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Freiheit – Limitation: Peak Oil und Anti-Terror-Krieg Harald A. Friedl Fachhochschule JOANNEUM harald.friedl@fh-joanneum.at Erschienen in: Egger, R. & Herdin, T. (2010): Tourismus im Spannungsfeld von Polaritäten. In FHS Forschungsgesellschaft mbH (Reihe Hg.), Wissenschaftliche Schriftenreihe der FHS- Forschungsgesellschaft (Band 2, S. 275-292). Wien: Lit Verlag. Kurzfassung Hohes und dauerhaftes Wachstum gilt als paradigmatisches Ziel von gelingender Tourismusentwicklung. Unverzichtbare Voraussetzungen dafür sind billige Energie, dessen unbegrenzte Verfügbarkeit unterstellt wird, sowie Reisefreiheit, Reisesicherheit und Friede. Dem entgegenzustellen ist die nachweisliche Begrenztheit von billiger Energie („Peak Oil“). Zur Kompensation dieser Limitierung sind militärisch dominante Regierungen wie die USA gezwungen, mittels Interventionen den Zugang zu Öl mittelfristig zu sichern, wie am Beispiel des sog. „Anti-Terror-Kampfes“ der USA in Nord- und Westafrika gezeigt werden soll. Als Rückkoppelungseffekt dieser Strategie aufgrund der Destabilisierung der betroffenen Regionen geraten die Ressourcen Reisefreiheit, -sicherheit und –barrieren zunehmend unter Druck. Es ist davon auszugehen, dass mit zunehmender Unsicherheit der Ölversorgung das Wachstum der internationalen Reisefreiheit ebenfalls seinen Plafond erreicht. Abstract Continuous growth is a paradigmatic aim of successful tourism development. Crucial conditions therefore are unlimited cheap energy as well as the freedom to travel, security and 1 peace. In reality, it is already proven that the era of cheap energy, delivered by oil, is slowly coming to an end („Peak Oil“). To come along with this constraint, dominant governments like the USA are forced to intervene to ensure their access to oil in the short and middle term, as shown on the example of the „War against Terror” of the USA in North- and West Africa. An unwanted side-effect of this strategy is the destabilization of the concerned regions, followed by growing pressure on the resources Freedom of travel and security for western travellers. Thus, in consequence of shrinking oil reserves, international tourism has to face a growing potential of conflicts, which finally means: We are approaching the end of unlimited tourism growth. Keywords: Mobilität, Reisefreiheit, Peak Oil, Terrorismus, Energie-Kolonialismus Inhaltsverzeichnis Einleitung ................................................................................................................................... 3 1. Der Siegeszug des Wachstumsparadigmas ............................................................................ 8 1.1. Grenzüberschreitung als Königsweg der Veränderung................................................... 8 1.2. Der Erfolg der protestantischen Ethik............................................................................. 8 1.3. Die säkularisierte Heilsmaximierung in Freizeit und Tourismus.................................... 9 2. Reisefreiheit in Zeiten von Peak Oil .................................................................................... 11 2.1 Der politische Zwang zur Sicherung der Ölversorgung................................................. 11 2.2 Politische Zwänge des öffentlichen Selbstverständnisses.............................................. 12 2.3 Verdeckte Öl-Kooperationen mit Diktaturen ................................................................. 13 2.4 Anti-Terror-Krieg in Nord- und Westafrika................................................................... 15 3 Das Ende der Reise nach Utopistan ...................................................................................... 17 2 Einleitung Die Möglichkeit zu Reisen gilt als „Inbegriff der Freiheit“ (Leed 1993, 27). Dies brachten die Ereignisse um den Fall des „Eisernen Vorhangs“ im Jahr 1989 deutlich zum Ausdruck (vgl. „20 Jahre (Reise)freiheit“ 2009). Insofern lässt sich die Erfolgsgeschichte des Tourismus und seiner globalen Ausdehnung im Wesentlichen als Geschichte der wachsenden Reisefreiheit begreifen (vgl. Mäder 1987; Hachtmann 2007). Wesentliche Katalysatoren dafür waren neben der zunehmenden sozialen und kulturellen Mobilität die wachsende Freiheit von Arbeit in Form von Urlaubsanspruch sowie die bis zum Ende des 20. Jahrhunderts fortschreitende Abschaffung von inner- sowie zwischenstaatlichen Reisebarrieren als Umsetzung des Art. 13 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948. Ein explizites „Right to tourism“ proklamierte zuletzt die UNWTO (2001) im Art. 7 (1) des „Global Codes of Tourism Ethics“. Darunter wird das Recht auf „the prospect of direct and personal access to the discovery and enjoyment of the