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Onkel Sam in der Wüste Energie-Kolonialismus und die Folgen für den unbeschwerten Sahara-Urlaub Von Harald A. Friedl Erschienen in: edition schreibkraft Nr. 18, S. 14-19. Abstracts: Angesichts der scheinbar zunehmenden Zahl an Entführungen von Touristen in der Sahara untersucht der Essay die Reisesicherheit in dieser Region im historischen Vergleich unter besonderer Berücksichtigung des Einflusses der Kolonialisierung. So werden Parallelen zwischen den handelspolitisch und imperialistisch motivierten Expansionsbemühungen Frankreichs im 19. und 20. Jahrhundert und den nunmehrigen, energiepolitisch motivierten Interventionen der USA und anderer neuer Großmächte in der Sahara und dem Sahel gezogen. Besonderes Augenmerk wird zum Einen den Ursachen und Hintergründen der neuerlichen Rebellion der Tuareg gegen die drohende nukleare Versuchung durch einen expansiven Uranabbau im Norden des Niger gewidmet. Zum Anderen werden die plausiblen Hintergründe von sog. „Terror-Aktivitäten“ gegen Touristen in Algerien und Umgebung rekonstruiert, woraus sich der Schluss ableiten lässt, dass diese Aktivitäten im Wesentlichen militärische Desinformationsstrategien zur medialen Schaffung von Legitimation für militärische Interventionen der USA und regionaler Regierungen seien, um den Einfluss auf die Ausbeutung regionaler Energievorkommen zu sichern. Überblick: Zurück aus dem Wüstendrama .........................................................................................................2 Sahara-Reisen im 19. Jahrhundert, ein tödliches Unterfangen ........................................................2 Der Kampf der „Wüstenritter“ … ....................................................................................................3 …gegen den globalen Hunger nach Uran ........................................................................................4 Krieg um Öl ….................................................................................................................................5 …hinter dem Spiel des Terrorismus….............................................................................................6 …mit Individual-Touristen als Marionetten?...................................................................................7 Quellenverzeichnis ...........................................................................................................................8 1 Zurück aus dem Wüstendrama Im Herbst 2008 wurde ein Salzburger Ehepaar nach 252 Tagen in Gefangenschaft der algerischen Terrorgruppierung „GSPC“ befreit, nachdem sie angeblich in Südtunesien überfallen, entführt und in Nordostmali, im Einflussgebiet der Kel Ifoghas-Tuareg, gefangen gehalten wurden. Wer könnte hinter diesen Entführungen stecken? Ist die Sahara etwa schon so sehr von Al-Khaida- Terroristen durchdrungen, wie es die USA, Algerien und die meisten Medien unisono verkünden, sodass diese magische Welt der Sahara jenseits des Mittelmeeres für Träumer, Hobby-Abenteurer und Zivilisationsflüchtlinge unbereisbar wird? Oder könnten etwa auch ganz andere Beweggründe und Drahtzieher als das viel beschworene Terror-Netzwerk Al-Khaida hinter diesem „Vorfall“ stecken und Ausdruck einer vielleicht sogar globalen Entwicklung sein? Sahara-Reisen im 19. Jahrhundert, ein tödliches Unterfangen Alexandrine Tinné, eine wohlhabende niederländische Abenteuerin und Forscherin, die selbst auf ihren Reisen in entlegene Regionen auf Komfort nicht verzichten wollte, wurde im Jahr 1869 bei Murzuk im Süden Libyens ermordet. Gerüchte