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Und ewig zieht die Karawane... Kulturtourismus als Instrument zur Förderung der Tuareg-Kultur in der Region Agadez? Von Harald A. Friedl Erschienen in: In: Kurt Luger, Karlheinz Wöhler (2008): Welterbe und Tourismus – World Heritage and Tourism. Schützen und Nützen aus einer Perspektive der Nachhaltigkeit. Innsbruck: Studien-Verlag, S. 407-424. Zusammenfassung In der Sahel-Region Agadez (Westafrika) leben viele der Kel Ewey-Tuareg noch als Nomaden und Karawaniers. Ein Teil ihres natürlichen Lebensraums, das Aïr-Ténéré-Reservat, wurde aufgrund der einzigartigen Kombination von Natur- und Kulturelementen bereits vor Jahren in die UNESCO-Liste aufgenommen. Nun sollen auch die nach wie vor genutzten Karawanenwege sowie die alte „Hauptstadt“ der Tuareg, Agadez, zum Welt-Kulturerbe ernannt werden. Der politische, ökonomische und ökologische Wandel der Lebensbedingungen in der Region Agadez setzt die Tuareg unter wachsenden Anpassungsdruck. Auf der Suche nach neuen Einkommensquellen wird im Ethnotourismus eine Chance gesehen traditionelle Lebensweisen zu fördern, aber auch Tuareg mit modernem Hintergrund zu integrieren. Die unkontrollierte Tourismusentwicklung, die aus einer langjährigen Rebellion hervorgegangen war, schien diese Hoffnungen vorerst zu enttäuschen. Seit sich innerhalb der Organisation der örtlichen Agenturbetreiber ein grundlegender Umdenkprozess durchsetzt, scheint sich die Tourismusentwicklung in geordnete Bahnen mit höheren integrativen Effekten und geringeren destruktiven Auswirkungen zu bewegen. Vor diesem neuen Hintergrund verspricht die Anerkennung von Agadez als Weltkulturerbe einen realistischen Beitrag zur Förderung eines sozialverträglichen Tourismus leisten zu können. Abstract In the Sahel region of Agadez in Niger many members of the Kel Ewey Tuareg still live as nomads and caravaners. Part of their traditional natural territory, the Aïr-Ténéré Reserve, was inscribed on the UNESCO WHS list as early as 1991, due to its unique combination of natural and cultural elements. Now also the ancient caravan route and the traditional Tuareg ‘capital’ of Agadez are set for WHS inclusion. The political, economic and environmental changes in living conditions in the Agadez region have been placing the Tuareg under increasing pressure to adapt. In the search for new sources of income, it appeared that ethnotourism could provide a chance to promote traditional lifestyles while also enabling some integration. Then, with the uncontrolled development of tourism, as well as years of military conflict and civil disturbance, these hopes seemed doomed. However, thanks not least to a thorough reappraisal and rethinking within the organisation of local tourism agencies, the development of tourism now appears set on a new and promising course, with a more integrated approach and fewer destructive side-effects. Against this backdrop, the inscription of Agadez as a World Heritage Site should be seen as a realistic contribution to promoting socially acceptable tourism in the area. 1 Inhalt 1. Region Agadez, Mythos Sahara, Mythos Tuareg ....................................................................2 2. Welterbe als Prestigeprojekt oder als strategisches Entwicklungsinstrument?........................3 2.1 Agadez..............................................................................................................................4 2.2 Aïr-Ténéré-Bioreservat ....................................................................................................4 2.3 Karawanenroute ...............................................................................................................6 3. Tuareg-Kultur im Wandel ........................................................................................................7 4. Tourismus als Chance und Bedrohung.....................................................................................9 5. Potenziale und Perspektiven für Tuareg und Touristen .........................................................12 6. Tourismus aus der Sicht der Tuareg.......................................................................................15 7. Fazit: „Geordneter“ Wandel bei kontrolliertem Tourismus...................................................16 „Wollte man die Dinge belassen, wie sie sind, man müsste alles verändern!“ Giacomo Lampedusa (Der Leopard) 1. Region Agadez, Mythos Sahara, Mythos Tuareg Die Tuareg in der Zentralsahara gelten unter Europäern als Inbegriff einer exotischen Kultur in einem extremen, faszinierenden Lebensraum. Diese kriegerische Nomadenkultur war die große Barriere in der Sahara, an welcher die französischen Kolonialbestrebungen bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts scheiterten. Dieser Umstand trug zur Bildung zahlreicher Mythen bei, welche sich noch heute um diese Kultur ranken (vgl. Henry, 1996, S 265). Seit ihrer Unterwerfung durch die Franzosen tragen die Tuareg den Nimbus des „typischen Sahara-Nomaden“. In dieser Rolle dienen sie europäischen Reisenden, Touristikern und Forschern als eine beliebig gestaltbare Projektionsfläche für Attribute wie „freiheitsliebend“ oder „edel und ehrwürdig“. Dies spiegelt sich in klischeehaften Darstellungen wider, die auffallende Facetten dieser Kultur dem europäischen Publikum in prachtvollen Bildbänden und TV-Dokumentationen als „charakteristisch“ vermitteln sollen. Ein besonders beliebtes und beeindruckendes Element der Tuareg-Kultur ist die Salzkarawane (taghlam), denn dieser beschwerliche Marsch durch die Ténéré-Wüste bestätigt in hohem Maße das europäische Image vom „freien Wüstenritter“. Vom Untergang eben dieser Kultur mitsamt der Karawanen-Wirtschaft ist