planet’s resources“ verstanden, das in gleicher Weise offen „to all the world’s inhabitants“ stehe. Im Hinblick auf die wachsende Partizipation der Menschen am Tourismus seien vom Staat etwaige Reisebarrieren zu beseitigen, ein Anspruch, der in Art. 8 des Kodex als Tourismus-spezifische Ausformung von Art. 13 der Menschenrechtskonvention in Gestalt detaillierter Liberalisierungsempfehlungen zum Ausdruck kommt. Neben der Ausweitung der rechtlichen, politischen und sozialen Reisefreiheiten spielte in den vergangenen 150 Jahren der Tourismusgeschichte die technische Entwicklung der Transportmittel eine zentrale Rolle. Angefangen mit dem Siegeszug der Eisenbahn und der Dampfschifffahrt und beschleunigt durch die Einführung des Verbrennungsmotors, erfuhr der internationale Tourismus seinen rasanten Aufstieg durch die Entwicklung und Verbreitung von Personenkraftfahrzeugen und Verkehrsflugzeugen. Ein wesentlicher Faktor für diese rasche Verbreitung im Sinne des Rebound-Effekts (vgl. Dimitropoulos 2007; Sorrell/Dimitropoulos/Sommerville 2009) spielte auch die steigende Ressourceneffizienz dieser Verkehrsmittel und bis zum Ende der 90er-Jahre deren sinkende Betriebskosten. Somit förderten sinkende Reisekosten sowie steigender Wohlstand die Integration immer größerer Bevölkerungsschichten in das touristische System. Seit wenigen Jahren gilt dies besonders für die aufsteigenden Schwellenregionen China, Indien, den Nahen Osten und Brasilien. Dieser Prozess erfuhr seit dem 2. Weltkrieg erstmals einen Rückgang um 5,5 Prozent (vgl. Eckervogt 2009), verursacht durch eine globale Finanz- und Wirtschaftskrise. 3 In Krisenzeiten wächst die allgemeine Sehnsucht nach Sicherheit, Stabilität und Kontinuität. Wohl darum werden als Antwort auf die gegenwärtige Rezession, kritischen Überlegungen hinsichtlich einer notwendigen Reform des globalen Finanz- und Wirtschaftssystems (vgl. Rademacher 2005; Solte 2007; Blundell-Wignall/Atkinson 2009; Petri/Plummer 2009; Blundell-Wignall/Atkinson 2009) zum Trotz, konsequent altbewährte Lösungsmuster wiederholt und die möglichst rasche Rückkehr des Wirtschaftswachstums als „Strategie“ der Krisenbewältigung forciert. Diese Wachstumsfixierung gilt besonders für die internationale Tourismuswirtschaft, die besonders vom WTTC (vgl. Eckervogt 2009) und der UNWTO (2009c) als Zugpferd der Weltwirtschaft hervorgehoben wird. In diesem Sinne wird Tourismus den Nationalstaaten als Kern der staatlichen Anti-Rezessionspakete empfohlen, eine Strategie, die auf den ersten Blick angesichts der historisch belegten Krisenresistenz des Tourismus (vgl. WKO 2009, 1) genauso plausibel erscheint wie die Prognose für das globale Tourismuswachstums bis 2020 mit durchschnittlich vier Prozent (vgl. UNWTO 2009a). Abbildung 1: Wachstumskurve der internationalen Tourismusankünfte Quelle: UNWTO (2009a): Tourism 2020 Vision. Angesichts solcher optimistischen Prognosen, die sinngemäß von touristischen Lehrbuchautoren (vgl. Freyer 2009, 31; Bieger 2006, 211), Wirtschaftsforschern (vgl. Smeral 2003, 181) und Zukunftsforschern (vgl. Yeoman 2008, 41) vertreten werden, stellt sich die 4 einfache Frage, wie dieses zwangsläufig unbegrenzte Wachstum angesichts begrenzter Energieressourcen zu bewerkstelligen sei. Dabei lässt der Autor bewusst die problematische Frage nach einer sinnvollen nachhaltigen Tourismusentwicklung aufgrund des widersprüchlichen, kontextuellen Verständnisses dieses Konzepts (vgl. Saarinen 2006) gleichermaßen außer Acht wie die komplexe Problematik des Klimawandels, ohne dessen grundlegende Bedrohung für die Tourismuswirtschaft (vgl. Becken/Hay 2007; UNWTO 2008; Williams/Ponsford 2009; Zecca/Chiari 2009) in Frage zu stellen. Vielmehr soll der Fokus auf die wichtigste materielle Ressource der Tourismusindustrie bzw. der modernen Weltwirtschaft gerichtet werden, auf Erdöl. Abbildung 2:Wachstum der globalen Ausbeutung energetischer Ressourcen in TPEST (Total Primary Energy Supply) in Exajoule. Quelle: Fischer-Kowalski, M. (2009): Entwicklung von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch. 5 Tourismus, wie auch das gesamte globale Wirtschaftssystem überhaupt, beruht auf der gesicherten Versorgung mit Öl. Doch der Zenit der maximalen globalen Ölproduktion („Peak Oil“) gilt als nah oder gar überschritten (Bentley et al. 2007; Seifert/Werner 2008; Almeida/Silva 2009). Die bedeutet zwingend, dass das zunehmend knapper werdende Gut Öl bei gleichzeitig steigender Nachfrage eine massive Preissteigerung erfahren müsste. Hinzu kommt, dass zu erwartende Funde von Ölfeldern unter immer schwierigeren Bedingungen und somit zu steigenden Kosten zu fördern sein werden. Angesichts dieser zwingenden Marktlogik liegt es auf der Hand, dass diese grundlegende Herausforderung des nahenden