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Reisen zu den Wüstenrittern 2 Harald A. Friedl Reisen zu den Wüstenrittern Ethno-Tourismus bei den Tuareg aus Sicht der angewandten Tourismus-Ethik Verlag Traugott Bautz 3 Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; de- taillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar. Gedruckt mit Unterstützung der Karl-Franzens-Universität Graz Verlag Traugott Bautz GmbH 99734 Nordhausen 2009 ISBN 978-3-88309-456-4 Danksagung Die vorliegende Arbeit ist im Wesentlichen Ergebnis meiner eigenen Leistung, die ich jedoch nie- mals ohne die Hilfe und Unterstützung zahlreicher Menschen hätte realisieren können. Daher möch- te ich diesen Menschen meinen innigen Dank aussprechen. Allen voran danke ich meiner Gemahlin, Mag. Christiane Friedl, die mich während all meiner Forschungen begleitete: an meiner Seite im Niger, wo sie sogar für ausgefallene „Experimenten“ wie Gewaltmärsche über viele Hundert Kilo- meter und oder eine traditionelle Tuareg-Hochzeit in Timia bereit war, und in Graz, wo sie mir auch in den schweren Tagen des Schreibens stets Verständnis für meine Forschungsarbeit aufbrachte. Meine Eltern, Mag. Günther und Gerlinde Friedl, hatten mich stets zu meiner Arbeit ermutigt und meine Forschung in Afrika materiell und ideell unterstützt. Das besondere Verdienst meines Vaters war die mühsame Korrektur der vorliegenden Arbeit. Seine große Geduld und Genauigkeit wie auch seine kritischen Anmerkungen waren mir von unschätzbarem Wert. Ein besonders inniges Dankeschön richte ich an meinen Freund, den Anthropologen, Entwicklungs- soziologen und Schriftsteller Univ.-Prof. Dr. Andreas Obrecht. Er hatte mich im Frühling 1999 zur Feldforschung angestiftet, was ich als Geistes- und Rechtswissenschaftler zum damaligen Zeitpunkt eigenständig niemals zu versuchen gewagt hätte. Ich danke auch meinem Philosophen-Freund und Dissertations-Kollegen, Mag. Dr. Samir Osman- cevic, für seine vielfältigen Anregungen, Diskussionsbeiträge und seine Ermutigungen durchzuhal- ten. Vor allem danke ich ihm für seinen phantastischen Cappuccino! Meinem Erstbetreuer, Univ.-Prof. Dr. Peter Payer, habe ich zu verdanken, dass aus dem ursprüng- lich als Diplomarbeitsprojekt geplanten Unterfangen eine Dissertation wurde. Ohne seine Ermuti- gung, nach höheren akademischen Weihen zu streben, hätte es mir damals am nötigen Selbstver- trauen für die Bewältigung dieses Vorhabens gemangelt. Besonderen Dank schulde ich ihm auch für seine geduldige Unterstützung in administrativen Belangen. Mein Zweitbetreuer, Univ.-Prof. Dr. Kurt Weinke, hatte es verstanden, meine Begeisterung für die angewandte Ethik während meiner Studienzeit zu einer ernsthaften Berufung zu kultivieren. Für seine geistigen Anregungen und seine Freundschaft sage ich gerne Dankeschön. Besonderen Dank schulde ich auch dem Ethnologen und Kel Ewey-Kenner, Univ.-Prof. Dr. Gerd Spittler von der Universität Bayreuth für seine wertvollen Hinweise über die Kel Ewey und insbe- sondere für seine freundliche Genehmigung, sein ehemaliges Haus in Timia benutzen zu dürfen. Nach Paris richtet sich mein Dank an Univ.-Prof. Dr. André Bourgeot, Anthropologe und einer der führenden Tuareg-Kenner Frankreichs, der mich im Niger und in Frankreich freundlichst aufge- nommen und mich wertvolles Wissen über die Tuareg-Gesellschaften gelehrt hatte. Besonderen Dank schulde ich auch Univ.-Prof. Dr. Adamou Aboubacar an der Universität Niamey, der mich in den ersten Wochen meines Forschungsaufenthalts im Niger unterstützt hatte. Unermesslichen Dank schulde ich meinem Freund Alhousseini Ibra dit Houché, Direktor von Tchi- mizar Voyages, der mir während meiner Zeit in Afrika stets beistand und mich selbst in schwierigs- ten Momenten das Lachen lehrte. Seine Fröhlichkeit und sein Umgang mit Touristen sind für mich vorbildhaft. Dank schulde ich auch seinem gesamten Team, das meinem anfänglichen Perfektionis- mus als Reiseleiter stets mit Humor und freundschaftlicher Nachsicht begegnete. Houiah, der großartige Ténéré-Führer, hat mir unendlich viel über das Reisen in der Wüste, die Tra- dition der Tuareg - und über das Schweigen beigebracht, vielen Dank. Mein besonderer Dank gilt Mohamed Ixa, Reiseführer und Star aus zahlreichen Tuareg-Filmen und Geo-Reportagen, der mich stets in seiner Agentur Tidéne Expeditiones als Forscher wie als Freund aufgenommen und mit Insider-Informationen und freundlichem Lachen beschenkt hatte. 5 In Agadez war das Haus von Algafet Algaher, dem Präsidenten der Nigrischen Restaurationsverei- nigung, stets offen für mich. Seine gute Kenntnis der politischen Zusammenhänge in Agadez half mir, manche scheinbare Ungereimtheit besser zu verstehen. Besonderen Dank schulde ich Mohamed Attako, dem stillen Schmied in Agadez, dem treuen Freund seit unserer ersten Begegnung im Jahr 1997 in Agadez: Er schuf die unglaublichsten Geschmeide für meine Frau, und in seiner großen Familie war ich stets willkommen. Ebenfalls Dank schulde ich der österreichischen Tuareg-Reiseveranstalterin und GfbV-Referentin Eva Gretzmacher, die mich im Jahr 1997 dazu angeregt hatte, als Journalist den Niger zu besuchen. Ihrer ungewöhnlichen Art, Tuareg-Tourismus zu betrachten und zu praktizieren, verdanke ich letzt- lich meine Forschungsfrage. In Timia danke ich Aghali Imoumoumene für seine liebenswürdige Aufnahme in seinem Haus so- wie für seine unermüdliche Unterstützung bei meinen Interviews und Forschungsexpeditionen. Dank schulde ich auch Michel Bellevin und Moussana Alkabous, den beiden Präsidenten des Ver- eins „Les Amis de Timia“, die meine Forschung logistisch unterstützt hatten. Ein großes Dankschön gilt meiner lieben „Reserve-Großmutter“ Mariema in Timia. Die Hirtin „im Ruhestand“ hatte mich in Timia mit traditionellen Leckerbissen, vor allem aber mit ihrem erfri- schenden Humor, herzlich verwöhnt. Allah stehe ihr bei. Besonderer Dank gebührt meinem Freund Hans Sagebiel, Leiter eines EZA-Projekts in Tahoua, in dessen Haus ich mich bei Bedarf stets von den Strapazen der Forschung im „Busch“ mit ein wenig westlichem Komfort erholen durfte. Sein Koch Boubacar umsorge mich mit ausgefallenen Köst- lichkeiten. Besonderen Dank schulde ich Mouha, dem Wächter und „Timia-Exilanten“, der mir wichtige Informationen über Timia und seine wertvolle Freundschaft schenkte. Dank schulde ich auch meinem langjährigen Vorgesetzten und Freund, dem einstigen Prokuristen des Reiseveranstalters „natur&reisen/Kneissl Touristik“, Walter Reischauer, dessen Interesse an nachhaltigen Reiseprodukten und dessen Vertrauen in meine Person mir die Chance eröffneten, kommerzielle Tuareg-Touren zu entwickeln, zu testen und zu vermarkten. Walter Reischauers Nachfolgerin, Mag. Elisabeth Kneissl, behielt das Niger-Angebot freundlicherweise bis zur Verkün- dung der Reisewandung im Jahr 2004 aufrecht. Auch ihr vielen Dank für ihr Entgegenkommen. Ein Dankeschön richtet sich auch an die Sahara-Kenner Peter Marhold sowie Ulrich Hanel für ihr großes Vertrauen, das sie veranlasste, mir außergewöhnliche Information über die Hintergründe der Touristen-Entführungen in Algerien im Jahr 2003 zukommen zu lassen. Dank schulde ich auch Dr. Hannelore Kusserow und meinen Freunden vom Institut für Paläontolo- gie der Freien Universität Berlin für ihr Vertrauen in meine Kenntnisse. Auch wenn unser Projekt, die Saurierfunde im Niger ökotouristisch zu nutzen, letztlich nicht realisiert werden konnte, so war die Arbeit mit meinen Berliner Kollegen dennoch eine große Bereicherung. Abschließend darf ich all jenen meine Verbundenheit ausdrücken, die mich bei zahlreichen Gele- genheiten in vielerlei Hinsicht beim Fortgang dieser Arbeit unterstützt haben, die ich zwar nicht alle namentlich nennen kann, deren Wohlwollen ich jedoch keinesfalls vergessen habe. All die Freund- lichkeit, die ich in Agadez und Timia erfahren habe, die langen, bereitwilligen Gespräche und ge- meinsamen Erlebnisse - all das ist ein Geschenk, dessen unermesslichen Wert ich stets in meinem Herzen bewahren werde. Graz, im Jänner 2005 6 Vorwort zur Buchfassung In den vier Jahren seit dem Abschluss meiner Forschungen über Tuareg-Tourismus konnte ich zahl- reiche Elemente daraus veröffentlichen, aber auch vieles daraus für meine Lehre in Tourismussozio- logie, nachhaltiger Tourismusentwicklung und Tourismusethik an der Fachhochschule JOAN- NEUM in Bad Gleichenberg nutzen. Zudem erreichten mich immer wieder Bitten von Studierenden fremder Universitäten um die Übermittlung meiner Dissertation. Diesem Wunsch entsprach ich stets gerne, weil nach meiner Überzeugung öffentlich finanzierte Forschungsergebnisse auch der Öffent- lichkeit verfügbar sein sollen. Darum entschloss ich mich, meine Arbeit auch als Buchfassung he- rauszubringen. Freundlicherweise wurde dieses Ansinnen von meiner Alma Mater, der Karl- Franzens-Universität Graz, großzügig gefördert, wofür ich an dieser Stelle herzlich danken möchte. Mein besonderer Dank gilt meinem Vater, Prof. Mag. Günther Friedl, der mich auch bei der Buch- fassung wieder mit seiner engagierten Korrekturarbeit unterstützte. Eine innige Umarmung gebührt meiner lieben Frau, Mag. Christiane Friedl, für ihr Verständnis und ihre Rücksichtnahme für meine Arbeit, sowie meinen Kindern Alexander Emanuel und Hélena Stephanie, die mir nachsahen, wenn ich wegen des Buches nicht mit ihnen Bauklötze stapeln oder herumtollen konnte. Das vorliegende Buch widme ich meinen Freunden von Agadez und Timia, die gegenwärtig eine katastrophale Zeit erleben müssen, geprägt von Angst, Terror, Tod, Hunger und Chaos. Seit dem Ausbruch der Anti-Uran-Rebellion im Norden des Niger herrscht im Land der Ausnahmezustand. Der organisierte Tourismus ist völlig zum Erliegen gekommen. Damit ist teilweise eingetroffen, was im vorliegenden Buch teilweise warnend vorweggenommen wird, nämlich der Zusammenbruch der regionalen Stabilität aufgrund einer kurzsichtigen Politik der mangelnden sozialen Integration: Weil der weltweite Bedarf nach nicht-fossiler Energie steigt, vervielfachte sich der Weltmarktpreis für Uranium seit Beginn der 2000er-Jahre, weshalb die nigrische Zentralregierung Schürf-Lizenzen für neue Uranminen an chinesische, indische und westliche Firmen vergibt. Der Abbau ist nunmehr auch in den Weidegebieten westlich von Agadez genehmig, wodurch Hunderttausend Nomaden und Siedlungsbewohner von den ökologischen Folgen des Uranbergbaus bedroht sind. Die massiv ge- stiegenen Einnahmen des Staates hingegen verbleiben bei der Regierung, die derzeit dafür Waffen kauft und gegen die Bevölkerung der Region Agadez einsetzt. So ist zu befürchten, dass die Men- schen der Region eine ähnlich dramatische Situation einer de-facto-Militärdiktatur hinnehmen müs- sen, wie sie bereits in den späten 70er-Jahren aufgrund des ersten Uran-Booms möglich war. Ist es angesichts solcher dramatischen Umstände überhaupt sinnvoll, eine Studie über nachhaltigen Tuareg-Tourismus zu veröffentlichen? Ich denke doch, denn meiner Überzeugung nach liegt huma- nitärer Fortschritt, wenn es dergleichen überhaupt gibt, in der Weiterentwicklung von differen- zierten Konfliktlösungsstrategien. Eine grundlegende Voraussetzung dafür ist die kritische Ausei- nandersetzung mit sich selbst und der Welt, um zu erkennen, dass die Dinge selten so sind, wie sie uns erscheinen. Eben diese konstruktivistische Einsicht zwingt uns zu Demut, kritischer Toleranz und zum Dialog. Als Forscher und Autor mit dem Schreiben und Veröffentlichen aufzuhören hieße für mich demnach: aufzugeben, die Dinge resigniert hinzunehmen – und damit die Gewalt des Fak- tischen als Legitimation anzuerkennen. In diesem Sinne ist dieses Buch mein bescheidener Beitrag zum besseren Verständnis der Welt der Menschen von Agadez – und damit ein kleiner Pflasterstein für den steinigen Weg zurück zu einem Frieden, der Selbstbestimmung und Entwicklung der Menschen zulässt. Harald A. Friedl, Bad Gleichenberg im Feber 2009 7 Inhaltsübersicht Tabellenverzeichnis ............................................................................................................................26 Abkürzungsverzeichnis.......................................................................................................................26 Teil A: Theoretische Grundlagen........................................................................................................32 1 Einleitung............................................................................................................................32 2 Theoretische Grundlagen einer universellen Tourismusethik ............................................57 3 „Entwicklung“: Ideologischer Wandel und Krise eines Entwicklungsbegriffs..................99 4 „Entwicklungshilfe“ Tourismus?......................................................................................116 5 Wahrnehmung und Interaktion zwischen Reisenden und „Bereisten“ .............................137 Teil B Empirische Untersuchung des Tourismusmarktes Agadez...............................................173 6 Die Region Agadez ...........................................................................................................173 7 Geschichte des Tourismus in Agadez ...............................................................................221 8 Die Tourismuspotentiale von Agadez...............................................................................237 9 Struktur des Tourismus in Agadez....................................................................................326 10 Strukturelle Probleme der Tourismusentwicklung in Agadez ..........................................357 11 Die Marke „Tuareg“ – Mythos und Images......................................................................399 12 Der Markt des Tuareg-Tourismus.....................................................................................428 13 Das Reiseprodukt: Versuch der Evaluation einer Trekking-Reise ins Aïr .......................489 14 Konflikte im Einzugsbereich des Tuareg-Tourismus .......................................................522 Teil C: Das Verhältnis der Kel Timia zum Tourismus .....................................................................545 15 Portrait der Kel Timia: Tradition und Wandel..................................................................547 16 Die Kel Timia heute: Kernprobleme und Lösungsstrategien ...........................................582 17 Tourismus bei den Kel Timia ...........................................................................................604 18 Die wirtschaftliche Rolle des Tourismus in Timia ...........................................................630 19 Werte, soziokultureller Wandel und die Rolle des Tourismus .........................................644 20 Potentielle Tourismusentwicklung: Vier Testprojekte .....................................................676 21 Probleme durch Tourismus bei den Tuareg ......................................................................707 Teil D Gesamtevaluation..............................................................................................................747 22 Die ethische Relevanz der Meinung der Kel Timia..........................................................747 23 Gesamt-Schlussfolgerungen .............................................................................................791 Quellenverzeichnis............................................................................................................................798 Anhang..............................................................................................................................................877 8 Inhaltsverzeichnis Tabellenverzeichnis...........................................................................................................................26 Abkürzungsverzeichnis ....................................................................................................................26 Teil A: Theoretische Grundlagen ....................................................................................................32 1 Einleitung............................................................................................................................32 1.1 Tourismus - (k)ein Problem der angewandten Ethik? ........................................................32 1.2 Ethnotourismus: umstrittene Sonderform des Dritte-Welt-Tourismus ......................35 1.3 Sahara-Tourismus: „Neo-Kolonialisierung“ der Tuareg-Nomaden?..........................37 1.4 Die Fragestellungen ....................................................................................................38 1.5 Angewandte Forschungsmethoden .............................................................................40 1.5.1 Tourismusforschung als multidisziplinäres Unterfangen ............................................................40 1.5.2 Teilnehmende Beobachtung und Interviews ...............................................................................42 1.5.3 Die Struktur des touristischen Marktes Agadez ..........................................................................44 1.5.4 Strukturelemente der Agadez-Touristen und europäischer Anbieter .........................................45 1.5.5 Evaluation eines Tuareg-Tourismusprodukts ..............................................................................46 1.5.6 Die Sicht der betroffenen Bevölkerung .......................................................................................46 1.5.7 Ideologiekritische Untersuchung von dominanten Mythen.........................................................47 1.5.8 Der Forscher als Forschungsobjekt: die Selbstbeobachtung .......................................................48 1.6 Aufbau der Arbeit .......................................................................................................50 1.7 Persönlicher Zugang....................................................................................................55 2 Theoretische Grundlagen einer universellen Tourismusethik ............................................57 2.1 Methodische Anmerkungen zu den Skizzen einer kybernetischen Ethik...........................57 2.2 Welche Ethik zur Lösung interkultureller, tourismusrelevanter Probleme?......................58 2.2.1 Der handelnde und erkennende Mensch in der „Wirklichkeit“ .........................................59 2.3 Mensch und Gesellschaft als kybernetische Systeme.........................................................61 2.3.1 Das Feedback-Prinzip .........................................................................................................61 2.3.2 Die Ausbildung von „Regeln“ ............................................................................................62 2.3.3 Kybernetische Schaltelemente ............................................................................................64 2.3.4 Verhaltensmuster ................................................................................................................65 2.3.5 Die Herausbildung von Wertekodizes ................................................................................66 2.3.6 Zugehörigkeit als zentraler Disziplinierungsfaktor ............................................................69 2.3.7 Zugehörigkeit als Geltungskriterium? ................................................................................71 2.3.8 Ethischer Relativismus als Scheinproblem.........................................................................74 2.4 Ethischer Orientierungsbedarf in der Postmoderne ............................................................76 2.4.1 Der beschränkte Einsatzhorizont des Utilitarismus ............................................................78 2.4.2 Die Praxisuntauglichkeit deontologischer Ethikkonzepte .................................................80 2.4.3 Die Wende zur prozeduralen Ethik.....................................................................................82 2.4.4 Ethischer Relativismus als Scheinproblem.........................................................................84 2.4.5 Baumans Prinzip der Postmodernen Ethik .........................................................................85 2.4.6 Kriterium „Befindlichkeit“: Rehabilitation eines ethischen Egoismus?............................86 2.4.7 Strukturkonzeption des ökologischen Verantwortungsbewusstseins ................................90 2.5 Entscheidungsstrategien einer kybernetischen Ethik..........................................................92 2.5.1 Das Individuum als psycho-physisches System .................................................................92 2.5.2 Die Kybernetik direkter personeller Beziehungen..............................................................93 2.5.3 Die Kybernetik von Gruppenprozessen ..............................................................................94 2.5.4 Die Kybernetik von indirekt vermittelten sozialen Systemen ...........................................95 2.6 Zusammenfassung...............................................................................................................97 3 „Entwicklung“: Ideologischer Wandel und Krise eines Entwicklungsbegriffs.................99 3.1 Begriffliche Grundlagen .....................................................................................................99 9 3.1.1 Entwicklung ......................................................................................................................100 3.1.2 Ist Entwicklung messbar? .................................................................................................101 3.1.3 Armut ................................................................................................................................102 3.1.4 Entwicklungshilfe .............................................................................................................102 3.1.5 Entwicklungspolitik ..........................................................................................................102 3.2 Der Wandel der Entwicklungsparadigmen im 20. Jahrhundert .......................................103 3.2.1 Die Imperialismustheorien................................................................................................103 3.2.2 Die Modernisierungstheorien............................................................................................103 3.2.3 Strukturalismus, Dependenztheorien und Weltsystemtheorien .......................................105 3.2.4 Das neue Paradigma der Grundbedürfnisbefriedigung.....................................................107 3.2.4.1 Was sind Grundbedürfnisse? ............................................................................................109 3.2.5 Die Krise der Entwicklungsländer ....................................................................................111 3.2.6 Das neue Paradigma der „nachhaltigen Entwicklung“ .....................................................111 3.2.6.1 „Nachhaltige Entwicklung“: ein widersprüchlicher Begriff.............................................112 3.3 Fazit...................................................................................................................................114 4 „Entwicklungshilfe“ Tourismus?......................................................................................116 4.1 Der historische Wandel der Rolle des Tourismus als Entwicklungsinstrument ..............116 4.1.1 Die Anfänge - Euphorie über die „weiße Industrie“.........................................................116 4.1.2 Die Ernüchterung der 70er-Jahre ......................................................................................117 4.1.3 Boom und Ernüchterung der 80er-Jahre ...........................................................................118 4.1.4 Die Wurzeln der „Community Based Tourism“-Projekte ................................................119 4.2 Tourismus-Entwicklungspolitik der Gegenwart ...............................................................121 4.2.1 Tourismus in der österreichischen EZA ...........................................................................122 4.2.2 Tourismus in der deutschen EZA .....................................................................................126 4.2.3 Tourismus in der britischen EZA......................................................................................127 4.2.4 Tourismus in der US-amerikanischen EZA......................................................................128 4.2.5 Tourismus in anderen bedeutenden EZA-Organisationen...............................................129 4.3 Die Messung von Nachhaltigkeit bei Tourismusentwicklung .........................................130 4.3.1 Das Konzept der „Nachhaltigen Tourismusentwicklung“...............................................130 4.3.2 Die Evaluation Nachhaltiger Tourismusentwicklung.......................................................132 4.4 Die Rolle der Institutionen: Umsetzungsbarrieren in der Praxis .....................................134 5 Wahrnehmung und Interaktion zwischen Reisenden und „Bereisten“ .............................137 5.1 Tourismus als Mittel zur Völkerverständigung?...............................................................137 5.1.1 Befürworter der „Verständnistheorie“ ..............................................................................138 5.1.2 Gegner der „Verständnistheorie“......................................................................................138 5.1.3 Die differenzierte Haltung ................................................................................................140 5.2 Fremde Kulturen „verstehen“: Ist das überhaupt möglich?..............................................141 5.2.1 Was heißt „Verstehen“?....................................................................................................142 5.2.2 Ist interkulturelles „Verstehen“ grundsätzlich möglich? ..................................................144 5.2.3 Kulturkontakt ....................................................................................................................146 5.2.4 Kulturkontakt zwischen Reisenden und Bereisten ...........................................................147 5.2.4.1 Das Theater-Modell von Goffman....................................................................................148 5.2.4.2 Das Vier-Kulturen-Modell von Thiem .............................................................................148 5.2.5 Modi des Fremderlebens...................................................................................................149 5.3 Der touristische Blick .......................................................................................................151 5.3.1 Was ist Tourismus?...........................................................................................................151 5.3.2 (Post-)Moderne Reisemotive ............................................................................................153 5.3.2.1 Natur .................................................................................................................................154 5.3.2.2 Erlebnis .............................................................................................................................155 5.3.2.3 Authentizität......................................................................................................................155 5.3.2.4 Die Funktion von Klischees und Stereotypen...................................................................158 5.3.3 Die Wahrnehmung „exotischer“ Kulturen........................................................................160 10 5.3.3.1 Der „edle Wilde“...............................................................................................................160 5.3.3.2 „Barbaren“ ........................................................................................................................161 5.3.3.3 „Grenzenlose Armut“........................................................................................................162 5.3.4 Landschaftswahrnehmung ................................................................................................164 5.3.4.1 Bilder der Wüste ...............................................................................................................166 5.3.5 Fazit...................................................................................................................................167 5.4 Der Blick der Bereisten.....................................................................................................167 5.5 Chancen für interkulturelles Verstehen auf Reisen ..........................................................169 5.6 Schlussfolgerung...............................................................................................................172 Teil B Empirische Untersuchung des Tourismusmarktes Agadez..............................................173 6 Die Region Agadez ...........................................................................................................173 6.1 Kurzportrait der Republik Niger.......................................................................................174 6.2 Die Geschichte der Region Agadez ..................................................................................175 6.2.1 Das Sultanat Agadez .........................................................................................................176 6.2.2 Die Ära der Kolonisation ..................................................................................................178 6.2.2.1 Die Tuareg-Revolte von 1916...........................................................................................180 6.2.2.2 Das Massaker in Agadez...................................................................................................182 6.2.2.3 Die Kolonialverwaltung bis 1960 .....................................................................................183 6.2.3 Die nationale Verwaltung seit 1960..................................................................................185 6.2.4 Die Tuareg-Rebellion 1990 - 1997 ...................................................................................188 6.2.4.1 Der Staatsstreich durch Ibrahim Maïnassara Baré............................................................191 6.3 Die aktuelle politische Lage im Niger ..............................................................................194 6.4 Internationale Beziehungen ..............................................................................................196 6.4.1 Frankreich .........................................................................................................................196 6.4.2 Libyen ...............................................................................................................................197 6.4.3 Algerien.............................................................................................................................198 6.4.4 Sonstige wichtige Partner .................................................................................................199 6.4.4.1 USA...................................................................................................................................199 6.4.4.2 Deutschland.......................................................................................................................200 6.4.4.3 Republik China .................................................................................................................200 6.5 Die wirtschaftliche Lage des Niger...................................................................................200 6.5.1 Währung............................................................................................................................201 6.5.2 Bodenschätze ....................................................................................................................201 6.5.2.1 Uran...................................................................................................................................201 6.5.2.2 Kohle.................................................................................................................................203 6.5.2.3 Gold...................................................................................................................................203 6.5.2.4 Erdöl und andere Bodenschätze........................................................................................204 6.5.3 Viehwirtschaft...................................................................................................................204 6.5.4 Ackerbau ...........................................................................................................................205 6.5.5 Handel, Dienstleitungen, Industrie ...................................................................................206 6.5.6 Schattenwirtschaft.............................................................................................................208 6.6 Probleme der Region Agadez ...........................................................................................209 6.6.1 Überbevölkerung...............................................................................................................210 6.6.2 Armut ................................................................................................................................212 6.6.3 Naturkatastrophen .............................................................................................................213 6.6.4 Unsicherheit ......................................................................................................................214 6.7 Regionale Hilfsprojekte ....................................................................................................217 6.8 Schlussfolgerungen ...........................................................................................................220 7 Geschichte des Tourismus in Agadez ...............................................................................221 7.1 Die ersten europäischen Besucher ....................................................................................221 7.2 Die verkehrstechnische Erschließung der Region ............................................................222 7.3 Die Entdeckung der Region Agadez als touristische Attraktion .....................................224 11 7.4 Die Ära des Tuareg-Tourismus unter Mano ag Dayak im Niger.....................................226 7.5 Tourismusförderung und Ausbruch der Tuareg-Rebellion...............................................228 7.6 Der Neubeginn seit dem Ende der Rebellion 1997...........................................................231 7.7 Rückschläge - und Fortschritte wohin?.............................................................................235 8 Die Tourismuspotentiale von Agadez...............................................................................237 8.1 Die Relevanz von Attraktionen für die Tourismusentwicklung ......................................237 8.1.1 Was sind Attraktionen?.....................................................................................................237 8.1.2 Ursprüngliche und abgeleitete Angebote..........................................................................239 8.1.3 Die Bewertung von Attraktionen ......................................................................................240 8.2 Das Klima während der günstigen Reisezeit ....................................................................242 8.3 Von Niamey nach Agadez ................................................................................................242 8.3.1 Niamey..............................................................................................................................243 8.3.1.1 Das Nationalmuseum ........................................................................................................244 8.3.1.2 Habou Bene - der „Große Markt“.....................................................................................245 8.3.1.3 Der Niger-Fluss.................................................................................................................246 8.3.2 Dosso.................................................................................................................................246 8.3.2.1 Das „Réserve des girafes de Kouré“.................................................................................247 8.3.2.2 Die Stadt Dosso.................................................................................................................247 8.3.3 Tahoua...............................................................................................................................249 8.3.3.1 Die Stadt Tahoua...............................................................................................................249 8.3.3.2 Der See von Tabalak.........................................................................................................250 8.3.3.3 Ingall .................................................................................................................................251 8.3.3.4 Tegguida n’Tessoum.........................................................................................................251 8.3.4 Zinder................................................................................................................................252 8.3.5 Fazit...................................................................................................................................253 8.4 Agadez ..............................................................................................................................253 8.4.1 Die bedeutendsten Sehenswürdigkeiten von Agadez .......................................................254 8.4.1.1 Die große Moschee (Freitagsmoschee oder „Amiskini“) ................................................255 8.4.1.2 Der Sultanspalast ..............................................................................................................256 8.4.1.3 Das Hotel de l’Aïr.............................................................................................................256 8.4.1.4 Die alten Wohnviertel .......................................................................................................257 8.4.1.5 Die Residenz des Anastafidet ...........................................................................................257 8.4.2 Die interessantesten Märkte von Agadez..........................................................................258 8.5 Die Naturattraktionen der Region Agadez........................................................................259 8.5.1 Das Aïr-Massiv .................................................................................................................260 8.5.1.1 Die geologische Struktur des Aïr......................................................................................260 8.5.1.1.1 Die drei geologischen Entstehungsphasen....................................................................261 8.5.1.1.2 Koris..............................................................................................................................263 8.5.1.1.3 Wasserstellen im Aïr.....................................................................................................263 8.5.1.2 Besondere Landschaftsformen im Aïr ..............................................................................264 8.5.1.2.1 Der Bagzan....................................................................................................................264 8.5.1.2.2 Izouzaouene - die „Blauen Berge“................................................................................266 8.5.1.2.3 Arakao – die „Krabbenschere“ .....................................................................................266 8.5.1.2.4 Adrar Bous ....................................................................................................................267 8.5.1.2.5 Adrar Chiriet .................................................................................................................267 8.5.1.2.6 Die Tamgak-Schlucht ...................................................................................................267 8.5.1.2.7 Die Ténéré.....................................................................................................................268 8.5.1.2.8 Temet ............................................................................................................................269 8.5.1.2.9 Die „Falais de Tiguidit“ ................................................................................................269 8.5.1.3 Das Aïr-Ténéré-Bioreservat..............................................................................................270 8.5.2 Das Kawar.........................................................................................................................274 8.5.2.1 Fachi..................................................................................................................................276 12 8.5.2.2 Bilma.................................................................................................................................277 8.5.2.3 Dirku .................................................................................................................................278 8.5.3 Das Djado-Plateau ............................................................................................................279 8.5.3.1 Chirfa ................................................................................................................................279 8.5.3.2 Djado.................................................................................................................................280 8.5.3.3 Djaba .................................................................................................................................281 8.5.3.4 Orida .................................................................................................................................282 8.5.3.5 Das Djado-Plateau ............................................................................................................282 8.5.3.6 Tafassasset ........................................................................................................................283 8.6 Saurierfriedhöfe ................................................................................................................283 8.6.1 Besichtigung von Saurierfossilien ....................................................................................287 8.7 Prähistorische Stätten........................................................................................................289 8.7.1 Die Frühgeschichte des Niger...........................................................................................289 8.7.2 Siedlungen.........................................................................................................................291 8.7.3 Gräber ...............................................................................................................................291 8.7.4 Gravuren und Felsmalereien .............................................................................................292 8.7.4.1 Inhalte der Felsgravuren ...................................................................................................293 8.7.4.1.1 Bubalus-Periode............................................................................................................293 8.7.4.1.2 Rundkopf-Periode .........................................................................................................294 8.7.4.1.3 Rinder-Periode ..............................................................................................................294 8.7.4.1.4 Pferdeperiode ................................................................................................................294 8.7.4.1.5 Kamel-Periode ..............................................................................................................295 8.7.4.2 Besondere Petroglyphen-Stätten.......................................................................................296 8.8 Die Kultur der Tuareg.......................................................................................................297 8.8.1 „Antike“ Stätten: Assode ..................................................................................................297 8.8.2 Oasen des Aïr....................................................................................................................298 8.8.2.1 Azzel .................................................................................................................................298 8.8.2.2 Timia .................................................................................................................................298 8.8.2.3 Iferouane ...........................................................................................................................299 8.8.3 Karawanen ........................................................................................................................300 8.8.4 Handwerksprodukte der Tuareg........................................................................................302 8.8.4.1 Lederprodukte ...................................................................................................................303 8.8.4.2 Holzprodukte.....................................................................................................................304 8.8.4.3 Metallprodukte..................................................................................................................304 8.8.4.4 Schmuck............................................................................................................................306 8.8.4.4.1 Herstellung....................................................................................................................307 8.8.4.4.2 Material .........................................................................................................................308 8.8.4.4.3 Bezeichnung..................................................................................................................309 8.8.4.4.4 Die Tragweise ...............................................................................................................309 8.8.4.4.5 Der Wandel der Formen................................................................................................310 8.8.4.4.6 Symbolik und Bedeutung der Kreuze ...........................................................................310 8.8.4.4.7 Sonstige Schmuckstücke...............................................................................................312 8.8.4.5 Kleidung............................................................................................................................312 8.8.4.6 Sonstige Gegenstände touristischen Interesses.................................................................313 8.8.4.6.1 „Batta“...........................................................................................................................313 8.8.4.6.2 Gegenstände aus Speckstein .........................................................................................314 8.8.4.6.3 Flechtwaren aus Pflanzenfasern....................................................................................314 8.9 Tuareg-Feste: Hochzeiten, Tabaski, Gani, Bianou ...........................................................315 8.9.1 Zeremonien .......................................................................................................................315 8.9.2 Festliche Anlässe ..............................................................................................................316 8.9.2.1 Tabaski..............................................................................................................................316 8.9.2.2 Das Gani-Fest....................................................................................................................317 13 8.9.2.3 Bianou ...............................................................................................................................317 8.10 Überregionale Feste ..........................................................................................................318 8.10.1 Cure Salée .........................................................................................................................318 8.10.2 Gerewol.............................................................................................................................319 8.10.3 Das Aïr-Festival ................................................................................................................320 8.10.4 FIMA 1998 - ein Mode-Festival in der Ténéré.................................................................320 8.10.4.1 FIMA 2000, 2003 in Niamey........................................................................................321 8.10.4.2 FIMA-Gründer Alphadi ................................................................................................321 8.11 Rallye Paris – Dakar .........................................................................................................322 8.11.1 Die Rallye in Agadez 2000? .............................................................................................324 8.12 Schlussfolgerungen ...........................................................................................................325 9 Struktur des Tourismus in Agadez....................................................................................326 9.1 Agenturen..........................................................................................................................326 9.1.1 Die Eigentümerstruktur.....................................................................................................327 9.1.2 Die Ausstattung der Agenturen.........................................................................................329 9.1.3 Kapitalumsetzung .............................................................................................................331 9.1.4 Reiseprodukte ...................................................................................................................332 9.1.5 Selbstverständnis der Veranstalter....................................................................................333 9.1.5.1 Tourismus als Mittel zur Regionalentwicklung................................................................334 9.1.5.1.1 Croq’Nature als Modell für Agadez-Tourismus? .........................................................336 9.1.5.2 Tourismus als Integrationsinstrument: Tchimizar Voyages ............................................337 9.1.5.3 Tourismus als „Notlösung“...............................................................................................338 9.2 Personal.............................................................................................................................338 9.2.1 Unterbringung und Gastronomie ......................................................................................340 9.2.1.1 Hotels ................................................................................................................................340 9.2.1.2 Gastronomie......................................................................................................................343 9.2.1.3 Schmiede, Schmuck- und Souvenirhändler ......................................................................344 9.3 Politische Tourismusstrukturen ........................................................................................346 9.3.1 Das Tourismusministerium...............................................................................................346 9.3.2 Staatliche touristische Organisationen..............................................................................347 9.3.3 Das Syndikat du Tourisme du Niger.................................................................................347 9.3.4 Weitere Tourismusakteure: die UICN ..............................................................................349 9.4 Gesetzliche Rahmenbedingungen für den Tourismus ......................................................349 9.4.1 Einreise- und Aufenthaltsbedingungen für den Niger ......................................................350 9.4.2 Rundreiseregelungen.........................................................................................................350 9.4.3 Gründung und Betreibung einer Agentur .........................................................................351 9.4.4 Reiseführer........................................................................................................................352 9.4.5 Naturschutzregelungen .....................................................................................................354 9.4.5.1 Das Aïr-Ténéré-Bioreservat..............................................................................................354 9.4.5.2 Der Schutz des kulturellen und natürlichen Erbes............................................................355 9.4.5.3 Umweltschutz ...................................................................................................................355 9.4.6 Steuern, Abgaben..............................................................................................................355 9.5 Sonstige wichtige Einrichtungen ......................................................................................356 10 Strukturelle Probleme der Tourismusentwicklung in Agadez ..........................................357 10.1 Infrastruktur ......................................................................................................................358 10.1.1 Flugverbindung .................................................................................................................359 10.1.2 Straßen ..............................................................................................................................362 10.1.2.1 Vor- und Nachteile der verkehrstechnischen Erschließung.........................................363 10.1.3 Telekommunikation ..........................................................................................................364 10.1.3.1 Kommunikation mit der Reisegruppe...........................................................................366 10.1.4 Information .......................................................................................................................366 10.1.4.1 Nachschlagewerke ........................................................................................................368 14 10.2 Die Mängel der Marktstruktur ..........................................................................................368 10.2.1 Konkurrenz, Oligopolisierung, Dumping .........................................................................368 10.2.1.1 Oligopolisierung ...........................................................................................................369 10.2.1.2 Dumping .......................................................................................................................370 10.2.1.3 Fazit...............................................................................................................................372 10.2.2 Mangelhafte Rechtsstaatlichkeit .......................................................................................372 10.2.2.1 Tourismusplanung.........................................................................................................373 10.2.2.2 Personelle Kompetenzmängel der politischen Akteure ................................................375 10.2.2.3 Korruption.....................................................................................................................376 10.2.2.4 Rechtliche Willkür ........................................................................................................378 10.2.2.5 Mangelhafte Koordination zwischen Behörden und Tourismusstellen ........................379 10.2.2.6 Fazit...............................................................................................................................379 10.3 Mangelhafte Kooperationsbereitschaft .............................................................................380 10.3.1 Kooperation mit Algerien .................................................................................................382 10.4 Chasses de touristes ..........................................................................................................382 10.5 Qualifikationsmängel........................................................................................................384 10.5.1 Die Ausbildungsinitiative der GIE von 1990....................................................................386 10.5.2 Die Ausbildungsinitiative von NIGETECH 2002 ............................................................387 10.5.2.1 Fähigkeiten des Reiseleiters: Lehrinhalte versus Praxis...............................................388 10.6 Marketing der Agenturen und des Tourismusministeriums.............................................391 10.7 Abhängigkeit von äußeren Faktoren.................................................................................393 10.7.1 Gesellschaftliche Rahmenbedingungen in den Quellländern ..........................................394 10.7.2 Politisch-strukturelle Rahmenbedingungen in den Quellmärkten ...................................395 10.7.3 Die internationale Sicherheitslage ....................................................................................395 10.8 Fazit: Die wirtschaftliche Bedeutung des Tourismus in Agadez......................................397 11 Die Marke „Tuareg“ – Mythos und Images......................................................................399 11.1 Herkunft des Namens „Tuareg“........................................................................................400 11.2 Die Herkunft der Tuareg – ein Teil des Mythos ...............................................................401 11.2.1 Tin Hinan ..........................................................................................................................403 11.2.1.1 „Gemeinsame Wurzeln“ zwischen Tuareg und Franzosen..........................................404 11.2.2 Die Garamanten ................................................................................................................406 11.3 Historische Entwicklung des europäischen Tuareg-Images ............................................407 11.3.1 Die frühen Tuareg-Berichte ..............................................................................................407 11.3.2 Das Entsetzen nach dem Flatters-Massaker......................................................................408 11.3.3 Die Periode der französischen Konsolidierung.................................................................409 11.3.4 Das „Ende“ der (Tuareg-)Welt .........................................................................................410 11.3.5 Tourismus: Tuareg als Accessoires und Logo ..................................................................412 11.3.6 Die Tuareg-Rebellion und ihre Folgen: Opfer und Helden .............................................412 11.3.6.1 Tuareg als Opfer ...........................................................................................................413 11.3.6.2 Tuareg als Helden .........................................................................................................415 11.3.6.3 Temust – die „Tuareg-Nation“......................................................................................416 11.4 Elemente des gegenwärtigen Tuareg-Bildes.....................................................................417 11.4.1 Der Schleier - Tagelmust ..................................................................................................417 11.4.2 Freiheitsdrang ...................................................................................................................419 11.4.3 Duldsamkeit und Selbstdisziplin.......................................................................................419 11.4.4 Ritterlichkeit .....................................................................................................................420 11.4.5 Das Bild der Targia als „Herrin der Zelte“ .......................................................................422 11.4.6 Zusammenfassung.............................................................................................................423 11.5 Mythos Tuareg als Marketing-Instrument: ein ethisches Problem? ................................424 11.5.1 Der Mythos als Werbung für die Tuareg-Destinationen...................................................424 11.5.2 Der Mythos als Werbung für Unterstützungskampagnen................................................426 12 Der Markt des Tuareg-Tourismus.....................................................................................428 15 12.1 Der europäische Markt der Niger-Anbieter ......................................................................429 12.1.1 Das Angebot an Niger-Touren..........................................................................................429 12.1.1.1 Die Preisstruktur ...........................................................................................................430 12.1.1.2 Die Angebotsvielfalt .....................................................................................................431 12.1.2 Charakteristik der Niger-Anbieter ....................................................................................432 12.1.2.1 Das Unternehmensleitbild der Niger-Anbieter .............................................................434 12.1.2.2 Die regionale Angebotspalette: Spezialveranstalter oder Generalist...........................436 12.1.2.3 Reiseform: Kamel-, Trekking oder Generalist..............................................................437 12.1.2.4 Die Veranstalter-Sensibilität für Tourismusauswirkungen..........................................438 12.1.2.5 Die Kompetenz der Reiseleiter .....................................................................................441 12.1.3 Schlussfolgerungen zu den europäischen Niger-Anbietern.............................................442 12.2 Das Klientel des nigrischen Sahara-Tourismus ................................................................442 12.2.1 Anzahl, Herkunft und soziale Struktur des Niger-Klientels ............................................443 12.2.1.1 Die Zahl der Agadez-Touristen ....................................................................................443 12.2.1.2 Die Herkunft der Agadez-Touristen .............................................................................444 12.2.1.3 Soziale Struktur.............................................................................................................445 12.2.1.3.1 Geschlecht.................................................................................................................445 12.2.1.3.2 Alter ..........................................................................................................................445 12.2.1.3.3 Urbane Herkunft .......................................................................................................446 12.2.1.3.4 Bildungsstand............................................................................................................446 12.2.1.3.5 Beruf .........................................................................................................................447 12.2.1.3.6 Familienstand............................................................................................................447 12.2.1.4 Daten zur Reisesituation der Befragten ........................................................................448 12.2.1.4.1 Reisebeginn und -ziel zum Zeitpunkt des Interviews ...............................................448 12.2.1.4.2 Aufenthaltsdauer .......................................................................................................448 12.2.1.4.3 Reisestil I: Organisiert oder individuell....................................................................449 12.2.1.4.4 Reisestil II: In Gruppen oder allein...........................................................................449 12.2.1.4.5 Reisemittel ................................................................................................................449 12.2.1.4.6 Reisekosten ...............................................................................................................450 12.2.1.5 Reisemotive...................................................................................................................450 12.2.1.5.1 Explizite Reisemotive ...............................................................................................451 12.2.1.5.2 Erwartungen an die Reise .........................................................................................452 12.2.1.5.3 „Wüste“ als Reisegrund? ..........................................................................................453 12.2.1.5.4 Bedeutung der Wüste................................................................................................453 12.2.1.5.5 Höhepunkte des Programms .....................................................................................454 12.2.1.5.6 Kulturelle Höhepunkte..............................................................................................455 12.2.1.5.7 Die wichtigste, prägende Erinnerung........................................................................456 12.2.1.6 Wüstenreiseerfahrung ...................................................................................................457 12.2.1.6.1 Wüstenerfahrung: Häufigkeit, Region, Dauer ..........................................................457 12.2.1.6.2 Positive Wüstenerfahrungen .....................................................................................458 12.2.1.6.3 Negative Wüstenerfahrungen....................................................................................459 12.2.1.7 Erfahrungen mit Tuareg................................................................................................460 12.2.1.7.1 Positivste Erfahrungen ..............................................................................................460 12.2.1.7.2 Negativste Erfahrungen ............................................................................................461 12.2.1.7.3 Tuareg-Images ..........................................................................................................462 12.2.1.8 Informationsquellen, Verhaltensnormen.......................................................................464 12.2.1.8.1 Allgemeine Informationsquellen zum Niger ............................................................464 12.2.1.8.2 Verhaltensnormen .....................................................................................................466 12.2.1.8.3 Welche Normen sind wichtig?..................................................................................466 12.2.1.8.4 Fotografieren mit Respekt?.......................................................................................467 12.2.1.9 Souvenirs.......................................................................................................................468 12.2.1.10 Wie gefällt Agadez, Timia und Iferouane?...................................................................470 16 12.2.1.11 Fazit der Meinungen über Agadez................................................................................472 12.2.2 Rückkehrbereitschaft und andere Reiseziele ....................................................................474 12.2.3 Schlussfolgerung: „Typische“ Niger-Reisende ................................................................475 12.3 Die Konkurrenz-Destinationen der Region Agadez .........................................................476 12.3.1 Sahara-Tourismus für Anfänger: Marokko und Tunesien ...............................................477 12.3.2 Direkte Niger-Konkurrenten: die Staaten der Zentralsahara ...........................................478 12.3.2.1 Algerien.........................................................................................................................479 12.3.2.1.1 Schlussfolgerung für Algerien ..................................................................................483 12.3.2.2 Libyen ...........................................................................................................................483 12.3.2.3 Mali ...............................................................................................................................485 12.3.2.4 Mauretanien ..................................................................................................................486 12.3.2.5 Tschad ...........................................................................................................................487 12.4 Schlussfolgerungen ...........................................................................................................487 13 Das Reiseprodukt: Versuch der Evaluation einer Trekking-Reise ins Aïr .......................489 13.1 Methodik und Kriterien der Evaluation ............................................................................489 13.2 Kneissl Touristik als Niger-Anbieter ................................................................................491 13.2.1 Die Produktpolitik.............................................................................................................492 13.2.1.1 Integration von Partnern in der Destination..................................................................492 13.2.1.2 Die Entwicklung des Niger-Produkts ...........................................................................493 13.2.1.3 Image der Niger-Touren ...............................................................................................494 13.2.1.4 Die Verwendung des Signals gegenüber Kunden.........................................................494 13.2.1.5 Mängel ..........................................................................................................................495 13.2.2 Der Reisepreis...................................................................................................................496 13.2.2.1 Der Preis der Kneissl Touristik-Tour............................................................................496 13.2.2.2 Die Preisstruktur von Tchimizar Voyages im Niger.....................................................497 13.2.3 Der Reiseleiter ..................................................................................................................498 13.2.4 Information .......................................................................................................................501 13.2.4.1 Generelle Kunden-Informationen .................................................................................501 13.2.4.2 Informationen zur Förderung umweltfreundlichen Verhaltens ....................................502 13.2.4.3 Informationen zu Aspekten der Nachhaltigkeit ............................................................503 13.3 Die ökologische Bilanz der Reise .....................................................................................503 13.3.1 Die Energiebilanz..............................................................................................................503 13.3.2 Die Unterkünfte ................................................................................................................505 13.3.3 Müllaufkommen................................................................................................................506 13.3.4 Wasserverbrauch, Wasserschutz und Hygiene .................................................................506 13.3.5 Umweltfreundlichkeit der Aktivitäten ..............................................................................508 13.4 Ökonomische Aspekte - lokale Wertschöpfung ...............................................................508 13.4.1 Die lokale Partner-Agentur Tchimizar V..........................................................................508 13.4.2 Verpflegung, Einkäufe,.....................................................................................................508 13.4.3 Ausrüstung und Transportmittel .......................................................................................509 13.4.4 Trinkgelder........................................................................................................................510 13.4.5 Sachgeschenke ..................................................................................................................510 13.4.6 Souvenirkäufe ...................................................................................................................510 13.4.7 Sozialfonds........................................................................................................................512 13.5 Soziale und kulturelle Aspekte .........................................................................................512 13.5.1 Die Verantwortung des Reiseleiters..................................................................................513 13.5.2 Die Verantwortung der Crew............................................................................................514 13.5.3 Die Verantwortung der Gruppe ........................................................................................515 13.5.4 Besonderheiten im Bereich der soziokulturellen Aspekte ...............................................515 13.5.4.1 Der Besuch in Timia .....................................................................................................516 13.5.4.2 Kommunikation mit der Bevölkerung ..........................................................................517 13.5.4.3 Respektvolles Verhalten ...............................................................................................518 17 13.5.4.4 Soziale Hierarchien.......................................................................................................518 13.5.4.5 Belastung der Mitarbeiter .............................................................................................519 13.5.4.6 Gender-Aspekt ..............................................................................................................519 13.6 Reise-Nachbereitung.........................................................................................................519 13.6.1 Reflexionsmöglichkeiten für die Mitarbeiter....................................................................520 13.7 Schlussfolgerungen ...........................................................................................................520 14 Konflikte im Einzugsbereich des Tuareg-Tourismus .......................................................522 14.1 Rolle und Auswirkungen der Rebellion............................................................................523 14.1.1 Andauernde Unsicherheit am Ende der Rebellion............................................................524 14.1.2 Rouges und Noirs: Konflikte zwischen „weißen“ und „schwarzen“ Tuareg ...................525 14.1.3 Verlagerung der Tuareg-Konflikte in den Tourismus ......................................................526 14.1.4 Tourismus als Ursache für Neid .......................................................................................527 14.1.5 Überfälle auf Touristen: wachsende Kriminalität als Folge des Wertewandels ...............528 14.1.6 Misstrauen zwischen Militär und Tuareg .........................................................................530 14.1.7 Präventive Strategien der Tourismusakteure ....................................................................531 14.2 Importierte Kriminalität: der Überfall von Temet durch die „GSPC“..............................532 14.3 Zusammenfassung der Sicherheitslage im Niger..............................................................536 14.4 Auswirkungen der Überfälle auf die Besucherzahlen im Niger .......................................536 14.4.1 Generelle Auswirkungen ..................................................................................................536 14.4.2 Die Wirkung progressiver Reiseinformation für Hochpreistouristen..............................537 14.4.3 Prävention auf Marketing-Ebenen: Transparenz statt Desinformation ...........................539 14.5 Aktive Präventionsmöglichkeiten für Touristen gegen Überfälle ...................................540 14.6 Externe Akteure als Konfliktursachen: das Aïr-Ténéré-Bioreservat ...............................541 14.7 Konklusion für die Tourismusentwicklung in Agadez .....................................................543 Teil C: Das Verhältnis der Kel Timia zum Tourismus .....................................................................545 15 Portrait der Kel Timia: Tradition und Wandel..................................................................547 15.1 Charakteristika der Kel Ewey ...........................................................................................547 15.1.1 Wer sind die Kel Ewey und wie viele leben im Aïr?........................................................547 15.1.2 Das Selbstverständnis der Kel Ewey ................................................................................548 15.1.2.1 Exkurs: Die Kel Ewey und der Islam ...........................................................................549 15.1.2.2 Die Sicht der Kel Ewey von außen ...............................................................................550 15.1.2.3 Die Anzahl der Kel Ewey .............................................................................................550 15.2 Geschichte der Kel Ewey..................................................................................................551 15.3 Die traditionelle Struktur der Kel Ewey-Gesellschaft ......................................................552 15.3.1 Die sozialen Strukturen der Kel Ewey..............................................................................552 15.3.1.1 Die Rolle der Frau bei den Kel Ewey ...........................................................................554 15.3.2 Die politischen Strukturen der Kel Ewey .........................................................................556 15.3.2.1 Die traditionelle Wirtschaftsstruktur der Kel Ewey......................................................557 15.3.2.2 Kriegszüge und Rezzus.................................................................................................557 15.3.2.3 Die Sklaven...................................................................................................................557 15.3.2.4 Der Gartenbau...............................................................................................................558 15.3.2.5 Die Viehzucht und der Karawanenhandel ....................................................................558 15.4 Politischer Wandel ............................................................................................................559 15.4.1 Die Auswirkungen der Kolonialisierung ..........................................................................559 15.4.1.1 Die Kaosen-Revolte und ihre Folgen............................................................................559 15.4.1.2 Der Einfluss der Kolonialverwaltung auf die Sklaverei ...............................................561 15.4.1.3 Die wirtschaftlichen Folgen des Kolonialregimes........................................................562 15.4.1.4 Karawanenhandel..........................................................................................................562 15.4.1.5 Gartenbau......................................................................................................................563 15.4.1.6 Fazit...............................................................................................................................563 15.4.2 Die Auswirkungen der Unabhängigkeit der Republik Niger...........................................564 15.5 Wirtschaftlicher Wandel seit der Unabhängigkeit............................................................565 18 15.5.1 Karawanenhandel..............................................................................................................566 15.5.1.1 Konkurrenz ...................................................................................................................567 15.5.1.2 Sonstige Probleme für die Karawanen..........................................................................568 15.5.1.3 Andere Karawanen........................................................................................................569 15.5.1.4 Die Situation der Kel Timia..........................................................................................569 15.5.2 Viehzucht ..........................................................................................................................571 15.5.3 Gartenbau..........................................................................................................................571 15.5.4 Neue Beschäftigungsformen.............................................................................................573 15.5.4.1 Arbeitsemigration .........................................................................................................573 15.5.4.2 Projektarbeit..................................................................................................................574 15.5.4.3 Boutiquiers....................................................................................................................576 15.6 Gesellschaftlicher Wandel ................................................................................................576 15.7 Klimawandel - haben die Kel Ewey eine dauerhafte Zukunft? .......................................578 15.7.1 Desertifikation...................................................................................................................578 15.7.1.1 Überweidung.................................................................................................................579 15.7.1.2 Brennholzbedarf............................................................................................................579 15.7.2 Historisch nachgewiesener Klimawandel im Sahararaum...............................................580 15.7.3 Dürren der vergangenen Jahrzehnte..................................................................................581 15.8 Schlussfolgerung: Differenzierung der einstigen Nomadenkultur ...................................581 16 Die Kel Timia heute: Kernprobleme und Lösungsstrategien ..........................................582 16.1 Die wirtschaftliche Lage der Kel Timia............................................................................584 16.1.1 Die Lage der wichtigsten Berufsgruppen .........................................................................584 16.1.1.1 Hirten ............................................................................................................................584 16.1.1.2 Karawanier....................................................................................................................585 16.1.1.3 Gartenbauern.................................................................................................................585 16.1.1.4 Handwerker (Enaden)...................................................................................................586 16.1.1.5 Chasses de touristes ......................................................................................................586 16.1.1.6 Boutiquiers....................................................................................................................587 16.1.1.7 Externe Einkommen: Lehrer.........................................................................................588 16.1.1.8 Touristiker.....................................................................................................................588 16.1.1.9 Projektarbeiter...............................................................................................................588 16.1.1.10 Internats-Schüler ...........................................................................................................589 16.1.2 Lebenshaltungskosten in Timia ........................................................................................589 16.2 Dürre .................................................................................................................................591 16.3 Arbeitslosigkeit und Bevölkerungswachstum...................................................................592 16.3.1 Die Einstellung der Kel Timia zur Verhütung..................................................................593 16.4 Versorgung von Kranken und Unterernährten..................................................................595 16.4.1 Die Krankenversorgung in Timia .....................................................................................595 16.4.1.1 Krankheiten...................................................................................................................595 16.4.1.2 Infrastruktur ..................................................................................................................595 16.4.1.3 Prävention .....................................................................................................................597 16.4.2 Versorgung von Unterernährten .......................................................................................598 16.5 Schulen..............................................................................................................................598 16.6 Innere Konflikte ................................................................................................................599 16.6.1 Tourismus als Konfliktkatalysator? ..................................................................................601 16.7 „Entwicklungshilfe“ in Timia: die „Amis de Timia“ .......................................................602 17 Tourismus bei den Kel Timia ...........................................................................................604 17.1 Die Geschichte des „Timia-Tourismus“ ...........................................................................604 17.1.1 Die ersten Europäer in Timia............................................................................................604 17.1.2 Timia während der Kolonialzeit .......................................................................................604 17.1.3 Der Beginn der Interaktion mit Touristen.........................................................................606 17.1.4 Der Tourismus seit Rebellionsende ..................................................................................607 19 17.2 Die Sicht der Kel Timia über den Tourismus ...................................................................608 17.2.1 Was ist ein Tourist? ..........................................................................................................609 17.2.1.1 Der „Tourist“ ................................................................................................................609 17.2.1.2 Der „Nicht-Tourist“ ......................................................................................................610 17.2.2 Motive für Wüstenreisen...................................................................................................611 17.2.2.1 Warum kommen Touristen in den Niger? ....................................................................611 17.2.2.2 Was suchen Touristen in der Wüste?............................................................................611 17.2.2.3 Wie sehen Tuareg die Wüste?.......................................................................................611 17.2.3 Bewertung von Touristen..................................................................................................612 17.2.3.1 Verständnislose Traditionalisten...................................................................................613 17.2.3.2 Modernisierte Imitatoren ..............................................................................................614 17.2.3.3 Romantische Kritiker ....................................................................................................614 17.2.3.4 Monetär-Utilitaristen.....................................................................................................614 17.2.4 Tourismus in Timia...........................................................................................................615 17.2.4.1 Motive der Timia-Besucher ..........................................................................................615 17.2.4.1.1 Besonderheiten von Timia ........................................................................................615 17.2.4.1.2 Besuchsziele in Timia ...............................................................................................616 17.2.4.1.3 Beurteilung der Besucherpräferenz: Guelta statt Dorf..............................................616 17.2.4.1.4 Gründe für den Wunsch nach mehr Touristen.........................................................618 17.2.4.1.5 Mögliche Gründe für dieses Besucherverhalten. .....................................................618 17.2.5 Keine Angst vor Folklorisierung von Festen ....................................................................620 17.2.5.1 Feste als wichtige Attraktion und Werbefaktor ............................................................620 17.2.5.2 Warum fotografieren Touristen?...................................................................................621 17.2.6 Das Bild der Kel Timia von Europa und den Europäern ..................................................622 17.2.6.1 Das Europa-Bild der Kel Timia ....................................................................................622 17.2.6.1.1 Die Modernisierungskritiker.....................................................................................622 17.2.6.1.2 Die Zyniker ...............................................................................................................623 17.2.6.1.3 Die Träumer ..............................................................................................................623 17.2.6.2 Europa-Erfahrung der Kel Timia ..................................................................................623 17.2.6.3 Interesse an einer Europa-Reise....................................................................................623 17.2.6.3.1 Neugierde..................................................................................................................624 17.2.6.3.2 Arbeits-Chancen .......................................................................................................624 17.2.6.3.3 Sonstige Vorteile.......................................................................................................624 17.2.6.4 Kein Interesse an einer Europa-Reise ...........................................................................625 17.2.6.5 Kontakte der Kel Timia zu Europäern ..........................................................................625 17.2.6.6 Bedürfnisse nach engeren Kontakten mit Europäern....................................................626 17.2.6.7 Das Bild der Kel Timia von den Europäern..................................................................626 17.2.6.7.1 Der offene, kompetente und engagierte Europäer ...................................................627 17.2.6.7.2 Der Europäer als Angehöriger einer anderen Tradition...........................................627 17.2.6.7.3 Europäer als Ungläubiger .........................................................................................628 17.3 Schlussfolgerungen zum Tourismus bei den Kel Timia ...................................................628 18 Die wirtschaftliche Rolle des Tourismus in Timia ...........................................................630 18.1 Allgemeine Einschätzung der ökonomischen Bedeutung des Tourismus .......................630 18.2 Wie viele Kel Timia sind von Tourismuseinnahmen betroffen? .....................................631 18.3 Wer in Timia verdient wie viel am Tourismus? ...............................................................632 18.3.1 Touristisches Einkommen der Befragten..........................................................................632 18.3.1.1 Geschlechtsspezifische Betrachtung.............................................................................632 18.3.1.2 Altersspezifische Betrachtung ......................................................................................633 18.3.1.3 Die Gruppe der Nicht-Begünstigten .............................................................................633 18.3.2 Touristisches Einkommen im Umfeld der Befragten .......................................................634 18.3.2.1 Familienmitglieder........................................................................................................634 18.3.2.2 Freunde .........................................................................................................................634 20 18.4 Die berufsgruppenspezifische Rolle des Tourismus........................................................635 18.4.1 Die Kunsthandwerker .......................................................................................................635 18.4.1.1 Verkaufsstrategien ........................................................................................................636 18.4.2 Die „Chasses de touristes“ ................................................................................................637 18.4.3 Führer................................................................................................................................638 18.4.4 Sonstige Berufsgruppen ....................................................................................................639 18.4.4.1 Gärtner ..........................................................................................................................639 18.4.4.2 Boutiquiers....................................................................................................................640 18.4.4.3 Hirten ............................................................................................................................640 18.4.4.4 Sonstige Profite.............................................................................................................640 18.5 Berufswunsch Tourismus..................................................................................................641 18.6 Wesentliche Vorteile des Tourismus für Timia ................................................................641 18.7 Zusammenfassung zur ökonomischen Tourismusrelevanz ..............................................642 19 Werte, soziokultureller Wandel und die Rolle des Tourismus .........................................644 19.1 Gefährdung des Wertgefüges durch Tourismus?..............................................................646 19.2 Wandel durch Tourismus aus der Sicht der Kel Timia.....................................................647 19.2.1 Konkrete Veränderungen durch Tourismus......................................................................647 19.2.2 Die Beurteilung dieser Veränderungen.............................................................................648 19.3 Traditionelles Ethos ..........................................................................................................649 19.3.1 Die Bedeutung von „Tradition“ bei den Kel Timia ..........................................................649 19.3.2 Identität und Selbstverständnis der Kel Timia..................................................................649 19.3.2.1 Exkurs: Identität und Tourismus...................................................................................650 19.3.2.2 Ethnizität .......................................................................................................................651 19.3.3 Die wichtigsten Werte bei den Tuareg?............................................................................652 19.3.3.1 „Eschek“ .......................................................................................................................653 19.3.3.2 Bettelei ..........................................................................................................................655 19.3.3.3 Stolz ..............................................................................................................................656 19.3.3.4 Sexualität.......................................................................................................................657 19.3.3.5 Religion.........................................................................................................................659 19.3.4 Tendenzen unter jugendlichen Kel Timia.........................................................................660 19.3.4.1 Wertewandel bei den Jungen: Verlust von „Eschek“ ...................................................661 19.3.4.2 Verlust der Arbeitsmoral und Aufgabe der traditionellen Berufe ...............................661 19.3.4.3 Ursachen des Wertewandels unter jungen Kel Timia...................................................662 19.3.4.4 Verteidigung der jungen Kel Timia ..............................................................................662 19.3.4.4.1 Erfolgspragmatiker ...................................................................................................663 19.3.4.4.2 Wandel als Bedingung für neue Chancen.................................................................663 19.3.4.4.3 Hindernis Eschek ......................................................................................................663 19.3.4.4.4 Wertewandel als vorübergehende Phase der Adoleszenz........................................664 19.3.4.5 Fazit: Geringe Relevanz des Tourismus als Faktor des Wandels ................................664 19.4 Neue Konsumbedürfnisse .................................................................................................664 19.5 Neue Werte der Kel Timia................................................................................................665 19.6 Neue Reaktionen: Kriminalität .........................................................................................667 19.7 Andere Faktoren des soziokulturellen Wandels ...............................................................668 19.7.1 Monetarisierung ................................................................................................................668 19.7.2 Technologietransfer ..........................................................................................................669 19.7.3 Andere Kulturen: Haussa..................................................................................................671 19.8 Wandel der Kel Timia aus europäischer Sicht..................................................................672 19.9 Konklusion: Tourismus als Kontaktchance ......................................................................674 20 Potentielle Tourismusentwicklung: Vier Testprojekte .....................................................676 20.1 Kameltrekking ab Timia ...................................................................................................676 20.1.1 Kamelexpedition ohne Touristen zu Nomadencamps ......................................................676 20.2 Kamelexpedition mit Touristen auf den Bagzan ..............................................................678 21 20.2.1 Zweck der Reise................................................................................................................678 20.2.2 Der Ablauf der Tour..........................................................................................................678 20.2.3 Touranalyse.......................................................................................................................682 20.2.3.1 Stärken und Chancen der Tour .....................................................................................682 20.2.3.2 Mängel der Tour ...........................................................................................................683 20.2.3.3 Fazit...............................................................................................................................685 20.3 Die Errichtung einer Herberge im Fort Massu .................................................................685 20.3.1 Der ursprüngliche Plan .....................................................................................................687 20.3.1.1 Die Förderung des blinden Glob...................................................................................687 20.3.1.2 Das Fort als Museum und Auslage ...............................................................................688 20.3.1.3 Das Fort als Café...........................................................................................................688 20.3.2 Die konkrete Umsetzung des Fort-Projekts ......................................................................689 20.3.2.1 Politische Widerstände..................................................................................................689 20.3.2.2 Widerstände der „Amis de Timia“................................................................................690 20.3.2.3 Die Museumsidee..........................................................................................................690 20.3.2.4 Irrtümliche Privilegierung von Glob.............................................................................691 20.3.2.5 Marketing......................................................................................................................691 20.3.3 Die erste Nächtigung am 8. Februar 2000 ........................................................................691 20.3.4 Die wesentlichen Schwächen des Forts als Herberge.......................................................692 20.3.4.1 Bauliche Mängel ...........................................................................................................692 20.3.4.2 Organisatorische Mängel ..............................................................................................692 20.3.5 Sonstige Probleme im Bereich des Fort-Managements ....................................................693 20.3.5.1 Hinweistafeln im Außenbereich ...................................................................................693 20.3.5.2 Hinweistafeln im Innenbereich .....................................................................................693 20.3.5.3 Gebarung des Forts .......................................................................................................694 20.3.6 Weitere Überlegungen zur touristischen Nutzung des Forts ............................................694 20.3.6.1 Vermengung von Beherbergungs- und Besichtigungsgästen .......................................694 20.3.6.2 Professionelle Führung des Forts..................................................................................694 20.3.7 Schlussfolgerungen: Die Zukunft des Forts......................................................................695 20.4 Organisierte Feste .............................................................................................................696 20.4.1 Eine inszenierte Hochzeit in Timia...................................................................................696 20.4.2 Die Verlobung...................................................................................................................697 20.4.3 Der Ablauf des Hochzeitsfestes ........................................................................................697 20.4.3.1 Exkurs: Das Desinteresse anderer Agenturen an der Hochzeitsteilnahme ..................698 20.4.4 Die zweite „Tende“ und das Hochzeitsmahl.....................................................................699 20.4.5 Analyse des „Hochzeitsexperiments“ ...............................................................................700 20.4.6 Kommerziell organisierte „Tende“ in Timia.....................................................................700 20.4.6.1 Der Zeitfaktor................................................................................................................701 20.4.6.2 Auswahl und Ausstattung der „Tende“ Teilnehmer .....................................................701 20.4.6.3 Die Rolle der Touristen.................................................................................................702 20.4.7 Folklorisierungsgefahr? ....................................................................................................703 20.5 Postkarten für Timia .........................................................................................................704 20.6 Schlussfolgerung: die Rolle des Zeitfaktors .....................................................................705 21 Probleme durch Tourismus bei den Tuareg ......................................................................707 21.1 Praktische Tourismusethik im Niger?...............................................................................708 21.2 Umweltbelastung ..............................................................................................................708 21.2.1 Müllaufkommen................................................................................................................709 21.2.2 Wasser...............................................................................................................................710 21.2.3 Hygiene .............................................................................................................................711 21.2.4 Holz...................................................................................................................................711 21.2.5 Tier- und Pflanzenschutz ..................................................................................................712 21.2.6 Fazit...................................................................................................................................713 22 21.3 Kulturelle Ressourcen.......................................................................................................713 21.3.1 Prähistorische Artefakte....................................................................................................713 21.3.2 Maßnahmen gegen Plünderungen.....................................................................................716 21.3.3 Felsbilder...........................................................................................................................717 21.3.4 Veränderung des Kunsthandwerks und sonstige Probleme ..............................................718 21.3.5 Antiquitäten.......................................................................................................................719 21.3.6 „Bausünden“ .....................................................................................................................719 21.4 Soziokulturelle Auswirkungen des Tourismus .................................................................720 21.4.1 Der urbane Bereich ...........................................................................................................722 21.4.1.1 Aggressive Kinder ........................................................................................................722 21.4.1.2 „Chasses Touristes“ ......................................................................................................724 21.4.1.3 Urbane Feste .................................................................................................................724 21.4.2 Der ländliche Bereich .......................................................................................................725 21.4.2.1 Bekleidung ....................................................................................................................728 21.4.2.2 Fotografieren.................................................................................................................729 21.4.2.3 Zwischenmenschliche Kommunikation........................................................................731 21.4.2.3.1 Nonverbale Kommunikation.....................................................................................731 21.4.2.3.2 Mythen, Klischees und Imitation..............................................................................732 21.4.2.3.3 Tabus.........................................................................................................................733 21.4.3 Gaben und Geschenke an Einheimische ...........................................................................734 21.4.3.1 Willkürlich verteilte Geschenke ...................................................................................734 21.4.3.2 Almosen ........................................................................................................................736 21.4.3.3 Persönliche Geschenke .................................................................................................737 21.4.3.4 Medikamente und medizinische Hilfeleistungen..........................................................738 21.4.3.5 Falscher oder missbräuchlicher Einsatz von Medikamenten.......................................739 21.4.3.6 Medikamente aus „weißer“ Hand als Prestigegut.........................................................740 21.4.3.7 Entwertung des traditionellen Heilwissens...................................................................741 21.4.3.8 Untergrabung des bestehenden Versorgungssystems ...................................................742 21.4.4 Handel mit Nomaden ........................................................................................................742 21.4.4.1 Kleingeldmangel ...........................................................................................................743 21.4.4.2 Machtmissbrauch ..........................................................................................................743 21.4.4.3 Strukturelle Abhängigkeit.............................................................................................744 21.5 Tourismus als wirtschaftliches Entwicklungshemmnis? ..................................................745 21.6 Fazit: Steuerung statt Verhinderung des Tourismus.........................................................746 Teil D Gesamtevaluation..............................................................................................................747 22 Die ethische Relevanz der Meinung der Kel Timia..........................................................747 22.1 Philosophische Methodenansätze zur Lösung interkultureller Wertfragen ......................747 22.2 Interkulturelle Wertfragen als Vernunftproblem? ............................................................748 22.3 Interkulturelle Wertfragen als Verständnisproblem?........................................................749 22.4 Die gegensätzlichen Positionen der Kel Timia und einiger Experten zum Tourismus ...750 22.4.1 Euphorie oder pragmatische Chancenwahrnehmung der Kel Timia? .............................750 22.4.2 Kulturzerstörung und Verarmung: die Sicht einiger Tourismuskritiker..........................751 22.4.3 Die Validität der ermittelten Ergebnisse...........................................................................753 22.5 Die unterschiedlichen „Kulturen“ hinter den Positionen..................................................755 22.5.1 Die Kel Timia - eine traditionale Kultur? .........................................................................756 22.5.2 Die „Experten“ – konservative Posttraditionalisten?........................................................757 22.6 Unterschiedliche Interessenssphären der Beteiligten........................................................758 22.6.1 Die Kel Timia als neugierige Materialisten? ....................................................................758 22.6.2 Die „Experten“ als hilfreiche Museumswärter? ...............................................................758 22.6.2.1 André Bourgeot, Anthropologe ....................................................................................758 22.6.2.2 Gerd Spittler, Ethnologe ...............................................................................................759 22.6.2.3 Hr. Gehlen, Mitarbeiter der Bundesregierung ..............................................................759 23 22.6.2.4 Hans Pistor, Leiter des „Projet Niger Nord“................................................................760 22.6.2.5 Michel Bellevin, Verein „Les Amis de Timia“ ............................................................760 22.6.2.6 Moussana Alkabous, „Les Amis de Timia“..................................................................761 22.7 Philosophische Grundpositionen zur Lösung interkultureller Wertkonflikte..................761 22.7.1 Universalismus..................................................................................................................762 22.7.2 Die Transzendentalpragmatik ...........................................................................................763 22.7.2.1 Die transzendentale Reflexionsmethode.......................................................................763 22.7.2.2 Der transkulturelle Argumentationsbegriff...................................................................764 22.7.2.3 Einvernehmliche Selbstverständlichkeiten als Rahmenbedingungen des Dialogs......764 22.7.2.4 Formen der Kommunikation bei den Kel Timia...........................................................764 22.7.3 Die Praxis des Argumentierens.........................................................................................765 22.7.3.1 Die Klärung von Unklarheiten......................................................................................766 22.7.3.2 Klärung der Kommunikationsberechtigung..................................................................766 22.7.3.3 Klärung von Begriffen ..................................................................................................767 22.7.3.4 Der strukturelle Sprung zur „fachbezogenen These“....................................................767 22.7.4 Demokratiefeindliche Transzendentalpragmatik? ............................................................768 22.7.4.1 Kulturelle Differenzen ..................................................................................................768 22.7.5 Die Diskursethik ...............................................................................................................770 22.7.5.1 Kriterien der diskursethischen „Letztbegründung“ ......................................................771 22.7.5.2 Zusammenfassung: das Prinzip der transzendentalpragmatischen Reflexion .............772 22.7.6 Die Relevanz des kulturellen Kontextes ...........................................................................772 22.7.6.1 Konstruktive Anthropologie: die Suche nach Entsprechungen ...................................772 22.7.6.2 Kulturelle Kontexte als bedingte Legitimationsgrundlage ...........................................773 22.7.6.3 Das Paradoxon der Rationalisierung ethnischer Diskurskulturen ...............................774 22.7.7 Die Unmöglichkeit, Präferenzen letztgültig zu argumentieren........................................775 22.7.8 Erkenntnistheoretische Grenzen der Transzendentalpragmatik.......................................776 22.8 Kulturalismus....................................................................................................................777 22.8.1 Der methodische Konstruktivismus..................................................................................777 22.8.2 Vernunft als Praxis............................................................................................................778 22.9 Die jeweiligen Grundpositionen aus der Sicht der Gegenposition ..................................779 22.9.1 Kritik der Transzendentalpragmatiker am Kulturalismus.................................................779 22.9.2 Kritik der Kulturalisten am Universalismus bzw. an der Transzendentalpragmatik .......781 22.9.2.1 Rolle und Funktion von Religion aus Sicht der Kulturalisten .....................................781 22.9.2.2 Die kulturspezifische Interpretation der Menschenrechte ............................................782 22.9.2.3 Die mangelnde Praxisnähe der Transzendentalpragmatik............................................784 22.10 Versuch einer Vermittlung zwischen Kulturalismus und Transzendentalpragmatik ......785 22.10.1 Das Missverständnis der Kulturalisten .........................................................................786 22.10.2 Die „Kopflastigkeit“ der Transzendentalpragmatik......................................................786 22.10.3 Auswege aus der Polarisierung.....................................................................................787 22.11 Schlussfolgerungen für die Frage des Timia-Tourismus ..................................................788 23 Gesamt-Schlussfolgerungen .............................................................................................791 23.1 Nachhaltige Tourismusentwicklung .................................................................................792 23.2 Analyseergebnisse der Region Agadez.............................................................................792 23.3 Analyseergebnisse der Region Timia ...............................................................................795 23.4 Tuareg-Tourismus ist gegenwärtig kein „Kulturzerstörer“ ..............................................797 Quellenverzeichnis............................................................................................................................798 Persönliche Quellen ..........................................................................................................................798 Landkarten: .......................................................................................................................................801 Rechtsgrundlagen..............................................................................................................................801 Druckwerke.......................................................................................................................................802 Audiovisuelle Materialien:................................................................................................................860 Internet-Dokumente: .........................................................................................................................860 24 Anhang..............................................................................................................................................877 Anhang 1: Interviewleitfaden für Reiseagenturen im Niger.............................................................877 Anhang 2: Interviewleitfaden für Agadez-Reisende (Französisch)..................................................880 Anhang 3: Fragebogen für Agadez-Reisende von Kneissl Touristik ...............................................884 Anhang 4: Interviewleitfaden für die Bevölkerung von Timia.........................................................888 Anhang 5: Karte der Republik Niger ................................................................................................891 Anhang 6: Einzugsgebiet der Tuareg................................................................................................892 Anhang 7: Skizze der Ténéré............................................................................................................892 Anhang 8: Karte der Tamgak-Schlucht bei Iferouane ......................................................................893 Anhang 9: Karte des Bagzan-Plateaus..............................................................................................894 Anhang 10: Karte der Kaldera von Arakao ......................................................................................895 Anhang 11: Bericht über die traditionelle Tuareg-Hochzeit in Timia..............................................896 Anhang 12: Foto von Agadez ...........................................................................................................898 Anhang 13: Foto von Timia..............................................................................................................898 Anhang 14: Foto der Dünen von Temet ...........................................................................................898 Anhang 15: Salzkarawane der Kel Ewey am Rückweg aus Bilma ..................................................899 Anhang 16: Nomaden-Familie in ihrem Camp.................................................................................899 Anhang 17: Der Autor bei Freunden in Timia..................................................................................900 Anhang 18: Die Sängerinnen von Timia ..........................................................................................900 Anhang 19: Tuareg vor Saurier-Funden ...........................................................................................901 Anhang 20: Der Ténéré-Führer Houiah............................................................................................901 Anhang 21: Das Team von Tchimizar Voyages ...............................................................................902 Anhang 22: Alhousseini Ibra, Direktor von Tchimizar Voyages, und der Autor.............................902 Anhang 1 Interviewleitfaden für Reiseagenturen im Niger, deutsch..............................................877 Anhang 2 Interviewleitfaden für Agadez-Reisende, französisch .................................................... 880 Anhang 3 Fragebogen für Agadez-Reisende von Kneissl Touristik, deutsch ................................. 884 Anhang 4 Interviewleitfaden für die Bevölkerung von Timia, französisch..................................... 888 Anhang 5: Karte der Republik Niger ............................................................................................... 891 Anhang 6: Einzugsgebiet der Tuareg............................................................................................... 892 Anhang 7: Skizze der Ténéré........................................................................................................... 892 Anhang 8: Karte der Tamgak-Schlucht bei Iferouane ..................................................................... 893 Anhang 9: Karte des Bagzan-Plateaus............................................................................................. 894 Anhang 10: Karte der Kaldera von Arakao ..................................................................................... 895 Anhang 11: Bericht über die traditionelle Tuareg-Hochzeit in Timia............................................. 896 Anhang 12 Foto von Agadez ........................................................................................................... 898 Anhang 13: Foto von Timia............................................................................................................. 898 Anhang 14: Foto der Dünen von Temet .......................................................................................... 898 Anhang 15: Salz am Rückweg aus Bilma........................................................................................ 899 Anhang 16: Nomaden-Familie in ihrem Camp................................................................................ 899 Anhang 17: Der Autor in Begleitung seiner Frau bei Freunden in Timia ....................................... 900 Anhang 18: Die Sängerinnen von Timia ......................................................................................... 900 Anhang 19. Tuareg vor Saurier-Funden .......................................................................................... 901 Anhang 20: Der Ténéré-Führer Houiah........................................................................................... 901 Anhang 21: Das Team von Tchimizar Voyages .............................................................................. 902 Anhang 22: Alhousseini Ibra, Direktor von Tchimizar Voyages, und der Autor............................ 902 25 Tabellenverzeichnis Tabelle 1: Dialektik des ökologischen Denkens, Wahrnehmens und Wertens..................................91 Tabelle 1: Bevölkerungswachstum im Niger...................................................................................210 Tabelle 2: Urbanisierung im Niger ..................................................................................................211 Tabelle 3: Bevölkerung von Niamey ...............................................................................................211 Tabelle 4: Anzahl der Teilnehmer an Rundreisen ...........................................................................230 Tabelle 5: Hotel-Aufnahmekapazität in Agadez..............................................................................341 Tabelle 6: Reisegäste 1999, nach Agenturen geordnet ....................................................................370 Tabelle 7: Die bedeutendsten Niger-Anbieter Mitteleuropas ..........................................................432 Tabelle 8: Registrierte Ankünfte von Pauschaltouristen in der Region Agadez..............................443 Tabelle 9: Französisches Saharareisen-Angebot 2000.....................................................................479 Tabelle 10: Deutsches Saharareisen-Angebot 2000.........................................................................479 Tabelle 11: Täglicher Wasserverbrauch einer Reisegruppe ............................................................507 Tabelle 12: Monatliche Versorgungskosten einer Kel Timia-Familie.............................................590 Abkürzungsverzeichnis a.a.S. an anderer Stelle AANA Association d’Amitié Nigéro Allemande ADDS Association Alliance Pour une Développement Durable et la Solidarité AFC Alliance des Forces de Changement AFD Agence française de développement (nationale französische Entwicklungsagen- tur) AFIT L’Agence Française de l’Ingénierie Touristique (Agentur des französischen Tou- rismusministeriums) AIEST Association Internationale d'Experts Scientifiques du Tourisme ANDP Alliance nigérienne pour la démocratie et le progrès (Djerma-nahe Partei im Ni- ger) ANPTH Association nationale des professionnels du tourisme et de l’hôtellerie ANT Administration Nationale du Tourisme (Niger) ARLN Armée révolutionnaire de libération du Nord-Niger ARR Akademisches Reisereferat (österr. Reiseveranstalter mit Sitz in Wien) ASF Aviation sans Frontière (Piloten ohne Grenzen, frz. humanitäre Flugrettung) BIAO Banque internationale pour l’Afrique de l’Ouest BMfAA Bundesministerium für auswärtige Angelegenheiten (Österreich) 26 BMZ Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BRD) CAI Cooperaive d’Artisanat d’Idounou CDS Convention démocratique et sociale (nigrische Partei des früheren Staatspräsiden- ten Mahamane Ousmane) CEN-SAD Communauté des Etats sahélo-sahariens CFA Communauté Financière d´Afrique, die Währungsgemeinschaft von 14 afrikani- schen Staaten mit dem Franc-CFA, der fix an den frz. Franc bzw. nunmehr den Euro gekoppelt ist. CIT Centre d’informations touristiques CITES International Convention on International Trade in Endangered Species CNEDD National Environment Council for a sustainable Development, Niger CNPCMVPC Conseil national de protection de conservation des mise en valeur de patrimonial culturelle (Rat der nigrischen Regierung für Kulturschutzmaßnahmen) CNPT Centre Nigérien de Promotion du Tourisme CNRSH Centre nigérien de recherche en sciences humaines COMINAK Compagnie des Mines de l’Akokan CPRP Comité de Pilotage des radios de Proximité CRA Coordination de la résistance armée (geeinte Tuareg-Front) CRT Centre for Responsible Tourism (University of Greenwich, GB) CSD Commission for Sustainable Development (UN-Kommission für nachhaltige Entwicklung) DANI Développement de l’artisanat au Niger (EZA-Programm des Fürsten von Luxem- burg) DDC Direction du développement de la coopération (Staatliche EZA-Org. der Schweiz) DDD Direction du développement de la coopération, Schweizer EZA-Institution DED Deutscher Entwicklungsdienst DFID Department for International Development (EZA-Org. der britsichen Regierung) DFPP Direction de la Faune, de la Péche et de la Pisciculture, Niger DMP Détachement de maintien de la paix (Sicherheitstruppe von Militär und Ex- Rebellen) DNFG Deutsch-Nigrischen Freundschaftsgesellschaft DRTA Direction Régionale du Tourisme et de l’Artisanat DTH Direction du Tourisme et de l'Hotellerie E+Z Entwicklung und Zusammenarbeit (dt. Zeitschrift) EZA Entwicklungszusammenarbeit FAO UN Food and Agriculture Organisation FAR Forces armées révolutionnaires (Tuareg-Rebellenfront) FARS Forces armées révolutionnaires du Sahara (Tubu-Rebellenfront) FDR Front démocratique révolutionaire 27 FED Fonds européen de développement FIDA Fonds International pour le Développement agricole FIMA Festival international de la Mode en Afrique FINISS Forces institutionnalisés nationales des Intégrés pour la Sécurité Saharienne FIS Front islamique du salut (fundamentalist. Bewegung in Algerien) FLAA Front de libération de l’Azawak et de l’Aïr (Rebellenfront unter Rhissa ag Bulla) FLT Front de libération de la Temust (Rebellen-Splitterfront unter Mano Dayak) Fn. Fußnote FNUAP Fonds des Nations Unies pour la Population. FPLN Front populaire de libération du Nord FPLS Front populaire de libération du Sahara FRDD Front pour la Restauration et la Défense de la Démocratie (zivile Parteien- Koalition gegen Baré) GfbV Gesellschaft für bedrohte Völker ggf. gegebenenfalls GIA Groupe islamique armée (alger. fundamentalistische Terrororganisation) GIE Groupement d’intérêt économique (nigr. Org. zur Förderung der Privatwirtschaft) GR Geografische Rundschau GSPC Groupe salafiste pour la prédication et le combat (alger. fundamentalistische Ter- rororganisation) GTZ (dt.) Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit HDI Human Development Index i.d.H.v. in der Höhe von. i.d.R. in der Regel i.S.v. im Sinne von IGN Institut géographique national, France IGNN Institut géographique national du Niger IIED International Institute for the Environment and Development (britische EZA- Org.) IITF Institut für Integrativen Tourismus und Freizeitforschung IRD Institut du Recherche du Développement IREMAN Institut de Recherches et d’Études sur le Monde arabe et musulman IRSH Institut du Recherche des Sciences Humains IUCN International Union for Conservation of Nature IWF Internationaler Währungsfonds izf Investir en zone franc (Informationsplattform für Wirtschaftsdaten in frankopho- nen Ländern) JEP Journal für Entwicklungszusammenarbeit 28 KfW Kreditanstalt für Wiederaufbau (dt. Finanzinstitution zur Finanzierung von kapi- talintensiven EZA-Projekten) LDCs Last Developed Countries M.m. Mehrfach-Nennungen möglich Mio. Millionen MNSD Mouvement national pour la société de développement (nigrische Partei des Staatspräsidenten Mamadou Tanja) MPA Mouvement Populaire de l’Azaouad (1. Rebellen-Front in Mali) Mrd. Milliarden MSA Mouvement Socialiste Africain (Partei von Djibo Bakary, 1957) NTV Niger-Ténéré-Voyage (Reiseagentur in Agadez vor der Rebellion) o.A. ohne Angaben o.S. ohne Seitenangabe o.T. ohne Titel OAU Organisation de l’unité africaine OCRS Organisation commune des régions sahariennes ODI Overseas Development Institute (britische EZA-Org.) OECD Organization for Economic Cooperation and Development ÖEZA Österreichische Entwicklungszusammenarbeit ONAT Office Nationale algérien du tourisme Onat Organisation pour la nature (Naturschutz- und Hilfsorganisation des einstigen Agrarministers und UNIRD-Parteigängers Birgie Rafini) ONT Office Nationale du Tourisme (Niger) ONT Office Nationale du Tourisme ORA Organisation de la résistance armée (Tuareg-Rebellenfront) ORSTOM Office de la Recherche Scientifique et Technique Outre-Mer P.M. Peter Moosleitners Magazin PAAP Programme d'appui à l'autopromotion paysanne (dt. EZA-Projekt) PAGRNAT Programme d´appui et des gestions ressources naturelles dans l´Air et le Ténéré PAM Programme alimentaire mondial PAN-LCD/GRN National Action Program for Combating Desertification and Natural Resources Management PCASED Program for Coordination and Assistance for Security and Development in Africa PDRT Projet du Développement Rural de Tahoua PED Projet d'energie domestique PNDS Partie nigérien pour la démocratie et le socialisme (sozialist. Partei im Niger) PNEDD Plan national de l'environnement pour un développement durable (Niger) PNLCD National Program for Combating Desertification 29 PNN Projet Niger Nord PNUE Programme des Nations Unies pour l'Environnement PPN Parti Progressiste Nigérien (1. politische Partei des Niger) PQLI Physical Quality of Life Index PRE Programme de relance économique REMUAO Coordination régionale du Réseau Migrations et Urbanisation en Afrique de l'Ouest RFI Radio France International RNNAT Réserve Naturelle Nationale de l'Aïr et du Ténéré SATT Société Automobile de Transports Tropicaux SOMAIR Société des Mines de l’Aïr SONHOTEL Societé Nigerien de l'Hotellerie SONICHAR Société Nigérien de Charbon STN Syndicat du Tourisme du Niger SVS Société de voyages sahariens (Reiseagentur in Agadez) SZ Süddeutsche Zeitung Tam. Tamaschek, die Sprache der Tuareg TIES The International Ecotourism Society (US-amerikanische Organisation) TSO Thierry Sabine Organisation UDPS Union pour la démocratie et le progrès social (nigerische Tuareg-Partei) UEMOA Union économique et monétaire de l’Ouest Afrique UFRA Union des forces de la résistance armée (1996 gegründete Tuareg-Rebellenfront von Mohammed Anako) UICN Union Internationale de la Conservation de la Nature UICOVAAZ Union des Individuels et Coopératives du Village Artisanal d’Agadez UNATA Union Nationale des Associations des Agences de Tourisme Alternatif (algerische Tourismus-NGO in Tamanrasset) UNCED United Nations Conference on Environment and Development UNDP UN Development Programme UNESCO United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization UNICEF United Nations Infancy, Child, Education Fund UNIRD Union des indépendants pour le renouveau démocratique (Partei des einstigen Putschisten Baré) USAID United States Agency for International Development USS Unités sahariennes de sécurité v.u.Z. vor unserer Zeit (= Gegenwart) Vol. Volume WCED World Commission on Environment and Development 30 WTO World Tourism Organisation WTradeO World Trade Organisation WTTC World Travel and Tourism Council WWF World Wildlife Fund for Nature z.B. zum Beispiel 31 Teil A: Theoretische Grundlagen 1 Einleitung 1.1 Tourismus - (k)ein Problem der angewandten Ethik? Tourismus gilt seit dem Ende des 20. Jahrhunderts als einer der am schnellsten wachsenden, legalen Wirtschaftssektoren der Welt. Aufgrund der enormen Komplexität des Systems Tou- rismus berührt es praktisch alle Bereiche des menschlichen Lebens, und aufgrund der moder- nen, technischen Möglichkeiten und innovativen Organisationsformen sind auch längst sämt- liche Winkel der Welt von Tourismus betroffen: Tourismus ist allgegenwärtig. Die Präsenz einiger Tausend österreichischer Urlauber an den Palmenstränden von Sri Lanka, Thailand und Indonesien war die Ursache, dass die Tsunami-Katastrophe im Indischen Ozean in den Weihnachtsfeiertagen des Jahres 2004 zum medialen Dauerbrenner wurde. Denn erst durch die faktische „Mitbetroffenheit“ hatte sich der Horizont der Wahrnehmung und des Mitgefühls der Österreicher nachhaltig bis in diese entfernten Gegenden erweitert, wurde jene exotische Welt ein Teil unseres kollektiven Bewusstseins. Denn es hätte theoretisch jeden von uns, der die Ferne Welt zu lieben und gelegentlich auch zu besuchen pflegt, treffen können. Am Nachmittag des 27. Dezember 2004 wurde ich von einer ORF-Redakteurin telefonisch gebeten, anlässlich dieser Naturkatastrophe zu den problematischen Auswirkungen des Mas- sentourismus Stellung zu nehmen. Sie konfrontierte mich mit der These, dass die Folgen die- ser Katastrophe - insgesamt weit über 100.000 Tote, darunter auch viele Tausend Touristen und gigantische Sachschäden - hätte verhindert werden können, wenn die Behörden ein ent- sprechendes Frühwarnsystem installiert hätten. 1 Darauf hatte ich entgegnet, dass die eigentli- chen Probleme des Massentourismus auf ganz anderer Ebene liegen würden. Das eigentliche Problem liege nicht in der Tatsache, dass es Massentourismus in Südostasien oder sonst ir- gendwo auf der Welt gäbe, sondern dass Massentourismus vielerorts ungeordnet und auf Kos- ten der schwächsten Glieder der angestammten Gesellschaft expandiere. Der ganz normale Massentourismus produziere vielerorts massenhaft Tragödien durch Vertreibungen und Ent- eignungen, Sklavenarbeit und sexuellen Kindesmissbrauch 2, Tragödien, die von der Touris- muswirtschaft gleichsam als unvermeidbare „Kollateralschäden“ solange in Kauf genommen werden, solange nicht zahlende Touristen, davon betroffen, mit Stornos reagieren. Doch die wuchtige Komplexität einer konstruierten Welt aus teuer bezahlten, traumhaften Images, per- fekt simulierter Sinnesbefriedigung und maximalem Konsum lässt Touristen nur wenig Raum für konstruktives Verständnis gegenüber den wenig romantischen Lebensproblemen der Be- reisten. Ein Ereignis, wie das vom 26. Dezember 2004, steht im Gegensatz zu dieser normalen, alltäg- lichen Tourismuswirklichkeit: Unter dem „Weihnachts“-Tsunami an den Stränden des Indi- schen Ozeans verschmolzen Touristen und Einheimische für einen Augenblick zu einer 1 Nach Angaben des Kurier (o. A. 2005d, S. 4) unter Berufung auf die Meinung von „Experten“ hätte „auch bei einem funk- tionierenden [Frühwarn-; Anm. d. Verf.] System die Menschen in den Küstengebieten in der Nähe des Epizentrums nicht mehr rechtzeitig gewarnt (…) werden können.“ 2 Die vielfältigen Probleme des Dritte-Welt-Tourismus habe ich bereits andernorts hinlänglich und eindringlich erörtert. Siehe insb. Friedl 2002. 32 Schicksalsgemeinschaft. Alle saßen im selben Boot - oder besser: alle starben am selben Strand unter der gleichen Riesenwelle. Doch wer überleben oder sich rechtzeitig in Sicherheit hatte bringen können, fand sich unweigerlich wieder in der vom Tourismus geschaffenen Zwei-Klassen-Gesellschaft: die einen, die im plötzlich entzauberten „Tropenparadies“ auf den Trümmern ihrer bisher schon bescheidenen Existenz zurückbleiben müssen, und jene, die als Angehörige eines gut organisierten Sozialstaats und dank ihrer Reiseversicherung mehr oder minder wohlbehalten in die heile Welt ihres europäischen Alltagslebens zurückkehren konn- ten. 3 Was für Touristen gilt, gilt auch für Philosophen: Die touristische Wirklichkeit gilt innerhalb des ethischen Diskurses immer noch weitgehend als „Just Tourism“ 4 im Sinne von "lediglich, nur": Tourismus als Problembereich spielt keine ernstzunehmende Rolle - trotz seiner rasan- ten Entwicklung, hin zu einer globalen „Industrie“ mit vielfältigen hochproblematischen wirt- schaftlichen, sozialen, politischen und ökologischen Auswirkungen, insbesondere in Ländern der Dritten Welt. Dieser wachsende Klärungs- und Steuerungsbedarf wird von der Philoso- phie konsequent ignoriert. Weder in der umfangreichen amerikanischen Anthologie „Ethics in Practice“ 5 noch im deutschen „Almanach der praktischen Ethik“ 6, geschweige denn im „Le- xikon der Ethik“ 7 finden sich „Tourismus“ oder sinnverwandte Begriffe in den Indizes. Das bedeutet keineswegs, dass die ethischen Aspekte des Tourismus unentdeckt bleiben. Die Tradition der Tourismuskritik ist so alt wie der Tourismus selbst. Systematisch-wissenschaft- lich wird Tourismus seit den 70er-Jahren analysiert und kritisiert 8, in den Massenmedien ist die Tourismuskritik seit den frühen 80er-Jahren gesellschaftsfähig 9. Tourismuskritische Ver- öffentlichungen haben seit damals längst das überschaubare Maß überschritten. Sehr viel langsamer wuchs dagegen der Umfang der Arbeiten, die explizit zu ethischen Aspekten des Tourismus Stellung bezogen, begonnen von religiös geprägten Autoren und Herausgebern in den späten 80er-Jahren 10. Seit Mitte der 90er-Jahre erscheinen zunehmend häufiger Publikati- onen zum Thema Tourismus und Ethik, doch handelt es sich bei den Autoren ausschließlich um Tourismus- und Freizeitwissenschaftler11. Selbst in den wenigen philosophischen Publika- tionen, in die sich der Begriff „Tourismus“ verirrte 12, sind wiederum nur Tourismuswissen- schaftler am Wort. 13 Insofern ist Prosser zwar recht zu geben, wenn er konstatiert, „that tou- rism is generating an increasingly intense ethical debate, focusing around several key is- sues“, 14 doch in dieser Debatte schweigen die Philosophen konsequent. Sie halten es offen- sichtlich mit Immanuel Kant, der selbst zeitlebens Königsberg nie verlassen hatte, und der ethische Probleme der Praxis lediglich als Subsumption des Besonderen unter das Allgemeine erachtete. 15 Die Arbeiten der genannten Tourismuswissenschaftler sind zumeist von hoher praktischer 3 Vgl. o. A. 2004, Wenig Hilfe für Einheimische, S. 5. 4 Vgl. Hultsman 1995, S. 561. 5 Vgl. LaFollette 1997, S. 689-701. 6 Vgl. Meggle/Rippe/Wessels 1992, S. 307-326. 7 Vgl. Höffe 2002. 8 Vgl. Krippendorf 1975. 9 Vgl. Jungk 1980. 10 Vgl. Evangelischer Arbeitskreis für Freizeit, Erholung und Tourismus 1988. 11 Vgl. Baretje 1994, 1995; Hultsman 1995; Fennel/Malloy 1995, 1998, 1999; Fromme/Freericks 1997; Pöggeler 1997; But- cher 2002; Friedl 2002, 2002c; Fennell/Przeclawski, Krzysztof 2003; Wöhler/Saretzki 2004; Smith/Duffy 2004; vgl. auch die virtuelle Internet-Konferenz des britischen Verlag „MCB University Press“ gemeinsam mit dem „Journal of Contemporary Hospitality Management“ zum Thema "Ethics in Tourism" (MCB 1998, Web.) 12 Vgl. Chadwick 1998. 13 Vgl. Prosser 1998; Urry 1998. 14 Prosser 1998, S. 373. 15 Kant (1968, S. 179) definiert die bestimmende Urteilskraft als das „Vermögen, das Besondere als enthalten unter dem Allge- meinen zu denken”, weshalb er die Anwendung besonderer Regeln als bloß nachgeordnetes, vor allem aber nachrangiges Ge- schäft betrachtete. 33 Relevanz und auch in philosophischer Hinsicht beachtenswert, 16 leiden aber zumeist an einem ethisch-theoretischen Defizit. 17 Dies gilt um so mehr für Tourismuskritiker, die heute zumeist dem Bereich der Medien und der NROs entstammen und - entsprechend den Zwängen der Aufmerksamkeitsökonomie - dazu tendieren, in einseitiger und all zu generalisierender Weise Tourismus und die von ihnen zur Verantwortung gezogenen Touristiker und Touristen zu verurteilen. Lange Zeit war es unter Tourismuskritikern sogar üblich, als Antwort auf die tou- rismusrelevanten Probleme rigide Reiseverbote auszusprechen. 18 Bei näherer Betrachtung erweisen sich jedoch die Analysen solcher harschen Kritiker als einseitig und oberflächlich, mit der Folge, dass sich die Probleme zuweilen sogar noch verschlimmern würden, würde man ihren Anweisungen Folge leisten. Entsprechend vertritt LaFollette die Ansicht, dass das Böse in der Welt zumeist das Resultat von Unkenntnis und Unachtsamkeit ist.19 Aus diesem Umstand folgt die Notwendigkeit einer fundierten, theoretischen und empirischen Auseinandersetzung mit Tourismus, insbesondere mit Dritte-Welt-Tourismus, aus ethischer Sicht, um eine zutreffende Antwort auf die wohl wichtigste Frage geben zu können: Was sol- len wir tun? Dass sich Ethiker zu diesem Thema nicht gerne zu Wort melden, ist wenig verwunderlich. Zu groß ist die Gefahr, sich analog zu den traditionellen Tourismuskritikern zu blamieren, indem man über Belange philosophiert, deren strukturelle Zusammenhänge und empirische Rah- menbedingungen man nicht kennt. Darin liegt generell das Dilemma der Philosophen, wenn sie sich mit praktischen Problemen auseinander setzen: Stets sind sie auf die Hilfe von Kolle- gen aus den empirischen Wissenschaften angewiesen. 20 Darum ziehen die meisten Ethiker die Auseinandersetzung mit grundsätzlichen Wertfragen der Auseinandersetzung mit konkreten Fragen des richtigen Handelns vor, obwohl grundsätzliche Wertfragen auf der theoretischen Ebene a priori nicht lösbar sind, wie die Erfahrung lehrt. Zudem kann die Frage nach dem richtigen Handeln auf der praktischen Ebene überhaupt nicht sinnvoll gestellt werden, solange das Problem selbst noch gar nicht in seiner Komplexität erfasst wurde. Die Aversion philosophischer Ethiker gegen empirische Rahmenbedingungen scheint unter Philosophen endemisch zu sein. Das indiziert etwa Peter Singer, einer der Paradephilosophen unten den praktischen Ethikern, mit seiner völlig verfehlten Argumentation für die ethische Pflicht, für Entwicklungsländer 21 zu spenden, eine Argumentation, die keinerlei Bezug zu den komplexen und zum Teil widersprüchlichen Zusammenhängen der Dritte-Welt-Problematik nimmt. 22 Insofern mag erstaunen, dass eine philosophische Dissertation ein spezifisches Thema des Dritte-Welt-Tourismus behandelt, die im Wesentlichen aus empirischen Analysen besteht, dies jedoch auf der Basis einer fundierten theoretischen Grundlage, doch ist das Anliegen der vorliegenden Arbeit eine konkrete Frage, auf die eine konkrete Antwort erarbeitet werden soll: Ist ein touristisches Engagement, sei es als Tourist, als Reiseveranstalter oder als Reiseleiter, im Lebensraum von traditionell lebenden, indigenen Völkern am Beispiel der Tuareg- Nomaden der Region Agadez (Republik Niger, Westafrika) ethisch vertretbar oder gibt es ernsthafte ethische Gründe, Reisen zu solchen Kulturen möglichst zu unterbinden? 16 Siehe insb. den Diskurs zur Vertretbarkeit des Reisens in Problemdestinationen bei Baumgartner/Leuthold 2004b. 17 Eine der wenigen rühmlichen Ausnahmen ist die Analyse von Wöhler/Saretzki (2004), auf die im folgenden Kapitel näher eingegangen wird. 18 Vgl. etwa André Heller auf dem internationalen Tourismusforum in Lausanne, zit. in Scherer 1995, S. 96 f. 19 Vgl. LaFollette 1997, S. 1. 20 Vgl. Meggle/Rippe/Wessels 1992, S. 9. 21 Vgl. Singer 1997, S. 585 ff. 22 Vgl. dazu die Kritik von Crocker 1997, S. 606. 34 1.2 Ethnotourismus: umstrittene Sonderform des Dritte-Welt-Tourismus Die generellen Vorwürfe gegen den Dritte-Welt-Tourismus 23 finden sich bei touristischen Reisen zu Ethnien bzw. „Volksstämmen“ in gleichsam verdichteter Form wieder. Beim Ethnotourismus stehen indigene Volksgruppen im Mittelpunkt des touristischen Interesses. Nach Ansicht von Kievelitz würden Ethnotouristen die unmittelbare, authentische Erfah- rung der lebendigen kulturellen Praxis fremder Kulturen suchen. 24 Je nach dem Grad der Unberührtheit eines „Stammes“ von westlichem Einfluss werde bei der Begegnung mit dem Unbekannten auch noch die Aura der Entdeckung und des „Unerforschten“ vermit- telt. Dadurch unterscheidet sich diese Form gegenüber dem klassischen Kulturtourismus, der sich einer Kultur auf indirektem Wege über die Begegnung mit spezifischen Kulturgü- tern nähert. 25 Die Frage der Vertretbarkeit touristischer Besuche bei indigenen Kulturen resultiert aus der unter Tourismuskritikern verbreiteten und zuweilen heftig verfochtenen Annahme 26, indigene Kulturen würden durch Tourismus bedroht oder gar der Zerstörung ihrer Kultur, der Berau- bung ihrer Intimität, dem Missbrauch ihres Lebensraums und der Unterdrückung ihrer selbst- bestimmten Lebensweise anheim fallen. 27 Begründet wird dies in der Regel mit dem Hinweis, dass beim Ethnotourismus ein Zusammenprall zwischen zwei völlig konträren Gesellschafts- strukturen erfolge, einerseits einer vormodernen, traditional-segmentären und andererseits einer (post-)modernen, egalitären und liberalen. Die an Dynamik überlegene Kultur des Wes- tens würde die traditionelle Kultur durchdringen, überlagern und bis zur Unkenntlichkeit ver- ändern; dabei würden Prozesse wie Demonstration, Assimilation und Akkulturation zur Ver- drängung von traditionellen Werten führen, 28 was mit der Zerstörung der „bereisten“ Kultur gleichzusetzen sei. Wesentlich verantwortlich dafür sei die spezifische Struktur der Begegnung zwischen Touris- ten und Indigenen, die sich nur auf Kurzkontakte beschränkt und insofern einen ausgewo- genen Austausch nicht zulasse. 29 Dazu seien auch die jeweiligen Motive für das Interes- se an einer Begegnung miteinander „inkompatibel“ 30, würden sich doch die Einheimi- schen vorwiegend für die Fremden nur als Einkommensquelle interessieren, wogegen die Touristen letztlich nur die Suche nach „unverdorbenen“ Gesellschaften als Fotomo- tiv oder exotische Kulisse 31 motiviere. Darüber hinaus kritisieren die Gegner von Ethnotourismus, indigene Völker seien besonders häufig Opfer von touristischen Projekten in Form von Menschenrechtsverletzungen, durch Vertreibung und Zwangsarbeit 32 oder als Folgen von eingeschleppte Krankheiten, die 23 Vgl. etwa Euler 1989; Tüting 1999, S. 7; Stock 2000, Web; Wöhler (2004a, S. 57 ff.) spricht sogar heute noch vom „Fern- reisen als postkoloniales Reisen“. 24 Vgl. Kievelitz 1989, S. 29 ff; ähnlich auch Bartha 2004, S. 74 f. 25 Vgl. Rotpart 1995, S. 73 f. 26 Vgl. Rotpart 1995; Suter 2000, Web; Canestrini 2000; Suchanek 2000. 27 Ein besonders trauriges Beispiel boten die sudanesischen Nuba, die aufgrund ihrer nackten Schönheit durch Berichte und Bücher Leni Riefenstahls vermarktet wurden. Dies brachte die Nuba zu einer fragwürdigen Berühmtheit (vgl. Fungor 1983), wodurch sie später von den Touristen überrollt worden und innerhalb weniger Jahre zum "Lumpenproletariat" (Adler 1988a, S. 14) verkommen seien. 28 Zu den klassischen Konzepten der Tourismusauswirkungen vgl. Lüem 1985. 29 Zur Problematik der Völkerverständigung durch Tourismus siehe das Kap. über „Wahrnehmung und Interaktion zwischen Reisenden und ‚Bereisten’ “. 30 Lüem 1985, S. 74. 31 Vgl. Henry 1996, S. 265 f. 32 Vgl. Arbeitskreis Tourismus & Entwicklung 1998 (Informationsmappe). 35 durch Individualtouristen übertragen würden. 33 Vor diesem Hintergrund forderte sogar der deutsche „Tourismuspapst“ Heinz Opaschowski in seinem Tourismuslehrbuch ein absolu- tes Reiseverbot zu abgeschlossenen, von unserer westlichen Zivilisation kaum berührten, eth- nischen Gruppen. 34 Diese radikale Forderung eines Reiseverbots zu schutzbedürftigen, weil bedrohten Natur- völkern vertrat auch die „Gesellschaft für bedrohte Völker“ (GfbV). Typisch für deren Problemzugang sind wiederum der von Indifferenz geprägte Stil sowie die lautstarke Ideo- logie des unschuldigen, vor der Moderne zu beschützenden Ureinwohners. 35 Konsequen- terweise fordert darum die „Gesellschaft für bedrohte Völker“ zur Verhinderung der gröbsten Schäden, dass die Reiseleiter für solche Ethnotourismus-Gruppen wenigstens über qualifizierte Ausbildung verfügen sollten. Die Ironie dieser Forderung liegt im Um- stand, dass ausgerechnet die GfbV-Mitstreiterin und Referentin für Tuareg-Belange, Eva Gretzmacher, die von ihr erhobene, berechtigte Forderung nach qualifizierten Ethnotou- rismus-Reiseleitern 36 äußerst eigenwillig handhabt. Denn die GfbV-Referenten verfügt selbst über keinerlei ethnologische, touristische oder sonstige Ausbildung, obwohl sie ih- ren Lebensunterhalt über viele Jahre hinweg durch Vermittlung, Organisation und Füh- rung von Reisegruppen zu Tuareg bestritt. Angesichts solcher von scheinbar kompetenten „Experten“ verbreiteten Sichtweisen ist die einseitige Kritik des Ethnotourismus wenig überraschend. Dazu schreibt Bartha zum „Diskurs über das Für und Wider des Ethno-Tourismus“, dass „die Beurteilungskriterien überwiegend nur angedeutet und nicht benannt“ seien. Zudem würden „die wertenden Meinungen zum Ethnotourismus (…) kaum empirische Ergebnisse [berücksichtigen], wie beispielsweise Backes (2000), die in ihrer kritischen Sicht auf ein kenianisches Cultural Village völlig darauf verzichtet, auf die Sichtweisen der Beteiligten einzugehen.“ 37 Viel- mehr seien die Beurteilungen über den Ethnotourismus durch oberflächliche Zugangswei- se sowie durch Überzeugungen gekennzeichnet, die dem Leser vorenthalten blieben. 38 Im Wesentlichen spiegelt diese Überzeugung die Vorstellung des Dritte-Welt-Tourismus als „Vergnügungsperipherie“ wider, wonach Tourismus das koloniale Herrscher-Diener- Verhältnis imitiere, rassistische Wahrnehmungen verstärke und das Unterlegenheitsgefühl der Bereisten verstärke. 39 Problematisch an dieser Sichtweise ist - abgesehen von der Tatsache, dass sie keinerlei Hilfestellung auf die Frage nach der Vertretbarkeit von Ethnotourismus be- reitstellt - die einseitige und extrem vereinfachte Darstellung von Ethnien einerseits als Be- wahrer einer heilen, positiven Welt und andererseits als wehrlose, unfähige Opfer exogener Einflüsse. Vor diesem Hintergrund ist auch die Mission der Ethnotourismus-Kritiker als geis- tig und kulturell überlegene Retter dieser Bevölkerung vor dem kulturellen Verfall zu verste- hen. Tatsächlich werden die Probleme der betroffenen Gesellschaften, deren Eigenverantwor- tung und Rahmenbedingungen, denen sie ausgesetzt sind, völlig ausgeblendet. Bei näherer Betrachtung lässt sich der Verdacht nicht zerstreuen, dass diese Beschützermenta- lität Ausdruck eines gewissen „Neo-Elitarismus“ ist, wonach sich die Kritiker als die „besse- ren Reisenden“ verstehen, die allein im einfühlsamen Umgang mit den „edlen Wilden“ kom- petent seien. 40 33 Vgl. Suter 2000, Web; Adler 1988, S. 91; Adler 1988a, S. 16. 34 Vgl. Opaschowski 1996, S. 59. 35 Vgl. Bogenreiter 1997, Web. 36 Vgl. Gretzmacher 1999, Web. 37 Batha 2004, S. 81, unter Hinw. auf Backes 2002, S. 107-117. 38 Vgl. etwa Suchanek (2000, S. 15) über die Situation der San unter Hinweis auf die Aussage ihres UN-Repräsentanten. 39 Vgl. Stock 2000, Web; die Kolonialisierung durch Tourismus kritisiert etwa Wöhler (2004a). 40 So erhebt etwa der Ethnologe Adler (1988, S. 19) den selbstgefälligen Anspruch, seine "Erfahrungen und Kenntnisse (...) primär aus der Sicht eines Reisenden (zu schreiben), der die Welt auf nichttouristische Weise kennen gelernt und dabei Er- fahrung gesammelt hat, die (…) ein Pauschaltourist auch niemals sammeln kann". Für Hennig (1997, S. 24) ist das in Litera- 36 Dies gilt häufig auch für jene Fürsprecher einer „bedrohten Kultur“, die entweder bereits der Diaspora angehören oder selbst über eine höhere soziale Stellung innerhalb der zu „schützen- den“ Kultur verfügen. So konnte Mayrhofer in ihrer Studie über Goa, Indien, nachweisen, dass die dortige tourismuskritische Debatte hauptsächlich von der katholischen Oberschicht geführt werde. Entgegen deren aggressiven, tourismusfeindlichen Beteuerungen seien näm- lich Touristen von den als schutzbedürftig dargestellten Bevölkerungsgruppen sehr wohl will- kommen. Für die Unterschicht bedeutete Tourismus eine Chance zum sozialen Aufstieg, für die protestierende Oberschicht hingegen das Risiko des sozialen Abstiegs. 41 Diese Feststellungen legen die Vermutung nahe, dass die Beurteilung von Ethnotourismus höchst ideologisch verbrämt und somit keineswegs eindeutig zu treffen ist. Vielmehr ist da- von auszugehen, dass eine entsprechende ethische Beurteilung umfassender empirischer Kenntnisse bedarf, insbesondere in der fundamentalen Forderung nach Selbstbestimmung der betroffenen Bevölkerung gerecht zu werden. 42 1.3 Sahara-Tourismus: „Neo-Kolonialisierung“ der Tuareg-Nomaden? Wie lässt sich somit Ethnotourismus zu Tuareg-Nomaden in der Zentralsahara beurteilen? Immerhin sind die Tuareg in der Zentralsahara gleichsam der Inbegriff einer exotischen Kul- tur in einem extremen, für Europäer seit jeher faszinierenden Lebensraum. Die Tuareg gelten als „Blaue Ritter der Wüste“ gleichsam als die Sahara-Bewohner par excellence, als afrikani- sche „Indianer der Wüste“, als Symbol für Freiheit und archaische Überlebenskunst. Dieses Bild wird durch zahlreiche prachtvolle Bildbände und TV-Dokumentationen gleichsam ze- mentiert. Gleichzeitig ist etwa seit den 60er-Jahren in den Medien wiederholt vom Untergang dieser Kultur die Rede. Unbestreitbar ist jedoch nur, dass sich die Lebensbedingungen der Tuareg in den letzten vierzig Jahren aufgrund politischer und wirtschaftlicher Umwälzungen sowie zweier gravierender Dürren grundlegend verändert haben. 43 Während sich die Lebensbedingungen für traditionelle Kulturen in der Sahara verschlechtert haben, wurde es zunehmend einfacher, die Zentralsahara zu bereisen. Mittlerweile bieten immer mehr europäische Reiseveranstalter Pauschalreisen in den Niger an, die vor Ort von einer wachsenden Zahl einheimischer Agenturen durchgeführt werden. Seit Jänner 2004 ist Agadez, das „Tor zur Ténéré“, auch wieder per Direktflug von Paris aus zu erreichen. Auf dem Programm solcher Reisen stehen neben den obligaten Sonnenuntergängen in den Dünen stets auch die Besuche von Siedlungen oder Lagern der Tuareg-Nomaden. Für den Tuareg-Tourismus der 80er-Jahr war bezeichnend, dass der charismatische, urbani- sierte Tuareg und Tourismusunternehmer Mano Dayak Ethnotourismus als „Zootourismus“ 44 rigoros ablehnte. Zwar sollte die Vermarktung des Wüstentourismus die nötigen Devisen tur und Forschung verbreitete misanthropische Verhältnis zum Tourismus nicht weiter verwunderlich, „gehörten doch die Intellektuellen, die über Tourismus nachgedacht haben, mehrheitlich den Mittelschichten an, in denen die Geringschätzung der Urlauber und die Betonung der eigenen Reise-Originalität besonders verbreitet ist.“ Dass der moderne Tourismus die Verteidigung sozialer Privilegien praktisch nicht mehr zulässt, erkläre auch die erbitterte Ideologie des „richtigen Reisens“, das „einen Ersatz für den vorübergehenden Verlust der hierarchischen Ordnung“ darstelle. (ebd., S. 64.) 41 Vgl. Mayrhofer 1992, S 187. 42 Vgl. Johnston 2003. 43 Vgl. Spittler 1989; Claudot-Hawad 1993; Bourgeot 1995. 44 Dayak 1992, S. 78; Dayak 1996, S. 178. 37 bringen, um die Dürre-geschädigte traditionelle Wirtschaft zu unterstützen, ohne die Bevölke- rung mit dem Tourismus gleichsam zu „kontaminieren“. Angesichts dieser Position eines gebildeten Mitglieds der betroffenen Bevölkerung sowie der verbreiteten Befürchtungen des kulturellen Niedergangs der Tuareg drängt sich zwangsläufig die Frage auf, inwieweit „Tuareg-Tourismus“ diesen Niedergang durch die vielfältigen poten- ziellen Auswirkungen des Tourismus in ariden Gebieten beschleunigen kann. Oder wäre es letztlich die Pflicht jedes verantwortungsbewussten Touristen, auf eine Reise zu den Tuareg zu verzichten, um eine „Kolonialisierung“ der „freien Männer“ als Kellner zu unterbinden? Erwartungsgemäß werden Veranstalter von Tuareg-Reisen aufgrund ihrer ökonomischen Inte- ressen jegliche Bedenken ausräumen, wogegen Ethnologen und andere Tuareg-Freunde wohl eher für die Erhaltung ihrer zu erforschenden und zu erlebenden Welt argumentieren werden. Doch wie denkt die betroffene Tuareg-Bevölkerung über die Sahara-Touristen? Sind diese willkommen oder unerwünscht? Diese Frage stellte ich mir seit dem Herbst 1997, als ich die Tuareg-Region des nördlichen Niger als Journalist bereiste, um über die Folgen der langjährigen Rebellion zu recherchieren. Auf Anregung der Wiener Tuareg-Referentin der „Gesellschaft für bedrohte Völker“, Eva Gretzmacher, begleitete ich eine kleine Reisegruppe, die Frau Gretzmacher organisiert hatte und leitete. Natürlich trug ich damals die klassischen mythischen Bilder von den faszinieren- den und geheimnisvollen „Wüstenritter“ in mir, war mir aber dieses Klischees bewusst, wes- halb ich beabsichtigt hatte, die Reise für Gespräche mit Einheimischen zu nutzen, um das Tuareg-Klischee zu hinterfragen und nötigenfalls aufzubrechen. Insofern wäre für mich der Höhepunkt dieser Reise entsprechend dem Programm der Besuch des abgelegenen Bergdorfes Timia gewesen. Leider hielten wir nur kurz vor dem Dorf am Brunnen an, um unsere Wasser- vorräte zu erneuern und fuhren dann sogleich einige Kilometer weiter zu einem malerischen Rastplatz zur Mittagspause. Die Reiseleiterin begründete diese mich enttäuschende Pro- grammänderung damit, dass der Besuch des Dorfes mit der Reisegruppe die Intimität der Menschen stören würde und darum nicht zu vertreten sei. Damals erschien mir diese Antwort plausibel und verantwortungsbewusst. Heute, sieben Jahre später und nach einigen Forschungsaufenthalten in Timia ist mir klar geworden, dass man Reiseleitern nicht alles glauben sollte! Welche Motive damals tatsächlich hinter der Entschei- dung der Reiseleiterin, die seit vielen Jahren mehrere Monate pro Jahr in Tuareg-Gebieten lebt, gestanden waren, habe ich nie erfahren. Tatsache ist, dass diese Begründung in keiner Weise mit den Sichtweisen und Wünschen der Kel Timia im Einklang steht, wie meine Be- fragung einer repräsentativen Anzahl von Personen aus Timia und dessen näherer Umgebung zwischen 1999 und 2001 ergab. Ohne die Ergebnisse meiner Untersuchung vorweg zu nehmen, lässt sich an dieser Stelle be- reits festhalten, dass sie wieder einen Beweis für die Irrelevanz der verbreiteten Urteile über Ethnotourismus erbrachten. Mehr als das: sie verdeutlichen, dass ethische Urteile über kon- krete Sachverhalte ohne empirische Untersuchungen nicht möglich sind! 1.4 Die Fragestellungen Der rote Faden der vorliegenden Untersuchung ist zweifellos die Frage nach der grundsätzli- chen Vertretbarkeit von Tourismus zu den Tuareg. Doch wie aus den bisherigen Erläuterun- gen ersichtlich ist, kann eine derart einfache Fragestellung der erwartungsgemäß komplexen Problematik der Tourismusentwicklung in der Region Agadez nicht gerecht werden. Ausdif- 38 ferenziert lautet darum meine Forschungsfrage, - ob die Förderung von touristischen Aktivitäten innerhalb der vorgefundenen ökonomischen und sozialen Rahmenbedingungen und unter bestimmten Auflagen im Sinne eines nachhalti- gen, ökologisch und sozial verträglichen Tourismus einen Gewinn an ökonomischer und da- mit auch an politischer und kultureller Autonomie bedeuten könnte, - oder ob jegliche Form von Tourismus aufgrund etwaiger überragender negativer Einflüsse auf das soziokulturelle Gefüge den Kulturwandel in Richtung eines Zerfalls ökonomischer, soziokultureller und ökologischer Strukturen zusätzlich beschleunigen würde. Dabei ist etwa an das Aufkommen neuer Konfliktquellen innerhalb der jeweiligen Bezugsgruppe - ob No- madenlager, Familie, Dorf, Stamm oder Region - infolge der forcierten Monetarisierung und der neu aufkommenden, traditionswidrigen Verdienstmöglichkeiten zu denken. In diese Richtung gingen auch die Fragen nach den konkreten Vorstellungen der Kel Timia von einer ihnen genehmen Tourismusentwicklung: - Welcher Tourismus wird von den Kel Timia gewünscht? - Wie soll die weitere touristische Entwicklung gestaltet werden? - Lässt sich ein tourismusindizierter, soziokultureller Wandel bei den Kel Timia nachweisen, und wenn ja, bewegt sich dieser innerhalb von vertretbaren Bahnen? - Welchen Stellenwert hat die Meinungsäußerung von Menschen, die nur über wenig Erfah- rung und über keinerlei fachliche Kenntnisse zum Tourismus verfügen? - Welche Legitimationskraft resultiert aus den Ergebnissen der vorangegangenen Fragen? In Hinblick auf das Tourismus-Angebot in Europa und in Agadez war zu überprüfen, ob es Reiseveranstalter und heimische Agenturen gibt, die einen besonders hohen Grad an Verant- wortungsbewusstsein aufweisen und entsprechend gestaltete Reiseprodukte anbieten. - Nach welchen Kriterien lässt sich die Umwelt- und Sozialverträglichkeit von solchen Reise- produkten messen? - Entsprechen diese Produkte den Vorstellungen der Bevölkerung? - Entsprechen die Vorstellungen der Bevölkerung den Mindestanforderungen an die Wirt- schaftlichkeit der Unternehmensführung? - Gibt es besondere Schulungen für heimische Reiseleiter? - Werden die Touristen entsprechend informiert und eingewiesen, damit sozial unverträgliche Interaktionen möglichst verhindert werden können? - Sind die typischen Agadez-Touristen auch bereit, solche Anweisungen anzunehmen? - Wie gehen sie damit um? - Aus welchen Motiven kommen Agadez-Reisende in die Region? Zur Struktur des Tourismus in Agadez stellen sich auch wesentliche Fragen zur Umverteilung von Macht und Einkommen durch den Tourismus: - Wer profitiert im Wesentlichen und auf welche Weise vom Tourismus? Neben diesen tourismusspezifischen Fragen mussten freilich auch die umfassenden Rahmen- bedingungen der Tuareg-Kultur und der Region geklärt werden: - Welche Besonderheiten weist der Wandel der Tuareg-Kultur in dieser Region auf? - Steht Tourismus im Widerspruch zu diesem Wandel, oder lässt er sich als Ergänzung integ- rieren? 39 - Trifft auch auf die Tuareg-Nomaden des Aïr-Massivs zu, was weltweit zu beobachten ist, nämlich dass Gebirgsregionen unter Marginalisierung und Benachteiligung gegenüber städti- schen Zentren leiden und dass insofern Tourismus für die kargen, peripheren Gebirgsregionen von großer wirtschaftlicher Bedeutung sein kann, indem er Verarmung und Verödung verhin- dert? 45 All diese Fragen sind freilich mit weiteren Detailfragen verbunden, die sich im jeweiligen Kontext auftun. Zusammenfassend lässt sich einstweilen festhalten, dass diese scheinbar so einfache Frage nach der Vertretbarkeit von Tourismus zu den Tuareg mit einer Fülle von Teil- fragen verbunden ist, die in keiner Weise allein auf Basis einer reinen Wertediskussion - also auf metaethischer Ebene - zu lösen sind. Auch lässt sich mit Luger und Inmann festhalten, dass „die Pauschalierung touristischer Problematiken oder gar die Suche nach Patentrezepten für deren Lösung (…) sich als völlig ungeeignete Wege (erweisen), um touristische und kultu- relle Entwicklungsprozesse adäquat einzuschätzen“. 46 1.5 Angewandte Forschungsmethoden 1.5.1 Tourismusforschung als multidisziplinäres Unterfangen Tourismusanalysen sollten am besten interdisziplinär, multidisziplinär und „conscious of its youthfulness“ 47 bewerkstelligt werden, weil Tourismus als Querschnittsmaterie so viele ver- schiedene Aspekte der Wirklichkeit berührt oder umfasst.48 Entsprechend zeichnet sich die vor- liegende Arbeit durch einen multidisziplinären Zugang aus, wodurch ich oftmals gezwungen war, die Grenzen meiner bisherigen Kenntnisse zu überschreiten. Schon 1991 meinte Böhler, dass es angesichts der „hohen Komplexität und der globalen Ver- netztheit der ökonomisch-technologischen Handlungszusammenhänge und ihrer ökologisch- gesellschaftlichen Wirkungsbereiche (…) eine heillose Überforderung [wäre] und (…) einem wirklichkeitsfremden moralischen Rigorismus gleich[käme], von der Einzelperson (…) zu fordern, was allenfalls eine multidisziplinäre Diskursgemeinschaft leisten kann: eine zurei- chende Situationsanalyse und Handlungsfolgenabschätzung". 49 Doch bedauerlicherweise standen mir die entsprechenden empirischen Daten und entsprechende Interpretationen nicht zur Verfügung, um meine an sich so einfache Frage ohne größeren Aufwand beantworten zu können. Für meine Untersuchung stand mir eine schier unüberschaubare Menge an Forschungsliteratur zu verschiedensten Wissenschaftsdisziplinen zur Verfügung: soziologische und ethnologische Studien zu den Aspekten der soziokulturellen Auswirkungen, tourismussoziologische, ethno- logische und geografische Studien über Wüstentourismus in Nordafrika, entwicklungstheore- tische Untersuchungen über Tourismusentwicklung in verschiedensten Dritte-Welt-Ländern, ökonomische Fallstudien zur Ökotourismusentwicklung, und nicht zuletzt jede Menge ethno- 45 Vgl. Luger/Inmann 1995a, S. 9. 46 Ebd., S. 10. 47 Tribe 1997, S. 638. 48 Entsprechend resümieren Dann und Phillips (2001, S. 260) ihre Methodendiskussion zum Tourismus, dass dieser „still a field rather than a discipline“ sei. 49 Böhler 1991, S. 165 40 logische und historische Literatur über die Tuareg. Was jedoch fehlte, waren entsprechende interdisziplinär angelegte Studien über Tourismusentwicklung bei den Tuareg. Insofern war ich gezwungen, eine gewisse Pionierrolle einzunehmen, indem ich versuchte, empirisch fundierte Antworten auf eine grundlegende philosophische Frage zu finden. Ent- sprechend musste ich mich eines geeigneten Instrumentariums der empirischen Sozialfor- schung bedienen. Dabei wurde ich anfänglich vom Bayreuther Ethnologen Gerd Spittler, der lange die Kel Timia erforscht hatte, unterstützt, indem er mich seinem einstigen Assistenten empfahl und mir freundlicherweise auch sein Haus in Timia zur Verfügung stellte. Dennoch hatte Spittler seiner Ablehnung meines Forschungsvorhabens Ausdruck verliehen, indem er es als „Dilettantismus“ bezeichnete. 50 Was die konkret anzuwendenden Methoden anbelangt, so besteht auch in der empirischen Tourismusforschung - entsprechend dem zunehmend interdisziplinären Zugang innerhalb der Tourismusforschung überhaupt - keineswegs Einhelligkeit über die „richtige“ Methode. So weist etwa Meethan darauf hin, dass die moderne Tourismusforschung hinsichtlich ihrer me- thodologischen Paradigmen zentral von einem positivistischen Zugang dominiert werde. Da- bei werde als Hauptanliegen das Sammeln von quantifizierbaren Daten mit dem Ziel betrach- tet, auf dieser Basis Hypothesen zu überprüfen und „purposes“ zu messen. Dies sei zwar für manche Forschungsbereiche des Tourismus unabdingbar, genüge aber keinesfalls zur Beant- wortung aller Fragen. 51 Für den Bereich der Mikro-Ebene würden sich etwa auch zentrale Methoden anderer Disziplinen wie jene der Ethnographie - wie die teilnehmende Beobach- tung oder Interviews - anbieten. Auch biographische Erzählungen von Lebensgeschichten zur Darstellung von Wandel über längere Zeit hinweg, wie von Atkinson vorgeschlagen, seien durchaus geeignete Möglichkeiten. 52 Mit diesem Vorschlag argumentiert Meethan jedoch nicht für einen methodologischen Eklek- tizismus, als vielmehr für eine kritische, jedoch konstruktive Reflexion der den jeweiligen Methoden unterstellten Prinzipien. Tourismusanalysen sollten nicht mehr wie bisher unreflek- tiert und unkritisch Paradigmen und Prinzipien von anderen Disziplinen übernehmen bzw. darauf aufbauen, sondern beginnen, einen kritischeren Zugang zum theoretischen Rahmen- werk zu entwickeln. Dies gelte insbesondere für jene Bereiche, die auf sich gegenseitig aus- schließenden Dualismen wie „modern-primitiv“ oder „inauthentisch-authentisch“ beruhen. 53 Agricola weist in ihrer Kritik der empirischen Tourismus- und Sozialforschung auf die gene- relle Problematik des „unsicheren Wissens“ hin: Nach ihrer Erfahrung beruhen zahlreiche Studien weitgehend nur auf Schätzungen und Hochrechnungen von Repräsentativumfragen und weder auf einen „kontrollierende Theorieüberbau“ noch auf „Verbindungen zu Untersu- chungen anderer Disziplinen“ 54. Vielmehr würden die Ergebnisse vieler Studien durch ver- stärktes Einbringen von normativ-subjektivem Denken durch die Forscher und deren Auftrag- geber verfälscht sein, was auch den Trend zu Überinterpretation von Daten und Erkenntnissen erkläre. Als typische Fehlerquellen nennt Agricola ungenaue Hypothesenbildung, mangelnde Repräsentativität und fehlende Validität der erhobenen Daten, weshalb jedes Ergebnis nur ein kleines Detail der Gesamtwirklichkeit widerspiegle, selten aber Gesamtzusammenhänge. Zu- dem trage Freizeit 55 in mancher Hinsicht „quasi religiöse Züge“, sei also stark ideologisch gefärbt. Darum ließen sich freizeitwissenschaftliche Aussagen gut als „Glaubenswahrheiten“ 50 Wie ernst es Spittler mit dieser Äußerung gemeint hatte, zeigte sich ein Jahr später, als im November 2000 an der Univ. Bayreuth ein Kolloquium über Niger-Tourismus und im Sommer darauf über „Ethnotourismus in Afrika“ stattfand. Spittler und sein Assistent Marko Scholze, mit dem ich im Niger kooperiert und dem ich Teile meiner Forschungsergebnisse überlas- sen hatte, hatten es nicht einmal der Mühe für Wert gefunden, mich von diesen Veranstaltungen zu informieren. 51 Vgl. Meethan 2001, S. 172 f. unter Hinweis auf Brunt 1997, Gouldner/Ritchie 1994, Ryan 1995 und Veal 1997. 52 Vgl. Atkinson 1998. 53 Vgl. Meethan 2001, S. 172 f. 54 Agricola 2001, S. 117. 55 …und insofern auch der mit Freizeit eng verbundene Tourismus (Anm. d. Verf.). 41 verkaufen. Dies führe dazu, dass häufig bei Untersuchungen eine gewisse „methodologische Naivität“ an den Tag gelegt werde, indem versucht wird, aus Meinungsumfragen und Einzel- feststellungen Prognosen abzuleiten. 56 Um der Kritik Agricolas gerecht zu werden, wendete ich ein ganzes Set von Methoden an, um auf diesem Weg die jeweils ermittelten Ergebnisse miteinander vergleichen und vor dem Hin- tergrund analoger Studien interpretieren zu können. 1.5.2 Teilnehmende Beobachtung und Interviews Atteslander definiert Beobachtung als „zielgerichtete Erfassung der aktuellen Umwelt durch die Sinnesorgane (nicht nur visuell) und die Registrierung des Erfassten in Informationsein- heiten“. 57 Allerdings weist Diekmann darauf hin, dass grundsätzlich sämtliche empirische Methoden Beobachtungsverfahren sind. In der Sozialforschung bedeutet Beobachtung, wenn damit die „direkte Beobachtung menschlicher Handlungen, sprachlicher Äußerungen, non- verbaler Reaktionen (…) und anderer sozialer Merkmale (Kleidung, Symbole, Gebräuche, Wohnformen usw.) verstanden“ wird. 58 Eine in der empirischen Sozialforschung, und dort insbesondere in den Disziplinen der Ethno- logie 59 und der Anthropologie, wichtige Methode ist die teilnehmende Beobachtung. Diese Methode geht auf die ethnologische Schule der Feldforschung von Bronislaw Malinowski und der „Chicago-Schule“ der Soziologie in den 20er-Jahren zurück. Nach diesem Konzept nimmt der Beobachter direkt an den Interaktionen der beobachteten Gruppe teil und versucht da- durch, sich so weit wie möglich in die Gruppe integrieren zu lassen. Auf diesem Weg soll der Beobachter ein möglichst tief greifendes Verständnis der Abläufe innerhalb der Gruppe bzw. des Gruppenlebens erlangen. 60 Hinter diesem Konzept steht die Erkenntnis, dass man als äu- ßerer Beobachter von den Bedeutungen, die innerhalb einer Gruppe generiert werden, ausge- schlossen bleibt. Aus dieser Perspektive sind lediglich Objekte von außen zu erkennen, wäh- rend geistige und soziale Prozesse nur von innen erkannt werden können. Dies geschieht durch die Bedeutung von Interpretationen, die man den Objekten gibt, und die mit anderen geteilt werden. Nimmt nun der Beobachter aktiv am Leben der beobachteten Gruppe teil, in- dem er eine konkrete Rolle - etwa als Reiseteilnehmer einer Reisegruppe - spielt, so wird es ihm möglich, Gruppenprozessen zu verstehen. 61 Von den verschiedenen Beobachtungstypen werden standardisiert-strukturierte, quantifizier- bare Methoden im Allgemeinen als „wissenschaftlicher“ betrachtet, weil sie „objektivere“ Ergebnisse liefern, wogegen den unstrukturiert-qualitativen Methoden gerne unterstellt wird, sie würden primär impressionistische Beschreibungen mit journalistischem Charakter lie- fern. 62 Dem gegenüber wendet Girtler ein, einer der großen österreichischen Wegbereiter der teilnehmenden Beobachtung, dass bei unstrukturiert-qualitativen Methoden subjektiv- präjudizierte Hypothesenkataloge, wie sie Fragebögen notwendigerweise innewohnen, weg- fallen. 63 Weil auf diesem Wege weniger Voreingenommenheit der beteiligten Individuen und 56 Agricola 2001, S. 117. 57 Atteslander 1991, S. 144. 58 Diekmann 2003, S. 456. 59 Vgl. Spittler 1998, S. 66 ff. 60 Vgl. Alemann 1977, S. 223. 61 Vgl. Filestead 1979, S. 33. 62 Vgl. Girtler 1984, S. 50 ff.; Dann/Phillips (2000, S. 260) nennen Forscher, die theoretisch unreflektierte qualitative Metho- de anwenden, „collectors and disseminators of anecdotal material”. 63 Vgl. Girtler 1984, S. 125. 42 dadurch größere Offenheit besteht, wird die Kommunikation mit ihnen wesentlich verbes- sert. 64 Analog zu Girtler argumentieren auch Burns und Holden für qualitative Forschung, indem sie auf die Fragwürdigkeit der Erforschung all dessen verweisen, was alleine schon „easily quantifiable“ sei. Dieser Zugang möge der Tourismusforschung zwar zu mehr Anse- hen „in a world dominated by quantitative method” verhelfen, 65 doch die Vernachlässigung von qualitativer Forschung führe unvermeidbar zu einem „poorer tourism product” zu Un- gunsten sowohl von Bereisten als auch von Reisenden. 66 Im Gegensatz zur teilnehmenden Beobachtung steht die Befragung, die von René König, dem Begründer der modernen Sozialforschung im Deutschland der Nachkriegszeit, als „Königs- weg“ bezeichnet wurde, während sie Kritiker eher als „Holzweg“ betrachten. In jedem Fall ist es „der meistbeschrittene Weg“. 67 In Abhängigkeit vom Grad der Standardisierung wird zwi- schen vollständig standardisierten und unstrukturierten bzw. offenen Interviews unterschie- den. In vollständig standardisierten Interviews werden alle Fragen mit vorgegebenen Ant- wortkategorien in festgelegter Reihenfolge gestellt, wogegen offene Interviews nur geringste Vorgaben erfordern, etwa nur das Interviewthema. 68 Der Vorteil des offenen, narrativen Interviews liegt in der grundsätzlichen Unbegrenztheit des Antwortspektrums. Der Proband kann seine Gedanken spontan entwickeln, weil er nicht durch die in standardisierten Fragen widergespiegelten Hypothesen des Interviewers be- schränkt wird. Auf diesem Wege wird es jedoch dem Interviewer ermöglicht, Sicht- und Handlungsweisen von Personen und deren Erklärung aus sozialen Bedingungen zu verste- hen. 69 Für die vorliegende Untersuchung habe ich verschiedene Wege gewählt, entsprechend den jeweiligen Gegebenheiten und Möglichkeiten. Der Bogen spannte sich von der teilnehmenden Beobachtung über das mündliche Leitfadeninterview bis zum vorgefertigten Fragebogen, der von Probanden eigenständig ausgefüllt wurde. Keiner der genannten Forschungsansätze wäre für sich allein zielführend. Dahinter stand das Ziel, mich bei den Methoden an die Möglich- keiten der Probanden anzupassen, anstatt diese zu stören und dadurch zu verlieren. Manche Touristen wollten sich etwa nicht die Zeit für ein zweistündiges Leitfadeninterview nehmen, wogegen andere wieder in epischer Breite erzählten. Manche Interviewpartner ließen sich auch gar nicht auf vorgegebene Fragen ein, worauf sich zuweilen rege Diskussionen entwi- ckelten, die mitunter völlig neue Aspekte zutage brachten. Einige Interviews mussten auch in mehreren Etappen durchgeführt werden. Insofern variierte die Dauer der Befragungen von mehreren Stunden bis zu mehreren Tagen, ja mitunter sogar Wochen. Die Interviews fanden zu unterschiedlichen Tageszeiten und an unterschiedlichen Orten statt, überwiegend in Aga- dez und Timia, doch wurden Touristen auch während einer Rundreise befragt, und Nomaden mussten naturgemäß auf ihren Weiden aufgesucht werden. Etwa ein Drittel der Befragungen wurde durch geschulte Assistenten durchgeführt. Auf die- sem Weg versuchte ich, die Zahl der erreichbaren Probanden zu erhöhen, und außerdem 64 Vgl. ebd., S. 38 ff. 65 Vgl. Burns/Holden 1995, S. 13. Vgl. dazu die Kritik von Dann und Phillips (2000, S. 260) an Forschern des „armchair types” im Sinne von „Kathederphilosophen“, die zugunsten der Verfeinerung ihrer überspitzen Theorien überhaupt auf jegli- che empirische Überprüfung ihrer Ideen verzichten. Sinngemäß kritisiert auch Elisabeth Noelle-Neumann (2001, S. 48), eine der Wegbereiterinnen der empirischen Sozialforschung in Deutschland, den Verzicht bekannter Sozialtheoretikern wie Ulrich Beck oder Johan Galtung auf die empirische Überprüfung ihrer Theorien durch valide Methoden. Zum anglo-amerikanischen Diskurs über die Diskrepanz zwischen Theorie und Empirie in der Tourismusforschung vgl. Jenkins 2002. 66 Vgl. Burns/Holden 1995, S. 13. In diesem Sinne hat eines der führenden Magazine der empirischen Tourismusforschung seine potenziellen Autoren wissen lassen, dass es nur noch solche Beiträge annehmen und publizieren würde, deren Ergeb- nisse nicht auf statistischen Techniken beruhen, sondern die breite Methodenpalette der Sozialwissenschaften berücksichti- gen würden (Hinw. in Dann/Phillips 2001, S. 260). 67 Diekmann 2003, S. 371. 68 Vgl. ebd., S. 372. 69 Vgl. Schnell/Hill/Esser 1992, S. 329. 43 konnte ich dadurch die gewonnenen Daten auf etwaige signifikante Abweichungen hin über- prüfen und etwaige, durch den jeweiligen Interviewer verursachte Einflussfaktoren identifi- zieren und zumindest graduell in die Interpretation miteinbeziehen. Mein wichtigstes Interesse lag im Entwickeln eines entsprechenden Verständnisses für die Motive der Touristen, der Tuareg-Veranstalter und der Kel Timia. Es ging mir nicht darum, möglichst viele Daten zu gewinnen. Im Vordergrund stand ein aktiver Wechselprozess zwi- schen Datensammlung, Dateninterpretation und -reflexion und immer wieder der Konfronta- tion der vorläufigen Ergebnisse mit dem Blick des Beobachters, d.h. meinen eigenen Erwar- tungshaltungen. Auf diese Weise tastete ich mich langsam an eine passende Konstruktion der zu erforschenden Wirklichkeit heran. Insofern war die Untersuchung ein Prozess des Lernens, der sich z. B. auch in der Modifikation meiner Hypothesengerüste und der darauf basierenden Fragebögen niederschlug. Zur Entwicklung meiner Hypothesen sowie zur Ergänzung und Testung der eigenen Primärergebnisse bediente ich mich der gängigen Tuareg-Literatur, ins- besondere der Schriften von Bourgeot und Spittler, die beide die besten lebenden Kenner der Region Agadez sind. Von der vorliegenden Untersuchung kann nur die Befragung der Agenturbetreiber als reprä- sentativ betrachtet werden, da nahezu alle zwischen 1999 und 2001 aktiven Agenturbetreiber interviewt wurden. Demgegenüber handelt es sich bei der Befragung der Kel Timia um eine Stichprobenuntersuchung, bei der nach Diekmann aufgrund der Vielfältigkeit von Populati- onsmerkmalen niemals von „Repräsentativität“ gesprochen werden kann. 70 Dies gilt umso mehr für die Untersuchung der Agadez-Touristen. Ziel dieser Untersuchungen war es, auf der Basis des erhobenen Datenmaterials lediglich Trends aufzuzeigen und diese mit den herr- schenden Mythen und Sichtweisen zu konfrontieren. Die Interviews wurden in der Regel auf Tonband aufgenommen und zu einem späteren Zeit- punkt schriftlich ausgearbeitet 71 und ausgewertet. Die Ergebnisse der teilnehmenden Beo- bachtung wurden jeweils zu einem passenden Zeitpunkt protokolliert. Im Hinblick auf die im Folgenden erörterten Details zu den wesentlichen Forschungsabschnit- ten möchte ich noch einmal unterstreichen, dass die angewandte Vielfalt an Methoden (Inter- views, teilnehmende Beobachtung, Bibliothekenforschung und Inhaltsanalysen) als integrie- rendes Ganzes zu betrachten ist. Insbesondere im Kontext der ethischen Fragestellung sind bloß quantitative Ergebnisse nicht zielführend. Vielmehr sollten die erhobenen Daten dem Nachweis gewisser Trends sowie als Basis für eine allgemein deskriptive Darstellung von Aspekten und Phänomenen des Tourismus in Agadez dienen. 1.5.3 Die Struktur des touristischen Marktes Agadez Der Forschung im Dritte-Welt-Tourismus mangelt es nach Ansicht von Faulkner et al. an „ac- curate and uniform statistics on the size and economic contributions of tourism“. 72 Dies liege zumeist an der geringen Priorität, welche die meisten Regierungen der Tourismuspolitik zu- schreiben, weshalb für den Tourismus im Vergleich zu anderen wirtschaftlichen Branchen 70 Vgl. Diekmann 2003, S. 368. 71 Diese äußerst mühselige Arbeit wurde mir dankenswerterweise von meiner Gemahlin, Mag. Christiane Friedl, abgenom- men. 72 Faulkner/Moscardo/Laws 2000a, S. XXX. 44 zumeist nur dürftige Datensammlungen vorhanden sind. Dies gilt in besonderem Maße für die Republik Niger. 73 Zur Erfassung der Struktur des touristischen Marktes von Agadez habe ich persönlich zwi- schen Oktober 1999 und März 2001 mit den Repräsentanten von 21 Agenturen insgesamt 26 mündliche Interviews durchgeführt. Bei drei Agenturen konnte ich Gespräche mit unter- schiedlichen Repräsentanten führen, manche Interviews habe ich nach einem Jahr in modifi- zierter Form wiederholt. Die Gespräche fanden überwiegend in Agadez, aber auch in Niamey statt, zumeist in den Büros der Agenturen, vereinzelt auch in den Privatgemächern der Agen- turbesitzer. Bei den Interviews handelte es sich um Leitfadeninterviews auf der Basis eines fixen Fragen- katalogs, jedoch mit der Möglichkeit, auf einzelne Themen näher einzugehen. Breite Exkurse und Diskussionen waren dabei keine Seltenheit, weshalb sich die Gespräche oft über mehrere Stunden, zuweilen sogar über Tage hinzogen. Darüber hinaus habe ich mit regionalen und internationalen Experten und Politikern aus dem Bereich Entwicklungszusammenarbeit, der Sicherheit und des Tourismus offene Gespräche geführt, und konnte dadurch auch hinter die Kulissen der touristischen Strukturen blicken. Ergänzt wurden diese empirischen Daten durch die nicht-reaktiven Verfahren der qualitativen Analysen von Studien, Expertengutachten und Berichten zu den Themen Entwicklung, Poli- tik, Sicherheit etc. zur Nutzung des vorhandenen, fremderhobenen Datenmaterials. 74 1.5.4 Strukturelemente der Agadez-Touristen und europäischer Anbieter Daten über Agadez-Touristen wurden weitgehend durch Leitfadeninterviews 75 auf der Basis eines strukturierten Fragenkatalogs erhoben. 76 Dazu wurden zwischen 1999 und 2003 insge- samt 56 Interviews durchgeführt. 28 dieser Befragungen wurden in Form qualitativer Tiefen- interviews durchgeführt, die größtenteils in Agadez stattfanden, vereinzelt auch in Timia so- wie während einer Rundreise. 20 dieser Interviews hat die in Agadez ansässige Diplom- Geografin Sophie Landrieu durchgeführt. Weitere 28 Befragungen wurden unter Reiseteilnehmern von Kneissl Touristik am Ende der jeweils von mir geführten Niger-Reisen zwischen 2001 und 2003 durchgeführt. Dabei wurden die Fragebögen an sämtliche Reiseteilnehmer ausgeteilt. Die Rücklaufquote lag bei ca. 80 %. Ergänzt wurden diese Erhebungen durch teilnehmende Beobachtung während der von mir geführten Rundreisen sowie im Zuge von Begegnungen mit anderen Touristen während mei- nes Aufenthalts in Timia. Für die Untersuchung der europäischen Anbieter von Niger-Touren wurden deren Internetsei- ten sowie deren Kataloge, soweit verfügbar, nach festgelegten Kriterien ausgewertet und ana- 73 Die Kritik gegenüber dem Niger relativiert sich freilich angesichts der Tatsache, dass sich im Jahr 2003 auch in der EU der weitgehende Mangel an entsprechenden Tourismus- und Umweltdaten als eines der Haupthindernisse zur Erstellung einer EU-weiten Strategie für eine nachhaltige Tourismusentwicklung erwiesen hat (vgl. Pils 2004, S. 117). 74 Im Gegensatz zu reaktiven Verfahren können bei nicht-reaktiven Verfahren oder Erhebungsmethoden die jeweiligen Mess- ergebnisse nicht beeinflusst oder verfälscht werden (vgl. Diekmann 2003, S. 517; siehe auch Alemann 1977, S. 234 ff). 75 Vgl. Diekmann 2003, S. 446 f. 76 Zur Methodenproblematik bei Forschungen über „tourism community impacts“ vgl. Pearce/Moscardo 2002. 45 lysiert. Die Kriterien wurden von ähnlichen Studien über den Tourismus in Nordafrika über- nommen. 1.5.5 Evaluation eines Tuareg-Tourismusprodukts Die Untersuchung der Umwelt- und Sozialverträglichkeit der Wüstenreisen meiner Partner- agentur im Niger, Tchimizar Voyages, wurde im Wesentlichen auf Basis der teilnehmenden Beobachtung untersucht. Dabei wurde die Organisation, der Ablauf, die Interaktion zwischen den Reisenden und dem Personal, insbesondere dem einheimischen Führer, untersucht, wei- ters die Interaktion zwischen Bevölkerung, Reisenden und Personal. Sämtliche Personen wa- ren von meiner Doppelfunktion als Reiseleiter und Beobachter informiert. Problematisch waren dabei zweifellos die gelegentlich auftretenden Rollenkonflikte zwischen meiner Position als Reiseleiter und als Beobachter. Gerade darum war auch die Selbstbeo- bachtung ein fester Bestandteil meiner Untersuchung, insbesondere die Selbst-Reflexion mei- ner Rollenkonflikte. Darüber hinaus wurde die Rolle des Beobachters häufig durch die vielfäl- tigen Aufgaben als Reiseleiter in den Hintergrund gedrängt. Die Reflexion auch solcher Um- stände spielte eine wichtige Rolle zum Verständnis der relativ engen Grenzen der Intervention eines europäischen Reiseleiters in Afrika. Insofern stellte diese Untersuchung auch ein aktives Abtasten von realen Gestaltungsmöglichkeiten des Reiseleiters dar. Näheres zur Evaluationsmethodik findet sich in der Einleitung des entsprechenden Kapitels. 77 1.5.6 Die Sicht der betroffenen Bevölkerung Daten über die vom Tourismus betroffene indigene Bevölkerung wurden am Beispiel der Be- wohner des Bergdorfes Timia durch Leitfadeninterviews auf der Basis eines strukturierten Fragenkatalogs erhoben. Dazu wurden zwischen 1999 und 2001 insgesamt 45 Interviews mit Personen geführt, deren Auswahl ein möglichst breites Spektrum der Gesellschaft Timias wider- spiegeln sollte. Als Auswahlkriterien dienten Geschlecht, Alter, Bildungsgrad, Berufsgruppe, Dauer des Aufenthalts in Timia sowie besondere politische Position. Insofern wurden auch Per- sonen aus der Timia-Diaspora befragt, um ein möglichst breites Meinungsspektrum zu erfassen. Aufgrund meiner mangelnden Tamaschek-Kenntnisse hat mein aus Timia stammender Assistent Aghali Imoumounene die Interviews mit jenen Personen, die über keine Französisch-Kenntnisse verfügten (ca. 60 %), übersetzt. 16 Interviews hat Aghali ohne mein Beisein durchgeführt. Durch diese abweichende Methode erhoffte ich, etwaige Beeinflussungen durch mich auf die Antwor- ten nachweisen zu können. Diese Befürchtung erwies sich angesichts der nahezu identen Ant- worttrends als unbegründet. Diese Interviews fanden überwiegend in Timia, vereinzelt in Agadez und Tahoua sowie in den Lagern von Nomaden statt, gelegentlich im Beisein einiger Familienmitglieder. Falls durch das Beisein von Autoritätspersonen völlig verzerrte Ergebnisse zu erwarten waren, wurden die Interviews jeweils auf einen späteren Zeitpunkt verschoben. Die Interviews dauer- ten in der Regel ein bis zwei Stunden. 77 „Das Reiseprodukt: Versuch der Evaluation einer Trekking-Reise ins Aïr“. 46 Neben diesen Interviews bediente ich mich wiederum der teilnehmenden Beobachtung zur Erhebung von Daten über die Interaktion zwischen Einheimischen und Touristen. Dazu führte ich, wie bereits erwähnt, auch einige Experimente durch, nämlich begrenzte Tourismusprojek- te. Dadurch erhoffte ich Informationen über die Stärken und Schwächen der Kel Timia als Touristiker zu gewinnen, aber auch einige der erhobenen Meinungen verifizieren zu können. Das wichtigste „Experiment“ in diesem Sinne war die arrangierte Hochzeit zwischen meiner damaligen Grazer Freundin und mir in Timia nach traditionellen Riten. Die Bevölkerung Timias war für diese Untersuchung ausgewählt worden, weil das Dorf 220 km von der nächsten Stadt entfernt im zentralen Aïr-Massiv gelegen ist. Insofern kann Timia als „isoliert“ bezeichnet werden. Seit Beginn der Rebellion in den späten 90er-Jahren war der Ort von den staatlichen Institutionen weitgehend „unberührt“, denn in Timia befanden sich keinerlei Einrichtungen der Staatsgewalt. Außer den LKWs der örtlichen Kooperative und den gelegentlich passierenden Reisegruppen gibt es keinerlei regelmäßige Verbindung zur „Außenwelt“. Immer noch finden sich in Timia alle traditionellen Berufe der Kel Ewey, ins- besondere die Karawaniers. Schließlich gibt es über das „traditionelle“ Timia bereits eine rei- che Forschungsliteratur dank des langjährigen Wirkens des deutschen Ethnologen Gerd Spitt- ler. 78 Aufgrund der Untersuchungen und Hilfsprojekte des bei der älteren Bevölkerung 79 be- kannten und beliebten Forschers erhoffte ich mir eine grundsätzliche Offenheit der Bevölke- rung für mein Forschungsanliegen, was sich erfreulicherweise als richtig herausstellen sollte. Zudem ermöglichte Aghali Imoumoumene, Spittlers langjähriger Assistent, den persönlichen Anknüpfungspunkt. Aghali unterstützte meine Forschung in sprachlicher, organisatorischer und erhebungstechnischer Hinsicht und stand mir auch mit seinen sonstigen Kenntnissen hilf- reich zur Seite. Wie bereits angedeutet, basierten meine Fragebögen anfänglich auf zum Teil falschen An- nahmen und wurden im Verlauf der Befragungen leicht modifiziert. 1.5.7 Ideologiekritische Untersuchung von dominanten Mythen Zentrale „Selbstverständnisse“ und Sichtweisen der Europäer - wie der Mythos von Tourismus als Völkerverständigung oder von den Tuareg als „freie Männer“ - wurden hauptsächlich mit Hilfe von Inhaltsanalysen historischer Texte und der Sekundärliteratur untersucht. Doch auch diese Analyseergebnisse versuchte ich mit Primärdaten zu untermauern, wozu ich informelle Gespräche mit Touristen und mit den Tuareg, darunter auch ehemaligen Rebellen, führte. Zu- dem war die Frage nach dem Tuareg-Selbstverständnis Bestandteil der systematischen Befra- gung der Reiseveranstalter und der Kel Timia-Probanden. 78 Vgl. Spittler 1984, 1989, 1998. 79 Spittler hatte Timia Ende der 80er-Jahre, vor Ausbruch der Rebellion, das letzte Mal besucht. 47 1.5.8 Der Forscher als Forschungsobjekt: die Selbstbeobachtung Sechs Monate in einer abgelegenen Region Afrikas, zum Teil fernab der westlichen Zivilisa- tion unter Verzicht auf jeglichen europäischen Lebensstandard, sind ein langer Zeitraum. Während dieser Zeit wurde ich täglich mit einer Fülle neuer Eindrücke, aber auch mit klimati- schen, technischen, gesundheitlichen und emotionalen Problemen konfrontiert. Dennoch war ich bemüht, die Zeit optimal für die Suche nach wissenschaftlich verwertbarem Datenmaterial und aktuellen Informationen zu nutzen. Die Ambivalenz des Forschungsvorhabens war und ist mir durchaus bewusst. Denn gleichzeitig war ich Beobachter, Reisender, Reiseleiter und stets auch Beobachteter. Damit ich mein eigentliches Ziel, die Erhebung von validen Daten, weitgehend umsetzen konnte, musste ich mich so gut wie möglich in die Handlungsmuster der jeweiligen Forschungszielgruppe integrieren. Dabei kam es wiederholt zu scheinbar un- überbrückbaren Konflikten, insbesondere in jenen Situationen, wo ich als Reiseleiter zwi- schen den mir anvertrauten Reisenden und jenen Einheimischen vermitteln musste, für die ich mich gleichermaßen verantwortlich fühlte. Allein in dieser zuletzt gewählten Formulierung spiegelt sich bereits meine anfängliche Zu- gangsweise wider, die zwangsläufig von den im Westen verbreiteten Mythen und Images ge- prägt war, jenen Mythen zum Ethnotourismus, die ich oben schon genannt habe: Tuareg als zu schützende, verletzliche Ethnie, Touristen als tendenzielle Indigenen-Zerstörer. Derartige Vorverständnisse und Sichtweisen sind jedoch keineswegs als unüberbrückbares Hindernis für wissenschaftliche Erkenntnis zu betrachten, vielmehr entspricht das Einfließen von Vorverständnis und Alltagswissen des Forschers der Normalität des Forschungs- prozesses, denn Vorwissen ist im Sinne Poppers niemals objektiv, sondern stets nur vorläufig, und es ist vor allem niemals möglich, dieses auszublenden. Aus Sicht des Konstruktivismus gilt viel mehr, dass man stets in seiner eigenen Sichtweise der konstruierten Wirklichkeit 80 gefangen bleibe, dass es aber in der empirischen Sozialforschung darauf ankomme, diese Sichtweise mit der Realität auf ihre Funktionsfähigkeit hin zu testen. Freilich gibt es eine ganze Palette von Gefahren der verzerrten Wirklichkeitswahrnehmung, wie das erwartungs- bedingte „Erkennen“ von Pseudo-Regelmäßigkeiten und andere Formen der selektiven Wahr- nehmung. 81 Diese Sichtweisen als Ausdruck einer erfahrungs- bzw. kulturspezifischen Per- spektive zu erkennen war letztlich nur durch die ständige Reflexion meiner jeweiligen Rolle, meines Vorwissens und meiner Sichtweisen möglich. Besonders behilflich in diesem Reflexi- ons- und Erkenntnisprozess waren gelegentliche Gespräche mit Europäern, die schon lange in Afrika lebten und die darum eine völlig andere Perspektive zu verschiedenen Themen entwi- ckelt hatten. Als Beobachter steht man stets in unmittelbarer persönlicher Beziehung zu den Beobachteten. Durch die eigene Präsenz beeinflusst man bis zu einem gewissen Grad die Beobachteten, doch auch umgekehrt wächst man durch die gemeinsame Lebenspraxis zunehmend in die Verständ- niswelt der Beobachteten hinein. So prägten mich wesentlich die ersten Monate, die ich mit Tuareg-Nomaden verbracht hatte, sodass ich dem touristischen Wesen ein wenig entfremdet wurde. Ich hatte damals in Timia in manchen Augenblicken das trügerische Gefühl „dazuzuge- hören“, aufgenommen zu sein in die Gemeinschaft derer, die mir in solchen Momenten als An- gehörige einer „heile Welt“ erschienen, wenn mir dieses Gefühl auch als Ausdruck von Projek- 80 Vgl. Watzlawick/Weakland/Fisch 1988. 81 Vgl. Diekmann 2003, S. 40 ff. 48 tion, Wunschdenken und Sehnsucht bewusst war. Entsprechend schrieb ich am 7. 11. 1999 in Timia in mein Tagbuch: „Am Rückweg [vom Wasserfall vor Timia zurück ins Dorf, Anm. d. Verf.] brannte dieses be- gnadete warme Licht der untergehenden Sonne, während die Mädchen Hirtenlieder anstimm- ten, mit jener vitalen, ungebändigten Kraft, wilder Schönheit, unfassbarer Energie. In diesem Moment überfiel mich ein Gefühl tiefster Verbundenheit, Intimität - es sind dies die seltenen, teuren Momente, in denen ich erfahre, spüre, mir bewusst wird, warum ich derartige Unter- nehmungen wage: Es sind Momente, wie man sie drüben in Europa oder sonst wo nur selten antrifft. Diese Momente ersehnt der Europäer zu konservieren - doch hat dies nichts mit dem hiesigen Alltag zu tun: es sind gleichermaßen nur idyllische Besonderheiten.“ Im Prinzip entspricht diese Entwicklung weitgehend den Prinzipien der Feldforschung im Sinne einer Interaktion, was zwangsläufig die Identifikation mit dem „Studienobjekt“ voraus- setzt. 82 Als mich wenige Wochen später meine damalige Grazer Freundin im Niger besuchte und an meiner Seite eine Trekking-Reise mit meinen Tuareg-Gefährten unternahm, legte ich plötzlich - trotz meiner langjährigen Erfahrung als Reiseleiter - ein gewisses Unverständnis an den Tag für an sich typische Verhaltens- und Sichtweisen meiner europäischen Gefährtin, was zwangsläufig zu Konflikten führte. Erst viel später verstand ich, dass ich durch meine bemüh- te Anpassung an die Tuareg - und der damit verbundenen Einbildung des „Ein-wenig-Tuareg- Geworden-Seins“ auch eine neue, herablassende Position gegenüber „Touristen“ entwickelt hatte. Diese Erfahrung war für mich von fundamentaler Bedeutung, denn erst dadurch war es mir später möglich, die überzeugten Sichtweisen der vehementen Ethnotourismus-Gegner nachzuvollziehen. Selbstverständliche bzw. als absolut empfundene Werte sind als emotionales Phänomen, als Ausdruck menschlicher Orientierung und gesellschaftlicher Verbundenheit erst ersichtlich, wenn man zu ihnen Distanz gefunden hat. Dies ist jedoch nur möglich, wenn man sich auch emotional distanziert, was wiederum den umfassenden Austausch eines gewohnten Lebensbe- reichs voraussetzt. Genau in den Aufgaben meines gewohnten Lebens an der Universität in Graz, verbunden mit Internet, Bibliotheken, Konsumprodukten, Unterhaltung und Ablenkung, intellektueller Anregungen, schönen Frauen etc., und nicht darin, mich in eine weitgehend fremde Welt in umfassender Weise einzugliedern, lag die Methode zur Erkenntnis von interkul- turellen Wertproblematiken und Sichtweisen. Diese Vorgangsweise war zuweilen mit Fassungs- losigkeit, mit Ängsten und Verzweiflung, mit Selbstzweifeln und verbissener Überzeugung verbunden. Ich stürzte zuweilen in emotionale und geistige Krisen, fand mich Vorwürfen der Spionage und der Verleumdung ausgesetzt und erduldete vieles mehr. Diese Schwierigkeiten waren letztlich Ausdruck meines Driftens aus der relativ festen Position des westlichen Touris- tikers und Philosophen in jene des Fragenden zwischen den Kulturen. 83 Die in solchen kriti- schen Momenten widerfahrene Fassungslosigkeit war weiter nichts als die empfundene Unfä- higkeit dem Erfahrenen eine passende verbale Fassung zu geben, es in einen vertrauten Kontext einzuordnen, vor dem Erfahrungshorizont zu verstehen. In eben diesen Erfahrungen spiegelt sich nichts anderes als die typische Realität der Feldforschung wider: in den ersten Stadien der Untersuchung einer mir relativ fremden Gesellschaft beschränkt sich die Tätigkeit darauf, mit der physischen und psychischen Ausnahmesituation fertig zu werden. 84 So schrieb ich nach meiner Ankunft in Niamey im Oktober 1999 in mein Tagebuch: „Der wichtigste Weg, mit der Fremde hier fertig zu werden, ist die Auseinandersetzung damit - die Disziplin bei der Arbeit, bei der Reflexion, denn es gibt so vieles zu schauen, beobach- 82 Wahrlich 1983, S. 99. 83 Zum Problem des „going native“ vgl. Girtler 1984, S. 63 ff. 84 Vgl. Kohl 1979, S. 14 f. 49 ten, forschen, schreiben - um den Abschiedsschmerz [nach der Abreise aus Europa, Anm. d. Verf.] zu vergessen. Zugleich muss ich darauf achten, meinen Körper zu schonen: die Hitze gestern hatte mir ganz schön zugesetzt. Aber ich bin nach meiner Dehydrierung vor zwei Jah- ren sehr viel vorsichtiger geworden.“ An solchen Bruchstellen muss sich der Forscher besonders der Methode der Selbstbeobach- tung bedienen. In solchen Situationen eröffnet sich deutlicher als sonst ein neuer Zugang zu den eigenen, subjektiven Perspektiven, die unsere eigenen Bilder gleichermaßen prägen wie unsere jeweiligen Befindlichkeiten. Es sind die steten Fragen nach der Beeinträchtigung unse- rer Beobachtungsfähigkeit, nach den Gründen für die Trübung unserer Sichtweisen, die uns einen Weg weisen können, wie unsere Urteile möglicherweise korrigiert werden könnten. Bei mir wurde das plötzliche Umschlagen vom Schmerz der Konfrontation mit der Fremde in die Faszination durch „vertraute Exotik“ besonders deutlich, als ich auf meiner Weg von Niamey nach Agadez erstmals auf traditionell gekleidete Tuareg stieß: „Farbenfroh, lebendig und strahlend wirkt er [der Tuareg, Anm. d. Verf.] inmitten der zit- ternden Hitze, der grellen Trägheit der monochromen Landschaft ringsumher. Gleich am Eingang des Marktes stehen die Salzbrote und -kegel; meine Augen schweifen aufgeregt, ge- drängt, gehetzt über die exotisch anmutenden - und doch so vertrauten Gegenstände hinweg.“ Die folgenden Zeilen verdeutlichen meine damalige Sehnsucht, diese projizierte Harmonie vor aller Beeinträchtigung zu schützen, ein Verhalten, wie es für den überzeugten Ethnotou- rismus-Gegner typisch ist: „Meine kleine Kamera hatte ich zwar noch an den Gürtel gebunden, doch vermag ich unmög- lich, mit der rohen Gewalt des bohrenden, gierigen, raubenden Auges [der Kamera, Anm. d. Verf.] in dieses scheinbar geschlossene Bild, durch diese homogene Oberflächenspannung zu dringen, ich käme mir vor wie ein Schläger, der lustvoll und doch unbeteiligt auf ein paar harmlose Passanten einprügelte... So lasse ich mich denn gehen, hingerissen von den roten und gelben Gesichtsschleiern der Männer, den strahlend bunten, wehenden Gewändern, an der Sei- te die Schwerter baumelnd, zuweilen mit festem Griff umfasst. Ich spüre, wie ich gleichsam Sklave meiner Augenlust bin, verzaubert von diesen - im Augenblick für mich noch so exoti- schen - Gegenständen (obwohl doch schon so lange vertraut); noch tue ich mir schwer zu beo- bachten, aus einer gewissen Distanz die Dinge wahrzunehmen, geistig zu notieren, zu durch- dringen. Ich werde noch überwältigt...“ Nur wenige Wochen später hatte das Image des verschleierten Mannes für mich den exoti- schen Reiz verloren, war zur alltäglichen Selbstverständlichkeit geworden. Konfrontiert mit den ersten Ergebnissen meiner Arbeit, die viele meiner Projektionen massiv erschütterten, stürzte ich in eine Krise, da mir der Sinn meiner Arbeit aus den Augen schwand - gleichfalls eine typische Phase in einem solchen Forschungsprozess: Je vertrauter man mit vormals fremden sozialen Strukturen wird, desto mehr ist man gezwungen, lieb gewonnene Zuschrei- bungen zugunsten zutreffenderer Erkenntnisse aufzugeben. 1.6 Aufbau der Arbeit Die vorliegende Untersuchung gliedert sich in vier Abschnitte. Im ersten Abschnitt werden theoretische Grundlagen für das Verständnis einer nachhaltigen Tourismusentwicklung als ethisches Problem diskutiert. Den Anfang macht naturgemäß die Untersuchung der Lösungskompetenz bislang existierender ethischer Instrumentarien. Auf dieser Basis wird ein alternativer ethischer Ansatz zur Bewertung hochkomplexer ethischer 50 Fragestellungen im interkulturellen Kontext skizziert. Dieser Ansatz, den ich „kybernetische Ethik“ nenne, und der im Wesentlichen an Überlegungen von Foerster 85 und Bromberg 86 an- lehnt, dient in weiterer Folge als Grundlage für die ethische Evaluation der gewonnenen em- pirischen Ergebnisse. Angesichts der gravierenden, empirischen Defizite, an denen die ethische Forschung im deutschsprachigen Raum immer noch leidet, kann eine Forschungsarbeit im Bereich der an- gewandten Ethik nicht ohne eine Diskussion der wesentlichen Probleme eben dieses Teils der praktischen Philosophie auskommen. Im Zentrum steht dabei die Argumentation über die Notwendigkeit empirischer Forschung - und damit die Legitimation der vorliegenden Unter- suchung - als unabdingliche Voraussetzung für die Beantwortung konkreter ethischer Frage- stellungen im Bereich des Tourismus. Wirtschaftliches Engagement des Westens im Einzugsbereich von nicht-westlichen und im Besonderen von indigenen Kulturen legitimiert sich im Wesentlichen mit dem Hinweis auf die dadurch erzielten Entwicklungsaspekte. Eine nähere Betrachtung des Entwicklungsbeg- riffs verdeutlicht jedoch, dass trotz der 60 Jahre Entwicklungsdiskurs nach wie vor kein ein- helliges Entwicklungskonzept existiert. Letztlich wurde diese Widersprüchlichkeit des Ent- wicklungskonzepts lediglich durch einen neuen Begriff substituiert, der gleichsam sämtliche Gegensätze der Entwicklungsdiskussion integriert: jener der nachhaltigen Entwicklung. Die dynamisch formulierten Kriterien erweisen sich als eine erste Grundlage für die Beurteilung der Vertretbarkeit touristischer Entwicklung. Allerdings hat das Konzept, hat auch die Praxis der Tourismusentwicklung eine eigene Ent- wicklungsgeschichte, die - analog zu jener des Entwicklungsbegriffs - schließlich in das Kon- zept der nachhaltigen Tourismusentwicklung mündet. In den letzten Jahren haben sich freilich neue Konzepte als Antworten auf konkrete Herausforderungen in touristisch relevanten Ziel- gebieten der Dritten Welt entwickelt, deren Bedingungen, Strategien und Ziele näher erläutert werden. Diese sind insbesondere der Ökotourismus, die Verbindung von Entwicklung und Naturschutz, der sog. "Pro-Poor-Tourism" mit dem Ziel der Armutsbekämpfung, sowie der „faire Tourismus“ als Strategie zur Herstellung von fairen Marktchancen für die im Touris- mus tätige Bevölkerung. Eine weitere Variante, die zumeist alle Elemente dieser drei Formen kombiniert, ist das Konzept der gemeindebasierenden Tourismusentwicklung. Diese Konzep- te sind bereits hinreichend konkret, um daraus Kriterien für die Beurteilung der Vertretbarkeit von Tourismusentwicklung bei den Tuareg zu gewinnen. Im letzten Kapitel des theoretischen Teils wird dem viel beschworenen Mythos vom Touris- mus als Mittel der Völkerverständigung auf den Grund gegangen. Ausgehend von der Realität der Begegnung zwischen Touristen und Einheimischen wird untersucht, ob und unter welchen Bedingungen ein positiver Austausch gelingen und wie der günstigste Fall eines konstrukti- ven Austausches aussehen kann. Ziel dieser Analyse ist es, den theoretischen Anspruch an die vielfältigen Leistungen, die Tourismusentwicklung bei Indigenen erbringen können soll, in die Schranken des tatsächlich Leistbaren zu verweisen. Schließlich geht es bei angewandter Ethik nicht um die Skizzierung von Utopien, sondern um die Bewertung konkreter Handlun- gen angesichts tatsächlich gegebener Handlungsmöglichkeiten innerhalb konkreter Gegeben- heiten. Im Mittelpunkt des zweiten Abschnitts der Untersuchung steht die Ausleuchtung der empiri- schen Rahmenbedingungen einer Tourismusentwicklung in der Region Agadez, beginnend mit der Vorstellung der Region Agadez. Üblicherweise stellt diese Region einen weißen Fleck in der Landkarte des mitteleuropäischen Bewusstseins dar, ein Wissensvakuum, das durch geläufige Mythen und Klischees über Afrika und die Sahara substituiert wird. Demgegenüber 85 Vgl. Foerster 1992, Web. 86 Vgl. Bromberg 1999, Web. 51 wird Agadez hier als historisch gewachsene, dynamische Region dargestellt, die als Ver- kehrsknotenpunkt zahlreiche enge, durchaus wechselhafte Beziehungen zu den umliegenden Regionen aufweist. Die Erläuterung der ökonomischen Lage nach zwei ausgeprägten Dürre- perioden, die urbane Dynamik von Agadez, sowie die vielfältigen ökonomischen Probleme der Bevölkerung sollen klären, ob in Agadez überhaupt Bedarf an zusätzlichem Einkommen durch Tourismus besteht. Die nachfolgende Einführung in die Tourismusgeschichte von Agadez zeigt, dass dieser öko- nomische Faktor eine relativ lange Tradition aufweist. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei dem Umstand, dass bereits in der ersten Boom-Phase in den 80er-Jahren Tourismus von den Tuareg, insbesondere von der charismatischen Persönlichkeit Mano Dayak, ausging. Die Tou- rismusentwicklung dieser Periode wurde - zumindest aus der Sicht der damaligen Akteure - als Entwicklungsfaktor zur ökonomischen Stärkung der Tuareg-Bevölkerung verstanden. Die- se Entwicklung wurde jedoch durch eine Rebellion für mehrere Jahre unterbrochen. Die histo- rische Analyse wird jedoch zeigen, dass dem Neubeginn des Tuareg-Tourismus zu Ende der 90er-Jahre auch neue Motive inne wohnten. Der „neue“ Tourismus, getragen von vormaligen Rebellen, wurde nunmehr verstanden als Instrument der persönlichen Bereicherung. Der Exkurs über die touristischen Attraktionen der Region soll den Nachweis erbringen, dass die Region aus tourismusökonomischer Sicht als Zielgebiet einer touristischen Entwicklung geeignet ist. Die zum Teil sehr ins Detail gehenden Beschreibungen sind jedoch auch als kon- kreter Beitrag zur Tourismusentwicklung von Agadez zu verstehen, da es bislang keine hin- reichend detaillierten Reiseführer für Agadez gibt. Dieses Kapitel soll helfen, dieses Manko zu beseitigen. Das nachfolgende Kapitel beschäftigt sich mit der spezifischen Struktur des Agadez- Tourismus, wie er im historischen Kapitel nur angedeutet werden konnte. Hierbei sollen die spezifischen touristischen Verantwortungsträger geortet, deren ökonomische Strategien, deren Stärken, aber auch deren Kompetenzdefizite ausgewiesen werden. Dies gilt besonders für die praktizierte Tourismuspolitik als zentrales Steuerungsinstrument einer verträglichen Touris- musentwicklung. Dabei zeichnen sich strukturelle Schwächen ab, die für die gesamte Ent- wicklungsdynamik der Region prägend sind. Aus normentheoretischer Sicht ist besonders interessant der abschließende Blick auf die rechtlichen Rahmenbedingungen und deren gerin- ge Relevanz in der alltäglichen Tourismuspraxis. Die Analyse der vielfältigen Defizite und Abhängigkeiten des Agadez-Tourismus sowie die Erfassung seiner ökonomischen Bedeutung stehen im Mittelpunkt des nächsten Kapitels. Die- ses Wissen ist Grundvoraussetzung für das Verständnis der eigenartigen Dynamik dieser Tou- rismusregion. Nur vor diesem Hintergrund sind einigermaßen zutreffende Prognosen möglich und lassen sich sinnvolle Planungs- und Steuerungsstrategien entwickeln. Vor allem aber ver- deutlichen diese Strukturmängel die Grenzen des Spielraums einer Tourismusethik. Ange- sichts der auffälligen Dynamik der regionalen Tourismusentwicklung wird aber auch verdeut- licht, dass die Unterlassung konstruktiver Intervention durch Europäer gleichermaßen grob fahrlässig sein kann wie ethisch verwerfliche, touristische Aktivitäten. Der Grund, warum sich manche europäische Tuareg-Freunde so ablehnend gegenüber dem Tuareg-Tourismus verhalten, wird im Kapitel über den „Mythos Tuareg“ analysiert. Dieser historisch-ideologiekritische Abschnitt versucht die vielschichtige Konstruktion des Tuareg- Images als französisches Instrument der nostalgischen Projektion, aber auch der politischen Instrumentalisierung zu entlarven. Besonderes Augenmerk wird dabei auf den Prozess der Übernahme westlicher Images durch Tuareg in der Diaspora gelegt. Dabei wird sich zeigen, dass westliche Zuschreibungen in Verbindung mit den Schicksalen in einer bestimmten Tua- reg-Schicht wesentlich zur Konstruktion einer neuen Tuareg-Identität führten. Diese neue Identität prägt vor allem jene Tuareg, die ihre traditionelle Lebensweise aufgegeben haben, 52 und sie steht - wie sich im weiteren Verlauf der Arbeit noch zeigen wird - im krassen Gegen- satz zum Selbstverständnis traditionell lebender Tuareg. Das Bewusstsein um „Mythos und Wahrheit“ des unterschiedlichen Selbstverständnisses der Mitglieder der Tuareg-Gesellschaft einerseits und der Identitätskonstruktionen westlicher Akteure andererseits ist eine Grundvor- aussetzung für das Verständnis der zum Teil grundlegend differierenden Positionen im Dis- kurs um die Vertretbarkeit von Tuareg-Tourismus. Gleichzeitig eröffnet das westlich geprägte Tuareg-Image doch auch enorme Möglichkeiten für die Region im Hinblick auf ein internati- onales Benchmarking als „Tuareg-Land“. Westliche Images stehen auch im Mittelpunkt des nächsten Kapitels, das nach den Akteuren des Tuareg-Tourismus jenseits der Sahara, den europäischen Reiseveranstaltern, fragt. Auf Basis einer umfassenden Analyse von Reisekatalogen und Internetseiten soll die Struktur des europäischen „Agadez-Marktes“ skizziert werden. Dabei soll nach spezifischen Kriterien be- wertet werden, in welcher Hinsicht sich die Qualität der Anbieter, ihrer Produkte, ihres Leit- bilds und ihrer Kooperationspolitik unterscheidet und ob sich „ethisch bessere“ oder „schlech- tere“ Anbieter erkennen lassen. Die Ergebnisse dieser Untersuchung liefern wesentliche Hin- weise auf die unternehmerischen Spielräume, innerhalb derer die Frage nach ethisch vertret- barem Tourismus überhaupt gestellt werden kann, ohne sich der faktischen Irrelevanz schul- dig zu machen. Gleiches gilt auch für die anschließende Untersuchung der Tuareg-Touristen. Diese Analyse soll Antwort darauf geben, mit welchen Erwartungen Reisende an die Region und an die Bevölkerung herangehen. Im speziellen Fall musste ich meine ursprüngliche, durch meine eigenen Erwartungen motivierte Annahme revidieren, Agadez-Touristen würden primär der Tuareg-Kultur wegen in den Niger reisen. Tatsächlich steht bei den meisten Rei- senden das Wüstenerlebnis im Vordergrund. Dieser Umstand ist jedoch bei der Gestaltung marktfähiger Reiseprodukte von grundsätzlicher Bedeutung. Er spiegelt sich auch in den Er- gebnissen der abschließenden Untersuchung solcher Regionen wider, die mit Agadez als Tua- reg- und Sahara-Destination in direkter oder indirekter Konkurrenz stehen. In diesem Ver- gleich treten die derzeitigen strukturellen Nachteile von Agadez als Tourismusanbieter in aller Deutlichkeit zu Tage und indizieren, welche Maßnahmen zur Stärkung der Tourismuswirt- schaft zu treffen wären. Im nächsten Kapitel wird der konkrete Ablauf einer Tour, wie ich sie für das österreichische Unternehmen Kneissl Touristik gemeinsam mit der nigrischen Agentur Tchimizar Voyages entwickelt hatte, auf Umwelt- und Sozialverträglichkeit überprüft. Mit spezifischen Kriterien soll ermittelt werden, inwieweit ein solches Produkt tatsächlich zur wirtschaftlichen Stärkung der Region beiträgt, welche konkreten Belastungen von Menschen, Kultur und Natur damit verbunden sind. Die abschließende Bilanz soll eine erste vorläufige Antwort darauf erbringen, ob dieses Reiseangebot als „ethisch vertretbar“ eingestuft werden kann. Das letzte Kapitel dieses Abschnitts beleuchtet eine Dynamik der Tourismusentwicklung, die im herrschenden Diskurs zumeist unterbleibt: tourismusbedingte Konflikte. Dabei wird deut- lich, dass mit dem sich verbreitenden Glauben an die Möglichkeit, durch Tourismus Ein- kommen zu erzielen, auch die Konkurrenz um eben diese Ressource zunimmt. Allerdings zeigt sich auch, dass die Tuareg-Bevölkerung generell keineswegs so friedlich und harmo- nisch ist, wie im gängigen Mythos vom „edlen Wüstenritter“ dargestellt wird. Tatsächlich erweist sich der Tourismus als ein neues „Kampffeld“ zur Austragung diverser Ressourcen- konflikte, aber auch als neues „Goldfeld“ für schnelles, illegales Geld, wenn nötig mit der Waffe. Eine klare Beurteilung, ob Tourismus wesentlich zu Devianz beiträgt, lässt sich ange- sichts der sozialen Dynamik der Tuareg-Bevölkerung nicht treffen. Offensichtlich wird jeden- falls, dass eine planlose Tourismusentwicklung ohne flankierende Maßnahmen für die soziale Stabilisierung der Region zur Verbreitung von Unzufriedenheit und damit zu sozialen Span- nungen führen kann. Leider ist der Agadez-Tourismus ein besonders gutes Beispiel dafür, dass regionale Tourismusentwicklung durch einzelne Übergriffe - infolge der dadurch produ- 53 zierten, negativen Publizität - schwer beeinträchtig werden kann. Erst diese, aus den empi- risch gewonnenen Gegebenheiten abgeleitete Erkenntnis determiniert wesentlich den Spiel- raum, innerhalb dessen überhaupt von einer ethischen Vertretbarkeit von Tourismusentwick- lung gesprochen werden kann. Im Mittelpunkt des dritten Abschnitts steht die unmittelbar betroffene Bevölkerung des Tua- reg-Tourismus, die Menschen des Berg-Dorfes Timia, die „Kel Timia“. Analog zum Portrait der Region Agadez wird im ersten Kapitel die Gesellschaft der Timia-Tuareg, der „Stamm“ der Kel Ewey, portraitiert. Im nachfolgenden Kapitel werden die wesentlichen Probleme des Dorfes und der umliegenden Bevölkerung sowie neue Lösungsstrategien analysiert. Die er- staunliche Dynamik des historischen, ökonomischen und sozio-kulturellen Wandels der Kel Ewey lässt bereits erahnen, wie absurd die Vorstellungen der Ethnotourismus-Kritiker von indigenen Gesellschaften als statisches Konstrukt sind. Vielmehr wird deutlich, dass die Tua- reg heute mit völlig anderen Problemen konfrontiert sind als noch vor 50 oder 100 Jahren und darum gezwungen sind, neue Überlebensstrategien zu entwickeln. Vor diesem Hintergrund präsentiert sich der Tourismus lediglich als eine weitere innovative Strategie zur Bewältigung wachsender ökonomischer Probleme. Dies verdeutlicht die Beurtei- lung sowohl des Tourismus als auch der europäischen Touristen durch die Kel Timia. Demnach werden Touristen keineswegs als Eindringlinge oder gar Zerstörer der eigenen Kultur empfun- den, wie von Ethnotourismus-Kritikern unterstellt wird, sondern vielmehr in pragmatischer Weise als ökonomische oder emotionale Kontaktchance interpretiert. Die Nutzung dieser Chancen durch die Angehörigen der verschiedenen sozialen Schichten mit ihren typischen Berufen skizziert das Folgekapitel. Für die Bewältigung des relativ neuen Phänomens Tourismus und der damit vermittelten, neuen Werte entwickeln die verschiedenen sozialen Schichten der Bevölkerung auch höchst spezifische Mechanismen. Zudem entstehen neue Berufe, alte, in Auflösung begriffene Berufe können dank Tourismus ihre „aussterben- de“ Klientel substituieren. Von besonderer Bedeutung ist die Untersuchung des soziokulturellen Wandels aus der Sicht der Kel Timia, verbunden mit der Frage, inwieweit dieser Wandel tourismusbedingt ist. Dabei wird deutlich, dass der Einfluss des Tourismus zwar nicht zu verleugnen ist, dass aber auch zahlreiche andere Faktoren für den Wandel der Kel Timia ursächlich sind. Das wichtigste Ergebnis dieser Studie ist jedenfalls, dass die Kel Timia den Tourismus eindeutig befürworten - und damit die Behauptung, wonach Tourismus bei den Tuareg unerwünscht sei, widerlegen. Das Folgekapitel behandelt vier kleine touristische Experimente, die zum Ziel hatten, die ge- äußerten Meinungen der Kel Timia auf ihre Ernsthaftigkeit hin zu überprüfen und darüber hinaus zu untersuchen, in welchem Rahmen der Tourismus in Timia auf verträgliche Weise zu fördern sei. Zu diesen „Experimenten“ zählten: die Organisation einer Kamelexpedition mit einer unerfahrenen Touristin, die Einrichtung einer Herberge im jüngst renovierten Mili- tärfort hoch über dem Dorf, die Durchführung einer traditionellen Hochzeit für ein westliches Paar unter Beisein einer Touristengruppen sowie die Bereitstellung von qualitativ hochwerti- gen Postkarten mit Motiven des Dorfs. Im Ergebnis konnten diese Experimente einerseits die Richtigkeit der geäußerten Meinungen bestätigen, andererseits traten viele relevante, kultur- bedingte Kompetenzmängel zutage, die einer lukrativen und geordneten Tourismusentwick- lung entgegenstehen. Damit zeigte sich abschließend auch auf Dorfebene, was sich bereits auf regionaler Ebene abgezeichnet hatte: dass eine Tourismusentwicklung ohne flankierende Maßnahmen durch externe Experten wenig Aussicht auf nachhaltigen Erfolg haben dürfte. Das Abschlusskapitel des empirischen Teils versteht sich als Zusammenfassung der mögli- chen „Kosten“ und Chancen einer touristischen Entwicklung, auf Grund des Kontakts zwi- schen Touristen und Einheimischen. Näher betrachtet werden die ökologischen, kulturellen und soziokulturellen Ressourcen. 54 Der vierte und letzte Abschnitt der Untersuchung unterwirft die empirischen Ergebnisse, ins- besondere das Umfrageergebnis der Kel Timia, einer philosophischen Analyse. Dazu werden die Meinungen der Kel Timia zur Tourismusentwicklung jenen der europäischen Experten und Tourismuskritikern gegenübergestellt. Anlass dafür ist die provokante, aber durchaus plausible Frage, ob Menschen, denen es an hinreichenden Kenntnissen zu den möglichen Fol- gen einer wirtschaftlichen oder technischen Innovation mangelt, legitimerweise über die Ein- führung dieser Innovation bestimmen dürfen. Als Analyse-Instrumentarien dienen die philo- sophischen Paradigmen der Transzendentalpragmatik sowie des Kulturalismus. Im Ergebnis zeigt sich, dass beide Zugänge an wesentlichen konzeptionellen Mängeln leiden und daher unabhängig von einander nicht geeignet sind, interkulturelle Wertungsprobleme zu lösen. Andererseits kann jedoch aufgezeigt werden, dass die Begründung nicht zu leisten ist, dass der Standpunkt eines westlichen Experten gegenüber jenem eines Tuareg-Nomaden höher- wertig ist. Im Abschlusskapitel wird die Frage der ethischen Vertretbarkeit zusammenfassend beurteilt und Empfehlungen für die Region Agadez sowie für Timia festgehalten. Schließlich wird ver- sucht den Nachweis für die Funktionsfähigkeit des kybernetisch-ethischen Zugangs zu erbrin- gen, wonach die klassischen metaethischen Schemata zur Beurteilung von ethischer Vertret- barkeit den dynamischen, hoch komplexen Strukturen des (post-)modernen Tourismus nicht (mehr) geeignet sind. 1.7 Persönlicher Zugang Die Sahara fesselte mich seit meiner ersten Reise in diese eigenartige Welt im Feber 1989, als ich per Bahn, Fähre und Autostop erstmals den europäischen Kulturkreis verließ und tief in die Sahara bis in die Tuareg-Oase Tamanrasset vordrang. Damals kam ich - trotz geringster Franzö- sischkenntnisse - in den Genuss von Erlebnissen, Begegnungen und Erfahrungen, die mich für mein weiteres Leben nachhaltig prägten. Dabei wurde ich weniger vom „Wüstenvirus“ befallen, jener unstillbaren Sehnsucht nach der Sahara, die angeblich niemanden mehr loslässt, als viel- mehr vom Zauber der Begegnung mit den Menschen dieser Welt. Bereits im folgenden Winter durchquerte ich abermals die Sahara per Autostop und reiste bis an die Küste Schwarzafrikas. Jene Erfahrungen waren freilich noch von Naivität geprägt - die Begegnung mit der Urland- schaft Wüste, mit den „geheimnisvollen“ Tuareg, die in dieser kargen Welt scheinbar einfach zu überleben verstehen, und mit der „unterentwickelten“ Peripherie unserer globalisierten Welt, deren erfahrene Wirklichkeit sich so grundlegend von jener durch die Massenmedien vermittelten Schwarz-Weiß-Malerei unterschied - führten zu grundlegenden Erschütterungen meines Selbst-Bewusstseins. Auf Anraten meines langjährigen Freundes und Mentors, des großen Afrika-Fahrers, Schriftstellers und Journalisten Günther W. Palm, begann ich mich vorerst journalistisch mit den bereisten Ländern auseinanderzusetzen. 1992 wurde ich „pro- fessioneller“ Reisender, unterzog mich in Kalifornien einer Ausbildung zum Abenteuer- Reiseleiter und führte diese Tätigkeit sechs Monate lang in den USA und in Kanada aus. Dem folgten immer häufigere Engagements beim mittlerweile größten österreichischen Anbieter von Abenteuer- und Bildungsreisen, „natur & reisen“ (nunmehr „Kneissl Touristik“) auf fast allen Kontinenten. In den folgenden Jahren widerfuhren mir in den Ländern des Orients wiederholt bittere Erleb- nisse mit Reisekunden, die mich mit Fragen nach dem richtigen Reiseverhalten bzw. mit der Legitimität solcher Reisen konfrontierten. Damals legitimierte mich meine Tätigkeit als Rei- seleiter mit dem Argument, dass Massentourismus generell, insbesondere aber jede mir ange- 55 botene Tour auch ohne mich stattfinden würde, dass ich jedoch als Reiseleiter die Gelegenheit hätte, meinen persönlichen Beitrag zur Minderung von negativen und zur Mehrung von posi- tiven Auswirkungen des Tourismus leisten könne. Entsprechend umfassend bereitete ich mich auf die jeweiligen Destinationen vor und diskutierte die auftretenden Probleme und täglichen Dilemmas mit Kollegen. Im Oktober 1997 hatte ich schließlich Gelegenheit, auf Einladung des Tuareg-Reiseveran- stalters Alhousseini Ibra eine österreichische Reisegruppe in den Niger zu begleiten und hinter den Mythos der Tuareg zu blicken. Das bereits erwähnte Erlebnis in Timia - die enttäuschte Vorfreude, das abgelegene Bergdorf und deren Bewohner zu entdecken, sowie die damalige Überzeugung von der scheinbar rücksichtsvollen Vorgangsweise der Reiseleiterin Eva Gretz- macher gegenüber den Dorfbewohnern - ließ den Wunsch in mir reifen, einmal zurückzukehren, das Dorf kennen zu lernen und die Erklärung von Frau Gretzmacher empirisch zu belegen. Dank der Anregung meines Freundes, des Entwicklungssoziologen und Schriftstellers Univ.- Prof. Andreas Obrecht, bemühte ich mich im Frühling 1999 um ein Stipendium des Wissen- schaftsministeriums der Republik Österreich, um für meine Fragestellung vor Ort empirische Daten sammeln zu können. So verbrachte ich ab Oktober 1999 sechs Monate in der Tuareg- Region Agadez mit der Untersuchung der dortigen Tourismusstruktur, den Hoffnungen der Bevölkerung und den Erwartungen der Urlauber. Bereits während der laufenden Forschungen eröffneten die ersten, überraschenden Ergebnisse völlig neue Perspektiven. Die große Befürwortung des Tourismus durch die Bevölkerung von Timia ließ mich Überlegungen anstellen, wie ich mit meinem Wissen und meinen Erfahrungen die Bevölkerung bei der besseren Nutzung des Tourismusaufkommens unterstützen könnte, um auf diese Weise auch Ludmilla Tütings Vorwurfe gegenüber dem „Wissenschaftstourismus“ zu entgehen. Nach Tütings Ansicht würden die meisten empirischen Forschungen bei Indigenen daran kranken, primär dem eigenen Forscherdrang, der wissenschaftlichen oder wirtschaftlichen Karriere zu dienen, in den seltensten Fällen aber den „Erforschten“ und „Bereisten“ selbst. 87 So initiierte ich in Timia einige kleine lokale Tourismusprojekte, die über die Dauer von eini- gen Jahren zum Teil recht beachtliche Erfolge hatten. Die Agentur Tchimizar Voyages unter- stütze ich in der Folge durch Verbesserung ihrer Reiseprodukte und durch die Vermittlung europäischer Reiseveranstalter. Schließlich betrieb ich auch selbst aktives Marketing für Ni- ger-Touren und führte insgesamt fünf organisierte Touren zu den Tuareg, einen Großteil da- von auch nach Timia. Der Nutzen meiner Forschung für die Region Agadez und die dortigen Reiseveranstalter musste hingegen länger auf sich waren lassen: Nachdem im Feber 2004 eine österreichische Reisegruppe unter der Führung von Eva Gretzmacher in Temet überfallen worden war, vermochte ich die Verunsicherung im deutschen Reisemarkt über die Sicher- heitssituation im Niger durch eine entsprechend fundierte, im Internet veröffentlichte Analy- se 88 zu beruhigen. Erfreulicherweise erntete ich von zahlreichen Reiseveranstaltern ein höchst positives Feedback zu meiner Aufklärung über die Konfliktstrukturen in Agadez. Darin sollte auch der Sinn einer jeden empirischen wie auch ethischen Forschung liegen: im Bemühen, den richtigen! Beitrag zu leisten, um die Welt etwas besser zu machen. 87 „Was nützt es den „Erforschten“, wenn ein Ausländer, der häufig genug erstmals ihr Land besucht, Veränderungen ihres Dorfes herausfindet? Sie erfahren nur in Ausnahmefällen von dem Ergebnis, das in der Regel anschließend in einem fernen Land im Regal verstaubt. Profiliert hat sich nur der (angehende) Wissenschaftler, nahezu durchgängig auf Kosten der „Er- forschten“, denen er während seiner empirischen Forschung – meistens – zur Last gefallen ist.“ (Tüting 1990, S. 20) 88 Vgl. Friedl, Harald A. 2004, 2004a. 56 2 Theoretische Grundlagen einer universellen Touris- musethik 2.1 Methodische Anmerkungen zu den Skizzen einer kyberne- tischen Ethik Die Grundlagen zu einer Tourismusethik hatte ich erstmals bereits anderweitig in meinem namensgleichen Buch untersucht. 1 Dabei war ich weitgehend vom klassischen Angebot meta- ethischer Paradigmen, insbesondere der utilitaristischen Ethik, ausgegangen. Vor allem hatte ich vor dem Hintergrund der damals vorherrschenden Literatur zur Praktischen Ethik die Tou- rismusethik als eine Art Kombination verschiedener „Bindestrich-Ethiken“ definiert. Dazu hatte ich die verschiedenen Bereichsethiken, wie die Wirtschaftsethik, die ökologische Ethik, die Entwicklungsethik etc. im Hinblick auf die Destillation von Gemeinsamkeiten als mögli- che Grundlage für eine Tourismusethik untersucht. Im Unterschied zu meiner vorliegenden Untersuchung erhob ich damals nur den Anspruch, ethische Grundlagen für eine individuelle Tourismusethik zu entwickeln, wogegen die vorliegende Arbeit strukturell-prozessuale Prob- lembereiche untersucht. Insofern wird eine viel umfassendere Leistungsfähigkeit von einem metaethischen System erwartet. Die Überlegungen, die ich in meiner Arbeit im Jahre 2002 im Hinblick auf metaethische Grundlagen für eine interkulturelle Geltung von tourismusethischen Normen skizziert hatte, blieben - entsprechend den Vorgaben für eine Diplomarbeit - in den Ansätzen stecken. Der Grund dafür lag jedoch weniger an einer mangelnden Gründlichkeit meiner damaligen Unter- suchung als vielmehr daran, dass es an überzeugenden Ansätzen gemangelt hatte für eine Me- taethik, die den globalisierten Rahmenbedingungen einer (post-)modernen Gesellschaft ge- recht wird. Die meisten ethischen Paradigmen, die den Diskurs zur Praktischen Ethik beherr- schen, bleiben oft in der utilitaristischen oder Kantischen Tradition stecken. Dies spiegelt meines Erachtens die herrschende Situation der ethischen Forschung, nämlich die ausschließ- liche Rezeption theoretischer Analysen und Überlegungen, unter völligem Verzicht auf die Konfrontation mit empirischen Rahmenbedingungen wider. Die rühmlichen Ausnahmen, die auch den Schritt zur Entwicklung eigenständiger, metaethischer Modelle wagen, entstammen zumeist der Praxis. 2 Im Vertrauen auf die bisher erarbeiteten ethischen Grundlagen hatte ich mich somit bei mei- ner Untersuchung auf die Analyse der empirischen Rahmenbedingungen sowie auf die ideo- logiekritischen Analysen gewisser Begriffe und Images im Zusammenhang mit den Tuareg und mit dem Tourismus konzentriert. Je mehr ich mich dem Abschluss meiner Untersuchun- gen näherte, desto bewusster wurde mir der Mangel eines entsprechenden metaethischen Sys- tems, das den zu bewertenden hochkomplexen, dynamischen Prozessen und interkulturellen Überschneidungen gerecht werden konnte. Ich hatte zwar gleichsam ein gewisses „Gefühl“, wie diese Metaethik aussehen könnte, doch kristallisierten sich die entsprechenden Vorstel- lungen erst in den letzten Monaten heraus. 1 Vgl. Friedl 2002. 2 Vgl. z. B. den Medienethiker Leschke (2001). 57 Heute stehe ich vor dem grundsätzlichen Problem, ein metaethisches Modell entworfen zu haben, das es nunmehr umfassend zu begründen und zu diskutieren gilt. Mit anderen Worten: Durch meine empirisch-philosophische Forschung hatte ich gelernt, die Mängel bestehender ethischer Paradigmen zu durchschauen und neue Ansätze zu entdecken. Doch müsste ich im Grunde genommen die gesamte Arbeit nochmals schreiben und dabei die Fundierung meines metaethischen Ansatzes in den Mittelpunkt rücken. Nach inzwischen erfolgtem Abschluss meiner tourismusethischen Untersuchung und der eigentlichen, konkreten Fragestellung muss ich die umfassende Diskussion meiner hier nur skizzierten Überlegungen zukünftigen For- schungen überantworten. 3 Darum verzichte ich in der Folge auch auf die in der metaethischen Diskussion geradezu epi- demisch gepflogene, tiefgründige Analyse von Aussagen früherer Philosophen. Was mir vor- schwebt, ist ein metaethischer Paradigmenwechsel, eine Zurückweisung bisheriger Konzepte, denen fast allen gemeinsam ist, in einem der Alternativen des Albert’schen Münchhausen- Trilemmas 4 zu verenden. Insofern ersuche ich den geneigten Leser, die nun folgenden Zeilen verstehend zu lesen. Es geht, dies sei nochmals betont, um eine Skizze. 2.2 Welche Ethik zur Lösung interkultureller, tourismusrelevanter Probleme? Tourismus ist eine hochkomplexe Querschnittsmaterie, die praktisch alle Bereiche des menschlichen Lebens umfasst. Mit welchen großen Regelungsschwierigkeiten dieser Um- stand verbunden ist, zeigt die Tatsache, dass touristisch so erfolgreiche Länder wie Österreich über kein eigenes Tourismusministerium verfügten. Verfassungsrechtlich liegt in Österreich die Kompetenz zur Regelung des Tourismus bei den Landesregierungen. Tatsächlich aber finden sich zahlreiche Belange, die die Tourismusmaterie direkt oder indirekt betreffen, in den Kompetenzen unterschiedlicher Behörden: die Regelung des Verkehrs, einer Grundvor- aussetzung für die Realisierung von Tourismus, obliegt dem Verkehrsministerium, der Schutz der Natur, einer essentiellen Tourismusressource, obliegt dem Landwirtschaftsministerium, Regelung und Umsetzung des Umweltschutzes, einer der besonders prekären Bereiche des Tourismus, untersteht dem Ministerium für Umweltschutz. Dennoch bleibt Tourismus ein Gesamtsystem, das sich als ganzes verändert, sobald ein Teilbereich, etwa durch Normen zur Entflechtung der alljährlichen, sommerlichen Massenstaus durch die Alpen, verändert wird. Die Problematik besteht dabei darin, dass in der Praxis von den mit tourismusrelevanten Ma- terien betrauten Ministerien überhaupt keine Tourismuspolitik betrieben wird, sondern jeweils nur Verkehrspolitik, Umweltpolitik etc. Woran es somit mangelt, sind koordinierte Maßnah- 3 Mein lieber Freund und Kollege, der Qualitätsmanager Dr. Andreas Redling, hatte mich auf die Tatsache hingewiesen, dass die Entdeckung der Schwächen eines Paradigmas ein beachtliches Resultat einer Dissertation sei. Für diese ermutigenden Worte danke ich ihm sehr. 4 Dieser von Hans Albert in seinem "Traktat über kritische Vernunft" (1991; erstmals 1968) geprägte Begriff fasst das alte erkenntnistheoretische Problem der Begründbarkeit wissenschaftlicher Aussagen zusammen. Seiner These nach müsse jede Theorie scheitern, die den Anspruch auf Letztbegründung erhebt. Logisch betrachtet bleiben nur drei Begründungsstrategien, die letztlich alle nicht zufrieden stellend sind, wenn absolute Wahrheit erwartet wird: 1. der infinite Regress, d.h. der immer weitergehende Prozess der Begründung einer Begründung (einer Begründung usw.). Die Begründung eines zu erklärenden Phänomens ist also ihrerseits begründungsbedürftig. 2. der Zirkelschluss, d.h. die Begründung eines Phänomens ist schon im Phänomen enthalten. Sie dreht sich gewissermaßen um sich selbst. 3. die dogmatische Setzung, d.h. die schlichte Behaup- tung, dass ein bestimmtes Phänomen mit der angebotenen Begründung auch tatsächlich erklärt sei. Während dieser, letztlich immer willkürliche Weg traditionell als „kleineres Übel“ gegenüber dem infiniten Regress verstanden wurde, sprach man dem Zirkelschluss keine Begründungsqualität zu und verteufelte ihn sogar („Circulus Vitiosus“). 58 men zur Optimierung des Systems Tourismus. Dies gilt noch viel mehr für die EU-Ebene, da die EU-Kommission über keinerlei Tourismuskompetenz verfügt. 5 Offensichtlich ist das täglich weltweit genutzte Instrument zur Schaffung von Normen zur Steuerung unserer Wirklichkeit, die Rechtssetzung der modernen Demokratien, ungeeignet, den Anforderungen einer so komplexen, hoch dynamischen Wirklichkeit wie dem Tourismus gerecht zu werden. Um so mehr muss darum eine Ethik, die als eine Theorie des Handelns den Anspruch erhebt, Verfahrung zur Erzeugung und Begründung handlungsrelevanter Nor- men zu entwickeln, diesen Anforderungen der Multidimensionalität von Tourismus (wie auch von allen anderen Bereichen menschlichen Handelns) gerecht werden. Denn eine Ethik, ins- besondere eine angewandte Ethik, die Normen produziert, welche außerhalb des tatsächlich Umsetzbaren, Praktikablen, stehen, sind ein überflüssiges Ärgernis. Daraus resultiert die Fra- ge, wie ein metaethisches System veranlagt sein muß, um einer prozesshaften und dynami- schen Vorstellung von Wirklichkeit gerecht zu werden. Darüber hinaus stellt sich auch die Frage, was dieses ethische System leisten muss. Grund- sätzlich ist festzuhalten, dass von einer Ethik zu erwarten ist, was bei jeder Theorie vorausge- setzt wird, nämlich „die Konsistenz und Stringenz der Argumentation, die Begründungs- pflicht, die Ausweisung der Prämissen, die methodische Reflexion etc.“ 6, dass sie also nach- vollziehbar und plausibel ist, und dass sie in eine überzeugende Konzeption von menschlicher Wirklichkeit eingebettet ist. 2.2.1 Der handelnde und erkennende Mensch in der „Wirklichkeit“ Der Mensch ist im weitesten Sinn ein Tier ohne Reißzähne, Krallen und andere von der Natur verliehene Werkzeuge. Dafür verfügt er über einen ungewöhnlich gut ausgebildeten Verstand. Dessen grundsätzliche Offenheit befähigt ihn, die Außenwelt zu gestalten, etwa um Werkzeu- ge zu entwickeln, mittels derer er die Gestaltung seiner Umwelt verbessern kann. Die Offenheit des menschlichen Verstands bedeutet aber auch die Notwendigkeit, mangelhaft ausgebildete Instinkte durch die Schaffung einer strukturierten Vorstellung von Wirklichkeit zu substituieren. Diese Modelle oder Vorstellungen von Wirklichkeit entwickelt der Mensch in Wechselwirkung mit seiner Umwelt im Sinne eines Wechselwirkungsprozesses. Ohne die- se Wechselwirkung, sei es aus Anlass der Versorgung mit Nahrung, sei es aus Anlass der Versorgung mit intellektuellen Reizen und sonstigen Formen sozialer Zuwendungen (Bestäti- gung und Sanktionen), ginge der Mensch als kommunikatives, soziales Wesen zugrunde. Dieses Instinktsubstitut, das der Verstand auf der Basis kommunikativer Prozesse entfaltet (ich nenne es in der Folge der Einfachheit halber „Identität“ 7) muss mehrere Aufgaben erfül- len: 5 Vgl. Pils 2004. 6 Leschke 2001, S. 7. 7 Bewusst wähle ich den Begriff „Identität“, denn „Bewusstsein“ ist zu sehr durch die kategorisierte Betrachtungsweise von Freud geprägt, „Seele“ hat einen stark religiösen Impetus, und „Wahrnehmung“ bringt nicht den Aspekt des stillen, nicht aktuellen Erfahrungswissen zum Ausdruck. Problematisch an diesem Begriff ist allenfalls die früher eher statisch geprägte Betrachtungsweise, doch dies hat sich in der jüngeren Kulturanthropologie stark gewandelt (vgl. Burns 1999; Luger 1995); Rest 1995, S. 81) bezeichnet persönliche soziale Identität und individuelle Weltsicht als Resultat eines stetigen Sozialisations- und Enkulturationsprozesses in Form von Erkundungs- und Aneignungsleistungen. Insofern bringt der Begriff „Identität“ heute das damit verbundene prozessuale Verständnis von menschlichem Innenleben zum Ausdruck. 59 1. Es muss den Identitätsträger in die Lage versetzen, auf seine Außenwelt so zu reagieren, dass sein Überleben gewährleistet ist. Dies bedeutet, dass diese Identität entsprechendes strukturelles Wissen über die Wirklichkeit beinhalten bzw. repräsentieren muss. Dabei denke ich an eine Art Verständnisbewusstsein. 8 2. Es muss den Identitätsträger in die Lage versetzen, bei mehreren Handlungsoptionen die „richtige“ bzw. bessere zu wählen. In diesem Sinn erfüllt diese Identität die Funktion von Moral im Sinne eines Systems normativer Muster zur Verleihung von Orientierung. 9 Diese Unterscheidung erscheint bei genauerer Betrachtung künstlich, denn bereits die erstge- nannte Funktion der Identität verleiht Orientierung. Genau genommen ist diese Unterschei- dung Ausdruck unserer Denk- und Wissenschaftstradition, Objekte nach Kategorien zu identi- fizieren und zu verstehen. Unser Denken, mag es auch in Prozessen ablaufen, behilft sich mit der Schaffung von Strukturen, um Wirklichkeit fassbar zu machen, und sei es nur durch die Entwicklung von Begriffen und die damit verbundene Bedeutungszuschreibung. Bedeutung ist aber niemals wertfrei, sondern vielmehr Ausdruck eines Lebenskontextes im Sinne der Wittgensteinschen Sprachspiele. 10 Erkenntnis bedeutet somit immer auch das Einordnen von Neuem innerhalb eines gewachsenen Bedeutungshorizonts. Man denke nur an eine Gabel, die in gewissen Gesellschaften nicht existiert. In unserem gesellschaftlichen Kontext ist aber mit dem Begriff „Gabel“ nicht nur die Vorstellung davon verbunden, wie eine Gabel etwa kon- struiert ist sondern auch wozu man sie einsetzen kann, nämlich als Essgerät. Mit dem Ver- ständnis dem Begriffsverständnis Gabel verbunden ist 11 auch die Vorstellung, wie sie „rich- tig“ im Sinne von „sittengemäß“ einzusetzen ist. So pflegt man sich nicht mit der Gabel bei Tisch die Nägel zu putzen… Schwierig wird es mit der „Erkenntnis“ von solchen Entitäten, die sich in „Black boxes 12“ „befinden“, über deren Struktur wir somit keinerlei direkte empirische Untersuchungen durch- führen können. Dabei denke ich an „Entitäten“ wie „Bewusstsein“, „Seele“, „Instinkte“ oder „Persönlichkeit“. Derartige Entitäten können wir nicht „unmittelbar“ 13 mit unseren Sinnen wahrnehmen, sondern nur aufgrund verschiedener Inputs (re)konstruieren. Sie „existieren“ somit nur in unserer Vorstellung, und darum kann auch ihre Struktur stets nur eine Konstruk- tion, ein geistiges Hilfsmittel sein, um es „begreifen“ und insofern „verstehen“ zu können. Die Zivilisationen dieser Welt haben zahlreiche Vorstellungen von der Seele hervorgebracht, was zur Vermutung Anlass gibt, dass die Sorge um das „Seelenheil“ offenbar ein großes An- liegen des „Seelenträgers“, des Menschen, ist. Entsprechende säkulare Vorstellungen wurden in vielfältiger Form von der Psychologie entwickelt. 8 Man kann sich nun verschiedene Modelle der Wirklichkeitskonzeption vorstellen, was aber letztlich irrelevant für unser hiesiges Verständnis ist. Relevant ist in diesem Zusammenhang nur die Funktion. 9 Vgl. dazu die Luhmann’sche Konzeption von Sinn- und Weltdimensionen als Komplexitätsreduktionsmechanismen (Luh- mann 1967, S. 116). 10 Vgl. Wittgenstein 2001. 11 …zumindest für Personengruppen, die auch außerhalb von Fastfood-Ketten zu essen pflegen… 12 Der Begriff der „Black box“ stammt aus dem Zweiten Weltkrieg und bezeichnete erbeutetes Feindmaterial, das wegen der möglicherweise darin enthaltenen Sprengladungen nicht zur Untersuchung geöffnet werden konnte und darum deren innere Struktur nur mit Hilfe von Stromstößen erkundet werden konnte. Durch Analyse der Ein- und Ausgangswerte wurden Rück- schlüsse auf deren Eigenschaften im Systemzusammenhang und insofern auf die mögliche Struktur der „Black Box“ gezo- gen. Eine analoge Wellenmethode wenden Geologen bei der Suche nach unterirdischen Ölfeldern oder Bodenschätzen an. Diese aus der Kybernetik übernommene Anschauungsweise trifft auch auf die Untersuchung natürlicher Sprachen zu, wobei das grammatische Regelsystem gleichzusetzen ist mit der internen Struktur des sprachlichen Produktionsvorgangs, wie er in der „Black Box“ des menschlichen Gehirns, dessen neurophysiologische Vorgänge beim Sprechen empirischer Beobachtung bislang nicht zugänglich sind, anzunehmen ist (vgl. Watzlawick/Beavin/Jackson 1996, S. 45). 13 Die „unmittelbare“ Wahrnehmung schreibe ich darum in Anführungszeichen, weil ich von einem konstruktivistischen Wahrnehmungsmodell ausgehe, bei dem die Identität als Konstrukteur von Wirklichkeit gegenüber der Wirklichkeit „an sich“ in derselben Situation ist, wie ein Forscher, der die „Seele“ an sich zu finden versucht. Die menschliche Erkenntnis funktioniert doch nach der plausiblen Vorstellung von Maturana und Varela (1991) oder auch von Richards und von Glasers- feld (1992) überhaupt nur als Konstruktion von Modellen, die funktionieren - oder auch nicht… 60 An dieser Stelle will ich kurz festhalten, dass diese Identität - wie schwierig sie auch erkenn- bar oder gar fassbar sein mag - im Wesentlichen durch ihre Funktionalität als Orientierungs- system und insofern als Instinktersatz begriffen werden kann (Topitsch!!!). 14 Diese Funktion kann die Identität aber nur erfüllen, wenn sie im permanenten Austauschpro- zess mit ihrer Außenwelt steht. Nur über diesen Erfahrungs-, Sozialisierungs-, Aneignungs- bzw. Lernprozess entwickelt sich diese Identität und entfaltet Wirkung. Identität agiert jedoch keineswegs nur reaktiv im Sinne der behavioristischen „Stimulus-Respons“-Vorstellung von Pawlow 15, vielmehr entfaltet sich mit dem wachsenden Erfahrungshorizont auch die Vorstel- lung von potenziellen Handlungsmöglichkeiten. 2.3 Mensch und Gesellschaft als kybernetische Systeme Wie lassen sich nun die Zusammenhänge zwischen der individuellen „Identität“ und ihrer Außenwelt vorstellen? Hier muss man grundsätzlich von einem kybernetischen 16 Prozess aus- gehen, der den dynamischen Zusammenhang zwischen biologischen Determinanten des Men- schen einerseits und seiner geistigen Konstitution, der Kultur 17, andererseits beschreibt. Die- ser Prozess ist als informationelles Feedback zwischen diesen beiden Teilsystemen zu verste- hen. Er ist die Voraussetzung für die Anpassungsfähigkeit des menschlichen Geistes an seine Umwelt und damit für die Überlebensfähigkeit des Individuums. 2.3.1 Das Feedback-Prinzip „Feedback“ bedeutet „Rückkoppelung“ im Sinne einer „zielgerichteten(n) Steuerung eines technischen, biologischen od(er) sozialen Systems durch Rückmeldung der Ergebnisse, wobei die Eingangsgröße durch Änderung der Ausgangsgröße beeinflusst werden kann“. Übertragen auf soziale Systeme lässt sich das Feedback-Prinzip zusammenfassen als „sinnlich wahr- nehmbare Rückmeldung (z. B. durch Gestik od(er) Mimik), die dem Kommunikationspartner anzeigt, dass ein Verhalten od(er) eine sprachliche Äußerung verstanden wurde.“ 18 Der Mensch lässt sich als biologische Maschine vorstellen, er ist mit seiner Umwelt über ex- terne Sensoren verbunden. Eine soziale Gruppe, eine Gesellschaft bzw. jegliches soziale Be- zugssystem ist somit vorstellbar als eine Ansammlung solcher „Maschinen“, die über ihre individuellen Sensoren miteinander indirekt durch den Austausch von Feedback kommunizie- ren. Dieses Feedback kann entweder ein positives Signal im Sinne von „ok“, „gut“, „system- konform“ bzw. „erwartungsgemäß“ sein - oder jeweils das Gegenteil davon. Wenn ich etwa während des Einkaufens an der Kassa bei „H&M“, „One“ oder „Ikea“ geduzt werde, reagiere ich als Spät-Dreißiger, erzogen nach traditionellen Umgangsformen, irritiert 14 Vgl. dazu die Überlegungen Topitsch’ (1988) zu den Ideologien als „plurifunktionale Führungssysteme“. 15 Iwan Petrowitsch Pawlow (1849-1936) gilt als der Entdecker des bedingten Reflexes bzw. als „Vater“ des Prinzips der klassischen Konditionierung. 16 Kybernetik ist die Lehre von den Kommunikations- und Steuerungsvorgängen in Systemen aller Art (vgl. Austeda 1989, Lexikon der Philosophie, S. 202 f.). 17 Vgl. dazu Lugers (1995, S. 34) Konzeption von Kultur als „design for living“. 18 Duden 2000, S. 447. 61 und werde das durch hochgezogene Augenbrauen und ein deutliches „Siezen“ des Mit- arbeiters mit distanziert betonter Stimme zum Ausdruck bringen. Üblicherweise duzen die Mitarbeiter dieser Konzerne nicht aus innerer Überzeugung oder Erziehung, sondern weil sie gemäß der jeweiligen Firmenpolitik dahingehend geschult worden sind. Ist nun die betreffen- de Person von ihrem Arbeitstag noch nicht völlig abgestumpft, so wird sie ihrerseits irritiert reagieren, weil ihre Kommunikationsroutine plötzlich nicht in erwarteter Weise „funktio- niert“: Sie bekommt ein negatives Feedback im Sinne von „nicht erwartungsgemäß“. Diese Rückmeldung an ihre „Identität“ verursacht eine Destabilisierung und löst dadurch einen in- neren „Rechen-“ bzw. Reflexionsprozess aus. Sie wird nach „geeigneten“ Erfahrungsmustern suchen, die ihrer augenblicklichen Erfahrung am besten entsprechen. Auf diesem Weg kann sie ihre Identität wieder stabilisieren, indem sie das Vertrauen zurückfindet, dass die Welt „noch in Ordnung“ ist und sie nicht vielleicht mit einem Wahnsinnigen konfrontiert ist. Inso- fern wird sie auch nicht zu einer Notreaktion (Flucht, Verzweiflung, Hilfeschrei …) greifen. Vielmehr wird sie nach geeigneten, bis dato entwickelten alternativen „Konfigurationsoptio- nen“ bzw. Reaktionsmöglichkeiten suchen und diese umsetzen. Sie könnte sich etwa daran erinnern, dass es in ihrer Kindheit noch üblich war, ältere Personen zu siezen, und dies tun. Dieser Prozess läuft üblicherweise binnen kürzester Zeit und unter Aufrechterhaltung des Rückkoppelungsprozesses ab. Man darf sich diesen Prozess somit nicht als einen in sich zu- rückgezogenen Reflexionsprozess vorstellen, denn dafür bleibt in dieser Situation keine Zeit. Vielmehr tasten sich die beiden kommunizierenden „Systeme“ permanent gegenseitig ab, auf der Suche nach Signalen, die die Rückkehr zur „Normalität“ bzw. „Regelkonformität“ der jeweiligen Identität bestätigen würden. 19 2.3.2 Die Ausbildung von „Regeln“ Diese Feedback-Prozesse führen zwangsläufig zur Ausbildung von Konformitäts- und Diskonformitätsschemata. Ob Baby, Kind oder Greis, alle lebenden Individuen erhalten auf ihre ausgesendeten Signale von ihren Kommunikationspartnern Feedback, das erwartungs- konform oder -disform ist 20. Diese Signale können Handlungen, verbale oder nonverbale Äu- ßerungen sein, aber auch die Verweigerung von Äußerungen oder Handlungen. Ein Baby et- wa verfügt über einen geringen Satz an Verhaltensmustern. Es nimmt Kälte, Hunger, Müdig- keit, Nähe, Wärme etc. wahr und kann mit Lachen, Weinen, Brüllen, Wimmern etc. reagieren. Mit zunehmendem Alter lernt ein Kind, entsprechende Erfahrungsmuster und Reaktionskon- figurationen auszubilden, um auf bestimmte Situationen innerhalb der „zivilisierten Welt“ in besser angepasster Weise zu reagieren und ein erwartungsgemäßes Feedback auszulösen. 21 Analog zum Individuum hat man sich auch Gesellschaften gleichsam als virtuelle sozio- biologische Maschinen vorzustellen. 19 Ein weiteres gutes Beispiel wäre etwa das entsprechende Flirtverhalten eines Mannes, um eine Frau als Sexualpartnerin zu gewinnen. 20 Auf das von Watzlawick et al. (1996) geprägte Prinzip, dass es unmöglich sei, nicht zu kommunizieren, und auf Überlegun- gen, dieses Prinzip zu widerlegen, gehe ich hier nicht weiter ein, weil es für das Verständnis der kybernetischen Prozesse unwe- sentlich ist. 21 Dieser Prozess läuft natürlich zwischen sämtlichen Lebewesen ab, mögen auch die Prozessspielräume innerhalb von non- humanen Lebewesen geringere Kapazitäten aufweisen. Zum Zusammenhang zwischen Hirnstruktur, Umweltanforderungen und Evolution vgl. Konrad Lorenz’ „Versuch einer Naturgeschichte menschlichen Erkennens“ (1993). 62 „Virtuell“ 22 sind Gesellschaften, weil jegliche Vorstellung von Strukturen der Außenwelt eben nur Vorstellungen sind. „Die Gesellschaft“ ist letztlich nur ein auf Basis von individuell erlebten Feedbackprozessen 23 entwickeltes Modell, das wiederum nur entsprechend den Feedback-Signalen mehr oder minder „funktioniert“24, denn in unmittelbare Beziehung tritt man stets nur mit Individuen oder mit Formen ihrer Mediatisierung.25 Man muss sich nur die vielfältigen Paradigmenwechsel innerhalb der Soziologie oder der Geschichtswissenschaft vor Augen führen, um die Qualität der Virtualität von Gesellschaft verstehen zu können. Ein gutes Beispiel dafür ist insbesondere die im Westen landläufige Vorstellung von prämodernen Ge- sellschaften als Barbaren oder edle Wilde. 26 Dies gilt freilich auch für die Vorstellung von Gesellschaft als kybernetisches System. Virtuell sind Gesellschaften vor allem aber darum, weil ja nur ihre kybernetischen „Schalt- elemente“, die Individuen, als Wesen aus Fleisch und Blut existieren, die „Gesellschaft“ letzt- lich aber „nur“ temporäre Ansammlung von Individuen ist. Doch die Prozesse innerhalb die- ser temporär versammelten Individuen sind konstitutiv für die Entstehung von konsensualen Vorstellungen von „Gesellschaft“ und insbesondere davon, wie diese Gesellschaft funktionie- ren soll: Erwartungshaltungen und Reaktionsmuster entstehen zwar im Individuum, aber im Zuge eines Rückkoppelungsprozesses mit sämtlichen Elementen der jeweiligen „Gesell- schaft“. Dazu zählen etwa Regeln für das Selbstverständnis der Mitglieder dieses sozialen Bezugssystems. Darunter muss man sich den gesamten Satz an Regeln vorstellen, die dazu dienen, jemanden vom System auszuschließen, in das System aufzunehmen und zum system- konformen Verhalten zu veranlassen. Dieser Prozess der Ausbildung von Selbstverständnissen und der damit verbundenen Re- gelausbildung ist ebenfalls dynamisch, wie sich leicht am Beispiel des Identitätswandels der „Österreicher“ in den letzten 150 Jahren beobachten lässt. Besonders deutlich zeigt sich dies im Umgang mit „Ausländern“, die einmal als ökonomische oder kulturelle Bereicherung (als Gastarbeiter oder Betreiber exotischer Restaurants) willkommen sind, einmal jedoch als Be- drohung der eigenen Identität („das Boot ist voll“) gefürchtet ausgeschlossen werden. Zusammenfassend lässt sich vorerst festhalten, dass die Ausbildung von Regeln der Koordi- nation von Individuen dient. Sie „verbinden“ gleichsam Individuen und Situationen, maximie- ren soziale Interaktion und minimieren Widersprüche und Konflikte innerhalb dieses Prozes- 22 Virtuell: „nicht echt, nicht in Wirklichkeit vorhanden, aber echt erscheinend, (…) den Sinnen vortäuschend“ (Duden 2000, S. 1401). 23 Dies können etwa soziologische oder politische Beschreibungen von anderen Autoren sein. 24 Hier denke ich an innovative Vorstellungen von der Funktionsweise der Gesellschaft. Als Reiseleiter hatte ich oft erlebt, wie meine Beschreibungen prämoderner Gesellschaften unter meinen Reisegäste auf Unverständnis oder gar auf massive Ablehnung gestoßen waren. Besonders markant waren die Reaktionen auf meine Schilderung der Baktaman, eines isoliert lebenden Stammes in Neuguinea. Dieser sei nach Schilderungen des Anthropologen Frederick Barth nicht in der Lage gewe- sen, ihm als dem neugierigen Fremden die Bedeutung seiner Riten zu erklären. Für die Stammesmitglieder selbst waren die Riten ohnedies selbstverständlich, legitimiert durch die „Tradition“ im Sinne von: wie es sie immer schon gegeben hat. Erst die nachfolgenden, wiederholten Fragen Barths hätten unter den Baktaman zur Ausbildung eines Systems „eingeborener Erklärungen“ (Hinw. in Leed 1993, S. 32) geführt. Insofern hatten die Baktaman die Frage „Warum ist das so?“ vor dem Kontakt mit Barth nicht gekannt. Diese Vorstellung war für manche meiner Mitreisenden schlicht absurd und darum inakzep- tabel, weil sie ihre persönliche Konzeption von „Gesellschaft“ und nicht zuletzt ihres „Selbst“ in fundamentaler Weise in Frage stellten und somit „bedrohten“. 25 Ich denke hier an die Verbildlichung bzw. Symbolisierung von Individuen bzw. Clustern von Individuen in Gestalt von Erzählungen, schriftlichen Texten, Film, darstellende Kunst etc. 26 Vgl. Bertram 1995. Siehe dazu Kap.5.3.3. Hegel (1970, Bd. 10, S. 58 ff.) hatte über die „Neger“ gemeint, sie seien „als eine aus ihrer uninteressierten und interesselosen Unbefangenheit nicht heraustretende Kindernation zu fassen. (…) Ihre Religion hat etwas Kinderhaftes. Das Höhere, welches sie empfinden, halten sie nicht fest; dasselbe geht ihnen nur flüchtig durch den Kopf. Sie übertragen dies Höhere auf den ersten besten Stein, machen diesen dadurch zu ihrem Fetisch und ver- werfen diesen Fetisch, wenn er ihnen nicht geholfen hat. In ruhigem Zustande ganz gutmütig und harmlos, begehen sie in der plötzlich entstehenden Aufregung die fürchterlichsten Grausamkeiten. (…) Aber einen inneren Trieb zur Kultur zeigen sie nicht. In ihrer Heimat herrscht der entsetzlichste Despotismus; da kommen sie nicht zum Gefühl der Persönlichkeit des Men- schen, - da ist ihr Geist ganz schlummernd, bleibt in sich versunken, macht keinen Fortschritt und entspricht so der kompak- ten, unterschiedslosen Masse des afrikanischen Landes.“ 63 ses. Dazu bilden Individuen im Zuge ihrer Erfahrung für jede vorstellbare soziale Situation Regelmuster aus. Soziale Situationen werden sodann auf ihr passendes Regelmuster hin deco- diert. Diese Grundstruktur erlaubt jeder Person die erfolgreiche Kommunikation mit sämtli- chen Typen von Personen, die in die erfahrenen Muster „passen“. Insofern sind solche ausge- bildeten Regelmuster sowie die Fähigkeit, diese Regelmuster im konkreten Lebenskontext zu dekodieren, die Grundvoraussetzung für die erfolgreiche Teilnahme am gesellschaftlichen Kommunikationsprozess. 2.3.3 Kybernetische Schaltelemente Zur Verdeutlichung des bisher Dargestellten möchte ich das Funktionsprinzip des negativen Feedbacks näher verdeutlichen. Wenn jemand „über die Stränge schlägt“, indem er auf eine Weise agiert, wie es von den am Kommunikationsprozess Beteiligten als Regelverstoß emp- funden wird, werden darauf die Betroffenen mit Signalen der Missbilligung oder Ablehnung reagieren. Damit signalisieren sie, dass sich der „Täter“ außerhalb der für sie zulässigen Grenzen des „entsprechenden“ Verhaltens bewegt. Anders formuliert entsprechen die Signale oder „Stimuli“ des „Täters“ nicht den „Prädispositionen“ der Bezugsgruppe. Je „selbstsiche- rer“ bzw. stärker ausgeprägt ein derartiges System ist, desto eher wird es Irritationen standhal- ten. 27 Überschreiten dagegen solche Irritationen die Grenze der Systemstabilität, so wird das System in zwei Weisen reagieren: Einerseits reagiert das System nach außen auf den „Täter“ in maximal nötiger Weise, um die Signale abzustellen. Andererseits reagiert das System intern durch Anpassung seiner Konfigu- ration, indem es etwa neue Regelmuster für solche Verhaltensweisen ausbildet. 28 Durch diese beidseitigen Maßnahmen erwirkt es die Wiedererlangung seiner Stabilität und ist zugleich gegen zukünftige Destabilisierungen gewappnet. Als Beispiel stelle man sich die erste Begegnung eines Tuareg-Nomaden mit einem Touristen vor: Früher reagierten Tuareg schon beim ersten Geräusch eines noch weit entfernten Fahr- zeugs mit Panik und versuchten sich zu verstecken, weil damals entsprechend ihrer Erfahrung nur Repräsentanten der Staatsmacht über Fahrzeuge verfügten und Begegnungen mit diesen zumeist mit Unannehmlichkeiten verbunden waren. Vereinzelte Erfahrungen mit Fremden, die offensichtlich keine Angehörigen der Armee oder der Behörden waren und darum zu an- deren Zwecken als zum Eintreiben von Steuern die Region besuchten, führten zur Destabili- sierung der Reaktionsmuster dieser Nomaden. Nun waren sie gezwungen ihre Verhaltensmus- ter für den Umgang mit Fremden in Fahrzeugen zu modifizieren. In einem zweiten Schritt bildeten sie im Verlauf von direkten Begegnungen mit Touristen neue Muster für die Bewer- tung von und den Umgang mit Touristen aus. In der Endphase dieses Prozesses erreichte ihr 27 Bischof Krenn hatte sich im Frühling 2004 im Standard im Zuge eines Interviews in herabwürdigender Weise über Islam und Muslime geäußert (Krenn 2004, S. 8). Empört kontaktierte ich einen Standard-Redakteur, um einen Gegenkommentar anzubie- ten, doch dieser meinte darauf, derartig unsinnige Aussagen des für absurde Äußerungen bekannten Bischofs würden sich von selbst disqualifizieren. 28 In diesem Sinne lässt sich etwa die Argumentation von Riesman (zit. in Davis 1975) aus dem Jahr 1975 für die rational begründete Übernahme von sozialer Verantwortung durch Wirtschaftstreibende verstehen: Nur eine vorausschauende, sozial verantwortungsbewusste Firmenpolitik würde über die Schaffung eines positiven, behördlichen Klimas staatliche Interventi- onen durch schärfere Gesetze verhindern und dadurch langfristig die Profitrate erhöhen. Das Argument ist mittlerweile frag- würdig geworden, da sich die globalen wirtschaftspolitischen und rechtlichen Rahmenbedingungen in der Weise geändert haben, dass Konzerne heute ihrerseits Einfluss auf die Wirtschaftsgesetzgebung nehmen können. Dies ändert jedoch nichts am Prinzip der Wechselwirkungsprozess der Entstehung von Regeln. 64 inneres Steuerungssystem wieder eine ausgewogene Balance zwischen Wahrnehmung und Reaktion. Je größer die soziale Kompetenz eines Individuum ist, desto vielfältiger sind seine Muster, um auf verschiedenste soziale Stimuli in „passender“ Form zu reagieren, nämlich um Missverständnisse, Irritationen bzw. Konflikte zu minimieren und soziale Harmonie durch Bestätigung und Vertie- fung von Beziehungen zu fördern. Die Erfahrung zeigt, dass das Orientierungssystem junger Menschen zwar grundsätzlich anpas- sungsfähiger ist als das älterer Personen, dafür aber aufgrund des geringeren Erfahrungs- horizonts über einen geringen Bestand an differenzierten Reaktionsmustern verfügt. Beide be- dingen einander, denn je größer die soziale Kompetenz eines Individuums ist, desto mehr kann es zwischen seinen bereits ausgebildeten Mustern „shiften“, wogegen unerfahrene Menschen gezwungen sind, sich anzupassen. Manchmal kann sich dies in heftigen Reaktionen äußern. Man denke nur an die für „Halbstarke“ typischen Abnabelungsreaktionen. Dabei durchlaufen junge Menschen einen Prozess der Krise ihres Orientierungs- und Wertesystems, ihrer Identität, weil sie gezwungen sind, sich innerhalb der Gesellschaft neu zu positionieren. Durch die Über- nahme von Verantwortung als „Erwachsene“ entwickeln sie neue Rollenmuster und die damit verbundenen Reaktions- und Wertestandards. Im Zuge dieses Prozesses laufen unendlich viele Zyklen von Aktion und Reaktion ab, was für krisenhafte Phasen der menschlichen Entwicklung typisch ist. Diese Phasen haben immer mit „Selbstfindung“ im Sinne einer Neupositionierung innerhalb des umgebenden, jedoch neu zu „erkennenden“ Systems zu tun. 29 2.3.4 Verhaltensmuster Verhaltensmuster dienen also der Erleichterung des alltäglichen Lebens im Sinne eines ener- giesparenden Managements von Inputs der Umwelt. Modelle solcher Muster hat etwa der Freizeitsoziologe Schulze für den Umgang der postmodernen Konsumenten mit der Vielfalt an Produktangeboten entwickelt. 30 Dabei wird die Entlastungsfunktion besonders deutlich, denn andernfalls wäre der Konsument gezwungen, bei jedem Einkauf zwischen 100 Joghurt- marken und -geschmacksrichtungen zu entscheiden. Auch die Auflösung von klassenspezifi- schen Regeln für die „richtige“, standesgemäße Partnerwahl sowie der Wandel der Normen zur Regelung der sexuellen Beziehungen führten zu einer massiven Belastung der individuel- len Identitäten. In der urbanen Freizeitgesellschaft funktionieren die traditionellen Muster zur Anbahnung dauerhafter Beziehungen nicht mehr. Wer würde sich heute noch seinen Lebens- partner durch Vermittlung der Eltern zuführen lassen? Dadurch entsteht ein Vakuum, das im Zuge eines Trial- und Error-Verfahrens neue Verhaltens- und Normenmuster entwickelt; man denke etwa an Partnervermittlungsinstitute, Internet-vermittelte Partnersuche, aber auch „Swinger-Clubs“ und touristische Zentren … Am Horizont meiner Argumentation zeichnet sich bereits die Ausbildung von miss- bräuchlichen Subsystemen ab: Die Tatsache, dass Menschen Gewohnheits-, Reaktions- und Bewertungsmuster ausbilden, macht ihr Verhalten vorhersehbar. Die bedingte Vorhersagbar- keit als Grundvoraussetzung für das harmonische Funktionieren eines sozialen Systems eröff- net zugleich auch die Möglichkeit des Missbrauchs oder der Ausbeutung von Menschen. Dar- 29 Analoge Beispiele sind das Eingehen einer Beziehung, die Geburt eines Kindes, der Verlust des Partners, der Verlust des Arbeitsplatzes oder der gesellschaftlichen Position etc. 30 Vgl. Schulze 2000. 65 um haben „Betrüger“ oder geschickte Lügner Erfolg 31. Doch auch der Erfolg von Marketing- Kampagnen für Produkte aller Art, etwa das Anpreisen von „idyllischen Paradiesen“, beruht auf diesem Prinzip. 32 Besonders anfällig für diese Instrumentalisierung von Verhaltens-, Ver- trauens- und Wertemustern sind Kinder oder solche indigene Kulturen, die nur über wenig Erfahrung mit der Vielfalt westlicher Wertemuster verfügen. 33 Insofern lässt sich festhalten, dass Menschen verletzbare biologische Maschinen sind, deren Identität innerhalb des Kontextes einer umfassenden, schützenden Organisation eingebettet sein muss. Moral, religiöse Regeln oder sonstige Verhaltenskodizes befriedigen somit das Be- dürfnis der Menschen nach Zugehörigkeit, Geborgenheit und Sicherheit - ein Bezugssystem, innerhalb dessen sie sicher sein können, nicht ausgebeutet, missbraucht oder anderweitig „de- stabilisiert“ zu werden. 34 Es ist somit der Überlebenswille, die Suche nach Strategien zur Mi- nimierung von solchen drohenden Destabilisierungen und zum Schutz des verletzlichen menschlichen „Systems“ vor seinen Artgenossen; sie sind für die Ausbildung von mora- lischen und rechtlichen Systemen ursächlich. 2.3.5 Die Herausbildung von Wertekodizes Individuen bilden verschiedene Bedürfnisse aus, deren jeweilige Wertung Ausdruck der spe- zifischen kulturellen Prägung ist. Während die erlebnis- und lustorientierte, von Überfluss geprägte Gesellschaft die sofortige Befriedigung von primären Bedürfnissen duldet oder sogar fördert, gilt in der von Mangel geprägten nomadischen Tuareg-Gesellschaft die Themati- sierung von Hunger und Durst als verpönt und schamlos. In jedem der beiden kulturellen Sys- teme werden nun Kinder, die Hunger und Durst empfinden, unterschiedlich sozialisiert: Unse- ren Kindern werden sofort Süßigkeiten in den Mund gestopft, um ihr Schreien zu unterbin- den, während Tuareg-Kinder für mangelnde Selbstbeherrschung Missfallen, für Selbstbeherr- schung dagegen Anerkennung ernten. Auf diesem Weg werden „Triebe“ kulturspezifisch so- zialisiert: Das Kind bildet funktionierende Verhaltensmuster aus, die mit Anerkennung und Akzeptanz belohnt werden. Dieses Grundprinzip der prozessualen, freilich auch stets wechselseitigen Anpassung als Stra- tegie der Akzeptanz spiegelt das Grundprinzip der Herausbildung von Wertebewusstsein in Individuen wider. Die Suche nach Anerkennung ist das Grundmotiv für die Anpassung an moralische Normen von Bezugssystemen. Wiederum muss der kybernetische Prozess dieses Vorgangs betont werden. Ein Normen- katalog wird weder eins zu eins ins Bewusstsein übernommen, noch wird er in eben dieser Form eins zu eins von der Gesellschaft gelebt. Diese irrtümliche Vorstellung ist vielmehr das Relikt klassischer Schöpfungsvorstellungen bzw. das Relikt einer Schriftkultur, die die allum- 31 Vgl. etwa das klassische Beispiel von Thomas Manns Romanhelden Felix Krull (2000). 32 Prostituierte in Bangkok haben Strategien entwickelt, ihren westlichen Freiern das Gefühl von Vertrautheit zu vermitteln, als stünden sie in einer Liebesbeziehung (vgl. Odzer 1994). Auch viele Tuareg-Nomaden im Aïr haben Verhaltensmuster entwickelt, mittels derer sie das Mitleid und das Gefühl der Fürsorge bei Touristen ansprechen, um dadurch deren Freigebig- keit zu steigern. 33 Dies war auch der zentrale Einwand des Sozialforschers Johan Galtung gegen das umfassende, für damalige Verhältnisse mit ungewöhnlich hohen Summen geförderte Sozialforschungsprojekt Camelot: sowohl die Hintermänner als auch der Zweck dieses Forschungsauftrags waren nicht offen gelegt. Später stellte sich heraus, dass die US-Regierung involviert war und bezweckte, z. B. Stämme im Hinterland von Vietnam gegen Vietnam zu instrumentalisieren (vgl. Horowitz 1967). 34 Gerade darum ist ja Missbrauch von Kindern innerhalb der eigenen Familie von so tief greifend traumatischer Wirkung für die Opfer. 66 fassende Wahrheit im Buchstaben des gesprochenen und geschriebenen Wortes erfasst glaubt. Diese Praxis ist freilich extrem weit verbreitet. In Koranschulen findet Unterricht in der Form statt, dass Kinder Passagen des Korans aus- wendig lernen müssen. Hintergrund dieser Pädagogik ist die Überzeugung von der Heiligkeit des Wortes, das nicht verändert werden darf. Vielmehr ist im Islam die Überzeugung verbrei- tet, dass die exakte Kenntnis des - durch Mohamed vermittelte - Wortes Allahs gleichzusetzen sei mit dem Verständnis der Bedeutung der darin enthaltenen Verhaltensnormen. Dies wie- derum wird als Voraussetzung für ein Leben nach dem Willen Allahs betrachtet, verknüpft mit dem Ziel, am Lebensende ins Paradies einzugehen. Dass die Bedeutung des Worts jedoch kontextrelevant ist, geht in diese Philosophie nicht ein. Dies erklärt auch die Beschwörung der religiösen Einheit durch die Muslime, die in Wahrheit genauso vielfältige Lebens- und Glau- bensformen leben wie die Christen. Vergleichbar mit dieser Wortgläubigkeit der Muslime ist auch die traditionelle Vorstellung der Aborigines von der Schaffung der Welt. So seien die Ahnen auf die Erde gekommen, hät- ten sich singend durch sie bewegt und dabei die betretenen und wahrgenommenen Orte be- nannt. Die im Zuge dieses Prozesses entstandenen „Songlines“ oder Traumpfade spiegeln - als Art musikalische Landkarten - die von einem Clan bewohnte Welt wieder. Das Ritual des Singens solcher „Songlines“ wurde darum von den Aborigines als heilige Pflicht zur Auf- rechterhaltung der „Welt“ betrachtet. Durch das wiederholte Singen der streng vorgegebenen Abfolge des rituellen Gesangs würde die Welt abermals erschaffen, erneuert - und dadurch letztlich aufrecht erhalten, „gepflegt“ werden. Entsprechend war es bei Todesstrafe verboten, die Welt - und insofern die genaue Abfolge eines rituellen Gesangs - zu verändern. Der prak- tische Effekt der permanenten Pflege dieser Gesänge lag natürlich auch in der Einprägung und damit in der Abwendung der Gefahr, dass diese heiligen Lieder in Vergessenheit geraten könnten. Denn dies ist als gleichbedeutend mit dem Untergang der (von der jeweiligen „Songline“ beschriebenen) Welt. 35 Aus eben diesem Grund versuchen etwa Sprachwissenschaftler, Aufnahmen der vom Ausster- ben bedrohter Sprachen zu sammeln und zu archivieren: In diesem Akt kommt die Überzeu- gung zum Ausdruck, mit dem Registrieren und Bewahren könne auch die hinter dieser Sprache stehende Kultur „archiviert“ werden. Dies ist freilich ein völliger Trugschluss, weil eine nicht praktizierte Sprache eine tote Sprache ist. Was zurückbleibt, sind lediglich Artefakte, die durch die Wissenschaftler neu belebt werden - jedoch mit ihrer eigenen Kultur. Die Vorstellung vom engen Zusammenhang zwischen dem Akt des „Erkennens“ und des „Benennens“, also die Verknüpfung von „Wissen“, „Wort“ und „Schöpfung“, spiegelt sich auch in den ersten Worten der Genesis wieder: „Εν αρχη εν ο λογοσ“ - „Im Anfang war das Wort…“ 36 Hier verbindet sich der Aspekt der „Offenbarung“ mit jenem der „Schöpfung“: 1. Offenbarung, indem das Wort „sinngebende Anrede“ 37 ist. Durch die Benennung wird etwas bislang außerhalb des Lebenskontextes als nunmehr in der gelebten Welt Seiendes integriert, ihm Bedeutung zugeschrieben, wodurch es erkennbar, verwendbar, vertraut wird; 2. Schöp- fung, indem durch „Gottes machtvolles Wort“ die Welt geschaffen wird, im Leben bzw. im Bewusstsein der Menschen gleichsam „entsteht“. 38 Im Gegensatz zur Praxis des Umgangs mit kodifizierten Wertemustern steht der Prozess des praktischen Verarbeitens und der Umsetzung solcher Muster. Diese unterliegen nämlich auf der Ebene der Identität einem permanenten Prozess der Interpretation und Durchsetzung. Ko- difizierte Normenkataloge dienen somit primär als Metapher, als Symbole, die jedoch über 35 Vgl. Chatwin 1995. 36 Vgl. 1 Buch Mose, 1. 37 Vgl. Rienecker/Maier2003, S. 1731. 38 Ebd. 67 den Rezipienten mit einer Vielfalt von Verhaltens-, Reaktions- und Sanktionsmustern ver- bunden sind. Kein positives Recht kann die Lebensvielfalt exakt einfangen und widerspie- geln. 39 Darum umfasst jedes Wertesystem - auch solche, die auf positivem Recht beruhen - stets auch nicht-kodifizierte oder gar nonverbale Formen von Wertemustern wie das Gewohn- heitsrecht. Diese Wertesysteme unterliegen einem permanenten Prozess der Bestätigung, aber auch der Neuinterpretation und des Wandels, entsprechend dem Wandel der äußeren Gege- benheiten. Die Integration eines neuen Individuums in dieses Wertemuster entspricht einer solchen neuen Situation. Stets bringt ein neues Individuum auch seinen eigenen Erfahrungs- und Wertehorizont mit ein. Dessen Anpassungsprozess ist ja ein permanentes Abtasten der Grenzen, ob etwas noch erlaubt oder bereits verpönt ist. Gleichzeitig erfährt aber auch das jeweilige Bezugssystem derer, die schon lange diesem „Re- ferenzsystem“ angehören, ständige Belastungen. Diese können durch leichte Modifikationen, etwa durch Liberalisierungen, entspannt werden. Wird jedoch das System überlastet, kann das Bezugssystem die Verstöße mit scharfen Reaktionen sanktioniert, die bis zum Ausschluss führen. Denkbar ist aber auch eine Verhärtung des Systems im Sinne einer Radikalisierung der Leitprinzipien. Dies gilt sowohl für Individuen wie auch für soziale Bezugsysteme und es ist die Erklärung für extreme Reaktionen von Individuen aber auch von Gesellschaften. Letzteres zeigt sich insbesondere dann, wenn mehrere Individuen ähnliche krisenhafte Erfahrungen machen, und die bisherigen Wertsysteme - und damit die Identität selbst - in Frage gestellt und somit ge- fährdet wird. Diese instinktive Reaktion lässt sich als eine Art „Sicherheitsmodus“ des indivi- duellen oder sozialen Systems interpretieren. Solche Reaktionen zeigen sich auch bei kleinen Tieren, deren Fluchtweg abgeschnitten ist: Angesichts der wahrgenommenen Gefahr greifen die bewährten Vermeidungsstrategien nicht mehr, weshalb als letzter Ausweg der Angriff als „Flucht nach vorne“ gewählt wird. In Gesellschaften kann es in solchen Situationen der emp- fundenen Bedrohung ebenfalls zu extremen Gegenreaktionen bzw. Radikalisierungen kom- men: ¾ Xenophobie Die Fremdenangst einer Bevölkerung steigt, sobald ein gewisser, variabler Grad der Integrati- onskraft des sozialen Bezugssystems überschritten wurde. ¾ „Aufstand der Bereisten“ 40 Die Bevölkerung einer Tourismusregion reagiert anfänglich mit Euphorie auf die neuen, viel versprechenden Partizipationschancen, doch kann diese positive Haltung in Ablehnung um- schlagen, wenn wiederum die Integrationskraft des Wertesystems dieser Bevölkerung über- fordert wird. 41 ¾ Religiöser Fundamentalismus In diesem Sinne nachvollziehbar ist auch bei arbeitslosen, perspektivelosen jungen Menschen in verarmten urbanen Randzonen oder Auffanglagern der Rückbezug auf die „reine Lehre“ ihres Wertebezugssystems, der schließlich radikalisierte Interpretationen mit Elementen der Gewalttätigkeit hervorbringen und zum neuen „Leitwert“ werden kann. Dabei ist es gleich- sam das „Bewusstsein“ um das Vorenthalten dessen, was das konkurrierende Wertesystem der liberalen Konsum- und Erlebnisgesellschaft als erstrebenswert vorlebt, was zum Gefühl des eigenen Scheiterns führt. Die Restabilisierung des eigenen Bezugssystems kann nur ge- lingen, indem das unerreichbare, die eigene Identität als bedrohend empfundene System in ein 39 Der vergebliche Versuch dies doch zu tun führt zur jährlich wachsenden „Normenflut“ auf allen gesetzgebenden Ebenen. 40 Opaschowski (1995, S. 61) unter Hinweis auf Krippendorf. 41 Vgl. etwa den „Doxey’s Irritex“, dem Index über die zunehmende Irritation der Bereisten bei wachsendem Tourismusauf- kommen (Doxey 1975). 68 negatives umgewertet wird. Im Gegenzug werden solche Werte aufgewertet, die ein Gegen- gewicht zum „bedrohlichen System“ darstellen. Dieser Mechanismus gilt keinesfalls nur für „Islamisten“, sondern für jegliche Form der Radikalisierung; und sie ist gerade auch in den USA sehr verbreitet. 42 Obwohl dieser soziale Mechanismus im Rahmen der Spieltheorie schon lange erkannt worden ist, spielt er für die Strategien zur Deeskalation von radikalisierten sozialen Gruppen leider keine ernsthafte Rolle. Der Grund dafür liegt im analogen kybernetischen Prozess des mächti- geren sozialen Systems: Wer einer terroristischen Bedrohung nachgibt, indem er Verhand- lungsbereitschaft zeigt oder sogar Forderungen anerkennt, signalisiert damit Schwäche und wird - wie oben skizziert - instrumentalisierbar. An diesem Beispiel wird besonders deutlich, dass solche kybernetischen Prozesse keine eindeutigen Entscheidungsmöglichkeiten mehr zulassen. Dies liegt zum einen an der Konkurrenz von widerstreitenden Wertsystemen, zum anderen aber auch an Situationsmustern, für die es erst unzureichende Erfahrungen gibt und insofern noch keine entsprechenden Bewertungs- und Reaktionsmuster ausgebildet werden konnten. 2.3.6 Zugehörigkeit als zentraler Disziplinierungsfaktor Ich habe bereits den Prozess der Etablierung und Akkulturation von spezifischen Wertemustern sozialer Subsysteme angedeutet. Man denke dabei etwa an Berufsethiken. Derartige Systeme entwickeln sich zumeist aus vormals strengen Zugangsregeln, wie sie für mittelalterliche Zünfte gegolten hatten. In jener historischen Epoche deckten sich zumeist berufsspezifische Zugangs- regeln mit jenen für eine bestimmte gesellschaftliche Gruppe. So konnten etwa nur Kinder von Baumeistern die Kunst des Vaters erlernen. Damals wurde aber Wissen als Geheimwissen be- trachtet, mit dem Besonderes bewirkt werden konnte; 43 deshalb war es mit besonderer Verant- wortung verbunden. 44 So vollzog sich der Prozess der Schulung parallel zum Prozess der Ak- kulturation von Werten im Zuge eines jahrelangen Anpassungs- und Schulungsverlaufs. Jene, die sowohl Techniken als auch Berufsethos in vorbildlicher Weise annahmen, konnten im Ver- lauf ihres Lebens bis an die Spitze einer solchen Bezugsgruppe gelangen. Verstieß hingegen ein Standesmitglied in gravierender Weise gegen diese Regeln, konnte er mit Verbannung sanktio- niert werden. Der drohende Verlust der Zugehörigkeit zu einem Wertekontext ist insofern eine der wichtigsten Disziplinierungsmaßnahmen. Umgekehrt verliert dieses Disziplinierungsinstrument dort seine Wirkung, wo auch die Zuge- hörigkeit zu einem Bezugssystem an Bedeutung verliert, weil sich einem Individuum oder einer Gruppe alternative Bezugschancen eröffnen. In diesem Sinn ist auch das Instrument der Exkommunikation der Kirche zu verstehen. Der gesellschaftliche Erfolg der Kirche lag früher in der Vermittlung eines gemeinsamen Werte- kontextes, vor dem „alle Menschen gleich“ waren. Auch in organisatorischer Hinsicht wurde 42 Vgl. Bielefeldt/Heitmeyer 1998. 43 Bei den Bauzünften führte diese Verbindung zu einer Mythisierung durch Außenstehende, was sich in den Verschwörungs- theorien um den „Geheimbund“ der Freimaurer widerspiegelt. 44 Dies gilt in gewissen prämodernen Gesellschaften auch heute noch (vgl. Obrecht 2003). Darin liegt auch der Grund, wa- rum gewisse Funktionen - wie die von Priestern - nach geschlechtlichen Kriterien besetzt wurden. Erst mit der Säkularisie- rung und der einhergehenden Entfaltung der Wissenschaften (und letztlich auch der Öffnung der Universitäten für Frauen) wurde Wissen zunehmend „demokratisiert“, mit der Folge, dass es auch von der ursprünglich damit verbundenen Verantwor- tung getrennt wurde. Residuen dieser einstigen Verbindung von Wissen und Moral spiegelt sich nur noch in den Eidesfor- meln wider, die im Zuge von akademischen Festakten von den frisch ernannten Akademikern feierlich wiederholt werden. 69 dieses Prinzip umgesetzt, da die kirchlichen Strukturen im Gegensatz zu sonstigen beruflichen und gesellschaftlichen Bezugsgruppen grundsätzlich offen waren für alle Christenmenschen. Dadurch wurde auch den Angehörigen sozialer Randgruppen eine soziale Aufstiegsmöglich- keit eröffnet. 45 Die Exkommunikation hingegen war gleichbedeutend mit dem Verlust jegli- chen Lebenssinns nach innen und dem Verlust jeglichen Schutzes nach außen: Der Exkom- munizierte war gleichsam „vogelfrei“. Aus diesem Grund sah sich auch Heinrich IV. bemüßigt, nach seiner Exkommunikation durch Papst Gregor VII. im Jahr 1077 nach Rom zu pilgern und in Canossa um die Wiederaufnahme in die Gemeinschaft der Christenheit zu flehen. Heinrich IV. hatte sich im Machtkampf mit dem Papst zu weit über die Grenzen des damals „Zulässigen“ gewagt, indem er 1076 den Papst abgesetzt hatte. Die Exkommunikation wurde jedoch innerhalb des herrschenden Wert- systems um Heinrich IV. solange von seinen Fürsten ignoriert, solange sie durch den Kaiser Vorteile hatten. Nachdem dies nicht mehr der Fall zu sein schien, war der Kaiser in seiner Position bedroht, er war somit gezwungen, in Canossa um seine Wiederaufnahme in die Christenheit und damit um seine Legitimität als König zu bitten. 46 Dieser Machtkampf ist ein schönes Beispiel für das Ringen um „moralische“ Definitions- kompetenz. Ein ähnlicher Machtkampf, der im 16. Jahrhundert stattfand, nahm infolge verän- derter Rahmenbedingungen hingegen einen anderen Ausgang: Heinrich VIII. von England hatte den Papst im Jahr 1534 um die Auflösung seiner Ehe ersucht. Als ihm dies verweigert wurde, gründete er kurzerhand die anglikanische Landeskirche und ernannte sich selbst zu deren Oberhaupt. Dieser politische Drahtseilakt gelang im Falle Heinrichs VIII., weil fast ein halbes Jahrtausend nach dem Scheitern seines deutschen Kollegen die Bande zwischen Eng- land und Rom weit gelockerter war und die Kirche ihre wesentliche Macht zur Definition des herrschenden Bezugssystems und damit die Sanktionsgewalt in vielerlei Hinsicht eingebüßt hatte. Die Ausbildung von moralischen Subsystemen wurde dadurch möglich. Auch die Tuareg liefern ein gutes Beispiel für die Funktionalität der Zugehörigkeit als Diszip- linierungsmaßnahme. In manchen Tuareg-Gesellschaften galt Diebstahl als einer der schwers- ten Verstöße gegen das moralische Bezugssystem. Diese hohe negative Bewertung solchen Verhaltens ist (kybernetisch betrachtet notwendigerweise) Ausdruck der sozioökonomischen Gegebenheiten von Nomaden, die ihre Kamele oft über lange Zeit unbeaufsichtigt auf den Weiden belassen. Darum war das Vertrauen auf den Respekt vor Privateigentum in dieser Gesellschaft für das Überleben konstitutiv. Wurde jemand beim Diebstahl ertappt, so verlor er seine Ehre und damit die Voraussetzung für seine gesellschaftliche Anerkennung. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als seine soziale Bezugsgruppe zu verlassen und ins Exil zu ge- hen. 47 Wie dieser Zugehörigkeitsfaktor auch unter solchen Wertsystemen als stabilisierender Faktor wirkt, beschreibt Trotzki in seiner „Verratenen Revolution“ 48 am Beispiel des stalinistischen Systems: Trotz oder gerade wegen des Terrors, der in unberechenbarer Weise praktisch jedes Mitglied des Sowjetreichs treffen konnte, passten sich die Mitglieder des bürokratischen Ap- parates dem System völlig an. Trotzki erklärte dies mit der Überzeugung der Beamten, dass sie dem Feld der potenziell Betroffenen des Terrorregimes entgehen würden, wenn sie durch 45 . In der Praxis war freilich auch dieses System instrumentalisierbar für mächtige soziale Gruppen, wodurch der Zugang für soziale Randgruppen de facto beträchtlich erschwert oder zumindest auf weniger Karriere versprechende Posten reduziert war. 46 Der Konflikt hatte eigentlich 1059 begonnen, als anlässlich des neuen Papstwahldekretes die Laieninvestitur grundsätzlich verboten wurde (Folge der cluniazensischen Reform in Burgund). Damit griff die Kurie und der Papst in uralte, kaiserliche Rechte ein. Die Papstkirche, bisher unter dem Schutz des Kaisers, konnte es sich leisten, eine gegen den Kaiser gerichtete Politik zu machen. So stellten schließlich Kaiser und Papst die Frage, wer von ihnen der Erste sein sollte. Letztlich geht die Führung Europas auf den Papst über (ich danke meinem Vater, dem Historiker Prof. Günther Friedl, für diese Hinweise). 47 Vgl. Bourgeot 1995. 48 Vgl. Trotzki 1997. 70 völlige Unterwerfung und Anpassung an das System die Stufen der sowjetischen Politkarriere hochklettern könnten. Denn sobald sie „oben“ wären, wären sie auf der anderen Seite der Macht und damit gerettet. Interessant bei dieser Darstellung ist die Tatsache, dass ein Leben außerhalb des Einflussbereichs des Sowjetregimes gleichsam unvorstellbar war. Dass es fak- tisch auch unmöglich war, erlebte Trotzki schließlich am eigenen Leib, da er, im Machtkampf mit Stalin unterlegen, wahrscheinlich von dessen Häschern in Mexiko ermordet wurde. Ein weiteres Beispiel solcher „Disziplinierungsprozesse“ liefert Pierre Bourdieu in seiner „Soziologie Algeriens“ 49, in der er die Gesellschaft der Kabylen beschreibt. Diese Gesell- schaft würden wir vor dem Hintergrund unseres Wertehorizonts keineswegs als terroristisch, eher noch als frauenfeindlich bezeichnen. Dennoch wird auffallen, dass die Sozialisierungs- mechanismen ähnlich funktionieren wie im Stalinismus: Bei den Kabylen steht ein junges Mädchen im Ansehen auf der untersten sozialen Stufe. Sie ist verpflichtet, die niedrigsten Arbeiten zu verrichten und darf dafür nicht einmal Anerkennung erwarten. Was sie aber er- warten darf, ist ihr gleichsam automatischer, altersbedingter Aufstieg vom „Niemand“ zum weiblichen Familienoberhaupt, das bei den Kabylen innerhalb eines Clans über bedeutend mehr Hausmacht verfügt als ein Mann. Bei den Kabylen und auch bei vielen anderen prämo- dernen Kulturen ist somit Gleichheit nicht mit dem Faktum des Menschseins an sich verbun- den. Vielmehr hängen Rechte mit dem jeweiligen Status zusammen, der durch Herkunft, Al- ter, Rituale, besondere Fähigkeiten, und nur bedingt durch bestimmte Erfolge erreichbar ist. Wichtiger ist die enge Verbindung zwischen Status und Pflichten: eine bestimmte Position zuerkannt zu bekommen, bedeutet, ein ganz bestimmtes Set von Regeln internalisiert zu ha- ben und gleichsam selbst auch als Hüter dieser Regeln aufzutreten. 2.3.7 Zugehörigkeit als Geltungskriterium? Für die eben genannten Beispiele lässt sich festhalten, dass die Geltung von Werten bzw. von Wertemustern grundlegend mit der Definierbarkeit einer sozialen Bezugsgruppe sowie mit der Zugehörigkeit zu dieser Gruppe verbunden war und, wie ich noch darstellen werde, ist. Im Gegensatz dazu beruht die (behauptete) universelle Geltung der westlichen Konzeption der allgemeinen Menschen- und Bürgerrechte auf einer abstrakten Fiktion. Gemäß dieser Fiktion wurden diese Rechte zwar per Verlautbahrung durch die UNO verkündet, von fast allen Staa- ten ratifiziert und von vielen Staaten, insbesondere von Staaten des christlich-westlichen Kul- turkreises, auch in Form von Gesetzen umgesetzt und vielleicht sogar gelebt. In diesen Staa- ten aber stützt sich die Geltung solcher Gesetze, die tatsächlich den Geist der allgemeinen Menschen- und Bürgerrechte widerspiegeln, bereits auf eine mehr oder minder existierende soziale Praxis. Die sog. universellen Menschen- und Bürgerrechte sind ja nichts anderes als das Kondensat dessen, was in der westlichen Kultur der Aufklärung entwickelt wurde. Dahin- ter steht jedoch ein ganzes Konvolut von historischen Prozessen des sozialen Kampfes und insofern der Konkurrenz unterschiedlicher Wertevorstellungen. Daraus hatte sich schließlich ein Modell entwickelt, das in effizienter Weise zur Lösung der Konflikte, wie sie für das westliche System typisch waren, beitrug: moderne Demokratie nach westlichem Muster, je- doch in unterschiedlichen Ausprägungen, entsprechend dem jeweils historisch gewachsenen politischen und sozialen System. 49 Vgl. Bourdieu 2001. 71 Anders zeigt sich die Geltung der universellen Menschenrechte in der Praxis im globalen Kontext, wo sie zuweilen keine Rolle spielen. Den von den USA des Terrors und der al- Qaida-Mitgliedschaft Verdächtigten, die auf dem US-Stützpunkt Guantanamo Bay festgehal- ten werden, wird keinerlei Anspruch auf solche Grundrechte eingeräumt. 50 Nur im Fall jener, hinter denen eine politische Macht und ein funktionierendes Rechtssystem steht, wie im Fall einiger weniger Häftlinge mit britischer oder US-Staatsbürgerschaft, wurden die Entschei- dungen der Höchstgerichte zugunsten des Anspruchs der Betroffenen auf ein faires Gerichts- verfahren von der US-Regierung anerkannt. Die Liste der Beispiele, in denen sogar eine millionenfache Zahl an Menschen um ihre angeb- lich geltenden Rechte von jenen betrogen werden, die sie am lautesten einfordern, ließe sich endlos fortsetzen: Im Fall des Terrors Indonesiens gegenüber Osttimor enthielten sich die USA und Australien, aber auch die meisten westlichen Staaten des Protests. Gleiches gilt auch für die Westsahara, für Zaire, Nigeria etc. 51 Alle diese Fälle legen die Vermutung nahe, dass die Geltung von Werten stets auch mit deren Anerkennung und deren Durchsetzbarkeit zusammenhängt. Was bedeutet also universelle Geltung? Unter Völkerrechtlern und Philosophen gehört es zum Common Sense, dass die Menschenrechte universell gelten würden, und dies, obwohl so vie- len Menschen eben diese Rechte vorenthalten werden, und noch viel mehr Menschen um die Existenz dieser Rechte gar nichts wissen. 52Innerhalb des völkerrechtlichen Diskurses ist aller- dings auch der Glaube verbreitet, dass die Geltung der Menschenrechte auf dem „Naturrecht“ beruhe. 53 Vor dem Hintergrund des bisher zu den Grundlagen der Kybernetik Dargelegten lässt sich unter folgenden Gesichtspunkten von einer „universellen Geltung der Menschenrechte“ aus- gehen: Für die Bezugsgruppe der Völkerrechtler und Philosophen gelten die Menschenrechte tatsächlich universell. Sie meinen es ehrlich, und sie sind von ganzem Herzen von dieser Gel- tung überzeugt, und niemand von ihnen käme ernsthaft auf die Idee, diese Geltung anzuzwei- feln. Dadurch erhält diese Idee insofern „universelle Geltung“, als diese Geltung das Univer- sum all jener umfasst, die mit der Idee der Menschenrechte etwas anfangen können. Dazu lassen sich wohl auch all jene zählen, die in der Denkkultur der westlichen Aufklärung und des „Forschritts“ stehen und somit von der Befreiung und Humanisierung der Menschheit durch die Verbreitung und Durchsetzung dieser Rechte nach wie vor überzeugt sind. 54 Wir können auch davon ausgehen, dass dieser kommunikative Horizont sich weiter ausbreitet. Dafür wesentlich mitverantwortlich ist die sich rasch beschleunigende Globalisierung des Waren- und Dienstleistungsverkehrs, der Technologie, der Kommunikation, insbesondere der 50 Ein US-Rechtsgutachten, bei dessen Erstellung der künftige US-Justizminister Alberto Gonzales federführend beteiligt gewesen sein soll, vertritt die Rechtsansicht, dass die Anwendung der Genfer Kriegskonvention auf al-Quaida-Kämpfer ausgeschlossen und harte Verhörmethoden für diese als „feindliche Kämpfer“ eingestuften Kombattanten erlaubt seien. Im Laufe des Jahres 2004 waren Fotos und Berichte über die Anwendung „folterähnlicher Methoden“ an irakischen Kriegsge- fangenen (bekannt wurde insb. der Fall der Soldatin Lynndie England, die auf Fotos lächelnd vor nackten, gedemütigten irakischen Gefangenen posierte) als auch an Gefangenen in Guantanamo Bay auf Kuba und in Afghanistan an die Öffentlich- keit gekommen und hatten die US-Regierung schwer unter Druck gesetzt (vgl. Rief 2005, S. 4). 51 Die katastrophale soziale Lage eines Großteils der Menschheit, die nicht zuletzt infolge struktureller, vom Westen wesent- lich determinierter Strukturen verarmen und darum von vornherein von der Partizipation an solchen Rechten ausgeschlossen sind, will ich gar nicht mit einbeziehen. Angesichts dieser, seit den 50er-Jahren zunehmend dramatischeren Situation erachte ich es geradezu als zynische Verhöhnung, von menschlichem Fortschritt zu sprechen (Näheres zur Entwicklungsproblematik siehe Kap. 3). 52 Angesichts der Ergebnisse der Pisa-II-Studie, die Ende 2004 die österreichische Bildungsdiskussion so erschüttert hatte, ist davon auszugehen, dass auch eine nicht unbeträchtliche Zahl österreichischer Schüler mit dem Begriff „universell geltende Menschen- und Bürgerrechte“ nichts anzufangen wissen, von den Millionen Kindern in der Dritten Welt ganz zu schweigen. 53 Im Jahr 1993 behauptete der Grazer Völkerrechtler Hubert Isak im Zuge einer Vorlesung über Menschenrechte deren universelle Geltung aufgrund deren Ableitung aus dem Naturrecht. Meine diesbezüglichen Einwände, die ich öffentlich vortrug, konnte Isak zwar nicht entkräften, wich aber dennoch nicht von seiner Meinung ab. 54 … entgegen allen jährlichen Berichten der UNO über die weltweit zunehmende Armut, das katastrophale Ausmaß und die zunehmende Bedeutung des Frauen- und Kinderhandels, von De-facto-Sklavenarbeit etc. 72 Massenmedien und der westlichen Produkte. All diese Elemente transportieren die mit ihnen verbundenen Symbole und Botschaften des Westens, jene von einer besseren, freieren, demo- kratischeren, gesünderen und gerechteren Welt. Was hier beobachtet werden kann ist ein ähn- licher Missionierungsprozess, wie er bereits im Zuge der Kolonialisierung in den vergangenen Jahrhunderten stattgefunden hatte. Der Unterschied beruht lediglich in der nunmehr säkulari- sierten Heilsbotschaft. Die Transzendenz des Glaubens an die Erlösung im Jenseits wurde substituiert durch die Erlösung von den irdischen Problemen durch westliche Technologie, westliche Konsumprodukte und die damit verbundenen westlichen individuellen Werte wie Sinnesbefriedigung, aber auch durch westliche politische Werte. Insbesondere der Grundwert des Individualismus, der der wesentliche Angelpunkt der universellen Menschenrechte ist und sich aus der jüdisch-christlichen, monotheistischen Weltanschauung entwickelt hat, steht im völligen Gegensatz zu den Strukturen der meisten nicht-westlichen Gesellschaften. Hier steht vielmehr das Überleben der Sippe im Vordergrund, weil unter den Gegebenheiten harscher Lebensbedingungen und widriger natürlicher Gegebenheiten der organisierte „Kampf gegen die Natur“ erfolgreicher ist als der Alleingang. Vor diesem Hintergrund kann man zumindest vom Versuch der Universalisierung im Sinne einer zunehmenden globalen Verbreitung der Menschenrechtsidee sprechen. Mit „Geltung“ hat dies aber nichts zu tun! Auch darf man nicht übersehen, dass die Menschenrechte auf höchst unterschiedliche Weise interpretiert und umgesetzt werden, jeweils im Kontext des jeweiligen kulturellen Umfeldes. In Skandinavien werden auch wirtschaftliche Rechte zu den Menschen- rechten gezählt, in ehemaligen kommunistischen Ländern werden darunter eher bürgerliche und politische Rechte verstanden, die Afrikanische Charta der Menschenrechte wiederum basiert auf einem gemeinschaftsorientierten Ideal in Abkehr vom westlichen Individualismus. Mit anderen Worten: Die Idee der Menschenrechte, die ja an sich wichtig und in wesentlichen Belangen richtig ist, wirkt als ein Input auf die jeweilige Kultur, die die Menschenrechte nun- mehr in ihren Wertehorizont integriert und gegebenenfalls uminterpretiert. Dadurch werden diese Rechte aber auch lebbar. Damit stellt sich aber die Frage, ob eine Idee, die aus einem kulturellen Kontext in einen anderen durch Transformation übernommen wird, noch dieselbe Idee ist. Sollte man aber davon ausgehen können, dass Begriffe im Sinne Wittgensteins erst im konkreten Lebenskontext Bedeutung erhalten, und dass die unterschiedlichen Flecken der Erde auch unterschiedliche Lebenskontexte bzw. Kulturen aufweisen, so folgt daraus, dass von einer universell identen Bedeutung - und insofern Geltung der Menschenrechte wie auch anderer Ideen nicht gesprochen werden kann. Dies zeigt sich besonders deutlich am Beispiel der Tuareg-Nomaden, von denen mancher noch nie von seinen angeblich bestehenden allgemeinen Menschen- und Bürgerrechten gehört hat. Wollte ich sie ihm verkünden und erklären, so müsste ich mich seiner Sprache bedienen, seiner Bedeutungskontexte, um „Verständnis“ bewirken zu können. 55 Stieße nun ein Tuareg- Nomade auf einen Angehörigen der nationalen Sicherheitsbehörden, der ihn bedroht, so wird sich der Nomade kaum mit Erfolg gegen diese ungerechte Behandlung durch die Einfor- derung seiner Menschenrechte wehren können. Vielmehr würde er sich eines Verhaltens be- dienen, mit dem er entsprechend seiner Erfahrung mehr Erfolg hätte. Er würde sich wahr- scheinlich unterwürfig zeigen und an das Ehrgefühl des Überlegenen appellieren. Er würde sich somit der Werte bedienen, die innerhalb des spezifischen Bezugrahmens des Militäran- gehörigen und des Tuareg-Nomaden, also zweier Angehörigen von an sich weitgehend unter- schiedlichen Wertsystemen, einen gleichen gemeinsamen Nenner aufweisen, um zu funktio- nieren: um eine Chance auf Anerkennung und Durchsetzung zu haben. 55 Zum Zusammenhang zwischen Kultur, Sprache, Werte und Geltung siehe Kap. 22. 73 2.3.8 Ethischer Relativismus als Scheinproblem Die Anhänger traditioneller ethischer Denkrichtungen könnten nun argumentieren, dass es sich bei meinen Einwänden, die verschiedenen moralischen Bezugssysteme würden keinen Raum für das Prinzip einer universellen Moralität übrig lassen, nur um ein Scheinproblem handle. Wahrscheinlich würden sie diesen Einwand sogar mit dem Vorwurf des Relativismus brandmarken. So schreibt etwa Annemarie Piper: „Dieser Einwand trifft nur das variable inhaltliche Moment an der Moral (...) übersieht aber, dass sich in echten moralischen Geltungsansprüchen auch ein invariables Formmoment mit zum Ausdruck bringt (z.B. nach dem Prinzip zu leben, immer und überall unbedingt gut zu handeln), das in keiner speziellen Moral aufgeht, sondern als Prinzip der Moralität jedweder Objektivation von Freiheit zugrunde liegt. Da menschliches Miteinander ein nie abschließba- rer Prozess ist, der nur utopisch oder ideologisch als unüberbietbarer, statischer Letztzustand gedacht werden kann, ist die das Miteinander regelnde Moral auch gleichsam immer unter- wegs, wobei Moralität, das Freiheitsprinzip, der treibende Motor ist, zu immer besseren und menschenwürdigeren Normen zu gelangen.” 56 Im Kontext des Wertehorizonts der Aufklärung und somit der Vorstellung eines geistigen und humanitären Fortschritts hat Pieper freilich Recht. Pieper erlaubt sich den argumentativen Trick, ihr westliches bzw. Kant’sches Menschenbild von einem Wesen, das nach Autonomie im Sinne einer selbst auferlegten Beschränkung strebt, als gültig vorauszusetzen. Damit unter- stellt sie auch die universelle Geltung der praktischen Vernunft. Dass aber praktische Ver- nunft im Sinne Kants eine Kultur-unabhängige Kompetenz ist, gilt als höchst umstritten. 57 Das größte Problem an der Pieper’schen Argumentation ist aber die Unterstellung eines Fort- schritts zum Besseren. Dies würde bedeuten, dass alle Kulturen vor uns moralische Versager gewesen seien. In einigen Hundert Jahren, sollten wir anthropogenen Klimawandel, armuts- bedingten Terror, Nuklear- und andere ökologische Katastrophen überleben, müssten wir dies auch von uns sagen. Pieper übernimmt hier völlig unreflektiert die „großen Erzählungen“58 von Adam Smith und Immanuel Kant mit ihren Visionen vom „Wohlstand der Nationen“ 59, dem „ewigen Frieden“ 60, der Freiheit, Demokratie, … unter völliger Ausblendung gegebener Rahmenbedingungen. Wir leben aber heute in einer völlig anderen Welt als vor 200 Jahren - nämlich in dem Sinne, als Wissenschaft und zum Teil auch die Philosophie völlig neue Be- trachtungsweisen von der Welt entwickelt haben. Wir verstehen heute unsere Einbettung in die Umwelt völlig anders als vor 200 Jahren, wo noch als höchstes Ziel der Menschheit galt, uns die Erde Untertan zu machen. Analog zu meiner Argumentation zur Geltung der Menschenrechte ist auch Pieper zwar darin Recht zu geben, dass sich ein Relativismusproblem tatsächlich nicht stellt. Nach dem kyber- netischen Verständnis von Kommunikation und insofern auch von der Entstehung und Gel- tung von Werten ist diese Sichtweise von Pieper letztlich nur ihre Sichtweise vor dem Hinter- grund ihres Werte- und Forschungshorizonts, der in der traditionellen ethischen Tradition und den traditionellen „großen Erzählungen“ fußt. Insofern gilt das von ihr behauptete Prinzip der Moralität universell im Sinne ihres Wertehorizonts. Weil diese Argumentation der philoso- phischen Tradition entspricht, werden ihr die Meisten „im Prinzip“ zustimmen. 56 Pieper 1994, S. 49. 57 Diese Frage wird umfassend in Kap. 22 am Beispiel der Tuareg diskutiert. 58 Vgl. dazu Jean-Francois Lyotards (1984) Konzept vom Ende der „großen Erzählungen“. 59 Vgl. Adam Smith 1993. 60 Vgl. Immanuel Kant 1985. 74 Zuzustimmen ist ihr außerdem auch aufgrund des hohen Abstraktionsgrades dieses Prinzips, wobei Pieper hier den Taschenspielertrick von Kant wiederholt. Die große Schwäche der Kant’schen Ethik liegt ja in der Unbrauchbarkeit ihres inhaltsleeren Prinzips, nachdem das pragmatische Interesse durch die abstrakte Rekonstruktion der praktischen Vernunft sub- stituiert wurde. Auf der Suche nach einem ethischen Prinzip hatte Kant alle kontextuellen Faktoren ausschließen müssen. Dieser Regress auf die abstrakte Kategorie des Willens war sein Preis für die Universalität seines Prinzips 61, das demgegenüber John Lock mit seinem Regress auf das Naturrecht zu erkaufen versucht hatte. 62 Weicht man hingegen von diesem abstrakten Prinzip ab, und betrachtet die Prozesse der Ent- stehung von Wertmustern als kommunikative, kybernetische Prozesse, so löst sich unweiger- lich das Problem des Relativismus auf. Denn würde Annemarie Pieper zu Tuareg-Nomaden in den Niger reisen und dort ihre Ideen in für Nomaden verständliche Sprache zu übersetzen versuchen, so würde dadurch im Wertessystem der lauschenden Tuareg-Nomaden unweiger- lich ein kybernetischer Prozess ausgelöst werden. Sie würden das Vorgetragene auf seine Kompatibilität prüfen und manches davon übernehmen, was im Lebenskontext der Menschen sinnvoll oder sogar bereichernd wäre. Was jedoch unverständlich bliebe, könnte auch nicht angenommen werden. Die kybernetische Vorstellung von der Entstehung von Wertesystemen steht somit weder in einem Widerspruch zum Problem des Relativismus, noch fällt es unter diese Problemkate- gorie. Es ist eine paradigmatisch andere Sichtweise, bei der es nur situative Grenzen aufgrund von unterbrochenen Kommunikationsbrücken gibt. Vielleicht noch anschaulicher als das fiktive Beispiel eines Besuchs der Tuareg-Nomaden durch Annemarie Pieper ist der Vergleich zweier extrem konträrer real existierender Lebens- welten: einerseits jene von Nomaden, andererseits jene von Web-Surfern. Eine Web-Ethik wird sich in Reaktion auf völlig andere Kommunikationsmöglichkeiten entwickeln, als sie für Nomaden in der Sahara gelten. Dies betrifft etwa den Umgang mit Personen, die ja im Fall des Internets lediglich „virtuell“ in Erscheinung treten, im Fall der Nomaden hingegen real. Web-Surfer und Sahara-Nomaden leben zumeist in zwei völlig getrennten Welten, die nichts miteinander gemein haben - außer allfällige zufällige Ähnlichkeiten. Die Frage gemeinsamer Werte stellt sich erst in dem Augenblick, wenn der Nomade in Agadez im Internet zu surfen beginnt, oder umgekehrt, der „Surfer“ einen Urlaubsabstecher in die Wüste macht und ver- sucht, mit einem Nomaden zu kommunizieren. Gelingt es nun im ersten Fall dem Nomaden im Cyberspace nicht, sich an die dortige „Ethik im Netz“ 63 anzupassen, so wird er ohne Ant- wort bleiben und in der „Cyber-Wüste“ verdursten. Beharrt wiederum der urlaubende Web- Surfer in der Wüste auf seinen Wertehorizont und verzichtet darauf, die hier geltenden Regeln zu erlernen, so wird er im Extremfall „real“ verdursten. 64 Im Sinne der Kybernetik gibt es insofern auch keine „besseren“ oder „schlechteren“ Normen, sondern nur solche, die den sich ständig verändernden Bedingungen der Außenwelt - in Ges- talt der Mitmenschen, der Umwelt etc. - gerecht werden. Wandel aber ist ein zentrales Ele- ment von Leben. Kinder werden erwachsen und durchlaufen darum einen permanenten Zwang zur Veränderung ihres Wertesystems. Sie schlüpfen in neue Rollen, müssen neue An- sprüche erfüllen, werden wandelnden Einflüssen ausgesetzt, entwickeln neue Bedürfnisse, müssen alte Selbstverständnisse aufgeben. 61 Vgl. Kant 1977, S. 26. 62 Vgl. Locke 1980. 63 Capurro 2003. 64 Vgl. dazu das reale Beispiel einer Berlinerin, die in einem kleinen Tuareg-Dorf den Kauf eines kleinen Gegenstandes - entgegen meiner Warnung - mit einem großen Geldschein bezahlen wollte und vergeblich auf ihr „Recht“ auf Wechselgeld mit dem Argument pochte, in Österreich könne sie auch überall mit großen Geldscheinen zahlen. Sie „löste“ für sich das Problem, indem sie den Gegendstand ganz einfach entwendete (siehe Kap. 21.4.4.2). 75 Konsequenterweise ist aber auch dem Münchner Soziologen Ulrich Beck zu widersprechen, wenn er für eine Popper’sche Interpretation der Menschenrechte argumentiert, wenn er von einem „Wettbewerb der Kulturen, Völker, Staaten und Religionen um die für die Menschen hilfreichste [kursiv im Original, Anm. d. Verf.] Konzeption von Menschenrechten“ 65 spricht. Es geht eben nicht um Wettbewerb, sondern um eine Form von Anpassung mit dem Ziel, das jeweilige System zu stabilisieren. Das Elend der Entwicklungshilfe - und zuvor schon der Kolonialisierung - beruht ja gerade darauf, dass völlig inkompatible Wertstrukturen den Ge- sellschaften aufoktroyiert und dadurch die bislang funktionierenden gesellschaftlichen Funk- tionsprozesse ruiniert wurden. Eine kybernetische Zugangsweise dient aber keineswegs einem falsch verstandenen Relati- vismus im Sinne des Jahrzehntelang praktizierten Prinzips der Nicht-Einmischung in innere Angelegenheiten von Nationalstaaten. Denn unter dem Vorwand des Souveränitätsprinzips durfte so manches Regime mit der Bevölkerung anstellen, was es für „richtig“ hielt, auch wenn dies nach unseren Vorstellungen Verbrechen waren. Die Unhaltbarkeit dieser Position resultiert aus der Tatsache, dass unter den Rahmenbedingungen der globalen Ära eine Nicht- einmischung schlicht unmöglich geworden ist. In diesem Sinne ist Beck wiederum zuzustim- men, wonach es keine getrennten Welten gibt. Diese Staaten stehen in engem ökonomischen, politischen, kulturellen und ökologischen Austausch mit ihrer Umwelt und entwickeln darum notwendigerweise Wertemuster, die mit den unseren durchaus kompatibel sind. Und eben daraus resultieren Verpflichtungen, etwa die Einhaltung der Menschenrechte, die anerkannt wurden, oder die Erfüllung von internationalen Umweltverträgen. 2.4 Ethischer Orientierungsbedarf in der Postmoderne Bis zu diesem Punkt mag es mir hoffentlich gelungen sein, die kybernetische Zugangsweise in ihren Grundzügen zu skizzieren. Doch wurden bisher fast überwiegend nur solche Beispie- le gebracht, deren Charakteristik in der Überschaubarkeit sozialer Kontakte lag. Diese Situati- on ist aber in der Postmoderne dem Anschein nach kaum mehr gegeben. Zumindest entsteht dieser Eindruck vor dem Hintergrund philosophischer Analysen wie jene von Lyotard, der vom Ende der „großen Erzählungen“ und insofern von der Auflösung des Leitprinzips der Aufklärung als Motor des geistigen, kulturellen und ökonomischen Fortschritts spricht. 66 Mag auch Gianno Vattimo dieser Sichtweise widersprechen, indem er auch Lyotards Darstellung letztlich nur als Substitution früherer „großer Erzählungen“ entlarvt, so bleibt doch das Resul- tat eines Orientierungsvakuums. Statt allumfassender Werte, Ideologien und Weltbilder auf- zuweisen, zerfällt die Wirklichkeit der Postmoderne scheinbar in eine unüberschaubare Viel- fältigkeit. 67 Daran beteiligt ist der Bedeutungsverlust der traditionellen Sozialisierungs- und Diszi- plinierungsinstitutionen, der Familie, der Kirche und der Schule. Durch die zunehmende, nicht unwesentlich systembedingte Ausrichtung der Bürger auf ihre individuellen Interessen, auf ihre persönliche Lebensgestaltung, die zunehmend unabhängig von klassischen sozialen Kontroll- mechanismen wie Familie, Kirche, Schule und Staat erfolgt, verlieren diese Institutionen und verliert damit auch die Gemeinschaft an sich an sozialisierender Kraft. Diese ursprünglich wich- tigsten Instanzen der Wertevermittlung sind heute zunehmend marginalisiert. Der tägliche 65 Vgl. Beck 1997, S. 148. 66 Vgl. Lyotard 1984. 67 Vgl. Vattimo 2002, S. 103 f. 76 Schulunterricht wird zunehmend zu einem Überlebenskampf der Lehrer gegen institutionelle Defizite und Überforderungen sowie gegen die Konfrontation mit der scheinbaren Beliebigkeit der Werte einer Freizeitgesellschaft. In der Folge verliert der Unterricht neuerlich an Qualität - und damit an Prägungskraft. Demgegenüber gewinnen die omnipräsenten Medien und sonstige Ablenkungen an prägender Bedeutung. 68 Damit wird die „Last“ der Eruierung dessen, was wahr, wert und richtig sei, unmittelbar dem Individuum aufgebürdet. Der Einzelne ist mehr und mehr auf sich selbst gestellt: Die Famili- en zerfallen, Lebensberufe finden sich kaum mehr. Immer häufiger müssen Jobs angenommen werden, deren Ausübung einen Ortswechsel voraussetzen. Der Mensch wird dadurch aus sei- nem sozialen Zusammenhang gerissen. Viele Ehen gehen infolge dieser erzwungenen berufli- chen Mobilität zugrunde. Wesentlich für diese Entwicklung ist die Erweiterung unseres potenziellen Horizonts in Ges- talt der Vervielfältigung von Lebensoptionen und Erlebensoptionen. Im Gegensatz zu traditi- onellen Gesellschaften, in denen die Rollen schicksalhaft festgelegt waren, wird der postmo- derne Mensch von der Last der Entscheidung bedrückt, wie er sein Leben gestalten soll. Die globale Verfügbarkeit unterschiedlicher kultureller Kontexte, die durch Tourismus und Mig- ration weitgehend frei wählbar sind, tragen wesentlich zu dieser existenziellen Befindlichkeit bei. Denn durch die Internationalisierung des Handels und der Kommunikation werden zwar westliche Wertvorstellungen exportiert, doch gleichzeitig dringen zunehmend auch außereu- ropäische Wertorientierungen in unsere Geisteswelt ein und beeinflussen so die Grundlagen dessen, was wir für wert und richtig halten. Hinzu kommt auch die Explosion des durch Wis- senschaft generierten und durch elektronische Medien verfügbar gemachten Wissens über die Welt. Vor diesem Hintergrund der Auflösung traditioneller Werte, mit eingeschlossen jener der So- lidarität, sucht das säkularisierte und auf materielle Werte zurückgeworfene Individuum nach alternativen Werten, deren Angelpunkt das „Erlebnis“ 69 darstellt. Eine Gesellschaft, deren meinungsbildende Schichten keinen materiellen Mangel und insofern keine „echte“ Bedro- hung der Existenz kennen, strebt nach der Erfüllung von Selbstverwirklichungsbedürfnissen. Weil aber die traditionellen Kategorien wie z. B. „ein christliches Leben zu führen“ oder „sich für das Jenseits vorzubereiten“, in unseren Breiten weitgehend an Bedeutung verloren haben, sucht die saturierte, westliche Gesellschaft ihr Heil in der Erlebnismaximierung. Freilich könnte man diese Skizze der gesellschaftlichen Entwicklung noch viel stärker diffe- renzieren, doch genügt diese Unterscheidung für meine Zwecke. Festzuhalten bleibt der Trend zu wachsenden Orientierungsproblemen in einem an Differenzierung zunehmenden Kontext. Auf der Suche nach Kriterien für das richtige Handeln wird der Mensch zunehmend fassungs- los. Wie soll man angesichts solcher scheinbarer Werteindifferenzen herausfinden, wie in hoch differenzierten Situationen richtig zu handeln sei? Darauf eine Antwort zu geben ist die zentrale Aufgabe der Ethik: „Dort wo überkommene Lebensweisen und Institutionen ihre selbstverständliche Geltung verlieren, sucht die philosophische Ethik, von der Idee eines sinnvollen menschlichen Lebens geleitet, auf methodischem Weg und ohne letzte Berufung auf politische und religiöse Autoritäten oder auf das von Alters her Gewohnte und Bewährte allgemein gültige Aussagen über das gute und gerechte Handeln.“ 70 Ein Blick auf die gängigsten traditionellen ethischen Konzepte zur Lösung dieser Fragen zeigt jedoch deren Inkompatibilität gegenüber diesen vor 200 Jahren unvorhersehbaren Strukturen. 68 Vgl. den Medientheoretiker Neil Postman (1985), der vom „Verlust der Kindheit“ spricht. 69 Vgl. Schulze 2000. 70 Höffe 2002, S. 59. 77 2.4.1 Der beschränkte Einsatzhorizont des Utilitarismus Der Utilitarismus erscheint auf den ersten Blick sehr plausibel und pragmatisch zu sein, weil er sich an einem scheinbar fassbaren Kriterium, jenem der Nützlichkeit, orientiert. Nach John Steward Mill handelt ein Mensch ethisch richtig, wenn die Folgen seines Handelns das größte Glück der größten Zahl an Menschen bewirkt. Die Universalisierbarkeit seines Ansatzes er- reicht er durch einen Kunstgriff, indem er ganz einfach der Gesellschaft ein „Gemein- schaftsgefühl“ 71 und Interessenssymmetrie unterstellt. Zusammenfassend beruht das utilitaristische Prinzip der Nützlichkeit auf vier Teilprinzipien, nämlich: 1. dass Handlungen - im Gegensatz zur deontologischen Sichtweisen - aufgrund ihrer Fol- gen zu beurteilen sind; 2. der Maßstab für diese Folgen ist der gute Nutzen; 3. als „gut“ und insofern als höchster Wert wird die Erfüllung der menschlichen Bedürf- nisse und Interessen, gleichzusetzen mit „Glück“, betrachtet. Kriterium dafür sei das Maß an Freude, das durch Handlungen hervorgerufen werde; 4. als Bezugsuniversum wird nicht lediglich das Glück des Handelnden, sondern das Glück aller von der Handlung Betroffenen herangezogen. 72 Bereits hier wird die Untauglichkeit des Utilitarismus offensichtlich, weil Mills Unter- stellungen der Realität nicht entsprechen. Mills Kriterium des „Glücks“ ist völlig unbrauch- bar, weil nicht eindeutig feststellbar ist, was als größtes Glück der meisten Menschen inner- halb der globalen Welt zu definieren sei. Dies gilt insbesondere dann, wenn wir Subkulturen oder außereuropäische Ethnien heranziehen. Die Verhinderung von Leid etwa steht im zentra- len Widerspruch zu zahlreichen Initiationsriten vieler Ethnien. Die existenziellen Rahmenbe- dingungen der Völker, die in marginalen Zonen, etwa in Wüstengebieten leben, erfordern, dass Werte wie Genügsamkeit, Selbstbeherrschung, Zielstrebigkeit, Gehorsam etc. Geltung haben, weil etwa ein hedonistischer Lebensstil in der Wüste dauerhaft nicht realisierbar wäre. Doch ist es keineswegs notwendig, in der Ferne nach Beispielen zu suchen. Unter akademi- schen Studentenverbindungen herrschen mitunter brutale Aufnahmerituale, die - aus soziolo- gischer Sicht - eine wichtige Funktion der Identitätsstiftung im Sinne der Selbstdefinition er- füllen. Nun lässt sich freilich im Sinne des Utilitarismus argumentieren, dass in diesen Fällen die Zufügung von Leid letztlich nur dazu dient, das Glück auf einer höheren Ebene zu stei- gern: Wer diese Rituale über sich ergehen lässt, wird als Mitglied der Bezugsgruppe aufge- nommen und gewinnt dadurch eine Befriedigung an sozialen Bedürfnissen; er gehört nun da- zu und genießt dadurch Ansehen, profitiert aber auch durch materielle Partizipation an ge- meinsamen Gütern. Später wird er vielleicht einmal vom sozialen Netzwerk durch besseres berufliches Fortkommen profitieren. Für die in unseren Augen brutalen Initiationsriten 73 bestimmter Ethnien lässt sich über diese genannten Argumente hinaus auch vorbringen, dass überlebensnotwendige Werte vermittelt werden: Der Tuareg, der als Nomade lebt und von einer Dürre heimgesucht wird, kann nur 71 Vgl. Mill 1985, S. 54. 72 Vgl. Höffe 2002, S. 172. 73 Man denke nur an das Zahn-Ausschlagen oder das Nagen eines Lochs in das Haupt des zu Initiierenden (vgl. Obrecht 2003). 78 überleben, wenn er sowohl technisch, als auch sozial und mental gelernt hat, mit existenziel- lem temporären Mangel umzugehen. 74 Mit diesen Argumenten ließe sich die Nützlichkeit des Utilitarismus noch aufrechterhalten. Derartige Gesellschaften gibt es aber heute kaum mehr. Sowohl klassische Institutionen, wie Studentenverbindungen, verlieren an Bedeutung, und auch ethnisch-segmentäre Gesellschaf- ten werden zunehmen von modernen Strukturen, Techniken, Werten und Institutionen durch- drungen und verändert. Damit ändern sich aber auch die jeweiligen Anforderungen an die spezifischen Wertsysteme 75 - und in der Folge die Wertsysteme selbst. Am Beispiel der Kel Timia werde ich diesen Wertewandel darstellen und aufzeigen, dass sich bei dieser Gesell- schaft das Bewusstsein, was das „Schöne und Gute“ sei, gegenwärtig in einem enormen Ver- änderungsprozess befindet. 76 Während ältere Kel Timia weiterhin an traditionellen Werten wie Selbstbeherrschung, Gehorsam, Genügsamkeit, Arbeit, Religiosität, sexuellen Tabus etc. festhalten, sprechen sich jüngere Kel Timia mehr für Individualität, Genuss, Rentabilität, se- xuelle Freiheit - also für westlich-hedonistische Werte - aus. Vor diesem Hintergrund wird es schwierig, mit dem größten Glück der größten Zahl zu argumentieren. Sprechen sich auch praktisch alle Kel Timia für ein hohes Einkommen als grundlegende Voraussetzung ihrer Existenz und insofern als wichtigen Wert aus, so sind sich die Kel Timia dennoch nicht völlig darüber einig, auf welchem Weg und zu welchem Preis dieser materielle Wert durchzusetzen sei. Aus der Sicht der Kel Timia sind die Europäer vor allem reich. 77 Dass aber Geld und Konsum allein nicht glücklich machen, zeigt sich anhand der katastrophalen Bilanzen der westlichen Welt im Bereich der Kriminalität, des Drogenmissbrauchs, des sexuellen Missbrauchs, der zerrütteten Familien, letzteres besonders auch in gut situierten Kreisen. Offene gesellschaf- tliche Systeme sind gekennzeichnet durch einen tendenziellen Verlust an innerer Kontrolle und damit an Selbstregulierung. Mit diesem Wandel ist stets auch Devianz, also unangepass- tes Verhalten, verbunden. Dies ist gleichsam der Preis der Öffnung und des Wandels, wobei die Kriterien dafür, was als deviant zu betrachten ist, auch einem Wandel unterliegt: Auf den Covers populärer Zeitschriften wie „News“ sind heute meist erotisch gestylte Damen abgebil- det, wie sie vor 20 Jahren noch entsprechend der damaligen Auffassung dem Pornografie- und Jugendschutzgesetzes unterworfen gewesen wären. Eine analoge Entwicklung ist auch bei den Kel Timia zu beobachten, bei denen vor 15 Jahren uneheliche Kinder im Gegensatz zu heute noch Seltenheit waren. Zusammenfassend lässt sich somit festhalten, dass keineswegs eindeutig bestimmbar ist, was das „größte Glück der größten Zahl“ sei, geschweige denn, auf welchem Wege dies erreicht werden solle. 78 Ein weiteres Argument lässt sich noch gegen den Utilitarismus einwenden. Nach diesem Konzept ist davon auszugehen, dass eine individuelle Handlung dann als vertretbar erscheint, wenn sie anderen keinen signifikanten Schaden zufügt. Wenn etwa in einer Region Wasser- mangel herrscht, so würde die Bevölkerung ihre ohnedies bereits bedrohte Lebensgrundlage weiter schädigen, wenn sie nicht äußerst sorgsam mit ihren Wasservorräten umginge. In Los Angeles etwa ist im Falle einer sommerlichen Wasserknappheit das Autowaschen oder das neuerliche Befüllen der Swimmingpools verboten. Für das Individuum aber - und hier greift der Utilitarismus ins Leere - lässt sich festhalten, dass ein einzelner Verstoß gegen diese Re- gelung eine Auswirkung von so geringem Ausmaß hätte, dass sie vernachlässigbar wäre. 74 Dürreperioden sind, wie in den empirischen Kapiteln dargestellt wird, in der Regel zyklisch wiederkehrende Ereignisse und keineswegs plötzliche, unerwartete Katastrophen; zum Umgang der Tuareg mit Dürren (vgl. Spittler 1989). 75 Endreß (1995b, S. 157) spricht von der „Pluralität gelebter Sittlichkeit und Ethosformen“. 76 Siehe dazu Kap. 19 über „Werte, soziokultureller Wandel und die Rolle des Tourismus“. 77 Siehe dazu Kap. 17.2.6 über „Das Bild der Kel Timia von Europa und den Europäern“. 78 Dies wird am Beispiel des Entwicklungsbegriffs in Kap. 3 näher erläutert. 79 Würde somit jemand heimlich seinen Pool entgegen dem allgemeinen Verbot anfüllen, so würde er damit die Allgemeinheit kaum schädigen, hätte aber selbst einen enormen Glücks- gewinn. Insofern ließe sich sagen, dass Ausnahmen von der notwendigen Regel unter Um- ständen durchaus vertretbar sein können, möglicherweise absolut sogar zu einem Mehr an „Glück“ beitragen 79. Zum Problem wird diese Ausnahmehandlung hingegen dann, wenn zu viele Menschen versuchen, das persönliche Glück und das ihrer Familie auf dem Wege des Verstoßes gegen das übergeordnete Verbot der Wasserverschwendung zu erreichen. Dann summieren sich diese Verstöße zu einem Ausmaß, das systemwirksam und somit für die ge- samte betroffene Bevölkerung in schädlicher Weise relevant wird. Für den Utilitarismus folgt daraus, dass er zwar innerhalb eines vertrauten Kontexts einer als bekannt vorauszusetzenden Symmetrie von Präferenzen gewisse brauchbare Ergebnisse lie- fern mag. Für die Anforderungen komplexer, widersprüchlicher gesellschaftlicher Strukturen hingegen ist er aufgrund der Fixierung auf das Kriterium „Glück“ oder „Nutzen“ ungeeignet. Dies ist auch Otfried Höffe als wesentliche Schwäche des Utilitarismus bewusst, weshalb er die fadenscheinigen Versuche einer Heilung dieser grundsätzlichen Schwäche des Utilitaris- mus durch die Einführung eines „Nutzenkalküls“ als „regulative Idee“ überhaupt als „Augen- auswischerei“ 80 verurteilt. In meiner abschließenden Darstellung des alternativen Entwurfs einer kybernetischen Ethik werden allerdings gewisse strukturelle Parallelen zum Utilitarismus offensichtlich. Würde man nämlich den Begriffsapparat des Utilitarismus etwas modifizieren und differenzieren, indem man den kulturrelativen Begriff „Glück“ durch einen Begriff substituiert, der 1. neutral gegenüber Bezugssystemen ist und der 2. auf eine (beim Kriterium des „Glücks“ letztlich ohnehin nicht leistbare) eindeutige Bestimmbarkeit verzichtet, indem er die Dynamik von Bezugssystemen widerspiegelt, so würden Ansätze des Utilitarismus unter Vorbehalt brauch- bar werden. Der zweite wesentliche Vorbehalt gegenüber dem Utilitarismus ist dessen Unterstellung von bekannten Gegebenheiten. Eine Ethik, die der Welt, wie wir sie heute zu kennen glauben, ent- sprechen will, kann das Bewusstsein um das fehlende Wissen über viele Bereiche der Welt nicht außer Acht lassen. 81 Eine Antwort auf die Frage, welche Rolle Erkenntnisnotwendigkeit und -fähigkeit spielt, muss somit beantwortet werden. 82 2.4.2 Die Praxisuntauglichkeit deontologischer Ethikkonzepte Im Gegensatz zum Utilitarismus verzichten deontologische 83 oder normative Ethikkonzepte grundsätzlich die Beurteilung von Folgen und insofern auf empirisch-pragmatische Über- legungen zur Begründung sittlicher Gebote. Im Mittelpunkt deontologischer Betrachtungs- 79 Hier stellt sich auch die große Frage, wie unterschiedliche Vorstellungen von Glück und Leid gegeneinander aufzuwerten seien… 80 Höffe 1992a, S. 42. 81 Darum ist auch die Vorstellung eines Nutzenkalküls so absurd, weil dies abermals die Kenntnis der Vorstellungen von Präferenzen unterstellt. 82 Ein Einwand im Diskurs um den Utilitarismus ist die unangemessen gelöste Frage der Gerechtigkeit (vgl. Rawls 1992a; Brandt 1992; Lyons 1992). Wie ich noch zeigen werde, entlarvt sich dies vor dem Hintergrund des vorzustellenden Systems jedoch als Scheinproblem. 83 Griech. „το δεον“: das Erforderliche, die Pflicht 80 weisen steht der Versuch, ein oberstes Prinzip bzw. eine Maxime zu finden, die in sich gut ist. In der Folge gelten alle Handlungen als sittlich richtig, die sich aus dieser Maxime ableiten lassen. 84 Eine solche Maxime ist etwa der bereits genannte, von Kant vertretene „Kategorische Impera- tiv“. Er ist insofern kategorisch, als er ohne jede Einschränkung bzw. unabhängig von empiri- schen Rahmenbedingungen gilt. So schließt er jegliches subjektive Bedürfnis, insbesondere auch jenes nach Glück, aus. Aus dieser Gültigkeit leitet Kant das notwendig Gesollte ab, wes- halb er die Maxime „Imperativ“ nennt. Kant leitet diese Maxime aus dem Prinzip der Freiheit des Menschen zur Selbstbeschränkung ab. Dies bedeutet, dass nur der Mensch im Gegensatz zum Tier zur Entwicklung von moralischen Normen fähig sei, und dass eine menschliche Ge- sellschaft nur durch die Regelung der individuellen Freiräume lebenswert ist. Im Gegensatz dazu stünde etwa das „Gesetz des Dschungels“, in dem der Stärkere seinen Willen verallge- meinern kann. Allerdings kommt auch der kategorische Imperativ nicht ohne nähere Konkre- tisierung aus, da sich auch Kant auf Prinzipien wie Achtung der menschlichen Würde oder Gerechtigkeit bezieht. Das wichtigste Kriterium einer deontologischen Ethik ist die Universalisierbarkeit einer nor- mativen Handlung. Insofern ist eine Handlung dann als gut zu beurteilen, wenn das Prinzip dieser Handlung im Sinne eines universellen Gesetzes verallgemeinerungsfähig ist. Übertra- gen auf mein oben genanntes Beispiel der Wassernot würde daraus folgen, dass den Gesetzen und Regeln des Staates notwendigerweise zu folgen sei und dass insofern ein Verstoß gegen diese Gesetze (wie das regelwidrige Füllen des privaten Pools) ethisch unvertretbar sei. Die deontologische Ethik scheitert im Wesentlichen an ihrer eigenen Grundvoraussetzung, nämlich dem Verzicht auf den Bezug zur Außenwelt. Man muss nicht erst das NS-Regime als Beispiel bemühen, um die Fragwürdigkeit dieses Imperativs vor Augen zu führen, wonach Gesetze des Staates stets zu befolgen seien. Auch der jüngste Irak-Krieg hat verdeutlicht, dass Staatsführer nicht nur fehlen können, sondern auch Regelungen - wie die Anordnung eines Kriegs - zur Durchsetzung persönlicher Interessen erlassen können. Dieser Gedanke wurde von Henry David Thoreau in seinem 1849 erschienenen Werk „On Civil Disobedience“ am Beispiel des US-Angriffskriegs gegen Mexiko verteidigt. In seiner Argumentation stellte Tho- reau die Verweigerung der Erfüllung der staatsbürgerlichen Steuerpflicht gegenüber einem verbrecherischen Staat als sittliche Pflicht dar, weil der brave Steuerzahler andernfalls aktiv zum verbrecherischen Krieg beitrage und diesen darum mitzuverantworten habe. Dass die Verweigerung jeglicher Kooperation, ja sogar Kommunikation mit einem als verbre- cherisch beurteilten Staat keineswegs universalisierbar ist, beweist jedoch der Strafrechtler Peter Noll anhand seiner Analyse des historischen Prozesses Jesus’: Dessen totale Verweige- rung, sich seines Rechts der Verteidigung zu bedienen, um auf diese Weise seine kategorische Ablehnung des herrschenden Machtsystems kund zu tun, würde, zu einem Prinzip verallge- meinert, zum Zusammenbruch jeglichen menschlichen Ordnungssystems führen. 85 In analoger Weise zu Thoreau argumentierte ich 86 in Hinblick auf die ethisch vertretbare Wahl von Reisezielen, dass durch die Reisedevisen die aggressive Politik eines Staats - wie im Fall von Israel gegen Palästina 87 - unterstützt werde. Doch auch diese Argumentations- weise lässt sich nicht unbedingt verallgemeinern, wie Baumgartner und Leuthold am Beispiel ihrer Analyse der Tourismusdestination Burma, in der eine menschenrechtsverletzende Dikta- 84 Höffe 2002, S. 193. 85 Insofern argumentiert Noll (1988, S. 85 f.) für die Betrachtung von Anpassung, Toleranz und Widerstand als dynamische Prozesse, die ab einem gewissen Punkt, dem „Grenzwert“, zur Destabilisierung und damit zum Zusammenbruch des Systems führen können. 86 Vgl. Friedl 2002, S. 203. 87 Israel wurde im Juli 2004 wegen des völkerrechtswidrigen Baus einer „Sicherheitsmauer“ zur Aussperrung der Palästinen- ser vom IGH in Den Haag zu deren Abriss verurteilt. 81 tur herrscht, aufzeigen. 88 Die Beurteilung von Tourismusdestinationen ist vor dem Hinter- grund der sich ausweitenden Integration von Regionen im globalen Tourismus von wachsen- der Bedeutung. An besonderer Aktualität gewann diese Frage jedoch nach dem Abklingen des ersten Schocks angesichts der Folgen der Tsunami-Welle vom 26. Dezember 2004. Schon in den ersten Jännertagen wurde in den Medien die Frage thematisiert, ob es vertretbar sei, wie- der in die betroffenen Länder zu reisen. Als wesentliches Argument dafür wurde die enorme Abhängigkeit der betroffenen Regionen von touristischen Einkommen vorgebracht. Würde nunmehr der Tourismus ausblieben, wären noch viel mehr Menschen von Arbeitsplatzverlust und Armut bedroht, als dies bereits durch die Tsunami-Zerstörungen unmittelbar der Fall war. 89 Ich möchte noch einmal auf mein Beispiel der Wassernot zurückkehren. Man könnte in die- sem Zusammenhang das Gebot, Gesetze seien zu befolgen, modifizieren, um dem Dilemma eines „schlechten Staats“ zu entgehen. Ein ökologisch orientierter Imperativ würde normie- ren, Ressourcen sparsam zu verwenden und nicht zu verschwenden. Doch auch dieser Impera- tiv gilt keineswegs immer und überall. In einem bevölkerungsarmen Land, in dem es häufig und regelmäßig regnet und wo viele Flüsse und Seen existieren, wäre es in mancher Hinsicht sogar eine Verschwendung der Ressourcen Arbeit, Kapital, Baumaterial etc., würde man unter großem technischen Aufwand Mittel zur Einsparung von Wasser installieren. Würde man aber diesen Imperativ in der Weise differenzieren, dass knappe Ressourcen spar- sam zu verwenden seien, so wäre dieser ebenfalls nicht kategorisch, weil unter den Menschen höchste Uneinigkeit darüber besteht, was "knapp" bedeutet. Dies zeigt sich an den Alltagsge- wohnheiten der Amerikaner im Umgang mit Energie. 90 Knappheit ist immer situativ: Bei den Tuareg und anderen Nomadenvölkern ist Wasser knapp. In Libyen und anderen Staaten in der Sahara oder am Persischen Golf ist Wasser sogar knapper als Öl, weshalb gleichsam aus „Öl Wasser gemacht“ wird, etwa durch die Methode der Meerwasserentsalzung. An diesen Beispielen zeigt sich deutlich die Schwäche der deontologischen Ethik zur Ermitt- lung von „richtigen“ Antworten. Die Problematik ist zu vielschichtig und zu komplex, doch sind es derartige empirische Gegebenheiten, deren Berücksichtigung die deontologische Ethik ausschließt. Kann es überhaupt einen kategorischen Imperativ in einer Welt so unterschiedlicher Kulturen, wie der des postmodernen, wissensökonomisch geprägten Westens und der zum Teil noch streng religiösen, subsistent wirtschaftenden Tuareg geben? Wie müsste dieser heute lauten, um zu Handlungen aufzufordern, die fall-, personen- und kultur- bzw. epochenunabhängig gelten? 2.4.3 Die Wende zur prozeduralen Ethik Gegen Ende der 60er-Jahre war eine regelrechte Welle der Überzeugung von den Möglichkei- ten einer rationalen Ethikbegründung festzustellen, wobei hier neue, im Wesentlichen proze- durale Lösungsstrategien entwickelt wurden. 91 Dahinter stand die neu gewonnene Überzeu- 88 Vgl. Baumgartner/Leuthold 2003a; 2004b. 89 Vgl. die Diskussion in Radio Ö 3 vom 7. Jänner 2005, zwischen 8:05 und 9:00 Uhr, sowie die ambivalente Position des BMfAA (zit. in o. A. 2005a) als auch Lohmayer (2005) über „Sextourismus und Politik nach der Katastrophe“. 90 Allerdings stehen wir Europäer diesem verschwenderischen Verhalten kaum nach [vgl. Pils (2004) zu den ökologischen Folgen der touristischen Mobilität in Europa]. 91 Vgl. Düwell 1998a, S. 3. 82 gung, dass in einer modernen, demokratischen Gesellschaft, die durch zunehmende Komple- xität und Heterogenität gekennzeichnet ist, gemeinsame materielle Werte ihre Basis verlieren. Offensichtlich gibt es wegen der prinzipiellen Grenzen der Begründbarkeit des Guten in der Realität verschiedene gleichermaßen gut begründet erscheinende Konzeptionen des Guten. Daraus folgt, dass es auch keine mögliche Erkenntnis einer „wahren“ guten Konzeption im Sinne der einzigen richtigen gebe. Vielmehr könne nur im Wege fairer Spielregeln ermittelt werden, was in welchem Zusammenhang zu gelten habe. Die neueren ethischen Konzepte versuchten, die Geltung von Normen mit der Rückführung auf ihr spezifisches Herstellungs- prozedere zu begründen. Die Vertreter der Erlanger Schule der konstruktiven Ethik vertraten die Ansicht, man müsse die Grundregeln des vernünftigen Argumentierens, die interpersonal überprüfbar seien, rekonstruie- ren. Auf diesem Weg könne man dann Regeln der Beratung mit dem elementaren Ziel des kon- fliktfreien Miteinanders entwickeln. 92 Dieses Grundprinzip entwickelten Apel 93 und Habermas 94 zu ihrem Konzept der Diskursethik weiter. Demnach sollten die Mitglieder eines sozialen Systems ihre Spielregeln zwar selbst formulieren, doch müssten dabei die Prinzipien der prozeduralen Gerechtigkeit gelten. Dem- nach müsste jeder Beteiligte als gleich und frei gedacht gelten, indem der Diskurs ohne ge- genseitige Täuschung und Zwangausübung im Sinne eines „herrschaftsfreien Diskurses“ von- statten zu gehen habe. 95 In diesem Sinne argumentierte auch John Rawls mit seiner „Theory of Justice“ 96, das ein Konzept der „Gerechtigkeit als Fairness“ unter freien und gleichen Bürgern entwirft. All diesen Konzepten gemeinsam ist die Unterstellung der Existenz der „offenen Organisation“ einer Gesellschaft im Sinne Poppers. 97 Kennzeichen dieser Betrachtung ist jedoch eine extrem reduktionistische, bipolare Gegenüberstellung „geschlossener“ und „offener“ Gesellschaften. Demnach seien erstere deterministisch strukturiert, die Interessen homogen, die Menschenrollen ungleichwertig, das Kollektiv überdominant, und die ideologische Basis gilt als irrtumsfrei; „offene“ Gesellschaften hingegen gelten als voluntaristisch, die Interessen seien heterogen, die Menschenrollen gleichwertige, im Mittelpunkt stehe der Einzelne, und die leitenden Werte gel- ten als irrtumsbehaftet. 98 Damit werden aber Strukturen unterstellt, wie sie in keiner Gesell- schaft gegeben sind, wie sie jedoch dem verbreiteten Mythos von der traditionellen Gesellschaft entsprechen. 99 Vielmehr sind kommunikative Strukturen ihrerseits Ausdruck eines kulturellen Systems, repräsentieren somit für sich bereits Werte, die in Reaktion an die jeweiligen Erfor- dernisse sozialer Gruppen entstanden sind. 100 Daraus folgt schließlich auch das Scheitern dieser Konzepte für die Lösung der Begründungsproblematik. 92 Vgl. Lorenzen/Schwemmer 1975. 93 Vgl. Apel 1988. 94 Vgl. Habermas 1983, 1991. 95 Vgl. Habermas 1981. 96 Vgl. Rawls 1972. 97 Vgl. Popper 1980. 98 Vgl. die Kritik von Gebert (1998, S. 151). 99 Vgl. dazu meine näheren Ausführungen in Kap. 5.3.3. 100 Diese Problematik sowie einige zentrale Ansätze der Diskursethik werden in Kap. 22 diskutiert. 83 2.4.4 Ethischer Relativismus als Scheinproblem In jüngerer Zeit wurden einige Ansätze entwickelt, die dieses Manko zu kompensieren ver- suchten. Ein solches Konzept stammt etwa von Hans Krämer mit seiner „Integrativen Ethik“. 101 Dabei bemühte sich Krämer, der die bei uns, aber auch im Ausland weitgehend herrschenden neukantianischen Schema der Ethik [Kursiv im Orig., Anm. d. Verf.] (…) zu sprengen und zu überschreiten sucht,“ 102 durch eine rekonstruierende Zusammenführung stre- bens- und sollensethischer Argumente einen mehrdimensional angelegten Typus ethischer Theorienbildung zu entwickeln. Wesentlich an diesem Zugang ist dessen Anbindung an die alltägliche Lebensführung. Interessant ist Krämers Abwendung von der dualistischen Konzep- tion traditioneller Ethiksysteme, indem er die Unterscheidung zwischen Egozentrik einerseits und Alterzentrik andererseits durch das Konzept der Soziozentrik substituiert. Diese Sozio- zentrik ist gekennzeichnet durch ein „Sollen, das vom Wollen der Anderen ausgeht“. 103 Glei- chermaßen substituiert Krämer auch die Unterscheidung zwischen strenger Autonomie und prinzipieller Heteronomie durch ein prozessual verstandenes Konzept der Sozionomie. Hier fällt die Nähe von Krämers Ansatz zum Hedonismus auf, für dessen grundsätzliche Berechti- gung Krämer auch entsprechend argumentiert. Im Mittelpunkt steht dabei ein strebens- ethischer Ansatz im Sinne einer „Selbstsorge oder Selbstbekümmerung“ 104, womit Krämer auch der als destruktiv verurteilten christlichen „einseitigen Bevorzugung der Fremdsorgung und der Verdammung der Selbstsorge“ 105 eine Absage erteilt. Die Geltung der integrativen Ethik lässt Krämer in „Absage an jede Form eines univer- salistischen Fundamentalismus ebenso wie an gruppenspezifische Moralpositivismen“ 106 zu- gunsten einer Konzentrik von Geltungshorizonten fußen. Die Geltung hängt somit wesentlich vom jeweiligen Kontext ab, jedoch in einem abgestuften Zusammenhang mit neben- und übergeordneten geltenden Systemen. Dabei unterscheidet Krämer zwischen Horizonten der jeweiligen Distanz (Nah- und Fernhorizont), der Erwartung, der Gegenwart (Moment, das heute, unsere Epoche…), der Lebensphasen, der Nähe zu Anderen (Freundschafts-, Gruppen- und Makroethik) und auch des Glücksbegriffs. Mit der Berücksichtigung der kontextuellen Zusammenhänge durch Berücksichtigung der problemrelevanten Sach-, Sozial-, Zeit- und Raumdimensionen erfüllt Krämer das wesentliche Erfordernis. Denn „eine zeitgenössische Ethik“, die „ihren Reflexionshorizont – handlungsfolgenbezogen - (…) gänzlich ausblendet oder unterbelichtet lässt, [ist] als grundbegrifflich defizitär auszuweisen“. 