seit den 1960er Jahren in den Medien wiederholt die Rede, obwohl 2 hinsichtlich der Karawanen für diesen Zeitraum keine signifikanten Veränderungen festgestellt werden konnten (vgl. Spittler 2002, S 27). Unbestreitbar ist nur die Veränderung der Lebensbedingungen der Tuareg in den letzten vierzig Jahren aufgrund von politischen, wirtschaftlichen und ökologischen Umwälzungen sowie infolge zweier gravierender Dürren (vgl. Spittler, 1989; Claudot-Hawad, 1993; Bourgeot, 1995). Seit den 1970er Jahren wurden die vormals abgelegenen Lebensräume der Tuareg für Touristen auf zunehmend einfachere und billigere Weise erreichbar. Dadurch eröffnete sich der verarmten Region die Chance, Tourismus als Entwicklungsinstrument zu nutzen. Andererseits gerieten nunmehr Vertreter zweier „Kulturen“ aneinander, die unterschiedlicher kaum sein könnten: einerseits postmoderne Touristen, deren Wesen in der konsumtiven Bestätigung angeeigneter Images liegt, und andererseits Nomaden, die scheinbar im Schatten der globalen Modernisierung ihre archaische Lebensform bewahrt haben. Oberflächlich betrachtet könnte man meinen, im Ethnotourismus bewahrheite sich das Enzensberger’sche Paradox wonach der Tourist zerstöre, was er sucht, indem er es findet. Je mehr postmoderne, mit Kameras ausgerüstete, in Eile befindliche, kaufwillige Touristen in klimatisierten Allrad-Wägen zu abgelegenen Nomaden-Camps chauffiert werden, um dort „authentische Souvenirs“ wie alte Ledertaschen und Ziegenkäse zu kaufen, desto eher werde sich die ökonomische Basis dieser Camps weg von der Subsistenzwirtschaft hin zum nachfrageorientierten Souvenirhandel verändern. Am Ende blieben von der Tuareg-Kultur nur ein paar Schauziegen und Empfangszelte übrig, während die Schau-Nomaden hinter einer Düne im klimatisierten Bungalow vor dem Batterie betriebenen Sat-TV grünen Tee schlürfen... Ethnotourismus als Piefke-Saga à la Tuareg? Angesichts solcher Befürchtung fragt sich, ob die Attraktivitätssteigerung der Tuareg-Kultur durch ihre Aufwertung als „UNESCO-Welterbe“ als förderlich oder eher als problematisch zu bewerten sei. 2. Welterbe als Prestigeprojekt oder als strategisches Entwicklungsinstrument? Die Tuareg leben seit der Dekolonialisierung als Minderheiten in Sahara- und Sahelgebieten der Staaten Algerien, Libyen, Niger, Burkina Faso und Mali. Im äußersten Norden des Niger liegt die Region Agadez, wo die Tuareg die größte Bevölkerungsgruppe stellen. Hier befinden sich drei Kultur- bzw. Naturelemente der Tuareg, von denen eines den Status eines UNESCO- Weltkulturerbes bereits innehat, während sich zwei weitere noch im Antragsstadium befinden. 3 2.1 Agadez Die größte Stadt der Region ist das gleichnamige Agadez. Diese Gründung der Tuareg-Nomaden aus dem 15. Jahrhundert soll laut Ibn Batutas (zit. in Ritter, 1979, S 96) die „größte, schönste, stärkste Stadt des Sudan“ gewesen sein. Infolge zunehmender Konflikte zwischen den Tuareg- Stämmen wurde Agadez bald bedeutungslos. Im Jahr 1850 berichtete Heinrich Barth, der erste europäische Besucher, von verfallenen Vierteln dieser zum Dorf verkommenen Ansiedlung (vgl. Barth, 1986, S 183 ff.). Für Saharatouristen ist Agadez aufgrund seiner touristischen Infrastruktur der zentrale Anlaufpunkt. Zudem ist die Altstadt eine der wichtigsten baulichen Attraktionen im Niger. Noch in den 1970er Jahren beschrieb Ritter (vgl. Ritter, 1979, S 93) Agadez als „ethnologisches Freilichtmuseum“, in der „schwerttragende Nomaden (...), Gaukler, Wanderheilige (und) Kamelkarawanen (...) zum Alltag gehören (...).“. Der Altstadt-Kern ist von einer sahelo- sudanesischen Architektur geprägt, in der sich der starke Einfluss der zentralalgerischen Tuat- Region widerspiegelt, mit der seit Jahrhunderten enge Handelsbeziehungen bestehen. Im ältesten Stadtviertel, Katanga, liegen die bedeutendsten Gebäude der Stadt, die große Moschee mit dem 27 Meter hohen Lehmminarett und der Sultanspalast, beide aus dem 16. Jahrhundert. Weitere sehenswerte Gebäude finden sich im schachbrettartigen Gewühl der angrenzenden Vierteln. In den letzten Jahren drohten die historischen Viertel durch Modernisierung und Verarmung der Stadt Schaden zu nehmen. Um diesem Verfall Einhalt zu gebieten und um der wachsenden Bedeutung der Altstadt als touristische Attraktion sowie als Element der nationalen Identität zu entsprechen, wurde im Jahr 1995 ihre Aufnahme in die UNESCO-Liste beantragt. Konkrete Maßnahmen in Hinblick auf den Anerkennungsprozess wurden jedoch erst im Jahr 2002 in die Wege geleitet, indem die wichtigsten Gebäude restauriert wurden (vgl. OQ1). Der Fortgang des Anerkennungsprozesses wird seither von der Universität Bayreuth (vgl. OQ3) begleitet. 2.2 Aïr-Ténéré-Bioreservat Das einzige bereits eingetragene UNESCO-Welterbe der Region Agadez ist das 77.360 km2 große „Réserve naturelle nationale de l’Aïr et du Ténéré“. Rund 400 Kilometer nordöstlich der Stadt Agadez zwischen dem Aïr-Massiv und der Ténéré gelegen, wurde das Gebiet aufgrund seiner darin befindlichen archäologischen Stätten sowie der reichen Fauna (35 Säuger, 160 4 Vogel- und 27 Reptilienarten) unter Schutz gestellt. In diesem Gebiet leben zudem einige Tausend nomadisierende und sesshafte Tuareg (vgl. OQ4). Im Zentrum dieses größten Reservats Afrikas befindet sich ein 13.000 km2 großes, streng geschütztes Rückzugsgebiet für die Addax- Antilope, wohin nur Wissenschaftler Zutritt haben. In den 1980er Jahren hatten sinkende Einnahmen aus dem Uran-Export die Zentralregierung zur Suche nach neuen Einnahmequellen gezwungen. Damals wurde die wachsende Bedeutung des Tourismus erkannt und zur wirtschaftspolitischen Priorität erklärt (vgl. Grégoire, 1999, S 290). Als Tourismus fördernde Maßnahme wurde die Region Aïr-Ténéré unter Schutz gesellt, um sie zu