Ölengpasses mit seinen grundlegenden und umfangreichen Auswirkungen auf alle Lebensbereiche einen zentralen Stellenwert in den strategischen Debatten einnehmen sollte. Tatsächlich aber wurde dieser Aspekt bislang sowohl gesamtwirtschaftlich (vgl. Curtisa 2009) als auch im touristischen Kontext (vgl. Becken 2008) nur höchst vereinzelt auf wissenschaftlicher Basis problematisiert. Erste umfassendere Debatten der zu erwartenden katastrophalen Auswirkungen von Peak Oil finden sich bislang nur im Bereich des öffentlichen Gesundheitswesens (vgl. Hanlon/McCartney 2008a; 2008b), der Friedens- und Konfliktforschung (Österreichisches Studienzentrum für Frieden und Konfliktlösung 2008) und der Energiepolitik (vgl. Umbach 2003). Zusammenfassend ist festzustellen, dass entgegen den Empfehlungen von Herdin (2007), wonach für eine langfristige Entwicklungssteuerung die „Zukunft im Blick“ behalten werden müsse, das nahende Ölproblem im (tourismus-)wissenschaftlichen Diskurs ignoriert wird. Doch erlaubt diese „Vogelstrauss-Politik“ der touristischen Science Community die schlüssige Annahme, dass von einem dauerhaften Wachstum der gelebten Reisefreiheit ausgegangen werden könne? 6 Abbildung 3: Entwicklung der globalen Ölproduktion und Prognose des Weltenergieverbrauchs (WEO) Quelle: Energy Watch Group (2008): Energiepolitik braucht objektive Informationen. Im Folgenden wird am Beispiel der Öl-Region Nord- und Westafrika dargestellt, dass die derzeit getroffene „Lösung“ des Ölversorgungsproblems darin besteht, den Zugang zu Öl durch den Einsatz von quasi-militärischer Gewalt, jedoch unter dem politischen Vorwand der globalen Terrorbekämpfung zu sichern. Dadurch können kurzfristig tatsächlich der Ölpreis stabilisiert und damit das Tourismuswachstum gefördert werden. Im Gegenzug lässt sich jedoch zeigen, dass diese Vorgangsweise zur zunehmenden Destabilisierung großer Regionen und somit zur Erosion der Tourismusressourcen Sicherheit, Friede und Reisefreiheit führt, ein historisch hinlänglich bekannter Zusammenhang (vgl. Smith 1998). Damit soll aufgezeigt werden, dass die Beschönigung von Tourismus als „factor of sustainable development“ im Sinne von „continuous and sustainable economic growth geared to satisfying equitably the needs and aspirations of present and future generations“, wie in Art. 3 Abs. 1 des Global Code of Tourism Ethics (UNWTO 2001) unterstellt, nicht weiter aufrecht erhalten werden könne, sondern dass Tourismuswachstum sogar zunehmend die eigenen Grundlagen untergraben werde. 7 1. Der Siegeszug des Wachstumsparadigmas 1.1. Grenzüberschreitung als Königsweg der Veränderung In einer Welt ohne absolute Grenzen, aber voller Mangel, wie der Mensch sie über Jahrtausende hinweg wahrgenommen hatte, erschien in den meisten Kulturen die Ausdehnung des bestehenden Horizonts mit dem Ziel des erweiterten Zugangs zu Ressourcen der Königsweg zur Mangelbewältigung. Ausdruck der Verbreitung dieses Prinzips seit der frühen Menschheitsgeschichte sind die nachweislichen Wanderbewegungen von Bevölkerungsgruppen mit dem Ziel der Kompensation verschlechterter Überlebensbedingungen (vgl. Haywood 2009), etwa infolge eines Klimawandels (vgl. Diamond 2006, 311-345). Für die westliche Hemisphäre lässt sich die bewusste Hinwendung zur Kulturtechnik des Wachstums sowie deren schrittweise Durchdringung aller übrigen Kulturtechniken historisch vereinfacht mit dem Beginn der Neuzeit verorten. Als Christoph Columbus im Jahr 1492 mit seiner Flotte nach Westen aufbrach, um einen neuen Weg nach Indien zu finden, war dessen wesentliches Motiv einen leichteren Zugang zu den Ressourcen Ostasiens im Hinblick auf eine Stärkung des heimischen Wohlstandes der Eliten zu finden (vgl. Pleticha 1987). Die Erkenntnisse der Reise sollten somit der Effizienzsteigerung mittels innovativer Handelswege zur Vermehrung von Möglichkeiten dienen. Den Anfang der Neuzeit mit der aufkommenden gesellschaftlichen Institutionalisierung des Wachstumsprinzips gleichzusetzen, erscheint auch aus Sicht der Wissenschaftsgeschichte berechtigt. Bis zur Neuzeit wurde im Wesentlichen mittels der konservierenden Methode der Referenz auf historische Autoritäten, insbesondere auf Aristoteles, geforscht. Erst Francis Bacon öffnete mit seinem bahnbrechenden Werk „Novum Organon“ die Grenzen des Denkens hin zu einer an neuen Erkenntnissen und damit an Wissenswachstum orientierten empirischen Wissenschaft (vgl. Störig 2004, 241-246). 