107 Als prozedurale Methode zur Erkenntnis dessen, was in einem jeweiligen Kontext gelten sol- le, plädiert Krämer für asymmetrische Beratungsverhältnisse in Ablehnung eines intellektua- listischen Diskurses im Stile der Schulphilosophie, sondern im Sinne eines wechselseitigen Forderungsverhältnisses von Ethiktheorie und Philosophischer Praxis. 108 Dieser Aspekt von Krämers Konzept ist eine deutliche Reaktion auf das reduktionistische prozeduralistische e- thische Paradigma der Diskursethik. 109 Dabei kritisiert er vor allem den Anspruch der Moral- philosophen auf ein moralisches Erkenntnisprivileg: „Der Moralphilosoph (…) verfügt jedoch in der Sozietät nur über eine einzelne Stimme und muß sich mit seinen Vorschlägen erst ein- 101 Vgl. Krämer 1992. 102 Krämer 1995, S. 205. 103 Krämer 1992, S. 84. 104 Vgl. ebd. S. 84, 226. 105 Krämer 1995, S. 235. Siehe dazu meine Erläuterungen zum ethischen Egoismus. 106 Endreß 1995a, S. 11. 107 Endreß 1995b, S. 185. 108 Vgl. Krämer 1992, S. 335. 109 So kritisiert Krämer (1995, S. 222) „Es wäre (…) eine verhängnisvolle Selbsttäuschung des ethischen Intellektualismus, die kognitiven Momente absolut oder doch vor die emotiven und volitiven zu setzen und damit den optionalen Charakter von Praxis zu verschleiern.“ 84 mal durchsetzen. Der Status einer solchen philosophischen „Moral der Moral“ ist dann aber prekär: Gültig wird sie erst dann, wenn sie der Ratifizierung durch die Gesamtgesellschaft unterliegt; bis dahin ist sie keine gültige, d. h. durch allgemeinen Konsens getragene Moral und kann im Grenzfall sogar als unmoralisch zurückgewiesen werden, wenn sie an bestimm- ten Tabus rührt.“ 110 Krämer wagt mit diesem einerseits theoretisch fundierten, gleichzeitig aber auch empirisch verhafteten Zugang einen Tabubruch, der bislang innerhalb der akademischen Philosophie wie auch in der Praxis nur wenig Anerkennung gefunden hat. Meines Erachtens liegt dies an einer nach wie vor sehr abstrakten Sprache, wodurch er zwar auch weiterhin innerhalb des Sprach- und Verständnishorizonts der philosophischen Gemeinde bleibt, diese sich aber vor seiner Kritik am Besten durch Schweigen schützen kann. Für die Praxis und für eine Operato- nalisierung ist das Modell von Krämer zu komplex, weshalb es in der gegenwärtigen Form scheitern müsse. Die Überzeugungskraft seines Konzepts zeigt sich jedoch darin, dass sich seine Grundzüge im Modell einer kybernetischen Ethik widerspiegeln, obwohl letzteres be- reits vor der Kenntnis der Krämer’schen Konzeption entwickelt worden war. 2.4.5 Baumans Prinzip der Postmodernen Ethik Nach der Ansicht von Zygmunt Bauman liegt das Wesen der Postmoderne im Verlust der, die Aufklärung prägende Überzeugung von der Existenz eines eindeutigen, universell gültigen „non-ambivalent, non-aporetic ethical code“ 111, weshalb Baumann für eine postmoderne Ethik im Sinne einer „morality without ethical code” 112 plädiert. In seiner Argumentation geht Bauman von der zunehmenden Ambivalenz der menschlichen Realität in der Postmoderne aus, weshalb folglich auch moralische Entscheidungen - im Ge- gensatz zu abstrakten moralischen Prinzipien - nicht mehr eindeutig sein können. „Postmod- ernity, one may say, is modernity without illusions [Kursiv im Orig., Anm. d. Verf.].” 113 Als Lösung plädiert Bauman für eine Art von Intuitionalismus, der jedoch analog zu Krämer und im Gegensatz zu Kant kontextbezogen ist. In anthropologischer Hinsicht weist Bauman zwar kantische Elemente auf, indem er die Fähigkeit zu moralischem Handeln als Wesenszug des Menschen anerkennt. Doch im Gegensatz zu Kant liege diese intuitive Kapazität in allen Menschen und nicht etwa in einem außerhalb der lebenden Menschen liegenden, universellen, ethischen Code. Diese menschliche Moralität befähige den Menschen zu Respekt gegenüber anderen Menschen als Voraussetzung für das Vertrauen in die jeweils eigene moralische Posi- tion. Die moralische Begründung der postmodernen Ethik stellt Bauman auf die drei Eckpfeiler Würde, Respekt und Verantwortung für moralisches Handeln. Diese drei fundamentalen Ele- mente bedingen einander, weil sie die Voraussetzung für gleichwertige Beziehungen und in- sofern für jegliche Koexistenz seien. Menschsein bedeutet in diesem Sinne, nicht ohne einan- der überleben zu können. Dieses „being for Others” 114 sei der Kern der Begründung jeglicher (postmodernen) Moralität. 110 Hier ergänzt Krämer (1995, S. 223), dass zwar Begründung ohne Geltung nicht auskommen könne, wohl aber Geltung ohne Begründung. 111 Bauman 1993, S. 9 f. 112 Ebd., S. 31. 113 Ebd., S. 32-33. 114 Ebd., S. 244. 85 Nach dieser Vorstellung ist es irrelevant, ob uns Gefühle der Solidarität, der Empathie oder der Angst zur Bereitschaft für moralisches Handeln antreiben. Der wesentliche Anknüpfungs- punkt ist das Bewusstsein um die Abhängigkeit von einander und der damit verknüpfte menschliche Überlebenswille. Moralität entsteht sodann im situativen Kontext eines Men- schen als Ausdruck eines dialektischen Prozesses zwischen den individuellen Orientierungs- mustern, die die Person bis dato moralisch entwickelt hat, und der Verantwortung gegenüber dem jeweiligen Gegenüber innerhalb des kontextuellen Bedeutungshorizonts. 115 Mit diesem Zugang wird Bauman der existenziellen Befindlichkeit der Postmoderne zweifel- los gerecht. Auch rückt Bauman analog zum kybernetischen Verständnis von Ethik das Indi- viduum als denkendes, reagierendes, überlebenswilliges Wesen ins Zentrum der Betrachtung. Unklar bleibt jedoch, wie dieses moralische Wesen im Fall von hoch komplexen Entschei- dungskonflikten zu handeln habe. Darum ist Baumans Ansatz für eine Operationalisierung ungeeignet. 2.4.6 Kriterium „Befindlichkeit“: Rehabilitation eines ethischen Egoismus? Ein umstrittenes Problem im ethischen Diskurs ist das Verständnis des Selbst, von dem unter- schiedliche Konzeptionen existieren, deren Voraussetzung aber wesentlich für das Verständ- nis einer jeweiligen ethischen Konzeption ist. 116 Die aufgrund unseres christlichen Hintergrundes leider weniger etablierte weil verschüttete Sichtweise ist jene von Aristoteles. In der „Nikomachischen Ethik“ entwickelt er eine objekti- ve Konzeption des Selbst als Ausdruck des wahren Wesens des Menschen, der seine eigen- tümlichen Fähigkeiten zu entfalten und seine menschliche Vernunftfähigkeit zu verwirklichen versteht. 117 Die an der Entfaltung des Selbst interessierte Strebensethik spiegelt somit das zweckmäßige Verhalten wider, um das Entfaltungsziel mit entsprechenden Mitteln zu errei- chen. Dies umfasst etwa einen gelungenen Erziehungsprozess. Die Erreichung des Ziels der Strebensethik befähigt zum harmonischen Umgang mit den Mitmenschen und entspricht dar- um im aristotelischen Sinne auch der Verwirklichung des Glücks. Im Sinne dieser Tradition argumentiert auch Krämer für eine Strebensethik als wesentliches Movens der „Selbstsorge oder Selbstbekümmerung“ 118 im anthropologischen Modell seiner integrativen Ethik. Weit verbreiteter ist der Begriff des Selbst im psychologisch-subjektiven Sinn als Inbegriff von Trieben, Bedürfnissen und Wünschen, deren Befriedigung der zentrale Antrieb des Selbst sei. Dieses Selbst sei darum unfähig zur Empathie, zur Solidarität und damit zu jeglichem moralischen Handeln. Dieses Konzept prägte etwa die skeptische Ethik von Thomas Hobbes, der einen „Krieg aller gegen alle“ befürchtet, sollten die Menschen, jener „Wolf des Menschen“, nicht einer autori- tären, zentralen Regelungsgewalt unterstellt werden.119 Dieses Hobbes’sche Menschenbild vor Augen meinen darum auch Smith und Duffy, dass Angst oder andere menschliche Be- 115 Vgl. Mason (Web) in Anspielung auf Charles Taylors (1995) Begriff des „horizon of significance”. 116 Vgl. dazu Ollig 1995. 117 Vgl. Aristoteles’ (1994) Nikomachische Ethik. 118 Vgl. ebd. S. 84, 226. 119 Vgl. Hobbes 1968; 86 dürfnisse als menschliche Basis für die Bereitschaft zu Beziehungen in Hinblick auf eine Tou- rismusethik unmöglich akzeptiert werden könne. 120 Besonders populär ist natürlich die Selbst-Interpretation der christlichen Ethik, die allein in der Nächstenliebe und insofern in der völligen Negation eigener Bedürfnisse die höchste ethi- sche Vollkommenheit nach dem Vorbild des gekreuzigten Jesu betrachtet. Dieses Menschen- bild und die damit verbundene Bipolarität des Menschen als gut oder böse, als egoistisch oder altruistisch, prägt die westliche Geistesgeschichte noch heute nachhaltig. 121 Mehr noch als das. Diese einseitige, überformte Aufwertung des Altruismus gegenüber der Selbstsorge führt auch im Alltag unserer Kultur zur spezifisch pathologischen Erscheinung des „hilflosen Hel- fers“ 122, der sich aufopfert und damit letztlich nur seine eigene Hilflosigkeit bzw. verkrüppel- te Fähigkeit zur Selbstsorge kompensiert. Die ungebrochene Popularität der Vorstellung von der selbstlosen als einzig legitimen Form der Hilfe zeigte sich jüngst am Beispiel der kritischen Reaktionen auf die USA. Diese hatten für das vom Tsunami schwer getroffene Gebiet Nord-Sumatras eine Spende i.d.H.v. 350 Mio. Dollar sowie die Bereitstellung eines Flugzeugträgers zur logistischen Unterstützung der Ver- sorgung zugesichert. Darauf reagierten europäische Kritiker mit dem Vorwurf, die USA wür- den ihre humanitäre Hilfe, die wertfrei und somit ohne Motive geleistet werden sollte, instru- mentalisieren, weil sie wirtschaftliche und politische Interessen an der Erdgas-reichen Region hätten. 123 Diese Sichtweise ist in mehrerlei Hinsicht falsch. Hilfe mag zwar vor dem Hintergrund der herrschenden christlichen Ideologie des zumeist fälschlich interpretierten Gleichnisses des „barmherzigen Samariters“ 124 noch so beschwörend als wertfrei bezeichnet werden, stets ist Hilfe ein Akt zur Realisierung mehrerer Ziele. Wer bewusst handelt, um dadurch „in den Himmel“ zu kommen, also um „Gottes Lohn“ zu erhalten, handelt als Gläubiger im Kontext seines Orientierungssystems genauso zweckorientiert wie ein diesseitsorientierter Mensch. Während ersterer gleichsam etwas bei Gott in die Waagschale wirft, um nach seinem Lebens- ende ins Paradies einzugehen, spendet der diesseitsorientierte Mensch, um möglicherweise angesichts der bestehenden sozialen Unterschiede sein schlechtes Gewissen zu beruhigen, 125 oder gar, in ökologisch-kybernetisch vorausschauender Sichtweise, um den Ausbruch von sozialen Unruhen zu verhindern und dadurch den eigenen Bezugshorizont vor Stabilisierung zu bewahren…. Die christliche Ethik kritisiert auch ostentative barmherzige Gaben mit dem Hinweis auf die Pharisäer 126, weil sie so ihren aus reiner Gottesliebe motivierten, jenseitsorientierten, von irdi- schen Begierden befreiten Charakter verlieren würden. Wer jenseits orientiert ist, sucht sein Heil in der Überzeugung, Gott durch gute Taten zu gefallen. Wer aber diesseitsorientiert ist, sucht sein Heil in der Anerkennung durch die Menschen. Sein „Heil“ ist entweder die Freude am Helfen, die Befriedigung, etwas Positives bewirkt oder wenigstens Leid gelindert zu haben, und durchaus auch die Anerkennung als „guter, vorbildlicher“ Mensch erlangt zu haben. 120 Vgl. Smith/ Duffy 2003, S. 19 ff. 121 Vgl. dazu die „Biographie“ des Begriffs der „Selbstsorge“ von Schmid 1995. 122 Vgl. Schmidbauer (2002) über dieses Phänomen, das besonders unter Angehörigen von Sozialberufen sehr verbreitet ist, mit eingeschlossen christliche Seelsorger. 123 Vgl. Ultsch 2005, S. 2. 124 Die herrschende Interpretation dieses Gleichnisses (Lukas 10,33-35) beruht auf einem Missverständnis, denn eigentlich diente es Jesus als Argument, dass das Gebot der Liebe (3 Mose 19,18) auch am Sabbat erfüllt werden könne, ohne wie der jüdische Priester und Levit durch Reinheitsgebote (3 Mose 21,1) und ihre Ausführungsbestimmungen gehemmt zu sein (vgl. Rienecker/Maier 2003, S. 1358). 125 Dieses Motiv konnte ich häufig bei individuell reisenden Touristen im Niger beobachten, und es wurde mir auch in Ge- sprächen mit Individualtouristen bestätigt. 126 Vgl. Rienecker/Maier 2003, S. 1227 f. 87 Ob freilich ostentative Barmherzigkeit geschätzt wird, hängt von der jeweiligen gesellschaft- lichen Bewertung ab. In einer zunehmend durch Massenmedien mediatisierten Gesellschaft, in der innerhalb des kollektiven Bewusstseins nur „Wirklichkeit“ erlangt, was von den Medien aufgenommen und reproduziert wird, droht eine nicht medial vermittelte barmherzige Aktivität gleichsam in der Nicht-Existenz zunehmender Isoliertheit des Privatmenschen zu ver- schwinden. 127 Umgekehrt bewirkt die massenmediale Vermittlung von Barmherzigkeit einen Vorbild- und somit einen Rückkoppelungseffekt: Die Nachricht, dass Michael Schumacher 10 Mio. Dollar 128 und Sandra Bullock 500.000 Dollar für die Opfer der Tsunami-Katastrophe vom 26. Dezember 2004 gespendet haben, 129 signalisiert den Mediennutzern, dass auch die „Rei- chen“ ihren Obolus beitragen. 130 Im modernen philosophischen Diskurs spielt dieser misanthrope Zugang ebenfalls eine bedeu- tende Rolle, wobei der ethische Egoismus zumeist als „präkonventionell“ im Sinne der Unfä- higkeit zur Wahrnehmung der Positionen anderer als akzeptables ethisches Paradigma weit- gehend abgelehnt wird. In diesem Sinne argumentiert etwa William Frankena, indem er dem egoistisch motivierten „Klugheitsstandpunkt“ einen „unparteiischen [kursiv i. Orig. Anm. d. Verf.], nicht ‚interessensgebundenen’“ 131 moralischen Standpunkt gegenüberstellt, den zu lokalisieren ihm jedoch in weiterer Folge nicht gelingen kann. Ein ähnlicher Zugang findet sich auch im Modell der Begründungsstrukturen ethischen Be- wusstseins von Hoff 132, dessen Konzept im Wesentlichen auf den Arbeiten von Kohlberg133 und Lempert 134 beruht. In diesem Modell werden verschiedene Ebenen der menschlichen Kompetenz unterschieden, die der „Wahrnehmung von unterschiedlichen Interessen und Per- spektiven der an Konflikten beteiligten Personen oder Gruppen sowie das Ausmaß an Diffe- renziertheit bei der Berücksichtigung einzelner Aspekte und auf die Relation, Gewichtung und Integration der wahrgenommenen Perspektiven,“135 dienen. Dem Autor schwebt eine Weiterentwicklung von der ausschließlich egozentrischen zur soziozentrischen Perspektive vor. Demgemäß sei das „höchste“, sog. „äquilibrierte Niveau“ der moralischen Entwicklung einer Person dann erreicht, wenn es ihr gelingt, alle Aspekte der Position von „Ego“ und „Al- ter“ bzw. verschiedener sozialer Gruppen einzubeziehen und auf ihre Kompatibilität bzw. Inkompatibilität zu überprüfen. Dabei geht es um die Analyse von Konflikten, der Gewich- tung unterschiedlicher Interessen und Fähigkeiten zur diskursiv erlangten, allgemein zustim- mungswürdigen Konfliktlösung. In diesem Kontext dienen nicht nur Prinzipien wie Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit, Menschenwürde oder Schutz des menschlichen Lebens der Orien- tierung, sondern auch eine „flexible Abwägung von Handlungsfolgen und eine ebenso flexib- le Berücksichtigung der Besonderheiten von Situationen und Personen". 136 Dieses Modell repräsentiert die Vorstellung von einer dialektischen Weiterentwicklung von Entscheidungsschemata hin zu einer höheren Ebene, die durch die zunehmende Integration von immer mehr äußeren Teilsystemen gekennzeichnet ist. Auf der Basis dieses Modells lässt sich nachvollziehen, weshalb jüngere Menschen in der Regel rebellisch sind und gegen verschiedene 127 Man denke etwa an die seit 23 Jahren erfolgreiche Äthiopien-Kampagne „Menschen für Menschen“ von Karlheinz Böhm (Markus 2005, S. 6; Böhm 1998, Web). 128 Vgl. Pototschnig 2005, S. 73. 129 Vgl. die Radiomeldung in Ö3 vom 5.1.2005, 15:30. 130 Vgl. dazu den großen Spendenaufruf des Kurier zur Unterstützung des Baus eines „Österreich-Dorfs“ in Sri Lanka vom 9. Jänner 2005 (Kurier am Sonntag 2005, S. 1; Berger 2005, S. S. 2-3) unter Hinweis auf den Erfolg bisheriger Hilfskampag- nen „Von Armenien bis Kärnten: Der Kurier und seine Leser helfen“ (Klambauer 2005, S. 3) zur Unterstützung der Spen- denbereitschaft. 131 Vgl. Frankena 1994, S. 40. 132 Vl. Hoff 1998. 133 Vgl. Kohlberg 1981, 1984. 134 Vgl. Lempert 1986, 1988. 135 Hoff 1998, S. 76. 136 Ebd. 88 „Ungerechtigkeiten“ aufbegehren, während ältere zu einem „weisen“ Konservativismus neigen, weil sie sehr viel mehr um die verschiedenen komplexen Rahmenbedingungen der Wirklichkeit wissen, die eine Realisierung idealistischer Wertvorstellungen (gemäß ihrem Erfahrungsmodell) verunmöglichen. Doch handelt ein Mensch auch darum „weise“, weil er um die Zwecklosigkeit des Rebellierens selbst weiß: es würde ihm in unnötiger Weise sinnlos vergeudete Energie ab- verlangen und könnte zudem seine jeweilige gesellschaftliche Position gefährden. Junge Men- schen müssen sich dagegen erst bewähren und versuchen, im Sinne eines notwendigen Lern- und gesellschaftlichen Etablierungsprozesses Grenzen zu überschreiten. Beide handeln zu ihrem persönlichen Vorteil in dem Sinn, als sie entsprechend ihrem persönlichen Bedürfnis vor dem Hintergrund ihres Erfahrungshorizonts handeln. Inakzeptabel an diesem Modell ist jedoch die Unterstellung der Existenz eines geistigen oder kulturellen Fortschritts, wonach gleichsam jener, der nicht das äquilibrierte Niveau erreicht, verantwortungslos sei. Zwar verwendet Hoff in diesem Zusammenhang den relativierenden Begriff des „niedrigsten Niveaus von Verantwortungsbewusstsein“, doch ändert auch dieses nichts an der prekären Sichtweise: Demnach befänden sich die meisten akademischen Ethiker auf einem „niedrigeren“ Niveau des Verantwortungsbewusstseins, eben weil sie „inkom- patible Aspekte“ von ethischen Problemen unbeachtet“ 137 lassen und sich gegen das empiri- sche Primat der angewandten Ethik sträubten. 138 Das egoistische Konzept in Verbindung mit dem kybernetischen Modell erscheint mir vor allem darum brauchbarer als das christliche Menschenbild des „guten Altruisten“, weil es die moralische Identität eines Menschen bzw. dessen moralische Kompetenz letztlich als Aus- druck seiner jeweiligen individuellen, sozialen, kulturellen und intellektuellen „Wirklichkeit“ versteht. Ich halte das Modell des Menschen als „biologische Maschine“ einfach für funktioneller als jenes von Hoff, denn es entspricht nicht der Erfahrungswirklichkeit der meisten Menschen, im Falle eines moralischen Zweifels eine so umfassende Studie wie die vorliegende durchzu- führen. In der Regel werden doch vorerst die persönlichen sowie die nahe liegenden Überle- gungen vor dem individuellen Erfahrungshintergund in ein ethisches Kalkül miteinbezogen. Damit hängt auch das kybernetische Prinzip der Effizienz zusammen: Lösungen, die zwar nur die „wichtigsten“ Interessen der meisten betroffenen Beteiligten mit einbeziehen, die aber rasch gefunden und umgesetzt werden, können der Effizienz und somit dem Überleben des Systems dienlicher sein als solche Lösungen, die erst in einem umfassenden, unendlich dau- ernden Such- und Integrationsprozess gefunden und umgesetzt werden müssen: Das ist auch ersichtlich am Beispiel der Pensionsreform: Die bislang beschlossenen Modelle sind für eine nachhaltige Sicherung der Pensionen völlig ungenügend, was die Politiker auch wissen, doch sind umfassendere Lösungen derzeit politisch nicht durchsetzbar und damit unbrauchbar. Auch Handlungen in Notfällen müssen rasch getroffen werden, da ein Zeitverlust für umfas- sende Reflexionen mitunter jede Hilfe zu spät kommen lassen könnte. Daraus folgt aber, dass in manchen Situationen egoistisch bzw. von niedrigem Verantwortungsbewusstsein getrage- nes Verhalten durchaus ethisch bessere Resultate erzielen kann als die Handlung eines im Abwägungsprozess verhafteten Intellektuellen. Dafür exemplarisch ist das Bild des „Rufers in der Wüste“. 137 Ebd. 138 Dies verdeutliche ich am Beispiel der Diskussion zwischen Transzendentalpragmatikern und Kulturalisten im Kap. 22. 89 2.4.7 Strukturkonzeption des ökologischen Verantwortungsbewusstseins Die meisten der bisherigen ethischen Ansätze scheiterten an einer entsprechenden Operationa- lisierbarkeit. Konfrontiert mit hochkomplexen Konfliktsituationen, wie sie im Bereich der globalisierten Wirtschaft oder der Umwelt häufig sind, können diese Ansätze keine konkrete Antwort liefern. Hier erweist sich jedoch das zuvor skizzierte Modelle von Hoff bzw. von Kohlberg und Lempert als wertvolle Anregung. Als Grundvoraussetzung für ein entsprechendes ethisches Lösungskalkül nennt Hoff 1. das Bewusstsein der jeweils herrschenden Moralvorstellungen, also der normativen Rahmenbe- dingungen, 2. das Bewusstsein um die bestehende Kontrollkompetenz zur tatsächlichen Über- nahme von konkreter Verantwortung, und 3. auch das besondere Wissen um die spezifischen empirischen Zusammenhänge des Problemkontextes, insbesondere der vorherrschenden Strukturprinzipien. Für den Bereich der ökologischen Verantwortung hat Hoff das in der nachfolgenden Tabelle beschriebene Modell entwickelt, das die historische Entwicklung des Zugangs auf komplexe ökologische Probleme skizziert. Dabei wird der Wandel von einem „konkretistischen“ 139 öko- logischen Denken hin zu einem mechanistischen und schließlich zu einem systemischen Wahrnehmen ökologischer Zusammenhänge nachvollziehbar. Analog dazu verlief auch der Wandel von indifferenten zu deterministischen und schließlich zu interaktionistischen Kon- trollmechanismen. Übertragen auf ökologische Moralvorstellungen verlieft der Wandel von einer egozentrischen über eine soziozentrische hin zu einer äquilibrierten Verantwortlichkeit. Nach dieser Vorstellung werden ökologische Probleme hinsichtlich ihrer dynamischen Kom- plexität am besten von Menschen verstanden, die komplex systemisch denken. Die Kontroll- vorstellungen auf dem höchsten, interaktionistischen Niveau umfassen etwa die Wirkungen des Handelns als Prozess einer Wechselwirkung. Nach dieser Vorstellung wird kollektiv- kumulative Kontrolle durch die kollektive Bündelung individuellen Handelns bewirkt. In ei- ner weiteren Entwicklung kann durch kollektiv-kooperatives Handeln Kontrolle über Prozesse erzielt werden, etwa als „zeiträumlich koordiniertes, geplantes und inhaltlich aufeinander ab- gestimmtes (auch arbeitsteiliges) Handeln. Die entsprechende ökologische Moralvorstellung befindet sich auf äquilibriertem Niveau, wenn in die Überlegungen zur Lösung einander wi- derstreitender Interessen auch Prinzipien wie der Schutz zukünftiger Entwicklungschancen mit einfließen.“ 140 Innerhalb des Niveaus stehen die Teilbereiche Wahrnehmung, Kontroll- und Verantwortungs- vorstellung, untereinander zwar in einer logischen Beziehung, dennoch kann es aufgrund spe- zifischer Lebensbedingungen von Personen auch zu Inkonsistenzen kommen. Ein Biologe wird ein ausdifferenziertes Verständnis für ökologische Zusammenhänge aufweisen. Weil aber ein Biologe i.d.R. nur forscht und weniger ökologisch relevante Handlungen setzt, kann seine Ausprägung der Kontroll- und Moralvorstellungen hinter dem Niveau seines Struktur- wissens zurückbleiben. In der Praxis äußert sich diese Diskrepanz als „bekannte Kluft zwi- schen Bewusstsein und Handeln“. 141 Schließlich weist Hoff auch darauf hin, dass Personen praktisch alle Niveaus und Stufen des ökologischen Verantwortungsbewusstseins durchlau- fen, niemals aber vom „Umwelt-Saulus“ zum „Umwelt-Paulus“ mutieren können, eine Er- 139 Vgl. Hoff 1998, S. 84. Interessant an diesem Modell ist dessen generelle Übertragbarkeit auf die Dialektik ethischer Systeme. 140 Genau diese Vorstellung findet sich im Konzept der nachhaltigen Entwicklung wieder. Siehe dazu Kap. 3.2.6 sowie im Bereich der Tourismusentwicklung Kap. 4.3. 141 Hoff, S. 88. 90 kenntnis, die gerade für pädagogische Ansätze im Bereich der Tourismus- bzw. Umweltethik grundlegend ist. 142 Das Hoff’sche Modell ist hervorragend geeignet für eine Übertragung auf eine kybernetische Ethik: Aufgrund der wachsenden ökologischen Probleme und der damit verbundenen, diver- gierenden Interessen wächst in Reaktion auf die Wahrnehmung und Artikulation der Proble- me das entsprechende Problembewusstsein, in weiterer Folge auch das Verständniswissen der Kybernetik, der Ökologie, der Klimawissenschaften etc. Durch diesen erweiterten Problemho- rizont werden auch die Lösungsansätze zunehmend „weicher“. Dies zeigt sich besonders deutlich bei den verschiedenen Phasen der Tourismuskritik, ausgehend von einer Verurteilung jeglichen Tourismus bis hin zu einem integrativen Lösungsansatz zur ausgewogenen Berück- sichtigung auch gegensätzlicher Interessen und unter Verzicht auf einseitige Schuldzuschrei- bungen, oder gar zur aktiven, kritisch-konstruktiven Mitarbeit in touristischen Konzernen. 143 Tabelle 1: Dialektik des ökologischen Denkens, Wahrnehmens und Wertens Ökologisches Denken Ökologische Kontrollvorstellun- Ökologische Moralvorstel- gen lungen Niveau konkretistisch indifferent egozentrisch Stufe 1 konkretistisch-perzeptiv indifferent-fatalistisch (Negation egozentrisch- (nicht erklärend) eigener Einflussmöglichkeiten) sanktionsorientiert (Negation moralischer Zuständigkeit) Stufe 2 konkretistisch-erklärend indifferent-individualistisch (ver- egozentrisch-instrumentell (vereinzelt erklärend) einzelte Berücksichtigung individuellen (an konkreten, eigenen Interessen Verhaltens mit individuellen Folgen) orientiert) Niveau mechanistisch deterministisch soziozentrisch Stufe 3 einfach mechanistisch deterministisch-monokausal (Sicht soziozentrisch- (monokausal verallgemei- individuell isolierten Verhaltens, das konformistisch (Unterordnung nernd) kollektiv wirksam ist) individueller Interessen unter Nor- men/Gesetze) Stufe 4 komplex mechanistisch deterministisch-multikausal (Be- soziozentrisch-harmonistisch (multikausal verallgemei- rücksichtigung unterschiedlicher Akteu- (Betonung der Gemeinsamkeiten nernd) re/Instanzen/Folgen) zwischen Interes- sen/Normen/Gesetzen) Niveau systemisch interaktionistisch äquilibriert Stufe 5 einfach systemisch (ein- einfach interaktionistisch (Sicht von einfach äquilibriert (Berück- zelsystemisch) Handeln als Interaktion, kollektives Han- sichtigung konträrer Interessen und deln als Kooperation) Prinzipien für die Menschheit) Stufe 6 komplex systemisch komplex interaktionistisch (Berück- komplex äquilibriert (an Prin- (systemisch vernetzt) sichtigung von Interaktionen zwischen zipien auch für künftige Mensch- konkreten und globalen Handlungsebe- heit und ‚System Erde’ orientiert) nen) 142 Vgl. etwa Opaschowski 1997; Filipec 1997; Braun 1997; Weigel 1997; Klimpel 1997. 143 Vgl. Pagenstecher 1999; Stock 2000; Tüting 1999. 91 2.5 Entscheidungsstrategien einer kybernetischen Ethik Ich will nun in einem abschließenden Schritt versuchen, vor dem Hintergrund meiner bis- herigen Darstellungen und Argumente das Konzept einer kybernetischen Ethik zu skiz- zieren. 144 Auf der Basis welcher Strategien soll nun ein Tourist, ein Nomade, ein mit Tourismus kon- frontierter Politiker oder der Verantwortungsträger eines Reiseveranstalters ethisch relevante Entscheidungen treffen? Die kybernetische Ethik geht von der Tendenz jedes lebenden Organismus aus, 1. zu überle- ben, 2. dies auf möglichst effiziente, d. h. auf solche Weise zu tun, dass das System der „bio- logischen“ Maschine stabil bleibt. Auf den Menschen übertragen können wir mehrere Sys- tem-Ebenen unterscheiden 145, die in unterschiedlicher Intensität einander beeinflussen. 2.5.1 Das Individuum als psycho-physisches System Ein Mensch muss seinen Körper und auch seinen Geist entsprechend behandeln, um ein inne- res Gleichgewicht aufrecht zu halten. Ernährt er sich nicht, so wird der Körper verhungern und das System kollabieren. Kurzfristig kann er den Körper überlasten, benötigt dann aber wieder Ruhepausen. Durch Training kann man die körperlichen Stabilitätsgrenzen modifizie- ren. Durch Dopingmittel dagegen können nur die Symptome der körperlichen Destabilisie- rung unterdrückt werden, was mittelfristig jedoch zu schweren Schädigungen und damit zur Destabilisierung des Körpers führen kann. Krankheit stellt sich nach diesem Modell ein, wenn jemand seinen Körper dauerhafter Destabilisierung aussetzt, z. B. einseitige Belastungen, fal- sche Ernährung etc. Insofern gelten auch Infektionen als Destabilisierung verschiedener kör- perlicher Prozesse, von denen Fieber eine körpereigene Gegenreaktion zur Einleitung des Stabilisierungsprozesses ist. Nicht umsonst wird Infektionskranken in erster Linie Bettruhe verschrieben, damit sich die körpereigenen Prozesse wieder stabilisieren können. Gleiches gilt auch für den psychischen Zustand. Wer sich geistig zu viel zumutet, indem er z. B. täglich stundenlang an seiner Dissertation arbeitet, wird irgendwann eine solche Aversion entwickeln, sodass er ihrer überdrüssig werden könnte. Stress kann Geist und Körper anregen, als Dauerbelastung aber zu Destabilisierung in Form eines „Burn-out-Syndroms“ führen. Vereinfacht formuliert lässt sich zusammenfassen, dass das Individuum, will es ein möglichst langes, von Krankheit unbeschwertes und aktives Leben führen, Regeln der Körper- und See- lenpflege befolgen muß. Verstößt ein Individuum gegen diesen Imperativ, indem es sich falsch ernährt, Drogen konsumiert, wenig Bewegung betreibt etc. und zudem noch die ent- sprechenden körperlichen Signale der drohenden Destabilisierung missachtet, wird es früher oder später die Folgen tragen müssen… 144 Das Grundkonzept der kybernetischen Ethik stammt von Heinz von Foerster (1992, Web). 145 Das folgende Modell dient dem besseren Verständnis, denn die tatsächlich ablaufenden Prozesse greifen natürlich inein- ander. 92 Vereinfacht formuliert: Wer nicht auf seine psycho-physische Konstitution achtet, bedroht die Grundlage für die kybernetische Interaktion mit der Außenwelt. Wer also viel „Gutes“ tun will, was immer darunter zu verstehen sei, der muss auch sich selbst Gutes tun. 2.5.2 Die Kybernetik direkter personeller Beziehungen Wie ich bereits eingangs skizziert habe, steht ein Individuum im Fall der direkten Kommuni- kation in einem permanenten Feedback-Prozess. Treffen sich zwei Menschen das erste Mal, etwa Mann und Frau, laufen Balzrituale und ähnliches ab, um Kontakt zu knüpfen. Wird also das jeweilige individuelle System durch die Wahrnehmung des Gegenübers angenehm stimu- liert, so wird das Individuum versuchen, alles zu unternehmen, um dieses positive Feedback zu maximieren. Kommt nun ein junger Mann, dessen Wahrnehmungsmuster auf die spezifi- schen Reize seiner Kommunikationspartnerin (z. B. groß, blond, schlank, vollbusig, lä- chelnd…) voll anspricht, dem „Objekt seiner Begierde“ zu nahe, wird diese unweigerlich ein negatives Feedback geben. Der junge Mann wird nun entweder die Signale falsch deuten, der Dame weiterhin hinterher rennen - und dadurch an irgendeinem Punkt das System der jungen Dame destabilisieren, indem sie sich unangenehm bedrängt fühlt und den Kontakt abbricht. Dadurch kollabiert auch das interkommunikative System, und damit wird auch der junge Mann in eine Krise stürzen. Hätte also der liebestolle junge Mann die Signale der sanften Abwehr richtig gedeutet und interpretiert, so hätte er mehr Erfolg gehabt. Allerdings hat der junge Mann nun durch diese Destabilisierung seines Balzmusters die Chance, es neu zu konfigurieren. Wenn er nämlich sein Verhalten überdenkt und optimiert, wird er das nächste Mal mehr Erfolg haben. Freilich besteht stets auch die Gefahr einer systemdysfunktionalen Stabilisierung von Wahrnehmungs- mustern, etwa indem der junge Mann sein Versagen damit begründet, er habe ohnedies alles richtig gemacht, lediglich die junge Dame wäre nicht die „Richtige“ gewesen… 146 Fazit: Will der junge Mann erfolgreich die „richtige“ Partnerin für den jeweiligen Zweck fin- den, muss er die entsprechenden Verhaltensmuster annehmen. Je nachdem, aus welchem Mi- lieu er sich diese potenzielle Partnerin aussucht, wird das Verhaltensmuster unterschiedlich sein. Hat es nun der junge Mann geschafft, eine Partnerin zu finden, dann beginnt erst richtig der ein Leben lang andauernde Prozess der gegenseitigen Akkulturation, des Lernens, der Enttäu- schungen etc. Wenn nun aber z. B. Treue für seine Partnerin ein wichtiges Prinzip der Ehe ist, der junge Mann aber auch weiterhin ein Freund schöner Frauen ist, und sei es, dass er ihnen nur gerne anerkennend nachblickt, so hat der Mann einen Wertekonflikt, für den er eine Lö- sung entwickeln muss, die alle beteiligten Systeme, jenes seiner eigenen Person, jenes seiner Frau und schließlich das gemeinsame System Ehe, möglichst wenig belastet. Angenommen, er wählt den traditionellen Weg, indem er sich eisern an das eingeforderte Treueprinzip seiner Frau hält, um so ihren Bedürfnissen gerecht zu werden, dann aber läuft er Gefahr, dass sein eigenes, permanent unbefriedigtes Bedürfnis ihn irgendwann dazu bringen 146 Zu den Problemen der „Self-fulfilling Prophecy“ und anderen kommunikativen Systemdysfunktionalitäten siehe Watzla- wick/Weakland/Fisch 1988. 93 wird, zu kollabieren. Er könnte etwa die Phase des Streits 147 zum Anlass nehmen, um überzu- reagieren, die Beziehung insgesamt in Frage zu stellen und hinzuwerfen. Eine andere Strategie wäre, die Belastbarkeit seiner Partnerin auf die Probe zu stellen und keine Rücksicht auf die von ihr eingeforderte völlige Treue zu nehmen. Dies kann wiederum dazu führen, dass irgendwann sie kollabiert und die Scheidung verlangt… Oder aber er entwickelt ein Verhaltensmuster, das einerseits dem Wahrnehmungs- und Werte- system seiner Partnerin gerecht wird, aber gleichzeitig ihm selbst ermöglicht, seine eigenen Bedürfnisse temporär zu befriedigen und dadurch für seine nötige Eigenstabilität zu sorgen. Dazu könnte er etwa die Strategie wählen, konsequent keinerlei Verhalten an den Tag zu le- gen, das bei seiner Frau den Grund zur Eifersucht erwecken könnte. Wenn er sich aber außer- halb ihres Wahrnehmungsbereichs befindet und keinerlei Gefahr besteht, dass seine Frau in irgendeiner Weise von seinem Treiben erfahren könne, dann befindet er sich aus kyberneti- scher Sicht in einem anderen Bezugssystem und kann seinen Bedürfnissen frönen. Für traditi- onelle Geister geradezu paradox mag es erscheinen, dass durch eine solche Strategie der Betreffende langfristig sogar zur Stabilisierung seiner Beziehung beiträgt, solange er keinen Fehler macht, und solange er selbst mit dem Management von verschiedenen „Wahrheiten“ umgehen kann. Dies ist im menschlichen Leben jedoch völlig normal, denn auch seinen El- tern, Kindern oder anderen engen Bezugspersonen berichtet man trotz einer „offenen“ Bezie- hung nicht alle Geheimnisse. Stellen wir uns nun vor, der junge Mann sei sehr religiös, für ihn käme eine „Lüge“ keines- wegs in Frage, und die eheliche Treue ist ihm wichtig. Dennoch ist er für die Reize der offen- herzigen Mode sehr empfänglich. Dann hat er noch die Möglichkeit, seine Entbehrungen vor dem Hintergrund seiner Religiosität als „Prüfung“ umzuinterpretieren und dadurch zu einem Stabilitätsfaktor umzuwerten. Diese Beispiele zeigen deutlich, dass zur Lösung dieser Konfliktsituation weder der Kategori- sche Imperativ noch der Utilitarismus geeignet wäre. Die Lösung des Wertekonflikts resultiert vielmehr aus einer Analyse der gegebenen Rahmenbedingungen der beteiligten Systeme und der damit verbundenen Handlungsoptionen. Die beste Handlung ist demnach jene, die am besten dazu geeignet ist, sämtliche beteiligten Systeme möglichst im Gleichgewicht zu halten. 2.5.3 Die Kybernetik von Gruppenprozessen Aus der Forschung der Kommunikation und der Sozialpsychologie sind die dynamischen Prozesse, die innerhalb einer Gruppe ablaufen, bestens bekannt. Auch ich habe bereits die determinierende Kraft von gruppendynamischen Prozessen innerhalb von Reisegruppen für das Verhalten der Gruppenmitglieder gegenüber der Außenwelt hinlänglich thematisiert.148 Darum will ich an dieser Stelle lediglich vor dem Hintergrund dieser Typologie in Erinnerung rufen, warum Reisegruppen sich so stark auf sich selbst konzentrieren und die „Außenwelt“ lediglich eine sekundäre Rolle als „Kulisse“ spielt: Entsteht eine Gruppe, so muss sich erst ein gemeinsamer Wertehorizont und ein „Wir-Gefühl“ entwickeln. Darum sind die Mitglieder einer neu entstandenen Gruppe noch höchst distan- ziert: Ihre inneren Systeme werden durch die Konfrontation mit so viel Neuem stark bean- 147 Konflikte sind notwendigerweise Phasen der systemischen Destabilisierung, die eine Voraussetzung für die Veränderung von Wahrnehmungs- und Wertemuster und insofern für konstruktives Lernen sind. 148 Vgl. Friedl 2002. 94 sprucht. Es müssen mit vielen Kommunikationspartnern binnen kurzer Zeit Gemeinsamkeiten entdeckt werden. Hier können von außen importierte Kristallisationselemente wie gruppen- identitätsstiftende Aktivitäten des Gruppenleiters Abhilfe schaffen. Innerhalb der Gruppe werden sich auch Teilgruppen bilden, gekennzeichnet durch ähnliche oder ergänzende Wer- temuster. Diese Gruppen können dann untereinander durchaus konkurrieren. Ethische Konflikte innerhalb von solchen Gruppen können entstehen, wenn sich bereits ein gemeinsamer Wertehorizont entwickelt hat und plötzlich ein neues Mitglied hinzu stößt, des- sen Signale diesem Wertehorizont nicht ganz entsprechen. Dies kann an seinem Äußeren lie- gen, an seinem Verhalten oder an seinen geäußerten Sichtweisen. Dadurch kann die Gruppen- stabilität erheblich belastet werden und im Extremfall in feindliche Lager zerfallen, die sich für oder gegen den „Neuen“ entscheiden. Der ethische Konflikt ist offensichtlich und droht, die gesamte Gruppe zu sprengen. Als einzelnes „etabliertes“ Gruppenmitglied wird man aber ebenso destabilisiert, weil die alte, vertraute Idylle verloren gegangen ist. In einer solchen Situation bedarf es erheblicher und vielschichtiger Anstrengungen, um ein derartiges System wieder in einen stabilen Zustand zu bringen. Aus meinen eigenen Erfah- rungen als Reiseleiter weiß ich, dass der größte Destabilisierungsschaden für alle Beteiligten durch die Zerrüttung der Gruppenkohärenz entsteht: Sowohl die Gruppe insgesamt, als auch das persönliche Wohlbefinden des Einzelnen wird durch eskalierte Gruppenkonflikte destabi- lisiert. Dies gilt auch für den Reiseleiter. In solchen Fällen intervenierte ich zumeist auf eine Weise, indem ich z. B. eine vordergründig unpopuläre Ankündigung vornahm, etwa die Aus- sicht auf eine schlechte Unterkunft. Durch die Präsentation eines gemeinsamen Gegners stif- tete ich ad hoc wieder eine Form der Gemeinsamkeit, wodurch die Gruppenprozesse entlastet wurden und wieder an kooperativer Dynamik gewannen. Für mich selbst war die kurzfristige Enttäuschung mancher Gruppenmitglieder mir gegenüber weniger belastend als der vorange- gangene drohende Zerfall der Gruppe. Übrigens gewann ich die Sympathie der Gruppe meist wieder zurück, sobald sich die ange- kündigte, angeblich schlechte Unterkunft als Palast herausstellte und dadurch die Erwartun- gen in höchst positiver Weise übertroffen wurden. An diesem Beispiel zeigt sich gut, wie eine nach verbreiteten Wertemustern abzulehnende Hand- lung, eine Lüge, dazu dient größeren Schaden zu verhindern, ja sogar Nutzen zu stiften. Aus der Sicht der kybernetischen Ethik ist es jedoch völlig irrelevant, gute oder schlechte Handlungen gegeneinander aufzuwiegen. Vielmehr gibt es einfach nur Formen des Feedbacks, die man auch „Handlungen“ nennen kann, die zur Stabilität oder zur Destabilisierung eines Systems beitragen. Denn dieselbe Handlung kann, wenn bereits öfters eingesetzt, ihre Wirkung verlieren oder sogar ins Gegenteil verkehren, etwa indem ich als Lügner gebrandmarkt werde…149 2.5.4 Die Kybernetik von indirekt vermittelten sozialen Systemen 149 Die kybernetische Betrachtungsweise macht auch nachvollziehbar, warum etwa Demokratie nach westlichem Muster (das ohnedies in verschiedenen Ausprägungen existiert) in manchen gesellschaftlichen bzw. historischen Kontexten systemwidrig und darum dysfunktional ist. Das Beispiel von König Jiroki, der als absoluter Herrscher des Andamanen-Stammes auf der indischen Insel Strait Island regiert, beweist, dass dieses Regelungsstruktur des Stammes diesem angesichts der Tsunami- Katastrophe im Dezember 2004 das Überleben gesichert hatte: König Jiroki hatte auf Basis seines absoluten Befehlsrecht dem Stamm befohlen zu flüchten, und alle flüchteten rechtzeitig und überlebten (vgl. Peutz 2005, S. 4). Man stelle sich, der Stamm hätte sich erst im Zuge eines Palavers beraten… 95 Alle bisherigen sozialen Systeme zeichneten sich durch direkte Kontakte zwischen den jewei- ligen Individuen aus. Im Unterschied dazu stehen mediatisierte soziale Systeme wie Gemein- den, Staaten etc. Im Prinzip funktioniert das kybernetische Modell hier gleich, nur dass die Prozesse 1. viel komplexer und 2. durch Systeme vermittelt sind, die ihrerseits solchen kyber- netischen Prozessen unterliegen. Die Feedbacks bestehen hier in durch Medien vermittelten Signalen. Insofern stehen mediatisierte soziale Systeme aus Sicht der kybernetischen Ethik auf einer ähnlichen Ebene wie nicht-soziale Systeme, etwa das Ökosystem, das Finanzsystem, das System politischer Parteien, das Weltklima etc. Die Wissenschaft, die Medien, Forschungsinstrumente, all das sind letztlich Formen von Pro- thesen unserer Wahrnehmung zur Erweiterung unserer Feedback-Sensoren, um auf diese Weise unsere Vorstellungen und Wertemuster über die Welt zu entwickeln. Wie ich bereits am Modell von Hoff aufzeigen konnte, verändert sich mit zunehmender Kom- plexität der Vorstellung von den Zusammenhängen der „Welt da draußen“ auch die Auffas- sung über die Interventionsmöglichkeiten, der damit verbundenen Folgen und somit der Grad der realisierbaren Kontrolle. Damit einher geht zwangsläufig auch eine Veränderung der Wer- tung von Verhalten innerhalb dieser Systeme. Innerhalb solcher hochgradig komplexer Systeme kann man meist nur noch von mehr oder minder bestehenden Einflüssen individueller Handlungen sprechen, deren Wirkung meist erst durch ihre Summierung nachweisbar wird. Wir sind zwar nach wie vor Teil dieser Systeme, aber eben nur als - zuweilen - unbedeutende Subsysteme, die aber unter bestimmten Bedin- gungen enorme Wirkung erzielen können. Aus all dem bisher Gesagten lassen sich nun folgende Schlussfolgerungen ziehen: 1. Es gibt keine absolut guten oder schlechten Handlungen, sondern nur solche, die zur Sta- bilisierung oder Destabilisierung von betroffenen Systemen führen. 2. Insofern gibt es in den meisten Fällen auch keine eindeutigen „richtigen“ oder „falschen“ Handlungen. Die gleiche Handlung kann zu einem Zeitpunkt x noch unproblematisch sein, zum Zeitpunkt y jedoch bereits Destabilisierung verursachen. 3. Die Basis aller Ethik ist das lebendige Individuum. Seine ethische Verantwortung resul- tiert aus seinem Überlebenstrieb und betrifft somit das Streben nach Eigenstabilität als Grundvoraussetzung für die eigene Überlebensfähigkeit. 4. Ethische Verantwortung kann nur gegenüber Wahrgenommenem existieren. Was ein Mensch nicht kennt, ist nicht Teil seines ethischen Universums. 5. Ethische Verantwortung gegenüber anderen Individuen resultiert aus der Verantwortung für die Stabilität des sozialen Systems, an dem man als handelnder Mensch Teil hat, und insofern wiederum für die Stabilität des eigenen Systems. 6. Im zwischenmenschlichen Bereich sind ausschließlich jene Handlungen ethisch „richtig“, die zur wahrnehmbaren Stabilität des sozialen Systems beitragen, und ethisch falsch, die sie gefährden. 7. Wahrnehmung ist determiniert durch den systeminhärenten Wahrnehmungs- und Werte- horizont. 150 Dies bedeutet, dass Wahrnehmung und Wertung aus neurophysiologischer Sicht von einander nicht zu trennende Erkenntnisprozesse sind. Daraus folgt notwendig, dass in der Vorstellung der Wirklichkeit auch die entsprechenden Wertungen integriert sind. Daraus folgt aber weiter, dass Moores naturalistischer Fehlschluss 151 vor dem Hin- 150 Vgl. dazu Wittensteins Feststellung im Tractatus (1998, Paragraph 5.61), wonach die „Grenzen meiner Sprache die Gren- zen meiner Welt bedeuten“ (1998). 151 Vgl. George Edward Moores (1996) „Principia Ethica“. 96 tergrund der kybernetischen Ethik falsch ist, weil die Moore’sche Konzeption der Wirk- lichkeit positivistisch geprägt ist. Die kybernetische Ethik dagegen beruht auf einer kon- struktivistischen Konzeption der Wirklichkeit. Insofern ist auch Moores Intuitionismus letztlich zu interpretieren als undifferenzierter, unausformulierter Ausdruck für ein ky- bernetisches Feedback-Signal über wahrgenommene Stabilität oder Disstabilität. 8. Aus der ethischen Pflicht, „richtig“ in diesem Sinne zu handeln, resultiert auch die Pflicht zu lernen, denn dies bedeutet, den eigenen Wahrnehmungshorizont den Strukturen der Außenwelt - im Rahmen der Möglichkeiten des eigenen Systems - anzupassen. Dies be- deutet auch die ethische Pflicht, im Rahmen der systeminhärenten Möglichkeiten empiri- sche und theoretische Forschung zu betreiben. 9. In einer radikalen Ausformung dieser Hypothesen folgt daraus, dass Ethiker, die die Er- gebnisse der empirischen als auch jüngeren theoretischen Forschung nicht zur Kenntnis nehmen, hinsichtlich ihrer Verantwortung gegenüber der Gesellschaft und der Welt un- ethisch, weil destabilisierend handeln. Andererseits müssen sie aber im Sinne Kuhns an ihren konventionellen Konzeptionen festhalten, weil ihre Öffnung für ein neues ethisches Paradigma wahrscheinlich zu bedrohlichen Destabilisierungen mancher philosophischer Institutionen und Individuen führen würde. 152 Darum ist zu vermuten, dass die Zeit noch nicht reif ist für eine Durchsetzung der kybernetischen Ethik als ethisches Paradigma ei- ner globalisierten Welt. 2.6 Zusammenfassung Die Welt hat sich infolge des „Wissens“ über diese Welt und darüber, „was die Welt im Inne- ren zusammen hält“ 153, verändert. Dies bedarf - auch in ethischer Hinsicht - eines anderen Blicks. Kant schuf seinen kategorischen Imperativ im Verständnis von der Welt als gleichsam statisches Konstrukt. 154 Dieses Konstrukt lässt sich keinesfalls aufrechterhalten, denn Gesell- schaften wandeln sich in Anpassung an äußere und innere Veränderungen, seien diese Verän- derungen unmittelbar auch kaum merkbar, wie etwa der globale Klimawandel. 155 Das Bedürfnis nach einem kategorischen Imperativ im Sinne einer Sehnsucht nach Gewissheit bleibt aber dennoch unbenommen. Wenn das Kernproblem des kategorischen Imperativs aber in der Tatsache der Starrheit seines zugrunde liegenden Weltbildes liegt, so liegt nichts näher als der Versuch, den kategorischen Imperativ vor dem Hintergrund eines kybernetischen Ver- ständnisses der Welt zu formulieren. Ein kybernetisches Verständnis von Ethik setzt somit voraus, jeden Menschen, jedes Lebewe- sen, aber auch die Menschheit auf diesem Planeten und alle daran beteiligten Teilsysteme als ein geschlossenes, verbundenes, dynamisches System zu betrachten, dessen Zustand zwischen Stabilität und Instabilität schwanken kann. Jede Untergruppierung, ob Partnerschaft, Familie, Firma, Gemeinde, Staaten oder Nationenverband, stellt ein Teilsystem dar, dessen Zustand gleichfalls zwischen Stabilität und Instabilität schwanken kann. Handlungen wirken sich in- nerhalb dieser Systeme nicht monokausal, sondern systemisch - im Sinne eines Regelkreis- 152 Vgl. Thomas Kuhns (1979) „Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“. 153 J. W. v. Goethes (1997) “Faust”, 1. Teil, Prolog. 154 In diesem Sinn spricht Krämer (1995, S. 212) sarkastisch von der „Wolkentreterei einer Ein-Satz-Ethik“. 155 Siehe dazu das Kap. „Portrait der Kel Timia: Tradition und Wandel/Klimawandel - haben die Kel Ewey eine dauerhafte Zukunft?“ 97 laufs - aus. Insofern beeinflussen individuelle Handlungen ihre umgebenden Systeme mehr oder weniger intensiv und nachhaltig. Aus all dem folgt für die vorliegende Untersuchung die Notwendigkeit, die Strukturen des Tourismus im Niger, die Sichtweisen der betroffenen Unternehmer, Bevölkerung und Touris- ten als auch die Auswirkungen touristischer Handlungen im Niger zu untersuchen. Erst wenn ich ein Modell der systemischen Prozesse des Tourismus im Niger entwickelt habe, kann ich sinnvoll Aussagen darüber treffen, ob Tourismus zur Stabilisierung oder Destabilisierung der betroffenen (Teil-)Systeme beiträgt, und welche etwaigen Maßnahmen zur Gegensteuerung sinnvoll wären. 98 3 „Entwicklung“: Ideologischer Wandel und Krise eines Entwicklungsbegriffs Was genau ist - vor dem Hintergrund der Verarmung zahlreicher Länder der Welt - mit dem Begriff „Entwicklung“ gemeint? Was soll in welche Richtung entwickelt werden? Landläufig wird unter "Entwicklung" verstanden, dass die Unterentwicklung überwunden wird: Den „ar- men“ Ländern und Regionen soll es künftig besser gehen. Was das aber konkret bedeutet und auf welche Weise das erreicht werden kann, ist heute fragwürdiger denn je, da das langjährige Vorbild einer „entwickelten“ Gesellschaft, die USA, und zunehmend auch Europa, mit gra- vierenden Problemen zu kämpfen hat, wie Verkehrschaos, Umweltzerstörung durch Nuklear-, Chemie- und andere hoch entwickelte Industriezweige, soziale Vereinsamung und Devianz, Kollaps der Schul- und der sozialen Versorgungsinstitutionen etc.. Einige wesentliche Aus- wirkungen dieser einstmals beispielhaften „Entwicklung“ – wie etwa der anthropogene Kli- mawandel 1 - tragen sogar wesentlich dazu bei, dass bislang erreichte Entwicklungsziele wie z.B. Ertragssteigerung in der Landwirtschaft durch Wassermangel konterkariert werden. Angesichts dieser kurzen Anmerkungen dürfte es wenig überraschen, dass es bislang keine umfassende, alle relevanten Aspekte einbeziehende Theorie der Entwicklung gibt. Die Grün- de dafür liegen u. a. im Problem der Theorienbildung in den Sozialwissenschaften an sich, 2 in der Multidimensionalität des Phänomens Entwicklung sowie in der Multikausalität bei den Erklärungsansätzen. Die bislang ausgebildeten Entwicklungstheorien, die in der Folge kurz vorgestellt werden, leiden an mangelnder allgemeiner Akzeptanz und auch an wissenschaftstheoretischen Män- geln. Zumeist erheben sie keinen universellen Gültigkeitsanspruch, sondern gründen auf der Annahme von Wahrscheinlichkeiten und lassen somit Ausnahmen zu. Manche Entwicklungs- theorien verbinden Erklärung, Prognosen und Programme miteinander, und manche kranken an ihrer mangelnden Falsifizierbarkeit, weil sich die beinhalteten Aussagen in der Realität kaum überprüfen und widerlegen lassen. 3 Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, wenn Menzel lakonisch feststellt, dass bis heute ungeklärt sei, wie die jeweiligen Entwicklungsvor- haben realisiert werden können. 4 3.1 Begriffliche Grundlagen „Entwicklungstheorien“ behandeln grundsätzlich die Ursachen der Unterentwicklung von armen Ländern und die Überwindung dieses Zustandes. Die Aufgabe der Entwicklungstheo- rien ist es, die Determinanten des gegenwärtigen Entwicklungsstandes und des aktuellen Ent- wicklungsprozesses der Entwicklungsländer zu erkennen und die Voraussetzungen zur For- mulierung von erfolgsversprechenden Entwicklungsstrategien zu schaffen. 5 „Unterentwicklung“ wird als ein Zustand von zu geringer Entwicklung verstanden, als deren Ursachen entsprechend den jeweiligen Entwicklungsparadigmen zahlreiche, unterschiedlich 1 Siehe dazu das Kap. über das „Portrait der Kel Ewey/Klimawandel - Desertifikation“. 2 Vgl. Gukenbiehl/Schäfers 1998, S. 340 ff. 3 Vgl. Wagner/Kaiser 1995 S. 27 ff. 4 Vgl. Menzel 1992, S. 49. 5 Vgl. Hemmer 1988, S. 93. 99 kausal zusammenwirkende Faktoren angenommen wurden, deren Wirkungsweise von vielfäl- tigen historischen Konstellationen abhängig sind. Diese werden grob in drei Gruppen unter- teilt: 1. Unter „natürlichen Entwicklungshemmnissen“ werden Faktoren wie die ungünstige geogra- fische Lage, schlechte Ressourcenausstattung, negative Wirkungen des Klimas z. B. auf die Landwirtschaft verstanden. Erst in Verbindung mit anderen Faktoren, wie rasches Bevölke- rungswachstum, können sie zur Verfestigung der Unterentwicklung beitragen. 6 2. Unter „psychologischen Entwicklungshemmnissen“ wird z. B. nach der psychologischen Entwicklungstheorie von McClelland 7 das Fehlen des individuellen Bedürfnisses nach Leis- tung zur Erreichung von Wohlstand verstanden. Die Voraussetzungen zur Überwindung die- ses Hemmnisses sei geistige Mobilität, die wiederum nur durch ein ausgebautes Schulsystem und durch die Erwachsenenbildung vermittelt werden könne. 3. Als „endogene Entwicklungshemmnisse“ werden Strukturfaktoren der jeweiligen Gesell- schaft, wie Wirtschaftsordnung, Macht- und Einkommensverhältnisse, Misswirtschaft und Bevölkerungswachstum etc. betrachtet. Als exogene Entwicklungshemmnisse gelte Umstände wie koloniale Vergangenheit, Einfluss transnationaler Konzerne oder ungünstige außenwirt- schaftliche Rahmenbedingungen, etwa Güteraustauschstrukturen. 8 3.1.1 Entwicklung Der Kernbegriff "Entwicklung" ist vieldeutig und definitorisch schwer fassbar. Er wurde im Zuge diverser historischer Meinungs- und Ideologiestreitigkeiten vielfach widersprüchlich verwendet. 9 Der Begriff ist einer ständigen Veränderung unterworfen. Trotz einer Abhängig- keit von der räumlichen und zeitlichen Dimension ist er dennoch ein normativer Begriff, 10 verstanden als „almost a synonym for improvement“ 11 im Sinne der Überwindung menschen- unwürdiger ökonomischer und sozialer Lebensumstände der mittellosen Bevölkerungen, und darum zu verstehen als Prozess der umfassenden Verbesserungen von Lebensstandard und Lebensqualität für alle Menschen. 12 Der Schutz der natürlichen Lebensgrundlage ist die Basis der Entwicklungsdefinition von Nohlen und Nuscheler, nämlich die Versorgung aller Menschen eines Landes mit lebensnot- wendigen materiellen Gütern und Dienstleistungen durch die selbständige Entfaltung der Pro- duktivkräfte innerhalb einer gesellschaftlichen und politischen Ordnung, die den Menschen Chancengleichheit einräumt, innenpolitische Mitbestimmung ermöglicht und sie an gemein- sam geschaffenem Wohlstand partizipieren lässt. 13 Wie dies jeweils erreicht werden könnte, wurde in den letzten 60 Jahren mit den unterschiedlichsten Entwicklungsparadigmen beant- wortet. Am Anfang stand zwangsläufig der als Erfolgsmodell betrachtete Weg der Moderni- sierung und Industrialisierung, sowohl in den USA als auch in den einstigen Mutterländer der frei gewordenen Kolonien, die in der Folge versuchten, eben dieses „Erfolgs“-Modell zu ko- 6 Vgl. Wagner/Kaiser 1995, S. 31 f. 7 Vgl. McClelland 1966. 8 Vgl. Hauff/Heinecke 1993, S. 30 f. 9 Vgl. Nohlen/Nuscheler 1992, S. 55. 10 Vgl. Carr 1981, S. 81 f. 11 Seers 1969, zit. in de Kadt 1995, S. 52. 12 Vgl. Todaro 1992, S. 620. 13 Vgl. Nohlen/Nuscheler 1992, S. 55 ff. 100 pieren. 14 3.1.2 Ist Entwicklung messbar? Entwicklung ist immer als dynamischer Prozess im Sinne einer intertemporalen Verbindung einer Vielzahl von Momentaufnahmen des Entwicklungsprozesses, den sog. Entwicklungs- ständen, zu verstehen. Nur anhand des jeweiligen Entwicklungsstandes einer Gesellschaft lässt sich Entwicklung messen, und auch dazu bedarf es erst inhaltlicher Konkretisierung des Entwicklungsstandes. Dem entspricht in einer Gesellschaft das jeweilige Lebensniveau, des- sen Steigerung von gegenwärtigen und zukünftigen Lebensbedingungen abhängt. Erst über die Erfassung dieser konkreten äußeren Lebensbedingungen, den sog. Indikatoren, wird Ent- wicklung beschreibbar und nachfolgend für analytische Zwecke messbar. Das wissenschaftstheoretische Problem liegt in der Frage nach den „richtigen“ Indikatoren: Ob die jeweils gewählten Indizes hinreichend repräsentativ für bestimmte Teilaspekte der Entwicklung sind, hängt etwa wiederum vom jeweiligen Entwicklungsbegriff ab. Zudem be- darf die Beschreibung eines komplexen Konstrukts, wie „Lebensniveau“, eines Bündels von Indikatoren (wie Gesundheit, Ernährung, Bildung etc.), wodurch sich wiederum das Problem der entsprechenden Gewichtung der jeweiligen Indikatoren stellt – ganz abgesehen von der mangelnden Verfügbarkeit konsistenter, vollständiger und zuverlässiger Daten in Entwick- lungsländern. 15 Anhand dieser Überlegungen wird zumindest nachvollziehbar, weshalb in der Praxis meist die Erhöhung des Bruttosozialprodukts pro Kopf als Entwicklungsindikator betrachtet wird; die- ser Wert allein ist jedoch wenig aussagekräftig. 16 Zur Lösung dieses Dilemmas hatte Morris im Jahr 1973 den „Physical Quality of Life Index“ (PQLI), bestehend aus drei Indikatoren, vorgeschlagen: Lebenserwartung und Kindersterblichkeit, die gemeinsam die Folgen aus Ein- kommen, Ernährung, Gesundheit und Umwelt widerspiegeln, und die Alphabetenrate, die den Bevölkerungsanteil an der ökonomischen und sozialen Entwicklung des Landes signalisiert. Der PQLI wurde von der OECD in modifizierte Form übernommen. 17 Von der UNDP wurde der PQLI zum Human Development Index (HDI) weiterentwickelt, der seit 1990 als international anerkannte Messgröße gilt. Der HDI kombiniert die Indikatoren Lebenserwartung, Wissen und Lebensstandard, gemessen an der Quote der Alphabetisierung und des Schulbesuches sowie an der realen Kaufkraft pro Kopf. Um den Disparitäten zwi- schen den verschiedenen Regionen, Bevölkerungsgruppen und Geschlechtern innerhalb eines bestimmten Landes zu genügen, wurden mittlerweile weiter differenzierte HDIs entwickelt.18 14 Vgl. Wagner/Kaiser 1995, S. 6. Zu den verschiedenen Entwicklungsparadigmen siehe unten. 15 Vgl. Sangmeister 2000, S. 356 ff. Nach Wagner & Kaiser (1995, S. 9) müssten zur Substitution der Fehlerquellen mit vermehrten Messfehlern umso mehr Indikatoren herangezogen werden. 16 Das zeigt deutlich das Beispiel der USA, wo unter Teilen der Bevölkerung größte Armut herrscht. 17 Hinw. in Wagner/Kaiser 1995, S. 11. 18 Vgl. République du Niger/UNO 1999, S. 97 ff. Auf Subsistenzökonomien wie jene der Tuareg-Nomaden, die bislang erst beschränkt monetarisiert sind, ist der HDI nur bedingt anwendbar. 101 3.1.3 Armut Unter relativer Armut wird das Wohlstandsgefälle zwischen Industrieländern und Entwick- lungsländern bzw. zwischen einzelnen Regionen innerhalb der Entwicklungsländer verstan- den. Als absolut arm gilt gem. einer Definition des 1973 amtierenden Weltbank-Präsidenten R. McNamara ein Land dann, wenn entwürdigende Lebensbedingungen, gekennzeichnet durch Krankheit, Analphabetentum, Unterernährung und Verwahrlosung, nicht einmal die Befriedigung der grundlegendsten menschlichen Existenzbedürfnisse erlauben. 19 Zur Mes- sung von Armut verwendet die Weltbank die sog. „food adequacy standards“, wonach als absolut arm gilt, wer mehr als 70 % seines Einkommens für Ernährung aufwenden muss und häufig an Hunger leidet, also täglich weniger als 2250 Kalorien zu sich nehmen kann. 20 3.1.4 Entwicklungshilfe Entwicklungshilfe ist die Sammelbezeichnung für entwicklungsbezogene Leistungen staatli- cher oder nichtstaatlicher Akteure in den Industrieländern für die Entwicklungsländer. Sie wird geleistet in bilateraler Form von einem Staat an ein bestimmtes Land oder multilateral über internationale Organisationen. 21 3.1.5 Entwicklungspolitik Darunter werden sämtliche Mittel und Maßnahmen verstanden, die von Staaten zur Förderung der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung der Entwicklungsländer ergriffen werden. Die jeweilige Entwicklungspolitik resultiert aus bestimmten theoretischen Paradigmen bzw. Ent- wicklungstheorien, wie sie im Folgenden kurz vorgestellt werden, sowie aus bestimmten Prä- missen und Einsichten in die Entwicklungsproblematik, und schließlich aus politischen Ziel- setzungen der jeweiligen Träger dieser entwicklungspolitischen Maßnahmen. 22 19 Zit. in Nohlen/Sottoli 2000, S. 62. 20 Vgl. ebd.; wieder stellt sich das Problem der Anwendbarkeit auf unvollständig monetarisierte (Nomaden)-Ökonomien. Vgl. dazu insb. die Kritik von Obrecht (2003, S. 150) gegenüber der Definition von „’Armut’ in Mobilitätsgesellschaften durch das Fehlen von Geld, Gütern und (durch Geld bezahlte) Dienstleistungen“. So ergab ein rechnerischer Vergleich des gesell- schaftsrelativen Reichtums der rinderhaltenden Mura in der tansanischen Mara-Region mit dem relativen monetären Reich- tum eines österreichischen Wissenschaftlers, dass sich letzterer „nicht ‚leisten’ (könnte), in eine der ‚ärmsten’ Region Afrikas ‚auszusteigen’“ (ebd., S. 151). 21 Vgl. Thiebaut 2000, S. 219 f. 22 Vgl. Woyke 2000, S. 223 f. 102 3.2 Der Wandel der Entwicklungsparadigmen im 20. Jahrhundert Im Laufe des 20. Jahrhunderts wurden verschiedene Konzepte zur Überwindung der Unterent- wicklung propagiert, die nach ihrem offensichtlichen Scheitern wieder aufgegeben, aber nach dem Scheitern von Gegenentwürfen in veränderter Weise neuerlich aufgegriffen wurden. Im We- sentlichen waren die jeweils dominanten Paradigmen stets der wechselnden Mode diverser volkswirtschaftlicher und ideologischer Überzeugungen unterworfen und den damit verbun- denen politischen bzw. historischen Hintergründen bzw. herrschenden politischen Trends. 3.2.1 Die Imperialismustheorien Den Beginn des 20. Jahrhunderts, mit seinen sozialen Bewegungen in Europa und mit der welt- weiten Ausdehnung des Kapitalismus, prägten bis etwa 1950 die Imperialismustheorien. Einer der führenden Vertreter, der US-Marxist Paul Baran, erblickte den Grund für die Unterentwicklung der Dritten Welt im permanenten Transfer des dort erwirtschafteten Produktionsüberschusses in die Industrieländer, im verschwenderischen Verbrauch des im Land verbleibenden Rests durch die eigenen Eliten sowie in negativen Effekten des Auslandskapitals. 23 Darum ersetzte Baran die Konzeption des Kapitalismus als homogenes System durch jene eines heterogenen und hierarchischen Systems, innerhalb dessen entwickelte Staaten die weniger entwickelten Staaten unterwerfen würden. 24 Zum Verständnis der Entwicklungsproblematik vermochten diese Ansätze wegen ihrer Beschränktheit auf postkoloniale Staaten nur wenig beizutragen. 25 3.2.2 Die Modernisierungstheorien Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte sich vor dem Hintergrund des wirtschaftlichen und militäri- schen Erfolgs der USA das Modernisierungsparadigma als Antwort auf die Suche nach Lösun- gen für die Armut und die wirtschaftlichen Schwierigkeiten in den dekolonialisierten Ländern durch. Das soziologische Schlüsseltheorem in der Zeit von 1950 bis 1970 empfahl, die wirt- schaftlichen Mängel und Entwicklungshindernisse in der Dritten Welt durch Modernisierun- gen zu überwinden. Mit diesem Konzept des sozialen Wandels waren verbunden u.a. ökono- mische Rationalität, Produktivitäts- und Wohlstandswachstum, soziale wirtschaftliche Chan- cengleichheit, Partizipation, Effizienz, 26 Staatenbildung 27 und Differenzierung sozialer Funk- tionen und gesellschaftlicher Institutionen. 28 Diesem Konzept zu Grunde lag die Annahme, dass die Ursache für Unterentwicklung endoge- 23 Vgl. Baran 1973, 132 ff. 24 Vgl. Baran/Zweezy 1968. 25 Vgl. Larrain 1992, S. 10. 26 Vgl. Myrdal 1974. 27 Vgl. Huntington 1968. 28 Vgl. Parsons 1976. 103 ner Natur sei, wie etwa traditionelle Wirtschafts- und Sozialstrukturen, Normen- und Wertsyste- me 29 (z.B. das Fehlen einer protestantischen Arbeitsethik 30), und dass insofern auch die traditi- onelle Kindererziehung eine wichtige Barriere für sozialen Wandel sei.31 Darum wurde die Förderung des humanen Kapitals durch Bildung für die Entwicklungspraxis zur obersten Prio- rität. Zur Überwindung spezifischer Modernisierungshindernisse, wie kulturbedingte Moder- nisierungsverweigerung, ethnische und regionale Sonderinteressen etc. - wurde für die Durchsetzung mittels Gewalt, etwa im Bereich der Schulpflicht, plädiert. 32 In dieser Phase beschäftigten sich vor allem Wirtschaftswissenschaftler mit den Fragen der Ent- wicklung.33 In der Folge wurde auf politischer Ebene wirtschaftliches Wachstum als Synonym für wirtschaftliche Entwicklung verstanden34, während ökologische, soziopolitische und kulturelle Faktoren vernachlässigt blieben. Entsprechend bestand auch weitgehende Übereinstimmung darin, dass Unterentwicklung ein frühes Stadium jeder gesellschaftlichen Entwicklung sei und somit ein vorübergehender Zustand jeder traditionell geprägten Gesellschaft. Modernisierung würde die „unterentwickelten“ Gesellschaften „ohne Geschichte“ 35 aus einem statischen Sta- dium befreien 36: durch den Prozess der Imitation und Anpassungen würden sich diese Gesell- schaften zunehmend an die entwickelten Länder und Gesellschaften des Westens annähern. 37 Der populärste Verfechter dieser Sichtweise war Walt Whitman Rostow mit seinem „non- communist manifesto” 38. Diese Wirtschaftsstufentheorie geht davon aus, dass alle Länder auf ihrem linearen Weg von der Unterentwicklung zur Entwicklung mehrere geschichtliche Ent- wicklungsstufen durchlaufen, von der traditionellen über die Industrie- zur Massenkonsum- Gesellschaft, wenn sie sich am Vorbild der entwickelten Länder orientieren. Das in reduktio- nistischer Weise rezipierte Modell Rostows, wonach alle Staaten der Welt früher oder später diese Stadien gleichsam automatisch zu durchlaufen hätten 39, galt für fast zwei Dekaden als absolute Wahrheit und als Postulat der nachholenden Entwicklung. 40 Zwangsläufig übernah- men die Industrieländer die Vorbildfunktion für die nacheifernden Entwicklungsländer. 41 Bald wurde deutlich, dass die Modernisierungsstrategie zur Entstehung konträrer Strukturen 42 auf gesellschaftlicher, sozialer, technischer und regionaler Ebene führt. Der traditionell gewach- sene Sektor existiert wie bisher weiter, jedoch parallel und vorwiegend isoliert vom neu über- nommenen, modernen Sektor, dessen Impulse entgegen den Annahmen der Modernisierungs- 29 Vgl. Nohlen/Nuscheler 1992, S. 34. Dies führte zur Entstehung der Entwicklungssoziologie, die erstmals zum Verständnis für soziale und politische Prozesse und deren Einfluss auf ökonomische Entwicklungsprozesse beitrug (Larrain 1992 S. 86 f.). 30 Vgl. Worsley 1999a, S. 31; vgl. insb. McClelland 1963. 31 Vgl. Werner/Kaiser 1995, S. 33. 32 So schildert etwa Dayak (1996, S. 38) das gewaltsame Einfangen von Nomadenkindern durch französische Kolonial- Soldaten in der Region Agadez, um den Schulbesuch durchzusetzen. 33 Vgl. de Kadt 1995, S. 52. 34 Vgl. Mabogunje 1980, S. 35 35 Vgl. dazu die kritische Schrift von Wolf, E. R. 1982: Europe and the People without History. Berkeley. 36 Das Ziel, traditionelle Kulturen durch Modernisierung zu ersetzen, bringt Lerners Schrift „The Passing of Traditional Society“ (1958) deutlich zum Ausdruck. 37 Entsprechend diesem Dogma wurde Nomadismus lange Zeit als rückständige, primitive Kultur- und Wirtschaftsform verstanden (vgl. Scholz 1995, S. 24, unter Hinw. auf Toynbee 1949) und mittels Sedentarisierungsprogrammen wie im Fall der Kel Ahaggar duch die algerische Regierung bekämpft (vgl. Bourgeot 1995, S. 153 ff.). 38 Rostow, Walt W. 1960: The stage of economic growth: a non-communist manifesto. Cambridge. Wie aus dem zweiten Teil des Titels hervorgeht, ist die Überhöhung des westlichen Entwicklungsideals auch vor dem Hintergrund des Kalten Krieges und der Angst des Westblocks vor zu großem sozialistischen Einfluss im Sinne der "kommunistischen Pathologie" (Nusche- ler 1973, S. 252) zu verstehen. 39 Worsley (1999a, S. 31) weist darauf hin, dass Rostow von den meisten Kommentatoren irrtümlicherweise „as simply an economist/technological determinist“ interpretiert wurde, obwohl Rostow (1960, S. 2) betont hatte, dass ökonomische Kräfte und Motive weder ausschließlich noch notwendigerweise die wichtigsten Determinanten der Geschichtsentwicklung seien, sondern ökonomischer Wandel vielmehr selbst Folge nicht-ökonomischer menschlicher Motive sei. 40 Vgl. Gaisbauer 1994, S. 1994, S. 232. 41 Dies erklärt die später gleichgesetzte Verwendung der Begriffe „Entwicklung“, „Modernisierung“ und „Verwestlichung“ (vgl. Allen 1992a, S. 381; Thomas 1999, S. 46). 42 Vgl. Hemmer 1988, S. 189 ff. 104 theoretiker nicht auf den traditionellen Sektor übertragen werden. Auch auf sozialer Ebene wächst die Kluft zwischen den westlich gebildeten, begüterten Eliten und den besitzlosen Mas- sen der Analphabeten. Im technisch-industriellen Bereich führen kapitalintensive Innovatio- nen zu Arbeitskräfteabbau, während in der arbeitsintensiven Landwirtschaft aufgrund des Arbeitskräfteüberschusses keinerlei Innovationsanreize bestehen. Genauso existieren parallel die Städte, die von Kapital und Wirtschaftsdynamik durchdrungen sind, wogegen die Rückstän- digkeit die ländlichen Regionen prägt. Zur Überwindung dieser Dualismen wurde die beschleunigte Ausweitung des modernen Sek- tors mit Hilfe von Strukturanpassungsprogrammen empfohlen, wie sie die Weltbank und der IWF seit Ende der 70er Jahre forcierten. 43 Dabei wurde übersehen, dass solche Dualismen auch in den Industrieländern auftreten und weniger die Folge mangelnder Entwicklung sind, als vielmehr eine typische Folge von Modernisierung und „Entwicklung“, die durch differen- zierte Interventionsweise auszugleichen wäre. 44 Gegen Ende der 60er-Jahre wurde offenkundig, dass mit dieser Entwicklungspolitik der ein- seitigen Betonung der Wachstumszielsetzung unter weitgehender Vernachlässigung des Ver- teilungsziels bestenfalls Wachstum geschaffen werden kann. Für die meisten Bewohner der Entwicklungsländer hatte sich die materielle Lage sogar verschlechtert, und auch die umfas- sende, gesellschaftliche Modernisierung war nicht erreicht worden. 45 Schließlich verursachte der propagierte Import kultureller Wertvorstellungen aus dem modernen Westen in die Dritte Welt auch massive soziokulturelle Probleme. Die Schwächen der Modernisierungstheorie lagen im reduktionistischen Ansatz einer irrtümlichen Gleichsetzung von Entwicklung mit Industrialisierung. Dadurch blieben die kritischen Einflüsse externer Faktoren, wie der internationalen Ordnung, ebenso unbeachtet wie die Folgen auf die jeweiligen spezifischen Gegebenheiten eines Landes. 3.2.3 Strukturalismus, Dependenztheorien und Weltsystemtheorien Als Reaktion auf das Ausbleiben erhoffter Erfolge der „nachholenden Entwicklung“ in den Län- dern der Dritten Welt entwickelte sich in den 60er- und 70er Jahren, einsetzend in Latein- amerika,46 eine Neuauflage der Imperialismustheorien, wobei Strukturalismus bzw. Dependenz- theorien für eine Abkoppelung der nationalen Entwicklung vom Weltmarkt plädierten. Der Strukturalismus verstand sich als kritische Weiterentwicklung der neoklassischen Analy- sen. Sein paradigmatischer Kern war das Zentrum-Peripherie-Modell und die damit skizzierte wachsende Ungleichheit zwischen den entwickelten Industrieländern und den Entwicklungs- ländern einerseits, sowie zwischen urbanen Zentren und ländlichen Gegenden andererseits. Dies wurde im Wesentlichen als eine Folge der internationalen Handelsströme betrachtet, der ungünstigen Terms of Trade bzw. der durch den Norden dominierten internationalen Wirt- schaftsstrukturen. 47 Insofern wurde strukturelle Heterogenität nicht als Übergangstadium, wie von 43 Vgl.Wagner 1993, S. 42. 44 Vgl. Wagner/Kaiser 1995, S. 42. Dabei wäre etwa an die EU-Zielgebietsförderungen zu denken. 45 Vgl. Hein 1981, S. 73. 46 Vgl. Kay 1989, S. 2 ff. 47 Vgl. Nohlen/Sturm 2000, S. 696 f. 105 der Modernisierungstheorie behauptet, sondern als ein Prozess sich permanent reproduzierender Abhängigkeit und Unterentwicklung begriffen.48 Die Strukturalisten plädierten für eine nationale Abkoppelung vom Weltmarkt durch Imports- substituierung mittels einer nach innen gerichteten Entwicklungsstrategie, massive Industri- alisierung, wobei der Staat den Industrialisierungsprozess durch Investitionen, Preiskontrollen und Schutzzölle beschleunigen sollte. 49 Heute ist die Verschlechterung der Terms of Trade als Auslöser der Verschuldung vieler Ent- wicklungsländer unbestritten; 50 dieses Modell scheiterte aber letztlich an der zu hohen Kapitalin- tensität der angepassten Technologie und an der beschränkten Aufnahmefähigkeit des internen Markts für Industrieprodukte zur vollen Ausnutzung der Kostendegression. Schließlich profitier- ten vom technischen Fortschritt nur die Kapitaleigentümer, wodurch die strukturelle Heterogenität innerhalb der Länder sogar noch verschärft wird.51 Aus diesen Erfahrungen entstanden Mitte der 60er-Jahre die Dependenztheorien, die sich als Kritik an der Modernisierungstheorie verstanden. Die Dependenztheorien wurden für etwa 15 Jahre zum herrschenden Paradigma. Auf theoretischer Ebene sollten die Dependenztheorien Erklärungen für die Unterentwicklung und die strukturellen Schäden der Dritte-Welt-Länder liefern, als deren Ursache sie externe, exogene Faktoren wie strukturelle Abhängigkeit 52 betrachteten und nicht, wie von der Mo- dernisierungstheorie unterstellt, die bloße Rückständigkeit gegenüber dem Entwicklungsstand moderner Industrieländer: Durch die kapitalistische Expansion der imperialistischen Staaten war den Entwicklungsländern in der Kolonialzeit die Rolle der Rohstofflieferanten auferlegt 53 und diese Rollenverteilung in weiterer Folge durch die Aktivitäten transnationaler Unterneh- men verfestigt worden. Für die Aufrechterhaltung bestehender Abhängigkeitsverhältnisse spielte auch die nationale Oberschicht in den Zentren der „Peripherie“, die die westlichen Lebensweisen und Wertvorstellungen übernahm, eine wesentliche Rolle. Auf politischer Ebene wollten die Dependenztheorien Möglichkeiten zur Überwindung von Abhängigkeit und Unterentwicklung darlegen. 54 Marxistische Autoren plädierten für die Ab- koppelung der Entwicklungsländer vom Weltmarkt mittels einer gewaltsamen Revolution. 55 Die Strukturalisten forderten dagegen eine Reform der Rahmenbedingungen des kapitalisti- schen Weltmarkts als Vorbedingung für eine mögliche kapitalistische Entwicklung in den Ländern der Peripherie im Sinne einer neuen Weltwirtschaftsordnung. 56 Mit Beginn der 80er-Jahre wurden die Dependenztheorien zunehmend fragwürdiger. Ihre we- sentlichen Schwächen lagen in theoretischen Widersprüchlichkeiten, in der Idealisierung der Autonomie als Grundlage einer heilen Welt und in einem reduktionistischen und ahistorischen Zugang, da interne Faktoren in der Analyse weitgehend ausgeblendet wurden. Vor allem man- gelte es infolge der Fixierung auf die Abhängigkeit als Wurzel allen Übels an konkreten poli- tischen Plänen zur Anhebung der Wirtschaftswachstumsrate und zur Verbesserung der Ein- kommensverteilung. Letztlich sprechen auch die wirtschaftlichen Erfolge der ostasiatischen Schwellenländer und neuerdings auch Chinas als empirische Indizien gegen die paradigmati- 48 Vgl. Senghaas 1974, S. 18 ff. 49 Vgl. Kay 1989, S. 21. 50 Vgl. Boeck/Speier 2000, S. 731; Nuscheler 1992, S. 163. 51 Vgl. Larrain 1992. S. 104 f. 52 Zum Begriff der Abhängigkeit vgl. Dos Santos 1978, S. 243 ff. 53 Diese Erkenntnis sei nach Wagner/Kaiser (1995, S. 81) die große Stärke der Dependenztheorie. 54 Vgl. Boeck 2000, S. 171 ff. 55 Nach Nohlen/Sturm (2000, S. 697) sei diese Position vor dem Hintergrund der erfolgreichen kubanischen Revolution zu verstehen. 56 Vgl. Menzel 1992, S. 19. 106 sche Geltung der Dependenztheorien. 57 Die Suche nach Lösungen für die Schwachstellen der Abhängigkeitstheorien mündete schließlich in den 70er Jahren in das Paradigma der Weltsystemtheorie von Immanuel Wallerstein, die weit- läufig als Vorläufer der Globalisierungstheorie betrachtet werden kann. Demnach wurde der Ka- pitalismus als integriertes Weltsystem begriffen, dessen Grundelemente ein einziger Markt, das zentrale Motiv der maximalen Profitabilität, die Existenz von staatlichen Strukturen und die Aneignung von Mehrarbeit sei. 58 Auf diesem Weltmarkt herrsche eine Art Nullsummenspiel, wonach der wirtschaftliche und soziale Aufstieg eines Landes immer zu Lasten des Abstiegs eines anderen Landes gehe. 59 In der dynamischen Betrachtungsweise lag wohl die einzige Stärke der Weltsystemtheorie, doch im Wesentlichen litt sie an ähnlichen Schwächen wie die Dependenztheorien. Auch sie wiederholte letztlich deren Lösungsansätze, nämlich die Revolution und die autozentrierte Entwicklung. 60 3.2.4 Das neue Paradigma der Grundbedürfnisbefriedigung Die Erfolgsbilanz der Großtheorien blieb bis in die 70er-Jahre negativ. Die vorhergesagte Breitenwirkung des Wirtschaftswachstums war in den meisten Entwicklungsländern nicht nur ausgeblieben, sondern hatte sich vielmehr ins Gegenteil verkehrt: 40 Prozent der Welt- bevölkerung, damals 1 Milliarde Menschen, litten an zunehmender Verarmung, 61 und in den betroffenen Ländern herrschte völlig konträre Einkommensverteilung vor.62 Als Reaktion darauf wurde in Abkehr von den Großtheorien der völlig neuer Ansatz der Grundbedürfnisbefriedigung der Bevölkerung zum Anliegen jeglicher Entwicklungstheorien. Wegweisend für dieses neue Paradigma war die Cocoyoc-Erklärung,63 eine grundlegende Kri- tik an der Wachstumsideologie durch namhafte Wissenschaftler. 64 Damit wurden erstmals offi- ziell der Mythos vom Wachstum und dessen Trickle-Down-Effekt, wonach die Entwicklung „von oben“ automatisch zu Breitenwirkung führe, in Frage gestellt und alternative Entwick- lungswege gefordert. Dies war allein schon darum revolutionär, weil bislang der Entwicklungs- begriff selbst kaum thematisiert und selten mit konkreten Inhalten gefüllt worden war. 65 Diese Debatten mündeten schließlich in einen strategischen Paradigmenwechsel der Weltbank 57 Vgl. Wagner/Kaiser 1995, S. 85. Gerade die Erfolge Chinas und Japans nennt Worsley (1999a, S. 34) als interessantes Beispiel für den Wandel der Rolle der Kultur innerhalb des Modernisierungsparadigmas, wonach der Konfuzianismus früher als Ursache für die wirtschaftliche Zurückgebliebenheit betrachtet und neuerdings als Schlüssel zum Verständnis des ostasia- tischen Wirtschaftswunders gesehen werde, weil er eine „appropriate work-ethic – deference and loyalty towards superiors; identification with the corporations; the absence, even, of exectations of holidays; and placing a high value upon education“ liefere. 58 Vgl. Wallerstein 1980, S. 222 f. 59 Vgl. ebd., S. 73 ff. 60 Der Wendepunkt für die Popularität der Revolution als Lösungsmöglichkeit war für Worsley (1999a, S. 34) Che Guevaras Scheitern in Bolivien, dem eine gezielte Politik des Westens zur Destabilisierung von radikalen Dritte-Welt-Ländern wie in Nicaragua folgte. In Afrika wiederum verkamen die meisten Staaten zu „one-party-rule or chaos“. Schließlich fiel mit dem Untergang der Sowjetunion der wichtigste externe Förderer von revolutionären Alternativen gegenüber dem Kapitalismus fort. 61 Vgl. Menzel 1992, S. 147. 62 Vgl.Wagner/Kaiser 1995, S. 89 f. 63 Zit. in Hummer, Schindlecker, Wimmer 1977, S. 333. 64 Etwa zeitgleich erschienen die kritischen Überlegungen des Club of Rome über die ökologischen „Grenzen des Wachs- tums“ (Meadows et al. 1972). 65 Vgl. Gaisbauer 1994, S. 268. 107 in Richtung einer „Umverteilung mit Wachstum“. 66 Durch Maßnahmen wie Bodenreformen und Förderung der Kleinbauern sollte ein breitgestreutes Wachstum mit dem Ziel initiiert werden, die Produktivitätssteigerung der ländlichen und städtischen Armen zu ermöglichen. Dieser neue Ansatz wurde unter der Bezeichnung „self-reliance“ im Sinne des Selbst- vertrauens auf die eigenen Kräfte und Ressourcen zur Befriedigung der menschlichen Grund- bedürfnisse publik. Umgesetzt werden sollte dieses Konzept durch eine Konzentration auf den Binnenmarkt, durch Massenmobilisierung und Partizipation der Bevölkerung an den politi- schen Entscheidungen auf den verschiedenen Ebenen. Zudem sollte der jeweilige Entwick- lungsweg im Sinn einer autozentrierten, vom Weltmarkt abgekoppelten Entwicklung den Tra- ditionen eines jeweiligen Landes angepasst werden. 67 Dieser neue Entwicklungsweg zielte auf die Verbesserung der Ernährung-, Gesundheits- und Bildungssituation der Bedürftigen durch planvolle Investitionen. Dadurch sollte die Arbeits- produktivität der betroffenen Menschen erhöht und in der Folge das Wirtschaftswachstum insgesamt begünstigt werden. 68 In der Entwicklungszusammenarbeit wurde diese Strategie unter dem Schlagwort „integrierte ländliche Entwicklung“ seit Ende der 70er-Jahre in Form vieler Einzelprojekte praktisch umgesetzt. 69 Wesentliche Verantwortung für die Umsetzung dieser neuen Strategie wurde den jeweiligen Staaten bzw. ihren Eliten zugewiesen. Diese hingegen stellten die Forderung nach einer Mo- difikation der weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen und insofern nach einer externen Umverteilung zu ihren Gunsten entgegen. Diesen Widerstand der Eliten beurteilt Menzel als Ausdruck der Angst vor dem Verlust ihrer Privilegien durch eine eventuelle Umverteilung.70 Obwohl der grundbedürfnis-, beschäftigungs- und armutsorientierte Entwicklungsansatz in der entwicklungsstrategischen Diskussion bis weit in die 80er-Jahre hinein dominierte, wurde er nur in wenigen Bereichen und mit geringem Erfolg realisiert.71 Vielmehr wurde deutlich, dass Ab- koppelung vom Weltmarkt weder eine notwendige, noch eine hinreichende Bedingung für autozentrierte Entwicklung sei, sondern dass etwa eine effiziente öffentliche Verwaltung oder das Vorhandensein innovativer Unternehmen von viel wesentlicherer Bedeutung seien. 72 Mitte der 80er-Jahre rückten wichtige Geberländer und multilaterale Organisationen von der grundbedürfnisorientierten zugunsten der wachstumsorientierten Strategie ab, was mit man- gelnder Operationalität und unzureichender theoretischer Fundierung begründet wurde. Bis heute ist keine hinreichend differenzierte Theorie der Grundbedürfnis-Befriedigung in Ent- wicklungsländern verfügbar, sondern lediglich umfangreiches Detailwissen über Einzel- aspekte der Grundbedürfnisbefriedigung. 73 Mangels konsensualer Definition des Grundbe- dürfnis-Ansatzes hatte mancherorts die Missdeutung, der Versuch der Umverteilung von Ein- kommen sei eine sozialistische Entwicklung oder gar eine kapitalistische Verschwörung ge- gen die Entwicklungsländer, zur Vorenthaltung der Industrialisierung und der Modernisierung 66 Vgl. die historischen Nairobi-Rede des damaligen Weltbankpräsidenten Robert McNamara am 24. September 1973 über das ungelöste Problem der absoluten Armut und dessen Folgen sowie Fragen der Einkommensverteilung (Hinw. in Hauff/Heinecke1993, S. 23). 67 Vgl. Nohlen 2000a, S. 669. 68 Vgl. Lachmann 1994, S. 180 f. 69 So schreibt etwa Eid (1999, Web), „die Schaffung menschenwürdiger Lebensbedingungen und die Minderung der Armut bleiben der Kern der deutschen EZ [Entwicklungszusammenarbeit; Anm. d. Autors] mit Afrika“, wozu auch die Förderung der ländlichen Entwicklung und der Nahrungssicherheit zählen. Vgl. insb. Wieczorek-Zeul (2001, Web) über die „Eckpunkte einer strategischen Afrikapolitik.“ 70 Vgl. Menzel 1992a, S. 151. Thiel (2001, Web) weist darauf hin, dass die undemokratischen, korrupten Strukturen vieler afrikanischer Staaten ein hybrides "neopatrimoniales" System aufweisen, das nur nach außen demokratische Wesenszüge zeigt, nach innen aber als "Pfründenkapitalismus" charakterisierbar ist, zu dessen Aufrecherhaltung die westliche Entwick- lungshilfe, die das akzeptierte, aktiv beigetragen habe. 71 Vgl. Menzel 1992, S. 205. 72 Vgl. Sautter 1986, S. 287 f. 73 Vgl. Sangmeister 2000a, S. 317. 108 geführt. 3.2.4.1 Was sind Grundbedürfnisse? Grundbedürfnisorientierte Entwicklungsstrategien sind eng mit übergreifenden Entwicklungs- theorien verknüpft, 74 denn ohne die entsprechende Erklärung, auf welche Weise Unterent- wicklung zustande gekommen sei, und eine historische Analyse und die daraus abgeleitete Prognose, auf welchem Wege diese zu überwinden sei, bleibt jeder Grundbedürfnisansatz ein „Rumpf ohne Kopf“ 75, eine bedeutungsleere Tautologie ohne jeden entwicklungstheoreti- schen und entwicklungspolitischen Wert. Dies macht verständlich, weshalb die Vertreter der jeweiligen Entwicklungsparadigmen auch ihre unterschiedlichsten Vorstellungen von den Wegen zur Befriedigung der Grundbe- dürfnisse hatten. So hatte etwa Seers, einer der Pioniere des Grundbedürfnis-Ansatzes, Ent- wicklung als einen normativen Begriff im Sinne der Verminderung von Armut, Arbeitslosigkeit und Ungleichheit verstanden, ergänzt um grundlegende Faktoren wie Bildungsniveau, Redefrei- heit und Staatsbürgerschaft sowie Unabhängigkeit als Mittel und Ziel von Entwicklung.76 Angesichts dieser Auffassung stellt sich unweigerlich die Frage, was genau unter „Arbeit“ zu verstehen sei, denn Lohnarbeit ist in Ländern des Südens kaum verbreitet. Besonders im Niger ist der informelle Sektor, unbezahlte Arbeit, wie jene von Frauen und Kindern, sowie nichtmonetär entgoltene Arbeit, wie jene von Nomaden und Subsistenzbauern, sehr verbreitet! Galtungs Vorstellung von Grundbedürfnissen geht noch viel weiter und umfasst die Faktoren Nahrung und Wasser, Unterkunft und Kleidung, Gesundheit, Erziehung, Arbeit, Gedanken- und Ausdrucksfreiheit, Bewegungsfreiheit und Politik sowie die Massenpartizipation. 77 Besonders am Beispiel der politischen Forderungen Galtungs zeigt sich deutlich, dass Grundbedürfnisse nicht wertneutral im Sinne der Begründbarkeit durch interkulturell und intersystemisch ver- allgemeinerungsfähige Normen sind. Als Ausweg hatte Galtung darum vorgeschlagen, dass auch die Liste der Bedürfnisse selbst ein Teil des allgemeinen Entwicklungsprozesses und insofern ständig korrekturbedürftig und sensitiv gegenüber räumlichen Unterschieden aller Art sei. 78 In Hinblick auf eine Definition von Grundbedürfnissen lässt sich - entgegen dem unmittelba- ren Anschein der Selbstverständlichkeit – somit festhalten, dass ¾ keine objektiven Kriterien zur Bestimmung der Zusammensetzung des Grundbedarfs bzw. eines entsprechenden Güterkorbes existieren; dies gilt insbesondere für die quan- titative Festlegung der jeweiligen Mengenstandards; darüber hinaus bleibt offen, wer diese Standards definieren soll; 74 Vgl. ebd. 75 Gaisbauer 1994, S. 78. 76 Vgl. Seers 1974, S. 39 ff. Ähnlich auch Paul Streeten u.a. (1981), der vor allem auch nicht-materielle Bedürfnisse wie Selbstbestimmung, Identität und Lebenssinn unterstreicht. Der (in Wien als Paul Hornig geborene und später als Mitheraus- geber des World Development Report tätige) Streeten sei auch nach Simonis Ansicht (2001, S. 205 f.) die Persönlichkeit, mit dem „die Diskussion um die ‚Grundbedürfnis-Strategie’ (in den 70er Jahren) beginnt (…) und (…) in Theorie wie Praxis einen entscheidenden Durchbruch (1981)“ erfahren habe. 77 Vgl. Galtung 1983, S. 175 ff. Vgl. dazu die Grund-Matrix von Max-Neef mit neun Grundbedürfnissen: Subsistenz, Schutz, Zuneigung, Verstehen, Teilhabe, Müßiggang, kreatives Schaffen, Identität und Freiheit, die axiologisch mit den vier Katego- rien der Bedürfnisbefriedigung, Sein, Haben, Tun, Interaktion, vernetz seien (Max-Neef 1991, S. 32 ff.). 78 Vgl. ebd., S. 162. Vgl. dazu auch die Einsicht von Max-Neef, dass von einem bestimmten Punkt wirtschaftlicher Entwick- lung an die Lebensqualität der Menschen abnehme (Hinw. in Drekonja-Kornat 2001, S. 235). 109 ¾ die konkrete Zusammensetzung der Grundbedürfnisse von Region, Klima, Jahreszeit, Kultur und letztlich den individuellen Personen abhängig ist; ¾ die Erhöhung des Grundbedarfsangebots allein als Maßnahme keinesfalls genügt, son- dern auch sichergestellt sein muss, dass die Güter der tatsächlich bedürftigen Bevölke- rung zugute kommen; ¾ die Bewertung und Zuteilung von nicht marktfähigen Gütern wie Gesundheit und Bil- dung noch viel problematischer ist; ¾ Bedürfnisse nach nicht materiellen Gütern, wie Partizipation, besonders schwierig zu definieren sind; 79 ¾ Grundbedarf als dynamisches Konzept verstanden werden muss; ¾ die Befriedigung von Gründbedürfnissen letztlich immer mit einer notwenigen Ände- rung der Wirtschaftspolitik in den Entwicklungsländern selbst einhergeht, was mit ent- sprechenden innenpolitischen Widerständen verbunden ist. 80 Angesichts dieser zahlreichen definitorischen Unklarheiten wird es verständlich, warum ein so fundamental wichtig erscheinendes Konzept dennoch auf so massiven Widerstand stieß, seien es ideologische oder machtpolitische Hintergründe. So sieht etwa Illich in der Idee der „Grundbedürfnisse“ die vielleicht schlimmste Hinterlassenschaft des Entwicklungsdenkens, wonach mit „gnadenlosem Wohlwollen“ traditionellen Lebensräumen fremde Bedürfnisse zugeschrieben und aufgezwungen werden, die wenig oder gar nichts mit dem zu tun haben, was den Betroffenen selbst als Bedürfnis erscheint. 81 Illichs Ideologiekritik gegen eine Verabsolutierung westlicher Bedürfnisvorstellungen und die damit verbundene Erzeugung von Bedürfnissen, wodurch kulturell eine Situation per- manenten Mangels konstruiert wird, hat zweifellos seine Berechtigung. Gleichzeitig läuft die- se Kritik aber auch Gefahr, politisch als Plädoyer für die Verweigerung jeglicher Intervention missbraucht zu werden – etwa von den politischen Eliten der urbanen Zentren, die keinerlei Interesse am Abfluss von z.B. durch den Export von Bodenschätzen erlangten „Renten“ 82 in die ländliche Peripherie haben. „Wohlstands-chauvinistische“ 83 Argumente gibt es genug, sei es, dass die Armut selbst verschuldet sei, oder gar, dass die betroffene Bevölkerung zwar arm, dafür aber glücklich sei… 79 Dies zeigte sich anhand der kritischen Aussage zahlreicher Nigriern zum Thema Demokratie, wonach die allgemeinen Zustände unter der Diktatur Barés oder auch unter Kountché „besser“ gewesen seien (Quelle: div. Gespräche mit Nigriern unterschiedlicher Ethnien in den Jahren 1997, 1999 - 2001 in Niamey, Tahoua und Agadez). 80 Vgl. Wagner/Kaiser 1995, S. 91 f. 81 Vgl. Illich 1993, S. 49. 82 Bierschenk 1999, S. 61. 83 Gruber 2001, S. 255. 110 3.2.5 Die Krise der Entwicklungsländer Aus entwicklungspolitischer Sicht hatten die neuen Ansätze der 70er-Jahre nur dürftige Erfol- ge erbracht. Die zunehmende Verarmung breiter Bevölkerungsteile, beschleunigt durch gra- vierende Klimakatastrophen in der Sahelzone, sowie die grassierende Verschuldung vieler Entwicklungsländer förderte innerhalb der Entwicklungsdiskussion Pessimismus und Ratlo- sigkeit. Die Rede vom Scheitern des „realen Sozialismus“ und dem „Scheitern der großen Theorien“ 84 öffnete den Weg für die Renaissance der neoklassischen Wachstumsorientierung, nach der der von staatlichen Eingriffen freie Markt als das beste entwicklungspolitische In- strument betrachtet wird. Insofern kam wieder die Umverteilung zu Gunsten der Reichen in Mode, neu war lediglich die betonte Ausrichtung auf Exportwachstum auf der Basis vorhan- dener, international wettbewerbsfähiger Güter. Die weitgehende Abkehr vom Umverteilungsparadigma war auch auf internationaler Ebene zu beobachten, weil die Dritte Welt als politischer Faktor innerhalb des Ost-West-Konflikts an Bedeutung verloren hatte. 85 An Bedeutung gewannen hingegen Strategien zur Lösung der Schuldenkrise der Dritten Welt. Die Strukturanpassungsprogramme von IWF und Weltbank zur Stabilisierung der betroffenen Staatshaushalte stießen jedoch auf heftige Kritik, weil sie letztlich weniger zur nachhaltigen Beseitigung der Verschuldungsursachen beigetragen, als vielmehr die bereits bestehenden Krisen noch verschärft hätten. 86 3.2.6 Das neue Paradigma der „nachhaltigen Entwicklung“ In der Praxis gilt als übergeordnete entwicklungspolitische Zielsetzung, das Entwicklungs- niveau im wirtschaftlichen, sozialen und politischen Bereich zu heben, um das Gefälle zu den Entwicklungsländern zu verringern. Darin spiegelt sich die Vorstellung wider, dass das Ent- wicklungsniveau der Industrieländer ein erstrebenswertes Ziel für die Entwicklungsländer sei. Ob jedoch die nachholende Industrialisierung für alle Entwicklungsländer überhaupt realisier- bar sei, wurde verstärkt in den 80er-Jahren in Zweifel gezogen, als Umweltzerstörung und Ressourcenausbeutung durch das westliche Industrie- und Konsummodell zunehmend ins allgemeine Bewusstsein der westlichen Welt gelangten.87 Umweltschutz als Thema der Entwicklung wurde erstmals auf der UN-Konferenz über Um- welt und Entwicklung 1972 in Stockholm behandelt, doch dauerte es bis 1992, bis die UNO im Rahmen der Konferenz in Rio den engen Zusammenhang zwischen Entwicklung und Umwelt auch ins allgemeine politische Bewusstsein brachte. Dies lag nicht zuletzt daran, dass die Umweltprobleme der Industrieländer wachstumsbedingt sind. Dagegen haben jene der unterentwickelten Länder vornehmlich armutsbedingte Ursachen – mit der Folge, dass die 84 Vgl. Menzel 1992, der die Metapher vom „Ende der Dritten Welt“ von Nigel Harris Buch „The End of the Third World“ (1986) aufgegriffen hatte. Die Anhänger der radikalen „Post-Development Schule“ (vgl. Crush 1995, Escobar 1995, Fergu- son 1990, Sachs 1992, Tucker 1997) gingen sogar soweit, zu kritisieren, dass die gesamte Entwicklungsdiskussion reproduk- tiv und mit kulturimperialistischen Annahmen verbrämt sei. Als Lösung forderten sie - wie schon zuvor die Dependenz- Theoretiker und die Vertreter der Welt-System-Theorie – eine radikale Transformation der Weltgesellschaft. Das Verdienst dieser Schule liege nach Ansicht Worsleys (1999a, S. 40) jedoch darin, einen wesentlichen Beitrag zur Berücksichtigung der Faktoren Kultur und Macht in der Entwicklungsdiskussion geleistet zu haben. 85 Vgl. Menzel 1992a, S. 152. 86 Vgl. Hauff/Heinecke1993, S. 17. 87 Bis zum Beginn der 60er Jahre war die Natur überhaupt als „boundless resource“ (Glasbergen/Cörvers 1995, S. 2) betrachtet worden. 111 erforderlichen, kurzfristigen Überlebensstrategien der existenziell bedrohten Bevölkerung häufig zu langfristigen Beeinträchtigungen, wenn nicht gar zur Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen zu führen drohen. Aus dieser Problematik heraus hatte Spangenberg den immer bedeutsamer werdenden ökologi- schen Imperativ aufgegriffen und in den Entwicklungsbegriff integriert. Der daraus entstandene neue Ansatz definiert Entwicklung nunmehr als eine differenzierte Selbstentfaltung kultureller Identität mit Hilfe produktiver und nachhaltiger Systeme des Handels, der Infrastrukturschaffung, der Industrie und das Landbaus, die in harmonischem Einklang stehen mit den bewusst gesetzten Zielen der langfristigen Erhaltung reichhaltiger und stabiler Ökosysteme.88 3.2.6.1 „Nachhaltige Entwicklung“: ein widersprüchlicher Begriff Der Begriff der „nachhaltigen Entwicklung“ 89 ist keineswegs eindeutig, sondern vielmehr höchst widersprüchlich und problematisch, da er jeder beliebigen, auch noch so heterogenen theoretischen wie politischen Gruppierung reichlich Spielraum für eine beliebige Begriffs- interpretation gestattet. 90 So setzte etwa die Weltbank neuerdings ganz einfach einfach nach- haltige Entwicklung mit dauerhaftem Wachstum gleich, entgegen der fundamentalen Wider- sprüchlichkeiten dieser beiden Konzepte. 91 Auch im Brundtland-Bericht der UN Kommission für Umwelt und Entwicklung, in dem sich der zentrale Anknüpfungspunkt für das Verständ- nis des Nachhaltigkeitsbegriffs findet, werden die Begriffe „nachhaltige Entwicklung“ und „nachhaltiges Wachstum“ synonym verwendet: „Unter dauerhafter Entwicklung verstehen wir eine Entwicklung, die den Bedürfnissen der heutigen Generation entspricht, ohne die Möglichkeiten zukünftiger Generationen zu gefähr- den, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen und ihren Lebensstil zu wählen. Die Forderung, diese Entwicklung dauerhaft zu gestalten, gilt für alle Länder und Menschen. Die Möglichkeit kommender Generationen, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen, ist durch Umwelt- zerstörung ebenso gefährdet wie durch Umweltvernichtung und durch Unterentwicklung in der Dritten Welt." 92 Immerhin fordert die Kommission damit, die Belastung der Natur auf Kosten zukünftiger Ge- nerationen und der Länder der Dritten Welt zu beenden und die ökologischen Folgekosten technisch-wirtschaftlicher Entwicklung zu minimieren. Das Ziel der Entwicklung wurde da- mit in veränderter Form als soziale und ökologisch dauerhafte Entwicklung verstanden. Letzt- lich aber propagiert auch der Brundtland-Bericht ein schnelleres und dauerhaftes Wirtschafts- wachstum für alle Länder in Nord und Süd. 93 Das Dilemma dieses Konzepts liegt in den zwei konträren Positionen, wonach einerseits die 88 Vgl. Spangenberg 1991, S. 163. 89 Als Quelle für die erstmalige Erwähnung des Nachhaltigkeitsbegriffs wird zumeist die Abhandlung „Sylvicultura Oeco- nomica“ des sächsischen Oberberghauptmanns von Carlowitz aus dem Jahr 1713 genannt. Demnach beruhe eine nachhaltige Forstwirtschaft auf dem Grundsatz, in einem bestimmten Zeitraum nur so viel Holz zu schlagen, wie durch Baumneupflan- zungen nachwachsen kann (Hinw. in Jörissen/Kopfmüller/Brandl 1999, S. 12, Web.) 90 Vgl. Raza 1994, S. 6. Eblinghaus/Stickler (1996, S. 37) weisen darauf hin, dass „diese Uneindeutigkeit (…) als ein zentra- les Wesensmerkmal (aufgefasst wird). (...) Es gibt nicht die eine gültige Definition von nachhaltiger Entwicklung. Sustainable Development ist ein diskursiv erzeugtes und daher widersprüchliches Produkt.“ 91 Hinw. in Link 1996, S. 108. 92 WCED 1987, S. 43. 93 Vgl. ebd., S. 89. 112 Industrieländer als Hauptverursacher der Umweltprobleme ihre Konsum- und Wachstumsstra- tegien nicht aufgeben wollen (bzw. aus systemischer Sicht auch nicht von heute auf morgen können!), und andererseits die Entwicklungsländer weiterhin ein grundsätzliches Bedürfnis nach Wirtschaftswachstum haben, denn „if there is no cake, there is nothing to distribute“. 94 Ein möglicher Ausweg aus diesem Dilemma liegt für Mármora & Messner in einem Ver- ständnis von „nachhaltiger Entwicklung“ als dreidimensionales, strategisches Maß- nahmenkonzept, mittels dessen der globale Kapitalismus ökologisch und entwicklungs- politisch zu modernisieren sei. 95 Insofern deutet Thielen die „nachhaltige Entwicklung“ als eine „spezifische Variante von Modernisierungstheorie“. 96 Nach diesem Konzept werden folgende Forderungen für eine nachhaltige Entwicklung aufge- stellt: 1. die endogenen wirtschaftlichen, politischen, kulturellen und ökologischen Effizienz- potenziale der Länder des Südens müssen zur aktiven, selektiven und selbst gewähl- ten Weltmarktintegration optimiert werden (endogene Strukturreform); 2. die modern-kapitalistischen Industriegesellschaften des Nordens sind nach ökologi- schen und radikal-demokratischen Kriterien umzubauen, um neue, konstruktive De- monstrationseffekte für neue Entwicklungs- und Wohlstandsmodelle auf globaler Ebene auszulösen (Konsumkulturreform); 3. das Nord-Süd-Verhältnis ist durch eine neue weltpolitische und weltwirtschaftliche Ordnung mit demokratischeren und gerechteren Zügen neu zu gestalten, wobei die ökologischen Kosten zu internalisieren sind, indem davon ein Entwicklungsfonds zur Finanzierung technologischer Modernisierungen in den Ländern des Südens finan- ziert werde; zudem sind internationale Umweltnormen anzuerkennen, Entschuldung müsse gegen Umweltauflagen möglich werden (exogene Strukturreform). 97 Ein allgemeiner Konsens herrscht über das Ziel der dauerhaften Entwicklung und der welt- weiten Befriedigung der Grundbedürfnisse. Ein politischer Konsens darüber, wie diese Ziele erreicht werden sollen, besteht hingegen nur hinsichtlich der generellen Beschleunigung des Wirtschaftswachstums und der Intensivierung des internationalen Handels, verbunden mit dem Abbau von Handelshemmnissen, was jedoch langfristig - angesichts des anthropogenen Klimawandels sowie der schwindenden fossilen Rohstoffe - nicht mit dem Nachhaltigkeits- prinzip zu vereinbaren ist. Einen Hauptgrund für das Scheitern des Nachhaltigkeitsansatzes sieht Thiel darin, dass die ökologische Bewegung bisher unfähig war, „ein markoökonomisch schlüssiges Modell ökolo- gischen Wirtschaftens vorzulegen und zugleich politische Strategien für dessen Durchsetzung vorzuschlagen“. Solange dies aber nicht der Fall ist, werde dieses Konzept „in der Politik keine Mehrheit finden“. 98 Insofern wäre gegenwärtig wohl schon viel geholfen, wenn wenigs- tens Entwicklungshilfe und Kapitalströme verstärkt zur Entwicklung von Wirtschaftsstruktu- ren in Entwicklungsländern unter Berücksichtigung von Umweltaspekten eingesetzt werden würden. Da zur Zeit die durchschnittliche Entwicklungshilfe der OECD-Länder bei knapp 0,3 % ihrer 94 de Kadt 1995, S. 60. Hieraus erklärt sich auch ein gewisses Misstrauen seitens der Länder des Südens gegen die Nachhal- tigkeitsphilosophie, wonach diese – wie schon zu Zeiten der Grundbedürfnis-Ära - als Argument des Nordens gegen eine nachholende Entwicklung der Dritten Welt verwendet werden könnte (vgl. Thomas 1999, S. 46). 95 Vgl. Mármora/Messner 1991, S. 180 ff. 96 Thielen 1992 S. 147. 97 Vgl. Mármora 1990, S. 115 ff. 98 Thiel 1999a, S. 17. 113 BSPs liegt, 99 und das Kyoto-Protokoll weder in Kraft ist noch umgesetzt wird, sondern aller- orts neue thermische Kraftwerke gebaut werden, sind wir davon gegenwärtig nicht nur weit entfernt, sondern entfernen uns davon immer mehr. 100 Gleichzeitig weitet sich die Kluft zwi- schen den Wenigen, die viel besitzen, und der großen Masse jener, die nichts besitzen. 101 3.3 Fazit Leider zeigt die Geschichte der entwicklungstheoretischen Diskussionen, dass „trotz eines regelmäßigen Paradigmenwechsel durch die vergangenen Jahrzehnte keine wirklich erfolg- reiche Entwicklungstheorie (hervorgebrachte wurde), die dem globalen Ziel ‚Entwicklung’ gerecht geworden wäre“. 102 Allerdings bedarf es zur Lösung offensichtlicher und brennender Probleme, wie der Zerstö- rung fruchtbarer Böden durch Desertifikation, 103 der wachsenden Ressourcenbelastung durch Industrie und Bevölkerungswachstum, des Mangels an sauberem Wasser wie überhaupt des Schrumpfens der Süßwasserreserven 104 und schließlich des wachsenden Hungers 105 keiner neuen, besseren Theorie. Vielmehr bedarf es eines verbesserten Verhältnisses zwischen Wis- senschaft und Entwicklungspraxis mit dem Ziel, die empirischen Erfahrungen aus der Praxis in die theoretischen Konzepte einzuarbeiten und umgekehrt die wissenschaftlichen Erkennt- nisse im politischen Meinungsbildungsprozess zu nutzen. 106 Dem Anschein einer theoretischen Ratlosigkeit widerspricht etwa Senghaas, indem er postu- liert: „Die Auswege aus der Armut sind bekannt.“ 107 Für ihn seien „die Lehren aus bisherigen Entwicklungserfolgen und –fehlschlägen immer noch tragfähig“. Vielmehr resultiere die all- gemeine Ratlosigkeit aus dem „Gedächtnisschwund derer (…), die es eigentlich besser wissen können, oder weil auf die Leichtgläubigkeit jener gehofft wird, die sich, wie jede nachkom- mende Generation, mit den ‚essentials’ neu vertraut machen müssen“. 108 Diese für Fehlschlä- ge ursächlichen „Essentials“ seien ¾ die bevorzugte Förderung der Industrialisierung unter Vernachlässigung der Land- wirtschaft, ¾ die erhebliche Verteilungsungleichheit der Ressourcen und Einkommen, was das Entstehen von Massenmärkten ver- bzw. behindere, ¾ praxisferne Ausbildungssysteme zugunsten geisteswissenschaftlicher und zuun- gunsten technischer Fächer, 99 USA 1996: 0,1 %, Japan 1996: 0,2 % (vgl. Thibaut 2000, S. 220), Österreich 2000: 0,22 % (vgl. BMfaA 2000, S. II); BRD 1998: 0,29 % (vgl. BMZ 2000, S. 311). Der allgemein angestrebte Prozentsatz für öff. Entwicklungshilfe liegt dagegen bei 0,7 %. 100 Auf der Kyoto-Konferenz 1997 wurde eine Reduktion der Emissionen bis 2012 um 6 - 8 % beschlossen. Für die USA wird bis 2010 ein Wachstum um 30 % erwartet (vgl. Fisseni u.a. 2000, S. 46). 101 Worsley (1999a, S. 40) sieht langfristig nur zwei Entwicklungsperspektiven: entweder eine „global apartheid, in which rich countries increasingly disengage and barricade themselves away form marginal parts of the world, or that an integrated global middle-class will eventually facilitate the development of adequate welfare services“. Diese Vision, auf Europa über- tragen, brachte Ulrich Beck (1997, S. 266 ff.) mit dem Begriff der „Brasilianisierung Europas“ zum Ausdruck. 102 Link 1996, S. 1996, S. 1. 103 Zur Desertifikation siehe das Kap. „Portrait der Kel Ewey/Klimawandel - Desertifikation“. 104 Vgl. Postel 2000, S. 96 ff. 105 Vgl. Gardner/Balweil (2000, S. 127), geben die Zahl der hungernden Menschen mit 1,2 Mrd., jene der unterernährten Menschen mit 2 Mrd. und jene der überernährten Menschen mit 1,2 Mrd. an. 106 Vgl. Deutscher 1999, S. 7. 107 Senghaas 1999, S. 350. 108 Ebd., S. 353. 114 ¾ der völlige Schutz oder die völlige Öffnung lokaler Märkte gegenüber der Weltwirt- schaft und ¾ repressiv unterdrückte Beteiligungschancen trotz fortschreitender Modernisierung. Freilich seien diese „offenkundigen Wahrheiten (…) in der politischen Praxis höchst umstrit- ten“, weil sie etablierten Machtinteressen zuwider laufen. Dies sind allerdings wiederum Fak- toren, die in der Entwicklungspraxis konkret integriert werden müssen, und für die es auch längst entsprechende theoretische Ansätze gibt.109 Ähnlich argumentiert auch Thiel, für den das Konzept der Grundbedürfnisbefriedigung im Sinne der Armutsbekämpfung aktueller denn je sei und daher notwendigen Lösungsansätze offensichtlich seien: „Armutsminderung heißt: den Armen Zugang verschaffen zu dem, woran es ihnen mangelt. (…) Um diesen Zugang zu erlangen, braucht man Kaufkraft, braucht man Einkommen. (…) Die Schaffung von Arbeitsplätzen ist der Kern der Armutsbekämpfung.“ 110 Doch entgegen üblichen politischen Proklamationen widerspreche die derzeitige Entwick- lungspolitik der BRD den Erfordernissen zur Schaffung von Arbeitsplätzen, dem dringends- ten Problem in Entwicklungsländern. Dazu bedürfe es systematisch aufeinander abgestimmter Ansätze zur Entwicklung einer zielgerichteten Arbeitsmarkt- und Beschäftigungspolitik, wie gezielte Förderung arbeitsintensiver Branchen, insb. auch von Kleinstbetrieben, der Integrati- on von Zulieferbetrieben in Industrieprojekte, aber auch einer entsprechenden Legalisierung dieser Politik durch die Welthandelsorganisation. Zudem dürfe die EZA auch den informellen Sektor, den „Überlebens-Ausweg für viele“, nicht vernachlässigen, auch um damit einen Auswuchs der Kriminalität als Überlebenssicherung zu verhindern. Als begleitende Maßnah- men müssten aber auch die neopatrimonialen Machtstrukturen und die damit verbundene Kor- ruption, Hauptverursacher des informellen Sektors, abgebaut 111 und den Kleinstbetrieben ge- genüber großen Industrieunternehmen Chancengleichheit eingeräumt werden. Dazu bedürfe es der Hilfe beim Aufbau einer nationalen Verwaltung 112. Angesichts dieser Argumente drängt sich wiederum die Frage auf, ob der Praktiker überhaupt eine Theorie benötigt, da ohnedies nur sich widerstreitende Theorien angeboten werden? Was der Praktiker nach Ansicht Helmings und Steinwands braucht, sind Orientierungsvorgaben anhand von Erfolgsmodellen bzw. Best Practices. Vor allem aber sind konstruktive Umset- zungsstrategien nötig, die jedenfalls nicht im Präsentieren fertiger, aufzuoktroyierender Lö- sungen bestehen können. Fruchtbare Entwicklungszusammenarbeit beruht auf „Prozess- orientierung“ und muss sich als Förderung des Willens zur Veränderung und als Unter- stützung bei erforderlichen Veränderungen“ verstehen. Letztlich ist „jeder erfolgreiche Ent- wicklungsschritt (…) eine Innovation“. 113 109 Vgl. die Theorie Strategischer Gruppen in Evers 1999, S. 164 ff. 110 Thiel 2001a, Web. 111 Zwar ist Thiel (ebd.) dain zuzustimmen, dass mit dem Abbau dieser Bürokratie „eine Blüte der Gewerbeentwicklung“ ausgelöst werde, doch ist dies noch keine Garantie für Einkommen, wie der Boom der Agenturgründungen in Agadez, ausge- löst durch bürokratische Erleichterung Ende der 90er-Jahre, zeigte: Den meisten Agenturen mangelte es an Kompetenz, an Kundenkontakten, an Kapital und an regulativen Rahmenbedingungen (siehe das Kap. über „Strukturelle Probleme der Tou- rismusentwicklung in Agadez/Die Mängel der Marktstruktur/Mangelhafte Rechtsstaatlichkeit“). 112 Vgl. insb. Schneider-Barthold 2001, S. 331 f.; Hannig u.a., S. 334 ff. 113 Helming/Steinwand 1999, S. 245. 115 4 „Entwicklungshilfe“ Tourismus? Angesichts der prekären Situation des Diskurses um richtige Ziele und Strategien von „Ent- wicklung“ drängt sich unweigerlich die Frage auf, ob und in welcher Weise Tourismus an und für sich im Entwicklungskontext sinnvoll ist. Hier muss die Frage vor dem Hintergrund des historischen Verlaufs des Entwicklungsdiskurses gestellt werden. Wie sich zeigen wird, ver- liefen die Argumentationsstränge für oder gegen Tourismus als Entwicklungsinstrument ana- log zum Diskurs der Entwicklungstheorien. Dies gilt auch für diese Strategien: wie Tourismus unter welchen Bedingungen zur Erreichung welchen Ziels (entsprechend dem jeweiligen Entwicklungsparadigma) ein- bzw. umzusetzen sei. Gegenwärtig gibt es eine ganze Reihe von unterschiedlich benannten Ansätzen, die jedoch alle um das Kernprinzip der nachhaltigen Entwicklung kreisen und wesentliche Erkenntnisse aus den Erfahrungen der vergangenen Jahre widerspiegeln. Darin unterscheidet sich wohl der Diskurs zur Tourismusentwicklung gegenüber jenem zur Entwicklung an sich: Infolge des höheren Konkretisierungsgrades touristischer Entwicklungskonzepte spiegelt der wissen- schaftliche Diskurs die „Best-practice“-Orientierung deutlich wider 1. Hier scheint der diskur- sive Austausch zwischen Theoretikern und Empirikern besser zu gelingen als im klassischen Entwicklungsdiskurs. 2 Dies trug wesentlich zu einer Weiterentwicklung von Konzepten bei, über deren grundsätzliche Richtigkeit heute kein grundsätzlicher Zweifel mehr besteht. 4.1 Der historische Wandel der Rolle des Tourismus als Entwicklungsinstrument 4.1.1 Die Anfänge - Euphorie über die „weiße Industrie“ Mit dem spürbar werdenden Wohlstand und dem damit verbundenen Beginn des Fern- tourismus-Booms in den späten 50er-Jahren wurde Tourismus sehr rasch als Entwicklungs- instrument entdeckt. Sein hohes, stetes Wachstum prädestinierte ihn geradezu als Instrument einer Ideologie, die Entwicklung als eindimensionales Wirtschaftswachstum auffasste. Spreitzhofer spricht von einer regelrechten „Euphorie über die vermeintlichen wirtschaft- lichen Vorteile des Wundermittels Tourismus“. 3 Einen besonders positiven Effekt dieser In- dustrie „without chimneys“ 4 sah man noch in den soziokulturellen Modernisierungs- wirkungen. Immerhin galt damals der Mangel an kulturellem Fortschritt als eines der wesent- 1 Vgl. Hillel 2002, S. 42; etwa Godde/Price/Zimmermann 2000; McCool/Moisey 2001; Rauschelbach/Schäfer/Steck 2002; Fennell/Dowling 2003. 2 Weniger Begeisterung für die „Best Practice“-Ebene kann hingegen Baumgartner (2004, S. 99) aufbringen, weil diese Strategie hinsichtlich der Anstrengungen um mehr Nachhaltigkeit im Tourismus darüber hinweg täuscht, dass „regionale Initiativen gegenüber dem allgemeinen Trend der globalisierten Tourismuswirtschaft an ihre Grenzen stoßen. Die Einfluss- möglichkeiten der touristischen Zielgebiete auf globale Prozesse sind (…) beschränkt“. 3 Spreitzhofer 1995, S. 46; ähnlich bereits de Kadt 1979. 4 Harrison 1994, S. 233. 116 lichen Entwicklungshemmnisse. Schließlich dominierte ja noch die Überzeugung von der völkerverständigenden Wirkung des Tourismus. 5 Auf politischer Ebene hatte sich die UNO deutlich für die Förderungswürdigkeit des Touris- mus ausgesprochen, den sie in einer UN-Resolution als „grundlegende und erstrebenswerte menschliche Aktivität, die Anerkennung und Unterstützung von allen Völkern und Regierun- gen verdient“, 6 bezeichnete. Zur Umsetzung dieser Politik waren bereits 1956 durch die Weltbank die „International Finance Corporation“ und im Jahr 1960 die „International Deve- lopment Association“ mit dem Ziel gegründet worden, als Spezialorganisationen innerhalb der Weltbankgruppe Tourismusprojekte zu fördern. Die Weltbank hatte sich von Beginn an um eine eigenständige Tourismuspolitik bemüht, wobei sie von den potentiell positiven Aus- wirkungen des Tourismus ausging, die Umsetzung jedoch von stabilen politischen Rahmen- bedingungen abhing. Dass diese Voraussetzung zumeist kaum der Realität entsprach, war der Weltbank gleichermaßen bewusst wie die Gefahr der einseitigen Abhängigkeit der Volkswirt- schaften vom Tourismus und die damit verbundenen sozialen Probleme. Dennoch konzent- rierte sich die Praxis der Kreditvergabe auf kapitalintensive Infrastrukturmaßnahmen für mas- sentouristische Projekte, wie sie damals als ökonomisch sinnvoll betrachtet wurden: Bau gro- ßer Hotelanlagen, Erschließung neuer Gebiete, Straßenbau in landschaftlich interessanten Zonen sowie touristische Planungsmaßnahmen. Beglückt wurden jedoch nur einige wenige, touristisch bereits erfolgreiche Länder. An diese massentouristisch orientierte Vergabepolitik hielt sich die Weltbank bis in die 90er-Jahre. 7 Auch in verschiedenen Geberländern spielte damals der Tourismus eine große Rolle. Die Schweiz finanzierte z. B. Hotelfachschulen in Kenia, Tunesien und Indonesien. Dagegen war die deutsche EZA schon damals sehr zurückhaltend bei Tourismusförderung und konzen- trierte sich auf die Unterstützung bei der Erstellung von Masterplänen und der Aus- und Wei- terbildung von Touristikern. Damals belasteten Tourismusprojekte das Budget der GTZ mit lediglich 1,5 %. 8 4.1.2 Die Ernüchterung der 70er-Jahre Der anfänglichen Wachstumseuphorie folgte in den 70er-Jahren, der Epoche der Dependenz- theorie und des Grundbedürfnisansatzes, die erste Ernüchterung. Allmählich wurden die sozi- alen und ökologischen Auswirkungen des Ferntourismus in bedeutenden Übersee- destinationen wie Ostafrika und den Maghrebstaaten erkannt, was zu einer kritischen Revisi- on des Tourismus als Entwicklungsinstrument führte. 9 Im Jahr 1976 wurde erstmals in Washington ein internationaler Kongress über „The Social and Cultural Impact of Tourism“ veranstaltet. 10 Gastgeber waren die Weltbankgruppe ge- meinsam mit der UNESCO. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie einerseits die Kluft zwischen lokalen Gastgebern und fremden, ökonomisch dominanteren Investoren und andererseits zwi- 5 Vgl. Vielhaber 1998, S. 57. Diesen Anspruch hatte Papst Pius XII. bereits im Jahr 1952 erhoben (zit. in Opaschowski 1996, S. 207), das für die OEZA zuständige Österreichische BMfAA hält diesen Anspruch auch heute noch aufrecht (vgl. Boyer 2002, S. 64). 6 Zit. in Maurer et al. 1992, S. 108. 7 Maurer et al. 1992, S. 110 ff. 8 Vgl. ebd. 9 Vgl. Ruf 1978; Mäder 1982. 10 Die Kongressergebnisse wurden von de Kadt (1979) herausgegeben. 117 schen den zwei (damals noch dualistisch betrachteten) Sektoren Kultur und Wirtschaft über- brückt werden könnte. 11 Um diese - nach heutigem Erkenntnisstand - völlig verfehlte, weil übersimplifizierte Zu- gangsweise nachvollziehen zu können, muss man sich die damaligen Instrumente zur Evalua- tion der Sinnhaftigkeit von Projekten bzw. Investitionen vor Augen führen. Dazu wurden klassische Kosten-Nutzen- bzw. Kosten-Effizienz-Analysen herangezogen, mikro-analytische Instrumente, die lediglich die Abläufe innerhalb von Projekten bzw. Produktionseinheiten maßen, wogegen externe Effekte - wie die diversen sozialen oder ökologischen Kosten der Tourismusentwicklung – unberücksichtigt blieben. Dadurch wurden solche Kosten automa- tisch externalisiert - sei es auf unbeteiligte Dritte, auf die Gesellschaft, oder auf zukünftige Generationen und die Natur. 12 Die Ernüchterung schlug sich auch in der konkreten Geberpolitik nieder. Die deutsche Bun- desregierung erklärte 1978, unter Hinweis auf die vielfältigen problematischen Tourismus- auswirkungen, die Tourismusförderung in Entwicklungsländern als „nicht vorrangige Aufga- be“ der deutschen Entwicklungspolitik. 13 Auch das Tourismusland Schweiz revidierte Mitte der 70er-Jahre den bisherigen hohen Stellenwert des Tourismus in ihrer Entwicklungspolitik zugunsten der Förderung von humanitären Projekten. 14 Innerhalb der Tourismusforschung wurden erstmals Gegenmodelle zur klassischen, an hohen Skalenerträgen orientierter Tourismusentwicklung entworfen. 15 Das dabei entwickelte Kon- zept des „Alternativtourismus“ umfasste weitläufig betrachtet solche „forms of tourism that are consistent with natural, social, and community values and which allow both hosts and guests to enjoy positive and worthwhile interaction and shared experiences“. 16 Damit wurde der Weg in Richtung eines umwelt- und sozialverträglichen, nachhaltigen Tourismus einge- schlagen. Innerhalb dieses Konzepts blieb noch weitgehend unbeachtet die soziokulturelle Ebene. So kritisierte etwa Urry Alternativtourismus als „little more than reflecting the wants of particu- lar consumer niches underpinned by a romanticized view of nature combined with a western moral agenda“ 17: auch alternativer Tourismus sei letztlich nur Ausdruck westlicher Bedürf- nisse und Sichtweisen und insofern nicht kompatibel mit der Kultur der betroffenen Gastge- ber. Diese Kritik an der Beherrschung des Tourismusdiskurses durch Touristiker und Touris- ten unter Ausschluss der spezifischen Sichtweisen der Betroffenen entfaltete eine spürbare Wirkung erst in den 80er-Jahren. 4.1.3 Boom und Ernüchterung der 80er-Jahre Die 80er- und frühen 90er-Jahren waren geprägt von zwei gegensätzlichen Trends. Zum einen verstärkten die großen Entwicklungsorganisationen wie die Weltbank und in enger Ko- operation mit ihr die IWF wieder die klassischen Wachstumsstrategien. Wie schon früher in- vestierten sie viel Kapital in Sektoren mit viel versprechenden Renditen - wie z. B. den Tou- rismus. Hintergrund war die seit 1980 verfolgte Politik, Neukredite unter der Auflage strenger 11 Vgl. Lanfant/Graburn 1995, S. 107. 12 Vgl. Simonis 1989, S. 61. 13 Vgl. Vielhaber 1998, S. 57. 14 Vgl. Maurer et al. 1992, S. 111. 15 Vgl. de Man 2002, S. 60. 16 Smith/Eadington 1995a, S. 3. 17 Urry 1990, zit. in Meethan 2001, S. 60. 118 Strukturanpassungsprogramme zu vergeben. Doch auch die ILO und andere UN- Organisationen förderten den Tourismus indirekt durch die Finanzierung touristischer Stu- dien. Die EU wiederum setzte Tourismusförderungsmaßnahmen durch die Entsendung quali- fizierter Berater in die AKP-Staaten 18, sowie durch die Finanzierung touristischer Anlagen, der Ausbildungsprogramme, der Forschungs- und Entwicklungstätigkeit, und der Marketing- Förderung. 19 Zum anderen wurde - vor dem Hintergrund des wachsenden Umweltbewusstseins der Europä- ischen Bevölkerung 20 - die Kritik an kapitalintensiven „tourism developments“ immer lauter. Diese Investitionspolitik führte nach Ansicht von Wearing und Neil häufig nur zu überladener Infrastruktur mit Immobilienspekulation, Korruption und unerwünschten sozialen und ökolo- gischen Auswirkungen. In dieser damals üblichen Form der „Tourismusentwicklung“ wurzel- te auch die zunehmende Skepsis vieler Gemeinden gegenüber aufoktroyierten Formen des Tourismus; sie kulminierte schließlich in einer weit reichenden Ablehnung des Tourismus auf lokaler und nationaler Ebene: 21 Es war der so genannten „Aufstand der Bereisten“ 22 gegen das „touristische Wettrüsten“. Die Kritik richtete sich gegen den Umstand, dass im Wesentlichen ausländische Investoren gemeinsam mit den lokalen wirtschaftlichen und politischen Eliten und der internationalen Klientel wegen der vergleichsweise niedrigen Preise in Dritte-Welt-Destinationen durch diese Form der Tourismusentwicklung in Ländern der Dritten Welt profitierten würden. 23 Demge- genüber blieben der lokalen Bevölkerung nur bescheidene Beschäftigungsmöglichkeiten, aber Verlust der wirtschaftlichen und politischen Entscheidungsgewalt und die überwiegend nega- tiven soziokulturellen Effekte durch institutionalisierten Tourismus, wie Bachmann am Bei- spiel Kenias nachweisen konnte. 24 Ein Wegbereiter für das Bewusstsein um die sozialen und kulturellen Rechte der von Touris- musentwicklung betroffenen Bevölkerung war zweifellos die „Manila Declaration of Social Rights“ der UNWTO im Jahre 1981. Doch auch in der Tourismusforschung setzte sich zu- nehmend ein Paradigmenwandel durch, wonach internationaler Tourismus nicht mehr nur als ausschließlich ökonomisches Phänomen und nationaler Tourismus als kulturelles Problem, sondern beide primär als kulturelles Phänomen betrachtet wurde. 4.1.4 Die Wurzeln der „Community Based Tourism“- Projekte Konkreten Niederschlag fand diese Neuausrichtung in den Entwicklungsländern in einer Rei- he von Projekten und Initiativen, die eine „neue“ Form von Tourismus vertraten. Derartige Projekte waren zumeist relativ klein und zeichneten sich vor allem durch einen hohen Grad an Partizipation der lokalen Bevölkerung aus. Die Zielrichtung solcher Projekte war eine behut- 18 Dies sind jene Staaten Afrikas, der Karibik und des Pazifik, die durch das Lomé-III-Abkommen von 1986 mit der EU (damals noch: EG) assoziiert sind. 19 Maurer et al. (1992, S. 117 ff.) beziffert die entsprechenden Fördersummen mit 8,5 Mrd. ECU. 20 Vgl. de Man 2002, S. 60. 21 Vgl. Wearing/Neil 2000, S. 73. 22 Krippendorf 1975, zit. in Opaschowski 1996, S. 61; sinngem. Fennell 1999, S. 249. 23 Dunkel (1985) sprach in diesem Zusammenhang sogar von „Tourismus als eine Form von demographischem Imperialis- mus“. 24 Vgl. Bachmann 1988. 119 same, durch die lokale Bevölkerung kontrollierte Tourismusentwicklung auf niedrigem Ni- veau. Das bekannteste Beispiel eines offiziell geförderten Programms alternativer Tourismus- entwicklung im Sinne eines „integrated rural tourism“ waren die 1983 nach traditionellem Vorbild errichteten Dörfer in der Lower Casamance Region in Senegal.25 Die Beherbergung der Touristen durch indigene Bevölkerung war dabei nicht nur eine Möglichkeit, diesen häu- fig marginalisierten Bevölkerungsgruppen den Zugang zur Tourismusentwicklung zu eröff- nen, sondern darüber hinaus auch „as a means of offering a more authentic, meaningful, and satisfying experience for both the visitor and the visited“. 26 Im Umfeld dieser Entwicklung tauchte erstmals der Begriff des „Community Based Tour- ism“ 27 auf, gemeint als „a privately offered set of hospitality services (…), extended to visi- tors, by individuals, families, or a local community. A primary aim of (...) Community Based Tourism is to establish direct personal or cultural intercommunication and understanding be- tween host and guest.“ 28 Dieser Ansatz ist in den indigenen Unterkünften der Entwicklungsländer, aber auch in Europa im ländlichen Tourismus in seinen vielfältigen Ausprägungen erkennbar. 29 Allen diesen For- men ist gemeinsam die überschaubare Dimension der Tourismusentwicklung, die sich der heimischen Gemeinde und deren spezifischem Lebensstil anpasst. Ursprünglich waren diese Tourismusformen in Europa jedoch nicht zur Verbesserung des Kontakts zwischen Gastgeber und Gast entstanden oder zur Durchsetzung einer „more just form of travel“. Es waren entwe- der eigenständige Versuche von Landwirten um ihr Einkommen zu diversifizieren, oder sie beruhten auf dem Versuch einer Strategie der offiziellen Förderstellen zur ländlichen oder regionalen Entwicklung. Die Möglichkeit des Kontakts mit dem bäuerlichen Lebensstil für den Gast wurde erst in einem zweiten Entwicklungsschritt betont und für die verbesserte Vermarktung von ländlichem Tourismus genutzt. 30 Der wesentliche Unterschied des „alternativen Tourismus“ in Ländern der Dritten Welt ge- genüber dem europäischen „Tourismus am Bauernhof“ liegt in der weit geringeren Anzahl entsprechender Angebote und dem weit geringeren Erfolg derartiger Tourismusunternehmen. Das ergibt sich aus der Unzahl an Barrieren, mit denen alternative Projekte in der Dritten Welt konfrontiert sind: relativ hohe Kosten der Anreise, schlechte lokale Verbindungen in- nerhalb der jeweiligen Destination und schließlich die Barrieren zwischen Gastgebern und Gästen aufgrund unterschiedlicher Kulturen, Sprachen und Lebensstandards. Neben solchen Gemeinde-orientierten Tourismusprojekten setzten sich auch „alternative“ Tourismusprojekte durch, bei denen die Gemeindeentwicklung mit dem Schutz einer attrakti- ven, gefährdeten Natur kombiniert wurde. Derartige frühe Formen des „Ökotourismus“ waren in den 80er-Jahren „das führende und richtungweisende Konzept, welches neue Wege für die Entwicklung des Tourismus aufzeigte. In dieser Funktion wurde es in den 90er-Jahren vom Konzept des nachhaltigen Tourismus überholt.“ 31 25 Vgl. Saglio 1979, 1985; Bilsen 1987. 26 Vgl. Pearce 1995, S. 17. 27 Häusler (2004, S. 150) schlägt „Gemeinde-orientierten Tourismus“ als entsprechende Übersetzung vor. 28 Dernoi 1988, S. 89. 29 Z. B. der „Agritourismo“ in Italien, die „gites ruraux“ in Frankreich oder der „Urlaub am Bauernhof“ in Österreich. 30 Vgl. Pearce 1995, S. 28. 31 de Man 2002, S. 61. Details zum Ökotourismus und zum Nachhaltigen Tourismus siehe sogleich. 120 4.2 Tourismus-Entwicklungspolitik der Gegenwart In den 90er-Jahren ereignete sich gleichsam ein Paradigmenwechsel innerhalb der Touris- musentwicklungspolitik: Bis zu diesem Zeitpunkt war Tourismus als Mittel der EZA nach polarisierenden „pro-“ und „contra-“Argumenten beurteilt worden. Allmählich wurden diese Argumente als zumeist willkürliche Einstellungskonstrukte erkannt, die eher die Realität „ge- sellschaftlich-persönlicher Spiegelbilder“32 zum Ausdruck brachten als jene des Tourismus- systems. Vor diesem Hintergrund wurde auch das häufige Scheitern der bisherigen Touris- musansätze in der Praxis als Folge der eindimensionalen Betrachtungsweise von Tourismus erkannt. Demnach hatten die häufigsten Fehler in der unprofessionellen Analyse des jeweili- gen touristischen Potenzials, in der Vernachlässigung der Marktmechanismen, in der Unter- schätzung der Infrastrukturaufwendungen und der politisch-administrativen Hindernisse gele- gen. Nach dem neuen Zugang wurde Tourismus als ein hochkomplexes, dynamisches System be- trachtet, das in soziale, politische und ökonomische Rahmenbedingungen eingebettet ist. Die- se Rahmenbedingungen wurden als nur bedingt vom Tourismus abhängig angesehen. Daraus folgte für die EZA die Neubeurteilung von Tourismus als sektorübergreifende Aktivität, die sowohl eine vertiefende Fachkompetenz als auch eine interdisziplinäre und institutionenü- bergreifende Vorgehensweise voraussetzt. 33 Was die vielfältigen problematischen Effekte des Dritte-Welt-Tourismus anbelangt, so wurde auch weiterhin davon ausgegangen, dass diese den mittlerweile etablierten EZA-Zielen der Armutsbekämpfung, des Natur- und Umweltschutzes und der Selbstbestimmung der Ziel- gruppen zuwiderlaufen. Der wesentliche Kern der Neupositionierung lag jedoch in der grund- legenden Erkenntnis seitens der Entwicklungspolitik und -praxis, dass diese Effekte durch bloße Unterlassung organisierter Tourismusentwicklungsförderung keineswegs vermieden würden. Vielmehr entstanden auch ohne öffentliche EZA-Förderung touristische Initiativen, die sich jedoch „häufig unter entwicklungspolitischen Gesichtspunkten schlecht gemanagt oder völlig unreguliert“ 34 ausbreiteten. Demnach wären die „Kosten des Nichthandelns (…) wesentlich höher als die des Handelns (Agenda 21): starke wirtschaftliche Interessen treiben den Tourismus von sich aus an – dieser Boom muss in einigen Aspekten zum Wohle der loka- len Bevölkerung kontrolliert werden.“ 35 In solchen Fällen könnte aktive EZA durch Beratung und Steuerung auch Fremdkapital entwicklungspolitisch nutzbar machen, um negative Effekte solcher ungeregelten Entwicklung abzufedern. Diese Erkenntnis mündete in eine breite Debatte über Ökotourismus 36 und letztlich in die Wiederentdeckung des Tourismus als begrenzt einsetzbares Instrument der Entwicklungs- zusammenarbeit zur Integration marginaler und indigener Regionen. 37 Die Betonung liegt hier auf der Begrenzung, denn von keinem wichtigen Geberland wird Tourismus heute noch als Förderschwerpunkt der Entwicklungszusammenarbeit verstanden, eben weil sich Tourismus in der Regel als eigenständige Aktivität eines florierenden Privatsektors erweist. Die dadurch verursachten, stellenweise erheblichen wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen und ökolo- gischen Einflüsse und Auswirkungen erfordern jedoch korrigierende und lenkende Interventi- 32 Vgl. Spreitzhofer 1995, S. 46. 33 Vgl. Baumgartner/Leuthold 2002a, Web. 34 Steck/Strasdas/Gustedt 1999, S. 60. 35 BMfAA 2001a, S. 4, 9. 36 Vgl. Weaver 1998; Fennell 1999. 37 Vgl. Hagen 1995; Vorlaufer 1996; Steck/Strasdas/Gustedt 1999. Zu diesem Umdenken mochte auch der Umstand geführt haben, dass Touristiker und auch Ethnologen zunehmend von einander abhängig werden: Immer mehr Ethnologen finden im Tourismus Beschäftigung, und Touristiker interessieren sich zunehmend für die Bewahrung indigener Kulturen, wenn auch als ökonomische Ressource. 121 on. Darunter werden auch entwicklungspolitische Maßnahmen verstanden, die der Entwick- lung von sozial, kulturell und ökologisch verträglichen Tourismusformen dienen. Zusammenfassend wird Tourismus heute von den meisten EZA-Organisationen nur dann als förderungswürdig erachtet, „wenn der entwicklungspolitische Nutzen des Tourismus höher eingestuft werden kann als derjenige anderer Handlungsalternativen,“ wenn das jeweilige Vorhaben „kritisch geprüft, kompetent geplant und umsichtig implementiert wird“ 38 und es insofern den Grundprinzipien einer nachhaltigen Tourismusentwicklung 39 entspricht. Für die vorliegende Untersuchung über die Beurteilung der Förderungswürdigkeit von Tou- rismus als Entwicklungsinstrument folgt daraus die unabdingliche Voraussetzung der Analyse der „jeweiligen spezifischen Situationen in den Ländern (…) und [der] Tourismuspläne bzw. Vermarktungsstrategien, deren Sozial- und Kulturverträglichkeit zu überprüfen wäre“. 40 Eben diese Voraussetzung versucht die vorliegende empirische Untersuchung zu erfüllen. 4.2.1 Tourismus in der österreichischen EZA Im Gegensatz zu dem meisten Geberländern bekennt sich Österreich explizit zu einer „Sek- torpolitik Tourismus“ innerhalb der österreichischen Entwicklungspolitik, auch wenn Tou- rismus „kein weiterer Schwerpunktsektor“ der ÖEZA werden soll. Darin sind die Prinzipien und Bedingungen für Projektförderungen enthalten. 41 Dieser ungewöhnlich hohe Stellenwert des Tourismus wird begründet mit den lokalen Anfra- gen der Schwerpunkt- und Kooperationsländer, mit der Erkenntnis um die hohen Kosten des Nichthandelns gegen über jenen des Handelns sowie mit dem reichen theoretischen und prak- tischen Know-how Österreichs als klassisches Tourismusland in den Bereichen Ausbildung, Vermarktung und Umweltkompetenz. Es werden ausschließlich solche Tourismusprojekte gefördert, die der Verwirklichung der primären Zielen der österreichischen Entwicklungspoli- tik dienen, nämlich ¾ der Verringerung der Armut und der Schaffung von Chancen für die Bevölkerung, ¾ der nachhaltigen wirtschaftlichen Entwicklung, ¾ der sozialen Entwicklung und der sozialen Ausgewogenheit der Effekte von Entwick- lung, ¾ der Wahrung der Menschenrechte und der Grundfreiheiten, ¾ der Völkerverständigung und Friedenssicherung. 42 Zur Verfolgung der genannten Ziele werden innerhalb der ÖEZA grundsätzlich drei Strate- gien angewandt 43: 1. Vermittlung zur „Förderung der Kommunikation und Kooperation zwischen ver- schiedenen Ebenen“ der beteiligten und betroffenen Akteure 38 Baumgartner/Leuthold 2002a, Web. 39 Zu den Kriterien von Nachhaltiger Tourismusentwicklung siehe sogleich. 40 Luger 1995, S. 25. 41 Vgl. BMfAA 2001a, S. 4. 42 Vgl. ebd., S. 9. 43 Vgl. ebd., S. 4 f. 122 2. „Abwenden von möglichen negativen Folgen eines Tourismusbooms für die Bevöl- kerung und deren Umfeld“ sowie dessen Kontrolle „zum Wohle der lokalen Be- völkerung“ 3. Entwicklung von Nischen zur „Nutzung eines speziellen Wettbewerbsvorteils zu- gunsten einer armen lokalen Bevölkerung“ Die genannten Prinzipien und Ziele erlauben nur die Förderung einer sozial verantwortlichen, ökologisch und ökonomisch nachhaltigen Tourismusentwicklung zur Armutsbekämpfung. Aufgeschlüsselt nach den drei Sektoren Ressourcenschutz, Partizipation und Armutsbe- kämpfung setzt Nachhaltigkeit im Sinne der ÖEZA-Politik die Erfüllung einer Vielzahl von Aspekten voraus, die im Folgenden näher aufgeschlüsselt werden 44. Diese detaillierten Anga- ben sind in Hinblick auf die Beurteilung der Sinnhaftigkeit von Tourismusförderung in Timia wesentlich. 1. Erhaltung und schonende Verwendung von natürlichen, sozialen und kulturellen Ressour- cen Hier steht der Erhalt der natürlichen Lebensgrundlage der lokalen Bevölkerung entsprechend ihren gegenwärtigen und zukünftigen Bedürfnissen im Vordergrund. Umweltschutzmaß- nahmen haben die Bedürfnisse der lokalen Bevölkerung zu berücksichtigen. Dies ist als Ab- sage an den traditionellen Umwelt- und Naturschutz zu verstehen, wie er bis in die späten 80er-Jahre auf Kosten der Bevölkerung und zugunsten eines westlichen Konzepts von Natur im Sinne einer „unberührten Wildnis“ betrieben wurde. 45 Natürliche und kulturelle Ressour- cen sind jedoch nicht nur die Grundlage einer stabilen Gesellschaft, sondern auch die Basis touristischer Produkte, weshalb Ressourcenschutz auch im Interesse der Tourismuswirtschaft steht. Für die konkrete Tourismuspraxis folgt daraus zum einen, dass nur in solchen Zielgebieten Tourismus entwickelt werden dürfe, die über ausreichend vorhandene Ressourcen (z.B. Was- ser, Brennstoffe etc.) verfügen. Zum anderen folgt daraus notwendigerweise der gezielte Er- halt der natürlichen, sozialen und kulturellen Diversität, indem tourismusbedingte soziale, wirtschaftliche und kulturelle Schäden in Tourismusgebieten minimiert, die Überkonsumation von Ressourcen reduziert, Abfall vermieden oder entsorgt, und die einheimische Kultur sowie die kulturelle Identität der Menschen in den touristischen Zielgebieten gestärkt wird. Letzteres gilt besonders vom Grundprinzip der ÖEZA, dass nämlich Tourismusförderung der Wahrung der Menschenrechte, der Förderung von Demokratie und Völkerverständigung und der Friedenssicherung dienen müsse. Konkret wird darunter die Förderung einer funktio- nierenden interkulturellen Kommunikation zwischen Touristen und Einheimischen mit dem Ziel verstanden, dass westliche Touristen die Wertesysteme der „Bereisten“ kennen lernen und darauf Rücksicht nehmen. Dadurch sollen die Kulturinteressen der einheimischen Bevöl- kerung, insbesondere der ethnischen Minderheiten, erkannt und unterstützt werden. 46 Die Schaffung und Verankerung des Bewusstseins für kultur- und umweltsensiblen Touris- mus wird in Österreich bereits im Vorfeld der Reise durch entsprechende Öffentlichkeitsarbeit 44 Die Angaben beruhen im Wesentlichen auf BMfAA (2001a). 45 Vgl. Suchanek 2001. 46 Zur Förderung interkultureller Kompetenzen von Fernreiseleitern bieten seit 1973 die „Deutsche Stiftung für internationale Entwicklung“ gemeinsam mit dem „Studienkreis für Tourismus in Starnberg e.V.“ einen entsprechenden Lehrgang an, der auch von TUI genutzt wird (vgl. Wahrlich 1983, S. 186). Eine ähnliche Einrichtung bietet auch das österreichische IITF (nunmehr „respect“, siehe sogleich) mit seinem jährlich veranstalteten Universitätskurs „Schule des sanften Reisens“ (vgl. IITF 2000) an. 123 betrieben. 47 Dazu wurde 1995 die tourismusspezifische PR-Institution „respect“ mit Mitteln der ÖEZA begründet, die seither viele erfolgreiche Sensibilisierungsmaßnahmen umgesetzt hat. 48 2. Integration des Tourismus als Wirtschaftsfaktor in nationale und lokale Planungsprozesse Durch Tourismus muss die lokale Wirtschaft unterstützt werden, indem über die Erhöhung der lokalen Nachfrage nach Konsumgütern und Dienstleistungen der Kreislauf von Produk- tion und Konsumation angeregt wird. Dazu ist die Wettbewerbsfähigkeit der lokalen Touris- musbetriebe, die üblicherweise im internationalen Konkurrenzkampf strukturbedingt unterlie- gen, zu stärken. Gleichzeitig ist eine einseitige Abhängigkeit der Regionalwirtschaft vom Tourismus zu vermeiden. Zur Kompensation der Marktzugangsbarrieren aufgrund bestehender struktureller Nachteile kleiner Tourismusbetriebe in abgelegenen Regionen müssen konsequenterweise auch lang- fristige PR-, Werbe- und Marketingmaßnahmen gefördert werden. Dazu versucht die ÖEZA den österreichischen Privatsektor als Partner für sozial- und kulturverträglichen Tourismus in Entwicklungsländern zu gewinnen. 3. Tourismus als Instrument der Armutsbekämpfung Armutsbekämpfung ist zweifellose der umfassendste und mit den vielschichtigsten flan- kierenden Maßnahmen verbundene Aspekt der Tourismusförderung. Erstens setzt Armutsbekämpfung eine sozial ausgewogene Wirtschaftsweise voraus. Dies bedeutet die ausschließliche Förderung solcher Investitionen, die nicht auf Kosten der Bereit- stellung von Basis-Infrastruktur für lokale Bevölkerung (Wasser, Abwasser, Müllentsorgung, Basismedizin) gehen. Als Maßstab dafür ist der Lebensstandard der Bevölkerung heranzuzie- hen. Daraus folgt zwangsläufig die Ablehnung jeglichen Infrastrukturausbaus, der ausschließ- lich Touristen zugute käme und „für Einheimische nicht nutzbar oder leistbar ist.“ 49 Darum stünde etwa Luxustourismus in sehr armen Gebieten im diametralen Widerspruch zu den Prinzipien der Nachhaltigkeit. Zweitens bedeutet Armutsbekämpfung die Schaffung von Einkommen durch Tourismus für breite Bevölkerungsschichten, sei es in direkter oder indirekter Weise. Dies erfordert die Si- cherung eines ausgewogenen Zugangs besonders für benachteiligte Bevölkerungsschichten, etwa durch Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen, aber auch durch die Einhaltung sozialer und wirtschaftlicher Mindeststandards der touristischen Arbeitsplätze (Einkommensniveau, Ar- beitszeit, soziale Absicherung etc.). 50 Drittens bedeutet Armutsbekämpfung Partizipation der lokalen Gemeinschaften in ökonomi- scher und politischer Hinsicht. So ist die partnerschaftliche Kooperation zwischen externen Tourismusbetrieben und ortsansässiger Bevölkerung zu fördern, dabei aber zu beachten, dass die Zielgruppen einen gewissen Eigenanteil an externen Investitionen leisten, damit deren grundsätzliches Mitspracherecht gewährleistet bleibt. Mitspracherecht setzt aber eine bereits funktionierende Kommunikation zwischen lokalen Gemeinschaften, politischen und wirt- schaftlichen Akteuren und der Öffentlichkeit voraus. Besonders im Fall des Tourismus, einer 47 Zur Relevanz der Förderung der Bewusstseinsbildung bei den Touristen in den Quellmärkten als elementare Bedingung für eine nachhaltige Tourismusentwicklung vgl. Pils 2004, S. 119. 48 Vgl. dazu die zahlreichen Berichte auf deren Homepage, www.respect.at. 49 Vgl. BMfAA 2001a, S. 22. 50 Zur Festschreibung von Sozial- und Umweltstandards in den Welthandelsübereinkommen als Voraussetzung für eine nachhaltige Tourismusentwicklung vgl. Pils 1999. 124 komplexen modernen Materie, sind erst die entsprechenden Voraussetzungen zu schaffen. Dazu muss in einem ersten Schritt durch Aus- und Weiterbildung der lokalen Bevölkerung das Verantwortungsbewusstsein über Chancen und Risiken touristischer Entwicklung in Hin- blick auf ihre wirtschaftliche, soziale und kulturelle Situation gefördert werden. In einem zweiten Schritt müssen mittels Förderung von fachspezifischer Ausbildung lokale und regio- nale Planungs- und Steuerungskapazitäten gefördert werden. Denn nur wenn die betroffene Bevölkerung über eigene „Tourismusexperten“ verfügt, denen vertraut wird, kann der Aufbau des Tourismus in partnerschaftlicher Weise entsprechend den Interessen der eigenen Bevölke- rung, aber auch entsprechend den Marktbedingungen, gestaltet werden. Die aktive Einbin- dung der betroffenen Bevölkerung setzt freilich auch funktionierende demokratische Struktu- ren - wie etwa ein Gemeinde-Entwicklungskomitee - voraus, das u. U. erst aufzubauen wäre. Die Gewährleistung der aktiven Mitbestimmung beinhaltet auch die Möglichkeit der Ableh- nung einer weiteren Tourismusentwicklung durch die betroffene Bevölkerung. Eine konkrete Maßnahme der EZA im Bereich des Tourismus, die bereits andernorts genannt wurde, ist die Aus- und Weiterbildung. Dies umfasst nicht nur die technische Qualifizierung von potenziellen Arbeitnehmern, sondern betrifft auch die grundsätzliche Verbesserung des Transfers von touristischem Know-how in Entwicklungsländer. Es umfasst auch interkul- turelle Kompetenzen ortsansässiger Reiseleiter zur Förderung einer konstruktiven Kommuni- kation zwischen Reisenden und Bereisten, ökologisches Verständnis für die potenziellen Probleme durch den Tourismus, aber auch Gender-Kompetenzen in Hinblick auf die verbes- serte Integration von Frauen in die touristischen Prozesse. Derartige Ausbildungen für Men- schen aus Dritte-Welt-Ländern, gefördert durch die ÖEZA, bietet das „Institute of Tourism and Hotel Management Kleßheim“ seit nahezu 40 Jahren an.51 Damit die Prozesse eines Tourismusprojekts auch dauerhaft den Nachhaltigkeitskriterien ge- nügen, ist die Tourismusentwicklung fortwährend zu analysieren und zu evaluieren und be- ginnt mit der grundsätzlichen Analyse der Voraussetzungen vor der Durchführung eines Pro- jekts. Dies betrifft in besonderem Maße die spezifische Aufnahmekapazität bzw. Tragfähig- keit 52 der touristischen Bestimmungsorte hinsichtlich der verträglichen Bebauungsdichte, der Belastung der Natur, des Zahlenverhältnisses zwischen Touristen und einheimischer Bevölke- rung etc. Die Aufrechterhaltung der Balance zwischen der veränderlichen Aufnahmekapazität und den Besucherströmen bzw. den sekundären Auswirkungen des Tourismus ist eine wichti- ge Maßnahme zur Erfüllung der Nachhaltigkeit. Die Erfüllung all dieser Erfordernisse setzt eine „zeitgemäße Forschung für nachhaltigen Tou- rismus“ 53 voraus, von der die Entwicklung von praxistauglichen Qualitätskriterien für nach- haltigen Tourismus zu erwarten ist. Umgesetzt wird dieser Anspruch der ÖEZA durch die Förderung des Wiener Instituts „respect“, das entsprechende Kriterien dafür entwickelt hat, 54 sowie des Salzburger Instituts für Interdisziplinäre Tourismusforschung, das Tourismus aus sozialwissenschaftlicher Perspektive erforscht.55 51 Vgl. Hefferer 2002; 2004, S. 467 ff. 52 Aufnahmekapazität oder „Carrying capacity" definiert Prosser (1998, S. 383) als „that level of tourist presence which creates impacts on the host community, environment end economy that are acceptable to both tourists and hosts, sustainable over future time periods“. Insofern hängen die jeweiligen Tragfähigkeitsgrenzen vom regionalspezifischen, sozio-kulturellen, ökonomischen, ökologischen, aber auch temporären Kontext ab, denn „soziale Grenzen sind eine Frage der Übereinkunft von Gesellschaften [und insofern eine soziale Konstruktion, Anm.d.Vf.], also verschiebbar“, ob dies nun „stillschweigend oder nach einem positiv-rechtlich festgelegtem Prozedere“ geschehe (vgl. Pils 2004, S. 112). 53 BMfAA 2001a, S. 24. 54 Vgl. dazu das Modell des ehemaligen respect-Geschäftsführers Baumgartner (2004, S. 89 ff.) zur dynamischen Messung der touristischen Belastungen, das im abschließenden Teil dieses Kapitels erörtert wird. Das Institut „respect“ war auch als Herausgeber meines Buches „Tourismusethik“ verantwortlich (vgl. Friedl 2002). 55 Vgl. Luger/Inmann 1995; Luger/Baumgartner/Wöhler2004. 125 In der Praxis hatte die ÖEZA bislang - abgesehen von den bereits genannten Initiativen - nur punktuell einige Tourismusprojekte gefördert. Sie betrafen vor allem die Bereiche Masterpla- nerstellung (u. A. Butan) und „Community Based Tourism“ (Nepal) 56, und dies „mit unter- schiedlichem Erfolg“ 57. Explizit ausgeschlossen sind große Hotelprojekte, Projekte von Inves- torenkonsortien zur Neuentwicklung von Regionen, Masterpläne ohne klare Umsetzungsori- entierung und Förderung von Einzelpersonen mit Ausnahme von Ausbildungsstipendien. Die jährlichen Förderungssummen für sämtliche tourismusrelevanten Projekte schwankten Ende der 90er-Jahre zwischen 12 und 40 Mio. ATS. 58 4.2.2 Tourismus in der deutschen EZA Im Gegensatz zur ÖEZA ist innerhalb der deutschen EZA Tourismus explizit kein vorrangi- ges Thema. In diesem Sinne existiert auch kein „Sektorkonzept Tourismus“. 59 Dennoch weisen die Förderungen und Strategien für ein entwicklungspolitisches Engagement im Tourismus seitens des deutschen Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung zahlreiche Parallelen zur österreichischen Tourismuspolitik auf: Förderung des Verantwortungsbewusstseins bei allen beteiligten Akteuren im Tourismus, Umsetzung verträglicher Tourismuskonzepte, Aufklärung der Reisenden, Kooperation zwischen den In- stitutionen der EZA, der betroffenen Bevölkerung und allen sonstigen Akteuren der Touris- musindustrie 60 sowie die Partizipation der Bevölkerung. Dies zeigt bereits, dass auch die deutsche EZA eine Neuorientierung hinsichtlich der Rolle des Tourismus vollzogen hat. Demnach ist eine Aufwertung des Tourismus als Schwerpunkt der Entwicklungshilfe auch in Zukunft ausgeschlossen. Dennoch wurde sein Stellenwert insgesamt wieder in Richtung einer gezielten Unterstützung der Entwicklung und Umsetzung von verträglichen Touris- musmodellen angehoben. 61 Diese Grundhaltung spiegelt sich auch in der deutschen EZA-Praxis wider. Im Rahmen von rund 50 Vorhaben deutscher EZA-Organisationen (insb. GTZ, KfW und DED) der 90er-Jahre stellte Tourismus mindestens eine wichtige Teilkomponente dar, etwa im Rahmen von Regio- nalentwicklungsvorhaben oder in Gestalt des Ökotourismus als Instrument zur Förderung des Schutzes und der nachhaltigen Nutzung von natürlichen Ressourcen. 62 Lediglich zwei Einzel- projekte hatten Tourismusentwicklung als explizites und ausschließliches Ziel. 63 Zu den tourismusrelevanten Projekten zählen etwa ¾ die Einrichtung und Absicherung von Nationalparks und die Förderung der Partizi- pation der Bevölkerung am Tourismus in den Randzonen, 56 Vgl. BMfAA 2001, S. 53 ff. 57 BMfAA 2001a, S. 16. 58 Vgl. BMfAA 2001, S. IX. Dies entspräche 0,87 - 2,9 Mio. Euro. 59 Vgl. Drews 1998, S. 84. 60 Ein konkretes Beispiel für eine erfolgreiche Kooperation ist die Verleihung des internationalen „To Do!“-Preises für die besten partizipativen und nachhaltigen Tourismusprojekte (vgl. Vielhaber 1998, S. 63 f.; im Detail mit einer Vorstellung der bisherigen Preisträger siehe insb. Lassberg/Betz 2004). 61 Zit. in Vielhaber 1998, S. 60 ff.; vgl. auch Baumgartner/Leuthold 2002a, Web. 62 Vgl. Rauschelbach 1998a, S. 9; Kasparek 1998, S. 65. 63 Vgl. Rauschelbach 2000, S. 216. 126 ¾ die Förderung von Studien zum Ökotourismus in Hinblick auf die Einkommens- schaffung für die lokale Bevölkerung, u. a. im Rahmen des „Tropenökologischen Begleitprogramms“ der GTZ, 64 ¾ Maßnahmen zur Umsetzung der Biodiversitätskonvention, die zumeist in die Förde- rung ökotouristischer Projekte mündeten; ¾ die Förderung von Ausbildungsprogrammen, im Zuge derer auch touristische Aus- bildungseinrichtungen in zahlreichen Entwicklungsländern unterstützt wurden; ¾ die Förderung von Aufklärungs- und Bildungsarbeit in Deutschland, etwa durch die Unterstützung von Organisationen, wie dem „Studienkreis Tourismus und Entwick- lung“, der die Informationsschriften „Sympathie Magazine“ herausgibt, und interkul- turellen Trainingsseminaren für Dritte-Welt-Reiseleiter; ¾ seit Anfang der 70er-Jahre die äußerst erfolgreiche Förderung der touristischen Prä- senz von Entwicklungsländern auf der Berliner ITB. Aufgrund einer Vereinbarung zwischen der EU und Deutschland übernahm die EU in den 80er-Jahren diese Förde- rung. Seit dem Jahr 2002 fördert die GTZ wieder die internationale Reisemesse „Rei- sepavillon“ für alternative Anbieter in Hannover. 65 Das für den Tourismusbereich in den späten 90er-Jahren aufgewendete Budget der deutschen EZA lag bei insgesamt 16 Mio. Euro. 66 4.2.3 Tourismus in der britischen EZA In der britischen Entwicklungszusammenarbeit wird Tourismus ähnlich wie bei der deutschen EZA im Rahmen der ländlichen Entwicklung als Instrument zur Grundversorgung der Bevöl- kerung, dem „Community Based Tourism“, behandelt. Nach dem heutigen Erkenntnisstand integriert dieses Konzept im Wesentlichen die konstruktive Interaktion von Touristen mit den Bewohnern einer ländlichen Gemeinde, schafft auf diesem Wege Einkommen, trägt zum Schutz der betreffenden Umwelt bei, zur Versorgung der Einheimischen mit grundlegender Infrastruktur (sauberes Wasser, Entsorgung, medizinische Versorgung, Schulen etc.) und weist einen hohen Grad an Partizipation und Projektidentifikation seitens der Bevölkerung auf. 67 Ende der 90er-Jahre wurde von den britischen Organisationen ODI, IIED und dem „Centre for Responsible Tourism” (CRT, University of Greenwich) das Konzept des sog. „Pro-Poor- Tourism“ entwickelt, finanziert durch DFID, die staatliche britische EZA-Agentur. 68 Im We- sentlichen entspricht dieses Konzept den oben beschriebenen Kriterien des „Community Ba- sed Tourism“ und auch jenen der ÖEZA. Bemerkenswerterweise findet in Großbritannien ein reger Diskurs zu den strukturellen Prob- lemen des Tourismus in Entwicklungsländern und den Möglichkeiten eines „Fair-Trade- Tourism“ 69 im Stile der auch in Österreich bekannten „Fair-Trade“-Produkte statt. 70 Dabei 64 Vgl. etwa Vorlaufer 1996; Ellenberg/Scholz/Beier 1997; Rauschelbach 1998; Steck/Strasdas/Gustedt 1999. 65 Vgl. Rauschelbach/Schäfer/Steck 2002, S. 7 f. 66 Vgl. Rauschelbach 2000, S. 216. 67 Vgl. Häusler 2004, S. 148 ff.; zur näheren Diskussion um die vielschichtigen, spezifischen Problemen des Community Based Tourism vgl. Tefler 2003. 68 Vgl. Pro-Poor Tourism 2002, Web. 69 Vgl. Kalisch 2000, 2000a, 2003; zum Diskussionsstand in Zentraleuropa vgl. Fuchs/Plüss 2003. 127 werden faire Wettbewerbsbedingungen für den Handel mit Dienstleistungen von Anbietern in der Dritten Welt als ein Schlüsselelement des nachhaltigen Tourismus verstanden. Denn nur faire Bedingungen und Preise ermöglicht den dort heimischen Touristikern und Touris- musbeschäftigten ein überlebensnotwendiges Mindesteinkommen. Insofern versucht diese Strategie die Tourismusentwicklung auf der Ebene der globalen Rahmenbedingungen zu ver- ändern und Abhängigkeiten der Produzenten vom Preisdiktat westlicher Veranstalter und Konsumenten zu reduzieren. Umgesetzt wird dieses Konzept auf dem Angebotsmarkt durch die Etablierung einer entsprechenden Kennzeichnung von fair gehandelten Reiseprodukten analog zu den „Fair-Trade“-Produkten, durch Kampagnen zur Sensibilisierung des Konsu- mentenverhaltens 71, weiters durch die Implementierung internationaler Handelsabkommen zur Entzerrung der globalen Handelsbedingungen, durch die beratende Unterstützung nationa- ler Tourismuspolitik und die Einbindung der Tourismusakteure in ihre Destinationen. Im Üb- rigen werden hier ähnliche Strategien wie von der ÖEZA verfolgt. 4.2.4 Tourismus in der US-amerikanischen EZA Die US-amerikanische EZA-Agentur USAID weist ein signifikantes Engagement im Bereich des Ökotourismus auf. Dies betrifft vor allem Naturpark-Projekte in zwöf Ländern Latein- amerikas und Asiens. 72 Unter Ökotourismus werden im Wesentlichen umwelt-, kultur- und sozialverträgliche Formen des Tourismus verstanden, die den Besuch empfindlicher Naturlandschaften ermöglichen zur Einkommensschaffung für die Anrainerbevölkerung und zur Finanzierung von Naturschutz- vorhaben. Weitere Elemente sind die Partizipation der Anrainerbevölkerung in den Prozess solcher Vorhaben, sowie die Entwicklung von Richtlinien und Institutionen zur Minimierung des negativen Einflusses des Tourismus auf lokale Natur und Kultur.73 Die meisten Defini- tionen unterstreichen auch das Verantwortungsbewusstsein der Besucher gegenüber Natur und Kultur und enthalten Elemente der Aufklärung bzw. der Information für die Besucher über natürliche Zusammenhänge. 74 Insofern sei die kommunikative und inhaltliche Kompe- tenz heimischer Reiseleiter nach Ansicht Moscardos 75 eine fundamentale Voraussetzung zur Sensibilisierung der Reisenden für deren umwelt- und sozialverträgliches Verhalten. Der Erfolg des Ökotourismus als geeignetes Instrument einer nachhaltigen (Gemeinde)- Entwicklung hängt im Wesentlichen ab vom Ausmaß der Beteiligung der Bevölkerung an den erzielten Einnahmen und insbesondere von der Entwicklung entsprechender Umverteilungs- mechanismen, um die ökonomische Partizipation der regional betroffenen Bevölkerung an den durch Naturtourismus generierten Einnahmen zu garantieren (z. B. die Einrichtung von Fonds, die aus touristischen Einnahmen gespeist und auf die betroffene Bevölkerung im Sinne von Kompensationsleistungen umverteilt werden). Eine der wichtigsten Bedingungen im Ökotourismus ist sicherlich die Entwicklung von Maßnahmen zur Regulierung der Besucher- 70 Zur Ideengeschichte des „Fairen Tourismus“ vgl. Plüss 2004. 71 Zur Diskussion um „Fair trade in tourism“ und die Betonung von Marketing oder Gemeindeentwicklung vgl. Evans/ Cle- verdon (2002). 72 Die nach eigenen Angaben größte und älteste internationale Ökotourimus-Organisation, TIES, ist ebenfalls US-ameri- kanisch (vgl. Baumgartner 2002, S. 15). 73 Vgl. Ceballos-Lascurain 1997, S. 7; Ellenberg et al. 1997, S. 55. 74 Zur Genealogie des Ökotourismusbegriffs und den diversen Definitionen vgl. Baumgartner 2002, S. 13 ff.; Fritz/Leuthold 2001; zur Begriffsdebatte im Zuge des „Internationalen Jahr des Ökotourismus 2002“ vgl. Häusler 2002. 75 Vgl. Moscardo 2000, S. 12. 128 zahlen entsprechend der jeweiligen regionalen Tragfähigkeit. 76 Im Übrigen gelten für den Ökotourismus jene Prinzipien, wie sie am Beispiel der ÖEZA beschrieben wurden (Konsum lokaler Produkte, Rekrutierung der Anrainer für touristische Dienstleistungen etc.). 77 Was die Vermarktung von Ökotourismus anbelangt, müssen analog zu „Fair-Tourism“- Produkten entsprechende Qualitätsstandards und -Labels entwickelt, umgesetzt und überprüft werden, damit sich solche vergleichsweise höherwertigen Produkte in Konkurrenz zu „Low- cost“-Tourismusprodukten am Markt behaupten können. Weitere Handlungsfelder der US-EZA sind der Bereich Tourismus und Aids sowie die Inten- sivierung der Kooperation mit anderen Geber-Organisationen auf Regierungs- und Nicht- Regierungsebene zur Identifikation und Finanzierung gemeinsamer Tourismusprojekte bzw. in Hinblick auf den internationalen Informationsaustausch. 4.2.5 Tourismus in anderen bedeutenden EZA-Organisationen In der EZA der Schweiz, Spaniens und den Niederlande spielt Tourismus ebenfalls nur eine untergeordnete Rolle im Rahmen einzelner Projekte. Keines dieser Länder verfügt über eine explizite Tourismuspolitik im Rahmen seiner EZA und beabsichtigt auch keine Vertiefung seines touristischen Engagements. Im Vordergrund stehen vielmehr andere Wege der Ar- mutsbekämpfung. 78 Nennenswert ist allenfalls das Engagement der niederländischen „SNV - Netherlands Deve- lopment Organisation“, die sich im Stile des „Pro-poor Tourism“ auf ländliche Armutsbe- kämpfung durch Tourismusförderung in Nepal konzentriert. Dabei stehen Maßnahmen wie Institutionenentwicklung und -stärkung, Kompetenzförderung durch Ausbildung, Planung und Kontrolle, Bevölkerungssensibilisierung und -partizipation sowie die Kooperation mit dem Privatsektor im Vordergrund. 79 Lediglich die französische Entwicklungsagentur AFD weist Tourismus als eigenen Sektor ihrer Entwicklungspolitik aus und engagierte sich mit einigen Projekten im Hotelent- wicklungsbereich in Tunesien, Elfenbeinküste und Neukaledonien. Darüber hinaus entsendet die Agentur des französischen Tourismusministeriums, AFIT, auch Expertenteams zur bera- tenden Unterstützung bei Tourismusprojekten in Entwicklungsländern. 80 Die Weltbank betrachtet Tourismus unter Berufung auf die CSD auch weiterhin als wesentli- che Chance für Entwicklung und Armutsbekämpfung in Afrika, allerdings nur unter bestimm- ten Rahmenbedingungen zur Minimierung möglicher negativen soziokulturellen, ökologi- schen und wirtschaftlichen Folgen einer ungeregelten Tourismusentwicklung. 81 76 Vgl. Müller 1998, S. 43 f. 77 Die realen wirtschaftlichen Chancen der Bevölkerung durch Naturtourismus beurteilt Müller (1998, S. 37.) eher skeptisch. Abgesehen von einzelnen positiven Ausnahmen legen die Erfahrungen eher eine „pessimistische Gesamteinschätzung“ nahe. 78 Vgl. BMfAA 2001a, S. 10 f. 79 Vgl. Hummel 2004, S. 123 ff. 80 Vgl. BMfAA 2001a, S. 11. 81 Vgl. Christie/Crompton 2001, Web. 129 Auf EU-Ebene gibt es aufgrund des Subsidiaritätsprinzips keine eigene Tourismuspolitik. 82 Dennoch wurden im Jahr 1998 im Rahmen der EU-Entwicklungspolitik die Vorschläge der Kommission zur EU-Förderung der Entwicklung eines nachhaltigen Tourismus in den Ent- wicklungsländern durch den Europäischen Rat und das Europäische Parlament ange- nommen. 83 Umgesetzt wurde diese Entscheidung dadurch, dass Maßnahmen zur Unterstüt- zung des Tourismussektors in den EU-assoziierten Staaten Afrikas, der Karibik und des Pazi- fiks (AKP-Staaten) in das am 23. Juni 2000 in Cotonou unterzeichnete AKP-EU- Partnerschaftsabkommen aufgenommen wurden. 84 Gemäß Art. 24 dieses Abkommens soll der private Sektor bei der Schaffung von Wachstum und Beschäftigung sowie der Armuts- bekämpfung eine Schlüsselrolle übernehmen. Darüber hinaus unterstützt die EU über Koope- rationsprogramme und -projekte die AKP-Staaten bei der Entwicklung rechtlicher und institu- tioneller Rahmenbedingungen als Voraussetzung für den Aufbau einer nationalen Politik der nachhaltigen Tourismusentwicklung. Weitere tourismusrelevante Bereiche der EU- Tourismusförderung für AKP-Staaten sind die Stärkung der Wettbewerbsposition kleiner und mittlerer Unternehmen, die stärkere Verflechtung zwischen Tourismus und anderen Wirt- schaftszweigen, der Investitionssektor, die Produktentwicklung sowie die Förderung indige- ner Kulturen. 85 4.3 Die Messung von Nachhaltigkeit bei Tourismusentwicklung 4.3.1 Das Konzept der „Nachhaltigen Tourismusentwicklung“ Der ursprüngliche Begriff des „Nachhaltigen Wirtschaftens“ wurde erstmals im 19. Jahr- hundert in der deutschen Forstwirtschaft erwähnt und beschrieb die Umgestaltung der Res- sourcen von natürlichen, langsam wachsenden Mischwäldern in rasch wachsende Mono- kulturen, um eine kurzfristige Gewinnmaximierung zu ermöglichen. 86 Der gegenwärtig ge- bräuchliche Begriff der „Nachhaltigen Entwicklung“ erlangte durch seine Verwendung im WCED-Bericht „Our Common Future“ aus dem Jahre 1987 Bekanntheit. Darin wird „Sustai- nable Development“ als eine Form des Fortschritts definiert, die die Bedürfnisbefriedigung der gegenwärtigen Erdbevölkerung ermöglicht, ohne die Bedürfnisse der zukünftigen Genera- tionen zu beeinträchtigen. 87 In der am Weltgipfel in Rio 1992 verabschiedeten Agenda 21 fand Tourismus noch keinen Eingang. 1996 veröffentlichten das WTTC und die UNWTO gemeinsam mit dem Earth 82 Zum gegenwärtigen Trend des weiteren Rückzugs aus der ohnedies kaum vorhandenen Tourismuspolitik der EU vgl. Baumgartner 2004, S. 100 f. sowie insb. Pils 2004. 83 Vgl. Baumgartner/Leuthold 2002a, Web. 84 Vgl. Kommission der Europäischen Gemeinschaft 2002, S. 8. 85 Vgl. ebd., S. 53 f. 86 Vgl. Groeneveld 1997, S. 32. 87 …„that meets the goals of the present without compromising the ability of future generations to meet their own needs“, insbesondere hinsichtlich der „essential needs of the world’s poor.“ (WCED 1987, S. 43) 130 Council den Aktionsplan „Agenda 21 for the Travel and Tourism Industry“, der die Eckpunk- te einer nachhaltigen Tourismusentwicklung beinhaltete und sich an alle Tourismusakteure richtete. Wichtige Kriterien waren die ökonomische und politische Partizipation der betroffe- nen Bevölkerung bei jeglicher touristischer Entwicklung sowie der Schutz der natürlichen und sozioökonomischen Ressourcen, die Durchsetzung nachhaltiger Produktions- und Konsum- muster und die Umsetzung des internationalen Umweltschutzrechts. 88 Die UNO anerkannte „Tourismus und Nachhaltige Entwicklung“ erst im Zuge des „Rio-plus- 5-Gipfel“ in New York im Juni 1997 als ein explizites Schwerpunktthema. 89 Der CSD, der „Hüterin der Agenda 21“, wurde die Aufgabe übertragen, ein Gesamtkonzept für nachhaltigen Tourismus zu entwickeln. 90 Ein entsprechendes, umfangreiches Arbeitsprogramm für eine nachhaltige Tourismusentwicklung verabschiedete die CSD zwei Jahre später. Ähnlich wie „Agenda 21 for the Travel and Tourism Industry“ wendet sich dieses Arbeitsprogramm an sämtliche Tourismusakteure mit dem Ziel, alle wichtigen gesellschaftlichen Gruppen in den Diskussionsprozess einzubinden. Weitgehend ausgespart blieb in diesem Programm jedoch die Problematik der zunehmenden Liberalisierung des Handels mit touristischen Dienstlei- stungen sowie die Perspektiven für den Umgang mit dem steigenden, tourismusbedingten Verkehrsaufkommen. 91 Im Kern wird nachhaltige Tourismusentwicklung verstanden als eine quantitative Beschrän- kung von Umfang und Entwicklung des Tourismus, wobei sich die jeweils individuell zu be- stimmende Balance an den Besonderheiten des jeweiligen Ortes bzw. der jeweiligen Region orientieren muss. 92 Dabei spiegeln sich im Begriff nach Wöhler und Saretzki die ökologische, ökonomische, soziale und politisch-institutionelle Dimension einer (touristischen) Lebens- welt, wobei die politisch-institutionelle Dimension im Dienste der Koordination bzw. der Steuerung des jeweiligen Systems steht. 93 Demgegenüber unterscheidet Pils die ökologischen, sozialen, zeitlichen und territorialen Dimensionen der Nachhaltigkeit. 94 Tourismusentwicklung im Sinne der Nachhaltigkeit darf demnach den Lebensraum auch für zukünftige Generationen nicht gefährden, muss kulturell verträglich im Sinne der expliziten Vorstellungen und Wünsche der betroffenen Bevölkerung sein, sozial ausgewogen hin- sichtlich der durch Tourismus erwirtschafteteten zusätzlichen Einkommen, ökologisch trag- fähig, wirtschaftlich sinnvoll und ergiebig. Dazu bedarf es u. a. der mittel- und langfristigen Sicherung des Lebens- und Naturraumes als Basis der Wertschöpfung des Tourismus, des regionalen Wohlstands durch Verknüpfung regionaler Wirtschaftssektoren und -kreisläufe mit dem Tourismus, einer selbstbestimmten kulturellen Dynamik und sozialen Zufriedenheit der Bevölkerung im Zuge einer akzeptierten Integration des Tourismus in die lokale und regiona- le Kultur; weiters der Sicherung der Qualität touristischer Dienstleistungen durch die Hebung der Ausbildungsstandards sowie durch die soziale Absicherung der Beschäftigten im Touris- mus, der Integration der gesamten Bevölkerung der Tourismusdestination in alle Ent- scheidungsprozesse im Umfeld touristischer Maßnahmen, der Übernahme von Verantwortung seitens der Akteure der touristischen Quellgebiete (Touristen, Touristiker, Politiker etc.) etc. Aufgrund dieses umfassenden Anspruchs wird bereits deutlich, dass es sich bei Nachhaltig- keit stets um einen umfassenden Prozess handelt, in dem sämtliche Teilprozesse und - dynamiken eines betroffen Bereichs einfließen und wirken. Insofern lässt sich Tourismus nicht isoliert von jenen Aspekten betrachten, die nicht unmittelbar zur Tourismuswirtschaft 88 Vgl. WTTC 1996. 89 Vgl. Petermann 1999, S. 171. 90 Vgl. Tempel 1999, S. 5. 91 Vgl. Pils 2002, S. 108. 92 Vgl. Fennell 1999, S. 20. Details zur Begriffsentwicklung vgl. Mowforth/Munt 1998, S. 98 ff. 93 Vgl. Wöhler/Saretzki 2004, S. 327. 94 Vgl. Pils 1999. 131 gerechnet werden - wie etwa nicht-touristischer Verkehr. Vielmehr ist Tourismus als Quer- schnittsmaterie zu verstehen, die letztlich alle Lebensbereiche einer Gesellschaft mehr oder minder berührt und beeinflusst. Insofern ist es nach der Ansicht von Pils „wenig sinnvoll, von einem ‚nachhaltigen’ Tourismus zu sprechen“. 95 Vielmehr geht es um nachhaltige Ent- wicklung an sich, innerhalb der der Tourismus ein wesentlicher Einflussfaktor ist. 4.3.2 Die Evaluation Nachhaltiger Tourismusentwicklung Jedes Konzept bleibt fruchtlos, wenn es auf der Ebene von bloßen Forderungen stehen bleibt. Selbst konkrete Anleitungen zur Umsetzung von Nachhaltigkeit bleiben Makulatur, solange nicht klar ist, ob ein Prozess nachhaltig wirkt oder ob er bereits seine Grundlagen verbraucht und insofern die Notwendigkeit für eine Veränderung der laufenden Prozesse besteht. Ge- sucht wird somit nach einem Modell zur Beschreibung und Bewertung einer begrenzten Wirklichkeit als Grundlage für die ethische Entscheidung um das richtige Handeln. Andern- falls würde man auch weiterhin auf der Basis von bloßen Mutmaßungen, vagen Hoch- rechnungen und inneren Überzeugungen Entscheidungen treffen. Das Ziel muss aber sein, wissenschaftlich nachvollziehbare Ergebnisse über den Zustand und vor allem über die Ent- wicklungstrends eines Systems zu erhalten. Die Schwächen bisheriger Messsysteme lagen in deren überwiegender Beschränkung auf öko- logische Faktoren 96, oder sie stellten zwar Indikatoren zur Verfügung, scheiterten jedoch me- thodisch an der Operationalisierung. 97 Letzteres ist jedoch für die Umsetzung eines Mess- systems unersetzbar, weil andernfalls keine sinnvolle Situations- und Trendanalyse vorge- nommen werden kann. Als Antwort darauf hat Baumgartner ein Bewertungsmodell für regionale Entwicklungs- prozesse entwickelt, das von einem etwas modifizierten Grundmodell der Wirklichkeit einer Tourismusregion als fünfstrahlige Pyramide ausgeht, deren Basis folgende fünf Aspekten um- fasst: 1. wirtschaftlicher Wohlstand 2. intakte Natur 3. intakte Kultur 4. subjektives Wohlbefinden der Einheimischen und (Tourismus-)Mitarbeiter 5. optimale Bedürfnisbefriedigung der Gäste An der Spitze der Pyramide steht das Gestaltungsrecht zukünftiger Generationen. 98 Von diesem Modell ausgehend hat Baumgartner ein Bewertungssystem entwickelt, das auf folgenden Grundlagen basiert: 1. Nachhaltigkeit wird nicht statisch, sondern als dynamischer Prozess der gesellschaft- lichen und ökologischen Entwicklung verstanden und muss auch als Prozess bewertet werden. 95 Pils 2004, S. 109. 96 Vgl. WTO 1996; Manning 1998. 97 Vgl. Becker/Job/Witzel 1996. 98 Vgl. Baumgartner 2004, S. 91. 132 2. Die ökologischen und sozio-kulturellen Teilsysteme weisen zwar eigenspezifische Pro- zesse auf, interagieren jedoch in variierender Weise miteinander. Diese Vorstellung entspricht somit dem Konzept der kybernetischen Ethik, wonach die Interaktion der beiden Systeme langfristig in ausbalancierter Weise ablaufen soll. 3. Insofern wäre es auch völlig widersinnig, die Prozesse von Teilsystemen - wie des ökologischen, des soziokulturellen oder des ökonomischen Systems - unabhängig von einander zu betrachten. 4. Das Konzept der „Nachhaltigen Entwicklung“ gilt zwar aufgrund seines hohen Abs- traktionsgrads universell, die Konkretisierung bedarf dagegen eines kontextuellen Sinnbezugs, der regional und situativ begrenzt ist. Erst durch die Kontextualisierung des Nachhaltigkeitsbegriffs im Sinne der Übertragung auf regionale Gegebenheiten, Bedürfnisse und Vorstellungen von Lebensqualität gewinnt er konkrete Bedeutung. In- sofern ist nachhaltige Entwicklung interpretierbar. 5. Die jeweiligen Indikatoren müssen als Maßstäbe sowohl für Zustände als auch für Pro- zesse geeignet sein, eben weil die betroffenen Systeme und deren Interaktionen dyna- misch sind. Die Darstellung der Trends spiegelt somit eher reale Gegebenheiten wider als Zustandsbeschreibungen der Vergangenheit. 6. Das Messsystem muss interne systemische Prozesse bzw. Effekte von systembedingten Regelkreisen wie etwa soziale Feedback-Mechanismen, Anpassungs- und Lernpro- zesse miteinbeziehen. Für die Bewertung der touristischen Nachhaltigkeit werden nur insgesamt 34 Kriterien und Indikatoren herangezogen, von denen die Hälfte aufgrund ihrer grundlegenden Bedeutung als universelle Schlüsselindikatoren definiert ist. Die übrigen Indikatoren sind dagegen an die spezifische regionale Situation angepasst. Die Indikatoren beschreiben 1. sozioökonomische Zustände 2. sozioökonomische Antriebskräfte 3. Zustände der natürlichen Umwelt 4. Belastungen auf der natürlichen Umwelt 5. institutionelle Rahmenbedingungen Operationalisiert wird dieses Modell nach dem Ampelprinzip, wonach Grün die Unbe- denklichkeit eines Zustandes, Gelb einen alarmierenden Grenzbereich und Rot einen unbe- dingten Handlungsbereich signalisiert. Nunmehr werden erst sämtliche mit Kriterien versehe- ne Teilbereiche nach dem Ampelprinzip bewertet und zu den vier Kernbereichen (Ökonomie, Ökologie, Soziokultur und Institutionen) zusammengefasst. Dabei gilt, dass Teilbereiche, die im roten Bereich sind, sämtliche übrigen Teilbereiche überlagern. Dies zeigt sich auch im Niger, wo krasse Armut mit einer starken Umweltbelastung durch Übernutzung einhergeht. Sind innerhalb eines Bereichs mehr Teilbereiche mit Grün als mit Gelb bewertet, gilt der Be- reich insgesamt als Grün. Damit die Tourismusentwicklung in einer Region als nachhaltig beurteilt werden kann, müs- sen alle Bereiche „Grün“ sein. Sobald ein Bereich „rot“ ist oder mehr Bereiche „gelb“ als „grün“ sind, ist wenig Nachhaltigkeit gegeben und besteht somit Handlungsbedarf. Freilich weist auch dieses Modell gewisse Schwächen auf, die es für die Untersuchung einer Region wie Agadez oder Timia nur beschränkt einsetzbar macht. Das Kernproblem resultiert aus den gänzlich unterschiedlichen kulturellen Bedingungen dieser im Vergleich zu europäi- schen Regionen. Darum sind zu den soziokulturellen Besonderheiten entsprechende Kriterien heranzuziehen. Unter solchen andersartigen Umständen ist auch keineswegs offensichtlich, 133 welche Zustände oder Prozesse ab welchem Zeitpunkt noch als Grün oder Gelb, welche be- reits als Rot zu bezeichnen wären. Dies ließe sich noch relativ einfach für ökologische Berei- che nachvollziehen, doch selbst dort bedarf es eines umfassenden Wissens über spezifische regionale Strategien im Umgang mit ökologischen Problemen und daraus resultierenden Kon- flikten, wie sich am Beispiel von Timia noch zeigen wird. Im Kontext des Ethnotourismus umso problematischer ist die Entwicklung von Kontext-entsprechenden sozioökonomischen und soziokulturellen Indikatoren. Gleiches gilt auch für institutionelle Rahmenbedingungen. Aus all dem folgt jedoch, dass selbst mit Hilfe eines ausgefeilten, operationalisierbaren Mo- dells zur Messung der Nachhaltigkeit von Prozessen die intensive empirische Aus- einandersetzung mit den konkreten Rahmenbedingungen und Strukturen unverzichtbar ist. Für die vorliegende Untersuchung werde ich darum auf den Einsatz des Modells von Baum- gartner verzichten und viel mehr versuchen, Trends und Szenarien der Stabilisierung oder Destabilisierung der jeweiligen Systeme zu skizzieren. Die zentrale Frage ist dann, inwieweit der Tourismus unter gegebenen Verhältnissen die jeweiligen Prozesse eher stabilisiert oder destabilisiert. Lässt sich nachweisen, dass Tourismus in gewissen Bereichen in signifikantem Ausmaß zur Destabilisierung von Prozessen beiträgt, ohne dass er in anderen (ökonomischen) Bereichen in ausgleichender Weise zur Stabilisierung von Prozessen beiträgt, so ist er abzu- lehnen. 4.4 Die Rolle der Institutionen: Umsetzungsbarrieren in der Praxis Was hilft es der Bevölkerung von Agadez, wenn sich Tourismus als ernstes Risiko für die Region herausstellen sollte? Wie könnte diese Erkenntnis in konstruktiver Weise umgesetzt werden, um eine weitere Destabilisierung der Region zu verhindern? Erfahrungsgemäß scheitern die meisten guten Ideen und Projekte an ihrer Umsetzung. Die Implementierung eines Entwicklungs- oder Interventionskonzepts darf man sich nicht wie das Installieren eines Computerprogramms auf der Hardware vorstellen, indem man einfach nur die Vorgaben des Handbuchs umsetzt. Vielmehr ist Implementierung eines Vorhabens selbst ein soziopolitischer Prozess: „It is, essentially, a bargaining exercise meshing political and social acceptability with economic and technical feasibility and with administrative reality.“ 99 Hinsichtlich der Vermittlung einer integrativen Tourismuspolitik ist dies ein besonders kom- plexer Prozess, da es die verschiedenen Ziele und Wertvorstellungen der Öffentlichkeit und des privaten Sektors aufeinander abzustimmen gilt. Die Position des Tourismusentwicklers ist hierbei besonders schwierig wegen seiner Doppel- rolle im Implementierungsprozess: einerseits ist er gemeinsam mit öffentlichen Management- Agenturen verantwortlich für die Umsetzung der Politik, andererseits ist er aber auch Teil der betroffenen Zielgruppe, etwa einer Gemeinde, deren Interessen er maximieren soll. Dies kann zu ernsthaften Konflikten und Widerständen führen, wie ich sie selbst in Timia und auch in Agadez erlebt habe. Widerstände treten besonders unter jenen auf, die bisher schon von einem existierenden Sys- tem profitierten und verständlicherweise dessen Kontinuität bevorzugen. Dies gilt insbesonde- re für soziale, politische und ökonomische Institutionen, die solche Interessen vertreten, die 99 Pigram 1995, S. 81. 134 durch das bestehende System profitieren. In Entwicklungsländern gilt dies besonders häufig für die Angehörigen der Bürokratie, deren Bedeutung und Macht auf ihrer Permanenz, Stabi- lität, internen Kohäsion und dem Wissen über das administrative System beruht. Oft nutzt dieses System seine Macht, um den eigenen Status quo zu verteidigen, anstatt Veränderung zu initiieren. 100 Darüber hinaus steht auch die Fragmentarisierung von Regierungszuständigkeiten einer opti- malen Koordination entgegen. Dieses Problem gilt besonders für die „Querschnittsmaterie“ Tourismus, für die es im Niger zwar ein eigenes Tourismusministerium gibt, gibt, wobei je- doch wesentliche Entscheidungskompetenzen, wie sie für die Steuerung von Tourismusent- wicklung wichtig sind, auf andere Ressorts aufgeteilt sind. 101 In der Regel ist die Kooperati- onsbereitschaft zwischen den sektoralen Verantwortungsträgern wie Ministerien und anderen offiziellen Organisationen äußerst gering, weil die Arbeit „außerhalb“ des eigenen Ressorts kaum belohnt wird. Zudem dominieren üblicherweise in jedem Sektor spezielle Gruppen von Verantwortungsträgern. Intersektorale Kooperation zwischen solchen Gruppen ist zumeist sehr begrenzt, weil die unterschiedliche Natur ihrer ursprünglichen Schulung und Sozialisati- on sie zu unterschiedlichen Wahrnehmungen führt, welche Probleme überhaupt von Bedeu- tung seien. 102 Dies gilt auch für spezialisierte multilaterale Agenturen, die normalerweise nur mit einem Ministerium verlinkt sind – wie etwa die WHO mit dem Gesundheitssektor, die FAO mit dem Landwirtschaftssektor oder die UNWTO mit dem Tourismussektor: Letztere ist „concerned quite naturally with developing tourism and not with using tourism as a vehicle for development“. 103 Diese strukturellen Probleme treten in analoger Weise freilich auch auf Gemeindeebene auf. 104 All diese Umstände führen nach Müller dazu, dass sich Naturtourismus in Schutzgebieten der Entwicklungsländer zumeist in planloser, ungelenkter Weise entfaltete. In der Regel seien die regionalen Naturschutzbehörden institutionell schwach, in ihrer politischen Position zu insta- bil, mit finanziellen Mitteln mangelhaft ausgestattet und darum in der Erfüllung ihrer Aufga- ben ineffizient. 105 Der Königsweg für die Umsetzung von Prozessen liegt in der Schaffung von entsprechenden, starken Institutionen. 106 Hier wird die Schwäche des verträglichen Tourismus für dessen Eig- nung als Entwicklungsinstrument letztlich offenkundig, denn ein verträglicher Tourismus ist äußerst steuerungsintensiv, doch die Entwicklung entsprechender Institutionen, jene „vierte Dimension“ der nachhaltigen Entwicklung, steckt zumeist noch in den Kinderschuhen, wie sich zeigen wird…. 107 Tourismus als Instrument der Entwicklungszusammenarbeit wird aber nur dann Erfolge verzeichnen können, wenn es für sämtliche Handlungsebenen der Ent- wicklungszusammenarbeit (Armutsbekämpfung, Umwelt- und Ressourcenschutz sowie Bil- dung und Ausbildung) vor Ort gelingt, „ohne scheinharmonische Annäherungen Koope- rationsfelder für Tourismuswirtschaft, Umweltplanung und Ressourcenmanagement abzu- stecken, Synergien herauszuarbeiten, Projektrisiken zu vermindern und die personellen und institutionellen Voraussetzungen für einen ‚nachhaltigen Tourismus’ zu schaffen“. 108 100 Vgl. de Kadt 1995, S. 67. 101 Auf der Ebene der EU (vgl. Pils 2004) gilt es gleichermaßen wie auch in Österreich, wo es keinerlei Tourismuszuständig- keiten auf Kommissionsebene und nur unwesentliche Kompetenzen auf Bundesebene gibt. 102 Vgl. Theuns 1989, S. 196. 103 Richter 1989, S. 180; diese Problematik begegnete mir im Niger am Beispiel des UICN. 104 Siehe dazu das Kap. „Die gegenwärtige Situation der Kel Timia: Kernprobleme und Lösungsstrategien/Innere Konflikte“. 105 Vgl. Müller 1998, S. 39 f. 106 Vgl. de Kadt 1995, S. 73. 107 Vgl. Müller 1998, S. 45. 108 Rauschelbach 1998a, S. 12. 135 Hierin liegt die eigentliche Ursache für die Begründung des ÖEZA-Engagement im Tou- rismus: die Verhinderung von gravierender Schäden durch Tourismus. In der folgenden Un- tersuchung wird sich zeigen, ob der Niger ein solcher „Fall“ für die ÖEZA wäre… 136 5 Wahrnehmung und Interaktion zwischen Reisenden und „Bereisten“ 5.1 Tourismus als Mittel zur Völkerverständigung? Trägt das Reisen zum Frieden bei zwischen den Menschen? Die Einschätzung des Tourismus als prädestiniertes Medium der Völkerverständigung war in den Anfangsphasen des internatio- nalen Tourismusbooms bis in die 90er-Jahre hinein beinahe ein Paradigma. Explizit deklarier- te sich die UNWTO in diesem Sinne noch im Jahr 1995 in der Lanzerote Charta1. Es wurde einfach davon ausgegangen, dass Menschen verschiedener Nationalitäten und Kulturen, die in die Fremde fuhren, bereits zum Verständnis füreinander beitragen würden. „Eine Art von Botschafter“ nannte Papst Pius XII im Jahr 1952 den beobachtenden und ler- nenden Touristen, 2 und Hunziker pries zu Beginn der 60er-Jahre den Tourismus als „vor- nehmstes Instrument unseres Jahrhunderts in der Völkerverständigung (…). Durch ihn lernen sich die Bewohner entferntester Hemisphären (…) kennen. (…) Er bewirkt in entscheidendem Maße, dass sie miteinander ins Gespräch kommen, dass ihnen die Geisteshaltung des Part- ners, die sie aus der Ferne nicht begriffen, durch den persönlichen Kontakt weniger fremd erscheint als zuvor, dass sich auf solche Weise Gegensätze überbrücken und ausgleichen las- sen.“ 3 Diesem euphorischen Verständnis der touristischen „Begegnung“ hingen auch führende Poli- tiker an. John F. Kennedy verkündete 1962 unter Verwendung weitgehend ähnliche Argu- mente wie Hunziker: „Travel has become one of the great forces for peace and understanding in out time. As people move throughout the world and learn to know each other, (…) we are building a level of international understanding which can sharply improve the atmosphere for world peace.“ 4 Als „world’s great peace industry“ bezeichnete D’Amore sogar noch zu Ende der 80er-Jahre den Tourismus. 5 Auch die Verantwortlichen für Entwicklungspolitik in der damaligen BRD betrachteten in den 70er-Jahren den internationalen Tourismus als ideales Anschauungsfeld der Europäer, um mehr Verständnis und Unterstützung für Entwicklungshilfe zu erhalten. 6 Eines der häufigsten Argumente für eine bessere interkulturelle Verständigung beruhte auf der Annahme, Tourismus trage zur sozialen Homogenisierung und damit zum Abbau kultureller Differenzen und Barrieren bei. 7 Zu dieser naiven Konzeption von Begegnung, interkulturel- lem Austausch und „Verständnis“ mochten wohl unreflektierte Extrapolationen von einigen wenigen, in diplomatischer Hinsicht erfolgreichen Expeditionen, wie jener von Marco Polo oder von Heinrich Barth, beigetragen haben. Für diese Beispiele gilt im Besonderen, was frü- her generell für Reisen galt, nämlich dass sie als Synonyme für Kommunikation verwendet 1 Zit. in Ecotour 2000, Web. 2 Zit. in Opaschowski, 207. 3 Hunziker 1961, S. 91 f. 4 Zit. in Wahrlich 1983, S. 135. 5 D’Amore 1988, S. 153. 6 Vgl. Vielhaber 1976, S. 28 ff. 7 Etwa bei Wahab 1997, S. 131. 137 wurden. Dabei bestimmte das Tempo des Reisens das Tempo der Kommunikation. 8 Vor dem Hintergrund europäischer Eroberungsreisen seit der Renaissance könnte eine derartige Ein- schätzung des Reisens als Verständniskatalysator hingegen kaum standhalten. Die Weiterentwicklung der Tourismussoziologie und der Erforschung interkultureller Kom- munikationsphänomene führte mittlerweile zu weit differenzierteren Betrachtungsweisen der Bedeutung des Tourismus für die interkulturellen Beziehungen. Dabei lassen sich im Wesent- lichen drei Positionen zum Tourismus als Mittel der Völkerverständigung heraus- kristallisieren: die der undifferenzierten Verfechter, die der Skeptiker und die, bei der die For- scher die jeweiligen Rahmenbedingungen einer „Begegnung“ als Bedingung für die Völker- verständigung hervorkehren. 5.1.1 Befürworter der „Verständnistheorie“ Autoren wie Allport 9, Cook 10, Amir 11 oder Pettigrew 12 vertreten die Annahme, dass der bloße Kontakt zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen gemeinsame, interkulturelle Einstellun- gen fördern und Spannung zwischen den Gruppen reduzieren würde. Allerdings ist diese The- orie eher als Ausdruck einer Überzeugung und nicht als Ergebnis der empirischen Forschung zu werten. 5.1.2 Gegner der „Verständnistheorie“ Angesichts der Rahmenbedingungen, unter denen Tourismus in der Praxis tatsächlich abläuft, ist die euphorische Beurteilung des Tourismus durch zahlreiche Autoren kaum aufrecht zu erhalten. Für Crick sei das Geschwätz von Frieden und Völkerverständnis durch Tourismus eher ein „mystifying image that is a part of the industry itself“ 13. Ähnlich sieht Bruner die Vision von der Völkerverständigung als ein Konstrukt des populären öffentlichen Diskurses anstatt einer Reflexion der tatsächlichen Reiseerfahrung. 14 Und Luger spricht überhaupt von der „Perfektion der Völkermissverständigung“ 15 durch Ferntourismus. Als Argument für diese kritische Position weist etwa Nettekoven darauf hin, dass zwischen Gästen und Gastgebern zumeist nur in sehr geringem Maße 16 - und wenn, dann nur in sehr oberflächlicher Weise – ein kultureller Austausch zustande komme. 17 Ähnlich verweisen de Kadt 18 und Pearce 19 auf die isolierten Touristenenklaven, die interkulturellen Kontakt weit- 8 Vgl. Luger 1995, S. 20. Der Linzer Jesuitenpater Grueber war 1656 als Botschafter des Papstes über die Seidenstraße nach China gereist, hatte Peking 1659 erreicht und war 1664 zur Berichterstattung in Rom eingetroffen (Luger 2000, Web unter Hinw. auf Grueber 1985). 9 Vgl. Allport 1954. 10 Vgl. Cook 1962. 11 Vgl. Amir 1976. 12 Vgl. Pettigrew 1986. 13 Crick 1989, S. 328. 14 Vgl. Bruner 1991. 15 Luger 1990, S. 13. 16 Vgl. Pardon 1997, S. 141. 17 Vgl. Nettekoven 1979. 18 Vgl. de Kadt 1979. 138 gehend ausschließen. Auch auf Rundreisen verhält es sich nicht anders, da einerseits das ge- drängte Besichtigungsprogramm, andererseits das "Luxus"-Hotel Kontakte mit der Be- völkerung nahezu unmöglich machen. Zudem sei für Koeppen die Offenheit der Reisegrup- pen stark durch die jeweils herrschende Gruppendynamik determiniert. 20 Manche Autoren verweisen in diesem Zusammenhang auf die grundlegenden Sprach- und Kulturbarrieren 21 und die daraus resultierenden Kommunikationsschwierigkeiten, die inter- kulturelle Verständigung erschweren oder gar verhindern. Dazu trage der in solchen Situatio- nen entstehende Stress 22 bei, der die Betroffenen dazu führe, sich auf vertrautes Terrain zu- rückzuziehen und eher kulturelle Differenzen zu betonen. 23 Und sollte verbale Verständigung möglich sein, bliebe für Pardon dennoch das Problem des mühsamen, gegenseitigen Verste- hens: „Eigenes in einer fremden Sprache und Fremdes in der eigenen Sprache zu sagen, wür- de ein Eintauchen in zwei Wirklichkeiten bedeuten oder ein Sich-hinein-Versetzen ins fremde Erleben“, 24 was während einer touristischen, zeitlich straffen Reise weitgehend unmöglich sei. Negative Auswirkungen des Tourismus im Sinne einer Verstärkung von Vorurteilen, Kli- schees und Missverständnissen betonen zahlreiche Autoren 25 mit dem Hinweis, dass un- mittelbare Erlebnisse allein noch nicht zu Verringerung und Abbau stereotyper Betrachtungs- weisen beitragen würden; vielmehr bedürfe es einer entsprechenden Interpretation. In der Praxis aber fehlt es häufig an qualifizierten Reiseleitern, die zur Hinterfragung und Ausdiffe- renzierung der Klischees beitragen könnten. 26 Dahles weist am Beispiel Indonesien sogar gezielte, politisch motivierte Manipulationen der Reisenden durch regionale Reiseleiter nach. 27 Manche Autoren wie Pardon 28 und Kirshenblatt-Gimblett 29 verweisen auch darauf, dass gänz- lich unterschiedliche Motive bei Touristen und Einheimischen einem gegenseitigen Verständ- nis entgegenstünden. Denn während bei den Touristen Anreize der Erholung und des Erlebens des Exotischen und der fremden Kultur überwiegen, liegen bei der einheimischen Bevölke- rung neben der traditionellen Gastfreundschaft und der Neugier zumeist auch ökonomische Beweggründe vor. Das subjektive Erleben der betroffenen Gruppen ist auch unterschiedlich strukturiert, denn was die Touristen als einmaliges Erlebnis empfinden, ist für die „Bereisten“ ein stereotyper Ablauf. Für Maurer stehe einer Verständigung zudem auch die ökonomisch bedingte Abhängigkeit der Bereisten von den Touristen und das dadurch bedingte „Herr- Diener-Verhältnis“ entgegen. Dies würde sogar auf beiden Seiten Ressentiments und Rassis- mus begünstigen. 30 19 Vgl. Pearce 1982. 20 Vgl. Koeppen 1988, S. 28. Vgl. dazu insb. die Phasen der Reisegruppendynamik bei Schmidt 1982, 1993, der eine konso- lidierte Gruppe als Voraussetzung für die Offenheit der Mitglieder betrachtet. 21 Vgl. Kievelitz 1989, S. 33; ähnlich Bausinger 1991, S. 350. 22 Beek/Orlovius (1984, S. 56) sprechen von „Berührungsängsten“. 23 Vgl. Taft 1977; Steinkalk/Taft (1979) berichten von australischen Studenten, die im Zuge eines Israel-Aufenthalts negative und ethnozentrische Reaktionen gegenüber Einheimischen gezeigt hatten. Erklärt wurde dies mit Stress, dem die Studenten während der Kontaktsituation ausgesetzt waren, weil sie in hohem Maße zum Kontakt mit Israelis angehalten wurden. 24 Pardon 1997, S. 141. 25 Vgl. Cohen 1972; Bugnicourt 1978, S. 52 ff.; Krippendorf 1984, S. 119; Scherrer 1986, S. 12 f., 32, 137; Luger 1995, S. 22 mit dem Hinweis auf die verstärkende Funktion der Medien; Baumgartner 1997, S. 86; zur Funktion von Klischees im Fol- genden. 26 Vgl. Meethan 2001, S. 154; so erklärte ein autoritärer marokkanischer Reiseleiter während einer Kneissl-Touristik- Rundreise durch Marokko im Frühling 2001 der österreichischen Gruppe, dass die vom Land kommenden Bewohner der Großstadtslums Kriminelle seien, die niemand wolle, dass im Tafilatet Tuareg leben, dass der Widerstand der Westsahara schuld an den hohen Militärausgaben und dadurch an den notwendigen staatlichen Einsparungen im Sozialbereich seien etc. 27 Vgl. Dahles 2002. 28 Vgl. Pardon 1997, S. 141. 29 Vgl. Kirshenblatt-Gimblett 1988, S. 63. 30 Vgl. Maurer 1986, S. 19. ff. 139 Die Tendenz dieser Positionen verweist in eine Richtung, wonach sich die Erwartungen an das Zusammenwachsen der Welt zum „Global village“ im Sinne McLuhans und Powers 31 durch die Entwicklung von Verkehrs- und Kommunikationstechnologie nicht erfüllt haben. Nach Ansicht von Tomljenovic und Faulkner 32 hätten sogar jene Voraussetzungen, die zum Boom des Tourismus beigetragen haben, auch zu einem Anstieg der ethnischen Konflikte geführt, keineswegs aber zum Weltfrieden. 5.1.3 Die differenzierte Haltung Die Vertreter einer differenzierten Haltung argumentieren häufig mit dem Hinweis auf feh- lende empirische Untersuchungen. 33 Bislang konnte nur nachgewiesen werden, dass „sich Ein- stellungen zu Gastländern und ihren Menschen (…) im Rahmen von Reisen nur unter besonders glücklichen Umständen verändern lassen”34, etwa durch eine gefühlsmäßige Erschütterung des mitgebrachten Vorwissens im Laufe der Reise. Verständnisgewinn auf Reisen hängt somit we- sentlich von der jeweiligen Form des Kontaktes ab. Dieser Gewinn an Verständnis muss je- doch keineswegs mit dem Gewinn von Sympathie einhergehen, sondern kann sich auch auf die Auflösung bislang positiv gefärbter, idealisierender Vorstellungen beschränken. 35 Nach Tomljenovic & Faulkner seien Kontaktsituationen dann für gegenseitigen Verständnis- gewinn förderlich, wenn sie von Intimität und Freiwilligkeit zwischen den Beteiligten und von gleichem Status geprägt sind; zudem sollten die Beteiligten gemeinsame Ziele innerhalb einer unterstützenden sozialen Atmosphäre verfolgen. Andernfalls komme es zu keinem Kon- takt und keinem Einstellungswandel, sondern eher zur Verstärkung der Vorurteile. 36 Durch- organisierte Bustouren würden diesen Anforderungen kaum gerecht werden. Vielmehr werde hier der Kontakt zu Einheimischen und ihrer Kultur durch die Interpretation des (meist nicht einheimischen) Reiseleiters gefiltert. Förderlich sei dagegen ein flexibles Reisearrangement und eine grundsätzliche Offenheit der Reisenden für häufige, intensive Kontakte mit Einhei- mischen. Tatsächlich seien die typischen Rundreise-Kunden zumeist hoch motiviert, neue Kulturen kennen zu lernen. Die gewonnenen Erfahrungen würden zum Verständnis beitragen. Diese empirischen Ergebnisse decken sich mit meinen eigenen, langjährigen Erfahrungen. Ich war daher bemüht, die Pausen auf Rundreisen so zu gestalten, dass den Kunden ein Maximum an persönlicher Gestaltungsfreiheit offen blieb. Dafür eigneten sich vor allem die Mittags- pausen. In der Regel haben die Touristen diese Möglichkeit zu kleinen Entdeckungsreisen höchst positiv aufgenommen und gerne genutzt. Ihre begeisterten Schilderungen der gemach- ten Erfahrungen und Erlebnisse bestärkten mich immer wieder in meiner Auffassung. Leider wurden meine Bemühungen in manchen Regionen, besonders in Marokko, zunichte gemacht, wenn regionale Reiseleiter das Reiseprogramm nur nach persönlichen Vorteilen (Provisionen in Hotels oder Geschäften) gestalteten. Überraschend, wenn auch plausibel, ist der empirisch belegte Hinweis der Autoren, 37 dass eine besonders hohe Motivation und eine intensive Reisevorbereitung zur Erlangung kulturel- 31 Vgl. McLuhans/Powers 1989. 32 Vgl. Tomljenovic/Faulkner 2000, S. 18. 33 Vgl. Opaschowski 1996, S. 207; Tomljenovic/Faulkner 2000, S. 20 34 Koeppen 1988, S. 33; ähnlich Bertram 1995, S. 1, 107; Heß 1998, S. 112. 35 Vgl. Hennig 1997, S. 134. 36 Vgl. Tomljenovic/Faulkner 2000, S. 20 ff. 37 Vgl. Tomljenovic/Faulkner 2000, S. 27 ff.; die Autoren beziehen sich dabei auf eine Studie über australische Studenten, die gut vorbereitet nach Japan reisten. 140 ler Einblicke nicht unbedingt eine gute Voraussetzungen für kulturelles Verständnis sei. Vielmehr würden sich auf diese Weise schon vor der Abreise gut entwickelte normative Ste- reotype der Destination einprägen. Solche Stereotype werden aufgrund historischer Gegeben- heiten, Massenmedien oder durch Ausbildungsprogramme und Literatur geformt und gefes- tigt, wodurch sie nur noch wenig Raum für Veränderungen zuließen, weil neue Erfahrungen stärker assimiliert werden müssten. Tomljenovic & Faulkner sprechen von einem „self- selection process that introduces a tautological element of the problem“. 38 Ohne intensive Vorbereitung hingegen bliebe mehr Spielraum für persönliche Einstellungsänderungen, die durch intensive, positive Erfahrungen ausgelöst werden können, vorausgesetzt, der Betreffen- de hat eine grundsätzlich neutrale oder positive Grundhaltung. 39 Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Tourismus sowohl zu Verständnis als auch zu Missverständnis beitragen kann. Als Voraussetzung für positive Ergebnisse sind in jedem Fall guter Service und ausschließlich positive Erlebnisse, die die Reisefreude nicht trüben, denn Enttäuschungen können positive Haltungen leicht in negative Eindrücke von Land und Leuten umschlagen lassen. Ein weiterer wesentlicher Faktor ist die Struktur des jeweiligen Reiseprodukts und die Steue- rung dessen Ablaufes. So sollten jedenfalls Situationen vermieden werden, bei denen die Be- teiligten hinter ihre Zone der kritischen Distanz gedrängt werden. Ein dadurch verursachter Stress reduziert tendenziell die Freude an der Reise und trägt damit zur Verschlechterung des interkulturellen Verständnisses bei. Ein flexibler zeitlicher Rahmen mit möglichst viel Frei- raum und der Option, sich in individueller Art und Weise unter die Einheimischen mischen zu können, trägt wesentlich zum Brückenschlag zwischen Reisenden und Bereisten bei. Hier zeigt sich deutlich die große Verantwortung seitens der Produktentwickler, Tourveranstalter und Reiseleiter. 5.2 Fremde Kulturen „verstehen“: Ist das überhaupt möglich? Voraussetzung zur sinnvollen Beantwortung der Frage, ob Tourismus als Mittel der Völker- verständigung geeignet sei, ist die Bedeutung des Begriffes „Völkerverständigung“ zu klären. So leuchtet schon bei oberflächlicher Betrachtung ein, dass der Begriff der „Völkerverständi- gung“ etwas bezeichnet, was realistisch betrachtet absurd ist. Wie soll man ganze Völker – im kollektiven Sinn - „verstehen“ können? Zu komplex ist das dynamische Geflecht aus Selbst- verständnis, Kultur und Alltagsproblemen der verschiedenen Angehörigen einer Volksge- meinschaft. Man muss sich selbst prüfen, wie weit man sein „eigenes“ Volk versteht, denn schon an dieser Frage zeigt sich die Problematik, die hinter dem Begriff "Völkerverständnis" steht. Deshalb werde ich nunmehr an Stelle von Völkerverständigung nur mehr von interkul- tureller Kommunikation sprechen. 38 Ebd., S. 30. 39 Dies ergab eine Vergleichsstudie über kroatische Studenten, die zu verschiedenen europäischen Destinationen reisten (ebd., S. 24 ff.). 141 5.2.1 Was heißt „Verstehen“? In diesem Abschnitt habe ich die Absicht, einige grundlegende Überlegungen zum Vorgang des Verstehens zu erläutern und zu reflektieren. Damit sollen Antworten auf die Frage entwi- ckelt werden, wo denn ein realistisches Ziel im Bereich des interpersonellen und – in einem weiteren Schritt – interkulturellem Verständnis liegen könnte. Verstehen im weitesten Sinne kann wohl in Anlehnung an Ungeheuer 40 als erfolgreiche Kommunikation verstanden werden. Hat man somit versucht, jemandem etwas Bedeutungs- volles durch Zeichen, Worte etc. zu vermitteln, so wird man anhand dessen Reaktion beurtei- len können, ob er das Vermittelte „verstanden“ hat und richtig deuten konnte. Insofern werden Bedeutungen in der Kommunikation "ausgehandelt", wobei auch subjektive Erfahrungen und kulturelle Bezüge einfließen. 41 Dabei setzt man voraus, dass der Kommunikationspartner (in der Folge kurz „Gesprächs- partner“ genannt) das gleiche Regelwerk kommunikativen Verhaltens benützt wie man selbst. Die Reaktion des Gesprächspartners richtig zu interpretieren hängt somit von der hinrei- chenden Kenntnis dessen Kommunikationskultur ab. An diesem Beispiel wird bereits deut- lich, dass Kommunikation umso erfolgreicher sein wird, je vertrauter zwei Kommunikations- partner einander sind bzw. je größer der gemeinsame Lebenskontext und Verständnishorizont ist. 42 Das allerdings ist nur ein Indiz, denn letztlich gibt es kein gesichertes Wissen über täu- schungsfreies Verstehen des Gesagten, wie Missverständnisse auch zwischen Ehepartnern nahe legen. Vorausgesetzt, sein Gegenüber hat die vermittelte Bedeutung „verstanden“, so heißt dies je- doch keineswegs, dass er sie im gleichen Sinne wie man selbst verstanden hat. Im Gegenteil ist sogar davon auszugehen, dass der Gegenüber das Vermittelte nur vor dem Hintergrund sei- ner persönlichen Lebenswelt „nachvollziehen“ kann. Geht man nämlich von der – mittlerwei- le als brauchbares Modell weitgehend anerkannten – Theorie des radikalen Konstruktivismus aus, so baut sich jeder Mensch eine innere Realität auf, die in Referenz zu den Signalen seiner Außenwelt steht. Da jeder Mensch durch seine Biographie über individuelle Erlebnisse und Prägungen verfügt, müssen sich zwangsläufig persönliche Weltmodelle bzw. die Vorstellun- gen von der Welt mehr oder weniger unterscheiden. Vermittelt jemand seinem Gesprächspartner eine Botschaft, die ein Detail seiner persönlichen Weltsicht oder –erfahrung ausdrückt, so muss der Gesprächspartner diese Botschaft erst in seinen eigenen Bedeutungskontext integrieren, um ihre Bedeutung erfassen bzw. ihr einen Sinn entnehmen zu können. Hier, an diesem Punkt, zeigt sich, wie relativ Verständnis ist, denn ein Großteil aller Botschaften betrifft Lebenserfahrungen, über die der Gesprächspartner zumeist nur auf vermittelte Weise, nämlich durch Erzählungen, Erklärungen, Darstellungen, Beschreibungen udgl. verfügt. Doch selbst diese Schilderungen können nur vor dem Hinter- grund des vorhandenen Referenzsystems, der eigenen Lebenswelt, „verstanden“ bzw. „kon- struiert“ werden. Nach Moscardo entwickeln die Menschen ihr Verständnis von der Welt ak- tiv, indem sie sich an vertrauten Mustern orientieren und diese auf der Basis des Neuen an- passen oder dem vertrauten Wissen neue Muster hinzufügen. 43 Dies ist auch der Grund für die Entstehung von Mythen, wie etwa dem Sahara- oder Wüsten- Mythos: Nach der Vorstellung der Europäer bedeutet Wüste ein Dünenmeer, obwohl die Sa- 40 Vgl. Ungeheuer 1987, S. 320. 41 Vgl. Luger/Herdin 2002, Web. 42 Dies gilt um so mehr für nonverbale Gesten, für deren Verwendung die gemeinsame Situation nach Lenke et al. (1995, S. 82) eine Grundvoraussetzung sei. 43 Vgl. Moscardo 1999. 142 hara nur zu 20 % mit Sand und nur zu 9 % mit Dünen bedeckt ist. 44 Dieser Mythos ist zum einen die Folge begeisterter Schilderungen früher europäischer Forschungsreisender von den Dünenfeldern, 45 die sie in der Wüste passiert hatten. Dass diese Forscher viel häufiger Dünen als andere Wüstenformen zu Gesicht bekommen hatten, erklärt Popp mit dem Hinweis, dass Sandwüsten besser mit Wasserressourcen ausgestattet und darum für menschliche Aktivitäten einfacher nutzbar seien als etwa Hammada- oder Serir-Wüsten. „Dementsprechend konzen- trieren sich die menschlichen Dauersiedlungen der Sahara bevorzugt um Ergs.“ Die euro- päischen Expeditionen verliefen darum notwendigerweise entlang der Oasenketten, was die vielen Begegnungen der Forscher mit Sandwüsten erklärt. In der Folge wurden ihre Berichte von den europäischen Lesern fälschlicherweise „als Inbegriff von Wüste rezipiert“ . 46 Zum anderen kann sich selbst ein Europäer unter Sanddünen schon darum etwas vorstellen, weil derartige geologische Phänomene gelegentlich auch an europäischen Küsten oder Flüs- sen auftreten können. Damit verfügt ein Europäer über nötige Analogien, um dem Wort „Wüste“ innerhalb seiner Lebenswelt Bedeutung zuzuschreiben. Dass dieser Mythos in der Folge durch Abenteuerliteratur, ästhetisch anspruchsvolle Reisereportagen und dergleichen aufgegriffen, verstärkt und zuweilen auch erweitert wird, entspricht dem Prinzip der selbstre- ferentiellen Kommunikation. Dies wird am Beispiel des „Mythos Tuareg“ in Kapitel 14 näher erläutert. Wenn nun ein Sahara-Forscher einem Gesprächspartner vom „Leben in der Wüste“ erzählt, so wird dieser zunächst wohl die durch Medien vermittelten Dünenbilder mit Karawanen etc. vor sich sehen. Er wird somit scheinbar verifizieren, dass z.B. die Tuareg „in der Wüste" leben: Als ich im Februar 2000 meine erste Probetour mit vier Österreichern durch das Aïr-Gebirge durchführte, fuhren wir auch zu den Dünen von Adrar Chiriet. Eine Dame rief beim Anblick der Dünen im Abendlicht begeistert, hier könnte sie ewig leben, dies sei ein Ort, wo sie sich sofort wohl fühlen würde. In der naiven Absicht, die Dame über die „wahre“ Bedeutung der „Wüste“ für die Einheimischen aufklären zu müssen, entgegnete ich, Dünen seien für die Tua- reg ein lebensfeindlicher Ort, man könne hier nicht leben. Darauf korrigierte mich der Ehe- mann der Dame, ein ehemaliger Expeditionsarzt, mit dem Hinweis, auch auf Gletschern kön- ne man – mit der entsprechenden Ausrüstung – viele Monate leben… Die zwei genannten Touristen hatten deutlich gezeigt, dass sie „Wüste“ vor dem Hintergrund ihrer persönlichen Lebenserfahrungen verstanden und empfunden hatten. 47 Wollte ich ihnen erfolgreich vermitteln, was Tuareg – nach „meiner“ Vorstellung – über die Wüste dachten, so müsste ich dies unter Verwendung von Analogien aus dem Lebenskontext der Zuhörer versu- chen. Nur so könnte man sinnvoll vermitteln, dass auch „Wüstenbewohner“ gar nicht in der Wüste selbst leben, sondern bestenfalls am Rand der Wüste, wo es Wasser und Weiden gibt. Damit wäre vergleichbar, dass man auch in der „Betonwüste“ Stadt nur darum leben kann, weil es ein funktionierendes Netz für die Versorgung mit Lebensmitteln, Energie und Wasser gibt. Auch Las Vegas beweist, dass man mit entsprechendem Aufwand in der Wüste „leben“ kann, doch diese Mittel fehlen eben den Nomaden. Sie können sich nur so lange in der Wüste aufhalten, wie ihre Vorräte es zulassen. Zusammenfassend lässt sich vorerst festhalten, dass „Bedeutung, Verstehen und Kommunika- tion zwar individuell konstruierte Kognitionen und damit subjektabhängig und individuell sind. Sie sind aber (…) auch sozial konstruiert durch die Ausbildung von Verhaltens- und Handlungsmustern“. 48 44 Vgl. Wolkinger 2003, S. 19. 45 Vgl. Popp 2001, S. 110 f. 46 Vgl. Popp 2000, S. 52 f. 47 Vgl. Lidchi (1999, S. 94), die die Kontextualität und Relativität von Bedeutung unterstreicht. 48 Lenke et al. 1995, S. 119. 143 5.2.2 Ist interkulturelles „Verstehen“ grundsätzlich möglich? Dieser Abschnitt ist bewusst provokant betitelt, und ich will dessen Erläuterung mit folgender Episode beginnen: Am Silvesterabend des Jahres 2002 aß ich mit zwei marokkanischen Führern, von denen der eine ein Spezialist für deutsche Gruppen, der andere Spezialist für japanische Gruppen war, und mit einer japanischen Reiseleiterin zu Abend. Dabei zog sich das Gespräch mit der japa- nischen Kollegin mühsam in die Länge. Ihre Reaktion auf unsere Höflichkeitsfragen legte die Vermutung nahe, dass sie einerseits sehr schlecht Englisch spräche und zum anderen den Sinn der meisten Fragen nicht verstand. Sie lächelte zwar ununterbrochen, doch ihre wenigen Äu- ßerungen „passten“ nicht auf unseren Fragen. Dagegen „funktionierte“ die Unterhaltung zwi- schen den Marokkanern und mir hervorragend: Zum einen hatte ich zu meinem marokkani- schen Kollegen bereits ein sehr gutes, kollegiales Verhältnis entwickelt, sodass eine gewisse vertraute Atmosphäre entstanden war. Zum anderen kannte ich damals bereits viele marokka- nische Reiseleiter, ihre Umgangsformen etc. – und umgekehrt hatten auch die beiden Marok- kaner schon viel Erfahrung im Umgang mit Europäern gesammelt, was zu einer gute Ver- ständnisbasis beitrug. Demgegenüber sprach ich kein Japanisch und wusste auch wenig von der japanischen Kultur: Wir blieben uns ziemlich fremd, obzwar es uns gelungen war, ge- meinsam zu Abend zu essen und Höflichkeiten auszutauschen. Insofern mochten wir uns zwar nicht „näher“ gekommen sein, doch in gewisser Hinsicht hatte unsere Kommunikation sehr wohl „funktioniert“. Diese Feststellung erscheint mir darum so wichtig, weil unter Tourismuskritikern die naive oder gar utopische Meinung verbreitet ist, Völkerverständigung habe etwas mit Verbrüderung zu tun. Für Spreitzhofer liegt das Ziel der interkulturellen Kommunikation in der Entwicklung von Verständnis und Toleranz für andere Kulturen und dem Abbau von Vorurteilen. 49 Wird dieser hohe Anspruch auf den Tourismus insgesamt übertragen, so ist es nicht erstaunlich, wenn etwa Bausinger das grundsätzliche touristische Unvermögen anprangert, „mit anderen Kulturen zu kommunizieren, weil die Reisenden nicht allzu viel Fremdes zulassen.“ 50 Eine derartige Behauptung erscheint mir aber gerade in Hinblick auf die Frage nach dem „Funk- tionieren“ der interkulturellen Kommunikation bedenklich. Denn wie ich oben festgehalten habe, kann das Gelingen der Kommunikation nur von den Betroffenen – und selbst das nicht mit Gewissheit – beurteilt werden. Mir erscheint die Behauptung von Bausinger, die stellver- tretend für die Verständigungsgegner stehen soll, als symptomatisch für eine überzogene Er- wartungshaltung an den kommunikativen Austausch zwischen Menschen, die sich niemals zuvor begegnet sind. Nach dem Verständnis von Yun und Gudykunst bezieht sich interkulturelle Kommunikation auf jene „communication in which participants, different in cultural backgrounds, come into direct or indirect contact with one another“. 51 Freilich ist dies eine sehr weit gehaltene Defi- nition, die jedoch das Wesentliche anspricht: die Verschmelzung der beiden Konzepte von Kultur und Kommunikation, die Kontakt und Konfrontation zwischen einander fremden Kul- 49 Vgl. Spreitzhofer 1995, S. 65. 50 Bausinger zit. in Luger 1995, S. 23. In diesem Zusammenhang ist etwa auch die naive Kritik an der „Kommerzialisierung durch Tourismus“ zu verstehen (vgl. Kap. „Ökotourismus/Soziokultureller Wandel“). Als ob es für alle im Tourismus und im Handel tätigen Menschen erstrebenswert wäre, mit jedem Kunden eine persönliche Beziehung aufzubauen. 51 Yun/Gudykunst 1984, S. 16. 144 turen indiziert, was im Idealfall auch die Ausprägung einer konstruktiven Interaktion anneh- men kann. Wo es wenigstens minimale kulturelle Gemeinsamkeit gibt, ist auch eine Mindestbasis für funktionierende Kommunikation vorhanden. Und dass diese Basis etwa im Bereich der Grundwerte vorhanden ist, weisen verschiedene empirische, interkulturelle Vergleichsstudien aus den letzten Jahren nach, womit nach Ansicht Meyers das Bild von den geschlossenen Kulturen, die keine Gemeinsamkeiten etwa mit der westlichen Kultur aufweisen, unhaltbar erschüttert worden sei. 52 Interessanterweise finden sich ähnliche Grundwerte sogar in höchst unterschiedlichen, religiös bestimmten Kulturen, 53 wogegen etwa Gesellschaften, die sich derselben kulturellen Tradition zurechnen, mitunter gravierendere Unterschiede in ihrem Werteverständnis zu Gesellschaften des eigenen Kulturkreises aufweisen als zu Gesell- schaften anderer Kulturkreise. Diese Ansicht Meyers deckt sich auch mit jener Becks, wonach „direkte Nachbarschaften verwaisen, während transkulturelle ‚Nachbarschaften’ aufblühen“. 54: Die höchsten sozialen Schichten der (post-) modernen Wirtschaftsmetropolen der Welt, in welcher „Kulturregion“ sie sich auch befinden mögen, haben mehr miteinander gemeinsam, als diese Eliten mit den untersten Schichten ihres eigenen Landes, etwa ein indischer Großunternehmer und ein Unbe- rührbarer aus den Vorstadtslums. „Gesellschaften differenzieren sich in der Gegenwart vor allem in soziokulturellen Milieus, deren einzelne Gruppen nur zum Teil nach Maßgabe von Einkommen und Ausbildung, zum Teil aber auch nach unterschiedlichen Entwürfen ihrer Le- bensethik und Alltagsästhetik voneinander geschieden sind. (…) Schon heute ist die innerge- sellschaftliche Differenzierung der soziokulturellen Milieus im Begriff, die zwischen- gesellschaftliche kulturelle Differenzierung an Bedeutung zu überragen.“ 55 Gänzlich anderer Ansicht als Meyer ist der Anthropologe Andreas Obrecht, der selbst viele Male entlegene segmentäre Gesellschaften u.a. in Papua-Neuguinea besucht hatte. Er ist über- zeugt, dass segmentäre Gesellschaften in vollkommen anders konzipierten Welten leben wür- den, diese seien primär magisch definiert. Für einen Papua wäre die Akzeptanz einer Wirk- lichkeit, in der ein Baum nur auf seine bloße äußere Erscheinung als nützliche oder unnütze Pflanze reduziert wäre, „nicht nur denkunmöglich, sondern auch absurd. Er weiß ja, dass der Baum spricht, weil er ihn hört, genauso wie der Uhrzeitmensch 56 weiß, dass er nicht spricht, weil er ihn nicht hört.“ 57 Auch die von der westlichen Kultur getroffene Unterscheidung zwi- schen Wissen und Glauben sei mit dem Weltbild segmentärer Gesellschaften grundsätzlich inkompatibel, denn „in einer solchen Welt ist es sinnlos, etwas zu wissen und nicht daran zu glauben, oder an etwas zu glauben und diesen Glauben aufgrund des fehlenden Wissens in Zweifel zu stellen“. 58 Obrecht bringt eine Fülle von weiteren Beispielen, warum es kein „Verstehen“ zwischen An- gehörigen der modernen Kultur und solchen einer segmentären Gesellschaft geben könne. Abgesehen von unterschiedlichen „Weltanschauungen“ existiert in traditionellen Gesell- schaften auch nicht die Fähigkeit zur Empathie. Die Befähigung, seine eigene, individuelle Situation zu abstrahieren und sich in ein fremdes Bezugssystem hineinzuversetzen, erfordert Wissen um andere Welten. Dazu wiederum bedarf es 52 Vgl. Meyer 1998, S. 63, unter Hinw. auf Hofstede 1993. 53 Vgl. Küng 1994, Kuschel 2002 zur substantiellen Übereinstimmungen zwischen Vertretern der Kulturen der Welt in Grundfragen des Zusammenlebens und der Stellung des Menschen in der Gesellschaft im Zuge des vorbereiteten Parlaments der Weltreligionen in Chikago. 54 Beck 1997, S. 93. 55 Meyer 1998, S. 63; ähnlich Luger 2000, Web, über Auswirkungen der globalen Mediengesellschaft. 56 Damit meint Obrecht den Angehörigen der westlichen Kultur. 57 Obrecht 2003, S. 59. 58 Ebd., S. 60. 145 1. des gesellschaftlichen Programms der Individualisierung, der Abgrenzung der Person ge- genüber der Gemeinschaft, wie es der Verfassung der modernen Gesellschaft entspricht, in der alle Individuen in Konkurrenz zueinander stehen, was für eine segmentäre Gesellschaft, in der alle aufeinander angewiesen sind, völlig undenkbar ist. 2. kann Wissen – aus wissenssoziologischer Perspektive – nicht in andere Bezugssysteme außerhalb des gelebten Rahmens transferiert werden, weil vor diesem fremden Hintergrund das Wissen nicht mehr „dechiffriert“ werden kann. „Das Interesse an anderen Kulturen, und damit die Möglichkeit individueller Lerneffekte, darf nicht mit der eurozentrischen Neigung verwechselt werden, alles zu vereinnahmen und letztlich als Eigenes auszuweisen.“ 59 Was wir über fremde Welten in Erfahrung bringen, ist demnach kein Wissen, sondern im bes- ten Fall eine Enzyklopädie gesammelter, vereinzelter Informationen. Auch unzählige weitere Forschungsarbeiten über die Tuareg würden mich nicht in die Lage versetzten, wie ein Tua- reg-Nomade zu denken, weil wir unterschiedlichen Lebenswelten angehören und ich im Sinne Wittgensteins zahlreiche andere „Spiele“ gespielt habe als der Nomade. Alles, was ich errei- chen kann, ist, meine Eindrücke und Informationen über die Welt der Tuareg in ein konsisten- tes System zu bringen bzw. plausibel zu formulieren, sodass ich mich in der Konstruktion meiner Tuareg-Welt zurecht finde, dass sie „funktioniert“ und ich einen Tuareg-Gesprächs- partner „verstehe“, in dem Sinn, dass seine Äußerungen in mein Erklärungskonstrukt passen. Ob er es aber tatsächlich so meint, wie ich glaube, dass er es meint, bleibt offen. Darum müs- se man, um mit Obrecht zu schließen, als Feldforscher bereit sein, den Unbill der eigene Rolle „und damit auch die Unmöglichkeit einer auch nur annähernd vollständigen Integration“ 60 in eine außereuropäische Kultur in Kauf zu nehmen. 5.2.3 Kulturkontakt In der Gegenwart kann man davon ausgehen, dass die durch Medien, Tourismus und Handel forcierte Globalisierung zu einer weit reichenden, wenn auch nicht gänzlichen Verbreitung von ähnlicher Wertvorstellungen und Konsumgewohnheiten beigetragen hat. 61 Diese relativ junge Entwicklung hat erst in den letzten zwanzig Jahren derartig an Intensität gewonnen. Schlüssig kann man davon ausgehen, dass Kontakte zwischen Kulturen in früheren Epochen von weit größerem Kulturkontrast geprägt waren 62. Inwieweit war da die frühere interkul- turelle Kommunikation erfolgreich? Zur Beschreibung einer solchen Situation verwendet Bitterli den Begriff der „Kultur- berührung“, verstanden als „das in seiner Dauer begrenzte erstmalige oder mit großen Um- brüchen erfolgende Zusammentreffen einer kleinen Gruppe von Reisenden mit Vertretern ei- ner geschlossenen archaischen Bevölkerungsgruppe, wie es besonders den Charakter der frühen Entdeckungsfahrten bestimmt“ 63. Wahrlich beschreibt eine Methode solch behutsamen Annäherns, den „stummen Tausch“, bei dem in einer ersten Berührungsphase so lange Ge- schenke für die fremde Gruppe hinterlegt werden, bis diese unbeobachtet angenommen und 59 Ebd., 34. 60 Ebd., S. 32. 61 Vgl. Luger 2000, Web. Dass es jedoch sehr wohl zahlreiche kulturelle Inseln im Meer der westlichen Kultur gebe, weist Obrecht (2003) hinlänglich nach. 62 … und punktuell sogar heute noch sind. 63 Bitterli 1976, S. 81. 146 möglicherweise mit der Hinterlegung von Gegengeschenken beantwortet werden. Erst dann kann die zweite Phase der persönlichen Begegnung eingeleitet werden. 64 Aus einer solchen behutsamen Kulturberührung kann „Kulturkontakt“ entstehen, der von ei- nem dauerhaften Verhältnis wechselseitiger, respektvoller Beziehungen geprägt ist. Historisch vollzogen sich derartige Beziehungen zumeist über Handelskontakte. Diese Zugangsweise steht im Gegensatz zum Prinzip der Dezimierung, Vertreibung oder Un- terjochung der unterlegenen Kultur, die verstanden wird als den Interessen der „Besucher“ widersprechend, wie es für die Kolonisation typisch war. Unter den Bedingungen dieser He- rangehensweise entsteht nach Bitterli aus Kulturberührung ein „Kulturzusammenstoß“ 65 oder eine Kulturverflechtung. Es ist höchst problematisch, in diesen Situationen von „erfolgreichem Verstehen“ zu spre- chen, weil dieses auf den Maßstab des dominierenden Kommunikationspartners reduziert wird. Als prägnantes Beispiel nennt Faschingeder den Sieg der Spanier über die Azteken, weil sie als Experten der zwischenmenschlichen Kommunikation fähig waren und auf machiavelli- sche Art die Sprachstruktur der Azteken durch manipulativen Gebrauch ihrer Zeichen auszu- nutzen. Während für Montezuma Sprache ein Mittel zur Integration in die Gemeinschaft mit- tels rhetorischer Sprachbilder war, verstand Cortés Sprache als Mittel zur Manipulation ande- rer. 66 Sein Erfolg beruhte nach Todorev „paradoxerweise gerade (auf der) Fähigkeit der Eu- ropäer, die anderen zu verstehen. Cortés liefert uns dafür ein gutes Beispiel, und war sich auch der Tatsache bewusst, dass sein Verhalten von der Kunst der Anpassung und der Impro- visation geleitet wurde. Dieses Verhalten, könnte man schematisch sagen, gliedert sich in zwei Phasen. Die erste ist die des Interesses für den anderen, sogar um den Preis einer gewis- sen Empathie oder vorläufigen Identifikation. (...) Dann kommt die zweite Phase, in deren Verlauf er nicht nur seine eigene Identität (die er nie wirklich aufgegeben hat) wieder festigt, sondern auch die Assimilation der Indianer an seine eigene Welt in Angriff nimmt." 67 In diesem historischen Beispiel kommt übrigens auch eine Problemstellung der vorliegenden Arbeit zum Tragen, nämlich die Frage, ob die positive Reaktion Einheimischer auf die Mög- lichkeit der Tourismusentwicklung die Folge einer Manipulation durch irrealistische Verspre- chungen sein kann. Darauf kann aber an dieser Stelle nicht weiter eingegangen werden. Viel- mehr ist im Folgenden zu untersuchen, wie der Kulturkontakt zwischen Reisenden und Be- reisten ablaufen mag. 5.2.4 Kulturkontakt zwischen Reisenden und Bereisten Touristen sind keine Ethnologen, die sich zuerst nötiges Vorwissen aneignen, um empathisch die Welt der zu erforschenden Gesellschaft nachvollziehen zu können. Umgekehrt trifft es auch auf Einheimische nicht zu und noch viel weniger auf Angehörige einer traditionellen Ethnie. Wie kann man sich nun die funktionierende Interaktion zwischen Reisenden und Be- reisten vorstellen? 64 Vgl. Wahrlich 1983, S. 44. Es geht allerdings auch ganz anders: Obrecht erzählt davon, nach langem Fußmarsch in Papua Neuguinea in ein Dorf gelangt zu sein, worauf die Frauen des Dorfes bei seinem Anblick in herzzerreißendes Schluchzen verfallen seien. Doch nicht der von Obrecht im ersten Augenblick vermutete „Kulturschock“, nämlich das Entsetzen über die Begegnung mit einem weißen Mann war der Grund der Trauer der Frauen, sondern das Mitleid um ihn, dass dieser Ärmste getrennt von seiner Sippe und weit entfernt von seinem Zuhause wandern müsse (Obrecht 2003, S. 61). 65 Vgl. Bitterli 1976, S. 130. 66 Vgl. Faschingeder 2001, Web. 67 Todorov 1985, S. 292 f, zit. ebd. 147 5.2.4.1 Das Theater-Modell von Goffman Als theoretisches Modell zur Darstellung der Beziehung zwischen Reisenden und Einheimi- schen bietet sich Erving Goffmans Konzept der Interaktion als eine Art Theaterspiel an. Der Autor geht davon aus, dass die Menschen alle im Alltag Theater spielen. 68 Dabei bedient sich Goffman einiger Metapher wie Vorderbühne (frontstage), Hinterbühne (backstage), Selbst- darstellung, Publikum usw., die in seine Analysen übertragen werden. Für den Tourismus würde dies bedeuten, dass auf der „Vorderbühne“ eine inszenierte Begeg- nung zwischen Gästen und Einheimischen stattfindet, wobei die Einheimischen den herzli- chen Gastgeber vorspielen, um daraus kommerziellen Nutzen zu ziehen. Die Hinterbühne hingegen dient für die Einheimischen als Rückzugsgebiet, wo sie ungestört ihre wahre Identi- tät ausleben können. Hier ist persönlicher Freiraum gegeben, der zugleich dazu dient, die tou- ristische Inszenierung nicht zu stören. Je länger freilich die Saison dauert und je mehr Touris- ten kommen, desto kleiner wird diese „Hinterbühne“ zu Ungunsten der sich ausweitenden „Vorderbühne“. Die eigene Kultur wird dann zunehmend von der Dienstleistungskultur durchdrungen. 69 Nach Goffmans Modell kommt es demnach zu überhaupt keiner persönli- chen Beziehung, und dennoch sind die Voraussetzung für die erfolgreiche Kommunikation zwischen den beteiligten Gruppen gegeben, da jeder Beteiligte - nach Goffmans Auffassung - genau das bekommt, was er für sich erwartet 5.2.4.2 Das Vier-Kulturen-Modell von Thiem Einen etwas differenzierteren Zugang erlaubt das Vier-Kulturen-Modell von Thiem 70, das von einer Interaktion ausgeht zwischen 1. der Kultur der meist urbanen Quellregion, 2. der von Touristen während der Ferien gepflogenen Ferienkultur, 3. der von den Einheimischen entwi- ckelten touristischen Dienstleistungskultur und 4. der „traditionalen“ Kultur der Zielregion. Ein direkter Kontakt zwischen Touristen und Gastgebern läuft demnach nur innerhalb der Schnittmenge zwischen Ferienkultur und Dienstleistungskultur ab. Längerfristig allerdings wirkt diese Interaktion zurück auf die anderen Kulturebenen und trägt bei zu Veränderung in Richtung gewisser gegenseitiger Abfärbung, etwa bei kundenspezifischerer Werbung und Angebotsorientierung innerhalb der Kultur der Quellregion. Dies wiederum kann zur Förde- rung gewisser Vorstellungen der Touristen von der inszenierten Zielregion-Kultur beitragen. Nach diesem Modell bedienen die Gastgeber bewusst und gezielt die Wünsche und Vorstel- lungen ihrer Gäste. Sie gestatten diesen in beschränktem Ausmaß den „authentischen“ Blick in ihre Lebensweise, darüber hinaus aber wird eine bewusste Selbstdarstellung und Inszenie- rung betrieben. Diese „Folklorisierung“ i.S. einer Aufbereitung und Überhöhung des Alltags wird zunehmend von einzelnen Gruppen in professionalisierter Weise betrieben. Dabei wird den Touristen das Gefühl des Miterleben-Dürfens von Werten suggeriert, wie sie einer priva- ten, nicht-kommerziellen Beherbergung entsprechen. Bei den Touristen entsteht dann im 68 Vgl. Goffman 1983. 69 Vgl. Luger 1995, S. 32. 70 Vgl. Thiem 1994, unter Bezugnahme auf Jafari 1982. Siehe dazu das Kap. über „Ökotourismus/Soziokultureller Wandel“. 148 günstigen Fall „ein Gesamtbild, das eine scheinbar heile Welt repräsentiert, in der Natur, Landschaft und Menschen zu einer Einheit verschmelzen“. 71 Diese Technik der inszenierten interkulturellen Kommunikation beherrschen die Schmiede von Iferouane besonders gut. Um dem touristischen Bild des „echten Tuareg“ 72 zu entsprechen, kleiden sie sich in ihre besten Indigo-Gewänder, laden die Touristen in ihre Werkstätten zum Teezeremoniell ein, stellen vor den interessierten Touristen einfache Schmuckstücke her und achten dabei stets darauf, dass sie in direktem, kommunikativem Kontakt mit den Touristen bleiben. Beide angeführten Modelle führen vor Augen, dass es letztlich zwischen Touristen und Ein- heimischen, zumindest mit solchen, die bereits eine gewisse Kompetenz im Umgang mit Tou- risten erworben haben, zu keinem „echten“ Austausch von Intimität kommt, worauf noch nä- her einzugehen sein wird. Dennoch „funktionieren“ diese Begegnungen offensichtlich: Jeder der Beteiligten erreicht, was er bezweckt. An dieser Stelle scheint es mir notwendig, die grundsätzliche Frage zu stellen, in welcher Weise und in welchem Grad Fremde überhaupt überwindbar ist. 5.2.5 Modi des Fremderlebens Nach Koeppen sei die Überwindung von Fremdheit an sich durch Reisen oder durch Bil- dungsprogramme eine weit verbreitete Illusion. Für sie bliebe „dem Fremden (…) das Fremde fremd: Diese Distanz zu erkennen, zu formulieren und auszuhalten – darin läge für mich die pädagogische Aufgabe”. 73 Für Heinrichs repräsentiert die Figur des Fremden „all das, was wir nicht sind. Er stellt unsere eigene Rolle in der Gesellschaft in Frage." Ihn anzusehen be- deutet somit, sich in den Augen eines anderen als Fremder zu wissen. "Letztlich fürchte ich ihn nur, weil ich vor mir selber erschrecke. Er gleicht mir." 74 Weil aber jede Kultur und letzt- lich auch jede Gruppe im Prozess der Selbstbewusstwerdung den Fremden als „Kristallisati- onspunkt für Unbehagen“ braucht, können die Figuren des Eigenen und des Fremden nicht von der eigenen Identifikation abgelöst werden. Die Akzeptanz des Fremden – nicht zuletzt als Teil von sich selbst – sei in diesem Sinn für Obrecht die einzige Möglichkeit, die Existenz von Fremdem zuzulassen, wenn er danach fragt: „Muss nicht das Fremde fremd bleiben dürfen (…)?“ Die westliche Kultur habe in ver- bissener Weise stets „die Analytik des Fremden in einer Weise betrieben, die die Erkenntnis des Fremden und dessen Erklärung mit der Veränderung des Erkannten exekutiert hat: So blieb nicht viel - außer die Zerstörung des Selbst im Anderen, in dem, das nicht als eigenes zugelassen werden konnte." 75 Dabei verwendet Obrecht den Begriff des Verstehens - anders als im ethnologischen Sinn - als „Nachvollziehen grundlegender, sozialer Welt- ordnungsprinzipien“. 76 Im Kern geht es letztlich um die zentrale Problematik der Möglichkeit des Erfahrens oder Erlernens der Selbstverständlichkeiten einer Kultur.. Doch genau dies sei einem westlichen Betrachter unmöglich, solange er mit dem „Wissensinstrumentarium unse- rer, rational-analytisch mit der Welt verfahrenden Denkweise an die Beschreibung und Erklä- rung außereuropäischer Kulturen herangeht (…)“. Das Ergebnis wird – gleich wie bei Tou- 71 Schrutka-Rechtenstamm 1998, S. 93 f. 72 Näheres im Kap. über den „Mythos Tuareg“. 73 Koeppen 1988, S 34. 74 Heinrichs 1999, S. 42 f. 75 Obrecht 1992, S. 52. Vgl. auch Shalins 1993, S. 25. 76 Obrecht 1995, S. 60 ff. 149 risten – letztlich nur jenen Wirklichkeitsausschnitt erfassen, „der innerhalb seines Wissens- repertoirs interpretierbar und strukturierbar ist“. Die Alternative dazu wäre das „going nativ“, jene gänzliche Überwindung der Distanz unter völliger Identifikation mit dem Subjekt und unter Aufgabe westlicher Analysemuster. Dieser Weg ist Touristen in jedem Fall versperrt, zum einen, weil die dafür notwendige Zeit fehlt, zum anderen, weil dieser Prozess auch mit „erschütternden Erfahrungen“ verbunden ist. 77 Die Erklärungsmodelle von Goffman und Thiem legen nahe, dass die Einheimischen – und nicht nur diese – nicht unbedingt an solcher Vertrautheit interessiert sein müssen… Da Touristen also keine Ethnologen sind, wie gehen sie dann mit Fremdem um? In jedem Fall entsteht für den Touristen ein subjektiver Bedarf an Ordnungsleistung innerhalb des eigenen Weltbilds. Die dabei möglichen Spektren von Erfahrungsmöglichkeiten zwischen Faszination und Bedrohung unterteilt Schäffter in vier Ordnungsschemata, so genannte "Modi des Fremd- verstehens": 1. Das erste Schema interpretiert Fremdheit als lediglich äußere Unterschiedlichkeit, de- ren Wesen jedoch dem Eigenen grundsätzlich gleich sei und den gleichen Wurzeln entstamme, somit eine gemeinsame Allgemeinheit teilt. Die Möglichkeit der Fremd- heit als solche wird somit aberkannt. 2. Das zweite Schema versteht die Fremdheit als Gegenbild im Sinne der Negation von Eigenheit. Das Fremde wird als Fremdkörper empfunden, und die Integrität der eige- nen Ordnung subjektiv bedroht. Die Aufmerksamkeit richtet sich nicht auf das Ge- meinsame, sondern auf das Gegensätzliche, das Fremde wird zum Feind, gegen den sich der Tourist durch Ausgrenzung des Andersartigen wehrt. Dadurch werden kon- flikthafte Gegensätzlichkeiten unvermeidbar. 3. Das dritte Schema interpretiert Fremdheit als Chance zur Ergänzung und Vervoll- ständigung. Dabei wird das duale Deutungsmuster „vertraut – fremd“ angesichts der komplexen und vielschichtigen Wirklichkeit als unzureichend empfunden, wodurch sich die Eindeutigkeit in der Abgrenzung des Eigenen nach außen verflüchtigt. Für die Identitätsbildung werden Assimilation und Anpassung bedeutsam. Vor dem Hinter- grund einer gewissen Neugierde und Risikobereitschaft werden im Zuge eines Selbst- erfahrungsprozesses eigene Mängel aufgedeckt, wobei das Fremde einerseits als Lern- feld gesehen, andererseits als strukturelle Ergänzung funktionalisiert wird. Dabei wird die als „relevant“ empfundene Fremdheit in Form von Informations- und Lernprozes- sen zur Entfaltung latenter Potenziale genützt. 4. Das vierte Schema fasst Fremdheit als Gegensätzliches, prinzipiell Andersartiges auf, dessen Nichtaneignungsfähigkeit als Kennzeichen betrachtet wird. Der interne Stand- punkt des Betrachters bleibt unverändert, jedoch unter gleichzeitiger Anerkennung ei- ner komplementären Ordnung wechselseitiger Fremdheit. Das Fremde wird als Ergeb- nis einer Dauerreflexion des Fremderlebens zwar erkennbar, jedoch nicht endgültig bestimmbar. Dabei besteht die Chance, die Verwurzelung in der eigenen Kultur klar zu erkennen, und ein Gefühl für die Abhängigkeit von den eigenen gesellschaftlichen Normen, im Denken, Empfinden und Handeln zu entwickeln. Im Bewusstsein um die Kulturverwurzeltheit der eigenen Perspektive kann es gelingen, im Sinne Obrechts das Fremde als Fremdes zu belassen: Man gerät in die Lage „zu verstehen, was man nicht 77 Auch ich selbst habe solche „erschütternden Erfahrungen“ während meines Forschungsaufenthalts bei den Kel Timia erlebt. Diese machten sich als vorübergehende Gefühle der Verlorenheit, des Alleinseins und auch der Abneigung gegenüber meinen Gastgebern bemerkbar. 150 versteht. Aus dieser Erkenntnis des Andersseins und dessen Akzeptanz entstehen mög- licherweise neue Formen von Gemeinsamkeit.“ 78 Aus diesem Konzept würde demnach folgen, dass unter gewissen Bedingungen sehr wohl ein „Verständnis“ zwischen einander fremden Personen, auch im touristischen Kontext, möglich sei. Allerdings wird zunehmend deutlich, dass es sehr viele verschiedene Varianten von „Ver- stehen“ gibt, die höchst unterschiedlich funktionieren. 5.3 Der touristische Blick Nun ist es an der Zeit, die Charakteristiken der was Wahrnehmung des Reisenden näher zu betrachten und herauszuarbeiten, was den „touristischen Blick“ determiniert. Die Ergebnisse sollen eine weitere und differenziertere Antwort darauf liefern, auf welche Weise und zu wel- chem „realistischen“ Zweck eine Verständigung zwischen Reisenden und Bereisten möglich ist. 5.3.1 Was ist Tourismus? Benötigt man für das Verständnis des touristischen Blicks eine Tourismustheorie? 79 Ja, zwei- fellos, denn schon anhand der zum Teil äußerst simplifizierten Überlegungen zur Völkerver- ständigungshypothese lässt sich erkennen, dass unter den Kritikern zuweilen erstaunliche Konzeptionen vom „homo touristicus“ kursieren. Die ersten, auf Enzensberger 80 zurückge- henden Theorien aus den 60er-Jahren haben sich „substanziell“ 81 weiterentwickelt. Dies be- trifft sowohl den Bereich des Phänomens Tourismus als solches als auch die Instrumente und Perspektiven innerhalb der Sozialwissenschaften generell. Im Tourismus wandelte sich die Blickrichtung von der Produktion zum Konsum als wesentlichen Forschungsfokus 82. Pionier- studien in diesem Bereich waren jene von MacCannell 83 und Urry 84. Mittlerweile wurde in den Sozialwissenschaften ein weiterer Schwenk weg von der Analyse der Moderne und hin zur Postmoderne, zu Wandel und Globalisierung vollzogen. 85 Angesichts des Bedeutungs- wandels der sozialen Kategorie der ‚Nation’ als Grenze sozialer Entitäten untersuchen Anth- ropologie und Soziologie zunehmend Entwicklung und Auswirkungen der Diaspora oder transnationaler Kulturen. 86 Trotz dieser neuen Trends mangelt es dem Tourismus nach Ansicht Meethans immer noch an brauchbaren Theorien: „At a general analytical level it remains under-theorised, eclectic and disparate.“ 87 Ein relativ weiter Konsens herrscht mittlerweile zwar darüber, dass es für Tou- 78 Schäffter 1991, zit. in Luger/Herdin 2002, Web. 79 Eine detaillierte Auflistung der verschiedenen Auffassungen von Tourismus habe ich bereits in Friedl 2002, S. 21 ff. er- stellt. 80 Vgl. Enzensberger 1964, S. 179 ff. 81 Vgl. Meethan 2001, S. 1. 82 Vgl. Corrigan 1997; Wöhler 1998. 83 Vgl. MacCannell, Dean 1990 (1976): The Tourist. Berkeley. 84 Vgl. Urry, John 1990: The Tourist Gaze. London. 85 Vgl. etwa Robertson 1992, Ritzer 1993, Latouche 1996, Beck 1997. 86 Vgl. Clifford 1997; Hall 2000; Hannerz 1996. 87 Meethan 2001, S. 2. 151 rismustheorie als Phänomen angesichts der Vielzahl an Tätigkeiten, Erscheinungsformen und Aktivitäten keinen singulären Zugang geben könne, weshalb manche Autoren 88 einen eklekti- zistischen Zugang als Ausweg wählen. Insbesondere Tribe schlägt vor, Tourismusanalysen am besten interdisziplinär, multidisziplinär und „conscious of its youthfulness“ 89 zu bewerk- stelligen. MacCannel betrachtet das soziale Phänomen Tourismus als exemplarisch für „post industrial modernity“ 90, charakterisiert durch Differenzierung, Fragmentarisierung, Diskontinuität und Entfremdung, den typischen Wesenszügen des modernen Lebens. Dabei wird Modernität als jene Kraft betrachtet, die das Leben der Menschen aus der Stabilität interpersoneller Be- ziehungen, wie sie in traditionellen Familienstrukturen vermeintlicherweise zu finden sei, heraus bricht. Hier wird bereits die Unterscheidung zwischen Moderne und Vor-Moderne im Sinne einer Undifferenziertheit deutlich, die als Spielplatz für den modernen, entfremdeten Betrachter konserviert werden soll. Tourismus wird hier begriffen als Suche nach dem Au- thentischen und „Primitiven“ im Sinne einer rituellen Antwort auf die Entfremdung durch Modernisierung, die sich in Konstrukten wie dem „Kulturerbe“ oder einer „sozialen Identität“ materialisiert. Dieser Auffassung entspricht das lange vertretene Modell des Tourismus als Fluchtbewegung vor der Moderne, welches auf Enzensberger 91 zurückgeht, oder als Ritual bzw. säkulare Pilgerfahrt auf der Suche nach Utopien, etwa nach dem Authentischen und Primitiven. 92 Ähnlich argumentiert auch Müller mit dem Begriff „Ferienkultur“ 93, die vitale Funktionen zur kulturellen Identitätsfindung übernehme und „Grundbedürfnisse im sinnlichen und emotio- nalen Bereich (befriedigt), die in der ratio-nutzenorientierten Industriegesellschaft kaum mehr Platz haben. Dazu gehören Mythen, Rituale und Utopien.“ Die Ferienkultur gibt einen sozialen Rahmen vor, in dem die Verwirklichung sinnlicher, emotionaler Bedürfnisse, wie etwa die Suche nach Freiheit und Glück, erlaubt ist. Dabei bedienen sich die Touristen immer mehr gängiger Rituale, gerade weil diese in der Industriegesellschaft kaum mehr eine Rolle spielen. Im Urlaub aber erfüllen die Rituale wesentliche Funktionen, so reduzieren sie Kom- plexität, indem sie bestimmte Verhaltensmuster vorgeben. Rituale lassen das Gefühl der Ver- bundenheit entstehen, sie strukturieren Zeit und vermitteln dadurch Orientierung. 94 Die postmoderne Interpretation von Tourismus erscheint angesichts der oben genannten Kri- tik von Tribe wie eine Flucht nach vorne, da in ihr konzeptionelle Fixierungen aufgegeben werden. Dem besseren Verständnis dieser Ansicht dienen Überlegungen zum Begriff der „Postmoderne“ selbst. Diese könne etwa für Lyon als Idee, als kulturelle Erfahrung, als sozia- le Bedingung oder sogar als Kombination all dieser Elemente betrachtet werden. 95 Für Meethan liegt das Wesen der Postmoderne in der Differenzierung von Werten und Normen und damit völlig im Gegensatz zur Moderne, deren Charakteristikum die Differenzierung, Standardisierung und Hierarchisierung gewesen sei. 96 Auf den postmodernen Tourismus übertragen würde dies bedeuten, dass sich die Unterschiede zwischen Wahrem und Unwahrem, zwischen Authentischem und Inszeniertem, Moralischem 88 Vgl. Dann/Cohen 1991; Ryan 1991; Tribe 1997. 89 Tribe 1997, S. 638. 90 MacCannell 1990, S. 7. 91 Vgl. Enzensberger 1964. 92 Vgl. Graburn 1989. 93 Müller 2002, S. 97. Vgl. auch den Begriff der „Touristenkultur“ bei Gyr 1994, S. 42 f. 94 Vgl. Thiem 2001, S. 31. Darum wird die Einhaltung der Essenszeiten auf Touren seitens der Touristen weniger als Ein- schränkung, als vielmehr als Orientierungspunkt und als Rückzugsraum empfunden: Die Gewissheit, sich während der Mit- tagspause von der „Fremde“ in das Gewohnte zurückziehen zu können, lässt jene Sicherheit zu, die für eine aktive Ausein- adersetzung mit dem Fremden tagsüber nötig ist. So wird das gemeinsame Essen quasi zum rettenden Ufer, das der ungeübte Schwimmer bei seinen Schwimmversuchen stets im Blickfeld behält. 95 Vgl. Lyon 1996, S.6. 96 Vgl. Meethan 2001, S. 25; ähnlich Kumar 1995, S. 117. 152 und Unmoralischem zunehmend auflösen 97 und keine Rolle mehr spielen außer jener, gut unterhalten zu werden. Darum haben etwa Erlebniswelten, wo Elemente der Vergangenheit zu perfekten Phantasiewelten recycelt werden 98, solche Erfolge. 99 Dieser Trend würde, auf die interkulturelle Begegnung übertragen, um so mehr einer „Völkerverständigung“ im funda- mentalen Sinn entgegenstehen, und bestenfalls „funktionierende“ Interaktionen in dem Sinn zulassen, dass Touristen in der Begegnung mit Einheimischen ein „tolles Erlebnis“ erzielen, und Einheimische ihrerseits auf ihre Kosten kommen, indem sie sich über die Fremden amü- sieren oder ihnen etwas verkaufen. Ein letztes relativ junges Tourismusphänomen sei abschließend noch erwähnt, weil es einen weiteren Aspekt aufwirft: der Trend zu touristischen Einrichtungen, die der geistigen und körperlichen Regeneration, aber auch der Sinnfindung dienen. Hier spielen laut Reiter die Wellness-Oasen eine erstaunlich boomende Rolle; sie sollen im Jahr 2002 die touristische Bedeutung der Erlebniswelten bereits weltweit überflügelt haben. 100 Dieser Trend ergäbe sich aus dem wachsenden Druck auf das Individuum, sich als „individuelles Unternehmen“ bei Arbeit, Partnerwahl, Erhaltung der Jugendlichkeit und Sinnsuche bewähren zu müssen. Das fortschreitende Alter wird in diesem Wettbewerb zunehmend als entscheidender Nachteil empfunden. Da diese sozio-ökonomischen Rahmenbedingungen für alle im Berufsleben stehenden Men- schen prägend sind, stellt sich ernsthafte die Frage, ob nicht das vor 40 Jahren so populäre Fluchtmotiv wieder an Bedeutung gewinnen könnte. Denn auch die Zahl der Menschen, die im Zuge eines Sabbaticals z.B. in die Sahara fahren und dort ganze Monate verbringen, um sich in der Umgebung einer traditionellen Lebenswelt "wieder zu finden“, oder die bewusst Trekking-Touren unternehmen, um gezielt in einen anderen Rhythmus als den der klassischen Rundreisen zu gelangen, ist im Steigen begriffen. Allerdings lassen sich derartige Phänomene auch als Rituale mit dem Ziel der Regeneration erklären, nur eben in einer exotischen, ideali- sierten weil „besseren als der westlichen“ Lebenswelt. 101 Damit wird zumindest eines deutlich: Postmoderner Tourismus lässt sich immer weniger ge- neralisieren, er differenziert sich zusehends stärker, wirft neue Facetten auf, und Megatrends wechseln so schnell, wie sich die technischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen än- dern. Vielleicht kann dabei ein Blick auf die Reisemotive des „postmodernen“ Touristen wei- terhelfen. 5.3.2 (Post-)Moderne Reisemotive Motive spiegeln für Winter den herrschenden Zeitgeist wider und geben Einblick in dominie- rende Präferenz- und Bewertungsmuster bestimmter Epochen, weil sie gleichsam verinner- lichte, wenn auch individuell adaptierte Einstellungen, Sehnsüchte und Träume seien, auf 97 Vgl. Lyon 1996, S. 21. 98 Vgl. dazu Hannigan 1998; Zukin 1995 99 Mit jährlich 200 Mio. Besuchern sind diese künstlichen Ferienwelten längst die wichtigsten Reiseziele weltweit. Allein Disney World empfängt rund 30 Mio. Besucher pro Jahr, mehr als doppelt so viele wie die spanische Costa Brava und die italienische Adria zusammen. Diese Besucher sind zudem treu, denn die Zahl der Mehrmalsbesucher ist ungewöhnlich hoch (vgl. Hennig 1997, S. 165). 100 Vgl. Reiter, Andreas, vom Zukunftsbüro Wien im Vortrag über „Megamarkt Gesundheitstourismus“ an der FH JOAN- NEUM, Studiengang "Tourismusmanagement im Tourismus in Bad Gleichenberg am 17. 10. 2003. 101 Auf die Landschaftswahrnehmung und die Interpretation außereuropäischer Kulturen („bessere Menschen“) siehe im Folgenden. 153 denen die „konkreten Erwartungen gedeihen“. 102 Diese Motive, hinter denen nach Hennig „Vorstellungsbilder“ oder „kulturell überlieferte Bilder der ‚imaginären’ Geographie“ 103 ge- deihen, prägen wesentlich die Reiseentscheidungen der Touristen. Insofern sei auch Touris- mus eine „Form kultureller Praxis“, die zwar vermarktet werden könne, sich letztlich aber teilweise der beliebigen Verwertung entziehe. Um verstehen zu können, warum Touristen etwa in die Wüste oder zu den Tuareg fahren wollen, muss man die kulturell verankerten Sehnsüchte dieser Wüstenfahrer aufspüren. 5.3.2.1 Natur Diese Wüstenschwärmer sehnen sich in besonderem Maße nach der „unverfälschten“ Natur. Nach einer Studie aus dem Jahre 1999 des BAT-Freizeit-Forschungsinstituts verstehen 27 % der Befragten unter ihrem Lieblings-Urlaub den Aufenthalt in unberührter Natur, 16 % ver- stehen darunter Exotik, möglichst weit weg in fremder Umgebung. 104 Eine Untersuchung von Schrutka-Rechtenstamm ergab, dass die Möglichkeit zu unmittelbarem Naturgenuss für über 50 % der deutschen Reisenden wichtig für ihre Reiseentscheidung sei, 80 % intakte Natur und Umwelt als wesentlich für ihre Urlaubszufriedenheit bezeichnen. 105 In dieser Natur-Sehnsucht kommt der überragende Wunsch nach idyllischen Landschaften und freier, unverfälschter, unberührter Natur zum Ausdruck, wie sie weitgehend in der Sahara zu finden ist. In der Praxis allerdings sind die meisten Urlauber mit der Natur-Kulisse zufrieden: Unterhaltung in einer schönen und sauberen Natur ist letztlich wichtiger, als die Begegnung mit der Natur, weshalb eher eine künstlich geschaffene Naturkulisse akzeptiert werde, als eine belastete oder zerstörte Natur. 106 Dies zeigen deutlich die Befragungen von Agadez-Touristen, die überwiegend den Müll in den Straßen als negativste Erfahrung im Niger beklagten. Diese nur scheinbare Diskrepanz ist freilich leicht erklärbar, denn Deutschland ist gekenn- zeichnet durch eine auch für europäische Verhältnisse besonders ausgeprägte Kultivierung des Raumes: Ballungsgebiete werden durch Regionen mit intensiver Landwirtschaft abgelöst. Dazwischen finden sich – im Vergleich zu Frankreich oder Österreich – nur vereinzelt kleine- re Naturparks. So erstaunt es wenig, dass die meisten individuellen Saharafahrer aus Deutsch- land stammen: Wenn sie sich allein in ihrem Fahrzeug durch die „unberührte“ Sahara bewe- gen, „erfahren“ diese Touristen das Gefühl, die unendliche Natur nur für sich zu haben. Welch ein Gegensatz zum überstrukturierten und übergeregelten deutschen Straßennetz. Dies macht verständlich, weshalb viele deutsche Sahara-Fahrer 2003 anlässlich der Touristenent- führung in Algerien auf das Heftigste gegen jegliche Einschränkung des individuellen Reise- verkehrs in der algerischen Sahara protestiert hatten. 107 102 Winter 1990, S. 208. 103 Hennig 1998, S. 9. 104 Zit. in Agricola 2001, S. 177. 105 Vgl. Schrutka-Rechtenstamm 1998, S. 87 106 Vgl. Opaschowski 1989, S. 152. 107 Die südalgerische Agenturvereinigung UNATA hatte anlässlich der Entführung europäischer Touristen im Winter 2003 in einer Presseerklärung die Verantwortung für die Entführungen indirekt den überwiegend deutschen Individualreisenden zugeschrieben, weil diese, insbesondere die entführten Gruppen, ohne algerische Agentur und ohne einheimischen Führer unterwegs gewesen waren. Darum forderten sie restriktive Einreisebedingungen für Individualfahrer (vgl. Friedl 2003b; siehe auch Kap. „Tuareg-Markt/Konkurrenzierende Destinationen im Sahara-Tourismus/Algerien“). 154 5.3.2.2 Erlebnis Bei der Begegnung mit der Natur geht es weniger um einen analytisch-pädagogischen Zugang im Sinne der Ökotourismus-Philosophie 108, als vielmehr um ein emotionales Konsumerlebnis, das durch die Buchung eines bestimmten, emotional aufgeladenen Reiseproduktes „gekauft“ werden kann. Nicht Bedarfsdeckung, sondern Konsummaximierung zum Zweck der Erlebnis- maximierung ist das Ziel des Reisens, denn „Reisen (…) erhöht als Konsumartikel die ‚Ge- nusskonzentration’ einer Erlebnisgesellschaft, die Tourismus als ‚mobile Freizeit’ ver- steht.“ 109 Das Neugierverhalten ist als Antrieb zur Suche nach körperlicher und geistiger Grenz- überschreitung zu verstehen. In einer Welt, in der die existenzielle Gefährdung durch Ver- sicherungen und Sozialsysteme minimiert ist, wächst die Bereitschaft zu außergewöhnlichen Leistungen, zu übersteigerten körperlichen und psychischen, aber auch erheblichen finan- ziellen Aufwendungen. 110 Daher sind Menschen bereit, mehrere tausend Euro für eine mehr- wöchige Trekking-Reise in den Niger auszugeben, dabei auf jeglichen Komfort zu verzichten und beträchtliche körperliche Anstrengungen zu ertragen. 111 Das zu Erlebende darf allerdings nicht etwas all zu Fremdes sein. Der Urlaub soll die Annähe- rung an ein persönliches Lebensideal ermöglichen, nämlich das Erleben einer Welt, die den eigenen Wünschen, Träumen und Vorstellungen (subjektiv) entspricht. Dies erklärt den Er- folg des Paradies-Topos in der Tourismuswerbung: Die Urlauber wollen nicht auf die schönen Seiten der Prospektwelt verzichten, weil ästhetische Fixierung ein grundlegendes Element der westlichen Kultur ist. Diese kulturelle Prägung, miteingeschlossen die Gewohnheiten, An- sprüche, Alltagsverhaltensweisen etc., lässt sich nicht ablegen. „Wir nehmen auf Reisen unse- ren Milieupanzer mit.“ 112 Mag auch die Kluft zwischen Klischee und Wirklichkeit von Tou- risten durchschaut werden, so bleibt letztlich ihr Anspruch an eine Idealwelt bestehen. 113 Agadez wäre im „sauberen“ Zustand für Touristen erträglicher, obwohl sie die soziale Realität wahrnehmen, dass die Menschen von Agadez andere Sorgen haben als die Beseitigung unzäh- liger, alter Plastiksäcke … 5.3.2.3 Authentizität Scheinbar völlig konträr zur Erlebnis-Motivation erscheint die Interpretation des Tourismus als Suche nach Authentizität. Den Begriff "Authentizität" versteht Wang 114 so, dass Authenti- zität 1. objektiv sein kann, soweit sie z.B. die historische Qualität von Artefakten in Museen betrifft; 2. konstruktiv sein kann, definiert durch „beliefs, perspectives, powers“ und insofern als Resultat von Verhandlung und Zuschreibung 115; 3. existenziell sein kann, ausgehend von 108 Siehe dazu das Kap. „Ökotourismus als neuer Ansatz“. 109 Luger 1995, S. 21. 110 Agricola 2001, S. 173. 111 Siehe dazu das Kap. über „Das Produkt: der typische Ablauf von Allrad- und Trekking-Touren“. 112 Krippendorf 1984, S. 75; vgl. dazu auch Clifford 1997. 113 Vgl. Opaschowski 1989, S. 80 ff. 114 Vgl. Wang 1999, S. 351 ff. 115 Vgl. auch Hobsbawm/Rangers 1983; Sahlins 1993, S. 7. 155 der individuellen (z.B.) touristischen Erfahrung, die jedoch durch die Produktion und den Konsum materieller Kultur sozial vermittelt ist.116 Im touristischen Kontext trifft Wangs drittes Verständnis von Authentizität zu. Hinter diesem Verständnis verbirgt sich die Suche des modernen Menschen nach dem Erleben von „Echtem, Unverfälschtem“. 117 Bei dieser angestrebten Erlebnisqualität geht es nicht mehr um „wahre“ Begegnungen, frei von kommerziellen Interessen, wie sie noch vor einigen Jahren von Kieve- litz 118 und anderen Autoren 119 unter bestimmten Bedingungen bei alternativen Reiseformen für möglich gehalten worden waren. 120 Heute wird authentisches Erleben im Urlaub als eine „zutiefst persönliche und private Angelegenheit“ 121 betrachtet, bei der es um die Erfüllung persönlicher Wünsche bzw. die Realisierung persönlicher Projektionen geht, etwa um die Be- gegnung mit „echten“ Tuareg. Ob es „gestellte“ Szenen im ethnologischen Sinne sind, ist für den Reisenden irrelevant, weil er allein darüber befindet, was für wahr und für falsch zu halten ist. Das wesentliche Kriteri- um ist sein subjektives Empfinden für „Echtheit“. Insofern empfinden Touristen häufig die bestellten und gestellten Gerewol-Tänze der Wodaabe im Zentral-Niger interessanter und spannender als jene zufällig miterlebten Gerewols, die die Wodaabe für sich selbst veranstal- ten. 122 Dies ist damit zu erklären, dass die „originalen“ Gerewols einem anderen Zeitrhythmus folgen als gestellte Feste, die der europäische Zuseher als zu lange dauernd und daher als „langweilig“ empfindet. Zum einen fehlt dem Touristen das Hintergrundwissen, um die vielen Details eines „originalen“ Festes „erkennen“ und verstehen zu können. Zum anderen ist die Wahrnehmung des europäischen Touristen generell durch dramaturgische Elemente stark ge- prägt 123, ähnlich einem Film: Im Vordergrund steht die „Action“ und nicht das Detail. Man ist „dabei“ gewesen, die schönsten Fotos sind im „Kasten“: Damit ist der Authentizität Genüge getan. 124 Die Befriedigung tritt mit dem Bewusstsein ein, dass das Erlebnis auf einem gestellten Spek- takel beruht. Daher wird Tourismus konzipiert als „eine Form des Spiels, welches, wie alles Spiel, tiefe Wurzeln in der Realität hat, aber für dessen Erfolg ein großer Einsatz von ,Tun- als-Ob` sowohl seitens der Spieler wie der Zuschauer notwendig ist“. 125 Diese Rollen- verteilung beruht auch auf dem Status des Touristen als Passant, der gegenüber seinem Gast- geber anonym bleibt, wie auch umgekehrt: Jede Partei sieht die gegenüber als einen generali- 116 Vgl. auch Pearce/Moscardo 1986; Cohen 1988a. Meethan (2001, S. 95) definiert Authentizität als „constructed value or set of values, but cannot be accounted for without considering the social and material contexts in which it is located“. Einen Überblick über die Diskussion des Authentizitätsbegriffs in der Tourismusforschung bietet Häußler 1997. 117 Der politische Philosoph Marshall Berman nannte diese Suche das „Leitmotiv der westlichen Kultur seit dem frühen 18. Jahrhundert“ (zit. in Bendix 1994, S. 58); vgl. auch Schrutka-Rechtenstamm 1998, S. 93; Atkinson 1999, S. 105. 118 Vgl. Kievelitz 1989, S. 34. 119 Vgl. auch Hewison 1987; Horne 1984; Cohen 1988a; Urry 1990. 120 Freilich gibt es - gerade unter gewissen „Tuareg-Fans“ - solche Touristen, die die Nähe zu solchen Vertretern traditionel- ler Kulturen bewusst suchen, um auf diesem Weg eine besondere Qualität der Begegnung zu finden. Diese Urlauber, die sich selbst wohl kaum als „Touristen“ definieren würden, reisen zumeist individuell, um touristische Strukturen bewusst zu mei- den und damit die Echtheit der zwischenmenschlichen Begegnungen nicht zu beeinträchtigen. Ich persönlich bin allerdings - nicht zuletzt aufgrund meiner eigenen Erfahrungen sowie aufgrund vieler Gespräche mit solchen „Nicht-Touristen“ - der Überzeugung, dass niemand den Horizont der eigenen Kultur und die damit verbundenen Projektionen aufgeben kann. Man bleibt stets Tourist, die Erwartungen und Hoffnungen variieren lediglich. Gerade solche, meist sozial engagierte, sensible „Nicht-Touristen“ sind mitunter tiefen Enttäuschungen ausgesetzt. So wurde eine Grazerin, die 2001/02 etliche Monate im Aïr verbrachte, von ihrem Führer um viel Geld „betrogen“, indem er ihre Gutgläubigkeit und ihre soziale "Ader" erfolgreich instrumentalisierte. Erst spät durchschaute die Dame dieses „Spiel“ (vgl. Kreimer, Interview, 24. 9. 2002, Graz). 121 Schrutka-Rechtenstamm 1998, S. 93. 122 Vgl. Grasser, Harald, Bericht, Dezember 2002, Wien. 123 Vgl. Hennig 1997, S. 96 ff. 124 Vgl. MacCannell sieht im Interesse an solchen „authentischen“ und doch gestellten Ereignissen die paradoxe Kombination aus „remoteness, inaccessibility, mysteriousness, and fame of the site. (…) Each tourist goes to the destination wanting to see it as a picture-perfect image of itself (…) with me in it.” MacCannell 2001, S. 383. 125 Bendix 1994, S. 73; vgl. auch Hennig 1997, S. 86. 156 sierten Typ an, eben weil aus zeitlichen Gründen soziale Interaktionen auf oberflächliche Be- gegnungen beschränkt sind. 126 In diesem Sinn spricht auch Cohen 127 der Authentizität jegliche objektive Qualität ab. Viel- mehr werde sie von Menschen mit einem modernen Erfahrungshintergrund einer als exotisch empfundenen Welt zugeschrieben. Authentizität ist insofern ein sozial konstruiertes Konzept mit einer „verhandelbaren“ Konnotation. 128 Nach der Ansicht Meethans 129 beruht die Authentizitätsdebatte im Tourismus auf einem fal- schen Ausgangspunkt, nämlich auf der falschen Dichotomie zwischen dem Nicht-Modernen, betrachtet als das Authentische, und dem Modernen, betrachtet als das Inauthentische. 130 Ak- zeptiert man Meethans Annahme, so folgt daraus, dass die Annahme von der Existenz einer universellen Kategorie von Authentizität, bestehend aus „innate, essential cultural attributes“, ebenfalls falsch sei. Insofern sei Authentizität als eine Kategorie aufzufassen, „that is created and recreated in contingent circumstances“ – ob für politische, ideologische oder touristische Zwecke. Die Diskussion müsse als Reaktion auf die „corrosive nature of modernity on tradi- tional life“, ausgehend vom Marxistischen Begriff der entfremdeten Arbeit 131, verstanden werden. Wenn aber alles Traditionelle als authentisch interpretiert wird, gleichsam als sei es ein essen- tielles Charakteristikum des Non-Modernen, so folgt daraus logisch, dass Moderne per defini- tionem Falsches mit sich bringt. Dann gilt zwangsläufig die Moderne als „Dystopia“ und Tourismus als die „Suche nach Utopia“. 132 Damit wird auch der Ruf nach aktivem Schutz all dessen, was vom „Authentischen“ noch übrig ist, verständlich, auch der Schutz der „intakten“ Tuareg-Kultur vor dem „Untergang“. 133 Hinter dieser Sichtweise steht die Überzeugung von der zerstörerischen Auswirkung des Kul- turwandels 134. Problematisch ist diese Position, weil sie eine Geisteshaltung repräsentiert, die sich als paternalistischen Elitarismus charakterisieren lässt: Andere, „exotische“ Kulturen werden als etwas Besonderes und darum schützenswertes betrachtet, weil ihnen der Besitz essentiell authentischer Attribute unterstellt wird. Diese Attribute gilt es darum zu erhalten. Das Problem an dieser Zugangsweise liegt zum einen an der Unterstellung, solche Kulturen seien gleichsam grundsätzlich vergangenheitsorientiert und damit nicht entwicklungsfähig. Zum anderen kommt der Effekt dieser Konservierung ausschließlich dem touristischen Bet- rachter zugute, dessen Suche nach Utopia dadurch erfolgreich wird. Diese Ambition, dass exotische Gesellschaften ihre Kultur zu erhalten hätten, um der touristischen Nachfrage nach Authentischem zu genügen, verstehen manche Autoren 135 als Form des kulturellen Imperi- alismus, weshalb sie dafür plädieren, den Authentizitätsbegriff gänzlich aufzugeben: „Its pri- mary use appears to be as a large stick, which a cultural elite wields against the misguided cultural popularisers. Authenticity is not a universally valid category, and this needs to be recognised.“ 136 126 Vgl. Meethan 2001, S. 142. 127 Vgl. Cohen 1988a, S. 374. 128 Vgl. dazu das Beispiel Shackleys (2001) über den Mythos des Robin Hood als Tourismusmotor in Nottingham, England. 129 Vgl. Meethan 2001, S. 90. 130 Auch Sahlins (1993, S. 13) verurteilt die „simple opposition between the West and the Rest (…) in many ways (as) an oversimplification.” 131 Vgl. Craib 1997, S. 88-91. 132 Meethan 2001, S. 91. 133 Siehe dazu das Kap. über den „Mythos Tuareg/Die Tuareg-Rebellion und ihre Folgen: Opfer und Helden“. 134 Siehe das Kap. „Ökotourismus als neuer Ansatz/soziokultureller Wandel“. 135 Vgl. Howell 1995, S. 165; Meethan 2001, S. 110. 136 Meethan 2001, S. 170. 157 5.3.2.4 Die Funktion von Klischees und Stereotypen Was nimmt ein Tourist wahr, wenn er „Landschaft“ oder Menschen einer fremden Kultur betrachtet? Als ich zum ersten Mal im Jahr 1989 die Zentralsahara bereiste, „erschien“ vor dem Canyon von Arak, Algerien, plötzlich wie aus dem Nichts eine Gruppe Tuareg. Auf ihren Kamelen ritten sie verschleiert im Trab an meinem Fahrzeug vorüber und verschwanden wie- der. Das einzige Foto, das ich damals von dieser plötzlichen „Erscheinung“ „geschossen“ hatte, war verschwommen, und die Reiter wirkten darauf wie Wesen von einem anderen Stern. Dies gab letztlich äußerst treffend meine damaligen Wahrnehmung wieder. Als ich zehn Jahre und etliche Saharareisen später anlässlich meines Forschungsaufenthalts von Niamey nach Agadez fuhr, hielten wir bei einem kleinen Markt, auf dem Tuareg-No- maden ihre Waren, Salzstöcke, Handwerksprodukte udgl. anboten. Ich schwebte, bebend vor Ehrfurcht und Entzücken, im Tagelmust 137 an den am Boden sitzenden Männern vorüber, mich verneigend, glückselig, fassungslos… „echte Tuareg“ flimmerte es in meinem Kopf. Zwei Monate später, nachdem ich bereits einen mehrwöchigen Aufenthalt im abgeschiedenen Tuareg-Bergdorf Timia hinter mir hatte, nahm ich die verschleierten Gestalten nicht mehr als „Besonderheit“ wahr: Was ich nunmehr sah, waren Gesichter konkreter Personen, nicht aber „Tuareg“. Ein Blick in die nicht verschleierten Augen genügte bereits, um die Person, war ich ihr bereits einmal begegnet, wieder zu erkennen. Um so mehr amüsierte mich damals die Tua- reg-Faszination, von der nunmehr meine Gefährtin erfasst wurde, als sie mich in Agadez be- suchte (dies war ihr erster Aufenthalt in einem Dritte-Welt-Land!): Was sie wahrnahm, war – wie in meinem Fall wenige Monate früher – die Erscheinung der verschleierten Gestalten, um die sich in Europa Klischees und Mythen ranken. 138 Diese Klischees waren ihr vor meiner Abreise wohl durch meine Schilderungen vermittelt worden, vor Beginn meiner Forschungen also, als ich selbst diese Sichtweisen über die Tuareg noch für wahr befunden hatte. Das Phänomen, auf Menschen eines bereisten Landes Klischees oder Stereotype zu projizie- ren, sie damit zu fotogenen Objekten zu degradieren und damit zugleich diese Klischees bes- tätigt zu sehen, anstatt hinter die Kulissen dieser konstruierten Postkarten-Welt zu blicken, ist ein lange gepflogener Vorwurf der Tourismuskritik. 139 Doch geht dieser Vorwurf an der Bedingtheit touristischer bzw. menschlicher Wahrnehmung vorbei. Stereotype erfüllen eine wichtige, psychologische Funktion als kognitive Formel: Sie dienen der Reduktion externer Komplexität 140, schaffen somit einen festen Orientierungs- rahmen insbesondere dort, wo es an entsprechendem Wissen mangelt. Stereotype gedeihen darum hauptsächlich dort, wo differenzierte Erkenntnisse schwierig zu gewinnen sind. Da- durch helfen sie, kräftezehrende Orientierungsprobleme in fremder Umgebung zu vermeiden. Stereotype kommen somit dem Bedürfnis erholungswilliger Urlauber entgegen, die die Viel- schichtigkeit der fremden Welt durch einfache Symbole erfahren können. 141 Die Hartnäckig- keit der Stereotype erklärt sich dadurch, da niemand gern die Sicherheit aufgibt, die eine von vielen geteilte Einstellung im Umgang mit der Welt verleiht. Erst recht gilt das innerhalb des Kollektivs einer Reisegruppe. Darum wird Kommunikation innerhalb der Reisegruppe oft zum Austausch von Stereotypen. Gudykunst und Kim betrachten die Stereotypisierung als das „natürliche“ Resultat jedes Kommunikationsprozesses. Für sie ist es gleichsam unmöglich, ohne die Verwendung von 137 Tagelmust heißt im Tamaschek der Gesichtsschleier der männlichen Tuareg. 138 Siehe dazu das Kap. über den „Mythos Tuareg“. 139 Vgl. Beek/Orlovius 1984, S. 56; Scherrer 1986, S. 12; Mauer et al. 1992, S. 99; Luger 1995, S. 22; Meethan 2001, S. 154. 140 Vgl. Roth 1992, S. 247. 141 Vgl. Luger 1995, S. 22. 158 Stereotypen zu kommunizieren. 142 Besser verständlich wird diese Auffassung durch einen Rückgriff auf Moscovicis Erklärung von sozialem Verhalten und Interaktion als Aktivitäten, die überwiegend durch soziale Repräsentation, also durch Theorien und Stereotypen, geleitet werden. Dabei sind Stereotypen sowohl Ergebnisse als auch Mechanismen der Sozialisation und Komponenten der Identitätsgruppe. 143 Negative stereotype Zuschreibungen ermöglichen es, Meinungen innerhalb einer Bezugsgruppe und damit das „Wir-Gefühl“ zu stärken, da ge- meinsam "erkannte" Werte verbinden. 144 Daher ist die wichtigste Quelle für die Vermittlung von Stereotypen die persönliche Kom- munikation mittels Erzählungen und Alltagsgesprächen. Persönliche Empfehlungen gelten für Destinationen oder Reiseveranstalter als die wichtigsten Informationsquellen der Touristen.145 Das zweitwichtigste Medium der Vermittlung von Stereotypen stellen die Massenmedien dar, 146 jene „Münzanstalt der touristischen Bedürfnisse“, 147 wie Armanski die Reisewerbung bezeichnet. Das „Gesetz der sozialen Wahrnehmung“ 148 hängt mit der psychologischen Orientierungs- funktion der Stereotype zusammen, wonach besonders solche Verhaltensweisen wahrge- nommen werden, die den bereits vorhandenen Einstellungen 149 und Vorurteilen entsprechen, während die mit der eigenen Erwartungshaltung inkompatiblen, äußeren Phänomene, gleich- sam ausgeblendet werden. Wahrnehmung, sprachliche Zuordnung und Kommunikation mit dem sozialen Bezugssystem stehen in einem engen, rückgekoppelten Zusammenhang 150, der sich ständig reproduziert, was auch die Beständigkeit der Stereotypen erklärt. Maturana und Varela sprechen daher von der „Zirkularität (...) von Handlung und Erfahrung“, wonach „je- der Akt des Erkennens eine Welt hervorbringt. (...) Jedes Tun ist Erkennen, und jedes Erken- nen ist Tun.“ 151 Anhand der Kommunikationsstruktur von Reisegruppen lässt sich der indivi- duelle Prozess des „Erkennens“ in Wechselwirkung mit der gegenseitigen Bestätigung wieder erkannter Stereotypen nachvollziehen. Weil die Gruppenmitglieder zumeist derselben Kultur entstammen, vor allem aber der selben Situation ausgesetzt sind, nämlich im Schutz der Gruppe gegenüber Fremdem, bewähren sich die Stereotype; sie sind kompatibel mit der ge- wohnten Vorstellungswelt der Gruppenmitglieder: die Wahrnehmung „funktioniert“. Eine ähnliche Funktion erfüllen auch Images, die Mazanec als „schematisierte Vorstellungen von hohem Prägnanzniveau“ definiert, „die der emotionalen und pseudorationalen Bewälti- gung (...) zugänglich sind“. 152 Länder und Reiseformen, hinter denen jeweils komplexe Reali- täten stehen, werden durch solche stellvertretende Vorstellungsbilder repräsentiert. Dies gilt auch für touristische Sehenswürdigkeiten und Souvenirs, die als Symbolträger dem Touristen ermöglichen, das Fremde und Neue einfach, übersichtlich, unterhaltsam und erlebnisreich zu konsumieren. 153 142 Vgl. Gudykunst/Kim 1992, S. 91. 143 Vgl. Moscovici 1984, S. 3 ff. 144 Vgl. Tajfel 1982, S. 43. 145 Im Jahr 1989 entschied sich etwa ein Drittel der deutschen Bundesbürger über 14 Jahren für ein Urlaubsziel nach Empfeh- lungen von Bekannten, Verwandten oder Arbeitskollegen (vgl. Braun 1993, S 304 f.). 146 Vgl. Schrutka-Rechtenstamm 1998, S. 86. 147 Armanski 1978, S. 26. 148 Vgl. Beuchelt 1982, S. 245. 149 Einstellungen sind nach Winter (zit. in Spreitzhofer 1995, S. 57) „langfristig erworbene, geordnete, mentale Strukturen, die das Gesamt der lebenswichtigen Erfahrungen eines Menschen bündeln, verdichten, in eine für die Selbstakzeptierung (...) erfolgversprechende Form bringen“. 150 Vgl. Maturana/Varela 1991, S. 251 ff. 151 Ebd., S. 31. 152 Mazanec 1978, S. 60. 153 Vgl. Luger 1995, S. 23. 159 Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass der touristische Blick154 auf die Fremde von Reiseerwartungen geprägt ist und dadurch zwangsläufig selektiv standardisiert wird. 155 Die wichtigsten Elemente der touristischen Wahrnehmung sind Symbole, wie sie nach Meethan für die Tourismuskultur typisch und gleichzeitig prägend sind. Aus diesem Grund ist der Au- tor unter Berufung auf zahlreiche ethnographische Studien davon überzeugt, dass der „Blick“ in anderen Kulturen „intrinsically the same as that anywhere else“ sei. 156 Spreitzhofer zieht aus diesen Gegebenheiten die Schlussfolgerung, eine Überwindung der auf Stereotypen beruhenden Faszination sei in Hinblick auf interkulturelles Verständnis unmög- lich, weil der Mensch gleichsam in seiner Gedankenwelt gefangen bleibe. 157 Diese radikale Sichtweise ist eine gewagte Verallgemeinerung. Denn und durch keinerlei empirische Basis- daten belegt. Denn nach Luger ist noch kaum erforscht, inwieweit Stereotypen, Klischees und „Images die Qualität der interkulturellen Kommunikation mitbestimmen, leiten, verzerren, die Begegnung zwischen Touristen und Einheimischen steuern“. 158 Damit lässt sich abschließend zum Thema Klischees nur so viel festhalten, dass zumindest jede radikale Kritik an Stereoty- pen und Klischees, so scheint es, selbst nur Ausdruck von unreflektierten Stereotypen ist. 5.3.3 Die Wahrnehmung „exotischer“ Kulturen Wenn der Mensch Fremdes mittels Stereotypen „erkennt“ und verarbeitet, so würde daraus folgen, dass er auch den Angehörigen fremder Kulturen im ersten Schritt nicht als indivi- duellen Menschen, sondern als Repräsentanten vertrauter Images begegnet, also auch den Tuareg, denn sie „sind“ die „Ritter der Wüste“ 159. Das zeigt die Werbung in Europa, die er- folgreich derartige Vorstellungen instrumentalisiert, indem sie fremde Kulturen mit dem Ziel der Vermarktung als „Gegenwelt“ exotisiert und mystifiziert und damit als Reiseziel und als ästhetische Faszination im Sinne von „Traumpfaden“ 160 verwertbar macht. 161 5.3.3.1 Der „edle Wilde“ Der Erfolg solcher Bilder resultiert nach Paulhart im Unbehagen an der mit Rationalisierung, Differenzierung, Normierung, Beschleunigung und Entmystifizierung verbundenen westli- chen Kultur. 162 Dieses Vakuum an Magie, Zauber und Illusion substituiert die kommerzielle Werbung mit dem Versprechen der Erreichbarkeit der „letzten Paradiese“ als Symbol für eine 154 Dieser Begriff wurde erstmals von Urry (1990: The Tourist Gaze) verwendet. 155 Vgl. Schrutka-Rechtenstamm 1998, S. 86. 156 Meethan (2001, S. 84) unter Verweis u.a. auf Fardon 1995, Miller 1995, 1995a, Sahlins 1985. 157 Vgl. Spreitzhofer (1995, S. 63) unter Hinw. auf Chateaubriands berühmtem Ausspruch: „Jeder Mensch trägt eine Welt in sich, zusammengesetzt aus all dem, was er je gesehen und geliebt hat, und in die er immer wieder zurückkehrt, auch wenn er meint, eine fremde Welt zu durchstreifen und zu bewohnen.“ 158 Luger 1995, S. 24. 159 Näheres darüber im Kap. über „Mythos Tuareg“. Laxson (1991, S. 365 ff.) befragte US-Touristen in einem Indianer- Museum in New Mexico über ihr Bild von den Indianern. Er zeigte, dass deren Wahrnehmung der Kultur der Amerikani- schen Ureinwohner mehr über deren eigene Weltsicht und kulturelle Stereotype aussage als darüber, wie viel sie von ihrer Reise lernen könnten. 160 So betitelt „Oase Reisen“ seinen Katalog über Sahara-Reisen. 161 Vgl. Luger 1995, S. 25. 162 Vgl. Paulhart 1990, S. 124. 160 heile, vom Westen unberührte und darum noch magische Welt. 163 Wo sonst als im Unbekann- ten bzw. Fremden kann der Freiraum für die Projektion des Schöneren und Besseren sein? Dieses „edle, wilde“ Fremde allerdings bleibt im Tourismus stets im Rahmen des Sicherheits- netzes der organisierten Reisen, wodurch die Erfüllung der Illusionen gleichsam Element des Reisevertrages wird: Der Tourist kann sich auf die positiven Seiten der Fremde beschränken, ohne sich wie ein Ethnologe mittels einer „dichten Beschreibung“ 164 auseinander setzen zu müssen mit verschiedensten, meist weniger schönen Seiten, was zur Bestätigung solcher pla- kativen Vorstellungen beiträgt. Diese Idealisierung fremder Kulturen reicht bis ins 16. Jahrhundert zurück. So hatte erstmals Michel de Montaigne (1533-1592) die Kolonisatoren wegen ihres brutalen Verhaltens gegen- über den Einheimischen kritisiert und auch ein neues Selbstbewusstsein für die Relativität seines kulturellen Standorts in Abkehr vom bisherigen Ethnozentrismus bekundet. 165 Daraus entwickelte sich im 18. Jahrhundert in der Reiseliteratur das literarische Genre des „edlen Wilden“ als Ausdruck der Kulturkritik. 166 Dieser Mythos vom „edlen Wilden“ zieht sich bis hinauf zur modernen Tourismuskritik, die im Tourismus die Bedrohung solcher Kulturen er- kennt. Damit wird jedoch unterstellt, dass diese Kulturen in einem „pre-commodified of pris- tine authentic state” existieren, „in which the representational space of the local becomes an ‚arena of homogenity and authenticity in a world of inauthentic and unrooted global influ- ences“. 167 In den Augen vieler Touristen repräsentieren die Angehörigen der Dritte-Welt- Kulturen glückliche Landbewohner, die den Boden bewirtschaften oder als Handwerker pro- duzieren, hart aber ehrlich arbeiten, und dies mit Sonnenschein und blauem Himmel, frei von negativen Aspekten der Industrialisierung. 5.3.3.2 „Barbaren“ Der „edle Wilde“ ist die eine Seite der Medaille, denn das Bild vom guten, unverdorbenen Fremden ist eng verflochten mit der Unterstellung von allem erdenklich Schlechten wie Bar- barei, Brutalität und Armut. Dies zeigt sich deutlich am Beispiel von Afrika, das entweder mit exotischen Reisebeschreibungen oder mit Berichten über Kriegs-, Natur- oder Hunger- Katastrophen in die Medien kommt. 168 Dabei wird das Bild einer außereuropäischen Welt ge- zeichnet, die von unterschiedlichen Kulturen, Ethnien und Stämmen geprägt ist, die ihrerseits miteinander in wilden und blutigen Konflikten liegen, ein Charakteristikum, das gleichsam als in der Geschichte und Tradition Afrikas verwurzelt und daher unveränderbar unterstellt wird. 169 Nach Ansicht von Lindquist unterscheiden sich diese Images der kulturellen Distanz zwischen dem zivilisierten Westen und dem barbarischen Süden kaum von jenen des 19. 163 Vgl. Spreitzhofer 1995, S. 63. 164 Vgl. Geertz 1991. 165 Hinw. in Bitterli 1976, S. 232 f. 166 Vgl. Wahrlich (1983, S. 81 ff.), der darauf hinweist, dass J. J. Rousseau entgegen den landläufigen Behauptungen die Formel „Zurück zur Natur“ ebenso wenig benutzt habe wie den Topos des „edlen Wilden“. Sein „Naturmensch“ sei vielmehr eine Fiktion, ein theoretisches Modell, als Basis für seine Kritik an der eigenen kulturellen Entfremdung . 167 Meethan 2001, S. 63, unter Hinw. auf Amin & Thrift 1994, S. 9. 168 Vgl. Atkinson 1999, S. 104 f. 169 Vgl. Duffield 1996, S. 179 ff. Vgl. etwa die entsprechende Glosse von Günter Lehofer (2003) „Der dunkle Kontinent. Aids, Hunger, Bürgerkriege ruinieren Afrika“ in der Kleine Zeitung vom 12. 7. 2003. Auf meine Entgegnung antwortete mir der Redakteur, ihn hätten bezüglich seiner Afrika-Beurteilung die dortigen Ereignisse „dazu gebracht, das Schwergewicht nicht mehr auf außerafrikanische Einflüsse zu setzen, sondern auf die Antworten der afrikanischen Eliten darauf“ (Lehofer, e-Mail vom 22. 7. 2003) 161 Jahrhunderts, als die „primitiven“ Kulturen nur wild und brutal dargestellt worden sind. Gera- de das hatte als Legitimation für die koloniale Intervention gedient.170 Eade und Allen konstatierten für die 90er-Jahre des 20. Jh. einen regelrechten Boom des Wor- tes „ethnisch“ in den Medien im Zusammenhang mit „ethnischer Säuberung“ in Ex-Jugos- lawien und in Afrika. Besonders im afrikanischen Kontext diente „Ethnizität“ zur Beschrei- bung „tribalen“ Zerfalls. 171 Diese Sichtweise beruht auf dem verbreiteten „essentialistischen“ Konzept von Ethnizität, wonach traditionelle Bevölkerungsgruppen charakterisiert sind durch eine einzigartige soziale und kulturelle Essenz, die sie von „uns“ durch tief liegende und un- auslöschliche Unterschiede trennen würde. 172 Diese Unterschiede beruhen nach dieser Auf- fassung in der „Zurückgebliebenheit“ in einer Welt vor der Moderne, während „wir“ uns auf der „linearen“ Bahn eines sozialen und kulturellen Forschritt in die Zukunft zu befinden und uns darum subjektiv zunehmend von den „zurückgebliebenen“ Gesellschaften zu entfernen glauben: Hier wird Modernität als ein Bruch mit der Vergangenheit im Sinne der Überwin- dung des „Traditionellen“ verstanden. 173 Neben diesem Konzept haben Anthropologen jedoch noch weitere, äußerst unterschiedliche Zugänge zum Verständnis von „Ethnizität“ entwickelt. 174 Wenn sich aber selbst Anthro- pologen darüber uneinig sind, was als Ethnie zu verstehen sei, dann stellt sich an diesem Punkt abermals die grundsätzliche Frage der Zugehörigkeit zu einer Ethnie, und jene danach, wie man andere Kulturen verstehen kann. Inwiefern ist etwa ein Informant, der als Übersetzer dient, also Wissen über Grenzen hinweg kommuniziert, der betreffenden Ethnie noch zuzu- rechnen und insofern seine Interpretation repräsentativ – oder ist er bereits eine „verfälschen- de“ Konstruktion? Wie werden Grenzen der Zugehörigkeit zu einer „Ethnie“ konstruiert, auf- rechterhalten und verändert? 175 Eine nähere Analyse dieser Frage würde leider den Rahmen dieser Arbeit sprengen, verdeutlicht aber die Problematik, die sich nicht nur im Tourismus stellt! 5.3.3.3 „Grenzenlose Armut“ Das sog. „Elend“ der Dritten Welt, das Obrecht in erster Linie als Zuschreibung kritisiert,176 nehmen Europäer bei den Menschen der Dritten Welt als deren besonderes Kennzeichen wahr. Die Rolle der Medien in Hinblick auf die Prägung des Afrika-Images als „heart of darkness“, in dem Hunger und Krieg die Hauptrolle spielen, wurde bereits angesprochen. Hier geht es darum, das Bild der Armut zu hinterfragen und westliche Fixierung auf dieses Image zu erklären. „Der homo oeconomicus ist gleichermaßen illusionär wie der homo miserabilis. Jedem, der diese Einschätzung nicht teilt, rate ich zu einem mehrmonatigen Aufenthalt in einer soge- 170 Vgl. Lindquist 1997, zit. in Atkinson 1999, S. 107. 171 Vgl. Eade/Allen 1999, S. 145 f. Siehe dazu das Kap. „Mythos Tuareg/Die Tuareg-Rebellion und ihre Folgen: Opfer und Helden“. 172 Vgl. Geertz 1963, S. 110 f. 173 Vgl. Meethan 2001, S. 8. In Afrika ist die Wahrnehmung von derartigen tribalen Identitäten als Typus ethnischer Formati- on eine Folge der entsprechenden Zuschreibung durch die kolonialen Autoritäten. Diese Konstruktionen entwickelten eine Eigendynamik; die Betroffenen glauben, ihr „Stamm“ habe eine lange und reiche, vorkoloniale Vergangenheit (Eade/Allen 1999, S. 152). 174 Daneben lassen sich als anthropologische Ethnizitätskonzepte u.a. der instrumentalistische Zugang (Calhoun 1997; Ea- de/Allen 1999) und der relationalistischer Zugang von Barth (1969) unterscheiden. 175 Vgl. Eade/Allen 1999, S. 155. 176 Vgl. das Kapitel „Die Entdeckung der Unterentwicklung“ in Obrecht 2003, S. 155 ff. 162 nannten armen Gesellschaft. Wenn er (…) sich die Zeit nimmt, (…) eigene Erfahrungen zu sammeln, wird er bald entdecken, dass das Leben in Armut normal ist und nicht charakteri- siert durch das Fehlen jener Dinge, die Reichtum definieren. Menschliches Leben ist immer vitale Anpassung an vorgefundene und auch relativ veränderbare Verhältnisse,“ 177 schreibt Obrecht, im Bewusstsein, damit Dinge auszusprechen, die nach offizieller Diktion als poli- tisch unkorrekt gelten. 178 Er vertritt seinen Standpunkt jedoch mit dem Argument, dass die Aberkennung der Armut als Lebensform die „systematische Entwertung der Mehrheit der auf diesem Planeten lebenden Menschen“ bedeuten würde. Nach dem Verständnis der Marktwirtschaft gilt als arm, wer nur im geringen Umfang am Markt partizipiert und keine Produkte dieses Marktes konsumiert. Dadurch fallen aber Gesell- schaften mit Subsistenzwirtschaft automatisch in die Armutskategorie – und somit alle jene, die „self-grown nutritious millets“ anstelle von Junk Food essen oder „indigenously designed handmade garments of natural fibre“ anstelle von industriell erzeugten Massentextilien tra- gen: „The culturally conceived poverty based on non-western modes of consumption is often mistaken to be misery“. 179 Diese Sichtweise verurteilt de Kadt als soziale und kulturelle Überheblichkeit jener, die Ent- wicklung im Sinne des klassischen Wachstumsparadigmas vertreten und damit das dadurch bedingte, ausufernde Elend achselzuckend hinnehmen: „In its anger with cultural domination it appears to play down the very real poverty of hundreds of millions in the Third World. The- se neither eat their insufficient diet of „self-grown nutritious millets“ nor own just one set of simple „indigenously designed (?!) handmade garments of natural fibre“ out of their own volition, and they would gladly exchange these for basic needs of the modern variety if they were available“. 180 Armut existiert (im Unterschied zu Verelendung bzw. absoluter Armut) 181- demnach nicht per se, sondern wird durch den Westen definiert und zugeschrieben. 182 Diese Zuschreibung beru- he nach Atkinson auf strukturellen und marktrelevanten Gründen, und auf dem Umstand, dass Medien nur Reflexion der Ideologien und des Verständnisses ihrer eigenen Kultur sein kön- nen. 183 So konnte Jorgen Lissner in den 70er-Jahren anhand seiner Analyse über „The Politics of Altruism“ nachweisen, dass professionelle PR-Firmen Bilder von hungernden Kindern zu- meist zu dem Zweck einsetzten, um die Vorurteile der potenziellen Spendengeber zu bestäti- gen, und um dadurch höhere Profite zu erzielen. Diese Bilder entsprachen häufig nicht der Wirklichkeit. 184 Derartige Images würden als sich selbst erfüllende Prophezeiungen dazu bei- tragen, die falsche Art von Entwicklung und Entwicklungsagenturen zu fordern und zu för- dern, eine Entwicklung nämlich, welche eher Abhängigkeit als Empowerment, Dialog und Self-Reliance fördern würden. 185 Diese Problematik stellt sich auch in Hinblick auf die „rich- tige“ Hilfe für Timia im Niger. 186 Der Umgang mit Armut bedeutet für europäische Touristen ein echtes Problem. Zahlreiche Touristen berichteten, dass sie sich über das „Elend in der Dritten Welt“ entsetzen. Dieses 177 Obrecht 2003, S. 184 f. Zur Interpretation der Armut bei den Kel Ewey siehe Spittler 193, S. 307 ff. 178 Persönlicher Kommentar Obrechts über sein Buch (2003), 12. 10. 2003. 179 Bandyopadhyay, Shiva 1989, S. 43, zit. in de Kadt 1995, S. 56. Dies zeigt sich an der Sichtweise von Michel Bellevin, Präsident der „Amis de Timia“, der sein Engagement in Timia mit dem Hinweis begründete, dort herrsche die blanke „Mise- re“ (Bellevin, Gespräch im November 2000 in Timia); vgl. auch das Kap. über den „Mythos Tuareg“. 180 Kadt 1995, S. 56. 181 Vgl. Robert McNamara, zit. in Nohlen/Sottolo 2000, S. 62; siehe insb. das Kap. über „Entwicklung“/Das neue Paradigma der Grundbedürfnisbefriedigung“. 182 Vgl. Obrecht 2003, S. 184 ff. 183 Vgl. Atkinson 1999, S. 103 f. 184 Vgl. Lissner 1977 185 Vgl. Nyoni 1988-9, S. 7 f. Vgl. die naive Position von Singer (1997, S. 585 ff.), wonach der Hunger schon durch eine erhöhte Spendenbereitschaft zu beseitigen wäre. 186 Siehe dazu das Kap. über „Generelle Probleme der Kel Timia“. 163 Entsetzen ist wohl auch verantwortlich dafür, dass Touristen wahllos Geschenke, Medika- mente oder gar Geld verteilen, ohne den Sinn ihres Prophezeihungen oder gar dessen negative Folgen zu hinterfragen. Nachdem die Armut keine soziale Funktion innerhalb der westlichen Gesellschaft mehr hat, und vielfach als „selbstverschuldet“ stigmatisiert wird, 187 wird zumin- dest verständlicher, warum Europäer die Widersprüche in der Dritten Welt, wie etwa enormer Reichtum neben krasser Armut, mit Hilfe von Stereotypen oder Mythen vom „armen, aber glücklichen“ Landbewohner für sich zu lösen versuchen, um sie ertragen zu können. 5.3.4 Landschaftswahrnehmung „Das Pathetische kommt aus der Erfahrung der Weite.“ 188 Antoine de Saint-Exupéry „Touristen sind (...) keine Völkerkundler“, hält Nettekoven als Erklärung dafür fest, dass sie nicht zur Begegnung mit Einheimischen ein fremdes Land besuchen, 189 ja nicht einmal das Land selbst um seiner selbst willen, sondern dass die Destination oft nicht mehr bedeute als „eine Kulisse, die prinzipiell austauschbar ist, und die die Wirklichkeit des besuchten Landes bis zur Unwirklichkeit verdecken kann“. 190 Destinationen – oder besser: „unberührte“, „natür- liche“; Landschaften - dienen seit der Romantik der Befriedigung der Sehnsucht nach einer glücklichen, von Ungemach freien Welt. Reisen sind somit wesentlich „durch das Verspre- chen motiviert, den Inhalt von Ortsmythen fühlbar am eigenen Körper zu erleben (…),“ 191 weshalb Cohen touristische Destination als „realization of the tourist’s motivations“ 192 be- greift. Schon der Begriff „Landschaft“ verdeutlicht, dass er eine Konzeption der Tourismuskultur ist, die den „auf dem Land lebenden Menschen (…) fremd“ 193 sei. Diese Konzeption ist als Wahr- nehmungsraster derjenigen Menschen zu verstehen, die sich im Alltagsleben fernab von na- turnahen Landschaften, ja oftmals sogar in bewusster Distanz zu ihr bewegen. Daraus resul- tiert, dass es ihnen an Verständnis für Natur als Lebensraum mangelt, was substituiert wird durch eigene Projektionen. Darum suchen Touristen auch eher nach künstlich inszenierter Natur, vertrauten Kulturlandschaften wie Naturparks oder Golfplätzen, als nach Artenvielfalt oder Natur im Urzustand. Dennoch besteht bei einer gewissen Zahl von Menschen auch der Wunsch nach „authentischem Naturerleben“ 194, etwa zum Zweck der Persönlichkeitsbildung, aber das sollte möglichst risikoarm sein. Landschaften müssen, damit Touristen sie als solche wahrnehmen, bestimmten Kriterien ent- sprechen, die durch Literatur, bildende Kunst und Film entwickelt wurden. Diese Medien würden heute die Rolle der Produzenten gewisser „Erzählungen“ 195 übernehmen, nachdem 187 Vgl. Obrecht 2003, S. 189 f. 188 Antoine de Saint-Exupéry, zit. in Kospach 2002, S. 34. 189 Die meisten Besucher der Ténéré und anderer Wüstenregionen kommen nicht in erster Linie wegen der Tuareg, sondern der Wüste wegen (vgl. Kap. „Der Tuareg-Markt/Klientel/Reisemotive“). Zu einem ähnlichen Ergebnis kamen auch Ry- an/Huyton (2002) in ihrer Untersuchung der Aborigines als kulturelle Attraktion für Australienbesucher. 190 Nettekoven 1973, S. 28, zit. in Wahrlich 1983, S. 143. Zur Unterscheidung zwischen dem Blick des Ethnologen und des Reisenden vgl. auch Galani-Moutafi (2000). 191 Shields 1998, S. 68. 192 Cohen 1995, S. 13. 193 Ritter 1963, S. 113 194 Vgl. Agricola 2001, S. 353. 195 Vgl. Meethan 2001, S. 37. 164 die traditionellen Mythen durch die Moderne aufgelöst worden sind. Short weist etwa auf die Bedeutung des Genres der Western-Filme hin, die ein generelles Mythos von Wildnis verkör- perten 196 und zur Entstehung jener „fiktionalen Räume“ beitrugen, die der Tourist am Ur- laubsort als Bestätigung seiner „geistigen“ Bilder erleben möchte. 197 Darum beurteilt Hennig die „touristische Wahrnehmung (als) so ‚unrealistisch’ wie Literatur, Film, Werbung und bildende Kunst“. 198 Diese als "Raumrealität" empfundenen und touristisch vermarkteten Produkte erfahren durch die Touristenströme ihre Bestätigung und werden in der Folge weltweit als Vorstellungsbilder transportiert und abermals durch Medien und Reiseführer reproduziert. 199 Dabei ist für diese „Raumrealität“ charakteristisch, dass die Touristen in ihrer selektiven Wahrnehmung fast zwanghaft die Zeichen der technischen Zivilisation eliminieren, um den Idealvorstellungen der Modelllandschaft zu entsprechen. Dies gilt besonders für Fotos. Dadurch schaffen sich die Touristen das „Bild einer archaischen, konfliktfreien Welt, gleichsam eine Märchen- vorstellung von fremden Ländern (…)“. 200 Die Dynamik der internationalen Tourismusindustrie führt dazu, dass im Grunde die gesamte Welt für Touristen als Vergnügungsraum konzipiert wird, als Bedeutungsträger, der mittels Reiseprodukten konsumiert werden kann. 201 Bei diesem Konsum stehe jedoch nach der An- sicht Wöhlers nicht die materielle Natur des jeweiligen Konsumguts im Vordergrund, sondern dessen Symbolgehalt. 202 Man reist nicht, um den Niger kennen zu lernen, sondern man wan- delt prestigeträchtig „auf den Spuren von Heinrich Barth“ oder im „Land der letzten Karawa- nen“. Dieses Bedürfnis des postmodernen Menschen resultiere aus seiner Loslösung von tra- ditionellen Strukturen und dem damit verbundenen Bemühen, sich über Konsum sozial zu verorten bzw. Identität zu erlangen. 203 Das ermöglichen die Bilder und Erzählungen, die als ästhetisch-hermeneutische Zeichen einer Ware zugeschrieben sind und dem Menschen der Postmoderne als Orientierungsmittel dienen. 204 Manche geographische Räume werden zur Steigerung ihrer Attraktivität nach den Vorstellun- gen der Touristen oder den potentiellen Investoren zurecht gerichtet und als „Erbe“ und „Kul- tur“ wiederbewertet. In dieser „symbolic economy of space“ 205 wird nicht nur Raum als Syn- ergie von Kapitalinvestition und kultureller Bedeutung, sondern werden auch Symbole produ- ziert. In diesem Sinn sei Marketing nicht als Förderung von Absatz zu verstehen, sondern als Förderung von Erwartungen und Wünschen mit dem Ziel, die zu Images transformierten Räume mit den Wunschbildern der potentiellen Raumkonsumenten, den Touristen, überein zu stimmen. 206 Dabei wirkt dieses Raum-Image wie ein Vertrag, den der Anbieter gegenüber dem Touristen einzulösen hat: Letztendlich wird nicht der bereiste Raum, sondern das Raum- image verkauft. 196 Vgl. Short 1991, S. 178. 197 So suchte ein Mitglied einer Niger-Reisegruppe im Tamgak verzweifelt nach einer geologisch ungewöhnlichen Felsfor- mation, die in einer GEO-Ausgabe (7/97) abgebildet war. Da aber jenes Foto aus ungewöhnlicher Perspektive gemacht wor- den war, verifizierte ich erst drei Jahre später, dass der Betreffende damals direkt vor dieser Formation gestanden war, sie aber nicht als „die gesuchte Landschaft“ erkannt hatte. 198 Hennig 1998, S. 7 f. 199 Vgl. Wöhler 1999, S. 38. 200 Hennig 1998, S. 8. 201 Die Landschaftsfunktion als Bedeutungsträger sei allerdings nach Meethan (2001, S. 32) nicht einfach im Sinne einer vorgeschriebenen Bedeutung „dekodierbar“. Vielmehr müsse diese Funktion permanent neu produziert werden, weil im Sinne Sahlins (1987, S. 144) jede Reproduktion eines kulturellen Systems ein Dialog zwischen erhaltenen Kategorien (der Vergangenheit) und kontingenten Umständen (der Gegenwart) sei, in welchem Bedeutungen immer „in Gefahr“ seien. Nicht Raum verschwindet, wohl aber Bedeutungen. 202 Vgl. Wöhler 1998, S. 97. 203 Vgl. Corrigan 1997, S. 35 ff. 204 Vgl. Wöhler 1998, S. 98. 205 Zukin 1995, S. 23 f. 206 Vgl. Wöhler 1998, S. 99 ff.. 165 Wöhler nennt dieses Phänomen die „semiotische Kolonialisierung“ 207: Ein fremder, durch lokales Wissen strukturierter und durch lokale Symbole kommunizierter Raum wird für die Tourismusindustrie seines traditionellen Sinnes entleert und mit neuen Eindrücken aufgefüllt, deren Inhalte an das Kultursystem der potenziellen Touristen rückverbunden sind. Denn erst „dadurch wird der Reisende in der Fremde handlungsfähig“. Darum seien auch Berichte über fremde Räume stets als „Lektion über das Denken im eigenen Raum“ zu begreifen, denn nur durch diese kulturelle Referenz sind Reiseberichte für die Daheimgebliebenen verstehbar. Darum vergleicht Schütze die Touristen mit Don Quixote, dessen „Reisen aus lauter Wieder- erkennung bestehen. Wie sie ist er blind, sein von einer übermäßigen Sinnfülle geblendeter Blick ist nicht länger empfänglich für die Andersartigkeit der Welt. Wie sie fühlt er sich über- all zu Hause. Seit Don Quixotes Zeiten, jedoch spätestens seit die großen Entdeckungen abge- schlossen wurden, reisen wir auf der Folie einer zweiten Topographie: durch moralische oder Bildungslandschaften, auf historisch malerisch nobilitierte Gipfel, in geschützte Wildnisse und zu wieder belebten Kulturen.“ 208 Hier zeigt sich ein Dilemma zwischen dem Anspruch auf Völkerverständigung und der vor- teilhaften Vermarktung unter Konkurrenzdruck stehender Region: Einerseits kann eine Regi- on ohne ihre Symbolisierung durch ein deutliches, ansprechendes und sich abhebendes Images, etwa mittels des „Destination Branding“ 209 vom Zielpublikum nicht einmal wahrge- nommen werden und bleibt darum auf der touristischen Landkarte „inexistent“. Andererseits aber droht diese Ökonomie der Raumsymbolik das Auseinanderdriften der Wahrnehmungs- raster zwischen Touristen und Einheimischen zu beschleunigen. 210 „Das Fremde muss unter diesen Bedingungen fremd bleiben.“ 211 Die „semiotische Kolonialisierung“ wird in ihrer Dramatik deutlich, wenn der Raum durch rücksichtslose Infrastruktur zugerichtet und das Alltagsleben der Raumbewohner für die „Gäste“ folklorisiert oder exotisiert wird. Man denke etwa an die Vertreibung der Massai aus der Serengeti und schließlich auch aus dem Ngorongoro-Krater zugunsten der Verge- waltigung dieser Lebensräume zu „Freiluftzoos“. 212 5.3.4.1 Bilder der Wüste Wie passt dieses Konzept der Raumkonstruktion zum gegenwärtigen Wüsten-Image? Das Image der Wüste als Urlandschaft änderte sich ähnlich wie das Image des Meeres, was sich an Begriffen wie „Dünenmeer“, „Sandmeer“ oder „Wüstenschiff“ 213 erkennen lässt. In meiner nachfolgenden Argumentation entwickle ich darum eine Analogie zur Semantik des Meeres von Richter. 214 In klassischer Zeit erschien die Wüste als unüberwindliche Zone für alles Lebendige, bedeutet doch der Name „Ténéré“ einfach nur „das Land da draußen“, welches die Tuareg als Lebens- raum gefährlicher Geister, der Kel Essuf, betrachten.. Nach traditionellen Vorstellungen hat Wüste somit wenig mit Romantik, Weite, Stille und Freiheit zu tun. Erst die klassische Ästhe- 207 Ebd., S. 105. 208 Schütze 1998, S. 51. 209 Scott et al 2000, S. 198, 203 f. 210 Vgl. Buck 1993, S. 179. 211 Wöhler 1998, S. 106. 212 Vgl. Suchanek 2000, S. 86 f. Vgl. auch Aoutchiki 1992 über die Tuareg und das Aïr-Ténéré-Bioreservat. 213 Die metaphorische Bezeichnung für das Kamel. 214 Vgl. Richter 1998, S. 12 ff. 166 tik der „Augenlust“ wirkte nachhaltig prägend auf die „Betrachtung der Natur(…) (als) Bal- sam für die Wunden der Seele (…). Natur-Erfahrung wird damit zur Selbst-Erfahrung des sich erneuernden Ichs“. 215 Dies schließt auch eine Rückkehr in die verlorene Welt der Ver- gangenheit ein. 216 Die Analogie zwischen Meer und Wüste zeigte sich in der Zeit der Romantik besonders am Beispiel des „romantischen“ Strandes, der menschenleer „und auch weitgehend leer an natür- lichen Zeichen ist, Wüste aus Sand und Meer, vom unendlichen Himmel überspannt. Dieser, sein Wüstencharakter, hatte auf frühere Generationen abschreckend gewirkt, jetzt wird gera- de dieser Typ der Landschaft eine Art neuer locus amoenus.“ 217 In der Romantik wuchs die Begeisterung an den einsamen, ‚leeren’ Landschaften, die nun „zur Projektionsfläche der ei- genen Einsamkeit des aus Tradition und Bindung sich lösenden Bürgers.“ In der Folge wur- den solche karge, unwirtliche „Nicht-Landschaften“ wie Meer, Gebirge oder Wald zu Lieb- lingslandschaften der Romantiker. Erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts wird auf Grund neuer Freizeitaktivitäten die Wüste zum Ort der lustvollen Herausforderung, des Abenteuers und der sportlichen Aktivitäten - wie Ral- lye-Fahren, Klettern oder Durchqueren der Sahara per Fahrrad. 5.3.5 Fazit Was ist also der touristische Blick? Zweifellos hat sich gezeigt, dass die Wahrnehmung des Touristen durch die ästhetischen Wahrnehmungsmuster seiner Kultur determiniert wird. Tou- rismusindustrie und Raumbewohner formen diese Muster um in Material für massenmediale Re-Inszenierung. Touristen hingegen modellieren den Raum als medial gefertigte Realität zur eigenen Lebensstilisierung. Diese beiden Prozesse sind zirkulär, der Tourist hat kaum Gele- genheit, diesem kulturellen Produktionsprozess der Symbole zu entkommen: 218 „Ein Blick hinter die Kulissen gibt nichts frei als die Sicht auf eine weitere Kulisse.“ 219 5.4 Der Blick der Bereisten Die Spekulationen über die Sicht der bereisten Bevölkerung von den Touristen hängt eng zu- sammen mit der kritischen Betrachtung des Kulturwandels 220 und der „ungleichen“ Begeg- nung zwischen zwei Kulturen. 221 Häufig soll der exotische „Bereiste“ die Touristen als reiche Fremde erkennen, die nicht arbeiten müssen und einer überlegenen Kultur angehören. 222 Diese Zugangsweise auf die Wahrnehmung der „Bereisten“ wird um so problematischer, je weniger Gemeinsames die Kultur der „Bereisten“ mit der westlichen Kultur hat. Es stellt sich 215 Ebd., S. 16. 216 Vgl. die Projektion der Atlantis-Vorstellung in die Zentral-Sahara in Pierre Benoits Buch „Atlantide“ (1919, Paris). 217 Richter 1998, S. 21. 218 Vgl. Wöhler 1998, S. 111, unter Hinw. auf Lash/Urry 1994, S. 13 ff. 219 Bendix 1994, S. 72. 220 Vgl. dazu kritisch Smith 2001, S. 121. 221 Aus dieser „Tradition“ heraus ist es auch zu verstehen, dass bislang die Sicht der „Bereisten“ empirisch häufiger erforscht wurde als jene der Reisenden (vgl. Reisinger/Turner 2003, S. 162, unter Hinw. auf Pearce). 222 Vgl. Spreitzhofer 1995, S. 59; ähnl. Silke May, zit. in Maurer et at. S. 94. 167 die Frage, ob man ab einem gewissen Grad kultureller Unschiedlichkeit zwischen der Kultur der Reisenden und jener der Bereisten überhaupt noch seriös vom „Blick der Bereisten“ spre- chen kann, ohne auf eigene Projektionen zurückgeworfen zu sein. Meines Erachtens wird dies nur dort möglich sein, wo zwischen der westlichen und der bereisten Kultur bereits eine ge- meinsame Kultur im Sinne Thiems 223 entstanden ist, die eine gemeinsame Sprache hervorge- bracht hat. Dies wird dort der Fall sein, wo Tourismus keine völlig neue Erfahrung mehr ist. So halten auch Reisinger und Turner fest, dass der wichtigste Einfluss auf die Wahrnehmung und den beginnenden Kontakt Verhaltensähnlichkeiten seien, weil dadurch Verständigung gelänge. Dies führe zu positiver Wahrnehmung. Fehlt es an solchen gemeinsamen Signalen, würde daraus negative Wahrnehmung folgen. 224 Ausgehend von der anthropogenen Struktur der Wahrnehmung ist wohl anzunehmen, dass die Wahrnehmung der „Bereisten“, in gleichem Maße wie die der Touristen, durch Vorurteile und Stereotypen geprägt ist. Es ist zu vermuten, dass manche dieser Stereotypen auch durch den Tourismus bzw. im Zuge der Modernisierung vermittelt und angelernt wurden. 225 In jedem Fall haben mehrere Studien ergeben, dass die Wahrnehmung hinsichtlich der Touristen in Abhängigkeit von der jeweiligen Kultur der „Bereisten“ stark differieren kann. 226 Grundsätzlich lassen sich zwei wesentliche Differenzierungen festhalten: Zum einen finden sich innerhalb der jeweiligen kulturellen Bezugsgruppe große Unterschiede zwischen den verschiedenen Mitgliedern in Abhängigkeit von Alter, jeweiliger Machtposition, den Vor- oder Nachteilen, die sie aus dem Tourismus schöpfen, und ihrer Position innerhalb der kultu- rellen Bezugsgruppe. So sind erfahrungsgemäß Kinder in der Regel sehr viel aufge- schlossener gegenüber Fremden und importierten Neuerungen als alte Menschen. Luger be- zeichnet die Kinder der Tourismuspioniere sogar als „glücklich über den Anschluss an die moderne Welt“. 227 Daneben verfügen auch Personen in gesellschaftlichen Randpositionen wie z.B. Handwerker bei den Tuareg über ein größeres Maß an sozialer Mobilität, wodurch sie sich leichter an neue Gegebenheiten anpassen und aus diesen profitieren können. Ihnen kommt häufig sogar eine Schlüsselrolle als „Culture Brokers“ für die Dynamisierung der Tou- rismusentwicklung zu, 228 da sie in der Rolle des interkulturellen Mittelsmannes aktiv zur Mo- difikation der Situation beitragen, in welcher und von welcher sie leben. 229 Zum zweiten unterliegt der Blick der „Bereisten“ einer Dynamik; die Haltung der Betroffenen hängt wesentlich vom Zeitpunkt des Beginns einer Tourismusentwicklung sowie von deren Intensität ab. 230 Verschiedene Beobachter 231 konnten feststellen, dass die Bevölkerung an- fänglich meist „euphorisch“ auf Tourismusentwicklung reagiert. In diesen ersten Phasen der Tourismusentwicklung partizipieren zumindest einige innovative Individuen der Bevölkerung schon von einem geringen Tourismusaufkommen, wodurch seitens der Bevölkerung über- wiegend die positiven ökonomischen Aspekte wahrgenommen werden. 232 223 Vgl. Thiem 1994, unter Bezugnahme auf Jafari 1982. 224 Vgl. Reisinger/Turner 2003, S. 154. 225 Zum Einfluss der Tourismuskultur auf die Wahrnehmung der Touristen durch die „Bereisten“ am Bsp. der Cook Islander vgl. Berno 1999. 226 Vgl. Reisinger/Turner 2003, S. 153 ff. 227 Vgl. Luger/Herdin 2002, Web. 228 Vgl. Smith (2001a, S. 275 ff.) über “marginal men” bzw. “go-betweens” als Culture Brokers. 229 Vgl. Van den Berghe, Keyes 1984, S. 347. 230 Hier spielen auch Faktoren wie Saisonalität, Konzentration des Tourismusaufkommens etc. eine Rolle (vgl. Fredline, Elizabeth; Faulkner, Bill 2000, S. 766 f. 231 Vgl. Reisinger/Turner 2003, S. 164 ff.; Mathieson/Wall 1982, S. 137ff; Ap u.a. 1991; Besculides u.a. 2002; vgl. auch das Life Cycle Model von Butler (1980; 2000) und Freyer 1987. 232 Erfahrungen aus Südtirol im 19. Jahrhundert decken sich mit jenen aus manchen Regionen Marokkos von heute, wo es Teile der Bevölkerung verstehen, die Touristen „übers Ohr zu hauen“, z.B. die Preise für heimische Waren „nach der Dicke des Reiseführers (zu) bemessen“ oder auch gezielt anzubetteln (Johler 1994, S. 245 f.). 168 Mit der Institutionalisierung des Tourismus und dem zunehmenden Ausbau der Infrastruktur durch externe Investoren und immer mehr ankommenden Touristen tendiert die Bevölkerung - in Abhängigkeit vom Absorptionsvermögen des touristischen Raums und von der Kluft zwi- schen den Kulturen - zu Apathie, die sich zu allmählicher Verärgerung bis zur gänzlichen Opposition steigern kann. Diese Reaktion tritt zumeist in der Phase wirtschaftlicher Stagnati- on und Sättigung ein, wenn bereits ein gewisser Wohnstand erreicht worden ist, wie dies in Bali in den 90er-Jahren der Fall war. Gemäß der Eigenerhebung von Spreitzhofer reagieren „weite Bevölkerungskreise“ in der Touristenhochburg Kuta sehr kritisch auf die touristische Überentwicklung. 233 Hierin kommt bereits die mit der Modernisierung verbundene Sehnsucht nach der „guten alten Zeit“ zum Ausdruck. Mehr lässt sich über den „Blick der Bereisten“ nicht seriös sagen. Insofern wird spätestens an dieser Stelle die Frage ad absurdum geführt, ob Tourismus zu Völkerverständigung beitrage, weil es kein sinnhaftes Kriterium dafür gibt, dass die Touristen die Einheimischen richtig ver- standen haben - oder umgekehrt, wie die Einheimischen die Touristen verstehen würden. Es bleibt letztlich bei jenem von mir vorgeschlagenen Ziel der „funktionierenden“ Kommunika- tion im Sinne eines für beide Seiten subjektiv zufrieden stellenden kommunikativen Austau- sches von Waren, Werten oder einfach nur Erlebnissen. 5.5 Chancen für interkulturelles Verstehen auf Reisen Interkulturelles Lernen bedeutet nach der Ansicht Lugers und Herdins, Menschen zur Kom- munikation mit Menschen anderer Kulturen zu befähigen, ohne dass sie sofort Wertungen bzw. Abwertungen vornehmen, weil nur so ein Dialog entstehen könne. Dieses Lernen ist mit einem Sensibilisierungsprozess verbunden und setzt Offenheit, Toleranz, Wissen über andere Kulturen, Selbstreflexion im Hinblick auf die eigene Kultur und Person sowie Empathie vor- aus. 234 Psychologische Barrieren können interkulturelles Lernen verhindern. Zu solchen Barrieren zählen Gefühle wie Angst und Unsicherheit, bedingt durch fehlende Sprachkenntnisse, Orien- tierungslosigkeit durch Unwissenheit über geltende Verhaltensnormen, aber auch destruktiv verlaufende Gruppendynamik. Das Sprachendefizit führt zumeist zur Substitution direkter Kommunikation durch „Konsum symbolischer Botschaften“, etwa zu Souvenirkäufen oder zum Verzehren fremdländischer Speisen als Möglichkeit der symbolischen Annäherung an die Menschen des Gastlandes. 235 Hilflosigkeit, Angst oder gar Aggression sind Reaktionen auf die plötzliche Ungültigkeit der eigenen vertrauten Codes zur Dekodierung der Umwelt, wenn diese durch eine fremde Kultur strukturiert wird. Plötzlich scheinen die Handlungen der Fremden „sinnlos“ zu sein, 236 und eigene vertraute Kommunikationsmuster sind unbrauchbar 237, ja führen vielleicht sogar zu Missverständnissen. Je größer das Kulturgefälle zwischen den einzelnen Kulturträgern ist 238 und je weniger Rückhalt der Betroffene in vertrauten Strukturen finden kann, desto eher kann 233 Vgl. Spreitzhofer 1995, S. 77. 234 Vgl. Luger/Herdin 2002, Web. 235 Vgl. Gyr 1994, S. 55. 236 Vgl. Greverus 1978, S. 11. 237 Vgl. Behrendt 1965, S. 261 f. 238 Vgl. Wahrlich 1983, S. 53. 169 das als „Kulturschock“ bezeichnete Phänomen 239 zu schwierigen persönlichen Konflikten und traumatischen Erfahrungen führen. 240 Die Konfrontation mit solchen subjektiven Phänomenen sehen Pearce und Stringer als Grund dafür, dass Gruppenreisende nach außen für Kommunikationsschwäche sehr anfällig sind. Die Reaktionen darauf können bis zur totalen Abkapselung führen. 241 Reisegruppen bilden dann eine Art „cultural bubble“ 242 innerhalb der „exotischen“ Umwelt, sei es durch den Rückzug ins Hotel oder in den Reisebus, sei es durch die Beschäftigung mit sich selbst und mit den Mitreisenden. 243 Seitens der Tourismusindustrie dient dieses Phänomen als Grund, um direkten interkulturellen Kontakt organisatorisch so weit wie möglich zu vermeiden. 244 Dadurch können interkulturelle Komplikationen weitgehend verhindert werden, was zur Optimierung des Reiseverlaufs bei- trägt, was wieder Kosten, Zeit, körperlichen und geistigen Einsatz, Kompetenz etc. einspart. 245 Außerdem trägt die Instrumentalisierung des Kulturschocks unter dem Vorwand der Kulturbewahrung dazu bei, dass die „exotische Ware“ Kultur durch die eigenen Touristen nicht verdorben werde, sondern für die nächsten Kunden erhalten bleibe. Überdies kann auf diese Weise den Kunden die Illusion der „Unberührtheit“ erhalten werden, weil sie nicht mit der - zumeist bereits von modernen Elementen durchdrungenen - Realität konfrontiert wer- den. 246 So ist es auch zu verstehen, warum eine österreichische Reiseleiterin im Oktober 1997 den Besuch des Dorfes Timia durch ihre Reisegruppe mit dem Hinweis unterbunden hatte, dadurch würde die Intimität der Dorfbewohner gestört werden. Besteht seitens der Reiseleitung der grundsätzliche Wille zur Förderung des interkulturellen Kontakts 247, so hängt der Erfolg wesentlich von der inneren Festigung der Reisegruppe und deren Bereitschaft zur Öffnung nach außen ab. 248 Auch die jeweilige Reiseform ist maß- gebend. Nach meinen Erfahrungen fällt es umso leichter, die Gruppe zur Öffnung zu motivie- ren, je mehr Möglichkeiten der Reiseleiter nützt, um auf die Gruppe durch anregende Vorträ- 239 Vgl. Larchers (1992, S. 24) Verständnis von Kulturschock als „alle möglichen Arten von Irritation, Erschrecken und Abwehr (…)“ als Reaktion auf soziale Phänomene einer fremden Kultur, die „meinen tiefsitzenden Vorstellungen über die angemessene Deutung der Welt, die Normen des vernünftigen Zusammenlebens und des richtigen Handelns ziemlich genau entgegengesetzt“ sind. Kulturschock ist somit eine psycho-physische Reaktion auf den totalen Verlust von Vertrautheit. 240 Furnham (1984, S. 45) sieht u.a. die Wahrnehmung des Verlusts eines Freundeskreises, des beruflichen und sozialen Status etc., die subjektiv empfundene Ablehnung sowie das Gefühl der Ohnmacht durch anfängliches Unvermögen, die neue Kultur zu „verstehen“, als wesentliche Kriterien des Kulturschocks. Genau dieses Gefühl hatte ich in den ersten Wochen meiner Studienzeit in Frankreich. Dagegen blieb ich von dem „Kulturschock“ während meines Forschungsaufenthalts in Agadez verschont, weil ich dort eine klare Rolle als „Verstehender“ hatte und kulturelle Irritationen und Missverständnisse selbstverständlich zum erwarteten Forschungsverlauf gehörten. 241 Vgl. Pearce/Stringer 1991, S. 147. 242 Craig 1987, S. 172. 243 Eine psychologische Untersuchung in Nordsumatra durch Orlovius/Wetzels (1986, S. 87) ergab, dass sich die Kontakte der Mitreisenden auf einander richteten. Eine ähnliche Erfahrung machte ich im Niger: Während meiner Probetour mit vier österr. Touristen im Tamgak im Feber 2000 lehnte ein Salzburger Ehepaar meine Einladung zum Käseessen bei Nomaden mit dem Hinweis ab, sie würden vorziehen, weiterzuwandern, obwohl dies seit mehreren Tagen die erste Begegnung mit Nomaden war. Offensichtlich war es mir damals nicht gelungen, das Paar für eine Begegnung mit Nomaden entsprechend vorzubereiten. Meine Reisegruppe im März 2003 zeigte dagegen großes Interesse, die Nomaden zu kontaktieren, nachdem ich in zahlreichen Erzählungen und Erklärungen die Begegnung vorbereitet hatte. 244 Vgl. Wahrlich 1983, S. 59. 245 So berichtete mir im November 1999 eine US-Reisegruppe von ihrem Reiseführer, einem Djerma, er hätte stets die Sied- lungen im Aïr und im Kawar mit der Begründung umfahren, die Bewohner seien „Hunde“. Erst aufgrund meiner Intervention konnten sich die Touristen überzeugen, dass die Leute von Timia keine bösen Menschen seien. Darauf zwangen sie ihren Reiseführer, für sie ein Nachtlager im Dorf Timia zu organisieren. Im Nachhinein empfanden die Touristen diesen Aufenthalt als besonderes Erlebnis. 246 So beklagte sich im Sommer 2002 ein enttäuschter Teilnehmer einer Reise nach Sumba (Nusa Tengara, Indonesien), die dortigen, im Reisekatalog als „unberührt“ beschriebenen Dörfer wären gar nicht mehr so unberührt, da sie bereits „hässliche Plastikplanen“ anstelle von Palmenwedeln als Sonnenschutz verwenden würden. Erstaunlich an dieser Äußerung war ledig- lich die Tatsache, dass es sich bei diesem Teilnehmer um einen Geographielehrer der pädagogischen Akademie handelte. 247 Vgl. Schmidt 1982, 1983 über die Rolle des Reiseleiters für die konstruktive Förderung des gruppendynamischen Prozes- ses. 248 Vgl. Koeppen 1988, S. 28 f. 170 ge, 249 Unterhaltungsprogramme und persönliche Gespräche einzuwirken. 250 Eine gewisse Rolle spielt allerdings auch die Zusammensetzung der Reisegruppe in Hinblick auf ihre unter- schiedlichen Persönlichkeiten 251 sowie deren unterschiedliche Reisemotivationen. 252 Das wichtigste Ziel des interkulturellen Lernens ist nach Ansicht Störgers, „das Tun von Un- bewusstem, Unreflektiertem auf ein bewusstes, reflexives Niveau zu heben 253“, wobei es we- sentlich um die „Bewusstwerdung“ geht, „andere Kulturen als bereichernd und die eigene Kultur vertiefend zu erfahren“. 254 Dies entspricht der von mir erhobenen Forderung, den kul- turellen Kontext des jeweiligen Reisegastes als determinierenden Horizont zu akzeptieren, in- nerhalb dieses Horizonts jedoch bestehende Verständnispotentiale zu mobilisieren. Dies kann etwa auch die Förderung der Fähigkeit sein, mit Konflikten oder Andersartigkeiten besser umzugehen. Dazu müssen zuweilen gewissen Auffassungen geändert werden, die tief in der Persönlichkeit verankert sind. Die größte Chance zu einer solchen Änderung der Weltanschauung besteht dann, wenn Phänomene einer fremden Kultur als den vertrauten Stereotypen widersprechend und inso- fern als fremd „erkannt“ werden. Dadurch entsteht eine Art Erklärungsvakuum und somit der Bedarf an einer neuen, einheitlichen Sinngebung für diese als widersprüchlich erfahrenen Inhalte. Für den Betreffenden eröffnet sich damit die Chance, auf einer höheren Ebene zu lernen255, um auf diese Weise seine bisherige Grundeinstellung im Sinne eines Paradigmenwechsels neu zu interpretieren. Dabei kommt dem Reiseleiter die Rolle des „Neudeuters“256 zu, indem er neue Interpretationsmodelle als Substitution für die alten Sichtweisen anbietet. Interkultureller Kontakt als Mittel zum interkulturellen Lernen kann wesentlich durch spezifi- sche Kontaktpersonen, „Führerpersönlichkeiten“ 257 bzw. „Cultural brokers“ 258 gefördert wer- den. Diese Angehörigen der „exotischen“ Kultur sind aufgrund ihrer sozialen Randposition oder ihres innovativen Charakters besonders geeignet, die „exotische“ Kultur den touristi- schen Erwartungen entsprechend zu präsentieren, indem sie das Unerwartete für den Besucher abfedern. Gleichzeitig belassen sie dem Touristen das Gefühl, „authentische“ Erklärungen zu liefern. Damit agieren diese Mittelsmänner als interkulturelle Intermediatoren und Interpre- ten. 259 Diese Darstellungen verdeutlichen die essentielle Bedeutung des Reiseleiters bzw. des lokalen Reiseführers für den interkulturellen Kontext und darüber hinaus für die praktische Touris- 249 Moscardo (1999) plädiert für ein reisepädagogisches Modell auf der Basis des Konzepts der „Mindfulness“ (Aufmerk- samkeit) der Psychologin Ellen Langer (1989): Während die Menschen in unbekümmerten („mindless“), unaufmerksamen Situationen vertrauter Routine folgen, nehmen sie neue Informationen nicht an, sind somit nicht fähig, ihre Perspektive zu ändern oder neue Kenntnisse zu erlernen. Aufmerksame Menschen vermögen dagegen neue Informationen aktiv zu verarbei- ten, neue Kategorien für diese Informationen zu bilden, ihre Perspektiven zu ändern und neue Routinen zu entwickeln. Dar- aus folgert Moscardo, dass das entsprechende Ziel der Interpretation die Ermutigung der Besucher zur Aufmerksamkeit sei. 250 Besonders gute Erfahrungen machte ich in großen Reisebussen mit guten Mikrophonen und ausreichend Raum für Bewe- gungsfreiheit. Dabei spielte die Größe der Gruppe kaum eine Rolle. Dagegen fiel mir die gruppenzentrierte Kommunikation in Ländern wie Nusa Tengara, Indonesien sehr schwer, wo es den Fahrgelegenheiten an funktionierenden Mikrophonen, an ausreichender Bewegungsfreiheit, an Komfort mangelte. Gleich schwierig gestaltete sich die Steuerung der Gruppendynamik auf Allrad-Touren im Niger, da hier die Mitreisenden auf mehrere Fahrzeuge verteilt waren und bei Pausen mehr Bedürfnis nach Erholung als nach Instruktionen hatten. 251 Nach meinen Erfahrungen hatte ich umso größere Schwierigkeiten mit der „Bändigung“ der Gruppe, je höher der Anteil an Lehrern oder anderen berufsbedingten Autoritätspersonen (Militär, Polizei etc.) war. 252 Der auf Reiserecht spezialisierte Wiener Rechtsanwalt Michael Wukoschitz (pers. Gespräch, Juni 2002, Wien) berichtete mir von einer vermehrten Klags- und Beschwerdefreudigkeit der Reisenden, die durch eine zunehmend konsumenten- freundlichere Judikatur gefördert werde, wodurch sich insgesamt die rechtlichen Rahmenbedingungen für verträgliche Reise- produkte verschlechtern würden. 253 Störger 1994, S. 23. 254 Ebd., S. 34. 255 Vgl. Richards/Glasersfeld 1992, S. 212. 256 Vgl. Hartmann 1982, S. 62 f. 257 Vgl. Bitterli 1976, S. 95. 258 Vgl. Smith 2001a; Harron/Weiler 1992, S. 87 ff. 259 Vgl. Van den Berghe, Keyes 1984, S. 347. 171 musethik. 260 Von diesen Schlüsselpersonen und deren Strategien hängt es wesentlich ab, in- wieweit die Integration von touristischen Erwartungen in ein erklärendes Rahmenwerk ge- lingt, das zum Teil auch lokale Interessen involviert, gleichsam verhandelt, und zur Regulie- rung der Tourismusindustrie beiträgt. 261 5.6 Schlussfolgerung Tourismus fördert sowohl Verständnis als auch Missverständnis zwischen den Kulturen. Un- terschiedliche Faktoren können entweder verstärkend oder verhindernd wirken. Ist die Quali- tät des Service in einer Destination gut, so gehen die Touristen meist positiv auf die Einheimi- schen zu, wogegen Enttäuschungen häufig zum Umschlagen der Wahrnehmung betreffend Land und Leute in negative Eindrücke führen. Die Produktgestaltung und -entwicklung spielt daher eine wesentliche Rolle, um die Zufrie- denheit der Touristen zu fördern, Stress zu verhindern und Freiräume für die persönliche Ent- faltung und die Offenheit der Reisenden zu schaffen. Erstrebenswert sind solche Programm- strukturen, die es Reisenden erlauben, sich ohne Druck gemäß den eigenen Vorlieben unter die Einheimischen zu mischen. Hier zeigt sich deutlich die große Verantwortung seitens der Produktentwickler, Tourveranstalter und Reiseleiter. Reiseleiter sind die zentralen Schlüsselpersonen für die konkrete Umsetzung und Optimierung eines solchen Programms vor Ort. Sie sind die „Augen und Ohren“ der Produktentwickler, um ihnen das nötige Feedback zu liefern, und sie sind die einzigen, die Reisende konkret vor Ort unterstützen können bei der optimalen Nutzung der Programmstrukturen. Diese hohe Verantwortung ist bisher nur von wenigen Reiseveranstaltern durch entsprechende Ausbil- dungsinitiativen 262 und durch angemessene Entlohnung honoriert worden. 263 260 Vgl. auch Friedl 2002 über die Rolle des Reiseleiters. 261 Vgl. Bowman 1992, S. 123. 262 In Österreich gibt es bislang nur vereinzelte Angebote zur Reiseleiterausbildung wie jenes des BFI Graz, dem jedoch jegliche Elemente der interkulturellen Kompetenz fehlen. 263 Vgl. etwa Studiosus Reisen München 2000, 2000a. 172 Teil B Empirische Untersuchung des Tourismusmarktes Agadez 6 Die Region Agadez Im 2. Teil der vorliegenden Arbeit werden die vorangegangenen theoretischen Überlegungen am Beispiel der Tourismusentwicklung der Region Agadez in der Sahel-Republik 1 Niger überprüft und analysiert. Dazu soll im folgenden Kapitel – nach einem einführenden Kurz- Portrait der Republik Niger - die historische Entwicklung der Region Agadez skizziert und die gegenwärtigen politischen, wirtschaftlichen und sozialen Rahmenbedingungen dargestellt werden. Diese Rahmenbedingungen stellen wesentliche strukturelle Determinanten für die regionale Tourismusentwicklung dar und sind für ein Verständnis der in weiteren Kapiteln beschriebenen Tourismusstruktur und -probleme grundlegend, insbesondere, wenn es um Fragen sinnvoller Lösungsansätze geht. Die häufige Bezugnahme auf den Staat Niger im vorliegenden Kapitel ist einerseits mit der engen Verflechtung der Region Agadez mit dem Staat Niger, und dies nicht zuletzt infolge eines immer noch stark ausgeprägten politischen Zentralismus 2, andererseits mit dem signifi- kanten Mangel an adäquaten empirischen Daten für die Region Agadez zu erklären. Darum wird gegebenenfalls auf vergleichbare nationale Daten zurückgegriffen, um dadurch dem Le- ser zumindest eine annähernde Vorstellung von der Situation in Agadez zu ermöglichen. Bei der folgenden Darstellung wird besonderes Augenmerk auf die historische Entwicklung gelegt. Dabei gehe ich von den Überlegungen Hobsbawms aus, wonach die spezifische histo- rische Entwicklung einer Gesellschaft eine wesentliche Determinante für deren Zukunft dar- stellt, einerseits, weil „es (…) keine Völker (gibt), die keine Geschichte hätten oder sich ohne diese verstehen ließen,“ 3 und andererseits, weil „Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ein Kontinuum“ bilden: „Alle menschlichen Wesen und Gesellschaften sind in der Vergangenheit verwurzelt – der ihrer Angehörigen, Gemeinschaften (…) oder auch der ihrer persönlichen Erinnerung.“ 4 In diesem Sinn ist auch der Anthropologe André Bourgeot, ein herausragender Kenner der Tuareg und der Region Agadez, zu interpretieren, wenn er meint, man müsse die Tuareg-Rebellion verstehen, wolle man den Tuareg-Tourismus in Agadez begreifen. 5 Vor allem aber lässt sich eine einigermaßen sinnvolle Prognose über die künftige Entwicklung einer sozialen Bezugsgruppe nur auf Basis des Verständnisses ihrer „allgemeinen Struktur und Textur“ 6 treffen – ganz im Sinne Auguste Comtes’ Wendung „savoir pour prévoir“. 7 Eine genauere Analyse der Tuareg-Rebellion wäre zwar äußerst reizvoll und hochinteressant, würde aber den Rahmen dieser Arbeit sprengen, weshalb ich mich mit einer vereinfachten Skizzierung der Geschehnisse und der politischen und sozialen Vorgänge im Umfeld der Re- bellion begnüge. Allerdings ist es unvermeidbar, in den nachfolgenden Kapiteln an geeigneter Stelle wiederholt auf Details der Rebellion, deren Auswirkungen und deren Bewertung durch 1 Sahel: vom arab. „Es-Sahil“: Ufer, Küste (Hinw. in Hammer 2000, S. 4). 2 Vgl. Adamou 1999. 3 Hobsbawm 1997, S. 221. 4 Ebd., S. 59. 5 Zit. in Friedl 2001a, 6 Hobsbawm 1997, S. 64. 7 Zit. ebd., S. 65. 173 die Betroffenen einzugehen. Wesentliche Determinanten wie der soziale Friede in der Region, die Sicherheit der Touristen, das Image der Region bzw. des „Reiseprodukts“, die Kooperati- on der regionalen Touristiker usw. hängen direkt oder indirekt mit der Tuareg-Rebellion und deren Folgen zusammen. Ein spezifisches Problem stellt die „richtige“ Schreibweise der Eigennamen der Tuareg oder oder anderer Kulturen dar. Tatsächlich finden sich in der Literatur und auf Landkarten die unterschiedlichsten Schreibweisen. Zum Teil haben die Kartographen Örtlichkeiten sogar falsch 8 benannt, sodass diese fiktiv 9 sind. Ich folge darum der von Göttler praktizierten Lö- sung 10, wonach 1. keine diakritischen Zeichen verwendet werden; vielmehr versuche ich, mit dem vorhande- nen lateinischen Zeichensatz die betreffende Aussprache so korrekt wie möglich wieder- zugeben; 2. verwende ich stets jene Bezeichnung, die mir als am weitesten verbreitet erscheint. Tamaschek-Bezeichnungen gebe ich i.d.R. in der Einzahl an, auch wenn das jeweils genannte deutsche Wort im unmittelbaren Zusammenhang gegebenenfalls im Plural verwendet wird. Zu Abweichungen von dieser Regel kommt es in den Fällen, in denen das Tamaschek-Wort lediglich im Plural gebräuchlich ist. Eigennamen, die bereits eingedeutscht sind, wie im Fall von Timbuktu, verwende ich in eben dieser Schreibweise und nicht etwa in der französischen (Toumbouctou) oder in der Tama- schek-Schreibung (Tim-Butku). Bei Ortsnamen der Republik Niger folge ich der Karte „IGNN 1993: Niger 1:2.000.000“, bei Ortsnamen der Region Agadez der Karte „IGN 1991: République du Niger. Massiv de l’Aïr. Carte touristique au 1:500.000“ bzw. den jeweiligen Detailkarten (1:200.000 bzw. 1:1.000.000) des ING. 6.1 Kurzportrait der Republik Niger Die Republik Niger liegt zwischen 0° und 16° östlicher Länge und 11° und 23° nördlicher Breite rund 600 km nördlich des Golf von Guinea im Herzen Westafrikas. Sie umfasst eine Fläche von 1,267.000 qkm, wovon rund 80 % in der weitgehend niederschlagslosen Sahara liegen; nur 20 % des Landes liegen im Süden im Bereich der Savanne, die begrenzt für Vieh- zucht und Ackerbau geeignet ist. Die 5.697 km lange Grenze hat dieses Binnenland gemein- sam mit Algerien (956 km), Libyen (354 km), Tschad (1.175 km), Nigeria (1.497 km), Benin (266 km), Burkina Faso (628 km) und Mali (821 km). Der niedrigste Punkt, 161 m über dem Meeresspiegel, befindet sich bei Gaya südöstlich von Niamey, wo der Fluss Niger die Repu- 8 So hatten etwa die regionalen Tuareg mit dem Namen „Tin-Galene“ eine Gruppe von Inselbergen nördlich des Greboun- Massivs bezeichnet. Der verantwortliche Kartograph soll diesen Namen jedoch irrtümlich dem Massiv unmittelbar nördlich des Mont Greboun zugeschrieben haben, was in der Folge durch die Fixierung dieses Fehlers in den französischen Landkar- ten von der späteren Bevölkerung übernommen wurde. Darum bezeichnet nunmehr „Tin-Galene“ das 1819 m hohe Massiv auf 20°12’N, 8°40’O, das als erste „Bastion“ der Tuareg-Rebellion Anfang der 90er-Jahre berühmt wurde. (Houiah, Tin- Galene, 30. 1. 2003). 9 So habe der damalige Tuareg-Führer des französischen Kartographen auf Fragen nach einheimischen Bezeichnungen für markante Landschaftsformen, etwa Berggipfel, zum Teil spontan erfundene Namen genannt, u.a. weil viele Gipfel im nördli- chen Aïr gar keine (dem heimischen Führer bekannte) Namen trugen, diese Tatsache aber von den Kartographen nicht ver- standen bzw. nicht akzeptiert worden sei (Houiah, Tin-Galene, 30. 1. 2003). 10 Vgl. Göttler 1989, S. 9. 174 blik Niger zum Benin hin verlässt, der höchste Gipfel mit 2.022 m ist der Mont Bagzane im Aïr. Im Niger lebten im Jahr 2001 10,8 Million Menschen 11, Kinder unter 14 Jahren hatten einen Anteil von knapp 50 %, das Bevölkerungswachstum lag bei 3,3 %. 12 In der im Südwesten am Fluss Niger gelegenen Hauptstadt Niamey leben etwa 700.000 Menschen, mehr als 6 % der nationalen Bevölkerung. In der Region Agadez, die mit 632.300 qkm zwei Drittel des natio- nalen Territoriums umfasst, leben dagegen nur 370.000 Menschen 13, kaum 3,5 % der Bevöl- kerung der Republik. Bei einer rechnerischen Bevölkerungsdichte von knapp 0,6 Einwohnern pro km² konzentriert sich die Bevölkerung auf drei Städte: auf das Verwaltungszentrum Aga- dez mit über 120.000 Einwohnern, die im Zuge des Uran-Booms geschaffene Minenstadt Ar- lit im Norden mit 80.000 Einwohnern 14 und die etwas kleinere Minenstadt Tchirozerine. Der derzeitige Urbanisierungsgrad liegt bei etwa 27 % und er steigt jährlich um mehr als 4 %. 15 Im Niger leben zahlreiche ethnische Gruppen. Die größte Bevölkerungsgruppe stellen die den Handel dominierenden Haussa mit 56 %, gefolgt von den politisch dominanten Djerma mit 22 %, den als Viehnomaden tätigen Fulbe mit 8,5 %, den Tuareg mit 8 %, den im Südosten lebenden Kanuri mit 4,3 %, Araber und Tubus mit 1,2 % sowie etwa 1000 Franzosen. Die große Mehrheit der Bevölkerung ist muslimischen Glaubens. Die Verwaltungssprache ist Französisch, die am weitesten verbreiteten Verkehrssprachen sind Haussa und Djerma. Der Staat Niger gilt seit 1990 gemäß Human Development-Index als ärmstes Land der Welt. 16 Rund 85 % der Bewohner leben von Subsistenzwirtschaft auf dem Land. Das BNP pro Kopf und Jahr liegt bei 90.000 FCFA (137 Euro), der Alphabetisierungsgrad bei 17 %. Die Lebens- erwartung bleibt unter 48 Jahren, beträgt doch die Kindersterblichkeit 12,3 % 17 bei durch- schnittlich 7,4 Kindern pro Frau. 18 Diese Daten werden in der Folge noch näher aufgeschlüs- selt und interpretiert. 6.2 Die Geschichte der Region Agadez Entgegen der in Europa lange Zeit verbreiteten, naiven Ansicht, die meisten außer- europäischen Völker seien aufgrund ihrer ausschließlich mündlichen Überlieferung und man- gels schriftlicher Archive geschichtslos, blickt die Region Agadez auf eine reiche und wech- selhafte historische Vergangenheit zurück. Besonders durch den Einfluss des Islams ab dem ausgehenden 1. Jahrtausend wurde vereinzelt Geschichtsschreibung in Form von Chroniken, aber auch historisch-geographische Forschung durch arabische Reisende, wie etwa Ibn Battu- da, betrieben, sodass die moderne Forschung nicht nur auf mündliche Überlieferungen und historische Funde angewiesen ist. 19 Die nachfolgende Darstellung versteht sich als eine straffe Skizze der historischen Entwick- lung der Region, um die Genese der gegenwärtigen Probleme zu veranschaulichen sowie auch 11 Vgl. Zensus von 2001 in AFP, zit. in Kayaki 2003, Web. 12 Vgl. République du Niger; UNO 1999, S. 28. 13 Vgl. NIGETECH 2001, S. 57. 14 Vgl. Lahnmeyer 2002, Web. Die Daten zu den Bevölkerungszahlen variieren in den verschiedenen Quellen bis zu 50 % (vgl. etwa République du Niger/UNO 1997, Web) und sind darum nur als annähernde Orientierungswerte zu verstehen. 15 Vgl. République du Niger/UNO 1999, S. 25. 16 Ebd., S. 39. 17 Ebd., S. 1. 18 Vgl. CIA 2002, Web. 19 Vgl. Bertaux 1998, S. XX. 175 die aus kulturtouristischer Sicht herausragende Bedeutung der Region. Beginnend mit der Gründung von Agadez lässt sich eine gewisse politische Entwicklung einigermaßen sinnvoll rekonstruieren. 20 6.2.1 Das Sultanat Agadez Die Wurzeln der Siedlung Agadez dürften bis ins frühe 10. Jahrhundert zurückreichen. 21 Seit dem 14. Jahrhundert wuchs die ökonomische Bedeutung der Ansiedlung durch die Niederlas- sung arabischer Kaufleute aus den Touat-Oasen (Region des heutigen Ghardaia in Zentralal- gerien) und Tripolitanien, die Handel trieben mit den Königreichen von Sonrhai am westli- chen Niger, mit den Haussa im Süden und mit dem Königreich von Kanem am Tschadsee. 22 Politische Relevanz gewann Agadez erst im 15. Jahrhundert, 23 als es Sultansresidenz wurde und damit politisch-urbanes Zentrum für fünf Tuareg-Stämme des Aïr in der Gegend der Kel Sandals. Die Institution des Sultanats war schon früher zur politischen Stabilisierung der von Anarchie und kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen Stämmen geprägten Region vorhanden, war jedoch nomadisch geprägt. 24 Damals spielte die von den Sandals gegründete Stadt Assode im Zentrum des Aïr als Sitz des Anastafidet, dem Chef der Kel Ewey, noch die bedeutendere politische Rolle. Erst mit der Errichtung des Sultanats von Agadez repräsentierte der Sultan die stationäre bzw. urbane Macht gegenüber den politischen Organisationen der großen nomadischen Konföderationen, von denen die drei mächtigsten die Kel Ewey im Norden des Aïr, die Kel Gress im Süden und die Kel Ferouan im Umfeld der Stadt waren. 25 Der Sultan war als ruhender Pol für die Organisation und Sicherung des Handels, die Organi- sation der Karawanen und die Aufrechterhaltung der Kommunikation mit den Stämmen ver- antwortlich. 26 Er hatte für die Sicherheit und Ordnung in der Stadt zu sorgen sowie für die Durchführung der religiösen Feste und Zeremonien durch die ihn umgebenden Minister.27 Einkünfte bezog der Sultan durch die Steuern aus den Oasen, dem Passage-Recht der Kara- wanen und aus Gütern, die nach Agadez geliefert wurden. 28 Zur Durchsetzung seiner Aufga- ben konnte er sich auf eine kleine Kavallerie, seine Garde und seine Verbindungsagenten stützen. Seine Macht war insgesamt jedoch weitgehend auf Agadez beschränkt.29 Und selbst diese Macht unterlag der Akzeptanz der Tuareg-Stämme, die ihn gewählt und eingesetzt hat- ten, aber auch absetzen konnten. Dass diese politische Aufgabe des Sultans keine leichte war, 20 Weitere touristisch relevante Details zur Frühgeschichte finden sich im Kapitel „Die Tourismuspotentiale von Aga- dez/Prähistorische Stätten“. 21 Vgl. Ritter 1979, S 93. 22 Vgl. Krings 1982, S. 371. 23 Die Agadezchronik (zit. in Bayard/Giazzi 1996, S. 295) datiert die Gründung des Aïr-Sultanats mit dem Jahre 1405, Zöhrer (1954, S. 88) nennt das Jahr 1460. Vor Agadez sei die Residenz in Tinchaman gelegen. 24 Nach Krings (1982, S. 371) habe ein Chef der Kel Ithesen namens Arumbulu die Initiativen zu einer Sultanswahl gesetzt. 25 Vgl. Bayard/Giazzi 1996, S. 290; Adamou o. A., S. 67. Die Verlagerung des politischen Geschehens nach Agadez zeigte sich auch daran, dass sich der Anastafidet einen Stadtsitz in Agadez errichten ließ (Nicolaisen/Nicolaisen 1997, S. 545 ff.); bez. des Stadtsitzes des Anastafidet, des obersten Chefs der Kel Ewey vgl. das Kap. „Die Tourismuspotentiale von Aga- dez/Agadez“.. 26 Im 19. Jh. war der Sultan auch als oberster Richter im Streit zwischen verschiedenen Tuareggruppen tätig, niemals aber für Streitigkeiten innerhalb der Stämme. Dafür war etwa bei den Kel Ewey der Anastafidet zuständig (Nicolaisen/Nicolaisen 1997, S. 545 ff.). 27 Vgl. Bernus 1993, S 82. So unterstand etwa der Markt der traditionellen Ordnungskraft des Serki’n’kassua, dem Marktauf- seher (Ritter 1979, S. 96). 28 Vgl. Nicolaisen/Nicolaisen 1997, S. 544. 29 Vgl. Bernus 1993, S. 82. 176 zeigt die Geschichte von Agadez deutlich, denn viele Sultane fanden ein gewaltsames Ende. 30 Besonders das 18. und 19. Jahrhundert waren geprägt von regelrechten Bürgerkriegen und vielen kurzen Regierungsperioden. 31 Die Legende führt die Herkunft der Sultane von Agadez auf den Sultan von Istanbul zurück:32 Dieser sei von Delegierten der Aïr-Tuareg um seinen Sohn gebeten worden, doch an dessen Stelle habe der Sultan von Istanbul nur den Sohn einer Sklavin, Yunus, ziehen lassen, der 1405 als erster Sultan eingesetzt worden sein soll. 33 In dieser Herkunftslegende sieht Bernus die Betonung der islamischen Tradition der Sultane. 34 Arabische Manuskripte, die sog. „Chronik von Agadez“, sprechen hinsichtlich der Herkunft des Sultans von einem Land „A’arem Cattafane“, was nach Nicolaisen 35 die Verballhornung des Tamaschek-Begriffs agh- rem settefen sein könnte und „schwarze Stadt“ bedeutet. So entstammt etwa die Familie des gegenwärtigen Sultans, Ibrahim Oumarou, dem Haussa-Ort Stambol, der im Süden bei Do- guerawa in Nigeria liegt. 36 Gegen Nicolaisens’ Theorie wendet Bernus ein, die Familie des Sultans habe ursprünglich keinerlei Beziehungen zu einer Haussa-Dynastie gehabt, und auch die Haussa-Sprache wurde noch Mitte des 19. Jahrhunderts in Agadez kaum gesprochen. 37 Überregional spielte Agadez im 16. Jahrhundert eine bedeutende politische und wirtschaft- liche Rolle; es war nordöstlichster Außenposten des Songhay-Reiches. Um 1500 von Moham- med Asika Daoud, dem Songhai-König von Gao, unterworfen, musste Agadez jährlich einen Tribut von 150.000 Dukaten abliefern, weshalb Gardi vermutet, dass „die Stadt (…) demnach damals sehr reich gewesen sein“ müsse. 38 Aus dieser Zeit stammt auch Ibn Batutas Beurtei- lung Agadez' als die „größte, schönste, stärkste Stadt des Sudan“. 39 Immerhin dürfte die Stadt damals einen Umfang von 4,5 km und rund 10.000 Einwohnern gehabt haben. 40 Ihr „sudane- sisches Gepräge“ habe die Stadt durch die Ansiedlung von Songhay- und Hausa-Händlern erhalten. 41 Mit der Eroberung von Gao durch den marokkanischen Pascha Djodar im Jahr 1591 über- nahm Marokko die Kontrolle des Handels, was in der Folge den wirtschaftlichen Abstieg für Agadez einleitete. 42 Im 18. Jahrhundert profitierte Agadez noch vom Salzhandel wegen seiner günstigen Lage zwischen dem Bornu-Reich im Südosten und den Haussa-Staaten im Süden. 43 Zunehmende Konflikte zwischen den Stämmen ließen jedoch die Bedeutung von Agadez sin- ken, wie Erwin von Bary vom Jahr 1877 berichtete. 44 Parallel dazu verloren der Sultan und der Anastafidet an Einfluss, und mit der Installation der Kolonialmacht im Laufe des 20. Jahrhunderts wurden beide endgültig entmachtet. 45 Heute reduziert sich die Rolle des Sultans, dessen Amt von Ibrahim Oumarou bekleidet wird, 30 Von den bislang 46 eingesetzten Sultanen regierten nur zwei bis zu ihrem Tod, während fast alle (18. – 46. Sultan) nach durchschnittlich drei Jahren abgesetzt wurden. (Bourgeot 1995, S. 334). 31 Vgl. Adamou o.A., S. 67 ff. 32 Vgl. Nicolaisen/Nicolaisen 1997, S. 269. 33 Um damit den besten Platz für die Gründung der Stadt zu bestimmen, habe Yunus eine magische Lanze geworfen (Dayak 1994, S. 50). 34 Vgl. Bernus 1993, S. 81. Agadez hat in der Region Niger die längste islamische Tradition. Der Islam war entweder über die Karawanenstraße des Kawar durch den arabischen Eroberer Oqba Ibn Nafi bereits im Jahr 666 gebracht worden, oder über den Westen des Aïr-Massivs eingesickert, wo im Kori Mammanet, 80 km nordöstlich von Arlit, islamische Gräber aus der Zeit zwischen 640 und 680 n. Chr. gefunden worden sind. (Gado 1994, S. 20). 35 Nicolaisen/Nicolaisen 1997, S. 544. 36 Vgl. Dayak 1994, S. 50. 37 Vgl. Bernus 1993, S. 81. 38 Gardi 1971, S. 15. 39 Zit. in Ritter 1979, S. 96. 40 Vgl. Dayak 1994, S. 51. 41 Vgl. Krings 1982, S. 371. 42 Vgl. Gardi 1971, S. 15. 43 Vgl. Krings 1982, S. 371. 44 Vgl. Zöhrer 1954, S. 88. 45 Vgl. Bayard/Giazzi 1996, S. 295. 177 weitgehend auf die Funktion diplomatischer Streitschlichtung, 46 denn dem Sultan wird noch heute „Baraka“, eine übernatürliche positive Macht, zugeschrieben.47 6.2.2 Die Ära der Kolonisation Nord- und Westafrika waren im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts Ziel massiver Expansi- onsbemühungen der Franzosen. Ihre Ambitionen gerieten infolge eines Massakers im Jahr 1881 durch Tuareg an den Teilnehmern der Forschungsmission Flatters48 für einige Jahre ins Stocken. Im Jahr 1894 eroberten die Franzosen Timbuktu. Im Jahr 1899 endet das Wettrennen zwischen den Kolonialmächten mit einem französisch-britisches Abkommen, in dem die je- weiligen, noch zu erobernden Einflussgebiete dieser Mächte festgelegt wurden. 49 Im selben Jahr eroberten die Franzosen In Salah, die „Hauptstadt“ der nordöstlichen Tuareg, wodurch diese von ihrem wichtigsten wirtschaftlichen Zentrum abgeschnitten wurden. 50 1899 durchquerte der Expeditionszug Foureau-Lamy und damit erstmals bewaffnete Reprä- sentanten der französischen Kolonialmacht 51 die Region Agadez. Der Widerstand, der den Franzosen durch die feindlich gesinnte Bevölkerung entgegengesetzt wurde, reduzierte sich im Aïr im Wesentlichen auf die geschickte Verweigerung der benötigten Ersatztransporttiere. Zu einer unblutigen Konfrontation kam es erstmals in Agadez,52 wo die Franzosen die Präsen- tation des Sultan unter Androhung von Gewalt erzwangen. 53 Bernus bezeichnet dies – nach den friedlichen Kontakten mit Heinrich Barth und Erwin von Bary - als erste feindliche Erfah- rungen der Tuareg mit den Europäern. 54 Ein Jahr später errichtete die Kolonialmacht Frankreich einen Militärposten in Zinder; mit der Kontrolle über die Karawanen konnte Frankreich erstmals direkten Einfluss auf die Region Agadez nehmen. In dieser Periode wurde die Uneinigkeit zwischen den Stämmen besonders deutlich: Während die Kel Ewey zur Kooperation mit den Franzosen bereit waren, weil sie sich die Erhaltung des Karawanenhandels nach Süden im Austausch gegen ihre Unabhängig- keit erhofften, verbanden sich die Imuzzurag unter der Führung von Musa, des Sultans von Damergou, mit anderen Stämmen gegen die Franzosen und schlugen die Kel Ewey im Norden 46 So berichtete Stührenberg (2002 c, S. 47) von einem erfolgreich verhinderten „Kriegs der Marabuts“, dem religiös moti- vierten Konflikt zwischen strenggläubigen Moslems und den eher laxen Tuareg. Die streng gläubigen Muslime seien häufig aus Nigeria stammende, wohlhabende Händler, die zumeist von Saudi-Arabien unter dem Vorwand humanitärer Hilfe finan- ziert werden. Der Konflikt drohte vor wenigen Jahren zu eskalieren, weil die strengen Muslime den Anspruch auf eine eigene Moschee erhoben und dazu übergingen, ständig über Lautsprecher Suren und Gebete zu verlesen. Als die Lautsprecherdrähte von einigen Tuareg gekappt und radikale Muslime Opfer von Gewaltakten geworden waren, verzichteten die Extremisten auf weitere Polarisierung. 47 Der Sultan wird deshalb innerhalb des Palastes bestattet, um zu verhindern, dass seine Gebeine, denen besondere Kraft zur Verleihung von Fruchtbarkeit zugeschrieben wird, geraubt und zu Amuletts verarbeitet werden (Ritter 1979, S. 96; Nicolai- sen/Nicolaisen 1997, S. 545). 48 Deren Aufgabe war die Vermessung einer Trasse für die Trans-Sahara-Bahn gewesen (Bourgeot 1995, S. 275 ff.). 49 Ebd., S. 280. Bereits auf der Berliner Konferenz wurden mit einem Generalakt vom 26. 2. 1885 die Einflusssphären in Westafrika zwischen Frankreich und Großbritannien aufgeteilt; die folgende anglo-französische Konvention vom 9. 8. 1890 legte die Linie von Say am Niger bis Baroua am Tschadsee als Grenze zwischen Frankreich und GB fest, was mit der Kon- vention von 1898 und dem Übereinkommen der Entente Cordiale von 1904 bestätigt wurde (Zamponi 1994, S. XXII). 50 In Salah war ein zentraler Handelsplatz für Sklaven (etwa 80 % des Handelsvolumens) und Feuerwaffen aus Deutschland und Österreich. Das wichtigste Zahlungsmittel war bis dahin der österr. Maria-Theresien-Taler (vlg. Bourgeot 1995, S. 293, 313, 315). 51 Diese Expedition wird zwar häufig als Militärexpedition bezeichnet, war aber als wissenschaftliche Expedition konzipiert und war auch dem frz. Erziehungsministerium unterstanden (vgl. Spittler 1996, S. 246). 52 Agadez zählte damals noch knapp 5.000 Einwohner (Dayak 1993, S. 177). 53 Vgl. Spittler 1996, S. 248. 54 Vgl. Bernus 1993, S. 97. Dies ist jedoch auf den Raum Niger zu beschränken, denn im Gebiet des Niger-Flusses beein- druckte bereits Mungo Park nachhaltig mit Aggressivität und Brutalität (vgl. Spittler 1996, S. 238). 178 von Ollelewa. Als Reaktion eroberten die Franzosen unter Leutnant Bouthel am 19. Juli 1900 die 35 km südlich von Tanut gelegene Festung Musas, Tanamari, schlugen die Imuzzurag, töteten dabei auch Musa, und schleiften die Festung. Am 23. Juli 1900 wurde per Dekret das „Dritte militärische Territorium Niger“ mit Sitz in Zinder ausgerufen. 55 Darauf emigrierten die geschlagenen, jedoch nicht unterworfenen Imuzzurag in Massen nach Süden. 56 Diesem Exodus folgten in den Jahren 1901/02 außer den Kel Ewey sämtliche Tuareg-Stämme der Region. 57 Tahoua im Süd-Westen von Agadez wurde im Dezember 1900 von den Franzosen besetzt, weitere Orte im Norden rasch unterworfen und die dortigen Tuareg-Stämme, die Kel Dinnik, nach Norden gedrängt und schrittweise unterworfen. 58 Am 7. Mai 1902 gewannen schließlich die Franzosen unter Laperrine59 mit überlegener Waffengewalt die entscheidende Schlacht von Tit nördlich von Tamanrasset gegen die Kel Ahaggar, was zu deren Unterwerfung unter deren Amenokal Musa ag Amastan führte. Die formelle Unterwerfung der Kel Aïr wurde erst im August 1903 vollendet, als französi- sches Militär nach Agadez kam, um die Karawane nach Bilma zu eskortieren. Dabei wurden die wichtigsten Chefs der Kel Aïr beordert und deren grundsätzliche Unterwerfung erzwun- gen. Zur Besetzung von Agadez kam es im Jahr darauf für wenige Monate durch Leutnant Jean, abermals im Zuge einer Karawaneneskorte. Da die Kolonialmacht bis zu diesem Zeit- punkt nur partiell Einfluss nahm, bestand im Aïr weiterhin Freiheit für Rezzus, daher herrsch- te große Unsicherheit. 1906 wurde endgültig ein französischer Posten in Agadez errichtet. In dieser Phase war es niemals zu echten Konfrontationen zwischen den Kel Aïr und den Fran- zosen gekommen, da sich die meisten Stämme freiwillig unterworfen hatten. 60 Einfluss nahm die Kolonialmacht durch Auswechslung des Sultan, der weitgehenden Über- nahme seiner Rechte, insbesondere des Steuerrechts, durch die Militärverwaltung, 61 und in der Sicherung der freien Passage der Karawanen mittels regelmäßiger Begleitung durch Mili- tär. Im Gegensatz zum Süden, wo schon bald eine Ziviladministration eingerichtet wurde, blieb der Norden wegen des Misstrauens der Kolonialmacht gegen die Tuareg bis 1947 unter strenger militärischer Verwaltung um die Sicherheit aufrecht zu erhalten. 62 55 Das Territorium war Teil der neu geschaffenen Kolonie „Haut Sénégal-Niger“, dem ehemaligen „Sudan“, mit Verwal- tungssitz in Dakar. Am 26. 12. 1904 wurde das 1. und das 3. militärische Territorium zum „Territoire Militaire du Niger“ vereint, das vom Tschadsee bis westlich von Timbuktu reichte. Zamponi 1994, S. XXXIII. 56 Vgl. Nicolaisen/Nicolaisen 1997, S. 42. In der Folge hatte es wiederholt Widerstände der Bevölkerung gegen die Koloni- almacht gegeben, etwa eine Djerma-Revolte (1905 - 1906) unter dem Sultan von Zinder (Grégoire 1999, S. 28). 57 Riou (1968, zit. in Bernus 1993, S. 98) sieht im Einfluss des radikal-islamischen Ordens der Senussisten einen der Gründe für diese Feindseligkeit und den dadurch verursachten Auszug der Tuareg-Stämme, unter denen sich auch jener Kaosen befand, der Jahre später im Dienst der Senussisten den Aufstand im Aïr anführte (Odile Dayak, zit. in Dayak 1994, S. 47). 58 Weil es dem Ehrenkodex des Amenokal der Kel Dinnik, Mokhammed ag El Kumati, widersprach, sich den Franzosen zu unterwerfen, ließ er die Unterwerfungsurkunde von einem vertrauten Schmied unterzeichnet, während er sich selbst nach Afukada bei InGall zurückzog, wo er 1903 starb, ohne mit den Franzosen in Kontakt gekommen zu sein (Bernus 1993, S. 98). 59 Der enge Freund von Charles de Foucauld wurde nach diesem Sieg von Frankreich so verehrt „comme (…) d’Artagnan“ (Dautheville 1993, S. 120). 60 Im Gegensatz dazu hatte 1905 - 1906 der Marabu Alfa Saibu in der Region von Dosso die dortigen Djerma zum Heiligen Krieg gegen die „Ungläubigen Weißen“ aufgerufen; der Niederschlagung fielen an die 50 Djerma zum Opfer. Weitere Revol- ten gab es Anfang 1906 im Songhai-Gebiet unter Oumarou sowie einen zuvor entdeckten, versuchten Aufstand unter dem Sultan von Zinder, Amadou Dan Gassa (Salifou 1993, S. 75 ff.). 61 Als Ersatz für das Steuerrecht versorgten die Franzosen den Sultan mit einer Rente (Adamou 1999, S. 204). 62 Ebd., S. 203. 179 6.2.2.1 Die Tuareg-Revolte von 1916 Eine schwerwiegende Dürreperiode in den Jahren 1911-1913, gefolgt von einer Hungersnot, schwächte den Widerstand der Bevölkerung beträchtlich. Die Normalisierung der Nieder- schläge im Jahr darauf führt zu verstärkter Auflehnung, insbesondere auch deshalb, weil gleichzeitig die militärische Macht der Franzosen durch den Ausbruch des 1. Weltkriegs stark geschwächt worden war. Gleichzeitig stieg die Antipathie aller großen Ethnien im Niger ge- gen die Kolonialmacht Frankreich, da diese vermehrt Vieh 63 und Sklaven requirierte. 64 Schließlich glaubte die Bevölkerung im Aïr der Propaganda der Senussisten 65 in Tripolis, die die Tuareg zum Heiligen Krieg gegen die Kolonialmacht aufriefen. Bald erfasste eine bislang in dieser Form völlig neue Revolte das ganze Land, allerdings brach sie nicht zur gleichen Zeit und nicht koordiniert aus. Im Westen, in der Region des heutigen Mali, bei den Kel Iul- lemmeden von Menaka wurde der Aufstand vom charismatischen Amenokal Firhun Ag-el- Insar geleitet, wogegen die Kel Aïr von Kaosen geführt wurden. 66 Die wesentlichen Gründe für die Erhebung der Tuareg lagen im Verlust ihrer bislang wich- tigsten Einkommensquellen (Raubzüge und Schutzgeldzahlungen durch die Handels- karawanen), in der Unterdrückung des Sklavenhandels durch die Kolonialmacht und in der Untergrabung der alten Machtverhältnisse, die die einst tributberechtigten und nunmehr steu- erpflichtigen Stämme wieder herzustellen suchten. 67 Firhun, seit 1902 Amenokal der Kel Attaram, hatte sich 1903 den Franzosen unterworfen, aber bereits zuvor versucht, eine Koalition der Kel Tamaschek für den Kampf gegen die Kolonial- truppen zu organisieren; 68 er war aber entdeckt und 1914 zu Gefängnis verurteilt worden. 69 Als man ihn schließlich auf eine Insel vor der Elfenbeinküste ins Exil schicken wollte, gelang es ihm, die französischen Militärs mit seinem Charme zu beeindrucken und freizukommen, worauf er erst mäßigend auf vereinzelte Unruhestifter einwirkte, dann aber am 13. 2. 1916 offiziell zum Jihad, dem heiligen Krieg, aufrief. Auf dieser religiösen Basis gelang es Firhun, Sklaven und Aristokraten zu einem Heer zu sammeln und Menaka und andere Orte anzugrei- fen, jedoch ohne Erfolg. Die daraufhin von den Franzosen zusammengezogenen Truppen überfielen am 9. Mai die bei Aderambukan versammelten Kämpfer Firhuns und dezimierten sie mit der Kraft von 350 Gewehren, was der Revolte ein Ende setzte. 70 Die überlebenden Kel Attaram wurden deportiert. 71 Ganz anders war die von Kaosen ag Wantiggida, vom Stamm der Ikazkazan von Damergou, getragene Revolte im Aïr verlaufen. Vor der Unterwerfung durch die Franzosen war der um 1880 geborene Kaosen 1901 nach Kanem und weiter in den Fezzan emigriert, wo er wenige 63 Im Jahr 1913 waren für einen Tibesti-Feldzug 23.000 Kamele ersatzlos requiriert worden, von denen keines ins Aïr zu- rückkehrte (Bourgeot 1995, S. 331). 64 Die Sklaven wurden auf Kosten der freien Tuareg als Übersetzer, Konkubinen und Personal eingesetzt (Bourgeot 1995, S. 330). 65 Die islamische Brüderschaft der Senussisten erstrebte die Erneuerung des Glaubens und die Bekämpfung der Ungläubigen. Die Bewegung war von Mohamed ben Ali Senoussi, geb. 1817 in Torch, Oranien, im Jahr 1837 gegründet worden. Er ver- breitete sie in Fez, Kairo und Mekka, gründete zahlreiche „Klöster“ (u.a. in Ghadames und Ghat) und starb 1859 in Libyen. Sein Nachkomme, Ahmed El Sharif, finanzierte den Kampf gegen die Kolonialmächte zu Beginn des 20. Jahrhunderts (Bourgeot 1995, S. 326). 66 Eine weitere Revolte hatte sich auch im Norden des damaligen Obervolta zugetragen (Vgl. Bourgeot 1995, S. 286, 311). 67 Ebd., S. 306, 318 f. 68 Firhun hatte sich in der Hoffnung unterworfen, die Franzosen würden die Kel Attaram gegen die Rezzus der Kounta schüt- zen. Als die Franzosen diese Hoffnung aufgrund ihrer militärischen Schwäche enttäuschten, verweigerte er die Steuerleistung und begann einen Aufstand zu initiieren (Salifou 1993, S. 27). 