einer lukrativen Attraktion aufzuwerten. Langfristig sollte sich dieses einzigartige Natur- und Kultur-Ensemble durch Ökotourismus selbst finanzieren. Die neue Einschränkung der Holz- und Weidenutzung führte unter der betroffenen Bevölkerung anfänglich zu vereinzelten Zusammenstößen mit den Behörden. Darum wurde im Jahr 1990 das ursprünglich rein Naturschutz-orientierte Konzept des WWF durch eine integrale, am Nutzen der Bevölkerung orientierte Entwicklungsstrategie unter der Betreuung der IUCN ersetzt (vgl. Aoutchiki, 1992, S 119). Zur Integration der sesshaften Bevölkerung in den Tourismus wurde im Verwaltungszentrum des Reservats, in der Oase Iferouane, ein Naturkunde-Museum mit Ausstellungs- und Verkaufsräumen für Kunsthandwerksprodukte errichtet. Im Jahr 1991 zum UNESCO-Welterbe erklärt, wurde das Reservat bereits ein Jahr später wegen der massiven Schädigung der Fauna durch Tuareg-Rebellen in die Liste der gefährdeten Kulturerbe-Stätten aufgenommen. Das begleitende Entwicklungsprojekt wurde wegen der Übergriffe auf Projektmitarbeiter bis 1999 unterbrochen (vgl. Allakaye, 2000, S 8), was zur Ausweitung der Schäden führte. Mittlerweile ist der einstmals reiche Artenbestand an Großtieren ernsthaft bedroht. Die exzessive Jagd durch Wilderer, besonders aber durch Militärangehörige und Rebellen während des Bürgerkriegs, verursachte verheerende Schäden, die durch Dürren und durch Weidekonkurrenz zwischen wildlebenden und domestizierten Tieren verschärft wurden. Auch Touristen stellen eine gewisse Bedrohung der Fauna dar, wenn etwa Gazellen für ein schönes Foto mit dem Geländewagen zu Tode gehetzt werden. Ein besonderes Problem ist das Einsammeln von prähistorischen Artefakten durch Touristen und Agenturangehörige. Solchen Fundstücken hatten Nomaden früher keinerlei Wert beigemessen, doch mittlerweile stellt für sie der Verkauf von Pfeilspitzen an Touristen ein willkommenes Zusatzeinkommen dar. Nach dem Ende der Tuareg-Rebellen, im Jahr 1997, wurde das Schutzgebiet zum Biosphärenreservat aufgewertet. Damit wurde dem besonderen Wesen dieser Region Rechnung getragen, in der eine nomadische Kultur in Symbiose mit einer speziellen Fauna und Flora unter 5 extrem ariden Umweltbedingungen existiert. Mag das Reservat auch als Natur-Welterbe anerkannt sein, sein Wesen liegt vielmehr in einem Naturbegriff, der nur vor dem Hintergrund der dortigen Nomadenkultur als kultureller Lebensraum zu verstehen ist. Zeitgleich mit dieser Anerkennung wurden ein Notprogramm der UNESCO zur Begrenzung der Umweltschäden umgesetzt und die Projekte zur Integration der Nomaden wieder aufgenommen. Derzeit ist man von einer nachhaltigen Eigenfinanzierung des „Kultur- und Naturparks“ durch Ökotourismus weit entfernt, denn das Gebiet ist aufgrund seiner enormen Größe unkontrollierbar. Weil aber aktive Schutzmaßnahmen unabdingbar sind, engagiert sich seit dem Jahr 2005 auch der WWF wieder für die Rettung der verbliebenen Wildbestände unter Berücksichtigung der Lebensgrundlagen der ansässigen Bevölkerung. 2.3 Karawanenroute Beim zweiten, im Planungsstadium befindlichen UNESCO-Projekt handelt es sich um das nicht- materielle Kulturgut der Karawanenpisten, welche die Kulturregion des „Sudan“ seit der Antike bis ins 20. Jahrhundert mit dem Orient und dem Mittelmeer verbanden. Auf dem Gebiet der Republik Niger befindet sich neben der alten „Sklavenroute“ zwischen Tschadsee und Fezzan (Südlibyen) auch jene Karawanenroute, die noch heute von Kel Ewey-Tuareg genutzt wird: die Salzkarawane (taghlam). Alljährlich nach der Regenzeit brechen Karawanen, beladen mit Datteln und anderen Tauschwaren, von den Weideplätzen in Aïr auf, um die 500 km breite, baumlose Ténéré zu durchqueren. Ziel dieser beschwerlichen Reise, zu deren Bewältigung zwei Wochen lang täglich 16 Stunden marschiert wird, sind die Salzoasen Fachi und Bilma. Hier werden Salzkegel (kantu) gekauft und zurück in die Aïr-Berge und dann weiter in den Süden transportiert, wo der verbreiteten Viehzucht wegen hoher Bedarf an Salz besteht. Die Erscheinung einer solchen Karawane hatte Europäern schon immer imponiert. Das liegt zum einen an der enormen Leistung, die eine Sahara-Durchquerung abverlangt. Zum anderen ist die Erscheinung einer Karawane in der Wüste ungemein beeindruckend. Schon in den 1950er Jahren schilderten französische Kolonialbeamten begeistert das Auftauchen eines solchen grandiosen Zuges, der damals noch 20.000 Kamele umfasste (vgl. Bernus, 1993, S 235). Heutzutage sind Begegnungen mit Karawanen nicht mehr so pompös, tragen doch Karawaniers oftmals zerrissene westliche Kleidung als Arbeitsgewand. Die ersten Berichte über Karawanen stammen aus dem 15. Jahrhunderts (vgl. Spittler, 2002, S 26). Und obwohl seit dreißig Jahren der Untergang der Karawanenkultur beweint wird (vgl. 6 Spittler, 1985; Ponath, 2003), zieht auch im dritten Jahrtausend immer noch eine große Anzahl von Tieren alljährlich im Herbst durch die Ténéré. Im Jahr 1988 wurden in Bilma an die 50.000 Kamele registriert (vgl. Bourgeot, 1994, S 130). Gegenwärtig ziehen jährlich etwa 500 Karawanen mit insgesamt 16.000 Kamelen nach Bilma und weitere 200 Karawanen mit 7000 Kamelen nach Fachi. „Groß“ ist eine Karawane heute schon mit 260 Tieren. Mögen die Karawanen auch kleiner geworden sein, so können insgesamt für das 20. Jahrhundert keine Belege für eine langfristige Reduktion des Kamelbestands pro Besitzer festgestellt werden. Auch das Tauschverhältnis von Kantus gegen Hirse weist seit den 1960er Jahren trotz erheblicher Schwankungen keine generelle Verschlechterung auf. Wahrscheinlich verursachen wachsende Viehbestände im Süden eine steigende Nachfrage nach Bilma-Salz (vgl. Spittler, 2002, S 28). Die Besonderheit dieses „potenziellen“ Kulturerbes liegt in