verbreiteten die Nachricht, sie sei der Habgier ihres Tuareg-Führers zum Opfer gefallen. Nachforschungen ergaben jedoch, dass dieser Mord Ausdruck eines Machtkampfes unter den Kel Ajjer-Tuareg war. Dabei ging es letztlich um die Frage der Befürwortung oder der Bekämpfung der Kollaboration mit den vordringenden Kolonialmächten, den Franzosen und den Osmanen. Acht Jahre später musste der deutsche Forscher Erwin von Bary seine Reise ins Aïr, jene „Schweiz der Sahara“ im nördlichen Sahel, abbrechen und in die Oase Ghat am Fuße des Akakus-Massivs zurückkehren, weil er von den Aïr-Tuareg als türkischer Spion betrachtet wurde, der eine Okkupation durch das Osmanische Reich vorbereiten sollte. Auch über Bary wurde das Gerücht verbreitet, er sei Opfer eines Mordanschlags geworden, obwohl er wahrscheinlich schlicht an Erschöpfung verstarb. Im Jahr 1880 drang die französische „Mission Flatters“ zur Vermessung einer mögliche Trasse für eine Trans-Sahara-Bahn in die Hoggar-Berge ein, entgegen den Warnungen der dort herrschenden und bislang unbesiegten Kel Ahaggar-Tuareg. Die Truppe wurde in einen Hinterhalt gelockt und völlig aufgerieben. Dieser Schock ließ die kolonialen Bestrebungen Frankreichs auf der Suche nach Ruhm und Reichtum für 25 Jahre ins Stocken geraten… Die Sahara im 19. Jahrhundert zu bereisen, bevor sich die Kolonialmächte etabliert und eine militärisch gesicherte Friedhofsruhe durchgesetzt hatten, war lebensgefährlich: Raubüberfälle auf Karawanen („rezzu“), regionale Stammeskonflikte und das militärische Vordringen der Kolonialmächte wechselten einander ab. Doch was hat diese Zeit mit den Entführungen von harmlosen Sahara-Touristen zu tun? Weit mehr, als man zu befürchten wagt, denn die Welt steckt spätestens seit „Peak Oil“, dem Überschreiten der maximalen globalen Öl-Förderleistung1 , mitten in einem neokolonialen Wettlauf um knapper werdende Energie-Ressourcen. Die aktuellen unmittelbaren „Erschütterungen“ in der Sahara wie die Entführungen von 32 europäischen Individualreisenden in Algerien im Jahr 2003, die neu ausgebrochenen Rebellionen in Mali und Niger, und wahrscheinlich auch die Entführung des Salzburger Paares im Winter 2008 müssen wohl als 1 Kromp-Kolb, H. & Kromp W. (2008). Lösen „Peak Oil“ und die Atomenergie das Klimaproblem? In: Österr. Studienzentrum für Frieden und Konfliktlösung (Hg.), Von kalten Energiestrategien zu heißen Rohstoffkriegen? Schachspiel der Weltmächte zwischen Präventivkrieg und zukunftsfähiger Rohstoffpolitik im Zeitalter des globalen Treibhauses. Wien: Lit-Verlag, S. 105. 2 Instrumente dieser globalen Machtkämpfe verstanden werden, in deren Interessensfokus die Sahara rückt, sowie als Reaktionen darauf… Der Kampf der „Wüstenritter“ … Seit Beginn des Jahres 2007 hatten im Sahel-Staat Niger vermehrt bewaffnete Überfälle auf Militäreinheiten stattgefunden, zu denen sich die „Bewegung der Nigrer für Gerechtigkeit“ (Mouvement des Nigériens pour la justice, MNJ) bekannte. Auf ihrer Webseite 2 fordert die mehrheitlich aus Mitgliedern der ersten Tuareg-Rebellion im Niger (1991-1995) sowie aus desertierten Soldaten bestehende Gruppierung u. a. die Umsetzung des Friedensvertrags von 1995, besonders aber die Dezentralisierung der Verwaltung sowie die Ausschüttung von 50 Prozent der Gewinne aus dem Uranbergbau an die lokalen Gemeinden. Bis zu diesem Punkt unterscheiden sich die Forderungen kaum von jenen der Tuareg-Rebellen der 90er-Jahre, denn auch sie hatten vordergründig Gerechtigkeit und Entwicklung gefordert. Doch die damaligen Wüstenkämpfer, entwurzelte Nomaden („Ischomar“ 3 ) und einstige Söldner unter