1.2. Der Erfolg der protestantischen Ethik Im Wirtschaftsleben lässt sich die Durchsetzung eines „Ethos“ des Wachstums und damit auch der beginnende Siegeszugs des Kapitalismus mit der Ausbreitung des Protestantismus ab dem 16. Jahrhundert festlegen. Max Weber (2006) erklärt dies mit der protestantischen Prädestinationslehre, wonach das Schicksal aller Menschen vorherbestimmt sei und somit das Himmelreich entgegen der katholischen Auffassung nicht durch „gute“ Werke „erkauft“ werden könne. Angesichts dieser ungewissen Aussicht auf „Erlösung“ diente daher der 8 pekuniäre Erfolg bei der Ausübung eines weltlichen Berufes als kompensatorisches Indiz, fürs Himmelreich „prädestiniert“ zu sein. Wesentlich an dieser protestantischen Wirtschaftsethik waren der reine Selbstzweck der Arbeit sowie die moralische Indifferenz gegenüber den sekundären Folgen des Arbeitserfolgs. Diese Strategie der ökonomisch rationalen Lebensführung dehnte sich aufgrund ihres faktischen Erfolgs auf allen Lebensbereichen aus. Diese Strategie war, wo immer praktiziert, bis heute maßgeblich für die steigende Lebensqualität verantwortlich: Wirtschaftswachstum war die erfolgreiche Antwort auf die soziale Krise des 19. Jahrhunderts und die Beschäftigungskrise der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts. Es war auch das Fundament des Wiederaufbaus der Nachkriegszeit. Der Maßstab für makroökonomische Tätigkeit, das Bruttoinlandsprodukt, wurde in den 1930er Jahren entwickelt und avancierte bald zum Standard-Benchmark für politische Entscheidungsträger weltweit sowie für öffentliche Diskussionen (vgl. Europäischen Kommission 2009, 2), was unverändert, wenn auch nicht unumstritten (vgl. Georgescu- Roegen 1979; Benoist 2007; Hinterberger et al. 2009) noch heute gilt: Im Wesentlichen wird Wirtschaftswachstum als unverzichtbare Voraussetzung zur Lösung von Problemen wie Arbeitslosigkeit, Armut, Umweltschutz, Bildung etc. betrachtet, wie dies etwa in der Lissabon-Strategie des Europäischen Rates (2000), im WIFO-Weißbuch (vgl. Aiginger et al. 2006) oder jüngst als Ausweg aus der globalen Rezession unterstrichen wird (vgl. Europaweit Wachstum in Sicht 2009, 35). Und dies, obwohl die (Finanz-)Krise als Scheitern des Versuches in fortgeschrittenen Volkswirtschaften verstanden werden kann, exponentielles statt lineares Wirtschaftswachstum zu erreichen (vgl. Breitenfellner 2009). 1.3. Die säkularisierte Heilsmaximierung in Freizeit und Tourismus Die letzte Barriere des menschlichen Lebens, die kulturelle Intimsphäre der Freizeit und damit auch des Tourismus, durchdrang das Wachstumsethos infolge der Säkularisierung der westlichen Gesellschaften und damit der Entwertung transzendenter Welterklärungsmodelle. Weil der aufgeklärte, weltliche Mensch den Glauben ans jenseitige Paradies verloren hat, ist er gezwungen sein Glück im Diesseits zu suchen. Weil aber das bloße Erlangen eines Glücksgefühls für eine Sinnstiftung nicht hinreicht, bedarf der Mensch auch hier eines „ethischen“ Orientierungsprinzips zur Beurteilung, ob er „mit Gewissheit“ am richtigen Weg zur „Erlösung“ sei und ein „sinnvolles“ Leben führe. Diesen Zweck erfüllt nach Schulze (2005) das Prinzip der Erlebnismaximierung, wonach der westliche Mensch nach immer mehr, immer intensiveren und immer außergewöhnlicheren Erlebnissen strebe. Im Ergebnis 9 wurden dadurch die klassischen „Sieben Todsünden“ in ihr Gegenteil verkehrt: Galt im Mittelalter die gierige Befriedigung aller Sinne als verabscheuungswürdig, so wird heute im Kontext der säkularen Erlebnisgesellschaft eine permanent gelingende Maximierung sinnlichen Erlebnisse als Indiz für ein sinnvolles irdisches Lebens verstanden (vgl. Schulze 2008). Ausdruck dieser systemimmanenten Maximierungskultur sind die grassierenden Zivilisationskrankheiten Adipositas als Folge von Fresssucht sowie Burn-out als Folge von Arbeits- bzw. Ruhmsucht, der weltweit führende illegale Wirtschaftsfaktor Frauenhandel und Pornographie als Folge von kommerzialisierter sexueller Genusssucht oder die Finanzkrise als Resultat der institutionalisierten Habsucht, um nur einige Beispiele zu nennen. Wenn nun die permanente Überschreitung von Grenzen an sich bereits als einziger Weg zum irdischen Glück gilt, dann wird nachvollziehbar, warum Tourismus, also die Überschreitung des vertrauten Raums zum Zweck des Vergnügens und der Selbstverwirklichung (vgl. Freyer 2009, 73), gleichsam zum Königsweg zum Glück avancieren musste. Dies spiegelt sich auch in einer Fülle von Buchtiteln wieder, die allesamt Reisen sinngemäß als direkten „Weg zum Glück“ (vgl. Lelord 2006; Johann 2001; Watzinger 2008; Ackermann 2009) oder gar direkt ins „Paradies“ (vgl. Andersen/Dohrenburg 1961; Meissner 1971; Streuer 2002) beschwören. Angesichts dieser verbreiteten „säkular-religiöser“ Konnotation des Reisens erscheint Hennig (1997, 78-85) die Interpretation der touristischen Reise als rituelle, moderne Form der Pilgerschaft auf der Suche nach irdischer Erlösung als berechtigt. Diese Kombination aus dem Drang zur Erlebnismaximierung einerseits und dem Reisen als Weg zu irdischem Glück erklärt aus psychologischer Sicht das ungebremste Wachstum der Tourismusindustrie (vgl. UNWTO 2009a). Deren zentrale Aufgabe besteht aus dieser Sicht darin, die Glückssehnsüchte ihrer Kunden immer besser zu befriedigen, indem sie die jeweiligen Paradiese mittels raffinierter Infrastruktur bestmöglich an die Vorstellungen ihrer Kunden anpassen. In diesem Sinn proklamierte UNWTO Secretary-General Francesco Frangialli die rasche Rückkehr der Tourismusentwicklung auf den Wachstumspfad überhaupt als Lösung aller erdenklichen Probleme, sei es die globale Rezession, die Armut und der Klimawandel (vgl. UNWTO 2009b). 