seiner zentralen ökonomischen, kulturellen und logistischen Schlüsselrolle. Die Salzkarawane war konstitutiv für einige zentrale Elemente des ökonomischen Systems der Tuareg: - in Agadez brachen die Karawanen gemeinsam zu den Salzoasen auf, um sich gegen Überfälle zu schützen; - in die Oasen der Aïr-Berge lieferten die Karawanen aus dem Süden die lebenswichtige Hirse; - für die Salzoasen stellten die Karawanen bis zur Kolonialisierung die einzige Verbindung zur Außenwelt und somit die wichtigste Versorgungsquelle dar; - im Süden lieferten die Karawanier den Viehzüchtern lebenswichtiges Salz, kauften von Hirsebauern Getreide und überdauerten mit ihren Kamelen die Trockenzeit, weil hier bessere Weiden zur Verfügung standen. Aufgrund dieser Bedeutung der Karawanen für die ökonomische und soziokulturelle Entwicklung des Sahel-Raums wurde im Jahr 1995 die Aufnahme der Salzroute in die UNESCO- Liste beantragt. Seit dem Jahr 2002 werden Maßnahmen zur Erhaltung dieser und anderer Karawanenrouten erarbeitet (vgl. OQ1). 3. Tuareg-Kultur im Wandel Hinter den drei Phänomenen Agadez, Aïr-Ténéré-Bioreservat und Salzkarawane stehen die Kel Ewey. Diese Tuareg-Gruppierung hatte sich seit dem 16. Jahrhundert in den Aïr-Bergen 7 angesiedelt. Sie weist gegenüber anderen Tuareg-Gesellschaften einige Besonderheiten auf (vgl. Bourgeot, 1995). Die Kel Ewey praktizierten schon früh eine differenzierte Wirtschaft, indem sie die nomadische Ziegen- und Kamelzucht mit dem Karawanenhandel verbanden. Durch ihren Dreieckshandel zwischen dem Aïr-Massiv, den Salzoasen und dem Süden, kombiniert mit dem Element der Transhumanz, konnten sie das Risiko des Herdenverlusts durch Dürren reduzieren. Ein weiteres wirtschaftliches Standbein stellt seit etwa 100 Jahren der Gartenbau dar, auf den mittlerweile immer mehr Karawaniers umsatteln, denn er ist lukrativer als der Karawanenhandel und erlaubt die ganzjährige Arbeit im Umfeld der Familie. Was wie ein ausgewogenes, auf Tradition beruhendes Risikomanagement wirkt, ist jedoch die Anpassung an veränderte ökonomische und politische Rahmenbedingungen, die durch die Kolonialisierung geschaffen wurden. Vor dieser Zeit waren Karawanenhandel und Gartenbau der Kel Ewey einer ständigen Bedrohung durch Überfälle ausgesetzt. Erst seit der „Befriedung“ der Region begann sich der Gartenbau zu lohnen, und die Institution der Salzkarawane erlebte unter Frankreich einen regelrechten Boom, der gegen Ende der 1950er Jahre seinen historischen Höhepunkt erlangte, was die Anzahl an registrierten Kamelen im Bilma anbelangt. Diese französische Förderung der Tuareg-Kultur, die zu deren Konservierung beitrug, hatte einen besonderen Grund. In den Angehörigen der als „aristokratisch“ betrachteten, herrschenden Gesellschaftsschicht der Tuareg meinten die ebenfalls adeligen Offiziere gleichsam ihre barbarischen Vorfahren zu erkennen. Die äußerlichen Elemente, die dabei als Referenz dienten, waren die „weiße“ Hautfarbe der Tuareg im Vergleich zu jener der Schwarzen, ihre „Herrschaft“ gegenüber den Sklaven und ihr „freies“ Nomadentum im Vergleich zu sesshaften Bauern. Auch ihr Gesellschaftssystem wurde als „feudal“ interpretiert und insofern als dem alten französischen Feudalsystem ebenbürtig angesehen (vgl. OQ2). Diese französische Begeisterung führt dazu, dass den Tuareg der Zwang zur Anpassung an veränderte ökonomische, politische und gesellschaftliche Bedingungen „erspart“ wurde. So wurde etwa geduldet, dass Tuareg die Kinder ihrer Sklaven anstelle ihrer eigenen Kinder in die Schulen schickten. Daraufhin konnte die damalige schwarze Bevölkerung nach der Unabhängigkeit des Landes weit mehr gebildete Personen stellen, um höhere Positionen im Staatsdienst zu übernehmen. Somit hatte die Förderung der „traditionellen“ Tuareg-Kultur deren Anpassungsfähigkeit an neue Gegebenheiten beeinträchtigt. Nach dem Wegfall der französischen Fürsprache, in den 1970er und 1980er Jahren, führte die Kombination aus nomadenfeindlicher Regierungspolitik und verheerender Dürren zum weitgehenden Zusammenbruch des Nomadismus. Durch die mehrheitliche Vernichtung der 8 Herden hatten Tausende Nomaden ihre Lebensgrundlage verloren und mussten in Flüchtlingslagern ihr Auskommen finden. Junge entwurzelte Tuareg, so genannte "Ischomars", suchten Arbeit auf den Ölfeldern in Algerien oder als Söldner in Gaddafis Islamischer Armee. 4. Tourismus als Chance und Bedrohung Ein weiteres neues Berufsfeld entdeckten die Ischomars im Tourismus. Mitte der 1980er Jahre engagierte sich ein charismatischer und gebildeter Nomade aus dem Aïr, Mano Dayak, um die "Targuisierung" und Dynamisierung des Niger-Tourismus. Dank guter Kontakte nach Europa und der Fähigkeit, den Mythos der Wüste zu instrumentalisieren, löste er einen regelrechten Tourismus-Boom aus. Bezeichnend für Mano Dayaks Tourismus-Ideologie war seine Ablehnung von Ethnotourismus, den er als "Zootourismus" (Dayak, 1992, S 78) verurteilte. Um die Bevölkerung vom Tourismus zu "verschonen", wurde zwar ausschließlich Wüstentourismus veranstaltet, mit dessen Einnahmen aber die Dürre-geschädigte traditionelle Wirtschaft subventioniert wurde. Diese Strategie funktionierte bis zum Jahr 1991, als eine Rebellion der Ischomars gegen die Zentralregierung ausbrach. Auslöser war die Rückkehr kampferprobter Ischomars aus Libyen, nachdem sie von der Regierung dazu eingeladen worden waren. Doch statt auf den versprochenen Arbeitsplätzen fanden sich die Ischomars in schlecht organisierten Flüchtlingslagern wieder. Die daraus resultierenden Spannungen zwischen Ischomars und Behörden eskalierten zu einem Massaker an Tuareg-Flüchtlingen durch das Militär, woraufhin einige Ischomars zum bewaffneten Kampf gegen den Staat aufriefen. Nach anfänglichen Erfolgen zerfiel die