieses „Wild-West-Klima“ unter den „freien Tuareg-Unternehmern“ gipfelte
schließlich in der Praxis, dass Agenturen oder Ex-Rebellen, die sich benachteiligt fühlten,
unliebsame Konkurrenten ganz einfach überfielen. Diese Entwicklung mündete im Frühjahr des
Jahres 2007 in den Ausbruch neuerlicher Kampfhandlungen von Rebellen, verbunden mit
weitreichenden politischen Forderungen. Daraufhin verhängten die meisten europäischen Staaten
für die Region des Aïr-Massivs eine Reisewarnung. Für den Niger-Tourismus bedeutete dies eine
massive Beeinträchtigung.
Die Stadt Agadez hatte nach der Rebellion gleichfalls an ausbleibenden Investitionen in die
Erhaltung und touristischen Nutzung der Altstadt sowie in die Integration der Bevölkerung
gelitten. Zwar waren mittlerweile einige neue Hotels im ortsüblichen Stil entstanden, doch ein
Besuch der Stadt wurde für Touristen häufig zum Spießrutenlauf, indem sie von unzähligen
„Chasses de touristes“, nicht-zertifizierten Führern, bedrängt wurden. Darauf reagierten die
Reiseagenturen mit einer weitgehenden Meidung der Stadt, um ihren Kunden den „Dreck“ und
die „lästigen Kinder“ zu ersparen.
Die Probleme der Stadt Agadez sind die Folge eines raschen Wandels von einem kleinen
Verwaltungs- und Marktzentrum in den späten 1970er Jahren mit rund 20.000 Einwohnern zu
einer Agglomeration mit über 100.000 Menschen. Derzeit liegt das jährliche
Bevölkerungswachstum bei acht Prozent (vgl. Adamou, 1999), weil viele Nomaden vor
Problemen wie Dürren, Arbeitslosigkeit und medizinischer Unterversorgung nach Agadez
flüchten. Auf der Suche nach Arbeit enden viele Nomaden im Slum-Gürtel der Stadt. Deren
Kinder, die neue Ischomar-Generation, sehen wiederum im Tourismus eine Chance, sich als
Führer für wohlbegüterte, aber orientierungslose Touristen zu verdingen. In der Praxis bedeutet
dies, dass sich mehrere junge Menschen um einen Touristen streiten. Bisherige Versuche zur
Lösung dieses Problems, etwa durch Ausbildungsinitiativen, verbunden mit Lizenzvergaben,
scheiterten zumeist am tiefen Misstrauen der Ischomars gegenüber den Obrigkeiten.
Die chaotische Tourismusentwicklung in Agadez lässt sich auch durch die traditionelle Prägung
von politischen Würdenträgern aus den Reihen der Tuareg erklären. Weil das alte Tuareg-Ethos
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der autoritären Durchsetzung von unangenehmen Beschlüssen im Wege steht, reagierten die
vorhandenen Institutionen auf Verstöße bislang nur mit wirkungslosen Appellen.
Um diesen Zustand der traditionsbedingten Untätigkeit zu beenden, gründeten einige führende,
europäisch geprägte Agenturbetreiber im November 2000 ein neues Tourismussyndikat, das sich
sehr bald als ein aktives und erfolgreiches Instrument zur Tourismusförderung erwies.
Kurzerhand wurden Lehrgänge für Tourismuspersonal organisiert und ein Informationszentrum
im Herzen der Altstadt errichtet. Erstmals wurden Hotels, Führer und Reiseagenturen an
interessierte Reisende vermittelt, die bisher eigenständig im Gewühl der Stadt nach den weit
verstreuten, zumeist unbeschilderten Anbietern suchen mussten.
Die neue Tourismusorganisation gewann auch das Vertrauen von libyschen Investoren, die das
erste Vier-Sterne-Hotel, „La Paix“, errichteten. Weitere wichtige Neuerungen waren die
Organisation des „Festival de l’Aïr“ in Iferouane am Rande des Bioreservats. Diese
Veranstaltung entfaltete sich rasch zu einem großen Kulturevent, in dessen Rahmen traditionelle
Kulturelemente wie auch moderne Entwicklungen der Tuareg-Kultur präsentiert und gelebt
werden. Der wichtigste Erfolg war jedoch die Wiedereröffnung des renovierten Flughafens im
Jahr 2003, wodurch Agadez-Touristen endlich der beschwerliche Umweg über das 1000
Kilometer entfernte Niamey erspart wurde.