69 Vgl. Bourgeot 1995, S. 323. 70 Firhun konnte fliehen und starb schließlich infolge eines Rezzus durch die Kel Ahaggar unter Musa ag Amastan, seinem alten Gegner, im Juni 1916 (Bernus 1993, S. 99; Grégoire 1999, S. 29). 71 Vgl. Salifou 1993, S. 29. 180 Jahre später zu einem engen Freund des Senussisten-Chefs Sidi el Labid wurde und deshalb bald darauf Gouverneur des Fezzan. Bald wurde er zu einer der wichtigsten Personen im Hei- ligen Krieg, den der große Senussi von Kufra im Oktober 1914 erklärt hatte. 72 Ende 1914 mussten die italienischen Kolonialtruppen den Fezzan verlassen, worauf das in Ghat zurück- gelassene Kriegsmaterial, darunter auch Kanonen, Waffen und Munition, den Senussisten unter Kaosens Führung zufiel, sodass sie die Franzosen im März 1916 aus Djanet vertreiben konnten. In dieser Situation erschien es militärisch opportun, Agadez anzugreifen. 73 Am 13. Dezember 1916 traf Kaosens Einheit mit 220 regulären Soldaten und etwa 1.000 Hilfskämp- fern 74 ein, wurde von Sultan Tegama 75 eingelassen, und der französische Posten unter Kom- mandant Sabatier wurde tagelang mit Kanonen beschossen. 76 Als sich am 26. 12. die eskor- tierte Bilma-Karawane näherte, wurde diese in Tchin Taboraq, 25 km östlich von Agadez, von Kaosens Truppen aufgerieben. Kaosen, dem als Charakterzüge Energie, Ausdauer, Tapferkeit und militärisches Talent zuge- schrieben wurden, 77 gelang es, eine große Anhängerschaft aus den Stämmen des Aïr und der weiteren Umgebung unter seiner Führung zu vereinen. Die Gefolgschaft hatten ihm dagegen die Dinnik verweigert, und zwar deshalb, weil Kaosen - Sohn einer Sklavin - nicht aus „gutem Hause“ gewesen sei, und Bernus unterstreicht diese Tatsache mit den Hinweis, dass es inso- fern keinerlei Einigkeit unter den Stämmen gegeben habe, als zahlreiche gegensätzliche Standpunkte nach Gruppen und nach Weidegebieten der Stämme bestanden hätten. Bis auf die östlichen Stämme unter Fona hatten auch die Kel Ewey nicht am Kaosen-Aufstand teilge- nommen, weil sie als Karawaniers gerade durch die Schutzmacht der Franzosen profitiert hat- ten; immerhin waren sie häufig von Tuareg aus dem Süden und aus dem Westen überfallen worden. 78 Dieser historische Umstand ist von großer Bedeutung, da sich manche Autoren auf die Kao- sen-Revolte als Vorbild berufen für den in der Tuareg-Rebellion der 90er-Jahre erhobenen Anspruch auf eine eigene „Tuareg-Nation“ 79, was nachweislich auf einem gravierenden histo- rischen Irrtum beruht. 80 Dies gilt um so mehr für die Hoffnung der Senussia auf eine geeinte Front der gesamten Bevölkerung gegen die Kolonialmacht. Tatsächlich aber lehnten alle sess- haften Ethnien grundsätzlich die Kel Tamaschek ab aufgrund deren brutaler Dominanz, viel- mehr zog die sesshafte Bevölkerung die Unterdrückung durch die Kolonialmacht - trotz deren Missbräuche, Steuern etc. vor. Die Unterstützung der Tuareg hätte für die sesshafte Bevölke- 72 Insofern betrachtet Bernus (1993, S. 100) die nachfolgende Revolte im Aïr weniger als reinen Tuareg-Aufstand, sondern sieht darin im Vergleich mit dem Kampf Firhuns eher einen universellen Charakter. Odile Dayak (1994, S. 47) nennt diesen Aufstand insofern auch „une guerre de l’État senoussi contre l’État français“. Dagegen wendet Bourgeot (1995, S. 335 f.) ein: „Cette révolte de l’Aïr est fondamentalement touarègue,“ weil seitens der beteiligten Tuareg-Stämme der klare Wille bestanden hatte, ihre einstige politische Vorherrschaft wiederzuerlangen. Am ehesten treffe eine Qualifikation des Aufstan- des als „guerre anticoloniale“ und weniger als „nationaliste“ zu (ebd., S. 338). 73 Allerdings stand Gao unter frz. Kontrolle; es herrschte dort eine starke Opposition der Songhay gegenüber den Tuareg, und im Tibesti war die Allianz der Tubus mit den Tuareg äußerst brüchig (Bourgeot 1995, S. 332). 74 Vgl. Salifou 1993, S. 31. 75 Tegama wird von Bourgeot (1995, S. 353) als spiritueller und ideologischer Chef des Aufstandes betrachtet, der, nicht zuletzt aufgrund seiner Position als Sultan, wahrscheinlich unter den Rebellen der größte Anhänger der Senussisten gewesen sei. 76 Damals ließ Tegama Kaosen einen Palast neben der Großen Moschee erbauen, der als Audienzsaal diente. Seit 1963 dient das Gebäude als „Hotel de l’Aïr“ (NIGETECH 2002, S. 58). 77 Vgl. Riou o.A., S. 118. 78 Vgl. Bourgeot 1995, S. 325. Bernus (1993, S. 101) betont: „Il n’y a donc aucune unité de vue ni d’action, mais des tirail- lements en sens inverse selon les groupes, ou selon le lieu de nomadisation des tribus. “ 79 Vgl. Dayak 1996, S. 211 f.; Claudot-Hawad 1993, S. 178; Claudot-Hawad 1996, S. 26. 80 Indifferent Odile Dayak (1994, S. 47). Näheres dazu im Kap. „Die Marke „Tuareg“ – Mythos und Images/Die Tuareg- Rebellion und ihre Folgen: Opfer und Helden“. In diese Problematik fällt auch die Ermordung Pater Charles de Foucaulds in Tamanrasset am 1. 12. 1916 durch Senussi-Anhänger, die dem Stamm der Aït Lowayen angehörten, der häufig eine eigene Politik verfolgt hatte. So waren es auch die Aït Lowayen, in deren Gebiet die Mitlieder der Mission Flatters massakriert worden waren (Bourgeot 1995, S. 322). 181 rung lediglich die Restauration der alten, unliebsamen Abhängigkeitsverhältnisse, der Raub- züge und der Sklaverei, wieder hergestellt.81 Von den Ereignissen in Agadez benachrichtigt, ließ die französische Militärverwaltung am 7. 2. 1917 in Zinder Truppen aus Menaka und Tamanrasset zu einer Strafexpedition zusammen- ziehen. Nach harter Schlacht in Aderbissinat, südlich von Agadez, zwischen der 1.250 Mann starken Kolonne aus Zinder und den Tausenden Anhängern Kaosens gaben diese am 3. März Agadez auf und zerstreuten sich im Aïr. 82 6.2.2.2 Das Massaker in Agadez Am 4. März 1917, nachdem Kaosens Truppen die Stadt geräumt hatten, übergaben die Mara- buts von Agadez einen Brief an den französischen Befehlshaber Kolonel Mourin, in dem sie die Ablehnung Kaosens ausdrückten und ihre Unterwerfung unter die Franzosen zusicherten. Doch ohne darauf einzugehen, massakrierten die Franzosen die in der Moschee versammelten Marabuts und Araber, obwohl sämtliche Anführer des Aufstandes und die Senussisten die Stadt bereits verlassen hatten. So wurden erst recht die ausgesprochenen Gegner Kaosens ausgelöscht. Nach Ansicht Odile Dayaks sei jedoch die Vernichtung der Eliten von Agadez Teil der gezielten Strategie der Kolonialmacht zur Pazifizierung der Region gewesen. 83 Zu- dem wurden sämtliche Güter in der Stadt beschlagnahmt. 84 Unterdessen standen die meisten Stämme der Region Damergou und des Aïr - außer den Kel Ewey - hinter Kaosen und dem aus Agadez geflüchteten Sultan Tegama. Bis Juli 1917 wand- ten die Truppen Kaosens im Aïr die Partisanentaktik an unter Einsatz zahlreicher Rezzus. 85 Gleichzeitig nahmen die Kolonialtruppen, aufgestockt durch weitere Verstärkung aus Menaka sowie aus Tamanrasset mit Unterstützung der Kel Ahaggar unter Amenokal Musa ag Amastan die Verfolgung von Kaosens Truppen auf. Im Verlauf des Jahres 1917 hatten sie immer mehr Stämme unterworfen. 86 Im Feber 1918 kam es schließlich zu einem entscheidenden Angriff der Kel Ahaggar unter Musa ag Amastan auf Kaosen, wobei dieser viel Material und viele Truppen verlor. Kaosen zog daraufhin gemeinsam mit Sultan Tegama und 500 Mann ins Tibesti und – auf den Hilferuf von Kaosens Senussisten-Freund Sidi - weiter nach Murzuk, wo mittlerweile ein Araber namens Alifa die Regionalmacht an sich gerissen hatte. Im folgenden Kampf unterle- 81 Ähnlich argumentiert Bourgeot (ebd., S. 334) bez. der Unterstützung des Sultans Tegama, der, ohne reale Hausmacht, wohl die Rebellion als Chance gesehen haben mochte, die für die Institution des Sultan gegenüber den Tuareg traditionell ungüns- tige Position durch eine Reduktion der militärischen Macht des Tuareg-Adels zu verbessern. Insofern trafen sich an diesem Punkt die politischen und religiösen Interessen der Senussia und des Sultans. 82 Vgl. Bernus 1993, S. 102. 83 Vgl. Dayak, Odile 1994, S. 48, unter Hinw. auf Triaud, Jean-Louise 1976: Un épisode oublié de la guerre de Kaocen. IRSC, Niamey. Von einem ähnlichen Vorfall weiter westlich berichtet auch Bernus (1993, S. 102): Capitaine Sadoux vom Posten Tahoua in Tanout (nördlich von Abalak) ließ am 6. März ohne vorangegangenen Kampf mehr als 200 Tuareg- Krieger, darunter fast alle Krieger der Kel Dinnik und den Amenokal Ikhezi, den letzten traditionellen Repräsentant des Ette- bel im Azawagh, in einem Dornengatter versammeln und tags darauf massakrieren, wodurch der Azawagh praktisch entvöl- kert wurde. In der Folge profitieren die Kel Gress und die Kel Illisawan, die sich bei der Revolte gegen die Franzosen nicht beteiligt hatten, von zahlreichen Rezzus unter dem Deckmantel der Befriedung und mit Wohlwollen der Franzosen. 84 Vgl. Salifou 1993, S. 32. 85 Vgl. Nicolaisen/Nicolaisen 1997, S. 292. Diese Raubzüge konnten erst 1950 dank der Einführung der drahtlosen Kommu- nikation zwischen den franz. Posten endgültig abgestellt werden. Bis dahin galten solche „Unternehmungen“ als regelrechter Lebensunterhalt. 86 Bourgeot (1995, S. 337) weist darauf hin, dass mit dem sinkenden militärischen Erfolg Kaosens immer mehr Kel Tama- schek abfielen, weil er in ihren Augen nur noch Banden-Chef war, mit dem für die Adeligen ein Bündnis (nicht zuletzt auf- grund seiner zweifelhaften Herkunft) als kompromittierend empfunden wurde. 182 gen, wurde Kaosen gefangen genommen und am 5. Jänner 1919 gehängt. 87 Sultan Tegama hingegen kehrte ins Djado zurück, wo er am 30. Mai 1918 von Meharisten verhaftet und am 30. April 1920 im Gefängnis von Agadez getötet worden ist.88 Kaosens Bruder, Moktar Kadi- ogo, flüchtet mit den letzten Rebellen-Gruppen ins Djado und weiter ins Tibesti, wo er beim befreundeten großen Tubu-Chef Mai Shaffami Schutz fand, schließlich aber im Mai 1920 von einer Tubu-Bande massakriert wurde. 89 Letztlich war die Rebellion mit ihren Folgen von vernichtender Wirkung für fast alle Tuareg- Stämme. Einige Stämme, wie die Iullemmeden Kel Dinni, waren bis auf wenige Einheiten ausgelöscht worden. 90 360 Personen waren in Agadez exekutiert, weitere 953 im Kampf getö- tet worden; 91 etwa 30 000 Aïr-Tuareg waren in Emigrationswellen nach Nordnigeria geflüch- tet, wo sie sich in Dörfern und Städten um Kana und Kanzea ansiedeln konnten. 92 Doch auch wirtschaftlich war das Aïr durch den Verlust von 25.000 Kamelen massiv geschwächt wor- den, so dass der Region im Jahr 1918 lediglich 3.000 Kamele verblieben waren. 93 Hauptgründe für das Scheitern der Revolte waren Mangel an Koordination und Fehlen einer zentralen Organisation, Mangel an technischer Kompetenz, vor allem an vielfach diver- gierenden Interessen einerseits zwischen den Tuareg (Elimination der Franzosen, Wieder- errichtung der Kontrolle über den Karawanenhandel) und den Senussisten (Errichtung eines muslimischen Reiches unter der Herrschaft der Senussia), andererseits der verschiedenen Tua- reg-Stämme untereinander, insbesondere zwischen den Kel Ewey, die vom Schutz ihrer Ka- rawanen durch die Franzosen profitiert hatten und den Kel Ahaggar, die durch die Allianz mit den Franzosen ihre traditionellen Handelszonen erhalten wollten. 94 Ihnen allen stand gegen- über eine stramme militärische Organisation der französischen „Compagnies Sahariennes“. 6.2.2.3 Die Kolonialverwaltung bis 1960 Die schwerwiegendsten Auswirkungen der Rebellion für die Region Agadez waren jedoch politischer und verwaltungstechnischer Natur seitens der Kolonialmacht. 95 Die Region Aga- dez hatte nach der Rebellion sehr unter den politischen und verwaltungsmäßigen Reformen der Kolonialmacht zu leiden. Zur Durchsetzung der Befriedungspolitik wurden zahlreiche 87 Vgl. Salifou 1993, S. 33. 88 Vgl. Salifou (1973, S. 197; erneut 1993, S. 33) widerlegt die Behauptung vom Selbstmord Tegamas und dokumentiert, dass Tegama auf Befehl von Capitaine Vitali erwürgt worden war. 89 Vgl. Bernus 1993, S. 103. Endgültig „befriedet“ wurde die Sahara durch die Franzosen erst im Jahr 1935 nach der Beset- zung von Tinduf (Bourgeot 1995, S. 312, FN. 2). 90 Unbeschadet überstanden hatten die Revolte hingegen die Kel Ahaggar Dank ihres kollaborativen Amenokals Musa ag Amastan. Sie konnten sich sogar bereichern, indem sie sich den französischen Truppen angeschlossen und ungestraft die Kel Aïr und die Lager Kaosens plündern durften (Bernus 1993, S. 101. f). Bourgeot (1995, S. 322) weist jedoch darauf hin, dass Musa vielmehr eine abwartende Haltung gegenüber der Revolte gezeigt und erst dann eingegriffen hatte, als er Kaosens Sache bereits für verloren erachten musste. 91 Vgl. Salifou 1993, S. 34. 92 Vgl. Nicolaisen/Nicolaisen 1997, S. 42. 93 Die Auswirkung machte sich bei der Bilma-Karawane im Herbst 1924 bemerkbar, an der lediglich 7.500 Tiere teilnahmen – im Gegensatz zu 20.000 Tieren im Jahr 1908: Die Tuareg brauchten 30 Jahre, um den Ziegenbestand aus der Zeit vor der Rebellion wieder zu aufzubauen (Vgl. Grégoire 1999, S. 29 ff.) 94 Auch von den Kel Ahaggar hatten sich einige wenige Stämme Kaosen angeschlossen – im Gegensatz zu Musa ag Amastan – nämlich jene, die die Unterwerfung unter die Franzosen nach der Niederlage bei Tit im Jahr 1902 niemals akzeptieren konnten (Vgl. Bourgeot 1995, S. 336 f.). 95 Die „Colonie du Niger“ wurde erst 1922 errichtet, nachdem die Befriedung weitgehend durchgesetzt war. Die Hauptstadt der Kolonie wurde im August 1926 Niamey, wohin sich die Militärverwaltung bereits 1902-03 vorübergehend aufgrund eines Aufstandes in Zinder zurückgezogen hatte. Eine wesentliche Grenzveränderung brachte im November 1929 die Abspaltung des Tibesti als neuen Teil der Kolonie Tschad (Zamponi 1994, S. XXXIII.). 183 Militärposten eingerichtet, darunter 1921 ein Posten in Iferouane im Aïr, der 1926 zu einem Verwaltungsposten umgewandelt wurde. 96 Agadez selbst wurde 1922 administratives Zent- rum der Region. 97 Die Politik der Kolonialmacht – Eintreiben der Steuern 98 und das Requirie- ren von Gütern, Transporttieren und Personen - wurde auf repressive Weise unter Androhung von Gefängnisstrafen exekutiert, wodurch das ohnehin vorhandene Misstrauen der Bevölke- rung weiter wuchs. 99 Um die Bewohner, die als Nomaden zuweilen weit verstreut lebten und zudem traditionell äußerst komplex organisiert waren, leichter politisch und steuerlich erfassen zu können, sie- delte die Administration nach dem Prinzip „divide et impera“ die traditionellen Gruppen weitgehend um, indem sie künstliche menschliche Ansammlungen, getrennt in “Stämme“ oder „Dörfer“ 100 und administrative Gruppen nach einem Kantonsmodell, schuf. Die so ge- bildeten Bevölkerungskonglomerate enthielten Menschen unterschiedlichster Herkunft, zu- weilen ohne jede traditionelle Beziehung zueinander. 101 Die Administration förderte in einer strategischen Aktion zur Erhöhung der Steuereinnahmen eine gewisse Komplizenschaft zwischen den französischen Militärs und den einstigen Stam- mesführern, deren traditionelle Macht zwar gebrochen war, die nun aber durch die Übertra- gung völlig neuer Aufgaben als politische Bindeglieder aufgebaut wurden, insbesondere zum Zweck der Steuereintreibung. 102 Auch ein Anastafidet als oberster Repräsentant der Kel Ewey 103 wurde durch die Administration als Chef und damit als Verbündeter anerkannt. 104 Diese Strategie der Schaffung politischer Mittelsmänner konnte nicht ganz ohne Probleme umgesetzt werden. Viele Chefs waren von den Franzosen willkürlich eingesetzt worden, wes- halb ihnen ihre neuen Untergebenen Misstrauen und Widerstand entgegen brachten. In der Folge gaben deswegen viele Chefs auf oder mussten gar die Stämme verlassen. 105 Auf der Konferenz von Brazzaville im Jahr 1944 beschloss Frankreich eine grundlegende Neuorientierung seiner Kolonialpolitik. 106 Dies führte ab 1946, nach der Ausrufung der Vier- ten Republik Frankreichs, zum Wandel in der Behandlung der Kolonialbevölkerung. Der Ko- lonialstatus wurde aufgegeben. Die einstige Kolonie sollte in das französische Weltreich in- tegriert, Behandlung der Kolonialbevölkerung vom Objekt des „eingeborenen Einwohners“ zum „Bürger“ aufgewertet und schrittweise mit begrenzter politischer Mitsprache betraut 96 Vgl. Adamou 1999, S. 204 f. Nie war es der Kolonialmacht gelungen, die Region gänzlich zu befrieden. So gab es im Air auch noch in den 50er-Jahren während der Sommersaisonen immer wieder Kämpfe zwischen Tuareg- und Fulbe-Gruppen um Wasserlöcher für die Tiere, wobei Verwundungen und oder gar Tötungen mittels Schwertern nicht ungewöhnlich waren (Nicolaisen/Nicolaisen 1997, S. 524). 97 Vgl. Dayak O. 1994, S. 42. 98 Viele Jahre war die Eintreibung der Steuern (amana) - anfangs in Form von Vieh und später in Form von Geld - der ein- zige Kontakt zwischen Nomaden und Militärverwaltung. 99 Adamou 1999, S. 204 f. Bernus (1993, S. 108) unterstreicht die Kompromisslosigkeit der Franzosen am Beispiel der kom- pensationslosen Requirierung der Transportkamele in Bilma im Jahr 1913 für einen militärischen Zug ins Tibeti. Diese Ex- pedition kehrte erst 1914 zurück, wobei viele Tiere gestorben waren und der Karawanenhandel dadurch auf Jahre geschädigt war. 100 Vgl. Bernus 1993, S. 77. 101 Die Stämme vermischten sich dadurch so sehr, dass eine originale Identität der einzelnen Gruppen bzw. deren Rekon- struktion unmöglich geworden ist. Dadurch wurde die lokale und geographische Zugehörigkeit – im Gegensatz zur traditio- nellen Zugehörigkeit - zur wesentlichen Determinante der Identität der Menschen im Aïr (Bayard/Giazzi 1996, S. 297). 102 Vgl. Bernus 1993, S. 77. 103 Allerdings unterstehen nicht alle Stämme der Kel Ewey dem Anastafidet. So sind etwa die Imagegzil von der Region Timia dem Sultan von Agadez verbunden. 104 1930 schrieb der Verwaltungschef Loppinot über die einheimische Exekutivgewalt: „Pour conquérir le pays, nous ser- vions des chefs héréditaires, après les avoir battus, achetés, ou dresses les uns contre les autres. Au début, nous avons fermé les yeux sur leur procède d’administration, car nous avions besoin d’eux. Puis notre pouvoir s consolidant, nous les invitâ- mes, timidement d’abord, ensuite à l’aide d’arguments décisifs (tribunaux et révocations) à se transformer de Mandrin en Saint François d’Assise.“ (Zit. in Bernus 1993, S. 108.) 105 Vgl. Adamou 1999, S. 204 f. 106 Nach dem Grundsatz einer „Französischen Union“ für das Verhältnis zwischen Mutterland und Kolonien i. S. der staats- rechtlichen Unteilbarkeit der Republik sollten nunmehr die Kolonien dem Mutterland angeglichen bzw. assimiliert werden (Verlag Ploetz 1991, S. 720). 184 werden. Mitte der 50er-Jahre wurde den besetzten Gebieten das volle Wahlrecht und das Recht zur Schaffung der eigenen Regierungsorgane, im Sinne weitgehender Selbstverwaltung, übertragen. 107 Für die Beziehungen zwischen der regionalen Administration und der Bevölke- rung von Agadez änderte sich dadurch allerdings wenig. Als sich zunehmend eine Abnabelung der Kolonien abzeichnete, setzte Frankreich Anfang der 50er-Jahre eine weitere Initiative zur Ausgliederung der saharischen Regionen und deren poli- tischer Umformung in die „Organisation commune des régions sahariennes“ (OCRS). Dieses als Ensemble verstandene Gebiet mit 4,3 Mio. km² Ausdehnung zwischen Atlantik und Sudan bzw. zwischen Mittelmeer und Atlas bis zum Niger-Fluss hätte die ökonomische Einheit der Sahara erhalten und die soziale Entwicklung der dortigen Bevölkerung fördern sollen. Tat- sächliches Motiv war aber, die Ausbeutung der saharischen Bodenschätze durch Frankreich zu sichern, und einen nutzbaren Raum für die Durchführung von Nukleartests zu behalten.108 Die Tuareg-Bevölkerung hatte große Sympathie für dieses Projekt, weil sie sich der französi- schen Administration gegenüber mehr verbunden fühlte als der zu erwartenden „schwarzen“ Verwaltung der entstehenden, jungen Staaten. Das Projekt eines quasi-französischen Staates inmitten nord- und westafrikanischer Reiche stieß jedoch auf massiven Widerstand insbeson- dere seitens Algeriens und Malis und wurde daher mit dem Vertrag von Evian, 1962, aufge- geben. 109 Unterdessen war Niger am 4. Dezember 1958, dem Tag der Errichtung der 5. Republik in Frankreich, zum autonomen Staat innerhalb der Französischen Gemeinschaft geworden, und am 3. August 1960 folgte die endgültige Entlassung des Staates Niger in die Unab- hängigkeit. 110 6.2.3 Die nationale Verwaltung seit 1960 Im Vorfeld der Unabhängigkeit hatte sich der einstige Lehrer Diori Hamani, Angehöriger der Djerma, als politische Persönlichkeit des Staates Niger gegenüber seinem politischen Rivalen, Djibo Bakary, durchsetzen können. 111 Am 9. November 1960 wurde er von der Nationalver- sammlung, dominiert von seiner Partei PPN (Parti progressiste nigérien) 112, zum Präsidenten der Republik gewählt, fünf und zehn Jahre später neuerlich – als einziger Kandidat. Doch 1970 war bereits jegliche politische Opposition von der neu geschaffenen nationalen Ein- heitspartei eliminiert. 113 In diese Periode fiel die neue administrative Strukturierung der Regionen nach französischem Vorbild in Departements, Arrondissements und Gemeinden. Die Region nördlich von Zinder bzw. östlich von Tahoua wurde zum Departement Agadez mit gleichnamigem Sitz der Präfek- 107 Vgl. Zamponi 1994, S. XXXIV. 108 Die erste Atombombe zündete Frankreich am 13. Feber 1960 in In Ecker und Reggan in der algerischen Sahara (vgl. Grégoire 1999, S. 32). 109 Ebd., S. 33 f. 110 Vgl. CIA 2002, Web. 111 Bakary hatte 1956 die Wahl zum Bürgermeister von Niamey und 1957 mit seiner Partei Mouvement Socialiste Africain (MSA) jene für die Territorialversammlung gewonnen, wurde Chef der ersten nigrischen Regierung, musste aber 1958 zu- rücktreten, weil er das Referendum zugunsten einer völligen Unabhängigkeit von Frankreich verloren hatte. Die Neuwahlen im Dezember 1958 gewann Diori Hamani mit der (PPN). Als Premierminister verbot er schrittweise Bakarys Haussa- dominierte Partei und schickte Bakary ins Exil (vgl. Zamponi 1994, S. XXXIV f.). 112 Die Partei repräsentierte eine pro-französische Djerma-Songhay-Line. 113 Vgl. Grégoire 1999, S. 34 f. Bis zu diesem Zeitpunkt war es zu mehreren Putschversuchen, angeblich durch militärische Anhänger Bakarys, gekommen (vgl. Zamponi 1994, S. XXXV). 185 tur. 114 An der Spitze dieser neuen Einheiten standen ein Präfekt, ein Unterpräfekt und ein Bürgermeister bzw. Dorfchef. Sie repräsentierten den Staat gegenüber ihrem Kollektiv bzw. das Kollektiv gegenüber der Zentralgewalt in Niamey. Ernannt wurden sie durch den Präsi- denten der Republik. An ihrer Seite standen jeweils regionale, gewählte Beratungsgremien sowie Verwaltungsgremien. 115 An dieser Struktur lässt sich bereits die dahinter stehende Politik der nationalen Einheit er- kennen, deren wesentliche Intention die Verhinderung regionaler Unabhängigkeits- bestrebungen war. 116 Diese Maßnahmen erlangten besonders wegen der Uranfunde bei Arlit große Bedeutung, da deren Wert für den Niger dominierend werden sollten. Auf höchster po- litischer Ebene wurden alle Ethnien integriert, so auch die zwei Tuareg Zido Ikhia und Moud- dour Zakara, letzterer als Minister für Sahara- und Nomaden-Angelegenheiten mit Sitz in Agadez, um die nationale Einheit besonders zu betonen. 117 Die nigerische Elite rekrutierte sich allerdings vorwiegend aus Lehrern und Händlern, und diese stammten meist aus den Re- gionen des Südens. 118 Mitte der 70er-Jahre traf eine verheerende Dürre den Sahel, sodass die Nomaden den Großteil des Viehbestandes verloren. Doch während die Bevölkerung hungerte, unternahm das Regime Diori keinerlei ernsthafte Maßnahmen, um die Not zu lindern, sondern machte sich vielmehr massiver Korruption schuldig. Diese Erfahrungen verschlechterten wesentlich die Beziehun- gen zwischen den Nomaden und der Zentralregierung. Auch das Militär reagierte: Im April 1974 stürzte Colonel Seyni Kountche das alte Regime, 119 rief im Land den Ausnahmezustand aus und unterdrückte jegliche Opposition. Das gespannte Verhältnis zwischen der Militärverwaltung und der Tuareg-Bevölkerung ver- besserte sich auch in weiterer Folge nicht. Auf lokaler Ebene brachten die aus dem Süden eingesetzten Verwaltungsbeamten für die Probleme der Nomaden kaum Verständnis auf, auf nationaler Ebene missbilligte die Militärregierung, dass Gaddhafi von Libyen aus die Tuareg unterstützte. 120 Dieses Misstrauen wurde noch größer, als gegen das Regime am 15. März 1976 ein – vergeblicher - Putschversuch unternommen worden war, dessen Rädelsführer überwiegend Tuareg waren, darunter der Sohn des ehemaligen Diori-Ministers Zakara. 121 Die Bewaffnung der Tuareg soll durch Libyen erfolgt sein. 122 Die Spannungen mit Libyen wuch- sen noch mehr, als Gaddhafi wiederholt die Tuareg dazu aufrief, nach Libyen zu kommen und in seiner islamischen Legion zu dienen. Unterdessen durchlief die wirtschaftliche Situation des Niger einen grundlegenden Wandel. Anfänglich hatte das Regime Kountché vom Uran-Boom profitiert und dank der wachsenden Staatseinnahmen bei vermehrter Uranproduktion und steigenden Uranpreisen 123 in Infrastruk- 114 Vgl. Dayak 1994, S. 42. 115 Vgl. Adamou 1999, S. 205 f. 116 So wurde etwa eine Revolte der Kel Adrar im Nordosten Malis im Jahr 1961 durch das malinesische Militär brutal nieder- geschlagen (vgl. Grégoire 1999, S. 35, FN 15) und die Kel Adrar während der folgenden 20 Jahre systematisch marginalisiert (vgl. Bourgeot 1995, S. 358). 117 Zakara gehörte seit 1958 zum Regierungsteam Hamanis. Seinen Amtssitz in Agadez habe er bis zum Staatsstreich 1974 niemals bezogen, vielmehr in Niamey mehrere Ministerposten bekleidet. Durch ihn hätten viele Tuareg-Chefs aus dem Aza- wak finanziell profitiert (vgl. Salifou 1993, S. 41). 118 Dies lag nicht zuletzt an einem gravierenden Mangel an ausgebildeten Tuareg, weil die Aristokraten die Ausbildung ihrer Kinder abgelehnt und stattdessen die Kinder ihrer Sklaven in die Schule geschickt hatten (vgl. ebd., S. 36). 119 Div. Umstände sprechen für das Wissen, wenn nicht gar für eine Unterstützung des Putsches durch Frankreich. So hatte Hamani Frankreich ein Ultimatum in der Verhandlung um höhere Uran-Preise gestellt, das kurz nach dem Putsch abgelaufen wäre. Kurz vor dem Putsch war ein Verteidigungsabkommen sowie ein Wirtschaftsvertrag zwischen dem Niger und Libyen abgeschlossen worden, der die Schaffung und Finanzierung einer Minengesellschaft durch Libyen, verbunden mit weitrei- chenden Vorrechten, vorgesehen hatte (vgl. Grégoire 1999, S. 38). 120 Vgl. Adamou 1999, S. 207. 121 Die 9 Putschisten wurden zur Todesstrafe und 22 zu lebenslänglichen Haftstrafen verurteilt (vgl. Grégoire 1999, S. 44). 122 Vgl. Delphin 1999, S. 10. 123 1971: 400 Tonnen bei 5.000 FCFA/kg; 1980: 4.120 Tonnen bei 24.500 FCFA (ebd., S. 40). 186 turmaßnahmen und in den wachsenden Staatsapparat investieren können, dagegen Investitio- nen in die Viehhaltung unterlassen. Ab 1980 verfiel jedoch der Uranpreis und die Nachfrage ließ deutlich nach. Mit den sinkenden Staatseinnahmen geriet der Staat zunehmend in eine Wirtschaftskrise, 124 worauf das Regime erstes politisches Entgegenkommen signalisierte: Mit Hamid Algabid wurde im November 1983 sogar ein Tuareg als Premierminister ernannt. 1985 suchte eine neuerliche schwere Dürre mit noch weiter reichenden Folgen als 1974 den Sahel heim und verschärfte sowohl die Probleme des Staates Niger, als auch jene der Tuareg- Nomaden. In dieser Zeit kam es auch zum ersten Zwischenfall. Bei Tchin-Tabaraden stießen im Mai 1985 angeblich bewaffnete Tuareg und Regierungstruppen zusammen, worauf die Ordnungskräfte mit massiver Gewalt vorgingen. 125 Für Grégoire stellte dieser Zwischenfall, bei dem erstmals Waffengewalt in einem interethnischen Konflikt zur Anwendung kam, einen wesentlichen Schritt zur Verschlechterung der Beziehungen zwischen den Tuareg und den Behörden dar. 126 Vor der Dürre flohen zahlreiche Nomaden in die Städte und in die Flücht- lingslager an der algerischen Grenze oder in Tamanrasset 127, während viele junge Tuareg, die „Ishomar“ 128, in den Maghreb-Staaten nach Arbeit suchten und dort in Elendsquartieren hau- sen mussten. Das Jahr 1985 brachte allerdings eine Wende in der Politik Libyens. Gaddhafis zahlreiche Rückschläge auf außenpolitischer und militärischer Ebene führten dazu, dass die Trainingslager der „Islamischen Armee“ aufgelöst wurden und die Ishomar zurückzukehren begannen. 129 Nach dem Tod Kountchés im Jahr 1987 übernahm der gemäßigte Colonel Ali Saibou die Re- gierung, wiederum mit dem Tuareg Hamid Algabid als Premier, der einen Weg der politi- schen und ökonomischen Liberalisierung einschlug. Unter dem wachsenden Druck der Wirt- schaftskrise 130, der Generalstreiks und der massiven Demonstrationen, 131 außenpolitisch ge- zwungen durch die neue Entwicklungspolitik Frankreichs, bei der Hilfen nur mehr bei vor- handenen demokratischen Einrichtung und bei Mehr-Parteien-Systemen gewährt würden, 132 wählte Saibou die Flucht nach vorn: Nach einem kurzzeitigen Ein-Parteiensystem, repräsen- tiert durch die Partei „Mouvement national pour la société de développement“ (MNSD) führte er ein Mehrparteiensystem ein und institutionalisierte eine Nationalkonferenz zur Ausarbei- tung einer neuen Verfassung und zur Vorbereitung freier Wahlen für Herbst 1991. Eine Über- gangsregierung leitete die Verwaltung bis zur Ausrufung der 3. Republik im April 1993. 133 124 Wohl aus dieser Situation heraus verkaufte Kountché auch an Gadhaffi etliche Tonnen Uran, obwohl einige westliche Staaten dagegen protestierten (vgl. ebd., S. 43). 125 Nach der offiziellen Version hätten Personen in einem Magazin nach Lebensmitteln gesucht. Inoffiziell wurde angenom- men, der Angriff sei im Namen einer gew. „Front populaire de libération du Niger“ mit Sitz in Libyen und mit Verbindungen zu Liman Chaafi, einem Verantwortlichen für den Putschversuch von 1976, und Khamed Moussa, den geflüchteten Verteidi- gungsministers Kountchés (vgl. Salifou 1993, S. 45). 126 Vgl. Grégoire 1999, S. 46. 127 Vgl. Richter (2000, GR 52, H. 11, S. 14 f.) schätzt die Dürre-Flüchtlinge aus dem Gebiet nördlich des 15. Breitengrads, die nach Süden flüchteten, auf rd. 1 Mio. Flüchtlinge, die in 913 Notlagern unterkamen, 45.000 Tuareg aus Mali und Niger flohen nach Algerien und Libyen. 128 Das Wort ist eine Berberisierung des frz. Begriffs „chaumeur“ (Arbeitsloser) und bezeichnet nunmehr die jungen Tuareg, die nach der Dürre ihre Familien auf der Suche nach Arbeit verlassen mussten (vgl. Bourgeot, zit. in ebd., S. 49, FN 39). 129 Vgl. Delphin 1999, S. 10. 130 Die Staatsangestellten hatten bereits seit mehrere Monate keine Gehältern bekommen, das Staatsdefizit belief sich 1988 auf 403 Mrd. FCFA (vgl. Salifou 1993, S. 47). 131 Ein Zusammenstoß der Sicherheitsgruppen mit einer Studentendemonstration am 9. Feber 1990 versuchte Tote und Ver- letzte (vgl. Grégoire 1999, S. 47 f.). 132 Die Konferenz von La Baule im Juni 1990; Mehr-Parteien-Systeme hatte dagegen der damalige Oppositionschef Chirac im Feber 1990 anlässlich eines Besuchs in der Elfenbeinküste als „Luxus“ für Afrika bezeichnet (zit. in Grégoire 1999, S. 48, FN 37). 133 Vgl. CIA 2002, Web. 187 6.2.4 Die Tuareg-Rebellion 1990 - 1997 Unter der Regierung Saibou hatte der Druck auf die Tuareg nachgelassen. Im Zuge einer offi- ziellen Libyen-Visite im Jahr 1989 hatte Saibou die dortigen Tuareg aufgefordert, in den Ni- ger zurückzukehren, wobei ihnen bei der wirtschaftlichen Integration geholfen würde. 134 Dem Ruf folgten etliche Tausend Tuareg in Algerien und Libyen, insbesondere in den ersten Mo- naten des Jahres 1990, doch die Behörden waren mit der Verwaltung der hastig errichteten Auffanglager im Niger überfordert. 135 Die Lagerinsassen beklagten die Unterschlagung von Hilfsgütern, was vermehrt zu Spannungen führte. 136 Gleichzeitig verdächtigte das Militär jun- ge Ishomar, militärische Trainingslager einzurichten, 137 und reagierte mit einer Verhaftungs- welle, u. a. in Iferouane. In dieser Situation erfolgte der „zweite“ Zwischenfall in Tchin- Tabaraden, einem Lager mit 18.000 Menschen. Eine Gruppe von Ischomar soll in der Nacht von 6. auf 7. Mai 1990 ein Amtsgebäude angegriffen haben, was von den Behörden mit Eska- lation der Gewalt beantwortet wurde. Zahllreiche Menschen wurden verhaftet und verletzt, die Zahlenangaben betreffend die Toten schwanken zwischen 70 und einigen Tausend. 138 Währenddessen wurde 1991 in der Nationalkonferenz unter der Führung des Historikers And- ré Salifou eine neue Verfassung entworfen. Gleichzeitig wurde versucht, die Probleme aus der Zeit der Militärdiktatur aufzuarbeiten. Auf das Massaker reagierte die Nationalversammlung, indem sie die Militärs anklagte. 139 Völlig ungelöst blieb daneben die wirtschaftlich prekäre Lage der Tuareg-Lager. Unterdessen kam es im Norden sporadisch zu militärischen Zusammenstössen zwischen Ar- mee und Tuareggruppen. 140 Am 19. 10. 1991 gelang nahe von Arlit die Gründung der „Front de libération de l’Azawak et de l’Aïr“ (FLAA), die etwa 600 Ischomar unter dem Oberbefehl des Rhissa ag Bulla, dem einstigen Aktionär und Buchhalter von Temet Voyages, vereinig- te. 141 Im Oktober folgte der erste große Angriff auf In Gall, bei dem fünf Todesopfer auf Sei- ten der Sicherheitskräfte zu beklagen waren, am 30. Dezember ein weiterer Überfall auf euro- päische Touristen in Assamaka. Doch erst am 7. 2. 1992 anerkannte die Regierung erstmals offiziell die Existenz einer Tuareg-Rebellion und schon zwei Tage später fand eine erste, al- lerdings ergebnislose Verhandlung in der Ténéré statt. Im März wurde die betroffene Region im Norden zur Sicherheitszone erklärt und eine generelle Informationssperre verhängt. Die erfolgreiche Taktik der Rebellen bestand in guerillaartigen Überfällen auf LKW-Transporte, Märkte und Sicherheitsposten, wobei die Tuareg Waffen raubten und Gefangene machten. Überfälle auf Einrichtungen der Entwicklungsorganisationen und der Raub der von ihnen 134 Finanziert wurde die Repatriierung u.a. durch die FED und den FIDA (vgl. Alamin 1995a, S. 54). Die Idee zur Repatriie- rung hatte schon unter Kountché bestanden vgl. (Salifou 1993, S. 47). 135 Vgl. Salifou 1993, S. 50 und abermals S. 61. 136 Vgl. Delphin 1999, S. 11. 137 Tatsächlich wurde im Busch bei Abalak ein Waffendepot gefunden (vgl. Salifou 1993, S. 66). 138 Vgl. Grégoire 1999, S. 50. Salifou (1993, S. 62 f.) vermutet, niemand würde die exakte Bilanz der Tragödie von Tchin- Tabaraden kennen. Gewiss sei, dass etwa 20 Tuareg exekutiert worden seien. Keinesfalls aber entsprächen Meldungen der französischen Presse der Wahrheit, wonach die Sicherheitskräfte im Willen, die Tuareg auszurotten, planmäßig über 15 Tage hinweg im gesamten nigrischen Territorium gejagt hätten. Dies bestreitet auch nachdrücklich der damalige Spitzenpolitiker Birgi Rafini, Tuareg aus Iferouane, in einem Interview im Oktober 1997 in Niamey. Im Sommer 1992 recherchierte der Journalist Christophe Bois Bouvier des Tuareg-freundlichen frz. Senders RFI in Tahoua und Agadez und widerlegt die wie- derholt geäußerte Behauptung (etwa durch Aoutchiki 1995, S. 61) vom Tuareg-Genozid (Hinw. in Salifou 1993, S. 161). 139 Der Hauptangeklagte, Capitaine Maliki Boureima, Kommandant der Militärzone Tahoua, verteidigte sich jedoch indem er sich auf einen entsprechenden Befehl des Präsidenten der Republik berief (vgl. Grégoire 1999, S. 52). 140 Zur Entwicklung der Rebellion in Mali vgl. Friedl 1997a. 141 Zu den militärischen Führern gehörten Mohammed Aoutchiki, Issoufou Matachi, Mohammed Ajawal, Mohamed Warta, Yahayaag Wéliane und Youssouf Ali (vgl. Salifou 1993, S. 115). Die meisten von ihnen gründeten nach der Rebellion Reise- agenturen. 188 verwendeten Allradfahrzeuge 142 führte bald dazu, dass das Hilfspersonal aus Sicherheitsgrün- den weitgehend aus der Region Agadez abgezogen wurde. 143 Dabei operierten die Rebellen vom Mont Tingalene aus, nördlich der Dünen von Temet gelegen, den sie zu einer unein- nehmbaren Bastion ausgebaut hatten. Auf medialer Ebene führte Mano Dayak, wegen eines Haftbefehls nach Paris geflohen, den Kampf für die Rebellion. So forderte er erstmals am 9. April 1992 in einem Interview für "Pa- ris-Match" eine regionale Autonomie für das nigrische Tuareg-Gebiet.144 Um die Rebellion zu legitimieren präsentierte Mano die Tuareg der Öffentlichkeit als „Kurden Afrikas“ 145, indem er im Juni 1992 eine Plakat-Kampagne und eine Ausstellung von Tuareg-Fotos im Pariser Musée de l'Homme durchführte. Im selben Jahr erschien auch das Buch „Touareg, la tragé- die“, 146 in dem er das Bild einer systematisch marginalisierten Tuareg-Gesellschaft im Niger skizzierte. 147 Unterdessen spitzte sich auch ein Konflikt zwischen der Zivilregierung und den einstigen Machthabern aus dem Militär zu. Im Zuge einer Militärrevolte wurden Ende Feber 1992 Spit- zenpolitiker 148 gefangen genommen, um den verantwortlichen Offizier des Tuareg- Massakers, Maliki, unter dem Vorwand freizupressen, dieser sei unschuldig, weil er lediglich Befehle exekutiert habe. Eine neuerliche Militärrevolte 149 führte zu einer Verhaftungswelle von 186 Tuareg im gesamten Land, die der Kollaboration mit den Rebellen verdächtigt wur- den, 150 darunter auch des Spitzenpolitikers Birgi Rafini. 151 Erst auf Druck der Zivilregierung wurden diese Personen wieder frei gelassen. Auf nationaler Ebene wurden weitere Schritte in Richtung Demokratisierung des politischen Systems unternommen. Im Jänner 1993 wurde die erste demokratische Verfassung, eine par- lamentarische Präsidialrepublik nach französischem Vorbild mittels Referendum akzeptiert, am 14. Feber fanden die ersten freien Wahlen statt, bei denen die einstige Staatspartei MNSD- Nassara 29 Sitze, die Haussa-nahe CDS-Rahama 22 Sitze, die sozialdemokratische PNDS- Taraya 13 Sitze, die Djerma-nahe ANDP-Zama Lahiya 11 Sitze sowie einige weitere Partei- en, darunter die von Tuareg gegründete UDPS-Amana, 8 Sitze von insgesamt 83 Sitzen er- rang. Beim ersten Durchgang der Präsidentschaftswahlen gewann der MNSD-Kandidat Ma- madou Tandja 34,5 % der Stimmen, sein stärkster Gegner, der CDS-Kandidat Mahamane Ousmane 26,7 %. 152 142 Z.B. der Raub eines gtz-Fahrzeugs am 12. 5. 1992 in Agadez; Raub von 1,7 Mio. FCFA aus der Gemeindekassa in Timia, Zerstörung der Unterkunft eines deutschen gtz-Mitarbeites, Raub des Gesundheitsfahrzeugs. Der spektakulärste Überfall ereignete sich am 9. 1. 1993 auf Abala, 180 km nördlich von Niamey, wo 80 Rebellen vergeblich versuchten, den Führer der einstigen Staatspartei MNSD und heutigen Präsidenten, Mamadou Tanja, zu entführen vgl. (vgl. Salifou 1993, S. 119 ff.). 143 Vgl. Friedl 2000d, S. 7 f. 144 Zit. in Salifou 1993, S. 106. 145 Zit. ebd., S. 62 f. 146 Association Touaregs o.A., S. 1. Zur Analyse dieser Medienkampagne siehe das Kap. „Die Marke „Tuareg“ – Mythos und Images/Die Tuareg-Rebellion und ihre Folgen: Opfer und Helden“. 147 Tatsächlich gehörten meistens 2 Tuareg den Regierungen als Minister an, der Regierung des Jahres 1983 sogar 5 von 22 Ministern; 1985 bekleidete Birgi Rafini, ein Tuareg, den dritthöchsten Posten des Landes, er war nämlich Präsident des nati- onalen Entwicklungsrats; 1983 - 88 war Hamid Algabid Premierminister; seit der Unabhängigkeit waren 67 Tuareg auf ad- ministrativer Ebene tätig, darunter 9 als Präfekten; 5 Tuareg wirkten als Botschafter oder Konsuln (vgl. Salifou 1993, S. 87 f.). 148 Darunter der Vorsitzende der Nationalkonferenz, der Historiker André Salifou, sowie der Innenminister Mohammed Mousa. 149 Die Situation des Militärs war alles andere als angenehm: Ausbildung, Ausrüstung, Ernährung und Unterkunft waren katastrophal (sinngem. Premierminister Cheiffou Amadou, zit. in Salifou 1993, S. 149), fällige Gehälter wurden stets erst nach Monaten ausbezahlt, und nun kam ein Leben in ständiger Lebensgefahr hinzu. 150 Vgl. Grégoire 1999, S. 54. Salifou (1993, S. 159) spricht von 150. 151 Vgl. Rafini, Int. Oktober 1997. 152 Vgl. Grégoire 1999, S. 55. 189 Mit dem Ziel, eine Fortsetzung der Dominanz der einstigen Einheitspartei zu verhindern, gründeten nun neun Parteien eine “Allianz des Wandels” 153, worauf Ousmane im 2. Durch- gang mit 54,4 % der Stimmen gewann. Als Premierminister ernannte er den PNDS-Chef Ma- hamadou Isoufou und als Parlamentspräsident wurde ANDP-Chef Moumouni Djermakoye gewählt. Damit waren die einstigen Mitglieder des Kountché-Militärregimes aus der Staats- führung verdrängt. Die Rebellen reagierten auf die neue Regierung mit einer Einwilligung zu einem Waffenstill- stand und einem Gefangenenaustausch zwischen März und September 1993. 154 Zu diesem Zeitpunkt spalteten sich von der FLAA drei rivalisierende Fronten ab, von denen nur die hin- ter Mano Dayak stehende FLT den Waffenstillstand verlängerte. Unter dem Einfluss Algeriens, Burkina Fasos und Frankreichs 155 kam es im Februar 1994 in Ouagadougou neuerlich zu Verhandlungen zwischen der Regierung und den Rebellen, reprä- sentiert durch die Coordination de la résistance armée (CRA) 156, die ein Memorandum mit einem umfassenden Forderungspaket vorlegte 157: sie forderten u. a. 2/3 des nigrischen Staats- gebietes, 25 % des Staatsbudgets, die Verwaltung ausschließlich durch Tuareg sowie den Ausschluss gewisser Ethnien vom regionalen Wahlrecht. Dies stieß auf massiven Widerstand bei den Vertretern der Republik Niger. In der Folge kam es ständig zu weiteren Verhandlun- gen, Abkommen und Neuverhandlungen. Zwar rückten die Rebellen von ihren Forderungen zugunsten des Prinzips der Dezentralisierung und der regionalen Autonomie ab, sodass die nationale Einheit erhalten geblieben wäre, doch die wichtigsten ungelösten Fragen betrafen die konkrete territoriale und administrative Reorganisation, die Integration der Rebellen in die reguläre Armee und die Entwaffnung der arabischen Milizen. 158 Aufgrund interner Uneinig- keit zerfiel die Rebellion im März 1995 in weitere Teilfronten, der CRA unter Mano Dayak und der Organisation de la résistance armée (ORA) unter Rhissa ag Boula. Auf nationaler Ebene hatte die neue Regierung mit großen Problemen zu kämpfen, u.a. mit Streiks wegen ausstehender Gehälter und steigender Preise, bedingt auch durch die 50 %- Entwertung des FCFA am 11. 1. 1994. Unter diesem Druck zerbrach im Oktober 1994 die Koalition. Issoufou wurde als Premier entlassen, worauf die PNDS aus der großen „Koalition des Wandels“ ausstieg, in Opposition ging und mit der MNSD koalierte. Aufgrund der Oppo- sitionsmehrheit von 46 zu 36 Sitzen musste Präsident Ousmane am 12. Jänner 1995 Neuwah- len durchführen lassen, bei denen die MNSD-PNDS-Koalition mit 43 zu 40 Stimmen gegen die AFC gewann. So war Ousmane gezwungen, Hama Amadou, einen politischen Gegner, zum Premierminister zu ernennen. Diese Situation der Kohabitation brachte einerseits einen lähmenden Machtkampf zwischen den gegensätzlichen Machthabern und andererseits wie- derholte Streiks, die das Land lähmten. 159 Dennoch gelang es Premier Amadou, am 15. April 1995 ein Friedensabkommen mit den Tua- reg in Ouagadougou und am 24. April 1995 in Niamey einen definitiven Friedensvertrag 160 zustande zu bringen. Unterzeichnet hat für die Tuareg jedoch nur Rhissa ag Boula im Namen der ORA. Wesentliche Elemente des Vertrages umfassten die Dezentralisierung, die Amnestie 153 “Alliance des Forces de Changement” (AFC). 154 U.S. Department of State 1994, Web. 155 Dabei war Frankreich bemüht, den Einfluss Algeriens im Niger zu reduzieren (Grégoire 1999, S. 57, FN 54). 156 Die CRA bestand aus Rhissa ag Boulas FLAA, Mano Dayaks FLT, der FPLS von Mohammed ag Anacko und der ARLN unter Attaher ag Agdoulmounine (vgl. Grégoire 1999, S. 58, FN 55). 157 Vgl. CRA 1994, Web. 158 Der ehem. Premier Amadou Cheffou hatte die arabische Miliz „Comité de vigilance de Tassara“ (CVT), bestehend aus mehreren Hundert Personen, zur Bewaffnung autorisiert, damit sie sich und insb. die Lastwägen der arabischen Händler gegen Übergriffe der Rebellen verteidigen könnten. Zu ihrer Entwaffnung gem. dem Friedensvertrag kam es erst 1999 (Grégoire 1999, S. 60, FN 64). 159 Vgl. Grégoire 1999, S. 57. 160 Der Jahrestag der Unterzeichnung dieses Friedensabkommens heißt mittlerweile „Journee de la Concorde" und ist ein nationaler Feiertag; vgl. IRIN-News 2003e, Web. 190 für die Rebellen und deren Integration in reguläre Truppen, die Entwaffnung der Milizen, sowie Maßnahmen zur wirtschaftlichen Förderung des Nordens. Doch bereits am 26. Ju- li1995, nur zwei Monate später, kam es zu einem schweren Zusammenstoß zwischen der ara- bischen Miliz CVT und der ORA, wobei zahlreiche Tote zu beklagen waren. Weitere Überfäl- le durch „bewaffnete Banden“ häuften sich in den Gebieten jener Fronten, die sich nicht an den Friedensvertrag gebunden fühlten. So spalteten sich von der ORA die APLN und die FAR ab und sie schlossen sich mit den neu gegründeten Fronten FDR und FARS, eine Tubu-Front, zusammen. Diese vier Fronten koa- lierten nun mit der CRA unter der Führung von Mano Dayak, dessen eigene Fraktion FLT die Kooperation in einem speziellen Friedenskomitee mit der FPLN verweigerte. Diese Verviel- fachung der Fronten führe zu neuerlichen Spannungen und weiteren Übergriffen in der Regi- on. 161 Infolge der schlechten wirtschaftlichen Lage des Nordens und der von den Rebellen kritisierten Untätigkeit der Regierung flammten im September 1995 wieder die Kämpfe auf. Schließlich trat auch die ORA vom Vertrag zurück, und am 15. Dezember kam Mano Dayak bei einem Flugzeugunglück im Aïr ums Leben. 6.2.4.1 Der Staatsstreich durch Ibrahim Maïnassara Baré In dieser Situation politischer Lähmung aufgrund innerer Konflikte zwischen den Rebellen- fronten einerseits und den politisch konträren Parteien andererseits griff am 27. Jänner 1996 Colonel Ibrahim Maïnassara Baré mit der Verhaftung der Spitzenpolitiker, der Ausrufung des Ausnahmezustandes und des Verbots aller politischen Parteien ein. Die große Mehrheit der Bevölkerung stand dieser Intervention durchaus positiv gegenüber, weil sie sich vom Militär die Erhaltung der nationalen Einheit und die Verbesserung des täglichen Lebens erhoffte. Tat- sächlich wurde bereits drei Tage später der bisherige Finanzminister Boukari Adji zum neuen Chef einer überwiegend aus Zivilisten bestehenden Übergangsregierung ernannt. Der Westen reagierte auf diesen Staatsstreich mit dem Abbruch der Hilfszahlungen. Paris, wo Baré lange Botschafter des Niger war, änderte jedoch kurz darauf wieder seine Politik und überwies beträchtliche Hilfszahlungen. Am 12. Mai 1996 billigt die nigrische Bevölkerung per Referendum eine neue Verfassung, mit deren Inkrafttreten der seit Januar verhängte Aus- nahmezustand aufgehoben und auch Parteien wieder offiziell zugelassen, vor allem aber die Machtbefugnisse des Staatspräsidenten beträchtlich erhöht wurden. Damit war die verfas- sungsmäßige Ursache der Kohabitation beseitigt. Nun begann Baré seine wahren Intentionen zu zeigen: Entgegen den Ankündigungen stellte sich Baré selbst für die im Juli festgelegte Präsidentschaftswahl auf. 162 Im Zuge dieser Wahl wurde massiver Wahlbetrug geübt, wie ausländische Wahlbeobachter bestätigten. Dennoch wurde das offizielle Wahlergebnis mit 52,2 % der Stimmen zugunsten Baré vom Obersten Gericht aber auch von Frankreich aner- kannt. 163 Durch den gemeinsamen Gegner vereint, gründeten die vormals zerstrittenen zivilen Parteien eine gemeinsame „Front zur Wiederherstellung der Demokratie“ 164 und boykottierten die Par- 161 Grégoire 1999, S. 62. 162 In Hinblick auf diese Wahlen tauschte Barés Wahlkampfmannschaft sogar die Reihenfolge seines Namens aus, um durch die Kürzel „IBM“ Intelligenz, Modernität, Erfolg und Entwicklung zu signalisieren, wie Baré in einem Interview (1999) selbst aufklärte. 163 Der Minister für Zusammenarbeit, Jacques Godfrain, gratulierte Baré in Niamey persönlich (Grégoire 1999, S. 65). 164 Der “Front pour la Restauration et la Défense de la Démocratie” (FRDD) gehörten die drei großen Parteien MNSD, CDS und PNDS sowie fünf kleine Parteien an. 191 lamentswahlen im November 1996, was der Partei von Baré, der UNIRD 165 80 % aller Man- date brachte. In weiterer Folge verschärfte sich der politische Stil. Willkürlichen Verhaftun- gen, Folterungen von Politikern und Journalisten wurden zum Alltag, friedliche Demon- strationen wegen unbezahlter Löhne wurden blutig aufgelöst. 166 Der „coup d’État ‚patrioti- que’“ entlarvte sich zusehends als Diktatur. 167 Gleichzeitig verschlechterte sich die wirt- schaftliche Lage im Niger, die sozialen Spannungen wurden stärker, denn die Gehälter der öffentlich Bediensteten waren mehrere Monate nicht bezahlt worden. Schließlich hatten sämt- liche Geberländer, außer Frankreich, die Hilfszahlungen unterbrochen. Hinzu kam 1997 eine unbefriedigende Regenzeit, der Nahrungsmittelmangel im darauf folgenden Jahr folgte, wor- auf wiederum der Hirsepreis von 12.000 auf 20.000 FCFA pro Sack stieg. Die Rebellen standen dem Putsch ebenfalls positiv gegenüber, weil sie direkte Verhandlungen mit dem gegnerischen Militär solchen mit den zivilen Zwischenhändlern vorzogen. Baré hatte kurz nach dem Putsch einige führende Rebellen in den Staatsdienst übernommen, darunter Mohammed Aoutchiki als Berater des Präsidenten und Attaher Abdoulmounime als Staatsek- retär für Inneres. Die CRA wurde gemäß ihrer Bedingung für die Teilnahme an Friedens- verhandlungen offiziell anerkannt. Zudem wurden endlich die Gesetze erlassen über die Zent- ralisation und damit die Anerkennung des Prinzips der Selbstverwaltung der Regionen, jene über die in neue Spezialeinheiten integrierten Rebellen 168 und über die Rückkehr der Flücht- linge in ihre Stammesgebiete. Abermals wurde der Zerfall der Fronten das tragische Problem: Rhissa zog sich im September vom Friedensprozess zurück. Mohammed Anako, einst der zweite Mann Rhissas, gründete zusätzlich zur ORA und zur CRA noch die UFRA 169 eine dritte Tuaregfront, die sechs von ORA und CRA abgespaltene Fraktionen vereinte. Auch sie wurde von der Regierung aner- kannt. Doch das Fraktionsspiel wurde noch bizarrer, als neben den bisherigen Fronten der „weißen“ Tuareg, die von einstigen Adeligen abstammten, nun auch „schwarze“, von einsti- gen Sklaven abstammende Tuareg eigene Fronten gründeten. 170 Selbst für Kenner der Ent- wicklung wurde es zusehends schwieriger, bei dem ständigen Wechsel der Allianzen und den verwirrenden Neugründungen von Fronten, die manchmal nur wenige Kämpfer umfassten und nur beschränkten regionalen Einfluss ausübten, den Überblick zu bewahren. In der Folge kam es abermals zu einer Häufung tätlicher Übergriffe. So wurde die Rallye Pa- ris-Dakar 1997 abgesagt, obwohl die Organisatoren Schutzgeld an die ORA gezahlt hatten, aber Übergriffe durch gegnerische Fronten befürchteten. Auch die durch Point Afrique wieder aufgenommene Charter-Verbindung wurde infolge einiger Überfälle auf Touristengruppen im Aïr wieder eingestellt. Selbst der aus Mitgliedern der CRA 171, der CVT und aus nigrischem Militär bestehenden Spezialeinheit DMP 172 gelang es nicht, die Sicherheit im Norden wieder herzustellen. Schließlich griffen auch noch die Tubu-Fronten FARS, unter Barka Wardougou, und die FDR, unter Lamine Maï, die Garnison in Dirkou an. Diese zwei Fronten fühlten sich nicht an den Friedensvertrag gebunden und kämpften für die Autonomie des Kawar, wo rei- che Ölvorkommen vermutet werden. 173 165 Union des indépendants pour le renouveau démocratique. 166 Vgl. Interview mit Ali Bety vom 10. 12. 1999. 167 Vgl. Grégoire 1999, S. 66. 168 Die „Unités sahariennes de sécurité“ (USS). 169 Union des forces de la résistance armée. 170 So waren etwa die Kel Ewey als „schlechtere Tuareg“ von den „Rouges“ unter Rhissa ag Boula behandelt worden, worauf die - letztlich unbedeutende - Rebellenfront „MUR“ gegründet wurde. Doch schon viel früher, im Jahr 1991, war die Verei- nigung „Timidra“ („Brüderlichkeit“) von schwarzen Tuareg mit dem Ziel des friedlichen Zusammenlebens zwischen Bauern und Hirten gegründet worden (vgl. Salifou 1993, S. 12, FN 1) – und stand insofern in Opposition zur Rebellion, als deren Mitglieder überwiegend den „weißen“ Tuareg angehörten. 171 Jene CRA-Mitglieder, die sich noch an den Friedensvertrag gebunden fühlten. 172 Détachement de maintien de la paix. 173 Grégoire 1999, S. 67 f. Näheres zum Thema Öl im Folgekapitel. 192 Letztlich gelang ein neues Abkommen zwischen Regierung und zwei der drei Hauptfronten, CRA und UFRA, über die Entwaffnung und Integration von 5.900 Rebellen. Rhissa (ORA) for- derte weiterhin die volle Umsetzung des Vertrags von Niamey, änderte aber plötzlich seine Mei- nung nach direkten Verhandlungen mit Baré, worauf die wichtigsten politischen und militäri- schen Repräsentanten der Regionen Azawak und Aïr am 18. 2. 1997 in Tahoua einen Friedens- pakt unterzeichneten.174 Das Zustandekommen dieses Abkommens führt Grégoire wesentlich auf die Stammeschefs zurück, die Druck auf die Rebellenchefs ausgeübt hatten mit dem Ziel, die schwierige, von Hunger und Verarmung geprägte Situation der Bevölkerung endlich wieder verbessern zu können. 175 Die Bevölkerung war durch den Abzug der Entwicklungs- organisationen als Reaktion auf die Unsicherheit im Land spürbar schlechter gestellt.176 Zudem hatten geringe Regenfälle und Heuschreckenplagen in den Jahren 1996 und 1997 die wirtschaft- lichen Probleme weiter verschärft. 177 Als sich Integration und Entwaffnung verzögerten, verbündete sich die UFRA mit den zwei Tubu-Fronten, worauf neuerlich Überfälle 178 und heftige Kämpfe östlich des Bagzan, 179 sowie Angriffe im Osten des Landes folgten. 180 Letztlich unterzeichnete auch die UFRA am 28. 11. 1997 das Protokoll von Algier über einen Waffenstillstand und die Entminung im Süden des Aïr, die Integration der Rebellen und die Generalamnestie. Rhissa ag Boula, der wichtigste Repräsentant der Rebellion, wurde zum Tourismusminister ernannt.181 Am schwierigsten zu lösen blieb infolge der massiven Geldnöte des Staates auch weiterhin die Integration der Rebellen. Selbst bis 2003 waren von insgesamt rund 7.000 ehemaligen Rebellen nur etwa 3000 rekrutiert worden, 182 weitere Personen befinden sich derzeit in Aus- bildung in den Bereichen Sanität und Bildung. Von zusätzlichen Kleinprojekten konnten bis- lang lediglich rund 1000 Ex-Rebellen in den Regionen Manga (Tschadsee) und Kawar profi- tieren. Somit warten im Aïr und im Azawak immer noch mehr als 3.000 Männer auf ihre In- tegration. Offiziellen Angaben zufolge fehle es an finanziellen Mitteln, obwohl seit 1995 ent- sprechende Mittel durch diverse Hilfsorganisationen an den Niger übermittelt worden sein sollen. 183 Die betroffenen Ex-Rebellen organisierten daher wiederholt bewaffnete Übergriffe in Form eines unkontrollierbaren, „endemischen“ Banditentums, 184 zu dessen Bekämpfung die „Unites sahariennes de securite”, bestehend aus Ex-Rebellen, mit wenig Erfolg gegründet worden war. 185 Da auch die regulären Einheiten von ausstehenden Sold-Zahlungen betroffen 174 Dazu zählten der Hochkommissar für die Restauration des Friedens, der Militärkommandant Koré, der Sultan von Aga- dez, die „Chefs des groupements“ der Nomaden von Azawak und Aïr (die „Stammeschefs“), die Rebellen-Chefs der drei großen Fronten ORA, CRA und UFRA sowie die Anführer der Arabermiliz CVT. 175 Vgl. Grégoire 1999, S. 68. 176 Vgl. Interview mit Elkhaji Khamadedé, PAAP/EIRENE, Agadez, Oktober 1997. 177 Vgl. Giazzi 1996a, S. 74. 178 Meine eigene Reisegruppe, mit der ich als Journalist auf Einladung von Tchimizar Voyages im Oktober 1997 nach Aga- dez gereist war, wurde direkt auf dem Gelände des Hotels „Bungalow“ von einer Gruppe bewaffneter und verhüllter Männer überfallen. 179 Im September 1997 kam es zu wiederholten Attacken auf Tchirozerine, Madama, Aderbissinat und den Militär-Konvoi von Agadez nach Dirkou (vgl. Grégoire 1999, S. 298). 180 Das Zusammenfallen dieser Angriffe, bei denen hochwertige Waffen eingesetzt wurden, mit der Ölsuche amerikanischer Firmen ließ Innenminister Idi Omar Ango auf eine Unterstützung durch Libyen schließen, das selbst Interesse an den Ölvor- kommen hatte (Ebd.). 181 Vgl. Salifou 1993, S. 115. Rhissa war keineswegs der erste Tuareg als Tourismusminister. Schon im März 1992 war der bis dahin als Innenminister tätige Tuareg Mohamed Moussa zum Minister für Transport, Handel und Tourismus ernannt worden (vgl. Salifou 1993, S. 151, Fn. 5). 182 Vgl. Grégoire (1999, S. 69) wendet jedoch ein, dass die sog. Integration eher den jungen Nomaden und zugezogenen Männern aus dem Süden zugute kam, während sich die eigentlichen Ex-Rebellen in ihre Lager, oder nach Libyen oder Alge- rien zur Arbeitssuche zurückgezogen hätten. 183 Vgl. Le Republicain 2003, 24. 4. 2003, S. 4, Web, unter Hinw. auf Colonel Seyni Garba, Hochkommissar für die Restau- ration des Friedens, anlässlich einer Pressekonferenz im April 2003. 184 Z.B. ein Überfall auf eine italienische Reisegruppe im Jänner 1998 mit einem Toten, ein Überfall auf einen belgischen EZA-Mitarbeiter bei El Meki im Jänner 1999 (vgl. Grégoire 1999, S. 69). 185 Vgl. IRIN-News 2003d, Web. Ibra (Interv. vom März 2003, Niamey) wies darauf hin, dass es den Einheiten sogar an Fahrzeugen und zumeist an Treibstoff für Verfolgungseinsätze mangle. Obwohl ein entsprechendes Budget vorhanden sei, 193 waren, kam es wiederholt zu Ausschreitungen durch diese Militärs gegen Zivilpersonen und öffentliche Einrichtungen. 186 Die Situation im Aïr stabilisierte sich nur langsam. Dieser Prozess wird wesentlich unterstützt durch westliche Hilfsprojekte, deren Mitarbeiter sich um die Wiedereingliederung der zahl- losen Flüchtlinge, um die Wiederaufnahme der traditionellen Wirtschaft und die Wieder- errichtung der Infrastruktur, der Pisten, der Brunnen oder der öffentlichen Gebäude küm- merten. 187 Die Wiederherstellung des nationalen Friedens nach einer 10 Jahre dauernden Periode der inneren Zwietracht wurde in einem internationalen Festakt, der „flamme de la paix“, am 25. September 2000 in Agadez gefeiert. Im Beisein der Staatschefs der vermittelnden Staaten Frankreich, Algerien, Tschad und Bourkina Faso, der Repräsentanten der UNO und OUA, politischer Spitzenpolitiker des Landes etc. wurden feierlich die abgegebenen Waffen der Rebellen verbrannt. 188 6.3 Die aktuelle politische Lage im Niger Auf nationaler Ebene waren die Spannungen zwischen Baré und der Opposition weiter ge- wachsen. In Hinblick auf die Kommunalwahlen im Feber 1999 hatte Baré zwar in einem Ab- kommen faire Wahlmodalitäten, die Auflösung des Parlaments und die Einsetzung einer Re- gierung der nationalen Einheit bis zu neuen Parlamentswahlen zugesichert, doch sobald sich der Sieg der Opposition abzeichnete, ließ der Diktator den Urnengang gewaltsam sabotie- ren. 189 Als Baré im April das für ihn ungünstige Wahlergebnis vom Höchstgericht, dessen Mitglieder er selbst ernannt hatte, wegen „offensichtlicher Wahlfälschungen“ annullieren ließ, drängten ihn Opposition und hohe Offiziere vergeblich zum Rücktritt. Am 9. April wurde Baré am Flughafen vom Kommandanten der Präsidentengarde, Daouda Malam Wanké, er- schossen. 190 Die Bevölkerung nahm den Vorfall mit großer Erleichterung auf, 191 vor allem, da offensicht- lich wurde, dass der Attentäter und anschließende Junta-Chef Wanké mit seiner aus angese- henen Demokraten erstellten Zivilregierung den politischen Staatskurs tatsächlich korrigieren wollte. Er setzte die persönlichen Grundrechte in einem für den Niger außergewöhnlich gro- ßen Umfang in Kraft und versprach die rasche Durchführung fairer Wahlen: Eine Verfas- sungsänderung, die auch die Amnestie für die Beteiligten an den Staatstreichen von 1996 und 1999 festschrieb, wurde am 18. 7. 1999 angenommen. Bei den Parlamentswahlen am 24. November 1999 erzielte die MNSD von Mamadou Tandja mit 38 der 83 Mandate die relative Mehrheit. Ihr Koalitionspartner CDS wurde mit 17 Sitzen zweitstärkste Fraktion, gefolgt von der PNDS mit 16 Sitzen, der wichtigsten Opposi- werde dies seiner Ansicht nach seitens der Behörden zurückgehalten, weil ein gewisser Grad an Unsicherheit in der Region als Legitimation für die Präsenz des Militärs diene und weitere Geldflüsse sichere. Zudem herrsche auch weiterhin ein prä- gendes Misstrauen zwischen dem Militär und der USS der Ex-Rebellen. 186 Bis Dezember 1999 betrug der Sold-Rückstand bei Militärbediensteten 6 Monate. Bei Ausschreitungen in Agadez im November 1999 wurde sogar das Algerische Konsulat beschädigt (vgl. Friedl/Schriefl 2000, S. 26 f.). 187 U.a. das EU-Projekt „ECHO“, dem das gzt-Projekt „Niger-Nord“ folgte (vgl. Friedl 2000d, S. 8 ff.). 188 Vgl. Tcherno 2001, Web. 189 Dabei wurden von Uniformierten und teilweise sogar von Beamten Urnen und Wahllisten entwendet oder gar mitsamt den Wahllokalen verbrannt, die Menschen teilweise an der Abgabe der Stimmen gewaltsam gehindert (vgl. Amadou 1999). 190 Vgl. Chatain 1999, Web. 191 Das erfuhr ich auch in meinen zahlreichen Gesprächen mit Nigriern. 194 tionspartei, und der RDP-Jama'a (8) bzw. der ANDPS (4). 192 Damit verfehlten die Regie- rungspartner MNSD-CDS mit 55 Sitzen nur knapp die Zweidrittelmehrheit. Die neue 24- köpfige Koalitionsregierung wurde von Hama Amadou geleitet. Ihr gehörten wiederum Rhis- sa ag Boula als Tourismusminister an. 193 Die Präsidentschaftswahl konnte der damals 61-jährige Tandja ebenfalls gewinnen. 194 Der Offizier und Politiker kann auf eine lange politische Karriere, beginnend mit der Teilnahme am Staatsstreich des Jahres 1974, zurückblicken. Viele Jahre diente er als Botschafter in Nige- ria, dem wichtigsten Handespartner des Niger. Als Präfekt der Handelsstadt Maradi an der nigerianischen Grenze hatte er wesentlich zur Liberalisierung des Grenzhandels und damit zur Dynamisierung der Region beigetragen; in Tahoua hatte er den Bau des Krankenhauses und umfassende Aufforstungsprogramme initiiert.195 Umstritten ist er allerdings unter Tuareg, da er während der Massaker von Tchin-Tabaraden (1990) verantwortlicher Innenminister war. Mit diesen Wahlen endete eine sieben Jahre dauernde demokratische Lernphase mit zwölf Wahlen, drei Verfassungsreferenden und zwei Staatsstreichen. Die folgenden Jahre waren - im Vergleich zu dem vorangegangenen Dezennium - von weitreichender Stabilität gekenn- zeichnet, wenn auch die junge Demokratie von einigen kleineren Krisen erschüttert wurde. So war es im Jahr 2002 in einigen südlichen Regionen innerhalb des Militärs zu Unruhen ge- kommen, weil Soldaten die Rehabilitierung der Verantwortlichen für die Massaker in Tchin- Tabaraden forderten. Erstmals in der Geschichte der Republik wurde seitens der Regierung auf diese Forderungen nicht eingegangen, sondern mit aller Härte reagiert, was seitens der Bevölkerung mit großer Genugtuung aufgenommen wurde. Weniger elegant hatte die Regie- rung im Jahr 2003 auf die Korruptionsvorwürfe des Herausgebers der regierungskritischen Wochenzeitung „Le Républicain“ gegenüber dem Finanzminister reagiert: Der Journalist wurde für mehrere Monate in Untersuchungshaft genommen, schließlich aber Anfang 2004 aufgrund seiner gelungenen Beweisführung wieder frei gelassen. Als positive Bilanz der Regierungsarbeit lässt sich die Umsetzung wesentlicher Etappen der Dezentralisierungsreform anführen. Im Jahr 2002 wurde die gesetzliche Grundlage für eine weitreichende Selbstverwaltung der Gemeinden geschaffen. In Verbindung damit wurden auch die Gemeindewahlen neu geregelt und im Juli 2004 erstmals durchgeführt.196 In den Präsidentschaftswahlen im Dezember 2004 wurde Präsident Mamadou Tandja mit 65,5 % der Stimmen im zweiten Durchgang in seinem Amt bestätigt. 197 192 Vgl. Gouvernment du Republique du Niger 2002, Web; CIA 2002, Web. 193 Bemerkenswert ist auch, dass wenigstens 4 Frauen im Regierungsteam sind. 194 Diesem Erfolg waren eine aus wahltaktischen Gründen knapp verlorene Wahl im Jahr 1993 und eine wegen Wahlmanipu- lation verlorene Wahl 1996 vorangegangen. 195 Vgl. Sagebiel, Int. im November 1999, Tahoua. 196 Vgl. US-Bureau of African Affairs 2004, Web. 197 Vgl. IRIN-News 2004d, Web. In den Folgejahren kristallisierte sich jedoch eine gravierende Krise heraus, insb. durch den massiven Anstieg des Uranpreises und die dadurch für die Regierung verfügbaren Finanzmittel, die jedoch nicht in die Ent- wickung der Region Agadez investiert wurden, sondern in die Militarisierung des Landes. Dies führte im Jahr 2007 zum Ausbruch einer Rebellion im Norden des Landes, auf die Präsident Tandja mit dem nationalen Ausnahmezustand und mit militärischer Gewalt reagierte. Diese umfassende Krise hält derzeit noch an, eine Verbesserung der Sitation ist aufgrund des Uran-Haussés nicht absehbar. 195 6.4 Internationale Beziehungen Außenpolitisch verfolgt der Niger eine moderate Politik und pflegt freundschaftliche Bezie- hungen zu den Nachbarn, zu Europa und den USA. Das Land ist Mitglied mehrer inter- nationaler Organisationen: der Vereinten Nationen und ihrer wichtigsten Unterorganisationen, der Organisation der Afrikanischen Einheit (OAU), der Organisation der Islamischen Konfe- renz sowie verschiedener regionaler Bündnisse, u. a. der Westafrikanischen Währungs- und Wirtschaftsgemeinschaft (UEMOA). 198 Im Jahr 1998 hatten sechs Staaten die Communauté des Etats sahélo-sahariens (CEN-SAD) mit dem Ziel gegründet, nach dem Vorbild der EU eine Wirtschaftsunion zu entwickeln, in- nerhalb derer die nationalen Entwicklungspläne aufeinander abgestimmt werden sollten. Dazu sollten umgesetzt werden die Prinzipien des freien Personen-, Waren-, Kapital- und Dienst- leistungsverkehrs, ferner sollten Visa-Schranken abgebaut, die Niederlassungs- und Erwerbs- freiheit durchgesetzt und die Kommunikations- und Verkehrsverbindungen zwischen den Mitgliedsstaaten ausgebaut werden. Um künftig die Gefahr der Hungersnöte auf Grund der Dürren udgl. zu reduzieren wurde von der CEN-SAD auch ein spezielles Programm zur Si- cherung der Nahrungsversorgung eingerichtet, das von Ghaddafi 2003 mit einer Spende in Höhe von 9,3 Mio. US$ an die FAO für regionale Ernährungsprogramme gespeist wurde. 199 Weitere Initiativen betrafen die Koordination der Maßnahmen zur Bekämpfung der organi- sierten Kriminalität, des Schmuggels und des illegalen Drogenhandels sowie zur Eindäm- mung der illegalen Migration mittels besserer Grenzkontrollen.200 Auf dem 5. Jahrestreffen der CEN-SAD im März 2003 wurde erstmals auch ein Mechanismus zur Regelung von Kon- flikten zwischen den Mitgliedsstaaten beschlossen. Mittlerweile gehören der CEN-SAD 18 Staaten an, die in diese Wirtschaftsgemeinschaft eine Fläche von 12,4 Mio. km² und eine Be- völkerung von 320 Mio. Menschen einbringen. 201 6.4.1 Frankreich Besonders enge Beziehungen unterhält der Niger naturgemäß mit der ehemaligen Kolonial- macht Frankreich, auch wenn diese Beziehungen besonders in jüngster Zeit nicht immer un- problematisch waren. Während der Tuareg-Rebellion hat die nigrische Führung Frankreich vorgeworfen, sein Geheimdienst würde auf Seiten der Rebellen intervenieren. Andererseits spielte Frankreich eine wesentliche, zum Teil beinahe aufdringliche Rolle als Mediator im Tuareg-Konflikt. 202 Ambivalent waren die Beziehungen mit Frankreich in der Ära Baré. Ge- genüber dem Diktator hatte Frankreich eine eindeutig wohlwollende Position eingenommen und 1996 bei den Wahlen zu seinen Gunsten interveniert. Obwohl international weitgehend isoliert, wurde der Diktator von Präsident Chirac offiziell in Paris empfangen. 203 Entspre- chend distanzierte sich Frankreich nach Barés Ermordung politisch und finanziell vom Niger. Mittlerweile haben sich aber die Beziehungen wieder normalisiert. So besuchte Präsident Chi- rac persönlich den Niger im Oktober 2003. Vor allem ist Frankreich als wichtigster Abnehmer 198 Vgl. U.S. Department of State 1994, Web. 199 Vgl. IRIN-News 2003, Web. 200 Vgl. Mattes 2001, S. 28. 201 Vgl. IRIN-News 2003, Web. 202 Vgl. Grégoire 1999, S. 57. 203 Vgl. Ministère des affaires étrangers 2003, Web. 196 des Urans der wichtigste Wirtschaftspartner und darüber hinaus der wichtigste Geldgeber für den Niger. Erst im April 2003 erließ Frankreich dem Niger Staatsschulden in der Höhe von 110 Mio. Euro und garantierte weitere 20 Mio. Euro für Schul- und Entwicklungsprojekte. 204 6.4.2 Libyen Das Verhältnis zu Libyen war seit Gaddhafis Putsch im Jahr 1969 aufgrund Libyens politi- scher und militärischer Interventionen lange Zeit äußerst gespannt. Man kann durchaus sagen, Gaddhafi ist die wesentliche Kraft zur Destabilisierung des Sahel gewesen. 205 So hatte Gadd- hafi den einstigen politischen Gegner Hamanis, Djibo Bakary, in dessen Exil in Guinea unter- stützt und wiederholt Einfluss auf die saharischen Minderheiten genommen, und in einem Blitzangriff hatte Libyen kurz nach Gaddhafis Machtergreifung sogar 20.000 km2 nigrisches Territorium im Norden des Kawar erobert. Eine Verbesserung der Beziehungen in der Ära Hamani führte schließlich zur Schaffung einer nigrisch-libyschen wirtschaftlichen Kooperati- onskommission und zu Subventionen für den Niger. 1974 wurde sogar ein Verteidigungsab- kommen, ein Uran-Liefervertrag sowie ein Wirtschaftsvertrag zwischen dem Niger und Liby- en abgeschlossen. Darin war vorgesehen die Schaffung und Finanzierung einer mit weitrei- chenden Vorrechten ausgestatteten libyschen Minengesellschaft. 206 Vor der Umsetzung dieser Verträge putschte sich jedoch Kountché an die Macht. Diverse Umstände sprechen für die wissentliche Duldung, wenn nicht gar für eine Unterstützung des Putsches durch Frankreich. Immerhin hatte Hamani in der Verhandlung um höhere Uran-Preise ein Ultimatum an Frank- reich gestellt, das kurz nach dem Putsch abgelaufen wäre. 207 Die Verträge mit Libyen wurden von Kountché nicht ratifiziert, wohl aber wurde aus wirt- schaftlichen Gründen Uran an Libyen verkauft. 208 Dennoch wurden die Beziehungen zu Li- byen zunehmend prekär. Nach dem Putschversuch von 1976 wurde Gaddhafi verdächtigt, die Putschisten unterstützt zu haben, 1977 folgte Gaddhafis Affront mit dem Aufruf an die Ischomar, seiner „islamischen Armee“ beizutreten, und 1981 intervenierte er militärisch im Tschad. In dieser Periode sicherte sich Libyen seine Präsenz im Niger durch Banken oder die Errichtung der Großen Moschee in Niamey. Als die Tuareg abermals via Radio zum Dienst in der Islamischen Armee eingeladen wurden, rief Kountché seinen Botschafter aus Tripolis zurück. Weitere Spannungen verursachte im selben Jahr die Flucht des Verteidigungs- ministers Khamed Moussa, eines Tuareg, wobei dieser angeblich im Handgepäck Geheimdo- kumente ins Exil nach Libyen brachte. In diese Zeit fielen wiederholt Sabotageakte in Arlit durch Malinesen, angeblich Mitglieder der Islamischen Legion Gaddhafis. 209 Zu einer ersten Entspannung in dieser Beziehung führte 1984 der Besuch des libyschen Au- ßenministers in Niamey. Doch erst der Tod Kountchés brachte die Wende in der Beziehung dieser zwei Saharastaaten. 1989 besuchte Saibou, der als guter Freund Gaddhafis galt,210 als erster Staatschef des Niger wieder Libyen. Während der Isolation des Niger infolge des Baré- 204 Vgl. Kayaki 2003, Web. 205 Vgl. Vinding 2001, Web. 206 Gaddhafi verfolgte seit 1973 eine sehr aktive Außenpolitik und setzte alle außenpolitischen Instrumente ein, was mit den seit diesem Jahr gewaltig ansteigenden Erdöleinnahmen (Höhepunkt 1981: 21,9 Mrd. US-$) möglich wurde. Mattes (2001, S. 10) weist darauf hin, dass sich in dieser Periode international die Vorwürfe gegen Gaddhafi mehrten, wonach sein außenpoli- tisches Engagement auf die Schaffung einer „Union des nomades sahariens“ ziele. 207 Vgl. Grégoire 1999, S. 36 f. 208 Ebd., S. 43. 209 Vgl. Salifou 1993, S. 43. 210 Ebd. S. 61. 197 Putsches von 1996 besuchte dann auch Baré mehrmals Libyen und bekam von Gaddhafi je- weils große Geldbeträge und Militärhilfe für die nigrische Armee im Wert vom mehreren Mio. Euro. 211 In den Folgejahren wurde der Niger in die von Libyen initiierte und überwie- gend finanzierte Gründung der CEN-SAD in Tripolis eingebunden. 212 Seither ist Gaddhafi als Förderer des von schweren finanziellen Nöten bedrängten Niger stets willkommen. Erst 2003 finanzierte Gaddhafi gemeinsam mit der FAO ein 1,7 Mio. US-$- Landwirtschaftsprojekt, im April 2003 wurde ein umfassendes Zollabkommen unterzeichnet, und Präsident Tandja betonte abermals mit einem Besuch seine Verbundenheit mit Libyen. 213 Libysche Geschäftsleute investierten wiederholt in die nigrische Wirtschaft, u.a. 2002 in den Bau eines Luxushotels im Zentrum von Agadez. Dieses Engagement ist freilich auch vor dem Hintergrund der Lockerung und schließlich - im September 2003 - der Aufhebung des 1992 verhängten UN-Embargos gegen Libyen zu sehen. Mittelfristig wird ein Belastungsfaktor für die Beziehungen Libyens zum Niger wesentlich an Bedeutung gewinnen: der Strom der illegalen Flüchtlinge aus Schwarzafrika, dessen Haupt- route über Agadez und den Kawar verläuft. 214 Schon heute sollen sich „mindestens zwei Mil- lionen schwarzafrikanische Fluchtlinge (…) in Libyen“ aufhalten. 215 In den vergangenen Jah- ren war es wiederholt in Libyen zu blutigen Ausschreitungen gegen Schwarzafrikaner ge- kommen. 6.4.3 Algerien Nach der Unabhängigkeit Algeriens waren die Beziehungen des Niger sehr kühl, da Algeriens erster Präsident Ben Bella zunächst Bakary, Hamanis politischen Gegner, unterstützt hatte. Diese Situation änderte sich erst 1965 nach dem Staatsstreich Boumédienes. Gewisse Koope- rationen, die in der Folge initiiert wurden, blieben jedoch ohne Bedeutung. Insbesondere der vormals für die Region so wichtige Trans-Sahara-Handel wurde aufgrund restriktiver algeri- scher Handelsregelungen weitgehend unterbunden. 216 1973 hatte Algerien aus Anlass der Er- öffnung des ersten Abschnitts der Transsahara-Straße eine engere, regionale Zusammenarbeit zur ökonomischen Integration der Sahara-Staaten initiiert. Die daraufhin gegründete „Confé- rence des Etats Sahariens“ blieb jedoch ergebnislos. 217 Während der Dürreperiode Mitte der 80er-Jahre nahm Algerien in der Region Tamanrasset zahlreiche Hungerflüchtliche aus dem Niger auf. Im Tuareg-Konflikt, der nach der Rückfüh- rung der Flüchtlinge Anfang der 90er-Jahre 218 im Niger ausbrach, spielte Algerien eine wich- tige Vermittlerrolle. In diese Zeit fiel auch ein Vierergipfel in Djanet, bei dem die Staatschefs von Algerien, Mali, Niger und Libyen einerseits Lösungen zum Tuaregkonflikt und anderer- seits neuerliche Möglichkeiten der ökonomischen Kooperation im Sahararaum diskutierten. 211 Vgl.Grégoire 1999, S. 192. 212 Vgl. Mattes 2001, S. 38 f. 213 Vgl. Kayaki 2003, Web. Interessanterweise fand sich dazu in den libyschen Medien kaum eine Meldung, was doch einiges darüber sagt, welchen realen politischen Wert der Niger heute für Libyen spielt. 214 Siehe dazu das Unterkapitel „Die wirtschaftliche Lage des Niger/Schattenwirtschaft“. 215 Vgl. Harms 2004, S. A 4. 216 Vgl. Grégoire 1999, S. 161. 217 Vgl. Mattes 2001, S. 6 f. 218 Nach Richter (2000, GR 52, H. 11, S. 15 f.) flohen 1984/85 etwa 45.000 Tuareg aus Niger und Mali nach Algerien und Libyen. Im Mai 1986 repatriierte Algerien 20-30.000 der Flüchtlinge, weitere 18.000 Tuareg kehrten im März 1990 aus Algerien und Libyen nach Niger zurück. 198 Diese Konferenz war letztlich der Wegbereiter für weitere Saharakonferenzen und die spätere Gründung der CEN-SAD durch Libyen. 219 Weitere Schritte zur engeren Zusammenarbeit wurden 2002 unternommen, als zwischen Al- gerien und dem Niger ein Kooperationsabkommen über verstärkten Handel, die Grenzsicher- heit, den Kampf gegen den Terrorismus, 220 das organisierte Banditentum und die illegale Im- migration unterzeichnet wurde. Weitere bemerkenswerte Inhalte dieses Abkommen sind grenzüberschreitende Infrastrukturmaßnahmen wie eine Straße, eine Gaspipeline durch den Niger sowie ein Glasfaser-Kabel durch die Sahara in den Niger. 221 Dennoch änderte sich an der restriktiven Abwicklung des kommerziellen Grenzverkehrs durch die als korrupt ver- schrienen algerischen Zöllner wenig; der Schmuggel in dieser Region blühte umso mehr. 222 Ähnlich restriktiv ist die Regelung des grenzüberschreitenden Tourismus: Grundsätzlich dür- fen keine Unternehmen des jeweiligen Landes im Nachbarland aktiv werden. 6.4.4 Sonstige wichtige Partner 6.4.4.1 USA Seit der Unabhängigkeit des Niger bestehen gute und enge Beziehungen zu den USA, die den Niger u.a. im Bereich Landwirtschaft unterstützen. Seit 1962 besuchen regelmäßig Mitglieder des Freiwilligendienstes "U.S. Peace Corps" das Land. 223 Zu Spannungen zwischen den Län- dern kam es erst unter Präsident Bush im Zuge der jüngeren Anti-Terror-Politik. So soll der Niger gemeinsam mit 10 weiteren afrikanischen Staaten seit 2003 militärischen Sanktionen ausgesetzt sein. Zu weiterreichenden Disputen war es im Zuge der wider besseres Wissen seitens der USA gegen den Niger erhobenen Vorwürfe gekommen, dieser hätte dem Irak für dessen Nuklearprogramm Uran verkauft. Dieser Vorwurf musste jedoch von den USA als falsch zurückgezogen werden. 224 Seit 2003 engagiert sich die USA wieder militärisch im Rahmen der „Pan-Sahel-Initiative“ in Form von Anti-Terror-Ausbildungsprogrammen im Niger, finanziert vom U.S. State Department. 225 219 Ebd., S. 9 f. 220 Eine Trainingsbasis algerischer Terroristen in der Nähe des Mont Tazerzait wurde im November 1998 von der nigrischen Armee zerstört (vgl. Grégoire 1999, S. 185). 221 Vgl. APS 2002, 7.08.2002, Web. 222 Vgl. Grégoire 1999, S. 184. 223 Vgl. U.S. Department of State 1994, Web. 224 Vgl. Kayaki 2003, Web; vgl. in diesem Zusammenhang auch Koydl 2003, Web. Die US-Regierung musste zugegeben, dass die Rechtfertigung für den Irak-Krieg auf teilweise falschen Behauptungen beruhte. 225 Vgl. Pitman 2004. 199 6.4.4.2 Deutschland Deutschland ist zum einen ein Abnehmer des nigrischen Urans und unterstützt zum anderen die Republik Niger mit zahlreichen großen Entwicklungsprojekten. Das „Projet du Develo- pement Rural de Tahoua“ (PDRT) und das „Projet Niger Nord“ (PNN) sollen zur sozialen Stabilisierung der von der Rebellion erschütterten Region Agadez beitragen. Aufgrund der gegenwärtigen budgetären Krise der Bundesrepublik reduziert Deutschland jedoch schrittwei- se sein Niger-Engagement. 6.4.4.3 Republik China Die Republik China wird zunehmend ein wichtiger Partner für den Niger. Zahlreiche gegen- seitige Besuche auf höchster Ebene sowie beträchtliche Unterstützungsleistungen und Investi- tionen Rotchinas für den Niger bezeugen das. Das Handelsvolumen stieg zwischen 2001 und 2002 von 6,5 auf 14,7 Mio. US $, und China ist ein wichtiger Lieferant für Reis und Textilien geworden. 226 6.5 Die wirtschaftliche Lage des Niger Der Niger ist grundsätzlich von großen Geberländern wie Frankreich, Japan und den USA ab- hängig, denn Investitionsausgaben müssen zu 95 % und laufende Kosten bis zu 60 % durch Aus- landshilfen finanziert werden. Dies führte in Zeiten politischer Krisen dazu, dass öffentliche In- stitutionen, wie Schulen, wegen ausstehender Gehälter der Bediensteten monatelang schlossen und Einrichtungen des Gesundheitswesens unterbesetzt waren. Dieser Zustand kann sich ange- sichts der Auslandsschuld in Höhe von ca. 1,5 Mrd. US-$ 227 und des von der Weltbank auferleg- ten, drakonischen Strukturanpassungsprogramms nur langsam, wenn überhaupt, verbessern.228 Allerdings scheint sich die Lage nunmehr etwas zu verbessern, da der Niger in Genuss einer in- ternationalen Schuldenerlass-Initiative kam. Dadurch reduzierte sich der jährliche Schulden- dienst von vormals 40% auf mittlerweile rd. 11% und soll bis 2010 auf 4,3% sinken. Der da- durch freigewordene Budgetanteil ist zweckgebunden und soll für die Gesundheitsversorgung, das Grundschulsystem, HIV-Bekämpfung und Armutsbekämpfung verwendet werden. 229 Das BNP des Landes lag 2002 bei 2,3 Mrd. EURO, die Wachstumsrate bei rund 4 %.230 Dienst- leistungen (vor allem staatliche Dienste) trugen mit 42 %, Landwirtschaft und Viehzucht mit 41 % und Industrie mit 17 % zum BNP bei. Die erwerbstätige Bevölkerung ist zu 90 % in der 226 o.A. 2003a, Niger et ses relations avec la Chine, Le Quotidien du Peuple en ligne, 7. 8. 2003, Web. 227 Vgl. Milet 2002, Web. Im April 2003 erließ Frankreich der Rep. Niger im Rahmen einer umfassenden Entschuldungsiniti- ative 77 Mrd. FCFA (110 Mio. Euro) (vgl. PANA, zit. in Kakaki 2003, Web.). 228 Vgl. Friedl 2000d, S. 7. 229 Vgl. US-Bureau of African Affairs 2004, Web. 230 Vgl. izf 2002, Web. 200 Landwirtschaft beschäftigt, zu 6 % in Handel und Industrie und zu 4 % im Staatsdienst. Das Pro- Kopf-Einkommen liegt etwa bei 200 Euro, die Inflationsrate etwa bei 4 %.231 Der hohe Anteil der Landwirtschaft am BNP und die damit verbundene hohe Abhängigkeit von ausreichenden Regenfällen und von Marktpreisen für Produkte des Agrarsektors bedingen hohe Schwankungen des BNPs und des Wirtschaftswachstums. Letzteres stieg aufgrund der reichli- chen Regenfälle im Jahr 2002 auf 6,0 % bei einer Inflationsrate von nur 2,7%.232 Diesen Zahlen verdeutlichen die überproportionale Bedeutung der Subsistenzwirtschaft im Niger und die konkurrenzlose Dominanz des Staates als Geldgeber. Die Staatseinnahmen belaufen sich jährlich auf ca. 300 Mio. Euro, wovon 60 Mio. Euro Finanz- hilfen umfassen.233 Die erwirtschafteten Einnahmen resultieren zu 65 % aus dem Uranexport. Weitere Exportprodukte sind Lebendvieh, Zwiebeln und andere landwirtschaftliche Produkte. Hauptabnehmer sind Frankreich (39%), Nigeria (31%), Japan (16%), Elfenbeinküste (9%) und die USA (3,9 %). Der Niger importiert Konsumgüter, Rohstoffe, Maschinen, Fahrzeuge und Ersatzteile, Energie und Getreide. Die wichtigsten Import-Partner sind Frankreich (17%), Elfenbeinküste (15%), China (10%) und Nigeria (7%: Energie, Getreide, Textilien, Treibstoffe, Konsumartikel). 234 6.5.1 Währung Der Niger gehört der westafrikanischen Währungsunion an und hat somit den „Franc CFA“ als Zahlungsmittel, das paritätisch an den französischen Franc gebunden ist. Allerdings erfuhr die Währung 1994 eine 50%ige Abwertung. Der heutige, fixe Wert liegt bei 656 FCFA/1 Eu- ro. 235 6.5.2 Bodenschätze 6.5.2.1 Uran Uran lagert in Sedimenten aus dem Karbon. Im Niger stieß man erstmals 1959 bei Azelik, nördlich von In Gall, in fossilen Flussläufen auf Uran. Der Abbau war aber unrentabel. Auf große Vorkommen mit einem Volumen von 20.000 Tonnen stieß man Mitte der 60er-Jahre bei Arlit. Zur Förderung des Uran wurde 1967 die Aktiengesellschaft „Societe des Mines de l’Aïr“ (SOMAIR) gegründet. Das Uran wird seit 1971 im offenen Tagbau gewonnen, in einer eigens errichteten Fabrik in Arlit bis auf einen Gehalt von 71 % angereichert und dann über 231 Quellen für die Wirtschaftsdaten: Ziemer/Basedau 2000, S. 559; CIA 2002, Web. 232 Vgl. US-Bureau of African Affairs 2004, Web. 233 Vgl. izf 2002, Web. 234 Vgl. US-Bureau of African Affairs 2004, Web. 235 Nigrisches Tourismusministerium 2002, Web. 201 Cotonou, den nächstgelegenen Hafen in Benin, verschifft. 236 1978 wurde auch die Förderung unter Tags durch die neu gegründete AG Cominak (Compagnie des mines d’Akouta) begon- nen. Neben dem Haupteigentümer Frankreich besitzen auch Japan, Deutschland, Spanien und der nigrische Staat Anteile an beiden Firmen. In der Zeit des Uranbooms, 1981, wurden 4.336 Tonnen Uran produziert, das entsprach 40 % der weltweiten Produktion bzw. 90 % der weltweiten Exporte.237 Damals stammten 80 % der nigrischen Exporteinnahmen vom Uranverkauf, dessen damaliger Marktpreis von 600 Franzö- sischen Francs (ff) pro Kilogramm extrem hoch war. 238 Ab 1979 waren die internationalen Märkte bereits weitgehend gesättigt, die Anti-Atom-Bewegung, das Ende der Ölkrise und weitere Uranfunde 239 führten zum Verfall des Preises: heute liegt der Marktpreis unter 200 ff/kg (knapp 30 Euro). Zusätzlich reduzierte auch Frankreich seit Mitte der 90er-Jahre den zuvor aus politischen Gründen über dem Marktwert gezahlten Preis. In der Republik Niger sind bis heute etwa 100.000 Tonnen Uranerz gefördert worden. Schät- zungen über die gegenwärtigen Uranerz-Vorräte im Niger belaufen sich auf 280.000 Ton- nen. 240 Damit verfügt der Niger über die drittgrößten Uranreserven der Welt neben Kanada und Australien. Aufgrund der geringen Weltmarktpreise werden jedoch wichtige Vorkommen derzeit nicht ausgebeutet. 241 Im Jahr 1995 wurden noch knapp 3.000 Tonnen produziert, da- von 65 % durch COMINAC und 35 % durch SOMAIR, und um annähernd 120 Mio. Euro verkauft. 242 Die wichtigsten Abnehmerländer sind Frankreich (63 %) 243, Japan (24 %), Spa- nien (7 %) und Deutschland (6 %). 244 Das Problem bei der nigrischen Uranförderung liegt in den hohen Produktionskosten, bedingt durch qualifiziertes Personal 245 und umfangreiche Infrastruktur, musste doch für die Förde- rung mitten in der Wüste aus dem Nichts eine künstliche Stadt aufgebaut werden. 246 Auf- grund der hohen Betriebskosten erzwang die Weltbank anfangs der 90er-Jahre eine weitge- hende Umstrukturierung des Minensektors im Rahmen des IMF-Strukturanpassungs- programms, das u.a. die Entlassung von 5.000 Beschäftigten und die Senkung der Löhne be- inhaltete. 247 Gegenwärtig betreibt der Niger die „Nigérisation“ der Minen, indem die letzten französischen Ingenieure durch Nigrier ersetzt werden. 248 Im Jahr 2001 wurden die Verträge zwischen dem Niger und den Unternehmen COMINAK und SOMAIR, an denen der Staat mittlerweile noch 31 % bzw. 36,6 % Anteile hält, mit 2004 beginnend auf weitere 10 Jahre verlängert. 249 Die regionale Bedeutung des Uranabbaus für Agadez und die Tuareg beurteilt Grégoire als äußerst gering. Die laufend benötigten Chemikalien, Verbrauchsgüter und Lebensmittel, de- ren Wert sich 1996 auf rd. 30 Mrd. FCFA belief, werden fast zur Gänze von internationalen Lieferanten oder nationalen Großhändlern aus dem Süden hertransportiert. Dabei sind die 236 Vgl. Gardi 1971, S. 283 237 Vgl. Decoudras in Decoudras/Durou 1994, S. 57. 238 Vgl. Stührenberg 2002c, S. 45. 239 Vgl. Zuletzt waren Anfang der 90er Jahre weitere Uranvorkommen entdeckt worden (vgl. Zamponi 1994, S. XXII). 240 Vgl. Alzouma 1996, S. 345. 241 Vgl. U.S. Department of State 1994, Web. 242 Vgl. République du Niger/UNO 1997, Kap. 2.2, Web. Der Weltmarktpreis fiel zwischen 1995 und 2001 von 24.000 auf 21.300 FCFA (vgl. Mayer 2001b, Kakaki, 19. 11. 2001, Web). 243 Cogema, die Betreiberfirma der weltgrößten Wiederaufbereitungsanlage in La Hague, Nordwest-Frankreich, ist Teilhaber der Uranfirmen COMINAC und SOMAIR. 244 Vgl. Statistisches Bundesamt 1992, S. 54. 245 Die Produktivität von SOMAIR liegt lt. Assane (2000, Republican, 13 .4. 2000, S. 5) mit 1,25 t pro Person und Jahr weit unter jener der Namibischen Minen (2,7 t p. P./J.). 246 Vgl. Grégoire (1999, S. 119) berechnet die Investitionskosten bis 1976 für die gesamte Anlage auf 18 Mrd. FCFA. 247 Vgl. Zamponi 1994, S. XXI. 248 1983 lebten noch 600 französische Ingenieure mit ihren Familien in Arlit. 249 Vgl. Mayer 2001b, Kakaki, 19. 11. 2001, Web. Diese Situation hat sich in den letzten fünf Jahren aufgrund einer Verviel- fachung des Uran-Weltmarktpreises grundlegend geändert. 202 Djerma-Songhais und Araber die wesentlichen Profiteure dieses Marktes. Auch schon in den Anfängen der Uran-Wirtschaft konnten Tuareg im Bereich der Uranindustrie und im Bereich des Zuliefergeschäftes aufgrund geringer Qualifikation nur untergeordnete Posten anneh- men. 250 Früher arbeiteten sie zumeist als Führer. 251 Heute sind in den Minen auch nur 3 % der Angestellten Tuareg. Aufgrund der Absatzschwierigkeiten bei Uran versucht der Niger, seinen Minensektor stärker zu diversifizieren. Anfang der 90er-Jahre wurde besonders die Ausbeutung von Kohle, Gold und Öl ins Auge gefasst. Im Jahr 2003 stellte die EU einen Kredit über 35 Mio. Euro für In- vestitionen auf dem Minensektor in Aussicht. 252 6.5.2.2 Kohle Große Braunkohlevorkommen wurden 1963 im Zuge der Uransuche bei Tchirozerine, 50 km nördlich von Agadez, entdeckt, weitere Vorkommen Mitte der 80er-Jahre, wobei sich die Re- serven auf ca. 11,5 Mio. Tonnen belaufen. 253 Für den Abbau wurde 1974 die Société nigé- rienne de charbon (SONICHAR) mit dem Ziel gegründet, das Uranwerk und Agadez mittels eines kalorischen Kraftwerks mit Strom zu versorgen. Seit Anfang der 80er-Jahre produzieren zwei 16 MW-Anlagen jährlich 115 Mio. kW/h Strom und verbrauchen dazu 115 Tonnen Koh- le pro Jahr. 254. Aufgrund der schlechten Qualität der Kohle belaufen sich die Energiekosten auf ca. 15 Euro/kWh. Der Niger produziert jährlich 220 Mio. kWh, verbraucht aber 404,6 Mio. kWh, wobei der meiste Strom aus Nigeria importiert wird. Mit der in Tchirozerin produ- zierten Kohle können wenigstens die Ölimporte, deren Volumen sich jährlich auf bis zu 10 Mrd. FCFA belaufen, etwas substituiert werden. 255 6.5.2.3 Gold Schon seit 1960 wird im Niger Gold in kleinen Mengen durch individuelle Goldsucher ge- wonnen. Die industrielle Ausbeutung begann erst 1987 im Südwesten des Landes mit Hilfe einer kanadischen Firma. 256 Derzeit wird die Tiawa-Mine in den Samira Goldfeldern von der „Société des Mines du Liptako“ (SML) ausgebeutet, die zu 20 % im Eigentum des Staates Niger und zu 80 % im Eigentum der „African GeoMin Mining Development Corporation Li- mited“ (AGMDC) steht. AGMDC gehört zu gleichen Teilen den zwei kanadischen Unter- nehmen „Etruscan Resources Inc.“ und „Semafo“. 257 Für die Ausbeutung der Goldmine hatte die African Development Bank im Jahr 2003 einen Kredit von 12,5 Mio. US-$ bereit- 250 Vgl. Grégoire 1999, S. 135, 139 ff. 251 Dass auch in den Anfängen überwiegend Arbeiter aus großen Städten des Südens und nur wenige aus Agadez zuzogen, bestätigt Gardi schon 1971 (S. 292), wobei Tuareg zumeist nur Hilfsarbeiten übernahmen. 252 Vgl. PANA, zit. in Kayaki 2003, Web. 253 Vgl. Statistisches Bundesamt 1992, S. 55. 254 Vgl. Decoudras/Durou 1994, S. 79. 255 Vgl. Grégoire 1999, S. 124. 256 Vgl. Zamponi 1994, S. XXII. 257 Vgl. Etruscan Resources 2004, Web. 203 gestellt. 258 Das Erzvorkommen wird auf 2 Mio. Tonnen bei einem Goldgehalt von 10g/T ge- schätzt. 259 Die industrielle Produktion wurde im Oktober 2004 aufgenommen. Nach dem gegenwärtigen Stand beträgt die Jahresproduktion etwa 100.000 Unzen (rd. 3,7 Tonnen) Gold und 4000 Un- zen (120 gk) Silber. 260 Durch die Mine wurden 140 Arbeitsplätze direkt und weitere 220 Ar- beitsplätze indirekt durch Versorgungsfirmen geschaffen. Der erste produzierte Goldbarren mit einem Gewicht von 15 kg wurde im Oktober 2004 der Öffentlichkeit präsentiert. Bis An- fang Dezember des Jahres 2004 wurden 412 kg Gold exportiert und damit 2,8 Mrd. FCFA (rd. 5 Mio. €) an Erlösen eingenommen. Dadurch erzielte der Staat Niger einen Reinerlös idHv 30 Mio. FCFA (ca. 480.000 €). Aufgrund dieses viel versprechenden Ergebnisses wurden im Jahr 2004 an weitere drei kanadische Unternehmen Schürflizenzen vergeben. 261 Weitere Goldbestände mit mehreren 100.000 Unzen werden auch im Tafassasset vermutet. Eine entsprechende Lizenz für ein Schürfgebiet von 2.000 km² Größe im nördlichen Aïr wur- de an das australische Minenunternehmen „GeoAfria Gold Corporation“ vergeben. 262 Aller- dings machen hohen Schürfkosten und die daraus resultierende geringe Rentabilität eine Aus- beutung äußerst unwahrscheinlich. 6.5.2.4 Erdöl und andere Bodenschätze Bereits 1958 wurde im Niger nach Erdöl gesucht, da größere Bestände im Djado und im Aga- dem Becken, nördlich des Tschadsees, vermutet wurden. 263 Ernsthafte Prospektionen unter- nahm im Jahr 1992 die Firma Hunt Oil aus Texas in der Djado-Region. 264 Aufgrund der unsi- cheren Lage wegen der Übergriffe der FARS gab die Firma die Suche auf. 265 Weiterhin nach Öl wird dagegen im Agadem Becken gemeinsam vom französischen Konzern Elf Aquitaine und dem US-Konzern Exxon gesucht. 266 Bekannte, noch nicht abgebaute Bodenschätze gibt es im Niger an Phosphat (400 Mio. Ton- nen) und Eisen bei Say am Niger 267 (50 Mio. t), sowie Platin, Titan, Magnetit und Lithium. 268 6.5.3 Viehwirtschaft Neben dem Uranexport trägt die Viehwirtschaft zu 15 % zu den Außenhandelserträgen bzw. zu 35 % zum BNP des Niger 269 bei, deutlich mehr als der Tourismus. 1992 wurden offiziell 258 Vgl. Kakaki 2003, Web. 259 Vgl. Statistisches Bundesamt 1992, S. 55. 260 Vgl. Etruscan Resources 2004, Web. 261 Vgl. IRIN-News 2004c, Web. 262 Vgl. Hampel 2001, Web. 263 Vgl. CNEDD u.a. 2000, S. 16. 264 U.S. Department of State 1994, Web. 265 Grégoire (1999, S. 147) vermutet, dass Libyen die FARS ausgerüstet hat, da eine US-Ölförderung so nahe der libyschen Grenze den libyschen Interessen kaum nützt. 266 Vgl. U.S. Department of State 1994, Web; Kayaki 2003, Web. 267 Hier überquerte Heinrich Barth den Fluss während seiner erfolgreichen Reise nach Timbuktu. 268 Vgl. Statistisches Bundesamt 1992, S. 55. 269 Vgl. CNEDD u.a. 2000, S. 32. 204 85.000 Rinder, 360.000 Ziegen und Schafe und 14.000 Kamele als Lebendvieh und 22.000 Tonnen Fleisch exportiert. 270 Der wichtigste Abnehmer ist Nigeria mit Viehimporten im Wert von 12,5 Mrd. FCFA (1993). 271 Die Region Agadez ist ein klassisches nomadisches Viehzuchtgebiet und der weitaus über- wiegende Teil der regionalen Bevölkerung ist im Bereich der Viehzucht beschäftigt. Das ü- berwiegend durch Viehzucht erwirtschaftete BNP der Region Agadez beläuft sich auf ca. 20 Mrd. FCFA. 272 Die regionale Viehzucht macht seit Jahren eine grundlegende Veränderung durch. Das zeigt sich an der sinkenden gesamtwirtschaftlichen Bedeutung, ersichtlich am An- teil des BNP: Im Jahr 1961 lag der Anteil am BNP noch bei 20,7 %, 1984 bei 16,5 % und 1991 nur mehr bei 12,8 %. 273 Die Ursachen dafür sind einerseits in den immer häufiger auftretenden Dürren zu suchen (zwischen 1911 und 1985 gab es sieben große Dürreperioden mit einer Dauer zwischen 7 und 13 Jahren), 274 andererseits im wachsenden Nutzungskonflikt zwischen agrarischer Boden- nutzung durch künstliche Bewässerung und nomadischer Viehzucht durch Weidehaltung zu- nehmend auch in nördlichen Regionen; schließlich spielen auch Überweidung und soziale Veränderungen eine Rolle. Die verhängnisvollen Dürren der 70er- und 80er-Jahre verminderten den Viehbestand bis zu 50 %. 275 Gleichzeitig fand in diesen Perioden ein massiver Transfer des Viehbesitzes statt von Nomaden zu sesshaften Bauern des Südens, zu Funktionären, Händlern und arabischen Groß- unternehmern. Diese hatten in den Krisenjahren das Vieh der Nomaden billigst aufgekauft, unter Einsatz technischer Hilfsmittel mit Futter und Wasser versorgt und die einstigen Besit- zer wieder als Hirten unter Vertrag genommen. 276 Auch vom Export profitieren seither in erster Linie die Großhändler. 6.5.4 Ackerbau Aufgrund des weitgehend ariden Klimas ist Ackerbau im Niger auf weniger als 12 % der Landfläche beschränkt. Von dieser Fläche sind wiederum nur 15 – 20 % von besserer Boden- qualität, 80 - 85 % der bebaubaren Flächen sind dagegen wenig produktive, sandige Hügel mit geringem Phosphatgehalt und entsprechend geringer Bodenfruchtbarkeit. Aufgrund der wachsenden Bevölkerung werden die ackerbaulich genutzten Flächen immer weiter ausgedehnt. Zwischen 1965 und 1999 stieg im Niger die kultivierte Fläche von 3,1 Mio. ha (21 % der kultivierbaren Fläche) auf 13,9 Mio. ha (93 %). 277 Die hauptsächlich ange- bauten Feldfrüchte und Getreidesorten sind Hirse und Sorghum, welche zu 80 % die Nahrung der nigrischen Bevölkerung darstellen, 278 Bohnen, Reis, Zwiebeln (Export über 1000 t jähr- 270 Vgl. République du Niger/UNO 1999, S. 77, 70. 271 Vgl. Grégoire 1999, S. 261. 272 Vgl. Alzouma 1996, S. 345. In diesem Volumen ist zwar auch agrarische Wertschöpfung enthalten, doch ist diese auf- grund der ariden Voraussetzungen in der Region Agadez vernachlässigbar. 273 Vgl. CNEDD u.a. 2000, S. 14. 274 Vgl. Grégoire 1999, S. 252. 275 Vgl. République du Niger/UNO 1999, S. 31. 276 Vgl. Grégoire 1999, S. 255 f. 277 Vgl. CNEDD u.a. 2000, S. 10. 278 Vgl. République du Niger/UNO 1999, S. 73. 205 lich im Gegenwert von 10 Mrd. FCFA); Erdnüsse (Export 1996 rd. 200.000 t) 279 und Mais. Das Exportvolumen belief sich im Jahr 2001 auf rund 250 Mio. US-$. 280 In der Region Agadez ist Ackerbau überhaupt nur mit Bewässerung möglich. So gibt es im Gebiet der Kel Ewey mittlerweile über 1200 bewässerte Gärten,281 deren Erträge mittels von europäischen Hilfsorganisationen gespendeter Lastwägen nach Agadez, Arlit und sogar bis in die südlichen Nachbarländer geliefert werden. Dennoch trägt die Region lediglich 0,12 % zur nationalen Getreideproduktion bei und weist somit eine chronische Unterversorgung von 30.000 Tonnen jährlich auf. 282 Die Probleme der agrarischen Landwirtschaft sind geringe Produktivität, die Übernutzung mit nachfolgender Verarmung der Biodiversität, der Erosion und in letzter Folge Desertifika- tion 283, somit des Verlusts an bewässerbaren Flächen: 1965 waren noch 25 % der nigrischen Böden und damit die doppelte Fläche von heute kultivierbar! Dies liegt auch daran, dass sich die Niederschlagsgrenze immer weiter nach Süden verlagert. Hier zeigt sich das zentrale Problem des Niger: Aufgrund wachsenden Nahrungsbedarfs infolge wachsender Bevölkerung werden bis zum Jahr 2012 sämtliche bewässerbaren Flächen kultiviert und alle Bodenreserven aufgebraucht sein. 284 6.5.5 Handel, Dienstleitungen, Industrie Der mittlerweile wichtigste Wirtschaftsfaktor in der Region Agadez ist der Tourismus, aus dem die nationalen Einnahmen in der Saison 1999/2000 auf 13 Mrd. FCFA geschätzt wer- den. 285 Für Agadez wird der Umsatz der rund 50 Agenturen auf 600 Mio. FCFA und jener der 14 Hotels auf 100 Mio. FCFA geschätzt. Im Jahre 2001 waren 4300 und im Jahre 2002 ca. 3000 Touristen Kunden der regionalen Agenturen. 286 Die Hotels verzeichneten 2002 knapp 2.500 Ankünfte und 4.000 Nächtigungen. Allein an Lizenzgebühren und Steuern verdiente der Staat in der Region Agadez an die 87 Mio. FCFA. 287 Auch die Einkünfte der Schmiede werden in guten Saisonen auf einige Mio. FCFA pro Jahr geschätzt.288 Die Zahl der direkt im Tourismus Beschäftigten wird für die Region Agadez auf 1.200, jene der indirekt Beschäftigten (Trans- port, Museen, Parkverwaltungen etc.) auf 5.300, die Zahl der Kunsthandwerker, die durch den Souvenirhandel profitieren, auf 240.000 geschätzt. 289 Mögen auch die Zahlenangaben lediglich auf Schätzungen und Hochrechnungen beruhen, so vermittelt der Umfang der Einnahmen und Umsätze dennoch eine gewisse Orientierung hin- sichtlich der regionalen Bedeutung des Tourismus. Dies gilt insbesondere für die sekundären wirtschaftlichen Effekte: Immerhin geben die Touristen in Agadez durchschnittlich zwischen 279 Erdnüsse waren bis 1973 der wichtigste Devisenbringer des Niger. 280 Vgl. CIA 2002, Web. 281 Vgl. Bayad/Giazzi 1996, S. 303. 282 Vgl. République du Niger/UNO 1999, S. 34. 283 Vgl. Hammer 2000, GR 52, Heft 11, S. 4 ff. 284 Vgl. République du Niger/UNO 1999, S. 70. 285 Vgl. NIGETECH 2002, S. 17, lt. einer Hochrechnung der Daten von 1991 durch die Administration Nationale du Touris- me. Näheres in den Kap. über die Tourismusstrukturen in Agadez. 286 Vgl. Amadou Moumouni, directeur du direction régionale Agadez-Tahoua du tourisme et de l'Artisanat, zit. in Manzo 2003, Sahel Dimanche Nr. 1046, 12. 9. 2003, S. 8. 287 Vgl. Ebd., S. 8 288 Vgl. Aggag, UICN-Mitarbeiter, Iferouane, Oktober 1997. 289 Schätzung lt DT/PT 1999, zit. in NIGETECH 2002, S. 20. 206 75.000 und 100.000 FCFA pro Tag aus, bleiben allerdings nur für eine oder höchsten zwei Nächte. 290 Nach einer Berechnung für das Jahr 2001 blieb die Mehrzahl der damals rund 4.000 Touristen in Agadez durchschnittlich eine Woche und gab dabei 535 € aus, wovon 460 € den Agenturen und der Rest dem lokalen Handel verblieb. 291 Der WTTC schätzt das BSP der Tourismusbranche für 2003 auf 38,6 Mio. US $ (1,5 % des BNP). Das durch indirekte wirtschaftliche Effekte erwirtschaftete BSP wird auf 99 Mio. US $ (4 % des BNP) ge- schätzt. 292 Differenzierter analysiert dies eine Studie aus dem Jahr 2002, 293 wonach etwa ein Viertel der jährlich 28.000 der am Flughafen Niamey angekommenen Afrikaner durchschnittlich vier Tage blieben und dabei 300 € ausgaben. Weitere 5000 nicht-afrikanische Geschäftsreisende blieben durchschnittlich 7 Tage und gaben dabei 760 € aus. Insgesamt wird das touristische Einkommen im Niger für das Jahr 2000 mit 87 Mio. € veranschlagt. 294 Im Allgemeinen spielen Handel, soweit er nicht die bereits genannten Bereiche betrifft, In- dustrie und Handwerk nur eine sehr bescheidene Rolle hinsichtlich des nationalen Ein- kommens und der Beschäftigtenzahlen. Vom Handel leben max. 14 % der arbeitsfähigen Be- völkerung 295. Der industrielle Fertigungsbereich repräsentiert weniger als 1 % des BNP. 296 Eine gewisse regionale Bedeutung hat der Transsahara-Handel. So werden jährlich für etwa 82 Mio. FCFA nigrische Waren, insbesondere Lebendvieh und nigerianische Fertigprodukte nach Algerien exportiert und für 62 Mio. FCFA algerische Produkte importiert.297 Eine immer größere Bedeutung als Handelspartner erhält auch Libyen, das ebenfalls Vieh aus dem Niger importiert. Lebensmittel, Reis, Nudeln, Pflanzenöl, Matten, Ersatzteile etc. muss der Niger importieren. 298 Der Großteil des Handels dürfte sich im informellen Sektor abspielen. Dabei darf auch nicht der Salzhandel der Kel Ewey übersehen werden. In der Region Agadez spielt der Holzhandel eine große Rolle, einerseits weil Holz für viele Menschen die einzige Einkommensmög- lichkeit darstellt, andererseits weil Biomasse zu 90 % den Energiebedarf im Niger deckt: Der landesweite Holzbedarf liegt jährlich bei ca. 3,3 Mio. Tonnen bei einem jährlichen Wachs- tums von ca. 3 % und einem Bedarf von 0,6-0,8 kg/Person/Tag. Dem steht eine landeseigene Produktion von lediglich 900.000 Tonnen. gegenüber. Besonders Agadez weist bei einem Jahresverbrauch von 92.000 Tonnen und einer Produktion von 1,800 Tonnen (1990) ein ex- trem hohes Defizit in der regionalen Holzproduktion aus. Dieses Energiedefizit wird durch Übernutzung der vorhandenen Waldbestände gedeckt und durch Importe ausgeglichen. Derzeit liegt der jährliche Waldverlust bei 2,4 % was einer Waldfläche von 100.000 ha entspricht. Die Folgen sind - genau wie bei der Überweidung und der Übernutzung der Böden durch Bewässerung - Winderosion, Degradation der Weiden, Sinken des Grundwasserspiegels, in weiterer Folge Landflucht, und dadurch noch mehr Druck auf die Forstressourcen als Einnahmequelle der arbeitslosen urbanen Bevölkerung. 299 Von diesem Prozess besonders betroffen sind die Frauen: sie müssen immer mehr Arbeit leis- ten. Durch die Abholzung der siedlungsnahen Wälder steigt ihr täglicher Zeitaufwand um das Feuerholz zu besorgen. Ein weiterer unangenehmer Nebeneffekt ist, dass die Degradation des 290 Vgl. Amadou Moumouni, directeur du direction régionale Agadez-Tahoua du tourisme et de l'Artisanat, zit. in Manzo 2003, Sahel Dimanche Nr. 1046, 12. 9. 2003, S. 8. 291 Vgl. Mission Économique Régionale d'Abidjan 2002, Web. 292 Vgl. WTTC 2003, S. 5. 293 Vgl. Mission Économique Régionale d'Abidjan 2002, Web. 294 Davon belaufen sich allein die Einnahmen des Luxushotels Gawéye in Niamey auf 2,2 Mio. €. 295 Vgl. Alzouma 1996, S. 345. 296 Vgl. Statistisches Bundesamt 1992, S. 55. 297 Vgl. Grégoire 1999, S. 184. 298 Vgl. Ebd., S. 197 ff. 299 Vgl. République du Niger/UNO 1999, S. 39. 207 Bodens zu stärkerer Winderosion führt und damit zu mehr Staubentwicklung, was häufig Au- generkrankungen der Kinder zur Folge hat. Die Desertifikation fördert auch die Landflucht bzw. Migration der Männer, die die Frauen mit ihren Kindern alleine zurücklassen; die sin- kende Bodenfruchtbarkeit führt zu sinkenden Ernteerträgen und damit zu weiterer Verar- mung, sodass den Frauen und ihren Kinder Hungersnot droht. 300 6.5.6 Schattenwirtschaft Neben den amtlich registrierten wirtschaftlichen Aktivitäten existiert in der Region Agadez ein gigantisches Netz illegaler Händler und Schmuggler, die im großen Stil Zigaretten, Alko- holika, Drogen und Menschen nach Algerien, Libyen und Marokko bringen. In der Gegen- richtung werden insbesondere Treibstoff, Waffen und gestohlene Fahrzeuge geschmuggelt. Die Waren werden vom Zollfreihafen Cotounou in Benin importiert, 301 die Drogen werden aus Asien über Nigeria in den Niger eingeführt. Das Volumen dieser illegalen Handelstätigkeit kann nur annähernd geschätzt werden. Grégoi- re beziffert allein das Volumen des Zigarettenhandels (überwiegend Marlboro) mit Libyen im Jahr 1995 mit 6 Milliarden FCFA. 302 Nach Algerien dürften zwischen 1996 und 2002 über 1 Million Zigarettenpackungen im Wert von 850 Mrd. algerischer Dinars geschmuggelt worden sein. Im Gegenzug werden aus Algerien Medikamente, Elektrogeräte, Waffen und Treibstoff in den Niger geschmuggelt. 303 Über das algerische Schmugglernetz berichten algerische Medien, dass es hervorragend orga- nisiert und mit ausgefeilten logistischen Mitteln ausgestattet sei. Dieses Netz stelle eine neue Form der Verbindung zwischen mafiösem Schmuggel und Terrorismus dar, den sog. „gangsterrorisme“. 304 Die dabei erzielten Einnahmen würden auch der Versorgung algerischer terroristischer Gruppen mit Waffen (aus dem Tschad), mit Fahrzeugen und Geld dienen. Wahrscheinlich wurde aber auch schon die Tuareg-Rebellion auf diese Weise mit Nachschub versorgt. 305 Einer der wichtigsten Rädelsführer dieses Netzes, das den gesamten Sahara-Raum von Mau- retanien bis in den Sudan umfassen soll, sei der Algerier Mokhtar Benmokhtar. 306 Im Nordos- ten des Niger sollen Ex-Rebellen der Tubu-Fraktion FARS die Schmuggler vor Straßenräu- bern schützen. 307 Stührenberg nennt die Route über Bilma und Dirkou nach Libyen „eine der wichtigsten Drogenstraßen nach Europa“, auf der auch Waffen geschmuggelt werden. Diese 300 Vgl. ebd., S. 53 ff. 301 Vgl. Därr 2001, Web. Grégoire (1999, S. 203) berichtet davon, dass im 1. Halbjahr 1995 im Beniner Grenzort Parakou 2.700 Tonnen Zigaretten registriert wurden. Das entspricht 165.000 Packungen im Wert von 21,4 Mrd. FCFA. 302 Vgl. Grégoire 1999, S. 206. 303 Vgl. Mentouri 2003, S. 13; ähnlich Kaka 2000a, S. 4 f. Stührenberg (2002b, S. 164 f.) berichtet für die nordöstliche Grenzregion Malis, dass auch dort der Marlboro-Schmuggel per Pick-ups einer der stärksten Wirtschaftsfaktoren sei. Eine Fahrt mit einem Pick-up, beladen mit 25.000 Packungen amerikanischer Filterzigaretten, würde 2 Mio. FCFA (3.000 Euro) Gewinn bringen. Dominiert werde dieser Handel von Tuareg, vor allem von Ex-Rebellen. Das erzielte Einkommen würde verwendet, um die Nomadenstrukturen zu subventionieren. 304 Vgl. Zakaria 2003, Web. 305 Vgl. Grégoire 1999, S. 206. 306 Die Rolle von Benmokhtar (der von den Medien häufig auch „Belmokhtar“ genannt wird, im Folgenden der Einheitlich- keit wegen stets „Benmokhtar“) ist sehr umstritten, berichtet doch Nöther (2003a, S. 74) von Raubüberfällen Benmokhtars in Mali und Algerien auf „normale Zigarettenschmuggler“. Näheres zu Benmokhtar im Kap. über „Die Tourismuspotentiale von Agadez/Rallye Paris-Dakar“ bzw. über den „Tuareg-Markt/Konkurrenzierende Destinationen im Sahara- Tourismus/Algerien“ 307 Vgl. Därr 2001, S. Web. 208 „alternative Wirtschaft“ lebe „von der Unwirtschaftlichkeit der Wüste (...), von deren Funkti- on als natürliche Barriere zwischen Produktionszentren im Süden und Märkten im Norden“. 308 Neben dem illegalen Warenschmuggel hat sich zunehmend auch die illegale Menschenschie- berei als bedeutende Einnahmequelle in der Region Agadez entwickelt. Zu den Menschen, die auf illegalem Wege nach Libyen oder Algerien zu gelangen suchen, zählen zum einen zahl- reiche junge Tuareg aus der Region, die als Hilfsarbeiter ihr Glück versuchen wollen und nach einigen Monaten oder gar Jahren meist ohne große Ersparnisse wieder zurückkehren. 309 Die zweite, weit bedeutendere Gruppe, sind Menschen aus Ghana und anderen westafrikani- schen Ländern, die versuchen nach Libyen und weiter nach Europa oder Amerika zu gelan- gen. Agadez bildet das florierende Zentrum des Trans-Sahara-Menschenschmuggels. Das herunter- gekommene Hotel Sahara südlich des großen Marktes gilt als Anlaufpunkt für potentielle Emigranten. Man spricht von 50.000 Menschen jährlich. 310 Zur Versorgung dieser Menschen hat sich in Agadez eine eigene Branche der „Reise-Ausstatter“ entfaltet, die für 3 US-$ Ver- mittlungsgebühr Kontakte zu Schleppern vermitteln, z.B. das am zentralen Busbahnhof gele- gene Emigranten-Transport-Unternehmen „Algerie Lorry Transport“, das 40 - 50 Menschen wöchentlich über die nigrisch-algerische Grenze schmuggelt. Das Schlepperwesen ist gut organisiert. Genaue Passagierlisten werden erstellt, 15 US-$ pro Person für die Reise und zusätzliche 20 US-$ an Bestechungsgeldern für die Polizei werden kassiert. Ist kein Pass vorhanden, wird es entsprechend teurer. 311 Pro Tour nach Libyen wer- den auf drei LKWs bis zu 450 Personen transportiert. 312 Nachdem die LKWs Agadez verlas- sen haben, werden zuweilen auch noch Drogen und andere illegale Waren zugeladen. In Libyen sind diese Menschen keineswegs willkommen. Im Herbst 2000 wurden über 100 schwarze Migranten getötet, weil einer angeblich eine Libyerin vergewaltigt hatte. Das hat dann für kurze Zeit den Menschenstrom umgekehrt.313 Viele Auswanderer kommen jedoch nicht einmal so weit. So hatte Därr Schmuggler im Aïr getroffen, die in weit entfernten Sied- lungen nach Ersatz für eine gebrochene Achse suchen wollten, während der beschädigte, „mit schwarzen Emigranten beladene Pickup (...) unversorgt 30 km nördlich in der Wüste steht.“ 314 So sind Berichte über menschliche Dramen keine Seltenheit, wie die Tragödie der 140 illegalen Wanderarbeiter, die im Frühling 2001 an der libyschen Grenze nach einem Mo- torschaden verdurstet sind. 315 6.6 Probleme der Region Agadez 308 Stührenberg 2002c, S. 50 f. 309 Vgl. Grégoire 1999, S. 215 ff. 310 In einer umfassenden Reportage berichtet auch Stührenberg 2002c, S. 47 über das blühende Geschäft mit den Emigranten; Ende der 90er Jahre filmte auch ein TV-Team des Bayrischen Rundfunks mit versteckter Kamera die Zustände. 311 Stührenberg (2002c, S. 50) nennt unter Hinw. auf Abube Dodo, Chef der gleichnamigen Agentur, 1.000 FCFA (1,5 Euro) pro Person ohne Visum. Als Visum-Ersatz werde ein abgestempelter Zettel mit der Aufschrift „Vu au départ d’Agadez“ als Passierschein ausgehändigt. 312 Stührenberg (2002c, S. 47) zitiert Dodo, nach dessen Kalkulation sich die Reise nicht lohne, „bevor da oben nicht 160 bis 180 Leute hocken“. 313 Vgl. Stührenberg 2002c, S. 48. 314 Därr 2001, S. Web. 315 Vgl. Stührenberg 2001, S. 141. Ähnlich berichtet im TV-Report des Bayr. Rundfunks auch Pfarrer Sunday Olugbodi, ein ehemaliger Emigrant aus Nigeria, der sich in Agadez niedergelassen und dort eine kleine Pfarre für Migranten aufgebaut hat, von Aussetzungen der Emigranten durch skrupellose Transporteure in der Wüste unter Vortäuschung einer Panne. 209 In der Darstellung der historischen Entwicklung und der wirtschaftlichen Struktur der Region Agadez klangen bereits einige wichtige Rahmenbedingungen der sozialen Lage der Bevölke- rung an. Im folgenden Teilkapitel soll eine Art Bestandsaufnahme der wesentlichen Probleme der Region skizziert werden. 6.6.1 Überbevölkerung Eine Ursache für die prekäre wirtschaftliche und soziale Lage der Region ist das enorme Be- völkerungswachstum von jährlich etwa 3,3 %. Dies ist die Folge der hohen Fruchtbarkeitsrate von über 7 Geburten pro Frau 316 und einer Kindersterblichkeit von 123 auf 1000. Dement- sprechend jung ist die Bevölkerung: Knapp 50 % der Menschen sind jünger als 15 Jahre. 317 Die starke Verbundenheit mit der Religion bzw. mit konservativen Werten trägt bei zur weit- gehenden Ablehnung moderner Verhütungsmittel unter nigrischen Paaren. Gegenwärtig ge- ben nur 5 % der Frauen und 8 % der Männer an, moderne Verhütungsmethoden zu praktizie- ren. Dabei wird in urbanen Regionen noch 10-mal so häufig modern verhütet wie am Land. 318 In Anbetracht der wenigen fruchtbaren Flächen des Landes und weiter abnehmender Boden- fruchtbarkeit und nicht möglicher Produktivitätssteigerung wird das Problem des Bevölke- rungsdrucks auf die natürlichen Ressourcen offensichtlich. Tabelle 2: Bevölkerungswachstum im Niger Jahr 319 1958 1969 1977 1988 1998 2004 2025 2040 Einwohner in Millionen 2,7 4 5,1 7,2 10,1 12,1 21,3 55,5 Bevölkerungswachstum im Niger Mio. 60 50 40 30 20 10 0 19 5 19 6 19 9 20 0 20 3 20 3 20 3 20 3 19 6 19 6 19 7 19 7 19 7 19 8 19 7 19 8 19 8 19 9 19 9 20 0 20 0 20 0 20 1 20 1 20 1 20 2 20 2 20 2 8 7 0 3 6 9 1 4 7 0 3 6 9 2 5 8 1 4 0 3 6 9 2 5 8 1 4 7 316 Die folgenden Daten beziehen sich, wenn nicht explizit Agadez angegeben ist, auf den Niger. 317 Vgl. CNEDD u.a. 2000, S. 13. 318 Vgl. République du Niger/UNO 1999, S. 69. 319 Gardi 1971, S. 233; République du Niger/UNO 1999, S. 38; CNEDD u.a. 2000, S. 80. 210 Aufgrund des steigenden Drucks auf die Bodenressourcen, die damit verbundene steigende Arbeitslosigkeit am Land und die wachsende Armut wird die Landflucht zunehmend zum bestimmenden Faktor. Der Urbanisierungsgrad nimmt jährlich um 4 % zu. Besonders wäh- rend der Dürren der 70er- und 80er-Jahre stieg der Grad der Urbanisierung im Niger deutlich an: Tabelle 3: Urbanisierung im Niger Jahr 320 1970 2000 2025 Prozent der Stadtbevölkerung 8,5 % 26,5 % 46,4 % Urbanisierungsgrad 50.00 40.00 Prozent 30.00 20.00 10.00 0.00 00 09 12 15 18 21 24 70 73 76 79 82 85 88 91 94 97 03 06 20 20 20 20 20 19 19 19 19 19 20 20 20 20 19 19 19 19 19 Tabelle 4: Bevölkerung von Niamey Jahr 321 1905 1932 1945 1960 1970 1975 1979 1988 1999 Bevölkerungszahl 1,8 2,5 7 30 70 175 300 390 600 in Tausend Die Verstädterung zeigt sich deutlich an den Beispielen Niamey und Agadez: 1905 betrug die Einwohnerzahl in Niamey noch 1.800, 1960 30.000 und 1970 70.000. 3221977 stieg die Zahl der Bevölkerung infolge der Dürreperiode auf 225.000 Einwohner bzw. 3,4 % der Landesbe- völkerung an; 1988, nach einer weiteren Dürreperiode waren es bereits 390.000 und 1999 über 600.000 Einwohner, annähernd 6 % der Landesbevölkerung. Relativ rasch wächst auch die Stadt Agadez, die 1977 rund 21.000 Menschen beherbergte, 1988 rd. 50.000 Menschen und 1999 rd. 66.000, wobei das jährliche Wachstum bei über 8 % liegt. Die Urbanisierung erfordert immer mehr Boden für die Landwirtschaft und immer mehr Energie (Brennstoffe), immer mehr Unterkünfte (in Niamey sind nur 53 % der Bauten dauer- 320 Vgl. République du Niger/UNO 1999, S. 25. 321 Vgl. ebd.; Hamidou 1980, S. 34. 322 Vgl. ebd. 211 haft; die durchschnittliche Wohnfläche pro Person beträgt 7,7 m2) und mehr und bessere Inf- rastruktur. Die negativen Begleiterscheinungen der Urbanisierung sind Arbeitslosigkeit und Kriminalität. 323 Die Überbevölkerung führt zu Gesundheitsgefährdung durch wilde Abwas- serentsorgung, insbesondere in den urbanen Zentren. 6.6.2 Armut Der Niger gilt als eines der ärmsten Länder der Welt324. Die durchschnittliche Lebenserwartung der Bewohner liegt bei 45 Jahren. 72 % der über 15-Jährigen sind Analphabeten, wobei dieser Wert im dünn besiedelten Norden wegen des Mangels an Schulen und dem traditionellen Wider- stand der Nomaden gegenüber dem modernen Schulsystem erheblich höher liegt. Über ein Vier- tel der nigrischen Haushalte sind mehr als 10 km von sauberen Wasserstellen entfernt, Tuareg- Nomaden müssen sogar bis zu einer 20 km zurücklegen, um zu einer Wasserstelle zu gelangen. Das nationale Prokopfeinkommen liegt bei 270 US-$ 325. Gemessen an den nigrischen Lebens- verhältnissen gelten 44 % der Bevölkerung in der Region Agadez als arm, wobei die Stadt- bevölkerung aufgrund besserer Einkommenschancen und der - wenn auch nur schlechten - Ver- sorgung dank wenigstens primitiver Infrastruktur relativ besser gestellt ist als die Landbevölke- rung. Auch die Krankenversorgung ist in Agadez kläglich, weil auf 1005 Patienten nur ein Kranken- bett kommt. Heller berichtet von ihrem Besuch im Krankenhaus Agadez im Jahr 2002, dieses sei „derart verrufen mit seiner mangelhaften Ausstattung und Hygiene, dass viele es vorzie- hen, ins 1000 km entfernte Niamey zu fahren“. Im Krankenhaus selbst böte sich ein Anblick von „vielen verkrüppelten Menschen, Kindern mit großen Geschwüren, die unbehandelt blei- ben, einfache Wunden, die zu eitern beginnen, weil sie nicht sauber gehalten werden“. 326 Die häufigsten Erkrankungen in der Region Agadez sind Meningitis (jährlich bis zu 20 Fälle pro 10.000 Einwohner), eine für trockene und heiße Regionen typische Krankheit, weiters Atemwegserkrankungen (jährlich bis 80.000 Fälle) und Durchfallerkrankungen (jährlich 15 - 25.000 Fälle). 327 Besonders die Durchfallerkrankungen sind wesentlich auf die ungelöste hygienische Entsor- gungsproblematik zurückzuführen: In Agadez gibt es nur 700 Meter Abwasserkanäle und 14 registrierte Endlagerstätten. Bei einer jährlichen Abwasserproduktion von 40.000 m3 werden lediglich 4 % sachgemäß entsorgt. So ist es besonders in Agadez üblich, illegal und nachts die privaten Abwassergruben auf die Straße zu entleeren, wobei die Fäkalien das Grundwasser verunreinigen. Ungelöste Abwasser- und Abfallprobleme sind die Ursachen schwerer Krank- heiten wie Cholera, Durchfall, Typhus und anderer Krankheiten des Verdauungstraktes. Doch auch die prekären Malariaepidemien der letzten Jahre sind durch diese Praxis ausgelöst wor- den. Malaria gilt überhaupt als die Todesursache Nr. 1 im Niger. Pro Jahr erkranken in der Region Agadez durchschnittlich 35.000 Menschen. 328 323 Vgl. République du Niger/UNO 1999, S. 55 f. 324 Vgl. Adamou 1999, S. 211 f. 325 Wert von 1993. 326 Heller 2002, Sahara Info 2/2002, S. 29 f. 327 Vgl. République du Niger/UNO 1999, S. 66 f. Darüber hinaus berichtet das nigrische Gesundheitsministerium von jähr- lich 15.000 neuen Tuberkulosefällen (vgl. Kayaki 2003, Web.). Vinding (2001, Web) berichtet für das Jahr 2001 über eine Typhusepidemie im Norden von Agadez. 328 Vgl. République du Niger/UNO 1999, S. 63. Ähnlich ist die Situation betreffend die Müllentsorgung. In Agadez sollen alle motorisierten Entsorgungsfahrzeuge außer Betrieb sein. Im Oktober 1999 hatte die NGO TILALT u.a., finanziert durch 212 Die schlechte Gesundheitslage der Bevölkerung im Niger geht wohl auch zurück auf den ge- nerell hohen Grad der Armut, verbunden mit einer bedenklichen Ernährungslage, einem un- genügenden Zugang zu sauberem Trinkwasser, dem geringen Bildungsgrad insbesondere der Frauen und die ungenügende Gesundheitsvorsorge. Die fünf wichtigsten Todesursachen bei Kindern, Unterernährung, Röteln, Malaria, Durchfall und Infektion der Atemwege, lassen sich auf obige Fakten zurückführen. Wegen Unterernährung leiden etwa 40 % der Frauen an Blut- armut, ausgelöst durch den Eisen- und Vitamin-A-Mangel besonders bei schwangeren Frau- en. 329 Von den Kindern unter 5 Jahren gelten 43 %, von der gesamten Bevölkerung 46 %330 als mangelhaft ernährt. 6.6.3 Naturkatastrophen Der Niger und insbesondere die nomadische Bevölkerung der Region Agadez wurde in den vergangenen Dezennien immer wieder von schweren Dürren und Hungersnöten heimgesucht. Die härtesten Dürreperioden waren in den frühen 30er-Jahren, 1953/1955, 1966/1969, 1973/74, 1983/84 und 1997/98. 331 Die Dürre in den Jahren 1999/2000 führte zu massiven Ernteausfällen, was eine Hungersnot für ein Drittel der nigrischen Bevölkerung zur Folge hatte. 332 Blieben die Dürren aus, so wurde die Ernte gelegentlich von Heuschrecken (1928/31 und 1974/75), von Buschbränden, oder von Pflanzenkrankheiten heimgesucht. Dagegen führ- ten übermäßige Niederschläge in den Jahren 1936/46 oder 1998 zu Flutkatastrophen. 333 Für die Erntesaison 2002/2003 konnte das nigrische Ministerium für landwirtschaftliche Ent- wicklung berichten, dass ein Getreideüberschuss von 390.000 Tonnen geerntet werden konn- te. Dies sei auf ausreichende Regenfälle sowie die Ausweitung der kultivierten Flächen auf über 78.000 ha, 15 % mehr als 2001, zurückzuführen. Zugleich seien aber auch 1.800 Dörfer von Ernteausfällen bis zu 50 % betroffen gewesen. 334 Im Jahr 2004 musste jedoch infolge mangelhafter Regenfälle wieder ein Erntedefizit von über 200.000 Tonnen Getreide, rund 17 % weniger als im vorangegangenen Jahr, hingenommen werden. Dadurch seien nach An- sicht der FAO 3,6 Mio. Menschen im Niger von Unterernährung bedroht. 335 Besonders be- troffen vom mangelnden Regen sind aber auch die Weidezonen im Norden, was bereits zu ersten Abwanderungen der betroffenen nomadischen Bevölkerung in die urbanen Regionen, u. a. nach Agadez, führte. Dadurch stiegen auch die bereits hohen Preise für den Sack Hirse (100 kg) von 16.000 auf 20.000 FCFA. Frankreich hatte als erste Hilfsreaktion im Dezember 2004 die Regierung mit 1,5 Mio. Euro für die Subvention von Getreideverkäufen an die Be- völkerung unterstützt. 336 den „Service de Cooperation de l'Action Cuturelle“ der französischen Botschaft, eine Reinigungsaktion in der Stadt Agadez mit dem Ziel durchgeführt, eine eigendynamische Abfall-Logistik aufzubauen. U.a. wurden Müllbehälter installiert, Plastik- säcke eingesammelt, „Müllpädagogen“ zur Sensibilisierung der Bevölkerung ausgeschickt. Langfristige Erfolge blieben letztlich jedoch aufgrund der finanziellen Misere der öffentlichen Hand aus. 329 Das hier vorausgesetzte Verständnis von Gesundheit misst sich nicht an normativen, realitätsfernen Begriffen der WTO als „a State for complete physical, mental and social wellbeing and not merely the absence of disease of infirmity“ (zit. in Lasts 1999, S. 73), sondern im Sinne eines „modus vivendi enabling imperfect men to achieve a rewarding and not too pain- ful existence while they cope with an imperfect world.” (Last 1999, S. 74). 330 Vgl. Milet 2002, Web. 331 CNEDD u.a. 2000, S. 52. 332 Vgl. Vinding 2001, Web. 333 Vgl. CNEDD u.a. 2000, S. 52. 334 Vgl. IRIN-News 2003a, Web. 335 Vgl. IRIN-News 2004i, Web. 336 Vgl. IRIN-News 2004h, Web. 213 Reichliche Regenfälle im Sahel bringen nicht nur Erntesegen und Überschwemmungen, son- dern sind auch die Voraussetzung für eine weitere, zyklisch wiederkehrende Gefahr für die Bevölkerung: die Heuschreckenplagen! Im Jahr 2004 wurde der Niger und große Teile des Sahels von gigantischen Heuschrecken-Schwärmen heimgesucht, wodurch die Probleme der niederschlagsbedingten Ernteausfälle zusätzlich verschärft wurden. Dabei waren besonders die Regionen Maradi, das Niger-Tal und die nomadischen Zonen im Nordwesten betroffen. Die mangelhafte Versorgung der nigrischen Regierungsbehörden mit Pestiziden und Fahrzeu- gen verhinderte wesentlich die rasche und zielführende Bekämpfung der Schwärme und Lar- ven. Eine Verbesserung dieser Situation für Westafrika insgesamt ist jedoch in Aussicht: Im September hatten westafrikanische Regierungschefs beschlossen, in Agadez eines von fünf Heuschrecken-Bekämpfungszentren zu errichten. 337 Hier lässt sich lediglich nochmals die dramatische Dynamik aus wachsender Bevölkerung, wachsendem Bedarf an Weiden und Ackerland, an Feuerholz und an Unterkünften, an medi- zinischer Betreuung und an Ver- und Entsorgungseinrichtungen aufzeigen. Die dramatische wirtschaftliche Lage des Niger verhindert sicher noch für lange, diese Probleme aus eigenen Kräften zu lösen. Aus der Sicht des damaligen Gutachters für die Europäische Entwicklungs- hilfe ECHO stellte die gesamte Situation der Region Agadez zwar noch keinen humanitären Notfall dar, wie es in den 70er- und 80er-Jahren nach den schweren Dürren der Fall war, das ändert aber nichts daran, dass die Menschen durch Dürren, wirtschaftliche und politische Be- nachteiligung und letztlich die Rebellion in der kargsten Existenz gefährdet waren, wo kleins- te Anlässe die humanitäre Katastrophe auslösen können. 338 6.6.4 Unsicherheit Für die Bevölkerung der Region Agadez stellte lange Zeit die überhand nehmende Unsicher- heit, die Rebellion und Banditentum mit sich brachten, ein großes Problem dar. Eine nicht unwesentliche Ursache für dieses Phänomen stellt der Schmuggel von kleinen Feuerwaffen in Westafrika dar. 339 Viele Waffen hätten die geschlagenen Soldaten des tschadischen Präsiden- ten Hissen Habré 1990 in den Niger gebracht, wo sie ihre Gewehre bei den Tubus gegen Ka- mele und Nahrung getauscht hätten. 340 Weitere Waffen kamen Ende der 80er-Jahre ins Land mit den zurückkehrenden Ischomar, den einstigen Tuareg-Söldnern in Gaddhafis Armee ge- gen Tschad und Libanon. 341 Im Zuge einer von der UNDP finanzierten Gegenkampagne ge- gen illegale Waffen wurden zwischen 2000 und 2003 in Agadez etwa 1.500 Waffen zer- stört. 342 337 Vgl. IRIN-News 2004g, Web. Während meines Niger-Aufenthalts im Feber 2004 stieß auch ich auf ausgedehnte, spärli- che bewachsene Flächen am Ostrand des Aïr, die von Tausenden Heuschrecken übersät waren. 338 Vgl. Delphin 1999. 339 Nach Bourgeot (1994b, S. 91 f) seien Kalaschnikows inklusive Munition in den 90er-Jahren um 600 ff (knapp 100 Euro) erhältlich gewesen. 340 Vgl. Stührenberg 2001, S. 156. Zu den gefährlichen Relikten aus der Rebellion zählen auch Minen, die insb. noch im Nordosten, in der Region Djado-Kawar, vergraben sind. So verunglückten Anfang des Jahres 2003 drei italienische Touristen bei der Explosion einer solchen Mine, die sich allerdings in einem für öffentlichen Verkehr gesperrten Gebiet befand (Gou- vernment du Republique du Niger 2003, Web.). 341 Vgl. Stührenberg 2002b.170 f. Weil die Eindämmung des unkontrollierten Waffenhandels in und nach Afrika seitens der EU als notwendige Bedingungen für die Vermeidung gewaltsamer Konflikte betrachtet werden, hat die EU im Rahmen ihrer Außen- und Sicherheitspolitik im Dezember 1998 eine gemeinsame Aktion zur "Bekämpfung der Anhäufung und Verbrei- tung von Kleinwaffen" beschlossen, die 1999 um eine Entschließung der EU-Entwicklungsminister ergänzt wurde, wonach Maßnahmen zur Eindämmung von Kleinwaffen in Zukunft auch im Rahmen der EZ unterstützt werden sollen (Eid 1999, E+Z Nr. 9, September 1999, Web) 342 Vgl. PCASED 2003, Web. 214 Als eine treibende logistische und organisatorische Kraft hinter dem Banditen- und Schmugglertum wird der algerische Kriminelle Mokhtar Benmokhtar betrachtet. Aufgrund seiner zahlreichen Überfälle in den späten 90er-Jahren konnten Transporte auf südlichen Stra- ßen Algeriens nur unter militärischem Schutz durchgeführt werden. Als weit gefährlicher für die regionale Sicherheit betrachtet Vinding dagegen die potentiellen und tatsächlichen Nachahmer Benmokhtars, überwiegend junge, arbeitslose Männer, die von der Macht der Waffe, der Aussicht auf schnelles Geld und auch von den Parolen eines musli- mischen Fundamentalismus verführt werden. 343 Dies sei eine Folge des langjährigen man- gelnden Engagements der Entwicklungsorganisationen in der Region. 344 Von mancher Seite wird auch die Entführung der 32 europäischen Touristen im Jahr 2003 in Algerien) solchen Tätern zur Last gelegt. Bei den Entführern habe es sich laut „Presse“ nicht um Angehörige einer islamistischen Gruppe aus dem Umfeld der Terrorgruppe GSPC gehan- delt, sondern vielmehr um Personen, die „vor allem für Räuberei und Schmuggel bekannt“ seien, da 64 Millionen Euro Lösegeld gefordert worden und zum Teil auch bezahlt worden seien. 345 Die Entführer sollen unter der Führung eines gewissen Amari Saifi mit Spitznamen „Abderrezak“ (der „Fallschirm“) stehen, einem angeblich desertierten algerischen Fallschirm- jäger. Dieser sei die rechte Hand von Hassan Hattab, dem Gründer der GSPC, Algeriens größ- ter extremistischen Gruppe. Saifi sei verantwortlich für Entführungen zahlreicher prominenter Algerier und Überfälle auf Einheiten der Armee mit zahlreichen Todesopfern. 346 Die Zu- schreibung der Verantwortung an islamistische Gruppen wird vielerorts als Desinformations- Strategie seitens der algerischen Regierung vermutet, die sich seit dem 11. September 2001 auf die Bekämpfung angeblicher Bin-Laden-Verbündeter konzentriert und dabei auch von den USA unterstützt wurde. Daher wurde auch Mokhtar Benmokhtar lange Zeit als Bin-Laden- Verbündeter 347 und als Drahtzieher der Touristen-Entführungen genannt. 348 Mokhtar war schon 2000 als Verantwortlicher für die terroristische Bedrohung der Rallye Paris-Dakar im Niger vorgegeben worden war. 349 Der Sahara-Forscher Engelbert Kohl vermutet sogar, dass die zweite Entführung jener überwiegend österreichischen Gruppe, die auch als erste wieder freigekommen war, von der Algerischen Armee inszeniert worden sein könnte, um ihre aktu- elle Bedeutung für die Sicherheit Algeriens zu demonstrieren. 350 Heute lässt sich davon aus- gehen, dass die gesamte Affäre der Entführungen durch das algerische Militär inszeniert wur- de, dass aber schließlich dieses „Spiel“ außer Kontrolle geriet. Dies zeigte sich besonders an- hand des Überfalls der gleichen Gruppe auf französische und österreichische Reisegruppen in Temet im Feber 2004. 351 343 Kayaki (2003, Web) meldete die Warnung durch Forscher des nigrischen IRSH an die Regierung über wachsenden Fun- damentalismus im Niger. 344 Vgl. Vinding 2001, Web. Näheres zu den im Niger vorgekommenen Touristenüberfällen in Kap. 18. 345 Die Presse 2003, Verhandler, 19. 8. 2003, Web. Ähnlich zitiert Garcon (2003, Cinq mois, Liberation, 19. 8. 03, Web) den Tuareg-Verhandler Iyad ag Ghali, wonach die Entführer lediglich „gangsters au discours islamisé“ seien: „Ils n'ont aucune motivation politique. Ce sont des trafiquants“. 346 AFP 2003, Web. 347 Vgl. Mounir 2003, Quotidien d'Oran, 10. 2. 2003, Web. 348 Vgl. Beaugé 2003, Le Monde, 17. 4. 2003, Web. 349 Vgl. Vinding 2001; Azzedine 2002; Chérif 2003. Diese sog. Terror-Bedrohung hatte damals zur Annullierung der Rallye geführt, ohne dass dem nigrischen Staat bezüglich der Bedrohung Beweise vorgelegt worden wären. Näheres zur Rallye- Absage im Kap. über „Die Tourismuspotentiale von Agadez/Rallye Paris–Dakar“. Entgegen dieser in den Medien verbreite- ten Darstellung von Benmokhtar als gefährlicher Terrorist werde dieser laut Georg Klute (in Johnson 2003a) von der Bevöl- kerung, die er stets geschont habe, sogar als eine Art „Robin Hood der Wüste“ betrachtet. 350 Kohl (Gespräch in Feldbach am 12. 5. 2003) berichtet von zahlreichen seltsamen Beobachtungen im Gebiet und zur Zeit der Entführungen, insb. von den persönlichen Aussagen der befreiten österr. Entführungsopfer, wonach es bei der Befrei- ungsaktion durch das algerische Militär keinen Kampf mit den Entführern und darum auch keine Toten gegeben habe, son- dern dass „die Entführer im Militär aufgegangen seien“. 351 Vgl. Friedl 2004a, Web. Zu diesem Thema siehe insb. auch das Kap. über „Konflikte im Einzugsbereich des Tuareg- Tourismus“. 215 Eine bedeutendere Gefährdung der Stabilität der Sicherheit im Niger entwickelte sich jedoch seit der Verhaftung des langjährigen Tourismusministers und einstigen Rebellenführers Rhis- sa ag Boula im Feber 2004. Rhissa war vorgeworfen worden, den Mord an einem hohen MNSD-Politiker in Tchirozerine in Auftrag gegeben zu haben. In der Folge kam es im Mai 2004 zu vereinzelten Desertionen durch integrierte Ex-Rebellen aus Kasernen in der Region Agadez und kurz darauf, Anfang Juni, erstmals wieder seit einigen Jahren zu bewaffneten Überfällen auf einen öffentlichen Bus auf der Strecke von Agadez nach Arlit, sowie auf einen LKW auf der Strecke nach Zinder. 352 Im August überfielen bewaffnete Banditen abermals einen öffentlichen Bus auf der Strecke nach Arlit, beraubten sämtliche Passagiere, töteten drei Menschen, darunter ein zweijähriges Kind, verletzten weitere 11 Personen und entführten zwei als Passagiere mitreisende Polizeibeamte. 353 Aufgrund dieser neuerlichen kriminellen Aktivitäten im Aïr wurden von zahlreichen Staaten partielle Reisewarnungen für den Aïr und die Straße von Agadez nach Arlit ausgerufen. 354 Sogar die UNO rief im Juni die zweite von fünf Sicherheitsstufen auf und schrieb ihren im Niger tätigen Mitarbeitern vor, mit ihren Familien in ihren Häusern zu bleiben und keinesfalls in den Norden des Niger zu reisen. 355 Während das Innenministerium die Verantwortung für diese Überfälle bewaffneten Banditen zuschreibt, die aus schlichten Bereicherungsmotiven handeln würden, scheinen die Täter ihr Vorgehen mit der Behauptung einer Renaissance der Rebellion legitimieren zu wollen. So hatte die Wochenzeitung „L’Evenement“ bereits im April 2004 das Communiqué einer Grup- pe veröffentlicht, die sich „Combattants de la résistance, réunis en conseil extraordinaire dans l`Aïr, les 24, 25 et 26 avril 2004“ nennt. In diesem Communiqué wurde der Beschluss der Wiedererrichtung von Rhissas Rebellenfront FLAA verkündet und alle Kombattanten aufge- fordert, sich dem Kampf, dessen Forcierung und die Formulierung eines politischen Pro- gramms anzuschließen. Begründet wurde dieser „Entschluss“ mit der Behauptung, das Re- gime von Präsident Tandja habe wesentliche Vereinbarungen des Friedensvertrag vom 24. April 1995 nicht umgesetzt. 356 Der Regierung wird insbesondere vorgeworfen, die Dezentra- lisierungszusagen und die Reintegration der Ex-Rebellen verschleppt und zudem die dafür von internationalen Gebern finanzierten Fonds „geplündert“ zu haben. Tatsächlich wurde erst ein Bruchteil der insgesamt 4.000 Kombattanten in entsprechende Integrationsprogramme eingegliedert. 357 Anfang Oktober deklarierte sich schließlich Rhissas Bruder Mohamed ag Boula in einem In- terview mit Radio France Internationale als persönlich verantwortlich für die Überfälle. Er stünde einer Truppe von 200 bewaffneten Männern vor, die dem Kampf für die Verteidigung der Rechte der nomadischen Bevölkerung der Tuareg, Tubu und der Semori im Nordniger dienen sollen. Zudem forderte er „the liberation of all members of the ex-rebellion currently in detention”. Davon wäre in erster Linie sein Bruder und Ex-Rebellenführer Rhissa ag Boula betroffen. 358 Der Erpressungsversuch Mohameds sollte auch jenen Bandenmitgliedern zugute kommen, die im Oktober im Zuge eines Zusammenstoßes mit dem Militär im Aïr festgenommen wurden, darunter auch einige der desertierten Ex-Rebellen.359 Ein neuerlicher Zusammenstoß zwi- schen dem Militär und Rhissas Anhängern ereignete sich im November 2004 am Fuße des 352 Vgl. IRIN-News 2004e, Web. 353 Vgl. Angola Press 2004, Web. 354 Für Frankreich vgl. Ministère français des affaires étrangers 2004, Web. 355 Vgl. IRIN-News 2004e, Web. 356 Orig.: „le régime de Tandja avait limité l`application de la clause des accords du 24 avril 1995, relative à la décentralisa- tion", zit. in Angola Press 2004, Web. 357 Vgl. ebd. 358 Vgl. IRIN-News 2004f, Web. 359 Vgl. ebd. 216 Tamgak-Massivs. Dabei wurden sieben Banditen getötet und zwei Soldaten leicht verletzt. Bei dieser Aktion war jene nigrische Spezialeinheit, die durch US-Militärexperten zum Anti- Terror-Kampf zwei Monate lang trainiert worden war, erstmals zum Einsatz gekommen. 360 Diese Entwicklung erweckt den Anschein, dass Rhissa und seine Familie nunmehr um jeden Preis die persönlichen Machtinteressen durchzusetzen versuchen, ohne Rücksicht auf die üb- rige Bevölkerung und die Region, insbesondere aber auf den Tuareg-Tourismus, zu nehmen. Insofern bewegt sich der Rhissa-Clan auf dem gleichen Niveau, das er der Regierung unter- stellt und als Kampfgrund vorgibt. Nun wird es sich zeigen, ob es diesen Interessensgruppen abermals gelingt, westeuropäische „Tuareg-Freunde“ auf so weitreichende Weise zu instru- mentalisieren, wie dies bereits während der Rebellion in den 90er-Jahren der Fall war. 361 In weiterer Folge eskalierte die Situation, und seit 2007 kämpfen zahlreiche Rebellen offiziell gegen die Zentralregierung. Als Hauptgrund für ihr Vorgehen wird indes die weitreichende Bedrohung der Bevölkerung durch die Ausweitung der Uranförderung vorgegeben. Die nigri- sche Regierung reagierte mit aller Härte, der wiederholt unbeteiligte Nomaden zum Opfer fielen. Eine Lösung dieses tragischen Konflikts ist derzeit nicht in Sicht. 6.7 Regionale Hilfsprojekte Ohne die finanzielle Unterstützung des Niger durch nationale und internationale Geberländer wäre der Staat bankrott, wie sich dies in den Zeiten der politischen Krise 1996 - 99 gezeigt hatte, als die Lohnzahlungen der öffentlich Bediensteten 12 Monate im Rückstand waren. 362 Zu den wichtigsten Geberorganisationen zählen die UNO, die Weltbank (2002: 39 Mio. US- $), UNICEF und die EU (2002: 360 Mio. €), zu den wichtigsten Geberländern Frankreich (2001: 15 Mio. €), 363 Deutschland, 364 Belgien, Schweiz, Dänemark (2000 für die drei Länder gemeinsam: 75 Mio. €), die USA, Japan und Libyen. 365 Der Norden des Niger wurde seit den katastrophalen Dürren der 70er- und 80er-Jahre von verschiedensten Organisationen mittels zahlreicher Hilfsprojekte unterstützt. Im ländlichen Bereich konzentrierten sich deren Bemühungen auf ländliche Entwicklung, wobei im Mittel- punkt stets die Desertifikationsbekämpfung stand, 366 aber auch Maßnahmen zur Hebung des Grundwasserspiegels, die Organisation des Gartenbaus, die Entwicklung der Kooperativen und Sicherung und Ausbau vorhandener Strukturen. Zur Bekämpfung der Erosion wurden in Iferouane, Timia und Agadez Anfang der 80er-Jahre auch Maßnahmen zum Schutz des Ufer- bereichs gegen Hochwasser unternommen. Eine weitere Maßnahme setzte die deutsche gtz mit dem Bau der Piste Agadez-Timia-Iferouane, wodurch die Region an die urbanen Märkte 360 Vgl. Donnelly 2004, Web. 361 Siehe dazu das Kap. über „Die Tuareg-Rebellion und ihre Folgen: Opfer und Helden“. 362 Vgl. Friedl/Schriefl 2000, S. 26 f. 363 Bis zur Unterbrechung der Hilfszahlungen nach dem Mord an Baré unterstützte Frankreich den Niger jährlich mit 400 Mio. FF (60 Mio. Euro) (vgl. http://www.multimania.com/zenguinana/Fichiers/actualites/nouvelles/budget.htm, zul. 23. 4. 2002) 364 Deutschland gilt in Afrika nach Frankreich als das wichtigste OECD-Geberland, doch geht dessen jährlicher Budgetauf- wand seit 1990 generell kontinuierlich zurück. Die Republik Niger wurde von Deutschland im Jahr 2000 auf die Kategorie eines von sechs afrikanischen „Partnerländern“ mit nur einem Schwerpunkt-Projekt herabgestuft. Diese neue Sparpolitik äußerte sich bereits im Jahr 1999 mit der Schließung der deutschen Botschaft (Engel 2000, S. 166 ff.). Wurde auch die Schließung der Botschaft wieder rückgängig gemacht, so ist das deutsche EZA-Engagement in der Region Agadez massiv betroffen. Demnach sollen das erfolgreiche Desertifikationsbekämpfungsprojekt PDRT in Tahoua und das der Friedensssi- cherung dienende PNN in Agadez reduziert und zusammengefasst werden (Kusserow, telef. Auskunft September 2003). 365 Vgl. U.S. Department of State 1994, Web; Kaka 2000b, Le Republicain, 1. 6. 2000, S. 5; sowie eig. Recherchen. 366 Diese kritisiert Hammer (2000, S 4 ff.) jedoch als primär technische Bekämpfung der Symptome mit geringen längerfris- tigen Erfolgen. 217 angeschlossen werden konnte. Viele Projekte zielten auf die Arbeitsbeschaffung zur Entspan- nung des Arbeitsmarktes im Departement Agadez. Besonders arbeitsintensive Projekte, wie der Bau der Piste, wurden unter Einbeziehung mehrerer hundert Arbeiter durchgeführt, wobei die Bezahlung zu 50 % mit Geld und zu 50 % in Form von Nahrungsmitteln erfolgte. 367 Wegen der Rebellion verließen sämtliche Entwicklungsorganisationen in den frühen 90er-Jahren die Region, und infolge der kriegerischen Akte wurden die von den Hilfsorganisationen errichte- ten Strukturen zerstört, wodurch sich für die Region bzw. für die wiederkehrenden Entwick- lungsorganisationen oft die Notwendigkeit eines Neubeginns stellte. Vielfach kamen zusätzliche Aufgabenbereiche hinzu, nämlich Maßnahmen zur Integration der zurückkehrenden Flüchtlinge und der Ex-Rebellen, Maßnahmen zur Friedenssicherung und zur sozialen Stabilisation. 368 Die- ses Ziel verfolgte auch die EU mit dem umfangreichen Programm ECHO (1997-1999). Mit mehr als 5 Mio. Euro wurde eine Fülle von vernetzten Projekten realisiert, die dem Wiederaufbau der traditionellen Wirtschaft und der Wiedereingliederung von rund 40.000 Personen in den Regio- nen Agadez und Tahoua dienten. Von der Entwaffnung der Rebellen, der Arbeitsbeschaffung für arbeitslose Rebellen bis zum Aufbau von Dörfern für die 5.500 zurückkehrenden Flüchtlinge zielten die Aktivitäten und damit letztlich auf eine langfristigen Friedenssicherung. Davon konn- ten mittlerweile 100.000 Menschen direkt oder indirekt durch verbesserte Wasser-, Gesundheits- und Nahrungsversorgung profitierten. 369 Ähnliche Ziele verfolgte das umfassende Projekt „Pro- gramme d'appui à l'autopromotion paysanne, PAAP“ der deutschen EZA-Agentur EIRENE, das indirekt über 10.000 Personen erreichen konnte. 370 Darüber hinaus beteiligten sich auch USAID und UNICEF am Wiederaufbau des Gesundheitssystems sowie an Ausbildungskampagnen zur Sensibilisierung der Ex-Rebellen für „Demokratie und gute Regierungsarbeit“. Das EU-Projekt ECHO wurde abgelöst durch ein weiteres umfangreiches Projekt der deutschen gtz, das „Projet Niger Nord“, das ebenfalls auf die Friedenssicherung durch soziale und wirtschaftliche Integration abzielt und zudem zahlreiche Infrastrukturmaßnahmen und Ausbildungsinitiativen für die Landbevölkerung umfasst. Durchgeführt werden diese Projekte von lokalen, nationalen und europäischen NROs im Auftrag der gzt.371 Ein großes landwirtschaftliches Projekt zur Bewässerung des Tales von Irhazer zwischen Agadez und In Gall mit einem Finanzierungsvolumen von 19 Mrd. FCFA (24 Mio. €) hat Gaddhafi anlässlich seines „Bruderschaftsbesuchs“ in Agadez im Juli 2000 versprochen. 372 Neben diesen bilateral und multilateral finanzierten Projekten gibt es in der Region eine Viel- zahl unterschiedlichster Kleinprojekte, die private Organisationen oder öffentliche Körper- schaften in Europa, insbesondere in Frankreich fördern und zum Teil auch umsetzen. In der Regel zielen diese Projekte auf den Bau und die Ausstattung von Schulen, die Errichtung von Brunnen, den Aufbau der Viehherden und die Unterstützung beim Gartenbau. Eine bedeuten- de Rolle spielt auch die Versorgung abgelegener Gemeinden mit Medikamenten und medizi- nischen Produkten. Eine Initiative für den Ressourcenschutz förderte die Lehmbauweise, bei der kein Holz notwendig wäre. 373 Angesichts der zuvor geschilderten problematischen klimatischen Rahmenbedingungen und ei- ner von rigidem Zentralismus, Korruption, politischer Instabilität und kriegerischen Konflikten geprägten Gesellschaft andererseits lassen sich signifikante Verbesserungen der Situation kaum erwarten. So ist die Beurteilungen der Entwicklung von Agadez nicht nur durch ansässige son- 367 Vgl. Taubert 1984, S. 46 ff. 368 Vgl. Interview mit Khamadedé, PAAP/EIRENE, Agadez, Niger, Oktober 1997. 369 Vgl. Delphin 1999. 370 Vgl. Khamadedé, Oktober 1997. 371 Vgl. Friedl 2000d, S. 9 f. 372 Vgl. Mahamane 2000 373 Vgl. etwa den Bericht der Cités Unies France 2002 über die dezentralisierte Zusammenarbeit zwischen Frankreich und dem Niger sowie Friedl/Schriefl 2001 über das beispielhafte Hotel „Maison Azel“. 218 dern auch durch europäische Verantwortungsträger von EZA-Organisationen wenig optimis- tisch. Dem entsprach die Beurteilung der Projektergebnisse durch Elkhaji Khamadedé, der da- nach fragte, was denn die Arbeit der Hilfsorganisationen in den vorangegangenen 30 friedlichen Jahren vor der Rebellion für die Entwicklung der Individuen tatsächlich gebracht hätte.374 Mit dieser Frage brachte der damaligen Leiter von PAAP/EIRENE die Ausweglosigkeit für die Men- schen der Region auf den Punkt. Noch krasser formulierte es der Leiter des „Projet Niger Nord“, Pistor, der es überhaupt ab- lehnte, im Niger trotz der jahrzehntelangen Intervention der BRD von „Entwicklung“ zu spre- chen, da man heute nicht weiter sei als vor 30 Jahren. 375 Diese dramatischen Perspektiven decken sich mit der Beurteilung der Verfasser eines Memorandums „zur Neubegründung der deutschen Afrikapolitik“ aus dem Jahr 2000, worin dem Großteil der afrikanischen Staaten jede Chance auf Entwicklung im Verlauf der nächsten 50 Jahre abgesprochen wurde. 376 Auch Krings sieht unter der Voraussetzung der gegenwärtig praktizierten Lösungsstrategien, näm- lich „ohne Berücksichtigung der sozialen Interessen der einzelnen Umweltakteure und ihrer jeweiligen Handlungsspielräume und –begrenzungen (…) keine Lösungsmöglichkeiten für die verschiedenen regionalen Ausprägungen der ‚Sahelproblematik’ (…)“. 377 In ihrer Tendenz deckt sich diese Prognose mit dem Szenario, das Scholz vor dem Hinter- grund seiner Theorie der „fragmentierten Entwicklung“ 378 für die Länder des Südens prognos- tiziert: Durch die Globalisierung werde es zu einer Abkoppelung bzw. Ausgrenzung all jener kommen, die dem Weltmarkt nicht mehr entsprechen und die somit weder als Arbeitskräfte, noch als Konsument oder gar als Erzeuger auf dem Weltmarkt zu gebrauchen seien. Innerhalb dieses „Meers der Armut“ mögen bestenfalls noch einzelne Staaten oder Regionen als „abruf- bare Lieferanten mineralischer und agrarischer Rohstoffe oder menschlicher Organe (…) so- wie als touristisches Tummelfeld“ dienen. Im übrigen aber werde der Süden weitgehend sich selbst überlassen, weil auch Entwicklungshilfe angesichts der angespannten Budgets der west- lichen Staaten zunehmend reduziert wird. Diese Sichtweise ist im Kern eine Ausdifferenzie- rung von Becks Hypothese der „Brasilianisierung“ 379, nämlich der Zweiteilung der Welt in jene, die alles – und jene, die nichts zu verlieren haben. 380 Angesichts dieses Szenarios erscheint es, als dass der Niger tatsächlich keine realistische Zu- kunft hätte. Ist jegliche Unterstützung letztlich nur humanitäre Kosmetik oder gar die Verhin- derung des Schlimmsten? Fast möchte man annehmen, der Niger-Kenner und langjährige französische Konsul in Zinder, Riou, hätte vor 35 Jahren recht behalten. Denn damals wurde er von Gardi als ein Mann beschrieben, „der es verlernt hatte, sich zum Beispiel über einen raschen Fortschritt oder über die Wirksamkeit gewisser Entwicklungshilfen irgendwelche Illusionen zu machen“. 381 374 Interview in Agadez, Oktober 1997. 375 Interview im gtz-Büro in Agadez, April 2001. 376 Hinw. in Schicho 2002. 377 Krings 2002, S 139 f. Auf der Basis volkswirtschaftlicher Berechnungen kommt Kappel (2000) zum gleichen Ergebnis: „Die kleinbäuerliche Gesellschaft am Land und der informelle Sektor im urbanen Gebiet verfüge über keine Akkumulati- onsmöglichkeit, was letztlich aber die Voraussetzung für einen Take-Off sei. Höhere Entwicklungshilfe-Transfers würden gleichfalls nur die Rentenökonomie fördern, nicht aber zu einer Produktivitätssteigerung beitragen: Afrika ist in eine Armuts- falle geraten.“ (Kappel 2000, S. 144). 378 Scholz 2000, Geographische Zeitschrift, Heft 1/2000, S. 1 ff; 2002, GR 54, Heft 10, S. 6 ff. 379 Vgl. Beck 1997, S. 266 ff. 380 Diesen Trend indiziert auch Kreutzmanns (2002, GR 54, Heft 10, S. 58 ff.) Bilanz über die “Entwicklungsfortschritte im Zeitalter der Globalisierung” “Zehn Jahre nach Rio”. 381 Gardi 1971, S. 143. 219 6.8 Schlussfolgerungen Von welcher Entwicklung lässt sich also im Niger sprechen bzw. welche Entwicklung „brau- chen“ die Menschen in der Region Agadez? Mit Sicherheit darf die Antwort nicht sein, der Region einfach den Rücken zu kehren. Denn dies hätte zur Folge, dass 1. dies für Europa einen unkontrollierbaren Migrantenstrom auslösen könnte, und dass für Europa einen unkontrollierten Migrantenstrom auslösen. 2. die Region durch armutsbedingte Aktivitäten terroristisch-krimineller Banden und den Ausbruch neuerlicher Konflikte erschüttert werden könnte. Dass es die Neuauflage der Rebel- lion geben würde, diese Befürchtung ist mittlerweile bittere Realität. 382 3. Entwicklungszusammenarbeit in problematischen Regionen wie Agadez ist somit immer auch ein wesentlicher Beitrag zur Konfliktprävention 383 und spätestens seit dem 11. 9. 2001 auch ein grundlegender Beitrag zur Terrorprävention. Dies gilt um so mehr, als auch im Niger aufgrund der grassierenden Armut ein großes Echo für fundamentalistische Ideen vorhanden ist. Vor eben diesem Hintergrund stellt sich die Frage, inwieweit Tourismusförderung zur wirt- schaftlichen Stabilisierung mittels Arbeitsplatzschaffung und Stimulierung der regionalen Nachfrage beitragen kann oder aber genau das Gegenteil erreicht, nämlich vorhandene Kon- fliktpotentiale zur Eskalation bringen würde. Das hängt freilich von der Struktur und der spe- zifischen Dynamik des regionalen Tourismus und der beteiligten Akteure ab, aber auch von der Art der angebotenen Tourismusprodukte und des Klientels. Diese Aspekte sollen in den folgenden Kapiteln untersucht und beurteilt werden. 382 Vorzeichen dafür war zum einen die relativ hohe Zahl der noch immer nicht integrierten Ex-Rebellen, zum anderen wurde mir in zahlreichen Gesprächen, die ich mit Ex-Rebellen und deren einstigen Unterstützern geführt habe, sehr viel Frustration, Verbitterung, aber auch Wut über den als ausgeblieben empfundenen Erfolg der Friedensverträge geäußert. Teilweise wurde sogar die Bereitschaft geäußert, notfalls erneut zur Waffe zu greifen. Dass hinter dieser Haltung oftmals irreale, überzogene Erwartungen an die Leistungsfähigkeit der Regierung aber auch an Entwicklungsprojekte stehen, dient zwar der Erklärung, löst aber nicht die Probleme. 383 Nicht zuletzt darum gilt auch „Krisenprävention als neues Paradigma deutscher Afrikapolitik“, wonach von der bisherigen „Kultur des Reagierens“ (Mehler 2000, S. 183) abgegangen werde. Insofern steht auch auf der Tafel der gtz vor dem Büro des PNN in Agadez: „La Paix – le garant pour la développement“. 220 7 Geschichte des Tourismus in Agadez 7.1 Die ersten europäischen Besucher Die Sahara als Mythos der letzten Abenteuer und der Herausforderung lockte seit dem frühen 19. Jahrhundert Eroberer und Forschungsreisende in jene unwirtliche Region, deren vorherrschende Bevölkerungsgruppe, die Tuareg-Nomaden, bis in das 20. Jahrhundert hinein Widerstand gegen die französischen Okkupationsversuche leisten konnten1. Die ersten Besucher dieser Region wa- ren bereits im Mittelalter die Araber. So hatte Ibn Battuta 1352 auf seiner Reise in den Sudan vermutlich das Aïr-Massiv durchquert2. Die Geschichte der europäischen Erforschung der Region begann vor über 150 Jahren mit dem großen Sudan-Forscher Heinrich Barth, der damals als 28-jähriger Privatdozent für klassische Archäologie von der Britischen Regierung für eine Sahara-Expedition auserwählt worden war. Barth reiste in Begleitung des Expeditionsleiters James Richardson, einem 40-jährigen Schotten und ehemaligen Missionar, und des 22-jährigen Naturwissenschaftlers Adolf Overweg. Im Zuge dieser über fünf Jahre dauernden Forschungsreise hatte Barth am 10. Oktober 1850 als erster Eu- ropäer3 Agadez für drei Wochen4 besucht. Erst rund 20 Jahre später gelangte als zweiter Europäer der französischstämmige Deutsche Erwin von Bary über Ghat und Tin Telloust nach Agadez. Sein Werk5 blieb unbedeutend und auch er erlangte nicht annähernd den selben Bekanntheitsgrad wie sein Landsmann Barth.6 Freilich waren schon viel früher Europäer in die Region des heutigen Departements Agadez ge- reist, allerdings auf der alten, 2400 km langen Trans-Sahara-Route von Murzug über Bilma bis an den Tschadsee, auf welcher Barth 1855 ans Mittelmeer zurückgekehrt war. Diese relativ sichere, weil vom Bornu-Reich kontrollierte Karawanen-Route, hatte der deutsche Student Frederik Hornemann für seine Reise 1798-1801 an den Tschad-See gewählt. Dieser ersten europäi- schen Berührung mit dem östlichen Sudan folgten im Auftrag der British African Association die Briten Clapperton, Denham und Oudney (1822-1825), die über Bilma und den Tschadsee bis Sokoto und Kano gelangten. 7 Der deutsche Arzt Gerhard Rohlfs reiste auf der selben Rou- te 1866-1867 von Tripolis bis Lagos 8, ebenso der Deutsche Gustav Nachtigal, der 1869 als erster Europäer den Tibesti erreichte, und über Bornu nach Osten bis an den Nil im Sudan ge- langte. 9 1 Vgl. Durou 1993, S. 272. 2 Vgl. Hugot 1993, S. 39. 3 Fuchs (1984, S. 70) berichtet allerdings von einem „einmaligen Ereignis“, wonach der Römer Julius Maternus unter Füh- rung eines Garamanten-Fürsten bis in das Aïr vorgestoßen sei und dabei möglicherweise sogar den Sudan erreicht hatte. Leider nennt Fuchs keine Quelle. Darüber hinaus wendet auch Schiffers ein, dass schon im 18. Jahrhundert italienische Patres das Aïr-Gebiet erreicht hätten und in den Sudan gelangt seien (vgl. Schiffers in Barth 1986, S. 89), schränkt jedoch an ande- rer Stelle (S. 179) ein, dass es darüber nur vage Notizen in Fachschriften aus dem 18. Jht. gebe. 4 Vgl. Gardi 1971, S. 205; Barth 1986, S. 183 ff. 5 Bary, Erwin de 1898: Le dernier rapport d'un européen sur Ghat et les Touareg de l'Air; journal de voyage d‘Erwin de Bary, 1876-1877. Traduit et annote par Henri Schirmer. Paris, Librairie Fischbacher. 6 Der Grund dafür liegt wohl an seinem plötzlichen und äußerst mysteriösen Tod, wahrscheinlich durch Vergiftung in Murzuk während seiner Rückreise nach Europa. Seine Reiseberichte wurden somit erst nach seinem Tod veröffentlicht (vgl. Durou 1993a, S. 184 ff.). 7 Vgl. Durou 1993a, S. 86 ff., 369 ff. 8 Vgl. Rohlfs 1984, S. 133 ff. 9 Vgl. Hugon o.A., S. 86 f.; Durou 1993a, S. 167 ff. 221 Reisen in die Sahara und in den Sudan stellten ein lebensgefährliches Unterfangen dar. Das änderte sich erst 1902, nachdem französisches Militär mit Hilfe überlegener Waffentechnik die mit Lanzen und Schwertern bewaffneten Tuareg in der entscheidenden Schlacht von Tit, unweit von Tamanrasset im Süden des heutigen Algerien, bezwungen hatte. 10 Dieser lange andauernde Widerstand der Tuareg gegen die europäische Penetration bedingte das bis heute verbreitete Image der unbeugsamen „Ritter der Wüste“ 11. Als erster „Tourist“ folgte im Jahre 1906 der in der Schweiz geborene Brite Hanns Vischer der Sklavenroute nach Süden. Tourist war er insofern, als er aus bloßem Interesse und somit ohne Forschungsauftrag reiste,12 und dies zudem in relativer Sicherheit unter der neuen Kolonial- ordnung Frankreichs. Beschwerlich blieben Reisen in diese Region auch noch nach der Eroberung durch die Franzosen, wie das Beispiel des französischen Arztes Pierre Noel bezeugt. Für seine Reise im Jahre 1911 von Bordeaux nach Bilma, wo er seinen Posten als Kolonialarzt beziehen sollte, war er zuerst sieben Monate per Postschiff von Bordeaux nach Dakar unterwegs, dann per Zug bis nach Mali, per Flussboot über den Niger bis Niamey, per Pferd bis Agadez und zuletzt mit der Salzkarawane bis nach Bilma.13 7.2 Die verkehrstechnische Erschließung der Region Bereits um 1920 wurde die Sahara zum Übungsgelände für französische Motortechnik. Beim Versuch, die Sahara mit dem Flugzeug zu überqueren, starb im Feber 1920 General Henri Laper- rine, Frankreichs gefeierter Sahara-Eroberer, Gründer der Meharisten-Truppe und enger Freund von Charles de Foucauld, infolge einer Notlandung mangels Treibstoff; er verdurstete.14 Die erste motorisierte Sahara-Durchquerung gelang 1922 mit einem Citroen-Kettenfahrzeug. Die schwieri- ge Transsahara-Strecke „Route du Hoggar“ von Tamanrasset über Inguezzam, dem heutigen Grenzposten zwischen Algerien und Niger, nach Agadez konnte erst 1929 der 6. Prinz von Bour- bon ohne wesentliche Unterbrechungen befahren.15 Animiert durch diesen Erfolg, fand bereits im Jahr darauf, 1930, die erste Trans-Sahara-Autorallye nach Gao statt.16 Die ersten „Abenteuer-Touristen“, die Agadez erreicht hatten, waren wohl die beiden Franzosen de Frecourt und Rossion, die 1925 in einem „Delage“, einem herkömmlichen Serienauto, über Djanet und die Hoggar-Berge Richtung Agadez gefahren waren. Ihr Ziel erreichten sie jedoch per Kamel, da sie im Hoggar eine Panne erlitten hatten und von Tuareg gerettet worden waren. In Agadez gelang es, Ersatzteile aufzutreiben, und einer der beiden wagte sogar die beschwerliche Rückreise ins Hoggar zum schadhaften Fahrzeug, worauf ihm nach erfolgreicher Instandsetzung die Rückfahrt in den Norden gelang.17 10 Vgl. Durou 1993a, S. 272. 11 Vgl. Henry 1993, S. 249 ff. 12 Vgl. Hare 2002, 109 ff. Hinsichtlich der Sicherheit ist jedoch einzuschränken, dass der französische Posten in Bilma zwar schon 1905 errichtet wurde (Decoudras/Durou 1994, S. 124), die Region jedoch auch in den Folgejahren, wie etwa 1907, wiederholt von Tubu-Überfällen heimgesucht wurde (Adamou o. A., S. 84). 13 Vgl. Taquet 1994, S. 20. Die Piste von Agadez nach Bilma wurde erst 1940 von den Franzosen trassiert (vgl. De- coudras/Durou 1994, S. 124). 14 Vgl. Dautheville 1993, S. 120. 15 Vgl. Nöther 1984, S. 318 f. 16 Vgl. Grégoire 1999, S. 285 f.; Gardi (1971, S. 297) spricht von „mehr als vierzig Touristenautos (...), und alle Wagen kamen wohlbehalten an den Niger“. 17 Vgl. Nöther 1984, S. 318 f. 222 Die Franzosen hatten am Projekt einer regelmäßigen Verkehrsverbindung seit dem Jahr 1923 gearbeitet.18 Die damals gegründete „Compagnie Générale Transsaharienne“ beförderte ab dem Jahr 1928 regelmäßig zivile Fahrgästen in komfortablen, geräumigen 6-Rad-Bussen von Renault, ausgerüstet mit Liegen, Küche und WC, über die Tanezrouft-Route19 nach Gao und weiter nach Niamey. Im Winter 1935/36 eröffnete die „Société Automobile de Transports Tropicaux“ (SATT) die regelmäßige Verbindung über Tamanrasset nach Agadez – und damit die „längste Buslinie der Welt“. Nun war es möglich, von Oktober bis April zwei mal pro Monat nonstop in 14 Tagen von Algier über Tamanrasset und Agadez nach Kano im heutigen Nigeria und von hier aus weiter nach Osten bis an den Tschadsee zu fahren, über eine Strecke von 5000 Kilometern,20 die über- wiegend aus Piste bestand.21 Nach 1945 erweiterte die SATT ihr Transportnetz auf Flugservice.22 Da ein geregelter Autobus- und Flugverkehr gesichert war, und der alte Kaocen-Palast durch die SATT für durchreisende Transsahara-Touristen zum „Hôtel de l’Aïr“23 modernisiert worden war, erlebte die damals noch sehr kleine Stadt Agadez24 um die Mitte des 20. Jahrhunderts eine erste Tourismus-Blüte,25 die jedoch weitgehend auf die Stadt beschränkt blieb26. Unter den wenigen Personen, die sich auch in das Hinterland wagten, waren vor allem Kolonialbeamte, die besonders an Timia touristisches Interesse fanden.27 Noch vor der Errichtung dieser Infrastruktur zählten zu den „touristischen Pionieren“ die britischen Forschungsreisenden Angus Buchanan28 und Francis Rodd,29 die im Zuge ihrer Aïr-Durchquerung in den 20er-Jahren auch Timia besucht hatten. 1930 durchwanderte der französische Forschungsreisende Burthe d’Annelet als erster Europäer die Tamgak-Schlucht 30, im Juli 1943 bestieg der Geologe Conrad Kilian, der als Entdecker des Sahara-Erdöls bekannt wurde 31, in Begleitung einiger Tuareg-Führer erstmals den bis dahin als höchsten Berg des Aïr erachteten Mont Greboun. 32 18 Das große politische und wirtschaftliche Ziel einer Eisenbahnlinie durch die Sahara zur Anbindung von „Afrique françai- se“ (Westafrika) an „France africaine“ (Algerien), das seit Mitte des 19. Jahrhunderts die französischen Ingenieure und Poli- tiker bewegt hatte, nicht zuletzt auch vor dem Hintergrund der erfolgreichen amerikanischen Trans-Kontinental- Bahnprojekte, und das auch Anlass der letztlich massakrierten Mission Flatters gewesen war, wurde niemals realisiert (vgl. Bourgeot 1995, S. 293 ff.). 19 Die Tanezrouft, die sog. „Strecke des Durstes“, führt rund 1400 km über eine flache, baumlose Ebene schnurgerade von der algerischen Stadt Reggane über den Grenzort Tessalit bis nach Gao in Mali. 20 Vgl. Nöther 1984, S. 318 f. Eine weitere Gesellschaft, die „Comagnie générale trans-saharienn“ unterhielt eine zweite Linie im Osten von Ost-Algerien über Gao und Niamey nach Bamako (vgl. Grégoire 1999, S. 283). 21 Das Projekt einer Transsahara-Eisenbahn hatte lange die französische Kolonialmacht bewegt, war aber aufgrund der enor- men Kosten niemals realisiert worden (vgl. Schiffers 1972, S. 384). Dagegen war das Projekt einer „Straße von Algier nach Lagos (…), die seit 1962(!) in Bau ist, aber bisher noch nie vollendet werden konnte, sondern durch Baumängel und fehlende Instandhaltung zeitweise eher kürzer als länger wurde“, nun doch wieder aussichtsreicher. Ein frisches Asphaltband führt bereits durch die gesamte algerische Sahara bis an die nigerische Grenze nach In Guezzam. (Hauschild 2002, S. 18; Tobaben 2003, S. 31.) 22 Der Direktor der SATT, Georges Estienne, war der Pionier der motorisierten Sahara-Erschließung (vgl. Grégoire 1999, S. 283). 23 In Niamey wurden die Fahrgäste im unternehmenseigenen Hotel Terminus untergebracht (vgl. Grégoire 1999, S. 284). 24 Für 1947 nennt Adamou (o.A., S. 116) für die Stadt Agadez eine Bevölkerungszahl von 3.977 Einwohnern bei 32.000 Einwohner des Departements Agadez. 25 Vgl. Zöhrer 1954, S. 89. 26 Daran wesentlich beteiligt war auch die Entfaltung einer Art Vergnügungsviertel mit Bars, Hotels und Bordellen im Norden der Stadt als Reaktion auf die Nachfrage durch die französischen Militärs und deren Familien. In der Folge entstand erstmals auch ein neuer Markt für Leder- und Silberschmiede, die ihrem neuen Klientel, den Militärs, Produkte zu Phantasiepreisen verkauften. Vgl. Adamou o.A., S. 110. 27 Vgl. Spittler 1998, S. 19. 28 Vgl. Buchanan 1921, S. 208 ff. 29 Vgl. Rodd 1926. 30 Vgl. Georg 1997, S. 27. 31 Vgl. Hugot 1993, S. 42. 32 Vgl. Harvard Museum of Natural History 2002, Web; Kings 1982, S. 381. 223 7.3 Die Entdeckung der Region Agadez als touristische Attraktion In den 50er-Jahren des 20. Jahrhunderts blieb der Sahara-Tourismus lediglich auf wenige Punkte beschränkt. Ende der 50er-Jahre unternahmen französische Militärs mehrere motorisierte Expedi- tionen, wie die „Mission Berliet“ in die Ténéré (1959) und in den Tschad (1960); Prospektoren suchten nach Uran und Erdöl im Aïr und um das Djado-Plateau. Der Sahara-Tourismus im eigentlichen Sinne begann erst ein Jahrzehnt später mit dem Apotheker Louis-Henri Mourèn: der leidenschaftliche Jäger und Fotograf bestaunte erstmals 1968 die wilde Schönheit der Aïr-Berge, jener „Alpen der Sahara“, und der Ténéré, und wurde von deren einzig- artigen Landschaftsformen nachhaltig geprägt. Mourèn war es, der die zur Ténéré hin aufgebro- chene Kaldera von Arakao im Nordosten des Aïr „Pince de crabe“ (Krabbenschere) benannte. In dieser Vielfalt landschaftlicher Schönheit erkannte Mourèn den Wert dieser Region als exotisches Reiseziel und machte das Gebiet zugänglich,33 indem er 1968 die Reiseagentur „Air trans image Niger“ gründete und mit zwei Allrad-Fahrzeugen und einem Flugzeug ausstattete. Damit begann im Niger die Ära des organisierten Tourismus. Mit dem Wohlwollen von Präsident Diori Hamani, der die Nutzung der touristischen Potentiale seines Landes fördern wollte, änderte Mourèn den Namen seiner Agentur in „la Croix du Sud“34 (Kreuz des Südens) um und baute ein Camp in Iferouane, das in der Folge zum Stützpunkt für Mourèns touristische Aktivitäten im Aïr wurde. Zur Senkung der ohnedies hohen Reisekosten nutzte Mourèn die günstigen Flugverbindungen der Air Algerie nach Tamanrasset und Djanet, von wo aus er diverse Touren über die Hoggar-Berge und das Tassili n’Ajjer in die Ténéré und ins Aïr anbot. Die Stadt Agadez hat er dagegen, seiner entfernten Lage wegen, niemals angefah- ren. Mourèn musste jedoch seine Aktivitäten 1973 einstellen: er bekam Probleme mit den algeri- schen Behörden, die seine Fahrzeuge beschlagnahmt hatten. Von großer Bedeutung war auch die Gründung der Agentur „Sahara-voyages“ in Algerien durch den Italiener Vittorio Gioni, dem ehemaligen Filialleiter einer Bank in Rom 35, der nach der gleichen Methode wie Mourèn arbeitete und Touren von Tamanrasset und Djanet aus in den Ni- ger anbot und dabei ebenfalls Agadez ausließ. Eine wesentliche Rolle spielte wieder Iferouane, wo die Agentur eine Herberge betrieb und zudem sämtliche Angestellte – Buchhalter, Führer, Chauffeure, Köche etc. – rekrutierte. 1973 beschlagnahmten die algerischen Behörden abermals die Materialien der Agentur in Tamanrasset.36 Agadez wurde allerdings auch ohne den organisierten Tourismus Anfang der 70er-Jahre zuneh- mend zum Reiseziel, da während der Reisezeit von Oktober bis April pro Tag durchschnittlich ein Touristenfahrzeug in Agadez ankam.37 1973 wurden bereits 5.628 Touristen gezählt, angereist in 1.634 Fahrzeugen. 38 Die meisten Touristen blieben auf der Route Niamey – Agadez – Taman- rasset. Unterkunft und Verpflegung offerierten damals drei Hotels: das „Hotel de l’Aïr“, von ei- nem Franzosen namens Joyce geführt39 und von Entwicklungsexperten besonders bevorzugt, das „Family House“ des Franzosen Boudon, der daneben eine Werkstätte für Gebrauchtwägen „ge- 33 Vgl. Grégoire 1999, S. 285 f. 34 Daneben gab es im Niger noch eine in Niamey bestehende Agentur, „Transcap voyages“, die Touren im Niger-Tal anbot (ebd.). 35 Vgl. Stührenberg 1999, S. 68. 36 Vgl. Grégoire 1999, S. 286. Näheres zur Tourismusentwicklung in Algerien siehe das Kap. über den „Markt des Tuareg- Tourismus/Die Konkurrenz-Destinationen der Region Agadez/Direkte Niger-Konkurrenten: die Staaten der Zentralsaha- ra/Algerien“. 37 Vgl. Gardi 1971, S. 298. 38 Vgl. Adamou o.A., S. 265. Im Folgejahr 1974 wurden 4.261 Fremden registriert, darunter 164 Österreicher! 39 Vgl. Salifou 1993, S. 72. 224 strandeter Touristen“ 40 führte, sowie das „Hotel Sahara“. Insgesamt standen 58 Zimmer bereit. Zudem bestand außerhalb der Stadt ein Campingplatz.41 Bei den meisten Besuchern, die ins Aïr-Massiv fuhren, handelte es sich um Angehörige des fran- zösischen Ingenieurspersonals aus den Uran-Minen um Arlit. Mit der Ausbeutung der Vorkom- men war gegen Ende der 60er-Jahre begonnen worden.42 Zwischen den europäischen Touristen und den Nomaden kam es nur selten zu Begegnungen. Nach der damaligen Vorstellung der Tua- reg-Nomaden, die ein äußerst gespanntes Verhältnis zur nigrischen Zentralmacht hatten, verfüg- ten nur die Vertreter der "Macht" - wie Beamte oder Soldaten - über Allradwagen, weshalb die Landbevölkerung Motorengeräusche als böses Vorzeichen deutete und sich darum in solchen Situationen zu verstecken versuchte.43 Vereinzelt kam es jedoch immer wieder zu persönlichen und konstruktiven Kontakten zwi- schen Nomaden und Fremden. So berichtet Khader 44, ein etwa 50 Jahre alter Schmuckhändler aus Timia, er habe im Jahr der Sonnenfinsternis, 1973, dem Ethnologen André Bourgeot 45 und dessen Begleiter als Führer durch die Aïr-Berge gedient. Dass ein junger Tuareg- Nomaden in Arlit die Schule besuchte, oder bei den Minen Arbeit fand, schließlich als Führer für das Minenpersonal tätig wurde, das war meist die typische Karriere für Nomaden im Tou- rismus. 46 In Agadez nahm der organisierte Sahara-Tourismus erst 1974 seinen Anfang als Folge der administrativen Restriktionen in Algerien und - im Gegenzug – der Legalisierung unter- nehmerischer Tourismusaktivitäten der Ausländer im Niger. 47 So nahm Vittorio Gioni seine touristischen Aktivitäten mit seiner Agentur „Sahara-voyages“ unter dem Namen „Sahara- Niger“ mit Sitz in Agadez wieder auf; von Iferouane aus organisierte er Kameltouren. Im gleichen Jahr errichtete er auch das Hotel Tellit in Agadez 48. Bereits im Folgejahr bediente „Sahara-Niger“ an die 200 Kunden, die sowohl Allrad- als auch Kameltouren unternahmen. 49 Zu Vittorios Mitarbeitern zählte damals bereits der junge Tuareg namens Mano ag Dayak. 50 Neben der Agentur „Sahara-Niger“, die bis 1980 den Markt dominiert hatte, war die 1975 ebenfalls von Italienern gegründete Agentur „Atlantide-voyages“ tätig, die auch das Billig- Hotel „Atlantide“ betrieb, beides jedoch ohne großen Erfolg. Eine weniger bedeutende Rolle spielte die Agentur „Jerrican expéditions“, deren Betreiber die Fahrzeuge zum Ende der Sai- son stets nach Europa führte. 51 Vittorios reges Engagement im Tourismus wurde Mitte der 80er-Jahre jäh unterbrochen. An- geblich sei er durch den damaligen Diktator Kountché des Landes verwiesen worden, weil er ein Saurierskelett aus der Ténéré nach Italien geschmuggelt habe. 52 Allerdings wurde im sel- ben Jahr generell jede unternehmerische Tourismusaktivität für Ausländer verboten. Mittler- weile ist Vittorio längst wieder in Agadez aktiv; er betreibt das italienische Spezialitäten- 40 Vgl. Gardi 1971, S. 50. 41 Vgl. Adamou o.A., S. 266. 42 Für die Uranverarbeitung wurde auch in Tchirozerin ein Kohlekraftwerk sowie die Straße Arlit-Agadez-Tahoua-Konni gebaut, was zusätzliches französisches Personal und damit potentielle Reisekunden ins Land brachte. 43 Vgl. Spittler 1998, S. 50. 44 Interview in Timia am 25.11.1999. 45 Vgl. Bourgeot 1995a, S. 111 ff. 46 Der Werdegang von Khader hatte sich jedoch aufgrund persönlicher Schicksalsschläge anders entwickelt. 47 Voraussetzung für die Betreibung einer Reiseagentur war damals die Erteilung einer Lizenz durch das Ministère des Affai- res économiques, du commerce et de l’industrie (Adamou o.A., S. 265 f.). Als Zeichen dieser pro-touristischen Politik des Hamani-Regimes wurde bereits 1972 ein Büro der ONT, des Office national du tourisme, in Agadez eröffnet (Grégoire 1999, S. 287). 48 Vgl. Baud-Bovy 1988, S. 55. 49 Vgl. Adamou 1999a, S. 265. 50 Zu Mano Dayak siehe das Unterkap. „Die Ära des Tuareg-Tourismus unter Mano Dayak“. 51 Vgl. Grégoire 1999, S. 287. 52 Hinw. u.a. in Stührenberg 1999, S. 68. 225 restaurant „Le Pilier“, das gehobene Hotel „Tellit“ vis-a-vis vom Hotel de l’Aïr und das „Ho- tel Tellit“ in Iferouane. Schon in den 70er-Jahren wurden Struktur und Dynamik der Tourismusentwicklung durchaus auch kritisch betrachtet. So unterstreicht Adamou 53 die geringe Rentabilität für die Bevölke- rung sowie die Entstehung einer urbanen „masse de jeunes parasitaires et inactifs“ in Agadez. Dabei wurde das später so prägnante Manko der Planung und Organisation im Tourismus evident: Aufgrund des Mangels an entsprechenden Unterkünften blieb das ökonomische Po- tential weitgehend ungenutzt. 54 Auch die Schmiede, die damals den Großteil der Bevölkerung von Agadez stellten, waren weitgehend unorganisiert, weshalb es weder geordnete Schmie- dewerkstätten noch Verkaufsstände gab. Dieser spezielle Mangel wurde allerdings auch in den nachfolgenden 30 Jahren nur punktuell behoben. 7.4 Die Ära des Tuareg-Tourismus unter Mano ag Dayak im Niger Das goldene Zeitalter des Sahara-Tourismus begann in den 80er-Jahren mit der „Nigérisation“ des Tourismus. Dadurch übernahm die Ehefrau des Politikers Akoli Daouel die Agentur „At- lantide-voyages“. 55 Die Dynamisierung des Reisemarktes gelang dem Tuareg Mano ag Dayak mit der Gründung der Agentur „Temet voyages“ im Jahr 1981, 56 obwohl sein Ansuchen über mehrere Jahre hinweg durch die nigrischen Behörden blockiert worden war. 57 Für die Errichtung seiner Agentur hatte Mano Material und Mitarbeiter von der aufgelassenen Agentur „Sahara-Niger“ übernommen, darüber hinaus rekrutierte er seine Mitarbeiter häufig aus seiner Region Tidène. Weil aber seine Ausstattung mit Fahrzeugen der wachsenden Nach- frage bald nicht mehr genügte, heuerte er zusätzlich Führer mitsamt deren Fahrzeugen an, wodurch es – trotz der monopolähnlichen Situation von „Temet voyages“ – zu einer weitrei- chenden Umverteilung der Tourismuseinnahmen kam. So berichtete einer von Manos einsti- gen Fahrern: „Du temps de Mano, tout le monde travaillait. Même s’il avait des voitures de libre, il donnait du travail aux autres. C’est lui qui a tout fait ici. Tous les guides sont passés chez lui.“ 58 Der vielgereiste und gebildete Nomadensohn Mano hatte es hervorragend verstanden, sein Charisma und seine guten Kontakte zu Medien und Reiseunternehmen in Frankreich zuguns- 53 Vgl. Adamou o.A., S. 267. 54 Die damalige Situation in Agadez dürfte wohl mit jener von Tahoua, der nächstgelegenen, 500 km entfernten Stadt im Westen, vergleichbar sein: Obwohl Tahoua aufgrund seiner Lage 450 km nach Niamey prädestiniert für eine Nächtigung auf der Fahrt von der Hauptstadt nach Agadez ist, existiert dort gegenwärtig nur ein einziges Hotel, das „Amitié“. Im Vergleich zum Standard der meisten Unterkünfte in Agadez verfügt dieses Hotel über einfachst ausgestattete Zimmer, zumeist mit Doppelbett und mit – zuweilen ungustiös riechenden – Duschen. Für organisierte Sahara-Touristen stellt diese Unterkunft häufig den „Härtetest“ dar. 55 Akoli Daouel war damals unter Kountché Minister für Information, in den 90er-Jahren Minister für Wasser und Regierungs- sprecher. Gegenwärtig ist er der Chef der „Parti pour l'Union Nationale et la Démocratie“ (PUND-SALAMA). Hinw. von Mous- sa Tibelot, Aïr-Führer seit 1973, der u.a. auch den Ethnologen Hans Ritter auf einer Karawane begleitet hatte (Int. vom April 2001). 56 Vgl. Salifou 1993, S. 72. 57 Beignou Beïdo, Langzeit-Präfekt von Agadez, hatte den Antrag lange Zeit blockiert, weil er in Dayak „un agitateur entre- tenant des sentiments autonomistes voire indépendantistes au sein de la société touarègue“ gesehen habe. Grégoire (1999, S. 287) vermutet zudem, dass Dayak auch durch den Ehemann der Betreiberin von „Atlantide-voyages“, Minister Daouel, blockiert wurde, um dieser Agentur eine Monopolsituation zu ermöglichen. 58 Zit. in Grégoire 1999, S. 288; ähnliche Aussagen wurden auch mir gegenüber wiederholt über Mano getätigt. 226 ten des nigrischen Sahara-Tourismus 59 zu nutzen, wobei er vor allem den Mythos der Sahara als Stätte des Abenteuers und der wilden Schönheit beschwor. Die Verbreitung dieses Wüs- ten-Images in Europa förderte Mano zusätzlich durch Promotionsreisen für europäische Rei- seagenturen und Reisejournalisten. 60 Auf diese Weise gelang es Mano dank „Temet- voyages“, zum privilegierten Verbindungsmann für französische (Explorators, Terres d’Aventures, Voguzes voyages, Nouvelles frontières etc.), deutsche (Mini-Trek, Hauser, Ika- rus) und Schweizer (Kuoni) Agenturen, 61 Filmvorhaben, Reportagen (GEO) etc. zu werden und damit den nigerischen Reisemarkt bis zu dessen Zusammenbruch 1992 zu dominieren. In seiner PR-Strategie zur Vermarktung der Region legte Mano großen Wert darauf, die Tua- reg als „Image“ auszuklammern. So unterstrich er bereits in seinem ersten Buch „Tuareg - die Tragödie“, dass er den Europäern bewusst nur einen landschaftsorientierten Erlebnistourismus angeboten und ihnen die Öffnung und Entdeckung der „vom Wind gereinigten Wüste“ er- möglicht, niemals aber zu einem „anthropologischen Tourismus“ ermutigt habe. Denn dort gehe es in unvertretbarer Weise nur darum, Reisende wie Zoobesucher zu indigenen Stäm- men, verkleidet als „blaue Männer“ oder als „Herren der Wüste“, zu führen. 62 In dieser Zeit galt der Niger „als eines der sichersten Reiseländer Afrikas“ 63, was diese Desti- nation besonders unter Off-Road-Reisenden populär machte, u. a. auch beim Gründer der Ral- lye Paris-Dakar, Thierry Sabine, den bald eine enge Freundschaft mit dem Organisationstalent Mano verband. Dieser wurde Sabines wichtigster Partner für die Veranstaltung der Rallye im Niger, und die Stadt Agadez etablierte sich als ständige Station dieses alljährlichen Spekta- kels, das von der feinen Pariser Gesellschaft besucht wurde; die Rallye Paris-Dakar bewirkte eine wichtige Werbung für die Region, verbunden mit einem bedeutenden ökonomischen Niederschlag: „Le rallye était, chaque année, attendu avec impatience. On savait que des mil- lions allaient tomber sur la ville.“ 64. In den ersten fünf Jahren war „Temet voyages“ gleichsam in einer Monopolsituation, woran sich auch durch die nigerisch-italienische Gründung von Niger-Ténéré-voyages“ (NTV) mit Sitz in Niamey und einem Büro in Agadez nichts änderte: NTV bediente einerseits italieni- sche Partner (Spazi d’Aventura, Aventurno del Mondo, Dunes, Kel 12), andererseits aber auch ein anderes Kundensegment, indem speziell geschulte europäische Reisebegleiter mit dem Ziel eingesetzt wurden, einem gehobenen Klientel entsprechendes Hintergrundwissen zu vermitteln. 65 Gleichzeitig mit dem organisierten Tourismus wuchs auch der Strom jener Trans-Sahara- Fahrer, die ihren Abenteuerurlaub mit dem späteren Verkauf ihres alten Peugeots in Agadez oder in Nachbarländern finanzierten. 66 Der Ort mutierte damals zu einem regelrechten Zent- 59 Im DuMont-Sahara-Führer von 1984 wird Temet Voyages als einzige Reiseagentur im Niger vom Autor empfohlen (vgl. Därr 1984, S. 355). 60 Vgl. Baud-Bovy 1988, S. 10. 61 Vgl. Grégoire 1999, S. 288 f. 62 Vgl. Dayak 1992, S. 78. Diese Abneigung gegenüber einem „zoologischen Tourismus“, dem die Tuareg als Objekt der ästhetischen Begierde dienen, betonte Dayak erneut in seiner Autobiografie „Geboren mit Sand in den Augen“. Vgl. Dayak 1996, S. 178. Auch in einem Interview für das deutsche Reisemagazin „Merian“ formulierte Dayak seine äußerst ambivalente Haltung gegenüber dem Tourismus mit den Worten: „Der Tourismus bringt zwei Arten von Umweltverschmutzung mit sich. Die materielle kann man aufsammeln, aber die seelische macht krank. Darum organisiere ich keine Reisen zu den Dörfern und Weideplätzen.“ (vgl. Kirtley/Kirtley, 1985, S. 60.) Dass diese Strategie der Kontaktvermeidung zwischen Touristen und Dorfbewohnern keinesfalls nur auf dankbare Zustimmung fiel, zeigten die Proteste der Gemeinde Timia zu Beginn der 90er- Jahre (Int. mit Aghali Imoumounene, Timia, November 1999, zit. in Friedl 2000, Fn. 19, Web.) 63 Steineck 1998, S. 12. 64 Ein Chasse de touriste, zit. in Grégoire 1999, S. 282. Näheres zur Rallye siehe das Kap. „Die Tourismuspotentiale von Agadez/Rallye Paris–Dakar“. 65 Vgl. Grégoire 1999, S. 289. 66 Vgl. Friedl 1991, S. 26 f. 227 rum des Gebrauchtwagen-Handels 67. Von den Reiseagenturen waren diese Individualtouristen freilich nicht all zu gern gesehen, denn sie trugen mit rund 150 - 200 Mio. FCFA (0,225-0,3 Mio. €) pro Jahr mit nur 5-7 % zur touristischen Wertschöpfung bei, die im Jahr 1980 bei 2,91 Mrd. FCFA (4,37 Mio. €) Umsatz bei einem Nettodevisengewinn von 1,775 Mrd. FCFA (2,67 Mio. €) lag. 68 Gesamtwirtschaftlich spielte der Tourismus für die Republik Niger noch zu Beginn der 80er- Jahre angesichts des Uran-Booms freilich nur eine untergeordnete Rolle, dagegen war die regionalökonomische Bedeutung schon beachtlich. Entsprechend wenig Entgegenkommen zeigten die damaligen Behörden des autoritären Kountché-Regimes gegenüber dem Tuareg- Tourismus 69 und gegenüber westlichen Touristen. So mussten etwa Schweitzer Staatsbürger zur Erlangung eines Niger-Visums in Paris persönlich vorsprechen, da auf dem Korres- pondenzweg kein Visum erteilt wurde. Im Niger bestand bis in die 90er-Jahre Meldepflicht für Touristen bei der Ausländerpolizei in Niamey und für die Ausstellung einer Aufenthalts- genehmigung wurden zwei Passfotos benötigt. 70 Eine ebenfalls unter Kountché eingeführte Restriktion war die Pflicht der Unterbringung von Fremden in Hotels unter Befolgung des Meldegesetzes bzw. das Verbot ortsfremde Personen in Privatwohnungen zu beherbergen. 71 Mochte diese Regelung auch primär die Kontrolle ortsfremder Personen bezweckt haben, so diente sie doch auch der wirtschaftlichen Nutzung des Tourismusaufkommens. 7.5 Tourismusförderung und Ausbruch der Tuareg-Rebellion Das Engagement Manos spiegelte sich schließlich in wachsendem wirtschaftlichen Erfolg wider, wie die Bilanz des Jahres 1988 zeigt: Binnen acht Jahren war die Anzahl der Pauschal- besucher auf jährlich rund 3.000 Personen angewachsen, bedient durch ein gutes Dutzend von Reiseagenturen. 72 Der tourismusbedingte Umsatz hatte sich in dieser Zeit mit 6,475 Mrd. FCFA (9,72 Mio. €) bei einem Nettodevisengewinn von rund 4 Mrd. FCFA (6 Mio. €) mehr 67 Vgl. Grégoire 1999, S. 282; Friedl 1991, S. 26 f.; Salifou (1993, S. 89) spricht von „plus de 5.000 vehicules (...) en temps normal“. 68 Baud-Bovy 1988, S. 4. Die Anzahl der landesweit im Tourismus Beschäftigten gab der Autor für 1980 mit 395 Personen an. Nach anderer Ansicht Salifous (1993, S. 89) trugen diese Fahrzugimporte „à la grande joie des Nigériens euxmémes et de leurs voisins et frères du Nigeria“ nicht unwesentlich zur nationalen Wertschöpfung bei. Zum einen war dies die günstigste Möglichkeit für Afrikaner, an Gebrauchtwägen zu gelangen, zum anderen mussten pro Fahrzeug 10.000 FCFA (15 Euro) an die Stadt Agadez bezahlt werden; hinzu kamen Zollrechte und andere Einnahmen wie Versicherungsgebühren udgl. 69 So habe Mano Dayak um die Baugenehmigung für ein Hotel in Agadez angesucht und diese trotz des fortgeschrittenen Planungsstadiums nicht bekommen, was nach Ansicht Alhousseini Ibras (Ausk. vom Oktober 1997) den Anschein erweckte, als wollten die Zentralbehörden in Niamey die Entwicklung von Agadez behindern. 70 Vgl. Därr 1984, S. 255. Dieser Prozedur musste ich mich bei meinem ersten Aufenthalt in Niamey im Februar 1990 eben- falls unterziehen (vgl. Friedl 1990, S. 15 ff.). 71 Vgl. Ritter 1979, S. 86. Diese Regelung gilt auch heute noch, wird jedoch von sog. „grauen“ Tourismusunternehmen ohne Lizenz teilweise gezielt missachtet, was von vielen Agenturbetreibern massiv kritisiert wird. Vgl. von Barney, Dunes Voya- ges, Int. März 2001 bzw. Ixa, Tidéne Expeditiones, März 2001. 72 Temet Voyages deckte zwischen 50 % (Le Berre 1999, 282 ff.) und 75 % (Grégoire 1999, S. 291) der touristischen Nach- frage ab. Den Rest teilten sich die zwei größeren Gesellschaften „Niger Car“ (mit Sitz in Niamey und einem Büro in Agadez) und NTV (gemeinsam 360 Touristen 1991/92) sowie die Privatunternehmen „Tamzak-voyages“, gegründet 1983 in Arlit zur Bedienung des Minenpersonals, „Aligouran-voyages“ (1985), Aïr-voyages (1988) sowie einige weitere Agenturen, die im Zuge des neuerlichen Tourismuswachstums in den Jahren 1990-91 gegründet wurden. Diese Privatagenturen, die überwie- gend nur 1-2 Fahrzeugen besaßen, bedienten überwiegend Privatreisenden, die gesetzlich gezwungen waren, sich einer nigri- schen Agentur zu bedienen (ebd.). 228 als verdoppelt. Auch die Zahl der direkt Angestellten war in dieser Zeit von 395 auf 916 Per- sonen angewachsen. 73 Die wachsende wirtschaftliche Bedeutung des Tourismus 74 wurde 1987 endlich auch von den staatlichen Behörden in Niamey wahrgenommen. Angesichts der sinkenden Einnahmen aus dem Uran-Export wurde der Tourismus im Niger, für den es bis dahin praktisch keine explizi- te Tourismuspolitik gegeben hatte, 75 zur wirtschaftspolitischen Priorität erklärt. 76 Die erste Maßnahme war die Einrichtung des Ministeriums für Transport und Tourismus. 77 Im selben Jahr wurden rund 77.000 qkm der Aïr-Ténéré-Region als Bioreservat unter Schutz gestellt78 und vom WWF bzw. später vom IUCN verwaltet, 79 nicht zuletzt auch in Hinblick auf eine touristische Nutzung. 80 In Niamey wurde nun erstmals ernsthaft nach Strategien für die Entwicklung des Tourismus- sektors gesucht 81. Dabei wurden als Ziel angestrebt die Sanierung der Infrastruktur, der Ho- tels und der Agenturen, die Hebung der Professionalität und die Schaffung neuer Produkte, was bis 1990 auch großteils erreicht werden konnte. 82 Eine der Maßnahmen war die Umorga- nisation von Temet-voyages, weil das Unternehmen – infolge einer laxen Buchhaltung und der Generosität Manos gegenüber der Bevölkerung – bis Ende der 80er-Jahre enorme Schul- den angesammelt hatte. Darum wurde das Unternehmen 1989 unter dem Druck des Staates in eine anonyme Gesellschaft umgewandelt.83 Mit den neuen Finanzmitteln konnte der Wagen- park erweitert und ein Verbindungsbüro in Paris eröffnet werden. Dank dieser verbesserten Kontakte nach Europa sowie aufgrund einer wöchentlichen Flugverbindung zwischen Paris und Agadez 84 konnte das Tourismusaufkommen von 1989 auf 1990 neuerlich um 60 % ge- steigert, bedeutende Filme gedreht („Himmel über der Wüste“, „Le captive du désert“) und zahlreiche TV-Teams in den Niger geholt werden. Die Regierung hatte eine Studie über die Entwicklungsmöglichkeiten des Tourismus und die Auswirkungen der Rallye Paris-Dakar in Auftrag gegeben. Die provisorischen Ergebnisse der Studie hatten besonders den Sahara-Tourismus bevorzugt und dazu u.a. Flugtransporte von Agadez nach Iferourane nahegelegt, was jedoch den Intentionen der Regierungspolitik zuwi- der lief. 85 Das Fehlen eines Plans für die regionale Tourismusentwicklung spiegelte sich im spontanen 73 Vgl. Baud-Bovy (1988, S. 4), der bei 3,73 Mrd. FCFA (6,6 Mio. €) an Folgewerten einen Integrationskoeffizienten von 57 % berechnet. 74 Im Zuge von Interviews in Agadez im Oktober 1997 berichteten mehrere Gesprächspartner von einem gewissen Reichtum in Agadez während der aktiven Jahre von Dayaks Engagement, von dem ein Großteil der Bevölkerung profitiert habe, sodass es kaum Armut gegeben habe. 75 Alzouma (1996, S. 344) erwähnt jedoch, dass die "Administration Nationale du Tourisme" (ANT) seit 1982 eine globale und integrierte Planung der Tourismusentwicklung privilegiert und für die Diversifizierung der Tourismusbranche mit beson- derer Förderung des Ökotourismus plädiert hatte. 76 Eine der treibenden Kräfte war die „Groupement d’intérêt économique“ (GIE), eine Organisation zur Förderung von Pri- vatunternehmen (vgl. Grégoire 1999, S. 290). 77 Vgl. Alzouma 1996, S. 341; nach Grégoire (1999, S. 281.) galt der Tourismus zu Beginn der 90er Jahre mit 3 Mrd. FCFA Deviseneinnahmen bereits als die drittwichtigste Devisenquelle nach dem Uranium- und dem Viehexport. 78 Vgl. Republique du Niger 1988: Decret No. 88-019/PCMS/MAG/E du 22 Janvier 1988. 79 1991 wurde das Reservat in die World Heritage List eingetragen und 1992 – aufgrund der Rebellion und deren Auswir- kung auf den Wildbestand – in die Liste des bedrohten Weltkulturerbes (vgl. WCMC 2000, Web). 80 Auskunft im Oktober 1997 in Niamey von Birgi Rafini, unter dessen Verantwortung als Landwirtschaftsminister das Re- servatsdekret verabschiedet worden war. 81 Alzouma (1996, S. 343) spricht von einem entsprechenden Regierungsseminar im Juni 1988. 82 In diese Phase fiel die mit 10,5 Mrd. FCFA (ca. 16 Mio. Euro) staatlich finanzierte Errichtung des Luxushotels Gawey in Niamey, wodurch die landesweite Bettenkapazität auf 1.238 Betten in 619 Zimmern verdreifacht werden konnte (vgl. Al- zouma 1996, S. 341). 83 Finanziert wurde dies mit einem Kredit der BIAO, garantiert durch den FED. Die neuen Aktionäre waren mit über 50 % Mano, außerdem drei Tuareg und vier Europäer (vgl. Grégoire 1999, S. 289 f.) 84 Zuvor mussten Niger-Reisende stets die mühsame, 900 km lange Anfahrt von Niamey nach Agadez auf sich nehmen. 85 Die letzte Version der Studie wurde niemals fertig gestellt, weil die Regierung die vorgeschlagene strategische Orientie- rung nicht akzeptierte (vgl. Alzouma 1996, S. 344.) 229 Charakter der damals getroffenen touristischen Initiativen wider, die zu einem ungeregelten Wildwuchs im Bereich des regionalen touristischen Engagements führten. So drohte etwa in Agadez das Phänomen der „Chasses touriste“, der informellen örtlichen Reiseführer, zu eska- lieren, die in aggressiver und aufdringlicher Weise von Touristen in Agadez zu profitieren versuchten. Tabelle 5: Anzahl der Teilnehmer an Rundreisen Jahr 86 Anzahl der Touristen Jahr Anzahl der Touristen 1986 1336 1992 1180 1987 1550 1993 0 1988 1135 1994 0 1989 1473 1995 228 1990 2462 1996 450 1991 2469 1997 630 Ein umfassender Lehrgang in Agadez für Reiseführer und „Chasses touristes“, der erstmals im Sommer 1990 durchgeführt wurde, verfolgte das konkrete Ziel der langfristigen Qualitäts- hebung touristischer Produkte. Er wurde politisch betrieben durch die Branchenvertretung ANTPH 87, finanziert durch den Europäischen Entwicklungsfonds und koordiniert vom fran- zösischen Geographen Pierre Decoudras. 88 Mittelfristig war sogar beabsichtigt, diese Ausbil- dungsinitiative als ständiges, regionales Ausbildungszentrum für den Sahara-Tourismus in Agadez zu etablieren. 89 War auch der Reiseführer-Lehrgang unmittelbar erfolgreich, so scheitertet vorerst die Organi- sation der „Chasses touristes“ an der Uneinigkeit der betroffenen Personen 90 und an ihrem grundsätzlichen Misstrauen gegenüber den Behörden einer zentralistischen Diktatur, die die Bürger von Agadez jahrelang äußerst negativ erlebt hatten. 91 Dieses Misstrauen sei nach An- sicht Manos letztlich auch für das Scheitern des längerfristigen Tourismus-Entwicklungs- projekts verantwortlich gewesen, denn die Tuareg-feindlichen Behörden hätten ein Quasi- Monopol im Tourismus für die Tuareg missbilligt. 92 Das grundlegende Misstrauen zwischen Behörden und einigen Tuareg-Gruppierungen eska- lierte wenige Monate später, im Herbst 1991, im Norden des Niger, zu einer Rebellion, die sechs Jahre währen sollte, verbunden mit Überfällen auf Projektangestellte und motorisierte Reisegruppen. 93 Hinzu kamen terroristische Zusammenstöße zwischen der nationalen algeri- schen Armee nach deren Staatsstreich und der Islamischen Heilsarmee (FIS), was zur weitge- henden Verlagerung der „Wüstenszene“ nach Libyen führte. 94 Diese Umstände, vervollstän- 86 Office national du tourisme, in Agadez, zit. in Grégoire 1999, S. 291; eigene Nachforschungen. 87 ANTPH: Association nationale des professionnels du tourisme et de l’hôtellerie. 88 Vgl. Decoudras 1990, S. 11; 89 Vgl. ebd., S. 46 f. 90 Vgl. ebd., S. 50 f. 91 Vgl. Adamou 1999, S. 201 ff. 92 Vgl. Dayak 1992, S. 80. Dem ist allerdings entgegenzuhalten, dass trotz des dominanten Engagements der Tuareg im Tourismus ein nationaler „Plan de développement du tourisme“ 1992 unter dem Tuareg-stämmigen Tourismusminister Mo- hamed Moussa ausgearbeitet und 1995 adaptiert wurde, also während der Tuareg-Rebellion (Hinw. in UICN 1999a, S. 1) 93 Vgl. Friedl 1992, S. 48. 94 Zu Einbrüchen der bislang ständig wachsenden Tourismusnachfrage war es bereits infolge des 1. Golfkriegs gekommen. 230 digt durch den Ausbruch des 1. Golfkriegs und die damit verbundenen anti-westlichen Aus- schreitungen im Maghreb sowie die Streichung des Niger aus der Streckenführung der Rallye Paris-Dakar ließen 1992 die Touristenzahlen um mehr als 50 % einbrechen. Das endgültige Aus kam jedoch erst mit dem 19. März 1992, als die nigerische Armee Manos Agentur „Temet Voyages“ wegen des Verdachts auf Kollaboration durchsuchte, die Lizenz suspendierten und das Personal inhaftierte. Mano selbst, gegen den ebenfalls ein Haftbefehl erlassen worden war, war bereits zuvor nach Frankreich geflohen. 95 Sein Buchhalter, Rhissa ag Boula, hatte sich bereits im Oktober 1991 in die Berge zurückgezogen, um gemeinsam mit „Ishomar“, entwurzelten Tuareg-Söldnern, die Rebellion zu organisieren. 96 Auch sämtliche übrigen Agenturen stellten ihre Aktivitäten ein. Der Niger war „mit einem Male von der tou- ristischen Landkarte gestrichen“ 97, alle humanitären Initiativen waren unterbrochen und das bedeutete für die Region Agadez die völlige Verarmung. Mitten in den Wirren der Rebellion, im Jahr 1994, realisierten Decoudras und Durou das seit langem geplante Projekt des Reiseführers „Bonjour, le Sahara du Niger“, bestehend aus kos- tenlos zur Verfügung gestellten Texten und Fotografien verschiedener Koryphäen der nigri- schen und französischen Sahara- und Tuareg-Forschung. Ziel dieses Buchprojekts war die Schaffung einer Informationsgrundlage für Niger-Reisende und für Sahara-Führer sowie – angesichts der andauernden Rebellion – als Beitrag zur baldigen Wiederbelebung des Sahara- Tourismus. 98 Bis zur Erfüllung dieser Hoffnung sollte es allerdings noch weitere drei Jahre dauern. 7.6 Der Neubeginn seit dem Ende der Rebellion 1997 Nach zwei Friedensverträgen zwischen der Regierung und den Rebellen 99, die in zahlreiche Fronten zerfallenen sind, gelangte der Offizier Ibrahim Mainassara Baré am 27. Jänner 1996 durch Putsch an die Macht. Seitens mancher Rebellenführer wurde dies sogar begrüßt, weil Baré mehr Durchsetzungsvermögen gegenüber dem Militär zugetraut wurde, als es die voran- gegangene, in sich zerstrittene Zivilregierung bewiesen hatte. Um diese Zeit wurde die Zahl der Überfälle seltener und die großen Verkehrsachsen um Agadez waren weniger gefährdet. Man sprach auch nicht mehr von „Rebellion“, sondern vielmehr von „d’insécurité résiduelle“ aufgrund von „bandes incontrôlées“; 100 eine gewisse Stabilisierung der Region schien sich somit abzuzeichnen. 101 Dazu engagierte sich die europäische Union im Rahmen des Hilfsprogramms ECHO von 1997 bis 1999 für die Entwaffnung und Integration der Rebellen und die Wiedereingliederung der 5.500 zurückkehrenden Flüchtlinge sowie für den raschen Wiederaufbau der traditionellen 95 In Frankreich verstand es Mano hervorragend, seine guten Medienkontakte für die PR-Arbeit zugunsten der Tuareg- Rebellion zu nutzen (Hinw. in Salifou 1993, S. 59, 72, S. 84 ff.); zu Dayaks PR vgl. insb. sein bereits im Mai 1992 in Paris erschienenes Buch „Touareg, la tragédie“, das Salifou „la véritable arme politique de la rébellion“ nannte: „cette plaidoirie est un veéritable tissu de mensonges“; vgl. Salifou 1993, S. 70. 96 Vgl. Salifou 1993, S. 115; Näheres zur Rebellion siehe Kap. „Die Region Agadez/Die Geschichte der Region Agadez/Die Tuareg-Rebellion 1990-1997“. 97 Steineck 1998, S. 12. 98 Vgl. Decoudras 1994, S. 6. Dieser Führer ist bis heute das einzige Buch dieser Art im europäischen Markt. Trotz seiner hohen Qualität fand es unter den Reiseagenturen von Agadez lange Zeit kaum Verbreitung. Im Jahr 2001 wurde allerdings ein größerer Posten der Bücher von „Tidene Expeditions“ aufgekauft und seinen Kunden zum Kauf angeboten. Seit 2002 ist der Führer – nebst Kartenmaterial - auch im neu eröffneten Tourismus-Informationsbüro in Niamey erhältlich. 99 Oktober 1994, 24. April 1995, jeweils in Ouagadougou. 100 Grégoire 1999, S. 294. 101 Vgl. Friedl 1998, S. 25. 231 Regionalwirtschaft. Auch wenn der Tourismus in diesem Projekt keine explizite Rolle spiel- te, 102 so war doch die weitere Stabilisierung des sozialen Friedens eine fundamentale Voraus- setzung für eine neuerliche Tourismusentwicklung. Zu diesem Zeitpunkt hatten bereits einige Tuareg-Unternehmer die Wiederaufnahme wirt- schaftlicher Aktivitäten gewagt, weil sie für den Niger einige grundlegende „Wettbewerbs- vorteile“ zu erkennen glaubten: ¾ Durch die 50-%-Entwertung des FCFA gegenüber dem französischen Franc im Jahr 1994 wurden nigrische Produkte im Ausland billiger und somit konkurrenzfähiger. ¾ Der Hauptkonkurrent des Niger, Algerien, war aufgrund der Massaker an der Zivilbe- völkerung durch Militärs wie auch durch FIS-Angehörige sowie der Überfälle durch malinesische Banditen touristisch bedeutungslos geworden. Auch seitens der Regierung sah man in der raschen Wiederbelebung des Tourismus ein Mittel zur Förderung des Friedensprozesses. Dies drückte sich darin aus, dass jedem, der um eine Agentur-Lizenz ansuchte, auch eine solche erteilt wurde. Gegenüber der früheren, äußerst kleinlichen Vergabepolitik war dies eine grundlegende Neuerung. Kritiker sahen darin aller- dings einen „plan machiavéllique“, wonach die Tuareg dazu angeregt werden sollten, in ris- kante Unternehmen zu investieren. Tatsächlich verfügten die meisten der neuen Unternehmer weder über hinreichend Kapital noch über Kontakte zu europäischen Veranstaltern. Manche verfügten nicht einmal über ein eigenes Fahrzeug. Eine Vielzahl von Neugründungen entstand wiederum mittels Raubgut aus der Rebellion 103, jedoch ohne fachliches Know-how. Zudem drohte diese Vergabepolitik einen „luttes fratricides“ zu entfachen zwischen jenen, die arbei- ten wollten und weitere Offensiven verurteilten, jenen, die in den Bergen weiterkämpfen wollten oder jenen, die ohne Mittel für ein touristisches Engagement waren. 104 Ein weiterer Grund, eine „anarchische“ Entwicklung des Reisemarktes zu befürchten, war das Verschwinden des charismatischen Mano Dayaks 105 sowie die dadurch ausgelöste Nachfolge- frage bei Temet Voyages. Manos einstige Mitarbeiter und Unterhändler hatten meist eigene Agenturen eröffnet, deren Gesamtzahl bis 1996 auf 27 angewachsen war. 106 Der Markt unter- lag somit einer grundlegenden Metamorphose vom kooperativen Quasi-Monopol zum Oligo- pol, das durch eine völlig neue Mentalität, durch Egoismus und Konfliktbereitschaft zwischen den Konkurrenten geprägt war. Drei Agenturen, die aufgrund europäischer Beteiligungen über Kapital und Know-how sowie über langjährige Kontakte zu europäischen Partnern ver- fügten, dominierten den Markt: ¾ Dune Voyages, gegründet von Raymond Barney, den einstigen Finanzchef von Temet V., unter Beteiligung eines nigrischen Händlers; ¾ Tidène expeditiones, gegründet von einem alten Führer der Temet Voyages unter Be- teiligung von Mohamed Ixa, einem Verwandten Manos, und von dessen einstigem französischen Dienstgeber; ¾ Die „Société de voyages sahariens“ (SVS), eine Ges.m.b.H., errichtet von einem ita- lienischen Aktionär der Niger-Ténéré-voyage. 102 Vgl. Delphin 1999. 103 Grégoires Anschuldigung (1999, S. 295) wurde auch in meiner Gegenwart von zahlreichen Personen, Unternehmern wie auch NGO-Mitarbeitern, gegenüber vereinzelten Agenturchefs erhoben. Dabei handelte es sich überwiegend um gestohlene Allradfahrzeuge sowie um den Verkauf von geraubter Handelsware am Schwarzmarkt von Agadez 104 Grégoire (1999, S. 295) berichtet von einer Unterredung einer Delegation von Reiseagenturen mit Rhissa ag Boula, dem damaligen Chef der Rebellenfront ORA im Dezember 1996, als manche Unternehmer schon bereit waren, gegen Rhissa zu kämpfen, falls er ihre Reisegruppe angreifen würde. 105 Mano war im Dezember 1995 bei einem Flugzeugabsturz im Aïr ums Leben gekommen. 106 Keine der Neugründungen war in den Genuss eines Kredits der AFELEN gekommen, jene Institution, die für die Finan- zierung der Entwicklung kleiner nigrischer Unternehmen zuständig ist (vgl. Grégoire 1999, S. 295). 232 Diese drei Agenturen waren es auch, die überwiegend die ersten, zaghaft in Agadez eintref- fenden Sahara-Touristengruppen der Saison 1995-96 bedienten. 107 Immerhin hatte das Deut- sche Außenamt noch 1998 von Einzelreisen in den nördlichen Niger abgeraten. 108 Und auch für Reisegruppen waren Touren nur in Begleitung der Sicherheitstruppe „FINIS“ möglich.109 Wenige Monate später testete eine Expeditionsgruppe der deutschen Reisezeitschrift „Tours“, ob der Niger „für Reisen auf eigene Faust“110 wieder empfehlenswert sei. Diese Expedition in das Aïr-Massiv war jedoch nur mit behördlicher Sondergenehmigung möglich.111 Trotzdem hatten die Tourismusorganisationen ONT und ANPTH für die Saison 1996-97 eine Werbekampagne für Journalisten großer europäischer Magazine gestartet, um die angeblich wie- der hergestellte Sicherheit der Region zu beweisen. Aus demselben Grund veranstalteten auch enge Vertraute Manos anlässlich dessen ersten Sterbetages eine Gedenkfeier an seinem Grab im Tal von Tidène, wofür eigens ein Flugzeug von Paris nach Agadez gechartert worden war.112 Die Strategie schien zu fruchten. Sogar die französische Charterlinie Point-Afrique hatte für die Sai- son 1996/97 den Flugservice wieder zwischen Paris und Agadez aufgenommen. Als Test schlechthin für die Reaktivierung des Tourismus in Agadez galt schließlich die nach sechsjähriger Unterbrechung erneute Berücksichtigung von Agadez bei der Rallye Paris-Dakar Anfang Jänner 1997. Doch dann erfolgten erneut mehrere Überfälle auf Reisegruppen durch „des fronts clairement identifiés, les autres par des ‚bandes isolées’“113, was die Saison abrupt beendete: Die Charter- linie wurde nach drei Flügen wieder eingestellt und die „Aïr-Etappe“ der Rallye Paris-Dakar an- nulliert.114 Weitere Touren fanden nur außerhalb des Einzugsgebietes der Fronten auf der Route nach Bilma und Djado statt, wo die Tubu-Front FARS bislang keine Überfälle unternommen hat- te. Hinter diesen Überfällen stand das zentrale Problem des Zerfalls der Rebellion in zahllose kleine, unabhängige, und somit unkontrollierbare Einheiten, die den Wiederaufbau des Tou- rismus im Aïr grundlegend bedrohten. Tatsächlich vermochten die großen Fronten, ORA, CRA und UFRA, die Sicherheit der Touristen nur im Bereich ihrer Sympathisanten zu garan- tieren, weshalb die Agenturen nur solche Touren anboten, deren Routen innerhalb des Kon- trollbereichs ihrer nahe stehenden Rebellenfronten verliefen. Manche Agenturen gingen sogar so weit, die Kämpfer über die geplanten Routen zu informierten, um unliebsamen Zwischen- fällen zuvor zu kommen. Solche Agenturen hingegen, die keiner Front nahe standen, sahen sich gezwungen, Vertraute der Fronten als Chauffeure und Führer anzustellen. Diese unsichere Situation verschärfte sich zunehmend im Herbst 1997, als es neben Überfäl- len auf Touristen 115 auch wieder zu Feindseligkeiten zwischen Rebellen und Militär kam. 116 107 Vgl. Le Berre 1999, 283. 108 Hinw. in Stührenberg 1998, S. 50. 109 George (1997, S. 26 f.) berichtete von einer sechswöchigen Geo-Expedition durch das Tamgak-Massiv und die Ténéré im Winter 1996/97 unter dem Schutz von einem Dutzend Tuareg sowie schwerster Bewaffnung zum angeblichen Schutz gegen Bandi- ten. Unterwegs wurde die Expedition von Rhissa ag Bulla und dessen Truppe auf der angeblichen Jagd nach Banditen an- gehalten. Rhissa galt damals nach der Aussage Mohammed Ixas „vielen Tuareg als Verräter der gemeinsamen Sache“, der „in Wahrheit Banditen Unterschlupf in seinem Machtbereich“ gewähren würde. 110 Steineck 1998, S. 11. 111 Ebd., S. 13. 112 Dieser Gedenk- und Würdigungsfeier hatten sich sogar auch solche Regierungsmitglieder angeschlossen, die Mano bis zu seinem Tod bekämpft hatten (vgl. Gregoire 1999, S. 296). 113 Ebd. 114 Gewisse Gruppen hatten mit Überfällen auf Teilnehmer gedroht, weil sie nicht auch von den finanziellen Gesten der Organisatoren profitiert hätten (ebd., S. 298). 115 Meine eigene Reisegruppe, mit der ich auf Einladung von Tchimizar Voyages als Journalist im Oktober 1997 nach Aga- dez gereist war, wurde direkt auf dem Gelände des Hotels Bungalow von einer Gruppe bewaffneter und verhüllter Männer überfallen. 116 Im September 1997 kam es zu wiederholten Attacken auf Tchirozerine, Madama, Aderbissinat und den Militär-Konvoi von Agadez nach Dirkou (vgl. Grégoire 1999, S. 298). 233 Im November waren östlich des Bagzan heftigste Kämpfe zwischen den zwei Rebellenfronten UFRA und FARS, die den Friedensvertrag nicht anerkennen wollten, und den Regierungs- truppen aufgeflammt. Darauf hin hatten französische Unternehmen jegliches Engagement ge- stoppt, wogegen italienische Agenturen auch weiterhin Nigertouren anboten. Im Jänner 1998 wurde eine italienische Reisegruppe überfallen und ein Italiener im Zuge eines Fluchtversuchs erschossen. Ein Jahr später wagte Point Afrique einen neuerlichen Versuch mit drei Flügen für die Saison 1998/99. Zu dieser Zeit hatten auch die Verhandlungen zwischen den Tuareg-Rebellen und Präsidenten Baré zu einer überzeugenden Lösung geführt; Rhissa ag Bullas, der einstige Buchhalter und Teilhaber von „Temet Voyages“ und Rebellen-Führer war zum Tourismus- minister ernannt worden. 117 Feierlich eröffnet wurde die Saison mit dem „Festival Internatio- nal de Mode Africaine“ (FIMA) in den Dünen der Falaise von Tiguidit.118 Im Jänner 1999 kehrten auch die Mitarbeiter des UICN in den Niger zurück und nahmen ihr Programm zum Schutz und der Entwicklung des Aïr-Ténéré-Bioreservats teilweise wieder auf. 119 Als ein wesentliches Ziel hatte sich die UICN die Förderung des Ökotourismus vorge- nommen. Dazu wurde im September 1999 ein Seminar mit allen betroffenen Gruppen in A- gadez veranstaltet 120 und im Dezember einhellig eine „Ökotourismus-Charta für das Aïr und die Ténéré“ verabschiedet 121, um deutliche Signale für die Richtung einer neuerlichen Tou- rismusentwicklung im Niger zu setzen. Zur weiteren Stabilisierung der Region trug unterdessen wesentlich das umfangreiche „Projet Niger Nord“ der gtz zur nachhaltigen Entwicklung der Aïr-Berge bei. Ende 1999 initiiert, war ursprünglich neben Infrastrukturmaßnahmen für die Landbevölkerung auch die Förderung des Öko-Tourismus beabsichtig. 122 Nun schien dem Neuanfang des Niger-Tourismus nichts mehr im Wege zu stehen: Tatsäch- lich verlief die Saison 1999/2000 mit 15 Point-Afrique-Flügen 123 plangemäß und brachte be- reits rund 3000 Pauschalgäste nach Agadez124. Die mittlerweile etwa 30 Reiseagenturen teilten sich die Betreuung. In den drei Folgejahren verdoppelte sich die Zahl der Agenturen nochmals.125 117 Vgl. Salifou 1993, S. 115. Rhissa war keineswegs der erste Tuareg als Tourismusminister. Schon im März 1992 war der bis dahin als Innenminister tätige Tuareg Mohamed Moussa zum Minister für Transport, Handel und Tourismus ernannt worden (vgl. Salifou 1993, S. 151, Fn. 5). 118 Näheres zur FIMA in Kap. „Die Tourismuspotentiale von Agadez/Überregionale Feste/FIMA“. 119 Vgl. Allakaye 2000, S. 8. Nach Angaben von Philippe Martel, dem Leiter der Schweizer „Direction du développement de la coopération“, im September 2002, seien jedoch die Aktivitäten der DDC, nämlich die Finanzierung und Evaluierung des Aïr-Ténéré-Projekts, derzeit – auch wegen der neuerlichen Unsicherheiten durch kriminelle Überfälle - unterbrochen. Die DDC erwäge jedoch die Wiederaufnahme und Fortführung ihrer Unterstützung. Hinw. in Giazzi 2002, Web. 120 Vgl. UICN 1999: Rapport du synthèse de l´atelier de concertation sur la promotion de l´ecotourisme dans l´Aïr et le Téné- ré, Agadez, 24.-25.Sept 1999. 121 Vgl. UICN 1999a: Programme d´ appuis des gestion des ressources naturelles dans l´ Aïr et le Ténéré. Avant Projet de Charte sur l´ Ecotourisme dans l´ Aïr et le Ténéré. Agadez, Dezember 1999. 122 Auskunft Pistor, Agadez, 2.3.2000. Letztlich kam es dazu in den Folgejahren – auf aufgrund von Kürzungen der Budget- mittel – nicht (Auskunft Pistor, Agadez, 2.4.2001) 123 Vgl. o.S. 2002:Voyage au Niger. In: http://perso.libertysurf.fr/carnetsnicolas/Niger/accueil_niger.htm, zul. 14.2.2002. 124 Auskunft von Ibrahim, Direktor des Nationalen Tourismusbüros in Agadez, 25.3.2001. 125 Auskunft Akli Joulia, Präsident des STN, 9.2.2003. 234 7.7 Rückschläge - und Fortschritte wohin? Das neue Jahrtausend hätte mit einem spektakulären Auftakt Anfang Jänner in Agadez begin- nen sollen – mit dem Einzug der Rallye „Dakar-Le Caire“, wo die Teilnehmer im Kreis der eigens eingeflogenen Touristen einen Tag Station hätten machen sollen. Doch plötzliche Warnungen der französischen Regierung vor Terroristen führten zur Umgehung der Niger- Etappen über eine Luftbrücke nach Libyen und damit zum völligen Ausfall erwarteter Ein- nahmen. 126 Zudem trübten immer wieder vereinzelte Überfälle auf Reisegruppen das Bild von der neuen Traumdestination in der Sahara. Zusätzlich verschlechterte sich der Zustand der Flugpiste von Agadez so sehr, dass Point-Afrique seine Flüge für die Saison 2001 nur noch durch kleine Air-Algerie-Maschinen durchführen ließ. Schließlich wurde Agadez aufgrund andauernder Renovierungsarbeiten der Landepiste vorerst gar nicht mehr angeflogen, was zum Einbruch bei den Nachfragen führte. Der Terroranschlag in New York am 11. 9. 2001, der freilich den gesamten Fernreisemarkt erschütterte, war auch in Agadez deutlich spürbar. 127 Dennoch ver- zeichnete Agadez für das Jahr 2001 eine Rekordzahl von 4.500 Touristen. 128 Allerdings veränderte sich auch Substanzielles zum Positiven: Im November 2000 wurde in Agadez das „Syndicat du Tourisme du Niger“ als ein aktives Instrument zur Förderung des Tourismus in Agadez gegründet 129. Bisherige Erfolge sind etwa die Errichtung eines Touris- ten-Informationszentrum im Herzen der Altstadt von Agadez sowie die Einrichtung eines um- fassenden Lehrgangs im Sommer 2002 für Tourismuspersonal, 130 insbesondere aber auch für Reiseführer. 131 Zudem eröffnete das gut ausgestattete Vier-Sterne-Hotel „La Paix“ eines liby- schen Investoren in Agadez seine Pforten. Die Einrichtung eines „Festivals de l’Aïr“, das erstmals im Dezember 2001 in Iferouane als zusätzlicher „Event“ organisiert worden war, wurde zu einem erfreulichen Erfolg. 132 Der jüngste Höhepunkt der Tourismusentwicklung im Niger wurde im Herst 2003 mit der Wiedereröffnung des renovierten Flughafens „Mano Dayak“ in Agadez gesetzt. Gleichzeitig hielten sich die Hoffnungen auf ein weiteres Wachstum der touristischen Nachfrage aufgrund der Entführungen von 31 großteils deutschsprachigen Sahara-Touristen in Algerien in den ersten Monaten des Jahres 2003 in Grenzen. 133 Unmittelbare Auswirkungen auf den Niger zeigten diese Aktivitäten algerischer Kriminellen und Militärs, als die Verantwortlichen der Entführungen im Feber 2004 drei Reisegruppen, darunter auch eine Gruppe der Wienerin Eva Gretzmacher, in Temet überfielen. Kurz darauf erließ das Österreichische Außenministerium im Alleingang für den Norden des Niger - und somit für die wichtigste Reiseregion des Lan- des - eine partielle Reisewarnung. Zufällig zeitgleich mit dem Überfall in Temet wurde der langjährige Tourismusminister und einstige Rebellenführer Rhissa ag Boula unter dem Verdacht auf Anstiftung zu einem politi- schen Mord abgesetzt und in Untersuchngshaft gesetzt. Im Verlauf des Sommers ereigneten sich mehrere Überfälle durch Ex-Rebellen auf einheimische Fahrzeuge, die einige Todesopfer 126 Vgl. Kaka 2000, S. 4. 127 So konnte etwa Kneissl Touristik in der Saison 01/02 nur eine einzige Buchung für den Niger aufweisen, und diese Person war ein „Fan“ des als Reiseleiter vorgesehenen Autors. 128 Vgl. Elhadji Annour, Schreiben vom 26.2.2003. 129 Vgl. Syndicat du Tourisme du Niger 2000, S. 5. 130 Vgl. Union Européenne 1999, Web. 131 Vgl. Republique du Niger 2002: Programmes de formation professionelle continue. Formation initiale professionnalisante. Tourisme-hotellerie. Guides accompagnateurs de tourisme: Aïr Ténéré. Agadez (unveröff. Manuskript). 132 Vgl. NIGETECH 2002, S. 59. Näheres in Kap. „Die Tourismuspotentiale von Agadez/Überregionale Feste: Cure Salée, Aïr-Festival, Gerewol, FIMA“. 133 Vgl. Friedl 2003, Furche Nr. 16, S. 6. 235 kosteten. Diese Überfälle wurden wahrscheinlich von Anhängern Rhissas verübt, denn dessen Bruder verkündete im Spätsommer die drohende Wiederaufnahme der Rebellion. In der Folge kam es auch zu einigen bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen den mutmaßlichen Banditen und den nationalen Sicherheitskräften. Aus gegebenem Anlass riefen im Verlauf des Sommers auch die großen Quellländer Frankreich, Deutschland und England eine partielle Reisewarnung für die Region nördlich von Agadez aus. 134 Damit blieb nur noch die Ténéré für den Tourismus zugänglich. Aufgrund des Ausbruchs einer neuerlichen Rebellion im Norden des Niger im Jahr 2007 so- wie der Verhängung des Ausnahmezustandes über das ganze Land nahm die Tourismusent- wicklung in der Region Agadez ein tragisches Ende. Eine Verbesserung der Situation ist der- zeit nicht absehbar. Denn hinter dem Grund für die neuerliche Rebellion, die exzessive Aus- dehnung der Uranförderung und die dadurch verursachte Bedrohung der Bevölkerung, stehen die Interessen der nigrischen Regierung an Einnahmen durch Uranexporte und vor allem die Interessen Frankreichs, Chinas, Indiens und anderer Uran-Schürflizenznehmer an der Ausbeu- tung der Uranressourcen. Angesichts dieser Situation scheint es, als ob die Tuareg im Niger zu Beginn des 3. Jahrtausends der westlichen Gier nach Rohstoffen und den Folgen des durch westlichen Lebensstil verursachten Klimawandels zum Opfer fallen würden. 135 134 Siehe dazu das Kap. „Konflikte im Einzugsbereich des Tuareg-Tourismus/Importierte Kriminalität: der Überfall von Temet durch die ‚GSPC’“. 135 Siehe dazu das Kap. über „Strukturelle Probleme der Tourismusentwicklung in Agadez/Infrastruktur Verkehr, Kommunikation/Flugverbindungen“. 236 8 Die Tourismuspotentiale von Agadez Was macht Agadez als Reisedestination interessant? Warum sollte es sich lohnen, diese weite Reise, ob per Flugzeug oder am Landweg, durch die Sahara auf sich zu nehmen? Auf den ersten Blick lässt sich unweigerlich antworten, dass die Region Aïr-Ténéré ganz einfach her- ausragende Attraktionen zu bieten hat. Doch was genau sind die Kriterien, dass ein Gebiet als touristische Attraktion gelten kann? Die Antwort auf diese Frage ist für die Beurteilung der Vertretbarkeit bzw. Sinnhaftigkeit einer möglichen Tourismusentwicklung entscheidend, denn ohne „Attraktionen“ kann es per definitionem keinen Tourismus geben. Darüber hinaus hat das folgende Kapitel noch einen weiteren Zweck: Da es bislang für den Niger keinen deutschsprachigen Reiseführer gibt, der als Überblick und zugleich in hinrei- chend fundierter Form das Wissen über die wesentlichen Attraktionen der nigrischen Sahara zur Verfügung stellt, sollen diese Informationen in diesem Kapitel dargeboten werden. Frei- lich sind auch hier logistische Grenzen gesetzt: Im Aïr und in der Ténéré gibt es einfach „zu viele“ Sensationen zu entdecken... 8.1 Die Relevanz von Attraktionen für die Tourismusentwicklung 8.1.1 Was sind Attraktionen? Attraktionen repräsentieren den wichtigsten Grund für den Besuch einer Reisedestination1 und wurden darum in der Literatur lange Zeit als „Magnet“ des Tourismus bezeichnet. 2 Meethan bezeichnet „the semiotic of attractions“ als „key elements in the tourist system. The demarcation of places or sites as distinct and different is both necessary and defining charac- teristic of tourism”. 3 Tourismusattraktionen sind nach MacCannell als „empirical relations- hips between a tourist, a site and a marker“ 4 zu verstehen. Denn erst die Anerkennung einer Sache durch Touristen bzw. eine tourismusgenerierende Gesellschaft „markiert“ etwas als Attraktion. Dabei spielt „ the ceremonial ratification of authentic attractions as objects of ultimate value, a ratification at once caused by and resulting in a gathering of tourists around an attraction and measurable to a certain degree by the time and distance the tourists travel to reach it” die wesentliche Rolle. Dies zeigt sich daran, dass Touristen große Wegstrecken zurückzulegen bereit sind, um etwa Sanddünen oder schroffe Berge zu bestaunen, diese also offensichtlich als „Attraktionen“ betrachten, wogegen Dünen für die einheimischen Tuareghirten im Aïr keine andere Rolle als die eines lästigen Hindernisses am Weg einer Salzkarawane durch die Wüste – oder gar eine 1 Vgl.Gunn 1972, S. 24. 2 Vgl. Pearce et al 2000, S. 110. 3 Meethan 2001, S. 81. 4 MacCannell 1999, S. 41. 237 Bedrohung 5 darstellen. Auch für Berge interessiert sich ein Hirte nur insofern, als dort eine für seine Herde interessante Vegetation zu finden ist. 6 „Die Wahrnehmung der Landschaft durch den Europäer und den Hirten kann so unterschiedlich sein, dass ein Zuhörer, dem jeder seine Wahrnehmung beschreibt, glauben könnte, er habe es mit zwei verschiedenen Welten zu tun.“ 7 Bei der touristischen Attraktion geht es weniger um die unmittelbare Beziehung zwischen dem individuellen Touristen und dem Objekt der touristischen Bewunderung, als viel mehr um „the image or the idea of society that the collective act generates". 8 Erst die moderne Ge- sellschaft, die tagtäglich mit Städten, Verkehr und komplexen sozialen Belangen konfrontiert wird und von den Eindrücken in den sozialen Interaktionen übersättigt ist, trägt in sich die Idee der „unberührten Natur“ als Ideal der Schönheit. Dabei ist „Natur“ freilich nur eine von vielen möglichen Attraktionen. Tatsächlich könnte unter der von MacCannell genannten Vor- aussetzung für Attraktionen, nämlich der Beziehung „tourist – site – marker" nahezu alles zur Attraktion werden, inbegriffen Service und Betätigungsmöglichkeiten. 9 Diese Sichtweise deckt sich auch weitgehend mit jener von Leiper 10: „A tourist attraction is a systematic arrangement of three elements: a person with touristic needs, a nucleus (any fea- ture or characteristic of a place they might visit) and at least one marker (information about the nucleus).” Der “Marker” ist zu verstehen als "items of information, about any phenome- non that is a potential nuclear element in a tourist attraction“ 11, und ihm kommt die elemen- tare Rolle des Vermittlers zwischen dem Touristen und der Attraktion zu. Dabei kann es sich um Informationen über Attraktionen handeln, die z.B. von den Medien über- und vermittelt werden. Eine beträchtliche Rolle als Marker spielen literarische Reiseführer mit ihren ent- sprechend ausgezeichneten „Musts“ und ihren „Geheimtipps“ 12. Dieses System hat zur Folge, dass manche Stätten, die an sich hochinteressant und attraktiv sind, aber eben bislang nicht von touristischem Klientel entdeckt und entsprechend „markiert“ worden sind, tendenziell auch weiterhin außerhalb der touristischen Beachtung bleiben, während andere Attraktionen, wie die sog. „Touristenfallen“, „übermarkiert“ und folglich exzessiv kommerzialisiert sind. Die Verantwortung für die Vermeidung der Überbelastung herausragend „markierter“ Se- henswürdigkeiten durch zu viele Besucher liegt zum einen bei den Reiseführern, die die Auf- merksamkeit der Besucher durch entsprechende Präsentation und Interpretation der „Land- schaft“ auch auf weniger überlaufene Plätze richten, zum anderen bei Behörden und Touristi- kern, die mit der Entwicklung neuer Attraktionen beschäftigt sind. MacCannell 13 unterschei- det fünf Phasen in der Entwicklung von Attraktionen: 1. „naming the site“: die Auszeichnung einer Stätte durch die Wahl einer deutlichen Bezeichnung und eines bestimmten Ortes, 5 So wiesen einige der von mir befragten Tuareg von Timia daraufhin, dass „Wüste“ und „Dünen“ für sie wie „Gefahr“, „Leblosigkeit“, „Bedrohung“ u.ä. bedeute; vgl. auch Spittler 2002, S. 24, f. 6 Im Tamaschek gibt es für unseren Begriff „Natur“ keine Entsprechung, denn das Wort „asuf“, das oft als „Wildnis“ über- setzt wird, bedeutet eher „Einsamkeit“. Auch für die von Europäern mit der Natur verbundenen Empfindungen gibt es im Tamaschek keine Entsprechung: "Die kahlen Berge, die seit Barth die Europäer anziehen, lassen ihn (den Tuareg-Hirten, A.d.V.) völlig kalt, und er kann nicht verstehen, warum europäische Touristen sich sogar die Mühe machen, diese Berge zu besteigen. Sie sind ohne Weide und haben für ihn keinen Nutzen." (Spittler 1998, S. 71.) 7 Ebd., S. 39. 8 MacCannell 1999, S. 41. 9 Lew 1987, S. 557. 10 Leiper 1990, S. 381. 11 Ebd.. S. 377. Vgl. auch das Modell von Gunn (1985), der jedoch nur zwischen der eigentlichen Attraktion („nuclei“) und dem „Inviolate belt“, jenem Raum um den Kern, unterscheidet, der den Kern in den entsprechenden Kontext setzt, sowie eine „Zone of closure“ mit entsprechender touristischer Infrastruktur. 12 Die heute verbreitete Methode der touristische Gewichtung mittels Sternen o.ä. und das Anführen von speziel- len „Insider-Tipps“ für die naiven Reisenden wurde bereits im ersten typischen Reiseführer, dem 1828 erschie- nenen „Handbuch für Schnellreisende“ von Karl Baedeker, praktiziert. Vgl. Knoll 1991, S. 343. 13 Vgl. MacCannell 1990, zit. in Pearce et al. 2000, S. 119 f. 238 2. „framing“ und „elevating“: der Ort wird aus der „normalen“ Welt durch Werbung ideell, aber auch durch Zutrittskontrolle real herausgehoben 3. „enshrinement“ durch gezielte Zuschreibung herausragender Charakteristika der Se- henswürdigkeit (die „älteste“ Keramik, der „größte“ Saurierfriedhof …) 4. „social reproduction“: die Identifikation einer Gruppe oder Region mit der Attraktion (das Tor zu…, die Heimat von…) 5. „mechanical reproduction“: die Produktion von Souvenirs oder Artefakten (im Niger z.B. das Auftreten von Schmuckhändlern). Durch den gezielten Einsatz dieser Schritte können alternative Attraktionen entsprechend for- ciert und damit das Angebot erweitert bzw. der Besucherdruck von einzelnen Stätten reduziert werden. Die Attraktionen der Region Agadez sind vor allem für zwei Typen von Touristen wesentlich: den „Naturtouristen“ und den „ländlichen Kulturtouristen“. Für "Naturtouristen" besteht ein besonderes Interesse an vielfältiger, möglichst ursprünglicher Natur oder gar ein Bedürfnis nach „Exklusivität des Naturerlebnisses“ 14 für "ländliche Kulturtouristen" an als exotisch empfundenen Kulturen bzw. an „besonderen kulturellen Manifestationen in einem ländlichen oder naturnahen Zusammenhang“ 15. Der Unterschied liegt hier also in der jeweiligen Ge- wichtung. Während sich der Naturtourismus prinzipiell auch ohne Beteiligung der lokalen Bevölkerung durchführen lässt, steht beim Kulturtourismus die interkulturelle Begegnung im Mittelpunkt der Reise, wobei meist eine möglichst große kulturelle Authentizität gewünscht wird 16. 8.1.2 Ursprüngliche und abgeleitete Angebote Aus dem Blickwinkel des Touristikers, der ein touristisches Produkt zu vermarkten hat 17, las- sen sich Attraktionen auch als „ursprüngliche Angebote“ 18, verstehen. Diese bestehen aus ¾ natürlichen Attraktionen (Landschaft, Klima, Gewässer, Strand, Wildtiere, Vege- tation) und ¾ kulturellen Attraktionen (historische, religiöse oder typische lokale Bauwerke, tradi- tionelles Handwerk und traditionelle Wirtschaftsweisen, Brauchtum, Feste, Alltags- kultur, Gastfreundschaft, regionale Speisen etc.). Derartige Angebote können nur begrenzt künstlich hergestellt werden. Darüber hinaus wird oft auch die tourismusrelevante Basis-Infrastruktur eines Zielgebietes wie Verkehrswege, 14 Steck, Strasdas, Gustedt 1999, S. 30. 15 Ebd., S. 41 f. 16 Dies zeigte sich deutlich am unterschiedlichen Charakter der beiden Kneissl Touristik-Reisegruppen, die ich im Frühling 2003 durch den Niger geführt hatte. Die erste Tour setzte zentral auf das Erlebnis mit der Ténéré und führte ausschließlich per Allrad-Fahrzeuge von Agadez nach Bilma, Djado, Aïr und wieder zurück nach Agadez. Die Reisekunden dieser Tour zeigten in der Folge erstaunlich wenig Interesse an begleitenden Erklärungen, sondern legten mehr Wert auf den Genuss von Stimmungen. Die Tour der zweiten Gruppe führte dagegen nur durch das Aïr und die angrenzende Ténéré, davon 8 Tage zu Fuß durch besiedelte Regionen. Hier stand die Begegnung mit den Tuareg und ihrer Kultur im Vordergrund und wurde von den Kunden auch gezielt nachgefragt bzw. gesucht. Auch das Interesse für Erklärungen kam hier – im Vergleich zur ersten, Wüsten-orientierten Gruppe - durch signifikant häufigere Fragen zur Tuareg-Kultur zum Ausdruck. 17 Gerade die bessere Vermarktung ihrer regionelen Attraktionen ist es doch, was viele Menschen von Agadez, insbesondere aber in Timia wünschen, wie im Kap. über „Tourismus bei den Kel Timia“ zu zeigen ist. 18 Steck, Strasdas, Gustedt 1999, S. 16. 239 Ver- und Entsorgung, Kommunikationsmittel udgl. zum „ursprünglichen Angebot“ gerechnet. So spielen etwa auf Rundreisen die historische oder mythische Bedeutung bestimmter Straßen – wie etwa die ehemalige „Sklaven-Straße“ im Kawar - zugleich eine Rolle als Attraktion und Verkehrsweg. Damit die natürlichen und kulturellen Attraktionen überhaupt touristisch genutzt werden kön- nen, müssen sie freilich auch zugänglich und erfahrbar gemacht werden, was durch das „abge- leitete Angebot“ ermöglicht wird. Dies besteht aus den Komponenten 19 ¾ Einrichtungen des Transports, ¾ Einrichtungen des Aufenthaltes und ¾ Einrichtungen der Vermittlung (Reisebüros, Reiseveranstalter, Touristenin- formationen). Erst aus der Komplementarität von ursprünglichem und abgeleitetem Angebot ergibt sich das touristische Produkt. In diesem Kapitel werden freilich die ursprünglichen Angebote im Vor- dergrund stehen 20. Nun ist es freilich für eine marginalisierte Region wie Agadez aufgrund ihrer geringen Kapitalausstattung naheliegend, dass hier „ursprüngliche touristische Angebo- te“ dominieren und dadurch ein bestimmtes Klientel anziehen, nämlich „Naturtouristen“ und „ländliche Kulturtouristen“. Allerdings wird sich noch zeigen, dass auch in Agadez bereits zahlreiche Anstrengungen unternommen worden sind, um „abgeleitete Angebote“ zur Er- schließung neuer Kundenschichten zu entwickeln. Man denke nur an die Rallye Paris-Dakar oder das Modespektakel FIMA 21. 8.1.3 Die Bewertung von Attraktionen Folgt man den oben genannten Auffassungen, wonach Attraktionen als solche aufgrund tou- ristischer Zuschreibung „erkannt“ werden, so lässt sich der Wert der Naturgebiet-Attrak- tionen, wie das der Region Agadez, gemäß der Bedeutung für potentielle Touristen nach den Kriterien von Steck, Strasdas und Gustedt folgendermaßen gewichten: 22 Von besonderer Wichtigkeit für den Naturtourismus sind - die Großartigkeit und Vielfältigkeit der Landschaft (hier liegt die generelle Stärke der Region Agadez) - die hohe Biodiversität (im Aïr-Ténéré-Bioreservat) 23 - das Vorkommen mehrerer Großtierarten (Geparden, Gazellen, Paviane, Strausse etc. im Aïr-Ténéré-Bioreservat) - die leichte Beobachtbarkeit der Tiere (dies ist besonders bei Gazellen der Fall) Von förderlicher Bedeutung sind darüber hinaus - das Vorkommen anderer interessanter Tierarten (verschiedenartige Käfer und Vögel, Warane u.a.) 19 Vgl. ebd., S. 29. 20 Zur touristischen Infrastruktur siehe die nachfolgenden Kapitel. 21 Näheres dazu am Ende dieses Kapitels. 22 Vgl. Steck, Strasdas, Gustedt 1999, S. 48, verändert. 23 Siehe dazu in diesem Kap. den Abschn. über „Die Naturattraktionen der Region Agadez/Das Aïr-Massiv/Das Aïr-Ténéré- Bioreservat“. 240 - interessante Vegetationsformen (zahlreiche Pflanzenarten im Reservat) - einzigartige Vegetationsformen (Endemismus in höheren Lagen des Aïr) - „Unberührtheit“ der Ökosysteme (dies ist in der großen Ténéré-Wüste fast per defini- tionem gegeben) - Möglichkeiten zum gefahrlosen Schwimmen (z.B. in Timia, Bilma oder im Tamgak) - natürliche Sportmöglichkeiten (besondere Eignung des Aïr und der Ténéré zum Trek- king, Klettern, Kamelreiten) - paläontologische Stätten (abermals die besondere Stärke der Region durch zahlreiche Fundstätten) 24 Weitere wesentliche Rahmenbedingungen betreffend das Klima - angenehme Temperaturen und geringe Luftfeuchtigkeit (Agadez im Winter, siehe Fol- gekapitel) - regenarme Perioden (im Winter) betreffend die Erreichbarkeit - die Nähe zu einem internationalen Flughafen (optimal im Fall Agadez, problematisch im Fall Niamey) 25 - eine gute Relation zwischen Dauer und Bequemlichkeit der Anreise und Attraktivität der touristischen Angebote 26 betreffend die regionale Verteilung der Attraktionen - weitere Nebenattraktionen im Umfeld der Hauptattraktionen (höhere Konzentration im Aïr-Einzugsbereich, dafür intensiveres Gefühl der „Unberührtheit“ in der Ténéré) - hinreichende regionale Verteilung der Attraktionen in Hinblick auf die allgemein übli- chen Rundreisen (gute Verteilung, wie in diesem Kapitel dargestellt wird) - ergänzende Attraktionen, die einen langen Anreiseweg aufwerten 27 Für den ländlichen Kulturtourismus sind von Bedeutung - kulturelle Attraktionen (Museen in Niamey, Architektur in Agadez, zahlreiche tradi- tionelle Feste udgl.) - archäologische Stätten (außerordentlich reiches Angebot im Aïr und in allen Rand- zonen der Ténéré) - indigene Kulturen (dies deckt sich im Niger vielfach mit kulturellen Attraktionen; be- sonders betonenswert ist freilich die Tuareg-Kultur im Aïr-Gebiet) Der Vollständigkeit halber seien noch die angenehmen und hygienisch akzeptablen Unter- künfte sowie die schmackhafte, hygienisch einwandfreie lokale Verpflegung genannt. Die persönliche Sicherheit (Schutz vor Kriminalität) muss für den Besuch der Attraktionen ge- währleistet sein. 28 24 Siehe dazu in diesem Kap. den Abschn. über „Prähistorische Stätten“. 25 Siehe dazu in diesem Kap. den Abschn. über „Von Niamey nach Agadez/Niamey“. 26 Siehe dazu in diesem Kap. den Abschn. über „Von Niamey nach Agadez“. 27 Siehe dazu in diesem Kap. den Abschn. über „Von Niamey nach Agadez“. 28 Diese Bedingung wurde in den Monaten seit Jänner 2003 infolge der Entführungen von 31 europäischen Touristen in der algerischen Sahara (vgl. etwa Friedl 2003) sowie durch den Überfall auf einige Reisegruppen in Temet im Feber 2004 we- sentlich beeinträchtigt. Zur generellen Frage der Reisesicherheit im Niger wie auch zu den möglichen Auswirkungen der Ereignisse in Algerien und in Temet siehe das Kap. über „Konflikte im Einzugsbereich des Tuareg-Tourismus“. 241 Nach dieser theoretischen Einführung kann die virtuelle Reise durch die touristischen Wunder des Niger beginnen. 8.2 Das Klima während der günstigen Reisezeit Das in der Region Agadez herrschende Klima lässt sich grob in drei Jahreszeiten einteilen: Die heiße Jahreszeit dauert von Ende März bis Juni, wobei die Temperaturen tagsüber mehr als 40 Grad im Schatten 29 und nachts bis 20 Grad erreichen. Die Luftfeuchtigkeit ist mit 0- 10 % gering. In dieser Periode treten häufig starke Winde auf, mit denen dichte Staubnebel einhergehen. Aufgrund der hohen Temperaturen, der unangenehmen Winde und der damit verbundenen Sichtbeeinträchtigung ist diese Periode für Reisen in die Wüste wenig geeignet. Die Regenzeit dauert von Ende Juni bis September. Während dieser Periode sind die Tempe- raturen ähnlich hoch wie in den Vormonaten, allerdings profitiert man von den Wolken, die Schatten spenden. Gelegentliche Regenfälle, deren Niederschlagsmenge nach Norden hin stark abnimmt, treten als plötzliche, schwere Gewitter auf. Dann steigt auch die Luftfeuchtig- keit spürbar an. Nach derartigen Wolkenbrüchen verwandeln sich trockene Flussbetten in reißende Ströme, die die Pisten für Wochen in unpassierbare Schlammlöcher verwandeln können. Reisen in dieser Periode sind darum zwar möglich, aber vorwiegend auf asphaltierte Straßen begrenzt. Die großen Feste der regionalen Kulturen – wie Hochzeiten, das „Gerewol“ der Wodaabes oder die „Cure Salee“ der Nomaden in Ingall30 – finden während der Regenzeit statt, sodass trotzdem ein gewisser Reiseanreiz besteht. Die „kalte Jahreszeit“ von Oktober bis Anfang März gilt als optimale Reisezeit für den Nor- den des Niger. Dann sinkt die Luftfeuchtigkeit wieder auf 0-10 % bei Tagestemperaturen bis 20 Grad. Nachts können allerdings in Höhenlagen Temperaturen bis unter 0 Grad auftreten. 8.3 Von Niamey nach Agadez Für eine Reise in die Region Agadez ist der Landweg durch Algerien oder ein Charter-Flug direkt zur Stadt Agadez möglich. Die verhältnismäßig sicherste und zuverlässigste Anreise erfolgt per Linienflug nach Niamey, der Hauptstadt der Republik Niger. Von hier aus muss der beschwerliche, fast 1000 km weite Weg über Dosso und Tahoua – mit der längeren Vari- ante über die einstige Hauptstadt Zinder – nach Agadez bewältigt werden. Hier stellt sich un- mittelbar die praktische Frage 1. nach ergänzenden Attraktionen, die den langen Anreiseweg aufwerten, und 2. nach der Verhältnismäßigkeit zwischen Dauer und Bequemlichkeit der Anreise einer- seits und der Attraktivität der touristischen Angebote andererseits. Die Fahrt selbst wird zumeist in kleinen, von verhältnismäßig groß gewachsenen Europäern doch als eng empfundenen „Mini-Bussen“ in 1 – 2 Tagen zurückgelegt. Die Straße, die ab Birnin Konni wegen der Urantransporte von Arlit nach Benin die „Uranium Route“ genannt 29 ...der in der Wüste nicht immer zu finden ist. 30 Näheres dazu folgt in diesem Kapitel. 242 wird, ist auf manchen, allerdings kurzen Passagen von Schlaglöchern übersäht. Auf der Stre- cke zwischen Niamey und Birnin Konni gibt es einige hochinteressante kulturelle Attraktio- nen und landschaftliche Besonderheiten. Danach führt die Strecke nach Norden und erlaubt die Beobachtung der Veränderung von Land und Vegetation aufgrund der geringer werdenden jährlichen Regenmenge, je weiter man nach Norden fährt. Die Strecke zwischen der Sahel- stadt Tahoua und Agadez ist, abgesehen von einem See und gelegentlichen hübschen Haussa- Dörfern, eher monoton, aber dafür rasch zu bewältigen. Eindrucksvoll grün und ausgespro- chen attraktiv ist diese Strecke allerdings nach der Regenzeit. Diese Fahrt ist ausgesprochen lang. Europäische Reisende empfinden sie als unbequem und anstrengend und als unangenehmsten Teil der Reise 31. Die meisten der relativ zahlreichen und bedeutenden Attraktionen unterwegs können kaum wahrgenommen werden, weil sehr viel Zeit für die Bewältigung der Strecke benötigt wird. Dennoch steht außer Zweifel, dass die Attraktionen der Region Aïr-Ténéré für Wüstenfreunde unter den Naturtouristen und für Rei- sende mit Interesse an der Tuareg-Kultur einzigartig sind und darum die Mühen der langen Anreise zu den erwarteten Eindrücken in einem vertretbaren Verhältnis stehen 32. Abschließend noch ein Wort zur nachfolgenden Auswahl der Attraktionen: Freilich bietet der Niger insgesamt eine weit größere Fülle an kulturellen und natürlichen Se- henswürdigkeiten als die nachfolgend genannten. Fährt man etwa von Niamey nach Norden, den Niger flussaufwärts, so reizt der 190 km von Niamey entfernte Grenzort zu Mali, Ayérou, mit seinem bunten Viehmarkt, auf dem sich jeden Sonn- und Montag die benachbarten Ethnien treffen, Tuareg auf ihren Kamelen, Peuls mit ihren langhornigen Rindern, Haussa mit ihrem bunten Gemüse und die Flussbewohner auf ihren Pirogen, die ihre Waren feilbieten. Auch auf die Attraktionen entlang der Routen nach Süden, etwa auf das einzige als National- park ausgezeichnete Naturschutzgebiet des Niger, den „Park du W“, benannt nach den mar- kanten, W-förmigen Flusswindungen, kann hier nicht näher eingegangen werden. Vielmehr werden nur solche Punkte genannt werden, die im üblichen Einzugsgebiet des Tuareg- Tourismus liegen 33. 8.3.1 Niamey „Dank seiner schönen Lage an der Stromoase des Niger, seiner Straßenrestaurants, Bars und des einmaligen Freilichtmuseums zählt Niamey in den Augen vieler dort lebender Europäer zu den „angenehmeren“ Städten in Westafrika,“ 34 schrieb Krings im Jahr 1982. Seither hat sich – abgesehen vom wachsenden Aufkommen von Internet-Cafés und der omnipräsenten Handy-Werbung - nur wenig verändert. Die Stadt ist gekennzeichnet von einer kleinen ge- schäftige City mit Betongebäuden, wenigen modernen Hochhäusern, geraden Avenuen und sternförmigen Plätzen, umgeben von ausgedehnten, traditionellen Lehmvierteln, Märkten und dem Verkehr von Motorfahrzeugen. Gelegentlich begegnet man auch noch Lastkamelen. 31 Dies ergab etwa die Auswertung der Bewertungsbögen der beiden Kneissl Touristik-Gruppenreisen vom Jänner und Feber 2003. 32 Auch dies beruht auf den überaus positiven Bewertungen der von mir geführten Reisen in den Jahren 2000, 2001 und 2003, sowie die davon unabhängig durchgeführten Touristenbefragungen in Agadez und Timia (1999-2000). 33 Diese notwendige Auswahl mögen mir die Menschen der übrigen, nicht minder sehenswerten Regionen des Niger nachse- hen, doch würde ein vollständiger „Reiseführer“ für den gesamten Niger den vorgegebenen Rahmen sprengen. 34 Krings 1982, S. 333. 243 Die Stadt entwickelte sich ursprünglich aus verschiedenen Dörfern der Songhai und den im 18. Jahrhundert aus dem Binnendelta des Niger zugewanderten Kalle, einer Djerma-Fraktion. An politischer Bedeutung gewann der Ort erst 1926 mit der Ernennung zur Verwaltungs- hauptstadt der französischen Kolonie Niger, die bis dahin von der ca. 800 km weiter östlich gelegenen Handelsstadt Zinder aus verwaltet worden war 35. Durch diese Verfügung war eine bessere Anbindung der Verwaltung an die benachbarten französischen Kolonien Obervolta, Dahomey und Mali gegeben. Wirtschaftliche Bedeutung gewann die Stadt erst in den späten 60er-Jahren in Folge des Uran-Booms. Damals entstanden die wichtigsten modernen Hoch- häuser im kleinen Zentrum der Stadt. In den 70er- und 80er-Jahren führten zwei furchtbare Dürren zu massiver Landflucht, sodass sich die Bevölkerung in Niamey von 85.000 im Jahr 1970 auf 360.000 im Jahre 1982 36 und auf über eine Million zum gegenwärtig Zeitpunkt er- höhte. Neben der angenehmen Atmosphäre in der Stadt finden sich hier auch einige herausragende touristische Attraktionen, wie das Nationalmuseum, der Niger-Fluss und die Märkte. 8.3.1.1 Das Nationalmuseum „Le musée National est un véritable Niger en miniature“ 37 schreibt das Nigerische Touris- musministerium in seiner Web-Site treffend über das 24 Hektar große Areal mit den Ausstel- lungspavillons, der Zoo-Anlage und den Kunsthandwerkszentren. Entstanden ist das Museum Ende der 50er-Jahre 38 nach dem Konzept von Pablo Toucet, der seine Erfahrungen als Präpa- rator im Bardo-Museum in Tunis gesammelt hatte. Für Niamey hatte er die Idee eines neuen Typs von Museum im Sinne einer Symbiose von einem prähistorischem Museum, einem Kunstmuseum und einem Museum der traditionellen Volkskunst mit den diversen Wohnfor- men sämtlicher Ethnien des Landes, einem zoologischen Park und einem Kunsthandwerks- zentrum. Ziel des Konzepts war der Versuch, an einem Ort die zahlreichen Aspekte des Le- bens und der Kultur der vielen Ethnien des Landes, der Geschichte und der Frühgeschichte zugänglich zu machen 39. So werden etwa vor den Augen der Besucher Webereien, Schmuck und Lederarbeiten hergestellt – und natürlich auch verkauft. Diese außergewöhnliche Kombi- nation dürfte bislang einzigartig in Afrika sein. Das Museum mit seinem Park liegt oberhalb des linken Flussufers im Stadtzentrum. Dort be- finden sich auch die verstreut angelegten Pavillons mit bedeutenden und anschaulich aufberei- teten Sammlungen zu Frühgeschichte, Ethnographie, Musikinstrumenten, ferner traditionellen Kostümen der nigrischen Ethnien, aber auch zum Bergbau, insbesondere über das wichtige Uran. Im „Pavillon de Paléontologique et Préhistoire“ sind im Rahmen einer kleinen Ausstel- lung zur Paläontologie und Geologie des Landes zwei Dinosaurierabgüsse (Afrovenator und Ouranosaurus) sowie mehrere kleinere Originalstücke von Sauriern ausgestellt.40 Ein weite- res außergewöhnliches Fossil, der 160 cm lange Schädelteil des prähistorischen Riesenkroko- 35 Tahibou, Rohiot, Salifou 1983, S. 35. Nur vorübergehend war der Sitz der Verwaltung für die Kolonie „Haut Sénégal- Niger“ während einer Tuareg-Revolte in den Jahren 1902-03 nach Niamey verlegt worden (vgl. Zamponi 1994, S. xxxiii). 36 Vögler 1984, S. 269. 37 Nigrisches Tourismusministerium 2002, Web. 38 Eröffnet wurde der erste Trakt des Museums am 18. 12. 1959 (vgl. Laurent 2003, S. 5). 39 Vgl. Taquet 1994, S. 122f. 40 Die meisten der bislang nach wissenschaftlicher Bearbeitung in Frankreich und in den USA zurückgebrachten Fossilien lagern in der Sonderabteilung des Département d'Art et d'Archéologie des Musée National du Niger und sind der Öffentlich- keit leider nicht zugänglich. Für einen Abguss von Jobaria, der im Jahr 2000 nach Niamey gebracht worden war, soll ein weiterer Pavillon errichtet werden (Hinw. in Gloy et al. 2001, S. 9.; vgl. auch Mayer, Joel A. 2000, Web). 244 dils Succhus Imperator findet sich im Pavillon nahe dem Eingang, wo auch eine beachtens- werte Sammlung alter Lederwaren zu finden ist. Das Museum richtete sich seit jeher in erster Linie an die eigene Bevölkerung, weshalb die Eintrittspreise für einheimische Erwachsene mit 100 FCFA (etwa 15 Cent) und 25 FCFA für Kinder, Studenten und Militärs relativ gering sind. Tatsächlich wird die Museumsanlage gern als Erholungsort von der Bevölkerung genutzt: Jährlich frequentieren einige hunderttausend heimische Besucher die Anlage. Der Eintritt für Touristen beträgt 1.000 FCFA (€ 1,50) 41, für deren Kinder 500 FCFA, die Gebühr für die Nutzung einer Fotokamera beträgt ebenfalls 1.000 FCFA, für eine Videokame- ra 2.500 FCFA. Allerdings sind Aufnahmen in einigen Pavillons, wie in jenem mit den Sau- rier-Stücken, generell verboten 42. Geöffnet ist das Museum täglich von 9:00 - 12:30 Uhr und von 15:30 – 18:30 Uhr 43. 8.3.1.2 Habou Bene - der „Große Markt“ Als Wirtschaftszentrum eines Landes, das überwiegend vom Ackerbau lebt, verfügt Niamey selbstverständlich auch über zahlreiche Märkte. Der berühmteste und eindruckvollste ist zwei- fellos der „Grand Marché (…), one of the best in West Africa“, wie der Australische Kult- Reiseführer „Lonely Planet“ schreibt. Knapp 1 km nordöstlich des Nationalmuseums gelegen, werden hier auf einer Fläche von einigen Hektar einheimische und importierte Industriepro- dukte, Tierfetische, Fruchtbarkeitsmittel, Gewürze, Brennholz und Waren des täglichen Be- darfs an die Bevölkerung von Niamey und der Umgebung verkauft. Freilich finden sich auch zahlreiche attraktive Angebote für Touristen, wie diverse Handwerksprodukte. 44 Leider ist dieser Markt in den letzten 20 Jahren bereits zwei Mal durch Feuer beschädigt worden. 45 In den 80er-Jahren zerstörte ein Brand die Marktanlage völlig. Daraufhin ließ die Stadtverwal- tung moderne Betonbauten errichten, bereichert durch etliche Springbrunnen. Der jüngste Brand im Jänner 2001 richtete nur im Zentrum des Marktes einigen Schaden an. Ein weiterer attraktiver, exotisch anmutender Markt ist der „Petit Marché“, der Kleine Mark, zwischen dem Nationalmuseum und dem zentralen Supermarkt gelegen: hier werden frisches Obst und vielerlei Gemüse angeboten, Fulbe-Frauen bieten Milch und Milchprodukte an, und auch gebrauchte Bücher sind in den engen, überdachten „Gassen“ der Stände zu finden. An der selben Straße, der Avenue Général de Gaulle, nur wenige 100 m Richtung Osten, ge- legen, liegt der Markt der Djerma-Töpferinnen, wo anmutige Keramik von unterschied- lichsten Formen und Größen, teils mit Ornamenten und Farben verziert, angeboten werden. 41 1997 betrug der Eintritt für Ausländer ebenfalls nur 100 FCFA. 42 Das hinderte jedoch nicht die verantwortlichen Wärter, gegen ein entsprechend großzügiges Handgeld wegzusehen, wie es mir im Feber 2003 angeboten worden ist. 43 Stand: Feber 2003, eigene Überprüfung. Andere Angaben dagegen unter http://www.niger-gouv.org/flanerietouristique. htm. 44 „What's truly spectacular are the couvertures Djerma, large bright strips of cotton lightly sewn together that make great wall hangings,” meinen die Autoren von Lonely Planet (2003, Web). 45 Damals wurden an die 100 Verkaufsstände zerstört. Der Schaden war durch Versicherungen gedeckt (vgl. Mayer 2001a, Web). 245 8.3.1.3 Der Niger-Fluss Eine herausragende Attraktion ist der Niger-Fluss selbst. Er ist Namensgeber des Landes und Quelle zahlreicher Mythen in den Köpfen der Europäer der vergangenen Jahrhunderte. Erst Ende des 18. Jahrhunderts hatte der schottischen Arzt und Abenteurer Mungo Park 46 als ers- ten Europäer den Fluss für Europa „entdeckt“, doch konnte der mit 4184 km Länge drittlängs- te Strom Afrikas 47 erst im Laufe eines weiteren Jahrhunderts mühsam erforscht werden. In den Bergen von Süd-Guinea entspringend, fließt der Niger zuerst nach Norden bis in die ma- linesische Sahara, um sich dann in der Region von Timbuktu nach Südwesten zu wälzen. Durch den Staat Niger strömt der Fluss nur über 550 km von der Grenze zu Mali bis zu der des Benin, wo er sich im Grenzgebiet von Niger, Burkina Faso und Benin durch den Natio- nalpark „Parc du W“, den mit 1 Mio. ha größten und wildreichsten Nationalpark Westafrikas windet und dann nach Nigeria fließt. Erleben kann man den beeindruckenden Anblick dieser Flussoase am Fuße der Stadt Niamey auf zwei Arten: Tagsüber kann man am Pirogenhafen eine Holzpiroge mieten und das Ufer entlang treiben oder auch Flusspferde besuchen 48. Abends präsentiert sich z.B. von der Ter- rasse des „Grand Hôtel“ aus ein phantastischer Anblick, wenn die Sonne im Westen versinkt und den Fluss blutrot färbt. Was die Unterkünfte angeht, ist Niamey die am besten ausgestattete Stadt im gesamten Niger. Die Auswahl reicht vom „Hôtel Gaweye“, direkt am Ufer des Niger gelegen, über Hotels der Luxusklasse und zahlreiche Mittelklassehotels 49 bis zu einfachen Unterkünften 50. 8.3.2 Dosso Die Fahrt von Niamey nach Agadez führt erst aus der Stadt in Richtung Südosten, wobei man mehrere Kontrollposten passieren muss. An diesen Punkten sollte man die Kamera am besten verbergen, denn Aufnahmen von Plätzen von militärischer Bedeutung sind streng verboten, und diese Regelung wird zuweilen rigide exekutiert 51. Gelegenheiten zum Fotografieren der reizvollen Djerma-Dörfer gibt es entlang der Straße noch zur Genüge. 46 Vgl. Durou 1993a, S. 78 ff., 82 ff.; vgl. dazu auch die anschaulichen Schilderungen der Persönlichkeit Mungo Parks und dessen Entdeckungsreisen zum Niger im historischen Roman „Wassermusik“ von T. C. Boyle (1990). 47 Längster: Nil mit 6671 km, zweitlängster: Kongo mit 4374 km (vgl. Meyers Lexikon 1995: Niger. In: LexiROM 1995). 48 Der Hafen liegt am linken Ufer neben der Pont Kennedy. Ich habe eine solche zweistündige Fahrt zur Zufriedenheit meiner Reisegruppe über Herrn Ibrahim Damouré Zika, Tel. 00227 73.48.34, für 7.000 FCFA pro Person (ca. 10 Euro) organisiert. 49 Ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis bei zentraler Lage bietet das „Hôtel Terminus“; ebenfalls schön, aber etwas abseits gelegen das „Hôtel Rôniers“; sehr schön, aber gehobene Preisklasse das „Grand Hôtel“; weiters „Hôtel Ténéré“, „Hôtel Maourey“ und „Hôtel Sahel“. Details unter http://www.niger-ue.net/minta/mots_min/Niger%20destination%20touristique. doc 50 Die preiswerteste Möglichkeit, für Reisegruppen jedoch ungeeignet, ist das „Hôtel Moustache“ im NO der Stadt: Hier tummeln sich skurrile Gäste aus ganz Afrika, Prostituierte, Individualreisende und Studenten mit geringem Budget, wie ich im Oktober 1999. Übrigens vermietet auch das zwischen „Petit Marché“ und Nationalmuseum zentral gelegene IRSH günsti- ge Zimmer an Studenten mit Forschungsaufträgen. 51 Als im Jänner 2003 Mitglieder meiner Gruppe während einer solchen Kontrolle einen Blick durch die Kamera in Richtung einiger Dörfer warfen, versuchten die Beamten Kameras und Filme zu beschlagnahmen. Auch das Angebot von Schmiergel- dern konnte daran nichts ändern. Erst als ich lang und breit in theatralischem Ton die bedauerliche Unwissenheit von Touris- ten einerseits schilderte und deren brennende Neugierde an allem und jedem als Form ihrer Verehrung des Niger und seinen Menschen vermittelte, gelang es mir, die Soldaten so zum Lachen zu bringen, dass sie von ihrem Vorhaben abließen und uns schließlich sogar anboten, für „Foto-Posen“ bereitzustehen. 246 8.3.2.1 Das „Réserve des girafes de Kouré“ Etwa 60 km östlich von Niamey liegt das Giraffen-Reservat von Kouré, dem letzten Ort in Westafrika, in dem Giraffen noch frei und geschützt leben. Mit Hilfe von regionalen Führern lassen sich oft Gruppen bis zu 20 Tieren im Busch auffinden und beobachten. Leider sind die Tiere mittlerweile vom Aussterben bedroht. Die Zahl der Individuen sank in den vergangenen Dekaden von 3.000 auf etwa 40. Auch ein gezieltes Schutzprojekt Ende der 90er-Jahre konnte den Rückgang des Bestandes nur bremsen, doch keinesfalls stoppen. Die Tiere verlassen mangels ausreichender Weideflächen die Schutzgebiete und suchen die Anbauflächen der Bauern auf, wodurch es mit diesen zu Konflikten kommt, denen manche Tiere zum Opfer fallen. Holzsammler reduzieren die Waldbestände in den Schutzgebieten, was zur Verklei- nerung der Giraffen-Rückzugsgebiete beiträgt. Wilderer, Krankheiten und Kollisionen mit Fahrzeugen beim Queren der Nationalstraße verursachen weitere Dezimierungen. 1996 hatten Militärs einige Tiere im Zuge von Fangaktionen zu Tode gehetzt. Hinter dieser Aktion war die Absicht des damaligen Putschisten Baré Maïnassara gestanden, die Tiere als Geschenke an fremde Staatsoberhäupter zu übergeben. Unter der gegenwärtigen Regierung und auch unter der hier lebenden Bevölkerung ist das Bewusstsein um die Schutzwürdigkeit dieses Giraffen-Vorkommens aufgrund seiner Bedeu- tung als Attraktion und somit als ökotouristische Ressource gewachsen 52. Angesichts der zahlreichen Bedrohungsfaktoren, der dadurch notwendigen, umfassenden Investitionen für nachhaltige Schutzmaßnahmen bei gleichzeitigem Kapitalmangel und der Dominanz anderer Probleme in der Region stehen die Chancen für ein dauerhaftes Überleben der Tiere freilich nicht sehr gut. Da es eines größeren Zeitaufwandes bedarf, um die Tiere auffinden und beo- bachten zu können, ist wohl das tatsächliche Potential der Giraffen für touristische Einkom- men begrenzt. Die meisten Pauschaltouren am Weg nach Agadez werden kaum die Zeit erüb- rigen 53. Weitere Attraktionen in der näheren Umgebung von Dosso sind das Vogelschutzgebiet von Albarkaize, ein ausgedehntes Feuchtgebiet mit bedeutendem Artenreichtum, sowie ein langer Abschnitt des Nigerflusses. Die Hauptattraktion ist aber freilich Dosso selbst. 8.3.2.2 Die Stadt Dosso Dosso, etwa 140 km südöstlich von Niamey, ist ein bedeutender Verkehrsknotenpunkt, denn hier trifft man auf die „Route d’Uranium“, die von Arlit über Agadez, Tahoua und Birnin Konni kommend, nach Süden über Gaya in den Benin bis zum Atlantikhafen Cotonou führt. Von Niamey nach Osten hingegen führt die Route entlang der nigerianischen Grenze nach Zinder und weiter bis an den Tschadsee. Die Stadt Dosso wurde im 18. Jahrhundert zum politischen Zentrum der Djerma-Songhai, nachdem Gao infolge von Tuareg- und Fulbe-Überfällen an Bedeutung verloren hatte. Von dieser politischen und kulturellen Blüte zeugt heute noch der Palast des Djerma-Koi, des tra- 52 Mayer 2001, Web. Angeblich soll Dank des Engagements der „Association pour la sauvegarde des girafes du Niger“ der Giraffenbestand wieder auf über 130 Individuen angestiegen sein (vgl. Oumarou 2003, S. 6). 53 Mir selbst ist es bislang noch nie gelungen, einen entsprechenden Halt in die von mir gestalteten Touren einzubauen. 247 ditionellen Chefs der Derma. Noch heute wird der Spross jener Djerma-Dynastie als traditio- neller Führer, Ratgeber und Richter in religiösen Fragen respektiert. Der Palast selbst ist ein mehrfach umgestalteter Bau, dessen Außenfassade mit Beton verstärkt und bunt verziert ist. Die Innenräume des zentralen Gebäudes sind noch im ursprünglichen Stil des 18. und 19. Jahrhunderts. Ihre „Großartigkeit“ beschreibt Vögler zutreffend: „Gotisch anmutende hohe Gewölbe geben den kleinen schmalen Räumen eine beeindruckende Feierlichkeit.“ 54 Die Be- sonderheit des Palastes liegt zweifellos in den Spitzbögen-Gewölben des Arkadenumgangs vor dem ähnlich gestalteten inneren Audienzraum: Hier wachsen gleichsam die tragenden Stützsäulen zu einer Art von Kreuzrippen-Kuppelgewölbe zusammen. Diese Konstruktion besteht aus lehmverkleideten, gebogenen Ästen und Baumstämmen, die ein Gerüst bilden, das unserem Spannbeton vergleichbar ist. Insofern meint auch Krings, dass „der Palast von Dosso (…) damit sicherlich zu den Meisterwerken der fürstlichen sudanischen Lehmbaukunst im Niger (gehört)“ 55. Im angrenzenden kleinen Audienzsaal dokumentiert ein gemalter Stammbaum die Geschichte der verschiedenen Chefs, die der Region bislang vorstanden. Ein kleiner Nebenraum beher- bergt auch das „Ettebel“, die zeremonielle Kriegstrommel der Derma. Am Platz vor dem Palast veranstalten an hohen Feiertagen die Reitertruppen des Sultans fest- liche Paraden. Dabei sind Reiter und Pferde mit verziertem Leder geschmückt und mit Ka- pok 56-wattierten Panzern gerüstet, wie dies auch noch zu Barths Zeiten beim Reiterheer des Bornu-Herrschers üblich war 57. Die Dosso-Region wird sich ihres Tourismuspotentials zunehmend bewußt, wie eine Veran- staltung einer regionalen Kunsthandwerksmesse im Dezember 2002 zur Lancierung des Tou- rismus zeigte. Die regionalen Autoritäten wollen die vorhandenen Attraktionen - den Palast, ein Kunsthandwerkszentrum, ein regionales Museum und einen farbenprächtigen Markt - be- kannter machen. 58 Wie wenig diese Bekenntnisse allerdings in der Realität bringen, zeigte sich während meiner mehrmaligen Besuche der Stadt zwischen Jänner und März 2003. Über den Standort des Museums und des Kunsthandwerkszentrum konnte keiner der befragten Pas- santen Auskunft geben, Beschilderungen gab es auch noch keine. Schließlich stellte sich so- gar heraus, dass der Palast des Djerma-Koi öffentlich nicht zugänglich ist 59. Auch die Hotellerie ist in Dosso völlig unzureichend. Zwar gibt es drei einfache Herbergen 60, doch selbst im zentral am Kreuzungspunkt der Nationalstraßen gelegenen Hotel Djerma be- darf die Versorgung einer Reisegruppe von über 10 Personen mit Stühlen und Verpflegung großer organisatorischer Anstrengungen. 54 Vögler 1984, S. 269 55 Krings 1982, S. 359 56 Kapok: baumwollähnliche Samenfaser des Kapok-Baums, das als Füllmaterial verwendet wird. 57 Hinw. in Georg 1985, S. 38. 58 Allakaye 2002, S. 6. 59 Bei meinem ersten Besuch Ende Jänner 2003 gegen Mittag hielt der Sultan vor dem Palast Audienz und verwies auf die ungünstige Tageszeit sowie auf die Tatsache, dass der Palast sein Privatbereich sei, wir aber am Vormittag willkommen seien. Beim neuerlichen Versuch drei Wochen später am Vormittag war der Sultan dienstlich verhindert und musste erst durch seine Vertreter und andere Honoratioren um seine Genehmigung befragt werden. Die anschließende Führung durch die Vertrauten des Sultans war allerdings äußerst engagiert und informativ, wurde jedoch als besonderes Entgegenkommen verstanden, wurde doch keinerlei Eintrittsgebühr akzeptiert. So revanchierte ich mich für meine Gruppe mit einer signierten Ausgabe meines Büchleins „Respektvoll reisen“, in dem zahlreiche Fotos aus dem Niger abgedruckt sind. Um diesen Good- will nicht überzustrapazieren, verzichtete ich für meine zweite Reisegruppe auf einen Besuch des Palastes. 60 Hotel Djerma, Hotel Dendi, Hotel Hamdallah 248 8.3.3 Tahoua Die Strecke nach Tahoua führt bis vor Dogondoutchi durch Djerma-Land. Erst ab hier wird das Gebiet der Haussa durchfahren. Dogondoutchi selbst liegt am Fuße der bis zu 150 m ho- hen Zeugenberge, deren „bizarre Kegelformen (…) und (…) Farbigkeit (…)“ den begeisterten Vögler „an Wildwestszenerien“ 61 erinnern, was doch etwas übertrieben ist. Dann führt die Strasse an zahlreichen Haussadörfern vorüber. Das typische Gehöft der Haussa-Bauern be- steht aus einem weitläufigen, mit einer Lehmmauer umfriedeten Terrain, in dem sich zwei bis drei viereckige Kuppelhäuser, mehrere große siloartige, auf Stelzen ruhende Speicher aus Lehm für Hirse- und Erdnussvorräte sowie Krale für Kleinvieh befinden. Den Eingang zum Hof bildet zumeist ein turmartiges, zinnengeschmücktes Empfangshaus. Die nach vorn ver- setzte Fassadenpartie über der Haustür ist häufig mit schönen Lehmreliefs, bestehend aus Ro- setten, Rautengeflechten sowie kreuz- und stabartigen Mustern verziert 62. 150 km weiter westlich liegt Birnin Konni, ein kleiner Verkehrsknotenpunkt mit einer Straße nach Süden ins nahe gelegene Nigeria. Hier pflegen die Autofahrer billigen, aus Nigeria ge- schmuggelten Treibstoff für ihre Fahrzeuge zu kaufen 63. 14 km weiter, hinter Tsernaua, gabelt sich die Straße und führt nach Norden Richtung Tahoua und weiter nach Westen Richtung Zinder. 8.3.3.1 Die Stadt Tahoua Tahoua, etwa 500 Straßenkilometer östlich von Niamey gelegen, ist die viertgrößte Stadt des Niger mit über 50.000 Einwohnern. Ihre Bedeutung resultiert aus ihrer Lage zwischen dem Anbaugebiet der Haussa-Bauern und den Weiden der Tuareg- und Fulbe-Nomaden. Der große Markt im Zentrum der Stadt war wichtige Etappe der Karawanen und galt schon im 19. Jahr- hundert als einer der größten im Nigergebiet 64. Auch heute noch ist er Treffpunkt von Ange- hörigen der diversen nigrischen Ethnien, insbesondere der Djerma, der Haussa-Gruppen, der Fulbe-Bororo sowie der Tuareg. Dies zeigt sich an der Vielfalt der Waren, die aus den unter- schiedlichsten Regionen der Sahara stammen. Bedeutsam ist immer noch das Salz aus Teggu- ida n’Tessoum (nordwestlich von Agadez) und Bilma, sowie aus dem algerischen Tassili 65. Auffallend in Tahoua ist die völlig eigenständige sudanesische Lehmhausarchitektur der Re- gion Ader, gewölbte Häuser (Aiki, sog. „Haussa-Gewölbe“) mit tiefen Reliefs auf der Fassa- de 66, wie man sie um den Markt findet. Eine besondere Atmosphäre bietet die Stadt nachts, wenn an den Marktstände entlang der Einfallsstraße im Schein offener Feuer Geflügel am Rost gebraten und Teigbälle in Öl ge- backen und zum Kauf angeboten werden. 61 Vögler 1984, S. 268. 62 Krings nennt diese Muster „Lebenskreuze der Ägypter“ und „Schlangenstäbe“; vgl. Krings 1982, S. 369. 63 Um möglichst viel zu profitieren, pflegen die Fahrer ihre Tankreserven bis auf den letzten Tropfen zu kalkulieren. Längere Fahrten mit blinkendem Tankwarnlicht sind somit die Regel, und auf meine Kritik, dies würde die Fahrgäste verunsichern, reagierten meine Fahrer lediglich mit gespieltem Verständnis, weil sie doch ohnedies genau wüssten, wie weit sie mit ihrem Tank kämen… 64 Vgl. Krings 1982, S. 369. 65 Vgl. Vögler 1984, S. 270 66 Vgl. Krings 1982, S. 369. 249 Tahoua verfügt über den „Complexe artisanal de Tahoua“, ein großes Kunsthandwerks- zentrum in der Nähe des Präfektenpalastes. Die gtz hatte es vor Jahren im traditionellen Lehmbau-Stil errichtet, und hier fristen die Schmiede ein Dasein, das durch ständigen Kun- denmangel gekennzeichnet ist. Ihr wichtigstes Klientel dürften wohl die Mitarbeiter des hiesi- gen gtz-Projekts „Projet du Développement Rural de Tahoua“ (PDRT) sein, einem der größ- ten gtz-Projekte im Niger, das jedoch nunmehr reduziert wird. Das einzige Hotel in der Stadt ist das „Hôtel de l’Amitié“ gleich am Stadtrand. Obwohl es weit unter jeglichem europäischen Standard liegt, ist es für Durchreisende die einzige Mög- lichkeit zur Nächtigung auf der Strecke zwischen Dosso und Agadez 67. Dem Hotel ist eine Bar und ein kleines Restaurant angeschlossen, in dem einfache, aber schmackhafte Speisen zubereitet 68 werden. Es gibt noch weitere recht nette Restaurants im Ort, die auch gerne von EZA-Mitarbeitern frequentiert werden. 8.3.3.2 Der See von Tabalak Wenige Kilometer hinter Tahoua liegt der See Tabalak, eine der wenigen nennenswerten Att- raktionen am Weg nach Agadez. In seinem östlichen Drittel quert ihn ein Damm, über den auch die Straße führt. In einer Senke inmitten einer trockenen, sogar von Wanderdünen ge- prägten Landschaft gelegen, wird dieser See von den jährlichen Sommerregen so reichlich gespeist, dass er ein wichtiges Biotop darstellt. Reiher, Möwen, Störche und andere Zugvögel finden sich hier ein, um im reichen Bestand an Kapitänsfischen, Karpfen u.a. zu fischen. Auch die Bewohner der angrenzenden Dörfer profitieren, da sie das flache Gewässer von Pirogen aus befischen. Der Fang wird geräuchert, getrocknet oder frisch an Straßenpassanten verkauft. Größere Mengen liefern sie nach Agadez und Arlit. Das Wasser des Sees wird für die Bewäs- serung der Felder und für den Anbau von Gemüse und Zwiebeln genutzt, die bis nach Ghana und Elfenbeinküste exportiert werden. Der Klimawandel macht sich auch hier bemerkbar, denn die im Rhythmus der Regenzeit schwankende Ausdehnung wird jährlich geringer 69. Die epidemieartige Ausbreitung der Wasserhyazinthe dezimiert zusätzlich den Fischbestand. Unterwegs sieht man einige staatliche Pumpstationen, an denen die großen Rinderherden der Fulbe getränkt werden. Etwa 130 km hinter Tahoua liegt der kleine Marktort Abalak, wo alle Reisenden für eine Pause bei den kleinen Tee- und Grillständen entlang der Straße zu halten pflegen. Hier lebt die sedentarisierte Bevölkerung der Umgebung, im Wesentlichen aus dem Einzugsgebiet der Tuareg und der Fulbe. 67 Der Betreiber des Hotels nutzt diese Monopolstellung weidlich aus, indem er in die Zimmer nichts investiert. Es gibt zu wenige Handtücher, Bettlaken udgl. Erst als ich, wiederholt mit diesen Zuständen konfrontiert, im Beisein des Betreibers nachdrücklich die unzumutbaren Umstände beanstandete, sah sich der Betreiber bemüßigt, zusätzliche Handtücher zu kaufen. Schließlich dankte mir der Rezeptionist sogar für meine lautstarke Beschwerde, ohne die, wie er betonte, der Betreiber auch weiterhin „nur die Einnahmen kassiert hätte“ (Auskunft am 2. 3. 2003). 68 Bestellungen für größere Gruppen beanspruchen jedoch beträchtliche Geduld. Wer morgens sehr früh abreisen möchte, muss auf das Frühstück verzichten. 69 «En effet la mare est entrain de se retirer. Petit à petit certes, mais à un rythme jamais observé par les producteurs et les revendeurs.» Gorel 2002, S. 2. 250 8.3.3.3 Ingall Knapp 100 km südwestlich von Agadez zweigt die Straße nach Ingall, einem bedeutenden Nomadenmarkt, ab. Da die neue "Uranroute" zwischen Tahoua und Agadez ca. 50 km abseits des Ortes angelegt worden ist, kommen kaum mehr Reisende hierher. Geschäftig wird es hier nur gegen Ende der Regenzeit, wenn das alljährliche, zum nationalen Ereignis ernannte Fest der „Cure salée“ stattfindet 70. Die Lage Ingalls abseits der Touristenrouten ist umso bedauer- licher, als der an den malerischen Klippen von Tiguidit gelegene Ort einige großartige Attrak- tionen zu bieten hat. So finden sich 2 km vor dem Ort mächtige, versteinerte Baumstämme mit über 10 Metern Länge, 4 Meter Umfang und einem Alter von etwa 1,5 Mio. Jahren. Be- sondere Bedeutung erlangte Ingall allerdings durch die Fossilien-Funde aus dem Perm 71von Sauriern- und Saurierspuren bzw. -tritten. Die Versteinerungen sind in einem kleinen Museum im Ort ausgestellt. 8.3.3.4 Tegguida n’Tessoum Etwa 80 km beschwerliche, zur Regenzeit oft unpassierbare Piste trennt den nördlich von In- gall liegenden kleinen Ort Tegguida n’Tessoum mit einer Hand voll dicht aneinander ge- drängter Lehmwürfelhäuser am Rande der braunen Talak-Tonebene. Die Bedeutung des Orts – „Tegguida“ ist das Tamaschek-Wort für Quelle – liegt in den malerischen Salinen, kreis- runden Löchern, in denen Kochsalz mit geringem Anteil an Glaubersalz gewonnen und als Viehsalz den Rinderhirten in den Süden verkauft wird. In historischer Zeit lag die Bedeutung Ingalls jedoch in den Kupfervorkommen. Seit mindestens 2000 Jahren wurde hier Kupfer gewonnen und die Region gehörte ehemals, wie das Niltal und der Mittlerer Osten, zu den „großen Zentren der Kupferverarbeitung“ 72. In Takedda bei Azelik, wenige Kilometer nord- östlich von Tegguida n’Tessoum, lagen in der Antike Schmelzöfen, und weiter nördlich wei- sen Funde von Kupferfragmenten auf eine alte Kupfermine hin 73, die bis ins 14. Jahrhundert in Betrieb gewesen sein soll 74. Dem Mythos nach seien die Einwohner der einstigen Kupfer- minenstadt Azelik von den einwandernden Tuareg massakriert worden, und die letzten Über- lebenden hätten darauf die Oasen Ingall und Teggida gegründet. 75 70 Näheres im Abschnitt „Überregionale Feste: Cure Salée, Aïr-Festival, Gerewol, FIMA/Cure Salée“. 71 Vgl. Gardi 1971, S. 171. Näheres zu den Fossilienvorkommen im Niger siehe den in diesem Kap. behandelten Abschnitt über „Saurierfriedhöfe“. 72 Vgl. Tillet 1993, S. 34. 73 Vgl. Bernus in Decoudras/Durou 1994, S. 66. 74 Nach Berichten Ibn Battutas, Hinw. in Gado 1994, S. 18; zu Barths Zeit war die Mine jedenfalls nicht mehr in Betrieb (Hinw. in Gardi 1971, S. 69 f.) 75 Vgl. Krings 1982, S. 378. 251 8.3.4 Zinder Weniger eilig Reisende können auf dem Weg nach Agadez die kulturhistorisch interessantere, allerdings wesentlich längere Strecke entlang der nigerianischen Grenze wählen, um Zinder, für Vögler „eine der schönsten Städte der Republik Niger“ 76, zu besuchen. Die mit etwa 150.000 Einwohnern zweitgrößte Stadt des Landes liegt im Schnittpunkt der aus dem Norden kommenden Transsahara-Route nach Kano und der großen Ost-West-Achse, der einstigen Verbindung der ehemaligen Haussa-Stadtstaaten mit den alten Kernländern des Bornu- Reiches am Tschad-See. Die Region ist überwiegend von Haussa bevölkert, die auch die Stadt gegründet hatten, sowie von der Minderheit der Kanuri, die den Sultan stellt. Mehr und mehr wird Zinder auch von zugewanderten Fulbe und Tuareg 77 besiedelt. In historischer Zeit hatten die Einwohner der Stadt versucht, sich vor Angriffen eben diesen Nomaden zu schützen. Da- von zeugen noch die imposante Reste der großen Ringmauer am Ostrand der Altstadt. Ur- sprünglich war die Stadtmauer 10 Meter hoch und an der Basis 14 Meter dick. Gebaut hatte die Mauer Sultan Tanimoune während der Blüte der Stadt in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Nach der Besetzung Zinders durch die Franzosen nach der Schlacht von Tirmini am 30. Juli 1899 wurde die Stadt ein Jahr darauf wegen ihrer verkehrsgünstigen Lage bis 1926 Verwal- tungssitz der Kolonie „Haut Sénégal-Niger“. 78 Der schönste Teil Zinders ist der alte Stadtkern Birni, was auf Haussa „befestigte Stadt“ be- deutet. Hier liegt der Palast des Sultans Tanimoune, der äußerlich jedoch nur durch seine Größe als solches erkennbar ist. Den Palast bewacht die Sultansgarde, die „Grious“, die den Sultan bei zeremoniellen Ausgängen begleiten und dabei auf speziellen zweiteiligen Hörnern blasen. Um den Palast gibt es noch einige sehr schöne, jedoch seltener werdende Bürger- häuser aus Lehm mit den typischen Haussa-Fassaden, die mit geometrischen, getünchten Re- liefs oder Malereien verziert sind. Die u.a. abgebildeten Geflechte symbolisieren Löwen- tatzen, das Zeichen für Kraft. Die Hörner auf den Häusern gelten für die Haussa als „Vervoll- ständigung“ ihres Heims. 79 In diesem Viertel liegen auch die Ruinen jenes Hauses, in dem Heinrich Barth vom 25. 12. 1852 bis zum 30. 1. 1853 gewohnt hatte; eine Gedenktafel weist darauf hin. Im Nordteil Zinders liegt das alte Nomadenviertel „Zengou“ oder „Zongo“, in dem früher die Salzkarawanen das Zwischenlager auf dem Weg zu den Märkten von Nigeria bezogen hatten. Auch heute noch werden auf dem farbenfrohen Markt Produkte wie Salz, Kalebassen (Fla- schenkürbisse), oder auch geschmücktes Zaumzeug und Reiterkostüme für die Festparaden verkauft. Jeden Donnerstag findet hier der große Viehmarkt statt. Alte Pferderüstungen, Gebrauchsgegenstände, Waffen und alte Fotografien sind in einem kleinen, hübsch aufbereiteten Museum am Rande der Stadt zu besichtigen. Neu gefertigte, kunstvolle Lederarbeiten der Haussa und Silberschmuck der Tuareg werden hingegen in ei- nem großen Kunsthandwerkszentrum angeboten, das aus der Sicht des Tourismus- ministeriums „sans nul doute, l’une des meilleures infrastructures touristiques de ce départe- ment“ 80 darstellt. Landschaftlich äußerst reizvoll, besonders abends, sind die großen roten Granitfelsen, die, ähnlich den „Devils Marbels“ in Australien zu Kugelformen erodiert, die Stadt umgeben. Die- 76 Vögler 1984, S. 267 77 Zur Sesshaftwerdung und dem sozialen Wandel der Tuareg siehe Waibel 1998. 78 Aufgrund einer Tuareg-Revolte in den Jahren 1902-03 wurde der Sitz vorübergehend nach Niamey verlegt (vgl. Zamponi 1994, S. XXXIII). 79 Eine hintergründige Erklärung für diesen Brauch ist nicht bekannt. Es ist keineswegs selten, dass gewisse Formen und Gewohnheiten einfach aufgrund ihrer „Tradition“ übernommen werden. 80 Nigerisches Tourismusministerium 2002, Web. 252 se Felsen sind die Reste des alten Grundgebirgssockels, der hier durch Hebung und Erosion an die Oberfläche trat. Neben dem recht passablen Hotel „Amadou Kourandaga“ gibt es in Zinder noch einige kleine Hotels. 8.3.5 Fazit Der Aufwand für eine Fahrt von Niamey nach Agadez ist für europäische Verhältnisse zwei- fellos groß, denn die Strecke ist sehr weit und der Komfort gering. Die vorhandenen Attrakti- onen machen diesen Aufwand aber lohnenswert, vorausgesetzt, der Reisende hat ein Min- destmaß an Zeit zur Verfügung, um diese Attraktionen auch zu nutzen. Leider verfügen die Transportfahrzeuge zwischen Niamey und Agadez über keinerlei technische Hilfsmittel zur Kommunikation, wodurch es einem Reiseleiter weitgehend unmöglicht wird, den Reichtum an historischen, kulturellen und geographischen Hintergründen seinen Gästen während der Fahrt zu vermitteln. Entsprechende Investitionen in moderne Fahrzeuge könnten wesentlich dazu beitragen, die abschreckende Belastung dieser Fahrt nach Agadez zu reduzieren und somit für den Reisegast vorteilhaft zu gestalten81. 8.4 Agadez 950 km östlich von Niamey bzw. 450 km nördlich von Zinder liegt die Stadt Agadez, die selbst in Europa zu einem Mythos geworden ist, ohne aber jemals eine derart bemerkenswerte Bedeutung wie die Schwesternstadt Timbuktu erlangt zu haben 82, dabei dürfte Agadez etwa im 15. Jahrhundert Timbuktu sogar überflügelt haben. Auch heute ist Timbuktu in Europa weit bekannter, aber leider ist es diese Schwesternstadt in Mali, die zunehmend verfällt und von der vordringenden Wüste bedrängt wird, und sich der Niger von der Stadt weg weit nach Süden zurückzieht 83. Agadez dagegen gilt für Ritter unter den „Städten Afrikas zu den wenigen, die bisher unter dem Ansturm der Veränderungen, dem cultural clash, nicht zerstört wurden, sondern in der extreme Gegensätze in erstaunlicher Weise integriert sind“, nämlich einerseits „eine moderne, fortschrittliche Kleinstadt“, die gleichzeitig auch als „ethnologisches Freilichtmuseum“ be- trachtet werden könne, „von schwerttragenden Nomaden durchzogen, Gauklern, Wanderhei- ligen, Kamelkarawanen (...), eine Stadt, in der Messertänzer und barfüßige Musikantengrup- pen zum Alltag gehören, der Sultan täglich seine Würdenträger vor dem Palast versam- melt“. 84 81 Näheres zur Ausstattung der Agenturen im Kap. über die „Struktur des Tourismus in Agadez/Agenturen/Die Ausstattung der Agenturen“. 82 Ähnliches bemerkte auch schon Heinrich Barth in Barth 1986, S. 179. 83 Vgl. Georg 1985, S. 47. 84 Ritter 1979, S. 93. 253 Agadez war – entsprechend seinem Namen 85 - stets ein Ort des Austausches zwischen ver- schiedenen Bevölkerungsgruppen, was auch anhand der „Muttersprache“ der Stadt zum Aus- druck kam. So vermischten sich im 16. Jahrhundert, als die Stadt geradezu „kosmopolitisch“ 86 war, die Verkehrssprachen Tamasehq, Haussa und Songhay zum typischen Agadezer Dialekt. Zu Heinrichs Barth Zeiten, um die Mitte des 19. Jahrhunderts, wurde überwiegend Songhay gesprochen 87, und in den 50er-Jahren des 20. Jahrhunderts war Agadez vornehmlich von dun- kelhäutigen, Haussa sprechenden Händlern und Handwerkern besiedelt, die allerdings auch Tamaschek beherrschten 88. Aus diesem „Zusammentreffen, Zusammenleben der völlig ver- schiedenen Völker“ erklärte sich nach Ansicht Ritters 1979 die „kulturelle Kraft Agadez' “ 89. Diese Bestandsaufnahme wurde zwar nach der ersten großen Dürre, jedoch noch vor der nachfolgenden desaströsen zweiten großen Dürre in den 80er-Jahren gemacht. Diese Katast- rophe hatte Agadez in eine Agglomeration von Hungerflüchtlingen verwandelte. Der Prozess der Landflucht wurde in den Rebellionsjahren weiter beschleunigt. So zeichnete Stührenberg 1999, zwanzig Jahre danach, ein tristes Bild von „Agadez – wo Nomaden mühsam Städter werden“ als einen Ort, deren „Einwohner – Tuareg und Haussa – (...) meist unter sich (blei- ben) und (...) ihre gegenseitige Abneigung“ 90 pflegen, ein für das Hochglanzmagazin GEO freilich stark überzeichnetes Bild einer Stadt während der Nachwehen der Rebellionswirren. Freilich ist seit den Schilderungen Ritters mehr als ein Vierteljahrhundert vergangen, und zweifellos hat sich seither viel in Agadez verändert. „Messertänzer und barfüßige Musikan- tengruppen“ finden sich heute zwar nicht mehr, und die meisten Tuareg tragen anstelle der Schwerter in Agadez heute Mobiltelefone, und dennoch scheint sich das Rad der Zeit in Aga- dez langsamer zu drehen als anderswo, wandeln doch immer noch Nomaden durch die staubi- gen Gassen zwischen den Lehmgebäuden, und auch die Feste werden noch genauso ausgelas- sen und farbenfroh gefeiert wie früher. Trotz vieler Probleme und negativer Entwicklungen91 hat Agadez nach wie vor einen eigenen Zauber und vor allem zahlreiche bedeutende Sehens- würdigkeiten von hohem historischen Wert 92. 8.4.1 Die bedeutendsten Sehenswürdigkeiten von Agadez Agadez besteht aus 16 Vierteln, wovon der historische Teil der Stadt 11 Viertel umfasst. Das von der erhaltenen Bausubstanz her älteste Stadtviertel ist Katanga, das soviel wie „Mauern“ bedeutet: Hier finden sich mit der großen Moschee, dem Sultanspalast und dem Hotel de l’Aïr die bekanntesten Gebäude der Stadt. Freilich hat jedes Viertel seine eigene Moschee, die je- doch meist im Gewirr der Häuser untergeht. Auch die zahlreichen alten Friedhöfe zwischen 85 Das Tamaschek-Wort „Agadez“ bedeutet „Ort der Begegnung, des Zusammenkommens“ und verweist auf die Wurzeln der Stadt als Marktplatz bzw. als Ort, an dem sich die verschiedenen Stämme unter der Aufsicht des Sultans friedlich trafen. 86 Adamou o.A., S. 55. 87 Vgl. Nicolaisen/Nicolaisen 1997, S. 269 unter Hinweis auf Barth, Heinrich 1957-58: Reisen und Entdeckungen in Nord- und Zentralafrika in den Jahren 1849-1855, Band 1, Gothar, S. 504. 88 Vgl. ebd. S. 269. 89 Ritter 1979, S. 96. 90 Stührenberg 1999, S. 56. 91 Zu den allgemeinen Problemen in Agadez siehe das Kap. über „Die Region Agadez/Zentrale Probleme der Region Aga- dez“, zu den tourismusbedingten Problemen siehe das Kap. „Soziokultureller Wandel und die Rolle des Tourismus“ bzw. „Fazit: Probleme durch Tourismus bei den Tuareg“. 92 Darum läuft derzeit auch ein mehrjähriges Programm zur langfristigen Erhaltung der Altstadt, insb. der großen Moschee und des Sultanspalastes, mit dem Ziel, Agadez in die UNESCO-Liste der Weltkulturerbe-Stätten aufzunehmen; vgl. ICC- ROM 2002, Web; ICCROM 2001, Africa 2009, S. 7. Immerhin sind diese Bemühungen schon soweit gediehen, dass man die große Moschee von Agadez auf der UNESCO-Homepage findet (http://www.unesco.org/delegates/niger/ agadez.htm). 254 den Lehmbauten, etwa jener der Märtyrer des Massakers an der Oberschicht der Bevölkerung durch die Franzosen im Jahr 1917 93, und auch viele andere äußerst attraktive und historisch interessante Gebäude sind nur schwer zu finden und darum den wenigsten Reisenden bekannt. Dieser Umstand ist insofern sehr bedauerlich, als dadurch Agadez sich die Chance vergibt, seinen enormen historischen Reichtum entsprechend zu vermitteln. So wird leider die Besich- tigung der Stadt mit wenigen „Highlights“ abgehakt. So schwer es mir auch fallen mag, so komme auch ich hier nicht umhin, mich nur auf die wichtigsten Attraktionen der Stadt zu be- schränken. 8.4.1.1 Die große Moschee (Freitagsmoschee oder „Amiskini“) „Das Wahrzeichen von Agadez (...), den hohen Turm der großen Moschee, der uns schon auf dem Ritt hierher einen Tag lang als Richtungsweiser gedient hat,“ beschrieben neben Zöhrer auch viele andere Autoren als eindrucksvolles Erlebnis. Noch heute ist es ein Spiel der Rei- senden, die von Niamey kommen, zu wetten, wer als erster am Horizont das Minarett von Agadez erblicken wird. Denn „die Bewohner von Agadez (sind) riesig stolz auf ihren Turm, den sie für eines der sieben Weltwunder halten“ 94. Dies bemerkte schon Heinrich Barth mehr als 100 Jahre vor Zöhrer: „Mit einem gewissen Gefühl nationalen Stolzes zeigten mir meine Gefährten in der Ferne die hohen Mesálladjeh, den Ruhm von Agadez" 95. Die große Moschee war ursprünglich im 12. Jahrhundert gebaut worden; ihre gegenwärtige Form stammt aus dem 15. Jahrhundert 96. Sie bedeckt eine Fläche von rund 6.000 m2 mit meh- reren Räumen und Gängen, zwei Friedhöfen für kleine Kinder und die Sultansfamilie und zwei Minaretts, von denen eines allerdings in Trümmern liegt 97. Beide Minaretts soll im 16. Jahrhundert der Lokalheilige Zakarya erbaut haben 98. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war der Turm stark erneuert worden. Markantes Zeichen des Minaretts ist die Verstärkung der Lehm- konstruktion durch Dum-Palmenstämme, deren Enden an allen Seiten des Turmes in regel- mäßigen Abständen herausragen 99. Nach Krings entspreche das der Tradition des mittel- alterlichen sudanesischen Lehmbaustiles 100. Der untere Teil des Turmes ruht auf vier massi- gen Pfeilern und bildet einen integrierenden Bestandteil der Hallen der Moschee. Diese Hal- len sind jedoch so niedrig, dass man nur gebückt darin gehen kann. Vom Dach dieser Hallen aus steigt der Turm bis zu einer Höhe von 27 Metern empor, wobei er sich nach oben zu ver- jüngt. In seinem Inneren, das durch je sieben Öffnungen an jeder Seite erhellt wird, führt eine Wendeltreppe auf die enge Plattform der Spitze, wo kaum zwei Personen gleichzeitig Platz finden. Das Besteigen der „beängstigend steilen, engen und finsteren Treppen im Inneren des 93 Vgl. NIGETECH 2002, S. 57. 94 Zöhrer 1954, S. 87 f. 95 Barth 1986, S. 183. Leider ist der Glanz dieses Anblicks mittlerweile etwas getrübt, seit im Winter 2002 mitten in der Altstadt ein enormer Mobiltelefon-Sendemast aufgestellt worden ist, der die gesamte Stadt überragt. 96 Vgl. NIGETECH 2002, S. 58; 97 Vgl. Tamallakoye o.A.: La grande mosquee d’Agadez. 98 Vgl. Adamou o.A., S. 60. 99 Vgl. Vögler 1984, S. 266. 100 Krings 1982, S. 374. Zöhrer (1954, S. 87 f.) interpretiert die auffällige Verwandtschaft mit ähnlichen Lehmminaretten in den mozabitischen Städten Nordalgeriens als Hinweis auf eine enge kulturelle Verbindung zwischen dem Sudan und Nordaf- rika. Dies ist freilich nicht weiter verwunderlich, da mindestens seit dem 15. Jahrhundert enge Handelsbeziehungen mit dem Touat, der Region der Mozabiten, bestehen (vgl. Adamou o.A., S. 52.). Vgl. dazu auch Barths historische Studien über die Händler aus dem Touat als ständige Bewohner von Agadez, in Barth 1986, S. 184, 186. 255 Minaretts“ ist an sich schon ein Abenteuer, doch der Blick, der sich von oben bietet, ermög- licht einen phantastischen Ausblick auf „das Wabenwerk der Lehmhäuser mit den Flachdä- chern in den eng gebauten Quartieren (...) (und) das Durcheinander der Gassen (...)“ 101 Die Moschee ist auch heute noch das religiöse Zentrum von Agadez und Mittelpunkt der gro- ßen religiösen Feiern der Stadt. Die 99 Stützen, die das geflochtene Sonnendach tragen, sollen die 99 Namen Allahs symbolisieren. 8.4.1.2 Der Sultanspalast Der Sultanspalast befindet sich unmittelbar westlich neben der Moschee. Errichtet zu Beginn des 16. Jahrhunderts von Sultan Idriss, fällt das Gebäude durch seine Maße auf. Es ist ein mächtiger, rechteckiger Lehmkastenbau mit vier Stockwerken, der „für sudanesische Verhält- nisse fast wie ein Hochhaus wirkt“ 102. Privataudienzen gibt der Sultan im Eingangsraum, flankiert von seinen traditionellen Wächtern 103. Der leerer Platz vor dem Palast dient als Are- na für Feste. Hier findet etwa das Tabaski-Fest am Ende der Fastenzeit statt, anlässlich dessen festlich geschmückte Reiter vor den Augen der gebannten Menge um die große Moschee ga- loppieren. 8.4.1.3 Das Hotel de l’Aïr Das Hotel de l’Aïr, unmittelbar östlich der großen Moschee gelegen, ließ 1917 der damalige Sultan von Agadez, Tegama, für den Führer des Überraschungsangriffs auf den französischen Militärposten, Kaocen, als prächtigen Wohnsitz errichten. Während der wenigen Wochen der erfolgreichen Befreiung von Agadez durch die Rebellionstruppen diente der nunmehrige Speisesaal als Audienzsaal 104. Markant sind die dicken Lehmpfeiler in diesem Raum, die die Holzdecke tragen. Das Gebäude wurde 1963 in ein Hotel umgebaut und ist heute als nationa- les Kulturerbe klassifiziert. 105 101 Gardi 1971, S. 19. Georg (1985, S. 37) hatte knapp 15 Jahre später ebenfalls das Minarett bestiegen und schreibt, dies sei den Teilnehmern der Geo-Expedition auf den Spuren Heinrich Barths vom Sultan ausnahmsweise gestattet worden, wie „bislang nur sehr wenigen Europäern“. Mittlerweile gehört es praktisch zum Standardprogramm, die Moschee und das Mina- rett zu besichtigen, wenngleich man dafür immer noch die Genehmigung des Sultans benötigt. Erst dann wird vom zuständi- gen Wächter das Tor geöffnet, wofür i.d.R. 1.000 FCFA (ca. 1,5 Euro) pro Person für die Besichtigung der Moschee zu zahlen sind. 102 Krings 1982, S. 374 103 Für eine solche Audienz, die mir persönlich im April 2001 und meiner gesamten Reisegruppe im Feber 2003 „gewährt wurde“, hat man den Wächtern ein kleines „Schutzgeld“ zu zahlen. Übrigens hatte auch Barth im Oktober 1850 eine Audienz beim kurz vorher neu eingesetzten Sultan von Agadez, den schon Barth als zwar gutmütig, aber weitgehend machtlos be- schrieben hatte (vgl. Barth 1986, S. 182, 186). 104 Vgl. Durou 1993c, S. 183. 105 Vgl. NIGETECH 2002, S. 58. Abends, nach der Besichtigung der Stadt, ist es sehr angenehm, auf der Terrasse des Hotels zu sitzen, etwas zu trinken und vis-à-vis des Minaretts den Abend zu genießen. Leider wird dieses Vergnügen meist durch zahlreiche und aufdringliche „Chasse touristes“, wilde Schmuckhändler, vergällt, weswegen sich eher die Terrasse des ge- genüber gelegenen Hotels Tellit als Mußeplatz empfiehlt. 256 8.4.1.4 Die alten Wohnviertel Die östlichen Viertel der Altstadt beeindrucken durch das Gewirr von engen Gassen und be- sonders durch die zahlreichen Wohnhäuser mit schönen Haussa-Fassaden. Zumeist gehören diese Gebäude reichen Kaufleuten. Ein interessantes Gebäude, das besonders durch seine in- nere Konstruktion bezaubert, ist das Haus des Bäckers („Maison du Boulanger“) im Viertel Hougoubére. Es wurde 1917 durch den aus Senegal stammenden Peul Sidi Ka errichtet, einem Baumeister und Händler, der in Agadez als erster Bäcker der Stadt zu Vermögen gekommen war und dieses teilweise in sein liebevoll errichtetes Haus investiert hatte. Ungewöhnlich sind insbesondere die über zwei Etagen laufende Säulenkonstruktion und die Dekoration des Inte- rieurs 106. Das Haus diente im Jahr 1990 dem italienischen Filmregisseur Bertolucci als Kulis- se für seinen Film „Himmel über der Wüste“ 107. 8.4.1.5 Die Residenz des Anastafidet Ein historisch, politisch wie auch architektonisch höchst interessanter Bau ist die Residenz des Anastafidet, des Chefs der Kel Ewey im Viertel Akanfaya, ein wenig östlich des alten Marktes am Tamallakoye Platz. Hier hielt sich der Anastafidet auf, wenn er in Agadez weilte, um Tribut zu leisten oder Verhandlungen zu führen, und hier wird auch heute noch das „Ette- bel“, die Kriegstrommel des Anastafidet, das Symbol der Macht, aufbewahrt 108. Die Beson- derheit liegt im phantastischen Kreuzgewölbe des Audienzraumes, das ähnlich wie jenes des Djerma-Koi von Dosso konstruiert ist. Der Raum soll auch als Bibliothek gedient haben; die verzierten Wandnischen ermöglichen das Einstellen von Leuchten 109. Heinrich-Barth-Haus: Im östlich gelegenen Viertel Imourdan-Imajeghen, nicht weit vom klei- nen „Marche de l’est“, dem östlichen Markt, steht ein Gebäude, das heute als die „Maison Barth“ betrachtet wird, als jenes Haus, in dem der deutsche Forscher Heinrich Barth als erster Europäer vom 9. bis 30. Oktober 1850 in Agadez gelebt hätte. Barth war damals Gast im Haus von Annur 110, dem Chef des Aïr-Dorfes Tintélloust, von wo er seinen Ausflug nach Agadez unternommen hatte. Das „Haus“ ist eher eine Lehmhütte, die im Hof eines privaten Familienhauses steht. Darin befinden sich traditionelle Tuareg-Einrichtungsgegenstände wie Feldbett, Ledersäcke, Kisten udgl. sowie einige Dokumente über Barths Reisen, die in Kopie gegen Entgelt abgegeben werden. Mag Barths Aufenthalt in genau diesem Gebäude auch um- stritten sein 111, so vermittelt das Ensemble doch einen guten Eindruck davon, wie das Interi- 106 Vgl. Ebd., S. 58. 107 Der Besuch des Hauses wird von den Bewohnern sehr begrüßt. An Eintritt werden i.d.R. 1.000 FCFA/Person plus eine Gebühr von 1.000 CFA für das Fotografieren berechnet. Dafür kann man sich dann in Ruhe umsehen und bekommt, wenn man einen kompetenten Führer hat, auch umfangreiche Erklärungen geboten. 108 …und auf Wunsch auch präsentiert. 109 Bei meinem zweimaligen Besuch im Feber und März 2003 entsprachen die Eintrittsgebühren eher großzügig bemessenen Gesten, wobei 1.000 FCFA immer einen guten Richtwert darstellen. Dieses Gebäude (ähnlich dem sogleich besprochenen Barth- Haus) ist in privater Verwendung und touristisch bislang kaum genutzt, denn man findet es trotz seiner architektonischen und historischen Bedeutung in keinem gängigen Führer und auch im Handbuch für Reiseführer der NIGETECH (2002, S. 58) wird es nur kurz erwähnt. 110 Vgl. Barth 1986, S. 183. 111 Gardi (1971, S. 206 ff.) berichtet, die an der Außenwand des Gebäudes angebrachte Bronzetafel sein anlässlich des 100. Todestages von Heinrich Barth am 25. November 1965 von der deutschen Botschaft an den Präfekten von Agadez mit der Bitte geschickt worden, diese an jenem Haus anzubringen, in dem Barth gewohnt haben soll. Doch die Tafel wurde erst Jahre später montiert, und dies nach Gardis Überzeugung am falschen Haus: Nach Gardis Nachforschungen steht das sog. „Barth-Haus“ in der Nähe einer Lehmhütte, die damals die „maison de l’Allemand“ genannt wurde. Dort wohnte eine sehr alte Frau, die Gardi 257 eur solcher Stadt-Dependancen angesehener Tuareg zu Zeiten Barths ausgesehen haben mag. Viele der ausgestellten Gegenstände werden in ihrer Art auch heute noch von den Tuareg- Handwerkern, den Enaden, für die Nomaden hergestellt 112. Betreut wird das „Museum“ von einem alten blinden Mann und seiner Familie, den Bewohnern des Hauptgebäudes 113. Neben diesen herausragenden Bauwerken gibt es einige historisch sehr bedeutsame Moscheen wie die Moschee des Dan Fodio, des Staats- und Religionsgründers des mächtigen Fulbe- Reichs. Sie war während Fodios Besuch in Agadez am Ende des 18. Jahrhunderts gegrün- det 114, jedoch im Jahr 1964 im modernen Stil strahlend weiß völlig erneuert worden 115. In der Moschee von Abawage am „Platz der Märtyrer“ etwas nordöstlich der Dan Fodio-Moschee, hatte der Heilige Abayazid im 16. Jahrhundert gelebt, und hier war die Elite der Bevölkerung von Agadez am 3. 3. 1917 von den Kolonialtruppen massakriert worden. 116 Über die ganze Altstadt verteilt finden sich zahlreiche Koranschulen (z.B. vis-a-vis des Anastafidet-Hauses), die einen interessanten Einblick in die „traditionellen“ Unterrichtsmethoden in Agadez bieten, denn interessanterweise werden hier Burschen und Mädchen gemeinsam unterrichtet. 117 8.4.2 Die interessantesten Märkte von Agadez Der große Markt liegt etwas südlich der großen Moschee an der zentralen Ost-West-Straße, wohin er 1964 vom Platz Tamallakoye im Hougoubére-Viertel verlegt worden war 118. Hier werden u.a. landwirtschaftliche Produkte wie Gemüse, Salate, Getreide und Frischfleisch ver- kauft. Am Nordrand des Marktes befinden sich zahlreiche Boutiquen der Stoffhändler und Schneider, in denen sich auch Reisende mit Tüchern einkleiden können. Dort liegt auch der äußerst bemerkenswerte „Ski-Shop“, der Kuriositäten-Laden des Adel-Kader, genannt „Dan- ger“, „der Gefährliche“, aufgrund seines häufig getragenen Rocker-Schmucks. Der Händler berichtete, ihre Mutter habe ihr als Kind von einem Deutschen erzählt. Nach Gardis Berechnungen konnte die Mutter der Frau Barths Besuch rund 120 Jahre früher unmöglich erlebt haben. Zudem war Barth im Dienst der Engländer unterwegs und wurde darum auch „Inghlesi“111, „Engländer“, genannt. Passen würden die Hinweise der alten Frau dagegen auf den Preußen Erwin von Bary, der Agadez im Jahre 1877 besucht hatte. Für die Suche nach dem „richtigen“ Haus, in dem Barth gewohnt hatte, nämlich im Haus Annurs, verglich Gardi die Skizze Barths von der Sicht des Hauses auf das Minarett. Dabei stellte sich heraus, dass 1. die Skizze spiegelverkehrt war und 2. das sog. „Barth-Haus“ eindeutig nicht das Haus Annurs sein konnte. Gardi fand schließlich entsprechende Mauerreste in einem verfallenen Viertel, von deren Lage der Blick auf das Minarett mit Barths Skizze übereinstimmte. Seine Anregung an den Präfekten, dort ein Denkmal zu errichten, wurde aber nicht weiter verfolgt. Das Haus, an dem schließlich die Bronzetafel angebracht worden war, war schließlich nicht einmal das von Bary bewohnte Haus, das unterdessen ebenfalls schon in Trümmern lag. 112 Zum Kunsthandwerk der Tuareg siehe in diesem Kap. den Abschnitt „Die Kultur der Tuareg/Handwerksprodukte der Tuareg“. 113 Beim Barth-Haus handelt es sich wie im Fall „Haus des Bäckers“ eher um eine Art „Privatmuseum“ ohne konkrete Rege- lung. Üblicherweise werden pro Person 1.000 FCFA an Eintrittsgebühren verlangt. Die „Amtlichkeit“ dieses Betrags ist sogar durch einen handgeschriebenen, jedoch nicht entzifferbaren Zettel an der Wand neben der Eingangstüre bestätigt. Wie in den meisten Fällen (Große Moschee, Haus des Bäckers etc.) variieren die Eintrittspreise entsprechend der Naivität oder der Verhandlungsfähigkeit der Kunden. So wurden von mir im Barth-Haus auch schon 2.000 FCFA pro Person verlangt, was ich jedoch angesichts der eher spärlichen Ausstattung des Raums als überhöht verweigert hatte. 114 Vgl. NIGETECH 2002, S. 58. 115 Vgl. Adamou o.A., S. 136. Die Moschee steht genau in der Gabelung der zentralen West-Ost-Straße im Südosten der Stadt. 116 Vgl. NIGETECH 2002, S. 58; Adamou o.A., S. 135. Hier liegt u.a. der damalige Imam der großen Moschee, Ahamadag- ag, ebenfalls ermordet am 3. 4. 1917, begraben (vgl. Tamallakoye o.A.: La grande mosquee d’Agadez.). 117 Bei meiner Führung durch Agadez im März 2003 wurden wir im Vorübereilen von einem Koran-Lehrer herzlich eingela- den, die Medersa zu besuchen. 118 Nördlich des „Hauses des Bäckers“ gelegen, finden sich einige sehr markante historische Gebäude, wie der alte Schlacht- hof oder das Haus des Getreidehändlers, in dem sich noch eine große, hängende Waage befindet. 258 antiker, moderner und skurriler Produkte aus der Region und Verleiher von Schigerät! war bereits Held zahlreicher Reportagen über Agadez. 119 Der „Marché de l’Est“ oder „Sabon Gari“-Markt liegt in Nordwesten der Altstadt im neuen gleichnamigen Viertel. Hier werden neben allen Bedarfsgütern u.a. auch Kalebassen in jeder Größe und mit hübschen Verzierungen angeboten. Im Westen der Stadt, westlich der Straße Tahoua-Arlit, liegt im große Kunsthandwerks-Ko- operative mit ihren Produktionsstätten und Verkaufsräumen. Die Verkaufsräume der Frauen- Kooperative liegt allerdings im Norden der Stadt in der Nähe der Präfektur. Der Besuch des Viehmarktes, westlich der Kunsthandwerks-Kooperative gelegen, erlaubt erstmals die intensive Begegnung mit der Nomadenkultur, denn hier treffen sich die Nomaden der Umgebung, die Tuareg und die Peul, um ihr Vieh, Kamele und Rinder, Ziegen und Scha- fe, feilzubieten. Hier werden typische Tuareg-Produkte wie Salz aus Bilma, Reitpeitschen udgl. angeboten. Wie jede Stadt, so hat auch Agadez eine Vielzahl an Winkeln und Orten zu entdecken, die kaum unter die Kategorie einer klassischen „Attraktion“ fallen, aber die mich – und viele Kunden – sehr erfreuten, wie etwa die „Boulangerie“ an der Straße südlich des Hotel Tchin- telloust, wo man frisches Süßgebäck und gekühltes, aromatisiertes Joghurt bekommen kann und die eine echte Oase der Ruhe und des Genusses darstellt. Ein weiterer Ort – besonders zur Zeit der Sonntagsmesse - ist auch die katholische Kirche östlich der Altstadt, wo gemeinsam mit den „Kleinen Schwestern Jesu“ 120 fröhliche, gesungene Gottesdienste gefeiert werden, bei denen auch Fremde gern willkommen sind, so sie bereit sind, sich der Gemeinde vorzustellen. 8.5 Die Naturattraktionen der Region Agadez Als einziges Land der Sahara vereint die Republik Niger sämtliche landschaftlichen und geo- logischen Facetten der Sahara, der größten und vielfältigsten Wüste der Erde 121. Dieser For- menreichtum ist eine der großen Besonderheiten dieser Region, die im folgenden Abschnitt dargestellt wird. Bezüglich der genannten Ortsnamen und der entsprechenden Daten sei hier ergänzend er- wähnt, dass in der Literatur keinerlei Einheit besteht. So weisen z.B. immer noch manche Quellen den Mt. Greboun als den höchsten Berg des Aïr aus 122, obwohl mittlerweile aner- kannt ist, dass der Bagzan mit dem auf dem Plateau aufragenden kleinen Vulkan Idoukal- nTaghes mit 2022 m die höchste Erhebung des Niger ist 123. 119 Vgl. u.a. in Stührenberg 1992a, S. 85; Dass das Dünen-Schifahren auch tatsächlich möglich ist, beweist „Danger“ auf Anfrage gerne mit der Vorlage eines Fotos aus „Le Monde Colonial Illustré“ aus dem Jahr 1931, das einen Skiläufer in Tro- penhelm zeigt, den ein Motorrad über den Wüstensand zieht (Hinw. in Stührenberg 1999, S. 65f.); vgl. auch den Bericht von Schmidt/Schmidt (1997, S. 35) u. a. über Dünen-Schifahren. Ebd. finden sich auch Tuareg auf Schiern abgebildet. 120 Vgl. Friedl 2000b, Kärntner Kirchenzeitung, 14. 5. 2000, S. 10-11. 121 Vgl. Decoudras/Durou 1994, S. 12. 122 Krings (1982, S. 327) weist den Mt. Greboun überhaupt noch mit 2310 Metern aus. 123 Vgl. Bernus 1986, S. 343; vgl. auch IGN 1991. 259 8.5.1 Das Aïr-Massiv „L’Aïr ... où l’on savoure la solitude des espaces immenses, l’âpreté des montagnes et la dou- ceur des plaines où les horizons sont illimités et où règne le calme idéal pour les poètes en quête de solitude“, 124 schreibt das nigrische Tourismusministerium in seinem Informations- text über das Aïr, eine poetisch-schwärmerische Darstellungsweise, die auch schon viel früher von Europäern gewählt wurde. Gardi schrieb 1971: „So steht also dieses Aïr-Bergland wie eine Insel, wie ein riesiges Schloss inmitten wüstenhafter Ebenen.“ Dabei empfand Gardi die- se „grandiose, chaotische Landschaft“ als „ein unordentliches Durcheinander von Bergzü- gen, einzelnen nackten Felsspitzen und schwarzen Vulkankegeln. Dazwischen Plateauland- schaften, Kieswüsten, junge Täler, schwarze Trümmerlandschaften, erstarrte Basaltströme, helle Tuffe und Schwemmlandebenen“. 125 Gardis Sicht der Aïr-Landschaft und auch die des Tourismusministeriums sind typisch für den touristischen Blick, der zuallererst bewunderns- werten Formen der Berge erfasst. "Dieser Blickwinkel war allen Europäern eigen, die durch das Aïr reisten“ und er war „auch für die dort längere Zeit ansässigen französischen Koloni- albeamten typisch." 126 Schon Heinrich Barth, der das Aïr 1850/51 durchreist hatte, bewunder- te dieses Massiv als „Alpenland der Wüste“. 127 Die ersten Berichte über das Aïr stammen von den arabischen Historikern El Berki im 11. Jahrhundert, Ibn Battuta im 14. Jahrhundert und von Ibn Mohamed El Ouezan im 16. Jahr- hundert. Letzterer, der von sizilianischen Seeräubern nach Rom verschleppt zum Christentum konvertiert war und unter dem Namen Leo Africanus 1526 ein Buch „Descizione dell’Africa“ veröffentlicht hatte, erklärte den Namens des Landes „Aïr“ mit dessen guter Luft. 128 Heute wissen wir, dass der Name „Aïr“ erst von den Berbern eingeführt worden ist. Ur- sprünglich war diese Region von den Haussa des Ostens „Azbin“, von jenen des Westens „Abzin“ genannt worden. 129 8.5.1.1 Die geologische Struktur des Aïr Das Aïr-Massiv besteht im wesentlichen aus altem vulkanischen Gestein und erstreckt sich mit einer Fläche von rund 62.000 km2 zwischen dem 17. und dem 20. Grad nördlicher Breite und dem 7. und 10. Grad östlicher Länge. Das zuweilen als südlicher Ausläufer des Hoggar- Gebirges 130 betrachtete Massiv besteht nicht aus einem durchgehenden Gebirgszug wie die Alpen, sondern aus zahlreichen abgeschlossenen, festungsähnlichen Erhebungen, von denen die markantesten der Greboun im Norden, der Tamgak bei Iferouane im Nordwesten, der Adrar Egalah westlich von Timia im Zentrum des Aïr und der Bagzan im Süden sind. Die 124 Nigerisches Tourismusministerium 2002, Web. 125 Gardi 1971, S. 65f. 126 Spittler 1998, S. 71. 127 Barth 1986, S. 156. Freilich war Barth “nicht nur Tourist“, wie Spittler (1998, s. 71) betont, sondern er erfuhr von den Tuareg auch den grundlegenden Umstand, dass „bei den Tuareg die Täler namensgebend sind und die Berge nach den Tälern benannt werden“ (Barth 1856, Bd. I, S. 416.) 128 „nomato della bontà dell’aere“, zit. in Gardi 1971, S. 196; ähnlich Durou 1993b, S. 83. Die hohe Qualität des Klimas im allgemeinen betonen auch Barth (1986, S. 169) („aber Aïr ist eines der gesündesten Länder der Erde“) und Spittler (1998, S. 203 f.), wonach lt. den Angaben von Kel Eweys „jedes Jahr Kel Ewey im besten Alter im Hausaland (sterben). Generell gilt das Aïr für Mensch und Tier gesünder, auf ihm ruht mehr Segen, albaraka.“ 129 Vgl. Hamani 1985, S. 5. 130 Vgl. Brunschweiler 1971, S. 328. 260 Gipfel dieser Erhebungen erreichen 1700 – 2000 Meter: der Idoukal-nTaghes im Bagzan- Massiv 2022 Meter, ein Gipfel des Tamgak mit 1988 Metern, der Greboun mit 1944 Meter und der Adrar Egalah über Timia mit 1874 Meter. Diese Erhebungen wirken aufgrund der fehlenden Vegetation wie gigantische, steil abfallende Gebirge, und erst bei näherer Betrach- tung sieht man, dass es nur mäßige Erhebungen, Felsnadeln oder Krater sind 131. Diese Pla- teaus sowie die von gigantischen Kugeln erodierter Granitfelsen bedeckten Flächen umfassen das Einzugsgebiet nur zu 20 % des Aïr,während die überwiegende Fläche von breiten Tälern, sog. „Koris“, eingenommen wird. Das Aïr weist eine äußerst komplexe geologische Struktur auf, auch wenn sich die diversen Gesteine grob in drei große Gruppen unterteilen lassen: 1. in Sedimente, die an der Oberfläche der Erdkruste durch die Ablagerung des Ver- witterungsmaterials anderer Gesteine oder durch chemische oder organische Prozesse ent- standen sind, 2. Magmatite, dem Folgeprodukt aus Magma, geschmolzenem oder teilgeschmolzenem Ge- stein. Dazu zählen Gesteine wie Granit, der unter langsamer Abkühlung auskristallisiert, und Lava, die durch rasches Auskühlen an der Erdoberfläche amorph bleibt. Außerdem zählen dazu die sogleich beschriebenen metamorphen Gesteine, 3. in Metamorphite, die sich in der Erdkruste durch Umwandlung anderer Gesteine unter dem Einfluss hoher Temperaturen und hoher Drucke bilden. Nach dem Grad der mechanischen Verfestigung, d.h. nach der Verbindung ihrer Komponenten, unterscheidet man ferner Lo- ckergesteine (z.B. Sand) und Festgesteine (z.B. Sandstein). Erze sind Gesteine, in denen sich Metalle angereichert haben. Kühlt derart aufgeschmolzenes Gestein sehr langsam aus, so kann es zu einer Re-Kristallisation kommen, wie dies bei zu Marmor, „gebackenem“ Kalk, der Fall ist. Dieses Phänomen tritt im Aïr in Kogo, Illekan oder den Blauen Bergen 132 auf. 8.5.1.1.1 Die drei geologischen Entstehungsphasen Die kristalline Basis des Aïr ist ca. 600 Millionen Jahre alt 133 und besteht aus intensiv gefalte- ten und verworfenen Gneisen, Glimmerschiefern, Quarziten, eisenhältigen Schichten und Marmoren, vermengt mit Graniten und Porphyren, Amphiboliten, Migamiten und anderen hochmetamorphen Gesteinen, die alle aus vorkambrischer Zeit stammen. Solche Formationen nehmen heute in afrikanischer Küstennähe immer noch große Gebiete ein. 134 Der alte, prä- kambrische Granit tritt in den typischen, höchst malerischen Kugelformen auf. In einer zweiten Phase entstanden die bis zu 2.000 Meter hohen Kristallinaufbrüche aus der Tiefe der Erdkruste aus dem späteren Unterpaläozoikum bzw. späteren Jura, also etwa der Zeit des Auseinanderbrechens von Gondwanaland. Diese mächtigen Plutone aus Graniten, Syeniten und Anothositen erscheinen gemeinsam mit den sie umringenden Begleit- intrusionen 135 (Gabbro und Rhyolith) sowie den Extrusionen 136 (Tuffe) wie zerfurchte, rund- 131 Dieses optische Phänomen wird besonders während touristischer Wanderungen deutlich, wenn ich etwa die Besteigung eines solchen Vulkans am Bagzan-Plateau vorschlage und dafür eine Stunde veranschlage, während die Mitglieder der Rei- segruppe mindestens 2-3 Stunden kalkulieren – und stets widerlegt werden. 132 Näheres dazu im nachfolgenden Abschn. „Izouzaouene - die ‚Blauen Berge’ “. 133 Vgl. Tillet 1993, S. 25. 134 Vgl. Brunschweiler 1971, S. 328. 135 Bei Intrusionen dringt Magma zwischen alte Gesteine der Erdkruste und erstarrt. 136 Ausfluss von Lava und Auswurf von Lockermaterial 261 liche „Kuchen“. Georg zählte rund 100 dieser typischen Ringkomplexe, die sich teilweise überlappen 137. Entstanden sind diese subvulkanischen Massive, die zu den „jüngeren nigeria- nischen Graniten“ gezählt werden, indem unter der afrikanischen Erdkrustenplatte gigantische Magmablasen von einem „Hot Spot“ erzeugt wurden. Dieser „Hot Spot“ lag zwar etwa 1000 km südlich des heutigen Aïr, doch infolge der Erdbewegung drifteten die Magmablasen über 60 – 70 Millionen Jahre nach Norden, zu den oberen Bereichen der Erdkruste, wo sie blasen- artige Magmenkammern bildeten. Teilweise blieben die vulkanischen Zentren in einer Schicht unter der Erdoberfläche stecken138, doch aus manchen der Magmenkammern „drängten (…) Schmelzen schlotförmig weiter empor und warfen schließlich an der Oberfläche (...) bis 6000 Meter hohe Vulkane auf“ 139. Diese ursprünglich aufsitzenden Vulkane sowie die Lavamassen sind mittlerweile weitgehend abgetragen. In einer dritten Phase entstand die jüngste kristalline Formation, die als tertiär bis quartär 140 (60 Mio. Jahre bis zur Gegenwart) eingestuft wird. Sie entstand als Folge der Alpenfaltung, die in der Sahara eine bedeutende Vulkantätigkeit auslöste. So sind über 150 teilweise noch kaum erodierte Vulkankegel, Krater sowie Tuff- und Lavaströme nachweisbar, bestehend aus schwarzen Basalten, grauen bis graugrünen Trachyten und Phonolithen. Diese Vulkane sind zumeist sehr klein, ausgenommen etwa der Mont Todra, ein 1853 Meter hohes Trachytmas- siv, das südwestlich des Bagzan gelegen ist und aus zahlreichen benachbarten Eruptivzentren und ihren ineinander übergreifenden Tuff- und Lavamassen besteht. Insgesamt ist die heutige Landschaft geologisch trotz alter kristalliner Formen sehr jung, denn der größte Teil der Oberfläche wurde beginnend im Paläozoikum bis in die jüngere Kreidezeit von marinen und terrestrischen Sedimenten überdeckt. Erst durch die stetige Herauswölbung des uralten Untergrunds seit der Oberkreide kam dieser wieder zum Vorschein und ist nunmehr der Erosion ausgesetzt. 141 Typische Gesteinsphänomene sind auch zahlreiche Verwerfungs- linien, die wie „chinesische Mauern“ wirken. Sie sind das Resultat der Kompression von Sedi- mentgestein zwischen harten Gesteinsschichten. Indem diese Schichten erodieren, bleiben die durch Quarzabscheidungen verhärteten Sedimentgesteine als „Mauern“ übrig. 142 Diese geologische Struktur bedingt auch den enormen Reichtum wunderschöner Steine. In den ausgedehnten, pflanzenlosen Kiesfeldern „möchte man jeden Stein aufheben. Sie sind rot, braun, gelb und grün, marmoriert und jaspisfarben. Manchmal sind sie vom Sandwind zu Dreikantern geschliffen, so dass du ständig glaubst, zugehauene neolithische Klingen zu se- hen.“ 143 Weniger für den Tourismus als vielmehr für die Wirtschaft von Bedeutung sind die reichen Mi- neralienvorkommen. Kupfer wurde vom 1. Jahrtausend vor Christus bis ins 14. nachchristliche Jahrhundert bei Tegguida n’Tessoum, nördlich von InGall, abgebaut. Hier wird heute noch Salz gewonnen. Der bedeutendste der Bodenschätze ist zweifellos Uran, das man in den Sediment- becken nordwestlich des Aïr findet; hier hat sich das teilweise erzhaltige Erosionsmaterial der Vulkane abgelagert. Uran wird seit 1971 in Arlit abgebaut. In solchen Sedimentbecken wie bei Timia, El Meki und Taraouadji finden sich zuweilen auch kleinere Casiterit-Vorkommen. Zin- nerz wird nur bei El Meki abgebaut, wo Arbeiter in kleinen Gruppen die Wildnis durchsuchen und entdeckte Zinnadern händisch ausbeuten. 144 Bedeutende Kohlevorkommen gibt es in Tchi- 137 Vgl. Georg 1997, S. 27 ff. 138 Vgl. Tillet 1993, S. 25. 139 Georg 1997, S. 30. 140 Vgl. Tillet 1993, S. 25. 141 Vgl. Brunschweiler 1971, S. 328 f. 142 Vgl. NIGETECH 2002, S. 33 f. 143 Gardi 1971, S. 180f. 144 1971 lag die Jahresproduktion der 1948 gegründeten „Societe Miniere du Niger“ bei 80 Tonnen jährlich, die in Nigeria verhüttet wurden. 300 beschäftigte Personen konnten damals 1500 Menschen versorgen (vgl. Gardi 1971, S. 69 f.). 262 rozerin, wo sie seit den 70er-Jahren für ein kalorisches Kraftwerk genutzt werden. Das Aïr ver- fügt auch über bedeutende Goldvorkommen, die bislang jedoch noch nicht erschlossen sind 145. 8.5.1.1.2 Koris Der Haussa-Begriff „Kori“ bezeichnet Täler, die nur nach Regenfällen Wasser führen. Diese sonst trockenen, sandigen Flussbetten verwandeln sich dann in reißende Flüsse 146. Bemer- kenswert an den Koris im Aïr-Massiv ist die große Zahl und erstaunliche Größe, bedecken sie doch 80 % der Fläche des Aïr, deren Felsmassive die Täler bis zu 1500 Meter überragen. Mit einer Gesamtausdehnung von rund 62.000 km2 wirken sie wie ein gigantisches Auffangbe- cken 147. Beachtlich ist auch die Länge dieser Täler, die das Aïr nach Westen entwässern. Dort, in der Talak-Ebene, vereinigen sich die Aïr-Koris zum Kori Azaouak, das im Südwesten im Fluss Niger endet. Dieser Kori gilt als identisch mit dem Flussbett des Ur-Niger 148. Im Aïr wachsen in den Koris oft Bäume, in einigen Koris haben die Bewohnen sogar zahlrei- che Gärten angelegt, die dann während der Regenzeit besonders von Erosion durch die rei- ßenden Wassermassen gefährdet sind. 149 Darum ist der Schutz der Gärten vor Erosion eine der wichtigsten Maßnahmen der EZA-Projekte. Ursprünglich waren die meisten Koris mit Bäumen bewachsen. Aufgrund des massiven Holz- einschlags sind jedoch mittlerweile in vielen Koris die Euphorbien, giftige Wolfsmilchge- wächse, zu dominanten Pflanzen geworden und haben lebenswichtige Bestände der ursprüng- lichen Vegetation verdrängt 150. Notgedrungen werden sie zunehmen anstelle der Dum-Palmen als Bauholz, insb. für Zäune, verwendet. 151 8.5.1.1.3 Wasserstellen im Aïr Im Aïr fließen nur wenige Quellen ganzjährig. Einige sind Säuerlinge und damit die letzten Erscheinungen des Vulkanismus. Die bekannteste Schwefelquelle sprudelt in Tafadek, 80 km nördlich von Agadez. Aufgrund ihres bedeutenden Rufes im Hinblick auf die Heilkraft beson- ders bei Hautkrankheiten kommen „Kurgäste“ aus der näheren und weiteren Umgebung, sogar aus Nigeria. Die im benachbarten Tal Lagernden baden täglich mehrmals in der ca. 50 - 60 Grad heißen Schwefelquelle, die im Schutz zweier kleiner Steinhütten, sog. „Hamams“, in be- tonierten Becken gefasst wird. Nach jeder Benützung wird das Becken - mittlerweile motorisch - ausgepumpt 152 und aus der unter Druck stehenden Quelle neu gefüllt. Die geheilten Besucher pflegen als Zeugnis ihrer Heilung Tücher in die Bäume zu hängen. Eine weitere mineralhältige, 145 Vgl. Hampel 2001, Web; Hampel 2003, Web. 146 So floss das Kori Teloua bei Agadez 1981 mit wenigen Unterbrechungen zwei Monate lang, wodurch es in Agadez zu Überschwemmungen und zum Einsturz mehrerer Häuser kam (vgl. Adamou/Schulz 1985, S. 4). 147 Vgl. Bernus 1993, S. 43. 148 Vgl. Durou 1993b, S. 83. 149 Das beweist etwa der große „Palaverbaum“, der mitten im Flussbett vor dem Dorf Timia steht. Vor vielen Jahren sei dieser Baum noch in einem Garten gestanden, der mit der Zeit fortgeschwemmt worden war (Auskunft Aghali Imoumoume- ne, Timia, 20. November 1999). 150 Vgl. etwa die Beobachtungen im Tal von Wan Temagargawessen bei Tchin-Tabaraden (Abdelkader 2003, S. 2). 151 Vgl. NIGETECH 2002, S. 29. 152 Bei meinem ersten Besuch 1997 wurden die Becken noch händisch ausgeschöpft. 263 jedoch kalte Quelle namens Igululuf liegt schwer zugänglich im Zentrum des Aïr zwischen Ti- mia und Iferouane. 153 Ganzjährig fließende Süßwasserquellen finden sich nur an zwei Stellen im Aïr: Es sind dies der Bach am Bagzan im Tal von Ighalabelabene 154 und die euphorisch als „Wasserfall“ be- zeichnete „Cascade“ von Timia am Fuße des Adrar Egalagh. Genährt wird das Rinnsal von langsam durch das poröse Gestein des Vulkankegels sickerndes Regenwasser, das sich über Jahrtausende am Fuße des Berges einen Canyon durch das Basaltgestein geschwemmt hat und in einem breiten Becken unter der Basaltmauer einen ansehnlichen Teich bildet. Hier pflegen die Kinder von Timia und auch Touristen zu baden 155, denn wegen des ständig fließenden Wassers besteht kein ernsthaftes Bilharziose-Risiko 156. Weit verbreitet sind meist perennierende Wasserstellen (Agelmane) aus Regenwasser, das sich vor längerer Sonneneinstrahlung geschützt in schattigen Felsspalten sammelt und in den Ber- gen die Grundlage für die Wasserversorgung von Mensch und Tier bildet. 8.5.1.2 Besondere Landschaftsformen im Aïr 8.5.1.2.1 Der Bagzan Im Süden des Aïr liegt ein einziges Hochplateau mit ovaler Form mit 40 km Länge und 20 km Breite, das 400 Meter festungsartig hochragt. Nach Norden steigt es von 1500 m auf 1800 m an. Auf der Hochfläche liegen mehrere Vulkane, etwa im besiedelten Zentrum der Taghet Izzigerit und im Norden der Taghes Idoukal, der mit 2022 m auch die höchsten Erhebungen im Aïr ist. Der Bagzan ist das einzige Hochplateau der saharischen Gebirge, auf dem mehrere Dörfer dauerhaft bestehen. Das Massiv galt immer schon als Rückzugsgebiet in Kriegszeiten. Es gilt als Entstehungsstätte der politischen Organisation der Kel Aïr sowie als Zentrum der Garten- bau-Entwicklung dieser Region. Ursprünglich lebten hier die einzigen permanenten Acker- bauern des Aïr, und die Fundplätze der ältesten Keramik in der Sahara liegen ebenfalls am Bagzan. 157 Wie Untersuchungen bei Tagalagal im Norden des Bagzan ergeben haben, war diese Stätte seit dem 8. oder 9. Jahrtausend v. Chr. besiedelt 158. Die ursprüngliche, schwarze Bevölkerung, die „Gobirawa“, wurde seit dem 11. Jahrhundert von den Tuareg Itesen nach Süden verdrängt, im 12. Jahrhundert siedelten hier auch die einwandernden Kel Ewey und Kel Geress. Aus dieser Zeit stammen auch die vereinzelt vorkommenden Steinbehausungen und Mauern, die zur Abgrenzung von genau vereinbarten Territorien dienten. Im 14. Jahrhun- dert fiel die gesamte Region unter die Herrschaft des Bornu-Reichs, woraus sich noch heute 153 Vgl. Bernus 1993, S. 262; Gardi 1971, S. 71. 154 Dazu im folgenden Kapitel. 155 Die Bademöglichkeit preist auch das nigrische Tourismusministerium an (vgl. Tourismusministerium 2002, Web). 156 Für das ähnlich gelegene Bassin bei Elmeki rät Bertrand Sellin (in Decoudras/Durou 1994, S. 156) nachdrücklich vom Baden ab wegen großer Bilharziose-Gefahr. 157 Vgl. Adamou/Schulz 1985, S. 3. Auch Felsmalereien, wie sie im Niger generell höchst selten sind, finden sich in Grotten östlich von Bagzane-n-Ammas auf 17°43,584’ N, 8°45,806’ O, sowie etwas weiter nordöstlich auf 17°43,875’ N, 8°46,354’ O. 158 Tagalagal wurde 1978 entdeckt als die älteste Keramik-Fundstätte in Afrika. Auf 1850 m gelegen, umfasst sie eine Fläche von rund 800 m2 und ist sehr schwierig zu erreichen. Vgl. in NIGETECH 2002, S. 56. 264 bekannte Volksüberlieferungen gründen 159. Im 18. Jahrhundert wurden wiederum die Kel Geress und die Itesen durch die Kel Ewey nach Süden vertrieben. Heute leben auf dem Bag- zan zwei Kel Ewey-Stämme: Itagan im Norden und Igermaden im Süden mit insgesamt etwa 2000 Menschen in neun Dörfern und vier Nomadencamps 160. Sie gelten als hervorragende Karawanenführer und produzieren als Bauern eine Kartoffelsorte, die im ganzen Land für ihren Geschmack und ihr Volumen berühmt ist. 161 Der Anbau wird im intensiven Gartenbau- Verfahren in den größeren Becken und Tälern betrieben. Das benötigte Wasser holen die Bauern aus bis zu 10 Meter tiefen Brunnen. Der jährliche Niederschlag liegt nur bei 50 – 120 mm/Jahr, allerdings profitiert der Bagzan von dem mit 30° relativ niederen Sommermittel, wogegen in Agadez im Mittel 40° herrschen. 162 Im südöstlich des Bagzan gelegenen Tal von Ighalabelabene, was soviel wie „da, wo das Wasser rauschend aus der Erde kommt“ bedeutet, ermöglicht ein ca. 300 Meter weit fließen- der Bach die Berieselung durch Fließwasser, was sonst im Aïr nirgendwo möglich ist. 163 Die- ser glückliche Umstand mochte wohl auch ein wesentlicher Grund für die Eignung des Bag- zan als Rückzugsgebiet bei Kriegen sowie bei ökologischen Krisen, wie Dürren, gewesen sein. Hier, in diesem tief eingeschnittenen, schluchtartigen Tal, ist einer der wichtigsten Zugänge zum Bagzan, der höchstens mit Eseln oder Kamelen begehbar ist. Dies ist mit ein Grund für die hohe Attraktivität des Bagzan für den Tourismus, der hier schon in den 80er-Jahren in Form touristischer Karawanen betrieben wurde. 164 Den heutigen Bewohnern des Bagzan sagte Taubert noch vor knapp 20 Jahren eine „auffal- lende Heimatbezogenheit“ 165 nach, da diese Menschen „selbst im Aïr als hinterwäldlerische Sonderlinge (gelten), die eine ausgesprochen enge Verbundenheit mit ihrer extrem peripheren Heimat zeigen, weil ihr Lebensraum weder durch Pisten erschlossen ist noch Schule, Verwal- tung oder marginale Versorgungseinrichtungen aufweist“. Durch diesen Umstand hatte sich z.B. das Wissen um traditionelle Heilmittel lange erhalten. Berühmt und sehr begeht ist etwa die „grüne Sauce des Bagzan“, eine spezielle Kräutermischung, die auch einige Drogen ent- hält. Besonders begehrt ist der lokale Ziegenkäse, der wegen der würzigen Kräuter von be- sonderem Geschmack ist. 166 Auch heute leben die Kel Bagzan noch überwiegend in den von Touristen als malerisch emp- fundenen, mattenverkleideten Rundhütten, wobei mehrere Hütten durch Umzäunungen aus dornigen Ästen oder Stammstücken zu Gehöften zusammengefasst sind. Selbst der Hauptort des Bagzan, Bagzane-n-Ammas, besteht nur aus einigen vereinzelt stehenden Strohhütten und nur wenigen lehmverputzten Steinbauten. Mittlerweile existiert hier auch eine kleine Schule, und eine Apotheke wurde im Jahr 1999 von der Frau des damaligen Präsidenten Baré einge- weiht. Der verantwortliche Apotheker verfügt mit seinem Geländemotorrad wohl über das einzige motorisierte Fahrzeug am Bagzan. Für ihn wurde 2001 eine einfache Piste von Wes- ten her auf den Bagzan gebaut, die jedoch für Geländefahrzeuge ungeeignet ist. 159 Nach der mündlichen Überlieferung mussten die Kel Aïr damals jährlich 100 Jungfrauen für den Harem des Bornu- Herrschers abliefern. Als die Kel Ewey schließlich Widerstand leisteten und deswegen von der Bornu-Armee angegriffen wurden, flüchteten die Kel Ewey auf den Bagzan, wo sie ein Jahr belagert wurden. Als sie dem Hunger zu erliegen drohten, rettete eine Idee der Kel Bagzan die Belagerten: Man sandte vier mit Hirse, Weizen, Reis und Bohnen beladene Kamele zum Bornu-Heer, worauf dieses, von den offensichtlich verbliebenen Reserven der Tuareg überwältigt, abzog. 160 Vgl. Adamou/Schulz 1985, S. 9. 161 Auch die jährliche Dattelernte mit über 1 Tonne ist bedeutend. Vgl. Bourgeot in Decoudras/Durou 1994, S. 98 ff. 162 Vgl. Bourgeot in Decoudras/Durou 1994, S. 98. 163 Vgl. Bernus 1993, S. 379. 164 Vgl. Adamou/Schulz 1985, S. 5. 165 Taubert 1984, S. 46 ff. 166 Vgl. Adamou/Schulz 1985, S. 10. 265 8.5.1.2.2 Izouzaouene - die „Blauen Berge“ Mitten in den Dünen der Ténéré, nordöstlich des Tamgak, liegen die blauen Marmorklippen von Izouzaouene 167. Sie entstanden aus Kalksedimenten einer Meeresüberflutung über die afrikanische Platte, wobei die Ablagerungen durch Hitze und Druck in den Tiefen der Erd- kruste mittels komplexen geochemischen Metamorphosen gleichsam „zu Marmor geba- cken“ 168 worden sind. Ihr Reiz liegt in den vielfältigen, weichen Formen der Marmorfelsen, modelliert vom Sandstrahlgebläse des Wüstenwindes. Ihr besonderer Zauber geht von der bläulichen Färbung aus, die einerseits durch Einschlüsse von Mineralien, wie Glimmer und Serpentin 169, entsteht, andererseits durch Lichtbrechung in der Gesteinsstruktur und selektive Rückstrahlung des blauen Lichtanteils, ein Effekt, wie er auch bei Gletschereis auftritt. Die Lage der Klippen dürfte auch in neolithischer Zeit bereits vorteilhaft gewesen sein, worauf Funde von Reibschalen östlich der Klippen schließen lassen 170. Der Besuch der Blauen Berge ist nicht ganz unproblematisch, weil besonders im Frühling häufig Winde die Region in dichte Staubnebel hüllen können, sodass man in solchen Situationen wegen des Flugsands in den Augen wenig von diesem Naturwunder spüren kann 171. Ähnliche Marmorphänomene finden sich im Tal Kogo und in Illekane, wenn auch deren Far- be und Maserung eher weiß ist. In der Ebene südwestlich der Marmorklippen von Illekan 172 findet sich eine große Anzahl an sorgfältig behauenen und geschliffenen Steinplatten und zer- brochenen Steinringen aus Marmor im Durchmesser von 10 -15 cm. Die Häufung von Stein- ringbruchstücken an einigen Fundstellen deutet darauf hin, dass hier eine Art neolithische "Industrie" für Steinringe bestanden haben dürfte. 8.5.1.2.3 Arakao – die „Krabbenschere“ Im östlichen Ausläufer des zentralen Aïr-Massivs liegt die nach Osten zur Ténéré aufgebro- chene Kaldera eines erloschenen Vulkans aus dem Tertiär und Quartär mit einem Durchmes- ser von 10 km, „one of the largest ring-dike systems in the world“ 173. Der Vulkan war nach Ansicht Georgs ursprünglich wahrscheinlich mehrere tausend Meter hoch und ist schließlich in die entleerte Magmakammer eingebrochen.174 Nun ist die Kaldera mit Sand gefüllt und von einem Dünenband durchzogen, das sich zum Aïr-Massiv hin bis über 200 Meter auftürmt. Aufgrund der günstigen, geschützten Lage durch die Ringkaldera und Dank der Versorgung mit Wasser aus dem Tal von Arakao war der Ort bereits in neolithischer Zeit besiedelt. Das beweisen einige Rundgräber im Südosten der Kaldera, zahlreiche Funde neolithischer Pfeil- spitzen sowie das Vorkommen von Felsgravuren im Tal von Arakao. 167 19°37’N, 9°12’O. 168 Georg 1997, S. 51. 169 Vgl. NIGETECH 2002, S. 51. 170 19°36,978’N, 9°11,874’O, gefunden von mir selbst am 4. 2. 2003. 171 Zudem liegen diese Klippen im Nordwesten des Kerngebiets des Aïr-Ténéré-Bioreservats, für das das Gesetz (Republique du Niger 1988, Decret No. 88-020/PCMS/MAG/E) den Zutritt für Touristen verbietet, doch ist diese Regelung längst de facto außer Kraft. Näheres dazu im folgenden Kap. über das „Aïr-Ténéré-Bioreservat“. 172 Auf 19°03,699’N, 9°18,274’O. 173 WCMC 2000, Web. 174 Vgl. Georg 1997, S. 21. 266 8.5.1.2.4 Adrar Bous Knapp 130 km nördlich von Iférouane oder 350 km westlich vom Djado-Plateau liegt der Plu- ton Adrar Bous wie eine schwarze Insel inmitten der Ténéré. Adrar Bous erlangte seine Bedeu- tung als wichtige Fundstätte zahlreicher Felszeichnungen und vieler Relikte der neolithischen Ténéréen-Kultur 175, etwa 9.500 Jahre alter Keramik sowie eines über 6.000 Jahre alten Rinder- grabes 176. Im Süden des Plutons liegt der versteinerte Boden eines ausgetrockneten Sees oder Meeres, übersät mit eigenartigen Fossilien, die wie Hundekot aussehen. 8.5.1.2.5 Adrar Chiriet Noch attraktiver als Adrar Bous erhebt sich dieser kreisrunde Pluton, östlich des Tamgak in- mitten eines ausgedehnten Dünenfelds gelegen, wie ein schwarzes Geisterschiff aus dem Sandmeer der Ténéré. Von hier aus starten zahlreiche touristische Kamelkarawanen Richtung Tamgak. 8.5.1.2.6 Die Tamgak-Schlucht Die Tamgak-Schlucht ist eine rund 40 km lange bogenförmige Schlucht, die entlang des Schnitts von sich überlappenden Plutonen entstanden ist. Diese Überlappung hat sich hier „in einer Art Reliefumkehr als tiefe Schlucht fortgesetzt und tritt daraus schließlich wieder als bogenförmige Mauer hervor“. 177 Im Inneren der Schlucht finden sich weitere Zeugnisse der vulkanischen Entstehungsgeschichte dieses Tals, nämlich Megabrecczien, geologische Phä- nomene, die entstehen, indem aufsteigendes Magma zerbrochene Gneis- und Granitblöcke umströmt und erstarrt, bevor die Blöcke aufgeschmolzen werden. 178 Entlang der Schlucht finden sich seitliche Zugangsschluchten mit zahlreichen Wasserbecken, die gras- und schilfbestanden sind und an denen Libellen und Paviangruppen vorkommen. Besonders zum westlichen Ausgang hin tritt das unterirdisch fließende Wasser soweit an die Oberfläche, dass es große Becken bildet, in denen man auch baden kann und die umgeben sind von riesigen, rundgeschliffenen Felskolossen. Aufgrund ausreichender Vegetation und des Wasservorkommens nomadisieren auch einige Tuareg in diesem Tal, und verdingen sich zuweilen auch als Führer von Touristengruppen. Das Tal dürfte wohl schon länger als Rück- zugsgebiet gedient haben, besagt doch sein Name „Bewohnter Berg, der viele Dinge ver- birgt“. 175 Paris (1993, S. 212) kritisiert nachdrücklich, dass dieser Fundplatz leider sehr regelmäßig von zahlreichen Amateursamm- lern besucht und trotz Verbotes geplündert wird. Wer sollte es bei Individualreisenden verhindern… 176 Vgl. Paris 1993, S. 206 ff. 177 Georg 1997, S. 27. Derartige Megabrecczien finden sich etwa in den östlichen Ausläufern des Tamgaks auf 19°04,101’N, 8°52,017’O. 178 Vgl. Georg 1997, S. 22. 267 Die 60 km lange Route von Iferouane in den Osten hat der Franzosen Burthe d’Annelet als erster Europäer im Jahr 1930 begangen, später nach Ansicht Georgs erst wieder die Geo- Expedition im Jahr 1997. 179 8.5.1.2.7 Die Ténéré „Ténéré“ bedeutet auf Tamaschek "Land da draußen" 180 und bezeichnet das Gebiet zwischen dem Aïr und dem Tibesti mit einer Fläche von 350.000 km2. Diese Wüste gilt als eine der trockensten der Erde. Auf mehreren hundert Kilometern gibt es nicht den kleinsten Weide- platz, und vom Kawar Richtung Westen lässt sich auf 200 km Wegstrecke kein Wasser fin- den 181. Wer hingegen vom Aïr aus die Ténéré durchqueren will, wie die Salzkarawanen von Agadez ins Kawar, trifft nach dem Aïr nur auf einen einzigen, gemauerten Brunnen mit 40 Metern Tiefe, den Arbre du Ténéré 182. „Bis 1973 stand hier, 300 km von Agadez, der berühm- te „Arbre du Ténéré“, eine einzelne Schirmakazie (Acacia raddiana), die über 150 Jahre ei- nen Orientierungspunkt für Karawanen und Wüstendurchquerer darstellte. Dieser letzte (bzw. erste) Vorposten des Sahel und „Wahrzeichen“ der Ténéré-Wüste – übrigens der einzige Baum in einem Gebiet von der Größe Frankreichs – wurde 1973 von einem LKW-Fahrer ge- rammt und umgestürzt. Das legendäre Baumskelett steht nun auf einem Postament im Natio- nalmuseum der Hauptstadt.“ 183 Heute steht neben dem Brunnen eine Antenne 184 und zur Ori- entierung ein metallener Baumersatz 185. Geologisch ist die Ténéré ein weites Sandfeld, der Erg Ténéré, das den alten Gebirgssockel bedeckt, der erst im Raum Djado und Kawar wieder zum Vorschein kommt. Die Sandfläche entstand im Paläozoikum, vor ca. 380 Millionen Jahren, als ein Meer vom Norden her in das Tschadbecken vordrang und nach dessen Rückzug vor 120 Mio. Jahren die Sandablagerungen zurückließ. Vor 100 Mio. Jahren kam es erneut zur Seen- und Sumpfbildung bei gleich- zeitigem Auftreten von Sauriern und Riesenkrokodilen, wie die Saurierfriedhöfe bei Arlit, in Gadaoufaoua und Marandet beweisen 186. Gegen Ende des Tertiärs und zum Anfang des Quar- tärs, vor etwa 2,5 Mio. Jahren, führten starke tektonische Bewegungen zur Hebung des Ge- samtkomplexes Aïr-Djado-Kawar und Ténéré, was gleichzeitig das Absinken der Tschadsee- Senke verursachte und wodurch die Stufe an den westlichen Randzonen des Beckens ent- stand. 187 In der Folge traten nach längeren Feuchtperioden ausgeprägte Dürreperioden zwi- schen 20.000 und 12.000 v. Chr., um 7500, 6000 und 2500 v. Chr. auf, und seit 700 v. Chr. wird es ständig trockener. 188 Zwischen diesen Perioden entwickelten sich immer wieder Kulturen in der Ténéré, was die zahlreichen, über die Ténéré verstreuten steinzeitlichen Fundstücke beweisen. So fand hier 179 Vgl. ebd., S. 27 f. 180 Vgl. Gießer 1984, S. 15 181 Vgl. Baroin 1993, S. 113 182 17°44,643’N, 10°04,979’O. 183 Krings 1982, S. 384. 184 1998 hat ein Japaner hier ein Monument aufgestellt, ein turmartiges Gerüst aus Metallrohren, in dessen Zwischenräumen dicke Scheiben aus milchigem Glas hängen. Das Konstrukt ist gekrönt von einer kegelförmigen Spitze, darunter befindet sich eine halbkugelige „Glocke“, die im Wind leise klingelt (Langensteiner 2001, Sahara Info 3/2001, S. 23. 185 1990 hatte die Regierung eine Initiative zur Neubepflanzung unternommen und 30 Bäumchen in Ölfässern neben den Brunnen gestellt. Betreut hat sie ein Tubu aus Fachi namens Kader als Begießer, der immerhin 3 Jahre trotz ausbleibender Bezahlung ausharrte. 1993 lebten noch 15 Bäumchen, im Jahre 2001 noch zwei (vgl. Stührenberg 2001, S. 140). 186 Zu den Fossilienvorkommen siehe in diesem Kap. den Abschnitt über „Saurierfriedhöfe“. 187 Vgl. Tillet 1993, S. 25. 188 Vgl. Quechon 1994, S. 24. 268 Georg im Zuge einer Geo-Expedition auf der Suche nach Meteoriten 189 im Jahre 1997 „Stein- werkzeuge in großer Zahl“, meterlange Mörserstößel, einen makellosen steinernen Armreifen aus dem Ténérén 190 (ca. 4.000 v. Chr.), zahllose Artefakte aus dem Paläolithikum (400.000 Jahre) sowie ein „Bergwerk der Neolithiker“, um grünen Kieselschiefer zu gewin- nen, „sehr wahrscheinlich das einzige, weil die dafür nötigen geologischen Bedingungen sel- ten anzutreffen sind.“ 191 Westliche Touristen begeistern sich in der Ténéré an der enormen Weite, den reichen prähis- torischen Fundstücken und an den Dünenfeldern, auf Tamaschek „egueff“ genannt. Diese gelten als jüngste geologische Erscheinungsform der Wüste. Sie sind das Ergebnis ständiger Erosionsprozesse, sind im Wesentlichen in den letzten 30.000 Jahren entstanden, die jüngsten Dünen vor 4000 Jahren. Die großen Dünenbänder der Ténéré sind einerseits der Erg von Arakao, der sich zwar nur über 15 km weit als schmales Band zieht, jedoch Höhen bis zu 200 Metern erreicht, und andererseits der Erg von Bilma, der sich als Fortsetzung des Ergs du Ténéré über mehrere Hundert Kilome- ter vom Süden des Aïr bis zum Kawar ausdehnt. 8.5.1.2.8 Temet Die berühmtesten Dünen der Ténéré sind zweifellos jene von Temet 192 am Fuße des 1944 Meter hohen Greboun-Massivs im Norden des Aïr, die Steineck als „die wohl einzigartigsten Sandmassen der Welt“ 193 bezeichnete. Diese bis zu 300 Meter hohen Dünen, die der Geologe und Forschungsreisende Conrad Kilian als erster Europäer im Jahr 1943 bestiegen hatte 194, umgeben den Kori Temet, der das Greboun-Massiv entwässert. Ursprünglich waren dieses Tal und die Dünen nur durch die umständliche Umfahrung der nördlichen Aïr-Berge erreichbar. Die touristische Nutzbarkeit des Gebiets wurde angeblich erst durch Mano Dayak möglich, indem dieser Arbeiter beauftragte, den versperrenden Erdwall zu durchbrechen 195. 8.5.1.2.9 Die „Falais de Tiguidit“ Die malerischen Felsen von Tiguidit sind die Abbruchkanten eines alten Sandsteinplateaus in Form eines lang gezogenen Bogens, der sich vom Südosten Agadez' nach Nordwesten zum Ort Ingall und weiter zu den Salzminen von Tegguida n’Tessoum ziehen. Bei Marandet, dem süd- westlichen Vorkommen, eine knappe Autostunde von Agadez entfernt, bilden die Felsen eine Barriere bis zu 150 Meter Höhe, die zu einzelnen Inseln zerfällt196. Hier fand das erste große 189 Vgl. Georg 1997a, S. 44 ff., wobei das Team letztendlich etwa 27 kg Meteroritgestein finden konnte. 190 Näheres zur Ténérén-Kultur siehe weiter unten. 191 Georg 1997a, S. 46. 192 “Temet” (Tamaschek) bedeutet Allianz, Verbindung, Verwandtschaft (vgl. Nigrisches Tourismusministerium 2002, Web). 193 Steineck 1998, S. 18. 194 Vgl. Durou 1993b, S. 83; NIGETECH 2002, S. 51. 195 Vgl. Steineck 1998, S. 18. Von Tuareg-Führern konnte ich keine Bestätigung dieser Information erhalten. 196 Vgl. Bernus 1993, S. 41. 269 internationale Modenschau-Festival „FIMA“ im Jahr 1998 statt197. In der Umgebung von Ma- randet kann man an zahlreichen Stätten Relikte der Eisenzeit wie Reibschalen, Keramik, eisen- zeitliche Nahrungsreste, Stücke von Gussformen für das Metallschmelzen und Fragmente von Schmiedegeräten 198 finden. Hier befindet sich auch einer der großen Saurierfriedhöfe der Ténéré. 199 8.5.1.3 Das Aïr-Ténéré-Bioreservat Im Jänner 1988 wurde im Nordosten des Aïr eine 77.360 km2 große Fläche zum „Réserve naturelle nationale de l’Aïr et du Ténéré“ erklärt und die darin existierende Fauna und Flora sowie die archäologischen und kulturellen Stätten unter Schutz gestellt 200. Ziel dieser Maß- nahme sollte der durch Ökotourismus finanzierte, dauerhafte Erhalt dieses einzigartigen En- sembles sein, in dessen Oasen Iférouane und Tin Telloust auch 1.500 - 4.500 Nomaden und etwa 2.500 sesshafte Tuareg leben 201. Gleichzeitig wurde im Zentrum dieses größten Schutzgebietes in Afrika nochmals ein fast 13.000 km2 großer, hyperarider Lebensraum, das „Addax-Sanktuarum“, als Rückzugsgebiet für die Addax-Antilope abgegrenzt und besonders streng geschützt 202. Hier ist nur mehr der Zutritt für Wissenschaftler mit Sondergenehmigung erlaubt. Ziel dieser Maßnahmen war nicht zuletzt die Bewahrung der dortigen archäologischen Stätten vor Raubsammlern und Souvenir- jägern. 203 Unter der betroffenen Bevölkerung führten die neuen Beschränkungen im Bereich der Holz- nutzung oder der Beweidung 204 zu anfänglichen Widerständen und sogar zu Zusammenstößen mit den Behörden 205. Auch die regionalen Reiseagenturen sahen ihre Unabhängigkeit gefähr- det 206. In der Folge wurde das rein naturschutzorientierte Konzept des WWF 207 Ende 1990 durch ein integrales, am Nutzen der Bevölkerung orientiertes Konzept unter der Betreuung des UICN ersetzt 208. Das Verwaltungszentrum des Reservats befindet sich in Iferouane, wo 1990 für die Besucher ein Naturkunde-Museum mit einem Ausstellungsraum für Schmiede errichtet worden war 209. 197 Näheres zur FIMA siehe in diesem Kap. den Abschnitt über „Überregionale Feste: Cure Salée, Aïr-Festival, Gerewol, FIMA/FIMA 1998 - ein Mode-Festival in der Ténéré“. 198 Vgl. NIGETECH 2002, S. 56. 199 Dazu näheres unten. 200 Republique du Niger 1988: Decret No. 88-019/PCMS/MAG/E du 22 Janvier 1988. Zu den Schutzmaßnahmen zählte etwa das Verbot der organisierten Motorsport-Veranstaltungen, das sich gegen die Rallye Paris-Dakar richtete, die früher durch dieses Gebiet führte. Auch 1997 war die Route wieder durch das Reservat geplant, aber nach Verhandlungen zwischen der UNESCO und den Rallye-Veranstaltern wurde die Streckenführung abgeändert (vgl. UNESCO 1996, Web.) 201 Vgl. Thorsell, Sigaty 1998, S. 23; WCMC 2000, Web, unter Hinw. auf Magin, C.D. 1990a: The status of wildlife popula- tions in the Aïr and Ténéré National Nature Reserve 1988 - 1990. Série des Rapports Techniques No. 14. IUCN/WWF, Nia- mey, Niger. 202 Vgl. Newton 1993, S. 103. 203 Vgl. Newby 1994, S. 114. 204 Vgl. die Kritik von Bourgeot 1995, S. 416 ff., sowie Aoutchiki 1992, S. 117 ff. 205 Ausk. Aggag, Interview, Iferouane 1997. 206 Vgl. WCMC 2000, Web. 207 Eine WWF-Forschungsmission ins Aïr im Jahr 1979 löste das seit 1982 laufende Forschungsprojekt Nr. 9607/1624 ("Conservation et gestion des ressources naturelles dans l'Aïr et le Ténéré") des WWF in Kooperation mit dem UICN aus. [Vgl. WCMC 2000, Web, unter Hinw. auf WWF, IUCN 1996: La Réserve Naturelle Nationale de l'Aïr et du Ténéré (Niger). Étude initiale: analysis descriptive. IUCN, Gland, Switzerland.] 208 Vgl. Aoutchiki 1992, S. 119. 209 Es ist mühsam, dieses unterrepräsentierte Museum in Centre d'Artisanat zu finden und dann nur einige Fotos und Erklä- rungstexte zu sehen (persönliche Erfahrung März 2001). 270 1991 kam das Reservat in die UNESCO-World Heritage-Liste, ein Jahr später wegen der massiven Bedrohung der regionalen Fauna durch die Tuareg-Rebellion in die UNESCO-Liste der gefährdeten Kulturerbe-Stätten 210. Das begleitende Entwicklungsprojekt des UICN war wegen der Übergriffe auf Projektmitarbeiter bis Ende der 90er-Jahre unterbrochen211. Die Besonderheit des Reservats liegt in der reichen Artenvielfalt der Fauna und Flora, die schon Heinrich Barth beschrieben hatte, als er, von Norden, aus der Vollwüste kommend, ins Aïr gelangt war: „Die ganze Natur atmete neues Leben, und die Tierwelt entwickelte ihre ge- fälligen Eigenschaften in der ganzen Kraft neu erwachender Triebe. Die dichtkronigen Bäu- me schwirrten von dem fröhlichen Gezwitscher der Ammern und Finken und dem Gegirre der Turtel- und der kleinen Ägyptischen Taube, während der Wiedehopf in fröhlichen Sprüngen auf dem Boden umherspielte. Affen stiegen, sooft sie unbemerkt zu sein glaubten, von den Vorhöhlen des Tunan in die kleine Einsenkung hinter unserem Gezelte herunter, um einen Trunk Wasser zu erlangen; Hyänen und Schakale ließen sich regelmäßig in ihren nächtlichen Wanderungen rund um unser Lager hören, während dann und wann der ferne Ruf eines Lö- wen erschallte." 212 Auch die Mission Fourneau-Lamy, die um die Jahrhundertwende das Aïr durchquert hatte, berichtete von Löwen bei Iferouane und Aouderas. 213 Ausgerottet wurden die Löwen erst in den 20er-Jahren von den Kel Ewey, nachdem sie Gewehre von den Europä- ern erhalten hatten 214. Noch Anfang der Fünfziger Jahre beobachtete Zöhrer, wie hundert Jahre vor ihm Barth, „eine für unsere Wüstenbegriffe geradezu märchenhafte Vegetation (...): durch lichten Wald, zwi- schen blühenden Bäumen und duftenden Blumen reiten wir dahin, es schwirrt von winzigen, farbenprächtigen Vögeln, und in der Ferne ziehen zwischen den Baumgruppen Strauße und zierliche Gazellen in kleinen Herden oft stundenlang ohne Scheu mit uns, (...) als wären wir nach all dem Sand und der Wüstenei der vergangenen Wochen ins Paradies gekommen“ 215. Zu Zöhrers Zeiten gab es noch viele Moufflons, sogar bei den Falaises de Tiguidit, im Süden und Südwesten aber auch Antilopen und Giraffen. Strauße in Gruppen bis zu 20 Vögeln wa- ren keine Seltenheit, 216 und Gardi hatte Ende der 60er-Jahre selbst im Südosten des Aïr „min- destens drei Dutzend Gazellen“ gesehen 217. Natürlich ist auch die Flora in dieser Region ungewöhnlich. So wachsen etwa Restbestände mediterraner Vegetation, wie die Lapperrinenolive (Olea laperrinei) 218 auf dem Mt. Greboun, und Tamarisken (Tamarix senegalensis) und Feigen (Ficus salicifolia) auf abgelegenen Pla- teaus in Höhen über 1000 Meter 219. Da heute noch rund 30 Säuger im Aïr-Ténéré-Bioreservat leben, soll auf einige Tierarten nä- her eingegangen werden: Die Dorkas-Gazelle (Gazella dorcas) ist das bei weitem häufigste größere Säugetier der Saha- ra 220. Sie verdankt ihre weite Verbreitung ihrem kleinen Wuchs, ihrer Behändigkeit und ihrem zierlichen Bau, wodurch sie keines großen Nahrungsangebotes bedarf. 210 Vgl. WCMC 2000, Web. 211 Ausk. Aggag, Iferouane 1997; vgl. auch Seydou 2000, S. 8. Finanziert wurde das Projekt durch die Schweizer und Däni- sche EZA. Anfang 2003 ist das Projekt jedoch endgültig ausgelaufen (Hinw. Bourgeot, persönl. Schreiben vom Mai 2003.). 212 Barth 1986, S. 174. 213 Vgl. Newby 1994, S. 120. 214 Spittler 1998, S. 81 f., der den Bericht des Karawaniers Ghabdu zitiert, wonach dieser auf der Hochweide von Guide, wenige Kilometer nordöstlich von Timia, beobachtet habe, wie ein Löwe ein Kamel geraubt hat. 215 Zöhrer 1954, S. 87. 216 Vgl. Nicolaisen/Nicolaisen 1997, S. 229. 217 Gardi 1971, S. 179. 218 Die lateinischen Namen der Spezies sind dem Lexikon „Newby, Tcholli, Canney o.A: Lexique de la Faune et de la Flore. Reserve naturelle de l’Aïr et du Ténéré. Niamey“ entnommen. 219 Vgl. Bernus 1993, S. 259 f. 220 Im März 2003 sah ich südlich von Iferouane binnen weniger Stunden mehrere kleine Rudel mit je 2 - 4 Exemplaren. 271 Die Dama-Gazelle (Gazella dama) ist eines der seltensten und beeindruckendsten Tiere. Mit ihren 80 kg Körpergewicht und einer Schulterhöhe von fast einem Meter ist sie die größte echte Gazelle. Heute lebt sie nur noch in wenigen kleinen Rudeln in entlegensten Gebieten des Nigers, des Tschad und von Mali und ist vom Aussterben bedroht. Die Situation der Mendesantilopen (Addax nasomaculatus), großer, strahlend weißer Antilopen mit langem, dünnem Spiralgehörn ist sehr unerfreulich. In extremen Wüstengebieten und Sand- dünen beheimatet, nähren sie sich von Wüstengras und jungen Baumtrieben, womit sie auch zur Gänze ihren Wasserbedarf decken, und somit unabhängig von Wasserstellen sind. Aufgrund ihrer Lebensweise in peripheren Räumen haben sie keine Feinde außer den Menschen. Noch heute sind Antilopen bei Nomaden wegen der angeblich heilenden Wirkung ihres Fleisches bei Schlangenbissen oder Skorpionstichen geschätzt. Nach dem traditionellen Glauben frisst diese Antilope Schlangen und wird so gegen deren Gift immun. 221 Trat das Tier zu Zeiten Nachti- gals 222 und Rohlfs noch in großen Herden auf 223, so wird der Bestand an wild lebenden Exemp- laren gegenwärtig auf nur noch 250 Exemplare weltweit geschätzt; davon leben in der Ténéré etwa 100 Individuen 224. Zu den häufiger im Bioreservat vorkommenden Spezies gehören Mufflons (Ammotragus ler- via) 225 und grüne Paviane (Papio anubis). Paviane sind zwar in den afrikanischen Savannen beheimatet, wurden jedoch infolge des Vordringens der Wüste im Aïr isoliert und geogra- phisch von vergleichbaren anderen Lebensräumen abgeschirmt. Sie leben in Kolonien von etwa zehn bis zwanzig Tieren und sie ernähren sich von Datteln und Palmenfrüchten. Weil sie regelmäßig trinken müssen, begegnet man ihnen häufig in der Nähe der großen permanenten Gueltas im Tamgak, am Bagzan und bei Timia. Zu den fleischfressenden Säugern im Aïr-Ténéré zählen der Sandfuchs (Vulpes rueppelli), der Schakal (Canis aureus) und die Sandkatze (Felis margarita). In entlegenen Rückzugsgebieten lebt der äußerst selten gewordene helle Wüstengepard (Acinonyx jubatus) 226, zu dessen Beute Gazellen, Trappen, Nagetiere und gelegentlich auch – sehr zur Wut der Nomaden – streunen- de Ziegen gehören. Weit verbreitet in der ariden Bergwelt ist auch der Klippschliefer (Procatia capensis), der Ähnlichkeit mit dem Meerschweinchen hat, genetisch aber ein naher Verwandter des Elefan- ten ist. Dieses Herdentier lebt ähnlich unserem Murmeltier in Kolonien mitten in Geröll und Fels am Rande der Wadis, wo es vielfältige Vegetation findet. Die Vielfalt an Vögeln ist im Aïr beeindruckend. Mehr als 150 Vogelarten haben die WWF- Ornithologen in der Ténéré und den benachbarten Bergmassiven registriert. Mehr als 60 % der Arten sind auf dem Weg von den europäischen Brutgebieten zu den Winterquartieren Af- rikas zweimal jährlich gezwungen, sich der gefährlichen Wüstenüberquerung auszusetzen 227. 221 Vgl. Newton 1993, S. 108. 222 Dem deutschen Forscher Gustav Nachtigal begegneten am 17. Juni 1870 im Kawar zahlreiche Mendes-Antilopen, worauf er in sein Tagebuch notierte: „Die Zahl der Thiere war fast unglaublich. Man erblickte sie einzeln, in kleinen Trupps, in Herden von Hunderten nach allen Richtungen (…). Wohin das Auge sich wendete, erblickte es friedlich grasende Antilopen, die dort so selten der Verfolgung von Seiten des Menschen ausgesetzt sind, dass sie sich auch bei größerer Annäherung in ihrer Beschäftigung nicht stören ließen.“ (Zit. bei Newton 1993, S. 103). 223 Vgl. Rohlfs 1984, S. 179. 224 Vgl. WCMC 2000, Web. Françoise Claro et Jean-Claude Gautun konnten im März 2002 eindeutige Indizien wie Spuren, Kot udgl. für die Präsenz von Addax-Individuen im Aïr feststellen (Hinw. in IRD 2002b, Web). Im Herbst 2002 hatte Claro im Bereich des Großen Ergs, südlich von Bilma, sogar 38 Addax-Individuen, darunter ein Junges, sowie zahlreiche Spuren, darunter vier Wechselpisten von Addax-Jungen, beobachtet. Dies lasse auf ein Vorkommen von etlichen Dutzend Individuen schließen (Hinw. in IRN 2002a, Web.). 225 Vgl. Newton 1993, S. 102 ff. Bei meiner Besteigung des Mt. Greboun 2001 fand ich Mufflon-Gehörn, und im Tamgak stieß ich in den höheren Lagen auf zahlreiche Schlafmulden und Kot der Tiere. 226 Im Zuge einer Expedition des IRD-Forschers Claro im Herbst 2002 konnten an die 50 frischen Geparden-Spuren im Südosten des Aïr-Massivs sowie 3 Individuen gesichtet werden. (Hinw. in IRD 2002a, Web). 227 Vgl. Newton 1993, S. 106. Georg (1997a, S. 51) fand inmitten der Ténéré zahllose Mumien verdursteter Zugvögel, darun- ter besonders viele Wasservogelarten wie Graureiher, Pelikane, Entenarten und sogar Blesshühner. 272 In der Ténéré ansässig sind etwa der Schmutzgeier (Neophron percnopterus), eines der weni- gen Tiere, das zur Nahrungsbeschaffung Werkzeuge benutzt 228, oder der Senni-Senni (Oe- manthe leucopygna), ein schwarzer Vogel mit typisch weißem Kopf. Der Weißbürzel– Steinschmätzer (Eremopterix nigriceps) ist verwandt mit den in der Sahara weit verbreiteten Arten und hält sich in der Nähe der Menschen auf. Die auffallendste, weil größte Vogelart ist freilich der Westafrikanische Strauß (Struhio ca- malus camelus). Vor der Rebellion war der Bestand bei etwa 1000 Tieren, wobei dies die größte Population von Straußen in Westafrika war. Georg berichtet mehrfach über Begeg- nungen mit den Tieren im Jahr 1984 229, und Newby traf sie 1994 häufig im Kori Zagado und in Tafidet an 230. Heute sieht man Straußen nur noch in Gefangenschaft in Iferouane, wo sie zur späteren Aussetzung mit einem gewissen Erfolg gezüchtet werden 231. Im Aïr gibt es etliche Echsenarten, vom Skink (Scincus officinalis) bis zum Wüstenwaran (Varanus griseus), welcher bis zu einem Meter lang wird. Eines der gefährlichen Reptilien im Aïr-Ténéré ist die Hornviper (Cerastes cerastes), benannt nach ihren zwei stacheligen Hör- nern über den Augen. Sofern sie nicht vom Menschen angegriffen wird, greift auch sie keinen Menschen an. Aufgrund ihres sandfarbenen Äußeren ist sie sehr schwer zu erkennen, weshalb es nicht ratsam ist, nachts barfuss zu laufen. Auch zwei Skorpionarten, der Schwarze Skorpi- on (Buthotis franzwerneri) und der helle Sandskorpion (Androctonus amoreuxi) sind im Aïr- Ténéré verbreitet 232. Der einstmals reiche Artenbestand, besonders an Großtieren, ist deutlich reduziert und immer noch massiv bedroht. Zum einen verursachen die häufigen Dürrekatastrophen Weidekon- kurrenz zwischen wildlebenden und domestizierten Tieren 233, zum anderen verursacht die exzessive und unkontrollierte Jagd durch Minenpersonal, Wilddiebe 234 und – auch heute noch – durch das Militär 235 verheerenden Schäden. Am schwersten davon betroffen sind die Straus- sen, Gazellen und Mufflons: Gazellen sind für ihr Fleisch und ihr Leder begehrt, der Strauß für sein Leder, besonders aber für sein Fett zum Kochen und gegen Rheumatismus. In frühe- ren Zeiten wurden die Tiere mit Hunden236 und von Kamelen aus mit Lanzen 237 oder mit Vor- derladern erlegt, was kaum Auswirkungen auf den Wildbestand hatte. Dagegen vernichten die Jäger mit Motorfahrzeugen und Präzisionsgewehren die wild lebenden Tierbestände. Beson- ders gelitten haben dürften die Wildbestände im Norden, in der Temet-Region während der Rebellion, galt doch das benachbarte Tingalen als eine Hochburg der Rebellen. Auch Touristen spielen eine gewisse Rolle in der Bedrohung der Fauna, denn das Hetzen ei- ner Gazelle oder eines Straußes mit dem Geländewagen für ein schönes Fotos kann irrever- siblen Stress, Todesangst oder gar Hitzschlag bei den Tieren auslösen, was mangels Wasser, dem nötigen Kühlmittel, meist zum Tode führt 238. 