Front in zahlreiche unterschiedliche Gruppierungen, die verschiedene Dörfer oder Familien repräsentierten und Privilegien zu erzwingen versuchten. Die Kampfhandlungen zogen sich über Jahre dahin. Erst im Jahr 1997 legten die Rebellen unter dem Druck der Bevölkerung ihre Waffen nieder und stimmten einem Friedensvertrag zu. Die Kel Ewey waren während der Rebellion im Aïr praktisch isoliert. Alle Entwicklungsorganisationen hatten die Region verlassen, wodurch die wirtschaftliche Lage der Bevölkerung katastrophal wurde. Zugleich durchlief die Bevölkerung einen soziokulturellen Modernisierungsschub, waren doch nunmehr viel mehr Eltern als früher bereit, ihre Kinder unterrichten zu lassen. Unter Jugendlichen hatten sich infolge des Kontakts zu Ischomars neue Vorlieben und Werte etabliert, etwa die Leidenschaft für die heroischen Rebellionsgesänge zu Elektrogitarren-Begleitung. 9 Zur Stabilisierung des Friedens finanzierte die EU regionale Projekte zur Integration der Flüchtlinge und zur Revitalisierung der regionalen Wirtschaft. Eine wichtige Maßnahme war die Einbindung der Ex-Rebellen in die regulären Sicherheitskräfte. Viele dieser Männer entdeckten jedoch den Tourismus als ihr neues "Kampffeld". Jeder Ischomar, der sich während der Rebellion ein Allradfahrzeug „organisiert“ hatte, eröffnete eine Agentur, sodass bald 70 neue Agenturen existierten. Dieser neue Tourismus-Boom unterschied sich wesentlich von der Entwicklung unter Mano Dayak, der als einigende politische und wirtschaftliche Kraft das Ziel verfolgt hatte, die bedürftige Bevölkerung am Tourismuseinkommen zu beteiligen. Doch Mano Dayak war 1995 verunglückt und hatte ein Machtvakuum hinterlassen. Unter den neuen, chaotischen Rahmenbedingungen brachte der Agenturmarkt sehr bald oligopolistische Strukturen hervor. Denn da es den vielen kleinen Agenturen an geeigneten Kommunikationsmitteln, an Marketing- Kapazitäten und an Kontakten zu europäischen Partnern fehlte, war es für die wenigen hoch qualifizierten und erfahrenen Agenturen einfach, den Markt zu dominieren. Die Mitarbeiter der meisten Unternehmen waren Nomaden und Rebellen. Sie konnten kochen und einen Wagen chauffieren, doch wichtige touristische Kompetenzen wie die Beherrschung von Fremdsprachen oder Kenntnisse über die Region fehlten ihnen weitgehend. Ursächlich dafür sind die traditionellen Tuareg-Werte, denen die Mitarbeiter noch stark verbunden sind und die in radikalem Widerspruch zu europäischen Werten stehen. So werden unter Nomaden keine Kommandos erteilt oder Diskussionen mit Fremden geführt, geschweige denn Konflikte offen ausgetragen. Auch die Vermittlung von abstraktem Wissen ist Nomaden fremd, da sie allein durch Beobachtung und Übung lernen. Auch die Führung einer Karawane wird bewerkstelligt, indem einfach gehandelt wird. Wer nicht freiwillig folgt, bliebe in der offenen Wüste zurück (vgl. Spittler, 2002). Unter solchen Bedingungen wären Argumente überflüssig. In ähnlich antiautoritärer, jedoch charmanter Weise handeln Touristen-Führer, wodurch zwischen Reisegruppen und ihre Tuareg-Crew stets ein angenehmes Klima herrscht. Versuchen Touristen jedoch mit Nomaden zu kommunizieren, dann führt der Mangel an interkultureller Vermittlungskompetenz unter den Tuareg-Führern oft zu Missverständnissen. Sogar im Fall von krassem touristischem Fehlverhalten, etwa wenn sich Touristen am Pool von Timia vor Einheimischen entkleiden, um ein Bad zu nehmen, wird kommentarlos zugesehen. Ein großes Problem für die touristische Regionalentwicklung wirft die spezifische Konfliktkultur der Ischomars auf. Die schon während der Rebellion gepflogene Strategie, Meinungsverschiedenheiten durch Spaltung und Kooperationsverweigerung zu „lösen“, wurde nunmehr auch im Tourismus praktiziert. Weil keine Einigung über verbindliche Marktregelungen 10 gefunden werden konnte, wurden etwa destruktive Dumpingpreise zu gängigen Geschäftsmethoden. Ähnlich fahrlässig wurde auch gegenüber touristischen Attraktionen gehandelt, um die Sympathie der Reisekunden nicht zu gefährden. So war es üblich, das Einsammeln von prähistorischen Artefakten durch Reisende zu dulden oder gar Gazellen für gute Fotos zu verfolgen. Dieses „Wild-West-Klima“ unter den „freien Tuareg-Unternehmern“ gipfelte schließlich in der Praxis, dass Agenturen oder Ex-Rebellen, die sich benachteiligt fühlten, unliebsame Konkurrenten ganz einfach überfielen. Diese Entwicklung mündete im Frühjahr des Jahres 2007 in den Ausbruch neuerlicher Kampfhandlungen von Rebellen, verbunden mit weitreichenden politischen Forderungen. Daraufhin verhängten die meisten europäischen Staaten für die Region des Aïr-Massivs eine Reisewarnung. Für den Niger-Tourismus bedeutete dies eine massive Beeinträchtigung. Die Stadt Agadez hatte nach der Rebellion gleichfalls an ausbleibenden Investitionen in die Erhaltung und touristischen Nutzung der Altstadt sowie in die Integration der Bevölkerung gelitten. Zwar waren mittlerweile einige neue Hotels im ortsüblichen Stil entstanden, doch ein Besuch der Stadt wurde für Touristen häufig zum Spießrutenlauf, indem sie von unzähligen „Chasses de touristes“, nicht-zertifizierten Führern, bedrängt wurden. Darauf reagierten die Reiseagenturen mit einer weitgehenden Meidung der Stadt, um ihren Kunden den „Dreck“ und die „lästigen Kinder“ zu ersparen. Die Probleme der Stadt Agadez sind die Folge eines raschen Wandels von einem kleinen Verwaltungs- und Marktzentrum in den späten 1970er Jahren mit rund 20.000 Einwohnern zu einer Agglomeration mit über 100.000 Menschen. Derzeit liegt das jährliche Bevölkerungswachstum bei acht Prozent (vgl. Adamou, 1999), weil viele Nomaden vor Problemen wie Dürren, Arbeitslosigkeit und medizinischer Unterversorgung nach Agadez flüchten. Auf der Suche nach