Gaddhafi, hatten sich Dank ihres Erfolges gegen das nationale Militär in zahllose Fraktionen aufgelöst, von denen jede für sich den eigenen Vorteil zu sichern versuchte – unter dem Deckmantel des Kampfes gegen den „Untergang der Tuareg-Kultur“, was immer das sei 4 . Diesem Vorwand 5 waren damals zahllose westliche Tuareg-Fans auf dem Leim gegangen, indem sie die Kämpfe großzügig unterstützten. Unter dem überragenden Erfolg der damaligen Tuareg-Propaganda leidet noch heute die MNJ, denn viele einstige Fürsprecher der Rebellion der 90er-Jahre, wie der GEO-Redakteur Michael Stührenberg, distanzieren sich heute von neuerlichen Tuareg-Aufständen. Sie fürchten, von Tuareg-Rebellen für deren persönliche Interessen abermals instrumentalisiert zu werden. Doch eben diese verständlichen Befürchtungen verschleiern den Blick auf die völlig neuen Hintergründe des gegenwärtigen Konflikts im Niger, der vielmehr ein Kampf gegen die nukleare Verstrahlung der südlichen Sahara und ihrer Bewohner ist! Die Hauptforderungen der MNJ richten sich nämlich auf die Beendigung des Ausverkaufs von Uranschürfrechten in Weidegebieten. Dahinter stehen völlig neue ökologische und geopolitische Entwicklungen. So hatte der französische Betreiber COGEMA-AREVA, in dessen Besitz auch La Hague, die größte nukleare Wiederaufbereitungsanlage der Welt 6 steht, jahrelang jegliche Gefährdung durch den Uranbergbau verharmlost. Nachweise über die ökologischen und gesundheitlichen Folgen des Uranbergbaus für Arbeiter und Bevölkerung in der Region Arlit (Nord-Niger) gelangten erst 2003 an die Öffentlichkeit. Seit damals dokumentierten die 7 unabhängigen Institut CRIIRAD und der Menschenrechtsorganisation Sherpa 8 der Umstand, dass den Uranarbeitern - bei 35 Euro Monatslohn - niemals Information über Strahlengefahr oder irgendwelche Schutzausrüstung bereitgestellt wurde. Zudem werden die bislang angehäuften, 45 2 www.m-n-j-deutsch.blogspot.com 3 „Ishomar“ ist die Verballhornung des frz. Wortes „chomeur“ (Arbeitsloser). 4 Die „Ethnie Tuareg“ ist im Wesentlichen ein Konstrukt der europäischen Kolonialzeit und der davon stark geprägten Ethnologie (vgl. Friedl, H. A. (2008). KulturSchock Tuareg. Bielefeld: Reise Know-how Verlag). 5 Ein diesbezüglich besonders erfolgreiches Propaganda-Instrument war das Buch „Die Tuareg-Tragödie“ von Mano Dayak (1998, Horlemann V.). Obwohl es zahlreiche falsche Daten über die angebliche Benachteiligung der Tuareg im Niger enthielt, wird es sogar von Autoren des „Le Monde Diplomatique“ noch heute als „Standardliteratur“ genannt. 6 Friedl, H. A. (2008). Das nukleare Ende Europas. In: schreibkraft Nr. 16/2008, S. 6-10. 7 Commission de Recherche et d'Information Indépendantes sur la Radioactivité, http://www.criirad.org 8 Association de juristes de toute l’Europe pour la défense des victimes des multinationales, http://association.sherpa.free.fr/revuedepresse/revuedepresse_areva.html 3 Mio. Tonnen Uranabraum sowie verstrahlte Metallabfälle völlig ungeschützt gelagert. Dadurch wird hochgradig radiotoxischer Staub verweht oder fortgespült und gerät so ins lokale Trinkwasser, das bis zu 110-fach überschrittene Gammastrahlen-Grenzwerte aufweist. Der Uran- Schutt wird für öffentliche Bauten verwendet, verstrahlte Altmetalle verwerden einheimische Bewohner als Küchengeräte… Waren bislang „nur“ die rund 100.000 Menschen der Region Arlit betroffen, so droht sich dieses nukleare Umweltdesaster nunmehr extrem auszuweiten: In Kürze wird AREVA in Imouraren, 50 km südlich von Arlit, eines der größten Uranbergwerke der Welt eröffnen. Und das ist erst der Anfang, denn seit 2006 