228 Der Schmutzgeier wurde schon beobachtet, wie er Steine auf große Straußeneier fallen ließ, um diese aufzubrechen und an ihren Inhalt zu gelangen (Hinw. in Newton 1993, S. 105). 229 Vgl. Georg 1997, S. 30. 230 Vgl. Newby 1994, S. 117. 231 Sommer 2002, S. 96. Bei meinem Besuch im Gehege in Iferouane im Feber 2003 brütete ein Straußenpaar mehrere Eier aus. 232 Einen großen, schwarzen Skorpion entdeckte ich beim Aufstellen meines Zelts am Nordaufstieg zum Bagzan im Dezem- ber 1999, worauf mein Assistent Aghali diesen mit einem Stein erschlug, bevor ich noch protestieren konnte. 233 Vgl. WCMC 2000, Web, unter Hinw. auf Shackleton, D.M., Ed. 1997: Wild sheep and their relatives IUCN/SSC Caprinae Specialist Group. Gland (Switzerland), Cambridge, UK. 234 Vgl. Bernus 1993, S. 259 f. 235 Vgl. WCMC 2000, Web. 236 Vgl. Bernus 1993, S. 259 f. 237 So berichtet Stührenberg (2002b, S. 187) vom greisen Tuareg Ebeyghar, der in jungen Jahren mit der Lanze vom Kamel aus Antilopen gejagt habe. 238 Vgl. Newton 1993, S. 108; im gleichen Ton Newby 1994, S. 120. 273 8.5.2 Das Kawar Inmitten der trockensten Region der Welt westlich der Ténéré, begrenzt im Norden durch das Djado Massiv, im Osten durch die Geröllfelder und Sande am Fuße des Tibesti Gebirges und im Süden auf 100 km durch den Großen Erg von Bilma, liegt der Oasengürtel des Kawar. Die Oasen dieser 80 km langen und oft nur wenige Hundert Meter breiten Grünzone liegen in ei- ner Senke knapp über der fossiles Wasser führenden Grundwasserschicht. Gräbt man hier ein wenig im Boden, quillt sofort reichlich Süßwasser hervor. Die Bevölkerung, etwa 3000 Men- schen 239, lebt in knapp 20 Dörfern in der Nähe der etwa 30 Wasserstellen. Auf den Klippen östlich der Dörfer sind noch einige Ruinen verlassener kleiner Forts erkenn- bar. Sie sind die Überbleibsel jener Zeit, als das Kawar Mittelpunkt für die 2200 km lange Karawanenroute zwischen Tripolis und dem Bornu-Reich am Tschadsee war. Auf diesem Weg durchquerte Uqba ben Nafi 666 als erster Araber die Sahara und gewann die ersten An- hänger in Schwarzafrika. Ab dem 9. Jahrhundert herrschte beträchtlicher Handel zwischen dem Sudan 240 und dem Fessan. Ya’Kubi berichtet im Jahr 889 von Sklavenhandel 241 durch Berber. Im 11. Jahrhundert wurde das Königreich Kanem am Tschadsee islamisiert. Anfang des 13. Jahrhunderts annektierten die Kanem-Könige das Kawar und besetzten zur Absicherung des Verkehrswegs die Oasen mit Kanuri-Kolonisten. Um die Mitte des 14. Jahrhunderts ging das Kanem-Reich an inneren Streitigkeiten und am Ansturm der Tubus und anderer äußerer Fein- de nieder, worauf die Flüchtlinge des Reiches das Bornu-Reich gründen. In der Folge wurde Fachi und der Kawar neuerlich besetzt und unter Idris Alaoma (1580 - 1617) zur Sicherung der Salinen und des Karawanenwegs aber auch zur Dokumentation des Machtanspruchs ge- genüber der expandierenden Türken in Libyen mit Kanuri-Kolonisten besetzt, die in den Oa- sen kleine Stadtstaaten schufen 242. Wirtschaftliche Bedeutung hatte seit dem 12. Jahrhundert das weiße Alaun. Das Alaun diente als Beize beim Gerben und Färben der Häute und kam nur in der Sahara vor. Später wurden neben Elfenbein und Straußenfedern schwarze Sklaven zu wichtigen Handelsgütern, die über die befestigten Etappenziele Djado, Djaba, Dabasa und Seguedin 243 nach Nordafrika und wei- ter nach Ägypten exportiert wurden 244. Im Gegenzug wurden Waffen, Stoffe und Araberpfer- de importiert. Die für Schnelligkeit berühmten Pferde waren bei den Sultanen von Kanem und Bornu sehr gefragt; sie setzten sie auf ihren Kriegszügen zur Unterwerfung neuer Gebiete und zur Versklavung der dortigen Bevölkerung ein. Dabei entsprach ein Araberpferd im Wert et- wa 20 Sklaven. Ab dem 16. Jahrhundert, als in Europa die Musketen entwickelt worden waren, wurden auch diese Feuerwaffen auf der Karawanenstraße ins Sultanat Bornu befördert, was zur Festigung seiner Führungsrolle im zentralen Sudan im 17. Jahrhundert beitrug. Aber der Handel mit den 239 Vgl. Baroin 1993, S. 116. 240 Der „Sudan“ [zu'da:n, 'zu:dan] ist ursprünglich die Bezeichnung für die Großlandschaft der wechselfeuchten Tropen Nordafrikas, die sich als breiter Gürtel fast über den gesamten Kontinent zwischen der Sahara im Norden und dem Regen- wald im Süden erstreckt; im Osten endet der Sudan am westlichen Abfall des Abessinischen Hochlands (vgl. Meyers Lexi- kon 1995a, Sudan). 241 Hinw. in Tillet 1993, S. 36. 242 Bis auf Bilma und Fachi, wo noch heute Kanuris leben, wurden später die Bornu-Sieder von Arabern und Tubu wieder verdrängt (vgl. Fuchs 1984, S. 126 f.). 243 Südlich der Oase Zoo Baba stieß Georg mit seiner GEO-Expedition 1984 auf „Dutzende parallel laufende Furchen“, die er als die Fußspuren der einstigen Sklavenkolonnen identifizierte. Vgl. Georg 1985, S. 11. 244 Der größte Markt im Fezzan befand sich lange Zeit in Zawita, wo Frauen um 40 - 50.000 Kauris gekauft und in Benghazi und Ägypten um das fünffache verkauft wurden. Vgl. Decoudras/Durou 1994, S. 140. 274 außerordentlich teueren Feuerwaffen erreichte niemals das Ausmaß des Pferdehandels; des- halb blieb bis zum 19. Jahrhundert im Kawar und in der südlichen Sahara das Schwert die wichtigste Waffe 245. Ein anderes wichtiges Handelsgut im 17. und 18. Jahrhundert war mineralische Soda. Salz aus dem Kawar dürfte hingegen schon vor dem 15. Jahrhundert von den Tuareg-Karawanen nach Kano gebracht worden sein 246. Tuareg waren es auch, die ab dem 17. Jahrhundert das Kanem- Reich durch wiederholte Angriffe schwächten. In der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts wogte schließlich die Vorherrschaft über das Kawar zwischen Tubus und Aïr-Tuareg hin und her. Um 1866 dominierten die Kel-Ewey, wie Gerhard Rohlfs berichtet 247. Der Karawanenhandel der Tuareg wurde in der Folge häufig durch Überfälle der Ouled Sliman behindert, die nach ihrer Vertreibung aus dem Fezzan durch die Türken den Kawar heimsuchten. Bernus berichtet davon, dass 1899 130 Araber des Fezzan und 400 Tubu in Bilma die Salz-Karawane überfal- len, 70 Tuareg getötet und 7000 Kamele geraubt hatten248. Von ähnlichen Überfällen berich- tete auch Gustav Nachtigall, der 1870 den Kawar so verlassen vorgefunden hatte wie 15 Jahre vor ihm Heinrich Barth 249. Trotz dieser Bedrohung belief sich damals der Umsatz des jährli- chen Sklavenhandels nach den Schätzungen Nachtigals immer noch auf 8000 Sklaven 250. Diese Situation änderte sich grundlegend mit der Ankunft der Franzosen, die zunächst ab 1905 die Saharastrecke mit militärischen Forts sicherten 251 und dann 1940 die Strecke von Agadez nach Bilma trassierten. 252 Dass diese Befriedung für die regionale Wirtschaft einen deutlichen Aufschwung brachte, zeigte die Salzgewinnung des Kawar in den Jahren 1946/47, die sich auf 15.000 Tonnen belief, mehr als 12 mal so viel wie zu Ende des 18. Jahrhunderts. Gegenwärtig beläuft sich die Salzgewinnung im Kawar auf 2500 Tonnen, und 16.000 Kamele kommen wei- terhin jedes Jahr im Kawar an, um Salz und Datteln zu exportieren253. Erneut Ziel von Kämpfen um die Vorherrschaft wurde der Kawar Mitte der 90er-Jahre, als Tubu-Rebellen, durch die Tuareg animiert, die Region zu kontrollieren begannen. Nach einem Stillhalteabkommen mit der Regierung zog sich der Rebellenführer Barka Chahay mit seinen Anhänger auf das Djado-Plateau zurück, von wo aus er Ende 2001 Dirkou überfiel, was zur Erstürmung der Rebellen-Basis und der Tötung von Chahay durch das nigrische Militär führt. 254 Völlig sicher ist jedoch dieses Gebiet auch heute noch nicht: Erst im Dezember 2002 verunglückten drei italienische Touristen, da ihr Fahrzeug auf eine Landmine, einem Relikt aus der Rebellion der Tubus gegen die Zentralregierung, aufgefahren war. 255 Zur eigenen Sicherheit empfiehlt es sich darum, in diesen Regionen stets in Begleitung heimi- scher Führer zu reisen, wie dies auch vom „National Geographic“-Exepditionsteam 2001 wäh- rend der Reise „auf der Straße der Sklaven“ entlang den Spuren von Hanns Vischer mit Erfolg praktiziert worden ist 256. Diese Strategie, sich eines heimischen Führers zu bedienen, war auch schon auf Barths Reisen der Schlüssel für sicheres Geleit. 245 Vgl. Baroin 1993, S. 114. 246 Die Chronik von Kano berichtet für die Mitte des 15. Jahrhunderts von der Ankunft der ersten Salz-Karawanen der Tua- reg. Hinw. in Bernus 1993, S. 233; Spittler 2002, S. 26. 247 Rohlfs 1984, S. 163. 248 Vgl. Bernus 1993c, S. 144. 249 Vgl. Barth 1986, S. 415. 250 Vgl. Baroin 1993, S. 133. 251 Diese Forts – wie jene in Dirkou und Chirfa – wurden vom nigrischen Militär nach der Unabhängigkeit übernommen (Krings 1982, S. 387). 252 Vgl. Decoudras/Durou 1994, S. 124. 253 Vgl. Baroin 1993, S. 121. 254 Vgl. Stührenberg 2002c, S. 59 f. 255 Gouvernement du Republique du Niger 2003: Trois touristes italiens victimes d’une mine dans le desert nigerien. Com- munique. In: In: http://www.republicain-niger.com/communique.pdf. 256 Vgl. Hare 2002, S. 111. 275 8.5.2.1 Fachi 440 km östlich von Agadez bzw. 170 km vom “Arbre du Ténéré” liegt Fachi. Diese von rund 2.500 Kanuris, Tubus und Arabern besiedelte Oase 257 verfügt selbst im 21. Jahrhundert noch nicht über Strom, Wasserleitungen oder regelmäßigen Postverkehr. Die einzigen Errungen- schaften sind die Schule und die Apotheke und der Kontrollposten am Ortsanfang im einzigen öffentlichen Gebäude des Ortes. Die Besonderheit an Fachi ist die noch erhaltene Siedlungsstruktur der Altstadt, die „ein im Niger selten gewordenes geschlossenes Stadtbild, mit einer Stadtmauer und fünf Toren (zeigt)“. 258 In der charakteristischen einstöckigen Lehmarchitektur sind diese alten Häuser aus Salzblöcken errichtet, mit Lehmmörtel verbunden und verputzt. Viele der Gassen sind zum Schutz gegen Sonne und Sandstürme überdacht, die Häuser, mit kleinen Innenhöfen und Dachterrassen ausgestattet, ineinander verschachtelt. Über dem alten Stadtkern thront die Zi- tadelle aus dem 15. Jahrhundert 259, ausgestattet mit Getreidesilos, einerseits für den Schutz der Bevölkerung und andererseits für deren Versorgung im Falle eines feindlichen Angriffes. Die Bevölkerung lebt mittlerweile außerhalb der Altstadt in Häusern aus runden, unge- brannten Lehmziegeln. Ihre Lebensgrundlage ist der Anbau von Gemüse und Weizen, der aber nur einen Bruchteil des Eigenbedarfs deckt. Von hoher Qualität sind - wegen des trocke- nen Klimas - auch die 350 Tonnen Datteln der 45.000 Palmen 260, deren Stauden als Brenn- und Baumaterial dienen. Das eigentliche Kapital Fachis sind jedoch die Salinen, in denen jährlich an die 1000 Tonnen Salz gewonnen werden. Das konzentrierte, auch für den menschlichen Genuss verwendbare Salz (beza) mit einem Gehalt von ca. 50 % Sodiumchlorid wird gewonnen, indem durch Verdunstung Salzschichten – ähnlich dem Eis – an der Oberfläche entstehen. Zerschlagen, sinken sie zu Boden, wo nach mehreren solchen Vorgängen eine größere Menge beza abgeschöpft, zum Trocknen auf- gehäuft und in Säcke abgepackt wird. Viehsalz wird gewonnen, indem ein beza-Brocken nach dem Trocknen zu kleinen Stücken zerhauen, mit Erde, Sulfaten und Sand vermengt und in Palmstamm-Formen zu Kantus ge- formt wird. Ein solcher Kantu ist 75 cm hoch, wiegt trocken etwa 20 kg und hat noch einen Sodiumchlorid-Gehalt von 10 - 15 % 261. Die Tiere bekommen zerstampfte Teile des Kantus ins Futter gemischt. Die Salzgewinnung betreiben wegen der großen Anstrengung überwiegend Männer, denn in der eigentlichen „Salz-Saison“, dem Sommer, erreicht die Luft im Salinentrichter bei Wind- stille Temperaturen bis zu 70°. Die Frauen sind für die Formung der Salzlaibe (Fochi) zustän- dig, die sie gegen die Gewürzpflanze Gombo, ein Malvengewächs, und gegen Trocken- zwiebeln für Saucen tauschen. Kantus werden gegen das Grundnahrungsmittel Hirse im Ver- hältnis 1 Kantu zu 1 Kilo Hirse getauscht. Die Abnehmer des Salzes sind die Tuareg-Kara- wanen, die damit die Funktion als Handelspartner und Hirse-Lieferant erfüllen 262. Die 7000 - 10.000 Kamele, die zwischen Oktober und März nach Fachi kommen 263, liefern mit ihrem 257 Vgl. Gastel/Gastel 2002, S. Web; 1992 waren es noch 1.400 Einwohner (Fuchs 1992, S. 130), im Jahr 1980 noch 1000 (Krings 1982, S. 384). 258 Krings 1982, S. 384. 259 Das ist die gängige Meinung; dagegen meint Fuchs (1992, S. 137), die Zitadelle sei erst um 1800 erbaut worden. 260 Vgl. Fuchs 1992, S. 130. 261 Vgl. Decoudras/Durou 1994, S. 132. 262 Ein 6-Personen-Haushalt verbraucht etwa 600 kg Hirse pro Jahr. 263 Fuchs 1992, S. 131; Weyer (2001, S. 58) spricht von 200 Karawanen mit 7000 Kamelen. 276 Dung ein wichtiges, weil rares Brennmaterial. Da in Fachi kaum Einkommensmöglichkeiten existieren und es somit an barem Geld mangelt, ist der Ort auch weiterhin auf den Tausch- handel mit den Karawanen angewiesen 264. In einer Kanuri-Stadt herrscht als Oberhaupt ein König (Mai), der in Fachi den Titel Agrama, in Bilma den Titel Kiari trägt. „Regiert“ wird Fachi vom Sultan Agrama El Hadji Djagam, der die Rolle des Verwaltungschefs spielt und als solcher für die Versorgung der Bevölkerung verantwortlich ist. Der Mai wird von der Ratsversammlung der Stadt gewählt, die aus Vertre- tern alter Clans besteht. Wegen der Isolation Fachis sind hier praktisch nur Heiraten innerhalb der Oase möglich, wes- halb „jeder mit jedem irgendwie verwandt, befreundet, verfeindet“ 265 sei. Solche Rivalitäten herrschen unter der männlichen Bevölkerung um Frauen und Ämter, aber auch zwischen den Geschlechtern, was auch als Mittel gegen die Langeweile266 betrachtet wird. Dabei haben die Frauen eine starke Stellung inne, wie die hohen Scheidungsraten signalisieren: Eine fünfmal verheiratete Frau ist in Fachi nichts ungewöhnliches, und geschiedene Frauen genießen ihre vollständige Freiheit. Diese Umstände mögen wohl die speziellen Konfliktrituale in Form von subtilen Anspielungen erklären. Trotz dieser „losen Sitten“ gelten die Kanuri von Fachi als sehr strenge Muslime, und viele Männer und Frauen sind als Koranlehrer tätig. Das religiöse Oberhaupt, der „Malam“ von Fachi, wird sogar als Sehers verehrt, sodass sogar Anwärter aus Agadez zu ihm geschickt werden. 8.5.2.2 Bilma 270 km östlich von Fachi bzw. 610 km von Agadez liegt die große Oase Bilma am Fuß der Falaise de Bilma, den Resten jenes Plateaus, das den Kawar in Richtung Norden flankiert. Bilma ist mit seinen rund 5.000 Bewohnern 267 Sitz des Unter-Präfekten, und im Fort, um 1900 von den Franzosen errichtet, ist das Militär untergebracht, weshalb an dieser Stelle – trotz des historischen Werts – absolutes Fotoverbot herrscht. In Bilma gibt es wieder öffent- liche Einrichtungen wie Post, Strom, Fließwasser, Funk und Telefon. Eine Volksschule haben erstmals im Jahr 1923 die Franzosen betrieben. 268 Aufgrund des hohen Grundwasserspiegels gibt es in Bilma reichlich Frischwasser. Inmitten von Gärten speist ein artesischer Brunnen ein Bassin, in dem man ein heißes Bad nehmen kann 269, aus Anstand jedoch nur in entspre- chender Badekleidung. 264 Zwar verfügt die regionale Kooperative von Kawar auch über einige von internationalen EZA-Organisationen finanzierte LKWs, von denen aber die meisten wegen verschiedener Pannen nicht fahrbereit sind. Deshalb wird Fachi sehr selten und nur sehr unregelmäßig beliefert. Nur die wenigsten Bewohner können sich die Bezahlung der gelieferten Produkte leisten, und auch nicht die Kosten für den Transport ihrer Produkte, wie z.B. Datteln, nach Agadez (2.100 FCFA pro Sack). Darum werden auch die vorbeikommenden Touristen kritisiert, denn diese würden nur nutzlose Geschenke verteilen, anstatt heimi- sche Produkte zu kaufen und somit Geld ins Dorf zu bringen (Ausk. des Sultan El Hadji Djagam, Bilma, Jänner 2003). 265 Fuchs 1992, S. 135. 266 Die Langeweile ist zweifellos auch für die Kinder der Oase ein Problem, so dass sie fremde Besucher mit gehörigem Interesse „belagern“. Fremden gegenüber verknüpfte sich diese Neugierde mit – von Touristen erlernter – Bettelei. Dies bewirkte den schlechten Ruf, dass Fachi wegen seiner angeblich höchst aufdringlichen, bettelnden Kinder ein problemati- sches Besuchsziel sei. Ende der 90er Jahre habe die aggressive Bettelei der Kinder solche Ausmaße angenommen, dass schließlich einige führende Agenturen wie „Tidene Expeditiones“ und “Eouaden Voyages” beim Sultan und beim Imman von Fachi gedroht hatten, im Falle ausbleibender Gegenmaßnahmen Fachi in Hinkunft zu umfahren. (Ausk. Rhissa, Tidene Expeditions, März 2000). Im Zuge meines Besuchs Fachis gemeinsam mit meiner Kneissl-Reisegruppe im Jänner 2003 empfanden wir die Kinder als sehr freundlich und unaufdringlich. 267 Anfang der 80er-Jahre lebten lediglich etwa 1.000 Menschen in Bilma (Krings 1982, S. 388). 268 Vgl. Fuchs 1984, S. 127. 269 Nigerisches Tourismusministerium 2002, Web. 277 Die historische Bedeutung der Oase resultiert zum Einen aus ihrer Lage an der „Sklavenrou- te“, zum Anderen aber aus den Salinen von Kalala, die drei Kilometer im Westen liegen. Als einstiger Oasenort von den Bewohnern verlassen, wird Kalala nur noch zur Salzproduktion besucht. Bereits im 15. Jahrhundert waren diese Salinen ausgebeutet worden. Heute betreiben die Kanuri auf 15 Hektar die Salzproduktion 270, organisiert in einer Art Genossenschaft. Die Jahresproduktion beläuft sich auf rund 3.500 Tonnen Salz, das größtenteils von etwa 500 Ka- rawanen ihrer Tuareg-Handelspartner mit 16.000 Kamelen 271 exportiert wird. 272 Ihnen gegen- über besteht ein enges, persönliches Verhältnis, das über Jahre hinweg gepflegt wird. 273 Al- lerdings gewinnen daneben auch LKWs an Bedeutung, wird doch mittlerweile bereits ein Drittel der Produktion per Lastwagen exportiert. Verkauft werden die Kantus in Bilma um etwa 300 FCFA (50 Cent) pro Stück. Nach dem wochenlangen Transport in den Süden erzie- len die Tuareg für einen Kantu etwa 5.000 FCFA (7,50 Euro), also etwa den zwölffachen Preis. Ein Fossi von einem Kilogramm kostet dagegen um die 25 FCFA (4 Cent) und wird später um 500 FCFA (75 Cent) weiterverkauft. 274 Von Bilma aus folgt man üblicherweise der „Sklaven-Route“ nach Norden, wo man nach 40 km auf die kleine Oase Chemidour stößt. In diesem einstigen Zentrum des Islams wurde 1833 von Muhammad Ibn Ali As Sanusi, einem Marabout von Murzuk, die Senussi-Brüderschaft gegründet 275. Die historische Moschee liegt jedoch heute in Trümmer 276. 8.5.2.3 Dirku Nördlich von Chemidour liegt die Oase Dirku 277, vor kurzem noch ein „liebenswertes Nest am Nordufer des Ténere“, das mittlerweile zu einem Zentrum des transsaharischen Men- schenhandels 278 und damit zum Anziehungspunkt für „Wölfe und Schakale“ 279 mutiert. Am Ortsrand stehen mit Menschen und Material überladene Lastwagen, und überall im Ort tum- meln sich zahlreiche „Transit-Reisende“ aus Schwarzafrika. Ghanesen betreiben die einzigen Bars, die im Umkreis von Hunderten von Kilometern zu finden sind, und in denen sich glei- chermaßen illegale Auswanderer und nigrische Beamte auf einen Drink treffen. Die einzige Attraktion des Ortes ist der bunten Markt, auf dem auch die bei den Tuareg beliebten Tubu- Dolche hergestellt werden. 270 Entgegen früherer Tradition können heute auch Frauen zu Mineneigentümer – etwa aufgrund einer Erbschaft – werden. Viele Frauen arbeiten mittlerweile auch gemeinsam mit ihren Ehemännern in den Salinen (UNFPA 2001, Web.) 271 Vgl. Weyer 2001, S. 58. 272 In Zeiten der Dürre allerdings, wenn die Kamele im Aïr nicht genug Nahrung finden, um für die Durchquerung der Ténéré stark genug zu sein, wird der traditionelle Karawanenhandel zwischen Bilma und den Tuareg unterbrochen, wie dies infolge der Dürre 1981 - 85 der Fall war (Spittler 1993, S. 12), und zum Teil erneut in der Saison 2000/01 (Augenzeugenbericht von Langensteiner 2001, S. 25). 273 Vgl. Krings 1982, S. 390. 274 Vgl. Gérard 2002, Le Monde, 4.4.2002, Web. 275 Diese Brüderschaft hatte wesentlichen Anteil am Aufstand der Tuareg gegen die Franzonen 1916-1917 (siehe dazu das Kap. über „Die Region Agadez/Die Geschichte der Region Agadez/Die Ära der Kolonisation/Die Tuareg-Revolte von 1916“). Auch Charles de Foucauld wurde 1916 von einem Senussi-Anhänger ermordet. Der Enkel des Ordensgründers wurde 1950 als Idris I. zum König von Libyen ausgerufen. 276 Vgl. NIGETECH 2002, S. 55. 277 Bei der Ortseinfahrt hat man bei der Gendarmerie die Pässe bis zum Verlassen des Ortes zu deponieren. 278 Zur Problematik des nigrischen Menschenhandels siehe das Kap. „Die Region Agadez/Die wirtschaftliche Lage des Ni- ger/Schattenwirtschaft“. 279 Vgl. Stührenberg (2002c, S. 57), der auch von aggressiver Stimmung am Marktrand spricht, von der ich im Jänner 2003 jedoch nichts spüren konnte. 278 Etwas nördlich von Dirku präsentiert sich ein Naturschauspiel besonderer Schönheit: Mitten in der Wüste, am Fuße der Inselberge und umgeben von Dünen und Dattelpalmen, liegen die Seen von Arrigui und Achenouma. Quellen speisen diese seichten Gewässer von Quellen und ihre Ufer überwuchern Binsen und salzliebenden Wasserpflanzen. Aus dem Seewasser wird Natronsalz gewonnen, das zusammen mit Kautabak ein beliebtes Genussmittel ergibt. Aney, 45 km nördlich von Dirku, ist eine solide Fliehburg, erbaut aus Steinen und Mörtel, auf einem isoliertem Felsklotz aus buntem gebändertem Kalk. Von der Ruine stehen noch die hochgezogenen Umfassungsmauern. Sie wurde, wie so viele andere Festungen und Flieh- burgen von Bilma bis Djado, im 13. Jh. unter der Regierung des Bornu-Königs Dunama Di- bellami als Schutz für den Karawanenweg nach Norden errichtet280. Am Fuße des Felsklotzes liegen die Ruinen des alten Dorfes, in dem früher die Tubus den Sultan des Kawar eingesetzt hatten 281. Nach einer weiteren 80-kmKilometer-Fahrt nach Norden entlang der Zeugenberge taucht der Pic Zoumri am Horizont auf. Dieser isoliert stehende Zeugenberg ist das Wahrzeichen Sege- dines, der nördlichsten, in einer tiefen Mulde liegenden Kawar-Oase. In ihrem Zentrum steht noch die Festung aus dem 15. Jahrhundert, die den Karawanen zum Schutz vor Überfällen gedient hatte. Auch hier spielt die Salzgewinnung eine wichtige wirtschaftliche Rolle, doch wird hier aufgrund der hohen Salzqualität nur Beza gewonnen und in Plastiksäcken per Last- wagen exportiert. Hinter der Oase gabelt sich die Piste: Nach Osten führt ein alter Handelsweg nach Zouar im Tibesti, nach Nordosten führt die alte Sklavenstraße über Madama und Toummo ins Fessan. Als einzige Attraktion finden sich hier etwa 30 km nordwestlich von Segedine ein Feld von ca. 20 bizarren, dürren Felsnadeln, versteinerte Relikte eines einstigen Waldes 282. Ungewöhn- lich daran ist, dass diese Gebilde noch aufrecht stehen. 8.5.3 Das Djado-Plateau Der Weg führt über flaches, konturenloses Land in Richtung Nordwesten. Hier ändert sich die Landschaft schlagartig. Vor den Augen des Reisenden dehnt sich Sara, ein kilometerlanges Feld aus kleinen Sandstein-Domen nach Norden hin aus. Diese Vorboten des Djado-Plateaus, das am Horizont bereits zu erkennen ist, erlaubt wieder etwas reichere Vegetation. Dass dieser schöne Platz auch schon in prähistorischer Zeit besiedelt war, bezeugen zahlreiche Fels- gravuren und Pfeilspitzen aus der Rinderperiode (4.000-1000 Jahre v. Chr.). 8.5.3.1 Chirfa Nach weiteren 30 km (110 km von Segedine) liegt Chirfa, ein Oasendorf für wenige hundert Tubus aus Lehmziegeln, ausgestattet mit einigen Gärten und einer kleinen Schule. Reisende werden hier einfache Tubu-Handwerksprodukte, erstklassige Datteln und jede Menge prähis- 280 Vgl. Krings (1982, S. 387). 281 Vgl. NIGETECH 2002, S. 55. 282 Auf 20°25,3’N, 12°48,8’O. 279 torischer Fundstücke wie Faustkeile und Pfeilspitzen erwerben können. Im Zentrum des Dor- fes steht eine malerische, gut erhaltene, aber versandete Franzosenfestung. Schon 3 km vor dem Ort müssen die Pässe bis zum Verlassen der Region im Militärposten deponiert werden, denn der Ort ist der Eingang zur Sackgasse des Djado-Plateaus. Um das zu besuchen, sollte man sich hier einen Tubu-Führer nehmen 283. Nur wenige Kilometer nördlich von Chirfa ge- langt man zu einigen Felsgebilden, wie sie für das Djado-Plateau so typisch und bezeichnend sind: Der gigantische „Felsbogen von Fadagana”, umringt von bizarr erodierten Felskolossen, ragt hier in die Höhe 284. Einer dieser Felsen ist mit hervorragend erhaltenen Gravuren von Elefanten und Giraffen übersät 285. Überall ringsumher lagern prähistorische Pfeilspitzen und Reibschalen. 8.5.3.2 Djado 10 km nördlich des Militärpostens von Chirfa, 400 km östlich von Adrar Bous und 350 km nördlich von Bilma, liegt „die wohl imposanteste Ruinenstadt in der nigrischen Sahara – Dja- do, der ‚Mont Saint-Michel des Niger’“. Schon die Lage am Rande des wild zerfurchten Djado- Plateaus der rosenfarbenen Felsendome von Orida ist phantastisch. Die „geisterhaft anmuten- den, hoch aufgetürmten Ruinen der alten Stadt“ 286, von Dattelpalmenhainen und Sumpfgräsern sowie von sumpfigen, aus unterirdischen Quellen gespeisten Tümpeln umgeben, wo Myriaden von Stechmücken surren, dienten schon öfter als Filmkulisse, etwa für Raymond Despardons Film „La captive du désert“ und für Bernardo Bertoluccis Streifen „Un thé au sahara“. 287 Die einstige Wehrstadt ist massiv gebaut, eine weitläufige Anlage, umgeben von einer 12 Me- ter hohen Stadtmauer, die einst das gesamte Ensemble umfasste. Innerhalb der Anlage lassen sich zahlreiche Wachtürme nachweisen, an der höchsten Stelle sogar ein Fort. Der Stadtkern ist ein Labyrinth aus schmalen Gassen. Architektonisch ist dieses Bauwerk im Niger einzigar- tig – abgesehen vielleicht von seiner nahe gelegenen Schwesterstadt Djaba. Gewisse Details, wie etwa im Mauerwerk eingelassene Dreiecksnischen, weisen Ähnlichkeiten mit den alten mauretanischen Städten auf. Nach der Vorstellung der heute in der Region lebenden Tubus wurde die Stadt von den Sao, legendären Riesen, erbaut, die Aas- und Menschenfresser gewesen sein sollen288. Historische Untersuchungen belegen, dass Djado wahrscheinlich im Früh- oder Hochmittelalter von Ber- bern aus dem Norden gegründet worden ist. Dies legt einerseits das Vorkommen des Namens „Djaba“ in Nordlibyen, andererseits die Analyse des Unrats von Djado nahe 289. Im 15. Jahrhundert wurde die Stadt gewaltsam zerstört, wahrscheinlich durch die Herrscher von Kanem, die in der Folge Kanuri ansiedelten, wie überall entlang der Karawanen-Route zur Sicherung ihrer Herrschaft und der Handelsströme. In dieser zweiten Bauphase wurde die 283 Für einen Führer zahlt man üblicherweise 10.000 FCFA (15 Euro) pro Tag. 284 21°00,55’N, 12°20,81’N. 285 21°00,50’N, 12°20,26’O. 286 Krings 1982, S. 391. 287 Vgl. Nigerisches Tourismusministerium 2002, Web. 288 Vgl. Georg 1992, S. 177. 289 So fanden sich unter dem von Helmut Ziegert entsprechend datierten Unrat von Djado Stoffreste sowie Amuletts mit Tifinagh-Schriftzeichen (vgl. Georg 1992, S. 182). Nach früherer Ansicht, etwa der Afrikanisten Dirk Lange und Silvio Berhoud aufgrund des Studium der Berichte arabischer Geografen, sei Djado im 10. Jahrhundert von ibaditischen Kaufleuten Hauptstützpunkte für den Handel entlang der Karawanenroute zwischen Tripolis und dem Tschadsee gewesen. Die Ibaditen gehörten einer aus Mesopotamien verdrängten, islamischen Sekte an die in der Folge zahlreiche Königreiche u.a. auch in Afrika errichtete. Die bekannteste Stadtgründung war Ghardaia im heutigen Algerien (vgl. Georg 1992, S. 179). 280 Stadt wohl zur jetzigen Größe ausgebaut, um den Kanem-Herrschern als Handelsdepot für Sklaven und Elfenbein zu dienen. Die damaligen Bewohner waren nach Ansicht Georgs und Ziegerts wahrscheinlich Christen, worauf Funde in Djado hinweisen, sind doch offensichtlich „vorhandene Räumlichkeiten (...) zu einem christlichen Sakralbau umgestaltet“ 290 worden. Auf der Wand dieses, als Kapelle identifizierten Raums findet sich ein eingegipstes Kreuz, und auf der Tür des benachbarten Raumes ist sogar ein Ornament, eine Gestalt mit „grob geformten Gesichtszügen und empor gestreckten Armen – ein segnender Christus,“ 291 zu erkennen. Hinter dieser Kapelle wurde 1992 im Zuge der GEO-Expedition ein gemauerter Reliquienschrein entdeckt, in dem der Archäologe Helmut Ziegert die Staubreste eines Herzens nachweisen konnte. Im Zuge dieser Forschung wurde zudem ein christliches Massengrab für etwa 10.000 Menschen, das etwa 250 Jahre lang als Begräbnisstätte benutzt worden war, neben dem Fundament einer zer- fallenen Moschee entdeckt. 292 Um die Mitte des 19. Jahrhunderts haben die Kanuri Djado in Richtung Fachi verlassen 293. Gründe dafür waren wohl die Verlagerung der Karawanenroute nach Osten, die Ein- schleppung der Moskitos und der Einfall der Tubu aus dem Tibesti, was eine dauernde Gefahr sowohl durch Tubu- als auch durch Tuareg-Razzien zur Folge hatte. Nach der nigrischen Un- abhängigkeit wurde aufgrund der Schließung des Grenzübergangs zu Algerien diese Region zur Sackgasse. 294 Heute bewohnen nur zwei Tubu-Familien vorübergehend Djado von August bis September während der Dattelernte. Als Grund dafür, die Stadt nie dauerhaft zu bewoh- nen, geben die Tubu an, die Stadt sei verwunschen, denn es würden Djimns, böse Geister, in ihr wohnen. Übersetzt man „böse“ Geister als „Plagegeister“, als welche man die abendlichen Moskitoschwärme empfindet, so versteht man gewiss, wie Recht die Tubu haben. 8.5.3.3 Djaba Etwa 10 km nördlich von Djado liegt ihre Schwesternstadt Djaba, die heute völlig verlassen ist. Hier finden sich keine so ausgedehnten Palmenhaine wie in Djado. Reizvoll an Djaba ist dennoch die entzückende Lage nahe den Felsdomen von Orida und zahlreiche Felsgravuren „libyscher Krieger“ in der näheren Umgebung. 295 290 Ebd., S. 182. 291 Ebd., S. 166. 292 Hinw. ebd., S. 168, 180, 182. Das Christentum dürfte nach den Vorstellungen von Georg folgendermaßen ins Djado gelangt sein: Im 1. Jh. n.Chr. breitete sich das Christentum infolge der Missionsarbeit der Apostel u.a. bis in die Region des heutigen Jemen und ins äthiopische Hochland aus, wo es im 4. Jahrhundert zur Staatsreligion wurde. Eine zweite Christianisierungswelle führte den Nil aufwärts bis in die Region des heutigen Sudan. 540 kam es auf Befehl des oströmischen Kaisers Justinian zur Schließung des Isis-Tempels auf der Nilinsel Philä; wenig später gelangte der Missionar Julian bis nach Nubien, wo das Chris- tentum ebenfalls bald Staatsreligion wurde. Zentrum war Dongola, zwischen dem 3. und 4. Nilkatarakt gelegen, Sitz des Bi- schofs Longinos. Der Einfluss dieser Diözese reichte bis ins Ennedi und Tibesti. Zur Isolierung Nubiens von der christlichen Welt kam es infolge der Eroberung Ägyptens durch die islamisierten Araber um 640 n. Chr. Die Koexistenz des nubischen Christentums mit dem Islam endete 1171 infolge der Eroberung Nubiens durch den Kalifen Saladin. Die letzte christliche Basti- on, Alwa, fiel erst um 1500. Diese Umstände legen die für Georg plausible Vermutung nahe, dass christlicher Einfluss aus der Nilregion bis ins Djado gereicht haben müsse (vgl. ebd., S. 168-171). 293 Ortsansässige hatten auf Befragung durch den Ethnologen Peter Fuchs angegeben, um 1860 hätten noch etwa 1.000 Kanu- ri in Djado gewohnt (Hinw. v. ebd., S. 180) 294 Vgl. Krings 1982, S. 391. 295 Die dargestellten Figuren aus der libysch-berberischen Periode werden als die Vorfahren der Tuareg betrachtet (vgl. Tillet 1993, S. 33). Details zu Felsgravuren siehe in diesem Kap. den Abschnitt „Prähistorische Stätten/Gravuren und Felsmalerei- en“. 281 8.5.3.4 Orida Hier trifft man auf die neben Arakao und Temet landschaftlich reizvollste Gegend der Ténéré: Dieser magisch anmutende Ort ist ein Ensemble von rosenfarbenen Felsdomen, kleinen Tei- chen, steinernen Felstoren 296 und vom Wind zu Pilzen geschliffenen Felsen, die auf dünnen Stelzen zu balancieren scheinen. Einer der etwas nördlich gelegenen Dome, bestehend aus einer Vielzahl von hochragenden Felstürmen, wird „La Kathedrale“ genannt. Leider liegt die- ser bereits nördlich jener Demarkationslinie, bis zu der organisierte Touren geführt werden dürfen, denn nördlich dieser Zone war im Jänner 2003 ein Fahrzeug auf eine Tellermine auf- gefahren 297. Die hier stationierten Soldaten achten sehr streng darauf, dass Führer und Touris- ten diese Vorschrift unbedingt einhalten. 8.5.3.5 Das Djado-Plateau Östlich von Chirfa erstreckt sich das Djado-Plateau mit seinen zahlreichen Fundstellen für steinzeitliche Artefakte, deren Alter zwischen 100.000 und 2.000 Jahren liegt, und Gravuren aus dem Neolithikum (18.000-10.000 Jahre v. Chr.), die einzigartige Jagdszenen darstellen. Zu den berühmtesten prähistorischen Plätzen in der Region bzw. im Niger überhaupt gehört Enneri Blaka 298, ein trockenes Wadi, welches das Djado-Plateau in Nord-Süd-Richtung durchschneidet. Dort sind, am Rande des Tals, die höhlenartigen, überhängenden Felspartien „über und über mit Gravuren und Malereien bedeckt“ 299. Die schönsten Gravuren befinden sich auf einem inmitten des Tales gelegenen Felsen und hat die Gestalt eines lang gestreckten Unterseebootes mit Kommandoturm, weshalb ihm französische Forscher den Namen „Sous- marin“ – U-Boot – gegeben haben. Fast erscheint es paradox, dass ausgerechnet hier, in der trockensten Region des Niger, die reichsten Ensembles an Felszeichnungen aufzufinden sind. Sie bezeugen aber, dass dieses Tal noch vor 5.000 Jahren ein fruchtbares Tal gewesen sein muss, dessen Fluss in den Tschadsee gemündet war. Heute ist das Gebiet leider völlig unfruchtbar und Enneri Blaka liegt zu abge- legen, um in ein klassisches Rundreiseprogramm aufgenommen zu werden: Schließlich benö- tigt man für die etwa 100 km ab der Hauptpiste gute fünf Stunden, und dies ohne jede land- schaftliche Abwechslung. Zusätzlich fürchten manche Tuareg-Führer - besonders seit dem Vorfall im Jänner 2003 - das Risiko, auf vergrabene Minen aus der Tubu-Rebellion zu sto- ßen 300. 296 21°07,40’N, 12°14,61’O. 297 Am 3. Jänner 2003 war eine Fahrzeuggruppe der Reiseagentur SVS auf eine Mine, einem Relikt der Tubu-Rebellion, aufgefahren. Drei Touristen aus Mailand starben dabei und der SVS-Co-Direktors Rava Piero, der geführt hatte, erlitt Verlet- zungen.Vgl. Gouvernment du Republique du Niger 2003, Web. 298 „Enneri“ bedeutet in der regionalen Tubu-Sprache „Tal“; „Blaka“ soll auf den Namen eines Tubu-Helden zurückgehen. Hinw. in Gastel/Gastel 2002, S. Web. 299 Krings 1982, S. 392, der jedoch darauf hinweist, dass diese Zeichnungen aus verschiedenen Epochen stammen, weil sie unterschiedliche Stile aufweisen. 300 Noch 2002 hatte Dunes Voyages jegliches Risiko unter Berufung auf Tubus ausgeschlossen, solange man sich in Beglei- tung eines Tubu-Führers befände, der die Region kenne (Hinw. in Gastel/Gastel 2002, S. Web.). 282 8.5.3.6 Tafassasset Um von Chirfa wieder zurück ins Aïr zu gelangen, fährt man vom Militärposten301 über den Col de Chandelier nach Westen. Hier dehnt sich eine scheinbar unendlich weite, flache, leicht geneigte Ebene der südlichen Ausläufer des Tafassasset über fast 400 km aus 302. Auf dem relativ festen Boden kann man problemlos mit hoher Geschwindigkeiten fahren, immer gera- de aus. Die wenigen Landmarken, auf die man unterwegs treffen kann, sind der „Pointe Berli- ét“, eine Markierung der französischen Ténéré-Forschungsmission aus den Jahren 1959-60, verstreute Reste von verunfallten Fahrzeugen der Rallye Paris – Dakar und schließlich, 165 km westlich von Chirfa der „Arbre Perdu“, der einzige Baum inmitten einer endlosen Wüste in einem Umkreis von 250 km. 303 Auf dem Hügel neben dem dürren Baum erinnert eine Grabstele an den 1986 mit einem Hubschrauber verunglückten Gründer der Rallye Paris- Dakkar, Thierry Sabine 304. Der Baum ist auch Rastort vieler Zugvögel, die hier jedoch kein Wasser finden können. Darum pflegen vorüberkommende Tuareg-Fahrer hier offene Gefäße mit Wasser für Vögel zu deponieren 305. In der Ténéré fühlt man diesen endlosen Raum und die unfassbare Weite, aber es ist genauso faszinierend, dass man plötzlich, mitten im „Nirgendwo“, auf prähistorische Fundstellen stoßen kann. So fand ich im Feber 2003 auf weniger als nur einem Quadratmeter neun glatt ge- schliffene Steinbeile und vier runde, sehr dünne, scharfe Steinmesser, nur wenig weiter einen ein Meter langen Steinstößel 306. Ganz in der Nähe stieß ich auf gut erhaltene Keramik 307. Diese Funde dürften aus der Feuchtzeit eher 5000 oder 3000 v.Chr. stammen, als diese Region ein sumpfiges, ungesundes Gebiet gewesen sein muss, verseucht von Mücken und anderem Unge- ziefer. Darum finden sich zwar gelegentlich Lagerstätten nomadisierender Viehhalter in der Ténéré, die größeren Dörfer wie in Iwelen jedoch, erkennbar an ausgedehnten Ansammlungen von Hügelgräbern, befanden sich in den höher gelegenen Randzonen der Versumpfungen und insofern im Einzugsgebiet des Aïr. 308 Nachdem man die flache, monotone Strecke von rund 400 km westliche des Djado-Plateaus, die Ténéré, das „Land da draußen“, überwunden hat, stößt man auf den nordöstlich gelegenen Pluton des Aïr, Adrar Bous. Nun kehrt man wieder in eine stärker strukturierte Landschaft mit dichterer Vegetation zurück, in der auch vereinzelte Nomaden leben. 8.6 Saurierfriedhöfe Die Attraktivität der Region Agadez liegt in der großen Vielfalt und Intensität der Land- schaften, doch verbergen sich darüber hinaus auch unter der Erde touristische bzw. wissen- schaftliche Schätze von internationaler Bedeutung: eines der weltweit reichsten Vorkommen an Saurierfossilien! 301 Erst jetzt und hier bekommt man die Pässe wieder ausgehändigt. 302 Tatsächlich liegt Chirfa auf etwa 450 m Seehöhe, Adrar Bous, 350 km weiter im Westen, auf etwa 800 m. 303 Der “Arbre Perdu” ist nicht mit dem “Arbre du Ténéré” zu verwechseln, der an der Piste Agadez-Bilma stand. 304 Vgl. Speedy Z Corporation 2003, Web. 305 In der offenen Ténéré habe ich im Feber 2003 zahlreiche Kadaver verdursteter Zugvögel gefunden. 306 Um zu verhindern, dass diese Artefakte verantwortungslosen Souvenirjägern in die Hände fallen, vergrub ich die Fundstü- cke neben dem Fundort auf 20°37,777’N, 10°27,778’O (Steinstößel) sowie auf 20°37,774’N, 10°27,774’O (Steinbeile). 307 20°37,188’N, 10°26,989’O. 308 Vgl. Paris 1993, S. 212. 283 Vor vielen Millionen Jahren hat die heutige Landschaft völlig anders ausgesehen und war von anderen Pflanzen und Tieren als heute belebt. Das bezeugen jene großräumigen Sedimentvor- kommen in Form von Kalkstein-, Konglomerat- und Kieselgeröll-Verbindungen, die im Osten des Aïr zu nord-südlich verlaufende Höhenzügen geformt sind, im Süden dagegen als große Plateaus auftreten. Im Süden des Aïr findet man zahlreiche Vorkommen an versteinerten Bäu- men von außergewöhnlicher Größe, etwa 135 Mio. Jahre alt. 309 Zu dieser Zeit herrschte ein permanentes feucht-heißes Klima, ausgedehnte Sümpfe und Regenwälder bedeckten das Land, genau jene Wälder, deren Reste in versteinerter Form noch heute zu sehen sind. Die traditionel- len Tuareg betrachteten diese Kolosse als die unbegrabenen Skelette von Riesen, den sogenann- ten „Ijobbaren“, die im Kampf gegen die „Leute des Propheten“ unterlegen waren 310. So finden sich südwestlich von Toureyet prähistorische Gräber, um die solche versteinerten Baumkolosse aufgestellt sind 311. Die Besonderheit dieser Sandsteinvorkommen liegt jedoch in den dort reichlich vor- kommenden Saurierknochen und –skeletten312. Sie weisen eine hohe Artenvielfalt auf und ihre Fossilisation ist von hoher Qualität. 313 Außergewöhnlich ist vor allem die enorme Aus- dehnung dieser fossilführenden Sedimentschicht: ein etwa 60 Meter tief reichender Streifen von 150 Kilometer Länge und bis zu 2 Kilometern Breite 314, der NNO – SSW verläuft, etwa 60 m in die Tiefe bedeckt über 300 km2. Führende Paläontologen wie Taquet 315 und Sereno 316 werteten diese Sauriervorkommen - neben denen der Wüste Gobi und dem Dinosaur Provicial Park in Kanada 317 - als reichste der Welt. Die fossilführende Sandstein-Schicht stammt aus der unteren Kreidezeit und hat somit ein Alter von 110-120 Millionen Jahren. Dabei handelt es sich wahrscheinlich um feinste Ablage- rungen großer Flüsse, die in zahlreichen Mäandern nach Norden geflossen waren, oder mögli- cherweise sogar um die Reste des reduzierten, einstigen Binnenmeers, das im Süden von gro- ßen Gebirgen umgeben war. 318 Diese Ablagerungen wurden schließlich in lehmhaltigen Sand- stein verwandelt, in dem „sich überall mit einigen gewaltigen Schwerpunkten Knochen von Dinosauriern, Krokodilen, Schildkröten und Fischen“ 319 finden. Zu den besonderen Spezies, die dort identifiziert werden konnten, zählen Quastenflosser (Crossopterygier), zwei Arten von Lungenfischen (Dipnoi Ceratus africanus bzw. Ceratus tigidensis), Haie (Salchier: Hybodus), Riesenkrokodile (Sarcisuchus imperator), Schildkröten (Pleurodires), Laufvögel (Ornithopoden), und der Uranosaurus nigeriensis, eine zur Familie der Iguanodon gehörende, auf zwei Beinen laufende, Pflanzen fressende Riesenechse, die von Taquet entdeckt und benannt wurde 320 und im Nationalmuseum in Niamey ausgestellt ist. 309 Vgl. University of Chicago 2000, Web. 310 Vgl. Bernus 2000, S. 88 f. Generell werden alle menschlichen Spuren, die von den Tuareg den Perioden vor der Islamisie- rung zugeschrieben werden, als jene der Kel Iru bezeichnet, der „Leute von früher“. 311 16°56,50’N, 08°41,30’O. 312 Die von den Sauriern ausgehende Faszination der breiten Öffentlichkeit, wie sie anhand des Erfolgs der Filme „Lost World“ oder „Jurassic Parc“ von Steven Spielberg oder auch des Schauparks „Styrassic Parc“ in der Steiermark deutlich wird, erklärt Sereno damit, dass Saurier „den Inbegriff des Mysteriösen repräsentieren, weil sie so beeindruckend aussahen und weil sie verschwunden sind. Dinos sind sozusagen Ikonen einer verlorenen Welt“ (Sereno, Paul, zit. in Evers, Grolle 1999, Spiegel online, Web. 313 Die Fossilien sind solide und gut mineralisiert, die Knochenstruktur ist perfekt konserviert (Taquet 1994, S. 24). 314 Vgl. Tillet 1993, S. 25; Taquet 1994, S. 25. 315 «...le plus grand et le plus riche des gisements de dinosaures d’Afrique“ (Taquet 1994, S. 15, 25). 316 “...one of the richest beds in the world” (Sereno, Paul, zit. in Parsell 2001, National Geographic News, 25. 10. 2001, Web). 317 Vgl. Koppes 2000, Web. 318 Vgl. Taquet 1994, S. 26. 319 Gardi 1971, S. 173. 320 Das arabische Wort ourane bedeutet „tapfer, mutig, kühn“. Diesen Name hatten Tuareg einem Sandwaran gegeben, in dem sie ihren Onkel mütterlicherseits wiederzuerkennen meinten, nachdem er durch Gott verwandelt worden war, um ihn für die Tötung einer Kamelstute zu bestrafen, die Noah vor der Flut gerettet hatte. (Tillet 1993, S. 25). 1976 übernahm Taquet diesen Namen für den von ihm entdeckten Saurier (Taquet 1994, S. 76). 284 Eine besonders dichte Konzentration von Fossilien finden sich beim Brunnen El Rhaz und östlich des Brunnens von Emechdui. Hier fand Taquet 1964 zwei komplette Saurier-Skelette im Abstand von 50 Metern, die in der Todesstellung fossilisiert wurden, weil sie rasch von Sedimenten verschüttet worden sein mussten 321. Wenige Jahre später hatte Gardi hier auf ei- ner Fläche von 1000 qm acht Saurierskelette entdeckt, die vom Wind freigelegt worden wa- ren: Wirbelknochen, Rippen, Beinskelette, Beckenknochen und „der gewaltige Unterkiefer eines Krokodilschädels, in dem noch die braunen Zähne steckten“. 322 Eine weitere bedeutende Fundstelle liegt in Gadoufaoua 323, wo Gardi 1971 Saurierfossilien „in großer Zahl und zum Teil noch in Form ganzer, unversehrter Skelette“ 324 vorfand. Eine weitere, bedeutende Attraktion sind die Saurierspuren in Irhazer bei Mont Arli, wo auf einer Lehmschicht (Ende Jura bis Anfang Kreide) auf 60 Metern Länge 31 Paare von etwa 40 cm langen Saurierspuren hervorragend erhalten sind. Diese rund 140 Mio. Jahre alten Spuren stammen von herbivoren Sauropoden, den wahrscheinlich größten terrestrischen Wirbeltieren, die jemals gelebt haben 325. Weitere Spuren von zweibeinigen carnivoren Theropoden finden sich südlich des Brunnen von Azog. Ihre außergewöhnliche Form - 50 cm Tiefe, 60 cm Länge und 45 cm Breite - erinnert an die Fährte gigantischer Elefanten. 326 Abgüsse dieser Spuren sind im Nationalmuseum zu besichtigen. Über erste Fossilienfunde im Westen und Süden des Aïr wurde bereits Anfang des 20. Jahr- hunderts vom Geologen Chudeau berichtet. Doch erst 1954 stießen die Geologen Hughes Faure und Albert-Francois de Lapparent im Zuge ihrer geologischen Untersuchungen auf aus- gedehnte Vorkommen von fossilen Saurierknochen südöstlich des Brunnens von El Rhaz, am Nordende des Gadoufaoua-Streifens. 327 Zehn Jahre später wurden bei Gadoufaoua ein Kroko- dilschädel und Saurierskelette gefunden, nachdem während eines Messflugs von Uran- prospektoren hier Anomalien gemessen und Probebohrungen durchgeführt worden waren 328. Dies führte zu umfassenden Grabungen unter der Leitung des Paläontologen Taquet. 329 Als Gardi wenige Jahre später diese Region besuchte, besichtigte er „eine riesige Wirbelsäule, die von den Halswirbeln bis zu den letzten Schwanzwirbeln intakt über einem kleinen Hügel lag“, mit einer Länge von 6 Metern, allerdings ohne Schädel, und er resümierte damals: „In Gadou- faoua wäre, so schiene mir, Arbeit für ein Regiment von Fachleuten.“ 330 Eine gebührende Forschungsanerkennung wurde diesen Stätten - nach einigen kleinen Gra- bungen durch deutsche und japanische Grabungsteams 331 - erst in den 90er-Jahren zuteil, als Prof. Paul Sereno 332 von der University of Chicago mehrerer groß angelegter Grabungen or- 321 Vgl. Taquet 1994, S. 30 ff. 322 Gardi 1971, S. 172 f. 323 Der Tamaschek-Name bedeutet „Ort, wo die Kamele Angst vor dem Abstieg über den Felsen haben“, weil hier die Klip- pen von Tiduidit verlaufen (Hinw. in Taquet 1994, S. 23). 324 Gardi 1971, S. 175 325 Weil hier keine Schleifspuren zu sehen sind, nimmt Taquet (1994, S. 91 ff.) an, das Tier habe den Schwanz waagrecht gehalten. Skelette dieser Spezies aus dem Mesozoikum sind - bis auf einige Reste durch de Lapparent aus 1954 bei Ingall - sehr rar. 326 Vgl. Taquet 1994, S. 104 f. Saurierspuren in Sussex, unweit des Hauses von Sir Arthur Conan Doyle, waren es übrigens, die den Autor von „Sherlock Holmes“ 1909 zu seinem Roman „Lost World“ inspiriert hatten. Das Thema - eine Expedition nach Amazonien entdeckt in einer unerforschten Region eine verlorene Welt lebender Saurier - hat Michael Crichton aufge- nommen und Steven Spielberg unter dem gleichen Titel verfilmt. 327 Vgl. Taquet 1994, S. 18; NIGETECH 2002, S. 38. 328 Vgl. Gardi 1971, S. 175, Taquet 1994, S. 16. 329 Vgl. Taquet 1994, S. 31 330 Gardi 1971, S. 175. Sinngemäß meinte Sereno in einem Spiegelinterview: „Wenn du dort auf ein Skelett stößt, kannst du dir schon einmal einen Namen ausdenken. Es handelt sich mit großer Wahrscheinlichkeit um etwas Neues.“ (zit. In: Evers, Grolle 1999, Spiegel online, 12. 11. 1999, Web). Tatsächlich sind bis heute erst wenig mehr als zweihundert Saurierarten beschrieben worden, doch zum Ende der Trias dürften vermutlich 1200 Arten die Erde bevölkert haben (Taquet 1994, S. 312). 331 Vgl. Bako 2000, Le Sahel, Web. 332 Amüsanterweise wurde Sereno vom US-Magazin „People“ 2001 zu den „50 schönsten Menschen der Welt“ gezählt (Hinw. in Malms 2001, S. 44). 285 ganisierte . 1993 entdeckte Sereno bei Grabungen in Abaka bei Ingall einen Carnivoren, der in der Folge „Afrovenator Abakenis” benannt wurde 333. Im Zuge der 2. Sereno-Expedition 1997 wurden Teile des „Nigersaurus taqueti“ geborgen. Dieser Herbivore hatte vor 110 Mio. Jahren gelebt, hatte einen langen Hals und seltsam geformte Kiefer, bestückt mit über 600 Zähnen 334. Eine weltweite Sensation war zur gleichen Zeit der Fund des 100 Mio. Jahre alten „Suchominus tenerensis“ als schönes Beispiel für die „konvergierende“ Evolution: Obwohl kein Krokodil, hatte sich dieser Saurier 335 vor 100 Mio. Jahren auf Fische spezialisiert und in der Folge eine Krokodil-ähnliche Form angenommen. 336 Fünfzehn neue Saurier- und Reptilienarten, die vor 135 Mio. Jahren während der Kreidezeit in Afrika endemisch waren, brachten Serenos spätere Grabungen von 2000/01 zutage. Während dieser Expedition konnte er auch vollständige Skelette des schon 1993 identifizierten, eben- falls endemischen herbivoren Sauropoden 337 „Jobaria tiguidensis“, bergen. 338 Dieser über 20 Tonnen wiegende Koloss mit über 20 Metern Länge ist der in der Region Niger am häufigsten vorkommende Saurier der Kreidezeit. Benannt wurde das elefantenartige Tier mit sehr lan- gem Hals und Schwanz, nach dem regionalen Tuareg-Fabelwesen „Jobar“ sowie nach dessen Fundort, den Falaise de Tiguidit 339. Die Harzkopie eines Jobaria wurde nach dessen Rekon- struktion in den USA im Dezember 2000 durch Sereno in Agadez festlich übergeben 340. Die große „Saurier-Sensation“ der Region ist neben dem Jobaria der „Afrovenator abakensis”. Dieser „Afrikanische Jäger von Abaka“, ein 1993 nahe dem Tal InAbaka gefundener ende- mischer Canivore, war etwa 9 Meter lang, ging auf zwei Beinen, hatte einen langen Schwanz und scharfe, dolchartige Zähne. Spuren dieser Zähnen fanden sich in den Knochen des Joba- ria, der wohl wichtigsten Beute des Afrovenators. Seine lebensgroße Replik ist gleichfalls im Nationalmuseum von Niamey zu sehen. Zu den Besonderheiten, die sich unter den Fossilien finden, zählt das Riesenkrokodil, dessen Verwandte die Erde schon lange vor den Sauriern bevölkert und schließlich auch die Krisen des Tertiärs vor 66,4 Mio. Jahren überlebt hatten, wogegen die Saurier nach 155 Millionen Jahren relativ rasch aufgrund mehrerer Umstände ausstarben. 341 Im Jahr 1957 fand der Geo- loge Hughes Faure bei El Rhaz und Gadoufaoua riesige Zähne dieses Riesenkrokodils mit bis zu 14 cm Länge und 4 cm Durchmesser 342. Die nun als neue Art identifizierte Spezies wurde wegen ihrer enormen Größe Sarcosuchus imperator 343 genannt, denn seine einstige Länge hatte bis zu 15 Meter bei einem Gewicht von 10 Tonnen betragen 344. Ein solches Exemplar fand Sereno im Winter 2001-02. 345 Diese Tierart hatte sich wahrscheinlich von mesozoischen Fischen wie Haien (Selacien) und Süßwasserhaien (Hybodus) ernährt, die in den mesozoi- schen Gewässern der heutigen Sahara sehr verbreitet waren. 346 Bemerkenswerterweise stieß man auf Funde des Sarcosuchus imperator auch im Becken von Salvador de Bahia, Brasilien, sowie in der Region von Cocobeach, Gabun. Diese Umstände 333 Diesen Fund brachte Sereno 1997 in den Niger zurück (Bako 2000, Le Sahel, Web). 334 Vgl. Koppes 2000, Web. 335 Die Ausmaße des Tieres betrugen Länge 11 Meter, Höhe 3,5 Meter und Gewicht 5 Tonnen. 336 Vgl. Sereno in Evers, Grolle 1999, Spiegel online, Web. 337 Sauropoden waren die größten, jemals existierenden Landwesen, von denen der Jobaria am besten bekannt ist. 338 Vgl. Sereno, Lyon 2000, Web. 339 University of Chicago 2000, Web. 340 Gegenwärtig ist das Stück in den Fossilien-Pavillon des Nationalmuseums von Niamey neben die alten Fundstücke „ge- zwängt“. Der Bau eines neuen Ausstellungspavillons für das Stück ist seit 2000 geplant (Panafrican News Agency 2000, Web). 341 Vgl. Taquet 1994, S. 331. 342 Vgl. ebd., S. 125. 343 Sarcos (lat.): Fleisch, suchus (lat.): Krokodil, imperator (lat.): König. 344 Das größte, heute lebende Krokodil, das in Australien verbreitete Leistenkrokodil, erreicht 7 - 8 Meter. 345 Parsell 2001, National Geographic News, 25.10.2001, Web; vgl. auch: o.A. 2002, S. Riesenkrokodil verschlang Saurier. In: P.M. 7/2002, S. 36. 346 Vgl. Taquet 1994, S. 129 f. 286 sowie die Ähnlichkeiten dieser drei Sedimentbecken gelten als weitere Beweise für Alfred Wegeners Theorie von Pangäa, dem aus Laurasia und Gondwana bestehenden Urkontinent, als Südamerika und Afrika bis ins Aptien hinein noch eine Einheit waren. 347 8.6.1 Besichtigung von Saurierfossilien Am besten zu besichtigen sind solche Saurierfunde in Tawashi 348, knapp 80 km südwestlich von Agadez. Hier liegen u.a. vollständige und hervorragend erhaltene Jobaria- und Afrovena- tor-Skelette, die Serenos Team in der Saison 2000-01 freigelegt hat. Damals hatten auch die hiesigen Tuareg den Grabungen mit großem Interesse zugesehen, spielen doch Saurier seit vielen Generationen eine Rolle in traditionellen Geschichten und Legenden. 349 Die Grabungen hatten anfangs zur Folge, dass sich manche Tuareg selbst zur Fossiliensuche inspiriert fühlten 350. Gleichzeitig wuchs auch unter der Bevölkerung die allgemeine Be- fürchtung, dass diese Schätze für den Verkauf an Touristen geplündert werden könnten. 351 Entsprechend schlechte Erfahrungen hatten die Menschen in der ferneren Vergangenheit zur Genüge gemacht. 352 Darum wurden die Funde anfänglich zu deren Schutz wieder im Sand vergraben 353. Auch den Paläontologen brachten die Bewohner anfangs Misstrauen entgegen, hatte doch Taquet im Zuge seiner acht Expeditionen die meisten und schönsten seiner damali- gen Funde, insgesamt über 35 Tonnen Material, nach Paris schaffen lassen. 354 Sereno findet dagegen große Sympathie vor, weil er von seiner Grabungsausbeute 355 u. a. einige lebensgroße Rekonstruktionen der Republik Niger übergeben, eine Partnerschaft zwi- schen Chikago und Agadez initiiert und zudem Ausbildungsmaterialien für lokale Touristen- 347 Vgl. ebd., S. 136 ff. 348 16°24,36‘N, 7°33,65’O. 349 So pflegen Eltern ihren „schlimmen“ Kindern zu drohen, der Jobaria würde aus der Wüste kommen und sie fressen (Uni- versity of Chicago 2000, Web). Dieser Umstand weist freilich darauf hin, dass die örtlichen Nomaden schon seit langem Kenntnis vom Vorkommen der Fossilien haben mussten, was auch plausibel ist: Im Zuge des permanenten Erosionsprozesses durch Sand, Wind und Wasser werden immer wieder Skelettteile freigegeben, deren Herkunft dann von den Nomaden auf ihre Weise mit Legenden „erklärt“ wird. Diese Strategie zeigte sich bereits oben am Beispiel der Tuareg-Interpretation fossi- ler Baumstämme als Knochen der Kel Iru. 350 Auch ich durfte im März 2001 eine Gruppe Tuareg auf ihrer Suche nach Saurierfossilien begleiten. Zweck dieser Expedi- tion war die Evaluation einiger Funde südlich von Toureyet als potentielle Attraktion für Rundreisen. Das hat sich mittlerwei- le durch die in Tawashi von Sereno gefundenen, beeindruckenden Fossilien erübrigt. 351 Große Wirbelknochen sah ich im Angebot der Tuareg-Händler bei Assode im Jahr 2000, wie auf dem Foto in Friedl 2002a, S. 47 dokumentiert ist. Im Jänner 2003 wurde mir am großen Markt von Agadez von einem "wilden" Händler ein fossiler Zahn zum Kauf angeboten. Auf die Illegalität seines Handelns hingewiesen, tauchte er im Getümmel des Marktes unter. 352 Gardi (1971, S. 170) berichtet von einem „ganzen Skelett“, das nahe der Piste bei Ingall Anfang der 60er-Jahre an die Oberfläche geraten war, und „jedermann, der davon gehört hatte, ging hin und packte ein paar Souvenirs ein. Zehn Jahre später ist nun nichts mehr davon zu sehen“. Den bekanntesten Diebstahl eines nigrischen Fossils hatte der Italiener Vittorio Bellavite in den 70er-Jahren zu verantworten, worauf Präsident Kounché ihn zwang, für Jahre den Niger zu verlassen (Hinw. Khader le Danger, März 2000, Agadez). 353 In den 70er-Jahren verlangten die Behörden für den Besuch der Saurierfunde, um diese zu schützen, die Erlaubnis des Präfekten, verbunden mit der Verpflichtung, einen Wärter mitzunehmen (vgl. Gardi 1971, S. 176; vgl. auch Tillet 1993, S. 25). Seit dem Kountché-Regime erhielten überhaupt nur noch wissenschaftliche Expeditionen die Genehmigung zum Besuch des Gadoufaoua-Tals, während Besuche durch Touristen generell untersagt waren (vgl. Krings 1982, S. 384; Eberhard 1992, S. 73 f.) Dies war wohl auch der Grund dafür, dass die Saurierfunde des Niger für den Tourismus weitgehend unbekannt geblieben sind. 354 Vgl. Taquet 1994, S. 118 f. Die Ausfuhr von Fossilien wurde im Niger 1972 gesetzlich geregelt und ist nur mit einer Sondergenehmigung möglich. Dieses Gesetz wurde 1997 novelliert. Seither herrscht in der Republik Niger die weltweit strengste Regelung für Saurierfossilien (vgl. University of Chicago 2000, Web). 355 2000 wurden 20 Tonnen Fossilienteile gesammelt und nach Chikago gebracht (vgl. Sereno, Lyon 2000, Web). 287 führer ausgearbeitet hat 356. Mit Serenos Unterstützung konnte die Gemeinde von Marandet die Organisation „Ojoubar“ zur Förderung des „paläontologischen Erbes“ der Tuareg grün- den. Die Organisation betreibt die Eintragung der Region in die UNESCO-Liste des Weltkul- turerbes 357 und nimmt sich des Schutzes und der wirtschaftlichen Nutzung der Fundstätte von Tawashi an. Gegen eine Eintrittsgebühr von 2.000 FCFA pro Person präsentieren die zwei Tuareg-Führer Balla und Baja auf sehr anschauliche Weise in einer Art Freilichtmuseum die Saurierfunde 358. Während der Regenzeit schützt die Organisation „Ojoubar“ die Fossilien mittels Abdeckungen vor Erosionsschäden 359. Leider gibt es bislang keine entsprechenden Präsentationsstätten für die reichen Saurierfunde in Agadez 360, obwohl die Bewohner von Ingall und Marandet in hohem Maße an einer umfas- senderen Nutzung dieser bedeutenden touristischen Ressource interessiert wären. 361 Die op- timale wirtschaftliche Nutzung zugunsten der lokalen Bevölkerung und zur Aufwertung des Niger als wissenschaftstouristische Destination bei gleichzeitigem Schutz der Saurierfunde war das Ziel eines Fünf-Millionen-Euro-Projekts der Freien Universität Berlin362 in Ko- operation mit dem Autor. Dazu sollte das kleine Museum von Ingall zu einem Saurier-Aus- stellungs- und Forschungszentrum ausgebaut werden. Von dort aus hätten Besucher die Mög- lichkeit, mit regionalen, besonders ausgebildeten Tuareg-Führern mittels Kamelkarawanen kleinere Expeditionen zu unternehmen und dabei sogar selbst unter Fachaufsicht nach Fossi- lien graben 363 zu dürfen. Dieses Projekt erregte zwar großes Interesse seitens zahlreicher nigrischer und deutscher Poli- tiker, sogar der UNESCO 364, fand aber bislang keine finanzielle Unterstützung. Dies ist inso- fern bedauerlich, als die reichen Sauriervorkommen ohne entsprechende Maßnahmen nicht nur für die Bevölkerung ohne Nutzen bleiben, sondern als Opfer von Souvenirsammlern und vom Zahn der Zeit durch Erosion von der Oberfläche verschwinden werden. 356 Der Führer mit zahlreichen Fotos “Introduction to the Dinosaurs of Marandet and InGall” wurde explizit für die Touris- tenführer von Ingall und Marandet auf Englisch und Deutsch ausgearbeitet (vgl. University of Chicago 2000: Introduction to the Dinosaurs of Marandet and InGall, in: http://www.projectexploration.org/niger2000/feature_12_03_2000. htm, zul. 23. 4. 2001 357 Vgl. Malms 2001, S. 45 f. 358 Die zwei Tuareg fühlen sich seit 1997, als sie Sereno und seinem Team erstmals frei erodierte Fossilien gezeigt hatten, für den Schutz der Fossilien verantwortlich (University of Chicago 2000, Web) und waren auch meine sehr guten Führer im Jänner 2003. 359 Auskunft der Association de Marandet, 23. 1. 2003. 360 Das “Freilichtmuseum” von Tawashi und das kleine Museum in Ingall liegen leider beide fern der touristischen Hauptrou- ten. 361 Dies berichten die Autoren des Saurier-Führers (University of Chicago 2000, Web) gleichermaßen wie Malms (2001, S. 46), und dies wurde auch mir gegenüber in Tawashi von den Vertretern der Assosation de Marandet im Jänner 2003 deutlich zum Ausdruck gebracht. 362 Abteilung für Paläontologie des Instituts für Geologie. 363 Vgl. Kusserow, Hannelore; Friedl, Harald A., Gloy, Uwe et al. 2001: Aufbau eines naturhistorischen Museums mit einer wissenschaftlichen Ausbildungsstätte unter Einbeziehung ökotouristischer Gesichtspunkte im Niger. (unveröff. Projekt- entwurf) Berlin; vgl. auch Friedl 2002b, Web. 364 Vgl. Persönliches Anerkennungsschreiben von Eder, Wolfgang, Director of the Divisions of Earth Sciences, UNESCO, Paris, vom 12. 6. 2002. 288 8.7 Prähistorische Stätten In der Ténéré stößt der Reisende auf einen unvorstellbaren Reichtum prähistorischer Spuren, seien es Steinwerkzeuge, Gräber, Felszeichnungen oder sogar ganze Siedlungen. Diese Relik- te werden von den Tuareg den „Kel Irou“, den „Leuten von früher“ zugeschrieben 365. Sie sind Ausdruck einer langen und wechselhaften Frühgeschichte, die diese Region einer einstmals klimatisch begünstigten Lage verdankt. 8.7.1 Die Frühgeschichte des Niger Die Frühgeschichte im Niger beginnt mit der Periode vor etwa einer Million Jahren, als sich die heutigen Großwildarten entwickelten und die ersten Hominiden auftraten. Der 1961 am Fuße des Tibesti gefundene Tschadanthropus, der älteste in der Sahara bekannte Hominide, legt die Vermutung nahe, dass die Menschen in diese Region aus Ostafrika eingewandert wa- ren und dann weiter nach Norden und Eurasien zogen. „Der Westrand des Tibesti scheint ei- ner der Zuwanderungskorridore des Menschen - wahrscheinlich vom Typus des primitiven homo erectus – vor etwa 1,5 Millionen Jahren gewesen zu sein.“ 366 Bis um 500.000 v. Chr. dient grob behauenes Geröll, wie es an zahlreichen Orten in der Ténéré, insb. im Tafassasset, zu finden ist, als Werkzeug. In der folgenden Zeit setzen sich langsam feinere Geräte mit schärferen Schneiden und symmetrischer Form des Typs Acheu- leen durch. Besonders charakteristisch sind die in der Ténéré sehr häufig zu findenden Faust- keile. Diese jüngere Kultur ist in der Region Kawar (Bilma), Nord-Djado und Ost-Aïr (Adrar Bours) verbreitet und erlischt vor 100.000 Jahren. Für die nächsten 60.000 Jahre gab es hier keine Besiedlung mehr, stattdessen entstanden auf ausgedehnten Flächen weitreichende Sanddünen. Um 40.000 v. Chr. stieg der Grundwasserspiegel beträchtlich an, worauf zwischen den Ergs ausgedehnte Seenlandschaften entstanden, unterbrochen durch eine hyperaride Phase von 31.000 bis 29.000 v. Chr. und schließlich abgelöst von einer subariden Epoche (Ghazalien), die bis 18.000 v. Chr. dauerte. In diesen 10.000 Jahren trat in der Ténéré die mittelsteinzeitli- che Aterien-Kultur 367 auf, deren Vertreter häufig die Ufer der Seen besiedelten. Typische Ar- tefakte dieser Periode sind fein gearbeitete Stiele, Spitzen und Schaber aus den Materialien Quarzit, Quarz und Rhyolith. Sie wurden besonders am Westrand des Adrar Bous, bei den „Blauen Bergen“, in Anakom und um Bilma gefunden. Um 17.000 v. Chr. folgte eine hyper- aride Phase (Kanemien), die bewirkte, dass die Seen austrockneten und hohe Dünen entstan- den, was die Bevölkerung zur Abwanderung zwang. Die nächste Feuchtperiode währt von 10.000 – 5.000 v. Chr. (Nigero-tchadien). Dieses neuer- liche Ansteigen des Wasserspiegels ließ wieder Seen zwischen den Dünen entstehen und das ermöglichte die Wiederbesiedlung des Aïr-Ostrandes. Diese bis 8.000 v. Chr. dauernde Kultur (Epipaläolithikum) kennzeichnete den Übergang zur Jungsteinzeit und war begleitet von frü- her Keramik, wie Funde am Bagzan aus 7.300 v. Chr. beweisen. 368 Die Erfindung der Kera- 365 Vgl. Bernus 2000, S. 88. 366 Tillet 1993, S. 25 ff. Generell beziehe ich mich in diesem Teilkapitel auf diese Quelle, soferne nicht anders angegeben. 367 Diese ist der frühsteinzeitlichen Kultur des Cro-Magnon-Menschen in Westeuropa vergleichbar. 368 Diese Funde wurden von J.-P. Roset im Lager von Tagalagal auf 1.850 m gefunden und sind die ältesten Keramikfunde der Welt (vgl. Grébénart 1986, S. 348). Die in dieser Periode entwickelte „punktierte Wellenlinie“ gilt als die älteste Tonver- 289 mik und die Sesshaftwerdung verlaufen parallel, Sesshaftigkeit brachte den Übergang vom nahrungssuchenden zum nahrungsschaffenden Lebensstil, bekannt als die „neolithische Revo- lution“. Aus dieser Periode stammen zahlreiche steinerne Reibplatten, die für den Transport ungeeignet sind und deren Vorkommen ein wesentliches Indiz für die Sesshaftigkeit ist. 369 Zu den neuen Errungenschaften dieser Kultur zählen die gezielte Selektion und Domestizierung von Pflanzen- und Tierarten und als Weiterentwicklung der Ackerbau und die Viehzucht. Wahrscheinlich ist dieser Bevölkerung sogar die Erfindung der Hirsekultur zuzuschreiben. 370 In der Zeit vom 4. - 3. Jahrtausend v. Chr. begann neuerlich eine Feuchtperiode. In der gesam- ten Ténéré trat eine „mitteljungsteinzeitliche und als Ténéréen bezeichnete homogene kultu- relle Grundeinheit (auf), die eine der schönsten jungsteinzeitlichen Kulturformen der Sahara darstellt“ 371. Die lithischen Produkte dieser Zeit sind u.a. blattförmige Spitzen und sehr dün- ne, beidseitig bearbeitete Scheiben aus sehr feinem Steinmaterial, polierte Beile 372 und geo- metrisch gestaltete Mikrolithe. Aus dieser Zeit stammen auch die ältesten Hinweise auf die Domestizierung des Rindes: In Adrar Bous, einer der wichtigsten Fundstätten des Ténéréen, wurde ein „Rindergrab“ freigelegt, das auf 4.200 v. Chr. datiert werden konnte. 373 Um 3.500 v. Chr. war die Haltung von Klein- und Großvieh verbreitet, Indiz für das Anbre- chen einer neuerlichen kurzen Trockenperiode, die durch das letztes Vorrücken des Meeres und das neuerliche Entstehen von Seen und Sümpfen abgelöst wurde. Der Tschadsee erreichte eine Ausdehnung von 340.000 qkm und eine Tiefe von 40 Metern, und auch der See bei Adrar Bous erreichte eine Tiefe von 700 Metern und wurde von Nashörnern und Elefanten bevölkert 374. Aus diesem jüngeren Nigero-tchadien findet sich an den Ufern der Wadis die letzte kurze neolithische Besiedlung, die durch den Beginn der bis heute andauernden Tro- ckenperiode bzw. durch die palöo-berberische Periode beendet wurde. Seit mindestens 2.000 v. Chr. wird im Raum Agadez Kupfer gewonnen, wie die Reste von Schmelzöfen, u.a. bei Takedda bei Azelik, 200 km nordwestlich von Agadez, beweisen. Der Rohstoff wurde wahrscheinlich um El Meki gefunden. Wie das Niltal und der Mittlere Osten gehörte die Region Agadez zu den „großen Zentren der Kupferverarbeitung“ 375, deren Pro- duktion bis ins 14. Jahrhundert n. Chr. andauerte 376. Etwa zeitgleich, um 1.500 Jahren, begann die Eisenzeit. Tillet bezeichnet das Aïr und seine Randgebiete sogar als einen „der ältesten Entstehungsräume (…) der Eisenverhüttung,“ 377 weil sie älter als jene des Oberen Niltals sind. zierung der Sahara. Sie ist gleich alt, wie die ältesten Keramikfunde im Nahen Osten (vgl. Tillet 1993, S. 26; Paris 1993, S. 206). 369 Überhaupt stammen die meisten Funde an Steinutensilien aus dieser Zeit (Quechon 1994, S. 22). 370 Durch gentechnische Untersuchungen biochemischer Marker konnte nachgewiesen werden, dass die Hirse zwei Aus- gangspunkte in Westafrika hat, Mauretanien und Niger. Im Niger ist von einer Bevölkerung mit schwarzer Hautfarbe auszu- gehen (vgl. Paris 1993, S. 210). 371 Tillet 1993, S. 27. 372 Derartige Artefakte fand ich Ende Jänner 2003 auf einer Fläche von kaum einem halben Quadratmeter: neun Beile und vier scharf geschliffene, runde Steinmesser mit etwa 10 - 15 cm Länge. Der Fund wurde anschließend gemeinsam mit einer unweit entdeckten, etwa 1 m langen Stößelstange, auf der Position 20°37,777‘N, 10°27,778‘O vergraben, um einen Diebstahl durch nachfolgende Gruppen zu verhindern. 373 Vgl. Paris 1993, S. 210 f. 374 Grébénart 1986, S. 347. 375 Tillet 1993, S. 34. 376 Ibn Battuta hatte 1354 von diesen Kupferminen berichtet (Hinw. in Gado 1994, S. 18; Taquet 1994, S. 17; Bernus 2000, S. 90). 377 Tillet 1993, S. 34. Entsprechende Funde bei Tiguidit stammen allerdings aus dem 6. Jh. v. Chr. 290 8.7.2 Siedlungen Zu den bedeutenden Hinterlassenschaften der lithischen Kulturen zählen regelrechte Siedlun- gen, erkennbar an häufigen Knochenfunden, etwa beim Brunnen von Achegour 378 und bei Termit, wo sie Henri Lhote Mitte der 30er-Jahre gefunden hatte. 1960 fand die Mission Ber- liet neben Knochenresten, Keramik und Steinwerkzeugen auch „relativ junge Seeböden, eine verödete Oase mit einer der schönsten Werkstätten für jungsteinzeitliche Pfeilspitzen“. 379 Während aus der Altsteinzeit im Aïr nur sehr wenige Funde bekannt sind, gibt es dagegen viele Stationen aus dem Neolithikum, wo zahlreiche, sorgfältig bearbeitete und geschliffene Objekte aus grünem Silex zu finden sind. Derartige Akkumulationen gibt es im Djado, etwa in der Umgebung der Oase von Agadem südlich von Bilma, wo die örtlichen Kinder Objekte von „makellos gezackter und von seltener Schönheit“ 380 zum Kauf anbieten. Auch Arlit, der Uranstadt nördlich von Agadez, war offensichtlich mitten in einer neolithischen Siedlung er- richtet worden. Der Arzt Petit baute in den späten 60er-Jahren eine große Sammlung neolithi- scher Fundstücke auf, die er überwiegend auf dem Bauplatz für das neue Spital gefunden hat- te. 381 8.7.3 Gräber Während die Behausungen der Steinzeitmenschen wohl hauptsächlich aus organischen Stof- fen wie Holz bestanden hatten, von denen über die Jahrtausende nichts übrig geblieben ist, waren die Gräber aus dauerhaften Materialien gebaut. Im gesamten Aïr und auch an vielen Stellen der Ténéré stößt man auf Grabstätten, teils vereinzelte Gräber, wie die Steinkreise in der südlichen Kaldera von Arakao, teils ganze Nekropolen, wie in Iwelen oder jene im Südos- ten des Aïr. 382 Die ersten solcher Gräber tauchten um die Mitte des 4. Jahrtausend v. Chr. als Hügelgräber (Tumuli) oder als Anhäufung vieler Steinblöcke über einer Grube auf. Da letztere mit einem Gang in der Mitte versehen sind, werden sie auch „Schlüsselloch-Tumuli“ genannt. Manche Gräber sind von rundlichen Steinumfriedungen umgeben und teilweise versehen mit Korri- doren, die zu kleineren Grabhügeln führen. Solche Ringgräber können im Aïr und im Djado einen Durchmesser bis zu 10 Metern haben, im Kawar sogar bis zu 30 Metern. Vielleicht han- delt es sich dabei um Ruhestätten angesehener Persönlichkeiten, waren doch solche Gräber manchmal mit Perlen und Tonscherben ausgestattet, wogegen die meisten Gräber ohne Grab- beigaben gefunden worden sind. Derartige Bestattungsformen waren bis zur Islamisierung gebräuchlich. Unter den zahlreichen Nekropolen hat der Kori Iwelen 383 eine besondere Bedeutung. Hier ist eine der wenigen Stätten in der Ténéré, die man offensichtlich als „Siedlung“ bezeichnen kann, denn hier liegen dicht nebeneinander 63 inventarisierte Tumulusgräber, deren Alter von 378 Achegour (Tamaschek) bedeutet: Dieser ist besser! 379 Gardi 1971, S. 185. 380 Hare 2002, S. 113. 381 Vgl.Gardi 1971, S. 187. 382 Mitte Februar 2003 campierten wir bei einem Tafelberg auf 17°56,809’N, 9°29,197’O, der von vielen Kratergräbern umgeben war. 383 Iwelen (Tamaschek) bedeutet „Scherben von Tongefäßen“. Lage: GPS 19°46,51‘ N 8°26,00’O. 291 3.500 bis 1.250 Jahre datiert wird, 384 sowie eine enorme Anzahl an Felsgravuren. Ein derarti- ges Ensemble ist in der Sahara einzigartig. 385 Aufgrund ähnlicher Stilelemente der diversen Funde ist diese Stätte wohl der gleichen Menschengruppe zuzuordnen. denn es wird ange- nommen, dass Neuankömmlinge eine neue Art Keramik, eine neue Felszeichnungsform sowie eine neue Bestattungsform mitgebracht hätten. 386 Häufigstes Element der Felszeichnungen sind stets Menschen, gezeichnet als stereotype Men- schenfiguren mit Köpfen, wie „dreispitzige Tulpen“ mit Antennen, teilweise poliert. Neben den Menschen sind domestizierte und wilde Tiere zu sehen. 387 Insgesamt lassen sich diese Darstellungen wohl als Jagdszenen interpretieren. An der neuartigen Bestattungsform ist auffallend, dass die Toten auf eine Matte gelegt und mit einem „Krater-Tumulus“ (in Gestalt eines Kraters mit 2 - 5 Meter Durchmesser) bedeckt wurden, wie es bisher im Aïr nicht vorgekommen war. In den Gräbern fand man Grabbei- gaben, wie Reibplatten und reich verzierte Tongefäßen von genau jener Art, die auch im Wohnbereich der Hütten gefunden wurden. Besonders interessant sind aber die in Iwelen ge- fundenen kupfernen Lanzenspitzen, die auf 965 - 100 v. Chr. datiert wurden. Damit handelt es sich bei Iwelen „nach heutigem Stand der Forschung (…) um die einzige Fundstätte, die für die südliche Sahara das zeitgleiche Vorkommen von Kupferbearbeitung, Tumulusgrab sowie Wagen und „Antennenmenschen“ darstellenden Felsbilderstil belegt“. 388 8.7.4 Gravuren und Felsmalereien Die Sahara gilt nach Henri Lhote als „the world’s largest collection of prehistoric art“ 389, seit dieser Forscher die im Tassili n’Ajjer gefundenen Felsmalereien in der westlichen Welt be- kannt gemacht hat. Von solchen Felsgravuren in der Sahara hatte schon viel früher Heinrich Barth berichtet, 390 allerdings ebenfalls nur aus der nördlichen Sahara, da sein Weg durch den Aïr an den großen Vorkommen von Felsgravuren nicht vorbei geführt hatte. Berühmte Fund- stätten sind die Täler Anakom und Tanakom am Ostrand des Aïr, Tezirzait am nordöstlichen Rand des Tamgak-Massivs, Iwelen sowie Dabous, um wenigstens die wichtigsten zu nennen. Petroglyphen lassen sich überall dort finden, wo freiliegende Felsen eine möglichst glatte, geeignete Oberfläche bieten und die bevorzugte Siedlungsgebiete der damaligen Bevölkerung gewesen waren. Die meisten Gravuren stammen aus dem 6. Jahrtausend v. Chr. Einige weni- ge Gravuren in den nördlichen Regionen des Niger sind der Babulus-Periode zuzuordnen und sind über 12.000 Jahre alt. 391 Äußerst selten im Aïr sind dagegen Felsmalereien, die sich aus- schließlich auf dem glattem Untergrund ausgeschliffener Höhlungen des jeweiligen Felsens finden. 392 Denn nur dort blieben die Malereien über die Jahrtausende hinweg vor der Witte- rung geschützt. Beispiele dafür finden sich auf den Gipfeln des Bagzan-Plateaus, einem ural- 384 Vgl. Paris, Francois in in Decoudras/Durou 1994, S. 108. 385 Vgl. Roset, Jean-Pierre in Decoudras/Durou 1994, S. 106. 386 Vgl. Tillet 1993, S. 33 f.; Paris 1993, S. 212. 387 Zu sehen sind Löwen, Nashörner, Giraffen, die auch von Männern mit Lanzen gejagt werden, Mufflons und Gazellen sowie Pferde mit Reitern (Roset 1994, S. 107). 388 Tillet 1993, S. 33f. Diese Wagendarstellung deutet darauf hin, dass Iwelen eine Etappe jenes von Herodot um 500 v. Chr. geschilderten Handelswegs der Garamanten gewesen sei. „Bis heute wurden (…) über 550 Felsbilder mit solchen Streitwa- gen zwischen dem Nigerknie und dem Mittelmeer entdeckt“, schreibt Weyer (2001, S. 58). 389 Henri Lhote 1959: A La Découverte des Fresques du Tassili, Paris. Zit. in Keenan 2003, Web. 390 Vgl. Barth 1986, S. 108 ff. 391 Vgl. NIGETECH 2002, S. 39. 392 Vgl. Kupfer 1984, S. 303. 292 ten Siedlungsgebiet, wo die kugeligen Erosionsformen zur Bildung von riesigen Grotten ge- führt hatten, die daher offensichtlich auch als steinzeitliche Wohnstätten geeignet waren 393. Malereien, die im Einzugsbereich der klassischen Touristenrouten liegen, finden sich auch am zentralen Bagzan-Gebiet östlich des Dorfes Bagzan-n-Ammas. 394 Bei den Techniken, die für im Niger vorkommende Darstellungen verwendet wurden, handelt es sich vorwiegend um Gravuren, die mit Steinwerkzeugen in den Fels gehämmert oder - wie die Riesen-Giraffen in Dabous - in den Fels poliert wurden. 395 Malereien wurden mit Farben aus Ockererde, Ziegenmilch und dem Saft von Akazien zu Farbe gerührt 396. Die häufige Ver- wendung dunkler, rotbrauner Töne resultiert aus dem tieferen Eindringen dieser Ocker- Eisenverbindungen in den Felsen, wodurch diese Schichten witterungsbeständiger sind 397. 8.7.4.1 Inhalte der Felsgravuren Die Themen und Inhalte der Gravuren sind Spiegelbild der jeweiligen Periode und der zu die- ser Zeit gelebten Kultur und Wirtschaftsform. Dabei werden folgende Perioden grob unter- schieden: ¾ ca. 4.500 - 2.500 v. Chr. jungsteinzeitliche Feuchtzeit, beendet durch eine außer- ordentliche Dürreperiode ¾ ca. 1.500 – 1.000 v. Chr. letzte Feuchtperiode, Vorrücken der Urberber nach Süden ¾ um 1.000 v. Chr. erster Nachweis der Pferde in die Sahara ¾ bis 500 v. Chr. Verwendung des Wagens in der Sahara ¾ vor der Zeitenwende bis maximal Ende des 6. Jahrhunderts n. Chr.: „libysche Krieger“ ¾ ab dem Ende des 6. Jahrhunderts Beginn der Islamisierung 8.7.4.1.1 Bubalus-Periode Während der Jungsteinzeit setzen die ersten künstlerischen Äußerungen in der Sahara ein. Als älteste Gravierungen gelten jene der Babulus-Periode im „großen naturalistischen Stil der Jäger“ 398, benannt nach dem Altbüffel „Babulus“. Dabei treten überwiegend Darstellung gro- ßer Wildtiere wie Babulus, Nashörner, Elefanten, Giraffen und Löwen auf, die eben damals in der Ténéré gelebt haben. 399 Im Djado finden sich auch Menschendarstellungen mit Tierköp- fen. Die Darstellungen, tief in den Fels eingeritzte und polierte Linien, sind überwiegend na- 393 Mein Berater Aghali aus Timia hatte mir im Dezember 1999 im Zuge unserer Bagzan-Tour am nördlichen Gipfel solche Malereien gezeigt. Unweit jener Stellen fanden sich auch primitive Steinwerkzeuge. Die Gegend kannte Aghali aufgrund seiner Arbeit für das französische Forschungsprojekt ORSTOM während der 80er-Jahre. 394 Eine reiche Sammlung an ockerfarbenen Figuren findet sich in einer großen Grotte unweit des Dorfes auf 17°43,584’N, 8°45,806’O. 395 Vgl. Kupfer 1984, S. 303. 396 Vgl. Gardi 1971, S. 187. 397 So wurde es mir von einem Ranger im Kathrine-Gorge - NP in Australien am Beispiel dortiger Aborigines-Malereien erklärt. 398 Muzzolini 1984, S. 307. 399 Prähistorische Fußabdrücke dieser Tiere finden sich in der Ténéré südlich von Bilma (vgl. Hare 2002, S. 113). 293 turalistisch und monumental. Ihre Urheber, nach Ansicht Muzzolinis eher europide „Ur- Berber“ 400, sind wahrscheinlich zeitlich vor der Hirtenepoche anzusiedeln, also älter als 7.000 Jahre (5.000 v. Chr.). 401 8.7.4.1.2 Rundkopf-Periode Etwa gleichzeitig mit der Babulus-Periode findet man Beispiele der Rundkopf-Periode, 402 in der großwüchsige Gestalten mit runden Köpfen gemalt werden. Daneben treten naturalistische Darstellungen der Hausrinder, ganzer Herden, und natürlich von Menschen. Diese mit dickem Farbenauftrag großflächig gemalten Darstellungen treten jedoch im Aïr und Djado nicht auf. 8.7.4.1.3 Rinder-Periode In der Rinder-Periode, die etwa von 5.000 - 3.000 v. Chr. andauerte und im gesamten Zentral- sahara-Raum ihre künstlerischen Spuren hinterlassen hat, treten lebendige, formenreiche, de- taillierte Szenen aus dem Hirtenleben auf. Die Darstellungen weisen einen ausgeprägten Na- turalismus auf. Besonders im Osten des Aïr werden die Körper der Rinder im Profil darge- stellt, mit perspektivisch gezeichneten Schädeln und Hufen. Die dargestellten Menschen tra- gen lange Gewänder, sind mit Bögen bewaffnet und häufig von kleinen Tieren begleitet. 403 Muzzolini sieht in den Urhebern dieser Werke Menschen mediterranen Typs und interpretiert die kleinen Tiere als widerstandsfähigeres Kleinvieh, für ihn ein Indiz für die bereits fort- schreitende Versteppung als Ausdruck eines klimatischen Wechsels. 404 Kuper meint aller- dings, dass für diese Zeit von einem Neben- wie Nacheinander unterschiedlicher Kulturen auszugehen sei; das schließt er aus der teilweisen Ähnlichkeit der dargestellten Personen, was ihre Haartracht, Kleidung und Hirtenkultur anbelangt, mit der heutigen Kultur der Fulbe. 405 8.7.4.1.4 Pferdeperiode Vor etwa 3.000 Jahren (1.000 v. Chr.) tritt erstmals das Pferd in der Sahara auf. In dieser nach-jungsteinzeitlichen Ära wird auch ein neuer Stil praktiziert, den stark schematisierte Darstellungen kennzeichnen. Dabei treten auch mit Speeren und runden Schilden bewaffnete Personen auf, vereinzelt oder in Gruppen, zuweilen auch in Kampf- und Jagdszenen. 406 Im Tassili finden sich auch Szenen von Wagenrennen. Häufig sind in dieser Epoche die Darstel- lungen wilder Tiere, wie Löwen, Nashörner und Elefanten. Die Menschen selbst werden als 400 Muzzolini 1984, S. 309. 401 Vgl. Tillet 1993, S. 32. 402 Kuper (1984, S. 304) geht dagegen von einem Alter bis zu 11.000 Jahren aus. 403 Vgl. Grébénart 1986, S. 351. 404 Vgl. Muzzolini 1984, S. 309f. 405 Vgl. Kuper 1984, S. 304. 406 Vgl. Grébénart 1986, S. 351. 294 „Sanduhren“ mit tailliertem Umhang und Gürtel dargestellt, der Kopf ist häufig schematisiert, oft mit Stäbchen, gezeichnet. Frauen werden – wie in Tezirzait - mit glockenförmigen Klei- dern wiedergegeben. Neuartig ist auch die Technik, denn nunmehr werden die Linien der Petroglyphen häufig gepunzt. 407 In der 2. Phase der Pferdeperiode, deren Darstellungen im Aïr sehr verbreitet sind, treten be- rittene Krieger auf, die größer als ihre Reittiere sind und Speere und Schilde als Waffen tra- gen. Diese als „libysche Krieger“ bezeichneten Menschen werden den Garamanten, mögli- cherweise Vorfahren der heutigen Tuareg, zugeschrieben, die nach Herodot Jagd auf äthiopi- sche Höhlenbewohner gemacht hatten. 408 Besonders typisch für diese libysch-berberische Phase sind Antennenfrisuren. Diese relativ kurze Phase geht nach etwa 1.000 Jahren infolge der rasanten Klimaverschlechterung zu Ende. 8.7.4.1.5 Kamel-Periode Das Kamel 409 kam erst relativ spät aus dem Orient nach Nordafrika 410 und ermöglichte die Entfaltung des Trans-Sahara-Handels sowie eine berberische Wanderbewegung nach Süden. Allerdings habe dies nach Muzzolini entgegen herrschender Meinung keinen Exodus der Hir- ten der Rinderperiode verursacht, sondern lediglich eine allmähliche Ausdehnung mediterra- ner Gruppen nach Süden. 411 Der nunmehr auftretende Stil ist sehr vereinfacht und stark sche- matisiert. Ein häufiges Thema in den Darstellungen ist der Karawanentransport. Oft finden sich abstrakte Symbole, wahrscheinlich eine frühere Form des Tifinagh und insofern wohl Zeichen der „Vorfahren der heutigen Bewohner“ 412, der Tuareg. Das Motiv für die Darstellungen dürften nach Kuper anfangs magisch-religiöse Vorstellungen gewesen sein, etwa der Versuch der Bannung des Wildes auf den Fels, während später auch die schlichte „Freude an der Darstellung besonderer Ereignisse“ 413 die Künstler angeregt ha- ben mochte. 407 Vgl. Muzzolini 1984, S. 307. 408 Vgl. Tillet 1993, S. 32, unter Hinweis auf Herodot; ähnlich auch Kuper 1984, S. 304. Weyer (2001, S. 58) verweist auf bislang 550 Felsbilder mit Darstellungen von Streitwagen zwischen dem Nigerknie und dem Mittelmeer, was er als Beleg für die von Herodot um 500 v. Chr. geschilderten Handelsstraße der Garamanten durch die Sahara interpretiert. 409 Genau genommen handelt es sich um das Dromedar, jedoch ist die Bezeichnung Kamel bzw. „chameau“ in der Sahara üblich und wird darum auch in dieser Arbeit verwendet. 410 Über die Einführung des Kamels herrscht seit langem Streit unter den Wissenschaftlern. Ines Kohl (2001, S 68) gibt an, das Kamel sei erst zu Beginn des 1. Jahrhunderts n. Chr. eingeführt worden. Nach Fuchs (1984, S. 72) war das Kamel erst- mals schon 46 v. Chr. aus Anlass der Caesar-Schlacht gegen den Berberfürsten Juba dokumentiert worden, wonach bei die- sem Ereignis Kamele erbeutet worden seien. Manche Paläontologen behaupten sogar, das Dromedar habe bereits in prähisto- rischer Zeit in Nordafrika gelebt. Die frühere Nicht-Abbildung eines Kamels auf Felsbildern sei kein Beweis gegen die Exis- tenz des Kamels in der Sahara. So soll Berichten Herodots und Strabos zufolge Kambyses 525 v. Chr. Kamele bis nach O- berägypten gebracht haben, und auch Alexander sei 331 v. Chr. mit Dromedaren nach Siwa gezogen (Hinw. in Cornelius 1972, S. 535). 411 Vgl. Muzzolini 1984, S. 310. 412 Vgl. Kuper 1984, S. 304. 413 Ebd., S. 306. 295 8.7.4.2 Besondere Petroglyphen-Stätten Im Kori Mammanet, 414 das den Aïr nach SSO entwässert, finden sich neben den berühmten Gravuren von „Elias und Abou“ 415 auf 12 km verteilt mehrere Tausend Petroglyphen. Henri Lhote hatte hier 1971 an die 3.000 Darstellungen von Menschen und Tieren identifiziert. 416 Die in Meißel- und Poliertechnik geschaffenen Figuren stellen überwiegend Krieger in Tuni- ken und Hosen dar, bewaffnet mit Lanzen, Messern und Schilden. Umringt sind sie von wil- den Tieren, aber auch von Rindern. Diese Darstellungen werden mit 1000 v. Chr. datiert. Al- lerdings finden sich dazwischen auch Kamelreiter und Tifinagh-Zeichen aus der Zeit um 1000 n. Chr. 417 Die Gravuren des Kori Tizerzait 418 liegen im Nordosten des Tamgak-Plutons nahe einem Brunnen, der häufig von Nomaden frequentiert wird. Die Darstellungen entstammen der jün- geren Periode bis in die Gegenwart, also libysch-berberisch, das indiziert das häufige Vor- kommen von Tifinagh-Zeichen. Die Personen sind statisch und symmetrisch gezeichnet, die runde Köpfe dürften verschleiert sein, da keine Nasen zu erkennen sind. Manche Figuren tra- gen breite Hosen, manche dreieckige Kleider, was auf Frauen schließen lässt. An solchen Fi- guren finden sich auch Ohrringe, manche Figuren tragen kleine Taschen. Manche Männer sind als Reiter mit schematisch gezeichneten Pferden dargestellt, ausgerüstet mit Lanzen, den Kopf mit Federn geschmückt, gleich Antennen. 419 Interessant ist auch die große Gravur eines Rhinozeros mit einer Kalebasse auf dem Kopf, etwa 1.500 Meter OSO von der genannten Stätte 420. Die aus chronologischer Sicht interessanteste Stätte ist der Kori Tamakon (Tanakom) im Süd- osten des Aïr 421, gilt er doch als die einzige wichtige Stelle vor der Einführung des Pferdes im Aïr, der pastoralen Periode der Sahara-Kunst aus der Zeit vor 5.000 Jahren. Die in Punztech- nik gefertigten Darstellungen zeigen Hirten und Rinder. Einige Personen tragen Instrumente, manche Hirten werden von kleinen Tieren begleitet, vielleicht Kälbern. Manche Personen tragen am Hals befestigte Umhänge, einige Frauen mit fadenförmigem Kopf sind in reich verziertes Prachtgewand gehüllt. Besonders eindrucksvoll ist eine sorgfältig gezeichnete Rin- der-Karawane. Auffallend ist die große Vielfalt wild lebender Tiere, etwa Giraffen und Anti- lopen, die gejagt werden, wobei der Bogen als einzige Waffe dargestellt wird. 422 Dabous ist ein allein stehendes Felsensemble westlich des Aïr-Massivs auf etwa halber Stre- cke zwischen Arlit und Agadez 423. Die Fundstätte befindet sich nur wenige Kilometer östlich der Uranium-Route und ist erst seit kurzem mit Straßenfahrzeugen über eine einfache Piste erreichbar. Neben über 4 Meter großen, in den Fels polierten Giraffen, die als schönste ihrer Art im gesamten Aïr gelten, finden sich insgesamt 800 einzelne Gravuren, die jedoch zum Teil stark erodiert sind. Nicht nur in der Schönheit der Gravuren liegt die Besonderheit der 414 Mammanet oder Mamanet (Tamaschek) bedeutet Koloquinten, eine Art von Birnen. Das Tal liegt auf 19° 16,83‘N, 7°40,75’O. 415 Elias ist ein Heiliger, der in seiner Pilgerstätte, einer kleinen Moschee am Fuße des Azrou, nordöstlich des Greboun gele- gen, jährlich von Hunderten Besuchern verehrt wird. In Azrou soll Elias, von Feinden verfolgt, auf magische Weise vor seinen Widersachern beschützt worden sein. Abou war Elias’ Begleiter. Hinw. in Decoudras/Durou 1994, S. 109. 416 Vgl. etwa Lhote 1972, S. 178 ff. 417 Vgl. Roset 1994a, S. 78. 418 Die Schreibweisen variieren zwischen Tizerzait, Tezerzait oder Tazerzait. Das Tamaschek-Wort bedeutet „Mischung von Farben“. 419 Vgl. Tillet 1993, S. 33. 420 Vgl. Roset 1994b, S. 113. 421 18°37,603’N, 9°45,508’O. 422 Roset 1994c, S. 113; Tillet 1993, S. 33. 423 17°53,095’N, 7°37,650’O. 296 Wandbilder, sondern auch im hohen Alter, werden sie doch auf etwa 12.000 Jahre geschätzt, und zählen damit zu den ältesten Gravuren der Sahara. 424 Die Felsbilder im Djado sind bislang noch wenig untersucht worden. Nennenswerte Funde der Berliet-Expedition von 1960 sind hier das bei Kayaska gelegene sog. „U-Boot von Blaka“ mit den naturalistischen Darstellungen von Großwild, sowie die Stätte von Arkana im Zusam- mentreffen von Enneri Domo und Enneri Blaka. Hier finden sich in der Mitte des Flussbetts auf einer horizontalen Felsplatte Tausende von Gravuren aus vier verschiedenen Epochen. 425 8.8 Die Kultur der Tuareg 8.8.1 „Antike“ Stätten: Assode Die ersten Einwanderungswellen der Tuareg ins Aïr fanden schon vor über 1000 Jahren statt. 426 So ist es nicht überraschend, dass auch die Vorfahren dieser Nomadenkultur einige historisch bedeutsame archäologische Stätten hinterlassen haben. Etwa 60 km nördlich von Timia liegt die ausgedehnte Ruinenstadt Assode, die einstige „Hauptstadt“ des Aïr. Die Stätte besteht aus zwei zentralen Anhäufungen: „Groß-Assode“ am Fuß des Hügels ist ein ca. 70 ha großes Areal mit zahlreichen Ruinen ehemaliger Granitstein- häuser. Einige Kilometer weiter im Südosten liegt noch ein Dorf, das Teil von Assode war. Die Ruinenstätte ist nicht außergewöhnlich malerisch, aber in Anbetracht ihrer historischen Bedeutung von touristischem Interesse. Assode ist die älteste Siedlung im Aïr mit festen Häusern. Ihre Gründungszeit ist allerdings unsicher. Nach der Überlieferung ist Assode im Jahr 900 n. Chr. gegründet worden, Heinrich Barth nennt dagegen das Jahr 1420. 427 Damals habe ein gewisser „Amiki“, Amenokal der Imakitan, die Stadt als ersten Sitz des Sultans der Kel Ewey gegründet. 428 Diese Datierung beruht einerseits auf den Ergebnissen der Radiokarbon-Messungen von Roset und Saliège,429 andererseits auf der Tatsache, dass um diese Zeit die letzte bedeutende Welle der Tuareg- Invasion stattgefunden hatte. 430 Nach Ansicht Barths dürfte die Stadt ihre größte Ausdehnung im 18. Jahrhundert gehabt ha- ben, da in etwa 400 Häusern an die 2.000 Bewohner gelebt hatten. 431 Der Historiker Djibo Jamani schätzt die größte, jemals erreichte Einwohnerzahl auf 10.000. 432 Zu Barths Zeiten war die Blüte der Stadt schon im Niedergang begriffen, berichtet er doch aus zweiter Hand über den „ansehnlichen Umfang seiner Ruinen – angeblich von tausend Häusern, alle aus 424 Vgl. NIGETECH 2002, S. 56. 425 Tillet (1993, S. 33) weist darauf hin, dass im Djado Darstellungen aus der Kamel-Periode äußerst selten vorkommen, was darauf hinweist, dass diese Region schon sehr früh wegen zunehmender Dürre wenig besiedelt war. 426 Näheres zur Geschichte der Tuareg siehe das Kap. „Portrait der Kel Timia: Tradition und Wandel/Geschichte der Kel Ewey“. 427 Zit. in Decoudras/Durou 1994, S. 95. 428 Vgl. NIGETECH 2002, S. 41. 429 Vgl. Roset&Saliège 1988, S. 267 ff. 430 Vgl. WCMC 2000: Aïr and Ténéré Natural Reserves. In: http://www.wcmc.org.uk:80/protected_areas/data/wh/atnnr.html, zul 26. 5. 2000. 431 Vgl. Decoudras/Durou 1994, S. 95. 432 Hinw. in NIGETECH 2002, S. 41. 297 Stein und Lehm gebaut, während nur noch etwa achtzig bewohnt“ waren. 433 Als Rodd 1926 an den Ruinen vorüberreiste, waren sie völlig verlassen. 434 Die Gründe für den Niedergang des einstigen politischen Zentrums waren wahrscheinlich Wassermangel, systematische Raubzüge umliegender Tuareg-Stämme im 18. Jahrhundert sowie die Verlagerung der großen Karawanenrouten nach Agadez. Neuerdings wird Assode wieder von Nomaden und „Chasse Touristes“ frequentiert, die hier Tuareg-Kunsthandwerk sowie zuweilen leider auch prähisto- rische Stücke und Saurierknochen verkaufen. 8.8.2 Oasen des Aïr Von Agadez bis Arlit zieht sich eine 350 km lange Piste 435 quer durch das Aïr und berührt dabei die schönen Oasen-Orte Azzel, Timia und Iferouane. Freilich gibt es noch zahlreiche andere interessante Oasen, auf die allerdings im Einzelnen nicht näher eingegangen werden kann. 8.8.2.1 Azzel Die Oase liegt wenige Kilometer östlich von Agadez in einem großen Tal, ist umringt von großen Granitfelsen und besitzt zahlreiche Dum-Palmen. Sie ist für Agadez ein nahes Garten- baugebiet und ist somit sehr wichtig für die Versorgung mit Gemüse, Getreide und Früchten. In Azzel hatten die Franzosen 1956 die erste Nomaden-Schule eingerichtet. Daraus hat sich mittlerweile ein kleines Schulzentrum für umliegende kleine Nomaden-Schulen entwickelt. Auffallen sind in der Oase die zahlreichen hübschen Rundhütten aus geflochtenen Matten, wie sie für halbsesshafte Nomaden typisch sind. 8.8.2.2 Timia 220 km auf der Piste nördlich von Agadez erreicht man nach 220 km Piste Timia. Das Dorf, gelegen „au coeur de l’Aïr, est certainement la plus belle des oasis“. 436 Zwischen schwarzen Basaltbergen eingezwängt, aber umrahmt von grünen Palmenhainen und Gärten, breitet sich auf 1.200 Meter Seehöhe schachbrettartig das Dorf Timia aus. Seine geschützte Lage inmitten der schroffen Berge, am Fuße des 1874 Meter hohen Adrar Egalah, wirkt in der Tat auf den Besucher genau so idyllisch, wie es schon oft vorher beschrieben worden war - „ce havre de verdure inattendu dans un univers lunaire“. 437 Das Dorf besticht durch seine Geschlossenheit und den Kontrast der abweisenden, kahlen Berge. Es scheint, als gingen die Gärten mit ihren 433 Barth, zit. in Gardi 1971, S. 198. 434 Vgl. Rodd 1926. 435 Die Piste wurde in den 70er Jahren von der deutschen gtz zur besseren Einbindung der Oasen in die regionalen Märkte gebaut (vgl. Taubert 1984, S. 51). 436 NIGETECH 2002, S. 53. 437 Nigerisches Tourismusministerium 2002, Web. 298 strahlend farbigen Orangen, Mandarinen, Granatapfel-Blüten und anderen Delikatessen über vor Lebendigkeit. Hoch über dem linken Flussufer, auf dem Hügel Tawadu, thront das „Fort Massu“, ein renovierter Militärstützpunkt der französischen Kolonialmacht, von wo aus sich ein phantastischer Rundblick auf das Dorf, die umliegenden Weiden, Gärten und Berge eröff- net. Seit Feber 2000 dient das Fort als Museum und bescheidene Herberge, in der auch Erfri- schungen und lokales Kunsthandwerk erhältlich sind 438. Im Fort befindet sich sogar ein mo- dernes Fernrohr zur Beobachtung der Sterne.439 Im Ort finden sich zahlreiche kleine Geschäfte, die die etwa 7000 Einwohner mit dem Grund- bedarf versorgen; einige Schneidereien, im Zentrum eine Bäckerei und ein Fleischhauer er- zeugen für den täglichen Bedarf. Nördlich des Dorfes liegt das Anfang 2003 errichtete Ge- bäude der Schmiede-Kooperative, in dem die Schmiede arbeiten und auch ihre Erzeugnisse ausstellen. Ein Stückchen weiter liegt ein einfacher, aber sauberer Campingplatz. Viele Agen- turen bevorzugen hingegen den großen Garten von Souley im Südwesten des Dorfes als Un- terkunft für ihre Kunden. Die meistbesuchte Attraktion Timias ist zweifellos die „Cascade“, ein ganzjährig fließendes Rinnsal, das sich 5 km südlich des Dorfes im Laufe von Jahrtausenden einen Canyon durch die schwarze Basaltbarriere geschliffen hat und sich am Fuße dieser „Mauer“ zu einem klei- nen Teich ausdehnt. Die jungen Burschen des Dorfes aber auch die Touristen benützen ihn gerne zum Baden. Hier bieten auch die „Chasse Touristes“ die Tuareg-Produkte zum Kauf an. 8.8.2.3 Iferouane Fährt man 130 km weiter nach Norden, so erreicht man die westlich des Tamgak liegende Oase Iferouane. Sie gilt als historisches Zentrum des Gartenbaus, weil hier bereits seit den 20er-Jahren Bewässerung praktiziert wird. Möglich war das durch die frühe Einrichtung eines Militärpostens, der auch heute noch von Bedeutung ist, und weil Iferouane auch der Verwal- tungssitz des Aïr-Ténéré-Bioreservats ist. Die Reservatsleitung, die in einigen hübschen Lehmgebäuden der „Sans-Holzlos-Bauweise“ untergebracht ist, betreibt im Ortszentrum ein Kunsthandwerkszentrum mit einem Schau- und Verkaufsraum der Schmiedekooperative, wo die Schmiede, zumeist in ihren besten Gewändern, ihre Produkte feilbieten. Hier finden sich auch einige Schauräume mit Informationsmaterial zum Bioreservat und seinen ökologischen Problemen. Zur Infrastruktur gehört neuerdings auch ein Campingplatz mit einfachsten „Du- schen“: ein Platz mit Matten als Sichtschutz mit Toilette und Wasser für Körperpflege. Zu- weilen sind hier auch gekühlte Getränke erhältlich. Das architektonische Schmuckstück des Dorfes ist freilich das Hotel Tellit des Italieners Vittorio, das jedoch wegen der gegenwärtig schlechten Auslastung seit 2002 vorübergehend geschlossen ist. Iferouane ist gemessen an der äußeren Attraktivität keineswegs vergleichbar mit Timia, weil sich die Oase offen ausbreitet und kein echtes Zentrum aufweist. Allerdings ist sie ein wichti- ger Versorgungs- und Verkehrspunkt, denn von hier aus führt eine Piste in das zauberhafte Tal des Tamgak, und eine Piste führt nach dem nördlich gelegenen Iwelen und weiter nach Temet. In eben dieser Richtung trifft man nach wenigen Kilometern auf die Reste einer groben Piste, die, ebenfalls nach Norden führend, mit spitzen Steinen gepflastert ist. Die „Corvée“ - die 438 Der Eintritt beträgt 500 FCFA. 439 Dies ist jedoch bis auf weiteres nicht in Betrieb, weil das Okular verloren wurde. 299 „Schinderei“ - wurde 1935-1937 auf Anordnung der Franzosen von Tuareg in Zwangsarbeit gebaut. Damals konnten die Nomaden damit ihre von den Franzosen eingeführte Steuerpflicht abarbeiten. Leutnant Happe hatte 1948 die Überlegung angestellt, diese Route mit Hilfe von Krediten zu einer durchgehenden Verbindung von Agadez über Iferouane nach Djanet oder nach Tamanrasset auszubauen, um einen regelmäßigen Fahrverkehr in Hinblick auf zukünfti- gen Tourismus zu ermöglichen. 440 8.8.3 Karawanen Eine der unter Europäern bekanntesten und eindrucksvollsten Erscheinungen der Tuareg- Kultur ist der traditionelle Salztransport, die Salzkarawane 441, von den Tuareg Taghlamt 442 genannt. Das mag zum Einen in der enormen Leistung liegen, die eine Sahara-Durchquerung abverlangt, und welche Europäer als "eine Art Survival-Unternehmen" 443 betrachten, zum Anderen aber auch darin, dass eine solche Karawane auch optisch ungemein beeindruckend ist. Schon die französischen Kolonialbeamten zeigten sich in Schilderungen aus den 50er-Jahren bewegt vom Auftauchen eines solchen grandiosen Zuges von 15 - 20.000 Kamelen 444 am Ho- rizont vor Bilma: „La caravane est annoncée. (...) Une linge noire apparaît d’un seul coup, et barre l’horizon d’un bout à l’autre.“ 445 Doch nicht nur den Europäern imponiert eine solche Karawane. Spittler berichtet über die Karawanen auf ihrem Weg vom Aïr in den Süden. Wenn Gruppen mit bis zu 300 Kamelen durch abgeerntete Hirsefelder unter Umgehung großer Dör- fer ziehen, können „selbst die arroganten Stadtbewohner, deren Autos wegen der Kamele anhalten müssen, (...) ihr Staunen über die vorbeiziehende Herde nicht verbergen" 446. Heut- zutage sind Begegnungen mit solchen Karawanen freilich nicht ganz so pompös, tragen doch die Karawaniers als Arbeitsgewand oftmals zerrissene westliche Kleidung, und nicht etwa indigoblaue Festtagsgewänder. Obwohl von den ersten derartigen Karawanen bereits in der Mitte des 15. Jahrhunderts be- richtet wurde 447 und nunmehr, seit etwa 30 Jahren, die Unkenrufe von der „letzten Karawa- ne“ 448 nicht verstummen, zieht auch im 3. Jahrtausend immer noch eine große Anzahl von Tieren Jahr für Jahr zwischen Oktober und Jänner vom Aïr nach Fachi und Bilma. 449 1988, 440 Zit. in NIGETECH 2002, S. 44. 441 Das Wort „Karawane“ scheint nach Göttler (1989, S. 124) aus dem Persischen zu kommen und bedeutet sinngemäß „Handelsschutz“, was auf die Funktion der Karawane hinweist: Eine große Reisegruppe ist besser gegen Übergriffe gewapp- net. 442 Von der Kolonialverwaltung wurde die Bilma-Karawane „Azalai“ in Anlehnung an die Salzkarawane zwischen Taoudeni und Timbuktu in Mali genannt (vgl. Stührenberg 2002a, S. 24 ff.). 443 Spittler 1998, S. 183. Entsprechend reißerisch nannte Werner Gartung (1987) „Durchgekommen“ auch die erste Auflage seines Buches über die Begleitung einer Bilma-Karawane. 444 Die größte in Bilma eingetroffene Karawane, von der jemals berichtet wurde, umfasste im Jahr 1913 insgesamt 25.000 Kamele (vgl. Bernus 1993, S. 234). 445 Chapelle 1957, S. 113, zit. in Bernus 1993, S. 235; Weyer (2001, S. 60) bezieht sich auf Berichte von Ibn Haukal aus dem 10. Jahrhundert über Salzhandel mit Karawanen. 446 Spittler 1998, S. 195. 447 Vgl. Chapelle 1957, S. 109; Bernus 1993, S. 233 bzw. Spittler 2002, S. 26 unter Hinweis auf die Chronik von Kano. 448 Vgl. etwa die gleich lautenden Titel der Artikel von Spittler (1985) in Merian Sahara, September 1985, S. 52 - 55, Friedl (1992a) in Pfeil, Mai 1992, S. 8 – 9, oder von Ponath (2003). Richtig ist allerdings, dass die Taghlamt nach Göttler (1989, S. 126) die „letzte in vollem Umfang noch funktionierende Karawane“ ist. 449 In seiner jüngeren Bilanz kann Spittler (2002, S. 28) „für das 20. Jh. keine Belege für eine langfristige Redution des Ka- melbestands (pro Besitzer)“ feststellen, und auch die Terms of Trade, das Tauschverhältnis von Kantus gegen Hirse, lässt seit den 60er-Jahren trotz erheblicher Schwankungen „keine generelle Verschlechterung“ erkennen und führt dies auf die stei- gende Nachfrage nach Bilmasalz durch wachsende Viehbestände zurück. 300 nach einem regenreichen Sommer und nur wenige Jahre nach der desaströsen Dürre der 80er- Jahre 450, wurden in Bilma an die 50.000 Kamele registriert. 451 Mittlerweile ziehen jährlich etwa 500 Karawanen mit 16.000 Kamelen nach Bilma und 200 mit 7000 Kamelen nach Fachi. „Heute sind 260 Tiere schon eine große Karawane“. 452 Gemäß der Tradition sammelt sich die Karawane nach dem Tag, an dem der erste Stern des Großen Bären sichtbar wird. Dieser Tag wird durch die Astronomen von Agadez festgelegt. Vor dem Aufbruch verschaffen sich die Karawaniers so viel Heu (Alemos), wie sie für die zweifache Durchquerung der Ténéré brauchen, denn in Fachi und Bilma gibt es keine Wei- den. Das Zeichen zum Aufbruch gibt der Stellvertreter des Sultans und zugleich Handelsmi- nister („Serkin–n-tourawa“). Erst dann werden die Kamele beladen: Säcke mit Hirse, die in Damergou auf dem Markt gekauft wurde, Zucker, Tee, flüssige Butter, getrocknetes Fleisch, Stoffe und andere Tauschwaren. Darauf kommt das gebündelte Viehfutter, Mörser und Stößel für die Nahrungszubereitung und Brennholz. Der Kot der Kamele dient als Brennmaterial. Die größte Last haben die Kamele erst am Rückweg von Bilma zu tragen. Dann werden auf jedes Kamel bis zu sechs Kantus à 20 kg, 30 Kilo Datteln und sonstige Nahrungsmittel aufge- packt, was einem Gesamtgewicht von etwa 150 kg entspricht. Zum Schutz empfindlicher Hautstellen des Kamels dienen Säcke mit Kamelkot oder Strohkissen. Die Taghlamt besteht aus mehreren Kolonnen. In der offenen Wüste bewegt sich die Karawa- ne auf einer breiten Front fort. Für die Karawaniers (Amawezlu), die jeweils etwa ein Dutzend Kamele betreuen, dauert dieser Marsch 30 - 35 Tage, und sie gehen bei einem Tempo von max. 5 km/h täglich 14 - 16 Stunden., Sie können nur wenige Stunden reiten, denn die Kame- le müssen geschont werden. Pro Tag legen sie bis zu 80 km zurück 453. Warme Mahlzeiten, zumeist Hirsebrei mit Sauce, essen die Männer nur morgens gegen 6:30 und nachts gegen 23:30 Uhr, tagsüber gibt es nur Erale, ein Dattel-Ziegenkäse-Hirse-Wasser-Gemisch. 454 Die Verantwortung für eine Karawane trägt der Madugu, ein erprobter Karawanenführer. In der offenen Wüste orientiert er sich tagsüber an Landmarken wie Dünen oder kleinen Boden- wellen, die wegen des stets aus dem Nordosten kommenden Harmattan immer Nordwest- Südost verlaufen. Zur nächtlichen Orientierung dienen die Sterne: im Westen der Atre- initimissra, der „Stern der unvermählten Frauen“, im Norden der Boulhadi, der Polarstern, und im Osten der Amanar, der „Karawanenführer“ (Orion). 455 Eine Kamel-Karawane besteht vorwiegend aus männlichen Tieren (Camelus dromedarius) der Aïr-Region, das Azeghraf genannt wird. Seine Merkmale sind – neben der hohen Dauer- belastbarkeit – ein geschecktes Fell und verschiedenfarbige Augen. Die Tuareg sagen, die Tiere seien taub und blind; tatsächlich werden sie oft durch ein Hindernis oder durch Lärm erschreckt, weil sie vieles erst im letzten Augenblick bemerken. Dann allerdings reagieren sie heftig, was die Reiter in ziemliche Gefahr bringen kann 456. Die besonderen organischen Fähigkeiten des Kamels sind unbedingte Voraussetzung für die Wüste. Dies betrifft besonders den Wasserhaushalt der Tiere, die Wasser mit einem Salzge- halt bis zu 6 % 457 trinken können. Um Wasserverluste zu verringern, steigt die Körpertempe- ratur von normalerweise 37 Grad bis gegen 46 Grad, bevor die Haut Schweiß zur Kühlung 450 Vgl. Spittler 1989. 451 Vgl. Bourgeot 1994a, S. 130. 452 Weyer 2001, S. 59. 453 Vgl. Spittler 1998, S. 184. 454 Vgl. Bernus 1993c, S. 145 ff. Der eigentliche Grund für die reduzierte Sensibilität ihrer Sinne liegt wohl in deren Ab- stumpfung aufgrund der monotonen, schweren Märsche durch die Wüste. 455 Vgl. Stührenberg 2002c, S. 57. Dass die sichere Orientierung keine Selbstverständlichkeit ist, beweist der Bericht von Ritter (1984, S. 298 ff.) über eine von ihm begleitete Karawane, die einen Brunnen verfehlte und wahrscheinlich verdurstet wäre, wäre sie nicht zufällig mit einer Touristengruppe zusammen getroffen. 456 Vgl. Bernus 1993c, S. 143. 457 Meerwasser hat einen durchschnittlichen Salzgehalt von 4 %. 301 ausscheidet. Auch die langen Beine verhindern ein wenig die Überhitzung des Körpers, denn der Körper wird oberhalb der bodennahen, heißen Luftschichten getragen. Fettpolster am Rü- cken dienen als Isolierung gegen senkrechte Sonnenstrahlen, wogegen senkrechte fettfreie Köperstellen sogar Hitze abstrahlen können. Ein spezifisches Stoffwechselsystem unterstützt den Wasserhaushalt des Kamels. So verwer- ten symbiotische Bakterien im Verdauungstrakt Teile des anfallenden Stickstoffs, wodurch weniger Wasser für Harnausscheidung verbraucht wird. Die Nieren des Kamels ermöglichen eine Harnstoffkonzentration bis zu 15 %. 458 Auch über die Atmung wird die Wasserausschei- dung reduziert. In der Nase ermöglichen Atemgänge dank einer Fläche von über 1.000 cm² während des Einatmens sowohl Befeuchtung als auch Abkühlung der Atemluft um 10 Grad; beim Ausatmen wird der Atemluft wieder 30 % der Feuchtigkeit entzogen, die dem Körper verbleibt. Kamele können ihre Leistung lange ohne Wasserzufuhr erbringen. Möglich wird das durch Wasserspeicherung im Gewebe und im Blut, sodass ein Kamel bis zu 25 % seines Körperge- wichts verlieren kann, ohne Schaden zu erleiden. Umgekehrt kann ein Kamel binnen weniger Minuten bis zu 140 Liter trinken, weil das Wasser von den Blutkörperchen aufgenommen wird. Diese können sich auf das 240fache ihres ursprünglichen Volumens ausdehnen. So kann ein Kamel mehrere Wochen durchhalten ohne zu trinken. 459 Dagegen droht ihm ohne Nah- rungsaufnahme nach wenigen Tagen der Hungertod. Aber Kamele sind höchst genügsam, denn ihr Verdauungssystem ist in der Lage, sogar die Polysaccharide aus Dattelkernen oder Zellulose aus Holz und Dornen in verwertbare Monosaccharide umzuwandeln. 460 Neben diesen „inneren“ Werten besticht das Kamel auch durch sein äußeres Auftreten. Der lange Hals, die langen Wimpern um die großen Augen, die elegant erscheinenden Beine – und eigentlich auch ein höchst eigenwilliger Charakter, wie er den Tieren von den Tuareg zuge- schrieben wird 461, sind mitverantwortliche für die Faszination, die Kamele auf Europäer aus- üben. 462 8.8.4 Handwerksprodukte der Tuareg Touristen haben ein besonders ausgeprägtes Interesse an attraktiven kulturellen Attributen wie etwa Kunstformen, weil sie über derartige Repräsentanten einer Kultur deren Komplexität, reduziert auf einfache Symbole, erfahren 463 können. Diesem Bedürfnis werden besonders Souvenirs in der Funktion als Symbolträger gerecht: Sie vermitteln die Illusion, die repräsen- tierte Kultur übersichtlich und erlebnisreich zu konsumieren und dienen somit auch als Be- gegnungssubstitut, weil ja die direkte Kommunikation zwischen Touristen und Nomaden aus Sprachunkenntnis zumeist nicht möglich ist. Dies führte dazu, dass Kunsthandwerksprodukte „bereister“ Kulturen eine wesentliche Rolle im Reiseland als Einnahmequelle der Bevölke- rung erhielten. 458 Die menschlichen Nieren vertragen lediglich eine Konzentration von 6 % Harnstoff im Harn. 459 Der registrierte Rekord der Zeitspanne, die ein Kamel ohne zu trinken überlebte, leben ohne zu trinken, liegt bei 27 Tagen (vgl. Gerenton/Allache 1994, S. 127). 460 Vgl. Ebell 1984, S. 295 ff. 461 So gibt es unter den Kamelen durchaus störrische, widerspenstige Tiere, was von den Tuareg mit dem Hinweis erklärt wird, dass sich Kamele so wenig gleichen, wie Menschen, und auch über Eigensinn verfügen, was „in einem größeren Aus- maß als bei uns respektiert“ werde (Spittler 1998, s. 120). 462 So meint Spittler (1998, S. 73), schon beim Besuch eines Reisebüros werde deutlich, "dass Kamele eine touristische Att- raktion sind (…). Kamele scheinen sich ebenso gut wie Mädchen im Badeanzug als Blickfang für Touristen zu eignen." 463 Vgl. Luger 1995, S. 23. 302 Für die Produkte der Tuareg-Handwerker, der Enaden, in der Regel einfach nur „Schmiede“ genannt, gilt dies in besonderem Maße, denn diese Produkte, überwiegend nur zum Gebrauch bestimmt, sind doch stets von ungewöhnlicher Schönheit, unabhängig von den verwendeten Materialien, egal ob Leder, Holz, Metall oder Stein. Am berühmtesten ist zweifellos der unter Europäern als Souvenir begehrte Silberschmuck. Dies zeigt sich etwa an den häufigen Tua- reg-Schmuck-Angeboten auf der Internet-basierenden Auktionsplattform ebay.de. Dieses Interesse an Tuareg-Produkten verstanden auch Organisationen der Entwicklungs- zusammenarbeit zu nutzen, indem sie die Herstellung hochwertiger Produkte gezielt durch Aktivitäten wie Subvention bei Materialien, Ausbildung, Kreditvergabe, Unterstützung bei der Organisation der Kooperativen, Marketing udgl. förderten. Herausragend war das Anfang der 90er-Jahre von Luxemburg mitgeförderte Projekt DANI 464, durch das Mitte der 90er- Jahre ein Katalog mit ausgesuchten „traditionellen“ aber auch für den europäischen Ge- schmack weiterentwickelten Objekten von höchster Qualität herausgegeben worden war. 465 Die Vielfalt der Produkte verbietet eine systematische Darstellung im Folgenden, weshalb hier nur die aus touristischer Sicht besonders interessanten und attraktiven Produkte näher vorgestellt werden. 466 8.8.4.1 Lederprodukte Das Leder hat bei den Tuareg einen hohen Stellenwert. Bernus nennt die Kel Tamaschek so- gar eine „civilisation du cuir“ 467, weil selbst bei den banalsten Gebrauchsgegenständen aus Leder ein hoch entwickelter ästhetischer Sinn für Form, Dekor und Farbe zum Ausdruck kommt. Dies zeigt sich auch im Zeitaufwand bei der Herstellung der Ornamente mittels Me- tall-Ösen und Flicken. Auch für traditionelle Abnehmer, nicht nur für Touristen, spielt die ästhetische Wirkung des jeweiligen Objekts stets eine große Rolle. Lederarbeiten zählen zum Frauenhandwerk und tragen wesentlich zum Einkommen der urba- nen Schmiedefrauen bei, die die Waren in Heimarbeit herstellen.468 Zur Produktpalette zählen Satteltaschen, Reisesäcke oder auch Brieftaschen mit bestimmten markanten Grundmustern und Verarbeitungstechniken. Zu den modernen Tuareg-Produkten zählen kunstvoll verzierte CD-Boxen, Spiegel mit Tuareg-Motiven, Damenhandtaschen, Sitzpolster und vieles mehr. 469 Die Frauen verzieren die Produkte mit aufgenähten, aufgemalten und geschabten Linien, Dreiecken, Vierecken, Rauten und aufgenähten Baumwollfäden. Typisch für die Kel Aïr sind auch Exzisions- und Applikationstechniken sowie die Kunst des Prosamentierens. Dazu wer- den helle Lederstreifen in eine dunklere obere Lederschicht eingearbeitet. 470 Die Lederfarben werden aus Naturprodukten gewonnen. Rot entsteht durch eine Mischung aus Wasser mit Teilen der Sorghum-Pflanze und Natronsalz; Schwarz erhält man durch Rost versetztes Wasser, Gelb durch eine Mischung aus Milch, Salz, Hirsemehl und Annilinpuder. Grünes Leder symbolisiert die Raffinesse, weshalb es nur zur Zierde verwendet wird. Die 464 DANI (Développement de l’Artisanat au Niger) war allerdings nicht in Agadez, sondern in den Städten Niamey, Dosso, Dakoro, Maradi, Tahoua und Zinder aktiv. Vgl. Lux-Development o.A., S. 5. 465 Diese Objekte sind bei DANI in Niamey direkt unter luxdev@intnet.ne bestellbar. 466 Eine systematische Darstellung der Tuareg-Handwerksprodukte findet sich bei Göttler 1989, S. 218 - 284. 467 Bernus 1993, S. 219. 468 Vgl. Lux-Development o.A., S. 9, Adamou o.A.1, S. 7. 469 Vgl. ebd. S. 16 ff.; 47f. 470 Vgl. Krings 1982, S. 376. 303 grüne Lederfarbe erhält man durch eine Mischung aus Kupfer- oder Bronzepuder, Sulfat und Zitrone, doch wird grünes Leder nur von wenigen Spezialisten hergestellt und meist in Kano gekauft. 471 8.8.4.2 Holzprodukte Hübsche Küchengeräte, wie Schöpfer (Amola), Löffel (Tchokalen) und Kalebassen aus ge- trockneten Kürbissen, bekommen mittels glühender Eisenstäbe Ornamente eingebrannt. 472 Die Tuareg-Sättel (Tamzak) sind die Spezialität unter den Holzprodukten473 der Region Aga- dez und Aïr, und werden bis nach Algerien und Libyen exportiert. Für jeden erwachsenen Tuareg ist es eine Frage der Ehre, einen Tamzak zu besitzen, besagt doch ein Tuareg- Sprichwort „Der Noble, was begehrt er? Ein weißes Kamel, einen roten Sattel, seine Takouba und ein Liebeslied.“ 474 Das Äußere des Tamzak bezeugt abermals die Sorge um die Ästhetik, denn für seine Dekoration werden raffinierte Techniken benützt. Manche Schmiede sind be- rühmt für ihre schönen Arbeiten, 475 deren Aussehen und Form freilich einem steten Wandel unterliegen. Dieser Wandel hat sich seit den 20er-Jahren parallel, und der sich seit den 20er- Jahren parallel zum damals durch die koloniale Unterwerfung verursachten sozialen Wandels in beschleunigter Weise vollzogen. 8.8.4.3 Metallprodukte Die Arbeit mit Metall gilt als besondere Berufung der Enaden, die nicht umsonst gerne „Schmiede“ genannt werden. Sie erzeugen einfache Arbeitsgeräte, aber natürlich auch Waffen und Schmuck. All das zieht die besondere Aufmerksamkeit der Europäer auf sich. Die Waffen der Tuareg sind wohl darum von besonderem Reiz, weil sie einst von Kriegern getragen wurden und manchmal auch heute noch von den Nomaden verwendet werden. Lan- zen oder Speere (allagh, pl. illaghan) sind aus Vollmetall gefertigt, bis zu 2,10 Meter lang und manchmal im Bereich des Griffs verziert. Lanzen findet man heute nur mehr selten. In Gebrauch sind sie noch am Land etwa für festliche Anlässe wie Hochzeitstänze 476. Kaufen kann man solche Lanzen nur noch vereinzelt in Agadez bei Antiquitätenhändlern. Die Schilder (aghar, pl. agharan) der Adeligen bestanden aus einer Metallplatte, die mit Anti- lopen-Leder überzogen war, und sie dienten der Abwehr der Speerwürfe sowie im Nahkampf als Schutz gegen Schwerthiebe. Schilder sind mittlerweile sehr rar geworden, weil sie auch bei den traditionellen Zeremonien nicht mehr in Gebrauch sind. 471 Vgl. Göttler 1989, S. 226 ff. 472 Vgl. Lux-Development o.A., S. 158; Adamou o.A.1, S. 21. 473 Freilich besteht nur das Gerüst des Tamzak aus Holz, der Überzug ist aus Leder und für die Verzierungen werden auch Metallfäden und -punzen verwendet. 474 Adamlou o.A.1, S. 13. 475 Vgl. Bernus 1993, S. 220. Auch der Autor hatte sich einen Tamzak von einem Spezialisten in Agadez anfertigen lassen, ursprünglich, um ihn nach Gebrauch einem Nomaden zu überlassen, doch war der Sattel von solcher Schönheit, dass er ihn letztlich nach Österreich mitnahm. 476 Vgl. Adamou o.A.1, S. 19. Ein solcher Tanz wurde anlässlich meiner Hochzeit in Timia veranstaltet (vgl. das Foto in Friedl 2000a, S. 142). 304 Im Nahkampf wurde früher vor allem das zweischneidige Schwert (takuba, pl. shikabiwin) eingesetzt. Diese Waffe erregte unter Forschern und auch unter Touristen große Faszina- tion, 477 war es doch in seiner langen Variante die „Standardwaffe der noblen Tuareg“ 478. Die Einführung des Schwerts bei den Tuareg dürfte wahrscheinlich im 11. Jahrhundert von Spa- nien her durch die Almoraviden erfolgt sein. 479 Bemerkenswert ist, dass die Klingen seit dem 15. Jahrhundert aus Europa importiert wurden. Zum Teil waren es deutsche Produkte, die nach der marokkanischen Invasion im Jahr 1596 im Sonrhai-Staat, über Marokko und Tim- buktu importiert wurden. Im 16. und 17. Jahrhundert kamen die Klingen aus Norditalien über Ghadames ins Aïr, dann wurden bis ins 19. Jahrhundert wieder deutsche Klingen über Ma- rokko geliefert. Heinrich Barth schätzte für 1851 die Zahl der jährlich aus Solingen importier- ten Klingen auf 50.000 Stück. 480 Dieser rege Klingen-Handel verlor jedoch als eine Folge des niedergehenden Trans-Sahara-Handels an Bedeutung. 481 Die modernen Klingen stammen von alten Fahrzeugkarosserieteilen. 482 Alte Klingen tragen zahlreiche Symbole, die ihre Herkunft erschließen lassen. Ein stilisierter Löwe deutet auf den Passauer Wolf, das Zeichen für Solingen-Stahl. Ein gekreuzter Globus deutet auf Wien oder auf Württemberg. Ein Mond oder eine Mondsichel deutet auf genuesi- sche Herkunft, doch könnte diese Marke auch in Solingen, Padua und Toledo kopiert worden sein. Oftmals werden aber auch diese Marken von den Tuareg-Schmieden kopiert, wie die Häufigkeit dieser Marken nach der Ansicht Bernus anzunehmen nahe legt. 483 Die Takuba sind im Wesentlichen aus Eisen. Diesem Metall werden unheilvolle Eigenschaf- ten zugeschrieben: Einerseits gilt es seiner Härte und Formbarkeit wegen als nützlich und unentbehrlich, andererseits aber als „unrein“, mit schädigenden Kräften ausgestattet, gegen die man sich schützen muss. Darum werden alle eisernen Gegenstände immer mit „segenbrin- genden“ Metallen wie Messing oder Kupfer mittels Ziselierungen oder Aufschweißungen versehen. Dem Kupfer wird über diesen neutralisierenden Effekt hinaus noch eine therapeuti- sche Wirkung bei Verwundungen, Verstauchungen und Rheumatismus zugeschrieben. 484 Gewonnen wird Kupfer heutzutage durch die Wiederverwertung alter Kabel, Batterien udgl. 485 Das Schwert ist ein wunderbares Beispiel für die ästhetisch gelungene Integration eines frem- den Materials, übermittelt durch die Karawanen. Früher waren die Schwerter Bestandteil der persönlichen Habe und wurden nur innerhalb der Familie weitergegeben. Mittlerweile werden solche Gegenstände, sofern sie im täglichen Gebrauch keine Rolle mehr spielen, aus Geldnot an Touristen verkauft, wobei Preise ab 25 Euro verlangt werden. Die Schmiede in Agadez oder Tahoua stellen allerdings auch besonders kunstvoll verzierte Schwerter gezielt für eine europäische Klientel her und erzielen dabei Preise von 100 Euro und mehr. 477 Während meiner geführten Touren kauften einige Reiseteilnehmer sogar mehrere Schwerter als „Mitbringsel“. Auch mir wurde am Abend vor meiner in Timia veranstalteten traditionellen Hochzeit von meiner Gefährtin eine takuba als Ge- burtstagsgeschenk übereicht. 478 Göttler 1989, S. 236. 479 Vgl. Nicolaisen/Nicolaisen 1997, S. 399 unter Hinw. auf GSELL Stéfane: Histoire ancienne de l´Afrique du Nord, Band 1-8, Paris 1920 - 28, Band 6, 44 f. 480 Hinw. in Göttler 1989, S. 236. 481 Vgl. Bernus 1993, S. 85. 482 Vgl. Adamou oA1, S. 7, 19. 483 Vgl. Bernus 1993, S. 85 f. Davon berichtet auch Zöhrer 1954, S. 95. 484 Vgl. Fuchs 1984, S. 98f. 485 Vgl. Adamou o.A.1, S. 7. 305 8.8.4.4 Schmuck Wirklich berühmt sind die Tuareg-Schmiede für ihren Silberschmuck, den sie meist mittels Tifinagh-Zeichen mit ihrem Namen signieren. Das legendäre „Kreuz von Agadez“ (tanaghelt) findet man in allen ausgefallenen Schmuckläden Europas und sehr häufig auch im Maghreb und in Westafrika. Besonders in den Touristenzentren Marokkos finden sich diverse Variatio- nen dieses Tuareg-Schmucks. Schmuck spielt für die Tuareg eine bedeutende Rolle, und selbst die mittelloseste Frau pflegt sich mit traditionellen Stücken zu schmücken. Früher wurde Schmuck von den Schmieden auf Anfrage ihrer traditionellen Kunden produziert, wobei zahlreiche Ereignisse, wie das Namens- gebungsfest am 40. Tag nach der Geburt, Heirat und religiöse Feste, aber auch der Wunsch, die Geliebte mit einem Ring zu beschenken, Anlässe für Aufträge waren. Neben der schmückenden Funktion tritt stets auch jene eines Amuletts als Schutz gegen den bösen Blick und gegen Ver- hexung, aber auch gegen Sterilität, Liebeskummer oder Armut und auch gegen Verwundbarkeit durch Waffen hinzu. So erzählen die Kel Ewey von ihrem legendären Chef Bolhou aus dem 19. Jahrhundert, der sich im Kampf dank seines Amuletts unsichtbar habe machen können.486 Das bekannteste und wahrscheinlich traditionsreichste Schmuckstück der Tuareg ist das Tanag- helt, das sog. „Kreuz von Agadez“. Wann und wie Frühformen kreuzförmiger Schmuckanhän- ger in die Aïr-Region gelangt sind, ist mangels früher Quellen nach Creymüller nicht be- kannt. 487 Erste Bildbelege Foureaus von 1899, wahrscheinlich aus Zinder 488, sowie erste Be- schreibungen mit Abbildungen von Silberschmuck im Aïr durch Zeltner 1914 489 legen jedoch die Vermutung nahe, dass Silberschmuck dieser Art im Aïr bereits eine längere Tradition hatte. Auch Barth berichtete bereits von einer großen Menge Silberschmucks, der von Frauen und Kindern getragen wurde. 490 Dies und Barths Bericht über ein halbes Dutzend Händlerinnen, die auf dem Markt von Agadez Schmuck verkauft hatten, ist für Creymüller ein Indiz für eine rege Produktion. 491 Wahrscheinlich hatte das Feinschmiedehandwerk bereits zur Mitte des 19. Jahr- hunderts sein Zentrum im Aïr und war schon damals stark differenziert gewesen, was gleich- falls eine längere Tradition vermuten lässt. Heute wird oft eine in Leder und Glas gefasste Sammlung von 21 Kreuzen angeboten. Diese systematische Erfassung der stark modifizierten „Kreuztypen“ dürfte auf Berhard Dudot 492 zurückgehen; seine in Agadez bekannt gewordene Anhängersammlung haben sich höchst wahrscheinlich einheimische Schmiede und ausländische Sammler als „Tableau der 21 Kreu- ze des Niger“ zum Vorbild genommen, hing doch eine entsprechende Blaupause seit den 60er-Jahren im Nationalmuseum. Dies trug wahrscheinlich zur Konstanz der entsprechenden Formvarianten bei, denn die im Nationalmuseum in Niamey niedergelassenen Schmiede pro- duzierten nun qualitativ guten Schmuck nach diesen festen Vorbildern. Diese 21 Kreuztypen waren teils traditionell bekannt, teil benannt mit Namen kaum zu verifizierender Herkunft. In den 80er- und 90er-Jahren wurde die landesweite Verbreitung dieser Typensammlung von offizieller Seite her forciert. Seither „gehorcht (die Schmuckproduktion) den Regeln des mo- 486 Vgl. Bernus 1993, S. 219. 487 Vgl. Creymüller 1998, S. 13. 488 Vgl. Foureau 1902, S. 502; Hinw. in Creymüller 1998, S. 15. 489 Vgl. Zeltner 1914, S. 367, 370, Tafel 36; Hinw. in Creymüller 1998, S. 15. 490 Vgl. Barth 1856, Bd. 1, S. 485 ff. 491 Vgl. Creymüller 1998, S. 17 f., unter Hinw. auf Barth 1857, Bd. 1, S. 445. 492 Vgl. Dudot 1955a, 1966. Ewanghaye (2002, S. 5) schreibt hingegen, die Sammlung der „Kreuze“ sei „sous l’égide de l’unité nationale à la demande du président Diori“, dem ersten Präsidenten der Republik Niger, bekannt geworden. Jedenfalls sollen die Autoren der 21 Kreuze zur Gänze aus Agadez entstammen, und einer soll im Jahr 2002 noch in Niamey gelebt haben. 306 dernen Managements, der Logo-Suche bzw. generell einer Public Relations Maßnahme“ 493 der Art, dass Handwerker den Schmuck in allen Varianten für Touristen bereithalten oder auf Bestellung kurzfristig herstellen. 494 Mittlerweile werden von den meisten Schmieden Kreuze in allen möglichen Formen im ge- samten südlichen Tuareg-Gebiet hergestellt, wenn auch das Standardrepertoire zumeist nur ein Dutzend Formen umfasst. Seit den 50er-Jahren werden die Grundformen der kreuzför- migen Anhänger auch im Senegal, in Marokko, in Algerien und in Frankreich in Filigran- technik produziert 495, und seit den 70er-Jahren werden solche filigranen „Tuareg-Kreuze“ auch in der Westsahara angefertigt und von dort bis nach Südmarokko verkauft 496. In Taman- rasset werden seit den 80er-Jahren Anhänger aus Silberblech nach Schablonen für Touristen auf Bestellung produziert. Heimisch sind diese Kreuze dort keinesfalls, weshalb Creymüller meint, „keine Hoggar-Targia würde ein derartiges Stück tragen“. 497 Seit der Öffnung Libyens für den Tourismus produzieren und verkaufen Schmiede, die infolge der Tuareg-Rebellion aus dem Aïr ausgewandert waren, auch in der libyschen Grenzstadt Ghat Tuareg-Kreuze 498. 8.8.4.4.1 Herstellung Die Tuareg-Werkstatt enthält traditionellerweise nur wenig Werkzeug, das in einem Leder- sack untergebracht werden kann. Ursprünglich waren die Schmiede mobil wie die Nomaden, ihre Klientel, mit der sie mitgezogen waren. Wohl seit dem 15. Jahrhundert ließen sie sich in urbanen Ballungszentren nieder, etwa in Agadez, bestand doch am Sultanssitz ein ständiger Bedarf an Waffen und Schmuck. 499 Die häufigste Technik zur Herstellung eines Anhängers ist die „verlorene Form“. Dazu wird eine Form aus Wachs modelliert, mit fein geschlemmtem Lehm umgeben. Sobald die Lehm- form getrocknet ist, wird aus ihr das Wachs herausgeschmolzen, Silber geschmolzen und in die hohle Lehmform eingegossen. Nach dem Erkalten des Silbers wird der Lehmmantel vor- sichtig zerschlagen. 500 Nach dem Feinschliff wird der Anhänger mittels Stichel und Muster- punzen verziert. Typisch sind Wellenlinien, Liniendekors und geometrisch klare Figuren. Dem sog. „Kreuz von Iferouane“ wird etwa in die Mitte ein auf der Spitze stehendes Dreieck eingestanzt, in dessen Zentrum sich ein großes Punzenmuster in Gestalt eines Stern befindet, das sog. „Auge des Chamäleons“ 501; wie dieses sind auch viele andere Symbole auf anderen Schmuckgegenständen durch die Tierwelt („Spur des Schakals“, „Spur der Hyäne“ etc.), die Astrologie (Sonne, Mond, Sterne) oder die Schrift (Tifinagh-Zeichen) inspiriert. 502 493 Creymüller 1998, S. 95. 494 Vgl. ebd., S. 19. 495 Vgl. Mauny 1954, S. 72; Hinw. in Creymüller 1998, S. 27. 496 Eigene Beobachtungen im Tafilatet 2001, 2002. 497 Creymüller 1998, S. 91. Vgl. Kohl 2001a, S. 68 ff. 499 Vgl. Creymüller 1998, S. 21. 500 Vgl. Gardi 1971, S. 30; Göttler 1989, S. 232 f. 501 Creymüller 1998, S. 52. 502 Vgl. Adamou o.A.1, S. 5. 307 8.8.4.4.2 Material Schmuck wird überwiegend unter Verwendung von Silber hergestellt, das zum Teil aus Ma- ria-Theresien-Talern gewonnen wird 503. Sie dienten in der Region lange Zeit als Zahlungs- mittel und wurden auch noch, nach ihrem Auslaufen als österreichisches Zahlungsmittel, in der Schweiz und in Nigeria nachgeprägt 504. In der Kolonialzeit wurden überwiegend alte 5- Franc-Stücke sowie arabische Silbermünzen verwendet. Seit den 70er-Jahren ersetzen zuneh- mend Silberersatzstoffe wie „Alpaka“, oberflächlich versilbertes Neusilber aus Nickel, Kupfer und Zink das klassische Vollsilber. Messing ist für Agadez-Kreuze unter Tuareg völlig unüb- lich, dagegen ist es vermehrt bei den Bororo verbreitet „Wenn ein Tahua-Kreuz aus Messing ist, dann ist es Bororoschmuck.“ 505 Im Aïr werden mittlerweile Kreuze und sonstige Schmuckstücken aus Talk und Speckstein gefertigt. Dazu wird der Speckstein, der in der Region Azel gewonnen wird, 506 gefettet, im Feuer geschwärzt und durch Ritzung mit Ornamenten verziert. Diese Stücke wurden ur- sprünglich vor allem von jungen Handwerkern für Touristen hergestellt, doch sieht man zu- nehmend auch Tuareg-Mädchen mit zierlichem Speckstein-Schmuck. Ein gerne verwendetes Material ist der Achat bzw. „Karneol“ für das „Kreuz von Ingall“. Dieser rote oder rotbraune Stein wurde zuerst aus dem indischen Ort Cambay, nördlich von Bombay, und dann im 19. Jahrhundert aus dem deutschen Idar Oberstein importiert, wo er für den Export nach Afrika auch nach Katalog bearbeitet und gefärbt wurde. 507 Im „Ingall-Kreuz“ ist allerdings zumeist anstelle des Achats ein Dreieck aus rotem Glas, ein sog. „Mekkawi“, eingefasst, ein beliebtes Mitbringsel der Mekkapilger. 508 Nach Ansicht Spittlers ist es durch- aus möglich, dass „in vorkolonialer Zeit der Achatschmuck verbreiteter“ als Silberschmuck war, und „als Modell für den Silberschmuck (diente). Auch heute noch bestehen in Timia die wertvollen Schmuckstücke, die von Mutter zu Tochter vererbt werden und unveräußerlich sind, vor allem aus Achat.“ 509 503 Vgl. Bernus 1993, S. 222; Gardi 1971, S. 30. Ich selbst hatte 2001 einem befreundeten Schmied 20 Münzen à 25 Schilling mitgebracht, weil diese Silbermünzen einen extrem hohen Feingehalt aufwiesen. 504 Vgl. Dayak 1994, S. 56. 505 Creymüller 1998, S. 95 unter Hinweis auf eine Mitteilung von Göttler. In Reaktion auf das westliche Klientel werden jedoch neuerdings von manchen Produzenten auch Tierfiguren oder Schlüsselanhänger in Messing hergestellt. Lux- Development o.A., S. 96 ff. 506 Vgl. Adamou o.A.1, S. 25. 507 Vgl. Trebbin 1985, S. 39. Hinw. in Creymüller 1998, S. 27, 32 ff. Spittler (2002a, S. 47) weist darauf hin, dass nach dem Versiegen der Achatvorkommen im Hunsrück Anfang des 19. Jahrhunderts durch Zufall von ausgewanderten Idarer Schleifern in Südbrasilien große Karneolvorkommen entdeckt und über 100 Jahre lang nach Idar Oberstein zur Verarbeitung exportiert wurden. Nach den USA war Afrika der wichtigste Exportmarkt, wohin zwischen 1830 und 1980 etwa 100 Mio. Achatstücke aus Idar-Oberstein über Paris, Marseille und Dakar bzw. Birmingham, Kairo bzw. Lagos exportiert worden waren. Der große Erfolg von Idar-Oberstein gegenüber Cambay lag in der Entdeckung von Brenn- und Färbetechniken. Gefragt waren Achate in Afrika weniger für das „Ingall-Kreuz“, als vielmehr aus ästhetischen Gründen als wertvoller Schmuck. In Timia, wo heute fast jede Frau mehrere Achatschmuckstücke besitzt, wurde im Jahr 2001 für einen Turmring 5.000 FCFA bezahlt, was dem Preis von 100 kg. Hirse entspricht. 508 Vgl. Göttler 1989, S. 248. Allerdings wurden gerade Achatstücke oft über Mekka importiert, nachdem Achat von indi- schen Pilgern von Cambay mitgebracht wurde (vgl. Spittler 2002a, S. 50). 509 Creymüller 1998, S. 51. 308 8.8.4.4.3 Bezeichnung Zu Anfang des 20. Jahrhunderts war schichtspezifischer und stammesdifferenzierter Schmuck verbreitet. 510 Dabei galten die „Kreuz von Agadez“-Typen eher als Schmuck der Noblen, das „Kreuz von Iferouane“ eher als der der Vasallen. Infolge des sozialen Wandels hatte jedoch das Agadezkreuz zunehmend an Beliebtheit und Verbreitung gewonnen. Bis etwa 1940 waren Bezeichnung ausschließlich aus dem Tamaschek verbreitet, die von Schmieden „spontan be- stimmten sozialen Schichten oder Stämmen zugeordnet“ 511 wurden. Die vier wesentlichen An- hänger-Typen, aus denen sich die übrigen entwickelt haben, waren das Taneghelt („Kreuz von Agadez“), das Teinfuk („Kreuz von Ingall“), das Zakkat („Kreuz von Iferouane“) und das Te- nalett („Kreuz von Zinder“). 512 Die Bezeichnung „Kreuz von…“ gab es somit damals noch nicht. Erst in Folge der kolonialen Besetzung, verbunden mit dem kolonialen Denken in Verwaltungseinheiten, wurden die ver- schiedenen Typen als „Kreuz von...“ bestimmten Städten oder Stämmen zugeordnet. Diese französische Bezeichnung „croix de...“ wurde erstmals 1966 als „ténégelt tan...“ ins Tama- schek rückübersetzt. 513 In der neuen Epoche des jungen Kolonialstaates setzte sich dieser Trend verstärkt durch, 514 was letztlich durch die Tafel der 21 Kreuze zum Ausdruck kam. 515 Die dafür gewählten Bezeichnungen sind jedoch überwiegend Phantasiebegriffe, was daran ersichtlich ist, dass etwa in Bilma viele Kanuri leben, die keine Tuaregkreuze tragen; das „Kreuz von Aïr“ ist ein koloniales Uniformabzeichen, und das „Kreuz von Bagzan“ ist am Bagzan völlig unüblich, doch mittlerweile hat sich die Bezeichnungen eben eingebürgert und ist somit unverzichtbar geworden. 516 8.8.4.4.4 Die Tragweise Die Agadez- und Iferouane-Kreuze wurden ursprünglich, da ohne Öse, auf Lederschnüre auf- gefädelt, oft auch in Bündeln getragen. Die Tahoua-Kreuze wurden oft in dicke, schwarz ein- gefärbte Baumwollbänder eingebunden. Während das Agadez-Kreuz ursprünglich ein Einzel- schmuckstück war, wurden Zinder-Kreuze oft als Cluster auf Lederschnüren als Geldanlage getragen. 517 Diese Funktion ging freilich seit den 80er-Jahren wegen der fortschreitenden Monetarisierung und des verbesserten Bankwesens weitgehend verloren. Oftmals wurden die Kreuze von Frauen als Haar-, Stirn- und Ohrschmuck getragen, von Männern als Turban- und Brustschmuck. 518 510 Diese Formen waren jedoch in den späten 70er-Jahren nicht mehr verifizierbar oder wurden aus nationalen Gründen un- terdrückt. 511 Hinw. in Creymüller 1998, S. 39. 512 Vgl. Ewanghaye 2002, S. 5. 513 Vgl. Dudot 1966, S. 101. 514 Vgl. Creymüller 1998, S. 94. 515 In jüngerer Zeit, insbesondere in Verbindung mit der Rebellion, die eine neue Entwicklung der Stammesidentität forcierte, treten zunehmend wieder stammes- und schichtspezifische Bezeichnung bei Schmuck auf. Eine derartige Neuerscheinung war 1996 die Schaffung des „Mano-Dayak-Kreuzes“. 516 Vgl. Creymüller 1998, S. 39 ff.; Göttler 1989, S. 246. 517 Eine Regionalbezeichnung für das Zinder-Kreuz lautet tenelit, was Göttler (1989, S. 248) mit „ein wenig Hirse“ überset- zen würde und damit ein Indiz liefert für die zum Teil bestehende Funktion als Wertanlage. 518 Vgl. Creymüller 1998, S. 47 ff. 309 8.8.4.4.5 Der Wandel der Formen Der Geschmack der Tuareg ist äußerst lebendig und wechselhaft, und es ist nicht unge- wöhnlich, dass eine Frau ihren Schmuck einschmelzen und zu modischeren Stücken umarbei- ten lässt 519. So hatte etwa Göttler Ende der 90er-Jahre beobachtet, dass gewisse Ohrgehänge, wie sie früher bei den Ullimidden sehr beliebt waren, weitgehend verschwanden. „Dies wäre ein Indiz dafür, dass Formen im Schmuck innerhalb von drei bis fünf Generationen adaptiert, verwandelt und wieder aufgegeben werden können.“ 520 Die Anforderungen des Marktes waren starke Triebfedern für den Formenwandel, insbeson- dere die seit den 70er-Jahren zu beobachtende Anpassung an „die sich wandelnde Kund- schaft“ 521, die nunmehr zunehmend aus Touristen, Mitarbeiter der Entwicklungshilfe und Kunden von Händlern in Europa bestand. Seit den 70er-Jahre wurden die Kreuze mit einer separaten, um 90 Grad gedrehten Aufhängeöse versehen 522, da Europäer den Schmuck am Körper aufliegend zu tragen pflegen, und beim Ingall-Kreuz wurden rote durch blaue Steine ersetzt. Creymüller weist auf Angebote im Dritte-Welt-Versandhandel hin, wonach seit Herbst 1998 völlig neue Varianten an Tuareg-Schmuck aus dem Niger angeboten werden: „Traditionell getrennte Formen werden willkürlich verschmolzen 523, Außenformen ‚moder- nisiert’ 524, die Anhänger erhalten einen weiteren Endknauf mit Öse am Ringteil,“ um den Kreuzcharakter stärker zu betonen. Von der einheimischen Bevölkerung werden diese neuen Formen zumeist nicht angenommen, sie sind somit derzeit nur für den Export und zum Ver- kauf an Touristen bestimmt 525. Dem gegenüber weist das traditionelle Gesamtdekor des Schmucks einen „streng geometrischen Duktus“ auf, in dem gerade Linien, Dreiecksflächen und eine strenge Achsensymmetrie vorherrschen, hingegen gekrümmte Linien nur auftreten, wo es die Außenform erfordert. Creymüller vermutet hinter diesem Duktus eine viele Jahr- hunderte lange Tradition grundlegender Form- und Dekorelemente, und diese seien darum als materielles Bild einer für die Tuareg charakteristischen geistigen Kultur zu verstehen. 526 8.8.4.4.6 Symbolik und Bedeutung der Kreuze „Über den Symbolgehalt der Kreuze ist schon viel (zu viel) geschrieben worden“ 527, schreibt Göttler und schließt – wie auch Gardi 528 - jeden Zusammenhang mit einem christlichen Kreuz aus, den manche andere „aus christlichem Kulturbereich stammende Autoren“ 529 einbringen. 530 519 Bernus 1993, S. 222. Auch Creymüller (1998, S. 6) bezeichnet die Mode als einen zentralen Faktor des Wandels, „Inner- halb eines Jahrzehnts kann ein vormals beliebter Schmucktyp fast völlig verschwinden.“ 520 Creymüller 1998, S. 84. 521 Ebd., S. 5. 522 Vgl. ebd., S. 49. 523 So wird neuerdings das Agadez-Kreuz - wie bislang völlig unüblich - mit dem Quersteg des Iferouane-Kreuzes angeboten. 524 Das Iferouan-Kreuz wird mit gewölbten Seiten angeboten, was wohl „modernen Schwung“ signalisieren soll. 525 Vgl. ebd., S. 92 f. 526 Vgl. ebd., S. 96. 527 Göttler 1989, S. 247. 528 Vgl. Gardi 1971, S. 32. 529 Göttler 1989, S. 247. 530 So bemüht sich etwa Krings (1982, S. 382), dem Gardis Buch wohlbekannt war (ebd., S. 375), redlich um Belege für den Ursprung des Kreuzmotivs: „Manche Forscher meinen, es handle sich um ein christliches Symbol, das auf berberisch- koptische Einwanderer zurückgehe, die sich im 7. und 8. Jh. im Aïr niederließen.“ Auch in der „Illustrierten Wissenschaft“ 310 Eine weitere verbreitete Hypothese war die Ableitung der Kreuzform vom altägyptischen Sym- bol ankh, verbunden mit sexuellen Inhalten531, doch gibt es keinerlei hinreichende Belegstücke für eine Verbindung über mehr als 2500 Jahren zwischen den Tuareg und den Ägyptern, auch wenn man die Garamanten als Vorfahren der Tuareg bemüht 532. Ritter erwähnt auch die Inter- pretation des „stilisierten Schwanz eines Leguans“ 533 und Adamou die stilisierte „Hand der Fatima“, bezeichnet dies jedoch, genauso wie die meisten Interpretationen, als Phantasiepro- dukte. 534 Für Göttler erscheint es jedenfalls „eindeutig, dass es sich bei allen Kreuzen um nichts anderes als Stilvarianten des gleichseitigen Dreiecks handelt, die Grundform in fast allen Tua- regobjekten (…).“ 535 Der Grund für die zweifelhaften Spekulationen liegt wohl in der Herkunft der Schmiede, die ursprünglich als wandernde Handwerker im Westsaharagebiet tätig waren, im 15. Jahrhun- dert 536 ihre Technik ins Tuareg-Gebiet brachten und dort Schmuck in bisher nicht typischen Varianten zu produzierten begannen. 537 Insofern lässt sich bezüglich der symbolischen Inter- pretation des kreuzförmigen Schmucks zusammenfassend feststellen, dass diese Muster „in der Gegenwart eher wie von außen aufgesetzt (erscheinen) und nicht aus der Tuareg-Kultur selbst ableitbar“ sind. 538 Zumindest über die traditionelle Bedeutung des Agadez-Kreuz kann mit Sicherheit gesagt werden, dass es früher und teilweise auch heute als Amulett mit magisch-heilender Wirkung betrachtet wurde und wird. 539 Darüber hinaus aber erfuhr die Symbolik des Agadez-Kreuzes einen entscheidenden Wandel dahingehend, dass es heute gleichsam als Symbol für alles her- halten muss, was mit der Wüste zu tun hat. So fand sich das Symbol gleichermaßen auf den Rockaufschlägen der Meharisten wie auf dem Kühler der Lastwägen der Berliet-Expedition des Jahres 1960. 540 Bekannt ist nur die Bedeutung des Kreuzes von Ingall, das ursprünglich von Frauen als Fin- gerring und später als Halsschmuck getragen wurde. Die Grundform ist im Sahel weit verbrei- tet, da es sich eigentlich um eine Fassungen für den mekkawi, das gläserne Mitbringsel von einer Mekkapilgerfahrt handelt. Insofern sind gleichartig gefasste Karneole bzw. Achate ei- gentlich Fälschungen, die die Schmiede gerne an Touristen als „besonders wertvolle Stücke“ verkaufen. 541 So sieht man am eben genannten Beispiel, wie sehr die noch „rudimentär vorhandene tiefere symbolische Bedeutung (der Kreuze) seit den 70er-Jahren weiter verloren ging“, ein Prozess, der durch den Tourismus beschleunigt wird, wie an der „Europäisierung“ der Kreuze – etwa durch das Anbringen von funktionellen Ösen – ersichtlich ist. 542 Gleichzeitig wurden die For- melemente der Kreuze seit den 70er-Jahren zunehmend auf andere Bereiche übertragen, etwa (o. A. 1995, S. 13) ist von den „einst christlichen Tuareg, die noch heute eine Vorliebe für das Kreuz als dekoratives Element haben“, die Rede. 531 Vgl. insb. bei Mauny 1954, S. 71 ff., Hinw. bei Creymüller 1998, S. 67. 532 Vgl. Fuchs 1961, S. 191 ff.. Auf eine strukturell ähnlich gelagerte Hypothese, deren Grundlage jedoch 2.000 Jahre jünger ist, verweist Krings (1982, S. 382), wonach etwa „das Kreuz eine Abwandlung des alten Zeichens der Tanit, der Stadtgöttin von Karthago (phönizisch: Astarte), sei. (Die Sonnenscheibe, welche die Göttin zwischen einem Hörnerpaar auf dem Kopf trägt, hat die Form eines durch einen Strich geteilten Ovals, was als Symbol des weiblichen Geschlechts gilt)“. 533 Ritter 1979, S. 86. 534 Vgl. Adamou oA1, S. 17. 535 Göttler 1989, S. 247. 536 Creymüller 1998, S. 5; Henri Lhote und Charles de Foucauld vermuten, dass die Schmiede jüdischen Ursprungs und von Marokko eingewandert seien (Hinw. in Soldini et al. 1983, S. 19). 537 Bernus (1993, S. 76) weist zwar darauf hin, dass über die Herkunft der Schmiede „des spéculations hasardeuses“ ange- stellt wurden, erwähnt aber auch den interessanten Hintergrund, dass manche der Schmiede „un parler spécial“, eine speziel- le Sprache, das tenet sprechen, „mais aucune étude ne permet de dire s’il s’agit d’une langue vraiment originale“. 538 Vgl. Creymüller 1998, S. 95. 539 Vgl. Gardi 1971, S. 32. 540 Vgl. NIGETECH 2002, S. 49. 541 Vgl. Creymüller 1998, S. 71, unter Hinw. auf Göttler. 542 Vgl. ebd., S. 73. 311 auf Berber-Teppiche im Maghreb oder auf Leder-Produkte im Sahel, und dies jeweils mit völlig anderer Bedeutung. Creymüller erkennt darin eine „Entwicklung von einer ehemals zweckgebundenen Form zum frei verwendbaren, zweckfreien Ornament“, das seines ur- sprünglichen Sinnes entleert ist.543 Dieser Prozess sei von Europäern initiiert worden, indem diese das Agadez-Kreuz lediglich als Ornament betrachtet und vom ursprünglichen kulturel- len Kontext losgelöst verwendet hatten. Dieser Prozess finde nunmehr auch bei den Tuareg in analoger Weise statt. 544 8.8.4.4.7 Sonstige Schmuckstücke Freilich gibt es neben den Kreuzen noch andere Formen für Amulette – wie etwa das Tchi- rawt, ein viereckiges, kleines Döschen aus Silber, in das Koranseiten gelegt werden können. Dieses von Männern getragene Amulett kann auch aus Leder sein, wobei in diesem Fall die Koranseiten eingenäht werden. Solche Amulette werden auch Kindern und Kamelen umge- hängt. In der Regel wurden solche Stücke nicht verkauft, 545 doch findet man sie zunehmend auch im Angebot der „Chasse touristes“. Dennoch ist der traditionelle Schmuck vielfältig und umfasst Dinge wie Finger- und Armringe, Kolliers, Ohrgehänge etc., aber auch ständig wei- terentwickelte und modernisierte Erzeugnisse, die insbesondere für den europäischen Ge- schmack gefertigt werden. Neben dem traditionellen Schmuck wird auch das Angebot an neu entwickelten Ziergegen- ständen durch die europäische Nachfrage immer größer. Bei diesen Produkten steht die Über- tragung von Tuareg-Ästethik auf westliche Gebrauchs- und Ziergegenstände wie etwa auf Pillendosen und Feuerzeughalter, Brieföffner, Essbestecke oder Schlüsselanhänger aus Silber, zuweilen auch mit Ebenholzeinlagen, im Vordergrund. 546 Die Produzenten wandeln sich hier- bei von Enaden, traditionellen Integrations- und Ausstattungsfiguren innerhalb einer Bezugs- kultur, zu modernen Kunsthandwerkern, die sich mit innovativen Fähigkeiten am wachsenden Kunst- und Ethno-Markt mit neuen Absatzfeldern orientieren. 547 8.8.4.5 Kleidung Bernus schrieb noch, dass das reiche Repertoire des Kunsthandwerks der Tuareg nicht kom- plett sei, da keine Webereiprodukte hergestellt würden. 548 Dennoch spielt die Herstellung der Kleidung für die Tuareg eine bedeutende Rolle, und sie ist auch ein ansehnlicher Posten im Familienbudget, denn die Menschen pflegen sich zu großen Festen neu einzukleiden. Die da- für benötigten Stoffe werden ausschließlich importiert – „(…) Sattelteppiche aus Tripolis, Decken aus der Gourara (Gebiet um Timimoun, Algerien, Anm. d. V.); indigoblaue Tuniken 543 Ebd., S. 94. 544 So findet sich ein Tuareg-Kreuz am ledernen Uniform-Waffengurt als Militäremblem einer nigrischen Militäreinheit (vgl. Ritter 1989, S. 25, zit. in Creymüller 1998, S. 88). 545 Vgl. Dayak 1994, S. 56. 546 Vgl. Lux-Development o.A., S. 106ff. 547 Vgl. etwa Friedl 2001, S. 2, über die moderne Rolle des Künstlers als Selbstvermarkter. 548 Vgl. Bernus 1993, S. 226. So auch Göttler (1989, S. 268): „Tatsache ist, dass die Tuareg nicht weben.“ 312 aus Kano, Kura, Nufe (Nigeria, Anm. d. V.), Baumwollstoffe aus Malta, schließlich indigo- blaue Guineas aus Indien usw.“ 549 Der überaus wichtige, tiefblaue, glänzende Indigostoff für den tagelmust, den Gesichts- schleier, kommt aus der nördlichen Region Nigerias. Zu seiner Herstellung wird diese Stoff- bahn mehrfach in Indigosud getaucht und in ein Bad, das mit einem Baumharz versetzt ist. „In trockenem Zustand werden diese Stoffe auf einer massiven Holzunterlage mit einem Schlegel heftig geschlagen, wobei sich das Indigo an der Oberfläche des Tuches zu jener fast lackarti- gen Konsistenz verdichtet.“ 550 Wegen des hohen Preises – ein 5 Meter langes und bis zu ei- nem halben Meter breites Tuch kostet bis zu 300 Euro, manchmal auch noch mehr! – wird das Tuch vorwiegend zu festlichen Anlässen genutzt 551 und nur vereinzelt, aus Prestigegründen, auch im Alltag getragen 552. Das Alltagsgewand besteht aus billiger importierter Baumwolle, die von den Schneidern mit- tels Singer-Nähmaschinen 553 aufwendig mit Mustern bestickt werden. Hier manifestiert sich abermals die Äußerlichkeit der Tuareg-Kultur mit gutem Geschmack für das Schöne und für Prachtentfaltung. Touristen interessieren sich besonders für die schwarzen, seitlich mit weißer Zierstickerei versehenen, weiten Hosen (akerbey), wie sie besonders in Agadez typisch sind. 554 Blusen (aftek) für Frauen sind in Agadez meist schwarz mit weißen Ornamenten und werden auch von Touristen gerne gekauft. 8.8.4.6 Sonstige Gegenstände touristischen Interesses 8.8.4.6.1„Batta“ Ein in Agadez beheimateter und ausschließlich hier produzierter Kunstgegenstand555 ist die Batta, eine kleine Dose aus gegerbter Ochsenhaut, die zur Aufbewahrung von Pomade, Schmuck, Kosmetikartikeln udgl. verwendet wird, die jedoch in der gesamten Tuareg-Welt und auch im Maghreb beliebt556 ist. Das Besondere an der Batta ist die aufwendige Herstellung. Ihre variierende Form erhält sie, indem die Männer ein Modell aus Lehm formen und dieses nach dem Trocknen mit eingeweichten Hautstücken überziehen. Ist das Leder getrocknet und damit hart geworden, wird es abgelöst und von Frauen auf höchst aufwendige Weise verschönert. Da- zu werden in Batiktechnik feine Wachsfäden zu geometrischen Linien, Spiralen etc. auf die Dosen gelegt und diese sodann mit dunkelroter Farbe 557 überschüttet. Nun werden die Wachs- 549 Foucauld, Charles de, Calassanti-Motylinski, A. de, 1984: Textes touaregs en prose. Paris, S. 65, zit. in Göttler 1989, S. 269. 550 Göttler 1989, S. 271. 551 Vgl. Nicolaisen/Nicolaisen 1997, S. 362 f. Aus diesem Grund hatte sich ein Tuareg-Freund anlässlich meiner kirchlichen Hochzeit im Mai 2003 in Österreich ein neues Indigo-Tuch angelegt – mit der Folge, dass nicht nur unsere Wohnung sondern auch unser Hochzeitszimmer durch das staubende Indigo kräftig eingefärbt wurden… 552 So trägt etwa der Reiseführer und Chauffeur Houiah bei seiner Arbeit zumeist einen Tagelmust aus bestem Indigotouch. 553 „Singer ist auch im Sahel ein begehrter Markenartikel!“ (Göttler 1989, S. 272.) 554 Vgl. Lux-Development o.A., S. 132. 555 Vgl. Adamou o.A.1, S. 13; Krings 1982, S. 375. 556 Ich selbst fand im Jänner 2003 im Suk vom Marrakesch zahlreiche Battas. Allerdings konnte niemand Auskunft darüber geben, woher diese Behältnisse stammten. 557 Nach Gardi (1971, S. 35) wird diese Farbe aus Blättern einer bestimmten Hirseart gewonnen; dagegen nennt Krings (1982, S. 375) „zerstampfte Sorghumhirse und Natronsalz“ als Grundlage der Farbe. 313 fäden durch Erwärmung geschmolzen, und wenn das Wachs entfernt ist, wird das Muster als „Negativ“ sichtbar. 8.8.4.6.2 Gegenstände aus Speckstein Seit alter Zeit sollen im Aïr Oberarm-Ringe (Awouki) vor Unglück schützen. Sie sind im All- gemeinen aus Speckstein, der in der Region Azel, wenige Kilometer östlich von Agadez 558 vor- kommt und der wie Hartholz durch Drechseln, Sägen und Polieren bearbeitet wird. Seit Beginn der 80er-Jahre werden für den örtlichen Tourismus aber auch für den innerafrikanischen Export bis nach Dakar 559 neue Produkte entwickelt: Vasen, Schmuckdöschen mit Ritzungen verziert, Schmuck, Messer, verschiedene Tierfiguren wie Schildkröten und Elefanten. Neuerdings wer- den auch Brettspiele und komplette Sammlungen von Weihnachtsfiguren angeboten. Die Stü- cke sind entweder ungefärbt mit einem „seidigen, schwarzgrünen Glanz“ 560 oder eingefettet und mit Asche geschwärzt. 561 Mittlerweile hat sich eine Speckstein-Branche mit einer eigenen Kooperative entwickelt. 562 8.8.4.6.3 Flechtwaren aus Pflanzenfasern Zahlreiche Gebrauchsgegenstände werden aus Fasern der Dum-Palme und aus Gräsern ge- flochten 563. In jeder Tuareg-Familie findet man solche Matten, Teller, Körbe und Gefäße und manchmal sind sie auch mit Leder verziert. Besonders fein geflochtene Behältnisse werden am Bagzan produziert. 564 558 Vgl. Adamou o.A.1, S. 7. 559 Vgl. NIGETECH 2002, S. 50. 560 Göttler 1989, S. 281. 561 Vgl. Lux-Development o.A., S. 119. 562 Vgl. Adamou o.A.1, S. 7. 563 Auch die Matten, die als Verpackungsmaterial der Salz-Kantus während des Karawanen-Transports dienen, werden aus Dum-Fasern geflochten (vgl. Adamou o.A 1, S. 9). 564 So hatte mich meine „Freundin“ Mariema, eine alte Hirtin aus Timia, gebeten, vom Bagzan ein Gefäß für die Aufbewah- rung der Milch mitzubringen, weil die dortige Qualität hervorragend sei. 314 8.9 Tuareg-Feste: Hochzeiten, Tabaski, Gani, Bianou Den Festlichkeiten der Tuareg beiwohnen zu können, zählt zu den großen Glückfällen der Reisenden, weil sich zu diesen Anlässen die gesamte äußere Pracht der Tuareg-Kultur entfal- tet. Die Menschen ziehen ihre schönsten, zuweilen eigens neu erstandenen Gewänder an und präsentieren sich von ihrer „besten Seite“. Die Kamelhirten haben auf solchen Festen die Ge- legenheit, ihre Reitkünste auf ihren Reitkamelen (areggan), ihrem ganzen Stolz, zu beweisen. Gerade weil dem Reiter und seinem Kamel von den Tuareg, besonders den Kel Timia, beson- dere Wertschätzung entgegen gebracht wird, zählen Reiterspiele zu den „Höhepunkten im Leben der Hirten“. 565 Dementsprechend wird dann auch das Reitkamel mit dem verzierten Prunksattel, dem tamzak, einer bunten Decke unter dem Sattel und den prächtig verzierten Sattelsäcken ausgestattet. 8.9.1 Zeremonien Die Krönung einer festlichen Zusammenkunft ist meist das Ilouagn, das Kamelkarussell bzw. ein Kamelreitspiel, bei dem die Frauen - oft mit ocker- oder glänzendbraun bemalten Gesich- tern - um das Tende im Kreis sitzen, im Takt in die Hände klatschen und laut trällern. Wäh- renddessen versuchen die Kamelreiter, mit ihren Kamelen dem Rhythmus der Musik zu fol- gen. 566 Besonders kunstfertige Hirten lassen ihr Kamel sogar eine bestimmte Strecke auf den Knien rutschen. 567 Ein besonderes Vergnügen für Reiter und Zuseher ist das Wettrennen im ausgetrockneten Flussbett. Hier können die Hirten all ihr Geschick unter dem Beifall des gesamten Dorfes be- weisen und zudem einen der gestifteten Geldpreise gewinnen. Ohne Kamel laufen die Tänze ab. Anlässlich einer Hochzeit wird etwa zum Schlag der tende und ggf. auch zum Gesang und dem Trällern der Frauen der darammage, der äußerst ge- mächliche, würdevolle Tanzschritt der Adeligen, praktiziert, zu dem die „noblen“ Tänzer mit feinster Kleidung und Speeren ausgerüstet sind. Die Schmiede tanzen hingegen in schlechter Kleidung und unbewaffnet unter Grimassen und wild hüpfend, um einen Gegenpol zu den Noblen darzustellen. 568 Werden Reiterspiele und Tänze, für deren Organisation üblicherweise die Schmiede zuständig sind, ohne einen festlichen Anlass veranstaltet, so werden sie als Fantasia bezeichnet. Ein Tanzfest – ob aus Anlass einer Hochzeit oder einer politischen Veranstaltung – wird Tam- Tam genannt. Für traditionelle Tam-Tams schlagen Schmiede die tende, begleitet von Frauen- gesang, während junge Männer und Knaben wilde Tänze nach dem Schema „je wilder, desto eindrucksvoller“ vollführen. Seit der Rebellion werden jedoch bei jungen Leuten zunehmend Tam-Tams mit Elektrogitarren-Begleitung populär. 565 Spittler 1998, S. 229. 566 Vgl. Bernus 1993b, S. 157. Spittler (1998, S. 226) nennt diesen Kameltrott im Passgang egharghar. 567 Dieses von Spittler (ebd.) erwähnte Zeremoniell habe ich allerdings in Timia noch nie gesehen, auch nicht anlässlich meiner eigenen Hochzeit vor Ort. 568 Vgl. Adamou o.A.1, S. 21. Dies gilt freilich nicht für die Hochzeiten in Städten wie Agadez, die bereits sehr viele moder- ne Elemente beinhalten und für europäisches Empfinden ihrer Gemächlichkeit wegen geradezu „fade“ erscheinen. Allerdings erlebte ich in Agadez auch Hochzeiten mit E-Gitarre, die regelrecht „fetzig“ abliefen. 315 8.9.2 Festliche Anlässe Die wichtigsten gesellschaftlichen Ereignisse, aus derer Anlass das ganze Dorf gemeinsam zu feiern pflegt, sind Hochzeiten und zwei religiöse Feste des Islam, das Tabaski und das Gani- Fest. Der konkrete Ablauf einer traditionellen Hochzeit in Timia spielt – abgesehen von den bereits genannten Reiterspielen – hier keine weitere Rolle, wird aber an anderer Stelle im Zu- ge der Beschreibung der Hochzeit meiner Gefährtin und mir näher erläutert werden. 569 8.9.2.1 Tabaski Das Tabaski wird vierzig Tage nach dem Ende des Ramadan in Erinnerung an Abraham und sein Opfer gefeiert.570 Für die Menschen von Agadez gilt es als Höhepunkt des Jahres. Schon am Vorabend setzt das Trommelschlagen vor dem Sultanspalast ein. Am Morgen dar- auf versammelt sich die Bevölkerung vor dem Palast. Nun führen Höflinge den (früher sogar mit einem Gepardenfell) geschmückten Schimmel des Sultans vor. Ritter berichtet davon, dass nun der Sultan in indigofarbenem Turban und goldbesticktem Gewand sein prächtig ge- schmücktes Pferd besteigt und gemeinsam mit dem Marabut vor die Stadt reitet, begleitet von seiner farbenprächtig gekleideten Leibgarde, den Höflingen, Würdenträgern und Musikanten. Ziel des Festzugs ist der Friedhof Tanuberi, wo die Notabeln, die Vorsteher der Stadtviertel, begrüßt werden. Gemeinsam lässt man sich nun auf einem gesäuberten Platz, die Sandalen nach altem Brauch ausgezogen, im Sand zum gemeinsamen Gebet nieder, vorne die Chefs und Notablen, ganz hinten die Frauen. Anschließend umrundet der Sultan auf seinem Pferd die Stadt, begleitet von Musikanten und gefolgt von der Menschenmenge, die dem Sultan huldigt und um „Baraka“, um jenen Segen bittet, der dem Sultan zugeschrieben wird.571 Der letzte Akt des öffentlichen Zeremoniells sind die Reiterspiele vor dem Palast des Sultans, dem „Höhepunkt des farbenfunkelnden Festes“ 572. Auch heute noch trällern dazu die Musi- kanten des Sultans vor dessen Palast und begeistern gleichermaßen die Agadeziens und die Touristen 573. Sobald der Sultan vor dem Palast in seiner Audienz-Hütte Platz genommen hat, reiten geschmückte Männer im wilden Galopp mit ihren Pferden um die Moschee. Abschlie- ßend ziehen sich die Menschen in ihre Häuser zurück, und bald „färbt sich in den Gassen der Sand rot, denn vor jedem Haus (wird) nun ein Schaf geschächtet“. 574 In Timia sammeln sich anlässlich des Tabaski die Männer im Flussbett vor dem Dorf und marschieren in einer langen, eindrucksvollen Prozession zum gemeinsamen Gebet. Auf einem 569 Siehe dazu das Kap. über „Potentielle Tourismusentwicklung: Vier Testprojekte/Organisierte Feste/Der Ablauf des Hoch- zeitsfestes“. 570 Funktionell ist es mit dem jüdischen Pascha-Fest und unserem Oster-Fest vergleichbar. Da sich das muslimische Jahr am Mondzyklus orientiert, ist es um 10 - 11 Tage kürzer als das 365 Tage dauernde Jahr des Gregorianischen Kalenders, wes- halb sich die muslimischen „Fixtermine“ jährlich entsprechend nach vor verschieben. 571 Zu diesem Anlass werden auch kleine Geschenke an Kinder verteilt, „denn wer etwas auf sich hält an diesem Tag, ant- wortet auf jeden Gruß und Wunsch, der ihm gilt, mit einem kleinen Geschenk“, schreibt Gardi (1971, S. 272). 572 Ritter 1979, S. 88. 573 Im Feber 2003 hatte ich erlebt, wie sich etliche Touristen in penetranter Weise zu Fotozwecken unter die Musikanten mischten - und sich damit gegenseitig im Weg standen. Um so verständlicher erachte ich es auch, dass nunmehr von Touris- ten ein Obolus für die Musikanten eingesammelt wird. 574 Gardi 1971, S. 272. Dies gilt auch heute noch: An diesem Tag werden allein im Niger fast zwei Mio. Hammeln geschlach- tet, die dann, aufgespannt auf Stöcken neben großen Feuern, entlang der Straßen schmoren. 316 gesäuberten Platz im Norden lassen sie sich in langen parallelen Reihen vor dem Marabut nieder. Auch hier nehmen die Frauen diskret in den letzten Reihen an der Zeremonie teil. An- schließend wird in geselliger Weise der Friedhof besucht und keineswegs in Trauerstimmung miteinander geplaudert. Schließlich folgen die privaten Feiern in den Häusern, wozu ein Hammel geschlachtet und gebraten wird. 8.9.2.2 Das Gani-Fest Dieses Fest wird anlässlich der Geburt des Propheten gefeiert und ist mit unserem Weih- nachtsfest vergleichbar. Das entsprechende Zeremoniell in Agadez ist jenem für das Tabaski ähnlich: Im Zuge eines rituellen Ausritts umrundet der Sultan dreimal den Palast. 575 Über diese Atmosphäre schrieb Gardi vor über 30 Jahren: „Niemand ist imstande, sich der Kraft eines solchen Anlasses zu entziehen. Man schämt sich ein wenig, dass man da als europä- ischer Zuschauer herumsteht und das überaus farbige orientalische Bild wie ein Schauspiel genießt. Gleichzeitig wird man von der großen Andacht ringsum ergriffen.“ 576 Auch das Gani-Fest in Timia hat in mancherlei Hinsicht einen ähnlichen Ablauf wie das Ta- baski, nur dass diesmal auch die Hirten ihren großen Auftritt haben und das ganze Dorf diesen Reiterspielen beiwohnt. 8.9.2.3 Bianou Das Bianou ist ein regionales Fest, und zwar nur in Agadez und Ingall. Vierzig Tage nach dem Tabaski beginnt die Festlichkeit, dauert 23 Tage und am 9. des Monats Moharem, der in Agadez „Monat des Bianou“ heißt, endet alles. Früher wurde der Anfangstermin durch Hof- astronomen bestimmt, heute wird er über das Radio verkündet. Grund dieses Freudenfestes soll das Andenken an das Ende der Sintflut sein. 577 Und weil Noah, der mit der Arche bei Agadez gelandet sein soll, auch Pflanzen gerettet habe, tragen die Menschen Palmwedel auf ihren dekorierten Häuptern. 578 Nach anderen Deutungen wird das Bianou als freudige Erinne- rung an das Ende eines Krieges zwischen einigen Stämmen 579 bzw. als Erinnerung an Mo- hammeds Flucht nach Medina 580 gefeiert. Jeden Abend von Sonnenuntergang bis Mitternacht feiern die Bewohner in den Gassen vor den Häusern der Honoratioren, wobei jeweils zwei gegnerischer Gruppen um die Wette trommeln und tanzen. Bei diesem lauten und wilden Treiben, das gewisse Ähnlichkeiten mit dem Perch- tenlauf in den Alpen aufweist, tanzen die Passanten und besonders die Kinder begeistert mit. 575 Vgl. Bernus 1993c, S. 162. 576 Gardi 1971, S. 270. Ähnliches empfand ich, als meiner Frau und ich als Journalisten und auf Einladung des Unterpräfek- ten von Agadez als einzige europäische Gäste am Tam-Tam in Azel teilnahmen.Anlässlich der Rallye Paris-Dekar war sie im Feber 2000 für europäische Besucher organisiert worden war. Weil aber der Rallye-Aufenthalt in Agadez wegen einer angeb- lichen Terrorbedrohung abgesagt worden war, hatten die Veranstalter beschlossen, das Tam-Tam dennoch, und zwar für die Honoratioren und die Bevölkerung, durchzuführen. Die Leute von Azel waren darüber begeistert. 577 Vgl. Bernus 1993b, S. 159, unter Berufung auf örtliche Marabuts. 578 Vgl. Gardi 1971, S. 275f. unter Berufung auf Pater Grenier. 579 Vgl. Krings 1982, S. 377. 580 Vgl. NIGETECH 2002, S. 59. 317 Den Höhepunkt des Bianou bildet am Vorabend des letzten Tages der vereinte Auszug der Trommler und der Maskierten nach Alarses im Nordosten von Agadez, wo Noah angeblich gelandet sei, gefolgt von einer großen Anzahl von Agadeziens in festlicher Kleidung. Für die Maskerade ist erlaubt, was gefällt: Behänge aus Konserven, Palmwedeln, Schmuck etc., bunte Schirme, auffällige Sonnenbrillen und natürlich die besten Indigo-Tücher. So gleicht mancher Tuareg einem wandelnden Weihnachtsbaum, allerdings ohne Kerzen. Nach der Übernachtung im Freien bewegt sich der Umzug am nächsten Tag wieder gemeinsam in die Stadt zurück und löst sich langsam auf. 8.10 Überregionale Feste In der Region Agadez werden noch einige weitere bedeutende „Events“ veranstaltet, die von großem touristischen Interesse, allerdings zum Teil bereits gezielt für den Tourismus insze- niert sind. Weil sie allerdings auch andere regionale Kulturen umfassen, wie im Fall des Ge- rewol-Tanzfestes der WoDaabe oder der internationalen Modenschau FIMA, bedarf es eines separaten Abschnitts. 8.10.1 Cure Salée Alljährlich zwischen Ende Juli und Anfang September, sobald der Regen gefallen ist, findet seit mehr als hundert Jahren die „Salzkur“ für das Vieh der Nomaden statt. Dazu wandern die Azaouak-Tuareg 581 einige hundert Kilometer nach Norden zu den Mineralquellen von Teggi- da-n-tesemt und anderen Orten, wo es reichlich mineralhältiges Wasser, Erde mit hohem Nat- rongehalt und proteinreiche Weiden gibt. Damit ist die Salzkur ein notwendiger Ortswechsel im Zuge der Transhumanz, gleichzeitig ein wichtiger Austausch-Faktor der regionalen Kultu- ren, weil zahlreiche Familien der Tuareg- und Fulbe-Hirten diese Salzkur unternehmen und sich dabei treffen. Die Cure salée ist somit eine Art jährliches Wiedersehen für die Noma- denwelt und dies während der „glücklichen Zeit, wenn es reichlich regnet. Dann sind die Schäfer (...) der schweren Pflicht des Tränkens ledig, die Weideflächen sind noch grün und zart und ohne Dornengestrüpp (...) Es ist die Zeit der Spiele, der Feste und oft auch der Hochzeiten.“ 582 Weil dieses Zusammentreffen der Nomaden den Behörden die einzige Möglichkeit bietet, einen Großteil der häufig wandernden Bevölkerung an einem eingrenzbaren Ort zu erreichen, kommt es aus diesem Anlass seit der Unabhängigkeit des Niger zu Impfkampagnen, 583 Be- völkerungszählungen und politischen Treffen zwischen Ministern und lokalen Autoritäten. Aufgrund der Besonderheit wurde die Cure Salée Anfang der 90er-Jahre in die touristischen Programme integriert und - nach Jahren der Unterbrechung während der Rebellion - 1998 „nationalisiert“ 584. Seither gilt es als ein offizielles Ereignis von nationalem Stolz, das durch Dekret eröffnet und zur Verkündung von Botschaften des Präsidenten an das Nigerische Volk 581 Der Azaouak befindet sich nördlich von Tahoua. 582 Bernus 1993a, S. 77. 583 Seit dem Jahr 2000 unterhält die UNESCO während der Cure Salée regelmäßig großangelegte Impfaktionen für Noma- denkinder (vgl. IRIN-News 2003 b, IRIN@irinnews.org, 08.10.2003). 584 Vgl. Nigerisches Tourismusministerium 2002, Web. 318 genutzt wird 585. Das Fest wird ergänzt von einer Nomaden- und Kunsthandwerksmesse sowie von Impfkampagnen. Das sieben Tage dauernde Fest wird im Allgemeinen von rund 10.000 Schaulustigen, darunter zahlreichen Gästen aus dem Ausland, besucht. 2001 wurde ein weiterer Schritt zur touristischen Vermarktung mit dem Ziel gesetzt, die Cure Salée zu einem zentralen, westafrikanischen Kulturereignis weiterzuentwickeln. So wurde die Organisation teilprivatisiert und zusätzliche touristische Aktivitäten, Modeschauen und Sen- sibilisierungskampagnen für den Kampf gegen AIDS und Armut in das Programm integ- riert. 586 Infolge der aufgesetzten Überdimensionierung hat die Cure salée ihren ursprünglichen Char- me einbüßt, „a moins que l’on se rende aux puits pour y retrouver pasteurs et animaux“. 587 8.10.2 Gerewol In der Region zwischen Waggeur, Ingal und Aderbissinat, im Westen und Südwesten von Agadez, treffen sich, ebenfalls gegen Ende der Regenzeit, die WoDaabe-Rindernomaden, um das Gerewol zu feiern, den Schönheitstanz der Männer um die Gunst der Frauen. Dieses Ze- remoniell dauert bis zu zehn Tagen, während derer sich die Männer mit viel Schmuck und Schminke, schwarzem Antinom um die Augen, gelben Strichen auf die Nasen sowie roten und ockerfarbenen Punktornamenten auf Wangen, Mundwinkeln und Kinn herausputzen. Für den Tanz trinken manche Tänzer auch magische Mixturen nach geheimen Rezepten und ver- fallen in einen Drogenrausch. Im Finale des Festes wählt ein (auch verheiratetes) Mädchen der gegenüberliegenden Verwandtschaftslinie den schönsten Mann, und mit dem darf es sich für diese Nacht „zurückziehen“.588 Dieses Ritual symbolisiert und erneuert die Allianz zwi- schen zwei Verwandtschaftslinien der WoDaabe. 589 Auch an diesem bemerkenswerten Fest steigt das touristische Interesse. Weil aber die Treffen der WoDaabe eher spontan, keinesfalls aber für einen bestimmten Termin geplant sind, und weil ein „spontanes“ Fest nur relativ schwierig und unter entsprechendem Zeitaufwand in Er- fahrung zu bringen ist, werden zunehmend derartige Gerewols für Touristen gegen Bezahlung organisiert. Diese inszenierten Veranstaltungen werden vom touristischen Klientel sogar als angenehmer und interessanter empfunden, als die „spontanen“ Feste 590 – und dies aus plausib- len Gründen der touristischen Rezeptionskultur:591 „Spontanen“ Gerewols ziehen sich mehr in die Länge, weil sie zahlreiche, für den sozialen Austausch grundlegende kommunikative Pau- sen zwischen den spektakulären Szenen aufweisen. Aufgrund der sprachlichen und kulturellen Barrieren können aber Touristen die äußerlich unspektakulären kommunikativen Vorgänge nicht nachvollziehen, sie wirken somit bald ermüdend. 592 585 Vgl. Bernus in Decoudras/Durou 1994, S. 77. 586 Vgl. Maoudé, Koroné, Minister für Viehzucht, zit. in PANA 2001a, Kakaki News 13. 8. 2002, Web. 587 NIGETECH 2002, S. 60. 588 Nach Fuchs (1984, S. 115 f.) herrschen unter den WoDaabe relativ lockere Sexualsitten, nach denen die Frauen das Recht hätten, ihre Männer ohne formale Scheidung in beliebiger Folge zu wechseln. 589 Vgl. Paris 1994, S. 72. 590 So die Meinung von Harald Grasser (Interview Dezember 2002), der im September 2002 sowohl ein „authentisches“ als auch ein „gestelltes“ Gerewol besucht hatte. 591 Vgl. Hennig 1997, S. 98 ff. 592 Zu den Problemen der inszenierten Tuareg-Hochzeit siehe das Kap. „Potentielle Tourismusentwicklung: Vier Test- projekte/Organisierte Feste/Eine inszenierte Hochzeit in Timia“. 319 8.10.3 Das Aïr-Festival Vor allem aus den eben genannten Gründen haben sich entsprechende Tuareg-Ethno-Festivals mit farbenprächtigen Fantasias in anderen Regionen als Publikumsmagnet und PR-Erfolg erwiesen. 593 So wurde im Aïr das „Festival de l’Aïr“ zur Belebung des Tourismus als Auftakt der Tourismussaison und als Gegenpart zur Cure salée mit dem Austragungsort Iferouane ini- tiiert; erstmals wurde es vom 27. - 29. Dezember 2001 mit großem Erfolg durchgeführt 594 und seither findet es regelmäßig jeweils in der letzten Dezemberwoche statt. Das umfangreiche Festival-Programm umfasst Aufführungen traditioneller Tänze, Kamel-Fantasien, Mode- schauen und sogar Theaterstücke. 595 8.10.4 FIMA 1998 - ein Mode-Festival in der Ténéré Am 13. November 1998 wurde erstmals das FIMA, das „Festival international de la Mode en Afrique“, ein gigantisches, über drei Tage währendes Mode-Event unter den Klippen von Tiduidit, rund 80 km südlich von Agadez, vom afrikanischen Modeschöpfer Alphadi mit gro- ßem Erfolg durchgeführt. Kernprogramm war eine dreistündige Modeschau von 31 Designern aus drei Kontinenten. Kenzo war persönlich gekommen, dazu die Vertreter der Modegrößen Thierry Mugler, Christian Lacroix und Yves Saint-Laurent aber auch 20 bekannte Designer aus Afrika. Zu diesem Anlass war eigens eine „Wüstenoper“ als „Hymne auf den Frieden“ komponiert und aufgeführt worden. Die 60 Mannequins defilierten mit ihren zum Teil äußerst gewagten Kostümen 596 auf einem Laufsteg in Form eines Agadez-Kreuzes und vor WoDaabe- Nomaden, die Gerewol-Kostüme trugen. Für dieses Event hatten 1400 Personen einen Monat lang ein 300 ha großes, unbelebtes Dü- nengelände in ein Camp umgewandelt und darin 800 Tuareg-Zelte für die 1.500 geladenen europäischen Gäste, vier Restaurants, einen Ausstellungssaal, den Laufsteg und die Um- kleidekabinen für die Models vorbereitet. Sogar 18 km Straße wurden eigens für die Veran- staltung asphaltiert. Finanziert wurde das FIMA u.a. durch die EU, die französische „Agence de la Francophonie“ sowie die Ministerien für EZA der Länder Frankreich, Gabun und China, wobei sich die Kos- ten auf knapp 1 Mio. Euro beliefen. Diverse Firmen sponserten, wie die nigerische „Soni- char“, die das Gelände mit Stromgeneratoren versorgte, „France Telecom“, die Satellit- basierenden Kommunikationsservice zur Verfügung stellte, oder „a famous Northern Euro- pean brand of Vodka, who decided to have 12 tonnes of ice delivered to the Tiguidit sands“. 597 593 Vgl. etwa in Algerien das seit 1993 jährlich stattfindende Tafsit Festival in Tamanrasset (UNATA 2001) und das Illizi Festival (Norris 2000), in Libyen das seit 1994 organisierte Ghat Festival (Kohl 2001a, S. 77), und in Mali das Anfang Jänner stattfindende „Festival Touareg d'Essouk“ bei Kidal (www.kidal.info/FETE/Essouk/index.html). 594 Diese erste Veranstaltung stand unter dem Ehrenschutz der „First Lady“ des Niger sowie der Frau des Botschafters der USA (Nigerisches Tourismusministerium 2002a, Web). 595 Vgl. NIGETECH 2002, S. 59. Leider gibt es – außer zahlreichen Ankündigungsplakaten – bisher keinerlei nähere Berich- te, geschweige denn Untersuchungen zum Festival, allerdings ist anzunehmen, dass sich zahlreiche Ergebnisse der vorliegen- den Studie übertragen lassen. 596 Mensah (1998, Web) schreibt von „’sexy’ collections with breasts or thighs bared”. 597 Mensah, 1998, Web. 320 50.000 Euro hatte auch der nigerische Staat beigesteuert, dessen damaliger Präsident, Diktator Barré, das unter der Divise „Kultur, Frieden und Entwicklung“ stehende FIMA persönlich mit dem Ziel unterstützte, die endgültige Wiederherstellung des Friedens nach der Tuareg- Rebellion unter seiner Verantwortung 598 zu bezeugen. Gleichsam symbolisch war dazu auch der Posten des Tourismusminister neu besetzt worden: An die Stelle von Aïssa Diallo trat der Ex-Rebellenführer Rhissa Ag Boula, der auf der FIMA entsprechend seiner Herkunft im Tua- reg-Kostüm auftrat. Für die Region hatte das Festival zwar bedeutende wirtschaftliche Auswirkungen, nicht zu- letzt durch die zahlreichen eingesetzten Arbeitskräfte, so beklagten sich doch die geladenen Mitglieder der Schmiedekooperativen, dass bei ihnen kaum gekauft worden sei. Seitens der Bevölkerung löste das FIMA gemischte Gefühle aus: Der Marabut von Agadez und isla- mische Organisationen hatten die Veranstaltung als "ceremony of perversion" verurteilt, da- gegen hatten zahlreiche junge Zaungäste das Festgelände umlagert, um etwas von der Ver- anstaltung zu sehen, ohne den hohen Eintritt von 150.000 FCFA (220 Euro) zahlen zu müs- sen, den sie sich nicht leisten konnten. 599 8.10.4.1 FIMA 2000, 2003 in Niamey Zwei Jahre später fand das zweite FIMA vom 11. - 13. November 2000 am rechten Niger- Ufer, 15 km südlich von Niamey statt. Gegen diese „cérémonie de perversion (…) par l'exhi- bition de mannequins quasiment nues“ waren heftige Demonstrationen von aufgebrachten Muslimen in Niamey und Madadi, dem Zentrum der nigerischen Fundamentalisten, voraus- gegangen. 600 Dennoch wurde der Niger mit diesem Event abermals zu einem „carrefour inter- national de la mode“, weltweit übertragen vom französischen Sender „Canal France Internati- onal“. Finanziert wurde das Spektakel u.a. auch durch das UNDP, weil die Erträge des FIMA dem nationalen Programm zur Armutsbekämpfung zugute kommen sollten. Auch im Jahr 2003 fand das FIMA wieder bei Niamey, diesmal auf der Fluss-Insel Boubon, 25 km vor der Stadt, vom 3. - 8. Dezember statt, wozu 45 Designer, 120 Mannequins und 6.000 Gäste eingeladen wurden. Das FIMA 2002 fand dagegen in Gabun statt, wo es auch 2004 wieder organisiert wurde. 601 8.10.4.2 FIMA-Gründer Alphadi Initiator des FIMA ist Seidnaly Sidhamed alias Alphadi, ein 1957 in Timbuktu geborener Tu- areg, der im Niger aufwuchs, in Paris Tourismus studierte und in den 80er-Jahren den Posten des Direktors des Tourismusministeriums in Niamey inne hatte. Nach einer Mode-Ausbildung vollzog er ein steile Karriere als Mode-Designer mit Modeschauen rund um die Welt. 1987 598 Erst im August 1998 hatte die letzte Rebellionsfront, die Tubu-Front FDR (Front démocratique pour le renouveau) in N’Djamena, Tschad, einen Friedensvertrag unterzeichnet. 599 Vgl. Mensah, 1998, Web. 600 In Niamey hatten 1.500 Personen vor dem Assemblée Nationale demonstriert. Die Reaktion der Sicherheitskräfte führten zur Verletzung und Verhaftung mehrerer Personen. In Maradi wurden zwei Kirchen, Wohnhäuser und Verkaufsstände in Brand gesetzt.(ebd.) 601 Vgl. A.C., 2003, Le Democrate, 28. 5. 2003, S. 2. 321 wurde ihm der „Oscar du Meilleur styliste Africain“ der „Fédération Française de la Couture et du Prêt à Porter“ verliehen, zahlreiche internationale Auszeichnungen folgten, zuletzt im Jahr 2001 die Erhebung zum „Chevalier de l'Ordre de Mérite de la France“ durch Präsident Chirac. Höhepunkt seiner Karriere war die Realisierung des FIMA bei Agadez und dessen nachfolgende Institutionalisierung als regelmäßiger internationaler Event. Der Star-Designer, der seine Mode stets als eine Referenz an die kulturellen Werte der nigerischen Ethnien verstand, brachte im Jahr 2000 als erster afrikanischer Modeschöpfer ein Parfum mit dem Namen „Aïr d’Alphadi“ heraus. 602 8.11 Rallye Paris – Dakar Die erste organisierte Rallye hatte bereits 1930 durch die nigerische Sahara geführt. Nach dem 2. Weltkrieg folgte 1950 die erste Rallye Algier-La Cap, die 1962 infolge der innenpoli- tischen Krise in Algerien aufgegeben werden musste. 1975/76 wurde erstmals die Abenteuer- Rallye „Cóte - Cóte“ zwischen Abijan und Nizza durchgeführt, die Thierry Sabine zur Orga- nisation der Paris - Dakar inspirierte. Die Idee hinter dem Konzept war eine Art Orientie- rungslauf per Fahrzeug in der „Wildnis“. Die Fahrer mussten somit in der Lage sein, sich zu orientieren, die Fahrzeuge zu reparieren und die Einheimischen nach dem Weg zu fragen. 603 Schon in der Erstauflage, 1978, führte die Route an Agadez vorbei, jedoch ohne großes Auf- sehen auszulösen, denn es war damals ein Amateurrennen und zog noch keinen Medienzirkus mit sich. Erst fünf Jahre später, 1983, kehrte die Rallye von Mali nach Agadez zurück, da Thierry Sabine eine neue Piste mit dem Flair des Abenteuers suchte, und sich an Mano Dayak wandte. Die vorgeschlagene Etappe Dirku – Agadez wurde legendär, nachdem die Teilneh- mer, von einem Sandsturm überrascht und sich zum Teil verirrt hatten, bis sie von Manos Leuten letztlich heil geborgen wurden. Dieses Ereignis trug wesentlich zum wachsenden Me- dieninteresse an der Paris-Dakar-Rallye bei. Von den Medien entdeckt, wurde die Veranstaltung zunehmend von wichtigen Fahrzeug- Herstellern okkupiert, die Fahrzeuge wurden mit Profi-Piloten besetzt 604 und das Management nach kommerziellen Kriterien geführt. Dabei spielte Agadez von 1983 bis 1992 die Rolle der Pausenetappe für zwei Nächte; Temet Voyages war der wichtigste Organisations-Partner. 605 Ursprünglich hatte die Rallye nicht nur Freunde gehabt. Sogar Mano hatte sie vor seiner Be- kanntschaft mit Thierry Sabine als „affront au désert“ 606 kritisierte, und in Frankreich warf man den Organisatoren vor, die Umwelt zu zerstören und die Menschen zu gefährden, war es doch schon zu mehreren tödlichen Unfällen mit Kindern gekommen. Als Reaktion auf solche Vorwürfe investierte die Rallye-Leitung in regionale Hilfsprojekte. Bald erkannte Mano, wel- che enormen ökonomischen Vorteile diese Veranstaltung der Region bringt und etablierte sich 602 o.A. 2002a, Web. 603 Vgl. Speedy Z Corporation 2003, Web. 604 In dieser Epoche hatte Honda für die Rallye die NXR entwickelt, aus der schließlich die Africa-Twin in Serie ging (Spee- dy Z Corporation 2003, Web). 605 1985 wurde ein Teil der Rallye als Bootsrennen auf dem Niger von Niamey nach Bamako organisiert. Die 48 Teams mussten damals rund 9.000 Euro an Start-, Transport- und Organisationsgebühren zahlen. Auch Mano nahm damals als Partner des Europameisters in Langstrecken-Wasserrennen, Pierre Mazurier, (erfolglos) teil (Thorer 1985, S. 85 ff.). 606 Dayak 1996, S. 180. 322 als enger Freund Sabines sowie als wichtigster Partner der Thierry Sabine Organisation (TSO). 607 Die Spektakel waren in der Tat gewaltig: Mehr als 1.000 Personen – Journalisten, Sponsoren, Mechaniker, Teilnehmer etc. – mussten für zwei Nächte untergebracht und die Rallye- Besucher mit Fahrzeugen zu interessanten Punkten an die Piste geführt werden. Der Rennstall musste unterwegs aus Treibstoff-Depots versorgt – und die verunfallten Fahrzeuge anschlie- ßend aus der Ténéré entsorgt werden. 608 Schon aus wirtschaftlicher Sicht war dieses Spektakel beeindruckend. So flossen etwa im Jahr 1987 für Treibstoffe, Restauration, Mieten, Kunsthandwerk, Rundreisen etc. knapp 800 Mio. FCFA (1,2 Mio. €) in die Stadt. 609 Diese Entwicklung verstärkte sich auch nach dem Unfall- tod von Thierry Sabine 1986 – er war in der Ténéré mit dem Hubschrauber abgestützt –wie- ter: In den wenigen Tagen des Rallye-Aufenthalts verdiente die gesamte Stadt am Spektakel mit, denn die meisten Bewohner stellten ihre Häuser für die Unterbringung der Schaulustigen, die eigens aus Paris angeflogen waren, zu horrenden Preisen zur Verfügung. Sogar Prostitu- ierte reisten eigens für die Rallye aus dem Süden nach Agadez an. Welches Schauspiel die Rallye damals gewesen sein musste, lässt der Rummel erahnen, der im Jahr 2003 in Tozeur stattgefunden hat. Hunderte von Kuppelzelten nahmen einen Teil der 2.000 Team-Mitglieder auf, neun Transportflugzeuge, acht Hubschrauber, ein komplettes Medienzentrum mit Schnittanlage, Sendezentrum und Satelliten-Telefonanlage mitsamt Tele- fonzellen sowie ein beheiztes Lazarettzelt standen zur Verfügung. 610 1992 fiel Agadez erstmals als Pausenstopp wegen der Rebellion aus, eine Rückkehr der Ral- lye kam erst wieder für 1997 in Frage. Dazu wurde ein Sicherheitsvertrag mit Rhissa ag Boula geschlossen, was zu Gerüchten führte, dies sei von Rhissa teuer erkauft worden. Letztlich wurde aber die Wiederaufnahme der Rallye zum Flop für die gesamte Region. Zum einen kam es erneut zu Überfällen, auch auf Rallye-Teilnehmer, worauf die Aïr-Etappe annulliert wurde; zum anderen hatte sich die Kommerzialisierung der Rallye extrem professionalisiert. 1992 war die TSO von der „Amaury sport organisation“ gekauft worden, einem Konzern, der auch das große Sportjournal „l’Èquipe“ herausgibt, die Tour de France organisiert, und somit rein gewinnorientiert ist. 611 Durch die neue autonome Organisation der Logistik fiel vom eins- tigen Geldsegen kaum mehr etwas für die Stadt ab: Der Flughafen wurde kurzerhand mit ei- ner Mauer zu einem ghettohaften Camp umgebaut, für dessen gesamte Versorgung die TSO selbst sorgte. 612 Angesichts solcher Umstände wundert es nicht, dass die Rallye Paris - Dakar in manchen eu- ropäischen Presseorganen zunehmend dem Vorwurf ausgesetzt ist, Afrika als Spielwiese zu missbrauchen. 613 Dies führte dazu, dass BMW 2001 unter dem Druck der Öko-Lobby aus der Rallye ausstieg, und einige Jahre zuvor schon Yamaha und Honda. 614 607 Der Umsatz für die Rallye-Organisation entsprach mehr als 30 % des Jahresumsatzes von Temet V. (vgl. Grégoire 1999, S. 300). 608 Tatsächlich rosten noch heute zahlreiche Wracks, Relikte der Rallye, in der Ténéré. 609 Vgl. Direction du tourisme, Hinw. in Grégoire 1999, S. 300. Allein das Steueraufkommen für Treibstoffe lag 1990 bei 30 Mio. FCFA. 610 Vgl. Mixich/Kreutzinger 2003, Sahara Info 2/2003, S. 23. 611 1997 betrug die Teilnahmegebühr für Amateure 43.000 FF pro Person (Grégoire 1999, S. 302). 612 Als Erfolg wurde die Rallye dagegen von Baré gefeiert, der das Camp gemeinsam mit Jacques Godfrain, frz. Minister für EZA, besucht hatte: Vor wenigen Monaten durch getürkte Wahlen zum Präsidenten gewählt, konnte er sich als erfolgreicher Friedensengel feiern lassen. 613 So war ursprünglich beabsichtigt, die Route für die Rallye 1997 direkt durch das Schutzgebiet des Aïr-Ténéré-Reservats zu führen, was auf Intervention der UNESCO hin abgewendet werden konnte, letztlich aber ohnedies hinfällig wurde (UNESCO 1996, WHNEWS, Web); vgl. auch die Schlusssequenz des Film "Les Blancs S'Amusent " von Khaled El Hagar, zit. in Karmal- ker 2003, Web. 614 Vgl. Speedy Z Corporation 2003, Web. 323 8.11.1 Die Rallye in Agadez 2000? Im Jahr 2000 hätte es eine Neuauflage Route über Agadez geben sollen, wobei aufgrund der Streckenführung diesmal auch Niamey, Maradi und Zinder profitiert hätten. 615 In Erwartung zahlreicher Kunden waren bei Azel schon ganze Tuareg-Schaudörfer aufgebaut sowie Fanta- sien und Tam-Tams vorbereitet worden. Doch als die Teilnehmer Niamey erreicht hatten, wurde die gesamte Etappe durch den Niger wegen angeblicher Bedrohung durch schwer be- waffnete islamistische Terroristen annulliert. Alles Material, darunter 64 LKWs, 144 Motor- räder, 150 Rallye-Wägen und die Teilnehmer wurden mittels Luftbrücke per Antonov- Transportmaschinen nach Libyen verfrachtet. 616 Vom Britischen Geheimdienst informiert, habe der Französische Geheimdienst seinem Ver- teidigungsministerium gemeldet 617, dass die algerische Terrororganisation „Groupe salafiste pour la prédication et le combat“ (GSPC) unter der Leitung von Allassane Hattab 618, aus Ra- che für die Zerschlagung einer islamistischen Basis im Nordosten von Tahoua durch das nigrische Militär im Dezember 1998, einen Anschlag plane. 619 Grund zu dieser Annahme hät- ten Luftbeobachtungen von Fahrzeug-Konvois mit bewaffneten Männern nördlich von Taho- ua durch US-Spionagesatelliten gegeben. Gegen die Hypothese einer Bedrohung durch Terroristen hatte sich die nigrische Regierung massiv gewehrt und den Vorwurf erhoben, man wolle den Ruf des Niger als sicheres Reise- land untergraben. Ihrer Ansicht nach sei davon auszugehen, dass die Satellitenaufnahmen die umfangreiche Jagdgesellschaft des Prinzen Fahad El Houmaïdi gezeigt hätten. Diese habe sich im Dezember 1999 weniger als 90 km von jenem Punkt entfernt aufgehalten, wo das ni- gerische Militär ein Jahr zuvor eine algerische Terrorbasis zerstört hatte. Außer der „Armada“ von Prinz Fahad sowie einigen Armeefahrzeugen hatten sich keine anderen Fahrzeugkonzent- rationen in der besagten Region zur besagten Zeit befunden. Darum habe sich die USA bei der Auswertung der Satellitenbilder geirrt und damit dem Land großen Schaden zugefügt. 620 Bis heute blieb die TSO den definitiven Beweis für das tatsächliche Bestehen einer Gefahr schuldig. Erstaunlich ist die Vorgehensweise der TSO insofern, als im Jahr darauf die Rallye 2001 sogar offiziell von der POLISARIO bedroht wurde und ein Begleitfahrzeug auf eine 615 Vgl. Assane 2000, Le Republicain Nr. 415, 13. 1. 2000, S. 5. 616 Die zusätzlichen Kosten beliefen sich für TSO auf 1 Mrd. FCFA (1,5 Mio. €) (vgl. Kaka 2000, S. 4). 617 Dies gehe aus dem „Lettre hebdomadaire française d’informations stratégiques“ hervor; Hinw. ebd. 618 Hattab sei der einstige Chef der „Groupe islamique armé“ (GIA) gewesen, die für viele Massaker an algerischen Zivilisten verantwortlich war. Im Oktober 1998 habe er mit Unterstützung von Bin Laden die nunmehr rivalisierende GSPC gegründet, deren Hauptbasis in den Bergen von Bouzegza im Mai 1999 vom algerischen Militär zerstört worden sei (Hinw. ebd.). 619 Nach Vinding (2001, Web) und zahlreichen anderen Quellen (Azzedine, B. 2002; Beaugé 2003, Chérif 2003 u.a.) sei ein gewisser Mokhtar Ben Mokhtar für diese Bedrohung – wie wahrscheinlich auch für die Entfühungen der Touristen in Alge- rien im Winter 2003 - verantwortlich gewesen. „Algeria's more colourful outlaws” habe in Afghanistan gekämpft und dort ein Auge verloren. Sein Kampf gegen den algerischen Staat beruhe auf Rache wegen der Erschießung seines Bruders, einem Schmuggler, durch die Polizei. Mokhtar war vor allem für Überfälle zwischen In Salah und Tamanrasset verantwortlich, wo seine gut gerüstete Organisation 1998 den Behörden u.a. fast 400 Allrad-Fahrzeuge geraubt hatte. 1999 soll er vor dem Druck der algerischen Armee das Land verlassen haben, angeblich in den Norden von Tahoua, wo er nunmehr den Zigaretten- und Waffenschmuggel sowie die Ausbildung und Versorgung der GIA organisiere. Georg Klute (Interv. in Johnson 2003a) sagt Benmokhtar sogar den „Ruf als Wüsten-Robin-Hood“ nach, dessen Einfluss mit der Kontrolle des Schmuggels im Vorfeld von Ouargala, dem Endpunkt der Tuareg-Schmuggel-Route, wuchs. Gegenüber der Bevölkerung habe er sich „sehr zurück- gehalten, Distanz gewahrt und Übergriffe vermieden nach dem Motto: Man tötet nicht die Kuh, die man melken will. Also hat er einen sehr guten Ruf“. 620 Vgl. Kaka 2000a, Le Republicain, Nr. 417, 27.01.2000, S. 4 f. 324 Mine auffuhr, ohne dass Konsequenzen ergriffen worden wurden. 621Für die verursachten Kosten zur Nutzung des Flughafens hatte die TSO dem Staat Niger zwar eine Summe idHv 40 Mio. FCFA übergeben, die Millionen für verfallene Investitionen seitens der betroffenen Unternehmer blieben dagegen ungedeckt. Profitiert hatte allein Niamey, dessen große Hotels weitgehend ausgebucht waren. 622 Die Differenzen zwischen dem Niger und der TSO kamen schließlich in den Streckenführun- gen der Folgejahre zum Ausdruck. Der Niger war nicht mehr Teil der Routenführung, 623 was jedoch auch von Seiten der nigrischen Regierung nicht mehr bedingungslos gewünscht wird. So erklärte der Tourismusminister Rhissa ag Boulla in einem Interview mit RFI: „Le gouver- nement a publiquement désapprouvé cette façon de nous traiter. Et je dis bien que si demain on nous pose la question de savoir si le rallye va revenir au Niger, nous disons non! On n’en veut pas de ces genres de rallye. (…) Nous avons fait l’histoire du rallye. Nous avons crée le mythe du rallye. C’est dans le désert nigérien que le rallye a eu ses lettres de noblesse. Nous étions les premiers guides du rallye.“ 624 Ob die Rallye wieder in den Niger zurückkehren wird, ist nicht abzusehen, obwohl es sogar viele herausragende Rallye-Teilnehmer wünschten, 625. Ein Spektakel ist sie jedenfalls. 8.12 Schlussfolgerungen Dieses umfangreiche Kapitel verfolgte das Ziel, den Reichtum des Landes Niger an touristi- schen Attraktionen und somit an grundlegenden Ressourcen für eine entsprechende Touris- musentwicklung darzustellen. Wohl kaum jemand wird daran zweifeln, dass es für Kultur- und Landschaftsbegeisterte Sinn macht, den Niger zu besuchen. Anders stellt sich freilich die Frage, ob man „dergleichen“ nicht in anderen Regionen unter weniger anstrengenden Bedin- gungen und zu günstigeren Preisen bekommen könnte, was u. a. im Kapitel über den „Markt des Tuareg-Tourismus“ diskutiert wird. Als Tatsache bleibt jedenfalls, dass die Tuareg-Kultur in keinem anderen Land Afrikas noch so sehr intakt ist, wie im Aïr. 621 Vgl. Abba 2001, Journal Alternative, 12. Jänner 2001, S. 4. Im Übrigen war es auch Anfang 1999 zu einem Überfall auf einen Rallye-Teilnehmer im Norden Malis und in Mauretanien gekommen (vgl. Nöther 2003a), ohne dass die TSO Konse- quenzen ergriffen hätte. Dagegen reagierte die TSO erneut im Jänner 2004 auf Hinweise der französischen und malinesischen Regierung, wonach die Rallye-Teilnehmer abermals durch „bewaffnete Gangs“ bedroht werden könnten, mit der Absage der Etappe zwischen Mauretanien und Mali (de.sport.yahoo.com 2004, Web). 622 Vgl. Assane 2000, Le Republicain Nr. 415, 13. 1. 2000, S. 5. 623 Vgl. Abba 2001, Journal Alternative, 12. Jänner 2001, S. 4. 624 Rhissa in Le Du 2000, Le Republicain, 8. Jg., Nr. 415, 20. Jänner 2000, S. 5. 625 Vgl. Kessler 2000, Truck Magazin, Web. 325 9 Struktur des Tourismus in Agadez Jede Region hat hinsichtlich der touristischen Akteure ihre spezifischen Eigenheiten, die die jeweilige touristische Entwicklung grundlegend bestimmen. Ob und in welcher Weise in einer Region die Tourismusförderung sinnvoll ist, setzt eine grundlegende Untersuchung und Analy- se der Tourismusakteure, ihres Zusammenspiels, der Tourismuspolitik, also der konkreten tou- rismusstrukturellen Rahmenbedingungen vor Ort voraus. Dies war eine der wesentlichen Auf- gaben während meiner Forschungsaufenthalte in den Jahren 1999 - 2001. In dieser Zeit habe ich über 30 qualitative Interviews mit Vertretern der wichtigsten Agenturen in Agadez und Niamey sowie mit wichtigen Persönlichkeiten aus der Tourismuspolitik geführt. Die dabei gewonnenen Daten bilden die wesentliche Grundlage für die folgenden Darstellungen. Dabei ist jedoch zu beachten, dass mir bei den Interviews viele Fragen nur bruchstückhaft oder nur widerwillig be- antwortet wurden. Zuweilen verfügten meine Gesprächspartner nicht einmal selbst über ent- sprechende Daten oder teilten mir nur vage Schätzungen mit. Wenn ich statistische Angaben mache, so handelt es sich also stets nur um Näherungswerte und Schätzungen. 1 Andere Aussagen wäre unseriös, da einerseits im Niger so wie in Dritte- Welt-Ländern generell ein Mangels an „accurate and uniform statistics on the size and eco- nomic contributions of tourism“ 2 herrscht. Im Vergleich zu anderen wirtschaftlichen Bran- chen ist man im Tourismus selten mit korrekt erhobenen Daten konfrontiert. 3 9.1 Agenturen Die wichtigsten Akteure der nigrischen Tourismusentwicklung sind die Reiseagenturen, die für ihre Klientel den Transport, die Unterbringung und Verpflegung außerhalb der Städte, sowie die administrative und technische Organisation der Reise abwickeln. In wirtschaftlicher Hinsicht sind sie die wesentlichen Urheber des durch Tourismus im Niger erwirtschafteten Werts. So gaben die rund 4.000 Pauschalreisenden im Jahr 2001 in Agadez durchschnittlich rund 535 € aus, wovon 460 € - und somit eine Gesamtsumme von rund 1,84 Mio. € - den Agenturen verblieb. 4 Der durchschnittliche Jahresumsatz der Agenturen wurde für das Jahr 2002 mit 12 Mio. FCFA (18.000 €) beziffert. 5 Der Tourismus gilt als der einzige Erwerbszweig, in dem die Tuareg als Wirtschaftstreibende dominieren, was Grégoire mit der Angst der Haussa und Djerma vor der Wüste begründet. 6 Der wesentliche Grund liegt aber eher in der überragenden Qualifikation der Tuareg als Wüs- tenführer sowie im Umstand, dass die arbeits- und besitzlosen Ischomar in den 80er-Jahren, und erneut nach dem Ende der Rebellion, im Tourismus eine konstruktive Beschäftigungs- möglichkeit fanden 7, wogegen sich Araber und Haussa eher auf den rentableren Handel spe- zialisiert hatten. 1 Vgl. Baud-Bovy 1988, S. 45. 2 WTO 1997, Hawkins 1993, zit. in Faulkner et al 2000a, S. XXX. 3 Die Liste der Reise-Agenturen der ANTPH wurde mir im April 2001 nur ungern ausgehändigt. Zudem stellte sich diese Liste als unvollständig heraus und wurde darum mit meinen aktuellen Daten ergänzt. 4 Vgl. Mission Économique Régionale d'Abidjan 2002, Web. 5 Vgl. Amadou Moumouni, Direktor der regionalen Tourismusverwaltung, zit. in Manzo 2003, S. 9. 6 Vgl. Grégoire 1999, S. 293. 7 Vgl. dazu das Kap. über die „Geschichte des Tourismus in Agadez/Die Ära des Tuareg-Tourismus unter Mano Dayak“. 326 Ein Merkmal der Agenturstruktur in Agadez ist der seit dem Ende der Rebellion erkennbare Gründungsboom, wie er für viele Regionen der Dritten Welt typisch ist, da die Nachfrage nach lokalem Reise-Know-how ungeahnte Einkommensmöglichkeiten erhoffen lässt, sobald die administrativen Barrieren für eine Agenturgründung gelockert werden. 8 So existierten im Jahr 1991 in Agadez noch 11 Agenturen. 9 Ende der 90er-Jahre schnellte die Zahl auf über 30 Agenturen. 10 Mittlerweile kann man mit über 60 Agenturen rechnen, wobei sich nicht fest- stellen lässt, wie viele der lizenzierten Agenturen auch tatsächlich aktiv sind. 11 Von den bis 2001 untersuchten 21 Agenturen, die aktiv sind, wurden 17 während oder nach der Rebellion gegründet. Zu den „alteingesessenen“ Agenturen gehören lediglich Caravan V. (1990), die lange Zeit in Algerien tätige Agentur Touareg Tours (1986), Nigercar V. (1980, jedoch Auto- vermietung seit 1971), Aligouran V. und SVS, die jedoch bis 1992 unter dem Namen „Societé Niger Voyages“ tätig war. 9.1.1 Die Eigentümerstruktur Der Umstand der zahlreichen Neugründungen bedeutet keineswegs, dass es sich bei den Ei- gentümern nur um unerfahrene Tourismusunternehmer handelt. Manche der Neugründungen wie Dune V. oder Tidéne Expeditiones, resultierten aus der Zerschlagung von Temet V. Eini- ge Agenturbetreiber hatten also bereits vor der Rebellion im Tourismus gearbeitet. 1. Dune Voyage, Mitte der 90er-Jahre gegründet, und seit dem Ende der Rebellion einer der Marktführer, steht im Besitz einer Kapitalgesellschaft, die vom langjährigen Ma- nager von Mano, Raymond Barney, und einem Kaufmann aus Agadez errichtet wur- de. Sie zählt zu den wichtigsten Agenturen (01/02: 750 Touristen). 2. Tidéne Expeditiones wurde 1995 ebenfalls als Kapitalgesellschaft von den lang- jährigen Temet-V.-Führern Liman Feltou und Mohamed Ixa sowie Mohameds Adop- tivvater, dem französischen Geologen Richard Greil, gegründet. Sie zählt heute eben- falls zu den Marktführern. Mohammed hat zahlreiche Expeditionen geführt und auch als Schauspieler in zahlreichen Filmen, u.a. in Bertoluccis „Himmel über der Wüste“, mitgewirkt. 3. Eouaden V. wurde 1995 von Achmed Eouaden und seiner deutschen Frau gegründet. Achmed hatte schon als Knabe als Nomade und Karawanier Mitte der 70er-Jahre im algerischen Tourismus zu arbeiten begonnen. Nach einigen Jahren als Fahrer hatte er mit seinem Bruder 1987 die Agentur Adrarbous V. in Tamanrasset gegründet und bis 1992 betrieben. Gemessen an der Größe liegt die Agentur im Mittelfeld (1999/2000: 120 Kunden). 4. Adrar Madet V. wurde 1996 von Aghali Abdou, einem äußerst innovativen Ex-Kara- wanier, gegründet, der bereits 1985 - 1990 für Aligouran V. als Chauffeur tätig ge- 8 Vgl. etwa die Situation in Chiang Mai, Thailands zweitgrößter Stadt und Zentrum des Trekkingwesens, wo die Anzahl der Trekking-Agenturen von etwa einem Dutzend (1977) auf 54 (1985) und bis Anfang der 90er-Jahre auf weit über 100 stieg, wovon etwa 20 % nicht registriert, also illegal tätig waren (vgl. Spreitzhofer 1995, S. 193). Ganz ähnlich entwickelte sich auch die Struktur in Tamanrasset und Djanet. 9 Davon wurden die sechs wichtigsten von Tuareg betrieben, zwei von Händlern aus Agadez, eine einem algerischer Araber und eine von einem Italiener, der mit einem Djerma kooperierte, der auch das Hotel Ténéré in Niamey besitzt (vgl. Grégoire 1999, S. 293; NIGETECH 2002, S. 18). 10 Vgl. Elhadji Koné, ehem. Direktor des CNPT, 28. 10. 99. 11 Schon während der Interview-Phase stellte sich das Problem, dass nur die wenigsten Agenturen ihr Büro ausgeschildert hatten und daher überhaupt zu finden waren. Damit versuchen die Agenturen monatlich Gemeindegebühren im Wert von wenigen Euro einzusparen. Nach wie vor existieren viele Agenturen nur am Papier. 327 wesen war. Die Agentur zählt mittlerweile zu den Marktführern (98/99: allerdings nur 120 Kunden). 5. SVS ist eine 1997 gegründete Kapitalgesellschaft, die sich zu 65 % im Eigentum von nigrischen Unternehmern und zu 35 % im Besitz des italienischen Arztes Piero Ravá befindet. Die Agentur betreibt Wissenschaftstourismus auf hohem Niveau, was so- wohl die Ausstattung und die wissenschaftliche Reiseleitung als auch den Preise be- trifft, und zählt ebenfalls zu den Marktführern (00/01: >300 Kunden). Ravá ist seit vielen Jahren im Sahara-Tourismus tätig. 6. Tagelmust V. ist mit Sicherheit die erfolgreichste Neugründung. Der aus Timia stammende Aha Iousoufa hat in Namibia im Tourismus gearbeitet und dort auch eine eigene Agentur aufgebaut, wodurch Aha seinen Konkurrenten das Wissen über den Umgang mit modernstem Tourismus voraus hat. Tagelmust V. wurde 1999 gegründet und bediente 1999/2000 bereits 500 Kunden, im Jahr darauf bereits 700. 7. Agadez Exp. zählt vor allem in politischer Hinsicht zu den erfolgreichsten Neugrün- dungen in Agadez. Errichtet hat sie 1999, zugleich mit dem Hotel „Azzel“, Michel Akli Joulia und dessen französischen Frau Céline. Akli hatte als Geologe für COMI- NAK und später nach seiner Fliegerausbildung als Pilot gearbeitet. Seit der Grün- dung des Tourismussyndikats im Jahr 2000 ist Akli dessen Präsident und als solcher eine der tourismuspolitischen Schlüsselfiguren. Céline war seit 1986 im Niger in der Entwicklungshilfe tätig und ist nunmehr französische Konsulin in Agadez. 8. Nigercar V. in Niamey dürfte im gesamten Niger mit hoher Wahrscheinlichkeit Marktführer sein. Die 1980 von der reinen Autovermietung zur Reiseagentur trans- formierte Kapitalgesellschaft steht seit 1990 im Mehrheitsbesitz des Haussa Kofi V. Afagnimbo und dem Minderheitsbesitz des Franzosen Laurent Butch. Schon im schwachen Jahr 1998/99 bediente sie an die 800 Kunden, im Jahr darauf über 1000, wobei jedoch nur ein Bruchteil des Klientels den Norden besuchte. Die Agentur pro- fitiert wesentlich von ihrem Standort in Niamey. 9. Tchimizar V. wurde 1997 von Alhousseini Ibra dit Houché gegründet, der als Noma- de aufwuchs und seit 1984 als Koch im algerischen Tourismus gearbeitet hatte. 1991 war ihm in Agadez die Erteilung einer Lizenz verwehrt worden, dann brach die Re- bellion aus, an der er selbst unter Rhissa ag Boula teilgenommen hatte. Heute lässt sich Tchimizar V. nach einem erfreulichen Start (1999: 45 Kunden; 2001: 81) als re- lativ kleine Agentur einstufen, die fast repräsentativ für die Vielzahl der meisten kleinen Konkurrenten ist: Obwohl sie die notwendige Professionalität erbringt, leidet sie am übergroßen Konkurrenzdruck der Marktführer bzw. unter den typischen Wett- bewerbsnachteilen kleiner Firmen und rettet sich so nur von einer Saison zur nächs- ten. Die größte Chance für ein Wachstum wurde nicht ergriffen, nämlich die Fusion mit Tagelmust V., als sich diese noch im Aufbau befand 12. Die für Tuareg- Unternehmer geradezu typische Überlegung war die Erhaltung der persönlichen Un- abhängigkeit. Seither betreut Tchimizar V. zwischen 20 und 80 Kunden pro Jahr. Die meisten der kleineren Agenturen wurden von ehemaligen Rebellen gegründet. Dabei wur- den zuweilen auch solche Fahrzeuge als Startkapital eingesetzt, die NROs während der Rebel- lion erbeutet hatten. 12 Diese Fusion in Form einer gemeinsamen Neugründung war von Aha Issouffa im Jänner 2001 selbst vorgeschlagen wor- den. 328 9.1.2 Die Ausstattung der Agenturen Ein Indiz für die Größe und den Erfolg einer Agentur ist deren Ausstattung mit Fahrzeugen, die Anzahl der Mitarbeiter sowie zusätzliches Wirtschaftskapital wie Hotels etc. Die genann- ten Indizien können allerdings auch sehr täuschen, weil die meisten Agenturen die Fahrzeuge, Fahrer und Köche je nach Bedarf zu mieten pflegt. Mehr Aufschluss über die Marktdominanz erlauben hingegen Angaben über die Partnerschaften mit europäischen Veranstaltern. Aller- dings ist auch die Beurteilung unsicher, weil sich in jüngster Zeit vieles veränderte und Part- nerschaften gewechselt haben. 13 1. Dune Voyage (2001/02: 750 Kunden) verfügt über die größte Anzahl und alle Vari- anten an Allrad- und Expeditionsfahrzeugen und ist somit in der Lage, auf einmal Gruppen bis zu 200 Personen logistisch zu betreuen. Kooperationspartner sind zahl- reiche große Reiseunternehmen in der EU, in den USA und in Japan, und bis 2001 wickelte die Agentur auch die Point-Afrique-Charterflüge nach Agadez ab. Darum bedient Dune V. auch überwiegend französisches Klientel. 2. Nigercar V. (1999/2000: über 1000 Kunden) hat über 30 Fahrzeuge zur Verfügung und beschäftigt über 30 Personen, die meisten davon Mechaniker. Zur Ausstattung gehört neben der Werkstätte auch ein Beherbergungszentrum im „Parc du W“ 14 und eine Pirogenvermietung. Die Agentur pflegt direkte Kontakte zu Flugunternehmen, die ihre Werbungen auflegen, und kooperiert zudem mit den Veranstaltern Explora- teur, Comptoir du Désert (F), Groupe Maslize (B) und zahlreichen anderen. Zudem hat sie gute Kontakte zu TV-Teams (u.a. SWR). Durch die vorteilhafte Position in Niamey und die damit verbundene Erreichbarkeit wurde sie schon häufig als Ersatz für schwer erreichbare Agenturen aus Agadez eingesetzt.15 Wohl darum veranstaltet Nigercar V. zu 60 % nur einwöchige Touren, während die übrigen Veranstalter ü- berwiegend 2-3 wöchige Touren durchführen. Das Klientel setzt sich zu 60 % aus Franzosen zusammen, zu 25 % aus Deutschen und zu 15 % aus Italienern und Ame- rikanern. 3. Tidéne E. verfügt über rund 16 Fahrzeuge und beschäftigt acht fixe Mitarbeiter. Die Agentur gilt als bewährter Ansprechpartner von Film- und Expeditionsteams (u.a. der Zeitschrift GEO). Auch wickelte sie bis zum Jahr 2000 für die TSO die Rallye Paris- Dakar ab. Zu ihren Partnern zählen u.a. Explorateur, Objectif Afrique (F), Terre d’Aventure (CH), GEO-Reisen (D) und Lost Frontiers (USA). Die Klientel kommt zu 50 % aus Frankreich, zu 30 % aus Deutschland und zu 20 % aus der Schweiz, Öster- reich und den USA. 4. SVS (1998/99: 60 Kunden) betreibt 8 Fahrzeuge und beschäftigt dauerhaft 16 Mitar- beiter, davon fünf ganzjährig. Zu ihren Partnern zählen Spazi D’Avventura (I) 16, Ter- re d’Aventure, Explorateur, Club d’Aventure, Kel 12 (F) Hauser-Reisen, Suntour (D) und Mini-Trek (CH). Einige dieser Partner heuern SVS jedoch nur für den Tschad an. Das Klientel kommt aus Frankreich (20 %), Deutschland (40 %), Schweiz und Öster- reich (10 %) sowie aus Italien (30 %). Zu den Kunden zählten bekannte Forscher wie René Gardi und Theodore Monod. 13 Die Angaben beruhen auf den Interviews und wurden nicht bei den jeweiligen Veranstaltern gegengeprüft. 14 Der im nigrisch-beniner Grenzgebiet gelegene Nationalpark. 15 So musste die österr. Agentur ARR im Jahr 1999 anstelle von Tchimizar V. mit der leichter erreichbaren Agentur Nigercar V. kooperieren. 16 Die Firma ist gleichsam der italienische Counterpart von SVS in Mailand. 329 5. Tagelmust V. (2000/2001: 700 Kunden) verfügt über mindestens fünf Fahrzeuge (2001) und beschäftigt dauernd etwa 15 Mitarbeiter. Zu den Partnern zählen Kel 12 (F), Saharadreams; Oase Reisen (D) und Landesreisebüro (Ö). Die Österreicherin Eva Gretzmacher, die in Eigeninitiative Gruppen in den Niger bringt, wickelt ihre Touren ebenfalls mit Tagelmust V. ab. 2001 übernahm die Agentur auch die Betreu- ung von Point Afrique. 17 Tagelmust V. befand sich zu Beginn der 2000er-Jahre auf radikalem Expansionskurs, indem versucht wurde, neue Partner durch äußerst niedri- ge Einstiegspreise zu gewinnen. 18 Die Klientel kommt aus Frankreich (60 %) und Ita- lien (40 %). 19 6. Adrar Madet V. (1998/99: 120 Kunden) hat ebenfalls nur ein beschränktes Kontin- gent von etwa fünf Fahrzeugen und fünf fixen Mitarbeitern. Dennoch verfügt die A- gentur über beste Kontakte zu Horizons Nomades, Nomades Aventures, Tamera und Club d’Aventure (F), TTH Naturreisen (D). Die Klientel kommt aus Frankreich (40 %), Deutschland (30 %), sowie aus der Schweiz, Österreich und Italien (30 %). 7. Caravan Voyage V. betreibt fünf Fahrzeuge und vier fixe Mitarbeiter. Die Agentur ist mit dem Hotel „Tintelloust“ in Agadez verbunden. Ihr Partner ist u.a. Aventure del Monde (I). Wie Nigercar V. bietet die Agentur auch Touren in angrenzende Länder an. Die Herkunft des Klientels variiert stark. 8. Eouaden V. (1999/2000: 120 Kunden) hält etwa fünf Geländewägen und vier fixe Mitarbeiter. Zu den überwiegend deutschen Partnern zählen Suntours und Globotour. Aufgrund der starken Beziehung zu Deutschland – der Agenturdirektor Achmed Eo- uaden ist mit einer Deutschen verheiratet - kommen 95 % der Kunden aus Deutsch- land, der Rest aus der Schweiz und aus Österreich. 9. Touareg Tours (2000/01: 70 Kunden) hält ebenfalls fünf Fahrzeuge und fünf fixe Mitarbeiter. Zu den Partnern zählen Ikarus (D), Marianne Roth-Reisen, Kuoni (CH) und Oase-Reisen. 20 Entsprechend dominiert wiederum das Klientel aus Deutschland (90 %) und aus dem deutschsprachigen Alpenraum (10 %). 10. Tchit in Taghat V. (2000/01 150 Kunden) hält fünf fixe Mitarbeiter und fünf Fahr- zeuge, hat aber Zugriff auf 10 weitere Fahrzeuge des Agentur-Eigentümers, des Kaufmannes Alhadschi Amoudou Alaoui. Die Agentur verfügt über eine besondere Position am Agadez-Markt, ist sie doch ausführendes Organ des französischen Ver- anstalters Croq’Nature, der mit der Association Touareg und Point Afrique verbun- den ist. 21 Entsprechend ist das Klientel zu 100 % französisch. Die übrigen Agenturen verfügen offiziell über die für eine Agenturgründung notwendigen zwei Fahrzeuge und beschäftigen in der Regel saisonal zwei bis vier fixe Mitarbeiter, zumeist inkludierend die Eigentümer, Büroangestellte und Wächter. Ihr Touristenaufkommen schwankt zwischen wenigen Dutzend und über 150 Personen. Sie haben weit geringeren Kon- takte bzw. Partnerschaften mit europäischen Reiseveranstaltern. Bezüglich der Mitarbeiter ist festzuhalten, dass im Agentursektor fast ausschließlich Männer beschäftigt sind. Die wenigen Ausnahmen betreffen jene Agenturen, bei denen Frauen am Kapital beteiligt sind (Agadez E., Eouaden V.) oder gar als Gründer auftreten (Tafadeck V., 17 Dies blieb jedoch weitgehend wirkungslos, weil die Piste bald darauf gesperrt wurde und die Flüge nach Niamey gingen. 18 Die Preise liegen teilweise 40 % unter den üblichen Marktpreisen. Der Versuch, damit Kneissl Touristik zu ködern, schei- terte jedoch an der Auffassung der Firma Kneissl Touristik, an der bewährten Partnerschaft mit Tchimizar V. festzuhalten (telefonische Auskunft Frau Schwendinger, Kneissl Touristik, 3.9.03). 19 Nach meiner Information ist mittlerweile der deutschsprachige Anteil der Klientel stark gewachsen. 20 Werner Gartung von Oase Reisen unterstützte 2003 die Gründung der Agentur „Targui Tours“ in Niamey, mit der er nun- mehr kooperiert. 21 Croq’Nature bietet überwiegend einwöchige Touren an. 330 Mariema Alkabous) bzw. wo Frauen inoffiziell im Büro mitarbeiten (Tchit in Taghat V., Tou- areg T.) 9.1.3 Kapitalumsetzung Die effektive Bedeutung des Tourismus als Wirtschaftsfaktors bemisst sich u.a. an der Zahl der geschaffenen Arbeitsplätze, die genau zu eruieren nicht möglich ist. Eine nicht minder bedeutende Rolle spielt aber auch die Höhe des jeweils gezahlten Honorars für fixe wie auch freie Mitarbeiter und für die Miete der Fremdfahrzeuge und Kamele. Eins der großen Proble- me im Dritte-Welt-Tourismus ist ja gerade das Angebot von Reisen zu Dumpingpreisen, die durch Niedrigstlöhne für Mitarbeiter und Subunternehmen möglich werden. Tatsächlich werden von den Agenturen Gehälter von sehr unterschiedlichem Niveau gezahlt. Büroangestellte erhalten zwischen ca. 50.000 FCFA (Tidene, Tchimizar, Oasis) und 300.000 FCFA (SVS) 22, im Mittel liegen die Gehälter um 70-100.000 FCFA. Wächter verdienen zwischen 30-60.000 FCFA. Chauffeure, wenn sie angestellt sind, verdienen um die 150.000 FCFA (Nigercar, Aïr Car, Caravan). Auf Abruf bekommen sie pro Tag zwischen 5000 (Tuareg T.) und 7500 FCFA (Ta- gelmust), i.d.R. aber 7.000 FCFA. Ténéré-Führer erhalten zwischen 10.000 (Tchimizar) und 20.000 FCFA (Aïr Car), i.d.R. aber 15.000 FCFA. Chauffeur-Guides, die führen und zugleich fahren, erhalten zwischen 10.000 (Tchit in Taghat) und 35.000 (Aïr Car), das Mittel liegt um die 20.000, wobei hier die Angaben stark variieren. Köche, von denen nur die wenigsten fix angestellt sind, erhalten als Monatsgehalt 30-60.000 FCFA; SVS zahlr. Gehälter von 200 - 350.000 FCFA. Tageweise angestellte Köche erhalten als Tagsatz zwischen 5.000 (für Hilfsköche) und 10.000 FCFA (Caravan V.), wobei üblicher- weise 7.000 für die Chefköche bezahlt werden. Charterfahrzeuge werden um 40.000 FCFA (Tagelmust) bis 70.000 FCFA (Aïr Car, Adrar Madet) gechartert. Der häufigste Tarif liegt bei 60.000 FCFA/Tag exklusive Treibstoff. Für die peripheren Regionen außerhalb von Agadez sind Verdienstmöglichkeiten als Kamel- führer und -begleiter sowie aus Kamelvermietung relevant. Kamelführer erhalten zwischen 10.000 (Tagelmust, Tchimizar) und 30.000 FCFA (Cara- van). 23 Kamelbegleiter werden bei Pelerin du Desert nur für ihre Kamele bezahlt, wobei sie zwi- schen 3.000 FCFA (Tagelmust) und 5.000 FCFA erhalten, was dem üblichen Standard ent- spricht. Der Preis für die Miete eines Kamels liegt zwischen 2.500 FCFA (Eouaden) bzw. 3.000 (Ta- gelmust, Touareg T.) und 5.000, was auch dem am meisten verbreiteten Richtmaß entspricht. 22 Ravá (19. 3. 01) meinte, SVS zahle die höchsten Gehälter von Agadez, stelle dafür auch die höchsten fachlichen Anforde- rungen (siehe unten). 23 Um einen sinnvollen Mittelwert zu errechnen, verfüge ich über zu wenige Angaben. 331 Anhand dieser Aufstellung wird ersichtlich, dass bei den Gehältern kein einheitlicher Stan- dard besteht und dass somit gerade in diesem Bereich die Gefahr besteht, etwaige Dumping- preise 24 über niedrige Gehälter zu finanzieren. Die fast ausschließliche Einnahmequelle der Agenturbetreiber sind die Entgelte für die Pau- schalreisen. Die dafür veranschlagten Preise pro Person und Tag für Allrad-Touren schwan- ken ebenfalls grundlegend und liegen zwischen 40.000 (Caravan, Tagelmust) und 65.000 FCFA (Aligouran, Aïr Car, Agadez Exp., Tagelmust, SVS), je nach Gruppengröße und Quali- tät der Verpflegung. Der Durchschnitt liegt bei 50.000 FCFA. Für reine Kameltouren (mit Fahrzeugen nur für kurzen Transfer) liegen die Preise etwa 10 % tiefer. Als Kampfangebote werden jedoch auch extrem niedrige Lockpreise von 25.000 FCFA (Arakao) 25 bzw. 30.000 FCFA (Tagelmust) 26 angeboten. Auf der Basis dieser Preise kalkulieren die Unternehmen mit Gewinnspannen von üblicher- weise 10 %, Tagelmust strebt 18 %, Oasis T. und Azalai V. 30 % an, was wohl utopisch ist. 9.1.4 Reiseprodukte Die von den in Agadez ansässigen Agenturen angebotenen Touren sind weitgehend ähnlich. Fast alle Agenturen bieten Allrad- und Trekking-Reisen ins Aïr, Allrad-Touren um die Ténéré und den Besuch kultureller Feste (Gerewol, Cure Salée…) an. Bei den meisten Agenturen halten sich Allrad- und Trekking-Touren die Waage. Adrar Madet und Oasis spezialisieren sich zunehmend auf Trekking, SVS bietet sogar Kamel-Trekking im Djado an. 27 Fast nur im Allrad-Bereich tätig sind Anbieter wie Agadez Exp., Pleiade, Nigercar und Pelerin du Desert. Darüber hinaus werden auch individuelle Reiseprodukte angeboten, wie die Begleitung der Bilma-Karawane oder das Leben mit Nomaden (Tagelmust, Tchimizar, Adrar Madet, Touareg Tours, Amenis Exp.). Außergewöhnliche Angebote haben nur solche Agenturen im Programm, die über entspre- chende logistische Mittel verfügen: Nigercar und Caravan veranstalten auch Allrad-Busreisen in angrenzende Sahel- und Küsten- länder, SVS ist einer der führenden Anbieter von Expeditionen in den Tschad und andere ab- gelegene Sahara-Destinationen. Dune V., Tidene und SVS sind auch auf Großveranstaltungen sowie auf aufwendige Expe- ditionen mit Filmteams eingerichtet. Agadez Ex. bietet auch Charterflüge bis nach Iferouane an. 24 Zum Dumpingproblem siehe im nächsten Kapitel. 25 70.000 FCFA/Tag und Fahrzeug + 5.000 FCFA/Person an Essensgeld. 26 3 Wochen um 1000 Euro, Angebot an Kneissl Touristik vom September 2003. 27 SVS würde gerne mehr Kamel-Trekking anbieten, was aber beim italienischen Publikum nicht so gut ankomme (vgl. Ravá, 19. 3. 01). 332 9.1.5 Selbstverständnis der Veranstalter Im Wesentlichen lassen sich zwei Gruppen unterscheiden. Die überwiegende Zahl der Veran- stalter steht in der Tradition von Manos „Abenteuer-Tourismus“ im Sinne einer erlebnishaften Begegnung mit der Wüste auf der Basis des notwendigsten Komforts. Im Vordergrund steht die optimale Versorgung der Kunden durch Transport und Verpflegung, nicht aber deren Un- terweisung oder Versorgung mit Information über Land und Leute. Darum erachten auch vie- le der Agenturbetreiber die Kompetenzen ihrer Gruppenführer, die sich in der Regel auf die Orts- und Sprachkundigkeit beschränken, als ausreichend. 28 Dieser Standpunkt lässt sich vor allem unter jenen Agenturbetreibern feststellen, die sich ihre Kompetenz durch die praktische Arbeit erworben haben und die darum nur über einen geringen Grad an theoretischer Ausbil- dung verfügen. Wenige Agentur-Betreiber - die meisten entstammen dem nomadischen Mi- lieu - sind mit den Techniken der abstrakten Wissensvermittlung vertraut. Am meisten prägte die Agenturbetreiber der traditionelle Saharatourismus unter Mano bzw. in Südalgerien. So kann sich zwar ein Aghali Abdou (Adrar Madet) für moderne Technik begeistern 29, lehnt aber Folklorisierung im Sinne des „Schutzes der Kultur und der Leute” als anachronistisch ab. Dennoch hält er an traditionellen Wüstentouren fest und verzichtet auf Frontalvorträge, weil sein Klientel, wie er meint, aus Liebe zum Abenteuer käme und entsprechendes Wissen be- reits mitbrächte. Dieser Widerspruch zwischen einer technisch progressiven Haltung einer- seits und einem tourismuskulturellen Konservativismus andererseits erklärt sich aus Aghalis Entwicklung vom Karawanier zum Tourismus-Chauffeur in der Mano-Ära. Auch die Fertig- keit zur Führung einer Agentur hat er durch Praxis gelernt. Ebenfalls klassischen Wüstentourismus betreibt der Franzose Raymond Barney (Dune V.), der zwar über eine klassische Schulbildung verfügt, jedoch durch seine fast 30-jährige Arbeit in Afrika und insbesondere seine Tätigkeit für Temet V. (1986-92) wesentlich geprägt wurde. Barney hat sich vor allem hinsichtlich seiner Mentalität sehr an die übrigen Tuareg- Unternehmer angepasst: Er ist äußerst misstrauisch. 30 Dagegen verfügt eine kleine, innovative Gruppe von Agenturbetreibern über einen hohen Grad an abstrakter Ausbildung und ist grundlegend durch westliche Tourismuskultur geprägt. Nicht zufällig legen gerade diese Betreiber hohen Wert auf Kompetenzen, die für das westli- che Tourismusverständnis typisch sind: inhaltlich kompetente Reiseführer mit Wissen über Land und Leute. Zu diesen herausragenden Agenturen zählen folgende: ¾ SVS mit ihrem Gründer und Miteigentümer, dem italienischen Arzt Piero Ravá, der in Agadez und in Mailand lebt. Elementares Element jeder SVS-Tour ist die Beglei- tung durch einen europäischen, wissenschaftlich qualifizierten Reiseleiter, 31 der sich in der wissenschaftlichen Bibliothek 32 der Agentur vor jeder Tour einzulesen hat. Neue Bewerber müssen sogar einen umfassenden schriftlichen Test bestehen. SVS stellt auch für die Reisebegleiter ein wissenschaftlich fundiertes Handbuch über den Niger in italienischer Sprache zur Verfügung. 33 Auch die Mechaniker und Köche 28 Siehe dazu die Details im folg. Kap. über „Strukturelle Probleme der Tourismusentwicklung in Agadez/Quali- fikationsmängel“. 29 Als seinen größten Traum bezeichnete er die Hirtenarbeit per Helikopter (vgl. Aghali Abdou, Adrar Madet, 23. 10. 1999). 30 Auch mich hat er wiederholt der Spionage verdächtigt und mir vorgeworfen, diese Studie würde niemandem etwas brin- gen… (vgl. Barney, zul. 5. 4. 2001). 31 Vgl. die Präsentation der Reiseleiter von SVS in Spazi D’Avventura o.A., S. 20. Einer dieser Reisebegleiter ist der Sohn Pieros, der Geograph Rocco Ravá; vgl. dessen Univ. dipl. „Dall’esplorazione al tourismo nel Sahara“. 32 Bis 1999 verfügte SVS als einzige Agentur über eine Bibliothek. 33 Spazi D’Avventura o.A. a: Niger. Milano. 333 werden in Europa ausgebildet. Die Besonderheit zeigt sich vor allem hinsichtlich der Offenheit für neue Entwicklungen im Tourismus, denn in den vergangenen 20 Jahren hätten sich sowohl die Erwartungen der Touristen als auch das Verhalten der Tuareg geändert. Heute könne man keinen langfristigen Tourismus ohne die Partizipation der Bevölkerung betreiben. 34 ¾ Tagelmust V. mit deren Gründer Aha Ioussouffa, der zwar auch dem Nomadenmilieu von Timia entstammt, der aber seine praktische Ausbildung in Namibia erhielt, wo modernster Wüstentourismus im höchsten Niveau betrieben wird. Zudem ist er durch längere Aufenthalte in Italien, der Heimat seiner Ehefrau, geprägt. Aha ist äußerst in- novationsfreudig, nutzte als erster Agenturchef in Agadez das Internet und verfügt ebenfalls über eine fundierte Fachbibliothek. Auch gegenüber den Möglichkeiten ei- ner touristischen Integration der Bevölkerung im Fall von Timia zeigte er sich sehr aufgeschlossen. Allerdings versteht er auch moderne Methoden des Konkurrenz- kampfes - wie etwa gezielte Dumping-Angebote zur Verdrängung von Konkurrenten aus bereits bestehenden Geschäftsbeziehungen - zur Maximierung seines Erfolgs 35 einzusetzen. ¾ Agadez Exp. mit deren Gründer Michel Akli Joulia, der seine Ausbildung zum Geo- logen in Agadez und zum Piloten in Frankreich und Kanada erhielt und durch seine Ehe mit der Französin Celine nachhaltig geprägt wurde: Für seine Touren verwendet er mondernstes Gerät, sein Ziel ist es, die Reiseleitung, die er selbst durchführt, auf höchstem Niveau zu betreiben. Akli errichtete das erste luxuriöse Hotel im Zentrum von Agadez, und dies in der neuen „Holzlosbauweise“ aus Volllehm. Auf ihn geht auch wesentlich die Initiative zur Gründung des Tourismussyndikats 36 zurück. In der Folge entstand das erste Informationszentrum in Agadez und zahlreiche weitere Initi- ativen zur Behebung von Missständen. 9.1.5.1 Tourismus als Mittel zur Regionalentwicklung Ein völlig anderes Selbstverständnis steht hinter Tchit in Taghat V, nämlich Tourismus als un- mittelbares Mittel zur Regionalentwicklung einzusetzen. Diese Reiseagentur-Kooperative des Nomadenlagers Tchit in Taghar (80 km nördlich von Agadez) wurde 1998 zur Legalisierung der Aktivitäten des französischen Alternativ-Reiseveranstalters Croq’Nature 37 gegründet, mit dem Ziel, Mittel für Entwicklungsprojekte zu erwirtschaften. 38 Mehrere Projekte, wie Bau und Versorgung von Schulklassen, neue Brunnen für die Nomaden etc. wurden in Tchit in Taghat seit 1995 durch die französische Hilfsorganisation „Association Amitié franco-Touareg“ reali- siert. Mit der Gründung der Reisekooperative im Jahr 1998 wurde ein zusätzlicher Schritt zur Selbstfinanzierung dieser Projekte mittels verträglichen Tourismus unternommen, indem 6 % des jeweiligen Reisepreises (50 - 80 €) von Croq’Nature abgeführt wurden. In der Saison 2000/01 erbrachte dies bei 188 Touristen rund 39.000 €, im Jahr darauf - infolge der Schließung 34 Vgl. Ravá, 19. 3. 2001. 35 Siehe im folgenden Kap. 36 Details dazu in diesem Kapitel weiter unten. 37 Vgl. Almiart 2000, Le Monde, Web. 38 Dem jüngsten Jahresbericht von Croq’Nature (vgl. 2003, Rapport 2002-2003, Web) ist jedoch zu entnehmen, dass für die Abwicklung der nur wenigen Touren im Jahr 2002 eine neue Reiseagentur namens Arharous Voyages unter der Leitung von Issouf Maha gegründet worden sei. 334 des Agadez-Flughafens - bei 38 Touristen rund 10.000 €, 39 und 2002/03 bei einer Reisegruppe von 7 Touristen rund 23.000 €. 40 Zu den Projekten, die auf diese Weise begonnen und finanziert wurden, zählte im Jahr 2000 die Kooperation mit der NGO „Association Alliance Pour une Développement Durable et la Solidarité“(ADDS), welche Gärten im Aïr nach ökologischen Methoden anlegte. Weiters wurde im selben Jahr die NGO „Tara Amour“ für die Umsetzung von Brunnenbauprojekten u.ä. gegründet. 41 Seit Beginn der touristischen Aktivitäten durch Croq’Nature wurden fünf Schulklassen, eine Apotheke, ein Brunnen und die Organisation einer Kooperative finanziert. Von diesen Projekten ist keineswegs nur das Camp Tchit in Taghat betroffen, sondern auch Hilfsprojekte im Bereich der Reiserouten von Croq’Nature, wenn entsprechende Vorschläge und Anregungen etwa von Touristen eingebracht werden. 42 So wurden u.a. in Assakamart am Fuße des Bagzan, und in Away bei Fares Brunnen errichtet,43 und in der Nähe von Timia ge- meinsam mit ADDS ein ökologischer Versuchsgarten. Für die Saison 2003 war die Finan- zierung der Schulkantine in Bagzan n’Amas geplant, da die staatlichen Unterstützungen aus- blieben und dadurch der Schulbesuch für fast 50 % der Kinder unerschwinglich geworden sei. 44 Für die Durchführung der Reisen legt Croq’Nature höchsten Wert auf die Umsetzung der Kri- terien von nachhaltigem Tourismus, nämlich die Anerkennung der Selbstbestimmung der Be- völkerung in Hinblick auf deren Engagement im Tourismus sowie die maximale Beteiligung der Bevölkerung an den Erträgen des Tourismus. 45 So werde etwa bei Kameltouren versucht, Tiere von möglichst vielen Nomaden anzumieten, um die Konzentration der Profite auf weni- ge privilegierte Personen zu verhindern. 46 An den Aktivitäten von Croq’Nature wurde auch heftige Kritik geübt. Barney (Dune V.) be- schuldigte Croq'Nature der „Illegalität“, weil sie bzw. ihre Partner keine Steuern zahlen, ent- gegen dem herrschenden Gesetz ihre Gäste in Agadez nicht in Hotels, sondern im Büro von Tchit in Taghat unterbringen und Dumpingpreise verlangten. Andere Agenturen kritisierten die bevorzugte Behandlung von Croq’Nature durch Point Afrique bzw. die mangelnde Trans- parenz 47 in diesem „mafiösen“ 48 System. Meine Erhebungen haben dazu folgendes ergeben: ¾ Die Steuerzahlungen werden von Tchit in Taghat, die rechtlich von Croq’Nature un- abhängig ist, auch unabhängig geleistet. 49 Die Preise für Niger-Touren werden von Croq’Nature gestaltet und orientieren sich an den tatsächlich anfallenden Kosten vor Ort, wobei die bezahlten Honorare im oberen Mittel liegen. Diesen Kosten wird ein Aufschlag von 6 % hinzugefügt. Die Reisepreise (inkl. Flug Paris - Niamey mit Point-Afrique) für 15-tägige Touren liegen zwischen 1450 und 1750 Euro, wobei der Flug zwischen 440 und 504 Euro kostet. Somit beträgt der Tagessatz rund 75 Euro, was durchaus dem mittleren Tagessatz in Agadez entspricht. Abzüglich der 6 % und 39 Vgl. Croq’Nature 2002, Rapport 2001-2002, Web. 40 Die Unverhältnismäßigkeit zwischen dem geringen Kundenaufkommen und dem hohem Kapitaleinsatz erklärt sich aus der Umschichtung der Projektmittel, die Croq’Nature in Algerien durch Tourismus erwirtschaftet hatte, aber dort nicht einsetzen konnte, weil die algerischen Behörden der Gründung von entwicklungsorientierten Vereinigungen keine Genehmigung ertei- len (vgl. Croq’Nature 2003, Rapport 2002-2003, Web). 41 Vgl. Croq’Nature 2002, Rapport 2001-2002, Web. 42 Vgl. Oualalaire Akulalle 5. 4. 2001, er war der Koordinator von Croq’Nature in Agadez. 43 Vgl. Croq’Nature 2002, Rapport 2001-2002, Web. 44 Vgl. Croq’Nature 2003, Rapport 2002-2003, Web. 45 Vgl. Croq’Nature 2001, tourisme équitable, Web. 46 Vgl. Joussouf Matachi, Präsident der Association Touareg, Agadez, 28. 10. 99. 47 Vgl. Kofi V. Afagnimbo, Nigercar V., 17. 3. 01. 48 Ibrahim Abambacho. Aligouran V., 5. 4. 01. 49 Ganteil, Jean-Luc, Direktor von Croq’Nature, Mail vom 20. 11. 2003. 335 der Verwaltungskosten sind die Preise lediglich niedrig, jedoch keineswegs „Dum- ping-Preise“. ¾ Dem Tourismusmarkt werden durch Tchit in Taghat V. kaum Kunden entzogen, weil das Klientel ausschließlich durch Croq’Nature gestellt wird und dort wiederum 46 % der Kunden durch Mundpropaganda gewonnen werden. Viele rekrutieren sich aus Werbung und Messen im Bereich des Alternativtourismus. 50 Durch günstige Preise wird darum kein Klientel von anderen Agadez-Bewerbern abgeworben, wogegen dies andere Agenturen in Agadez sehr wohl zu tun pflegen. 51 ¾ Für die Unterbringung der Gäste in Agadez hatte Croq’Nature eine eigene Herberge errichtet, 52 wodurch 3 Dauerarbeitsplätze geschaffen worden waren. Aufgrund des Kundenrückgangs ist die Agentur jedoch dazu übergegangen, die Gäste im Hotel de l’Aïr unterzubringen und im Restaurant Atlantide zu verpflegen. 53 ¾ Der Vorwurf der Bevorzugung durch Point-Afrique ist ebenfalls unberechtigt, da einerseits lediglich eine Reservierung von 12 Plätzen für 20 Flüge bei einer Kapazität von 185 Plätzen pro Flug bestand 54 und zudem die Partnerschaft zwischen Croq’Nature und Point Afrique schon länger bestand. 55 Von Intransparenz kann also keine Rede sein, noch dazu legt Croq’Nature sämtliche Zahlen im Internet offen, wo- gegen etwa Barney (Dune V.), einer der befragten Agenturchefs, die Detaildaten trotz mehrere Gespräche verweigerte. 9.1.5.1.1 Croq’Nature als Modell für Agadez-Tourismus? Insgesamt scheint die Aktivität von Croq’Nature bzw. von Tchit in Taghat V. in vielerlei Hin- sicht umwelt- und sozialverträglich gestaltet zu sein: Ihre Aktivität schaffen zusätzliche Ar- beitsplätze, ohne dass dem Markt ein Schaden zugefügt wird (von der Hotelproblematik abge- sehen). Nicht umsonst hatte ich das Croq’Nature-Modell mit der Fonds-Speisung durch eine Tourismusabgabe den Agenturen als Projekt vorgeschlagen. Dazu hatten sich einige wenige Agenturen grundsätzlich positiv geäußert (Tchimizar, SVS, Agadez Exp.), Achmed Eouaden hatte bereits selbst eine derartige Idee initiiert, und von Nigercar V. wurden bereits zahlreiche Kleinprojekte wie Brunnen etc. finanziert. Die acht Agenturen, die dazu Stellung bezogen hatten, stimmten lediglich dahin überein, dass ein solches Projekt aufgrund gegenseitigen Misstrauens zwischen den Agenturbetreibern und dem Trend zur Bevorzugung der eigenen Herkunftsregion wohl zum Scheitern verurteilt sei.56 50 Croq'Nature Voyages 2003, Web. 51 Zum Dumpingproblem siehe das Folgekapitel. 52 Vgl. Croq'Nature Voyages 2002, Web; Oualalaire Akulalle, Direktor v. Tchit in Taghat, Agadez, 5. 4. 2001. 53 Vgl. Ganteil, Jean-Luc, Direktor von Croq’Nature, Mail vom 20. 11. 2003. 54 Vgl. Croq'Nature Voyages 2003, Web. 55 Zu den generellen Problemen mit den Flugverbindungen nach Agadez siehe das Folgekapitel. 56 Zur Korruption siehe das Folgekapitel. 336 9.1.5.2 Tourismus als Integrationsinstrument: Tchimizar Voyages An dieser Stelle möchte ich kurz die Arbeitsweise der Agentur Tchimizar V. vorstellen, mit der ich im Niger seit dem Jahr 1999 zusammenarbeite. 57 1. Tchimizar V. wählte ich nach einer Testtour, die ich im Zuge meines Forschungsaufent- halts im Jahr 2000 zur großen Zufriedenheit der damaligen österreichischen Kunden unter- nommen hatte. 58 Dabei war mir neben organisatorischen Belangen vor allem der Umgang mit der Bevölkerung entlang der Route wichtig; ich hatte ihn als äußerst positiv, kooperativ und integrativ empfunden - sowohl für die Kunden als auch für die „bereiste“ Bevölkerung. Be- gegnungen zwischen Reisenden und Nomaden oder Dorfbewohnern wurden, wo und wann immer möglich, angebahnt und unterstützt. Dabei wurden die Touristen auch stets in subtiler Weise auf die Möglichkeit des Kaufs regionaler Produkte hingewiesen. Insofern habe ich die- se Touren subjektiv als sehr produktiv - sowohl für die Kunden als auch für die „bereiste“ Bevölkerung empfunden. Hinzu kommt die große Lernbereitschaft des Tchimizar V.- Direktors Houché, der meine Anregungen und meine Kritik stets ernst genommen und nach Möglichkeit umgesetzt hatte. Im Gegensatz dazu habe ich auf kurzen Reiseabschnitten mit einigen anderen Agenturen, die ich hier nicht nennen will, äußerst negative Erfahrungen ge- macht (Achtlosigkeit gegenüber der Kleidung der Kunden, Beschimpfung der regionalen Be- völkerung, autoritäre Bevormundung der Touristen, mangelnde Flexibilität gegenüber sponta- nen Kundenwünschen etc.). Warum sollte man also eine Agentur wechseln, mit der man auch nach sechs Reisen zufrieden ist und auf die man sich verlassen kann? 2. Die Preise entsprechen bei Tchimizar V. dem kostendeckenden Durchschnitt der meisten Agenturen in Agadez. Gleiches gilt auch für die gezahlten Honorare und Gehälter. Darüber hinaus konnte ich beobachten, dass Tchimizar V. entlang der Reiserouten, so oft und soweit als möglich, Produkte der Anrainerbevölkerung für die Agenturküche kaufte (Ziegen, Ziegen- käse, Obst und Gemüse etc.). Meine Anregungen, in Orten wie Timia bezahlte Feste organi- sieren zu lassen und auch auf dem örtlichen Campingplatz zu nächtigen, damit wiederum Geld an die Gemeinde fließt, anstatt aus Kostengründen außerhalb des Ortes im „Busch“ zu nächtigen, wurden stets aufgenommen und umgesetzt. Darüber hinaus wurde der Bevölkerung bei Notfällen - etwa bei Unfällen - aktiv geholfen, etwa indem eine ärztliche Versorgung or- ganisiert wurde. 3. Durch diese aktive Förderung der Partizipation der bereisten Bevölkerung durch Tchimizar V., mag es sich dabei oft auch nur um kleine Gesten handeln, entsteht ein Klima der Sym- pathie gegenüber den Touristen und gegenüber Tchimizar V., sodass Tchimizar V. seit unse- rer Zusammenarbeit noch nie überfallen worden ist. 4. Zu diesem "Sicherheitsbonus" trägt auch bei, dass die meisten Mitarbeiter von Tchimizar V. an der Tuareg-Rebellion mitgewirkt haben und sie zudem aus verschiedensten Teilen des Aïr stammen. Hoché entstammt zudem einer der größten Familien im Aïr. Er hat in fast jedem Dorf und jedem Camp Verwandte, wodurch die ihm anvertrauten Reisegruppen überall gern gesehen sind und wodurch der Zugang zur Bevölkerung um vieles leichter fällt. Dadurch weist die Agentur eine starke Verbundenheit mit der gesamten Region auf, und die Gefahr 57 Die folgenden Erklärungen richten sich auch an Barney (Dune V.), der mir wiederholt die nötige Neutralität für die Abfas- sung meiner „überflüssigen“ Studie absprach, weil ich mit Tchimizar V. zusammenarbeite. 58 Siehe das Kap. über „das Produkt: der typische Ablauf von Allrad- und Trekking-Touren“. 337 potentieller Überfälle durch Ex-Rebellen sinkt abermals, wenn sie auch nicht auszuschließen ist. 59 5. Schließlich entspricht es den Grundregeln des Marktes, der zu Monopolisierung und Oligo- polisierung neigt, weshalb es grundsätzlich volkswirtschaftlich sinnvoll ist, Kleinbetriebe zu fördern, die generell unter Wettbewerbsnachteilen leiden.60 9.1.5.3 Tourismus als „Notlösung“ Neben der großen Zahl jener Agenturen, die Tourismus aus professioneller Überzeugung oder auch aus Freude am touristischen Handwerk (Tchimizar V., Adrar Madet, Tidene Exp.) oder gar aus Lust am Reisen (Azalai V.) praktizieren, gibt es auch einige wenige Sonderfälle, die Tourismus als Mühe oder gar notwendiges Übel verstehen. Sidi Mohamed (Pleiade V.) fühlt sich durch die Moderne zu seinen touristischen Aktivitäten gezwungen, denn nur auf die Wei- se könne er es sich und seiner Familie erlauben, die Zeit außerhalb der Saison als Nomade zu leben: „Ich lebe die Hölle, damit meine Familie im Paradies leben kann.“ 61 Gleichzeitig ver- dammt aber Sidi Tourismus auch als Zerstörer der traditionellen Kultur. Ähnliche Bedro- hungsszenarien wurden sonst lediglich von Barney (Dune V.) beschworen, der ebenfalls seine touristische Management-Tätigkeit als unangenehmen Stress beklagte. 62 Derartige Äußerungen sind freilich sehr mit Vorsicht zu interpretieren. Mehr als über die tat- sächliche Geisteshaltung sagen sie darüber aus, welches Image diese Personen von sich för- dern wollen; es steht zuweilen im Widerspruch zum tatsächlichen Handeln. 63 Für Personen, die selbst von den Segnungen der Moderne besonders profitieren, 64 ist es nicht untypisch, die Gemeinschaft oder die ethnische Gruppe als letzte Bastion von Tradition zu betrachten und diese vor der Modernisierung bewahren zu wollen. 65 9.2 Personal Wie viele Personen im Tourismus der Region Agadez derzeit direkt beschäftigt sind, lässt sich aufgrund der genannten Probleme bei der Datensammlung nur vage schätzen. Auch aus den Angaben der befragten Agenturen lassen sich keine verlässlichen Zahlen ableiten. NIGE- TECH geht für den gesamten Niger von etwa 1.200 direkt im Tourismus Beschäftigten sowie weiteren 5.300 indirekt Beschäftigten (bei Museen, Parkverwaltungen etc.) aus. Die Zahl der 59 Zum Problem der Sicherheit im Niger siehe das Folgekap. und das Kap. über „Konflikte im Bereich des Tourismus“. 60 Vgl. Friedl 1997. 61 Sidi Mohamed, Pleiade V., 25. 10. 1999. 62 Vgl. Barney, Dune V., 5. 4. 01 63 Die Handlungsweise Sidi Mohameds während der Rebellion gegenüber der Bevölkerung und auch seinen Mitstreitern wurde von manchen ehem. Kollegen der Rebellionsära äußerst kritisch und jedenfalls im Widerspruch zu seiner Selbstdar- stellung geschildert. 64 Sidi Mohamed verfügt über mehrere moderne, gut ausgestattete Allradfahrzeuge. 65 Vgl. Meethan 2001, S. 141 f. Ähnliche tourismuskritische Verhaltensweisen unter heimischen Touristikern beobachteten Joseph & Kavoori (2001) in religiösen Hindugemeinden, die vom Tourismus ökonomisch abhängen: Auch dort wurde Tou- rismus auf rhetorischer Ebene als Bedrohung von Tradition und Religion beurteilt. Diese Strategie des rhetorischen Wider- stands, den die Autoren als „mediated resistance“ bezeichnen, erlaube der gastgebenden Gemeinde, einerseits Tourismus kollektiv zu verdammen, während sie auf individueller Ebene vom Tourismus profitiere. 338 Kunsthandwerker, die durch den Souvenirhandel profitieren, wird auf 240.000 (!!) ge- schätzt. 66 Weit euphemistischer - und meines Erachtens völlig irreal - sind die „Berechnungen“ des WTTC, der - ausgehend von einer völlig anderen Berechnungsgrundlage - 12.380 direkt im Tourismus Beschäftigte und 32.094 indirekt Beschäftigte (3,2 % der nationalen Beschäf- tigung) angibt. 67 Durch die örtlichen Agenturen wurden im Jahr 1999 in der Region Agadez über 200 Arbeits- plätze geschaffen, darunter 152 Chauffeure, 40 Köche und 15 Führer. 68 Da jedoch viele Mit- arbeiter wie etwa Hilfsköche nur informell beschäftigt sind und seit 1999 eine beachtliche Dynamik im Tourismus festzustellen ist, kann wohl eine weit höhere Zahl angenommen wer- den. Die Zahl der professionellen Führer mit Lizenz wird heute nur noch auf ein knappes Dutzend geschätzt, während es vor der Rebellion noch mehr als 25 gegeben hatte. 69 Wie die meisten Agentur-Direktoren, so kommen auch diese Führer selbst aus dem nomadischen Milieu. Bei- spielhaft dafür soll die Biographie des unabhängigen Führers Houiah stehen: Geboren bei Iferouane, hatte Houiah als Kind Ziegen gehütet, wurde jedoch mit sieben oder acht Jahren unter Androhung militärischen Zwangs seitens der Administration in Iferouane als einziges von sechs Geschwistern in die Schule geschickt. Deshalb war er nie mit einer Bilma- Karawane mitgegangen. In den Sommerferien lehrte ihn sein Vater die Arbeit mit den Kame- len. 1984, während der großen Dürre, endete seine Schulzeit. Auf der Suche nach Arbeit woll- te er nach Libyen gehen, wurde aber wegen seiner Orts- und Englischkenntnisse vom Chef des Office du Tourisme in Arlit als Sekretär angeworben. Bald wurde er Koordinator der Ténéré-Führer und daher nach Agadez versetzt. Diese Stelle verlor er 1986 infolge admini- strativer Sparmaßnamen. Darauf suchte er um die Lizenz als Aïr-Führer an. Für die Ténéré- Region wurde er durch Sidi Mohamed Idris eingeschult, einem der alten, traditionellen Füh- rer, der bereits für Vittorios Agentur „Sahara-Niger“ in den 70er-Jahren gearbeitet hatte. Seit damals arbeitete Houiah während der Tourismussaison als freier Führer, anfangs überwiegend für befreundete Minen-Ingenieure aus Arlit. Die übrige Zeit des Jahres arbeitete er als Hirte im Aïr. 1991 absolvierte Houiah die Führerscheinprüfung und war nach der Rebellion ab 1997 erstmals auch als Chauffeur tätig. Schließlich kaufte er von einem Franzosen einen ge- brauchten Allrad-Toyota zu günstigen Konditionen um 3,5 Mio. FCFA (5300 €), den er seit dem Jahr 2001 verchartert, wodurch sein Einkommen beträchtlich stieg. Obwohl Houiah schon viele Angebote für dauerhafte Anstellungen bekommen hat, zieht er die Unabhängig- keit vor und arbeitet als freier Führer, u.a. für Tchimizar V., Dune V. und Tidene Expeditions. Houiah beurteilt Tourismus als wichtige wirtschaftliche Chance. Seine fünf Geschwister ar- beiten als Hirten und Gärtner, doch im Vergleich zu ihnen geht es ihm wirtschaftlich am bes- ten. Er sieht allerdings auch die Risiken der relativen Abhängigkeit vom Tourismus, weshalb er sein überflüssiges Kapital in die Viehzucht und in einen 2002 gekauften Garten in Iferoua- ne investiert, den ein Verwandter bearbeiten wird. Seinen zwei Kindern - er ist seit 1992 ver- heiratet - würde er raten, immer mehrere Einkommensquellen zu pflegen, etwa Hirtenarbeit und Tourismus. Nachteile aus dem Tourismus sieht Houiah im beschleunigten soziokulturellen Wandel, der aber durch den Bergbau in der Minenstadt Arlit ausgelöst worden sei. Heute würden viele junge Menschen rauchen und trinken, was er selbst aus Gründen des traditionellen Ethos ab- lehne. Überhaupt ist Houiah trotz seiner Schulbildung und seines häufigen Kontakts mit Tou- 66 Schätzung lt DT/PT 1999, zit. in NIGETECH 2002, S. 20. Zu den Schmieden sogleich. 67 Vgl. WTTC 2003, S. 4. 68 Vgl. ANPTH, Agadez, Oktober 99. 69 Vgl. NIGETECH 2002, S. 18. 339 risten stark religiös und durch traditionelle Werte geprägt, was in vielen Problemsituationen dazu führt, dass er nicht reagiert oder gar interveniert, weil es ihm „die Religion verbietet“. 70 Ganz anders als Houiah ist das Wesen Moussa Tibelots, eines der ältesten Führer der Region und Präsident der Vereinigung der Stadt-Führer. Geboren 1949, arbeitete er 1973 erstmals als Führer für einen französischen Journalisten, der per Kamel nach Timia reisen wollte. Für die erfolgreiche Führung erhielt er die Führer-Lizenz. Zu seinen späteren Kunden gehörte auch der Ethnologe Hans Ritter, mit dem er die Salz-Karawane begleitet hatte. Damals gab es noch wenige Kunden, weswegen er zusätzlich das Schmiedehandwerker in Agadez erlernte. Später, in der Zeit des ersten Tourismusbooms, arbeitete er als freier Führer für Mano Dayak (Temet V.) und NTV, die jetzige Agentur SVS. Heute arbeitet er für Arakao V., Aïr V. und Tidéne Expeditiones, falls er Kunden findet und diese zu den Agenturen bringt. Moussa sieht sein Hauptproblem in der jungen Konkurrenz: Heute würde jeder ohne den Nachweis entspre- chender Fähigkeiten als Führer arbeiten können, wodurch es für ihn selbst immer schwieriger werde Arbeit zu finden. 71 9.2.1 Unterbringung und Gastronomie Eine spezielle Untersuchung über die Hotels und Restaurants in Agadez - und auch der nach- folgenden Themen - wurde aufgrund der sekundären Relevanz für die Frage der Vertret- barkeit von Tourismus nicht durchgeführt. Die nachfolgenden Ausführungen dienen somit lediglich dem besseren Verständnis der touristischen Rahmenbedingungen in Agadez unter Verzicht auf jeglichen Vollständigkeitsanspruch. 9.2.1.1 Hotels Im Jahre 1999 waren im Niger 1.500 Zimmer mit rund 3.300 Betten verfügbar. Im selben Jahr wurden 240.000 Hotelnächtigungen bei 79.800 Ankünften gezählt. 72 Naturgemäß verfügt Niamey als Hauptstadt mit gut einem Dutzend Hotels der gehobenen Klasse und 350 Zimmern über die meisten und am besten ausgestatteten Hotels im Land. Die meisten der besseren Hotels wurden in den 80er-Jahren, der Periode des Uranbooms, gebaut. Die Hotels in Niamey sind im Jahresmittel zu 39 % belegt. Die mittlere Verweildauer liegt bei drei Tagen, und ein Gast gibt im Mittel rund 90.000 FCFA aus. Die Bilanz der Hotels in Nia- mey belief sich auf 2,7 Mrd. FCFA, die Ausgaben für Gehälter 563 Mio. FCFA, das ergibt pro Hotelangestellten ein statistisches Jahreseinkommen von 450.000 FCFA. 73 Das „Vorzeige-Hotel“ in Niamey ist das ebenfalls in der Uranboom-Periode entstandene Lu- xushotel „Gaweye“ mit 135 verfügbaren von 250 Zimmern. Es steht zu 95 % im Besitz des Staates und soll demnächst privatisiert werden. Das Hotel wird vor allem gerne von Ge- 70 Vgl. Houiah, Int. 28. 3. 2001, Agadez. Auf die Diskrepanz zwischen traditionellem Ethos und tourismusethischen Anforde- rungen wird im folgenden Kap. über „Strukturelle Probleme der Tourismusentwicklung in Agadez/Qualifikationsmängel“ eingegangen. 71 Vgl. Moussa Tibelots, Int. Agadez, 6. 4. 2001. 72 Vgl. NIGETECH 2002, S. 16. 73 Vgl. Ebd. 340 schäftsreisenden frequentiert. Seine Jahresbilanzsumme belief sich im Jahr 2000 auf rund 2,2 Mio. €. 74 In Agadez gibt es 14 Hotels (davon 2 Dependancen) mit über 200 Zimmern und rund 400 Betten. Im Jahre 2002 verzeichneten diese Unterkünfte knapp 2.500 Ankünfte und 4.000 Nächtigungen, wodurch ein Umsatz von rund 100 Mio. FCFA erzielt werden konnte. 75 Tabelle 6: Hotel-Aufnahmekapazität in Agadez Hotel 76 Kategorie Zimmer Greboun Substandard 15 Sahara 77 Substandard 16 Auberge le Caravane Substandard 22 Tameznar Substandard 9 Tintoulous einfach 12 Tiden einfach 22 Aïr einfach 23 Telouah + Bungalow einfach 25 Telit gehoben 5+4 (Dependance) Agadez la Plage Luxus 15 Maison Azzel gehoben 10 Hotel de la Pais Luxus 44 Summe 12 222 Agadez litt lange Zeit unter dem Ruf, europäische Gäste nicht entsprechend unterbringen zu können. Unter dem Vorwand, es gäbe keine zumutbaren Unterkünften, wurde in den 80er- Jahren das Klientel häufig von Flughafen direkt zu einem Biwak im „Busch“ außerhalb der Stadt geführt. 78 Gegenwärtig praktizieren einige Agenturen diese Politik in teilweise abge- wandelter Form. So hat etwa Tidéne Exp. im Jahr 2001 einen Campingplatz mit Zelten im 74 Vgl. Mission Économique Régionale d'Abidjan 2002, Web. 75 Vgl. Manzo 2003, S. 9. 76 Vgl. Alzouma 1996, S. 355, Elhadji Koné, Oktober 1999, eigene Recherchen. 77 Das Hotel Sahara, südlich des großen Marktes gelegen, wurde in den späten 70er-Jahren erbaut und galt damals „mit einer modern aufgemachten Bar (als) abendlicher Treffpunkt all derer, die gleichermaßen fremd waren, Geld übrig hatten und das Alkoholverbot des Korans nicht mehr ernst nahmen.“ (Ritter 1979, S. 86) Damals von fein gekleideten Geschäftsleuten aus Niamey, Verwaltungsfunktionären, Prostituierten und Touristen frequentiert, wurde es in den 80er-Jahren zur beliebten Ab- steige für Abenteuer-Touristen auf der Suche nach Abnehmern für ihre gebrauchten Peugeots (vgl. Grégoire 1999, S. 290). Auch ich verbrachte dort 1990 während meiner Autostopp-Reise mit einem solchen „Schrott-Touristen“ einige Nächte. Seit dem Zusammenbruch des Tourismus infolge der Rebellion mutierte das Etablissement zur Absteige der Emigrationswilligen auf der Suche nach Schleppern in den Norden. 78 Vgl. Baud-Bovy 1988, S. 115. Entsprechend wurde im Jahr 1988 im Zuge der Evaluierung des Niger-Tourismus die Re- form der Hotelklassifizierung, der Koordination, Kontrolle und Überwachung sowie die Neubewertung der überklassi- fizierten Hotels in Orientierung an internationalen Normen empfohlen (ebd., S. 8). 341 traditionellen Stil nördlich von Agadez eingerichtet.79 Mancher Veranstalter bringt seine Gäste illegal in Privatquartieren unter, um Hotelkosten einzusparen. 80 Nach dem Meldegesetz aus der Ära Kountché ist die Beherbergung ortsfrem- der Personen in Privatunterkünften verboten. 81 Darum wird auch diese illegale Praxis von führenden Agenturbetreibern und von Hoteliers massiv kritisiert, weil dadurch der Stadt, ins- besondere der Hotellerie, wichtige Einkommen entzogen werden. Erstaunlich ist diese schä- digende Praxis um so mehr, als sie von Hilfsorganisationen gepflogen wird oder solchen Per- sonen, die öffentlich für die soziale Förderung der Region auftreten. 82 Das mittlerweile stark erweiterte Hotelangebot in Agadez gibt heute keinen Anlass mehr zur Klage, denn unter den 12 Unterkünften und zwei Dependancen finden sich einfachste Herber- gen gleichermaßen wie Luxushotels mit Pool und Friseur. Ein neuer Standard wurde mit der Ende der 90er-Jahre eröffneten Appartement-Anlage „Agadez la Plage“ im Norden der Stadt sowie mit dem von Libyern finanzierten und im Frühling 2002 eröffneten 4-Sterne-Hotel „La Paix“ gesetzt. Das kleine Hotel „Auberge d’Azzel“, 1999 in Holzlos-Bauweise aus Lehm konstruiert, bietet ebenfalls eine intime Unterkunft bei höchstem Standard. 83 Bis dahin hatte lediglich das Hotel „Tellit“ des Italieners Vittorio im Zentrum der Stadt europäischen Stan- dard geboten. Vittorio hat mittlerweile auch in Iferouane ein solches Hotel errichtet, ebenfalls unter dem Namen „Tellit“. Während der Hochsaison findet es wegen des guten Service und des kalten Biers unter den Besuchern regen Anklang. Damit wurde einer Studie für die Entwicklung des Tourismus aus den frühen 90er-Jahren 84 Rechnung getragen, welche die Errichtung einer sol- chen Unterkunft als Basis für Ausflüge in das Bioreservat Aïr-Ténéré empfohlen hatte, ein- schließlich Flugplatz für Flugtransporte von Agadez. Bei diesen und den künftigen Neuerungen wäre allerdings die Frage nach den Kosten sowie nach der angestrebten Art des zukünftigen Tourismus zu stellen. So führte etwa die Konstruk- tion des ersten Hotelbaus der gehobenen Klasse in Agadez, „Agadez la Plage“ im Einzugsge- biet des Wadi Teluah, fünf Kilometer nördlich von Agadez, zum Konflikt mit einem Projekt der gtz zur Ausbeutung der fossilen Wasservorkommen unter der Stadt. Unter dem Vorwand des Hotelbaus sei dieses Projekt letztlich aufgegeben worden, 85 obwohl sämtliche bauliche Maßnahmen getroffen worden seien, um das Grundwasser nicht zu belasten und Nutzwasser zu verwerten. 86 Ob dieser Bau so weit abseits der Stadt, ausgestattet mit Pools, sinnvoll war, wird sich erst zeigen, da die bisherige Auslastung sehr schlecht ist. Demgegenüber wird das neue Hotel „La Paix“ am Rande der Altstadt besonders gerne von Geschäftsleuten und somit auch außerhalb der Saison frequentiert. Hinsichtlich der zukünftigen Tourismusklientel ist offensichtlich, dass die neuen luxuriösen Unterkünfte eine andere Kundenschicht ansprechen, als etwa „SVS“ oder „Agadez Exp.“: ein hybridtouristische Klientel, welche die Wonne der Klimaanlage in der Wüste gleichermaßen zu schätzen weiß wie den Champagner im abendlichen Biwak. Wirtschaftlich deutet dies auf 79 Vgl. auch das in Aufbau befindliche Zelt-Dorf in Agadez bzw. das bereits fertige Zelt-Dorf bei Niamey der deutschen Agentur „Oase Reisen“ (vgl. http://www.oasereisen.de/site/niger.htm) in Kooperation mit der 2003 gegründeten Agentur „Targui Tours“ (vgl. http://www.targuitours.de/fr/uu-bilderbogen.htm) mit dem Ziel, die Anrainerbevölkerung zu fördern. 80 Z.B. die österr. Reiseveranstalterin und -leiterin Eva Gretzmacher, die ihre Kunden während meines dortigen Aufenthalts 1999-2000 im Areal ihres Hauses untergebracht und dafür von Tchimizar V. Entgelt kassiert hatte (Alhousseini Ibra, Agadez, März 2000). 81 Vgl. Ritter 1979, S. 86; Barney, 5. 4. 01. 82 Vgl. etwa Gretzmacher 1995, 1999, 2000. 83 Vgl. Friedl/Schriefl 2001. 84 Zit. in Alzouma 1996, S. 343 ff. 85 Vgl. Sagebiel, Hans, Leiter des PDRT, Tahoua, November 1999; ähnl. Achmed Boto, TILALT, Agadez, Oktober 1999; Aghali Abdou, Adrar Madet, Agdez, Oktober 1999. 86 Vgl. Aoutchiki Mohamed Kriska, Pèlerin u Désert, 29. 10. 99 342 eine Differenzierung des Angebots und damit eine Verbreiterung des Kundenkreises. Ob da- durch die regionale Wertschöpfung gesteigert werden kann, ist fraglich, da ein Land wie der Niger sämtliche Luxusprodukte importieren muss. Eine höhere Wertschöpfung wird vielmehr durch die Nutzung vorhandener Angebote erzielt. In einer Nomadenregion entsprechen diese Angebote kaum den Erwartungen eine gehobenen Klientel. 87 Unangenehm ist die Unterbringung in Tahoua, dem Nächtigungsort zwischen Niamey und Agadez. Das dortige Hotel „Amitié“ spottet jeder Beschreibung, ist eine Zumutung für euro- päische Gäste, lässt sich aber derzeit nicht substituieren, außer man fährt die 950 km bis Aga- dez durch. Diese Monopolstellung nützt der Betreiber aus und verweigert dringend notwendi- ge Investitionen. 88 9.2.1.2 Gastronomie Während Niamey als Großstadt und ökonomisches Zentrum des Landes naturgemäß über vie- le Restaurants unterschiedlicher Kategorien verfügt, gibt es in Agadez nur wenig Auswahl. Über Restaurants der gehobenen Klasse und Bars verfügen die zwei Luxushotels „Agadez la Plage“ und „La Paix“, wo nigrische Spezialitäten wie der Niger-Fisch „Kapitän“ und andere Leckerbissen angeboten werden. 89 Eine hervorragende Küche bietet Vittorio Gionis italie- nisches Spezialitätenrestaurant „Le Pilier“ im Zentrum der Stadt, wo sich sogar Eiscreme auf der Speisekarte findet. Ein ähnliches Angebot an Speisen findet sich in Vittorios nahe gelege- nem Hotel „Tellit“. Auch die „Maison Azel“ hat eine gute Küche. Einfachere Restaurants, in denen auch für größere Gruppen schmackhaft lokale Spezialitäten wie Spieße und Salate serviert werden können, sind die Restaurants „Orida“ und „Atlanti- de“ 90. Auch in den meisten einfachen Hotels wird auf Wunsch gekocht. Daneben findet man in Agadez zahlreiche kleine und kleinste Esslokale im Zentrum der Stadt, u.a. eine Pizzeria. Eine Bäckerei verkauft nicht nur hervorragendes Gebäck sondern auch hygienisch abgepackte und kühl gelagerte Fruchtjoghurts. Dieses Geschäft eignet sich für Reisegruppen besonders gut für kurze Pausen während eines Stadtrundgangs. Will man sich nach einem hektischen Tag in Agadez bei einem kühles Bier erholen, so sind dafür die Dachterrassen des „Hotel de l’Aïr“ und des Hotels „Tellit“ zu empfehlen, da man von hier aus einen hervorragenden Blick auf die Große Moschee und das bunte Treiben im Zentrum der Stadt genießt. Für Reisegruppen ist Vittorios „Tellit“ vorzuziehen: einerseits ist man - im Gegensatz zum Hotel de l’Aïr - wenigstens hier vor den wilden Schmuckhändlern geschützt, 91 andererseits ist Vittorios Personal nach europäischem Standard ausgebildet und verfügt meist über ausreichend Wechselgeld 92, und die Preise Vittorios sind nur unwesentlich höher. 87 Vgl. die Kritik von Studiosus am mangelnden Komfort der Niger-Reisen anlässl. der Tourismuskonferenz am 23. 4. 2003 in München, zit. in Sommer 2002a, Web. 88 Erst nach mehrmaliger, heftiger Kritik konnte ich im März 2003 den Betreiber dazu bewegen, ausreichend Handtücher und Bettlaken zu besorgen. 89 In der Hotelbar wird etwa der Cocktail „Timia“ (Rum mit Grapefruitsaft) oder „Le Tagui“ (Orangen-, Mango- und Ana- nasjuice mit Grenadinsirup) angeboten. 90 Benannt nach dem berühmten gleichnamigen Roman von Pierre Benoit (1919) (vgl. das Kap. über den „Mythos Tuareg“). 91 Zum Problem der Chasses touristes im folgenden Kap. 92 Im Niger herrscht generell ein Mangel an Wechselgeld. Außerhalb der Städte ist dies ein besonderes Problem, doch selbst in Hotels und Restaurants in Agadez kann man nicht ohne weiteres mit größeren Geldscheinen zahlen. 343 9.2.1.3 Schmiede, Schmuck- und Souvenirhändler Über die Schmiede wurden keine gezielten Nachforschungen angestellt. Die hier angeführten Daten und Überlegungen dienen nur der Skizzierung und Problematisierung der allgemeinen Rahmenbedingungen. Angeblich sollen lt. NIGETECH 240.000 Kunsthandwerker im Niger tätig sein. 93 Allein in Agadez sollen mindestens 1000 Schmiede arbeiten. 94 Ihre traditionelle Klientel haben diese Handwerker infolge des politischen und sozio-ökonomischen Wandel der Gesellschaft weitgehend verloren, weshalb für ihre wirtschaftliche Integration der Touris- mus zu einem wesentlichen Faktor wurde. 95 Besonders in der Zeit der Dürren und der Rebel- lion kamen aus peripheren Dörfern viele Schmiede nach Agadez, so dass heute zwischen ih- nen große Konkurrenz herrscht. 96 Wie die meisten Berufszweige leiden auch die Schmiede in Agadez an organisatorischem Defizit, weshalb der Aufbau entsprechender Organisationsstrukturen ein wesentliches Anlie- gen der Behörden und der Entwicklungsorganisationen war. 97 So hatte die Gemeinde Agadez im Jahr 1995 am Gelände der ehemaligen Handwerks- kooperative von Agadez im Norden der Stadt ein neues Kooperativenzentrum errichtet, das die OPEC finanziert. In diesem aus elf Abteilungen bestehenden Gebäude befindet sich die Verwaltung, ein Versammlungssaal, eine Abteilung mit einem Verkaufsraum und mit Maga- zinen, neun Produktionsstätten, darunter ein Maschinensaal mit Poliermaschinen. Hier werden für Anfänger und Fortgeschrittene technische Kurse angeboten, aber auch Kurse, um Lesen und Schreiben zu lernen. Dieses Zentrum ist mit 23 Frauenkooperativen verbunden, die über die gesamte Stadt verteilt existieren. Auf diese Weise können die Frauen zu Hause arbeiten und müssen ihre Kinder nicht alleine lassen. Der Umsatz dieses Zentrums durch Verkauf und Export von Handwerksprodukten erbrachte dem Zentrum im Jahr 2001 immerhin einen Um- satz von rund 180 Mio. FCFA (270.000 €). Im Jahr 1999 wurde mit Hilfe der luxemburgischen EZA-Organisation DANI der Dachver- band UICOVAAZ, die „Union des Individuels et Coopératives du Village Artisanal d’Agadez“, geschaffen. Dieser Verband vereinigt 39 Kooperativen und damit einige tausend Handwerker, davon rund 700 Frauen. 98 Auch die „Deutsch-Nigrische Freundschaftsgesellschaft“ (DNFG) unterstützte die Gründung der Flechtwarenkooperative Indounou 99 bei Agadez für rund 300 Frauen. Weitere Förderun- gen ermöglichten den Bau eines Lagergebäudes für Flechtwaren und angepasste Ausbildungs- seminare. Weiters fördert die DNFG den „Service Artisanat“ in Agadez, der als Dachverband von acht Kooperativen in der Region Agadez 3.000 Frauen betreut. Er sichert die Vermark- tung der Flechtwaren im Niger und in Europa und sensibilisiert die Frauen für Produktqualität aber auch für den Schutz der Doumpalme, dem Rohstoff für die Flechtwaren. 100 93 Vgl. NIGETECH 2002, S. 20. 94 Mohamed Attako, Schmied in Agadez, Oktober 1997. 95 Zu den Schmieden am Land siehe das Kap. über „Generelle Probleme der Kel Timia/Neue Strategien/Schmiede“. 96 Mohamed Attako, Schmied in Agadez, Oktober 1997. 97 Vgl. Nigerisches Tourismusministerium (2002a, Web). 98 Vgl. Ewanghaye 2002, Annex Nr. 3. 99 „Cooperaive d’Artisanat d’Idounou“, CAI. 100 DNFG o. A., Folder. 344 Der Orden der „Kleinen Schwestern Jesu“ in Agadez hat ähnliche kunsthandwerkliche Aus- bildungsinitiativen gesetzt, um den von den schweren Dürren betroffenen Hirten eine alterna- tive Einkommensquelle zu eröffnen. 101 Die kunsthandwerklichen Produkte gelangen in Agadez auf verschiedenen Wegen zum touris- tischen Klientel: 1. Die Touristen besuchen die Kooperative im Norden des Zentrums: Hier finden sie eine große Anzahl unterschiedlichster Produkte zu festen, fairen Preisen. Sie können die Handwerker beim Produktionsprozess beobachten. Leider sind die Lage der Ko- operative und auch die Öffnungszeiten etwas ungünstig. 2. Im Zentrum der Stadt gibt es zahlreiche Geschäfte, die unterschiedlichste Produkte des Kunsthandwerks, aber auch Postkarten, Pläne udgl. anbieten. Die Preise sind nicht genormt. Geschäfte der gehobenen Preisklasse befinden sich etwa im Hotel de la Paix, oder auch südöstlich der großen Moschee. Etablierte Schmiede, wie Moha- med Kumama, der bereits von Gardi beschrieben wurde 102, sowie dessen Familie ver- fügen über eigene Geschäfte mit einer umfangreichen Schmucksammlung. Daneben gibt es eine Vielzahl kleiner und kleinster Geschäfte mit einem vielfältigen Angebot. Im „Schmuckladen“ neben dem Hotel „Tellit“ bekommt man u.a. außergewöhnliche Antiquitäten. Ilou, der fließend Deutsch spricht, berät fachkundig und ehrlich. Im „Ski Shop“ von Kader dit Danger im nördlichen Teil des großen Marktes wird man nicht nur freundlich aufgenommen und betreut, sondern findet auch kuriose und sel- tene Produkte. 3. Eine wesentliche Chance für den Verkauf von Kunsthandwerk ergibt sich durch das Engagement der „Chasses touristes“, wilde Händler zumeist ohne fachliche Ausbil- dung, die überall in der Stadt zu finden sind, wo sich Touristen aufhalten, insbeson- dere im Einzugsbereich des Flughafens, der einfachen Hotels und im Zentrum. 103 4. Schmiede betätigen sich üblicherweise nicht als Chasses Touristes, sondern arbeiten überwiegend in ihren Ateliers. Jene, die über keine eigenen Verkaufsateliers verfü- gen, befinden sich im spürbaren Nachteil. Manche versuchen zuweilen, direkte Kon- takte zu Touristen zu knüpfen, indem sie diese zu sich nach Hause einladen, wo sie im Kreise der Familie den Produktionsprozess präsentieren, oftmals ein gemeinsames Essen servieren und dadurch Intimität und Authentizität signalisieren. Unter diesen Umständen kommen oft hohe Umsätze zustande. Derartige Beziehungen bleiben dann oft über-Jahre bestehen und tragen zuweilen sogar zur spezifischen Förderung des jeweiligen Schmieds und dessen Familie durch den neuen westlichen „Freund“ bei. Dies geschieht durch Einladungen nach Europa oder durch Vermittlung weiterer Kunden. Dabei verstehen es die Schmiede gut, solche Beziehungen auch durch regel- mäßige kleine Geschenke zu pflegen. Vor Beginn der Rundreise haben die Kunden überdies die Möglichkeit, außergewöhnliche Stücke in Auftrag zu geben, wofür eine Anzahlung üblich ist, von der der Schmied das benötigte Material kaufen kann. 104 5. Schmiede, die zu Reiseagenturen eine gewisse Beziehung pflegen, dürfen zuweilen anlässlich der Willkommens- und Abschiedsfeiern der Reisegruppen ihre Produkte ausbreiten und zum Kauf anbieten. Der höchste Verkaufserfolg wird vor allem zu Beginn einer Reisen erzielt, wenn noch keine Sättigung der kauffreudigen Kunden mit Tuareg-Schmuck erreicht ist. Diese Methode ist besonders für jene Schmiede wichtig, die über keine eigenen Verkaufsräume verfügen. 101 Vgl. Friedl 2000b. 102 Vgl. Gardi 1971, S. 30 ff. 103 Zum Problem der Chasse touristes siehe das Folgekapitel. 104 Davon berichtet schon Gardi (1971, S. 34). 345 Der Kunsthandwerksmarkt ist aufgrund der hochwertigen und ästhetisch ansprechenden Tua- reg-Produkte ein wichtiger regionaler Wirtschaftsfaktor, was auch die Bevölkerung rasch er- kannt hat. Doch nach wie vor ist der Organisationsgrad viel zu gering, wodurch die Gefahr besteht, dass sich die Produktqualität verschlechtert und schwache Konkurrenten noch mehr benachteiligt sind. In diesem Bereich bleibt noch sehr viel an organisatorischer Arbeit zu leis- ten. 9.3 Politische Tourismusstrukturen Die Analyse der politischen Tourismusstrukturen war kein explizites Ziel der vorliegenden Forschung, weshalb nachfolgenden Darstellungen nur skizziert werden, um einen allgemeinen Überblick zu vermitteln. Oft ist auch die Suche nach hinreichenden Informationen über for- melle Organisationen mit massiven praktischen Problemen wie Misstrauen oder Absenz ent- sprechender Ansprechpartner verbunden. Daraus erklären sich auch viele der im folgenden Kapitel genannten strukturellen Probleme. 9.3.1 Das Tourismusministerium An der Spitze der politischen Organisation des Tourismus im Niger steht der Minister für Tourismus und Kunsthandwerk. Für diesen Posten wurde der Führer der wichtigsten Rebel- lenfront und ehemalige Buchhalter von Mano Dayak, Rhissa ag Boula, Ende der 90er-Jahre eingesetzt. Dieser politische Schachzug brachte einerseits eine Schlüsselfigur der Rebellion in die Regierung und bewirkt dadurch eine gewisse Verbesserung betreffend die Sicherheit der Region. Weiters wurde damit der Forderung der Tuareg nach mehr unternehmerischer Frei- heit im Bereich des Tourismus Genüge getan, denn die Verantwortung dafür konnte auf einen der Ihren abgewälzt werden. Die Bedeutung des Tourismusministeriums wurde aufgewertet durch die Besetzung mit einem Mann aus der Praxis. Rhissa war bis zu seiner Absetzung im Jahr 2004 Mitglied von insgesamt fünf Regierungen. Rhissa betrachtete als seine wesentliche Aufgabe die Präsentation des Niger im Ausland als sicheres Reiseland, 105 was er mit zahlreichen Auftritten im traditionellen Tuareg-Kostüm bei diversen medienträchtigen Veranstaltungen sowohl im Niger wie in Europa und den USA bewies. 106 Darüber hinaus vermochte er aber auch zur Reduktion der administrativen Barrie- ren im Nigertourismus beizutragen. So muss heute nur noch eine Ausfertigung der geplanten Reiseroute („Feuille de route“) beim regionalen Tourismusamt hinterlegt werden. Früher musste jeweils ein solches Papier auch bei der Gendarmerie, bei der Präfektur und bei der Polizei deponiert werden. 107 Mittlerweile kann man sich sogar am Zielflughafen ein Tou- ristenvisum ausstellen lassen. 108 105 Vgl. Rhissa ag Boula, Int., Niamey, 19. 3. 2000. 106 Vgl. Abba 2000, Journal Alternative, 24. 11. 2000. 107 Ausk. Tchimizar V., 28. 11. 2002. 108 Vgl. Nigerisches Tourismusministerium 2002, Web. 346 Zu den Aufgaben des Ministeriums gehört die Tourismusplanung, 109 die Statistik, die Inspek- tion der Arbeitsbedingungen und der Standards, Investitionen, die Ausführung von Studien und die politische Vertretung nach außen. So hat der nigrische Tourismusminister auf der internationalen Ökotourismuskonferenz in Quebec im Mai 2002 eine entsprechende Deklara- tion über „Ecotourisme et Réduction de la Pauvreté“ mit unterzeichnet. 110 Im April 2003 nahmen Vertreter des nigrischen Tourismusministeriums an einer internationalen Konferenz der Saharastaaten über eine nachhaltige Sahara-Tourismusentwicklung teil, die in Ghardaia, Algerien, stattfand und gemeinsam von Algerien und der UNESCO im Beisein der UNO, der Weltbank, der UNWTO, PNUD u.a. veranstaltet wurde. 111 9.3.2 Staatliche touristische Organisationen Bereits im Jahre 1977 begann der Staat Niger die Organisation des Tourismus mit der Schaf- fung der „Direction du Tourisme et de l'Hotellerie“ (DTH)), der „Societé Nigerien de l'Hotel- lerie“ (SONHOTEL) und des „Office Nationale du Tourisme“ (ONT) 112 zu institu- tionalisieren. 113 Der Zweck von SONHOTEL bestand in der Schaffung und Betreuung staat- licher Hotels; in der Folge entstanden die Hotels Gawey, Grand Hotel und Hotel du Sahel. 114 Das ONT wurde im Juli 1998 aufgelöst, weil dem Staat ein Weltbankkredit zum Wieder- aufbau des Tourismus verwehrt worden sein soll. 115 Erst im Februar 2000 wurde eine neue Tourismusorganisation unter dem Namen „Centre Nigérien de Promotion du Tourisme“ ge- schaffen, dessen Aufgaben die Unterstützung des touristischen Privatsektors sowie das Mar- keting für Kunsthandwerksprodukte sind. 116 Die regionale staatliche Tourismusbehörde ist die „Direction Régionale du Tourisme et de l’Artisanat“ (DRTA). Sie ist für die Koordination der nationalen und regionalen Tourismus- politik, für die regionale Tourismusstatistik und die Annahme der „Feuille de route“ der Agenturen zuständig. 117 9.3.3 Das Syndikat du Tourisme du Niger Auf privatwirtschaftlicher Ebene war die ANPTH für die Vertretung der Interessen der touris- tischen Privatwirtschaft zuständig, doch blieb diese Organisation inaktiv. Darum wurde im November 2000 das „Syndicat du Tourisme du Niger“ (STN) mit dem Ziel konstituiert, 118 ¾ die wirtschaftlichen und sozialen Interessen und Rechte der Mitglieder zu vertreten, 109 Siehe dazu im Folgekapitel. 110 Vgl. République du Niger 2002a, Web. 111 Vgl. Ghada 2003, Web; Algerie Press Service 2003, Web. 112 Das ONT wurde zwar bereits 1959 geschaffen, wurde aber 1977 autonom (Baud-Bovy 1988, S. 50). 113 Vgl. Zalika 1986, S. 4. 114 Vgl. Baud-Bovy 1988, S. 50. 115 Vgl. Elhadji Koné, einstiger Direktor des Office du Tourisme, Agadez, Oktober 1999. 116 Vgl. PANA, 16.5.2000, http://users.idworld.net/jmayer/kakaki/, zul. 23. 5. 2001. 117 Vgl. Nigerisches Tourismusministerium 2002a, Web. 118 Zu den Hintergründen der STN-Gründung siehe im Folgekapitel. 347 ¾ aktive Politik zur Förderung einer nachhaltigen Tourismusentwicklung im Sinne der Verbesserung der ökonomischen und sozialen Situation der Mitglieder und der Be- völkerung zu betreiben, ¾ die Qualität des touristischen Angebots zu heben und ¾ den Niger als touristische Destination im Ausland zu bewerben. ¾ Zu diesem Zweck wurde das STN von Frankreich mit 1 Mio. € und von der Schweiz mit 1,2 Mio. € für technische und personelle Ausstattung gefördert.119 Staatlich aner- kannt wurde das STN im März 2001. 120 ¾ Das Syndikat vertritt die Interessen der Agenturen, der Chauffeure und der Führer, die alle das Recht zur Mitgliedschaft haben, welche selbst wiederum dem Stimmrecht verbunden ist, aber auch mit der Pflicht, einen Jahresbeitrag zu leisten: 150.000 FCFA für Agenturen, 20.000 FCFA für Chauffeure, 5.000 FCFA für landesweite Führer und 2.500 FCFA für Stadtführer und Kamelbegleiter. 121 Das Syndikat ist wie folgt organisiert: ¾ An der Spitze des Syndikats steht die Generalversammlung, die einmal pro Jahr zu- sammen tritt. ¾ Das Exekutivorgan des STN ist das "Büro", bestehend aus dem Präsidenten (Akli Joulia, Agadez Exp.), dem Vizepräsidenten (Mohamed Aoutchiki, Pèlerin du Désert), dem Generalsekretär (Sidi Mohamed Illiès, Pleiade V.), dem Beisitzer des General- sekretärs (Barney Raymond, Dune V.), dem Schatzmeister (Rhissa Feltou, Tidéne Exp.), dem Beisitzer des Schatzmeisters (Elhadji Mousa) sowie dem Informations- sekretär. Diese Funktionäre sind für die Ausführung der Beschlüsse zuständig und der Generalversammlung verantwortlich. ¾ Dem Büros steht unterstützend ein Sekretariat zur Seite, in dem drei Dauerangestellte für die Verteilung von Information sowie für die Errichtung eines touristischen Infor- mationszentrums, der „Maison du Sahara“, zuständig sind. ¾ Für bestimmte Projekte werden Kommissionen, autonom arbeitende Gruppen, ge- schaffen, die dem STN unterstehen. Solche Projekte umfassen neben der „Maison du Sahara“ ¾ die Initiierung eines Ausbildungsprogramms für touristisches Personal 122 ¾ die Schaffung einer Gesellschaft zur Rettung der Altstadt von Agadez 123 ¾ den Schutz der prähistorischen und paläontologischen Stätten 124 ¾ die Verbesserung der Infrastruktur: Erschließung von Mitteln für die Renovierung der Landepiste, der Ausstattung der Hotels und der Agenturen ¾ das Marketing: Erfassung und Aktualisierung der Reiseführer in Kooperation mit dem Tourismusministerium ¾ die Überprüfung der Agenturfahrzeuge, um sie auf den Stand der geltenden Normen zu bringen 119 Vgl. Mission Économique Régionale d'Abidjan 2002, Web. 120 Vgl. das Anerkennungsschreiben der Magistrats von Agadez Nr. 0003,01/CAZ vom 2. 3. 2001, in: Syndicat du Tourisme du Niger 2000, Anhang. 121 Vgl. Syndicat du Tourisme du Niger 2000, Anhang: Règlement intérieur, S. 4. 122 Dies wurde von NIGETECH im Sommer 2002 realisiert. Siehe dazu das Folgekapitel. 123 Ein derartiges Projekt wird bereits von einer frz. Gesellschaft in Angriff genommen. 124 Dazu wurde bereits die Ass. „Ajober“ gegründet. Sie bezahlt durch das STN die Wächter in der Saurierstätte von Tawachi (Marandet) und kooperiert zu diesem Zweck mit der Universität Niamey. 348 ¾ die Entwicklung von Ökotourismus ¾ Lobbying zur Reform der Steuergesetzgebung und der Regelung von Krediten 125 Seit der Errichtung des STN wurde u.a. die Renovierung der Landespiste in Agadez bewerk- stelligt, eine Ausbildungskampagne durchgeführt 126 und erste Schritte zum Schutz der histori- schen Stätten unternommen. Die Kontaktaufnahme mit der französischen Botschaft, den EZA-Büros der Schweiz und der USA erbrachte die Unterzeichnung eines Förderungsvertrags bzw. die Finanzierung des „Centre d’informations touristiques“ (C.I.T.) in Agadez. 127 Zudem wurden Gespräche zur Einrichtung von Flugverbindungen zwischen Europa und Agadez so- wie mit Verantwortungsträgern des Aïr-Ténéré-Bioreservats zur Rettung der letzten sechs Strauße im Aïr geführt. 128 9.3.4 Weitere Tourismusakteure: die UICN Die Naturschutz-Organisation „Union Internationale de la Conservation de la Nature“ (UICN) war die Nachfolge-Organisaion des WWF zur Betreuung des Aïr-Ténéré-Bioreservats. 129 Sie förderte mit zahlreichen Projekten die Tourismusentwicklung sowie die im Aïr-Ténéré- Bioreservat lebende Bevölkerung, und schützte das Reservat als touristische Ressource. Zu diesem Zweck forcierte sie Ende der 90er-Jahre Aktivitäten zur Förderung der Ökotourismus- Entwicklung, 130 wie etwa die Einführung einer verpflichtenden Ökotourismus-Charta; 131 lei- der verliefen diese Initiativen letztlich im Sand. Daran änderte auch die Errichtung eines U- ICN-Büros in Agadez im Jahre 2000 nichts. 132 9.4 Gesetzliche Rahmenbedingungen für den Tourismus Abschließend werden die wichtigsten rechtlichen Regelungen für den Tourismus im Niger genannt. Ihre Relevanz für die Praxis wird im Folgekapitel diskutiert. 125 Vgl. Syndicat du Tourisme du Niger 2000, S. 4 ff. 126 Siehe dazu das Folgekap. 127 Dieses Informationsbüro existiert seit Anfang 2003 im Zentrum von Agadez. 128 Vgl. Julia 2002, S. 7. 129 Zu den gesetzlichen Regelungen für das Reservat siehe sogleich im Abschnitt „Naturschutzregelungen“. Zu den Konflik- ten um die ursprüngliche Konzeption des Bioreservats siehe Kap. „Konflikte im Einzugsbereich des Tuareg- Tourismus/Externe Akteure als Konfliktursachen: der WWF und das Aïr-Ténéré-Bioreservat“. 130 Vgl. UICN 1999 131 Vgl. UICN 1999a. 132 Barney bestätigte, dass von diesem Büro keinerlei Aktivitäten ausgehen würden. 349 9.4.1 Einreise- und Aufenthaltsbedingungen für den Niger Die Einreiseformalitäten wurden in den letzten Jahren zum Teil erleichtert. Für die Einreise ist immer noch ein Pass mit einem nigrischen Visum notwendig. Dieses Visum kann sowohl in Europa 133 als auch bei der Ankunft in Niamey am Flughafen beantragt werden. Neuerdings wird auch nur noch die einfache Ausfertigung des Antragsformulars unter Angabe von Name, Beruf und der Adresse der Unterkunft im Niger sowie ein Passfoto verlangt. Bei der Einreise wird der Nachweis einer verpflichtenden Gelbfieberimpfung streng überprüft. Die gesetzlichen und administrativen Rahmenbedingungen für die Bewegungsfreiheit von Touristen im Niger haben sich in den letzten Jahren deutlich verbessert. In den 80er-Jahren hatte noch strenge Meldepflicht für Touristen bei der Ausländerpolizei in Niamey bestan- den, 134 heute ist das nicht mehr der Fall. Bereits genannt wurde die unter Kountché eingeführte135 und immer noch in Geltung befind- liche Pflicht der Unterbringung von Fremden in Hotels unter Befolgung des Meldegesetzes bzw. das Verbot der Beherbergung in Privatwohnungen. 9.4.2 Rundreiseregelungen Reisen in Wüstenzonen sind durch das Dekret Nr. 73-64 MTP/TU vom 7. 6. 1973 geregelt. Zur Vermeidung unverantwortlicher Risiken sind Allradfahrzeuge mit entsprechender Aus- rüstung zu verwenden. Die Reise selbst hat in Konvois zu erfolgen, wobei die Pisten nicht verlassen werden dürfen. Für die Durchführung der Expeditionen in die Region Aïr-Ténéré gilt gem. Art. 4 die Verpflichtung, dass im Hinblick auf die ggf. notwendige gegenseitige Hil- feleistung mindestens zwei Fahrzeuge gemeinsam fahren müssen. Individualreisen mit einze- lnen Fahrzeugen und Nachtfahrten auf Pisten 136 sind aus Sicherheitsgründen grundsätzlich verboten. 137 Die Reise ist durch die zuständige Behörde, das regionale Tourismusbüro in Agadez, mit ei- nem Routenblatt („Feuille de Route“) zu autorisieren. Im Routenblatt sind die genaue Routen- führung, der dafür veranschlagte Zeitraum, die Namen und Passdaten der Reiseteilnehmer, der Name der Reiseagentur und des Reiseführers einzutragen. Die Kopie des Blattes verbleibt beim Tourismusbüro in Hinblick auf etwaige Rettungsaktivitäten durch die Sicherheits- behörden. 138 Das Routenblatt ist bei allen Kontrollpunkten vorzuzeigen. Gegenüber in Not Geratenen besteht Pflicht zur Hilfeleistung. Aus diesen Regelungen folgt, dass das Befahren der Ténéré durch Individualtouristen, auch wenn sie unabhängig von regionalen Reiseagenturen aus Algerien oder Libyen einreisen soll- ten, verboten ist. Der Sinn dieser Regelung liegt in der dadurch möglichen Kontrolle, wo- durch einerseits das Risiko, nach einer Panne in der Wüste zu sterben, reduziert wird, und 133 Nigrisches Konsulat in Wien, Berlagasse 45/3, A-1210 Wien, Tel. 01 29190-0; Gebühr: Euro (Stand: Jänner 2005). 134 Vgl. Därr 1984, S. 255; ich musste mich bei meinem ersten Aufenthalt in Niamey 1990 ebenfalls noch bei der Fremden- polizei melden. 135 Vgl. Ritter 1979, S. 86. 136 Seit 2003 gilt ein allgemeines Nachtfahrverbot auch auf Überlandstraßen, eine Maßnahme zur Verminderung der bisher so häufigen schweren Unfälle. 137 Vgl. Alzouma 1996, S. 352 ff.. 138 Amadou Moumouni, regionaler Tourismusdirektor von Agadez (zit. in Manzo 2003, S. 8), der allerdings darauf hinweist, dass die Gendarmerie in Agadez nicht einmal über einen Telefonanschluss verfügt… 350 andererseits theoretisch verhindert werden soll, dass touristische Stätten ohne verantwortliche Begleitung besucht und beschädigt werden, etwa durch das verbotene Einsammeln von Arte- fakten. 139 Dieses Verbot wird immer wieder von individuellen Sahara-Fahrern missachtet. 140 Erstaunlicherweise sind es letztlich wieder dieselben Sahara-Fahrer, die sich über die „man- gelnde Sicherheit“ in Ländern wie dem Niger beklagen, wenn es in der Ténéré zu kriminellen Übergriffen durch Banditen auf solche alleinreisende Individualfahrer gekommen ist. 141 9.4.3 Gründung und Betreibung einer Agentur Die gesetzliche Grundlage für die Organisation touristischer Reisen in der Region Agadez ist das Dekret Nr. 78-54/pcms/mae/ci vom 29. Juni 1978, wonach Betreiber einer Tourismus- agentur oder eines Reisebüros einer administrativen Lizenz vom Tourismusminister bedürfen. Die Kriterien für die Lizenzerteilung sind sehr schwammig formuliert. Vorausgesetzt werden gute Kenntnisse der touristischen Produkte in der Region Agadez, das Vorhandensein der nötigen Ausrüstungen 142 sowie moralische, finanzielle und professionelle Garantien. Ange- sichts solcher Kriterien überrascht es nicht, dass das Ansuchen von Mano Dayak in den 70er- Jahren 143 oder jenes von Houché in den frühen 90er-Jahren 144 ohne großen Aufwand blockiert werden konnte. Jede Reisegruppe und die sie befördernden autorisierten Fahrer unterstehen dem durch das jeweilige Routenblatt akkreditierten Reiseführer. Damit wird die Verantwortung zwar klar geregelt, doch steht die Praxis im Widerspruch zur traditionellen Mentalität der Tuareg- Führer, die ihre Autorität niemals durch laute Worte oder Zwang durchzusetzen pflegen. Eine wichtige Detailregelung betrifft ausländische Reiseagenturen, die das Land lediglich zum Zweck des Transits und nur behördlich autorisiert durch ein Routenblatt befahren dürfen. Sie müssen die regulären und direkten Verkehrswege benützen und innerhalb der behördlich zugestandenen Zeit das Ziel erreichen. Diese Regelung betrifft besonders grenzüber- schreitende Touren und untersagt z. B. touristische Reisen durch algerische Unternehmen auf nigrischem Gebiet. Sie zwingt solche Reisegruppen, an der Grenze Fahrzeuge und Veranstal- ter zu wechseln. 145 Allerdings dürfen ausländische Agenturen in Hinblick auf die orga- nisatorische Koordination solcher grenzüberschreitenden Touren im Niger lizenzierte Reprä- sentanten oder Korrespondenten bei ihren Partneragenturen einsetzen. 146 139 Siehe dazu das Kapitel über „Probleme durch Tourismus/Kulturelle Ressourcen/Historische Funde“. 140 Vgl. etwa den Bericht von Därr (2001) über seine Fahrt von Algerien ins Djado. 141 Vgl. die Kritik von Klaus Därr an Rhissa ag Boula anlässlich der Tourismus-Konferenz der Republik Niger im Münchner Hotel Hilton im April 2002 (zit. in Sommer 2002, Web). 142 Im Verein mit den zuvor genannten Regelungen folgt logisch, dass über mindestens zwei Fahrzeuge zu verfügen ist. 143 Vgl. Grégoire 1999, S. 287. 144 Hinw. Alhousseini Ibra, Agadez, Oktober 1997. 145 Zu diesem Problem im Detail im Folgekapitel. 146 In der Regel wird einfach auf eine Agentur des Vertrauens als Korrespondent im jeweiligen Land zurückgegriffen. 351 9.4.4 Reiseführer Die Qualifikation der meisten Reiseführer in Agadez beschränkt sich auf deren Ortskenntnis. Das liegt an deren Herkunft aus dem Nomadenmilieu und an der - zugunsten der Nomaden sehr liberalen - gesetzlichen Regelung für professionelle Reiseführer. Die Verordnung des Ministeriums für Handel, Industrie und Transport Nr. 56/mci/t/dth-mdi/dapa vom 13. 11. 1986 setzt für die Vergabe einer Reiseführerlizenz lediglich die nigrische Staatsbürgerschaft, ein Mindestalter von 21 Jahren und die perfekte Kenntnis der touristischen Routen voraus. Eine Differenzierung der unterschiedlichen Kategorien von Reiseleitern wurde durch die Ver- ordnung Nr. 87-076/MCI/T/DTH, 22. 10. 1987 getroffen. Demnach dürfen nationale Reise- führer im gesamten Niger arbeiten und unterstehen dem Ministerium, regionale Führer arbei- ten im jeweiligen Departement und unterstehen dem Präfekten, und lokale Führer im jeweili- gen Arrondissement und unterstehen dem Unterpräfekten. Die Führer haben über generelle Kenntnisse des Tourismus, der Geschichte und der Geografie der jeweiligen Region zu verfügen. 147 Diese Kompetenzen werden wie „Freundlichkeit“ und „Diskretion“ gegenüber den Kunden (sic) gewertet, ein Nachweis für diese Kompetenzen wird nicht verlangt. 148 Als hauptsächliche Qualifikation werden perfekte Ortskenntnisse vor- ausgesetzt. 149 Während der Reise ist es dem Reiseführer verboten, seine Touristengruppe, aus welchen Gründen auch immer, zu verlassen. Anderenfalls würde er sich eines gravierendes Vergehens schuldig machen. 150 Bei der Ausübung seiner Tätigkeit hat er strengstens die Sitten und Bräu- che der Bevölkerung und deren Reglementierungen zu befolgen. Daraus lässt sich allerdings auch ableiten, dass er für die Befolgung dieser Sitten durch die Touristen verantwortlich ist. Auf Grund der Verordnung gelten für die Reiseführer einige ausdrückliche Verbote. So dür- fen sie nicht auf eigene Initiative den Besuch kommerzieller Betriebe organisieren. Diese Re- gelung ist theoretisch insofern problematisch, als nur der Reiseführer weiß, wo der Besuch von Schmieden oder anderen Kunsthandwerkern angebracht und sinnvoll ist. Die Reiseführer dürfen bei kommerziellen Transaktionen zwischen Einheimischen und Tou- risten nicht intervenieren, sondern nur als Übersetzer dienen. Auch diese Regelung ist unsin- nig und wird der Rolle der Reiseführer als Cultural Broker und Mediator nicht gerecht. Viel- mehr entspräche es der modernen, tourismus-ethischen Verantwortung, bei ungleichen Han- delskompetenzen zugunsten des unterlegenen Teils zu intervenieren: Besteht die Gefahr, dass ein schlauer Händler die Unerfahrenheit eines Touristen ausnützt und ihn "über den Tisch zieht", so kann der Tourist mit Recht von "seinem" Reiseführer erwarten, zumindest gewarnt zu werden. Umgekehrt sollte der Reiseführer die Touristen mit ausgeprägtem Ver- handlungsgeschick einbremsen, wenn sie die Preise von unerfahrenen Nomaden oder Kinder all zu erfolgreich auf ein unfaires Niveau pressen. In der Berufspraxis der Reiseführer spielen die angeführten Verbote jedoch keine Rolle, da sie 147 Art. 4. 148 Art. 11. 149 Art. 6. 150 Beinahe wäre es im Zuge der Pioniertour mit meinem damaligen Assistenten Aghali aus Timia zu diesem Punkt gekom- men: Aghali hatte meine von den langen Märschen der vergangenen Tage etwas angeschlagenen Gefährtin und mich zu einer „kleinen Wanderung“ zu bestimmten Felsen mit dem Hinweis eingeladen, wir wären insgesamt weniger als eine Stunde unterwegs, worauf wir nur einen Liter Wasser mitnahmen. Letztlich waren wir aber über vier Stunden unterwegs, was zu starken Erschöpfungserscheinungen bei meiner Gefährtin führe. Dies nahm Aghali zum Anlass zu verkünden, er müsse seine Aufgabe als Reiseführer abgeben, weil er eine Frau in Gefahr gebracht hätte, was wiederum gegen sein „Ehrgefühl“ versto- ßen würde (sic!). Letztlich konnte ich aber durch meine Überredungskünste Aghali davon abhalten, uns 200 km von Timia entfernt als Führer und Übersetzer im Stich zu lassen…. 352 weitgehend unbekannt sind. Ein theoretisch sehr wichtiges Verbot betrifft die Abwerbung bereits anvertrauter Touristen bzw. Versuche, bereits eingestellte Führer durch befreundete auszutauschen! Auch die Sub- stitution touristischer Hotels und anderer Service-Unternehmen durch eigene Leistungen, et- wa durch die Unterbringung der Gäste im eigenen Privathaus, wie es von einigen Tourismus- akteuren in Agadez praktiziert wird, 151 ist verboten. 152 Weitere Verbote umfassen die Irreführung der Touristen durch falsche Information, die Modi- fikation der Dienste und Routen allein zu dem Zweck, persönliche Besuche abstatten zu könn- en, 153 und die Ermutigung der Touristen zur missbräuchlichen Verwendung der natürlichen und archäologisch geschützten Stätten. Gerade das ist völlig unzureichend geregelt. Tatsäch- lich müssten die Reiseführer verpflichtet werden, aktiv einzuschreiten, wenn Touristen Sau- rierteile entwenden, doch würde diese Verschärfung vorerst wohl nur wenig an der der- zeitigen Undurchsetzbarkeit aufgrund der verbreiteten Praxis der Regelung ändern. 154 Schließlich regelt die Verordnung auch die Rechte der Reiseführer, nämlich den Anspruch auf Bezahlung gemäß den für die jeweiligen Kategorien festgelegten Tageshonoraren sowie den Anspruch auf Ersatz der angefallenen Kosten für Transport, Unterbringung und Verpflegung in der gleichen Art wie die geführte Reisegruppe. Der Beruf des lizenzierten Reiseführers ist offiziell geschützt durch das Verbot informeller Führertätigkeit. Das Ministère du Tourisme et de l´Artisanat bzw. die Direction du Tourisme et de Professions touristiques stellen jeweils für ein Jahr als Nachweis der gesetzesgemäßen Ausübung des Reiseleiter-Berufs entsprechende Ausweiskarten, die „Carte professionelle du Guide“ aus, wofür eine Jahresgebühr von 5000 FCFA (ca. 8 €) zu entrichten ist. Zuletzt herrschte bei der weitgehend willkürlichen Kartenvergabe das Chaos, da die Behörden auf diesem Wege versucht hatten, die große Zahl der informellen Reiseführer, die „Chasses tou- ristes“, zu legalisieren, was jedoch auf heftigste Kritik der traditionellen und lizenzierten Füh- rer 155 und des Syndikats 156 gestoßen war. So konnten diese Probleme bis heute nicht gelöst werden. Deshalb wird die Neuregelung des Führerberufs eine der wichtigsten Aufgaben für die Gesetzgebung in naher Zukunft sein. Um eine „juristische Totgeburt“ zu verhindern, müsste dieses Gesetz einen entsprechenden Aus- bildungslehrgang für Reiseführer voraussetzen. 157 Inhaltliche Vorschläge wurden zwar bereits im Jahr 1999 unter der Führung der UICN in einer „Charte sur l´Ecotourisme dans l´Aïr et le Ténéré“ 158 festgehalten, doch blieb dieses Dokument meines Wissens bis zum heutigen Tage unberücksichtigt. 151 Siehe dazu im Folgekapitel. 152 Vgl. Alzouma 1996, S. 353 f. 153 Dieses Verbot ist keineswegs aus der Luft gegriffen, da es von sehr traditionell geprägten, wenig erfahrenen Führern zuweilen als selbstverständlich aufgefasst wird, die Familie oder Freunde zu besuchen, wenn man sich in der Nähe befindet, was allerdings mit dem Zeitplan der Gruppe kollidieren kann. 154 Dies zeigt sich an der Ausstattung der zahlreichen Agenturen als paläontologische Museen… 155 Vgl. etwa Moussa Tibelot (Regionalführer, 6. 4. 2001, Agadez), der vorbrachte, nunmehr würde jeder, der formell ansu- che und mit dem nunmehrigen Tourismusminister zusammen gekämpft habe, ohne Nachweis jeglicher Kompetenzen eine Ausweiskarte ausgestellt bekommen.. 156 Vgl. Syndicat du Tourisme du Niger 2001b. 157 Zu den „Chasses touristes“ siehe das Folgekapitel. 158 UICN 1999a. 353 9.4.5 Naturschutzregelungen 9.4.5.1 Das Aïr-Ténéré-Bioreservat Die für die Tourismusregion Agadez bedeutendste Naturschutzregelung war die Errichtung des Aïr-Ténéré-Bioreservats, des „Reserve Naturelle National de l´ Aïr et du Ténéré“ (RNNAT) 159, sowie des darin eingeschlossenen, besonders streng geschützten „Réserve na- turelle intégrale dite Sanctuaire des Addax“ 160. Das RNNAT liegt im Nordosten des Aïr und umfasst rund 75.000 km2. Innerhalb der Reservatsgrenzen herrscht totales Jagdverbot. Verbo- ten sind ferner der Kauf und der Verkauf von Produkten geschützter Tiere, das Zurücklassen von Fahrzeugwracks und -teilen sowie das Zurücklassen jedweder Abfälle. Zudem sind jegli- che sportliche Aktivitäten mittels motorisierter Fahrzeuge untersagt, 161 und alpinistische Ak- tivitäten benötigen eine besondere behördliche Genehmigung. Dies gilt auch für jegliche Durchquerung des Reservats. Daher ist für den touristischen Besuch des RNNAT eine besondere Lizenz vorgeschrieben, und für den Besuch gewisser Stätten ist die Einhebung von Gebührung gesetzlich vorgesehen. Die nötigen Maßnahmen dafür wurden jedoch bislang nicht umgesetzt. In jedem Fall ist aber Besuchern die Begleitung durch lizenzierte Reiseführer für den Besuch des Reservats vorge- schrieben. Diese Regelung dient der Kontrolle und Durchsetzung des Verbots, sich Objekte natürlicher oder kultureller Herkunft anzueignen 162 und archäologische, kulturelle oder geo- logische Stätten zu beschädigen oder zu zerstören. Die meisten Regelungen blieben totes Recht: Erst verhinderte der Ausbruch der Rebellion die Rechtsumsetzung, danach boykottierten die Agenturbetreiber die Umsetzung eines umfas- senden ökotouristischen Schutzkonzepts als Beschneidung ihrer eben errungenen Macht- und Einkommensressourcen. 163 Entsprechend kurz war auch die Geltungsdauer der von der UICN vorgeschlagenen, visionären Ökotourismus-Charta, 164 die eine umfassende Regelung der öko- touristischen Nutzung des Reservats vorsah und Maßnahmen zur besseren Partizipation der Anrainer-Bevölkerung an Tourismuseinnahmen, ferner die Rechte und Pflichten der Agentur- betreiber, der Reiseführer der Touristen und der Behörden. Die Arbeiten an der Charta gingen über den Entwurf, den im Dezember 1999 die Agentur-Chefs, der Tourismusminister und andere touristische Verantwortungsträger gemeinsam angenommenen hatten, nicht hinaus. 159 Decret No. 88-019/PCMS/MAG/E, 22. 1. 1988. 160 Ebd. 161 Diese Regelung richtet sich insbesondere gegen eine Routenführung der Rallye Paris-Dakar durch das RNNAT. Dazu wäre es beinahe im Jahr 1997 gekommen (vgl. UNESCO 1996, Web). 162 Tier- und Pflanzenteile, Artefakte etc. 163 Vgl. etwa Aghali Abdou, Direktor v. Adrar Madet V., Agadez, 23. 10. 1999. Zu den Konflikten um die ursprüngliche Konzeption des Bioreservats siehe insb. das Kapitel „Konflikte im Einzugsbereich des Tuareg-Tourismus/Externe Akteure als Konfliktursachen: der WWF und das Aïr-Ténéré-Bioreservat“. 164 UICN 1999a. 354 9.4.5.2 Der Schutz des kulturellen und natürlichen Erbes Schon vor der Einrichtung des RNNAT wurden archäologische, kulturelle und geologische Stätten von besonderer Bedeutung, Landschaften und Besonderheiten der Natur, gesetzlich geschützt. 165 Seither gilt ein generelles Verbot, solche Monumente und Ensembles zu verän- dern oder zu zerstören, sowie das Verbot, diese Stätten ohne Autorisierung zu restaurieren, reparieren oder modifizieren. Einen besonders strengen Schutz genießen Gebäude oder Ob- jekte archäologischer Bedeutung, die weder zerstört, beeinträchtig oder verändert werden dür- fen. Insofern ist jegliche Entwendung irgendwelcher Artefakte strengstens verboten. Zustän- dig für den Schutz dieser Güter (auch traditioneller Objekte und Gebrauchsgegenstände) ist das Kulturministerium. Zuständig für die Klassifizierung solcher Güter, Orte und Elemente des kulturellen Erbes als schützenswert sowie für die Durchführung von notwendigen Schutzmaßnahmen ist das „Conseil national de protection de conservation des mise en valeur de patrimonial culturelle“ (CNPCMVPC), das jedoch meines Wissens bislang keine wesentli- chen Maßnahmen ergriffen hat. 9.4.5.3 Umweltschutz In Hinblick auf die Ablagerung von Abfällen und die Belastung der Wasservorkommen wur- de die Ordonnanz Nr. 93-014 vom 2. 3. 1992 erlassen 166. Diese Regelung verbietet das Ver- schütten von infiziertem Wasser, wie es in den nächtlichen Straßen von Agadez leider sehr verbreitet ist, sowie die schädliche Ablagerung von diversen Abfällen. Daraus lässt sich die Pflicht der Reiseagenturen ableiten, jeglichen nicht-organischen Abfall, der während einer Reise anfällt, mitzunehmen und in entsprechenden Deponien zu entsorgen. 9.4.6 Steuern, Abgaben Steuern, Abgaben und Erträge aus dem Uranbergbau bilden die wesentlichen Einnahmen des Staates Niger. Das derzeit herrschende Steuersystem ist äußerst kompliziert und keineswegs unternehmerfreundlich. 167 So meinte Aha Iousoufa (Tagelmoust Exp.), er habe bislang nie- manden gefunden, der ihm das Steuersystem erklären hätte können. Darum würden auch die wenigsten Leute Steuern zahlen. Er selbst habe mit dem Staat eine Einkommenssteuer- Pauschale von 1 Mio. FCFA (1.500 €) vereinbart. Dafür zahle er keine Mehrwertsteuer, was jedoch insgesamt eine fragwürdige Regelung sei. 168 ¾ Üblicherweise ist die Einkommenssteuer nach jeder Reise vom verbleibenden Rein- gewinn abzuführen. So bezahlt Houché - je nach Bilanz - pro Reise 30 - 40.000 FCFA (ca. 45-60 €) Gewinnsteuer. 169 165 Arrêté Nr. 97-022/prn/mcc/mesrt/ia, 30. 6. 1997; Decret Nr. 97/407/prn/mcc/mesrt/ia, 10. 11. 1997. 166 Vgl. Republique du Niger 1988c. 167 Vgl. die gleich lautende Kritik des UICN (1999, S. 5). 168 Aha Iousoufa, Tagelmoust, 27.03.2001. 169 Alhousseini Ibra, Tchimizar V., März 2003, Agadez. 355 ¾ Darüber hinaus besteht eine Pflicht, auf Beherbergung und organisierte Reisen Mehrwertsteuer („TVA“) idHv 19 Prozent abzuführen. Dagegen besteht kein Recht auf Vorsteuerabzug beim Kauf von Allradfahrzeugen und anderen Investitionsgütern. ¾ Die Jahresgebühr für die Verlängerung der Reiseagentur-Lizenz beträgt 500.000 FCFA (750 €). ¾ Die Gebühr für die Ausstellung eines Routenblattes beträgt pro Reise 5.000 FCFA (7,50 €). ¾ Eine Werbeförderungsgebühr („DIFT“) idHv 120.000 FCFA (180 €) ist monatlich an die „Direction de Tourisme“ abzuführen. ¾ Eine Gemeindegebühr idHv 10.000 FCFA (15 €) ist jährliche für das Recht abzu- führen, die Agentur mit einer Firmentafel vor der Büroeinfahrt öffentlich zu kenn- zeichnen. 9.5 Sonstige wichtige Einrichtungen In Agadez findet man einige weitere Einrichtungen, die für die Realisierung des modernen Tourismus wesentlich sind: eine Bank (die erst Mitte der 70er-Jahre eingerichtet worden ist, 170 die jedoch im Vergleich zu Niamey oder Tahoua äußerst schlechte Wechselkurse bie- tet), einige Tankstellen, ein Postbüro, mehrere öffentliche Telefonanlagen und neuerdings auch öffentliche Lokale mit Internetzugang. Auf der Straße zum Flughafen befindet sich ein kleiner „Supermarkt“, der von einem Libanesen geführt wird. Nicht weit davon existierte auch noch das Freiluftkino „Le Sahel“, das jedoch im Zuge der Rebellion „mangels Um- satz“ 171 geschlossen worden ist. Diese knapp gehaltene Darstellung erlaubte lediglich einen ersten Einblick in die Situation der Infrastruktur für Touristiker in Agadez. Die gravierenden Probleme und Hindernisse, mit de- nen im touristischen Alltag seitens der Unternehmer zu kämpfen ist, wird im folgenden Kapi- tel behandelt. 170 Hinw. von Ritter 1979, S. 86. 171 Stührenberg 1999, S. 70. 356 10 Strukturelle Probleme der Tourismusentwicklung in Agadez Wohin tendiert die Entwicklung des Tourismus in der Region Agadez, welche Hindernisse stehen einem touristischen „Take off“ im Wege, und in welchen Bereichen bedarf es einer ordnenden Intervention? Diese Fragen zu beantworten bezweckt das vorliegend Kapitel. Da- bei lässt sich schon vorweg eine grundlegende Voraussetzung festhalten, die determinierend für die Tourismusentwicklung in Agadez ist, nämlich der Mangel in verschiedenen Bereichen. Es mangelt an Erfahrung mit modernen Kommunikationsmethoden und -mitteln, an Infra- struktur, an Ausbildungsmöglichkeiten, an ordnenden Normen und Exekutivkräften, an Inves- titionsmittel usw. Daraus erklärt sich auch die für Agadez so typische Eigendynamik, die ge- kennzeichnet ist durch mangelnde Kontrolle. Die treibende Kraft hinter dieser Erscheinung ist die Orientierung der Marktteilnehmer ausschließlich an kurzfristigem Profit. Diese Struktur- merkmale sind jedoch keineswegs außergewöhnlich, sondern sie sind vielmehr für zahlreiche Regionen und Länder kennzeichnend. 1 Die Mängel der touristischen Struktur der Region Agadez listete der ehemalige Direktor der nationalen Tourismusorganisation CNPT, Elhadji Koné im Jahr 1999, zwei Jahre nach dem Ende der erten Rebellion, wie folgt auf: 2 1. der damals noch unerledigte Ausbau des Flughafens und dessen Ausstattung auf in- ternationale Standards, um Agadez an die internationalen Flugnetze anbinden zu können 2. mangelhafte Kommunikationsmittel 3. die Überalterung der Fuhrparks und der Ausrüstung 4. mangelnde Kooperationsbereitschaft des Staates 5. die mangelhafte Ausbildung des Tourismuspersonals 6. die bislang ausstehende Förderung des Tourismuswachstums im Niger durch Organi- sation von Festen, Shows etc. 7. unzureichendes internationales Marketing 8. der fehlende Schutz der touristischen Stätten 9. die fehlende Sensibilisierung der Touristen für Umweltprobleme 3 Ergänzend nannte der UICN noch folgende Probleme: 4 10. den „schwarzen Tourismus“ im Bereich der Agenturen und der Unterbringung 11. Qualitätsverlust bei der Schmuckproduktion 12. die Chasses Touristes Seitens der Agenturbetreiber bestand zum Zeitpunkt der Befragungen (1999-2001) nur ein relativ geringes Problembewusstsein. So haben von rund 20 befragten Agenturbetreibern 5 nur 1 Landgrebe 2000, S. 254. 2 Elhadji Koné, Interview, Agadez, Oktober 1999. Koné bekleidete damals zwar noch offiziell das Amt, war jedoch de facto beschäftigungslos und somit ohne Einkommen, weswegen ich ihm für die Auskunft 50 ff (ca. 7,5 Euro) zahlen „durfte“. 3 Punkt 9 und 10 werden im Kapitel „Probleme durch Tourismus“ behandelt. 4 UICN 1999, S. 4. 357 etwa je ein Viertel die mangelhafte Flugverbindung, die mangelhaften Kommunikationsmit- tel, die Überfälle, die hohe Steuerlast und die geographisch isolierte Lage genannt. Vereinzelt wurden die kurze Saison 6, die mangelhafte Ausbildung 7, die „Chasses Touristes“, die Kosten des Marketings und der Ersatzteile 8 sowie der gegenseitige Druck durch Dumpingpreise 9 und die mangelnde Kooperationsbereitschaft zwischen den Agenturen 10 bzw. seitens der Behör- den 11 genannt. Diese überraschend wenigen Nennungen angesichts der noch darzustellenden, zahlreichen Probleme lassen sich euphemistisch betrachtet mit einem gewissen Zweckoptimismus erklä- ren, wonach auf Basis der vorhandenen Strukturen eben das bestmögliche Ergebnis zu er- zielen sei. Die nachfolgende Darstellung, insbesondere der mangelnden Kooperations- bereitschaft und der mangelnden Ausbildung, legt jedoch die Annahme anderer Gründe für die zögerliche Nennung von Problemen nahe, nämlich die schlichte Unkenntnis mancher Agenturen von bestehenden Möglichkeiten im technischen wie organisatorischen Bereich zur Optimierung des Unternehmens. Diese geringe Innovationskompetenz und -bereitschaft wird besonders bei den Neugründungen mit der fehlenden Erfahrung zu erklären sein. Damit zu- sammen hängt auch die Prioritätensetzung mancher Agenturbetreiber, die einer Optimierung der Betriebe zumeist entgegensteht: Der Trend, innere Probleme durch Trennung und Neu- gründung zu lösen, verdeutlichen den hohen Wert der „Unabhängigkeit“ für die Agentur- betreiber, wofür viele einen hohen Preis zu zahlen bereit sind, worauf noch einzugehen sein wird. Die enorme Dynamik des Tourismusmarktes von Agadez bedingt, dass einige Ergebnisse der Befragungen bereits nach wenigen Monaten überholt waren. So sind viele Agenturen, die zur Zeit der Befragung nur über Telefonanschlüsse verfügt hatten, mittlerweile im Internet vertre- ten. Insofern sind die folgenden Darstellungen als Momentaufnahme aus den Jahren 1999- 2001 zu betrachten, deren eigentliche Bedeutung in den ableitbaren Trends liegt. Diese durch Analyse der Rahmenbedingungen gewonnenen Trends sind ein Teil der tourismusethischen Beurteilung des Agadez-Tourismus. 10.1 Infrastruktur In der Tourismusregion Agadez liegen die offensichtlichsten Mängel im Bereich der verkehrs- und kommunikationstechnischen Infrastruktur, wie sich gleich zeigen wird. Allerdings würde eine Wunschliste mit „notwendigen“ infrastrukturellen Investitionen am Kernproblem der Vertretbarkeit von Tourismusentwicklung in Agadez vorbeigehen. Schon bisher hatte sich internationale Investitionsförderung im Bereich des Tourismus in Entwicklungsländern auf Infrastrukturprojekte wie den Bau von Hotels und Straßen konzentriert. Doch gerade dadurch wurden jene massentouristischen Phänomene entwickelt, die am Dritte-Welt-Tourismus 5 Die „ungefähre“ Zahl resultiert aus der Tatsache, dass manche Interviews als Gespräche oder Monologe abliefen, wodurch der Leitfaden des Fragenkatalogs verloren ging und zuweilen von einem Interview nicht mehr die Rede sein konnte, oder dass die gestellten Fragen gar nicht beantwortet wurden (z.B. bei Barney von Dune Voyages oder Sidi Mohamed). 6 Vgl. Caravan V. 7 Vgl. Tidéne, SVS 8 Vgl. Caravan, Tchimizar 9 Vgl. Akarao, Aligouran, Dune, Agadez Exp. 10 Nigercar, Agadez Exp. 11 Touareg Tours. 358 nachdrücklich kritisiert werden, 12 etwa massive Überschuldung, verbunden mit steigender Abhängigkeit von Geldgebern und Entsenderländern. Darum sind in Regionen mit minimaler Kapitalausstattung zuerst jene Investitionsmaß- nahmen zu treffen, die nicht nur dem Tourismus, sondern auch der Bevölkerung dienlich sind - wie z.B. Straßen zu abgelegenen Siedlungen. Dadurch steigt die Akzeptanz des Tourismus als Wirtschaftsfaktor in der betreffenden Region. Diese Maßnahmen erzielen auch dann wirt- schaftliche Dynamisierungseffekte, wenn der Tourismus einmal ausbleibt. Letzteres spielt gerade für die Region Agadez wegen der sehr kurzen Saison und der hohen Abhängigkeit von internationalen Rahmenbedingungen eine fundamentale Rolle. Die nachfolgend angeführten Mängel sind hinsichtlich ihrer Relevanz und ihrer Auswir- kungen differenziert zu beurteilen. 10.1.1 Flugverbindung Als Binnenland mit geringer wirtschaftlicher Relevanz für die westliche Welt litt die Republik Niger seit Erlangung der Unabhängigkeit an einer äußert schlechten Anbindung an Europa. 13 Dieser Nachteil wurde in der Periode des ersten Tourismusbooms in den 80er-Jahren deutlich spürbar. Er äußerte sich in hohen Preisen für Flüge von Europa nach Agadez via Niamey, die mit 8.000 ff (ca. 1.200 €) fast dreimal so teuer wie die Flüge nach Tamanrasset (2.800 ff, ca. 420 €) 14 waren, obwohl die Konkurrenzstadt nur wenige hundert Kilometer nördlich von Agadez liegt. In dieser ersten Boom-Periode der Tourismusentwicklung im Agadez, in den Jahren 1989-91 bis zum Ausbruch der Rebellion, wurde das Problem vorübergehend durch Charterflüge von Paris nach Agadez gelöst. 15 Der neue Versuch einer regelmäßigen Flugverbindung zwischen Paris und Agadez durch die 1995 gegründete französische Charterlinie Point-Afrique für die Saison 1996/97 wurde wegen einiger Überfälle auf Touristengruppen nach nur drei Flügen wieder eingestellt.16 Auch für die Saison 1998/99 unternahm Point-Afrique lediglich drei Flüge 17 und 15 Flüge in der Saison 1999/2000. 18 Dieser Aufwärtstrend hielt nicht lange an, denn bereits zu Beginn des Jahres 2001 führten immer ärgere Schäden an der Flugpiste zur ernsthaften Gefährdung insbesondere größerer Fluggeräte mit über 200 Sitzplätzen. Als Lösung charterte Point-Afrique einige Air- Algerie-Maschinen, die die Niger-Touristen von Paris bis Tamanrasset brachten, wo sie in kleine Propeller-Maschinen nach Agadez umsteigen mussten. 19 Ohne die Direktflüge kam es in Agadez zu spürbaren Buchungseinbrüchen. Schließlich wurden die Point-Afrique-Flüge nach Agadez mangels Rentabilität komplett eingestellt. 20 12 Vgl. Vorlaufer 1996, Suchanek 2000, Friedl 2002. 13 Vgl. dagegen die Maßnahmen während der Kolonialzeit im Kapitel über „Geschichte des Tourismus in Agadez/Die ver- kehrstechnische Erschließung der Region“. 14 Vgl. Baud-Bovy 1988, S. 60. 15 In dieser Periode reisten durchschnittlich 1.000 Passagiere jährlich über den Flughafen von Agadez an, wodurch das Tou- ristenaufkommen von 1989 (1.473) auf 1990 (2.462) um eben jene zusätzliche Klientel anstieg (vgl. Grégoire 1999, S. 290 f.). 16 Vgl. ebd., S. 296. 17 Angeblich mit 1.300 Passagieren (http://www.point-afrique.com/pointaf/historic.htm). 18 Vgl. o.S. 2002: Voyage au Niger. In: http://perso.libertysurf.fr/carnetsnicolas/Niger/accueil_niger.htm, zul. 14.2.2002. Lt. Point-Afrique mit 800 Passagieren (http://www.point-afrique.com/pointaf/historic.htm). 19 Vgl. www.point-afrique.com. 20 Vgl. Grain de Sable 2002, Web. 359 Im Juli 2002 wurde der Flughafen Agadez für die Durchführung der Renovierungsarbeiten gesperrt, was zu weiteren Buchungseinbrüchen führte. So besuchten im Jänner 2002, einem der wichtigsten Monate der Saison, lediglich 391 Personen den Niger, und ein Jahr darauf, trotz des Tretminen-Unglücks im nördlichen Djado, das drei italienischen Touristen das Le- ben gekostet hatte, 300 Touristen. 21 Daraus schließt das Tourismussyndikat, dass der Region durch die unterbrochene Direktverbindung pro Saison 2000 Touristen und damit geschätzte Einnahmen in der Höhen von einer Milliarde FCFA (1,35 Mio. €) entgehen würden, weil die- se potentiellen Besucher den mühsamen, fast 1.000 km langen Weg nach Agadez über Nia- mey nicht in Kauf nehmen würden. 22 Zwar werden auch Inlandsflüge, etwa durch die nigri- sche Linie NIGERAVIA 23 und die neu geschaffene Linie Air Continental 24, angeboten, je- doch zu unrealistisch hohen Preisen. Die Arbeiten an der Flugpiste in Agadez wurde mit Geldern aus Libyen i.d.H.v. 220 Millio- nen Dollar finanziert und von nigrischen und libyschen Unternehmen durchgeführt. Dabei wurde die 2.300 Meter lange Piste um 700 Meter verlängert, um auch die Landung großer Maschinen zu ermöglichen. 25 Allerdings wurde dabei unterlassen, die Piste von 30 auf 45 Meter zu verbreitern, wodurch auch in Zukunft nur DC-10, nicht aber Boeing 747 in Agadez landen können. 26 Die Arbeiten zogen sich jedoch mehr und mehr in die Länge, sodass von mancher Seite sogar politische Boykottversuche vermutet wurden zugunsten des Tourismus in Niamey. 27 Schließlich wurde die renovierte Piste am 26. September 2003 durch Touris- musminister Rhissa Ag Boula wiedereröffnet. 28 Mit Ende Dezember nahm auch eine libysche Fluglinie, gechartert von der französischen Agentur „Nomade“, eine wöchentliche Verbin- dung von Paris über Ghat, Libyen, nach Agadez auf. Dieses libysche Engagement ist eine logische Folge, nachdem auch schon das neue Luxus-Hotel „de la Paix“ in Agadez durch Li- byen finanziert wurde. Außerdem profitiert Libyen, vom langjährigen Flugembargo befreit, als Auchweichdestination vom Image-Problem, mit dem der große Tourismus-Konkurrent Algerien seit den Entführungen von Sahara-Touristen im Jahr 2003 zu kämpfen hat. Das Bestehen einer Charter-Verbindung alleine bedeutet jedoch noch lange nicht die Lösung des verkehrstechnischen Anschlussproblems, wie die Erfahrungen mit Point-Afrique gezeigt hatten. Bei Reservierungen mussten nicht rückzahlbare Anzahlungen geleistet werden. Die Zuteilung der Flüge war eine Glückssache, da die nigrische Partner-Agentur des Point- Afrique-Teilhaber Croque Nature, Tchit in Taghat, über ein Vorzugsrecht bei der Platzverga- be verfügte. 29 Während der damalige Marktführer Dune Voyages bis zum Jahr 2001 Point- Afrique in Agadez betreute, beklagten vereinzelte Agenturchefs, ihre Kunden seien bei der Zuteilung von Plätzen durch Dune Voyages benachteiligt worden. Insgesamt stellte Point- Afrique zwar eine wirtschaftliche Bereicherung der Region dar, bot aber keineswegs eine be- friedigende Lösung des Lufttransport-Problems. 30 Darum war die verlässlichste Verbindung nach Agadez auch nach der Wiedereröffnung von Direktverbindungen letztlich der Luftweg nach Niamey. Doch auch hier gibt es zahlreiche Probleme, etwa die Flughafen-Landegebühren, die im Vergleich mit anderen afrikanischen Ländern überaus hoch sind. 31 21 Vgl. Ibrahim Boubacar, directeur des professions touristiques et des investissements, zit. in Harouna 2003, S. 4. 22 O. K. 2003, S. 4. 23 Vgl. Nigerisches Tourismusministerium 2002, Web. 24 Vgl. Kayaki 2003, Web. 25 Vgl. Hassabe Ousseini, Kommandant des Flughafens Mano Dayak, zit. in Abdelkader 2003a, S. 4. 26 Vgl. Barney Raymond, Dune V., zit. in ebd. 27 Vgl. u.a. Akli Joulia, Präsident des „Syndicat du tourisme d’Agadez“, Agadez, 9. 2. 2003. 28 Vgl. Akli Joulia, zit. in Manzo 2003, S. 8. 29 Oualalaire Akulalle, Koordinateur von Croque’ Nature, 5. 4. 2001, Agadez. 30 Vgl. die sinngem. Point-Afrique-Kritik von Arakao, SVS, Aligouran, Adrar Madet, Eouaden, Nigercar. 31 Vgl. Aghali Abdou, Adrar Madet V., zit. in Manzo 2003, S. 8. 360 Die Royal Air Maroc 32 fliegt Niamey am Dienstag nachts von Casablanca aus an und kehrt Donnerstag in der Nacht zurück, jeweils mit Anschlussflügen nach Brüssel, Frankfurt, Genf, London, Mailand, Paris etc. Die Preise ab Frankfurt lagen 2002 bei 830 - 950 Euro plus 100 Euro Airport-Taxen. Die Air France 33 fliegt Niamey montags und donnerstags von Paris aus an. Die Flüge ab Wien gehen über Paris und die Preise liegen zwischen 900 und 1.500 € zuzüglich Airport-Taxen. Das kann sich auch noch verteuern, wenn die billigeren Buchungsklassen nicht mehr verfüg- bar sind. Eine günstigere Variante bietet die Air Algerie 34, die Niamey ab Algier montags anfliegt. Bei einem Zubringer von Frankfurt ist jedoch eine Nächtigung in Algier und insofern auch ein Algerien-Visum nötig. Andererseits sind die Tickets meist noch kurzfristig erhältlich, und es gibt keinen Hochsaisonzuschlag. Die Kosten belaufen sich ab Frankfurt, Marseille oder Paris auf knapp 700 € zuzüglich 80 Euro Airport-Taxen. Point Afrique 35 bedient seit 2001 einen Charterflug am Montag von Marseille nach Niamey und retour für 220 - 250 € pro Strecke (+ € 44 für Taxen). In der Saison 2001/2002 wurden 480 Personen nach Niamey geflogen, in der Saison 2002-03 bereits 2.400 Passagiere. 36 Leider bietet auch der teure Linienflug von Paris nach Niamey keine Garantie, dass man mit Sicherheit im Niger ankommt. Als im Jänner 2001 die Reservierung von 14 Plätzen für einen Flug bei Point-Afrique nach Agadez storniert wurde, weil die Anzahlung vom betreffenden österreichischen Reisebüro nicht rechtzeitig geleistet worden war, konnten wenigstens genü- gend teure Plätze bei der Air France für einen Flug nach Niamey gebucht werden. Der Flug kam aber letztlich nicht zustande, weil das Flughafenpersonal in Niamey streikte. Durch einen „glücklichen“ Zufall - in Agadez war wieder eine Reisegruppe überfallen worden - waren im nächsten Point-Afrique-Flug nach Agadez zahlreiche Plätze frei geworden, und die meisten Reiseteilnehmer konnten ihren Urlaub um eine Woche verschieben, wodurch die Tour doch noch realisiert werden konnte. 37 Im Feber 2003 gab es abermals Probleme mit Air France: Diesmal war es ein großes Gepäck- stück mit Kleidung für die Kinder in Timia, für das eine Dame über 200 € an Gebühr für Ü- bergepäck bezahlt hatte. Das Gepäckstück kam niemals in Niamey an. Schließlich bedurfte es nach der Rückkehr langer Verhandlungen, um wenigstens den bezahlten Betrag wegen Nicht- erfüllung retournieren zu bekommen. Dem wurde schließlich aus „Kulanzgründen“ Genüge getan. Diese Probleme waren auch dem „Syndicat du Tourisme du Niger“ als eines der wesentlichen strukturellen Hindernisse für eine kontrollierte Tourismusentwicklung bewusst. Die Bemü- hungen der Standesvertetung hatten sich darum stets um die Einrichtung einer Linien- verbindung zwischen Europa und Agadez bemüht – mit dem Erfolg, dass im Spätherbst 2003 erstmals die französische Fluglinie „GO-Voyages“ einen Linienflug von Paris über Libyen nach Agadez anbot. Dieser Service wurde in der Saison 2004/05 weiter ausgebaut. Parallel dazu wurde Agadez auch weiterhin von der Charter-Linie „Point-Afrique“ sowie von der „Air Algerie“ angeflogen. Der wesentliche Vorteil von „GO-Voyages“ liegt gemäß einem Com- muniqué des STN in der Verlässlichkeit des Flugunternehmens, wie es sie sowohl gegenüber 32 Vgl. www.royalairmaroc.com. 33 Vgl. www.airfrance.com 34 Vgl. www.airalgerie.dz 35 Vgl. www.point-afrique.com 36 Vgl. http://www.point-afrique.com/pointaf/historic.htm. 37 Vgl. Friedl 2001b, Zum Thema Nr. 46, Web. Die Streiks des von Air Afrique angestellten Personals richteten sich gegen den geplanten Personalabbau der in massive wirtschaftliche Schwierigkeiten geratenen Fluglinie, die im Eigentum von elf westafrikanischen Staaten stand. Letztlich wurde die Linie von Air France übernommen und aufgelöst, wodurch 2000 Mitar- beiter abgebaut wurden (vgl. Kakaki 2001, Web). 361 den Agenturen als auch den Kunden bislang bei „Point-Afrique“ nicht gegeben hatte. Nun- mehr sei eine Gleichbehandlung der Buchungswünsche von Agenturen als auch von unabhän- gig reisenden Personen gewährleistet. 38 Die Hoffnungen, die im Jahr 2005 mit diesen grundlegenden Verbesserungen verbunden wa- ren, wonach diese enorme Chance für ein kontrolliertes Tourismuswachstum in der Region Agadez nicht durch die damalige Überfälle durch bewaffnete Ex-Rebellen auf Fahrzeuge der lokalen Bevölkerung zunichte gemacht werde, blieben letztlich unerfüllt: Die Überfälle häuf- ten sich in den Jahren 2005-2006, und im Jahr 2007 wurde schließlich der neuerliche Aus- bruch einer Rebellion gegen die Uran-Abbaupläne der Zentralregierung verkündet, die bis heute andauert, mitsamt dem im Niger herrschenden Ausnahezustand. Entsprechende partielle Reisewarnungen wurden bereits von zahlreichen Staaten für die Region nördlich von Agadez ausgesprochen. 10.1.2 Straßen Die Republik Niger verfügt über ein Straßennetz von etwa 14.000 km, davon rd. 3.600 km asphaltiert, 3000 km hochwertige Erdpisten, 2.800 km minderwertige Erdpisten sowie 4.400 km Pisten, die lediglich aus Spuren im Sand bestehen. 39 Die Reisenden auf der so wichtigen Strecke von Niamey nach Agadez über Tahoua profitieren von der „Uranium-Route“, die zwischen 1978 und 1980 für die verkehrstechnische Erschließung der Uran-Minen um Arlit gebaut wurde, und die von der Baufirma SERTA gewartet wird. 40 Dennoch finden sich auf manchen Passagen immer wieder Schlaglöcher, die die ohnedies lange Reise von Niamey nach Agadez zusätzlich erschweren. Die verkehrstechnisch wichtige, 420 km lange Route zwischen Zinder, Tanout und Agadez wurde großteils in den 80er-Jahren mit finanzieller Hilfe des europäischen Entwicklungsfonds gebaut. 41 Das fehlende Mittelstück soll nunmehr mit finanzieller Unterstützung Libyens as- phaltiert werden. 42 Diese Strecke spielt besonders für die touristische Erschließung von Zin- der, eine zusätzliche kulturelle Attraktion, eine besondere Rolle. Sie ist darüber hinaus die Verbindung der zentralen Transsahara-Straße von Tamanrasset nach Kano, Nigeria, die der- zeit zwischen Tamanrasset und Arlit nur als Piste besteht. Algerien hat in einem Abkommen die Asphaltierung dieser Teilstrecke in Hinblick auf einen verstärkten Austausch zwischen den beiden Staaten beschlossen. 43 Dies würde neue Perspektiven für eine mögliche Anreise nach Agadez über Tamanrasset eröffnen, was für Wüstenfreunde zweifellos landschaftlich weit attraktiver ist als die relativ monotone, wenn auch kulturell interessante Fahrt durch den Sahel. 44 Die übrigen Strecken in der Region Agadez zu Siedlungen sind lediglich Pisten in mehr oder minder gutem Zustand. Die zentrale Piste von Agadez über El Meki nach Timia und Iferouane wurde in den 70er-Jahren von der gtz gebaut und wird gelegentlich renoviert. Die Regenzeit verursacht meist schwere Schäden an der Piste, so dass nur ein sehr langsames Fortkommen 38 Vgl. Syndicat du Tourisme du Niger 2004, Web. 39 Vgl. Rotary Club de Niamey 2001, Web. 40 Die Kosten der 700 km langen Strecke von Birnin Konni bis Arlit beliefen sich auf 32 Mrd. FCFA, was damals dem halben Budget des Staates Niger entsprach (vgl. Grégoire 1999, S. 95 f.). 41 Vgl. ebd., S. 98. 42 Vgl. Kakaki 2000, Web. 43 Vgl. APS 2002, 7.8.2002, Web. 44 Vgl. das Kapitel über „Die Tourismuspotentiale von Agadez/Von Niamey nach Agadez“. 362 möglich ist. Die 220 km lange Strecke nach Timia in einem Tag zu bewältigen wäre für Touris- ten eine Zumutung. Auch das Befahren der wichtigen Verbindungspiste von Iferouane über Gougaram ist wegen des felsigen Untergrundes eine leider notwendige „Tortur“. In jüngster Zeit wurden neue tourismusrelevante Pisten im Aïr gebaut. Eine solche Piste zweigt nördlich von Dabaga von der zentralen Achse Agadez - El Meki nach Osten ab und führt durch eine malerische, wilde Berglandschaft über Aouderas Richtung Norden, wo sie westlich von Krib-Krib wieder auf die Hauptpiste nach Timia trifft. Diese Route stellt eine echte touristische Bereicherung für die Aïr-Region dar, von der die Bevölkerung in hohem Maße selbst profitiert. Eine weitere neue Strecke führt von Iferouane über das Tal von Afis nach TchinTelloust. Die Bedeutung dieser neuen Pisten für den Tourismus wurde im Jahr 2002 von Alain Morel, Uni- versität Grenoble, evaluiert 45. Die Pisten von Agadez nach Bilma und zu den Oasen des Kawar sind meist nur noch Spuren im Sand. Sämtliche übrigen Regionen der Ténéré werden off-road befahren. 10.1.2.1 Vor- und Nachteile der verkehrstechnischen Erschließung Die schlechte Verkehrsanbindung des Niger und die geringe Ausstattung mit höherwertigen Straßen bringen grobe Nachteile mit sich. Wie bereits gezeigt werden konnte, lassen sich viele Kunden durch die mühsame Anreise über Niamey abschrecken. Mehrere Touren sind aus Zeit- gründen nicht durchführbar, weil für die Pisten Zeitreserven für etwaige Pannen einzuplanen sind: Reifenpannen sind keine Seltenheit. Schlechte Pisten beanspruchen die Fahrzeuge sehr stark, was sich als Kostenfaktor in der Preiskalkulation niederschlagen muss, was einen großen Nachteil gegenüber den Konkurrenten Algerien und Libyen darstellt. 46 Andererseits sind eben diese Verkehrsbedingungen zwei wesentliche Vorteile für die Region: Sie stellen eine gewisse Barriere gegen eine Klientel dar, die nicht bereit ist, sich auf die Ge- gebenheiten eines der ärmsten Länder der Welt einzustellen. Reisen in den Niger dürfen keine Wochenendausflüge sein. Charter-Gruppen in Südalgerien hatten große Schäden an den Na- turstätten verursacht und stießen daher auf massive Kritik bei den regionalen Agenturen und ihrer Vertretung, der UNATA. 47 Vor allem die geringe verkehrstechnische Erschlossenheit macht das Besondere des Reise- ziels Niger aus. Denn auch im marokkanischen Tafilalet kann man Dünen besuchen, die sich nur wenige Kilometer abseits der Luxushotels befinden. Sucht man als Reisender jedoch „au- thentische“ Landschaften und Kulturen, die nicht überlaufen und perfekt vermarktet sind, ist der Niger bislang ein ideales Ziel. Im Übrigen ist davon auszugehen, dass die hohen Kosten für die Erschließung touristischer Stätten in der Ténéré in keinem Verhältnis zu den durch ein höheres Tourismusaufkommen zu erwartenden Einnahmen stünden und für die Bevölkerung weitgehend nutzlos wären. Bei ei- ner Befragung haben die Bewohner des Bergdorfes Timia die Anschaffung von Transport- 45 Vgl. I.R.D. 2002, Web. 46 Vgl. Mission Économique Régionale d'Abidjan 2002, Web. 47 Vgl. das Kapitel über die „Probleme durch Tourismus“ sowie meine Ausführungen in Friedl, Harald A. 2003b, Sahara Info 3/2003, S. 6-14; vgl. insb. Popp 2003, Web. 363 fahrzeug als besonders positiven Aspekt der Veränderung in den vergangenen Jahren beur- teilt, da sie nunmehr ihre Gartenbauprodukte in Agadez vermarkten, aber auch Verunfallte transportieren konnten. Bessere Straße könnten verschiedene wirtschaftliche Potentiale be- trächtlich steigern. 10.1.3 Telekommunikation Eines der größten Handicaps für den Nigertourismus stellt die Infrastruktur für Telekommu- nikation dar. Im Jahr 2002 gab es im Zehn-Millionen-Staat Niger lediglich 20.000 stationäre Telefongeräte, konzentriert auf den dicht besiedelten Süden des Landes. 48 Agadez wird mit dem Süden lediglich über eine 28-Kilobite-Leitung verbunden, weshalb die Verbindung nach Niamey oder gar nach Europa selten funktioniert: Häufig bedarf es stundenlanger Versuche, um „durchzukommen“. So manche Agentur hat bereits interessierte Kunden verloren, weil die Verbindung nach Europa abbrach oder erst gar nicht zustande gekommen war. 49 Daher betrei- ben viele Agenturen eine Vertretung in Niamey, die für die internationale Kommunikation zuständig ist, da sie in Niamey recht gut funktioniert. Dadurch entstehen aber zusätzliche Kosten. Vor allem die Kommunikationsgebühren sind außerordentlich teuer. Ein Fax von Niamey nach Agadez kostet etwa 3 - 4 Euro. Eine Gesprächsminute nach Europa ist gleich teuer. So ist es nicht verwunderlich, dass die kommunikationstechnische Ausstattung der Agenturen lange Zeit erstaunlich schlecht war. Manche Agenturen in Agadez verfügten im Jahr 1999 noch nicht einmal über eigene Faxgeräte. 50 Wo Geräte vorhanden sind, werden sie schlecht oder gar nicht gewartet, indem Tintenpatronen nicht ausgewechselt oder Papier nicht nachgeladen wird. Ein zentrales Problem bestand vor allem in der inkompetenten Bedienung von Gästeanfragen, sofern soche glücklicherweise einmal über Fax oder Telfon nach Agadez „durchkamen“: In kleinen Agenturen, die sich kein permanentes Büropersonal leisten können, verrichten zuweilen nur Wächter oder einfache Mitarbeiter ohne entsprechende Kenntnisse Telefondienst. Eine Initiative zur Lösung dieses Problems hatte Emud Efad, der damalige Präsident der NRO Tilalt und ehemalige Minister für Kultur und Handwerk, in den späten 90er-Jahren gestartet, indem er die Errichtung einer gemeinsamen Kommunikationszentrale in Agadez hatte einrich- ten wollen. Eine kompetente Person hätte permanent Telefondienst machen und Anfragen interessierter Kunden beantworten bzw. weiterleiten können. Diese so überaus wichtige tou- rismusfördernde Einrichtung unterblieb, denn „eine Reaktion auf diese Initiative war… nicht vorhanden. Die Leute hier hassen es, sich zu organisieren...“ 51 Ende 1999 benutzte die Hilfsorganisation AcF als einzige mir bekannte Stelle in Agadez das Internet, allerdings unter großen Schwierigkeiten. 52 Unter den Agenturen herrschte zum Teil Interesse, aber der Direktor der größten Agentur, Dune Voyages, lehnte damals sogar explizit das Internet als überflüssig ab. 53 Dass Aha Iousoufa mit seiner erstklassigen Tourismus- 48 Vgl. CIA 2002, Web. 49 Aïr Car. 50 Caravan V. bediente sich dafür des öffentlichen Fax-Anschlusses bei der Post. 51 Emud Efad, Gespräch in Agadez, Oktober 1999. Emud war eine eindrucksvolle, innovative und hilfsbereite Persönlichkeit, die dem Land im Jahr 2000 infolge eines Verkehrsunfalls verloren ging. 52 Vgl. meine ambivalenten Erfahrungen mit dieser Möglichkeit in Friedl 2000e, Zum Thema Nr. 40, 5.5.2000, Web. 53 Vgl. Barney, Dune V., Agadez, März 2000. Mittlerweile ist Dune Voyages sowohl im Internet vertreten, als auch per Mail erreichbar. 364 erfahrung anlässlich der Gründung von Tagelmust V. Anfang 2000 auch Internet in Agadez installierte, war zu erwarten. 54 Seit 1999 hat sich in technischer Hinsicht wie auch im Bewusstsein der Menschen in Agadez sehr viel verändert. Angesichts der wachsenden Bedeutung des Internets für Kunden bei der Suche nach entsprechenden Angeboten 55 und bei der nachfolgenden Kontaktnahme wuchs unter den Agenturbetreibern das Bewusstsein, dass technische Rückständigkeit vom Markt abschneidet. 56 Mittlerweile verfügen bereits zahlreiche Agenturen über einen Internet- Auftritt 57 und über Email-Adressen. Besonders die Einführung der Email-Kommunikation trug zur erheblichen Reduktion der Kommunikationskosten für Ferngespräche bei. 58 Seit der Saison 2002-03 existieren erste Internet-Shops in Agadez 59, die jedoch in den ersten Jahren kaum auf Widerhall gestoßen sind, da das Problem der permanenten Verbindungs- überlastung nach Niamey nicht gelöst werden konnten. 60 Zwar hat der Afrikanische Fonds eine Drei-Milliarden-FCFA-Hilfe für die Verbesserung des Telefonnetzes zugesichert 61, doch die Umsetzung kann noch lange dauern. Da beim nigrischen Internet-Provider (intnet.ne) ständig technische Probleme auftreten, und die Gebühren sehr hoch sind, trägt dies verständli- cherweise zum Abklingen der Internet-Eurphorie unter den Agenturbetreibern bei. Was die Kommunikationschancen und damit auch das Erscheinungsbild von Agadez grundle- gend änderte, ist die Einführung der Mobiltelefonie. Bei der Errichtung eines GSM-900- Netzes in der Republik Niger 62 wurde im Jahr 2002 durch die ägyptische Firma Orascom Te- lecom (OT) auch in Agadez und zwar direkt im Zentrum der Altstadt (!!!) eine etwa 50 Meter hohe Antenne aufgestellt. 63 In den Folgejahren „eskalierte“ die Nachfrage nach gebrauchten „Handys“, 64 denn die Kommunikationsqualität des GSM-Netzes ist der des Festnetzes weit überlegen, obwohl es zuweilen noch zu kurzen Ausfällen kommen kann. 65 Die Kosten für mobile Kommunikation liegen weit unter jenen für das Festnetz. Mit einem Bon von 5.000 FCFA lassen sich mehrere Gespräche in das Ausland führen, der Minutenpreis liegt etwa bei 1.000 FCFA (€ 1,5). Ähnlich langsam, wie sich der Zustand der Infrastruktur für Kommunikation verbessert, wan- delt sich auch das Kommunikationsverhalten mancher Agenturen. So ist es durchaus üblich und auch verständlich, Faxgeräte während der „toten“ Saison stillzulegen und E-Mails nur sporadisch abzurufen. Für europäische Unternehmen kann jedoch die temporäre Unerreich- barkeit ihres nigrischen Partners zu nachhaltiger Verunsicherung führen. In letzter Konse- quenz kann dies zum Rückgriff auf größere, als „zuverlässiger“ erscheinende Agenturen füh- ren. Hier wird eine grundsätzliche Diskrepanz zwischen westlicher und traditionaler Kommu- nikationskultur offensichtlich, denn für westliche Unternehmen wird die permanente Erreich- 54 Aha hatte lange Jahre eine Agentur in Namibia betrieben und ist zudem mit einer Italienerin, die für die NGO COSPE in Tahoua arbeitete, verheiratet. Insofern ist er ähnlich innovativ, wie Jahre zuvor Mano Dayak. 55 Vgl. Petermann 1999, S. 135 ff. 56 Vgl. NIGETECH 2002, S. 11. 57 Z.B. www.tchimizar.com, www.dunes-voyages.com, www.saharatravel.com (Adrar Madet V.), www.tidene-expedition.de, www.agadez-tourisme.com (Agadez Exp.), www.targuitours.de. 58 Aghali Alambou (Touareg T.) berichtet von Ersparnissen bis zu 90 Prozent bei ursprünglich bis zu 400.000 FCFA/Jahr für Telefonate. 59 So verfügt etwa das neue „Hotel de la Paix“ über einen eigenen Internet-Shop. 60 In Niamey gibt es bereits zahlreiche öffentliche Internet-Shops, von wo aus die Kommunikation gut funktioniert. 61 Vgl. Kayaki 2003, Web. 62 Vgl. Kakaki 2000a, Web. 63 Dieser etwas bizarre Akt der „Stadtverschönerung“ veranlasste das Tourismussyndikat zu heftigen, aber erfolglosen Pro- testen. 64 In Agadez sieht man nunmehr das seltsame Phänomen, das für Europa längst zur absurden Normalität geworden ist: Men- schen eilen alleine, mit einer Hand am Ohr, durch die Straßen und sprechen laut vor sich hin… Nur tragen die Menschen in Agadez den Tagelmust! 65 Vgl. Le Républicain 2003a, S. 3. 365 barkeit ihres Partners als Indiz für Verfügbarkeit und Verlässlichkeit interpretiert, während nigrische Unternehmen zuweilen einfach „anderweitig beschäftigt“ sind. 10.1.3.1 Kommunikation mit der Reisegruppe Ein eigenes Problem ist die Kommunikation zwischen den Agenturbüros und den Reisegrup- pen. Grundsätzlich verfügt bislang nur ein verschwindender Teil der Agenturen über Funk- oder Satellittelefon, damit ihre Reisegruppen ihnen von unterwegs Nachrichten zukommen lassen können. Die Fahrzeuge von Niger Car (Niamey) sind mit Funk ausgestattet. Der ver- antwortliche Reiseführer ruft einmal pro Tag zur vereinbarten Zeit die Zentrale an, um etwai- ge Vorkommnisse zu melden und nötigenfalls Hilfe zu organisieren. Kann die generelle Ausstattung der Agenturen mit solchen Kommunikationsmitteln Nutzen bringen? Für einen Teil des Klientels mag ja subjektiv das Gefühl der Sicherheit steigen. Da Pannen in der Wüste häufig vorkommen, sind ohnedies mindestens zwei Fahrzeuge pro Tour vorgeschrieben, damit ein intaktes Fahrzeug Hilfe von der nächsten Oase organisieren kann. Durch Funk könnte die dafür notwendige Zeitspanne bestenfalls verkürzt werden, sofern in der Oase Meldungen empfangen werden können. Die bisherigen Erfahrungen haben gezeigt, dass ernsthafte Probleme entweder nicht auftreten oder auch mit Funk nicht zu lösen wären. Die andere Frage betrifft das subjektive Wüstenerleben unter den Bedingungen des ständigen Kontakts mit der modernen Außenwelt, von der sich mancher Niger-Reisende eben durch die Wahl einer solchen Tour distanzieren möchte. Allerdings bleibt dieses Gefühl durch Nutzung von Fahrzeugen und GPS als das Resultat von Illusion und Inszenierung. Erst auf einer Ka- meltrekking-Tour ist man für einige Tage definitiv von der technisierten Außenwelt „abge- schnitten“: Mitten im Tamgak könnte nicht einmal ein Militärhubschrauber landen… 10.1.4 Information Die Versorgung der Niger-Touristen mit Information war lange Zeit fast nicht möglich. Wer in Niamey ankam, konnte mit etwas Glück im Supermarkt beim „Petit Marché“ Kartenmate- rial erstehen, in Agadez erfüllten Dune Voyages und zum Teil auch Tidene Exp. diesen Servi- ce. Im Übrigen musste man darauf vertrauen, auf eine kompetente Auskunftsperson zu tref- fen, wenn man nach einem Hotel, einer Agentur oder dem Weg fragen wollte. In jüngster Zeit haben sich substanzielle Verbesserungen ergeben. In Niamey wurde ein Informationsbüro für Touristen eröffnet, das auf der Straße zwischen dem Grand Hotel und dem „Petit Marché“ liegt, und wo man Land- und Ansichtskarten sowie Informationsmaterial finden kann. In Agadez wurde im Jahr 2003 ein „Centre d’informations touristiques“, eine Art Informa- tionsbüro mit dem Ziel gegründet, den Touristen Informationsmaterial über die Region zur Verfügung zu stellen. Gemäß den Zielen des Tourismussydikats 66 wurde die Ausarbeitung eines umfassenden touristischen Führers bei Alain Morel, Université de Grenoble, und dem Geographen Aboubacar Adamou, Universität Niamey, in Auftrag gegeben, und durch die Kulturabteilung der französischen Botschaft finanziert. Mit dieser Veröffentlichung soll die 66 Vgl. Syndicat du Tourisme du Niger 2000, S. 3ff. 366 Beziehungen zwischen den geschützten Zonen der Region Agadez, des Ökotourismus und der nachhaltigen Entwicklung thematisiert werden. 67 Obwohl diese Initiative noch in den Kinder- schuhen steckt, ist sie ein wichtiger Schritt in die Richtung des Ökotourismus, nämlich Tou- risten entsprechend zu instruieren und zu sensibilisieren, aber auch Orientierung und Sicher- heit zu vermitteln. Es wäre zu begrüßen, wenn das Syndikat das seit langem bestehende und von vielen beschwo- rene Projekt eines Museums in Agadez in die Tat umsetzen würde. 68 Dies würde zum einen die Region als Kulturreise-Destination stärken, zum anderen wären dort die zahlreichen Fun- de an Artefakten, die sich derzeit in den Agentur-Büros stapeln, 69 besser aufgehoben. 70 Der ambivalente Umgang mit geschriebener und abstrakter Information für Touristen zeigt sich auch am „Naturkunde-Museums“ des Aïr-Ténéré-Bioreservats in Iferouane, das im Jahr 1990 gemeinsam mit einem Ausstellungsraum für Schmiede errichtet worden war. Obwohl gegenüber des Schmiede-Zentrums gelegen, war es lange Zeit für uninformierte Touristen gar nicht als Museum zu erkennen. Die Schmiede haben nicht darauf aufmerksam gemacht. Erst in jüngster Zeit wurde ein Hinweisschild angebracht, und eine verantwortliche Person wirbt für den Besuch der Schauräume, die mit Fotos und Erklärungstexten zur Problematik der De- sertifikation und der Artenvielfalt sowie mit einigen originalen Schaustücken (Artefakte, Waf- fen etc.) eher lieblos ausgestattet sind. Der Weg zu einem ökotouristischen Infor- mationszentrum, das dem erzieherischen Anspruch dieser Reiseform gerecht wird, ist jedoch noch sehr lang. 71 Ähnliche negative Erfahrung machte ich mit dem Projekt, das „Fort Massu“ in Timia zu ei- nem Museum umzugestalten, und es als Herberge und „Café“ zu nutzen. Die Idee, besonders schöne Handwerksprodukte zum Zweck der Präsentation und der Werbung auszustellen, und erst recht die Idee, dies mit alten Gebrauchsgegenständen zu tun, ist westlich-modernes Ge- dankengut; es Einheimischen zu vermitteln benötigt Zeit. Ein erster Schritt in diese Richtung ist das Ende 2002 errichtete „Centre d’Artisanat“ in Timia durch die „Amis de Timia“. Dabei wurde das „Centre“ von Iferouane offensichtlich als Vorbild genommen. Der Besucher hat hier die Möglichkeit, Produktionsprozesse zu beobachten, Meisterstücke der Leder- und Me- tall-Handwerker zu bestaunen und auch zu kaufen. 72 67 Vgl. I.R.D. 2002, Web. 68 Vgl. die Forderung der Rebellenfront CRA (1994). 69 Im Büro-Areal von Aligouran V. bestehen sämtliche Abgrenzungen der Bäume und Beete aus versteinerten Bäumen; in anderen Agenturen werden zahlreiche Reibschalen als Vogeltränken benutzt. 70 Das einzige bislang bestehende „Museum“ in Agadez ist das „Heinrich Barth-Haus“, das zumindest einen Eindruck ver- mittelt, wie die Menschen vor 150 Jahren in Agadez gelebt haben mochten. Immerhin sind dort auch Kopien einiger Texte über Barths Reisen und Wirken ausgehängt und käuflich zu erwerben. 71 Die Nationalparkverwaltung hat ein sehr gutes Fauna- und Flora-Lexikon (Tamaschek-Latein-Französisch-Englisch) he- rausgebracht (Newby, John; Tcholli, Ahmed; Canney, Susan o.A: Lexique de la Faune et de la Flore. Tamashek – Français – Anglais – Scientifique. Reserve naturelle de l’Aïr et du Ténéré. Serie des Guides Touristiques Nr. 1. Niamey), das allerdings nirgendwo erhältlich ist. Mein Exemplar erwarb ich 2001 in Iferouane, nachdem ich es im dortigen „Museum“ entdeckt und dem Museumswächter gegen Entgelt abgebettelt hatte. 72 Details über dieses Experiment siehe im Kapitel über „Potentielle Tourismusentwicklung in Timia: Vier Testprojekte/Eine Herberge im Fort Massu“. 367 10.1.4.1 Nachschlagewerke Die meisten Tuareg-Reiseunternehmer lehnen geschriebene bzw. abstrakte Informationen als unnötigen Ballast ab. Das äußert sich auch in der dürftigen Ausstattung der Agenturen mit Büchern oder sonstigen Informationsmaterialien über die Region. Die meisten Agenturen stel- len lediglich kleine Broschüren bzw. Folder zu ihren Tourangeboten zur Verfügung. Lediglich SVS konnte 1999 eine kleine, gut bestückte Bibliothek mit wissenschaftlichen Texten vorwei- sen, die Pflichtlektüre für die akademisch gebildeten europäischen Reisebegleiter darstellten. SVS hat sogar ein kleines italienisches „Handbuch“ über die Region herausgegeben. 73 Über eine persönliche kleine Bibliothek verfügen neuerdings auch Aha Isoufa (Tagelmust), worin seine modernistische Prägung zum Ausdruck kommt, sowie Akli (Agadez Exp.). Tidene Exp. hat im Jahr 2000 das restliche Kontingent des französischen Führers „Le Bonjour du Sahara du Niger“ 74 aufgekauft, um es seinen Kunden zur Verfügung zu stellen. Im Übrigen ist man als Tourist aber darauf angewiesen, sich schon in Europa mit Fachliteratur einzudecken oder einfach „zu fragen“. 10.2 Die Mängel der Marktstruktur Die mangelhafte Infrastruktur habe ich bereits als „Barriere“ gegen Massentourismus darge- stellt. Die Problematik der Tourismusentwicklung in Agadez liegt allerdings weniger in den Mängeln der Infrastruktur, die durch die Investition von Kapital und technischem Know-how relativ leicht zu beseitigen wären, sondern in den Mängeln der Marktstruktur: Wohin wird sich der Agadez-Tourismus entwickeln, wenn nicht entsprechende Gegenmaßnahmen getrof- fen werden? 10.2.1 Konkurrenz, Oligopolisierung, Dumping Wie schon im Kapitel über den Markt angedeutet wurde, kam es in Agadez zu einer Welle der Agenturgründungen, wodurch die Zahl der Agenturen von elf im Jahr 1991 auf über 50 an- stieg. 75 Gleichzeitig stieg aber die Anzahl der Pauschalkunden nur unwesentlich von 2.489 im 73 SVS hat explizit eine wissenschaftliche Linie in ihren Touren, die sie etwa auch für den legendären frz. Sahara-Forscher Theodor Monod in den Tschad oder für den Schweizer Rene Gardi organisiert hatten (Ibrahim Kane, 27. 10. 1999). 74 Dieser 1994 von Decoudras und Durou herausgegebene Reiseführer besteht aus Texten und Fotographien, die von ver- schiedener nigrischen und französischen Sahara-Wissenschaftern kostenlos zur Verfügung gestellten worden waren. Zweck des Buches war die Erstellung einer Informationsgrundlage für Niger-Reisende und Sahara-Führer. Die Herausgabe während ersten Tuareg-Rebellion war mit der - letztlich enttäuschten - Hoffnung verbunden gewesen, damit zum Ende der Rebellion und zum Wiederaufbau des Sahara-Tourismus beizutragen (vgl. Decoudras 1994, S. 6). Dieser Führer ist bis heute das einzi- ge Buch dieser Art im europäischen Raum. Trotz seiner hohen Qualität fand es unter den Reiseagenturen in Agadez kaum Verbreitung. 75 Vgl. NIGETECH 2002, S. 18. 368 Jahr 1991 76 auf maximal 4.300 im Jahr 2001, worauf deren Zahl infolge der Flugprobleme und der Ereignisse vom 11. 9. 2002 wieder auf 2.427 Personen sank. 77 Mehr Anbieter trotz sinkender Nachfrage bedingen bei fehlender Marktregelung zwangsläufig eine extrem verschärfte Konkurrenzsituation, 78 die durch Dumping und Oligopolisierung ge- kennzeichnet ist. 79 Genauso entwickelte sich der Reisemarkt in Tamanrasset. Durch das En- gagement der Charterlinien von Point-Afrique und Desert-Tours wurde eine große Anzahl an Billigtouristen in die Region geschleust. Um sie wurde wiederum mittels sinkender Preise geworben, ein Phänomen, das Daniel Popp auf der Ökotourismus-Konferenz in Algier, 2002, als die "Charterisation du Sahara“ bezeichnet hatte. 80 In Agadez zeichnete sich Anfang der 2000er-Jahre eine ähnliche Entwicklung ab, 81 mit dem Unterschied, dass die typische „Charterisation“ erst mit der Eröffnung des renovierten Flug- hafens ernsthaft drohte, letztlich aber infolge der zunhemenden Überfälle in den Jahren 2004- 2006 und schließlich infolge des Ausbruchs der Rebellion im Jahr 2007 ins Gegenteil ver- kehrt wurde, in den Zusammenbruch des Tourismus. 10.2.1.1 Oligopolisierung Die Oligopolisierung ist in Agadez an sich keine neue Erscheinung. Schon unter Mano Dayak bediente Temet V. zu Beginn der 90er-Jahre 75 Prozent der gesamten Klientel. Verständ- licherweise vermochten nach der Neubelebung des Tourismus in Agadez die erfahrenen Tou- ristiker durch ihre alten Kontakte und das Know-how sofort eine Führungsposition einzuneh- men. Im Jahr 1999 teilten sich die zwölf größten Agenturen die registrierten 875 Kunden 82 wie folgt unter sich auf: Der Geschäftsführer von Dune V., Barney, der über gute Kontakte nach Europa und über in- novatives Know-how verfügt und als Kontaktperson für Point-Afrique in Agadez fungierte, konnte rasch die Marktführung übernehmen. Bereits im Jahr 2000 veränderte sich diese „Rangliste“ durch Tagelmust V., der binnen weniger Monate drittgrößte Agentur wurde. Ein Jahr später ist Tagelmust V. bereits hinter dem neuen Marktführer Adrar Madet Zweiter vor Tidene E. gewesen, während Dune Voyages, weiter hinten rangieren sollte. 83 Der Erfolg von Aha (Tagelmoust V.) liegt u.a. darin, dass er Dune V. als Kooperationspartner des fran- zösischen Flug-Charter-Unternehmens Point-Afrique verdrängen konnte. 84 76 Vgl. Grégoire 1999, S. 291. 77 Amadou Moumouni, directeur régional du tourisme et de l'artisanat Agadez-Tahoua, zit. in Manzo 2003, S. 8; Elhadji Annour Koné (Schreiben vom 26.2.2003), der Direktor von Agadez, gibt etwas abweichende Daten an, nämlich 1.800 Tou- risten für das Jahr 2000 (März-Dez. 2000), 4.500 für 2001, 3000 für 2002 und für die Saison von Sept. 02- Feber 03 bislang 2.600 Touristen. 78 Vgl. auch Mission Économique Régionale d'Abidjan 2002, Web. 79 Zur Konzentrationsproblematik vgl. Friedl 1997. 80 Vgl. Popp 2003, Web. 81 Vgl. die Kritik von Barney (Dune V.) an eben dieser Firma als Dumping-Katalysator; Barney hat nach eigenen Angaben Point-Afrique überzeugt, Agadez in das Flug-Programm aufzunehmen,. 82 Vgl. Amadou Moumouni zit. in Manzo 2003, S. 8. 83 Alhousseini Ibra, Graz, November 2002. Über genaue aktuelle Zahlen liegen leider keine verlässlichen Angaben vor. 84 Vgl. Aha Iousoufa, Direktor von Tagelmust V., Agadez, 27. 3. 2001. 369 Tabelle 7: Reisegäste 1999, nach Agenturen geordnet Agenturname Reisegäste Agenturname Reisegäste Dunes Voyage 85 400 Tchimizar Voya- 32 ges SVS 176 Pèlerine de Désert 31 Adrar Madet Voyages 50 Aïr Car 22 Caravane Voyage 42 Touareg tours 21 Eouaden Voyage 41 Pleiade Voyage 9 Tidene Expeditiones 40 Niger Car 4 10.2.1.2 Dumping Die Marktkonzentration resultiert aus einer Kumulation von Synergieeffekten und in weiterer Folge von Marktmacht. 86 Dies äußert sich darin, dass Marktführer aufgrund ihres größeren Kapitalpolsters den Mitbewerbern mit extrem niedrigen Lock-Angeboten Kunden abwerben können. So hatte sich Aha (Tagelmust V.) im Interview im März 2001 explizit zu der Strate- gie bekannt, durch vorläufige, gerade noch kostendeckende Dumping-Angebote mit 40.000 FCFA pro Person und Tag (ca. 60 €) Partner in Europa zu gewinnen, um dann im folgenden Jahr den regulären Preis von 50.000 FCFA (75 €) mit einer Gewinnspanne von 10 bis 15 Pro- zent zu verlangen. 87 Tatsächlich unterbreitete Tagelmust V. dem österreichischen Unternehmen Kneissl Touristik im September 2003 ein Angebot mit einem Kampfpreis von 1.000 € für eine dreiwöchige Tour, was einem Tagestarif von 45 Euro pro Person entspricht. 88 Dieser Preis liegt fast 40 Prozent unter dem Normpreis und sorgte bei Kneissl Touristik für große Aufregung, nachdem der bisherige Partner Alhousseini Ibra (Tchimizar V.) stets Preise zwischen 75 und 80 Euro je nach Gruppengröße verrechnet hatte. Nachdem ich die Preisstruktur und die Dumpingpolitik in Agadez geschildert hatte, entschloss sich Kneissl Touristik, aufgrund der bislang positiven Erfahrungen auch weiterhin mit Tchimizar V. zu arbeiten und auf das Dumping-Angebot von Tagelmust V. zu verzichten. Andernfalls hätte Tagelmust V. die kleine Agentur Tchimizar V. um ihren wichtigsten Partner gebracht und zum Ausscheiden aus dem Markt gezwungen. Die Problematik der Preise für Touren in Agadez liegt u.a. in den zahlreichen verdeckten Kosten, die aber als Investition in den sozialen Frieden und für die Sicherheit der Kunden grundlegend sein können. Werden z.B. Ausgaben während der Rundreisen in der Weise ge- 85 Vgl. UICN 1999a. 86 Freilich können innovative Unternehmer wie Aha auch durch gutes Know-how solche Kosten sparen, die einem weniger kompetenten und gebildeten Unternehmer, wie sie in Agadez verbreitet sind, erwachsen. So passiert es immer wieder, dass kleine Agenturen in Europa auf Ratschläge von falschen Seiten hören, die teuer zu stehen kommen. Einer Agentur wurde etwa von einer „guten Freundin“ aus dem dt. Bundeskanzleramt das „besonders günstige Angebot“ einer Katalogproduktion (1500 Exemplare) für 3.500 Euro vermittelt. Die Kataloge liegen großteils heute noch in Berlin. 87 Vgl. Aha Iousoufa, Direktor von Tagelmust V., Agadez, 27. 3. 2001. 88 Vgl. Schwendinger, Martina, Orient-Abteilung Kneissl Touristik, Telefonat, Lambach., 3. 9. 2003. 370 spart, dass nichts bei Nomaden gekauft oder die örtlichen Serviceeinrichtungen, wie Cam- pingplätze, nicht genutzt werden, so senkt dies zwar die Kosten, trägt aber zum Unmut der Bevölkerung und damit zur Steigerung des Überfall-Risikos bei. Während etwa Tchimizar V. mit den Kneissl-Touristik-Gruppen in Timia im örtlichen Campingplatz nächtigt, wodurch die Gemeinde von Timia am Tourismus profitiert, soll Aha (Tagelmust V.) seine Kunden nach Auskunft der Bevölkerung von Timia 89 in seinem eigenen Haus bzw. eigenen Garten unter- bringen. Dadurch können jene Kosten gespart werden, die dem Dorf entgehen. Allerdings wird genau dadurch eine wichtige Investition in die Sicherheit von Touristen eingespart: Nach meinem Wissen wurden Gruppen von Tagelmust V. seit dem Jahr 2000 mindestens drei Mal Opfer von Überfällen. 90 Eine weitere Ursache für die Marktverzerrung liegt im Einsatz solcher Fahrzeuge, die wäh- rend der Rebellion geraubt worden waren, wie im Zuge der Interviews von einigen Agentur- Chefs, allerdings auch von NRO-Mitarbeitern kritisiert wurde. Dieser Umstand habe für man- che Marktteilnehmer überhaupt erst die Gründung ihrer Agentur und die Kalkulation unrealis- tisch niedriger Preise ermöglicht 91 . Eine bedeutende Marktverzerrung resultiert nach der Überzeugung etlicher Agenturchefs auch aus dem „schwarzen“ Tourismus 92, d.s. illegale touristische Aktivitäten, wie die kommerzielle Unterbringung etlicher Touristen in privaten Unterkünften, was bereits behandelt wurde, oder die Vermietung von Fahrzeugen durch NROs oder EZA-Büros. 93 Gegenüber den legalen Marktteilnehmern verfügen diese Konkurrenten über einen enormen Wettbewerbsvorteil, weil sie sich Kosten wie Lizenzgebühren, Steuern, Marketing etc. ersparen. Vor allem aber werden die von NRO vermieteten Fahrzeuge auf Kosten der jeweils dahinter stehenden Organi- sationen betrieben. Auf diese Weise würden sich die Betreffenden ausgerechnet auf Kosten des Landes und der Menschen bereichern, denen sie zu helfen offiziell vorgeben. 94 Die große Gefahr in der Entwicklung des „grauen Tourismus“ sieht Barney (Dune V.) 95 darin, dass Reiseveranstalter oder auch regionale Unternehmer ohne Lizenz über kleine Agenturen in den Markt eindringen und diesen aushöhlen. So steht etwa hinter Arakao V. ein reicher Händler, der sich scheinbar aus Liebhaberei im Tourismus engagiert. 