Arbeit enden viele Nomaden im Slum-Gürtel der Stadt. Deren Kinder, die neue Ischomar-Generation, sehen wiederum im Tourismus eine Chance, sich als Führer für wohlbegüterte, aber orientierungslose Touristen zu verdingen. In der Praxis bedeutet dies, dass sich mehrere junge Menschen um einen Touristen streiten. Bisherige Versuche zur Lösung dieses Problems, etwa durch Ausbildungsinitiativen, verbunden mit Lizenzvergaben, scheiterten zumeist am tiefen Misstrauen der Ischomars gegenüber den Obrigkeiten. Die chaotische Tourismusentwicklung in Agadez lässt sich auch durch die traditionelle Prägung von politischen Würdenträgern aus den Reihen der Tuareg erklären. Weil das alte Tuareg-Ethos 11 der autoritären Durchsetzung von unangenehmen Beschlüssen im Wege steht, reagierten die vorhandenen Institutionen auf Verstöße bislang nur mit wirkungslosen Appellen. Um diesen Zustand der traditionsbedingten Untätigkeit zu beenden, gründeten einige führende, europäisch geprägte Agenturbetreiber im November 2000 ein neues Tourismussyndikat, das sich sehr bald als ein aktives und erfolgreiches Instrument zur Tourismusförderung erwies. Kurzerhand wurden Lehrgänge für Tourismuspersonal organisiert und ein Informationszentrum im Herzen der Altstadt errichtet. Erstmals wurden Hotels, Führer und Reiseagenturen an interessierte Reisende vermittelt, die bisher eigenständig im Gewühl der Stadt nach den weit verstreuten, zumeist unbeschilderten Anbietern suchen mussten. Die neue Tourismusorganisation gewann auch das Vertrauen von libyschen Investoren, die das erste Vier-Sterne-Hotel, „La Paix“, errichteten. Weitere wichtige Neuerungen waren die Organisation des „Festival de l’Aïr“ in Iferouane am Rande des Bioreservats. Diese Veranstaltung entfaltete sich rasch zu einem großen Kulturevent, in dessen Rahmen traditionelle Kulturelemente wie auch moderne Entwicklungen der Tuareg-Kultur präsentiert und gelebt werden. Der wichtigste Erfolg war jedoch die Wiedereröffnung des renovierten Flughafens im Jahr 2003, wodurch Agadez-Touristen endlich der beschwerliche Umweg über das 1000 Kilometer entfernte Niamey erspart wurde. 5. Potenziale und Perspektiven für Tuareg und Touristen In den Jahren bis 2007 trugen die Einnahmen aus dem Tourismus spürbar zur Dynamisierung und Stabilisierung der regionalen Wirtschaft bei. Viele Ischomars konnten als Fahrer, Führer oder Koch beschäftigt und somit wieder in die Gesellschaft integriert werden. Tuareg-Schmiede (enaden), die ihre nomadische Klientel infolge des sozialen Wandels weitgehend verloren hatten, fanden in Touristen eine kauffreudige Kundschaft. Traditionelle Produkte wie die berühmten silbernen "Tuareg-Kreuze", Schwerter oder farbig verzierte Ledertaschen finden begeisterte Abnehmer. Mittlerweile entwickeln die Schmiede ihre Produkte weiter, indem sie etwa westliche Motive integrieren. So finden sich nunmehr auch Krippenfiguren aus geschwärztem Speckstein im Angebot. Die große Anpassungsfähigkeit der Schmiede sowie ihr Feingefühl für den Umgang mit Touristen beruht auf ihrer Sonderstellung innerhalb der Tuareg-Gesellschaft. Da sie außerhalb des Wertekodex „freien“ Viehnomaden (imajeghen) stehen, unterstehen sie nicht den strengen Regeln der „Würde“ (asshaq) und der 12 „Scham“ (tekaraqit), was ihnen besondere Freiheiten und Anpassungsspielräume eröffnet. Diese Randposition kommt ihnen heute im interkulturellen Kontext besonders zugute. Die entscheidende Herausforderung für die Tourismusentwicklung ist die Umverteilung der touristischen Einnahmen auf die breite Bevölkerung. Derzeit konzentriert sich die Wirtschaftsdynamik im Wesentlichen auf das urbane Zentrum Agadez, wo die Reisegruppen beherbergt, ausgerüstet und auch mit einem Überangebot an Kunsthandwerk versorgt werden. Nur einige wenige Täler werden durch ihnen nahestehende Agenturen subventioniert. Eine Studie über das Tal Tidéne verdeutlichte, dass die Bevölkerung mittels traditioneller Vieh- und Gartenbauwirtschaft nicht mehr überleben könnte, würden nicht wesentliche Versorgungsleistungen durch im Tourismus tätige Angehörige erbracht werden (vgl. Landrieu/Decoudras, 2001). Abgelegene Dörfer, die entlang der klassischen Reiserouten liegen, profitieren ebenfalls vom Tourismus. In Timia etwa werden Mandarinen, Orangen und Trauben von hoher Qualität für den Markt in Agadez produziert, die nunmehr auch an Reisegruppen verkauft werden. In der Regel werden aber die Dörfer von den Agenturen bewusst umfahren, vorgeblich um ihre Kunden nicht um das Erlebnis der „Stille“ in der Wüste zu bringen, tatsächlich aber um zusätzliche Ausgaben für Unterkünfte zu ersparen. Diese Politik der Ausgrenzung zwingt junge Schmuckhändler dazu, über weite Strecken zu den landschaftlichen Attraktionen am Rand der Ténéré zu wandern, wo sie auf Reisegruppen warten. Auf diese Weise wird die Konkurrenz um die spärliche Kundschaft innerhalb der Dörfer entschärft und gleichzeitig die Kontaktchance gegenüber potentiellen Neukunden gesteigert. In der Regel reagieren Reisegruppen auf dieses unverbindliche Angebot an Schmuckstücken und Schwertern mitten in der Wüste mit großer Kauflust. Die höchste regionale Wertschöpfung mit den geringsten Sickerverlusten wird mit Kamel- Trekking erzielt, indem die Nomaden ihre Kamele vermieten können. Das verdiente Kapital wird wieder in den Kauf von Tieren investiert, weil mit zunehmender Größe einer Kamelherde die Rentabilität und Attraktivität einer Salzkarawane – und damit auch die Überlebenschancen einer Nomadenfamilie - steigen. Gleichzeitig profitiert das traditionelle Handwerk infolge einer verstärkten Nachfrage nach Kamel-Sätteln. Zudem führen viele Trekking-Routen an Siedlungen vorbei und ermöglichen dort – neben behutsamen Begegnungen zwischen Touristen und Tuareg - zusätzliche wichtige Verkaufschancen für Kunsthandwerk und Gartenbau-Produkten. Auf diese Weise trägt Tourismus zur unmittelbaren Förderung der traditionellen Wirtschaft bei. 13 Eine interessante Perspektive eröffnet Tourismus den Betreibern von Salzkarawanen, die zu begleiten für Europäer gleichsam das „letzte Abenteuer“ darstellt. Dessen kommerzielle Vermarktung steckt zwar noch in den Kinderschuhen, könnte aber einen Zukunftsmarkt darstellen. Durch die Gebühren für die Mitnahme von Touristen könnte die sinkende Rentabilität der Salzkarawane kompensiert und damit deren Attraktivität als Wirtschaftsfaktor für junge Tuareg gesteigert werden. Eine weitere Einnahmequelle für Nomaden stellt auch die bezahlte Vorführung ihrer Reitkunst dar. In den touristischen Fotografien von Hirten, gekleidet in ihre besten Indigo-Gewänder und posierend auf stolzen Kamelen, sehen viele Tuareg die beste Werbung für ihre Kultur. Allerdings ernten die Hirten für ihr Können auch von den Dorfbewohnern besondere Wertschätzung (vgl. Spittler, 1998, S 229), weshalb sie auch an arrangierten Reiterspielen gerne teilnehmen. In der Oase Timia erweist sich der Tourismus als ein wesentlicher Initiator für nachfolgende Entwicklungsprojekte. Nicht wenige Besucher, die sich in den Ort „verliebt“ hatten, waren später mit Hilfsprojekten zurückgekehrt. So hatte der langjährige Tuareg-Forscher Gerd Spittler während der Dürreperiode von 1985 die Karawane mit Salzkäufen unterstützt (vgl. Spittler, 1989). Im Jahr 1997 gründete der französische Pensionist Michel Bellevin aus dem normannischen Louviers den Hilfsverein "Les Amis de Timia" (www.lesamisdetimia.org), der mit einer Vielzahl von Hilfsprojekten die traditionelle Wirtschaft, die Gesundheits- und Schulversorgung, aber auch eine geordnete Entwicklung des lokalen Tourismus fördert. Als im Jahr 2005 eine neuerliche Dürre das Dorf bedrohte, unterstützen zahlreiche ehemalige Reisekunden des Autors dessen Sammlung, um damit Hirsekäufe der „Amis de Timia“ für unterernährte Nomadenkinder mitzufinanzieren (vgl. Friedl, 2006a). Diese Beispiele unterstreichen das wirtschaftliche Potenzial des Tourismus. Dessen Nutzung bedingt jedoch die Kooperationsbereitschaft der Agenturen sowie auch die bedachte Gestaltung der Reiserouten durch die europäischen Veranstalter, denn eine Steigerung der Wertschöpfung setzt eine längere Verweildauer der Touristen bei der Bevölkerung voraus. Dies würde zwangsläufig auch zu mehr soziokulturellem Einfluss durch Tourismus führen. Wie beurteilt die betroffene Tuareg-Bevölkerung dieses Risiko des „Kulturverlusts“ durch Tourismus? 14 6. Tourismus aus der Sicht der Tuareg Um die Haltung der ländlichen Bevölkerung gegenüber dem Tourismus zu klären, führte der Autor zwischen 1999 und 2001 eine Untersuchung in der Oase Timia durch (vgl. Friedl, 2007). Dazu wurden die Interaktionen zwischen Touristen und der lokalen Bevölkerung beobachtet. Zusätzlich wurden 45 Personen aus der Region Timia interviewt. Das Panel bestand aus 33 Männern und 12 Frauen im Alter von 17 bis 67 Jahren, die die wichtigsten Berufsgruppen repräsentierten (Hirten, Karawaniers, Handwerker, Projektleiter, Lehrer, Schüler, Touristiker, Politiker etc.) Die Hälfte der Probanden hatte niemals eine Schule besucht. Die Ergebnisse der Studie verdeutlichten die einhellige Befürwortung des Tourismus. Beklagt wurde hingegen das übliche Verhalten von Reisegruppen, vor dem Dorf nur kurz wegen des Brunnens zu halten, dafür aber längere Zeit einige Kilometer abseits bei einem kleinen Wasserfall, der „Cascade“, zu verbringen. Mit dem Wunsch nach einer längeren Verweildauer der Touristen ist die Hoffnung verbunden, finanziell durch den Verkauf von Handwerks- und Gartenbauprodukten, als ideell durch Gespräche und Kontakte zu Europa profitieren zu können. Den Menschen sind die vielen neuen Probleme des Dorfes bewusst, die mit dem Wandel ihrer Lebensbedingungen einhergehen. Zur Bewältigung dieser neuen Herausforderungen sind viele der traditionellen Techniken nicht mehr geeignet. Darum gilt etwa die Bereitstellung von LKWs für die Kooperative durch europäische Hilfsorganisationen als eine der wichtigsten Unterstützungsleistungen der letzten Jahre. Diese Anbindung an die urbanen Märkte ermöglicht Hirten den Umstieg von der ertraglosen Karawane auf den lukrativeren Gartenbau. Dadurch können die Männer das ganze Jahr bei ihren Familien verbringen, drei Ernten pro Jahr erzielen und im Falle einer Dürre nach neuerlichen Regenfällen sofort wieder zu produzieren beginnen. Der Aufbau einer Dürre-geschädigten Herde benötigt hingegen mehrere Jahre. Diese euphorischen Bekenntnisse für Tourismus erschienen geradezu unglaubwürdig, weshalb der Autor ein Hochzeitsfest organisieren ließ, um etwaige Widersprüche zwischen dieser Begeisterung und dem tatsächlichen Verhalten der Bevölkerung gegenüber Touristen beobachten zu können. Doch sowohl die hohe Beteiligung der Kel Timia als auch deren begeisterte Anteilnahme an diesem Fest, bei dem der Autor und seine Grazer Gefährtin die Rolle des Brautpaars übernahmen (vgl. Friedl, 2006b), zerstreuten jeglichen Zweifel an der Ernsthaftigkeit der geäußerten Meinungen. 