schürft das chinesische Bergbauunternehmen „Sino-Uranium“ in Azelik nach Uran, nur wenige Kilometer von der traditionellen Salzoase Tegguida n’Tessum ca. 50 km vom Nomadenzentrum InGall entfernt. Doch die hier weidenden Menschen wurden kurzerhand vertrieben, die Nutzung der Brunnen verboten. Dies war der Grund, warum MNJ-Rebellen im Juli 2007 einen Mitarbeiter von Sino-Uranium entführten und die Ausweisung aller Bergbau- Unternehmen aus der Region von der nigrischen Regierung erzwingen wollten. …gegen den globalen Hunger nach Uran Diese Entwicklung geht in eine völlig neue, höchst bedrohliche ‚Richtung. Denn wie den Tausenden Nomaden um InGall dürfte es in Zukunft weiteren 300.000 Bewohnern in ihrem rund 90.000 km2 großen Lebensraum zwischen der algerischen Grenze und der Sahel-Stadt Agadez ergehen: Dieses gesamte Gebiet von der Größe Österreichs soll nach den Plänen der Regierung an rund zwanzig Schürfunternehmen verpachtet werden soll. Seit sich der Weltmarktpreis für Uran in den letzten Jahren vervielfacht hatte, explodieren auch die Einnahmen der nigrischen Staatskasse, deren Präsident Tandja als Reaktion auf die Rebellion den Ausnahmezustand übers gesamte Land verhängt hat. Die Rebellion wird konsequent als Aktion von „Banditen“ diffamiert, die Gefahren der Uranförderung verharmlost. Als Gegenargument kaufte die Regierung zwei Kampfhubschrauber aus der Ukraine. 9 Angesichts dieser Entwicklungen bekommt die neue Rebellion ein völlig anderes Gesicht. Selbst jene Europäer, deren Tuareg-Engagement von den Rebellen der 90er-Jahre instrumentalisiert wurde, müssen heute erkennen, dass die Lage völlig anders ist. Der Kampf der MJN-Rebellen ist offensichtlich keine Schlägerei von unterbeschäftigten Ischomar, die sich, vom Militär gelangweilt, lieber mit der Überzeugungskraft einer Kalaschnikow ein Verwaltungspöstchen organisieren wollen. Die neue Rebellion erscheint vielmehr als verzweifelter Akt gegen eine existenzielle Bedrohung der gesamten Region Agadez und ihrer Bewohner, ob Tuareg-Nomaden, Haussa-Handwerker, Fulbe-Hirten, arabische Händler oder Djerma-Beamten. Diese Bedrohung scheint angesichts der Zielstrebigkeit der Regierung und ihrer mangelnden Verhandlungsbereitschaft mit „Banditen“ keine Alternativen zuzulassen als die gewaltsame Flucht nach vorn… Doch wohin, in welche Zukunft? Denn mit steigenden Uranpreisen steigen die Einnahmen des Staates und damit die Möglichkeit, Waffen zu kaufen, um die Schürfgebiete und die Transportwege zu sichern. Hier decken sich die Interessen der nigrischen Zentralregierung mit jenen ihrer Uran-Abnehmer, der Industriestaaten und ihrer Bürger, deren Hunger nach Energie und somit nach dem Brennstoff Uran wächst. Mit dem Sinken der Ölvorräte und den zunehmend sichtbaren Treibhauseffekt wie dem Abschmelzen der Gletscher steigt die durch die Atom- Industrie beworbene Attraktivität von Atomenergie und damit wiederum die Nachfrage nach 9 Bednik, A. (2008). Umweltkatastrophe in der Wüste. In: Le Monde diplomatique Nr. 8628 vom 11.7.2008, http://www.monde-diplomatique.de/pm/2008/07/11.mondeText.artikel,a0048.idx,14, zul. 10.12.2008. 