96 So wären Touren für Preise von 22.500 FCFA pro Person und Tag, also weniger als der Hälfte des regulären Prei- ses, zu erklären. 97 Die wachsende, unfaire Konkurrenz 98 führt vermehrt zu Konflikten, zur Gefährdung der Kun- den sowie insgesamt zur Abwertung der gesamten Region als Reiseziel. Denn Dumpingpreise 89 Timia, März 2003. 90 Näheres zu den Überfällen vgl. das Kapitel über „Konflikte im Bereich des Tourismus“. 91 Vgl. dazu meine Ausführungen in Friedl 2001a, Bruderzwist der Tuareg, Zum Thema, Web. 92 „Schwarzen Tourismus“ betreiben nach Rossmann (2003, Web) jene Personen und Institutionen, die als Pauschalreisever- anstalter auftreten, touristische Angebote organisieren und kommerziell vermarkten, ohne gesetzliche Vorgaben des Gewer- be-, Steuerrechts und sonstige relevante Rechtsvorgaben einzuhalten. Gewinnabsicht muss hingegen nicht vorliegen. Vgl. auch die diesbezüglichen strengen Regelungen der österr. Rechtsordnung. So drohen bei öffentlicher Ausschreibung, Organi- sation und Durchführung von Reisen ohne Gewerbeschein lt. § 366 f. GewO Strafen bis zu 3.600 €, sowie nach der Reisebü- rosicherungsverordnung zusätzlich Strafen in ähnlicher Höhe, wenn diese Pauschalreisen nicht entsprechend gesichert sind. 93 Sinngem. Kritik durch Barney (Dune Voyage, 25. 2. 2000, 6. 4. 2001), Mohamed Ixa (Tidene, März 2001). Alhadschi Karne (6. 4. 01, Agadez) berichtete, ein deutsches Paar beobachtet zu haben, dem für eine Reise ins Aïr die Preise der Agen- turen zu teuer gewesen seien sollen. Daraufhin sei es zur GTZ gegangen. Später habe man sie gesehen, wie sie bei der Tank- stelle eigenhändig einen Wagen der GTZ aufgetankt hätten und dann in Richtung der Aïr-Berge aufgebrochen seien. 94 Vgl. sinngem. Kritik von Barney, 6. 4. 2001. 95 Vgl. ebd. 96 Dies zeigt sich etwa daran, dass kaum jemand der Mitarbeiter Französisch spricht und dass das „Büro“ in einem finsteren, schmuddeligen Raum neben einer übel riechenden Toilette untergebracht ist. 97 70.000 FCFA pro Fahrzeug und Chauffeur + 5.000 FCFA pro Person für Verpflegung (Achmed Alcher, Direktor v. Arakao Voyages, Agadez, 5. 4. 2001). 98 Die Schuld an der Dumping-Spirale schieben sich die Agenturen zum Teil selbst zu (Aligouran V. beschuldigte Dune V. und Aracao V.; Dune V. beschuldigte u.a. Croq’Nature und die „schwarzen Unternehmen“), zum Teil Außenstehende (Aga- dez Exp. beschuldigte die frz. Partner-Unternehmen; Aracao V. beschuldigte die Kunden). 371 unterhalb der realen Kosten können von kleineren Unternehmen nur finanziert werden durch möglichst lange Verwendung der Fahrzeuge und Ausrüstungsgegenstände unter Verzicht auf kostspielige Sicherheitsvorkehrungen 99 und Erneuerungen 100, sowie durch die Erzwingung der niedrigen Preise in Form reduzierter Gehälter und Honorare bei Subunternehmern. Un- fallgefahr bei sinkendem Standard wurde im Feber 2003 im Verlauf einer Trekking-Tour auf den Bagzan deutlich, als zwei Kunden von Kamelen stürzten, weil die Lederriemen der veral- teten Sättel gerissen waren. Mit dem Kostendruck wächst die Bereitschaft, sich in verbotene oder besonders riskante Un- ternehmungen einzulassen, um den Erlebnishunger und den Freiheitsdrang des „Königs Kun- de“ zu stillen 101. Im Jänner 2003 starben drei italienische Touristen der Agentur SVS, nach- dem deren Fahrzeug im verbotenen 102 nördlichen Bereich des Djado-Plateaus auf eine Mine gefahren war. 103 Ökologisch und sozial unverantwortliche Aktivitäten der Klientel werden unter solchen Bedingungen zunehmend toleriert oder gar von heimischen Touristikern ange- boten, um die Kunden nicht zu verlieren. 104 10.2.1.3 Fazit In Summe stellt Dumping eine gefährliche Entwicklung für einen Markt dar, ohne dass hohe Preise bereits ein Garant für sinnvolle Marktentwicklungen wären. Auf die neue Markt- situation müssen sich die überwiegend traditionell geprägten Unternehmer erst einstellen. Entsprechende Bildungsmaßnahmen zur Förderung ihres Know-hows erfordern die Investiti- on von Zeit und Geld. Hier beißt sich die Katze in den Schwanz: Im freien Markt gibt es keine Selbstregulation, weshalb der Staat gefordert wäre. Doch im Niger leiden die Repräsentanten des Staats an ähnlichen Problemen wie die zu betreuenden und regelnden Marktteilnehmer. 10.2.2 Mangelhafte Rechtsstaatlichkeit Der Staat und die mit ihm verbundenen sozialen Kräfte hätten eine vitale Rolle zu spielen, wenn es um die Schaffung von Rahmenbedingungen für den nationalen und regionalen Tou- rismusmarkt und um die gerechte Umverteilung der dabei erwirtschafteten Mittel ginge. So läge es in der öffentlichen Hand, Kredite zu vergeben sowie Infrastruktur, politische Strate- gien und Gesetze zu entwickeln, um die vorhandenen Ressourcen optimal zu nutzen und de- ren Ausbeutung zu verhindern. Die Planungskompetenz versetzt den Staat in die Lage, regio- nale Tourismusentwicklungspläne oder auch Richtlinien zur leichteren Kooperation der betei- 99 Vgl. die Kritik von Achmed Eouaden (Eouaden Voyages, 16. 2. 2000, Agadez), der einen Mangel an Verständnis für Si- cherheitsfragen bei den Fahrern und Agenturbetreibern konstatiert. Die nötigen Kontrollen werden in der Praxis durch kleine Korruption verhindert. 100 Das Hotel „Amitié“ in Tahoua nützt seine Monopolstellung aus, indem trotz schlechten Zustands auf jegliche Investitio- nen verzichtet wird. Dafür müssen primär die Touristen leiden, in der Folge der Ruf des Niger-Tourismus und damit die Agenturen. 101 Vgl. Prosser 1998, S. 395. 102 Ausk. Houiah, Jänner 2003. 103 Gouvernement du République du Niger 2003, Web. 104 Näheres im Kapitel über die „Probleme durch Tourismus“. 372 ligten Akteure zu erstellen 105. Die Schaffung entsprechender Rahmenbedingungen betrifft Fragen der Einreisebedingungen und -formalitäten, wie Visa-, Zoll- und Gesundheits- vorschriften, die Erstellung von Masterplänen für eine geordnete Tourismusentwicklung und insofern die Regelung des Marktes. Im Kontext der meisten Einwicklungsländer, und nicht nur dieser, ist dieser Anspruch allerdings weit von der Realität entfernt, 106 was für einen Teil der Marktteilnehmer mit zahlreichen Problemen verbunden ist. 10.2.2.1 Tourismusplanung Im Niger hat es bereits einige Ansätze zur Tourismusplanung gegeben, etwa die globalen und integrierten Tourismuskonzepte der „Administration Nationale du Tourisme“ in den 80er- Jahren, die u.a. zum Bau des Luxushotels Gawey in Niamey geführt hatten, 107 oder der nati- onale „Plan de développement du tourisme“, der 1992 unter dem Tuareg-stämmigen Tou- rismusminister Mohamed Moussa ausgearbeitet und 1995 adaptiert worden war. 108 Dass die- ses mitten in der Rebellion entwickelte Konzept nicht umgesetzt wurde, ist wenig überra- schend. Im Juli 1998, nach dem endgültigen Ende der Rebellion, wurde ein nationales Forum im Rahmen des „Programme de relance économique“ (PRE) über den Tourismus in Tahoua ab- gehalten. Dabei wurdem die Verbesserung der touristischen Organisationsstrukturen, die ad- ministrativen Erleichterungen für touristische Unternehmer, die Förderung der touristischen Infrastruktur, die Promotion und Kommerzialisierung des Niger-Tourismus und die Entwick- lung des Ökotourismus bei kontrolliertem Wachstum als Ziele festgelegt. 109 Die detaillierteste Planungsinitiative setzte die UICN mit ihrem Projekt zur Förderung des regionalen Ökotourismus. In den vorbereitenden Dokumenten wurde besonderes Augenmerk auf den Kampf gegen die Verschmutzung der Landschaften und die Plünderung historischer und archäologischer Stätten sowie auf konkrete Maßnahmen zum Schutz und zur gleich- zeitigen Ökonomisierung des Reservats gelegt. Dies umfasste u.a. die Kennzeichnung von Pisten, auf denen das Reservat durchquert werden darf, der Wiederaufbau des durch die Dür- ren geschädigten Karawanensystems sowie dessen Integration in das Tourismussystem. We- sentlich war auch die erzielte Einigung zwischen der UICN und den Agenturen auf einen Plafond von 10 bis 12.000 Besuchern pro Jahr für das Reservat. 110 Letztlich soll eine Umsetzung dieses Plans laut UICN am gegenseitigen Misstrauen zwischen der Organisation und den Agenturen gescheitert sein. Noch im Verlauf des Jahres 1999 hatte die UICN beabsichtigt, umfassende Sensibilisierungsmaßnahmen als Strategie zur Hebung des Bewusstseins für die Bedeutung des Umweltschutzes als Basis für eine nachhaltige öko- nomische (Tourismus-)Entwicklung durchzuführen. Diese Maßnahmen, verbunden mit In- formations- und Ausbildungsinitiativen, sollten sich an sämtliche touristische Akteure, ob Agenturen, Touristen, Verwaltung oder die betroffene Bevölkerung, richten. Ein weiterer Aspekt wäre die Formulierung einer neuen, nationalen, umweltverträglichen Tourismus- 105 Vgl. Coathup 1998, Web. 106 Vgl. Ghimire 1997, S. 3, der darauf hinweist (S. 9), dass dieser Anspruch sogar in Europa kaum erfüllt wurde. 107 Vgl. Alzouma 1996, S. 344 108 Hinw. in UICN 1999, S. 1. 109 Hinw. ebd., S. 2. 110 Vgl. ebd., S. 6. 373 politik gewesen, in deren Planungsprozess die regionale Bevölkerung zu integrieren gewesen wäre. 111 Zur Umsetzung dieses Vorhabens kam es nicht mehr. Das letzte Ergebnis war der gemein- same Entwurf eines Ökotourismus-Kodex 112 durch Tourismusminister Rhissa ag Boula und die Reiseagenturen im Dezember 1999. Diesem Beschluss folgten keine weiteren Initiativen, die Deklaration war wertlos. Einen neuerlichen Anlauf zur langfristigen Planung machte das Tourismusministerium zuletzt im November 2000 mit dem „Plan de développement du tou- risme et de l'artisanat“. 113 Die Neugründung des „Syndicat du Tourisme du Niger STN“ am 8. November 2000 ist durch das unzureichende Engagement der zuständigen Behörden und Organisationen, etwa der ANPTH 114, damals vertreten durch Amoustapha Warta, zu verstehen. 115 Die Initiative zur Gründung eines neuen Instruments zur Planung und Koordination der Tourismusentwicklung haben am 12. 10. 2000 einige innovative Agenturbetreiber ergriffen, die auch die wesent- lichen Funktionen der neuen Organisation übernahmen. In der Folge haben zahlreiche Agen- turen das Syndikat als illegale Konstruktion zur Aneignung der Macht über die regionale Tou- rismuspolitik kritisiert. 116 Tatsächlich wurden bis zur offiziellen Anerkennung des STN im März 2001 117 einige Aktivitäten ergriffen, die lediglich auf realer Macht beruhten, aber jegli- cher rechtlichen Grundlage entbehrten. 118 Mittlerweile aber hat das STN Initiativen gesetzt und realisiert, weshalb man von einer sub- stanziellen Verbesserung der Planungsqualität im Bereich der Tourismusentwicklung in Aga- dez sprechen kann. Zu nennen wären die bereits durchgeführte Ausbildungskampagne der NIGETECH für Reiseleiter und technisches Personal 119 oder auch die bereits vollendete Er- richtung eines Informationsbüros für Touristen in Agadez 120 auf Initiative des STN. Es bleibt zu hoffen, dass in Zukunft, nach einer friedlichen Beilegung der Anti-Uran-Rebellion, die übrigen Ziele des STN weiterhin effektiv angestrebt werden: Schutz des regionalen Marktes gegen „Schwarztourismus“, Erfassung, Qualifizierung und amtliche Anerkennung der Führer, Schutz der natürlichen und kulturellen Ressourcen, Vermeidung tourismusbedingter Schäden für die Bevölkerung, 121 die Bekämpfung der Unsicherheit 122 und der Behördenwillkür, Flug- hafenrenovierung in Agadez 123. Mittlerweile wird das STN von den meisten Agenturen ak- zeptiert. 124 111 Vgl. ebd., S. 7. 112 Vgl. UICN 1999a, Charte sur l´ Ecotourisme. 113 Vgl. Manzo, Sani Soulé 2003: Tourisme à Agadez. Charmes et merveilles de la cité de l’Aïr. In: Sahel Dimanche, N° 1046 vom 12.9.2003, Niamey, S. 1, 8-9. 114 Besonders Präsident Amoustapha Warta (Abal V.) wurde massive Untätigkeit vorgeworfen. Dessen mangelnde Sensibilität gegenüber gewissen Problemen im Tourismus zeigte sich etwa im Feber 2000, als er eine Gruppe von Franzosen in Iferouane führte, wobei ein Mitglied, eine junge Französin, mit extrem kurzen Shorts und schulterlosem T-Shirt bekleidet war. Auf meine Kritik hin hatte er damals vorgegeben, die Tuareg seien ohnedies tolerant, und man müsse als Touristiker die Bekleidungswün- sche der Touristen respektieren. Auch Aghali Alambo (Touareg T., 1.4.01) sowie Akli (Agadez Exp.) kritisierten die Tatenlosig- keit des inkompetenten ANPTH-Vorstandes. 115 Details über das STN siehe das Kapitel über „Struktur des Tourismus in Agadez/politische Tourismusstrukturen“. 116 Vgl. u. a. Ibrahim Abambacho, damaliger Generalsekretär der ANPTH und Direktor v. Aligouran V., 5. 4. 2001, Agadez; ähnlich auch Ibrahim, der damalige ONT-Direktor in Agadez (25. 3. 2001). 117 Vgl. das Anerkennungsschreiben der Magistrats von Agadez Nr. 0003,01/CAZ vom 2. 3. 2001, in: Syndicat du Tourisme du Niger 2000, Anhang. 118 Dazu weiter unten. 119 Vgl. NIGETECH 2002, S. 0. 120 Vgl. STN 2001a. 121 Vgl. Art. 6 du Règlement intérieur du STN, in: Syndicat du Tourisme du Niger 2000, Anhang. 122 Das STN hatte wesentlich für die koordinierte Verfolgung der Verantwortlichen für den Überfall in Temet am 30.1. 2001 beigetragen (vgl. STN 2001b). 123 Vgl. Joulia Akli, Agadez, 9.2.2003. 124 So hatte ich auch Tchimizar V. letztlich von einer Mitgliedschaft überzeugen können, obwohl diese Agentur, wie noch zu zeigen sein wird, Nachteile durch das STN hatte hinnehmen müssen. 374 10.2.2.2 Personelle Kompetenzmängel der politischen Akteure Am Beispiel der STN wird deutlich, wie sehr Tourismusplanung und -Management in einer Region wie Agadez Personen bräuchte, die innovatives Potential einbringen, die Region ken- nen, aber gleichzeitig auch über die nötige Distanz zu den Machtakteuren verfügen, um nicht durch soziale Bindungen verpflichtet zu sein. Akli Joulia, der Präsidenten des STN, ist Halb- Tuareg. Der ausgebildete Pilot lebte lange Zeit in Europa und ist mit der Französin Céline Boileau Joulia verheiratet, die mittlerweile das Amt des französischen Honorarkonsuls in Agadez bekleidet. 125 Akli bringt damit jene dynamische und innovative Zugangsweise, ver- bunden mit dem nötigen Verantwortungsbewusstsein einerseits und einer gewissen sozialen Bindungen zur Region andererseits in die regionale Tourismusentwicklung ein. 126 Die motivierte und kompetente Führungsmannschaft des STN wird blockiert, wenn ähnlich qualifiziertes Fachpersonal, politischer Willen und finanzielle Mittel fehlen. Die Verteilung finanzieller Mittel, die Besetzung vieler Posten oder politische Entscheidungen sind häufig durch familiäre oder ethnische Bindungen motiviert. 127 Dieser Vorwurf wurde von manchen Agadez-Agenturen auch gegenüber dem Tourismusminister Rhissa ag Boula erhoben. Dieser hätte nur darum die Verfolgung der Verantwortlichen für Überfälle, die in seinem Einfluss- gebiet aus der Zeit der Rebellion, Iferouane, stattgefunden haben, nicht mit der nötigen Nach- drücklichkeit forciert, weil er durch zu viele Verpflichtungen gegenüber dieser Region ge- bunden gewesen sei. Bei dieser Kritik wird allerdings übersehen, dass Rhissa auch innerhalb der Regierung nur über beschränkte Aktionsmacht verfügt. So hatte Rhissa nach dem Überfall in Temet die Agenturen aufgefordert, je 35.000 FCFA für Treibstoff der Sicherheitstruppe FNIS beizu- steuern. Dies wurde von vielen Agenturen mit dem Hinweis verweigert, dass durch die von den Agenturen erbrachten Steuerleistungen und Abgaben der Staat bereits hinreichend finan- ziert werde. 128 Geldmangel als Grund für die unterbliebene Verfolgung von Banditen wurde seitens der Behörden auch in späteren Fällen mehrfach vorgetäuscht. 129 Für die Kompetenz des Tourismusministers spricht, dass er als Buchhalter bei Temet Voyages hinreichende Erfahrungen im Tourismus sammeln konnte und dass er als Ex-Rebellenchef über die nötige Autorität verfügt. Vor diesem Hintergrund ist auch seine Einsetzung als Mi- nister zu versehen. In Afrika müssen zwangsläufig öffentliche Posten auch mit Personen be- setzt werden, die über einen entsprechenden Rückhalt in der Bevölkerung verfügen. Andern- falls würden sie blockiert oder gar getötet werden. Demokratische Rituale, wie Wahlen, die- nen eher zur Beseitigung von Legitimationsdefiziten, weniger aber der Partizipation. 130 In diesem Zusammenhang ist auch ein weiteres großes Problem für die Tourismusentwicklung und die Entwicklung des Niger insgesamt zu sehen, das der Korruption. 125 Vgl. Manzo 2003, S. 9. 126 Dass das Ehepaar Joulia darum gleichfalls persönlicher Vorteile sucht, zeigt der Beitrag über Agadez im französischen Reiseführer Guide du Petit Futé (Niger 2002-2003) von Célin Joulia, in dem sie im Wesentlichen Eigenwerbung für ihr Hotel „Maison Azel“ betreibt (vgl. o. A. 2003c, Web). 127 Hinw. von Falch, Vortrag, Juli 2000, Ma. Luggau, am Beispiel von Bhutan; Andersen 2000, Web. 128 Vgl. STN 2001b. 129 Vgl. Allakaye 2003, S. 4. 130 Vgl. Ziemer 2000a, S. 623. 375 10.2.2.3 Korruption Korruption ist für Tetzlaff neben der wechselseitigen Verstärkung des unprofessionellen und unverantwortlichen Verhaltens der administrativen Führungsschicht und dominanter Bevölke- rungsteile sowie der traditionalen, archaischen Verhaltensweisen einiger Bevölkerungsteile einer der drei wesentlichen Ursachen, die für die Erosion des Staates verantwortlich seien.131 Dabei ist „Korruption“ als diejenige Form der Bestechung zu verstehen, bei der staatliche Leistungen auf administrativer Ebene individuell durch Extrahonorare bezahlt werden müs- sen. 132 Korruption wird in der Literatur sehr unterschiedlich beurteilt. Manche Autoren betrachten sie pragmatisch als ein unverzichtbares "Schmiermittel" zur Aufrechterhaltung der leidlichen Funktionsfähigkeit des schwerfälligen Verwaltungsapparats. Demgegenüber dominiert jedoch die Kritik an jeglicher Form der Korruption, weil sie 1. nur diejenigen begünstige, die sich Bestechungen auch leisten können, und weil sie 2. die Vertrauenswürdigkeit der Verwaltung und damit die Legitimität des Staates bei den benachteiligten Bevölkerungsteilen unter- grabe. 133 Die Problematik bei dieser Beurteilungsweise liegt im Rückgriff auf westliche soziale Syste- me, die nach dem Weber’schen Prinzip der Bürokratisierung strukturiert sind. In Europa ging dieser Entwicklung bereits eine lange Tradition der Monetarisierung voran. In Afrika beruhen hingegen zahlreiche ökonomische Begegnungen noch heute auf nicht-monetären Austausch- beziehungen, der sog. Ökonomie der „generalisierten Reziprozität“. Darunter wird der Aus- tausch von Gaben oder Leistungen als eine Erfüllung eines moralischen Anspruchs ohne un- mittelbar folgende Gegengabe verstanden. 134 Dieses System beruht auf einem komplexen sozialen Netz der Solidarität und Verbundenheit, das entsprechende Verpflichtungen der Be- günstigten gegenüber eigenen Angehörigen oder auch den traditionellen Handelspartnern mit sich bringt. 135 Was somit nach europäischen Kriterien als korrupt erscheint, gilt vor Ort gleichsam als sozia- le Verpflichtung bzw. als sozial legitimierter Austausch. So empfindet etwa ein „Kon- trolleur“, der auf afrikanischen Straßen „Schutzgelder“ eintreibt und als Gegenwert Schutz anbietet, dieses nicht als korruptes Verhalten. Andererseits kann diese Form der „Umver- teilung“ jene, die sich durch die korrupten Machthaber benachteiligt fühlen, zur Überzeugung führen, zu Widerstand und Gewalt legitimiert zu sein. 136 Dies war besonders bei der Tuareg- Rebellion so. Auch bis Mitte der 2000er-Jahre äußerten Angehörige der Tuareg im Tourismus häufig ihren Unwillen mit dem Hinweis, die Rebellion könne auch wieder zurückkehren 137, was sich letztlich im Jahr 2007 mit dem Ausbruch einer Anti-Uran-Rebellion auch be- wahrheitete. Die Diskrepanz zwischen westlicher Sicht und lokaler Einstellung wird besonders deutlich, wenn man als Forscher persönlich betroffen wird. 138 Erst später verstand ich, dass es aufgrund 131 Vgl. Tetzlaff 1999, S. 310. 132 Vgl. Fleischhacker 2000, S. 450. 133 Vgl. Andersen 2000, Web. 134 Vgl. Elwert 1983, S. 312. 135 Vgl. etwa die Beziehungen zwischen den Kel Ewey-Karawaniers und ihren Salzhändlern in Bilma oder auch ihren Haus- sa-Bauern im Süden. 136 Vgl. Taake 2002, S. 11 f.; ähnlich Wieczorek-Zeul 2001, S. 158 f. 137 Gespräche mit (hier nicht zu nennenden Namen von) Tuareg im Jänner 2003. 138 So setzte mich mein damaliger Assistent Arali im Jänner 2000 mit für Tuareg völlig unüblichen Wutausbrüchen massiv unter Druck, um von mir mehr Geld als ursprünglich vereinbart zu bekommen. Auch meine damalige Gefährtin, die ihn beauftragt hatte, ein Schwert zu einem bestimmten Höchstpreis zu besorgen, versuchte er „übers Ohr“ zu hauen. Schließlich 376 der vielfältigen sozialen Verpflichtungen solcher Personen, die z.B. als EZA-Mitarbeiter oder Forschungsassistenten an einer „Quelle“ sitzen, von ebendiesen seitens ihrer Verwandten ge- radezu erwartet werde, diese „Quelle“ maximal zu nutzen, um abhängige Personen entspre- chend versorgen zu können. 139 Der nigrische Staat kann seine Versorgungsleistung durch die hinreichende Bereitstellung von Arbeitsplätzen gar nicht, und die Zahlung der Gehälter an seine Angestellten nur mangelhaft erfüllen. Im Jahre 1999 war die Regierung mit der Auszahlung der Gehälter bis zu zwölf Mo- nate im Rückstand. 140 Seither hat sich die Lage zwar gebessert, ist aber nach wie vor prekär. Dies erklärt viele Verhaltensweisen von Beamten, die ohne illegale Aufbesserung des Gehalts ihre Familien nicht ernähren könnten. Kontrollorgane prüfen pedantisch die Reisegruppen, bis der Reiseleiter einen entsprechenden Betrag “spendet“. Stührenberg berichtet davon, wie sein Fahrer Limal (Tidéne Exp.) von der Polizei bei Arlit minutiös kontrolliert wurde, bis man sich „handelseinig“ wurde und 10.000 FCFA den Besitzer wechselten. 141 Besonders beliebt ist die „Ausführsteuer“ für Waren, die Touristen im Niger legal gekauft haben. Im Jahr 2000 hätte ich für die Ausfuhr eines Sattels im Wert von 40 € am Flughafen von Niamey den gleichen Gegenwert in FCFA zahlen müssen. Dank der Intervention meines Kollegen Houché begnügte sich der Zollbeamte mit einem Bakschisch von 5.000 FCFA (6,6 €). Därr warnt vor willkürlicher Beschuldigung durch Beamte, „man habe einen Unfall (evtl. sogar mit Körperverletzung) verursacht oder man habe dies oder jenes verbotenerweise getan oder unterlassen. Im schlimmsten, aber äußerst seltenen Fall landet man für begrenzte Zeit im Gefängnis. Normalerweise lässt sich die Angelegenheit ohne ernste Folgen klären, indem man ruhig und bestimmt auf seiner Unschuld beharrt oder letztendlich (…) doch Schmiergeld bezahlt.“ 142 Für die Tourismusentwicklung liegt das Problem der Korruption in verminderter Sicherheit vor Willkürmaßnahmen der Behörden. Dies kann das Image des Niger als sicheres Reiseland beeinträchtigen. Ein solcher Extremfall ereignete sich am 18. 12. 1999 im Flughafengebäude von Agadez anlässlich der Ankunft des ersten Charter-Flugs der neuen Saison. Die Anwesen- heit des Tourismusministers, eines TV-Senders und anderer Persönlichkeiten hinderten einen Gesundheitsbeamten nicht, im Zuge der Kontrolle der Impfpässe bei den Touristen das Fehlen von Meningitis-Impfungen zu bemängelnd. Einwände, wonach keine Meningitis-Impfpflicht bestünde, akzeptierte der Beamte genau so wenig wie eine amtsärztliche Bestätigung, dass eine betroffene Touristin geimpft sei. Erst die Interventionen durch Barney (Dune V.) konnte den Beamten von seinem „Irrtum“ und somit dem inakzeptablen Versuch, seinen Impfstoff gewinnbringend zu verkaufen, abbringen. In der Folge schien sich aber bei den staatlichen Behörden (Zoll, Polizei, Militär...) zu- nehmend die Überzeugung durchzusetzen, dass Tourismus für das Land einen größeren Nut- zen erbringe, wenn er sich unbehelligt entfalten könne; die Häufigkeit der Schikanen sank bis erfuhr ich auch von Muha Ilo (Tahoua) und Gerd Spittler, dass Aghali die Gelder einer Schulsammlung zur Finanzierung persönlicher Ausgaben unterschlagen hatte. 139 Darüber wurde ich von den Anthropologen André Bourgeot und auch von Andreas Obrecht aufgeklärt. 140 Vgl. Friedl/Schriefl 2000, Südwind Nr. 1 - 2, 2. 2000, S. 27. 141 Vgl. Stührenberg 2002c, S. 37. 142 Därr A. 2000, Web. 377 Mitte der 2000er-Jahre beträchtlich.143 Auch STN hatte wichtige Schritte zum Abbau der ad- ministrativen Barrieren unternommen. 144 10.2.2.4 Rechtliche Willkür In vielen Entwicklungsländern, auch dem Niger, ist die Rechtsstaatlichkeit mangelhaft entwi- ckelt und ähnlich der Korruption allgemein verbreitet. Daher agieren lokale Machthaber gele- gentlich willkürlich und ohne gesetzliche Legitimation. Houché von Tchimizar V. berichtete davon, dass eine seiner Reisegruppen, die mit vier Fahr- zeugen einer algerischen Partneragentur im Jänner 2001 auf nigrischem Terrain unterwegs war, in Bilma arretiert wurde. Dies sei auf Initiative von Mohamed Ixa, Akli Joulia, Barney und anderen führenden Personen im Umkreis des damals neu gegründeten Syndikats bei Tou- rismusminister Rhissa ag Boula ausgelöst worden. Als Legitimation wurde angegeben, dass die Ausübung touristischer Leistungen durch algerische Unternehmen im Niger untersagt sei. Infolge der Intervention eines Ministerialbeamten in Niamey, der gegen diese illegale Arretie- rung protestierte, kamen die Reisenden wieder frei. 145 Auffallend an dieser Willkür- Maßnahme sei der Umstand gewesen, dass eine ähnliche Kooperation von Aïr Voyages mit algerischen Partnern auf nigrischem Boden keinerlei Intervention nach sich zog. Der Direktor von Aïr Voyages heißt zufällig Mohamed ag Boula und ist der Bruder des Tourismusminis- ters. 146 In einem anderen Fall sei Houché durch den damaligen ONT-Direktor von Agadez zu einer "Straf"-Gebühr von 300.00 FCFA (ca. 450 €) veranlasst worden, weil eine Gruppe von Mo- torradfahrern nur von einem Agentur-Fahrzeug von Tchimizar V. begleitet worden sei. Auf eine Anfrage im Ministerium hin sei Houché mitgeteilt worden, diese Gebühr sei widerrecht- lich verlangt worden. Der entsprechende ONT-Direktor sei jedoch nach Zinder versetzt wor- den. Eine Rückforderung sei wegen damit verbundener Unannehmlichkeiten im Ministerium nicht erwünscht. 147 Häufiger sind solche Fälle mangelnder Rechtsstaatlichkeit, bei denen die in den Machtzentren erlassenen Gesetze nie zur entsprechenden Behörde vor Ort gelangen (z.B. aufgrund einer schadhaften bzw. mangelhaften Kommunikationsinfrastruktur), geschweige denn, dass sie an die Zielgruppen weitergegeben würden. Dies erklärt, weshalb die meisten tourismusrele- vanten Gesetze unter den Akteuren weitgehend unbekannt sind. Auch wenn die Gesetze bekannt wären, würde dies wenig ändern, da im Allgemeinen die Mit- tel für den Vollzug bzw. die Durchsetzung der Gesetze fehlen. Wenn es z.B. den Sicherheits- behörden - wie so oft im Niger - an Treibstoff mangelt, können sie auch keine Banditen ver- folgen …. Manche Leute behaupten jedoch, dass Mangel an Treibstoff nur ein Vorwand für unterlassene Verfolgung sei. Dieser Verdacht wird damit begründet, dass einige Personen, die als Hauptverdächtige im Zusammenhang mit Überfällen gefasst worden waren und die inner- halb der Bevölkerung als „Banditen“ bekannt seien, aus „Mangel an Beweisen“ wieder frei- 143 Von Nigercar V. wurde als bestes Mittel gegen Korruption und Schikanen die Strategie genannt, für derartige Zahlungen Belege zu verlangen und zudem die Fahrzeuge technisch auf gesetzesgemäßem Stand zu halten. 144 So bedarf es seit 2002 nur noch der Hinterlegung eines Routenblattes beim ONT und nicht mehr wie früher von insgesamt vier, nämlich je eines bei ONT, Gendarmerie, Polizei und Präfektur. 145 Entsprechend auch die Darstellung des damaligen Tourismus-Direktors von Agadez, Ibrahim (25. 3. 2001), wonach kei- nerlei gesetzliche Einschränkung für das Befahren des Niger durch algerische Agenturen bestehe. 146 Zur jetzigen Regelung der algerischen Kooperationen siehe sogleich. 147 Diese Informationen sind insofern mit Vorsicht zu behandeln, weil sie nur eine Position wiedergeben. 378 gelassen worden sind, ohne dass ein Verfahren eingeleitet worden wäre, worauf die Haupt- verdächtigen nach Algerien flüchten konnten. 148 Dass solche Vorfälle weniger Ausdruck von ernst genommener Rechtstaatlichkeit im Sinne des Beschuldigten-Schutzes sein dürften, als vielmehr von Willkür und Bestechung, das legen die Erfahrungen von Personen nahe, die aufgrund von Mutmaßungen festgenommen und über Monate hinweg in Haft gehalten wor- den waren. 149 Im umgekehrten Fall kommt es vor, dass Zivilisten an den Staat Forderungen haben, dass diese aber nicht beglichen werden. So berichtete Algafet, 150 er sei als Hauptverantwortlicher für die Cure Salée in Ingal von den Behörden mit der Ausstattung der Restauration beauftragt worden, wofür seinem Unternehmen Kosten von mehreren Millionen FCFA angefallen seien; der Großteil dieser Schuld sei bis zum Zeitpunkt des Interviews noch nicht beglichen worden. Auch für das Fest der Flamme de la Paix habe er Cartering-Aufträge für etwa sieben Millio- nen FCFA abgewickelt und dafür bis dato erst 1,5 Millionen FCFA erhalten. Als hingegen das Hotel de la Plage für die Versorgung des Staatspräsidenten beauftragt worden sei, seien die angefallenen Kosten rasch und zur Gänze beglichen worden. 10.2.2.5 Mangelhafte Koordination zwischen Behörden und Tourismusstellen Ein Handicap, das bislang im Niger auf Regierungsebene trotz des wachsenden Bewusstseins um die Bedeutung des Tourismus nicht beseitigt werden konnte, ist die schlechte Koordinati- on der Termine und Aktivitäten. So gelingt es immer noch nicht, den Termin der Cure Salée in Ingall, jenes mehrtägige Fest von traditioneller, politischer und touristischer Bedeutung am Ende der Regenzeit, rechtzeitig festzulegen. Dadurch können die Agenturen das Ereignis nicht mehr in ihre Kataloge aufnehmen oder sind bei Verschiebungen zu Ersatzzahlungen an ihre Partneragenturen wegen vertraglicher Nicht-Erfüllung verpflichtet. 151 10.2.2.6 Fazit Der Rechtssicherheit im Niger haften noch zahlreiche Mängel an, die aber zunehmend beho- ben werden. Freilich wird dies noch viel Zeit und Erfahrung erfordern. Andererseits darf nicht übersehen werden, dass viele dieser Rechtsunsicherheiten auch in so „entwickelten“ Ländern wie Österreich keine Seltenheit sind. 148 Diese Situation hatte sich in Folge des Überfalls in Temet (Jänner 2001) ergeben. 149 So bei Mohamed, Koch bei Tchimizar V., dem ein Fahrzeug geliehen wurde, mit dem kurz zuvor ein Überfall begangen worden sein soll. Weil Mohamed diesen Wagen benutzt hatte, kam er für viele Monate in Untersuchungshaft, bis er schließ- lich als unschuldig entlassen wurde. 150 Vgl. Gespräch am 5.4.2001, Agadez. 151 Vgl. Aghali Abdou, Adrar Madet V., zit. in Manzo 2003, S. 8. 379 10.3 Mangelhafte Kooperationsbereitschaft Der anfängliche Widerstand zahlreicher Agenturen gegen das neu gegründete STN war einer- seits Trotzreaktion auf die plötzliche Initiative einiger Personen, andererseits Ausdruck einer gewissen Misstrauens-Mentalität der traditionellen Einzelkämpfer. 152 Dies kam in den Inter- views durch Hinweise auf Unterschlagungen, Überfälle und andere Missetaten der Konkur- renten während der Rebellion und danach zum Ausdruck, 153 und darin, dass Konflikte inner- halb von Agenturen durch die Trennung der Partner und der Gründung neuer, eigenständiger Agenturen „gelöst“ werden. Die Kenntnis solcher Konflikte hatte den Abgeordneten und Präsidenten der „Amis de Ti- mia“, Moussana Alkabous, dazu veranlasst, mich vor jeglicher Einlassung auf Intrigen und Dissonanzen in Agadez oder Timia zu warnen. Ich könne wohl meine Befragungen und Stu- dien machen, doch sollte ich im Übrigen auf Distanz bleiben, denn es werde „sehr viel mani- puliert”. 154 Dies erfuhr ich auch persönlich, indem mir Barney im Gespräch ausdrücklich sein Misstrauen gegen meine Studie aussprach. 155 Ibrahim, der damalige ONT-Direktor, hatte die- se Haltung Barneys als ein Indiz dafür interpretiert, dass er bereits ein „echter Tuareg“ ge- worden sei. 156 Kooperationen stoßen dagegen auf Skepsis und werden als Verlust von Eigen- ständigkeit und Unabhängigkeit bewertet. Unter diesem Vorwand 157 lehnte Houché (Tchimi- zar V.) im Jahr 2000 das Angebot von Aha Iousoufa ab, mit dessen neu gegründeter Agentur Tagelmust Exp. zu fusionieren. Damit entging Houché nicht nur eine enorme Wachs- tumschance, sondern er bekam einen rasch wachsenden, hoch kompetenten Konkurrenten, der mittlerweile sogar die Existenz seiner Agentur bedroht. 158 Daher ist auch die Stimmung unter den örtlichen Agenturbesitzern gegen etwaige Einschrän- kungen der touristischen Nutzung des Aïr-Ténéré-Bioreservats äußerst negativ, weil darin weni- ger ein langfristiger Schutz ihrer wichtigsten Ressource "Natur", als vielmehr die Beschneidung ihrer Unternehmerfreiheit und somit ihrer potentiellen Einnahmen gesehen wird.159 Das häufigste Argument gegen Kooperationen ist die Furcht vor Missbräuchen, Unterschla- gungen etc. der Partner. So hatten zwar einige Agenturen meinen Vorschlag zur Finanzierung eines Fonds aus Tourismuseinnahmen zur regionalen Entwicklungsförderung grundsätzlich 152 Aoutchiki Mohamed Kriska, Direktor v. Pèlerin du Désert, 29. 10. 99; Achmed Eouaden (Eouaden Voyages, 16.2.2000) gab an, gar nicht mehr an gemeinsamen Treffen teilzunehmen, weil man ohnedies nie zu gemeinsamen Entscheidungen gelange. 153 Z.B. die Aussagen von Achmed Botho (Sekretär von TILALT, Oktober 1999) über die „Association Touaregs“ als „Spen- den-Mafia“, wonach während der Rebellion Gelder ungerecht verteilt und Nahestehende bevorzugt worden seien, dass „Tri- balismus“ geherrscht habe; sinngemäß auch die Kritik von Djiba über Sidi Mohamed (Direktor v. Pleiade V.), 25. 10. 1999. 154 Vgl. Moussana Alkabous, Agadez, 26.10.1999. Letztlich wurde ich fast Opfer einer solchen Intrige, hatte mich doch mein ehem. Assistent Aghali in Timia im Februar 2001 gewarnt, Aoutchiki Mohamed Kriska (Pelerin du Desert) würde eine Hetz- kampagne gegen mich forcieren und habe den frei erfundenen Vorwurf in Umlauf gebracht, ich hätte in Artikeln geschrieben, dass Nomadinnen leichte Beute für Sextouristen seien. Diesen erstaunlichen Vorwurf bekam ich auch 2003 in Agadez zu hören. Über Aoutchiki selbst (Pelerin du Desert) brachte ich in Erfahrung (Algafet Algaher, 19. 3. 2001), er habe während der Rebellion mehrmals die Fronten zwischen Mano und Rhissa gewechselt, sei dann Berater des Diktators Baré geworden, wodurch er zahlreiche Privilegien genossen habe (das war auch anhand seiner großen neuen Villa im Stadtzentrum ersicht- lich). Nach dem Tod Barés habe er jedoch sämtliche politischen Privilegien verloren, musste seine Villa verkaufen und lebe seither im Busch und macht auch nur sehr wenige Reisen. 155 2001 hatte mir Barney vorgeworfen, der Bericht über meine Hochzeit in Timia würde Touristen dazu anregen, nunmehr in Timia ebenfalls solche Hochzeiten unter Verwendung von Alkohol zu feiern, was die Kultur der Kel Timia zerstören würde. Tatsächlich war aber ein französischer Bericht über meine Hochzeit im Internet niemals auffindbar. 156 Vgl. Int. 25. 3. 2001. 157 Das Argument stammte eigentlich von Houchés in Niamey lebenden Neffen, einem Juristen und Zollbeamten. 158 Siehe die oben genannte Dumping-Offensive von Tagelmust E. bei Kneissl Touristik. 159 Z.B. Aghali Abdou, Adrar Madet V., 23. 10. 1999. Zu den Konflikten um die ursprüngliche Konzeption des Bioreservats siehe insb. im Kapitel „Konflikte im Einzugsbereich des Tuareg-Tourismus/Externe Akteure als Konfliktursachen: der WWF und das Aïr-Ténéré-Bioreservat“. 380 für interessant befunden, aber letztlich aufgrund der verbreiteten Korruption für undurchführ- bar erachtet. Dabei wären Kooperationen besonders für kleine Agenturen die Schlüssellösung zur Nutzung von Synergieeffekten, um ihre Kosten zu reduzieren. Die von Emud Efad angeregte Kom- munikationszentrale wäre gleichermaßen sinnvoll und Kosten sparend; gemeinsames interna- tionales Marketing mittels einer regionalen Dachmarke mit hohem Wiedererkennungswert anstelle von konkurrierenden, aber am Weltmarkt untergehenden Einzelangeboten wäre ziel- führend. 160 Doch die Agenturen erarbeiten keine gemeinsame, nachhaltige Tourismusent- wicklungs-Strategie, sie steigern nicht die Wettbewerbschancen gegenüber Algerien und Li- byen 161, sondern wählen die einfache, aber längerfristig ruinöse Lösung des Dumpings. Egoismus und geringes Verständnis innerhalb des touristischen Systems verhindern, dass die betroffenen Gruppen an Entscheidungsprozessen beteiligt werden, speziell die Bewohner der ländlichen Gebiete. Die Agenturbetreiber zeigen kaum Bereitschaft, Reisegruppen in Gemein- de-Einrichtungen in Timia unterzubringen oder das Fort gegen geringes Entgelt besuchen zu lassen. Als Erklärung für diese Haltung verweist etwa André Bourgeot 162 auf die Parallelen zwischen der regionalen Tourismusentwicklung und der ersten Tuareg-Rebellion, deren wesentliches Merkmal der Zerfall in kleine und kleinste Fronten war, die primär für ihre eigenen Interessen und weniger für eine „gemeinsame Sache“ kämpften. Und da viele der Agentur-Chefs ehema- ligen Rebellenfronten angehören bzw. sich bestimmten Tuareg-Regionen zugehörig fühlen, rivalisieren sie nunmehr auf anderen Ebenen weiterhin miteinander. Darum herrscht auch dieses unangenehme Klima des Misstrauens. 163 Historisch betrachtet lassen sich keine Perioden einer freiwilligen „Kooperation“ zwischen Tuareg-Fraktionen ausmachen, weder gegen Ende des 19. Jahrhunderts, anlässlich der An- kunft der Franzosen im Sudan, noch während des Kaosen-Krieges zu Beginn des 20. Jahr- hunderts. 164 Ähnlich schreibt Stührenberg auch über Agadez im Jahr 1999, da er „die Tuareg (…) (als), wie eh und je, heillos zerstritten“ 165 beurteilt. Kann aber aus solchen historischen Strukturen sinnvoll auf den mangelnden Willen der „Tua- reg“ zur Kooperation geschlossen werden? Einerseits ist die ökonomisch rationale Organisa- tions- und Kooperationsfähigkeit eine typische Entwicklung der modernen gesellschaftlichen Verwaltung und ein Novum für alle traditionellen Gesellschaften; andererseits können auch die Beobachtungen von Scott et al. entgegengehalten werden, wonach Spannungen zwischen Reiseagenturen, der Mangel an einer starken Führungskraft und der Mangel an Zusammenhalt hinsichtlich einer gemeinsamen Position nach außen typisch für Tourismusregionen sei. Dies gilt gleichermaßen für Destinationen in der Dritten Welt wie auch für solche im Westen.166 Diese als „fragmentierte Märkte“ bezeichneten Strukturen sind durch viele kleine Unterneh- men gekennzeichnet, die auf sich selbst bezogen sind und ihre „Unabhängigkeit“ bewahren wollen. Dies führt zum Mangel an spezifischem, funktionellem Wissen innerhalb der Destina- tion, zur Divergenz von Zielen zwischen der Öffentlichkeit und dem kommerziellen Sektor, zu kurzfristiger Planung etc. Ein typisches, sehr verbreitetes Problem ist auch der Mangel an 160 Vgl. Petermann 1999, S. 16. 161 Siehe dazu das Kapitel über „Der Tuareg-Markt/Konkurrenzierende Destinationen im Sahara-Tourismus“. 162 „Wer den Tourismus in Agadez verstehen will, muss die Rebellion verstehen!" (Bourgeot, André, Gespräch im März 2000, Grand Hotel, Niamey). 163 Vgl. Friedl 2000 f, S. 5; Friedl 2001a, Zum Thema, Web. 164 Bernus (1993, S. 96) schreibt über das Zulassen der Massaker an den Iullemmeden durch die benachbarten Stämme: „Il semble que les rivalités entre groupes étaient encore brûlantes des durs combats qui avaient marqué les dernières du siècle, et qu’elles annihilèrent tout sentiment de solidarité devant un ennemi commun“. 165 Stührenberg 1999, S. 76. 166 Vgl. Scott et al. 2000, S. 199. 381 direktem Engagement einer übergeordneten, gemeinsamen Institution für das regionale, ge- meinsame Marketing. 167 10.3.1 Kooperation mit Algerien Leider besteht nicht nur innerhalb der Tourismusregion Agadez, sondern viel mehr noch zwi- schen Agadez und der benachbarten Tourismusregion Algerien sowohl bei den staatlichen Behörden wie bei den Agentur-Organisationen wenig Bereitschaft zu kooperativen Lösungen. Schon in den 80er-Jahren unterminierten algerische Agenturen, die heimlich Touren von Ta- manrasset und Djanet in nigrisches Gebiet unternahmen, den nigrischen Tourismus. Algeri- sche Unternehmer verfügten wegen der besseren Verkehrsanbindung, der niedrigeren Preise für Treibstoffe, Lebensmittel sowie wegen besserer materieller Ausstattung über deutliche Wettbewerbsvorteile gegenüber ihren nigrischen Konkurrenten. Zum Ausgleich hatte Mano Dayak Anfang der 90er-Jahre mit den algerischen Agenturen ein Abkommen geschlossen, wonach von grenzüberschreitenden Reisegruppen an der Grenze Fahrzeuge und Führer ausge- tauscht werden sollten. Aufgrund diverser Schwierigkeiten - die dadurch verursachten hohen Kosten des Leertransports bis zur Grenze, bestehende Verwandtschaften und Partnerschaften zwischen einzelnen algerischen und nigrischen Agenturen - wurde jedoch dieses Abkommen unter Mano Dayak nicht mehr umgesetzt. 168 Das STN hat diese Regelung nunmehr wieder aufgegriffen und in Kraft gesetzt, weil nigrische Agenturen ebenfalls keine Genehmigung für das Befahren algerischer Gebiete erhalten. Stührenberg berichtet davon, dass seinem Führer Liman ag Feltou (Tidéne Expeditiones) vom algerischen Grenzposten der Grenzübertritt mit dem Hinweis untersagt worden sei, dass der nigrische Personalausweis in Algerien nicht anerkannt werde. Doch auch der Visum-Antrag von Liman sei im algerischen Konsulat in Agadez unbeantwortet geblieben. 169 Mit einem ähnlichen Problem hatte auch Houché (Tchimizar-Voyages) im Herbst 2002 in Wien zu kämpfen, als er kein Visum für Algerien bekommen konnte, um eine Gruppe von Djanet (Al- gerien) nach Agadez (Niger) begleiten zu können. 170 Für die Zukunft wären kooperative Lösungen zur Einsparung von Kosten sicher anzustreben, sind aber derzeit wohl zu kompliziert und daher unrealistisch. 10.4 Chasses de touristes Schon 1954 schrieb Zöhrer von „Agadez mit seiner nackt durch die Straßen stürmenden Jun- gend, die jedem Fremden den letzten Groschen aus der Tasche zieht, mit seinen nicht weniger räuberischen Kaufleuten“ 171 und brachte damit ein Problem zum Ausdruck, an dem sich so mache Touristen stoßen: die „Chasses Touristes“. „Touristenjäger“ werden jene Personen des informellen Sektors genannt, die ohne Ausbildung und ohne Organisation durch den Verkauf 167 Vgl. McKercher 1995. Dazu sogleich unten. 168 Vgl. Grégoire 1999, S. 289. 169 Vgl. Stührenberg 2002b, S. 182. 170 Vgl. Houché, Ausk. Juli 2002. 171 Zöherer 1954, S. 87. 382 von Souvenirs, Schmuck etc. oder auch durch Besucher-Führungen vom Tourismus profitie- ren möchten. Dieses Phänomen findet sich hauptsächlich in Agadez, zunehmend auch in Ti- mia und Iferouane und neuerdings auch - in sehr geordneter Weise - in abgelegenen touristi- schen Stätten wie Arakao oder Tizerzait. Diese „Chasses de touristes“ zeigen gegenüber Reisenden eine als unangenehm empfundene Zudringlichkeit und Penetranz, die bis zur Aggressivität gehen kann. So berichten junge, in Agadez lebende Europäerinnen von Attacken gegen sie. Ähnliche Erfahrungen hatte auch ich - sowohl allein, als auch mit Touristen - gemacht. Achmadu Adamou (Arakao V.) erklärt dies mit einer generellen Zunahme der Kriminalität in Agadez. So komme es auch immer mehr zu Überfällen auf Boutiquen. 172 Dahinter steckt freilich die komplexe Dynamik der Verarmung der Nomaden infolge der Dür- re, ihre Landflucht und Ansiedlung um Agadez, die gravierende Arbeitslosigkeit in der Stadt und somit die verzweifelte Suche nach Einkommen. Dies betrifft besonders junge Menschen. Solange aber diese Personen vom regulären Geschäft ausgeschlossenen sind, sind sie ge- zwungen, in den informellen Sektor abzuwandern. Der Versuch, durch Touristen etwas zu verdienen, wird dadurch gleichsam zur Notwendigkeit, um überleben zu können. 173 Manche Reiseunternehmen versuchen, Orte mit besonders aggressiven „Chasses de touristes“ zu umgehen, indem die Kunden vom Flughafen direkt in das Zielgebiet geführt werden. In Agadez wirkt sich diese Strategie wirtschaftlich äußerst negativ in den ökonomischen Berei- chen aus, aber auch in kleineren Siedlungsgebieten wie Fachi werden dadurch die ökonomi- schen Potentiale des Tourismus entzogen. 174 Das Problem ist keineswegs neu und wurde bereits Anfang der 90er-Jahre im Zuge der dama- ligen Ausbildungsinitiative für Reiseführer in Agadez zu lösen versucht. 175 Ziel war es, diese Gruppe zu organisieren, zu kompetenten Stadtführern zu qualifizieren, aber auch einer besse- ren Kontrolle zu unterziehen. Damit sollte die Sicherheit für Touristen erhöht und das Image von Agadez als touristische Attraktion verbessert werden. Diese Initiative scheiterte jedoch letztlich an der Uneinigkeit der betroffenen Personen sowie an der überzogenen Forderung, jeder Tourist müsse verpflichtend einen örtlichen Führer zum Preis von umgerechnet 5 € pro Halbtag nehmen. Auch das Angebot der Behörden die „Chasses de touristes“ für die Garantie, Touristen nicht zu belästigen, offiziell anzuerkennen, wurde von diesen praktisch nicht ange- nommen. Als Grund für die geringe Zahl der Anträge wurde die Angst der Eltern der „Chas- ses“ vor etwaigen Schwierigkeiten mit den Behörden angegeben 176. In diesem Misstrauen gegenüber den Behörden kommen freilich auch die langjährigen negativen Erfahrungen der Bürger von Agadez gegenüber der zentralistischen Diktatur zum Ausdruck, wie sie etwa von Adamou thematisiert wurden. 177 Seit dem Jahr 2001 werden vereinzelte neue, zum Teil naive Anläufe unternommen, dieses „komplizierte Problem“ 178 zu lösen, etwa mittels der Sensibilisierung durch Radiosendungen. Die Behörden von Agadez hatten Anfang des Jahres 2001 Ausweise an alle „Chasses“ ausge- geben, um auf diesem Weg deren formelle Legalisierung zu erreichen. 179 Weil dies aber ohne 172 Vgl. Achmadu Adamou (Arakao V.), Int., Agadez, 5. 4. 2001. 173 Insofern betrachtet etwa Mohamed Boubakar (Azalai V.), der früher selbst als „Chasses“ tätig war, das Problem als unlös- bar; ähnlich tolerant: Aghali Abdou (Adrar Madet). 174 Ich selbst machte im Jänner 2003 keinerlei negative Erfahrungen in Fachi oder Bilma. 175 Die Initiative wurde durch den Europäischen Entwicklungsfonds finanziert und vom französischen Geographen Pierre Decoudras, damals Gastprofessor an der Universität in Niamey, koordiniert. 176 Hinw. in Decoudras 1990, S. 50 ff. 177 Vgl. Adamou 1999, S. 201 ff. 178 Ibrahim Abambacho, Aligouran V., 5. 4. 2001. 179 Diese Aktion entsprach der Vorstellung von Thiel (2001a), dass mit dem Abbau dieser Bürokratie „eine Blüte der Gewer- beentwicklung“ ausgelöst werde. Dass allerdings eine Überzahl von offiziell anerkannten „Unternehmern“ noch lange kein 383 die Verknüpfung mit irgendwelchen Leistungsnachweisen geschehen war, hatte das STN massiv protestiert. 180 Das Finden einer Lösung für dieses komplexe Problem stellt für Agadez einen Paradefall für die Entwicklung eines integrativen Tourismuskonzepts dar. Gegenwärtig werden die „Chas- ses“ von manchen Agenturen lediglich als Problem für den Tourismus, nicht aber als eines von Agadez und eine Folge der Tourismusentwicklung betrachtet, weil sie sich mehr um die Zufriedenheit ihrer Kunden als um das Wohlergehen der Region sorgen. Weil sich aber die Lösung derart schwierig gestaltet, ziehen es selbst progressive Geister vor, defensiv zu agie- ren. 181 Eine pragmatische Lösung wird wohl nicht um eine Organisation der „Chasses“ und eine neu- erliche Qualifikationsinitiative im Sinne Decoudras vorbeikommen. Eine Organisation wäre aber auch darum sinnvoll, weil es bislang auch für Touristen keine geregelte Möglichkeit gibt, einen „kompetenten“ 182 und vertrauenswürdigen Agadez-Führer zu bekommen. Weil mein Wunschführer Illo 183 im Feber 2003 verhindert war, bot sich mir Paschir, ein durch Kinder- lähmung behinderter, aber äußerst flinker junger Mann als Führer an; ich hatte ihn bereits als äußerst regen „Chasse“ kennen gelernt. Paschir entpuppte sich als umsichtiger, verantwor- tungsbewusster und vor allem kenntnisreicher Führer, der über historische und sonstige Zu- sammenhänge betreffend Agadez bestens zu erzählen verstand. Genau solche Leute braucht der Agadez-Tourismus, und die Organisation der „Chasses“ könnte dazu beitragen, sie zu identifizieren und vielleicht sogar für Schulungszwecke einzusetzen. Eine neue Variante fanden „Chasses“aus Timia und Iferouance, indem sie als Händler abge- legene Stellen aufsuchen, wie Arakao oder Tezirzait, was vom STN massiv kritisiert wurde. Für diese „Chasses“ eröffnet sich dadurch die Chance auf zusätzliche Kundenkontakte und Verkaufschancen. 184 Andererseits aber könnte die lokale nomadische Bevölkerung, die nicht über das selbe Handels-Know-how verfügt wie ihre urbanen Konkurrenten, durch diese ag- gressiven Unternehmer verdrängt werden. 185 10.5 Qualifikationsmängel Eines der soziokulturell ambivalenten Probleme im Agadez-Tourismus stellt der Mangel an professionellen Kompetenzen dar 186, die über praktische Kenntnisse hinausgehen. Dazu zäh- len Kenntnisse aus den Bereichen Fahrzeug- und Ausrüstungstechnik, 187 soziale Kompetenz (Umgang mit Vorgesetzten, Gleichgestellten und Unterstellten, mit Kooperations- und Ver- handlungspartnern außerhalb des Unternehmens, effektive und effiziente Kooperation etc.) Einkommen garantiert, zeigt schon das Beispiel des Booms der Agenturgründungen in Agadez, ausgelöst ebenfalls durch bürokratische Erleichterung Ende der 90er-Jahre. Es gibt einfach zu wenige Kunden für zu viele Unternehmer. 180 Vgl. STN 2001a. 181 Vgl. Agadez Exp., Eouaden V., Tchit in Taghat V. 182 Zu den Kompetenzmängeln sogleich. 183 Der Kanuri Illo ist deutschsprachiger Betreiber des Antiquitätenladens „Schmuckkästchen“ neben dem Hotel Tellit. 184 So berichteten zwei junge Männer aus Iferouane von ihrer ökonomisch erfolgreichen Einrichtung eines kleinen Geträn- kestandes bei Tizerzait, während diese Versuche in Iferouane ohne Echo geblieben seien, weil die Touristen dort lieber zu Vittorios Hotel „Tellit“ gegangen seien. 185 Vgl. Aghali Alambou, Touareg T., 1. 4. 2001. 186 Kritisiert von Barney, Dune V., 6. 4. 2001. 187 Manche Betreiber und Fahrer wurden für ihr mangelhaftes Verständnis für die Bedeutung hinreichender Ausrüstung bei Expeditionsfahrzeugen nach gewissen Mindest-Sicherheitsstandards kritisiert. Achmed Eouaden (Eouaden Voyages, 16.2.2000, Agadez) meinte jedoch, schon Trends in Richtung einer Verbesserung zu erkennen. 384 und Strategie (langfristige Planung etc.). Vielen Agenturbetreibern fehlt diesbezüglich jegli- che Erfahrung. Erfahrungen aus anderen Entwicklungsländern zeigen, dass nur ein geringer Anteil der not- wendigen Arbeitsplätze weiterreichende Qualifikationen voraussetzen. 188 In der Regel werden die notwendigen praktischen Fähigkeiten einfach im Zuge der Praxis angelernt, wodurch Bil- dungsdefizite substituiert werden können. 189 Dadurch haben Personen auch ohne jegliche Schulbildung, was bei Tuareg häufig ist, 190 die Chance, im Tourismus zu arbeiten und Geld zu verdienen. Dabei bleiben die Investitionskosten pro Arbeitsplatz relativ niedrig. So hatte Mano Dayak seine Mitarbeiter anfänglich vorwiegend aus seinem Tal Tidene rekru- tiert, zumeist Nomadensöhne ohne moderne Schulausbildung, aber infolge der klimatischen und wirtschaftlichen Veränderungen ohne wirtschaftliche Perspektive und darum auf der Su- che nach Arbeit in den urbanen Ballungszentren Agadez und Arlit. Hier hatte unter den euro- päischen Ingenieuren der Uran-Gesellschaften ein gewisser Bedarf an Führern für Wochen- endausflüge in die Wüste bestanden. Von diesen Führern wurde lediglich die Kompetenz der Ortskenntnis erwartet, während sie sich rudimentäres touristisches Know-how erst mit der Praxis aneigneten. 191 Diesen Fahrern fehlte daher auch das Verständnis für das Bedürfnis der Kunden nach Foto- stopps, oder für die Notwendigkeit, im Verkehr mit westlichen Kunden hinsichtlich der als „normal“ empfunden Geruchsentwicklung öfter als traditionell üblich die Kleidung zu wech- seln. 192 Erst heute zeigt sich langsam die Kehrseite dieser nur scheinbar niedrigen Zugangsbarriere.193 Fehlen Fähigkeiten wie Rechnen, abstraktes Denken, Empathie etc., so sind massive Wettbe- werbsnachteile die Folge. Umgekehrt zeigt sich der Wettbewerbsvorteil von erworbenen Schlüsselkompetenzen am enormen Erfolg von Aha Isoufa. Dieser hatte lange Jahre als Reise- führer und Agenturbetreiber im touristisch hoch entwickelten Namibia gearbeitet. In Agadez gründete er seine Agentur „Tagelmust“ erst im Jänner 2000. Bereits in der nachfolgenden Saison zählte er zu den Marktführern. Zu Ahas Fähigkeiten, die Ausdruck seiner westlichen Modernität sind, zählen der selbstverständliche Einsatz von elektronischen Kommunikations- mitteln (E-Mail), der Abschluss von schriftlichen Verträgen, die strategische Planung seines Unternehmens, doch vor allem auch sein offener und Verlässlichkeit signalisierender Umgang mit europäischen Kunden und Partnern, andererseits aber auch sein gezielter Einsatz von Dumping-Methoden zur Umsatzsteigerung. Ersparte Ausbildungskosten schaden durch den Verlust von Kunden etwa infolge fehlerhafter Bedienung von Kommunikationsmitteln 194 oder mangelnder Französischkenntnisse heute,195 sowie die Unfähigkeit, als Reiseführer mittels Vorträgen Auskunft über Land und Leute zu erteilen. Dadurch verliert Agadez seinen Trumpf als Kulturreise-Destination, weil die reich- lich vorhandenen Kulturschätze nicht so vermittelt werden können, wie es Kulturtouristen erwarten. Gleichzeitig setzt die typische Kulturreise-Klientel der gehobenen Altersklasse ei- 188 Mäder (1987, S. 74) beziffert diesen Anteil auf 2,6 Prozent, eine Zahl, die angesichts der problematischen Datenerfassung in Ländern der Dritten Welt wohl nur symbolisch zu verstehen ist. 189 Vgl. Vorlaufer 1984, S. 109. 190 So hat etwa der Direktor von Tchimizar V. als Kind niemals eine Schule besucht. Dennoch spricht er fließend Französisch und Deutsch. 191 Vgl. Grégoire 1999, S. 288 ff. 192 Achmed Eouaden (Eouaden Voyages, 16. 2. 2000, Agadez) meinte jedoch schon Trends in Richtung einer Verbesserung zu erkennen. Vgl. Fußnote 188. 193 Tatsächlich bestanden von Gesetzes wegen gewisse Mindestanforderungen, die jedoch in der Praxis nicht eingefordert wurden bzw. werden konnten (vgl. das vorangegangenes Kapitel). 194 So werden Faxgeräte aus Spargründen abgeschaltet oder kein Papier nachgefüllt, weil kein Anruf erwartet wird. 195 Vgl. die Mitarbeiter von Arakao V., 5. 4. 2001. 385 nen höheren Komfort voraus. 196 Aus diesem Grund verzichtete bislang etwa Studiosus auf ein Engagement im Niger. 197 10.5.1 Die Ausbildungsinitiative der GIE von 1990 Im Sommer 1990 wurde erstmals ein umfassender Lehrgang für Tourismusmitarbeiter in Agadez durchgeführt, der durch den Europäischen Entwicklungsfonds finanziert und vom französischen Geographen Pierre Decoudras koordiniert wurden. Dabei wurden 50 Teilneh- mer, darunter Chauffeure, Kamelführer, Militärführer und einige Schüler, in den Materien Regional-Geschichte, -Geographie und -Naturkunde, Gruppenführung, Organisation, Orien- tierung und Erste Hilfe sowie nationales Tourismusrecht unterwiesen. Die Teilnahme konnte mit einem Diplom abgeschlossen werden. In zusätzlichen 300 Stunden während einer Periode von zwei Monaten wurden elementare Englisch- und tourismusspezifische Französischkennt- nisse unterrichtet. 198 Vierzig Teilnehmer hatten vorher niemals Unterricht besuchte, neun waren Analphabeten, vier sprachen nur wenig Französisch. Dagegen hatten die siebzehn Kursleiter überwiegend praktische Erfahrungen als Touristiker und die meisten Lehrer, etwa Mohammed Ixa oder Rhissa ag Boula, hatten noch niemals unterrichtet. Dass die Vortragenden gemäß ihrer Kom- petenz und Motivation rekrutiert und nicht, wie damals im Niger üblich, von einem kopflasti- gen staatlichen Schulungssystem ohne Bezug zu den tatsächlichen Bedürfnissen der Touris- musstrukturen und der Tourismuskultur ausgewählt worden waren, wurde von Dayak als Be- sonderheit des Ausbildungsprogramms beurteilt 199. Die Methodik der Wissensvermittlung beruhte weitgehend auf praktischen Übungen. Diese Ausbildungsinitiative wurde allgemein als großer Erfolg betrachtet. Für die Teilnehmer der Sprachkurse war schwierig, für so lange Zeit keine anderweitigen Einkommensmöglich- keiten wahrnehmen zu können, um ihre Familien zu ernähren. So waren einige Teilnehmer nur unter der Bedingung geblieben, dass sie pro Tag 1.000 FCFA, was damals noch dem Wert von 3 € entsprach, als Unterstützung ausgezahlt erhalten. 200 Schon damals machte die mangelnde Kooperation zwischen den verschiedenen Behörden entsprechende Aktivitäten zunichte. So waren die Mitarbeiter des WWF, der damals verant- wortlichen Organisation für die Verwaltung des Aïr-Ténéré-Bioreservats, entgegen ihrer Zu- sage der Ausbildung ferngeblieben. Decoudras bedauerte das besonders, 201 weil die Kenntnis der Fauna, der Flora, der geologischen Struktur und der ökologischen Zusammenhänge dieser sensiblen Region sowohl für die Qualifikation der Tuareg-Führer als auch für die Sensibilisie- rung der Touristen in Richtung eines umweltverträglichen Verhaltens bedeutsam gewesen wäre. 202 Das Ausbildungsprojekt hatte mittelfristig die Etablierung eines ständigen regionalen Ausbil- dungszentrums für den Sahara-Tourismus in Agadez zum Ziel, verbunden mit einer kontinu- 196 Achmed Eouaden, Eouaden V., 16. 2. 00, Agadez. 197 Dies war das wesentliche Ergebnis der Gespräche zwischen Studiosus, Tchimizar V. und mir im Juli 2001 in der Studio- sus-Zentrale in München. Anlässlich der Tourismuskonferenz am 23. 4. 2003 in München nannte Studiosus auch noch den mangelnden Komfort, was Rhissa ag Boula mit dem Hinweis auf das Wesen der Wüste zurückwies (Sommer 2002a, Web). 198 Vgl. Decoudras 1990, S. 11. 199 Vgl. Dayak 1992, S. 79. 200 Vgl. Decoudras 1990, S. 44 f. 201 Vgl. ebd. 202 Vgl. Le Berre 1999, Annex. 386 ierlichen Unterrichtsmöglichkeit für Englisch und mit Volontariatspraxen für Anfänger. Da- durch hätte es jungen Menschen ermöglicht werden sollen, eine ausreichende Qualifikation zu erlangen, an Selbstvertrauen zu gewinnen und zu neuen produktiven Aktivitäten angeregt zu werden. 203 10.5.2 Die Ausbildungsinitiative von NIGETECH 2002 Durch die Rebellion waren bei den alten Reiseführern viele der 1990 vermittelten Kompe- tenzen verloren gegangen, und viele neue Reiseführer sind in den Markt gedrungen. Manche Anforderungen an Reiseführer haben sich verändert, neue Kompetenzen sind wichtig gewor- den. Zu diesen Kompetenzen zählt Alzouma 204 u.a. 1. die Animation und Integration der Gruppe, 2. das Erzählen von Geschichten und Legenden der Region, 3. die historische und kulturelle Interpretation des Geschehenen, 4. die Vermittlung von Sicherheit, 5. das Verständnis für die besten Zeiten und Standpunkte beim Fotografieren und 6. die Sensibilisierung der Touristen für ökologische und soziokulturelle Belange. Nach etlichen Anläufen wurde schließlich im Sommer 2002 auf Initiative des STN eine Rei- seleiter-Ausbildung von der Ausbildungs-Organisation NIGETECH angeboten. Das 42-Tage- Programm umfasste 422 Stunden mit zehn Tagen Praxis mit Rundfahrt, Gravuren-Bespre- chung etc., verteilt auf zwei Monate, wobei an 35 Abenden Sprachen unterrichtet wurden. Die spezifischen Reiseleiter-Kenntnisse wurden in sechs großen Themen zu 21 „Modulen“ ver- mittelt. 205 Die dabei behandelten Themen berührten ein enorm weites Spektrum: 1. Tourismus und Touristen, Motivation der Touristen im Aïr 2. ökonomische und soziokulturelle Auswirkungen des Tourismus 3. Tourismusregionen des Niger 4. Geographie und Archäologie der Region Aïr-Ténéré; Geschichte und Kultur der Tua- reg und der Wodaabe; Kunsthandwerk, touristische Zentren, Agadez, klassische Rundtouren 5. Arbeiten mit Karte und Kompass, GPS, Orientierung anhand der Sterne 6. Erste Hilfe 7. Gesetzgebung im Bereich der Reiseleitung 8. Reiseorganisation: Vorbereitung, Wissensvermittlung; Lagerorganisation 203 Vgl. Decoudras 1990, S. 46 f. Der geplanten Umsetzung dieses Projekts kam jedoch der Ausbruch der Rebellion zuvor. Nach der Ansicht Dayaks (1992, S. 80) wäre das Projekt darum nicht umsetzbar gewesen, weil die Behörden ein Quasi- Monopol des Tourismus in Händen der Tuareg missbilligt hätten. 204 Vgl. Alzouma 1996, S. 353 f. 205 Vgl. NIGETECH 2002, S. 5 f. Die Kosten i.d.H.v. 25.000 FCFA (40 €) wurden von den Agenturen der jeweiligen Kandi- daten getragen. 387 9. Kompetenzen des Reiseleiters: Verhalten des Reiseleiters, einwirken auf Touristen bez. des Verhaltens gegenüber der lokalen Bevölkerung 10. Verhalten des Reiseleiters in kritischen Situationen, Animation einer Diskussion zur Evaluation der Reise am Ende.206 11. zehn Tage praktische Übung auf einer Tour, von der jedoch nur sechs Tage realisiert wurden. 207 Zu den Ausbildnern zählten wie schon zwölf Jahre zuvor Praktiker, u. a. Rhissa ag Feltou, Führer bei Tidene Expeditions. Ausbildungsgrundlage war ein Handbuch, das unter Mitarbeit des Geographen der Universität Niamey, Adamou Aboubacar, des Geographen der Universi- tät Bordeaux, Pierre-Marie Decoudras, sowie einiger führender und erfahrene Agentur-Chefs wie Mohamed Ixa (Tidene Exp.), Michel Joulia (Azel Expéditions, Geologe und Präsident des STN), Abdou Ag Ali (Adrar Madet Voyages) und Pierro Rawa (SVS) entstanden war. Es soll theoretische Informationen und praktische Tipps für unterwegs anbieten, die wichtigsten Stät- ten kommentieren, aber auch Techniken zur Verbesserung des Verhaltens gegenüber den Kunden vermitteln. Obwohl für zukünftige Reiseführer der Region und interessierte Touristen geschrieben, 208 ist es bislang leider nicht im Handel erhältlich. Auf Wunsch der ANPTH und der STN soll NIGETECH weitere Ausbildungen für Kommu- nalführer im Bereich Hotelservice, Bar, Campingküche, Restaurationsküche durchführen. 209 10.5.2.1 Fähigkeiten des Reiseleiters: Lehrinhalte versus Praxis An der Ausbildung hatten 20 Personen teilgenommen, darunter auch einige Universitäts- absolventen. Damit wird deutlich, dass sich nur ganz wenige traditionelle Führer und keine der Agentur-Chefs einer solchen Ausbildung unterzogen hatten. Das ist insofern bedauerlich, weil der gravierende Mangel an Kompetenzen für verantwortungsbewusste Menschenführung unter den traditionellen Führern 210 ein bedeutendes tourismusethisches Problem darstellt. Wird gegen schädliches Verhalten von Touristen nicht eingeschritten, kann dies mittelfristig negative Folgen für die gesamte Region nach sich ziehen.211 Dann aber stellt sich die Frage, inwieweit Tourismus, dessen Ziel die wirtschaftliche Partizipation gerade von abgelegenen Bevölkerungsteilen sein sollte, langfristig vertretbar sein kann. Ich werde nun im Folgenden auf wesentliche der vermittelten Elemente eingehen und deren pädagogischen Effekt anhand meiner zwei Touren mit Tchimizar V. im Winter 2003 gegen- überstellen. Diese wurden nämlich einerseits vom äußerst renommierten und erfahrenen Füh- rer Houiah sowie von einem jungen Tuareg namens Mahmud geführt, der den Kurs besucht hatte. Dabei sollen die Entgegnungen keine Kritik an tatsächlichen Abläufen darstellen, son- dern viel mehr illustrieren, dass die Ausbildung westlichen, konservativen Konzepten folgt, wonach weitreichende Fähigkeiten mittels kurzer, intensiver Schulungen durch Frontalunter- 206 Die Themenblöcke 8, 9 und 10, bei denen es um die Vermittlung von interkulturellen und tourismusethischen Kompeten- zen geht, sind von besonderem Interesse. Auf diese wird sogleich näher eingegangen. 207 Ausk. Tchimizar V., 28. 11. 2002 208 Vgl. NIGETECH 2002, S. 3. 209 Finanziert wird NIGETECH durch den Entwicklungsfonds der EU (NIGETECH 2002, S. 1). 210 …und häufig auch unter modernen, westlichen Führern in führenden Tourismusländern. 211 Siehe dazu das Kapitel über die „Probleme durch Tourismus“. 388 richt vermittelt werden könnten. Dies ist jedoch allein schon aus Sicht der Neuropädagogik und des Konstruktivismus als illusionär und somit als nicht zielführend zurückzuweisen. Dies gilt umso mehr, als die traditionellen Führer weiterhin nach ihrem praktisch erlernten Schema arbeiten und die jungen Lehrgangsabsolventen dieser Autorität widerspruchslos zu folgen haben. Im Modul zum Thema „Verhalten von Führer und Touristen“ empfiehlt NIGETECH u. a. folgende Grundsätze 212 für die Reisedurchführung: ¾ Die Reise soll in voller Erfüllung des Reisevertrags, wie er zwischen den Kunden und der Partner-Agentur unterzeichnet worden ist, durchgeführt werden. ¾ Entscheidungsfreude in schwierigen Situationen, etwa um die Route zu ändern, um Wünsche der Kunden möglichst gut zu erfüllen sowie im Vermitteln von nötigen Ant- worten und Erklärungen. Die Routen werden zwar stets eingehalten, doch mangelt es zuweilen am Verständnis für den Sinn der jeweiligen Routenwahl, insbesondere was das „Timing“ anbelangt. So werden vom Team üblicherweise lange Mittagspausen eingehalten, was jedoch einem rechtzeitigen Ein- treffen vor Sonnenuntergang - und somit zur besten „Fotozeit“ - entgegensteht. Hier ist der europäische Reiseleiter wiederholt gefordert, eine Balance zwischen dem Zeitmanagement der Tuareg-Führer und der Ungeduld der Touristen zu erzielen. Auf der exemplarischen Tour im Jänner 2003 fehlte es Houiah zuweilen an der entsprechenden Empathie für die Erwartun- gen und speziellen Wünsche der Touristen. Entsprechend war es mir belassen, für die not- wendige Veränderung der Route die nötigen Antworten zu vermitteln. In den seltenen Situati- onen aber, wo ich selbst den Weg nicht kannte, geriet ich in Situationen, in denen ich nicht mehr wusste, was Houiah vor hatte und warum wir wohin fuhren. ¾ Die Vervollständigung der Erste-Hilfe-Ausrüstung ist zu überprüfen; Erste-Hilfe- Leistung im Fall eines Unfalls Ich selbst habe noch nie bei einer Agentur eine Erste-Hilfe-Ausrüstung gesehen. Vielmehr wird üblicherweise von den Touristen und den europäischen Reiseleitern erwartet, dass sie über entsprechendes Material verfügen, und dieses auch für die einheimische Bevölkerung bereithalten. In einer außergewöhnlichen Situation wurde im Feber 2001 eine Touristin mit gebrochenem Arm hervorragend von Houché und seinem Team mit traditionellen Methoden behandelt. ¾ Vorstellen der eigenen Person beim Abholen vom Flughafen, Vorstellen der Route, Animation der Gruppe, Schaffung einer gemütlichen Atmosphäre, Diplomatie, Ver- meidung von Unsicherheit und Konflikten Dieser Bereich ist für mich schwer zu beurteilen, da ich selbst als Reiseleiter während der beiden Touren eine starke Rolle spielen musste, was einen Tuareg eher in die Defensive drängt. Vor allem bleibt die Sprachbarriere bestehen: Houiah sprach zwar Englisch, aber dies nur, wenn er von einem Touristen direkt angesprochen wurde; Mahmoud sprach nur Franzö- sisch. Obwohl äußerlich sehr viel moderner, war Mahmoud sehr schüchtern und hatte große Angst, vor einer Gruppe als Sprecher aufzutreten. Auch mir gegenüber trat er stets „unterwür- fig“ auf. Wenn Konflikte auftraten, etwa im Zusammenhang mit zu langen oder zu kurzen Pausen oder mit Organisationsfehlern der Kamelführer während des Trekkings, musste ich diese lösen und zwischen Team und Touristen vermitteln. ¾ Erklärungen und Vorträge zu den Besichtigungsstätten und während der Pausen, Schaffung einer guten Stimmung durch Erzählen von Anekdoten und Märchen 212 Vgl. NIGETECH 2002, S. 75 f. 389 Ich persönlich kenne keine Tuareg-Führer, die vor großen europäischen Gruppen Vorträge halten. Dies widerspricht ihrem traditionellen Kommunikationsethos. Im engen Kreis, wenn sie sich wohl fühlen, beginnen sie zu erzählen. Aber das Referieren abstrakter Inhalte ist ih- nen umso fremder, je traditioneller sie geprägt sind. ¾ Kontrolle jedes Lagerplatzes vor der Abfahrt, dass kein Abfall zurückgelassen wurde Darauf wurde von Houiah stets penibel geachtet. Allerdings stieß ich auf Touren wiederholt auf Müll von früheren Gruppen. ¾ Der Führer soll den Touristen Regeln vermitteln und die Aufmerksamkeit auf geplün- derte Stätten richten, so wie auf andere Tätigkeiten, die das ökologische Gleichge- wicht dieser fragilen Zone stören könnten. „Il ne doit pas ramasser et vendre des ob- jets sur les sites, ni encourages les prélèvements illégaux. “ 213 Zwar führte uns Houiah stets zu Stätten mit reichlich vorgeschichtlichen Funden, doch über- zeugte er uns stets auf sehr sanfte Weise davon, dass die Artefakte besser in der Wüste aufge- hoben seien. Im Gegensatz dazu haben die meisten Agenturen ihre Büros als regelrechte ar- chäologische Museen eingerichtet. ¾ Führer und Touristen sollen sich gegenüber der Wüste und ihren Bewohnern re- spektvoll verhalten. Touristen sollten ein Verhalten annehmen, das die besuchte Be- völkerung möglichst wenig schockiert, und das von Diskretion und Höflichkeit ge- prägt ist: „Ils doivent surtout porter des tenues décentes.“214 In dieser Hinsicht war Houiah vorbildlich, indem er mir immer zu verstehen gab, wann wel- che Kleidung angebracht wäre. Dagegen habe ich den einstigen Präsidenten der ANTPH, Wouarta (Abal V.), im Februar 2001 in Iferouane mit einer jungen französischen Touristin an- getroffen, die extrem kurze und sexy Hosen trug. Darauf angesprochen, hatte er geantwortet: „Die Tuareg sind tolerant.“ Auch die Aufforderung der NIGETECH, der Führer solle höflich und nett sein, nicht jedoch unterwürfig, geht wohl oft an der Realität vorbei. So traf ich im März 2003 in Timia auf eine französische Reisegruppe, bei der die meisten Touristen kurze Hosen trugen. Als ich den Führer darauf hin ansprach, reagierte dieser wü- tend mit dem Hinweis, Franzosen ließen sich nichts sagen. Weil Tuareg gemäß ihrer traditio- nellen Prägung ihre Autorität nicht durch laute Worte durchzusetzen pflegen, sind sie einer „liberalen“ Gruppe ausgeliefert und vermögen sich nicht zu behaupten. 215 Weitergehende Hinweise auf tourismusethische Belange, etwa was als unhöflich gelte oder dass man keine Medikamente grundlos in Lagern verteilen sollte, oder in welcher Weise zum Schutz und zur Erhaltung der Fauna und Flora sowie der Sitten und Gebräuche der Bevölke- rung beigetragen werden könnte, 216 musste ich mir selbst mühsam erarbeiten. Von einem Führer habe ich derartige Hinweise niemals erhalten. Selbst Houiah hatte mich sogar wieder- holt angeregt und aufgefordert, bei erkrankten Einheimischen den „Arzt“ zu spielen. Wertvol- le Hinweise zur restriktiven Handhabung von mitgebrachten Medikamenten bei den Nomaden erhielt ich hingegen von Rhissa Feltou (Tidene). 217 213 Ebd., S. 77. 214 Ebd., S. 78 f. 215 Wie schwer es zuweilen für Tuareg-Führer sein muss, sich gegenüber europäischen Gruppen als Autorität durchzusetzen, verspürte ich am eigenen Leib, als ich im Feber 2000 eine kleine Gruppe österreichischer Ärzte durch den Tamgak führte. Damals wusch sich eine Dame in einem Guelta den Kopf mit Shampoo. Als ich zu intervenieren versuchte, um eine Ver- schmutzung des Wassers zu vermeiden, wurde ich von ihrem Gatten beschimpft und aufgefordert, mich nicht einzumi- schen… 216 NIGETECH 2002., S. 81. 217 Vgl. Rhissa Feltou, Führer bei Tidene Expeditions, März 2000, Agadez. 390 Die Ziele der NIGETECH-Ausbildung waren hoch gesetzt, und das ist grundsätzlich auch gut so. Doch bedarf es eines weit größeren Aufwandes als das nur kurze Ansprechen eines Prob- lems und das Aufzählen einiger Regeln, um einen pädagogischen, umsetzbaren Effekt bei den Reiseleitern zu erzielen. Noch liegt ein weiter Weg vor den Führern von Agadez. Die wohl wichtigsten Kompetenzen eines Reiseleiters, interkulturelle Kommunikationsfähig- keit, 218 Empathie 219, Präsentation, Ausstrahlen von Autorität etc., ist wohl auch am schwie- rigsten zu erlernen. Dies gilt für Europäer genauso wie für Tuareg. Bei diesen steht diese Kompetenz im grundsätzlichen Widerspruch zum traditionellen Ethos, was zuweilen zu inne- ren und äußeren Konflikten führen kann. Dies hatte sich während meiner Touren im Jahr 2003 wiederholt gezeigt: Houiah, der auf die Bewahrung seines traditionellen Ethos großen Wert legt und über einige hervorragende Kompetenzen als traditioneller Führer verfügt, war etwa für rationale Argumente schwer zugänglich. Vielmehr bedurfte es gewisser kommunikativer „Tricks“, um ihn von einem Standpunkt abzubringen, von dessen Richtigkeit er überzeugt war, der aber im Widerspruch zu den Interessen der Touristen und seinen Pflichten stand. 220 Hier zeigt sich das Dilemma zwischen dem traditionellen Selbstverständnis als Anbieter von Abenteuerreisen und den wachsenden Anforderungen des Marktes. So hart es auch klingen mag: letztlich werden auch die erfahrenen Reiseleiter von Agadez um eine Erweiterung ihrer Kompetenzen nicht umhinkommen, wenn sie die Nachhaltigkeit ihrer Tätigkeit fördern wol- len. 10.6 Marketing der Agenturen und des Tourismusministeriums Marketing ist im Tourismus grundsätzlich ein hochproblematischer Kostenfaktor, weil dessen Effektivität äußerst fragwürdig ist. Internationale Studien bestätigen den geringen Zusam- menhang zwischen Werbeausgaben und der Zahl der touristischen Ankünfte und Über- nachtungen. 221 Daraus läst sich deutlich ableiten, dass Reiseentscheidungen wesentlich von Vorstellungsbildern der Touristen geprägt sind und weniger von teuren Marketing-Feldzügen. Effektives Marketing macht somit nur dann Sinn, wenn es das Image der Wüste und jenes der „Wüstenbewohner“ zu instrumentalisieren versteht. Als Zielpublikum kommen für den Niger primär jene Personen in Frage, die Wüstener- lebnisse oder den Kontakt zu Wüstenbewohnern suchen und noch keine festen Vorstellungen von der konkreten Region und den anfallenden Kosten haben. 222 Und weil Reiseent- scheidungen zumeist eng mit Destinationsentscheidungen zusammen hängen, 223 bedarf der 218 Thomas (1996, S. 17) definiert interkulturelles Handeln als „das zielgerichtete, motivierte, erwartungsgesteuerte und geplante Verhalten, in das eigenkulturelle und fremdkulturelle Steuerungs- und Regulationselemente einfließen“. 219 Unter Empathie versteht Hoffmann (1973, S. 7) die Fähigkeit, „Abweichungen in den Wertvorstellungen, Motiven und Handlungen, Sitten und Gebräuchen als kulturgebunden zu erkennen und entsprechend die eigenen Verhaltensweisen gegen- über denen des Auslands zu relativieren.“ 220 Dieses Problem stellte sich oft: Während die Touristen daran Interesse hatten, rechtzeitig zum Sonnenuntergang am Ziel einzugelangen, bevorzugte Houiah und das Team längere Mittagspausen, als den Touristen lieb war. So musste ich wieder- holt mit sanfter Gewalt intervenieren, was schließlich dazu führte, dass Houiah mich als „Hetzer“ bezeichnete. Erst als sich ein Kunde lautstark über die langen Pausen beklagte, sah Houiah ein, dass meine „Hetzerei“ dem gemeinsamen Ziel, der Kundenzufriedenheit, diente und nicht gegen die Crew oder gegen Houiah gerichtet war. 221 Vgl. Hennig 1998, S. 9, unter Berufung auf eine WTO-Studie von 1994. 222 Siehe das Kapitel über den „Tuareg-Markt/Klientel“. 223 Vgl. Dellaert et al. 1998, S. 314. 391 Niger eines deutlich unterscheidbaren Images, um sich gegen seine Konkurrenten abheben zu können. 224 Besteht doch ein wachsendes Angebot an Wüstentouren im näheren und ferneren Umfeld der Sahara, wozu letztlich auch der Vordere Orient zu zählen ist. 225 Optimal wäre darum ein ausgefeiltes Marketing, das sowohl das regionale Produkt präsentiert als auch die Förderung eines markanten, regionalen Images forciert. Genau hier liegt die für viele Tourismusregionen typische Problematik, denn auf Grund der fragmentierten Struktur des „Produkts“ 226, nämlich der touristischen Unternehmerlandschaft, gehen die individuellen Interessen so stark auseinander, dass letztlich keinerlei gemeinsame Position durchsetzbar ist. Die mangelnde Entwicklung einer zusammenhaltenden Destina- tionsorganisation, wie sie im Niger noch in den Kinderschuhen steckt, äußert sich darum zu- meist als Mangel an einem einheitlichen Destinationsimage. 227 Dies definiert Crompton als die „Summe der Überzeugungen, Ideale und Eindrücke einer Person von einer Desti- nation“ 228. Nach Scott et al. wäre das Ziel, eine Marke im Geist des Besuchers als eine Art einzigartige und erstrebenswerte Marktnische zu positionieren, ¾ die mit dem Selbst-Verständnis des Zielkunden konsistent ist, ¾ doch darüber hinaus einen zusätzlichen Wert signalisiert, ¾ der mit den Bedürfnissen des Kunden übereinstimmt, ¾ zugleich im Verhältnis zu den vorhandenen Attributen der Destination steht, ¾ sich aber von jenen der Konkurrenten abhebt. 229 Das setzt freilich erst die Identifikation der speziellen Vorteile und Stärken der Destination im Gegensatz zu jenen der Konkurrenzdestinationen voraus, und in einem zweiten Schritt das Einfühlen in die potentiellen Besucher, die man anzulocken hofft. Der Verwirklichung dieses Ziels stehen jedoch fragmentierte Märkte entgegen, die sich mangels einen regionalen, ge- meinsamen Marketings in häufigem, aber ineffizienten Mix an individuellen Marketing- ansätzen äußern. 230 Das ist nicht nur für die einzelnen Unternehmer kostenintensiv und ineffi- zient, sondern auch mit der Gefahr verbunden, die Chancen für ein effizientes Destination- Branding zu verhindern, weil unkoordinierte Signale in verschiedene Richtungen weisen. 231 Dies gilt voll inhaltlich für das Marketing der Region Agadez. 232 Die budgetbedingt wenigen Aktivitäten des Tourismusministeriums beschränkten sich auf die medienträchtigen Auftritte von Minister Rhissa ag Boula auf Tourismusmessen oder Konferenzen. Dabei betrachtete er selbst die Präsentation des Niger als sicheres Reiseland als seine wichtigste Aufgabe 233, und in zweiter Hinsicht die Bewerbung herausragender Events - wie etwa des Afrikanischen Modefestivals FIMA oder die neue Einrichtung des „Festival de l’Aïr“. 234 224 Vgl. Baloglu 1997, S. 221 ff. über die Rolle des Destinationsimages für den Reiseziel-Selektionsprozess des Urlaubers. 225 Siehe das Kap. über den „Tuareg-Markt/Konkurrenzierende Destinationen im Sahara-Tourismus“. 226 Siehe das Kapitel über „Das Produkt“. 227 Vgl. Scott et al 2000, S. 198. 228 Crompton 1979, S. 25 f. 229 Vgl. Scott et al 2000, S. 204. 230 Vgl. McKercher 1995. 231 Vgl. Scott et al 2000, S. 202. Nach Kim/Chung (1997, S. 366) besteht Destination Branding im Wesentlichen darin, die Produkte eines Anbieters oder einer Gruppen von Anbietern gegenüber jenen ihrer Konkurrenten abzuheben, wobei die Schlüsselelemente die Markenbekanntheit und das Image eines Landes sind. 232 Vgl. Friedl 2000c, Marke Tuareg, Zum Thema Nr. 39, Web. 233 Vgl. Rhissa ag Boula, Int., Niamey, 19. 3. 2000; vgl. auch seine entsprechenden Aussagen auf der Tourismuskonferenz in München 2002 (vgl. Sommer 2002a, Web) sowie Rhissa in Le Du 2000, Le Republicain, 8. Jg., Nr. 415, 20. Jänner 2000, S. 5, wo er beteuerte: „Depuis que j’occupe ce poste, j’ai remué ciel et terre pour relancer l’activité touristique en léthargie au Niger depuis la rébellion touarègue. J’ai parcouru le monde entier. Bref c’est un travail de longue haleine mené par le gou- vernement pour restaurer l’image de marque de notre pays à l’extérieur. “ 234 Siehe dazu das Kapitel über „Die Tourismuspotentiale von Agadez/Überregionale Feste: Cure Salée, Aïr-Festival, Gere- wol, FIMA“. 392 Die Agenturen betreiben entsprechend ihren Mitteln individuelles Marketing durch Internet- Auftritte 235, Präsenz auf Tourismusmessen in Europa 236, die Produktion von Reisekatalogen unterschiedlichster Qualität, aber auch Direktmarketing durch die gezielte Kontaktaufnahme mit potentiellen europäischen Reiseveranstaltern. Einige Agenturen setzen überwiegend auf Mundpropaganda. 237 Einige wenige Agenturen profitieren durch ihre Kontakte zu Journalis- ten und Medien. So vermarktet sich Tidene E. durch Michael Stührenbergs GEO- Reportagen, 238 und Tchimizar V. profitierte durch meine Veröffentlichungen in Populärme- dien. 239 Dune V. veranstaltete mehrmals mit großem Erfolg die „Schule der Wüste“, eine kur- ze Wüstenreise für „brave“ französische und belgische Schüler, die Schulmaterialien an No- madenschulen überbracht hatten. 240 Die meisten Agenturen überlassen das Marketing ihren europäischen Partner-Veranstaltern. So profitierte etwa Tschi-t-en-Tarat von den Marketing-Kampagnen von Croq’Nature und deren Partner-Unternehmen, der Fluglinie Point Afrique, sowie der Vereinigung „Amitié Franco-Touareg“. Die meisten Veranstalter und Agenturen bedienzen sich wie schon Mano Dayak primär des Wüsten-Images und präsentierten die Welt der Tuareg als einen Raum für das große Abenteuer. 241 Dagegen präsentierte sich Croq’Nature als Hilfsorganisation, die die Begegnung mit den Nomaden ermöglicht und mit einen fixen Teil des Reisepreises konkrete Projekte im Niger und in anderen Destinationen unterstützt. 242 Die Entwicklung einer gemeinsamen Dachmarke für den Niger, wie es das explizite Ziel des STN ist, 243 wird wohl noch lange auf sich warten lassen. Bis zum Beginn der Anti-Uran- Rebellion im Jahr 2007 dominierte unter den Agenturbetreibern noch die Überzeugung, allein könne man mehr erreichen und besser profitieren. 10.7 Abhängigkeit von äußeren Faktoren Selbst wenn die zahlreichen strukturellen Probleme des Tourismus im Niger beseitigt werden könnten, würde dies noch lange nicht bedeuten, dass diese finanzielle Quelle dauerhaft spru- deln würde. Letztlich bleibt eine Destination auch von weitgehend unbeeinflussbaren Rah- menbedingungen in den Entsenderländern bzw. am globalen Tourismusmarkt abhängig. 235 Dune V., Tidene E., Tchimizar V., Adrar Madet, Targui Tours, Amenis Exp. etc. 236 U.a. Aïr Car, Caravan V., Adrar Madet V., Tidene E., Nigercar, Oasis Tours. 237 U.a. Arakao V., SVS, Touareg Tours, Pelerin du Desert, Tchimizar V., Agadez Exp., Azalai V. 238 Die Ehefrau von M. Stührenberg betreut das Tidene-Büro in Paris. 239 Zuletzt Friedl, Harald A. 2003c: Barfuss im Gipfelsturm. Berg-Trekking mit den Tuareg in der „Schweiz der Sahara“. In: Alpenverein Nr. 5/03, S. 36-38. Dieser Bericht hatte immerhin dazu beigetragen, dass sich rund ein Dutzend Interessenten für eine Niger-Tour beim Autor meldeten und eine Handvoll auch eine solche Reise bei Tchimizar V. buchten. 240 „Les écoles du désert“ wurden 1998, 1999 und 2000 im Niger durchgeführt. Dazu wickelte Dune V. 1999 den Transport von 66 frz. und belgischen Schülern sowie 4 Tonnen Schulmaterialien ab (vgl. Ecoles du désert 2001, Web). 241 Vgl. auch Aghali Abdou, Adrar Madet V., zit. in Manzo 2003, S. 8. Vgl. auch die Entgegnung von Rhissa ag Boula ge- genüber Studiosus, wonach der Niger darum den bemängelten Komfort nicht anbiete, weil hier der Abenteuertourismus im Vordergrund stehe (vgl. Sommer 2002a, Web). 242 Vgl. Dechambre 1999, Web; Oualalaire Akulalle, Agadez, 5. 4. 2001. 243 STN 2000. 393 10.7.1 Gesellschaftliche Rahmenbedingungen in den Quellländern „Exotische“ Reiseziele, wie der Niger, sind besonders stark von Moden, Trends und dahinter stehenden Werten abhängig, die stets im Wandel sind. Die zunehmende Urbanisierung fördert die Sensibilisierung für die Umwelt, was sich als „Flucht“ in „unberührte“ Naturräume und im Bedürfnis nach subjektiv empfundener „Freiheit“ äußert.244 Das damit verbundene Bedürf- nis nach Abenteuer und nach Selbstverwirklichung im Sinne eines stärkeren Erlebnis- konsums 245 spricht zweifellos für eine wachsende Nachfrage nach Wüstenreisen als Form naturbasierenden Tourismus. Das Interesse an der Wüste und an den Tuareg lässt sich auch als Ausdruck des Spiritua- litätsbedürfnisses interpretieren sowie der Sehnsucht nach Utopie, Ritual und Mythos, Ele- mente, die eine bedeutende Rolle für die Identitätsfindung spielen. 246 Nach Horx sei dieser Trend als Gegenbewegung zur Kommerzialisierung und Technisierung des Alltags zu verste- hen. 247 Konterkariert werden diese Trends jedoch durch das gleichzeitig wachsende Bedürfnis nach Komfort und Luxus 248 sowie nach Sicherheit und All-inclusive-Service. 249 Vor allem der Trend zur Reise als Konsumgut und zum immer kurzfristigeren Buchen verträgt sich nicht mit den infrastrukturellen Problemen des Niger. Eine weitere Determinante ist die Sozialpolitik in den Entsenderländern. Die Möglichkeit, sich mehrere Wochen Zeit für eine teure Wüstenreise zu nehmen, setzt die entsprechende Verfügbarkeit über Freizeit, etwa durch frühe Pensionierung, 250 voraus. Während des Er- werbsalters muß die Möglichkeit bestehen, sich mehrere Wochen bezahlten oder unbezahlten Urlaub zu nehmen. Die infolge der globalen Finanzkrise von 2008 stagnierenden Wirtschaft und die dadurch angespannte Arbeitsplatzsituation sowie die angespannte Arbeitsplatz- situation und die Reform der Sozialgesetzgebung führen zu degressiver Arbeitsplatzsicher- heit, so dass Berufstätige öfter, aber kürzer auf Urlaub fahren. Schnelllebigkeit und Zeitnot verstärken diesen Trend. 251 Die konjunkturelle Situation des Entsenderlandes beeinflusst jedoch auch unmittelbar das Reiseverhalten. Pensionsreform, Sparkurse und wachsende Arbeitslosigkeit führen zu stagnie- rendem Einkommen und damit zur sinkenden Bereitschaft, in teure Reisen zu investieren. Andererseits entstammt die Niger-Klientel vielfach jenen Schichten, die zumindest derzeit noch über ein stabiles Einkommen verfügen, wie Beamten, Pensionisten oder Unternehmer. 244 Vgl. Müller 2002, S. 101; Lassberg 2000, S. 226. 245 Vgl. Faulkner et al. 2000a, S. XXIX. 246 Vgl. Müller 2002, S. 229 247 Vgl. Horx 1995, S. 43. 248 Vgl. die Aussage eines Studiosus-Vertreters auf der Tourismuskonferenz 2002, wonach Studiosus wegen des Komfort- mangels nicht in den Niger fahre (Hinw. in Sommer 2002a, Web). 249 Vgl. Lassberg 2000, S. 223. 250 Vgl. Lassberg 2000, S. 222. 251 Vgl. Müller 2002, S. 105. 394 10.7.2 Politisch-strukturelle Rahmenbedingungen in den Quellmärkten Eine nicht unbedeutende Rolle für den Nigertourismus spielen die Entwicklungen auf dem internationalen Flugmarkt. Zwar sinken durch den wachsenden Konkurrenzdruck und die Konzentrationsprozesse im Luftverkehr tendenziell die Preise für viele internationale Flüge, jedoch nicht für abgelegene Regionen. Hier ist eher der gegenteilige Trend zu beobachten, vor allem, wenn eine bestimmte Fluglinie, wie die Air France im Niger, eine Quasi-Monopol- stellung innehat. Etwaige Arbeitskämpfe bei der Air France, wie in Frankreich keineswegs selten, führen jedes Mal zur faktischen Abtrennung des Niger von den Quellländern. Hinzu kommen die steigenden Kerosinpreise in Reaktion auf die sinkenden Ölvorkommen (Peak Oil) und die steigenden Ölpreise. 10.7.3 Die internationale Sicherheitslage Wie bereits erwähnt steigt das Bedürfnis der Urlauber nach Sicherheit. Entsprechend massiv sind Buchungseinbrüche als Reaktion auf Bedrohungen der Sicherheit durch internationale terroristische Anschläge und Krisenherde. So sackte die Zahl der deutschen Touristen in den USA von 1,8 Mio. im Jahr 2000 auf 1,34 Mio. im Jahr 2001 als Folge des 11. Septembers ab. 252 International wirkte sich auch der Irak-Krieg der Bush-Administration durch einen star- ken Rückgang der Buchungen aus. Das Aufflackern der SARS-Epidemie führte 2003 zu Bu- chungseinbrüchen. Weniger zu einem Rückgang der Reisefreudigkeit, sondern zu einer regio- nalen Verschiebung der Reiseströme führten 2002 die terroristischen Anschläge auf Bali und Djerba bzw. 2003 in Casablanca. 253 Als Faustregel für die Auswirkungen eines Anschlages gilt, dass der Perimeter des von einem Nachfragerückgang betroffenen Gebiets umso größer sei, je weiter weg sich der Nachfragemarkt befindet. 254 Entsprechend negativ waren die Auswirkungen, als 54 Sahara-Reisenden im Winter 2003 in der algerischen Sahara entführt worden waren. So hatten mehrere Sahara-Plattformen 255 und Autoren 256 im Verlauf der Entführungen an europäische Touristen appelliert, Algerien sofort zu verlassen und auch Reisen u. a. in den Niger zu unterlassen, obwohl die von den Entfüh- rungen betroffenen Gebiete mehr als 1000 Kilometer vom Niger entfernt lagen. In einer Gra- phik der „Kleinen Zeitung“ vom Mai 2003 wurde das Sicherheitsrisiko aller Länder mitein- ander verglichen und dabei dem Niger als Reiseland – wie fast allen westafrikanischen Län- dern – ein „hohes Sicherheitsrisiko“ unterstellt. 257 252 Vgl. Müller 2002, S. 107. 253 Zu den Auswirkungen des Terrorismus auf den intern. Tourismus siehe insb. Friedl 2002c. 254 Vgl. Müller 2002, S. 107. 255 Larboulette (2002, Web) schrieb über: „Mali, Niger, Mauretanien: Die Lage in diesen Ländern kann z. Z. nicht einge- schätzt werden. Ich rate dringend, auf Reisen in diesen Ländern zu verzichten und sichere Orte aufzusuchen“. 256 Vgl. etwa Nöther, Werner 2003, der – nach 33 Saharareisen - Argumente wie ein weltweites Ansteigen der Kriminalität nicht gelten ließ, sondern für eine radikale Sicherheitsorientierung hinsichtlich etwaiger Saharareisen plädierte und damals von Reisen in die Sahara grundsätzlich abriet. 257 Damit befand sich Marokko, knapp eine Woche vor! den fünf Anschlägen in Casablanca am 16. 5. 2003 mit 41 Toten (Nowak 2003, S. 3), auf gleicher Stufe wie der Niger (Stufe 3 von 5). Das beste Zeugnis mit Stufe 2 („Erhöhtes Sicherheitsri- siko“) erhielten Ägypten, Senegal, Gambia, Guinea-Bissau, Ghana, Togo, Benin, Burkina Faso und sogar Tunesien, trotz des 395 Im Herbst 2003 kamen bereits wieder Touristen in der algerischen Sahara 258 und in den Ni- ger. 259 Die nachfolgende Saison dürfte für den Niger - insbesondere auch wegen der Wieder- eröffnung des Flughafens in Agadez - zufrieden stellend verlaufen sein. 260 Erschüttert wurde diese Entwicklung jedoch durch einen Überfall auf mehrere Reisegruppen in Temet Ende Februar 2004 durch jene Personengruppe, die für die Entführungen in Algerien verantwortlich gewesen sind. 261 Die Bedeutung dieses Überfalls für die touristische Entwicklung des Niger hielt sich insgesamt in Grenzen. Nur das österreichische Außenministerium reagierte im Al- leingang mit einer Reisewarnung für den Norden des Niger, 262 wodurch vorerst jeglicher or- ganisierte Tourismus aus Österreich in den Niger unterbunden wurde. Abgesehen von der administrativen Blockierung von Tourismus durch offizielle Reisewar- nungen 263 halten sich die Auswirkungen von Sicherheitsrisiken durch vereinzelte Überfälle auf das Reiseverhalten im Niger in Grenzen. So gab es in Reaktion auf diverse Überfälle, et- wa im Jänner 2001, nur geringe Buchungseinbrüche. Auch die Folgen des 11. 9. 2001 waren im Niger weniger deutlich merkbar als in anderen Ländern. Dagegen führte die wartungsbe- dingte Schließung des Flughafens von Agadez zu Buchungseinbußen um die 50 Prozent. Dies lässt sich damit erklären, dass „exklusive“ Destinationen wie der Niger aufgrund der schon bisher schwierigen Reisebedingungen nur eine spezifische Klientel begeistern konnten. Diese Besucher zeichnen sich gegenüber kurzfristig buchenden Pauschaltouristen durch die größere Offenheit gegenüber politischen und sozialen Realitäten des Landes aus und haben dadurch auch Zugang zu differenzierter Information. Darum nehmen sie Risiken eher als Fol- ge von Modernisierung und Globalisierung wahr, denn als plötzliche „Krise“. Sie sind auch eher bereit, ein gewisses kalkulierbares Risiken in Kauf zu nehmen und aktiv zur Risiko- minderung durch konkrete Maßnahmen beizutragen. Daraus folgt aber auch, dass im Fall des Niger - unter „normalen“ Sicherheitsbedingungen - durch gezielte und aufrichtige Informationspolitik akute Buchungseinbrüche verhindert oder wenigstens begrenzt werden können. Ein Destinations-Marketing, das nur auf den Images von der Wüste als sicherer Hort der Freiheit - und der Tuareg als friedliche und verlässliche Füh- rer durch die Wüste aufbaut, ist da allerdings zu dürftig. 264 Was lässt sich abschließend aus diesen widersprüchlichen Rahmenbedingungen folgern? Anschlags auf Djerba am 11. 4. 2002, bei dem 14 deutsche Urlauber ums Leben gekommen waren. Reisewarnungen (Stufe 5) galten zu dem Zeitpunkt für Algerien, Sierra Leone, Liberia und die Elfenbeinküste (vgl. Kropf/Ulrich 2003, S. 38 f.). 258 Im algerischen Süden sind jedoch Anfang November 2003 bereits wieder die ersten Reisegruppen mit über hundert Tou- risten aus Frankreich, Italien und Belgien eingetroffen (Vgl. Harum, Aramas 2003, Web). 259 Werner Gartung führte im September 2003 zwei Gruppen zu den Gerewol-Festen im Niger (Mail vom 15. 10. 03). 260 Auch Kneissl Touristik hatte unter meiner Führung eine Reise mit neun Teilnehmern im Februar 2004 durchgeführt. 261 Näheres zu diesem Überfall vgl. das Kapitel „Konflikte im Bereich des Tourismus/Importierte Kriminalität: der Überfall von Temet durch die ‚GSPC’“. 262 Vgl. BMfAA, Web. 263 Im Falle von Reisewarnungen sind Versicherungen in Österreich von ihrer Deckungspflicht befreit, wodurch das gesamte Haftungsrisiko dem Reiseunternehmen zufallen würde. 264 Zu den Problemen der Sicherheit im Niger siehe das Kapitel über „Konflikte im Bereich des Tourismus“. 396 10.8 Fazit: Die wirtschaftliche Bedeutung des Tourismus in Agadez Wie bereits skizziert wurde, 265 spielte der Tourismus wenige Jahre nach dem Ende der ersten Tuareg-Rebellion im Departement Agadez eine überaus bedeutende wirtschaftliche Rolle. 266 Noch im Jahr 1991, der besten Saison unter Mano Dayak, am Vorabend des Ausbruchs der Rebellion, wurden im gesamten Niger bei rund 2.500 Pauschaltouristen an die 9 Mrd. FCFA (15 Mio. €) umgesetzt und an die 3000 Menschen beschäftigt, nicht mitgezählt die Umsätze der „Chasses de touristes“ und des „Schwarzen Tourismus“. Dass diese Zahlen noch bei wei- tem gesteigert werden können, indiziert das Tourismusaufkommen des Jahres 2001 mit 4.500 gemeldeten Pauschaltouristen. 267 Angesicht der genannten Defizite ist es wenig überraschend, dass NIGETECH schlussfolgert, der regionale Tourismus bliebe dennoch weit jenseits der möglichen Inwertsetzung der vor- handenen Ressourcen. 268 Welche enormen Auswirkungen die strukturellen Probleme des Tourismus aufwerfen, zeigte sich bereits im Jahr 2002, als das Tourismusaufkommen wieder auf 3000 Touristen sank. 269 Doch auch bei geringerem Tourismusaufkommen trägt der gestei- gerte Geldfluss in der Stadt Agadez merklich zur gesteigerten Kaufkraft der Bevölkerung bei, was sich auch im Einkommen kleinster Lebensmittelhändler bemerkbar macht. Diese verdie- nen während der Tourismussaison deutlich mehr als während der toten Sommerzeit. Dies sei damit zu erklären, dass 1. während der Tourismussaison viel mehr Nomaden in der Stadt sind, und dass 2. während der Tourismussaison viele im Tourismus Angestellte bei den kleinen Lebensmittelhändlern einkaufen, jedoch außerhalb der Saison ihr Auskommen bei ihren Fa- milien am Land suchen. 270 Einem stärkeren Ausbau des Tourismus zum regionalen Wirtschafsmotor ließe sich das Argu- ment der zunehmend instabilen Rahmenbedingungen entgegenhalten, durch die der Niger- Tourismus in eine gravierende wirtschaftliche Abhängigkeit geraten könnte. Daraus könnte man schließen, dass es besser wäre, nicht auf den Tourismus als primäre Einkommensquelle zu setzen, um schweren, rezessionsbedingten Krisen zu entgehen. Dem stehen jedoch mehrere Argumente entgegen: 1. Die ökonomische Situation in der Region - und somit die Lage der Bevölkerung – unterliegt einer dramatischen Dynamik, und verschlechtert sich ständig. Gleichzeitig stellt das tourismusbedingte Einkommen für gewisse Gruppen ein wichtiges, tempo- räres Einkommen dar, von dem zahlreiche Angehörige erhalten werden müssen. 2. Das Argument der Abhängigkeit geht insofern ins Leere, weil fast die gesamte mone- täre Wirtschaft des Niger von Geberländern abhängt. Der Großteil der laufenden Kosten und fast die gesamten Investitionen werden von außen finanziert. Hilfs- und Entwicklungsprojekte wie das PDRT und das PNN sind die wichtigsten Dienstgeber der Region Agadez. 265 Vgl. das Kapitel „Die Region Agadez/Die wirtschaftliche Lage des Niger/Handel, Dienstleistungen, Industrie“. 266 Vgl. auch UICN 1999, S. 8. 267 Vgl. Amadou Moumouni, Regionaldirektor für Tourismus und Handwerk, Agadez-Tahoua, zit. in Manzo 2003, S. 8.; Elhadji Annour Koné (Schreiben vom 26.2.2003); Auskünfte über den Jahresumsatz im Jahr 2001 sind nicht bekannt. 268 Vgl. NIGETECH 2002, S. 20. 269 Amadou Moumouni, Regionaldirektor für Tourismus und Handwerk, Agadez-Tahoua, zit. in Manzo 2003, S. 8; Elhadji Annour Koné (vgl. Schreiben vom 26.2.2003). 270 Aussage eines Boutiquen-Besitzers in der Altstadt von Agadez. 397 3. Die wichtigsten Devisenquellen, Erdnüsse in den 60er-Jahren und Uran seit den 70er- Jahren, führten deutlich vor Augen, dass damit hochgradige Abhängigkeit vom Welt- markt verbunden ist. Doch gibt es eine Alternative außer dem Tourismus? Ich bevorzuge darum eine Bewertung der Tourismuseinkünfte, die ihrem zyklischen Charak- ter gerecht wird: Die Bevölkerung der Region Agadez wird immer wieder von Dürren heimgesucht, bei denen sie meist ihr gesamtes Hab und Gut, vor allem ihr Vieh, verliert. Am Ende der Dürre sind die Nomaden immer gezwungen, die Herden neu aufzubauen. Ähnlich muss wohl auch das Ein- kommen durch den Tourismus interpretiert werden: Es gibt für den Niger gute und schlechte Jahre. In den guten Jahren gilt es, die durch Tourismus erwirtschafteten Mittel zur Schadens- begrenzung für die schlechten Jahre zu nutzen. Darum erscheint es mir grundsätzlich (und somit auch für die Zeit nach der Wiederherstellung des Friedens) umso wichtiger,, das bestehende Preisniveau für gute Erträge besser zu nutzen, den Kampf gegen Schwarztourismus und gegen Dumpingpreise zu optimieren, und nicht die Zahl der Ankünfte wesentlich zu steigern, weil sinkende Rentabilität womöglich größere Schäden verursachen würden. 271 271 Siehe dazu das Kapitel über „Fazit: Probleme durch Tourismus bei den Tuareg“. 398 11 Die Marke „Tuareg“ – Mythos und Images „Reisen zu den Tuareg sind ein Highlight in der Tourismus-Branche. Lesungen des Tuareg- Dichters Ibrahim al Kosis finden auch bei uns vor überfüllten Sälen statt. Und schon ein paar Mal hat Désirée von Trotha (...) Briefe von Frauen bekommen, mit dem Ansinnen, ihnen einen Ehemann aus der Wüste zu vermitteln!“ 1 Das schreibt Luoma in seinen Überlegungen über Mythos und Wahrheit von den „blauen Wüstenrittern“, den Tuareg. Dass Begriffe wie „Blaue Männer“, „Tuareg“ und „Wüstenritter“ marketingrelevante Blickfänge von ähnlich herausra- gender Bedeutung sind wie die Bilder tief verschleierter Beduinen, ob als Portrait oder auf Dünen schreitend, beweisen die zahlreichen Produkte, welche mit Begriffen und Bildern aus dem Tuareg-Umfeld beworben werden: Kaffee-Sorten 2, Motorräder 3 und Motorradzubehör 4, Geländefahrzeuge 5, Spiele 6, Brillen 7 und sogar Klimaanlagen 8 und WC-Deckelbezüge 9 wollen scheinbar bestimmte Qualitäten sug- gerieren, auf die in diesem Kapitel eingegangen werden soll. Auch touristische Regionen, wie das Tafilalet 10 in Marokko oder die tunesische Sahara11, versuchen von diesem Image ohne jeglichen ethnischen Bezug zu den Tuareg 12 zu profitieren, indem sie sich durch Bilder von „Blauen Männern“ oder explizit durch Berufung auf die Tuareg präsentieren. 13 Diese Instrumentalisierung eines Namens ist kaum verwunderlich, denn „wenige Völker (sind) so mystifiziert und glorifiziert worden, wie die Tuareg“, 14 bringt Bernus den dahinter stehenden Mythos, entstanden durch die Berichte von Sahara-Reisenden, 15 auf den Punkt. Sie „haben uns einen unübersehbaren Wust phantastischer Berichte über die Tuareg hinter- lassen, sie haben tausendmal mehr Erdichtetes als Wahres über die Tuareg zu erzählen ge- 1 Luoma 2002, S. 107. Näheres zu Ibrahim al Kosis vgl. Arguedas 2004. 2 In der TV-Werbung für „Carte noir“ spazierte ein Tuareg über eine Düne. 3 Das Modell „Tuareg“ der italienischen Firma Aprilia. 4 Jacken und Hosen „Tuareg“ der Marke Hein Gericke. 5 2002 brachte VW ein luxuriöses Allrad-Fahrzeug namens „Touareg“ auf den Markt. Schrott (2002, S. 49) schrieb darüber in einem Kommentar: „Die ‚Blauen Männer’ der Sahara sind stolz, mutig, extrem anpassungsfähig und hart im Nehmen. Kein Zufall, dass das erste SUV (Sport Utility Vehicle, ein Kleintransporter im sportlichen Design und mit Gelände- tauglichkeit, Anm. d. A.) von VW ihren Namen trägt: Touareg.“ 6 Das Strategiespiel „Targui“ für 2 - 4 Spieler ab 12 Jahren von der dt. Firma Jumbo, 1988. 7 Das Radsport-Brillenmodell „Tuareg“ der Firma Point Racing. 8 Das Modell „Tuareg“ der Marke Saeco. 9 Ein solches Produkt wurde im November 2002 auf der Auktionsplattform Ebay.de (Artikelnr. 2076185397) angeboten. 10 Ikarus (2002, S. 129) warb für seine Expeditionsreisen mit dem Transport durch „Tuareg-Fahrer“; vgl. auch Tolla 1996, S. 215-219. Die GEO-SAISON-Redakteurin Birgit Knop schrieb sogar einen ganzen langen Artikel über die „Tuareg“ im Drâa- Tal von Südmarokko (vgl. Knop 1998, S. 18 ff.) Diese neu geschaffenen, selbstreferenziellen „Tatsachen“ stehen freilich in keinerlei Zusammenhang mit der Tatsache, dass der nigrische Tuareg-Stamm der Igdalen, die unter dem Druck der arabi- schen Invasion mit der ersten „Tuareg-Welle“ vor 1000 n. Chr. im Aïr eingewandert seien und die heute noch imWesten des Aïr siedeln, gem. mancher Überlieferungen von Niger-Tuareg aus Marokko stamme (vgl. Bernus 1993, S. 59). 11 Auf der Annonce von Neckermann Österreich (2002, Eurocity 3/02, S. 23) schreitet ein blau verhüllter Mann über eine Düne dem Betrachter entgegen. 12 Der traditionelle Lebensraumes der Tuareg liegt innerhalb der fünf Staaten Mali, Niger, Algerien, Libyen und Burkina Faso (vgl. Göttler 1989, S. 11; Claudot-Hawad 1993, S. 10; Bourgeot 1995, S. 257.) Dagegen haben Literaten wie z.B. Jules Vernes (1978: L'invasion de la mer. Paris, S. 29: „ils [les Touaregs] avaient dû (…) venir se cantonner dans les oasis autour des chotts“ das geographische Verbreitungsgebiet der Tuareg erheblich erweitert. 13 Brunswig (2000, S. 159) berichtet von sesshaften Nomaden, die im Tourismus arbeiten und sich „nicht selten hommes bleues (nennen): ‚Blaue Männer’, und wollen dabei an ihre großen Helden, die Tuareg, erinnern, mehr noch, sich mit ihnen gleichstellen.“. Ähnl. berichtet auch Biernert (1998, S. 70 f.), dass manche Teppichhändler oder Reiseführer im Tafilalet die romantischen Klischeevorstellungen der Touristen von Wüstennomaden erkannt hätte und ihnen nun bieten würden, „was sie sehen wollen: in blaue Gandoras gehüllte Tuareg,“ wozu sie dann kurz vor ihrem Auftritt in das blaue Kostüm schlüpfen würden. 14 Bernus 1993a, S. 63. 15 Zur erschöpfenden Auflistung von Tuareg-relevanten Publikationen der Forschungsreisenden des letzten Jahrhunderts vgl. Eydoux (1949) und Rodd (1966, S. 1-35); zu Publikationen über die Tuareg vgl. die Bibliographien von Leupen (1978) und Chaker (1988). 399 wusst,“ wie Zöhrer unterstreicht, 16 wobei Wandschneider 17 und Henry 18 dieses Tuareg-Bild primär im Zusammenhang mit einem weit verbreiteten Sahara-Mythos verstehen. Wer oder was steckt nun hinter der europäischen Vorstellung von den „Tuareg“ und woher kommt sie? Welchem historischen Wandel unterlag das Tuareg-Image, in welche Richtung tendiert es gegenwärtig, und vor allem welche möglichen Auswirkungen könnte dieses Image für die Tuareg selbst haben? 11.1 Herkunft des Namens „Tuareg“ „Allein schon das Wort Tuareg wirkt wie ein Zauber“ 19 schreibt Luoma und bringt damit das Geheimnis des Tuareg-Mythos auf den Punkt. Denn für sich selbst verwenden die Tuareg 20 andere Bezeichnungen wie „Imascheren“ (Sg. Imuhar) bzw. „Imazighen“ 21, „Kel Tagelmust“ (die Leute mit dem Schleier) oder „Kel Tamaschek“ (Leute, die Tamaschek sprechen). 22 Die- se Begriffe entstammen freilich ihrer eigenen Sprache, dem Tamaschek, das eine der vielen Berber-Sprachen ist, die der hamito-semitischen Sprachfamilie des mediterranen Raumes an- gehören. 23 Der Begriff „Tuareg“ ist dagegen exogen, d.h. eine Fremdbezeichnung, die erstmals im 16. Jahrhundert von Leo Africanus verwendet wurde. 24 In einer europäischen Karte aus dem Jahr 1828 findet sich der Begriff „Touaricks“. 25 Zur Herkunft der Bezeichnung „Tuareg“ gibt es in der Literatur zwei am häufigsten vertretene Hypothesen: 26 - Nach der Theorie von Duveyrier entstammt der Begriff „Tuareg“, der sich ursprünglich auf die Kel Ahaggar bezogen hatte, dem arabischen Wort „terek“, was „(von Gott) verlassen“ 27 bedeutet und ausdrücken soll, dass nach Ansicht der Araber die Tuareg aufgrund ihrer man- gelhaften Religiosität in die Wüste verbannt worden seien. 28 Diese Interpretation ist insofern nachvollziehbar, als die Tuareg unter dem Druck der beiden arabischen Invasionen im 7./8. 16 Zöhrer 1954, S. 34; sinngem. Luoma 2002, S. 107; 17 Vgl. Wandschneider 1990, S. 1. 18 Vgl. Henry 1996, S. 249. 19 Luoma 2002, S. 107. 20 Im deutschen Sprachraum wird in der Mehrzahl üblicherweise von den „Tuareg“ gesprochen, auch wenn die Formulierung „Touaregs“ gelegentlich ebenfalls für den Plural verwendet wird (vgl. etwa Bourget o. A., S. 91). Im Singular wird sowohl von dem „Tuareg“ als auch von einem „Targi“ (m.) bzw. einer „Targia“ (f.) gesprochen. Dagegen ist im Französischen die Pluralform „les Touaregs“ bzw. im Sg. „le Touareg“ gebräuchlich. 21 Jeromin (o. A., S. 80) wie auch zahlreiche Autoren übersetzen „Imascheren“ als „Freie“, was Fischer (E-Mail vom 14.7.2004) als „einen schon über Generationen kolportierten Übersetzungsfehler“ bezeichnet, weil die Bedeutung „frei“ im Tamaschek nicht existiere. Es existiere lediglich ein Verb für das Freilassen von Sklaven, das jedoch nichts gemein habe mit dem Wort „Imuhar“. Die Kel Ahaggar würden das Wort ähnlich eines Namens als nicht übersetzbar beschreiben. 22 Vgl. Claudot-Hawad 1993, S. 98. Bourgeot (1995, S. 423 ff.) weist darauf hin, dass der Begriff Tamaschek nicht nur Aus- druck für die Tuareg-Sprache, sondern auch Bezeichnung für eine noble Frau sei, also einer weiblichen Person, die nieman- des Autorität unterworfen sei. Als Kel Tamaschek wurde somit (seitens der Aristokraten) jemand verstanden, der mit den Werten der Aristokratie übereinstimmt. Letztlich wird dieser Begriff der Komplexität der Tuareg-Gesellschaft jedoch keines- falls gerecht. 23 Vgl. Aghali-Zakara 1994, S. 39. 24 Hinw. in Stühler 1978, S. 77 ff. 25 Vgl. Henry 1996, S. 250. 26 Weitere Theorien bauen im Wesentlichen auf diesen auf und differenzieren sie stärker, wie etwa bei Stühler (1978, S. 79- 84.); vgl. auch die zusammenfassende Diskussion in Bourgeot 1972a. 27 Göttler 1989, S. 12, 297; ähnl. Nicolaisen/Nicolaisen 1997, S. 47, unter Hinw. auf Duveyrier 1965, 317 f; Englebert 1974, S. 544; nach Bourgeot (1995, S. 29) sei die Singular-Form „tareq“; Jeromin (o. A., S. 80) nennt übrigens die arabische Form „tawarek“. 28 Steineck (1998, S. 14) ergänzt ohne Quellenangabe, diese „Schande“ sei auch die mythologische Erklärung dafür, dass die Nachfahren der Verstoßenen den Schleier tragen müssten. 400 Jahrhundert und im 11. Jahrhundert nach Süden abgewandert waren 29 und somit - in den Au- gen der islamischen Araber - nicht der Gemeinschaft der Gläubigen angehörten. Zudem wei- sen Nicolaisen/Nicolaisen darauf hin, dass die wenigsten Tuareg die Regeln des Islam sorg- fältig befolgen. 30 Andererseits verwendeten auch die Kel Ahaggar, die seit über 900 Jahren islamisiert sind, den aus dem Arabischen entlehnten und berberisierten Begriff „akafar“ (sg. w.: takafart, Pl.: ikufar) für „Nicht-Gläubige“ 31. In jedem Fall spiegelt der Begriff ein Klassi- fikationsschema der Araber wieder, keinesfalls aber jenes der Kel Tamaschek. 32 - Nach der Theorie von Foucauld kommt „Tuareg“ von „Tardja“ oder „Targa“, dem alten Tamaschek- bzw. Berber-Namen für das Hochland von Fezzan (arab. Bezeichnung) im Süd- westen Libyens, wo der Berber-Stamm der Houara gelebt hatte: Dieser Stamm, dessen Name zu „Ahaggar“ transformiert wurde, sei in das später nach ihm benannten Bergmassiv, das Hoggar oder Ahaggar, emigriert. Die Berber-Stämme, die bereits hier gelebt hätten, die Kel Ulli („Ziegenleute“), seien von den Kel Ahaggar als Vasallen „unterworfen“ 33 worden. In der Folge sei die arabische Bezeichnung Tuareg 1. als Bezeichnung für jene „adeligen“ 34 Tuareg verwendet worden, die der Region Targa entstammten; 2. wurde der Begriff auf all jene aus- gedehnt, die nunmehr in der von diesen Adeligen beherrschten Region lebten. 35 Bourgeot 36 beobachtet dabei den klassischen Prozess der Identifikation eines Landes mit seiner herr- schenden Klasse, schließlich dieser Klasse mit der Gesamtheit der Gesellschaft bzw. – im reziproken Sinn – die Benennung eines Landes mit dem Namen seiner Eroberer. 37 Das Wort „targa“ bzw. „terga“ wurde im Mittelalter auch von arabischen Autoren zur Be- zeichnung einer bedeutenden Tuareg-Gruppe aus dem Fezzan verwendet.38 11.2 Die Herkunft der Tuareg – ein Teil des Mythos Eng verbunden mit dem zugeschriebenen Namen ist der Mythos betreffend die Abstammung der Tuareg. Dazu wurden neben plausiblen Abstammungstheorien auch äußerst abstruse ent- wickelt, die nach Fuchs viel zur „Romantisierung“ 39 der Tuareg beigetragen hätten. Die meis- ten Theorien entstanden in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts, als unter französischen For- schern und Wissenschaftlern ein „volonté taxinomique“ vorherrschte, jene wissenschaftliche 29 Vgl. Göttler 1989, S. 303. 30 Vgl. Nicolaisen/Nicolaisen 1997, S. 47; ähnl. Göttler 1989, S. 297. 31 Ursprünglich bezeichnete der Begriff Franzosen, die ja die ersten „Nicht-Gläubigen“ waren, denen die Kel Ahaggar be- gegnet waren. In weiterer Folge wurde der Begriff auf alle „Nicht-Gläubigen“, miteingeschlossen Touristen, ausgedehnt. 32 Vgl. Bourgeot 1995, S. 29 f. 33 Tatsächlich bestand zwischen den ökonomisch starken Kel Ulli und den auf Kamelzucht spezialisierten Kel Ahaggar ein gegenseitiges, komplexes Abhängigkeitsverhältnis (vgl. insb. Stühler 1978, S. 86 f.). Insofern stellt der Begriff des „Vasall“ lediglich eine eurozentrische Hilfskonstruktion dar. Der „Unerwerfungsthese“ widersprechen übrigens die hämatologischen Untersuchungsergebnisse von Khazanov (1994), wonach die Kel Ahaggar und die Kel Ulli in enger verwandtschaftlicher Beziehung gestanden haben müssen. Dies spräche eher für eine ökonomische und in der Folge auch machtpolitische Diffe- renzierung einer Gruppe als für die Überlagerung zweier unterschiedlicher „Stämme“. 34 Gem. der Analyse der politischen Struktur der Kel Ahaggar von Stühler (ebd., S. 87) ist auch die Zuschreibung aristokrati- scher Qualitäten weniger Ausdruck tatsächlicher Machtverhältnisse als vielmehr Ausdruck der eigenen Wertschätzung der Kel Ahhagar und somit eines Images, das die Europäer in der Folge dankbar und in überzeichnender Weise übernahmen. 35 Foucauld (1951-52, Bd. 2, S. 534), der erwähnt, dass die Tuareg zu seiner Zeit das Gebiet des Fezzan immer noch als „Targa“ bezeichneten; nach Claudot-Hawad/Hawad (1996, S. 10) bedeute das Berberwort „targa“ soviel wie „Kanal“, und ist eine Bezeichnung für das Herkunftstal der Kel Ahaggar im Fezzan; 36 Vgl. Bourgeot 1995, S. 31. 37 Analog wurde auch die Normandie nach den normannischen Eroberern bezeichnet. 38 Vgl. Nicolaisen/Nicolaisen 1997, S. 47. 39 Fuchs 1984, S. 81. 401 Besessenheit zur Messung und Einordnung indigener Bevölkerung Nordafrikas und der Saha- ra. Die Klärung der jeweiligen Herkunft war dabei eine der „obsessions majeures“. 40 Die gegensätzliche Theorien zur Herkunft der Tuareg stellt Zöhrer wie folgt gegenüber: „Die einen bezeichnen sie als Nachkommen der alten Ägypter, andere wieder ihrer hellen Hautfar- be wegen und weil bei manchen Stämmen blondes Haar und blaue Augen vorkommen, als Abkömmlinge von Wikingern, Vandalen oder gar von Kreuzfahrern.“ 41 Müller verweist sogar auf Theorien, wonach die Tuareg von den Etruskern, von Balkanvölkern oder gar aufgrund ihrer hellen Haut überhaupt von Cro-Magnon-Menschen abstammen würden. 42 Hinkmann spricht sogar von einer Verwandtschaftslinie zwischen den Tuareg, den Libyern und Grie- chenland, wo „die Libyer als Minöer auf Kreta und Pelager in Mykene auch im nördlichen Afrika eine matriarchalische Gesellschaftsordnung schufen“. 43 Eine besonders abstruse Hypo- these projiziert ins „Hoggargebirge die letzten Reste jenes sagenhaften, verlorenen Atlan- tis“. 44 Eine unter französischen Autoren des 19. Jahrhunderts äußerst beliebte und am nach- haltigsten wirkende Hypothese war allerdings, „que les Touaregs font partie intégrante de la race blanche“ 45: die Vorstellung von gemeinsamen Wurzeln für Tuareg und Franzosen! Inwieweit sind nun diese Hypothesen phantastische Spekulation, Wunschdenken oder doch plausible Rekonstruktion historischer Gegebenheiten? Dass zum Ägypten der Pharaonen und zu den Phöniziern „nachgewiesene Kontakte“ berberi- scher Gruppen über ein Netz von Karawanen- und Handelsrouten bestanden hatten, gilt nach Göttler 46 als historisch bewiesen. Um eine konkretere Verbindung zu den Ägyptern bemüht sich etwa der Kulturhistoriker Gerhard Schweizer unter Berufung auf ein Relief in der ägypti- schen Tempelruine Medinet-Abu bei Theben (Luxor) aus dem Jahr 1195 v. Chr. Über die Hintergründe des Dargestellten ist jedoch nur so viel bekannt, dass die Ägypter Angreifer aus der Wüste erfolgreich zurückgedrängt haben. 47 Die Argumente für eine Abstammung von den Germanen basieren auf der Tatsache der hun- dertjährigen Germanendominanz im Raum des heutigen Tunesien, wo die Vandalen unter König Geiserich im Jahr 429 n. Chr. ein Germanenreich errichtet hatten. Nach Geiserichs Tod im Jahr 477 fielen Teile dieses Reiches allerdings wieder an Berberstämme, und 533 geriet das nordafrikanische Küstengebiet unter byzantinische Herrschaft. 48 40 Pandolfi 2001, Ethnologies comparées Nr. 2/2001, Web. 41 Zöhrer 1954, S. 34; Theorien über die Abstammung von den Vandalen und Kreuzfahrern nennt auch Fuchs (1984, S. 81), Luoma (2002, S. 109) und Jeronin (o. A., S. 80); die Ägypter als Vorfahren nennen auch Duveyrier (1864, zit. in Henry 1996, S. 255), Hinkmann (1968, S. 75) sowie die von Mano Dayak gegründete Association Touaregs (o.A., S. 2); vgl. zudem die historischen Arbeiten von Hama (1967), Seré de Rivières (1965) und Urvay (1936, S. 150). 42 Müller (1997, S.16 f.) gibt dafür keinerlei Quellen an, erreicht damit aber sein Ziel, den Abstammungsmythos zusätzlich zu mystifizieren. 43 Vgl. Hinkmann (1968, S. 76) unter Berufung auf Bachofen, J. 1891: Das Mutterrecht, eine Untersuchung über die Gynä- kokatrie der Alten Welt nach ihrer religiösen und rechtlichen Natur. Stuttgart. 44 Zöhrer 1954, S. 34 f, unter Hinw. auf den Roman „Atlantide“ von Pierre Benoits (1919). 45 Pandolfi 2001, Ethnologies comparées Nr. 2/2001, Web, unter Hinw. auf Boetsch G., Ferrie J. N. 1992: Du Berbère aux yeux clairs à la race eurafricaine: la Méditerranée des anthropologues physiques. In: Basfao, K.; Henry, J.-R. (Hrsg.): Le Maghreb, l'Europe et la France. Paris: C.N.R.S., S. 191-207. 46 Vgl. Göttler 1989, S. 301. 47 „Dort bringt Pharao Ramses III. dem Gott Ammon und der Göttin Maut kettengefesselte Gefangene zum Opfer; einige dieser Gefangenen tragen die noch heute bei den Tuareg übliche Frisur: den langen Zopf oder eine Haarlocke, die bis auf die Schulter herabfällt.“ (Schweizer 1981, S. 287). 48 Vgl. Göttler 1989, S. 303. 402 11.2.1 Tin Hinan Die Spekulation, wonach die Tuareg Nachkommen der sagenhaften Atlantis-Kultur seien, wurde durch den Bestseller von Pierre Benoit, „Atlantide“ aus dem Jahr 1919, lanciert. Der Autor, durch etliche Militärjahre in Nordafrika geprägt, hatte darin die Idee des französischen Geographen Etienne Felix Berlioux von einem einstigen großen Gewässers in Nordafrika auf- gegriffen. 49 Die Forschungsergebnisse über die Existenz einer legendären Tuareg-Königin Tin Hinan aus dem 4. Jahrhundert waren Benoit auch bekannt; sie ist in der Folge als Nach- kommin von Cleopatra Selene, der Tochter von Cleopatra und Marc Anton, gedeutet wor- den. 50 Einige Autoren 51 beschreiben die Legende der Tin Hinan als jene der Urahnin der Hoggar- Tuareg. Demnach sei die „vornehme“ Frau Tin Hinan und ihre jüngere Schwester oder Die- nerin Takama von Marokko aus ins Ahaggar-Gebirge geritten. Dieser Mythos der mündlichen Tradition dient der Legitimation der gegebenen Klassentrennung und des Anspruchs auf Vor- herrschaft und Tributzahlungen der „noblen“ Tuareg, der Kel Ahaggar, die von Tin Hinan abstammen sollen 52, gegenüber den Kel Ulli, die lediglich die Nachkommen von Takama seien. 53 Tuareg-Überlieferungen sollten darum bezüglich ihres Ursprungs kritisch bedacht und stets in Hinblick auf ihre politische Funktion verstanden werden 54 - wie etwa die gegen- wärtig im Hoggar verbreitete Version, wonach Tin Hinan als eine Art Urmutter der noblen Tuareg und auch der Franzosen! bezeichnet werde. Nicolaisen/Nicolaisen vermuten aller- dings, dass diese Version von französischen Offizieren in der Absicht verbreitet wurde, den Tuareg zu schmeicheln und engere Bande zwischen Franzosen und Tuareg zu stiften. 55 Stoff für weitere Spekulationen um die „Richtigkeit“ des Tin-Hinan-Mythos lieferten in den Jahren 1926 und 1933 die reichen Grabungsfunde des Franzosen Maurice Reygasse in Aba- lessa, 80 km westlich von Tamanrasset: 56 Er fand dort ein Prunkbett aus Holz und Leder, auf dem ein mit massiven Goldreifen geschmücktes Frauenskelett lag. An Grabbeigaben konnten römische Artefakte aus der Zeit Konstantins des Großen (4. Jahrhundert) und Produkte aus dem Sudan identifiziert werden 57. Diese Umstände bestärkten die Annahme, dass es sich bei der Verstorbenen zumindest um eine bedeutende Frau, „aller Vermutung nach eine mächtige Tuaregkönigin, die irgendwann um das Jahr 340 (...) gelebt hat,“ 58 gehandelt habe. Wahr- scheinlich war die Region damals für Karawanen eine bedeutende Station am Weg vom Mit- telmeer in den Sudan. 59 49 o.A. 2003, Web. 50 Vgl. Sorel/Pierron 2002, RFI, 05.09.2002, Web; Cool french comics 2003, Web. 51 Vgl. Fuchs o.A., S.169 ff., Nicolaisen/Nicolaisen 1997, S. 528 ff.; Bourgeot 1995, S. 63. 52 So wurde von mancher Ehefrau des Amenokal, der führenden Persönlichkeit der Kel Ahaggar, behauptet, sie sei direkt mit Tin Hinan verwandt (Hinw. Fischer o. A., S. 4). 53 Dafür spricht auch die Existenz anderer Abstammungsmythen wie jener von „Lemunta“, die als Ahnherrin einiger Stämme aus der Region Ghadames, und deren Schwester, die als Ahnherrin „der meisten Berberstämme Marokkos“ (Bourge- ot/Bancaud 1985, S. 36; ähnl. auch Nicolaisen/Nicolaisen 1997, S. 528) bezeichnet werden. 54 Vgl. Nicolaisen/Nicolaisen 1997, S. 540. 55 Vgl. Nicolaisen/Nicolaisen 1997, S. 528 ff; zur „Verwandtschaft“ zwischen Tuareg und Franzosen im folgenden Abschnitt. 56 Vgl. Zöhrer 1954, S. 45. 57 Vgl. Nicolaisen/Nicolaisen 1997, S. 528 58 Schweizer 1981, S. 301 59 Vgl. die Karten der traditionellen Karawanenwege durch die Sahara von Wandschneider 1990, S. 135. 403 11.2.1.1 „Gemeinsame Wurzeln“ zwischen Tuareg und Franzosen Will man die für Europäer des 21. Jahrhunderts abstrus erscheinende Idee der Verwandtschaft zwischen Tuareg und Franzosen verstehen, so muss man einen Blick auf die damaligen fran- zösischen Tuareg-Forscher und -Berichterstatter werfen, die, wie man bei Henri Duveyrier 60 und bei Charles de Foucauld 61 feststellen kann, überwiegend dem Adelsmilieu entstammten. 62 Für französische Aristokraten, die zu Beginn der III. Republik ihren Einfluss im zivilen Be- reich weitgehend verloren hatten, war das Militär zur neuen Stätte ihres Engagements gewor- den: „En 1898, un bon quart des généraux de brigade et de division étaient des aristocrates. De surcroît, ce corps d’officiers dominé par l’aristocratie joua un rôle crucial dans l’impérialisme au XIXème et au XXème siècle.“ 63 Die adeligen Sahara-Soldaten sahen in den Imascheren Angehörige einer feudalen, herrschen- den Schichte, weshalb sie sich mit diesen „noblen Einheimischen“ in gewisser Weise identifi- zieren konnten, und anhand derer sie die Tuareg-Gesellschaft überwiegend studierten. Dies hatte wiederum zur Folge, dass der europäische Blick auf eben jene als „aristokratisch“ be- trachtete Gesellschaftsschicht fokussiert 64 wurde, die über politische Macht und über entspre- chende Kenntnisse der gesellschaftlichen Strukturen verfügte, und die letztlich auch als reprä- sentativ für die Tuareg-Gesellschaft betrachtet wurde. Da nur die Imascheren über Recht und Pflicht zum Kriegshandwerk verfügten, kamen auch fast ausschließlich nur diese mit der „Außenwelt“ in Berührung 65, sodass sie das Bild vom adeligen „Wüstenritter“ und „echten Tuareg“ nachhaltig prägten: hoch zu Kamel, mit „Wurfspeeren und Schilden aus Leoparden- fell, (...) der dunkelblaue Umhang (...), der weiße Turban und dazu der Gesichtsschleier, der nur einen schmalen Spalt zu den Augen offenließ.“ 66 Durch diese Zugangsweise wurde in der Folge ein Bild von der Tuareg-Gesellschaft vermit- telt, deren Aufbau einer Pyramide entspricht, an dessen Spitze die Aristokratie mit dem obers- ten Chef, dem Amenokal 67, steht, getragen von den Stufen der Vasallen, der Imrads, und de- nen der Religiösen, der Ineslemen, die gleichsam als Mittelsmännern gegenüber der dienen- den Basis agierten. Auf Grund dieser idealisierten Situation wurde angenommen, dass die 60 Vgl. Durou 1993a, S. 149. 61 Vgl. Bourgeot 1995, S. 473. 62 Keine adelige Herkunft konnte der Bäckerssohn René Caillé vorweisen, weshalb er auch für seine Expedition (er war am 28. 4. 1828 in Timbuktu und der erste europäische Besucher, der wieder lebend heimkehrte) keine Unterstützung von Frank- reich erhalten hatte. Auch nach seiner Rückkehr disqualifizierten britische Forscher seine Aufzeichnungen als „Geschwätz eines Analphabeten“ (Hinw. in Durou 1993a, S. 111.) 63 Anderson 1996, S. 156. 64 Vgl. Wandschneider 1990, S. 62; Bernus 1993, S. 76. 65 So wird plausibel, dass auch in einem frühen Bericht des arabischen Forschungsreisenden Ibn Battuta aus dem Jahr 1352 über den Überfall zahlreicher Tuareg-Krieger auf eine Handelskarawane die Adeligen zwangsläufig im Mittelpunkt stehen (Hinw. in Schweizer 1981, S. 288.) 66 Schweizer 1981, S. 288. Dieser eindrucksvollen Erscheinung der Adeligen im Gegensatz zu Angehörigen einer abhängigen sozialen Schicht konnte sich auch Heinrich Barth (1986, S 144 f.) nicht entziehen, sah er sich doch gezwungen, „von der ungeheuren Verschiedenheit betroffen zu werden, welche zwischen diesen verächtlichen, entarteten Mischlingen und unseren hoch und kräftig gewachsenen, kriegerisch aussehenden Verfolgern stattfand." 67 Zöhrer (1954, S. 35) bezeichnete den Amenokal als „Fürsten der Zentralsahara“; Fuchs (1953, S. 157) schreibt vom „Kö- nig aller Ahaggar Tuareg und seinem Hof“; Nicolaisen (1997, S. 507-9) schildert den Amenokal als oberster Chef einer Föderation. Über absolute Macht verfügte lediglich der Amenokal Goma Anfang des 17. Jahrhunderts dank einer eigenen Garde. Nach dessen Tod zerfiel diese straffe politische Struktur der Tuareg, der Amenokal wurde zu einer Art Integrationsfi- gur zwischen den Förderationen ohne echte Durchsetzungskraft. So verfügten die Kel Ulli als wirtschaftlich dominante Gruppe über eine Art Veto-Recht gegenüber dem jeweiligen Amenokal-Kandidaten. Erst der von den Franzosen eingesetzte und von den Kel Ulli bestätigte Amenokal Musa ag Amastan (vgl. Keenan 1977, S. 85 f.) gewann mit französischer Unter- stützung wieder an signifikantem Einfluss und trug zum Bild von der hierarchischen Tuareg-Struktur wesentlich bei (vgl. Nicolaisen/Nicolaisen 1997, S. 514). 404 Aristokratie hinsichtlich der „Reinheit der Rasse“, der Werte und des Wissens gleichsam die höchste Stufe repräsentiere, und die jeweils niedereren Gesellschaftsschichten, die de facto den größten Teil der Tuareg-Gesellschaft darstellten, 68 deutliche Defizite in all diesen Berei- chen aufweisen würden. 69 In diesem Sinn verband etwa Nicolas den Begriff des Imascheren mit der „pureté de la race et aussi à la valeur, à la perfection“. 70 Ähnlich beschrieb auch Neumann die Vorbildlichkeit der Adeligen, deren „hervorragendste Eigenschaften (...) Aus- dauer, und das gleichmütige Ertragen von Hunger und Not (ist); hoch geschätzte werden Mut, Fairness, Gastfreundschaft, Geduld, Ergebenheit im Geschick und vor allem würdevol- les Betragen. (...) Gang, Gestik und Körperhaltung sollen alle Eleganz, Vornehmheit, Verfei- nerung und Stärke ausdrücken“. 71 Diese Stilisierung der adeligen Tuareg als ebenbürtige Menschen durch ihre französischen „Couterparts“ ging noch viel weiter, nämlich sogar bis ins Rassische: So sei nach Gautier nämlich das, was die Tuareg von ihren Nachbarn trennt, sowohl von den Arabern als auch den „Schwarzen“ des Sahels, genau jenes, was sie mit den Franzosen verbindet: „(…) il semble bien, toute sentimentalité à part, qu’il y ait entre eux et nous bien des affinités et des points de contact, bien plus qu’avec les Arabes […]. En somme, une certaine analogie de mœurs est incontestable, et elle est sentie de part et d'autre.“ 72 Noch deutlicher beschrieb Masqueray 1890 die Tuareg zwar als Barbaren, jedoch „barbares de notre race avec tous les instincts, toutes les passions, et toute l’intelligence de nos arrière-grands-pères. Leurs mœurs nomades sont celles des Gaulois qui ont pris Rome […]. Aussi rien n’est plus intéressant que de les questionner tant sur nous que sur eux- mêmes.“ 73 Die wichtigsten äußerlichen Elemente, die für diese Identifikation der Franzosen mit den Tua- reg herangezogen wurden, waren neben der Abhebung der noblen Tuareg als „race blan- che“ 74 gegenüber den Schwarzen, als Herren gegenüber den Sklaven und als „freie“ Nomaden gegenüber sesshaften Bauern insbesondere die feudale Sozialstruktur, „qui (…) ne peut être comparée qu’à notre ancienne féodalité.“ 75 Die ausgeprägte Hierarchie der Kel Ahaggar ent- sprach dem Paradefall „echter Tuareg“ 76, weshalb sie in manchen Studien als „un peuple- 68 Vgl. Bernus 1993, S. 76. 69 Entsprechend brachte auch Père de Foucauld im Vorwort seines Tamaschek-Lexikons seine Überzeugung zum Ausdruck, dass allein die Adeligen das Tamaschek korrekt sprechen würden, eine Kompetenz, die er den „plébéiens“, den imrad (Vasal- len), abspricht und die Sklaven überhaupt einer Sprachweise bezichtigt, die er als „défectueuse“ (de Foucauld 1951-52, t. 1, S. 2, zit. in Bernus 1993, S. 76) bezeichnet. Dagegen fanden die Kel Ewey, obwohl sie als Spezialisten für den Karawanen- Fernhandel die „wichtigste Verbindung zwischen dem arabischen Norden und dem schwarzen Süden darstellen“ (Spittler 1984, S. 300), unter Forschern bis in die späten 70er Jahre hinein nur wenig Beachtung, eben weil diese Tuareg-Gruppe sich „ethnisch und kulturell mit den Haussa im Süden vermischten, (wodurch) sie dem Verdikt der Forscher, die den ‚reinen’, hellhäutigen Tuareg mehr Aufmerksamkeit schenkten“, verfielen. 70 Nicolas 1950, S. 189, zit. in Bernus 1993, S. 76. Wie sehr dieses Image heute noch innerhalb gewisser Kreise der Tuareg- Gesellschaft verbreitet ist, zeigt sich anhand meiner Befragung der Kel Timia hinsichtlich ihres Selbstverständnisses eines „echten“ Tuareg, worauf sie sich als „Imascheren“ stets deutlich von den „Imrads“ abgrenzten. Näheres dazu in Kap. 18. 71 Neumann 1983, zit. in Wandschneider 1990, S. 41. Auch im 21. Jahrhundert ändert sich an diesem idealisierenden Zugang wenig. So beschreibt Perrotti (2002, S. 42) ihren Madugu Aorat: „Auffällig ist auch die geradezu königliche Haltung und Eleganz der Tuareg. (…) (Sie) wahren stets die für den alten Kriegeradel typische aristokratische Haltung.“ 72 Gautier 1906, S. 11, zit. in Pandolfi 2001, Ethnologies comparées Nr. 2/2001, Web. 73 Masqueray 1896, zit. ebd. 74 Gautier 1935, S. 182, zit. ebd. 75 Bonamy 1924, S. 43; ähnl. Stefanini 1926, S. 45; Vermale 1926, S. 34; Demoulin 1928, S. 145; alle zit. in Pandolfi 2001, Ethnologies comparées Nr. 2/2001, Web. 76 An dieser Stelle sei daran erinnert, dass es hier um die Darstellung des landläufigen Mythos vom „echten Tuareg“ und nicht um eine differenzierte ethnologische Analyse gehe, wie sie hier nicht weiter interessiert. So zählt etwa Fuchs (o. A., S. 70 f.) im Fall der Kel Ahaggar die zahlenmäßig bedeutend stärkeren Vasallen trotz ihres hohen Anteils an „Negerbluts“ sehr wohl zu den Tuareg, im Gegensatz zu den Sklaven. 405 témoin de notre propre histoire“ 77 angeführt wurden, verglichen mit „Germanie de Tacite“, mit „Grèce homérique“ 78 oder eben mit dem ehemaligen französischen Feudalsystem. Der Ehrenkodex dieser „Wüstenritter“ wurde etwa im Jahr 1900 bei der Schlacht von Zange- be, im Süden des heutigen Niger, vorexerziert: Damals rannten die Krieger der Kel Geres, bewaffnet nur mit Schwert und Schild, gegen das Trommelfeuer der Franzosen, banden sich sogar mit Gürteln aneinander, um das Zurückweichen vor dem zahlen- und waffenmäßig ü- berlegenen Feind zu verhindern. Angesichts dieser Situation fanden sich die französischen Offiziere jenen Männern gegenüber, mit denen sie scheinbar viele edle Werte verbanden. 79 11.2.2 Die Garamanten Nach der plausibelsten Theorie stammen einige Teilgruppen der dominierenden Nordstämme von den Garamanten ab, „deren Reich sich rund 500 Jahre vor Christi Geburt im Hochland von Fessan (...) befand,“ 80 und die mit der arabischen Invasion aus dem Mittelmeer-Raum nach Süden verdrängt worden sein dürften. Auch Zöhrer sieht im libyschen Fessan das „Land der Garamanten“, bezeichnet diese jedoch unter Berufung auf Duveyrier als Angehörige „einer negroiden, den Bornuvölkern verwand- ten Rasse,“ 81 die nach Herodot auf Streitwägen Äthiopier gejagt haben sollen. Schweizer sieht ein Indiz für die kulturelle Verbindung zwischen den Tuareg und den Garamanten-Kriegern in der besonderen Haartracht, dem langen Zopf bzw. der schulterlangen Haarlocke, Elemente, die bei beiden Kulturen vorzufinden sind. 82 Schweizer schreibt über die Garamanten, dass sie „in Ägypten einfielen und schließlich kar- thagische und griechische Küstenstädte plünderten.“ 83 Schließlich hätten sich die Karthager durch Verträge den freien Durchzug der Karawanen erkauft. Nach Berichten der römischen Historiker Plinius und Silvius Italicus seien zahlreiche Garamanten sogar als Söldner ins kar- thagische Heer eingetreten, hätten im Jahr 218 v. Chr. unter Hannibal die Alpen überquert und die Römer bei Cannae besiegt. Der Feldherr Cornelius Balbus habe nach einer Chronik im Jahr 19 v. Chr. Garama, die Hauptsiedlung der Garamanten, erobert. Der römische Geograph Claudius Ptolemaeus berichtet um 130 n. Chr. über die Garamanten, daß sich bereits zahlrei- che Stämme vor den Römern ins Innere der Sahara zurückgezogen hätten. Zusammenfassen lässt sich mit Stühlers Worten, „dass sich (...) unter den Twareg ein altes Substrat erhalten hat; andererseits lassen sich in der Antike und im Mittelalter Bevölkerungs- bewegungen in Nord-Süd-Richtung (und in entgegen gesetzter Richtung) feststellen, die eben- falls zur Ethnogenese der Twareg beigetragen haben.“ 84 Somit bleiben letztlich als „wahre“ Ergebnisse zur Herkunft der Tuareg nur einige wenige historische Rahmenbedingungen, je- doch wenig Gewissheit, was umso mehr das Tor zu beliebiger und stilisierender Mythenkrea- tion offen lässt. 77 Masqueray 1896, zit. in Pandolfi 2001, Ethnologies comparées Nr. 2/2001, Web. 78 Masqueray 1896, zit. ebd. 79 Vgl. Bernus 1993a, S. 65. 80 Müller 1997, S. 16 f.; Göttler 1989, S. 303. 81 Zöhrer 1954, S. 46; ähnl. Fuchs 1984, S. 81. 82 Anja Fischer (Mail vom 4.8.2004) hatte diese Haartracht auch bei marokkanischen Berbern im Hohen Atlas und bei Tubu- Kindern im Tibesti beobachtet. 83 Schweizer 1981, S. 287. 84 Stühler 1978, S. 6 f. 406 11.3 Historische Entwicklung des europäischen Tuareg-Images Das Image der Tuareg unterlag einem langen, wechselhaften Entwicklungs- und Konstrukti- onsprozess, den Pandolfi als Ausdruck eines „Übermaßes an Exotismus für enttäuschte A- bendländer“ 85 auffasst. Im Wesentlichen wurde dieses Image geprägt von den Berichten der Forschungsreisenden und der darauf reagierenden Presse sowie durch einige Hundert Sahara- Romane, die Henry mit folgendem Ergebnis ausgewertet hat: „Le personnage du Touareg est sans cesse réinventé en fonction d’un face à face avec le ‚Saharien’ français, et avec les at- tentes de la société française à l’égard du désert.“ 86 11.3.1 Die frühen Tuareg-Berichte Ursprünglich war von den Tuareg kaum mehr bekannt als ein mysteriöser Name von Bewoh- nern des unbekannten Herzens Afrikas. Dabei überlieferten die ersten Berichte von Ibn Khal- doun im 14. Jahrhundert ein positives Bild der Tuareg: „(...) die Tugenden, die dem Menschen zur Ehre gereichen und den Berbern zur zweiten Natur geworden sind: Kühnheit, Einhalten gegebener Versprechen, Geduld im Unglück, Stärke bei Kummer, Sanftheit des Charakters, Intelligenz, Verzicht auf Rache, Güte gegenüber Unglücklichen, Respekt vor dem Alter, Gast- freundschaft, Barmherzigkeit, Edelmut, Tapferkeit.“ 87 Ganz anders klang ein halbes Jahrtau- send später der erste Augenzeugenbericht eines Europäers, René Caillés, der nach seiner Timbuktu-Reise (1828) die dortigen „Touaricks“ als „belliqueux mais cruels“ und „sauvage et barbare“ kritisierte, die den übrigen Bewohnern eine ruinöse Gewaltherrschaft aufjochten. 88 Bereits anhand dieser beiden Beispiele wird das bipolare Bild deutlich, das im Verlauf der nächsten Jahrzehnte lediglich an Akzenten und Variationen gewinnt, die geprägt sind durch die französische Eroberung Algeriens und somit häufigere, wenn auch nur indirekte oder be- schränkte Kontakte zu den Tuareg. Einerseits gelten die Tuareg als Personifikation des Seltsamen, deren Gesellschaft, Sitten und Lebensform in keine bisherige Kategorie, außer jener des moralisch Schlechten, zu passen scheinen. Das Image von den „Piraten“ der Wüste, den „Wilden“, den „Barbaren“ etc. domi- niert vor allem in der Presse, doch auch der Timbuktu-Reisende Felix Dubois kritisierte die Tuareg gegen Ende des 19. Jahrhunderts als gesetzlose, feige und verlogene „Vagabunden“ und „Straßenräuber“. 89 85 In Übers. d. A.; Pandolfi 2002, Ethnologies comparées Nr. 5, Herbst 2002, Web. 86 Henry 1996, S. 249. 87 Hugot 1993, S. 40 unter Hinw. auf Duveyrier 1864. 88 Henry 1996, S. 250; ähnl. Hugot 1993, S. 40. 89 „Das Nomadenleben machte sie zu Vagabunden, zu Plünderern und Straßenräubern. Diebstahl wurde neben der Viehzucht ihr Hauptbroterwerb. (...) kein Band einte ihre Stämme, welche durch bittere und tiefe Hassgefühle gespalten waren. (...) Plünderer und Mörder sind sie, wenn sie zahlenmäßig überlegen sind, unterwürfige Bettler, wenn sie sich unterlegen fühlen, sie kennen jedenfalls weder Versprechen noch Ehrenwort (...). Vor allem nachts werden sie mutig, wenn ihre Gegner oder 407 Andererseits faszinieren die Tuareg die europäischen Romantiker. Das Image der ritterlichen, mutigen und ehrenhaften Aristokraten wird vor allem von Henry Duveyrier nach dessen ers- ten längeren Aufenthalt bei den Hoggar-Tuareg (1859-61) mit sehr positiver Berichterstattung forciert. 90 Die unterschiedlichen Sichtweisen von Duveyrier und Dubois lassen sich nach Bernus damit erklären, dass der eine der Fürsprecher der Tuareg, der andere der Anwalt der von den Tuareg beherrschten sudanesischen Bauern sei. 91 Im übrigen aber findet sich jenes dichotome Oszil- lieren zwischen dem Verehren und dem Stigmatisieren der Nomaden häufig sogar in densel- ben Texten, 92 was Bertram als typisch für das Verhältnis des Abendlandes gegenüber „exoti- schen“, kolonialisierten Kulturen nachwies. 93 An Nachhaltigkeit und Breite gewinnt dieses Image in der französischen Bevölkerung aller- dings erst durch geographisch inspirierte Romane 94 wie jene von Jules Vernes. Seit 1865 Mit- glied der „Société de Géographie“ lässt er sich durch Heinrich Barths Berichte in seinem 1862 erschienenen Roman „Cinq semaines en ballon“ 95 zu einer paradiesischen Beschreibung des Aïr-Massivs inspirieren, später wurden ihm die Arbeiten von Henri Duveyrier zur wichtigsten Quelle für seine saharabezogenen Texte. Die dort verbreiteten Stereotype prägten in weiterer Folge wiederum die wissenschaftlichen Werke vieler Geographen, Historiker und Ethnolo- gen, 96 wie etwa jene von Henri Lhote. 97 11.3.2 Das Entsetzen nach dem Flatters-Massaker Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts kennzeichneten massive Expansionsbemühungen die Afrikapolitik der Franzosen, 98 die jedoch nach dem Massaker an der Forschungsmission Flat- ters durch Tuareg im Jahr 1881 99 ein abruptes Ende fanden. Die Berichte der wenigen Überle- benden wurden von der Presse dramatisiert und für mehrere Jahrzehnte war die Sahara für die Franzosen ein undurchdringlicher Raum, allein schon aufgrund der unbesiegbaren Tuareg. Die- se wurden gleichsam als Barbaren und als Hindernis für die französischen Expansions- bemühungen wahrgenommen! Dieses Image führte einerseits zur weitgehenden Überschätzung der tatsächlichen Tuaregmacht, andererseits lieferte es auch die Legitimation für die folgende Befriedung der Sahara. 1893 eroberten die Franzosen Timbuktu, 1898-99 durchquerte die Mis- sion Foureau-Lamy erfolgreich die Sahara bis zum Tschad und 1899 fiel In Salah. Erst am 7. Opfer schlafen. List ist ihre Hauptwaffe.“ Dubois, Felix 1897: Tombouctou la mystérieuse. Ed. Flamarion, Paris; zit. in Ber- nus 1993a, S. 63. 90 Vgl. Henry 1996, S. 253 ff. So schwärmt Duveyrier (1864) von der „sprichwörtlichen“ Tapferkeit der Tuareg und von „ihrer Unabhängigkeitsliebe, die sie in die Wüste führte und sie dort festhält. (...) (und dass) Lüge, Diebstahl innerhalb des Lagers und Vertrauensmissbrauch bei den Tuareg nicht bekannt sind.“ (zit. in Bernus 1993a, S. 63.) 91 Vgl. Bernus 1993a, S. 63. 92 Vgl. Pandolfi 2001, Ethnologies comparées Nr. 2/2001, Web. 93 Vgl. Bertram 1995, S. 49 ff. 94 Zur Prägung der kolonialen Wahrnehmung durch die frz. Literatur vgl. etwa Girardet 1972. 95 Vernes 1984, S. 192; Hinw. in Bernus 1989, S. 546. 96 Hinw. in Pandolfi 2002, Ethnologies comparées Nr. 5, Herbst 2002, Web. 97 Vgl. etwa Lhote 1976. 98 Direche-Slimani (1996, S. 240) sieht diese Expansionsbemühungen als Reaktion auf die Niederlage gegen das Deutschland in den Jahren 1870/71 und insofern als Mittel zur Revitalisierung des erschütterten Nationalgefühls. 99 Deren Aufgabe war die Vermessung einer Trasse für eine Trans-Sahara-Bahn; vgl. Bourgeot 1995, S. 275 ff. 408 Mai 1902 wurden die Tuareg in der entscheidenden Schlacht von Tit vom französischen Militär unter Laperrine 100 mittels überlegener Waffentechnik bezwungen101 und unterworfen. Während dieser kriegerischen Periode fanden sich nur vereinzelte Tuareg-Fürsprecher wie Felix Gautier 102 oder Henri Duveyrier, der davor warnte, das Verhalten der Tuareg mit der Grausamkeit der Araber (!) gleichzusetzen.103 Die meisten Autoren dämonisierten die Tuareg. So schrieb Foureau, der Leiter der ersten erfolgreichen militärischen Durchquerung der Saha- ra, am 5. März 1899 in sein Tagebuch über die Tuareg, „dass unsere heutigen Freunde mor- gen unsere Mörder sein können.“ 104 Verbreitet wurde diese Kommentierung durch Abenteu- er-Literatur 105 und durch die damals schon weit verbreitete, illustrierte Presse; diese schilderte in buntesten Farben die „Unterwerfung“ der Tuareg, die Siege der Franzosen und deren Groß- zügigkeit zur Versorgung der Nomaden. Diese Betrachtungsweise zwischen Abscheu und Neugierde bestand bis zum I. Weltkrieg und gipfelte darin, dass einige Tuareg als lebende "Vorzeigeexemplare" bei Ausstellungen in Paris präsentiert wurden. 11.3.3 Die Periode der französischen Konsolidierung In der Zeit nach dem I. Weltkrieg beginnt die Romantisierung der Tuareg infolge ent- sprechender Romanliteratur. Die meisten Geschichten mit einem Sahara-Helden vor dem deko- rativen Hintergrund der gewaltigen Sahara spielen im Tuareg-Milieu. Damit beginnt die Phase der positiven Zeichnung des Tuareg-Bildes: die couragierten, asketischen, loyalen, treuen und perfekt an die Wüstenbedingungen angepassten Tuareg, die zum treuen Begleiter, Führer und Initiator des Sahara-Helden mutiert 106 sind. Als Hüter „de valeurs archaiques, qui nous met en communications directe avec le passé, ‚notre’ passé“ werden die Tuareg zum „dernier témoin“ einer verschwundenen Zivilisation, die nur darauf wartet, noch rasch von uns besucht zu wer- den. Letztlich, so Henry, wird der Tuareg in den 30er-Jahren „le personnage emblématique de l’Empire colonial français, celui qu’on exhibe dans les expositions coloniales ou sur les publici- tés touristiques.“ 107 In diese Zeit fällt jene Identifikation französischer Offiziere und Forscher mit den Tuareg, die bereits in Kap. 14.2.2 beschrieben wurde. Dabei sind zwei Trends besonders symptomatisch: 1. die positive Unterscheidung der Tuareg von anderen kolonialisierten „Rassen“ wie den Ara- bern und den schwarzen Sudanesen, und 2. die Gleichsetzung der Tuareg mit den saharischen Nomaden par excellence: 100 Der enge Freund von Charles de Foucauld wurde nach diesem Sieg von Frankreich so verehrt „comme (…) d’Artagnan“. (Hinw. in Dautheville 1993, S. 120. 101 Vgl. Durou 1993a, S. 272. 102 Vgl. Gautier 1935. 103 Zit. in Henry 1996, S. 260. Duveyrier, der 1864 noch die Goldmedaille der „Société de Géographie de Paris“ für seine Veröffentlichung „Les Touareg du Nord“ erhalten hatte, war zunehmend dem Vorwurf ausgesetzt, er habe ein falsches, be- schönigtes Bild der Tuareg vermittelt. Doch hatte Duveyriers Forschung im Geist der utopischen politischen Philosophie der Saint-Simonisten des frühen 19. Jhts. gestanden, getragen vom romantischen Ideal eines gegenseitigen Verständnisses und kommerziellen Austauschens zwischen Europa und Afrika. Das ausgehende 19. Jahrhundert hingegen war geprägt vom politischen Klima eines militärischen Imperialismus. Enttäuscht nahm sich Duveyrier am 25.4.1892 durch einen Revolver- schuss das Leben (vgl. Casajus 2004) 104 Zit. in Bernus 1993a, S. 66. 105 Karl May beschrieb die „blauen Männer der Wüste“ als gefürchtete Wüstenräuber, die „verwegen, furchtlos, tollkühn, listig, verschlagen, verräterisch (...) Karawanen (überfallen), morden und plündern – und (...) nach ihren Raubzügen in den Weiten der Wüste, ihrer Heimat, (verschwinden).“ Zit. in Taubert 1984, S. 45. 106 Vgl. etwa Meissner, Hans-Otto 1957: Der Silber-Schatz der Tuareg. Schneider V., o.A. 107 Henry 1996, S. 265. 409 „Le véritable Saharien, l’autochtone enraciné, c’est le nomade, dans l’espèce le Touareg […] ceux qui nous intéressent, les Sahariens du Hoggar, sont peut-être bien les représentants les plus glorieux et les plus caractéristiques du nom.“ 108 Von den (Hoggar-)Tuareg repräsentieren wiederum die noblen Imascheren die „wahren“ Tua- reg, wie Fuchs verdeutlicht: „Groß von Gestalt, zwei Meter Körpergröße sind nicht außerge- wöhnlich, schlank und feingliedrig, stellen die Adeligen den klassischen Typ des Tuareg dar. Die weiten Gewänder verleihen ihnen Würde, und der Schleier den Hauch des Geheimnisvol- len. Ihr Gang, jede Bewegung des Körpers, ist edel und hoheitsvoll, unterscheidet den Adeli- gen unverkennbar von dem Vasallen.“ 109 Eine bemerkenswerte historische Figur, die in der französischen Literatur zum vorbildlichen Krieger und Liebhaber heroisiert wurde, war Musa ag Amastan, der Amenokal der Kel Ahaggar, der aufgrund seiner Kooperationsbereitschaft mit der Kolonialmacht auch von dieser 1905 offiziell als Chef anerkannt worden war. 110 Der Überbewertung der hellhäutigen Kel Ahaggar-Adeligen und ihrer „edlen Gesichtszügen und kühnen Adlernasen“ und „würdigen“ Bewegungen, die „einer längst vergangenen Sa- genwelt von Halbriesen zu entstammen“ scheinen, steht eine Geringschätzung der dunkelhäu- tigen Kel Aïr gegenüber, die bei Zöhrer „nichts anderes als Haratin (sind), die man daher verachten muss. (…) Bald werde ich (…)‚wie ein echter Targi’ voll Verachtung auf diese ‚Haratin’ herunterblicken!“ 111 11.3.4 Das „Ende“ der (Tuareg-)Welt Die Idealisierung der noblen, hellhäutigen Tuareg reicht über das Ende der Kolonialzeit hin- aus, und in den 60er und 70er-Jahren des 20. Jahrhundert vollzog sich wieder ein grundlegen- der Wandel im Tuareg-Image: Immer mehr Romantitel und Zeitschriftenartikel kündigen das Ende der Tuareg-Kultur an aufgrund der neuen wirtschaftlichen und politischen Kontakte und einer unaufhaltsamen Modernisierung. 112 Die Dürrekatastrophen im Sahel drohten in den Au- gen mancher Autoren überhaupt die edlen Tuareg auszulöschen oder ihnen eine elende Exis- tenz als „Asphalt-Nomaden“ 113 an der Peripherie von Agadez aufzuzwingen. Auch Agadez selbst mutierte in den Augen europäischer Betrachter zu einem „ethnologischen Freilichtmu- seum“ 114. Angesichts dieser Presse erscheint es Henry, als ob die Tuareg für die Dauer von 108 Gautier 1935, S. 176. 109 Fuchs o.A., S. 70; ähnlich Zöhrer (1954, S. 36), der einen „edlen Targi aus einem Fürstengeschlecht“ vorstellt als „schlank und hager, sehnig und kräftig. (Er) (…) erinnert (…) in seiner strengen klassischen Gesichtsverschleierung, die er niemals lüftet, an einen mittelalterlichen Ritter mit geschlossenem Visier. Man sieht ihn nie ohne sein berühmtes Schwert (…). Mit ihm hat er seit seiner Jugend sämtliche Schlachten geschlagen und vielen weißen und dunklen Feinden das Lebens- licht ausgelöscht.“ 110 Vgl. Bourgeot 1995, S. 305. Ein interessantes Hintergrunddetail ist die Tatsache, dass Musa am traumatischen Massaker an den Teilnehmenr der Mission Flatters im Jahr 1881 ebenfalls teilgenommen hatte. Die große Sympathie Frankreichs be- ruhte aber auf der Tatsache, dass dieser als einflussreicher, aber loyaler Chef für Stabilität unter den Kel Ahaggar sorgte. Motiv seiner Kooperationsbereitschaft war freilich bloßes Machtkalkül mit dem Ziel, sich der Franzosen als Schutzmacht auch gegenüber inneren Rivalen zu bedienen. Darum hatte er lange mit dem Angriff auf die Aïr-Rebellen gezögert, bis eine gute Gelegenheit offensichtlich wurde (ebd., S. 307 f.) 111 Zöhrer 1954, S. 91. 112 Dies gilt auch noch für die 80er und 90er Jahre: „Mal adapté au monde actuel, poursuivi par es pouvoirs politiques, le monde touareg est en train de disparaître.“ (Dour el Dane 1990, Ulysse Nr. 15, 10.1990, S. 38); vgl. außerdem Harrer o. A.; Ritter 1980; Spittler 1985. 113 Kirtley/Kirtley 1995. Ritter (1980, S. 205) zitiert einen Tuareg-Nomaden in Agadez mit den Worten „Sedentarisé - trans- formé - foutu“: angesiedelt, angepasst, verloren. 114 Ritter 1979, S. 93. 410 zwanzig Jahren „nicht aufhörten zu sterben.“ 115 Hinter dieser Untergangsvision steht freilich die Erschütterung zweier Selbstverständnisse: - Mit dem Vertrag von Evian (1962) wurde der Verlust Algeriens, aber auch das Ende des Traums von einer „Sahara français“, der OCRS 116, besiegelt. Darunter litt freilich das Selbst- verständnis der Franzosen als dominante Kultur in diesem Raum. 117 - Weiters wurde nun offensichtlich, dass die Franzosen es bislang verabsäumt hatten, die Tua- reg in die allgemeine Entwicklung der Regionen einzubinden. Leider hatten die Franzosen zur Aufrechterhaltung des „Mythos Tuareg“ – ob aus politischen oder sentimentalen Gründen - insbesondere die „weißen“ Tuareg sogar in der Überzeugung bestärkt, gegenüber den übrigen Bevölkerungsteilen etwas Besonders zu sein. 118 Diese Politik hing eng mit den üblichen Vor- stellungen von einem „wahren Tuareg“ zusammen: Wenn ein Tuareg betrachtet wird als der Typus eines Sahara-Nomaden par excellence, wie dies in unzähligen Publikationen 119 getan wurde, so folgt daraus, dass ein Tuareg nur Nomade sein „kann“. Ein sesshafter Tuareg hingegen, wie er ja auch schon in der traditionellen Gesell- schaft existierte, der aber verachtet war, kann folglich nur als „falscher“ Tuareg betrachtet werden, „comme un Touareg ‚inauthentique’“, als Ausdruck des Niedergangs und „de la per- te d’une pureté originelle’.“ 120 Diese Ideologie wird besonders in Alberto Vázquez-Figueroas Roman „Tuareg“ deutlich, in dem der Titelheld als einsamer Heros „unbeirrbar (...) an der archaischen Lebensform seiner Vorfahren fest(hält); stolz verteidigt er die Überlieferungen seines Volkes gegen ihre Bedro- hung durch die moderne Zivilisation.“ 121 Nach der Ansicht Steinecks verbreitete und prägte dieser Bestseller in Europa nachhaltig das Tuareg-Image des „Übernomaden“: „stets adrett wie Klementine, selbstgerecht wie Michael Kohlhaas, trickreich wie James Bond und unend- lich stolz wie Oskar,“ 122 wobei Steineck hinzufügt, dass ihm selbst nie solche Viehzüchter begegnet seien. 115 Orig.: „(…) ce peuple n’en finit pas de mourir.“ Henry 1996, S. 265. 116 Die „Organisation commune des régions sahariennes“ hatte zum Ziel, die Saharagebiete, die annähernd die Siedlungsge- biete der Tuareg umfassten, von den in die Unabhängigkeit drängenden Regionen abzuspalten und als eigenes Staatsgebilde unter frz. Verwaltung zu stellen (vgl. Bourgeot 1995, S. 352-357.) 117 Keenan (2002, S. 134 ff.) weist die bedeutende Rolle Henry Lhotes als Fürsprecher für die Aufrechterhaltung eines fran- zösischen Algeriens hin: Lhotes Felsbild-Expeditionen standen unter der Patronanz des stv. Direktors des Pariser Musée de l’Homme, Jacques Soustelle, dem wichtigsten Fürsprecher für ein französisches Algerien in Paris und seit 1959 de Gaulles Minister für Sahara und Nuklear-Angelegenheiten!! Die Publicity aus der „Entdeckung“ der Tassili-Felsmalereien (vgl. Lhote 1958) lieferte – ein Jahr nach den Ölfunden in der Sahara – „a cultural fig leaf to wrap their vehemently conservative, imperialist and often racist calls for a French Algeria“ und unterstellte das französische Vorrecht an dieser Entdeckung. Zur Betonung dieser „Berufung“ hatte Lhote sogar Felsmalereien gefälscht, um ägyptische und europäische, „weiße“ Einflüsse nachweisen zu können. 118 Vgl. Petit, Jean 1960: L’attitude de la population et le problème de l’éducation au Sahara. Colloque générale sur les pro- blèmes de la zone aride. CHEAM, Nr. 50.875, Paris, 18.5.1960, zit. in Bourgeot 1995, S. 356. 119 Hinw. von Herzog 1982, S. 279. 120 Pandolfi 2001, Ethnologies comparées Nr. 2/2001, Web. Krings (1980, S. 95) nannte die „Seßhaftwerdung der Tuareg“ den „Ausdruck eines allgemeinen sozialen und demographischen Niedergangs“; für Ramir (1991, S. 15) leben die Tuareg „tout le traumatisme d’une transition vers le modèle dominant des sédentaires“; und Stührenberg (1992, S. 63) kommentierte das Foto eines Tuareg-Schneiders mit den Worten „Vom Nomaden zum Schneider – ein Tuareg-Schicksal“; vgl. auch Gretz- macher 1995, Bedrohte Völker Nr. 40, S. 19. 121 Frankfurter Allgemeine Zeitung 1986, Umschlagrückseite. Ein ähnliches Tuareg-Bild wird auch im Agenten-Roman „Blauer Ritter der Wüste“ von Guenter (1984) oder in David Balls „Ikufar“ (1999) vermittelt. 122 Steineck 1998, S. 14. Im Dezember 1999 hatte mir eine Dame aus der Reisegruppe der „Wiener Targia“, Eva Gretzma- cher, den Roman "Tuareg" von Vázquez-Figueroas zur Lektüre nahe gelegt, damit ich begreife, wie ein „echter Tuareg“ sei. 411 11.3.5 Tourismus: Tuareg als Accessoires und Logo Mit dem beginnenden Saharatourismus wurde den Franzosen und den anderen Europäern wieder die Möglichkeit eröffnet, in „ihre“ Sahara zu reisen. Dabei wird die Sahara als persön- liches Rückzugsgebiet oder als Wildnis verstanden, die es zu erobern gilt. Beeindruckende Bildbände präsentieren die Wüste zumeist als leeren Raum, „exclusivement un espace de déploiement de notre imaginaire“, in dem die Tuareg lediglich die Rolle eines „Accessoires“ spielen, als „personnage archaïque, anti-moderne, authentifiant un décor de rêve“. 123 Mano Dayak hat dieses sympathische, jedoch eurozentrische Image besonders intensiv gefördert im Zuge seines Engagements für die Rallye Paris-Dakar, der die Tuareg als Markenzeichen124 dienten. 125 Dadurch wurde die Prophezeiung vom „Ende der Tuareg“ zum Teil überlagert. Biernert vermutet richtig, dass „die Ethnie der Tuareg (...) im Bild vieler Touristen zur Sahara dazu (gehört)“. In einer Studie über das marokkanische Tafilalet gaben 44 % der befragten Touristen an, dass die Tuareg zum Bestandteil ihres Wüstenbildes gehörten. 40 % der befrag- ten Individualtouristen und sogar 64 % der Pauschaltouristen waren nach ihrem Urlaub sogar davon überzeugt, dass es im Tafilalet tatsächlich Tuareg gäbe.126 Dies ist nicht weiter ver- wunderlich, da ein Vortrag über die „Tuareg im Tafilalet“ zum Standard-Repertoire marokka- nischer Reiseleiter gehört. 127 11.3.6 Die Tuareg-Rebellion und ihre Folgen: Opfer und Helden Zu Beginn der 90er-Jahre wurden mit dem Ausbruch der Rebellion - eine Reaktion auf die Zustände in den Flüchtlingslagern - zwei neue Images verbreitet, die eng miteinander ver- flochten sind: die Tuareg sind Opfer systematischer staatlicher Unterdrückung, und die Tua- reg sind die Helden eines Unabhängigkeitskampfes. Beide Images waren im Wesentlichen von Mano Dayak und seinen europäischen Freunden mittels gezielter Medien-Kampagnen erfolgreich forciert worden. 128 123 Henry 1996, S. 266. 124 Das Rallye-Logo stellt den stilisierten Kopf eines Tagelmust-verhüllten Tuareg dar. 125 Grégoire 1999, S. 288. Daran änderte auch Manos explizites Eintreten gegen einen „anthropologischen Tourismus“ nichts, in dem die Tuareg angeblich ein Objekt der ästhetischen Begierde repräsentierten. (Dayak 1992, S. 78; 1996, S. 178). 126 Vgl. Biernert 1998, S. 70. 127 Dies widerfuhr mir mit vier verschiedenen marokkanischen Reiseleitern. Meine dezenten Hinweise auf diesen fundamen- talen Irrtum wurden entweder freundlich ignorieret oder gar als Untergrabung ihrer Kompetenz zurückgewiesen. 128 Die nachfolgende Analyse und Kritik der Schaffung und Instrumentalisierung von Mythen darf keinesfalls als Infragestel- lung des Selbstverständnisses ethnischer Gesellschaften an sich missverstanden werden. Das Ethnos, definiert durch eine „Menschengruppe mit gemeinsamer Abstammung, Überlieferung und Wir-Bewusstsein“ (W. Hirschenberg 1988, Neues Wörterbuch der Völkerkunde, Berlin, S. 134, zit. in Obrecht 2003, S. 356), war - und ist besonders im subsaharischen Afrika noch heute im weiten Teilen - konstitutiv für die Identität der Menschen (vgl. ebd., S. 208 f.). Doch kann auf die komplexe Problematik der Konflikte, die aus der Verschränkung der beiden - an sich - inkompatiblen Konzepte des „Stammesmit- glieds“ einerseits und des „individuellen Staatsbürgers“ andererseits resultieren, hier nicht weiter eingegangen werden. 412 11.3.6.1 Tuareg als Opfer Im Mai 1990 hatten die gewaltsamen Übergriffe des nigrischen Militärs auf das Flüchtlings- lager von Tchin Tabaraden stattgefunden, die zahlreiche Todesopfer unter den Tuareg- Flüchtlingen gefordert 129 und zum Ausbruch der Rebellion geführt hatten. Zwei Jahre später, im April 1992, gründete Mano Dayak den Verein „Touaregs“. Zweck des Vereins war die Durchführung humanitärer Aktivitäten, aber vor allem die gezielte und dauerhafte Verbrei- tung von Information über die Situation und die Nöte der Tuareg-Bevölkerung. 130 Dazu wur- de im Juni 1992 in Paris eine Kampagne mit Plakaten gestartet, auf denen über das Gesicht eines verschleierten Mannes geschrieben stand: „Touaregs. Un peuple doit-il disparaître pour exister?“ 131 Gleichzeitig wurde unter der Patronanz der Menschenrechtsorganisation „France- Libertés“ 132 im Pariser Musée de l'Homme eine Ausstellung mit Tuareg-Fotos 133 eröffnet, deren stereotyper Stil den klassisch-westlichen Klischees entsprach. 134 Als Wanderausstellung wurden diese Fotos in der Folge in weiteren 25 französischen Städten präsentiert. Der Verein „Touaregs“ belieferte Radio- und TV-Stationen und die Presse sowie NROs mit Informatio- nen aus ihrer Sicht über der Lage der Tuareg. Dazu erschien im selben Jahr noch Manos Buch „Touareg, la tragédie“. 135 Die Anthropologen Bourgeot und Casajus verurteilten diese Kampagne in offenen Briefen an mehrere Redaktionen als regelrechtes Desinformationsunternehmen, 136 welches von den fran- zösischen Medien, die „Pariser Tuareg-Lobby, die um den Tourismus, die Welt des Show- Business und der humanitären Vereinigungen von äußerst selektivem Humanitarismus kreist,“ für den Preis des Schreckens einer Rebellion unterstützt werde. Dabei seien Lügen im Über- fluss verbreitet worden. 137 Tatsächlich haben Mano 138 sowie solche namhafte Autoren, die mit der Tuareg-Sache 139 sehr sympathisierten, die Verhältnisse der Tuareg im Niger verzerrt als „systematische Margina- lisierung auf allen Ebenen“ 140 dargestellt. So wurde etwa zum Beweis ihrer Benachteiligung im nigrischen Staat die Zahl der Studienplätze, der Offiziersposten und der politischen Füh- rungspositionen für Tuareg gezielt falsch angegeben. 141 Dass diese Strategie funktionierte, wie Mano schon in seinem Buch anmerkte, 142 zeigt sich an der naiven Leichtgläubigkeit und begeisterten Kritiklosigkeit europäischer Tuareg-Für- sprecher gegenüber Mano und seiner Vereinigung. So schreibt Bode auf ihrer, den Tuareg 129 Klute (1990, S. 6) spricht als einer der ersten von „Ethnozid“. Zu den von unterschiedlichen Quellen kolportierten Zahlen siehe FN 148. 130 …„une action continue d’information sur la situation et les besoins de la population touarègue,“ (Association Touaregs o.A., S. 1.) 131 Übers.: „Tuareg. Muss ein Volk verschwinden, um zu existieren?“, Orig. zit. in Pandolfi 2001, Ethnologies comparées Nr. 2/2001, Web. 132 Deren damalige Präsidentin war Danielle Mitterand, die Ehefrau von Staatspräsident François Mitterand (vgl. Dayak 1996, S. 188). 133 Der Titel der Ausstellung lautete „Touaregs. Dix photographes témoignent“. 134 Orig.: „dans cette représentation stéréotypée qui répond si bien aux désirs et aux intérêts des Occidentaux“ (vgl. Casajus 1995, S 237 f. sinngem. auch in Bourgeot/Casajus 1995a, S. 523.) 135 Association Touaregs o.A., S. 1. 136 Orig.: „véritable entreprise de désinformation“ (Bourgeot/Casajus 1995a, S. 525.) 137 Orig.: „le lobby touareg parisien, gravitant autour du tourisme, du monde du spectacle et d’associations humanitaires à humanitarisme trop sélectif. (…) Des mensonges furent diffusés à profusion!“ (Bourgeot/Casajus 1995, S. 519.) 138 Vgl. Dayak 1992, S. 71 f. 139 Vgl. Mahamane, Zara 1999, 52 ff.; vgl. auch Claudot-Hawad (1993, S. 166 ff.), die mit dem Tuareg-Poeten Hawad verheira- tet ist. 140 „Depuis 30 ans au Niger, les Touare ont été systematiquement marginalisés à tos les niveaux,“ antwortete Dayak (1993a, S. 46) in einem Interview einer französischen Zeitschrift. 141 Vgl. die klarstellende Entgegnung von Salifou (1993, S. 84 ff.) und Bourgeot/Casajus (1995a, S. 525). 142 „A Paris, notre campagne de presse marcha à merveille.“ (Dayak 1992, S. 92.) 413 gewidmeten Homepage über die Kampagne: „So sehr die nigrische Regierung auch versuch- te, sich selbst in ein günstiges Licht zu rücken, so gab es doch Tuareg, allen voran Mano Dayak, die die Wahrheit an die Öffentlichkeit brachten. Insbesondere die französischen Me- dien setzten die nigrische Regierung unter Druck (…).“ 143 Dieser „Druck“ bestand etwa in der konsequenten Verbreitung des Images von den unterdrück- ten und verarmten, obwohl doch so außergewöhnlichen Tuareg. Diese Darstellung wurde von den europäischen Medien willfährig und kritiklos übernommen. So berichtete die FAZ über das „letzte große Nomadenvolk der Erde“, deren Lebensraum zum „Armenhaus der Welt“ 144 werde, und das Reisemagazin „abenteuer & reisen“ beklagte den „Völkermord in der Sahara“ als Be- drohung der Existenz der „blauen Ritter der Sahara“. 145 Es scheint, als ob in den Augen der Europäer die Tuareg – nach ihrem langen „Sterben“ in den 60er- und 70er-Jahren – als Ritter der Wüste doch überlebt hätten, und dass plötzlich die- ser Traum von der guten alten Zeit neuerlich vom Untergang bedroht werde, was von den Anhängern des Tuareg-Mythos so nicht hingenommen werden konnte.146 Dabei gelang es den Kampagne-Betreibern, den Druck auf die Reizschwelle der Tuareg-Sympathisanten noch zu intensivieren. 147 Eine der Methoden dieser Desinformationskampagne war es, die tragischen Ereignisse in Tchin Tabaraden wegen der Todesopfer 148 zu einem regelrechten „Völkermord“ 149 an den „Tuareg – ein Volk ohne Land“ aufzubauschen: Alamine vergleicht die Situation der Tuareg – jahrelange „Unterdrückung“, „Säuberungskrieg“ und „Massakern“ - mit der Situation der Kurden in Westasien. 150 Mit dieser Mitleids-Strategie wurde beim Publikum der Punkt über- schritten, wo man nur bedauernd nicken konnte, sondern wo man zum Handeln gezwungen war, um „die qualvolle Geschichte der Tuareg“, die „unbeschreiblichen Massaker“ an „die- sem stolzen Volk“ 151 zu stoppen und die Tuareg umfassend zu unterstützen. 152 143 Bode 2000, Web. Auf meine kritische Anregung hin korrigierte die engagierte Ethnologie-Studentin jedoch ihre Skizze der Rebellion in Richtung eines differenzierten Bildes; vgl. auch Bode 2004, S., 27, mit ihrem freundlichen Hinweis auf meine diesbezüglichen Anregungen. 144 Ashoff 1992, FAZ, 8.5.1992, zit. in Waibel 1998, S. 8. Dass unter den Tuareg „extreme Armut“ herrscht, hatte die Asso- ciation Touaregs (o.A., S. 2) selbst verbreitet. 145 Vgl. Schmidt 1992, S. 134. 146 Thiolay (1993, S. 92) schrieb in GEO France: „Les hommes libres (…) sont désormais condamnés à la misère des camps de réfugiés.“ 147 Auch auf politischer Ebene versuchte die Rebellen-Front CRA in einem Memorandum vom 3. 2. 1994 eine zurechtge- rückte „vérité“ der Geschichte der Tuareg zu proklamieren, die Bourgeot (1995, S. 363) als „falsifiée“ beurteilt. Darin wird erstmals offiziell ein Bezug auf die präkoloniale „nation touarègue“ erhoben und die Tuareg als ein „Märtyrer-Volk darge- stellt (vgl. CRA 1994, Web). 148 Die Zahl der Todesopfer betrug nach Angaben der nigrischen Regierung 63 Menschen, gem. NGO-Angaben 600-700 (vgl. Bourgeot 1995, S. 358; Ramir 1991, S. 100) und gem. der Association Touaregs (1993, S. 3) 2000 (vgl. auch Dayak 1992, S. 90; ). Die Angaben der Ass. Touaregs seien jedoch vom frz. Journalisten Christophe Bois Bouvier vor Ort widerlegt worden (Salifou 1993, S. 161); auch Dayak (1996, S. 187) nennt unter Bezug auf ein Interview von Berlit, Bischof von Nia- mey, im Magazin „L’Express“ nur noch die (nicht minder tragische) Zahl von 600 Opfern. 149 Afrika Post 4/1992, zit. in Waibel 1998, S. 8. 150 Vg. Alamine 1995, S. 25 ff. Wie sehr die Rede vom Tuareg-Genozid ein ideologisches Instrument ist, zeigt sich etwa daran, dass bei meinem Versuch, mit Tuareg über die Problematik der zum Teil systematischen Massaker an Fulbe-Nomaden zu diskutieren (vgl. Friedl 1998b, S. 7 f.), diese schlichtweg negiert wurden (z.B. Moustapha, Niamey Oktober 1997). 151 GfbV 2000, Bedrohte Völker Nr. 64, S. 11. 152 Im Zuge einer Spenden-Kampagne der GfbV Ende der 90er Jahre gelang es der Tuareg-Referentin Eva Gretzmacher, binnen weniger Monate 150.000 Schilling aufzutreiben (ebd.) 414 11.3.6.2 Tuareg als Helden Das eigentliche Erfolg dieser Image-Kampagne bestand darin, Verständnis und Unterstützung unter den europäischen Tuareg-Fans für den Gewalteinsatz junger Ischomar zu gewinnen. Angesichts der als Martyrium suggerierten Lage 153 der „weißen“ Tuareg, und nur der Ethnie der Tuareg, 154 inmitten einer von „Schwarzen“ „dominierten“ Region wurde so der Gewalt- einsatz der Ischomar als Mittel der Selbstverteidigung legitimiert. 155 Diese arbeits- und besitz- losen jungen Tuareg-Flüchtlinge, von denen viele überzeugt waren, dass die Revolte mora- lisch durch die Notwendigkeit zur Wiedererrichtung ihrer „verlorenen Würde“ legitimiert sei, 156 erlangten als erfolgreiche Helden des Unabhängigkeitskampfes ein neues Selbstbe- wusstsein 157 und auch entsprechende Anerkennung. 158 So berichtet Steineck, dass die heroi- sierenden Lieder über Tingalen, jenen ein Jahr lang vom nigrischen Militär vergeblich bela- gerten Berg im Greboun-Gebiet, „zum Standardrepertoire jeder Tuareg-Band“ gehören wür- den. 159 Dass der Griff zur Waffe für die „Tuareg“ „offensichtlich“ der einzige richtige Weg gewesen sein muss, diesem Eindruck vermittelt auch der GEO-Redakteur und Tuareg-Vertraute Mi- chael Stührenberg. 160 Nach seiner Ansicht seien „die Tuareg (…) geborene Krieger“ 161 und hätten mit der Rebellion „nur erneut bewiesen, was seit Ewigkeiten allseits bekannt war: dass die einstigen „Herren der Wüste“ hervorragende Einzelkämpfer waren.“ 162 Die geistige und materielle Unterstützung für diese Rebellion, insbesondere durch Frankreich, ist für Henry ein Indiz für die Richtigkeit seiner Ansicht vom Image der „sterbenden Tuareg- Kultur“ 163: Mit der Rebellion schienen die „Sterbenden“ und ihre einstigen Werte in den Au- gen ihrer Bewunderer eine Renaissance zu erleben, eine „Analogie zu einer ruhmreichen krie- gerischen Vergangenheit“, was Waibel heftig kritisiert. 164 Bourgeot & Casajus gingen mit ihrer Kritik an der „véritable lobby des amis de la cause toua- règue’“ noch viel weiter: Die kritiklose Parteinahme für die Tuareg-Rebellion durch gewisse Medienleute und Intellektuelle in Frankreich resultiere aus der Sehnsucht nach Exotismus, wonach die Wüstenkrieger zu rebellieren hätten, anstatt sich als Bürger in einem modernen 153 Vgl. Bourgeot 1995, S. 363. 154 Stührenberg (2002b, Geo Nr. 4, April 2002, S. 166 f.) schreibt über die Geschichte der Tuareg der vergangenen 100 Jahre: „Nirgendwo fanden die Tuareg ihren Platz; überall wähnten sie nur Gegner und neue Herren. Bis heute fühlen sie sich als Außenseiter.“ 155 Vgl. Stührenberg 1995, S. 124. 156 Vgl. Bourgeot 1995, S. 443. 157 Vgl. Wanayer (1996, S. 129), ein junger Kämpfer der Rebellion, drückt seine Begeisterung für eine Revolution wie folgt aus: „prendre les armes, se libére eux-memes, etre maitres de leurs pays, etre un monde au sein du monde.“; ähnlich auch Gunnar, der einstige Adjudant von Mano Dayak (Int. am Tamgak, Februar 2003). Bourgeot (1995, S. 434) spricht in diesem Zusammenhang von einem „état de relique folklorique“. 158 So meint der malinesische Tuareg Akli (1995, S. 117): „Les combattants, leur tache, c’était de combattre pour un idéal (…). Les combattants, même s’ils se sont exilés, sont quand même beaucoup plus proche du pays que les gens qui ont négocié pour eux.“ 159 Steineck 1998, S. 17; vgl. auch Bourgeot (1995, S. 443) über den “chansons des ishumar” (ézalé n shumar). Dass die Selbstverherrlichung der Tuareg Tradition hat, schildert Zöhrer (1954, S- 37) am Beispiel des noblem Sidi ag Schadab, der „von Zeit zu Zeit Lieder über seine eigenen Taten und Kämpfe (singt), die geistvoll und zündend lebendig sind (…)“ 160 Die Ehefrau Stührenbergs betreut in Paris das Marketing für Tidene Expeditions, dessen Direktor, Mohamed Ixa, ein naher Verwandter Mano Dayaks ist. 161 Stührenberg (1992, S. 67) wertet dabei das kriegerische Ethos noch stärker auf, indem er den Tuareg die Wodaabe als „nur freundliche Opfer, friedlich, hilflos“ gegenüberstellt. 162 Stührenberg 2002b, S. 166 f. 163 Henry 1996, S. 265. 164 Waibel 1998, S. 8. 415 Staat nach allgemeinen Spielregeln zu engagieren. 165 Dabei werde von diesen Fürsprechern in Kauf genommen, dass die Rebellen als politische Perspektive nur eine Macht auf ethnischer Basis beanspruchten und dadurch einen ethnischen Konflikt provozierten. 166 Überspitzt for- muliert erschien die europäische Tuareg-Begeisterung als begeisterte, rassistische Kriegspro- paganda zugunsten der weißen Herren der Wüste. 11.3.6.3 Temust – die „Tuareg-Nation“ Die nigrische Rebellenfront CRA hatte die Abgrenzung von zwei Dritteln des Staates Niger, autonome Verwaltung durch „Einheimische“ sowie Eliteposten ausschließlich für Tuareg ge- fordert 167. Zugewanderte Ethnien aus dem Süden sollten vom Wahlrecht ausgeschlossen sein. Diese rassistische Forderung eines „taguisierten“ 168 Apartheidstaates provozierte im Niger die Entwicklung eines Anti-Tuareg-Nationalismus und noch mehr den Ausbruch interethnischer Konflikte. Hinter diesem Anspruch stand die Berufung auf das traditionelle Konzept „Temust n imajag- hen“ als ideologische Grundlage, was nach der Ethnologin Claudot-Hawad als Gesamtheit der „Tuareg-Gesellschaft“ 169 bzw. als „Tuareg-Nation“ 170 übersetzt werden könnte. Entsprechend nannte sich Mano Dayaks Rebellenfront, 1993 mit dem Ziel gegründet, für die gesamte Tua- reg-Gemeinschaft des Niger einzutreten, „Front de Libération Temoust“, 171 und auf einem offiziell verbreiteten Dokument vom 17. 2. 1994 glorifiziert die Rebellenfront CRA im Na- men der „nation touarègue“ die Revolution. 172 Die Problematik, einen ethno-nationalen Anspruch durch den Rückbezug auf einen archai- schen Begriff zu legitimieren, so die Kritik Bourgeot an seiner Kollegin Claudot-Hawad, liegt in seiner Umformung in moderne Kategorien und Fakten. 173 Diese ideologische Verbrämung schließt die Tendenz ein, die eigene Geschichte nach Belieben neu zu erfinden. 174 Dies zeige sich, wenn Claudot-Hawad behauptet, schon Kaosen habe die Idee einer geeinten, egalitären Tuareg-Nation in seinem Kampf gegen die koloniale Okkupation 1916-1917 forciert. 175 Clau- dot-Hawads Behauptung unterstelle allerdings, so Bourgeot, in anachronistischer Weise mo- derne Werte und pluralistisch-politisch-soziale Konzeptionen, die zur damaligen Zeit noch gar nicht existiert hätten: 176 „(…) aucun fait historique n’atteste l’existence d’une ‚nation’ toua- règue précoloniale que relève ainsi du postulat.“ 177 165 Bourgeot/Casajus 1995a, S. 525: „Quand donc disparaîtra ce goût de l’exotisme qui peint les Touaregs en guerriers des sables, et qui fait qu’on les préfère en rebelles plutôt qu’en citoyens d’un État moderne essayant de jouer le jeux – certes conflictuel – de la démocratie?!“ 166 Vgl. Bourgeot/Casajus 1995, S. 519, 521. 167 Vgl. Rhissa ab Boula, Int. in Le Republicain Nr. 35, 27.2.192, zit. in Bourgeot 1995, S. 363. 168 Orig.: „La targuisation“, Bourgeot 1995, S. 363 169 Claudot-Hawad 1993, S. 178. 170 Claudot-Hawad 1996, S. 26. 171 Dayak 1996, S. 211 f. 172 Hinw. in Bourgeot 1995, S. 359. 173 „Temust“ bedeutete im Kern „individuelle Identität“ (Alawjely, G. Ag 1980: Awgele temajeg-tefrensist. Lexique Touareg- Francais. Akademisk Forlag, Copenhague); mit dem Zusatz „temust n imajeghen“ ist der Begriff übersetzbar als „Identität der Krieger-Aristokraten“ und erst durch extensive Deutung als „Identität der Kel Tamaschek“ (vgl. Bourgeot 1995, S. 359). 174 Vgl. Bourgeot 1995, S. 14. 175 Vgl. Claudot-Hawad 1996, S. 26 ff. Diese Sichtweise übersieht die Tatsache, dass Kaosen als Sohn eines Sklaven von „niedriger“ Herkunft war und insofern nach der Vermutung Bourgeots (1995, S. 333) wohl Ambitionen gegenüber der Macht der Aristokratie hatte. 176 Bourgeot 1995, S. 352. Eade/Allen (1999, S. 152) weisen hinsichtlich der Konzeption von Ethnizität in Afrika grundsätz- lich darauf hin, dass diese eine Folge der entsprechenden Zuschreibung durch die kolonialen Autoritäten sei, die nunmehr 416 Der Begriff „temust n imajeghen“ wurde also mittels einer linguistischen Konstruktion ins Feld der modernen Politik extrapoliert, um als „Mittel des ideologischen Kampfes“ 178 zu die- nen. 179 Dem gegenüber bleiben aber die – von den unkritischen Tuareg-Anhängern ignorier- ten – Umstände, dass 1. die geforderte Region von unterschiedlichsten Ethnien bewohnt wird, und 2. auch „die Tuareg (…) weder eine einheitliche Rasse noch eine Nation (sind)“ 180 und auch niemals waren. Genau hier, im militärisch-ideologischen Kampf, zeigt sich die eigentliche Problematik der Mythoskonstruktion und ihrer Instrumentalisierung, als ja in diesen sowohl ideologischen als auch militärischen Krieg mit seinen katastrophalen Folgen nicht nur andere Ethnien verwi- ckelt waren, sondern auch zahlreiche Tuareg mit der Ideologie der Ischomars wenig bis gar nichts gemein hatten. Damit gewinnt die Instrumentalisierung des Mythos an ethischer Rele- vanz, auf die abschließend noch eingegangen wird. 181 11.4 Elemente des gegenwärtigen Tuareg-Bildes 11.4.1 Der Schleier - Tagelmust Dass vor allem der Schleier (Tagelmust) den Okzidentalen fasziniert, bezeugt die häufige und zuweilen überdimensionale Verwendung dieses Images in Reisebeilagen, 182 Magazinen, 183 Kalendern 184 und Sahara-Katalogen. 185 Zum einen signalisiert das verhüllte Gesicht etwas mystisches, würdiges und nicht zuletzt auch ritterliches, ähnelt der Schleier doch einem „mit- telalterlichen Helm mit heruntergelassenem Visier.“ 186 Umgekehrt wiederum vermögen die Europäer Tuareg ohne ihren Schleier gar nicht als Angehörige dieser Ethnie zu erkennen, wie Steineck über seine Begegnung mit einem Soldaten in Agadez schreibt: „In Uniform und mit Militärmütze entspricht er überhaupt nicht dem Klischee eines verschleierten Wüsten- ritters.“ 187 eine Eigendynamik entfalte, indem die Betroffenen häufig den als ursprünglich betrachteten Glauben annehmen würden, ihr „Stamm“ habe eine lange und reiche, vorkoloniale Vergangenheit. 177 Bourgeot 1995, S. 15; ders. explizit (ebd., S. 17) zum Begriff der „Heimat“: „L’extrapolation, ou l’assimilation, de la notion géographique de ‘pay’ à la notion politique de ‘patrie’ postule une conscience politique qui est étrange aux populations touarè- gues.“ 178 Klute, Georg 1995: Hostilités et alliances. L’aspect historique de la dissidence dans le mouvement rebelle des Touaregs du Mali. Zit. in Bourgeot 1995, S. 360. 179 Vgl. dazu die von Calhoun (1997, S. 31) gen. Rolle der Eliten aller Gruppen hinsichtlich der Formung und Manipulation ethnischer Identität durch politische und ideologische Strategien. 180 Göttler 1989, S. 12. 181 Grundsätzlich muss hier freilich festgehalten werden, dass die Rekonstruktion der eigenen Kultur auf der Basis ethnologi- scher Studien ein an Bedeutung gewinnendes Phänomen ist, wie Giddens (1994, S. 100) am Beispiel der westkanadischen Kwakiutl aufzeigt: diese Gesellschaft bediente sich zur Rekonstruktion ihrer Vergangenheit der Monographien von Franz Boas. 182 Vgl. die A3-große Titelseite in der Reisebeilage des Standard RONDO, August 1999, wo über die „Wüstenwanderung: Mit den Tuareg im Ténéré“ berichtet wird (Obert 1999, S. 4-5.) 183 Vgl. Stührenberg, Michael 1992: Triologie des Überlebens. In: Geo Spezial Nr. 6, Dez. 1992, S. 58-74. 184 Geo-Kalender 1994, August-Blatt, zu Werbezwecken abgedruckt in Geo (Ed. francaise) Nr. 178, Dez. 1993, S.16-127. 185 Oase-Reisen 2002, aktuell 02/03, S. 1. 186 Zöhrer 1954, S. 55. 187 Steineck 1998, S. 14. 417 Der Tagelmust ist bis zu sechs Meter lang und wird traditionellerweise nach genauen Vor- schriften um den Kopf gewickelt. Das traditionelle Indigo-gefärbte Tuch wird aus Nigeria (Koura bei Kano) importiert, traditionell mit Indigo eingefärbt und gibt lange Zeit Farbe ab, wodurch die Haut der damit Verschleierten schwarzblau wird: die Ursache für den Begriff „Blaue Menschen“. Auch heute noch geben Tuaregmänner viel Geld für einen schönen Schleier aus, um sich für Feste entsprechend auszustatten. 188 Zuverlässige Berichte über „verschleierte Männer“ gibt es erst seit dem 14. Jahrhundert,189 allerdings zeigen die Petroglyphen der Pferdeperiode, in denen Kämpfer mit Lanzen, Schil- den, und Köpfen mit stilisierten, aus zwei Hälften bestehenden Gesichtern dargestellt werden, dass schon damals die Sitte aufkam, das Gesicht zu verschleiern. 190 Über die ursprünglichen Gründe, warum Männer einen Schleier tragen, gibt es zahlreiche Spekulationen. Nach einer Legende seien einst Krieger in einem Kampf schmählich unterle- gen gewesen und hätten bei ihrer Rückkehr ins Lager nicht mehr gewagt, ihr Gesicht offen zu zeigen. Eine andere Legende besagt, der Schleier verhindere, dass die Kel Esuf, die bösen Geister der Wildnis und die der erschlagenen Feinde durch den Mund einströmen können. 191 Bernus sieht den plausiblen Sinn des Schleiers im Schutz gegen Sand, Hitze und Verduns- tung. 192 Viel wichtiger ist jedoch die soziokulturelle Funktion des Tagelmust: er ist ein sichtbares Zei- chen der Verbundenheit mit der Tuareg-Kultur. Diese Funktion erhielt der Tagelmust vor al- lem während der Repressionen gegen die Tuareg unter dem Kountché-Regime. Schließlich ist das Tragen des Tagelmust auch der Ausdruck eines für die Tuareg bestimmenden Schamge- fühls, das ab dem Erwachsenenalter gilt. Das erstmalige Anlegen des Tagelmust gilt dabei als Initiationszeremoniell, um den Übergang vom Knaben- ins Mannesalter und damit die Aner- kennung als Mitglied der väterlichen Linie zu signalisieren. 193 Früher hatte jede Region bzw. jeder Stamm ein bestimmtes System, den Tagelmust zu binden, womit die Stammeszugehö- rigkeit signalisiert wurde. Immer noch verbreitet ist die Funktion des Tagelmust als Mimik- Ersatz: Je tiefer das Tuch unter die Nase geschoben wird und damit den Mund freigibt, desto mehr fühlt sich der Betreffende in der jeweiligen Situation sicher und vertraut. 194 Infolge der ökologischen Krisen der 70er und 80erJahre verlor der Tagelmust weitgehend seine soziale Funktion zugunsten einer primär praktischen. Diese Entwicklung ging einher mit der Entstehung der Klasse der Ischomar, jene besitz- und arbeitslosen „Vagabunden“, die auf der Suche nach Arbeit ihrem kulturellen und sozialen Umfeld entrissen wurden. Während der Kountché-Repression (1983-86) und auch während der Rebellion wurde der Tagelmust zu einem Symbol ethnischer Solidarität und Kameradschaftlichkeit. 195 Obwohl sich die Tuareg auch „Kel Tagelmust“, „Leute mit dem Schleier“, nennen, sind sie nicht die einzigen Ethnien, die einen Gesichtsschleier tragen; auch bei den WodaaBe oder den arabischen Nomaden ulath ba hammu von Titikelt sind die Männer verschleiert. 196 188 Vgl. Bernus 1993a, S. 66. 189 Vgl. Schweizer 1981, S. 287. 190 Vgl. Krings 1982, S. 382. 191 Vgl. Schweizer 1981. S. 302. 192 Vgl. Bernus 1994, S. 32. 193 Vgl. Bourgeot 1995, S. 427 ff. Dieses Ritual ist mit dem Anlegen den „Tesirnest“ bei den jungen Frauen vergleichbar. 194 Vgl. Claudot-Hawad 1993, S. 30 ff. Diese Funktion ist mittlerweile weitgehend verloren gegangen. Bourgeot (1995, S. 427, FN 11) weist zudem darauf hin, dass das Tragen des Tagelmust bei den Kel Ewey aufgrund ihrer flexiblem Arbeitstei- lung und infolge des Fehlens einer Vasallenschicht weniger streng gehandhabt werde. 195 Vgl. Bourgeot 1995, S. 434. 196 Vgl. Nicolaisen/Nicolaisen 1997, S. 384. 418 11.4.2 Freiheitsdrang Schon Erwin von Bary schrieb von den Tuareg, „ihr unbezähmbares Freiheitsgefühl (sei) das Abbild ihrer lieblosen Heimat.“ 197 Im modernen Image wird diese ökologisch bedingte Not- wendigkeit, mobil zu sein, um den marginalen Lebensraum ökonomisch zu nutzen, umge- münzt in das Wesen des „genetisch bestimmten Nomaden (…). Ein Seemann der Wüste, für den Agadez nicht mehr sein kann als ein Heimathafen. Wie soll man solche Menschen „zivili- sieren“? (...) Ihr Hang zur grundlosen Bewegung macht sie unkontrollierbar.“ 198 Hier zeigt sich deutlich die Verbindung von Poesie, Wunschvorstellung, Phantasie und medialer Wir- kung, denn die hier beschriebene Person ist in Wahrheit der höchst professionelle und moder- ne Mohadem Ixa, Chef von Tidene Expeditions, der schon lange keine Kamele mehr hütet, sondern die Zeitschrift „Geo“ und diverse Filmteams Expeditionen organisiert. Gerade unter solchen modernisierten Tuareg ist die Selbststilisierung und Idealisierung des Lebens in der Wüste als reines, paradiesisches Dasein sehr verbreitet. So fasste etwa Sidi Mo- hamed, der Direktor der Agentur Pleiade Voyages, seine Lebenssituation als Touristiker wie folgt zusammen: „Moi, je dois vivre l’enfer du tourisme, pour que ma famille peuvent vivre le paradis en brousse!“ 199 Diese Romantisierung der Wildnis 200 und des Hirtendaseins 201 ist Ausdruck der Entfremdung vom traditionellen Leben, die einhergeht mit der Aneignung west- licher Projektionen und Klischees. Denn Tourismus wird von den urbanisierten Tuareg in der Regel äußerst lustvoll betrieben. Dass diese Verbundenheit mit der Wüste eo ipso ein Mythos ist, zeigt das Tamaschek-Wort „Ténéré“, das soviel wie „das Land da draußen“ im Sinne von „jenseits des Weidelandes“ bedeutet: eine lebensbedrohende Umwelt, wo weder Wasser noch Futter für das Vieh zu fin- den ist. 202 Tatsächlich leben die Tuareg-Nomaden auch nicht in der Wüste, sondern in den Randzonen zwischen Wüste und Regenfeldbauzone, dem Sahel. Traditionelle Tuareg durch- queren die Wüste nur aus dringender Notwendigkeit und nicht, wie Europäer, aus Begeiste- rung. 203 Für sie ist die „Ténéré der Inbegriff von Leid und Schmerz, Durst und Hunger, Hitze und Kälte – ein Synonym für ein Dasein voller Entbehrung.“ 204 11.4.3 Duldsamkeit und Selbstdisziplin Wer in einer so lebensfeindlichen Welt wie jener der Wüste lebt und dann auch noch das "Survival-Unternehmen" 205 einer Bilma-Karawane mit den Strapazen der Hitze und der lan- gen Marschstrecken bewältigt, muss in den Augen eines Europäers ungemein duldsam und voller Selbstdisziplin sein. Entsprechend nähren auch Mano 206 oder Stührenberg diese Vor- 197 Bary, Erwin v., zit. in Zöhrer 1954, S. 28; ähnlich Pandolfi 2001, Ethnologies comparées Nr. 2/2001, Web. 198 Stührenberg 1999, S. 72. 199 „Ich muss die Hölle des Tourismus erleben, um meiner Familie das Leben im Paradies der Wüste zu ermöglichen!“ (Sidi Mohamed, Direktor von Pleiade Voyages, Agadez, Februar 2000.) 200 Vgl. Dayak 1996, S. 12: „(…) ne quitte jamais le désert car le désert purifie l’âme… (…)“ 201 Vgl. Spittler 1998, S. 183. 202 Vgl. Claudot-Hawad 1993, S. 45. 203 In diesem Sinne äußerten sich auch die von mir befragten Kel Timia; vgl. dazu das Kap. über „Tourismus bei den Kel Timia“. 204 Steineck 1998, S. 19. 205 Spittler 1998, S. 183. 206 Dayak (1996, S. 30): „Mendier, se plaindre: le comble de la déchéance.“ 419 stellung: „Ein Targi darf nicht klagen, darf nicht von Durst sprechen, nicht von Hunger oder Erschöpfung. Nicht einmal danke oder bitte darf er sagen. Denn das verrät Wünsche. Wün- sche sind Schwächen, und die Wüste duldet keine Schwächen.“ 207 Die Realität sieht freilich etwas anders aus, denn auch die Tuareg kämpfen mit menschlichen Problemen wie Hunger, Durst, Müdigkeit, Einsamkeit oder Angst. Besonders die Einsamkeit beim Ziegen- und Kamelhüten belastet die Nomaden. 208 Die damit verbundene Isolation se- hen etwa die Kel Ewey keineswegs positiv. Stellt auch die Fähigkeit, damit umgehen zu kön- nen, das Kennzeichen eines guten Hirten dar, so können heute „die Jungen nicht mehr allein sein“. 209 Auch wenn ein verlaufenes Kamel zu suchen ist, wird Hunger und Durst gelitten, denn „der Durst kennt keine Gewöhnung.“ 210 Die Tuareg sind somit alles andere als „Übermenschen“. Als ich einmal während meiner Rei- se auf einem Lastwagen der Kooperative von Timia unter der starken Sonneneinstrahlung litt, meinte ich zu meinem Tuareg-Begleiter, im Gegensatz zum weichlichen Europäer hätten die Tuareg kein Problem mit der Sonne, worauf er mir entgegnete: „Die Sonne setzt allen Men- schen zu. Auch wir Tuareg sind empfindlich, das hat nichts mit der Herkunft zu tun.“ 211 11.4.4 Ritterlichkeit Die äußere Erscheinung der Tuareg, der visierähnliche Gesichtsschleier, die Bewaffnung mit Schwert, Schild und „Lanze“, und das scheinbar würdevolle Auftreten der Adeligen erzwingt nach Bernus bei Europäern nahezu die Assoziation mit der europäischen Ritterzeit.212 Die histori- schen Berichte von der „außerordentlichen Kühnheit“ der noblen Tuareg im Kampf gegen das französische Militär wirken zusätzlich. 213 Tatsächlich galt auch unter den Tuareg das Schwert, die Takuba, als Symbol des Krieges und des aristokratischen Kämpfers. Mittlerweile hat die „Kalach“ – die Kalaschnikov – den Platz des Schwertes eingenommen und letzterem die Rol- le des „musealen Objekts“ zugewiesen, das an die große Vergangenheit erinnert. 214 Auch das Kamel, von den Kel Ahaggar eingeführt, hat seine ursprünglich lebenswichtige Be- deutung für die Tuareg verloren. Es wurde bis auf den „Status des folkloristischen Relikts reduziert“ 215, das nur noch mit dem Leben im Busch identifiziert wird, nicht mehr mit der Eroberung, dem Transport und der Mobilität. Heute bevorzugen wohlhabende Tuareg die Reichtum signalisierenden Allradfahrzeuge, die mittels Schmuggel oder Tourismus kapitali- siert werden können. Der Vergleich mit Rittern ist für Gerhard Schweizer auch in gesellschaftlicher Hinsicht nahe liegend: „Der adelige Tuareg besaß (…) ähnliche Aufgaben wie einst bei uns der Ritter. Er 207 Stührenberg 1991, S. 64; sinngem. die Kel Ahaggar auch Zöhrer 1954, S. 38; zu den Kel Ewey vgl. Spittler 1998, S. 64). Hans Ritter (1979, S. 95) musste feststellen, dass mit der großen Dürre der 70er Jahre „das Wort, dass die Nomaden nicht betteln, seine Gültigkeit verloren“( hat). (…) ‚Nur Sklaven betteln‘, sagen die Tuareg, versuchten bis zuletzt ihren Ehrbegriff zu bewahren.“ Dazu hätten Adeligen sogar ihre einstigen Sklaven vorgeschoben und potentielle Spendengeber um eine Gabe für eben diesen gebeten, um sich selbst nicht bloßstellen zu müssen. 208 Vgl. Spittler 1998, S. 68 209 Bemerkung eines alten Hirten in Spittler 1998, S. 197. 210 Bemerkung eines alten Hirten in Spittler 1998, S. 199. 211 Gespr. mit Khader, LKW-Begleiter von Timia, Elmeki, 3. 11. 1999. 212 Vgl. Bernus 1993a, S. 63 213 Zöhrer (1954, S. 31, S. 63) berichtet, dass „sechs von ihnen (…) eine Abteilung von 150 Kolonialsoldaten überfallen und bis auf den letzten Mann niedergemacht (hatten).“ 214 Vgl. Bourgeot 1995, S. 430, 435. 215 Ebd., S. 434. 420 lernte zuerst einmal reiten und kämpfen, dann aber auch ‚ritterliches’ Benehmen und feine Manieren (...).“ 216 Die traditionellen Aufgaben, Reiterheere militärisch zu führen, Recht- sprechung und Stammesführung, Anspruch auf Tributzahlungen gegenüber den Vasallen, umgekehrt die Pflicht, diese gegen äußere Feinde zu schützen und in Notzeiten – etwa durch Rezzus 217 - zu versorgen, weisen ebenfalls Parallelen zum europäischen Rittertum auf. Auch das Ahal, ein poetisches Treffen zwischen heiratsfähigen Frauen und Männern, erinnert „nicht von ungefähr an die Atmosphäre eines europäischen Minnehofes (…).“ 218 Allerdings sind im Gegensatz zum mittelalterlichen Minnedienst im Rahmen dieser „amourösen Versamm- lung“ 219 sehr wohl gewisse erotische Freiheiten, jedoch nur innerhalb von strengen Regeln, erlaubt. 220 Die meisten Elemente der Tuareg-„Ritterlichkeit“ beschränkten sich auf die Imascheren und existieren, abgesehen von Schwert und „Visier“, kaum mehr. Dagegen ist die von den Euro- päern erfahrene Ausstrahlung der Tuareg-Würde immer noch lebendig, denn „kaum etwas zählt für einen Targi so sehr wie die Schönheit seiner Erscheinung, die Eleganz seines Auf- tritts. (...). Eine märchenhafte Inszenierung.“ 221. Der Regisseur Bertolucci hatte bei der ersten Begegnung mit einem Tuareg den Eindruck, „als lebten sie in ihrer unglaublichen Würde und in ihrer kulturellen Identität.“ 222 Ähnlich schilderte der Kameramann Moskowicz seine erste Begegnung: „Mit einem Schlag, allein durch ihre Anwesenheit, hatten sie dem ganzen Team Respekt eingeflößt.“ 223 Dass diese „Würde“ zum einen die Folge des Mythos, vor allem aber die Folge eines hinrei- chend inszenierten Auftretens mit all den traditionellen Tuareg-Attributen ist, zeigt sich, wenn man einem Tuareg im Arbeitsgewand begegnet: Dann tritt unweigerlich das Menschliche in den Vordergrund und der westliche Betrachter kommt um den Genuss der Bestätigung seiner Er- wartungen. Wahrscheinlich liegt darin der Hauptgrund, weshalb von Tuareg praktizierte Bette- lei seitens der Europäer als „entwürdigend“ empfunden wird. 224 Einen Beitrag zur Verstärkung des Ritter-Images dürfte Iyad ag Ghali von den Kel Iforas ge- leistet haben, der sich bei den Verhandlungen mit den Entführern der 32 Europäer im August 2003 erfolgreich engagiert hatte. Die Beschreibungen des „Löwe der Wüste“ genannten Ade- ligen passen so recht ins hier skizzierte Bild eines Tuareg-Helden: 1982 habe er in Gaddhafis „Islamischer Legion“ im Tschad und bei der PLO im Libanon als Befehlshaber einer Tuareg-Söldnereinheit gedient. 1987 wurde er Chef der Exilorganisation malischer Tuareg, der Mouvement Populaire de l’Azaouad (MPA). Nach seiner Rückkehr führte er den Überfall auf die Militärstation von Menacha an sowie die dadurch ausgelöste Rebellion gegen die malinesische Regierung. In den nachfolgenden Kämpfen gegen die mali- 216 Schweizer 1981, S. 295 f. 217 Rezzus sind nach einem strengen Ehrenkodex geregelte Raubzüge, die unternommen wurden, um eine Hungersnot der Untertanen zu verhindern (vgl. Claudot-Hawad 1993, 13 ff.), und die nichts mit Bereicherung oder mit der „Lust am Tot- schlagen“ (Schweizer 1981, S. 295 f.) gemeinsam gehabt hätten; ähnlich Luoma (2002, S. 111), der über den „ehrenvollen Raubzug“ schreibt: „Wer gegen Schwächere antritt, verliert seine Ehre. Frauen sind deshalb unantastbar.“ 218 Schweizer 1981, S. 299. 219 Ghoubeid 1980, S. 78. 220 Vgl. Bernus 1993, S. 163. 221 Luoma 2002, S. 111. 222 Bertolucci 1992, S. 160. 223 Moskowicz 1992, S. 162 f.; ähnlich auch Ritter 1971, S. 32. 224 Zum Wertewandel der Tuareg durch Tourismus siehe das Kap. über die „Rolle des Tourismus hinsichtlich des soziokultu- rellen Wandels“. Die Betonung der Würde und Vornehmheit kam wiederholt bei den Schilderungen und Hinweisen von Eva Gretzmacher zum Ausdruck. So hatte sie mir in Hinblick auf meine Ankunft in Niamey empfohlen, keinesfalls eine schlech- tere Unterkunft als das Hotel Ténéré (1999: 21.000 FCFA/Nacht, damals ca. 35 Euro) zu nehmen, denn kein Tuareg würde in einem Hotel unter diesem Niveau absteigen. In Niamey wurde mir dagegen von einem Tuareg namens Ibrahim (Niamey, 10. 10. 99) das „Chez Ali“ (4-6.000 FCFA/Nacht, damals ca. sieben Euro) empfohlen. Dieses sei während der Friedensverhand- lungen von vielen Tuareg genutzt worden, weil es sehr sicher sei. Heute tummeln sich dort auch unaufdringliche Prostituier- te. 421 nesische Regierung habe er laut Georg Klute „nie Niederlagen erlitten - trotz krasser Unter- legenheit bei Menschen und Material,“ 225 1991 unterzeichnete er den Friedensvertrag mit Mali in Tamanrasset und trug zur Befriedung radikaler Rebellenfraktionen bei. Nach dem Frieden 1996 wurde er Präsidentenberater und Tourismusunternehmer. 226 11.4.5 Das Bild der Targia als „Herrin der Zelte“ „Auch die Tuareg-Frau war Opfer vieler Klischees.“ 227 Dabei wurde den Frauen in der Lite- ratur zumeist neben einer herausragenden Schönheit228 besondere Privilegien in der Gesell- schaft zugeschrieben, 229 so dass populäre Schriften sie in die Position der „einstigen Königin- nen der Wüste“, 230 ausgestattet mit umfassender Freiheit, 231 hochstilisierten: „Eine Targia geht auch nie verschleiert (...). Keiner, auch nicht der eigene Gemahl, kann ihr das Leben vorschreiben,“ was Stührenberg mit der Abstammung von Tin-Hinan begründet. 232 Nach verbreiteter Ansicht waren die Frauen der Tuareg niemals „Königinnen“. 233 Der Chef in der Sippe ist immer ein Mann, und auch abgestimmt und entschieden wird durch Männer, wenn auch Frauen aufgrund ihres Besitzes über beratenden Einfluss verfügen: 234 Sie haben ihre eigenen Tiere und behalten auch die Kontrolle über sie zur Gänze. Der Hausrat gehört ihnen und verbleibt ihnen auch im Falle der Scheidung, was ihre Position im Familienverband wesentlich stärkt. 235 Das in der islamfeindlichen, westlichen Welt mit besonderer Aufmerksamkeit aufgenommene Klischee vom fehlenden Schleier 236 ist sachlich falsch, denn Targias tragen sehr wohl ein Kopftuch, nur verhüllen sie nicht ihr Gesicht, wie die Männer. Zu verstehen ist diese Beto- nung der „Freiheit“ der Targia für Europäer im Vergleich mit den Frauen der stärker musli- misch geprägten Nachbarn, den Arabern 237 und den Haussa, bei denen die Frauen in der Öf- fentlichkeit kaum eine Rolle spielen. 238 In diese „Schublade“ fallen auch weitere Gerüchte über die Targia, z.B. dass sie weit gebilde- ter sei als der Targi, „weshalb die Tuareg zu den wenigen Völkern gehören, die über mehr Dichterinnen von Format als Dichter verfügen.“ 239 Traditionellerweise waren „Männer und Frauen gleichermaßen gefordert“, Verse zu schmieden und in Liedform zu präsentieren. 240 225 In: Johnson 2003a, Interview, taz, 15. 8. 2002 Web. 226 Vgl. AFP 2003, Web; Johnson 2003, taz, 9. 8. 2003, Web. 227 Bernus 1993a, S. 66. 228 Vgl. etwa Jeromin o. A., S., 89. 229 Vgl. Pandolfi 2001, Ethnologies comparées Nr. 2/2001, Web. 230 GfbV 2000, Bedrohte Völker Nr. 64, S. 11. 231 Vgl. Schweizer 1981, S. 299; sinngem. über Sexualität vgl. Gretzmacher 1995, S. 18; Thiolay 1995, S. 122; Jeromin (o. A., S. 80) 232 Stührenberg 2002b, S. 189. 233 Schweizer (1981, S. 301 f.) wendet zwar ein, dass 1910 die Schwester des Hoggar-Amenukal, Dessin, ihren Bruder wäh- rend seiner Audienz in Frankreich bei den Tuareg-Stämmen vertreten habe, dass sich aber sonst niemand an eine historisch gesicherte Tuareg-Herrscherin zu erinnern vermag. Nur für die Vorfahren der Tuareg sei bewiesen, dass auch Frauen regieren konnten. So seien etwa die Aurès-Berber um das Jahr 800 von einer Königin, Kahina, gegen die einfallenden Araber in den Kampf geführt worden. 234 Vgl. Nicolaisen/Nicolaisen 1997, S. 717 f. 235 Vgl. ebd., 709 ff.; Claudot-Hawad 1993, S. 46 f.; Walentowitz 2000, S. 69 ff. 236 vgl. Waibel 1998, S. 7, Fn 2. 237 Vgl. Dyveyrier 1864, S. 124. 238 Vgl. Pandolfi 2001, Ethnologies comparées Nr. 2/2001, Web. 239 Schweizer 1981, S. 299. 240 Vgl. Göttler, 1989, S. 294.; ähnlich Nicolaisen/Nicolaisen 1997, S. 717 f. 422 Was die Bildung anbelangt, werden heute tendenziell eher die Söhne – und selbst diese nur zögerlich – in die Schule geschickt, während die Mädchen zur Hausarbeit oder für die Beauf- sichtigung der Ziegen herangezogen werden. 241 Ähnlich überzogen ist auch das Klischeebild von der sexuell emanzipierten Tuaregfrau, wo- nach es für ihre Scheidung schon genüge, dass sie „der Meinung ist, ein anderer Mann passe eben besser zu ihr.“ 242 Mögen erwachsene und unverheiratete Tuareg-Frauen auch sexuell unabhängig sein, so musste bei den Kel Ahaggar die Wahl eines Ehepartners sehr wohl von ihren Eltern genehmigt werden. Die Trennung konnten zwar beide Partner verlangen, doch bekam ein geschiedener Mann leichter wieder die Erlaubnis zur Heirat mit einer selbst ge- wählten Partnerin, als eine geschiedene Frau. 243 Angesichts dieser gerafften Darstellung lässt sich mit Nicolaisen/Nicolaisen auf den Punkt bringen, dass Männer gegenüber Frauen bei den Tuareg über eine deutlich stärkere Position verfügen als vom verbreiteten Mythos suggeriert. 244 11.4.6 Zusammenfassung Das Image der Tuareg, ähnlich wie jenes der meisten exotischen Völker 245, variiert zwischen den zwei extremen Darstellungen des edlen Wüstenritters und des wilden Barbaren, wobei letzteres sich mittlerweile zum hungernden „Asphaltnomaden“ hin entwickelte. Beide Bilder sind letztlich nichts weiter als Projektionen unseres eigenen Selbstverständnisses. Trotz des Imagewandels über-Jahrhunderte hinweg blieb ein wesentliches Element des Tuareg-Images stets unverändert: die außergewöhnliche, „würdevolle“ Erscheinung als Unterscheidung zu allen anderen Wüstenvölkern, und die dadurch auf Europäer ausgeübte Faszination bzw. die empfundene „Ähnlichkeiten“ mit den mittelalterlichen Rittern. 246 Die Tuareg dienen dabei den Europäern als Projektionsfläche für deren Träume, sei es als Bewahrer einstiger Kulturen oder sei es als Führer durch feindliche Räume… 241 Spittler (1998, 234 f., 394) bezeichnet den damaligen Widerstand der Kel Timia gegen den Schulunterricht für ihre Kinder als generell sehr groß. Auch mein Berater Aghali hatte zwar seine Söhne, nicht aber seine Töchter in die Schule geschickt. 242 Murczek 1998, S. 21, unter Bezug auf Désirée von Trotha. 243 Vgl. Nicolaisen/Nicolaisen 1997, S. 709 ff. 244 Ebd., S. 718. Allerdings ist auch bemerkenswert, dass Nicolaisen selbst - wie viele seiner männlichen Kollegen bis zu seiner Zeit - sich nur wenig mit den Tuareg-Frauen beschäftigt und nur wenige Seiten über sie veröffentlicht hatte. Dieses Forschungsdefizit änderte sich erst mit der zunehmenden Durchdringung der anthropologischen Forschung mit Frauen (vgl. dazu insb. Claudot-Hawad 1993, 1996; Walentowitz 2000). 245 Vgl. Bertram 1995, S. 49 ff. 246 Vgl. Herny 1996, S. 268. 423 11.5 Mythos Tuareg als Marketing-Instrument: ein ethisches Problem? Als bekannt wurde, dass VW-Manager den neuen Geländewagen „Touareg“ nennen wollten, entbrannte in der Newsgroup „touaregs@yahoogroupes.fr“ eine heftige Debatte darüber, ob dies legitim sei oder ob nicht seitens der Tuareg-Gemeinschaft eine Klage gegen VW ange- strengt werden sollte. 247 Tatsache ist, dass Massenprodukte, wie Fahrzeuge, durch Benennung mit einem bestimmten Namen individualisiert werden müssen. Ein solchens Produkt soll emotionalisiert werden, es soll mit dem Namen ein bestimmtes Image bekommen, mit dem sich der zukünftige Käufer identifizieren kann. 248 Das Phänomen „VW Touareg“ 249 ist somit nichts Neues. 250 Auf die Funktionen der Klischees als kommunikative Mittel zur Reduktion von Komplexität und zur Substitution von Fremdem wurde bereit im Kapitel über die „Wahrnehmung und In- teraktion zwischen Reisenden und ‚Bereisten’ eingegangen. Knapp formuliert lässt sich dem- gemäß der Begriff „Tuareg“ funktionell als ein Symbol verstehen, mittels dessen ver- schiedene Gefühle, Vorstellungen, Sehnsüchte, aber auch Raum für Unbekanntes transportiert werden sollen. Inwieweit kann nun dergleichen ethisch unvertretbar sein? Dazu wird wohl zwischen verschiedenen Fällen zu differenzieren sein: 11.5.1 Der Mythos als Werbung für die Tuareg-Destinationen Eine Region kann im Wettbewerb der Destinationen nur konkurrieren, wenn sie sich entspre- chend vermarktet. Will man einem Preiskampf zwischen Anbietern gleicher Produkte entge- hen, so muss das Produkt entsprechend profiliert sein, und dem Kunden muss dessen Beson- derheit signalisiert werden. In einer überreizten, gehetzten Aufmerksamkeits-Ökonomie251 gelingt dies freilich nur noch mittels entsprechender Images. Dass dies so ist, scheinen auch viele Tuareg verstanden zu haben, denn im Zuge der Befragungen bei den Kel Timia akzep- tierten die meisten Personen, dass Touristen Tuareg fotografieren, insbesondere deren Feste, weil durch die spätere Präsentation der Fotos daheim ein Werbeeffekt erzielt werden könne. Daraus folgt vorerst, dass die Verwendung von Tuareg-Klischees als Werbung für Tuareg- Tourismus voraussetzt, dass auch Tourismus zu den Tuareg von diesen als vertretbar angese- hen wird. 252 Kann diese These an dieser Stelle auch noch nicht bewiesen werden, so will ich sie für die weitere Argumentation zumindest hypothetisch vorgeben. 247 Ähnliche Überlegungen äußerte auch Heike Sommer, die selbst über den Verein Cargo an zahlreichen Hilfsprojekten bei den Tuareg beteiligt ist (Telefonat im Jänner 2003). 248 Schärli 1998, NZZ Folio, Mai 1998, Web. 249 Die mit dem Namen verknüpften Eigenschaften sind in FN 5 genannt. 250 Man denke nur etwa an den „Jeep Chirokee“. Manny Ansar (2003, touaregs@yahoogroupes.fr, 26.09.2003), der Leiter des jährlichen Tuareg-„Festivals in der Wüste“ in Timbuktu, berichtet, dass die VW AG das Tuareg-Event im Jänner 2004 finan- ziell und durch die Leihgabe von drei VW Touareg-Geländewagen unterstützen werde. Dies sei Ansar und Dr. Stefan Oschmann von Afro Projekt e.V., der dt. Partner-Organisation von „Festival in der Wüste“, anlässlich eines Besuch bei VW in Wolfsberg, zugesichert worden. Im übrigen finanziert VW nunmehr auch Tuareg-Hilfsprojekte in Mali im Ausmaß von 200.000 Euro. 251 Vgl. Thurnher 1996, Der Standard, 18. 9. 1996, S. 31; vgl. auch Franck (1998); Nolte (2005). 252 Vgl. Friedl 2000c, Zum Thema Nr. 39, 7. 4. 2000, Web. 424 Zuerst einmal wird nach dem konkreten Tuareg-Image zu fragen sein, das für eine Werbung, einen Katalog oder eine Reisereportage, verwendet wird. Würde man etwa über die Tuareg- Hirtinnen schreiben, sie seien sexuell so emanzipiert und aufgeschlossen, dass sie auch etwai- gen Liebschaften mit Touristen nicht abgeneigt seien, 253 so stünde dieses Signal im grundle- genden Widerspruch zu den moralischen Werten der Tuareg-Kultur. Prostitution ist nach meiner Kenntnis unter den Kel Eweys, bei denen Sexualität an sich sehr diskret gehandhabt wird, nicht üblich. 254 Vor allem könnte dadurch eine bestimmte Klientel zu den Tuareg ge- lockt werden, dessen sexuell motivierte Nachfrage der regionalen Entwicklung kaum zuträg- lich wäre. Und schließlich wäre ein solches „Sex-Image“ dem letztlich doch sehr positiven Image der „Wüstenritter“ wenig zuträglich. Das Bild vom „Wüstenritter“ hingegen scheint für die Region als Werbeinstrument sehr wohl förderlich zu sein, wie der Erfolg Mano Dayaks bewies. Offensichtlich wird niemand durch dieses Image geschädigt. Im Gegenteil: Auch fremde Regionen versuchen, das Tuareg-Image für sich dienstbar zu machen. Hier stellt sich eher die Frage, inwieweit ein Verstoß gegen das „Markenrecht“ besteht - ange- sichts des oben dargestellten Umstandes, dass der Begriff „Tuareg“, wie oben darzustellen versucht wurde, keine eingetragene Marke für eine bestimmte Region oder eine bestimmte Ethnie ist, sondern eben eine Zuschreibung, ein europäisches Konstrukt. Neuerdings scheint allenfalls VW ein solches Markenrecht erworben zu haben, und dies wohl nur gegenüber an- deren Automobil-Produkten. Wenn aber „Tuareg“ in erster Linie ein europäisches Konstrukt ist, dann ist mit Sicherheit die Annahme falsch, die Tuareg-Kultur würde Werbung für den „VW Touareg“ machen und nicht umgekehrt. 255 Denn in Wahrheit ist von der Tuareg-Kultur in Europa sogar unter Saha- ra-Reisenden wenig mehr bekannt als die üblichen Klischees, 256 und diese sind somit Vorstel- lungsprodukte der europäischen Kultur. So gesehen ist die Benennung des „VW Touareg“ ein kulturell selbstreferentieller Akt, durch den der Mythos Tuareg im besten Fall weit verbreitet wird. Dadurch steigt der Wiedererkennungswert unter potentiellen Wüstenurlaubern oder auch unter potentiellen Spendengebern. 257 Damit sind wir schon beim häufigsten Einsatz: 253 Erstaunlicherweise wurde mir im März 2001 und erneut im März 2003 von einem ehem. Assistenten Aghali aus Timia vorgeworfen, ich hätte entsprechende Artikel im deutschen Sprachraum veröffentlicht. Auf meine Frage, was ihn auf diese absurde Idee gebracht habe, nannte er als Quelle Mohamed Aoutchiki (dieser war unter Baré Berater für Rebellionsangele- genheiten; vgl. Grégoire 1999, S. 67). Dass nunmehr auch schon ich in den Genuss der üblen Nachrede kam, wie sie unter den Tuareg in Agadez sehr verbreitet war (vgl. Friedl 2001a, Zum Thema, Web), empfand ich nach dem ersten Schock als anerkennendes Kompliment. 254 Lediglich Grégoire (1999, S. 301) spricht von Prostituierten, die für die Zeit der Rallye Paris-Dakar nach Agadez kamen. 255 Argument des Newsgroup-Beitrags von awtenere@yahoo.fr vom 3. 1. 2003, 23:33. 256 Vgl. dazu die Ergebnisse der Touristenbefragungen im Kap. über den „Tuareg-Markt/Klientel/Vorstellungen von ‚Tua- reg’“ 257 Volkswagen hat sich schließlich eine Spende von 200.000 Euro für die Finanzierung einer Bewässerungsanlage sowie den Ausbau von zwei Schulen im Norden Malis freigegeben (vgl. o. A. 2004, S. 30). 425 11.5.2 Der Mythos als Werbung für Unterstützungskampagnen Ist es legitim, den Tuareg-Mythos zu nutzen, um Unterstützung zu lukrieren? Dazu ist vorweg klarzustellen, dass für das Erreichen jedweder Form von Unterstützung ebenso ein Wettbe- werb um Ressourcen, um Aufmerksamkeit und um Geldmittel herrscht wie für den Verkauf beliebiger Produkte. Eine Unterstützungskampagne ohne entsprechend professionelle PR- Strategien wird erfolglos und daher sinnlos bleiben. Dennoch sind einer auf maximale Wir- kung abzielenden Kampagne hinsichtlich der verwendeten Mittel, Images und Signale ethi- sche Grenzen gesetzt. 258. Die ethische Frage richtet sich dabei auf das verfolgte Ziel einer solchen Kampagne. Hier wird man höchst differenziert beurteilen müssen. Nicht vertretbar wird eine Kampagne sein, die die Förderung und die Vertiefung von Konflik- ten zum Ziel hat, und die zu diesem Zweck falsche oder außergewöhnlich verzerrte Informa- tionen verwendet, wie dies der Kampagne von Mano Dayak vorgeworfen wurde. Tuareg als „Supermänner der Wüste“ zu bewerben ist eine Sache. Sie als blutige Opfer einer Regierung hinzustellen, um damit die Unterstützung für einen ethnisch motivierten Krieg zu erlangen, den eine Minderheit initiiert hat, die ihre Legitimation aus dem als wahr unterstellten Mythos ableitet, ist eine andere Sache. Die Hauptproblematik liegt hier an den gravierenden Folgen dieses ethnisierten Konflikts „Tuareg gegen Schwarze“ für Dritte: für Mitglieder anderer Ethnien sowie für solche Tuareg, die diesen Krieg niemals wollten, die aber gleichfalls die Folgen tragen müssen. An diesem Punkt hat der „Spaß“ am Spiel mit dem Mythos „Tuareg“ als Opfer und Held ein Ende. Hier schlägt undifferenzierte Phantasie in gezielte Lüge um, mit tödlichen Folgen. Schwieriger ist die Instrumentalisierung des Mythos für Hilfsprojekte zu beurteilen. Freilich ist er offensichtlich ein hilfreiches und insofern sinnvolles und vertretbares Mittel zum Auf- treiben von Spendengeldern, solange keine völlig falschen oder verzerrten Informationen über die Situation der Betroffenen verbreitet werden. 259 Die Grenze zwischen einer wirkungs- vollen, vertretbaren PR-Strategie und einer gezielten Lügenkampagne ist hier oft fließend und darum äußerst schwer zu evaluieren. Umso schwieriger ist es in der Regel für einen Außen- stehenden zu beurteilen, ob ein Hilfsprojekt sinnvoll ist oder nicht. 260 Grundsätzlich ist aller- dings anzunehmen, dass das Images vom Tuareg als „Opfer“ wohl wenig zum Verständnis der tatsächlichen Probleme der betroffenen Menschen beitragen werde, sondern hinsichtlich der Kommunikation zwischen der Bevölkerung und den Europäern eher zusätzliche Barrieren aufbauen und Probleme schaffen wird. 261 258 Zur Problematik der negativen Images für Werbung um Spenden vgl. Lidchi 1999; Lissner 1977; siehe auch Kap. 8. 259 Ahmed Botto (Gespräch in Agadez, Oktober 1999), der dzt. Präsident der Tuareg-NGO TILALT, berichtete davon, dass im Umfeld der Rebellion in europäischen Ländern vor dem hörigen Publikum Schauergeschichten von hungernden Tuareg- Babies präsentiert und auf diese Weise den Menschen das „Geld aus der Tasche gezogen“ wurde, dass schließlich für alle möglichen sonstigen Belange verwendet worden sei. 260 Vgl. dazu die kritische Analyse von Lidchi (1999, S. 100) über die institutionelle Kultur von EZA-NGOs, innerhalb wel- cher Probleme definiert, Methoden beschrieben und Diskurse darüber produziert werden, wie die Welt ist und sein sollte. Aufgrund der Verflochtenheit mit einem Projekt präsentieren sich NGOs als moralische und intellektuelle Gemeinde von Praktikern, aus welcher Position sie wirkungsvolle Images verbreiten, wogegen es gar nicht ihrem Interesse entspreche, Verständnis für die reale Situation zu verbreiten, um ihre informative Monopolposition – und damit ihr langfristiges Bestehen - zu sichern. 261 Durch das Image der „armen“ Tuareg könnte z.B. das Problem der willkürlichen Verteilung von Geschenken und Medi- kamenten an Nomaden und Kinder durch Touristen verschärft werden (dazu näheres im Kap. über „Probleme durch Touris- mus“). Vgl. dazu die Erfahrung von Nyoni (1988-9, S. 7 f.) mit Zimbabwe, wonach negative Images kontraproduktive Ent- wicklungshilfe anziehe. 426 Welche Schlussfolgerung lässt sich nun aus alldem ziehen? Ich denke, dass „Tuareg“ ein se- mantisches Instrument der okzidentalen Kultur mit zahlreichen Einsatzmöglichkeiten ist, nicht zuletzt auch deswegen, weil die Bedeutung des Begriffs sehr breit definiert ist. Man wird hier für eine ethische Evaluation – mag dies auch unbefriedigend klingen – stets den Einzelfall analysieren und differenziert beurteilen müssen. In einer vernetzten Welt, in der infolge des globalen Personenverkehrs bereits in zahllosen Ländern eine Tuareg-Diaspora zu finden ist, deren Mitglieder mit dem ländlich-nomadischen Milieu der Kel Tamaschek wenig mehr gemein haben als der Abendländer auch, in dieser Welt steht in der Regel der Gebrauch des Begriffs „Tuareg“ jedem weitgehend frei, auch den „marokkanischen Tuareg“. Denn wer will in dieser Welt über die „Richtigkeit“ der Identität eines postmodernen Web-Citizen oder eines hybridtouristischen Werbeträgers urteilen können? Die außerhalb der Ballungszentren lebenden Kel Tamaschek fühlen sich vom Begriff „Tuareg“ ohnedies nicht angesprochen… 262 262 Anja Fischer (E-Mail vom 15.7.2004) berichtete mir von ihren Gesprächen mit Kel Ahaggar, wonach Nomaden, die sehr selten Kontakt mit Touristen hätten, die Bezeichnung „Tuareg“ als Schimpfwort betrachten würden. Als abwertende Be- zeichnung werde „Tuareg“ vor allem aus dem Mund von Arabern empfunden. Auf den Hinweis von Fischer, dass die Kel Tamaschek fast in der gesamten Literatur als Tuareg bezeichnet werden, reagierten ihre Gesprächspartner entsetzt. Fischer erklärt diese Reaktion mit dem vergleichenden Hinweis auf den Begriff des „Zigeuners“, ein Begriff, der aufgrund seines Schimpfwort-Charakters, wenn auch mit „Romatik-Aspekt“, heute doch schon großteils durch die Begriffe „Sinti“ bzw. „Roma“ ersetzt wurden. Insofern plädiert Fischer für eine Verwendung der Bezeichnung „Imuhar“. 427 12 Der Markt des Tuareg-Tourismus „Kein Mensch, der dieses Leben ge- kannt hat, bleibt davon unverändert. (...) Auf ewig wird er den Abdruck der Wüste in sich tragen - jenen, der den Nomaden wie mit einem Brandeisen zeichnet - , und in der Tiefe seines Her- zens wird er stets das Sehnen nach Rückkehr spüren (...) Denn diese grau- same Erde kann jeden, der sich in ihre Arme wagt, viel stärker in ihren Bann ziehen als jede gnädigere Region unse- res Planeten es zu tun vermöchte.“ 1 Wilfried Thesinger, britischer Wüsten- forscher des frühen 20. Jahrhunderts. Viele europäische Reiseveranstalter bieten organisierte Touren in den Niger an, aber so viel- fältig das Angebot ist, so unübersichtlich ist es. Eine systematische Untersuchung der Anbie- ter würde den Rahmen dieser Arbeit in jeder Hinsicht sprengen. Mit den folgenden Darlegun- gen soll dennoch versucht werden, einen gewissen Überblick über die Struktur der Niger- Anbieter und die Qualität der Angebote zu gewinnen. Zunächst wird die Relevanz des jeweiligen Quell-Marktes untersucht. Als behelfsmäßiges Kriterium dient die Anzahl der jeweils angebotenen Nigertouren sowie die Angebotsvielfalt. Dann werden die Preise in Hinblick auf regionale Unterschiede verglichen. Zuletzt werden die Selbstverständnisse der Anbieter in Hinblick auf etwaige Trends innerhalb der wichtigsten Nigeranbieter analysiert. Als Methode dient die Auswertung der Internet-Seiten der wichtigs- ten Niger-Reiseveranstalter in den zwei wichtigsten Quell-Regionen, nämlich einerseits Frankreich und andererseits dem deutschsprachigen Raum (Deutschland, Österreich und Schweiz). Beurteilungskriterium ist das Aufscheinen bzw. Betonen von Elementen auf der jeweiligen Homepage, welche zur Umwelt- und Sozialverträglichkeit der angebotenen Reise- produkte beitragen können. Abschließend soll auch geklärt werden, welche markanten Unter- schiede zwischen dem frankophonen und dem germanophonen Markt bestehen. 1 Wilfried Thesinger, zit. in Etzl 2003, S. 50. 428 12.1 Der europäische Markt der Niger-Anbieter 12.1.1 Das Angebot an Niger-Touren Das wichtigste Quellland des Niger-Tourismus ist Frankreich. Die zehn wichtigsten Veran- stalter von Nigerreisen bieten in der Saison 2003-2004 an die 450 Touren in den Norden des Niger an. Diese hohe Zahl an Reiseterminen resultiert aus dem laufenden, wöchentlichen An- gebot großer Niger- bzw. Sahara-Veranstalter wie Tamera (139), Croq’Nature (ca. 100), No- made Aventure (78) und Atalante (52). Doch selbst „kleinere“ Niger-Anbieter wie Hommes Bleus (28), Déserts (27) und Terres d’Aventure (24) bieten immer noch mehr Reise-Termine an, als die größten Niger-Reiseveranstalter aus dem deutschen Sprachraum. Eine vergleichba- re Studie aus dem Jahr 2000 eruierte für die damalige Saison 2000/01 eine Anzahl von ledig- lich 226 Reiseangeboten. 2 Damals wurden in Agadez über 2000 Touristen registriert. 3 Inso- fern stieg seit damals das Vertrauen der französischen Reiseveranstalter in den Niger als Rei- sedestination beträchtlich, obwohl die absolute Zahl der Niger-Pauschaltouristen (also auch nicht-französischer) seit dem Jahr 2001 von 4.500 Besucher - infolge der Schließung des Flughafens Agadez - wieder auf 3000 gesunken ist. 4 Ein etwas anderes Bild zeigt die zweitwichtigste Quell-Region für Agadez-Pauschaltouristen, der deutsche Sprachraum. Die fünfzehn wichtigsten Anbieter offerieren für die Saison 2003- 04 insgesamt 151 Touren. Veranstalter sind Suntours (20), Desert Reisen (15), Africon Tours (15), b&b Westafrikaspezialist (14), Oase Reisen (14), THR Reisen (11), Ikarus Reisen (11), Geo Tours (10), Schulz Aktiv Reisen (6), Nomade (6), Blue Planet (5), Desert Team (4), In- digo Reisen (laufend), Hauser (3) und Kneissl Touristik (3). Außer Desert Team (Ch), Indigo Reisen (Ch) und Kneissl Touristik (Österreich) haben diese Veranstalter ihren Sitz in Deutschland. Daneben gibt es eine Vielzahl von kleinen Spezialveranstaltern, die für einen engen Kunden- kreis pro Saison nur ein bis zwei ausgefallene Touren anbieten. So bietet etwa der österreichi- sche Pädagoge Karl Lueger aus Hartberg, Steiermark, („Nomade auf Zeit“) die vierwöchige Begleitung einer Salzkarawane an. Daneben gibt es eine Vielzahl an Kooperationen. So ver- mitteln etwa der österreichische Kleinveranstalter „Bergspecht“ und die deutschen Unterneh- men „Sindbad Reisen“ und „Ikarus“ Touren für „Oase Reisen“; das deutsche Unternehmen „Bedu“ vermittelt Touren für „Suntours“. Im dritten bedeutenden Entsendermarkt, Italien, sind es im wesentlichen die Unternehmen „Spazi d’Aventura“, „Aventurno del Mondo“, „Dunes“ und „Kel 12“ 5, deren Angebote je- doch nicht näher untersucht wurden. Wie für den französischen Markt gilt auch für den deutschen, dass die Anzahl der Reise- angebote seit 2000 beträchtlich gestiegen ist. Damals wurden von sieben Veranstaltern nur 66 Reisen angeboten. 6 Verändert hat sich aber auch das Feld der Anbieter. Große Anbieter wie „THR Reisen“ und „Kneissl Touristik“ kamen hinzu, während etwa der deutsche Veranstalter „Ikarus Reisen“, der Schweizer Veranstalter „Intertrek“ oder die österreichischen Unterneh- 2 Vgl. Popp 2001, S. 123. 3 Elhadji Annour Koné (Schreiben vom 26.2.2003) registrierte 1.800 Touristen zwischen März und Dezember 2000. 4 Vgl. ebd., sowie Amadou Moumouni zit. in Manzo 2003, S. 8. 5 Vgl. Grégoire 1999, S. 289. 6 Vgl. Popp 2001, S. 123. 429 men „Akademisches Reisefererat“, „Pinapples Tours“, „Cobra Verde“ und „Hlade-Weltweit- wandern“ den Niger nach einigen Saisonen wieder aus ihrem Programm genommen haben. 7 „Studiosus Reisen“ konnte sich bislang aus Gründen des „mangelnden Komforts“ noch nicht durchringen, Reisen in den Niger anzubieten. 8 Das Übergewicht der französischen Anbieter ist leicht erklärbar: Paris und Marseilles sind die einzigen europäischen Flughäfen, von denen aus der Niger direkt angeflogen wird. Das be- dingt einen beträchtlich geringeren Zeitaufwand für die Anreise und spürbar niedrigere Preise, da die Kosten für teure Zubringerflüge wegfallen. 12.1.1.1 Die Preisstruktur Die größte Anzahl der französischen Tourangebote, etwa 185 Termine, umfassen eine Reise- dauer von lediglich 8-10 Tagen und beinhalten den Flug Paris - Niamey bzw. Paris - Agadez, eine Allrad-Fahrt von Agadez in eine Wüstenzone am Rand des Aïr-Massivs und ein paar Tage Kameltrekking. Im Durchschnitt kosten diese Touren 1.100 €, wobei die Angebote zwi- schen 900 € (8 Tage Kameltrekking bei Adrar Chiriet von Nomade Aventure) und 1.400 € (Déserts) schwanken. Als einziges vergleichbares Produkt bietet „b&b Westafrikaspezialist“ eine 8-Tage-Trekking-Tour vom Bagzan nach Timia ab 1500 € an. Derartige Angebote haben jedoch nur unter der Voraussetzung eines Direktflugs nach Agadez Erfolg, weil bei einer An- reise über Niamey mindestens 2 höchst anstrengende Reisetage für die Fahrt Niamey-Agadez und retour aufgehen und sich darum die eigentliche Reise kaum rentiert. 15-tägige Touren mit Kameltrekking werden in Frankreich zu Preisen von 1.300 € (Nomade Aventure) bis 2.200 € (Terres d’Aventure) angeboten. Allerdings finden sich Angebote für 16- bzw. 17-Tagestouren bei „Hommes Bleus“ und bei „Explorateur“ für 2.600 €. Vergleich- bare Produkte im deutschen Sprachraum werden um Preise von 2.450 € (Africon Tours) bis 3.300 € (Hauser) angeboten und liegen somit um 50-80 % über dem französischen Preis- niveau. 22-tägige Touren rangieren bei französischen Anbietern zwischen 2.100 € (Nomade Aventu- re) und 2.300 € (Atalante). Vergleichbare Produkte im deutschen Sprachraum werden zu Prei- sen von 3.000 € (Suntours, Geo Tours) 9 bis 3800 € (THR, Kneissl Touristik) angeboten 10 und liegen damit im Schnitt immer noch um mehr als 50 % über dem französischen Preisniveau. Preise über 3.000 € werden von französischen Anbietern nur für Spezialreisen mit der Salzka- rawane verlangt (Terres d’Aventure, Hommes et Montagnes: 22 Tage, davon 15 mit der Salz- karawane: 3.300 €; Explorateur: 17 Tage mit der Salzkarawane: 3.000 €). Demgegenüber liegt der höchste Preis unter Anbietern aus dem deutschen Sprachraum wiederum um rund 50 % höher: Karl Lueger (Nomade auf Zeit) bietet eine 28-tägige Reise mit der Salzkarawane um 4.500 € an. Auf Grund dieses großen Wettbewerb-Vorteils der französischen Anbieter können diese ihre Termine zum Teil sogar im Wochenrhythmus ausschreiben. Wie groß allerdings der Unter- schied zwischen den ausgeschriebenen und den tatsächlich durchgeführten Touren ist, lässt 7 Weitere österreichische Unternehmen, die zur Zeit unregelmäßig Niger-Touren anbieten sind u.a. Anabasis Reisen (Graz), Joe Far Tours (Wien), Bergspechte sowie die saisonal in Agadez lebende Wienerin Eva Gretzmacher. 8 Studiosus anlässl. der Niger-Tourismus-Konferenz im Münchner Hilton am 23. 4. 2002, zit. in Sommer 2002a, Web. 9 Einen „Ausreißer-Preis“ nach unten bietet lediglich Indigo Reisen mit 4.400 sfs (ca. 2750 €), der durch die Verwendung öffentlicher Verkehrsmittel ermöglicht wird. 10 Intertrek hatte 2001 diese Tour sogar um 4.200 € angeboten. 430 der jüngste Bericht von Croq`Nature erahnen, wonach von den rund 100 angebotenen Termi- nen der Saison 2002-03 lediglich ein einziger (!) mit sieben Personen realisiert werden konn- te, weil sich die Kunden von der langen Anreise über Niamey nach Agadez abschrecken lie- ßen. 11 Allerdings sagt auch die Anzahl der Termine deutscher Anbieter über die tatsächlich durchgeführten Touren nichts aus. So vermochte etwa das deutsche Unternehmen „Blue Pla- net Reisen“, das jährlich 4-5 Termine anbietet, bislang noch keinen Termin zu realisieren. 12.1.1.2 Die Angebotsvielfalt Die Palette der Tour-Varianten ist in beiden Sprachzonen geprägt durch die Dauer der Reisen. Je länger die Touren dauern, desto weiter sind in der Regel die zurückgelegten Strecken. So konzentrieren sich die ein- bis zweiwöchigen Touren überwiegend auf die Aïr-Region und die Ténéré-Randgebiete, während für Reisen nach Bilma und Djado i.d.R. mindestens 2-3 Wo- chen veranschlagt werden. Grenzüberschreitende Touren von Tamanrasset über das Aïr und Djado nach Djanet finden sich vereinzelt zumeist bei deutschsprachigen Anbietern (Anabasis (Graz), Desert Reisen (D), THR (D)). Von einigen wenigen deutschen Veranstaltern werden auch Reisen in die südliche Ténéré und an den Tschadsee angeboten (Oase Reisen (D), Desert Reisen (D), Desert Tours (CH)). Allgemein lässt sich ein erfreulicher Trend zu Trekking- und Kameltouren feststellen. Wäh- rend vor 15 Jahren Touren mit dem Kamel noch die Ausnahme waren, so beinhalten mittler- weile etwa 75 % der angebotenen Touren beachtliche Wander- oder Reit-Etappen. Dieser Trend lässt sich für beide Sprachräume feststellen. Nur vereinzelt findet man Angebote für außergewöhnlichen Nigerreisen, wie etwa zu den großen Festen der Region, der Cure Salée in Ingall (Tamera (F), Africon Tours (D), Indigo Reisen (CH)), dann häufig kombiniert mit dem Besuch des Gerewol-Festes der Wodabee (Explorateur (F), Oase Reisen (D)), oder zum „Festival de l’Aïr“. Letzteres wurde als zusätz- liche regelmäßige Attraktion für die Eröffnung der Saison im Jahr 2000 eingerichtet, wird jedoch erst von wenigen deutschen Veranstaltern (Oase Reisen (D), Africon Tours (D), b&b (D)) angenommen. Das dürfte sich jedoch mit der Aufnahme eines regelmäßigen Direkt- Charterfluges von Paris nach Agadez sowie mit einer Verschiebung des Termins ändern. 12 Zu den bislang noch sehr selten angebotenen Reisen zählen die bereits genannte Begleitung der Salzkarawane (Explorateur (F), Hommes et Montagnes (F), Terres d’Aventure (F), No- made auf Zeit (A), THR-Reisen 13 (D), das Leben im Nomadencamp (Croq’Nature, F) und Trekking-Angebote im Einzugsgebiet von Timia. So bietet Tamera (F) eine zehntägige Reise nach Timia, das als Ausgangs- und Zielpunkt für eine Trekking-Rundtour zu Nomaden güns- tig gelegen ist. Eine ebenfalls seltene Variante ist eine Trekking-Tour vom Bagzan nach Ti- mia, angeboten von Croq’Nature (F) (15 Tage mit 7 Tagen Trekking) und von Desert Team (23 Tage mit 9 Tagen Trekking). Diese Entwicklung neuer Tourvarianten steht freilich erst am Anfang, ist aber bereits heute ein wesentlicher Fortschritt gegenüber der Variantenarmut, wie sie in den 80er-Jahren gege- 11 Vgl. Croq’Nature 2003, Web. 12 Im Jahr 2004 fand das “Festival de l’Aïr” vom 26.-29. Dezember statt, ein Termin, der den weihnachtlichen Bedürfnissen europäischer Touristen - und somit dem eigentlichen Zielpublikum - keineswegs gerecht wurde. 13 Der Berufsabenteurer Reinhold Messner (2003) hatte im Herbst 2003 gemeinsam mit seinem Sohn eine solche, von THR organisierte Salzkarawanen-Tour unternommen. 431 ben war. Noch vor wenigen Jahren waren praktisch nur zwei Tour-Varianten angeboten wor- den: Allrad-Reisen im Einzugsgebiet des Aïr bzw. solche nach Bilma und Djado. 12.1.2 Charakteristik der Niger-Anbieter Ist den Reiseveranstaltern bewusst, welche Verantwortung sie mit Touren in so abgelegene, ökologisch fragile und kulturell wenig modernisierte Regionen auf sich nehmen? Können europäische Veranstalter behaupten, dass sie umwelt- und sozialverträglichen Tourismus zu praktizieren versuchen? Für eine genaue, hinreichend verlässliche Beantwortung dieser Frage bedürfte es freilich einer umfassenden Analyse der gesamten Kommunikationsstruktur, der Organisation, der Tour- programmpolitik, der Tarifpolitik sämtlicher Unternehmen, was den Rahmen dieser Arbeit in jeder Hinsicht sprengen würde. Um jedoch sinnvolle Aussagen über die grundsätzliche Ver- tretbarkeit von Tourismus im Niger tätigen zu können, ist es bereits hilfreich, etwaige Ent- wicklungstrends und Tendenzen innerhalb der Niger-Anbieter festzustellen. Eine genauere Analyse der Umwelt- und Sozialverträglichkeit anhand eines konkreten Reiseprodukts wird im nächsten Kapitel am Beispiel der Partnerschaft von Kneissl Touristik und Tchimizar Voy- ages vorgenommen. Für die nachfolgende Analyse der Veranstalter wird die regionale Unterscheidung aufgege- ben, weil die Strukturmerkmale bei französischen und deutschsprachigen Unternehmen sehr ähnlich gelagert sind. Die Abkürzungen werden im nachfolgenden Text erläutert. Tabelle 8: Die bedeutendsten Niger-Anbieter Mitteleuropas Leit- Tourismus- Info- Reise- Trek- Touren Veranstalter Land Web bild Ziele Reiseform Problematik Qualität Leiter king Anzahl 1. Tamera F www.tamera.fr Welt Ka Trek euExp 50 % 139 2. Croq' www. croqna- Tour Nature ture.com A Sahara Ka Trek Wi Pro Land lokBegl 80 % ca. 100 3. Nomade www.nomade- Aventure F aventure.com C Welt Trek Tour 45 % 78 A-B div 4. Atalante F www.atalante.fr Tour Welt Trek Öko Soz Wi Bed 50 % 52 5. Hommes www. hom- bleus F mesbleus.com C Sahara Ka Trek Öko Soz Wi Land euExp 0% 28 6. Comptoir Wüs- des Déserts F www.deserts.fr B ten alles Soz Wi lokBegl 45 % 27 432 7. Terres www.terdav.co A-B d’aventures F m div Welt alles Öko Soz Wi Tour Lit euExp 80 % 24 Land www. sun- A-B Ka Trek Tour Lit 8. Suntours BRD tours.de Tour Afrika Wi Soz Wi Bed 50 % 20 9. Desert www. desertrei- Reisen BRD sen.de B Sahara alles lokExp 50 % 15 10. Africon www. africon- Tours BRD tours.de C Afrika alles Exp Tour* 40 % 15 11. b&b Westafrika- www. westafri- A-B WAfri Land spezialist BRD ka.de div ka alles Verm Öko Soz Wi Tour 35 % 14 12. Oase Rei- www. oaserei- A-B AfrO, Land sen BRD sen.de Tour Sahara alles Öko Soz Wi Tour Lit lokExp 30 % 14 13. TRH Rei- www.trh- Tour sen BRD reisen.de B Wüste Ka Trek Wi Bed 20 % 11 14. Ikarus www.ikarus.co Tour tours BRD m B Welt alles Kr Öko Soz Land Lit euBegl 0% 11 15. indigo www. indigo- Vor Bed reisen CH reisen.ch B Sahara Ka Trek Soz Wi Lit euBegl 100 % ca. 10 Tour www.geo- Land 16. Geo Tours BRD tours.de D Welt Wi ExpA Bed Lit euTech 50 % 10 www.explo.co 17. Explorator F m C-D Welt alles euExp 0% 9 18. schulz www.schulz- aktiv reisen BRD aktiv-reisen.de B Welt alles Wi euExp 50 % 6 Wüs- www.nomad- A-B ten Tour 19. Nomade BRD reisen.de div Orient Ka Trek Öko Soz Wi Bed 65 % 6 20. Blue wwww-blue- euExp Planet BRD planet-reisen.de B Welt alles Tour lokExp 100 % 5 21. Hommes www.hommes- Wüs- Land et montagnes F et-montagnes.fr C ten Ka Trek Tour 100 % 4 Tour 22. Desert www. desert- Wüs- Bed Team CH team.ch B ten Ka Trek Öko Soz Land 50 % 4 23. Hauser www.hauser- A-B Vor Bed euBegl Exkursionen BRD exkursionen.de div Welt Trek Öko Soz Wi Tour Ausb 100 % 3 Vor 24. Kneissl Tour Touristik A www.reise.at C* Welt alles Bed euExp 70 % 3 Gesamtanzahl 555 433 12.1.2.1 Das Unternehmensleitbild der Niger-Anbieter Ein Unternehmensleitbild kann verstanden werden als Unternehmensphilosophie, -politik oder -perspektive, die zum einen die langfristige Entwicklung des Unternehmens vorgeben, zum anderen aber auch auf die konkrete, alltägliche Arbeit richtungweisend wirken soll. Sie dient den Unternehmensmitarbeitern als Orientierung bei der Entwicklung von Produkten und Informationsinhalten sowie bei der Beurteilung von Partnern in den Zieldestinationen. Ge- genüber der Öffentlichkeit und insbesondere dem Klientel dient das Leitbild als klares Signal, für welche Werte das Unternehmen steht bzw. welche Geschäftsmethoden abgelehnt werden. Bislang bringen nur wenige Niger-Anbieter in ihren Katalogen und Webseiten ein explizites Leitbild zum Ausdruck. Das Schweizer Unternehmen „Desert Team“ hat es in der als „Reise- philosophie“ 14 bezeichneten Web-Seite versucht. Wüstenreisen werden etwa als zentrales Produkt vorgestellt und Hinweise auf die geringe Gruppengröße (6-13), auf die ökologisch fragile Situation der Wüste und auf die vorgesehenen, konkreten Maßnahmen zu deren Schutz (z.B. die richtige Behandlung von Toilettenpapier) angeführt. Motorsport-Reisen oder „Bedu- inenpartys mit Champagner“ schließt dieses Unternehmen bewusst aus. Darüber hinaus finden sich Hinweise auf die Nutzung „landestypischer Hotels“, auf den Speiseplan, der sich an der örtliche Küche orientiert oder auf die Notwendigkeit, die Lebensgewohnheiten der Gastgeber zu akzeptieren. Es finden sich auf dieser Web-Seite jedoch keinerlei Hinweise zu Aktivitäten oder konkreten Maßnahmen, die auf eine besondere „Unternehmensphilosophie“ - etwa in Hinblick auf die Förderung von Nachhaltigkeitsaspekten - schließen lassen.15 Das Schweizer Unternehmen „Indigo Reisen“ präsentiert ebenfalls eine „Philosophie“ auf seinen Web-Seiten. 16 Bei den Wüstenreisen dieses Unternehmens stehen „Ruhe und Ent- spannung“ und die Begegnung mit „der Sahara und ihren Bewohnern auf persönliche, intensi- ve Weise“ im Mittelpunkt. Dezidiert abgelehnt werden „Abenteuer-, Survival- oder Kulturrei- sen“, „Last-Minute-Angebote“ bzw. jegliche Form von „Massentourismus“, was sich z.B. in der ausschließlichen Benützung der Linienflüge anstelle der Charterflüge äußert. Die Reise- kunden werden zusätzlich zu geschriebene Information in Vorbereitungstreffen hinreichend über Land und Reise aufgeklärt. Die Touren sind überwiegend Kameltouren, die in Koopera- tion mit Nomadenfamilien durchgeführt werden. Auf diese Weise soll die Lebensgrundlage der Wüstenbewohner gesichert werden. Zu diesen Familien werden „langfristige partner- schaftliche Handelsbeziehung“ mit dem Ziel gepflegt, „die Selbstbestimmung, die soziale Gerechtigkeit, den Schutz der Umwelt, die Tradition und kulturelle Vielfalt der lokalen Be- völkerung“ mit einzubeziehen. Einige Unternehmen wie z.B. „Ikarus Reisen“ präsentieren sich als tourismuskritische Unter- nehmen, die die Auswirkungen intoleranter Touristen kennen und sogar explizit auf derartige Reisegäste verzichtet. In diesem Sinn kooperiert Ikarus auch mit der NRO „Terres des Hommes“ im Kampf gegen sexuellen Kindesmissbrauch. Im Hinblick auf die Entwicklung des nachhaltigen Trekkingtourismus kooperiert Ikarus mit dem Arbeitskreis „Trekking- und Expeditionstourismus“. 17 Auch einige französische Unternehmen haben sich dem verträglichen Tourismus verschrie- ben. Der weltweit tätige Trekking-Veranstalter „Atalante“ (F) hat etwa in den 90er-Jahren 14 Siehe http://www.desert-team.ch/angebot/philosophie.htm. 15 Dies wurde auch von Baumgartner und Leuthold (2002, S. 29), den Autoren der Studie zur Evaluation der Umwelt- und Sozialverträglichkeit von Desert Team-Produkte in Libyen und Ägypten, besonders kritisiert. 16 Siehe http://www.indigoreisen.ch/Site/wfSite.aspx?Dest=PHILOS. 17 Siehe http://www.ikarus.com/application/infos_hinweise/infos_hinweise_agb.htm. 434 eine „Charte Ethique du Voyageur“ 18 entwickelt, zu deren Einhaltung sich das Unternehmen verpflichtet. Um einen Überblick über Leitbilder bzw. Selbstverständnis zu gewinnen, habe ich die Selbst- präsentationen der Niger-Anbieter nach folgenden Kriterien bewertet und unterteilt: A Diese Kennzeichnung besagt, dass das Unternehmen einen Anteil der vor Ort er- wirtschafteten Tourismuseinnahmen auch in dieser Region für Hilfsprojekte ein- setzt. Von den 25 untersuchten Unternehmen macht dies ausschließlich „Croq’Nature“, wie bereits beschrieben wurde. 19 A-B div Diese Unternehmen [Atalante, Terres d’Aventures, Nomade (F), b&b und Hauser 20 (D)] unterstützen Hilfsprojekte in verschiedenen Regionen weltweit, nicht aber im Niger. A-BTour Diese Unternehmen verstehen sich als aktive Förderer der regionalen Touris- musentwicklung, indem sie vor Ort Tourismusprojekte unterstützen. So trug „Sun- tours“ zur Finanzierung der Errichtung eines Campingplatzes in Timia bei, 21 und Oase Reisen förderte die Gründung der Tuareg-Agentur „Targui-Tours“ sowie den Bau eines Tourismusdorfes südlich von Niamey. 22 B Die meisten Niger-Anbieter (9 von 25) bekennen sich explizit zu den Grundsätzen eines umwelt- und sozialverträglichen Tourismus, der zur regionalen Wertschöp- fung beitragen soll. Sie anerkennen das Reiseziel als Heimat einer fremden Kultur, deren Regeln zu respektieren, deren Lebensraum zu schonen und deren Lebens- grundlagen zu fördern sind. C Diese Unternehmen [Hommes et Montagnes, Hommes Bleus, Nomade Aventure (F) und „Kneissl Touristik“ (A)] präsentieren sich als innovative Reiseveranstalter mit besonderen Reiseprodukten in außergewöhnlichen Destinationen aus dem Be- reich Erlebnis- und Kulturtourismus. 23 Hierbei ist freilich zu betonen, dass dieses Image zumeist nicht mit den tatsächlich verkauften Produkten übereinstimmt. Denn die genannten Unternehmen bieten überwiegend Trekkingtouren und somit prinzi- piell umwelt- und sozialverträglich geltende Produkte an. Hier zeigt sich, dass man- che Unternehmen die Bedeutung von Leitbild-Bekenntnissen als Mittel der Öffent- lichkeitsarbeit noch nicht erkannt haben. D Unternehmen dieser Gruppe [(Geo Tours (D), Explorateur (F)] verstehen sich als klassische Abenteuer- und Expeditionsunternehmen, die den Touristen „intensives Erleben unberührter, oftmals menschenleerer Landschaften und fremde Kulturen in Regionen mit zumeist nur gering entwickelter Infrastruktur“ 24 ermöglichen wollen. Im Vordergrund stehen das Abenteuer und die Herausforderung, und die Reise wird überwiegend mit dem unternehmenseigenen Expeditionsfahrzeug bewerkstelligt. Das Reiseland dient somit als Kulisse für "Sahara-Bazillus'-Befallene“25, während das Wesen des fremden Lebensraumes ausgeblendet bleibt. Diesem Genre von Un- 18 Siehe http://www.atalante.fr/qui/charte.html. 19 Siehe das Kap. über die „Struktur des Tourismus in Agadez Agenturen/Selbstverständnis der Veranstalter“. 20 So unterstützt Hauser etwa die Sir Edmund Hillary-Stiftung mit Schwerpunkt Krankenhaus im Everest-Gebiet, das Cean- Up-Trekking in Nepal oder die Pflanzung von Bäumen in Kathmandu (vgl. Hauser Exkursionen 1998: Umweltfolder). 21 Die Finanzierung würde über die Unterstützung des deutsch-nigrischen Freundschaftsvereins abgewickelt. Vgl. http://www.suntours.de/Detail/Detail-Niger-Meh-Tamgak.htm. 22 Siehe http://www.oasereisen.de/site/niger-dorf.htm. 23 Vgl. Kneissl Touristik 2003: Nordafrika - Orient - Asien 2004. Lambach, S. 1. 24 http://www.geo-tours.de. 25 Ebd. 435 ternehmen gehören auch zahlreiche Klein- und Kleinstveranstalter an, die ihre eige- ne Liebe zum Abenteuer durch die Mitnahme zahlender Touristen finanzieren. 12.1.2.2 Die regionale Angebotspalette: Spezialveranstalter oder Generalist Je mehr sich ein Veranstalter auf eine bestimmte Region spezialisiert, desto besser wird er die Verhältnisse kennen und desto eher wird er an der langfristigen Erhaltung dieses Gebietes interessiert sein. Darum ist die Frage nach der Angebotspalette der Niger-Anbieter von be- sonderer Bedeutung. Die Analyse der Veranstalter erlaubt eine Unterscheidung in folgende Gruppe: Sahara Die Sahara-Spezialisten Croq’Nature, Hommes bleus (F), Desert Reisen (D) und Indigo Reisen (CH) sind ausschließlich zwischen Mauretanien und Ägypten bzw. zwischen Nordafrika und dem Sahel tätig. Die jeweiligen Unternehmensgründer stammen entweder aus dieser Region oder sind durch langjährige intensive Kon- takte zutiefst mit ihr verbunden. Dadurch entsteht zwangsläufig hohes Interesse an der langfristigen „Pflege“ der Destination bzw. im Falle einer Krise wie im Jahr 2003 infolge der Entführungen in Algerien - an der möglichst raschen Reha- bilitierung der Region als Reiseziel. WA Regional ähnlich spezialisiert ist das Unternehmen b&b Westafrikaspezialist (D), das nur Reisen in einige Länder Westafrikas (Elfenbeinküste, Burkina Faso, Niger, Benin und Togo) anbietet, die durch grenzüberschreitende Nationalparks verbunden sind. Das Unternehmen profitiert besonders durch die „fundierte Zusammenarbeit mit den Würdenträgern der Region“.26 Afrika, Orient Einen geographisch etwas weiteren Wirkungsraum bedienen Unternehmen wie Suntours, Africon Tours und Oase Reisen (D), die sich auf den gesamten afri- kanischen Kontinent sowie auf die Wüsten des Orients spezialisiert haben. Die Inte- ressen dieser Veranstalter, deren Schwerpunkt zumeist doch in der Sahara liegt, sind letztlich auch ähnlich gelagert wie jene der reinen Sahara-Spezialisten. Wüste Eine gewisse „klimatologische“ Spezialisierung ist bei jenen Veranstaltern (Déserts, Hommes et Montagnes (F), TRH Reisen, Nomad-Reisen (D) und Desert Team (CH)), festzustellen, die ausschließlich Wüstenreisen in Regionen rund um den Erdball anbieten. Welt 12 der 24 Veranstalter, die zusammen rund 55 % der Niger-Termine anbieten, orga- nisieren Reisen auf der ganzen Welt. Daraus folgt, dass diese Veranstalter einer Destination wie dem Niger weit weniger verbunden sind als etwa Saharaspezia- listen. Das bedeutet, dass diese Veranstalter leichter geneigt sind, im Fall einer Kri- se den Niger als Reiseziel - wenn auch nur zeitweise - aus dem Programm zu neh- men. So hatten die beiden Veranstaltern Intertrek (CH) und Pineapple Tours (A) den Niger nach einer kurzen Bewerbungsphase nicht mehr angeboten. Daraus lässt sich schlussfolgern, dass mit einem zunehmend differenzierten Angebot von welt- 26 http://www.westafrika.de/anliegen.htm. 436 weiten Destinationen durch Anbieter die Abhängigkeit des Niger von deren jeweili- ger Marketing-Politik steigt. 27 Andererseits würde für den Niger ein beträchtliches Marktpotential fortfallen, würde, wenn das Land auf solche Anbieter verzichtet. 12.1.2.3 Reiseform: Kamel-, Trekking oder Generalist Je stärker eine Reiseform sich regionaler Fortbewegungsmittel bedient, desto stärker wird Tourismus mit der heimischen Wirtschaft verzahnt, wodurch der Multiplikationseffekt touris- tischer Einnahmen steigt. Umgekehrt erfordern touristische Serviceleistungen, die durch im- portierte Technologie erbracht werden, hohe Investitionen und führen wiederum zum Abfluss von Devisen. Tourismus, der sich der Kamele als Reit- und Transporttiere bedient, trägt somit zur Schaffung von Arbeitsplätzen und zum Erhalt traditioneller Wirtschaftsstrukturen (Ka- melzucht) bei. Gleichzeitig wird der Devisenabfluss für Autoersatzteile, Treibstoff und Auto- reifen reduziert und die Umwelt durch den Einsatz „angepasster Transportmittel“ geschont. Aus der Sicht der heimischen Anbieter ist Kamel- bzw. Trekking-Tourismus somit die wirt- schaftlich hochwertigste Reiseform. Daher stellt sich die Frage, welche Reiseformen von den Niger-Veranstaltern angeboten werden, um ermessen zu können, wie hoch der tatsächliche ökonomische Nutzen für die Region ist. Bei der Analyse wurde folgende Unterscheidung vorgenommen: Ka Trek 12 von 24 Unternehmen, die mit rund 460 Reisen im Niger über 80 % des Tour- Angebots abdecken, haben sich auf Kamel- und Trekking-Touren spezialisiert.28 Rund 260 ihrer angebotenen Reisetermine (56 %) sind Touren, bei denen man einen mehr oder minder großen Teil per Kamel und zu Fuß unterwegs ist. all 11 Unternehmen verstehen sich als Generalisten und bieten jede erdenkliche Reise- form an, von der Trekking-Tour über die klassische Allrad-Erlebnisreise bis zum Kulturtrip. Obwohl nicht explizit „Trekking-Spezialisten“, bieten sie mit 65 von 145 Terminen immerhin fast die Hälfte ihrer Reisen als Kamel-Trekking-Touren an. Eine Ausnahme unter den Generalisten machen lediglich Ikarus Reisen (D) und Explora- teur (F), die derzeit ausschließlich Allradtouren anbieten. Wi Die deutschen Veranstalter Suntours und Geo-Tours bieten auch die logistische Grundlage für wissenschaftliche Expeditionen von Universitäten, Forschungsteams oder Filmteams an. ExpA Darüber hinaus verstehen sich Geo-Tours und Africon Tours als Veranstalter von „Expeditionstouren“ im touristischen Sinn und bieten Off-Road-Reisen, zumeist ohne Einbindung einer lokalen Agentur, in unbewohnte Gegenden an. Die beiden genann- ten Unternehmen bieten allerdings auch durch lokale Agenturen durchgeführte Tou- ren (25) an, von denen rund die Hälfte Trekking-Touren sind. Verm b&b veranstaltet seine Touren nicht selbst, sondern vermittelt die Reisen an Oase Reisen. Auch Desert Team (CH), Ikarus Reisen (D) und die Bergspechte lassen ihre Reisen von Oase Reisen durchführen. 27 Vgl. Friedl 2002. 28 Problematisch ist die enorme Konzentration von 80 % der Trekking-Touren auf nur vier (33 %) der Trekking-Spezialisten, weil dies einen hohen Grad von Abhängigkeit signalisiert, deren Folgen durch die Schließung des Flughafens in Agadez im Jahr 2003 spürbar geworden sind: Binnen zweier Saisonen sank die Kundenzahl des zweitgrößten Niger-Veranstalters, Croq’Natur, von 188 auf 7 Personen (Croq’Nature 2003, Web). 437 Diese Darstellung lässt einen deutlichen Trend von der rein passiven, konsumtiven Allradtour hin zum Aktivurlaub feststellen. Das Allradfahrzeug wird zunehmend zum Transfer-Mittel zum Ausgangspunkt der „Karawane“ und wieder zurück. Schon heute signalisieren diese Verhältnisse einen tendenziell hohen Multiplikatoreffekt des Niger-Tourismus, und es ist an- zunehmen, dass dieser Trend, die Rehabilitation des Friedens und der sozialen Stabilität vor- ausgesetzt, auch weiter anhalten dürfte, insbesondere da es heute in Europa nicht mehr en vogue ist, in einem Allradfahrzeug durch die Sahara zu schaukeln… 12.1.2.4 Die Veranstalter-Sensibilität für Tourismusauswirkungen Ein hoher Multiplikatoreffekt bedeutet noch nicht unbedingt die Umwelt- und Sozialverträg- lichkeit dieses Produkts oder dieser Reisenden selbst. 29 Die Gefahr schädigender Auswirkun- gen durch touristische Aktivitäten vermindert sich mit steigendem Bewusstsein um mögliche Probleme. Umgekehrt können die ökonomischen und sozialen Potenziale des Tourismus um- so mehr realisiert werden, je mehr die Veranstalter um diese Chancen wissen und dieses Wis- sen auch an ihre Kunden weitergeben. Darum stellt sich die Frage, inwieweit Sensibilität un- ter den Niger-Veranstaltern besteht und in welcher Form diese weitergegeben wird. Freilich wäre für eine überzeugende Beurteilung der Veranstalterpraxis auch eine Analyse der zu den gebuchten Reisen ausgegebenen, meist sehr detaillierten Reiseinformationen nahe liegend, aus technischen Gründen ist dies hier aber nicht möglich. Die Analyse der Web-Sites und der Kataloge vermittelt jedoch bereits ein hinreichend klares Bild. Dabei konnten folgende Be- wusstseinstypen bzw. Kombinationen von Bewusstseinstypen festgestellt werden: Öko Soz Wi Sieben Veranstalter (Atalante, Hommes Bleus, Terres d’Aventure, b&b, Oase Reisen, Nomad-Reisen und Hauser), die rund 140 Touren (25 %) anbieten, bringen ihre grundsätzliche Verantwortung für die ökologischen, sozialen und wirt- schaftliche Auswirkungen des Tourismus zum Ausdruck. Es sind dies weitgehend die selben Veranstalter, die unter die Kategorie A-B fallen und regionale Projekte unterstützen. Diese Verantwortung setzen sie durch die Vermittlung von entspre- chenden Verhaltensrichtlinien um. So bekennt sich Atalante zur bereits gen. „Charte Ethique du Voyageur“ 30, Oase Reisen vermittelt den „Knigge“ für unterwegs 31 etc. Dabei werden im Wesentlichen Respekt gegenüber lokalen Sitten und Wertvor- stellungen sowie die Befolgung ökologischer Grundsätze gefordert. Die Ver- wendung lokaler Transportmittel, lokal bewirtschafteter Unterkünfte, lokaler Pro- dukte udgl. werden von ihnen zur Steigerung der regionalen Wertschöpfung einge- setzt. Freilich unterscheiden sich die jeweiligen Veranstalter in Deutlichkeit, Diffe- renziertheit und Ernsthaftigkeit ihrer Verhaltenstipps, doch lässt sich am Beispiel dieser Gruppe sagen: Würden alle Touren nach diesem Modell und gemäß dem Ver- antwortungsbewusstsein dieser Veranstalter ablaufen, wäre der Nutzen durch Tou- rismus um vieles höher und der Schaden um vieles geringer. Soz Wi Weitere vier Veranstalter, die ebenfalls in die Kategorie A oder A-B fallen (Croq’Nature, Déserts, Suntours, Indigo Reisen: 160 Termine, 30 %), unterscheiden 29 Siehe dazu das Kap. über „Probleme durch Tourismus“. 30 Siehe http://www.atalante.fr/qui/charte.html. 31 Siehe http://www.oasereisen.de/site/info_sr220.htm. 438 sich gegenüber den oben genannten nur dahingehend, dass sie nicht auf ökologische Belange eingehen. Das freilich muss nicht bedeuten, dass ökologische Belange gene- rell, also auch in Info-Blättern oder während der Tour, ausgespart werden. Dafür spricht die Tatsache, dass Kunden von Indigo Reisen ein Exemplar meines umfas- senden „Reise-Knigges“, „Respektvoll reisen“ 32, ausgehändigt wird. 33 Öko Soz, Kr Öko Soz Zwei Unternehmen, Desert Team (CH) und Ikarus Reisen (D) (15 Ter- mine), bringen ihr ökologisches und soziokulturelles Problembewusstsein einerseits durch vielfältige Tipps und Regeln zum Ausdruck, übergehen jedoch die ökonomi- sche Bedeutung des Tourismus für die Region. Die Unternehmen scheinen einen Tourismus anzustreben, der möglichst niemandem schadet, aber auch nicht wirklich nützt. Ein Indiz dafür ist die Tatsache, dass nur 2 der 15 Termine mit Kamelen durchgeführt werden und somit nur von geringer wirtschaftlicher Bedeutung für die Region sind. Bemerkenswert an Ikarus Reisen ist übrigens die generelle wie auch dem eigenen Unternehmen gegenüber geübte differenzierte und nachdrückliche Tou- rismuskritik (Kr) 34. Wi Zwei Unternehmen (THR Reisen, Schulz aktiv Reisen, 17 Termine) unterstreichen die potenzielle wirtschaftliche Bedeutung des Tourismus für die Region und beken- nen sich zu Maßnahmen zur gezielten Integration der heimischen Wirtschaft. Die übrigen neun Veranstalter bringen weder Hinweise auf etwaige Probleme durch den Tou- rismus, noch auf etwaige Verhaltensrichtlinien oder konstruktive Maßnahmen zur Verbes- serung der Beziehung zwischen Touristen und Einheimischen. Sechs der neun Veranstalter sind der Kategorie C und D zuzurechnen, woraus sich ableiten lässt, dass ein enger Zusam- menhang zwischen dem Selbstverständnis eines Reise-Unternehmens und den Signalen be- steht, die dieses Unternehmen nach außen sendet. Dies lässt sich etwa bei Kneissl Touristik nachvollziehen. In diesem Unternehmen gibt es zwar vereinzelt guten Willen und konkrete Initiativen zur Förderung eines verträglichen Tourismus, insbesondere bei den von Kneissl Touristik ausgeschriebenen Niger-Touren, 35 insgesamt aber entspricht dieses Konzept nicht dem Selbstverständnis der österreichischen Firma. Der Mangel an entsprechenden Hinweisen auf den Web-Sites der drei B-Kategorie- Unternehmen lässt sich wie folgt erklären. Blue Planet und Tamera haben generell eine spar- same Informationspolitik und keine sehr ansprechende Web-Site. Desert Reisen ist ein noch sehr junges Unternehmen, geführt von einem Algerien-stämmigen Tuareg, der bislang nur intern seine Überzeugung von der Notwendigkeit eines verträglichen Tourismus verdeutlicht hatte. 36 Der Mangel an entsprechenden Hinweisen im Internet bzw. im Katalog ist freilich dann ver- nachlässigbar, wenn diese Informationen über die Reiseunterlagen, die empfohlene Literatur oder durch den Reiseleiter vor Ort vermittelt werden - was leider nicht überprüft werden konnte. Informationsqualität Je besser ein potenzieller Kunde informiert ist, desto besser kann er sich auf Land und Leute einstellen oder rechtzeitig erkennen, dass er für eine Tour nicht geeignet ist, etwa weil ihm der 32 Friedl 2002a. 33 Auskunft von Chavannes, Sabine, Indigo Reisen, Mail vom 4. 12. 2003. 34 Vgl. Reisephilosophie und Verhaltens-Kodex. Kategorischer Imperativ für Touristen. In: Ikarus Tours 2003, S. 7. 35 Siehe dazu im Folgekapitel. 36 Vgl. Touhami, Abdelkader, Desert Reisen, Int. von Weber, Anke, Mail vom 29. 11. 2003. 439 Mangel an Komfort und die notwendige Anpassung inakzeptabel erscheint. Ob eine ver- trägliche Tour auch von einem verträglichen Kunden gebucht wird, hängt somit wesentlich von der im Vorfeld gebotenen Information ab. Bei der Analyse der Web-Sites und der Kata- loge wurde auf folgende Faktoren geachtet: Land Gibt es gewisse Informationen über Land und Leute? Tour Gibt es detaillierte Informationen über die Route und über die technischen Belange der Reise? Lit Wird weiterführende Literatur empfohlen? Bed Werden die körperlichen und geistigen Voraussetzungen für die Reiseteilnehmer klargestellt? Vor Gibt es vorbereitende Treffen zwischen dem Reiseleiter und den Kunden? Die Analyse der von den Veranstaltern gebotenen Informationen vermittelt ein eher „wüstes“ Bild: I. Nur zwei Unternehmen, Suntours und Geo Tours, bieten auf ihren Web-Seiten um- fassende Information zu den vier wesentlichen Belangen Tour, Land, Voraus- setzungen und Literatur. II. Zwei Unternehmen, Oase Reisen und Ikarus Tours, vermitteln hinreichende Informa- tion zu den Bereichen Tour, Land und Literatur. Bezüglich der Voraussetzungen ge- hen sie davon aus, dass jeder zur Teilnahme geeignet sei. Desert Team informiert über Voraussetzungen und bietet Tour- und Landbeschreibungen, gibt aber keine weiterführenden Literaturtipps. III. Hauser vermittelt auf den Homepages zwar nur Tourbeschreibung und Voraus- setzungen und Indigo Reisen Voraussetzungen und Literaturtipps, dafür bieten beide Unternehmen vorbereitenden Informationstreffen. Ähnlich vermittelt Kneissl Touris- tik eine höchst detaillierte Tourbeschreibung, Hinweise auf persönliche Vorausset- zungen und im Winterkatalog des Jahres 2003 einen Artikel über die Tuareg. 37 De- taillierte Landesinformation, Sprachführer, Literaturtipps etc. findet der Reisewillige erst mit den Reiseunterlagen vor. Bei Bedarf gibt es auch Vorbesprechungen mit dem Reiseleiter persönlich. IV. Die Unternehmen Croq’Nature, b&b und Hommes et Montagnes, informieren nur über den Tourverlauf und ein wenig über Land und Leute. THR Reisen und Nomade vermittelt neben dem Tourverlauf noch die Voraussetzungen für Mitreisende, und Terres d’Aventure gibt neben der Tourbeschreibung auch Literaturtipps bekannt. V. Nur das absolute Minimum an Information, eine Tourbeschreibung, findet sich bei Nomade Aventure, Africon Tours und Blue Planet. Atalante verzichtet sogar auf eine detaillierte Tourbeschreibung und informiert lediglich über die Voraussetzungen, Hommes Bleus ein wenig über das Reiseland. VI. Vier Unternehmen verzichten auf weiterführende Informationen und vertrauen auf das Image des jeweils angebotenen Reiseziels bzw. auf das Know-how der Kunden selbst: Déserts, Desert Reisen, Explorateur und Schulz aktiv Reisen. Da die Katalogproduktion aufwendig und teuer ist, wäre entsprechende Zurückhaltung um- fangreicher Information in Katalogen einigermaßen verständlich. Heute aber, da Websites zum wesentlichen Informationsmedium geworden sind, ist diese spartanische Informations- preisgabe nicht nachvollziehbar. 37 Vgl. Friedl 2003d, Tuareg, S. 18. 440 Neben der Bedeutung der entsprechenden Reiseunterlagen bleibt dem Reisenden noch die Hoffnung auf einen kompetenten Reiseleiter. 12.1.2.5 Die Kompetenz der Reiseleiter Wo es schon generell an weiterführender Information mangelt, ist kaum ein Überfluss an Hinweisen auf eingesetzte Reiseleiter und deren Kompetenz zu erwarten. Dennoch war es möglich, anhand der Websites und der Kataloge ein Profil der von den Firmen eingesetzten Reiseleiter zu rekonstruieren. Dabei konnten folgende Unterschiede festgestellt werden: I. Sieben Unternehmen (Tamera, Hommes Bleus, Terres d’Aventure, Explorateur, Schulz, Blue Planet, Kneissl Touristik) senden bei ihren Reisen europäische Reiselei- ter mit, die über die klassischen Kompetenzen eines Reiseleiters 38 und insbesondere über fachliche Kenntnisse (Archäologie, Arabistik, Ethnologie etc.) verfügen, und zum Teil sogar akademisches Niveau haben. Während nun etwa Kneissl Touristik die herausragende Bedeutung des Reiseleiters für das Gelingen einer Reise betont, 39 rela- tiviert Ikarus Reisen diese Position, indem das Unternehmen ihren Reiseleitern menschlichere und durchaus auch realistischere Züge zuschreibt. 40 In Anbetracht der Tatsache, dass bislang die interkulturelle und ethische Kompetenz im Bereich der Reiseleiterausbildung von untergeordneter Bedeutung war,41 ist das Beisein eines „westlichen Experten“ freilich noch lange keine Garantie für die Verträglichkeit der jeweiligen Reise. II. Drei Unternehmen (Indigo, Ikarus, Hauser) legen weniger Wert auf Fachkenntnisse als auf Erfahrungskompetenz ihres europäischen Reiseleiters. Hauser Reisen trägt zur Qualifizierung der Reiseführer in einigen bereisten Regionen (nicht aber im Niger) durch spezielle Ausbildungslehrgänge bei. III. Auf „lokale“ Experten, also auf lokale Führer mit entsprechendem Erfahrungsschatz und besonderer Sprachkompetenz, vertrauen explizit Desert Reisen, Oase Reisen und fallweise auch Blue Planet. Welche Probleme hinsichtlich der tourismusethischen und interkulturellen Kompetenz nigrischer Reiseführer bestehen, wurde bereits dar- gestellt. 42 IV. Die übrigen elf Unternehmen vertrauen ihre Kunden und die verträgliche Gestaltung der Reise dem jeweiligen lokalen Reisebegleiter an (Croq’Nature, Déserts), denn sie verzichten weitgehend auf Hinweise zu diesem Thema (Nomade Aventure, Atalante, Suntours, Africon, b&b u.a.). Aus der mangelhaften Behandlung des Themas "Reiseleiter" lässt sich - das sei nochmals be- tont - freilich wenig auf die tatsächliche Qualität der eingesetzten Reiseleiter schließen. Zu- mindest wird aber deutlich, dass den Veranstaltern generell die Bedeutung der Reiseleiter als Cultural Broker bzw. als Vermittler und Kontrolleure der Verhaltenstipps und Maßnahmen zur verträglichen Gestaltung einer Reise noch nicht nachdrücklich bewusst geworden ist. Hier besteht noch nachhaltiger Sensibilisierungsbedarf. 38 Vgl. Schmeer-Sturm 1997. 39 Vgl. Kneissl Touristik 2003, S. 1. 40 Vgl. Ikarus Tours 2003, S. 7. 41 Vgl. ebd., S. 100 ff. Vgl. auch die diesbezüglichen Ausbildungsinitiativen von Studiosus Reisen (2000, Web). 42 Siehe das Kap. über „strukturelle Probleme der Tourismusentwicklung in Agadez/Qualifikationsmängel“. 441 12.1.3 Schlussfolgerungen zu den europäischen Niger-Anbietern Sowohl die wachsende Zahl der Veranstalter als auch die wachsende Zahl der ausgeschriebe- nen Termine für Niger-Reisen verdeutlichen, dass der Tourismus im Niger bis zum Ausbruch der neuerlichen Rebellion im Jahr 2007 an Bedeutung gewann - trotz wiederholter Rück- schläge. Das Bekenntnis der wichtigsten Veranstalter zu den Prinzipien des verträglichen Tourismus, ihre entsprechenden Signale an ihre Klientel sowie die Tatsache, dass immer mehr Trekking-Touren angeboten werden, lässt berechtigte Hoffnung aufkommen, dass die häufig beschworenen destruktiven Erscheinungen eines Tourismuswachstum in der Region Agadez ausbleiben könnten. Vielmehr scheint es, als ob Tourismus, wie er derzeit von europäischen Veranstaltern im Niger angeboten wird, effektiv einen wesentlichen Beitrag zur wirtschaftli- chen Förderung der Region leistet. Um dies mit Bestimmtheit behaupten zu können, bedarf es jedoch noch eines Blicks auf die Niger-Reisenden selbst, auf jene nämlich, die durch die eben analysierten Fakten angelockt worden sind. Der Ablauf einer Reise wird im nächsten Kapitel konkret behandelt. 12.2 Das Klientel des nigrischen Sahara-Tourismus Wie bereits mehrfach angesprochen, fehlen im Niger präzise statistische Daten.43 Die aus unterschiedlichen Quellen verfügbaren Zahlen können darum nur als Näherungswerte be- trachtet werden. Im folgenden Abschnitt geht es jedoch vordergründig weniger um die Menge der Besucher in der Region Agadez, als vielmehr um deren annähernde Charakterisierung. Welche Motive treibt die Menschen in die Ténéré und ins Aïr, was hoffen sie dort zu finden, wie bereiten sie sich auf dieses Abenteuer vor, wie groß ist ihre Zufriedenheit nach der Reise, welche Haltung nehmen sie gegenüber der Tuareg-Bevölkerung ein, und welche reiseethi- schen Regeln erscheinen ihnen dabei als besonders beachtenswert. Zur Beantwortung dieser Fragestellungen habe ich zwischen 1999 und 2003 insgesamt 56 Interviews auf der Basis eines strukturierten Fragebogens durchgeführt. 44 28 dieser Befra- gungen (50 %) wurden in Form qualitativer Tiefeninterviews durchgeführt, wobei die Fragen als Leitfaden dienten, weitschweifigere Antworten jedoch zugelassen waren. Diese Interviews fanden größtenteils in Agadez statt. Vereinzelte Interviews wurden auch im Herbst des Jahres 1999 mit Touristen in Timia sowie während der Testreise im Februar 2000 geführt. 20 dieser Interviews hat die in Agadez ansässige Diplom-Geografin Sophie Landrieu durchgeführt. 45 Die übrigen 28 Befragungen wurden unter Reiseteilnehmern von Kneissl Touristik gegen En- de der Allrad- und Trekking-Touren im März 2001 und im Februar und März 2003 durchge- führt. Weil wegen der knappen Zeit weitschweifige Tiefeninterviews unmöglich gewesen 43 Vgl. auch die sinngemäße Kritik von Baud-Bovy 1988, S. 45. 44 Siehe die Fragebögen in deutscher und französischer Sprache im Anhang. 45 Landrieu hatte in der Region unter Aufsicht von Univ.-Prof. Pierre-Marie Decoudras (Univ. Bordeaux) eine wirtschafts- geografische Untersuchung über den aktuellen wirtschaftlichen Wandel des Tales Tidène durchgeführt (vgl. Landrieu/Decoudras 1998). 442 wären, verteilte ich stattdessen an die Probanden am Ende der Reise die Fragebögen, die schriftlich beantwortet wurden. Insofern wurden die Ergebnisse zwar mittels leicht differie- render Methoden erzielt, aber letztlich wurde dadurch die doppelte Personenanzahl erfasst. Angesichts der knappen Zeit- und Geldmittel sowie der Tatsache, dass lediglich Näherungs- werte angestrebt wurden, war dies vertretbar. 12.2.1 Anzahl, Herkunft und soziale Struktur des Niger-Klientels 12.2.1.1 Die Zahl der Agadez-Touristen Sowohl die Anzahl als auch die soziale Struktur der Agadez-Reisenden unterliegt mittelfristig starken Schwankungen. Noch zu Beginn der 80er-Jahre besuchten die Region hauptsächlich Individualtouristen und solche Abenteuertouristen, die ihre gebrauchten Fahrzeuge zur Finan- zierung ihres Sahara-Urlaubs im Sahel verkauften. 46 Damals kamen während einer Saison (November - März) durchschnittlich 30 Autos pro Tag mit je zwei Touristen, die rund 7 Nächte im Niger verbrachten. 47 Pro Saison entsprach dies rund 60.000 Nächtigungen. Bis 1991 stieg die Anzahl der auf diese Weise importierten Fahrzeuge auf 2.513 an. Dieser Tou- rismus wurde durch die politische Krise in Algerien und die Tuareg-Rebellion weitgehend (1993: 746 Fahrzeuge; 1996: 122 Fahrzeuge) unterbunden 48 und vermochte sich seither auch nicht mehr zu erholen. Dafür stieg die Zahl der Pauschalreisenden von rd. 250 Touristen in der Saison 1979/80 49 zunächst auf 1.336 im Jahr 1986 50 und auf 2.489 im Jahr 1991, um dann auf 1.180 (1992) zu sinken; bis 1994 versiegte der Pauschaltourismus ganz. Eine Renaissance erlebte der Agadez- Tourismus im Jahr 1995 und bis zum Spitzenwert von 4.300 im Jahr 2001 stiegen die Zahlen der Pauschaltouristen ständig an, sanken allerdings im Jahr 2002 infolge der Schließung des Flughafens Agadez und der Ereignisse vom 11. 9. 2001 in New York 51 auf 3000 Touristen. 52 Tabelle 9: Registrierte Ankünfte von Pauschaltouristen in der Region Agadez 53 46 Vgl. Friedl 1991. 47 Lt. Baud-Bovy (1988, S. 50) gab dieses Klientel täglich 1.200 - 3.000 FCFA (entsprach damals, vor der Abwertung, rund 3,5-9 €) aus. 48 Vgl. Grégoire 1999, S. 306. 49 Vgl. Baud-Bovy 1988, S. 50. 50 Vgl. Grégoire (1999, S. 291), dem gegenüber Alzouma (1996, S. 384) die Zahl 1.070 nennt. 51 Dieser Kollaps des Tourismus betraf den gesamten Orient-Markt (vgl. Kneissl 2002, S. 7). Das WTTC (2002, S. 2) bezif- ferte den Einbruch bei den Nachfragen für den Niger infolge des New York-Attentats 2001 mit 7 %. Dass diese Zahlen je- doch mehr oder minder an den Haaren herbeigezogen und ohne Bezug zu den regionalen Rahmenbedingungen hochgerech- net worden waren, ergibt sich aus dem Hinweis, wonach die Auswirkungen des 11. 9. für das Jahr 2001 selbst nicht zutref- fend berechnet werden können, „just after the high summer holiday season“: diese spielt aber für den Niger-Tourismus prak- tisch keine Rolle. 52 Amadou Moumouni, regionaler Tourismusdirektor der Region Agadez-Tahoua,. zit. in Manzo 2003, S. 8. Gabi Kreimer (Int. vom 24.9.2002) berichtet von häufigen Klagen der Führer und Fahrer in Agadez, Arlit und Iferouane und auch unter Kameltreibern in kleineren Orten, dass die Wintersaison 2001/02 äußerst schlecht verlaufe. Besonders in kleinen Restaurants in Agadez soll dieses Thema in Gegenwart von Kreimer häufig klagend debattiert worden sein. 53 Nach Moumouni (zit. in Manzo 2003, S. 8), Grégoire (1999, S. 291), Elhadji Annour Koné (Schreiben vom 26.2.2003) und eig. Erhebungen. 443 Saison Besucher Saison Besucher Touristenankünfte in Agadez 1986- 1986 1336 1995 228 2003 1987 1550 1996 450 5000 1988 1135 1997 630 4500 4000 1989 1473 1998 970 3500 3000 1990 2462 1999 1200 2500 2000 1991 2489 2000 2429 1500 1000 1992 1180 2001 4500 500 0 1993/94 0 2002 3000 2003 1986 1987 1988 1989 1990 1991 1992 1993 1994 1995 1996 1997 1998 1999 2000 2001 2002 54 2003 2600 12.2.1.2 Die Herkunft der Agadez-Touristen Über die Herkunft der Agadez-Reisenden gibt es kaum genaue Daten. Auf Grund der Anbie- ter-Struktur sowie auf Grund der Angaben der Agadez-Agenturen wird die Klientel überwie- gend aus Frankreich, Deutschland, Italien, der Schweiz und Österreich kommen, in geringerer Zahl aus Spanien, England, den USA und Japan. 55 Auch über die Anzahl der österreichischen Niger-Reisenden lassen sich keine genauen Angaben machen. Zwar bearbeitet das Honorar- konsulat der Republik Niger in Wien jährlich zirka 250 Visa-Anträge, die jedoch auch von Bürgern der Schweiz, Deutschlands und Osteuropas sowie von Mitarbeitern diverser UN- Organisationen gestellt werden. 56 Die Dominanz der französischen Klientel beruht einerseits auf der historisch bedingten Affi- nität Frankreichs als einstige Kolonialmacht des Niger, der Sahara und der Tuareg. 57 Daneben spielen auch Faktoren wie bessere Verkehrsverbindungen zwischen Frankreich und dem Ni- ger und die damit verbundenen niedrigeren Preise der Niger-Reiseangebote eine wesentliche Rolle. Die große Zahl der deutschen Niger-Reisenden beruht einerseits auf der Größe der deutschen Bevölkerung sowie auf der Begeisterung der Deutschen für unberührte Naturräume. Das Po- tential der Nigerreisenden aus dem Raum Deutschland dürfte auch noch lange nicht ausge- schöpft sein. Diese Annahme legen diverse Studien nahe, wonach 36 % der Deutschen „die ganze Welt sehen und jedes Jahr ein neues Reiseziel kennen lernen“ wollen. Ein Drittel der jüngeren Urlauber reize zudem nur das „Neue und Außergewöhnliche“, und 40 % der Urlau- 54 September 2002 - Feber 2003 (vgl. Elhadji Annour Koné, Schreiben vom 26.2.2003). 55 Eig. Erhebungen, die sich mit den Angaben von NIGETECH (2002, S. 20) decken. Für die Mitte der 80er-Jahre gibt Al- zouma (1996, S. 384) folgende Verteilung an, die mit der gegenwärtigen Situation jedoch kaum mehr übereinstimmen dürfte: Franzosen (70 %), Italiener (11 %), Deutsche (7 %), Nicht-Europäer (88 %). 56 Im Jahr 2001 wurden 236 Visa, im Jahr 2002 bis Mitte Dezember 160 Visa erteilt (Ausk. Karlich, Sieglinde, Honorarkon- sulat der Rep. Niger, Wien, Mail vom 10. 12. 2002. 57 Sie dazu das Kap. über den „Mythos Tuareg“. 444 ber wollen „vor allem "grüne" Ziele ansteuern, wo die Natur schön und die Landschaft sau- ber sei“. 58 Die italienischen Kunden rekrutieren sich aus der ebenfalls großen Zahl der italienischen Be- völkerung und dürften ebenfalls bis zu einem gewissen Grad in der historischen Beziehung Italiens zur Sahara als Kolonialmacht Libyens wurzeln. Darüber hinaus spielen Italiener wie Vittoria Gioni und Pierot Ravá sowohl in der Pionierzeit als auch in der Gegenwart des Niger- Tourismus eine wesentliche Rolle. Der österreichische Markt spielt auf Grund der relativ geringen Einwohnerzahl und der weni- gen Niger-Anbieter eine untergeordnete Rolle. Der Vollständigkeit halber sei noch die Herkunft der 56 Befragten angeführt: 31 Personen stammten aus Österreich (55 %), 12 aus Frankreich (21 %), 5 aus der Schweiz (9 %), 3 aus Deutschland (5 %), und 5 aus sonstigen Ländern (Argentinien, Nigeria, Italien, Australien, GB, das entspricht 9 % der Interviewten). 12.2.1.3 Soziale Struktur 12.2.1.3.1 Geschlecht Von 56 Befragten waren 31 (55 %) männlich und 25 (45 %) weiblich. Allein von den 28 be- fragten 59 Kneissl-Touristik-Kunden waren 16 Personen (57 %) männlich und 12 Personen (43 %) weiblich. Daraus lässt sich - angesichts der wenigen Probanden - kein eindeutiger Trend zugunsten eines mehrheitlich männlichen Klientels ablesen. Vielmehr zeigte meine per- sönliche Erfahrung, dass Männer und Frauen ein weitgehend ausgeglichenes Interesse an Ni- gertouren zeigen. 12.2.1.3.2 Alter Nach der Altersstruktur waren 17 Personen bis 40 Jahre alt (31 %), 29 Personen (52 %) waren von 40 bis 55 Jahre alt, und 10 (18 %) Personen älter als 55 Jahre. Während somit von 70 % aller Befragten das Alter über 40 Jahren liegt, liegt das Durch- schnittsalter von 89 % der Kneissl-Kunden über 40 Jahre: Nur 3 Personen waren (11 %) jün- ger als 40, dagegen 17 Personen (61 %) bis 55 Jahre alt, 8 Personen (28 %) sogar noch älter. Daraus wird deutlich, dass vor allem ein beruflich etabliertes oder bereits pensioniertes Publi- kum über disponibles Kapital und über disponible Freizeit verfügt, um an dreiwöchigen Ur- laubsreisen teilnehmen zu können. Die Altersgruppe der über 70-Jährigen ist nur mehr spora- disch vertreten. Die relativ großen Anstrengungen einer Wüstenreise ohne jeden Komfort und 58 Opaschowski 1999, S. 61. 59 Insgesamt hatten 37 Kunden an den drei Kneissl-Reisen in den Jahren 2001 und 2003 teilgenommen. In der Folge wird auf die Beigabe der Spezifizierung „befragt“ verzichtet und kurz von „Kneissl-Kunden“ gesprochen. 445 die fehlende ärztliche Versorgung stehen im Widerspruch zur Abenteuerlust mancher betagter Niger-Freunde. 12.2.1.3.3 Urbane Herkunft Von den 56 Befragen lebten 49 Personen (87,5 %) in großen oder mittleren Städten, während nur 7 Personen (12,5 %) aus ländlichen Regionen stammten. Von den 28 Kneissl-Kunden kamen 23 (82 %) aus Städten und 5 (18 %) aus dem ländlichen Raum. Diese Dominanz urbaner Kunden lässt sich am besten damit erklären, dass Menschen, die ständig mit den Wesenszügen urbaner Zivilisation (Verkehr, Motorisierung, Hektik, Lärm, Verbauung, Luftverschmutzung, Angebots- und Ablenkungsvielfalt, Kriminalität etc.) kon- frontiert sind, eher ein Bedürfnis nach Räumen haben, mit denen sie genau Gegenteiliges as- soziieren: Weite, Leere, Ruhe, Reduktion, Wandern, Kamele. Das macht auch eine Analyse der Reisemotive deutlich. Diese Daten korrelieren auch mit dem wachsenden Bedürfnis der deutschen Bundesbürger nach „freier“ Natur, aber auch die große Sensibilität der Kunden für beeinträchtigte Sauberkeit.60 Darüber hinaus ist davon auszugehen, dass in urbanen Regionen eher solche Beschäftigungsmöglichkeiten gegeben sind, die auch die Finanzierung einer so teuren Reise zulassen. Zudem ist auch davon auszugehen, dass der Informationsgrad der Städ- ter weit höher ist. 12.2.1.3.4 Bildungsstand 12 der 56 Befragten (21 %) verfügen über die mittlere Reife, 17 Personen (30 %) verfügen über die Matura bzw. gleichwertige Abschlüsse, 27 Personen (48 %) haben eine akademische Ausbildung absolviert. Somit verfügen 78 % der Befragten über ein Ausbildungsniveau, das höher ist als die mittlere Reife. Von den 28 Kneissl-Kunden haben 9 (32 %) die Pflichtschule abgeschlossen, 9 (32 %) die Matura abgelegt, und 10 (36 %) verfügen über eine akademische Ausbildung. Insgesamt 68 % verfügen über ein höheres Ausbildungsniveau als mittlere Reife. Für diese starke Dominanz gebildeter Niger-Reisenden gibt es plausible Erklärungen. Zum einen steigt generell das Bildungsniveau in den westlichen Staaten. Dann arbeiten Personen mit höherer Qualifikation i.d.R. auch in sehr gut bezahlten Berufen, sodass teure Niger-Reisen leichter finanzierbar sind. Untersuchungen für Deutschland 61 und Österreich 62 belegen, dass die allgemeine Reiseintensität unter Hochschulabsolventen, Beamten und Angestellten signi- fikant höher ist als jene von Arbeitern, Handwerkern und Beschäftigten im ländlichen Raum.63 Einen hohen Bildungsgrad betrachten manche Autoren als kennzeichnend für die Offenheit des Klientels für den alternativen bzw. umwelt- und sozialverträglichen Trekking- 60 Siehe dazu unten die häufig geäußerte Kritik wegen des Mülls in Agadez etc. 61 Hinw. in Pils 1997, integra 4/1997, S. 3. 62 Vgl. APA 2000, Der Standard, 30. 6. 2000, S. 21. 63 Daten für 1993, vgl. Hennig 1997, S. 66. 446 Tourismus. 64 Dies mag einerseits wiederum durch die bereits gen. Argumente (höheres Ein- kommen, verfügbare Freizeit, urbaner Lebensstil, Stress etc.) erklärbar sein, andererseits darf nicht übersehen werden, dass die moderne Bildungsreise zunehmend zur Erlebnisreise mu- tiert, bei der die Befriedigung der Neugier und die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit im Vordergrund stehen. 65 Insofern gilt der typische Bildungsreisende als aufgeschlossen und unabhängig, ist reiseerfahren, an sozialen, kulturellen und politischen Aspekten des Gastlan- des interessiert und sucht auch Kontakte zur einheimischen Bevölkerung. Inwieweit die Be- fragten Reise-Erfahrenheit und Kontaktfreude aufwiesen, ist noch zu zeigen. 12.2.1.3.5 Beruf Die Antworten waren zu vielfältig und oft nicht eindeutig (z.B. „Pensionist“), so dass hier keine sinnvolle Aussage getätigt werden kann. Signifikant ist lediglich die Häufigkeit jener Berufe, die ein relativ hohes Bildungsniveau voraussetzen (Ärzte, Journalisten, Lehrer etc.). Interessant ist der hohe Anteil an Angestellten (27 bzw. 77 % von 35) gegenüber selbständig Berufstätigen (8 bzw. 23 %). 66 Dies legt die Vermutung nahe, dass Personen in selbständigen Berufen zeitlich weniger disponibel sind, um 23 oder mehr Tage in die Wüste zu reisen. 12.2.1.3.6 Familienstand 26 Personen (68 %) von 38 Personen gaben an, allein stehend zu sein, wogegen nur 12 Perso- nen (32 %) angaben, verheiratet zu sein. Unter diesen 12 Personen wiederum waren mind. 2 Ehepaare. Diese enorme Dominanz von beziehungsmäßig unabhängigen Personen legt die Vermutung nahe, dass Menschen unter diesen Bedingungen eher bereit sind, sich für relativ große Zeitspannen auf „abenteuerliche“ Reisen einzulassen, weil sie sich primär nur sich selbst gegenüber verantwortlich fühlen und insofern eher bereit und in der Lage sind, in ihre persönliche Entwicklung bzw. in ihren Erlebnisdrang Geld und Zeit zu investieren. Die gene- rell wachsende soziale Mobilität im Bereich partnerschaftlicher Bindungen, die auch der neue Begriff „Lebensabschnitts-Partnerschaften“ signalisiert, 67 erlaubt darum anzunehmen, dass von dieser Seite die potenzielle Klientel für Sahara- bzw. Niger-Tourismus weiter wachsen wird. 64 Vgl. Butler 1990; Dearden/Harron 1992, die jedoch keinerlei quantitative Untermauerung ihrer These liefern. 65 Vgl. Koeppen 1988, S. 27, bzw. Günter 1993, S. 355. 66 Diese Frage haben nur 35 Personen beantwortet. 67 Vgl. etwa Goetsch 1997, Web. 447 12.2.1.4 Daten zur Reisesituation der Befragten Die folgenden Daten geben Auskunft über die aktuelle Reisesituation der Befragten: Wohin reisen die 56 (28 Kneissl-) Befragten, liegt ihre Reise noch vor oder bereits hinter ihnen, und können sie insofern eher über Erfahrenes oder über Erwartungen sprechen? Wie lange dauert ihre Reise? Bedienen sie sich einer Agentur und reisen sie allein? Diese spezifischen Ergebnisse sind zwar nicht repräsentativ für den durchschnittlichen Agadez-Reisenden, vermitteln aber wichtige Hintergründe über die befragten Personen, die zum Verständnis der nachfolgenden Fragestellungen wie Motive, Verhaltensrichtlinien etc. wesentlich sind. 12.2.1.4.1 Reisebeginn und -ziel zum Zeitpunkt des Interviews Zum Zeitpunkt der jeweiligen Befragung befanden sich 32 Personen (57 %) bereits auf ihrer Rückreise aus der Region Aïr Ténéré, darunter 28 Kneissl-Kunden (100 %). 18 Personen (32 %) waren eben aus Europa, und 5 Personen (9 %) direkt von Niamey oder von einem af- rikanischen Land außerhalb des Niger angereist. Eine Person (2 %) befand sich zu einem län- geren Aufenthalt in Agadez. Nicht alle Befragten befanden sich auf der Durchreise mit dem Endziel Europa oder Aïr- Ténéré. Von den 23 anreisenden Personen war für 17 (27 %) Agadez das vorläufige oder auch endgültige Reiseziel, lediglich 15 Personen (23 %) wollten sogleich oder nach einem Zwi- schenaufenthalt in Agadez weiter ins Aïr-Ténéré-Gebiet reisen. 68 2 Personen (3 %) waren bereits am Weg in ein afrikanisches Land außerhalb des Niger. Hier wird die große Zahl der heimkehrenden Kneissl-Kunden deutlich. Unter den anreisenden Personen befanden sich auch solche, die sich länger in Afrika befanden und einen „Ab- stecher“ in den Niger unternommen hatten. 12.2.1.4.2 Aufenthaltsdauer 5 Personen (9 %) verbrachten maximal zwei Wochen in der Region, der Großteil, nämlich 36 Personen (64 %), die meisten Pauschalreisenden, verbrachte bis zu drei Wochen in der Regi- on. Darüber hinaus hielten sich 5 (9 %) bis zu 1 Monat, 7 (13 %) bis zu 2 Monaten und 3 Per- sonen (5 %) 3 Monate und mehr in der Region auf. Bei diesen Personen handelte es sich u.a. um solche Reisende, die zum Teil individuell unterwegs waren, Besuche abstatteten, For- schungen betrieben, oder, wie im Fall einer Grazer Sozialpädagogin, die ein Sabbatical-Jahr bei den Tuareg verbrachte. An dieser Aufstellung wird freilich auch ersichtlich, dass Kurz- zeit-Touristen, die mit dem Charterflugzeug für nur ein bis zwei Wochen anreisen, deutlich 68 Hier waren mehrfache Angaben (z.B. Agadez, Aïr) möglich. 448 unterrepräsentiert sind. 69 Letztlich aber umfasst die ausgewählte Gruppe 73 % Kurzzeittouris- ten mit höchstens 14 Reisetagen und 27 % Langzeittouristen, die über ihre Zeiteinteilung weitgehend frei verfügen konnten. 12.2.1.4.3 Reisestil I: Organisiert oder individuell 38 Personen (68 %), darunter die 28 Kneissl-Kunden, bedienten sich für ihre Reise oder für einen Teil davon eines Veranstalters, 20 Personen (36 %) reisten mindestens für einen Teil der Reise auf eigene Faust. Doppelnennungen gab es von 2 Langzeitreisenden, die erst eine gewisse Zeit alleine in Agadez verbrachten und sich erst im weiteren Reiseverlauf einer Agentur bedienten. 12.2.1.4.4 Reisestil II: In Gruppen oder allein Wer organisiert reist, ist per definitionem mit einer Reisegruppe unterwegs: 46 Personen (82 %) waren Gruppenreisende, nur 12 (21 %) reisten alleine oder zu zweit. 2 Personen gaben wieder Doppelnennungen ab. Damit wird deutlich, dass in diese Befragung die wichtigsten Gruppen typischer Agadez- Reisender, Pauschal- wie Individualreisende sowie Langzeit- und Kurzzeittouristen, einge- bunden wurden. 12.2.1.4.5 Reisemittel Ob eine Reise umwelt- und sozialverträglich ist, hängt wesentlich von der jeweiligen Wahl des Transportmittels ab. Von den Befragten benutzten 70 zwar 44 Personen (78 %) Allradfahr- zeuge im Zuge ihrer Reise, doch lediglich 8 Personen (14 %) waren während ihrer Tour aus- schließlich mit solchen Fahrzeugen unterwegs. Der mit 38 Personen (68 %) größere Teil der Befragten hatte auch Trekking- und Kamelreisepassagen in ihrer Tour. Darüber hinaus be- dienten sich die 12 Individualreisenden (21 %) auch der öffentlichen Verkehrsmittel (Busch- taxi, Bus, Lastwagen). Diese Ergebnisse sind durch die Befragung der Kneissl-Kunden, deren Tour i.d.R. Trekking- Elemente enthielt, nur bedingt verallgemeinerbar. Dennoch ist der klare Trend zu Wüsten- Reisen mit nicht-motorisierten Passagen unübersehbar, denn zum einen tendieren ofensicht- lich auch Individualreisende zu diesen Reisemitteln, zum anderen decken sich diese Ergebnis- se mit den zunehmenden Angeboten dieser Reisetypen seitens der europäischen Veranstalter. 69 Dies liegt freilich auch am technischen Problem, weil solche Personen üblicherweise keine Zeit für ein ein- bis zweistündi- ges Interview aufbringen wollen oder können. 70 Ich verwende aus Gründen der flüssigeren Lesbarkeit nur mehr Vergangenheitsformen; zudem hatten die Probanden aus heutiger Sicht ihr zum Zeitpunkt der Befragung noch bestehendes Reisevorhaben bereits realisiert. 449 Daraus folgt, dass - gemessen an den Nachhaltigkeits-Kriterien der Nutzung vorhandener Inf- rastruktur und (möglichst nicht-motorisierter) Verkehrsmittel Niger-Tourismus in zuneh- mendem Maße dazu geeignet erscheint, in schonender Weise zur regionalen wirtschaftlichen Wertschöpfung beizutragen. Was die Nutzung regionaler Agenturen durch organisiert Reisende anbelangt, so waren 30 der 38 Befragten (78 %) mit Tchimizar Voyages unterwegs,71 die 8 übrigen Befragten (22 %) bedienten sich folgender Agenturen: Nigercar (2), Adrar Tours (Tamanrasset), Aïr Car, Adrar Madet V., Tchit nt Tarat, SVS, sonsti- ge (jeweils 1). 5 (9 %) der Befragten gaben an, sich „unabhängiger“ Fahrer zu bedienen. Nachdem aber nur lizensierte Agenturen Touren veranstalten dürfen, ist dies ein deutlicher Hinweis auf die Inan- spruchnahme illegaler, „schwarzer“ Anbieter, die von lizensierten Veranstaltern (wegen deren Dumpingpreisen und der damit verbundenen Untergrabung des geregelten Marktes) massiv kritisiert werden. 72 Die Befragten begründeten das auch so, dass diese „unabhängigen“ Fahrer weit günstiger seien als Agentur-Fahrer. 2 Personen hatten sich nur eines Führers bedient, der sie auf ihrer Reise mit der Salzkarawane von Bilma nach Timia betreut hatte. 11 Personen hatten sich keinerlei Agentur oder Führer bedient. 12.2.1.4.6 Reisekosten Dass organisierte Niger-Reisen sehr teuer sind, wurde bereits dargelegt. 73 Dies spiegelt sich auch in der Befragung wieder: 32 Personen (57 %) hatten 3.000 bis 4.000 € und 3 Personen (5 %) etwa 2.000 € für die Reise bezahlt. Darunter fallen fast alle, die eine organisierte Reise von etwa drei Wochen unternommen hatten. Dass im Gegenzug dazu eine Reise nach Agadez scheinbar nicht unbedingt teuer sein muss, lassen die 18 Personen (32 %) vermuten, die weniger als 1.000 € ausgegeben haben. Unter diesen befanden sich auch jene 8 Niger-Reisenden, die von einem afrikanischen Land aus ihre Reise angetreten hatten und somit nicht durch Flugkosten belastet waren. Im Wesentlichen ermöglichte freilich die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel bzw. der Verzicht auf orga- nisierte Reise diese niedrigen Kosten. Außergewöhnlich hohe Reisekosten von über 5.000 € gaben jene drei Personen (13 %) an, die sich drei und mehr Monate in der Region aufhielten. 12.2.1.5 Reisemotive Warum geben die Menschen enorme Beträge aus und nehmen große Strapazen auf sich, um in die Region Agadez zu reisen? Zu Beginn der Studie hatte ich auf Grund der Extrapolation 71 Dies waren die 28 Kneissl-Kunden sowie zwei Kunden von ARR unter der Leitung von Rainer Skrovny im Jahr 1999. 72 Siehe das Kap. über „Strukturelle Probleme der Tourismusentwicklung in Agadez/Die Mängel der Marktstruk- tur/Konkurrenz, Oligopolisierung, Dumping“. 73 Siehe Abschnitt 1 dieses Kapitels. 450 meiner eigenen Beweggründe und auch aufgrund der herrschenden Literatur74 noch die Hypo- these vertreten, die Begegnung mit den Tuareg sei der wesentliche Antriebsgrund. Doch schon beim Lesen entsprechender Untersuchungen wurde ich eines besseren belehrt. So weist etwa NIGETECH auf die überragende Bedeutung von Mythos und Realität der Wüste als primäres Motiv des Saharatouristen hin. 75 Dies zeigte auch eine von Jean-Robert Henry 1983 durchgeführte Analyse von Tourismusprospekten, 76 in denen mineralische Elemente wie Sanddünen und bizarre Felsen in der Werbung deutlich dominierten. Auch in den Beschrei- bungen überwogen eindeutig Begriffe wie „Sand“ oder solche Formulierungen, die Vorstel- lungen von Weite und Zeitlosigkeit, von einem verlassenem Raum bzw. von einer Welt vis-a- vis der technisierten, gehetzten westlichen Zivilisation zum Ausdruck brachten. Weiters wur- de die Wüste häufig als eine heile Welt der Gastfreundschaft, der Liebe und der Schönheit dargestellt, in der keineswegs nur Trockenheit und Härte des Lebens maßgeblich seien. Henry fasste seine Untersuchung mit den Worten zusammen: „Le désert est un mot, qui évoque et qui provoque une expérience qui laisse rarement indiffèrent, même quand elle est vécu au niveau très banal de la relation touristique.“ 77 Wesentlich an dieser Beobachtung ist, wie Alzouma folgert, dass der kommerzielle Diskurs des „Produkts Wüste“ ein psychologisch wohldosiertes Ensemble aus diversen mystischen Ideen der Wüste widerspiegle, in dem die Tuareg zwar auch vorkommen, doch im Wesentli- chen nur als exotischer Aufputz. In diesem Sinn ist häufig die Rede von den „Blauen Män- nern der Wüste“, die als „couragiert“ und „freiheitsliebend“ beschrieben werden. Zuweilen finden sich auch Hinweise auf ihre „Noblesse“, also ihre adelige Herkunft, verbunden mit der Beschwörung ihres traditionellen Erbe und ihrer Poesie sowie des baldigen Verschwindens ihrer Kultur. 78 Diese Bilder entsprechen im Wesentlichen dem klassischen „Mythos Tuareg“, wie es im vorangegangenen Kapitel diskutiert wurde. Wie sich sogleich zeigen wird, kommt diese überragende Dominanz des „Mythos Wüste“ durchgehend bei der Frage nach dem Reisemotiv zum Ausdruck, während die Tuareg als Rei- semotiv nur von untergeordneter Bedeutung waren. 12.2.1.5.1 Explizite Reisemotive Auf die Frage nach den Motiven der Reise wurde bei insgesamt 70 Antworten 25-mal (40 %) mit „Wüste“ und 3-mal mit „Berge“ geantwortet, 14-mal mit „Interesse an bzw. Neugierde nach Fremdem“ (20 %), 11-mal wegen der hiesigen „Kultur“ bzw. der „Bevölkerung“ (16 %), wobei die „Tuareg“ explizit nur 4-mal (6 %) genannt worden waren. Weitere Antworten wa- ren 6-mal „Besuch“, 6-mal „auf Empfehlung“, 2-mal „günstiger Flug“, 2-mal „Forschungs- interesse“ und 1-mal „Agadez“. Nach Kategorien geordnet, lassen sich diese Antworten wie folgt zusammenfassen: Nach Agadez kamen 74 Vgl. Kievelitz 1989, S. 32 ff.; Spittler (2002, S. 28) ist gleichfalls davon überzeugt, dass die Reisemotive der Aïr-Urlauber wesentlich mit der Exotik der traditionellen Aktivitäten der Tuareg zu tun hätte: „Würden diese Aktivitäten entfallen, dann bliebe ein reiner Wüstentourismus ganz anderer Art übrig.“ 75 Vgl. NIGETECH 2002, S. 18. 76 Vgl. Henry, Jean-Robert 1983: Le désert nécessaire. In: Autrement 11/1983, Paris., zit. in Alzouma 1996, S. 349. 77 „Das Wort Wüste beschwört und provoziert eine Erfahrung, die einen selten ungerührt lässt, selbst wenn sie auf einem sehr banalen Niveau der touristischen Beziehung erlebt wird.“ Henry, Jean-Robert, zit. in ebd. 78 Vgl. ebd. 451 1. 40 % der Probanden wegen des Landschaftserlebnisses im weiteren Sinne (Wüste, Ber- ge) 2. 20 % wegen der Exotik: („Interesse“, „Neugierde nach Fremdem“…) 3. 17 % wegen kultureller Belange (Bevölkerung, Kultur, Tuareg, Agadez…) 4. 12 % aus persönlichen Gründen (Besuch, Forschungsinteresse) 5. 12 % aus sonstigen Gründen (günstiger Flug, Empfehlung). Die Auswertung der 31 Antworten der Kneissl-Kunden ergab ein sehr ähnliches Bild. Von ihnen kamen 1. 38 % wegen des Landschaftserlebnisses im weiteren Sinne (Wüste, Berge) 2. 35 % Exotik („Interesse“, „Neugierde nach Fremdem“…) 3. 13 % wegen kultureller Belange (1-mal „Tuareg“, Bevölkerung, Kultur, Agadez…) 4. 13 % aus sonstigen Gründen (günstiger Flug, Empfehlung) Das Interesse am Neuen und Fremden lässt sich schwer einordnen und beinhaltet sowohl landschaftliche wie kulturelle Belange. In jedem Fall wird der hohe Stellenwert des passiven Eindrucks durch die als faszinierend bewerteten Kulissen und Kulissenelemente deutlich: So meinte eine Dame: „Ein Name, der träumen lässt…Wüste, Tuareg.“ Dass hierbei die Rolle der Konträrwelt zum gewohnten Lebensraum eine bedeutende Rolle spielt, brachten zwei Argentinier, eben von einer Karawanen-Reise von Bilma nach Timia eingelangt, zum Aus- druck: „Afrika bedeutet zurück zur Einfachheit, zum „Primitiven“. Dabei ist Westafrika bes- ser, weil weniger touristisiert als Ostafrika“. 12.2.1.5.2 Erwartungen an die Reise Der eben vermittelte Trend lässt sich genauso in der Auswertung der 80 Antworten (bei mög- lichen Mehrfach-Nennungen) auf die Frage nach den Erwartungen an diese Reise erkennen. Die Probanden erhoffen sich zu 1. 58 % Landschafts- und Naturerlebnisse („Eindrücke sammeln“, „Wüste“, „unberührtes Land“…): 2. 16 % Kulturerlebnisse („Kontakt mit Tuareg“ (4x), „Kultur“, „Bevölkerung“, „Aga- dez“, „Karawane“, 3. 9 % pädagogischer Zugang (das Land, die Lebensweise verstehen bzw. besser kennen lernen) 4. 9 % selbstbezogene Aktivitäten (Kamelreiten, Wandern, Erholung) 5. 6 % persönliche Erlebnisse (Begegnungen, Menschen persönlich kennen lernen) 6. 3 % sonstiges (Besuch, Arbeit) Noch markanter, weil weniger differenziert, fielen die 35 Antworten der Kneissl-Kunden aus. Diese erhofften sich zu 1. 66 % Landschafts- und Naturerlebnisse 2. 17 % Kulturerlebnisse 452 3. 14 % selbstbezogene Aktivitäten 4. 3 % (1-mal) persönlichen Zugang (Menschen persönlich kennen lernen) Die Rolle des Naturerlebnisses als Kontrast zum gewohnten Lebensraum wird hier besonders deutlich. Die Wüste soll den Reisenden mit solchen „Erlebnissen bereichern, (…) um die westliche Lebensweise aushalten zu können“, wie ein Proband meinte. Dagegen spielt die Kultur für Niger-Reisende offensichtlich nur eine untergeordnete Rolle - bestenfalls noch als zusätzliche Attraktion: „Ich will Menschen, fernab der Zivilisation, in einem natürlichen Kon- text begegnen“. Das gelegentlich genannte Interesse an der Bevölkerung reduziert sich eher auf eine vage Sehnsucht, die aus den Mythen „Wüste“ und „Tuareg“ resultiert: „Ich liebe den Sand in der Wüste. (…) Manchmal will ich so leben wie die Leute hier.“ Noch deutlicher brachte dies ein Proband mit folgender Aussage zum Ausdruck: „Ich bin gekommen, um eine andere und in einer anderen Welt zu leben und um gewisse Sachen aus dem TV und aus den Magazinen selber zu sehen.“ Nur fünfmal wurde eine direkte Begegnung mit der Bevölkerung als Ziel genannt. Eine Per- son meinte: „Ich möchte mich in die [Tuareg]Gesellschaft integrieren, um Leute und Leben kennen zu lernen“. Von den Kneissl-Kunden erhoffte überhaupt nur eine einzige Person, die Kulisse des Reiselandes zu überwinden, und Menschen der hiesigen Bevölkerung persönlich kennen zu lernen. 12.2.1.5.3 „Wüste“ als Reisegrund? Die Rolle der Wüste als expliziten Reisegrund wurde mit einer zusätzlichen Frage überprüft und von 34 Probanden (60 %) bejaht, von weiteren 4 (7 %) als „einen Grund unter anderen Gründen“ genannt. Von den 28 Kneissl-Probanden bejahten 21 (75 %) diese Frage. 12.2.1.5.4 Bedeutung der Wüste Um zu erhellen, was Einzelne mit der subjektiven Vorstellung von „Wüste“ verbinden und womit sie die Faszination der Wüste verbinden, wurden die Probanden um Assoziationen zum Begriff „Wüste“ gebeten. Die 111 Erklärungen (Kneissl: 58) brachten folgendes Ergebnis: 1. Gegenwelt zur westlichen Zivilisation (Stille, Ruhe, Einsamkeit, Unberührtheit, Man- gel, Freiheit, Weite): 43 (39 %) Kneissl, 26 (45 %) 2. Spiritualität (Selbstfindung, Reflexion, Magie, Mystik…) 20 (18 %) Kneissl, 8 (14 %) 3. intensive Spannung (Abenteuer, Faszination) 16 (14 %) Kneissl, 10 (17 %) 4. „typische“ Wüsten-Elemente (Dünen, Sterne, Sonne, Hitze…): 11 (10 %) Kneissl, 8 (14 %) 5. wüstenspezifische Lebensformen (menschliche Lebensweise, Karawane, Kamele) 9 (8 %) Kneissl, 2 (3 %) 453 6. Neugierde, Wissensdrang: (unbekannt, Vertiefung von Wissen über bzw. Erfahrungen mit Wüsten) 12 (11 %) Kneissl, 4 (7 %) Diese bereits vorgenommene Kategorisierung der Nennungen lässt sich nochmals unterteilen in eine I. eher symbolische, spirituelle, empfindsame Zugangsweise: 79 (71 %), Kneissl: 44 (76 %) II. eher objektive, sachliche, konkrete, interessierte Zugangsweise: 32 (29 %) Kneissl: 14 (24 %) Hier zeigt sich deutlich, dass Wüste wesentlich als Projektionsraum für Sehnsüchte und Träume dient, als „Raum für Imaginationen, „eine Tankstelle für Romantik“, „ein Nichts, indem viel Platz ist“, ein „extremes Universum“, in dem es fasziniert, „ohne oder mit wenig Wasser auskommen“. Hier wünschen manche Reisende, „die Notation der Zeit und des Rau- mes (zu) verlieren“. Für machen eröffnet die Wüste eine „Grenzenlosigkeit, die es erlaubt, seine Grenzen abzuwerfen“. 12.2.1.5.5 Höhepunkte des Programms Das Aïr hat mit den Tuareg-Oasen wie Timia und Iferouane einige herausragende „Attraktio- nen“; ihre Bewohner wünschen sich, mehr am Tourismus zu partizipieren. Entspricht dieser Wunsch auch den Bedürfnissen der Reisenden? Die Befragung nach den Höhepunkten der Reise ergab folgendes Ergebnis: Von 106 Nennungen (Kneissl: 47 Nennungen) nannten 1. reine Landschaftselemente (Dünen, Aïr, Blaue Berge…): 47 (44 %), Kneissl, 26 (55 %) 2. Kulturelemente (Bevölkerung, Salzkarawane, Oasen…): 38 (36 %), Kneissl, 13 (28 %); davon a. explizit „Tuareg“: 5 (5 %); Kneissl, 3 (6 %) b. explizit „Timia“ 4 (4 %); Kneissl, 2 (4 %) c. explizit „Gravuren“, „Saurier“, „Artefakte“: 4 (4 %); Kneissl, 3 (6 %) 3. persönliche Begegnungen mit Einheimischen: 11 (10 %); Kneissl, 2 ( %) 4. persönliche non-kommunikative Erlebnisse (Wandern, Kameltrekking…) 10 (9 %); Kneissl, 6 (13 %) Schon an dieser Aufteilung überwiegen die landschaftlichen Elemente deutlich gegenüber allen anderen Erlebnisformen. Wertet man allerdings die Kulturelemente als lediglich leben- dige „Attraktionen“, die als Erlebnis einer exotischen Kulisse, als visueller Reiz, dienen, so lässt sich das Ergebnis zur Verdeutlichung der Aussage nochmals zusammen fassen in I. rezeptives, konsumtives Erleben: 85 (80 %); Kneissl: 39 (83 %) II. kommunikatives Erleben: 11 (10 %); Kneissl: 2 (4 %) III. komtemplatives Erleben: 10 (9 %); Kneissl: 6 (13 %) 454 Niger-Reisende, das lässt sich nicht mehr wegdiskutieren, kommen primär wegen des Reizes des rezeptiven Erlebens der Exotik: das Wiedererkennen jener sensationellen fremden Welt, wie sie von den frühen europäischen Berichterstattern überliefert, ständig weitergegeben und somit nachhaltig prägend wurden. Das Fremde stellt somit eine große Barriere dar, die zwar als visueller Reiz höchst attraktiv, als Möglichkeit zur Kontaktaufnahme dagegen wenig er- strebenswert erscheint. Dieses Ergebnis kommt bei den Pauschalreisenden noch deutlicher zum Ausdruck, denn sie buchen ja eine Reise, um auf sicherem Wege binnen relativ kurzer Zeit das Land „präsentiert“ zu bekommen. Als mögliche Einwände gegenüber der Interpretation wäre wohl anzuführen, dass die Nen- nung von „Timia“, „Bevölkerung“ etc. durchaus als Intention einer wechselseitigen Begeg- nung gemeint sein könnte. Auch Begriffen wie „Bagzan“ oder „Tamgak“ könnten in Hinblick auf das dort getätigte Trekking-Erlebnis genannt worden sein. Die Grundtendenz würde dies jedoch nur wenig abschwächen. Ein wichtigerer Einwand dagegen ist, dass die Nennung von persönlichen Erlebnissen wie spontane Freundschaft etc. wohl weniger leicht über die Lippen geht als die Begeisterung für „Wüste“, wohl auch, weil persönlich berührende Empfindungen in anderen Bewusst- seinsschichten des Erlebens gespeichert sein mögen. Zumindest wird im Weiteren noch deut- lich werden, dass bei anderer Fragestellung die Rolle der persönlichen Begegnung doch merk- lich größer ist, als es hier zu sein scheint. Einige bemerkenswerte Detailergebnisse sind die Tatsachen, dass - es der Stadt Agadez bislang noch nicht gelungen ist, sich als "attraktives Erlebnis" zu etablieren, das über das Maß der „Notwendigkeit“ hinausgeht. Auf den Grund dafür komme ich noch zu sprechen. - die Saurier-Friedhöfe in den Heimatländern der ankommenden Touristen offen- sichtlich noch viel zu wenig bekannt sind und daher kaum besucht werden. Auch unter den Kneissl-Probanden befanden sich nur wenige Personen, deren Programm auch den Besuch einer Saurierfundstätte beinhaltete. 12.2.1.5.6 Kulturelle Höhepunkte Der bisherige Trend kommt sogar bei den Frage nach spezifisch kulturellen Höhepunkten wieder zum Ausdruck. Von 44 Nennungen (Kneissl: 27) bezogen sich 1. 14 (32 %) (7-mal Kneissl: 26 %) auf antike oder gar keine Kultur (Wüste, Gravuren, „nichts spezielles“…) 2. 5 (11 %), davon alle Kneissl (19 %), auf nicht-lebendige Kulturelemente (Nationalmu- seum, Agadez, Architektur) 3. 25 (57 %), davon 15-mal Kneissl (56 %) auf lebende Kultur, davon a. 9 (21 %), davon 4-mal Kneissl (15 %) explizit die „Tuareg“ b. 8 (18 %), davon 6-mal Kneissl (22 %) implizite Tuareg-Attraktionen (Feste, Kara- wane, Teezeremoniell, Timia) c. 8 (18 %), davon 5-mal Kneissl (19 %) sonstige lebende Kulturelemente (Nomaden, Lebensweise, Exotik, Gerewol, Wandel) 455 Offensichtlich haben es die Tuareg schwer, sich als „Attraktion“ zu „verkaufen“, da sie selbst oder Elemente ihrer Kultur kaum als Attraktion genannt wurden. Sogar bei der expliziten Fra- ge nach kulturellen Attraktionen dominierten Elemente, die mit der Bevölkerung sehr wenig zu tun haben. „Felsgravuren“ war dabei die signifikanteste Einzelnennung. Mehr als ein Vier- tel der Kneissl-Kunden konnten dafür Begeisterung empfinden. An zweiter Stelle der Kneissl- Favoriten folgt mit 15 % das Tuaregfest (Timia, Iferouane). Insgesamt wurden zwar Tuareg- Elemente (incl. Nomadismus) zu über 50 % genannt, was jedoch angesichts des Lebensraums der Tuareg eher spärlich ist. Somit werden letztlich die vorangegangenen Überlegungen bes- tätigt, dass die Kultur der Tuareg im Tourismus nur als „Aufputz“ für die viel wesentlichere Wüstenerfahrung dient. 79 12.2.1.5.7 Die wichtigste, prägende Erinnerung Auch bei der letzten Frage dieser Serie nach den bedeutsamsten Erinnerungen blieben die Trends unverändert. 48 Personen, davon 27 Kneissl-Kunden, gaben die folgenden 128 Ant- worten, davon 75 Kneissl: 1. Kategorie Natur-Erleben (Naturphänomene, Weite…): 41 (32 %); Kneissl-Touristik: 24 (32 %) 2. Kategorie Kultur-Erleben (Gravuren, Tuareg, Bevölkerung, Handwerk, Tee- zeremonie…) 25 (20 %); Kneissl-Touristik: 18 (24 %) a. davon explizit Tuareg: 8 (6 %); Kneissl-Touristik: 7 (9 %) Diese Bereiche lassen sich wiederum zusammenfassen zu I. rezeptivem, konsumtivem Erleben: 66 (52 %); Kneissl: 42 (56 %) hingegen waren von nur zweitrangiger Bedeutung die Erinnerungen an das II. kontemplative Erleben (Wandern, Selbsterfahrung, Strapazen, Bescheidenheit: 42 (33 %); Kneissl: 22 (30 %) III. und das kommunikative Erleben (Begegnen, Kameradschaft in Reisegruppen,): 20 (16 %); Kneissl: 11 (15 %) a. darunter: Begegnungen, Kennenlernen von Einheimischen: 11 (9 %); Kneissl- Touristik: 6 (8 %) b. Aufnahme durch Nomaden, Schmiede 6 (5 %); Kneissl-Touristik: 3 (4 %) Diese Befunde verdeutlichen, warum der Glaube an den Tourismus als Mittel der Völkerver- ständigung schlichtweg Unsinn ist. Dies sollte jedoch kein Grund zur Resignation sein. Viel- mehr darf man nicht vergessen, 1. dass wesentliche Teile der Reisen durch das Aïr-Ténéré-Gebiet für Europäer scheinbar durch menschenleere Gebiete führen und Kontakte mit den Nomaden nur punktuell bleiben können. Insofern ließe sich angesichts dieser Reiseumstände durchaus auch ar- 79 Insofern unterliegt hier Spittler (2002, S. 28) einem grundlegenden Irrtum. 456 gumentieren, dass die kommunikativen Erinnerungen mit einem Anteil von 15-16 % so- gar äußert positiv zu bewerten sind, und dass hier noch sehr viel Potenzial ruhen dürfte. 2. Zudem besagt diese subjektive Wahrnehmung noch nichts über den objektiven Ablauf der Begegnung zwischen Bevölkerung und Touristen. 3. Auch darf auch die verhältnismäßig große Bedeutung des kontemplativen Erlebens nicht unterschätzt werden, denn genau dort kann etwa reisepädagogische Intervention an- setzen, um die grundsätzliche Bereitschaft für Offenheit zu fördern. Dies zeigt sich deutlich in manchen konkreten Erinnerungen, etwa die „ Erfahrung von Le- bensalternativen“ oder die „Lehre in Demut“. Dabei bezog sich das Lernen auch auf die Hin- terfragung von Mythen: „Ich erfuhr eine moderne Vision der Tuareg, die anders ist als jene, die man in den Büchern findet. Ich habe dadurch vor allem gelernt Zeit zu nehmen, um zu leben.“ Allerdings bleibt neben den Lerneffekten zumeist die Erfüllung von Erwartungen als positives Erlebnis nachdrücklich haften: „Ich konnte Geschriebenes im Reiseführer in der Realität nachvollziehen.“ Eine Erinnerung gibt besonders zu denken in Hinblick auf das oben zu Agadez gesagte, denn für einen Probanden war die beste Erinnerung, „Agadez zu verlas- sen.“ 12.2.1.6 Wüstenreiseerfahrung Für die Erfassung der Charakteristiken des Agadez-Klientels spielt die Frage nach den jewei- ligen Reiseerfahrungen eine besondere Rolle zum besseren Verständnis des Zugangs auf das Land. Untersuchungen von Wüsten-Reisenden im marokkanischen Tafilalet konnten nach- weisen, dass unter Besuchern mit Wüstenerfahrung die Wüste eine größere Rolle als Reise- motiv spielte als für jene Besucher, die zum ersten Mal der Wüste begegnet waren. 80 Daraus ließe sich schlussfolgern, dass wüstenerfahrene Reisende eher geneigt sind, für eine außerge- wöhnliche Wüstenerfahrung beträchtlich größere Reiseunannehmlichkeiten und höhere Kos- ten in Kauf zu nehmen, als dies für die Begegnung mit „typischen Wüsten“ mit Dünenkom- plexen in Tunesien und Marokko der Fall ist.81 12.2.1.6.1 Wüstenerfahrung: Häufigkeit, Region, Dauer Von 47 Probanden, 82 darunter 28 Kneissl-Kunden, hatten 1. 4 Probanden (9 %), davon 2 Kneissl-Kunden (7 %) zuvor noch nie eine Wüste bereist, 2. 15 Probanden (32 %), davon 7 Kneissl-Kunden (25 %) einmal eine Wüste bereist, 3. 22 Probanden (47 %), davon 14 Kneissl-Kunden (50 %) 2-4-mal eine Wüste bereist, 4. 6 Probanden (13 %), davon 5 Kneissl-Kunden (18 %) bereits öfter als 4-mal eine Wüste bereist. 80 Vgl. Bienert 1998, S. 48 f. 81 Vgl. Popp 2000, S. 53. 82 Diese Fragen blieben von 9 Probanden unbeantwortet. 457 Damit verfügen insgesamt 91 % der Probanden (Kneissl: 92 %) über Wüstenerfahrung. Dies verdeutlicht, dass die Ténéré von den Reisenden als „Wüste für gehobene Ansprüche“ und nicht etwa als „Wüste zum Kennenlernen“ für Anfänger verstanden wird. Dieses Bild wird durch die Frage danach, wo genau die Wüstenerfahrungen gemacht wurden, nochmals unter- strichen. Gestaffelt nach der geographischen Nähe zum Niger, waren die bisherigen Wüsten- erfahrungen der 43 Probanden (26 Kneissl-Kunden) in folgenden Regionen gemacht worden: 1. 4 Probanden (9 %), davon 3 Kneissl-Kunden (11 %), waren zumindest in Wüsten außer- halb der Sahara (Jemen, Namibia, Sinai); 2. 11 Probanden (26 %), davon 7 Kneissl-Kunden (27 %), waren bereits in Randzonen der Sahara außerhalb des von Tuareg besiedelten Kerngebiets (Marokko, Tunesien, Ägyp- ten); 3. 21 Probanden (49 %), davon 16 Kneissl-Kunden (62 %) waren bereits in einer von Tua- reg besiedelten Region der Zentralsahara (Algerien, Libyen, Mali); 4. 7 Probanden (16 %), jedoch kein Kneissl-Kunde 83, hatten bereits die Ténéré bereist. Auch hinsichtlich der bisher längsten Wüstenbegegnung wird meine Hypothese bestätigt. Diese betrug unter den 43 Probanden (26 Kneissl-Kunden) 1. bei 4 Probanden (9 %), davon 1 Kneissl-Kunde (4 %), maximal einen Tag 2. bei 10 Probanden (23 %), davon 7 Kneissl-Kunden (27 %), wenige Tage 3. bei 29 Probanden (67 %), davon 18 Kneissl-Kunden (69 %), mindestens 10 Tage. Die meisten Niger-Reisenden verfügen somit über grundlegende und dauerhafte Wüstenerfah- rung. Darum kommt für sie die Ténéré als eine Wüste infrage, die den europäischen Wüsten- Klischees (hohe Dünen, grüne Oasen, bizarre Berge, Abgeschiedenheit, exotische Bewohner, Unberührtheit von westlicher Zivilisation) 84 in besonderer Weise gerecht wird und die Vertie- fung bzw. Steigerung des Wüstenerlebnisses ermöglicht. Dieser Trend resultiert freilich auch wesentlich aus der Bedingung einer fehlenden, verlässlichen Charter-Verbindung zwischen Europa und Agadez, wodurch Preis- und Komfort-Barrieren entstehen, die Wüstenneulinge offensichtlich abschrecken oder doch deren Kurzbesuche verhindern. Die bisherigen Trends spiegeln sich auch in den Antworten auf die Frage nach den sowohl schönsten als auch unangenehmsten Erinnerungen aus der Begegnung mit der Wüste wieder. 12.2.1.6.2 Positive Wüstenerfahrungen 43 Probanden (Kneissl: 26) gaben folgende 67 Antworten (Kneissl 40): 1. 38 Antworten (57 %), davon 24 von Kneissl-Kunden (60 %), bezogen sich auf rezepti- ves, konsumtives Erleben („Dünen“, Licht-, Landschaftselemente, „Ruhe“ etc.) 2. 13 Antworten (19 %), davon 9 von Kneissl-Kunden (23 %), bezogen sich auf kom- munikatives Erleben („Begegnung mit Nomaden“, „Gespräche mit...“, „Herzlichkeit der Bevölkerung“, „Kontakt mit Menschen“) 83 Dies ist insofern zu relativieren, als bislang drei meiner Kneissl-Kunden von 2000 und 2001 auch 2003 wieder mitreisten, jedoch keinen Fragebogen mehr abgegeben hatten. 84 Vgl. Popp 2000, S. 52 f. 458 3. 16 Antworten (24 %), davon 7 von Kneissl-Kunden (18 %), bezogen sich auf kontem- platives Erleben („Besinnung“, „Kraft sammeln“, „Durchwandern der Wüste“). 12.2.1.6.3 Negative Wüstenerfahrungen Demgegenüber waren die negativen Eindrücke sehr viel weniger nachhaltig, was sich schon daran zeigte, dass lediglich 25 Personen (15 Kneissl-Kunden) nur 30 (19) Angaben machen konnten. Diese lassen sich wie folgt zusammenfassen: 1. 14 Nennungen (47 %), davon 9 von Kneissl-Kunden (47 %), bezogen sich auf unan- genehme Erfahrung mit Wüstenbewohnern i.w.S. (Müll, schmutzige Oasen, auf- dringliche Bevölkerung, unangenehme Behörden, Überfall) 2. 11 Nennungen (37 %), davon 7 Kneissl-Kunden (37 %), bezogen sich auf unange- nehme Erfahrung mit der Wüste selbst (extreme Temperaturen, penetranter Sand, er- schreckende Leere) 3. 3 Nennungen (10 %), davon 2 Kneissl-Kunden (11 %), bezogen sich auf das als unan- genehm empfundene Verhalten anderer Touristen 4. 2 Nennungen (7 %), davon 1 Kneissl-Kunde (5 %), bezogen sich auf unangenehme Erfahrung mit Wüstentouristikern (Verpflegung, Fahrzeugzustand, Ausrüstung). Anhand dieser Antworten wird besonders deutlich, dass die positiven Erlebnisse aus dem „Wiedererkennen“ europäischer Vorstellungen von der „Schönheit der Wüste“ resultieren. Der Akt der Besichtigung hat gleichsam einen rituellen Charakter. Dies erklärt auch, warum selbst erfahrene Touristen das jeweilige Reiseland mit ihrer Kamera „archaisch“, unter Aus- blendung typischer Zeichen der Moderne porträtieren: Die hier erfahrene Welt wird so darge- stellt, wie sie der kollektiven Vorstellung bzw. den kollektiven Bedürfnissen der eigenen Ge- sellschaft entspricht. 85 Demgemäß wurde im Wesentlichen als negativ empfunden, was die erhoffte „Schönheit der Wüste“ beeinträchtigte. Dabei konnte es sich um die Zerstörung der Unberührtheit durch Müll oder auch der Stille durch unerwünschtes Erscheinen Einheimischer handeln, die von den Touristen - auf welche Weise auch immer - zu profitieren wünschten. In dieses Wahr- nehmungsschema passen auch die Kritiken gegenüber mangelhaften Serviceleistungen, weil vom Reiseveranstalter die perfekte logistische Ermöglichung des ungestörten Wüstengenusses erwartet wird. Und da Wüste stets „Einsamkeit“ bedeutet, passen natürlich auch andere Tou- risten nicht in das Bild von Idylle und Harmonie und werden daher nachhaltig als störend empfunden. Daraus folgen zwangsläufig die grundlegende Bedeutung der Reinhaltung von besonders „idyllischen“ touristischen Stätten sowie die Entzerrung von Besucherzeiten an „über- laufenen“ Attraktionen. Sauberkeit dient somit weniger dem Umweltschutz als vielmehr dem nachhaltigen Schutz des wichtigsten touristischen Kapitals, der Idylle. Sind erst die Wüsten- erwartungen der Touristen zur vollen Zufriedenheit erfüllt, dann steigt auch signifikant die 85 Vgl. Hennig 1997, S. 39 ff. 459 Bereitschaft zur Kommunikation i.w.S. mit Einheimischen an, wie dies Weiß bei Besuchern der Dünen von Merzouga (Marokko) beobachten konnte. 86 12.2.1.7 Erfahrungen mit Tuareg Die überragende Bedeutung des Landschaftserlebnisses gegenüber der Begegnung mit Ein- heimischen spiegeln auch die Antworten der 51 Probanden (Kneissl: 26) auf die Frage nach Erfahrungen mit Tuareg wieder. Hier sei daran erinnert, dass bereits 28 (Kneissl: 16) Perso- nen Reisen in Tuareg-Regionen (inkl. Niger) gemacht hatten. 1. Noch niemals den Tuareg begegnet waren 21 Probenden (41 %), davon 12 Kneissl- Kunden (46 %). a. Von diesen Probenden hatten jedoch 6 (relativ 29 %), davon 4 Kneissl-Kunden (33 %), angegeben, in einer Tuareg-Region gewesen zu sein. 2. Den Tuareg nur punktuell begegnet waren 9 Probenden (18 %), davon 1 Kneissl-Kunde (4 %). 3. Einen häufigeren bzw. längeren Kontakt zu Tuareg im Zuge von Touren oder auch in Europa pflegten bereits 20 Probenden (39 %), davon 12 Kneissl-Kunden (46 %). 4. Auf eine dauerhafte und nachhaltige Beziehung zu einem Tuareg konnte nur 1 Proband verweisen (Kneissl: 0). 12.2.1.7.1 Positivste Erfahrungen Überraschend sind die 31 Antworten (Kneissl: 8) von 27 Probanden (Kneissl 7) auf die Frau- gen nach den angenehmsten Erinnerungen aus der Begegnung mit Tuareg. 1. 16 Probanden (52 %), davon 4 Kneissl-Kunden (50 %) erinnerten sich an gemeinsame Erlebnisse mit Tuareg (gemeinsame Tätigkeit, traditionelles Leben miterleben, positiver Austausch…) 2. 15 Probanden (48 %), davon 4 Kneissl-Kunden (50 %), hatten dagegen Elemente der klassischen Tuareg-Klischees in Erinnerung behalten (Gastfreundlichkeit, besondere Ausstrahlung, Würde…) Von allen diesen Erfahrungen waren besonders nennenswert das „Teilhaben am Leben und an der Familie eines Tuareg“, das „gemeinsame Ankämpfen während des Karawanenzuges ge- gen die Natur“, das „Treffen mit dem Karawanenchef“, die „Einstellung des Führers zur Wüs- te, zur Stille, sein Respekt dafür“, die „Wahrnehmung der traditionellen Lebensweise und des hiesigen Modernisierungswiderstands“ sowie der Umstand, dass „die Musiker nach Wüste rochen, und das erfreute mich“. Eine Probandin hatte sich sogar in einen Tuareg „… verliebt“. Über die Kategorisierung vereinzelter Aussagen lässt sich sicher streiten, z.B. ob die Bemer- kung, dass „die Leute so gastfreundlich sind; sie geben ihr Maximum“ als klischeehafte Zu- 86 Vgl. Weiß 1998, S. 85; dies bestätigt auch meine eigene Erfahrung. 460 schreibung oder unmittelbar erlebte Begünstigung zu beurteilen sei. Doch auch trotz solcher Bedenken ist die relative Häufigkeit von emotional berührenden Erlebnissen gegenüber der als befriedigend empfundenen Wahrnehmung „typischer“ Nomaden-Eigenschaften signifi- kant. Leider ist die Zahl der Antworten für eine stichhaltige Schlussfolgerung zu gering. Zu- mindest legt das Ergebnis aber die Vermutung nahe, dass emotional berührende Ereignisse, also ein gelungener Austausch zwischen Touristen und Einheimischem, viel nachhaltiger wir- ken als lediglich die bloße Befriedigung positiver Erwartungshaltungen. 12.2.1.7.2 Negativste Erfahrungen Die positiven Erfahrungen mit Tuareg sind offensichtlich kaum nachhaltig getrübt worden, denn nur 14 Probanden (Kneissl: 2) hatten 15 Antworten (Kneissl: 2) gegeben. Darunter war nur eine signifikant häufige Antwort: 9 Probanden erinnerten sich aufdringlicher Verhaltensweisen vereinzelter Bevölkerung- sgruppen (bettelnde Kindern, Chasse touristes, Händler). Weitere negative Einzelerfahrungen waren ein „energischer Führer während der Kara- wanenbegleitung“, ein „Diebstahl“, die Unerträglichkeit der „gravierenden Armut nach der Dürre“, die „Behandlung der Tiere durch Tuareg“ sowie die nicht nachvollziehbare regionale Praxis der Hygiene. Hier kommt zum einen wieder zum Ausdruck, dass besonders die Beeinträchtigung der Idylle - durch Personen, die sich nicht erwartungsgemäß verhalten - als störend empfunden wurde. Zum anderen trugen Wahrnehmungen von nicht nachvollziehbarem Verhalten zu tief- greifenden Irritationen bzw. gewissen „Kulturschocks“ bei. 461 12.2.1.7.3 Tuareg-Images Eine Untersuchung über Erfahrungen mit Tuareg kommt nicht an der Frage vorbei, welche Vorstellung die Befragten von Tuareg hatten, nicht zuletzt, um gewisse empirische Grund- lagen für den im vorherigen Kapitel diskutierten „Mythos Tuareg“ zu erlangen. Auf die Frage, ob und wie das Wesen der Tuareg beschrieben werden könne, gaben 42 Probanden (Kneissl: 17) folgende 112 Antworten (Kneissl: 44): (Prozent-Angaben sind relativ zur absoluten Pro- banden-Zahl) 1. Die besondere Ausstrahlung („Stolz, Würde“) nannten 20 Probanden (48 % ), davon 10 Kneissl-Kunden (59 % ). 2. Angenehme menschliche Züge („Offenheit“, „(Gast)Freundlichkeit“, „Großzügig- keit“) nannten 15 Probanden (36 % ), davon 8 Kneissl-Kunden (47 %). 3. Ihre Lebensweise („Nomaden“, „Mobilität“) war für 13 Probanden (31 % ), davon 5 Kneissl-Kunden (29 % ) bezeichnend. 4. Ihr Lebensraum („Wüsten-, Sahel-Bewohner“) war für 10 (24 % ), davon 4 Kneissl- Kunden (24 % ) typisch. 5. Ein differenziertes, Typen-kritisches Bild zeichneten 10 Probanden (24 % ); Kneissl 0. 6. „Traditionsbewusstsein“ wurde 7-mal (Kneissl 3-mal) genannt. 7. Reserviertheit war für 6 Probanden (Kneissl: 4-mal) typisch. 8. Schönheit (generell, Frauen) wurde 5-mal (Kneissl: 3-mal) genannt. 9. Als kriegerisch beschrieben 5 Probanden (Kneissl: 3-mal) die Tuareg. Zu den bemerkenswerten Aussagen zählten u. a.: Die Tuareg würden „in Europa als die ar- men Marginalisierten dargestellt“, sie seien „Sahel-Bewohner, die ihre Gegenwart auf Grund ihrer Vergangenheit bedauern, die vielleicht glorreich war“, eine „alte Kultur ohne amerikani- schen Einfluss; unter den Älteren herrscht Einheit“. Sie seien „wie der Löwe und der Wind, ständig in Bewegung und sehr stolz“, „die wahren und natürlichen Menschen“, „Männer der Wüste, Ritter der Sahara, Saharabewohner per se“, und sie verfügen über „enorme Ausstrah- lung und ausgeprägte psychische Gesundheit, verbunden mit angemessenem Stolz“. Ohne den unterschiedlichen Beschreibungen durch Kategorisierung Gewalt antun zu wollen, ist doch die Dominanz des klassischen Mythos vom stolzen, edlen, würdigen Menschen mit spezifischer Ausstrahlung nicht zu übersehen. In dieses Schema sind wohl auch die Charakte- risierungen "reserviert" oder "distanziert" einzureihen: Würde und Fraternisierung und scherzhaftes Gehabe passen schlecht zueinander. Zugleich werden aber auch jene Charakteristika relativ häufig genannt, die diesem Bild gera- dezu widersprechen. Die Zuschreibung von Offenheit und Freundlichkeit war bei Kneissl- Kunden (47 %) deutlicher ausgeprägt als im Gesamtschnitt (36 %). Dies könnte damit erklärt werden, dass 1. einerseits das Tuareg-Personal von Tchimizar Voyages nachhaltig Fröhlichkeit und gute Laune verbreitet hatte und 2. die von mir betreuten Besuche bei mir gut bekannten Nomadenfamilien in Timia äu- ßerst ungezwungen abliefen. 462 Diese Ergebnisse legen die Annahme nahe, dass durch erfrischende persönliche Erlebnisse in vertrauter Umgebung bzw. unter qualifizierter Betreuung Mythen nicht „zerstört“ werden können, weil sie als Stereotypen nach wie vor die Funktion von vermittelnden und weg- weisenden Symbolen tragen. Zumindest aber werden Stereotype durch solche Erfahrungen relativiert und differenziert, weil auch menschlich-individuelle Züge hinzukommen. Methodisch ist allerdings einzuwenden, dass unter der Bedingung der schriftlichen Frage- bogen-Beantwortung der Trend zu pauschalen Antworten zwangsläufig weit größter ist als bei Tiefeninterviews, die für differenzierte Betrachtungsweisen günstiger sind. Dementsprechend finden sich Ablehnungen pauschalierender Beschreibungen nur unter den Nicht-Kneissl- Kunden. Die Antworten auf die Frage nach spezifischen Eigenschaften verschiedener Bereiche der Tuareg-Gesellschaft gaben im Wesentlichen die klassischen Elemente des „Tuareg-Mythos“ wider. Das summarische Ergebnis lautet: 1. Als markante Elemente des äußeren Erscheinungsbilds wurde von den 36 Probanden mit Abstand am häufigsten (6-mal) die aristokratische Ausstrahlung (nobel, edel, stolzes bzw. schönes Äußeres) beschrieben. 87 2. Als Spezifikum der Tuareg-Wirtschaft wurde am häufigsten (7-mal) die „Armut“ genannt. 3. Als gesellschaftliches Tuareg-Spezifikum wurde am häufigsten (8-mal) die beson- dere Stellung der Frau genannt. 88 4. Als politisches Spezifikum wurde am häufigsten die Rebellion (9-mal) und die politi- sche Marginalisierung (8-mal) genannt. 5. Die Frage nach dem traditionellen Verbreitungsgebiet der Tuareg konnten 14 von 32 Probanden richtig 89 beantworten. Je 6-mal wurden die Tuareg in Mauretanien und im Tibesti (Tschad) angesiedelt, je 4-mal in Tunesien und in Marokko. Hinter jedem Mythos steckt stets ein Funken Wahrheit, besonders, wenn mythische Zuschrei- bungen durch Reise- und Produktwerbung europäischer wie auch afrikanischer Anbieter in- strumentalisiert werden. In diesem Sinne belegen diese Ergebnisse: Die Reisenden haben ihre Lektion deutlich gelernt und sich die in Medien und Katalogen verwendeten Tuareg- Vorstellungen angeeignet. 90 Dennoch reicht dieses beeindruckende Image nicht hin, um Rei- sende in signifikanter Zahl wegen der Bevölkerung selbst in die Region zu locken. 87 Noch häufiger waren solche Antworten, die lediglich typische Kleidungsstücke, insb. den Tagelmust, anführten. Die übri- gen, überwiegend nur vereinzelten Antworten bezogen sich auf unterschiedlichste Aspekte wie „helle Haut“ (1x) oder „dunk- le Haut“ (2x) und ließen sich zu keiner Kategorie zusammenfassen. Dies gilt auch für die weitere Fragen zu „Tuareg- Eigenschaften“. 88 Fünf Mal die „Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau“, und drei Mal das „Matriarchat“. 89 Burkina Faso, Mali, Niger, Algerien, Libyen. 90 Vgl. die Einführung zum Kap. „Mythos Tuareg“. 463 12.2.1.8 Informationsquellen, Verhaltensnormen 12.2.1.8.1 Allgemeine Informationsquellen zum Niger Die Erwartungen an ein Land werden wesentlich durch die Massenmedien geprägt. Umge- kehrt ist zu vermuten, dass die Erwartungen umso differenzierter sind, je vielfältiger die In- formationsquellen des Reisenden sind. Die grundsätzliche Problematik beim Niger besteht jedoch darin, dass es keine umfangreichen, differenzierten Reiseführer gibt 91 und dass sich TV- und Magazin-Reportagen (Universum, Geo u.a.) im Wesentlichen auf die Reproduktion klassischer Wüsten- und Tuareg-Images beschränken. Die Befragten hatten zur Vorbereitung auf ihre Reise in der Reihenfolge der Bedeutung fol- gende Informationsquellen benützt (M.n.): 1. Magazine: 26 Probanden, davon 17 Kneissl-Kunden a. davon Geo-Magazin: 12 Probanden, davon 6 Kneissl-Kunden b. sonstige: 18 Probanden, davon 12 Kneissl-Kunden 2. Reiseführer: 22 Probanden, davon 9 Kneissl-Kunden a. Reise Know-how Westafrika: 6 Probanden, davon 4 Kneissl-Kunden b. Lonely Planet Westafrica (Engl.): 6 Probanden (0 Kneissl) c. DuMont Sahara, Sahel (D.): 5 Kneissl-Kunden d. Bonjour du Sahara (Frz.): 5 Probanden (0 Kneissl) e. sonstige Reiseführer: 11 Probanden, davon 3 Kneissl-Kunden 92 3. sonstige Bücher: 22 Probanden, davon 10 Kneissl-Kunden a. Mano Dayak-Bücher 93: 7 Probanden, davon 2 Kneissl-Kunden b. Wüstenbildbände: 7 Probanden, davon 1 Kneissl-Kunde c. sonstige Bücher: 17 Probanden, davon 9 Kneissl-Kunde 4. TV-Filme und -Reportagen: 13 Probanden, davon 10 Kneissl-Kunden, a. TV-Reportagen: 10 Probanden, davon 7 Kneissl-Kunden (überwiegend „Universum“) b. Spielfilme („Himmel über der Wüste“): 7 Probanden, davon 3 Kneissl- Kunden 5. Dia- oder sonstige Vorträge: 11 Probanden, davon 3 Kneissl-Kunden 6. Gespräche: 5 Probanden, davon 4 Kneissl-Kunden 94 91 Im deutschen Sprachraum wird der Niger in den DuMont-Führern „Sahel“ (Krings 1982) und „Sahara“ (Göttler 1984) sowie im Reise-Know-how-Führer Westafrika (Wodtke 1997) u.a. mitbehandelt. Dies gilt auch für den Lonely Planet-Führer Westafrika. Auf Französisch gibt es den fundierten und umfangreichen Führer „Le Bonjour du Sahara“ (Decoudras/Durou 1994) sowie einen kleinen Niger-Führer des Routard-Verlag. 92 Ohne nähere Angaben. 93 „Geboren mit Sand in den Augen“ (Dayak 1996a), „Die Tuareg-Tragödie“ (Dayak 1996). 464 7. Ausstellungen, Festivals: 4 Probanden, (0 Kneissl) 8. Internet: 3 Probanden, davon 1 Kneissl-Kunde 9. Reisebüro: 3 Probanden (0 Kneissl) 95 Niger-Reisen vermitteln insgesamt ein reges Informationsverhalten. Dies entspricht dem allge- meinen Trend unter Reisenden, nämlich steigende Intensität der Informationssuche mit zuneh- mendem Alter, höhere Schulbildung, wachsende Reisezielentfernung, zunehmender Organisati- onsgrad der Reise, steigende Mediennutzung und abnehmende Gebietstreue.96 Nach Hartmann und Klingenberger/Aschenbrenner herrsche unter Bildungsreisenden an sich eine relativ große Bereitschaft vor, sich schon vor der Reise über das jeweilige Land zu informieren. 97 Angesichts eines so „exotischen“ und wenig bekannten Land wie dem Niger wird das rege Informations- verhalten nachvollziehbar. In der Regel richtet sich jedoch das Hauptinteresse vorerst eher auf allgemeine Informationen hinsichtlich der Reisevorbereitung (Ausrüstung, Gesundheitsvorsorge etc.). Erst wenn der Kunde solche Fragen geklärt hat, öffnet er sich für eigentliche Informatio- nen über Land, Sitten, entsprechendes Gastverhalten und sonstige Besonderheiten. Die konkreten Ergebnisse vermitteln jedoch ein etwas anderes Bild, denn sie verdeutlichen die dominante Bedeutung der Medien, die vorhandene Images aufgreifen und vertiefen. Dies gilt besonders für Magazine wie Geo, deren Erfolg in der Vermittlung exotischer und aufregender Beschreibungen liegt. 98 Geo erscheint sowohl im deutschen als auch im französischen Sprach- raum. Besonders unter Kneissl-Kunden sind von signifikanter Bedeutung die TV-Reportagen der Serie „Universum“, die im Stile von Geo-Reportagen äußert effektvoll gestaltet sind und dadurch nachhaltige Eindrücke hinterlassen. Als häufigster Buch-Autor wurde (besonders von der französischen Klientel) Mano Dayak ge- nannt. Dieser europäische „Vorzeige-Tuareg“ prägt noch heute das Bild vom Niger in Europa in wesentlichen Zügen. 99 Von ähnlicher Bedeutung sind Bildbände, in denen jene Eindrücke zu finden sind, die von den Reisenden dann in realiter gesucht werden. Einen beträchtlichen Werbeeffekt scheint der Bertolucci-Film „Himmel über der Wüste“ zu erzielen. 100 Eine überraschend geringe Rolle spielten dagegen soziale Informationsquellen wie persön- liche Gespräche, 101 was sich wohl nur mit der geringen Bekanntheit des Niger erklären lässt. Insgesamt belegen diese Ergebnisse die enorme Bedeutung einer qualifizierten Informations- vermittlung durch die Reisebüros und noch mehr durch die Reiseleiter. 94 Der Kneissl-Wert ist nicht korrekt, da mit dem Großteil der Kneissl-Kunden persönliche Telefonate und zudem auch vor- bereitenden Treffen stattgefunden hatten. 95 Kneissl-Kunden wurden durch eine umfassende Informationsbroschüre über den Niger und die Reise informiert. 96 Vgl. Datzer 1983, S. 219. 97 Vgl. Hartmann 1982, S. 33 ff.; Klingenberger/Aschenbrenner 1991, S. 69 f. 98 Zur verzerrenden Darstellung der Tuareg in den Geo-Magazinen siehe die div. Reportagen von Stührenberg (1991, 1992, 1992a, 1999, 2001, 2002a, 2002b, 2002c). Siehe insb. das Kap. über den „Mythos Tuareg“. 99 Siehe ebenfalls das Kap. über den „Mythos Tuareg/Historische Entwicklung des europäischen Tuareg-Bildes/Die Tuareg- Rebellion und ihre Folgen: Opfer und Helden“. 100 Für den 1990 gedrehten Film „Sheltering Sky“ mit Debora Winger und John Malcovic wurden einige markante Szenen in Agadez produziert (z.B. im „Haus des Bäckers“ und in der Ténéré gedreht, und Mohamed Ixa, Direktor von Tidene Exp., spielte darin den Karawanen-Führer). 101 Nach Spreitzhofer (1995, S. 56, unter Hinw. auf die jährlichen „Reiseanalysen“ des „Starnberger Studienkreises für Tou- rismus und Entwicklung“) sind diese Informationsquellen üblicherweise von zentraler Bedeutung für die Reiseentscheidung. 465 12.2.1.8.2 Verhaltensnormen Im nächsten Schritt wurde nun geprüft, ob und in welcher Weise die 34 Niger-Reisenden (von Kneissl 13) über Verhaltensregeln informiert worden waren: Reiseinformationen hatten bekommen: 1. 2 Probanden (Kneissl nicht mitgerechnet) 102 wurden durch das Reisebüro informiert, 2. 3 Probanden (Kneissl nicht mitgerechnet) durch ihren Reiseleiter, 3. 3 Probanden, davon 1 Kneissl-Kunde, durch den Reiseführer (Buch), 4. 1 Proband (Kneissl: 0) durch einen Vortrag 5. 6 Probanden, davon 3 Kneissl-Kunden, durch diverse Publikationen 6. 7 Probanden, davon 5 Kneissl-Kunden, durch persönliche Erfahrungen 7. 11 Probanden, davon 1 Kneissl-Kunde, durch Gespräche mit Freunden und Einheimi- schen 8. 4 Probanden (Kneissl: 0) hatten keinerlei Information bezogen, Diese Ergebnisse bestätigen neuerlich die Annahme, dass Reiseleiter und Reisebüros die we- sentliche und verantwortliche Informationsquelle sind. Lediglich unter Individualreisenden herrscht ein gewisser Trend sich auf Verhaltensnormen mittels persönliche Gespräche mit „Insidern“ vorzubereiten. Kneissl-Kunden sind übrigens überzeugt, dass Erfahrungen aus an- deren Sahara-Regionen für das korrekte Verhalten im Niger hinreichen würden. 12.2.1.8.3 Welche Normen sind wichtig? Auf die Frage nach den wichtigsten Verhaltensnormen nannten von 42 Probanden, davon 19 Kneissl-Kunden 1. 30 Probanden (71 %), davon 12 Kneissl-Kunden (63 %) Respekt (vor Werten, Personen; Zurückhaltung) 2. 16 Probanden (38 %), davon 7 Kneissl-Kunden (37 %) Kleidung 3. 11 Probanden (26 %), davon 1 Kneissl-Kunde (5 %) die Anpassung an die Umgebung (Essensstil…) 4. 7 Probanden (17 %), davon 1 Kneissl-Kunde (5 %) Freundlichkeit, Geduld 5. 5 Probanden (12 %), davon 2 Kneissl-Kunden (10 %) Zurückhaltung beim Fotografie- ren 6. 4 Probanden (10 %), davon 2 Kneissl-Kunden (10 %) Vorsicht beim Geschenkeverteilen 7. 4 Probanden (10 %) (0 Kneissl) Selbstschutz (Intimität, Gesundheit…) 8. 4 Probanden (10 %), davon 1 Kneissl-Kunde (5 %) Sprache, Kommunikationsformen 102 Die Kneissl-Kunden erhalten einen umfassenden Katalog mit Verhaltenstipps im Niger-Informationsblatt. 466 9. 3 Probanden (7 %), davon 1 Kneissl-Kunde (5 %) die Beachtung von Geschlechterrollen 10. 3 Probanden (7 %), davon 2 Kneissl-Kunden (10 %) Umweltschutzregeln 11. 2 Probanden (5 %), davon 1 Kneissl-Kunde (5 %) die ökonomische Partizipation der Bevölkerung 12. 6 Probanden (14 %), davon 4 Kneissl-Kunden (21 %) nichts spezielles Grundsätzlich dürfen diese Ergebnisse nicht überbewerten werden, da auf Grund des langen Fragebogen viele Befragte bereits eine gewisse Antwortmüdigkeit aufwiesen. Doch trotz die- ser Umstände fällt die große Betonung des Respekts auf. Dessen Bedeutung kann jedoch inso- fern relativierend interpretiert werden, als „Respekt“ als pars pro toto leicht auszusprechen und niederzuschreiben ist. Unter diese Kategorie ist wohl auch die Antwort „nichts spezielles“ einzuordnen. Insofern bezweifle ich, dass die Betonung des Respekts der Ausdruck eines grundlegenden Bekenntnisses ist. Die relativ häufige Nennung der Kleidung ist zwar erfreulich, doch nicht wirklich wesentlich. Denn wie die Befragungen der Kel Timia gezeigt haben, messen sie unangepasster Kleidung erstaunlich wenig Bedeutung bei. 103 Zudem tragen die meisten Reisenden lange Kleidung und Kopfschleier (z.B. als Sonnen- oder Kälteschutz) mehr aus persönlichen, und weniger aus ethischen Gründen. Wirklich interessant ist das äußerst geringe Bewusstsein der Reisenden, dass die eigentliche Bedeutung des Tourismus für die Bevölkerung im ökonomischen Nutzen liegt. Erklärbar ist diese Diskrepanz wohl durch die traditionelle Tourismuskritik am äußeren Erscheinungsbild der Touristen, wogegen sich die traditionelle Tourismuskritik kaum gegen die mangelnde Partizipation der Bevölkerung am ökonomischen Niederschlag des Tourismus richtete. Die seltene Nennung der fotografischen Zurückhaltung liegt wohl an der deutlichen Priorität der Landschaften als Fotomotiv sowie an der Tatsache, dass die am häufigsten fotografierten Tuareg i.d.R. die Mitglieder des Tour-Personals sind, die beliebig fotografiert werden können. Im Übrigen hegt auch die Tuareg-Bevölkerung große Toleranz gegenüber den Fotografen. 104 Diesen Eindruck vermitteln auch die Antworten von 28 Probanden, davon 19 Kneissl- Kunden, auf die Frage nach den Foto-Erfahrungen mit Tuareg, wonach 1. 18 Probanden (64 %), davon 14 Kneissl-Kunden (74 %), ausschließlich positive Erfah- rungen und 2. und nur 10 Probanden (36 %), davon 5 Kneissl-Kunden (26 %), eher ambivalente Erfah- rungen gemacht haben (Scheu, erst ja, dann nein…). 12.2.1.8.4 Fotografieren mit Respekt? Dass die Kamera gleichsam zum unverzichtbaren Ausrüstungsgegenstand aller Reisenden gehört, beweisen die Antworten der 49 Probanden (27 Kneissl-Kunden), von denen 44 103 Siehe dazu Kap. „Rolle des Tourismus hinsichtlich des soziokulturellen Wandels/Verhalten der Touristen aus Sicht der Kel Timia“. 104 Siehe Kap. „Rolle des Tourismus hinsichtlich des soziokulturellen Wandels/Verhalten der Touristen aus Sicht der Kel Timia“. 467 (90 %), davon 25 Kneissl-Kunden (93 %) eine Kamera mitführen. Von den 44 Fotografen (Kneissl: 25) antworteten 1. 34 Probanden (77 %), davon 17 Kneissl-Kunden (68 %), vor dem Fotografieren stets zu fragen 2. 17 Probanden (38 %), davon 15 Kneissl-Kunden (60 %), auch Schnappschüsse für Fotos von Personen zu machen 3. 18 Probanden (41 %), davon 11 Kneissl-Kunden (44 %), auch unbeobachtet zu fotogra- fieren. Offensichtlich besteht unter den Touristen eine hohe Bereitschaft, um Fotogenehmigungen zu fragen. Allerdings steht die hohe Anzahl rechnerisch im Widerspruch zur Bereitschaft, Schnappschüsse und heimliche Personenaufnahmen in unbeobachteten Momenten zu machen, wobei letzteres weitgehend unproblematisch ist. Die wesentlichste Erkenntnis dieser Befra- gung ist zweifellos, dass die Kamera auch im Niger kaum als Mittel der konstruktiven Inter- aktion, sondern vielmehr zur Sammlung von persönlichen Eindrücken eingesetzt wird: Der Tourist versteckt sich tendenziell hinter die Barriere der Kamera. 12.2.1.9 Souvenirs Ob Tourismus bei den Tuareg eine wirtschaftliche Breitenwirkung erzielt, hängt nicht zuletzt von den Souvenir-Käufern ab. Mit den Fragen nach Art, Ort und Umfang der Souvenir-Käufe erhoffte ich mir Hinweise auf besondere Souvenir-Vorlieben der Touristen. Leider waren die Antworten weder zu den Erstehungsorten noch zu den Kaufsummen für schlüssige Ergebnisse ausreichend. Erhellend ist hingegen, welche Souvenirs die Niger-Reisenden bevorzugen. 42 Personen, davon 23 Kneissl-Kunden, hatten sich für folgende Souvenirs begeistert: 105 1. Schmuck: 29 Probanden (70 %), davon 16 Kneissl-Kunden (70 %) 2. Messer, Schwerter: 7 Probanden (17 %), davon 6 Kneissl-Kunden (26 %) 3. Speckstein: 9 Probanden (21 %), davon 8 Kneissl-Kunden (35 %) 4. Leder: 7 Probanden (17 %), davon 2 Kneissl-Kunden (9 %) 5. Kleidung: 9 Probanden (21 %), davon 1 Kneissl-Kunde (4 %) 6. Flechtwaren: 2 Probanden (5 %), davon 1 Kneissl-Kunden (4 %) 7. Gefäße, Holzwaren (Löffel): 6 Probanden (14 %), davon 1 Kneissl-Kunde (4 %) 8. Fundgegenstände (Artefakte…): 7 Probanden (17 %), davon 6 Kneissl-Kunden (26 %) 9. Steine, Sand: 16 Probanden (38 %), davon 12 Kneissl-Kunden (52 %) Diese Ergebnisse sind besonders vorsichtig zu beurteilen. 1. tritt in dieser Phase der Befra- gung zumeist schon eine gewisse Müdigkeit der Probanden auf, was das Ergebnis beeinflusst. So weiß ich aus eigenen Beobachtungen, dass mindestens 10 Kneissl-Kunden Lederwaren gekauft und bei der Befragung nicht angegeben hatten. 2. wurde auch der Begriff „Souvenir“ 105 Die Prozentangaben beziehen sich jeweils auf die absolute Probanden-Anzahl. 468 offensichtlich unterschiedlich verstanden. Dies zeigt sich bei Pkt. 5, denn tatsächlich hatte mindestens jeder zweite Kneissl-Kunde Kleidungsstücke, insbesondere Tücher für Gesichts- schleier, gekauft, die wohl als Gebrauchsgegenstände, und nicht als Souvenir verstanden wur- de. Eindeutig lässt sich das überragende Interesse für Schmiedearbeiten, insbesondere für Schmuck erkennen. Erklärbar ist dies durch den guten Ruf des Tuareg-Silberschmucks, insbesondere des berühmten „Agadez-Kreuzes“. Darüber hinaus ist Schmuck relativ preisgünstig, leicht transpor- tierbar, sofort nach dem Kauf benutzbar und nach der Rückreise als Mitbringsel oder Geschenk geeignet. Die Silber-Schmiede verfügen über die Fähigkeit, mit Touristen gut umzugehen. Sie laden diese zu sich oder in die Schmiedewerkstatt ein und stimulieren so das Interesse an ihrer Arbeit und das Verlangen hier angefertigte schöne Stücke zu erwerben. Ähnlich funktioniert es auch bei den Speckstein-Produkten. Es ist die innovative und attrak- tive Produktpalette (z.B. Krippenfiguren) der Specksteinschnitzer, besonders aber der günsti- ge Preis, der zum Kauf animieren mag. Für Schwerter und Messer spielt der Tuaregmythos vom martialischen „Wüstenritter“ eine nicht unbedeutende Rolle als Kaufmotiv. Erfahrungsgemäß kaufen eher Männer solche Waf- fen. Das relativ begrenzte Interesse ist durch den gehobenen Preis und die Schwierigkeiten beim Transport zu erklären. Lederprodukte sind zwar bei weitem nicht so berühmt wie Silberkreuze, sind aber wesentli- cher Bestandteil des „typischen“ Erscheinungsbildes von festlich geschmückten Tuareg. In den Lederwaren kommt die Ästhetik der Tuareg-Handwerker vollends zum Ausdruck. Den- noch werden relativ wenige Lederprodukte gekauft, was wohl mit höheren Preisen als auch damit zu erklären ist, dass Ledertaschen selten auf Vorrat hergestellt und darum nicht immer angeboten werden können. Bei Flecht- oder Holzwaren sind die absatzfördernden Umstände (Transportfähigkeit, Teil- nahme am Produktionsprozess, unmittelbare Nutzbarkeit, Ruf) seltener gegeben, sodass die Nachfrage gering ist. Besonders bemerkenswert ist die Bedeutung solcher Erinnerungsstücke, die die Touristen selbst gefunden haben: Steine und Sand sind fast so beliebt wie die Silberkreuze. Darin kommt die überragende Rolle der Wüste als Reisemotiv zum Ausdruck. Die Wüste steht im Mittelpunkt, und mit Sand oder schönen Steinen kann der Reisende ein Stück „seiner Wüste“ mitnehmen, als Beweis, den Ort seiner Sehnsucht erreicht zu haben. Im Übrigen findet man in der Ténéré eine überraschend große Vielfalt an bunten, seltsam geformten Steinen, die zu sammeln reizt. Touristen sammeln ebenso gerne Artefakte als Andenken. Der-Jagdinstinkt treibt sie, schöne, uralte Gegenstande zu finden und herzeigen zu können (Pfeilspitzen, Steinbeile, Faust- keile…). 106 Die relativ hohe Zahl der Kneissl-Kunden (26 %) 107 belegt aber auch, dass selbst ein engagierter Reiseleiter diese unschöne Praxis kaum verhindern kann. 106 Näheres zum Problem des Artefakte-Suchens siehe das Kap. über „Probleme durch Tourismus/Kulturelle Ressour- cen/Historische Funde“. 107 Man kann wohl von einer weit höheren Dunkelziffer ausgehen. 469 12.2.1.10 Wie gefällt Agadez, Timia und Iferouane? Agadez hat es bislang kaum geschafft, sich als eindrucksvolle Attraktion zu profilieren. Dies ging schon aus einzelnen Antworten hervor. Die Frage an die Probanden, wie ihnen Agadez gefallen habe, ergab folgende Antworten. Von 27 Probanden, darunter 4 Kneissl-Kunden, gefiel 1. 14 Probanden (1 Kneissl-K.) Agadez „gut“ 2. 11 Probanden (3 Kneissl-K.) Agadez „mittelmäßig“ und 3. 2 Probanden (0 Kneissl-K.) Agadez „schlecht“ Die Frage nach den Ursachen für die jeweilige Sympathie oder Antipathie ergab folgendes Bild: Von 30 Probanden (3 Kneissl-K.) gefiel an Agadez am besten 1. die Architektur (Authentizität, Exotik, Ursprünglichkeit…): 13 Probanden (43 %), da- von 2 Kneissl-Kunden (67 %) 2. ihre persönlichen Freundschaften im Ort: 2 Probanden (7 %) (0 Kneissl) 3. die Märkte: 4 Probanden (13 %) (0 Kneissl) 4. die Bewohner generell (Lebensfreude, kulturelle Vielfalt): 9 Probanden (30 %) (0 Kneissl) 5. keine Angaben: 2 Probanden (7 %), davon 1 Kneissl-Kunde Von 30 Probanden (8 Kneissl-K.) gefiel an Agadez am wenigsten 1. bettelnde Kinder, Chasses touristes und aggressive Händler: 13 Probanden (43 %), da- von 4 Kneissl-Kunden (50 %) 2. Schmutz, Müll oder Gestank: 9 Probanden (30 %), davon 3 Kneissl-Kunden (38 %) 3. diverses: 4 Probanden (13 %), davon 1 Kneissl-Kunde 4. Staub, Temperaturen: 4 Probanden (13 %) (0 Kneissl) Zu den bemerkenswert positiven Aussagen zählten folgende, wonach „Agadez (…) die erste Stadt in Westafrika ist, in der ich bleiben würde“; die Besonderheit von Agadez sei deren „Rückständigkeit“; auf Grund ihres Charakters als „Last-frontier-Town“ gefalle sie „am bes- ten von bisherigen Niger-Städten“. Kritisch wurde u.a. bemerkt, Agadez vermittle den „Ein- druck einer baufälligen Stadt“ 108. „Die Leute, die nach Geschenken schreien, machen sich Illusionen, denn es gibt auch arme Touristen!“ Die „nervenden Kinder“ seien „unhöflich“ und „gegenüber Touristen schlecht erzogen“. Ein Individualtourist stieß sich am „Verhandeln ü- ber Preise, weil ich wie ein normaler Tourist behandelt wurde: Mir wurde der vierfache Preis aufgebrummt!“ 108 Diesen Eindruck hatte die Stadt schon mehrmals bei europäischen Besuchern hinterlassen, u.a. auch bei Heinrich Barth (1986, S. 184 f.): „(…) Der Gesamteindruck, den das Ganze auf mich machte, (war) umso mehr der einer verödeten Stadt - eines Glanzes vorübergegangener Zeiten. Selbst im wichtigsten Stadtteile, dem Mittelpunkte der ganzen Staat, lagen die meisten Wohnhäuser in Ruinen, und alles schien hier tot und still." 470 Für Iferouane zeichnet sich ein ähnliches Bild wie für Agadez ab: Von den 6 Kneissl-Kunden hatte die Oase jeweils zwei Personen gut, mittelmäßig oder schlecht gefallen. Positiv wurde von 5 Personen die Architektur (2), die Vegetation (1), die Gärten (1) und die Möglichkeit, den Bewohnern begegnen zu können (1), bewertet. Negativ wurde von 3 Personen - ähnlich wie in Agadez - Schmutz und Müll (2) genannt bzw. die Tatsache, dass man als Tourist in Iferouane wegen der aufdringlichen Händler „wie in einem typischen Touristenort“ empfangen werde (1). Timia erhielt im Gegensatz zu Agadez und Iferouane ausschließlich gute Bewertungen. Allen neun Kneissl-Kunden gefiel die Oase „gut“. An Timia hatte diesen neun Personen (14 Nennungen) am besten gefallen: 1. die Bewohner: 5 2. die Gärten: 4 3. die Palmen: 4 4. das Ensemble: 4 An Timia am wenigsten gefallen hatten insgesamt vier Personen 1. die Bettelei: 2 2. die herrschende Armut: 1 3. der Staub: 1 Auf die Frage, was in Agadez verbessert werden sollte, antworteten 28 Personen, davon 11 Kneissl-Kunden, mit folgenden 45 Antworten (M.n.; Prozentangaben personenbezogen): 1. Beseitigung von Müll, Schmutz, Gestank etc.: 16 Probanden (57 %), darunter 5 Kneissl-Kunden (45 %) 2. Disziplinieren lästiger Kinder, Händler: 8 Probanden (29 %), darunter 5 Kneissl- Kunden (45 %) 3. die Infrastruktur (Straßen, Telefon, Sanitäreinrichtungen): 8 Probanden (29 %), darun- ter 3 Kneissl-Kunden (27 %) 4. Hygieneerziehung der Bevölkerung: 6 Probanden (21 %), darunter 3 Kneissl-Kunden (27 %) 5. Verbesserung der Lebenssituation (Versorgung, Bildung, Gesundheit, politisch…): 4 Probanden (14 %), darunter 1 Kneissl-Kunde (9 %) 6. Verbessern der Tourismusorganisation: 3 Probanden (11 %) (0 Kneissl) 471 12.2.1.11 Fazit der Meinungen über Agadez Die Beurteilung der Orte Agadez und Iferouane lassen - auch unter der Bedingung des kleinen Samples - einen Trend erkennen, der sich im Wesentlichen mit jener Haltung deckt, die schon in den bisherigen Befragungen zum Ausdruck kam: Die überragende Mehrzahl der Niger- Reisenden kommt wegen der Wüste und den damit verbundenen ästhetischen Impressionen. Städte und Oasen spielen lediglich die Rolle eines Aufputzes und vervollständigen das "typi- sche Bilde" einer Wüste: Oasen, grüne, exotische Lebensinseln inmitten eines Meeres aus Sand und Stein. Diesen Erwartungen entspricht Timia wegen seiner markanten Struktur in hohem Maße; allzu deutlich sind die lehmfarbenen Wohnsiedlungen von den "grünen" Gärten getrennt. Die "schwarzen" schroffen Berge, das markante Fort hoch über dem Dorf, das Guelta sind Ele- mente, die die Erwartungen europäischer Reisender mehr als erfüllen können. Die Vorausset- zung dafür, dass Timia mit seinen Attraktionen gegenüber Iferouane und Agadez so deutlich punkten kann, liegt jedoch an einem anderen Umstand: Die Zahl und die Intensität der "Irritationen", welche die Befriedigung der Image-Erwar- tungen beeinträchtigen, überragen in Agadez die (überwiegend architektonischen) Attrak- tionen. Ähnlich wie bei der Wüste sind diese Irritationen begründet durch den Existenzkampf der lokalen Bevölkerung (Verunreinigungen, unkontrollierte, behelligende Kinder und Händ- ler). Derartige Elemente passen eben nicht in das ästhetische Schema europäischer Sahara- Idyllen und vergällen den Genuss der Reisenden an der - zweifellos bestehenden - Exotik. Damit bleibt Agadez für Reisende letztendlich nur ein notwendiges Übel, eine zu überwin- dende Reisestation mit einigen wenigen Annehmlichkeiten der Zivilisation. Als positive Er- fahrung reichen diese Annehmlichkeiten bei der überwiegenden Zahl der Reisenden in der Regel dennoch nicht aus, um den Aufenthalt in Agadez insgesamt mit einem positiven Gefühl zu verbinden. Iferouane tendiert in eine ähnliche Richtung: Das Ortsbild ist bei weitem nicht so geschlossen wie jenes von Timia, was jedoch für Besucher, die direkt aus der Wüste kommen, noch keine wesentliche Rolle spielen würde: Der Kontrast zwischen den grünen Gärten und der Wüste würde wohl immer noch faszinieren. Diese Wirkung schwindet jedoch durch unerfreuliche Erfahrungen wie jene mit den "aufdringlichen" Schmieden oder mit herum liegendem "Müll". Solchen Beeinträchtigungen unmittelbar ausgesetzt, fühlen sich die Reisenden unwohl. Ifero- uane wird dadurch - ähnlich wie Agadez - auf seine Versorgungsfunktion mit Annehm- lichkeiten (Hotel, Duschen, Treibstoff etc.) reduziert. Erfahrungsgemäß ändert sich diese Si- tuation, sobald Vittorios Hotel "Tellit" in Betrieb ist und von den Reisenden als "Insel der Zivilisation" inmitten des "exotischen Treibens" des Dorfes genutzt werden kann. Da das Ho- tel Personen, die nichts konsumieren wollen (Chasses touristes etc.), den Eintritt verwehrt, bietet es den Reisenden die nötige Distanz und den erwünschten Schutz, um die Wahrneh- mung der Oase im Sinne touristischer Erwartungen "realisieren" zu können. 109 Der wesentliche Vorteil Timias gegenüber Agadez und Iferouane liegt weniger in den zwei- fellos wichtigen ästhetischen Attraktionen, als vielmehr in den soziokulturellen Rahmenbe- dingungen. Die Reisenden empfinden die Kinder Timias als relativ gut kontrolliert, sehen in ihnen somit eher eine emotionale Aufwertung als eine Bedrohung; die Schmiede erscheinen taktvoll, zurückhaltend und lassen eine genussvolle Auswahl unter ihren Angeboten zu; 110 der 109 Diese Schlussfolgerung ziehe ich aus meinen persönlichen Beobachtungen vor Ort und nicht aus Befragungen. 110 Vor meiner Intervention in Timia unterschied sich das Verkaufsverhalten der Schmiede nur wenig von dem ihrer Kollegen in Iferouane (vgl. dazu Friedl 2000g: Afrikanische Kundenbindung). Insofern stellt sich auch die berechtigte Frage, ob meine Anwesenheit zur Zurückhaltung der Schmiede beiträgt. Näheres dazu vgl. das Kap. "Tourismus bei den Kel Timia“. 472 Müll hält sich in Grenzen. Unter solchen Bedingungen werden die Erwartungen eines Touris- ten eher erfüllt, seine Orientierung scheint zu greifen, er findet eine gewisse Sicherheit und ist darum eher bereit, sich auch emotional auf das Dorf einzulassen. In der Folge werden persön- liche Kontakte leichter möglich, kommerzielle Transaktionen werden häufiger und mit größe- rer Befriedigung getätigt. Angesichts dieser für Agadez und Iferouane wenig erfreulichen Diagnose stellt sich die Frage nach Maßnahmen. Die Vorschläge der Reisenden dienen dabei weniger als zielführende An- regungen denn als Bestätigung meiner bisherigen Erklärungen, denn sie zielen im Wesentli- chen auf die Beseitigung von Irritationsquellen. Nur ein geringer Anteil der Reisenden stellt Überlegungen dazu an, wie eigentlich die Existenz der Bevölkerung erleichtert werden könn- te. 1. Sanitäre Maßnahmen zur Beseitigung der unkontrollierten Abwasser und Müllablage- rungen im Ort würden nicht nur das Ortsbild und damit das Image der Stadt beträchtlich verbessern. Derartige Maßnahmen würden die Lebensqualität der Bevölkerung wesent- lich verbessern, die Gesundheitsrisiken bedingt durch Infektionskrankheiten deutlich re- duzieren. Solche Maßnahmen kämen der Bevölkerung einerseits direkt zugute, anderer- seits indirekt durch wirtschaftliche Vorteile in Folge dieser "tourismusfördernden" Maß- nahmen. Damit wären sie etwaigen Investoren oder Subventionsgebern vermittelbar. 2. Im Fall der Kinder in Agadez ist dieses Problem zu komplex, als dass an dieser Stelle eine sinnvolle Lösung angeregt werden könnte. Am Beispiel der Chasses touristes hin- gegen zeigt sich, dass weitere Bildungs- und Integrationsmaßnahmen unabwendbar sein werden, um Agadez als Tourismusattraktion und -standort halten bzw. fördern zu kön- nen. Geschulte Chasses touristes könnten Agadez besser präsentieren und sie wären auch in der Lage, aufdringliche Kinder wenigstens "in Zaum zu halten". Ob Schulungen freilich dazu beitragen, mehr Touristen nach Agadez zu bringen und die Umsätze zu er- höhen (etwa durch zusätzlichen Verkauf von Souvenirs), ist wohl nicht eindeutig zu be- antworten. Eine Anhebung der Carrying-Capacity von Agadez ist direkt verbunden mit begleitenden Maßnahmen zur Integration der Bevölkerung, insbesondere der Chasses touristes. In diesem Sinne trügen solche sympathisteigernden Maßnahmen sowohl tou- rismusfördernde als auch entwicklungspolitische Effekte in sich. 3. In diesem Sinne sind auch Maßnahmen zur Ausbildung des Tourismuspersonals, insb. der Reiseleiter, zu verstehen. Als Cultural Broker könnten sie wesentlich zu einem kon- struktiven Brückenschlag zwischen den Reisenden und der Bevölkerung und insofern zu einer positiveren Wahrnehmung der Bevölkerung durch die Touristen beitragen. Dies würde zwar wenig an der Bedeutung der "Wüste" als zentrales Reisemotiv ändern, doch könnte die Reisezufriedenheit insgesamt gefördert und die Bereitschaft gesteigert wer- den, die Region noch öfter zu besuchen. 