15 7. Fazit: „Geordneter“ Wandel bei kontrolliertem Tourismus Angesichts dieser Darstellungen stellt sich die Frage, ob das Enzensberger’sche Paradoxon auch im Falle der Tuareg-Kultur gilt: Zerstören Touristen tatsächlich die „heile“ Wüstenwelt der Nomaden, die sie suchen, indem sie diese finden? Die Lösung liegt wohl in der Entlarvung dieses Paradoxons, das auf einer utopischen, weil statischen Vorstellung von traditioneller Kultur beruht. Tatsächlich aber ist die Lebenswelt der Tuareg einem weit reichenden Wandel unterworfen. Die Verdrängung der traditionellen Subsistenzwirtschaft durch die Einführung des Geldes und des Kriteriums der maximalen Produktivität ist nicht nur die Folge der Kolonialisierung und Globalisierung. Sie ist auch eine Folge der verbesserten Krankenversorgung und des damit verbundenen Bevölkerungswachstums. So stieg die Einwohnerzahl des Einzugsgebiets von Timia in den letzten 30 Jahren um 600 Prozent. Für die jungen Menschen ist der Mangel an produktiver Arbeit ein großes Problem, denn die traditionellen Produktionsmethoden stoßen bereits an ihre Grenzen. Mit der Ausweitung und Intensivierung der Bodenbewirtschaftung geraten Gartenbauer und Hirten zunehmend in Konflikte um das begrenzte Grundwasservorkommen und um die Nutzung der knappen Böden, deren Ertragkraft sinkt. Über diesen vergleichsweise „kleinen“ Problemen hängt das Damoklesschwert des Klimawandels, der sich in Gestalt der Ausbreitung der Wüste bei gleichzeitigem Verlust an Biodiversität bemerkbar macht. Dies bedeutet eine wachsende, irreversible Bedrohung der Tuareg-Kultur insgesamt, ganz zu schweigen vom Aïr-Ténéré-Reservat und von den Salzkarawanen. Angesichts dieser Gefahr und angesichts der Tatsache, dass die schlecht bezahlte und illegale Gastarbeit in Libyen keine nachhaltige Alternative darstellt, erscheint die Sorge um einen etwaigen Kulturwandel durch Tourismus geradezu zynisch. Heute sehen viele Tuareg im Schulunterricht ihrer Kinder einen Weg in eine bessere Zukunft. Meist bleiben diese Hoffnungen unerfüllt, weil der Staat Niger, das ärmste Land der Welt, kaum Jobs anbieten kann, und für die traditionellen Arbeiten sind sich die Schulabsolventen bereits zu „gut“. Als „Intellektuelle“ hoffen sie lieber auf Entwicklungsprojekte oder auf Touristen. Kommerzialisierungseffekte der traditionellen Feste konnten trotz des im Jahr 2001 institutionalisierten „Festival de l'Aïr“ bislang nicht nachgewiesen werden. Vielmehr trug die Popularität der Tuareg im Westen mit ihren „typischen“ äußeren Zeichen, etwa den Gesichtsschleier (tagelmust), spürbar zur Hebung des Selbstbewusstseins unter den urbanen Tuareg bei. In Agadez wird heute der Gesichtsschleier häufiger getragen als vor 20 Jahren, auch 16 wenn sich der Wertehintergrund und insofern das Motiv völlig verändert haben. War das Verhüllen des Gesichts früher Ausdruck des traditionellen Schamgefühls (tekaraqit), so gilt es heute als „schick“, einen möglichst grellfarbenen Gesichtsschleier zu tragen. Angesicht all dieser Umstände lässt sich bei den Tuareg keineswegs vom „Kulturzerstörer Tourismus“ sprechen, ganz abgesehen davon, dass die Realität der „Tuareg-Kultur“ kaum den europäischen Vorstellungen vom „Ritter der Wüste“ entspricht. Spezielle Tourismusformen wie Kameltrekking sind sogar zweckdienlich, durch die Stärkung der ländlichen Wirtschaft zur Bekämpfung von Landflucht und anderer Faktoren des Kulturwandels beizutragen. Unbeantwortet bleiben muss an dieser Stelle die Frage, ob es überhaupt sinnvoll sei, traditionelle Institutionen wie etwa die Salz-Karawane zu fördern und zu erhalten, obwohl sie von den Betreibern selbst nicht mehr als rentabel betrachtet werden. Würde dies nicht bedeuten, Strukturen, deren traditionelle „Bedeutung“ in Auflösung begriffen ist, künstlich zugunsten der romantischen Sehnsucht der Europäer nach der guten alten Welt und nach ästhetischen Reizen zu erhalten? Oder sollte vielmehr die Regel gelten, dass traditionelle Strukturen in der Dritten Welt solange als nur irgendwie möglich zu erhalten seien, weil jede andere potenzielle Überlebensvariante für diese Menschen noch unsicherer sei? Die Programme der „Amis de Timia“ zur Förderung der Salzkarawanen aus Timia wurden jedenfalls höchst dankbar aufgenommen, doch dies gilt auch für den Schutz der Karawanen durch die Kolonialmacht… Einfacher beurteilen lässt sich hingegen die Förderungswürdigkeit von Tuareg-Tourismus: Ethnotourismus-Kritiker können organisierte Reisen zu den Tuareg nicht verhindern. Das vermögen allenfalls Banditen, deren Aktivitäten in den Zielmärkten zu Reisewarnungen und damit zum Zusammenbruch der lokalen Tourismusökonomie führen. Was Kritiker aber verhindern können, sind adäquate Maßnahmen zur Regulierung von touristischem Wildwuchs, der zu Benachteiligung, Konflikten und damit auch zur sozialen Desintegration, Instabilität und Kriminalität führt. Insofern kann die Aufnahme von Agadez und der Salzkarawane in die UNESCO-Liste ein kleiner, aber wichtiger Schritt auf dem Weg hin zu einer umwelt- und sozialverträglichen Tourismusentwicklung sein. Eine solche Entwicklung muss vom Bewusstsein um die modernen Herausforderungen für die Tuareg-Kultur geprägt sein, aber auch vom Bewusstsein um die Notwendigkeit, postmoderne Phänomene wie den Tourismus für das Gedeihen der eigenen Kultur zu nutzen. 17 Bibliographie Adamou, Aboubakar: La décentralisation au Niger le cas de l'Aïr. In: Bourgeot, André (Hg.): Horizons nomades en Afrique sahélienne. Paris, 1999, S 201-215. Allakaye, Joseph Seydou, Retour de l'UICN dans l'Aïr et le Ténéré. Garantir le développement durable de la région, in: Le Républicain, Nr. 429 (20. April 2000), S 8. Aoutchiki, Mohamed, Naturschutz. Und wo bleibt der Mensch?, in: Geo Spezial, Heft 6 (Dezember 1992), S 114-119. Barth, Heinrich: Die Große Reise. Forschungen und Abenteuer in Nord- und Zentralafrika 1849 - 1855. Berlin, 1986 Bernus, Edmond: Touaregs nigériens. Unité culturelle et diversité régionale d'un peuple pasteur. Paris, 1993. Bourgeot, André: Le Trafic caravanier. 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Friedl dissertierte über Ethnotourismus bei den Tuareg und lehrt Tourismusethik und nachhaltige Tourismusentwicklung an der FH JOANNEUM, Studiengang "Gesundheitsmanagement im Tourismus" in Bad Gleichenberg. Kontakt: harald.friedl@fh- joanneum.at 20