10 2. Reisefreiheit in Zeiten von Peak Oil 2.1 Der politische Zwang zur Sicherung der Ölversorgung Eine Aufgabe des Wachstumsglaubens ist derzeit kaum vorstellbar, eben weil dieses Paradigma alle Lebensbereiche und damit sämtliche Teilsysteme der modernen Welt durchdrungen hat. So sind etwa demokratisch legitimierte Politiker jenen Bürgern verantwortlich, deren Lebensstil auf Wachstum aufbaut. Eine an den Zwängen von Peak Oil orientierte Politik würde somit auf massiven Widerstand der Öffentlichkeit stoßen. Daran würde wohl auch die öffentliche Kenntnis des Peak-Oil-Problems wenig ändern, was der Umgang der Öffentlichkeit mit dem Problem des Klimawandels indiziert: Trotz der hinlänglich thematisierten Folgen übermäßiger CO2-Emissionen ist die Öffentlichkeit nicht bereit, das Verbrauchsverhalten anzupassen und z. B. auf klimaschädliche Fernreisen zu verzichten, was Becken (2007) mit dem überragenden Wert der Reisefreiheit für das moderne Selbstverständnis zu erklären versucht. Nach Gössling (2002, 292f.) verursachen Tourismus- und Freizeitaktivitäten rund 3,2 Prozent des globalen Energieverbrauchs und 5,3 Prozent der globalen CO2-Emissionen, was zu 95 Prozent durch den Transport bewirkt wird. Doch was bedeutet diese abstrakten Zahlen konkret für einen zur Verhaltensänderung aufgeforderten Menschen? Auch Klimawandel und Peak Oil sind konkret unvorstellbar, weil es sich dabei um abstrakte Welterklärungskonzepte bzw. Entwicklungstheorien (vgl. Zhao et al. 2009) handelt und nicht um erfahrbare und somit kognitiv verwertbare Ereignisse. Aus Sicht der Evolution und insofern aus neurophysiologischer Sicht ist es jedoch für einen Organismus sinnvoll, erwartungswidrige Information im Hinblick auf die Aufrechterhaltung einer bewährten Weltsicht funktionell zu assimilieren (vgl. Ginsburg/Opper 1998, 48) und an bewährter persönlicher Erfahrung zu orientieren. Politiker sind somit gezwungen, erwogene Maßnahmen hinsichtlich ihrer Tragfähigkeit, gemessen am politischen System, zu bewerten. Dabei spielen Fragen nach den unmittelbaren, lebensnahen Bedürfnissen der Wähler eine zentrale Rolle, und diese sind – besonders in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit – vor allem Arbeitsplätze bzw. wirtschaftliche und politische Stabilität. Für Angehörige der Tourismusbranche ist dies Tourismuswachstum, gekoppelt an Reisefreiheit. Dieser Systemzusammenhang lässt westliche Politiker gar keinen Ausweg als nach Strategien der kurz- und mittelfristigen Sicherung der Ölversorgung zum Zweck suchen um Wirtschaftswachstum zu ermöglichen (McCartney/Hanlon/Romanes 2008), 11 anstatt kurzfristig das Wirtschaftswachstum und damit den Ölverbrauch zu drosseln. Daran können auch eindeutige Warnungen von politisch und strategisch kompetenten Personen wie des einstigen US-Energieministers James Schlesinger (2005) vor dem US-Senat vor zu erwartenden Effekten wie Versorgungsunsicherheit, steigenden Ölpreisen, dadurch verursachten Rezessionen, aber auch militärischer Verwundbarkeit nichts ändern. Doch die Trägheit des US-amerikanischen Systems war Schlesinger selbst auch schon im Jahr 1992 bekannt, als er die Lehre des amerikanischen Volkes aus dem ersten Golfkrieg auf den Punkt brachte: Es sei nämlich viel leichter, „den Leuten im Nahen Osten in den Hintern zu treten“, als seinen eigenen Energieverbrauch einzuschränken, „um die Abhängigkeit der USA von den Ölimporten zu verringern.“ (Schlesinger, zit. in Abramovici 2004, 12f.) Abbildung 4: Reiseperspektiven in Zeiten von Peak Oil Quelle: Tomorrow, T. (2009): America: A brief Parable. 