111 Allerdings darf man sich nicht der Illusion hingeben, dass die - ohnehin schwierig zu leistende - touristische Ausbildung der regio- nalen Bevölkerung als Wundermittel gegen alle Probleme wirken könne. Freilich darf man sich nicht der Illusion hingeben, man könnte Agadez das Ambiente einer idyllischen Wüstenstadt verschaffen. Dafür sind die sozialen Probleme der Stadt zu um- fassend, zu komplex und zu dynamisch. Dagegen könnten die entsprechenden Maßnahmen in Iferouane zur Aufwertung des Ortes und damit auch zu höherer Wertschöpfung des lokalen Tourismus beitragen. 111 Diese Annahme unterstreicht etwa die hohe Zufriedenheit der Kneissl-Kunden mit ihrem Timia-Aufenthalt, der wesent- lich durch meine Programmführung - und persönliche Leitung - gestaltet wurde. 473 12.2.2 Rückkehrbereitschaft und andere Reiseziele Hat die Erfüllung der Reiseerwartungen in der Region Agadez und die dabei widerfahrenen Erlebnisse zu einer nachhaltigen Bindung der Besucher an die Region beigetragen? Auf die Frage, ob sie vielleicht wiederkommen würden, antworteten von 39 Personen (17 Kneissl-Kunden): 22 Probanden (56 %), davon 7 Kneissl-Kunden (41 %), sie würden gerne wiederkommen, u.a. um: (neu gewonnene) Freunde wieder sehen 8 Probanden (45 %), davon 1 Kneissl-Kunde (14 %) die Wüste näher kennen zu lernen 5 Probanden (23 %, 0 Kneissl) die Region näher kennen zu lernen 4 Probanden (18 %), davon 1 Kneissl-Kunde (14 %) k.A. 5 Personen, davon 4 Kneissl-Kunden mögliche Rückkehr 5 Probanden (17 %), davon 2 Kneissl-Kunden (12 %), kein zweiter Besuch 12 Probanden (31 %), davon 8 Kneissl-Kunden (47 %) andere Regionen besuchen 11 Probanden, davon 7 Kneissl-Kunden,; Reise war zu anstrengend 1 Kneissl-Kunde Als angestrebtes nächstes Reiseziel nannten 32 Personen, davon 13 Kneissl-Kunden bei 45 Angaben, davon 20 von Kneissl-Kunden; (Prozentangaben personenbezogen): 1. Algerien: 7 Probanden (22 %), davon 5 Kneissl-Kunden (38 %) 2. Libyen: 5 Probanden (16 %), davon 4 Kneissl-Kunden (31 %) 3. Tschad: 2 Kneissl-Kunden (15 %) 4. Mali: 6 Probanden (19 %), davon 3 Kneissl-Kunden (23 %) 5. Mauretanien: 1 Proband (0 Kneissl) 6. Sudan: 1 Kneissl-Kunde 7. Marokko: 4 Probanden (13 %), davon 2 Kneissl-Kunden (15 %) 8. Namibia: 6 Probanden (19 %), davon 2 Kneissl-Kunden (15 %) 9. Jemen: 4 Probanden (13 %) (0 Kneissl) 10. andere Wüsten: 2 Probanden (6 %) (0 Kneissl) 11. sonstige Ziele: 7 Probanden (22 %), davon 1 Kneissl-Kunde Zusammenfassung (Prozentangaben gemessen an 45 bzw. 20 Nennungen) 1. Zentralsahara: 20 Probanden (44 %), davon 14 Kneissl-Kunden (70 %) 2. Sahara-Randgebiete: 6 Probanden (13 %), davon 3 Kneissl-Kunden (13 %) 3. sonstige Wüsten-Regionen: 12 Probanden (27 %), davon 2 Kneissl-Kunden (10 %) 474 4. sonstige Ziele: 7 Probanden (16 %), davon 1 Kneissl-Kunde (5 %) Die Zahl derer, die einen neuerlichen Besuch in der Agadez-Region anstreben oder wenigs- tens für möglich halten, ist trotz der zahlreichen Reisebarrieren erstaunlicherweise relativ groß. Freilich dominieren insbesondere unter Pauschaltouristen jene, die unterschiedliche Fa- cetten der Vision „Wüste“ bzw. weitere Steigerungen extremer Wüstenerfahrung suchen und darum nach anderen Regionen Ausschau halten, insbesondere nach den abgelegenen „Filet- stücken“ 112 der „typischen“ Wüstenregionen. Dies zeigt das große Interesse an den „großen“ Sahara-Destinationen Algerien und Libyen oder auch Namibia. Dennoch gelingt es offensichtlich der Region und ihrer Bevölkerung, eine gewisse nachhal- tige, emotionale Bindung vor allem bei Individualreisenden aufzubauen bzw. die vielfältigen Wüstenattraktionen als Chance für vertiefende Wüstenerlebnisse zu positionieren. Dieses Er- gebnis unterstreicht die Schlussfolgerungen, die sich aus den Befragungen zu den sozialen Strukturen der Probanden ergeben, wonach dem Reiseziel "Region Agadez" große Wachs- tumspotenziale inne wohnen. Dafür müsste jedoch die Erreichbarkeit wesentlich verbessert werden. Denn darin liegt der größte Wettbewerbsnachteil der Region Agadez, wie der Ab- schnitt 12.3 über die konkurrierenden Destinationen zeigen wird. 12.2.3 Schlussfolgerung: „Typische“ Niger-Reisende Die relativ geringe Zahl der Befragungen erlaubt freilich noch keine stichhaltige Charakteri- sierung des „typischen“ Agadez-Reisenden. Gewisse Tendenzen lassen sich aber erkennen, und sie decken sich im Wesentlichen mit der Analyse von NIGETECH 113: Im Durchschnitt ist der Agadez-Reisende vermögend, mittleren oder höheren Alters, und er wählt sein Reiseziel überwiegend des Naturerlebnisses und nur in geringem Maße der Kultur wegen. Er bevorzugt seriöse Agenturen und ist dafür bereit, einen höheren Preis in Kauf zu nehmen. Er ist an der Region und der Kultur interessiert und erwartet sich entsprechende In- formationen. Dafür ist er auch bereit, sich mental auf das Land einzulassen bzw. sich den re- gionalen Normen anzupassen. Gegenüber dem Personal und den Führern ist er recht großzü- gig. Andererseits fühlt er sich durch die aggressiven Verkaufsmethoden der Chasses touristes bedrängt. Er kauft mit Stil, sucht Qualität und Authentizität und handelt auch. „Avec lui, il faut être fin, tranquille et jouer sur la qualité, le confort et une argumentation juste.“ 114 Was die Ansprüche an Reisekomfort anbelangt, so legen meine Ergebnisse entgegen der An- sicht von NIGETECH dort Maßnahmen zur Verbesserung des Standards nahe, wo mangeln- der Komfort als Zumutung empfunden wird und nicht wie in der Wüste als notwendige Be- dingung des „Abenteuer“-Erlebnisses akzeptiert oder sogar gewünscht wird. Dieser gravie- rende Mangel an Komfort betrifft insbesondere die Unterbringung in Tahoua. 115 Auch bezüglich der Erwartungen an die Sicherheit vertrete ich anders als NIGETECH die Ansicht, dass der reise- bzw. wüstenerfahrene Tourist auf Grund seiner relativ profunden 112 Popp 2000, S. 54. 113 Vgl. NIGETECH 2002, S. 14. 114 („Mit ihm muss man taktvoll und ruhig umgehen, und sein Bewusstsein für Qualität, Komfort und stichhaltige Argumen- tation respektieren.“) Ebd. 115 Mit der Einrichtung einer direkten Flugverbindung nach Agadez würde sich dieses Problem zumindest für einen Großteil der Klientel lösen. 475 Vorbereitung über die Gegebenheiten und Entwicklungen in der Zentralsahara informiert ist und auch gewisse Risiken in Kauf nimmt, jedoch auf seine Agentur vertraut, dass von dieser ein Maximum an Sicherheitsvorkehrungen getroffen wird. 116 Dagegen charakterisiert NIGETECH den auch im Aïr auftretenden „Chartertouristen“, der die Anreise mit dem Direkt-Charter bevorzugt; er ist in meinen Befragungen unterrepräsentiert. Dieser sei eher schwerfällig, weniger kultiviert, geräuschvoll, nicht immer interessiert an der Natur, komme gerne „mit Freunden“ und sei darum stärker am Gruppenerlebnis als an der Begegnung mit der Wüste interessiert. Insofern kümmere er sich wenig um die Effekte, die er verursacht. Diese Klientel ist häufig indolent bei der Bekleidungswahl, so dass es häufig sub- tiler Ratschläge bedürfe, die als Tipps für den persönlichen Umgang mit der Wüste vermittelt werden müssen. Souvenirs pflege dieser Typ eher ohne System und Leidenschaft einzukau- fen. „Les „chasse touristes“ ont compris depuis longtemps les différences qu’il y a entre les riches et les pauvres, les bourgeois e les routards, les américains et les français (...), ils font vite la distinctions entre les différents types de touristes et savent les aborder avec des dis- cours adaptés à chacun.“ 117 Aus dieser Analyse geht hervor, dass die Entwicklung des Niger-Tourismus in Richtung eines Charter-Pauschaltourismus nicht zur wirtschaftlichen Stärkung der Region, sondern vielmehr zur kulturellen und ökologischen Belastung beitragen würde, es sei denn, dass rechtzeitig ent- sprechende Begleitmaßnahmen getroffen werden. 12.3 Die Konkurrenz-Destinationen der Region Agadez Den Wüsten-Tourismus als potenzielle Devisenquelle haben in den vergangenen Jahren prak- tisch alle Anrainerstaaten der Sahara entdeckt und zum Teil sehr große Erfolge erzielt. Einige dieser Destinationen verfügen über einen enormen Reichtum an kulturellen und landschaftlich vielfältigen Angeboten und stellen als Ziel für Sahara-Touristen eine bedeutende Konkurrenz für den Niger dar. 118 Die folgende Darstellung ist weder umfassend noch systematisch, son- dern soll lediglich einen Einblick in die allgemeine Konkurrenzsituation innerhalb des organi- sierten Sahara-Tourismus erlauben und die Rolle der Niger-Konkurrenten skizzieren. Der Boom des Sahara-Tourismus ist gekennzeichnet durch einen Wandel vom individuellen Abenteuertourismus zum hoch differenzierten Pauschaltourismus, dessen Vielfältigkeit in jüngster Zeit eine erhebliche Diversifizierung aufweist. Auf diesem neuen Aktionsfeld enga- gieren sich seit Kurzem viele Veranstalter, die sich zuvor nur auf Studien- und Kulturreisen konzentrier hatten, dann ihre Palette um Küsten- und Badetourismus erweitert hatten und heu- te die gesamte hybridtouristische Palette von Wüsten- und Safarireisen, Gebirgs-, Kamel- und Pferdetrekking und sogar Wüstenreisen im Fesselballon anbieten. 119 Für den gesamten Sahara-Tourismus lassen sich vereinfacht folgende gemeinsame Charak- teristika festhalten: 116 Vgl. auch Lep/Gibson 2003, wonach Touristen, deren Motiv die Suche nach Neuem ist, einen weit höheren Grad an Risi- ko tolerieren als Reisende, für die die Reise in Gesellschaft von Freunden bzw. der Familie im Vordergrund steht - also jene Klientel, das NIGETECH im Folgenden als „Massentouristen“ charakterisiert. 117 („Die „Touristenjäger“ haben seit langem die Unterschiede zwischen den Reichen und Armen, den Großbürgern und den Alternativtouristen, den Amerikanern und den Franzosen (…) durchschaut, sie unterscheiden rasch zwischen den diversen Touristentypen und verstehen es, sie mittels angepasster Verhandlungsmethoden zu instrumentalisieren.“) NIGETECH 2002, S. 14. 118 Vgl. Popp 2000, S. 53 ff. 119 Vgl. etwa das Angebot vom frz. Veranstalter „Tamera“ für das marokkanische Dades-Tal (zit. in Popp 2001, S. 112). 476 1. die Saharatouristen werden im Vergleich zu Bade- und Besichtigungstouristen nie in solchen Massen auftreten, auch wenn einige Routen in Algerien oder im libyschen Ak- kakus, gemessen an ihrer ökologischen Tragfähigkeit, bereits zu Massenzielen geworden sind; 2. Sahara-Tourismus wird typischerweise in touristisch wenig erschlossenen, peripheren Regionen praktiziert, die zugleich auch die wirtschaftlichen Problemzonen der jeweili- gen Staaten darstellen; 3. auf Grund der überragenden Bedeutung der Wüstenerlebnisse erfordert Sahara-Touris- mus zumeist nur geringe Investitionskosten für Infrastruktur-Maßnahmen; 4. persönlicher Kontakt mit der heimischen Bevölkerung wird zumeist als integraler Be- standteil der Angebotsformen verstanden, wodurch ein hoher Integrationsgrad der hei- mischen Bevölkerung in den Tourismus erzielt wird. Trotz dieser Gemeinsamkeiten weisen jene Sahara-Destinationen, die zur Region Aïr-Ténéré in Konkurrenz stehen, auch einige grundlegende Unterschiede auf. Dabei lassen sich verein- facht zwei Kategorien unterscheiden: Staaten am nördlichen Rand der Sahara und Staaten der Zentralsahara. 12.3.1 Sahara-Tourismus für Anfänger: Marokko und Tunesien Am häufigsten besucht werden die am Nordrand der Sahara gelegenen Staaten Marokko, Tu- nesien und Ägypten, für die folgende Umstände charakteristisch sind: 1. Sie engagieren sich bereits seit vielen Jahren in klassischen touristischen Bereichen. In Tunesien dominiert der Badetourismus, in Marokko und Ägypten der Kulturtourismus, zusätzlich mit örtlichen Schwerpunkten im Badetourismus. Insofern verfügen diese Länder in den Touristenzentren bereits über hoch entwickelte touristische Infrastruktur. Vor diesem Hintergrund dient der relativ junge Wüstentourismus der Entlastung der tra- ditionellen Touristenziele mittels Differenzierung des Angebots bei gleichzeitiger wirt- schaftlicher Erschließung von bislang wenig integrierten Randzonen. 2. In diesen Randzonen liegen einige leicht zugängliche Wüstengegenden, die „typische“ Wüsten-Elemente aufweisen und somit den Wüsten-Erwartungen der Europäer (Dünen und grüne Oasen mit Dattelpalmen) genüge tun. a. In Tunesien ist dies im Besonderen die Schott-Region mit den Oasenstädten To- zeur etc. sowie dem Dünengürtel und den "typischen" Oasen-Orten bei Douz. 120 b. In Südmarokko erfüllt die "Straße der Kasbahs" mit den Lehmburgen, das Tafila- let mit dem Dünenfeld von Merzouga sowie den Oasen-Ketten südlich von Ouar- zazate die europäischen Wüsten-Erwartungen. 121 c. In Ägypten dehnt sich westlich des Nil die Libysche Wüste mit der legendären Oase Siwa aus. Neben einigen Dünenfeldern verfügt Ägypten mit der "Weißen Wüste" über eine besondere Attraktion für Wüstenfreunde. Auf Grund seiner geo- 120 Vgl. Jäggi 1994. 121 Vgl. Bienert 1998. 477 graphischen Lage und seiner spezifische Rolle als Kulturreise- und Tauch- Destination spielt jedoch Ägypten keine Rolle als unmittelbarer Konkurrent des Niger und wird daher auch nicht weiter behandelt. 3. Die eben genannten Gegenden sind infrastrukturell verhältnismäßig gut erschlossen: sie sind einerseits per Flugzeug rasch und verhältnismäßig kostengünstig erreichbar und verfügen zudem über eine gewisse Anzahl an Hotels unterschiedlichster Kategorien. 4. Wüsten-Reisen in diese Staaten sind erheblich billiger als in den Niger. 8-tägige Trek- king-Touren in Südmarrokko werden ab 1.100 €, 14-tägige Touren ab 1.700 € angebo- ten; Tunesien ist sogar noch günstiger: vergleichbare 8-tägige Trekking-Touren zum tu- nesischen Grand Erg Oriental liegen bei 900 €, 14-tägige Touren sind ab 1.300 € buch- bar. Das Preisniveau liegt somit 50-70 % unter jenem des Niger. Diese Umstände machen Marokko, Tunesien und Ägypten zu den wichtigsten Anbietern für Wüstenreisen. Die angebotenen Touren können lediglich kurze Wüstenbegegnungen bein- halten (Rundreisen mit Wüstenausflügen), aber auch die Wüste als zentrales Reiseziel haben (Kameltrekking etc.). Popp hat für das Jahr 2000 eine Untersuchung des französischen und deutschen Angebots von Sahara-Reisen durchgeführt. Er kommt zu folgendem Ergebnis: 1. Die wichtigsten französischen Sahara-Destinationen waren Marokko (494 Touren, 24 % des frz. Angebots) und Tunesien (420 Touren, 20,3 % des Angebots). Diese beiden Ziele vereinen gemeinsam insgesamt 45 % des gesamten französischen Sahara-Angebots. Erst an dritter Stelle folgt mit einigem Abstand Libyen (335 Touren, 16,2 %). 2. In Deutschland kam an erste Stelle Libyen mit 160 Touren (34,0 %) als der Spitzenreiter des deutschen Sahara-Marktes, gefolgt von Tunesien (91 Touren, 19,3 %) und Marokko (77 Touren, 16,3 %). Die Klientel der Marokko- und Tunesien-Reisenden besteht überwiegend aus Personen, die kaum über Wüstenerfahrung verfügen und nun eine erste, preisgünstige und leicht zu bewerk- stelligende Möglichkeit der Wüstenbegegnung suchen. Das geht auch aus den Befragungen der Niger-Kunden hervor. Insofern stehen diese Staaten nur in einem indirekten Konkurrenz- verhältnis zum Niger. Angesichts der hohen Zahl an wüstenerfahrenen Niger-Reisenden liegt sogar der Schluss nahe, dass diese Staaten wesentlich zur Weckung der "Wüsten-Sehnsucht" beitragen. 122 12.3.2 Direkte Niger-Konkurrenten: die Staaten der Zentralsahara Die zweite Kategorie der Niger-Konkurrenten umfasst jene Staaten, die über große Anteile an der Sahara und insofern über eine Vielzahl attraktiver Wüstenformen verfügen. Die Be- völkerung lebt traditionell und vielfach in Armut, der Lebensraum ist kaum erschlossen. In diese Kategorie fallen Libyen, Algerien, Mauretanien, Mali und der Tschad. 123 Bereits die 122 Diese Annahme indiziert die Untersuchung von Bienert (1998) im Tafilalet, wonach Besucher, die bereits über Wüstener- fahrung verfügen, tendenziell häufiger der Wüste wegen ins Tafilalet reisen als solche Besucher, die über keine Wüstenerfah- rung verfügen. 123 Vgl. UICN 1999a, S. 3. 478 folgende Auflistung 124 zeigt deutlich die Unterschiede in der Bedeutung der einzelnen Desti- nationen. Freilich kann diese Aufstellung nur mit Vorbehalt als Orientierungsgrundlage he- rangezogen werden, da seit dem Jahr 2000 entscheidende Veränderungen (Touristen- Entführungen in Algerien, Beendigung des Embargos gegen Libyen, neuerliche Rebellion in Mali, Niger und Tschad) beachtliche Auswirkungen auf den Tourismus des jeweiligen Landes hatten. Tabelle 10: Französisches Saharareisen-Angebot 2000 1. Marokko 494 Touren (24 %), 2. Tunesien: 420 Touren (20,3 %), 3. Libyen 335 Touren (16,2 %) 4. Mauretanien 326 Touren (15,8 %) 5. Niger 226 Touren (10,9 %) 6. Algerien 161 Touren (7,8 %) 7. Tschad 61 Touren (3,0 %) 8. Mali 42 Touren (2,0 %) Tabelle 11: Deutsches Saharareisen-Angebot 2000 1. Libyen 160 Touren (34,0 %) (2.300 €) 2. Tunesien 91 Touren (19,3 %) (1.300 €) 3. Marokko 77 Touren (16,3 %) (1.700 €) 4. Niger 66 Touren (14,2 %) (2.600 €) 5. Mauretanien 38 Touren (8,1 %) (2.100 €) 6. Algerien 18 Touren (3,8 %) (2.000 €) 7. Mali 15 Touren (3,2 %) (2.500 €) 8. Tschad 6 Touren (1,3 %) (3.850 €) 12.3.2.1 Algerien Auf Grund der geographischen Nähe war Algerien schon immer der große Konkurrent der Region Agadez, denn Algerien verfügt über zahlreiche touristische bzw. unternehmerische Vorteile. 1. Algeriens Süden weist eine enorme landschaftliche Vielfalt auf: Das bizarre Tassili n’Ajjer im 8.000 km² großen Tassili-Nationalpark südöstlich von Djanet gilt wegen der 124 Vgl. Popp 2000, S. 53 ff. 479 15.000 neolithischen Felsmalereien als das größtes Freilichtmuseum der Welt. 1986 wur- de es von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt. Östlich von Tamanrasset liegt der 1987 errichtete, 450.000 km² große Hoggar-Nationalpark mit dem knapp 3.000 Meter hohen Tahat und einer reichen Biodiversität mit über 230 Tierarten.125 Darüber hinaus verfügt Algerien über zahlreiche ausgedehnte Ergs wie den Grand Erg Occidental, an dessen Rändern die zauberhaften Oasen Targhit, Timimoun oder Beni Abbes liegen, wo Bertolucci Teile seines Films „Himmel über der Wüste“ gedreht hatte. Weiter im Norden liegen kulturelle Zentren wie Ghardaia etc. 126 2. Dank der Höhenlage ist die Region kühler und erlaubt eine lange Saison von September bis April. 3. Algeriens Süden ist im Vergleich zu anderen Konkurrenz-Destinationen der Zentral- sahara am besten zu erreichen. In Tamanrasset und Djanet stehen internationale Flughä- fen zur Verfügung, die von wichtigen europäischen Linien wie der Alitalia und der Iberia angeflogen werden. Die landeseigene Air Algérie fliegt dreimal wöchentlich von Frank- furt/Main in zweieinhalb Stunden direkt nach Algier. Während der Touristensaison wer- den seit 1999/2000 wieder einige Direktflüge von Frankfurt nach Tamanrasset oder Dja- net angeboten. Für die Saison 2002/2003 hat die Schweizer Agentur Desert Team weitere Direktflüge von Basel nach Tamanrasset und Djanet organisiert. Im selben Jahr bot auch die private algerische Fluggesellschaft Khalifa Airways Linienflüge von Basel nach Ta- manrasset an. 127 Weitere Verbindungen gibt es von Paris nach Algier und seit 2002 auch von Wien nach Algier mit Anschlussflügen in den Süden - eine Situation, von der man im Niger nur träumen kann. 128 4. Die Flugkosten nach Südalgerien liegen seit jeher weit unter jenen nach Agadez. So kos- tete bereits im Jahr 1980 ein Direktflug von Paris nach Tamanrasset 2.800 ff (430 €); die Reise nach Agadez, weit länger und umständlicher, war nur mittels Flug von Paris nach Niamey um 8.000 ff (1.240 €) zu bewerkstelligen. 129 Heute sind Charterflüge von Frank- furt nach Tamanrasset und Djanet/retour um 430 Euro erhältlich. 130 5. Auf Grund der geringen variablen Betriebskosten vor Ort verfügen algerische Agenturen über beträchtliche Kostenvorteile gegenüber nigrischen Unternehmen. Die Treibstoffe kosten etwa ein Zehntel des nigrischen Preises. Die Verpflegung ist in Algerien weit kos- tengünstiger, weil Nahrungsmittel zu subventionierten Preisen verkauft werden. Ledig- lich Fahrzeuge sind in Algerien ähnlich teuer wie in Niger. 131 Daher können 14-tägige Trekking-Touren in Algerien ab 2.000 € angeboten 132 werden, während ähnliche Touren im Niger erst ab 2.500 € 133 zu haben sind. 6. Die touristische Infrastruktur ist in Südalgerien bei weitem besser entwickelt als in alge- rischen Agadez. Dies betrifft sowohl das algerische Straßen- und Pistennetz als auch die algerische Unterkünfte und Bettenkapazität, die Ende der 90er-Jahre auf 9.000 Betten ge- steigert worden war. 134 125 Darunter auch Geparden und Fische; das letzte Krokodil war erst vor wenigen Jahrzehnten erlegt worden (Office National du Tourisme 2003, Web). 126 Bendali (zit. in Meier 2003, S. 208), der algerische Tourismusdirektor von 1970, hatte damals gemeint: „Das ‚touristische Potential’ - um diesen Ausdruck zu gebrauchen – gehört ohne Zweifel zu den reichsten der Welt. Selten wird man auf einem Staatsgebiet eine gleich große Anzahl touristischer Möglichkeiten finden.“ 127 Vgl. Meier 2002. 128 Sämtliche Angaben beziehen sich auf die Situation vor den Entführungen im Frühling 2003. 129 Vgl. Baud-Bovy 1988, S. 60. 130 Vgl. Meier 2003, S. 58. 131 Auskunft Larboulette, 16. 4. 2003. 132 Suntours. 133 b&b Westafrikaspezialist. 134 Vgl. Gläser/Maierjohann 2002, S. 11. 480 Angesichts dieser Umstände ist die rasante Entwicklung des algerischen Tourismus keine Überraschung. Es ist auch kein Zufall, dass die Rivalität zwischen Algerien und Niger um die touristische Vormachtstellung schon in den 60er-Jahren aktuell war: Damals boten die zwei Agenturen „Croix du Sud“ und „Sahara-Voyages“ von Tamanrasset und Djanet aus Touren in die Ténéré und ins Aïr an. Der Betreiber von „Sahara-Voyages“ verfügte über die nötige Inf- rastruktur in Tamanrasset, Djanet, In’Salah und Iferouane. 135 In dieser Periode, zu Beginn der 70er-Jahre, haben oft 3.000 Besucher das Hauptziel Djanet monatlich angeflogen. 136 Diese Entwicklung wurde 1973 unterbrochen, indem die nationale Tourismusbehörde ONAT 137 unter dem Vorwand fehlender Lizenzen die Fahrzeuge von „Sahara-Voyages“ durch algeri- sche Behörden beschlagnahmen ließ. Nach einer kurzen und wenig erfolgreichen Periode des Tourismusmonopols der ONAT wurde unter Präsident Chadli Bendjedid die Gründung priva- ter Reiseagenturen wieder möglich. Zu den Gründer-Pionieren zählten ehemalige Mitarbeiter von „Sahara-Voyages“, die den Erwartungen der Kunden besser entsprachen als die O- NAT. 138 Anfang der 80er-Jahre begann der eigentliche Aufschwung des algerischen Tourismus zum großen Konkurrenten des Niger. Zum besonderen Problemfall wurde dabei die Gepflogenheit einiger Agenturen aus Tamanrasset, insgeheim auch Touren auf nigrischem Territorium zu unternehmen. Wegen der Benachteiligung nigrischer Agenturen auf Grund der Kosten- unterschiede bis zu 50 % wurde diese Praxis durch Mano ag Dayak bekämpft. Für Reiseagen- turen wurde ein Grenzübertrittsverbot für das jeweilige Nachbarland verhängt. Diese Proble- matik stellte sich erneut zu Anfang der 2000er-Jahre und wurde ähnlich gelöst. 139 Schon Ende der 80er-Jahre förderte auch der algerischen Staat den Sahara-Tourismus, und er plante hohe Investitionen. 140 Damals besuchten jährlich mehr als 15.000 Besucher mit rund 60 Reiseagenturen den algerischen Süden. 141 Bereits damals wurden die Folgen des Sahara- Massentourismus wie Müllansammlungen, ökologischer Raubbau und Zerstörung von Fels- malereien spürbar. Auf der Suche nach Lösungen wurde 1989 in Tamanrasset eine internatio- nale Tourismus-Konferenz über „Verantwortlichen Alternativtourismus“ veranstaltet und die Gründung eines internationalen Zentrums für verantwortlichen Tourismus beschlossen. Die Realisierung verhinderte jedoch der touristische Kollaps infolge des algerischen Bürgerkriegs und der Tuareg-Rebellion in Niger und Mali. 142 Der Tourismus in Algerien war unterbrochen. Erst 1998 kamen wieder erste Touristengruppen in den algerischen Süden. 143 Der Auf- schwung begann 1999, weil die Wahl Bouteflikas politische Entspannung brachte. Im Jahr 2000 wurden bereits in Frankreich wieder über 160 Algerien-Touren angeboten. 144 Insgesamt besuchten mehr als 2.000 Touristen den Süden Algeriens. 145 Mit der Aufnahme der Direkt- und Charterflüge stieg die Zahl der Besucher im Jahr 2002 schon auf 8.000 Pauschaltouris- ten. 146 Allein in Deutschland waren knapp 4.000 Touristenvisa ausgestellt worden. 147 Auch die Zahl der Reiseagenturen war in Tamanrasset mittlerweile auf 70 angestiegen. 148 Von die- 135 Vgl. Grégoire 1999, S. 286. 136 Vgl. Meier 2002, S. 66. 137 Office nationale algérien du tourisme. 138 Vgl. Grégoire 1999, S. 286. 139 Siehe dazu das Kap. über „Strukturelle Probleme der Tourismusentwicklung in Agadez/Mängel der Markt- struktur/Mangelhafte Kooperationsbereitschaft“. 140 Vgl. Lanfant/Graburn 1995, S. 103. 141 Vgl. Grégoire 1999, S. 289. 142 Vgl. Friedl 2003b. 143 Vgl. Englert 2001. 144 Vgl. Popp 2000, S. 53 ff. 145 Vgl. Meier 2002, S. 66. 146 Vgl. Khaled 2003, Web. 147 Vgl. Becker 2003, SZ-Archiv, Web. 148 Vgl. Khaled 2003, Web. 481 sen sei jedoch nur ein geringer Teil lizenziert, und die „illegalen“ Agenturen arbeiten mit Dumpingpreisen. Dadurch wird derzeit in Tamanrasset der Markt ruiniert. 149 Auch das Jahr 2003 begann mit einem fulminanten Start und neuen Rekordzahlen. Zudem kündigte der UNO-Repräsentant Paolo Lembo zur Förderung des Sahara-Tourismus und zum Schutze der beiden Nationalparks eine Finanzspritze von mehreren Millionen US-Dollar an. 150 Aber gleichzeitig erfuhr der Algerien-Tourismus zwei massive Rückschläge. Im März stürzte eine Passagiermaschine ab, wobei 102 Menschen ums Leben kamen. Kurz darauf ent- puppte sich das Verschwinden von 31 überwiegend deutschsprachigen Touristen aus 7 Reise- gruppen scheinbar als Entführung. Erst Mitte Mai wurde eine Gruppe mit 15 Personen freige- lassen. 151 Nach dem Hitzetod einer Geisel erlangten die restlichen 16 Geisel im August in Mali die Freiheit wieder. 152 Dieses Ereignis war bislang einzigartig in der Geschichte des Sahara-Tourismus. 153 Zwar war es in den letzten Jahren in der Libyschen und Algerischen Sahara wiederholt zu Fahrzeug- diebstählen durch organisierte Banden gekommen, doch hatten sich diese Übergriffe primär auf die Erdöl- und Gas-Industrie beschränkt. 154 Die längerfristigen Folgen der Entführungen sind noch nicht absehbar. Kurzfristig aber reagierte das deutschen Auswärtigen Amt 155 mit einer weiterhin bestehenden Reisewarnung für Algerien. In diversen Sahara-Internetforen156 und dem deutschen Sahara-Club wurde sogar nachdrücklich vor Reisen in die gesamte Region gewarnt. 157 Weil von den Entführungen ausschließlich Reisegruppen betroffen waren, die ohne alge- rischen Führer unterwegs waren, reagierten regionale Agenturvereinigungen und hohe Funk- tionäre scharf auf die Reisewarnungen, aber auch auf die Individualreisenden. 158 Besonders letztere würden als Selbstversorger 159 nur unwesentlich zur regionalen Wertschöpfung beitra- gen und seien darum unerwünscht. 160 Zunächst wurden strengere Vorschriften zur Einschränkung des Individualtourismus ange- kündigt. Dabei herrschen schon jetzt strenge Regeln für den Besuch der großen Natio- nalparks, zum Schutz des reichen Natur- und Kulturerbes, vor allem die verpflichtende Be- gleitung durch autorisierte Führer, spezifische Verbote etc., deren Einhaltung von zahlreichen Parkwächtern kontrolliert werden soll.161 Die Realität sieht gemäß den Erfahrungen von Saha- ra-Reisenden anders aus, denn die Vorschriften würden nur sehr lasch kontrolliert. 162 Insofern überrascht auch die neuerliche massiven Verunreinigungen und ökologischen Zerstörungen 149 Vgl. Meier 2002, S. 75, unter Hinw. auf Hrn. Rouani, Präsident der lokalen Agentur-Vereinigung UNATA; vgl. auch Claudia Abbt Bahedi, Mail vom 25. 6. 2002; Baseler Zeitung vom 26. 5. 2001, Web. 150 Zit. in El Watan 2003, Web; vgl. auch Bennaceur 2003, Web. 151 Verschiedene Umstände deuten darauf hin, dass diese Gruppe von Angehörigen des Militärs entführt worden waren, um die Bedeutung des Militärs für die Sicherheit unter „Beweis“ zu stellen (Ansicht von Kohl Engelbert, Gespräch vom 12. 5. 2003 in Feldbach). 152 Angeblich wurden dafür von der dt. Bundesregierung hohe Lösegeldzahlungen getätigt. 153 Vgl. Frenzel, Gunter 2003, Sahara-Club Vorsitzender, Sahara Info 2/2003, S. 16; ähnlich Bennaceur 2003, Web. 154 Vgl. Larboulette 2002, Web. 155 Siehe http://www.auswaertiges-amt.de 156 Siehe www.sahara-info.ch 157 Sahara Club 2003, Info 2/2003, S. 12, wo abgeraten wurde, „die Wüstengebiete des Niger, Malis und Mauretaniens zu bereisen.“ 158 Z.B. Hocine Ambès, Direktor des Büros des Nationalparks Tassili im Zuge des „Atelier international sur le développe- ment durable du tourisme saharien“ in Ghardaia im April 2003, zit. in Bennaceur 2003, Web. 159 Dass dies zutrifft, bekannte sogar die Individualreisende Gertraud Stanzel, Mitglied des dt. Sahara-Clubs, explizit in ihrem Beitrag in Sahara Info 3/2001, S. 9. 160 Presseerklärung der UNATA anlässl. der Entführungen, zit. in http://www.sahara-info.ch/forum3/sahara/posts/12715.htm vom 8. 4. 2003, zul. 9. 4. 2003. 161 Vgl. Office National du Tourisme 2003, Web. 162 So berichtet Mixich/Kreutzinger (2003a, Sahara Info 2/2003, S. 38) über die Kontrolle der Permit- und Führerpflicht: „Aber wir bringen ja die lange erwarteten Lebensmittel, da ist eine Bewilligung plötzlich nicht mehr wichtig.“ 482 von häufig besuchten Stätten sowie der systematische Diebstahl von Artefakten durch Touris- ten 163 wenig. 12.3.2.1.1 Schlussfolgerung für Algerien Für den Niger bedeutet die Entwicklung in Algerien einen Blick in die Zukunft, denn in den algerischen Nationalparks finden sich bereits heute massive Schädigungen infolge des Mas- sentourismus, von dem der Niger bislang verschont blieb. Andererseits wirken sich die Ent- führungen in Algerien auch auf die Nachfrage in der gesamten Zentralsahara und damit auch auf den Niger aus. Da die tatsächlichen Hintergründe der Entführungen bis heute nicht ein- deutig geklärt sind, wirkt diese Ungewissheit als belastender Hemmschuhe einer geordneten Tourismusentwicklung in der gesamten Sahara. Eine der wenigen Regionen, die von diesen Entführungen profitieren dürfte, ist allerdings Libyen… 12.3.2.2 Libyen Libyen hatte auf Grund seines Ölreichtums und der relativ geringen Bevölkerungszahl lange Zeit kaum Interesse am Tourismus. Erst die wirtschaftlichen Folgen des internationalen Han- delsembargos 164 als Reaktion auf das Lockerbie-Attentat, insbesondere eine gravierende Fi- nanzkrise, erzwangen Anfang der 90er-Jahre im Inneren des Landes eine wirtschaftspolitische Liberalisierung und nach außen eine langsame Öffnung des Landes für westliche Touristen165 - nach 20 Jahren der freiwilligen Isolation. 166 Durch das Versiegen des Wüstentourismus in Algerien infolge des Bürgerkriegs bzw. im Ni- ger und Mali infolge der Tuareg-Rebellion wurde Libyen in den 90er-Jahren zur wichtigsten Sahara-Destination und erlebte einen gewissen Boom. 167 Nach Popp sei Libyen „für Wüsten- touristen aus Deutschland sogar in kürzester Zeit zur Destination Nummer 1 in Nordafrika geworden“. 168 Im Jahr 2000 waren in Deutschland über 160 Libyen-Touren angeboten wor- den. Dahinter mag wohl auch eine gewisse historische Affinität der Deutschen gegenüber Libyen stecken. Die in Libyen erhältlichen Tourismusstatistiken sind zwar mit größter Vorsicht zu behandeln, weisen aber dennoch eindeutige Trends auf. Demnach wurde Libyen im Jahre 1993 von 34.000 Touristen besucht, 1996 von 55.000, 169 und im Jahr darauf bereits von 85.000. 170 1997 sollen erstmals über 100.000 Touristen - davon ein großer Teil Geschäftsreisende - das Land besucht haben. 171 Trotz dieser beeindruckenden Zahlen litt Libyen von 1992 bis 1999 unter 163 Vgl. Paolo Lembo, UN-Botschafter, auf der oben gen. Konferenz in Ghardaïa, zit von Bennaceur 2003, Web. 164 Vgl. Friedl 1998, S. 14 ff. 165 Vgl. Kohl 2001a, S. 20 166 Vgl. Kohl 2002, S. 56. 167 Vgl. Steineck 1998, S. 12. 168 Popp 2001, S. 117; vgl. auch Popp 2000, S. 56 f. 169 Vgl. Kohl 2001a, S. 23. 170 Vgl. Hosni 2000, S. 48 f. 171 Vgl. Englert 2001, Web. Harms (2004, S. A 4) berichtet für das Jahr 2004, dass „jährlich nur 170.000 Besucher ins Land“ kommen würden. Dagegen spricht Kohl (2003, S. 9) für das Jahr 2000 nur von 60.000 Besuchern. 483 dem Handicap des Flugembargos, wodurch die Touristen gezwungen waren, Djerba anzuflie- gen und über den Landweg einzureisen. 172 Während dieser Periode der Abhängigkeit von Touristendevisen verfolgte Libyen wenigstens äußerlich eine visionäre Tourismuspolitik. So wurde 1995 gemeinsam mit der WTO ein Mas- terplan entwickelt, dessen Ziel die Entwicklung von touristischer Infrastruktur und die Kor- rektur des internationalen Images wurde. Unter expliziter Ablehnung von Massentourismus wurde ein Tourismus befürwortet, der mit den Regeln des Islam vereinbar sei. Insofern wurde auch die Pflichtbetreuung durch Führer gefördert und nicht der freie Individualtourismus. 173 Zur Diskussion dieser Visionen wurde im Jahr 1997 in Ghadames ein internationales Seminar über Wüstentourismus für Experten, Veranstalter und Wissenschaftler veranstaltet, 174 dem jedoch wenige Taten folgten. 175 Für die kommenden Jahre wird eine Fortsetzung des gegenwärtigen Aufschwungs erwartet. Dafür spricht zum einen, dass bereits fast alle großen europäischen Reiseveranstalter mit Kul- tur- und Naturreisen in Libyen vertreten sind, und zum anderen, dass die Embargo- maßnahmen gegen Libyen aufgehoben wurden, nachdem das Land die Verantwortung für den Lockerbie-Anschlag formell übernommen und eine hohe Entschädigungszahlung 176 zugesi- chert und später auch überwiesen hatte. Seit Gaddhafi im Dezember 2003 auch noch der Pro- duktion von Massenvernichtungswaffen abschwor und internationale Kontrollbehörden ein- lud, mausert sich das Land vom Terrorstaat zum Liebkind des Westens. Im März 2004 wurde Gaddhafi vom Britische Premierminister Tony Blair offiziell besucht, und im April folgten der Kärntner Landeshauptmann Jörg Haider und Vizekanzler Gorbach. 177 Auch im Zuge der Entführungen in Algerien versuchte Gaddhafi zugunsten der Opfer zu intervenieren. In touristischer Hinsicht wird gegenwärtig am Ausbau der Infrastruktur und an der Anbindung an den internationalen Luftverkehr gearbeitet. 178 So ist es keine überraschende Folge, dass Agadez nach der Wiedereröffnung des örtlichen Flughafens von einem französischen Charter über das libysche Ghat und nicht, wie bislang, über das algerische Tamanrasset angeflogen wurde. 179 Für die Zukunft beabsichtigt die libysche Regierung beträchtliche Summen in die Entwicklung des Tourismus zu investieren, um das Tourismusaufkommen zu verviel- fachen. 180 Die hohe Attraktivität Libyens für deutsche Wüsten-Freunde ist wenig überraschend. 1. Das Land verfügt über große, ausgedehnte Dünengebiete wie z.B. der Erg Ubari; im Süden liegen die von Dünen umgebenen Mandara-Seen; im Südwesten liegt das beein- druckende Akkakus-Massiv, und bei Ghat die Idinen, wo sich Heinrich Barth verirrt hat- te. 181 2. Mit den Oasen Ghat, einem der wichtigsten Karawanenstützpunkte in der nördlichen Sahara während des 18. und 19. Jahrhunderts, und dem zum Weltkulturerbe erklärten Ghadames besitzt Libyen alte Kulturzentren der Karawanenära. Mit der Einrichtung des 172 Vgl. Grégoire 1999, S. 295. 173 Vgl. Kohl 2001a, S. 22 f.; 2002, S. 57; vgl. auch Landgrebe 2000, S. 259 f. 174 Vgl. Kohl 1998, Web. 175 Das berichtet der damals als Berater geladene Libyen-Experte und Expeditionsveranstalter Engelbert Kohl (Gespräch vom 12. 5. 2003 in Feldbach). 176 Vgl. dpa 2003, 18. 8. 2003, Web. 177 Haider pflegt seit langem freundschaftliche Beziehungen zu Gaddhafis Familie und war für frühere Besuche bei Gaddhafi - u. a. auch von Tony Blair - massiv kritisiert worden (vgl. Heinrich 2004, S. 7). 178 Vgl. Englert 2001. 179 Vgl. http://www.nomade-aventure.com/charters.htm, zul. 23. 11. 2003. 180 Harms (2004, S. A 4) spricht von 35 Milliarden US-Dollar und dem ehrgeizigen Ziel, jährlich drei Millionen Studienrei- sende ins Land zu locken. 181 Vgl. Etzl 2003, S. 48 f. 484 Festivals von Ghat, das „Mahrajan“, im Jahr 1994 verfügt Libyen auch über ein attrakti- ves Kulturangebot. 182 3. Seit kurzem ist Libyen wieder leicht und billig zu erreichen. Libyen verfügt im Ver- gleich zum Niger über ähnliche Kostenvorteile in den Bereichen Lebensmittel und Treibstoff wie Algerien. Dennoch ist Libyen keineswegs billig, denn für 15 Tage Trek- king müssen bei deutschen Anbietern mindestens 2.300 € bezahlt werden. 4. Der größte Trumpf Libyens ist wohl die Sicherheit. Zwar haben im Dezember 2000 3 bewaffnete Schwarzafrikaner, die wahrscheinlich aus dem Tschad stammten, 183 am Kra- terrand des Wau en Namus 4 Deutsche und 6 Österreicher überfallen und beraubt, doch ist dieser Übergriff - im Gegensatz zu Algerien und anderen Regionen - ein Einzelfall geblieben. Andere Sicherheitsrisiken, nämlich Minenfelder im Grenzegebiet zum Tschad, sollten konsequent gemieden werden. 184 Der Wermutstropfen für Individualreisende nach Libyen liegt in den verschärften Einreisebe- stimmungen, denn seit 2003 werden Visa an Individualreisende nur erteilt, wenn sie in Be- gleitung eines einheimischen Führers und eines Polizisten auf Tour gehen, was natürlich mit hohen Kosten verbunden ist. 185 Für die Beschäftigungspolitik und für die Kontrolle der Indi- vidualtouristen ist dies freilich ein äußerst sinnvoller Schachzug. Inzwischen bringen die Ar- tefakte-Sammler auch aus Libyen viele einzigartige Stücke ins Ausland, 186 und erste ökologi- sche Schäden durch den Tourismus sind bereits bemerkbar. Im Vergleich zu den Schäden, die die Erdölindustrie anrichtet, seien diese Probleme nach der Ansicht von Kröpelin noch lange vernachlässigbar. 187 Dennoch erschrecken Prognosen für das Jahr 2020, die mit einer jährli- chen Zahl von über einer Million Besuchern rechnen… 188 Für den Niger stellt Libyen einen nicht minder bedeutenden Konkurrenten dar wie Algerien. Weil aber Libyen zumindest im Norden über eine relativ gute Infrastruktur 189 zu relativ hohen Preise verfügt, kann man annehmen, dass Libyen für den Niger eine ähnliche Rolle spielen könnte wie Tunesien: ein kontrollierter Spielplatz, um die Lust auf neue, außergewöhnliche Wüstenerfahrungen zu vertiefen. Dies könnte infolge der zügig voranschreitenden Entwick- lung Libyens sogar durch libysche Flugverbindungen in den Niger erleichtert werden. 12.3.2.3 Mali Das Land am Niger war bisher kein ernsthafter Konkurrent des Niger.190 Das Image Malis mit seinen Städten wie Djenne und Timbuktu entlang des Niger-Flusses und mit dem Gebiet der Dogon spricht mehr den klassischen Kulturtouristen an, während der Niger eher seine Natur- wunder vermarktete. Zwar verfügt auch Mali über breite landschaftliche Vielfalt wie den Ni- ger-Fuss, das Binnendelta und den Gebirgszug des Adrar Iforas. Die großen Wüstengebiete 182 Vgl. Hosni 2000, S. 48 f. Kohl (2002, S. 59) berichtet davon, dass Ghat zum Ziel einiger Schmiede-Familien aus Agadez wurde, die aus dem Niger gegen Ende der Rebellion auf der Suche nach besseren Arbeitschancen emigriert sind. 183 Vgl. den Augenzeugenbericht von Lembke/Schodl 2001, Sahara Info 4/2001, S. 41-43. 184 Vgl. Larboulette 2002, Web. 185 Vgl. Dollinger 2003, S. III; Becker 2003, SZ-Archiv, Web. 186 Vgl. Friedl 2003b. 187 Vortrag von Stefan Kröpelin, zit. in Kohl 2001a, S. 91. 188 Vgl. Kohl (2003, S. 9). 189 Die Kommunikationsinfrastruktur in Ghat ist nach Kohl (2002, S. 58) von ähnlich schlechter Qualität wie jene in Agadez. Zudem sollen in Libyens Süden immer noch spürbare Probleme bei der Versorgung mit Ersatzteilen, insb. für Fahrzeuge, vorherrschen (vgl. Kohl 2003, S. 29). 190 Vgl. Grégoire 1999, S. 294. 485 im Norden sind jedoch vergleichsweise. Daher spielt Mali mit 57 Trekking-Touren von deut- schen und französischen Anbietern eine eher untergeordnete Rolle. 191 Die wesentlichen Vorteile Malis liegen im Vergleich zum Niger in der relativ guten Bedie- nung durch Linien- und Charter-Flugverbindungen mit Frankreich; so wurde um das Jahr 2000 eine Direktverbindung Marseille – Gao neu eingerichteten. Dies förderte auch den Tou- rismus, sodass er mittlerweile als eine der wichtigsten Einnahmequellen des Landes gilt. 192 Dennoch beläuft sich das jährliche Touristenaufkommen lediglich auf 5 000 bis 6 000 Besu- cher, von denen etwa 65 % Franzosen sind. 193 Die Gründe für das geringe Aufkommen liegen in den zahlreichen Problemen, die ähnlich gelagert sind wie jene des Niger: 1. eine kümmerliche Infrastruktur, kaum ausgebildetes Personal, keine zielführende Tou- rismuspolitik 194 und 2. eine ähnliche Kostenstruktur: 15-tägige Touren sind erst ab 2.500 € zu haben, was kaum billiger ist als entsprechende Niger-Angebote. 3. Das größte Problem Malis ist ident mit dem Algeriens: die mangelnde Sicherheit: In den Jahren 1996-99 wurden in den Grenzgebieten Algerien/Mali, Nord-Mali und Maureta- nien/Mali 66 Touristenfahrzeuge ausgeraubt und drei Menschen getötet. Allein auf der Tanez- rouft-Piste von Algerien nach Mali kam es im Jahr 2000 zu 20 Überfälle auf Touristen. 195 Auch in den Folgejahren kam es zu weiteren Raubüberfällen mit Todesopfern. 196 Als Ursa- chen werden das große Bevölkerungswachstum und die hohe Arbeitslosigkeit unter den Ex- Rebellen in der Region Kidal genannt. 197 Deshalb blüht hier auch der Schmuggel. 198 Zusätz- lich wird Mali von algerischen Banditen und Radikalen als Rückzugsgebiet gezeigt hatte. Zu- dem kam es in den vergangenen Jahren wiederholt zu erneuten Kämpfen zwischen Tuareg- Rebellen und Regierungstruppen. Angesichts dieser Umstände stellt Mali für den Niger weniger ein konkurrierendes Touristen- ziel dar, als vielmehr einen gefährlichen Hinterhof für kriminelle Machenschaften, deren Ver- bindungen in den Niger an unheilvoller Bedeutung gewinnen könnten. 12.3.2.4 Mauretanien Mauretanien ist eine relativ junge Entdeckung des Sahara-Tourismus und entfaltete sich bis- lang auch nur langsam. Internationales Aufsehen erregte Mauretanien als Etappe der Rallye Paris - Dakar. In Mauretanien gibt es kaum Infrastruktur, d.h. kaum Hotels und Strassen. Sei- ne wesentlichen Attraktionen sind zahlreiche, vom Verfall bedrohte alte Lehmburgen entlang der Karawanerouten, vor allem aber die ausgedehnten Sandfelder des Erg Ouarane. 199 191 Vgl. Popp 2000, S. 57. 192 Vgl. Hosni 2000, S. 38. 193 Vgl. Desire-Vuillemin 2000, Web. 194 Vgl. Hosni 2000, S. 40 f. 195 Vgl. Kohl 2001a, S. 94. 196 Vgl. Larboulette 2002, Web. 197 Vgl. Georg Klute in: Johnson 2003a, Interview, taz, 15. 8. 2002 Web. In dieser Region wird auch das Salzburger Ehepaar vermutet, das Anfang des Jahres 2008 in Südtunesion entführt und bis zum Redaktionsschluss dieses Buches im November 2008 festgehalten worden sein soll. 198 Vgl. Stührenberg 2002b. 199 Vgl. Hosni 2000, S. 44 f 486 Für die französische Klientel hat sich Mauretanien rasch zur 4. wichtigsten Trekking- Destination entwickelt. Die Anzahl französischer Trekking-Angebote im Jahr 2000 für Mau- retanien (336, 16,2 %) war nur unwesentlich geringer als jene für Libyen (335, 16,2 %), aber um etwa 50 % höher als jene der französischen Niger-Touren (226, 10,9 %). Für die deutsche Klientel spielt Mauretanien mit 38 Touren (8,1 %) eine geringere Rolle als der Niger (66 Touren, 14,2 %) 200, obwohl zweiwöchige Trekking-Touren nach Mauretanien im Schnitt um 500 € billiger sind als jene in den Niger. Nachteilig für Mauretanien ist ebenfalls die mangelhafte Sicherheit. Wegen der geringen tou- ristischen Bedeutung wird in Mitteleuropa nur wenig Negatives über Mauretanien berichtet; allerdings wurde bekannt, dass dort im Jahr 1999 zumindest die 54 Teilnehmer der Rallye Paris-Dakar ausgeraubt worden waren. 201 12.3.2.5 Tschad Der Tschad war niemals ein ernsthafter Rivale des Nigers, obwohl das Land über unver- gleichliche Naturschönheiten verfügt, u.a. das Tibesti-Gebirge mit dem Emi Koussi, dem höchsten Berg der Sahara, oder das bizarre Enedi-Massiv, wo die Reste des Ur-Amazonas liegen und sogar noch einige Krokodile zu finden sind. Der Tschad bietet vor allem Exotik und Abgeschiedenheit. Doch diese resultiert aus dem größten Manko des Landes, der Sicher- heit. Über dreißig Jahre wurde das Land von bewaffneten Konflikten geprägt. Im Norden des Landes, wo die größten Naturattraktionen zu finden sind, herrscht auch weiterhin keine aus- reichende Sicherheit. 202 Und im Süden kommt es wiederholt zu bewaffneten Konflikten zwi- schen Rebellen und Regierungstruppen. Das Land verfügt außerhalb der Hauptstadt über keinerlei Infrastruktur, die Flugpreise in den Tschad sind extrem hoch, es gibt kaum qualifizierte Führer, und es gibt - trotz eines 1997 ein- gerichteten Tourismusministeriums - weder eine Tourismuspolitik noch ein internationales Marketing. 203 Eine Trekking-Reise im Tschad ist außerordentlich teuer: Für 17 Tage Trekking im Enedi werden 3.850 € und mehr verlangt. Daher beschränkten sich die Angebote im Jahr 2000 auch nur auf 6 deutsche und 61 französische Touren. 12.4 Schlussfolgerungen Die Kurzportraits der potenziellen Niger-Konkurrenten zeigen, wie unterschiedlich deren Struktur ist und dass nur im Fall Algeriens eine echte direkte Konkurrenz gegenüber dem Ni- ger besteht (Algerien). Dennoch darf es der Niger nicht verabsäumen, sich gerade mit seinen Besonderheiten - die außergewöhnlichen Wüstenformen und die weitgehend intakte Tuareg-Kultur - am europä- 200 Vgl. Popp 2000, S. 57. 201 Vgl. Kohl 2001a, S. 94. 202 Lt. Bericht des Weltreisenden Volker Rosenmayer wurde dessen für den Herbst 2003 gebuchte Reise in den Tschad we- gen neuerlich aufflackernder Konflikte abgesagt (Gespräch am 18. 12. 2003) 203 Vgl. Hosni 2000, S. 43 f. 487 ischen Markt zu positionieren, um im Bewusstsein der Wüsten-Fans präsent zu sein und vor allem um von den Auswirkungen des „Wüsten-Virus“ zu profitieren, der in den Besuchern marokkanischer, tunesischer und libyscher Wüsten zu wirken beginnt. In Anbetracht der aktu- ellen Strukturprobleme des Niger und noch viel mehr de seit 2007 herrschenden Rebellion sind solche Marketing-Visionen jedoch von sekundärer Bedeutung. 488 13 Das Reiseprodukt: Versuch der Evaluation einer Trekking-Reise ins Aïr Wie laufen Niger-Reisen ab, und wie sind sie ethisch zu bewerten? Die konkrete Umsetzung einer organisierten Reise ist gleichsam die Substanz des Tourismus. Sie charakterisiert jenen Zeitpunkt, in welchem es zum direkten Kontakt zwischen Touristen und Einheimischen kommt, in welchem der wichtigste Teil der Wertschöpfung anfällt, Vor- teile geschaffen, aber auch Schäden verursacht werden können. Das folgende Kapitel ist der Versuch, die Gesamtheit einer solchen Reise am Beispiel einer Trekking-Tour von Kneissl Touristik und Tchimizar Voyages von der Konzeption über die Vermarktung bis zur Durch- führung und Nachbereitung zu skizzieren und hinsichtlich des jeweiligen Grades der mögli- chen oder tatsächlichen positiven oder negativen Auswirkung zu beurteilen. 13.1 Methodik und Kriterien der Evaluation Im Folgenden wird untersucht, inwieweit die Trekking-Tour „Abenteuer Aïr-Ténéré“ von Kneissl Touristik den Kriterien einer nachhaltigen Tourismus-Entwicklung entspricht und zur positiven regionalen Entwicklung beiträgt. Dies soll für die Bereiche Umwelt, Wirtschaft und Sozialverträglichkeit untersucht und skizziert werden. Als empirische Grundlage dafür dienen meine eigenen Arbeiten zur Konzeption von Niger-Touren sowie meine Tätigkeit als Niger- Reiseleiter bei Kneissl Touristik. Durch die Kombination dieser Tätigkeiten war ich in der Lage, auf der Basis von Versuch und Irrtum Ideen gleichsam am „Reißbrett“ gemeinsam mit meinem Tuareg-Partner, Alhousseini Ibra, zu entwerfen, die Konzepte vor Ort mit Kunden auszutesten und in der Folge die Ergebnisse der Kundenevaluation einzuarbeiten, um die Qua- lität der Touren weiter zu verbessern. Alle beteiligten Personen, die Geschäftsführer von Kneissl Touristik, Orient-Abteilung, Herr Walter Reischauer (2000-2003) und Frau Mag. Elisabeth Kneissl-Neumayer, die Reisekunden von Kneissl und natürlich die Tuareg-Crew von Tchimizar Voyages, waren stets über meine laufende Forschung und die begleitenden Beobachtungen informiert. Unter solchen Umständen stellt sich zwangsläufig die Frage, ob die Rolle des Evaluierenden und des Evaluierten vereinbar ist. In gewisser Hinsicht unterliegt diesem Dilemma die gesam- te vorliegende Arbeit, doch wie sollte sich sonst das Unternehmen bewerkstelligen lassen, selbständig die touristischen Gegebenheiten eines Landes kritisch zu erfassen, Lösung zu er- arbeiten und umzusetzen und diese Umsetzung schließlich abermals an erarbeiteten Kriterien zu bemessen. Da die Forschung ein Einzelprojekt ist, obliegt es anderen zu beurteilen, ob es mir letztlich gelungen ist, einen möglichst hohen Grad von Unbefangenheit und Sachlichkeit aufrecht zu erhalten. In der Praxis liegt die Schwierigkeit der Evaluation hauptsächlich in der Festsetzung eines sinnvollen Bewertungsmaßstabes. Grob lässt sich trennen zwischen 1. dem, was jedenfalls wünschenswert, aber nur unter unverhältnismäßig hohem Aufwand durchführbar wäre (idealistisches Kriterium), 489 2. dem, was mit entsprechendem Engagement jedenfalls durchführbar wäre, ohne Schäden zu verursachen, 3. dem, was den üblichen Gepflogenheiten und insofern dem „örtlichen professionellen Standard“ entspricht, und 4. dem, was nach herrschender Ansicht zu unterlassen sei. Die bisherigen Betrachtungen des 2. Abschnitts verdeutlichen, dass sich im Agadez- Tourismus die Maßstäbe 3 und 4 teilweise überschneiden, dass also gewisse Formen des Tou- rismus, wie Dumping oder Einsammeln von Artefakten, üblich waren, was jedoch unter kei- nen Umständen vertretbar war. Insofern entsprechen diese beiden Maßstäbe mehr oder minder dem Status quo. Maßstab 2 ist somit das Mindestmaß, das bei einer Tour zu erfüllen wäre, um wenigstens als „vertretbar“ zu gelten. Fügt man nun noch eine dynamische Dimension hinzu, wonach jede Reise stets auch vermit- telnden, repräsentativen oder gar Vorbild-Charakter hat und dadurch längerfristig wirkt, so wird nachvollziehbar, dass es für ein nachhaltiges Reiseprodukt nicht genügen kann, nur die konstruktiven Mindeststandards zu erfüllen. Ein Reiseprodukt muss vielmehr auch danach gemessen werden, ob es eine gewisse Signalwirkung erzielt, die zur Stärkung einer nach- haltigeren Entwicklung beiträgt. Dem entspräche etwa das Engagement für Projekttourismus. Andererseits kann eine überzogene Orientierung eines Produkts an diesem hohen Maßstab unter Umständen zwar lokal höchst positive und vorbildliche Effekte erzielen, mittelfristig aber sogar die Wiederholbarkeit der Tour selbst gefährden, etwa weil die Tour zu teuer oder in ihrer Gestaltung zu wenig kundengerecht ist. An dieser Stelle sollte wieder darauf verwie- sen werden, dass Reiseprodukte - heute weniger denn je - nicht die moralische Missionierung der Touristen, sondern deren emotionale Bereicherung zum Ziel haben sollten. Aus dem Gesagten folgt, dass als Maßstab für die Evaluation einer Tour ein Grat zwischen Bestmöglichem und Wünschenswertem zu beschreiten ist. Die hier zu analysierende Kneissl- Tour dient somit weniger als Evaluationsobjekt, sondern viel mehr als ein Modell, wie Tou- ren, hinter denen ein bewusstes Engagement steht, in der Praxis ablaufen können. Die Tour dient somit auch der Entwicklung eines realistischeren Maßstabs für das, was möglich sei. Hierin liegt das eigentliche Dilemma dieser Evaluation: dass die Tour Objekt des Evaluierens und zugleich Indiz für einen sinnvollen Maßstab ist. Doch abermals kann ich feststellen, dass dieses Dilemma eine unvermeidliche Folge des vorliegenden Forschungsprojektes ist, näm- lich ob Tourismus zu den Tuareg vertretbar ist. Die vorliegende Bewertung hat somit nicht zum Ziel, die Kneissl-Tour möglichst „nachhaltig“, sondern eher möglichst realistisch darzu- stellen. 1 Gänzlich abhängig von meinen eigenen Beobachtungen und Reflexionen bin ich freilich nicht. Erfreulicherweise führten Baumgartner und Leuthold 2 im Jahr 2002 eine Evaluations- studie über zwei Wüstenreisen des Schweizer Unternehmens „Desert Team“ durch. Diese Studie diente mir sowohl hinsichtlich der Maßstäbe3 als auch der Methoden als Leitfaden. Methodisch wendete ich während der Kneissl-Touren überwiegend die teilnehmende Be- obachtung an, soweit dies neben meiner Tätigkeit als Reiseleiter möglich war. Darüber hinaus wendete ich die Methode der strukturierten Beobachtung an, wonach ich folgenden Aspekten besondere Aufmerksamkeit schenkte: 1 Besonders schwierig ist freilich die objektive Bewertung meiner eigenen touristischen Aktivitäten wie jene als Reiseleiter, aber auch als Tourist. Dennoch bin ich bemüht, auch diese möglichst sachlich - und versuchsweise auch selbstkritisch - dar- zustellen. 2 Vgl. Baumgartner/Leuthold 2002, veröff. in Baumgartner/Leuthold 2003. 3 Zuweilen kam ich nicht umhin, den von den Autoren angelegten Maßstab gleichfalls einer Kritik zu unterziehen. 490 ¾ die Schonung der lokalen Umwelt-Ökologie (Abfallbeseitigung, Brennstoffe, Wasser- schutz …) ¾ die Förderung lokaler Wertschöpfung (Einkauf, Fortbewegung, lokale Reisebegleitung ...) ¾ Rücksichtnahme auf soziokulturelle Aspekte (Kontakt mit Einheimischen, lokale Speisen, Kleiderordnung, Stellung der lokalen Angestellten …) ¾ Umgang mit den Reiseteilnehmern und der Gruppe (Information, Vermittlung von Inhalten, Lösung von Konflikten …) ¾ Vor- und Nachbereitung der Reise. Eine detaillierte und fundierte „Evaluierung“ würde freilich den Rahmen dieser Arbeit spren- gen. 4 Vielmehr gilt es, wesentliche Tendenzen, Schwachstellen und Entwicklungs- möglichkeiten zu orten und aufzuzeigen. Dabei wird besonderes Augenmerk darauf gelegt, inwieweit durch die angebotene Tour ein Beitrag zur nachhaltigen Regionalentwicklung ge- leistet wird. Dazu werden aufgezeigten Schwachstellen spezifische Vorschläge zur Verbesse- rung des Angebots im Sinne der Nachhaltigkeit gegenübergestellt. Damit soll einerseits eine gewisse Lernwirkung für Tchimizar Voyages und Kneissl Touristik und zugleich auch eine gewisse Vorbildwirkung für andere Unternehmen erreicht werden. Das Beispiel soll letztlich vor Augen führen, dass nachhaltige Tourismusentwicklung für Tourismusunternehmen kein unfinanzierbares Schlagwort sein muss. 13.2 Kneissl Touristik als Niger-Anbieter In groben Zügen wurde Kneissl Touristik bereits im vorherigen Kapitel charakterisiert. Dabei wurde deutlich, dass Kneissl Touristik über kein explizites Leitbild verfügt. Auch eine aus- drückliche Unternehmenspolitik ist den Unterlagen von Kneissl Touristik nicht zu entnehmen. Die oberösterreichische Firma besteht seit 1984. Im Jahre 1997 fusionierte sie mit dem regio- nalen Marktführer "sabtours", indem sie dessen Produkt „natur & reisen“ übernommen und integriert hat. Kneissl Touristik versteht sich explizit als Anbieter von qualitativ hoch- wertigen, preiswerten „Erlebnisreisen“ und „Kulturerlebnisreisen“ in nahezu alle Ländern der Erde, wobei die unterschiedlichsten Organisations- und Reiseformen angeboten werden. 5 Das Orient-Angebot wurde bis zum Jahresende 2002 vom damaligen Prokuristen von „natur & reisen“, Walter Reischauer, bestimmt und weitgehend gestaltet. Entsprechend dem Unter- nehmensnamen standen Erlebnistouren auf Allrad-Basis, Expeditionstouren und zunehmend auch Trekking-Touren mit Betonung des Naturerlebnisses im Vordergrund. Ich selbst war erstmals 1993 mit der Führung einer Australien-Rundreise als freier Mitarbeiter für „natur & reisen“ tätig. Alsbald wurde eines meiner Spezialgebiete der-Jemen und seit dem Jahr 2000 auch der Niger. 4 Die Evaluierungsstudie von Baumgartner/Leuthold (2002) umfasst rund 122 Seiten. 5 Vgl. Kneissl Touristik 2003, S. 2. 491 13.2.1 Die Produktpolitik Nach meinem Forschungsaufenthalt im Niger äußerte Reischauer im Frühling 2000 großes Interesse an der Konzeption von Niger-Touren für die Orient-Abteilung von Kneissl Touris- tik. Dies entsprach dem Selbstverständnis von Reischauer, Mitarbeiter, die mit einem Land durch persönliche Erfahrungen, theoretische Kenntnisse und Sympathie besonders verbunden sind, speziell in diesem Land einzusetzen, um so die Qualität und Verträglichkeit der Reise- produkte zu steigern. In der Folge wurde ich zum Zweck der Tour-Konzeption, -Organisation und -Leitung bei Kneissl Touristik fest angestellt. Mein damaliger Auftrag lautete, die im Zuge meiner Niger- Forschung gewonnenen Erkenntnisse in die Gestaltung von Niger-Angeboten einfließen zu lassen. Die angebotenen Produkte sollten umwelt- und sozialverträgliche Aspekte möglichst weitreichend berücksichtigen. Weiters wurde mir gestattet, den gesamten Prozess im Umfeld der Niger-Touren für meine wissenschaftliche Forschung zu beobachten und die Erkenntnisse daraus sowohl wissenschaftlich als auch für die Verbesserung der Touren zu verwerten. 13.2.1.1 Integration von Partnern in der Destination Eine wesentliche Voraussetzung für die Erfüllung meiner Aufgabe war die Zusammenarbeit mit dem Direktor von Tchimizar Voyages, Alhousseini Ibra dit Houché, mit dem ich erstmals 1997 den Niger bereist und der mich während meines Niger-Aufenthalts 1999-2000 betreut hatte. Mit ihm hatte ich im Feber 2000 für vier österreichische Touristen eine zufrieden stel- lend verlaufene Probetour durchgeführt, im Zuge derer auch eine traditionelle Hochzeit in Timia gefeiert wurde. 6 Sein Selbstverständnis als Reise-Unternehmer 7, seine Aufrichtigkeit, die Verbundenheit mit der Region auf Grund der räumlich weiten Verbreitung der Familie, sowie die geringe Größe seines Unternehmens waren die Kriterien für meine Entscheidung, diese Agentur zur Kooperation mit Kneissl Touristik auszuwählen. 8 Für die Entwicklung sämtlicher Niger-Angebote von Kneissl Touristik war die Beratung durch Houché und seinen Partner Houiah grundlegend. Im Herbst 2003 hatte Kneissl Touristik erstmals die Zusammenarbeit mit Tchimizar V. in Frage gestellt, nachdem vom marktdominierenden Unternehmen Tagelmust V. ein um 40 % günstigeres Angebot unterbreitet wurde. Meine Hinweise auf die herrschende Preisstruktur in Agadez, auf die Gefahr, die aus Dumping-Methoden resultieren sowie auf die spezifischen Stärken von Tchimizar V. - wie deren Bemühungen um die wirtschaftliche Integration der bereitsten Regionen etc. - überzeugten schließlich Kneissl Touristik, mit Tchimizar V. weiter zusammen zu arbeiten. 9 6 Siehe dazu das Kap. über „Potentielle Tourismusentwicklung in Timia: Vier Testprojekte“ 7 Vgl. dazu die Analyse von Tchimizar V. im Kap. „Struktur des Tourismus in Agadez/Agenturen/Selbstverständnis der Veranstalter“. 8 Näheres dazu unten. 9 Wie sinnvoll diese Wahl war, zeigte sich am 20. Feber 2004, als eine österreichische Reisegruppe in Betreuung von Tagel- must V. und unter der Führung von Eva Gretzmacher einmal mehr überfallen und ausgeraubt worden war (näheres siehe Kap. „Konflikte im Einzugsbereich des Tuareg-Tourismus“. 492 13.2.1.2 Die Entwicklung des Niger-Produkts Für den Katalog 2000/2001 wurden drei Reisetypen, davon zwei Trekking-Touren, konzipiert und mit drei Terminen ausgeschrieben. Davon wurde jedoch nur eine dreiwöchige Trekking- Tour mit den Schwerpunkten Bagzan, Mt. Greboun-Besteigung und einem dreitägigen Auf- enthalt in Timia realisiert. Die Tour war mit 12 Personen zu 75 % ausgelastet. Für die nächste Saison 2001/02 wurde die zweiwöchige Trekking-Tour wegen der verhältnis- mäßig hohen Kosten aus dem Programm genommen. Die Route der 3-wöchigen Trekking- Tour wurde adaptiert. Die Greboun-Besteigung hatte sich als zu anstrengend und auf Grund des an Schutthalden reichen Geländes als wenig befriedigend herausgestellt; der Aufenthalt in Timia mit drei Tagen war von den Kunden als zu lange bewertet worden. Der neue Schwer- punkt der Trekking-Tour lag nun - neben der beibehaltenen Bagzan-Überquerung - in der Durchquerung der Tamgak-Schlucht. Der Timia-Aufenthalt wurde auf 1 ½ Tage reduziert. Eine Straffung der Tour musste auch infolge der Schließung des Flughafens in Agadez vorge- nommen werden. Trotz des verbesserten Angebots konnte in der Saison infolge der New Y- ork-Anschläge vom 11.9.2001 keine Tour realisiert werden. Für die Saison 2002/03 wurden mit zwei Trekking-Touren und einer Allrad-Tour nach Bilma und ins Djado-Gebiet wieder drei Termine angeboten. Von diesen jeweils dreiwöchigen Tou- ren konnten im Winter 2003 eine Bilma-Tour mit 11 Teilnehmern und eine Trekking-Tour mit 15 Personen durchgeführt werden. Letztere wurde zudem von einer ORF-Radiore- dakteurin begleitet. Die durchschnittliche Auslastung lag bei 84%. Die administrative Realisierung dieser Touren war bereits in den Wirkungsbereich der neuen Leiterin der "Kneissl Touristik"-Orientabteilung, Frau Elisabeth Kneissl-Neumayer, gefallen, nachdem Walter Reischauer mit Jahresende 2002 in den Vorruhestand getreten war. Frau Kneissl hatte bereits im Vorfeld großes Interesse an meiner Arbeit und insbesondere an der Aufrechterhaltung eines verträglichen Reisekonzepts betont. 10 In der Folge wurde meine Ver- antwortung für die Gestaltung der Routenführung, des Katalogtextes und eines begleitenden Artikels zum Thema „Tuareg“ 11für einen Sonderkatalog bestätigt. Für das Jahr 2004 wurden wieder drei Touren angeboten. Da mein Forschungsziel im Niger im Wesentlichen erreicht war und ich zudem meine Lehrtä- tigkeit an der FH JOANNEUM in Bad Gleichenberg aufnahm, reichte ich für Ende September meine Kündigung ein. Um jedoch die Fortführung der bisherigen Linie zu gewährleisten, wurde ich von Kneissl Touristik bei der Suche nach einem geeigneten Reiseleiter miteinbezo- gen. Die Wahl fiel schließlich einhellig auf den ehemaligen Mittelschullehrer und Biologe Prof. Sepp Friedhuber, der auch über große Forschungserfahrung in der Zentralsahara verfüg- te. 12 Die für Feber 2004 angebotene Trekking-Reise wurde noch ein letztes Mal von mir per- sönlich geleitet. 10 Die Gespräche dazu fanden im Umfeld der Präsentation der Evaluation von Desert Team-Produkten durch „respect“ im Dezember 2002 statt, welche von Frau Kneissl besucht und auch kritisch kommentiert worden war. 11 Friedl 2003d, S. S. 18. 12 Friedhuber gestaltete u. a. die ORF-Universum-Sendung über den „Uramazonas“ sowie ein dazu erschienenes, namens- gleiches Buch (vgl. Friedhuber 2002). 493 13.2.1.3 Image der Niger-Touren In den von Reischauer betreuten Katalogen 13 wurde in expliziter Weise auf die besonderen Umstände der Reise, insbesondere die Notwendigkeit der kulturellen Anpassung an den Le- bensraum der Tuareg, hingewiesen. Bei den Bildern dominierten Fotos von Tuareg in ver- schiedenen Lebenssituationen, wodurch der Kontakt mit den Nomaden als wesentliches Rei- sethema unterstrichen wurde. Dagegen kamen Fotos von der Wüste nur vereinzelt vor. Im Katalog der Saison 2002/2003 wurde zusätzlich auch das Cover des Buches „Respektvoll reisen“ abgedruckt 14, um damit ein klares Signal an die Kunden zu geben. Nach der Restruk- turierung der Abteilungen und der Kataloge im Jahr 2003 wurde der einleitende Katalogtext auf den Hinweis reduziert, dass die Teilnehmer „körperliche Ausdauer und große Sensibilität“ für diese „außergewöhnliche Reise“ zu Menschen mit „erst wenig Erfahrung mit Touristen“ benötigen würden. 15 Der Reiseverlauf selbst wird in den wesentlichen Punkten umfassend und detailliert beschrieben. So werden auch die erhofften Begegnungen mit den Nomaden, z.B. in Timia, genannt. Ein Hinweis auf die Umwelt- und Sozialverträglichkeit der Tour un- terbleibt hingegen sowohl im Katalog, als auch in der viel knapper gefassten Homepage von Kneissl Touristik 16. Eine bereichernde Neuerung wurde hingegen in einem Sonderkatalog für aktuelle Winterreisen eingeführt. Dort wurde mir der Raum für einen größeren Artikel über die Tuareg, ihre Probleme, den Mythos und die neuere Tourismusentwicklung zur Verfügung gestellt, womit Kneissl Touristik nochmals ein klares Signal setzte. 17 13.2.1.4 Die Verwendung des Signals gegenüber Kunden Trotz der Offenheit von Orient-Direktorin Elisabeth Kneissl für verträglichen Tourismus be- schränken sich die Signale, die vom Unternehmen kommen, auf die wenigen genannten Be- reiche. Noch konnte dieses Konzept nicht an die Büro-Mitarbeiter in den Produktent- wicklungs- und Buchungszentralen vermittelt werden. Zwar wurde eine Kurz-Schulung der Mitarbeiter für Niger-Fragen in Aussicht gestellt, doch sollen dabei administrative und techni- sche Belange im Vordergrund stehen. Wo ich persönlich Einfluss nehmen kann, wird das Signal der Verträglichkeit deutlich gesetzt. So enthält das umfassende Niger-Informationsblatt für die Kunden neben Informationen über technische Reisebelange und über Land und Leute auch Angaben über begleitende Literatur, über Verhaltensrichtlinien („Wüsten-Knigge“) und sinnvolle Mitbringsel zu den Tuareg, z.B. für Schulbesuche etc., Hinweise auf ökologisch verträgliche Verhaltensweisen und sogar auch einen kleinen Tamaschek-Sprachführer. 18 Darüber hinaus brachte ich dieses Signal im Zuge meiner Niger-Diavorträge, die einen wesentlichen Werbefaktor darstellen, deutlich ein. Auch bei den Besprechungen mit Tchimizar V. zur Optimierung der Tourabläufe stellt dieses Signal ein wesentliches Kriterium dar, auch wenn die traditionelle Kommunikationsstruktur 13 Vgl. Kneissl Touristik 2000, S. 76; Kneissl Touristik 2001, S. 76; 14 Kneissl Touristik 2002, S. 65. Im Übrigen war es mir gestattet, die Bücher im Zuge meiner Reiseleitungen an interessierte Kunden zu verkaufen. 15 Kneissl Touristik 2003, S. 18. 16 www.reise.at 17 Vgl. Kneissl Touristik 2003a, S. 18. 18 Kneissl Touristik 2003b, Niger Informationsblatt. 494 mancher Führer, wie Houiah, zuweilen die Vermittlung dieses Gedankens erschwert. 19 Stan- den während der Tour wichtige Entscheidungen zur Diskussion, so war das Kriterium der Verträglichkeit ausschlaggebend. Gegenüber den Kunden wurde die Umwelt- und Sozialverträglichkeit sowohl in den Vorbe- sprechungen als auch durch die Übermittlung von Hintergrund-Artikeln über meine Niger- Forschung bzw. über nachhaltigen Tourismus vermittelt. Während der Touren waren konkrete Handlungsanleitungen sowie Vorträge zu solchen und zu verwandten Themen ein wesentli- cher Bestandteil der Tour. 13.2.1.5 Mängel Ist auch Kneissl Touristik bemüht, Anregungen zur Optimierung der Tour anzunehmen, so verabsäumt es das Unternehmen bedauerlicherweise völlig, ein entsprechendes Image nach außen zu tragen. An entsprechender Schulung der Mitarbeiter mangelt es ebenfalls. Dies ist wohl mit dem Fehlen eines entsprechenden Leitbildes zu erklären. Damit wird freilich eine große Chance vertan, sich auf dem Markt zu positionieren. Dies können auch die merk- lichen Buchungseinbrüche nach dem New-York-Anschlag nicht entschuldigen. Vielmehr soll- te gerade in Zeiten der Terror-Angst nach außen verdeutlicht werden, dass die vorherrschende Strategie des „Mehr von dem selben“ letztlich zur Verstärkung der Terror- und Kriminalitäts- Ursachen beitrage und somit Produkte wie die Niger-Tour ein Schritt in die richtige Richtung seien. Baumgartner und Leuthold 20 sehen als wichtiges Kriterium der Nachhaltigkeit eines Reise- veranstalters auch das Unterlassen des Transports von „Klischeebildern, Erwartungsha- ltungen“. Dem ist die zentrale kommunikative Funktion von Klischees entgegenzuhalten. Rei- sen werden auf Grund von Erwartungen unternommen, 21 und Appelle an diese Erwartungen sind wesentliche Instrumente des Marketings. Andernfalls blieben solche Reisen weitgehend unverkäuflich. Freilich gibt es auch hier Grenzen des Anstands, etwa wenn der explizite Be- such von Sklaven oder von „verführerischen und lebenshungrigen“ Tuareg-Mädchen ange- kündigt wäre… Äußerst mangelhaft und bislang noch wenig benutzerfreundlich ist die Homepage von Kneissl Touristik. Über lange Perioden wurde überhaupt auf eine Niger-Seite verzichtet. Wenn es sie gibt, beschränken sich die verfügbaren Informationen auf das notwendige Minimum, obwohl gerade das Internet hervorragende Möglichkeiten zur Informationsvermittlung beinhalten würde. So wäre hier ohne großen Aufwand ein Hinweis auf die Partner-Agentur Tchimizar V. und deren Homepage 22, Hinweise auf die lokalen Besitzverhältnisse, Maßnahmen zur Förde- rung der Region, zur Schonung der Ressourcen u. dgl. zielführend. Besonders aufschlussreich wären auch Hinweise über die Aufteilung des Reisepreises. 23 Derartige Informationen sind letztlich nur über direkten Kontakt mit mir persönlich möglich. 19 Siehe Kap. „Strukturelle Probleme der Tourismusentwicklung in Agadez/Qualifikationsmängel/Fähigkeiten des Reiselei- ters - Lehrinhalten vs. Praxis“. 20 Vgl. Baumgartner/Leuthold 2002, S. 9. 21 Siehe dazu Kap. „Wahrnehmung und Interaktion zwischen Reisenden und „Bereisten“/Die Funktion von Klischees und Stereotypen“. 22 www.tchimizar.at 23 Dazu sogleich. 495 Eine Buchung über das Internet ist derzeit gleichfalls nicht möglich. Hingegen funktioniert der eMail-Verkehr zufrieden stellen. Eine Analyse der Büro-Ökologie wurde nicht durchgeführt. 13.2.2 Der Reisepreis Der Reisepreis ist ein entscheidender Faktor für die Frage, ob ein Produkt in ökonomischer Hinsicht zur nachhaltigen Entwicklung des Reisegebiets beiträgt oder nicht. 24 13.2.2.1 Der Preis der Kneissl Touristik-Tour Die Trekking-Tour von Kneissl Touristik ist für das Jahr 2004 mit 3.860,00 Euro veran- schlagt. Darin enthalten sind 25 ¾ 390 - 470 € Provisionen (10-13 %) für Buchungen in Kneissl-fremden Reisebüros ¾ 1.100-1.300 € für ein Flugticket von Wien über Paris nach Niamey und retour ¾ 1.600 € an Tchimizar V. zur Deckung des kompletten Arrangements im Zielgebiet26 ¾ zwischen 235 und 470 € betragen die Kosten für den Reiseleiter (Honorar, Sozialab- gaben 27 und Flugticket 28), je nach Größe der Reisegruppe bei mindestens 8 und höchs- tens 16 Reiseteilnehmern 29 ¾ 20-50 € Spesen des Reiseleiters, wovon rund 40 % im Niger ausgegeben werden ¾ 690 € (18 %) Anteil an den laufenden Unternehmenskosten, Marketing etc. Im ungünstigsten Fall kostet eine Tour für Kneissl Touristik bei 8 Teilnehmern rund 4.580 € und ist somit bei weitem nicht kostendeckend. Im günstigsten Fall kostet dieselbe Tour bei voller Auslastung, früher Buchung direkt bei Kneissl T. und zu günstigeren Tickettarifen knapp 3.500 Euro. Der bedeutendste Faktor des vom Kunden bezahlten Preises ist zwar der in den Niger an Tchimizar V. abgeführte Betrag, dennoch beläuft sich dieser infolge des hohen Flugpreises nur auf 41 %. Zieht man die realen Kosten inkl. des Deckungsbeitrags als Berechnungs- 24 Die folgenden Angaben beruhen auf eigenen Recherchen, Angaben von Tchimizar V. und Auskünften von Kneissl Touris- tik. 25 Jeweils auf 10 Euro gerundet: Die folgenden Angaben von Kneissl T. 26 Nach Auskunft von Kneissl Touristik werden nur 1.450 € an Tchimizar V. bezahlt. 27 Der Aufwand für die Personalkosten umfasst 145 - 290 € bei einer Basis von 100 € pro Tag bei 23 Reisetagen ab Wien, plus Sozialabgaben von 15 - 30 €, deren Höhe von der jeweiligen Konstruktion des Beschäftigungsverhältnisses abhängt. 28 Der Flugkostenaufwand beläuft sich auf 70 - 160 €, je nach Ticketpreis und Gruppengröße. 29 Kneissl Touristik bezieht in der betriebsinternen Kalkulation auch das Landarrangement des Reiseleiters mit ein, was einem zusätzlichen Kostenaufwand von 90 - 180 € entspricht. Demgemäß entspräche die Gesamtbelastung durch den Reiseleiter zwi- schen 325 und 650 €. Tatsächlich wurden aber Kneissl T. bislang noch nie die Kosten für den Reiseleiter vor Ort durch Tchimi- zar V. verrechnet. 496 grundlage bei einer Auslastung von 8 Personen heran, beläuft sich der Niger-Kostenanteil nur noch auf 35 %. Der Rest des Reisepreises bleibt in Europa. Damit wird aber auch ersichtlich, dass das relativ hohe Niveau des Preises von Kneissl Tou- ristik nur bedingt auf die hohen Flugpreise vom Standort Österreich aus und auch nur bedingt mit dem relativ hohen Preisniveau des Niger zu erklären ist. 13.2.2.2 Die Preisstruktur von Tchimizar Voyages im Niger Tchimizar V. erhält für seine Leistungen von Kneissl Touristik 1.600 Euro. 30 Damit sind fol- gende Ausgaben, berechnet auf der Basis von 8 bzw. 16 Gruppenteilnehmern, zu decken: ¾ 145-160 € (11 - 10 %) für Unterbringung und Verpflegung von Niamey bis Agadez ¾ 515-605 € (38 %) für motorisierte Transporte (Transfers, Fahrten mit Allradfahrzeugen) ¾ 150-210 € (9 - 14 %) für Personalkosten (Chauffeure, Führer, Köche etc.) ¾ 150-180 € (9 - 11 %) für Güter der traditionellen Wirtschaft (Frischlebensmittel, Ka- melmiete) ¾ 350-390 € (22 - 25 %) für importierte Verbrauchsgüter (Treibstoff, Konserven) somit etwa 1300-1550 € als Gesamtsumme Zu den aufgelisteten, variablen Kosten kommen noch die Ausgaben für Steuern, Abgaben, Bürobetrieb und -personal, für Ausrüstungsgegenstände, wie Zelte, für Fahrzeugreparaturen, Reifen, Ersatzteile etc. Dies bedeutet, dass eine Reise mit 8 Personen bei einem Preis von 1.600 € pro Person für Tchimizar V keinesfalls kostendeckend durchgeführt werden kann. Reale Verdienstmöglichkeiten bestehen unter solchen Umständen nur durch selbst erbrachte Dienstleistungen als Fahrer oder durch Fahrzeugvermietung. Diese Auflistung verdeutlicht aber auch die Dimension der regionalen Wertschöpfung bei Trekkingtourismus im Bereich der traditionellen Wirtschaft. Diese beläuft sich bei einem Trekking-Zeitanteil von sieben Tagen auf 7 - 8 %. Dieser relative geringe Gesamtanteil er- klärt sich aus dem Umstand, dass die Fahrzeuge während der Trekkingetappen zwar nicht un- mittelbar gebraucht werden (die Trekking-Route führt durch unwegsames Gelände), aber auch nicht anderweitig einsetzbar und darum zu bezahlen sind. Eine anteilsmäßig höhere Wert- schöpfung bei geringerem Einsatz könnte erzielt werden, wenn die Trekkingtouren nicht so weit von Agadez stattfinden und mindestens 8 Tage ohne Unterbrechung dauern würden. Dann wären die Fahrzeuge während der Trekking-Tour anderweitig einsetzbar, und die Ge- samtkosten würden sinken. Diese Variante hat jedoch auch erhebliche Nachteile: 1. die Integration zweier wenig bereister, wirtschaftlich deutlich unterentwickelter Rand- regionen (Tamgak, Bagzan) wäre nicht mehr gegeben 2. die Wertschöpfung für die traditionelle Wirtschaft wäre auch personell stärker konzen- triert, weil dann nur noch eine Gruppe aus einer Region profitieren würde, 3. die ökologisch zwar geringe, aber doch vorhandene Belastung würde sich auf die ohne- dies ökologisch massiv unter Druck stehende Region um Agadez verlagern und dadurch Nutzungskonflikte um Holz und Wasser verschärfen. Dagegen stehen insbesondere im Tamgak nahezu „unerschöpfliche“ Vorräte an Holz und an Wasser zur Verfügung. 30 Die folgenden Angaben beruhen auf einer Kalkulation aus dem Jahr 2002. 497 Die gesamte Wertschöpfung für den Niger abzüglich der unmittelbar verbrauchten Importgü- ter, jedoch ohne die Abzüge für langfristige Importgüter wie Ausrüstungsgegenstände, Fahr- zeuge etc. beläuft sich auf rund 75 % des an Tchimizar V. bezahlten Reisepreises. Die Wert- schöpfung in der Region Agadez, bei einer Anreise über Niamey, beläuft sich auf rund 58 %, was den großen Kostenfaktor dieses enormen Umwegs verdeutlicht. Diese Werte sind für ein Binnenland ohne nennenswerte Industrie relativ hoch und erklären sich aus der Nutzung tradi- tioneller Wirtschaftsgüter. Freilich sieht diese Bilanz weniger erfreulich aus, wenn sie um die langfristigen Investitionsgüter berichtigt wäre. Da aber besonders von kleinen Agenturen Fahrzeuge i. d. R. gebraucht und zu äußerst günstigen Preisen gekauft werden 31, und auf Grund des trockenen Klimas über eine lange Nutzungsdauer verfügen, halten sich die Abflüs- se dafür in Grenzen. Andererseits sind in dieser Wertschöpfungskalkulation folgende Zuflüsse nicht enthalten ¾ die Ausgaben für Unterbringung und Tamtam-Veranstaltung in Timia (ca. 15-20 €/Person) ¾ die Ausgaben des Reiseleiters vor Ort, inkl. Trinkgelder (ca. 10-20 €/Person) ¾ sämtliche Trinkgelder der Reiseteilnehmer (in meinen Gruppen ca. 50-70 €/Person) ¾ Umsätze für Souvenirs (100 - 200 €/Person) Ich wurde oft von Personen, die sich für eine Niger-Reise interessierten, nach dem Grund für den hohen Preis gefragt. Landläufig ist die Vorstellung verbreitet, eine Reise in ein armes Land müsse auch billig sein. Das trifft auch zu, vorausgesetzt, man reist auf die gleiche Weise wie die Einheimischen mit öffentlichen Verkehrsmitteln, mit 25 Personen in einem Minibus, der für 12 Personen zugelassen ist. Eine Reise aber, die ein Mindestmaß an Komfort bieten soll, hat ihren Preis, wobei der Löwenanteil für Organisation, schnellen Flug und fachkundige Begleitung aufzuwenden ist. Ob etwa der Kostenanteil von 6-12 % der 3.860 € für den Reise- leiter gerechtfertigt sind, soll der nächste Abschnitt überprüfen. 13.2.3 Der Reiseleiter Die Rolle des Reiseleiters ist für das Gelingen einer Gruppenreise, für die sachgerechte Ein- weisung und Animation der Teilnehmer, für die interkulturelle Vermittlung zwischen Reisen- den und Einheimischen 32 sowie für die Verhinderung von unverträglichen Maßnahmen und Verhaltensweisen 33 von überragender Bedeutung. 34 Um dieser großen Verantwortung ent- sprechen zu können, sollte der Reiseleiter über zahlreiche fachliche, organisatorische und kommunikative Kenntnissen verfügen. Kneissl Touristik betont explizit die herausragende Bedeutung des Reiseleiters für das Gelin- gen einer Reise. 35 Wie steht es nun um die nachweislich vorhandenen Kompetenzen des Ni- ger-Reiseleiters, und inwiefern entsprechen diese den Anforderungen eines nachhaltigen Rei- seprodukts? 31 Die Anschaffungskosten liegen i. d. R. um die 5000 Euro. 32 Vgl. Niemeyer 1985, S. 86 ff. 33 Vgl. Boret 2003. 34 Vgl. Friedl 2002, S. 133 ff.; Schmeer-Sturm 1997, S. 8 ff. 35 Vgl. Kneissl Touristik 2003, S. 1. 498 Da eine Selbstevaluation wenig glaubwürdig wäre, halte ich mich hier eng an die Kriterien von Baumgartner und Leuthold: 36 1. „Biographisch begründetet persönliche Bindungen“ zum Reiseland bestimmen wesent- lich die positive Haltung des Reiseleiters gegenüber dem Land, den Menschen und den Kooperationspartnern: In meinem Fall ist dies mein langer Forschungsaufenthalt in Agadez und in Timia, meine vor Ort initiierten Projekte und meine engen Freundschaften zu zahlreichen Personen in den Rei- segebieten, insbesondere natürlich zu den Mitarbeitern von Tchimizar V. 2. „Über den persönlichen Kontakt ist hohes Vertrauen zwischen Reiseveranstalter und Partnern und Partnerinnen in den Destinationen gegeben, das sich auch positiv auf die Angebotsgestaltung auswirkt (Innovation, Flexibilität, Engagement und Sicherheit in den Destinationen ist im höchsten Maß gegeben)“: Wie bereits erwähnt, wurden die Touren gemeinsam mit Tchimizar V. gestaltet und werden auch während der Reise bei Notwendigkeit einvernehmlich adaptiert. Dabei liegt uns die Zu- friedenheit der Kunden, des Teams und besonders der Personen entlang der Reiseroute, vor denen ich mich gleichfalls rechtfertigen muss, am Herzen. 3. „Die Zusammenarbeit mit Freunden wirkt sich positiv auf die Möglichkeit für Reisende aus, in direkten Kontakt mit der Bevölkerung zu kommen (um an dieser Freundschaft teilhaben zu können)“: Mein Konzept der Niger-Reise baute wesentlich auf der Kooperation mit Freunden vor Ort auf, wovon die Kunden besonders in Agadez, in Timia und im Tamgak profitierten. Beson- ders in Timia werden die Kunden in meiner Begleitung infolge meiner Verbundenheit mit dem Dorf herzlichst aufgenommen. Außerhalb der Dörfer, wo ich Nomaden nicht persönlich kenne, profitieren wir durch die weitreichenden verwandtschaftlichen Beziehungen der Mit- arbeiter von Tchimizar V. 4. „Über persönliche Bindungen zum Land ergeben sich mehr Einblick in Kultur und Strukturen (…), die bei Problemen (z.B. Übergriffen auf Reisende, gruppendynami- schen Konflikten, Notfällen) auch über ‚normale’ Maßnahmen hinausgehende und ra- schere Lösungen finden lassen (z.B. direkter Kontakt zum Vorgesetzten, der sofortiges Handeln ermöglicht)“: So konnten wir ohne Schwierigkeiten die Schulen und Projekte in Timia oder Chirfa (Djado) besuchen; in Agadez genießen wir besonderen Schutz vor zudringlichen „Chasses de tou- ristes“. Dank der guten Beziehungen von Tchimizar V. zu integrierten Rebellen unter den Sicherheitsbehörden wurden wir an militärischen Checkpoints besonders rücksichtsvoll be- handelt. 5. „Weil (…) individuelle Betroffenheiten und persönliches Engagement konstitutiv für diese besondere Form der Reiseangebote sind, betreffen auch die Probleme und Kon- flikte, die durch diese Reisen entstehen, die Akteure und Akteurinnen (…) selbst.“: Infolge der engen Verbundenheit mit der Region lege ich besonderen Wert darauf, „meine Wüste“ nicht zu verschmutzen oder in den Wasserlöchern, aus denen „meine“ Tuareg-Freun- de ihr Trinkwasser schöpfen, kein Shampoo zu verwenden. 6. Meine Begeisterung für die Region, deren Bewohner wie auch deren landschaftliche Schönheiten, motivieren besonders dazu, „individuelle Interessen zu erfüllen, an euro- päisch besetzte romantische Sehnsüchte (…) anzuknüpfen und die eigene Faszination an der Wüste auszuleben, ein anspruchsvolles Reiseangebot für den interessierten Na- 36 Baumgartner/Leuthold 2002, S. 10. 499 tur- und KulturtouristInnen zu bieten und mit eigenen Wünschen nach einer Verbesse- rung der Lebenssituation von Partnern und Freunden vor Ort zu verbinden.“ 7. „Die Identifikation mit der eigenen Arbeit und die Verquickung mit biographisch- persönlicher Lebensgestaltung (fordern) einen hohen Anspruch an Selbstreflexion und Selbstkritik an die Einzelpersonen, um das Angebot weiterzuentwickeln. Denn diese Weiterentwicklung enthält immer zugleich auch eine Identitätsarbeit der Personen an sich selbst“: Im Zuge meine praxisorientierten Forschung, die ursprünglich aus meiner Sympathie (und auch Faszination) für die Tuareg-Bevölkerung genährt wurde, lerne ich eigene Mythen und Vorurteile sowohl gegenüber den Tuareg als auch gegenüber den Touristen kritisch zu hinter- fragen und differenziertere Sichtweisen zu entwickeln, die einen interkulturellen Brücken- schlag fördern. 8. Darüber hinaus verfüge ich durch meine Forschung auch über enormes Sach- und Hin- tergrundwissen, von dem die Reisenden profitieren können. Diese Vorteile können jedoch auch gewisse Nachteile mit sich bringen. 1. Das reichhaltige Wissen verleitet dazu, in missionarischem Eifer im Sinne eines aka- demischen Bildungstourismus 37 anstatt im Sinne der Ökotourismusphilosophie38 die Kunden mit Wissen zu erdrücken anstatt anzuregen. Glücklicherweise wurde ich von meiner Gruppe rechtzeitig eingebremst, worauf ich mich wieder mehr auf deren Inte- ressen als auf meine Vermittlungsbedürfnisse konzentrierte. 2. Die enge Bekanntschaft an Orten wie Agadez und Timia und die dadurch eröffneten Chancen der Begegnung sind auch mit enormem Stress für den Reiseleiter verbunden. Im Bemühen, möglichst niemanden zu verletzten, es jedem recht zu machen, persönli- che Verpflichtungen, wie etwa Begrüßungsrituale, zu erfüllen, gerät man unter emotio- nalen Leistungsdruck bis an die Grenzen der Belastbarkeit. Die 1 ½ Tage in Timia sind insofern für alle Beteiligten ein großartiges, unvergessliches Erlebnis, für mich selbst aber auch extrem anstrengend, wodurch die Gefahr, Fehler zu machen oder jemanden ungewollt zu verletzten, steigt. Die Alternative, noch länger zu verweilen, stößt auf Grund der Flugverbindung an logistische Grenzen und bei den Kunden auf wenig Inte- resse. 39 So bleibt als Lösung nur innere Disziplin und Gelassenheit. 3. Gelassenheit und Geduld war wohl meine größte persönliche Schwäche. Im Bedürfnis, eine hervorragende Tour von höchster Qualität zu gestalten, projizierte ich entgegen besserem Wissen überzogene Erwartungshaltungen an die Tuareg-Crew, was sich vor allem in deplazierter Nervosität meinerseits äußerte. Bis zu meiner letzten Tour lernte ich schließlich, diesen Mangel zu beherrschen und auch innerlich „cool“ zu bleiben - und siehe da: Tchimizar V. gelang nach meinem subjektiven Empfinden die beste aller bisheriger Touren. 40 37 Vgl. Schäfer 2001, S. 36 ff. 38 So unterstreichen etwa Ham & Weiler (2000, S. 2 f.): “Interpretation lies at the heart and soul of what ecotourism is, and what ecotour guides can and should be doing,” führen aber näher aus, diese Interpretation müsse in Form von “high quality, informative and entertaining commentary vermittelt werden.” Vgl. auch Cohen, Cohen & Ifergan 2002. 39 An der Tour 2001 waren die 3 Tage Aufenthalt in Timia überwiegend als zu lang kritisiert worden, worauf der Aufenthalt auf 1 ½ Tage verkürzt wurde. 40 Auch die abschließenden Gästebefragung erbrachte das bestmögliche Urteil. 500 13.2.4 Information Wer mehr weiß, sieht mehr. Es gilt in erster Linie die Unwissenheit und weniger die Bös- artigkeit als Ursache für die meisten Fehltritte der Touristen. 41 Erfahrungsgemäß benötigen interessierte Reisegäste im Entscheidungs- und Vorbereitungsstadium einer Reise allgemeine, technische Informationen. Erst wenn der Kunde solche Fragen abgeklärt hat, öffnet er sich für die eigentliche Information über Land, Sitten, entsprechendes Gastverhalten und sonstige Be- sonderheiten. 42 13.2.4.1 Generelle Kunden-Informationen Die Informationspolitik von Kneissl Touristik ist im Bereich der Niger-Reisen 43 umfangreich und umfasst ¾ das detaillierte Reiseprogramm ¾ auf Wunsch und mit Genehmigung der Betreffenden die Liste der Teilnehmer ¾ ein 13-seitiges, dicht beschriebenes Informationsblatt mit Hinweisen über - Gesundheits- und Sicherheitsfragen - eine Ausrüstungs- und Packliste inkl. Tipps für Geschenke für Schulbesuche etc. - besondere Klima-Informationen, verbunden mit dem Hinweis auf die Notwendigkeit von luftiger UND warmer Kleidung - technische Fragen, darunter auch Ausrüstungstipps für Fotografen - Verhaltenstipps („Wüstenknigge“), die auch Verhaltenshinweise für Fotografen um- fassen - Landeskunde - eine umfangreiche Literaturliste für Sachbücher, Belletristik, Sprach- und Reise- führer etc. sowie weiterführende Web-Links - einen kleinen Tamaschek-Sprachführer ¾ Sobald Niger-Interessenten namentlich bekannt waren, kontaktierte ich sie persönlich, um ihnen Auskünfte auf spezielle Fragen anzubieten. ¾ Zudem versorgte ich die Kunden per E-Mail oder CD-Rom mit gescanntem Karten- material und mit vertiefendem Lesestoff (Niger-Artikel, -Reportagen, Auszüge aus 41 Vgl. Adler 1988, S. 80. 42 Vgl. Hartmann 1982a, S. 33 ff. 43 Die Informationsvermittlung geschieht wesentlich auf mein Betreiben. Nachdem ich wegen meiner Anstellung als FH- Dozent meine Kündigung bei Kneissl Touristik eingereicht hatte, wurde ausdrücklich auf meine weitere (kostenlose!) Bera- tung von Niger-Kunden verzichtet. Sogar die von mir arrangierten Marketing-Aktivitäten wie Reportagen über den Niger in der Radioserie „Ambiente“ oder Veröffentlichungen in Reisemagazinen (vgl. Friedl 2003c) wurden von Kneissl T. dafür kritisiert, dass meine Adresse als Kontaktstelle für Anfragen genannt worden war bzw. aufschien. Erst nachdem ich mich bereit erklärt hatte, noch ein letztes Mal eine Tour im Feber 2004 zu führen, war mein Know-how wieder gefragt. Dem ge- genüber war meine (kostenlose) Beratung des Niger-Konsulats wie auch des Österr. Außenministeriums (Köck, Mail vom 22. 3. 2004) stets willkommen. 501 meiner Dissertation, Details über Tchimizar V. etc.). Einen Schwerpunk der Beiträge bildete die Thematik der nachhaltigen Tourismusentwicklung im Niger. ¾ Bei entsprechend großer Nachfrage und nicht unverhältnismäßig großem Zeit- und Wegaufwand veranstaltete ich zudem persönliche Vorbereitungstreffen. ¾ Während der Anreise nach Agadez wurden die Kunden zur Überbrückung der monoto- nen Fahrt durch den Sahel sogar in einem „Schnellsiede-Kurs“ die wichtigsten französi- schen Phrasen beigebracht. ¾ Darüber hinaus wurden alle nur erdenklichen Themen, soweit sie notwendig waren und auf Interesse stießen, diskutiert. 44 Dieses Informationsangebot übertrifft bei weitem jenes der von Baumgartner und Leuthold evaluierten Sahara-Touren. 45 Einige wenige dort genannte Kritikpunkte betreffen auch die Kneissl-Tour: ¾ Ich lieferte keine Informationen über Gefahren durch wilde Tiere. 46 Im Niger hatte ich erst ein einziges Mal an einer entlegenden Stelle einen Skorpion gesehen. Die Schlan- gengefahr halte ich mittlerweile für realistisch, seit wir beim Aufstieg auf den Tamgak im Feber 2004 an einer kleinen Hornviper vorbeimarschiert waren. Für die Zukunft sollten solche Hinweise bei den Gruppenbesprechungen vor Anbruch der Allrad-Reisen nicht fehlen. ¾ Die Anregung von Informationen zu Tierspuren halte ich für äußerst sinnvoll und vor allem sehr bereichernd für das Erlebnis der Wüste. 13.2.4.2 Informationen zur Förderung umweltfreundlichen Verhaltens Hier sieht die Bilanz der Kneissl-Tour nicht ganz so gut aus. Zwar versuche ich selbst in mei- nen Publikationen 47 und Workshops umweltverträglichere Formen der Anreise schmackhaft zu machen, doch weise ich stets auch auf die Erschwernisse wie Zeit- und Kostendruck hin. Kneissl Touristik entspricht jedenfalls nicht den Kriterien von Baumgartner und Leuthold, wonach 48 ¾ die Anreise zum Flughafen durch öffentliche Verkehrsmittel gefördert werden sollte. Jedoch besteht auf Grund der Übermittlung der Teilnehmer-Adressen die Möglichkeit des Car-Sharings. ¾ Über den Energieverbrauch gibt es keinerlei Transparenz. Hier sollten Maßnahmen zur Verbesserung der Öko-Bilanz der Anreise verbessert werden, etwa durch das Angebot verbilligter Bahnkarten. 44 Näheres dazu sogleich. 45 Vgl. Baumgartner/Leuthold 2002, S. 34 f., 101 f. 46 Vgl. ebd., S. 36. 47 Friedl 2002a, S. 31; Friedl 2002d. 48 Vgl. Baumgartner/Leuthold 2002, S. 9, 36. 502 13.2.4.3 Informationen zu Aspekten der Nachhaltigkeit Derartige Aspekte werden zum Teil über das Informationsblatt als auch durch die bereit- gestellte Zusatzliteratur vermittelt. Spezielle Informationen über die Zusammensetzung des Preises, über lokale Besitz- verhältnisse, insbesondere der genutzten Hotels und der Partner-Agentur-Geldflüsse oder öko- logische Maßnahmen wurden auf Anfrage zur Verfügung gestellt. Vereinzelte Kunden ma- chen ihre Buchung sogar explizit von der hinreichenden Nachhaltigkeit der Reise abhängig. Insofern sind derartige Informationen zwar durch mich erhältlich, werden aber nicht vorder- gründig angeboten. Wie anfangs dargestellt, entspräche dies bedauerlicherweise nicht dem Selbstverständnis von Kneissl Touristik. In Summe bin ich der Ansicht, dass ein Mehr an Informationen der „Förderung sozialverant- wortlichen Denkens und Handelns (sowie der) Förderung der Auseinandersetzung mit dem Reiseziel“ keineswegs zuträglich wäre. Eine Urlaubsreise wird auch aus Interesse, doch pri- mär aus Gründen des Erlebnisses, der Erholung, der spirituellen Erfahrung und der Begeg- nung mit der Natur, in den seltensten Fällen aber aus Bildungswut gewählt. 49 Berechtigt ist in jedem Fall die Kritik am mangelhaften Signal der Nachhaltigkeit dieser Tour nach außen. 13.3 Die ökologische Bilanz der Reise 13.3.1 Die Energiebilanz „Der Energieeinsatz und die damit verbundenen Klimaprobleme durch die Flüge ins Mittel- meergebiet stehen außer Frage. Realistischerweise lassen sie sich aber, wenn man die Reise nicht grundsätzlich in Frage stellt, nicht vermeiden. Allenfalls lässt sich die Aufenthaltsdauer an die Flugdistanz anpassen. Hier stellt dann eine Reisedauer von weniger als 14 Tagen (…) eine ökologische Belastung dar, die vermieden werden könnte“, 50 argumentieren Baumgartner und Leuthold für möglichst lange Aufenthalte. Mit 22 Tagen Aufenthalt im Niger entspricht die Kneissl-Tour somit diesen Anforderungen. Dagegen unterblieben Maßnahmen zur Ökologisierung der Anreise zum Heimatflughafen. Für die Fahrt von Niamey nach Agadez werden Kleinbusse verwendet, wie sie auch für den öffentlichen Verkehr eingesetzt werden. Insofern wird das „privatisierte“ öffentliche Ver- kehrsnetz gestützt. Ein Großteil der Trekking-Tour wird mit Allrad-Fahrzeugen zurückgelegt. Anders sind jene Regionen, die die eigentliche Attraktion für europäische Touristen darstellen nicht zu er- reichen. Für eine 21-tägige Tour wurde jedoch die kürzeste Strecke zur Umfahrung des Aïr gewählt, was den relativen Treibstoffverbrauch im Vergleich zu den Bilma-Djado-Touren 49 Siehe dazu Kap. „Der Markt der Tuareg-Tourismus/Das Klientel des nigrischen Sahara-Tourismus/Reisemotive“. 50 Vgl. Baumgartner/Leuthold 2002, S. 37. 503 signifikant geringer hält. Diese geringe Fahrleistung und damit die relativ gute Energiebilanz ist eine Folge der Kamelnutzung an sieben Tagen. An dieser Stelle ist den Autoren der Evaluationsstudie dahingehend zu widersprechen, dass der „Verzicht auf das Begleitfahrzeug (…) einen für viele TeilnehmerInnen unzumutbaren Verlust an Qualität (Gepäck- und Lebensmitteltransport) sowie für die Veranstalter wesent- lich erhöhten logistischen Aufwand (Küche) mit sich bringen (würde) und (…) daher kaum eine realistische Verbesserungsmöglichkeit dar(stelle).“ 51 Im Niger ist es keinesfalls üblich, Trekking- und Meharee-Touren mit Begleitfahrzeugen durchzuführen, was auf Stecken wie am Bagzan oder im Tamgak auf Grund des unwegsamen Terrains auch unmöglich wäre. Die gesamte notwendige Ausrüstung wird - wie auch auf den traditionellen Salzkarawanen üblich - am Kamel transportiert! 52 Demgegenüber betrachte ich auch die angeregte Verbesserungsmaßnahme des „konsequenten Motorabstellens“ 53 als problematisch, weil der ökologische Gewinn unverhältnismäßig gerin- ger ist im Vergleich zu den Spannungen, die zwischen dem ökologisch bewussten Reiseleiter und den Chauffeuren auftreten, die den Motor aus Überzeugung zum Zweck der Kühlung laufen lassen. Als sinnvolle, interkulturell möglichst schonende Methode bewährte sich das - auch für Chauffeure einsichtige - Argument, die Reiseteilnehmer vor Gestank und Lärm zu verschonen, sobald der Motor „abgekühlt“ ist. Der Energiebedarf für die Zubereitung der Speisen wurde während der Rundreise dort mit Totholz gedeckt, wo davon ausreichend zur Verfügung stand, etwa im Tamgak mit dichtem Baumbestand, großen Mengen an abgestorbenen Bäumen und geringer Besiedlung. 54 Bei ge- ringem Baumbestand - wie entlang der Ténéré - wurde mit Gas gekocht oder Totholz aus dichter bewachsenen Gegenden mitgebracht. Auf diese Weise wurden die in den ariden Zonen nur langsam nachwachsenden Rohstoffe geschont.55 Weiterer Energieeinsatz war während der Rundreise nicht notwendig, da die Fahrzeuge über keine Klimaanlagen verfügten, und nur kaltes Wasser zum Waschen zur Verfügung stand. Zusammenfassend ist die Energiebilanz dieser Reise, gemessen an den Vorgaben von Baum- gartner und Leuthold, vertretbar und lässt sich auch kaum mehr wesentlich senken. 56 51 Ebd., S. 38. 52 Dies gilt auch für die Lösung von gesundheitlichen Zwischenfällen: Als sich eine Dame im Feber 2001 infolge einer unge- schickten Bewegung den Arm verletzte, boten wir ihr einen Transfer nach Agadez an. Sie entschied sich jedoch für die Al- ternative einer traditionellen Heilbehandlung durch die Crew, wodurch sie weiterhin an der Reise teilnehmen konnte. Nach der Reise ergab die Untersuchung der Verletzung die Zerschmetterung des Ellenbogens und den Bruch der Speiche und die Tatsache, dass eine frühere Operation aus Gründen der Infektionsgefahr ohnedies nicht möglich gewesen wäre. 53 Vgl. Baumgartner/Leuthold 2002, S. 38. 54 Im Tamgak leben auf einer Strecke von etwa 40 km nur einige wenige Familien. Die abgestorbenen Bäume sind eine Folge der Sturzfluten während der Regenzeit. 55 Baumgartner & Leuthold (2002, S. 39) kritisierten an der von ihnen evaluierten Tour, dass das Teewasser zur Schonung des Gasbestandes nicht zum Sieden gebracht wurde, eine Energiesparmaßnahme, die „zu Lasten der Gesundheitsvorsorge“ getroffen wurde. Diese Kritik verkennt die realen Gegebenheiten: Um Wasser durch Abkochen hinreichend desinfizieren zu können, müsste man es zur Abtötung resistenter Keime mindestens eine halbe Stunde kochen lassen. Weit effizienter, wir- kungsvoller und auch energiesparender ist die Wasserdesinfektion durch Filter (z.B. Katadyn) oder chemische Mittel (Micro- pur, Chlorina) (vgl. Jäck o. A., S. 32). An den leichten Chlorgeschmack gewöhnt man sich rasch. 56 Ausgenommen ist natürlich ein Direktflug von Paris nach Agadez als wichtige Maßnahme, wenn dies möglich ist. 504 13.3.2 Die Unterkünfte In Niamey nutzten wir ein Mittelklassehotel nahe dem Stadtzentrum. Dadurch kann die Stadt- besichtigung zu Fuß unternommen werden, und der Stadtverkehr wird nicht unnötig zusätz- lich belastet. Gleichzeitig haben die Reisenden Gelegenheit, das neue Reiseland erstmals un- mittelbar in Augenhöhe zu erleben. Das Hotel („Terminus“) verfügt über einen Pool, doch ist die Wasserversorgung in Niamey unproblematisch. Dieses Hotel ist als einzige der im Niger genutzten Unterkünfte mit Klimaanlagen ausgestattet. Wegen der feuchten Hitze, die auch während der Trockenzeit in Niamey herrscht, und wegen der großen Klimaumstellung für die Reisenden, die „aus dem Winter kommen“, wäre in Niamey ein Hotel ohne Klimaanlage un- zumutbar. Für ein klimatisiertes Hotel sprechen auch gesundheitliche Gründe: Aus Gründen der Malariaprävention müssen Fenster und Türen geschlossen bleiben. Unter diesen Umstän- den ist die künstliche Kühlung des stickigen Raums für Europäer praktisch unverzichtbar. 57 Warmwasser steht während der Tour ebenfalls nur hier zur Verfügung. Das Hotel steht im Besitz eines eingebürgerten Franzosen und wird ausschließlich mit ein- heimischem Personal betrieben. Die Küche bietet regionale Spezialitäten wie „Brochettes“, Fleischspieße, und den „Capitaine“, den regionalen Niger-Fisch, an. Insofern wird auch ein höchst möglicher Grad an lokaler Wertschöpfung erzielt.58 Von ökologischer Relevanz ist das Hotel in Agadez, das in traditioneller Lehmblauweise ge- baut ist und nur über Ventilatoren verfügt. Der Lehm ist der wichtigste lokale Baustoff, außer- ordentlich kostengünstig und von regionalen Handwerkern zu verarbeiten. Er gewährleistet optimale Wärmeausnutzung bzw. –schutz. Die Zimmer sind einfach, aber sauber. Jedes Zim- mer verfügt über eine separate kalte Dusche. Der Service ist für regionale Verhältnisse sehr zuverlässig. Das Hotel steht im Besitz eines Tuareg aus der Region Tidéne und verfügt eben- falls nur über einheimisches Personal. Die Küche verarbeitet regionale Produkte zu Salaten, Spießen und Pommes Frittes. Ausschlaggebend für die Auswahl dieser Unterkunft ist auch die optimale Lage im Zentrum, wenige Schritte hinter dem Sultanspalast und doch in einer ruhigen Seitengasse gelegen. So wird den Reisenden die Orientierung erleichtert, und sie können selbständig zu Fuß das Zentrum erkunden. Während der Rundtour wird auf Matten in Zelten, die von Tchimizar V. bereitgestellten wer- den, genächtigt. 57 Ich persönlich pflege den Raum lediglich etwas abzukühlen und die sehr laute Klimaanlage dann abzuschalten, um mich nicht zu erkälten. 58 Werner Gartung (Oase Reisen) hatte mir nahe gelegt, in seinem im März 2003 neu eröffneten „Touristendorf“ Dababanda, 30 km östlich des Zentrums, zu nächtigen. Das Projekt einer ruhigen, sauberen und dem Reiseland angepassten Unterkunft, die ökologischen Kriterien in jeder Hinsicht gerecht wird und die zudem der ökonomischen Integration der benachbarten Dorfbevölkerung dient, ist äußerst lobenswert. Für Kneissl T. würde das Dorf dann ins Konzept passen, wenn die Strecke Niamey - Agadez in einem Tag zu bewältigen wäre. Für das gegenwärtige Tourkonzept aber, wonach am Ankunftsabend der Sonnenuntergang über dem Niger-Fluss, nachts die eigentümliche Atmosphäre der Stadt und am ersten Vormittag das Zent- rum erlebt werden kann, ist dieses Dorf leider zu abgelegen. 505 13.3.3 Müllaufkommen Die Kunden werden von mir zu Beginn der Reisen über den ökologisch sinnvollen Umgang mit Müll, mit Wasser und über die Körperhygiene aufgeklärt. 59 Während der Rundreise werden so weit wie möglich lokale Produkte verwendet, um das Müllaufkommen gering zu halten. Gewisse Produkte wie Tee, Marmelade 60 und gewisse Ge- müsekonserven müssen importiert werden. Dadurch fällt auch ein gewisses, nach meinem Ermessen jedoch geringes Maß an nichtorganischem Müll an. Dosen in gutem Zustand sind unter Nomaden, denen es stets an Gefäßen mangelt, sehr gefragt und werden von ihnen ent- sprechend weiter verwendet. 61 Der verbleibende Rest (Marmeladegläser) wird gesammelt, nach Agadez zurückgebracht und sachgerecht in der Wüste außerhalb der Trinkwasservor- kommen deponiert. 62 Wird an Lagerplätzen der Müll anderer Reisegruppen aufgefunden, so wird auch dieser eingesammelt und mitgenommen. Brennbarer Müll wird vor Ort entsorgt, organischer Müll abseits eines Lagerplatzes für wilde Tiere oder Ziegen liegen gelassen. Alte Kleidung, ob brauchbar oder nicht, wird ebenfalls den Nomaden überlassen, die sogar zer- schlissene Hemden für Seile udgl. wiederverwerten. Bezüglich Batterien, die im Niger nicht sachgerecht entsorgt werden können, lege ich den Reiseteilnehmern nahe, diese wieder nach Österreich mitzunehmen und dort sachgerecht zu entsorgen. 63 Besonders effektive Müllvermeidung wird durch den konsequenten Verzicht auf Mineralwas- serflaschen während der Rundreise erzielt. PET-Flaschen mit sterilem Mineralwasser werden nur während der Anreise von Niamey nach Agadez und retour verwendet. Die leeren Flaschen werden unter der Bevölkerung zum persönlichen Gebrauch verteilt und dadurch sehr lange weiterverwendet. Zu Beginn der Rundreise wird hygienisch einwandfreies Brunnenwasser aus Agadez mitgeführt, während der Reise werden die Wasservorräte aus Nomadenbrunnen und Wasserlöchern erneuert und das Wasser chemisch desinfiziert. Industrielle Getränke (Soft- drinks) sind lediglich in Agadez und Timia in gläsernen Pfandflaschen beziehbar, die wieder verwendet werden. 13.3.4 Wasserverbrauch, Wasserschutz und Hygiene Wasser ist während der Allrad-Rundtour durch die Wüste nicht jeden Tag beziehbar. Dennoch werden die Kunden informiert, dass sie aus gesundheitlichen Gründen so viel wie möglich trinken sollen, 64 denn dafür gibt es immer genug Wasser. Andererseits werden sie bezüglich der Körperpflege zum sparsamen Umgang mit Wasser angehalten. Den Kunden wird etwa beigebracht, wie man sich mit einem Liter Wasser duschen kann. 59 Zum Problem des Mülls in der Wüste vgl. Friedl 2001d. 60 Zur Verpflegung siehe das folgende Unterkapitel „Wertschöpfung“. 61 Details zum ethisch korrekten Verhalten in der Wüste vgl. Friedl 2001d, S. 269 ff. 62 Ich habe diese Deponie anlässlich einer großen Straßenreinigungsinitiative im Oktober 1999 besichtigt. Den Vorschlag von Baumgartner & Leuthold (2002, S. 38), den gesamten Müll wieder nach Europa mitzunehmen, erachte ich für unverhältnis- mäßig, wenn nicht gar kontraproduktiv, da durch die zusätzliche Luftfracht auch zusätzliche Emissionen frei werden. Wel- cher Grad der Umweltbelastung höher ist - Deponie vor Ort oder in Europa - müsste erst genau verifiziert werden. 63 Die Reisenden von dieser Maßnahme zu überzeugen ist schwierig genug, da der Boden in und um Siedlungen im Niger von nigerianischen Billig-Batterien übersäht ist. 64 In der Wüste besteht besonders für unerfahrene Reisende die große Gefahr der Dehydration (vgl. Werner 1995, S. 64, 92.) 506 Der tägliche Wasserverbrauch während der Rundreise bei einer Gruppe von 10 Passagieren und fünf Crewmitgliedern lässt sich etwa folgendermaßen kalkulieren, wobei hier obere Grenzwerte angenommen werden: Tabelle 12: Täglicher Wasserverbrauch einer Reisegruppe Wasserfunktion Verbrauch Verbrauch der Gruppe bei pro Person 15 Personen Trinkwasser 3 Liter 45 Liter Körperpflege 1 Liter 15 Liter Kochen, Tee etc. 1 Liter 15 Liter Küchenreinigung 0,5 Liter 7,5 Liter Gesamtverbrauch 5,5 Liter 82,5 Liter Kalkuliert man den Gesamtverbrauch für Touristen und Mannschaft, so werden pro Tourist und Tag in der Wüste maximal 8 Liter Wasser verbraucht. 65 Im Vergleich dazu wurden für einen Hotelgast in Douz, Tunesien, im Jahre 1975 bereits 300 Liter Wasser täglich aufgewen- det. Bis 1981 stieg dieser Verbrauch auf 600 Liter. 66 Selbst gemessen am Maßstab von Trek- king-Touren unterstreicht der geringe Wasserbrauch der Kneissl-Tour deren ökologische Ver- träglichkeit. Die Möglichkeit einer ausgiebigen Dusche mittels einer gefüllten Wasserflasche besteht an Brunnen oder bei Wasserlöchern, wobei nachdrücklich auf die Einhaltung eines hinrei- chenden Abstands zum Brunnen geachtet wird, um dessen Verunreinigung durch Shampoos udgl. zu unterbinden. 67 Bei Fließwasser ist ein Bad unter Benutzung von Seife akzeptabel, insbesondere da dies auch von den Tuareg so praktiziert wird. Zur Toilette werden die Kunden eingewiesen, sich „ins Gelände“ zu begeben und einen mög- lichst großen Abstand zum Camp und zu den Wasserstellen einzuhalten. Zur Körperreinigung wird die Verwendung von Wasser als hygienischste und umweltfreundlichste Form der Rei- nigung empfohlen. Hinsichtlich der Verwendung von Toilettenpapier werden die Kunden nachdrücklich eingewiesen, dieses zu verbrennen anstatt zu vergraben. Ich habe die Umset- zung dieser Anweisung nicht kontrolliert, stieß aber auch niemals auf frische Spuren von Toi- lettenpapier. Das Geschirr, das beim Kochen anfällt, wurde von der Crew mit heißem Wasser unter Bei- gabe von wenig Geschirrspülmittel gewaschen. Dadurch wird das Geschirr hinreichend hy- gienisch sauber, ohne jedoch die Umwelt nennenswert zu belasten. 65 Tatsächlich ist der durchschnittliche Verbrauch viel geringer, weil die Crew weit weniger Trink- und Waschwasser für sich selbst benötigt als Touristen. 66 Vgl. Jäggi 1994, S. 145 f. 67 Bei manchen Wasserlöchern verwenden auch die Nomaden selbst Seife zur Kleiderwäsche. 507 13.3.5 Umweltfreundlichkeit der Aktivitäten Die Allrad-Fahrten fanden auf öffentlichen oder häufig genutzten Pisten statt, wodurch zu- mindest keine zusätzliche Belastung des Bodens durch Reifenspuren entstand. Tchimizar V. lehnt zudem das, unter manchen Tuareg beliebte Hetzen von Wild strikte ab, weil dies zum Tod eines Tieres führen kann. Die Trekking-Touren fanden mit Kamelen auf Ziegen-Pfaden statt und somit den örtlichen Gegebenheiten in höchstem Maße angepasst. Zusätzliche Aktivitäten waren einige freiwillige Bergbesteigungen und kleinere Wanderungen vom Lagerplatz aus, das Sammeln von Steinen, das Fotografieren und die Besichtigung prähistorischer Grab- und Industriestätten sowie kon- trolliertes Baden in fließenden Gewässern, wodurch keinerlei ökologische Beeinträchtigung festgestellt werden konnte. In besiedelten Gebieten fanden Oasen-Bummel oder Stadtbesich- tigungen statt. Bei all diesen Aktivitäten gab es ebenfalls keine vermeidbare ökologische Be- einträchtigung. 13.4 Ökonomische Aspekte - lokale Wertschöpfung 13.4.1 Die lokale Partner-Agentur Tchimizar V. Tchimizar V., deren Leitbild, 68 die Situation der Mitarbeiter, die enge Beziehung zwischen Tchimizar V. und Kneissl Touristik 69 sowie einige wesentliche Aspekte der regionalen Wert- schöpfung wurden bereits detailliert vorgestellt. Zu ergänzen bleiben nur noch folgende De- tails: 13.4.2 Verpflegung, Einkäufe, Zum Frühstück wird den Kunden heißes Wasser in Thermoskannen, Löskaffee, Tee („Lip- ton“) und Löskakao, Brot, Streichkäse, Marmeladen und Streichschokolade serviert. Mittags gibt es je nach Witterung gemischte Salate oder heiße Suppe und Brot. Abends werden Sup- pen, Beilagen, wie Reis, Nudeln, Cous-Cous udgl. und opulente Fleischsaucen mit Fleischstü- cken oder Eintopf-Gerichte serviert. Mittags und abends gibt es als „Appetizer“ Erdnüsse oder Kekse, als Dessert frisches Obst, Datteln oder Kompotte aus Dosen, dazu schwarzen Tee nach Bedarf. Den zeremoniellen Abschluss bildet jeweils der „Tuareg-Whisky“, der stark gesüßte grüne Tee, der in drei Aufgüssen serviert wird. Dazu wird, wann immer möglich, bei Bedui- nen gekaufter Ziegenkäse 70 serviert. 68 Siehe Kap. „Struktur des Tourismus in Agadez/Agenturen“, dort insb. die Unterkapitel „Selbstverständnis der Veranstal- ter/Tourismus als Mittel zur Regionalentwicklung“. 69 Siehe dieses Kap. oben. 70 Tam.: Takommar, pl. Tikommaren. 508 Importwaren wie Fischkonserven, Oliven, Kaffee, Milchpulver, Kekse, Marmelade und Streichkäse („La vache qui rit“) werden in Agadez gekauft. Frischwaren liefern die Garten- bauern und Nomaden; der Ziegenkäse aus frischer Ziegenmilch ist für sein Aroma berühmt, das je nach Alter an Topfen oder an Parmesan erinnert, aber leider ist der Ziegenkäse in der Trockenzeit nicht immer erhältlich. 71 Brot wird in Ortschaften gekauft oder unterwegs selbst gebacken. Auf diese Weise trägt der Reiseveranstalter direkt zum Einkommen der örtlichen Bevölkerung bei. Gleiches gilt auch für die bereits genannten Unterkünfte. In Timia wird am gemeinde- eigenen Campingplatz genächtigt und nicht - wie zahlreiche andere Agenturen es tun - in Pri- vatgärten. Dadurch profitiert der gesamte Ort und nicht nur ein einzelner Gartenbesitzer. In den Städten wurden die Mahlzeiten in Hotels und in einfachen Restaurants eingenommen, die ausschließlich einheimisches Personal beschäftigen und die auch von Einheimischen fre- quentiert werden und in denen lokale Spezialitäten serviert werden. Auf der Strecke Niamey - Agadez wurde aus Zeitersparnis das Frühstück im Einvernehmen mit den Kunden unterwegs in kleinen Ortschaften an öffentlichen Buden eingenommen, was die Kunden als besonderes Erlebnis mit Sympathie aufnahmen. 13.4.3 Ausrüstung und Transportmittel Die Investitionsgüter wie Fahrzeuge, Zelte etc. müssen importiert werden, halten aber sehr lange. Benötigt Tchimizar V. mehr als zwei Fahrzeuge mit Fahrern, so werden diese bei ver- trauenswürdigen Geschäftspartnern zugemietet. Für die Organisation der Kamel-Trecks beauftragt Tchimizar V. jeweils kompetente Vertrau- ensmänner vor Ort, die auch als Führer tätig sind. Für den Bagzan ist dies Bado, für den Tam- gak Kalakoa, ein besonders bewährter Führer aus dem Tal von Tchigouilmas, der bereits über 30 Mal die Bilma-Karawane geführt habe. 72 Die Führer tragen die Verantwortung für die Auswahl der Transportkamele, deren Besitzer als Kamelführer die Gruppe begleiten. Bei der Auswahl werden Kriterien wie Qualität und Erfahrung der Tiere, Erfahrung der Besitzer, aber auch eine möglichst gerechte Rekrutierung berücksichtigt, um keine unnötigen Konflikte zu schüren; das ist aber immer eine schwierige Gratwanderung. Manchmal geht eine gerecht verteilte Wertschöpfung vor einer erstklassigen Qualität der Kamele. Letztlich stellt dies aber eine wichtige Maßnahme zur Stabilisierung der Region und somit einen vertretbaren Kom- promiss dar, solange die Kunden nicht darunter leiden. Weil die von den Nomaden gelieferten Sättel oft stark abgenutzt sind, ließ Tchimizar V. be- sonders bequeme Sättel in Agadez von Spezialisten anfertigen, wodurch das traditionelle Handwerk gefördert wurde. Insgesamt bilden Karawanenreisen „die ursprünglichste, traditionellste und umweltfreund- lichste Form des Reisens“, 73 von der die Kamelhirten, die Schmiede, als Ausrüstungs- produzenten, und die Kamelführer, als Begleiter, direkt profitieren. 71 Schon Heinrich Barth schwärmte vom Aïr-Ziegenkäse: „Wir waren höchst begierig, von dem berühmten Air-Käse zu kaufen, nachdem wir auf der ganzen Reise durch die Wüste lebhafteste Sehnsucht getragen und mit dessen Vorspiegelung wir oft unsere sinkenden Lebensgeister aufgemuntert hatten.“ Doch er bedauert, nicht imstande gewesen zu sein, „auch nur einen einzigen kleinen Käse“ erstanden zu haben (vgl. Barth 1986, S. 146). 72 Vgl. Stührenberg 2002b, S 189; Stührenberg (1998, S. 48) hatte Kalakoa bereits vier Jahre zuvor als kompetenten Führer in einer GEO-Saison-Reportage portraitiert. 73 Rudi Hoffmann, „einer der Pioniere“ der Karawanenreisen, zit. in Schomann 2001, S. 19. 509 13.4.4 Trinkgelder Jeweils nach dem Ende eines Etappenabschnitts, bei dem eine Gruppe von heimischen Beglei- tern zu verabschieden ist, schlug ich den Kunden die Sammlung und Übergabe von Trinkgeld als kleine Anerkennung vor. Als Richtlinie empfahl ich zwei Euro pro Tag und Kunde. Somit erhielt die vierköpfige Bagzan-Gruppe für drei Tage bei neun Teilnehmern rund 60 Euro. Das Geld habe auf Wunsch der Kunden ich übergeben. 13.4.5 Sachgeschenke Schon vor der Reise waren die Kunden darüber informiert worden, welche Geschenke beson- ders sinnvoll seien. Dazu zählen schwer erhältliche, aber äußerst nützliche Dinge wie Ta- schenlampen, Taschenmesser, Kleidung etc. Mit solchen Geschenken bedankten sich einzelne Kunden persönlich bei Crew-Mitgliedern für besondere Hilfe und Fürsorge, etwa das Tragen von Gepäck. Am Ende der Reise ließen die Kunden zahlreiche Gegenstände in Agadez, die gerecht an die Tchimizar-Crew verteilt wurden. Einige Kunden betrieben mit begehrten Ge- genständen auch Tauschhandel mit Nomaden und Schmieden. Darüber hinaus war in der Rei- seinformation der Besuch einer Schule angekündigt worden, wofür die Kunden eingeladen worden waren, Schulgegenständen mitzubringen. Diese wurden in Timia dem Schuldirektor übergeben. Im Jahr 2003 wurde ein großes Kontingent an Medikamenten in geordneter Form unter fachmännischer Aufsicht an die Apotheke in Timia übergeben. 13.4.6 Souvenirkäufe Ein wesentlicher Wertschöpfungsfaktor ist der Kauf von regional produziertem Kunsthand- werk. Während der Touren verging beinahe kein Tag, an dem es nicht zu Kontakt mit Bevöl- kerungsgruppen kam, die Kunsthandwerksprodukte anboten. Die wenigen Ausnahmen bilde- ten jene Strecken, die bislang erst selten von Touristen frequentiert werden, wie entlang der östlichen Streckenvariante von Timia nach Agadez, auf der Strecke von Aouderas, weiters im Tamgak-Tal sowie in der prähistorischen „Stadt“ Iwellen. Auf folgenden Stationen entlang der Trekking-Tour von Kneissl Touristik kam es zu nennenswerten Käufen bei Kunsthand- werk, klassifiziert nach dem von der Gruppe getätigten Einkaufsvolumen in „vereinzelt“ (< 100 €), „signifikant“ (< 500 €), „bedeutend“ (> 500 €): 74 ¾ in Niamey vereinzelt bei den Kunsthandwerkern im Nationalmuseum und bei Straßen- händlern ¾ entlang der Route von Niamey nach Agadez (Tahoua …) vereinzelt 74 Die Angaben beruhen auf eigenen Beobachtungen, Schätzungen und Hochrechnungen. 510 ¾ Agadez bedeutend: - Der betreffende Schmied, Mohamed Attako, erzielt mit seinen innovativen und qualitativ hochwertigen Schmiedearbeiten besonderen Zuspruch unter den Kun- den. Auf Grund meiner langjährigen und engen Beziehung zu dessen Familie pflege ich Mohamed einzuladen, seine Produkte während der Essenspausen der Gruppe zu präsentieren. Inzwischen waren bereits etliche Kneissl-Gruppen zu Gast bei Mohamed. - Darüber hinaus werden in Agadez zu Beginn der Reise in signifikantem Umfang Tagelmust-Stoffe und maßgeschneiderte Kleidung gekauft, und am Ende der Tour Souvenirs bei fliegenden Händlern und bei renommierten Antiquitätenhändlern wie Danger („Ski-Shop“) oder Ilou („Schmuckladen“). ¾ Bagzan signifikant: - Bei den meisten Siedlungen bieten die Bewohner gebrauchte Nomadengegen- stände und Schmuck sowie moderneres Kunsthandwerk an. - Die Trekking-Führer präsentieren am Ende der Tour zugekaufte kunstgewerbliche Gegenstände. ¾ In den kurz besuchten Siedlungen entlang der Route (Tabelot, Dabaga…) werden ver- einzelt Produkte auf den Märkten und in Läden gekauft. ¾ Entlang der Route von Tabelot zum Tamgak-Massiv haben sich die Nomaden dem Tourismus bereits ein wenig angepasst und bieten alte Gebrauchsgegenstände, alten Schmuck und selbst gesammelte, prähistorische Artefakte an. Besonders häufig werden Pfeilspitzen zu 500 FCFA (80 Cent) pro Stück verkauft. 75 In Summe sind die Ausgaben signifikant. ¾ An den neuralgischen touristischen Lagerplätzen wie Arakao, Assode sowie vor dem Aufstieg zum und am Ende des Tamgak-Tals bieten „Chasse Touristes“ aus Timia und Iferouane ihre umfangreichen Sammlungen an. Die Umsätze sind zum Teil vereinzelt, zum Teil signifikant. ¾ In Timia werden in Summe signifikante Ausgaben getätigt. Am meisten wird an fol- genden Verkaufsstellen, geordnet nach der Höhe des Umsatzes, verkauft: - die Chasses touristes an der „Kaskade“ - in der neuen Schmiedekooperative - in den „Boutiquen“ - auf dem Fort Massu ¾ Um den Handwerkern der Orte wie Kribkrib, die wenige Kilometer westlich von Timia liegen, auch eine Chance zu bieten, wird dort bewusst für „Anerkennungsbesuche“ an- gehalten. Erstaunlicherweise finden trotz der relativen Sättigung der Kunden gegen En- de der Reise auch dort noch signifikante Ausgaben statt. Diese Auflistung zeigt, dass sich der Souvenirhandel nicht nur auf einzelne Punkte konzent- riert. Somit ist er in finanzieller Hinsicht der wichtigsten Faktor der wirtschaftlichen Integra- tion entlang der bereisten Gebiete. 75 Zum Problem des Verkaufs von Artefakten siehe das folgende Kap. „Probleme durch Tourismus/Praktische Tourismus- ethik im Niger/Kulturelle Ressourcen“. Zur Frage der Legitimität des Verkaufs von Pfeilspitzen durch Nomaden siehe insb. Friedl 2001d, S. 268 ff; Friedl 2002a, S. 86 f.; Friedl 2003b, S. 11 ff. 511 13.4.7 Sozialfonds Beiträge in einen Sozialfonds, wie er von Baumgartner und Leuthold 76 als Möglichkeit emp- fohlen wird, um „mit geringem Aufwand einen weiteren, zielgerichteten Beitrag zur Armuts- bekämpfung und zur sozialen Gerechtigkeit“ zu erzielen, leisten weder Tchimizar V. noch Kneissl Touristik. Auf die gravierenden internen Probleme, die mit Kontrolle und Verteilung solcher Fondsvermögen verbunden sind, wurde bereits detailliert eingegangen. 77 Auch wenn ich anfangs ein großer Befürworter einer solchen regionalen Initiative war, so erachte ich es gegenwärtig für weit sinnvoller und effizienter, vor Ort gezielt durch den Kauf von Dienstleistungen und Gütern die Wirtschaft zu fördern. Der gut gemeinte Vorschlag über- sieht nämlich völlig die Gefahren, die mit einer gezielten Förderung „sozial benachteiligter“ Gruppen von außen verbunden sind. In der Regel sind benachteiligte Individuen oder Grup- pen in der traditionellen Gesellschaft sehr wohl in ein Solidaritätsnetz eingebunden. Erfahren diese Gruppen aber plötzlich massive Hilfe von außen, so droht die Gefahr, dadurch Opfer von Neid und Konflikten zu werden und in der Folge die nachhaltigere solidarische Hilfe von innen zu verlieren. 78 Allerdings bemühte sich Tchimizar V. auf mein Drängen um die Mit- gliedschaft beim neu gegründeten Syndikat, das erste Schritte in Richtung solcher kollektiver Förderungsmaßnahmen, z.B. durch das Angebot von Kursen für Führer, gesetzt hat. 13.5 Soziale und kulturelle Aspekte Die Möglichkeit der Kontaktnahme der Reisenden zu den Einheimischen, gestaltet nach den Kriterien der Feiwilligkeit, des gegenseitigen Respekts und des für beide Seiten konstruktiven Austausches, ist ein Eckpfeiler des vorliegenden Tour-Konzepts. Sie ist durch die Ergebnisse der Befragung der Bewohner von Timia motiviert79 und gilt nach Baumgartner und Leuthold als eine der „wichtigsten soziokulturellen Aspekten der Nachhaltigen Entwicklung“. 80 Die von den Autoren genanten Kriterien für solche Begegnungen zwischen Menschen unter- schiedlicher sozialer und ökonomischer Stellung umfassen 1. die gegenseitige Freiwilligkeit der Kontaktnahme 2. auf gleichberechtigter Ebene 3. für eine gewisse Mindestdauer, die zur Anbahnung eines weiterreichenden Kontakts notwendig ist. Die besten Möglichkeiten für solche Begegnungen haben die Reiseteilnehmer naturgemäß gegenüber den Crew-Mitgliedern, mit denen sie die meiste Zeit verbringen und das intensive Erlebnis der Wüste zwangsläufig teilen. Die Crew-Mitglieder werden respektvoll behandelt. 76 Vgl. Baumgartner/Leuthold 2002, S. 41, 105. 77 Siehe dazu die Kap. „Struktur des Tourismus in Agadez/Agenturen/Selbstverständnis der Veranstalter/Tourismus als Mittel zur Regionalentwicklung“ bzw. „Strukturelle Probleme der Tourismusentwicklung in Agadez/Die Mängel der Marktstruk- tur/Mangelhafte Kooperationsbereitschaft“. 78 Vgl. dazu auch das Kap. über „Potentielle Tourismusentwicklung in Timia: Vier Testprojekte/Postkarten“. 79 Siehe das Kap. „Tourismus bei den Kel Timia“. 80 Baumgartner/Leuthold 2002, S. 42. 512 Soweit es die Sprachbarrieren zulassen, werden rege Gespräche geführt. Hilfsmaßnahmen werden gegenseitig gewährt: So helfen Kunden vereinzelt beim Kochen, beim Ab- und Bela- den der Fahrzeuge und Tragetiere, verarzten Verletzungen und helfen mit Batterien udgl. aus. Dafür wird den müden Kunden angeboten, deren Gepäck zu tragen. Wenn Kunden während der „Mußestunden“ des Abends den Kontakt zur Crew suchen, ist dies ein deutliches Zeichen für die gute Stimmung. Aber auch die Crew selbst hatte mir gegenüber stets ihre Zufrieden- heit mit den von mir geführten Kneissl-Gruppen betont. Daran ändern auch vereinzelte Kon- flikte 81 und Missverständnisse nichts. Ähnlich funktionieren die Kundenbeziehungen zu den Tuareg-Führern auf den Trekking- Abschnitten. Zwar bestanden hier stärkere sprachliche Barrieren, die aber durch erstaunlich geschickte, nonverbale Kommunikation kompensiert werden konnte, vor allem während der Reit-Passagen, während der sich die Tuareg einfühlsam um die Kunden bemühten, was diese mit großer Dankbarkeit anerkannten. Daher war auch hier die Stimmung von allgemeiner Zufriedenheit gekennzeichnet. Probleme traten nur punktuell infolge einiger schwieriger Persönlichkeitsstrukturen auf: So hatte im Feber 2003 der Tour eine Dame mit hochproblematischen Persönlichkeit ange- hört, deren empörendes unangepasstes Verhalten wiederholt Affronts und Konflikte verur- sacht hatte. 82 Diese kritischen Situationen konnten jedoch mit Hilfe der Gruppe, der Crew und meiner Interventionen beigelegt werden. Auch unser Tamgak-Führer von 2003, Kalala, legte wenig Wert auf einen gegenseitigen Aus- tausch, sondern setzte seine Vorstellungen entgegen den getroffenen Vereinbarungen durch, 83 wodurch innerhalb der Gruppe gewisse Spannungen entstanden, die jedoch durch das Enga- gement der übrigen Crew und durch das Verständnis der Gruppe gelöst werden konnten. 13.5.1 Die Verantwortung des Reiseleiters Zur Förderung der fruchtbaren Begegnungen zwischen Kunden und Einheimischen versuchte ich gewisse Rahmenbedingungen zu setzen, indem ich u. a. ¾ die Reiseroute entsprechend gestaltete, um möglichst viel Zeit für Begegnungen mit Nomaden und besonders für Timia zur Verfügung zu haben 81 Ein nennenswerter Konfliktanlass während der Bilma-Tour waren unterschiedliche Auffassungen über die Länge der Pau- sen: Ein Kunde wäre am liebsten nach dem Essen gleich wieder aufgebrochen, während die Crew sich gerne noch in der Nachmittagshitze von der langen Fahrt und dem Kochen erholen wollte. Der Konflikt wurde dadurch gelöst, dass ich vermit- telte, indem ich der Crew Verständnis für ihre Zeitauffassung signalisierte und sie dennoch sanft zum Aufbruch mahnte, gleichzeitig aber auch den drängenden Kunden argumentativ die Notwendigkeit der Pausen vermittelte und für alternative Beschäftigungen, etwa durch Diskussionsanregungen, sorgte. 82 Z.B. hatte sich die Dame geweigert die Tatsache zu akzeptieren, dass außerhalb der Städte ein permanenter Mangel an Wechselgeld besteht. So hatte sie in Tabelot versucht, eine Ware für 750 FCFA mit einem 10.000 FCFA-Schein zu bezahlen. Als der Händler nicht herausgeben konnte, bezahlte die Dame - ohne die Einwilligung des Händlers - mit einem 500 FCFA- Schein und verließ triumphierend das Geschäft. Für die Differenz kam ich auf. Ein andermal hatte die Dame während der Mittagspause ein Nomadenlager besucht und kehrte triumphierend mit einem Ring zurück, der ihr nach ihrer Darstellung von einer Hirtin geschenkt worden sei (die Dame verfügt weder über Tamaschek- noch über Französischkenntnisse). Kurz darauf kam diese Hirtin und bat über Vermittlung eines Crew-Mitglieds um die Aushändigung des Verkaufspreises oder um die Rückgabe des Rings. Die Dame verweigerte erst die Herausgabe ihres „Geschenks“. Erst nach meinem Zureden warf sie den Ring verächtlich der Nomadin vor die Füße. Die Nomadin brach in Tränen aus, worauf sie von einigen Reiseteilnehmern u. a. mit Geschenken getröstet wurde. 83 So wählte Kalala unnötig beschwerliche Umwege, ohne dies vorher mit mir abzusprechen, oder hielt Ruhezeiten und Stre- ckenvorgaben nicht ein, obwohl die Kunden unter der Hitze litten und genügend Zeitreserven vorhanden waren. 513 ¾ bereits im Vorfeld, besonders aber während der Reise hinreichend Information über Sitten, Gebräuche, Verhaltensweisen, Umgangsformen etc. vermittelte ¾ auch während der Reise Lesestoff über die Tuareg auf Wunsch zur Verfügung stellte ¾ gezielt Besuche bei einheimischen Freunden in Agadez und Timia, von denen ich wuss- te, dass meine Kunden ihnen willkommen seien, anbot ¾ Besuche bei Nomaden entsprechend vorbereitete und kompetente Begleitung durch Mitglieder der Crew als Vermittler und Übersetzer arrangierte ¾ bei spontanen Kontakten als Übersetzer auf Wunsch stets zur Verfügung stand ¾ dort, wo ich nicht unmittelbar an Begegnungen beteiligt war, im Hintergrund die Situa- tion beobachtete, um im Fall eines Missverständnisses helfend eingreifen zu können ¾ stets darauf achtete, dass sich sowohl Kunden als auch Crew möglichst wohl und sicher fühlten. 84 ¾ Zudem versuchte ich ein möglichst vorbildliches Verhalten in allen wesentlichen As- pekten vorzuleben. 13.5.2 Die Verantwortung der Crew Tchimizar V. unterstützte sämtliche meiner Vorschläge zur Intensivierung der Kontakte mit der Bevölkerung. Besonders fruchtbar verlaufende Kontakte wurden dort ermöglicht, wo fa- miliäre Bande zu Einheimischen bestanden, sei es mit Nomaden oder mit Personen in admi- nistrativen Funktionen. So ermöglichte der Apotheker von Tabelot, ein Verwandter von Hou- ché, die Besichtigung der kleinen Apotheke. Freilich kann es gelegentlich zu problematischen Situationen kommen. So hielten wir bei ei- nem Nomadenlager von Houchés Verwandten, die um ärztliche Hilfe für ein Baby baten. Während nun das Kind verarztet wurde, begannen die Kunden das Geschehen - mit Erlaubnis der Nomadin - zu fotografieren. Die Zahl der Fotografen und die Intensität dieser „Foto- session“ hinterließen einen unangenehmen Nachgeschmack zumindest innerhalb der Gruppe, wie die nachfolgende, selbstkritische Diskussion der Reiseteilnehmer über die Legitimität solcher Fotografien bewies. Diese unvorhersehbare Extremsituation war jedoch eine absolute Ausnahme. Im Übrigen trug die Crew auch durch die Zubereitung lokaltypischer Speisen, das traditio- nelle Backen von Brot, der „Taguella“, in der Wüste 85 oder den traditionellen Tuareg-Tee zur Vermittlung von „sinnlicher“ Tuareg-Kultur bei. Wie bereits erwähnt, halfen Reiseteilnehmer wiederholt spontan in der Küche mit, wodurch die Beziehungen vertieft wurden. Ein echtes Manko seitens der Tuareg-Reiseführung besteht in der bereits erörterten mangeln- den Kompetenz, umfassendes Wissen über Land und Leute zu vermitteln. 86 Dieser Wissens- transfer funktioniert allerdings dann, wenn eine vertraute Situation im Rahmen eines persönli- 84 In diesem Fall habe ich mich im Verlauf meiner Niger-Reisen immer mehr zurück gehalten, um meine anfänglichen pater- nalistischen Tendenzen, motiviert durch die Sorge, die „armen, hilflosen Nomaden“ könnten sich etwa beim Handeln nicht selbst wehren, abzubauen. Tatsächlich verliefen die Begegnungen i. d. R. umso besser, je weniger ich ungefragt intervenierte. 85 Vgl. Sommer 2001, o. S. 86 Siehe die Kap. über „Struktur des Tourismus in Agadez/Touristisches Personal“ bzw. über „Strukturelle Probleme der Tourismusentwicklung in Agadez/Qualifikationsmängel/Fähigkeiten des Reiseleiters - Lehrinhalten vs. Praxis“. 514 chen Gesprächs entsteht. Dann sind die Crew-Mitglieder auch bereit, persönliche Erlebnisse oder traditionelle Geschichten zu erzählen. 13.5.3 Die Verantwortung der Gruppe Dass es trotz aller Bemühungen seitens der Crew und des Reiseleiters manchmal nicht ge- lingt, die Gruppe für bestimmte Themen zu begeistern, die um Land und Leute kreisen, zeigte die Allrad-Tour nach Bilma und Djado von 2003, während der einige sehr beredte Kunden die Gespräche wesentlich „durch ihr mitgeschmuggeltes Daheim-Geschwätz (störten), als gelte es, den gerade neu gewonnenen Traum mit alten Geschichten zu möblieren, um sich auszu- kennen“. 87 Anstatt über den Niger, die Sahara odgl. zu sprechen, interessierten sie sich haupt- sächlich für Themen mit Österreich-Bezug. Im Übrigen zogen es damals etliche Kunden vor, die „Stille der Wüste“ zu genießen. 88 Im Gegensatz zu dieser Gruppe hegte die Trekking- Reisegruppe des nächsten Termins enormes Interesse an Themen über Land und Leute. 13.5.4 Besonderheiten im Bereich der soziokulturellen Aspekte In gewissen Situationen habe ich bewusst darauf verzichtet, den Kunden umfassende Informa- tionen zu liefern, nämlich dann, wenn wir an einer landschaftlichen Attraktion angekommen waren und das Licht für fotografische Aufnahmen ideal war, wie in den Dünen oder bei den Felsgravuren von Arakao. Die entsprechenden Interpretationen und Hintergründe wurden entweder vorbereitend oder im Nachhinein während der Pausen geliefert, wenn das Interesse an solchen Themen am größten war. 89 Der Rundgang in Niamey umfasste einen Spaziergang vom Hotel zum Kleinen Markt, mit Verkostungen lokaler Produkte, und zum Nationalmuseum, wodurch die Kunden sowohl das Alltagsleben als auch die krassen Unterschiede zwischen Reich und Arm kennen lernen konn- ten, nachdem diese Problematik zuvor bereits thematisiert worden war. Der Besuch des Mu- seums 90 unter meiner Führung vermittelte einen umfassenden Überblick über fast alle wesent- lichen Aspekte von Land und Leuten. Die Besichtigung in Agadez wurde von einem körperbehinderten, hoch qualifizierten Führer ge- leitet, der vielfältige Informationen über die Geschichte einzelner Häuser lieferte und uns Zugang zu besonderen, wenig bekannten Attraktionen vermittelte. Während des Rundgangs fanden bereits kurze Besuche bei Freuden statt, z.B. in der Schmiedewerkstatt von Mohamed. Die Agadez- Präsentation umfasst neben historischen Bauwerken auch die Thematisierung von sozialen und 87 Müller, M. 2001, S. 20. 88 Eine Ärztin aus Salzburg meinte sogar, sie hätte für diese Wüstenreise keinerlei Erklärungen über Land und Leute erwartet. 89 Baumgartner/Leuthold (2002, S. 43) kritisierten an ihrer Tour, dass „.manche Pausen an Stellen mit Felszeichnungen (…) zu reinen ‚Fototerminen’ degradiert“ wurden. Dabei wird übersehen, dass Kunden nicht permanent berieselt werden wollen, wie mir persönlich von Kunden verdeutlicht wurde. Eine solche Reise ist keine Universitätsexkursion, und ich kann nicht nachvollziehen, welchen Zweck eine verpflichtende Interpretation von Felsgravuren haben soll, solange die Kunden ihre Freude an den ästhetischen Reizen ausleben. Auch dies ist eine wichtige Ebene der Annäherung an das Land. 90 Siehe hierzu und zum folgenden das Kap. über „Die Tourismuspotentiale von Agadez“. 515 politischen Problemen und schließt, wenn möglich, mit dem Besuch des Sultans. Pausen wurden in kleinen, schön gelegenen einheimischen Milchbars und im Hotel de l’Aïr eingelegt. Am letz- ten, freien Vormittag spazierten die Kunden auf eigenen Wunsch selbständig, aber in Begleitung des gen. Führers, durch die Stadt, nahmen am örtlichen Gottesdienst teil und machten Einkäufe am Markt. 13.5.4.1 Der Besuch in Timia Ein Höhepunkt der Reise war der Besuch von Timia. Dabei beeindruckte die Kunden bereits, dass ich im Vorüberfahren begeistert begrüßt wurde, sobald mich einzelne Bewohnern er- kannt hatten. Die Kunden wurden detailliert auf den Rundgang vorbereitet, für den ausrei- chend Zeit eine wichtige Bedingung war. Wir besuchten zahlreiche meiner Freunde, zu denen wir Zucker und Tee als Geschenk mitbrachten. Besonders der Besuch meiner „Ersatz- Großmutter“, der alten Hirtin Mariema, löste stets bei den Kunden und auch bei Mariema große Begeisterung aus. Im Jahr 2003 hatte sich der begleitende Arzt auf Wunsch von Ma- riema sofort angeboten, sie zu untersuchen und ihr eine sinnvolle Therapie zu verschreiben. Zu den Stationen zählten ferner Besuche in verschiedenen kleinen Geschäften, beim Dorfchef, bei der Kooperative der Gartenarbeiter, bei der Schmiedekooperative, bei befreundeten Schmieden, wodurch die Kunden einen Einblick in die Lederarbeiten der Frauen und in die Specksteinarbeiten der Kinder gewinnen konnten. Als wir das Haus von Prof. Spittler 91 in Timia besuchten, wo ich 1999 gelebt hatte, trafen wir meine damalige „Familie“ an. Die ältes- te Tochter Fatimata meines damaligen Assistenten hatte inzwischen geheiratet und prä- sentierte uns nun stolz ihr wenige Wochen altes Baby. Spontan begannen Fatimata und ihre Jugendfreundinnen die traditionellen Gesänge der Nomadinnen anzustimmen, was die Kun- den sehr berührte. Den Abschluss der Begegnung mit der Bevölkerung von Timia bildete der angekündigte Be- such der Schule. Hier präsentierte uns der Lehrer die Klasse, das Schulsystem und die Schü- ler, die uns etwas vorsangen. Im Gegenzug stellten sich die Kunden einzeln mit ihrem Namen, ihrem Beruf und ihren Motiven für ihre Reise in den Niger vor, was ich ins Französische ü- bersetzte und mit viel „Theater“ präsentierte, was die Kinder begeisterte und die Kunden a- müsierte. Abschließend wurden dem Lehrer die von den Kunden mitgebrachten Geschenke, diverse Schulmaterialien, übergeben. Die gesamte Führung wurde vom Sohn des örtlichen Campingplatz-Verwalters begleitet. Der Knabe spricht hervorragend Französisch, informierte mich über die jüngsten Neuigkeiten von Timia und unterstützte mich bei der Organisation des Rundgangs, indem er Kunden, die ir- gendwo länger verweilten, wieder zur Gruppe zurückführte. Dadurch konnte ich mich voll auf meine Arbeit der Präsentation und Vermittlung konzentrieren. All diese Besuche verliefen in einem Klima des gegenseitigen Interesses und der Sympathie. Natürlich wurde - stets nach entsprechender Genehmigung durch die Betroffenen - viel foto- grafiert, aber auch geschäkert, betastet, geschaut. Es gab durchwegs nur lachende Gesichter! Fast jeder der Besuche in Timia hatte zur Folge, dass sich der eine oder andere Kunde in der Folge für eine spezifische Hilfe engagierte, etwa die Übermittlung von Geldern für besonders armutsgefährdete Personen, zu denen während des Timia-Aufenthalts eine Beziehung ge- knüpft worden war. Im Jahr 2003 hatte ein Salzburger Kunde der Schule angeboten, sämtliche 91 Vgl. Spittler 1989. 516 Schulklassen gruppenweise zu fotografieren und die Fotos für jedes Kind zu vervielfältigen. Die Fotos wurden im Herbst 2003 von Tchimizar-Direktor Houché per Fahrzeug von Öster- reich nach Timia transportiert, wo sie große Freude auslösten. 92 Nach dem Aufstieg zum Fort, wo ich 4 Jahre zuvor nach Tuareg-Tradition geheiratet hatte, 93 bot sich uns ein phantastischer Ausblick über das Dorf. Das Mittagessen bekamen wir an der „Kaskade“, wo die Kunden gemeinsam mit einigen Crew-Mitgliedern ein Bad nahmen. Dies entspricht der langjährigen Erfahrung der Kel Timia mit Tourismus und wird, solange die Touristen Badekleidung tragen, anstandslos toleriert. Schließlich nutzten die Kunden einmal mehr die Gelegenheit für Souvenirkäufe bei den dortigen Händlern, die ich grossteils persön- lich kenne. Um ihnen die Zeit zu vertreiben, zeigte ich ihnen Kalenderbilder aus Österreich, die mit großer Begeisterung aufgenommen wurden. Am Rückweg wurden die Kunden durch den großen Garten von Souley Yakouba, einem der erfolgreichsten Gartenbauern von Timia, geführt, wobei die Potenziale und Probleme der hie- sigen Landwirtschaft erörtert und auch Souleys Produkte verkostet wurden. Den fotografischen Höhepunkt in Timia bildete ein „Tende“, der Kameltanz der festlich ge- schmückten Hirten um die trommelnden und singenden Frauen. Das „Tende“, an dem etwa acht Frauen, zum Teil mit ihren Babys, und vier Reiter teilnahmen, hatte ich für das beste Nachmittagslicht arrangiert, und daher begeisterte es unsere Kunden, aber auch zahlreicher anderer Touristen sowie Kinder und Erwachsene des Dorfes, die sich als willkommene Zaun- gäste eingefunden hatten. Auch die Sängerinnen hatten viel Spaß, indem sie mit Touristen mittels zweideutiger Mimik schäkerten. 94 Als Überraschungseinlage der Koranschule brachte eine Klasse ein Ständchen, begleitet von selbst gebastelten Trommeln, wofür wir uns mit den letzten Schreibutensilien, die uns noch verblieben waren, bedankten. 95 Während unseres gesamten Aufenthalts in Timia begleitete uns auf meine Einladung hin und mit freundlichem Einverständnis der Gruppe mein Freund Glob, ein blinder „Chasse de tou- ristes“. Auf diese Weise versuchte ich ihn ein wenig zu unterstützen. Letztlich kauften auch einige Touristen von seinem bescheidenen Kunsthandwerk-Sortiment. 96 13.5.4.2 Kommunikation mit der Bevölkerung Die mangelnden Kenntnisse des Tamaschek und des Französischen sind im Niger zweifellos ein hemmendes Element der Verständigung. Durch meine Kenntnis des Französischen als auch einiger Floskeln Tamaschek sowie die Deutschkenntnisse von Houché oder die Eng- lischkenntnisse von Houiah konnten wir manche Barriere fruchtbar überbrücken. Zudem hatte ich die Kunden ein wenig in Französisch unterrichtet und sie dazu angeregt, sich auf ihre nonverbalen Kommunikationsfähigkeiten zu verlassen. Dies führte wiederholt zu großartigen Situationen des gegenseitigen Austausches, wie bereits am Beispiel von Timia berichtet. Eine besonders schöne, spontane Situation ergab sich in unserem Camp in Aouderas, als sich ein Sing-Wettstreit zwischen einigen Kunden und den von der Schule heimkehrenden Kindern entwickelte, die uns darauf hin gar nicht mehr verlassen wollten. 92 Eine weitere Kundin hatte eine große Kiste voller Kinderkleider mitgeschickt. 93 Siehe dazu das Kap. „Potentielle Tourismusentwicklung in Timia/Organisierte Feste/Meine Tuareg-Hochzeit am Fort“. 94 Zur positiven Bewertung solcher Veranstaltungen durch die Kel Timia siehe ebd. in „Fantasias“ 95 Enttäuschend war für mich die Erfahrung, dass die fremden Touristengruppen zwar selbstverständlich zugesehen und foto- grafiert, aber sich am Ende der Vorführung geweigert hatten, auch nur einen Kugelschreiber für die Kinder zu spendieren. 96 Zur Unerstützungsinitiative von Mag. Franz Lindner betreffend die Postkartenspende für Glob siehe das Kap. „Potentielle Tourismusentwicklung in Timia/Postkarten für Timia“. 517 Dennoch werden die Führer Houché und Houiah für die Zukunft nicht umhin kommen, an ihrer Vortragsmethode zu arbeiten, damit die Kunden besser von ihrem Wissen über die Wüs- te und die Tuareg-Kultur profitieren, 97 aber auch, weil kommunikative Kompetenz wohl die Schlüsselqualifikation zur Sensibilisierung und Führung der Kunden ist. 13.5.4.3 Respektvolles Verhalten Der Respekt der lokalen Sitten und Wertvorstellungen ist ein leitendes Grundprinzip dieser Reise. Dies wird vor allem durch entsprechende Information der Kunden durchgesetzt. In den wenigsten Fällen waren während der Reise noch korrigierende Hinweise auf ein fehlerhaftes Verhalten, etwa hinsichtlich unpassender Kleidung, nötig. Wie es scheint, entwickelte sich innerhalb der funktionierenden Gruppendynamik eine Art selbst kontrollierendes, respekt- volles Selbstverständnis. Dies betraf auch religiöse Themen, Kameragebrauch etc. 13.5.4.4 Soziale Hierarchien Innerhalb der Crew gibt es keine spürbare Hierarchie. Jeder hat seine speziellen Aufgaben (Chauffeur, Koch…), doch wird nicht nach Qualität der Arbeit unterschieden, da jedes Mitglied schon irgendwann einmal als Koch gearbeitet hat. Darum arbeiten zumeist auch alle Crew-Mit- glieder gemeinsam in der Küche mit, wenn keine anderen Arbeiten zu erledigen sind. Houché, der Direktor von Tchimizar V., tut sich generell schwer, sich als „Direktor“ zu bezeichnen, wohl weil er sich selbst vom einfachen Hilfskoch in Algerien hochgearbeitet hat. Als Führer sieht er sich bestenfalls als „primus inter pares“ - ausgenommen bei der abschließenden Trink- geldverteilung, an der er sich weigert, teilzuhaben, obwohl er die gleiche Leistung erbracht hat. Die Honorare richten sich gemäß der jeweiligen Arbeit nach den üblichen Sätzen. Praktisch jeder der Mitarbeiter wird nur vorübergehend für die jeweilige Tour engagiert. Anderes wäre auf Grund der schlechten Auftragslage von Tchimizar V. auch nicht finanzierbar. Dafür haben die meisten Mitarbeiter, die Freunde oder Verwandte von Houché sind, die Garantie, bei der nächsten Tour wieder mitarbeiten zu können. Die Alternative wäre eine perspektivenlose Ar- beitslosigkeit in Agadez. Im Feber 2004 fuhr erstmals auch ein algerischer Agentur-Kollege aus Djanet mit seinem Wagen mit, bei dem Houché vor vielen Jahren gearbeitet hatte. Von den Auswirkungen der Entführungen von 2003 betroffen, war der Algerier heuer weitgehend arbeitslos, weshalb ihm Houché angeboten hatte, ihn für diese Tour zu beschäftigen. 97 Allerdings halte ich den Vorschlag von Baumgartner und Leuthold (2002, S. 46, 107), wonach von den europäischen Rei- seleitern den „Lokalen Guides ‚Sprache und (Kultur)Erfahrungen’ in kleinen Workshops“ während einiger Tage nach der vollendeten Reise vermittelt werden solle, für illusorisch. Derartige kommunikative Kompetenzen, die im Niger tief mit der vorherrschenden Kommunikationskultur verwoben sind, lassen sich nicht in wenigen Tagen vermitteln (siehe dazu das Kap. über „Strukturelle Probleme der Tourismusentwicklung in Agadez/Qualifikationsmängel/Fähigkeiten des Reiseleiters - Lehr- inhalten vs. Praxis“.) Dies zeigt die immer noch bestehende Scheu von Houché, in der Öffentlichkeit Deutsch zu sprechen, obwohl er bereits seit vielen Sommern in Österreich Deutsch lernt. 518 13.5.4.5 Belastung der Mitarbeiter Die meisten jungen Crew-Mitglieder sind noch unverheiratet und darum ungebunden. Ihre Arbeit mit Touristen und die Reisen durch die Wüste machen ihnen großen Spaß. Dafür ver- suche ich auch selbst Sorge zu tragen, indem ich den konkreten Ablauf einer Tour stets auch nach den Wünschen und Vorstellungen der Crew gestalte. So werden etwa Lagerplätze in der Nähe ihrer Familien angestrebt, um ihnen deren Besuch während der Nacht zu ermöglichen, oder es werden längere, anstrengende Fahrten möglichst vermieden. 13.5.4.6 Gender-Aspekt Anhand der Schilderungen wird deutlich, dass sowohl zu Männern als auch zu Frauen aus der Bevölkerung in gleicher Weise Kontakte hergestellt wurden. Dadurch wird zuweilen ein be- sonders intensiver und herzlicher geistiger Austausch möglich. Außerdem wurde es möglich, etwaige Vorurteile über die Rolle der Frau im Islam aufzubrechen und zu hinterfragen. 13.6 Reise-Nachbereitung Dieser Bereich überschneidet sich mit dem nachfolgenden Abschnitt der Reise vor Ort. Denn Tchimizar V. führt selbst am Abend der Rückkehr nach Agadez eine offene Feedback-Runde nach dem festlichen Abendessen durch. Entsprechend dem Rahmen wird dieser Anlass jedoch weniger zur Kritik als vielmehr zur offiziellen freundschaftlichen Verabschiedung der Crew genutzt. Kneissl Touristik selbst evaluiert die Tour über einen einfachen Fragebogen 98, der den Reise- teilnehmern am Ende der Tour übergeben wurde. Die Erfahrung hat gezeigt, dass der Rück- lauf deutlich geringer und die Ergebnisse signifikant schlechter waren, wenn die Fragebögen nach der langen und beschwerlichen Rückfahrt in Niamey ausgegeben wurden. Weil aber die Trekking-Reise und nicht der als beschwerlich, jedoch unvermeidbar bekannte Rückweg be- urteilt werden soll, entschied ich mich für die Ausgabe der Fragebögen bereits am letzten frei- en Halbtag in Agadez. Die Rückmeldungen waren überwiegend sehr positiv. Auch diejenigen, die während der Reise vereinzelt Kritik geübt hatten99, betonten ihre insgesamt sehr hohe Zufriedenheit. Wiederholt wurde auch die Reiseleitung positiv hervorgehoben. Die wenigen Kritikpunkte betrafen in der Regel die beschwerliche An- und Abreise, vereinzelt die nicht realistisch genug beschriebene Trekking-Etappe durch den Tamgak und den niederen Standard der Hotels in Tahoua und Agadez. Die Anreise über Niamey lässt sich leider nicht verhindern, und die Nutzung von 98 Auf die Gestaltung dieses Fragebogens habe ich keinerlei Einfluss. 99 Ein Kunde hatte etwa kritisiert, dass für die Einnahme der Speisen während der Rundtour keine Stühle und Tische zur Verfügung standen. Dies ist jedoch im Niger völlig unüblich und häufig wegen des unebenen, steinigen oder sandigen Ge- ländes auch wenig praktikabel. 519 regional betriebenen Mittelklassehotels ist ein wesentlicher Bestandteil der Philosophie dieser Reise, um die regionale Wertschöpfung zu maximieren. Im Übrigen steht es den Teilnehmern offen, nach der Tour auch weiterhin einen Diskurs über die Reise zu führen, wie dies vereinzelt auch wahrgenommen wurde. 100 13.6.1 Reflexionsmöglichkeiten für die Mitarbeiter Supervision, also die Möglichkeit für Reiseleiter, mit Kollegen Probleme zu besprechen, sich auszureden, Enttäuschungen loszuwerden, 101 wird bei Kneissl Touristik bedauerlicherweise nicht angeboten, was einen grundlegenden Mangel darstellt. Allerdings kenne ich bis auf Stu- diosus in München und Desert Team in der Schweiz 102 kein anderes Reiseunternehmen, das ihren Reiseleitern Zusatzausbildungen und Supervisionen anbietet. 103 Erst die Zukunft wird zeigen, in welcher Form Prof. Sepp Friedhuber meine Praxis der Niger- Reisen zu übernehmen bereit und auch imstande ist. Ich kann nur hoffen, dass Kneissl Tou- ristik die Ankündigung einer Mitarbeiterschulung realisiert, und dass der künftige Reiseleiter daran teilnimmt, um auch für die Zukunft die bisherigen Stärken der Tour im Bereich des interkulturellen Austausches aufrecht zu erhalten. 13.7 Schlussfolgerungen Die Reiseform des Kamel-Trecks an sich, sowie die Art der konkreten Durchführung der Rei- se von Kneissl Touristik durch Tchimizar V. ermöglicht einen Grad der ökologische Verträg- lichkeit, der kulturellen Rücksichtnahme und der Wertschöpfung für die einheimische Bevöl- kerung, wie er durch andere Reiseformen in dieser Region kaum zu steigern wäre. Die Ver- besserungsmöglichkeiten seitens Tchimizar V. sind marginal und stoßen auch an gewisse so- ziokulturelle Grenzen. Mein eigenes Engagement stieß dort an eine Grenzen, wo entweder die konkreten Präferenzen der Kunden eine Intensivierung der Öffnung für das Land nicht zuließen; dann reduzierte sich mein Engagement wenigstens auf Schadensbegrenzung; oder ich stieß bei vereinzelten Mit- gliedern der Crew von Tchimizar V. auf Grenzen des interkulturellen Verständnisses für die 100 Zu einigen der Teilnehmer besteht seit der Tour eine freundschaftliche Bindung. 101 Am Ende meiner bestens verlaufenen letzten Tour im Feber 2004 war ich enttäuscht, dass am letzten Abends niemand der Gruppe ein paar gemeinsame Dankes- und Abschiedsworte an mich gerichtet hatte, wie es sonst üblich ist, insbesondere dann, wenn die Tour gut verlaufen ist. Meines Erachtens zeigt sich hierin ein von mir schon anderweitig thematisiertes Phä- nomen der „Reiseleiter-Fraternisierung“ (vgl. Friedl 2002a, S. 80): Sobald das Engagement des Reiseleiters ein bestimmtes Maß überschreitet, wird es von den Reisekunden als selbstverständlich hingenommen und nicht mehr als besonderer Service akzeptiert. Trotz meiner langjährigen Erfahrung mit Touristen und Reisegruppen stellen solche Enttäuschungen immer noch schmerzhafte Momente dar. Ich vermute die Ursache für dieses Problem in meinem intensiven Bemühen, die Tour möglichst umwelt- und sozialverträglich zu gestalten, weshalb ich in meinen früheren Touren dazu geneigt haben mochte, „zu viel des Guten“ zu tun. An dieser Stelle richte ich meinen besonderen Dank an meine einstige AHS-Englischlehrerin und Niger- Reisekundin vom Feber 2004, Prof. Sylvia Mitsche, die mich dezent auf meine zu umfassenden Vorträge aufmerksam ge- macht hatte. Durch dieses konstruktive Feedback zu Beginn jener Reise erhielt ich rechtzeitig Gelegenheit, mein Informati- onsangebot den Kundenbedürfnissen anzupassen. 102 Vgl. Baumgartner/Leuthold 2002, S. 48, 109. 103 In gewisser Hinsicht stellt meine Dissertation einen Supervisionsersatz dar… 520 Bedürfnisse der Kunden oder die Möglichkeiten eines Brückenschlags. Das aber waren die sel- tenen Ausnahmen, dank derer ich letztlich am meisten lernte. Seitens der Bevölkerung stößt die Reise auf großes Interesse, wie dies besonders in Timia zum Ausdruck kam. 104 Eine substanzielle Verbesserung wäre bei der Informationspolitik von Kneissl Touristik wün- schenswert. Die Tatsache, dass Kneissl T. über ein derart hochwertiges Produkt verfügt, dies aber nicht hinlänglich nach außen signalisiert, ist sehr bedauerlich, aber angesichts der an- gespannten Marktlage nachvollziehbar. Letztlich gebührt Kneissl T. für sein Engagement als Anbieter einer solchen Tour die Anerkennung, denn das Verhältnis von Aufwand und Rendite spottet gegenwärtig noch jeder Beschreibung. 104 Näheres dazu in Teil C über die „Tourismusentwicklung in Timia“. 521 14 Konflikte im Einzugsbereich des Tuareg-Tourismus Frieden und soziale Sicherheit sowie die damit eng verbundene persönliche Sicherheit der Touristen im Reisegebiet ist eine grundlegende Rahmenbedingung für Tourismusent- wicklung. 1 Die jüngeren Beispiele für Gewalt - 2001in New York, 2002 auf Djerba und Bali 2 sowie in Casablanca, seit 2003 im Irak und 2004 in Madrid - haben die Reisenden für gefähr- dete Sicherheit sensibilisiert - und damit die Krisenanfälligkeit des Tourismus im Vergleich zu vielen anderen Wirtschaftsbereichen - verdeutlicht. Wie für Terror gilt dies gleichermaßen auch für Kriminalität, beides Phänomene, die infolge wachsender Verelendung in vielen Re- gionen der Welt zunehmend auftreten. 3 Insofern erscheint das als zunehmend intensiver wahrgenommene Sicherheitsrisiko der Touristen als eine der stärksten Gefährdungen des Tourismus generell, 4 in besonderem Maße aber in Entwicklungsländern. Die spezifische Vermittlung solcher Risiken durch die massenmediale Berichterstattung spielt eine überragende Rolle. Zum einen zwingt der Konkurrenzdruck die Medien, zur Strategie der Dramatisierung zu greifen, um die Aufmerksamkeit potentieller Kunden zu erregen, frei nach dem Erfolgsschema „Only Bad News are Good News“. Darum haben zumeist nur schlechte, außergewöhnliche Nachrichten Chancen, ein mediales Publikum zu finden. Somit hat die Realität jenseits der heilen Tourismusfassade von Entwicklungsländern fast nur durch ein Desaster oder einen Krieg Chancen, durch westliche Medien wahrgenommen zu werden. 5 Zum anderen strahlen Meldungen über Gewalt und Konflikte in europafernen Regionen auch auf die dort angrenzenden Länder ab. 6 Dies beweist das Beispiel der Entführung von Alge- rien-Reisenden im Winter des Jahres 2003, als der „Tatort“ auf die gesamte Sahara ausge- dehnt und somit auch der Niger in einem Atemzug genannt wurde, obwohl die Entführungen mehr als 1.000 km von den touristischen Zonen des Niger entfernt stattgefunden hatten. 7 Ein Blick auf die veröffentlichten Bildern der durch Kriminalität betroffenen Touristen eröffnet zumeist Einsichten in eine andere Realität: in komplexe Strukturen einer Gesellschaft, deren innere Dynamik die neuen kriminellen Phänomene plötzlich in neuem Licht erscheinen und verständlich werden lassen. Im Fall des Niger ist dies weniger der in aller Munde dröhnende Terror, als vielmehr die Auswirkungen der Rebellion, verbunden mit einem allgemeinen Wer- tewandel in der einheimischen Bevölkerung. Darüber hinaus trägt besonders auch die gegen- wärtige Tourismusentwicklung zur Entstehung weiterer Konflikten bei. Die Frage nach der Vertretbarkeit von Tourismusentwicklung berührt somit nicht nur ökolo- gische, ökonomische und soziokulturelle Auswirkungen, wie im vorangegangenen Kapitel diskutiert, sondern wesentlich auch sekundäre Auswirkungen, wie das Stiften oder Vertiefen bestehender Konflikte durch touristische Aktivitäten. Dies gilt umso mehr für eine von einer Rebellion erschütterten Region. Die Bedeutung dieser Fragestellung erweist sich angesichts der internationalen Erfahrungen, wonach Tourismusentwicklung stets mit einer Vielzahl von widerstreitenden Interessenslagen verbunden ist und insofern gleichsam automatisch zu Konflikten führt, die in letzter Konse- quenz die gesamte Tourismusentwicklung gefährden könne, 8 ja die ganze Region destabilisie- 1 Vgl. Plüss 2001; Steck; Strasdas; Gustedt 1999, S. 22. 2 Vgl. Hartwig 2003, S. 10 f. 3 Vgl. etwa die starken Einbrüche der Besucherströme in Kenia nach den brutalen Überfällen auf Urlauber zu Anfang der 90er-Jahre; Hinw. in Vorlaufer 1996, S. 41 f. 4 Vgl. Romeiß-Stracke 2003; Smith 2001c. 5 Das zeigte sich zuletzt am großen Beitrag von Bobi (2004) im österreichischen Nachrichtenmagazin profil über den jüngs- ten Überfall auf Österreicher im Niger. 6 Vgl. Richter 1992, S. 41. 7 Vgl. z. B. Drechsler 2003. 8 Vgl. Fennell 1999, S. 24 f. 522 ren würde. So kann touristisches Engagement etwa die Verschärfung sozialer Gegensätze oder die Veränderung der Wertesysteme innerhalb der Gesellschaft beschleunigen, wodurch bestehende Konfliktpotenziale wachsen. 9 Dies gilt besonders für die Kontroversen zwischen ethnischen Gruppen, da in vielen Ländern die Erfahrung zeigt, dass Vertreter bestimmter eth- nischer Gruppen überproportional als Unternehmer im Tourismussektor auftreten. Diese Situ- ation ist gerade für die Tuareg bezeichnend und besonders auf nationaler Ebene Ursache man- cher Konflikte. 10 Andererseits kann Tourismus auch zur stärkeren Integration einer wirtschaftlich marginalen Region in den nationalen Wirtschaftsraum und insofern zur stärkeren Einbindung einer eth- nisch stark segmentierten Gesellschaft in den Nationalstaat beitragen. 11 Gerade die mangelnde Integration der Tuareg in den Nationalstaat war doch einer der zentralen Forderungen seitens der Rebellen. Tourismusentwicklung erweist sich aber nur dann als nachhaltig, wenn sie auch auf lokaler Ebene verwirklicht wird, indem sie den Interessen der betroffenen Bevölkerung gerecht wird und deren Bedürfnisse berücksichtig, und nicht primär den lokalen Eliten zugute kommt. 12 Darum stellt sich in diesem Kapitel die Frage, wie die Tourismusentwicklung in Agadez ges- taltet sein muss, damit ihre integrativen Kräfte stärker wirken als die zersetzenden, oder we- nigstens, ob Tourismus, trotz eines gewissen Grades an Unsicherheit, bei den Tuareg existie- ren kann und dabei mehr Nutzen als Probleme schafft. Zur Beantwortung dieser Frage ist die Analyse der Konfliktstrukturen der Tuareg-Gesellschaft bzw. der im Tourismus involvierten Tuareg-Gruppen unerlässlich. 14.1 Rolle und Auswirkungen der Rebellion Das Verständnis der Tuareg-Rebellion sei nach Ansicht des französischen Anthropologen und Tuareg-Experten André Bourgeot auch der Schlüssel zum Verständnis des Tourismus im Ni- ger. 13 Wie bereits dargestellt, 14 war die militärisch relativ erfolgreiche Rebellenbewegung schon bald in zahlreiche Fronten zerfallen, die sich zum Teil sogar gegenseitig bekämpften. 15 Bereits in dieser Phase lebten solche hochgradig mobilen Splittergruppen von der lokalen Bevölkerung oder indem sie auf dem Schwarzmarkt diskret das Raubgut aus gelegentlichen Überfällen verkauften. Darum konnten die großen Fronten die Sicherheit der ersten wieder- kehrenden Touristen auch nur im Einzugsbereich ihrer Sympathisanten garantieren. Diese innere Uneinigkeit der Rebellenfraktionen war auch ein wesentlicher Grund für die schwieri- 9 Vgl. Steck; Strasdas; Gustedt 1999, S. 94. 10 So wurde etwa bei wiederholten und die Region Agadez schädigenden Verzögerungen der Renovierungsarbeiten an der Landepiste von Agadez eine gezielte Strategie der - von Nicht-Tuareg dominierten - Eliten des Raumes Niamey vermutet, die auf diese Weise ihren Profit dank der notwendigen Anreise via Niamey möglichst lange aufrecht erhalten wollten (vgl. O. K. 2003, S. 4.) 11 Vgl. Vorlaufer 1996, S. 113. 12 Vgl. Fennell 1999, S. 24 f. 13 Bourgeot, Gespräch, Paris, 13. 4. 2001. Vgl. insb. Bourgeot 1992, 1994b, 1994c, 1995b, 1996. 14 Siehe das Kap. über „Die Region Agadez/Die Geschichte der Region Agadez/Die Tuareg-Rebellion 1990-1997“. 15 Stührenberg (2002b, S. 176 f.) charakterisierte diese Zersplitterung der Rebellion in ethnische Gruppen und Unterfraktio- nen sogar nach Clansolidarität mit den Worten: „Und jeder wollte Chef sein“. Und ein Ex-Rebell beschreibt diese Dynamik (zit. in Grégoire 1999, S. 297) wie folgt: „Des petits groupes en désaccord avec leurs chefs peuvent spontanément faire sécession et constituer un nouveau front avec pour capital deux ou trois véhicules et des armes dérobés à leurs chefs.“ 523 ge Durchsetzung eines allgemein anerkannten Friedenspaktes und blieb damit auch für einige Zeit das wichtigste Hindernis für eine Renaissance des Agadez-Tourismus. 16 14.1.1 Andauernde Unsicherheit am Ende der Rebellion Mit dem Abklingen der militärischen Feindseligkeiten 17 entdeckten viele ehemalige Rebellen- Führer im Tourismus ihre große Chance zur gewinnbringenden Nutzung ihrer - zum Teil als „Kriegsbeute“ erworbenen - Allrad-Fahrzeuge.18 Dementsprechend erfolgten schon bald zahl- lose Agentur-Neugründungen in Agadez. Der einstige ORA-Chef Rhissa ag Boula, der 1996 noch als eine der zentralen Bedrohungen des Tourismus betrachtet worden war, 19 wandelte sich dank seiner Ernennung zum Tourismusminister Ende 1997 zum nunmehrigen „Schutzen- gel“ des Tourismus. Als seine wesentliche Aufgabe betrachtete er dabei die Präsentation des Niger als sicheres Reiseland. 20 Dabei wurde konsequent in beschönigender Weise ein idylli- scher Friede vorgegaukelt. 21 Doch auch nigrische und europäische Reiseunternehmen präsen- tierten dem europäischen Klientel das Bild einer befriedeten Sahara, in der die Reisesicherheit gewährleistet sei. Diese Strategie, Risiken zu tabuisieren, entsprach durchwegs dem - bis zum 11. September 2001 - unter europäischen Reiseveranstaltern gepflogenen Umgang mit dem Thema Sicherheit. 22 Der Realität im Niger wurden diese Darstellungen in keiner Weise gerecht. Seit dem Ende der Rebellion waren in der Sahara23 und sogar in der Region Aïr-Ténéré vereinzelte Übergriffe auf Touristengruppen zu verzeichnen. So wurde etwa im Jänner 1998 eine italienische Reisegruppe überfallen und dabei eine Person im Zuge eines Fluchtversuchs erschossen. Kritische Beobachter der Sahara hatten sehr wohl wiederholt über derartige Vorfälle im Norden des Niger berich- tet, 24 was aber nichts an der Informationspolitik des nigrischen Ministeriums und auch nicht am Stil der meisten Agenturbetreiber änderte. Hinter den Überfällen wurden im Wesentlichen jene ehemalige Rebellen vermutet, die bislang nicht in nationale Sicherheitskräfte integriert werden konnten, sich marginalisiert fühlten und sich nun mittels Akten von Banditentum gegen solche Gruppen ehemaliger Rebellen richten, die durch die Friedensverträge zu profitieren verstanden. 25 Weniger verständnisvolle Beob- 16 Meine eigene Reisegruppe wurde nachts im Hotelgelände in Agadez von verhüllten Banditen überfallen. Siehe auch das Kap. über die „Geschichte des Tourismus in Agadez/Der Neubeginn seit Rebellionsende 1997“. 17 Die letzten wesentlichen, jedoch äußerst heftigen Zusammenstöße zwischen Rebellen und Militär fanden Ende 1997 statt (vgl. Grégoire 1999, S. 298). 18 Dies bestätigten zahlreiche befragte Agentur-Chefs und andere angesehene Personen in Agadez. 19 So hatte eine Delegation der Reiseagenturen im Dezember 1996 Rhissa gedroht, seine Front aktiv zu bekämpfen, falls sie ihre Reisegruppe angreifen würde (Vgl. Grégoire 1999, S. 295). 20 Rhissa ag Boula, Interview, Niamey, 19. 3. 2000. 21 Die Web-Site des Nigerischen Tourismusministeriums (2002) beschreibt den Niger als „destination touristique très sûre. (…) La stabilité politique et sociale est définitivement retrouvée.“ Die Unterzeichnung der Friedensverträge von 1995 hätte zur definitiven Wiederkehr des Friedens („le retour définitif de la paix“) geführt. 22 Vgl. Romeiß-Stracke 2003, S. 151 ff. 23 Schlamp (2000, Web) berichtet über den Raub von 66 Fahrzeugen in Nordmali und Südalgerien in den Jahren 1996-99 durch Überfälle und dass 3 Tote zu beklagen waren. Allein von Jänner bis Juni 2000 starben dort im Verlauf von 20 Überfäl- len sieben Menschen. 24 Därr 2000; Larboulette (2002, Web) brachte die Situation auf den Punkt: „Die in vielen Publikationen noch zelebrierte, ungetrübte, friedliche Sahara-Idylle gibt es (seit Jahren) nicht mehr, die Bürgerkriege haben ein erhebliches Potential an gewaltbereiten, bewaffneten Personen geschaffen, die wirtschaftliche Not, besonders in Mali, Niger und Tschad tun ein übriges.“ 25 Philippe Martel, Leiter der Schweizer «Direction du développement de la coopération», welcher seit Beginn der 90er-Jahre das Entwicklungsprojekt im Aïr-Ténéré-Bioreservat finanziert und evaluiert (zit. in Giazzi 2002, Web). 524 achter sahen in diesen Libyen-Veteranen lediglich Banditen, die „im Grunde nirgendwo mehr hin (passten), außer hinter den Abzug einer Kalaschnikow“. 26 Diese Verschleierungs- und Verharmlosungsstrategie war allerdings auch ein Ausdruck der komplexen Beziehungen und Abhängigkeiten zwischen den einstigen Rebellen, den neuen Agentur-Betreibern, der politischen Tuareg-Elite und der Tuareg-Bevölkerung. Das massive Misstrauen, das noch lange Zeit nach der Rebellion zwischen der Tuareg-Bevölkerung und den Ex-Rebellen einerseits und den zumeist aus dem Süden stammenden Sicherheitsorganen der Zentralregierung andererseits herrscht, behindert zusätzlich die Bekämpfung der Kriminalität. So verweigerte die Bevölkerung lange Zeit die Kooperation mit dem regulären Militär und deckte „ihre“ Banditen. Andererseits wurden solche verhaftete Personen, die an richtiger Stelle die richtigen Fürsprecher hatten, aus fadenscheinigen Gründen rasch wieder aus der Haft ent- lassen. 27 14.1.2 Rouges und Noirs: Konflikte zwischen „weißen“ und „schwarzen“ Tuareg Einer der permanent schwelenden Konflikte in der Tuareg-Gesellschaft der Region Agadez herrscht zwischen den „Touaregs Rouges“ einerseits, den „roten“ bzw. „weißen“ Tuareg, also jenen, die sich als Adelige betrachten, und den „Touaregs Noires“ andererseits, zu denen von den „Rouges“ die „Iklan“, also die einstigen Tuareg-Sklaven, sowie die Vasallen der „Rouges“ 28 und auch die Kel Ewey 29 gezählt werden. Dieser Konflikt reicht tief in die Rebel- lion zurück und äußerte sich u.a. darin, dass die Kel Ewey zum Teil als „schlechtere“, weil unverlässlichere Tuareg-Rebellen behandelt wurden, was u.a. zur Abspaltung der Kel-Ewey- Rebellenfront „MUR“ geführt hatte. Der Konflikt reicht jedoch noch viel weiter zurück und wirkt bis in die rassistisch motivierte Unterstützungspolitik einiger Hilfsorganisationen. Ein deutliches Beispiel dafür liefert die von Mano Dayak in Frankreich gegründete Vereinigung „Touaregs“, die ursprünglich die Förderung aller Tuareg zum Ziel hatte, die aber im Verlauf der Rebellion schon bald zum europäischen Propaganda-Instrument für die „weißen Tuareg“ mu- tierte. Diese Gruppe verbreitete die Sichtweise, dass die „weißen Tuareg“ unterdrückte Opfer der schwarzen Mehrheit seien. 30 Diese rassistische Konflikte schürende Position hatte den eins- tigen Mitgründer der Vereinigung, den Anthropologen André Bourgeot, zu heftiger Kritik und schließlich zum Austritt aus der Vereinigung bewogen. Dadurch wurde Bourgeot selbst wiederholt Zielscheibe für massive Kritik seitens mancher Tuareg aber auch der Vereinigung „Touaregs“. „Touaregs“-Präsidentin Marie Begel etwa warf Bourgeot vor, er habe während der Rebellion die schwarzen Tuareg gegen die hell- häutigen Tuareg aufgehetzt und nur die „Noirs“ mit Fahrzeugen versorgt. Der Grund dafür sei seine Position als europäischer Leiter einer fundamentalistischen Bewegung gewesen, die von 26 Stührenberg 2002b, S. 177. 27 Aghali Alambou, Touareg Tours, Agadez, 1. 4. 2001. 28 Vgl. Bourgeot 1995c, S. 32. 29 Vgl. Spittler (1984, S. 300 f.), der den Umstands, dass die Kel Ewey so schwarz sind, mit dem Hinweis auf die bevorzugte Vermählung der Männer mit schwarzen Sklavinnen erklärt. Aus diesem Umstand resultierte auch die gelegentliche, herab- würdigende Bezeichnung der Kel Ewey als „Bouzou“, dem Haussa-Begriff für Sklaven (vgl. Spittler 1998, S. 211). 30 Details dazu siehe Kap. „Die Marke „Tuareg“ – Mythos und Images/Historische Entwicklung des europäischen Tuareg- Bildes/Die Tuareg-Rebellion und ihre Folgen: Opfer und Helden“. 525 US-Islamisten finanziert werde, und er vertrete eine marxistische Position, die hier fehl am Platze sei, weil sie die aristokratische Struktur der Tuareg-Gesellschaft untergrabe. 31 Zahlreiche Tuareg kritisieren Bourgeots Politik der Postenvergabe im Zuge seiner entwick- lungspolitischen Tätigkeit. Als langjähriger anthropologischer PAGRNAT-Berater schlug er die Auswahl von Tuareg-Personal aber auch die Verteilung und den Einsatz von Projektgel- dern vor. Bei der Analyse der Kritiker und auch der Kritik fällt jedoch auf, dass es sich dabei um Personen handelt, die aufgrund der Bourgeot-Vorschläge einige Privilegien, wie Projekt- gelder und -posten zum Vorteil von bislang benachteiligten Personengruppen, eingebüßt hat- ten. Bourgeot selbst nannte fachliche Qualifikation als Auswahlkriterien, was hier bislang noch weitgehend unüblich sei. Doch den eigentlichen Grund für die Kritik gegenüber Bour- geot sieht er selbst in seiner expliziten Kritik am ideologisch motivierten Rassismus der „Rouges“. 32 Die Fürsprecher Bourgeots sind - erwartungsgemäß - jene, die von seinem Engagement profi- tieren. So hatte Bourgeot etwa eine Neuorganisation der Kamelvermietung in der Form ange- regt, dass mehrere Familien jeweils ein Kamel vermieten sollten, damit nicht wie bisher nur eine Familie allein profitieren sollte. 33. Kritiker finden sich in Agadez auch gegenüber der Vereinigung „Touaregs“, die als „regel- rechte Spenden-Mafia“ geschildert wird: „Sie verbreiten mittels gezielter Falschmeldungen Gerüchte über das Leid getöteter Tuareg, um auf diesem Weg die Herzen und Brieftaschen der Europäer zu öffnen.“ 34 Angesichts des bisher Gesagten ist es wenig überraschend, dass über eben diesen Kritiker wiederum von anderer Seite geurteilt wurde, er hätte während der Rebellion Gelder ungerecht verteilt, Nahestehende bevorzugt und Tribalismus praktiziert. 35 14.1.3 Verlagerung der Tuareg-Konflikte in den Tourismus Das gegenseitige Misstrauen und die gegenseitigen Vorwürfe der Übervorteilung, der Korrup- tion und anderer übler Machenschaften ziehen sich wie ein roter Faden durch die Periode der Tourismus-Renaissance nach der Rebellion. Wie erwähnt, war die Zahl der Agenturen binnen weniger Saisonen auf etwa 70-80 Unternehmen angewachsen. Darin offenbart sich zum einen die allgemein verbreitete Illusion, durch Tourismus schnell zu Reichtum zu gelangen, und zum anderen der häufige Drang der regionalen Akteure zu individueller Unabhängigkeit. Dies zeigte sich am Scheitern zahlreicher Initiativen zu Kooperationsprojekten im Bereich des Tourismus 36 und darüber hinaus an der üblichen Strategie zur Lösung innerer Konflikte durch innere Teilung, in dem sich die Kontrahenten trennten und neue, unabhängige Agenturen gründeten. 37 31 Vgl. Begel, Niamey, 11. 10. 1999. 32 Vgl. Friedl 2001a. 33 Aggag, UICN-Mitarbeiter in Iferouane, Oktober 1997 34 Achmed Botho, Agadez, Oktober 1999. 35 Aoutchiki Mohamed Kriska, Direktor v. Pèlerin du Désert, Agadez, 29. 10. 1999. Derselbe Aoutchiki soll nach Angaben meines Assistenten Aghali Imoumoumene (Gespräch, Agadez, März 2001) das Gerücht über mich verbreitet haben, ich hätte Artikel über Sextourismus bei Tuareg-Hirtinnen verbreitet. 36 Vgl. das Urteil von Emud Efad, Präsident von Tilalt, Agadez, Oktober 1999. Näheres siehe Kap. „Strukturelle Probleme der Tourismusentwicklung in Agadez/Die Mängel der Marktstruktur/Mangelhafte Kooperationsbereitschaft“. 37 So ist etwa die Agentur „Planet Sable“ 1997 infolge einer Abspaltung von der 1996 gegründete Agentur Touareg Tours entstanden, nachdem es zu Meinungsverschiedenheiten über die Gebarung gekommen war (Hinw. v. Sedik Mehiri, Planet Sable, Telefonat am 1. 3. 2004). 526 Diese Haltung dominierte zwangsläufig auch die regionale Tourismuspolitik, die vor allem von Passivität und dem Weg des geringsten Widerstandes gekennzeichnet war. So repräsen- tierte Abal Voyages-Chef Almoustapha Warta, ein Verwandter von Mano Dayak, lange Zeit die Tourismusorganisation ANTPH und zeichnete sich dabei vor allem durch Untätigkeit aus, was vor dem Hintergrund des üblichen Misstrauens nachvollziehbar ist. Dies führte schließ- lich zum „Putsch“ gegen die ANTPH durch die überraschende Gründung des neuen Touris- mussyndikats im Jahr 2000. 38 Die Konflikte zwischen den verschiedenen Gruppierungen spiegelten sich auch in den häufig geäußerten Vorwürfen gegenüber Tourismusminister Rhissa ag Boula wieder, dieser sei inso- fern für gewisse Überfälle in der Region nördlich von Iferouane verantwortlich, als er seine einstigen Kombattanten nicht unter Kontrolle habe. Andererseits stünde er unter dem Druck hoher, sich widersprechender Erwartungen von verschiedenen Seiten. Letztendlich scheiterte Rhissa an seinem zügellosen Willen zur politischen Macht: 39 Im Feber 2004 wurde er unter dem Verdacht, die Ermordung eines politischen Widersachers in der Region Tchirozerine angeordnet zu haben, als Minister abgesetzt und verhaftet. 40 Im März 2001 eskalierte der Konflikt zwischen „Rouges“ und „Noires“, und es kam bei El- meki zu einem Überfall auf eine Reisegruppe von „Aligouran Voyages“. Dabei handelte es sich um einen Racheakt der „Rouges“ aus dem Tal von Tidéne an den „Noirs“ aus dem Dorf Sikerte wegen einiger Brunnenprojekte und wegen der angeblich bevorzugten Behandlung der „Noires“ durch die Behörden. Schließlich hätten einige Rouges aus Tidéne den Überfall in der Absicht durchgeführt, „Aligouran V.“ gezielt zu schädigen, weil sie der Ansicht waren, die Agentur werde von Angehörigen der „Noires“ betrieben.41 14.1.4 Tourismus als Ursache für Neid Das gefährlichste Konfliktpotenzial des Tourismus liegt wohl in der Entstehung von Neid unter jenen, die sich wirtschaftlich oder politisch benachteiligt fühlen. Angesichts der wirt- schaftlichen Misere in der Region werden besonders große Hoffnungen in den Tourismus gesetzt, der von vielen als der einzige Ausweg aus der Notsituation betrachtet wird.42 Dies gilt besonders auch für solche Personen, die Tourismus als eine Goldgrube verkennen, derer man sich lediglich bedienen müsse. Gleichzeitig vermittelt der relativ hohe Kapitaleinsatz für die nötigen Betriebsmittel sowie das Auftreten wohlgenährter und zahlungskräftiger Kunden den Eindruck, dass die Agenturbetreiber zwangsläufig über große Reichtümer verfügen müssen. Dies gilt umso mehr für besonders erfolgreiche Agenturen, die mehr Kunden bedienen als ihre Konkurrenzunternehmen. Wie sich bereits bei der Kritik an Bourgeot zeigte, wird ge- schäftlicher Erfolg im Tourismus weniger mit vorhandener Sachkenntnis erklärt als vielmehr mit dem Verdacht der Übervorteilung durch die Nutzung ungerechtfertigter Privilegien. Bei den Tätern, die aus Neid oder Rache Überfälle auf Touristengruppen unternahmen, han- delte es sich überwiegend um Ex-Rebellen. So wurden am 13. 2. 2000 eine Reisegruppe von Dune Voyages von jenen Personen überfallen, die sich zuvor um Fahrerposten bei der damals noch größten Agentur beworben hatten, jedoch aufgrund mangelnder Kompetenz abgelehnt 38 Siehe Kap. „Struktur des Tourismus in Agadez/Politische Tourismusstrukturen/Das Syndicat du Tourisme du Niger“. 39 Algafet Algaher, Agadez, 20. 2. 2004. 40 Vgl. IRIN-News 2004a. 41 Oualalaire Akulalle, Agadez, 5. 4. 2001. 42 Emud Efad, Agadez, Oktober 1999. 527 worden waren. Sogar der Interventionsversuch von Tourismusminister Rhissa ag Boula war zurückgewiesen worden. Der Überfall bei Elmeki war somit eine gezielte Racheaktion. Zu den Tätern zählte auch ein hoher, bislang angesehener, mit der Waffe desertierter Offizier 43. Zu diesem Genre von Überfällen kann wohl auch die Attacke vom August 2003 auf der Stre- cke Agadez–Tahoua gezählt werden, über welche die Vermutung geäußert wurde, sie sei Ausdruck einer neuen Intensität des Konkurrenzkampfes unter den im Tourismusgewerbe stehenden Ex-Rebellen, eine Form von „guerre commerciale". 44 Abgesehen von den Rivalitäten zwischen „Chasses touristes“ in Agadez um den Zugang zu Kundschaft bestehen auch innerhalb der Dörfer, wie in Timia oder Iferouane, Konflikte um Touristen, etwa um die Chance, Gruppen bei sich einzuquartieren; doch davon dringt wenig nach außen. Zur Lösung der Konflikte um Souvenirkunden wählten die „Chasses touristes“ in den Dörfern seit einigen Jahren die Strategie, zu entlegenen touristischen Stätten, wie Arakao oder Assode, zu wandern und dort auf Kundschaft zu warten. Dadurch wird in den Dörfern Konfliktpotenzial abgebaut. Allerdings wird diese Strategie vom Syndikat abgelehnt bzw. sogar bekämpft, weil sie die besondere Atmosphäre dieser abgelegenen Stätten in der Wüste für ihr Klientel bewahren möchten. Der problematischere Aspekt dabei ist die Verdrängung der lokalen Nomadenbevölkerung von diesen Stätten durch die im Verkauf geschulten „Chas- ses“ aus den Dörfern. Bislang hält sich dieser Trend noch in Grenzen, sodass kaum von einer Quelle des Konflikts zwischen Nomaden und „Chasses“ gesprochen werden kann. 14.1.5 Überfälle auf Touristen: wachsende Kriminalität als Folge des Wertewandels „The traveler’s world is becoming progressively more dangerous (…)“ 45 schreibt Valene Smith und beschreibt damit eine globale Erscheinung, wonach durch die Modernisierung und die damit verbundene Auflösung traditioneller Wertsysteme die sozialen Kontrollmecha- nismen ihre Funktion verlieren, besonders junge Menschen soziokulturell entwurzelt 46 sind und darum zur Kriminalität neigen. Dies lässt sich besonders in sozialen Randgebieten als Folge von Arbeitslosigkeit, Verarmung und Perspektivenlosigkeit beobachten. Der Tourismus verursacht dabei in labilen Menschen eine bemerkenswerte Begehrlichkeit,47 das schnelle Geld mit der Waffe zu erpressen. Das Aïr-Gebiet mit seinem weiten, schwer kontrollierbaren Hinterland bietet dafür hervorragende Möglichkeiten, insbesondere für jene, die das Gebiet aus der Rebellionszeit kennen. Darum finden hier jene kriminellen Ex-Rebellen, die bereits nach dem Ende der Rebellion ihr Kriegshandwerk nicht aufgegeben haben, auch als „freibe- rufliche Sahara-Räuber“ mit der Kalaschnikow weiterhin ein Betätigungsfeld. Der markanteste dieser Überfälle war jener auf die Gruppe der US-Amerikaner und auf die österreichische Reisegruppe der in Agadez lebenden Wienerin Eva Gretzmacher mit Tagel- must V. im Jänner 2001 in Temet. Den Tätern hatten sowohl Tubus als auch Tuareg angehört. Der Rädelsführer der Gruppe war ein gewisser Hassachm 48, ein nicht integrierter Ex-Rebell, sowie ein junger, entfernt Verwandter des Chefs der Agentur „Touareg Tours“ namens Ach- 43 Mohamed Ixa, Int. 28. 3. 2001. 44 Manzo, 2003, S 9. 45 Smith 2001b, S. 349. 46 Vgl. Bourgeot 1995b, 454. 47 Vgl. Vorlaufer 1996. 48 Schreibweise unsicher. 528 med. Die Täter hatten sich kurzfristig „auf gut Glück“ zu diesem Unterfangen verabredet. Im Zuge des Überfalls war es erstmals auch zu einem Vergewaltigungsversuch gekommen, der dann aber nicht vollendet wurde. 49 Dies ist ein besonders deutliches Zeichen für den Werte- verfall unter den jungen Tuareg, da nach dem traditionellen Wertsystem Gewalt gegen Frauen undenkbar wäre. Der politische Wille zur gemeinsamen Bekämpfung dieses „Problems“ seitens der Bevölke- rung und der Behörden hatten damals noch gefehlt, aber immerhin hatte Rhissa ag Boula un- ter Einsatz eigener Fahrzeuge persönlich die Verfolgung der Täter aufgenommen. Wohl auf- grund der - aus der Rebellion resultierenden - engen Verbindung zwischen dem Aïr, der Dja- do-Region, wo die Tubus rebelliert hatten, und Djanet, wo früher die Rebellen und nunmehr die Schmuggler Unterschlupf fanden, blieb die Verfolgung weitgehend erfolglos. Zwar wurde einer der Haupttäter gefasst und inhaftiert, dann aber wieder „aus Mangel an Beweisen“ frei- gelassen. Achmed wurde von seinen Verwandten verfolgt. Auf seiner Flucht hatte er bei Iferouane kurz ein Schweizer Ehepaar als Geisel genommen, wurde aber schließlich im Tamgak gefasst. Als ein im Niger geborener Sohn algerischer Eltern gilt er als schwer verhaltensgestört. 50 Die da- malige Geisel, eine Schweizer Psychologin, beurteilte ihn als äußerst verängstigt und bemit- leidenswert. Zu Gewaltanwendung (und sexuellem Missbrauch) gegenüber französische Touristen soll es im Zuge eines Überfalls am 4. 11. 02 auf der Strecke Djado-Djanet gekommen sein. Die Tou- risten waren in drei Fahrzeugen auf nigrischem Gebiet unterwegs gewesen. Zwei Wochen später sollen neuerlich Franzosen im Air beschossen worden sein. Ein für den Werteverfall unter Jugendlichen typischer Überfall ereignete sich im Dezember 2001 unweit von Timia. Dabei waren die jungendlichen Täter aus Timia den Besuchern zu deren Nachtlager wenige Kilometer hinter dem Dorf zu Fuß gefolgt und hatten unter Andro- hung von Waffengewalt die Herausgabe von Wertsachen erzwungen. In der Folge wurde von den unversehrt ins Dorf zurückgekehrten Opfern Druck auf den Dorfchef ausgeübt, worauf letztlich das gesamte Diebesgut wieder rückerstattet wurde. Hier zeigte sich besonders das wachsende Devianzpotenzial unter ländlichen Tuareg in den Ballungszentren wie Timia, das mit seinen rund 6.000 Einwohnern und der eigenen Radiostation längst zu einem Modernisie- rungskatalysator geworden ist, wo viele neue Wünsche und Bedürfnisse entstehen. Dass sich diese Beschaffungskriminalität nicht nur gegen Touristen richtet, verdeutlicht der Überfall auf eine Gendarmeriepatrouille im August 2002 nördlich von Iferouane, bei dem zwei Gendarmen getötet und mehrere Fahrzeuge geraubt wurden. Das war der erste Überfall auf eine Sicherheitsbehörde seit dem Ende der Tuareg-Rebellion. 51 Ein halbes Jahr später, Mitte Jänner 2003, wurden nigrische Angestellte der Aïr-Minen überfallen. Diese Entwick- lung legt die Vermutung nahe, dass die Täter mehr aus Gewinnsucht handeln und weniger aus Rache oder anderen, tourismusrelevanten Motiven. Was die Identität der Täter anbelangt, so ist wohl von einer Verflechtung krimineller, illegaler Interessen auszugehen. Das zwischen Niger und Mali einerseits und Algerien und Libyen andererseits bestehende, hoch entwickelte Schmuggler-Netzwerk wurde bereits dargestellt.52 Zum Anstieg der Kriminalität im Niger und in Westafrika generell trägt die weite Verbreitung von Handfeuerwaffen bei. Schmuggler brachten solche Waffen von Algerien und vor allem über die „Cold War Pipeline“ während der Tschad-Kriege überwiegend von Frankreich und 49 Aha Issoufa, Direktor von Tagelmoust Voyags, Agadez, Interview am 27. 3. 2001. 50 Mohamed Ixa, Int. 28. 3. 2001; Aghali Alambou, Int. 1. 4. 2001. 51 AFP 2002, 31. 7. 2002,Web. 52 Siehe Kap. „Die Region Agadez/Die wirtschaftliche Lage des Niger/Schattenwirtschaft“ bzw. „Die Region Aga- dez/Zentrale Probleme der Region Agadez/Unsicherheit“. 529 Libyen in die Region Niger und die Nachbarstaaten Tschad und Nigeria. Noch heute seien zahlreiche Waffen in der Region um den Tschad-See vergraben 53. Als Gegenmaßnahme wurde vom UNDP 54 mit Unterstützung des PCASED 55 im Jahr 2000 das „Arms for Development“-Projekt ins Leben gerufen. Dabei geht es in einer ersten Phase um die Sensibilisierung der Bevölkerung und besonders der für den Gebrauch von illegalen Waffen besonders anfällige Personen mit dem Ziel, illegal im Umlauf befindliche Handfeu- erwaffen einzusammeln und zu entsorgen. Bis Oktober 2003 sollten auf diese Weise fast 5.000 Waffen entsorgt werden. Die erste dieser Aktionen war die Zerstörung von 1.243 Hand- feuerwaffen in Agadez im Zuge der Zeremonie „Flamme de la paix“ 56 am 25. September 2000; weitere zeremonielle Waffenverbrennungen folgten. 14.1.6 Misstrauen zwischen Militär und Tuareg Nach wie vor zeigen Verfolgung und Verhaftung von Banditen nur wenige Erfolge. Diese geringe Erfolgsquote beruht vorwiegend auf der bereits genannten Verflechtung krimineller Ex-Rebellen, den Agenturen sowie der politischen Tuareg-Elite. Andererseits begegnete auch die Bevölkerung den Sicherheitsbehörden, zu denen vor und während der Rebellion ein äu- ßerst gespanntes Verhältnis bestanden hatte, 57 mit Misstrauen und Zurückhaltung und zeigte sich wenig kooperativ. Erst in jüngster Zeit, nachdem für die Bevölkerung die herrschende Unsicherheit zunehmend als wirtschaftlicher Nachteil spürbar wurde und sich auch das Verhältnis gegenüber den Be- hörden normalisiert hatte, begann auch Einheimische, mit den Behörden zu kooperieren, Ge- walttaten anzuzeigen und Auskünfte zu erteilen. Dies mag wohl auch daran liegen, dass als neues Sicherheitsorgan für die Sahara-Sicherheit die mit integrierten Ex-Rebellen besetzte Spezialtruppe FNIS 58 geschaffen wurde. So seien im Spätsommer 2002, nach dem Überfall auf die Gendarmerie bei Iferouane, drei Banditen festgenommen, weitere Kriminelle bis ins Tamgak-Massiv verfolgt worden. 59 Zwei weitere bedeutende Kriminellen konnten in der Re- gion Elmeki durch einen Tuareg-Offizier festgenommen werden, was von der Bevölkerung und den Agenturen als großer Erfolg im Kampf gegen die Kriminalität und für die Sicherheit des Tourismus begrüßt worden war. Als weiterer, wesentlicher Grund für die mangelhafte Verbrechensbekämpfung im Aïr wird der immer noch bestehende Argwohn seitens der Regierungsbehörden gegen die integrierten Ex-Rebellen betrachtet. So scheiterte manche Banditen-Jagd durch die FNIS an mangelhafter Fahrzeug- und Treibstoff-Versorgung. Darin wollen manche Ex-Rebellen und auch Jour- nalisten 60 eine gezielte Taktik der Tuareg-kritischen Armee erkennen: Auf diesem Weg kön- ne den integrierten Rebellen Unfähigkeit unterstellt und im Gegenzug der Anspruch auf ver- stärkte militärische Sicherung der Region durch reguläre, regierungstreue Truppen erhoben werden. Dieser Vermutung entspricht die jüngste Forderung des nigrischen Verteidigungs- 53 Abdulai, Napoleon, PCASED, zit. in IRIN-News 2003d, Web. 54 UN Development Programme. 55 Program for Coordination and Assistance for Security and Development in Africa mit Sitz in Bamako, Mali. 56 Tcherno 2000. 57 Vgl. Adamou 1999. 58 „Force Nationale des Intégrés pour la Sécurité Saharienne“. 59 Giazzi 2002, Web, unter Hinw. auf den Postenkommandanten von Iferouane. 60 Vgl. Allakaye 2003, S. 4. 530 ministers Hassane Bonto nach mehr Ressourcen für die Armee zur Erfüllung ihrer Verteidi- gungspflichten im Kampf gegen den „Terrorismus“. 61 14.1.7 Präventive Strategien der Tourismusakteure Dass große und erfolgreiche Agenturen - wie Tagelmoust V. - wiederholt Opfer von Über- griffen wurden, ist kein Zufall. Als eine der größten Agenturen von Agadez zieht Tagelmoust V. zwangsläufig Neid auf sich. Darüber hinaus besteht schon aufgrund der relativ großen Touren-Anzahl eine größere Wahrscheinlichkeit, dass Tagelmoust-Touren überfallen werden. Dies gilt freilich auch für Dune Voyages, die zweitgrößte Agentur in Agadez, die im Besitz eines nigrischen Kaufmanns und des Franzosen Barney steht und bereits mehrfach Opfer von Überfällen wurde. Einen weiteren zusätzlichen Risikofaktor stellen einige problematische unternehmerische Strategien dar, wie sie die Agentur Tagelmoust V. einsetzt. So werden etwa die Kunden der Agentur in Timia im Garten des aus Timia stammenden Tagelmoust-Chefs und nicht im örtli- chen Campingplatz untergebracht, wodurch die Agentur sich Ausgaben spart, die sonst der Gemeinde zugute kommen würden. Dorfbewohner in Timia hatten diese Praxis bereits nach- drücklich kritisiert. Darüber hinaus betreibt die Agentur auch gezielte Dumpingpolitik zur Abwerbung von europäischen Partnern, wobei die Preise bis zu 40 % unter den örtlichen Durchschnittspreisen liegen, was zusätzlich das Verhältnis zu den kleineren Agenturen be- lastet, die ihre Rundfahrten zumindest kostendeckend durchführen müssen. 62 Eine destruktive Marktpolitik trägt keineswegs zur Entschärfung bestehender Konflikte bei. Dass der Chef von Tagelmoust V., Aha Issoufa, nicht an der Tuareg-Rebellion teilgenommen, sondern vielmehr als Touristiker in Namibia gearbeitet hatte, erklärt einerseits seine hohe touristische Kompe- tenz, andererseits aber auch eine gewisse Außenseiter-Position innerhalb der konkurrierenden Tuareg-Agenturen; das „qualifiziert“ seine Agentur zusätzlich als potenzielles Opfer. Am anderen Ende der Risikoskala steht das kleine Unternehmen Tchimizar Voyages, dessen Mitarbeiter einer der größten Familien der Region angehören und die auch überwiegend an der Rebellion teilgenommen hatten. Dadurch besteht zwischen der Agentur und der regio- nalen Bevölkerung eine große Verbundenheit, wodurch über den traditionellen Informa- tionsfluss vor plötzlich auftretenden Risiken mitunter noch rechtzeitig gewarnt werden kann. 63 Zudem verfolgt diese Tuareg-Agentur bewusst die Strategie der wirtschaftlichen Ein- bindung der Bevölkerung entlang der Reiserouten, indem die Mitarbeiter von Gartenbauern Feldfrüchte, von Nomaden Schlachtvieh und von Schmieden Produkte des Kunsthandwerks kaufen. In den Oasen werden demonstrativ die gemeindeeigenen Campingplätze anstelle der privaten Gärten genutzt, um die ganze Gemeinde vom Tourismus profitieren zu lassen. Auf diesem Weg kann dem Neid und der Missgunst entgegengesteuert und das Überfallsrisiko reduziert werden. Die breite Streuung des Tourismuseinkommens fördert die sozioöko- nomische Stabilität, was bei der Bevölkerung wesentlich zur generellen Akzeptanz des Tou- rismus und somit zur Kriminalitätsprävention beiträgt. In diesem Sinne versucht auch Barney, der Direktor von Dune Voyages, andere Agenturen und freie Fahrer bei einem Überangebot 61 Zit. in IRIN-News 2004. 62 Siehe das Kap. „Strukturelle Probleme der Tourismusentwicklung in Agadez/Die Mängel der Marktstruktur/Konkurrenz, Oligopolisierung, Dumping“. 63 So wurde der Autor während seiner Reise im Feber 2004 über die Ankunft von französischen Militärberatern im Niger sowie über die Absetzung des Tourismusministers Rhissa ag Boula informiert, worauf er sofort die Route änderte, um Zonen zu umgehen, wo bereits mehrere Überfälle stattgefunden hatten. 531 an Touren einzubinden. 64 Diese Strategie scheint insofern Erfolg versprechend zu sein, als Tchimizar V. seit dem Ende der Rebellion noch niemals und Dune Voyages seit dem Jahr 2000 65 nicht mehr überfallen wurde. 14.2 Importierte Kriminalität: der Überfall von Temet durch die „GSPC“ Eine völlig neue Tätergruppe wurde erstmals am 22. 2. 2004 in Temet aktiv, als drei bis vier Dutzend schwer bewaffnete und mit Satelliten-Telefonen ausgerüstete Männer zwei französi- sche Reisegruppen sowie sechs Österreicher unter der Führung von Eva Gretzmacher (Tagel- moust V.) überfielen. Dabei handelt es sich aller Wahrscheinlichkeit nach um jene Tätergrup- pe, die auch für die Entführung der 32 europäischen Touristen im Jahr 2003 in der algerischen Sahara verantwortlich war und die im Jänner 2004 in Mali eine deutsche Reisegruppe für 48 Stunden gefangen gehalten hatte. 66 Die Täter bezeichneten sich selbst als Salafisten, sprachen überwiegend hocharabisch 67 und zum Teil auch englisch. Den Touristen wurden in „höfli- cher“ 68 Weise, ohne ihnen körperlich Gewalt anzutun, sämtliche Wertsachen und persönliche Habe abgenommen. Diese Tätergruppe hatte sich wahrscheinlich auf Grund der jüngsten, massiven Anti-Terror- Maßnahmen des algerischen, malinesischen und US-Militärs auf der Flucht aus Mali durch den Niger in den Tschad befunden. 69 Verfolgt von einem großen Kontingent der nigrischen Armee, seien die meisten Mitglieder dieser Gruppe nach Angaben des nigrischen Verteidi- gungsminister Hassane Bonto über die Grenze in den Tschad getrieben und dort vom tschadi- schen Militär getötet worden. 70 Daraus würde folgen, dass dieser Vorfall in Temet eher als außergewöhnlicher „Unfall“ zu interpretieren sei und weniger als Ausdruck einer im Niger möglicherweise herrschenden Be- drohung der Sicherheit durch Terroristen, die für die generelle Gefährdung der Sicherheit in Südalgerien und Nordmali verantwortlich gemacht werden. Was diese Verantwortungs- zuschreibung anbelangt, ist es dienlich, einen näheren Blick über die Grenze auf die Hinter- gründe der Touristen-Entführungen des Jahres 2003 zu werfen. In den ersten Monaten des Jahres 2003 wurden im Süden Algeriens unabhängig von einander mehrere Individualreisegruppen, insgesamt 32 Personen, entführt. Die erste, überwiegend aus Österreichern bestehende Gruppe wurde am 12. Mai vom algerischen Militär „befreit“, die zweite Gruppe konnte, erst nach einer - offiziell dementierten - Lösegeldzahlung seitens der deutschen Regierung Mitte August 2003 in Mali „gefunden“ und in Sicherheit gebracht wer- den. 64 Allerdings wies Barney (5. 4. 2001) enttäuscht darauf hin, dass er die Leute zwar stets bei Laune halten müsse, indem er Touren - z. B. an Aïr Car - abgibt, doch wurde ihm dafür noch nie etwas zurückgegeben. 65 Gemäß meinen Nachforschungen! 66 Diese Informationen stammen aus Gesprächen mit Betroffenen. 67 So das Urteil eines Tuareg-Führer tätigen Überfallopfers, das die arabische Sprache beherrschte, wie dies unter regionalen Tuareg üblich ist, die eine Koranschule besucht haben. 68 Dies betonte eine der Zeuginnen in einem Telefonat am 10. 3. 2004. 69 Vgl. Mounir 2004. 70 Vgl. IRIN 2004. 532 Nach offizieller und in den meisten Medien verbreiteter Diktion handelte es sich bei den Tä- tern um Angehörige der algerisch-fundamentalistischen Terrorzelle „GSPC“ 71 unter der Lei- tung eines gewissen Abderrezak le Para alias Tarek Ibn Ziad, dem auch die Verantwortung für die Bedrohung der Rallye Paris Dakar im Jänner 2004 zugeschrieben wurde. 72 Lange Zeit hatten die Medien einen gewissen Mokhtar Belmokhtar verdächtigt, der angebliche Drahtzie- her der Touristen-Entführungen zu sein und ihn als Osama Bin Laden-Verbündeten und Ver- antwortlichen für die Bedrohung der Rallye Paris–Dakar im Niger 2000 bezeichnet. Erstaun- licherweise gilt aber gerade dieser amtsbekannte Schmuggler für die Bevölkerung sogar als eine Art „Robin Hood der Wüste“, wie der Sahara-Ethnologe Georg Klute berichtet. 73 Als gesicherte Tatsache gilt heute, dass die Entführer beider Gruppen in ständiger Verbin- dung gestanden sind. Darüber hinaus nähren zahlreiche Indizien und Widersprüchlichkeiten den dringenden Verdacht, dass Angehörige des algerischen Militärs beide Entführungen in- szeniert hätten. So können jene Tuareg, die an der Suche nach den Entführten teilgenommen hatten, bis heute nicht verstehen, wie es möglich gewesen sei, 32 Personen ohne jegliche sichtbare Spuren zu verstecken, und wie es andererseits möglich gewesen sei, dass sie so „ü- berraschend“ an der weit entfernten malinesischen Grenze gefunden werden konnten. Er- staunlich ist dies besonders aufgrund der Tatsache, dass die Entführer ständig mit Satelliten- Telefonen kommuniziert hatten und somit technisch leicht zu orten gewesen wären. Die Vorteile, die dem algerischen Militär durch den Anschein einer wieder zunehmenden Unsicherheit erwachsen, sind unübersehbar: 1. Das unbeliebte Militär gewinnt dadurch bei der Bevölkerung an Legitimität für sein hem- mungsloses Vorgehen gegen die „inneren Feinde“. 2. Die militärische Führung profitiert durch moralische und materielle Unterstützung seitens der im „Anti-Terror-Krieg“ stehenden Amerikaner, etwa durch die Lieferung von Satelliten- Aufnahmen. Darüber hinaus ist bekannt und keineswegs überraschend, dass zwischen den verschiedenen Sicherheitsapparaten Algeriens (Armee, Geheimdienst etc.) massive und harte Kämpfe um Einfluss, Macht und finanzielle Ressourcen herrschen. So schrieben Mellah und Ruf: „Das Verwirrspiel um die Freilassung der Entführten am 19. Mai (2003, Anm. d. V.) illustriert wie in einem Brennglas die algerischen Machtverhältnisse: Informationen werden gegeben, Spu- ren werden gelegt, Zusammenhänge suggeriert – alles wird wieder dementiert, so dass es un- möglich ist, hinter die Wand der Nebelkerzen zu sehen, die diese Informationspolitik bewusst organisiert und hinter der die Clans der Militärführung ihre Kämpfe austragen.“ 74 Wie eng kriminelle Banden, Behörden und hohe Politiker in Algerien und anderen angren- zenden Staaten kooperieren, verdeutlichte auch Schlamp in seinem Spiegel-Bericht über die Hintergründe von Raubüberfällen in der Sahara, insbesondere über den Raub von wertvollen Fahrzeugen vom bekannten deutschen Sahara-Fahrer Klaus Därr. Ihm wurde eines seiner Fahrzeuge über mysteriöse Kanäle schließlich in Algerien zurückerstattet. Schon damals schrieb Schlamp über Algerien: „Niemand wisse, welche politischen Gruppen den Gangstern 71 „Groupe salafiste pour la prédication et le combat“. 72 Vgl. Dakar 2004. Über Abderrezak le Para war Mitte März 2004 noch vermutet worden, er sei im Gefecht mit dem tscha- dischen Militär vom 9. 3. 2004 umgekommen. Dies wurde schließlich durch das algerische Militär widerlegt (vgl. Tlemçani 2004). Diese Information konnte nach Ansicht eines Mitglieds der am 17. 3. 2003 in Algerien entführten Reisegruppe nur durch das Abhören von Satelliten-Telefon-Gesprächen durch den algerischen Geheimdienst stammen. Mein Informant hatte die Nummer des Satelliten-Telefons eines seiner Entführer im März 2004 angerufen und sich nach dem Verbleib von Abder- rezak erkundigt und dabei erfahren, dass sich die Gruppe im Norden Malis befände - in Begleitung von Abderrezak. Kurz darauf erschien die o.g. Meldung in den algerischen Zeitungen, und kurz darauf wurde mein Informant vom deutschen Bun- deskriminalamt kontaktiert… 73 Vgl. Johnson 2003. 74 Mellah und Ruf 2003, Web. 533 Deckung geben und wie hoch die Ränge der bestochenen Funktionäre reichen.“ 75 Doch mitt- lerweile ist dieses offene Geheimnis im Lärm des GSPC-Tumults wieder in Vergessenheit geraten. Für die Medien und für die Tourismusunternehmen wäre es höchste Zeit, den naiven Irrglau- ben an die klare Trennlinie zwischen „gutem“ staatlichen Militär und „bösem“ islamistischen Terror aufzugeben. Doch zum einen passen griffige, bedrohliche Täternamen wie „Al Khai- da“ und „Osama bin Laden“ besser in knappe Headlines für ein informations- überschwemmtes Medienklientel, als eine sorgsam abwägende Analyse komplexer, wahr- scheinlicher Zusammenhänge. 76 Zum anderen spielt Desinformation in allen politischen, wirtschaftlichen und zwischenmenschlichen Bereichen eine allgegenwärtige, demokratie- politisch freilich höchst problematische Rolle zur Legitimation zweifelhafter Maßnahmen: ¾ Der II. Golfkrieg wurde geführt unter dem der Öffentlichkeit systematisch präsentierten Vorwand der „bewiesenen“ Produktion von Massenvernichtungswaffen im Irak. Diese todbringenden Waffen wurden niemals gefunden. ¾ Im Vorfeld dieser Kampagne wurde der Staat Niger von den USA beschuldigt, an den Irak angereichertes Uran geliefert zu haben. Die vorgelegten Dokumente stellten sich als plumpe Fälschungen heraus, wie die US-Regierung später zugeben musste. 77 ¾ Im Jänner 2000 wurde während der Rallye Paris–Dakar die Etappe nach Agadez wegen einer angeblichen Bedrohung durch die GSPC abgesagt; die USA hatten auf Bildern ih- rer Spionagesatelliten Fahrzeug-Konvois mit bewaffneten Männern im Norden des Ni- ger als Terroristen-Ansammlung interpretiert. Tatsächlich befand sich zu diesem Zeit- punkt nur die umfangreiche Jagdgesellschaft des Prinzen Fahad El Houmaïdi in der be- sagten Region. 78 Gegenwärtig erhöhen die USA ihre Präsenz in der Sahara und im Sahel, weil sie diese Region als neues Al-Khaida-Rückzugsgebiet betrachten. Das U.S. State Department finanziert die „Pan-Sahel-Initiative“ zur Bekämpfung von Terror und Waffenschmuggel, wofür auch Trai- ningscamps im Niger und in Algerien eingerichtet werden sollen. Das neu entdeckte Interesse der USA beruht auf dem Umstand, dass heute schon 15 % des Ölbedarfs der USA aus dieser Region gedeckt wird. Dieser Wert soll bis 2015 auf 25 % ansteigen. 79 Somit verfolgen die umfassenden militärischen Maßnahmen zur „Wiederherstellung von Si- cherheit“ primär militärische und machtpolitische Interessen, wogegen die soziale Lage der Bevölkerung oder auch die Konsequenzen für den Tourismus ignoriert werden. Dies ist damit erklärbar, dass der Tourismus in den betroffenen Staaten Algerien, Mali und Niger gesamt- wirtschaftlich nur eine untergeordnete Rolle spielt. Von existenzieller Bedeutung ist Tourismus „nur“ für die in den abgelegenen Sahara-Regionen lebenden Tuareg. Trotz des Wissens um diese Hintergründe sind nach wie vor wesentliche Aspekte unklar. Es gelang nicht, etwas über die genauen Zusammenhänge zwischen der algerischen Armee, an- deren algerischen Sicherheitsorganen und den Entführern von 2003 zu erfahren sowie über die Verflechtungen zwischen den Entführern einerseits und Schmugglern, Ex-Rebellen und politischen Radikalen andererseits. Es erscheint wohl plausibel, dass diese finanzkräftige Gruppe, ausgestattet mit den deutschen Lösegeldern, recht attraktiv sein kann für Söldner, insbesondere für nicht integrierte Ex-Rebellen in Mali oder im Niger. So behauptete etwa der nigrische Verteidigungsminister Hassane Bonto gegenüber dem nigrischen Parlament, die für 75 Schlamp 2000, Web. 76 Vgl. Vester 2001. 77 Vgl. Koydl 2003, Web. Siehe auch das Kap. „Die Region Agadez/Internationale Beziehungen“. 78 Vgl. Kaka 2000, Web. Siehe auch das Kap. „Die Tourismuspotentiale von Agadez/Rallye Paris–Dakar“. 79 Vgl. Pitman 2004. 534 den Überfall in Temet im Feber 2004 verantwortliche GSPC-Gruppe sei von bewaffneten nigrischen Banditen mit Waffen aus den Rebellionsbeständen unterstützt worden. Insofern überrascht auch nicht Bontos Forderung ans Parlament, es sei „imperative to provide Niger’s army with the resources it needed to ensure people’s safety and fulfil the country’s regional and national obligations in the fight against terrorism” 80. Die Interessen des algerischen Militärs - Machtkonsolidierung und maximale Partizipation an den Ölexporten - liegen auf der Hand. Diese decken sich in mancher Hinsicht auch mit den ent- sprechend übergeordneten Interessen der Amerikaner. Bisher hatten allerdings die Amerikaner eine äußerst zurückhaltende Politik bei der Unterstützung des algerischen Militärs verfolgt. So wurden bislang die Wünsche der algerischen Armee nach "Apache"-Kampfhubschrauber nicht erfüllt, um sich nicht der Unterstützung exzessiver „Sicherheitsmaßnahmen“ des algerischen Militärs gegen die Bevölkerung schuldig zu machen. Folgende interessante Fragen wären in diesem Zusammenhang noch zu klären: ¾ Konnten die mit Satelliten-Telefongeräten ausgestatteten Entführer im Jänner 2003, als sie häufig telefonierten, nicht geortet werden? ¾ Konnten sie im Feber 2004 dank der Überwachung von Satelliten-Telefonaten so rasch geortet, verfolgt und gefasst werden? In jedem Fall drängt sich der Verdacht auf, dass sich das Interesse an der Terrorbekämpfung (sowohl seitens der USA als auch der jeweiligen Militärs in Algerien, Mali und Niger) nicht mit dem Schutz der generellen Reisesicherheit deckt, sondern dass vielmehr die Verfolgung unmittelbare Interessen e: Tourismus ist in den meisten betroffenen Staaten keine Domäne der nationalen Eliten, son- dern der vielmehr der regional dominanten Tuareg. Wenn aber andere Interessen als die un- mittelbare und generelle Sicherheit als Motiv dominieren, etwa die militärische Vormacht- stellung oder die Sicherung der langfristigen Ölversorgung, dann ist die Annahme keinesfalls abwegig, dass für die Verantwortlichen auch andere Mittel als die der bloßen Terrorbe- kämpfung opportun sein können, um diese Interessen besser durchzusetzen… 80 IRIN-News 2004. 535 14.3 Zusammenfassung der Sicherheitslage im Niger Die Ursachen für die Gefährdung der Sicherheitslage im Niger lassen sich in folgenden Punk- ten zusammenfassen: 1. die traditionellen Konflikte zwischen den verschiedenen Tuareg-Gruppierungen, die in den Rebellenfronten und nunmehr in der Tourismusstruktur zum Ausdruck kamen bzw. kommen 2. die wachsende Modernisierung, verbunden mit wachsendem Werteverfall, gefolgt von steigender Kriminalität 3. die drohende Perspektivenlosigkeit der Ex-Rebellen und der „neuen Intellektuellen“ (Schulabsolventen etc.) angesichts des Ausbleibens signifikanter wirtschaftlicher Ver- besserungen und adäquater Beschäftigungsmöglichkeiten 4. der wachsende Erwartungsdruck auf den von zahlreichen wirtschaftlichen, administra- tiven und logistischen Problemen begleiteten Niger-Tourismus 5. das sich ausdehnende Netz der inter-saharischen Schmuggler-Banden 6. das immer noch herrschende Misstrauen zwischen den zentralstaatlichen Behörden, den Ex-Rebellen und der Bevölkerung 7. die finanzielle und materielle Unterversorgung der aus Ex-Rebellen bestehenden Si- cherheitsbehörde FNIS 8. die nach wie vor große Zahl an frei verfügbaren Waffen als Folge der regionalen Kriege in Westafrika 9. die ideologische Enttäuschung durch den modernen Staat einerseits und die Rebellion andererseits und dadurch die wachsende Attraktivität radikaler Ideen, was derzeit im Niger jedoch noch primär auf den Süden beschränkt ist. 81 14.4 Auswirkungen der Überfälle auf die Besucherzahlen im Niger 14.4.1 Generelle Auswirkungen Wie wirkten sich nun die Entführungen und die vereinzelt von den Medien wahrgenommenen Überfälle im Niger auf die Besucherzahlen der Niger-Urlauber aus? Nachdem die Zahl der Pauschaltouristen in Agadez von 1999 bis 2001 von knapp 900 auf 4.300 Touristen angestie- gen war, sank sie im Jahr darauf wieder auf 3.000. 82 Das starke Wachstum bis 2001 resultier- te einerseits aus der Stabilisierung des Friedens, nicht zuletzt dank des umfassenden EU- 81 Vgl. Mensah (2000, Web) über die fundamentalistischen Ausschreitungen im Zusammenhang mit der FIMA in Niamey im November 2000. 82 Vgl. Manzo 2003, Web. 536 Hilfsprojekts „Echo“ zur Integration der Rebellionsflüchtlinge und der Ex-Rebellen, anderer- seits aber auch aus dem vermehrten Angebot von Niger-Touren durch europäische Veranstal- ter. Das deutlichste Wachstum ermöglichte erst die Eröffnung des Direkt-Charters von Paris nach Agadez im Dezember 1999. Dies ersparte Sahara-Reisenden im nördlichen Niger die Anreise über die Hauptstadt Niamey und somit den zusätzlichen Landweg von fast 1.000 km, für die ein bis zwei Reisetage pro Reiserichtung aufzubringen sind. Nicht der Anschlag in New York führte zu dem verhältnismäßig geringen Einbruch bei den Besucherzahlen im Jahr 2002, sondern die Schließung des Flugplatzes in Agadez gegen Ende der Saison 2000/2001 wegen dringend notwendiger Renovierungsarbeiten. Damit war die Anreisen wieder nur über Niamey möglich. Die Auswirkungen dieser Bürde zeigten sich am Beispiel des französischen Veranstalters Croq’Nature, der in der Saison 2000-01 noch 188 Niger-Kunden zählte, im Jahr darauf (via Niamey) nur noch 38 und in der Saison 2002/03 überhaupt nur 7! 83 Hier zeigt sich deutlich, dass Sicherheit als Entscheidungsfaktor für eine Reise in den Niger keine überragende Rolle spielt. Von weit größerer Bedeutung sind dagegen Reisepreis und Erreichbarkeit. War doch das französische Klientel durch die Direktverbindung via Paris hin- sichtlich der Anreise und - durch den Wegfall eines Zubringerfluges – auch bezüglich des Preises etwa gegenüber deutschen Besuchern generell beträchtlich bevorzugt. Gerade diese Klientel reagiert aber besonders empfindlich auf zusätzliche Anreiseerschwernisse. Daraus ließe sich die Annahme ableiten, dass Reisende, die von vornherein auf Reise- barrieren wie höhere Preise, längere, mühsamere Anreise und geringeren Komfort 84 einge- stellt sind, auch toleranter gegen „plötzliche“ Sicherheitsrisiken und andere auftretende Unan- nehmlichkeiten reagieren. 14.4.2 Die Wirkung progressiver Reiseinformation für Hochpreistouristen Die Erfahrungen des Autors als Organisator und Leiter vieler Reisen in den Niger für die ös- terreichische Firma Kneissl Touristik scheinen die oben genannte Hypothese zu bestätigen. Dabei ist vorauszuschicken, dass sich die Kosten der angebotenen 23-Tage-Touren inklusive Visa- und Anreisekosten pro Person auf über 4.000 Euro belaufen. Die Anreise findet in der Regel über Niamey statt, weil nur auf dieser Flugverbindung Plätze auch für Spätbucher ga- rantiert werden können. Wesentliches Erfolgsrezept dieser Reisen ist die umfassende informative Betreuung der Gruppen durch den Autor, der durch seine mehrjährige Tourismusforschung in der Region sowie seine langjährige Tätigkeit als internationaler Reiseleiter über qualifiziertes Wissen verfügt. Ein besonderes Augenmerk bei der individuellen Beratung, die per E-Mail, telefo- nisch und auch im direkten Kontakt durchgeführt wurde, wird auf sämtliche Bereiche der 83 Vgl. Croq’Nature 2003, Web. 84 Die Anreise von Niamey nach Agadez bedingt auf halber Strecke eine Übernachtung im einzigem Hotel der Sahelstadt Tahoua , das selbst für „hartgesottene“ Reisende eine echte Bewährungsprobe für Toleranz darstellt. 537 Sicherheit gelegt. Dabei werden in möglichst realistischer Weise Risiken diskutiert und an- hand des Persönlichkeitsprofils der jeweiligen Kunden gewichtet. 85 Zum Thema Reisesicherheit erhalten die Kunden umfassendes Informationsmaterial u. a. zu den Auswirkungen der Tuareg-Rebellion, den Tourismusfolgen und natürlich auch zur Krimi- nalität. Insbesondere wurde stets betont, dass zwar die Zahl der kriminellen Übergriffe auf Rei- segruppen im Niger im Sinken begriffen sei, dass aber dennoch keine absolute Sicherheit ga- rantiert werden könne und darum der Abschluss einer Reisegepäckversicherung in jedem Fall sinnvoll sei. 86 Weiters wurden konkrete Maßnahmen und Verhaltensweisen zur Verringerung des Risikos empfohlen, wie sie weiter unten angeführt sind. Darüber hinaus wurden die Kunden über Maßnahmen informiert, die seitens des österreichischen Reiseveranstalters und seitens des nigrischen Partner-Unternehmens getroffen werden, um die Risiken zu minimieren. Dank dieser Strategie hat noch kein Niger-Kunde von Kneissl Touristik aus sicher- heitsrelevanten Gründen seine Buchung storniert, obwohl im Jahr 2001 eine österreichische Reisegruppe im Bereich der geplanten Reiseroute überfallen worden, und im Jahr 2003 ein italienisches Touristenfahrzeug unweit der geplanten Kneissl-Reiseroute auf eine Mine aufge- fahren war. Auffallend ist auch die Tatsache, dass jene Interessenten, die sich letztlich doch gegen die Reise entschieden hatten, ihre Entscheidung ausschließlich mit dem hohen Preis, der langen Anreise oder mit mangelndem Urlaub begründeten, niemals aber mit mangelnder Sicherheit. Diese Beobachtungen legen die Annahme nahe, dass unter bestimmten Umständen beträchtli- che Buchungseinbrüche, wie sie gegenwärtig nach einer plötzlichen Beeinträchtigung der subjektiv empfundenen Reisesicherheit infolge massiver negativer Medienmeldungen typisch sind, durch eine Informationspolitik der rechtzeitigen, gezielten und aufrichtigen Aufklärung begrenzt werden könnten. Daher lassen sich für den Niger folgende Hypothesen zusammen- fassen: 1. Der Niger ist eine exklusive Destination, gekennzeichnet • durch eine relativ intakte traditionelle Nomaden-Kultur, • durch außergewöhnlich große landschaftliche und (prä-)historische Reize und andererseits • durch gewichtige Reisebarrieren wie hohe Reisekosten, mühsame Anreise- Möglichkeiten und geringsten Komfort während der Tour. 2. Diese Gegebenheiten tragen dazu bei, dass sich eine exklusive, äußerst reise- und wüs- tenerfahrene Klientel für das Land interessiert, welche die besonderen Umstände des Reiseziels kennt und dafür auch besondere Hürden in Kauf zu nehmen bereit ist, wie die Umfragen des Autors bestätigten. 87 3. Aufgrund dieses „Filters“ ist jene Klientel auch offener gegenüber der politischen und sozialen Realität im Land und somit eher bereit, etwaige Risiken nicht als plötzliche „Krise“ zu dramatisieren, sondern realistisch als problematische Folgen von Moder- nisierung und Globalisierung einzuschätzen. 85 So werden anstelle der Empfehlung, das Malaria-Mittel Malarone prophylaktisch einzunehmen, wie es von Tropeninstitu- ten aus juristischen Gründen nahe gelegt wird, die Vor- und Nachteile einer Prophylaxe offen gelegt, die reale Infektions- wahrscheinlichkeit erläutert und alternative Abwehrmittel vorgestellt. 86 Das „objektive“ Risiko eines Überfalls im Niger wurde vom Autor stets mit folgendem Beispiel veranschaulicht: Gefährli- cher als eine Reise in den Niger ist die Fahrt auf der linken Spur einer österreichischen Autobahn - angesichts der 510 Geis- terfahrer im Jahr 2002 (vgl. News 2003). 87 Siehe das Kap. „Der Markt des Tuareg-Tourismus/Das Klientel des nigrischen Sahara-Tourismus“. 538 4. Aufgrund ihres Verständnisses und ihrer Reiseerfahrung ist dies Klientel eher bereit, transparent vermittelte und somit kalkulierbar und kontrollierbar erscheinende Risiken in Kauf zu nehmen und aktiv zur Risikominderung durch Vorbeugungsmaßnahmen beizutragen. 88 5. Die Vermittlung von Hintergrundwissen über politische, soziale und kulturelle Zusam- menhänge in der Region trägt dazu bei, ein tiefer gehendes Interesse an der Region und der Bevölkerung und die daraus resultierende Bereitschaft zu wecken, in ökologischer, wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht mehr Verantwortung gegenüber Land und Leuten zu übernehmen. 6. Durch diese kooperative Haltung tragen solche Kunden unmittelbar zur Förderung der persönlichen Sicherheit und damit zum persönlichen Wohlbefinden bei. Mittelbar fördern sie die wirtschaftliche und soziale Stabilisierung der Region und verhindern somit indi- rekt auch regionale Krisen. 14.4.3 Prävention auf Marketing-Ebenen: Transparenz statt Desinformation Was folgt daraus für Sahara-Touristiker? Auf den Überfall im Feber 2004 hatten zahlreiche Sahara-Reisekunden mit Storno reagiert, was den deutschen und Schweizer Niger-Anbietern massive Verluste verursachte. Die gehäuften Meldungen vom jüngsten US-Engagement in Nord- und Westafrika trugen zusätzlich zur Verunsicherung der Sahara-Reisenden bei, weil dadurch das vom nigrischen Tourismusministerium vermittelte Bild der heilen Sahara massiv erschüttert wurde. 89 Dagegen vermochte die Veröffentlichung einer detaillierten Analyse der Sicherheitslage im Niger durch den Autor im stark frequentierten Internet-Forum www.sahara-info.ch 90 zur wesentlichen Entspannung dieser Situation der Ungewissheit bei- tragen. Wie dem Autor in zahlreichen positiven Reaktionen versichert wurde, seien den Rei- seanbietern die Konflikte im Niger erstmals in transparenter und nachvollziehbarer Weise dargestellt worden. Dadurch wurde es möglich, das Angst einflößende Bild einer vagen, om- nipräsenten und unkontrollierbaren Bedrohung in ein sozial strukturiertes, regional eingrenz- bares und sachlich kalkulierbares Risiko umzudeuten. In Hinkunft werden Sahara-Touristiker nicht mehr umhin kommen, ihre Kunden durch pro- gressive Aufklärung mit dem Problem Sicherheit vertraut zu machen, indem sie mediale „Schein-Wahrheiten“ wilder Bedrohungsszenarien aufbrechen und als Schimären hinter- fragen, aber auch indem sie auf die grundsätzliche Omnipräsenz des terroristischen Risikos ebenso hinzuweisen wie auf die Utopie absoluter Sicherheit. „Madrid“ kann sich überall wie- der ereignen. Den wichtigsten Beitrag zur mittelfristigen Verbesserung der Reisesicherheit können Unter- nehmen dadurch leisten, dass sie möglichst viele konkrete Maßnahmen zur aktiven Partizipa- tion der bereisten Bevölkerung am Tourismusaufkommen setzen. Denn wer vom Tourismus profitiert - das hat sich im Niger deutlich gezeigt - verweigert jenen den Rückhalt, die diesen Tourismus gefährden. 88 Vgl. Lepp; Gibson 2003. 89 Sonnenberg (2004, S. 277) geht allerdings grundsätzlich von einer mittelfristigen Desensibilisierung der Risiko- empfindlichkeit der Fernreisenden, einer sog. „Risiko-Akkulturation durch Erfahrung“, aus. 90 Vgl. Friedl 2004, Web. 539 14.5 Aktive Präventionsmöglichkeiten für Touristen gegen Überfälle Als Niger-Reisender ist man dem Risiko eines Überfalls keineswegs hilflos ausgeliefert, son- dern es gibt einige Grundregeln, deren Befolgung das Risiko beträchtlich mindern kann. 1. Grundsätzlich sollte man - für den Fall der Fälle - gegen den Sachschaden eine Reise- gepäckversicherung abschließen. 2. Vor Ort sollte man sich stets bei den Behörden über die herrschende Sicherheitslage informieren. 3. Für eine Reise ins Hinterland sollte man sich stets einheimischer Fahrzeuge, Fahrer und Führer bedienen. 91 Zudem sollte man Agenturen bevorzugen, deren Mitarbeiter mit der Region verbunden sind, die die aktuelle Situation in abgelegenen Gebieten am besten kennen und um die besonders gefährdeten Gegenden wissen. Im Niger sind etwa die sehr arme Region zwischen Elmeki und Tafadek, die Dünen von Temet sowie die Ge- biete entlang der algerischen Grenze kritische Zonen. 4. In keinem Fall sollte man Unbekannten von der geplanten Route erzählen. 5. Möglichen Begehrlichkeiten sollte man generell zuvor kommen, in dem man Geld und Wertsachen tunlichst verborgen hält. 6. Da unter Banditen besonders Allradfahrzeuge gefragte Beute sind, steigt das Risiko mit dem Wert der verwendeten Geländewagen, weshalb man möglichst alte, unauffällige Fahrzeuge nutzen sollte. 7. Als Nachtlager sollte man in unsicheren Gebieten Oasendörfer wählen, um so den Schutz der Dorfgemeinschaft zu genießen, oder aber einsame Stellen, weit entfernt von Siedlungen und Pisten oder Touristenattraktionen aufsuchen, die nicht einsehbar sind. Dann sollte man auch nicht ungewollte Aufmerksamkeit durch offenes Licht oder Feuer auf sich lenken. 8. Ist man gezwungen, unsichere Gebiete zu durchqueren, dann sollte man die normalen Routen, an denen Touristen erwarten werden könnten, tunlichst vermeiden. 9. Noch mehr Sicherheit gewinnt man in solchen Gebieten, indem man sich mit anderen Reisenden zu Konvois zusammenschließt. 10. Ungewollte Zusammenstöße mit Schmugglern sollte man meiden, in dem man sich von den bekannten Schmuggel-Routen, Schmugglerfahrzeugen und von sonstigen suspekten Fahrzeugen fernhält. Schmuggler fahren meist beige Land-Cruiser-Pickup, oft mit 1-2 Benzinfässern auf der Ladefläche, und sind bevorzugt nachts, in kleinen Konvois und ohne Licht unterwegs. 92 11. Insofern sollte man auch nur vorgesehene Grenzübergänge benutzen. 93 91 Vgl. Weyer (2001, S. 62), der sich auch auf Schlamps dramatischen Bericht im Spiegel (2000) beruft. 92 Als Faustregel lässt sich festhalten, dass Dieselfahrzeuge von Reiseagenturen, kräftigere Benzinfahrzeuge dagegen von Schmugglern bevorzugt werden (Hinw. von Edgar Sommer, Gespräch im April 2004, München). 93 So meinte Rhissa ag Boula anlässlich einer Touristikkonferenz am 23. April 2002 in München, dass die Banditen nur darauf warten würden, illegale Grenzgänger zu überfallen, weshalb man auf den offiziellen Pisten bleiben oder wenigstens 540 12. Um zu vermeiden, vom Militär mit kriminellen Elementen verwechselt zu werden, soll- te man Nachtfahrten abseits der Strassen unter allen Umständen unterlassen. 13. Im Falle eines Überfalls sollte man keinesfalls Widerstand leisten: Der (meines Wissens) einzige Tourist, der im Zuge eines Überfalls im Niger seit dem Ende der Rebellion er- schossen wurde, war ein Italiener Ende der 90er-Jahre.. Sein Fahrer versuchte mit dem Fahrzeug zu flüchten, worauf die Banditen nachschossen und dabei den italienischen Bei- fahrer tödlich trafen. Insofern sollte man zumindest äußerlich ruhig, verbindlich und selbstsicher bleiben, keinesfalls irgendwelche Maßnahmen der Gegenwehr oder andere Provokation setzen, sondern Opfer und Täter beruhigen und sich kooperativ zeigen. 14. Verfügt man über Kenntnisse der lokalen Sprache, so sollte man das keinesfalls zeigen, denn die Banditen könnten ihre Identifikation befürchten und den unerwünschten Zeu- gen beseitigen wollen. 94 In jedem Fall ist das wichtigste, die Ruhe zu bewahren und vielleicht sogar das Vertrauen der Täter zu gewinnen. Dann hat man vielleicht sogar die Chance, verhandeln zu können um we- nigstens die Freiheit wieder zu erlangen. 14.6 Externe Akteure als Konfliktursachen: das Aïr-Ténéré-Bioreservat Das Aïr-Ténéré-Bioreservat ist eine der bedeutendsten Attraktionen der Region und somit eine wesentliche Grundlage des Tourismus. 95 Der Schutz des Gebietes wurzelt im Engage- ment des Engländers und WWF-Repräsentanten John Newby, der Ende der 70er-Jahre die zerstörerischen Folgen der großen Dürre auf die Region erlebt hatte. 96 Dabei hatte er die schonungslose Übernutzung des Baumbestandes durch die Nomaden zur Versorgung ihres Viehs als größte Bedrohungen der Natur beurteilt.97 Vor dem Hintergrund der damals interna- tional noch vorherrschenden Naturschutz-Ideologie, wonach die Fauna gegenüber den Ein- heimischen zu privilegieren sei, 98 setzte sich Newby für die Umwandlung der Region in ein 77.360 km2 großes Schutzgebiet ein. Die gesetzliche Regelung vom Jänner 1988 99, von der rund 7.000 Tuareg betroffen waren, beinhaltete neben dem weitgehenden Verbot der motori- sierten Durchquerung ein totales Jagdverbot und massive Beschränkungen bei Beweidung und Holznutzung. Dadurch wurde den einheimischen Tuareg die Herstellung der täglichen Gebrauchsgegenstände unterbunden. Es war den Nomaden sogar untersagt, ins Reservat ein- gedrungene Herdentiere zurückzuholen. Zur Durchsetzung dieser rigiden Regeln wurden überwiegend Personen aus dem Süden des Landes eingesetzt, die nach den Schilderungen Aoutchikis wenig Verständnis für die Tuareg- kompetenten Regierungsstellen mit einer entsprechenden Vorfrist die geplante Route mitteilen sollte. Man könne ja in Euro- pa auch nicht alles machen, was man wolle (vgl. Sommer 2002a, Web). 94 Vgl. Larboulette 2002, Web; Friedl 2003a; Därr 2000; Ministère français des Affaires Étrangères 2001. 95 Zu den touristischen Besonderheiten des Bioreservats siehe Kap. „Die Tourismuspotentiale von Agadez/Die Naturattrakti- onen der Region Agadez/Das Aïr-Massiv/Das Aïr-Ténéré-Bioreservat“. 96 Vgl. WCMC 2000, Web. 97 Vgl. Aoutchiki 1992, S. 117 ff. Bourgeot (1995d, S. 416) kritisiert die irrtümliche Annahme Newbys vom zerstörerischen Einfluss der Tuareg auf die Natur mit dem Hinweis, dass sich die Flora infolge der verhältnismäßig regenreichen Jahre 1987- 89 in einer geradezu „spektakulären“ Weise erholte. 98 Vgl. Le Berre1999, S. 288. 99 Zu den gesetzlichen Regelungen des Aïr-Ténéré-Bioreservats siehe Kap. „Struktur des Tourismus in Agadez/Gesetzliche Rahmenbedingungen des Tourismus/Naturschutzregelungen“. 541 Nomaden hatten. „Sie führten sich auf wie eine Besatzungstruppe, schikanierten die Leute, erpressten enorme Geldstrafen und schrecken auch vor Folter nicht zurück.“ Andererseits durften Soldaten und hohe Beamte aufgrund großzügiger Ausnahmeregelungen die Schutzzo- nen für die Jagd exzessiv nutzen. 100 Dieses Vorgehen führte zu heftigen Widerständen und sogar zu Zusammenstößen der Bevölkerung mit den Behörden. 101 Widerstand gegen das Reservat gab es auch von Seiten der regionalen Reiseagenturen, die ihre unternehmerischen Grundlagen gefährdet sahen. 102 Zum einen waren sie in der Nutzung einer der schönsten Regionen des Niger stark beeinträchtigt, zum anderen beabsichtigte der WWF sogar selbst zur Finanzierung des Naturschutzes touristisch tätig zu werden. 103 Die Legitimität des damals herrschenden Regimes war in der Tat äußerst fragwürdig: Unter- lag die Kontrolle der Nutzung des Raums zuvor den betroffenen Tuareg-Gemeinden, so war dafür nunmehr eine paramilitärische, technische Einheit zuständig, die zudem noch einer in- ternationalen Privatorganisation verantwortlich war. 104 Diese Situation hatte jedoch nicht lan- ge Bestand, denn der allgemeine Widerstand der Bevölkerung und der Reise-Agenturen führte Ende 1990 zur Ablösung des rein Naturschutz-orientierten Konzepts des WWF durch ein in- tegrales, am Nutzen der Bevölkerung orientiertes Konzept unter der Betreuung des UICN. Der grundlegenden Wandel der international vorherrschenden Auffassung von Naturschutz machte das möglich, da nunmehr die Bevölkerung als integraler Bestandteil des zu schützen- den Gebietes betrachte wurde - eine Einsicht, die aus den weltweiten Konflikten zwischen Nationalparkbehörden und benachteiligter Bevölkerung resultierte. 105 Der Ausbruch der Rebellion, verbunden mit Raubüberfällen auf Mitarbeiter des UICN, zwang die Organisation, bis 1999 ihre ganzheitlichen Naturschutz- und Entwicklungsarbeiten zu unterbrechen. 106 Das daraufhin forcierte Engagement des UICN zur Förderung des Öko- tourismus führte sogar zum Entwurf einer „Ökotourismus-Charta für das Aïr und die Ténéré“, 107 die u.a. Maßnahmen zur besseren Partizipation der Anrainer-Bevölkerung an Tou- rismuseinnahmen sowie die Regelung der Rechte und Pflichten der Agenturbetreiber, der Reise- führer, der Touristen und der Behörden vorsah. Obwohl die Verabschiedung des Entwurfs von den Agenturen mitgetragen worden war, scheiterte eine Umsetzung dieses Konzepts am Wi- derstand der Agenturbetreiber, die eine Beschneidung ihrer unternehmerischen Freiheiten be- fürchteten. 108 Letztlich endete dieses Kapitel mit dem Abzug des UICN im Jahr 2003. Die Konfliktquelle wurde damit freilich nicht beseitigt, denn das Engagement des UICN hatte gerade auf Interes- sensausgleich und auf Sicherung der Lebensgrundlage der Anrainer-Bevölkerung abgezielt. Konflikte innerhalb der Anrainer-Bevölkerung, zwischen der Bevölkerung und den Agenturen hätten deutlich reduziert werden können. Insofern ist der Rückzug des UICN äußerst bedauer- lich. 100 Vgl. Aoutchiki 1992, S. 117 ff. Vgl. auch Adamous (1999, S. 210) Hinweis auf das tief verwurzelte, gegenseitige Miss- trauen zwischen Nomaden und Behörden. 101 Ausk. Aggag, Interview, Iferouane 1997. 102 WCMC 2000, Web. 103 Vgl. Aoutchiki 1992, S. 118. 104 Vgl. Bourgeot 1995d, S. 418. 105 Vgl. Boyd u.a. 1999, Web; Suchanek 2001, S. 38 ff. 106 Allakaye 2000, S. 8. Nach Angaben von Philippe Martel, dem Leiter der Schweizer „Direction du développement de la coopération“, im September 2002, seien jedoch die Aktivitäten der DDC, nämlich die Finanzierung und Evaluierung des Aïr- Ténéré-Projekts, derzeit – auch wegen der neuerlichen Unsicherheiten durch kriminelle Überfälle - unterbrochen. Die DDC erwäge jedoch die Wiederaufnahme und Fortführung ihrer Unterstützung. Hinw. in Giazzi 2002, Web. 107 UICN 1999a. 108 Vgl. etwa Aghali Abdou, Direktor v. Adrar Madet V., Agadez, 23. 10. 1999. 542 14.7 Konklusion für die Tourismusentwicklung in Agadez Der Sahara-Tourismus wird sich trotz allen US-Terrorkampfes, aller GSPC-Propaganda und aller wachsenden Kriminalität weiter entwickeln, wenn auch nicht mehr mit linearem Wachs- tum. 109 Denn längst ist der Reisemarkt der „postmodernen Touristen“ 110 derart hochgradig differenziert, dass der Kitzel des Risikos oder die Atmosphäre einstigen Terrors und der Schauplätze des Todes bereits in Form des „Dark Tourism“ 111 Besucher anlockt. Andererseits trägt auch die Globalisierung der Gewalt dazu bei, dass heute keine Region mehr vor dem Terror gefeit ist. Und es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis auch die ersten Erlebniscenter, die „Kathedralen des 21. Jahrhunderts“ 112, in die Realität der Gefahr zurückgeholt werden. Insofern drängt sich die Vermutung auf, dass Sicherheit in Zukunft einerseits an Bedeutung gewinnen, gleichzeitig aber in seiner jeweiligen Bewertung einer differenzierten Betrach- tungsweise unterliegen wird. Die Tourismusentwicklung in Agadez wiederum ist mit einem grundlegenden Paradoxon kon- frontiert: Zum einen steigt unter der rasch wachsenden, extrem jungen Bevölkerung 113 der Bedarf an Arbeitsplätzen bzw. an alternativen Einkommensmöglichkeiten außerhalb des Nomadismus und der klassischen Oasenwirtschaft. Hier spielt der Tourismus neben dem Gartenbau eine so hoffnungsvolle Rolle, dass der Erwartungsdruck gegenüber dem Tourismus ständig steigt. Insofern wäre ein kontrolliertes Wachstum des Tourismus von unwiderlegbarer Bedeutung für die ökonomische Stabilisierung der Region. Andererseits steigern der Anschein des „leicht verdienten“ Geldes und der Anblick der wohl- habenden Touristen tendenziell die überzogene Erwartungshaltung gegenüber dem Touris- mus. Überspitzt formuliert wollen immer mehr Menschen immer mehr vom Tourismus profi- tieren. Einer solchen Erwartungshaltung kann keine Entwicklung auf der Welt gerecht werden. Tat- sächlich stellt sich die Verstärkung der Erwartungshaltungen gegenüber externen Ressourcen als Problem auch bei den Hilfsprojekten. Hier zeigt sich in der Region Agadez, dass die Ver- teilung der Ressourcen in Form von Arbeitsplätzen, Krediten und konkreten Hilfslieferungen ebenfalls zu Konflikten führt. Eine vertretbare Lösung im Fall des Tourismus kann somit we- der in dessen grundsätzlicher Ablehnung, noch in dessen massiver Förderung liegen. Letzteres würde schon allein an den ökologischen Grenzen scheitern. Ein vertretbarer Weg, der möglichst wenig zur Entstehung zusätzlicher Konflikte beiträgt, son- dern bestehende Konflikte zu lösen hilft, liegt somit in der unumgänglichen Integration sämt- licher, vom Tourismus betroffener Gruppen, von den Agentur- und Hotel-Betreibern über die Chasses touristes und die Schmiede bis zu den Gartenbauern und Nomaden, und die wichtigsten „Kriegslobbies (Ex-Kombattanten, arbeitslose Jugendliche, etc.)“. 114 Dabei geht es um Maß- nahmen der Sensibilisierung, also die Vermittlung der grundsätzlichen Sinnhaftigkeit solcher Maßnahmen, um Ausbildungsmaßnahmen und besonders auch um die Entwicklung von Parti- zipationsregelungen nach dem Vorbild der UICN-Ökotourismus-Charta. „Sorgfältige Vertei- lung von Möglichkeiten im Tourismus und Gewinne vom Tourismus (…) mag Investitionen 109 Vgl. Kuschel/Schröder 2002. 110 Uriely 1997. 111 Lennon/Foley 2000. 112 Opaschowski 2000. 113 Neueste Daten bescheinigen dem Niger über die letzten sechs Jahre einen Anstieg der Fertilitätsrate von 7 auf 8 Kinder pro Frau, wodurch das jährliche Bevölkerungswachstum derzeit bei 3,1 % liegt. Die derzeitige Bevölkerung des Niger wird auf 11,5 Mio. Menschen geschätzt, davon 50 % jünger als 15 Jahre, und 70 % jünger als 25 Jahre (vgl. IRIN-News 2004b). 114 Paffenholz 2002, Web. 543 von Eliten besser schützen als Monopole und Privilegien“, 115 wie Richter diese Problematik auf den Punkt bringt. Erste zögerliche, vor allem leider nur vereinzelte Ansätze in diese Richtung gibt es derzeit in Agadez. Hier ist besonders das innovative Engagement des neuen Syndikats hervor zu heben. Höchst bedauerlich ist hingegen, dass die Verantwortlichen des umfassenden deutschen gtz- Projekts „Projet Niger Nord“ (PNN) die Aspekte des Tourismus außer Acht ließen. Dahinter steht freilich auch die politische Weichenstellung der deutschen Politik betreffend Ent- wicklungszusammenarbeit, die vom Zwang gravierender Einsparungsmaßnahmen gekenn- zeichnet ist. Dies bringt für die deutsche gtz im Niger eine massive Reduktion bei Finanz- und Personalmitteln. So wurde das große Projekt in Tahoua (PDRT) auf ein Minimum reduziert und die Verwaltung mit dem PNN zusammen gelegt, während das selbst auch mit immer ge- ringeren Mitteln arbeiten muss. Dass unter solchen Umständen kein Geld für Maßnahmen aufgebracht werden wird, die mit Tourismus zu tun haben, ist nachvollziehbar, wenn auch in Verkennung der Lage äußerst kurzsichtig. Denn jegliche Maßnahme zur Friedenssicherung in der Region Agadez - und diesen Anspruch erhebt das PNN - kann ohne florierenden Touris- mus nicht erfolgreich sein. Die Realität sieht freilich noch weniger rosig aus. Angesichts der Schwächung des PNN dürf- te sich die schlechte wirtschaftliche LAGE, in der sich die Region Agadez befindet, wieter verstärken, was den Druck auf den Tourismus als Chance für schnelles Geld anstatt als Ver- dienstchance weiter steigern dürfte. Die bereits genannten Risiken eines unkontrollierten Tou- rismuswachstums in Form von illegalen Unternehmern und Dumpingpreisen sind nur ein As- pekt dieser Dynamik. Die einzige realistische und zugleich ethisch vertretbare Maßnahme scheint mir die Förderung von qualitativ hervorragendem Hochpreistourismus zu sein, auf der Basis einer umfassender Information und Sensibilisierung der Kunden, ihrer ständigen Betreuung und subtilen Kon- trolle sowie starker Förderung von kommunikativem und kommerziellem Austausch mit der Bevölkerung. 116 Mit welchen Chancen und Risiken diese Vorgehensweise in den Siedlungs- gebieten aus der Sicht der betroffenen Bevölkerung verbunden ist, wird im folgenden dritten Teil dieser Untersuchung am Beispiel von Timia erörtert werden. 115 Richter 1992, S. 46. 116 Siehe das Kap. „Das Produkt: Versuch der Evaluation einer Trekking-Tour“. 544 Teil C: Das Verhältnis der Kel Timia zum Tourismus Der dritte und letzte Teil der vorliegenden Untersuchung beschäftigt sich mit der Position der vom Tourismus betroffenen Landbevölkerung in den Aïr-Bergen am Beispiel der Bewohner des Bergdorfes Timia. Was denken jene Menschen, an denen die Allrad-Fahrzeuge der Reise- gruppen vorbei fahren, über dieses Phänomen? Wie stehen diese Menschen zu dieser Ent- wicklung, was erwarten sie von ihr und welchen Anteil wollen sie daran nehmen? Diese Fragen spiegeln sich wider im Begriff des Partizipationsrechts der betroffenen Bevölke- rung. Dieses Recht stellt nach herrschender Meinung zur nachhaltigen Tourismusentwicklung in ländlichen und insbesondere indigenen Regionen den Angelpunkt zur Beurteilung der Ver- tretbarkeit von Tourismus dar. Zur Beantwortung dieser Fragen hatte ich einige Wochen bei den Kel Timia 1 zugebracht und eine repräsentative Gruppe von Dorfangehörigen zu Themen wie Lebenssituation, Wandel, Identität, Probleme, Einstellung zum Tourismus, gesellschaftliche Auswirkungen des Touris- mus etc. befragt. Auf der Grundlage dieser Befragung wurden erste Versuchsprojekte zur bes- seren regionalen Integration des Tourismus in die dörfliche Ökonomie unternommen. Die Gesamtheit der dabei gewonnenen Erfahrungen bildet neben der wichtigsten Literatur zu Fra- gen der Tuareg-Ethnologie und zur ländlichen Entwicklung bei den Kel Ewey die Grundlage für die folgenden Kapitel. Die Frage nach der Relevanz des Tourismus für eine betroffene indigene Kultur kann freilich den betroffenen Menschen nicht so ohne weiteres gestellt, und die erhaltenen Antworten kön- nen nicht ohne weiteres für bare Münze genommen werden. Für das Verständnis der Struktur des Agadez-Tourismus ist die Kenntnis der regionalen Politik, insbesondere aber der Tuareg- Rebellion, notwendig, für das Verständnis der potenziellen Rolle des Tourismus für die Kel Timia ist die Kenntnis dieser Kultur wenigstens in groben Zügen notwendig. Gerade weil die Tuareg durch die in Europa herrschenden Mythen so verklärt sind, ist der Blick hinter die Fassaden der herrschenden Klischees wesentlich, um der Forderung nach Partizipation ge- recht werden zu können. Zu groß ist die Versuchung zahlreicher Tuareg-Fürsprecher, traditio- nelle Strukturen mutwillig zu erhalten, die selbst für Tuareg kaum mehr relevant sind. Darum ist es bedeutsam, die ökonomische und soziokulturelle Struktur der Kel Timia zu verstehen. Erst vor diesem Hintergrund wird es überhaupt möglich, die Frage nach der Sinnhaftigkeit der Integration von Tourismus in die lokale Wirtschaft sinnvoll zu beantworten. An dieser Stelle muss abermals betont werden, dass die vorliegende Studie trotz der Verwen- dung ethnologischer Literatur jeglichen Anspruch von sich weist, als ethnologische For- schung zu gelten. Einem solchen Anspruch kann ein Philosoph gegenüber einem ausgebilde- ten und erfahrenen Ethnologen niemals gerecht werden. 2 Ich war aber gezwungen, als prakti- scher Philosoph eigenständige Recherchen durchzuführen, weil gegen Ende der 90er-Jahre noch keine Studien zu den Auswirkungen des Tourismus auf die Tuareg, 3 geschweige denn auf die Kel Ewey 4, existiert hatten. Auch von den jüngst initiierten ethnologischen Untersu- 1 Das Tamaschek-Wort „Kel“ bedeutet so viel wie „die von“ oder „die Leute von“ und wird immer in Verbindung mit einem Namen eines Stammes oder Ortes verwendet. 2 Als ich die Koryphäe im Bereich der ethnologischen Forschung zu den Kel Timia, Prof. Gerd Spittler, um Anregungen und Hilfestellung in Hinblick auf die Durchführung meines Projekts gebeten hatten, beurteilte dieser mein Vorhaben als „dilettan- tisch“. 3 Die äußerst knappe Darstellung von Uhl (1990) über die Interaktion zwischen Touristen und den Kel Ajjer umfasst im Wesentlichen nur einige wenige Darstellungen von Begrüßungsritualen zwischen diesen beiden Gruppen. 4 Der kurze touristische Part der ökonomischen Untersuchungen von Grégoire (1999) umfasst lediglich historische und struk- turelle Elemente des Niger-Tourismus. 545 chungen 5 zu diesem Thema wurden bislang noch keine Veröffentlichungen freigegeben. Wer aber Erkenntnis sucht, muss zu den Menschen gehen und nicht bei Aristoteles nachschlagen… 5 Seit Herbst 2000 stellt die ethnologische Abteilung der Universität Bayreuth durch Marko Schulze unter Gerd Spittler erst- mals Untersuchungen zu den Auswirkungen des Tourismus auf die Kel Timia im Rahmen eines umfangreichen Spezialfor- schungsbereichs an (vgl. Universität Bayreuth 2003). 546 15 Portrait der Kel Timia: Tradition und Wandel Die Kel Timia werden zur übergeordneten Bezugsgruppe der Kel Ewey 6 gezählt, von denen im Folgenden i.d.R. die Rede sein wird, sofern nicht explizit die Kel Timia angeführt werden. In der Literatur wird wohl auch darum eher von den Kel Ewey als von den Kel Timia gespro- chen, weil Abgrenzungen bei Nomadenkulturen früher nur schwer möglich waren. Zudem ist auch die Urbanisierung und damit die Herausbildung einer neuen Dorf-bezogenen Identität ein relativ junges Phänomen unter den Aïr-Tuareg. 15.1 Charakteristika der Kel Ewey Die Kel Ewey werden zu den Kel Aïr gezählt, die gleichsam alle jene Tuareg umfassen, die im Aïr-Massiv und dessen Einzugsgebiet leben. Innerhalb der Tuareg-Gesellschaften nehmen die Kel Ewey auf Grund ihrer spezifischen Kultur eine außergewöhnliche Position ein. Neben ihrem eigentümlichen Tamaschek-Dialekt, dem Takelowey, haben sie eine dreigliedrige wirt- schaftliche Basis entwickelt, die nirgendwo sonst unter den Tuareg zu finden ist. 7 Sie sind als Viehzüchter, aber auch als Karawaniers tätig. Zudem erlauben ihnen die zentralen Täler des Aïr-Massivs 8, auf den Terrassen Gartenbau zu betreiben. Auch ihre politische und soziale Struktur weist einzigartige Besonderheiten auf, da bei den Kel Ewey keine tributpflichtige Vasallenschicht existiert. Der formale Chef der Kel Ewey, der Anastafidet, ist ohne reale Macht, gilt aber unter den Stammeschefs und gegenüber dem Sultan in Agadez als anerkann- ter Vermittler. 9 Allerdings unterstanden nicht alle Stämme der Kel Ewey dem Anastafidet, weil etwa die Imagegzil aus der Region Timia dem Sultan von Agadez verbunden waren.10 15.1.1 Wer sind die Kel Ewey und wie viele leben im Aïr? Auch in jüngerer Zeit wurde die Zahl der Tuareg oft unterschätzt. Bernus erklärt dies für den Niger als eine Folge des Systems der kolonialen Kopfsteuer, innerhalb dessen die steuerlich irrelevanten Gruppenmitglieder, nämlich Kinder unter 14 Jahren, Alte und Behinderte, bei der Zählung unterschlagen wurden. Für die Behörden war es nahezu unmöglich, nomadisierende Gruppen vollzählig anzutreffen. 11 Spätere Daten aus der Zeit nach der Unabhängigkeit sind 6 Die Schreibweise der Kel Ewey variiert enorm: Spittler (1993) oder Bourgeot (1995) schreiben „Ewey“, Gardi (1971, S. 197) schrieb „Owey“, und Barth sprach von den Kel „Owi“ (Barth 1986, S. 164; vgl. auch Ritter 1980, S. 47). 7 Im Gegensatz zu den Kel Ewey sind die Kel Azawad in der Region um Tahoua weitgehend voll nomadisierend. 8 Die wichtigsten besiedelten Täler sind Telwa, Shirozerin, Tiden, Tabellot, Aouderas, Timia und Iferouane. 9 Vgl. Bourgeot 1995, S. 85 ff., 243. Übrigens verfügt der Anastafidet auch heute noch über eine Residenz im östlichen Zent- rum der Altstadt von Agadez, wo sich auch das traditionelle „Ettebel“, die symbolische Kriegstrommel, befindet. 10 Über die tatsächliche Position des Anastafidet sind sich die Historiker nicht einig, wie Bernus (1993, S. 370) darlegt. Inte- ressant allerdings der Hinweis auf die Herkunft des namens „Kel Ewey“, das so viel wie die „Rinder-Leute“ bedeuten soll, weil sie der Erzähltradition nach dem Sultan als ein Zeichen ihrer Tributpflicht ein Rind übergeben haben sollen. 11 Vgl. Bernus 1993, S. 114; ähnlich Claudot-Hawad/Hawad 1996, S. 11, die vor allem die späteren Zahlenangaben als ideo- logisch motiviertes „enjeu politique important“ sowohl auf Seiten des Staates als auch auf Seiten der Rebellen bezeichnet. 547 oftmals nur Extrapolationen der fragwürdigen Zählungsergebnisse der früheren Kolonial- herren. 12 Wenn man etwas zählen will, muss man freilich auch die Identifikationsmerkmale kennen. So war in der Literatur lange umstritten, ob gewisse soziale Schichten, wie die Sklaven, als „ech- te“ Tuareg anzuerkennen seien. 13 Autoren aus jüngerer Zeit wiederum lehnten rassische Kri- terien, etwa den Bezug auf das Berbertum 14 oder auch anthropologische Unterschiede 15 ab. Dies ist schon allein aus dem Grund unsinnig, weil die Aïr-Region in kultureller Hinsicht niemals isoliert war und im Grunde ein regelrechtes ethnisches Mosaik darstellt, das aus den Einflüssen verschiedener Epochen und Regionen entstanden ist. 16 Immer schon hatten die Tuareg und „die Anderen“ zusammen gelebt, und manche wurden integriert, ohne sich kultu- rell zu assimilieren. 17 Die „Tuareg-Kultur“ als Eingrenzungskriterium heranzuziehen ist problematisch. Vor allem standen die Tuareg schon immer durch Raubzüge und den seit dem Mittelalter geübten Kara- wanenhandel in intensivem kulturellen Austausch mit fremden Kulturen und Regionen. Die Kel Ewey hatten auf Grund des Karawanenhandels mit der südlich gelegenen Haussa-Region schon sehr lange einen intensiven Austausch von Datteln, Salz und Vieh gegen Hirse gepflo- gen. Dazu hatten die Tuareg in den komplementären Zentren des Südens sogar ein regelrech- tes Netzwerk von Händlern, Handwerkern und politischen Würdenträgern etabliert, die ihnen u.a. Unterkunft und Finanzdienstleistungen gewährten und ihnen vor allem auch sicheres Ge- leit garantierten. Ähnlich waren auch die Beziehungen in den Norden mit den Handelszentren Ghat und Ghadames im heutigen Libyen. 18 15.1.2 Das Selbstverständnis der Kel Ewey Trotz dieser alten und mannigfachen Kontakte zu anderen Kulturen einerseits und trotz der ei- genen inneren kulturellen Vielfalt bilden die Tuareg generell und die Kel Ewey im Besonderen eine kulturell kohärente Gruppe, die sich ihrer Identität bewusst ist. Gegenüber anderen Grup- pierungen, wie den Peul WodaaBe-Nomaden, 19 grenzen sie sich durch ihre Sprache, das Tama- schek, und auch durch ihren Gesichtsschleier, den Tagelmust, ab. 20 Ihr kulturelles Selbstbe- 12 Vgl. Bernus 1993, S. 55. In den postkolonialen Ländern wie Algerien (Wandschneider 1990, S. 3) und Libyen (Göttler 1989, S. 17, Anm. 1) wiederum wurden Tuareg oder Nomaden aus ideologischen Gründen statistisch nicht gesondert erfasst. 13 Dies galt besonders für die Tuareg im Norden: Duveyrier (1864, S. 324 ff, zit. in Wandschneider 1990, S. 56) unterscheidet zwischen „eigentlichen“ Tuareg („Touareg proprement dits“) und Sklaven; Nicolaisen (1963, S. 10 ff.), immerhin 100 Jahre später, unterschied gleichfalls zwischen „echten“ Tuareg und „negroiden Kasten und Nicht-Tuareg“. 14 Vgl. die Kritik von Neumann (1983, S. 12). 15 Vgl. die Kritik von Stühler (1978, S. 81) an jeglicher „rassistischen Konzeption“. 16 Siehe dazu sogleich die „Geschichte der Kel Ewey“. 17 So kamen etwa einige arabische Gruppen im 19. Jahrhundert aus dem Westen und siedelten sich innerhalb der Konföderation der Iullemmeden Kel Dinnik an. In der Folge wurden die Araber zwar in die politische Struktur der Tuareg als Tributpflichtige integriert, nahmen auch das Tamaschek an, ohne jedoch ihre Muttersprache aufzugeben. 18 Dabei ist interessant, dass der Großhandel von Arabern dominiert wurde (vgl. Salifou 1972, S. 8; Hinw. in Bernus 1993, S. 62). Dagegen kontrollierten die Tuareg den Warenfluss selbst, indem sie die Handelskarawanen organisierten und deren Sicher- heit garantierten, um die Handelsbeziehungen zwischen dem Mittelmeerraum und dem Sudan aufrecht zu erhalten. So schreibt Bernus (ebd.): „Les Kel Tamasheq ont constitué un trait d’union, bien plus qu’une barrière, entre deux mondes auxquels l’histoire les unissait.“ 19 Paris (1994, S. 71) schätzt, dass etwa im Einzugsgebiet des Aïr etwa 7000-10.000 und im Niger insgesamt etwa 100.000 Peul-Nomaden leben. 20 Insofern versteht etwa Bernus (1993, S. 71) die Tuareg-Gesellschaft vor allem als ein kulturelles und linguistisches Fak- tum; sinngem. auch Göttler 1989, S. 12. Wandschneider (1990, S. 57) weist darauf hin, dass „prinzipiell bei den Tuareg nur ein geringes Bewusstsein feststellbar (sei), eine Ethnie zu bilden“ und darum die Sprache gegenüber anderen Ethnien wie Arabern als wesentliches Abgrenzungskriterium gelte. 548 wusstsein äußert sich u. a. in der Abwertung anderer Kulturen. So beurteilen sie die Peul Wo- daaBe, wie sie selbst Nomaden, als „Wilde“, weil sie ihre Frauen zu rauben pflegen oder wegen ihrer matrimonialen Tradition die Regeln der Religion nicht beachten würden. Eine Besonder- heit zeigt sich gerade bei den Kel Ewey: Im Gegensatz zu den meisten Kel Tamaschek, die sich anderen Ethnien gegenüber in Berufung auf ihre heldenhafte Vergangenheit als Krieger überle- gen fühlen, 21 stehen bei den Kel Ewey die Religion und besondere moralische Werte als Ele- ment der Selbstdefinition im Vordergrund. 22 Der Bezug des Selbstverständnisses auf kulturelle Elemente ermöglicht es sogar einem „Frem- den“, Teil einer Tuareg-Gesellschaft zu werden. So wurden früher Tuareg-Sklaven mit arabi- scher oder schwarzafrikanischer Abstammung von der Tuareg-Gesellschaft gleichsam „absor- biert“, sobald sie Sprache, Sitten und Lebensweise der Tuareg angenommen hatten. 23 Umge- kehrt kann man des Tuareg-Status auch verlustig werden, wie es bei den in die Zentren des Sü- dens abgewanderten Tuareg diskutiert wird, da sie Kleidung, Glauben, Sitten und Sprache der Haussa angenommen haben und das Tamaschek 24 nicht mehr beherrschen.25 Diese Sichtweisen decken sich weitgehend mit den Ergebnissen meiner Befragung der Kel Timia nach ihrem Selbstverständnis. Dabei wurde deutlich, dass zumeist nur die des Französi- schen mächtigen Personen mit dem exogenen Begriff des „Tuareg“ etwas anzufangen wusst- en. Unter 39 antwortenden Personen bezogen sich 24 Antworten (bei mehreren möglichen) auf das Selbstverständnis und auf ethnisch-rassische Kriterien, 16 auf die Sprache, 14 auf das traditionelle Tuareg-Ethos („Eschek“), 10 auf die traditionellen Berufe, davon 3 auf das Leben am Rand der Wüste, und nur eine auf den Tagelmust. Leichter fiel den Kel Timia ihre Ab- grenzung gegenüber anderen Tuareg-Gruppen: Sie selbst verstehen sich als „Imajeghen“, als „Freie“, während Angehörige anderer Tuareg-Gruppen indifferent als „Imghad“ bezeichnet werden. 26 Dies seien jene Menschen, die im Gegensatz zu den Kel Ewey den Islam (15 Nen- nungen) bzw. die traditionellen Werte („Eschek“, 17 Nennungen) nicht hinreichend achten würden. 27 15.1.2.1 Exkurs: Die Kel Ewey und der Islam Im Aïr hat der Islam nach der mündlichen Überlieferung schon sehr lange großen Einfluss auf die sozialen Strukturen der Kel Ewey, z.B. durch das Eigentums- und Erbrecht. Die ersten Moscheen, Téfis, Tchin Taghoda und Assodé, stammen aus dem späten ersten Jahrtausend 21 Vgl. Bernus 1993, S. 62. 22 Vgl. Bourgeot (1995, S. 245), der auf eine mystische Sufi-Bruderschaft, die „Khalwatiyya“ als Wurzel dieser religiösen Prägung verweist. 23 Nicolaisen/Nicolaisen (1997, S. 608 f.) weisen darauf hin, dass Dunkelhäutige durch Weisheit, Reichtum oder Großzügig- keit oder auch als Marabu, also den Erwerb von Respekt und Prestige, den Status eines „echten“ Tuareg erlangen konnten. 24 Der Vollständigkeit halber sei auch noch die Schrift der Tuareg, das Tifinagh erwähnt. Die Tuareg sind die einzige berbe- rophone Gesellschaft mit einem eigenen Alphabet. Diese reine Konsonantenschrift ist unter allen Tuareggruppen bekannt. Sie besteht – je nach Region - aus 21 bis 27 geometrischen Zeichen und einigen Bi-Konsonanten-Zeichen und kann in jede Rich- tung geschrieben werden. Ihre Wurzeln lassen sich nach Nicolaisen/Nicolaisen (1997, S. 43) auf eine antike libysche Schriftweise bis 150 v. Chr. zurückverfolgen. Heute beherrscht und benützt unter den Kel Ewey nur noch eine verschwin- dende Minderheit das Tifinagh, weil unter dem Einfluss religiöser Stämme im Aïr, z.B. der Sufi-Bruderschaft, der Gebrauch des Arabischen stärker geworden ist und das als Profanschrift verstandene Tifinagh verdrängt wird (vgl. Bourgeot in De- coudras/Durou 1994, S. 40). 25 Hinw. v. Vögler 1984, S. 265; vgl. insb. die Studie von Waibel (1998) über die Tuareg in der Region um Zinder. Auch in Agadez sprechen viele Tuareg-Kinder nur noch Haussa, die Verkehrssprache zwischen den diversen Ethnien. 26 Vgl. auch Spittler 1993, S. 407; ähnliches berichtet Wandschneider (1990, S. 57) für die Kel Ahaggar. 27 Demgegenüber wird den Kel Ewey von den westlichen Tuareg vorgeworfen, sie würden schwarze Magie und Hexerei betreiben (vgl. Bourgeot 1995, S. 86). 549 nach Christus. 28 Nach oralen Quellen soll zu Beginn des 16. Jahrhunderts Sidi Makhmud el Baghdadi die mystische Soufi-Bruderschaft „Khalwatiyya“ im Aïr eingeführt haben, welche die Kel Ewey nachhaltig geprägt hat, und die in der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts durch Mal- lam Musa (gest. 1959 in Tabelot) wieder belebt wurde. 29 15.1.2.2 Die Sicht der Kel Ewey von außen Die Tuareg selbst werden von Außenstehenden nicht minder als eine seltsame Kultur betrach- tet, da sie eine schwer verständliche Sprache sprechen, immer noch eine gewisse Gefährlich- keit ausstrahlen 30 und freiwillig in Zelten im Busch, „au milieu d’un monde sauvage et plein de périls“, leben, fernab der Städte, „qui représentent la nature humanisée, organisée, do- mestiquée, rassurante.“ 31 Teilweise gehört es unter den Sesshaften auch zum guten Ton, die Tuareg generell „Buzu“, die Bezeichnung für die ehemaligen Sklaven der Tuareg, zu nennen und ihnen zu misstrauen. 32 Trotz dieser ambivalenten Haltung gegenüber den Tuareg haben gerade auch jene komplementären Kulturen materielle Elemente der Tuareg angenommen. So tragen die Landbewohner der Songhai, Djerma und Haussa ebenfalls Gesichtsschleier, und die Peul WodaaBe tragen Brieftaschen, Messer, Schwerter und in historischer Zeit auch Lanzen, hergestellt von Tuareg-Handwerkern. 33 15.1.2.3 Die Anzahl der Kel Ewey Vor dem Hintergrund dieser Abgrenzungs- und Erfassungsprobleme lassen sich nur an- nähernd zutreffende Zahlen nennen. Im Niger leben rund 1,3 Mio. Tuareg, das sind ca. 10 % der Bevölkerung. 34 Die Bevölkerung im gesamten Einzugsgebiet des Dorfes Timia bewirtschaftet eine Fläche von etwa 10.000 km2 und wird von der Hilfsorganisation „Les Amis de Timia“ auf rund 20.000 Personen geschätzt. Diese Anzahl verteilt sich zu 75 % auf acht Dörfer und zahlreiche kleine- re Siedlungen, sowie zu 25 % auf Nomadenlager, deren Bewohner um die Brunnen nomadi- sieren. Die sesshafte Bevölkerung des Hauptortes Timia wird auf 6.000 Köpfe 35 bei rund 200 28 Vgl. Bayard/Giazzi 1996, S. 290. 29 Vgl. Bourgeot in Decoudras/Durou 1994, S. 101. Noch heute findet man im Aïr drei Formen von religiösen Stätten: 1. das Oratorium der Nomadenbevölkerung, ein mit Steinen ausgezeichneter heiliger Platz am Boden für das Gebet der Reisenden; 2. den Hangar aus Holz und Steinen, ein einfaches Bethaus, und 3. die Moschee, die im Aïr rechteckig aus Steinen und Lehm an heiligen Stätten errichtet ist und unter der Verantwortung einer heiligen Persönlichkeit mit einer besonderen Geschichte steht; die Moschee wird häufig für gemeinsame Gebete besucht. 30 Diese Gefährlichkeit wurde nicht zuletzt durch die Ereignisse der Rebellion und die damit verbundenen Überfälle „bestä- tigt“. 31 Bernus 1993, S. 62 32 Vgl. Spittler 1998, S. 210 f. 33 Diese geraffte Darstellung der Tuareg-Identität verdeutlicht, dass jede Kultur sich im Vergleich mit seinen Nachbarn defi- niert: „On la méprise pour mieux affirmer la sienne, mais les emprunts apparaissent à tous les niveaux, religieux, linguisti- ques, matériels.“ (Bernus 1993, S. 3). 34 Dies entspricht dem mit ca. 3-4 % Bevölkerungswachstum hochgerechneten Wert von ca. 700.000 Personen aus dem Jahr 1994 gem. Bernus (1994, S. 32); ähnlich Claudot-Hawad/Hawad (1996, S. 11) gem. dem Zensus von 1988. 35 Bayard/Giazzi (1996, S. 303) schätzt die Bevölkerung von Timia für das Jahr 1996 auf 4.000 Personen in 550 Familien. 550 Familien geschätzt; 36. 500 Personen ziehen als Karawaniers und Hirten mit ihren etwa 2000 Kamelen umher und verbringen nur die Winterzeit im Dorf. 37 15.2 Geschichte der Kel Ewey Die heutige Tuareg-Region Aïr war in vorgeschichtlichen Zeiten von Jägern und Fischern besiedelt. 38 Bis ins 12. Jahrhundert n. Chr. siedelten hier negroide Haussa-Stämme, die sog. Goberawa. Diese wurden aber ab dem 10. Jahrhundert von Tuareg-Stämmen, u. a. den Ite- sen 39 und den Kel Ewey, 40 nach Süden und Osten verdrängt. 41 Die Einwanderung der Tuareg- Stämme erfolgte in mehreren Wellen und war durch den Druck der arabischen Invasion 42 in Nordafrika ausgelöst worden. Infolge des Einfalls der Beni Hilal und der Beni Sulayan im Fezzan 43, dem ursprünglichen Herkunftsgebiet der Tuareg,44 strömte um das 11. Jahrhundert eine zweite Tuareg-Besiedlungswelle in die Aïr-Berge. 45 Die zahlenmäßig wichtigere Ein- wanderungswelle der Kel Ewey fand jedoch zwischen dem 12. und 14. Jahrhundert gemein- sam mit den Kel Gress statt. 46 Aus dem libyschen Fezzan kommend, wanderten diese Stämme über Djado ein und drängte die angesiedelten Tuareg-Stämme weiter nach Süden. Die Kel Gress wurden jedoch nach Kämpfen mit den Kel Ewey im 18. Jahrhundert selbst nach Süden verdrängt. 47 Die Kel Ewey waren u. a. neben den Kel Gress die großen Eroberer und die ersten politischen Akteure in der Region, was Anfang des 15. Jahrhunderts zur Einführung des Sultanats von Aïr führte. Mitte des 15. Jahrhunderts wurde das Sultanat nach Agadez verlegt. Zwischen den diversen Tuareg-Stämmen herrschten ständige Rivalitäten um Territorialkontrolle, Handel und Karawanenrouten. Ein erfolgreicher Krieg der Kel Ewey gegen ihre wichtigsten Gegner, die Itesen, Ende des 17. Jahrhunderts, führte zu deren Verdrängung und zur politischen Eta- blierung der Kel Ewey in Agadez. Im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert wandern weitere Tuareg-Stämme aus dem Hoggar im Aïr ein, gegen 1880 auch noch die Kel Ifoghas aus dem Adrar auf der Flucht vor einer gro- 36 Die weiteren Orte sind Tassalwat (1000), Idawden (500), Tefarawt (1.200), Oufen (1.300), Tewat (600), Ajirou (400) und die Schmiede-Siedlung Krip-Krip im Westen von Timia (4.000) (Les Amis de Timia 2003, Web). 37 Vgl. Spittler 1998, S. 170. 38 Siehe dazu das Kap. „Die Tourismuspotentiale von Agadez/Prähistorische Stätten“. 39 Den Ithesen werden gem. Bernus (1993, S. 369) viele Steinruinen im Aïr zugeschrieben; sie sollen auch noch in Agadez gelebt haben, das ursprünglich aus Steinhäusern bestanden haben soll. Nach Hinkmann (1968, S. 77) sollen auch die meisten Legenden des Aïr auf die Itesen zurückgehen. 40 Bayard/Giazzi 1996, S. 290. Bernus (1995, S. 53 unter Hinw. auf Bonte/Echard 1976) kritisiert die Quellen der Geschichte der Tuareg als zuweilen äußerst unzulänglich. Mündliche Überlieferungen von Tuareg-Kriegern stellen zumeist den eigenen Stamm in ein besonders vorteilhaftes Licht, indem verlorene Schlachten in Siege umgemogelt und den eigenen Ruhm beein- trächtigende Ereignisse „fallen gelassen“ werden. 41 Nach Bayard/Giazzi (1996, S. 293) wurden die Goberawa Anfang des 17. Jahrhunderts endgültig vertrieben. Die im Aïr Verbliebenen wurden mit inferioren Status in die Gesellschaft inkorporiert. 42 Fuchs (1984, S. 72) berichtet, dass der berühmteste Führer der Araber, der legendäre Uqba ben Nafi, der 670 Kairuan gegründet hatte, im Zuge seiner Eroberungen bis nach Bilma gekommen sein soll. 43 Nach Ibn Khaldun sollen zwar die Tuareg von arabischen Raubzügen massiv betroffen worden sein, doch hätten die Tua- reg den Arabern große Verluste zugefügt. Zu Khalduns Zeiten dürfte die Trennungslinie zwischen arabischen Beduinen und Tuareg-Nomaden der große Gürtel der Dünen in der nördl. Sahara gewesen sein (vgl. Nicolaisen/Nicolaisen 1997, S. 383 unter Verweis auf Iben Khaldun: Histoires des Berbers, Band 1-4, Alger 1852-1856, S. 191 (Bd. 1), 104 f. (Bd. 2) 44 Siehe Kap. „Die Marke ‚Tuareg’ – Mythos und Images/Herkunft des Namens ‚Tuareg’/Die Herkunft der Tuareg… “. 45 Vgl. Nicolaisen/Nicolaisen 1997, S. 536 ff. 46 Vgl. Bernus 1993, S. 369; Nicolaisen/Nicolaisen 1997, S. 537. Ebenfalls um das 14. Jh. wanderten auch die Kel Ferouan ein, nach denen ihr Dorf Iferouane benannt wurde, wo sie bis zu ihrer Verdrängung im 17. Jh. in die Region von Agadez lebten (vgl. Nicolaisen/Nicolaisen 1997, S. 538). 47 Vgl. Bayard/Giazzi 1996, S. 291. 551 ßen Dürre. Dieser stete Strom von Neuzuwanderern drängte die bislang im Aïr siedelnden Stämme, etwa die Itesen in der Region von Timia und dem Bagzan-Massivs, weiter nach Sü- den. Im 19. Jahrhundert führte das Eindringen von Arabern aus Tripolitanien zu massiven Unruhen: Im Jahr 1835 griffen die Araber Bilma sowie die Salz-Karawanen an, 1849 raubten sie fast 50.000 Kamele. 48 Eine weitere Bedrohung der Aïr-Tuareg stellten im 19. Jahrhundert die häufigen Überfälle der Tubus dar, so dass sich einige Stämme zu Beginn des 20. Jahr- hunderts sogar in der Umgebung von Agadez ansiedeln, um vom Schutz des Kolonialpostens zu profitieren. Auch in weiterer Folge profitierten sie von den Kolonialtruppen, da diese die Karawanen der Kel Ewey gegen Überfälle schützten. Die Kel Ewey hatten ihrerseits beson- ders unter dem Ausbruch der Kaosen-Revolte zu leiden, da zahlreiche Dörfer, wie Timia, erst von Kaosen und gegnerischen Tuareg-Gruppen geplündert 49 und schließlich von den Franzo- sen in einem willkürlichen Vergeltungsakt zerstört wurden. 50 Die Folgen waren ein dezimier- ter Tierbestand und eine Hungersnot, die zu einem Einbruch der Bevölkerungszahl der Kel Timia führte. 51 Anhand dieser knappen Darstellung zeigt sich der Charakter der Aïr-Berge als „Filter“ für die zahlreichen eindringenden berberophonen Stämme. 52 Die kolonialen Befriedungsmaßnahmen und die Verwaltungsreformen in Reaktion auf den Kaosen-Krieg führten zu grundlegenden Umwälzungen der traditionellen Strukturen der Kel Ewey. 15.3 Die traditionelle Struktur der Kel Ewey-Gesellschaft Die warnenden Rufe vor den soziokulturellen Folgen des Tourismus unterstellen die Existenz einer statischen, wandlungsfreien Gesellschaft. Dass die Tuareg-Gesellschaft diesem Bild kei- neswegs entspricht, lässt bereits die bewegte vorkoloniale Geschichte der Kel Ewey erahnen. Ein Blick auf die Entwicklung der sozialen, politischen und wirtschaftlichen Strukturen unter- streicht die Gewissheit von einer dauerhaft im Wandel befindlichen Gesellschaft. 15.3.1 Die sozialen Strukturen der Kel Ewey Die traditionelle Tuareg-Gesellschaft war grundsätzlich in zwei Kategorien einteilbar, jene der freien Männer (ilellan, sg. elelli) und jene der dienenden Klasse, der Sklaven (akli, pl. iklan). Zu den freien Männern zählten die aristokratischen Krieger (imajeghen, sg. majegh), die Vasallen oder Tributpflichtigen (imghad), die Religiösen (ineslemen) und die Handwerker bzw. Schmiede (inadan). Die imajeghen verfügten über die politische Macht und waren für die Kriegsführung zu- ständig. Nach ihrem Selbstverständnis waren sie Männer, die sich vor nichts fürchteten und deren moralischer Anspruch auch ihrem Mut glich. Auch unter den verschiedenen Stämmen 48 Vgl. Hinkmann, S. 78 ff. 49 Buchanan (1921, S. 207 ff.) beschreibt einen Raubzug von Hoggar-Tuareg gegen Timia im Jahr 1920. 50 Vgl. Bernus 1993, S. 370; Hinw. auch von Aghali Imoumoumene, Timia, November 1999. 51 Vgl. Spittler 1998, S. 82 f. 52 Vgl. Bernus 1993, S. 59 f. 552 der Adeligen bestanden Hierarchien. Der Erste unter ihnen war auch Träger der regionalen Macht, symbolisiert durch das ettebel, die Kriegstrommel. Er wählte aus seinen Reihen den amenokal, eine Person von herausragenden Qualitäten. Durch strikte Endogamie wurde diese Macht innerhalb der selben Gruppe aufrechterhalten. Die imghad werden in Analogie zur mittelalterlichen Feudalgesellschaft oft Vasallen genannt. Sie sind Krieger wie die imajeghen, unterstehen diesen jedoch formell, weil sie entweder in Folge eines verlorenen Kriegszugs unterworfen oder im Zuge einer nachkommenden Ein- wanderungswelle integriert wurden. Die imajeghen hatten lediglich die Pflicht, ihre Vasallen gegen andere Noble zu verteidigen. Dafür hatten sie das Recht sich von den Vasallen Reit- kamele und Tribute zu nehmen bzw. von den Vasallen versorgt zu werden. Die Vasallen profi- tierten wiederum, weil sie die Tiere der Noblen, wenn diese auf Raubzüge gingen, für den Ka- rawanenhandel nutzen konnten. In politischer Hinsicht verfügten die Vasallen über das Recht, den Amenokal zu wählen. Insofern bestand zwischen Vasallen und Noblen ein System von Ge- ben und Nehmen. 53 Eine weitere soziale Schichte sind die ineslemen, „Jene des Islam“. Ihre Aufgabe ist die Ver- sorgung der Krieger mit Amuletten. 54 Die breite Masse der Dienenden oder Sklaven (iklan) lebte in Symbiose mit ihren Herren im Lager. Im täglichen Leben gab es normalerweise wenig Unterschied zwischen den Tuareg und ihren Sklaven. Diese trugen die gleichen Kleider und oftmals auch Waffen, und sie zogen auch mit auf Raubzüge. Sklavenkinder und Tuareg-Kinder spielten zusammen, Sklavenkinder wurden wie eigene behandelt. Von körperlichen Strafen wurde kaum berichtet. Durch ihre ökonomische und demographische Funktion spielten sie eine bedeutende Rolle für die gesam- te Tuareg-Gesellschaft. Sklaven, die wegen schlechter Behandlung fortliefen, standen unter dem Schutz des Amenokals. Es gab somit auch feste Regeln für den Umgang mit Sklaven, um deren Bestand zu sichern. 55 Eine Sonderposition nehmen seit jeher die Handwerker (inadan, sg. enad) ein. Obwohl sie Spezialisten sowohl in der Bearbeitung von Metall als auch von Holz und Leder sind, werden sie zumeist schlicht „Schmiede“ genannt. Sie gelten gleichsam als Gegenpol zu den Noblen, was ihr äußeres Erscheinungsbild, ihr Verhalten und ihren Ehrenkodex anbelangt. So schreibt man ihnen diverse üble Eigenschaften, wie die Lüge, die Feigheit und den Mangel an Stolz, zu. Ihre Freiheit und ihr Eigentum ist aber unantastbar, denn durch ihre Handwerkskunst be- setzen sie eine fundamental wichtige Rolle in der Nomadengesellschaft. Die Männer pro- duzieren Waffen, Schmuck und Gebrauchsgegenstände aus Holz, während die Frauen Leder- behältnisse oder Flechtwaren für die Karawanen herstellen. Die besondere Rolle der Schmie- de liegt auch in der Ästhetik ihres Kunsthandwerks, deren Pflege wesentlich zur Weiterent- wicklung der materiellen Tuareg-Kultur beiträgt. Überhaupt wurde erst durch die Produkte der Aïr-Schmiede die Tuareg-Kultur weit über ihre Grenzen hinaus bekannt, sind doch die Tuareg-Schmuckstücke in Mali, Algerien 56 und neuerdings auch Libyen 57 lediglich Kopien oder importierte Exponate des Silberschmucks aus dem Aïr. 58 Die Schmiede erfüllen eine wichtige soziale Rolle. Weil sie das Feuer und das Schmie- dehandwerk beherrschen, wird ihnen misstraut, ja sie werden sogar von den abergläubischen 53 Vgl. Nicolaisen/Nicolaisen 1997, S. 524. 54 Der früheste islamische Einfluß unter Tuareg hat im Hoggar durch Marabous der marokkanischen Almoraviden im 7. Jh. stattgefunden (vgl. Nicolaisen/Nicolaisen 1997, S. 383 unter Hinw. auf Lhote, Henri 1955: Les Touaregs du Hoggar. Paris 1955, 347 f.). 55 Vgl. Nicolaisen/Nicolaisen 1997, S. 603. 56 Vgl. Adamou o. A. 1, S. 27. 57 Vgl. Kohl 2003. 58 Zu den Schmiedeprodukten siehe Kap. „Tourismuspotentiale von Agadez/Die Kultur der Tuareg/Handwerksprodukte der Tuareg“. 553 Tuareg gefürchtet. Auf Grund dieser besonderen Position sind sie prädestiniert als Beichtväter: Da ihnen niemand glaubt und sie über keine Ehre verfügen, sind die persönlichen Geheimnisse bei ihnen gut aufgehoben. Sogar für die Heiratsvermittlung, diplomatische Missionen, die Or- ganisation von Hochzeiten, die Namensgebungsfeste und Zahnbehandlungen sind sie verant- wortlich. Im Gegenzug haben sie Anspruch auf einen Anteil an der Ernte. Über die Herkunft der zumeist negroiden Schmiede ist nur wenig bekannt. Angeblich stam- men sie von Juden ab, die Ende des 15. Jahrhunderts aus Marokko eingewandert seien. 59 Zöh- rer vermutet, sie seien „Nachkommen berberisierter Semiten, deren Heimat früher Ägypten gewesen sei“. Diese könnten sich im Bergland von Ifoghas, dem Nordosten des heutigen Ma- li, angesiedelt haben und später ins Aïr eingewandert sein, wie Zöhrer von Schmieden bestä- tigt worden sei. 60 Dieses gesellschaftliche System bestand in seinen Grundzügen auch unter den Kel Ewey mit der wesentlichen Einschränkung, dass bei ihnen keine Klasse der imghad existierte, weil die Kel Ewey selbst niemals durch andere Tuareg-Gruppen unterworfen waren. Wie bereits er- wähnt, dient den Kel Ewey der Begriff imghad vielmehr als indifferente Bezeichnung für fremde bzw. feindliche Stämme. 61 15.3.1.1 Die Rolle der Frau bei den Kel Ewey Das Verhalten der Frauen ist innerhalb der verschiedenen sozialen Klassen keineswegs ein- heitlich, doch gemeinsam ist den Frauen aller Schichten die hervorragende Position: Sie ge- nießen sehr hohes Ansehen, 62 und das besonders bei den Kel Ewey. Das Zelt als Symbol der ehelichen Einheit gehört der Frau, weshalb der Mann im Fall einer Scheidung zu seiner frühe- ren Familie zurückkehren muss. 63 Diese besondere Position der Frauen erklärt sich aus der Karawanenwirtschaft: Als Kara- waniers waren die Männer bis zu neun Monate jeden Jahres abwesend, weshalb das junge Paar nach der Heirat zur Mutter der Frau zog. Dadurch waren die Frauen während der langen Abwesenheit der Männer besser geschützt. Diese Matrilokalität war auch mit einer weiblichen Erbfolge für bestimmte Güter verknüpft. 64 So verfügten die Frauen der Kel Ewey über ein ausschließliches Erbrecht am abatol, dem kollektiven, unveräußerlichen Eigentum, wie es vor allem an Dattelpalmen besteht oder früher auch häufig bei Kamelen vorkam. 65 Um diesen traditionsbedingten Autoritätsverlust auszugleichen, nahmen sich die Kel-Ewey- Männer gerne schwarze Sklavinnen aus dem Haussa-Land als Ehefrauen. Diese Frauen zogen dann – entgegen der matrilokalen Heiratsregel der Kel Eweys – zum Mann, wodurch dieser die Autorität im Haus behielt. Die aus dieser Verbindung hervorgehenden Kinder galten den- noch als „Imagheren“, als gleichwertige „Freie“. Zudem blieben die Kinder im Fall einer Scheidung beim Vater. Durch diese neue Heiratsstrategie wurde die Gesellschaft der Kel Ewey bis in die Kolonialzeit hinein sowohl soziokulturell als auch „ethnisch“ durch die Haus- 59 Vgl. Foucauld 1951-52, Bd. 3, S. 1300. Nach Lhote (1955, S. 210) seien es Juden gewesen, die im 15. Jahrhundert durch arabische Marabouts aus dem Tuat vertrieben worden seien. 60 Ein Indiz für diese Hypothese sieht Zöhrer (1954, S. 95) in der Tatsache, dass im Bergland von Ifoghas vorkommende Sträucher als „Pharaonen-Feigenbaum“ und „Pharaonen-Weinrebe“ bezeichnet werden. 61 Vgl. Spittler 1993, S. 407. 62 Vgl. Bernus 1993a, S. 73. 63 Vgl. Bourgeot 1994, S. 90. 64 Vgl. Spittler 1984, S. 301. 65 Vgl. Spittler 1998, S. 367. 554 sa-Sklavinnen geprägt. Während in den meisten Tuareg-Gesellschaften hellhäutige Frauen als "schön" galten, bevorzugten wohlhabende Kel Evey dunkelhäutige.66 Die unter Tuareg ansonsten nicht übliche Polygamie fand unter den Kel Ewey schon sehr früh Verbreitung. 67 Dabei erfüllte die Polygamie innerhalb ihres ökonomischen Systems 68 eine besondere Funktion im Hinblick auf die wirtschaftliche Organisation der Familie: die erste Frau lebte im Dorf und betrieb Hauswirtschaft, die zweite lebte als Ziegenhirtin im „Busch“ und versorgte die Familie mit Käse und Ziegen, die dritte betreute einen Garten und versorgte die Karawane mit Handelsgütern, z.B. mit getrockneten Tomaten.69 Diese Praxis wurde während der Kolonialzeit auch von den Kel Ewey gepflogen, obwohl der Besitz von Sklaven offiziell verboten war. Allerdings gelang die Durchsetzung dieses Verbots auf Grund der ambivalenten Haltung der Franzosen bis zur Unabhängigkeit nicht. 70 Dabei dürfte den Kel Timia, die gegenüber der Kolonialmacht äußerst abweisend geblieben waren, wohl auch ihr entlegener Lebensraum genützt haben, da sie nur sehr selten von Kolonialbe- amten besucht worden waren: Bis in die 50er-Jahre war Timia die einzige große Siedlung im Aïr, die nur mit dem Kamel erreichbar war. 71 Durch die allmähliche Abschaffung der Sklaverei dürfte zwar der Einfluss der Frauen wieder etwas bedeutender geworden seien, doch mittlerweile verlieren die Frauen wieder ihre gesell- schaftliche Bedeutung durch den wachsenden Einfluss des Islam. So ist etwa die Institution des abatol im Schwinden begriffen, weil sie von führenden Geistlichen in Timia als unisla- misch bekämpft wird. 72 Gegenwärtig setzt sich zunehmend das islamische Erbrecht durch, wonach Söhne doppelt so viel erben (takashit) wie die Töchter. Auch die Polygamie, traditio- nellerweise unter den Tuareg verpönt, gewinnt immer mehr Bedeutung, wenn auch bislang bei weitem nicht so wie in den Haussa-Regionen. 73 Die gesellschaftliche Rolle der Frau ändert sich auch, weil die Karawanenwirtschaft zuguns- ten des Gartenbaus an Bedeutung verliert: Immer mehr Männer bleiben im Dorf und die Insti- tutionen der Matrilokalität und der Matrilinearität verlieren ihre Funktion. Gewisse Gegen- trends wird man auf Grund jüngerer Entwicklungen erwarten können, da viele junge Männer auf der Suche nach Lohnarbeit in den urbanen Zentren und in den Nachbarländern Algerien und Libyen oftmals für viele Monate, wenn nicht gar Jahre getrennt von ihren Familien leben werden. 74 66 James Richardson, der Expeditionsleiter von Heinrich Barth im Jahr 1850, berichtet von einem Gespräch zwischen ihm und En-Nuhr, dem damaligen Herrscher der Kel Ewey, im Zuge dessen dieser den Ausdruck des Widerwillens gegen die weiße Hautfarbe Richardsons äußerte (Hinw. in Spittler 1984, S. 301). 67 Vgl. Bourgeot 1995, S. 86. 68 Zur dreigliedrigen Wirtschaft (Viehzucht, Karawanenhandel und Gartenbau) siehe im Folgenden. 69 Vgl. Bourgeot 1995, S. 240. Diese Strategie wird teilweise auch heute noch in Timia praktiziert. So ist etwa mein Assistent Aghali mit drei Frauen verheiratet, von denen eine, Emate, das Haus in Timia betreut, und die anderen zwei als Ziegenhirtin- nen im „Busch“ leben. 70 Vgl. Bernus 1993, S. 108 ff., Schweizer 1981, S. 293. Spittler (1998, S. 82 f.) weist allerdings darauf hin, dass es in Timia jedenfalls seit 1920 keine Sklaven mehr gegeben habe. 71 Vgl. Spittler 1998, S. 19. In den 50er-Jahren wurde schließlich eine Piste nach Timia gebaut, für die die Basaltbarriere westlich des Dorfes unter General Jacques Massu durchbrochen wurde, wie mir ein alter Tuareg in Agadez berichtete; der damals unter Massu in Timia mitgearbeitet habe. 72 Vgl. Spittler 1998, S. 367. 73 Hinw. von Eserit Ias, Koch aus Timia, Agadez, 20. 3. 1999. 74 Vgl. Grégoire 1999, S. 235. 555 15.3.2 Die politischen Strukturen der Kel Ewey Der politische Zusammenhalt der Tuareg-Nomaden wurde durch das tawshit (pl. tiusatin) ermöglicht. Ein tawshit bestand aus mehreren Lagern (aghiwan), deren Bewohner im selben Weidebereich nomadisierten. Diese soziale Bezugsgruppe war nach innen verbunden durch die gemeinsame Abstammung von einem realen oder dafürgehaltenen Vorfahren und nach außen definiert durch den tawshit-Namen. Der soziale Zusammenhalt wurde durch die Heirat innerhalb des tawshit aufrecht erhalten. Politisch unterstanden mehrere tiusatin einem etebel, symbolisiert durch das Machtinsignium der gleichnamigen Kriegstrommel. Chef des etebel war der amenokal, der über das etebel verfügte und damit als oberste Autori- tät und Kriegsherr für den Schutz der unterstellten Stämme verantwortlich war. Ihm oblag die Entscheidung über Kriegszüge und die Versammlung der Krieger, zusammengerufen durch das Schlagen der Trommel. Außerdem galt er als höchster Richter für alle internen Streitig- keiten. In schwierigen Fällen konnte er islamische Juristen in Agadez konsultieren. 75 Ausge- wählt wurde er aus den tiusatin der imajeghen, den aristokratischen Bezugsgruppen, nach den Kriterien des moralischen Ansehens und der politischen Kommunikationsfähigkeit. Letztere war nötig, um die Loyalität der verbundenen Stämme durch eine entsprechende Politik der weitgehenden Freiheit einerseits, sowie der Teilhabe an der Beute der Kriegszüge andererseits zu sichern. 76 Die politisch-soziale Struktur zwischen den Stämmen und den sozialen Schichten einer sol- chen „Konföderation“ hielt durch ein System der Umverteilung von Gütern, der sog. „ettebel- Beziehung“, zusammen 77. Daran wird auch die relative Machtposition des amenokal ersicht- lich, die Marty im Verhältnis zu den Kriegern der anderen großen aristokratischen Stämme als „primus inter pares“ bezeichnete. 78 Die Konföderation war kein festes, endgültiges System aus fixen Mitgliedsstämmen. Vielmehr konnte jegliche Gruppe Mitglied werden, die zur Stärkung des etebel betragen konnte und bereit war, dessen Autorität und Schutzmacht anzunehmen. So hatten sich etwa im 19. Jahrhundert die arabischstämmigen Deremshaka der autoritären Oberhoheit der Iullemmeden Kel Ataram ent- zogen und stattdessen dem ettebel der Kel Dinnik bei InGall unterworfen. Dort waren die mit Gewehren bewaffneten Araber selbstverständlich willkommen.79 Innerhalb einer Konföderation kontrollierten die imagheren-Stämme eine bestimmte, nicht klar abgegrenzte Zone, in der ihre Angehörigen nomadisierten. Ihnen unterstanden normaler- weise die Stämme der imghad, der Vasallen, deren Herden als Eigentum der imagheren gal- ten. Insofern konnten sich die imagheren jederzeit dieser Herden bedienen, schuldeten aber im Gegenzug den Untergebenen Schutz und Rechtsdurchsetzung. 80 Speziell für die Kel Ewey ist freilich zu beachten, dass bei ihnen keine Klasse der imghad existiert. Der Sultan von Agadez repräsentierte gegenüber der politischen Organisation der Nomaden die stationäre bzw. urbane Macht inmitten der Tuareg-Region. 81 75 Nicolaisen/Nicolaisen (1997, S. 558) berichten bez. der Gerichtsbarkeit des Amenokal von harten Strafen, z.B. für Diebstahl beim 1. Mal Gefängnis in Agadez, beim 2. Mal Abschlagen der Hand und beim 3. Mal Hinrichtung am Marktplatz von Agadez, indem spitze Stäbe um den Dieb aufgerichtet wurden, so dass er durchbohrt wurde, sobald er nicht mehr aufrecht stehen konnte. 76 Vgl. Bernus 1993, S. 77 ff. 77 Bourgeot 1972, S. 535, zit. in Bernus 1993, S. 80. 78 Vgl. Marty 1975, S. 31, zit. ebd., S. 78. 79 Vgl. Nicolas 1950, S. 69 ff. 80 Vgl. Bernus 1993, S. 80. 81 Näheres zum Sultan von Agadez siehe das Kap. „Die Region Agadez/Die Geschichte der Region Agadez/Das Sultanat Agadez“. 556 15.3.2.1 Die traditionelle Wirtschaftsstruktur der Kel Ewey Die traditionelle Wirtschaft der Aïr-Tuareg beruhte im Wesentlichen auf den Kriegszügen, den Sklaven, dem Karawanenhandel und der Viehzucht. 15.3.2.2 Kriegszüge und Rezzus Kriegszüge wurden unter der Befehlsgewalt des amenokal geführt. Die Krieger wurden „zu- sammengetrommelt“, indem zwei Schmiede das ettebel schlugen. Der Krieg war ein Faktor des sozialen Zusammenhalts durch die gemeinsamen Erlebnisse und Heldentaten der Krieger, die noch lange danach an den Lagern besungen wurden. Es war gleichzeitig die Bestätigung der Macht des amenokal. Andererseits war der Kriegszug eine Art wirtschaftliche Expedition mit dem Ziel, vom Feind Güter und Menschen zu erbeuten, die zwischen dem amenokal und den beteiligten Stämmen aufgeteilt wurden. Dabei wurden die Krieger, die imagheren und die imghad, für ihren Mut belohnt, die ineslemen, die Religiösen, für die Produktion ihrer Amu- lette. Diese Kriege zwischen verschiedenen Konföderationen kamen gegen Ende des 19. Jahr- hunderts zum Erliegen, weil die Tuareg im Norden zunehmend über Gewehre verfügten und sich entsprechend wehren konnten. Eine primär ökonomische Funktion hatten die Rezzus oder Razzien genannten Raubzüge, die nur eine kleinere Gruppe von Kriegern erledigte. Durch derartige Expeditionen gegen andere Stämme oder gegen sesshafte Gruppen wurden die Vorräte an Vieh und an Sklaven aufge- stockt. Während die Kriege innerhalb der Tuareg-Gesellschaften materiell eine Art Nullsum- menspiel darstellten, waren die Rezzus effektiv eine Quelle der Bereicherung. Dies galt ins- besondere für die Sklaven, die eine bedeutende wirtschaftliche Rolle spielten. 82 15.3.2.3 Die Sklaven Sklaven dienten die notwendigen Arbeitskräfte. Dazu wurden die geraubten menschlichen „Ressourcen“ völlig in die Tuareg-Gesellschaft integriert 83 und binnen zwei bis drei Genera- tionen assimiliert: Sie erlernten die nötigen Kulturtechniken und nannten sich auch selbst Kel Tamaschek. Als solche waren sie verantwortlich für die niederen Arbeiten wie die Hirtenar- beit und den Gartenbau. 84 Üblicherweise pflegten sich die Sklaven nicht mit den imagheren 82 Vgl. Bernus 1993, S. 87 f. 83 Nach Nicholaison hätten die Kel Ahaggar und Kel Aïr behauptet, auch Sklavenhandel bis zur Unterbindung durch die Franzosen betrieben zu haben. Zum Teil habe dieser in der Sahara auch noch nach der Ankunft der Europäer bestanden. Allerdings sei der Sklavenhandel der Tuareg wohl nie so umfassend gewesen wie auf Seiten der Araber, eben weil die Tuareg die Sklaven meistens selber verwendet hatten. Die Sklavenkarawanen, von denen James Richardson berichtet hatte, seien nach Nicholaisens (1997, S. 293) Ansicht von arabischen Händlern von Ghat und Ghadames organisiert worden. 84 Siehe das nachfolgende Kap. über Gartenbau. 557 zu mischen. 85 Diese Besonderheit wurde nur von den Kel Ewey aus den oben genannten Gründen gepflogen. Die Kinder aus diesen Verbindungen galten als imagheren. Diese Trans- formation hatte zur Folge, dass benachbarte Tuareg die Kel Ewey als Buzu (Sklaven) verspot- ten. 86 15.3.2.4 Der Gartenbau Den Ackerbau hatten die Tuareg im Aïr schon im 19. Jahrhundert eingeführt. Die Kel Aïr hatten an einigen wenigen Stellen, z. B. am Bagzan-Plateau und im Tal von Iferouane Ge- treide und Gemüse angebaut und Fruchtbäume gepflanzt. Um die Jahrhundertwende gab es etwa 2.000 Palmen und 15 Gärten. Erst mit der Einführung des Ziehbrunnens Ende des 19. Jahrhunderts und der Sedentarisierung einiger Tuareg-Gruppen als Reaktion auf Dürren und Kolonialisierung wurde vermehrt Gartenbau betrieben. 87 15.3.2.5 Die Viehzucht und der Karawanenhandel Die Kel Ewey, immer schon besondere Spezialisten unter den Tuareg, hatten als Karawaniers, Händler und Ackerbauern schon früh gegenüber den Vollnomaden im Westen eine dif- ferenzierte Wirtschaft entwickelt. Dabei korrespondierte diese ökonomische Differenzierung auch mit ihrer sozialen: Ackerbau wurde durch Sklaven, Kamelzucht und Karawanenhandel durch die imajeghen betrieben. 88 Den Salzkarawanenhandel gab es etwa seit dem Mittelalter 89 und er hatte besonders Mitte des 19. Jahrhunderts große Bedeutung. 90 Die Salzkarawanen verbinden Handel und Transhumanz. Erstens überdauern die Kamele nach Erreichen ihres Handelsziels, der relativ feuchteren Grenzregion von Niger und Nigeria, die Trockenheit unter besseren Weidebedingungen; zweistens versorgen die Karawane nach der Rückkehr die Aïr-Region mit dem Grundnah- rungsmittel Hirse 91 und notwendigen Gebrauchswaren wie Kleidung und Alltagsbedarf. Bis zur Kolonialisierung waren die Karawanen durch Überfälle sehr gefährdet, 92 ab diesem Zeit- punkt besserte sich die Sicherheitslage aufgrund des militärischen Begleitschutz durch Kolo- nialtruppen. 85 Nach Nicolaisen/Nicolaisen (1997, S. 608 f.) seien jedoch Verbindungen zwischen Noblen und Sklaven möglich gewesen, keinesfalls aber zwischen Noblen und Vasallen, weil dies das politische System geschwächt hätte. 86 Vgl. Spittler 1984, S. 200 ff.; Durou 1993b, S. 84. 87 Vgl. Bayard/Giazzi 1996, S. 294 ff. 88 Vgl. Bernus 1993, S. 372; Spittler 1984, S. 300 ff. 89 Die Chronik von Kano berichtet für die Mitte des 15. Jahrhunderts von der Ankunft der ersten Salz-Karawanen der Tuareg (vgl. Chapelle 1957, S. 109; Hinw. in Bernus 1993, S. 233). 90 Barth berichtet für den 17. Oktober 1850 von der Versammlung der Karawane in Agadez, und zählte 10.000 Kamele allein der Kel Gress und Itesen. Bernus schätzt darum das Ausmaß der gesamten Karawane auf 20.000 Kamele. In dieser Zeit zogen auch Frauen und Kinder mit der Haussa-Karawane in den Süden (vgl. Bernus 1993, S. 230 ff.). 91 Bernus (1993, S. 414) schätzt den monatlichen Hirseverbrauch einer 4-5 köpfigen Familie auf 50 kg. 92 Bedroht von Tubus, Arabern aus dem Fezzan und Uled Sliman aus Kanem, wurden die Karawanen 1835, 1849 und 1860 völlig aufgerieben. Auch fünfzig Jahre später, 1911, berichtet der in Bilma stationierte frz. Kolonialarzt Pierre Noel, dass er zahlreiche Verletzungen infolge von Rezzus behandelt habe (vgl. Taquet 1994, S. 20). 558 15.4 Politischer Wandel Das traditionelle politische System wurde früher im Wesentlichen durch ständige Bedrohung von außen und durch die gegenseitige Beziehung von Schutz und Versorgung von innen zu- sammengehalten. Als die traditionellen Sicherheitsstrukturen durch das neue Kolonialregime substituiert wurden, musste dies zwangsläufig zum politischen Systemwandel bei den Tuareg führen. 15.4.1 Die Auswirkungen der Kolonialisierung Ende des 19. Jahrhunderts durchquerte eine französische Expedition unter der Führung der Offiziere Fourneau und Lamy das Aïr über Iferouane und erreicht Agadez. Bernus betrachtet diese Mission als ersten feindlichen Kontakt der Kel Aïr mit den Europäern. 93 Nachdem die- ser Zug im Jahr 1900 Zinder erreicht hatte, wurde dort ein französischer Militärposten instal- liert, wodurch die Kel Ewey wegen der möglichen Kontrolle über die Karawanen erstmals einem direkten Einfluss der Franzosen ausgesetzt wurden. Agadez wurde erst 1904 von Leut- nant Jean im Zuge der Karawaneneskorte für wenige Monate besetzt, ein endgültiger Posten wurde erst 1906 errichtet. Im Aïr kam es jedoch zu keinen echten Konfrontationen, da sich zahlreiche Stämme unterwarfen. Die wichtigste Auswirkung dieser „Besetzung“ war die freie Passage der nunmehr regelmäßig von französischem Militär begleiteten Karawanen im Aïr, wo bis zu diesem Zeitpunkt große Unsicherheit und die ständige Bedrohung durch Rezzus geherrscht hatten. Insofern hat die „Unterwerfung“ der Kel Aïr weit weniger brutal stattgefunden als jene der meisten übrigen Kel Tamaschek, die um ihren durch Gewalt errungenen Einfluss gebracht wurden. Dagegen blieb das politische System der Kel Ewey vorerst weitgehend unbehelligt: „les confédérations gardaient leur prestige, leur force, leur richesse“. 94 15.4.1.1 Die Kaosen-Revolte und ihre Folgen Der von Kaosen und Sultan Tegama angeführte Krieg 95 gegen die französischen Besatzer (1916-18) vereinigte fast alle Stämme des Aïr und der Region Damergou, scheiterte aber letztlich an der Stärke der französischen Truppen. 96 Für die Kel Ewey, die bereits in den Jah- ren 1913-14 die schwerste Hungersnot des 20. Jahrhunderts erlitten hatten, 97 bedeutete die 93 Vgl. Bernus 1993, S. 97. 94 Ebd., S. 99. 95 Vgl. Salifou (1973, S. 3) nennt die mit modernen Waffen ausgerüstete und von den Senussisten inspirierte Kaosen-Revolte „un mouvement religieux et politique qui a pour but l’unification de l’Afrique musulmane et du monde musulman pour géné- ralement“. 96 Details dazu siehe Kap. „Die Region Agadez/Die Geschichte der Region Agadez“. 97 Vgl. Spittler 1998, S. 74. 559 Revolte eine Katastrophe, weil die Dörfer von den im Rückzug begriffenen Truppen Kaosens geplündert, von den nachkommenden Franzosen zerstört und dadurch wirtschaftlich ruiniert worden waren. 98 Die Datteloase von Timia wurde von den Franzosen niedergebrannt, der Viehbestand wurde dezimiert und viele Menschen starben an den Folgen von Hunger und Epidemien. 99 In der Folge siedelten sich zahlreiche Familien im Einzugsgebiet von Agadez an, um überleben zu können. Zur besseren Kontrolle der Bevölkerung wurde das Aïr nach dem Ende der Revolte völlig evakuiert. Die Kel Timia kehrten im Jahr 1919 wieder zurück. Die Wiederbesiedlung fand jedoch nach einem System künstlicher menschlicher Ansammlungen, sog. „tiusatin“, statt, getrennt in fiktive „Stämme“, „Dörfer“ und administrative Gruppen nach einem Kantons- modell. Dadurch sollte die politische und steuermäßige Erfassung der Kel Aïr erleichtert wer- den. Gleichzeitig wurde diesen tiusatin eine eigeneIdentität zuerkannt, die insofern fiktiv war, als nunmehr Konglomerate der Verbindungen unterschiedlichster Herkunft geschaffen wur- den, die zuweilen ohne jede Relation zueinander waren. Die Stämme wurden so stark ver- mischt, dass eine originale Identität der einzelnen Gruppen bzw. eine Rekonstruktion gleich- sam unmöglich wurde. Dadurch wurde die lokale und geographische Zugehörigkeit zwangs- läufig zur wesentlichen Rahmenbedingung der Identität der Menschen im Aïr. 100 Auf politischer Ebene hatte der Kaosen-Krieg zur nachhaltigen Schädigung der aristo- kratischen Kriegerklasse, den imajeghen, geführt. Durch massive Menschenverluste in ihrem demographischen Gleichgewicht schwer gestört, wurde die verbliebene Minderheit mit ihrer Ethik des Kampfes durch das Diktat des Friedens obsolet, da Sicherheit nunmehr durch die Kolonialmacht garantiert wurde. Mit dem Verbot der Rezzus ging der Krieg als Mittel der Solidarisierungsstiftung verloren, war doch bislang die Loyalität der Vasallen durch die Um- verteilung von Beutegut garantiert worden. Zusätzlich wurden die Vasallenstämme vom Ko- lonialregime befreit und die Güter wurden zum persönlichen, vererbbaren Eigentum erklärt. Im Gegenzug wurde ein traditionsgemäßer Zugriff eines Adeligen auf die Herden der Vasal- len als Diebstahl definiert. Dieses zerfallende traditionelle politische System versuchte das Kolonialregime durch eine neue Führungsschicht zu substituieren, 101 die mit dem Mittel der Bestrafung und Belohnung fügsam gemacht werden sollte.102 Die neu geschaffenen und eingesetzten „Stammeschefs“ waren nunmehr ausschließlich verantwortlich für die Aufrechterhaltung der Ordnung, die Ausführung der administrativen Entscheidungen und für das Eintreiben von Steuern. 103 Dabei kam es zu solchen Feindseligkeiten zwischen den Betroffenen und ihren neuen Chefs, dass viele von ihnen ihren Posten aufgeben oder gar ihren Stamm verlassen mussten. 104 Die Eintreibung der Steuern (amana) stellte über viele Jahren den wesentlichen Kontakt zwi- schen Nomaden und Militärverwaltung her. Die Steuern wurden erst in Naturalien, zumeist in Form von Vieh, und später in Geld eingehoben, wobei die Sätze ständig erhöht wurden. Da- von waren die Karawaniers besonders hart betroffen: 1913 wurden in Bilma alle Kamele der Salzkarawane für einen militärischen Zug ins Tibesti kompensationslos requiriert. Das rui- nierte auf Jahre hinaus den Karawanenhandel. 98 Vgl. Bernus 1993, S. 103 f. 99 Hinw. von Aghali Imoumoumene, Timia, Nov. 1999; sinngem. Spittler 1998, S. 74.. 100 Vgl. Bayard/Giazzi 1996, S. 297. 101 Als oberster Repräsentant der Kel Ewey wurde jedoch auch weiterhin der Anastafidet anerkannt, der damit zum Verbün- deten der Administration wurde. 102 1930 beschrieb der Verwaltungschef Loppinot (zit. in Bernus 1993, S. 108) diesen Transformationsprozess der einheimi- schen Exekutivgewalt als Wandlung vom „Mandrin en Saint François d’Assise.“ 103 Vgl. Bernus 1993, S. 77, 104 ff. 104 Vgl. Adamou 1999, S. 204. 560 15.4.1.2 Der Einfluss der Kolonialverwaltung auf die Sklaverei Die Sklaven hatten im traditionellen wirtschaftlichen und sozialen Gefüge eine wichtige Rolle gespielt. Unter dem neuen Regime wurden nach der Revolte die meisten Sklaven offiziell befreit, wobei die Franzosen zwei konträre Strategien verfolgten: Einerseits mussten sie als Vertreter der Französischen Republik und der damit verbundenen Menschenrechte die aus ideologischer Sicht inakzeptable Praxis der Sklaverei verurteilen, die Befreiung Sklaven (bzw. auch der Vasallen) diente als Mittel zur Schwächung der traditio- nellen Führungsschicht; und Sklaverei stand im Widerspruch zum Prinzip des Markt- kapitalismus, der freie und mobile Handwerker voraussetzte. 105 Darum wurden einzelne Skla- venstämme als unabhängig deklariert und von ihren einstigen Herren separiert angesiedelt.106 Andererseits fanden die französischen Veraltungsbeamten, zumeist Militärs, innerhalb einer neu zu gestaltenden Gesellschaft in den Chefs gleichwertige Kommunikationspartner, näm- lich mit weißer Hautfarbe und mit Autorität ausgestattet. Die Abschaffung der Sklaverei hätte die völlige Beseitigung noch verbliebener Stabilitätsfaktoren der zu verwaltenden Gesell- schaft bedeutet. Das Kolonialregime wäre im Endeffekt nicht einer konkreten Person in einer etablierten Machtposition, sondern zahlreichen neuen, nomadisierenden Ansprechpartnern ohne tatsächliche Autorität gegenübergestanden. Die Franzosen misstrauten den Sklaven, die die Position eines Chefs erlangt hatten. Auch aus wirtschaftlicher Überlegung war die Befrei- ung der Sklaven nicht opportun, waren sie doch die wichtigsten Arbeitskräfte. Ihre Abwande- rung hätte die ohnehin schon ausgeblutete Region wirtschaftlich zusätzlich geschwächt. 107 In der Folge wechselte die Kolonialpolitik je nach Gegebenheiten und Haltung des jeweiligen Verwaltungsbeamten zwischen diesen beiden Extrempositionen. 108 Bis zur Unabhängigkeit im Jahr 1960 wiederholten sich Fälle, in denen die Ansprüche von Tuareg auf die Arbeitskraft ei- nes „Sklaven“ oder auf einen Teil von dessen Ernte bestätigt wurden. 109 Dabei galten Sklaven in rechtlicher Hinsicht als Eigentum, auch wenn sie nicht verkauft werden konnten, was in vor- europäischer Zeit ohnehin nicht üblich war. 110 105 Vgl. Bourgeot 1994, S. 320. 106 Vgl. Bernus 1993, S. 108. 107 Hier zeigt sich deutlich, dass westlicher Einfluss zum Teil gezielt zur Konservierung traditioneller Strukturen und damit zur Verhinderung sozialen Wandels zugunsten der traditionell privilegierten sozialen Schicht beitrug, wie dies auch in zahl- reichen anderen Fällen stattgefunden hatte. Worsley (1999a, S. 36 f.) verweist etwa auf Bali, wo lokale Reformer indigene Aristokraten und religiöse Führer bekämpften, die ihrerseits von den Holländern gestützt wurden, wodurch traditionelle Privilegien der obersten Kaste geschützt, neu eingeführte oder erweitert wurden. Worsleys Beispiel von Ostafrika (ebd. unter Hinw. auf Oberg 1940 und Prunier 1995) zeigt deutlich, dass durch die belgische Kolonialpolitik die traditionelle, dominante Position der nomadischen Tutsis bzw. der Hima gegenüber den bäuerlichen Hutus bzw. den Bairu weiter gestärkt wurde. Nach der Dekolonialisierung erlangten die bevölkerungsreichen Hutus die politische und militärische Oberhoheit. Die dabei gewählten rassistischen Politiker forcierten eine Kampagne des Genozids „against their former masters“. 108 Im Timia hingegen gab es seit 1920 keine Sklaven mehr, nachdem viele aufgrund der Folgen des Kaosen-Kriegs verhun- gert oder in den Süden fortgezogen waren (vgl. Spittler 1998, S. 82). 109 Vgl. Bernus 1993, S. 110. Nicolaisen (in Nicolaisen/Nicolaisen 1997, S. 512 f.) berichtet sogar, dass französisches Mili- tärpersonal im Jahr 1952 in seiner Gegenwart flüchtige Sklaven zu ihren Herren zurückbrachte. Allerdings hätten im Aïr in den 50ern nur mehr wenige Nomaden Sklaven besessen, weil sie nur noch geringe wirtschaftliche Bedeutung hatten. 110 Nicolaisen/Nicolaisen 1997, S. 599 f.. Allerdings habe nach Bourgeot (1995, S. 320) die Kolonialmacht selbst Sklaven gekauft und „befreit“, um sie dann in die französische Armee einzuziehen. 561 15.4.1.3 Die wirtschaftlichen Folgen des Kolonialregimes Die Neuorganisation des Lebensraums der Tuareg bedeutete den Verlust der Mobilität, was die Rezzus schrittweise unmöglich machte und damit den Einflusses auf die Siedlungen als Quelle von Naturaleinkünften minimierte. Die neuen Verwaltungsgrenzen verhinderten tradi- tionelle wirtschaftliche und soziale Verbindungen. Dies galt besonders für die alten Handels- beziehungen in den Süden und nach Mali, sodass der Austausch von Getreide und Stoffen 111 gegen Salz anfangs massiv gestört war. Der Zwang zur Marktwirtschaft und die Monetarisierung durch die schrittweise Umwandlung der Steuerpflicht von Naturalabgaben in Geldzahlungen kamen dazu. Geld konnte nur durch den Verkauf von Vieh auf den Märkten erworben werden. Insofern war die Einführung des Geldes aus kolonialpolitischer Sicht ein wesentlicher Integrationsfaktor. Für die Kel Timia stellte die Pazifisierung einen zentralen Vorteil für den Aufschwung ihrer Wirtschaft dar, die zuvor am stärksten durch Razzien in Mitleidenschaft gezogen worden war: Noch 1920 wurde Timia von drei Razzien der Kel Ahaggar heimgesucht, worauf die Bevölke- rung das Dorf neuerlich verließ. Erst nach der Einrichtung eines französischen Militärposten in Iferouane im Jahr 19221 kehrten die Kel Timia wieder zurück. 112 15.4.1.4 Karawanenhandel Zur besseren Versorgung der Märkte wurden die Handelsrouten gesichert und der Kara- wanenhandel gezielt gefördert. Bereits seit 1907 versuchte die Kolonialmacht die Karawanen, deren Kontrolle bis dahin dem Sultan von Agadez unterstanden hatte, zu reglementieren und durch Armee-Eskorten zu si- chern. Dies führte aus Rentabilitätsgründen zur Reduzierung der Bilma-Karawanen 113 von ursprünglich drei auf nur mehr eine große Karawane im Herbst. Schon damals, im Jahr 1911, war das erste Mal die Rede vom nahen Ende der Salzkarawanen: mit der Eröffnung der Ei- senbahn von Lagos nach Kano wurde erwartet, dass Bilma-Salz durch Meeressalz ersetzt werde würde. Tatsächlich stieg aber die Nachfrage nach Bilma-Salz; wegen des hohen Mine- ralgehaltes ist es für Vieh besonders wertvoll, und wegen der größeren Rinderherden benötig- te man mehr Viehsalz. Zwar wurde der Karawanenhandel 1913 durch die Beschlagnahme von 25.000 Kamelen sowie durch eine schwere Dürre in den Jahren 1914 – 15 unterbrochen und im Jahr 1916 durch den Überfall der Kaosen-Truppen schwer geschädigt, doch 1920 hatten sich die Kamelbestände regeneriert und die Bilma-Karawane konnte wieder losziehen. Das letzte Tubu-Rezzu fand 1927 statt, die völlige Sicherheit der Karawanen konnte jedoch ab 1930 garantiert werden. 114 111 Indigo-Stoffe wurden immer im Süden, in Koura bei Kano, gekauft. 112 Vgl. Spittler 1998, S. 74 f. 113 Die zahlenmäßig bedeutendste tagharat im Herbst, die tuwellen zwischen März und Mai, und die amareys in der Regen- zeit (vgl. Spittler 1985, S. 54). 114 Ein neues Problem war seit dem Ende der Kaosen-Revolte des Kameldiebstahl im Aïr. Weil die Kamele seit den 20er Jahren, nach Ausrottung der Löwen, frei weideten, wurde Diebstahl und Transport von Kamelen zu fernen Märkten ein ein- faches Unterfangen. So wurde die Jagd nach Kameldieben zwar eine der zentralen Aufgaben der Aïr-Patrouillen, die Beweis- lage war aber immer schwierig und die Kel Aïr bezeichneten die Diebe-Jagd als weitgehend ineffektiv (vgl. Nicolai- sen/Nicolaisen 1997, S. 119). 562 Die Bedeutung der Karawanen stieg zwischen 1934 und 1937 zusätzlich durch die hohe Erd- nussproduktion in der südlich gelegenen Regenfeldbau-Zone, wodurch die Karawaniers den Erdnuss-Transport als zusätzliche Einnahmequelle nutzen konnten. So stieg die Zahl der Salz- Kamele bis 1938 auf 22.000, bis 1946 auf 25.000 und bis 1953 sogar auf 28.500 Tiere.115 Nach Meinung Spittlers war die Zahl der an der Salzkarawane teilnehmenden Kamele am Ende der Kolonialzeit (50er-Jahre) größer als je zuvor. 116 Andere Karawanen, etwa der Handel mit Ghat, hatte bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts an Bedeutung verloren. Endgültig aufgegeben wurden die nordgerichteten Karawanen in den 50er-Jahren. 117 15.4.1.5 Gartenbau So wie die Karawanenwirtschaft erlebte auch der Gartenbau in der Kolonialzeit einen deutli- chen Aufschwung. Dies war nach der Kaosen-Revolte eine notwendige Alternative zur Le- bensmittelbeschaffung, da die Herden umgekommen waren und die Bilma-Karawane pau- sieren musste. Zum anderen war auch das Ende der Tubu-Rezzus eine Voraussetzung für die ungestörte Kultivierung des Bodens. 118 1925 waren bereits 173 Hektar Gärten kultiviert. Bis zum Ende der Kolonialzeit kultivierten die Tuareg bereits über 600 Hektar, aufgeteilt auf 490 Gärten. Eine ähnliche Entwicklung lässt sich auch in Timia beobachten, wo der Palmenbe- stand von 1926 bis 1958 von 6.600 auf 30.000 Palmen anwuchs. 1940 revolutionierte ein neuen Bewässerungssystems, das Tekarkarkart, die Landwirtschaft im Aïr, weil nunmehr der sinkende Wasserspiegel der wasserführenden Schicht besser verfolgt werden konnte. 119 15.4.1.6 Fazit Die Kel Ewey waren offensichtlich jene Tuareg-Gesellschaft, die auf Grund ihrer spezifisch ökonomischen und politischen Struktur durch das Kolonialregime - abgesehen vom Desaster durch die Kaosen-Krieg - in politischer Hinsicht am wenigsten beeinträchtigt war und in wirt- schaftlicher Hinsicht am meisten profitiert hatte. 115 Vgl. Bernus 1993, S. 235. 116 Vgl. Spittler 2002, S. 26. 117 Vgl. Bernus 1993, S. 383. 118 Zur Sicherung der Region wurde in Iferouane wurde 1921 ein Militärposten errichtet (vgl. Adamou 1999, S. 204). 119 Vgl. Bernus 1993,., S. 376. 563 15.4.2 Die Auswirkungen der Unabhängigkeit der Republik Niger Die innere Autonomie (1956) und die völlige Unabhängigkeit des Landes (1960) bedeuteten das Ende dieser kolonialen Förder-Politik und damit den Zusammenbruch verbleibender Strukturen der Tuareg-Gesellschaft. Die Iklan verließen in Massen ihre Herren, während die Imghad und besonders die Imajeghen allein in ihren Lagern zurückblieben. Dadurch waren diese zum ersten Mal gezwungen, selbst ihre Herden zu hüten und die Hirse zuzubereiten. Allerdings hatte die nigerische Regierung – im Gegensatz zur algerischen – niemals mit Ge- walt interveniert, um diesen Prozess zu beschleunigen. 120 Unter der neuen Führung, die jedoch nur punktuell durch Militär und Zoll- oder Forstbeamten mit den Nomaden in Kontakt trat, wurde das unter den Franzosen eingerichtete politische Sys- tem ebenfalls weitgehend zu einem zentralistischen System nach französischem Vorbild ver- ändert. 1964 wurde das Land in Departements, Arrondissements und Gemeinden unterteilt. Die zwei unteren Ebenen wurden zu kollektiven Territorien in Gestalt einer juristischen Per- son, ausgestattet mit finanzieller Autonomie. An der jeweiligen Spitze standen der Unter- präfekt oder der Bürgermeister als Repräsentant des Staates gegenüber der lokalen Bevölke- rung. Ernannt durch den Staatspräsidenten, standen diesen Spitzenfunktionären gewählte re- gionale bzw. lokale Beratungsgremien bei. Dieses quasi-demokratische System wurde mit dem Staatsstreich von 1974 weiter zentrali- siert. Gleichzeitig wurde die Gesellschaft quasi-korporatistisch zu Jugend- und Berufs- verbänden auf den jeweiligen regionalen Ebenen organisiert. Auf lokaler und regionaler Ebe- ne wurden quasi-traditionelle Posten als oberste Autoritäten installiert.121 Auf Dorfebene ist dies der Dorfchef, der wie früher ein Dorfältester den Vorsitz des „dörflichen Entwicklungs- rats“, eines quasi-demokratischen Organs, verbunden mit der Verantwortung für die Steuer- eintreibung, innehat. 122 Das Amt wird durch Vererbung weitergegeben. In Timia hat dieses Amt für viele Jahre Mohamed ag Gabda inne. Die nächst höhere Ebene wird vom sogenann- ten „Chef de Groupement“, einer Art Stammeschef, vertreten, der dem „lokalen Entwick- lungsrat“ vorsteht. In Timia und den angrenzenden Gemeinden hat dieses Amt Elhadj Taboun Tagalo inne. Politische Probleme werden auf dörflicher bzw. regionaler Ebene in Kooperation zwischen den zwei genannten politischen Autoritätspersonen zu lösen versucht. Als demokratisches Element dient die Diskussion der Betroffenen, wobei Ideen eingebracht werden können. Sind Jungendliche betroffen, so werden sie ebenfalls beteiligt. Die genannten Gremien wurden jedoch bis in die 90er-Jahre nicht auf Grund von transparenten, fairen und pluralistischen Wahlen, sondern weitgehend willkürlich besetzt. Zudem verfügten die Gremien über wenig Initiativrechte und keine Mitbestimmungsrechte zu Fragen des Budgets und der politischen Richtungsentscheidung. Als wichtigstes Partizipationsorgan sollten seit 1974 die Kooperativen dienen, von denen die meisten niemals realisiert wurden, am wenigsten im Sektor der ländlichen Viehzucht; die Ko- operativen der Gartenbauern konnten sich am erfolgreichsten entfalteten. 123 120 Vgl. ebd., S. 112. 121 Vgl. Adamou 1999, S. 206. 122 Vgl. Bayard/Giazzi 1996, S. 303. 123 Vgl. Adamou 1999, S. 207 f. Die Kooperative der Gartenbauern von Timia wurde 1979 gegründet (vgl. Driessche 1999, S. 77). 564 Das Steuersystem beruht auf einer Kopf-Steuer, wobei eine 10-köpfige Familie ca. 7000 FCFA (11 €) pro Jahr zu zahlen hatte. 124 Dieses System lag während der Rebellion danieder und begann sich erst 1995 zu stabilisieren. 125 Schon zuvor war der Rückfluss an Steuer- einnahmen auf Grund des umfangreichen informellen Sektors sehr gering. Die staatlichen Einnahmen wurden meist in nicht transparenter Weise und nach zuweilen irrationalen Krite- rien verwendet. 1991 wurde mit der neuen Verfassung die Dezentralisierung als Programm und 1996 auch per Gesetz festgelegt, wonach die jeweiligen Verwaltungsebenen autonom zu verwalten seien. Ziel sei die aktive und freiwillige Partizipation der Bevölkerung, wovon allerdings erst wenig umgesetzt werden konnte. 126 Was sich aber infolge der Liberalisierung des politischen Sys- tems des Niger für die Kel Ewey verändert hat, ist der Wandel der Strukturen, über welche lokale und regionale Konflikte kanalisiert und ausgetragen werden. Dabei spielen seit dem Ende der Rebellion die Parteien eine wachsende Rolle. So fanden im Herbst Jahr 1999 in Hinblick auf die landesweiten Wahlen zahlreiche, von Parteien gesponserten Feste statt, und viele junge Kel Timia trugen T-Shirts mit den Konterfeis der nationalen Partei-Führer. In Ti- mia dominieren zwei Parteien, die UNIRD des ehemaligen Putschisten Baré und die sozial- demokratische PNDS. Wirtschaftlich und politisch verankert sind die zwei Parteien durch Entwicklungsprojekte: Die UNIRD verbirgt sich hinter dem Engagement der ONAT, dessen Präsident der aus Iferouane stammende, einstige Baré-Parteigänger Birgie Rafinie ist. Die PNDS wird durch den aus Timia stammenden Abgeordneten Moussana Alkabous repräsen- tiert, der auch den Vorsitz des nigrisch-französischen Hilfsvereins „Les Amis de Timia“ inne hat. 15.5 Wirtschaftlicher Wandel seit der Unabhängigkeit Wie der politische Bereich war auch der ökonomische Sektor der Kel Ewey von einem tief greifenden Wandel betroffen: Die Subsistenzwirtschaft wurde zu Gunsten der westlichen Marktwirtschaft aufgegeben. Während die Subsistenzwirtschaft der Kel Ewey auf dem Prin- zip der Risikominderung basierte, beruht die Marktwirtschaft auf dem Grundsatz der Profit- maximierung des Einzelnen. 127 Dadurch veränderte sich auch die traditionelle Bedürfnisstruk- tur der Menschen. In der Subsistenzwirtschaft stellt die Befriedigung der Grundbedürfnisse das organisierende Prinzip für die Nutzung der natürlichen Ressourcen dar. Um die natürli- chen Ressourcen schonend zu nutzen 128, bestanden bei den Kel Ewey traditionell Weiderota- tion und genaue Regelungen, unter welchen Klimabedingungen welche Notweiden genutzt werden durften. Solche Regeln werden bei Profitmaximierung nicht mehr beachtet. Zum wirtschaftlichen Wandel bei den Kel Ewey trugen die tief greifenden ökologischen Ka- tastrophen zu Beginn der 70er- und nochmals Mitte der 80er-Jahre bei, die zu einer nachhalti- gen Schädigung der Weiden und damit des Viehbestandes beitrugen, was dann die traditionel- len bzw. institutionalisierten vorbeugenden Maßnahmen ad absurdum führte. In weiterer Fol- 124 Die Kopfsteuer für das Vieh war 1974 auf Grund der hohen Einnahmen aus dem Uranverkauf vom Staat abgeschafft worden (vgl. Grégoire 1999, S. 256, FN 15). 125 Hinw. Aggag, UICN-Mitarbeiter, Iferouane, Oktober 1997. 126 Vgl. Adamou 1999, S. 201 f. 127 Vgl. Grünberg 2000, S. 97. 128 Vgl. de Kadt 1995, S. 63 f. 565 ge kann es zu typischen Phänomenen der armutsbedingten Umweltzerstörung wie Erosion durch Entwaldung und Übernutzung von Weiden kommen. 129 Die Viehverluste der Kel Ewey hielten sich auf Grund ihrer auf Risikostreuung durch Diffe- renzierung ausgerichteten Wirtschaft zwar noch in gewissen Grenzen, 130 dennoch waren die Folgen der Dürre gravierend. Immer mehr Karawaniers und Hirten, deren Viehbestände zum Überleben nicht mehr reichen, und die sich im Einzugsgebiet der mit Infrastruktur versorgten Siedlungen befanden, wandten sich der Agrarwirtschaft zu. Zwar ist der Gartenbau nicht minder den Launen des Klimas unterworfen, aber er birgt für Nomaden mittelfristig weniger Risiko. Eine neuerliche Dürre muss nicht den wirtschaftlichen Zusammenbruch bedeuten, da ein Garten bei neuerlichen Regenfällen nach einigen Wochen wieder reiche Ernte ermöglicht, wogegen der Neuaufbau eine Herde viele Jahre dauert. Und wenn es ausreichend regnet, damit das Wasser in den Brunnen hoch genug für die Bewässerung steht, ist mit dem Verkauf von Cash Crops 131 (Zwiebeln, Kartoffeln etc.) mehr zu verdienen ist als mit dem Salzhandel. Mittlerweile gibt es im Gebiet der Kel Ewey über 1200 bewässerte Gärten 132, deren Erträge auf Lastwägen 133 zu den Märkten von Agadez und Arlit und weiter bis in die südlichen Nachbarländer verkauft werden. Da auch die Herden der vollnomadisierenden Tuareg in den westlichen Ebenen gravierend geschädigt wurden, blieb für viele von ihnen nur mehr die Möglichkeit der Hirtenarbeit auf Lohnbasis. Andere flüchteten in die Elendsvierteln der urbanen Zentren oder suchten als Ar- beitsemigranten Arbeit in benachbarten Ländern oder in Gadhaffis Islamischer Armee. 134 Viele dieser Emigrierten trafen sich 1990 als Rebellen wieder... 15.5.1 Karawanenhandel Entgegen allen Unkenrufen vom Untergang der Salzkarawane 135 überdauerte dieses traditio- nelle Wirtschaftssystem auch die bisherigen schweren Dürren. 136 Im Jahr 1988 waren in Bil- ma 50.000 Kamele registriert. 137 Die Karawane wird heute allerdings nicht mehr als großer Zug wie in der Kolonialzeit, son- dern individuell in kleine Konvois organisiert. Dies liegt u.a. daran, dass der Madugu, der verantwortliche Führer einer Karawane, für seine Aufgabe nicht zusätzlich bezahlt wird, wes- halb es nicht in seinem Interesse liegt, eine große Karawane zu führen. Denn je größer eine Karawane ist, desto schwerfälliger ist sie. Das geringer werdende Angebot an Futter und Wasser wird spürbar,138 was die Konkurrenzfähigkeit der jeweiligen Karawane benachteiligen würde. Das Motiv für die Salzkarawane war traditionellerweise einerseits die Versorgung der Familie mit Hirse und Gebrauchsgegenständen und andererseits die Kamel-Transhumanz. Gegen- 129 Vgl. Chambers 1988. 130 Vgl. Taubert 1984, S. 49; Spittler 1993. 131 Cash Crops: für den Export oder für den Markt produzierte Feldfrüchte. 132 Vgl. Bayard/Giazzi 1996, S. 303. 133 Einer der drei Lastwägen der Kel Timia wurde von einem Schweizer Wohltäter gespendet, der jedoch mittlerweile ver- storben sei (Ausk. Aghali Imoumoumene, Timia, November 1999). 134 Vgl. Bourgeot 1995, S. 252 ff.; Schaeffer 1986, S. 37 ff. 135 Von den „letzten Karawanen“ schrieben Ritter (1980), Spittler (1985) und Friedl (1992a); Fuchs (1980, S. 7) prophezeite den Karawanen explizit, dass „mit deren Verschwinden in naher Zukunft zu rechnen sei“. 136 Entsprechend bestätigte auch Ritter (1980, S. 54) der „saharische(n) Karawanenwirtschaft, seit Jahrzehnten totgesagt,“, dass diese „immer noch in weit größerem Ausmaß“ existiere. 137 Vgl. Bourgeot 1994a, S. 130. 138 Vgl. Spittler 2002, S. 23. 566 wärtig treten Gewinn- bzw. Rentabilitätsüberlegungen zunehmend in den Vordergrund. Die Tauschrelation (Terms of Trade) Salz gegen Hirse sowie die Zahl der Kamele werden die ent- scheidenden Faktoren. Besonders in Dürreperioden kann die Tauschrelation bis zum Verhält- nis 1:1 sinken, weil ein reduziertes Angebot an Hirse einer erhöhten Nachfrage gegenüber- stand. Das war 1973 und 1984 der Fall. Allerdings kann Spittler seit den 60er-Jahren im lang- jährigen Durchschnitt keine generelle Verschlechterung der Tauschrelation erkennen. Auch für die angebliche Verminderung des Kamelbestandes pro Besitzer gibt es für das 20. Jahr- hundert keine Belege. 139 Das Bilma-Salz, das die Tuareg in Form eines Kantu im Schnitt um 250 FCFA in Bilma ein- kaufen, können sie in Agadez um 1.500 FCFA, in Zinder um 2.000 FCFA und im nigeri- anischen Kano um bis zu 3.500 FCFA verkaufen. 140 Trotz dieser relativ hohen Gewinn- spannen ist es heute ökonomisch einträglicher, Datteln statt Salz zu transportieren. Zwar liegt die Handelsspanne bei Datteln nur bei 250 %, doch lässt sich eine Kamelladung Datteln für 25.000 FCFA (knapp 40 Euro) verkaufen, eine Salzladung nur für 10.000 FCFA (15 Euro). Eine wichtige Rolle für die Rentabilitätsüberlegung bei Karawanen spielt die Einkaufs- möglichkeit im Süden, wo der Jahresbedarfs an Kleidung, Indigostoffen (Turkudi) aus der Re- gion Kano, Sandalen, Tee, Zucker und natürlich auch Hirse besorgt wird. Dabei werden, je nach Größe der Karawane und dem Preis der Hirse, 25-75 % des Budgets für Hirse aufgewendet. Weil diese Güter im Süden viel billiger erhältlich sind als in Agadez oder Arlit, können auf diese Wei- se beträchtliche Kosten eingespart werden.141 Den Karawanenzyklus der Kel Ewey bestimmen gewisse Gesetzmäßigkeiten: die Bilma- Karawane im Oktober, die Haussa-Karawane nach Süden im November, der Aufenthalt im Haussaland bis März, die Aïr-Karawane im April und der Aufenthalt im Aïr während der Re- genzeit bis September. Dadurch sind die Karawaniers oft gezwungen, Hirse zu kaufen, wenn diese besonders teuer ist. 15.5.1.1 Konkurrenz Die größte Konkurrenz und damit auch die größte Bedrohung der Karawanen ist heute im LKW-Verkehr zu sehen. Regelmäßiger Lastverkehr besteht zwischen Agadez und Bilma, und viele LKWs aus Libyen fahren leer über Bilma zurück, laden dort Salz auf und verursachen dadurch Überangebot und Preisverfall auf den Salzmärkten. Immerhin entspricht die Salzla- dung eines LKWs der von etwa 150 Kamelen. Durch diesen Preisverfall sank die durch- schnittliche Rendite pro Kamel Ende der 80er-Jahre von 15.000 auf 5.000 FCFA. 142 Diese allgemein geäußerte Klage ist jedoch aus mehreren Überlegungen nicht ganz stich- hältig: 1. Der Zeitgewinn des LKWs ist von untergeordneter Bedeutung, weil der Salzhandel auch eine wichtige soziale Funktion erfüllt. 143 Seit Generationen pflegen die Karawaniers fes- te Beziehungen mit den Salzhändlern, die auch nur so viel produzieren, wie voraus- sichtlich abgeholt wird. Quasi-verwandtschaftliche Beziehungen pflegen die Kel Ewey 139 Vgl. ebd., S. 27 f. 140 Vgl. Bourgeot 1994a, S. 130. 141 Hinw. Houiah, Iferouane, Oktober 1997; vgl. auch Spittler 2002, S. 26. 142 Int. mit Al Moustapha, ehem. Karawanier und nunmehriger Gartenbauer, Iferouane, Oktober 1997. 143 Vgl. Ritter 1984, S. 292. 567 sogar zu den Bauern (mai gida) im Haussa-Land, wo die Karawaniers überwintern und gegen Kameldung Unterkunft und Verpflegung erhalten. 144 2. Dem Zeitvorteil eines Lastwagens sind bei ökonomischer Betrachtung die Betriebs- kosten gegenüber zu stellen. Für 1974 hatte Peter Fuchs errechnet, dass der damalige Treibstoffpreis für den Transport einer Tonne Hirse dem entsprach, was Karawaniers für zwei Tonnen Hirse zu zahlen hatten. 145 Wirtschaftlich überleben können LKWs darum nur durch beträchtliche Außensubvention 146 sowie durch die Überwälzung der Trans- portkosten auf die transportierten Produkte. Transportiert ein LKW einen Sack Datteln von Fachi nach Agadez, so wird dafür derzeit mehr als 2.000 FCFA (3 Euro) berechnet. Oft sind bei den ohnedies nur sehr kleinen Fuhrparks die meisten LKW außer Betrieb, weil Geld für Ersatzteile fehlt, deren Beschaffung jedoch wegen des schlechten Wege- netzes häufig notwendig wäre. 147 3. Der wesentliche wirtschaftliche Vorteil der Karawane gegenüber dem LKW ist der weit geringere Einsatz an Eigenkapital. Ein Kamel kostet zwischen 65.000 und 200.000 FCFA (100-300 Euro) und eine Herde bekommt ohne Kapitaleinsatz mithilfe des Zeit- faktors immer mehr Tiere. 4. Der Verkauf von Datteln und Salz im Haussa-Land kann sich je nach Marktlage über mehrere Monate hinziehen, weshalb auch hier der Zeitfaktor für die Karawane spricht. Eine nicht zu ignorierende Konkurrenz stellt der LKW jedenfalls als Transportmittel zur Ver- sorgung der Familien im Aïr mit lebensnotwendigen Produkten dar. In diesem Bereich wird die Funktion der Karawane unwiderlegbar substituiert. 148 15.5.1.2 Sonstige Probleme für die Karawanen Die Dürren schädigen die Karawanen nachhaltig. Fällt im Aïr zu wenig Regen, wie dies Mitte der 80er-Jahre der Fall war,149 dann findet sich nicht genug Gras für eine Ténéré- Durchquerung, und auch die Kamele sind für ein derartig hartes Unterfangen nicht mehr stark genug. Um damals den Karawanenhandel der Kel Timia nicht gänzlich zu auszusetzen, sam- melte Spittler Geld, um per LKW Salz aus Bilma zu besorgen. Auf diese Weise konnte zu- mindest die weniger beschwerliche Haussa-Karawane durchgeführt werden. 150 Zur Lösung dieser Probleme unterstützen mittlerweile die „Amis de Timia“ auch die Karawa- niers, etwa in Form von Krediten für Brunnen und Tiere und für den Kauf von Bilma-Salz. 144 Vgl. Spittler 1998, S. 176. 145 Hinw. von Ritter 1984, S. 292. 146 Vgl. Spittler 1985, S. 54 f.; 1998, S 170. 147 Für die ganze Region Bilma gibt es nur fünf öffentliche Lastwägen, von denen drei wegen Pannen außer Betrieb sind (Hinw. Sultan von Fachi, Int.). 148 Insofern überrascht nicht die Einschätzung der Karawane durch Moussana Alkabous, der Präsident der „Amis de Timia“ und sozialdemokratischer Abgeordneter zur Nationalversammlung ist; er bezeichnete sie als „unrentable Beschäftigungs- therapie“, die wenigstens noch so viel abwerfe, dass die Karawaniers selbst überleben können, ohne arbeitslos zu sein (Int. Agadez, 26. 10. 99). 149 1983 und 1984 fiel die geringste Regenmenge seit Beginn der Messungen vor 60 Jahren. 1984 fielen in Agadez 5 Milli- meter Regen, und im Juni 1985 war der Niger in Niamey ausgetrocknet (vgl. Bernus 1993c, S. 143). 150 Vgl. Spittler 1993, 1998, S. 20; vgl. auch Spittlers (1976) erste Initiative zur Belebung des Karawanenverkehrs als Reakti- on auf die erste große Dürre Mitte der 70er-Jahre. 568 15.5.1.3 Andere Karawanen Ein alter Karawanenweg der Kel Ewey führt über Iferouane nach Tamanrasset, Djanet und auch Ghat in Libyen. Dabei werden Vieh, Käse und andere regionale Produkte nach Norden transpor- tiert und im Gegenzug Tabak, Tee, Zucker, Datteln, Kleidung, Teig- und Eisenwaren ge- bracht. 151 Profitabel ist diese Karawane für beide Seiten, weil Fleisch in Südalgerien und Südli- byen sehr teuer ist. Der algerische Zolls verschärfte Mitte der 90er-Jahre drastisch die Kon- trollen, verbunden mit rigiden Konfiskationsmaßnahmen.152 Seither wird dieser „Karawanen- schmuggel“ nur noch als Kleinhandel betrieben, um im Fall einer Konfiskation die Verluste ge- ring zu halten. 15.5.1.4 Die Situation der Kel Timia In Timia dürften nach einer Zählung von Spittler rund 500 Karawaniers und Hirten, leben, die mit ihren etwa 2000 Kamelen rund 200 Familien repräsentieren, und die sich während der Winterzeit im Haussaland verteilen. 153 Die Kel Timia wählen auf Grund ihrer zentralen Lage im Aïr eine etwas nördlicher gelegene Route über Adrar Madet und den natronhaltigen Brun- nen von Achegour nach Arrigui im Kawar und schließlich nach Bilma. 154 Das Volumen des Karawanenhandels der Kel Timia dürfte gem. den begründeten Vermu- tungen Spittlers bis in die 80er-Jahre nicht wesentlich unter jenem der 50er-Jahre gelegen haben. Auch die Rebellion im Aïr in den 90er-Jahre tangierte die Karawanen nur wenig. Ge- wisse Probleme hatten die Kel Ewey-Karawaniers damals nur auf Grund gelegentlicher Tubu- Razzien in der Ténéré, militärischer Kontrollen und Überfälle im Süden. In diesem Zusammenhang unterstreicht Spittler auch, dass die verbreitete These von der Ur- sächlichkeit der modernen Staatsgrenzen für den Niedergang der Karawanenwirtschaft nicht seinen Untersuchungsergebnissen entspräche. Vielmehr sei Nomadismus und Karawanen zu allen Zeiten in hohem Maße von politischen Bedingungen abhängig gewesen. Behindert wor- den seien diese Wirtschaftsformen „in vorkolonialer Zeit noch stärker als in der Kolonialzeit und heute.“ 155 Die Zukunft der Karawanen ist nach Ansicht Spittlers und entgegen den gewohnten Klagen von deren Ende nicht klar abzusehen. Auf Grund des wachsenden Viehbestands im Süden wächst zweifellos auch der Bedarf an Salz, der durch die Lastwagen allein nicht gedeckt wird. Eine reale Bedrohung des Karawanenhandels droht vielmehr von Seiten der Kel Ewey selbst, nämlich deren Trend zu lukrativeren, weniger anstrengenden Erwerbsquellen wie Gartenbau im Aïr, reine Viehhaltung und Wanderarbeit in Nordafrika. „Die großen, mit der Bilma- Karawane verbundenen Anstrengungen sind für die Kel Ewey weniger ein sportlicher Anreiz als ein Grund, sie aufzugeben.“ 156 Diese Einschätzung wurde auch durch meine Befragung unter den Kel Timia bestätigt. Unter den 45 Probanden hatten sich auch 7 Karawaniers befunden. Ihr Durchschnittsalter lag bei 151 Vgl. Bernus 1993, S. 247. 152 1996 wurden 80 Kamele von Houiahs Bruder beschlagnahmt (Hinw. Aggag, Iferouane, Oktober 1997). 153 Vgl. Spittler 1998, S. 170. 154 Vgl. Gartung 1991, S. 108 ff. 155 Vgl. Spittler 2002, S. 27. 156 Ebd., S. 28. 569 44 Jahren; nur zwei von ihnen hatten die Koranschule besucht. Ihre persönliche wirtschaftli- che Basis beruhte auf dem Besitz von 16 Ziegen und weniger als 7 Kamele bei einem Jah- reseinkommen von 211.000 FCFA (320 Euro). Davon mussten sie 8 Personen versorgen, da- von 5 eigene Kinder. Ihre Situation beurteilten 4 der Karawaniers als ausreichend um zu über- leben, 3 meinten zu wenig zum leben zu haben. Erstrebenswert seien 440.000 FCFA pro Jahr, also knapp das doppelte Einkommen. Im Vergleich dazu lag das Jahreseinkommen aller 44 gewerteten Probanden 157 bei rund 320.000 FCFA (500 Euro) bei nur geringfügig größeren Familien. Als zum Leben aus- reichend hatten ihr Einkommen nur 20 (45 %) beschrieben, dagegen 21 (48 %) als unzu- reichend und nur 3 (7 %) als reichlich. Als erstrebenswertes Einkommen wurde durchschnitt- lich das 3,6-fache angegeben. Anhand dieses signifikanten Unterschiedes zwischen der Zufriedenheit der Karawaniers und jener der Gesamtbevölkerung wird deutlich, dass die sinkende Attraktivität des Kara- wanenhandels mit den steigenden Ansprüchen der Kel Timia an das Leben eng verflochten ist. So betrachteten nur 19 Kel Timia (42 %) den Beruf des Karawaniers als angesehen, davon 9 (20 %) jedoch unter der Bedingung, viele Kamele zu haben. Dagegen sprachen 18 Kel Ti- mia (40 %) den Karawaniers jegliche Reputation ab, was 12 (23 %) mit der zunehmenden LKW-Konkurrenz begründeten. Besonders überraschend war die Tatsache, dass sogar von den 7 Karawaniers nur drei vom Ansehen ihres Berufs überzeugt waren, und dies für einen davon nur unter der Bedingung einer großen Herde. Die übrigen 3 Karawaniers verwiesen ebenfalls auf die zunehmende LKW-Konkurrenz. Erstaunlicherweise beurteilten dennoch 5 Karawaniers die Einführung der LKWs in Timia als wesentliche Verbesserung für den Ort. Als angesehenster Beruf bei den Kel Timia wurde von 40 Probanden (89 %), darunter auch 4 Karawaniers, der Gartenbauer genannt. 30 Probanden (67 %), darunter 3 Karawaniers, be- gründeten dies mit dem höheren Einkommen der Gärtner bzw. mit der sinkenden Rentabilität der Karawane. Lediglich 2 Karawaniers beharrten auf der Ansicht, das Ansehen ihres Berufs sei größer. Angesichts dieses Image-Wandels des Karawanen-Berufs stellt Spittler die Frage, ob nicht etwa gar im wachsenden Interesse „zivilisationsmüder Europäer, die ein besonderes Aben- teuer suchen“, an der Bilma-Karawane die Zukunft der Karawanen liege. Diese Überlegung ist durchaus nicht abwegig. Immerhin sahen 5 der 7 befragten Karawaniers im Tourismus durch zusätzliche Einnahmen wichtige Verbesserungen für Timia. 4 der 7 würden auch gerne Touristen mit ihrer Karawanier mitnehmen, um auf diese Weise ihr Einkommen zu steigern. Derartige Erfahrungen bereits gemacht hatten schon 2 der Karawaniers, wogegen ein Kara- wanier noch nie näheren Kontakt zu Europäern hatte. Tourismus könnte somit eine ernsthafte Einnahmenergänzung darstellen. Wie realistisch diese Option ist bzw. mit welchen Hindernis- sen dies verbunden ist, wird noch näher zu erläutern sein. 158 157 Ein aus Timia stammender, aber von Deutschland nach deutschen Verhältnissen bezahlter Projektleiter wurde nicht ge- wertet. 158 Siehe dazu insb. das Kap. über „Die wirtschaftliche Rolle des Tourismus in Timia“. 570 15.5.2 Viehzucht Die Viehzucht erlebte im 20. Jahrhundert einen ernormen Aufschwung infolge der Dezimierung der natürlichen Feinde wie Löwen und Hyänen, wodurch die Kamelweidemethoden verändert werden konnten. 159 Heute spielt die Viehzucht für die Nomaden immer noch als Milch- und Kä- selieferant eine entscheidende Rolle. Darüber hinaus ist der Verkauf der Tiere die wichtigste Einkommensquellen für viele Kel Timia: eine große, fette Ziege lässt sich für 15.000 FCFA (23 €) verkaufen, ein fettes Schafe zum doppelten Preis, ein junges Kamel bringt 60.000 FCFA (100 €), ein sehr gutes Kamel das Dreifache.160 Auf Grund der großen Nachfrage nach Vieh in südlichen Nachbarländern, insbesondere in Nigeria, aber auch in Libyen, gilt der Viehexport bereits als die zweitwichtigste Devisen- quelle des Niger nach dem Uranexport. Die großen Probleme für die Viehzucht liegen gegenwärtig in der Überweidung. 161 Viele bo- denständige Pflanzen sind durch Abweiden weitgehend zurückgedrängt, und manche Wild- gräser, deren Samen zur Ergänzung der Nahrung regelmäßig gesammelt wurden, sind durch Pflanzen, die die Karawanen aus dem Süden eingeschleppt haben, verdrängt worden. 162 Für die Kamele gefährlich ist eine eingeschleppte Raupe, die bestimmte Bäume im Aïr befällt. Wenn die Kamele beim Abweiden der Zweige solche Raupen mit fressen, werden sie krank oder können sogar daran zugrunde gehen. Immer schwieriger wird die Wasserversorgung der Hirten. Die vorhandenen Brunnen sind weit verstreut. Während der Trockenzeit sinken die Wasserspiegel bedenklich tief, und in- folge der geringen Regenfälle in den vergangenen Jahren trockneten zahlreiche Brunnen sogar aus. Daher erhalten die Kel Timia von den „Amis de Timia“ viel finanzielle Hilfe für Brun- nenbauten. 163 Sind die Hirten mit den Herden unterwegs, leben sie hauptsächlich von Hirsepolenta. Wird die Hirse knapp, sind keine Märkte für Lebensmittel in überwindbarer Entfernung. Den Nah- rungsersatz Ziegenmilch gibt es nur in den Jahreszeiten, in denen die Ziegen ihre Jungen be- kommen. In der übrigen Zeit geben sie keine Milch. Dann gibt es auch keinen Käse und die Versorgungslage wird kritisch. 15.5.3 Gartenbau Der Boom des Gartenbaus seit den 70er-Jahren ist im Wesentlichen eine Reaktion auf die schweren Dürreverluste beim Viehbestand und eine Diversifikationsstrategie auf der Suche nach anderen Einkommensmöglichkeiten. Mitte der 90er-Jahre hatten 60 % der Kel Aïr- Stämme im Rahmen einer größeren Befragung des UICN geantwortet, dass die Gartenwirt- schaft viel interessanter sei als die Weidewirtschaft; nur 20 % sahen darin eine gleich große 159 Bernus 1993:456. Siehe Spittler (1998:81f; 122), wonach der letzte Löwe im Aïr um 1920 geschossen worden war, sodass die Kamele nachts nicht mehr ins sichere Lager geführt werden mussten. 160 Hinw. Aggag, Iferouane, Oktober 1997. 161 Spittler (1998, S. 433) errechnete für das Jahr 1993 einen Ziegenbestand der Kel Timia von etwa 13.000 Tieren auf einem Gebiet von 2.500 km2. 162 Vgl. Adamou/Schulz 1988, S. 79. 163 Vgl. Les Amis de Timia 2003a, 2004 Web. 571 Wichtigkeit. 164 Anfang der 90er-Jahre gab es in Timia bereits 65 Gärten mit über 50 ha Nutzfläche, 165 im Einzugsbereich der Kel Timia an der Flanke des Egalagh-Massivs sind es mittlerweile bereits 130 Gärten, die von über 1000 Personen bearbeitet werden. 166 Die Voraussetzung für diese Entwicklung war die relative Nähe zu wichtigen Märkten wie Arlit und Agadez, die regionale Erreichbarkeit auf Pisten und die inzwischen vorhandenen Lastwägen der Kooperative. Mitt- lerweile gibt es heute kaum eine Familie, in der nicht ein Mitglied gärtnert. Um einen Garten anzulegen, benötigt man zunächst einmal einen eigenen Brunnen, der durch Zuschreibung oder Grabung erworben wird und dann im Besitz von Individuen oder Familien steht. 167 Mit dem Brunnen wird über eine spezielle Zugtechnik täglich bis zu sechs Stunden Wasser in einen Kanal geleitet, um die Pflanzungen zu bewässern. Pro Brunnen können etwa 0,2 ha bewässert werden. Durch diese Bewässerungstechnik können unabhängig von den Jah- reszeiten bis zu drei Ernten pro Jahr eingeholt werden. Angebaut werden in einem Drei-Etagen-System: auf der obersten Ebene Dattelpalmen, auf der mittleren Ebene kleinere Obstbäume und am Boden die jährlichen Gemüsekulturen, Ge- treide, Tabak, Gewürze und Grünfutter. In Timia wird zudem auch noch Obstanbau betrieben (Mandarinen, Orangen, Pampelmusen, Granatäpfel, Limetten, Feigen und Trauben). Die Pro- dukte sind größtenteils für die Vermarktung bestimmt, nur ein geringer Anteil wird lokal ver- braucht. Für die wichtigsten Produkte lassen sich gute Preise auf den Märkten von Agadez und Arlit erzielen: Zwiebel (bis 500 FCFA/kg), Tomaten (getrocknet bis 600 FCFA/kg), Kar- toffel (300 FCFA/kg), Paprikaschoten (1000 FCFA/kg) und Knoblauch (1.200 FCFA/kg). Der Erweiterung der Gartenbaukultur sind enge Grenzen gesetzt, denn für den Gartenbau ge- eignetes Land gibt es nur in bestimmter Höhe oberhalb des Flussbetts. In höheren Lagen ist der Boden zu felsig, in tieferen Lagen während der Regenzeit von Überschwemmung und Erosion bedroht. Wenn Regen fällt, dann zumeist im Sommer binnen weniger, heftiger Gewit- terstürme. 168 Darum konzentrierten sich die ersten Entwicklungsprojekte in den 70er-Jahren bereits auf Anti-Erosions- und Uferschutz sowie auf den Bau von Wasserbarrieren, damit das Wasser möglichst langsam abfließen sollte, um optimal die Grundwasserschicht aufzufüllen, anstatt rasch in die Wüste abzufließen und nutzlos zu verdunsten. Solche Maßnahmen tragen jedoch nur zum Erhalt vorhandener Gärten, nicht aber zur Erweiterung von bebaubaren Flä- chen bei, weshalb die Expansion des Gartenbaus im unmittelbaren Einzugsbereich von Timia mit 130 Gärten mittlerweile an seine Grenzen gestoßen ist. Kultivierbarer Boden für neue Gärten steht den Kel Timia nur noch außerhalb eines Umkreises von mindestens 10 Kilome- tern zur Verfügung. 169 Wasser ist ebenfalls begrenzt verfügbar. Zum einen sinkt der Wasserspiegel als Folge von Dürreperioden, sodass manche Gärten bis zu den nächsten stärkeren Niederschlägen auf- gegeben werden müssen. Zum anderen wird aus der wasserführenden Schicht durch die Aus- weitung des Gartenbaus sowie durch den Einsatz von Motorpumpen immer mehr Wasser ent- nommen, sodass der Wasserspiegel kontinuierlich absinkt. In manchen Gebieten wie am Bagzan kommt es infolge der beschränkten Verfügbarkeit von Weide- und Anbauflächen auch zu Nutzungskonflikten. Die Vegetation stellt die wichtigste Ressource der traditionellen Tuareg-Wirtschaft neben dem Wasser dar. Sie dient als Energie- 164 Vgl. Bayard/Giazzi 1996, S. 329. Siehe dazu auch meine oben gen. Angaben über die Position der Kel Timia zum Anse- hen der Karawaniers und der Gartenbauern. 165 Vgl. Bernus 1993, 373 f. 166 Vgl. Driessche 1999, S. 65. 167 Vgl. Bayard/Giazzi 1996, S. 323 ff. Ausgenommen sind die Gemeindebrunnen oder die von Hilfsorganisationen erstellten Hirtenbrunnen. 168 Die Menge des jährlichen Regens im Aïr wird auf rund 100 Mio. m3 geschätzt (vgl. CNEDD u.a. 2000, S. 11). 169 Vgl. Driessche 1999, S. 65. 572 quelle, Weidegrundlage, Baumaterial, der menschlichen Ernährung und der traditionellen Me- dizin. Deshalb wird versucht, die Erweiterung der Weideflächen durch Absprachen zwischen den Dorfältesten und den religiösen Oberhäuptern mittels Ausweisung von Weidezonen zu be- grenzen. 170 Im Aïr gelten einige seltene Baumarten als heilig und sind darum tabu. 171 Solche Tabuisierungen bezwecken die Regeneration der lebenswichtigen Pflanzen und Bäume. 172 In- folge der Modernisierung und Säkularisierung werden solche Abholzungsverbote immer wieder durchbrochen. Dies war besonders während der Rebellion der Fall. Der Druck auf die Ressourcen steigt durch wachsende Nachfrage nach Gartenbauflächen. Die Bevölkerung nimmt durch natürliche Vermehrung zu, aber auch durch die aus der Arbeits- migration zurückkehrenden arbeitslosen Tuareg. Beobachtungen von langjährig eingezäunten Weidearealen in Dorfnähe oder in größeren Sperrgebieten, wie etwa in Gidet bei Timia, zei- gen, „dass es auch unter den erschwerten klimatischen Bedingungen noch eine Regenerati- onsmöglichkeit der Vegetation gibt.“ 173 Diese Chance könnte jedoch weiter gemindert wer- den, wenn sich die Praxis der Privatisierung von Boden und Wasserlöchern weiter durch- setzt. 174 15.5.4 Neue Beschäftigungsformen Auf Grund der geringen Aufnahmefähigkeit von Arbeitskräften innerhalb der traditionellen Wirtschaftsbereiche wurden seit der Unabhängigkeit, insbesondere aber infolge der großen Dürren, neue Beschäftigungsmöglichkeiten entdeckt. 175 15.5.4.1 Arbeitsemigration Besonders die jungen Kel Ewey ziehen immer häufiger auf der Suche nach Beschäftigung als Wächter, Soldaten, Händler, Beamte, Lohnarbeiter jeder Art (z.B. in den Uranminen), als Ar- beitslose, Schüler und Studenten in die wirtschaftlichen Einzugsgebiete der urbanen Zentren. Von den Nachbarländern gilt besonders Libyen, „riche en capitaux et pauvre en hommes“, als das Arbeitsparadies, als „pôles d’attraction pour les jeunes Kel Tamasheq désireux de se marier, de se constituer un petit capital et de se lancer dans une aventure nouvelle dont les récits de nombreux camarades sont appels ver des mondes nouveaux qu’il n’est plus possible d’ignorer.“ 176 Die großen Emigrationswellen fanden nach den Dürren der-Jahre 1974 und 1984 statt, sowie infolge des Ghaddafi-Rufs an die jungen Tuareg, in seiner „Islamischen Legion“ zu 170 Vgl. Adamou/Schulz 1985, S. 11. 171 Vgl. Nicolaisen/Nicolaisen 1997, S. 193. 172 Mein Assistent Aghali zeigte mir eine solche heilige Stätte in dem Tal, das von Timia zum Hochplateau von Gidet führt. Angeblich soll zum Anfang des 20. Jahrhunderts ein Mann gegen dieses Tabu verstoßen und einen solchen Baum gefällt haben, worauf er kurz darauf gestorben sei. 173 Adamou/Schulz 1988, S. 80. 174 Vgl. Bayard/Giazzi 1996, S. 326. 175 Auf den Tourismus wird in den Folgekapiteln explizit eingegangen. 176 Bernus 1993, S. 422. 573 dienen. In einer weiteren Welle suchten während der Unsicherheit der Rebellion in den 90er- Jahren junge Tuareg Zuflucht in Libyen. 177 Der Mythos vom „Gelobten Land“, der vor allem von zurückgekehrten Arbeitsemigranten durch überzeichnete Schilderungen der tatsächlichen Verdienstmöglichkeiten in Libyen auf- rechterhalten wird, 178 verleitet viele junge Tuareg – meist illegal – in die Agrarzentren Liby- ens zu gelangen, um als Hilfsarbeiter ein kleines Kapital anzusparen. 179 Dabei ereignen sich immer wieder Tragödien. In den Jahren 1979, 1981 und 1985 wurden zahlreiche Immigranten nach Verhaftungswellen per Flugzeug nach Agadez rückgeführt. Im Sommer 2000 kam es in Libyen zu rassistischen Ausschreitungen gegen schwarzafrikanische Gastarbeiter mit etlichen getöteten Nigriern. Andere "Schwarzarbeiter" landeten auf der Flucht zurück in die Heimat im wasserlosen Niemandsland zwischen Libyen und dem Niger. 180 Im Mai 2001 starben 61 Nigrier beim Versuch, die libysche Grenze zu erreichen und illegal zu überqueren, weil ihr LKW wegen einer Reifenpanne in der Wüste hängen geblieben war. 181 Auch die Arbeiten in Libyen selbst sind keineswegs lukrativ. Auf Grund der Illegalität kön- nen die Immigranten keine Ansprüche stellen und verdienen als Handwerker, Lohnhirten, Wächter oder Gartenarbeiter höchstens 30 - 40 €. Während dieser Zeit droht ihnen ständig Verhaftung und Beschlagnahme ihres Hab und Guts durch den libyschen Zoll, der zwar in der Regel „wegsieht“, aber gelegentlich doch Kontrollen durchführt, um sich Respekt zu ver- schaffen. Die meisten Emigranten bleiben ein bis zwei Jahre in Libyen. Mit dem ersparten Geld erwer- ben die Heimkehrer Devisen und Gebrauchsgüter. Als Endziel dieser „Expedition“ haben aber die meisten Arbeits-Emigranten, mit diesen Ersparnissen einen Garten oder Vieh anschaffen zu können. Manche beabsichtigen, ein Gewerbe in den Siedlungen auszuüben. Einige wenige wollen schließlich - trotz aller Widrigkeiten - abermals zurück nach Libyen. 15.5.4.2 Projektarbeit In den 70er-Jahren wurden die EZA in Reaktion auf die Dürre erstmals gezielt Entwicklungs- projekte im Aïr geplant, die Desertifikationsbekämpfung und Arbeitsbeschaffung zum Ziel hatten. Den Anfang machte 1974 die belgische Hilfsorganisation OXFAM. 182 Von 1974 bis 1981 wurden von der Vorläufer-Organisation der deutschen gzt unter Hartmut Paschen Ufer- schutz- und Anti-Erosionsvorrichtungen, Brunnen und auch die Piste von Agadez über Timia nach Iferouane gebaut. Dadurch waren bis zu 450 Arbeiter, die sowohl finanziell als auch durch Nahrungsmittel bezahlt wurden, vier Jahre lang versorgt. 183 Im Jahr 1983 wurden von der gtz die drei gelben Drehbrunnen vor dem Dorf unter Pit Weingartner installiert. 184 Mitte der 80er-Jahre, nach der neuerlichen schweren Dürreperiode, wurden abermals unter der Auf- sicht der deutschen gtz Uferschutzanlagen gebaut. Dieser Prozess wurde durch die Rebellion 177 Vgl. Grégoire 1999, S. 216 ff. 178 Vgl. die Darstellung der Libyen-Rückkehrer von Azzel in Vilt 2000. 179 Es gibt keine genauen Schätzungen der Emigranten. Gem. Grégoire (1999, S. 227) dürften allein 1995 15.000 Menschen in Libyen immigriert sein, davon knapp 50 % Tuareg aus der Region Tahoua und Agadez, inkl. Aïr. 180 Vgl. BBC News 2000, Web. 181 Vgl. Panafrican News Agency 2001, Web. Dass solche Tragödien leider nichts Neues sind, beweist die Schilderung Gar- dis (1971, S. 307), dass über zwanzig Emigranten auf einem defekten Laster am Weg nach Dirkou verdursteten. 182 Der OXFAM-Mitarbeiter Max Strood verunglückte im Jahr 1974 bei einem Autounfall und ist seither in Tazelot, im Nachbardorf nördlich von Timia, unter einer Gedenkplatte begraben. 183 Vgl. Taubert 1984, S. 51. 184 Pit Weingartner ist heute noch ein leitendes Mitglied der „Deutsch-nigrischen Freundschaftsgesellschaft e.V.“. 574 unterbrochen. Seit dem Ende der bewaffneten Konflikte 1997 gewinnen solche Projekte eine immer größere Rolle als temporärer Arbeitgeber. Gegenwärtig sind dies vor allem die „Amis de Timia“ und ONAT. Ein typisches Beispiel für einen „Projekt-Karrieristen“ ist mein ehemalige Assistent Aghali Immoumoumene: Geboren 1958, besuchte Aghali von 1965-70 die Grundschule, und bis 1974 das College in Agadez. Nach Schulabschluss wurde er Arbeiter in den Uranminen, wo er kurz darauf von der EZA-Organisation OXFAM angeheuert wurde. Auf Grund seiner be- sonderen Bewährung wurde er für weitere Projekte übernommen. In den Jahren 1980-81 ar- beitete er für den Ethnologen Gerd Spittler als Assistent. Danach war er bis 1985 als Führer für das archäologische Forschungsprojekt ORSTOM tätig. In den zwei Folgejahren beauf- sichtigte er den Pistenbau für die gtz, 1986-87 war er der Chef des Departement-Service von Timia. 1991 war er Mitglied der verfassungsgebenden Nationalversammlung in Niamey. Nach der Rebellion, im Jahr 1999, koordinierte er für die „Ami de Timia“ die Rekonstruktion des „Fort Massu“. 185 Die wachsende Rolle von Projekten als Einkommensquelle im Bewusstsein der Bevölkerung kam wiederholt in Gesprächen mit Personen in El Mecki, in Timia oder am Bagzan zum Aus- druck, wenn als Lösung auf bestehende Probleme mit der zum geflügelten Wort aufgestiege- nen Wendung „Il faut un projet“ 186 geantwortet wurde. Von den 45 befragten Kel Timia nann- ten 21 (47 %) die Projekte als wesentliche positive Veränderung in den vergangenen Jahren. Da aber 27 (60 %) an erster Stelle die LKWs als positive Veränderung genannt hatten, und diese von NROs gespendet wurden, ist die tatsächliche Fixierung auf Projekte sogar noch weit größer. Projekte sind als erstrebenswerte Einkommensquelle für viele Kel Timia ein Grund, große Hoffnungen in den Tourismus zu setzen. So nannten immerhin 6 Probanden (13 %) den Tou- rismus als Ursache für manche der in Timia umgesetzten Projekte. Schon des Öfteren hatten Reisende an Timia so großen Gefallen gefunden, dass sie schließlich mit einem Projekt wie- dergekommen seien. Dies sagt man in Timia über Gerd Spittler, der wiederholt die Karawa- nen gefördert hatte; auch der in den 70er-Jahren in Timia tätige gtz-Direktor Hartmut Paschen gilt als heimlicher Protegé Timias; Michel Bellevin, der Gründer und französische Präsident der „Amis de Timia“, war gegen Ende der Rebellion durch Timia gereist und hatte sich in das Dorf „verliebt“; schließlich kehrt auch die Grazer Pädagogin Gabi Kreimer seit ihrem Sabba- tical-Aufenthalt in der Umgebung von Timia wiederholt hierher zurück und hatte anlässlich dieser Besuche in Timias Nachbargemeinde Tazelot einige kleine Projekte realisierte. 187 185 Näheres zum Fort in den Folgekapiteln. 186 Franz.: Ein Entwicklungsprojekt wäre nötig. 187 Vgl. Friedl 2007, 2008. Letztlich galt dasselbe auch für mich: Nach dem Kurzbesuch im Jahr 1997 kehrte ich im Jahr 1999 mit einem Forschungsprojekt zurück, aus dem ein kleines Tourismusentwicklungsprojekt wurde. Schließlich kehrte ich wiederholt mit größeren Touristengruppen zurück (näheres in den Folgekapiteln). Diesen Umstand der bevorzugten Behand- lung Timias kritisiert der Leiter des gtz-Projekts PNN, Hans Pistor (Int. Agadez, 2.4.2001) als Ausdruck einer Nostalgie jener gtz-Entwicklungshelfer, die (wie z.B. Helmut Paschen) in Timia vor Jahren gearbeitet hatten. In Wahrheit hätten andere Orte als Timia die Hilfe viel nötiger. Sinngemäß meinte auch der Führer Rhissa ag Feltou (Tidene Exp., Int. März 2000, Agadez), dass Timia im Vergleich z. B. zum Dorf Elmeki, auf halber Strecke zwischen Timia und Agadez gelegen, „reich“ sei. 575 15.5.4.3 Boutiquiers In den letzten Jahren erstreben jüngere Kel Timia die Einrichtung einer „Boutique“, eines kleinen Dorfladens, als Beschäftigungsziel. Vor dreißig Jahren gab es nur wenige solche Lä- den in Timia. Erst nachdem die Dürre viele Hirten zur Aufgabe ihrer Viehwirtschaft gezwun- gen hatte, sattelten manche auf das Schneiderhandwerk um. Dieses Gewerbe wurde meist in einem eigenen kleinen Verkaufsladen ausgeübt. Mittlerweile aber findet sich bereits an jeder Ecke ein kleines Geschäft, in dem die Güter des täglichen Bedarfes wie Zucker, Tee, Pflan- zenöl, Sandalen und Reis und gewisse einfache Luxusgüter wie Stoffe, Batterien und Kekse geführt werden. Häufig verbinden sich diese „Verteiler“ auch mit einer Schneiderei. Ein interessantes Beispiel dafür dass das Projekt der arbeitslosen Jugendlichen aus Tazelot, dem Nachbardorf von Timia, die als Ausweg aus ihrer Arbeitslosigkeit eine Bekleidungs- boutique errichten wollten. Auf Rat der Grazer Sozialarbeiterin Gabi Kremeier hin hatten sich die Jugendlichen vorerst überlegt, an welchen Angeboten im Dorf noch ein Bedarf bestün- de.Darauf entstand die Idee, moderne Kleidung, wie Hemden und Jeans, in Agadez zu kaufen und vor Ort mit Gewinn zu verkaufen. Für die Umsetzung dieses Vorhabens wurde den Ju- gendlichen von einem Gemeindemitglied ein leer stehendes Gebäude zur Verfügung gestellt. Ousmane, der nigrische Mitarbeiter des PNN-Projekts vor Ort, wurde als Berater und An- sprechpartner von den Jugendlichen akzeptiert. 188 Für den erstmaligen Ankauf von Klei- dungsstücken in Agadez stellte Kreimer mit 250.000 FCFA einen rückzahlbaren Startkredit (ca. 400 Euro) bereit. 189 15.6 Gesellschaftlicher Wandel Die soziokulturellen Veränderungen der Kel Ewey, insbesondere der Kel Timia, sind vielfäl- tig und komplex. Trotzdem lassen sich ein paar allgemeingültige Feststellungen treffen. Am deutlichsten sichtbar ist der Rückgang der traditionellen Wirtschaft zugunsten einer stär- keren Differenzierung, Monetarisierung und Gewinnorientierung, die in der hohen Zahl der Gartenbauern zum Ausdruck kommt. Damit verbunden ist die Urbanisierung, die am starken Wachstum der Einwohnerzahl von Timia deutlich wird. Dadurch wurde für viele sesshaft ge- wordene Nomaden erstmals auch möglich, die Kinder in die Schule zu schicken, was auf den Weiden unmöglich war. Allerdings änderte sich auch die grundsätzliche Haltung vieler No- maden gegenüber dem Schulbesuch: Während die Schüler früher unter Zwang rekrutiert wur- den, werden sie heute zunehmend freiwillig geschickt. 190 Mit der Schulbildung wird die geistige Öffnung und damit auch die innere Abwendung von der traditionellen Wirtschaft verstärkt, 191 weil die Inhalte der modernen Schule noch immer stark am Ideal des französischen Citoyens, des Staatsbürgers, orientiert sind. Insofern wird 188 Auffallend bei der Umsetzung dieses Unternehmens war der Umstand, dass erfahrene Boutiquen-Besitzer nicht bereit waren, ihre Erfahrungen mit den jungen Leuten zu teilen. 189 Int. Gabi Kreimer, Graz, 12. 1. 2003. 190 Die Schulbesuchsrate liegt außerhalb von Agadez bei 15% im Gegensatz zu Agadez selbst mit 40%. Um diese Rate in Timia zu steigern, wollen die „Amis de Timia“ nunmehr auch ein College im Dorf errichten (vgl. Amis de Timia 2003b, Web). 191 Vgl. auch Vilt 2000, S. 101. Besonders Karawanier neigen dazu, ihre Kinder nicht in die Schule zu schicken, um die Nachfolge ihres „Wirtschaftsbetriebs“ nicht zu gefährden. Unter Karawaniern herrscht konsequenterweise auch noch eine relativ starke traditionalistische Denkweise (Hinw. des jungen Karawaniers Elouali Hadda, 13.11.1999). 576 mit dem Schulbesuch auch die Hoffnung verbunden, dass es den Kindern einmal besser gehen möge, etwa dass sie eine öffentliche Stelle in einer Stadt erhalten würden. 192 Dies erklärt auch die relativ hohe Bereitschaft vieler Jugendlicher, ihr Glück als Arbeitsemigranten zu versuchen. Andere Jugendliche versuchen in der Hoffnung auf das schnelle Geld Schmuck an Touristen zu verkaufen. 193 Diese Möglichkeiten eröffnen sich besonders in Timia, wo durch die drei Lastwägen der Ko- operative die Transportmöglichkeiten existieren und damit die Verbindung „nach außen“ - aber auch nach „innen“. Früher gab es nur einen kleinen Kooperativen-Wagen. Mit dem wachsenden Warenverkehr gelangen neue Waren und damit neue Angebote nach Timia, die auch neue Bedürfnisse und Interessen schaffen: Seit dem Winter 2004 bieten erstmals auch immigrierte Haussa-Händler am „Hauptplatz“ von Timia, vor der Kooperative, Industrie- produkte aus Nigeria zum Verkauf an. Diese neuen Angebote bewirken einen zusätzlichen Zwang zum Gelderwerb, um die neuen Konsumbedürfnisse zu befriedigen. Heute erscheint es für viele junge Kel Timia kaum vorstellbar, dass vor 25 Jahren lediglich 5 % der Bevölkerung Tee getrunken haben. Stark gesüßter Tee gilt heute als das Genussmittel schlechthin, für des- sen Beschaffung auch beträchtliche Teile des Einkommens ausgegeben werden. Gleiches gilt auch für die Kleidung, und jene, die es sich leisten können, erneuern diese gemäß der Mode von Agadez häufiger, als noch vor der Rebellion. 