5. Potenziale und Perspektiven für Tuareg und Touristen
In den Jahren bis 2007 trugen die Einnahmen aus dem Tourismus spürbar zur Dynamisierung und
Stabilisierung der regionalen Wirtschaft bei. Viele Ischomars konnten als Fahrer, Führer oder
Koch beschäftigt und somit wieder in die Gesellschaft integriert werden.
Tuareg-Schmiede (enaden), die ihre nomadische Klientel infolge des sozialen Wandels
weitgehend verloren hatten, fanden in Touristen eine kauffreudige Kundschaft. Traditionelle
Produkte wie die berühmten silbernen "Tuareg-Kreuze", Schwerter oder farbig verzierte
Ledertaschen finden begeisterte Abnehmer. Mittlerweile entwickeln die Schmiede ihre Produkte
weiter, indem sie etwa westliche Motive integrieren. So finden sich nunmehr auch
Krippenfiguren aus geschwärztem Speckstein im Angebot. Die große Anpassungsfähigkeit der
Schmiede sowie ihr Feingefühl für den Umgang mit Touristen beruht auf ihrer Sonderstellung
innerhalb der Tuareg-Gesellschaft. Da sie außerhalb des Wertekodex „freien“ Viehnomaden
(imajeghen) stehen, unterstehen sie nicht den strengen Regeln der „Würde“ (asshaq) und der
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„Scham“ (tekaraqit), was ihnen besondere Freiheiten und Anpassungsspielräume eröffnet. Diese
Randposition kommt ihnen heute im interkulturellen Kontext besonders zugute.
Die entscheidende Herausforderung für die Tourismusentwicklung ist die Umverteilung der
touristischen Einnahmen auf die breite Bevölkerung. Derzeit konzentriert sich die
Wirtschaftsdynamik im Wesentlichen auf das urbane Zentrum Agadez, wo die Reisegruppen
beherbergt, ausgerüstet und auch mit einem Überangebot an Kunsthandwerk versorgt werden.
Nur einige wenige Täler werden durch ihnen nahestehende Agenturen subventioniert. Eine Studie
über das Tal Tidéne verdeutlichte, dass die Bevölkerung mittels traditioneller Vieh- und
Gartenbauwirtschaft nicht mehr überleben könnte, würden nicht wesentliche
Versorgungsleistungen durch im Tourismus tätige Angehörige erbracht werden (vgl.
Landrieu/Decoudras, 2001).
Abgelegene Dörfer, die entlang der klassischen Reiserouten liegen, profitieren ebenfalls vom
Tourismus. In Timia etwa werden Mandarinen, Orangen und Trauben von hoher Qualität für den
Markt in Agadez produziert, die nunmehr auch an Reisegruppen verkauft werden. In der Regel
werden aber die Dörfer von den Agenturen bewusst umfahren, vorgeblich um ihre Kunden nicht
um das Erlebnis der „Stille“ in der Wüste zu bringen, tatsächlich aber um zusätzliche Ausgaben
für Unterkünfte zu ersparen.
Diese Politik der Ausgrenzung zwingt junge Schmuckhändler dazu, über weite Strecken zu den
landschaftlichen Attraktionen am Rand der Ténéré zu wandern, wo sie auf Reisegruppen warten.
Auf diese Weise wird die Konkurrenz um die spärliche Kundschaft innerhalb der Dörfer
entschärft und gleichzeitig die Kontaktchance gegenüber potentiellen Neukunden gesteigert. In
der Regel reagieren Reisegruppen auf dieses unverbindliche Angebot an Schmuckstücken und
Schwertern mitten in der Wüste mit großer Kauflust.
Die höchste regionale Wertschöpfung mit den geringsten Sickerverlusten wird mit Kamel-
Trekking erzielt, indem die Nomaden ihre Kamele vermieten können. Das verdiente Kapital wird
wieder in den Kauf von Tieren investiert, weil mit zunehmender Größe einer Kamelherde die
Rentabilität und Attraktivität einer Salzkarawane – und damit auch die Überlebenschancen einer
Nomadenfamilie - steigen. Gleichzeitig profitiert das traditionelle Handwerk infolge einer
verstärkten Nachfrage nach Kamel-Sätteln. Zudem führen viele Trekking-Routen an Siedlungen
vorbei und ermöglichen dort – neben behutsamen Begegnungen zwischen Touristen und Tuareg -
zusätzliche wichtige Verkaufschancen für Kunsthandwerk und Gartenbau-Produkten. Auf diese
Weise trägt Tourismus zur unmittelbaren Förderung der traditionellen Wirtschaft bei.