2.2 Politische Zwänge des öffentlichen Selbstverständnisses Die Öffentlichkeit ist ein System, das über das Mediensystem höchst sensibel auf Irritationen reagiert. Politiker sind darum nicht nur gezwungen bestmöglich für Kontinuität des Gesamtsystems zu sorgen, sondern gleichzeitig auch, den Zwängen der öffentlichen 12 kommunikativen Ritualen gerecht zu werden. Dies betrifft insbesondere Rituale der Beschwörung des eigenen Selbstverständnisses. Im westlichen Kontext spielen hier Begriffe wie Freiheit, Demokratie und Menschenrechte eine elementare Rolle zur Legitimation von politischen Entscheidungen. Ein demokratisch legitimierter Politiker kann insofern nicht einfach erklären, einen Krieg gegen das Land XY zur Sicherung der eigenen Energieversorgung zu führen. Vielmehr bedarf er eines in den Augen der Öffentlichkeit legitimen Vorwandes (vgl. Berger 2007, 103-106), etwa den Sturz eines unmenschlichen Diktators wie im Falle des 3. Irakkrieges (vgl. Donald Rumsfeld, zit. nach Seifert/Werner 2008, 95). Die zentrale These des Autors lässt sich somit wie folgt zusammenfassen: Es ist die massive Abhängigkeit der modernen Gesellschaft von Öl, die deren politische Eliten dazu zwingt, effektive Mittel zur kurz- und mittelfristigen Sicherung des Ölbedarfs als Basis der Funktionsfähigkeit des Gesamtsystems zu ergreifen, zugleich aber den Schein der „demokratischen Korrektheit“ zu wahren, um das kommunikative System nicht zu gefährden. Diese Strategien verfolgen direkt oder indirekt alle westlichen Demokratien, inbegriffen die BRD, deren Soldaten in Afghanistan letztendlich für einen sicheren Abtransport des zentralasiatischen Öls sorgen sollen (vgl. Strutynski 2008, 83-98). In den USA kam diese Strategie in der Carter-Doktrin von 1980 zum Ausdruck, wonach jeder Versuch einer dritten Macht, Kontrolle über die Region am Persischen Golf zu erlangen, als Angriff auf die USA interpretiert und entsprechend beantwortet werde. Umgesetzt wurde diese Doktrin durch die Bildung der militärischen Einheit „Centcom“, die alle drei Golfkriege wesentlich koordinierte (vgl. Altvater 2008, 53). 2.3 Verdeckte Öl-Kooperationen mit Diktaturen Historisch betrachtet gibt es zahllose Beispiele für die Unterstützung von Diktatoren, Bürgerkriegen und Terrorzellen zum Zweck der Förderung nationaler Interessen. Unter Regierungskreisen gilt diese inoffizielle politische Strategie als strategischer Standard, was folglich der breiten Öffentlichkeit zumeist unbekannt bleibt. Denn derartige Operationen laufen den herrschenden öffentlichen Diskursen und auch dem herrschenden Rechtsverständnis zuwider und werden darum im Falle einer späteren Aufdeckung zumeist mittels Diffamierungsstrategien oft als „Verschwörungstheorien“ bagatellisiert. Dennoch sollen zur Untermauerung dieser – für Kenner der strategischen Literatur keineswegs überraschenden – politischen Praxis von einflussreichen Staaten mit zumeist 13 kolonialer Vergangenzeit einige Beispiele genannt werden: So unterstützte etwa de Gaulle Ende der 60er Jahre die Sezessionstruppen im nigerianischen Biafrakrieg offiziell aus humanitären Gründen, inoffiziell jedoch, um diese an Öl reiche Region unter französischen Einfluss zu bringen. Zu diesem Zweck wurden massive Waffenlieferungen durch das französische Rote Kreuz bewerkstelligt und auf diese Weise zu drei Millionen Bürgerkriegstoten beigetragen (vgl. Verschave 1998, 140-149). Mitte der 90er Jahre unterstützte Frankreich das damals von der UNO sanktionierte Regime des Sudan mit Satellitaufnahmen zur Unterstützung der Kämpfe gegen die Rebellentruppen im Süden, lieferte Waffen und trainierte die sudanesischen Anti-Rebellen-Spezialeinheiten, um im Gegenzug Öllizenzen für den französischen Öl-Konzern Total zugesichert zu bekommen (vgl. Verschave 1998, 83f.). In diesem Sinne ist die Ansicht des Weltbank- Forschungsdirektors Paul Colliers (2000, 4-6) zu verstehen, wonach das Bürgerkriegsrisiko eines Entwicklungslandes im Falle der Abhängigkeit von Rohstoffexporten bei 22 Prozent, im Falle von Öl als Haupt-Bodenschatz bei über 40 Prozent liege. In Kamerun war es der Konzern Elf (im Jahr 2000 fusioniert zu TotalFinaElf), mit dessen Hilfe der heute immer noch regierende Paul Biya 1982 an die Macht gelangte. In den Folgejahren wurde durch französische Entwicklungsgelder etwa die nationale Armee und Polizei als Gegenleistung für das Elf-Ölmonopol finanziert (vgl. Verschave 1998, 62-65). Die Kooperation mit Diktatoren zur Sicherung der Ölversorgung zählt zu den in der Öffentlichkeit bekannteren Strategien. Als legitimierendes Argument zählte hier lange Zeit der Vorzug der „Stabilität“ eines Landes als Garant für die Verhinderung von Bürgerkriegen. In diesem Sinn stützte der US-Geheimdienst jahrzehntelang das US-freundliche iranische Schah-Regime (vgl. Kinzer 2008), kooperierten die USA eng mit zentralen diktatorischen Ölstaaten wie dem Irak unter Saddam Hussein bis zu dessen Besetzung von Kuwaits (vgl. Guisnel 2003) sowie mit Saudi-Arabien (vgl. Umbach 2003, 284-290) und neuerdings auch wieder mit dem einstigen Erzfeind Libyen (vgl. Seifert/Werner 2008, 105-118). Eine Vermeidung der Kooperation Öl importierender Länder mit Diktaturen ist praktisch unmöglich, sind doch die USA und Norwegen die einzigen Staaten mit nennenswerter Ölförderung, die zugleich eine funktionierende Demokratie aufweisen. Der Grund dafür liegt im Prinzip der Machtmonopolisierung durch Eliten mit Hilfe der von ihnen kontrollierten Ressourcen: Deren Exporterlöse finanzieren die nötigen Waffenkäufe bei den Rohstoff nachfragenden Ländern zur Sicherung ihrer Position (vgl. Seifert/Werner 2008, 163-169). 