194 So trugen etwa die Mädchen der Kel Ti- mia vor 20 Jahren lediglich die traditionelle schwarze Kleidung, während sich heute zuneh- mend bunte Haussa-Stoffmuster durchsetzen. Doch auch die musikalischen Vorlieben der Jugend haben sich im Zuge der Rebellion geändert: Heute finden nächtliche Tam-Tams zur Musik der Elektro-Gitarre statt, deren Verstärker per Autobatterie mit Strom versorgt wird. Gesungen werden die heroisierenden Lieder der Rebellion. Ein sichtbarer Meilenstein dieser umfassenden Öffnung ist die Errichtung eines eigenen Ra- diosenders über dem Dorf Timia im Jahr 2003, der jeden Nachmittag lokale Sendungen aus- strahlt. 195 Dies ist ein Element von stärker ausgeprägten partizipativen Strukturen im Sinne der nationalen Dezentralisierung, die von den „Amis de Timia“ durch spezielle Sensibili- sierungs- und Schulungsprogramme gestützt wird. So wurde im März 2004 erstmals in der Geschichte Timias ein Gemeindeparlament gewählt. 196 Die Moderne ist in Timia nicht mehr aufzuhalten, auch wenn bislang nur die Apotheke mit Strom versorgt wird. An der Elektrifi- zierung öffentlicher Örtlichkeiten arbeiten die „Amis de Timia“ bereits, und auch an der Er- weiterung der Apotheke zu einem Sanitätszentrum. Erstmals soll die Entsorgung der zu einer kleinen „Stadt“ herangewachsenen Gemeinde Timia organisiert werden. Das derzeit größte Projekt umfasst die Verbreiterung der Piste durch die Basaltbarriere von Tekarkar, um Timia auch für LKWs mit einem Gewicht von über zehn Tonnen erreichbar zu machen. 197 192 Obrecht sieht in der Schule das wesentliche Instrument zur Individualisierung der vormals ethnisch geprägten Menschen und ihrer Entfremdung von ihrer ethnisch definierten Welt. Durch die Vermittlung von abstraktem Wissen, das mit dem Lebenskontext der Schüler kaum mehr in Zusammenhang steht, wird die Autorität der Alten als Vermittler von traditionellem Wissen untergraben. Damit geht Wissen verloren, das zur Bewältigung der Lebenspraxis, zur Identitätsstiftung als auch zur Solidaritätsstifung konstitutiv war. In einer Welt der Subsistenzwirtschaft ist Umverteilung und eine gemeinsame Sicht der Welt Voraussetzung zum Überleben, was durch das neue Wissen nicht mehr gelingt. Nunmehr werden zumeist widersprüch- lich erfahrene Abhängigkeiten und neue, schwer zu befriedigende Bedürfnisse vermittelt - für den hohen Preis der Entfrem- dung vom dörflichen Kontext und des Verlusts zentraler subsistenzwirtschaftlicher Fertigkeiten.(vgl. Obrecht 2003, S. 240 ff.). 193 Zur Rolle des Tourismus als Wirtschaftsfaktor siehe die Folgekapiteln. 194 Zum soziokulturellen Wandel insbesondere im Bereich der Werte siehe das Kap. über die „Rolle des Tourismus für den soziokulturellen Wandel“. 195 Vgl. CPRP 2002, Web. 196 Die Aktivitäten im Umfeld dieser Demokratisierungsaktivität wie die Schulung der Delegierten wird von der Partnerge- meinde Timias, Louvriers, finanziert (vgl. Les Amis de Timia 2004, Web.) 197 Vgl. Les Amis de Timia 2003b, Web. 577 15.7 Klimawandel - haben die Kel Ewey eine dauerhafte Zukunft? Von den Kel Ahaggar, die im Einzugsbereich des Assekrem-Passes im Zentrum des Hoggar- Massivs lebten, wird berichtet, sie seien im Jahr 2001 fortgezogen, weil es in ihrem Gebiet zu trocken gewesen sei. Der darauf folgende Sommer 2002 war „mit 28° C der heißeste seit 30 Jahren“. 198 Messungen bei 97 in Österreich gelegenen Alpengletschern haben 2002 ergeben, dass sich 95 % seit 1991 eindeutig im Rückzug befinden. 199 Wall hat auf Grund der durch den Menschen verursachten Treibhausgase eine Verdoppelung des CO2-Gehalts der Erdatmosphäre bis zum Jahr 2030 errechnet, und als Konsequenz den Anstieg der globalen Temperatur um 1,5 bis 4,5 Grad Celsius prognostiziert. 200 Das Tal Wan Temagargawessen bei Tchin-Tabaraden, nördlich von Tahoua, war vor einigen Jahren noch dicht mit Akazien bewachsen. Heute findet man dort fast nur noch Euphorben, hochgradig anpassungsfähigen Pflanzen, die vor zehn Jahren in dieser Region noch sehr sel- ten waren. Für die Tuareg sind diese Pflanzen die letzten Lebewesen einer zur Wüste ver- dammten Region. 201 Regen-Messungen im Niger haben die Reduktion der Niederschläge während der letzten 50 Jahre um bis zu 40 % nachweisen können, was eine deutliche Veränderung der Fauna und Flora bewirkt hatte. 202 In Timia wurden früher anlässlich von Hochzeitsfesten Rinder im Stile einer Corrida durch die Gassen getrieben, getötet und deren Fleisch an alle verteilt. Heute ist dies unmöglich ge- worden, weil es wegen der Dürre nur noch wenige Rinder gibt. Stattdessen wird heute Geld unter den Hochzeitsgästen und Dorfbewohnern verteilt. 203 Sind all diese Beobachtungen Indizien für einen Klimawandel,204 der weitere, gar irreversible Veränderungen des Klimas in Richtung einer dauerhaften Trockenperiode ankündigt und das Überleben der Kel Ewey im Aïr langfristig verunmöglichen würde? 15.7.1 Desertifikation Unter Desertifikation, umgangssprachlich als „Verwüstung“ 205 bekannt, wird der oft irre- versible ökologische Degradierungsprozess in bewohnten, häufig semiariden Klimazonen mit hoher Niederschlagsvariabilität verstanden. Dieser wird ausgelöst durch unangepasste Land- nutzung, hohe Konzentration der Bevölkerung, Übernutzung des Grundwassers, Expansion der Agrarwirtschaft, Überweidung und Abholzung der begrenzten Baumbestände. Dadurch 198 Pater Eduard, Mitglied der Kleinen Brüder Jesu am Assekrem; Hinw. in Speer/Speer 2003, Sahara Info 1/2003, S. 9. 199 Vgl. Patzelt, 2003, S. 8; sinngemäß Slupetzky 2003, S. 4. 200 Vgl. Wall 1995, S. 200 unter Hinw. auf Hare 1989. 201 Vgl. Abdelkader 2003, S. 2. 202 Vgl. CNEDD u.a. 2000, S. 18. 203 Hinw. Aghali Imoumoumene, 5. 11.1999, Timia. 204 Unter „Klima“ wird nach Wall (1995, S. 195) die Generalisierung der atmosphärischen Bedingungen verstanden, die über eine lange Periode hinweg, üblicherweise aber mindestens 30 Jahre, herrschen. 205 Vgl. Klaus 1986, S 577. 578 werden wüstenhafte Bedingungen wie der Verlust der Vegetationsdecke, die Übersandung der Böden und die Aktivierung von Dünen erzeugt, wodurch das Ökosystem seine Regenerations- fähigkeit verliert. Dieser Prozess wird durch Dürreperioden verstärkt. 206 Schon in historischer Zeit machte man mit diesem Phänomen Erfahrungen. In Römischer Zeit wurde im tunesischen Maghreb durch vermehrten Pflugbau in der Hochsteppe die Bodenero- sion verstärkt, was zu deren Verwüstung führte. In ähnlicher Weise bewirkte zwei Jahrtau- sende später während der französischen Kolonialzeit die Sedentarisierung der Nomaden eine verstärkte Wüstenbildung durch den mechanisierten Getreideanbau. 207 Gegenwärtig 208 droht im Aïr die Desertifikation durch die Überweidung, die Dürren und die Übernutzung der Baumbestände. 15.7.1.1 Überweidung Durch ungeregelte und übermäßige Beweidung kommen Gräser und Kräuter nicht zur Samen- reife. Dadurch überleben eher die ungenießbaren Arten, was mittelfristig zur Reduktion der Artenvielfalt führt: mehrjährige, anspruchsvolle Arten mit langen Vegetationsperioden, die jedoch tiefgründig durchwurzeln, drohen zu verschwinden. Dadurch erhöht sich die Erosions- anfälligkeit des Bodens angesichts eines gesteigerten Abflusses der gelegentlichen Nieder- schläge. Dieser Prozess der Oberbodenabtragung wird zusätzlich durch übermäßigen Viehtritt ver- stärkt. Die Bodenfruchtbarkeit nimmt extrem ab, weil diese bei den leichten Sandböden aus der Biomassezersetzung im Oberboden resultiert. Ist dieser aber abgetragen, dann treten die tieferliegenden sterilen Sande an die Oberfläche, was zu einer weiteren Artenverarmung führt, was den Erosionsprozess neuerlich verstärkt. In der letzten Phase dieses Prozesses bilden sich harte Krusten an der Oberfläche und bewirken „isolierte Wüsten“. 209 Dürren beschleunigen zusätzlich die Desertifikation, weil in Dürrejahren das Weidevieh pri- mär Wüstenrandarten mit geringem Nährwert als Futter vorfindet. Dadurch besteht erhöhter Weideflächenbedarf, der notgedrungen zur Überweidung führt; davon sind dann die mehrjäh- rigen Pflanzen, wie Akazien, besonders betroffen. 15.7.1.2 Brennholzbedarf Die Kel Aïr sind zur Gänze vom Holz als Energiequelle abhängig. Im Schnitt werden etwa 1,2 m3 Holz pro Kopf und Jahr benötigt, was bei einer Dorfgemeinschaft von 6000 Einwohnern, wie im Fall von Timia, bedeutet, dass etwa 300 Hektar jährlich geschlägert werden müssen. Wächst die Bevölkerung, wächst auch der Holzbedarf. 206 Vgl. Hillebrands 2000, S. 175 f. 207 Vgl. Mensching 1982, S. 283. 208 Taubert (1984, S. 49) berichtete schon 1984 vom massiven Forschreiten der Desertifikationserscheinungen, andererseits aber auch von erfreulichen Erfolgen durch Aufklärungskampagnen, die zur Sensibilisierung der Bevölkerung für dieses Problem geführt hätten. 209 Klaus 1986, S. 578. 579 Die Waldbestände im Aïr vernichten weniger die Kel Aïr, als vielmehr die Bewohner der zwei umliegenden Großstädte Agadez und Arlit, für deren Holz-Versorgung Schlägerungs- gruppen mit Lastwägen bis tief ins Aïr eindringen. Die Folgen für das Ökosystem sind freilich katastrophal, denn abgeholzte Flächen werden zu isolierten Wüstengebieten mit erhöhten Windgeschwindigkeiten und hohen Verdunstungswerten und somit beschleunigter Erosion. Weil am Land Verantwortlichkeiten nicht klar geregelt sind, gilt hier „Eigennutz vor Gemein- nutz“; ideologische und mythische Bindungen an das Gemeinschaftsland schwinden. Dies zeigte sich insbesondere in Krisenzeiten, wie der Rebellion, als der Holzraubbau im Aïr be- sonders krass war. So holzte etwa im Bereich von Temet das Militär im Zuge eines einjähri- gen Belagerungsaufenthalts des Massivs von Tingalen massiv ab. 210 15.7.2 Historisch nachgewiesener Klimawandel im Sahararaum Für die vergangenen Jahrtausende lassen sich langwierige und gravierende Schwankungen des Klimas nachweisen. Die letzte große Feuchtphase dauerte von 5.000 bis 2.400 vor Chris- tus. Zahlreiche archäologische Hinweise legen die Vermutung nahe, dass die Besiedlung der gesamten Region in prähistorischer Zeit weit dichter als heute gewesen sein muss. Seit damals hat sich das Klima permanent verschlechtert. Historische Quellen berichten seit dem 7. Jahr- hundert nach Christus über mehrere Feuchtperioden, die jeweils etwa zwei Jahrhunderte dau- erten und schließlich von Trockenperioden abgelöst wurden. So ließen etwa reiche Regenfälle im 18. Jahrhundert den Tschadsee über die Ufer treten. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde wiederum eine Trockenperiode und gegen dessen Ende zunehmende Feuchte Feuchte ver- zeichnet, unterbrochen durch vereinzelte lokale Dürren wie im Hoggar in den Jahren 1880- 83. 211 Eine merkliche Klimaverschlechterung lässt sich seit Heinrich Barths Durchquerung des Aïr nachweisen. Barth berichtet noch von schweren Regenfällen in der Gegend des Brunnen Asiu, im algerischen Grenzgebiet zum Niger, wo man heute extreme Wüste findet. Im Aïr, westlich des Tamgak-Massivs, erlebte er schwere Regenfälle, die das Tal in einen reißenden, sechs Stunden lang fließenden Strom verwandelten, sodass sogar etliche Kamele fortgeschwemmt wurden. 212 Den Aïr beschreibt Barth als eine paradiesische, tropisch-lebensvolle Landschaft mit „einem großen Reichtum an Pflanzenwuchs“ und berichtet von Orchideen, die in den Bäumen nisten. 213 Seit damals hat die Sahel-Zone ihr Gesicht nachhaltig verändert. Allein in den vergangenen 50 Jahren hat sich die Sahara auf ihrer gesamten Südfront um rund 200 Kilometer nach Süden ausgedehnt. Am deutlichsten wird dies an der Veränderung von Timbuktu, jener Stadt, die Georg „als ein Symbol für den klimatischen Niedergang eines ganzen Kontinents (empfindet). In dem Maße, wie sich im Süden der Niger von der Stadt zurückzieht, dringt im Norden der Sand in sie ein.“ 214 210 Vgl. Steineck 1998, S. 19. 211 Vgl. Bernus 1993, S. 440. 212 Vgl. Barth 1986, S. 186. 213 Zit. in Georg 1985, S. 31. 214 Georg 1985, S. 47. 580 15.7.3 Dürren der vergangenen Jahrzehnte Ein Blick auf die Geschichte der Kel Ewey und generell der Kel Tamaschek verdeutlicht, dass die Region wiederholt von Dürren heimgesucht wurde. In der Erinnerung des kollektiven, historischen Gedächtnisses des Menschen finden sich zahlreiche Perioden mit Bezeich- nungen, die Dürren indizieren. Von 1910-15 herrschte im gesamten Sahelraum Dürre. 1914 wurde bei den Kel Aïr das „Jahr von Mayatta“ in Erinnerung an den Auszug aus dem Aïr zu einem nahe der nigerianischen Grenze liegenden Brunnen genannt. Nur diese Periode vergleichen die Tuareg mit der schwe- ren Dürre von 1972-73. 1930-31 suchte eine neuerliche schwere Dürre, verbunden mit einer Hungersnot, die Region heim. 1930 heißt das „Jahr der Heuschrecken“, 1931 das „Jahr der agdrof“ (Tribulus terrestris), eine Grasart, deren Körner anstelle der fehlenden Hirse gegessen wurden. Eine weitere Dürre herrscht in den Jahren 1940-44. 215 Die Dürreperiode von 1969-73 war zwar, gemessen an der gefallenen Regenmenge, kaum heftiger als vorangegangene Perioden, doch waren die Auswirkungen auf Natur und Mensch der Region von unvergleichbarem Ausmaß. So bestätigten Ökologen, Botaniker und Forst- wissenschaftler einhellig eine Degradation der Vegetation, eine quantitative und qualitative Veränderung der Weiden und generell ein Vordringen der Sahara. Auf den Gartenbau in Ife- rouane wirkte sich diese Dürre so aus, dass der Spiegel der wasserführenden Schicht von 8 auf 20 Meter fiel. Zahlreiche Zugtiere starben, worauf 80 % der Gärten aufgegeben werden mussten. Auf Grund seiner günstigeren Lage im relativ regenreichen Süden mussten in Timia von 45 Gärten nur 9 aufgegeben werden. 216 Ähnliche Vorkommnisse wiederholten sich Mitte der 80er-Jahre. 217 15.8 Schlussfolgerung: Differenzierung der einstigen Nomadenkultur Angesichts dieser vielfältigen Veränderungen im politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und klimatischen Lebensbereich der Kel Ewey lässt sich heute jedenfalls kaum mehr von einer Nomadenkultur sprechen, deren Ökonomie eine Reaktion auf die ökologisch-klimatischen Gegebenheiten darstellt, mag dies auch noch für einige wenige Nomadenfamilien zutreffen. Wohin dieser Wandel führen wird, mit welchen Mitteln, mit welchen Ressourcen, ob mit Hil- fe traditionellen oder modernen Wissens, ob mit Hilfe des Westens in Form von Hilfsliefe- rungen oder doch auf Austauschbasis in Form von Tourismus, das lässt sich aus heutiger Sicht nicht beantworten. Sicher ist nur, dass die nächste Dürreperiode bestimmt kommen wird. Welche Rolle innerhalb dieser Gegebenheit der Tourismus für die Kel Timia spielen kann, sollen die nächsten Kapitel näher beleuchten. 215 Vgl. Bernus 1993, S. 25. 216 Angabe des „Chef de Post“ in Iferouane, Hinw. in ebd., S. 433. 217 Vgl. Adamou/Schulz 1988, S. 77. 581 16 Die Kel Timia heute: Kernprobleme und Lösungsstrategien Wie lässt die aktuelle Situation der Kel Timia charakterisieren? Besteht denn überhaupt ein Be- darf an alternativen Einkommensquellen wie dem Tourismus oder lässt sich vielmehr - überspitzt - formulieren, dass gegenwärtig Timia ein idyllisches Bergdorf sei, dessen Schönheit und innerer Friede allein durch Touristen gefährdet werden könnte? In der vorangegangenen Skizzierung der Entwicklung der Kel Ewey wurden bereits einige Trends aufgezeigt, die äußerst besorgniserregend sind. Allein vor dem Hintergrund des Darstel- lungen der zahlreichen, vielschichtigen Probleme im Niger bzw. in der Region Agadez erscheint die Annahme, Timia stelle eine „Insel der Seligen“ dar, eher abwegig. Andererseits neigt der Europäer in seinem bipolaren Denken zum Denken in Extremen: Wenn Timia kein Idyll ist, ist es dann „in Wahrheit“ das „blanke Elend“ 218, oder, um mit den Worten des französischen „Amis de Timia“-Gründers Michel Bellevin zu sprechen: „Timia, c’est la misère!“ 219 Insofern kommt man nicht umhin, einen näheren Blick auf die tatsächliche gegenwärtige Si- tuation der Kel Timia zu werfen und darüber hinaus den dabei gewonnenen Eindruck mög- lichst auch im Sinne der Kel Timia selbst zu begreifen. Denn nicht der Lebensstandard eines urbanen Intellektuellen, sondern der eines „durchschnittlichen“ Bewohners von Timia kann allein der Maßstab für das „gute Leben“ 220 sein. Um diesem Ziel möglichst nahe zu kommen, diente zum einen die Recherche in der aktuelleren Literatur. Weil in diesem Falle wenig er- giebig, stellten Interviews mit Mitarbeitern von in Timia tätigen Hilfsorganisationen, vor al- lem aber Interviews mit 45 Kel Timia aus sämtlichen gesellschaftlichen Gruppen die wich- tigste Quelle meiner Erkenntnisse dar. Unter den Probanden waren 33 Männer (73 %) und 12 Frauen (27 %) 221 im Alter zwischen 17 und 67 Jahren. 222 Von den Befragten deklarierten sich 15 als Handwerker, 11 als Hirten, 7 als Karawaniers, 223 6 als Gartenbauern, 4 als Projektmitarbeiter bzw. -leiter, 4 als Boutique-Be- treiber, 5 als „Chasses de touristes“, 3 als Hausfrauen, 2 als Köche einer Reiseagentur, 2 als Verwaltungstätige, 2 als höhere Schüler, 1 als Lehrer und 1 als Marabut. Bei den Berufsangaben gab es häufig Überschneidungen bzw. Doppelnennungen, weil viele Personen mehrerer Berufe, etwa des Hirten und des Karawaniers oder des Handwerkers und Boutiquenbetreibers, ausüben. Um ein möglichst breites Meinungsspektrum zu erfassen, wurden auch 11 Personen befragt, die zwar aus Timia stammen und nach wie vor enge Kontakte zu ihrem Heimatdorf pflegen, die je- doch aufgrund ihrer beruflichen Entwicklung nur noch gelegentlich Zeit in Timia verbringen 218 Der bekannte Sahara-Fahrer Klaus Därr schrieb über die Tuareg-Bevölkerung im Niger in dramatischer Weise, sie habe „keinerlei Zugang zur Krankenversorgung, zu Medikamenten, zu ausreichender Kleidung, zu Schulbildung, zu sauberem Wasser, zu Elektroversorgung, zu hinreichender Ernährung, zu Sicherung gegen Korruption, Verbrechen. Das Leben gleicht weithin dem Endstadium der Verelendung. Jede Hilfe (…) ist dringend erforderlich (…).“ 219 Schilderung anlässlich unserer ersten Begegnung in Timia im November 1999. Die Grazerin Gabi Kreimer empfand im Zuge ihres mehrmonatigen Aufenthalts im Nachbarort Tazelot keine augenfällige Armut, meinte aber, generell mit dem Wohlstandsunterschied zwischen Europa und dem Niger enorme emotionale Probleme gehabt zu haben, die sie über lange Zeit hinweg zu einer unkontrollierten Freigiebigkeit aufgrund von unbewältigten Schuldgefühlen getrieben hätten (Interview Sept. 2002, Graz). 220 Vgl. Pauer-Studer 2000, S. 72. 221 Dieses Ungleichgewicht resultiert vor allem aus dem Umstand, dass ich Vertreter möglichst vieler Beruf zu Wort kommen lassen wollte und Männer in viel höherem Maße neue Berufe bekleiden als Frauen, die aufgrund ihrer stärkeren Bindung an die Familie auch häufiger traditionellen Tätigkeiten verpflichtet bleiben. 222 Der Altersdurchschnitt betrug 39,8 Jahre 223 Ein männlicher Tuareg kann zwar nur als ein Hirte tätig sein, dagegen ist es unmöglich, als Karawanier über gewisse Perioden hinweg nicht auch Hirtenarbeit zu betreiben. 582 können. 224 Neben den Fragen zur Beurteilung der Tourismusentwicklung in Timia standen jene nach der wirtschaftlichen Situation bzw. nach den wesentlichen Problemen der Kel Timia im Zentrum meines Forschungsinteresses. Dabei ergab sich folgendes Bild: Als die größte Problem der Kel Timia wurden 1. die hohe Arbeitslosigkeit im Dorf von der überwiegenden Zahl der Befragten (62 %) genannt, gefolgt von 2. den Problemen der Isolation und der Entfernung zu den Märkten (36 %), 3. dem Fortschreiten der Dürre (27 %), 4. der Überbevölkerung (22 %) und 5. der Verarmung bzw. Unterernährung (20 %). Die weiteren signifikanten Nennungen stehen in engem Zusammenhang zu diesen Problemen, nämlich 6. der Mangel an entsprechenden Transportmitteln (18 %)sowie an 7. Mitteln zur Krankenversorgung (18 %), 8. der Mangel an Brunnen und an Investitionsmitteln (jeweils 15 %), 9. der Mangel an ausreichendem Vieh (11 %), 10. an geeignetem Boden für den Gartenbau und 11. an sinnvollen, arbeitsplatzschaffenden Projekten (jeweils 7 %). Einige Hirten nannten spezifische Probleme ihrer Arbeit, nämlich 12. die Bedrohung der Herden durch Schakale (7 %) 13. und die Gefährdung der Kamele durch die Verbreitung von (Raupen (4 %). Eine Sonderposition innerhalb der genannten Probleme betraf die Kel Timia als unmittelbare Verursacher selbst, nämlich 14. die zahlreichen Konflikte innerhalb der Gemeinde. Zum besseren Verständnis der Zusammenhänge wird mit der Darstellung der gegenwärtigen wirtschaftlichen Situation begonnen, gefolgt von den wesentlichen Bedrohungen der wirt- schaftlichen Grundlagen durch die Dürre, der Arbeitslosigkeit als Phänomen der Aus- schließung vom Wirtschaftssystem sowie der wesentlichen sozialen Probleme. Den Abschluss bilden die wichtigsten aktuellen Strategien der gegenwärtig in Timia vertretenen EZA-Orga- nisationen. 224 Die 45 Befragten verbringen durchschnittlich 7.8 Monate pro Jahr in Timia, wobei die Aufenthaltsdauer zwischen weni- gen Wochen im Jahr (z.b. während der Schulferien) und 12 Monaten variiert. Auch viele der befragten Nomaden verbringen nur wenige Wochen im Jahr im Dorf. 583 16.1 Die wirtschaftliche Lage der Kel Timia Eine objektive Einschätzung der wirtschaftlichen Lage der Kel Timia kann es nicht geben, doch auch eine Einschätzung nach dem subjektiven Empfinden der Betroffenen ist äußerst schwierig zu gestalten, da die Kel Ewey üblicherweise nicht über wirtschaftliche Belange zu sprechen pflegen. Über eine Notsituation zu klagen würde bedeuten, sich zu entblößen, sich als hilflos zu präsentieren, was dem Selbstverständnis der Menschen widerspricht. Auch spre- chen die Kel Timia nicht gerne über ihren tatsächlichen Besitz, da die öffentliche Kenntnis von Reichtum Neid und Zwietracht stiften könne. Insofern sind die im Folgenden genannten Zahlen nur als Richtlinie und nicht unbedingt wörtlich zu nehmen. Sie vermitteln aber doch eine gewissen Orientierung. Das jährliche Durchschnittseinkommen von 44 der 45 befragten Kel Timia 225 liegt bei 320.000 FCFA (480 €), das jährliche Pro-Kopf-Einkommen bei 39.000 FCFA (58 €) bei einer durchschnittlichen Familiengröße von 8,2 Personen, davon 4 eigene Kinder. Von den 45 Per- sonen beurteilten 20 Personen (45 %) ihre Versorgungslage als zum Überleben gerade ausrei- chend, 21 Personen (48 %) als nicht mehr ausreichend und nur 3 Personen (7 %) als sehr gut. Um ein „gutes Leben“ führen zu können, in dem mehr als nur die Befriedigung der Grundbe- dürfnisse möglich wären, wurde ein durchschnittliches Einkommen von 1,23 Mio. FCFA (1.850 €) angegeben, also etwas das 3,6-Fache des gegenwärtigen Einkommens. Hinter diesen Werten verbergen sich jedoch enorme Unterschiede innerhalb Vorstellungen der Menschen betreffend den jeweiligen Lebensstandards, die wirtschaftliche Lage und die Erwartungen an das „gute Leben“. 16.1.1 Die Lage der wichtigsten Berufsgruppen 16.1.1.1 Hirten Das geringste monetäre Jahreseinkommen unter den befragten Kel Timia beziehen Hirtinnen, die lediglich von ihren Ziegen leben. Es wurde sich auf 62.000 FCFA (95 €), wobei einige Hirtinnen über keinerlei monetäres Einkommen verfügen. Von dieser Lebensgrundlage muss zudem auch eine durchschnittlich 7,5-köpfige Familie, davon jedoch nur knapp 2 eigene Kin- der 226, miternährt werden. Somit steht den Hirtinnen umgerechnet ein jährliches Pro-Kopf- Einkommen von knapp 8.200 FCFA (12 €) zur Verfügung. Diese unvorstellbar geringe Sum- me lässt sich durch den noch sehr geringen Monetarisierungsgrad bzw. den hohen Selbstver- sorgeranteil der Nomaden erklären: Ihre Lebensgrundlage stellt immer noch weitgehend das Vieh dar. Die betreffenden Hirtinnen verfügen über durchschnittlich 17 Ziegen und 2,5 Ka- mele. Angesichts der Tatsache, dass Spittler die Durchschnittsgröße der Ziegenherden im 225 Nicht in die Wertung genommen wurde der aus Timia stammende und in Niamey stationierte Projektleiter Mano Aghali, der über ein – für Timia keinesfalls repräsentatives – Jahreseinkommen idHv ca 12 Mio. FCFA (18.000 €) verfügt. 226 Die geringe Kinderzahl erklärt sich daraus, dass drei der Hirtinnen kinderlos, weil zu jung oder nie verheiratet, waren. Nicht von ungefähr ist die Einsamkeit eines der größten Probleme der Hirtinnen. 584 Raum Timia mit 33 Tieren berechnet,227 zeigt dies dennoch, dass die ökonomische Situation der Hirtinnen extrem problematisch ist. Von den Hirtinnen beurteilten 2 ihre Versorgungslage als zum Überleben ausreichend, 4 hin- gegen als unzureichend. Dass diese Antworten eher von Zurückhaltung als von Offenheit ge- prägt waren, indiziert die Wunschvorstellung der Hirtinnen von einem guten Einkommen, das dem 6-fachen Wert ihres gegenwärtigen Einkommens entspräche, 228 und mit dem sie vor al- lem Ziegen zukaufen würden. Dies indiziert, dass sich die Nomaden in einer besonders schwierigen wirtschaftlichen Lage aufgrund viel zu kleiner Herden befinden, deren längerfris- tige Konsolidierung die zunehmende Trockenheit nicht mehr zuzulassen scheint. Vielmehr ist diese Gruppe am stärksten vom klimatischen Verschlechterungen betroffen. Dennoch wollte keine der Hirten seinen Beruf aufgeben, was jedoch zumeist mit mangelnden Sachkenntnissen begründet wurde. 16.1.1.2 Karawanier Etwas besser ist die Situation der Karawanier, deren Familien-Jahreseinkommen zwischen 75.000 und 300.000 FCFA (ø 210.000 FCFA, ca. 300 €) liegt. Umgerechnet auf die zumeist 8-köpfigen Familien (5 Kinder) beträgt deren Pro-Kopf-Einkommen rund 26.000 FCFA (39 €), also beträchtlich mehr als jenes der reinen Hirten. Zusätzlich verfügen die befragten Ka- rawanier auch noch über eine beträchtliche Anzahl an Ziegen (ø 16) und notwendigerweise auch an Kamelen (ø 6,5). Von den 7 befragten Karawaniern beurteilten 4 ihre Versorgungslage als zum Überleben aus- reichend, 3 hingegen als unzureichend. Auch hier gilt es, die Wirkung des „Eschek“ zu be- rücksichtigen. Dennoch dürfte es den Karawaniern besser gehen als den reinen Nomaden, da sie sich für ein „gutes Leben“ lediglich ein knapp doppeltes Einkommen wünschen würden. Dies würden sie in den Kauf von Kamelen und Ziegen investieren. Insofern herrschte unter den Karawaniern zum Zeitpunkt der Befragung eine relativ hohe Zufriedenheit, jedoch jen- seits jeglicher Euphorie. Immerhin käme für die Hälfte der Befragten ein anderer, lukrativerer Beruf in Frage. 16.1.1.3 Gartenbauern Die beliebteste Branche in Timia ist der Gartenbau. Von den befragten Gärtner übten 4 keinen Zweitberuf aus und bezogen ein Familien-Jahreseinkommen zwischen 125.000 und 400.000 FCFA (ø 340.000 FCFA, ca. 500 €). Umgerechnet auf die zumeist 9-köpfigen Familien (3,5 Kinder) beträgt somit das Pro-Kopf-Einkommen rund 40.000 FCFA (60 €), also um gut 50 % mehr als jenes der Karawanier. Auffällig ist hier auch die viel größere Schwankungsbreite der Einkommen, eine Folge der Hinwendung zur Gewinnmaximierung: Durch kapitalintensive Investitionen wie die Anschaffung von Motorpumpen können größere Felder bewässert und dadurch höhere Profite bei gleich großem Personalaufwand erzielt werden. Der eigentliche 227 Dies ergab eine Enquete im Jahr 1993; vgl. Spittler 1998, S. 431 f. 228 Prozentuell höhere Erwartungen hatten lediglich Händler (Boutiquiers) geäußert. 585 Wohlstand der Gartenbauer resultiert jedoch aus der Verbindung von Gartenbau mit der Wei- dewirtschaft, denn sie besitzen durchschnittlich 12 Ziegen und 4 Kamele, also annähernd so viel wie Karawanier, für die deren Vieh jedoch die wesentliche Lebensgrundlage darstellt. Die Zufriedenheit mit dem Einkommen war unter den Gärtnern am höchsten. Nur 1 Gärtner meinte, eigentlich zu wenig zum Überleben zu haben, einer beurteilte seine Lage sogar als sehr zufriedenstellend. Ihre „Gehaltsvorstellungen“ liegen beim 3-fachen Wert ihres gegen- wärtigen Niveaus. Damit würden sie vor allem ihren Viehbestand erweitern. 229 16.1.1.4 Handwerker (Enaden) Von den Interviews mit Handwerkern wurden wieder nur jene gewertet, die kein Nebenein- kommen als Gärtner, Hirte, Boutiquer o.a. beziehen. Schwerer zu trennen ist jedoch der Beru- fe des Handwerkers von jenem des „Chasse de touristes“, weil insbesondere die Schmiede mittlerweile längst in den Touristen ihr wesentliches Klientel gefunden haben. 230 Die 7 ge- werteten Personen beziehen ein Jahres-Einkommen zwischen 50.000 und 400.000 FCFA (ø 190.000 FCFA, ca. 300 €). Die Aussagekraft der hohen Schwankungsbreite wird hier durch die weit geringere Schwan- kungsbreite des Pro-Kopf-Einkommens zwischen 7.000 und 56.000 FCFA (ø 18.500 FCFA; entspr. knapp 30 € bei 10,3 Personen, davon 4,6 eigene Kinder) relativiert: Unter den Hand- werkern gibt es bereits sehr viel mehr junge Kleinunternehmer, die zwar insgesamt weniger verdienen, aber auch viel kleinere Familien versorgen müssen, während manche etablierte Schmiede zwar ein Jahreseinkommen von 400.000 FCFA erwirtschafte, damit aber 8 Köpfe versorgen müssen. Allerdings ist auch die Überlebensbasis vieler Handwerker zusätzlich durch die Hirtenwirtschaft abgesichert (ø 8 Ziegen, 1 Kamel). Bei der Messung der Zufriedenheit mit dem Einkommen zeigt sich bei den Handwerkern deutlich, dass sie ihr Verhalten nicht den Regeln des „Eschek“ unterliegt: Die Schmiede wa- ren mit Abstand die am wenigsten zufriedene Gruppe: 6 von 7 meinten, nicht genug zum Le- ben zu haben, während nur 1 sein Einkommen als ausreichend beurteilten. Dass diese hohe Unzufriedenheit unter den Schmieden mit ihrem schichtspezifischen Ethos zusammen hängt, indiziert der Umstand, dass sie lediglich ein 1,5-fach höheres „Wunscheinkommen“ nannten, das sie in Vieh und Arbeitsmaterialien investieren würden. Auch wollten 6 der 7 Schmiede ihren Beruf keineswegs aufgeben, lediglich einer würden gern eine Boutique eröffnen. Offen- sichtlich gehört es für Schmiede zum guten Ton, zu „jammern“. 16.1.1.5 Chasses de touristes „Chasses de touristes“, die fast nur noch vom Verkauf von Kunsthandwerk leben, gab es zur Zeit dieser Studie, 1999 noch relativ wenige. Die 5 befragten „Chasses“ verdienten zwischen 50.000 und 180.000 FCFA (ø 140.000 FCFA; 210 €) bei einem Pro-Kopf-Einkommen zwi- 229 Zu den Berufswünschen gab es keine signifikanten Antworthäufungen. 230 Näheres dazu siehe im Kap. über „Die wirtschaftliche Rolle des Tourismus in Timia/Die berufsgruppenspezifische Rolle des Tourismus//Die Kunsthandwerker“ 586 schen 20.000 und 90.000 FCFA (ø 30.000 FCFA; 45 €). Dieser hohe letzte Wert resultiert aus der kleinen zu versorgenden Familie von nur 2 Personen. Überhaupt ist auffallend, dass die Familiengröße der „Chasses“ mit 4,7 Personen bei 3 eigenen Kindern deutlich unter der Grö- ße der bisher betrachteten Berufsgruppen liegt. Dies liegt daran, dass die „Touristenjagd“ eher von relativ jungen Personen (ø 35 Jahre) betrieben wird. Der „Ausreißer“ des ungewöhnlich hohen Pro-Kopf-Einkommens von 90.000 FCFA (139 €) bedeutet übrigens nicht unbedingt „Reichtum“, denn einer so kleinen Familie von 2 Personen erwachsen im Gegenzug die Kos- ten mangelnder Synergieeffekte, da die Einkommensersparnisse durch die nicht-monetären Einkünfte von Familienmitgliedern wegfallen, die als Hirten oder Gärtner arbeiten: Die „Chasses“ sind in geringstem Maße durch traditionelle Wirtschaftselemente abgesichert, denn sie besitzen im Schnitt lediglich 1-2 Ziegen, kaum einer besitzt auch ein Kamel. Ähnlich wie bei den Schmieden ist auch bei den „Chasses“ die Unzufriedenheit mit der der- zeitigen Lage sehr hoch. Nur 2 „Chasses“ empfanden ihr Einkommen als ausreichend, wäh- rend 3 vorgaben, damit nicht wirklich leben zu können. Ihr Wunscheinkommen wäre dreimal so hoch wie ihr gegenwärtiges Einkommen. Die Situation der „Chasses“ ist freilich nicht sehr rosig: Ihr Einkommen ist relativ gering, vor allem aber erzielen sie dieses Einkommen binnen der wenigen Wochen der Saison, und selbst dies ist äußerst unsicher. Hinzu kommt die wachsenden Konkurrenz… 16.1.1.6 Boutiquiers Das höchste Einkommen innerhalb der Gemeinde lässt sich scheinbar durch Verkaufsstände erzielen. Das Jahreseinkommen der 4 befragten Boutiquers reicht von 100.000 bis zu 1 Mio. FCFA (ø 525.000 FCFA = 790 €), das Pro-Kopf-Einkommen von 10.000 bis 167.000 FCFA (ø 51.000 FCFA = 77 €). Weil diese Händler ihren Gewinn zumeist in neue Waren, aber auch in Vieh investieren, zählen sie auch zu den größten Viehbesitzern von Timia (ø 30 Ziegen und 7 Kamelen). Dass diese Gruppe dennoch kein signifikant höheres Pro-Kopf-Einkommen er- zielt, resultiert aus den beträchtlich größeren Familien der Händler, die zumeist mehr als 10,3 Köpfe, davon 5,5 eigene Kinder, zu versorgen haben. Hier kommt das im Niger sehr verbrei- tete Sozialnetz der Familie zum Ausdruck, wonach derjenige, der über ein entsprechend hohes Einkommen verfügt, auch entsprechend viele Familienmitglieder zu versorgen hat. Anderer- seits tragen diese Personen wiederum durch ihre Arbeitskraft als Hirten zum Familienreich- tum bei. Die Boutiquiers weisen auch den höchsten Kinderreichtum auf. Nach wie vor be- trachten viele der religiös geprägten Kel Timia Kindersegen als eine Form des Reichtums und insofern als eine „sinnvolle“ Investition. 231 Diesen Überlegung entsprechen auch die Umstände der „wohlhabendsten“ Person, auf die ich in Timia gestoßen war: Der „Chef de Groupement“, Daboun Taralou, verfügt über ein Ein- kommen von 2,3 Mio. FCFA (3.500 €), mit dem er 20 Köpfe, davon 9 eigene Kinder, zu ver- sorgen hat, was immer noch ein unerreicht hohes Pro-Kopf-Einkommen von 115.000 FCFA (170 €) bedeutet. Zudem zählen auch 40 Kamele und ungezählte Ziegen zu seinem Reichtum. Die Zufriedenheit der Boutiquiers ist relativ ausgewogen: 2 sind zufrieden, 1 sehr zufrieden, und 1 verdient zu wenig zum Leben. Eine extreme Abweichung weisen auch die Vor- stellungen vom „Idealgehalt“ auf, das 12,5 mal höher als das gegenwärtige Einkommen sein 231 In diesem Sinne antwortete mir Aliman Alhadj Moussa, ein 36 jähriger Karawanier, er würde Verhütungsmittel organi- sierten, um weiter Kinder zu verhindern, wenn sich seine wirtschaftlichen Verhältnisse nicht verbessern sollten. Sollte er jedoch reicher werden, so würde er noch 4 - 5 Kinder in die Welt setzen. 587 müsste. Dies würden die Boutiquiers vor allem in zusätzliche Handelswaren investieren und somit ihre Erfolgsstrategie vertiefen. Insofern strebt verständlicherweise auch kein Händler nach einem anderen Beruf. 16.1.1.7 Externe Einkommen: Lehrer Die abschließend erläuterten Berufe beziehen externe Einkommen: Sie werden nicht in Timia, sondern in der modernen urbanen „Welt“ erwirtschaftet, aber auch ausgegeben. Die Betref- fenden haben auf der Suche nach einem „besseren“ Leben ihren Lebensmittelpunkt bereits aus Timia ausgelagert. Dazu zählen - u. a. - zwei interessante Gruppen: die Lehrer und die direkt im Tourismus Beschäftigten. Der von mir befragte (kinderlose) Lehrer bezieht ein Jah- reseinkommen von 600.000 FCFA, wovon er jedoch 7 Personen versorgt. Dies entspricht ei- nem Pro-Kopf-Einkommen von 86.000 FCFA. Der in der Stadt Ingall unterrichtende Lehrer aus Timia hat allerdings viel höhere Lebenshaltungskosten als in Timia, was den Gebrauchs- wert des „ansehnlichen“ Einkommens beträchtlich relativiert. Auch betrachtet er sein Ein- kommen als zu gering, um davon leben zu können, was das 3-fache Einkommen voraussetzen würde. Für den Lehrer wäre auch ein Job als Reiseleiter äußerst erstrebenswert. 16.1.1.8 Touristiker Über das höchste Pro-Kopf-Familieneinkommen mit 122.000 FCFA (173 €) verfügen zwei Köche, die für Tagelmust V. in Agadez arbeiten: Ihr Jahresgehalt beläuft sich auf durch- schnittlich 550.000 FCFA (830 €), mit dem sie lediglich 4 bzw. 5 Personen 232 zu versorgen haben. Sie beurteilen ihre wirtschaftliche Situation ähnlich positiv wie die Händler: 1 Koch ist sehr zufrieden, 1 zufrieden. Dennoch hegen die Köche den 3. höchsten Einkommenswunsch nach den Händlern und den Hirten, denn erst ein 4-faches Einkommen könnte alle Wünsche befriedigen. Das Zusatzeinkommen würde für Investitionen in die berufliche Qualifikation genutzt werden, nicht dagegen in die traditionelle Wirtschaft. Diese Aussage verdeutlicht die starke Urbanisierung des Lebensstils der zwei jungen Männer, deren Lebensbasis fast völlig von Timia abgekoppelt ist. 16.1.1.9 Projektarbeiter In einer vergleichbaren Position wie Touristiker sind drei Projektarbeiter, die ebenfalls ein durchschnittliches Jahreseinkommen von 550.000 FCFA beziehen, damit jedoch 11,3 Perso- nen versorgen müssen. Damit sinkt das Pro-Kopf-Einkommen auf knapp 50.000 FCFA (74 €). Zudem verfügen die betreffenden über keinerlei Viehbestand. Ihre Zufriedenheit ist unter- schiedlich gegeben. 2 Projektarbeiter, die auf unteren Positionen und zudem nur vor- 232 Nur einer der beiden hat bereits zwei Kinder, die - wie auch die Mutter - in Niamey leben. 588 übergehend eingestellt sind, beurteilten ihre Lage als angemessen. 1 Person äußerte sich als sehr zufrieden. Dennoch wünschen sich diese Projektarbeiter ein 3,8-fach höheres Ein- kommen, das sie in Projekte wie Gärten investieren würden. Mein damaliger Assistent Aghali berichtete, während der Zeit seiner Tätigkeit für Gerd Spitt- ler durch die häufigen Reisen nach Deutschland durch Schmuckverkauf über 1 Mio. FCFA (1.500 €) verdient zu haben. Während der Rebellion habe er seine gesamten Ersparnisse ver- liehen und größtenteils nicht mehr zurück erhalten. Darum sei seine derzeitige Lage bei einem Jahreseinkommen von 400.000 FCFA für 8 zu versorgende Personen prekär. Erstrebenswert wäre ein 10-faches Einkommen, um seine Kontakte nach Deutschland zu revitalisieren. 16.1.1.10 Internats-Schüler Die relativ „ärmste“ Gruppe ist jene der höheren Schüler, die während des Schuljahrs in einer fremden Stadt, fern ihrer Familie, ihre gesamten Ausgaben mit einem Jahresstipendium idHv 36.000 bis 60.000 FCFA (55-90 €) bestreiten müssen. Teilweise gibt es zwar extern geförder- te Schüler-Kantinen, wodurch die Ernährung zum Teil gesichert ist, doch fehlt ihnen die Un- terstützung durch ihre Familie. Zudem sind die Anschaffungen für die Schule sehr aufwendig, und auch die Lebenshaltungskosten in den Städten signifikant höher als jene in Timia. Die zwei befragten Schüler beurteilten ihre Versorgungslage als zum Überleben ausreichend. Für ein „gutes Leben“, in dem man sich auch kleine Extrawünsche wie schöne Kleidung etc. erfüllten könnte, wäre jedoch das dreifache Einkommen nötig. Berufswunsch der Schüler war ein medizinisches Studium. 233 16.1.2 Lebenshaltungskosten in Timia Wie viel ist nun das Geld wert, das die jeweiligen Gruppen verdienen? Einer 10-köpfigen Familie fallen für die Finanzierung eines mittleren Lebensstandards folgende monatliche Kos- ten an: 234 233 Bei den Befragten handelte es sich um die zwei Geschwister Fatima und Aghali Isoufou, die aus einer intellektuellen Familie stammen und darum ihrerseits sehr gefördert wurden. Aghali konnte zwar nicht Medizin studieren, jedoch wurde er von Birgi Raffini als persönlicher ONAT-Sekretär eingestellt, als der er auch Projekte in Timia betreute. 2003 heiratete er Fatimata Aghali, die Tochter meines einstigen Assistenten, in Timia. Mittlerweile ist er bereits Vater… 234 Int. Aggag, UICN-Mitarbeiter in Iferouane, Oktober 1997. 589 Tabelle 13: Monatliche Versorgungskosten einer Kel Timia-Familie Budgetposten FCFA pro monatliche monatliche Jahreskosten Kg Kosten in Kosten in Euro FCFA in Euro 100 kg Hirse 130-200 235 13.000-20.000 20-30 244-360 20 kg Zucker 400 8.000 12 144 3 kg Tee 1.500-3.000 4.500-9.000 7-14 80-160 2-3 l Milch Eigenproduktion 0 0 0 0 30 kg Getreide 600 18.000 27 325 20 kg Mais 700 14.000 20 260 50 kg Reis 400 20.000 30 360 12 l Pflanzenöl 1.000 12.000 18 216 3 kg Salz 3000 900 CFA 1,5 18 Zwiebeln aus Eigenproduk- 0 0 0 0 tion Tomaten aus Eigenproduk- 0 0 0 0 tion Summe 9300 88.000- 132-150 € 1.600-1.800 € 100.000 Diese Aufstellung verdeutlicht, dass sich nur die wenigsten Kel Timia solchen „Luxus“ wie re- gelmäßigen Teekonsum oder Weizen leisten können, dass vielmehr die genannten Einkommen oftmals nur die Bezahlung der Hirse ausreicht. Zudem zeigt diese Auflistung, dass jemand ohne die Verflechtung mit der traditionellen Gartenbau- und Viehwirtschaft kaum über die Runden kommt. Dies gilt um so mehr für zusätzliche Ausgaben. Fleisch wird bei den Kel Timia ohnedies nur zu besonderen Anlässen, etwa am Ende der Fastenzeit, gegessen. Dann aber fallen die Kosten für den Kauf eines Schafs an, das um die 20-40 € kostet! Besonders belastend sind Hochzeiten oder Todesfälle, aus deren Anlass Feste zu organisieren sind. Dafür sind mehrere 100 Euro zu kalku- lieren. Ein besonders belastender Posten ist neue Kleidung. Erstrebenswert für einen Kel Timia wäre eine komplette Neueinkleidung anlässlich eines Festes. Für eine Frau würde dies 300-400 € kosten. Derartige Ausgaben sind nur durch Viehverkäufe zu finanzieren: Eine Ziege bringt 8-10 €, ein Kamel 200-300 €. Was bereits für die Deckung der Lebenshaltungskosten gilt, gilt für Investitionen im so mehr. Der Bau eines Brunnens, die Grundvoraussetzung für die Bewirtschaftung eines Gartens, kostet je nach Bodenbeschaffenheit zwischen 200 und 500 €. Mögen auch sämtliche Angaben über die Einkommen der Kel Timia beträchtlich untertrieben und die Aufstellung der Lebenshaltungskosten zu hoch veranschlagt sein, so wird dennoch deut- lich, dass das Leben für die Kel Timia keineswegs einfach und schon gar nicht von Luxus ge- 235 Der Hirsepreis ist entsprechend der Saison und der Ernte hohen Schwankungen unterworfen. 590 prägt ist. Letztlich gelingt das Überleben in Timia immer noch aufgrund eines komplexes Sys- tems der Solidarität und der gegenseitigen Hilfe, insbesondere in Ausnahmefällen und Krisensi- tuationen. Festzuhalten bleibt, dass die Entwicklung der Wirtschaft in Timia von einer dramatischen Diffe- renzierung innerhalb der Gesellschaft gekennzeichnet ist, wonach gewisse Gruppen durch er- worbenes, modernes Know-how und gezielte Investitionen ihren Wohlstand zu mehren ver- stehen, während gewissen Randgruppen zunehmend zu verarmen drohen. Für diese Randgrup- pen ist es aufgrund des Mangels an Kapital praktisch unmöglich, sozial aufzusteigen. 16.2 Dürre „Aman, iman“ „Wasser ist Leben“ (Tuareg- Sprichwort) 236 Die Lebenssituation der meisten Kel Timia ist nicht von gravierender Armut oder Hunger bedroht, solange es während der Regenzeit ausreichende Niederschläge gibt. 237 „L’eau est évidemment le problème central de toute région à vocation pastorale.“238 schreibt Bernus über die Bedeutung des Wassers, das in dieser semi-ariden Region der wertvollste Stoff überhaupt ist. Gerade in den vergangenen zwei Jahren wurde dieses Problem im Aïr wieder besonders deut- lich spürbar. In den Jahren 2001-2002 wurde ein markantes Niederschlagsdefizit verzeichnet. In manchen Tälern war zwei Jahre lang kein Tropfen Wasser gefallen, weshalb zahlreiche Nomaden auf der Suche nach intakten Weiden in den Süden des Aïr ziehen mussten, was die dortige Problematik der Überweidung verschärfte. Viele Nomaden mussten die Erkrankung oder gar den Verlust ihres geschwächten Viehs hinnehmen. Diese Dürreperiode ging einher mit der Austrocknung zahlreicher pastoraler Brunnen, deren Zahl für die Versorgung der Hirten schon unter normalen Bedingungen viel zu gering ist,239 mit einem signifikanten Anstieg der Lebensmittelpreise und sogar mit der drohenden Unter- versorgung mancher Nomadencamps mit Hirse. Sogar in Timia sank der Wasserspiegel in den Brunnen beträchtlich, weshalb sämtliche in der Region aktive NROs bereits vorkehrende Maßnahmen zur Bekämpfung von akuten Notfällen getroffen hatten. Die Organisation „Amis de Timia“ reagierte auf Moussana Alkabouss’ Hilferuf 240 mit der Be- reitstellung von subventioniertem Getreide und Viehfutter sowie mit dem verstärkten Bau von Brunnen in den Weidegebieten um Timia, aber auch in den Gärten und im Dorf Timia selbst. Die Wartung der drei von der gtz installierte, verschlossene Drehbrunnen zur Versorgung von 6.000 Menschen werden ebenfalls von den „Amis de Timia“ finanziert. Der Bau eines weiteren Drehbrunnens wurde im Oberlauf des Flussbetts mit 4.000 € finanziert. Damit sind nunmehr 700 Menschen des anliegenden Viertels mit sauberem Wasser versorgt. 241 236 Zit. in Bernus 1993:43. 237 Siehe allerdings unten das Problem der Unteernährung. 238 Zit. in Bernus 1993, S. 43. 239 Spittler (1998, S. 432) erfasste im Jahr 1993 auf einer Fläche von 2.500 km2 lediglich 26 Wasserstellen, d.h. eine Wasser- stelle für eine Fläche von 100 km2, an der im Durchschnitt an die 250 Ziegen zu tränken sind. 240 Les Amis de Timia 2003a, Web. 241 Les Amis de Timia 2003c, Web. 591 Aufgrund des enormen Bevölkerungswachstums soll jedoch im Laufe des Jahres 2004 das gesamte Wasserversorgungssystem des Dorfes Timia modifiziert und modernisiert werden, gemeinsam mit der geplanten Infrastruktur für die Entsorgung der längst zur kleinen „Stadt“ gediehenen Gemeinde. Dieses umfangreiche Projekt wird durch „Les Amis de Timia“, die Gemeinde von Louvrier, Timias Partnerstadt, der Regionalregierung von Rouen und dem französischen Außenministerium finanziert. 242 Letztlich hängt die Dürre wie ein Damoklesschwert über dem Dorf wie auch über der gesam- ten Region. Ich kann an dieser Stelle keine weiteren Überlegungen dazu anstellen, welche Auswirkungen vom Eintreffen einer neuerliche Dürre vom Ausmaß jener in den 80er-Jahren zu erwarten wären, weil sich die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Verhältnisse gegen- über damals grundlegend verändert haben. 243 Timia ist heute viel insbesondere durch „Les Amis de Timia“ viel stärker in ein internationales Solidar-System integriert als damals - mit all seinen Vor- und Nachteilen. 244 16.3 Arbeitslosigkeit und Bevölkerungswachstum Ein wichtiger Nebeneffekt dieser Brunnenbau-Aktivität ist auch die Beschaffung von sinnvol- len Arbeitsplätzen in der Region und damit auch der Schaffung von Einkommen. Die an Ka- pital arme Region weist ein enormes Defizit an Beschäftigungsmöglichkeiten auf. Dafür ur- sächlich ist die sinkende Aufnahmefähigkeit der traditionellen Viehwirtschaft als eine der Dürrefolgen. Dadurch wächst freilich der Bedarf an alternativen Einnahmequellen. Auf der Suche nach Arbeit wählt ein merklicher Anteil der Männer im Alter zwischen 15 und 40 Jahren den Weg nach Algerien und Libyen. So hatten einige der befragten Kel Timia nach dem Ausbruch der Rebellion, als die wirtschaftliche Situation in Timia besonders problema- tisch war, eine gewisse Zeit in Libyen zugebracht. Ein andere Strategie ist das Engagement im Tourismus als „Chasses de touristes“. Doch auch hier stößt die Aufnahmefähigkeit des Tourismusmarktes rasch an seine Grenzen. Als Reaktion auf die steigende Konkurrenz in diesem Sektor dehnen darum die „Chasses“ ihr „Opera- tionsgebiet“ immer weiter über die Grenzen des Dorfes hinaus. Wurden 1999 Kunst- handwerksprodukte aus der Region lediglich am Dorfbrunnen und am Guelta von Timia an- geboten, so verkaufen die „Chasses“ mittlerweile auch in Assode und sogar in Arakao, einige Hundert Kilometer von Timia entfernt.245 Eine nicht zu übersehende Ursache für den Mangel an traditionellen Arbeitsplätzen ist auch das überproportionalen Wachstum der Bevölkerung seit den 70er-Jahren. Bis zu dieser Zeit wies nur die sesshafte Bevölkerung, insbesondere die Nachkommen der Sklaven, ein hohes Wachstum auf, während die nomadischen Bevölkerung ein äußerst geringes bis negatives Wachstum verzeichneten, ein Phänomen, das nach der Ansicht Bernus unter allen Hirtenvölkern Afrikas verbreitet gewesen sei. 246 Seit Anfang der 70er-Jahre beschleunigte sich das Bevölkerungswachstum im Aïr durch eine - wenn auch nur geringfügige - Verbesserung der medizinischen Versorgung, was auch eine nicht unbedeutende Senkung der Kindersterblichkeit mit sich brachte. In der Folge vervielfachte sich 242 Vgl. Amis de Timia 2004, Web. 243 Vgl. dazu die ausführlichen Darstellungen von Spittler (1989, 1993) über den Umgang der Kel Timia mit Hungerkrisen. 244 Siehe dazu den Schlussteil dieses Kapitels. 245 Hinw. von Mano Aghali, PNUD-Konsulent, Agadez, Interview am 4.4.2001. 246 Vgl. Bernus 1993, S. 119. 592 die Bevölkerung des Dorfes Timia von 1000 auf über 6.000 Einwohner. Von dieser Veränderung weniger betroffen sind dagegen die Nomaden, deren Lager weit entfernt von Spitälern und Medikamentenstationen stehen. Hier hält sich das Bevölkerungswachstum weiterhin in Gren- zen. 16.3.1 Die Einstellung der Kel Timia zur Verhütung Angesichts des starken Bevölkerungswachstum befragte ich die Kel Timia auch zu ihrer Mei- nung über das Bevölkerungswachstum und zu möglichen Strategien dagegen. Das war auf- grund der starken religiösen Prägung der Kel Timia kein einfaches Unterfangen. Zudem sind Themen aus dem Bereich der Sexualität eher tabu. Dennoch ergab die Umfrage einige interes- sante Ergebnisse: Von 45 Befragten äußerten sich immerhin 36 Personen zu diesem delikaten Thema 247, davon 26 Männer und 10 Frauen. 1. Schwangerschaft als Entscheidung Gottes und insofern Schwangerschaftsverhütung als inakzeptablen religiösen Verstoß betrachteten sinngemäß 8 Personen (22 %), davon 6 Männer (23 %) und 3 Frauen (30 %). 2. Nicht eindeutig festlegen konnten sich 9 Personen (25 %), davon 7 Männer (27 %) und 2 Frauen (20 %), indem sie die Thematik als „schwierig“ beurteilten, weil ihrer Ansicht nach Verhütungsmittel von ihrer Religion und der Gesellschaft abgelehnt würden bzw. weil die Beschaffung von Verhütungsmitteln aufgrund gesellschaftlicher oder logisti- scher Umstände nicht leicht zu bewerkstelligen sei. 3. Eindeutig für Verhütungsmittel sprachen sich 20 Personen (56 %) aus, davon 14 Män- ner (53 %) und 6 Frauen (60 %). Die Frage, ob die Betreffenden damit einverstanden wäre, wenn ihre Partner Verhütungsmittel verwenden würden, beantworteten 32 Personen, davon 23 Männer und 9 Frauen. 1. Damit einverstanden erklärten sich 19 Personen (59 %), davon 13 Männer (57 %) und 6 Frauen (67 %). 2. Klar gegen Verhütung durch ihren Partner sprachen sich 13 Personen (41 %) aus, davon 10 Männer (43 %) und 3 Frauen (33 %). 3. Eine in sich widersprüchliche Haltung nahmen 4 Personen, 2 Männer und 2 Frauen, ein, indem sie einerseits die Verhütung als verboten beurteilten, sie andererseits aber auch für gut befanden. Religion ist zwar immer noch ein wichtiges Element der Verhaltensorientierung, verliert aber zunehmend an Bedeutung, während Verhütung zu einem immer wichtigeren Anliegen wird. Immerhin sprechen sich fast 3/5 der Befragten für Verhütung aus, während etwas mehr als 2/5 noch dagegen sind. Allerdings ist Verhütung noch kein gesellschaftlich akzeptiertes Thema, es wird vielmehr „hinter vorgehaltener Hand“ behandelt oder gar dem Partner überlassen. Ein signifikanter Unterschied zwischen den Positionen von Männern und Frauen lässt sich nicht herauslesen. 247 Von den 9 Personen, die keine Meinung zum Thema äußerten, wiesen vier Personen auf ihre Kinderlosigkeit hin. 593 Wohin die Entwicklung geht, lässt sich besser durch eine Analyse der Befragung nach Alters- kriterien verdeutlichen. Da der Altersdurchschnitt sämtlicher Probanden 39,8 Jahre beträgt, wurde zwischen Meinungen von („älteren“) Personen oberhalb und („jüngeren“) unterhalt dieser Altersgrenze unterschieden: 1. Schwangerschaft als Entscheidung Gottes betrachteten 5 ältere (63 %) und 3 jüngere Personen (37 %). 2. Nicht eindeutig festlegen konnten sich 4 ältere (44 %) und 5 jüngere Personen (56 %). 3. Eindeutig für Verhütungsmittel sprachen sich 7 ältere (35 %) und 13 jüngere Personen (65 %) aus. 4. Mit der Verhütung durch den Partner einverstanden erklärten sich 6 ältere (32 %) und 13 jüngere Personen (68 %). 5. Klar gegen Verhütung durch ihren Partner sprachen sich 8 ältere (62 %) und 5 jüngere Personen (38 %) aus. 6. Eine in sich widersprüchliche Haltung nahmen in beiden Altersgruppen gleich viele Personen ein. Hier zeigt sich ganz klar die größere Offenheit der jüngeren Generation gegenüber dem Ein- satz von Kontrazeptiva, während ältere Personen noch sehr viel stärker dem traditionellen Ethos und damit dem religiösen Traditionen verbunden sind. Werden 35 Lebensjahre als Al- tersgrenze herangezogen, so verdeutlicht sich der Trend unter den jüngeren Probanden noch viel stärker: Hier sprachen sich bereits mehr als Dreiviertel der Probanden für dem Einsatz von Kontrazeptiva aus. Souleyman, ein 23-jänriger Handwerker, Musiker und Chasse de tou- ristes, ist zwar bereits verheiratet, will aber derzeit aus Geldmangel und aus Liebe zu seiner Unabhängigkeit noch keine Kinder und verhütet darum. Dem entspricht auch meine Erfah- rung, dass ich in Timia wiederholt von jüngeren Personen um Kondome gebeten wurde. Viele Befragte antworteten mit wirtschaftlichen Argumentierten, wobei durchaus gegen- sätzliche Argumente verwendet wurden. Achmoudiou Archi, ein 67-jähriger Karawanier, lehnt Verhütung ab, weil nach seiner Erfahrung nur eine große Nachkommenschaft die Ernäh- rung der Eltern garantiere. Sinngemäß plädierte auch der 20-jährige Karawanier Rissa Arbas für eine viele Kinder, die einmal seine Karawane übernehmen würden. 248 Dagegen vertrat Dilliou Illias, eine 54-jährige Lederhandwerkerin den Standpunkt, viele Kinder seien zwar ein großer Wert; solange das Leben gut verlaufe, doch hätten kinderreiche Familien während ei- ner Dürre besonders große Probleme, was für die Verhütung spreche. Ähnlich argumentierte auch Machmud Illo, ein 38-jähriger, in Diaspora lebender Gärtner und Wächter eines gtz- Leiters in Tahoua: Gerade weil der Koran die entsprechende Versorgung, insbesondere die Erziehung und Bildung aller Kinder verlange, bei vielen Kindern aber die nötigen Mittel feh- len würden, sei eine Familienplanung unter Einsatz von Verhütungsmitteln die vertretbarere Vorgangsweise. 249 Klar positiv gegenüber der Verwendung von Kontrazeptiva sprachen sich die politischen Ver- antwortungsträger, der Dorfchef Mohamed ag Gabda sowie der Chef de Groupement Daboun 248 Gerade für Karawanier ist eine relativ große Zahl an Kindern und auch die gleichmäßige Anzahl von Töchtern und Söh- nen von großer Bedeutung für das optimale Funktionieren des Karawanen- und Hirten-Familienbetriebs (vgl. dazu Spittler 1998, S. 364 ff.) Allerdings meinte der 67-jährige Karawanier Hadda Imoumoumene, als Vater von 7 Kindern, von denen das jüngste 10 Jahre als sei, verstehe er das Bedürfnis der Leute nach Verhütungsmöglichkeiten. 249 In dieser Hinsicht besonders interessant war die widersprüchliche Argumentation von Aghali Imoumoumene, meinem 41- jährigen Assistenten, der auf das religiös bestimmte Verbot von Kontrazeptiva verwies, aber meinte, es sei in Ordnung, wenn seine Frau verhüten würde, solange er nichts davon wisse. 594 Taralou, aus. Mohamed wies jedoch auf die Probleme durch „Eschek“, das Schamgefühl, hin, das vielen Menschen verbiete, in der Apotheke nach Kontrazeptiva zu fragen. Insofern war es höchst an der Zeit, dass die „Amis de Timia“, die als Hilfsorganisation das Dorf auch mit Medikamenten versorgt und nunmehr auch mit einem Wasserver- und Ent- sorgungsprojekt auf die zunehmende Größe des Ortes reagiert, ihr Augenmerk nunmehr auch auf die Sensibilisierung der Bevölkerung für Verhütungsmethoden sowie die Versorgung der jüngeren Bevölkerung mit Verhütungsmitteln richten! 250 16.4 Versorgung von Kranken und Unterernährten 16.4.1 Die Krankenversorgung in Timia 16.4.1.1 Krankheiten Die häufigsten Erkrankungen der Kel Timia sind - insbesondere in der kalten Jahreszeit - Erkäl- tungen bzw. grippale Infekte, verbunden mit Kopf- und Bauchschmerzen sowie Durchfällen, da viele Menschen nur unzureichend mit warmer Kleidung ausgestattet sind. Karawanier leiden als Reisende besonders häufig unter Durchfällen, während unter Gärtnern, die oft lange mit den Fü- ßen im Wasser arbeitend, Bauchschmerzen stark verbreitet sind. Allgemein stark verbreitet sind Bindehautentzündungen infolge des Staubs und des grellen Lichts. 16.4.1.2 Infrastruktur Die Situation der Krankenversorgung der Kel Timia war bis vor wenigen Jahren höchst prob- lematisch, auf dem Land ist dies auch heute noch der Fall. Dort, in den Nomadencamps, sind traditionelle Heilmethoden oft die einzige Rettung. Doch auch die in Naturheilkunde hin- reichend geschulten Nomaden-Frauen leben sehr verstreut im Busch und sind darum in Not- fällen oft nicht erreichbar. Bei schweren Verletzungen oder Erkrankungen müssen die Betrof- fenen per Kamel nach Timia transportiert oder abgeholt werden. Dies wurde in jüngster Zeit durch die Anschaffung eines Krankentransportfahrzeugs erheblich erleichtert. 251 In Timia stehen zur Versorgung der Kranken und Verunfallten eine Krankenstation aus dem Jahr 1962 zur Verfügung, in der ein einziger Apotheker zuständig ist. Weiters existiert eine Entbindungsstation, der jedoch jegliches Gerät und Personal fehlen. Zur Verbesserung der Krankenversorgung wird nunmehr die veraltete und völlig überlaufene Krankenstation, insbe- 250 Vgl. Amis de Timia 2004a, Web. 251 Das Fahrzeug wurde durch die frz. Vereinigung Grain du Sable“ Anfang der Jahre 2000 gespendet (vgl. Grain de Sable 1999, Web). 595 sondere die Ambulanz und die Kinderstation, durch die „Amis de Timia“ ausgebaut und er- weitert. Zahnprobleme sind in Timia aufgrund des verbreiteten Zuckerkonsums in Form von stark gesüßtem Tee sowie aufgrund der mangelnden Zahlpflege epidemisch. Bislang konnten Zahnbehandlungen nur in Arlit und Agadez durchgeführt werden. Seit kurzem wurde nun von den „Amis de Timia“ ein ambulanter Dienst in Timia eingerichtet, indem alle paar Monate ein Kieferchirurg aus Agadez für einige Tage nach Timia geholt wird. 252 Patienten mit besonders schweren Verletzungen müssen nach wie vor in die Hospitäler ins 220 km entfernte Agadez oder Arlit (250 km) transportiert werden. Zu diesem Zweck wurde erst kürzlich eine 600 Meter lange Flugpiste für kleine Transportflugzeuge fertig gestellt. Weitere zwei Pisten wurden in den umliegenden Weidegebieten gebaut. 253 Eine Benachrichtigung von Rettungsdiensten war bis zum Jahr 2000 unmöglich, da das staat- liche Postamt seit 1992 aufgrund der Rebellion und aufgrund des mangels an Ersatzteilen für die Sendestation geschlossen ist. Seit dem Jahr 2000 betrieben die Entwicklungshelfer der Organisation „Première Urgence“ im Nachbarort Tazelot ein Satellittelefon für die gtz- Mitarbeiter. Nunmehr haben die „Amis de Timia“ ein fixes Satellittelefon und -fax zur Kom- munikation mit dem ASF-Sitz in Louvrier, Frankreich, installiert, wodurch erstmals sofort auf Notfälle reagiert werden kann. Pharmazeutische Versorgung Die Versorgung mit Medikamenten funktionierte bislang auf drei Schienen. 1. Das staatliche Gesundheitssystem versorgte die lokale Apotheke mit subventionierten Medikamenten, die den Patienten gegen geringes Entgelt ausgehändigt wurden. Mit den Einnahmen wurde der Nachschub finanziert. Dieses System weist einige Schwächen auf: o Besonders arme Familien konnten sich nicht einmal diese Medikamente leisten. o Das Angebot umfasste nur einen gewissen Grundstock an den wichtigsten Medika- menten. o Infolge der dauernden Finanzkrise des Staates wird dieses System zunehmend unver- lässlicher, da die Nachversorgung nicht mehr gesichert ist. 2. Durch den Tourismus entstand ein inoffizielles System mit gespendeten Medikamenten, die dann kostenlos vom Apotheker verteilt werden können. 254 Auch dieses System ist äu- ßerst problematisch. o Die Nachversorgung ist willkürlich und damit völlig ungesichert. 252 Im Zuge des letzten Aufenthalts des Arztes Abdulaye Aboubakar im Jahr 2004 wurden einige hundert Patienten binnen 5 Tagen behandelt (vgl. ebd). 253 Die Arbeiten wurden durch die „Amis de Timia“ gemeinsam mit der deutschen gtz und der französischen Organisation „Aviation sans Frontière“ (ASF)“ (Piloten ohne Grenzen) finanziert und durchgeführt (vgl. ebd.; vgl. auch Aviation sans frontiers 2001, Web). 254 Neben den „Amis de Timia“ hat auch die Vereinigung „Grain du Sable“ Ende der 90er-Jahre mehrere hundert Kilogramm Medikamente an Timia gespendet (vgl. Grain de Sable 1999, Web). Seit meinem ersten Besuch in Timia hatte ich bei jedem Besuch größere Mengen an Medikamenten an den Apotheker übergeben. 1997 wollte mich noch die damalige Reiseleiterin Eva Gretzmacher mit dem Argument davon abbringen, der Apotheker von Timia würde die Medikamente auf eigene Rech- nung verkaufen, doch konnte mich letztlich mein Fahrer, der UICN-Mitarbeiter Aggag, von der Kompetenz und Ehrlichkeit des damaligen Apothekers, Ibrahim Saidi überzeugt. Im Jahre 2000 hatte mein Vater, Prof. Günther Friedl, im LKH Klagen- furt eine umfassende Medikamentensammlung für Timia organisiert. In den Folgejahren konnte ich dem Apotheker ganze Kisten mit ausgesuchten Medikamenten übergeben, die u. a. auch von den Teilnehmern meiner Reisegruppen gespendet wurden. An dieser Stelle danke ich besonders Herrn Dr. Thomas Schreiner, der mir bei der Systematisierung und Überset- zung der Medikamente im Jahr 2003 großartige Hilfe geleistet hatte. 596 o Wegen der geringen Kosten besteht unter den Patienten der Trend zu Medikamen- tenmissbrauch und -verschwendung . o Die größte Gefahr liegt jedoch in einer willkürlichen Verteilung von Medikamenten durch Touristen. 255 3. Schließlich haben Hilfsprojekte an die Krankenstation gezielt Medikamente gespendet, die kostenlos vergeben werden. So haben die „Amis de Timia“ im Jahr 2003 Medikamen- te im Wert von 420 Euro für die Notfallstation über die „Pharmaciens sans frontières“ an- geschafft. Weil auch dieses System gewisse Schwächen aufweist, wurde im Jahr 2003 das Versorgungs- system von den „Amis de Timia“ in Richtung einer Art „Versicherung auf Gegenseitigkeit“ mit dem Ziel reformiert, einer größeren Bevölkerungszahl Zugang zu Gesundheitsversorgung zu ermöglichen und zugleich das System zu rationalisieren bzw. die Missbrauchsverluste zu reduzieren. Seither werden in Timia und dem Nachbardorf Tazelot von 470 Familien à 10-20 Personen 500 FCFA (76 Cent) pro Trimester für dieses „Versicherungssystem“ eingesam- melt. Auf diese Weise wurden bislang mehr als 10.000 Personen in dieses System integriert. Für eine Behandlung sind nunmehr vom Patienten nur noch 50 % der Medikamentenkosten zu tragen, während die übrigen Kosten von der „Sozialversicherung“ gedeckt sind. Von den „Amis de Timia“ wurde dieses System seit August 2003 mit rund 2.000 € subventioniert, um die Anlaufschwierigkeiten abzufedern, während von den „Versicherten“ rund 350 € aufge- bracht wurden. Diese Neuerung, die von der Bevölkerung höchst positiv aufgenommen wur- de, wird als großer Erfolg beurteilt, was sich an der gestiegenen Zahl der Patienten zeigt: Zu- vor kamen ließen sich lediglich 600 Patienten pro Trimester behandeln, während sich nun- mehr 1120 Patienten die Behandlung leisten können. 256 16.4.1.3 Prävention Aufgrund der extremen Lebensbedingungen haben die Kel Timia nur geringe Möglichkeiten der aktiven Prävention. Eine der wenigen Möglichkeiten besteht in der Vitaminversorgung, die ge- genwärtig durch die Dattel einigermaßen gewährleistet wäre.257 Leider werden die an Vitaminen reichen Zitrusfrüchte, die in Timia seit mehr als zwanzig Jahren kultiviert werden, kaum konsu- miert. Für viele sind diese Anbauprodukte unerschwinglich. 258 Zu den besonders wichtigen prophylaktischen Maßnahmen zählen Impfaktionen zur Verhin- derung von Epidemien. Vor Jahren hatten Rötel-Epidemien unter den Kel Ewey noch zahlrei- che Todesopfer gefordert. Auch neue Polio-Fälle, vor einigen Jahren keine Seltenheit, konn- ten durch Impfungen unterbunden werden. Im Jahr 2003 wurden auf Initiative des Apothekers Issaka Abo mit Hilfe der „Amis de Timia“ 170 Nomaden-Kinder der abgelegenen Camps gegen Tetanus und Röteln geimpft. 255 Siehe dazu das Kap. „Fazit: Probleme durch Tourismus/Soziokulturelle Auswirkungen des Tourismus/Medikamente und medizinische Hilfeleistungen“ 256 Vgl. Amis de Timia 2004a, Web. 257 Die Dattel ist Teil der außerdem aus Hirse und Ziegenkäse bestehenden Hirtenspeise „Eghale“, das, zu einer Masse ge- stampft und mit Wasser angerührt, häufig eingenommen wird. 258 Eine Orange kostet 150 FCFA (23 Cent). 597 Die gegenwärtigen Aktivitäten der „Amis de Timia“ zielen besonders auf die Sensibilisierung der Bevölkerung für einen bewussten und sparsamen Medikamentenverbrauch, für eine ge- sundheitsbewußtere Ernährung, für Verhütung und Hygienevorkehrungen. 259 16.4.2 Versorgung von Unterernährten Hungersnöte sind seit der großen Dürre von 1985 in Timia keine mehr aufgetreten. Dies ist freilich auch die Folge zahlreicher Initiativen zur Vorkehrung gegen klimabedingte humanitä- re Katastrophen. So wurde in Timia eine Getreidebank mit 80 Tonnen Hirse eingerichtet, um der Bevölkerung in der Endphase der Trockenzeit die Versorgung zu sichern. Neben solchen temporären Versorgungsproblemen bestehen in Timia auch solche, die die ärmsten Bevölkerungsteile permanent betreffen. Der Kampf gegen Unterernährung von Kin- dern war stets ein besonderes Anliegen der „Amis de Timia“. In drei Rehabilitationszentren wurden 2003 an die 200 unterernährte Kinder mit einem Spezialgericht, bestehend aus Hirse, Erdnussmehl, Zucker und Palmöl wieder „aufgepäppelt“. 260 16.5 Schulen Das Verhältnis der Kel Timia gegenüber der Schule war viele Jahre von starker Ablehnung ge- prägt. Zudem wurde auch erst zu Beginn der 60er-Jahre eine Grundschule in Timia errichtet. Von den 45 Befragten, deren Durchschnittsalter bei 40 Jahren liegt, hatten mehr als die Hälfte niemals eine Schule besucht. Etwa die Hälfte der Analphabeten erklärte dies mit dem Hinweis auf die damals mangelnden Möglichkeiten. Die andere Hälfte der Analphabeten erklärte ihre Situation mit dem Hinweis auf die traditionelle Integration der Kinder in die Wirtschaft als Zie- genhirten auf den Weiden, wodurch ein Schulbesuch vollends verunmöglicht wurde. Einige Frauen wiesen auch darauf hin, dass zumeist ein Sohn in die Schule geschickt wurde, wenn sich Eltern überhaupt zum Schulbesuch eines ihrer Kinder entscheiden konnten, während die Mäd- chen für die Ziegenhaltung oder die Hausarbeit zurückgehalten wurden. 261 Dies wird zum Teil auch heute noch so gehandhabt. Sogar mein Assistent Aghali, der aufgrund seiner vielfältigen Arbeiten für Entwicklungsprojekte stark von westlichem Denken geprägt ist, schickte von sei- nen drei Töchtern nur seine jüngste in die Schule, während die älteste im Haushalt half und eine Tochter ihre Mutter beim Ziegenhüten unterstützt. 262 Diese Haltung ändert sich erst seit dem Ende der Rebellion, und dies vor allem unter den Be- wohnern des Dorfes, wo den Kindern auch die konkrete Möglichkeit des Schulbesuchs gege- ben ist. Einer der wesentlichen Gründe für diese Haltungsänderung der Kel Timia liegt auch in der zunehmenden Verbreitung der Hoffnung, durch schulisches Wissen die Chancen auf ein besseres Leben zusteigern. Immerhin bekannten 16 der 23 Personen ohne Schulbildung, dass sie gerne eine Schule besucht hätten, und 12 von ihnen erklärten dies mit dem Hinweis 259 Vgl. Amis de Timia 2004a, Web. 260 Vgl. ebd. 261 Gardi (1971, S. 216) berichtete in den 70er-Jahren davon, dass sogar mancher Lehrer seine Töchter nicht zur Schule schickte und dass gegen Ende der 60er-Jahre in vielen Nomadenschulen noch kein einziges Mädchen saß. 262 Aghali ist bereits zum 3. Mal verheiratet. 598 auf Chancenverbesserung. Unter den Nomaden herrscht jedoch immer noch ein gewisser Wi- derstand dagegen, ihre Kinder für den Unterricht über Monate hinweg aus der Familie in die Obhut der Dorfbewohner zu entlassen. Gegenwärtig gibt es in Timia sechs Klassen der Grundschule, in der 180 Schüler unterrichtet werden, sowie zwei Klassen der Koranschule, in der den rund 40 Schülern neben dem Koran nach dem selben Lehrplan wie in der französischen Schule unterrichtet wird, jedoch auf Ara- bisch. Die wesentlichen Probleme der Schule liegen in der Versorgung mit Materialien jeder Art, ob Decken für die kalten Nächte, ob Möbeln, Schreibgeräte oder Unterrichtsbücher. Die Schulkantine, in denen die Kinder einmal pro Tag eine warme Mahlzeit bekommen, wurde bis Ende der-Jahre 2000 von der internationalen Organisation PAM finanziert. 263 Seit dem Aus- laufen dieser Aktion ist es insbesondere für viele Nomadeneltern weitgehend unmöglich ge- worden, die Ernährung ihrer Kinder während des Schuljahrs zu finanzieren. Dies führte wie- der zu einem gewissen Rückgang der Alphabetisierungsquote, die derzeit bei 15 - 20 % liegt. 264 Darum liegt die Stoßrichtung der Hilfe der „Amis de Timia“ in erster Linie in der Versorgung der Schule mit Möbeln und Kleidung. Schulmaterialien werden gelegentlich auch von Touris- tengruppen gespendet. 265 Das nächste größere Projekt der „Amis de Timia“ ist die Errichtung eines Kollegs in Timia, um den Kandidaten für eine höhere Schulbildung den langen Aufent- halt in Arlit oder Agadez, fern von ihren Familien, zu ersparen. Dies war in der Vergangen- heit eine der häufigsten Gründe für die hohe Drop-out-Quote von höheren Schülern. Darüber hinaus unterstützen die „Amis de Timia“ die höhere Bildung einzelne Schüler durch Stipen- dien oder die Finanzierung von Inskriptions-, Schul- und Prüfungsgebühren. 266 Ein Projekt, das bislang die Lehrer in Timia zwar begeistern konnte, aber noch nicht realisiert wurde, ist die Erweiterung des Schulunterrichts auf die Sprache Tamaschek. Eine entspre- chende Initiative hatte der deutsche Schriftsteller Edgar Sommer gestartet, indem er offizielle Schulbücher in Abstimmung mit den nigrischen Schulbehörden von Tuareg-Lehrern ins Ta- maschek übersetzen ließt und, finanziert von der Niedersächsischen Lottostiftung - über sei- nen Cargo-Verlag vervielfältigte. Die Schulbücher, die bereits an zahlreiche Schulen im Aïr ausgeliefert wurden, 267 wären auch eine echte Chance, um erwachsenen analphabeten Tuareg das Lesen beizubringen. 16.6 Innere Konflikte Wer nach Timia kommt und dort einige Tage oder auch Wochen verbringt, erlebt das Dorf als einen Hort der Idylle, ein ruhiges, friedliches Paradies, in dem die Welt noch in Ordnung ist. Doch schon vor meinem Forschungsaufenthalt in Timia hatte mich von Moussana Alkabous, der nigrische Präsident der „Amis de Timia“, davor gewarnt worden, mich im Zuge meiner Befragungen auf die Intrigen und Dissonanzen innerhalb der Dorfgemeinschaft einzulassen; nur die nötige Distanz würde mich vor der enormen Manipulation der Leute bewahren. 268 263 Vgl. Ouzani 1997, S. 6 f. 264 In Agadez liegt sie etwa bei 40 %. 265 Dies war jedenfalls mit meiner Kneissl-Touristik-Gruppe im Jahr 2003 und 2004 der Fall. 266 Vgl. Amis de Timia 2004a, Web. 267 Vgl. Sommer 2002a, Web. 268 Moussana Alkabous, Agadez, 26.10.1999. 599 Auch Spittler betont, dass in Timia im Gespräch mit Außenstehenden „häufig die Gemein- schaft und Solidarität beschworen (wird). Man weist nicht gern auf Konflikte hin“. Vielmehr werde stets eine „offizielle Linie“ der Geschlossenheit vertreten, 269 weshalb auch Fragen nach Familienkonflikten bei den Kel Timia als tabu gelten.270 Hinter dieser Kulisse der Harmonie ist das gegenseitige Misstrauen groß, weshalb jeglicher Reichtum möglichst voreinander ver- borgen werde – aus Angst vor dem „bösen Blick“ oder der „bösen Zunge“ (togershet). Darum kehren die Leute mit ihrer Karawane auch grundsätzlich nur nachts heim, um dann die Waren im Schutz der Dunkelheit abladen zu können. 271 Erst nach einigen Wochen des Aufenthalts in Timia nahm ich die ersten Anzeichen von Span- nungen der scheinbar so konkordanten Dorfgesellschaft wahr: Als Ende November 1999 das von den „Amis de Timia“ renovierte „Fort Massu“ hoch über dem Dorf feierlich eröffnet und zu Ehren von Michel Bellevin ein Fest veranstaltet wurde, verweigerten die Repräsentanten der UNIRD die Teilnahme am Fest. Die Parteien stellen heute die wesentlichen Strukturen der Konflikt dar, die zur Durchsetzung persönlicher oder gruppenspezifischer Interessen ausge- tragen werden. Folglich werden auch wesentliche Ressourcen wie Hilfsprojekte durch die Parteien instrumentalisiert. Darüber hinaus wurde ich durch meinen Assistenten Aghali auf die problematischen Kon- flikte im Dorf wiederholt hingewiesen. Auch der junge ONAT-Sekretär Aghali Isoufou aus Timia beklagte sich mir gegenüber, dass die Konflikte in Timia sehr viele Potentiale lahm legen würden. 272 Die Aussagen dieser Informanten sind insofern interessant, als sie im Wider- spruch zu Spittlers Erfahrungen hinsichtlich des Informationsverhaltens der Kel Timia Au- ßenstehenden gegenüber stehen. Offensichtlich dürfte das Tabu des Konfliktthemas innerhalb der jüngeren Generation bereits aufbrechen. Nach Ansicht von Assalek Ibrahim, des EZA-Verantwortlichen der Organisation „Premier Urgence“, wurden Konflikte früher über die Familienzusammengehörigkeit und durch den Einfluss der Marabus, der religiösen Führer, kanalisiert und neutralisiert. Diese Mechanismen seien jedoch durch die Rebellion mit den verschiedenen Fronten und schließlich durch die verschiedenen Projekte und die Parteien substituiert bzw. verdrängt worden. So habe die sozi- aldemokratische PNDS die „Amis de Timia“ vereinnahmt, während sich die UNIRD von Bir- gi Raffini über dessen Organisation Onat in Timia festsetze. Der Konflikt zwischen diesen beiden Gruppen hat dazu geführt, dass letztere aus der PNDS-dominierten Kooperative austrat und eine oppositionelle Kooperative gründete. 273 Ziel der Angehörigen der jeweiligen Schlüsselgruppen sei nach Ansicht des „Premier Urgen- ce“-Mitarbeiters Assalek möglichst die Vereinnahmung ökonomischer Schlüsselstellen. So könnte es durchaus sein, dass etwa die Hochzeit des Onat-Sekretärs Iousoufa mit Fatimata, der Tochter Aghali Imoumoumenes, durch letzteren dazu instrumentalisiert werden könnte, Einfluss auf die Onat-Projekte in Timia zu erlangen. Ähnliches geschehe nunmehr auch durch die verschiedenen Reiseagenturen, die sich und ihr Klientel in Timia zu etablieren versuchten, um auf diesem Weg ihre Einflussbereiche zu stärken und die persönlichen Profite zu maxi- miere. 274 269 Spittler 1998, S. 22. 270 Vgl. Spittler 1998, S. 63. 271 Diese Erfahrungen machte ich auch am Ende meiner beiden von Timia ausgehenden Expeditionen. 272 Vgl. Aghali Isoufou, Int. Agadez, 5. 4. 2001. Der junge Mann ist interessanterweise der Schwiegersohn meines Assisten- ten Aghali und Sekretär des vormals Baré-nahen Unternehmer und Direktor der ONG „Organisation pour la Nature“. 273 Vgl. Aghali Isoufou, Onat-Sekretär, Agadez, 5. April 2001. 274 Hinw. von Assalek Ibrahin, Agadez, März 2001. So besteht etwa eine langjährige Verbindung zwischen dem Großgärtner Souley Yakouba, dem erfolgreichsten Gärtner in Timia, und einigen Agenturen, insb. Tidene Exp., eine Beziehung, die noch aus Mano Dayaks Zeiten herrührt. Durch diese Beziehung pflegen diese Agenturen mit ihrem Klientel in Souleys Garten zu nächtigen, wodurch der übrigen Gemeinde Einkommen entgeht. 600 Wie sehr die verschiedenen Gruppen bemüht sind, Schlüsselpersonen von Projekten zu in- strumentalisieren, verspürte Assalek als gebürtiger Kel Timia und Verantwortlicher von „Premier Urgence“ am eigenen Leib. Doch um in der Projektarbeit eine von allen Seiten ak- zeptierte und anerkannte Arbeit zu leisten, bedürfe es größter emotionaler Distanz, weshalb Assalek den Kontakt so weit als möglich zum Ort mied. Darum sei auch ein Jahr der „Premier Urgence“-Projektarbeit in Timia allein dafür notwendig gewesen, um die verschiedenen Inter- essensgruppen und -untergruppen innerhalb der Dorfbevölkerung zu identifizieren und deren Strategien zu durchschauen. Die größte Schwierigkeit dabei habe im Aufbau einer Vertrau- tenbasis bestanden, weil innerhalb der Kel Timia ein großes Manko an Vertrauen bestehe. Die große Gefahr bei EZA-Projekten bestehe darin, von dominanten Akteuren zu deren eige- nem Vorteil zum Preis der Benachteiligung schwächerer und bedürftigerer Bevölkerungs- gruppen instrumentalisiert zu werden, wodurch die wichtigsten Bedürfnisse, etwa die drin- gende Reparatur eines Brunnens, unterdrückt werden können. Auf diese Weise können gut gemeinte, aber unreflektierte Interventionen ohne die Kenntnis der herrschenden Machtstruk- turen ungewollt zur Förderung von Konflikten beitragen. 275 Wesentlich bei externer Hilfe sei darum der Aufbau einer Beziehung der Gleichwertigkeit, indem der Begünstigte auch seinen Beitrag leiste. Auf diese Weise werde er gegenüber dem Unterstützenden nicht bloß als Neh- mender, sondern als Partner betrachtet. Dadurch werde ein wesentlicher Beitrag zur Vertrau- ensbildung innerhalb eines Klimas des Misstrauens geleistet. 276 Von ähnlich problematischen Erfahrungen berichtete auch der aus Timia stammende Direktor von Tagelmust V., Aha Isoufa. Um nicht in die herrschenden Konflikte der „Mafia in Timia“ involviert zu werden, deren Mitglieder nur an ihrem persönlichen Nutzen interessiert wären, würde er niemals seinen Urlaub in Timia verbringen. 277 16.6.1 Tourismus als Konfliktkatalysator? Es liegt in der Natur der Sache, dass durch die Eröffnung neuer Ressourcenquellen Konflikte um deren Nutzung entstehen: Weil sich im Tourismus primär jene durchsetzen können, die bereits über einsprechendes Wissenskapital in Form von interkulturellen Kompetenzen verfü- gen, führt Tourismus tendenziell zu einem Ausschluss breiter Bevölkerungsgruppen von die- ser Einkommensquelle. Dadurch wird jedoch soziale Ungleichheit verstärkt, was soziale Spannungen fördert. Vor allem werden auch besondere Begehrlichkeiten geweckt, weil Tourismus den Eindruck von der Beziehbarkeit schier unerschöpflicher Ressourcen erweckt. Dies zeigte sich am Bei- spiel von Achmed Hadda, dem Präsidenten der Schmiedekooperative, der die Umgestaltung des „Fort Massu“ blockieren wollte, bis ihm endlich garantiert wurde, dass die Schmiede ihre Verkaufsstände im Fort aufstellen dürften. Dahinter stand dessen Befürchtung, den Schmie- 275 Häusler (2004, S. 150 f.) kritisiert an den meisten „Community-based Tourism“-Projekten, dass von den Projektbetreibern die - zwangsläufige - Inhomogenität der Interessen innerhalb einer Gemeinde in der Gemeindeentwicklung häufig „sehr stark bis völlig vernachlässigt“ werde. Vielmehr bauen solche touristischen Gemeindeentwicklungsprojekte häufig auf dem „Ideal- bild einer konflikt- und hierarchiefreien Gemeinschaft“ auf, was in der Folge häufig zur Überforderung der - meist - westli- chen Projektinitiatoren führt, oder aber zu deren Ignoranz der Konfliktproblematik. Zum grundsätzlichen Problem der Ent- wicklungszusammenarbeit als „Entwicklungshindernis“ durch Förderung von Konflikten vgl. Grünberg 2000, S. 93 ff. 276 Vgl. Assalek Ibrahin, Agadez, März 2001. 277 Vgl. Aha Iousoufa Tagelmust, 27.3.01 601 den würden beträchtliche touristische Einkommen entgehen, wenn sie nicht selbst den Ver- kauf ihrer Produkte im Fort Massu kontrollieren würden. 278 Freilich gab es in Timia auch schon vor der Entfaltung des Tourismus und vor der Entstehung von Parteien wiederholt innere Streitigkeiten um die Verteilung der vorhandenen Ressour- cen. 279 Die Geschichte hat gezeigt, dass es wieder einer äußeren Autorität in Gestalt des Sul- tans bedurft hatte, um immer wieder auftretende innere Streitigkeiten zu schlichten. 280 Inso- fern bedarf jegliche Aktivität zur nachhaltigen Nutzung des Tourismus in Timia einer ent- sprechenden Vertrauensbasis und entsprechender Strukturen, um einem möglichst breiten Bevölkerungsanteil zugute zu kommen und möglichst wenig Anlass zu zusätzlichen Kon- flikten zu bieten. 281 16.7 „Entwicklungshilfe“ in Timia: die „Amis de Timia“ Einige der Organisationen, die in Timia tätig waren oder noch aktiv sind, ob gtz, Premier Ur- gence, Onat und viele andere, wurden bereits genannt. Jene Vereinigung, die dem Dorf wohl das sichtbarste Siegel aufgedrückt hat, ist zweifellos „Les Amis de Timia“. Diese Vereinigung wurde im August 1997 vom Franzosen Michel Bellevin und dem nigrischen Counterpart, Moussana Alkabous, mit dem Ziel gegründet, sowohl die traditionelle Wirtschaft als auch die notwendige Befriedigung der neu entstehenden grundlegenden Bedürfnisse zu unterstützen, wie in diesem Kapitel anhand zahlreicher Beispiele bereits aufgezeigt wurde. Zu den bislang nicht erwähnten Aktivitäten im Bereich der Förderung der traditionellen Wirt- schaft zählten die finanzielle Unterstützung der Käufe von Zugtieren für Gartenbauern, die Aufstockung von Ziegenherden, die Ausstattung der Ziehbrunnen in den Gärten mit Rollen zur Erleichterung des Bewässerungsvorgangs, die Versorgung der Gartenbauern mit Saatgut, die finanzielle Unterstützung des Salzkaufs der Karawaniers. 282 Zur Vermeidung von Konflikten und auch aufgrund der logischen Verbundenheit der umlie- genden Gemeinden wurden die Aktivitäten der Vereinigung schrittweise immer mehr ausge- dehnt und umfassen mittlerweile sieben weitere Siedlungen und sämtliche umliegenden No- madencamps bzw. eine Gesamtbevölkerung von 20.000 Menschen. In den Jahren wurde sogar auch die 250-Seelen-Oase Aney im Kawar, wo die Timia-Karawaniers ihre Datteln zu kaufen pflegen, durch die „Amis de Timia“ mit der Versorgung mit Medikamenten unterstützt.283 Die zu realisierenden Projekte werden in Absprache mit den lokalen Autoritäten und der Be- völkerung von Timia ausgewählt und umgesetzt. Außer für Gesundheitsprojekte hat sich jede Person, der eine Hilfeleistung zugute kommt, eine Eigenleistung idHv 30 % der anfallenden Kosten in Form von Ratenzahlungen zu erbringen. Diese Rückzahlungen fließen in einen Fonds für die Unterstützung der ärmsten Familien des Dorfes sowie für die Finanzierung der Evakuation von schwer Erkrankten und Verunfallten nach Agadez. 278 Näheres dazu im Kap. „Potentielle Tourismusentwicklung in Timia: Vier Testprojekte/Die Errichtung einer Herberge im Fort Massu“. 279 Vgl. Spittler 1993, S. 244 ff. 280 Vgl. Bayard/Giazzi 1996, S. 326. 281 Über meine diesbezüglichen, irrtümlichen bzw. naiven Unterlassungen wird in den Folgekapiteln noch berichtet. 282 Vgl. Grain de Sable 2002, Web. 283 Vgl. Amis de Timia 2004a, Web. 602 Finanziert wird der Verein durch Mitgliedsbeiträge 284, private Spenden, Subventionen der französischen Öffentlichen Hand (Gemeinde von Louvriers, frz. Ministerium für Zusam- menarbeit, Regionalrat der Haut Normandie), Firmensponsoring, Verkauf von Kunsthand- werk aus Timia, Wohltätigkeitsveranstaltungen und Eintrittsgebühren aus öffentlichen Tua- reg-Events. Im Jahr 2002 wurde die normannische Heimatstadt Bellevins, Louvriers (Departement Eure), die Schwesternstadt von Timia, wodurch die finanzielle Basis der Vereinigung wesentlich erweitert wurde. Ziel dieser Bande sollte die Finanzierung von Projekten im Bereich der Ge- sundheitsversorgung, der Schulbildung und der öffentlichen Infrastruktur sowie die Intensi- vierung des kulturellen Austausches sein. Zudem erfuhr die Organisation mit dieser neuen Struktur auch eine zusätzliche Legitimation in Gestalt von jährlichen Evaluationen der Projek- te. 285 Seit ich Michel Bellevin vor fünf Jahren im Herbst 1999 kennen gelernt hatte, sind fast fünf Jahre vergangen. Damals war es kaum möglich, von ihm näheres über die Aktivitäten seiner Organisation zu erfahren. Angesichts dieser Geheimniskrämerei war es auch nicht erstaunlich, dass sich junge intellektuelle Kel Timia wie Aghali Iousoufa äußerst skeptisch über Bellevins damals so intransparente Aktivitäten äußerten. Das sichtbarste und zugleich fragwürdigste Zeichen der Organisation war die Renovierung des „Fort Massu“, was ohne jegliches Konzept zu dessen weiteren Nutzung entstanden war. Mittlerweile ist dieser Verein, der aus der Verliebtheit eines pensionierten Elektrikers in ein Tuareg-Dorf entstanden war, zu einer professionell koordinierten Organisation gediehen, die über ihre Aktivitäten im Internet detailliert Rechenschaft ablegt. 286 Angesichts dieses umfas- senden Engagements der „Amis de Timia“ erscheint der Verein fast als Beispiel par excel- lence für die Vision Ulrich Becks von der „globalen Barmherzigkeit“ 287 einer zunehmend "ortspolygam" 288 lebenden und liebenden postmodernen europäischen Gesellschaft, die den Zerfall der traditionellen lokalen Strukturen substituiert. Offensichtlich ist das „idyllische“ Dorf Timia „sympathisch“ genug, um derartig lukrative Gefühle emotional ausgelaugter Eu- ropäer zu stimulieren… 284 Ich selbst bin ebenfalls seit dem Jahr 2000 - mit Unterbrechungen - Mitglied. 285 Vgl. Cités Unies France 2002, S. 31. 286 Siehe http://lesamisdetimia.free.fr; Timia@lesamisdetimia.org. 287 Beck 1997, S. 119. Kursiv im Original. 288 Ebd., S. 129. 603 17 Tourismus bei den Kel Timia Welche Erfahrungen haben die Kel Timia bisher mit dem Tourismus und wie gehen sie damit um? Das ist wohl die Kernfrage im Hinblick auf die Vertretbarkeit touristischer Reisen zu den Kel Timia. Denn die wichtigste Grundregel ist der Respekt vor der selbstbestimmten Ent- scheidung für oder gegen ein Engagement im Tourismus. 17.1 Die Geschichte des „Timia-Tourismus“ 17.1.1 Die ersten Europäer in Timia Die Erfahrungen der Kel Timia mit Europäern sind relativ jung. Aufgrund der exponierten Lage der Siedlung abseits der Karawanenroute war im Jahr 1850 auch Heinrich Barth, der erste Europäer im Aïr, in einigem Abstand an Timia vorbeigereist. Allerdings hatte er bereits vom Tal „Tchimmia“ als einer „besonders ausgezeichnete“ Örtlichkeit gehört, wo „ein zahl- reicher Palmenhain blühen (soll), der Datteln von großer Güte hervorbringt“. 1 Der erste Europäer, der Timia einen Besuch abstattete, war der Deutsche Erwin von Bary, der sich im Jahr 1877 fünf Monate in der Umgebung von Timia aufhielt und auf seinem Rückweg nach Ghat für einige Tage direkt in Timia blieb. Bary unterstrich in seinen Berichten die ge- schützte Lage, aufgrund derer das Dorf bis dahin von Razzien verschont geblieben sei. Darum war schon damals der Anbau u. a. von Tabak, Mais und Pfeffer im kleinen Stil möglich. 2 Ba- ry erwähnte auch den guten Ruf, in dem die „Kel Tschemia“ 3 standen. Damals gehörten sie noch zu den Igermadan-Tuareg. 17.1.2 Timia während der Kolonialzeit Ob französische Offiziere Timia in den ersten Jahren der französischen Okkupation besucht hatten, ist nicht bekannt. 4 Der erste überlieferte Kontakt am 16. April 1917 verlief freilich alles andere als friedlich, als französische Truppen anlässlich der Verfolgung der Kaosen- Truppen nach Timia kamen und das Dorf sowie Teile des Dattelhains nieder brannten. Zu regelmäßigen Kontakten mit Kolonialoffizieren kam es erst nach der Gründung des Postens in 1 Barth 1857, I, S. 416, zit. in Spittler 1998, S. 18. 2 Der systematisch betriebene Gartenbau wurde erst nach der Dürre 1913-14 eingeführt. 3 Bary 1977, S. 275, zit. ebd. 4 Driessche (1999, S. 83) schreibt, dass Fernand Foureau in seinen Reisenotizen erwähnt hätte, „l’accueil de ses habitants était des plus glacials“. Doch führt Driessche keine genaue Quelle an. Vor allem datiert er diese Notiz auf das Jahr 1890. Die Expedition Foureau-Lamy durchquerte jedoch den Aïr erst neun Jahre später und hielt sich auf der Suche nach neuen Kame- len von April bis Juni in Iferouane auf, wo die Versorgung mit neuen Tragtieren seitens der Bevölkerung verweigert wurde (vgl. vgl. Spittler 1996, S. 246; Bernus 1993, S. 97; Adamou o. A., S. 80). Driessche hat hier offensichtlich das Jahr und den Ort verwechselt. 604 Iferouane im Jahr 1921, wobei die Franzosen Erhebungen zur Bevölkerung, zum Vieh und zur lokalen Wirtschaft durchführten. Ein gewisses touristisches Interesse erweckte Timia schon damals unter den Kolonial- offizieren. So schwärmte ein französischer Kommandant: „Seine Höhenlage, seine grandiose und wilde Umgebung, der grüne und harmonische Gürtel seiner Palmenhaine und Gärten, seine verschlossene Bevölkerung und der fanatische Charakter seines Islams machen Timia zu einem einzigartigen Ort im Aïr.“ 5 Darüber hinaus erweckte insbesondere die Karawanen- wirtschaft eine besondere Faszination unter den Militärs. Erste Touristen im eigentlichen Sinn kamen erstmals in den frühen 20er-Jahren nach Timia. Der Brite Buchanan erlebte eine der letzten Razzien in Timia. Zwei Jahre später und noch- mals im Jahr 1927 besuchte der Brite Francis Rodd das Dorf, um dort architektonische und siedlungshistorische Untersuchungen anzustellen. Während Rodd von der Bevölkerung freundlich aufgenommen worden war, wurde er von den Franzosen verdächtigt, der Bevölke- rung politische Versprechungen zu machen, weshalb er während seiner zweiten Reise von Spitzeln der Franzosen überwacht wurde. 6 Gegenüber der Kolonialmacht war die Haltung der Kel Timia alles andere als freundlich. So berichtete der Postenkommandant von Iferouane noch im Jahr 1952 über die ohnedies seltenen Besuche der Militärs: „Zu vermerkten ist die bedauernswerte Geisteshaltung eines Teiles der Bevölkerung von Timia gegenüber dem Verwaltungspersonal, das als Ungläubige oder Diener der Ungläubigen gemieden werden. Diese Einstellung trifft man besonders bei den Frauen und Kindern an, die bei Annäherung eines Kamelpolizisten oder des Chefs de Post sich entweder in ihre Hütten flüchten oder den Rücken zuwenden, sich das Gesicht verhüllen und unbeweglich warten, wenn jeder Rückzug abgeschnitten ist.“ 7 Die Flucht vor Fremden, insbesondere vor Fahrzeugen, war außerhalb von Timia unter Hirten auch noch in den 90er-Jahren eine verbreite- te Reaktion. 8 Bis in die frühen 50er-Jahre blieb Timia die einzige große Siedlung im Aïr, die nur per Kamel erreichbar war. Erst 1952 wurde unter General Massu 9 eine Straße durch die Basaltbarriere von Timia gegraben und der Ort für Motorfahrzeuge erschlossen. Damals ließ Massu auch das „Fort“ auf dem Hügel Tawadu zu Ausbildungszwecken bauen, es hat somit niemals eine Ver- teidigungs- oder Kontrollfunktion erfüllt. 10 Ab diesem Zeitpunkt, seit 1960, war Timia erstmals für „richtige“ Touristen erreichbar, die vereinzelt in die Region kamen, wie sich 9 der befragten Kel Timia erinnern konnten. Mitte der 60er-Jahre besuchte der englische Geograph Michael J. Mortimore zwei Mal das Dorf und berichtet von der dünnen Besiedlungund den Grashütten der Bewohner. 11 5 Zit. ebd., S. 19. 6 Spittler (ebd.) berichtet, dass auch seine Reisen ins Aïr von der Geheimpolizei des Kountché-Regimes genauestens über- wacht worden waren. 7 Rapport de Tournée 1952, Archiv Niamey, zit. in Spittler 1998, S. 19. 8 Spittler (1998, S. 50) erklärt diese Reaktion der Menschen im Busch damit, dass in dieser Zeit nur Rebellen oder Repräsen- tanten der staatlichen Macht - und insofern Menschen, die wenig Gutes verhießen - über Autos verfügten. 9 Der Offizier Jacques Massu wurde in der Öffentlichkeit als Kommandant der Fallschirmtruppen der „Schlacht um Algier“ bekannt, im Zuge derer er FLN-Mitglieder auf Befehl der Zivilbehörden gefoltert hatte (vgl. Droits humains 2001, Web; Bernard 2001). 10 Der eigentliche Anlass für die Aktivitäten Massus in der Region Timia war das Training der Kolonialtruppen unter extre- men klimatischen Bedingungen für deren Einsatz im Indochina-Krieg (Hinw. von Bellevin, Email vom 4. 7. 2004, unter Hinw. auf persönliche Auskünfte Jacques Massus). 11 Vgl. Spittler 1998, S. 18 ff. Heute ist Timia dagegen dicht mit Lehmhäusern besiedelt. Die Grashütten findet man nur noch vereinzelt in Innenhöfen. 605 17.1.3 Der Beginn der Interaktion mit Touristen Eine erste „Gewöhnung“ der Kel Timia an den Tourismus dürfte mit den 70er-Jahren zu da- tieren sein, als die Bevölkerung nicht mehr mit Flucht auf das Herannahen von Fremden rea- gierte, sondern vereinzelt bereits in direkten Kontakt trat. So berichtet Machmud Illo, ein 38- jähriger Projektarbeiter, er habe im Jahr 1970 bereits „Chasse de Touristes“ gespielt. Auch Khader, 40, der gegenwärtig als „Chasse“ arbeitet, war 1974 vom französischen Anthro- pologen André Bourgeot als Führer für dessen Untersuchung über den Umgang der Kel Ewey mit der damaligen totalen Sonnenfinsternis angeheuert worden. 12 Schon damals scheint Timia als besondere Attraktion unter Touristen gegolten zu haben. Moussa Tibelot, einer der frühen professionellen Aïr-Führer, berichtet von einer sieben- tägigen Reise per Kamel von Agadez nach Timia, die er im Jahr 1974 für einen Franzosen organisiert hatte. In Tima waren die beiden jedoch mit dem Landrover abgeholt und nach Agadez zurück gebracht worden. 13 1976, am Ende einer schweren Dürreperiode, kam erstmals der deutsche Ethnologe Gerd Spittler für Forschungen nach Timia. In der Folge reiste er insgesamt 13 Mal zu den Kel Ti- mia, wo er in Summe 40 Monate verbrachte und die Bevölkerung in vielerlei Hinsicht unter- stütze. 14 Ab der Mitte der 70er-Jahre kamen vor allem die Beschäftigten der Uran-Minen von Arlit im Zuge ihrer Wochenendausflüge nach Timia. Dafür engagierten die Ausflügler bevorzugt jene Tuareg als Führer, die aus der Region stammten und in Arlit arbeiteten oder eine der dortigen Schulen besuchten. Aha Iousoufa, der Direktor von Tagelmust V., hatte damals die Missions- schule in Arlit besucht und begann auf diese Weise seine „Karriere“ als heute führender Tou- rismusunternehmer im Niger. Regelmäßig von Touristen frequentiert wurde Timia etwa seit Ende der 70er-Jahre. 15Ab die- sem Zeitpunkt brachte der Tourismus langsam beachtliche Einnahmen für einzelne Perso- nen, 16 die als Führer oder als „Chasses de Touristes“ im Schmuckhandel erfolgreich tätig wurden. Zwei Kel Timia gelang sogar eine Karriere zu führenden Mitarbeitern der Agentur SVS. Der Schmuckverkauf wurde bereits gegen Ende der 80er-Jahre, in der Periode des ersten Tourismus-Booms unter Mano Dayak, zu einem einträglichen Geschäft. 17 Damals pflegten die Gruppen von Temet Voyages überwiegend im großen Garten von Souley Yakouba im Südosten der Siedlung zu nächtigen. Die Hauptattraktion der Region stellte zumeist das Guel- ta 5 km südwestlich des Dorfes dar. Diese Entwicklung erreichte Anfang der 90er-Jahre ihren Höhepunkt. Die Gewöhnung der Kel Timia an die neue Einkommensquelle ließ aber auch Begehrlichkeiten entstehen. Nach Berichten von Aghali Imoumoumene stießt die Politik Mano Dayaks, den Touristen primär die Sahara und weniger die Tuareg als „Attraktion“ zu präsentieren und Siedlungen eher zu umfahren, auf Proteste einiger Kel Timia. Zwar folgten erste Verhandlungen mit Mano Dayak 12 Vgl. Bourgeot 1995a. Knebel (1960, S. 27) weist darauf hin, dass für Kulturen mit Subsistenzwirtschaft die Aktivität als Tourismusführer historisch keineswegs untypisch ist. Auch zu Beginn des Alpinismus waren die ersten Reiseführer Ziegen- hirten, Kristallsucher, Gemsenjäger und Schmuggler, somit also jene Leute, die sich im Gebirge besonders gut auskannten und darum die Touristen sicher führen und sich gleichzeitig ein Zugeld verdienen konnten. 13 Aufgrund dieser erfolgreich durchgeführten Reise hatte Moussa seine Lizenz als Aïr-Führer erhalten (Int. April 2001, Agadez). 14 Im Jahr 1976 organisierte er gemeinsam mit der gtz die dörfliche Genossenschaft, und 1984 unterstützte er den durch die damalige Dürre massiv bedrohten Karawanenhandel durch eine spontane Hilfsaktion (vgl. Spittler 1998, S. 20). 15 Hinw. Aghali Imoumoumene. 16 Vgl. Bernus 1993, S. 413. 17 Aghali Imoumoumene gab an, durch Schmuckhandel bis zum Beginn der Rebellion 1,5 Mio. FCFA (2.300 €) angespart zu haben. 606 über eine bessere Integration Timias in den Tourismus, die Umsetzung wurde jedoch durch den Ausbruch der Rebellion bzw. durch den Zusammenbruch des Tourismus verhindert. Schmiede und „Chasses de touristes“, also jene, die bis dahin am meisten vom Tourismus profitiert hatten und in Folge dessen ihren Lebensstandard auffallend angehoben hatten, wa- ren in den Jahren der Rebellion gezwungen, ihre Ansprüche zu drosseln oder auf der Suche nach alternativen Arbeitsmöglichkeiten nach Libyen oder Algerien zu gehen. Ein Kel Timia, Aha Isoufa, emigrierte sogar nach Namibia, um dort im Tourismus zu arbeiten; er konnte bald seine eigene erfolgreiche Agentur gründen. 17.1.4 Der Tourismus seit Rebellionsende 1997, mit dem Ende der Rebellion, kamen bereits wieder die ersten Touristen nach Timia, was zur Belebung der Kunsthandwerksproduktion führte. Am Guelta verkauften Schmiede und junge „Chasses“ wieder die hübschen Schmuckstücke. Bis zum Jahr 1998 soll die Zahl der Timia passierenden Touristen auf rund 300 Personen angestiegen sein. 18 Im Jahr 1997 hatte auch der Normanne Michel Bellevin das Dorf besucht, wo er so gastfreundlich aufgenommen worden war, dass er beschloss, einen Hilfsverein, die „Amis de Timia“ zu gründen. Eine der ersten Aktionen zur Förderung des örtlichen Tourismus war die Finanzierung und Organi- sation der Renovierung des hoch über dem Ort gelegenen, verfallenen „Fort Massu“. Ein we- sentlicher Zweck dieser Aktivität war jedoch weniger die bewusste Tourismusförderung als vielmehr ein unmittelbares Arbeitsbeschaffungsprojekt bzw. eine gewisse Nostalgie. 19 Die Arbeiten wurden von Aghali Imoumoumene koordiniert, das fertige Bauwerk wurde im No- vember 1999 feierlich eröffnet. 20 In dieser Zeit führte ich meine Befragungen der Kel Timia zum Tourismus durch. Als Reaktion auf die Ergebnisse der Befragungen, die im wesentlichen den Wunsch nach einer besseren In- tegration des Dorfes in den Tourismus zum Ausdruck erbrachten, initiierte ich damals die Ver- wendung des „Fort Massu“ als touristische Herberge. Aus Marketing-Überlegungen ließ ich am 9. Februar 2000, als Höhepunkt der Reise einer kleinen österreichischen Reisegruppe, von Ag- hali Imoumoumene eine traditionelle Hochzeit für meine Grazer Gefährtin und mich organisie- ren, die am Fort und im trockenen Flussbett festlich gefeiert wurde.21 Infolge des raschen Wachstums des Tourismus, begleitet vom Agentur-Gründungsboom in Agadez, fanden einige junge Kel Timia entsprechende Anstellungen in Agadez. Eine beson- dere Anlaufstelle wurde die im Jahr 2000 gegründete Agentur Tagelmust V., da dessen Direk- tor, Aha Iousoufa, selbst aus Timia stammt. 18 Die Schätzungen der befragten Kel Timia schwanken zwischen 100 und 500, die meisten Schätzungen beliefen sich auf Zahlen zwischen 300 und 350 Touristen. 19 Die Kosten für die Restaurierung des Forts idHv 60.000 ff (ca. 9.300 €) waren nur zu 17 % von „Amis de Timia“ getragen worden. Den wesentlichen Teil hatten das französische Verteidigungsministerium und General Massu persönlich übernom- men. Letzterer wollte ursprünglich auch zur Wiedereröffnung des Forts anreisen, das ließ jedoch sein schlechter Gesund- heitszustand nicht zu (Hinw. Michel Bellevin, Email vom 4. 7. 2004). 2002 ist Massu schließlich verstorben. 20 Die „Amis de Timia“ hatten gem. dem Text auf der Informationstafel am Fuße des Forts ursprünglich geplant, das Fort auf- grund seiner besonderen Lage auf ca. 1200 Meter und der trockenen Luft durch die Bestückung mit einem Teleskop als höchst- gelegene Sternwarte in Afrika zu etablieren (vgl. auch Driessche 1999, S. 77). Tatsächlich wurde das Teleskop auch geliefert, doch ging sehr bald das Okular verloren. Vor allem erwies sich das Dach des Forts aufgrund der Lehmkonstruktion als zu insta- biler Untergrund für die Installation des Teleskops. Derzeit wird von den „Amis de Timia“ eine Partnerorganisation für das Sternwartenprojekt gesucht, und Gerd Spittler soll auch gewisse Pläne hegen, im Fort ein Regionalmuseum einzurichten (Ausk. Michel Bellevin, Email vom 4. 7. 2004) 21 Details zum Fort-Projekt siehe das Kap. „Potentielle Tourismusentwicklung in Timia: Vier Testprojekte/Die Errichtung einer Herberge im Fort Massu“. 607 In den Folgejahren wurden noch zwei weitere tourismusrelevante Bauwerke in Timia errich- tet: Ende der 90er-Jahre finanzierte der deutsch-nigrische Freundschaftsverein und der deut- sche Veranstalter „Suntours“ einen ummauerten Campingplatz am östlichen Rand des Dorfes, ausgestattet mit den nötigsten sanitären Einrichtungen. 22 Eine Schauwerkstatt für die Mitglie- der der Schmiedekooperative wurde 2003 von den „Amis de Timia“ in unmittelbarer Nähe und insofern in strategisch hervorragender Lage errichtet. Dadurch wurde eine wichtige Maß- nahme zur Koordination der lokalen „Chasses“ und zur besseren Nutzung des Tourismus- potenzials getroffen. Gegenwärtig ist der Tourismus in Timia im Wesentlichen durch stark variierende Besucher- zahlen 23 gekennzeichnet, und durch steigende Konkurrenz unter den „Chasses de touristes“, was zu einer massiven Ausweitung ihres Operationsgebiets bis nach Arakao und Kogo führt. Die steigenden Erwartungen in den Tourismus äußerten sich leider auch in vereinzelten Über- griffen von jungendlichen Kel Timia auf Touristen, etwa im Dezember 2001 wenige Kilome- ter westlich des Dorfes. 24 Seit 2001 werden auch vereinzelte Trekking-Touren mit dem Anfangs- oder Zielpunkt Timia angeboten. Der französische Anbieter Tamera veranstaltet im Zuge einer zehntägigen Niger- Reise nach Timia eine Trekking-Rundtour zu den umliegenden Nomadencamps. Timia als Zielpunkt von mehrtägigen Trekking-Touren vom Bagzan bieten der französische Veran- stalter Croq’ Nature, die Schweizer Veranstalter „Desert Team“ und der deutsche Anbieter „b&b Westafrikaspezialist“ an. Eine Entwicklung, wonach Timia zu einem Zentrum des No- madentourismus werden könnte, zeichnet sich derzeit noch nicht ab. 17.2 Die Sicht der Kel Timia über den Tourismus Eine Darstellung der „Entwicklung“ des Tourismus in Timia muss zwangsläufig wesentlich von meiner europäischen Sicht der Dinge geprägt sein. Ob eine solche Entwicklung vertretbar ist, muss aber aus der Sicht der Betroffenen beurteilt werden. Darum konzentrierte ich mich bei meiner Befragung der Kel Timia auf deren Interpretation und Bewertung des Timia- Tourismus. 22 Hinw. in http://www.suntours.de/Detail/Detail-Niger-Meh-Tamgak.htm, zul. 23. 4. 2004. Aha Iousoufa (Tagelmust v., Int. 27. 3. 2001, Agadez) beurteilte den Campingplatz als Fehlkonstruktion, weil er für Leute, die das Naturerlebnis suchen, an einem ungeeigneten Ort liege, weshalb er seine Kunden in seinem Garten südlich des Dorfes unterbringe. 23 Im Winter 2002 dürften die Auswirkungen des 1. September 2001 sowie der Einstellung der Direktverbindung nach Aga- dez auf das Tourismusaufkommen in Timia besonders deutlich geworden sein. So berichtet Kreimer von häufigen Klagen, die an sie herangetragen wurde, u.a. von Guhoudan Atiban, dem Verwalter des Campingplatzes in Timia, wonach in jenem Jahr besonders wenige Touristen gekommen seinen. 24 Näheres siehe im Kap. über „Konflikte im Einzugsbereich des Tuareg-Tourismus Rolle und Auswirkungen der Rebellion/Überfälle auf Touristen als Folge von wachsender Kriminalität und Wertewandel“ 608 17.2.1 Was ist ein Tourist? Woran erkennen Kel Timia einen Touristen und was sind die wesentlichen Kennzeichen eines Europäers, der nicht unter die Touristenkategorie fällt? 17.2.1.1 Der „Tourist“ Zusammengefasst erkennen die Kel Timia 25 eine Person als Touristen, die viel, grund- und ziellos herumreist (32), die sich Dinge zum bloßen Vergnügen anschaut (22) 26, im Zuge des- sen für diverse Käufe viel Geld ausgibt (19) und die Dinge, die ihr gefallen, fotografiert (15). Manche suchen ein „Abenteuer“, also außergewöhnliche Erfahrungen (10), und meist sind sie in Eile (7). Für Mohamed Idrissa, einen 34-jährigen Gärtner, sind Touristen jene, die „immer im Auto herumfahren“. Immerhin kommen 99 % der Touristen per Allradfahrzeuge nach Timia 27 und passieren dabei die entlang der Piste gelegenen Gärten. Die vorbei fahrenden Toyotas sind oft das einzige, was Mohamed von den Touristen zu Gesicht bekommt. Tchindjadam Saghaidou, eine 57-jährige Hirtin, betrachtet die Touristen als Leute, „die zu viel Geld haben und nichts damit anzufangen wissen“. Für die meisten Kel Timia ist die Mie- te eines Fahrzeuges unerschwinglich. Sie unternehmen Reisen zumeist nur aus beruflichen Gründen oder in Notfällen. Vor diesem Hintergrund muss jemand, der zum Vergnügen einen Toyota benutzt, als sehr reich erscheinen. 28 Ein kaum phänomenologisches, sondern vielmehr motivationsorientiertes Verständnis von Tou- risten weist Rahmata Ahmed, eine 38-jährige Handwerkerin auf, die auch Lederarbeiten für Touristen produziert. Sie versteht Touristen als Menschen, die „die Wüste, Dünen und schöne Aussicht“ suchen. Man merkt Rahmata den vertrauten Umgang mit Touristen und ihr Verständ- nis für deren besondere astethische Bedürfnisse an. Guhoudan Atiban, ein 49-jähriger Maurer, der auch den Campingplatz betreut, kann trotz sei- nes gewohnten Umgangs mit Touristen wenig Verständnis für deren Aktivitäten aufbringen. Für ihn sind sie Menschen, die „viel Energie für Abenteuer“ - also für nutzlose Reisen - auf- bringen. Daboun Taralou, dem 61-jährigen Chef de Groupement von Timia, fiel besonders auf, dass Touristen „vor allem die alten Sachen kaufen, die wir schon aufgegeben haben.“ Er kann nicht verstehen, was Europäer mit solchen für ihn nutzlos gewordenen Sachen anfangen, die sie als Antiquitäten schätzen. Eine utilitaristische Sicht der Touristen wies Fitita Mohamed, eine 33-jährige Hirtin, auf. Ihre prägenden Erfahrungen mit Touristen waren, dass diese ihr gelegentlich leere Konserven- dosen überlassen hatten, was für sie einen großen Gewinn darstellte, da es im Busch stets an Behältnissen mangelt. 25 40 Probanden hatten geantwortet, Mehrfach-Nennungen waren möglich. 26 Eine sinngemäße Interpretation von Touristen findet sich interessanterweise im „Dictionnaire universale du XIXe siécle“ aus dem Jahr 1876, wonach Touristen als „people who travel for the pleasure of travelling, out of curiosity and because they have nothing better to do“ (zit. in Signaux 1966, S. 7) definiert werden. 27 Ich selbst kam im November 1999 auf dem LKW der Timia-Kooperative, also wie auch die Kel Timia, angereist. 28 Zur Beurteilung des touristischen Verhaltens sogleich. 609 Weniger positive Erfahrungen mit Touristen hat dagegen Fatima Hadda, eine 62-jährige Hir- tin. Für sie ist ein „Tourist wie ein Blitz, er bleibt gerade für ein Photo stehen.“ Mehr hatte sie im Busch bislang von Touristen nicht wahrgenommen. Eine differenziertere Sichtweise äußerte Adouma Abderahman, ein 30-jähriger Geograf und Projektleiter: Touristen seien jene Leute, die nur für 30 Minuten anhalten, um mit den „Chas- ses“ und den Schmieden zu diskutieren. Adouma, der in Frankreich studiert hat, erkannte, dass die kommunikativen Bedürfnisse der meisten Touristen aus ihren typischen Verhaltens- weisen, der Suche nach Souvenirs, resultieren und weniger aus der Suche nach Kontakten zu Einheimischen. 17.2.1.2 Der „Nicht-Tourist“ Fremde, die nicht als Tourist identifiziert werden, fallen bei den Kel Timia zumeist unter die Kategorie der Forscher (29). Im Gegensatz zu Touristen sind sie helfend tätig, indem sie z.B. Projekte bringen (11). Vor allem verfolgen sie ein bestimmtes Ziel oder wollen eine konkrete Arbeit verrichten (8), wofür sie sich viel Zeit nehmen (8). Für Adouma „bleibt der Fremde hier, redet mit den Menschen, wird Teil der Familie, gewinnt Freunde, lernt die Subtilitäten und die Sprache ein wenig kennen und lässt, wenn er wieder geht, etwas zurück.“ Hier kommt für die Menschen, die bereits von der Moderne geprägt sind, die, typische Kritik an Touristen als oberflächliche, gehetzte, selbstsüchtige Menschen zum Ausdruck. Adouma hat viele Jahre in Frankreich studiert, ist nunmehr auch mit einer Franzö- sin verheiratet und betreut seit Ende der 90er-Jahre ein agrarökologisches Gartenbauprojekt in der Umgebung von Agadez. Insofern ist er nur noch selten in Timia. Somit versteht er sich selbst nicht mehr als eine zu Timia gehörige Person, keineswegs aber als Tourist, sondern als jemand, der hilft, sich Zeit nimmt und über Kontakte verfügt. Wie sehr die Sicht Adoumas von der Moderne und der „schwarzen“ Tourismuskritik gekenn- zeichnet ist, verdeutlicht Daboun Taralou, der Chef de Groupement: Für ihn beschäftigen sich Forscher mit der Vergangenheit, und die Kel Timia denken, dies sei unnütz, weil längst Ver- gangenheit und damit nicht als Einkommensquelle nutzbar. „Wenn ein Lastwagen mit einem Forscher und Touristen käme, würden alle Leute zum Touristen gehen, weil sie nicht verste- hen, was der Forscher hier macht.“ Das Interesse an der Vergangenheit, das besonders Gerd Spittler oder auch Heinrich Barth angetrieben hat, spielt offensichtlich für die Kel Timia an- gesichts ihres durch Monetarisierung gewachsenen Geldbedarfs eher die Rolle eines Stre- ckenpferds. Forscher sind für die Kel Timia dennoch dann von Interesse, wenn durch sie Ge- winne möglich werden, etwa durch die Installation eines Hilfsprojekts. 610 17.2.2 Motive für Wüstenreisen 17.2.2.1 Warum kommen Touristen in den Niger? Die meisten Kel Timia scheinen sehr rasch verstanden zu haben, worauf es den Touristen an- kommt, denn ganz ähnlich wie die von mir befragten Touristen 29 nannten die Kel Timia für Reisen in den Niger als wichtigstes Motiv das Betrachten und Fotografieren von Dünen (16), und dann schlichte Neugierde (11). Die Lust am Abenteuer (7) nannten überwiegend jüngere männliche Kel Timia, denen diese Motivation offensichtlich schon etwas vertraut ist. Den Kontakt zu den Menschen, insb. zu den Tuareg (6) vermuteten dagegen eher Personen über 40 Jahren: Ältere Kel Timia können sich scheinbar nicht vorstellen,, dass jemand Reisen aus an- deren als beruflichen oder gesellschaftlichen Gründen unternehmen würde. 17.2.2.2 Was suchen Touristen in der Wüste? Die oben genannte Erklärung für Wüstenreisen wird bestätigt durch die Ergebnisse auf die Frage an die Kel Timia nach dem Motiv der Europäer für Wüstenreisen: die Dünen (25) als eindruckvollstes landschaftliches Phänomen der Wüste, gefolgt von der Weite der Wüste (19). 15 Personen meinten sinngemäß, Europäer suchten in der Wüste eine Art Gegenwelt, die all jene Eigenschaften aufweise, wie sie in keiner Region Europas zu finden seien. Die Probanden lassen sich in diesem Fall leicht in zwei Kategorien unterteilen: Die zumeist jüngeren, modernistisch geprägten Kel Timia haben zumeist aufgrund ihrer Er- fahrungen mit Touristen bereits ein gewisses Einfühlungsvermögen gegenüber ihrem Klientel entwickelt. So meinte der 23-jährige Eserit Ias, Koch bei Tagelmust V., Touristen würden in der Wüste „Freiheit, Weite und Stille“ finden: „Man ist mit sich!“. Ähnlich argumentierte auch Fisches, ein 20-jähriger Chasse, mit der „Schönheit der Wüste“. Den zumeist älteren, noch eher traditionell geprägten Kel Timia mangelt es dagegen an jener Empathie. Die 62-jährige Hirtin Fatima Hadda „ weiß nicht, was die Leute da draußen wol- len“. Ähnlich ergeht es auch der 61-jährigen Hirtin Assulo Bolla, die irrtümlicherweise ver- mutet, Touristen würden in erster Linie wegen des Kontakts zu den Wüstenbewohnern, den Tuareg, kommen. 17.2.2.3 Wie sehen Tuareg die Wüste? Das spezifische Verständnis der Kel Timia für touristische Wüstenreisen wird erst nachvoll- ziehbar vor ihrem eigenen Wüstenverständnis, das im völligen Kontrast zur romantischen 29 Vgl. das Kap. „Der Markt der Tuareg-Tourismus/Das Klientel des nigrischen Sahara-Tourismus/Reisemotive“. 611 Wüstenästhetik der Touristen steht. Die Tuareg verbinden Ästhetik mit Nutzen, weshalb sich Viehhirten für Weiden begeistern, die für Europäer als „Büschel (wirken), die wie Stachelin- seln aus dem Staubmeer ragen“. 30 Für 29 der befragten Bewohner einer von Dürre bedrohten Randzone bedeutet Wüste vor al- lem Gefährlichkeit, eine Gefahr für Bäume (11) und für Menschen (11). Unter den Probanden war der Anteil an Frauen bez. an älteren Personen signifikant höher: Diese Personen haben die Auswirkungen der Dürren noch deutlich in Erinnerung. Vor allem sind es die Frauen, die im Fall einer Dürre in Timia bei ihren Kindern zurückbleiben müssen und somit den Dürre- Folgen unmittelbar ausgeliefert sind, während die Männer, besonders die jungen Männer, auf der Suche nach Arbeit emigrieren können. Positiv beurteilten 14 Personen die Wüste, wobei hier wiederum die jüngeren Männer do- minierten. So bezeichneten 12 Personen die Wüste als Wirtschaftsfaktor, darunter 10 Männer und davon wieder 3 Karawaniers, die darauf hinwiesen, dass die Kamelkarawane durch die Wüste bedingt sei. Die jüngeren Männer sehen bei der Wüste vor allem den touristischen Fak- tor. 7 Personen kannten die Wüste nur vom Hörensagen. Zu diesem 7 Personen zählten 3 Hirtin- nen, die mit den Herden üblicherweise nur in Weidegebieten unterwegs sind, ein Schüler, der sich naturgemäß in urbanen Zentren fernab von Wüstengebieten aufhält, und zwei „Chasses“, die ihr Operationsgebiet 1999 noch auf Timia konzentriert hatten. Die Antworten lassen sich wiederum in zwei Kategorien zusammenfassen: Jene, die außerhalb der Wüste leben, neigen eher dazu, sie wie die Europäer romantisch zu verklären. Bachar al Hadj, ein 27-jähriger Lehrer beurteilte die Wüste als „ein Geschenk Got- tes, denn der Tuareg wohnt eben immer in der Nähe der Wüste“. Fisches, der 20-jährige „Chasse“ meinte, er liebe die Wüste, hatte sie jedoch noch nie gesehen. Für Iousoufou, einen 40-jährigen Schmied, ist die Wüste ein „Synonym für Schönheit“. Lolo Mohamed, eine 36- jährige Hirtin, würde selber gerne einmal die Wüste sehen, um zu verstehen, was denn so be- sonders an ihr sei. Jene, die die Wüste mit all ihrer grausamen Realität kennen gelernt haben, nehmen sie primär als Bedrohung war. Für Fitita Mohamed, eine 33-jährige Hirtin, ist „die Wüste ein flacher Ort ohne Bäume und Brunnen, mit viel Sonne. Hier wird man verrückt“. Die 62-jährige Hirtin Fa- tima Hadda empfindet keinerlei Sehnsucht nach der Wüste, die sie als „große weite Ebene ohne Bäume“ kennt, in der sie Angst hätte, sich zu verirren. Ähnlich sieht die 46-jährige Handwerke- rin Jemana die Wüste als einen „toten, leblosen Ort ohne Wasser - die Hölle“. 17.2.3 Bewertung von Touristen Was denken nun die Kel Timia über jene Kategorie von Menschen, die bloß zum Vergnügen und in großer Eile nach Dünen und anderen Attraktionen suchen? Vor dem Hintergrund der traditionellen Tourismuskritik, 31 der Position Mano Dayaks gegen „Zootourismus“ 32 und auch der analogen Position der Niger-Touristikerin und Tuareg-Referentin der GfbV, Eva 30 Stührenberg 2002b, S. 163. 31 Vgl. z. B. Kievelitz 1989. 32 Dayak 1992, S. 78; 1996, S. 178; vgl. auch Mano Dayaks Position in Kirtley/Kirtley, 1985, S. 60. 612 Gretzmacher 33, müsste man annehmen, dass die Kel Timia äußerst kritisch über Touristen denken und nichts mit ihnen zu tun haben wollen. Das Gegenteil ist offensichtlich der Fall. Von 30 Probanden äußerten sich 17 uneingeschränkt positiv, weitere 4 sahen positive wie negative Aspekte an Touristen. Ausschließlich kritisch äußerten sich lediglich 3 Personen. 21 Kel Timia beurteilten Touristen u. a. als potenzielle Einnahmequelle und insofern positiv. Die Antworten auf diese Frage sind - trotz der relativ geringen Anzahl an Antworten (30 von 45) 34 - sehr differenziert, weshalb sie hier vier unterschiedliche Kategorien von Sichtweisen zulassen. 17.2.3.1 Verständnislose Traditionalisten Zu den „verständnislosen Traditionalisten“ zählen jene Personen, die noch tief in ihrer noma- dischen Welt verwurzelt sind und wenig bis gar keine Erfahrung mit Touristen haben. Darum interpretieren sie die Welt auch vor diesem traditionellen Normenkontext, der im Wider- spruch zu Verhalten und Motiven der Touristen steht. Darum ist ihnen die Welt der Touristen weitgehend fremd und unverständlich. So gilt es etwa unter Hirten generell als verpönt, nur aus bloßem Vergnügen durch die Gegend zu reiten und Hirtinnen zu besuchen, eine Tätigkeit, die Hirten mit dem „nutzlosen Umherziehen der Touristen“ 35 verbinden. Tchindjadam Sag- haidou, ein 57-jähriger Hirte, würde darum niemals „zum Vergnügen reisen. Das Geld würde ich meiner Familie geben. Erst jetzt habe ich verstanden, was die Touristen machen. Dieses Reisen ist für mich seltsam.“ Ähnlich meinte auch Tschibril Aboubakar, ein 36-jähriger Handwerker und Boutiquier, er habe einen Berg nur einmal bestiegen, um ein Kamel zu su- chen, sonst wäre er nie hochgestiegen. Auch für Elouali Hadda, einen 22-jährigen Karawa- nier, erscheint es unvorstellbar, dass jemand nur aus Vergnügen herumreist, er müsse zwangs- läufig davon profitieren. 36 Ähnliche Erfahrungen mit der Verständnislosigkeit der Karawaniers für Reisemotive von Eu- ropäern, die mit ihnen nach Bilma ziehen, berichtet auch Kospach: „'Was wollen sie in der Ténéré?', rufen sie herüber. 'Die Wüste gefällt ihnen, sie entspannen sich hier', ruft Abdoulay zurück. Die Männer lachen. 'Was haben sie gesagt?', frage ich ihn. 'Sie finden euch verrückt'. Die Tuareg lieben die Wüste, aber keiner von ihnen würde sie freiwillig durchqueren.“ 37 Ebenfalls verständnislos zeigten sich zwei Hirtinnen, jedoch reagieren sie anders als Männer. Die 62-jährige Fatima Hadda hat „Angst vor den Touristen, weil sie einfach nicht stehen blei- ben“. Weil sie im Busch, wo Begegnungen mit Menschen ohnedies selten sind, ein solch un- freundliches, widersinniges Verhalten nicht begreifen kann, findet sie dieses befremdend und furchterregend, ja unberechenbar. Ähnlich empfindet die 36-jährige Lolo Mohamed, weshalb sie die Touristen lieber aus großer Distanz ansieht. Auch mangle es ihr an Französischkennt- nissen, was verhindere, Tourist verstehen zu lernen. 33 Zur Erinnerung: Als Reiseleiterin hatte Gretzmacher im Oktober 1997 den Besuch Timias durch ihre Reisegruppe mit dem Argument unterlassen, dadurch werde die Intimität der Bevölkerung nicht gestört. 34 Die geringe Anzahl der Antworten lässt sich damit erklären, dass es für traditionelle Tuareg eher ungewöhnlich ist, über etwas ein Urteil zu fällen und dieses abstrakt zu formulieren. Scheinbar hatte auch mein Assistent Aghali Schwierigkeiten mit dieser Frage, da von jenen Probanden, die er alleine befragt hatte, kein einziger geantwortet hatte. 35 Spittler 1998, S. 231. Das Tamaschek-Wort für Spazierenreiten ist „awelellek“. 36 Man darf nicht übersehen, dass die Kategorie der “Reiselust” auch in Europa erst in der Romantik und auch dies nur inner- halb der gehobenen Schichten entstanden ist (vgl. Stangl 1974, S. 69). 37 Kospach 2002, S. 33. 613 17.2.3.2 Modernisierte Imitatoren Die Kategorie der modernisierten Imitatoren vereinigt jüngere Menschen, zumeist Männer, die durch ihren intensiven Kontakt mit der modernisierten, westlich geprägten, urbanen Welt auch die westlichen Bilder von der Wüste und die damit verbundenen Denkweisen und Sehn- süchte übernommen haben. Für diese Personen verliert das Reisen bereits seine ursprüngliche Funktion als notwendige, zweckgebundene Fortbewegung, es wird zu einer wertfreien Mög- lichkeit des Lustgewinns im touristischen Sinne. Für Jousoufa Bahia, der 37-jährige Koch bei Tagelmust, dessen Familie in Niamey lebt, sei das Reiseverhalten von Touristen „normal; das ist die westliche Welt: man macht mit seinem Geld, was man möchte.“ Hätte er das nötige Geld, würde er sich gleich verhalten. Analog argumentierte auch Bachar al Hadj, der 27- jährige, in Ingall tätige Lehrer: Er sieht den unmittelbaren Nutzen, den die Touristen bringen, und er könne gut verstehen, warum man reise. Auch er würde reisen, wenn er die nötigen Mit- tel besäße. Darum unternehme er einstweilen nur kleine Reisen zu Fuß oder per Kamel in der Umgebung von Timia oder auf den Bagzan. 17.2.3.3 Romantische Kritiker Der romantische Kritiker ist noch stärker modernisiert als der Imitator. Er verfügt über die nötigen Reisemittel, wodurch touristisches Reisen für ihn kein unerreichbares Prestigegut mehr ist. Vielmehr hat er sich von der Lebensrealität Timias schon so weit entfernt, dass er zum intellektuellen Fürsprecher einer Welt wird, die er verklärt als heile Gegenwelt sieht, deren soziokulturelles Gefüge durch Tourismus gefährdet wird. Diese Sichtweise in der Tra- dition der elitaristischen Tourismuskritik bezieht jedoch auch die ökonomischen Determinan- ten in intellektuell differenzierter Weise mit ein. So kritisiert der 30-jährige Geograf Adouma Abderahman Touristen als „Leute, die Blödsinn treiben, Müll verursachen, nackt herumge- hen, und keine Zeit haben, sich nach den Leuten zu erkundigen“. Andererseits würden viele traditionelle und moderne Berufe durch die Touristen erst wirtschaftlich, und Kinder würden durch Geschenke der Touristen profitieren. Ähnlich argumentierte auch mein Europa- erfahrener Assistent Aghali. 17.2.3.4 Monetär-Utilitaristen Die zahlenmäßig größte Gruppe sieht ausschließlich den ökonomischen Nutzen in Touristen, wenn auch mit unterschiedlichen Schlussfolgerungen. Dabei sind unrealistische Vorstellun- gen über die tatsächliche wirtschaftliche Bedeutung der Touristen für Timia weit verbreitet.38 So glaubt der 20-jährige Karawanier Rissa Arbas gar, Touristen seien besser als Forscher oder Projekt-Verantwortliche, weil erstere so viel kaufen würden und die Bevölkerung deshalb in höherem Maße von Touristen profitiere als von Projekt-Verantwortlichen. Fiches, der 20- 38 Näheres dazu siehe Kap. „Die wirtschaftliche Rolle des Tourismus in Timia“. 614 jährige Chasse meinte überhaupt: „Touristen bringen Geld. Ich liebe sie!“ Weit pragmati- scher, weil erfahrener, formulierte es Achmed Hadda, der 42-jährige Schmied, Boutiquier und Chef der Schmiedekooperative: Touristen seien Leute mit entsprechenden Mitteln, um ihre Neugierde zu befriedigen. Demzufolge werden sie in erster Linie als zu instrumentalisierende Geldquelle betrachtet. 39 17.2.4 Tourismus in Timia Wie läuft Tourismus in Timia aus Sicht der Bewohner ab? Weshalb kommen Touristen hier her, was tun sie hier, welche Orte besuchen sie, und wie denken die Kel Timia über all diese Phänomene? Damit näheren wir uns der Kernfrage dieser Untersuchung! 17.2.4.1 Motive der Timia-Besucher Die von den Befragten weitgehend einhellig beschriebenen Motive der Timia-Besucher be- schrieben in erster Linie das beobachtete Verhalten der touristischen Besucher: Diese kämen nach Timia, um zu fotografieren, durch die Gassen zu schlendern und nach Attraktionen zu suchen und um Souvenirs zu kaufen. Fiches, der 20-jährige „Chasse“, berichtete etwa, dass er 5000 FCFA dafür kassiert hatte, weil er Touristen zu sehenswerten Häusern geführt habe. 17.2.4.1.1 Besonderheiten von Timia Dass das Dorf Timia aufgrund seiner besonderen Lage auch Teil eines einzigartigen En- sembles ist, dessen sind sich die Kel Timia bewusst. Fast einhellig nannten die Probanden als Attraktionen des Dorfes das Guelta, das hoch über dem Dorf gelegene Fort, die umliegende Bergkulisse, die grünen Gärten und das Kunsthandwerk bzw. das gesamte Ensemble der Oase in dieser speziellen Lage am Rand der Wüste. Aghali Imoumoumene wies darauf hin, dass der hohe Bekanntheitsgrad Timias auch aus der Verbreitung von Fotos in Kalendern und Büchern resultiert. 40 39 Zu entsprechenden Erfahrungen von Europäern, deren naive Begeisterung für Tuareg ökonomisch instrumentalisiert wur- de, siehe das Kap. „Fazit: Probleme durch Tourismus bei den Tuareg/Soziokulturelle Auswirkungen des Tourismus/Der ländliche Bereich“ 40 Vgl. etwa das Foto-Kinderbuch „Komm mit nach Timia“ von Werner Gartung (1988) über das Leben der Kinder von Timia, oder „Die Salzkarawane“ über Gartungs (2000) Marsch mit der Salzkarawane von Timia nach Bilma unter der Füh- rung des hier öfters genannten Hadda Imoumoumene bzw. in Begleitung von Aghali Imoumounene, meines späteren Assis- tenten; vgl. auch den Bildband „Touareg“ von Etienne Van Den Driessche (1999). 615 17.2.4.1.2 Besuchsziele in Timia Welche Orte besuchen die Touristen in Timia am häufigsten aus der Sicht der Kel Timia? Von den 35 Personen, die sich zu dieser offen gestellten Frage geäußert hatten, 41 nannten alle ein- hellig als wichtigstes und häufigstes Touristenziel das Guelta (35), gefolgt von den Gärten (16). 5 meinten, manche würden auch kurz das Fort besuchen. Nur 4 nannten auch das Dorf als Besucherziel. Erst auf die Zusatzfrage, ob nicht auch das Dorf selbst besucht werde, unter- strichen 19 Kel Timia, dass nur wenige Touristen und diese meist nur sehr kurz das Dorf be- suchen würden. Achmed Hadda, der 42-jährige Chef der Schmiedekooperativen, berichtete aus seinen Erfah- rungen, dass etwa 90 % der Besucher nur Guelta besuchen würden, und nur einige wenige kämen auch zum Fort. Eine ähnliche Einschätzung traf auch Aghali Imoumoumene. Von den Gärten werde zumeist der des Souley Yakouba besucht, wie die Kel Timia nach Ansicht Ibra- him Alimones, eines 47-jährigen Karawaniers meinten. Dies bestätigte auch Eserit Ias, der junge Koch bei Tagelmust V.: Die Gruppen seiner Agentur würden zumeist bei Souley oder im benachbarten Garten von Aha Isoufa untergebracht, weil nach seinen Erfahrungen die Kunden unter freiem Himmel übernachten wollten. Fast immer werde den Kunden einige Stunden Zeit für eine selbständige oder geführte Besichtigung des Dorfes gegeben. Souleys Garten umfasst eine enorme Fläche, auf der fast sämtliche in Timia kultivierten Früchte und Gemüsesorten zu finden sind. Als zusätzliche Attraktion hält Souley seit einigen Jahren im hinteren Teil des Gartens einige Gazellen. Für die Agenturen liegt der Garten stra- tegisch optimal in einem südlichen Seitental zwischen dem Guelta und dem Dorf. Von hier aus haben die Touristen einen freien Blick auf das Fort, und man ist vor Kindern und Schmie- den aus dem ca. einen Kilometer entfernten Dorf „geschützt“. Dagegen nützen die Mitarbeiter Souleys längst auch ihre Chancen auf ein mögliches Zusatzeinkommen und bieten vor dem Garten die üblichen Kunsthandwerksprodukte an. Die politischen Repräsentanten des Dorfs stimmten mit den Beobachtungen der Bevölkerung überein. Mokhamed ag Gabda, der 39-jährige Dorfchef, meinte, die meisten Urlauber würden überhaupt vorbeifahren: „Sie lassen nur den Staub zurück.“ Sinngemäß äußerte sich auch Da- boun Taralou, der 61-jährige Chef de Groupement, der jedoch ergänzend darauf hinwies, dass in Tazelot, dem im Norden gelegenen Nachbardorf überhaupt niemand stehen bliebe. 17.2.4.1.3 Beurteilung der Besucherpräferenz: Guelta statt Dorf Auf die Frage, wie diese Besucherpräferenz des Gueltas anstelle des Dorfes beurteilt werde, antworteten die Kel Timia eindeutig. Sämtliche Befragten, darüber hinaus auch solche Perso- nen, die zum Besucherverhalten aufgrund mangelnder Erfahrung keine Stellung beziehen konnten, verurteilten diese Vorgehensweise. Die Gegenfrage, ob es den Kel Timia lieber wäre, wenn das Dorf von Touristen gemieden würde, damit sie nicht gestört werden, ließ ich nach den ersten 15 Probanden fort, nachdem immer die selbe ablehnende Meinung geäußert wurde. Vielmehr hatte ich den Eindruck, eine 41 Personen, die während der Touristenzeit außerhalb von Timia leben, können dazu keine Auskunft geben. 616 solche Frage würde den Kel Timia als überflüssig, ja geradezu als Frotzelei erscheinen. Dies wurde mit den Antworten auf die Kontrollfrage deutlich, ob denn die Kel Timia wünschten, dass mehr Touristen häufiger und für längere Zeit ins Dorf kommen mögen: Alle 35 Personen stimmten dafür, kein einziger stimmte dagegen. Damit können die Annahme von Eva Gretzmacher bzw. der analoge Standpunkt von Mano Dayak eindeutig als verfehlt und widerlegt betrachtet werden, wonach die Kel Timia keinen Kontakt zu Touristen wünschten. 617 17.2.4.1.4 Gründe für den Wunsch nach mehr Touristen Von 34, Personen, darunter 11 Frauen, argumentierten 33 Personen mit wirtschaftlichen Gründen für diesen Standpunkt. 6 Personen verwiesen auf die vermehrten Einnahmen der Schmiede, und vier Personen, darunter drei Frauen, sahen auch im vermehrten geistigen Aus- tausch durch mehr Tourismus einen wesentlichen Gewinn. Vereinzelt wurde auch auf die indirekten ökonomischen Vorteile durch erhöhtes Tourismus- aufkommen verwiesen. Der Karawanier Hadda Imoumoumene meinte, dass durch Tourismus zwar nur wenige zusätzliches Geld verdienen würden, dieses Geld aber in die Dorfwirtschaft einfließe, zirkuliere und dadurch zum Wirtschaftswachstum beitrage. Der 34-jährige Bouti- quier Ghabdat Guhai verwies auf die Softdrinks, die „Chasses de touristes“ von ihm kaufen und an Passanten weiterverkaufen würden, wodurch alle Beteiligten profitierten. Achmed Hadda, der Chef der Schmiedekooperativen verwies zudem auf die enormen Chancen, die sich aus Kontakten und Bekanntschaften ergeben könnten, und sei es nur das Überlassen von Medikamenten für die Dorfapotheke. Die Meinungen der Kel Timia brachte der 67-jährige Karawanier Achmoudiou Archi auf den Punkt, indem er auf die Frage nach den möglichen Problemen durch Tourismus in Timia ant- wortete: In Timia gäbe es keine Probleme durch Tourismus, im Gegenteil, denn während der Rebellion hatte man überhaupt keine Touristen, weshalb man viel gelitten habe, weil diese Einkommensquelle völlig verloren gegangen war… 17.2.4.1.5 Mögliche Gründe für dieses Besucherverhalten. Womit mögen die scheinbaren Besucherpräferenzen zusammenhängen? Wieso meiden die meisten Touristen das Dorf? Ich hatte nicht explizit nach Gründen für dieses Besucher- verhalten gefragt, weil ich nicht diese enorme Zustimmung erwartet hatte. Vereinzelt wurden Vermutungen über Gründe für dieses Verhalten trotzdem geäußert. 1. Die Verantwortung der Agenturen Drei Personen meinten, in der Programm- und Führungspolitik der Agenturen die Ursache für die Besucherströme zu erkennen. Aghali Imoumoumene glaubte zu wissen, das Gerücht, Ti- mia sei teuer und es gäbe hier aufdringliche, unerzogene Kinder, habe Schuld an diesem Agenturverhalten. Das entspreche nicht der Wahrheit, weshalb diesem Gerücht entgegen- zusteuern sei. Mitte der 80er-Jahre sei dies anders gewesen. Damals steuerten die Agenturen Timia als Ziel an, von wo aus Kameltouren unternommen wurden, weshalb man damals viel mehr verdient hätte: „Heute kommen, wenn überhaupt, nur noch die Kurzzeit-Touristen für ein paar Fotos, und das ist das Hauptproblem!“ Tatsächlich waren die Kinder von Timia, insbesondere während der Finanzkrise des Staates und dem dadurch bedingten Ausfall des Schulunterrichts gegen Ende der 90er-Jahre, häufiger ohne Aufsicht und scharten sich darum gerne neugierig um die ankommenden Reisegruppen. 618 Nach meiner Erfahrung waren sie jedoch niemals auf unangenehme Weise aufdringlich, wie ich es dagegen in Agadez sehr oft erlebt hatte.42 Aghali Imoumoumene stellte bedauernd fest, dass auch manche Touristen offensichtlich kei- nen Kontakt zur Bevölkerung wünschten, da sie doch im Auto sitzen blieben, was „äußerst negativ“ sei. Ich selbst konnte einige Situationen beobachten, in denen Agenturen beim Brun- nen vor dem Dorf zum Wassertanken hielten, jedoch keinerlei Anstalten machten, den Touris- ten den Besuch des Dorfes nahe zu legen; Gleiches hatte ich als Tourist unter der Führung von Eva Gretzmacher schon im Herbst 1997 erlebt. Auch bei einer US-amerikanischen Grup- pe der Agentur Niger Car unter der Leitung eines Djerma-Führers konnte ich das im Novem- ber 1999 beobachten. Als ich diese Touristen ansprach und ihnen den Dorfbesuch nahe legte, meinten sie, ihr Führer habe sie vor Timia mit den Worten gewarnt, deren Kinder seien „wie Hunde“, weshalb sie aus Sicherheitsgründen weiterfahren müssten. Auf meine Anregung hin sprach sich die gesamte Gruppe für die Nächtigung in Timia aus und setzte diesen Wunsch bei ihrem Führer durch. Später versicherte die Gruppe, ihr Aufenthalt sei einer der Höhepunk- te ihrer Reise gewesen. 43 Aghali kritisierte am Verhalten mancher Agenturmitarbeiter, dass diese zuweilen in Eile seien und dann häufig Einheimische vom Dorfbrunnen vertreiben würden, um die Wassertanks ra- scher auffüllen zu können. Diese Vorgehensweise sei insofern besonders verwerflich, weil keine der Agenturen zur Wartung der Brunnen finanziell beitragen würde, und sämtliche Kos- ten die Kel Timia tragen müssten. 44 2. Fehlende Anlaufpunkte in Timia Der Geograf Adouma Abderahman relativierte die Verantwortung der Agenturen insofern, als er auf die damals noch fehlende Infrastruktur des Dorfes verwies. Insofern trage die Bevölke- rung selbst die Verantwortung. Sinngemäß argumentierte auch der Projektleiter Mano Aghali, wobei er auch auf die fehlenden Hinweisschilder für Konsummöglichkeiten im Fort hin- wies. 45 Der deutliche Wunsch der Kel Timia nach einer stärkeren Partizipation am Tourismus sowie die Kritik an mangelnden „touristischen Barrieren“ in Timia in Gestalt von Cafés oder sonsti- gen Möglichkeiten zum Verweilen, war der Anlass für meinen nachfolgenden Versuch, das Fort als einen solchen Anlaufpunkt für Touristen zu adaptieren. Darüber hinaus reagierte ich in weiterer Folge auch auf die Kritik an den Agenturen in Agadez, indem ich diese im Zuge meiner Befragungen für das Fort-Projekt zu interessieren versuchte. 46 42 Näheres dazu siehe das Kap. „Fazit: Probleme durch Tourismus bei den Tuareg/Soziokulturelle Auswirkungen des Touris- mus“. 43 Aufgrund dieses und anderer, ähnlicher Vorfälle suchten die betreffenden US-Veranstalter, „Lost Frontiers“, nach einer anderen Agentur, die über kompetente Führer verfügte, die im guten Verhältnis zu den Tuareg stünden, worauf ich ihnen Tidéne Exp. empfahl. 44 Während meines Aufenthalts in Timia konnte ich ein derartiges Verhalten nicht beobachten. 45 Die Befragung mit Mano Aghali hatte im Jahr 2001, also lange nach der Eröffnung des Forts, stattgefunden. 46 Näheres dazu siehe das Kap. „Potentielle Tourismusentwicklung in Timia: Vier Testprojekte/Die Errichtung einer Herber- ge im Fort Massu". Die Grazer Sozialarbeiterin Gabi Kreimer (Int. 12. 1. 2003, Graz), die sich im Jahr 2001 zwei Monate im Nachbarort Tazelot aufgehalten hatte, berichtete ebenfalls von den häufigen Klagen der Boutiquiers über die mangelnden Partizipationsmöglichkeit am Tourismus, weil die meisten Touristen ohne Zwischenstopp zum nahe gelegenen Hauptort Timia weiterfahren würden. Als sie gegenüber den Kritikern auf die mangelnde touristische Infrastruktur des Dorfes hinge- wiesen hatte, entwickelten die Kaufleute die Idee, einen speziellen Platz im Stil eines „Restaurants“ für Touristen herzurich- ten. Über eine etwaige Realisierung dieser Idee bin ich jedoch nicht informiert. 619 17.2.5 Keine Angst vor Folklorisierung von Festen In der Kritik am Dritte-Welt-Tourismus findet sich oft die Warnung vor der Entwertung tradi- tionellerreligiöser Feste durch die Teilnahme der Touristen. Kern dieser Kritik ist die Aussa- ge, solche Feste würden für die Einheimischen wichtige besinnliche Rituale darstellen, wäh- rend sie für Touristen nur die schlichte Rolle ästhetischer Attraktionen spielen. Weil aber Touristen im Versuch, das Geschehen bestmöglich mit der Kamera zu dokumentieren, eine oftmals aufdringliche Vorgangsweise an den Tag legen, würden diese Feste für die Ein- heimischen zur bloßen Show entwertet werden. So war im Oktober in Iferouane von Eva Gretzmacher für ihre österreichische Reisegruppe ein nächtliches Tam-Tam organisiert wor- den, das im spärlichen Mondlicht abgehalten wurde. Als einige Reisemitglieder, darunter auch ich, das Geschehen mit Blitzlicht fotografierten, ernteten sie empörte Kritik von Frau Gretzmacher und wurden angewiesen, diese Störungen zu unterlassen. Vor dem Hintergrund dieser Erfahrung wollte ich erfahren, was die Kel Timia über die Teil- nahme von Touristen an ihren Festen dachten, ob sie sich denn durch Fotos gestört fühlten. Unter 38 Personen verneinten 36 Kel Timia diese Frage. Lediglich zwei Personen meinten, sich gestört zu fühlen, ohne diese Antwort zu begründen: es waren Ghabdat Guhai, der 34- jährige Boutiquier und Schneider und der Campingplatz-Betreuer Guhoudan Atiban, dessen Sohn als „Chasse“ vom Tourismus lebt. Doch offensichtlich nehmen diese beiden die Störung gerne in Kauf, denn an anderer Stelle hatten sie die fotografische Aktivität der Touristen ex- plizit als positiven Werbeeffekt begrüßt. Im Übrigen hatten beide auch an anderer Stelle an- gegeben, durch Tourismus finanziell zu profitieren und sich in keiner Weise durch Touristen gestört zu fühlen! 17.2.5.1 Feste als wichtige Attraktion und Werbefaktor Insgesamt 30 Kel Timia beurteilten die fotografischen Aktivitäten der Touristen während tra- ditioneller oder auch organisierter Feste als Werbefaktor für das Dorf. Die Feste in Timia sind in der Tat äußerst farbenfroh und eindrucksvoll, legen doch die Kel Timia zu diesen Anlässen ihr bestes Gewand an. Sie sind sich ihres besonderen Erscheinungsbildes in den Augen der Europäer voll und ganz bewusst und auch stolz darauf, wie Daboun Taralou, der Chef de Groupement sinngemäß meinte. 47 Darum kalkulieren sie damit, dass die auf Festen gemach- ten Fotos, die zu Hause Freunden gezeigt oder in Magazinen veröffentlicht werden, weitere Europäer zum Besuch Timias motivieren würden. Ein Problem sieht der Projektleiter Adouma Abderahman im Fotografieren nur dann, wenn jemand solche Fotos ausschließlich zum eige- nen Profit verwertet, etwa für Postkarten und Poster, ohne die Kel Timia bzw. die portraitier- ten Personen daran partizipieren zu lassen. 48 6 Personen, darunter 3 Frauen, sahen in der Teilnahme von Touristen an den Festen in Timia zudem die Chance, Kontakte zu knüpfen und Freunde zu gewinnen. 49 Dies lässt sich in der Weise interpretieren, dass die Touristen in Timia eben nur wegen einer besonderen Attraktion anhalten, um diese fotografieren zu können. Das Anhalten eines touristischen Fahrzeugs ist frei- lich die Voraussetzung dafür, mit den Touristen in Kontakt zu treten, sei es nun zu geistigem 47 Von dieser selbstbewussten Haltung der Kel Timia berichtet auch Spittler (1998, S. 27). 48 Dazu sogleich näheres. 49 Zu den Kontakten mit Europäern siehe im letzten Teil dieses Kapitels. 620 oder materiellem Austausch. Darüber hinaus entspricht es offensichtlich der Erfahrung, dass die Kamera nicht nur als „Jagdinstrument“ für die Beschaffung von fotografischen Trophäen ein- setzbar ist, sondern auch als Mittel der Kommunikation und der gegenseitigen Bereicherung. 50 17.2.5.2 Warum fotografieren Touristen? Welche Vorstellung haben die Kel Timia vom Fotografieren? Können sie sich in die Touristen hineinversetzen, warum diese so häufig zur Kamera greifen, oder ist ihnen dieser Akt fremd? Erstaunlicherweise vermuteten von 34 Befragten 22 den wesentlichen Grund für das Fotogra- fieren im Bedürfnis der Touristen, das Gesehene zur besseren Erinnerung festzuhalten, und 18 den Wunsch, das Gesehene Freunden zeigen zu können. Mokhamed ag Ghabda, derDorfchef, meinte, aus dem letzteren Grund fotografiert worden zu sein: „Dann können sie zeigen: voilà, der Dorfchef!“ Kritisch äußerte sich Mariema Issoufa, die 17-jährige Hirtin, über Fotografen, die schlecht gekleidete Kinder fotografieren, weil da- durch deren Eltern gegenüber den späteren Betrachtern der Fotos in ein schlechtes Licht ge- stellt werden würden. Sinngemäß argumentierte auch Aghali Imoumoumene. Der 51-jährige Schmied, Ilies Ghabdoumen, sah im Fotografieren eine Möglichkeit, Kontakte zu knüpfen oder gar Freundschaften zu schließen. Ein völlig anderer Aspekt wurde durch die etwas anders formulierte Frage, was die Touristen mit den Fotos anfangen würden, aufgedeckt. Darauf antworteten von 25 Personen über- raschenderweise 18 (72 %) mit der Kritik, diese würden zum eigenen Vorteil verkauft wer- den. 13 meinten, man würde für Timia werben. Den Hintergrund dieser überraschenden Aussage bilden vor allem die Tuareg-Poster des Franzosen Maurice Escanier, die in Niamey verkauft werden, wie Daboun Taralou, der Chef de Groupement, erklärte. Machmud Illo, der Projektarbeiter in Tahoua, meinte, diese Timia- Poster von Ascani hätten in Timia zu sehr viel Missmut geführt. Der Projektleiter Adouma Abderahman verwies auf den bekannten französischen Fotografen Jean-Marc Durou, der durch den Verkauf von Postkarten mit Fotos von Personen aus Timia verdient hatte, jedoch nie nach Timia gekommen sei, um sich zu bedanken oder sich zu revanchieren. Auf ähnliche Weise würden viele Touristen agieren, und von dieser Vorgangsweise seien viele Kel Timia betroffen. Sinngemäß argumentierte auch der Lehrer Bachar al Hadj. Der Student Aghali Isoufou meinte gar, dass 60 % der Touristen ihre Fotos verkaufen würden, was er als „Aus- beutung“ verurteilte. Tatsächlich lassen sich im Internet zahlreiche Escanier-Tuareg-Poster finden, die um 30 Euro und mehr zum Verkauf angeboten werden. Personen von Timia hatte ich darunter noch nicht entdecken können. Richtig ist auch, dass viele Postkarten mit schönen Aufnahmen aus Timia im Niger und in Europa kursieren. Ähnliches gilt aber auch für die Bücher von Jean-Marc Durou. Hingegen konnte ich noch keine Belegexemplare dieser Bücher in Timia auffinden. 51 Zusammenfassend lässt sich vorerst festhalten, dass die Kel Timia eine stärkere Partizipation am Tourismus wünschen, dass sie zum diesem Zweck auch für die typischen touristischen Aktivitäten, insbesondere das Fotografieren, offen stehen, solange sie davon in irgendeiner 50 Siehe dazu das Kap. über „Fazit: Probleme durch Tourismus bei den Tuareg/Soziokulturelle Auswirkungen des Touris- mus/Fotografieren“. 51 Diese Kritik der Kel Timia bewog den Wiener Architekten Franz Lindner und mich dazu, eine Postkartenserie mit Motiven von Timia zu produzieren und den Kel Timia für den Verkauf an Touristen zur Verfügung zu stellen. Näheres dazu siehe das Kap. „Potentielle Tourismusentwicklung in Timia: Vier Testprojekte/Postkarten für Timia". 621 nachvollziehbaren Weise mitprofitieren können. Offensichtlich wird für die Kel Timia die Chance, neue Einkommensquellen durch den Verkauf von Produkten, die Organisation von Festen, die emotionale Bindung der Touristen und deren Wiederkehr mit einem Projekt, oder auch die längerfristige Werbung zur alleinigen Steigerung der Chancen auf solche zukünfti- gen Einkommen sehr hoch gewertet. Insofern lässt sich hier ein grundlegender Wandel der Haltung der Kel Timia gegenüber Europäern vermuten, was jedoch noch näher zu betrachten sein wird. 17.2.6 Das Bild der Kel Timia von Europa und den Europäern Die überwiegende Interpretation, Touristen seien „Cash-Sows“, legt die Frage nach den Vor- stellungen der Kel Timia von Europa und den Europäern nahe. Welchen Menschen sehen sie hinter dem eiligen, fotografierenden Wesen im Kaufrausch, und welche Bilder verbinden sie mit den Ländern, aus denen diese Menschen kommen? Welche - möglicherweise - unrealisti- schen Hoffnungen werden mit Europäern verbunden? 17.2.6.1 Das Europa-Bild der Kel Timia Bei 42 befragten Kel Timia bedeutet „Europa“ für die deutliche Mehrheit (37 Personen oder 88 %) in erster Linie Reichtum. 7 nannten den vielen Regen, 7 den vielen Verkehr bez. die unzähligen Fahrzeuge, 4 sahen in Europa einen hohen Entwicklungsstand. Die Antworten lassen sich in drei Kategorien einteilen: 17.2.6.1.1 Die Modernisierungskritiker Die Modernisierungskritiker verfügen alle über eine höhere Schulbildung, sind eher jüngeren Alters und haben zum Teil auch Europa-Erfahrung. Sie heben die klassischen Errungen- schaften des modernen Europas, die wirtschaftliche Entwicklung und den technischen Fort- schritt als positiv hervor, übersehen aber auch nicht die damit verbundenen Kosten. Für den Lehrer Bachar al Hadj ist Europa ein grüner Kontinent mit viel Industrie, hoher Ent- wicklung, enormem Fortschritt, jedoch für den Preis der Umweltverschmutzung. „In Europa gibt es alles, wenn man die nötigen Mittel hat.“ Mein Assistent Aghali Imoumoumene nannte als positive Seiten Europas die Sauberkeit auf den Straßen, die gute Arbeitsmoral, die Pünkt- lichkeit sowie die Tatsache, dass keine Kinder unbeaufsichtigt auf den Straßen seien. Kritisch nannte er hingegen die Luftverschmutzung und das Waldsterben. Überwiegend kritische Worte für Europa fand der Projektleiter Adouma Abderahman, der in Frankreich studiert hatte. Aus einer scheinbar wohlstandsüberdrüssigen Perspektive assoziier- te er mit Europa lediglich „Stress, Geld, Maschinen, Lärm und Umweltverschmutzung“. 622 Eine politische Perspektive vertrat hingegen der Student Aghali Isoufou, für den die EU ein wichtiges Entscheidungszentrum sei, von dem der Niger sehr abhängig wäre. 17.2.6.1.2 Die Zyniker Die Zyniker betrachten den enormen Reichtum Europas weniger mit sehnsüchtigen, als viel- mehr mit distanzierten, kritischen, aber auch erstaunten, fassungslosen Augen. So meinte der Boutiquier Ghabdat Guhai, Europa sei „auch wegen Afrika reich“. Der Gartenbauer Mach- mud Illo sieht für Europa keine Entwicklung mehr: „Es ist schon so reich, dass die Europäer nicht mehr wissen, wohin mit dem Geld.“ Jemana, die 46-jährige Handwerkerin, vermutet, dass es in Europa so viele Bäume und Häuser, also offensichtlich „zu viel Reichtum gibt, weshalb die Leute hierher kommen“. 17.2.6.1.3 Die Träumer Die Träumer sehen Europa in den rosigen Farben, ähnlich wie viele Europäer heile Welten in manchen Ländern der Dritten Welt erkennen wollen. Tschibril Aboubakar, ein 36-jähriger Boutiquier, nannte Europa ein „Paradies mit schönen Städten“, und die 36-jährige Hirtin Lolo Mohamed ist überzeugt davon, dass „alles Gute und Schöne von Europa kommt“. 17.2.6.2 Europa-Erfahrung der Kel Timia Die wenig differenzierte Europa-Sichtweisen der Kel Timia erstaunt nicht weiter, denn von 43 Personen haben lediglich zwei bereits Europa besucht: Aghali Imoumoene war mehrmals vom Ethnologen Gerd Spittler nach Deutschland eingeladen worden, und Adouma Abderahman hatte in Frankreich studiert und ist mit einer Französin verheiratet. 17.2.6.3 Interesse an einer Europa-Reise Die Frage, ob sich die Kel Timia für einen Besuch Europas interessieren würde, bejahten von 38 Personen, davon 11 Frauen, insgesamt 31 Personen. Dabei gaben sich die Frauen eher zu- rückhaltender, da von ihnen nur 7 (63 %) ein solches Interesse zeigten, während 92 % der Männer sofort Geschmack an einer solchen Reise finden würden. Für eine solche Reise wur- den von den Befragten folgende Gründe genannt: 623 17.2.6.3.1 Neugierde 20 Personen, die zumeist jünger als 35 Jahr waren, würden gerne aus bloßem Interesse nach Europa reisen, um die Unterschiede zum Aïr kennen zu lernen. Von den wenigen älteren Per- sonen meinte der 47-jährige Karawanier Ibrahim Alimone, er würde gerne „all den Reichtum in Europa sehen“. Den 67-jährige Karawanier Hadda Imoumoumene würde es reizen, auf die europäischen Weiden „die Kühe zu führen“. Weniger aus bloßer Neugierde als vielmehr aus einem berufsbedingten Interesse antwortete Daboun Taralou, der Chef de Groupement: Er würde neben Europa auch gerne Amerika ken- nen lernen, „um die Dinge besser zu verstehen“. Ein ähnliches Motiv bewegte auch Achmed Hadda, den Präsidenten der Schmiedekooperative; er würde die dortigen Märkte studieren, um davon zu lernen. 17.2.6.3.2 Arbeits-Chancen Vier Personen, darunter ein Gärtner, ein Boutiquier sowie die zwei Europa-Erfahrenen, nann- ten berufliche Chancen als Grund für ihr Europa-Interesse. So meinte der Projektleiter Adou- ma Abderahman, er sei zwar „nicht begeistert von Europa. Ich mag das System nicht, aber es ist notwendig, darin zu arbeiten, zu leben und um in den Niger zurückkehren zu können.“ 17.2.6.3.3 Sonstige Vorteile Weitere 4 Personen erhofften sich durch eine solche Reise sonstige Vorteile wie das Gewin- nen von Kunden oder von Geschenken. So meinte der Karawanier Achmoudiou Archi, er würde „Werbung für Timia machen, um Hilfsprojekte herbeizuschaffen“. Weniger altruis- tisch, vielmehr auf seinen eigenen Vorteil bedacht erklärte der 51-jährige Schmied Ilies Ghabdoumen, er erwarte sich von Europa, dort ein Auto als Geschenk zu bekommen. Viele Schmiede mit Europa-Erfahrung hätten ihm erzählt, in Europa Autos geschenkt bekommen zu haben. Besonders in der letzten Äußerung kommt die für außereuropäische Länder so typische und höchst gefährliche Dynamik einer sich selbst verstärkenden Prophezeiung von Europa als Para- dies zum Ausdruck, in dem das Geld gleichsam auf dem Boden liege. Eine Folge dieses Mythos ist die Tatsache, dass vor allem Schmiede in der Meinung nach Europa zu reisen versuchen, dort in großen Mengen Schmuck verkaufen zu können, eine Hoffnung, die eher mit höheren Kosten für Flüge etc. verbunden ist als mit reichlichen Einnahmen. 624 17.2.6.4 Kein Interesse an einer Europa-Reise Den Wunsch, lieber in Timia zu bleiben äußerten 7 Personen, darunter 3 Hirtinnen, aber auch ein junger Koch. Als Gründe wurden vor allem die schwierige Umstellung auf andere Sitten und Gegebenheiten, das fortgeschrittene Alter und die hohen Kosten angegeben. So meinte die 62-jährige Hirtin Fatima Hadda, in ihren Jugendjahren hätte sie sich sehr wohl für eine Europareise interessiert, heute dagegen sei sie zu alt dafür. Der 32-jährige Agenturkoch Eserit Ias empfindet wegen der großen Schwierigkeiten und der hohen Kosten „keinen so großen Reiz“ nach Europa zu reisen, es sei denn, er würde für einen kurzen Besuch eingeladen wer- den. 17.2.6.5 Kontakte der Kel Timia zu Europäern Das jeweilige Bild von Europa oder von Europäern entstand sowohl durch Kurzkontakte mit Touristen als auch durch längere, tiefer gehende Kontakte mit Europäern, zu denen sich eine engere Beziehung entwickelt hatte, und mit denen ein über bloße kommerzielle Beziehung hinausgehender Kontakte besteht. Solche Kontakte können wesentlich dazu beitragen, die herrschenden Mythen über Europa und auch über Touristen und Tourismus aufzubrechen und zu differenzierender Kritikfähigkeit anzuregen. Aus diesem Grund fragte ich die Kel Timia nach möglichen engeren Bekanntschaften zu Europäern. Von 41 Personen gaben 28 (68 %) an, in engerem Kontakt zu Europäern zu stehen oder ge- standen zu haben. In 12 Fällen waren diese Kontakte im Zuge von Hilfs- und Forschungspro- jekten entstanden. Die am häufigsten genannte Kontaktperson war Gerd Spittler, gefolgt von Mitarbeitern der gtz und den „Amis de Timia“. 2 Schmiedefrauen hätten im Zuge von Film- projekten näheren Kontakt zu Europäern gewonnen. Wie nachhaltig der Tourismus auch in Hinblick auf solche Kontakte wirkt, indizieren die Antworten jener 10 Personen, deren Be- kanntschaften sich aus vertieften Kontakten zu Touristen entwickelt hatten. Über keinerlei weiterreichende Bekanntschaften zu Europäern verfügten 13 Personen (32 %). Für den 20-jährigen Karawanier Rissa Arbas war ich sogar der erste Europäer, mit dem er gesprochen haben wollte. Aufgrund seiner spezifischen Arbeit und der Karawanenreisen, die zumeist abseits der Touristenrouten verlaufen, hatte er auch wenig Gelegenheit, mit Europä- ern näher in Kontakt zu gelangen. Weniger ein „strukturelles“ als vielmehr ein „Werte- problem“ hat Daboun Taralou, der 61-jährige Chef de Groupement. Er könne nicht wie ein Kind auf Fremde zugehen, weil dies dem traditionellen Ethos „Eschek“ widerspreche, das die Kontaktaufnahme bestimmten Regeln unterwerfe. Allerdings seien Europäer keine Muslime und stünden darum außerhalb des Eschek-Reglements, weshalb Daboun es „theoretisch lernen könnte“, auf sie zuzugehen. Bislang aber fiele es ihm sehr schwer. 52 52 Näheres zum traditionellen Wert „Eschek“ und dessen Wandel siehe das Kap. „Tourismus und soziokultureller Wandel bei den Kel Timia/Gefährdung des Wertgefüges durch Tourismus?/Traditionelles Ethos/Eschek“. 625 17.2.6.6 Bedürfnisse nach engeren Kontakten mit Europäern Die Antwort von Daboun Taralou lässt vermuten, dass er einen weiterreichenden Kontakt zu Europäern doch sehr schätzen würde. Überhaupt zeigt sich bei den Kel Timia, die von europä- ischen Freunden berichteten, dass deren Kontakte bereits weiter zurück liegen. Gerd Spittler war zuletzt vor der Rebellion, Ende der 80er-Jahre in Timia gewesen, und die letzten Besuche der gtz-Mitarbeiter Helmut Paschen und Pit Weingartner liegen noch weiter zurück. Um Ein- blick zu gewinnen, welche Bedeutung die Kel Timia solchen Bekanntschaften zuschreiben, fragte ich danach, ob und warum jemand gerne neuerlichen engeren Kontakt mit Europäern wünsche. Von den 35 Personen, die solche Kontakte wünschten, begründeten dies 18 (51 %) mit der Chance, zu profitieren. Diese Personen waren zumeist fortgeschrittenen Alters (>45 Jahre). 16 Personen (46 %), die zumeist eher jüngeren Alters waren (<35 Jahre) und denen verhält- nismäßig mehr Frauen angehörten, erhofften sich durch solche Bekanntschaften vor allem geistigen Austausch durch Korrespondenz. o 8 Personen (23 %), zur Gänze Männer um die 35 Jahre, konkretisierten ihre Profitmotiv näher: Sie hofften, durch eine solche Bekanntschaft nach Europa eingeladen zu werden. o 4 Personen (11 %) meinten, durch Kontakte gegenseitig mittels kommerziellen und geistigen Austauschs profitieren zu können. o 3 Personen (9 %) meinten, durch solche Kontakte weitere touristische Kunden Ge- winnen zu können. An dieser Auflistung wird deutlich, wie utilitaristisch - im wertfreien Sinne - die Kel Timia denken, dass sie keineswegs dem Bild des naiven „edlen Barbaren“ entsprechen, die keine Ahnung von der Welt haben und darum von den Touristen verdorben werden können. Viel- mehr scheint es, dass die Kel Timia bereits in sehr kreativer Weise „global“ denken, und in einer „Vernetzung“ mit dem Westen gleichermaßen Vorteile zu erkennen glauben wie westli- che Befürworter der Globalisierung. Dabei verstehen sie ihre Trümpfe, nämlich die „Schön- heiten“ ihrer Umgebung und ihres Dorfes, aber auch ihre Offenheit durchaus gezielt einzuset- zen, um das „Herz“ eines Touristen und damit seine Brieftasche für den Kauf von Produkten zu öffnen oder ihn gar an das Dorf zu binden, wie es ja bereits des Öfteren im Falle Timias gelungen ist. 17.2.6.7 Das Bild der Kel Timia von den Europäern Wenn sich die Kel Timia solchen positiven Nutzen von Europäern in all seiner Vielschichtig- keit erhoffen, welches Bild machen sie sich dann von „dem“ Europäer? Welches Klischee dominiert in den Köpfen der Kel Timia? Ist das Wahrnehmungsmuster ähnlich simpel ge- strickt wie die Bilder der Europäer von den „Wüstenrittern“? 53 Die 41 Antworten auf diese Frage lassen sich grob in die drei Kategorien eines positiven, ei- nes neutralen und eines negativen Gesamturteils einteilen. 53 Vgl. das Kap. über „Die Marke „Tuareg“ – Mythos und Images“. 626 17.2.6.7.1 Der offene, kompetente und engagierte Europäer 16 Personen (39 %) gaben über Europäer ein überwiegend positives, zum Teil sogar enthu- siastisches Gesamturteil, wobei 50 % der Frauen, aber nur 35 % der Männer diese Sicht ver- traten. Von diesen 16 betrachten 10 Personen die Europäer vor allem als wissensdurstig und aufge- schlossen. So meinte die 54-jährige Handwerkerin Dilliou Illias, die Europäer hätten die Mit- tel für Abenteuer und würden darum die Wüste freiwillig durchqueren. Und weil sie die Tra- dition der Menschen in den Wüstenregionen lieben und darum suchen, seien sie nicht jene, die sie zerstören, sondern jene, die sie fördern würden. 5 Personen sahen Europäer in erster Linie als kompetent und besonders intelligent an, weil sie offensichtlich komplizierteste Technologien zu beherrschen, entfernteste Länder mühelos zu bereisen und schwierigste Probleme zu lösen imstande seien. So meinte etwa die 17-jährige Schülerin Fatimata Iousoufou, Europäer „wollen die ganze Welt entdecken und sind viel intel- ligenter als die Leute von hier“. Khader, der 40-jährigen „Chasse de touristes“, war aufgefal- len, dass Europäer beim Handeln gewitzter als Amerikaner seien: „Die Amerikaner zahlen jeden Preis!“ 4 Personen sahen im Europäer vor allem einen hilfreichen, humanitär engagierten und groß- zügigen Menschen. Die 33-jährige Hirtin Fitita Mohamed berichtete von ihren positiven Erfa- hrungen mit Europäern, die ihren Müll wiederverwerten würden, indem sie ihr die leeren Do- sen als Behältnisse überließen. Zudem seien die Europäer „gut gewachsen und parfümiert“. 54 17.2.6.7.2 Der Europäer als Angehöriger einer anderen Tradition Zu einem eher neutralen Gesamturteil gelangten 17 Personen (42 %), von denen 8 (20 %) die Individualität und geistige Unabhängigkeit hervor strichen, was sie weniger als außergewöhn- liche Eigenschaft, als vielmehr im wertfreien Sinne als Ausdruck einer anderen Kultur be- trachteten. So meinte Ilies Ghabdoumen, der 51-jährige Handwerker, Europäer „leben, wie sie wollen, und pfeifen auf die Religion“. Gewisse Ähnlichkeiten zwischen Tuareg und Europä- ern meinte der junge Lehrer Bachar al Hadj zu erkennen, weil die europäischen Frauen wie bei den Tuareg sehr frei seien. Sehr differenziert und analytisch betrachtet dagegen der europaerfahrene Aghali Imoumou- mene die Europäer, die genau, sauber und pünktlich seien, effizient mit ihrer Zeit umgingen und ein funktionierendes System von Rechtsstaatlichkeit und Sicherheit zuwege brächten. Doch dafür fehlte es ihnen an zwischenmenschlicher Wärme, denn sie seien sehr kontakt- scheu. 54 Ähnlich war auch die vorherrschende nepalesische Auffassung vom Abendland bis vor der Öffnung des Landes für den Massentourismus, wonach es technisch hoch entwickelt und seine Menschen als großzügig und dem Egalitarismus verpflich- tet angesehen wurden. Zwischen den ostnepalesischen Sherpas und ihren ausländischen Besuchern sei eine „Gesellschaft zur gegenseitigen Bewunderung“ entstanden. James Fisher, zit. in Hutt 1998, S. 79. 627 17.2.6.7.3 Europäer als Ungläubiger Immerhin 8 Personen beurteilten Europäer eher negativ, wobei sich das Urteil von 7 Personen auf deren „Ungläubigkeit“ gründete. 55 Von diesen Personen waren die meisten im fortge- schrittenen Alter. Dass Europäer keine Muslime seien, kritisierte als besonderen Makel ledig- lich Ousmane Batti, ein 47-jähriger Marabut. 56 Das einzige negative Urteil, das sich auf andere als religiöse Motive gründete, stammte vom Akademiker Adouma Abderahman, der in fortschrittskritischer Manier Europäer als „neugie- rig, oberflächlich und aufdringlich“ beurteilte; Europäer würden „sehr viel reden, ohne etwas zu sagen.“ 17.3 Schlussfolgerungen zum Tourismus bei den Kel Timia Der Versuch, diese unterschiedlichen Meinungen möglichst sinngetreu einzuordnen und zu interpretieren gestaltet sich schwierig, denn sie sind Ausdruck unterschiedlicher, vielfältiger Lebenserfahrungen, die teilweise positiv, teilweise negativ verlaufen sind. Nach meiner An- sicht erinnert dieses Kaleidoskop aus Meinungen sehr stark an die Stimmungen, die im Vor- feld der österreichischen Abstimmung über eine EU-Mitgliedschaft im Jahr 1994 Ausdruck fanden. Auch damals reichte die Palette der Meinungen von Enthusiasmus über die sich öff- nenden Möglichkeiten bis zur existenziellen Angst über die Risiken, die mit diesen neuen, befremdlichen Möglichkeiten, der Dynamisierung des Marktes - und damit auch der Gesell- schaft - verbunden waren. Der Rückgriff auf wesentliche Elemente des eigenen Selbstverständnisses, die bei den Kel Timia bedeutende Rolle der Religion als Abgrenzungskriterium gegenüber den „gottlosen“ Europäern ist ein typisches Schema zur Überwindung drohender Sorge, Angst oder gar Orien- tierungslosigkeit. Dieses Schema dient aber auch der eigenen Immunisierung, wodurch man in die Lage gerät, sehr wohl mit den Europäern in profitablen Kontakt zu kommen, ohne see- lisch Schaden zu nehmen. Jüngere, moderner gesinnte Kel Timia wiederum identifizieren sich gerade mit den in ihren Augen „typischen“ Fähigkeiten des Europäers und mit dessen technischem und fort- schrittlichem Sinn. Diese zumeist jüngere Generation ist bereits von den traditionellen sozio- kulturellen und ökonomischen Strukturen der Kel Timia abgerückt. Für sie steht mit den Ver- änderungen, die sie sich vom europäischen Einfluss erhoffen, weniger der Verlust einer ver- trauten Welt auf dem Spiel, als vielmehr die Verbesserung einer als schwierig empfundenen Lebenssituation. Es ist das Privileg der jungen Einwohner, nach vorne zu blicken. Bei weiblichen Kel Timia zeigt sich generell ein konservativerer Trend als bei den Männern. Sie wären weniger bereit, nach Europa zu reisen, und sie sehen in Kontakten zu Fremden primär ein 55 Insgesamt nannten zwar 11 Personen dieses Charakteristikum, jedoch akzeptierten dies 4 Personen einfach als andere Denkungsweise und weniger als Makel. 56 Spittler (1998, S. 28 f.) kommt zu einem ähnlichen Urteil, wonach fremde Weiße unter den Kel Ewey tendenziell als Ungläu- biger bzw. Heiden (akafer, Pl: ikufar) gelten, wobei es keine Rolle spielt, ob es sich um Christen oder Atheisten handle. Zumeist wird „Ikufar“ neutral verwendet, doch ist auch die negative Konnotation, etwa als Schimpfwort, gebräuchlich. 628 Mittel des persönlichen und nicht des materiellen Austausches. Diese zurückhaltende, eher risi- koscheue Haltung erklärt sich aus der traditionellen Verantwortung der Frau für die Familie. In dieser Rolle kann eine Mutter viel schwieriger auf äußere Veränderungen reagieren als ein Mann, der vom gesellschaftlichen Rollenverständnis her für die Beschaffung des Einkommens zuständig ist. Nach diesem Verständnis fällt ihm die Aufgabe zu, hinaus in die fremde Welt zu gehen und die Basis für eine Familie zu suchen, wie es viele junge Kel Ewey in Algerien und Libyen tun. Doch auch nach der traditionellen Rollenverteilung ist es die Frau, die zu Hause das Zelt behütet, während es der Mann ist, der sich als Karawanier dem Risiko der Ténéré aussetzt. Diese unterschiedliche Risikofreude täuscht dennoch nicht über das Wissen der Kel Timia um ihre wirtschaftliche Lage hinweg. Sie wissen um ihre vielfältigen ökonomischen Probleme und öffnen sich zunehmend neuen Chancen, um dieser Probleme Herr zu werden. Offen- sichtlich sehen sie im Tourismus ein wesentliches Mittel zur Lösung ihrer Probleme. Und offensichtlich verfügen die meisten Kel Timia bereits über genug Erfahrung im Umgang mit Touristen, um keine Angst vor ihnen haben zu müssen. In jedem Fall muss an dieser Stelle eindeutig festgehalten werden, dass keine signifikanten Meinungsäußerungen unter den Kel Timia gefunden werden konnten, die sich gegen Touris- mus, gegen eine Öffnung ihres Dorfes für den Besuch durch Touristen und gegen die Beteili- gung von Touristen an Dorffesten richteten. Insofern bleibt nur noch die Frage zu beantwor- ten, ob die Erwartungen der Kel Timia in die ökonomischen Vorteile des Tourismus der Rea- lität gerecht werden, und ob möglicherweise bedenkliche Aspekte des soziokulturellen Wan- dels einen Widerstand gegen den Wunsch der Kel Timia nach mehr Tourismus rechtfertigen, wie es von Eva Gretzmacher und Mano Dayak gehandhabt wurde. Es bleibt somit die Frage zu beantworten, welche folgenschweren Gefahren mit einer touristischen Entwicklung im gegenwärtigen Ausmaß für die Kel Timia verbunden wären, die diese selbst nicht erkennen, sondern die nur für „Experten“ erkennbar sind. 629 18 Die wirtschaftliche Rolle des Tourismus in Timia Die Kel Timia setzen große ökonomische Hoffnungen in den Tourismus. Durch ihn soll zusätzli- ches Einkommen lukriert, sollen neue Projekte vermittelt und weitere Arbeitsplätze geschaffen werden. Doch kann Tourismus in der Region Timia in realistischer Hinsicht diesen Hoffnungen überhaupt gerecht werden? Wer sind denn tatsächlich die wesentlichen Profiteure des Tourismus in Timia? Wie bereits erwähnt, herrscht in Timia weit verbreitetes gegenseitiges Misstrauen innerhalb der Bevölkerung, 1 weshalb über Besitz, wenn überhaupt, nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen wird. Darum gestaltete sich auch eine Untersuchung über Einkommen durch Tourismus äußerst schwierig. Besonders unter den „Chasses de touristes“ herrschte eine gewisse Skepsis gegenüber den Fragen, die sich auf das Einkommen generell und auf das tourismusbedingte Einkommen im Besonderen bezogen. Somit beruhen die folgenden Ergebnisse zum einen auf den Auswertungen von Antworten, die mit Vorsicht hinsichtlich ihres Wahrheitsgehalts zu werten sind, sowie auf ei- genen Beobachtungen und Hochrechnungen. Eine derartige Datenbasis erlaubt seriöserweise ledig- lich, gewisse Trends aufzuspüren. Ein höherer Grad an Zuverlässigkeit war unter den gegebenen soziokulturellen Gegebenheiten und in der relativ kurzen Zeit von rund sechs Wochen nicht erziel- bar. Die Ergebnisse der Befragung vermitteln jedoch über die Skizze der wirtschaftlichen Rückflüsse durch Tourismus hinaus noch ein weiteres, wichtiges Bild. Es spiegelt die Erwartungshaltungen und die gegenseitigen Einschätzungen der Kel Timia wieder. Dabei wird deutlich, dass die über- ragende Zahl der Kel Timia keineswegs überzogenen Erwartungen an den Tourismus hegt, als vielmehr die Entwicklungspotenziale realistisch und kritisch einzuschätzen vermag. 18.1 Allgemeine Einschätzung der ökonomischen Bedeutung des Tourismus Sämtliche befragte Kel Timia wünschen sich, dass mehr Touristen für längere Zeit im Dorf verwei- len würden. Gegen diese Perspektive hatte kein einziger Befragter, weder der Marabou, noch der Lehrer oder der Projektleiter, etwas einzuwenden. Die überragende Zahl der Befragten erhofften sich dadurch bessere Verdienstmöglichkeit, wobei etwa die Hälfte der Befragten diese Chancen durchaus realistisch einzuschätzen schien. Besonders die älteren Personen (Altersschnitt > 40 Jah- re) betrachteten nämlich weniger sich selbst als die unmittelbaren „Gewinner“ einer Touris- musentwicklung als vielmehr die „Bevölkerung“ bzw. gewisse Bevölkerungsteile (dazu sogleich). Dass Tourismus für die Kel Timia keineswegs der große Geldsegen, sondern eine zusätzliche Chance bedeutet, brachten die Antworten zur Frage nach der Reputation von Tourismusbe- schäftigten zum Ausdruck. Lediglich 9 von 29 Personen (31 %) waren der Meinung, ein Touris- musbeschäftigter sei angesehener als ein Gartenarbeiter. 20 Personen widersprachen dieser Be- hauptung vehement und 14 von ihnen begründeten dies mit dem Hinweis, dass der Gartenbauer bis zu drei Mal im Jahr ernten könne, während die Tourismussaison lediglich wenige Monate dauere und selbst in dieser Zeit ein Einkommen nicht garantiert sei. Das touristische Einkommen, das während der Saison (1999) täglich am Guelta aus Produkten des Kunsthandwerks lukriert wurde, schätzte Moussana Alkabous, Präsident der „Amis de Timia“, 1 Vgl. das Kap. „Die gegenwärtige Situation der Kel Timia: Kernprobleme und Lösungsstrategien/Innere Konflikte“ 630 gemessen am tatsächlichen Finanzbedarf der Bevölkerung als gering ein. Die Verkäufe hielten sich in Grenzen, weil viele Personen nur der landschaftlichen Schönheit wegen in Timia anhielten und darum keine nennenswerten Geldsummen zurücklassen würden. Auch die Einkünfte aus der Ka- melvermietung seien bislang vernachlässigbar. 2 Der Traum vom großen Geld durch Tourismus sei vor allem unter den jungen Kel Timia verbreitet, denn sie hätten die Kurzfristigkeit dieses Einkommens noch nicht verstanden, wie Achmed Hadda, der 42-jährige Chef der Schmiedekooperative, sinngemäß erklärte. Dass die bloße Hoffnung auf ein beträchtliches Einkommen manchen Kel Timia schwach werden lässt, verdeutlichte Fatima Hadda, die 62-jährige Hirtin. Als ich ihr erzählte, wie viel ein Chauffeur während einer Saison verdienen würde, wurde sie ganz aufgeregt und meinte jauchzend, das sei phantastisch, für ein solches Gehalt würde sie sofort ihre Hirtenarbeit aufgeben und nach Timia gehen. Eine etwas kritischere Haltung vertrat die 33-jährige Hirtin Fitita Mohamed. In ihren Augen sei zwar grundsätzlich jene Arbeit, die das beste Einkommen ermögliche, am meisten angesehen, doch erfüllten die verschiedenen Berufe darüber hinaus auch andere wesentliche Aufgaben: „Auch die Arbeit mit den Tieren ist wichtig, weil es eine Tradition ist!“ Fitita ist verwitwet und lebt mit ihren zwei Kindern und etwa 30 Ziegen und fünf Hühnern in einem kleinen Lager zwei Stunden südlich von Timia. Ihre Lebensgrundlange ist die Ziegenmilch und der Verkauf von Käse an Dorfbe- wohner. Auf diese Weise erwirtschaftet sie zwar ein mageres, wohl aber sicheres Einkommen. Darum wäre es für sie völlig absurd, diese Existenz für ein höheres, aber unsicheres Einkommen aus Tourismus aufzugeben. Für Hadda Imoumoumene, den 67-jährigen Karawanier, kommt es im Wesentlichen darauf an, dass man fleißig arbeitet. Welche Arbeit dies sei, sei dagegen irrelevant. Dagegen lehnt er es als würdelos ab, „nur die Hand aufzumachen und zu betteln.“ Darum hieße er zwar gerne Touristen bei seiner Karawane willkommen, um dadurch zusätzliches Einkommen zu erwirtschaften, doch aufgeben würde er für den Tourismus die Karawane nicht. Sehr wohl aufgeben würde er seine bis- herige, wenig wirtschaftlich gewordene Karawanenarbeit hingegen zugunsten des Betriebs einer Boutique, wenn er über die nötigen Kompetenzen verfügen würde. Hier zeigt sich bei den Kel Timia bereits deutlich die zurückhaltende, realistische Einschätzung der Einkommenspotenziale im Hinblick auf Tourismus. 18.2 Wie viele Kel Timia sind von Tourismuseinnahmen betroffen? Dieser Eindruck wird noch stärker bei der Frage nach dem Integrationsgrad der touristischen Ein- nahmen vermittelt, also nach der Einschätzung, wie groß der Anteil der Bevölkerung in Timia ist, die von den Tourismuseinnahmen profitiert. Direkt Begünstigte Die befragten 24 Personen schätzten, dass 19 % der Einwohner in Timia unmittelbar vom Touris- mus profitieren würden, sei dies durch monetäres Einkommen, Geschenke oder andere Vorteile. Am optimistischsten zeigten sich Boutiquiers und „Chasses“, die gar 30 % vermuteten. Besonders skeptisch gegenüber dem großen Geldsegen zeigten sich die zwei Touristiker, die einen direkt pro- fitierenden Anteil von nur 10 % vermuteten. 2 Moussana Alkabous, Int. Agadez, 26. 10. 99. 631 Indirekt Begünstigte Überraschend war die große Zurückhaltung bei Schätzung jener Bevölkerungsgruppe, die auch indi- rekt profitieren würde. Hier wurden lediglich 30 % genannt. Besonders optimistisch zeigten sich wiederum Boutiquiers und „Chasses“, die 50 % der Bevölkerung als vom Tourismus begünstigt ein- schätzten. Besonders skeptisch zeigten sich wiederum die zwei Touristiker, die nur weitere 5 % der Bevölkerung begünstigt sahen. Ebenfalls zurückhaltend mit 12,5 % beurteilten die Schmiede den Allgemeinnutzen des Tourismus. Bedauerlicherweise hatte sich jeweils nur ein „Chasse“ zu dieser Frage geäußert, weshalb dieses Ergebnis wenig repräsentativ ist. In Summe aber wird der Eindruck vermittelt, dass die Angehöri- gen der Branchen, die - wie die Schmiede und die Touristiker - im wesentlichen vom Tourismus leben, die touristischen Verdienstchancen auch realistischer, nämlich weniger euphorisch einschät- zen, weil sie die tatsächlichen Schwierigkeiten im Umgang mit Touristen kennen. Von jenen Personen, die nur vereinzelt durch kleine Geschenke oder kleine Verkäufe profitieren, ist hingegen zu vermuten, dass sie dazu neigen, ihre Erfahrungen zu verallgemeinern. Dadurch gelangen sie zu einer Überschätzung der tatsächlichen touristischen Einkommenschancen. 18.3 Wer in Timia verdient wie viel am Tourismus? 18.3.1 Touristisches Einkommen der Befragten Wer sind nun die Nutznießer des Tourismus, sei es in unmittelbarer oder auch nur mittelbarer Form? Von 45 Personen (12 Frauen, 33 Männer) gaben immerhin 25 (55 %) an, dass sie durch Tourismus profitieren würden, wobei der relative Anteil der Männer mit 60 % etwas höher lag als jener der Frauen mit 42 %. Das von allen 25 Personen angegebene Jahreseinkommen aus Tourismus beträgt im Durchschnitt 128.000 FCFA (ca. 190 €). Bereinigt um das hohe Einkommen der zwei im Tourismus tätigen Kö- che, das für die weiteren Einkommensberechnungen als Basis herangezogen wird, bleiben im Durchschnitt nur noch 72.000 FCFA (105 €), wobei das Einkommen bei den Männern mit 79.000 FCFA nur wenig höher ist als jenes der Frauen mit 52.000 FCFA. 18.3.1.1 Geschlechtsspezifische Betrachtung Die stärkere Präsenz der Männer ist nicht weiter verwunderlich, da die meisten Tätigkeiten, die in touristischer Hinsicht relevant sein können, von Männern ausgeübt werden. Zwar gibt es auch sehr viele Handwerkerinnen, die auch für den Tourismus produzieren, doch sah ich in Timia bislang keine einzige weibliche „Chasse de touristes“. Am Land hingegen, an den neuralgischen Sehens- würdigkeiten, sind es zumeist Hirtinnen, die mit Kunsthandwerk handeln. Dies erklärt sich daraus, dass die männlichen Hirten während der Touristensaison häufig mit den Karawanen unterwegs sind. Außerdem herrscht auf dem Land eine weniger strenge soziale Kontrolle, weshalb der Souve- 632 nirhandel für eine Hirtin kein „unschickliches“ Verhalten darstellt. Im Dorf hingegen übernehmen diesen Part fast ausschließlich die Männer. 18.3.1.2 Altersspezifische Betrachtung Das Durchschnittsalter der 25 Personen lag bei 36 Jahren, wobei ganz besonders junge den Touris- tikern, den Schülern und den Hirten zuzurechnen sind. Besonders interessant ist dabei das bereinig- te Ergebnis zum Durchschnittseinkommen der verschiedenen Altersgruppen. Die ältere Alters- gruppe (>40 Jahre, ø 46) verdient durch Tourismus rund 77.000 FCFA, während die jüngere Al- tersgruppe (< 40 Jahre, ø 30) lediglich 68.000 FCFA durch Tourismus einnimmt. Dieser Unterschied lässt sich damit erklären, dass die jungen „Großverdiener“, die „Chasses“, kei- ne Auskünfte über ihre Einkommen erteilt hatten. Dagegen hatten zwar viele jüngere Personen, wie Hirten, Schüler oder Karawaniers touristische Einnahmen erzielt, jedoch nur in sehr geringer Höhe. So hatte die 17-jährige Hirtin Mariema Issoufa gelegentlich am Guelta Geschenke, wie Kugel- schreiber, Parfums, T-Shirts und Hefte erhalten, einmal sogar auch 500 FCFA in bar. Fatimata Iou- soufou, die 17-jährige Schülerin, hat einmal von einer englischen Touristin Schminkutensilien er- halten. Der 36-jährige Karawanier Aliman Alhadj Moussa berichtete, er treffe vielleicht alle zwei Jahre auf Touristen und erhalte dann Medikamente als Gegenleistung für Photos von seiner Kara- wane . Hamé Alttassan, ein 33-jähriger Handwerker, hatte einmal eine Takuba für 50.000 FCFA verkauft. Außer den zwei Köchen konnte der 34-jährige Boutiquier Ghabdat Guhai mit 220.000 FCFA das beste Einkommen aus Tourismus vorweisen. Allerdings beruhen lediglich 20.000 FCFA aus direk- ten Verkäufen an Touristen, während das Gros aus Verkäufen an „Chasses de touristes“ sowie an Nomaden in Kogo und Zagado stammen, die einen wesentlichen Teil ihres Einkommens aus der Vermietung von Kamelen an Touristen bestreiten. 18.3.1.3 Die Gruppe der Nicht-Begünstigten Das Durchschnittsalter der 20 übrigen Personen, die durch Tourismus keine direkten Vortele erlan- gen, lag bei 44 Jahren (Frauen: 51 Jahre, Männer: 41 Jahre). Hier zeigt sich deutlich, dass ältere Personen größere Probleme damit haben, die nötige offene Geisteshaltung und Flexibilität für den Umgang mit Touristen bzw. mit Fremden aufzubringen. Diese Personen konzentrieren sich darum stärker auf ihre traditionellen Tätigkeiten. Den größten Anteil dieser Personen machten verständlicherweise vier Hirtinnen und 5 Karawaniers aus. Auf den ersten Blick erstaunlich ist auch die Tatsache, dass 4 Schmiede angegeben hatten, nichts durch Tourismus zu verdienen, doch gibt es auch unter den Schmieden noch solche, die pri- mär für ein nicht-touristisches Klientel tätig sind. 3 3 Siehe dazu die berufsspezifischen Betrachtungen. 633 18.3.2 Touristisches Einkommen im Umfeld der Be- fragten 18.3.2.1 Familienmitglieder 16 Personen hatten angegeben, dass auch Familienmitglieder direkt vom Tourismus profitieren würden. Hier waren fast alle Berufsgruppen präsent. Die Vertreter jener Berufsgruppen, die wie Hirten oder Gärtner typischerweise eher wenig mit Tourismus zu tun haben, berichteten von zu- meist vereinzelten Einkommen ihrer Familienmitglieder. So bekommen die Kinder des 52-jähriger „Chasses“ Ghounir Ahmed manchmal T-Shirts geschenkt, und Rissa Arbas, der 20-jährige Kara- wanier, berichtet von gelegentlichem Käseverkauf seiner Familie an Touristen. Bedeutende Ein- nahmen hatte dagegen der Bruder des jungen Lehrers Bachar al Hadj im Jahr 1998 erzielen kön- nen, als dessen Kamele von Dune Voyages für die Produktion eines Films angemietet worden wa- ren. Einige Angehörige der Befragten arbeiten aber auch direkt im Tourismus, zumeist als „Chasses de touristes“ oder sogar als Koch bei einer Agentur. 18.3.2.2 Freunde Bei der Frage nach Freunden und Bekannten, die im Tourismus tätig seien oder durch Tourismus unmittelbar profitieren würden, weitete sich das Feld auffallend. Zwar gaben nur 10 Personen an, darüber Bescheid zu wissen, doch hier zeigten sich erstmals auch die „Chasses“ etwas auskunftsbe- reiter. So meinte Fisches, ein 20-jähriger Chasse, von seinen 30 Freunden würden 20 wie er von der „Touristenjagd“ leben. Iousoufou, ein 40-jähriger Handwerker und Chasse, schätzt die Zahl der in der Region Timia tätigen Chasses gar auf 100 Personen. Die Einschätzung des Einkommens der „Chasses“ unterliegt einer großen Spannweite. Gouhoudan Atiban schätzt das Jahreseinkommen seines Sohnes auf 150.000 FCFA, der 23-jährige Chasse Sou- leyman Duma meinte, seine gleichfalls als „Chasses“ tätigen Freunde würden „sehr viel ver- dienen“, und die 17-jährige Hirtin Mariema Issoufa glaubt überhaupt, die „Chasses verdienen eini- ge Millionen“. 4 Ansonsten wurde von Freunden und Bekannten nur berichtet, dass sie von Touristen mit ver- einzelten Geschenken bedacht wurden. 4 Über die tatsächliche Einkommenslage der „Chasses“ siehe unten. 634 18.4 Die berufsgruppenspezifische Rolle des Tourismus Die verschiedenen Berufsgruppen in Timia stehen entsprechend ihren Produkten und ihrer gegen- wärtigen Marktausrichtung in einem völlig unterschiedlichen Verhältnis zum Tourismus. In dieser differenzierten Darstellungsweise wird ersichtlich, wer die eigentlichen und unmittelbaren Nutz- nießer des Tourismus sind. 18.4.1 Die Kunsthandwerker Die Kunsthandwerker (Enaden) gelten neben den „Chasses de touristes“ in einhelliger Überzeu- gung der Kel Timia als die wichtigsten Profiteure des Tourismus, denn die Touristen, die lediglich am Guelta anhalten, bekommen nur die Schmiede-Produkte zu Gesicht. Dieser Umstand hat freilich auch weitreichende Auswirkungen auf die Produktion der „Enaden“ selbst. Während deren Klientel früher die Adeligen bzw. die Hirten waren und somit deren Ge- schmackspräferenzen Gestaltung der Produkte (Schmuck, Lederwaren etc.) vorgaben, orientieren sich heute die „Enaden“ Timias oder des wenige Kilometer entfernten Nachbarorts Krib-Krib, einer Handwerker-Dependance, überwiegend am Geschmack ihres europäischen Klientels, was zu einer enormen Dynamisierung des Angebots an neuen Schmuckformen, aber auch an geschnitzten Produk- ten aus Speckstein, führte. 5 Diese Neuausrichtung ihres Marktes veränderte auch die Struktur ihrer Abhängigkeiten. Als die Schmiede noch primär für die Karawaniers arbeiteten, wurden sie meist erst nach der Rückkehr der Karawanen aus dem Süden mit einem Anteil an der neuen Hirseernte bezahlt.6 Heute wird das Ein- kommen fast nur noch in Geld, und dies verteilt über die gesamte Tourismussaison, erzielt. Zudem lassen sich bei Touristen für gleichwertige Produkte weit höhere Preise erzielen. Bleiben allerdings die Touristen aus, wie in den Jahren der Rebellion, dann versiegt dieses Einkommen zur Gänze. Aggag berichtet für das Dorf Iferouane, dass die dortigen Schmiede in guten Saisonen vor der Re- bellion bis zu 1,5 Mio. FCFA (2.300 €) verdient hätten. In den nachfolgenden Jahren bis 1997 hät- ten sie mühsam durch einige Aufträge ihrer traditionellen Klientel überlebt. 7 Als Reaktion auf das Ausbleiben der Kunden verlagern viele Schmiede ihre Produktionsstätte nach Niamey, wo sich auch in Krisenzeiten eine starke Konzentration von Europäern, die in NROs arbeiten, befindet. Teilweise kehrten die Schmiede nach dem Ende der Rebellion wieder ins Aïr zurück, manche aber blieben in Niamey, weil dort die Handelsperiode praktisch das ganze Jahr über andauert. Manche emigrierten auch bis nach Abidjan, Ouagadougou und Cotonu, wo sie ihre Produktion zu höheren Preisen verkaufen und mit Abnehmern und Händlern aus Europa Kontakt aufnehmen können. 8 Sinngemäß gilt diese Entwicklung auch für Timia. In der Region Timia sind jedoch keineswegs alle Schmiede vom Tourismus abhängig sind. Diese Annahme legt der Bericht von Gabi Kreimer nahe, wonach die Schmiede in Timias Nachbarort Tazelot im Gegensatz zu Timia kaum den Mangel an Touristen beklagen würden, was damit er- klärbar ist, dass die Schmiede in Tazelot immer noch überwiegend für ihre traditionelle Klientel 5 Insofern nennt Vilt (2000, S. 96) die Europäer als eine Art von Katalysator der Handwerksaktivitäten, weil sie ein Klientel darstel- len, die kaum auf den Preis achtet. 6 Hinw. von Hadda Imoumoumene, 76, Karawanier, November 1999. 7 Hinw. Aggag, Iferouane, Oktober 1997. 8 Vgl. Vilt 2000, S. 97 f. 635 tätig sind. So beobachtete Kreimer im Vorfeld des großen Gani-Festes im Mai 2002, dass die No- maden und Dorfbewohner zahlreiche Aufträge und Käufe bei den Schmieden tätigten. 9 Ein wesentliches Problem der Kunsthandwerker ist der Bezug von Rohstoffen, insbesondere Silber, Ebenholz und Holz. Silber und Ebenholz müssen kostenaufwendig importiert werden und stellen die wichtigsten Kostenfaktoren bei der Herstellung von Schmuck dar. Dagegen sind Ziegenhäute für die Produktion von Lederprodukten, sowie Palmen und Speckstein relativ billig zu beziehen. 10 18.4.1.1 Verkaufsstrategien Bis 1999 wurden die Handwerksprodukte in Timia an zwei frequentierten Punkten den Touristen angeboten. Eine kleine Gruppe hatte sich auf den Dorfbrunnen spezialisiert: Sobald das Heranna- hen einer Reisegruppe entdeckt worden war, eilten einige Schmiede aus den Gassen des Dorfes zum Brunnen, wo die meisten Fahrzeuge zum Wassertanken anhielten. Die wenigen Handelsge- spräche, die unter diesem Zeitdruck zustande kamen, verliefen jedoch selten erfolgreich. Eine größere Schmiede-Gruppe spezialisierte sich auf den Verkauf am Guelta, ca. 5 km vor dem Dorf. Weil dort die meisten Touristengruppen hielten, zogen die Schmiede mit ihren Produkten am Morgen zum Guelta, wo sie sich in einer Linie platzierten und vor sich ihre Waren sorgsam auf dunkelblauem Stoff ausbreiteten. Sobald Touristengruppen kamen, wurden diese zum Teil heftig bedrängt, sich die Produkte anzusehen. Sobald ein Tourist die Waren näher betrachtete, wurde energisch auf ihn eingeredet, er möge doch dieses und jenes betrachten etc. Hatte sich ein Kunde für ein Produkt entschlossen und einen für beide Seiten akzeptablen Preis erzielt, begannen die benachbarten Schmiede auf den Touristen einzureden, er möge ihnen doch einen Gefallen tun und gleichfalls ein Stück aus „Freundschaft“ abkaufen. 11 Dass diese Methode keineswegs eine Folge des Tourismus ist, sondern vielmehr in engem Zusam- menhang mit dem traditionellen Umgangsschema der Schmiede steht, diese Annahme legt ein Be- richt René Gardis aus den späten 60er-Jahren nahe. Dabei versuchten die Schmiede im Wesent- lichen, den potentiellen Kunden durch Vertrauen und die Vertiefung der persönlichen Beziehung zu binden, um gleichsam ein Gefühl der Verpflichtung aufzubauen: „Mit Rücksicht auf unsere guten Beziehungen und A. zuliebe kaufte ich ihm also das Kissen ab, erklärte aber gleichzeitig, das sei sicher das letzte. (A.) (...) brachte seiner Fatima das Geld. Aber bereits am gleichen Nachmittag erschien die hübsche Adola und packte aus einem Tuch ein Leder- kissen aus. Da ich der Fatima doch ein Kissen abgekauft habe, sei es nur billig, wenn ich ihr nun auch eines abnehme. Ich wehrte heftig ab (...), ich hätte kein Geld mehr, mein Bedarf sei gedeckt. Aber Adola hörte gar nicht zu. ‚Schau genau, mein Kissen ist ebenso schön wie das der Fatima. Warum hast du ihr Geld gegeben? Und warum bezahlst du jetzt nicht?’ (...) Wollte ich es nicht ganz mit ihr verderben, blieb mir doch wirklich nichts anderes übrig, als zu bezahlen.“ 12 Auf diese erdrückende Verkaufsweise reagierten viele Touristen mit defensivem Desinteresse. Auch Aha Isoufa, der aus Timia stammende Direktor von Tagelmust V., kritisierte diese aufdring- liche Verkaufsmethode, die ihn dazu treibe, seinen Kunden zu empfehlen, überhaupt nichts zu kau- fen. 13 9 Kreimer, Int. Graz, 12. 1. 2003. 10 Vgl. Bayard/Giazzi (1996, S. 337), die darauf hinweisen, dass wegen der stärkeren Kontrolle des Holzbestandes im Aïr-Ténéré- Bioreservat die Versorgung der Holzhandwerker derart schwierig wurde, sodass an die 300 Familien holzverarbeitendener Kunst- handwerker (7,5 % der Bevölkerung) aus dem Reservat auswandern mussten. 11 Vgl. Friedl 2000g, Web. 12 Gardi 1971, S. 44. 13 Aha Isoufa, Int. Agadez, 27. 3. 2001. 636 Aufgrund meiner Beobachtungen dieser kontraproduktiven Verkaufsmethoden hatte ich den Schmieden im Zuge meiner Besuche wiederholt empfohlen, äußerste Zurückhaltung zu zeigen, damit ihre überaus attraktiven Produkte besser zur Geltung kämen. Dies führte in der Folge dazu, dass meine Reisegruppen mit höchster Höflichkeit und Zurückhaltung behandelt wurde, mit dem Erfolg, dass meine Reisegruppen in Timia für durchschnittlich 100 Euro pro Person Kunsthand- werk kauften. In den Jahren seit 2000 wuchs mit der Zahl der als Verkäufer Tätigen und mit der touristischen Infrastruktur auch die Zahl der Verkaufsplätze: Seit der Nutzung des Forts als Aussichtswarte und „Café“ werden im und um das Fort Schmiedeprodukte angeboten. Vor allem aber errichteten die „Amis de Timia“ im Jahr 2002 gegenüber dem Campingplatz ein eigenes Gebäude für die Schmie- de, wo ihre Produkte malerisch ausgestellt sind, wo sie unter den Augen der Besucher ihre Produk- te herstellen - und natürlich auch feilbieten. Nach meinem Ermessen ist der Gesamtumsatz an Kunsthandwerksprodukten in Timia seit dem Jahr 1999 beträchtlich angestiegen, was auf die höheren Touristenzahlen, das häufigere Halten der Touristen, aber auch auf die größere Zahl an Plätzen zurückzuführen ist, wo mittlerweile Schmuck angeboten wird. Denn die „Chasses“ bieten mittlerweile die Schmiedeprodukte auch in den am häufigsten besuchten Gärten, in Assode, 70 km nördlich von Timia, sowie in Arakao, 130 km nordöstlich von Timia, an. Neben den touristischen Verkäufen sind die Schmiede freilich auch weiterhin für ihre traditionellen Aufgaben wie die Organisation von Hochzeiten, Festen etc. zuständig. In dieser Funktion können sie gelegentlich auch im Tourismus Einnahmen lukrieren. So hatte ich in meiner Funktion als Rei- seleiter bisher bei jedem meiner Aufenthalte in Timia ein großes Tam-Tam veranstalten lassen, das von Schmieden organisiert und abgerechnet wurde. 18.4.2 Die „Chasses de touristes“ Neben den Schmieden sind die „Chasses de touristes“ die wichtigsten Akteure im Timia-Tourismus. Als „Chasses“ gelten in Timia mittlerweile all jene Personen, die Handwerksprodukte außerhalb von Produktionsstätten an Touristen verkaufen. Insofern gelten auch jene Schmiede, die am Guelta auf Kunden warten, als „Chasses“. Als Endverkäufer lukrieren „Chasses“ einen wesentlichen Bestandteil des Einkommens der Schmiede, deren Produktionstätigkeit beträchtlich eingeschränkt wäre, wenn sie selbst hinter Touristen „herjagen“ würden. Freilich hat sich diese Situation seit der Errichtung der Schauschmiede im Jahr 2002 zugunsten der Schmiede gebessert, da sie gegenüber den „Chasses“ unabhängiger geworden sind. Derzeit dürften an die 100 Personen in Timia als „Chasses“ tätig sein, wobei die Zahlen fließend sind, da viele „Chasses“ mehrere Zweitberufe, wie temporäre Schmiede, Gärtner, Hirten oder auch Musiker, ausüben. Leider waren die fünf interviewten „Chasses“ nicht bereit, nähere Auskünfte über ihre tatsächlichen Einnahmen während der Saison zu geben. Guhoudan Atiban, der Campingplatz-Betreuer, berichtet jedoch über seinen Sohn, dass dieser allein in der ersten Hälfte der Saison 1999/2000 an die 150.000 FCFA (220 €) verdient habe. Mein Assistent Aghali berichtete, dass er in den späten 80er-Jahren, der Boom-Zeit des Tourismus unter Mano Dayak, durch Schmuckverkauf binnen weniger-Jahre 1,5 Mio. FCFA angespart hatte. Angesichts des Umstandes, dass die meisten „Chasses“ zumeist jüngeren Alters sind und darum noch nicht zu viele „Mäuler zu stopfen“ haben, verfügen sie im Gegensatz zu den meisten Kel Timia über vergleichsweise sehr viel Geld, und das bleibt nicht ohne Folgen. Achmed Hadda, Boutiquier und 637 Chef der Schmiedekooperative, bestätigte selbst, dass „Chasses“ in einer guten Saison mehr als er selbst verdienen würden. Letztlich seien sie aber aus Mangel an betriebswirtschaftlicher Kompetenz ärmer als er: „Sie vergeuden das rasch verdiente Geld sogleich wieder, anstatt es neuerlich zu inves- tieren. Dadurch haben sie dann, wenn die tote Saison beginnt, nichts mehr übrig.“ Schmiede - aber auch die Angehörigen der übrigen traditionellen Berufe - pflegen ihre Gewinne meist wieder in die traditionelle Wirtschaft, insbesondere in den Kauf von Produktionsmitteln oder in den Viehbestand, zu investieren, um für schlechte Zeiten vorzubeugen. 14 Eine kurzsichtige Wirtschaftsweise erkennt der Student Aghali Iousoufou bei einigen seiner „Chas- ses“-Freunde; sie würden das Geld vor allem für schöne Kleidung ausgeben. Er schwächte jedoch ab, dass die meisten „Chasses“ die Einnahmen in ernsthafter Weise für die Versorgung ihrer Familie verwenden würden. Die Kritik an der übergroßen Konsumfreude erfolgreicher „Chasses“, die keine Familien zu ver- sorgen haben, übersieht freilich, dass dieses ausgegebene Geld wieder in die Dorfwirtschaft einfließt, zirkuliert und dadurch die Dorfwirtschaft wesentlich stimuliert. Erst über den Weg des Konsums der „Chasses“ und der Schmiede vermögen auch weitere Branchen vom Tourismuseinkommen zu profi- tieren. So konnte ich beobachten, dass im Obst- und gemüsereichen Timia diese Produkte in erster Linie von Schmieden und „Chasses“ konsumiert werden. 15 Einerseits können sich viele Familien diese Produkte nicht leisten, und andererseits ist die Konsumkultur jener, die in traditionellen Beru- fen arbeiten, auch noch sehr traditionell geprägt.16 18.4.3 Führer Eine Zunft, die in Timia noch in den Kinderschuhen steckt, sind Personen, die als kompetente Füh- rer aktiv werden. Dieses „Berufsfeld“ wurde bislang von „Chasses“ oder von Leuten wie Aghali abgedeckt. Mittlerweise wachsen in der Generation der 8–13-Jährigen solche Knaben heran, die mit dem neuen Tourismusboom aufgewachsen sind, auf diese Weise bereits für die kulturellen An- forderungen des Tourismus sensibilisiert wurden und parallel dazu auch Schulunterricht genossen haben. So lernte ich z.B. den Knaben Cona, Sohn von Achmed Hadda, als einen ruhigen, freundli- chen, unaufdringlichen und äußerst verlässlichen Führer kennen und schätzen. Wann immer ich mit Reisegruppen nach Timia kam und er keinen Unterricht hatte, übersetzte er meine Gespräche mit meinen Tamaschek-sprechenden Freunden für die Reisegruppe, erledigte Botengänge und berichte- te mir über die neuesten Veränderungen in Timia. Solche Personen wären als interkulturelle Vermittler enorm wichtig, um einerseits den Aufenthalt von Touristen in Timia durch unaufdringliches Vermitteln von Informationen aufzuwerten, aber auch um den Kontakt zwischen Touristen und Bevölkerung zu erleichtern. Dadurch könnte dem Wunsch der Bevölkerung nach mehr Kontakt mit Touristen - und in der Folge auch nach mehr Ein- nahmen durch Tourismus - bedeutend besser entsprochen werden. Neben dem klassischen, vermittelnden Führer gibt es schon heute das Genre jenes Führers, der über das nötige interkulturelle Know-how verfügt, um auch den fortschrittsmüden, Tuareg- begeisterten Aussteiger-Touristen das gewünschte Gefühl zu vermitteln, verstanden und in besten Händen zu sein. So berichtete Gabi Kreimer von ihrem Tuareg-Führer Changoung aus der Region Agadez: Er spricht fließend Französisch und hatte schon des Öfteren mit Touristen gearbeitet. Im Fall der Grazerin Gabi Kreimer gelang es ihm, sich als Tamaschek-Lehrer und Führer zu bewähren 14 Vgl. auch Bernus 1993a, S. 78. 15 Zu den soziokulturellen Folgen dieser neuen Konsumkultur siehe das Folgekapitel. 16 Erstaunlicherweise konnte ich auch im Haus meines Assistenten niemals beobachten, dass Salat gegessen wurde, was bei Schmie- defamilien sehr wohl der Fall war. 638 und dadurch das volle Vertrauen seiner Kundin zu erwerben. In weiterer Folge vermochte er ihre mangelnden Sprachkenntnisse und ihre Empfindlichkeit für die - im Vergleich zu Europa große - Armut zu instrumentalisieren, indem er sie animierte, relativ hohe Ausgaben für diverse Käufe bei Nomaden, insbesondere bei seiner Familie zu tätigen. Dass er wenige Monate nach dieser lukrati- ven Beschäftigung bereits heiraten und eine Boutique eröffnen konnte, sieht Kreimer als Erfolg seiner „Bemühungen“ um ihr „Mitgefühl“ an. 17 Dieser Typus von Führer trägt nicht unbedingt zu einer gleichwertigen Begegnung zwischen Tua- reg und Touristen bei, doch sind derartige Fälle wohl die Ausnahme. Zudem trifft es zumeist jene Personen, die es finanziell und emotional verkraften können. 18 18.4.4 Sonstige Berufsgruppen Den übrigen Berufsgruppen gelang es bis zum Jahr 1999 nur punktuell, durch Tourismus unmittel- bar zu profitieren. 18.4.4.1 Gärtner Es ist erstaunlich, warum es der Gärtner-Kooperative bislang nicht gelungen ist, mit ihren hoch- wertigen und süßen Früchten auf dem Tourismusmarkt stärker zu reüssieren. Zwar wird von Agen- turen immer wieder Obst und Gemüse in Timia gekauft, doch halten sich dabei die Einnahmen für die Produzenten in Grenzen. Aufgrund der hohen Qualität der Früchte hätten die Gärtner grundsätzlich die Möglichkeit, ihre Produkte direkt an Passanten zu verkaufen. Leider gelang es mir im Jahr 1999 nicht, die „Chasses“ davon zu überzeugen, auch Früchte in ihr Angebot aufzunehmen. Das Problem lag daran, dass sie die Früchte hätten bezahlen müssen und befürchteten, auf ihren Früchten - und somit auf den Aus- lagen - „sitzen“ zu bleiben, falls nicht rechtzeitig Kunden eintrafen oder diese kein Interesse an Früchten hegten. Einzelne Gärtner profitieren unmittelbar vom Tourismus, wenn ihr Garten von Touristengruppen besucht oder in diesem sogar genächtigt wird. Leider pflegen die meisten Agenturen im sehr gro- ßen, schönen Garten von Souley Yakouba zu übernachten, der über die Jahre gleichsam ein Mono- pol auf diese Einkommensquelle entwickelt hat. Durch diese Vorgehensweise entgehen jedoch dem Dorf die Einnahmen für den Camping-Platz, die in das Dorf-Budget einfließen und damit der ge- samten Bevölkerung zu gute kommen würden. 17 Kreimer, Int. Graz, 12. 1. 2003. 18 Mittlerweile war Frau Kreimer bereits wieder des Öfteren in der Region. 639 18.4.4.2 Boutiquiers Als unmittelbare Profiteure kommen die Boutiquiers erst zum Zug, wenn Touristen im Dorf blei- ben und in einem Geschäft Stoff für ein Kopftuch oder andere populäre Produkte kaufen. Aller- dings sind die Boutiquiers wohl jene, die am meisten indirekt vom Tourismus profitieren, da bei ihnen das von den Schmieden und „Chasses“ verdiente Geld in Verbrauchsgüter umgesetzt wird. 18.4.4.3 Hirten Am wenigsten können derzeit noch die Hirten und Karawaniers vom Tourismus profitieren. Dies ist bislang nur dann der Fall, wenn im Dorf ein Tam-Tam organisiert wird und Hirten für die Vor- führung ihrer Reitkünste bezahlt werden, wie es Kneissl Touristik in Timia seit dem Jahr 2000 praktiziert. Eine große Chance für nennenswerte Einkommen ist die Organisation von Kamel- Touren von Timia aus, wodurch die Hirten als Führer und Kamelvermieter profitieren könnten. Ein Weg in diese Richtung zeichnet sich bereits ab, denn mittlerweile veranstalten „b&b Westafrika- spezialist“ (D), „Croq’Nature“ (F) und „Desert Team“ (CH) mehrtägige Trekking-Touren vom Bagzan nach Timia, und der französische Veranstalter „Tamera“ bietet eine zehntägige Trekking- Rundtour zu Nomaden mit Ausgangs- und Zielpunkt Timia an. Die Fortsetzung dieses Wegs wäre ideal, um eine bislang weitgehend benachteiligte Profession in Timia auf touristischer Ebene zu integrieren. Dabei bestünde zusätzlich auch die Möglichkeit, diese Trekking-Touren mit Produkten der regionalen Gartenbauern auszustatten. 18.4.4.4 Sonstige Profite Eine nicht zu vernachlässigende Einkommensquelle für das Dorf sind gezielte Spenden wie Materia- lien für die Schule oder Medikamente für die örtliche Apotheke. Auf diesem Weg profitiert ebenfalls das gesamte Dorf. Von Profit lässt sich auch bei den Geschenken an diverse Dorfbewohner, ob an Kinder, Kara- waniers oder alte Menschen sprechen. 19 19 Über die soziokulturelle Bedenklichkeit von solchen Spenden und Geschenken siehe das Kap. „Fazit: Probleme durch Tourismus bei den Tuareg/Soziokulturelle Auswirkungen des Tourismus/Gaben und Geschenke an Einheimische“ bzw. „/Medikamente und medizinische Hilfeleistungen“. 640 18.5 Berufswunsch Tourismus Offensichtlich sind die großen Profiteure die Schmiede und die „Chasses“, während für die Kara- waniers lediglich gute Chancen auf ein interessantes, zusätzliches touristisches Einkommen beste- hen. Von den Boutiquiers lässt sich zusammenfassen, dass sie immer dann profitieren, wenn es den übrigen Kel Timia gut geht. Was folgt daraus in Hinblick auf ein Engagement für die Kel Timia? Lohnt sich ein stärkeres En- gagement im Tourismus angesichts der bislang doch recht beschränkten realen touristischen Ein- kommen? Für 31 von 39 Personen (78 %) ist dies jedenfalls der Fall, wobei die Männer mit 86 % weit enthusiastischer für ihr Engagement im Tourismus stimmten als Frauen (63 %). Konsequent zu den bisherigen Ergebnissen war auch unter der jüngeren Bevölkerungsgruppe die Zustimmung größer als unter der älteren. Abgesehen von den Schmieden war unter den traditionellen Berufen die Zustimmung bei den Karawaniers mit 5 von 5 (100 %) am größten. 13 Personen schränken ihre Offenheit für den Tourismus dahingehend ein, dass sie auch weiterhin ihren bisherigen Beruf ausüben wollten, jedoch in Kombination mit Tourismus. Dies gilt besonders für 4 der 5 Karawaniers. In keinem Fall käme ein Engagement im Tourismus für 8 Personen (21 %) in Frage. Hier zeigte sich ein deutlicher Überhang älterer Personen, die vor allem mit ihrer fehlenden Kompetenz und mit unüberwindlichen Schwierigkeiten argumentieren. Damit lässt sich vorerst zusammenfassen: Deutlicher können die Kel Timia ihrem Wunsch nach einer sinnvollen und partizipativen Touris- musentwicklung kaum Ausdruck verleihen. 18.6 Wesentliche Vorteile des Tourismus für Timia Zuletzt wurden die Kel Timia noch mit der Frage konfrontiert, welche Vorteile ein Mehr an Tou- rismus dem Dorf bringen sollte und mit welchen Nachteilen bzw. Problemen demgegenüber ein Tourismuswachstum verbunden wäre. Von 27 Personen nannten 22 die Einkommenschancen, erstaunlicherweise wiederum alle 6 von 6 Karawaniers, die sich zu Wort gemeldet hatten. 4 Personen aus unterschiedlichsten Berufs- und Altersgruppen hatten den Tourismus als wichtiges neues Betätigungsfeld für Schmiede genannt. Interessanterweise hatte dies kein einziger Schmied bemerkt. 8 Personen unterschiedlicher Bezugsgruppen nannten auch die Folgeprojekte, die durch begeisterte Touristen initiiert wurden, darunter auch der Camping-Platz und das Fort. So meinte Rapta Eilim- man, ein 30-jähriger Gärtner: „Touristen bringen neue Touristen und Projekte, wie im Fall von Michel Bellevin oder dem Schweizer, der uns den LKW schenkte.“ 7 Personen nannten den Tourismus ein wichtiges Instrument zur Dynamisierung der Regional- wirtschaft, weil durch externe Einkommensquellen die lokale Kaufkraft gesteigert werde. Nach Ansicht Mohamed Idrissas, eines 34-jährigen Gärtners, sei in weiterer Folge durch die touristische Nachfrage das lokale Angebot an Waren gestiegen. Jousoufa Bahia, der 37-jährige Koch meinte, dass viele Früchte in Timia erst aufgrund der Touristen angebaut wurden. Auch die Bäckerei sei letztlich erst durch den Tourismus in Timia errichtet worden. 20 20 Hier ist wohl anzunehmen, dass Jousoufa Europäer an sich meinen wird, denn nach meinen Recherchen sei die Anregung für den Anbau von Zitrusfrüchten von gtz-Mitarbeitern gekommen. 641 4 Personen nannten schließlich auch die Medikamentenspenden und sonstige Geschenke wie Schulsachen und T-Shirts. Keinen Vorteil des Tourismus für Timia konnte lediglich eine Person erkennen, nämlich der 23- jährige Koch bei Tagelmust V., Eserit Ias, der nur mehr wenige Wochen im Jahr in Timia ver- bringt. In diesem Fall lässt sich nur feststellen, dass es wohl an Eserit läge, die Tour-Politik von Aha Isoufa so zu beeinflussen, dass der Vorteil dieser Touren für Timia und auch für ihn selbst offensichtlich werde. Einen Nachteil konnte keiner der Befragten nennen. 18.7 Zusammenfassung zur ökonomischen Tourismusrelevanz Die Kel Timia haben selbst bereits die wesentlichen ökonomischen Potenziale des Tourismus auf den Punkt gebracht, weshalb mir nur noch bleibt, diese abschließend zusammenzufassen. ¾ Tourismus in Timia hat für eine gewisse soziale Schicht bereits eine grundlegende und un- verzichtbar gewordene Bedeutung erlangt. Durch die gesteigerte Kaufkraft sickern diese ex- tern generierten Einkommen, wenn auch in bislang kaum spürbarer Weise, auf andere Be- völkerungsschichten und Branchen durch. ¾ Die problematischen wirtschaftlichen Aspekte des gegenwärtigen Tourismus in Timia sind zum Teil unlösbare Rahmenbedingungen, zum Teil aber auch strukturelle, überwindbare Mängel. ¾ Unlösbar ist hingegen die Abhängigkeit von externen politischen und sozialen Gegebenhei- ten wie der ersten Rebellion in den 90er-Jahren, der vorübergehenden Schließung des Flug- hafens in Agadez, wodurch Kurzreisen in die Region Timia unrentabel wurden, oder auch auch der seit dem Überfall in Temet im Februar 2004 bestehenden Reisewarnung des Öster- reichischen Außenministeriums, sowie der im Jahr 2007 neuerlich ausgebrochenen Rebelli- on. ¾ Welche Auswirkungen neuerliche ökologische Krisen auf die touristische Entwicklung in wirtschaftlicher Hinsicht haben könnten, ist derzeit nicht absehbar. Es liegt aber die Ver- mutung nahe, dass in solchen Fällen gerade aufgrund bisheriger touristischer Kontakte eine weit größere Chance für Timia besteht, mit der Unterstützung durch ehemalige Touristen zu rechnen, wie dies schon bisher der Fall war. ¾ Eine unabänderliche Beschränkung stellt auch die kurze Saison dar, doch könnte deren öko- nomische Auswirkung durch entsprechende Investitionen in die traditionelle Wirtschaft kompensiert werden. ¾ Angesichts der vorangegangenen Analyse der zentralen Probleme der Kel Ewey lässt sich der oftmals gegenüber dem Dritte-Welt-Tourismus geäußerte Kritik, durch die Ausübung von touristischer Tätigkeit würden diese Arbeitskräfte anderen Wirtschaftsbereichen des Landes dauerhaft entzogen, 21 entkräften, da in Timia vielmehr ein Überangebot an Arbeits- kräften und ein Mangel an Arbeitsplätzen besteht. ¾ Das wichtigste Problem besteht für Timia - analog zu den Strukturproblemen in Agadez - in der mangelhaften Optimierung regionaler Prozesse zur besseren Nutzung des bereits beste- henden Tourismusaufkommens: in den Methoden zum Verkauf von Schmuck und anderen 21 Vgl. etwa Vorlaufer 1995, S. 49, unter Hinw. auf Blätter des iz3W 1980, Nr. 84, S. 29. 642 Produkten, in der Steigerung der Attraktivität von Übernachtungsmöglichkeiten im Dorf udgl. mehr. 22 Zu einer abschließenden Beurteilung bleibt nun noch die Frage zur Sozialverträglichkeit der Tou- rismusentwicklung in Timia zu beantworten. 22 Siehe dazu die Kap. „Soziokultureller Wandel und die Rolle des Tourismus“ und „Potentielle Tourismusentwicklung in Timia: Vier Testprojekte“. 643 19 Werte, soziokultureller Wandel und die Rolle des Tourismus Im einführenden Portrait der Kel Timia wurden bereits die zahlreichen Facetten des Wandels der Kultur der Kel Timia skizziert. In diesem Kapitel steht nunmehr die Frage im Vordergrund, inwie- weit dieser Wandel in jüngster Zeit die Ebene des „Überbaus“ betrifft: Welche Werte betrachten die Kel Timia für ihre Gesellschaft als grundlegend, und inwieweit unterliegen diese Werte einer Veränderung oder gar Auflösung? Welche äußeren Faktoren sind möglicherweise verantwortlich für diesen Wandel? Die wichtigste Frage richtet sich schließlich darauf, bis zu welchem Grad der Tourismus zu diesem Wandel beiträgt. Von den Antworten auf diese vielfältigen, schon in empirischer Hinsicht äußerst schwierig zu lö- senden Fragen wären auf den ersten Blick mehrere Beiträge zur Klärung der Grundfrage der vor- liegenden Arbeit, der Vertretbarkeit von Tourismus zu den Kel Timia, zu erhoffen. So könnte etwa ein möglicher, tourismusbedingter soziokultureller Wandel dahingehend zu bewerten sein, ob er einen Beitrag zu einer Verbesserung oder Verschlechterung der Lebenschancen und -bedingungen der Kel Timia leistet. Hinsichtlich einer derartigen Bewertung stellt sich jedoch die Frage nach einem sinnvollen Maß- stab. Ist etwa die von externen Experten beurteilte Überlebensfähigkeit der Gemeinschaft höher zu bewerten als die einzelner, besonders erfolgreicher Individuen? Ist eine solche Frage überhaupt berechtigt? Denn wer sollte darüber entscheiden können und dürfen, was die Kultur von Timia ausmacht und wie deren Wandel zu bewerten sei.1 Diese Frage geht über die bereits andiskutierten traditionellen Kriterien für die Zugehörigkeit zu den Kel Timia 2 weit hinaus, weil damit die fun- damentalen Rechte der Selbstbestimmung verbunden sind: Wie sehr darf jemand vom Recht seiner Selbstbestimmung aktiv Gebrauch machen und ein „anderer“ werden, um das Recht auf Mitbe- stimmung des Schicksals der Kel Timia nicht zu verlieren? 3 Es ist davon auszugehen, dass diese Grenzen fließend und dynamisch sind, denn sie sind Ausdruck des eigenen, persönlichen Selbstverständnisses, das Ausdruck des kulturellen Wandels und auch Reaktion darauf ist. Zugehörigkeit ist in erster Linie Ausdruck einer individuellen Sichtweise, denn nur ein Individuum kann einen unmittelbaren Standpunkt vertreten, der zwangsläufig die jeweili- gen individuellen Perspektiven bedingt. Hier spielen Faktoren wie Beruf, Alter, Erfahrung mit der „Außenwelt“, Schulbildung und vieles mehr eine determinierende Rolle. So setzt sich erfahrungs- gemäß soziokultureller Wandel am raschesten unter Jugendlichen und regionalen Eliten durch. 4 Demgegenüber ist die Sicht „der Kel Timia“ im Sinne eines organischen Ganzen schlechthin eine von außen aufgesetzte Konstruktion, abhängig von der spezifischen Fragestellung des Beob- achters 5, des Kreises der Befragten, deren aktueller Stimmung oder persönlicher Lage und schließ- lich die Interpretation und Zusammenfassung dieser Aussagen durch mich, betrachtet durch meine eigene kulturelle Brille - kurz: eine äußerst problematische Basis für die Beantwortung der ein- gangs gestellten Fragen. 1 Über die Relevanz der Meinungen der Kel Timia gegenüber jener von externen „Experten“ siehe das Kap. „Philosophische Prob- leme der Ergebnisse von Timia“. 2 Siehe das Kap. „Portrait der Kel Timia: Tradition und Wandel Charakteristika der Kel Ewey Das Selbstverständnis der Kel Ewey“. 3 Wie hochaktuell diese Fragen sind, zeigt die Diskussion über die im Wandel befindliche Identität moderner Staaten, insb. der österreichischen Identität (vgl. dazu Heer 2001; Frölich-Steffen 2003), jene der österreichischen Diaspora (vgl. Neugebauer 2000) oder auch jene der „Europäer“. So sollen gem. einer Umfrage im Jahr 2003 28 % der Europäer ihre kulturelle und religiöse Identität durch Immigranten gefährdet sehen (vgl. Wiener Zeitung 2003). Damit eng verbunden ist auch die niemals an Zündstoff verlierende Diskussion zu Einbürgerungsregelungen, insbesondere aber wegen des Wahlrechts von Exilösterreichern (vgl. Austrians abroad 2004; Österreichisches Parlament 2004) und von Immigranten, wie es auf kommunaler Ebene in Belgien bereits eingeführt (vgl. APA 2004) und in Italien heftig diskutiert wurde (vgl. Salzburger Nachrichten 2003; Wiener Zeitung 2003). 4 Vgl. Luger 1995, S. 34, unter Hinw. auf Rogers 1983. 5 Vgl. Bourgeot 1995, S. 505 ff. 644 Wie bedeutend dieses Problem heute aus der Sicht von „der Kultur der Kel Timia“ ist, möchte ich anhand dreier Probanden illustrieren. Sie sind beispielhaft für die dynamische Vielschichtigkeit einer Kultur, sogar in einem abgelegenen Dorf in den Aïr-Bergen, 220 km von Agadez entfernt. Der 1963 geborene Machmud Illo verließ mit 25 Jahren Timia, um in Tahoua als Gärtner und Wächter für ein gtz-Projekt zu arbeiten. Seit damals verbrachte er jährlich höchstens einen Monat in Timia. Nunmehr ist er aufgrund der Schließung des gtz-Projekts in Tahoua aus wirtschaftlichen Gründen gezwungen, mit seinen Angehörigen eine Rücksiedlung zu seiner Familie nach Timia in Erwägung zu ziehen, was er selbst als äußerst problematisch bezeichnet, weil er nicht mehr wirk- lich „dazugehört“. So verfügt er zwar über große Kompetenzen im Gartenbau-Bereich, doch wür- den diese Fähigkeiten aufgrund seiner Position als „Emigrant“ eher Ablehnung als Anerkennung seitens der Kel Timia bewirken. Vor allem hat sich der Lebensstil Machmuds in Tahoua grundle- gend geändert, da er allen seinen Kindern im schulpflichtigen Alter eine Ausbildung zukommen hat lassen, und der Fernseher in der Familie ständig präsent war. Ein noch prägnanteres Beispiel stellt der 1966 geborene Mano Aghali dar, der nach seinem Studi- um in Niamey u. a. für PNUD als Verantwortlicher für die Reintegration der Exrebellen tätig war. Nach seiner Arbeit für CARE Deutschland wurde er auf Grund seiner Kenntnis der Region als Mitarbeiter für die Feasibility-Studie des gtz-Projekts „PNN“ engagiert. 6 . Schließlich gründete er eine NRO, der er nunmehr als Präsident vorsteht. Mano ist nur noch gelegentlich in Timia, steht aber über seine NRO durch Kontaktpersonen mit Timia in ständiger Verbindung. Eine ähnliche Karriere durchlebte der 1969 geborene Adouma Abderahman, der Timia bereits 1981 verlassen hatte, um eine höhere Schule zu besuchen. Er absolvierte das Studium der Geogra- fie an der Universität Niamey und in St. Denis, Frankreich, wo er auch seine jetzige Frau, eine Französin, kennen gelernt hatte. Wieder in Agadez, gründete er eine NRO für angepasste Land- wirtschaft, über die er u. a. mit den „Amis de Timia“ weitläufig kooperiert. Auch er hält sich nur noch gelegentlich in Timia auf. Sollen diese Personen nicht mehr als Kel Timia - und insofern nicht als Teil des sich ausweitenden Spektrums der Kultur der Kel Timia - gelten, weil sie sich zu weit vom „Kern“ der „Timia-Kultur“ entfernt hätten? Sind ihre Aussagen über die Kultur eher als Ausdruck einer Facette der „Timia- Kultur“ oder bereits als eine externe Bewertung zu beurteilen? Für die erste Antwort spricht die Tatsache, dass diese Angehörigen der Timia-Diaspora gerade durch ihr neu erworbenes Wissen wesentlich zum dauerhaften Erfolg der Gartenbau-Kultur beitragen, eine Wirtschaftsform, die mitt- lerweile zur Grundlage der Timia-Wirtschaft und damit wesentlicher Bestandteil der „Timia- Kultur“ geworden ist. Wo aber sollte dann die Grenze zwischen Kel Timia und Außenstehenden gezogen werden? Könn- te etwa die Zeit, die jemand in Timia verbringt, als Kriterium dienen? Dem steht entgegen, dass viele Karawaniers und Hirten oft nur wenige Tage im Jahr direkt im Dorf Timia verbringen, wäh- rend manche Europäer, wie Michel Bellevin oder Gerd Spittler, in Summe sehr viel mehr Zeit im Dorf Timia verbracht haben. Allein Spittler lebte insgesamt an die vier Jahre im Dorf und in dessen näherer Umgebung. 7 Anhand dieser Beispiele zeigt sich bereits die Absurdität des Bildes von einer geschlossenen, stati- schen Dorfkultur. Timia ist längst durch ein breites Feld vielfältiger, komplexer Beziehungen auf verschiedensten Ebenen mit der „äußeren“ Welt verflochten. Freilich haben die Erfahrungen in der Zeit der Rebellion gezeigt, dass diese Verbindungen über gewisse Perioden hinweg stark beein- trächtig sein können, ohne die Bevölkerung in eine existenzielle Katastrophe zu stürzen. Offen- sichtlich verfügt die Kultur der Kel Timia trotz ihrer vielfältigen Anpassungen an die Moderne immer noch über eine hinreichende Plastizität, um solche temporären Krisen zu überstehen. 8 6 Vgl. Klute/Hoffner 1998. 7 Vgl. Spittler 1998, S. 20 f. 8 Vgl. Spittler 1989, 1993. 645 Angesichts der vielen neuen Berufe der Kel Timia lässt sich das Wesen Timias heute nicht mehr auf die Vorstellung einer „Hirtensiedlung“ reduzieren. Damit wird aber auch die Beurteilung des Wandels als positiv oder negativ zunehmend schwieriger, weil sich die, den Kel Timia einstmals gemeinsamen Vorstellungen über die „Timia-Kultur“, wenn es sie überhaupt jemals gegeben haben sollte 9, zunehmend auflösen. Nach diesen einleitenden Erläuterungen erscheint das Unterfangen einer hinreichenden Klärung der Fragen zum soziokulturellen Wandel bei den Kel Timia innerhalb des gegebenen Rahmens nicht bewältigbar zu sein.. Dies gilt erst recht in empirischer Hinsicht, denn wollte man Kulturwandel messen, müsste man erst die vier sich überschneidenden Kulturen, wie sie Thiem in ihrem Modell beschrieben hat, 10 unabhängig voneinander empirisch untersuchen und beschreiben. Erst dann könnte man die Kulturwandelprozesse erforschen, die in den Schnittmengen dieser Kulturebenen infolge der jeweiligen Interaktion entstehen. Diese Leistung war aber niemals das Ziel dieser For- schungsarbeit. Auch würde das vielschichtige Ergebnis letztlich nur in differenzierter Weise bestä- tigen, was hier einleitend problematisiert wurde. Trotz dieser Dilemmata und Ungereimtheiten erscheint mir dennoch ein pragmatischer Zugang zu diesem Problem als opportun, weshalb ich die Auswertung und Analyse der Ergebnisse der Befra- gungen der Kel Timia hier präsentiere. Denn erst dann kann mit gutem Gewissen entschieden wer- den, ob und inwieweit die Ergebnisse - trotz aller Bedenklichkeit - erlauben, gewisse grundlegende Tendenzen festzustellen, die vielleicht zur Beantwortung der Frage nach der Vertretbarkeit von Tourismus beitragen können. 19.1 Gefährdung des Wertgefüges durch Tourismus? Die Frage nach der „Gefährdung“ der Kultur oder der kulturinhärenten Werte durch Tourismus impliziert die höchst problematische Vorstellung von einer statischen Kultur, die von äußeren Ein- flüssen grundsätzlich abgekoppelt sei. 11 Als handle es sich bei Kultur um etwas, das homogen und „ethnically bound“ bzw. „delimited vis-à-vis other cultures“ im Sinne Welschs 12 sei. Doch der- artige Bedingungen sind nicht länger haltbar, falls sie es überhaupt jemals waren. Die Darstellung der Geschichte der Kel Timia dürfte hinreichend verdeutlichen, dass hier keinesfalls von einer sta- tischen Kultur die Rede ist. 13 Die Vorstellung einer gefährdeten Kultur ist mit der spezifischen Idee von Rasse verbunden, die gleichsam exklusiv und rein existieren könnte, was ein äußerst geringes Maß an Kontakt mit ver- schiedenen anderen Kulturen voraussetze. Diese Annahme ist gerade bei den Kel Timia, die als 9 Vgl. dazu meine Erörterungen über das einseitige, vom Tuareg-Adel nach außen signalisierte und von den Europäern dankbar rezipierte Bild der „Tuareg“ als ganzes (Kap. „Die Marke „Tuareg“ – Mythos und Images/Die Herkunft der Tuareg – ein Teil des Mythos/„Gemeinsame Wurzeln“ zwischen Tuareg und Franzosen“). 10 Thiem (1994, S. 42 ff.) unterscheidet zwischen der Kultur der Quellregion (meist urban), der Ferienkultur (jener während der Ferien von Touristen gepflogener Lebensstil), der Dienstleistungskultur (Einheimische als Touristiker) und der Kultur der Zielregion („traditionale“ Kultur), die miteinander interagieren. Der direkte Kontakt zwischen Touristen und Gastgebern läuft nur innerhalb der Schnittmenge zwischen Ferienkultur und Dienstleistungskultur ab. Touristisch genutzt wird hingegen die Schnittmenge zwischen der Dienstleistungskultur und der Kultur der Zielregion, die Bestandteile der Einheimischenkultur enthält. Die Interaktionen tragen nach Thiem zu Veränderung auf allen vier Kulturebenen bei: Einerseits gelangen urbane Elemente aufs Land und neue Dienst- leistungsberufe entstehen, andererseits nehme die ländliche Kultur auch Einfluss auf die Ferienkultur, was in weiterer Folge auf Werbung und Angebotsorientierung innerhalb der Kultur der Quellregion rückwirke. 11 Zur näheren Erörterung des soziokulturellen Wandels durch Tourismus siehe das Kap. 4.2.4. 12 Vgl. Welsch 1999, S. 194 f. 13 Siehe dazu das Kap. mit dem „Portrait der Kel Timia: Tradition und Wandel“. 646 Karawaniers stets im intensiven Austausch mit anderen Kulturen standen und zudem ihre extern erworbenen Sklaven in ihre Kultur integriert hatten, völlig abwegig. Niemand wird bestreiten, dass Tourismus negative Auswirkungen haben kann. Dies wurde in der Literatur auch hinreichend dargestellt. 14 So steht außer Zweifel, dass Kulturen unter gewissen Be- dingungen ungesteuerter und massiver Tourismuseinwirkungen den Verlust oder die Korruption ihrer kulturellen Besonderheit erleiden können. Dies gilt um so mehr, je geringer die Erfahrungen der betreffenden Kultur mit dem Tourismus, je größer die Unterschiede zwischen den jeweiligen Lebensstilen und Kulturen sind, 15 und je größer die Intensität des Tourismus ist. 16 Problematisch sind viele Analysen von Kulturwandel eben nur dann, wenn diese von kulturellen Systemen aus- gehen, die als geschlossene Systeme und als passive Opfer der Moderne betrachtet werden. 17 Vor diesem Hintergrund ist es äußerst spannend, wie die Kel Timia, die von Tourismuskritik und Theorien des kulturellen Wandels noch weitgehend „unverdorben“ erscheinen, den Einfluss des Tourismus auf ihre Kultur wahrnehmen und beurteilen. 19.2 Wandel durch Tourismus aus der Sicht der Kel Timia 27 Personen hatten lediglich zur Frage Stellung bezogen, ob Timia sich durch Tourismus verändert habe. Dass dies der Fall sei, bejahten 22 Personen (81 %), wobei hier die Zustimmung bei Männern und Frauen recht ausgewogen war. Jeglichen tourismusbedingten Wandel bezweifelten dagegen nur 5 Männer (19 %). Als Symptome dieses Wandels wurden die Monetarisierung (9 Personen), die größere Summe des in Umlauf gebrachten Geldes (10 Personen) und die steigende Konkurrenz unter Tourismusar- beitern (9 Personen) genannt. Letzteres wurde überwiegend von Männern festgestellt, denen über- raschenderweise lediglich ein „Chasse“ und drei Schmiede angehörten. Dies könnte entweder be- deuten, dass die Konkurrenz unter den Betroffenen bislang nicht als Existenz bedrohend empfun- den wurde oder aber dieses Problem verdrängt wird. 19.2.1 Konkrete Veränderungen durch Tourismus In einer zweiten Frage wurde explizit nach den Veränderungen in Timia gefragt, die durch Tou- rismus verursacht worden sind. Dabei meinte von 28 Personen die überragende Mehrheit von 21 (75 %), dass sich die Mentalität der jungen Kel Timia verändert habe. Auffallend war hier der rela- tiv hohe Anteil von Frauen (8 von 12; dagegen nur 13 von 33 Männern), wobei 5 der Befragten Hirtinnen waren. Offensichtlich sind Hirtinnen besonders sensibel für Veränderungen im Bereich der Mentalität, weil die Hirtenarbeit besondere Eigenschaften wie das Ertragen von Einsamkeit und Entbehrungen erfordert, also Eigenschaften, die der modernen Konsumorientierung weitgehend fremd sind. 14 Vgl. z. B. Smith/Brent 2001; Fennel 1999; Pearce 1989; de Kadt 1979. 15 Vgl. Vellas/Bécherel 1995. 16 Zur Problematik des sozialen Wandels durch Massentourismus vgl. Bachleitner/Penz 2000. Vgl. etwa das Beispiel der Nuba (Fungor 1983). 17 Vgl. die Kritik von Meethan 2001, S. 138. 647 16 Personen kritisierten explizit und sinngemäß die sinkende Arbeitsmoral, wobei hier wiederum die Frauen überpräsent waren. Erwartungsgemäß lag auch der Altersschnitt der Kritiker weit über 40 Jahren. Unter den Kritikern befanden sich weder „Chasses“, noch Schüler oder Touristiker, die die Arbeitsmoral ihrer Alters- und Berufskollegen offensichtlich nach anderen Maßstäben beur- teilen. Die 33-jährige Hirtin Fitita Mohamed meinte, die Jungen hätten keinen Arbeitswillen mehr, sondern würden nur schlafen und auf Feste warten. Ähnlich meinte der 34-jährige Gärtner Moha- med Idrissa, die Jungen würden an das große Geld durch den Tourismus und an die Unnotwendig- keit der Arbeit glauben. Der 36-jährige Karawanier Aliman Alhadj Moussa berichtete, dass manche seiner Kollegen nicht mit der Karawane aufgebrochen seien, weil sie dem Gerücht vertraut hätten, es werde ein Film gedreht, der viel Geld einbringen würde. 7 Personen (25 %) stellten unter der Bevölkerung einen gewissen Trend zur Imitation der Touristen fest, insbesondere was die Kleidung anbelange. Als explizit positive Form des tourismusbedingten Wandels wiesen 6 eher ältere Personen auf die zahlreichen Projekte hin, die dem Tourismus zu verdanken seien. Auf die Gegenfrage, ob dieser festgestellte Wandel auch ohne Tourismus eingetroffen wäre, ließen sich 11 von 18 Personen verunsichern und bejahten dies. Diese Probanden waren durchwegs älter als 40 Jahre. Unter ihnen verwiesen jedoch 4 Personen auf die generelle Modernisierung. So mein- te der 40-jährige „Chasse“ Kader, in Timia herrsche ein genereller Zwang zur Modernisierung, um überleben zu können, weshalb aufgegeben werde, was fruchtlos oder unrentabel erscheine. Ähnlich argumentierte auch der 27-jährige Lehrer Bachar al Hadj, der zwar die generelle Modernisierung als durch Tourismus initiiert betrachtet, den größeren Einfluss jedoch in der Schule sieht. Ebenfalls in der Schule und dem dort herrschenden Zwang zur modernen Kleidung und der damit verbunde- nen Akkulturation sah der 24-jährige Student Aghali Isoufou die Ursachen für Veränderungen. Der Dorfchef Mokhamed ag Gabda glaubt, dass der Wandel, der besonders bei der Jugend zu bemerken ist, nicht aufzuhalten sei: dieser sei primär ein Globalisierungsphänomen und weniger durch den Tourismus verursacht. Den Tourismus als Ursache unterstrichen hingegen 7 Personen zumeist jüngeren Alters. Dazu zähl- ten auch 2 „Chasses de touristes“. 19.2.2 Die Beurteilung dieser Veränderungen Erstaunlicherweise beurteilten 14 von 18 Personen (78 %) diese Entwicklung sehr positiv. Unter ihnen waren 3 Schmiede sowie 3 „Chasses“, somit zu einem beträchtlichen Anteil Personen jener Gruppe, die am meisten und unmittelbar vom Tourismus profitieren. Doch auch Angehörige von traditionellen Berufen können den Veränderungen Positives abgewinnen. So zieht etwa die 38- jährige Handwerkerin Rahmata Ahmed die Moderne vor, weil heute das Leben leichter sei. Zudem liebe sie moderne Kleidung. Die 46-jährige Handwerkerin Jemana sieht im Wandel wesentliche Chancen für die Entwicklung des Dorfes. Von den 4 Kritikern des Wandels, zwei Männern und zwei Frauen, äußerte sich lediglich die 42- jährige Handwerkerin Emate Ibrahim mit dem Hinweis, dass ihr „die Jungen Leid tun“. 648 19.3 Traditionelles Ethos 19.3.1 Die Bedeutung von „Tradition“ bei den Kel Timia Angesichts der deutlichen Befürwortung des Tourismus durch die Kel Timia interessiert die Frage, welche Werte die einstige „alte“ Tuareg-Welt prägten und inwieweit diese vom Wandel betroffen seien. Auf die Frage, was für die Kel Timia „Tradition“ bedeute, antworteten von 42 Personen (bei Mehr- fachnennungen) 19 Personen (45 %) mit dem Hinweis auf das traditionelle Ethos „Eschek“. Diese Ansicht fand die höchste Zustimmung unter den Schmieden (71 %), die geringste hingegen unter den Karawaniern (33 %) und den „Chasses“ (0). Auf die Frage, wie denn die übrigen Kel Timia antworten würden, meinten 15 von 27 Personen (56 %), diese würden ebenfalls das „Eschek“ nen- nen. Die traditionelle Arbeit (Karawanen-, Garten-, Hirten-, Handwerksarbeit) setzten 16 Personen (48 %) der „Tradition“ gleich. Dieser Meinung konnte nur 1 Chasse und kein Boutiquier etwas abgewinnen, während die Schmiede mit 57 % am häufigsten diese Meinung äußerten. Religion betrachteten 10 Personen (24 %) als Wesen der Tradition, wobei wiederum die Handwer- ker etwas stärker, die Touristiker hingegen gar nicht dieser Meinung waren. Das kulturelle Erbe der Ahnen im Sinne von Erinnerungen, Überlieferungen, historischen Erzäh- lungen etc. hielten ebenfalls 10 Personen für wesentlich, besonders die zwei Touristiker und die zwei Schüler. Weitere Nennungen betrafen die Kleidung (6 Nennungen), die Sprache (4 Nennungen) und die Solidarität (2 Nennungen). Dieses Ergebnis, insbesondere die große Bedeutung des „Eschek“ für die Schmiede, ließe sich da- mit erklären, dass den Schmieden traditionellerweise abgesprochen wurde, den traditionellen Wer- ten zu entsprechen, die wiederum für die Karawaniers gleichsam selbstverständlich waren und of- fensichtlich auch noch sind. Darum könnten die Schmiede diesen Wert besonders betonen. Für die jungen „Chasses“ hingegen spielt das „Eschek“ kaum mehr eine Rolle, wie wir noch sehen werden. Auch die traditionelle Arbeit ist für das Selbstverständnis von signifikanter Bedeutung - allerdings nur für jene, die solche Berufe ausüben. Vertreter von modernen Berufen, die ja nicht mehr der „Tradition“ angehören, betrachten diese als etwas Verschwindendes und gerade darum Wertvolles - wie im Fall der Schüler und Touristiker. Hier ist die romantisierende Perspektive von der „guten alten Zeit“ nicht zu übersehen. 19.3.2 Identität und Selbstverständnis der Kel Timia Man kann davon ausgehen, dass das Verständnis von „Tradition“ eng verbunden ist mit dem Ver- ständnis seiner selbst, wie ich dies bereits bei der Interpretation von „Kulturen“ anklingen ließ. Um diese These zu unterstützen, allerdings auch aufgrund meiner eigenen, damals noch naiven Vorstel- lung vom Begriff „Tuareg“ fragte ich die Kel Timia, was für sie einen „Tuareg“ ausmache. Die 649 Frage war - aus ethnologischer Sicht - höchst problematisch, weil ja der Begriff „Tuareg“ eine e- xogene Bezeichnung mit einer eurozentrisch gefärbten Bedeutung ist, die im Tamaschek keine direkte Entsprechung hat. 18 Insofern übersetzte mein Assistent den Begriff „Tuareg“ mit „Ama- scher“ (Pl.: Imascheren) ins Tamaschek. Von 39 Nennungen bezogen sich 24 (62 %) auf die Rasse als Kriterium der Angehörigkeit zu den „Imascheren“. Diese Antwort kam am häufigsten von den befragten Hirtinnen (6 oder 100 %), den Gärtnern (5 oder 100 %) und den Schülern (2 oder 100 %), gefolgt von den „Chasses“ (3 oder 75 %) und den Schmieden (4 oder 57 %). Das Durchschnittsalter dieser Personen liegt deutlich über 40 Jahren. Mit 16 Nennungen (41 %) folgte die Sprache, Tamaschek, als Wesen des Selbstverständnisses. Auch hier lag der Altersschnitt über 40 Jahren. Die häufigsten Nennungen kamen von Schülern (2 oder 100 %) und den Schmieden (5 oder 71 %). 14-mal (36 %) wurde die Würde („Eschek“) als Wesen der „Imascheren“ genannt. Hier lag der Altersschnitt etwa bei 35 Jahren. Die häufigsten Nennungen stammen von den Boutiquiers (3 oder 75 %) und den Schmieden (3 oder 43 %). 7-mal (18 %) wurde der Nomadismus genannt. Auch hier lag der Altersschnitt etwa bei 35 Jahren. Dieses Ergebnis ist insofern interessant, als gerade die Kel Ewey jene Gruppe der Tuareg sind, die sich am stärksten und augenfälligsten mit der schwarzen Bevölkerung vermischt haben und daher der Begriff der „Rasse“ hier keineswegs wörtlich zu verstehen ist. Denn gleichzeitig grenzen sich die Kel Timia als „Imascheren“ explizit von anderen Stämmen ab, deren Angehörige sie abwertend als „Imghad“ bezeichnen. 19 Diese Ansicht wird aber keinesfalls einhellig vertreten. In kritischer, differenzierender Weise machte etwa der 37-jährige Koch Jousoufa Bahia darauf aufmerksam, dass es keinen Unterschied zwischen „Kel Ewey“ und „Imghad“ gebe, sondern die traditionelle Unters- cheidung lediglich darauf abziele, ob jemand „Eschek“ habe oder nicht. Dies bestätigte auch Da- boun Taralou, der 61-jährige Chef de Groupement de Timia, wonach jeder Mensch „Amascher“ sein könne, wenn er sich entsprechend verhalte. 19.3.2.1 Exkurs: Identität und Tourismus Analog zur Diskussion um den tourismusindizierten Wandel gesellschaftlicher Strukturen wurde auch die „Identität“ einer sozialen Gruppe als etwas betrachtet, das durch den Tourismus gefährdet werde. Dabei zeigt bereits meine Formulierungsweise, dass hinter diesen Befürchtungen statische Identitätskonzepte stehen, die der Realität in keiner Weise gerecht werden. Persönliche soziale Identität und individuelle Weltsicht lassen sich nur durch Erkundungs- und An- eignungsleistungen entwickeln. Identität ist somit Ausdruck und Folge eines stetigen Sozialisations- und Enkulturationsprozesses, wonach die Fähigkeiten und Orientierungsmuster der Bezugskultur des soziokulturellen Umfelds angeeignet werden.20 Dies gilt auch für kulturelle Identität, die Collier und Thomas beschreiben als „(…) identification with and perceived acceptance into a group that has shared systems of symbols and meanings as well as norms and rules for conduct. Cultural identity is created through symbolic 18 Siehe dazu das Kap. über „Die Marke ‚Tuareg’ – Mythos und Images/Herkunft des Namens ‚Tuareg’ “. 19 Dieses Phänomen, dass jede Schicht jeweils die eigenen Lebens- und Wirtschaftsweise als überlegen ansehe, beobachtete auch Stühler (1979, S. 86 f., 94 f.) für die Kel Ahaggar. 20 Vgl. Rest 1995, S. 81. 650 and normative competence. In other words, when individuals identify with cultural groups they are able to manipulate and understand systems of symbols and beliefs and are able to enact culturally appropriate and effective behavior with members of that group. Identity is a combination of ideas about ‚being’ and norms of ‚acting’.“ 21 Insofern ist Identität das Resultat eines ständigen Kommunikationsprozesses mit dem näheren und ferneren sozialen Umfeld. Besonders kulturelle Identität als Ausdruck einer Art von Gruppenbe- wusstsein kann nur in der Begegnung mit anderen soziokulturellen Systemen entstehen und sich wei- terentwickeln. Dabei spielt nach der Ansicht Franz Rests nicht nur die jeweilige konkrete Lebensart eine Rolle, sondern auch die Art, wie der jeweilige Identitätsträger leben wolle. Kulturelle Identität bildet sich in der Folge aus dem „ständigen Prozess der Bedeutungsproduktion aus sozialen Erfah- rungen“. 22 So lässt sich Identität als ein zweifaches Resultat verstehen: einerseits als Resultat des Vergleichs „nach innen“ mit Erinnerungen und den übernommenen Normen und Werten der jeweiligen Be- zugsgruppe, und andererseits als Resultat des nach außen gerichteten Vergleichs mit anderen Indi- viduen und sozialen Gruppen, um Unterschiede und Gemeinsamkeiten festzustellen oder sich ab- zugrenzen. 23 Dies lässt sich bei den Kel Ewey beobachten, die ihr Selbstverständnis als religiöse „Imascheren“ bilden und sich von den „Imghad“ als jene abgrenzen, die ohne Würde und Religion sind. Manche meinten auch, „Imghad“ würden stehlen, was bei den „Imascher“ dagegen völlig undenkbar sei. Bei den Kel Ahaggar ließ sich beobachten, wie diese die Sichtweise der Franzosen von den Kel Ahaggar als „Noble“ in der Weise übernommen hatten, dass es in der Folge für ihre Identität prä- gend wurde. 24 Wie die Betrachtungsweise der Franzosen über die Kel Ahaggar und die nachfolgende Sonderbe- handlung in politischer und literarischer Weise die Identität der Kel Ahaggar beeinflusste, so sind heute sämtliche existierenden kulturellen Identitäten durch äußere Einflüsse, ob durch Medien oder Tourismus, mitgeprägt. Dieser Prozess kann auch gezielt zur Förderung eines bestimmten Identi- tätsgefühls, etwa eines Nationalgefühls 25 eingesetzt werden. Diese Absicht wurde etwa hinter der forcierten Verbreitung des „Tableaus der 21 Kreuze des Niger“ vermutet 26 und war wohl auch der Zweck der Forderung der Tuareg-Rebellen nach einem Tuareg-Kulturzentrum und -Museum in Agadez. 27 Besonders die „Ischomar“, die Entwurzelten in der Diaspora, die in der Rebellion ihre neue Bestimmung zu finden glaubten, hatten einen großen Bedarf an Manifestationen einer neu zu schaffenden Identität. 28 19.3.2.2 Ethnizität Zum Problemfeld der Identität zählt auch der Aspekt der Ethnizität. Diese wird oft interpretiert als eine Form der Zugehörigkeit im Sinne einer Antithese zur Majorität: Die Identität auf der Basis von Ethnizität zu definieren läuft oft darauf hinaus, einen Minoritätsstatus zu unterstellen, 29 wie er 21 Collier/Thomas 1988, S. 113, zit. in Rest 1995, S. 81. 22 Rest 1995, S. 82. 23 Vgl. Sahlins 1985. 24 Siehe dazu das Kap. über „Die Marke „Tuareg“ – Mythos und Images/Die Herkunft der Tuareg – ein Teil des Mythos“. 25 Vgl. Handler 1988. 26 Vgl. Ewanghaye 2002, S. 5. 27 Vgl. CRA 1994, Web. 28 Siehe dazu das Kap. über „Die Marke ‚Tuareg’ – Mythos und Images/Historische Entwicklung des europäischen Tuareg- Bildes/Die Tuareg-Rebellion und ihre Folgen/Tuareg als Helden“. 29 Vgl. Tonkin/McDonald/Chapman 1989. 651 ja von den Tuareg-Rebellen und ihren europäischen Fürsprechern behauptet wurde. Für den Tou- rismus bedeutet das, den sog. „Ethnien“ als kulturelle Minderheiten nicht-moderne Züge zu unter- stellen, als wäre eine ethnische Identität eine Form von „elemental attachment“ 30, gleichsam ein natürlicher Anhang, der angeboren sei. Wie sehr diese Haltung verbreitet ist, zeigt sich am Beispiel der Kel Timia, die mit beachtlicher Mehrheit ihre „Rasse“ als Wesen ihres „Tuareg-Seins“ anga- ben. 31 Touristen und Touristiker sind besonders anfällig für solche Konstruktionen von „Ethnien“, weil in der touristischen Praxis Nuancen und Differenzierungen dem Zwang zur Reduktion der vielfältigen exotischen Eindrücke zum Opfer fallen. Nach Ansicht MacCannells fördern darum Klischees und andere simplifizierte Zuschreibungen die Konstruktion von „falscher“ und „entfremdeter“ Ethnizi- tät. 32 Dieser Ansicht ist jedoch entgegenzuhalten, dass damit die Existenz einer Art inneren Kerns „richtiger“ Kultur vorausgesetzt werde, der widersteht oder einem extern induzierten Wandel un- terliegt - und damit wiederum, dass Identität statisch oder eben „verfälscht“ sei. Diesem seinerseits simplifizierten Verständnis von Ethnizität stellt Hitchcock das Konzept von Ethnizität als eine Art von Prozess entgegen, wonach Ethnizität als „Matrix of significance that is relative and contin- gent“ 33, diene: als ein zusammenhängendes, und dennoch in Veränderung befindliches Orientie- rungsmuster. Auf diese Weise vermag sich ein Student in Niamey gleichermaßen legitim als Tua- reg zu fühlen wie ein Nomade auf der Weide im Aïr. Für die Kel Timia lässt sich festhalten, dass sich die Bevölkerung zunehmend neueren Berufen und insofern veränderten Lebensweisen zuwendet. Dies sind Reaktionen auf die in den vorange- gangenen Kapiteln dargestellten Probleme. Ihre gegenwärtige Identität ist somit der spezifische Ausdruck ihrer sich stärker differenzierenden Lebensweisen, die keinesfalls als Ausdruck von „Kulturverlust“ im Vergleich zu einem romantisierten Dasein der Landbevölkerung missinter- pretiert oder ideologisiert werden sollten, sondern vielmehr Überlebensstrategie sind. 19.3.3 Die wichtigsten Werte bei den Tuareg? Die Frage an die Kel Timia, was denn einen Tuareg ausmache, krankte freilich an ihrer Undifferen- ziertheit, sodass sowohl mit äußeren Erscheinungsmerkmalen als auch mit ideologischen Werten geantwortet wurde. In einer Zusatzfrage wurden die Kel Timia daher ausschließlich nach ihrem „inneren“ Selbstverständnis als Tuareg befragt, nach dem wichtigsten Wert der Tuareg. Mit überragender Mehrheit (16 von 23, 70 %) wurde der traditionelle Wert „Eschek“ genannt. So meinte der 20-jährige Karawanier Rissa Arbas, das Wesen eines Tuareg sei es, „nobel, gut und ehrlich zu sein“. 12-mal (52 %) wurden die traditionellen Berufe genannt. Diese Ansicht vertraten sämtliche Kara- waniers und Schmiede und fast alle Gärtner, die sich zu dieser Frage geäußert hatten. Hier zeigt sich, wie prägend der traditionelle Beruf für die eigene Identität wirkt. Dem entspricht der Um- 30 Hitchcock 1999, S. 19. 31 Hier darf nicht übersehen werden, dass die Tuareg generell eine sehr heterogene Bevölkerungsgruppe sind, die immer schon Gruppen diverser Abstammung rasch in die Tuareg-Gesellschaft integriert und targisiert haben. Andererseits standen besonders im Fall der Kel Ahaggar die sozialen Schichten untereinander in vielschichtigen politischen, ökonomischen und sozialen Beziehungen, was einen eindeutigen organisatorischen Zusammenhang der Bevölkerungsgruppe bewirkte. Dieser Zusammenhang lege nach Stüh- ler (1979, S. 81) einerseits zwar die Grenze der Ethnie fest, andererseits muss diese durch die „Einbeziehung neuer fremder Elemen- te stets neu interpretiert und festgelegt werden.“ 32 MacCannell 1992, S. 168 f. 33 Hitchcock 1999, S. 19. 652 stand, dass kein einziger Angehöriger eines modernen Berufs - Boutiquiers, Touristiker oder „Chasses“ - diese Ansicht vertrat. Als weitere spezifische Tuareg-Werte wurden je 6-mal die Religion und die „Feste“ genannt, 2-mal das Tamaschek und einmal „Kleidung“. Anhand der letzten Antwortsvarianten zeigt sich, wie eng das Wertverständnis mit den kulturspezifischen Manifestationen der Kel Timia verflochten ist. Dies erklärt sich näher aus den Erläuterungen zum „Eschek“. 19.3.3.1 „Eschek“ Was genau beinhaltet nun jener Wert „Eschek“? Spittler beschreibt „asshak“, verdeutscht zu „Eschek“, als einen Überbegriff der Kel Ewey, der Werte wie Würde, Stolz und die Beherrschung von Verhaltensregeln zusammenfasst. 34 Innerhalb dieses Werteensembles gilt als die wichtigste Verhaltensnorm das „Tekaraqit“, übersetzbar mit „Scham“ oder „Zurückhaltung“. 35 Dieses re- spektvolle Verhalten ist besonders zwischen den Ehepartnern in der Öffentlichkeit und gegenüber Angehörigen älterer Generationen geboten. Gemäß dem „Eschek“ ziemt es sich z. B. im Zwiegespräch - im Gegensatz zu unserem Ver- ständnis von höflicher Zurückhaltung - zu Boden zu blicken. 36 Bei Gesprächen mit einem Begleiter während einer Reise wird das in der Weise praktiziert, dass man nebeneinander marschiert und dabei den Blick nach vorne auf die Landschaft richtet, während man sich unterhält. Diese Höflich- keitsregel erklärt Spittler mit dem Hinweis, dass der direkte Blickkontakt von Tuareg als sehr be- drohlich empfunden werde. 37 Dies zu wissen ist für Touristen in Hinblick auf eine gut funktionie- rende, interkulturelle Kommunikation von großer Bedeutung. Den Aspekt der Zurückhaltung verdeutlicht auch das typische Kennzeichen der Kel Tagelmust, der „Leute mit dem Schleier“, denn der Gesichtsschleier der Männer wird in erster Linie aus Gründen des Anstands getragen. Für einen Mann gilt als unschicklich, in der Öffentlichkeit Mund und Nase unbedeckt zu lassen. 38 Dies gilt jedoch erst ab einem gewissen Alter, denn der Erwachsenenstatus wird bei einem jungen Mann gleichsam mit dem Anlegen des Schleiers und bei einer jungen Frau mit dem Auflegen eines Kopftuchs initiiert. 39 Ab diesem Zeitpunkt gelten dann bestimmte „Vermeidungsregeln“, etwa dass der Vater in Gegen- wart von Fremden nicht mit der erwachsenen Tochter spricht 40, dass ein Mann nicht vor seiner Schwiegermutter isst oder den Schleier ablegt. 41 Dies geht sogar soweit, dass Schwiegereltern oder eine verehrte Freundin unter Tags nicht besucht werden dürfen. Höchst verpönt ist es, im Kreis von Personen, für die diese Vermeidungsregeln gelten, Themen der Sexualität anzuschneiden. 42 34 Vgl. Spittler 1993, 403. 35 Vgl. Bernus 1993, 156. 36 Vgl. Trotha 1998, S. 58. 37 Vg. Spittler 1998, S. 32. 38 Diese Erklärung habe Leo Africanus im 16. Jht. (zit. in Fuchs 1984, S. 90) erhalten. Freilich handelt es sich bei der Verschleie- rung um eine sehr alte saharische Sitte, hat doch sogar schon der römische Schriftsteler Corippus (zit. ebd.) von den „verschleierten Libyern“ Nordafrikas berichtet. 39 Die Übergabe des Schleiers durch den Vater an den Sohn signalisiert die patrilineare Zugehörigkeit zur Familie sowie zur Tuareg- Gemeinschaft (vgl. Bourgeot 1995, S. 428). 40 Vgl. Claudot-Hawad 1993. 41 Int. Houiah, Chauffeur und Hirte, Oktober 1997; vgl. auch Nicolaisen/Nicolaisen 1997, S. 662 ff. 42 Int. Fatima Hadda, Camp bei Timia, 14. 11. 1999. 653 Diese Regeln bezwecken, eine gewisse Gesellschaftsordnung aufrecht zu erhalten und familiäre Konflikte zu unterbinden. Darüber hinaus sind sie wichtige Normen zur Stiftung äußerlich sichtba- rer Bande zwischen den Angehörigen der Tuareg-Welt. 43 Andere Verhaltensnormen regeln die Beziehung zwischen Kreuz-Cousins und sind – unabhängig vom Alter der Betreffenden - von extremer Liberalität gekennzeichnet; sie dienen zwar auch der Konfliktregelung, stehen jedoch im Gegensatz zum eher abweisenden Verhalten des „Eschek“. Hier sind alle Freiheiten erlaubt, von Scherzen über Frechheiten bis zum boshaften „Diebstahl“. Auch diese Norm bezweckt die Neutralisierung von Konflikten und Spannungen. 44 Sprachlich kommen Verstöße gegen diese Anstandsregeln sehr deutlich zum Ausdruck. Die Flos- kel „den Schleier vom Mund nehmen“ – und übrigens auch die Floskel „die Hose fortwerfen“ – bedeutet so viel wie „entehrt sein“. Demnach entspricht das Zeigen des Gesichts in der Vorstellung der Tuareg dem Entblößen der Beine. 45 Dieser Hinweis könnte jene Touristen, die im Einzugsge- biet der Tuareg-Siedlungen das Tragen von Shorts bevorzugen, in diesem Kontext von der Abwe- gigkeit ihres Verhaltens überzeugen. Die Kel Ewey haben das Schleiergebot niemals besonders streng gehalten. Dies ist eine Folge der flexiblen Arbeitsteilung, wonach man häufig seine ökonomische Tätigkeit vom Karawanier zum Gartenbauer oder Hirten wechseln mußte. Vor allem aber resultiert diese gemäßigte Strenge dar- aus, dass bei den Kel Ewey eine Vasallenschicht fehlte. 46 Während der letzten Jahre der Kountché-Ära, von 1983-86, wurde das Tragen des Tagelmust unter den jungen Tuareg zunehmend zu einem bewusst gewählten Zeichen der Opposition gegen das Regime, das nicht bereit war, die mit dem Tragen des Tagelmust verbundenen Werte zu respektie- ren. So schildert Bourgeot Fälle, wonach verschleierte Männer wiederholt und gezielt kontrolliert und dabei gezwungen wurden, ihr Gesicht zu zeigen, was von den Betroffenen als „kulturelle Un- terdrückung“ empfunden worden sei. 47 Einige Kel Timia hatten ihr Verständnis von „Eschek“ präzisiert. Für Daboun Taralou, den 61- jährigen Chef de Groupement, habe derjenige „Eschek“, der nicht lüge und der nur wahre Sachen sage. Für die 17-jährige Hirtin Mariema Issoufa liege „Eschek“ darin, ungehörige Dinge wie Dieb- stahl oder öffentliches Entkleiden zu unterlassen. Für meinen Assistenten Aghali Imoumoumene sei es die Aufrichtigkeit, für Achmed Hadda, den 42-jährigen Chef der Schmiedekooperative, das Tragen des Turbans. Nach Tschibril Aboubakar, dem 36-jährige Handwerker und Boutiquier, ent- spreche es dem „Eschek“, die Tradition zu bewahren, keine andere anzunehmen, frei zu sein und nicht nur nach Reichtum zu streben. Der Wert „Eschek“ unterliegt freilich einem gewissen Wandel. Machmud Illo, der 38-jährige Pro- jektarbeiter, bestritt, dass „Eschek“ unter den Kel Ewey heute überhaupt noch zu finden sei, weil es aufgrund der gravierenden sozialen Veränderungen unter den Einwirkungen der großen Dürren und der damit verbundenen Verarmung der Menschen verloren gegangen sei. Weniger drastisch sieht dies Eserit Ias, der 23-jährige Koch bei Tagelmust V., der sich sinngemäß als „Part time Touareg“ definiert: Wenn er sich in einem anderen Kulturkreis aufhält, passe er sich an und streife gleichsam das traditionelle Normengerüst der Tuareg ab. Wenn er wieder nach Timia kommt, spielt auch das „Eschek“ für ihn wieder eine Rolle. Freilich sei auch im abgelegenen Timia ein Wandel der Traditionen festzustellen, wie Daboun Ta- ralou, der Chef de Groupement, meinte. Dies gelte insbesondere für Kleidungsnormen, doch sehe 43 Vgl. Bernus 1993, S. 160. 44 Vgl. ebd., S. 159 f. In einem solchen Verwandtschaftsverhältnis standen auch Aghali, der Assistent des Autors, und Mariema, eine alte Hirtin, und verhielten sich auch entsprechend: Im Spaß machten sie öffentlich die wüstesten Scherze übereinander. Mariema verkündete etwa lachend, sie wolle Aghali schlachten, denn er sei ohnedies nichts wert. 45 Vgl. Bourgeot 1995, S. 428. 46 Bourgeot (ebd., S. 427, FN 11) vertritt in diesem Zusammenhang die Faustregel, dass das mit dem Tragen des Tagelmust verbun- dene Prestige um so stärker zählt, je stärker hierarchisiert eine Tuareg-Gesellschaft sei. 47 Vgl. ebd., S. 429, FN 14. 654 er darin kein Problem. Vor allem habe sich wenig im viel wichtigeren Bereich der zwischen- menschlichen Beziehungen geändert. Außerhalb des Aïr kann „Eschek“ heute für traditionsgepräg- te Menschen sogar ein gravierendes Hindernis im Umgang mit Angehörigen anderer Kulturen dar- stellen und sogar „Unglück bringen“. Denn jemand wie er könne „Eschek“ nicht einfach ablegen und sich anpassen (wie dies der junge Eserit Ias zu können vorgegeben hatte). So falle es Daboun sehr schwer, bei Behörden „um Vorteile zu jammern“, wodurch aber wichtige Chancen entgehen können. Insofern trage eine zu starke Verbundenheit mit den traditionellen Werten zu gewissen Abhängigkeiten bei, weil man heutzutage immer mehr mit Menschen zu tun habe, für die nicht die Regeln des „Eschek“ gelten. Früher, als die Kel Aïr hauptsächlich von Nomadismus lebten, seien sie unabhängiger gewesen. Heute aber benötigte man Arbeitsplätze außerhalb des Aïr, „aber mit Eschek kommt man nicht sehr weit.“ In seiner engen Verbundenheit mit „Eschek“, das für ihn im Zweifelsfall das wichtigste Kriterium für Entscheidungen und die Art des Handelns sei, könne er zuweilen wissentlich ins Unglück laufen. Das sei ein großes Problem für Daboun, aber anders zu handeln gelinge ihm in seinem Alter nicht mehr. 19.3.3.2 Bettelei Wie ist nun „Eschek“ und dessen Aspekte mit dem Tourismus zu vereinen? Die Meinung von Daboun Taralou lässt bereits erkennen, dass zwischen den grundlegenden Wer- ten und Umgangsformen der Kel Timia und jenen der Europäer grundlegende Unterschiede beste- hen, die zu teils gravierenden Widersprüchen führen können. Dies betrifft etwa den von Daboun angesprochenen Aspekt der Bitte um Hilfe oder um eine Annehmlichkeit. Wenn jemand Bedarf an Hilfe hat, so bittet man nach dem traditionellen Werteverständnis „nicht direkt um Hilfe, sondern schildert allgemein die Situation und überlässt es dem anderen, den Schluss daraus zu ziehen, dass man Hilfe benötige.“ 48 Sieht jemand hingegen keinen Ausweg mehr, so bittet er abermals nicht, sondern fordert die benötigte Sache. Das Erbetene, etwas Geld, wird dann kommentarlos einge- steckt. Worte oder Gesten des Dankes sind, da als Ausdruck von Schwäche betrachtet, weitgehend unbekannt. 49 Elouali Hadda, der 20-jährige Karawanier, würde niemals um ein Geschenk bitten, um sich nicht zu entehren. 50 In diesem Sinne meinte auch Hadda Imoumoumene, Eloualis Vater, „Eschek“ erfor- dere, „nicht nur die Hand aufzumachen und zu betteln, sondern zu arbeiten, gleichgültig wo und was.“ Darum sei es nach Ansicht von Aghali Imoumoumene, meinem Assistenten und Haddas Bruder, für Kel Ewey undenkbar in den Städten nach Gaben zu fragen. Dies würden nur Imghat- Frauen tun. 51 Eben darum habe er persönlich ein Problem mit jenen Kindern, die von Touristen lauthals „Cadeaux“, Geschenke, fordern. Tourismus stellt eine große Chance dar, um zu notwendigen oder begehrten Gütern zu gelangen. Hier wird aber nur derjenige erfolgreich sein, dem es gelingt, die entsprechenden Signale gegen- über Europäern zu setzen. In der Praxis haben unterschiedliche soziale Schichten unterschiedliche Strategien entwickelt, um mit der Diskrepanz gegenüber „Eschek“ fertig zu werden. Am leichtesten fällt es den Kindern oder den Schmieden. Erstere tragen noch keinen Gesichtsschleier und stehen 48 Spittler 1989, S. 113. 49 Vgl. ebd.; sinngemäß auch Zöhrer 1954, S. 38. Auch Barth (1986, S. 170) erwähnt bei seiner Begegnung mit dem „Häuptling“ von Tintellust: „Die Geschenke, welche vor ihm ausgebreitet wurden, empfing er gnädig, aber ohne ein Wort zu sagen; (...) alles dies war charakteristisch." 50 Auf meine Frage, was Eloualis größter Wunsch sei, antwortete dieser. „Ein Kamel und ein Sattel!“ Weil ich so beeindruckt von diesem jungen, kraftvollen, traditionsgeprägten Karawanier war, versprach ich, ihm einen Sattel zu besorgen. Bis zur Realisierung dieses Versprechens dauerte es allerdings zwei Jahre. Ein Dankeschön habe ich weder von ihm noch von seiner Familie erhalten, weil dies eben nicht der Sitte entspricht. 51 Siehe dazu das oben zur Unterscheidung zwischen Imascheren und Imghat gesagte. 655 somit noch außerhalb des Erwachsenenethos, die Schmiede wiederum stehen als eigene Kaste per definitionem außerhalb der Verhaltensnormen der Kel Ewey, auch wenn sich diese schicht- spezifischen Unterscheidungen und Verständnisse zunehmend zu verwischen scheinen, wie sich bei den Befragungen zeigte. Hier argumentierten Schmiede oft nachdrücklicher mit „Eschek“ als etwa Karawaniers. Interessanterweise zeigt sich auch, dass junge, modernisierte Kel Timia einerseits vehement zu- gunsten der traditionellen Werte und gegen deren Bedrohung durch den Tourismus argumentieren, andererseits aber selbst mit Freude an die Kindheitserfahrungen zurückdenken, als sie selbst Ku- gelschreiber oder T-Shirts von Touristen geschenkt bekommen hatten. Hier zeigt sich sehr deutlich, dass für die Kel Timia aufgrund der sich wandelnden, an Komplexität und Differenziertheit gewinnenden Umwelt eine Anpassung ihrer Wertegrundlange unumgänglich sein wird, besonders für jene, die auf der Suche nach Arbeit in die Städte oder gar in die Nach- barstaaten ziehen. Und noch viel mehr wird das für jene gelten, die vom Tourismus profitieren wollen. 19.3.3.3 Stolz Gabi Kreimer berichtete von ihrer Beobachtung im Zuge der von ihr begleiteten Salzkarawane, dass die Männer auffallend oft zu ihr kamen, um sich die Hände und Füße verbinden zu lassen. Die Verletzungen stammten vom scharfen Alemos-Gras, das die Kamele während der Durchquerung der Ténéré fressen. Diese Verletzungen wären leicht durch das Anlegen billiger Arbeitshandschuhe zu verhindern, doch verbietet es nach der Ansicht Kreimers offenbar der Stolz der Karawaniers, diese Handschuhe für ihre traditionellen Arbeiten anzulegen. 52 Spittler berichtet davon, dass unter den Kel Timia Hunger und Durst nicht thematisiert wurde. Nicht einmal Ehemänner fragten daheim ihre Ehefrauen nach Nahrung. Darum war es auch gegen- über Gästen Sitte, diese niemals zu fragen, ob sie denn hungrig seien, sondern es wurde kurzerhand Essen zubereitet und dem Gast angeboten. 53 Dies lässt sich damit erklären, dass auf den Weiden häufig Nahrungsknappheit herrscht, ein Umstand, dem wohl nur mit der nötigen Selbstbeherr- schung begegnet werden kann. Schon Spittler berichtet vom Wandel dieser Werte, so z. B. dass die jungen Hirten heute nicht mehr allein sein könnten, dass sie immer häufiger Essen auf die Weide mitnehmen oder draußen zubereiten würden. Im Gespräch mit Hirten über den Vergleich zwischen Gärtnern und Hirten werde auch stets „die regelmäßige Essensversorgung bei den Gärtnern hervor- gehoben“. 54 Ähnlich wurde auch in meinen Interviews als Vorteil der Gartenarbeit gegenüber jener der Karawaniers betont, dass der Gärtner das ganze Jahr über bei seiner Familie leben könne. Dies bedeutet faktisch, dass er von seiner Frau umsorgt werde, während sich der Karawanier selbst um sein Essen kümmern muss. Ich muss hier nochmals nachdrücklich unterstreichen, dass die Tuareg Mängel und Mühsal kei- neswegs anders empfinden als wir. 55 Entgegen diesem Mythos empfinden etwa Hirten die Isolation und Einsamkeit auf der Weide ebenso unangenehm, wie sie auch für „den Durst (...) keine Gewöh- nung (kennen).“ 56 Die Umstände und der daraus resultierende Zwang hatten dieses Ethos hervor- 52 Gabi Kreimer, Int. vom 12. 1. 2003, Graz. 53 Vgl. Spittler 1998, S. 57. 54 Ebd., S. 58. 55 Siehe dazu das Kap. „Die Marke „Tuareg“ – Mythos und Images/Markante Elemente des gegenwärtigen Tuareg- Bildes/Duldsamkeit, Selbstdisziplin“. 56 Spittler 1998, S. 197. 656 gebracht, heute erfordern die Umstände des Tourismus neue Eigenschaften der Tuareg, wollen die- se vom Tourismus profitieren. 19.3.3.4 Sexualität Sexualität und Heirat war bei den Tuareg streng geregelt. 57 Dies betraf sowohl die Fragen, wer sich mit wem verbinden konnte, aber auch, wie dies abzulaufen habe. Während sich Sklaven nach der Ansicht Nicolaisens ungezwungener vermehrten, unterlag die Heirat bei den Tuareg einer genauen Kontrolle seitens der Verwandtschaft. Zwischen Unverheirateten waren sexuelle Kontakte vornehm- lich dem persönlichen Geschmack und der eigenen Auswahl überlassen, 58 denn anders als Verheira- tete wurden junge Unverheiratete und Geschiedene zu einem anderen sozialen Status, dem „Asri“, gerechnet, ein Zustand des „galoppierenden Freiseins“. Ein aktives Sexualleben der Unverheirateten galt daher nicht als unmoralisch. Andererseits wurde über Personen mit einem besonders intensiven Sexualleben geurteilt, diese würden soviel „Iblis“, den „Teufel“, in sich haben, und sie nur deshalb, wenn immer möglich, Sex haben müssten. Auch bei den Tuareg gab es immer schon Personen, die aus Gründen des Schamgefühls vor der Ehe keinen Sex suchten. Diese Doppelmoral ist wohl als eine Art subtile, internalisierte Kontrolle zur weitgehenden Unter- bindung solcher Verbindungen, da illegitime Kinder sehr schlechte Chancen auf soziale Anerken- nung hatten. 59 Eine Frau mit einem unehelichen Kind wird verachtet und es ist schwer für sie, sich zu verheiraten, wogegen sich geschiedenen Frauen mit Kindern problemlos wieder verheiraten können. Zur Verhinderung von unerwünschten unehelichen Kindern war auch der Coitus interrup- tus bekannt. Nach der herrschenden moralischen Ansicht sei Sex zwischen Eheleuten besser und schöner als zwischen Unverheirateten. Die Kel Aïr unterscheiden linguistisch die sexuelle Betätigung eines Unverheirateten Mannes, „Amasro“, solche einer unverheirateten Frau, „Tamasroyt“, und Bei- schlaf zwischen Eheleuten, „E´nmenser“. 60 Sex zwischen den Ehepartnern hat, ähnlich wie früher auch in Europa, mit Scham zu tun, weil sexuelle Lust stets mit Ekstase verbunden ist. Darum sagt man, der böse Geist „Iblis“ sei für das sexuelle Verlangen verantwortlich.61. Entsprechend dem kulturellen Ideal der Tuareg geht Sex mit Liebe und zärtlichem Gefühl zwi- schen Mann und Frau einher, wie es tief in der Tuareg-Kultur verwurzelt ist, und was sich auch in der Poesie widerspiegelt. Das Tuareg-Konzept von Liebe ist extrem romantisch und jenem der Eu- ropäer sehr ähnlich. Liebe geht also dem Sex voran, und es wird von vielen Paaren berichtet, die sich auf den ersten Blick verliebt haben sollen. 62 Legitime Partnerschaften wurden früher im Zuge des „Ahal“, einer Art „Minnehof“, gestiftet. Die- se offiziellen Feste spielten sich in den Weidelagern um ein paar hübsche junge Frauen ab. Zwar war bei diesen amourösen Versammlungen, „Arsi“, eine gewisse „Freiheiten der Sitten“, erlaubt, aber dennoch galten gewisse Regeln. So wurden etwa Zärtlichkeiten in Form von Versgesängen zum Klang der „Imsat“, der traditionellen Tuareg-Geige, ausgetauscht. Im Zuge dieser Treffen wurden auch heimlich Treffen für den Rest der Nacht verabredet. 63 57 Ich bediene mich in diesem Abschnitt bewusst der Vergangenheitsform, da – wie noch zu zeigen ist – gerade in diesem Bereich ausgeprägte gesellschaftliche Veränderungen zu bemerken sind. 58 Vgl. Nicolaisen/Nicolaisen 1997, S. 611 ff. 59 Ein uneheliches Kind wird „Anibu“ genannt, was so viel wie „mit Unglück verbunden“ bedeutet (vgl. ebd., S. 722). 60 Vgl. Nicolaisen/Nicolaisen 1997, S. 721 f. 61 Vgl. ebd., S. 707 f. 62 Vgl. ebd., S. 721. 63 Vgl. Bernus 1993b, S. 163 f.. 657 Ein besonderer Aspekt in der traditionellen Beziehung zwischen Mann und Frau war, dass Gewalt gegenüber Frauen nach dem traditionellen Kodex undenkbar war. 64 Aus diesem Grund hatte es Mo- hammed Ixa in seiner Rolle als Karawanier im Film „Sheltering Sky“ abgelehnt, entsprechend dem Drehbuch die Filmheldin zu vergewaltigen. Dies zwang den Regisseur Bernardo Bertolucci zur Än- derung des Drehbuchs. 65 In den vergangenen Jahren war es entgegen dem traditionellen Werteverständnis zu einigen Ver- gewaltigungsversuchen gekommen, etwa im Jänner 2001 im Verlauf des Überfalls in Temet 66. Freilich lässt sich nicht feststellen, ob dieses Verhalten als Ausdruck eines grundlegenden morali- schen Wandels zu deuten sei oder dahingehend, dass Frauen, die außerhalb der Tuareg- Gesellschaft stehen, auch nicht den Schutz des traditionellen Ethos genießen. Im Übrigen lässt sich im Rahmen dieser Studie nicht seriös feststellen, wie stark der Wandel der sexualmoralischen Sitten bereits fortgeschritten ist. Offensichtlich wurde vorehelicher Verkehr immer schon praktiziert, doch wurde darüber weit weniger häufig gesprochen. Der tendenziell of- fenere Umgang mit Sexualität insbesondere unter jungen Kel Timia zeigt sich etwa im Umgang mit Verhütungsmitteln. So meinte etwa Souleyman Duma, ein 23-jähriger Schmied und Gitarrist, er wolle gegenwärtig noch keine Kinder, weil er kein Geld habe und außerdem seine Freiheit liebe. Um darum unabhängig zu bleiben, praktiziere er „natürliche Verhütung“. 67 In diesem Zusammenhang ist die lautstarke Empörung über „unmoralisches“ Verhalten von Tou- risten interessant: Im Februar 2002 berichtete mir Aghali Imoumoumeme über Mohamed Aoutch- ki, den einstigen Rebellen-Chef, Baré-Berater und Chef der Agentur „Pelerin du Desert“, dieser würde über mich verbreiten, ich hätte Artikel über die lockeren Sitten der Tuareg-Hirtinnen im Umgang mit Touristen veröffentlicht. 68 Barnet (Dunes Voyages) kritisierte im März 2001 meine in Timia veranstaltete Hochzeit, weil nun „im Internet“ eine Werbung für Hochzeiten in Timia existiere, was dazu führen würde, dass „Ver- rückte“ nunmehr Hochzeiten mit Alkohol in Timia abhalten würden. Tatsächlich hatte ich niemals im Internet einen Bericht über meine Hochzeit in Timia gefunden, und auch weitere Hochzeiten von Europäern wurden bislang in Timia nicht veranstaltet... Festzuhalten bleibt allerdings, dass sexuelle Themen – wie bei allen Gesellschaften – äußerst heikle Belange sind, geht es doch bei der Kontrolle um Sexualität stets auch um die Kontrolle der Fort- pflanzung und um die damit verbundene Verteilung von Ressourcen. Insofern sind Unkenrufe um eine etwaige Untergrabung der sexuellen Moral stets in differenzierter Weise zu untersuchen und zu beurteilen, wie es hier zweifellos den Rahmen sprengen würde. 64 Allerdings berichtet Nicolaisen (vgl. Nicolaisen/Nicolaisen 1997, S. 512 f.), dass, wer seine Frau beim Ehebruch ertappte, das Recht hatte, Frau und Verführer zu töten. Die Familienangehörigen der Getöteten hatten in diesem Fall kein Racherecht. 65 Vgl. Stührenberg 1999, S. 72. 66 Hinw. von Aha Isoufa, Int. Februar 2001. 67 Zur Haltung der Kel Timia gegenüber Verhütungsmittel siehe das Kap. „Die gegenwärtige Situation der Kel Timia: Kernproble- me und Lösungsstrategien/Arbeitslosigkeit und Bevölkerungswachstum“. 68 Abgesehen von dieser absurden Behauptung über derartige Veröffentlichungen aus meiner Feder bleibt festzuhalten, dass einige Mädchen in Timia mittels äußerst koketter Mimik mit mir zu flirten versuchten, während ich Interviews führte. Ähnliches über die selbstbewusste Koketterie berichtet allerdings auch schon Heinrich Barth von den Frauen in Agadez (vgl. Barth 1986, S. 188 f.) 658 19.3.3.5 Religion Religion stellt nach Riesebrodt „eine kognitive wie emotionale Bewältigungsstrategie gegenüber Situationen individueller und kollektiver Bedrohung dar. Religiöse Praktiken repräsentieren somit Prozeduren zur Beeinflussung übermenschlicher Mächte (...), welche im jeweiligen kulturellen Kontext für effizient gehalten werden.“ 69 So beschreibt Spittler umfassend die religiöse Interpreta- tion von Dürren und Kriegen seitens der Kel Timia. 70 Doch auch Staatspräsident Tanja hatte in den letzten Jahren bei schlechten Sommerregen die Bevölkerung zum gemeinsamen Gebet um Regen aufgerufen. Der Islam hat erst relativ spät bei den Tuareg Bedeutung erlangt, was Zöhrer zu Anfang der 50er- Jahre „aus der großen Zahl alter vorislamischer Gebräuche, aus der Verehrung alter Steinidole, aus der auffallenden Nachlässigkeit bei der Verrichtung der vorgeschriebenen Gebete und aus ähnli- chen Tatsachen“ schließen zu dürfen meinte, was sich jedoch seit den 40er-Jahren massiv in Rich- tung einer stärkeren Islamisierung verändert habe. 71 Allerdings werden immer noch einzelne Gebote des Islam nur mit Vorbehalten erfüllt, wie etwa das Gebot der Pilgerfahrt nach Mekka, wogegen der Verzicht auf Schweinefleisch und Alkohol traditionellerweise streng befolgt wird, wie Göttler schreibt. 72 Beides ist nahe liegend für traditio- nelle Tuareg, die kaum über die Mittel zur Produktion von Alkohol verfügen, und deren Lebens- raum ungeeignet zur Schweinezucht ist. In den Städten ist allerdings der Genuss von Alkohol kei- neswegs nur mehr die Ausnahme, wenn alkoholische Getränke auch nur im Schutz der Anonymität getrunken werden. Zunehmender Bedeutungsverlust der Religion ist auch Ausdruck des menschlichen Strebens, mehr scheinbare Kontrolle über Prozesse zu gewinnen, die vormals von normalen Menschen als unbe- herrschbar gegolten hatten und nur durch Beeinflussung übermenschlicher Mächte wenigstens als indirekt manipulierbar erschienen sind. Auf diese Weise verdrängt Alltagskultur religiöse Kultur, weil die Manipulation übermenschlicher Mächte für solche Zwecke unnötig wird und die entspre- chenden Glaubensvorstellungen schwinden, die Praktiken entfallen. „Säkularisierung erklärt sich demzufolge als ein Effekt der zunehmenden menschlichen Kontrolle über Risiken durch Naturwis- senschaft, Medien, soziale Sicherungssysteme sowie die Verbreitung von Wissen über solche Kon- trollmöglichkeiten.“ 73 Allerdings darf man diesen Prozess im Fall der Kel Timia nicht als bloßen Ersatz der traditionellen Religion durch säkulare Wirklichkeitsvorstellungen verstehen. Vielmehr erfährt die Religiosität heute aufgrund der stärkeren Differenzierungen der subjektiven Wahrnehmung infolge der wach- senden Möglichkeiten an Lebensdispositionen (Emigration nach Libyen, Schmuckhandel, Touris- mus etc.) und der damit verbundenen neuen, vielfältigen Lebensherausforderungen und existen- tiellen Problemen eine zunehmende vielfältige Ausprägung. Dieser Prozess der Differenzierung wird zusätzlich verstärkt durch die unterschiedlichen Kategorien von Menschen (Alter, Geschlecht, sozialer Status) aus unterschiedlichen sozialem Aggregationsniveaus (Individuum, Familie, Ver- wandtschaftsgruppe, Berufsgruppe, Statusgruppe, Stammesverband, politischer Verband), die un- terschiedlichen Risiken ausgesetzt sind und diese durch eine Vielfalt von Praktiken bewältigen. „Dies führt in allen Religionssystemen zu einem internen Pluralismus“ 74, wobei nunmehr Wissen- schaftsglaube und Chaosannahme nur weitere alternative Optionen darstellen. 69 Riesebrodt 1998, S. 71f . 70 Vgl. Spittler 1989. 71 Vgl. Zöhrer 1954, S. 89. 72 Vgl. Göttler 1989, S. 298. 73 Riesebrodt 1998, S. 74. 74 Riesebrodt 1998, S. 73. 659 Die Religion spielt in Timia – trotz vielfältiger moderner Einflüsse – immer noch eine bedeutende Rolle, zumindest was das äußerliche Erscheinungsbild anbelangt. 75 Dies lässt sich wohl als Aus- druck einer relativ intakten sozialen Kontrolle innerhalb der Dorfgemeinschaft, allerdings auch als Ausdruck des wachsenden Einflusses der Marabus interpretieren, da die Hoffnungen auf die Seg- nungen der Moderne bislang unerfüllt geblieben sind. Hier kann Traditionalismus als aktiver Ver- such verstanden werden, „den anomischen Tendenzen der für die betroffenen Personenkreise ‚real existierenden Moderne’ eine lebbare und angemessene kognitive und normative Ordnung ent- gegenzusetzen“. 76 Religion spielt somit eine gewisse Rolle als Katalysator bei der Identitäts- stiftung. Diese neue Form der Islamisierung äußert sich in einer schrittweisen Verbreitung der Polygamie 77 oder der Abschaffung von traditionellen Erbrechtsprivilegien der Frauen durch neu eingeführte islamische Regelungen. In jüngster Zeit wurde in Timia auch die Koranschule modifiziert, wo nun weitgehend der gleiche Lehrstoff wie in den staatlichen Schulen vermittelt wird, dies jedoch auf Arabisch. Dadurch wird die Koranschule auch für jene Eltern attraktiv, die ihren Kindern eine fun- dierte religiöse Erziehung angedeihen lassen wollen, ohne ihnen irgendwelche potenziellen Auf- stiegschancen zu verbauen. Diese neuen Koranschulen eröffnen jetzt denjenigen Schülern eine zweite Chance, die aus der staatlichen Schule wegen „mangelnder Intelligenz“ ausgeschlossen wurden. 78 19.3.4 Tendenzen unter jugendlichen Kel Timia Gesellschaftlicher Wandel geht erfahrungsgemäß eher von der jungen Generation aus, denn junge Menschen sind normalerweise viel aufgeschlossener gegenüber Neuerungen als alte. Während jun- ge Menschen noch um ihre Anerkennung, um ihre Lebenschancen und ihre Zukunft ringen müssen, gilt es für alte Menschen, ihren erworbenen Besitz und ihre Position als „Wissende“ zu verteidi- gen. 79 Dies führt zwangsläufig zu Interessenskonflikten zwischen den Generationen. Lässt sich dies auch für Timia feststellen? Und welche Rolle spielt der Tourismus für den Wandel der jungen Kel Timia? 75 Dies kommt in der Diskussion der Verhütungsmittel im Kap. „Die gegenwärtige Situation der Kel Timia: Kernprobleme und Lösungsstrategien/Arbeitslosigkeit und Bevölkerungswachstum“ deutlich zum Ausdruck. 76 Riesebrodt 1998, S. 78. 77 Hinw. Eserit Ias, Int. 20. 3. 1999. 78 Dies betraf etwa Kona, den Sohn von Achmed Hada, Chef der Schmiedekooperative. Obwohl ein äußerst aufgeschlossener und in kommunikativer Hinsicht sehr talentierter Junge, wurde er aus dem gen. Grund von der staatlichen Schule verwiesen. Konas Vater selbst hatte in diesem Zusammenhang viel Verständnis für die sich ändernde Rolle der Religion für die Jugendlichen gezeigt und dies als natürlichen „Generationskonflikt“ bezeichnet, der sich mit zunehmendem Alter der Betreffenden gleichsam von selbst än- dern werde: „Ich habe da keine Sorge, denn als Erwachsene werden die jungen Leute den Wert der Tradition [und insofern dessen wesentlichen Bestandteil, der Religion, Anm. d. A.] finden.“ 79 Mein erster Diplomarbeitsvater, der Politologe Wolfgang Mantl, pflegte immer zu sagen, dass ein junger Mensch mit Herz ein Rebell sei, ein alter Mensch mit Hirn dagegen ein Konservativer. 660 19.3.4.1 Wertewandel bei den Jungen: Verlust von „Eschek“ Auf die Frage nach dem Wertewandel unter Jugendlichen antworteten 32 Personen. 22 Kel Timia (69 %) hatten angegeben, den Verlust von „Eschek“ unter Jugendlichen wahr- zunehmen. Erwartungsgemäß lag das Durchschnittsalter dieser Personen signifikant über 40 Jah- re. 80 Am häufigsten vertraten Handwerker (9 v. 9; 100 %), Gärtner (2 v. 2, 100 %) und Boutiquiers (3 v. 3, 100 %) diese Ansicht, gefolgt von Hirtinnen (4 v. 5, 80 %) und Karawaniers (3 v. 5, 60 %). Ebenso erwartungsgemäß fanden sich keine derartigen Kritiker unter den jungen Vertretern mo- dernerer Berufe wie „Chasses“ oder Schüler, ausgenommen die Touristiker, von denen einer den Verlust von „Eschek“ kritisierte. Nach den Beobachtungen von Daboun Taralou, dem 63-jährigen Chef de Groupement, würden die jungen Leute heute keinen Turban mehr tragen und am Markt, also in aller Öffentlichkeit, essen. Dieser Verlust an „Eschek“ sei auf den Einfluss der Haussa zurückzuführen. Der 27-jährige Lehrer Bachar al Hadj hatte seinen „Vater niemals ohne seinen Turban gesehen“, wogegen er viele junge Männer zumeist ohne Turban auf der Strasse gehen sehe. Die 62-jährige Hirtin Fatima Hadda stellte fest, dass junge Leute nicht mehr selbstverständlich ih- ren Turban in Gegenwart ihrer Schwiegereltern tragen und ungeniert tagsüber ihre Freundinnen besuchen würden. Jousoufa Bahia, der 37-jährige Koch bei Tagelmust V., meinte, die Jungen würden heute in aller Öffentlichkeit rauchen und trinken und würden zunehmend an sozialer Freiheit gewinnen, ein Pro- zess, der nicht aufzuhalten sei; das habe er auch bei seinen eigenen Kindern bemerkt. Weniger dramatisch, sondern eher mit Humor beurteilte dies Hadda Imoumoumene, der 67-jährige Karawanier, nach dessen Ansicht die Jungen zunehmend auch in der Öffentlichkeit „zu singen be- ginnen“, weil sie einen viel größeren sozialen Spielraum hätten als die Leute früher. 19.3.4.2 Verlust der Arbeitsmoral und Aufgabe der traditionellen Berufe 12 von 32 Kel Timia (38 %) meinten, die jungen Kel Timia würden harte Arbeit scheuen. Diese Ansicht vertraten am häufigsten Boutiquiers (3 v. 3, 100 %), gefolgt von Hirtinnen (3 v. 5, 60 %) und Handwerkern (5 v. 9, 56 %), wogegen keiner der Schüler, Touristiker oder Gärtner diese Mei- nung vertrat. Erwartungsgemäß lag der Altersdurchschnitt der Befürworter dieser Ansicht weit über 40 Jahren. Der 47-jährige Gärtner Ousmane Batti kritisierte, die meisten jungen Leute wollten „Geld ohne zu arbeiten“. Darum würden immer mehr junge Menschen die Karawanen aufgeben. Dies sei auch eine Folge des Verlusts des „Eschek“. Die 33-jährige Hirtin Fitita Mohamed meinte, die jungen Leute „wollen nur schlafen und warten auf Feste“. 80 Eine ähnlich gelagerte Untersuchung aus den 80er-Jahren über die Beeinträchtigung der Volkskultur in Vorarlberg/Österreich durch den Fremdenverkehr kommt zu sehr ähnlichen Ergebnissen: Auch dort befürchteten vor allem ältere Personen (32%) eine Beeinträchtigung der Volkskultur, während dies nur 15 % der Jugendlichen annahmen (vgl. Kapeller 1991, S. 139). 661 Ähnlich lautet die Ansicht, die jungen Kel Timia würden die traditionellen Berufe scheuen und die Arbeitssuche im Ausland vorziehen, eine Ansicht, die jedoch lediglich von 6 Personen (19 %), zumeist von Handwerkern, erstaunlicherweise aber auch von einem Schüler und einem „Chasse“ vertreten wurde. Dabei ist festzuhalten, dass jene, die emigrieren oder moderne Berufe ergreifen, aus Gründen der Wirtschaftlichkeit die traditionellen Berufe aufgeben und nicht etwa aus man- gelnder Arbeitsmoral. Hier stellt sich die Frage, ob bei den Kritikern nicht ein gewisses Unver- ständnis gegenüber den realen arbeitsmarktspezifischen Problemen, aber auch die – verständliche – Befürwortung des eigenen Berufs als Maß aller Dinge zum Ausdruck kommt. Auch hier sind die Ansichten differenziert zu betrachten. Während etwa Machmud Illo, der 38-jährige Gärtner und Projektarbeiter, das wachsende Tourismusengagement der jungen Menschen und damit die sinken- de Arbeitsmoral, verbunden mit einem sinkenden Innovationspotenzial, kritisiert, können andere diesen neuen Berufswünschen durchaus positive Aspekte abgewinnen. Der 36-jährige Karawanier Aliman Alhadj Moussa betonte die größere Offenheit und das umfassendere Erfahrungswissen der Jugend als Folge des Tourismus und ihrer Arbeit in Algerien und Libyen. Die Hirten Fatima und Hadda beurteilen diese Entwicklung unter den Umständen positiv, wenn die Betreffenden dadurch erfolgreich ihre Familie ernähren können. 19.3.4.3 Ursachen des Wertewandels unter jungen Kel Timia Nach den Gründen für diese Veränderungen wurde zwar nicht explizit gefragt, einige Kel Timia sahen jedoch die unterbrochene Sozialisierung der Jugendlichen als Ursache für diesen Prozess. Nach Ansicht des 24-jährigen Studenten Aghali Isoufou würde seinen Freunden der Zugang zu den traditionellen Werten fehlen, weil die Alten diese Werte nicht mehr vermitteln würden. Ähnlich sah dies der 38-jährige Machmud Illo, mit dem Unterschied, dass nach seiner Ansicht es die Jun- gen seien, die kaum mehr mit den Alten sprechen würden. Der 23-jährige „Chasse“ Souleyman Duma und der gleich alte Touristiker Eserit Ias beurteilten diese Entwicklung als Folge der Urbanisierung. Nach Souleyman könne man die Menschen in der Stadt nicht mehr „zwingen, traditionell zu sein“. Eserit betrachtete dies insofern differenzierter, als nach seiner Ansicht auch die Jungen im Dorf Timia in zwei Gruppen zu unterscheiden seien: in jene, die zumeist in Timia blieben und immer noch traditionelle Berufe ausüben würden, und jene, die „viel herum kommen und nach Wandel streben.“ 19.3.4.4 Verteidigung der jungen Kel Timia 10 Kel Timia betrachteten den angeblichen Wertverlust der jungen Kel Timia weniger als einen zu kritisierenden Verlust denn als Ausdruck des allgemeinen Wandels bzw. als eine Form der not- wendigen Anpassung an neue Gegebenheiten und Herausforderungen. Angesichts der Tatsache, dass diese 10 Antworten ausschließlich während der von mir geführten Interviews und nicht im Zuge der von meinem Assistenten alleine geführten Interviews fielen, lässt sich sagen, dass 10 von 18 Personen (56 %) diese pragmatische Ansicht vertraten. Das Durchschnittsalter dieser Personen lag signifikant unter 35 Jahren. So wurde diese Ansicht von beiden Schülern und von beiden Tou- ristikern, vereinzelt allerdings auch von drei Hirten bzw. Karawaniers vertreten. Gerade in dieser Berufsgruppe findet der stärkste Wandel aufgrund geänderter äußerer Rahmenbedingungen statt. 662 Unter dieser Personengruppe lassen sich einige unterschiedliche Argumentationsrichtungen unter- scheiden. 19.3.4.4.1 Erfolgspragmatiker Die Gruppe der Erfolgspragmatiker betrachten Wertewandel als grundsätzlich positiv, solange da- durch nicht der Wert des Fleißes und des Berufs als Mittel der Familienversorgung beeinträchtigt werden. So meinte etwa die 33-jährige Hirtin Fitita Mohamed, die „Leute können anziehen, was sie wollen, solange sie arbeiten.“ 19.3.4.4.2 Wandel als Bedingung für neue Chancen Manche Befürworter des Wandels sehen dies als notwendige Anpassung an geänderte, äußere Rahmenbedingungen. Die 46-jährige Handwerkerin Jemana betrachtet „Schulbesuch für Junge als sehr wichtig. Wenn man die Entwicklung haben will, muss man auch den Wandel hinnehmen.“ Für den 67-jährigen Karawanier Achmoudiou Archi ist „Traditionswandel gut, wenn er mehr Arbeit bringt.“ Und der 27-jährige Lehrer Bachar al Hadj meinte: „Die Tuareg-Kultur ist keine, auf die die Welt wartet.“ Aufgrund der Globalisierung brauche man heute die Fähigkeiten anderer Kulturen und müsse sich darum entsprechend anpassen. 19.3.4.4.3 Hindernis Eschek Vereinzelte Kel Timia betrachten den traditionellen Wert „Eschek“ sogar als problematisches Hin- dernis, um angesichts der neuen Herausforderungen und Zwänge bestehen und erfolgreich sein zu können. So meinte der 37-jährige Koch Jousoufa Bahia: „Das wichtigste ist ein guter Job, aber mit Eschek kommt man nicht sehr weit.“ Ähnlich äußerten sich auch die beiden Dorfpolitiker. Dorf- chef Mokhamed ag Gabda meinte, es gebe zwar einen gewissen Wandel besonders unter den Jun- gen in Timia, doch dieses Globalisierungsphänomen sei nicht zu verhindern. Vor allem könne heu- te „Eschek“ sogar zum eigenen Nachteil gereichen. Sinngemäßsein äußerte sich auch der Chef de Groupement Elhadj Taboun Tagalo. 663 19.3.4.4.4 Wertewandel als vorübergehende Phase der Adoleszenz Einige wenige Kel Timia sahen das Phänomen des Wertewandels unter Jugendlichen als schlichten Ausdruck einer bestimmten Phase der Persönlichkeitsentwicklung und weniger als Folge eines tourismusindizierten Werteverlusts. So meinte die 54-jährige Handwerkerin Dilliou Illias, die jun- gen Leute wollten einfacher Geld verdienen, doch „auf der Schule werden sie hoffentlich wieder zum rechtem Weg erzogen.“ Auch Achmed Hadda, der 42-jährige Chef der Schmiedekooperative, wertete diesen „Generationenkonflikt“ als nichts besorgniserregendes Neues: „Als Erwachsene werden die Jungen wieder den Wert der Tradition finden.“ 19.3.4.5 Fazit: Geringe Relevanz des Tourismus als Faktor des Wandels Offensichtlich spielt der Tourismus nur eine verschwindende Rolle als Faktor des soziokulturellen Wandels der Jugendlichen. Die kritische Sichtweise mancher Kel Timia ist wohl eher als ein in vielen Kulturen typisches Verhalten der Erwachsenen zu werten, wonach das für ihre Entwicklung notwendige Anrennen der Jugendlichen gegen Grenzen als Wertverlust interpretiert wird, obwohl die Kritiker selbst ebenfalls diese Phasen durchlebt hatten und offensichtlich sehr wohl zu „anstän- digen“ Menschen geworden sind. 81 Freilich wirken verschiedene Faktoren, die neue soziale und technische Kompetenzen und insofern soziokulturelle Anpassung erfordern. Zu diesen Faktoren zählen insbesondere die Urbanisierung, da im Zentrum Timia sämtliche Träger der neuen Einflüsse – wie etwa die Arbeitsemigranten – zusammenkommen und dadurch deren Erfahrungen Verbrei- tung finden können. Darum weisen Jugendliche, die in den Camps abseits der Dörfer aufwachsen, aber auch jene, die arbeitsmäßig in die Garten- oder die Schmiedearbeit eingebunden sind, eine noch viel stärkere traditionelle Prägung auf. Viele dieser Möglichkeiten sind aus Mangel an traditi- onellen Arbeitsplätzen für viele Jugendliche nicht mehr gegeben. Darum haben viele Kel Timia den Wandel der jugendlichen Werte als notwendige Anpassung erkannt. 19.4 Neue Konsumbedürfnisse Infolge der neuen Handlungs-, Vergnügungs- und Konsummöglichkeiten, die sich im Dorf Timia infolge der vermehrten Austauschbeziehungen mit den Zentren außerhalb des Aïr eröffnen und erweitern, verändert sich schrittweise auch das Verständnis der Kel Timia vom „guten Leben“. Traditionellerweise hat das Vergnügen bei den Nomaden eine andere Bedeutung wie in unserer okzidentalen Kultur, wo Konsum als Priorität betrachtet wird. In der Nomadenkultur stellt die Kommunikation das Vergnügen per se dar: menschliche Energie, die nicht für die Produktion der Subsistenzgüter verbraucht wird, wird in die Erhaltung der sozialen Bande investiert, denn diese 81 Vgl. dazu die Studie von Luger (1998) über den Pinzgau. 664 stellen die Grundlage des Überlebens dar. 82 Bernus betrachtet die Hirtennomaden – unter Hinweis auf Jäger- und Sammler-Gesellschaften, deren Freiheit sie durch die Begrenzung ihrer Bedürfnisse erhalten können - als einen „type de civilisation porteuse de liberté, permettant à l’homme d’exprimer des choix, de réaliser des unités résidentielles ou des unités de gestion pastorales mobiles, jamais figée, et de vivre une vie sociale active et riche que la littérature a su célébrer dans ses chants et ses poèmes.“ 83 Doch Timia ist längst nicht mehr nur eine Siedlung von Hirtennomaden. So berichtet der 40- jährige “Chasse“ Khader, dass in den 50er-Jahren in Timia kein Französisch gesprochen worden sei, weil kaum Kontakt zu Agadez bestanden habe. Darum sei auch das Verhalten der Kel Timia anders gewesen. Aghali Imoumoumene präzisiert dies hinsichtlich der Konsumgewohnheiten: Vor 20 Jahren hätten nur 5 % der Kel Timia Tee getrunken, doch mit den neuen Möglichkeiten, schnelles Geld zu verdie- nen, hätte dieser Genussartikel rasche Verbreitung erfahren. Als wichtigste Geldquelle sah Aghali das starke Aufkommen des Tourismus seit etwa 1985. Sinngemäß kritisierte dies auch der 35-jährige Gärtner Mohamed Idrissa: Nach ihm sei infolge der touristischen Nachfrage in Timia das Angebot an Waren gestiegen. Mittlerweile würden viele Leute über ihren Verhältnissen auf Kosten anderer leben. Sie hielten einen gewissen Luxus trotz des Mangels an dafür notwendigen Mitteln für selbstverständ- lich, und diese Ansprüche würden weiter wachsen. Heute gibt es in Timia eine Bäckerei und sogar einen kleinen Markt neben der Kooperative, auf dem nigerianische Industrieprodukte angeboten werden. Und auch der örtliche Radiosender lässt sich kaum als eine direkte Folge des Tourismus nachweisen. Gegen die Annahme, dass die touristi- sche Konsumkultur die Kel Timia nachhaltig beeinflusse, spricht vor allem die wichtigste Kritik der Kel Timia am Tourismus: der Umstand, dass die meisten Touristen das Dorf passieren, ohne es zu besuchen. Insofern mangelt es derzeit noch an der wesentlichen Voraussetzung für eine nach- haltige touristische „Akkulturation“ 84 der Kel Timia, nämlich an der nötigen Zahl an Touristen! 19.5 Neue Werte der Kel Timia Auf weiterer Suche nach signifikanten Anzeichen für einen tourismusindizierten Kulturwandel befragte ich die Kel Timia, was sie als Wichtigstes in ihrem Leben erachten. Dazu äußerten sich 41 Personen mit folgendem Ergebnis: Mit 22-mal (54 %) am häufigsten wurde mit der überragenden Bedeutung einer angemessenen „Er- nährung der Familie“ geantwortet. Das Durchschnittsalter dieser Probanden lag signifikant über 40 Jahren. Am häufigsten gaben diese Antwort die „Chasses de touristes“ (3 v. 4, 75 %), gefolgt von den Schmieden (5 v. 7, 71 %) und den Hirtinnen (4 v. 6; 67 %). Diese Verteilung liegt nahe, da jün- gere Personen zumeist noch keine Familie zu ernähren haben, wogegen mit der Gründung einer Fa- milie die damit verbundene Verantwortung zum zentralen Lebenszweck wird, wie es auch in der westlichen Gesellschaft lange Zeit der Fall war. „Gesundheit und ein langes Leben“ antworteten 12 Personen (29 %). Erwartungsgemäß lag auch hier der Alterschnitt der Probanden über 40 Jahren, spielt doch in der Jugend der Gedanke um eine 82 Hierin liegt der fundamentale Unterschied zwischen dem Ziel einer pastoralen Gesellschaft und den Verantwortlichen eines staat- lichen Planungsbüros, die die Viehzucht zu intensivieren beabsichtigen, um innerhalb eines nationalen Wirtschaftssektors die Pro- duktion zu steigern (vgl. Bernus 1993, S. 456 f.) 83 Ebd. Und gleichsam als Kernhypothese stellt Bernus die Frage,„si cette liberté est compatible avec un monde avide de rende- ments et soucieux d’intensifier la production d’une zone pastorale qui a permis l’élaboration de civilisations originales et créatri- ces.“ 84 Vgl. Lüem 1985, S. 58 ff. 665 dauerhafte Gesundheit und das Lebensende noch keine so wesentliche Rolle. Äußerst auffällig ist der hohe Anteil an Männern (10 v. 30, 33 %) im Gegensatz zu den Frauen (2 v. 11; 18 %). Dies erklärt sich aus den nachfolgenden Antworten. Unter den verschiedenen Berufen gaben am häu- figsten die Boutiquiers (2 v. 4, 50 %) diese Antwort, gefolgt von den Handwerkern (6 v. 13, 46 %) und den Gärtnern (2 v. 5; 40 %). Dagegen fand diesen Wert keiner der Karawaniers, der „Chasses“ und der Schüler für nennenswert. Zwölf Mal wurde von den befragten Kel Timia „viel Geld“ zu erlangen als Lebensziel genannt. Hier lag der Altersdurchschnitt deutlich tiefer, etwa bei 35 Jahren. Auffallend ist vor allem die Dominanz der Frauen (5 v. 11; 45 %) gegenüber den Männern (7 v. 30; 23 %). Dies lässt sich da- mit erklären, dass Frauen bislang weniger stark monetarisiert sind als Männer. So nannten immer- hin 2 v. 5 Hirtinnen (40 %), die am wenigsten monetarisierte Gesellschaftsgruppe, dieses Ziel. Ma- riema Issoufa, die 17-jährige Hirtin, meinte etwa, ihr größter Wunsch wäre, einen „reichen, netten, intellektuellen Ehemann und 3 Kinder“ zu bekommen. Geht man davon aus, dass Menschen sich das besonders wünschen, was am meisten gefährdet ist oder wovon man am wenigsten hat (wer würde sich in der Wüste viel Sonne oder in England viel Regen wünschen), dann wird nachvoll- ziehbar, warum sich Frauen tendenziell eher „viel“ Geld als „Gesundheit und ein langes Leben“ wünschen. Dass allerdings auch 2 v. 5 Karawaniers (40 %) sich „viel Geld“ wünschten, lässt sich durch deren hochproblematische wirtschaftliche Situation erklären. Am relativ häufigsten kam die- se Antwort von den Boutiquiers (2 v. 4; 50 %), gefolgt von Hirten und Karawaniers sowie den Handwerkern (5 v. 13; 38 %). Für diese Gruppen, die am meisten vom Tourismus profitieren, spielt der Gelderwerb zwangsläufig eine überragende Rolle. In jedem Fall zeigte sich die wachsen- de Dominanz der Monetarisierung und die damit verbundene, immer bedeutendere Rolle des mo- netären Reichtums. So meinte Mohamed Idrissa, ein 34-jähriger Gärtner, für ihn sei es wichtig, viel Geld zu verdienen, um es in den Aufbau der Herde und den Kauf eines guten Gartens sowie in Bil- dung für die Familie zu investieren. Er würde seine Kinder in die Schule schicken, damit sie einmal ihre Eltern ernähren könnten. An vierter Stelle mit 9 v. 41 Nennungen (22 %) steht der Wunsch, Arbeit zu haben. Hier liegt der Altersdurchschnitt unter 35 Jahren. Die Antworten sind innerhalb der Branchen weitgehend gleich verteilt. Gleich danach folgt mit 8 Nennungen (20 %) der Wunsch nach genügend „Vieh“. Interes- santerweise verteilen sich die Antworten weitgehend gleich auf alle traditionellen Branchen, wo- gegen dieser Wert für urbanisierte Personen wie Schüler oder Touristiker keine und für „Chasses“ fast keine Rolle spielt. Fasst man sämtliche Antworten zusammen, die sich auf die Sicherung der wirtschaftlichen Basis beziehen, so ergibt dies ein eindeutiges Bild: Für 34 Personen (83 %) steht die nachhaltige Siche- rung des Einkommens und damit der materiellen Grundlage des Überlebens an vorderster Stelle der Bedürfnisse. Dabei ist das Bedürfnis der Frauen (10 v. 11; 91 %) signifikant höher als jenes der Männer (24 v. 30; 80 %), was so zu erklären sein könnte, dass Frauen stets für die Ernährung der Familie zuständig sind, während die Männer zuweilen lange Zeit ohne Familienanhang im Ausland zubringen, etwa als Emigrant oder als Karawanier. In dieser Periode können Männer auch Zeiten der Armut leichter hinnehmen als im Stammesgebiet lebende Frauen, denn wer hungrige Mäuler zu stopfen hat, dessen größtes Anliegen ist die ordentliche Bewerkstelligung dieser Aufgabe. Nur für 20 Personen (49 %) stand ein ideeller Wert an vorderster Stelle, nämlich „die Religion“ (8; 20 %)“, „Eschek“ (7; 17 %) und „Tradition“ (6; 15 %). Es sprachen sich beide Touristiker (2; 100 %) für ideelle Werte aus, wahrscheinlich weil für sie die materielle Basis weitgehend gesichert ist, wo- gegen ihre ideellen Werte aufgrund ihrer langfristigen Trennung von ihren kulturellen Wurzeln und des häufigen, dauerhaften Umgangs mit Europäern eine neue, herausragende Bedeutung gewinnen. Ihnen folgen die Karawaniers (3 v. 5; 60 %). So meinte der 20-jährige Karawanier Rissa Arbas, das wichtigste für ihn sei es „nobel, gut und ehrlich zu sein“. Den Karawaniers folgen die Schmiede (4 v. 7; 57 %) und die Boutiquiers (2 v. 4; 50 %). Relativ unbedeutend als „wichtigster Wert“ sind ideelle 666 Werte dagegen für Hirtinnen (2 v. 5; 40 %), Gärtner (gleich) und für „Chasses“ (1 v. 4, 25 %). Im Fall der „Chasses“ wird der Eindruck erweckt, dass diese Gruppe der Kel Timia am stärksten von modernen, touristischen Werten geprägt ist, da ihr Metier tatsächlich darin besteht, möglichst schnell viel Geld zu verdienen. Über den Alltagssorgen stehen natürlich Politiker. So wünschte sich der Dorfchef Mokhamed ag Gabda „Friede und Entwicklung, sodass jeder anständig leben kann“. Der Wert der „Bildung“ ist wohl zwischen ideellen und materiellen Werten einzuordnen. Lediglich 3 Personen sprachen sich dafür aus (7 %), ein Gärtner, eine Hirtin und der Lehrer Bachar al Hadj, wobei letzterer meinte: „Man muss lernen, offen zu sein, nicht zurückzubleiben, die Landes- sprachen zu lernen, um mit anderen Ethnien außer den Tuareg kommunizieren zu können, techni- sche Kompetenz zu erlangen, um sich für die Leute in Timia sozial engagieren und sie für neue Probleme sensibilisieren zu können.“ Zusammenfassend zeigt sich in der Struktur der Präferenzen der Kel Timia das starke Bedürfnis nach materieller Besserstellung und somit nach zusätzlichen Einnahmequellen als Reaktion auf die jeweilige wirtschaftliche Situation. Ideelle Präferenzen dominieren dort, wo die wirtschaftliche Lage diese Präferenzen zulässt. 19.6 Neue Reaktionen: Kriminalität Innerhalb der eigenen Bezugsgruppe waren früher kriminelle Akte, wie Diebstahl oder Gewaltan- wendung, verpönt und kaum üblich. Nach „außen“ hin waren die erlaubten Razzien als Mittel der Beschaffung überlebenswichtiger Güter genauen Regeln unterworfen. 85 Nicolaisen entwirft jedoch, was den Kameldiebstahl anbelangt, ein etwas anderes Bild. Er spricht von einem wachsenden Problem mit Kameldieben im Aïr seit der Kolonialzeit. Vor diesem Zeitpunkt hatten die Nomaden ihre Kamele wegen der bis dahin noch existierenden Löwen niemals frei grasen lassen. Seither ist die Beaufsichtigung nicht mehr notwendig und Kameldiebstahl leicht möglich. Daher haben auch die Kel Aïr die Verfolgung von Kameldieben durch Kamelpatrouillen und die Einführung eines Justizsystems befürwortet, wenngleich diese ineffektiv blieben. 86 Diebstahl gilt auch heute noch in Iferouane und Timia als eines der unehrenhaftesten Verhalten. Wer als Dieb ertappt wird, wird ausgestoßen und muss den Ort verlassen oder die Scham bis an sein Lebensende ertragen. 87 Diese Situation hatte sich während der Rebellion insofern verändert, als viele Rebellen die Macht des Gewehrs zu schätzen lernten. Zahlreiche Überfälle auf EZA-Büros während der Rebellion, aber auch auf Touristen nach der Rebellion beweisen das. Sogar Jugendliche in Timia lernten diese „Strategie“, wie der Überfall auf Besucher wenige Kilometer hinter dem Dorf Timia im Jahr 2001 zeigte. 88 Früher galt die Frau als sakrosankt, und für einen Mann war es die „größte Schmach“, eine Frau auszurauben oder gar sie zu vergewaltigen. Aufgrund solcher als „ritterlich“ einzustufender Regeln hätten auch die Tuareg nach Ansicht Schweizers sogar in einem tieferen Sinn den Beinamen „Rit- ter der Sahara“ verdient. 89 Diese Unantastbarkeit der Frauen ist unter besonders devianten Kel Aïr 85 Vgl. Claudot-Hawad 1993, S. 13 ff.; Schweizer (1981, S. 295 f.), weist darauf hin, dass die Rezzus nichts mit Bereicherung oder mit „Lust am Totschlagen“ gemein gehabt hätten. 86 Vgl. Nicolaisen/Nicolaisen 1997, S. 119. 87 Int. Aggag, UICN-Mitarbeiter in Iferouane, Oktober 1997. 88 Siehe dazu das Kap. über „Konflikte im Einzugsbereich des Tuareg-Tourismus“. 89 Vgl. Schweizer 1981, S. 295; ähnlich auch Luoma (2002, S. 111) über den „ehrenvollen Raubzug“: „Wer gegen Schwächere antritt, verliert seine Ehre. Frauen sind deshalb unantastbar.“ 667 heute kein Tabu mehr, wie die Vorgänge im Zuge einiger Überfälle auf Touristen in jüngerer Ver- gangenheit bewiesen haben. Darüber hinaus erhielt ich keine Informationen über einen gravierenden Anstieg der Kriminalität innerhalb Timias. In diesem Bereich dürfte somit noch immer eine recht intakte soziale Kontrolle herrschen. 19.7 Andere Faktoren des soziokulturellen Wandels Tourismus lässt sich angesichts der bisherigen Erörterung nur als ein Faktor unter zahlreichen an- deren bezüglich des soziokulturellen Wandels erkennen. 90 Dies wird insbesondere dadurch offen- sichtlich, da ja Tourismus zum Zeitpunkt dieser Studie erst im Stadium eines Neubeginns nach mehrjähriger, rebellionsbedingter Pause war. Daher lässt sich nur schwer die unmittelbare Kausali- tät des Tourismus etwa für den veränderten Umgang der Nomaden mit den Fremden erklären: War in den 80er-Jahren der Weiße noch als nicht einschätzbarer Fremder gefürchtet, so wird er heute als Ressource betrachtet, sei es als potenzieller Kunde für lokale Produkte, sei es als Repräsentant der Hilfsprojekte: Hier zeigt sich auch schon der elementare Einfluss der Entwicklungszusammenarbeit auf die bis in die 80er-Jahre weitgehende Subsistenz- und Tauschhandelswirtschaft und in der Fol- ge auf die gesamte soziokulturelle Struktur. 91 Eine detaillierte Analyse sämtlicher relevanten Faktoren des soziokulturellen Wandels würde frei- lich den vorliegenden Rahmen sprengen. Darum möchte ich nur drei repräsentative Faktoren an- führen, die besonders umfassend und nachhaltig wirken: die Monetarisierung, die Auswirkungen des Technologietransfers und die immer stärkeren Einflüsse der Kultur der Haussa, die im Niger und im angrenzenden Nigeria dominant ist.. Diese drei Faktoren wurden auch von einigen Kel Ti- mia explizit als Ursachen des Wandels hervorgehoben. 19.7.1 Monetarisierung Im Zuge der Gespräche mit den Einheimischen über Veränderungen in Timia hatten fünf Personen die Monetarisierung der Regionalwirtschaft als wesentliche Veränderung in den vergangenen 20 Jahren festgestellt. Monetarisierung wird verstanden als die Substitution des Tauschhandels durch Geld. Bemerkenswert ist die Tatsache, dass jene fünf Personen zum Kreis der am meisten moderni- sierten bzw. urbanisierten Kel Timia zählen, nämlich Schüler, Lehrer, Projektleiter und Touristiker. So meinte der 31-jährige Projektleiter Adouma Abderahman, die Kel Timia seien nicht erst durch den Tourismus, sondern bereits durch die Hilfsprojekte wie jene der gtz an das Geld gewöhnt wor- den. Zugunsten der plötzlichen Einkunftsmöglichkeiten als Lohnarbeiter hätten sie ihre traditionel- len Wirtschaftsbereiche, etwa die Gärten, verlassen. Mit dem erworbenen Geld hätten viele heira- ten können. Als die Projekte abgeschlossen waren, waren bereits solche Abhängigkeiten von die- 90 Müller (1998, S. 35) weist darauf hin, dass bei den meisten Formen des Ethnotourismus der hohe Akkulturationsdruck in Folge der Dynamik nationalstaatlicher Vergesellschaftungsprozesse viel stärker wirke als der Tourismus, der sich heute in der Regel durch vergleichsweise relativ hohe Kultursensibilität der Besucher auszeichne: „Es ist eher die Dynamik regionaler Entwicklungsprozesse und weniger der vermeintliche Dualismus zwischen Tradition und Moderne, die den Alltag in den Dörfern bestimmt. Vor diesem Hintergrund ist der Einfluss eines „low impact - high income“ Tourismus in der Regel als relativ gering einzuschätzen. 91 Vgl. dazu insb. Bourgeot 1995e. 668 sem regelmäßigen Einkommen entstanden, dass sich nunmehr viele gezwungen sahen, Frau und Kinder zu verlassen, um auf der Suche nach Lohnarbeit ins Ausland zu ziehen. Diese Sichtweise ist freilich außerordentlich vereinfacht. Nach den großen Dürreperioden waren ohnehin die meisten junge Kel Timia, weniger auf der Suche nach schnellem Geld, als vielmehr aufgrund des dürrebedingten Verlusts ihrer traditionellen Wirtschaftsgrundlage, den Herden, emi- griert. Die Einführung des Geldes hat freilich vielfältige Folgen. Zum einen ermöglicht Geld ermöglicht den unmittelbaren Erwerb der Konsumprodukte, die dem reinen Lustgewinn und nicht dem wirt- schaftlichen Überleben oder der Befriedigung primärer Bedürfnisse dienen. Auch in Timia existie- ren bereits die neuen Konsumbedürfnisse. Insofern trägt Geld zu einer Differenzierung des Ange- bots bei. Mittlerweile bieten im Zentrum von Timia bereits Händler aus Agadez Industriewaren aus Nigeria an. Eine weitere Folge dieses Wandels ist die zunehmend modernere Kleidung, die in Aga- dez erworben und in Timia getragen wird. Hier spielt offensichtlich nicht nur der Tourismus eine Rolle. Problematisch an der Monetarisierung ist der Verlust jener sozialen Beziehungen, die mit dem Tauschhandel verbunden sind. So tauschten die Kel Timia traditionellerweise getrocknetes Gemüse und Hirse gegen Salz bei den Salzhändlern in Bilma, zu denen langjährige Beziehungen bestanden hatten. Durch die Monetarisierung werden soziale Werte, wie Loyalität, durch Marktwerte, wie jene des besten Preises, verdrängt. Um es mit den Worten Schmitz zu formulieren: Monetari- sierung erodiert traditionelles und schafft modernes Vertrauen, sie substituiert soziokulturelle Be- ziehungen und Bindungen durch neuen Bindungen für jene, die im Markt reüssieren wollen. 92 Seitens der Kel Timia wird Monetarisierung freilich auch positiv beurteilt. So meinte Aghali Imoumoumene, dass mittels Geld einfacher Ersparnisse aufzubauen seien. Das ist zwar richtig, weil Geld im Gegensatz zu Ziegen infolge einer Dürre nicht „sterben“ kann. Andererseits erlebten die Kel Timia auch schon „monetäre Dürren“: Im Jahr 1994 wurde der FCFA von Frankreich um 50 % abgewertet, wodurch Geldbesitzer erhebliche Verluste erlitten. Neben dieser Inflationsgefahr lässt sich Geld in Timia nicht zinsbringend anlegen, weil es keine Bank gibt. Die Ziegen, das bis- herige Kapital, vermehren sich dagegen sehr rasch und sind sehr anspruchslos. Der Karawanenhandel spielt heute auch ohne Monetarisierung gegenüber dem Gartenbau nur noch eine untergeordnete Rolle, und der Export landwirtschaftlicher Produkte wie Grapefruit (Pampel- musen) oder Zwiebel wäre ohne den Geldhandel undenkbar. Und auch Investitionsgüter wie Mo- torpumpen sind nicht durch Ziegen als Gegenwert bezahlbar... 19.7.2 Technologietransfer Mit dem letzten Argument wurde bereits ein weiterer wichtiger Faktor des soziokulturellen Wan- dels angesprochen: die Einführung kulturfremder Techniken. Im Gegensatz zur verbreiteten Mei- nung ist Technologie keineswegs wertneutral, sondern in soziale Werte, institutionelle Formen und Kulturen eingebettet und sie transportiert diese auch. 93 Das schließt auch die mit der jeweiligen Technologie verbundenen Produktionsprozesse ein. 94 Dabei ist Technologie zu verstehen als die Applikation von Wissen zu praktischen, problemlösungsorientierten Fähigkeiten, die Organi- sationen von Menschen und Maschinen oder anderer „Hardware“ involvieren. 95 Insofern steht hin- 92 Vgl. Schmitz 1995, S. 559. 93 Vgl. Anderson 1985, S. 57. 94 Vgl. Bourgeot 1995e, S. 506 f. 95 Vgl. Wilson 1999, S. 58. 669 ter Technologie das Wissen als eine kulturelle Konstruktion bzw. als Ausdruck dessen, was eine Kultur als wertvoll betrachtet. Lokales Wissen über lokale Heilpflanzen ist gleichfalls Erfahrungswissen, das im praktischen Sinn funktioniert. Auch solches lokale Wissen ist im Prinzip technisch, wenn es auch von keinem gene- rellen wissenschaftlichen Prinzip abgeleitet ist. Doch genau hierin liegt der wesentliche Unter- schied zwischen traditionellem und „wertfreiem“ westlichen Wissen: Ersteres bezieht oft spirituelle Ursachen wie Hexerei 96 mit ein. So wird etwa als letzte Ursache einer Krankheit amoralisches oder asoziales Verhalten betrachtet. So sind bei den Tuareg Amuletts gegen vielerlei Unheil verbreitet, z. B. gegen den bösen Blick. Lokales Wissen ist somit tief ver- flochten mit sozialen Strukturen und hat eine bedeutende Rolle bei der Festigung der sozialen Be- ziehungen. Wurden in Timia Brunnen gebaut, so arbeitete die ganze Dorfgemeinschaft mit. Da- durch entstand die Verpflichtung des Brunnenbesitzers, sich bei den Helfern entsprechend zu re- vanchieren. Westliches Wissen ist dagegen überwiegend Erfahrungswissen, eingebettet in Technologie, die – im funktionellen Sinn - universell einsetzbar ist. Daraus erklärt sich auch die kulturelle Dominanz des Westens durch westliche Technologie. Die lokale Technologie ist sozial eingebunden und kon- servativ, und sie erscheint als „zurückgeblieben“ und fortschrittshinderlich. Westliche Technologie erscheint hingegen vordergründig und unmittelbar erfolgreich bei der Lösung eines scheinbar le- diglich technischen Problems. Aufgrund dieses vordergründigen Erfolgs westlicher Technologie erachten auch manche Kel Timia die Weißen als allmächtig und allwissend. 97 Die Faszination für westliche Technologie zeigte sich in den letzten Jahren am augenfälligsten am Beispiel der mobilen Telephonie in Agadez. Ende 2002 in Agadez eingeführt, wurde das „Handy“ binnen kürzester Zeit zum Prestigesymbol Nr. 1 neben dem Allradfahrzeug, und aufgrund der über- legenen GSM-Technologie werden die kollektiven Telefonzentren immer mehr durch individuelle Handys verdrängt. In der Folge entsteht im Einzugsbereich der GSM-Sender eine neue Kom- munikationskultur, wie sie in unseren Breiten bereits üblich ist: das Handy wird zum dominanten Kommunikationsinstrument, es verhindert persönliche, unmittelbare Gespräche und soziale Be- ziehungen. Am Beispiel des Handys und der modernen Brunnenbautechnik werden die Implikationen der Ein- führung von importierter Technologie deutlich. Technologischer Wandel verursacht den Wandel struktureller Prozesse in einer Gesellschaft, der verbunden ist mit dem Wandel von gemeinsamen Werten und Sichtweisen und damit auch mit dem Verlust des Zusammenhaltes in traditionellen sozialen Organisationen, die auf lokaler Technologie basieren. 98 Dass Technologie entsprechendes Wissen voraussetzt, zeigt sich im Westen deutlich am Beispiel von Computerprogrammen oder von Bedienungsanleitungen diverser Unterhaltungsgeräte. Mit dem Wissen über den richtigen Ein- satz von Technologie ist Ansehen und Macht verbunden, wodurch in traditionellen Gesellschaften die Rollen neu verteilt werden. In der Regel wird Technik von Männern dominiert, weil Frauen die Verantwortung für die Versorgung der Familie und insofern eine höhere Verantwortung tragen, was sie zu einer andere Balance von Risiken zwingt. Frauen gelten darum eher als konservativ im Gegensatz zu progressiven Männern, die höhere Prioritäten für technische Innovationen aufwei- sen. 99 Folglich übernehmen eher Männer „moderne Arbeit“, während die Frauen in Subsistenzar- beit abgedrängt bleiben oder werden. 96 Hexerei ist auch in der Region Agadez nicht unbekannt. Ahmed, ein Koch bei Tchimizar V., erzählte mir 2003 vom Fall der Verhexung einer Frau in Agadez, die erst wieder genesen sei, nachdem der Sultan die für diese Verhexung verantwortlich gemachte Frau aus Agadez ausgewiesen habe. 97 Siehe das Kap. über „Tourismus bei den Kel Timia/Die Sicht der Kel Timia vom Tourismus/Das Bild der Kel Timia von Europa und den Europäern“. 98 Vgl. Wilson 1999, S. 60. 99 Vgl. Appleton 1995, S. 10. 670 Im Niger lässt sich dieses Prinzip auch im Tourismus beobachten: Tourismus ist als soziale Tech- nologie, verbunden mit maschineller Technologie, zu verstehen, weil hierfür sowohl moderne technische Kenntnisse (Automechaniker, Chauffeur, Koch ...) wie auch soziale Kompetenzen (Bü- ro, Kommunikation, Führung...) erforderlich sind. Frauen sind bislang in Agadez nur in verschwin- dend kleiner Zahl im Tourismus tätig. 100 Die Einführung neuer, westlicher Technologien geht meist Hand in Hand mit dem Monetarisie- rungsprozess, weil Maschinen mit Geld bezahlt werden müssen. Wird auch die Erstanschaffung durch Subventionen oder Spenden finanziert, wie dies bei den LKWs der Kel Timia der Fall war, so müssen schließlich die Finanzmittel für Betrieb und Wartung (Ersatzteile), erwirtschaftet wer- den. Ersetzen die Motorpumpen, die leider nicht mit pflanzlichem Futter zu betreiben sind, sondern mit zu importierendem Treibstoff die Zugtiere, muss Geld beschafft werden. Dies führt notwendi- gerweise zu einer beschleunigten Integration in den Markt und zu einer Anpassung an dessen Ge- setze. Westliche Technologie hat aber noch einen weiteren „Haken“. Ihr unmittelbarer Erfolg beruht auf der augenscheinlich höheren Produktivität. Mit Motorpumpen können viel größere Gartenflächen bewässert werden als mit kamelbetriebenen Ziehbrunnen. Diese Produktivität wird jedoch mittel- fristig zu einer Ausbeutung des Grundwassers führen, sodass zu wenig Wasser vorhanden sein wird für die Verteilung auf die übrigen Gartenbauer – und somit wird sich die soziale Struktur der Kel Timia völlig verändern. Moderne Technologie kann zu neuen Umverteilungskonflikten, im Ex- tremfall sogar zur Untergrabung der eigenen Lebensgrundlage führen.101 19.7.3 Andere Kulturen: Haussa Daboun Taralou, der Chef de Groupement, erachtet die zunehmenden Verstöße gegen die Regeln des „Eschek“, z. B. das Essen in der Öffentlichkeit, als eine Folge des Einflusses der Haussa. Im- merhin halten sich die Karawaniers während der Trockenzeit mehrere Monate bei Haussa-Bauern im Süden auf. Nach Ansicht Jousoufa Bahias, des 37-jährigen Kochs bei Tagelmust V., würden sich die Tuareg zunehmend wie Haussa kleiden und - im Gegensatz zu früher - auch Haussa- Frauen heiraten. Am augenfälligsten ist die Verbreitung von Haussa-Stoffen und Kleidungsstücken, die von Kara- waniers im Süden gekauft werden, in Agadez bereits stark verbreitet sind und zunehmend auch in Timia Verbreitung finden. Mittlerweile bieten sogar schon in Timia Haussa-Händler Waren an. Besondere Begeisterung finden deren bunte Stoffe unter den Jungendlichen. Auch andere Haussa-Sitten werden zunehmend von den Kel Timia übernommen. So geht der isla- mische Fundamentalismus stark von den Haussa aus. Damit verbunden ist auch die vormals unter Tuareg verpönte Polygamie und mancher Tuareg nimmt sich bereits mehrere Frauen. Auch die Sprache der Haussa gewinnt zunehmend an Bedeutung. So ist das Haussa längst zur allgemeinen Verkehrssprache der Bevölkerung von Agadez geworden, und viele Tuareg beherrschen nur noch Haussa und nicht mehr das Tamaschek. 102 100 Dies hat freilich auch wesentlich damit zu tun, dass die meisten Agenturgründungen von Ex-Rebellen vorgenommen wurden. 101 In diesem Sinn kritisierte Fuchs die westliche Technik als ein Mittel der Unterwerfung von Tuareg, die sich gegenüber der Natur „sehr viel vernünftiger verhalten“ als die Angehörigen der westlichen Kultur (1980, S. 7). 102 Vgl. dazu die Studie von Waibel (1998) über die „Seßhaftwerdung und sozialer Wandel bei den Tuareg Zinders“, wo dieser Prozess schon sehr viel weiter fortgeschritten ist. 671 19.8 Wandel der Kel Timia aus europäischer Sicht Der Mythos Tuareg 103 ist omnipräsent in den Diskursen zu den vielfältigen Aspekten der Tuareg- Bevölkerung. Kaum eine moderne wissenschaftliche Arbeit, die nicht aus dem Bereich der Anthropologie stammt, kann sich diesem Nimbus entziehen. So schreibt etwa Obereder in ihrer Diplomarbeit, die sich absurderweise sogar als Beitrag zum interkulturellen Lernen versteht, dass es „bei den Tuareg (...) unüblich (sei), seine Sorgen oder Nöte anderen Menschen mitzuteilen. Betteln gilt als etwas völlig Unwürdiges.“ 104 Hätte Obereder das Perfekt verwendet, so hätte diese Aussage schon eher der Wahrheit entsprochen. Das Bild des edlen, würdevollen Wüstenritter wirkt so nachhaltig, dass auch ich zu Beginn meiner Forschungsarbeit davon überzeugt war. Entsprechend kritisierte ich besonders Touristen, die in un- angepasster Kleidung in Tuareg-Siedlungen auftraten, wetterte gegen das Verteilen von Geschen- ken als „Entwürdigung der Tuareg“. Im Nachhinein bin ich davon überzeugt, dass jenes empörte Einmahnen der traditionellen Würde gegenüber den bettelnden Kindern (!!!) vielmehr eine unbe- wusste Strategie zur Abwehr eines äußerst irritierenden, ja nervenzermürbenden Verhaltens war. Ich forderte die Erfüllung eines Konzepts von Würde ein, das letztlich nichts weiter als die sehn- süchtige Projektion meiner eigenen Luxuswelt widerspiegelte, eine Sehnsucht nach einer heilen, ehrfurchteinflößenden Welt, wie sie in meiner eigenen Lebenswelt nicht mehr auffindbar ist. Lässt doch die voyeuristische Medienwelt keinen Platz mehr für „würdevolles“ Verhalten. Bettelei aber passt nicht in dieses Konzept. Es ist zu real, holt zu sehr auf den Boden der Wirklichkeit zurück. Tatsächlich haben diese Menschen sehr ähnliche Bedürfnisse wie wir Europäer: in erster Linie ist das der Wunsch nach materieller Sicher- bzw. Besserstellung, nach materiellen Werten, wo gravie- render Mangel empfunden wird. Das würdevolle Verhalten war ja zum Teil selbst nur eine Strate- gie zur Beherrschung von Mangel, der anderweitig oft nicht zu beheben war. 105 Um das zu begreifen musste ich jedoch erst in einem langwierigen Prozess lernen. Folglich waren die meisten der Antworten der Kel Timia, im Zuge derer sie ihre Präferenz für eine materielle Bes- serstellung äußerten, für mich eine große Überraschung. Tatsächlich war ich ja zutiefst überzeugt von der Wahrhaftigkeit der Behauptung meiner Reiseleiterin Eva Gretzmacher damals im Oktober 1997, wonach unsere Reisegruppe Timia nicht besuchen sollten, um die Intimität der Bevölkerung nicht zu stören. Erst durch das nachfolgende Studium aktueller Forschungsliteratur im Bereich des soziokulturellen Wandels wurde mein Zugang differenzierter und distanzierter. Wahrscheinlich trugen auch einige persönliche Erfahrungen, im Zuge derer die jeweiligen Tuareg-Akteure ganz und gar nicht dem „edlen und noblen“ Tuareg entsprachen, dazu bei, mein Tuareg-Bild menschli- cher zu gestalten. Der Europäer neigt zur Überzeugung, für jedes augenscheinliche Problem die perfekte Lösung pa- rat zu haben. Mit erscheint dies als Ausdruck für die Unfähigkeit, mit gewissen existenziellen Ge- gebenheiten fertig zu werden. Wir reden von Entwicklung, Fortschritt und Gleichheit und ver- drängen gleichzeitig die Tatsache, dass es niemals zuvor auf diesem Planeten mehr und gravieren- deren Hunger und materielle wie auch ideelle Ungleichheit gegeben hat, eine Ungerechtigkeit, die sich infolge der vom Westen implantierten Technologien und Organisationsstrukturen immer schneller verschärft. 103 Siehe dazu das Kap. über „Die Marke „Tuareg“ – Mythos und Images“ 104 Obereder 1999, S. 89. 105 Im übrigen lässt sich die westliche Gesellschaft als eine Bettelgesellschaft par excellence verstehen: Wir betteln in geradezu institutionalisierter Weise nach Subventionen, um Gehaltserhöhungen, mittels Streiks um Verbesserung unserer Lage, beim Auto- händler um bessere Konditionen. Der Erfolg des offenen Marktes beruht auf eben diesem Prinzip, Dinge billiger erlangen zu kön- nen. Heute ist es längst kein Fauxpas mehr, bei Discountern wie „Hofer“ oder „Penny-Markt“ einzukaufen, wo man beste Qualität zu weit günstigeren Preisen erhält. 672 Im November 1999 schilderte ich einer französischen Ärztin, die sich in Timia aufhielt, meine Verbesserungsvorstellungen für Timia zur besseren Nutzung des Tourismus. Darauf forderte die Ärztin in vehementer Weise von mir, ich müsse meine Ideen auch verwirklichen. Schon damals schreckte ich vor dieser Vehemenz zurück. Diese Haltung erscheint mir Ausdruck eben dieser Überzeug zu sein, dass man alles und jedes „lösen“ bzw. „verbessern“ könne und selbst- verständlich auch über das notwenige Wissen verfüge – im Gegensatz zu den „liebenswerten, aber ungebildeten, armen Wilden“. Wie sehr diese Überzeugung in unseren Köpfen und Herzen einge- graben ist, entgegen aller Beteuerung unseres Antirassismus und unserer Weltoffenheit, erlebte ich immer wieder in zahlreichen Fällen: Dass etwa die Hilfe mancher Europäer für Tuareg die Formen altruistischer Selbstbefriedigung annehmen kann, erlebte ich im Februar 2002, als ich eine ältere französische Dame am Guelta von Timia dabei beobachtete, sich nackt auszuziehen. Als ich sie auf ihren schwerwiegenden Fauxpas aufmerksam machte, rechtfertigte sie sich damit, sie habe ein schulisches Hilfsprojekt im Aïr un- terstützt, also den Tuareg aktiv „geholfen“, und im Anschluss an ihre Hilfeleistung wollte sie ein- fach ein wenig Urlaub machen. Dass sie sich weiterhin im Raum der Tuareg-Kultur befand, hatte sie in diesem Augenblick gleichsam ausgeblendet, denn diese „Kultur“ hatte ja bereits ihren Zweck für die Dame erfüllt: als Handlungsfeld zum Erwerb von Prestige für altruistische Aktivität zur „Unterstützung der Wüsten-Ritter“. 106 Einen anderen Fall erlebte ich als Reiseleiter einer österreichischen Reisegruppe im Jänner 2003. Damals versuchte ich meiner Gruppe die Parallelen zwischen der österreichischen und der nigri- schen politischen Kultur vor Augen zu führen. Mein Thema wurde empört als absurde Idee zu- rückgewiesen. Tatsächlich aber weist das politische „Chaos“ in Niamey zahlreiche Parallelen zu den Intermezzi der politischen Parteienlandschaft in Österreich auf. Und auch die Korrup- tionsaffären in Niamey unterscheiden sich von solchen wie Enron, der Kohl-Spenden-Affäre etc. nur optisch, nicht aber strukturell. Blind für diese Gemeinsamkeiten, gefangen in der Dichotomie zwischen dem „edlen Wilden“ und dem „Barbaren“, wollen wir diese Menschen zwingen, uns als lebende „moralische Museums- figuren” zu dienen, alse hehren Ritter des „Eschek“, und wir sprechen ihnen die Kompetenz zur Gestaltung ihres eigenen Lebens ab. Insofern erweckt auch die oben angeführte polemische Frage Bernus, ob denn eine Welt der Produktionsmaximierung mit der Freiheit der Hirtennomaden und ihrer kreativen Zivilisation zu vereinbaren sei 107, den Verdacht, gleichsam einer gewissen Nostal- gie zu erliegen, jenem Traum von der großen Freiheit der Tuareg. Bernus schreibt zu seiner Vertei- digung schließlich, den Nomaden sei selbst die Möglichkeit der Wahl zu belassen, welcher „type de civilisation“ ihnen angemessen sei, wobei er fortschrittsskeptisch hinzufügt, „sans qu’ils soient pour autant confinés dans une zone marginale, sorte de ‚réserve’, où ils soient seulement autorisés à laisser la place aux nouvelles exploitations minières en fournissant une main-d’œuvre à bas prix, ou à s’éteindre doucement sans faire trop de bruit“. 108 Von einem „lautlosen Verschwinden“ der Tuareg kann bislang nicht die Rede sein. Dies beweisen die neu entfachte, gegenwärtige Rebellion sowie die äußerst lebendige Kultur der Kel Timia, die selbst offensichtlich keine Probleme mit dem Wandel haben. Angesichts der überragenden Befür- wortung des Tourismus durch die Kel Timia richten sich Theodore Monods mahnende Worte über extern verursachten Wandel bei Nomaden, z. B. durch den Import von Technologie, wohl eher ge- gen musealisierende Tourismuskritiker: 106 Von einem besonders krassen Fall solcher „Hilfe“ berichtete die Geografin Sophie Laudrieau (Int. Agadez, 11. 12. 1999): Die „Association Touareg“ habe im Tal Tidene Schulen ohne jegliche wissenschaftliche Grundlage und ohne Abstimmung mit der Regierung errichtet. In der Folge seien angeblich sogar Nomadenfamilien bezahlt worden, damit sie ihre Kinder in diese Schulen schicken. Dies beurteilte Laundrieau als Beispiel eines typischen Prestige-Projekts, in das Geld hineingepumpt wurde, ohne die Menschen entsprechend ihren eigenen Vorstellungen zu unterstützen. 107 Vgl. Bernus 1993, S. 456 f. 108 Ebd., S. 457. 673 „Wenn der Tuareg-Krieger es für notwendig hält, seine Kleider gegen einen Monteurskittel und seinen Turban gegen ein amerikanisches Käppi einzutauschen, so steht ihm das frei. Aber hat ir- gend jemand das Recht, ihn direkt oder auf Umwegen eine derartige Metamorphose aufzuzwin- gen?“ 109 Genauso wenig hat auch irgendwer das Recht, ihm das als „Verlust seiner Würde“ vorzuwerfen oder gar zu verbieten. 19.9 Konklusion: Tourismus als Kontaktchance Die Befragung der Kel Timia über den Wandel ihrer Kultur, ihrer Werte und ihrer Strukturen konn- te im Ergebnis aufzeigen, dass sich die Kel Timia der allgemeinen Veränderungen sehr wohl be- wusst sind, dass sie diese aber keineswegs als dramatisch beurteilen. Vor allem zeigt sich, dass signifikante Zusammenhänge zwischen dem Tourismus und dem soziokulturellen Wandel nur punktuell nachvollziehbar sind. So wird etwa die Entwicklung des Kunsthandwerks äußerst positiv bewertet. Kritisch bewertete Veränderungen, wie ein gewisser „Wertverlust der Jugend“, lässt sich als ein für jede Gesellschaft typischer Generationskonflikt verstehen, aus dem jedoch keine signifi- kante Schädigung der Gesellschaft ableitbar ist. Vor allem stehen die Bilder von den „Horden der Chasses de touristes“ im krassen Gegensatz zu den wenigen Jugendlichen, die tatsächlich an den neuralgischen Stellen ihre Dienste und Waren anbieten. Fast hat es den Anschein, als gehöre es einfach zum guten Ton, über die „heutige Jugend“ zu schimpfen – ob in Timia oder in Österreich ... Daher lässt sich zusammenfassen, dass keine signifikanten Schädigungen der soziokulturellen Struktur der Kel Timia nachweisbar sind. Die wenigen Auswirkungen, die nachweisbar waren, halten sich im Rahmen und sind darüber hinaus zumeist von anderen dominanten Einflüssen mit verursacht. An dieser Stelle sei auch in Erinnerung gerufen, welche Veränderungen in den letzten 20 Jahren die Kel Timia als besonders positiv beurteilt hatten, nämlich den Einsatz von LKWs, was die Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Integration der Gartenbauwirtschaft in den regiona- len, nationalen und internationalen Markt darstellt. 110 Gegenwärtig herrscht größter Stolz im Dorf über ein neues Allradfahrzeug für Krankentransporte von und nach Timia. Viele dieser Verbesse- rungen sind letztlich auch auf den Tourismus zurückzuführen. Einige wichtige Projekte, insbeson- dere das Engagement der „Amis de Timia“ wurden von begeisterten ehemaligen Timia-Touristen gegründet. Dass die Auswirkungen in Timia nicht größer sind, beruht wahrscheinlich auch auf dem relativ geringen Tourismusaufkommen. Geht man davon aus, dass das Tourismusaufkommen in verträg- lichem Ausmaß gesteigert werden würde, so wäre freilich die Frage berechtigt, ob die dadurch be- dingten Auswirkungen gleich zu bewerten wären wie jene von anderen, nicht-traditionellen Er- werbsformen, wie dem Handel, der Beschäftigung in den Uran-Werken oder die Emigration nach Libyen. Bleibt die touristische Frequenz in Timia so, wie derzeit der Tourismus abläuft, kann man annehmen, dass die soziokulturellen Auswirkungen durch zurückgekehrte Arbeitsemigranten oder durch Entwicklungsprojekte gleichermaßen zum Wandel und zu neuen Problemen und Herausfor- derungen führen würden wie bisher der Tourismus. Der Vorteil des Tourismus liegt allerdings dar- in, dass die Betreffenden für ihren Erwerb in Timia bleiben können. Insofern stellt Tourismus als 109 Monod, Theodore in: Modod, Th; Jaffre, J.; Durou, J. M. 1978: Le caravan du sel. Paris; zit. in: Ritter 1980, S. 205. 110 Siehe das Kap. „Portrait der Kel Timia: Tradition und Wandel/Wirtschaftlicher Wandel seit der Unabhängigkeit/Neue Beschäfti- gungsformen/Projektarbeit“ bzw. über „Gesellschaftlicher Wandel“. 674 Einkommensalternative 111 eine Chance für die Bekämpfung der Landflucht dar, wie zahlreiche Erfahrungen in Europa und anderen Regionen zeigen. Freilich steht Timia vor demselben Problem wie Agadez, dass eine unkontrollierte bzw. fremdkon- trollierte Tourismusentwicklung zu wachsenden Konfliktpotenzialen und zu sinkenden Erträgen führen kann. Dies könnte dann auch sehr rasch zum Umschlagen der positiven Haltung gegenüber dem Tourismus führen. Darum wäre in Timia eine bessere Nutzung des derzeitigen Tourismusauf- kommens und nicht eine signifikante Steigerung des Aufkommens empfehlenswert. Wie dies um- setzbar sein könnte und wie dies von den Kel Timia beurteilt wurde, behandeln vier Testprojekte, die im nächsten Kapitel beschrieben werden. 111 Vgl. Baud-Bovy 1988, S. 203. 675 20 Potentielle Tourismusentwicklung: Vier Testprojekte Nachdem sich die deutliche Mehrheit der Kel Timia für ein stärkeres touristisches Engagement ihres Dorfes ausgesprochen hatte, hatte ich vier offene Fragen zu klären: 1. Worin liegen die Ursachen für den kritisierten Umstand, dass die meisten Reisegruppen Timia umfuhren anstatt für einen längeren Aufenthalt anzuhalten? 2. Welche Maßnahmen würden sich in Timia anbieten, um die Attraktivität des Dorfes für Reise- gruppen zu steigern? 3. Inwieweit lässt sich die Bevölkerung in solche Maßnahmen einbinden? Verfügen genügend Kel Timia über die notwendigen Kompetenzen, um touristische Projekte, wie die Organisation von Festen in Timia oder gar von Touren ab Timia, umzusetzen? 4. Schließlich stellt sich noch die grundlegende Frage, inwieweit sich die geäußerten Meinungen der Kel Timia mit deren tatsächlichen Verhalten gegenüber Touristen und touristischen Aktivi- täten decken: Könnten die Antworten der Kel Timia nicht etwa aufgrund falscher Hoffnungen, Erwartungen und Vorstellungen geäußert worden sein - oder gar in der Absicht, entsprechend meinen – vermeintlichen – Erwartungen zu antworten? Wäre es denn möglich, dass etwa die Teilnahme von fotografierenden Touristen an heimischen Festen oder sonstigen „Events“ im Gegensatz zur geäußerten Befürwortung auf Ablehnung stoßen könnte? Zur Beantwortung dieser Fragen entwickelte ich vor Ort vier Testprojekte, die hier in chronologi- scher Reihenfolge hinsichtlich ihrer Anlässe, Ziele, konkreten Umsetzung, wesentlichen Probleme, Planungsfehler und etwaigen Folgewirkungen beschrieben und diskutiert werden. Zum besseren Verständnis des chronologischen Ablaufs muss ich nochmals betonen, dass ich mit der überwälti- genden Befürwortung des Tourismus durch die Kel Timia in keiner Weise gerechnet hatte. Die Entscheidung für den Versuch, die Projekte durchzuführen, waren somit eine unmittelbare Reakti- on auf die Antworten der befragten Kel Timia im Bemühen, sie bei der Erfüllung ihrer Wünsche durch meine touristische Erfahrung zu unterstützen. In gewisser Hinsicht war es mein Versuch, mich für ihre freundliche Aufnahme und ihre Unterstützung bei meiner Untersuchung zu revan- chieren. 20.1 Kameltrekking ab Timia 20.1.1 Kamelexpedition ohne Touristen zu Nomadencamps Bereits während der ersten Phase meiner Umfrage im November 1999 hatte ich meinen damaligen Assistenten, Aghali Imoumoumene, mit der Organisation und technischen Führung einer 6-tägigen Kamelexpedition beauftragt. Die Ziele dieser Reise beinhalteten 1. einige Nomadencamps im Einzugsgebiet des Dorfes Timia zu besuchen, um auch die noma- dische Bevölkerung in meine Untersuchung einzubinden; 2. die Untersuchung, wie ein solches „Kameltrekking“ durch Kel Timia organisiert und durch- geführt werde. Dabei hatte ich Aghali gebeten, möglichst die Begegnung mit einer Salz- 676 karawane zu arrangieren, um brauchbares Fotomaterial in Hinblick auf etwaige spätere Mar- ketingaktivitäten zu gewinnen. Ausgestattet und begleitet wurde die Expedition von Aghalis Cousin Mohamed, einem sehr erfahrenen und angesehenen Karawanier und Führer. Unsere „Transportmittel“ waren drei Reitkamele aus Mohameds Herde. Mohamed und Aghali waren für die gesamte Planung und Durchführung zuständig, inklusive Versorgung mit Lebensmit- teln und Küchenarbeit; 3. die Erkundung der Umgebung von Timia in Hinblick auf deren Eignung für touristische Trekking- und Kameltrekkingtouren. Der Aufbruch fand traditionsgemäß am frühen Morgen vor Sonnenaufgang statt, wobei wir Timia in nordwestlicher Richtung, der Piste Timia - Iferouane folgend, verließen. Wie auch bei touris- tischen Touren üblich, wurde um die Mittagszeit einige Stunden gerastet. In den Abendstunden des ersten Tages, in fotografischer Hinsicht somit zur idealen Zeit, stießen wir auf eine große Salzka- rawane, die aus Bilma zurückkehrte und nun nahe bei einem Nomadenbrunnen das Nachtlager auf- schlug, um die Kamele zu tränken. Aus touristischer wie fotografischer Sicht hatte Aghali somit die Route ideal gewählt, wobei ich niemals in Erfahrung bringen konnte, ob diese Begegnung mit der Karawane ein glücklicher Zufall oder doch Absicht war. Diese Begegnung auch die beste Ge- legenheit zu Interviews mit den Karawaniers. Für die nächste Etappe besuchten wir das Camp von Aghalis älterem Bruder Hadda, unweit des Goundai-Massivs. Der Karawanier war als Madugu bereits durch Gartungs Bericht über dessen Begleitung einer Salzkarawane zu einer gewissen Bekanntheit gelangt.1 Von Hadda und dessen Familie wurden wir äußerst herzlich aufgenommen. 2 Dadurch erhielt ich Gelegenheit, erste Einbli- cke in das Alltagsleben der Nomaden zu gewinnen und Interviews mit drei Familienmitgliedern zu führen. Die dritte Etappe führte in südöstlicher Richtung um das Massiv von I-n Elissak herum, wobei wir einige Camps von Ziegenhirtinnen besuchen. In touristischer Hinsicht erwies sich als besonders interessant die Ebene von Tschiguide, etwa eine Tagesreise 3 südlich von Timia gelegen. Hier fin- den sich am Fuße eines eindrucksvollen, pyramidenförmigen Inselbergs unzählige, sehenswerte steinzeitliche Felsgravuren. Der Rückweg nach Timia führte auf einem steilen schmalen Pfad über einen Pass auf die Hochebene von Guide. Im Einzugsgebiet des canyonartigen Tals, das in nord- westlicher Richtung nach Timia führt, lebt eine bedeutende Pavian-Population. Deren Wasserver- sorgung wird durch ein Guelta gesichert, das in einem schmalen Seitental zwischen schroffen Fel- sen liegt. 4 Die Reise war in jeder Hinsicht ein voller Erfolg. Aghali hatte die Route hervorragend geplant und koordiniert. Mohamed war ein verantwortungsvoller, verlässlicher und äußerst umgänglicher Füh- rer. Zudem entsprach er aufgrund seiner äußeren Erscheinung in geradezu perfekter Weise dem touristischen Bild eines „richtigen Tuareg-Nomaden“. Sämtliche Ziele der Reise waren zu meiner vollen Zufriedenheit erreicht worden, darüber hinaus hatte ich mich als „Erlebnisreisender“ außer- ordentlich wohl gefühlt: Die Tour war für mich ein unvergessliches Erlebnis. Wie ich erst sehr viel später verstand, resultierte der große Erfolg dieser Reise nicht zuletzt aus meiner absoluten Bereitschaft, mich weitgehend ohne besondere Erwartungen auf dieses „Aben- teuer“ einzulassen, die Dinge einfach auf mich zukommen zu lassen, mich an die Gegebenheiten in höchstem Maße anzupassen und keinerlei Forderungen zu stellen. Deswegen waren Enttäu- schungen praktisch nicht möglich, denn auch das Treffen mit einer Karawane war, weil de facto nicht planbar, nur als Präferenz, nicht als notwendige Bedingung vorgesehen gewesen. Somit hatte 1 Vgl. Gartung 1987, 2000. 2 In Haddas Camp verbrachte ich einige der schönsten Stunden meines gesamten Timia-Aufenthalts. 3 Wegangaben beziehen sich, wenn nicht als “Autostunden” bezeichnet, stets auf die mit einem Kamel als Trage- oder Reittier benö- tigte Zeit. 4 Als ich mit einer Kneissl-Reisegruppe im Februar 2001 dieses Guelta besuchte, war es leider vertrocknet und insofern wenig att- raktiv. 677 es sich bei dieser Tour um eine Expedition und nicht um eine touristische Reise gehandelt, bei der ein klar zu erfüllendes Programm vorgeben ist. 20.2 Kamelexpedition mit Touristen auf den Bagzan Wegen des großen Erfolges dieser Reise wurde Aghali beauftragte, für die Zeit von Weihnachten 1999 bis Anfang des Jahres 2000 eine zweite, 9-tägige touristische Expeditionsreise auf das im Süden gelegene Hochplateau des Bagzan vorzubereiten. Diesmal sollten jedoch einige „richtige“ Touristen mitreisen. 20.2.1 Zweck der Reise Mit dieser zweiten Kamel-Reise beabsichtigte ich, 1. die im Süden und Südwesten von Timia gelegenen Regionen, insbesondere aber das als Trek- king-Ziel sehr beliebte, nur zu Fuß erreichbare Hochplateau des Bagzan-Massivs in Hinblick auf eine spätere touristische Nutzung kennen zu lernen, 2. weitere Befragungen bei Hirtennomaden durchzuführen, und 3. die für den Tourismus relevanten Kompetenzen von Aghali und Mohamed unter realitäts- näheren Bedingungen zu testen. Dazu nahm an der Tour meine damalige, aus Graz angereiste Gefährtin Christiane Schriefl teil. Sie eignete sich für ein solches Unterfangen geradezu perfekt als „Versuchskaninchen“, da sie sich noch nie zuvor in einem Dritte-Welt-Land befunden oder an einer Kamel-Tour teilgenommen hatte. 5 20.2.2 Der Ablauf der Tour Wie bereits bei der ersten Tour waren die Reittiere schon am frühen Morgen bereitgestellt und mit der nötigen Ausrüstung bepackt. Wir verließen Timia entlang der Piste Richtung Agadez und folg- ten kurz hinter dem Guelta in Richtung Südwesten einem kleinen Wadi, in dem wir auch nächtig- ten. Um unserer „Touristin“ etwas Komfort und Intimität bieten zu können, hatten wir ein kleines Kuppelzelt mitgeführt. Die Nahrung bestand wie schon auf der ersten Tour hauptsächlich aus der Hirtenspeise Eghale 6, aus Nudeln oder Reis, jeweils mit einer Sauce aus Zwiebel, Öl und etwas Tomatenmark Dazu gab es den üblichen grünen Tee. Die Verpflegung war karg, aber gut. Erst im Verlauf der weiteren Tour machte sich die Kargheit des Mahls durch Schwächeanfälle bemerkbar. Die Tage verliefen in dem Rhythmus, dass Mohamed kurz nach Sonnenaufgang Feuer machte und eine morgendliche 5 Allerdings ist Christiane Schriefl der Tourismus sowohl praktisch – aufgrund ihrer Tätigkeiten im Service in der Schweiz und auf Trekking-Touren in Frankreich – wie auch theoretisch – aufgrund ihrer Diplomarbeit zum Thema “Relevanz umweltvölker- rechtlicher Normen im Bereich des Tourismus” (Schriefl 2000) bestens vertraut. 6 Ein gestampftes Gemisch aus Ziegenkäse, Hirse und Datteln, das mit Wasser angerührt wird. 678 Mahlzeit zubereitete. Dann suchte er mitunter mehrere Stunden nach den Kamelen, die während der Nacht freigelassen worden waren, um selbständig nach Futter zu suchen. Sobald die Tiere ge- funden und bepackt waren, marschierten oder ritten wir bis Mittag. Kleine Zwischenpausen wurden anlässlich des Fotografierens landschaftlicher Besonderheiten oder bei der Begegnung mit Noma- den gemacht. So hielten wir am 2. Tag vor dem Dorf Ajirou, wo mir verletzte Kinder zur “ärztli- chen“ Behandlung vorgeführt wurden. Damals wurde mir erstmals klar, welche gravierenden Fol- gen möglicherweise medizinische Interventionen durch Touristen nach sich ziehen könnten, wenn die Nachbehandlung fehlt. Ab Ajirou nahm Aghali einen Einheimischen als ortskundigen Führer, weil er selbst den genauen Weg des selten begangenen, nördlichen Aufstiegs auf den Bagzan nicht kannte. 7 Die Nacht des zweiten Tages verbrachten wir auf halbem Weg zum Plateau. 8 Der weitere Aufstieg verursachte unserer „Touristen“ körperliche Probleme; sie klagte über Kreuzschmerzen. Um ihr die Pausen so angenehm wie möglich zu gestalten, baute Aghali für sie in fürsorglicher Weise einen eigenen Sitz. Die Nacht des dritten Tages verbrachten wir im nördlichen Teil des Bagzan-Hochplateaus, das sich am Fuße eines aus großen Granitkugeln bestehenden Massivs erstreckt. Unsere „Touristin“ litt mittlerweile an starken Erschöpfungserscheinungen und Durchfällen, wes- halb Aghalis Entscheidung, einen geruhsamen Vormittag zu gestalten, für uns alle willkommen war. Am späteren Morgen bot sich Aghali an, uns zu diesem Berg hoch zu führen, wo sich auf- grund der kugeligen Formen der Felsen zahlreiche interessante Grotten mit prähistorischen Relik- ten befanden. Aghali gab an, er kenne diese Gegend aufgrund seiner einstigen Tätigkeit für das Forschungsprojekt „ORSTOM“. Auf meinen Hinweis auf Christianes Zustand meinte Aghali, die Wanderung würde bestenfalls eine halbe Stunde dauern. Darum nahm ich auch nur einen Liter Wasser für uns mit. Die Wanderung war äußerst eindrucksvoll, da wir sogar auf seltene Höhlenma- lereien gestoßen waren, hatte aber schließlich sogar fünf Stunden gedauert, bis wir am Nachmittag wieder das Lager erreicht hatten. Aufgrund der Fehlinformation waren die Wasservorräte viel zu gering gewesen. Für eine Wanderung über die Mittagszeit wäre die vier- bis sechsfache Wasser- menge notwendig gewesen. Dass sich die Wanderung so in die Länge gezogen hatte, war wesent- lich durch Aghalis Eigensinn als Führer verursacht worden. Trotz meiner mehrmaligen Hinweise auf die Tatsache, dass wir zu weit nach Osten gekommen und darum bereits vom Plateau hinab gestiegen waren, hatte Aghali auf diese Richtung bestanden, wodurch wir letztlich einen beträchtli- chen und mühsamen Umweg in Kauf nehmen mussten. Angesichts Christianes Überanstrengung aufgrund der beschwerlichen Märsche der vergangenen Tage stellte dieser „Ausflug“ eine beträcht- liche Gefährdung unserer „Touristin“ dar. Am Abend des gleichen Tages kam es zu einem weiteren Konflikt mit Aghali. Dieser hatte, nach- dem wir erschöpft zurückgekehrt waren, beteuert, er würde die Reiseroute nach unseren Wünschen gestalten, werde doch die Reise an sich zu unserem Vergnügen unternommen. Wir müssten nur unsere Wünsche äußern, wann und wo wir lagern wollten. Ich bat Aghali lediglich, das Nachtlager bereits vor Sonnenuntergang aufzuschlagen. Doch entgegen meinem Wunsch ritten wir abermals bis in die Nacht hinein. Meine wiederholte Bitte, frühzeitiger das Lager aufzuschlagen, beantworte- te Aghali in verärgerter Weise mit dem Hinweis, die Wahl des Lagerplatzes müsse sich nach dem Nahrungsangebot für die Kamele richten. Von diesem Zeitpunkt an wechselte Aghali kein Wort mehr mit uns. Als ich ihn nachts nach dem Grund seines Schweigens fragte, erklärte er, er habe mit der Wanderung eine schwache Frau in Gefahr gebracht und darum gegen sein „Eschek“ verstoßen. Dies könne er nicht mehr vertreten, weshalb die Reise für ihn zu Ende sei; er mache diese Führun- gen nicht des Geldes wegen, sondern wegen seiner Überzeugung. Darum werde er am nächsten Tag alleine nach Timia zurückkehren. Nur mit Mühe gelang es mir, Aghali davon zu überzeugen, dass solche Irrtümer und Missverständnisse als Folge eines notwendigen Lernprozesses völlig 7 Der nördliche Teil des Bagzan ist nur von einigen wenigen Nomaden besiedelt und insofern kaum frequentiert. 8 Hier machten wir eine eigenartige Erfahrung mit dem Umgang der Kel Timia mit wilden Tieren: Als ich einen Stein hob und darunter einen großen, olivgrünen Skorpion entdeckte, rief ich begeistert meine Gefährten herbei, worauf Aghali sofort einen Stein ergriff und das Tier erschlug. Dieses Tier sei sehr gefährlich, so erklärte er sein Verhalten. 679 „normal“ seien, dass er als Führer hervorragende Arbeit leiste, und vor allem dass vielmehr sein jetziges Vorhaben, nämlich eine ihm anvertraute Gruppe mitten im Nirgendwo alleine zu lassen, gegen sein „Eschek“ verstoßen würde. 9 Ich konnte ihn damit überzeugen, weiter als unser Führer zu agieren. Am Vormittag des 4. Tages erreichten wir Bagzan n’Amas, das Hauptdorf am Bagzan, wo wir im Flussbett am Rande des Dorfes unser Lager aufschlugen. In einem nahe gelegenen Garten durften wir uns duschen und unsere Kleidung waschen. Zur Aufbesserung unseres Speiseplanes ließ ich Salat kaufen und eine Ziege, die sogleich geschlachtet und zubereitet wurde. Den Nachmittag nutz- ten wir ausschließlich zur Erholung und zum Fotografieren. Für unsere „Touristin“ stellte sich an diesem sehr schönen Lagerplatz das praktische Problem der Toilette: Unser Lager befand sich am Rande des Flussbetts zwischen zwei Siedlungen. Die nächs- ten natürlichen Gegebenheiten, die umfassenden Sichtschutz geboten hätten, lagen mehrere hundert Meter entfernt. Dadurch fand sich für Christiane in näherer Umgebung keine Möglichkeit einer „standesgemäßen“ Toilette, ein Anliegen, das bei unseren Führern keinerlei Verständnis fand. 10 Am Morgen des fünften Reisetages führten Aghali und ich einige Interviews mit Ortsansässigen durch, u. a. auch mit dem örtlichen Apotheker, der zum damaligen Zeitpunkt das einzige Motorrad am Bagzan besaß. Am frühen Nachmittag brachen wir in Richtung Südosten auf, um das Plateau zu verlassen. In der Nacht vom 31. Dezember 1999 auf den 1. Jänner 2000 lagerten in einem Flussbett einige Kilometer nördlich des Abstiegs. Für die Tuareg-Nomaden spielt unsere westliche Zeitrechnung keine Rolle. Insofern merkte man an jenem Vorabend des „neuen Jahrtausends“ in unserer kleinen, ungewöhnlichen Reisegesell- schaft nichts von diesem für Europäer so symbolträchtigen Zeitpunkt. Christiane und ich waren von der langen Wanderung viel zu erschöpft, um auf Mitternacht zu warten. Dafür tanzten wir am Morgen zur Begrüßung des „neuen Jahrtausends“ im Flussbett zu unseren eigenen Gesängen des Donauwalzers. An diesem Morgen war die Stimmung Aghalis abermals sehr gedrückt, weil die acht vereinbarten Tage zur Rückkehr nicht ausreichen würden. Ich musste ihn dahingehend beruhi- gen, dass ich keinerlei Einwände gegen die Bezahlung eines weiteren Tages hätte, worauf er wie- der zufrieden war. Ich stellte allerdings die Bedingung, den kürzest möglichen und am wenigstens anstrengenden Weg zurück nach Timia zu wählen. Abends lagerten wir am Fuße eines mit prähis- torischen Petroglyphen übersäten Felsen in einem Flussbett. Am Morgen des 8. Tages veranstaltete ich mit Aghali eine „Foto-Session“: Er hatte sich in seine besten Gewänder gekleidet, um in diesem prachtvollen Aufzug vor dem Hintergrund des Bagzan für eine Reihe von Fotos zu posieren. Außerdem waren einige Nomaden zu uns gekommen, die uns um ärztliche Dienste baten. Stunden später, in unserem Mittagslager, erschienen einige Noma- dinnen mit ihren Kindern, die uns ebenfalls um medizinische Hilfe baten. Aus diesem Anlass ver- strickten Aghali und ich uns in eine intensive Diskussion, weil wir beide uns empörten, dass die Kinder so schmutzigen waren: Ihre Augen, zu deren Behandlung die Nomadinnen um Augen- tropfen baten, waren von einer schwarzen Masse aus verdickter Tränenflüssigkeit und Staub um- geben. Auch die anderen weitgehend ausgeheilten Wunden, die wir behandeln sollten, waren von dicken Schmutzkrusten bedeckt. Ich stellte als Bedingung für meine Bereitschaft zu helfen, dass zuerst einmal die Kinder zu säubern seien. Erst im Anschluss daran versorgten wir die Augen und die Wunden der Kinder. Nachmittags bestiegen wir das Massiv von I-n-Efissak. Von hier aus eröffnete sich ein großartiger Blick auf die südlich gelegene Ebene und den Bagzan. Auf meine Bitte zum Zweck einer Fotogra- 9 Das jähzornige und überempfindliche Verhalten Aghalis hatte auch Gartung (2000) anhand zahlreicher Beispiele in seinem Buch über die Begleitung der Salzkarawane beschrieben. Allerdings ist zu Aghalis Verteidigung einzuwenden, dass ich auch Werner Gartung als einen etwas launischen und zur Dramatisierung neigenden Menschen kennen gelernt hatte. 10 In Timia ist es üblich, für solche Bedürfnisse das Gebiet der unmittelbar an das Dorf angrenzenden Felsen zu benutzen. In „freier Natur“ pflegen Tuareg zum Urinieren sich auf den Boden zu hocken und unter dem Schutz ihrer weiten Gewänder ihr „Geschäft“ zu verrichten. 680 fie kurz anzuhalten entgegnete Aghali, wir würden noch weitere Stellen passieren, die einen besse- ren Blick erlaubten und darum für Fotos besser geeignet seien. Leider stellte sich dieser Rat von Aghali als Irrtum heraus: Je mehr wir an Höhe gewannen, desto mehr schob sich ein Berg vor den Blick auf den Bagzan, sodass das Landschaftsmotiv seinen Reiz verlor, und ich entsprechend ent- täuscht war. Nachts lagerten wir in der Gabelung eines Tals, wo ich mit Aghali eine heftige Diskussion über den weiteren Verlauf der Rückreise führte. Aufgrund seines wenig überzeugenden Auftretens als ortskundiger Führer am Bagzan, wo wir uns verlaufen hatten, war mein Vertrauen in seine Orien- tierungsfähigkeit entsprechend beeinträchtig. Da ich selbst über keine Landkarte und noch kein GPS verfügte, war ich jedoch seinen Angaben auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. In der Diskus- sion vertrat ich die Ansicht, dass die Besteigung dieses Massivs an sich bereits gegen unsere Ab- machung verstoßen habe, den kürzesten und einfachsten Weg zurück nach Timia zu wählen. Zu diesem Zeitpunkt war Christiane – nicht zuletzt aufgrund anhaltender Durchfälle – bereits so ge- schwächt, dass sie zu fiebern begann. Darum appellierte ich an Aghali, für den Rückweg nach Ti- mia dem nach Norden verlaufenden Flussbett zu folgen. Dem gegenüber meinte Aghali, dieser Weg sei viel länger; weshalb er für den Aufstieg zum Hochplateau von Guide in nordöstlicher Richtung plädierte. Wenig überzeugt, aber um eine Eskalation zu vermeiden, stimmte ich Aghali zu und sprach ihm mein volles Vertrauen aus. 11 Abends fielen einige Regentropfen, was für diese Jahreszeit äußerst ungewöhnlich war. Die Lufttemperatur lag nur wenig über Null Grad. Am nächsten Morgen gewannen wir noch für einige Stunden an Höhe, bis wir das Plateau von Guide erreichten. Am Fuße des Canyons, der Richtung Timia führt, machten wir Mittagsrast. Ti- mia in nächster Nähe wissend, war die Stimmung mittlerweile wieder entspannt. Aghali und ich philosophierten über den Tourverlauf, und ich versprach ihm auf seinen Wunsch hin, die Tour ge- meinsam mit ihm genau auf Verbesserungsmöglichkeiten zu analysieren.12 Am späten Nachmittag zogen wir in Timia ein. Nach Schätzung von Aghali hatten wir in den vergangenen neun Tagen insgesamt 220 km zurückgelegt. 13 Leider hatte die Tour ein wenig erfreuliches Nachspiel: Einige Tage nach unsrer Rückkehr kam Aghali in unsere Unterkunft und forderte mit zornigem Gesichtsausdruck eine Gehaltsnachzahlung für seine Tourbetreuung. Diese Forderung widersprach sowohl der vereinbarten Pauschalzahlung für seine Dienste als Assistent und Führer als auch seiner Beteuerung am Bagzan, er würde seine Dienste nicht des Geldes wegen, sondern aus Überzeugung erbringen, und besonders gegen das Tuareg-Ethos „Eschek“. Erst als ich ihm eine angemessene Nachzahlung zugesichert hatte, wurde er wieder umgänglich. Sein Verhalten war für mich sehr enttäuschend, da ich Aghali stets eingela- den hatte, seine Gehaltsvorstellungen zu nennen, und er stets seine Freundschaft und seine Rolle als Assistent in den Vordergrund gestellt hatte. Vor allem hatte mich sein vorwurfsvolles, drohen- des Auftreten empört und mein Vertrauen in ihn beeinträchtigt. 14 11 Die spätere Nachverfolgung unserer Route auf einer detaillierten Karte gab letztlich mir Recht. 12 Unser Gespräch kreiste auch um Aghalis Erfahrungen mit Werner Gartung und dessen Darstellung von Aghalis Auftreten bei Gartungs Salzkarawanen-Tour (vgl. Gartung 2000). Aghali bat mich um Rat, wie er Gartung zwingen könne, diese Schilderungen zu unterlassen. Erstaunlicherweise hatte Aghali einige Tage später Gartung, als dieser im Zuge einer Gruppenreise in Timia Station machte, herzlich willkommen geheißen. 