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Eine interessante Perspektive eröffnet Tourismus den Betreibern von Salzkarawanen, die zu
begleiten für Europäer gleichsam das „letzte Abenteuer“ darstellt. Dessen kommerzielle
Vermarktung steckt zwar noch in den Kinderschuhen, könnte aber einen Zukunftsmarkt
darstellen. Durch die Gebühren für die Mitnahme von Touristen könnte die sinkende Rentabilität
der Salzkarawane kompensiert und damit deren Attraktivität als Wirtschaftsfaktor für junge
Tuareg gesteigert werden.
Eine weitere Einnahmequelle für Nomaden stellt auch die bezahlte Vorführung ihrer Reitkunst
dar. In den touristischen Fotografien von Hirten, gekleidet in ihre besten Indigo-Gewänder und
posierend auf stolzen Kamelen, sehen viele Tuareg die beste Werbung für ihre Kultur. Allerdings
ernten die Hirten für ihr Können auch von den Dorfbewohnern besondere Wertschätzung (vgl.
Spittler, 1998, S 229), weshalb sie auch an arrangierten Reiterspielen gerne teilnehmen.
In der Oase Timia erweist sich der Tourismus als ein wesentlicher Initiator für nachfolgende
Entwicklungsprojekte. Nicht wenige Besucher, die sich in den Ort „verliebt“ hatten, waren später
mit Hilfsprojekten zurückgekehrt. So hatte der langjährige Tuareg-Forscher Gerd Spittler
während der Dürreperiode von 1985 die Karawane mit Salzkäufen unterstützt (vgl. Spittler,
1989). Im Jahr 1997 gründete der französische Pensionist Michel Bellevin aus dem
normannischen Louviers den Hilfsverein "Les Amis de Timia" (www.lesamisdetimia.org), der
mit einer Vielzahl von Hilfsprojekten die traditionelle Wirtschaft, die Gesundheits- und
Schulversorgung, aber auch eine geordnete Entwicklung des lokalen Tourismus fördert. Als im
Jahr 2005 eine neuerliche Dürre das Dorf bedrohte, unterstützen zahlreiche ehemalige
Reisekunden des Autors dessen Sammlung, um damit Hirsekäufe der „Amis de Timia“ für
unterernährte Nomadenkinder mitzufinanzieren (vgl. Friedl, 2006a).
Diese Beispiele unterstreichen das wirtschaftliche Potenzial des Tourismus. Dessen Nutzung
bedingt jedoch die Kooperationsbereitschaft der Agenturen sowie auch die bedachte Gestaltung
der Reiserouten durch die europäischen Veranstalter, denn eine Steigerung der Wertschöpfung
setzt eine längere Verweildauer der Touristen bei der Bevölkerung voraus. Dies würde
zwangsläufig auch zu mehr soziokulturellem Einfluss durch Tourismus führen. Wie beurteilt die
betroffene Tuareg-Bevölkerung dieses Risiko des „Kulturverlusts“ durch Tourismus?
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6. Tourismus aus der Sicht der Tuareg
Um die Haltung der ländlichen Bevölkerung gegenüber dem Tourismus zu klären, führte der
Autor zwischen 1999 und 2001 eine Untersuchung in der Oase Timia durch (vgl. Friedl, 2007).
Dazu wurden die Interaktionen zwischen Touristen und der lokalen Bevölkerung beobachtet.
Zusätzlich wurden 45 Personen aus der Region Timia interviewt. Das Panel bestand aus 33
Männern und 12 Frauen im Alter von 17 bis 67 Jahren, die die wichtigsten Berufsgruppen
repräsentierten (Hirten, Karawaniers, Handwerker, Projektleiter, Lehrer, Schüler, Touristiker,
Politiker etc.) Die Hälfte der Probanden hatte niemals eine Schule besucht.