14 Gemäß diesem Prinzip tauschten bis ins 19. Jahrhundert Sklavenhändler ihre Ware gegen Waffen, welche die Versklavung weiterer Menschen erleichterten. 2.4 Anti-Terror-Krieg in Nord- und Westafrika In jüngerer Zeit scheint die Öffentlichkeit zunehmend sensibler für die Herkunft von Öl zu werden, was sich etwa an der Debatte über „Blut für Öl“ im Fall des dritten Irak-Kriegs zeigte (vgl. Umbach 2003, 291-295). Insofern sind westliche Regierungen zu immer raffinierteren Strategien der Legitimation einer Kooperation mit Unrechtsregimen gezwungen. Eine ebenfalls nicht neue, derzeit aber massiv und scheinbar auch effektiv eingesetzte Methode ist jene des inszenierten Terrorismus: Terroristische Akte werden in einer Weise gesetzt, sodass der öffentliche Verdacht auf bereits stigmatisierte Gruppen fällt. Dadurch erzeugt der jeweilige Staat die Legitimation, zum Schutz der Bevölkerung bzw. der öffentlichen Sicherheit mit rigiden Mitteln gegen die vermeintlichen Terroristen vorzugehen. In diesem Sinn kann der „globale Krieg gegen den Terrorismus“ verstanden werden, den die USA nach dem Angriff auf die Twin Towers in New York („9/11“) gegenüber ihren skeptischen europäischen Verbündeten zu legitimieren versuchten. Dies gelang jedoch erst, als die USA das Bild von einer „Al Khaida“ vermittelten, die vor den US-Truppen aus Afghanistan über Ostafrika, den Sudan und den Sahel nach Algerien flüchteten, vor Europas Haustüre. Der britische Politologe Jeremy Keenan (2007) bezeichnet dieses Bedrohungsszenario als „Bananen-Theorie“ aufgrund der Form der geografischen Bewegung der „Al Khaida“, eine Ansicht, die sinngemäß auch Ruf (2008a, 170) vertritt. Der Beweis für diese Theorie wurde mit der „Entführung“ von 32 Touristen in der Algerischen Sahara im Frühjahr 2003 „nachgeliefert“: Anfang 2003 hatten sich die algerischen Machthaber um militärische und finanzielle Unterstützung durch die USA bemühten. Dies bedurfte jedoch der Aufhebung des Waffenboykotts, der wegen des brutalen militärischen Vorgehens des Regimes gegen die eigene Zivilbevölkerung herrschte. Zufällig während der diplomatischen Verhandlungen zwischen Algerien und den USA wurde ein algerischer Militärkonvoi Opfer eines schweren Überfalls durch die des Terrorismus bezichtigte GSPC (Groupe Salafiste pour la Prédication et le Combat), der 43 Soldaten das Leben kostete. Der algerische Militärgeheimdienst (DRS) „bewies“ durch ein später als gefälscht entlarvtes Videoband die Verantwortung von GSPC- Führer Abderrazak „el Para“ für diesen Überfall. Den USA genügte dieser Beweis für die Lockerung des Waffenembargos (vgl. Mellah/Rivoire 2005). 15 Seither gilt Algerien in den Augen der USA als vorbildlich demokratisches Land innerhalb der arabischen Welt und darum „legitimerweise“ als enger Verbündeter der USA auf militärischer wie auch ökonomischer Ebene. Im November 2003, nach erfolgreicher „Befreiung“ der Geiselnahmen in der Sahara, wurde mit der Umsetzung des Militärhilfeprogramms „Pan-Sahel-Initiative“ begonnen, dass die Sahelstaaten offiziell im Kampf gegen Schmuggel, internationale Kriminalität und terroristische Bewegungen mittels Geld- und militärische Ausbildungshilfen unterstützen sollte (vgl. Abramovici 2004, 12f.). Algeriens Militär profitierte im Jahr 2006 durch US-Ausbildungen im Wert von fast einer Milliarde Dollar, zudem investierten die USA über fünf Mrd. Dollar in den Ölsektor (vgl. U.S. Department of State 2009). Als Erfolg dieser Militärkooperation fasste eine tschadische Untergrundorganisation im Mai 2004 den angeblichen Kopf der GSPC-Entführer von 2003, „el Para“, und lieferten ihn an Algerien aus. Und im Juni 2005 fand das größte Manöver in Afrika seit dem zweiten Weltkrieg statt, durchgeführt von den USA gemeinsam mit den Ländern Mali, Mauretanien, Niger, Algerien und dem Tschad, und dies zufällig zwei Wochen nach einem als solches proklamierten „GSPC-Überfall“ auf eine mauretanische Militärstation nahe der algerischen Grenze (vgl. Fellows 2005). Mittlerweile ist diese „militärische Kooperation im weltweiten Kampf gegen den Terrorismus“ im Rahmen der eigens gegründeten US-Militärabteilung „Africom“ auf weitere Staaten Nord- und Westafrikas ausgedehnt, speziell um die Sahara- und Sahelzonen zu sichern. Genau dort liegen zentrale Ölfelder Afrikas (vgl. Ruf 2008a). Diese Hintergründe sowie die zahlreichen Ungereimtheiten der Entführungen von 2003 legen für Autoren wie Keenan (2005) und Ruf (2007, 64-65) die