4 Uran. Nach Angaben der World Nuclear Association 10 (WNA) sind heute 34 Atomkraftwerke im Bau und 93 weitere in Planung. Allein China beabsichtig bis zu 40 neue Meiler zu errichten. Dabei überschreitet schon heute die Nachfrage nach Uranbrennstoff die weltweite Neuproduktion um 30°%. Diese Lücke wird derzeit noch durch Uran aus verschrotteten Atombomben gedeckt. Gänzlich versiegen sollen rentable Uranvorkommen spätestens um das Jahr 2070. Folglich schießt der Uranpreis schon jetzt in ungeahnte Höhen. Folglich interessieren sich die energiehungrigen Regionen China, Indien, Europa und die USA viel mehr für die Sicherung ihrer Energieversorgung als für die Menschenrechte der betroffenen Bevölkerung. Im Gegenteil: Was Rohstoff-Prospektoren und Investoren suchen, ist Stabilität, wofür sie auch entsprechend zu zahlen bereit sind, wem auch immer. Daraus schließt Jeremy Keenan von der Bristol Universität, dass der Welt immer mehr Ressourcen bedingte Konflikte bevorstehen. 11 . Schon immer blühte der Austausch zwischen monopolistischen Rohstofflieferanten und Waffenhändlern. Bis ins 19. Jahrhundert tauschten Sklavenhändler ihre Ware gegen Waffen, welche die Versklavung weiterer Menschen erleichterten… Das Prinzip dieser menschenverachtenden Spirale gilt heute für die meisten an Bodenschätzen reichen Länder der Erde außerhalb der westlichen Welt. Am besten aber funktioniert das Prinzip mittlerweile in den Marionetten-Demokratien Uran und Öl produzierender Staaten: Rohstoffe gegen Geld, mit dessen Hilfe die herrschenden Eliten ihre Vorherrschaft durch Waffenkäufe bei den Rohstoff nachfragenden Ländern ausbauen können 12 …, was eine perfekte Win-Win-Situation für beide Seiten ergibt. So unterstützte etwa die USA den Niger neben Mali, dem Tschad und Mauretanien im Rahmen ihrer „Pan-Sahel-Initiative“ mittels militärischer Trainings für nigrische Offiziere sowie durch Lieferungen von Kriegsmaterial. Offiziell geht es dabei um den Kampfes „gegen Schmuggel, internationale Kriminalität und terroristische Bewegungen“, insbesondere gegen die algerische „Salafistische Gruppe für Predigt und Kampf“ (GSPC). Diese Gruppe gilt offiziell seit kurzem als „Bin Laden-Verbündete“ und als solche verantwortlich für die Entführung der 32 Touristen in der algerischen Sahara im Jahr 2003. Inoffiziell dagegen geht es der USA bei ihrer „Pan-Sahel- Initiative“, analog zum Verhältnis China-Uran-Niger, um fossile Energie. Krieg um Öl … Seit den ersten beiden Golfkriegen (1980/88, 1990/91) und noch viel mehr seit dem Irakkrieg ist das Motiv für die militärische Intervention einer führenden Macht offensichtlich: Es geht um die Sicherung von Rohstoffreserven, nämlich um einen ungehinderten Zugang sowie um den militärisch gesicherten Transportweg bis in den jeweiligen Industriestaat. Zentrales Mittel dafür ist das zunehmende militärische Engagement in den jeweiligen Lieferregionen. Dieses Prinzip auf den Punkt brachte James Schlesinger, ehemaliger US-Energieminister unter Präsident Carter, als er im Jahr 1992 meinte, das amerikanische Volk habe aus dem ersten Golfkrieg gelernt, dass es viel leichter sei, „den Leuten im Nahen Osten in den Hintern zu treten“, als seinen eigenen Energieverbrauch einzuschränken, „um die Abhängigkeit der USA von den Ölimporten zu verringern.“ 13 Eine Überspitzung der Carter-Doktrin von 1980, wonach jeder Versuch einer 10 www.world-nuclear.org 11 Keenan, J. (2008). NIGER: Uranium - blessing or curse or the example of Africa? www.uwosh.edu/cont_ed/2008/Spring%20Handouts/Niger%20Uranium.pdf, zul. 25.10.2008. 12 Seifert, T. & Werner, K. (2008). Schwarzbuch Öl. Eine Geschichte von Gier, Krieg, Macht und Geld. München: Ullstein. 13 James Schlesinger, zit. in Abramovici, P. (2004). Terror bekämpfen und Öl importieren. In: Le Monde diplomatique Nr. 7404 vom 9.7.2004, Seite 12-13, http://www.monde- diplomatique.de/pm/2004/07/09/a0041.text.name,askaeUuyt.n,2, zul. 11.12.2008. 5 dritten Macht, Kontrolle über die Region am Persischen Golf zu erlangen, als Angriff auf die USA interpretiert und entsprechend beantwortet werde. Umgesetzt wurde die Doktrin durch die Bildung der militärischen Einheit „Centcom“, die alle drei militärischen Unterfangen am Golf wesentlich koordinierte. 