Die Ergebnisse der Studie verdeutlichten die einhellige Befürwortung des Tourismus. Beklagt
wurde hingegen das übliche Verhalten von Reisegruppen, vor dem Dorf nur kurz wegen des
Brunnens zu halten, dafür aber längere Zeit einige Kilometer abseits bei einem kleinen
Wasserfall, der „Cascade“, zu verbringen. Mit dem Wunsch nach einer längeren Verweildauer
der Touristen ist die Hoffnung verbunden, finanziell durch den Verkauf von Handwerks- und
Gartenbauprodukten, als ideell durch Gespräche und Kontakte zu Europa profitieren zu können.
Den Menschen sind die vielen neuen Probleme des Dorfes bewusst, die mit dem Wandel ihrer
Lebensbedingungen einhergehen. Zur Bewältigung dieser neuen Herausforderungen sind viele
der traditionellen Techniken nicht mehr geeignet. Darum gilt etwa die Bereitstellung von LKWs
für die Kooperative durch europäische Hilfsorganisationen als eine der wichtigsten
Unterstützungsleistungen der letzten Jahre. Diese Anbindung an die urbanen Märkte ermöglicht
Hirten den Umstieg von der ertraglosen Karawane auf den lukrativeren Gartenbau. Dadurch
können die Männer das ganze Jahr bei ihren Familien verbringen, drei Ernten pro Jahr erzielen
und im Falle einer Dürre nach neuerlichen Regenfällen sofort wieder zu produzieren beginnen.
Der Aufbau einer Dürre-geschädigten Herde benötigt hingegen mehrere Jahre.
Diese euphorischen Bekenntnisse für Tourismus erschienen geradezu unglaubwürdig, weshalb
der Autor ein Hochzeitsfest organisieren ließ, um etwaige Widersprüche zwischen dieser
Begeisterung und dem tatsächlichen Verhalten der Bevölkerung gegenüber Touristen beobachten
zu können. Doch sowohl die hohe Beteiligung der Kel Timia als auch deren begeisterte
Anteilnahme an diesem Fest, bei dem der Autor und seine Grazer Gefährtin die Rolle des
Brautpaars übernahmen (vgl. Friedl, 2006b), zerstreuten jeglichen Zweifel an der Ernsthaftigkeit
der geäußerten Meinungen.
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7. Fazit: „Geordneter“ Wandel bei kontrolliertem Tourismus
Angesichts dieser Darstellungen stellt sich die Frage, ob das Enzensberger’sche Paradoxon auch
im Falle der Tuareg-Kultur gilt: Zerstören Touristen tatsächlich die „heile“ Wüstenwelt der
Nomaden, die sie suchen, indem sie diese finden?
Die Lösung liegt wohl in der Entlarvung dieses Paradoxons, das auf einer utopischen, weil
statischen Vorstellung von traditioneller Kultur beruht. Tatsächlich aber ist die Lebenswelt der
Tuareg einem weit reichenden Wandel unterworfen. Die Verdrängung der traditionellen
Subsistenzwirtschaft durch die Einführung des Geldes und des Kriteriums der maximalen
Produktivität ist nicht nur die Folge der Kolonialisierung und Globalisierung. Sie ist auch eine
Folge der verbesserten Krankenversorgung und des damit verbundenen Bevölkerungswachstums.
So stieg die Einwohnerzahl des Einzugsgebiets von Timia in den letzten 30 Jahren um 600
Prozent. Für die jungen Menschen ist der Mangel an produktiver Arbeit ein großes Problem, denn
die traditionellen Produktionsmethoden stoßen bereits an ihre Grenzen. Mit der Ausweitung und
Intensivierung der Bodenbewirtschaftung geraten Gartenbauer und Hirten zunehmend in
Konflikte um das begrenzte Grundwasservorkommen und um die Nutzung der knappen Böden,
deren Ertragkraft sinkt.
Über diesen vergleichsweise „kleinen“ Problemen hängt das Damoklesschwert des
Klimawandels, der sich in Gestalt der Ausbreitung der Wüste bei gleichzeitigem Verlust an
Biodiversität bemerkbar macht. Dies bedeutet eine wachsende, irreversible Bedrohung der
Tuareg-Kultur insgesamt, ganz zu schweigen vom Aïr-Ténéré-Reservat und von den
Salzkarawanen. Angesichts dieser Gefahr und angesichts der Tatsache, dass die schlecht bezahlte
und illegale Gastarbeit in Libyen keine nachhaltige Alternative darstellt, erscheint die Sorge um
einen etwaigen Kulturwandel durch Tourismus geradezu zynisch.
Heute sehen viele Tuareg im Schulunterricht ihrer Kinder einen Weg in eine bessere Zukunft.