Ansicht nahe, dass die salafistische „GSPC“ vom algerischen Geheimdienst unterwandert und zugunsten der Interessen der algerischen Machthaber sowie der USA instrumentalisiert wurde. Den USA gehe es dabei nicht nur um den Zugang zum Öl, sondern auch um die Begrenzung des militärischen Einflusses Frankreichs auf die Region. Derartige Methoden der Produktion von Terrorbedrohungen sind für Algeriens Führung keineswegs neu. Bereits im Jahr 1993 hatte der algerische Geheimdienst die Entführung französischer Beamter in Algerien fingiert, um Frankreichs Unterstützung für das Militärregime zu erzwingen, das sich zwei Jahre zuvor gegenüber der demokratisch gewählten islamischen Wohlfahrtsparte (FIS) an die Macht geputscht hatte. Die Strategie des 16 fingierten Terrors hatte Erfolg: Frankreichs Premierminister Edouard Balladur genehmigte die „Operation Chrysanthème“, die größte Razzia gegen algerische Regimegegner in Frankreich seit dem algerischen Unabhängigkeitskrieg (vgl. Deltombe 2004, 11). Kurz darauf konnten die französischen Geiseln erfolgreich aus der Gewalt der „islamistischen Entführer“ befreit werden (vgl. Mellahjean/Revoire 2005). Dabei ist dieser nachweisliche Fall von inszenierter Bedrohung nur einer von vielen bekannten, wie etwa der manipulierte Beweis einer Uranlieferung des Niger an den Irak zur Legitimation eines US-Kriegs gegen den Irak oder auch die durch Bismarck manipulierte „Emser Depesche“ von Napoleon III, um 1870 den Krieg zwischen Deutschland und Frankreich zu entfesseln (vgl. Ruf 2008b, 168-169). Der Grund für derart aufwändige Inszenierungen liegt in der oben genannten These vom Bedarf an Öl einerseits und der jeweiligen öffentlichen Diskurskultur andererseits: Von Afrika wird erwartet, dass es in den nächsten zehn Jahren für die USA zur zweitwichtigsten Lieferregion für fossile Energie werden wird, gleich nach dem Nahen Osten. Um die Abhängigkeit von dieser Krisenregion zu reduzieren, engagieren sich die USA seit Mitte der 90er-Jahre zunehmend in Afrika. Allein aus der Region Sahara-Sahel beziehen die USA schon heute rund 15 Prozent ihres Ölbedarfs. Dieser Anteil soll möglichst bald auf 25 Prozent gesteigert werden. Dabei treten die USA jedoch in ein wachsendes Konkurrenzverhältnis mit China (vgl. Carmody/Owusu 2007; Zumach 2008; Seifert/Werner 2008, 209-218). Um die militärische Absicherung der erfolgreichen Verfolgung dieses Ziels legitimieren zu können, wird offiziell der Terrorismus bekämpft, der für eben diese Strategie erst eigens gefördert wurde (vgl. Ruf 2008b, 160-168). 3 Das Ende der Reise nach Utopistan Was folgt daraus kurzfristig für die Tourismusentwicklung in der Region Nord- und Westafrika sowie mittelfristig für immer weitere Bereiche des internationalen Tourismus? Werner Ruf (2008, 892) geht davon aus, dass „solch neuer Kolonialismus im Gewande der Terrorismusbekämpfung (...) Widerstand wecken und genau jenen ‚Terrorismus’ produzieren (wird), den zu bekämpfen Africom & Co. ausgezogen sind.“. Der wachsende Öldurst bei gleichzeitig sinkenden Reserven erzwingt somit die Annahme, dass der Welt immer mehr Ressourcen bedingte Konflikte bevorstehen, wie dies auch Keenan (vgl. 2009) vertritt. Für rohstoffreiche Länder wie jene Nord- und Westafrikas sowie des Nahen Ostens spielt Tourismus aus volkswirtschaftlicher Sicht eine vernachlässigbare Rolle. Touristische 17 Aktivitäten werden darum zumeist nur geduldet, um die wenigen touristisch aktiven Bevölkerungsteile ruhig zu halten. Die prognostizierten Ressourcenkonflikte in den Öl produzierenden Ländern werden darum wohl auf Kosten der dortigen touristischen Entwicklungen ausgetragen werden. Denn mit medial wahrgenommener, sinkender Reisesicherheit sinkt auch die Attraktivität der betroffenen Reiseziele. Dies wiederum kommt den Ölförder-Interessen sehr gelegen: Jeder Überfall auf Touristen fördert die Legitimation für eine intensivere Militarisierung sowie für wachsende Reisebarrieren in Gestalt von willkürlicher Visa-Politik, schikanösen Militärkontrollen, verpflichtenden Begleitpersonen oder andere hinderlichen Auflagen für Touristen. In jedem Fall ist die Zeit der großen Freiheit, in welcher die Sahara als Sandkasten der Europäer in beliebiger Richtung individuell „erfahren“ werden durfte, schon heute vorbei. In nicht all zu ferner Zukunft wird dies wohl für immer mehr rohstoffreiche Regionen der Welt gelten. Angesichts dieser wahrscheinlichen Entwicklung erscheint es dem Autor nicht mehr als vertretbar, von Tourismus in der üblich unkritischen Weise als ein Mittel der nachhaltigen Entwicklung, der Armutsbekämpfung und der Friedensförderung zu sprechen. Derart naive Utopien scheinen angesichts von Peak Oil wohl endgültig obsolet zu sein. 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