14 Doch was hat dies mit der Sahara zu tun? Von Afrika erwarten alle Experten, dass es in den nächsten zehn Jahren für die USA zur zweitwichtigsten Lieferregion für fossile Energie werden wird, gleich nach dem Nahen Osten. Um die Abhängigkeit von dieser Krisenregion zu reduzieren, engagieren sich die USA seit Mitte der 90er-Jahre zunehmend in Afrika. Allein aus der Region Sahara-Sahel beziehen die USA schon heute rund 15°% ihres Ölbedarfs. Dieser Anteil soll möglichst bald auf 25°% gesteigert werden. Dies erklärt die heute freundschaftliche Partnerschaft mit dem einstigen Erzfeind Gaddhafi und mit den übrigen regionalen Staaten, in denen sich US-amerikanische Ölfirmen, Streitkräfte und private Sicherheitsfirmen engagierten. Als Erfolg dieser Militärkooperation schnappte eine tschadische Untergrundorganisation im Mai 2004 den angeblichen Kopf der GSPC-Entführer von 2003, „el Para“, und lieferten ihn an Algerien aus. Und im Juni 2005 fand das größte Manöver in Afrika seit dem zweiten Weltkrieg statt, gemeinsam mit den Ländern Mali, Mauretanien, Niger, Algerien und dem Tschad, zufällig zwei Wochen nach einem als solches proklamierten „GSPC-Überfall“ auf eine mauretanische Militärstation nahe der algerischen Grenze. 15 Mittlerweile ist diese „militärische Kooperation im weltweiten Kampf gegen den Terrorismus“ im Rahmen der eigens gegründeten US-Militärabteilung „africom“ 16 auf weitere Staaten Nord- und Westafrikas ausgedehnt, speziell um die Sahara- und Sahelzonen zu sichern. Genau dort aber liegen zentrale Ölfelder Afrikas. …hinter dem Spiel des Terrorismus… Wie ist es möglich, dass die Amerikaner gerade zur rechten Zeit am rechten Ort erscheinen oder zumindest logistische Unterstützung liefern können? Ein Blick hinter die Kulissen entlarvt diese überragenden Zufälle: Nach 9/11 versuchten die USA, ihren „globalen Krieg gegen den Terrorismus“ insbesondere gegenüber ihren skeptischen europäischen Verbündeten zu legitimieren. Dies gelang, indem die USA das Bild von einer „Al Khaida“ vermittelten, die vor den US-Truppen aus Afghanistan über Ostafrika, den Sudan und den Sahel nach Algerien flüchteten, vor Europas Haustüre. Der britische Politologe Jeremy Keenan bezeichnet dieses Bedrohungsszenario als „Bananen- Theorie“ aufgrund der Form der geografischen Bewegung der „Al Khaida“.17 Der Beweis für diese Theorie wurde nachgeliefert: die „Entführung“ der 32 Touristen im Frühjahr 2003. Hinter den Kulissen hatten sich die algerischen Machthaber Anfang 2003 um militärische und finanzielle Unterstützung durch die USA bemühten. Dies bedurfte jedoch der Aufhebung des Waffenboykotts, der wegen des brutalen militärischen Vorgehens des Regimes gegen die eigene Bevölkerung herrschte. Zufällig während der diplomatischen Verhandlungen zwischen Algerien und den USA wurde ein algerischer Militärkonvoi Opfer eines schweren „GSPC-Überfalls“, der 43 Soldaten das Leben kostete. Der algerische Militärgeheimdienst (DRS) „bewies“ durch ein – später als gefälscht entlarvtes - Videoband die Verantwortung von GSPC-Führer Abderrazak „el 14 Altvater, E. (2008). Sicherheitsdiskurse beiderseits des Atlantiks – in Zeiten von Peak Oil und Klimawandel. In: Österr. Studienzentrum für Frieden und Konfliktlösung (Hg.), Von kalten Energiestrategien zu heißen Rohstoffkriegen?, S. 53. 15 US targets Sahara 'terrorist haven', http://news.bbc.co.uk/1/hi/world/africa/4749357.stm, zul. 8.12.2008. 