Meist bleiben diese Hoffnungen unerfüllt, weil der Staat Niger, das ärmste Land der Welt, kaum
Jobs anbieten kann, und für die traditionellen Arbeiten sind sich die Schulabsolventen bereits zu
„gut“. Als „Intellektuelle“ hoffen sie lieber auf Entwicklungsprojekte oder auf Touristen.
Kommerzialisierungseffekte der traditionellen Feste konnten trotz des im Jahr 2001
institutionalisierten „Festival de l'Aïr“ bislang nicht nachgewiesen werden. Vielmehr trug die
Popularität der Tuareg im Westen mit ihren „typischen“ äußeren Zeichen, etwa den
Gesichtsschleier (tagelmust), spürbar zur Hebung des Selbstbewusstseins unter den urbanen
Tuareg bei. In Agadez wird heute der Gesichtsschleier häufiger getragen als vor 20 Jahren, auch
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wenn sich der Wertehintergrund und insofern das Motiv völlig verändert haben. War das
Verhüllen des Gesichts früher Ausdruck des traditionellen Schamgefühls (tekaraqit), so gilt es
heute als „schick“, einen möglichst grellfarbenen Gesichtsschleier zu tragen.
Angesicht all dieser Umstände lässt sich bei den Tuareg keineswegs vom „Kulturzerstörer
Tourismus“ sprechen, ganz abgesehen davon, dass die Realität der „Tuareg-Kultur“ kaum den
europäischen Vorstellungen vom „Ritter der Wüste“ entspricht. Spezielle Tourismusformen wie
Kameltrekking sind sogar zweckdienlich, durch die Stärkung der ländlichen Wirtschaft zur
Bekämpfung von Landflucht und anderer Faktoren des Kulturwandels beizutragen.
Unbeantwortet bleiben muss an dieser Stelle die Frage, ob es überhaupt sinnvoll sei, traditionelle
Institutionen wie etwa die Salz-Karawane zu fördern und zu erhalten, obwohl sie von den
Betreibern selbst nicht mehr als rentabel betrachtet werden. Würde dies nicht bedeuten,
Strukturen, deren traditionelle „Bedeutung“ in Auflösung begriffen ist, künstlich zugunsten der
romantischen Sehnsucht der Europäer nach der guten alten Welt und nach ästhetischen Reizen zu
erhalten? Oder sollte vielmehr die Regel gelten, dass traditionelle Strukturen in der Dritten Welt
solange als nur irgendwie möglich zu erhalten seien, weil jede andere potenzielle
Überlebensvariante für diese Menschen noch unsicherer sei? Die Programme der „Amis de
Timia“ zur Förderung der Salzkarawanen aus Timia wurden jedenfalls höchst dankbar
aufgenommen, doch dies gilt auch für den Schutz der Karawanen durch die Kolonialmacht…
Einfacher beurteilen lässt sich hingegen die Förderungswürdigkeit von Tuareg-Tourismus:
Ethnotourismus-Kritiker können organisierte Reisen zu den Tuareg nicht verhindern. Das
vermögen allenfalls Banditen, deren Aktivitäten in den Zielmärkten zu Reisewarnungen und
damit zum Zusammenbruch der lokalen Tourismusökonomie führen. Was Kritiker aber
verhindern können, sind adäquate Maßnahmen zur Regulierung von touristischem Wildwuchs,
der zu Benachteiligung, Konflikten und damit auch zur sozialen Desintegration, Instabilität und
Kriminalität führt. Insofern kann die Aufnahme von Agadez und der Salzkarawane in die
UNESCO-Liste ein kleiner, aber wichtiger Schritt auf dem Weg hin zu einer umwelt- und
sozialverträglichen Tourismusentwicklung sein. Eine solche Entwicklung muss vom Bewusstsein
um die modernen Herausforderungen für die Tuareg-Kultur geprägt sein, aber auch vom
Bewusstsein um die Notwendigkeit, postmoderne Phänomene wie den Tourismus für das
Gedeihen der eigenen Kultur zu nutzen.
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MMag. Dr. Harald A. Friedl dissertierte über Ethnotourismus bei den Tuareg und lehrt
Tourismusethik und nachhaltige Tourismusentwicklung an der FH JOANNEUM, Studiengang
"Gesundheitsmanagement im Tourismus" in Bad Gleichenberg. Kontakt: harald.friedl@fh-
joanneum.at
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