16 www.africom.mil 17 Zit. in Rühl, B. (2006). Die Furcht der USA vor Terrorgruppen im Sahel. http://www.algeria- watch.org/de/artikel/touristen/furcht_usa.htm, zul. 10.12.2008. 6 Para“ für diesen Überfall. Den USA genügte dieser Beweis für die Lockerung des Waffenembargos. Seither gilt Algerien in den Augen der USA als vorbildlich demokratisches Land innerhalb der arabischen Welt und darum „legitimerweise“ als enger Verbündeter der USA auf militärischer wie auch ökonomischer Ebene. Im November 2003, nach erfolgreicher „Befreiung“ der Geiselnahmen in der Sahara, wurde mit der Umsetzung der Pan-Sahel-Initiative begonnen, kurz darauf deren Budget für Waffenkäufe der Partnerländer von sieben auf 125 Millionen Dollar pro Jahr aufgestockt. Algeriens Militär profitierte im Jahr 2006 durch US-Ausbildungen im Wert von fast einer Milliarde Dollar, zudem investierten die USA über fünf Mrd. Dollar in den Ölsektor. 18 Diese Hintergründe sowie die zahlreichen Ungereimtheiten der Entführungen von 2003 19 legen die plausible Annahme nahe, dass die salafistische „GSPC“ vom algerischen Geheimdienst unterwandert und zugunsten der Interessen der algerischen Machthaber sowie der USA instrumentalisiert wurde. Diese Ansicht teilen u. a. Jeremy Keenan20 sowie der Afrikanist Werner Ruf 21 . Den USA geht es dabei nicht nur um den Zugang zum Öl, sondern auch um die Begrenzung des militärischen Einflusses Frankreichs. Derartige Methoden sind für Algeriens Führung keineswegs neu. Bereits im Jahr 1993 hatte der algerische Geheimdienst die Entführung französischer Beamter in Algerien fingiert, um Frankreichs Unterstützung für das Militärregime zu erzwingen, das sich zwei Jahre zuvor gegenüber der demokratisch gewählten islamischen Wohlfahrtsparte (FIS) an die Macht geputscht hatte. Die Strategie des fingierten Terrors hatte Erfolg: Frankreichs Premierminister Edouard Balladur genehmigte die „Operation Chrysanthème“, die größte Razzia gegen algerische Regimegegner in Frankreich seit dem algerischen Unabhängigkeitskrieg. Zufälligerweise kurz darauf konnten die französischen Geiseln erfolgreich aus der Gewalt der „islamistischen Entführer“ befreit werden.... 22 …mit Individual-Touristen als Marionetten? Was folgt daraus für den entspannten Abenteuer-Urlaub im spirituell durchtränkten Ambiente der Sahara? Werner Ruf geht davon aus, dass „solch neuer Kolonialismus im Gewande der Terrorismusbekämpfung (...) Widerstand wecken und genau jenen ‚Terrorismus’ produzieren (wird), den zu bekämpfen Africom & Co. ausgezogen sind.“ 23 . Tourismus spielt in diesem Zusammenhang für rohstoffreiche Länder wie Algerien, Libyen und der Niger im besten Fall eine Rolle als regionale Beschäftigungstherapie, um die Bevölkerung ruhig zu halten. Dies setzt jedoch organisierten Tourismus voraus, der eine weit höhere Wertschöpfung aufweist und zudem die Kontrolle der Reisenden erlaubt als Individualtourismus. Reisen in von Einheimischen organisierten Gruppen werden darum auch weiterhin relativ ungefährlich sein. 18 http://www.state.gov/r/pa/ei/bgn/8005.htm 19 Details dazu vgl. Mellahjean, S. & Revoire, B. (2005). Enquête sur l'étrange "Ben Laden du Sahara". In: Le Monde diplomatique Nr. 7588 vom 11.2.2005, http://www.monde-diplomatique.fr/2005/02/MELLAH/11905, zul. 7.12.2008. 20 Keenan, J. (2005): Waging war on terror: Implications of America's 'New Imperialism' for Saharan peoples. Journal of North African Studies 10 (3-4), 619 – 647. 21 Ruf, W. (2007). Terror, Geheimdienste und Geopolitik: Wie die Achse Washington–Algier Ressourcensicherung betreibt. In: Albrecht, H. (Hg.). Weltregionen im Wandel: Politik, Wirtschaft und Gesellschaft im Vorderen Orient. Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft, http://www.uni-kassel.de/fb5/frieden/regionen/Algerien/terror-ruf.html, zul. 5.12.2008. 22 Vgl. nochmals Mellahjean & Revoire, 2005. 23 Ruf, W. (2008). Africom – Ressourcen statt Freiheit. Der Sprung der USA nach Afrika, UTOPIE kreativ, Nr. 216, S. 883-892, http://www.linksnet.de/de/artikel/23691, zul. 23.11.2008. 7 Individualreisende hingegen, wie im 19. Jahrhundert Alexandrine Tinné oder im Jahr 2008 das Salzburger Ehepaar, bieten – neben ihrer geringeren Kontrollierbarkeit durch die Behörden und ihrer vernachlässigbaren Rentabilität für die Bevölkerung – auch den Nachteil, dass sie „Verbotenes“ sehen könnten. Dies erklärt die wachsenden Reisebarrieren wie willkürliche Visa- Politik, schikanöse Kontrollen, verpflichtende Begleitpersonen oder andere Auflagen für Allrad- Abenteurer. Im günstigsten Fall für die jeweiligen Machthaber dienen Individualreisende als Besetzung der Hauptrollen im medialen Spektakel einer Terror-Inszenierung, wenn schon nicht – als willkommene Einkunftsquelle für mittellose Wegelagerer. In jedem Fall ist die Zeit der großen Freiheit, in welcher der Sandkasten der Europäer in beliebiger Richtung individuell „erfahren“ werden durfte, wohl vorbei. Oder sollte man sagen, wir befänden uns wieder in der Phase präkolonialer Konflikte wie zur Zeit Tinnés, von Barys und der Mission Flatters? Was die Hintergründe der Entführung des jüngst befreiten Salzburger Paares angeht, so sind seriöse Rekonstruktionen derzeit noch nicht möglich und wären bloße Spekulation. Faktum aber bleibt, dass der Fall den beteiligten Staaten und den USA als weiterer „Beweis“ für ihr Anti- Terror-Engagement dient: ein klassischer Fall einer höchst willkommenen „self-fulfilling Prophecy“! Harald A. Friedl ist Tourismusforscher mit dem Spezialgebiet Sahara und unterrichtet internationale Tourismuspolitik, Soziologie und Ethik an der Fachhochschule JOANNEUM, Studiengang „Gesundheitsmanagement im Tourismus“ in Bad Gleichenberg, Österreich. Quellenverzeichnis Bednik, A. (2008). Umweltkatastrophe in der Wüste. In: Le Monde diplomatique Nr. 8628 vom 11.7.2008, http://www.monde- diplomatique.de/pm/2008/07/11.mondeText.artikel,a0048.idx,14, zul. 10.12.2008. Keenan, J. (2005): Waging war on terror: Implications of America's 'New Imperialism' for Saharan peoples. Journal of North African Studies 10 (3-4), 619 – 647. Keenan, J. (2008). NIGER: Uranium - blessing or curse or the example of Africa? www.uwosh.edu/cont_ed/2008/Spring%20Handouts/Niger%20Uranium.pdf, zul. 25.10.2008. Mellahjean, S. & Revoire, B. (2005). Verwischte Spuren in der Sahara. Die algerische Regierung prifitiert von der Al-Qaida-Gefahr. Le Monde Diplomatique (dt. Ausg. der TAZ) Februar 2005, S. 20-21. Österr. Studienzentrum für Frieden und Konfliktlösung (Hg.) (2008). Von kalten Energiestrategien zu heißen Rohstoffkriegen? Schachspiel der Weltmächte zwischen Präventivkrieg und zukunftsfähiger Rohstoffpolitik im Zeitalter des globalen Treibhauses. Wien: Lit-Verlag. 8 Ruf, W. (2007). Terror, Geheimdienste und Geopolitik: Wie die Achse Washington–Algier Ressourcensicherung betreibt. In: Albrecht, H. (Hg.). Weltregionen im Wandel: Politik, Wirtschaft und Gesellschaft im Vorderen Orient. Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft, S. 63-80. Ruf, W. (2008). Africom – Ressourcen statt Freiheit. Der Sprung der USA nach Afrika, UTOPIE kreativ, Nr. 216, S. 883-892, http://www.linksnet.de/de/artikel/23691, zul. 23.11.2008 Seifert, T. & Werner, K. (2008). Schwarzbuch Öl. Eine Geschichte von Gier, Krieg, Macht und Geld. München: Ullstein. 9