13 Angesichts der 8 Tage, die wir unterwegs waren, haben wir rechnerisch ein Tagespensum von knapp 28 km zurückgelegt. So war es nicht erstaunlich, dass Christiane aus Erschöpfung erkrankt war. Am Tag nach unserer Ankunft lag ich ebenfalls danieder. 14 Dieses Defizit der geschäftlichen Unverlässlichkeit trat in weiterer Folge immer wieder auf. Für die Organisation der Hochzeit stellte Aghali im Nachhinein mehrmals neue Forderungen. Als Christiane Aghali gebeten hatte, anlässlich meines Geburtstags ein Tuareg-Schwert zu einem vereinbarten Preis zu besorgen, versuchte Aghali schließlich den doppelten Preis zu fordern; auch Hou- ché, mein Partner von Tchimizar V., bat mich, ihn nicht weiter zu einer Kooperation mit Aghali anzuhalten, weil dieser wiederholt vor der Abreise der Reisegruppen überhöhte Zahlungen in Rechnung stelle, die allen Vereinbarungen widersprachen. Als ich diese Vorkommnisse Mouha Ilo berichtete, erzählte mir dieser, Aghali habe einige 1000 DM, die ihm als Ergebnis einer deutschen Schul- sammlung anvertraut worden waren, veruntreut. Nach meiner Rückkehr bestätigte mir Gerd Spittler diesen Vorfall mit dem Hin- weis, „Aghali wird diese Schuld zurückzahlen“. Bedauerlicherweise hatte mich Spittler, als er mir Aghali empfohlen hatte, nicht vor dessen Umgang mit finanziellen Vereinbarungen gewarnt. 681 20.2.3 Touranalyse Die Diskussion der Stärken und Schwächen der Tour mit Aghali kam bedauerlicherweise nicht zustande, da Aghali – wie ich bei den Schwächen der Tour noch erörtern werde – kritische Anre- gungen zu persönlich nahm. Zusammenfassend lassen sind die folgenden Punkte festzuhalten. 20.2.3.1 Stärken und Chancen der Tour Intimität: Aghali war es wie schon während der ersten Tour in hohem Maße gelungen, eine intime Stimmung aufkommen zu lassen. Im Großen und Ganzen wäre die zweite Tour sehr harmonisch verlaufen, wenn sich nicht neue touristische Anforderungen gestellt hätten. Manchmal war er auf rührende Weise bemüht, den Wünschen Christianes gerecht zu werden, in- dem er ihr etwa während einer Mittagspause einen eigenen Sitz aus Stein konstruierte, um ihre Kreuzschmerzen zu lindern. Information: Aghalis Erzählungen lockerten die Atmosphäre auf und stellten eine große informative Berei- cherung dar. Sie vermittelten interessante, unverhoffte Aspekte über Land und Leute sowie über seine persönlichen Erfahrungen. Vermittlung: Durch seine Vertrautheit mit der Bevölkerung vermittelte er uns häufig gute Kontakte zu den No- maden. So organisierte uns Aghali eine Duschmöglichkeit in einem Garten in Bagzan n’Ammas, obwohl das Duschen in der Bevölkerung unüblich ist. Feedback: Die größte Stärke Aghalis war zweifellos das Übersetzen der Gespräche ins Tamaschek bzw. vom Tamaschek ins Französische. Hier leistete er mir zweifellos herausragende Dienste. Doch er erwies 682 sich auch als ein reflektierender, umsichtiger Berater in der Diskussion kritischer Aspekte des Tou- rismus. So entwickelte ich gemeinsam mit Aghali die Idee, von den Nomaden für ärztliche Hilfe, sofern es sich um keinen Notfall handelt, eine ideelle oder materielle Gegenleistung zu verlangen, damit der Bevölkerung der Wert der Medikamente, aber auch der traditionellen Heilkunst bewusst würde. In diesen Kompetenzen war Aghali zweifellos durch seine Tätigkeiten für Gerd Spittler und diverse andere Projekte geschult worden. 20.2.3.2 Mängel der Tour Informationsdefizite: Die größten Probleme während der Tour resultierten aus dem mangelhaften Informationsfluss zwi- schen Aghali und mir. Obwohl er nach eigenen Angaben bereits als Reiseführer gearbeitet habe, fehlte ihm jegliches Verständnis für den hohen Informationsbedarf der Touristen, die fremde Regi- onen bereisen. Die Tagesetappen wurden ohne Besprechungen abgespult, wodurch wir nur unge- fähr vermuten konnten, wo wir uns befanden, wohin wir uns begeben würden, welche Strecken noch zu bewältigen seien und wo es Rastmöglichkeiten gäbe. 15 Diese Informationen wären jedoch für mich in Hinblick auf spätere Touren, und für unsere „Touristin“ zur Beruhigung notwendig gewesen. Besonders ernüchternd waren Aghalis widersprüchliche Aussagen. Einmal hatte er uns aufgefor- dert, unsere Präferenzen bezüglich Lagerplätze und Dauer der Märsche zu äußern. Unseren einzi- gen, dahingehenden Wunsch, das Lager vor Sonnenuntergang aufzuschlagen, hatte er jedoch mit dem Hinweis ignoriert, man müsse sich nach den Futtermöglichkeiten für die Kamele richten. Da- mit verlor er viel an Glaubwürdigkeit. Bei diesem Informationsdefizit handelt es sich freilich um eine kulturspezifische Problematik, die offensichtlich nur durch westliche Reiseleiter oder durch entsprechendes Training der potenziellen Kel-Timia-Reiseleiter kompensiert werden kann. Denn unter Hirtennomaden sind Erörterungen des Aufenthalts und des bevorstehenden Wegs unüblich. Über ähnliche Erfahrungen mit seinem drei- zehnjährigen Führer während einer Bagzan-Besteigung berichtet auch Gardi: „Vernünftige Aus- kunft auf unsere ungeduldigen Fragen konnte uns der junge Führer nicht geben, er wusste weder, wie viele Stunden man bis in sein Dorf zu gehen haben werde, oder gar, wie viele Kilometer noch fehlten, wenn wir einmal oben auf dem Plateau angelangt seien. So war es also eine wunderliche Wanderung ins Blaue (...), aber der wortkarge Bub fand den Weg und auch das einzige Wasser- loch.“ 16 Auf die Fragen nach dem verbleibenden Weg antwortete der Junge meist „Encore en pee“ 17: noch ein wenig! Ähnlich war es uns mit Aghali ergangen. Hätte Aghali mich auf die zu erwartenden Strapazen vor der Tour aufmerksam gemacht, dann hätte ich kürzere Etappen oder mehr Reisetage erbeten. So blieben uns lediglich ein Nachmittag und der darauf folgende Vormittag zur Erholung. Vor der Tour hätte ich gerne mit Aghali die Ausrüstung mit Nahrungsmittel besprochen, doch verweigerte Aghali die Informationen. 15 Dieses gravierende Defizit wies übrigens auch die „Reiseleiterin“ Eva Gretzmacher während der Aïr-Tour im Oktober 1997 auf. Erst viele Jahre später begriff ich im Zuge meiner Kartenstudien, dass wir damals z. B. das Dorf Tintelloust passiert hatten, worüber wir mit keinem Wort informiert worden waren. Überhaupt wies Gretzmacher damals zahlreiche Defizite auf, die für Nomaden ohne Tourismuserfahrungen typisch waren. 16 Gardi 1972, S. 152. 17 Ebd., S. 158. 683 Aghali vermochte nicht einzuschätzen, welche Strecken einer jungen europäischen, unerfahrenen Frau unter normalen Umständen zumutbar seien. Dies zeigte sich besonders am Beispiel der Extra- tour. Zweifellos wollte er uns damit einen Gefallen tun, und wäre ich, der ich zu körperertüchti- genden Extratouren neige, alleine mit Aghali unterwegs gewesen, so wäre dieser Ausflug ein e- normer Erfolg geworden. So aber hatte Aghali die Warnungen, Christiane sei erschöpft und wir führten nur einen Liter Wasser mit, ignoriert und unsere „Touristin“ dadurch ernstlich gefährdet. 18 Mangelndes Verständnis für sonstige Bedürfnisse von Europäern: Wie Aghali wenig Verständnis für den richtigen Moment für Landschaftsaufnahmen aufbringen konnte, mangelte es ihm auch an Verständnis für die Bedürfnisse weiblicher Touristen, wie einem vor Blicken geschützten Ort für die Toilette im Umkreis eines Dorfes. Mangelnde Kritikfähigkeit: Infolge des mangelhaften Informationsflusses kam es zwangsläufig zu vermeidbaren Missver- ständnissen und zu vermeidbaren Missstimmungen. Im Falle von Meinungsverschiedenheiten ver- schanzte sich Aghali hinter seinem “Eschek” und weigerte sich, die Möglichkeit eines Missver- ständnisses oder gar Irrtums zu akzeptieren. Dadurch war ich als der für Christiane verantwortliche „Reisebegleiter“ häufig gezwungen, dieses Informationsdefizit und den damit verbundenen Orien- tierungsverlust unserer „Touristin“ zu kompensieren. Ich musste zwischen den unterschiedlichen Sichtweisen – hier traditioneller Tuareg, da moderne, europäische Studentin, eine für den von Ti- mia so dringend erwünschten Tourismus höchst typische Situation – vermitteln, was mir nicht im- mer gelang. Aghali reagierte auf manche unserer Fragen unwirsch oder gar mit Vorwürfen. So warf er uns vor, wir zwei würden zu langsam gehen und damit das geplante Fortkommen behindern. In Wahrheit konnten wir morgens immer erst zu fortgeschrittener Stunde aufbrechen, weil Mohamed zuweilen mehrere Stunden benötigte, um die Kamele einzufangen, und da Kamele in einem äußerst gemäch- lichen Tempo zu schreiten pflegen, waren wir nicht langsamer. Der Vorwurf war somit Ausdruck eines unbewältigten Problems. Mängel meinerseits: Nach dem enormen Erfolg der ersten Tour hatte ich fälschlicherweise erwartet, dies ließe sich wie- derholen. Dabei entstand durch die Teilnahme einer vierten Person, die über keinerlei Wüsten- und Kameltrekking-Erfahrung verfügte, eine völlig neue gruppendynamische Situation. Während ich auf der ersten Tour vollkommen offen für Aghali und sämtliche auf uns zukommenden Belastun- 18 Aghalis mangelhaftes Einschätzungsvermögen, welche Distanzen einem Europäer zumutbar seien, bestätigte auch eine Schweizer Touristin, die im Dezember 1999 ebenfalls Timia bereist hatte und vor dort aus nach Agadez per Kamel gewandert war. Wie sie später berichtete, hatte sie sich bei Aghali nach der Zeit erkundigt, die man für die Kameltour bis nach Elmeki, ca. 100 km hinter Timia auf halber Strecke nach Agadez gelegen, einplanen müsste. Nach Aghalis Angaben sei dies mit Gepäck auf den Schultern in zwei Tagen zu bewerkstelligen. Nach ihrer eigenen Erfahrung hatte sie dafür drei Tage gebraucht und sei dabei an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit gestoßen. 684 gen war, die ich als „Abenteuer“ empfand, war ich nunmehr verantwortlich für Christiane. Plötz- lich war ich einem gravierenden Rollenkonflikt zwischen dem verantwortlichen Vertrauten meiner Gefährtin einerseits und dem Forscher und Freund Aghalis andererseits ausgesetzt. In mancher Situation fühlte ich mich damals noch emotional überfordert. In dieser Situation mangelte es mir auch an der nötigen Empathie für den neuen Rollenkonflikt Aghalis als fürsorglicher „Reiseführer“ einerseits und Verantwortlicher der Kamele andererseits. Die nötigen Informationen hätten mir die Bewältigung meiner Arbeit beträchtlich erleichtert. 20.2.3.3 Fazit Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass es Aghali als Reiseleiter für den Umgang mit Pau- schaltouristen an einigen grundlegenden Kompetenzen aus dem Bereich des Hospitality Manage- ments mangelt. Andererseits würde ich Aghali jederzeit an Individualreisende empfehlen, die selbst über die nötigen Informationen zur Orientierung (Karten, GPS etc.) verfügen und bereit sind, die „Dinge auf sich zukommen zu lassen“. Für solche Fälle kenne ich im Raum Timia keinen bes- seren Organisator. In jedem Fall zu empfehlen ist Aghali für die Organisation lokaler Touren sowie als Lokalführer und Übersetzer. 19 Die Region um Timia selbst ist aufgrund ihrer vielfältigen Landschaftsformen und ihrer relativen Nähe zum Bagzan 20 hervorragend für kommerzielle Touren geeignet, wie sie derzeit von „Croq’Nature“, „ Desert Team“ und „b&b Westafrikaspezialist“ angeboten werden. 21 Der wohl größte Erfolg dieser Tour war mein Gewinn an Erfahrung im Bereich der interkulturellen Kommunikation zwischen einer Großstadt-Touristin und einigen Kel Timia, aber auch über meine eigenen Projektionen und Erwartungen. Die Tour war somit für mich ein wichtiger Schritt zum besseren Verständnis des Tourismus bei den Kel Timia. 20.3 Die Errichtung einer Herberge im Fort Massu Die Befragung der Bevölkerung von Timia hatte klar ergeben, dass der Tourismus stark befürwor- tet und das kurze Verbleiben der Touristengruppen bedauert wird. Gespräche mit Touristen und Reiseagenturen hatten demgegenüber ergeben, dass ein wesentlicher Grund des kurzen Verbleibs der Touristengruppen in Timia darin zu finden ist, dass Einrichtungen wie z. B. Cafés oder dgl., wohin sich Touristen zurückziehen könnten, fehlen. In der traditionellen Nomadengesellschaft der Kel Ewey erfüllte die Moschee, der Hauptplatz vor der Kooperative oder der Palaverbaum dieses Erfordernis. Insofern gab es bislang in Timia keine derartigen Räumlichkeiten. Dies brachte mich auf die Idee, eine „touristische Barriere“, eine besondere Attraktion, die die oben genannten Bedingungen erfüllen kann, in Timia zu aktivieren. Dazu schien sich das im Som- mer 1999 von den „Amis de Timia“ renovierte Fort Massu in mehrerer Hinsicht zu eignen: 19 Ein besonderes Lob gebührt Mohamed, Aghalis Cousin, der sich als Kamelführer und als Koch hervorragend bewährt und dabei steht eine stoische, angenehm wirkende Ruhe ausgestrahlt hatte. 20 Die Luftlinie zwischen Timia und Bagzan n’Ammas beträgt 45 km. 21 Siehe dazu das Kap. „Tourismus bei den Kel Timia/Die Geschichte des „Timia-Tourismus“/Der Tourismus seit Rebellionsende“ bzw. „Der Markt des Tuareg-Tourismus/Der europäische Markt der Niger-Anbieter/Das Angebot an Niger-Touren/Die Angebots- vielfalt“. 685 1. Das Fort wurde exakt im Stil des Gebäudes der 50er-Jahre renoviert und stellt das einmalig intakte Beispiel eines militärischen Forts 22 aus der Kolonialzeit dar. Insofern ist das Fort von höchstem militärhistorisch-architektonischen Interesse. 2. Besonders attraktiv ist die exponierte Lage des Gebäudes auf dem Hügel Tawadu, von wo sich ein phantastischer Ausblick auf das Dorf, die sich unter dem Fort ausdehnenden Gärten und die umliegende, wildromantisch erscheinende Berglandschaft eröffnet. 3. Zusätzlich war von den „Amis de Timia“ geplant, auf dem Fort aufgrund der idealen Bedin- gungen (Höhenlage von ca. 1.400 Meter und extrem trockene Luft) ein permanentes Teleskop zu installieren und Timia als astronomisches Forschungszentrum zu etablieren. 23 4. Für Touristen böte das Fort eine Gelegenheit, sich ein wenig zurückzuziehen und den Ausblick in Ruhe zu genießen. 24 5. Durch intensivere Nutzung des Forts bekäme Timia, das bislang zumeist nur mit der „Casca- de“, dem Wasserfall über dem Guelta, identifiziert wird, ein zusätzliches, einprägsames und unverwechselbares Image, das im hohen Maße vermarktungsfähig wäre. Dies gilt insbesondere auch für die Idee des astronomischen Forschungszentrums. 6. Für den Schmuckverkauf würde zusätzlich zu den zwei damals bestehenden neuralgischen Punkten (Palaverbaum und Guelta) eine dritte Zone geschaffen werden. Der Vorteil des Forts gegenüber den zwei übrigen Plätzen bestünde darin, dass das Fort weder so exponiert wie das Guelta, noch so ungeschützt wie der Platz beim Dorfbrunnen an der Piste wäre. Die Touristen hätten in den Räumen erstmals Gelegenheit, unter den Produkten des Kunsthandwerks mit Mu- ße bei einem Glas Tee zu wählen, wodurch eine Steigerung des Umsatzes erwartet werden könnte. 25 7. Der Innenraum des Forts eignet sich in besonderem Maße zur Nutzung als Museum für regio- nales Kunsthandwerk. Hier könnten besonders attraktive und gelungene Produkte wie Sättel, Ledertaschen und Schwerter ausgestellt und feilgeboten werden, wodurch im Fort der Effekt der Innendekoration mit dem der Werbung für das Timia-Kunsthandwerk kombiniert werden könnte dem der Schaffung zusätzlicher Verkaufsflächen und einer Dokumentationsstätte. Dies trüge zusätzlich zur Förderung eines besonderen Images von Timia bei. 8. Hier böte sich die Möglichkeit, mittels einer Art von Bon-System für den Besuch des Forts eine Eintrittsgebühr zu verlangen, die jedoch als Gutschein für den Konsum von Kaffee oder Tee oder den Kauf einer Postkarte einzulösen wäre. 9. Das Fort eignet sich in herausragender Weise für die Einrichtung einer Art Gaststätte, etwa eines „Café“, wo neben üblichen Erfrischungsgetränken wie Softdrinks, Kaffee etc. auch regio- nale Produkte wie „Tuareg-Tee“ und Produkte der örtlichen Land- und Viehwirtschaft, nämlich Obst, Salate, Käse, Fruchtsäfte etc., den Touristen angeboten und damit vermarktet werden könnten. 10. Das Fort eignet sich wegen seiner durch Teppiche abgeschirmten Räume und der Ausstattung mit einer Toilette zusätzliche auch zur Nutzung als „romantische“ Unterkunftsmöglichkeit, wodurch dem Dorf zusätzlichen Einnahmen durch Übernachtungsgebühren zufließen würden. 22 Allerdings wurde das Fort niemals militärisch genutzt. Es war allein zu Trainingszwecken im Hinblick auf den Krieg in Indochina gebaut worden. 23 Im Jahr 2001 wurde tatsächlich ein Teleskop nach Timia gebracht, doch scheiterte die Installation am instabilen Lehmdach. Zu- dem ging sehr bald das Okular verloren. Der Plan wird von den „Amis de Timia“ weiterhin verfolgt, doch werden für die Realisie- rung Sponsoren gesucht. 24 Zum damaligen Zeitpunkt war die Schule aufgrund ausbleibender Gehaltszahlungen an das Lehrpersonal infolge der Finanzkrise des Staats geschlossen. So hielten sich die Kinder auf der Straße auf und belästigten zum Teil in aufdringlicher Weise die Touristen. Dieses Problem hat sich mittlerweile durch die Wiederaufnahme des Unterrichts gelöst. 25 Mittlerweile wurde neben dem Campingplatz eine Produktions- und Verkaufsstätte für die Schmiedekooperative errichtet, die nahe gelegen und gut geschützt ist und den potenziellen Kunden genug Ruhe zum Zusehen und Aussuchen belässt. Allerdings kann man dort nichts konsumieren. 686 11. Die Umgestaltung des Forts wäre mit geringstem finanziellen Aufwand zu bewerkstelligen und würde zur Steigerung der Einnahmen aus dem Tourismus beitragen. Sollte das Fort hinreichend angenommen werden, so würde dies in weiterer Folge zur Einrichtung einiger Arbeitsplätze beitragen: Servierpersonal, lokale Führer, Schmuckhändler, Museumspädagogen etc. Angesichts dieser Voraussetzungen und Möglichkeiten entspräche das Fort von Timia den Krite- rien für die Förderungswürdigkeit von gtz-Projekten, wonach diese ein angemessenes Verhältnis von Preis, Leistung und Attraktivität bzw. Einzigartigkeit des Angebotes aufzuweisen haben. 26 Dies besagt freilich noch nicht, dass dieses Angebot dann auch von den Reiseagenturen an- genommen und beworben werden würde. 20.3.1 Der ursprüngliche Plan Von den günstigen Voraussetzungen des Forts überzeugt, beschloss ich im Jänner 2000, gemein- sam mit Aghali das Fort in ein traditionelles Café und eine Herberge umzugestalten. Dieses Projekt war zum damaligen Zeitpunkt auch schon von den „Amis de Timia“ diskutiert worden. Für die Durchführung des Projekts eignete sich Aghali in besonderem Maße aufgrund seiner Sprachkom- petenz (Französisch und etwas Deutsch), seiner langjährigen Erfahrung im Umgang mit Fremden und einer gewissen Geschäftsführungskompetenz. Hinsichtlich seiner empathischen Mängel nahm ich an, er würde diese durch „Learning by doing“ kompensieren. Der Projektvorschlag und Aghalis Verantwortlichkeit wurden vom Dorfchef unverzüglich angenommen und nachträglich von Michel Bellevin als Vertreter der „Amis de Timia“. 20.3.1.1 Die Förderung des blinden Glob Anfangs verfolgte ich noch eine karitative Idee. Da der Bereich des Schmuckverkaufs innerhalb des Forts ohnedies nur Raum für eine beschränkte Zahl von Händlern bot, sollte das Verkaufsprivi- leg einem jungen blinden „Chasse“ namens Glob überlassen werden. 27 Dadurch könnte der be- nachteiligte Glob seine Waren am Ende des Tages im geschützten Fort belassen, wäre selbst nicht Wind und Wetter ausgesetzt und hätte schließlich durch die nächtigenden Touristen eine sehr ge- duldige, aufgeschlossene Klientel. Weil er zudem aber Waren der Schmiede von Timia auf Kom- mission verkaufen würde, kämen auch diese in ausreichendem Maße auf ihre Rechnung. Auf diese Weise würde die physische Benachteiligung von Glob kompensiert, wobei die Kunsthandwerker des Dorfes sogar noch mitverdienen könnten. Andererseits wären die Gäste durch Globs unauf- dringliche Art nicht belästigt. Diese Idee wurde vom Dorfchef ebenfalls genehmigt. 26 Steck, Strasdas, Gustedt 1999, S. 20. 27 Glob leidet an einer unheilbaren Augenkrankheit und soll schon mit Hilfe von Mano Dayak zu Untersuchungen nach Frankreich geflogen sein. Eine weitere, von den „Amis de Timia“ arrangierte Operation in Frankreich erbrachte ebenso nicht den erhofften Erfolg. Glob war Halbwaise. Schließlich starb auch seine schwer kranke Mutter im Jahr 2003. 687 20.3.1.2 Das Fort als Museum und Auslage Zur Steigerung der Attraktivität des Innenraums wurden die Handwerker eingeladen, besonders schöne Produkte wie Ledertaschen etc. herzustellen. Diese würden dann im Fort aufgehängt und mit Preisen und den Namen des jeweiligen Produzenten ausgezeichnet werden. Auf diese Weise wären Werbecharakter und Verschönerungseffekt kombiniert. Diese Idee wurde von den Schmie- den ursprünglich begeistert aufgenommen. 20.3.1.3 Das Fort als Café Das „Café du Fort“ sollte den Reisenden als Aussichtspunkt sowie als Ort der Muße, der Erholung und der Inspiration dienen. Dazu sollten einerseits typische westliche Produkte wie Softdrinks, Kaffee und Tee, andererseits aber typische lokale Speisen und „Delikatessen“ angeboten werden. Zu diesen gehören besonders der bei Tuareg und Touristen sehr beliebte „Ashahi“, der Tee, wel- cher aus grünem chinesischen Tee in einer kleinen Kanne unter Zugabe von wenig Wasser und großen Stücken eines Zuckerhuts zubereitet wird. Das Besondere an diesem Tee ist das Zeremo- niell, wonach der Tee zur besseren Auflösung des Zuckers mehrmals in einem langen Strahl in ein schnapsglasgroßes Teeglas gegossen und wieder zurückgelehrt wird. Traditionellerweise werden drei „Touren“ des Tees genossen, wobei zu jeder neuerlichen „Tour“ lediglich Zucker hinzugefügt wird. Weil der Tee mit jedem neuen Aufguss schwächer und süßer wird, pflegen die Tuareg zu sagen, das erste Glas sei bitter wie das Leben, das zweite sei mild wie die Liebe, und das dritte sei süß wie der Tod. Die Alltagsnahrung der Tuareg ist der Hirsebrei (eshink n enele), der aus gestampfter Hirse und Wasser zubereitet wird. Wird dem Brei Milchpulver und Zucker hinzugefügt, stellt er eine köstli- che Süßspeise dar. Für die europäische Zunge etwas gewöhnungsbedürftig, in jedem Fall aber wert, gekostet zu wer- den, ist das „Tuareg-Müsli“ (eghale), ein Gemisch aus Hirse, Käse, Datteln und Wasser, das von den Karawaniers unterwegs gegessen wird. Auch die Trockenmasse ohne Wasser hat einen ange- nehm süßlichen Geschmack. Eine besonders schmackhafte Spezialität sind die in heißem Fett gebackenen Weizenfladen (ta- guella) 28, die im heißen Zustand knusprig sind. Darum sollten sie stets frisch verzehrt werden. Fleisch wird bei den Kel Ewey traditionellerweise nur zu besonderen Anlässen, wie religiösen Fes- ten, Geburten, Namensgebungsfesten, Hochzeiten oder beim Besuch besonderer Gäste verzehrt; 29 das ist eine Tradition, die auch Ausdruck des beschränkten Wohlstandes ist. Dann aber werden ausgesprochene Köstlichkeiten zubereitet, wie z. B. das „Meshoui“, eine über der offenen Glut im Ganzen gegrillte Ziege oder ein Hammel. Die Spezialität der Nomaden schlechthin ist der Ziegenkäse (Takammart). Schon Heinrich Barth hatte vom berühmten Aïr-Käse geschwärmt. 30 Der Käse wird überwiegend während der Regenzeit wegen des in dieser Periode größeren Nahrungsangebots für Ziegen hergestellt. Zur Käsege- winnung wird frische Ziegenmilch fermentiert, wozu der Magen einer neugeborenen Ziege ver- 28 Taguella ist eigentlich die Bezeichnung für Fladenbrot, das im Busch in der heißen Asche gebacken wird (vgl. Bode 2001). 29 Vgl. Bernus 1993, S. 212. 30 „Wir waren höchst begierig, von dem berühmten Aïr-Käse zu kaufen, nachdem wir auf der ganzen Reise durch die Wüste lebhaf- teste Sehnsucht getragen und mit dessen Vorspiegelung wir oft unsere sinkenden Lebensgeister aufgemuntert hatten.“ Barth bedau- ert aber, nicht imstande gewesen zu sein, „auch nur einen einzigen kleinen Käse“ erstanden zu haben (Barth 1986, S. 146). 688 wendet wird. Die fermentierte Masse wird in kleinen Mengen in einem Bastgeflecht ausgepresst. Dadurch erhält der Käse die typische quadratische Form und die mit Linien bedeckte Oberfläche. Der Käse schmeckt im frischen Zustand nach Mozarella, im fortgeschrittenen Reifestadium nach Parmesan. Am liebsten essen ihn die Tuareg zum Tee. 31 Der Käse besitzt gute Lagerfähigkeit, so- dass er im Fort an Touristen nicht nur zum sofortigen Genuss, sondern auch als Reiseproviant ver- kauft werden könnte. Schließlich bieten sich sämtliche Produkte des regionalen Gartenbaus zum Verkauf an. Mit grünem Salat, Tomaten, Zwiebeln und Kräutern lassen sich exzellente Salate zubereiten, gewürzt mit einem Dressing aus ebenfalls lokal angebauten Limonen und Bilma-Salz. Aus den Früchten, insbesondere den süßen Orangen und Pampelmusen (Grapefruits), lassen sich köstliche Fruchtsalate, garniert mit Granatapfelkernen, zubereiten und Fruchtsäfte pressen. Zudem lassen sich die Früchte ebenfalls als Reiseproviant verkaufen. Aghali wurde beauftragt, das Fort für den 8. Feber 2000 zur Eröffnung des „Café du Fort“ als Un- terkunft für eine Reisegruppe von 6 Personen herzurichten und ein Ziegen-Meshoui vorzubereiten. Außerdem sollte Aghali als besonderen Marketing-Event für den folgenden Tag ein großes Hoch- zeitsfest mit allen wichtigen Zeremonien, Reiterspielen, Tamtam und einem großen Dorffest-Essen organisieren. Ziele dieser „Feuerprobe“ des „Café“ waren 1. die Organisations- und Servicefähigkeiten Aghalis und seiner Mitarbeiter mit einem „nor- malen“ touristischen Klientel zu testen, um so auf besondere Mängel aufmerksam zu werden, 2. die Akzeptanz des „Café du Fort“ unter den Touristen und der Crew zu beobachten; 3. das Verhalten von Crew und Touristen gegenüber der Bevölkerung zu beobachten, um auf et- waige Problembereiche zu stoßen. 32 20.3.2 Die konkrete Umsetzung des Fort-Projekts Die wichtigste Ausstattung des Cafés mit Stühlen und Tischen, aber auch das nötige Service- personal konnte Aghali ohne größere Probleme organisieren. Hinweisschilder wurden gemeinsam entworfen und an der Außenwand des Forts, am Fuße des Aufstiegs sowie an der Zufahrt zum Guelta aufgestellt. 20.3.2.1 Politische Widerstände Alsbald stellten sich jedoch erste politische Probleme ein. Achmed Hadda, der Chef der Schmiede- kooperative, sprach sich anfangs völlig gegen die Realisierung des Café-Projekts aus, weil er mein- te, dies würde zu finanziellen Einbußen der Schmiede führen. Außerdem sprach er sich gegen ein Verkaufsprivileg von Glob aus. Nach meiner Einschätzung resultierte der Widerstand aber aus der Befürchtung, persönlich an Ein- fluss zu verlieren. Zwangsläufig fehlte ihm das Verständnis für die wesentlichen Zusammenhänge der Tourismusökonomie, die von der Stimulation der Nachfrage durch Schaffung von attraktiven Angeboten lebt. Im Gegensatz dazu reagiert die traditionelle Ökonomie nur auf konkrete Nachfra- 31 Vgl. Bernus in Decoudras/Durou 1994, S. 68. 32 Zu den Zielen des Hochzeitsfests siehe im nächsten Unterkapitel. 689 ge. Mein Fehler hatte freilich darin bestanden, nicht rechtzeitig alle möglichen Interessensgruppen in Gespräche eingebunden zu haben, nachdem die Idee für das Fort spontan entstanden war. Dies ha- be ich jedoch sofort nachgeholt. In einem Gespräch mit Achmed konnte ich die Vorteile und Chan- cen des Fortprojekts für die Schmiede erläutern. Allerdings überzeugte mich Achmed davon, dass Glob wegen seiner Beeinträchtigung einen Vertrauten der Schmiede an seiner Seite haben müsse. 20.3.2.2 Widerstände der „Amis de Timia“ Wenig Begeisterung meinte ich in weiterer Folge auch von Michel Bellevin sowie bei Moussana Alkabous für das Projekt zu verspüren. Nach deren Ansicht war Tourismus „keine Priorität für Timia“. Auch meine Argumentation, wonach lediglich solche Maßnahmen getroffen würden, um die bereits vorhandene Infrastruktur für vorhandenes Tourismusaufkommen zur Erzielung von zu- sätzlichen Einnahmen für das Dorf zu nutzen, konnte die „Amis de Timia“ nicht ernsthaft überzeu- gen. 33 20.3.2.3 Die Museumsidee Traditionelle Handwerker pflegen extrem knapp zu kalkulieren und produzieren selten Waren auf Vorrat, insbesondere dann nicht, wenn es sich um besonders schöne, aufwendige Stücke handelt. Für Spezialanfertigungen wird in der Regel eine Anzahlung für den Kauf des Arbeitsmaterials ver- langt. Leider war keiner der Schmiede bereit, das Risiko der Produktion auf „Vorrat“ auf sich zu nehmen. Darum scheiterte einstweilen das Vorhaben, das Fort zu einem Schauraum für Tuareg- Produkte umzugestalten. Dadurch ging die Chance ungenutzt verloren, auf einfachste Weise ein effektives Marketing für regionale Handwerksprodukte zu betreiben. In weiterer Folge genügte auch der bisherige Impuls nicht für die Nutzung des Forts als Regionalmuseum. Allerdings soll Gerd Spittler weiterhin den Plan einer Museumseinrichtung mit Texten, Fotos und Fundstücken verfolgen. 34 Inzwischen haben die „Amis de Timia“ einige besondere Einzelstücke, z. B. auch ein Gemälde von Timia, gemalt von einem französischen Künstler, im Fort ausgestellt. Das könnte ein erster Anfang sein. Solange aber der Innenraum des Forts keine Attraktion bietet, ist eine Eintritts- gebühr in der Höhe von 500 FCFA (75 Euro-Cent) vor Touristen schwer zu begründen. So über- rascht es auch nicht, dass in weiterer Folge die Nachfrage nach Fort-Besuchen (gegen Eintrittsge- bühr) relativ gering blieb. 33 Dies war letztlich auch der Hauptgrund dafür, weshalb ich in weiterer Folge Timia durch den Besuch der Kneissl-Reisegruppen und die Bestellung von Kamelreiter-Aufführungen, durch die Postkarten (siehe dazu den letzten Punkt dieses Kapitel) und sonstige touristische Werbung unterstütze. Im Übrigen aber engagierte ich mich nach Abschluss der Testphase und einem ersten Besuch im Zuge einer Kneissl-Tour im Jahr 2001 für das Projekt „Café du Fort“ nicht mehr weiter. 34 Hinw. von Michel Bellevin, E-Mail vom 4. 7. 2004. 690 20.3.2.4 Irrtümliche Privilegierung von Glob Entsprechend den Vereinbarungen mit Achmed konnte Glob anfangs in Begleitung eines engen Vertrauten sowie eines Vertreters der Schmiedekooperative im Fort seine bescheidene Waren- auswahl anbieten. Die Idee mit dem Verkauf auf Kommission war dagegen nicht angenommen worden. Zwar erwies sich meine Überlegung, dass Globs Behinderung zu seinem besonderen Ver- kaufserfolg beitragen könnte, anfänglich als richtig, leider stand aber der enorme Aufwand für Glob in keinem Verhältnis zur anfangs noch geringen Zahl an Fortbesuchern: Der blinde Glob musste jeden Tag über den steilen Pfad zum Fort hoch geführt werden und dort auf Kunden warten. Außerdem stellte sich die Idee einer Privilegierung generell als irriges westliches Konzept heraus. Dadurch drohte Glob mehr an existenziell wichtiger Solidarität seitens der Dorfbewohner zu verlie- ren, als ihm an konkreten Vorteilen daraus erwachsen hätte erwachsen können. Mittlerweile hat sich die Nutzung des Verkaufsraums in und vor dem Fort nach internen Kriterien geregelt und wird von einigen Schmieden und „Chasses“ wahrgenommen, indem ein großes Reper- toire an regionalen Handwerksprodukten angeboten wird. 20.3.2.5 Marketing Nach meiner Rückkehr von Timia nach Agadez informierte ich jene nigrischen Agentur-Chefs, mit denen ich noch keine Interviews geführt hatte, sowie befreundete Agentur-Chefs vom Fort-Projekt und befragte sie dazu nach ihrer Meinung. Dabei zeigten sich die meisten meiner Interviewpartner angetan von der Idee und stellten den Besuch des Forts mit ihren Reisegruppen in Aussicht. Die Besucherzahl blieb aber weiterhin gering, was sich jedoch durch die bereits genannten und noch zu erörternden Schwächen erklären lässt. 20.3.3 Die erste Nächtigung am 8. Februar 2000 Die erste kommerzielle Gruppe, die das „Café du Fort“ offiziell besucht und als Herberge genutzt hatte, war unter meiner Führung am 8. Februar 2000 in der Absicht gekommen, bis zum Morgen des 10. Februars zu bleiben. Zu diesem Zeitpunkt hatte Aghali alle notwendigen Vorbereitungen zufrieden stellend veranlasst. Der offene Kamin war gebrauchsfähig, die zwei Seitenräume mit Matratzen und Vorhängen ausgestattet, Trink- und Nutzwasser sowie Beleuchtungskörper 35 her- beigeschafft. Bei unserer Ankunft am späten Nachmittag schmorte bereits eine duftende Ziege über glühenden Kohlen. Alles schien soweit perfekt. Leider wurde die Ziege zu früh vom Feuer ge- nommen, wodurch sie einerseits noch nicht gar und andererseits bis zu unserem Essen erkaltet war. Die Versorgung der Reisegruppe im Fort funktionierte zufrieden stellend. Aghali und seine Helfer waren als Servicepersonal zuvorkommend und und ihre neuen Gäste sehr bemüht. Probleme er- gaben sich bei der Koordination zwischen Aghali und der Crew unserer Reiseagentur, die ebenfalls ein Abendessen vorbereitet hatte, sodass wir überversorgt wurden. 35 Dazu diente die Gaslampe aus Gerd Spittlers Beständen. 691 Die Übernachtung war geradezu „wild-romantisch“. Der Wind zerrte an den Fensterläden, im Ka- min prasselte ein Feuer. Insgesamt zeigte sich die Reisegruppe sehr zufrieden. 20.3.4 Die wesentlichen Schwächen des Forts als Herberge Der fürsorgliche und bemühte Service von Aghali konnte nicht über einige wesentliche Schwächen des Forts als Unterkunftsmöglichkeit hinweg täuschen. 20.3.4.1 Bauliche Mängel Einige Mängel baulicher Art erwiesen sich meiner Ansicht nach als unzumutbar für Reisegruppen und erforderten eine rasche Behebung: 1. Der Weg befand sich in einem äußerst schlechten Zustand und stellte für weniger geübte Geher ein echtes Hindernis dar. Doch sogar für sichere Geher bestand besonders bei schlechtem Licht hohes Verletzungsrisiko. Der Weg wurde in den folgenden Monaten ausgebaut und befestigt. Dennoch ist er bis heute eine der Schwachstellen des Ensembles, weil er immer noch von star- ker Erosion bedroht ist. 2. Eine überlegenswerte Option wäre das Aufstellen von Fackeln, Windlichtern oder solar- betriebenen LED-Gartenlampen entlang. Dies würde den Aufstieg während der Nachtstunden erleichtern, würde eine reizvolle Atmosphäre vermitteln und eher zu abendlichen Besuchen des Forts einladen, um z. B. den Sonnenuntergang zu beobachten oder das Sternenteleskop zu nut- zen. 3. Die sanitären Anlagen stellten sich als Fehlkonstruktionen heraus, da sie viel zu eng und zudem ohne Licht- und Luftquelle gebaut waren. Auch die Bodenöffnung war viel zu klein. Für die Waschgelegenheit wäre eine eigene kleine Räumlichkeit sinnvoller. Leider wurden meine dies- bezüglichen Anregungen niemals umgesetzt, was die Eignung des Forts für touristische Zwe- cke wesentlich beeinträchtigt. 20.3.4.2 Organisatorische Mängel Für Tchimizar Voyages stellte die Übernachtung im Fort logistisch eine große Herausforderung wenn nicht gar Zumutung dar, weil sämtliches Gepäck den schmalen, steinigen Weg hinaufge- tragen werden musste. Darüber hinaus hatte sich mir gegenüber der Tchimizar-Chef Houché beklagt, dass die von Aghali vorgelegte Abrechnung nicht der ursprünglichen Vereinbarung entsprach. So berechnete Aghali das Frühstück der Touristen gesondert, obwohl ursprünglich vereinbart worden war, dass es im Preis von 5.000 FCFA inbegriffen sein sollte. Dieses Problem trat wieder im Zuge meiner ersten Kneissl-Reise nach Timia im Februar 2001 auf, worauf mir Houché nahe legte, ihm eine weitere Zusammenarbeit mit Aghali nicht mehr zuzumuten. 692 Diese finanziellen Ungereimtheiten, der hohe logistische Aufwand sowie die mangelhaften sanitä- ren Anlagen waren die wesentlichen Gründe dafür, auf weitere Nächtigungen im Fort zu verzichten und stattdessen den ebenfalls gemeindeeigenen Campingplatz vorzuziehen. 20.3.5 Sonstige Probleme im Bereich des Fort-Managements Neben den genannten Mängeln wurden einige weitere Schwächen offensichtlich, deren Behebung zur besseren touristischen Nutzung sowie zur größeren Kundenzufriedenheit beitragen könnten: 20.3.5.1 Hinweistafeln im Außenbereich 1 Die provisorischen Hinweistafeln waren offensichtlich zu unauffällig gestaltet. Zudem fehlten solche Hinweise an einigen neuralgischen touristischen Passagen, insbesondere im Seitental von Amerige, wo die häufig von Touristen frequentierten Gärten von Sou- ley und Aha Isoufa liegen, an der nördlichen Ortseinfahrt, wo sich nunmehr auch das Hinweisschild auf die neue Schmiedekooperative befindet, sowie am Fuße des Forts. 2 Diese Hinweistafeln sollten zumindest die Informationen beinhalten, wann das Fort ge- öffnet, wo außerhalb der Öffnungszeiten zuständiges Personal zu finden sei und welche Attraktionen das Fort aufweise (Konsumtions- und Nächtigungsmöglichkeit und das Aufbau befindliche Museum). 20.3.5.2 Hinweistafeln im Innenbereich 1 Wo Reisende keine Angebote erwarten, tätigen sie auch keine Bestellungen. Bislang fehlte im Fort jeglicher Hinweis auf das Angebot an Speisen und Getränken, wodurch der Effekt einer Nachfragestiftung unter Touristen weitgehend ausblieb. Darum sollte das „Menü“ an sichtbarer Stelle mitsamt den geltenden Preisen angeschlagen werden. Die Preisauszeichnung vermittelt die nötige Sicherheit, damit der Kunde weiß, worauf er sich finanziell einlässt. Ein Anschlag dient, wenn er entsprechend gestaltet ist (z. B. mit bildlichen Darstellungen) der Überbrückung gewisser kommunikativer Barrieren. Schließlich erzielt ein derartiger Anschlag auch eine gewisse Werbefunktion hinsicht- lich der lokalen Produkte! 2 Zur Rechtssicherheit für Reiseagenturen sollte es auch eine klare und entsprechend ausgeschriebene Preisregelung für Übernachtungen geben, wobei ein Richtwert von 5000 FCFA pro Nacht (ca. acht Euro) und Person inklusive Frühstück beim derzeitigen Standard als gerechtfertigt erscheint. 693 20.3.5.3 Gebarung des Forts Bislang weitgehend ungeklärt blieb die Verwendung der finanziellen Einnahmen, die nach Aghalis Angaben bislang aufgrund ihres geringen Umfangs kaum zum Dorfbudget beige- tragen hatten. Insofern hatte Aghali im Jahr 2001 seine Funktion als Fort-Manager mit dem Grund zurückgelegt, er hätte große Investitionen getätigt, die durch die getätigten Einnah- men kaum amortisiert worden seien. Dennoch sei er Verdächtigungen ausgesetzt, er würde sich durch seine Fort-Tätigkeit und dadurch auf Kosten des Dorfes bereichern. 36 20.3.6 Weitere Überlegungen zur touristischen Nutzung des Forts 20.3.6.1 Vermengung von Beherbergungs- und Besichtigungsgästen Aha Isoufa kritisierte die Kombination von Herberge und Café bzw. Schauraum mit der Begrün- dung, dadurch würden zwei unterschiedliche Zielgruppen vermischt werden, jene, die eines inti- men Rückzugsgebiets bedürfen, und jene, die das Fort als Museum betrachten. Dieses Problem ist jedoch dadurch lösbar, dass das Fort in den seltenen Fällen der Nutzung als Unterkunft (während der Nacht- und Morgenstunden) für Besichtigungen gesperrt wäre. Dadurch bliebe die Intimität gewahrt. Dies wäre auch schon darum kein Problem, weil ab einer gewissen Nachtstunde das Fort für Museumsbesucher ohnedies geschlossen wäre. 20.3.6.2 Professionelle Führung des Forts Ebenfalls von Aha stammte die Information, dass Vittorio, der Eigentümer des Hotels Tellit in Agadez und Iferouane, als möglicher Betreiber des Forts im Gespräch war. Angeblich habe Vitto- rio sogar selbst Interesse an diesem Projekt geäußert. Nach Ahas Ansicht spricht gegen Vittorios Engagement die mangelnde Rentabilität des Forts unter den schwierigen logistischen Bedingungen sowie die gravierenden Spannungen innerhalb der Dorfbevölkerung: „Je pense, que tous ça est beaucoup trop, il faut le prendre avec des pincettes, et la situation est un peu explosive.“ 37 Michel Bellevin habe auch Aha angetragen, das Fort zu pachten, doch könne sich Aha aufgrund der dörfli- chen Konflikte kein derartiges Engagement vorstellen. Durchaus positiv beurteilte Daboun Taralou, der Chef de Groupement de Timia, ein etwaiges En- gagement Vittorios. Nach Taralous Ansicht sei es sinnvoller, wenn eine erfahrene und kompetente Person das Fort führe und dafür eine gewisse Pacht an das Dorf zahle, wodurch alle Betroffenen in höherem Maße profitieren würden, als wenn die Führung des Forts in inkompetenten Händen läge und dadurch wirtschaftlich erfolglos bliebe. Sollte Vittorio das Fort übernehmen, dann käme für Taralou sogar in Frage, dass im Fort auch Alkohol in Form von kühlem Bier angeboten würde. Dies wäre jedoch nur unter der Bedingung akzeptabel, dass niemandem aus dem Fort Alkohol an- 36 Angesichts meiner, Houchés und Spittlers Erfahrungen mit Aghalis Gebarungsweise erschien dieser Vorwurf plausibel. 37 Int. Aha Iousoufa, Tagelmust V., Agadez, 27. 3. 2001. 694 geboten würde. Dazu könnten Vittorios Erfahrungen mit seinem Hotel Tellit in Iferouane als Vor- bild dienen. 38 Dieses „Vorbild“ ist jedoch wenig Erfolg versprechend, denn das „Tellit“ ist mittlerweile aufgrund des Besuchermangels wieder geschlossen worden. 20.3.7 Schlussfolgerungen: Die Zukunft des Forts Trotz der genannten Mängel vermochte der „exotische“ Reiz des Forts doch immer wieder Reise- gruppen zu animieren, das Fort zu besuchen und sogar als Herberge zu nutzen. So berichtete Agha- li, dass dort bereits wenige Tage nach der „Einweihung“ des Forts weitere Gruppen nächtigten, und der US-Reiseveranstalter „Lost Frontiers“ hatte angekündigt, er wolle Nächtigungen im Fort in seinem Programm einbauen. Der Grazer Reiseveranstalter Annabasis, der etwa alle zwei Jahre eine Großgruppe ins Aïr führt, pflegt in Timia stets im Fort Massu wegen dessen besonderer Atmosphäre zu übernachten. 39 Der deutsche Veranstalter „b&b Westafrikaspezialist“ bietet in seinem Programm „Naturwunder und Oasen“ sogar explizit eine „Übernachtung hoch über dem Ort in einem Fort, das restauriert wurde“, 40 an. Diese einzelnen Beispiele können jedoch nicht darüber hinweg täuschen, dass dem Fort-Projekt ein wesentlicher Erfolg versagt geblieben ist. Ursächlich dafür ist u. a., dass die tatsächliche Zustän- digkeit, wem das Fort offiziell und in rechtlicher Hinsicht gehört, und wer über seine Zukunft zu entscheiden habe, niemals hinreichend geklärt wurden. So hatte Michel Bellevin im Frühling 2001 betont, die „Amis de Timia“ hätten das Fort dem Dorf offiziell übergeben und wollten nicht mehr damit behelligt werden, es obliege nunmehr dem Dorf, etwas daraus zu machen. Diese Verant- wortungszuweisung geht jedoch völlig an der Realität vorbei, denn den Dorfbewohnern mangelt es an jeglichen touristischen Fachkenntnissen. Mein wesentlicher Fehler lag im naiven Glauben, ein derartiges „kleines“ Projekt könne binnen kürzester Zeit umgesetzt werden. Dabei übersah ich die vielfältigen Interessen, die dadurch berührt wurden. Leider lernte ich die Konfliktstrukturen erst in weiterer Folge kennen. Insofern lässt sich festhalten, dass mir zur nachhaltigen Förderung des Projekts der wohl wichtigste Faktor gefehlt hatte, nämlich ausreichend Zeit. Dennoch erscheint es mir aus heutiger Sicht eine richtige Ent- scheidung gewesen zu sein, die touristische Nutzung des Forts zu initiieren, weil zu befürchten war, dass sonst das Fort noch heute leer stehen würde. 38 Vgl. Int. Daboun Taralou, Chef de Groupement de Timia, Agadez, 19. 3. 2001. 39 Vgl. Int. Rolf Olschewski, Annabasis Reisen, Graz, 17. 4. 2004. 40 b&b Westafrikaspezialist 2004, Web. 695 20.4 Organisierte Feste Ein überzeugenderer Erfolg war dem Versuch beschieden, große Feste und „Tuareg-Spektakel“ in Timia organisieren zu lassen. So hatte Aghali den Auftrag erhalten, für die sechsköpfige Reise- gruppe am 9. Februar 2000 ein großes Hochzeitsfest zu organisieren, das soweit wie möglich den traditionellen Hochzeitsritualen entsprechen sollte. Meine Grazer Gefährtin und ich sollten das Hochzeitspaar spielen. Das Fest sollte den Auftritt von zehn festlich gekleideten Kamelhirten mit geschmückten Kamelen und den „Kameltanz“ (tende), ein Festessen für einen Teil der Bevölke- rung und ein nächtliches modernes Tamtam mit E-Gitarre beinhalten. Absicht dieses Auftrags war es zu erfahren, 1. wie eine traditionelle Hochzeit abläuft, 2. inwieweit sich ein derartiges Fest logistisch auch für Touristen organisieren ließe, 3. wie die Bevölkerung dabei auf die Touristen reagieren werde und ob diese Reaktion mit den im Zuge der Befragung gemachten Angaben übereinstimme, 4. und wie die Touristen auf ein solches Fest ansprechen würden. 5. Dieses Fest sollte auch mein kleines Dankeschön an die Menschen von Timia für die herz- liche Aufnahme und offene Auskunftsbereitschaft werden. 41 Zu Punkt 3 lässt sich festhalten, dass die Beteiligung von Touristen an traditionellen Festen von vie- len Tourismuskritikern verurteilt wird als Gefahr der Untergrabung des kontextuellen Sinn- zusammenhangs hin zu einem kommerzialisierten touristischen Spektakel. Erst in den neueren Ana- lysen älterer Untersuchungen 42 sowie in jüngeren Untersuchungen wird das Kommerzialisierungs- argument sehr viel differenzierter beurteilt, weil Erfahrungen zeigten, dass die Versuche, Feste durch die Aussperrung von Touristen „authentisch“ zu belassen, letztlich am grassierenden Teilnehmer- verlust scheiterten. 43 Insofern vertritt Johler die These, dass Tourismus Regionalkulturen nicht zer- stört, sondern, wenn auch nicht ursächlich begründet, so doch bewusstseinsmäßig wesentlich verstär- ke. 44 Vor diesem Hintergrund war es besonders interessant zu beobachten, wie die Kel Timia mit einem solchen inszenierten Spektakel umgehen würden. 20.4.1 Eine inszenierte Hochzeit in Timia „Le mariage est sans conteste l’institution centrale de la vie sociale des Kel Tamasheq“, 45 schreibt Bernus über die zentrale soziale Rolle der Hochzeit. Um so mehr bot sich dieses Fest als Testpro- jekt an. Tatsächlich hatte ich zum Zeitpunkt der Vereinbarung des Festes mit Aghali keine Vorstel- lung davon, ob und wie 46 dies ablaufen würde. Fest standen nur der Termin und die Kosten für 41 Ein abschließender, nicht unwesentlicher Grund war natürlich der romantische Wunsch, meine Gefährtin in Timia nach traditio- nellen Regeln zu heiraten. 42 Der US-Anthropologe Davydd Greenwood hatte Ende der 60er Jahre das Alarde-Fest in der spanischen Gemeinde Fuentarrabia untersucht. Diese baskische Zeremonie zur Feier des Sieges über die Franzosen im Jahr 1638 entwickelte eine solche Attraktion auf Touristen, dass die Gemeinde schließlich beschlossen hat, dieses Fest zwei mal am selben Tag aufzuführen. Die Bevölkerung aller- dings verweigerte dieser inszenierten Maskerade ihre Gefolgschaft und verlor letztlich auch ihr Interesse an dem Fest. Diese Ent- wicklung hatte Greenwood 1977 noch hart verurteilt („Tourism killed the Arlard“), jedoch in einer Neuauflage seiner Analyse 1989 weit differenzierter betrachtet (Greenwood 1977/1989, zit. in Lanfant/Graburn 1995, S. 102). 43 Vgl. die Studie Johlers (1994, S. 240 ff.) über das Fest „Spiellüt onder önsch“ im Kleinen Walsertal. 44 Vgl. ebd., S. 244. 45 Bernus 1993, S. 156. 46 Zum Ablauf einer traditionellen Hochzeit unter Nomaden vgl. ebd., S. 154 ff. 696 zehn geschmückte Kamelreiter, für einen Hammel, für die Leihe der Brautgewänder und für das nächtliche Tamtam, was sich in Summe auf umgerechnet etwa 200 Euro belaufen sollte. In wel- chem Maße meine damalige Freundin und ich konkret eingebunden werden würden, war hingegen völlig offen. 20.4.2 Die Verlobung Niemand von der Gruppe wusste etwas von der Hochzeit in Timia. Ich hatte lediglich angekündigt, es würde eine große Überraschung in Timia geben. Erst am Abend vor dem 9. Februar, nachdem die Touristen im Fort Quartier bezogen hatten und eingeschlafen waren, ergriff ich die letzte Gele- genheit, und hielt bei meiner Gefährtin, Christiane Schriefl, um ihre Hand an.47 Die Umgebung dafür war geradezu ideal: Wir lagerten vor dem offenen Kamin des Fort. 48 20.4.3 Der Ablauf des Hochzeitsfestes Am frühen Morgen kamen zahlreiche Frauen des Dorfes, in ihre besten Indigo-Gewänder gekleidet, den Berg heraufgewandert. Im Fort-Innenraum kleideten sie Christiane in die traditionellen Hoch- zeitsgewänder einer Kel Timia. Diese waren für diesen Zweck geliehen, weil ein Kauf für dieses „Experiment“ zu teuer gewesen wäre. 49 Anschließend nahmen die Frauen Christiane in ihre Mitte und stimmten Hochzeitsgesänge an. In der Zwischenzeit ritten zehn festlich geschmückten Hirten auf ihren Kamelen der Bergpfad hoch, was einen prachtvollen Anblick erbot. Unter ihnen war auch „mein“ Kamelführer Mohamed, der nunmehr auch mich im Fort traditionell einkleidete. Anschließend wurden für Christiane und mich besondere zeremonielle Sinnsprüche geäußert und unter unsere Gewänder eine Art Weih- rauch geschwenkt. Wahrscheinlich sollte dieses Ritual die Fruchtbarkeit fördern. 50 Nun verließen die Frauen das Fort. Die Männer traten nun einzeln nacheinander vor das Fort, um sich den Gästen durch Präsentation ihrer Berufsinsignien, z. B. den Speeren oder die Schwerter der Hirten, vorzustellen. Zuletzt wurde ich den Gästen präsentiert. Dazu hatte sich ein Bursche meine 47 Entsprechend der Tuareg-Tradition wären der Hochzeit Verhandlungen mit den Brauteltern über das taggalt, die Mitgift, voraus- gegangen. Das taggalt wird von den Eltern des Bräutigams zumeist in Form von Tieren an die Braut übergeben. Unter imajeghen der Aïr-Region werden bis zu 20 Kamele gegeben (vgl. Bernus 1993, S. 151 ff.) 48 Aufgrund meiner umständlichen, äußerst unromantischen Formulierung meines Antrags bedurfte ich dreier Anläufe, um Christia- nes Zustimmung zu erhalten. Hierauf kündigte ich erleichtert und zu Christianes Überraschung die bevorstehende Hochzeit an. Übrigens spielen persönliche Gefühle innerhalb einer Beziehung bei den Tuareg im Gegensatz zu den meisten traditionellen Gesell- schaften in Afrika eine beträchtliche Rolle, was in der Tuareg-Poesie und im individuellen Verhalten hinreichend zum Ausdruck kommt. Liebesgedichte, die die Schönheit der geliebten Frau besingen oder ihre Wankelmütigkeit beklagen, sind ebenso verbreitet wie Geschichten über Helden, die ihre Geliebte im letzten Moment einem Rivalen entreißen. Diese unter den Tuareg kultivierte Leidenschaft der Liebe betrachtet Bernus auch als einen Grund für die Brüchigkeit der Ehe. Die zahlreichen Scheidungen (amezzi) deuten darauf hin, dass die Liebe auch im Lauf des späteren Lebens nicht an Bedeutung verliert und dass die Institution der Ehe den „impulsions de la passion“ (Bernus 1993, S. 155) unterworfen ist. Die Trennung kann von beiden Seiten, auch aus Gründen des Überdrusses, initiiert werden. Dann bleiben bis auf die Säuglinge die Kinder beim Mann, der Hausrat und das Zelt bleiben der Frau. Bernus meint allerdings, dass die Praxis der Endogamie innerhalb des tawshit, des Dorfes oder Stammes, das stabilisierende Gegen- stück zur individuellen Freiheit und der Bedeutung der Gefühle ist. 49 Solche Gewänder können, je nach Qualität des Indigotuches, bis zu 1000 Euro kosten. 50 Über dieses Ritual hinaus verzichteten wir auf eine „Legalisierung“ der Hochzeit durch einen Marabu. Demnach hätte die religiö- se Zeremonie von den beiden Familien von Braut und Bräutigam feierlich bezeugt zu werden, indem jeder Anwesende zu sagen hätte: „Ich bin gekommen, um die Hochzeit von ... mit ... zu bezeugen.“ Dann hätte der Marabu den göttlichen Segen für diese Heirat zu erbitten, indem eine Koransure rezitiert wird. 697 Kamera ausgeliehen, um sich nun in kabarettistischer Weise in Manier eines Foto-Journalisten oder Forschers mitsamt der Kamera am Boden zu wälzen, was allgemeines Gelächter erntete. Nach einigen offiziellen Hochzeitsfotos, die einer der vier Reisegäste von uns aufnahm, verließ der Festzug mitsamt den Kamelreitern den Hügel. Die Schmiede nahmen im Flussbett am Fuße des Forts in einem engen Kreis mit ihren Trommeln Platz, um den Rhythmus für die „Tende“, den Ka- meltanz, zu schlagen. Dazu umkreisten die Hirten mit ihren Tieren in stolzen Bewegungen die Schmiede. Schließlich wurde auch ich eingeladen, ein Tier zu besteigen und mit zu reiten. 51 Nach der „Tende“ veranstalteten die Hirten ein Schauwettrennen. Den Abschluss dieses „Spektakels“ bildete der „Tanz der Imuhagh“: Die Hirten nahmen, mit ihren Speeren bewaffnet, in einer Reihe Aufstellung und tanzten in würdevollen, sparsamen Bewegungen zum Rhythmus der Trommeln. Die Tradition verlangt, dass Braut und Bräutigam an der gesamten Zeremonie voneinander getrennt teilnehmen mussten. Freilich waren wir nicht allein, denn eine große Anzahl von Erwachsenen und Jugendlichen hatten sich am Fuße des Fort-Berges versammelt, um begeistert den Zeremonien bei- zuwohnen. Am Nachmittag wurden die Hände der Braut mit Henna verzieht 52, während ich ein Besichtigungs- programm für meiner Reisegäste organisierte. 20.4.3.1 Exkurs: Das Desinteresse anderer Agenturen an der Hochzeitsteilnahme In der Zwischenzeit waren zwei Reisegruppen in Timia angekommen und hatten bei Souley ihr Lager aufgeschlagen. Ich wollte diese Gelegenheit nutzen, um die Touristen persönlich zur abend- lichen Fortsetzung der Hochzeit einzuladen. Die Touristen nahmen diese Einladung gerne an und waren erfreut ob dieser unverhofften Gelegenheit. Allerdings lehnten die verantwortlichen Führer einen Verbleib bis zum Abend unter dem Vorwand ab, sie müssten mit ihren Geländewägen zu diesem Zeitpunkt das Dorf in Richtung Agadez verlassen, um am nächsten Tag rechtzeitig Agadez erreichen zu können. Tatsächlich beabsichtigten die Führer, lediglich einige wenige Kilometer hin- ter das Dorf zu fahren, um auf diese Weise die Kosten für die Nächtigung in Timia einzusparen, denn einen Zeitgewinn hätte der abendliche Aufbruch keinesfalls erbracht. Sie hatten auch den Vorschlags ihrer Touristen abgelehnt, an der Hochzeit teilzunehmen und dafür eben in aller Frühe nach Agadez aufzubrechen. Diese Weigerung der Reiseführer (es handelte sich um keine Agentur- chefs) bestätigte neuerlich die zum Teil verbreiteten Kompetenzmängel des professionellen Perso- nals, nämlich 1. Mangel an Flexibilität und Gespür, um das Programm spontan entsprechend den Gegeben- heiten im Interesse der Reisegruppe zu optimieren, 2. Mangel an der dafür notwendigen Eigenverantwortlichkeit gegenüber der Agentur, 51 Weil die Kreisbahn um die Schmiede direkt über die Piste führte, sackte mein Kamel bei jeder Überquerung der Piste ein und drohte mich abzuwerfen, was ich nur mit äußerster Anstrengung verhindern konnte. 52 Traditionsgemäß müsste der Bräutigam ins Lager seiner Schwiegereltern kommen, wo er sich den ganzen Tag in das ihm zuge- wiesene Zelt zurückziehen muss, begleitet von Freunden und Schmieden beiderlei Geschlechts, um zu plaudern. Spät nachts kommt dann die Braut, von ihrem Vater neu eingekleidet und mit Henna-Verzierungen an Händen und Füßen, um an diesen Plaudereien teilzunehmen. Am frühen Morgen kehrt sie diskret zu ihren Eltern zurück. Dieses Spiel wiederholt sich eine Woche lang, dann kehrt der Bräutigam in sein Lager zurück. Nun legt die Braut das Gewand ihres Vaters ab, schenkt es den Freunden und Schmieden, die sich tagsüber mit dem Bräutigam beschäftigt hatten, und legt ein neues, vom Bräutigam geschenktes Gewand an. Erst jetzt darf der Bräutigam öffentlich seine Braut besuchen. 698 3. und auch Mangel an Kooperationsbereitschaft zur Unterstützung von Projekten, die letztlich der Aufwertung der gesamten Tourismusregion und somit dem eigenen Interesse dienen. 20.4.4 Die zweite „Tende“ und das Hochzeitsmahl Am späten Nachmittag fand der zweite „Durchgang“ der „Tende“ und des Hirtentanzes statt, wobei sich die Abläufe nicht wesentlich von jenen des Vormittags unterschieden. Neu war diesmal nur, dass nunmehr auch ich eingeladen wurde, am Hirtentanz teilzunehmen. Die „Braut“ Christiane litt mittlerweile unter der Trennung von mir, ihrem Vertrauten, worauf eine Frau, die für die Ordnung der Rituale zuständig war, uns ausnahmsweise die Genehmigung erteilte, entgegen der Tradition schon während der Hochzeit nebeneinander zu stehen. Leider hatte sich mittlerweile der Himmel dicht bewölkt, was die Attraktivität des „Spektakels“ für meine Reisegruppe, insbesondere für die Fotografen, deutlich beeinträchtigte. Dagegen hatte das Spektakel für die Dorfbevölkerung nichts an Interesse verloren, waren wir doch von einer großen Gruppe Erwachsener und Kinder umringt. Plötzlich aber rannte diese Gruppe in Richtung des Dorfbrunnens, da eine Reisegruppe mit ihren Fahrzeugen im Dorf einfuhr. Dies zeigte deutlich die Prioritäten der Bevölkerung: Die Chance auf einen möglichen Zusatzverdienst steht bei den Kel Timia offensichtlich über dem Interesse an einer spektakulären Hochzeit! Die eben angekommene Reisegruppe aus Italien gesellte sich sogleich interessiert zu unserer Hochzeitsgesellschaft und fotografierte uns ausgiebig. Wir gaben den Touristen bereitwillig Aus- kunft über den Hintergrund des Fests und luden sie zum abendlichen Tamtam ein. Nachdem die Zeremonien abgeschlossen waren, durften Braut und Bräutigam offiziell ihr gemein- sames Lager betreten. 53 Wie ernst es offensichtlich die Bevölkerung mit diesem nunmehrigen „Recht“ meinte, brachte eine alte Kel Timia zum Ausdruck, die mich am Ärmel zupfte und mir die Genehmigung ins Ohr säuselte: „Cette nuit, tu vas monter ta femme!“ 54 Für die Nacht hatte Aghali das „Festessen“ angekündigt. Nachdem wir uns umgezogen und ausge- ruht hatten, wurden wir zu einer offenen, überdachten kleinen Terrasse geführt, auf der bereits die Honoratioren des Dorfes, u. a. der Dorfchef, der Schuldirektor, der Marabu, sowie einige Mitglie- der der Tchimizar-Mitarbeiter Platz genommen hatten. Sonst konnte ich keine weiteren Kel Timia entdecken. Nun wurden uns als erster Durchgang die gekochten Innereien des Schafes, eine ausge- sprochene Spezialität, serviert. Anschließend gab es Reis mit ein wenig Fleischsauce. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich von Aghali keinerlei Informationen über den weiteren Verlauf des Festes bekommen, war aber entsprechend verwundert, niemand von der Dorfbevölkerung an- zutreffen. Ebenso war ich etwas überrascht über das relativ karge „Hochzeitsmahl“. Insofern konn- te ich auch die Fragen meiner Touristen nicht beantworten, waren mir doch die örtlichen Gegeben- heiten eines „Hochzeitsfestessens“ eben so wenig vertraut. Für die Kel Timia stellte aber Reis mit Hammelsauce eine ausgesprochene und selten genossene Spezialität dar, während damit unsere Erwartungen etwas enttäuscht wurden. Aufgebracht über meine Fragen führte mich Aghali zur improvisierten „Küche“, wo einige Kel Timia bereits mit der Säuberung eines riesigen Kessels beschäftigt waren. Dann führte mich Aghali in einige der Häuser, in denen insgesamt etwa 200 Kel Timia, eng aneinander gekauert, ihre Portionen des Hochzeitsmahls zu sich nahmen. Dieses Miss- 53 Normalerweise wird die junge Frau, sobald sämtlicher Hausrat der Braut bereit ist, feierlich von den verwandten Frauen des Bräu- tigams ins Lager der Schwiegereltern geführt, wo das Zelt des Brautpaars aufgestellt wird. Nun wird ein Tier geschlachtet und die Hirse für die Begleiter der Braut zubreitet. Nachdem die Braut ihr neues Heim bezogen hat, darf der Bräutigam erst zu ihr, sobald alle Gäste fort sind. Doch auch jetzt ist noch äußerste Diskretion gefragt, denn die Beiden sollen nicht zusammen gesehen werden, sind also nur nachts vereint. Das Mahl nimmt die Braut stets getrennt von ihrem Mann im Zelt der Schwiegereltern ein. 54 „Diese Nacht wirst du deine Frau besteigen!“ 699 verständnis wäre vermeidbar gewesen, wenn Aghali mich als Reiseleiter der österreichischen Rei- segruppe rechtzeitig und hinreichend informiert hätte. Hierin zeigte sich erneut das mangelnde Verständnis Aghalis, die Unkenntnis von Ortsfremden rechtzeitig aufzuklären. Am Ende dieses Tages waren die Brautleute und die Touristen müde. So war ich nur noch in der Lage, dem nächtlich Tamtam der jungendlichen Kel Timia, bei dem zum Klang der E-Gitarre ge- tanzt wurde, einen Höflichkeitsbesuch abzustatten und viel Vergnügen zu wünschen. 20.4.5 Analyse des „Hochzeitsexperiments“ Aghali hatte das Fest hervorragend organisiert. Der gesamte Ablauf war geradezu perfekt und ern- tete bei meiner Reisegruppe, aber auch bei den zufällig hinzugekommenen Touristen große Begeis- terung. Viel wichtiger war in diesem Fall aber das enorme Engagement der Kel Timia, von denen viele mit großer Begeisterung dem Fest als Schaulustige, aber auch als aktive Teilnehmer den Zeremonien beigewohnt hatten. Immerhin war nur ein Bruchteil der Bevölkerung, insbesondere die ge- schmückten Hirten, für gewisse Tätigkeiten bezahlt worden. Zahlreiche positive Bemerkungen, die ich noch Jahre später über dieses Fest vernehmen durfte, bestätigten meinen positiven Eindruck. Die Nachricht von dieser Hochzeit hatte sich damals binnen kürzester Zeit bis nach Agadez ausge- breitet. Noch heute wird stolz ein illustrierter Bericht über das Fest 55 den Besuchern des Forts von Kel Timia präsentiert. 56 Nach meinem Ermessen wurde diese Hochzeit vom Großteil der Bevölkerung auch keineswegs als inszeniertes Spektakel, sondern als eine tatsächliche Vermählung aufgefasst. Dies zeigte sich am anfänglichen Zögern der Organisationsverantwortlichen, Braut und Bräutigam während der Zere- monien entgegen den traditionellen Regeln beisammen stehen zu lassen. Auch der abschließende Hinweis der alten Kel Timia, dass sich Braut und Bräutigam nunmehr „legal“ vereinen dürften, unterstreicht diesen Anschein. Das Verhalten der Kel Timia hat in überzeugender Weise dokumentiert, dass ihre Antworten auf meine Fragen ihren tatsächlichen Überzeugungen entsprochen hatten, etwa dass sie in der Teil- nahme von Touristen an ihren Festen den Werbeeffekt ihrer Feste zu schätzen wissen, ohne darum den Wert ihrer Feste als beeinträchtigt zu betrachten. Insbesondere wurde deutlich, dass sie sich in keiner Weise an der Teilnahme von Touristen an ihren Festen stießen. Damit wird der Wert der vorliegenden Untersuchung als Grundlage für die Legitimität eines touristischen Engagements in Timia bestätigt. 20.4.6 Kommerziell organisierte „Tende“ in Timia Aufgrund des großen Erfolgs des Hochzeitsfests in organisatorischer wie auch partizipativer Hin- sicht beschloss ich, die Durchführung einer „Tende“ als fixen Programmpunkt in die Reisepro- gramme von Kneissl-Touristik-Touren bei Timia einzubauen. Auf diese Weise konnte jedes Mal in Timia der Wertschöpfungsgrad der von mir geführten Reisen gesteigert werden. Gleichzeitig konn- 55 Vgl. Friedl 2000a. Der farbig illustirerte Artikel wurde wahrscheinlich von Rolf Olschewski (Anabasis Reisen, Graz) im Zuge eines Aufenthalts seiner Reisegruppe im Fort deponiert. 56 Dieses Verhalten konnte ich gegenüber meinen eigenen Reisegruppen beobachten. 700 te den Touristen gegen Ende einer solchen Reise ein Tuareg-spezifischer, kultureller Höhepunkt geboten werden. Seit dem „Experiment“ im Jahr 2000 hatte ich bislang drei Mal die Gelegenheit, kommerzielle Aufführungen in Timia organisieren zu lassen. Im Großen und Ganzen verliefen diese „Fantasien“ recht zufrieden stellend, jedoch hatten sich im Detail einige organisatorische Probleme gezeigt, die meines Erachtens u. a. Ausdruck interkultureller Missverständnisse waren. 20.4.6.1 Der Zeitfaktor Zeit spielt bei den Kel Timia eine gänzlich andere Rolle als bei den Pauschaltouristen, deren Reise einem vertraglich fixierten Programm folgt, mag dieses wie im Fall des Niger auch relativ flexibel gestaltet sein. Stellt die Armbanduhr auch bei den Kel Timia längst ein Prestige behaftetes Status- symbol dar, so werden hier Uhrzeiten dennoch nicht sonderlich genau genommen. Dies kann dann zu einem Problem führen, wenn eine Tende z. B. für 16 Uhr vereinbart wurde, die Kamelreiter je- doch eine Stunde und mehr auf sich warten lassen. Problematisch ist dies in mehrfacher Hinsicht. 1. Die Zeit, die die Reisegruppe mit bloßem Warten am vereinbarten Aufführungsort verbringen muss, geht für alternative Unternehmungsmöglichkeiten, etwa für zusätzliche Besuche des Dorfes oder für eine kleine Wanderung, verloren. Mittlerweile wurde dieses Problem ein we- nig entschärft, weil die Tende zumeist im Flussbett vor dem Campingplatz und nahe der Schmiedekooperative aufgeführt wird. Dadurch haben die Touristen die Möglichkeit, ihre Wartezeit z. B. mit Schmuckkauf sinnvoll zu nutzen. Da aber nicht alle Reisenden so tolerant und verständnisvoll sind, können mitunter ernsthafte Konflikte entstehen. 2. Ein unlösbares Problem stellt hingegen das Tageslicht dar, denn der Zeitpunkt für die Auffüh- rung wird in Hinblick auf optimales Fotolicht gewählt. Verzögert sich die Aufführung zu sehr, so kann die Sonne bereits hinter den Bergen versinken, und mangels ausreichenden Lichts verliert die Tende für die Touristen zumindest ihren fotografischen Reiz. Nachdem die beteiligten Kel Timia für ihre Aufführung bezahlt werden, ist eine solcher „Einsatz“ als Mitwirkender bei der Tende sehr begehrt. Darum erachte ich es als legitime Forderung, die Zeitvorgaben innerhalb eines zumutbaren Rahmens einzuhalten. Immerhin gelten auch für das ge- meinsame Gebet in der Moschee oder für den Besuch in der örtlichen Apotheke vorgegebene Zei- ten. Nachdem sich im März 2003 die Aufführung um 90 Minuten verzögert hatte, drohte ich, in Hinkunft auf die Tende in Timia zu verzichten. Die Drohung erntete damals anfänglich die für Kel Timia nicht unübliche Empörung, führte aber letztlich zu einer signifikanten Verbesserung der Pünktlichkeit im Jahr 2004. 57 20.4.6.2 Auswahl und Ausstattung der „Tende“ Teilnehmer Die Veranstaltung im März 2003 erschien als besonderes Negativbeispiel, denn nach der enormen Verspätung traten schließlich lediglich vier Reiter auf. Zwei davon waren noch Kinder, die zudem in Parka anstatt in traditionelle Gewänder gekleidet waren. Das Bild, das sich uns bot, entsprach in keiner Weise dem der„stolzen Hirten“, wie ich es im Zuge meiner Hochzeit erlebt hatte und wie es 57 Eine wesentliche Konsequenz war auch der Wechsel des verantwortlichen Organisationsteams. Näheres dazu im nächsten Punkt. 701 für Timia werbewirksam war. Vielmehr wurde dadurch der Eindruck vermittelt, die Organisatoren hätten in Erwartung des „schnellen Geldes“ für ein paar Runden am Kamel zur Steigerung der Rendite auf eine sorgsame Auswahl der Teilnehmer und deren traditionsgemäße Ausstattung ver- zichtet. Erst auf meine und Houchés Intervention hin wurde dieser Missstand behoben. Im Jahr 2004 verlief wieder alles zufrieden stellend. Dieser zwischenzeitliche Qualitätsverlust der Veranstaltung mag darauf zurückzuführen sein, dass die Tende im Jahr 2003 ausnahmsweise von einer Gruppe junger „Chasses“ organisiert worden war. In den übrigen Fällen war ein Schmied der Kel Timia namens Rhissa verantwortlich gewesen, dem wir dann auch wieder die Verantwortung übertrugen. Der Grund für die zwischenzeitliche Übertragen der Organisation der Tende an jemand anderen war in meiner irrigen Absicht gelegen, ein Organisationsmonopol zu vermeiden, damit der Profit aus den kommerziellen Festen möglichst breit verteilt werde. Die Erfahrung zeigte aber, dass der Aufbau einer langfristigen Geschäftsbe- ziehung im Hinblick auf die Erhaltung der Qualität der Aufführung und auf die allgemeine Verläss- lichkeit sinnvoller sei. Vor allem kann über Rhissa auch direkt auf die jeweilige Auswahl der Ten- de-Reiter Einfluss genommen und damit zu einer möglichst fairen Verteilung der Einkommen aus der Tende beigetragen werden. Welche große Bedeutung eine prachtvoll ausgestattete Tende auch für die Kel Timia hat, zeigte sich an den unterschiedlichen Besucherzahlen: Je prachtvoller die Tende ausgerichtet und je größer die Zahl der reitenden Hirten war, desto mehr Kel Timia hatten sich als Schaulustige eingefunden und bis zum Ende der Tende ausgeharrt. 20.4.6.3 Die Rolle der Touristen Diese Aufführung stellte, wie die Auswertung der Kneissl-Fragebögen ergab, stets einen Höhe- punkt für die Reiseteilnehmer der Kneissl-Touren dar. Insofern brachte dieses „Projekt“ einen schönen Erfolg. Einige der Reiseteilnehmer hatten sich erfreulicherweise auch aktiv an den Aufführungen beteiligt, indem sie an Tänzen der jungen Männer teilgenommen hatten. Gemeinschaftstänze sind immer ein besonderes Spektakel und tragen zu einer entspannten Stimmung besonders unter den Kel Timia bei. Dadurch verliert die Aufführung den Charakter einer reinen „Vorführung“. Sie wird zu einem „interkulturellen Event der Begegnung“, an dem alle Beteiligten Freude haben. Eine unrühmliche Rolle spielten hingegen die Touristen anderer Reisegruppen, die als Schaulustige hinzugekommen waren. Sie fotografierten zwar zum Teil in aufdringlicher Weise, indem sie sich in vorderster Reihe platzierten, doch schließlich weigerten sie sich, zur abschließenden Trinkgeld- Sammlung etwas beizutragen: Im Feber 2004 hatten Schüler der Koranschule in Eigeninitiative eine kleine Sonderaufführung präsentiert. Auf die Bitte des Koran-Lehrers, dieses Engagement entsprechend zu würdigen, erbat ich von allen anwesenden Touristen Schreibgeräte und –blöcke. Doch die meisten der Schaulustigen, die nicht der Kneissl-Gruppe angehörten, verweigerten ihren Beitrag. An diesem Verhalten zeigt sich einmal mehr, wie wichtig Reisebegleiter sind, die sensibi- lisierend und vermittelnd auf Reisegruppen einwirken, damit der Akt der Reise nicht zu einem All- inclusive-Konsum des Reiselandes und dessen Kultur verkommt, sondern auch zu einem Mittel des Profits der „bereisten“ Bevölkerung wird. 702 20.4.7 Folklorisierungsgefahr? Könnte denn die Intensivierung solcher kommerzieller Aufführungen zu einer „Folklorisierung“ der Kel Timia führen? Hier muss man freilich zwischen zwei grundlegenden Formen der Folklori- sierung unterscheiden. Auf der einen Seite existiert die Form der ideologischen Folklorisierung einer präsentierten „Ethnie“, wie sie gerade am Beispiel der Kel Ahaggar, 58 aber in jüngerer Zeit auch an den Ischo- mar im Zuge der Rebellion 59 deutlich wurde. Hier dient die Projektion eines Wunschbildes auf eine soziale Gruppierung als „archaisch“ bzw. als kulturell spezifische Gruppe der Durchsetzung politi- scher Forderungen, die in keinem tatsächlichen historischen oder kulturellen Zusammenhang mit dieser Gruppe stehen. Auf der anderen Seite wird unter Folklorisierung der besonders im Tourismus auftretende Prozess verstanden, dass pittoreske Darbietungen „oft lautstark als ursprüngliches Volksgut proklamiert werden, die aber in Wirklichkeit weitgehend kommerziell bedingt sind.“ 60 Dabei wird in unseren Breiten landläufig an das „Show-Business heimatlicher Prägung", etwa an Lederhosen- und Schuhplattler-Abende, gedacht. Von der Gefahr dieser Folklorisierung ist im vorliegenden Zusam- menhang die Rede. Doch angesichts der dargestellten Rahmenbedingungen kann in Timia gegen- wärtig nicht von solchen Tendenzen gesprochen werden. Zum einen sind derzeit diese Aufführun- gen in Timia viel seltener als westliche Besucher, die etwas länger bleiben. Insofern fehlt es bei solchen bestellten Aufführungen an der nötigen Häufigkeit, um Kommerzialisierungsprozesse aus- zulösen. Eine Hochrechnung, welche Zahl von Aufführungen die „Carrying Capacity“ sprengen würde, könnte unter diesen Bedingungen keinerlei Ergebnisse hervorbringen. Andererseits darf aber auch nicht übersehen werden, dass solche Aufführungen schon heute zum Erhalt gewisser kultureller Elemente der Kel Timia beitragen. Dies gilt in besonderem Maße für die Gesänge der Hirtinnen, deren Kenntnis in Timia zunehmend verloren geht, 61 weil sich die jun- gen Menschen mehr für moderne Rebellionslieder interessieren. Auf diese Weise können solche kulturellen Elemente wieder unter den jungen Menschen an Attraktivität gewinnen. Sollten etwa häufigere Tende-Bestellungen zur Entwicklung eines eigenen Berufsstandes führen, deren Angehörige professionell ihre Reit- und Singkünste vortragen, so wäre dies in Hinblick auf die Schaffung von Arbeitsplätzen, aber auch in Hinblick auf die Steigerung der Qualität des Dar- gebotenen durchaus zu begrüßen. Dabei darf nicht übersehen werden, dass unter den Kel Timia schon heute bestimmte Personen gewisse quasi-institutionalisierte Funktionen im Rahmen von Fes- ten spielen - wie etwa eine Mädchensinggruppe oder junge Musiker, die die Tamtams bestreiten. Hier überholt die innere Dynamik der Kel Timia gleichsam etwaige überzogene Befürchtungen wie externe Kulturverfälschungen. Im Übrigen spiegelt sich in diesen Aufführungen gelebte Kultur wieder, insbesondere da die Reit- kunst der Hirten unter den Dorfbewohnern großes Ansehen genießt. Daher bringen solche Aktivitä- ten für Hirten nicht nur bescheidene Einkommensmöglichkeiten, sondern auch Prestigegewinn. Dies wurde stets durch die große Zahl der Schaulustigen aus dem Dorf belegt. Aufgrund dieses derzeit herrschenden Interesses sind die schaulustigen Touristen in der Praxis mehr die belustigt geduldeten „knipsenden Zahler“, über die sich die Kel Timia amüsieren. Da feststeht, dass dieses Experiment äußerst gelungen ist, kann ich an dieser Stelle jedem Reise- veranstalter oder Reisenden empfehlen, in Timia oder auch in anderen Tuareg-Siedlungen entspre- chende Feste, ob Tamtams, Kamelrennen oder Tende, gegen einen entsprechenden Obolus veran- 58 Vgl. Bourgeot 1995f. 59 Vgl. Bourgeot 1994b. Siehe dazu insb. das Kap über „Die Marke „Tuareg“ – Mythos und Images/Historische Entwicklung des europäischen Tuareg-Images/Die Tuareg-Rebellion und ihre Folgen: Opfer und Helden“. 60 H. Bausinger, zit. in Kapeller 1991, S. 68. 61 Hinw. von Aghali Isoufou, Timia, Nov. 1999. 703 stalten zu lassen. Auf diese Weise gewinnt man die Gelegenheit eines großartigen, farben- prächtigen Spektakels, das den Stolz der Kel Ewey darstellt, und trägt gleichzeitig zum Einkom- men und zum Ansehen der Mitwirkenden bei. Dann sollte man auch nicht davor zurückschrecken, als Tänzer an diesem Spektakel teilzunehmen. Erst dadurch wird aus einer sterilen Aufführung ein Fest der Begegnung! 20.5 Postkarten für Timia Die Ergebnisse der Befragungen hatten verdeutlicht, dass viele Kel Timia in der Fotografier- Aktivität der Touristen einen positiven Werbeeffekten für Timia sahen. Andererseits empfanden viele die Fotografie auch als eine Form der Ausbeutung: Die Erfahrung hatte sie gelehrt, dass Fo- tografen wie Maurice Ascani oder Jean-Marc Durou ihre Fotos von Timia durch Bücher und Post- karten zu Geld machten, ohne dass die Kel Timia davon profitieren konnten. Dies gilt insbesondere für portraitierte Personen. Deren Überzeugung resultiert aus dem Unverständnis für kostspielige Aktivitäten, die lediglich zum Vergnügen, jedoch ohne ökonomischen Nutzen, unternommen wer- den. 62 Vor diesem Hintergrund kam mir die Idee, von Timia Ansichtskarten anfertigen zu lassen und die- se unentgeltlich den Kel Timia zur Verfügung zu stellen. Immerhin gab es bis zu diesem Zeitpunkt noch keine entsprechenden Ansichtskarten von Timia. Auf diese Weise könnte Timia von einem Werbeeffekt profitieren, der nicht nur kostenlos ist, sondern zudem auch konkrete Ver- dienstmöglichkeiten eröffnet. Ein weiterer Anlassfall war der Blinde Glob, dessen problematische Situation ein Mitglied der Pio- nier-Reisegruppe vom Feber 2000, Mag. Franz Lindner, zutiefst bewegte. Lindner hatte sich da- mals bereit erklärt, drei Fotomotive zu Karten drucken und in bevorzugter Weise Glob, aber auch dem übrigen Dorf, kostenlos zukommen zu lassen. In der ersten Phase dieses Unterfangens wurden die drei Motive „Guelta“, „Palmerie und Fort Massu“ und „Tende“ ausgewählt 63 und von der Druckerei Sander in Marbach kostenlos auf 5.000 Postkarten gedruckt. Einige Tausend von diesen transportierte ich auf jeder weiteren Reise nach Timia. 64 Die erste Lieferung gelangte im März 2001 nach Timia. Damals vereinbarte ich mit dem Dorfchef und den Schmieden, dass die Karten der Kooperative übergeben und von dieser verwaltet werden. Von der Kooperative könne jeder Kel Timia Karten um 200 FCFA (30 Cent) kaufen. Wei- terverkauft werden sollten die Karten an Einzel-Touristen um 400 FCFA und an Großabnehmer um 250 FCFA. Weiters wurde vereinbart, dass Glob jederzeit kostenlos die Karten unter der Bedin- gung beziehen dürfe, dass er die Preisempfehlungen einhalte. Aus diesem Anlass überreichte ich damals bereits 200 Karten an Glob. Schon damals zeichnete sich die Fehlentwicklung dieses Projekts ab, denn Glob bat mich schließ- lich, ich möge die Karten für ihn in Agadez verkaufen. Ich erfüllte damals Globs Wunsch, wohl wissend, dass dadurch der eigentliche Sinn der Karten, ein zusätzliches attraktives Verkaufsobjekt für die „Chasses“ in Timia darzustellen, ad absurdum geführt wurde. Ein erster Erfolg stellte sich nur insofern ein, als ich in Agadez binnen kürzester Zeit 500 Karten an Großabnehmer (Hotels, 62 Angesichts der großen Zahl von öffentlichen Vorträgen Reisender haben die Kel Timia doch ein wenig recht mit ihrer Ver- mutung. 63 Bis auf das Foto des Gueltas, das von mir stammte, stellte Mag. Lindner das Fotomaterial zur Verfügung, wobei die dargestellte Tende jene unseres Hochzeitsfests vom 9. Feber 2000 abbildet.. Auf dem Foto bin auch ich selbst als Reiter zu sehen, kann jedoch bestenfalls aufgrund meiner Größe erkannt werden. 64 Dabei hatten mich auch die Teilnehmer meiner Kneissl-Reisegruppen sehr unterstützt, indem sie mir während des Flugtransports etliche Kartenpakete abgenommen hatten. 704 Läden etc.) verkaufen und den Erlös von 125.000 FCFA (190 Euro) nach Timia senden konnte. Von dieser Summe erhielten Glob 40 % und die Kooperative 60 %. Im März 2003 konnte ich die restlichen Karten nach Timia bringen. Allerdings erwies sich bereits damals das „Projekt“ als völliger Fehlschlag: Weder die Schmiede und „Chasses“ von Timia, noch die Verkaufsstätten in Agadez, boten die Postkarten an. Verantwortlich dafür war die Leitung der Kooperative, die sich gleichsam als Monopolist für den Kartenverkauf an Touristen betrachtete: Postkarten wurden lediglich solchen Touristen angeboten, deren Weg ausnahmsweise vor die Tore der Kooperative führte. Doch auch hier mangelte es an jeglichem Hinweis auf den Kartenverkauf. Daher war es nicht überraschend, dass bis zu diesem Zeitpunkt nur wenige Karten verkauft worden waren. Im Feber 2004 zeichnete sich eine grundlegende Wende ab. Schon während der Tour wurden gele- gentlich Timia-Postkarten von „Chasses“ angeboten, und in Timia fanden sich sowohl bei der Schmiedekooperative als auch am Fort und bei den „Chasses“ am Guelta solche Postkarten. Von den dortigen „Chasses“ wurde mir berichtet, dass hier besonders die Tende- und Palmen-Motive gefragt seien, wogegen das Guelta lieber eigenständig fotografiert werde. Schließlich erfuhr ich vom Bäcker des Dorfes, dass er die Leitung der Kooperative übernommen und auch gleich eine Initiative zur Ver- breitung der Postkarten ergriffen habe. Offensichtlich wurde erstmals das pekuniäre Potenzial der Postkarten erkannt und gezielt zu nutzen versucht. Somit lässt sich abschließend feststellen, dass das „Postkarten-Projekt“ letztlich doch noch ein kleiner Erfolg wurde. Freilich mangelt es dieser Initiative an Nachhaltigkeit, denn sobald die Kar- ten ausverkauft sind, wird die Kooperative kaum bereit sein, neuerlich Karten anfertigen zu lassen. Dazu müsste erst genauer evaluiert werden, wie erfolgreich die letzte Phase tatsächlich war. Hier könnten die „Amis de Timia“ eine fruchtbare logistische Rolle für den Druck und den Transport der Karten spielen. Grund zur Euphorie besteht jedoch keineswegs, denn noch ist der Weg der Kel Timia zu einem besseren Verständnis für Marketing-Belange sehr lang. 20.6 Schlussfolgerung: die Rolle des Zeitfaktors Auf den ersten Blick erscheinen die vier Projekte, insbesondere aber der Ablauf des Fort-Projekts, etwas „dilettantisch“. 65 Dabei darf allerdings nicht übersehen werden, dass die Durchführung sol- cher Projekte in keiner Weise geplant war. Vielmehr entwickelten sich diese „Experimente“ als Reaktion auf die unerwarteten Ergebnisse der Befragungen. Mochten die Projekte auch im Detail viele Planungsmängel aufweisen, so entsprachen sie doch der grundlegenden Forderung Bourgeots nach einer Forschung, die einerseits grundlagenorientiert, andererseits aber angewandt in dem Sin- ne sei, als sie auf die expliziten Bedürfnisse der betroffenen Bevölkerung reagiere. 66 Das deutlichste Manko bestand insbesondere in der fehlenden begleitenden Betreuung. Die Projek- te hätten viel gründlicher mit den Beteiligten diskutiert und entwickelt werden sollen. Angesichts 65 Mit diesem Prädikat hatte auch Prof. Spittler anlässlich der Vorstellung meines Forschungsprojekts in Bayreuth im Sommer 1999 das Vorhaben qualifiziert. Dabei äußerte sich jedoch meines Erachtens ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber dem Eindringen eines Forschers aus einem der Ethnologie bislang weitgehend fremden Forschungsbereich, nämlich dem Tourismus. Möglicherweise hatte mich Spittler auch als potentiellen Konkurrenten empfunden, da zum damaligen Zeitpunk ein Forschungsprojekt Spittlers über „Ethnotourismus: Europäer bei Berbern und Tuareg“ (Univ. Bayreuth 2003, Web) u.a. in Timia in Vorbereitung war. Für diese Interpretation spricht folgende Tatsache: Während ich nach der Genehmigung dieses Projekts dem Assistenten Spittlers, Marko Scholze, sämtliche meiner Daten frei zur Verfügung gestellt hatte, haben Spittler und Scholze jeglichen Kontakt zu mir nach 2001 eingestellt. Sie haben es nicht einmal der Mühe wert befunden, mich von einem internationalen Seminar in Bayreuth über die Tou- rismusentwicklung im Niger im Herbst 2001 zu informieren. 66 Vgl. Bourgeot 1995e. 705 meines schmalen Forschungsbudgets 67 konnte ich mir kein eigenes Fahrzeug von Agadez nach Timia leisten, sondern war auf den LKW der Kooperative angewiesen. Dadurch wurde mir zwar der Zugang zur Bevölkerung erleichtert, zugleich aber verlor ich viel wertvolle Zeit. Selbst unter den Bedingungen besserer Zeitersparnis ist es nicht möglich, Projekte gemeinsam mit der Bevölke- rung optimal zu entwickeln und zu betreuen, wenn nicht die nötige Zeit für den Aufbau einer Ver- trauensbasis und die Ermittlung der spezifischen Konfliktstrukturen gegeben ist. Dergleichen war aber niemals beabsichtigt. Angesichts dieser Arbeitsbedingungen lässt sich sogar von einem Erfolg sprechen. Dies gilt auch dann, wenn die Projekte an den „kulturverträglichen“ Erfolgskriterien von Projekten 68 gemessen werden. 1. Diese beruhen auf den erprobten Kenntnissen, Erfahrungen und Fähigkeiten der Zielbe- völkerung: Vorhandene Kenntnisse der Kel Timia wurden insbesondere für die Durchführung des Festes und für die Tour genutzt, weshalb dieser Part auch am besten funktioniert hatte. Schwächen zeigten sich dabei nur im Bereich des Informationstransfers, was insbesondere das Marketing betrifft. Hier bestehen kulturbedingt die größten Mängel und somit auch größter Lernbedarf. 2. Sie betreffen lokal anerkannte und als solche empfundene Bedürfnisse und Mängel: Die Projekte wurden als Antwort auf die entsprechenden Befragungsergebnisse initiiert. 3. Sie nutzten bereits vorhandene soziale Strukturen und Organisationsformen zu deren Imple- mentierung. Dem entsprachen die Organisation der Reise, die Aufführung des Tamtams und der Verkauf der Postkarten. Dagegen mangelte es an entsprechenden Strukturen für die Ver- waltung des Forts. Dies dürfte auch einer der wesentlichen Gründe für den nur begrenzten Er- folg des Fortprojekts gewesen sein. Keinesfalls negativ ist nach den Kriterien Grünbergs der prozesshafte Charakter der Projekte zu beurteilen, da „Planung“ im westlichen Sinn auf der Basis einer operativen Logik weder realistisch, noch zielführend sei. Vielmehr wird eine derartige Zugehensweise „bei Kulturen mit ausgeprägtem Sinn für das prozesshafte menschlichen Daseins als Unsinn empfunden.“ 69 Darum sei es sinnvoller, Szenarien, die Verteilung von Rollen, Mitteln und Zeitabläufen flexibel festzulegen, damit der je- weiligen soziokulturellen Dynamik im Projektgeschehen entsprochen werden könne. Gemessen an diesem Vorbild gestaltet sich etwa die Postkarten-Aktion auch trotz der Verzögerung von fast 3 Jahren letztlich doch noch erfolgreich. In jedem Fall konnten wichtige Initiativen und Anregungen für eine lukrativere Nutzung des Tou- rismusaufkommens in Timia gesetzt werden. Alles Weitere bleibt schließlich dem Engagement einzelner Mitglieder der Kel Timia, wie z. B. dem Bäcker oder der jungen Generation, aber auch den „Amis de Timia“ vorbehalten. 67 Das sechs Monate währende Stipendium des Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung umfasste 15.000 Schilling plus Flugkosten, also 3.000 Schilling pro Monat. Davon mussten sämtliche Kosten abgedeckt werden. 68 Vgl. Grünberg 2000, S. 94. 69 Ebd. 706 21 Probleme durch Tourismus bei den Tuareg Mano Dayak schrieb in seinem Vorwort für Durous Prachtbildband „Ténéré“ folgende mahnende Worte: „Seit kurzem hält der Tourismus Einzug in der Ténéré. Es ist zu wünschen, dass man bei seiner Entwicklung darauf bedacht ist, das oft zerbrechliche Gleichgewicht zu bewahren und zu schützen. Hier sind die Regierungen, Reisebüros und Fremdenführer gleichermaßen angesprochen und ge- fordert, vor allem aber auch das Verantwortungsbewusstsein der Touristen, denen es ihre Liebe zu diesen Landschaften möglich machen sollte, die Wüste mit der ihr gebührenden Vorsicht und dem nötigen Respekt für sich zu entdecken.“ 1 Die Sahara, die uns Europäern den Eindruck der Unberührtheit und Reinheit vermittelt, büßt durch den Tourismus zwangsläufig etwas von dieser unterstellten Jungfräulichkeit ein. Doch Spuren im Sand verwehen bald wieder, dagegen verrotten Müllablagerungen unter den extrem ariden Bedin- gungen kaum. 2 Andererseits stellt sich ernsthaft die Frage, wie sehr verlorener Abfall in den gigan- tischen Weiten der spärlich besiedelten Sahara die Umwelt beeinträchtigt- und vor allem wen! -, außer wieder Touristen, die sich an der gestörten Idylle stoßen. 3 Freilich zählt der Schutz der tou- ristischen Ressourcen in Hinblick auf die Langfristigkeit dieses Wirtschaftszweigs zu den Grund- prinzipien eines „integrativen Tourismus“ 4. In ethischer Hinsicht weit bedeutender sind hingegen jene Auswirkungen des Tourismus, durch welche die betroffene Bevölkerung vor Ort unmittelba- ren Schaden nehmen könnte. Solche Auswirkungen im Niger nachzuweisen ist keineswegs einfach. Der Niger-Tourismus blickt erst auf eine langsame Entwicklung in den letzen dreißig Jahren zurück, die durch die sieben Re- bellionsjahre unterbrochen wurde. Dadurch war es der Bevölkerung möglich, sich schrittweise an die Begegnung mit Europäern zu gewöhnen. Vor allem aber ist das Tourismusaufkommen selbst in „starken“ Jahren mit 3.000 - 4.000 Touristen relativ gering. Diese Besucher verteilen sich wieder- um auf einen Zeitraum von 6 - 8 Monaten bzw. auf eine Strecke von 4.000 - 5.000 km 5. Selbst wenn man nur die Hauptsaison (Dezember - März) und nur die wichtigsten Routen der Kurzreisen- den (ca. 1.500 km) heranzieht, so wird dennoch offensichtlich, dass im Niger von Massentourismus nicht die Rede sein kann und dass sich Gruppen häufig nur in den Siedlungen oder gar nur am Flughafen begegnen. Angesichts dieser Rahmenbedingungen überrascht es nicht, dass ich im Verlauf der letzten zwölf Jahre, in denen ich den Niger relativ regelmäßig bereist habe, keine ernsthaften tourismusbedingten Auswirkungen feststellen konnte. Doch verändert hat sich die Region zweifellos: In Agadez ragt ein Handy-Mast und ein Luxushotel für Geschäftsreisende am Rande der Altstadt empor, und die mobile Kommunikation ist seit 2003 fast schon so verbreitet wie der Tagelmust. Andererseits gibt es gewisse tourismusbedingte Auswirkungen, die aufgrund ihrer Dauerhaftigkeit und Irreversibilität kumulative Wirkungen erzielen. Der bereits genannte Müll in der Wüste verrot- tet nicht, und einmal zerstörter Bewuchs kann sich unter den extrem ariden Bedingungen nicht mehr regenerieren. Insofern genügt aus ethischer Sicht nicht allein der Blick auf den Status quo, der noch wenig Anlass zur Sorge gibt, sondern es müssen auch Erfahrungen in vergleichbaren Re- gionen, wie in Südalgerien und in Südlibyen, herangezogen werden, um beurteilen zu können, wel- 1 Dayak 1993, S. 10. 2 Ziegler (1986, S. 164) berichtet von einer Konservendose aus dem Jahr 1917, die er auf einer seiner Sahara-Touren gefunden hatte und die noch immer weitgehend rostfrei war. 3 Vgl. das Ergebnis der Touristen-Befragungen (Kap. „Der Markt der Tuareg-Tourismus/Die Klientel/Wüstenreiseerfahrung“), wo- nach sich der Hauptanteil (47 %) der genannten negativen Erfahrungen der Probanden auf Verunreinigungen in der Wüste oder in den Oasen bezog. 4 Vgl. Baumgartner 2000. 5 Nur die Agadez-Region, ohne die 950 km lange Strecke Niamey - Agadez. 707 che Szenarien der Stadt Agadez drohen könnten. Denn in Südalgerien zeichnen sich infolge des boomenden Massentourismus bereits beträchtliche Schädigungen ab. 21.1 Praktische Tourismusethik im Niger? Dass im Niger bislang keine offensichtlich tourismusbedingten Schäden ins Auge springen, mag wohl auch die Agenturen darauf vertrauen lassen, dass dies weiterhin so bleiben wird. 13 von 21 befragten Agenturchefs sehen keinerlei Anlass dafür, ihren Kunden Richtlinien für das korrekte Verhalten in der Wüste und gegenüber der Bevölkerung zu vermitteln. Nur acht Agenturchefs er- wähnten, dass sie auf die Sensibilisierung ihrer Kunden mittels Verhaltensanregungen einwirken, wobei ihnen die Themen Fotografieren (6) und Kleidung (7) nennenswert erschienen. In der Regel aber vertrauen die Agenturen auf die hinreichende Vernunft und die Sensibilität ihrer Kunden (Adrar Madet V., SVS). Dass diese Rechnung in zahlreichen Fällen aufgeht, lässt der relativ gute Informationsstand der befragten Kunden vermuten, wie die vorliegende Studie verdeutlichen konn- te. 6 Dass dem nicht immer so ist, dass vor allem aber Wissen nicht vor Torheit schützt, verdeutli- chen Beobachtungen von zumindest punktuell auftretendem, touristischem Fehlverhalten. 7 Im Üb- rigen steht diese Laissez-fair-Praxis der Agenturen im krassen Gegensatz zu den Lehrinhalten der Reiseführer-Ausbildung, die erstmals von NIGETECH im Sommer 2002 realisiert wurde. 8 Dieser Mangel an Bereitschaft zu aktiver Wahrnehmung der Verantwortung als Touristiker hängt eng mit der Überzeugung vom wirtschaftlichen Segen des Tourismus für die Region zusammen, wie dies 13 von 21 Agenturchefs (61 %) zum Ausdruck brachten. Damit wird deutlich, dass sich die meisten Agenturen viel mehr als Retter oder wenigstens Förderer der Region, kaum aber als Verursacher von Belastungen verstehen. Schließlich sehen 12 der 21 Agenturen (57 %) keinerlei wie immer geartete tourismusbedingte Probleme. Auch eine Analyse der europäischen Anbieter hat gezeigt, dass nur ein Teil ihre Kunden hinrei- chend auf korrektes bzw. verträgliches Verhalten vorbereitet. 9 Fast hat es den Anschein, dass der Mythos der „sauberen, freien Wüste“ die meisten der am Tourismus Beteiligten zur Annahme ver- leitet, hier reise man im touristischen Paradies. Ein näherer Blick auf die tatsächlichen Gegebenhei- ten soll diese Annahme nun überprüfen. 21.2 Umweltbelastung Umweltbelastungen sind jene Tourismusfolgen, die noch am leichtesten wahrnehmbar und für Touristen auch spürbar sind. Wenn die Dünen von „sportlichen“ Allrad-Fahrern zerpflügt oder Rastplätze mit Müll verunstaltet sind, wird lediglich der Landschaftsgenuss des Kunden beein- trächtigt, 10 denn traditionell geprägte Tuareg können unversehrten Dünen keinen Reiz abge- winnen. 11 Insofern gilt die Unversehrtheit der Natur wohl als eine der wichtigsten Ressource des 6 Siehe das Kap. „Der Markt der Tuareg-Tourismus/Die Klientel“. 7 Dazu im Folgenden. 8 Vgl. NIGETECH 2002, S. 77 ff. Details dazu siehe das Kap. „Strukturelle Probleme der Tourismusentwicklung in Aga- dez/Qualifikationsmängel/Fähigkeiten des Reiseleiters - Lehrinhalten vs. Praxis“. 9 Siehe das Kap. „Der Markt der Tuareg-Tourismus/Der europäische Markt der Niger-Anbieter“. 10 NIGETECH (2002, S. 77) betont in seinem Studienhandbuch für Reiseführer: „Tout objet ou détritus laissé sur le sol y restera et dérangera l’harmonie du lieu pendant des années!“. 11 Vgl. den Bericht Spittlers (2002, S. 25), wonach der „tödliche Sand“ bei den Karawaniers vielmehr antipathische Gefühle erzeugt. 708 Niger-Tourismus. 12 Entsprechend nannten immerhin 9 von 21 der befragten Agenturen vereinzelte Umweltprobleme als relevant für den Niger-Tourismus. 21.2.1 Müllaufkommen Wilde Müllablagerungen an den Lagerplätzen wurden von den Agenturen am häufigsten (4-mal) genannt und werden auch seitens der nigrischen Tourismuspolitik als maßgebliches Umwelt- problem betrachtet. 13 Ohne ein gewisses Maß an Müllaufkommen können organisierte Rundreisen nicht auskommen, mögen sie auch noch so umweltverträglich gestaltet sein. Den größten Anteil am Müll haben Kon- servendosen, aluminiumbeschichtete Folien und Gläser, also weder verbrennbare noch verfütter- bare Verpackungsmaterialien für Lebensmittel, weiters Plastiksäcke, Medikamente, und Zigaret- tenpackungen. 14 Ein besonders Problem stellen Batterien dar, die im Niger nicht sachgerecht ent- sorgt werden können. Leider ist es hier unter der Bevölkerung üblich, Batterien und jeden anderen Abfall einfach fortzuwerfen. Umso wichtiger ist es, dass Reisende ihre leeren Batterien wieder nach Europa mitnehmen. Sechs der 21 befragten Agenturen gaben an, Müll einzusammeln und nach Agadez zurückzu- bringen. 15 Leere, gesäuberte Konservendosen in gutem Zustand sind unter Nomaden als Behält- nisse für Kleinmaterialien sehr willkommen. Problematisch ist hingegen die Methode von Aïrcar V., den Restmüll zu vergraben, weil dieser bei Sturm oder Regenflut wieder freigelegt und unkon- trollierbar weiter transportiert wird. Die unter Agenturen übliche Praxis, den Restmüll (Kunststoffen und Pappe) zu verbrennen, lässt sich nur mit hässlichen Rückständen, zumindest von rußgeschwärzten Böden, bewerkstelligen. Auch die Praxis, organische Abfälle wie Knochen und Obstschalen einfach „für die Tiere“ liegen zu lassen, bereitet dort Probleme, wo aufgrund der Trockenheit nur wenige Tiere leben und z. B. trockene Orangenschalen verdorrt für Jahre liegen bleiben. 16 Gegenwärtig ist das Problem noch nicht gravierend, auch wenn ich selbst wiederholt auf einzelne Müllreste gestoßen bin. Die Erfahrungen in Algerien mit Müllhaufen aus Konserven- und Bierdo- sen verdeutlichen, dass im Falle größerer Touristenmengen mit ernsthaften Müllproblemen zu rechnen ist. 17 Dies gilt besonders für die schönsten, weil am häufigsten besuchten Plätze. 18 12 Sinngemäß brachte dies auch die Studie von Baud-Bovy (1988, S. 4) zum Ausdruck. 13 So fordert das Nigrisches Tourismusministerium (2002, Web) auf: „Des mesures de protection devront être envisagées, notam- ment en ce qui concerne les détritus laissés sur les zones de bivouac (…)“. 14 Vgl. NIGETECH 2002, S. 81. 15 Barney (Dunes V.), der meinte, die Reinhaltung der Lagerplätze sei bereits unter Mano kein Problem gewesen, wurde hingegen von anderen Agenturen vorgeworfen, man müsse hinter seinen Reisegruppen zusammenräumen. 16 Vgl. NIGETECH 2002, S. 81. 17 Vgl. Alzouma 1996, S. 356; Popp 2000; Friedl 2003b; Keenan (2002a, 2003, 2003a) 18 Wolkinger (2003a, S. 11) berichtet von Tamrit im Tassili, „wo Müll und Abfall von den Touristen künden.“ 709 21.2.2 Wasser „Aman - Iman“ - Wasser ist Leben. So lautet eine der wichtigsten Lebensweißheiten der Tuareg, denn die Wüste wird erst mit den entsprechenden Wasservorräten nutzbar. Dies gilt auch in touris- tischer Hinsicht, denn es ist unmöglich, über mehrere Tage eine Reisegruppe zu führen, ohne die Wasservorräte auffrischen zu können. Dabei wird auf Brunnen und natürliche Wasserlöcher zu- rückgegriffen. Die Gefährdung dieser Ressource "Brunnen" resultiert meist aus Verschmutzung durch Wasch- mittel, Seife oder Shampoo: Der lange Verzicht auf ein Bad und die große Freude, endlich mehr Wasser zur Verfügung zu haben, veranlasst manche Touristen, Wasserlöcher als Swimmingpool und Waschgelegenheit zu nutzen. Das ist dann problematisch, wenn derselbe "Pool" auch als Trinkwasserreservoir genutzt wird. Leidet durch ein Bad schon die Appetitlichkeit des Wassers, so kann dieses durch die Verwendung von Seife ungenießbar werden. Ich musste selbst vereinzelt solche Erfahrungen mit Touristen machen, die meiner Verantwortung unterstanden, aber für kurze Zeit unbeobachtet waren. 19 Die Nutzung von Shampoo stellt dann kein Problem dar, wenn auch Einheimische bestimmte Was- serlöcher zu Waschzwecken nutzen, oder wenn der Teich über reinigende Zu- und Abflüsse ver- fügt, wie dies am Tal-Ende des Tamgak, im Ostabstieg des Bagzan oder in Timia der Fall ist. Ein bislang noch unbedenkliches Problem stellt die Übernutzung von Wasserlöchern dar. Eine zehnköpfige Reisegruppe kann mit rund 100 Litern pro Tag problemlos auskommen. Es müsste schon zu einem enormen Boom kommen, dass die Wasservorkommen stärker genützt würden als bei natürlicher Schrumpfung der Vorkommen durch Verdunstung. In der Regel wären davon eher die Agenturen selbst als die Bevölkerung betroffen, denn die abgelegenen Wasserlöcher in der Wüste werden kaum von Nomaden frequentiert. In den schwer zugänglichen Bergen wiederum, etwa im Tamgak, leben zwar viele Nomaden, dort gibt es aber auch viele Wasserlöcher, und nur wenige Touristen. Für die Brunnen in den Einzugsgebieten von Siedlungen lässt sich ebenfalls festhalten, dass die Belastung des Grundwasserspiegels durch Tourismus im Vergleich zu modernen Motorpumpen, die zunehmend von Gartenbauern eingesetzt werden, vernachlässigbar ist. 20 In Summe ist das Wasserproblem stets nur vorübergehend: Spätestens mit dem nächsten Regen sind etwaige Verunreinigungen oder Übernutzungen wieder beseitigt. 19 Fritsch (2003, Sahara Info 1/2003, S. 15) berichtet von einem Brunnen in Algerien, bei dem noch deutlich die Spuren vom Auto- waschen mit Brunnenwasser zu sehen waren „Man darf davon ausgehen, dass dieser Einfall in keinem einheimischen Kopf geboren wurde.“ 20 Im Vergleich dazu leidet etwa der libysche Fezzan an einem weit größeren Wasserproblem. Dort sind bereits alle 36 Brunnen, die die Region im 19. Jahrhundert versorgten, versiegt. Heute muss Wasser aus 400 Meter tiefen Brunnen empor gepumpt werden. In diesem Zusammenhang stellt Tourismus besonders in trockenen Jahren eine große Belastung der Wasservorkommen außerhalb von Ghat dar. Dazu zählen auch wiederholte Verunreinigungen der Wasserlöcher durch unsachgemäße Benützung von Waschmitteln (vgl. Kohl 2002, S.65). 710 21.2.3 Hygiene Ein delikates Problem stellt die Hygiene dar. Im Niger ist es üblich, sich zur Verrichtung seiner Notdurft etwas vom Lager zu entfernen. Aufgrund der großen Trockenheit stellt diese "Entsor- gung" kein Problem dar. Wichtig ist nur, dass sich der gewählte Abort weit genug entfernt von der Wasserstelle befindet. Problematisch ist dabei wegen der Trockenheit die Benutzung von Klopa- pier, da es nicht verrotten und darum im benutzten Zustand beim nächsten Windstoß jemandem ins Gesicht fliegen kann. Klopapier sollte darum stets verbrannt werden. 21 Ich bezweifle sehr, dass diese Maßnahme von irgendeiner Agentur gefördert wird, da der Intimbereich für Tuareg ein be- sonderes Tabu darstellt. Ich selbst habe zwar stets meinen Kunden diese Regel vermittelt oder auch die Benutzung von Wasser anstelle von Papier empfohlen. Den Erfolg habe ich jedoch nie kontrol- liert. Leider bin ich bereits auf Klopapierreste gestoßen. 21.2.4 Holz Betrafen die bisherigen Probleme die Touristen selbst, so ist die mögliche Übernutzung der Be- stände an Totholz durch Verfeuern eine Bedrohung, die vor allem die Anrainer-Nomaden betrifft. Für Nomaden ist Holz einer der wichtigsten Baustoffe für Geräte und Zelte und der wichtigste Energieträger neben den Kamelexkrementen. Bäume wachsen in der Wüste extrem langsam, während Feuer- und Bauholz in immer größerer Menge benötigt werden; das wiederum beschleunigt die Ausbreitung der Wüste. Aus diesem Grund ist etwa der Holzeinschlag innerhalb des Aïr-Ténéré-Reservats auch für Nomaden restriktiv geregelt, was zu Konflikten führte.22 Als Maßnahme gegen die Bodendegradation hatte die Reservatsverwaltung En- de der 80er-Jahre ein umfassendes Programm zur Verbreitung einer holzlosen Hüttenbauweise auf Basis getrockneter Lehmziegeln gestartet, eine Methode, die seither zunehmend Nachahmung fin- det. 23 Reisegruppen benötigen vor allem zum Kochen Holz, das in der offenen Wüste oder im Djado, in holzarmen Regionen also, zunehmend durch mitgeführtes Erdgas ersetzt wird. Diese Maßnahme wird wegen des dadurch erzielten Zeitgewinns von manchen Agenturen sogar gerne praktiziert. Die abendlichen Lagerfeuer folgen an zweiter Stelle beim Holzverbrauch. Meine Erfahrungen be- legen, dass Abende ohne Feuer in der Wüste kalt, dunkel und ungemütlich sind, weshalb die Reise- teilnehmer sich so bald wie möglich nach dem Essen zum Schlafen zurückziehen. Doch gerade beim Abendessen ergeben sich die besten Möglichkeiten, verschiedene Aspekte des Landes zu vermitteln. Unter ungemütlichen Umständen sind Touristen wenig aufnahmefähig und -gewillt. Ein Lagerfeuer stellt somit einen substanziellen Komfortgewinn dar und fördert wesentlich die abend- liche Gruppenkommunikation. Die Lösung dieses Dilemmas liegt im Kompromiss, indem einerseits Holz schon rechtzeitig aus dichter bewachsenen Zonen mitgebracht wird, andererseits, indem in holzfreien Zonen auf das La- gerfeuer zu verzichten ist. Dies ist besonders im Einzugsgebiet von Siedlungen wie Timia der Fall, wo stets großer Bedarf an Holz besteht. 21 Vgl. die vorbildliche Darstellung von Kospach (2002, S. 31) in der Dokumentation über Ténéré-Tourismus. 22 Vgl. Bourgeot 1995d. 23 Vgl. Bayard/Giazzi 1996, S. 307. Siehe etwa das Projektzentrum in Iferouane oder, in kunstvoller Weiterentwicklung, das Hotel „Maison Azel“ in Agadez (vgl. Friedl/Schriefl 2001, Besser Wohnen Nr. 8, S. 79-81). 711 Brennstoff wird mit Sicherheit noch eines der ganz großen Probleme bei der generellen ökolo- gischen Krise im Sahel werden. Sollte das Tourismusaufkommen außerordentlich anwachsen, so werden hier über die Nutzung von Gas hinaus weitere Lösungen zu entwickeln sein. Ein ambivalentes Problem stellt in diesem Zusammenhang auch die Nachfrage nach hölzernen (Kunst-)Handwerksprodukten dar, weil damit ebenfalls der Baumbestand reduziert wird 24. Ande- rerseits ist der Verkauf solcher Produkte oft die einzige Einkommensmöglichkeit von gewissen Handwerker-Gruppen. Das Problem dürfte trotzdem eher nur ein geringes sein, da sich die Nach- frage nach hölzernen Souvenirs erfahrungsgemäß in Grenzen hält. 21.2.5 Tier- und Pflanzenschutz Lebende Wildtiere stellen für Touristen eine besondere Attraktion dar. Wann immer wir auf unse- ren Touren auf Wildtiere stießen, ob Dornschwanzagamen, Hornvipern, Paviane oder Chamäleons, sie waren stets die „Fotostars“. Gravierende Probleme für die Fauna durch Tourismus entstanden dadurch, dass Säugetiere, wie Gazellen, von Agenturfahrern mit Begeisterung gehetzt wurden 25. Für die Tiere, die zum Teil nur über die Nahrung Flüssigkeit aufnehmen, kann eine solche Hetzjagd den Tod bedeuten, weil sie den Verlust an Flüssigkeit nicht mehr kompensieren können oder dem gravierenden Stress zum Opfer fallen. Mittlerweile scheint sich diese Erkenntnis unter den Agenturen zu verbreiten, denn solche Hetzjagden sind kaum mehr en vouge. 26 Eine viel größere Bedrohung der Tiere stellt die illegale Jagd mit Schnellfeuerwaffen dar, die ver- antwortlich für die substanzielle Reduktion des Wildbestandes im Aïr-Ténéré-Reservat ist. Als Hauptverantwortliche dafür betrachtet Allakaye Militärangehörige, Ex-Rebellen und auch einen kuwaitischen Prinz, der 1999 von der Regierung weitreichende Konzessionen erhalten hatte: Letz- terer hatte im Dezember 1999 binnen zweier Wochen 200 Trappen und vier Gazellen geschossen. 27 Trotzt der Bedrohung dieser so wichtigen touristischen Ressource will die Regierung bis zum Jahr 2005 insgesamt 40 Jagdzonen auszeichnen 28, um über die Vergabe von Konzessionen jährlich 5 Mrd. FCFA einzunehmen. 29 Ein Problem, das bislang im Niger nicht aufgetreten ist, ist die Bedrohung des Tierbestandes durch den Verkauf geschützter Tiere oder von Teilen davon an Touristen, wie dies in anderen Regionen leider sehr verbreitet ist. 30 24 Vgl. Bernus 1993, S. 219. 25 Dahinter schein sich ein gewisser Jagdinstinkt zu verbergen, der unweigerlich angesichts eines Wilds zum Ausbruch kommt. Englebert (1974, S. 553) beschreibt eine Szene, in welcher sein Beifahrer vom Stamm der Taitoq beim Anblick einer Gazelle völlig erregt zur Verfolgung des Tieres auffordert. 26 Die Tuareg haben wie die meisten vorindustriellen Kulturen, ein völlig anderes Verhältnis zu Tieren als urbanisierte, der Natur entfremdete Europäer. Dementsprechend haben traditionell geprägte Tuareg wenig Verständnis für den Schutz wilder Tiere, da sie diese primär als Konkurrenten, Feinde oder als Fleischlieferanten betrachten. Auch das Verhältnis zu den Haustieren ist primär funktionell, auch wenn Spittler (1998, S. 328 f.) von emotionalen Beziehungen zwischen jungen Hirtinnen und privilegierten Tieren der Herde, zumeist Zicklein, als Ersatz für sonstige Gesellschaft berichtet. Wie unterschiedlich Tuareg und Europäer gegenüber Tieren empfinden, schildert Kospach (2002, S. 33) am Beispiel eines Schafbocks, der die Bilma-Karawane begleitete, und in Bilma gewinnbringend verkauft werden sollte. Kospach kaufte das Tier aus Mitleid, worauf die Karawaniers zufrieden sind, aber die Dame scherzhaft wegen der „Rettung“ necken. Schließlich ist der Schafbock so entkräftet, dass es zu sterben droht, worauf Kospach wi- derwillig der Schlachtung des Tiers zugunsten der Fleischversorgung der Karawaniers zustimmt. „Meine Schaf-Solidarität ist den Tuareg ein Rätsel.“ 27 Der Fahrzeug-Konvoi dieser Jagdgesellschaft war übrigens der Anlass für die Absage der Rallye Paris - Dakar im Jänner 2000 (siehe das Kap. „Die Tourismuspotentiale von Agadez/Rallye Paris–Dakar“). 28 Vgl. République du Niger 1998: Loi Nr. 98-07, 29. 4. 1998, Niamey. 29 Vgl. Allakaye 2000a, S. 2. 30 Vgl. etwa Dittrich 1984, S. 61. 712 21.2.6 Fazit Gegenwärtig kann tatsächlich keine wesentliche ökologische Belastung der Region Agadez durch den Tourismus nachgewiesen werden. Allerdings bestehen gewisse Risiken, die sich bei einem signifikant stärkerem Tourismusaufkommen zu einer ernsthaften Bedrohung der Umwelt ent- wickeln könnten. 21.3 Kulturelle Ressourcen Nach den Naturlandschaften stellen kulturelle Ressourcen, wie prähistorische Artefakte, Felsgravu- ren, das heimische Kunsthandwerk und Antiquitäten, eine wesentliche Attraktion dar. Nicht von ungefähr nannte der Franzose Henri Lhote die Sahara das „größte Freilichtmuseum der Welt“.31 Diese große Attraktion geht über bloße Betrachtung und Bewunderung weit hinaus und äußert sich in rücksichtsloser Sammelleidenschaft. Kunsthandwerker mögen durch rege Kauflust in erfreuli- cher Weise profitieren. Das kulturelle Erbe wird durch diese Sammelleidenschaft hingegen massiv geschädigt. 21.3.1 Prähistorische Artefakte Der illegale Export von Kunstschätzen und anderen Formen des kulturellen Erbes ist weltweit ein Problem. Über das nepalesische Kathmandu-Tal berichtet Hagen, dass seit der Öffnung des Landes im Jahr 1952 über 50 % aller Kunstschätze geraubt worden seien. 32 Auch die Sahara und der Niger im speziellen leiden unter der weit verbreiteten Plünderung prähistorischer und paläontologischer Fundstätten. 33 Dieses Problem stellt sich, seit solche Funde bekannt geworden sind. Schon Gardi berichtet in den frühen 70er-Jahren von einem „ganzen Skelett“, das nahe der Piste bei Ingall Anfang der 60-er- Jahre an die Oberfläche geraten war, und „jedermann, der davon gehört hatte, ging hin und packte ein paar Souvenirs ein. Zehn Jahre später ist nun nichts mehr davon zu sehen.“ Den bekanntesten Diebstahl eines nigrischen Fossils hatte der Italiener Vittorio Bellavite in den 70-er-Jahren zu ver- antworten, worauf er auf Geheiß Kounchés für Jahre den Niger verlassen musste. 34 In diesen Jahren, als nur wenige Touristen in den Niger gekommen waren, brachten die Ein- heimischen selbst den Paläontologen großes Misstrauen entgegen, hatte doch Taquet, einer der wichtigsten Entdecker von Saurierfossilien im Niger, im Zuge seiner acht Expeditionen die meisten und schönsten der damaligen Funde, insgesamt über 35 Tonnen Material, nach Paris transportiert.35 Damit hatte Taquet keineswegs illegal gehandelt, denn die Ausfuhr von Fossilien ist im Niger erst 31 Zit. in Keenan 2003, S. 1. 32 Vgl. Hagen 1995, S. 272. 33 Vgl. Nigerisches Tourismusministerium 2002, Web. 34 Hinw. Khader le Danger, März 2000, Agadez. 35 Vgl. Taquet 1994, S. 118 f. 713 seit 1972 gesetzlich geregelt und bedarf seither einer Sondergenehmigung. Dieses Gesetz wurde 1997 novelliert. Seither herrscht in der Republik Niger die weltweit strengste Regelung für Saurier- fossilien. 36 Hinsichtlich der Entwendung prähistorischer Artefakten hatten die Forscher den größten Schaden angerichtet: Schon der selbsternannte „Entdecker“ der Felszeichnungen im Tassili n`Ajjer, Henry Lhote, 37 hatte Funde systematisch gesammelt und außer Landes gebracht. Was er nicht verkaufen konnte, kam in seine Privatsammlung, bislang eine der größten der Welt. Mittlerweile findet Lhote zahlreiche kriminelle Nachahmer im Dienste der Wissenschaft: In Marokko, Westsahara, Libyen, und im Niger wurden wiederholt Wissenschaftler für Plünderungen von archäologischen Stätten bestraft. 38 Diese grundsätzliche Problematik wird durch den Tourismus, ob organisiert oder individuell, ver- schärft, weil eine wachsende Zahl von „Sammlern“ Zugang zu diesen bislang abgelegenen und von den Einheimischen unbeachteten Fundstätten erlangen. Treffen Europäer auf prähistorische Fundstät- ten, so befällt sie unweigerlich eine unwiderstehliche Verlockung, schöne Stücke zu finden oder gar eine persönliche Sammlung zusammenzustellen, wie der Frühhistoriker Quechon in nachvollziehba- rer Weise verdeutlicht. 39 Diese Faszination äußert sich in der Weise, dass die Reisenden mit gesenk- tem Kopf und schleppendem Schritt die in Frage kommenden Flächen systematisch abgehen, in der Hoffnung, wenigstens eine Pfeilspitze oder auch mehr zu finden. Manche Reisende werden in ihrer Suche nach einer „eigenen, selbst gefundenen“ Pfeilspitze von einem verbissenen Fanatismus befal- len, der sich erst mit einem Fund wieder löst. 40 Für wie selbstverständlich und harmlos diese ungebremste Sammelleidenschaft allgemein gehalten wird, verdeutlichen Berichte von Individualtouristen in ihren Vereinszeitschriften: „Ein Hirte (…) breitete seinen Verkaufsstand im Sand aus. Er hatte zahllose Pfeilspitzen, einen Ring aus Stein, Armreifen, ebenfalls aus Stein und Perlen, die er uns verkaufen wollte. Wir wollten nichts kaufen. Wir wollten lieber selbst etwas finden (…) Der Ertrag war ärmlich. Ein Läuferstein (…) und eine grüne Perle.“ 41 Zu dieser unkritischen Selbstverständlichkeit tragen auch verharmlosende Reiseartikel in Medien bei: „Und schon ist die Gruppe auf Schatzsuche in diesem bizarren Freilichtmuseum. Der Sand ist übersät mit verzierten Keramikscherben, zerbrochenen steinernen Oberarmringen, fein gearbeiteten Speerspitzen und glatt geschliffenen schwarzen Meteoritensplittern.“ 42 Dass es sich bei diesem munteren Treiben um Verstöße gegen nationale Gesetze handelt43, die den Abstransport und die Ausfuhr von von Artefakten mit schweren Strafen bedrohen, bleibt völlig unerwähnt. Letztendlich landen die Fundstücke im Bücherregal oder neben der Gartenlaube, wie Gardi offen über eine unversehrt geborgene Reibeschale zugab: „Die schöne Schale dient uns nun, ein paar tausend Jahre nach dem ersten Gebrauch, in unserm Garten als Vogelbrünnchen.“ 44 Besonders dramatisch ist die Professionalisierung dieser illegalen Plünderungen durch europäische Reiseagenturen, die schamlos aus der Sahara mitnehmen, was nur möglich ist, wie es Keenan be- schreibt: „Lithics and potsherds have been collected in their millions. Extensive areas of the Sahara have been subjected to what can best be described as systematic ‘vacuuming’ by professional loot- ers to such an extent that the archaeological landscape of much of the Sahara has not been simply 36 Vgl. University of Chicago 2000, Web. 37 Vor ihm hatten nicht nur Tuareg sondern auch Offiziere viele der Stätten gekannt. Hinw. In Keenan 2002, S. 131 ff. 38 Vg. ebd. 39 Quechon 1994, S. 23. 40 In solchen Fällen sehe ich mich veranlasst, dem Reisenden dezent eine bei Nomaden gekaufte Pfeilspitze auf den Weg zu legen, um durch dessen Verbissenheit nicht den Zusammenhalt der Gruppe zu gefährden. 41 Krebs 2001a, Sahara Info 4/2001, S. 23 f; kursiv: Friedl 42 Obert 1999, S. 5. 43 Dies gilt insb. für die Nationalparks Tassili n’Ajjer, Hoggar und Aïr-Ténéré. 44 Gardi 1971, S.185. 714 damaged, but ‚sterilized‘.“ 45 Solcherart systematisch gesammelte Schätze vermarktete etwa der Münchner Reiseunternehmer Helmut Azmüller („Rolling Rover“) per Internet.46 Doch auch in der Internet-Versteigerungsplattform „www.ebay.de“ finden sich immer wieder Angebote von Arte- fakten aus der Sahara, die Plattform „www.he-artefakte.de“ ist überhaupt auf die Vermarktung solcher Funde spezialisiert. 47 Doch nicht nur Europäer 48, auch heimische Agenturen zählen zu eifrigen Sammlern. In Agadez gleichen die meisten Agentur-Büros archäologischen Museen. Und mittlerweile haben auch Tua- reg-Nomaden den Verkauf solche Funde an Touristen als zusätzliche Einkommensquelle ent- deckt. 49 Dieses mitunter systematische Abgrasen von Fundstätten führte dazu, dass entlang der klassischen Sahara-Routen einfach alles eingesammelt wurde, wie Därr bereits 1985 berichtete.50 Freilich kann das gesamte Ausmaß des Schadens nur annähernd geschätzt werden. Keenan etwa berechnet den Schaden für die algerische Tassili-Region allein auf etwa zwei Millionen gestohlene Artefakte.51 Und auch die Fundstätten zwischen Temet und dem Aïr, wo sich 1998 noch zahlreiche Artefakte befun- den haben sollen, „(...) had been thoroughly scoured: not a single stone tool or potsherd could be found. The same reconnaissance revealed that most of the western margin of the Ténéré desert ap- peared to have been equally well scoured. “ 52 In ähnlicher Manier kritisieren auch nigrische Quellen das Verschwinden der großartigsten Vor- kommen in der Ténéré. Paris schrieb zu Beginn der 90er-Jahre, dass etwa „Adrar Bous III“ ein großer Fundplatz sei, der sehr regelmäßig von zahlreichen Amateursammlern besucht und geplün- dert werde. 53 In einem Interview mit dem nigrischen Entwicklungsexperten Elkhaji Khamadedé bestätigte dieser, dass derartige Plünderungen zu Souvenirzwecken schon unter Mano Dayak zu den gravierenden negativen Tourismus-Phänomenen zählten. 54 Zunehmend machen auch inter- nationale 55 und nationale Organisationen auf dieses Problem im Niger aufmerksam. So behandelte NIGETECH die „destruction de certains sites fragiles et leur pillage: ramassage de fléchettes, tes- sons de poteries anciennes, ossements de dinosaures, bois pétrifié“ 56 als besonderes Problem im Rahmen ihrer Reiseführer-Ausbildung. Unter den heimischen Agenturen jedoch dringt diese Problematik bislang nur vereinzelt ins Be- wusstsein. Lediglich drei Agenturen (Agadez Exp., Aligouran V. und Eouaden V.) hatten das Ein- sammeln von Artefakten als Problem und die Vermittlung von Richtlinien an ihre Kunden als ihre Strategie genannt. 45 Keenan 2002, S. 2. 46 http://www.rolling-rover.de/faustkeile/index.htm. Zur Affäre Azmüller vgl. Keenan 2002, S. 8; Meier 2002, S. 78. Weil Jeremy Keenan interveniert hatte, verschwanden diese Angebote, und gegen die Verantwortlichen wurde ein Strafverfahren eingeleitet (vgl. Khaled 2003a, El Watan, 28.4.2003, Web). 47 Der algerische Wissenschaftler Sid-Ahmed Kerzabi, Vize-Präsident der „Association des amis du Tassili“ fand im Internet 524 Internet-Plattformen, die auf die illegale Vermarktung von historischen Artefakten spezialisiert seien (vgl. Alilat 2004, Web). 48 Im November 2004 wurden fünf Deutsche Touristen in Djanet verhaftet und vor Gericht gestellt, nachdem sie in illegaler Weise ohne Führer ins Gebiet des Tassili-Nationalpark eingedrungen und dort Artefakte gesammelt hatten. Nachdem sie mehrere Tage vermisst wurden, war nach ihnen gesucht worden. Als man sie fand, entdeckte man 113 neolithische Artefakte mit einem Marktwert von 5.000 Euro bei ihnen. Vor Gericht gestellt, wurden sie zu einer Haftstrafe von 3 Monaten, einer Geldstrafe von 5,2 Mio. Algeri- schen Dinar sowie einer Entschädigungszahlung an den Tassili-Nationalpark idHv 30 Mio. Dinar verurteilt (vgl. Ouarabi 2004, Web). Auf diese Vergehen des Diebstahls von Artefakten sowie den Verstoß gegen NP-Regelungen drohen bis zu fünf Jahren Haft (vgl. T-Online-Nachrichten 2004, Web). 49 Im April 2004 wurden durch den französischen Zoll von einem malinesischen, aus Niamey kommenden Reisenden 5000 Pfeil- spitzen und 90 Steinbeile mit einem Gesamtgewicht von 23 kg beschlagnahmt. Die Funde stammten aus der nigrischen Sahara und waren für den Verkauf in den USA bestimmt (vgl. BBC News 2004). 50 Vgl. Därr 1985, S. 253. 51 Keenan 2002, FN VI, S. 13. Für die Westsahara vgl. Soleilhavoup 2003, Web. 52 Vgl. Keenan 2002, S. 7. Allerdings habe ich selbst 2003 in genau dieser Region noch zahlreiche Reibschalen, Pfeilspitzen und Stein- beile gefunden. 53 Vgl. Paris 1993, S. 212 54 Interview mit Elkhaji Khamadedé, PAAP/EIRENE, BP 13, Agadez, Niger, Oktober 1997. 55 Vgl. die warnende Kritik des WCMC (2000, Web) zur Lage des Aïr-Ténéré-Bioreservats. 56 NIGETECH 2002, S. 20. 715 21.3.2 Maßnahmen gegen Plünderungen Achmed (Eouaden V.) sieht in der Beaufsichtigung wichtiger Fundstätten, wie jene der Saurier- knochen, durch Wächter die einzige sinnvolle und effektive Maßnahme im Kampf gegen Diebstahl und Schwarzhandel. 57 Schon in den 70er-Jahren hatten die Behörden für den Besuch der Saurier- fundstätten die Erlaubnis des Präfekten verlangten mit der Verpflichtung, einen Wärter mitzuneh- men. 58 Seit dem Kountché-Regime erhielten überhaupt nur noch wissenschaftliche Expeditionen die Genehmigung zum Besuch der Saurierfunde im Gadoufaoua-Tal, während Touristenbesuche generell untersagt waren. 59 Die Mitnahme heimischer Führer, wie dies im Niger für Reisen abseits von Pisten seit langem ver- pflichtend ist, konnte bislang nur wenig zum Schutz der Fundstätten beitragen. Zum einen verfügen viele Führer nicht über das entsprechende Wissen 60, die nötige Autorität oder die Bereitschaft, sich gegenüber widerrechtlich handelnden Gruppenmitgliedern durchzusetzen. Den Führern geht es vielmehr um die Zufriedenheit ihrer Kunden und nicht um ein paar „Steine“ der „Kel Irou“, der „Leute von früher“. Hier kann es zu ernsthaften Konflikten zwischen dem Schutz des kulturellen Erbes und der Aufrechterhaltung des positiven Gruppenklimas kommen, ein Dilemma, das auch durch die besten einheimischen Führer nicht lösbar ist. Hier haben europäische Begleiter schon mehr Einfluss, doch auch hier bestehen faktisch Grenzen. Bei kleinen, häufig vorkommenden Artefakten wie Pfeilspitzen oder Keramikbruchstücken lässt sich die Sammelleidenschaft - außer im Einzugsgebiet des Reservats, wo ein totales Sammelverbot herrscht - mit plausiblen oder autoritären Argumenten kaum unterbinden. Vor allem lässt sich die Befolgung solcher Vorgaben praktisch niemals völlig kontrollieren, denn Leibesvisitationen oder die Kontrolle der gesammelten Steine sind schlichtweg unzumutbar und jenseits jeglicher Verhält- nismäßigkeit. Darum halte ich es auch für vertretbar, Nomaden kleine, unbedeutende Funde wie Pfeilspitzen ab- zukaufen. Der (wissenschaftliche) Schaden erscheint mir hier geringer als der Vorteil, den Noma- den auf diese Weise aus dem Tourismus ziehen können. Hier ergibt sich eine der wenigen Chancen der Nomaden zur Partizipation an touristischer Wertschöpfung bzw. am konkreten Profit durch das „kulturelle Erbe“. 61 Dem gegenüber erscheint mir der ideologisch motivierte Anspruch von außerhalb dieses Raumes tätigen Personen und Institutionen auf den unbedingten Schutz von Pfeilspitzen zugunsten der „wissenschaftlichen Erkenntnis“ für ein generelles Verbot keine ausreichende Rechtfertigung zu sein. 62 Es ist nur zu gut bekannt, dass im Dienste der Wissenschaft unzählige Missbräuche und Unmenschlichkeiten durchgeführt wurden, und es ist nicht einzusehen, welchen Nutzen heimische Nomaden aus dem detaillierten, wissenschaftlichen Wissen über die „Kel Irou“ ziehen sollen, so- lange unklar ist, welchen konkreten Erkenntnisgewinn die Wissenschaft jemals noch aus Lage, 57 Große Wirbelknochen sah ich im Angebot der Tuareg-Händler bei Assode im Jahr 2000, wie es in Friedl (2002a, S. 87) bildlich dokumentiert ist. Im Jänner 2003 hatte mir am großen Markt von Agadez ein wilder Händler einen fossilen Zahn zum Kauf angebo- ten. Als ich ihn auf die Illegalität seines Handelns hinwies, verschwand er im Getümmel des Marktes. 58 Vgl. Gardi 1971, S. 176; vgl. auch Tillet 1993, S. 25. 59 Vgl. Krings 1982, S. 384. Dies war wohl auch der Grund dafür, weshalb die nigrischen Saurierfunde für den Tourismus weitge- hend unbekannt blieben. 60 Im Sommer 2002 wurde erstmals in den neu eingerichteten Reiseführer-Ausbildungskursen von NIGETECH (2002, S. 77) zu- mindest in den Skripten darauf hingewiesen, dass Reiseführer ihre Kunden durch die Vermittlung von Regeln für den Schutz der Sahara zu sensibilisieren hätten, und dass sie selbst weder Fundstücke sammeln, noch verkaufen, noch dazu anregen dürften: „Il ne doit pas ramasser et vendre des objets sur les sites, ni encourages les prélèvements illégaux.“ 61 So bezeichnete der junge Karawanier Elouali Hadda (Int. 13. 11. 1999 bei Timia) die Ténéré als einen ökonomischen Raum so- wohl für ihn als Karawanier als auch in Hinblick auf den Verkauf von Pfeilspitzen an Touristen. 62 Vgl. etwa den Aufruf „Ein Wort auf dem Weg in die Wüste“ des Kölner Heinrich-Barth-Instituts (2002, Web). 716 Form und Zahl einiger Pfeilspitzen ziehen könnte. In jedem Fall spricht hier die Frage der Verhält- nismäßigkeit gegen einen Boykott des nomadischen Pfeilspitzen-Handels. Rigoros abzulehnen ist dagegen der Kauf größerer, außergewöhnlicher Artefakte, weil dadurch die Nachfrage und in Reaktion darauf die kommerzielle Suche nach solchen Stücken gefördert wird. Während Pfeilspitzen von Nomaden im Vorübergehen ohne besonderen Aufwand mitgenommen werden können, bedarf es bei größeren Objekten schon beträchtlicher Anstrengungen, die sich für Nomaden erst dann lohnen, wenn es auch eine entsprechende Nachfrage gibt. Insgesamt besser gedient wäre den Nomaden wie auch dem kulturellen Erbe, würde man Ziegenkäse oder gar eine Ziege kaufen. Auch gegenüber den Touristen lässt sich bei beabsichtigten Entwendungen einfacher und über- zeugender auftreten. Derartige Funde sind als touristische Attraktion in einem lokalen Museum weit besser aufgehoben, da sie hier zur lokalen Wertschöpfung beitragen können. Die illegale Aus- fuhr großer Stücke ist überdies schwieriger zu bewerkstelligen und würde sogar die Gruppe in Ge- fahr bringen. Schließlich bleibt noch die Frage, wie solche Diebstähle durch Fremde zu verhindern sind. Ist es denn verantwortbar, schöne Funde liegen zu lassen, in der Hoffnung, sie würden nur von einem seriösen Wissenschaftler gefunden werden? Archäologen würden dies bejahen, weil jegliche Ver- änderung eines Funds die Möglichkeit auf weiterführende prähistorische Rückschlüsse beeinträch- tigt. Ohne Zusammenhang des Artefakts mit seinem genauen Fundorts, seiner Lage etc. behielte es lediglich seinen äußeren Wert als Museums- oder Sammler-Stück. Das Vergraben des Fundstücks ist aus mehreren Überlegungen unsinnig: Zum einen verlöre der Fund an wissenschaftlicher Bedeu- tung, zum anderen legt der nächste Sandsturm den Fund wieder frei, und das Entwendungsproblem stellt sich erneut. Dieses Problem ist wohl nur dadurch lösbar, dass Sahara-Reisende, ob Individual-Touristen, Agen- turen oder Veranstalter, ihre große Verantwortung aktiv wahrnehmen, und die systematische Ent- wendung von Artefakten als kriminellen Akt wann immer möglich öffentlich verdammen. 63 Denn Plünderungen einfach nur mit einem Schulterzucken zu duldend hieße letztlich, den Sahara- Bewohnern als rechtlichen Eigentümern den ebenbürtigen Rechtsstatus abzusprechen, wie es in der Kolonialzeit üblich war! Notwendig ist es auch, lokale Führer aktiv und konstruktiv davon zu überzeugen, dass sie die Grundlage ihres zukünftigen Arbeitsplatzes beschützen müssen. 64 Und dabei bedürfen sie auch unserer Unterstützung, indem wir nämlich auf andere Sahara-Fahrer aktiv einwirken müssen, wenn sie sich an Reibschalen udgl. zu schaffen machen. 21.3.3 Felsbilder Während Fundstellen durch Sammler geschädigt werden, droht den Felsbildern und -gravuren die Zerstörung sowohl durch Sammler, als auch durch Vandalismus. Wiederum war es der französische Ethnologe Henry Lhote, der in den 50er-Jahren mit der Bekannt- machung der Felszeichnungen im Tassili N`Ajjer den Grundstein für deren Zerstörung legte: Um die 63 Vgl. Friedl 2002a, S. 86, Friedl 2003b. 64 Allerdings muss hier eingewendet werden, dass nur ein minimaler Anteil der Niger-Reisenden wegen der in der Wüste freiliegen- den Artefakte kommt. Die Befragungen (vgl. das Kap. „Der Markt der Tuareg-Tourismus/Die Klientel des nigrischen Sahara- Tourismus/Reisemotive“) ergaben eindeutig, dass die Touristen wegen der Landschaft, u. a. auch wegen der Felsbilder, keineswegs aber wegen der möglicherweise zu entdeckenden Artefakte kommen. Dies ist lediglich ein möglicher „Zusatz-Faktor“, der eintreffen kann, aber von den Touristen üblicherweise nicht vorausgesetzt wird. 717 Zeichnungen und Gravuren besser fotografieren zu können, wusch Lhote den Staub von den Zeich- nungen, wodurch die Farben brillanter leuchteten. Diese Technik wurde lange Zeit auch von Touris- ten und Fotografen angewendet. Dadurch veränderte sich die chemische und physikalische Zusam- mensetzung der Farbe und des Untergrundes. Die zerstörerischen Folgen beschreibt Keenan wie folgt: „(...) several (paintings, Anm. d. V.) are nothing more than a pale reflection of there former glory, while others have disappeared altogether. “65 Mittlerweile wird dieses Zerstörungswerk durch Sahara-Touristen fortgeführt. Im Tassili haben die Felsbilder durch Berührungen und Grafittis in den 70er- und 80er-Jahren enorm gelitten. 66 Auf Felsgravuren im libyschen Wadi al-Khail haben sich arabische Besucher mit Namen und Besuchs- datum verewigt 67, und Krebs berichtet von gezielten Vandalismusakten, indem Vulva- Darstellungen in die Gravuren gemeißelt wurden. Dass begleitende Führer keinen Schutz garantie- ren, bewies Krebs’ Beobachtung einer französischen Reisegruppe im Akkakus, die „im Beisein des Führers um des besseren Fotos willen ein Bild nass machte.“ 68 Für Marokko schätzt Keenan, dass bereits 40 % aller prähistorischen Felszeichnungen und -gravuren durch Vandalismus oder Sam- melleidenschaft zerstört oder beschädigt sind.69 Im Niger, wo zwar nur wenige Felszeichnungen, aber dafür bedeutende Felsgravuren vorkommen, konnten bislang erfreulicherweise noch keine nennenswerten Schädigungen festgestellt werden. Hier wurden auch schon rechtzeitig Vorkehrungen, wie die Einstellung von Wächtern, getroffen, um die schönsten und berühmtesten Gravuren, u. a. die Giraffen von Dabous, zu schützen. Immer- hin wird verhindert, dass diese auf flachem Fels angebrachte Zeichnungen begangen werden. Die Gefahr ist noch keineswegs gebannt, sondern wird mit der Wiederaufnahme des Direktcharters erneut ansteigen. Denn je billiger Touren werden, desto eher wird eine Klientel angelockt, das die Wüste gleichsam nur als Wochenendausflugsziel betrachtet und dem es darum am nötigen Respekt mangelt. 70 21.3.4 Veränderung des Kunsthandwerks und sonstige Probleme Nach Ansicht der NIGETECH drohe durch die touristische Nachfrage ein Niedergang bei kunst- handwerklicher Qualität. 71 Nach meiner Ansicht ist diese Befürchtung als Ausdruck einer museali- sierenden Betrachtungsweise zurückzuweisen. Denn wie bereits gezeigt werden konnte, 72 wandelte sich das Kunsthandwerk im vergangenen Jahrhundert wiederholt in Reaktion auf den Geschmack der Kunden, ob dies nun traditionelle Nomadinnen oder ob es Touristen waren. Vor allem ist unbe- streitbar, dass die Vielfalt der heutigen „Kreuze“, ausgehend von der sog. „Sammlung der 21 Kreuze“, überhaupt nur aufgrund des europäischen Interesses entstand. Seit dem Ende der 90er- Jahre finden sich immer wieder neue „Kreuz“-Kreationen, aber auch neue Produkte aus Leder und Speckstein. Für die Tuareg selbst werden neuerdings auch Produkte aus Gold gefertigt, wie ich es am Schmuck einiger junger Tuareg-Mädchen im Jahr 2004 in Timia feststellen konnte. 65 Keenan 2002a, S. 53. 66 Gauthier & Gauthier (1993, S. 109) konnten sogar die Verwendung von Urin als Befeuchtungsmittel nachweisen: „Certains in- conscients vont jusqu’à utiliser de l’urine pour les faire ressortir et prendre des clichés.“ 67 Vgl. Hannelore Bielefeldt in Sahara-Info 4/94, zit. in Krebs 2001, Sahara Info 3/2001, S. 20. 68 Ebd. 69 Vgl. Keenan 2002, S. 2. Weitere Berichte über die Gefährdung von Felszeichnungen vgl. auch Keenan 2002a, 2003, 2003a; Al- zouma 1996, S. 356; Friedl 2003b. 70 Vgl. die entsprechende Kritik von Popp (2000) gegenüber Point-Afrique im Fall der Hoggar-Berge. 71 Vgl. NIGETECH 2002, S. 20. 72 Siehe das Kap. „Die Tourismuspotentiale von Agadez/Die Kultur der Tuareg/Handwerksprodukte der Tuareg/Schmuck“. 718 Begründet ist eine Befürchtung von NIGETECH nur insoweit, als durch den Preisdruck der Trend zu Billigmaterialien Nickel zu beobachten ist. Gleichzeitig werden aber auch qualitativ hoch- wertige Produkte aus edlen Materialien in größerem Ausmaß gefertigt, die sich an ein Publikum richten, das für entsprechende Qualität einen entsprechenden Preis zu zahlen bereit ist. 21.3.5 Antiquitäten Der Vollständigkeit halber sei auch das denkbare Problem angesprochen, dass Antiquitäten durch den Verkauf an Touristen dem Land verloren gehen. Derzeit findet man in Agadez einige wenige Läden, die auf den Verkauf von alten Gebrauchsgegenständen spezialisiert sind, 73 und Nomaden bieten selbst den Reisenden alte Gebrauchsgegenstände wie Schwerter oder Lederprodukte an. Hier stellt sich - ähnlich wie im Fall der Pfeilspitzen - die Frage, wer denn durch den Verkauf sol- cher Gegenstände geschädigt werde. Nomaden verkaufen in der Regel Gegenstände dann, wenn sie Geldbedarf haben. Für ein altes Schwert, das für einen Tuareg Gebrauchswert und längst auch Prestigewert verloren hat, 74 könnte dieser auf den eigenen Märkten wohl kaum mehr befriedigende Preise erzielen. So betrachtet sind die Touristen neue Abnehmer für Gegenstände, die bei den Tua- reg kaum jemand mehr kaufen würde. 21.3.6 „Bausünden“ Eine theoretisch berechtigte Sorge ist die Verunstaltung des architektonisch harmonischen Gefüges von Agadez durch neue, unangepasste Hotelbauten. Die bisherigen neueren Hotelbauten, wie das Hotel Tintelloust oder die „Maison Azzel“, wurden aus Lehm in traditioneller Bauweise errichtet und stellen eine Bereicherung des Stadtbildes dar. Das im Jahr 2002 eröffnete, libysch geführte Luxushotel „La Paix“ ist zwar ein relativ großer Betonbau für wohlhabende Geschäftsleute und weniger für Touristen, fügt sich aber optisch gut in das Stadtbild ein. Problematisch war der Bau des Hotels „Agadez la Plage“ einige Kilometer vor der Stadt im Einzugsgebiet des Wadis. Dieses Luxushotel, das bis heute kaum frequentiert wird, ist der Grund gewesen, dass die gtz ein großes Bewässerungsprojekt nicht mehr ausgeführt hat, wodurch letztlich die gesamte Region Schaden genommen habe. 75 Für Agadez droht Gefahr eher von Seiten der Fortschrittsbegeisten. So wurde 2002 ein hoher Sen- demast für Mobiltelefone am Rande der Altstadt aufgestellt, der das Stadtbild wahrnehmbar beein- trächtig. 73 Die bekanntesten Händler sind Khader le Danger mit seinem „Ski-Shop“ nördlich des großen Marktes sowie Amadou Illo Dizi mit seinem „Schmuckladen“ neben dem Hotel Tellit. 74 Entsprechend definierte Daboun Taralou (Chef de Groupement de Timia, Interview in Agadez, 19. 3. 2001) einen Touristen als jemand der „die alten Sachen kauft, die wir schon aufgegeben haben. Ich kann mir nicht vorstellen, was die damit machen.“ 75 Vgl. Aghali Abdou, Adrar Madet, Agadez, 23. 10. 1999; Sagebiel, gtz Tahoua, November 1999. 719 21.4 Soziokulturelle Auswirkungen des Tourismus Soziokultureller Wandel, der im Wesentlichen durch Tourismus verursacht wurde, lässt sich nur sehr schwierig nachweisen. Dies gilt umso mehr bei dem für den Niger-Tourismus zumeist sehr geringen Touristenaufkommen und der weiten räumlichen Streuung touristischer Attraktionen. Daher lässt sich annehmen, dass der Niger-Tourismus von einer hohen Sozialverträglichkeit ge- kennzeichnet ist. Diese Meinung vertritt sinngemäß etwa Ibrahim Kané (SVS) mit dem Hinweis, dies könne sich ändern, wenn sich der Niger-Tourismus zum Massenphänomen wandeln würde. 76 Weniger opti- mistisch beurteilt die Situation Pierot Ravá (SVS) 77, der als Folge der Charter-Verbindung nach Agadez einen Trend zu Kurztouren wahrzunehmen meint, weil diese Klientel sich durch weniger Sensibilität auszeichne und somit eine größere Gefährdung der hiesigen Kultur darstelle. 78 Noch drastischer brachten es die Direktoren von Dunes V., Tchimizar V., Pleiade V. und Pèlerin du Désert zum Ausdruck, die im Tourismus überhaupt einen Faktor weitreichender „Kulturzerstö- rung“ 79 sehen. Akli (Agadez Exp.) wies auf die sozialen Probleme hin, die aus der großen Kluft zwischen Arm und Reich resultieren würden. Die übrigen Agentur-Sprecher sehen dagegen keiner- lei kulturelle Gefahr durch den Tourismus. Wann immer die Rede von Tourismus und Kultur im Zusammenhang mit einer vorindustriellen Kul- tur ist, so fällt generell auf, dass sich kulturell interessierte Europäer weit stärker um möglichen Kul- turwandel sorgen, als Mitglieder dieser Kultur selbst. Das wird auch hier wieder deutlich. Unter den Agenturen findet sich kein einziger Kulturkritiker, der noch eng mit der Tuareg-Kultur verbunden ist. Rava und Barney sind Europäer, Akli ist ein Halb-Tuareg, der die meiste Zeit in Europa gelebt hat, und Aoutchki (Pelerin du Désert) war lange Zeit als Entwicklungshelfer und als Präsidentenberater tätig, Houché lebt die meiste Zeit des Jahres in Österreich, und Ibrahim Kane lebte lange Zeit in Ita- lien. Bei allen lässt sich eine starke Distanz zur gelebten, traditionellen Tuareg-Kultur feststellen. Insofern ist eine gewisse Neigung zur Romantisierung der „wahren“ Tuareg-Kultur ebenso nahe lie- gend wie die daraus folgende Sorge um die Bewahrung dieses romantischen Zustands. Dies kam besonders deutlich im Gespräch mit Sidi Mohamed (Pleiade V.) zum Ausdruck, als er meinte, er lebe die „Hölle des Tourismus, damit meine Familie im Busch das Paradies leben kann“. 80 Ein Indiz für die Berechtigung meiner - zweifellos stark überspitzt und vereinfacht formulierten - Überlegungen ist die Tatsache, dass von den Genannten lediglich Akli (Agadez Exp.) und Rava (SVS) ihren Kunden gewisse Richtlinien für kultursensibles Verhalten geben: Akli achtet bei sei- nen Kunden auf die Kleidung, Rava auf die Kleidung und auf den Umgang mit Geschenken. Dies lässt die Vermutung zu, dass diese zwei Agenturen den tourismusindizierten Kulturwandel nicht lediglich als eine vage, unabwendbare Bedrohung empfinden, sondern als einen Prozess, der durch das eigene konkrete Verhalten beeinflusst wird. Eine besonders kritische Haltung gegenüber dem Tourismus nimmt die NIGETECH ein. In ihrem Handbuch für Sahara-Führer beschreibt die Organisation den Tourismus als ein großes soziokultu- relles Problem aufgrund der „déculturation par l’importation de certaines valeurs sociales propres aux peuples développés et riche (cigarettes, alcools, prostitution, mimétisme, nouvelles habitudes de consommation).“ 81 Damit vermittelt NIGETECH eine klassische, leider höchst oberflächliche 76 Vgl. Prokurist v. SVS, Agadez, 27. 10. 99. 77 Direktor von SVS, Agadez, 19. 3. 2001. 78 Eine analoge Position bezieht Popp (2000) gegenüber dem Charter-Klientel in Südalgerien, das ebenfalls mit Point-Afrique aus Paris für Kurztouren anreist. 79 Aoutchiki (Agadez, 29. 10. 1999) nannte neben der Umweltzerstörung soziokulturelle Einflüsse wie Monetarisierung, Prostituti- on, die Chasses Touristes, die nach „Cadeau“ schreienden Kinder, die Respektlosigkeit der Touristen und die rücksichtslose Foto- jagd, weshalb nach seiner Ansicht „Tourismus keine Priorität für die Region“ sei. 80 Vgl. Gespräch vom 25.10.1999 in Agadez. 81 NIGETECH 2002, S. 20. 720 Position der soziokulturellen Tourismuskritik, die von einer weitgehenden Monokausalität von Akkulturationsprozessen, ausgelöst durch Demonstrationseffekte, 82 ausgeht. 83 Gibt es nun Aspekte des Niger-Tourismus, die in soziokultureller Hinsicht problematisch sein könn- ten und die stärker zum soziakulturellen Wandel beitragen als die generell wirkenden Moderni- sierungsmechanismen der Monetarisierung, des Nationalstaats, der Technisierung und insbesondere der Entwicklungszusammenarbeit? 84 Trotzt aller Schwierigkeiten und Unsicherheiten suche ich einen Weg zwischen den zwei Extre- men, der Verharmlosung und der Verteufelung des Tourismus und versuche, in diesem Teilkapitel einige typische Phänomene und Zusammenhänge im Niger-Tourismus herauszuarbeiten, die zu- mindest potenziell soziokulturelle Folgen innerhalb der regionalen Kultur mitverursachen können. Dabei orientiere ich mich an folgenden Kriterien, deren Zutreffen soziokulturelle Folgewirkungen auslösen kann, jedoch keineswegs zwingend, wie sich noch herausstellen wird. 1. Behinderung von gegenseitigem Verständnis bzw. Verstärkung von Klischees 2. Schwächung von Identität 3. Stiftung von Unzufriedenheit und Begehrlichkeiten 4. Schaffung von persönlichen oder strukturellen Abhängigkeiten 5. Respektlosigkeit vor Werten (Kommunikation, Solidarität..) 6. Missachtung der persönlichen Grenze bzw. des persönlichen Willens 7. Missbrauch einer Machtposition 8. direkte psychische oder physische Gewalt Diese Kriterien sind von 1 - 8 nach dem Grad der Intensität ihrer Wirkung und auch des Verschul- dens gereiht, wobei es hier situationsbedingte Verschiebungen und Überschneidungen geben kann. Grundsätzlich ist vorweg festzuhalten, dass die klassischen Strukturen des Dritte-Welt-Tourismus, die für viele soziokulturelle Probleme verantwortlich gemacht werden, im Niger-Tourismus auch gegeben sind: Zwischen Tuareg und Touristen herrscht ein krasser Unterschied bei ¾ den jeweiligen Wohlstandniveaus ¾ dem Grad der Monetarisierung ¾ dem Grad der Modernisierung ¾ der Rolle der Geschlechter ¾ der Rolle der verschiedenen Altersgruppen ¾ den herrschenden Wertvorstellungen Daraus folgt, dass potenziell durch den Tourismus Gefühle wie Neid, Hoffnungen auf raschen Reichtum und schnelles Geld geweckt werden können. 82 Vgl. Lüem, S. 63 ff. 83 Vgl. die Kritik von Burns (1999, S. 101) gegenüber dem Konzept des Demonstrationseffekts. Vgl. auch den Hinweis von Vorlau- fer (1996, S. 291) auf die zahlreichen übrigen Faktoren des sozialen Wandels neben dem Tourismus, nämlich Industrialisierung, Urbanisierung, bessere Kommunikationstechniken, steigende soziale und räumliche Mobilität, Massenmedien und die zunehmende Integration in die westliche Wirtschaft. 84 Uhl (1990, S. 8) wies in der meines Wissens einzigen Studie über die möglichen Auswirkungen des Tourismus auf die Kultur der Tuareg darauf hin, dass „gerade die im Kameltourismus arbeitenden Tuareg (…) diejenigen (sind), die im Vergleich mit anderen Tuareg (z.B. den Fahrern von Fahrzeugen oder in der Verwaltung tätigen) noch wesentlich eher an ihrer Tradition und Kultur orientiert sind.“ 721 Andererseits sind die genannten Umstände überall dort gegeben, wo Angehörige unterschiedlicher Kulturen, Regionen, Religionen und sozialen Schichten zusammenkommen. Dies gilt insbesondere auch für die Tuareg, die durch krisenbedingte Migration, Rebellion oder temporäre Migration zu Arbeitszwecken einige Zeit in Nachbarstaaten leben. Damit wird aber auch deutlich, welch viel- fältige anderweitige Faktoren des Wandels und der Modernisierung auf die Tuareg einwirken. Je größer die vom Tourismus berührten Siedlungen sind, desto stärker sind diese vielfältigen Ein- flüsse. Es darf auch nicht übersehen werden, dass Identität und kulturelles Selbstbewusstsein im modernen Sinn die Begegnung mit anderen Kulturen voraussetzt. So ist die heutige Identität insbesondere der im Tourismus tätigen Tuareg nicht unwesentlich durch die Rebellion geprägt, und auch ein Enga- gement im Tourismus trägt zwangsläufig zur Veränderung der Identität bei. Ethisch maßgeblich ist hierbei das „Ausmaß“ des Wandels im Vergleich zu Veränderungen, die auch ohne Tourismus stattfinden würden, und insbesondere die damit verbundene, subjektive Besser- oder Schlechter- stellung der betroffenen Personen. 21.4.1 Der urbane Bereich Städte sind Katalysatoren des sozialen Wandels. Hier treffen ständig Menschen unterschiedlichster Herkunft aufeinander. Dies gilt besonders für eine so schnell wachsende Stadt wie Agadez, deren Einwohnerzahl sich in den letzten 30 Jahren infolge der zwei großen Dürren mindestens verzehn- facht hat. Größere Orte bieten für Touristen gewisse Annehmlichkeiten, die am Land nicht zu fin- den sind, wie Bars, Einkaufsmöglichkeiten, Duschen etc., und deshalb stellt sich in der Stadt zwangsläufig ein anderes, lockereres Verhalten ein. Auch ist das Touristenaufkommen in den Oa- sen, allen voran in Agadez, weit konzentrierter als im offenen Land. Dieser Umstand legt die An- nahme nahe, dass bei urbanen einheimischen Gruppen gewisse soziokulturelle Auswirkungen des Tourismus wie Nachahmungseffekte, Begehrlichkeiten oder andere problematische Verhaltens- weisen häufiger auftreten als bei ländlicher Bevölkerung mit weniger häufigem, weniger konzen- triertem Kontakt zu Touristen. 21.4.1.1 Aggressive Kinder Die Aggressivität der Kinder, die in scharfem Ton von Touristen Geschenke fordern, ist so eine unangenehme Erscheinung. 85 Besonders in abgelegenen Gassen der Altstadt von Agadez und in den neuen Vierteln werden die Kinder zudringlich, wenn keine Erwachsenen in der Nähe sind. Ich selbst wurde während meines Daueraufenthalts im Viertel Sabon Gari wiederholt von schreienden Kindern attackiert und beschimpft, einige Male sogar mit Steinen beworfen. Sophie Landrieu, eine in Agadez in der EZA tätige Geografin aus Bordeaux, wurde eines Abends sogar von jungen Bur- schen attackiert und sexuell bedroht, obwohl sie alle wesentlichen Verhaltensregeln befolgt hatte. Derartiges Verhalten tritt in vielen Orten, nicht nur in Agadez, auf. Därr berichtet über Arlit, dass die dortige Bevölkerung trotz der Uran-Mine „unglaublich verarmt (ist). Die Kinder und Jugend- 85 Sie rufen „Donnez-moi un cadeau/bonbon/stylo!“ - „Gib mir ein Geschenk/ein Bonbon/einen Kugelschreiber!“ 722 lichen sind dermaßen aufdringlich, dass wir die Stadt schnellstmöglich wieder verlassen“. 86 Ähn- lich berichtete Krebs: „Das alles beherrschende Thema ist Cadeau, Cadeau, Cadeau.“ 87 Ende der 90-er-Jahre bettelten die Kinder in der Oase Fachi besonders aggressiv und aufdringlich, worauf einige führende Agenturen beim Sultan und beim religiösen Oberhaupt von Fachi inter- venierten. 88 Im Zuge meines Besuchs von Fachi gemeinsam mit meiner Kneissl-Reisegruppe im Jänner 2003 empfanden wir die Kinder jedoch als freundlich und unaufdringlich. Auch in Timia konnte ich beobachten, dass die Kinder neuerdings viel zurückhaltender geworden sind. Nach verbreiteter Ansicht ist der Tourismus unmittelbar für die Aggressivität der Kinder verant- wortlich, weil Touristen Kleinigkeiten wie Bonbons und Kugelschreiber an Kinder verteilt hätten. Die Beobachtungen in Arlit, Fachi und Timia indizieren aber, dass die Aggressivität der Kinder gerade mit wachsendem Tourismusaufkommen spürbar abnimmt. Gleichzeitig besuchten seit dem Ende der Rebellion mehr Kinder die Schule, sodass sie besser kontrolliert waren. Es stellt sich ü- berhaupt die Frage, wann denn diese Kinder von Touristen negativ geprägt worden seien sollten, da doch der Tourismus zwischen 1991 und 1998 praktisch zum Stillstand gekommen war. Dieses Phänomen ist nicht neu. Schon Zöhrer hatte in den frühen 50er-Jahren, lange vor dem Auf- kommen des Tourismus, sein Lager deshalb außerhalb von Agadez aufgeschlagen, weil er dort „nicht dauernd von den schon ziemlich zudringlichen Einwohnern von Agadez belästigt“89 worden sei. Insofern liegt die Überlegung nahe, dass die Aggressivität primär eine unmittelbare Folge des Kontakts mit Fremden sei, und dass mangelnde Kontrolle durch die Eltern und der für Kinder grö- ßere soziale Spielraum in Agglomerationen diese verstärke. Dies indiziert auch das gänzlich andere Verhalten der ländlichen Jugend, die entlang der Touristenrouten ebenfalls den Kontakt gewohnt, aber sehr viel zurückhaltender sind. Im Übrigen wies Achmet Alcher darauf hin, dass in Agadez auch Überfälle auf Geschäfte und somit ein genereller Anstieg der Kriminalität zu verzeichnen wäre. 90 Will man Kinder nicht zu Attacken herausfordern, so sollte man darauf verzichten, typische touris- tische Insignien, wie etwa teure Kameras, offen zur Schau zu stellen. Mit einem einheimischen Führer steht man unter anerkanntem Schutz. Der Sahara-Reisende Heller hat außerdem gute Erfah- rungen mit der freundlichen, aber bestimmten Antwort „Babou Cadeau“, was auf Haussa- Französisch bedeutet, „wir haben kein Geschenk“. Nach Hellers Erfahrungen reagierten die Kinder auf diesen Zuruf, indem sie „in der Regel (…) ein kurzes Stück mit(liefen), (…) manchmal auch gerne noch ihre Französisch-Kenntnisse zum Besten (gaben), (…) uns dann aber in Ruhe (lie- ßen).“ 91 86 Därr 2001, Web; ähnlich auch Stührenberg 2002c, S. 37. 87 Krebs 2001a, S.25; vgl. auch Mixich & Kreutzinger 2003a, S. 41. 88 Langensteiner (2001, S. 25) berichtet über Bilma: „Viele bettelnde Kinder auch hier.“ 89 Zöhrer 1954, S. 90. 90 Direktor v. Arakao V., Agadez, 5. 4. 2001. 91 Heller 2002, Sahara Info 2/2002, S. 29. 723 21.4.1.2 „Chasses Touristes“ Bereits angesprochen wurde das Problem jener älteren Gruppe von zumeist beschäftigungslosen Personen, die ihren Unterhalt als inoffizielle Souvenirhändler mit der „Jagd auf Touristen“ verdie- nen. 92 Auch dieses Problem ist keinesfalls neu. Schon Mano Dayak berichtet, dass deren Zudring- lichkeit sogar den tolerantesten „Nasara“ 93 enerviere, 94 und dass sich dagegen nur Humor und „une certaine dose de Stoïcisme“ 95 empfehle. Zwangsläufig entstehen dort informelle Märkte, wo sich potenzielle, kaufkräftige Kunden einfin- den. Insofern verursacht das Auftreten von Touristen dieses Phänomen. Trotzdem darf nicht ver- gessen werden, dass das Brot der „Chasses“ hart ist, denn es ist keineswegs leicht, zur Klientel vor- zudringen. So scheuen manche Schmiede, wie Mohamed Attako, durchaus diese als erniedrigend empfundene „Jagd“ auf Kunden und meiden neuralgische Punkte wie z.B. den Flughafen. Der Grund für die Ergreifung solcher „Jobs“ liegt ganz einfach in der Unmöglichkeit, bei der extrem hohen Arbeitslosigkeit insbesondere unter Jugendlichen in Agadez, reguläre Arbeit zu finden. Als „Chasse“ zu arbeiten ist gleichermaßen legitim wie für Touristen Agadez zu durchstreifen. Die Problematik liegt letztlich in der Frage, wie weit ein „Chasses“ mit seiner Verkaufstechnik bei Touristen gehen kann, um sie zum Kauf eines Souvenirs zu überreden - und umgekehrt: welche Rechte ein Tourist hat, Kaufverhandlungen abzulehnen und zu wünschen, allein gelassen zu wer- den. Die mit den geringsten Friktionen verbundene Lösung liegt im Engagement eines persönlichen Führers, der im günstigsten Fall sogar dem „Chasses“-Milieu entstammt: Dieser hält auf an- gepasste Weise unbelehrbar zudringliche Händler ab. 96 Gleichzeitig wird damit eine Person we- nigstens kurzzeitig in den quasi-formellen Tourismus integriert, was mittelfristig zu einer Entschär- fung der Situation beitragen kann. 21.4.1.3 Urbane Feste In unübersehbarer Weise stehen Touristen während großer Feste wie des Tabaski oder des Bianou mit ihren Kameras „mitten im Bild“, um ihrerseits die besten Fotos „schießen“ zu können. Solche Feste sind für die Bevölkerung selbst ein großes Ereignis, wie gerade die Ansammlung schön ge- kleideter Einheimischer vor dem Sultanspalast in Agadez beweist. Inwieweit tragen nun Touristen und insbesondere Fotografen dazu bei, dass die Einheimischen gestört oder gar verdrängt werden, oder dass diese Feste zum folkloristischen Spektakel verkommen? 97 Beim derzeitigen, geringen Tourismusaufkommen kann von einer solchen Gefahr keine Rede sein. Die Fotoproblematik, die noch näher thematisiert wird, wird in der Agadez-Region in erster Linie von modernisierten Personen - also Touristen, EZA-Mitarbeitern oder von Tuareg mit prägenden Europa-Erfahrungen - kritisiert, und jene, die sich am lautesten über Touristen beklagen, die „mit- ten im Bild stehen“, sind wiederum Touristen. In Timia war keine wesentliche Kritik gegenüber dem touristischen Fotografieren bei Festen vorgebracht worden. Vielmehr brachten die Befragten zum Ausdruck, dass sie das Fotografieren bei solchen Festen als Werbung für ihre Kultur betrach- 92 Siehe das Kap. „Strukturelle Probleme der Tourismusentwicklung in Agadez/Die Mängel der Marktstruktur/Chasses Touristes“. 93 Haussa-Wort für Europäer. 94 Dayak 1994, S. 42. 95 Dayak 1994, S. 56. 96 Heller (2002, S. 29) berichtet vom Erfolg dieser Strategie. 97 Sinngemäß lautete etwa die harsche Kritik von Elhadji Khamedede, 12.10.1997, Agadez. 724 ten und sie es sogar begrüßen würden. 98 Was die Gefahr der Folklorisierung anbelangt, so werden in Agadez üblicherweise keine Feste für Touristen arrangiert. Vielmehr handelt es sich stets um traditionelle, in der Bevölkerung verwurzelte Feste. Hingegen wurden schon unter Mano Dayak in den Dörfern Kameltänze und -rennen für Touristen- gruppen inszeniert, besonders an den Tagen, an denen die Rallye Paris-Dakar in Agadez Station machte. Wie die Bevölkerung diese inszenierten Feste empfindet, verdeutlichte die Situation im Jänner 2000: Damals war eine ganze nomadische Mattenzelt-Stadt bei Azzel für die Rallye- Besucher aufgebaut und ein umfangreiches Festprogramm mit Musikvorführungen, Tamtam, Ka- melrennen etc. vorbereitet worden. Als aber die Rallye wegen angeblicher Terror-Gefahr abgesagt wurde, entschlossen sich die Behörden, die Festlichkeiten dennoch abzuhalten, aber nun eben nur für die Bevölkerung. Damals waren meine Frau und ich als Gäste des Unterpräfekten, ein französi- scher Journalist und der Dunes-V.-Direktor Barney die einzigen Europäer, denen sämtliche Teile der Anlage stolz vorgeführt wurden. Mehrmals war ich von den Behörden aufgefordert worden, möglichst viel zu fotografieren. Die Tuareg haben selbst ihre Freude an den Reitkünsten der Hirten, die ihrerseits mit Stolz ihre Geschicklichkeiten vorführen. 99 Gemessen an den genannten Kriterien lässt sich sogar sagen, dass die Bewunderung von Kultur- elementen durch Touristen zur Stärkung der Tuareg-Identität beitragen kann. Durch die Betonung von Tagelmust, Kamelreiten etc. werden auch gewisse traditionelle Werte der Tuareg seitens der Touristen bewundert und anerkannt. Dadurch besteht auch eine stärkere Bereitschaft zur Traditionspflege, die durch Modernisierungseinflüsse insbesondere der Jugend zunehmend verdrängt wird. Bedauer- licherweise leben etwa in Timia nur noch drei Frauen, die die traditionellen Lieder des Gani-Festes beherrschen, denn die jungen Mädchen interessieren sich nur mehr für "modernere" Musik. 100 Signifikante Veränderungen könnten dann eintreten, wenn solche Veranstaltungen zu „Serien- produkten“ werden. Allerdings gibt es auch heute schon in den Siedlungen Mädchen, die auf Ge- sangsvorführungen für besondere Anlässe spezialisiert sind. Diese arbeitsteilige Spezialisierung ist als Modernisierungserscheinung weniger dem Tourismus, als vielmehr der Urbanisierung zuzu- schreiben. Freilich könnte die Situation durch Massen von Reisenden kippen. Davon ist man in Agadez aller- dings noch sehr weit entfernt. 21.4.2 Der ländliche Bereich Außerhalb der Städte vollzieht sich der Wandel sehr viel langsamer, gelten traditionelle Werte ten- denziell noch stärker und ist die Vertrautheit mit dem Phänomen „Tourist“ noch geringer. Dennoch ist die Welt „im Busch“ keineswegs unbedingt eine bessere, sicherere oder harmlosere, wie die gelegentlichen Überfälle verdeutlichen. 101 Die Reisenden sollten sich hier grundsätzlich einer grö- ßeren Zurückhaltung und Sensibilität befleißigen als in der Stadt, eben weil die am Land selteneren Kontakte persönlicher und intensiver sind. Kommt es doch außerhalb von Agadez aufgrund des geringen Tourismusaufkommens nur vereinzelt zu Kontakten zu Nomaden und Einheimischen. In diesen Situationen können sich Touristen durchaus so verhalten, dass es dem traditionellen Höf- lichkeitskodex der Tuareg widerspricht. So gilt etwa als äußerst verpönt und respektlos, in der Öf- fentlichkeit zu furzen, wogegen zu rülpsen als Ausdruck der Anerkennung eines guten Essens be- 98 Daboun Taralou (Chef de Groupement de Timia, Interview in Agadez, 19. 3. 2001) erklärte dies mit den Hinweis, auf den Festen sei jeder schön gekleidet und darum stolz, wenn er fotografiert werde. Überhaupt seien die Menschen stolz auf ihre Feste. 99 Vgl. insb. Spittler 1998, S. 229. 100 Hinw. Aghali Isoufou, Student aus Timia, November 1999. 101 Siehe dazu das Folgekapitel über „Konflikte im Einzugsbereich des Tuareg-Tourismus“. 725 trachtet wird. 102 Im Allgemeinen wird den Touristen als Fremde aufgrund ihrer zwangsläufigen Unwissenheit Nachsicht zu Teil. 103 NIGETECH empfiehlt, den Kunden die besondere Bedeutung von „Scham“, die Rolle der Religion und grundlegende Sitten und Gebräuche in der Tuareg-Gesellschaft zu erläutern und sie zu deren Respektierung anzuhalten. Demgegenüber sehen 13 von 21 befragten Agenturen die Vermittlung von Verhaltensrichtlinien nicht als notwendige Maßnahme an. Adrar Madet V. argumentiert mit der Vernunft der Kunden. SVS vermittelt zwar gewisse Verhaltensrichtlinien, ist aber gleichfalls von der Zurückhaltung und Bildung seiner Klientel überzeugt. Acht Agenturen betreiben eine gewisse Sensibilisierungspolitik, wobei die Themen Fotografieren (6) und Kleidung (7) behandelt werden. Belange wie Wertunterschiede bleiben weitgehend ausge- blendet. Daher geht diese Praxis leider an der Grundproblematik vorbei, dass Touristen weniger aus Bosheit, als aus Unwissenheit unpassend oder gar verletzend reagieren, wie schon der Tou- rismusanthropologe Adler beobachten konnte. 104 Wird darin nun ein großes Gefahrenpotenzial hinsichtlich der Verletzung von Einheimischen gese- hen, so ist dem entgegenzuhalten, dass unter Europäern tendenziell die Gefahr eines gewissen ü- bervorsichtigen Paternalismus besteht, die ländlichen Tuareg gleichsam als „arme, wehrlose Opfer“ abstuft, die als potenzielle Opfer touristischer Gier und modernisierender Einflüsse zu schützen seien. 105 Auch ich selbst achtete während meiner ersten Niger-Touren als Reiseleiter in geradezu gluckenhafter Übervorsicht darauf, dass meine Kunden beim Handeln mit Nomaden nicht etwas zu „brutal“ die Preise drücken würden, in der Sorge, meine Touristen könnten ihre möglicherweise größere Handelskompetenz missbrauchen. Diese Haltung übersieht, dass die Menschen entlang der Touristenrouten zunehmend lernen, die Schwächen der Touristen zu erkennen und davon persönlich zu profitieren, indem sie den Touris- ten Produkte wie Pfeilspitzen, Schmuck und andere Gegenstände, für die es eigentlich sonst keinen Markt gäbe, zu „Touristenpreisen“ zu verkaufen. Auf diese Weise werden die touristischen Frem- den zum Handelsobjekt, und der Kontakt entwickelt sich in Richtung einer Kommerzialisierung der Gastfreundschaft. 106 Insofern nutzen bestenfalls die Tuareg ihren Wissensvorsprung aus, wo- gegen der „situative Vorteil“ der Touristen wohl eher auf Selbstüberschätzung beruht. 107 In jüngster Zeit kann man bei den Gravuren von Anakom und Tizerzait und beim Brunnen von Fares, zwischen Illekane und dem Tamgak-Massiv, beobachten, dass die Nomadinnen und Hirten- knaben beim Handeln und bei ihren Forderungen nach Geschenken zunehmend dreister werden. Man kann davon ausgehen, dass die Fähigkeit der Einheimischen zur Instrumentalisierung der Touristen zumeist mit dem Grad ihrer Erfahrung mit europäischer Kultur und mit Touristen, also mit dem Grad ihrer erworbenen interkulturellen Kompetenz, steigt. Ob diese Veränderung auch auf das innere Sozialgefüge zurück wirkt, dafür liegen keinerlei Untersuchungen vor. Angesichts der wenigen Kontakte wird dies wohl kaum nennenswert sein. Eine andere Frage ist die Bewertung der Kommerzialisierung der Beziehungen. Freilich wird der Tourist infolge des Tourismus um seinen möglichen Wunschtraum geprellt, eine „echte, ursprüng- liche“ Begegnung zu erleben - was immer das auch sein mag. Stattdessen wird er auf die Rolle eines potentiellen Kunden reduziert. Hennig entlarvt dies jedoch als Scheinproblem, weil ökonomi- sche Beziehungen generell - unabhängig vom Tourismus - eine eigene Struktur haben, die wir sonst, beim täglichen Einkauf, sehr wohl als normal empfinden. Menschliche Handlungen bilden 102 Vgl. NIGETECH 2002, S. 81. 103 Vgl. Kronenberger-Elhadji 2003, Manuskript. 104 Vgl. Adler 1980, S. 80. 105 Vgl. etwa das Argument der Wiener Reiseleiterin gegen den Besuch von Timia, dass dadurch die Intimität der Dorfbewohner gestört werden könnte (Oktober 1997). 106 Vgl. sinngem. Mauer et al. 1992, S. 96. 107 Mein Assistent in Timia, Aghali Imoumoumene (Int. 5. 11. 1999) meinte über seine Mitbewohner, die Leute von Timia, insbe- sondere auch die Frauen, seien stark genug, um selbst entscheiden zu können, ob sie etwas, das sie direkt am Körper tragen, verkau- fen wollen oder nicht, oder ob sie ablehnen, fotografiert zu werden, oder dafür Geld verlangen. 726 im Dienstleistungssektor immer auch einen Teil des Dienstleistungsprodukts. 108 Warum sollte dies im Tourismus nicht so sein? Diese Enttäuschung vom „Edlen Wilden“ tritt eher bei Langzeit-Besuchern als bei Kurzzeit- Besuchern auf. Während letztere im Austausch mit Einheimischen bestenfalls für ein kurzes (Han- dels-)Gespräch Zeit haben, verbringen erstere Tage, Wochen oder gar Monate mit Nomaden. Kurz- reisende kommen ja in erster Linie der Landschaft wegen, hegen somit keine großen Erwartungen an die Einheimischen, sind somit tendenziell eher unvoreingenommen, wogegen Langzeit- Besucher, die längere Zeit mit Nomaden verbringen (wollen), bedeutend größere Erwartungen an die Qualität der Beziehung zu den Einheimischen hegen werden. Infolge dieser emotionalen Ver- flechtung steigt zwangsläufig die Wahrscheinlichkeit der Enttäuschung und nachfolgender Kon- flikte signifikant an. Diese Erfahrung machte ich auch mit meinem Assistenten. Lange hatte ich ihm aufs Wort geglaubt und war sehr berührt von seinen Beteuerungen, er unterstütze mich eher aus „Freundschaft“ denn aus finanziellen Interessen; darum hatte er mir auch nahe gelegt, ihm für seine Dienste in dem Ausmaß zu bezahlen, wie ich es für richtig hielte. 109 Umso größer war dann die Enttäuschung, als er mich nach einer Expedition zur Zahlung eines höheren Gehalts massiv unter Druck setzte. Zu- erst reagierte ich völlig überrascht, beugte ich aber letztlich seinen Forderungen. Ich begann all- mählich zu akzeptieren, dass Afrikaner in den Weißen in erster Linie eine Chance sehen, Prestige und Einkommen zu generieren und dies nicht in böser Absicht, sondern aus schlichter Notwendig- keit oder wenigstens aus legitimer Opportunität. Hier prallen zwangsläufig zwei Weilten aufeinan- der, die nur schwer miteinander vereinbar sind, solange man als Europäer nicht die Schwarz-Weiß- Sicht vom „Edlen Tuareg“ aufgibt. Diese Erfahrung machte auch die Grazerin Gabi Kreimer, die dank meiner Kontakte ihr Sabbatical- Jahr bei Nomaden verbringen konnte. In Agadez löste sie sich aus der Fürsorge der von mir vermit- telten Tuareg-Freunde, machte sich ohne Tamaschek-Kenntnisse selbständig und lernte einen fran- zösisch sprechenden Nomaden kennen, der sich ihr als Sprachlehrer, Führer und Dolmetsch für ihren Aufenthalt bei Nomaden anbot und ihr die Teilnahme an einer Bilma-Karawane ermöglichte. In der Folge gelang es dem Nomaden, die Übersensibilität von Kreimer für die Tatsache des unter- schiedlichen Wohlstandsniveaus zu instrumentalisieren, indem er Kreimer dazu brachte, überhöhte Zahlungen für Lebensmitteln und andere Leistungen zu akzeptieren. Schließlich erreichte er, dass Kreimer ein Kamel seines Bruders zu einem völlig überhöhten Preis kaufte, er versorgte sie mit falschen Informationen über die Salzkarawane mit dem Ziel, Kreimer nicht begleiten zu müssen. Letztlich endete diese Beziehung mit dem Vergleich vor einem Schiedsgericht, dessen Schieds- spruch von Frau Kreimer letztlich nicht durchgesetzt wurde. Frau Kreimer war schließlich ein Schaden von 700 Euro erwachsen; das war der Preis für die Erkenntnis, dass Tuareg nicht nur „lie- be, nette, freundliche“ Menschen sind, die leicht verdorben werden können, sondern dass es auch Tuareg gibt, die ihrerseits die Naivität und Gutmütigkeit eines um Anpassung bemühten, sensiblen Europäers zu instrumentalisieren wissen. 110 108 Vgl. Hennig 1997, S. 133. 109 So hatte Aghali im Zuge seines Interviews (5. 11. 1999, Timia) und auch anlässlich zahlreicher anderer Anlässe nachdrücklich den Kel-Ewey-Wert Echek, wonach man niemals betteln würde, unterstrichen. 110 Wie dies in den Anfängen des Tourismus abgelaufen sein mag, lässt sich anhand Zöhrers Schilderung des Kel Ahaggar Matoki nachvollziehen: „Von Zeit zu Zeit findet er einen ahnungslosen Saharatouristen, den er dann erbarmungslos hierhin und dorthin schleppt und nach allen Regeln der Kunst ausschröpft, denn offen ausrauben darf er ihn ja heute nicht mehr, und irgend einen Vorteil muss der Targi doch auch von einem Europäer haben, denkt sich Matoki. Er ist von entzückender Höflichkeit, bezeichnet dich immer wieder als seinen Bruder und beteuert, dass alles, was sein ist, auch dein sei... und umgekehrt! Dabei schneidet er frei- lich bedeutend besser ab, da er selbst ja fast keinen eigenen Besitz hat. Aber Matoki ist klug und lässt dich das nicht merken.“ 727 21.4.2.1 Bekleidung Unpassende Bekleidung gilt in vielen Teilen der Erde als eines der typischen „Vergehen“ unan- gepasster Touristen: Spärlich bekleidete Damen erregen erregen in Kirchen mitteleuropäischer Landgemeinden gleichermaßen die Gemüter wie Männer in Shorts. NIGETECH ist der Über- zeugung, dass Niger-Touristen stets dezente Kleidung tragen sollten, um die besuchte Bevölkerung möglichst wenig zu schockieren. 111 „Denken Sie immer daran“, schreibt in diesem Sinn Kronen- berger-Elhadji, „Sie dürfen zwar Busen zeigen, aber Ihre Knie sind Tabu!" 112 Die Agenturen sehen dies anders. Nur 6 von 21 Agenturen legen ihren Kunden nahe, passende Kleidung zu tragen. Die übrigen Agenturen betreiben eine Laisser-faire-Politik. Dies konnte ich wiederholt insbesondere bei französischsprachigen Gruppen beobachten. So traf ich im Februar 2001 in Iferouane eine junge französische Touristin an, die extrem kurze Hosen und ein schulter- freies T-Shirt trug. Ihre Begleiter rechtfertigten dies mit dem Hinweis, sie seien keine Touristen, denn sie würden in Niamey leben! 113 Der Führer der Gruppe, Wouarta, auf diesen Umstand hinge- wiesen, rechtfertigte die Bekleidung der Dame mit dem Hinweis, die Tuareg seien tolerant, und zudem müsse man als Touristiker die Bekleidungswünsche der Touristen respektieren. 114 Eine ältere Französin war in Timia ähnlich bekleidet. Der zuständige Führer reagierte auf meine kriti- sche Frage aggressiv mit dem Hinweis, Franzosen würden sich nichts vorschreiben lassen. Die erstaunlichste Erfahrung machte ich in Timia am Guelta mit einer älteren Französin, die eben begann, sich nackt auszuziehen, um hier zu schwimmen. Auf meinen Hinweis, dies stelle in der textilen Gesellschaft einen massiven Affront dar, rechtfertigte die Dame ihr Verhalten: sie hätte ein Schulprojekt unterstützt und wolle nun einfach etwas Urlaub machen. 115 Aghali Alambo 116 erläuterte meine Beobachtungen dahingehend, dass Franzosen und Italiener117 generell sehr viel legerer als Österreicher und Deutsche seien; dies betreffe auch den Umgang mit Alkohol vor den Tuareg. Österreicher und Deutsche seien hingegen sehr viel sensibler und offener gegenüber Kultur und Regeln des Anstands; besonders mit angemessener Kleidung gebe es keine Probleme. 118 Meine Befragungen bei den Kel Timia erbrachten das überraschende Resultat, dass sich lediglich 8 (18 %) der 45 befragten Kel Timia an unangepasster Kleidung stießen, weil es gegen die Religion bzw. das Schamgefühl verstoße, oder, wie im Fall einer Targia, weil aufreizende Kleidung von Touristinnen die Männer reizen würde. Doch selbst von diesen 8 relativierten 2 schließlich die Be- 111 Vgl. NIGETECH 2002, S. 78 f. 112 Kronenberger-Elhadji 2003, S. 4. 113 Zum verbreiteten Selbstverständnis von Reisenden als „Nicht-Touristen“ vgl. die Studie von Fischer (1984) über Südsee- touristen, die es vehement abgelehnt hatten, sich als „Touristen“ kategorisieren zu lassen. 114 Der Führer stellte sich bei einem späteren Interview in Agadez als Direktor von Abal V. und als Präsidenten der ANTPH heraus! Ein erstaunliches Licht fällt in diesem Zusammenhang auch auf die Tuareg-Referentin der GfbV, Eva Gretzmacher, die mich für meine Kritik an Wouarta massiv gerügt hatte (Feber 2000, Agadez), weil diese Intervention nicht zu meiner Beliebtheit in Agadez beigetragen hätte. Zudem vertrat Gretzmacher damals ebenfalls die Meinung, Touristen kämen aus Erholungsgründen in die Wüste und hätten darum das Recht zu tun, was immer sie wollten - eine Meinung, die nicht nur im Widerspruch zur NIGETECH steht. 115 In der Folge geriet mein damaliger Assistent, Aghali, mit dem Begleiter der Dame, einem überheblich auftretenden, meine Hin- weise abwertenden Arzt, in einen Konflikt, der bald eskalierte, indem Aghali empört zu brüllen begann, wie es in keiner Weise dem Ehrenkodex eines Tuareg entspricht. 116 Dir. v. Touareg Tours, Interview, Agadez, 1. 4. 2001. 117 Einen Hinweis auf die legere Selbstverständlichkeit der Italiener in Sachen angepasster Kleidung liefert auch die „Wüstenfrau“ Carla Perrotti (2002, S. 26): In ihrem Bericht über die Begleitung einer Salzkarawane erwähnt sie, dass sie in Fachi, wo sie auf die Karawane treffen sollte, noch „nichts vorbereitet habe. Meine Ausrüstung ist noch auf dem Dach des Jeeps befestigt, und in Bermu- dashorts und T-Shirts kann ich mich wohl kaum auf eine Wüstendurchquerung begeben.“ Offenbar war diese Dame mit dem „Be- dürfnis nach Einsamkeit in den endlosen Weiten und nach enger Verbundenheit mit der Natur in ihren extremsten Erscheinungsfor- men, eben den Wüsten“ (S. 9) halb nackt durch den Niger gereist. 118 Vgl. Kohl (2002, S. 61), die von ähnlichen Erfahrungen in Libyen berichtet, wo Italiener und Franzosen als „loud, fast and ada- mant about their routes“ beschrieben werden. „They can also be, at times, pigheaded and arrogant.“ Dagegen werden dort Deutsche, Österreicher und Niederländer als „calm people, preferring unhurried and comfortable journeys“ beschrieben. 728 deutung solchen Auftretens von Touristen als harmlos, insgesamt 13 (29 %) sahen darin ausdrück- lich keinerlei Problem, und die übrigen betrachteten Kleidung nicht als nennenswertes Konfliktpo- tential. Angesichts der de facto einhelligen Meinung der befragten Kel Timia, mehr Touristen sollten nach Timia kommen und hier länger bleiben, um mehr Geld ins Dorf zu bringen, 119 ist nachvollziehbar, dass die meisten Kel Timia die „Nacktheit“ als akzeptablen Preis für Verdienstchancen in Kauf zu nehmen bereits sind. Vor die Wahl gestellt zwischen vielen „nackten“, kaufenden Touristen und wenigen, angepasst gekleideten Touristen ohne Kaufinteressen würden sie erstere wählen. Dieses Ergebnis kann auf zweierlei Weise interpretiert werden: 1. Einerseits wird vielleicht die Bedeutung der angemessenen Kleidung als wesentliches Element des sozialverträglichen Tourismus bei den Tuareg überbewertet. 2. Andererseits darf nicht übersehen werden, dass dies gleichsam nur als notwendiger „Preis“ für die lebenswichtigen Einnahmechancen hingenommen wird. Vor allem ist bei den Befragungen klar ersichtlich, dass junge Kel Timia naturgemäß toleranter, wenn nicht gar neugieriger sind, wogegen sich ältere Kel Timia stärker in ihrem Schamgefühl verletzt fühlen. Möge es auch toleriert werden und mögen auch bislang aufgrund der geringen Touristenzahl keine sichtbaren Folgen festzustellen sein120, in jedem Fall widerspricht das nackte Auftreten gegenüber Einheimischen ihrem Höflichkeitskodex, wo es doch Männern sogar verboten ist, vor ihren Schwiegermüttern zu essen oder den Mund zu entblößen. Insofern trägt unangemessene Kleidung nicht zur gegenseitigen Sympathie bei, sie ist ein sichtbares Zeichen mangelnden Respekts gegen- über den traditionellen Werten und kann sogar zur Schwächung der traditionellen Werte beitragen, da diese eng mit der Textilkultur verbunden sind. Ich betrachte unangepasste Kleidung gleichsam als ein Aufzwingen unserer Auffassung von Körperkult und unserer Sexualisierung des Alltags, was bei den Tuareg tabu ist. 121 21.4.2.2 Fotografieren Wie die legere Kleidung werden auch die Kameras häufig kritisiert, obwohl - oder gerade weil - das Fotografieren im Urlaub nach Pierre Bourdieu als eine sozial anerkannte und ritualisierte Ver- haltensweise gelte. 122 Insofern ist erstaunlich, dass sich so viele Tourismuskritiker am Fotografie- ren als „aggressiven Akt“ 123 sehr stoßen, während den Touristen als Angehörigen „einer Kultur, die von Bilderüberflutung gekennzeichnet ist, (...) leicht jede Sensibilität für das Imago abhan- den“ 124 kommt. Noch überraschender ist die Tatsache, dass sich nur wenige der befragten Kel Timia am Fotogra- fieren gestoßen hatten. 125 Nur 5 (11 %) berichteten, sie seien auch ohne ihre Einwilligung fotogra- fiert worden, doch fanden sie dies nicht weiter problematisch. Eine signifikante Zahl der Antwor- tenden 126 betonte sogar den positiven Aspekt der Werbung für die Tuareg-Kultur, der durch die 119 Von 45 forderten dies 35 (78 %) explizit, kein einziger (!) widersprach. 33 (73 %) argumentierten mit höheren Einnahmen. 120 Es wäre zu gewagt, die Vergewaltigungsversuche von Tuareg-Banditen an Touristinnen (u. a. im Jänner 2001 in Temet, Hinw. v. Aha Issoufa, 27. 3. 2001) als Folge des Tourismus zu interpretieren. 121 Vgl. Ramir 1991, S. 122. 122 Vgl. Bourdieu, Pierre 1983: Eine illegitime Kunst. Die sozialen Gebrauchsweisen der Fotografie. Frankfurt/Main. Hinw. in Schneider 1993, S. 447. 123 Adler 1980, S. 56, 124 Eschweiler o. A., S. 20. 125 29 (58 %) gaben an, gern fotografiert zu werden, 4 (9 %) war es egal, nur 6 (13 %) lehnten es ab, fotografiert zu werden. 126 28 (62 %) der befragten Kel Timia. 729 Touristenfotografien erreicht werde. Eine Dame nannte das Fotografieren sogar als Mittel zur Kon- taktstiftung, um Freundschaften zu schließen. Neben den positiven oder neutralen Meinungen beklagten sich immerhin 18 (20 %) der befragten Dorfbewohner darüber, Touristen würden sich auf Kosten der „Tuareg-Fotomodelle“ bereichern, indem sie die Aufnahmen gewinnbringend in ihrer Heimat verkaufen würden. 127 Tatsächlich produ- zierten in der Vergangenheit manche Fotografen Postkarten mit Tuareg-Motiven, ohne die Genehmi- gung der Abgebildeten einzuholen und ohne diese in irgendeiner Weise am erzielten Gewinn zu beteiligen. 128 Insofern ist es wenig überraschend, dass sich in jüngerer Zeit die Fälle häufen, in denen Einheimische Geld für Fotos verlangen.129 Offensichtlich erzielt das Fotografieren unterschiedliche Wirkungen, je nach dem, in welcher Situ- ation man sich als Tourist befindet bzw. welche Erfahrungen das potenzielle „Modell“ mit Fotogra- fen gemacht hat. In jedem Fall trägt die Tatsache, dass nur sechs von 21 Agenturen auf ihre Touris- ten in Hinblick auf einen sensiblen Umgang mit der Kamera einwirken, wenig dazu bei, dass die Kamera nicht als „Mittel der Überwältigung, sondern der Verständigung“ eingesetzt wird. 130 Dass dies möglich ist, stellten einige meiner Reisekunden wiederholt unter Beweis, indem sie etwa in Fachi oder im Tamgak Kinder durch das Zoom-Objektiv ihrer Kamera blicken ließen und damit große Begeisterung ernteten. Eine Initiative setzte ein mitreisender Salzburger Arzt, der sämtliche Schulklassen von Timia fotografierte. Die Fotos, knapp 200 Stück, schickte er alle zu den zufrie- denen Schülern und Lehrern. Leider ist es nicht immer so, dass versprochene Abzüge auch zuge- sandt werden. Dass die Kamera aber auch im Niger in aggressiver Weise eingesetzt wird, erlebte ich im Feber 2004, als sich meine Reisegruppe um ein Nomadenkind scharte, das auf die Bitte von dessen Mut- ter hin von "unserer" Ärztin operiert wurde. Diese Operation eskalierte zu einem regelrechten foto- grafischen Feuergefecht. Interessanterweise reagierten sogar die Reiseteilnehmer höchst betroffen über ihr unkontrolliertes und aggressives Verhalten. 131 Ich denke, dass die touristische Fotografie bislang keine nennenswerten negativen Auswirkungen unter den Kel Aïr zeitigt, weil die Reisegruppen in Begleitung von Tuareg-Fahrern und -Führern sind und dadurch die Toleranzschwelle der Betroffenen höher liegt. Das ändert nichts daran, dass eine aggressiv eingesetzte Kamera die interkulturelle Kommunikation eher verhindert, da dies grundsätzlich ein Akt ist, der sich in respektloser Weise über die Integrität der betroffenen Person hinwegsetzt. Werden Tuareg unerlaubt und überfallsartig von Touristen fotografiert, so ziehen sie sich gleich- sam in sich zurück. Hier wird der Akt des Fotografierens wohl nur darum kommentarlos hinge- nommen, weil lautstarke Ausfälligkeiten nicht dem Ehrenkodex der traditionell geprägten Tuareg entsprechen und erst recht in Gegenwart der Agentur-Crew bzw. einer größeren Gruppe von Tou- risten. So wird häufig unter Ausnützung einer persönlichen Machtposition - die Rückendeckung durch die Reisegruppe und die Crew - die Grenze der Intimität der wehrlosen Person überschritten. Der Akt des ungefragten Fotografierens bleibt ein verletzender Eingriff in die Integrität der Per- son 132 und ist insofern höchst problematisch. Nach meiner Erfahrung bleiben aber derartige Fälle 127 Diese Erfahrung machte auch Gabi Kreimer (Int. vom 12. 1. 2003) mit den Führern der Bilma-Karawane: Diese kritisierten anfangs Frau Kreimer und ihre sie begleitenden slowenischen Ethnologen wegen deren Vorhaben, die Karawanen-Fotos zu eigenen Gunsten zu verkaufen. Gleichermaßen vermochten die Karawaniers auch nicht zu verstehen, wie jemand freiwillig an einer Kara- wane teilnehmen konnte; vgl. die gleiche Erfahrung von Obert (1999, S. 4). 128 Die Poster des Fotografen Maurice Ascani von Karawanen werden Internet um die 30 Euro pro Stück gehandelt. 129 9 (20 %) der Befragten gaben an, sich nur für Gegenleistungen in Form von Geld, Geschenken oder der Zusendung der Fotogra- fie ablichten zu lassen. An den Aussichtspunkten für die philippinischen Reisterrassen fordern die eingeborenen Ifuagos mehrere US-Dollar für jedes Foto. Damit verdienen sie mehr als durch die Landwirtschaft. 130 Vgl. Hermann 1994, S. 51. 131 Mein Assistent Aghali (Int. 5. 11.1999., Timia) kritisierte in diesem Zusammenhang auch die Schnappschüsse von nackten Kin- dern, weil dies negative Aspekte vermittle, nämlich das falsche Bild achtloser Eltern, die nicht hinreichend für ihre eigenen Kinder sorgen würden. 132 Vgl. Vester 1999, S. 29. 730 die Ausnahme. Ich habe im Zuge meiner Niger-Touren derartige Situationen nur ausnahmsweise erlebt. 21.4.2.3 Zwischenmenschliche Kommunikation Die Befragung der Kel Timia verdeutlichte deren großes Interesse am Kontakt mit Touristen, um Erfahrungen auszutauschen und Neues zu erfahren. Besonders jene, die für sich selbst keinen ernsthaften wirtschaftlichen Vorteil im Tourismus erkennen können, erwarten zumindest einen ideellen Vorteil: Unterhaltung, Spaß, Plaudereien… So kritisierten 7 (16 %) explizit die Touristen als unhöflich, weil sie sich keine Zeit zum Anhalten nehmen. So meinte eine alte Hirtin in ihren Reflexionen über die Europäer: „Es gibt freundliche (Europäer), die lachen, und andere, die nichts mit den Menschen hier zu tun haben wollen.“ Von jenen 7 negativen Urteilen (16 %), die über die Europäer generell gefällt wurden, bezogen sich 3 auf den Umstand, dass sie keinen Kontakt suchen würden. Normalerweise besteht zwischen den Nomaden, von denen viele nur Tamaschek sprechen, und den Touristen, von denen viele nicht einmal Französisch beherrschen, eine schwierige Barriere. Zur fehlenden Sprachkompetenz kommen auch fehlende Kenntnisse um kulturelles und soziales Know- how hinzu. Die nonverbalen Gesprächstechniken der Tuareg widersprechen in mancherlei Hinsicht grundlegend jenen der Mitteleuropäer. 21.4.2.3.1 Nonverbale Kommunikation Eine Berlinerin war überzeugt, sie könne aufgrund ihrer Reise-Erfahrenheit auch ohne Sprach- kenntnisse nonverbal mit Nomaden kommunizieren. Während eines Mittagslagers spazierte sie zu in der Nähe lagernden Nomadinnen und kehrte kurz darauf triumphierend mit dem Hinweis auf einen Ring zurück. Diesen habe ihr die Nomadin geschenkt, das hätte sie nonverbal mittels Gesten eindeutig verstanden. Kurz darauf erschien die Nomadin und ließ über ein Crew-Mitglied fragen, ob die Dame den Ring behalten und dafür bezahlen wolle, sonst möge sie ihn zurückgeben. Meine Versuche, die Dame von ihrem Missverständnis zu überzeugen und sie zur Bezahlung des Rings133 zu bewegen, führten dazu, dass sie den Ring wütend vor die Füße der Nomadin in den Staub warf. Die Nomadin hob den Ring unter Tränen vom Boden auf. 134 Dass auch ohne Worte sehr wohl kommunikative Brücken zwischen Touristen und Tuareg ge- schlagen werden können, sieht man, wenn Touristen mit Kindern scherzen, lachen oder sogar sin- gen, was sich zu einem regelrecht enthusiastischen Sängerwettstreit entwickeln kann. Auch ge- meinsames Tanzen - etwa im Rahmen eines spontanen oder auch organisierten Tamtams - zeigt sich als gelungene Kommunikation in den begeisterten, lachenden Gesichtern der Bevölkerung. 135 Dass Kommunikation zuweilen nicht zustande kommt, hängt auch mit der Furcht mancher Reisen- der zusammen, aus sich herauszugehen und sich zu blamieren oder sich verwundbar zu zeigen. Dies ist häufig dann der Fall, wenn der orientierungstiftende Reiseleiter nicht die nötigen Rahmen- bedingungen setzt. So schickte ich im Jahr 2001 eine Reisegruppe mit unseren Fahrern zu einer 133 Die Nomadin erbat für den Silberring umgerechnet 6 Euro. 134 Die Situation konnte in der Folge durch die Intervention von Crew-Mitgliedern aber auch durch tröstende Worte und Geschenke der Gruppenmitglieder an die weinende Nomadin gerettet werden. 135 Vgl. Desire-Vuillemin 2000, Web. 731 Hochzeit im benachbarten Dorf, während ich mit dem Dorfchef von Timia zu tun hatte. Zurückge- kehrt, berichteten mir die Gruppenmitglieder begeistert von der Hochzeit. Sie seien dort auch von der Hochzeitsgesellschaft zum Tanzen eingeladen worden, doch sie hätten dies in der Überzeugung abgelehnt, die Hochzeitsgesellschaft nicht stören zu wollen. Hier zeigt sich deutlich, dass die Rücksichtnahme in Wahrheit nur ein Vorwand ist, um sich in der fremden Situation instinktiv hinter die schützende Position des distanzierten Beobachters zurück- ziehen zu können. Dies ist auch einer der wesentlichen psychologischen Hintergründe für das rück- sichtslose Fotografieren: Es ist der Rückzug von der gemeinsamen Bühne der gemeinsamen Inter- aktion 136 hinter die schützende Kamera, gleichsam den virtuellen „Backstage“-Bereich des Touris- ten 137 in der Fremde. Dies gilt allerdings auch für traditionell geprägte und im Umgang mit Europäern wenig vertraute Tuareg. Deren traditionelles Ethos, das „Eschek“, verbietet es, wie die Kinder auf jemanden zuzu- gehen, weil dabei das Risiko besteht, sich blamieren zu können, das Gesicht zu verlieren. 138 Darum kommt es häufig in Fällen, da eine Reisegruppe auf Nomaden stößt, zu solchen Situationen. Aus diesem Grund begrüßen die Nomaden nur die Führer und Fahrer und kommunizieren mit diesen, dabei „ignorieren“ sie aber gleichsam die Touristen. Würden die Nomaden dagegen angesprochen werden, würden sie sehr wohl auf das Gespräch eingehen, weil dann sogleich ein anderes Regel- system zur Geltung käme und die Gefahr eines Fehltritts gebannt wäre. 21.4.2.3.2 Mythen, Klischees und Imitation Selbst dort, wo verbale und nonverbale kommunikative Kompetenzen keine Barrieren vermuten ließen, kann die gegenseitige Projektion von Klischees funktionierende Kommunikation letztlich zum Scheitern bringen. Hier handelt es sich keineswegs nur um „Wüstenritter“-Klischees in euro- päischen Köpfen, sondern auch um den Mythos vom unendlich reichen, müßiggehenden, wüsten- vernarrten Europäer in den Köpfen der Tuareg. Auf diese Weise beschrieben zahlreiche Kel Timia ihre Vorstellungen von den Europäern. Auch Gabi Kreimer berichtete davon, sie sei von ihren Nomaden-Freunden häufig aufgefordert worden, ihren Bekannten und Verwandten vom Niger zu erzählen, damit diese her kommen und dadurch die Wirtschaft fördern. Der Einwand, dass eine Reise in den Niger sehr teuer sei und viele Menschen in Europa sich eine derartige Reise nicht leisten könnten, ja dass es auch Obdachlose und Hungernde in Europa gebe, stieß auf großes Unverständnis und vermochte die Nomaden nicht zu überzeugen. 139 Hier kann gegenseitiger Austausch dazu beitragen, bestehende Missverständ- nisse aufzubrechen und zu überwinden, vielleicht sogar, die Gefahr von Imitationseffekten - insbe- sondere unter Jugendlichen - zu reduzieren. Dass Imitationseffekte, wenn bislang auch nur punktuell, vor allem unter jungen Tuareg bestehen, 140 zeigte ein Nomadenknabe, der im Feber 2004 unsere Tamgak-Karawane begleitet hatte: Am Ende der Tour präsentierte er stolz eine kleine Kamera und bat um einen Film und um Batterien. Der Junge hat wahrscheinlich monatelang keine Gelegenheit, den Film entwickeln zu lassen, doch spielt dies für ihn in dieser Situation auch keine Rolle. Vielmehr war es ihm wichtig, ebenfalls eine Kamera wie ein Tourist zu haben. 136 Vgl. das Modell der Bühne von Goffman 1983. 137 Vgl. Vester 1999, S. 27 f. 138 Hinw. von Daboun Taralou, Chef de Groupement de Timia, Interview in Agadez, 19. 3. 2001. 139 Kreimer, Ausk. vom 12. 1. 2003. 140 Vgl. die analogen Beobachtungen von Kohl (2003, S. 42) bei der Bevölkerung von Ghat, Libyen. 732 Es entspricht der allgemeinen Erfahrung, dass Symbole der modernen Welt, wie Uhren, Kugel- schreiber und andere Prestigeobjekte so sehr von traditionsgeprägten Menschen begehrt werden, je mehr sie mit der modernen Welt in Berührung kommen. 141 Dahinter steht ein komplexer Prozess des Kulturaustausches, der nicht zu verhindern ist. Mit westlichen Werten treten die Nomaden auch in den Dörfern in Kontakt, wo sie sich mit notwendigen Waren, insbesondere mit Hirse, eindecken, denn in Timia werden seit 2004 bunte Plastikwaren aus Nigeria und westliche Industrieprodukte von zugewanderten Haussa-Händlern angeboten. Inwieweit nun Touristenkontakte nachhaltiger wirken als Einflüsse durch strukturelle und institutionelle Veränderungen, hängt von vielen Fakto- ren ab, insbesondere von der Häufigkeit, Dauer und Zahl der Kontakte, und die sind derzeit noch äußerst bescheiden! 21.4.2.3.3 Tabus Zuweilen können Verständnisbarrieren sogar hilfreich sein, nämlich dann, wenn den Touristen jegliche Sensibilität für thematische Grenzen fehlt. Zuweilen findet man auch unter offenen, inter- kulturell interessierten Menschen Personen, die die Wirkung ihres Auftretens nicht abschätzen können oder wollen - und vor keinem Fettnäpfchen gefeit sind. Die bereits genannte nonverbal „talentierte“ Dame aus Berlin, die mich im Feber 2003 als Mitglied einer Kneissl-Gruppe durch den Tamgak begleitet hatte, fiel durch ihre äußerst engagierte Kontaktsuche zu Nomaden auf. Im Tamgak hielt sie sich oft in der Nähe unseres Führers Kalala auf. Schließlich berichtete sie stolz der übrigen Gruppe, Kalala habe ihr die unter Tuareg üblichen Methoden des Geschlechtsverkehrs und der Notdurftverrichtung erläutert. 142 Derartige Themen sind unter Tuareg absolut tabu.143 Glücklicherweise hatte Kalala nichts von alldem verstanden, da die Dame noch weniger Fran- zösisch beherrscht als Kalala. Als ich ihn später beiläufig befragte, was er mit der Dame geplaudert hätte, antwortete er, sie hätten wegen zu großer Sprachschwierigkeiten gar nicht mit einander ge- sprochen. Als ich ihm schilderte, in welche Geheimnisse er die Dame eingeweiht haben soll, amü- sierte er sich königlich über diese „seltsame“ Person: Kalala hat viel Erfahrung mit Touristen und einen starken Charakter, weshalb er solche Vorkommnisse erfreulicherweise mit Humor nimmt. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die direkte Kommunikation zweifellos den intensivsten Austausch und somit auch die intensivste gegenseitige „Beeinflussung“ ermöglicht. Im Niger aber ergeben sich derartige Möglichkeiten entweder nur punktuell, weshalb die Bevölkerung gegenüber Touristen größtenteils noch euphorisch im Sinne der ersten Stufe von Doxeys Modell des Reakti- onsverlaufs von „Bereisten“ 144 reagiert. Entlang der von Touristen häufiger genutzten Routen sind bereits gewisse Gewöhnungseffekte wie Anpassungs- und Reaktionsstrategien zu beobachten. Sub- stanziell negative Auswirkungen aufgrund der kommunikativen Kontakte konnten bislang hinge- gen keine festgestellt werden. 141 Vgl. Obrecht 2003. 142 Darüber hinaus stiftete sie Verwirrung, indem sie über den weiteren Verlauf der Strecke frei erfundene „Informationen“ „über- mittelte“, die sie angeblich ebenfalls von Kalala erhalten hätte. 143 Nicolaisen & Nicolaisen 1997, S. 666, 721 f.; Spittler 1998, S. 319, der allerdings berichtet, dass die Jungen ein weniger ausge- prägtes Schamgefühls besäßen. 144 Doxey 1975, S. 195 ff. 733 21.4.3 Gaben und Geschenke an Einheimische Zwei typische Erfahrungen prägen die meisten Nigerbesucher, nämlich die Konfrontation mit ei- nem Lebensstil, der, gemessen am europäischen Lebensstandard, als „arm“ empfunden wird, und im Gegenzug die aggressive Konfrontation mit den Einheimischen, die aus dieser Situation Nutzen zu ziehen versuchen. So berichtete die Grazerin Gabi Kreimer über ihre Ankunft mit der Salzkara- wane in Fachi im Herbst 2001, dass neben den „Cadeaux“-fordernden Kindern auch Erwachsene grußlos auf sie zugestrebt seien und Aspirin verlangt hätten. Auf die Frage, weshalb sie dies tun solle, sei ihr geantwortet werden, man sei arm und sie als Weiße sei reich, weshalb sie verpflichtet sei zu helfen. 145 21.4.3.1 Willkürlich verteilte Geschenke Die Unfähigkeit vieler Europäer, mit dem gewaltigen Wohlstandsunterschied umgehen zu können, äußert sich manchmal im Verdrängen dieser Umstände, indem mit Kaltherzigkeit dort gegeizt wird, wo eine freundliche Geste der Höflichkeit oder Barmherzigkeit angemessen wäre. Die andere, sehr verbreitete Strategie ist die Bekämpfung der eigenen, unbewältigten Schuld- oder Mitgefühle durch die wahllose Verteilung von Geschenken an Einheimische. So berichtet Langensteiner freimütig von Fachi: „Viele Kinder (schreien) „cadeau, cadeau“ – anscheinend gibt es hier doch öfters Tou- risten. Wir geben einige Medikamente aus, Orangen und Datteln werden verteilt.“ 146 Viele Autoren schreiben davon, dass das traditionelle Schamgefühl nobler Tuareg die Bettelei nicht zuließe. 147 Insofern liegt die Annahme nahe, den Tourismus als unmittelbaren Auslöser für die Bet- telei zu betrachten. 148 Ich denke aber, dass dieses Problem viel komplexer ist. Zum einen bitten immer mehr Menschen, auch bei den heimischen Reiseunternehmern, um Hilfe, 149 was wohl auf einen allgemeinen Wertewandel, wachsendes Wohlstandsgefälle und die Verarmung breiter Bevöl- kerungsschichten zurückzuführen ist. Zum anderen trägt auch die engagierte Entwicklungszusam- menarbeit unter der Bevölkerung zur Verbreitung eines Images bei, wonach die Lösung für ein Problem jeweils sehr einfach sei: „Il faut un projet“ - „Wir brauchen ein Projekt“ ist das geflügelte Wort jener Erwachsener, die gleichfalls selbst längst ihre nomadische Unabhängigkeit zugunsten einer stärkeren Integration in komplexe wirtschaftliche Strukturen aufgegeben haben. Hier stellt 145 Auskunft Gabi Kreimer, 12. 1. 2003, in Graz. 146 Langensteiner 2001, Sahara Info 3/2001, S. 24. 147 Vgl. Spittler 1998, S. 57, 231; Kronenberger-Elhadji 2003; Ritter 1971, S. 32; an anderer Stelle berichtet Ritter (S. 95) von Ade- ligen während der Dürreperiode, die ihre einstigen Sklaven vorgeschoben und potentielle Spendengeber um eine Gabe für eben diesen gebeten hatten, um sich selbst nicht bloßstellen zu müssen. Dass dies zum Teil auch noch heute gilt, kam im Interview mit dem 22-jährigen Karawanier Elouali Hadda (13. 11. 1999, Camp bei Timia) zum Ausdruck, der nach eigenen Angaben niemals um ein Geschenk bitten würde. 148 So die Kritik von Hametti Doulo, Grundschuldirektor von Agadez (Int. Oktober 1997, Agadez); ähnlich schreibt auch Kronen- berger-Elhadji (2003): „Das Erscheinen von weißen Touristen scheint bei manchen Einheimischen, die es nicht unbedingt nötig hätten, nahezu eine spontane Berufung als Bettler hervorzuzaubern! Sie werden Sie mit großem Gejammer und viel Ausdauer und Hartnäckigkeit verfolgen. Hier wäre Barmherzigkeit fehl am Platz und es wäre höchste Zeit, dass diese abscheuliche Gewohnheit von den lokalen Sitten verschwinden würde!“ 149 So verbringt der Agenturchef Ibra Alhousseini mittlerweile mehr Zeit in Österreich als in Agadez, weil er sich das Leben in Agadez kaum mehr leisten könne. Täglich kämen Bittsteller, deren Bitte er aufgrund seiner traditionellen Verflochtenheit nicht abschlagen könne, wolle er nicht riskieren, als „geiziger Außenseiter“ zu enden oder gar überfallen zu werden. Andererseits verdient er mit seiner kleinen Agentur bei weitem nicht so viel, wie von den Bittstellern vermutet wird (Hinw. von Kreimer, Ausk. vom 12. 1. 2003.) 734 sich die Frage, inwieweit manche gut gemeinten Projekte nicht eher „Bonbons“ und „Stylos“150 der größeren Dimension seien. 151 Das wohl wichtigste Argument gegen die Annahme, der Tourismus sei die kausale Ursache der Bettelei, sind historische Berichte. Schon Barth und sein Expeditionsleiter Richardson 152 erwähnen in ihren Reiseberichten, dass die Tuareg häufig um Geschenke bitten. Für die späten 60-er-Jahre stellte Gast fest, dass es unter den Tuareg sehr verbreitet sei, Geschenke zu fordern. 153 Uhl wieder- um beobachtete bei den Hoggar-Tuareg, dass diese an die Begrüßung der Touristen zumeist die Forderung nach einem Geschenk anschließen und sie „fast immer (…) die Touristen nach etwas Essbarem“ fragen, manchmal auch nach Wasser. 154 Uhl interpretierte dieses Verhalten damit, dass Tuareg den Touristen auf einer anderen Ebene begegnen als ihresgleichen. Aus dieser Position der Anonymität heraus sei es für einen Tuareg zulässig gewesen, Touristen um Geschenke zu bitten, ohne dabei sein Schamgefühl zu verletzen. Diese Situation änderte sich erst dann, wenn Touristen gewisse „Gruppencodes“ der Tuareg, wie z.B. das Begrüßungsritual, beherrschten und dadurch als gleichwertig anerkannt wurden. 155 Mittlerweile dürfte dieses Erklärungsschema allerdings überholt sein, da ich auch von Personen, die ich traditionell begrüßte, um Geschenke gebeten wurde. Wie immer man letztlich die Kausalität der „Bettelei“ beurteilen mag, in jedem Fall stellt sich die Frage nach einem tatsächlichen Schaden. Die Befragung in Timia hat ergeben, dass dort die Men- schen sehr unterschiedlich über dieses Problem denken. Zwar fühlten sich 19 (42 %) durch das „Cadeaux“-Gebrüll bettelnder Kinder gestört, 14 (31 %) dagegen keineswegs. 9 wiederum (20 %), darunter sogar einige der Kritiker der Bettelei 156, aber auch Nomadinnen, fanden es letztlich sogar erfreulich, wenn Kinder auf diese Weise vom Tourismus profitieren würden. Oft fanden sich unter den Befürwortern jene, die selbst schon einmal etwas geschenkt bekommen hatten. Nur vereinzelt wurde als besonders problematisch empfunden, wenn „schädliche“ Gaben, wie Konserven mit Schweinefleisch oder Alkohol, verschenkt würden, was zu Verstößen gegen die Religion verlei- te. 157 Auch die Meinungen über die Verantwortlichen für diese Entwicklung gehen auseinander. 13 (29 %) schrieben die Verantwortung den Kindeseltern zu, die ihre Aufsichtspflicht vernach- lässigten, nur 3 (7 %) sehen in den Touristen die Verantwortlichen. Dieses Ergebnis erweckt den Verdacht, dass sich vornehmlich jene am Wandel des traditionellen Systems von Würde stoßen, die davon persönlichen Nutzen, etwa in Form von ästhetischen Reizen, ziehen. Offensichtlich sind es doch primär irritierte Touristen, besorgte Touristiker, westliche Ver- fechter vom „edlen Tuareg“ und die mit westlichem Denken vertrauten Tuareg, die sich an der „würdelosen“ Bettelei stoßen - also jene, die selbst einer gewissen Luxuswelt entstammen oder denen diese sehr vertraut ist158, und in der Würde längst zur literarischen oder cineastischen Fiktion stilisiert ist, während die voyeuristische Medienwelt keinen Platz mehr für Intimität und Würde zulässt. Insofern enttäuscht die Konfrontation mit „Würdelosigkeit“ im erhofften antimodernen Rückzugsgebiet, der „sauberen“ Sahara. Dabei streben diese Menschen, ob Kinder oder Erwachse- ne, letztlich nur danach, einen kleinen Teil jener materiellen Werte zu erlangen, deren Bedeutung unsere Kultur so sehr hochhält! Die Bettelei und die damit verbundene „Würdelosigkeit“ als eine „negative Folge“ des Tourismus zu betrachten, wäre demgemäß eine höchst einseitige Betrachtung. 150 Frz.: Kugelschreiber. 151 Vgl. die Kritik von Nyoni (1988-9, S. 7 f.) über die Auffassung von Entwicklungshilfe, die eher Abhängigkeit als Empowerment, Dialog oder Self-Reliance fördere; ähnlich Nash & Van Der Gaag 1987, S. 77. 152 Vgl. Barth 1856; Richardson, J. 1848: Travels in the great desert of Sahara in the years of 1845-1846, Bde. I u. II, London, zit. in Uhl 1990, S. 11. 153 Vgl. Gast 1968, S. 283. 154 Besonders häufig war dies während der Dürre im Jahr 1985 der Fall, als viele Tuareg am Rande der touristisch genutzten Pisten campierten, um von vorbeifahrenden Touristen Wasser zu bekommen (vgl. Uhl 1990, S. 11). 155 Vgl. ebd., S. 12 ff. 156 Adouma Abderahman, Geograf und Projektleiter, meinte etwa, die Kinder seien einfach neugierig und hätten auch das Recht, zu profitieren, denn Timia sei ihr Zuhause, wogegen Touristen kein Recht hätten sich zu beklagen. 157 Vgl. Aghali Imoumoumene, Int. 5. 11. 1999. 158 Wie etwa die scharfen, wenn auch ambivalenten Kritiker Adouma Abderahman oder Aghali Imoumoumene. 735 Dem entspricht auch das Resümee von Aghali, wonach letztlich niemand der Kel Timia geschädigt werde, weil die negativen soziokulturellen Folgen angesichts der wirtschaftlichen Chancen akzep- tabel seien: Wenn es mehr Einkommen gäbe, wovon man aufgrund des geringen Touristenauf- kommens weit entfernt sei, wären alle zufrieden. 159 Folgenschwerer für die Bevölkerung ist hingegen der Aspekt der potenziellen Abhängigkeit, die durch Geschenke entstehen könnte: Wer seine Existenz auf diesem bis zu einem gewissen Grad instrumentalisierbaren Segen aufbaut, wird umso schwerer geschädigt, wenn dieses Manna plötz- lich ausbleibt. Das kann insbesondere junge Menschen treffen, die sich besonders leicht für den Tourismus begeistern, wie die Antworten der jungen Kel Timia zeigten. Durch das Vorgaukeln eines leicht erreichbaren Reichtums durch Kontakt mit Touristen besteht die Gefahr, dass junge Menschen auf Ausbildung verzichten, die ihnen dauerhaftere Beschäftigungschancen eröffnen würden als die Tätigkeit von „Chasses de touristes“. Bettelei als Folge unkontrollierter Geschenke kann hingegen auf weite Sicht den Tourismus selbst gefährden, wie dies auch explizit von einigen Kel Timia thematisiert wurde. Der Tourismus ist mittlerweile ein wichtiger wirtschaftlicher Sektor in der Region. Wenn die regelmäßigen Geschen- ke zu intensiver Bettelei führen würden, könnte das zukünftige Touristen davon abhalten, das Land, der bettelnden Kinder wegen, nicht mehr zu bereisen. Das Fehlverhalten von Touristen wür- de somit die Nachhaltigkeit des Tourismus in ähnlicher Weise untergraben, wie wild abgelagerter Müll an schönen Lagerplätzen, wo sich in erster Linie Touristen und Touristiker daran stoßen. 160 21.4.3.2 Almosen Die Verteilung von Geschenken hat freilich auch den anderen Aspekt, die begünstigte Bevölkerung am Tourismus mitpartizipieren zu lassen. Insofern ist es grundsätzlich zwar zu befürworten, wenn Touristen Einheimische begünstigen, doch kommt es sehr darauf an, wen und unter welchen Um- ständen. Ein Almosen als Ausdruck der Barmherzigkeit ist eine der fünf Prinzipien des Islam. Diese Bette- lei, der man fast nur in Städten und größeren Orten begegnet, ist religiös institutionalisiert und so- mit gesellschaftlich legitimiert. Darum ist es sogar sinnvoll, als Tourist Alten, Blinden oder körper- lich Behinderten ein paar Münzen zu geben. Dies trägt vor allem zur Entlastung des psychischen Drucks auf den Touristen ob des gravierenden sozialen Unterschieds bei. Oft begegnet man auch Kindern mit Blechschüsseln, die um Nahrung betteln. Ihnen die Speisereste vom eigenen Teller zu geben, ist für die hungernde Kinder ein Segen und weit sinnvoller, als die Reste fortzuwerfen. 161 Allerdings besteht auch hier stets die Gefahr, dass diese Formen des Almo- sengeben „kippen“ und unter Kindern zur Förderung der organisierten Berufsbettelei beitragen können. Werden Almosen zur Unterstützung von Dörfern, Schulen oder Organisationen verteilt, besteht die Gefahr, dass solche Gaben ihre Funktion als Almosen verlieren und zu Objekten des Neids oder gar der Bereicherung werden, vor allem, wenn sie durch ungeregelte Verteilung in falsche Hände 159 Aghali schätzt das derzeitige touristische Einkommen in Timia auf 700 Euro/Tag, das auf bis zu 30 Personen aufzuteilen sei (vgl. Aghali Imoumoumene, Int. vom 5. 11. 1999 in Timia). 160 Die tatsächliche Signifikanz dieser Gefahr dürfte jedoch vernachlässigbar sein, denn beträchtliche Auswirkungen auf die Be- sucherströme hatten bislang nur das Angebot einer direkten Flugverbindung nach Agadez sowie hohe Sicherheitsrisiken für Rei- sende: Infolge einiger Überfälle auf öffentliche Busse im Sommer 2004 riefen zahlreichen Außenministerien eine offizielle Reise- warnung für den Norden des Niger aus, was einmal mehr zum Zusammenbruch des Tourismus führte. 161 Kronenberger-Elhadji (2003) weist darauf hin, dass es sich bei alleine bettelnden Kinder oft um „Schüler (die ‚talibé’) von ge- wissen Koranschulen (handelt), in denen das Betteln zu den Pflichten der Schüler gehört, “ was von der nigrischen Regierung bis- lang ohne Erfolg zu bekämpfen versucht werde. 736 geraten. Dagegen kann die kontrollierte Verteilung von Geschenke dazu beitragen, die Sympathie der Bevölkerung gegenüber den Touristen, das Verständnis für die Agenturen und den Widerstand gegen Kriminelle und Banditen zu fördern. 162 Aus diesen Gründen pflegen die drei Agenturen Tchit in Taghat V., SVS und Nigercar die mitgebrachten Geschenke der Touristen, besonders Klei- dung und Schulsachen, einzusammeln und gezielt an Verantwortliche, etwa an Schulen, zu überge- ben. Gezielte Unterstützung kann dann sogar kontraproduktiv werden, wenn dadurch bestehende Strukturen der lokalen Solidarität substituiert werden. Denn durch externe Formen karitativer Zu- wendung wird die lokale Unterstützung entwertet, und aus einstiger Solidarität kann sogar Neid und Missgunst werden. Mag lokale Unterstützung noch so gering sein und gerade nur das bloße Überleben sichern, so wirkt sie doch aufgrund geltender Werte und sozialer Netzwerke nachhalti- ger als Zuwendungen wieder abreisender Europäer. 163 Ganz anders sind hingegen Unterstützungen zu bewerten, die planvoll, reflektiert und in Zusam- menarbeit mit der betroffenen Bezugsgruppe geschehen. Hier verursacht Tourismus im Niger häu- fig nachfolgendes, umfassendes und auch dauerhaftes soziales Engagement. So wurde etwa die französische Hilfsorganisation „Les Amis de Timia“ 164 von Michel Bellevin, einem pensionierten Elektriker, gegründet, nachdem er Timia im Zuge einer touristischen Reise kennen gelernt hatte. Auch die Grazer Sozialarbeiterin Gabi Kreimer realisierte im Zuge ihres Sabbatical-Aufenthalts im Niger einige Kleinprojekte mit Jugendlichen in Timia und Umgebung. 21.4.3.3 Persönliche Geschenke Eine andere Bedeutung haben persönliche Geschenke an Bekannte, etwa Gastgeschenke an Noma- den, Gesten des Dankes oder der Anerkennung an die heimischen Führer, kleine Geschenke an Kinder von vertrauten Nomadenfamilien oder wenn Kinder einen kleinen Dienst (Führungen, Erle- digungen etc.) erwiesen haben. Die Tuareg machen auch selbst gerne Geschenke, sie zurückzuwei- sen wäre eine schwere Beleidigung. Tuareg sind zwar arm, aber sehr stolz. Kronenberger-Elhadji weist darauf hin, dass es diese kleinen Geschenke den Leuten erlauben, ihre Ehre zu bewahren. Allerdings sollte man vorsichtig sein und bei einem Gastgeber nicht aus Höflichkeit einen Gegens- tand seiner Schönheit wegen bewundern, denn „ein Tuareg (wird) Ihnen sofort den Gegenstand schenken (…) wollen, auch wenn er sein einziges Hab und Gut ist ... und Sie vielleicht nichts damit anfangen können!“ 165 In jedem Fall ist eine solche Geste ein wichtiger Anlass sich zu revanchie- ren. Was die „richtigen“ Geschenke anbelangt, so legen Tuareg sowohl auf Funktionalität, als auch auf Ästhetik großen Wert. Beliebte Gegenstände für Männer sind Taschenlampen, insbesondere Stirn- lampen, Batterien, 166 Sonnenbrillen, Parfum (auch kleine Gratisproben), Ledergurte, T-Shirts, Schlafsäcke, Taschenmesser, Werkzeug und andere Gebrauchsgegenstände. Frauen lieben schwere 162 Klaus Därr (2001, Web) berichtet davon, im Zuge seiner Einreise von Libyen in den Niger auf FARS-Rebellen gestoßen zu sein. In Orida „verteilen wir etwas Kleidung, Lebensmittel und Medikamente. Dabei erwähnen wir, dass wir sehr viel davon für das Krankenhaus in der Provinzhauptstadt Agadez mitführen. Jetzt sind wir als Freunde der rettungslos verarmten Bevölkerung wie auch der FARS erkannt, denn aus der Hauptstadt kommen hierher bloß Steuereintreiber, aber keine Ärzte, Lehrer oder andere Hel- fer. Die Verantwortlichen übergeben uns einen Schutzbrief mit Dienstsiegel von Chahai Barkay, dem Kommandanten der FARS; er weist uns als Freunde und Helfer aus und soll uns an Checkpoints der Armee und der FARS vor Problemen bewahren, die entstehen könnten, weil wir abseits von Madama noch keine regulären Einreiseformalitäten machen konnten. Vgl. insb. das Kap. „Konflikte im Einzugsbereich des Tuareg-Tourismus“. 163 Siehe dazu die beabsichtigte Förderung des blinden „Chasse de touristes“ Glob in Timia im Kap. „Potentielle Tourismus- entwicklung in Timia: Vier Testprojekte/Postkarten für Timia“. 164 http://www.lesamisdetimia.org. 165 Kronenberger-Elhadji 2003. 166 Bei Batterien stellt allerdings die Entsorgung ein unlösbares Problem dar, weshalb Geschenken ohne Batteriebetrieb der Vorzug zu geben ist. 737 Düfte, parfümierte Seifen, Duftkerzen, farbigen Haarschmuck, Toilettenartikel, Haushaltsgeräte, weite Blusen und Kopftücher. Für Kinder eignen sich ebenfalls Kleidungsstücke, kleine Taschen- lampen, Spielzeugautos, Kinderbücher, Hefte und Farbstifte und für Mädchen zusätzlich Schmuck aus Glasperlen. Sinnvolle Mitbringsel sind immer regionaltypische Nahrungs- und Genussmittel wie Reis, Nudeln, Zucker oder Tee. Dies gilt besonders für die meisten Nomaden, für die es ein „Luxus“ ist, sich satt zu essen. 167 Dort sind Nahrungsgeschenke besonders gerne gesehen. Besonders viel Freude stiftet man, indem man einer Nomadenfamilie ein Stück Vieh „spendiert“. Am besten kauft man ein Schaf ab und lässt es für ein Festessen zubereiten. Solche Festmähler sind für Nomaden äußerst selten. Unerfahrene Touristen, die den Tuareg etwas schenken, könnten leicht enttäuscht werden, weil traditionell geprägte Tuareg keine Reaktionen der Dankbarkeit zeigen, wie sie für europäische Verhältnisse üblich wären. Das traditionelle Schamgefühl verbietet es den Tuareg, und auch den Nomadenkindern, Gefühle öffentlich zu zeigen. Üblicherweise werden verpackte Geschenke auch nicht öffentlich ausgepackt. Dankesworte und -gesten wird man nur von Tuareg erleben, die den Umgang mit Europäern bereits gewöhnt sind und wissen, dass Europäer von ihnen Dank erwar- ten. 168 Geschenke können Konflikte stiften, etwa wenn von einer Gruppe von Kindern nur eines beschenkt wird, noch dazu mit einer Sache, die nicht aufgeteilt werden kann. Während meiner ersten Tam- gak-Tour im Feber 2000 wollte ein Salzburger Ehepaar zwei begleitende Nomadenknaben be- schenken und gab beiden gemeinsam ein T-Shirt. Weil das Ehepaar die Verlegenheit der beiden Knaben bemerkte, schenkte der Mann einem der Knaben eine Trillerpfeife, worauf dieser begeis- tert zu trillern begann. Hier waren offensichtlich zwei Geschenke von unterschiedlichem Gebrauchs- und Prestigewert vergeben worden, mit der Folge, dass ein potenzieller Konflikt zwi- schen den Knaben gestiftet wurde. Zu allem Überfluss beklagte sich das Paar schließlich über den Lärm, den der Knabe mit der Pfeife verursachte: Er würde die wunderbare Stille der Wüste zerstö- ren… 169 Wie rasch kann eine unbedachte Handlung auf den Verantwortlichen zurück fallen. 21.4.3.4 Medikamente und medizinische Hilfeleistungen Das Erleben der Armut ist für viele Touristen bereits schwer zu ertragen. Noch größer ist aber die psychische Belastung für wohlgenährte, gesunde Europäer, die aus einer Welt mit funktio- nierendem Gesundheitssystem kommen, und dann Menschen begegnen, die nach westlichen Kri- terien krank, verletzt oder behindert sind. In dieser Situation reagieren viele Menschen mit will- kürlicher und unüberlegter Verteilung von Medikamenten oder von medizinischen Dienstleis- tungen. Genau so reagierte ich selbst während meiner ersten Niger-Reise im Jahr 1997, als mir von unserer österreichischen Reiseleiterin Eva Gretzmacher wiederholt verletzte Kinder zum Verarzten zugeführt wurden. Angesichts dieser überwältigenden Not gelangte ich zur Überzeugung, ich hätte besser Arzt werden sollen. Wie irrig diese Meinung war, erkannte ich erst bei meinem Forschungsaufenthalt, als ich, wo immer wir hinkamen, von Nomaden umringt und um Medikamente und ärztliche Dienst- 167 Kronenberger-Elhadji 2003. 168 Vgl. ebd. 169 Im Gegensatz zu Europäern schätzen die Tuareg gemäß den Beobachtungen von Spittler (2002, S. 24 f.) keineswegs die Stille der Wüste, vielmehr „nehmen (sie) die Wüste kaum war, weil sie ständig damit beschäftigt sind, zu singen, sich gegenseitig Geschich- ten und Klatsch zu erzählen und miteinander zu scherzen.“ Dies liegt vor allem daran, dass für die Tuareg „das Gehen in der Wüste (…) kein Spaß, sondern Arbeit“ ist, mit der sie ihren Lebensunterhalt verdienen. 738 leistungen gebeten wurde. Als ich aber mit Verletzungen konfrontiert wurde, die sowohl meine medizinischen Kompetenzen als auch meine Belastbarkeit im Ertragen des Anblicks von Eiter und Blut zu überschreiten drohten, begann ich über die Sinnhaftigkeit meines Verhaltens nachzuden- ken. Dass Touristen Medikamente in großzügiger, willkürlicher Weise an Nomaden verteilten, kann leider häufig beobachtet werden. 170 In Reaktion darauf versucht neuerdings die nigrische Regie- rung gegen den unzweckmäßigen Import von Medikamenten vorzugehen. 171 Auch die NIGETECH versucht durch Schulung ihre heimischen Reiseführer zu sensibilisieren, dass Touristen keine Me- dikamente grundlos in Lagern verteilen. 172 Von Seiten der Agenturen brachten nur Tagelmust V., SVS und Tidéne 173 ein Bewusstsein um diese Problematik zum Ausdruck. Im Gegensatz dazu wur- de ich selbst von erfahrenen Führern, wie Houiah, wiederholt dazu angeregt und aufgefordert, in Situationen den „Arzt“ zu spielen, in denen die medizinische Versorgung eines Verletzten durch lokale Institutionen sehr wohl möglich gewesen wäre. Die willkürliche Medikamentenverteilung durch Touristen zieht mehrere Auswirkungen nach sich: 1. falschen oder missbräuchlichen Einsatz von Medikamenten 2. Steigerung der Attraktivität von Medikamenten aus „weißer“ Hand und Wandlung zum Pres- tigegut 3. die gleichzeitige Entwertung des traditionellen Heilwissens 4. die Untergrabung des subventionierten öffentlichen Versorgungssystems 21.4.3.5 Falscher oder missbräuchlicher Einsatz von Medikamenten Nomaden haben in der Regel keinerlei Kenntnisse über den Einsatz europäischer Medikamente, insbesondere nicht von starken Wirkstoffen wie Antibiotika. Da sie viel seltener Medikamente ein- nehmen als Europäer, sprechen sie auf diese Wirkstoffe viel stärker an. Werden darum Medika- mente ohne Indikation an Einheimisch verteilt, so können mangelnde Kenntnis, schlampige Hand- habung oder falsche Dosierung medikamentöse Vergiftungen verursachen. Da Medikamente außerhalb dörflicher Krankenstationen nicht sachgerecht, nämlich kühl und schattig, gelagert werden können, verderben sie leicht und können in der Folge höchst uner- wünschte, gefährliche, wenn nicht gar tödliche Wirkungen erzielen. Ohne entsprechende Kennt- nisse, ohne steriles Besteck und ohne die Möglichkeit einer Nachbehandlung sollten Touristen kei- ne operativen Eingriffe vornehmen. Anderenfalls könnte das im schlimmsten Fall eine fahrlässige Tötung nach sich ziehen. Wie real diese Gefahr ist, zeigte das Beispiel des Dorfchefs von Timia, der im Dezember 1999 an einem schweren Malariaanfall litt, obwohl er dagegen starke Medikamente einnahm. Das Präparat hatte er von durchfahrenden Touristen bekommen, mit völlig falscher Gebrauchsanweisung. Folg- lich war die Wirkung bislang ausgeblieben. Erst durch die Steigerung der Dosis auf die korrekte Menge konnte der Dorfchef binnen weniger Tage geheilt werden. 170 Vgl. die Berichte von Gabi Kreimer, Int. im November 2002. 171 Vgl. Kronenberger-Elhadji 2003. 172 Vgl. NIGETECH 2002., S. 81. 173 Der Tidéne-Führer Rhissa Feltou (März 2000, Agadez) hatte mich erstmals auf diese Problematik aufmerksam gemacht. 739 21.4.3.6 Medikamente aus „weißer“ Hand als Prestigegut Das letztgenannte Beispiel verweist schon auf eine weitere, hochproblematische Folge: Ein- heimische schreiben Weißen generell medizinische Kenntnisse zu 174 und schätzen westliche Medi- kamente mehr als regionale, durchaus gleichwertige Produkte. Dieser Prozess begann bereits in der Frühphase der Kolonialisierung, 175 als mit den französischen Besatzern auch die moderne Medizin ins Land kam. 176 Dass schon vor dem Tourismusboom westliche Medikamente bei Einheimischen hoch im Kurs standen, beweist Gardis Bericht von einem französischen Arzt in Agadez, nach des- sen Erfahrung manche seiner Patienten völlig gesund seien und nur in den Besitz westlicher Medi- zin kommen wollten. „Sie sind nun aufgeklärt, und sie sind der Meinung, die Tabletten des Doktors übernähmen die Rolle des alten Grigri, des Amuletts.“ Dies habe die Menschen zur Überzeugung gebracht, die Tabletten sinnvollerweise prophylaktisch zu schlucken: „Je mehr je lieber, bevor ei- nem etwas fehlt.“ 177 Die willkürliche Vergabe von Medikamenten als Touristengaben fördert den Glauben an die über- legene Allmacht der westlichen Medizin und an die scheinbare Überlegenheit der Weißen über- haupt. 178 Vor allem aber entwickelt sich dadurch ein Modekonsum von Medikamenten, der dazu führt, den Touristen willkürliche Leiden vorzutäuschen. Wiederholt wurde ich von Tuareg mit dem Hinweis auf starke Kopfschmerzen oder Erkältungen um Medikamente gebeten. 179 Erst als ich als Gegenleistung dafür einen Ziegenkäse oder ein anderes Produkt forderte, verschwanden seine Be- schwerden schlagartig. Durch die Forderung einer Gegengabe wächst das Bewusstsein um den Wert des Medikaments und trägt dazu bei, dass die „Patienten“ besser überlegen, ob sie dieses Me- dikament überhaupt brauchen. Dass die Überlegenheit der westlichen Medizin nur eine scheinbare ist, zeigt sich an einigen weni- gen, wesentlichen Punkten: Westliche Medizin kann nur dann zu Heilungsprozessen beitragen, wenn die notwendigen Medikamente und Geräte verfügbar sind, was am Land fast nie der Fall ist. Ein Wesenszug der westlichen Medizin ist die Bekämpfung von Infektionen, was entsprechende Hygienebedingungen voraussetzt, die am Land praktisch nie gegeben 180 und darum auch in der Tuareg-Tradition nicht verwurzelt sind. 181 Aufgrund dieser Umstände können westliche Medika- mente für Nomaden nur eine punktuelle Hilfe darstellen, deren Wirkung sich aber niemals nachhal- tig wird entfalten können. 174 So schreibt Fuchs (o.A.) in den 50-er Jahren, dass unter den Tuareg die Meinung bestehe, „dass jeder Europäer ein Arzt ist“. 175 Allerdings berichtet auch schon Heinrich Barth (1986, S. 216) vom „Doktorieren“ seines Kollegen Overweg an den einheimischen Patienten, „obwohl seine Kuren eigentümlicher Art waren; denn gewöhnlich behandelte er seine Patienten nicht nach ihren Krankhei- ten, sondern nach den Tagen der Woche, an denen sie gerade kamen. So hatte er einen Tag für Kalomel, einen für Dovers Pulver, einen für Glaubersalz, einen für Magnesia, einen für Brechweinstein und die beiden übrigen Tage für andere Arznei bestimmt. Es ereignete sich demnach zuweilen, dass jemand, dessen Inneres schon ohnehin nicht eben in ganz festem Zustande war, Glaubersalz erhielt, und ein anderer, der an Verstopfung litt, mit einer Dosis von Dovers Pulver beglückt wurde. Natürlich gab es auch Ausnahmen, wo Zeit und Umstände es erlaubten, auf den Zustand des wirklich Kranken mehr einzugehen.“ 176 Vgl. etwa Taquet 1994, S. 20, der von der beschwerlichen, sieben Monate dauernden Reise des Arztes Pierre Noel von Bordeaux bis nach seinem Einsatzort Bilma berichtet. 177 Gardis 1971, S. 320; vergleichbare Erfahrungen auch bei Fuchs (o.A. ), S. 92 ff. 178 Meine Befragung unter der Bevölkerung von Timia verdeutlichte die verbreitete Meinung, Weiße seien intelligenter als Tuareg, was ihre wirtschaftliche und technische Überlegenheit „beweise“. 179 Vgl. auch Krebs 2001a, S. 24 f. 180 Mir wurden Kinder zur Behandlung gebracht, die an schweren Verbrennungen litten, und deren Haut schwarz vor Schmutz war. In der verkrustet Knieverletzung einer Frau fanden sich Stroh und andere Partikel, und in den Augenwinkeln der Kinder, gegen deren Entzündung die Eltern gerne Tropfen erbitten, befinden sich häufig Knödelchen aus Staub, Tränenflüssigkeit und anderen Bestandteilen, die zur Infektion der Bindehaut beitragen. 181 Dies ist insofern zu relativieren, als die Tuareg-Nomaden gemäß ihrer Tradition sehr wohl Techniken zur Herstellung von Hy- gieneartikeln aus Naturprodukten beherrschen, etwa die Herstellung von Seife aus den Wurzeln des tiboraq (lat. Balanites aegyptia- ca) oder von Shampoo aus Blättern des afagag (lat. Acacia raddiana), die zerstoßen und mit Wasser gemischt ein fettlösendes Gel ergeben (vgl. Bernus 1993, S. 264). 740 21.4.3.7 Entwertung des traditionellen Heilwissens Das hohe Prestige westlicher, für viele unerreichbarer medizinischer Versorgung vermindert das Ver- trauen in das staatliche Versorgungssystem, besonders aber in die nachhaltigen, lokalen und traditio- nellen Behandlungsmethoden. Denn außerhalb der Reisesaison müssen die Menschen im Busch ohne Hilfe der Touristen auskommen. Dann ist es nötig, auf traditionelle Mittel und Kenntnisse zurückzu- greifen, 182 die zudem im soziokulturellen Kontext bei entsprechendem Vertrauen des Patienten auch besser funktionieren. 183 In der Tuareg-Kultur gibt es eine traditionelle Naturheilkunde, wobei Früchte, Blätter, Blüten, Wur- zeln und Baumharze für die Behandlung von Krankheiten und Verletzungen verwenden werden.184 So wird etwa die giftige Milch des Wolfsmilchgewächses Euphorbia (callotropis procera) als Zugsalbe bei eingetretenen Dornen verwendet 185, die allerdings für die Augen sehr gefährlich ist. Straußenfett findet gegen Rheumatismus Anwendung, Erkältungen werden mit einer Gabe von hei- ßem, fettem, stark gesalzenem und gewürztem Ziegenfleisch behandelt. Zur Prävention gegen Erkäl- tungskrankheiten werden bestimmte Blatt- und Kräutermischung, wie z.B. die „grüne Sauce vom Bagzan“, zusammengestellt, die zur Vitaminanreicherung der Nahrung und als Stärkungsmittel die- nen. In der Regel sind es besondere Personen, die über diese Kenntnisse verfügen. Zumeist handelt es sich um Hirtinnen, die aufgrund ihrer langen Abgeschiedenheit auf den Weiden in der Lage sein müssen, Verletzungen, Erkältungen oder Koliken selbst zu behandeln. 186 Unheilbare Krankheiten wie Krebs oder Geisteskrankheiten werden nach der Tuareg-Tradition Geistern zugeschrieben und können nur von religiösen Spezialisten, den Marabus, geheilt werden. Dazu werden - auch vorbeugend - besondere Amulette fabriziert. 187 So lebt in Timia unweit des „Palaverbaums“ am Flussbett ein Marabu, der auf die Produktion solcher präventiven Amulette spezialisiert ist. Dazu schreibt er mit löslicher Tinte auf Holztafeln wirksame Koransprüche gegen bestimmte Krankheiten. Die Therapie besteht nun darin, die Schrift wieder abzuwaschen, das ver- wendete Wasser mit den gelösten Schriftzügen aufzufangen und dem Patienten zu trinken zu ge- ben. 188 Dieses Wissen wird tendenziell durch die Verbreitung westlicher Medizin entwertet und verdrängt. Problematisch ist dies dann, wenn diese Substitution nicht dauerhaft und konsequent sein kann, wie im Fall der unsystematisch, willkürlich und temporär praktizierten medizinischen Hilfeleistung durch Touristen. 182 Vgl. Last 1999, S. 76. 183 Aghali Imoumoumene wies darauf hin, dass die Leute früher Angst vor dem Apotheker hatten, wogegen heute wegen jeder Kleinigkeit sogleich Medikamente genommen werden, weswegen die Kel Timia heute gegen gewisse Wirkstoffe bereits resistent seien. 184 Vgl. Hureiki 2000, 2000a, vgl. auch Gabi Kreimer (Int., 12.1.2003, Graz), die im Verlauf ihres einjährigen Aufenthalts im Aïr häufig die Verwendung von traditioneller Medizin beobachten konnte. 185 Vgl. NIGETECH 2002, S. 29. 186 Vgl. Adamou & Schulz 1988, S. 79. 187 Vgl. Bernus 1993, S. 261 ff. Allerdings werden auch Formen von traditioneller „Psychotherapie“ in Gruppen praktiziert. Im November 1999 wurde ich in Timia Zeuge eines Singrituals, wobei eine seelisch kranke Frau durch eigenen Gesang und durch die Begleitung des rhythmischen Gesangs der Frauengruppe in Ekstase geriet. Dieses Ritual sollte die bösen Geister aus der Kranken austreiben, wie mir Aghali Imoumoumene erklärte. 188 Vgl. Gardi 1971, S. 71. Ich habe für meinen Vater gegen dessen Sodbrennen eine solche Tafel anfertigen lassen. Mein Vater hat die Tafel jedoch nur in seinem Arbeitszimmer aufgehängt, aber dennoch leidet er kaum mehr unter Sodbrennen. Vielleicht beruht aber dieser Erfolg doch nur auf der Vermeidung gewisser Speisen oder an seiner Pensionierung als Gymnasiallehrer… 741 21.4.3.8 Untergrabung des bestehenden Versorgungssystems Auch in Siedlungen, in denen die traditionelle Medizin nur noch eine untergeordnete Rolle spielt, weil die staatliche medizinische Grundversorgung erreichbar ist, kann das staatliche System der subventionierten Medikamente durch übermäßige Medikamentenspenden untergraben werden. Weil die Leute sich lieber westliche Medikamente schenken lassen, als sich die ohnehin sehr billi- gen staatlichen zu kaufen, veralten die staatlichen Medikamente. Sie müssen letztlich ungenutzt entsorgt werden, ohne dass damit das nötige Geld eingenommen worden wäre, um die Vorräte wieder aufzustocken. Wenn dann die Touristen ausbleiben, bricht das gesamte System zusammen. Leider gerät das staatliche Gesundheitssystem aufgrund der permanenten Finanzkrise zunehmend unter Druck. Unter dieser Bedingung können gezielt und kontrolliert übergebene Medikamentenspenden an Gemeinden zur Aufrechterhaltung der medizinischen Grundversorgung beitragen, insbesondere dann, wenn aus touristischem Mitgefühl eine dauerhafte, partnerschaftliche Bindung wird, wie dies bei den „Les Amis de Timia“ der Fall ist. Letztlich wird wohl die westliche Medizin weiterhin an Prestige unter der Bevölkerung gewinnen, während die staatliche Versorgung zunehmend in Frage gestellt wird. Dieser Prozess der Moder- nisierung bei gleichzeitiger Verarmung des Staates als sozialer Dienstleister dürfte die Bevöl- kerung weiter motivieren, sich durch den Kontakt mit Touristen mit Medikamenten zu versorgen. Die einzigen sinnvollen Lösungen sind darum die strikte Kontrolle der Medikamentengaben durch hinreichend sensibilisierte Reiseführer, und die Abgabe von Medikamenten an dafür vorgesehenen Sammelstellen. 189 21.4.4 Handel mit Nomaden Ein wesentliches Argumente für Tourismus in wirtschaftlich marginalisierten Regionen ist der in- tegrative wirtschaftliche Effekt des Tourismus: 190 Wo zuvor Infrastruktur und Transportmittel für einen Anschluss an regionale Märkte fehlen, dort hin kommt nun mit den Touristen der Markt selbst. Diese Veränderung ist im Wesentlichen mit drei potenziellen Problembereichen verbunden: 1. mit dem Mangel an Kleingeld 2. mit der Übervorteilung unerfahrener Nomaden durch handelstüchtige Touristen 3. mit der Entstehung neuer Abhängigkeiten 189 Dem steht auch nicht das Argument von Eva Gretzmacher anlässlich unseres Besuchs von Timia im Oktober 1997 entgegen. Damals händigte ich ebenfalls den Großteil meiner reich ausgestatteten Reiseapotheke dem Apotheker aus, worauf Gretzmacher einwendete, der Mann würde nun die Medikamente zwecks seiner eigenen Bereicherung teuer an Bedürftige verkaufen anstatt sie zu verteilen: Abgesehen davon, dass Gretzmacher hier eine Mutmaßung zum Faktum aufwertete, kann Machtmissbrauch und kleine Korruption nur sehr begrenzt von außen unterbunden werden. Unter touristischen Umständen ist dies schon gar nicht möglich, doch letztlich bleibt Korruption das geringste Problem bei möglichem Medikamentenmissbrauchs. 190 Vgl. etwa Popp 2001. 742 21.4.4.1 Kleingeldmangel Fehlen nötige Tauschgüter, so kann kein Handel zustande kommen. Nomaden bieten zwar vielerlei Produkte an, die bei den Touristen durchaus auf Interesse stoßen (Ziegenkäse, Antiquitäten oder Pfeilspitzen) doch häufig fehlt es den Touristen am adäquaten Zahlungsmittel, den kleinen Mün- zen. Sogar in Banken werden häufig nur 10.000 FCFA-Scheine ausgegeben, sodass während einer solchen Reise Waren geringsten Werts nur mit großen Schwierigkeiten erworben werden können. Dieses Phänomen ist leider für alle Regionen der Dritten Welt bezeichnend, die erst in Ansätzen monetarisiert sind, weil die Produktionskosten der metallenen Zahlungsmittel im Gegensatz zum Papiergeld enorm hoch sind. Vor 150 Jahren erkannte dieses Problem auch schon Heinrich Barth im Aïr. Als Lösung soll er „säckeweise Münzgeld“ mit sich geführt haben. 191 In der Praxis verzichten Touristen wiederholt darauf, Produkte geringen Werts zu erwerben, wenn sie nicht über den genauen Kleingeldbetrag verfügen, denn Nomaden können in der Regel nicht auf große Geldscheine herausgeben. Dadurch wird aber die wesentliche „Wohltat“ des Tourismus kon- terkariert. Innerhalb der Reisegruppe lässt sich dieses Problem am besten lösen, indem der Reise- leiter bereits in Niamey größere Summen an Kleingeld besorgt und während der Tour die kleineren Ausgaben der Reisegruppe vorfinanziert. 21.4.4.2 Machtmissbrauch Manchmal wollen touristische Kunden nicht auf den Kauf eines entdeckten Produkts verzichten, aber auch nicht einen angemessen hohen Preis zahlen. Bereits Mano Dayak riet den Touristen davon ab, ihre Handelskünste bei Nomaden exzessiv einzusetzen und den Preis mit aller Gewalt zu drücken, denn meist verkaufen die Nomaden ihre Güter erst, wenn sie einen dringenden Bedarf an Geld haben und darum unter Druck stehen. 192 In diesem Sinn argumentiert auch Kronenberger-Elhadji für Zu- rückhaltung, besonders da der „verlangte Preis (…) ohnehin sicher unter dem Betrag liegt, den ein professioneller Verkäufer dafür verlangen würde“. 193 Ältere Tuareg, die dem traditionellen Ethos noch stärker verhaften sind, erliegen am häufigsten solchen touristischen „Dumping-Attacken“. Im Gegensatz zu den Schmieden, die in der Tuareg- Gesellschaft als „ehrlos“ gelten, verbietet das traditionelle Schamgefühl den noblen Tuareg ein rhetorisches Handeln und erst recht eine lautstarke Auseinandersetzung wegen etwaiger unter- schiedlicher Wertauffassungen. 194 Wie sich dieser Umstand ausnützen lässt, musste ich im Feber 2003 in Tabelot, einem kleinen Ort hinter dem Bagzan, beobachten: In einer kleinen „Boutique“, in der die wichtigsten Gebrauchs- und Grundnahrungsmittel angeboten wurden, kaufte meine Reisegruppe auf meine Empfehlung hin Gastgeschenke für Nomaden (Tee, Zucker etc.). Ich hatte dabei ausdrücklich auf die hier geltenden Fixpreise und das Kleingeldproblem hingewiesen. Die bereits genannte Berliner Dame wählte eine aus Bast geflochtene Tasche für den Preis von 650 CFA 195 und zahlte mit einem 10.000 CFA- Schein. 196 Dem erschrockenen Hinweis des Tuareg-Händlers, nicht über genug Wechselgeld zu verfügen, setzte die Dame das Argument entgegen, in deutschen Supermärkten könne man sehr 191 Hinw. in Demhardt 2000, S. 85. 192 Vgl. Dayak 1994, S. 56 f. 193 Kronenberger-Elhadji 2003. 194 Vgl. dazu Spittler (2002, S. 23), wonach „Tuareg sehr autoritätsempfindlich sind“ und sie darum auch keine Befehle erteilen. 195 Knapp 1 Euro. 196 Rund 65 Euro. 743 wohl mit großen Scheinen zahlen. Auch mein Angebot, den kleinen Betrag für sie auszulegen, lehnte die Dame ab. Stattdessen legte sie lachend einen 500-CFA-Schein auf den Tisch und meinte, sie nehme unter diesen Umständen die Tasche eben für 500 FCFA und verließ den Laden. 197 Nach meinen Erfahrungen sind solche Vorfälle jedoch eher die Ausnahme, da sich die Menschen zunehmend an den Umgang mit Touristen gewöhnen und selbst ein gewisses Handelsgeschick entwickeln. Vor allem ist der durchschnittliche Touristen keineswegs „böswillig“. Insgesamt dürf- ten die positiven wirtschaftlichen Chancen die wenigen Fälle der Unanständigkeit wohl beträcht- lich übersteigen. 21.4.4.3 Strukturelle Abhängigkeit Jede zusätzliche Einnahmequelle birgt die Gefahr, Abhängigkeit zu schaffen. Würde das Touris- musaufkommen größer werden, so wäre es nicht abwegig anzunehmen, dass sich wohl mehr No- maden entlang der Pisten ansiedeln könnten, um vom Tourismus zu profitieren. Sollte dann aber einmal das Touristen-Manna abrupt versiegen, dann bestünde freilich das Problem einer plötz- lichen Verarmung. Die Ergebnisse der Gespräche mit den Kel Timia stehen diesen Erwartungen entgegen, denn die Kel Timia sind sich sehr wohl der Probleme des Tourismus im Gegensatz zur traditionellen Garten- arbeit als Einkommensquelle bewusst. Die starken Schwankungen des Tourismusaufkommens, die kurze Saison und die vielen anderen Erschwernisse des Niger-Tourismus 198 verhindern, dass sich der Tourismus zu einer längerfristigen und umfassenden Wirtschaftsbasis für die Landbevölkerung entwickeln könnte. Die realen Verdienstchancen im Tourismus dürften die Nomaden weiter besser einschätzen als die Europäer. 199 So ist davon auszugehen, dass die Kel Ewey aus Rentabilitäts- erwägungen 200 überwiegend in ihre traditionelle Wirtschaft, den Gartenbau und die Viehzucht, investieren werden 201, und dass eher die jungen Menschen ein gewisses Maß an Begeisterung für den Tourismus aufbringen. 202 Doch auch junge Leute finden sich nur dann an exponierten touris- tischen Stätten, wenn die Verdienstchancen im eigenen Dorf spürbar schlechter sind. Dann aber stellt sich die Wahl zwischen einer gewissen Abhängigkeit vom Tourismus - oder Arbeitslosigkeit. 197 Um den nach unseren Verhältnissen lächerlichen Schaden zu tilgen, bezahlte ich die fehlende Summe von 150 FCFA (20 Cent), was jedoch im Niger dem Wert einer vollwertigen Mahlzeit entspricht. 198 So veröffentlichte das österr. Außenministerium Anfang April 2004 eine Falschmeldung, wonach die im Feber 2004 überfallene österreichische Reisegruppe im Norden des Niger „entführt“ und erst nach „Lösegeldforderungen“ wieder freigelassen worden sei. Auf Basis dieses sachlich völlig falschen Hinweises (vgl. meine Analyse in Kap. „Konflikte im Einzugsbereich des Tuareg-Touris- mus/Importierte Kriminalität: der Überfall von Temet durch die ‚GSPC’“) wurde eine „partielle Reisewarnung“ für den Niger aus- gegeben (vgl. Bundesministerium für äußere Angelegenheiten 2004), die Kneissl Touristik dazu zwang, das Niger-Programm für den Herbst 2004 vorerst auszusetzen. 199 Um etwa die nomadische Bevölkerung Südalgeriens am Tourismus spürbar mitpartizipieren zu lassen, wäre ein jährliches Auf- kommen von 80.000 Besuchern nötig, was die ökologischen Belastungsgrenzen in jedem Fall sprengen würde (Jeremy Keenan, Hinw. von Marhold, Telefonat vom 15. 3. 2004). 200 Diesen Aspekt spielt auch für Karawaniers eine überragende Rolle (vgl. Spittler 2002, S. 27). 201 Von den 45 Befragten wurden (bei Mehrfachnennungen) folgende Investitionsvorhaben für zusätzlich verdientes Geld an- gegeben: Kamele: 19 (42 %), Ziegen: 21 (47 %), Arbeitsmaterialien: 15 (33 %), Kauf eines Gartens: 7 (16 %), zusätzliche Nahrung: 15 (33 %), Kleidung: 9 (20 %). 202 Zwar gaben 30 (67 %) an, gerne im Tourismus arbeiten zu wollen, doch für die Hälfte dieser Personen käme dies nur dann in Frage, wenn sie dazu ihre bisherige Tätigkeit weiterführen könnten. 744 21.5 Tourismus als wirtschaftliches Entwicklungshemmnis? Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass sich im Niger die Schäden durch Tourismus sehr in Grenzen halten. Wo gewisse Risiken bestehen, etwa durch die willkürliche Vergabe von starken Me- dikamenten, können durch entsprechende Kontrollen die Reiseführer Gesundheitsschäden verhin- dern. Gleichzeitig ist aber auch festzuhalten, dass der Tourismus seinen Ruf als sprudelnde Devisen- quelle jedenfalls außerhalb der Städte zu Unrecht trägt. Vom Tourismus profitieren im Wesentlichen die Agenturen und deren soziales Umfeld. Darum ist es auch wenig überraschend, dass von 21 befragten Agenturen 13 überwiegend positive Auswirkungen des Tourismus für die Region sehen, wobei für neun Agenturen die Vorteile vor allem wirtschaftlicher Art sind. Dynamisierung der regionalen Wirtschaft, die Förderung der tradi- tionellen Wirtschaft außerhalb der Städte, aber auch sekundäre ökonomische Auswirkungen wie die Gründung von NROs durch Touristen infolge einer Niger-Reise werden genannt. Die wenigen kritischen Anmerkung stammten von Adrar Madet V., wonach „95 % der Nomaden vom Tourismus unberührt“ seien und insofern auch nicht vom Tourismus profitieren würden. Auch von Seiten der Agentur Aïr Car wurde der angeblich große wirtschaftliche Segen für die Land- bevölkerung dahingehend relativiert, dass letztlich nur einige wenige Kamelbetreiber profitieren würden. Für Pèlerin du Désert habe der Tourismus überhaupt keinerlei regionale Priorität, wogegen gute Bewässerungsprojekte der Bevölkerung weit mehr und nachhaltiger helfen würden. Angesichts dieser Umstände stellt sich die Frage, inwieweit die urban konzentrierte Tourismus- wirtschaft über ihre wirtschaftliche Dynamisierung hinaus auch die traditionelle Wirtschaft beein- trächtigt. Dies wäre dann der Fall, wenn Mittel in touristische Projekte investiert würden, die aus- schließlich an touristischen Bedürfnissen orientiert sind, anstatt sich an den Bedürfnissen der Be- völkerung zu orientieren. 203 Derartige Projekte sind mir allerdings bislang nicht bekannt. Zwar wird behauptet, dass der Bau der Hotelanlage „Agadez la Plage“ im Wadi Telouah außerhalb der Stadt Agadez dazu geführt habe, dass die gtz ein vage geplantes Bewässerungsprojekt wieder aufgegeben habe, doch haben letztlich persönliche Gründe des verantwortlichen gtz-Gutachters diese Entscheidung herbei geführt. 204 Lei- der wurden bislang auch jene Projekte nicht verwirklicht, die sowohl dem Tourismus als auch der Bevölkerung zugute gekommen wären. Die Verbesserung der Piste Agadez-Timia-Iferouane-Arlit war bereits im 4-Jahres-Arbeitsplan von 1984 vorgesehen gewesen, 205 wurde aber bis heute nicht realisiert. Die einzige nennenswerte Investition aus Geldern der internationalen Entwicklungs- zusammenarbeit war die Bereitstellung von Krediten i.d.H.v. lediglich 3 Mio. FCFA im Jahr 1988. 206 Die beiden großen, tourismusrelevanten Investitionen für das Luxushotel „La Paix“ und für die Renovierung der Flugpiste waren von Libyen finanziert worden und haben eher zu einer gewissen wirtschaftlichen Dynamisierung als zu einer Umschichtung von Mitteln geführt. Auch tourismus- bedingte Preissteigerungen, die die Bevölkerung belastet hätten, konnten bislang nicht festgestellt werden. 207 203 Vgl. Spreitzhofer 1995, S. 52. 204 Hinw. des PDRT-Leiters Hans Sagebiel, November 1999, Tahoua. 205 Vgl. Baud-Bovy 19888, S. 148 206 Damals etwa 10.000 Euro; vgl. Baud-Bovy 1988, S. 115. 207 Die Lebensmittelpreise unterliegen generell starken, Klima- und Ernte-bedingten Schwankungen. Dies zeigt sich besonders am sich ändernden Tauschverhältnis zwischen Salz-Kantus aus Bilma und Hirse im Süden: 1984 wurde Hirse und Salz infolge der Dürre im Verhältnis 1:1 getauscht, 1994 lag das Verhältnis bei 1:2,6 (vgl. Spittler 2002, S. 28) 745 21.6 Fazit: Steuerung statt Verhinderung des Tourismus „Il s’agit là beaucoup plus des inconvénients liés au développement d’un secteur sans planification et/ou dont la croissance est insuffisamment contrôlée par l’ensemble des intervenants,“ 208 bringt NIGETECH die Kernproblematik des Agadez-Tourismus auf den Punkt. Vom gegenwärtigen, rela- tiv spärlichen Tourismusaufkommen erwarten sich immer mehr Menschen die Lösung ihrer wirt- schaftlichen Probleme, weshalb immer mehr Agenturen gegründet werden, die - wie schon die meisten bisherigen Agenturen - nur hohe Gewinne vor Augen haben. Die Erfahrungen in Südalge- rien zeigen aber deutlich, dass mit einem signifikant wachsenden Tourismusaufkommen auch die Belastungen deutlich steigen und schließlich immer unerträglicher werden. Gleichzeitig zeigt sich deutlich, dass wachsendes Tourismusaufkommen ohne begleitende Maßnahmen nicht genügt, um Konflikte zu unterbinden. Dies konnte in den Kapiteln über die strukturellen Schwächen und über die Konfliktstrukturen der Region hinreichend verdeutlicht werden. Ohne schon ein endgültiges Fazit für diese Arbeit vorwegzunehmen, lässt sich dennoch festhalten, dass der Tourismus im Niger in Summe durchaus vertretbar ist und insgesamt der Nutzen die et- waigen Schäden für die Region bei weitem überwiegt. Dies gilt jedenfalls für jene Bereiche, die Tou- risten unmittelbar beeinflussen. Demgegenüber scheint die wirtschaftliche und organisatorische Struktur des Niger-Tourismus un- ter den derzeitigen Bedingungen gravierender struktureller Mängel nicht in der Lage zu sein, ein größeres Tourismusaufkommen hinreichend zu kanalisieren. Dazu bedürfte es merklicher Verbes- serungen insbesondere in den Bereichen Kooperation und Ausbildung. Denn um den kulturellen Herausforderungen des Tourismus - und insbesondere einer effektiven Tourismusethik - gerecht zu werden, bedürfte es von der Mehrzahl der Tourismusakteure im Niger eines weitgehenden Wan- dels ihrer derzeitigen Mentalität, lediglich den unmittelbaren und höchstpersönlichen Vorteil anzu- streben. Angesichts dieser, im Dritte-Welt-Tourismus üblichen Umstände ist für den Niger im Sinne von Vellas und Bécherel für eine konsequente Hochpreispolitik 209 zu plädieren, wie sie etwa von Bhu- tan seit 30 Jahren einigermaßen erfolgreich praktiziert wird 210: Zahlen wenige Besucher hohe Prei- se, so ermöglichen sie eine hohe Wertschöpfung und verursachen dabei wenige Schäden. Insofern können die bisherigen Barrieren des Niger-Tourismus, die lange Anreise, die hohen Flug- preise und der geringe Komfort, durchaus als fruchtbare Barrieren betrachtet werden, um einen unkontrollierbaren Tourismusboom zu verhindern. 208 „Es handelt sich viel mehr um Ungereimtheiten, die auf der Entwicklung eines ungeplanten Sektors beruhten, dessen Wachstum durch sämtliche Beteiligte ungenügend kontrolliert wird.“ NIGETECH 2002, S. 20. 209 Vgl. Vellas & Bécherel 1995, S. 324. 210 Bhutan vergibt jährlich nur rund 6.000 Touristen-Visa und verlangt eine Tagesgebühr von 200 US $ pro Kopf (vgl. Pilz 2002, Web; sinngem. Zingel 2001, 2003, Web; Bundesministerium für äußere Angelegenheiten 1997, Web). 746 Teil D Gesamtevaluation 22 Die ethische Relevanz der Meinung der Kel Timia 22.1 Philosophische Methodenansätze zur Lösung interkultureller Wertfragen In den bisherigen Kapiteln wurden sowohl die Rahmenbedingungen der Tourismusentwicklung im Niger als auch die Position der Kel Timia gegenüber dem touristischen Engagement ihres Dorfes skizziert. Das letzte Kapitel führte schließlich die konkreten negativen Auswirkungen des Touris- mus vor Augen, die mit einem unkontrollierten Tourismuswachstum im Niger verbunden wären. Angesichts dieses Wissens stellt sich die grundlegende ethische Frage nach der Relevanz der Wün- sche der Kel Timia: ¾ Sind die Wünsche der Kel Timia an den Tourismus als unmittelbarer Ausdruck ihrer Selbst- bestimmung zu werten? Dies würde die ethische Pflicht zur Förderung einer Touris- musentwicklung implizieren, die dem expliziten Interesse der Kel Timia an wirtschaftlicher Partizipation bestmöglich entgegenkommt? ¾ Oder sind die touristischen Wünsche der Kel Timia, da den Vorstellungen vieler wichtiger Experten aus dem Entwicklungssektor, aus der Anthropologie und aus dem regionalen Tou- rismus 1 entgegenstehend, eher als „unvernünftiger“ Ausdruck infantilen Begehrens zu deu- ten? Daraus würde folgen, dass Tourismus in Agadez, wenn überhaupt, nur als reiner Sahara- tourismus betrieben werden dürfte, um den kommerziellen und ideellen Kontakt zwischen Touristen und Nomaden möglichst zu unterbinden. Dazu sollen vorerst die Positionen der Meinungsäußerer, der Kel Timia einerseits und der europäi- schen „Experten“ andererseits, hinsichtlich des jeweiligen kulturellen Hintergrunds, des Bezug zur Tourismusproblematik und der persönlichen Betroffenheit durch die Folgen einer gezielten Tou- rismusentwicklung erörtert werden. Dazu soll insbesondere auch die Kommunikationskultur der Kel Timia erörtert werden. Denn letztlich geht es um die Frage, ob die geäußerten Meinungen der Kel Timia als „betroffene Experten“ wie auch jene der nicht-indigenen Fachexperten tatsächlich das äußern, was sie – insbesondere im Fall der „Experten“ – für objektiv richtig halten bzw. – im Fall der betroffenen Tuareg – auch tatsächlich selbst wollen, also für sich als rational handelnde Person und für das Gemeinwohl für richtig halten. Wie schon bei der Skizzierung der theoretischen Grundlage für eine postmoderne angewandte Ethik, so muss auch hier eine detaillierte Analyse sämtlicher Facetten der Problematik der inter- kulturellen Ethik aus Platzgründen unterblieben. Hier sollen nur die zwei wichtigsten Paradigmen im Diskurs der interkulturellen Ethik, die Transzendentalpragmatik als spezielle Ausprägung des klassischen Universalismus und der Kulturalismus auf ihre Funktionsfähigkeit zur Lösung des vor- liegenden interkulturellen Entscheidungskonflikts hin untersucht werden. Dazu werden die beiden Paradigmen vorgestellt und auf ihre Schwächen hin untersucht. In der abschließenden Beurteilung 1 Vgl. die Verurteilung des „Zootourismus“ durch Mano Dayak 1992, S. 78 bzw. 1996, S. 178; vgl. insb. auch die musealisierende Position der österreichischen Reiseveranstalterin und -leiterin Eva Gretzmacher zu touristischen Besuchen Timias als Anlassfall für die vorliegende Studie. 747 wird erörtert, inwieweit ein Mittelweg zwischen diesen scheinbar widersprüchlichen Metaethiken möglich sein könnte und welche Konsequenzen dies für die Beantwortung der zentralen Frage nach der Vertretbarkeit von Tourismus bei den Kel Timia mit sich bringt. 22.2 Interkulturelle Wertfragen als Vernunftproblem? Eine Kernfrage, die den Diskurs zur interkulturellen Ethik wesentlich prägt, ist jene nach der Rolle der Vernunft. In unserem kulturellen Kontext ist die Rolle der Vernunft für die Lösung jeglicher intellektueller Probleme zweifellos fundamental. So plädiert etwa Bayertz im Ansatz zu einer prak- tischen Ethik für die „Klugheit als Modell“ im Sinne einer Weiterentwicklung der aristotelischen Lehre von der „phronesis“, der praktischen Klugheit, sowie des kasuistischen Denkens. Im nach- folgenden Modell von Bayertz wurden folgende zentrale Maßnahmen und Kriterien nahe gelegt 2: 1. die Analyse der relevanten Situationen, Bedürfnisse und Interessen anstelle von Haltungen, Gefühlen und Wünschen; 2. die detaillierte Analyse des einzelnen Falles und der jeweiligen Arten von Fällen anstelle der endlosen Diskussion genereller Prinzipien; 3. die Entwicklung praktikabler Lösungsstrategien auf der Basis der Analyse erfolgreicher Un- ternehmungen mit ähnlich gelagerten Problemen; 4. die Rückwendung zu Ideen der „Billigkeit“, der „Vernünftigkeit“ oder der „Verhältnismä- ßigkeit“. Solche Strategien mögen im westlich-modernen, aufgeklärten und rationalen Kulturkontext nahe liegend und hilfreich erscheinen, wo Begriffe wie „Analyse“, „Lösungsstrategien“, „Entwicklung“ und „Vernünftigkeit“ längst als Operanden im beruflichen wie auch im sonstigen Lebenskontext selbstverständlich sind. Ganz anders stellt sich die Situation im interkulturellen Kontext dar. Hier lautet die grundsätzliche Frage der Philosophie nach Ansicht von Steinmann und Scherer vielmehr, ob man geeignete Lö- sungshinweise überhaupt in universellen Vernunftkriterien suchen soll, oder ob nicht viel mehr das Verständnis von Vernunft selbst schon kulturell geprägt sei? 3 Und wenn letzteres zutrifft, wie lässt sich dann noch ein begründeter Vernunftanspruch gegen kulturrelativistische Positionen aufrecht- erhalten? Folgt man nämlich den Überlegungen Kambartels, so lässt sich etwa Vernunft nicht über eine De- finition des Vernünftigen sinnvoll begreifen, sondern nur innerhalb eines vielfach verwobenen Netzes von geübten Praktiken, die allerdings nicht auf ein gemeinsames Kriterium der Vernünftig- keit zurückzuführen seien; vielmehr seien diese Praktiken selbst ebenfalls nur begreifbar über ihre entsprechenden Übungen. 4 In diesem Sinne kritisiert Kambartel gegenüber der Universalisierbarkeit von Vernunft, dass diese sich immer nur insofern definieren lasse, als „die verschiedenen Definitionen des Vernünftigen (...) innerhalb der Kultur der Vernunft (arbeiten); wenn sie überhaupt, ‚lokal’, angemessen sind, so ge- 2 Vgl. Bayertz 1994, S. 17 f. 3 Vgl. Steinmann/Scherer 1998a, S. 9. 4 Vgl. Kambartel 1984, zit. in Steinmann/Scherer 1998a, S. 11. 748 hören sie zum grammatischen Netzwerk dieser Kultur.“ 5 Vernunft sei somit kultspezifisch ausge- prägt und könne darum nicht über bestimmte Standards, Regeln oder Methoden definiert werden. Sich im interkulturellen Kontext „vernünftig“ zu orientieren bedeute vielmehr, verschiedene sol- cher Standards in angemessener Weise zu handhaben. Vernünftiges Handeln entspricht in diesem Sinne eher dem Bemühen, partikulare Rationalität zu überwinden, dies jedoch nicht im Sinne eines allgemeinen, höheren Standards, sondern durch das Einnehmen einer Perspektive, die gleichsam versucht, die verschiedenartigen Standards zu überwinden. 6 22.3 Interkulturelle Wertfragen als Verständnisproblem? Ein weiteres Problem, das vorab zu klären ist, dreht sich um das Verständnis des Begriffs „Verste- hen“. Schon das klingt paradox, gleich einem Sprachspiel Wittgensteins: Wie soll man das Verste- hen verstehen können? 7 Hier zeichnet sich bereits eine weitere Differenz zwischen dem Transzendentalpragmatismus und dem Kulturalismus ab, nämlich die jeweilige Auffassung von Kommunikation und Kom- munikationsprozessen. Ohne eine Analyse der beiden Paradigmen vorwegnehmen zu wollen, lässt sich doch grundsätzlich feststellen, dass der Transzendentalpragmatismus eher einen rational- analytischen Zugang zum Problem des Verständnisses wählt, während der Kulturalismus eher eine Position vertritt, nach der das Verstehen fremder Kulturen von einem umfassenden kommu- nikativen Akt in all seinen Dimensionen abhängig sei. So geht es etwa Schneider im Wesentlichen darum, dass in jeder interkulturellen Kommunikation die hermeneutische Bemühung entscheidend sei, nämlich der Versuch, „die Perspektive des Fremden durch einen Vergleich mit der eigenen Perspektive allererst kennen zu lernen.“ 8 Noch einen Schritt weiter in Richtung einer radikalen kulturellen Kontextverbundenheit geht Ul- rich, indem er als Grundvoraussetzung für eine Verständigung mit dem Fremden auch die Verstän- digung über die Frage des „Guten Lebens“ 9 und nicht nur über die des gerechten Zusammenlebens plädiert. Und dazu gehöre wesentlich die Thematisierung der „Lebenswelt“ als Ressource für Ori- entierungen und Lebensformen sowie die Frage danach, wie solche „Lebenswelten“ im Diskurs Berücksichtigung finden können. Dazu seien kulturelle Differenzen auszuloten und darauf hin auf die Probe zu stellen, wie sie im gemeinsamen Handeln zur Geltung kommen können, statt einen Wettbewerb zur Auflösung solcher Differenzen zu betreiben. Doch wie soll das praktisch vor sich gehen? Wichtig für die Suche nach einem Modus der Interak- tion zur Ermöglichung des wechselseitigen Verstehens der Sinngehalte vor dem Hintergrund des jeweils eigenen Erfahrungshorizonts ist wohl ein Zugang, der auf Belehrung verzichtet, wie es der europäischen Kultur gegenüber anderen Kulturen zueigen ist. 10 Vielmehr bedarf es eines Zugangs, der von einem Prozess des wechselseitigen Lernens ausgeht. Dies bedeutet bedingungslos zu ak- zeptieren, dass grundsätzlich jeder von anderen etwas lernen könne. 5 Kambartel 1998, S. 104 f. 6 Es möge mir nachgesehen werden, dass ich Kambartel als einen prominenten Vertreter des Kulturalismus bereits hier kurz zu Wort kommen lasse, während die radikale Gegenposition der Universalisten bzw. Transzendentalpragmatiker, nämlich die Universalisier- barkeit des Vernunftgebrauchs, erst an späterer Stelle skizziert wird. Hier galt es vorerst nur, die Selbstverständlichkeit von Ver- nunft als Lösungsinstrument der westlich-rationalen Kultur zu hinterfragen. 7 Siehe dazu auch die kulturanthropologischen Erwägungen im Kap. „Wahrnehmung und Interaktion zwischen Reisenden und „Be- reisten“/Fremde Kulturen „verstehen“ - ist das überhaupt möglich?“ 8 Schneider 1994, S. 13 f. 9 Ulrich 1998, S. 221 ff. 10 Siehe dazu insb. das Kap. „ ‚Entwicklung’ - der ideologische Wandel und die Krise eines Entwicklungsbegriffs“ über die domi- nante Rolle des Westens im Entwicklungsdiskurs. 749 22.4 Die gegensätzlichen Positionen der Kel Timia und einiger Experten zum Tourismus 22.4.1 Euphorie oder pragmatische Chancenwahrnehmung der Kel Timia? Wie lässt sich nun die Sicht der Bevölkerung in Hinblick auf die ethische Begründungskraft ihrer Meinungen beurteilen? Die Tatsache der positiven Haltung gegenüber dem Tourismus erscheint nämlich bei näherer Be- trachtung keineswegs so überraschend. Beobachtungen und Untersuchungen in anderen Regionen hatten als Ergebnis, dass die jeweils betroffene Bevölkerung in der Pionierphase der Tourismus- entwicklung zumeist positiv oder, um mit Spreitzhofer 11 zu sprechen, geradezu „euphorisch“ auf Touristen reagiere. 12 Auf der Basis solcher Erfahrungen haben Mathieson und Wall ein Schema entwickelt, das den Zusammenhang zwischen der Geschwindigkeit und Intensität eines örtlichen Tourismuswachstums einerseits und der Haltung der „Bereisten“ andererseits darstellt. 13 Demnach reagieren die Einheimischen im Anfangsstadium des Kontakts mit Tourismus in der Regel begeis- tert und hoffnungsvoll, bis infolge einer massiven Zunahme von Tourismusankünften eine Sätti- gung und letztlich die Übersättigung eintrete, die zu Widerständen seitens der Bevölkerung führe. In dieser Phase seien die Aufnahmekapazität der Bevölkerung und damit auch die soziokulturellen Ressourcen der Destination gleichsam verbraucht. Diese Entwicklungsdynamik sei jedoch auch abhängig vom Absorptionsvermögen des touristischen Raums (Stadt – Dorf) und auch von der Kluft zwischen den miteinander konfrontierten Kulturen. Dieser Prozess könne durch entsprechen- de Maßnahmen auch verlangsamt oder sogar verhindert werden. 14 Zu den Umständen des Auftretens der negativen Haltung in späteren Phasen fällt auf, dass es sich dabei zumeist um eine wirtschaftliche Stagnation handelt, nachdem eine gewisse Sättigung des Marktes eingetreten ist und von einem Teil der Bevölkerung ein gewissen Wohnstands erreicht wurde, wie dies etwa in Bali in den 90er-Jahren der Fall war. Gemäß der Eigenerhebung von Spreitzhofer 15 habe damals unter „weiten Bevölkerungskreisen“ in der Touristenhochburg Kuta die Kritik vorgeherrscht, dass mittlerweile zu viele Menschen hier seien, wodurch es nun überent- wickelt und zu teuer geworden sei. Dazu ist freilich anzumerken, dass es sich bei diesen kritisierten Belangen um typische Modernisierungserscheinungen handelt und die Kritik doch sehr an die in Europa vertraute Sehnsucht nach der „guten alten Zeit“ erinnert. Ähnliche Verhaltensmuster ließen sich auch bei jenen Kel Timia beobachten, die aufgrund ihres Lebens in Europa von Timia bereits weitgehend entfremdet sind. Damit ist noch wenig zur Beurteilung dessen gewonnen, ob aufgrund der Aussagen der Kel Timia eine Tourismusförderung als vertretbar zu beurteilen sei. Allerdings habe ich auch andere Erfah- rungen in abgelegenen, von Tourismus wenig frequentierten Dörfern gemacht, die dem Schema von Mathieson und Wall keineswegs entsprechen. So reagierte etwa die Bevölkerung eines abge- 11 Spreitzhofer 1995, S. 77. 12 Von ähnlichen Reaktionsmustern der Bevölkerung der Salzburger Tourismusregion berichten auch Bachleitner/Penz (2000). 13 Vgl. Mathieson/Wall 1982, S. 137 ff. 14 Vgl. auch das Schema der Lebenszyklen von Destinationen von Butlers (1980, 2000) oder den „Doxey’s Irritex“, den Index über die zunehmende Irritation der Bereisten bei wachsendem Tourismusaufkommen von Doxey (1975). 15 Vgl. Spreitzhofer 1995, S. 77. 750 legenen traditionellen Dorfes auf Flores 16 äußerst abweisend auf den Besuch der Reisegruppe, der ich angehörte. Als Grund für ihr mangelndes Willkommensgeheiß hatten sie angegeben, dass ihr Dorfchef abwesen sei, unter der anwesenden Bevölkerung aber keine Klarheit über Aufteilung der einzufordernden Gästegebühr herrsche; darum zogen die Dorfbewohner es vor, uns zu bitten, das Dorf zu verlassen. Bedauerlicherweise wurde dies vom damaligen Reiseleiter nicht respektiert, was zu einer unangenehm angespannten Situation führte. Allerdings habe ich in Indonesien – unter er- freulicheren Umständen – auch sehr viele positive Haltung gegenüber touristischen Besuchern der jeweiligen Dorfbevölkerungen erlebt. Setzt man nun diese Erfahrungen mit der Tatsache in Verbindung, dass in Timia bereits seit über 30 Jahren Erfahrung mit Tourismus gemacht wird, und diese touristische Entwicklung seit damals mit Fug als ein regelrechtes „auf und ab“ bezeichnet werden kann, so büßen die Theorien von Mathieson und Wall sowie anderer Autoren an Erklärungswert ein. Offensichtlich scheinen die Kel Timia nicht nur behavioristisch reagierende Wesen zu sein, denen angesichts des (ohnedies mage- ren ) „Knochen Tourismus“ das Wasser im Munde zusammen läuft. Kann es nicht sein, dass die Kel Timia vor dem Hintergrund der sich verschärfenden Krisen im Bereich der ökologischen Ressourcen und damit der Beschäftigung und des wirtschaftlichen Über- lebens neue Einkommenschancen mit einer Offenheit nutzen wollen, ähnlich wie wir Österreicher 1994 den Beitritt zur EU begrüßt haben? Dazu will ich zunächst die Position der Tourismuskritiker näher beleuchten 22.4.2 Kulturzerstörung und Verarmung: die Sicht einiger Tourismuskritiker Die in vieler Hinsicht berechtigte Skepsis gegenüber Dritte-Welt-Tourismus ist besonders unter solchen Experten verbreitet, die selbst nicht aus dem Tourismus oder der Tourismusforschung kommen. So setzt etwa die populäre Tourismuskritik 17 an den Rahmenbedingungen des Tourismus an und weist darauf hin, dass aufgrund der gravierenden Unterschiede im Bereich der jeweiligen Kulturen, der Lebenssituationen, der Wohlstandsniveaus und der Beziehungsauffassungen keine konstruktive Kommunikation zwischen den Kulturen möglich sei. Vor allem aber trage die Auffas- sung der Touristen von der großen Urlaubsfreiheit und die daraus folgende, weit verbreitete Miss- achtung lokaler Wertmaßstäbe zu soziokulturellem Wandel und Identitätsverlust der „Bereisten“ bei. Das durch Tourismus erzielte Einkommen stehe gleichfalls in keinem Verhältnis zu den nega- tiven Auswirkungen eben dieses Einkommens: Es beschleunige die Monetarisierung traditioneller Kulturen, fördere den Glauben an leicht zu verdienendes Geld, unterminiere somit die traditionelle Arbeitsmoral und trage zu einer Folklorisierung traditioneller Rituale und Feste bei. Letztlich wür- den Indigene im touristischen Kontext immer nur zum Schauobjekt degradiert werden, weshalb ihre Vereinnahmung koloniale Züge trage und darum grundsätzlich abzulehnen sei. Die Problematik an dieser Kritik ist die systematische Überbewertung der exogenen, nämlich vom Ferntourismus vermittelten Einflussfaktoren, während die endogenen Faktoren des gesellschaftli- chen Wandels unterbewertet bleiben. Was die bereisten Gesellschaften selbst anbelangt, so werden die vielschichtigen Gründe für die gesellschaftliche Dynamik in den bereisten Regionen ausge- blendet, oder ihre Komplexität wird nicht erfasst. Das zeigte sich besonders deutlich am Beispiel der sog. Phase des „Widerstands der Bereisten“ zu Beginn der 90er-Jahre, als etwa in Goa massive 16 Nusa Tengara, Indonesien. 17 Vgl. Adler 1988, Euler 1989, Hammelehle 1995, Bertram 1995. 751 Proteste gegen eine Tourismusentwicklung laut wurden. 18 Erst eine nähere Untersuchung dieser Proteste entlarvte diesen scheinbaren „Widerstand der Bereisten“ als eine ausschließliche Bewe- gung der wirtschaftlich und politisch führenden Schichte, die ihre Position durch den Tourismus nicht gefördert, sondern vielmehr gefährdet sah, während die Unterschichte, der sich mit dem Tou- rismus neue Unternehmens- und Aufstiegschancen eröffneten, gar nicht um ihre Meinung gefragt wurde. 19 Speziell zur Tourismusentwicklung bei den Kel Timia bzw. in deren Region haben sich nur weni- ge, dafür aber sehr markante Persönlichkeiten geäußert. Der Pariser Anthropologe und fundierte Kenner der Tuareg André Bourgeot 20 wies auf die Gefahr der wachsenden Konflikte innerhalb eines Dorfes hin, wenn durch Tourismus mehr Geld in den Ort flösse. Man kann davon ausgehen, dass Bourgeot sehr wohl mit der konfliktreichen Situation in- nerhalb der Tuareg-Kultur vertraut ist. Er selbst hatte mich auf die Parallelen zwischen den unter- einander verfeindeten Rebellenfronten und den sich hart konkurrierenden Reiseagenturen verwie- sen 21. Was jedoch Bourgeot bislang nicht entkräften konnte, ist die Tatsache, dass innerhalb der Kel Timia auch ohne den - derzeit äußerst spärlichen - Tourismus zahlreiche Konflikte bestehen.22 Eine Quantifizierung und ursächliche Zuordnung der Konflikte oder gar der Konfliktpotenziale lässt sich angesichts der zahlreichen externen Faktoren des sozialen Wandels wohl kaum in seriö- ser Weise bewerkstelligen. Gegenüber Bourgeots Tourismus-Skepsis 23 lässt sich etwa die Erfahrung des US-Anthropologen McKean mit der touristischen Entwicklung Balis ins Feld führen. Dieser war ursprünglich gegen eine massentouristische Entwicklung auf Bali eingetreten, wie sie die indonesische Regierung ent- sprechend den Vorschlägen der Weltbank umsetzen wollte. McKean hatte damals prognostiziert, „Bali risked the destruction of its well conserved traditions which would be devastated by the ad- vent of mass tourism“. 24 Zu jener Zeit vor dem Tourismusboom galten Balinesen unter Experten als „a poor and isolated agricultural population, (…) a traditional society, where temple festivals (…) were integrated with village life.” 25 Als Lösung wurde zum Schutz der Balinesen vorgeschla- gen, für Touristen nur den Badeaufenthalt in Enklaven an der südlichen Küste zu gestatten. Entge- gen den Vorstellungen der indonesischen Regierung und der schutzwilligen Anthropologen vollzo- gen die Balinesen eine gegensätzliche Politik: „They wanted tourists spread throughout the island, so that all villages could benefit. They came up with their own idea of ‚cultural tourism’ and wanted to offer the tourists their best.” Dies führte McKean schließlich zu seiner revidierten Schlussfolgerung: „Far from destroying, ruining or spoiling the culture of Bali, I am arguing here that the advent and increase of tourists is likely to fortify and foster the arts.“ 26 Diese Unterschät- zung der Integrationskraft der balinesischen Kultur durch Anthropologen lässt sich möglicherweise auch gegenüber Bourgeot ins Feld führen. Eine gänzlich andere Argumentationslinie verfolgte hingegen Hans Pistor, der damalige Leiter des deutschen Hilfsprojekts PNN: Pistor hatte sich zwar nicht explizit gegen ein gezieltes Engagement im Bereich des Tourismus geäußert, wohl aber ließ der als wenig umgänglich und freundlich be- kannte 27 Deutsche seine mangelnde Begeisterung für kanalisierende Interventionen in diesem Be- reich spüren. Dies bestätigte etwa eine gtz-Mitarbeiterin, die versuchte, auf subtile Weise touris- musrelevante Aspekte im Bereich eines pädagogischen Projekts zur Integration von Frauen und 18 Vgl. Vorlaufer 1996, S. 203. 19 Vgl. Mayerhofer 1992, S. 187. 20 Vgl. Bourgeot 1995; 1999. 21 Hinw. in Friedl 2001a. 22 Siehe dazu das Kap. über „Die gegenwärtige Situation der Kel Timia: Kernprobleme und Lösungsstrategien/Innere Konflikte“. 23 Bourgeot hatte mir gegenüber jedoch nachdrücklich darauf hingewiesen, dass er keineswegs grundsätzlich gegen eine touristische Entwicklung im Aïr sei. 24 McKean 1973, S. 1. 25 Lanfant/Graburn 1995, S. 105. 26 McKean 1973, S. 1. 27 Vgl. Aviation sans frontieres 2001. 752 Jugendlichen im städtischen Bereich unterzubringen. 28 Auf meine Frage, was er von gezielten In- terventionen in Richtung einer gesteuerten Tourismusentwicklung zur Verhinderung von Fehlent- wicklungen halte, hatte mir Pistor im April 2001 geantwortet, er halte davon wenig, nicht zuletzt da im Niger nach 30 Jahren Entwicklungsarbeit weit und breit keine Rede von Entwicklung sein kön- ne. Besonders interessant war auch die Aussage von Herrn Gehlen, des engsten Mitarbeiters von Frau Heidemarie Wieczorek-Zeul, der deutschen Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit. Anlass für das Gespräch war die Präsentation eines umfangreichen Co-Projekts 29 der paläon- tologischen Abteilung der freien Universität Berlin und des Instituts für Philosophie der Universität Graz. Ziel des Projekts war der Schutz der Sauriervorkommen im Niger sowie deren Nutzung im Zuge des Aufbaus eines geordneten „Saurier-Tourismus“ nach ökotouristischen Kriterien, also unter vorrangiger Einbindung der Bevölkerung. Der lakonische Kommentar des Politikers zu die- sem Projekt lautete: „Es gibt hier im Ministerium zwei Reizwörter betreffend der Ansuchen um Förderungen: Sport und Tourismus.“ Das war umso erstaunlicher, da die gtz explizit an die 60 Pro- jekte mit Tourismuselementen fördert. 30 Wenig Begeisterung für eine touristische Intervention zur Förderung einer touristischen Aus- bildung und zur Verbesserung der Nutzung des „Forts Massu“ in Timia äußerten auch die beiden Präsidenten des Vereins „Les Amis de Timia“, Moussana Alkabous und Michel Bellevin, an- lässlich unserer letzten Zusammenkunft im April 2001 in Agadez. Als Argument wurde hier ledig- lich vorgebracht, es gebe „andere Prioritäten“. Dies war insofern erstaunlich, als ich für meine kon- sultative Unterstützung um keinerlei finanzielle Unterstützung gebeten hatte, sondern lediglich um eine Abstimmung etwaiger Aktivitäten und vor allem um regelmäßigen Informationsaustausch. Tatsächlich war es mir bis 2001 nicht möglich, detaillierte Informationen über die unterschied- lichen Aktivitäten der „Amis de Timia“ zugunsten der Dorfbevölkerung zu erlangen. 31 Diese Auflistung einiger markanter Tourismus-Kritiker, die allesamt gute Kenner der Region, nicht aber der dortigen Tourismusstrukturen, sind, erweckt bereits den Verdacht, dass auch hier nicht unbedingt rationale Analyse und wertfreies Abwägen der Vor- und Nachteile im Spiel ist. 22.4.3 Die Validität der ermittelten Ergebnisse Welche Bedeutung haben die Antworten der Leute aus Timia? Diese scheinbar banale Frage ist in der Tat grundlegend, denn offensichtlich haben die Menschen aus Timia eine völlig andere Sicht vom Tourismus als die meisten Außenstehenden, mit eingeschlossen Touristen und Touristiker. Die Kel Timia haben zwar schon seit relativ langer Zeit Kontakt mit Europäern, doch ein solcher Kontakt bedeutet keineswegs professionelle Erfahrung im Umgang mit Touristen. Dies haben die Ergebnisse meiner Testprojekte in Timia verdeutlicht. 32 Und dies bringen auch vereinzelte Ant- worten zum Ausdruck, etwa wenn der Karawanier Rissa Arbas meinte, Touristen seien besser als Projektmitarbeiter, denn Touristen kaufen so viel, wovon die Kel Timia sehr viel mehr profitieren 28 Vgl. N’Diay 2001. 29 Vgl. Friedl 2002b; Kusserow/Friedl/Gloy et al. 2001. 30 Vgl. gtz 2001. Das Projekt stieß übrigens wiederholt auf großes Interesse, so etwa seitens des nigerischen Tourismusministeriums, der UNESCO und auch des nigerischen Botschafters, Touré, in Berlin. Auch der Länderreferent des deutschen Bundesministeriums für Zusammenarbeit für das Land Niger, Bäumler, sowie die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW), die wichtigste Finanzierungsin- stitution der bundesdeutschen EZA, standen dem Projekt ursprünglich äußerst positiv gegenüber und hatte bereits eine beträchtliche Summe in Aussicht gestellt (Tel. Auskunft von Kusserow, 12. 1. 2003). Letztlich blieb aber dem Projekt eine Finanzierung versagt. In diesem speziellen Fall eines wissenschaftstouristischen Projekts war freilich äußerst fraglich, ob die enormen Investitionen von 5 Mio. Euro binnen 3 Jahren auch nur einen annähernd bedeutenden wirtschaftlichen Niederschlag auf die Region indizieren würden. 31 Dies hat sich mittlerweile freilich grundlegend geändert (vgl. http://www.lesamisdetimia.org). 32 Siehe dazu das Kap. „Potentielle Tourismusentwicklung: Vier Testprojekte“. 753 würden als von Projekten. Diese Ansicht kann mit Gewissheit als naive Verkennung der Tatsachen zurückgewiesen werden. Doch naive oder emotional geprägte Argumente spielen auch bei vielen Tourismuskritikern eine bedeutende Rolle. Wie also sind derartige Meinungsäußerungen „richtig“ zu deuten? Hier zeigt sich, dass es mehr oder minder an einer gemeinsamen kulturellen Praxis mangelt. Im- merhin war mein Aufenthalt bei den Kel Timia im Jahr 1999/00 der erste und bislang auch einzige von längerer Dauer. 33 Von einem „Kennen“ der Kultur im Sinne einer hinreichenden Integration und des Erlernens gemeinsamen Verständnisses konnte somit keine Rede sein. Viel mehr stellt sich die Frage, wie weit ich – um mit Wohlrapp zu sprechen – „überhaupt das kulturelle Territorium des anderen ein Stück weit betreten“ 34 hatte. Die Lösungen liege demnach zweifellos in der Herstellung von Verträglichkeit durch eine gemein- same praktische Basis, die erst zu schaffen sei – und zwar durch gemeinsamen Umgang. So hatte etwa der Ethnologe und führende Timia-Kenner Gerd Spittler im Laufe mehrerer Aufenthalte ins- gesamt vier Jahre bei den Kel Timia verbracht und ist dadurch bis zu einem gewissen Grad zu ei- nem Mitglied der Gemeinde geworden ist. 35 Der Sinn dieses Miteinander-Lebens, das man abstrakt als Prozess der Interaktion mit Angehörigen einer fremden Kultur bezeichnen könnte, ist die gleichzeitige Erforschung dieser Interaktion. Da- hinter steht das Ziel, schließlich die Fähigkeit der aktiven Interaktionsgestaltung zu erlangen, wo- durch die bislang getrennten Lebensformen – hier die Kel Timia, da der Europäer - verträglich werden können. Diese Verträglichkeit berührt elementar die Methode und insofern die Glaubwürdigkeit der bezo- genen Ergebnisse, da ja jede soziale Interaktion immer auch eine Beeinflussung des Subjekts mit einschließt, und insofern keineswegs vergleichbar ist mit der objektiven Beobachtung im Rahmen eines naturwissenschaftlich-technischen Experiments. Konkret stellt sich etwa die Frage, inwieweit die erhaltenen Antworten möglicherweise darauf abzielten, meinen, vielleicht von den Kel Timia unterstellten Erwartungen gerecht zu werden. Um dies jedoch zu verhindern bzw. solche Einflüsse zu kontrollieren, hatte ich meinen Assistenten Aghali 20 Personen ohne mein Beisein befragen lassen. Bei diesen Ergebnissen konnten keine signifikanten Abweichungen von jenen Trends fest- gestellt werden, die sich auch bei den in meinem Beisein geführten Interviews ergeben hatten. Dar- über hinaus verzichtete ich in Fällen, in denen die Präsenz meines Assistenten Aghali aufgrund dessen Autorität zur Verzerrung der Ergebnisse hätten beitragen können, auf dessen Dienste. Diese Gefahr bestand vor allem bei Interviews mit jungen Kel Timia, die jedoch in der Regel hinreichend Französisch sprachen. Sicher stellt sich auch die Frage, inwieweit etwa die Präsenz meines Assistenten Aghali generell zur Verfälschung der Antworten beigetragen habe. Dass dies sehr wohl der Fall sein kann, davon berichtet etwa Spittler am Beispiel des folgenden Erlebnisses: In einem Kamellager befragte er in Anwesenheit von Mussa, einem angesehenen und reichen Mann aus Timia, einen jungen Kamelhir- ten nach dessen Einkäufen im Hausaland, wo ihn Spittler einige Wochen zuvor getroffen hatte. Der Gefragte gab bereitwillig Auskunft, sagte aber, sobald Moussa das Lager verlassen hatte, er hätte Spittler in Gegenwart von Moussa angelogen. Nun aber würde er Spittler die Wahrheit sagen. 36 Im übrigen wies Spittler darauf hin, dass in Timia generell eine hohe soziale Kontrolle und sozialer Druck herrsche, insbesondere aufgrund der großen moralischen und rechtlich-administrativen Au- torität des islamischen Geistlichen (inesleman) 37, dessen Autorität noch größer sei als die des Dorf- 33 Ein neuerlicher Besuch in Timia, der für Ende März 2001 zum Zweck einer Unterredung mit wichtigen Personen aus Timia ge- plant war, scheiterte daran, dass ich für die relativ kurze Dauer von zwei Wochen nicht rechtzeitig eine Mitfahrgelegenheit organi- sieren konnte und wegen meines fixen Abflugtermins in Zeitnot geriet. 34 Wohlrapp 1995, S. 155. 35 Vgl. Spittler 1998, S. 54. 36 Ebd., S. 37. 37 Leider hatte ich nie Gelegenheit, mit dem Ineslaman zu sprechen. 754 chefs. Auch die enge Nachbarschaft, die keine intimen Zwiegespräche ohne fremde Ohren erlaube, führe dazu, dass in Timia eher die „offizielle Meinung“, die die Autorität der Geistlichen oder der Alten widerspiegelt, wiedergegeben wird. Und sogar im schalldichten Raum bleibe die Präsenz der Eltern, Alten und Geistlichen spürbar. 38 22.5 Die unterschiedlichen „Kulturen“ hinter den Positionen Wenn von interkultureller Kommunikation und Ethik die Rede ist, setzt dies zwei sich in ihren Wertsystemen widersprechende oder wenig übereinstimmende Kulturen voraus. Das ist im vorlie- genden Fall näher zu überprüfen: Worin liegt der spezifische kulturelle Unterschied zwischen den Kel Timia und den Experten, die ihre skeptische Position gegenüber dem Tourismus geäußert hat- ten? Als mögliche Antwort auf die Frage nach einem brauchbaren Kulturbegriff weist Kambartel auf den doppelten Gebrauch des Wortes „Kultur“ hin. Einerseits gebe es den „praxiologischen“ Kul- turbegriff, also die Bezeichnung jenes Falles, wonach „bestimmte Lebens- und Gesellschafts- orientierungen unter den Beteiligten praktisch eingeübt sind (und) im gemeinsamen Leben ver- breitete Anerkennung genießen“ 39, wie dies etwa auf den Begriff der politischen Kultur einer Ge- sellschaft zutreffe. Im Gegensatz dazu stehe die soziologische Verwendung des Begriffs Kultur, bei dem es „um eine gesellschaftlich verbreitete Lebensform, die Gemeinsamkeit der für sie wesentli- chen Orientierungen und Praktiken“ gehe. In dieser Hinsicht könnte man behaupten, dass die Kel Timia einer Kultur im soziologischen Sinn angehören, nämlich jener der Kel Ewey bzw. der Kel Tamaschek gemäß dem anerkannten Kriteri- um, dass sie die Berber-Sprache Tamaschek sprechen, den Gesichtsschleier tragen, sich einem be- stimmten Ethos verpflichtet fühlen, streng religiös sind und als Nomaden bzw. Ackerbauern leben. Doch damit erscheint mir in Hinblick auf ein Verständnis noch wenig gewonnen zu sein, weil diese Bezeichnungen wie „Tamaschek“ und „Nomadismus“ wiederum nur eine solche Welt bezeichnen, die uns fremd ist. Etwas weniger abstrakt versucht darum Tetzlaff „Kultur“ zu verstehen, nämlich als Speicher ge- meinsamer Erfahrungen einer Gemeinschaft, die - in ihrem kommunikativen Prozess - ein System standardisierter Orientierungen angesichts wiederkehrender Probleme entwickelt. Somit kann unter „Kultur (...) ein dicht gewebtes Netz von Bedeutungsstrukturen verstanden werden, das den Ein- zelnen umfängt und dessen politisches Handeln durch sozialisationsbedingte habituelle Wahrneh- mungs- und Denkmuster prägt.“ 40 Demgegenüber schlägt Wohlrapp einen konstruktivistischen Kulturbegriff vor, wonach die Kultur- theorie „nicht mit einem vorfindlichen, objektiv gegebenen Gegenstand zu tun (habe), sondern „ ‚mit uns’ als Kulturwesen, (...) also einem Resultat der Selbstreflexion des seiner differenzierten praktischen Verhältnisse (...) bewussten Menschen.“ 41 Dieses Verständnis von Kultur ist insofern ein wichtiger Schritt vorwärts, als ja besonders inner- halb der „Kultur“ der Tourismuskritiker leider eine eher statisch verstandene Auffassung von Kul- tur verbreitet ist. 42 Dem stellt Luger seine Konzeption von Kultur als „design for living“ 43 gegen- 38 Vgl. Spittler 1998, S. 21 f. 39 Kambartel 1998a, S. 212. 40 Tetzlaff 2000, S. 37. 41 Wohlrapp 1998, S. 262 f. 42 Vgl. die Kritik von Robinson 1999, S. 379 ff. 43 Luger 1995, S. 34. 755 über, die der konstruktivistischen Sichtweise von Wohlrapp eng verwandt ist: Kultur sei demnach als ein durch permanente Kommunikation gesteuerter Prozess und zugleich als Formenprogramm zu verstehen. Insofern seien kulturelle Systeme als „prinzipiell offene und wandlungsfähige Syste- me“ aufzufassen, so wie Individuen als „handelnde Akteure“ zu begreifen sind, die auf ihr gesell- schaftliches Umfeld durch neue Positionierung reagieren. Darum entspricht Leben generell der Vorstellung eines „Konstruktionsprozesses“, und Kultur einer „kommunikativen Thematisierung des Wirklichkeitsmodells“ einer Gesellschaft. Aus diesem dynamischen Verständnis von Kultur folgt zwangsläufig, dass auch kulturelle Mani- festationen wie Sitten, Glaubenssysteme und Lebensweisen, die Clarke als „Landkarte der Bedeu- tung“ 44 betrachtet, sich unter äußeren Einflüssen, wie der Medien und des Tourismus, verändern. Ergänzend wäre noch Wohlrapps „zweckfokussierter Kulturbegriff“ zu erwähnen, der das zielge- richtete Handeln des Menschen innerhalb seines sozialen Horizonts betont. Denn auch „das „tech- nische Handeln ist eingebettet in die sozialen Beziehungen: (...) Der Mensch ‚kultiviert’ so die roh bzw. primitiv vorgefundene ‚Natur’, indem er sie nach seinen Zwecken formt und steigert“, indem er dazu technische Mittel eingesetzt, die letztlich einem „obersten Zweck“ unterliegen, der „mög- lichst von uns selber“ bestimmt ist. „Damit wäre dann die Kultivierung vollendet, die menschliche Autonomie verwirklicht. 45“ Dieser Kulturbegriff ist besonders im Hinblick auf die unterschiedli- chen Interessenssphären der oben genannten Tourismuskritiker relevant. Doch vorher sollen noch die kulturellen Unterschiede zwischen den Kel Timia und den „Experten“ näher betrachtet werden. So scheint es doch, als bestehe hier bei den differierenden Meinungen ein Konflikt zwischen den Vertretern traditionaler und posttraditionaler Kulturen. 22.5.1 Die Kel Timia - eine traditionale Kultur? Von traditionalen Kulturen spricht man dort, „wo das Leben im wesentlichen durch religiöse Sitten und Gebräuche oder unhinterfragte Anordnungen weltlicher Herrscher bestimmt wird“ 46. Je stren- ger die Rollendifferenzierung zwischen Mann und Frau ist, und je größer die Rolle der Religion und des traditionellen Wissens ist, desto eher kann man von einer traditionalen Gesellschaft spre- chen. Luger meint auch, dass traditionale Kulturen von einem ganzheitlichen Verhältnis von Mensch, Natur und Mythologie geprägt seien, welches maßgebend für jegliche Handlungsratio sei. 47 Es ist hier nicht der Raum, diese Kriterien im Einzelnen kritisch auf die Kel Timia anzuwenden. Im Großen und Ganzen kenne ich aus persönlichen Erfahrungen jedenfalls keine Gesellschaft, die bes- ser diesen Kriterien entspräche. Einige Hinweise auf die Religiosität und die hohe soziale Kontrolle hatte ich bereits angeführt. Hinzuzufügen ist freilich auch, dass die Kel Timia zwangsläufig ein anderes Verhältnis zu materiellen Dingen an den Tag legen: Die verlockende Aussicht auf etwaige Einnahmen erscheint bei ihnen sehr viel größer zu sein, als bei Angehörigen der posttraditionalen Welt, die regelmäßig ihr Gehalt bekommen. Das ist freilich ein Eindruck, der genauer untersucht werden müsste. 44 Clarke 1981, S. 41. 45 Wohlrapp 1998, S. 265. 46 Wohlrapp 1995, S. 153 f. 47 Vgl. Luger 1995, S. 25. 756 22.5.2 Die „Experten“ – konservative Posttraditionalisten? Mit posttraditionaler Kultur meint Wohlrapp eine solche, bei der „die Menschen Sinnstiftung und Gestaltung ihres Lebens selbst in die Hand nehmen und hierfür nicht mehr weltliche oder geistliche Herrscher benötigen." 48 Die moderne Welt ist geprägt von Entzauberung, indem die Wissenschaft jeden Winkel ausleuchtet, damit Gott kein Fluchtwinkel mehr bleibt. Das bedeutet keineswegs, dass der moderne Mensch ohne Glauben bzw. ohne Religion sei. Vielmehr sei „Naturwissenschaft die weitverbreitetste Religion unserer Zeit" 49, wie Weizenbaum meinte. Noch provokanter formulierte diesen Aspekt Wohlrapp, der die vermeintliche Befreiung des post- traditionalen Menschen von jeglichen religiösen Gehalten im Zuge seines Autonomiestrebens für illusionär hält: „Der moderne Mensch (...) ‚opfert’ in seinen Versicherungsbeiträgen und ‚betet’ in seinen Argumentationsbemühungen.“ 50 Vor allem glaubt Wohlrapp nicht an eine „areligiöse Kul- tur der Vernunft“, denn „ein paar Dutzend Intellektuelle haben einen empathischen Vernunftbeg- riff. Und die (vernünftigen) Führungskräfte in Politik, Wirtschaft, Unterhaltung usw. bestimmen, wie Vernunft gelebt wird. Dabei wird sie in der Regel auf den Verstand reduziert, und der dogmati- sierte Verstand widersetzt sich der Dynamik des Argumentierens genauso wie der dogmatisierte Glaube.“ Dies zeigt sich etwa in der Verbreitung von Ideologien innerhalb verschiedener Lager – etwa die Ideologie, Tourismus bringe den armen Ländern das Heil, oder das Gegenteil davon: mit dem Tou- rismus komme die Hölle auf Erden. Auf dieses Prinzip der „schrecklichen Vereinfachung“ 51 weist übrigens auch Watzlawick hin als eine der wesentlichen Ursachen für die Verhinderung der Lö- sung zwischenmenschlicher oder gesellschaftlicher Probleme. Er betont dabei die an die Inquisition erinnernde Methode der öffentlichen Verdammung jener, die sich einer „schrecklichen Vereinfa- chung“ nicht anschließen. 52 Wiederum ist hier nicht der Raum, um der jeweiligen Kultur der „Experten“ näher auf den Grund zu gehen. Mit Sicherheit aber lässt sich festhalten, dass sie aus einer Welt kommen, die – im Ge- gensatz zu jener der Kel Timia – eine Welt der Bildung ist, in der sie sozial in hohem Grade durch ein öffentlich-rechtliches System abgesichert sind; sie beziehen ein regelmässiges Gehalt, und für sie spielt der Blick „zurück“ auf eine traditionale Gesellschaft eine wichtige Rolle. Zumeist sind sie auch auf eine diffuse Art und Weise sozial veranlagt, vertreten sie doch Institutionen, die den Men- schen der traditionalen Welt „helfen“ sollen. Ähnlich ist auch die Sicht des Ethnologen, der ja eine – aus der Sicht der modernen Welt – vergangene Welt erforscht. Modernisierung durch Tourismus ist da eher kontraproduktiv, wobei dies von mir völlig wertfrei in den Raum gestellt wird. Aller- dings komme ich auf diesen Gedanken gleich nochmals zurück. 48 Wohlrapp 1995, S. 153 ff. 49 Weizenbaum 1996, Web. 50 Wohlrapp 1998, S. 285 f. 51 Watzlawick 1988, S. 60 ff. 52 Dabei braucht man nur an Jörg Haiders Appell denken, dass ihn die „Fleißigen, Ehrlichen und Anständigen in diesem Land“ sehr gut verstünden, wenn ihm etwa eine ungerechtfertigt verkürzte Darstellung vorgeworfen wurde. 757 22.6 Unterschiedliche Interessenssphären der Beteiligten Ethische Urteile, erst recht solche im interkulturellen Kontext, sollten die Verständnisebene des jeweiligen Gegenübers mit einbeziehen. Dies setzt aber auch voraus, sich seiner eigenen Verständ- nisse, insbesondere jener, die einem als selbstverständlich, verpönt oder in anderer Weise unange- nehm oder peinlich erscheinen, bewusst zu werden, um deren Beeinflussung der eigenen Reflexion besser kontrollieren zu können. Nur wer mit offenen Karten spielt, ist entsprechend glaubwürdig, und damit werden auch entsprechende Äußerungen realistischer zu gewichten. 22.6.1 Die Kel Timia als neugierige Materialisten? In den Interviews haben die Kel Timia zum Teil sehr klar ausgedrückt, was sie am Tourismus inte- ressiert, nämlich die Chance auf materielle Vorteile durch den Verkauf von Waren und durch die Einrichtung von Hilfsprojekten. Allerdings verbinden einige Kel Timia mit dem Tourismus auch ideelle Erwartungen, etwa die Chance auf einen Austausch von Informationen, auf Gespräche mit den Fremden etc. Besonders Hirtinnen, die lange Zeit alleine mit ihren Ziegenherden verbringen, sind an Abwechslung und Unterhaltung interessiert. Das Problem hinter diesen Erwartungen ist freilich das mangelhafte Know-how betreffend die teilweise sehr skurrilen Erwartungen der Touristen. Zwar gelingt es mir immer wieder, meine Rei- segäste zu Offenheit für Begegnungen mit der Bevölkerung zu motivieren, doch die Umsetzung scheitert oft. Letztlich birgt die naive Vorstellung gegenüber dem Tourismus natürlich auch ge- wisse Gefahren für die Betroffenen, was jedoch keinesfalls bedeuten muss, dass sich die Betroffe- nen nicht entsprechend zu wehren wüssten! 22.6.2 Die „Experten“ als hilfreiche Museumswärter? 22.6.2.1 André Bourgeot, Anthropologe Der Anthropologe André Bourgeot, der sich mir gegenüber deutlich von einer grundsätzlichen Infragestellung des Tourismus bei den Tuareg distanzierte, erzählte mir im Jahr 2001 von seinem neuen Forschungsschwerpunkt bei den Nomaden in Zentralasien und fügte augenzwinkernd hinzu, das Schöne an diesem Projekt sei, es gebe dort noch nicht so viele Touristen wie im Niger…. Bourgeot ist eine Person von höchster Aufrichtigkeit, großem Weitblick und scharfsinniger Ana- lysefähigkeit. Doch darum geht es hier nicht. Es geht hier um die Frage der persönlichen Interes- sen, die völlig legitim sein können. Und das ist beim Interesse an traditionalen Kulturen zweifellos der Fall. Dass freilich diese „Intimität“ durch wachsenden Tourismus untergraben wird, steht außer Zweifel. Gleichermaßen außer Zweifel steht aber auch die nahe liegende Affinität von Ethnologen zu traditionellen Kulturen: Auf der Basis der Untersuchung von Biografien von Ethnologen kam etwa Stangl zum Schluss, dass für das Interesse von Ethnologen für fremde Kulturen u. a. auch die Freude am Exotischen, Enttäuschungen im Alltag, eine marginale Stellung in der eigenen Gesell- 758 schaft udgl. eine Rolle spielen. Ethnologiestudenten legen Umfragen zufolge weniger Wert auf finanziellen oder äußeren Erfolg, als vielmehr auf wissenschaftliches Engagement mit dem Ziel, die eigene Verständnisfähigkeit zu fördern. 53 Auch Ferguson weist auf das ursprünglich gestörte Verhältnis zwischen der Anthropologie und der Entwicklungsforschung hin: „Like an unwanted ghost, or an uninvited relative, development haunts the house of anthropology. Fundamentally disliked by a discipline that at heart loves all those things that development intends to destroy.“ 54 Diese Modernisierungsabscheu ist unter Ethnologen, Soziologen und Volkskundlern, die sich um ein empirisch-ethnographisches Verständnis der kulturellen Vielfalt dieses Planeten bemühten, be- sonders verbreitet. Für sie gilt Tourismus - ähnlich wie Industrialisierung und Technologisierung - als neuerlicher Feind kultureller Homogenität und Authentizität. Das romantische Leitbild des un- berührten Wilden hat manche Feldforscher bis in die Gegenwart motiviert, und um so schwieriger wird es für solche Forscher, touristische Präsenz von den Alpen bis nach Jemen, vom Amazonas- gebiet zu den australischen Aborigines wissenschaftlich zu akzeptieren. Doch während es früheren Forschergenerationen noch gelang, die Spuren solcher touristischer „Trübung“ einfach auszublen- den, kann das Problem heute nicht mehr ignoriert werden. 55 22.6.2.2 Gerd Spittler, Ethnologe Diese Problematik ist Spittler, auf seine früheren Forschungsperioden rückblickend, durchaus be- wusst: „Es war eine Zeit, wo ich ganz in die Welt der Kel Timia eintauchen wollte, mich mit ihr identifizierte und eine Distanz zu Europa aufrecht hielt.“ In dieser Periode hatte Spittler zuweile „sogar vor, eine Frau aus Timia zu heiraten“. Damals, zwischen 1980 und 1987, wehrte er sich gegen europäische Besucherwünsche in der Sorge, dies könnte die wachsende Intimität zwischen ihm und den Kel Timia stören. Doch in späteren Jahren hatte er bereits ein großes Vertrauen in diese Beziehung entwickelt. Zugleich hatte er wegen der nur noch sehr kurzen Aufenthalte bei den Kel Timia - er war meist fern von Timia im Hausaland - eine größere Distanz gegenüber der Dorf- bevölkerung Timia gewonnen, mit der Folge, „dass ich in Europäern keine Gefährdung mehr sah.“ 56 In den letzten Jahren leitete Spittler wieder ein Forschungsprojekt in Timia, bei dem es um den tourismusbedingten soziokulturellen Wandel ging, doch wurde diese Forschung von seinen Assis- tenten, Marko Schulze, durchgeführt. Dieser Umstand legt die Vermutung nahe, dass mittlerweile der Tourismus bei den Kel Timia sogar eine notwendige Voraussetzung dafür war, dass Spittler das von ihm eingereichte Forschungsprojekt bewilligt bekommen hat. 22.6.2.3 Hr. Gehlen, Mitarbeiter der Bundesregierung Völlig anders gelagert ist dagegen die Situation im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusam- menarbeit in Deutschland. Hier geht es um politische Entscheidungen, um den Kampf um Budget- anteile. Ein Blick auf die derzeitige budgetäre Situation Deutschlands mag wohl jedem ver- 53 Vgl. Stangl 1974, S. 69 ff. 54 Ferguson 1996, S. 160. 55 Vgl. Bendix 1994, S. 70. 56 Spittler 1998, S. 54. 759 deutlichen, wie die Interessen augenblicklich gelagert sind. Dies verdeutlichte auch der vorüber- gehende Abzug der deutschen Botschaft aus Niamey im Jahr 2001. Und vor diesem Hintergrund ist wohl auch die abfällige Bemerkung des im Bundesministerium für Zusammenarbeit in Berlin täti- gen Politikers Gehlen gegenüber Tourismusprojekten zu verstehen, die er mir gegenüber im Zuge einer Projektvorstellung im Jahr 2003 geäußert hatte. Denn im Anschluss an das Verhand- lungsgespräch gelang es mir, unseren zuvor so harten Verhandlungspartner für mein Büchlein „Re- spektvoll reisen“ 57 zu begeistern. Vor allem zeigte sich an den nachfolgenden, privaten Äußerun- gen Gehlens über seinen letzten Urlaub in Marokko sehr rasch, dass in ihm die gleichen Sehnsüch- te und Leidenschaften für die Wüste und andere exotische Ziele stecken wie in vielen Menschen. Nur sprach Gehlen nun als Privatmann und nicht mehr als Repräsentant eines Ministeriums und einer Spitzenpolitikerin. 22.6.2.4 Hans Pistor, Leiter des „Projet Niger Nord“ Schwieriger ist die Bewertung des Verantwortlichen des deutschen Projekts „Projet Niger Nord“ (PNN), Hans Pistor. Auch er hatte sich nicht grundsätzlich ablehnend gegen den Tourismus geäu- ßert, sondern wirkte eher „genervt.“ Dafür kann es viele Gründe geben. Es lässt sich denken, dass ein Entwicklungshelfer auf einem freien Posten gelandet ist, der ihm wenig behagt. Bestimmte Kulturen sagen dem einem mehr, dem anderen weniger zu. Zuweilen kommt es auch vor, dass knapp vor der Pensionierung stehende gtz-Mitarbeiter auf Posten eingesetzt werden, die „niemand haben will“ – aus klimatischen, politischen oder kulturellen Gründen. Wiederum ist hier nicht der Raum, mich näher über die Berufspsychologie und –soziologie von Entwicklungshelfern zu äu- ßern, aber zumindest soll dies die Reflexion veranlassen, dass auch Entwicklungshelfer „nur Men- schen“ sind, die genauso anfällig für Korruption, persönliche Prestigekämpfe oder sonstige menschliche Regungen sind, wie jedermann. Im Fall Pistors erscheint eine gewisse Frustrierung ob der drückenden Sparpolitik plausibel für dessen Reaktion: Die Sperrung oder Kürzung von Geldern erzwingt die Entlassung von Personal, die Einschränkung oder Schließung von Teilprojekten, und dies ist stets mit menschlichen Schicksalen verbunden. Gleichzeitig ist auch die mangelnde Erfahrung mit touristischen Projekten für viele Entwicklungs- experten bezeichnend. Doch nicht nur touristische Unkenntnis, sondern auch eine ausgesprochene Faszination für gewisse Kulturen findet sich unter vielen Entwicklungshelfern. So war der einstige Leiter des gtz-Projekts in Tahoua, der Steirer Manfred Kriegl, ein leidenschaftlicher „Tuareg-Fan“, und auch viele andere gtz-Mitarbeiter, wie der Leiter der Niger-Abteilung der gtz, Helmut Paschen, schwärmten von „ihrer Zeit in Timia“. Die Annahme, dass unter solchen emotionalen Umständen die sachliche Auseinandersetzung mit Tourismus ähnlich problematisch ausfällt wie im Falle der Anthropologen, liegt nahe. 22.6.2.5 Michel Bellevin, Verein „Les Amis de Timia“ Völlig anders liegt die Situation im Fall von Michel Bellevin, dem französischen Präsidenten des Vereins „Les Amis de Timia“. Bellevin hilft den Kel Timia aus tiefster innerer Überzeugung, dass Timia arm sei 58 und dringend seine Hilfe brauche. Dafür wird er auch mit entsprechender Aner- 57 Friedl 2002a. 58 So meinte er bei einer unserer ersten Begegnungen im November 1999 in Timia: „Timia, c’est la misère!“ 760 kennung und Zuneigung belohnt: Während des Festes zur Einweihung des Forts im November 1999 wurden Lieder auf Tamaschek vorgetragen, in denen immer wieder der Name Michel er- klang. Diese Position als „fürsorglicher weißer Vater“ wird – subjektiv betrachtet – zwangsläufig durch die Ankunft eines jungen, dynamischen Mannes, der ein Tourismusprojekt starten will, be- droht. Denn dadurch könnte das Dorf stärker modernisiert werden, alles könnte sich verändern, und Bellevin könnte womöglich seine Rolle einbüßen. 59 Gegenüber dieser möglichen, wahrgenommenen Realität wurde mir von verschiedenen Kel Timia zugetragen, Bellevin werde von den Sympathisanten im Einzugsbereich der sozialistischen Partei instrumentalisiert. Ein Indiz dafür sei die Gründung einer „Gegen-Kooperative“ gewesen, angeb- lich eine Protestaktion gegen den wachsenden Einfluss der sozialistischen Partei PNDS in Timia. An diesem Beispiel zeigte sich um das Jahr 2001, welche massiven Konflikte innerhalb des Dorfes brodeln, und dass nicht nur Tourismus, sondern auch „altruistisch gemeinte Hilfe“ zur Verstärkung von Konflikten im Sinne Bourgeots beitragen könne. Mittlerweile haben die „Amis de Timia“ al- lerdings auch einige Projekte zur Förderung der vom Tourismus abhängigen Schmiede realisiert. 22.6.2.6 Moussana Alkabous, „Les Amis de Timia“ Moussana Alkabous, der nigerische Präsident der „Amis de Timia“, ist als Politiker in ein umfas- sendes Netz von Erwartungen und Interessenskonflikten eingebunden. Insofern dürfte ihm seine Zeit für Timias konkrete Belange und Interessen einfach wichtiger sein als Tourismus, dessen Ren- tabilität in Timia in naher Zeit kaum zu erwarten ist. Daraus lässt sich jedoch keinerlei Gegner- schaft ableiten. Immerhin hätte sich Alkabous gerne im März 2000 von mir über meine For- schungsergebnisse unterrichten lassen, doch verhinderte damals eine sieben Tage dauernde Heiser- keit diese Unterredung. Aus dieser Situation wird auch der wesentliche Punkt klar, der bislang noch nicht angesprochen wurde: der gravierende Mangel an Tourismus-Kenntnis unter den Experten, der eine „schreckliche Vereinfachung“ im Sinne einer Verdammung oder einer Bejubelung verursacht. Das größte Prob- lem an diesem Umstand ist allerdings das mangelnde Verständnis für die Eigendynamik eines un- geregelten Tourismus: der Glaube, durch bloßes Ignorieren des Problems gebe es auch kein Prob- lem. Man mag den Kel Timia zu Recht unterstellen können, sie hätten nicht die Kompetenz und das hinreichende Verständnis, um die Risiken und Chancen des Tourismus absehen zu können. Dies ist gleichfalls jenen Politikern und Entwicklungshelfern entgegenzuhalten, die Tourismus bislang bestenfalls aus der Perspektive des eigenen Urlaubs kennen. 22.7 Philosophische Grundpositionen zur Lösung interkultureller Wertkonflikte Wie lassen sich die Positionen, einerseits die Befürwortung des Tourismus durch die Kel Timia, andererseits dessen Ablehnung durch die Experten, auf einen Punkt bringen? Wie ließe sich ein gemeinsamer, ethisch vertretbarer Standpunkt erreichen? In der Folge sollen nun zwei scheinbar grundlegend verschiedene Zugänge mit folgenden Zielen vorgestellt werden: 59 Damit will ich wiederum keinesfalls die besten Absichten Bellevins bezweifeln. 761 1. der universalistische Zugang in der speziellen Ausprägung des Transzendentalprag- matismus, bei dem die Universalität des vernünftigen Arguments im Vordergrund steht und „eine Herstellung von Pluralität (Vielfalt verträglicher Lebensformen) im Sinne einer Stif- tung von Vernunft ‚Top Down’“ und 2. der kulturalistische Zugang, wonach „bei der jeweiligen historischen Ausgangssituation an(zu)setzen (sei), um sich von dort aus transsubjektiv zu verträglicheren Lebensformen ‚bottom up’ heraufzuarbeiten." 60 22.7.1 Universalismus Der Universalismus ist gekennzeichnet durch die Suche nach einer Hypernorm, die man „aus der Existenz der Konvergenz religiöser, kultureller und philosophische Auffassungen bezüglich gewis- ser Kernprinzipien gewinnen“ könne. Nun argumentieren zwar Donaldson & Dunfee, dass die Be- gründung einer solchen Hypernorm allein auf der Basis von Vernunft wohl kaum auf die Akzep- tanz der Menschen aus allen Kulturen stoßen würde, wogegen aber sehr wohl Elemente religiöser, kultureller und philosophische Überzeugung als Anhaltspunkte, „even if not as total validation, for the identification of hypernorms” 61 dienen können. In ähnlicher Weise argumentiert Walzer für das Bestehen einer Art „Kernmoral“ im Sinne eines Bündels elementarer, ethischer Standards wie das grundsätzliche Recht auf Leben, gerechte Be- handlung oder physische und psychische Unversehrtheit, was Walzer unter dem Begriff der „mi- nimalen Moral“ 62 zusammenfasst. Auch Küng, der Initiator des Projekts „Weltethos“ 63, nennt eine Reihe von weitgehend anerkannten moralischen Grundwerten, 64 bleibt aber letztlich das Argument dafür schuldig, wie der von ihm geforderte Konsens zu erzielen sei, da die Zeichen der Zeit das Bild einer fortschreitenden Fragmentarisierung der Gesellschaft 65 vermitteln. Das Vorliegen einer solchen Konvergenz von Werten ist allerdings von zahlreichen Autoren heftig umstritten. 66 Die häufigsten Argumente kritisieren zumeist den Mangel an empirischen Belegen für das Vorliegen eines derartigen Wertekonsenses. 67 Auch Jöstingmeier hat einen Versuch unternommen, eine „Basis-Ethik“ 68 auf der Grundlage über- greifender und weltweit akzeptierter Normen zu entwickeln. Letztlich stellte der Autor sogar selbst sein Unterfangen mit dem Argument in Frage, dass eine derartige „Basis-Ethik“ „niemals wissen- schaftlich in ihrem normativen Geltungsanspruch als begründet bewiesen werden könne.“ 69 In Anbetracht der bestehenden Vielfalt spezifischer Normen und Wertvorstellungen stellt sich noch vielmehr die Frage, ob überhaupt eine einheitliche Auffassung von Vernunft vorausgesetzt bzw. zur Geltung gebracht werden könne. Dies betrachtete auch Habermas als eine Schlüsselfrage. 70 Die 60 Steinmann/Scherer 1998b, S. 25. 61 Donaldson/Dunfee 1994, S. 265. 62 Walzer 1996, S. 13. 63 Vgl. Küng 1994, 2002. 64 Küng 1997, S. 138. 65 Vgl. Schulz 1994, S. 137. 66 Vgl. French/Granrose 1995, S. 168; Gergen 1995; Huntington 1993; 1996; Tibi 1995. Zu Huntington ist jedoch hinzuzufügen, dass dessen kulturtheoretische Schrift „The Clash of Civilizations“, obwohl von Kissinger als „one of the most important books (…) since the end of the Cold War“ (The Economist 1996, S. 25-30, zit. in Worsley 1999a, S. 41) bezeichnet, hinsichtlich der dort ver- wendeten Kategorien, Definitionen und Unterteilungen über die Unterschiedlichkeit der betroffenen Länder und Kulturen völlig hinweggehen, wie Worsley (ebd.) kritisiert. 67 Vgl. etwa die Kritik von Getz (1995, S. 130) an Donaldson (1989). 68 Jöstingmeier 1994, S. 87. 69 Ebd., S. 106. 70 Vgl. Habermas 1988. 762 Transzendentalpragmatiker vertreten einen spezifischen Zugang zu dieser Frage, der nun etwas näher betrachtet werden soll. 22.7.2 Die Transzendentalpragmatik Im Wesentlichen zielt die „Transzendentalpragmatik (...) auf die Begründung und Entwicklung einer prinzipienorientierten Diskursethik ab, die die Regeln bereitstellt, mit deren Hilfe sich theore- tische und praktische Probleme lösen lassen sollen.“ Dabei habe die Diskursethik nach solchen formalen Regeln zu fragen, „die jeden Argumentierenden unbedingt verpflichten, weil sie von niemanden in sinnvoller Argumentation bestritten werden können.“ 71 Der hinter diesem Konzept stehende Universalisierungsgrundsatz setzt voraus, dass jeder Argumentierende mit seinen Argu- menten Geltung gegenüber allen beansprucht und er insofern auch verpflichtet sei, sie gegen jede sinnvolle Kritik zu verteidigen. Ziel dieser Konzeption ist es insofern, einerseits einen argumenta- tiven Konsens zu erzielen, andererseits aber auch ideale Bedingungen mittels Strukturen und Insti- tutionen herzustellen, die einen solchen Konsens ermöglichen. Der Blick auf die entsprechende Meta-Ebene ist somit ein relevanter Teil dieser Konzeption. Zusammenfassend definiert Wohlrapp sinnvolles Argumentieren als „das Einlösen eines Geltungsanspruchs für eine zur These erhobenen Meinung (...), indem, ausgehend von einer theoretischen Basis, über Gründe und gegen Einwände gezeigt wird, dass die These vor einem Forum höherer Allgemeinheit Bestand hat. 72“ 22.7.2.1 Die transzendentale Reflexionsmethode Vorerst soll aber noch die Methode der transzendentalpragmatischen Reflexion, also der Akt des Suchens nach einem universalisierbaren Argument, näher betrachtet werden. Diese bestehe näm- lich nach Bausch nicht in einer deduktiven Ableitung, sondern in „einer praktischen Selbstverge- wisserung unbestreitbarer Sinnbedingungen jeder Argumentation sprachfähiger Wesen.“ 73 Dabei handle es sich um solche Bedingungen, die notwendigerweise vorausgesetzt seien, um Fragen und Behauptungen überhaupt gelingen zu lassen. „Diese reflexiv gewonnenen Einsichten bilden einen logischen Horizont, der in seiner unbestreitbaren geltungslogischen Dimension nicht in eine kultu- relle Relativierung zurückgenommen werden kann, vielmehr transzendentalpragmatisch fundierte Basis auch interkultureller Verständigung ist und daher transkulturelles Lernen orientieren könnte.“ Es geht also, um es mit eigenen Worten zu formulieren, um die Bewusstmachung und kritische Reflexion von diskursiven Rahmenbedingungen, Artikulationsregeln, Begriffen und dergleichen. Wo und wie sind hier allerdings die Grenzen zu ziehen? Welche Kriterien – außer der eigenen Selbstgewissheit – hat man, um allgemeine Gültigkeit für diesen „logischen Horizont“ zu bean- spruchen? Oder anders formuliert: Gibt es einen transkulturellen Argumentationsbegriff, der keiner weiteren Anpassung an eine jeweilige Kultur des Diskursgegners bedarf? 71 Steinmann/Scherer 1998b, S. 48. 72 Wohlrapp 1998, S. 245. 73 Bausch 1998, S. 335. 763 22.7.2.2 Der transkulturelle Argumentationsbegriff Diese Frage drängt sich unweigerlich auf, denn immerhin sei nach Wohlrapp 74 unter Kulturalisten bzw. Kulturrelativisten die Ansicht verbreitet, das vernünftige Argumentieren gehöre „intrinsisch zur griechisch-okzidentalen Kultur“, während andere Kulturen andere Methoden der Entschei- dungsfindung ausgebildet hätten. „Wenn nun ein Europäer z. B. einem Westafrikaner mit vernünf- tiger Argumentation kommt, dann ist das der Versuch, die ihm eigene Form der Auseinanderset- zung vorzugeben bzw. aufzudrängen. Nicht auszuschließen ist, dass damit auch inhaltliche Vorga- ben angebahnt sind. (...) Demgegenüber steht die Ansicht, das vernünftige Argumentieren sei zwar in Europa entstanden, habe aber keine spezifische europäische Prägung, sondern könne vielmehr analog zur gesamten europäischen Wissenschaft und Technik in jeder anderen Kultur zu deren Vorteil implantiert werden. Auf diesem Weg ergibt sich ein universalistischer Begriff von Argu- mentation“, und der argumentative Geltungserweis wäre kulturinvariant, da er ohne kulturspezifi- sche Voraussetzungen oder Eigenarten ist. 22.7.2.3 Einvernehmliche Selbstverständlichkeiten als Rahmenbedingungen des Dialogs Die zentrale Problematik sieht Wohlrapp weniger in der Methode des Argumentierens, als viel- mehr in der Unterstellung von Selbstverständlichkeiten im Zuge einer argumentativen Auseinan- dersetzung. Diese nämlich, Rahmenbedingungen und Regeln des Dialogs, seien entsprechend in Frage zu stellen, was freilich umgekehrt als Konfliktursache empfunden werden kann, wenn die Infragestellung eines als Selbstverständlichkeit empfundenen Belangs für „abwegig und irrational“ gehalten werde. Es sei somit noch keine Lösung gewonnen, wenn kulturelle Eigenarten lediglich hinsichtlich ihrer Existenzberechtigung respektiert werden, ohne sie jedoch als gleichwertig anzu- erkennen, indem ihnen „letztlich doch wie exotischen Marotten ohne Sinn und Bedeutung“ begeg- net wird, wie dies Wohlrapp in vielen Publikationen zur interkulturellen Kommunikation zwischen Geschäftsleuten, z. B. in Maletzkes Standardwerk über „Interkulturelle Kommunikation“ 75, fest zustellen meint. Wesentlich für das Mitglied der anderen Kultur wäre somit eine Vermittlung der Bedeutung eben dieser Selbstverständlichkeiten der eigenen Kultur. 22.7.2.4 Formen der Kommunikation bei den Kel Timia An dieser Stelle möchte ich einige Gegenargumente am Beispiel der Kel Timia einbringen. Einer- seits gibt es in der Kel-Ewey-Kultur sehr verschiedene Formen der Kommunikation mit jeweils unterschiedlichen Regeln, mit unterschiedlichen Ansprüchen an Wahrheit sowie an Aufmerksam- keit und Zuwendung, in Abhängigkeit von den jeweils herrschenden situativen Rahmen- bedingungen. So gibt es die Unterhaltung (edawane), bei der es weniger um Austausch nützlicher Informationen geht 76, sondern eher um den Austausch von interessanten Neuigkeiten, lustigen Ge- 74 Vgl. Wohlrapp 1998, S. 240 f. 75 Vgl. Maletzke 1996 76 Vgl. Spittler 1998, S. 38. 764 schichten oder neuestem Klatsch über Personen der Dorfgemeinschaft 77. Der Austausch von Neu- igkeiten (iselan) verläuft nach einem gewissen Ritual, begonnen mit der Grußformel. Dabei geht es normalerweise um alltägliche Neuigkeiten, die oft nützlich sein können, weshalb der Wahrheitsan- spruch hier relativ hoch ist. Für diese Untersuchung interessant ist besonders der Typ des Streitgesprächs (tamazagh): Dieses wird eher selten geübt. Es betrifft Fragen aus allen möglichen Lebensbereichen außer jenen, die – wie etwa Belange der Sexualität - für das öffentliche Gespräch tabu sind. Eine grundlegende Vor- aussetzung für ein solches Gespräch ist die gesellschaftlich vorgegebene Gleichstellung der Ge- sprächspartner, weshalb ein solches Streitgesprächs zwischen Jungen und Alten gar nicht möglich wäre, wohl aber zwischen Männern und Frauen. Allerdings, und damit disqualifiziert sich dieser Gesprächstyp als geeignet für die Argumentation Wohlrapps, ist auch dem Streitgespräch stets ein gewisser Unterhaltungscharakter im Sinne eines Wettstreits eigen. Eine geschickte rhetorische Wendung zählt somit mehr als ein faires, reflektiertes Argument. Demgegenüber nennt Spittler das damit nicht zu verwechselnde „Streiten“ (akennas): Dabei geht es um eine ernste Auseinandersetzung zwischen zwei Personen mit dem Ziel, die Wahrheit heraus- zufinden (agamay n-tidet: Wahrheitssuche). Hier geht es um ein systematisches Zusammentragen von Argumenten, allerdings mit dem spielerischen Ziel, in unterhaltsamer Form die Wahrheit zu finden: „Es wird zwar eine Entscheidung angestrebt, doch keine, die durchgesetzt werden soll.“78 Dagegen ist die Beratung (shawara) auf das praktische Ziel eines gemeinsamen, umzusetzenden Beschlusses angelegt. Hierbei kann es sich etwa um die Art der Verteilung von Spenden oder die Aufteilung von Weiderechten handeln. Diese kurze Darstellung lässt vermuten, dass es zwar eine argumentative Gesprächsführung bei den Kel Timia gibt, dass diese aber nach bestimmten kulturspezifischen Regeln und unter bestimmten Voraussetzungen abläuft. So ist es eher unüblich, anderen seine Meinung direkt ins Gesicht zu sa- gen, doch der Geltungsgrad dieser Norm hängt von jeweiligen Personengruppen ab: So dürfen etwa Junge keinesfalls Älteren widersprechen, selbst wenn die alte Person offensichtlich im Unrecht ist. Wieder andere Regeln gelten hingegen zwischen Kreuzcousins, also zwischen Vettern und Kusi- nen: Hier besteht eine Art institutionalisierte „Scherzbeziehung“ als Ausgleich zu den strengen Verwandtschafts- und Respektsregeln. Die Beiden können sich ohne jegliche Sanktion die wüstes- ten Beschimpfungen spasshalber an den Kopf werfen, wie es gegenüber anderen Mitgliedern der Kel-Ewey-Gesellschaft völlig undenkbar wäre. Schmiede (inadan) wiederum besitzen nach traditi- oneller Auffassung kein Schamgefühl (takarakit), das die Kel Timia wesentlich bestimmende E- thos, weshalb es von ihnen heißt, „sie sagen jedem ihre Meinung ins Gesicht.“ So wurde etwa der Ethnologe Spittler mehrfach darauf hingewiesen, er müsse zu den Schmieden gehen, wenn er die Wahrheit über die Kel Timia erfahren wolle. 79 22.7.3 Die Praxis des Argumentierens Meinem zum Zweck des Gegenarguments gebrachten Beispiel könnte nun Wohlrapp entgegenhal- ten, dass es freilich zuvor eines Verständnisses dessen bedarf, was überhaupt die uns vertraute Pra- xis des Argumentierens charakterisiert. Denn auch im okzidentalen Kulturkreis gebe es eine Viel- falt an Formen, „wie sich an verschiedenen Bezeichnungen wie Diskussion, Debatte, Disput, Ver- handlung, Auseinandersetzung usw. ablesen lässt.“ Als entsprechende Definition des Argumentie- rens schlägt Wohlrapp den „außerordentlich interessanten Fall einer reflexiven oder selbstreferen- 77 Vgl. ebd., S. 60 f. 78 Ebd., S. 66. 79 Vgl. ebd., S. 59 f. 765 tiellen Praxis, die sich durch den Selbstbezug in Frage stellen und stabilisieren kann,“ 80 vor und hat auch klare Vorstellungen von der entsprechenden Struktur der Argumentation: 22.7.3.1 Die Klärung von Unklarheiten Wenn etwa eine Unklarheit zwischen zwei Partnern über die Bestimmung eines für beide relevan- ten Sachverhalts besteht, so werden „die dazu gegeneinander stehenden Meinungen in Sätzen ge- äußert, die dann als Thesen mit dem Anspruch auf Gültigkeit behauptet werden.“ Dabei geht es um den Versuch des Einlösens des Geltungsanspruchs mit Argumenten in Form des Begründens und des Widerlegens. Freilich werden dazu jeweils gewisse Selbstverständnisse vorausgesetzt, die als sichere Grundlage unter der Kontroverse zur Verfügung stehen sollen. Dieses Zusammenspiel zwi- schen dem „sichernden Potenzial der vorausgesetzten theoretischen Basis und der gelingenden Beweisführung der Thesen auf eben dieser Basis ermöglicht die Beurteilung der Gültigkeit der These.“ 81 Übertragen auf unsere Problematik geht es etwa um die Frage und das Selbstverständnis dessen, was ein Tourist sei bzw. was Tourismus bedeute und mit welchen Konsequenzen ein aktives Tou- rismusengagement verbunden sei. 82 Die „Tourismusanthropologie“ der Kel Timia beschränkt sich weitgehend auf die unreflektierte, weil verständnislose Beschreibung dessen, was sie wahrneh- men. 83 Das beschränkt sich auf Personen, die sich offensichtlich teuere Kameras und die Miete von Fahrzeugen leisten können, die für die Landschaft und für Tuareg-Feste schwärmen, viele Belange ohne unmittelbaren Nutzen kaufen, und die dafür viel Zeit aufbringen, obwohl sie letztlich dennoch stets in Eile sind - und all dies zum bloßen Vergnügen. 84 Das ist freilich für Kel Timia, wie auch für die meisten subsistent lebenden Afrikaner, schwer nachzuvollziehen, da diese nur aus familiä- ren oder geschäftlichen Gründen zu reisen pflegen, nicht aber aus reiner Genusssucht und mit dem Ziel, für teures Geld Landschaften zu bestaunen. 85 22.7.3.2 Klärung der Kommunikationsberechtigung Bevor man sich aber mit einem Kel Timia darüber unterhalten kann, was denn nun unter Touris- mus genau zu verstehen sei 86, bedarf es zuvor noch der Klärung dessen, wer mit wem unter wel- chen Bedingungen überhaupt sprechen dürfe. Denn als eine weitere Voraussetzung sieht Wohlrapp das Zustandekommen des Konsenses unter der Freiheit von jeglicher Gewalt oder Willkür. Wie gesagt, darf bei den Kel Ewey nicht ohne weiteres jeder zu jedem in offener Weise sprechen. Stets bestehen dafür bestimmte Regeln und Rituale. Streitgespräche zwischen den Kel Timia und einem „amagar“, einem Fremden, sind bei den Kel Timia überhaupt erst dann möglich, wenn ein gewis- ser Grad an Vertrautheit und Integration erreicht ist: denn erst in diesem Stadium der gegenseitigen 80 Wohlrapp 1998, S. 243ff. 81 Wohlrapp 1998, S. 244. 82 Siehe dazu das Kap. über „Wahrnehmung und Interaktion zwischen Reisenden und ‚Bereisten’/Der touristische Blick“. 83 Insofern unterscheidet sich die Erkenntnisweise der Kel Timia wenig von der frühen europäischen Ethnografie (vgl. Obrecht 1995, S. 58 ff). 84 Näheres dazu siehe das Kap. über „Tourismus bei den Kel Timia/Die Sicht der Kel Timia vom Tourismus“. 85 Infolge der Modernisierung gibt es mittlerweile schon Tuareg, die aus bloßem Vergnügen reisen und fotografieren. 86 Eine schwierige Frage, wie an der Vielzahl der geltenden Tourismus-Definitionen ersichtlich ist (vl. Friedl 2002, S. 21 ff.). 766 Annäherung scheuen sich die Kel Timia nicht mehr, dem Betreffenden zu widersprechen. 87 22.7.3.3 Klärung von Begriffen Ein weiteres kulturbedingtes Problem stellt sich im Fall der Kel Timia, wenn es nach Wohlrapp um die Klärung von Begriffen geht: Wie nämlich sollte den Kel Timia sinnvoll vermittelt werden, was wir unter Tourismus und Touristen sowie den tourismusbedingten Folgen verstehen? Nach west- lich-rationalem Verständnis bedürfte es zur - nach unserem Verständnis „sachgerechten“ - Beurtei- lung des Tourismus einer Reflexion von Begriffen wie „Tourismus“, „Auswirkungen“, „Gemein- wohl“ etc. So fiel im Zuge der Interviews auf, dass sich viele Personen für den Tourismus ausspra- chen, obwohl sie selbst explizit nicht unmittelbar vom Tourismus profitieren würden. Doch diese Verhaltensweise lässt noch keinerlei Schlüsse darauf zu, dass die Befragten gar die Auswirkungen des Tourismus auf das lokale Gemeinwohl reflektiert und darum für gut befunden hätten. Spittler weist darauf hin, dass „abstrakt nach Dingen zu fragen, die außer Sichtweise sind, (...) nicht nur schwieriger, sondern auch weniger selbstverständlich und daher eher sozialen Normen unterworfen (ist).“ 88 Und an anderer Stelle generalisiert Spittler: „Das abstrakte Erklären, das für unsere Erzie- hung typisch ist, gibt es überhaupt nicht. Man lernt durch eigenes Tun und durch Zuschauen, wie es die anderen machen.“ 89 Damit wird allerdings deutlich, dass sich Wohlrapp bei den Kel Ewey sichtlich schwer tun würde, seine Vorstellungen von der transzendentalpragmatischen Reflexion durchzusetzen: Mit traditionellen Kel Timia eine rational-kritische, den Kriterien Wohlrapps ge- mäße Diskussion über die Folgen des Tourismus zu führen wäre gleichsam ein Gespräch über des Kaisers neue Kleider: jeder verbliebe in seinen eigenen inkompatiblen Begriffen. 22.7.3.4 Der strukturelle Sprung zur „fachbezogenen These“ Doch Wohlrapp geht noch einen Schritt weiter. Wurden erst die notwendigen Begriffe reflexiv geklärt, so bedarf es nunmehr eines „strukturellen Sprungs“: An diesem Punkt gehe es um den Übergang von der „naiven oder kecken Selbstoffenbarung“ 90 zum Aufstellen einer fachbezogenen These, deren Geltung dann zu überprüfen sei. Damit dies aber bei den Kel Timia möglich wäre, müssten die Menschen erst hinlänglich über die möglichen Folgen des Tourismus informiert oder besser sensibilisiert werden, damit sie in die Lage geraten, ihre - nach unseren Vorstellungen - „naiven“ Vorstellungen von Tourismus zu reflektieren und zu überprüfen. Das würde allerdings voraussetzen, dass die Kel Timia, von denen die wenigstens jemals eine Schule besucht haben, erst einmal das abstrakte Denken lernen müssten, das sie allerdings für ihre gewohnte Lebenspraxis nicht benötigen. Damit wird ein interessanter Gedanke aufgeworfen, der scheinbar zu einem Paradoxon führt: Folg- te man nämlich bedingungslos den Überlegungen Wohlrapps, so müssten die Kel Timia gleichsam erst modernisiert und reflexionsgeschult werden, um sich nach unseren westlichen Vorstellungen für die adäquate Beurteilung dessen zu qualifizieren, ob sie tatsächlich Tourismus haben wollten oder ob dieser für ihre Kultur gar eine Modernisierungsgefahr darstelle. Dass mit diesem Gedan- 87 Vgl. Spittler 1998, S. 24. 88 Spittler 1998, S. 69. 89 Ebd., S. 247. 90 Wohlrapp 1998, S. 245. 767 kengang die Forderung Wohlrapps, übertragen auf den Anlassfall der Kel Timia, ad absurdum ge- führt wird, ist offensichtlich und verdeutlicht damit die Problematik der Wohlrapp’schen Sichtwei- se. Dabei bliebe noch zu fragen, ab welchem Zeitpunkt jemand - ob Kel Timia, Lesachtaler oder Meidlinger, aber auch „Experten“ aller Art - denn hinreichend im abstrakten Denken geschult sei- en, damit die Kompetenz zuzugestehen sei, eine verantwortungsbewusste, sinnvolle Entscheidung zu einer gesellschaftlich relevanten Problematik zu treffen. 22.7.4 Demokratiefeindliche Transzendentalpragmatik? Wohlrapp stellt an den geltungsbegründenden Diskurs Anforderungen, die nicht nur in ihrer ver- suchten Anwendung auf die Kel Timia grundlegende Probleme von demokratiepolitischer Rele- vanz aufwerfen. Sollte etwa Wohlrapps These zutreffen und könnte somit im vorliegenden Fall die Frage nach dem „Wollen von Tourismus“ sinnvoll gar nicht gestellt werden, weil der erforderliche rationale Horizont nicht gegeben sei? 91 Dann dürfte allerdings auch im analogen Fall der diversen Volksbefragungen in Österreich so manche Frage nicht zugelassen werden, etwa die von Bruno Kreisky im Jahr 1976 an das österreichische Volk gestellte Frage, ob das fertiggestellte Atom- kraftwerk Zwentendorf in Betrieb gehen solle. Wie viele wissen denn überhaupt, was Atomkraft ist, welche Folgen sie nach sich zieht, mit welchen Gefahren sie verbunden ist, und ob es verant- wortbar sei, darüber positiv zu entscheiden? Wer aber sollte dann letztlich über die Nutzung von Atomkraft in legitimer Weise entscheiden dürfen? Etwa Nuklearexperten, deren Brot von einer florierenden Nuklearindustrie finanziert wird? Doch auch trotz der Entscheidung der österreichi- schen Bevölkerung gegen Zwentendorf 92 gibt es rings um Österreich Atomkraftwerke. Und auch die Wahl des Stromlieferanten ist erst seit jüngster Zeit möglich, um allenfalls den Bezug von A- tomenergie auszuschließen.. War also die Entscheidung gegen Zwentendorf falsch? Hatten die Ös- terreicher damals im Sinne Rousseaus ein „falsches Bewusstsein“, wider den „Volonté général“? Hätte man doch auf die Nuklear-Experten und nicht auf die Ökologie-Experten vertrauen sollen oder ist letztlich doch der Ausdruck des persönlichen Willens die entscheidende Grundlage für eine umfassende Entscheidung, ausgehend von der jeweils herrschenden, kulturspezifischen Reflexions- , Diskurs- und Entscheidungskultur? 22.7.4.1 Kulturelle Differenzen So einfach macht es sich Wohlrapp freilich nicht, gesteht er doch zu, dass sich „Kultur- zugehörigkeit (...) in spezifischen Rahmen“ 93 ausdrücke. In der Praxis veranlassen Kulturkonfron- tationen – etwa in der Großstadt – eher selten zur Suche nach Rahmendifferenzen, um selbst zu neuen Einsichten zu gelangen. Und auch von selbst, also innerhalb einer Kultur und ohne Anstoß von außen, sei dies kaum der Fall, denn „die, die Kulturdifferenzen ausmachenden Rahmen (sind) äußerst resistent gegen ihre Aufhebung (...), eben weil an ihnen der Sinn des Lebens hängt.“ Mit anderen Worten: In der Alltagspraxis vollzieht sich eher selten ein diskursiver Austausch von Ver- ständnissen und Diskursbedingungen. In der Regel reagieren die Menschen auf Konfrontation mit 91 Das ist im Übrigen zu bezweifeln, da sich ja auch solche Kel Timia positiv zum Tourismus geäußert haben, die - wie Lehrer, Studenten oder Politiker - sehr wohl im rationalen Diskurs geschult sind. 92 Übrigens war die Entscheidung des bürgerlichen Blocks gegen Zwentendorf politisch motiviert gewesen, mit dem Ziel, Kreisky zum Rücktritt zu zwingen, den er im Falle eines „Nein“ gegen Zwentendorf angekündigt, letztlich aber wieder verworfen hatte. 93 Wohlrapp 1998, S. 275. 768 abweichenden Meinungen oder Wertvorstellungen mit irrationalen Strategien zur Stärkung der eigenen Position, etwa mit dem Hinweis, dass von einem „Ausländer nichts anderes zu erwarten sei.“ Im günstigsten Falle wird dieses abweichende Verhalten als „charmant“ exotisiert. Diesem herrschenden Umstand wird Wohlrapp allerdings gerecht, indem er als positive Ergebnisse von interkulturellem Dissens nur eine „erhöhte Durchlässigkeit der Sinngehalte“ füreinander er- wartet, nicht aber „gültige Thesen“. Denn der Mangel der gemeinsamen theoretischen Basis, etwa dem Wert von Tieren (Stierkampf vs. Massentierhaltung) oder die existenzielle Bedeutung von Tätigkeiten (Karawanenführung als mühsamer, lebensgefährlicher Broterwerb oder als abenteu- erlicher Erlebnis-Urlaub), geht bis in den „metaphysischen Bodensatz“. Darum sei die Entwicklung einer gemeinsamen Basis wohl nur über die Suche nach „Entsprechungen“ 94 für den fremden Sachverhalt in unseren eigenen Sinngehalten möglich. Dabei müsse im Übergang vom Meinungsaustausch zum „thetischen Reden“ 95 unter fort- schreitender Konzentration auf die Geltungsfrage eine sukzessive „Distanzierung“ von der gemein- ten Ansicht stattfinden. Allerdings kann eine derartige Ansicht umso weniger ernsthaft zur Dispo- sition gestellt werden, je tiefer und damit fester eine Voraussetzung dieser Ansicht mit der dahinter stehenden Lebensweise verbunden ist. Doch eben das wird durch die innere Dynamik des Argu- mentierens erfordert, weshalb es auch in der Folge oft zu „emotionale Entgleisungen kommt: Es wird gespürt, dass das eigene Leben gefährdet ist, und der Mensch bzw. sein Habitus setzt sich zur Wehr,“ 96 wie ich es am Beispiel des „Ausländer-Arguments“ illustriert hatte. Diese Reaktionen konnte ich im Sommer 2001 im Verlauf der Diskussion der Teilnehmer der Studienkommission des Instituts für Philosophie der Universität Graz beobachten, als es darum ging, für das Institut einen neuen Studienplan zu beschließen. Die Diskussion wurde in einer Weise geführt, als ginge es um Leben und Tod. Tatsächlich prallten einfach unterschiedliche „Kulturen“ der Auffassung vom Sinn eines Studiums aufeinander, wobei die Diskutanten sich offensichtlich persönlich zutiefst die- sem Sinn verbunden fühlten. Meines Erachtens standen hinter den auf das heftigste verfochtenen Argumenten auch ganz konkrete Interessen, etwa die Verhinderung der Einführung neuer Fächer mit dem Ziel, sich die Arbeit der entsprechenden Vorbereitung zu ersparen. Wohlrapp ist sich sehr wohl bewusst, dass „das Argumentieren (...) uns bis an unsere Grenze brin- gen (kann)“. Eine Aufhellung und Überschreitung dieser persönlichen Grenze sei nach Ansicht Wohlrapps auch nur möglich, wenn „Sinngehalte schon innerlich reif für eine Änderung seien. Dann aber komme es zu einem zweiten Schritt. Durch die thetische Dynamik werde nun ein trans- subjektiver Prozess in Gang gesetzt, die argumentative Vernunft also auf den allgemeinen Men- schen anstatt auf unser eigenes Anliegen ausgerichtet, und genau dabei könnten sich „kulturelle Besonderheiten im Weiterbilden von Sinngehalten (...) verallgemeinern.“ 97 Meines Erachtens geht Wohlrapp mit seiner Forderung an der Realität menschlicher Kom- munikation völlig vorbei, denn der Mensch ist primär kein rationales, sondern ein emotionales We- sen, das lediglich rational begabt ist. Ich werde gegen Ende dieses Kapitels zeigen, dass sogar Wohlrapp selbst an seinen eigenen Forderungen scheitert und gleichfalls in aggressive Argu- mentation verfällt. 94 Ebd. S. 278. 95 Wohlrapp (ebd., S. 399 ff.) versteht darunter wohl den thesengestützten, dialektisch-diskursiven Dialog. 96 Ebd., S. 280. 97 Ebd., S. 281. 769 22.7.5 Die Diskursethik Eine andere Argumentationsstrategie als Wohlrapp verfolgt Bausch zur Verteidigung der Trans- zendentalpragmatik. Ausgehend von Kants Ethik der reinen, gesetzgebenden Vernunft, dem forma- len Prinzip der Verallgemeinerungsfähigkeit, bezieht sich Bausch auf das Konzept einer Diskurs- ethik der „unbegrenzten Argumentationsgemeinschaft“ 98, in der das kantische „Reich der Zwecke als regulative Idee idealer menschlicher Kommunikation dechiffriert wird“. Dabei versteht er Dis- kursethik im Sinne der „Idee einer realen Kommunikationsgemeinschaft, die sich auf das unaus- drücklich kontrafaktisch antizipierte logische Universum aller sinnvollen Argumente (...) verwie- sen und ihm verpflichtet weiß“. Diskursethik „behauptet und begründet die kategorische Verpflich- tung, sich um den argumentativen Konsens zu bemühen, einen Konsens, dem idealerweise alle Argumentierenden zustimmen könnten“. Dieses Konzept ist freilich an das Habermas’sche Diskursprinzip angelehnt, wonach „nur die Nor- men Geltung beanspruchen dürfen, die die Zustimmung aller Betroffenen als Teilnehmer eines praktischen Diskurses finden (oder finden könnten)“ 99. Dabei betrachtet Habermas den kategori- schen Imperativ („Verhalte Dich so, dass Du hinsichtlich Deines Verhaltens mit seinen möglichen Folgen und Nebeneffekten der argumentativen Zustimmung aller denkbaren Beteiligten und Betrof- fenen möglichst sicher sein darfst.“) als „dialogischen Beurteilungsmaßstab“ im Sinne eines Wett- bewerbs der Argumente aufgrund des „eigentümlich zwanglosen Zwangs des besseren Argu- ments“ 100. In Anlehnung an dieses Konzept ist für Bausch die „Letztbegründung“ in dem Sinne erbracht worden, „dass ihr nicht sinnvoll widersprochen werden kann. In diesem Sinne ist die Be- gründung gelungen, und sie gilt uneingeschränkt.“ 101 Diesem Konzept sind einige Umstände entgegenzuhalten, wie sie die Konflikte bzw. Diskurse oder auch Handlungen in der Praxis bestimmen – etwa außermoralische Systemzwänge oder persönliche Bemühungen zur strategischen, gewaltsamen Durchsetzung partikularer Einzelinteressen, kurzfris- tigen Nutzens und faktischer Erfolgsperspektiven. Reale Diskurse sind in der Regel nicht konsen- sual kommunikativ, sondern von Partikularinteressen geleitet. Darum legt Bauschs Konzept des diskursethischen Imperativs die Vermutung nahe, es gehe an den realen Anwendungsbedingungen vorbei. Dem gegenüber könnte man jedoch einwenden, dass nach Apel das Diskursprinzip geradezu „for- dert, sich um die Herbeiführung solcher Verhältnisse zu bemühen, die die Realisierung der Dis- kursethik fördern“. Strukturen entsprechend zu ändern wurde von Apel als der „integrale verant- wortungsethische Teil des Diskursgrundsatzes gedacht“: „Es gilt nicht nur die transzen- dentalpragmatisch vergewisserbare Verpflichtung, den argumentativen Konsens zu suchen, son- dern gleichermaßen, die faktischen Realisierungsbedingungen für eine konsensorientierte Bemü- hung kontextsensitiv herbeizuführen, zu verbessern und zu sichern.“ 102 Angewandt auf die Tourismusproblematik bei den Kel Timia würde dies abermals eine umfassende Schulung der Kel Timia wie auch der tourismuskritischen Experten in rationaler Argumentations- kultur, aber auch im Wissen um die komplexen Zusammenhänge des Tourismus erfordern. Man könnte in provokanter Weise die These aufstellen, dass ich zur sinnvollen Beantwortung meiner Kernfrage nunmehr neuerlich zu den Kel Timia reisen und ihnen die Ergebnisse meiner vorliegen- den Studie vermitteln müsste, um dann mit ihnen neuerlich über die Tourismusfolgen zu diskutie- ren, vorausgesetzt, dass es mir gelängt, diese komplexen Inhalte auch „nomadengerecht“ zu trans- portieren; das wäre ein unmögliches Unterfangen. 98 Bausch 1998, S. 336. 99 Habermas 1983, S. 103 100 Ders. 1971, S. 137. 101 Bausch 1998, S. 337. 102 Apel 1988, S. 103 ff. 770 22.7.5.1 Kriterien der diskursethischen „Letztbegründung“ Die von Apel bzw. Habermas vorausgesetzten Rahmenbedingungen, wie sie die Diskursethik for- dert, seien also der Weg, um eine richtige, da „letztbegründete“ Lösung zu ermitteln. Dies sei nach Bausch „eine solche, die hinsichtlich ihrer Folgen und Nebeneffekte von allen Beteiligten und Be- troffenen akzeptiert werden könnte, so dass eine allseitige Zustimmungswürdigkeit angenommen werden darf.“ 103 Demnach ist nach Wohlrapp 104 die Freiheit von Einwänden dann gegeben, wenn die Argumente konsistent sind, kein Argumentationsschritt fehlt und auch die Basistheorien nicht inkompatibel sind. Dann aber, wenn alle Einwände gegen eine These ausgeräumt werden konnten, ist sie nach der Auffassung der Transzendentalpragmatik universell gültig. Zu unterstreichen ist freilich noch- mals, dass 1. dabei auf den konkreten Argumentationskontext bzw. –stand und nicht auf alle Menschen Be- dacht genommen werden müsse, 2. die Vorstellung von „allen Einwänden“ gleichwertig mit jener von „allen vorgelegten“ Ein- wänden sei, 3. die Universalität in eine potentielle, operable Universalität überzuführen sei, da stets neue Op- ponenten mit neuen Einwänden auftreten können, 4. sich die Geltung von Thesen ändern kann, ohne dass ihre Universalität beeinträchtigt werde, wie dies anhand der Paradigmenwechsel innerhalb von Wissenschaftsdisziplinen von Kuhn 105 illustriert wurde. Zum Kriterium der Universalität lässt sich hier das Konzept von Kambartel ergänzend anführen. Danach ist „Universalität (...) 1. umfassend, insofern sie alle relevanten Probleme betrachtet, 2. moralisch, insofern sie alle betroffenen Personen einbezieht, und 3. nicht einseitig, insofern sie alle relevanten Rationalitätsstandards zur Anwendung bringt.“ 106 Demgegenüber sei eine „partikulare These“ eine solche, gegen die noch offene Einwände vor- liegen, was gleichbedeutend mit dem Austritt aus thetischem Reden sei. Dies dürfe allerdings nicht mit Einwänden verwechselt werden, die aus divergierenden Rahmenbedingungen resultieren! 103 Bausch 1998, S. 339 104 Wohlrapp 1998, S. 281 ff. 105 Vgl. Kuhn 1979. 106 Kambartel 1992, S. 275. 771 22.7.5.2 Zusammenfassung: das Prinzip der transzendentalpragmatischen Reflexion Vor dem Hintergrund dieses Gerüsts fasst Bausch das Prinzip der transzendentalpragmatischen Reflexion zusammen als das Transzendieren der Einsicht aufgrund sinnvoller Argumente „aller Kulturen sprachfähiger Wesen“, weshalb dieses uneingeschränkt und somit auch transkulturell gelte, unabhängig von einer eigenen genetischen Geschichte des rationalen Denkens im Rahmen der europäischen Moderne: „Der Diskursgrundsatz, der die ethische Qualität von Handlungen, Handlungsabsichten und Nor- men an die freie Zustimmungswürdigkeit auf Grund von Argumenten bindet, gilt uneingeschränkt, universal und transkulturell. Er stellt ein kultur- und kontextinvariantes Metakriterium für die Be- gründung ethischer Normen bereit, welches geltungslogischen Halt für das moralische Urteil er- möglicht.“ 107 22.7.6 Die Relevanz des kulturellen Kontextes Theoretisch erscheint das Konzept der Transzendentalpragmatik zur ethischen Letztbegründung durchaus überzeugend. Dennoch fällt die Vorstellung schwer, die Autoren der Transzendental- pragmatik würden auf Basis reicher Diskurserfahrungen mit Vertretern anderer Kulturen argumen- tieren. Die Argumentationsführung ist in höchstem Maße von Abstraktion, Rationalität und diskur- siver Disziplin gekennzeichnet, und es erscheint mir rätselhaft, wie dieser hohe Anspruch unter den Kel Timia einzulösen wäre. Dieser Eindruck mag freilich täuschen, weshalb zur Verteidigung a- bermals Wohlrapp durch seine „konstruktive Anthropologie“ 108 zur Bewertung von kultureller An- dersartigkeit zu Wort kommen soll: 22.7.6.1 Konstruktive Anthropologie: die Suche nach Entsprechungen Wohlrapp betont das notwendige Zugeständnis, dass „kulturelle Fremdheit nicht bloß Andersheit ist, sondern sinnvolle Andersheit.“ Kulturen sind entsprechend gewachsen, und jeweilige Sprach- regelungen haben ihre spezifische Funktion; sie sind eben keineswegs bloß unterentwickelt oder minderwertig gemäß der Sichtweisen, die etwa von den europäischen Kulturen gegenüber den ko- lonialisierten Kulturen eingenommen worden waren. 109 Für die Überbrückung der scheinbaren Andersheit bedarf es nun eines Instruments für das Erken- nen des fremden Sinns, nämlich das Aufsuchen von „Entsprechungen“, wobei Fremdes „prinzipiell als Analogon zu etwas“, das auch bei uns vorkomme, aufzufassen sei. Das Ziel dieser Überbrü- ckung sei schließlich die „Verträglichkeit der Handlungsweisen“, keineswegs aber Gleichartigkeit. 107 Bausch 1998, S. 344 108 Wohlrapp 1995, S. 160. 109 Vgl. dazu Bertram 1995. 772 Um aber diese Verträglichkeit – insbesondere mit den Lebensformen traditionaler Kulturen – fin- den und erreichen zu können, komme man letztlich selten umhin, etwas von seiner eigenen Le- bensweise zur Disposition zu stellen oder gar aufzugeben. Was allerdings „völlig offen und unab- schätzbar“ sei, ist die Frage, in welchem Ausmaß dies allenfalls stattfinden müsse. In diesem Fall meint Wohlrapp überraschenderweise: „zur Gänze“ 110. Dies würde bedeuten, man müsse durch länger währende gemeinsame Lebenspraxis die Lebens-, Handlungs- und Denkweise der Kel Timia erlernen und sich aneignen, ganz im Sinne des „Going Native“-Konzepts, 111 ähnlich wie es etwa Gerd Spittler vorpraktiziert hatte. Dies könnte aber letzt- lich zu einer weitgehenden Aufgabe der westlichen Denk- und Handlungsweisen führen, etwa durch die völlige Anerkennung von Autorität anstelle von kritisch-rationalen Argumenten. Damit wäre aber für das Ziel Wohlrapps wieder nichts gewonnen. Denn selbst wenn eine westliche Per- son durch ihre völlige Eingliederung in die traditionale Gesellschaft irgendwann eine mit Autorität besetzte Position erlangte, so erlangen deren geäußerte Meinungen wiederum nur kraft ihrer neu erworbenen Position Geltung und eben nicht kraft einer transzendentalpragmatischen Argumenta- tion. 22.7.6.2 Kulturelle Kontexte als bedingte Legitimationsgrundlage Wohl aufgrund dieses Dilemmas schränkt Wohlrapp letztlich seine radikale Forderung an anderer Stelle wieder ein, indem er folgende These hinsichtlich der bedingten Legitimationsgrundlage von kulturellen Kontexten in einem dynamischen bzw. diskursiven Verständnis formuliert: „Respekt, Achtung vor dem Fremden, ist eine Bedingung für interkulturelle Verständigung. Kultur- traditionen (auch die je eigenen) und Ethosformen sind nicht quasi-sakrosankte Legitimations- grundlage; sie sind vielmehr prinzipiell kritisch zu hinterfragen und gegebenenfalls in interkultu- rellen Verständigungsprozessen zu verändern.“ 112 Hier ist Wohlrapp nur insofern zuzustimmen, als Tourismus ohnedies eine per se interkulturelle Problematik ist. Wer sich für Tourismus entscheidet, bekennt sich gleichsam implizit zur interkul- turellen Kommunikation und somit zur Bereitschaft, eigenverantwortlich an der Entwicklung einer funktionierenden Kommunikationsbasis mitzuwirken. Dieses Interesse zum ideellen Austausch mit Touristen brachten auch einige Kel Timia zum Ausdruck. Dieser Wunsch spiegelt sich auch in der signifikant wachsenden Befürwortung des Schulunterrichts für Kinder, findet aber auch im häufi- gen Bedauern älterer Kel Timia über das persönliche Versäumnis einer Schulausbildung seinen Ausdruck. Begründet wurde das wachsende Interesse am Schulunterricht zumeist mit dem Hinweis auf die Aneignung solcher Kompetenzen, die den kommunikativen Austausch mit Touristen er- leichtern und damit die entsprechenden wirtschaftlichen Nutzungschancen verbessern würden. Die- se Diagnose erweckt den Anschein, als ob Wohlrapp mit seiner Argumentation geradezu die "offe- nen Türen" der Kel Timia einrennen würde. 110 Wohlrapp 1998, S. 287. 111 Vgl. dazu nochmals Obrecht 1995, S. 60 ff. 112 Wohlrapp 1998, S. 246. 773 22.7.6.3 Das Paradoxon der Rationalisierung ethnischer Diskurskulturen An dieser Stelle darf man sich jedoch nicht zu früh freuen, denn diese Willensäußerung der Kel Timia trägt nichts zur Beantwortung der Frage nach deren Geltung bei. Argumentiert man nämlich mit dem transzendentalpragmatischen Ansatz, so sind bloße Willensäußerungen, ob sie nun die Befürwortung eines stärkeren Tourismusengagements oder einer Schulausbildung zur Vermittlung einer modernen, westlichen Denkkultur betreffen, eben nichts weiter als Willensäußerungen. In Hinblick auf eine universelle Geltung aber spielen sie keine Rolle. Vielmehr führt die Forderung Wohlrapps nach der aktiven Veränderung der kulturspezifischen Verständigungsprozesse als Vorbedingung für die diskursiv begründete Geltung von solchen Äuße- rungen im interkulturellen Kontext zu einer paradoxen Situation: Nimmt man nämlich an, 1. dass die Willensäußerung der Kel Timia für ein touristisches Engagement - und somit für eine kulturelle Modernisierung - nur dann als Kriterium für eine universell gültige ethische Ent- scheidung anzuerkennen ist, wenn sie dies rational überzeugend argumentieren können, und 2. dass Kel Timia zur Erlangung dieser qualifizierenden Fähigkeit ihre Kultur erst weitgehend modernisieren müssten, dann kommt man zu dem paradoxen Ergebnis, dass sich die Kel Timia im Grunde niemals „gültig“ im transzendentalpragmatischen Sinn für oder gegen Tourismus (mitsamt seinen modernisierenden Folgen) entscheiden können: ¾ Im ersten, zeitlich vorgelagerten Fall wird den Kel Timia der Mangel am „nötigen Wissen“ und an der notwendigen „kritisch-rationalen Reflexionskultur“ vorgehalten; ¾ haben sich die Kel Timia aber dem von Wohlrapp geforderten kulturellen Wandel unterzo- gen und die „notwendige“ argumentative Kompetenz erlangt, dann könnten die Kel Timia endlich „gültig“ eine rational überzeugend argumentierte Entscheidung treffen. Somit würde ein Transzendentalpragmatiker diese Entscheidung als sinnvoll anerkennen. Sollten sich die Kel Timia jedoch, ausgestattet mit ihrer kritisch-rationalen Argumentationskultur, etwa we- gen befürchteter soziokultureller Auswirkungen und aus Sehnsucht nach ihrer Befindlichkeit vor dieser modernen Kommunikations- und „Erkenntnisfähigkeit“, nunmehr gegen ein En- gagement im Tourismus entscheiden, so wäre diese Entscheidung bereits obsolet. Im Sinne von Wittgensteins Prinzip, dass man niemals ein Spiel zweimal spielen könne, hätten die Kel Timia zu diesem Zeitpunkt längst ihre (Kommunikations-)Kultur aufgegeben und wären an- dere geworden. Doch in diese prärationale, soziale Welt gibt es kein Zurück mehr, es sei denn illusionär und vorübergehend als Ethno-Tourist. Daraus folgt aber, dass das Argumentationsprinzip des Transzendentalpragmatismus auf eine Kul- tur mit anderen Kommunikationsregeln unmittelbar nicht angewendet werden kann, es sei denn, man erzwänge einen so grundlegenden Wandel dieser Kultur, dass sie gleichsam eine andere wird, nämlich eine Kopie der westlich-rationalen Kultur. Dies erscheint mir jedoch ein zu hoher Preis, der bereits Mitte des 20. Jahrhunderts als Mittel zur Entwicklung proklamiert und zum Teil mit Gewalt umgesetzt wurde - mit dem Erfolg, dass heute mehr Menschen hungern als je zuvor. 113 Wenn aber der wachsende Hunger und die Verelendung als Argument für oder gegen die Geltung eines philosophischen Arguments nicht ins Gewicht fallen, dann disqualifiziert sich dieses philoso- phische Argument als Kriterium für eine angewandte Ethik von selbst. 113 Siehe dazu das Kap. „Entwicklung" - der ideologische Wandel und die Krise eines Entwicklungsbegriffs/Der Wandel der Ent- wicklungsparadigmen im 20. Jahrhundert/Die Modernisierungstheorien“. 774 Daraus folgt, dass Wohlrapp und auch andere Vertreter des Transzendentalpragmatismus letztlich überzeugende Argumente oder wenigstens Ansätze dafür schuldig bleiben, auf welche Weise ihre Diskursethik auf andere Kommunikationskulturen praktisch anzuwenden sei. 22.7.7 Die Unmöglichkeit, Präferenzen letztgültig zu argumentieren Ein Hauptargument gegen den Transzendentalpragmatismus wurde noch nicht genannt, nämlich jenes von der Unmöglichkeit, persönliche Präferenzen letztgültig zu argumentieren. Praktische ethische Entscheidungen sind zumeist solche, die nicht nur zum Abwägen zwischen verschiedenen „universellen“ Werten zwingen, sondern auch zum Abwägen zwischen verschiedenen Interessen, Prioritäten und Präferenzen. Wenn wir die Frage zur friedlichen Nutzung der Atomkraft stellen, so können wir den Atomkraftgegnern, die mit ihrer Angst vor den Folgen eines Super-GAUS argu- mentieren, die mehr oder minder geringe Wahrscheinlichkeiten solcher Unfallrisiken entgegen- halten. Dies ändert jedoch nichts an der Angst, die als Ausdruck der individuellen Weltinter- pretation gemäß dem Prinzip der Menschenwürde anzuerkennen ist. Im Übrigen haben die Folgen von Tschernobyl sehr deutlich vor Augen geführt, dass die Angst vor Nuklearenergie berechtigt war und ist, und dass derartige Folgen irreversibel sind. Freilich ist Angst als Ausdruck des unbefriedigten Fundamentalbedürfnisses nach Sicherheit glei- chermaßen kein absoluter Wert. Würde man sämtliche Möglichkeiten, vor deren Verwirklichung irgendein Betroffener Angst hat, unverwirklicht lassen, so wären wir lebens- weil reaktionsunfähig. Wir befinden uns hier mitten in der Problematik der Technikethik, nämlich jener der Technikfol- genabschätzung: Soll eine Technologie, deren Auswirkungen auf Umwelt und Bevölkerung nicht absehbar ist, umgesetzt werden, weil man sich davon Nutzen erwartet? Oder soll man ihre Umset- zung unterbinden, um möglichen noch unbekannten Folgen zuvorzukommen? Damit man mich nicht falsch interpretiert: Ich argumentiere keinesfalls gegen eine kritisch- rationale Argumentationsmethode als Basis für eine nachvollziehbare Entscheidungsfindung. Wäre dies der Fall, so befände ich mich als Autor der vorliegenden Dissertation in einer paradoxen Situa- tion. Wohl aber kann ich den transzendentalpragmatischen Diskurs als Methode zur Herstellung von universeller Gültigkeit nicht anerkennen, weil es Präferenzen gibt, die nur bis zu einem gewis- sen Grad begründbar sind. Natürlich kann ich Gründe dafür angeben, warum ich mich - im Gegen- satz zu Kant - für eine Ehe, und dies mit einer ganz bestimmten Frau entscheide. Dass ich aber die Werte hinter diesen Gründen, etwa der Wert einer stabilen Partnerschaft als Grundlage für eine funktionierende Familie oder die Höherwertigkeit einer stabilen Partnerschaft gegenüber der indi- viduellen Handlungsfreiheit, als für mich wesentlich erachte, ist meine persönliche Entscheidung und meine persönliche Präferenz. 114 Diese Anerkennung menschlicher Präferenzen, die wir für uns in Anspruch nehmen, ist aber ge- nauso auch gegenüber den Kel Timia einzulösen: Mögen deren Präferenzen auch nicht so ausge- feilt, tiefgründig und rhetorisch geschickt argumentiert werden, wie dies Philosophen zu beherr- 114 Am Abend vor der Hochzeit in Timia hielt ich um die Hand meiner damaligen Freundin und jetzigen Ehefrau an, wobei ich mich einiger ausgefeilter sachlicher und rationaler Argumente bediente, um meine Gefährtin zu einem "Ja-Wort" zu bewegen. Sinngemäß verwies ich darauf, dass wir bereits eine hinreichend lange Probezeit erfolgreich absolviert hätten und es insofern opportun wäre, diese Bindung zur zusätzlichen Stabilisierung gleichsam auf ein institutionelles Fundament zu stellen. Darauf fragte mich meine Gefährtin, ob dies etwa ein Antrag seien sollte. Auf meine zustimmende Antwort meinte sie: „In der Form kannst Du Dir das spa- ren!“ Ich benötigte noch zwei weitere Versuche, bis es mir gelang, aus meiner rationalen Argumentationsweise gleichsam auszu- steigen und das in solchen Situationen „übliche“ i.S.v. „Geltung stiftende“ Ritual überzuwechseln: auf Knien, romantische Floskeln säuselnd, um ihr Ja-Wort zu flehen. Erst dann erzielte ich den erstrebten Erfolg. Offensichtlich ist sachliche „Gültigkeit“ nicht gleichzusetzen mit Geltung! 775 schen gerne in Anspruch nehmen, so stehen hinter diesen Äußerungen dennoch Wertentscheidun- gen, die zumindest für die betreffende Person selbst anzuerkennen sind. Daraus folgt keineswegs unmittelbar das Gewicht dieser Entscheidungen im Konflikt mit anderen, widerstreitenden Wert- entscheidungen innerhalb desselben Bezugsrahmens. Es folgt lediglich daraus, dass eine bestimmte Präferenz nicht allein deswegen als bloßer Ausdruck eines „falschen Bewusstseins“ zu entwerten sei, weil sie nicht hinreichend plausibel argumentiert werde. Um es mit Spittlers Worten im Hin- blick auf die Kel Timia zu formulieren: Die wichtigste Voraussetzung für die langfristige Lösung der Probleme der Kel Timia sei, „de ne pas considérer les gens du Sahel comme les objets d’une planification venant d’en haut ou de l’extérieur, mais de les prendre au sérieux. Cela signifie éga- lement qu’on reconnaît leur responsabilité“. 115 22.7.8 Erkenntnistheoretische Grenzen der Transzendentalpragmatik Der Vollständigkeit halber weise ich abschließend auch noch auf die erkenntnistheoretischen Grenzen hin, die der universellen Geltung eines diskursethischen Arguments im Wege stehen. Wenn nämlich Kambartel für die Universalität der Geltung fordert, dass diese u. a. „umfassend (ist), insofern sie alle relevanten Probleme betrachtet“ 116, so scheitert die Erfüllung dieser Forde- rung daran, dass wir bei ethischen Diskursen 1. häufig (noch) nicht wissen können, welche Probleme relevant sind oder sein werden. Dafür beispielgebend ist die Frage möglicher Technik-Spätfolgen. In der Praxis werden hier ver- schiedene Risiken abstrakt kalkuliert und der Präferenzabwägung zugrunde gelegt. Im Fall des AKW von Tschernobyl waren diese Entscheidungsgrundlagen offensichtlich falsch … 2. Die Forderung der Vollständigkeit der relevanten Probleme ist uneinlösbar: Um nämlich be- urteilen zu können, ob ich alle relevanten Probleme berücksichtigt habe, muss ich erst alle Probleme kennen, um dann entscheiden zu können, welche als relevant zu berücksichtigen oder als irrelevant zu vernachlässigen sind. Dann aber bin ich gefangen in einer unendlichen Suche nach allen Problemen und gelange somit niemals zu einer Entscheidung. 3. Damit wurde auch schon die erkenntnistheoretische Problematik im Bereich der „objektiven“ Entscheidungsgrundlagen angesprochen. Ich selbst hatte ja nachdrücklich für den notwen- digen, unabdingbaren Bezug auf empirische Rahmenbedingungen für die ethische Beur- teilung einer Handlungsoption argumentiert. Entgegenzuhalten ist diesem Argument jedoch nicht, wie so häufig von Philosophen vorgebracht, dass es eines letztbegründeten Kriteriums im Sinne eines universell gültigen Werts für eine „richtige“ Entscheidung bedürfe. Vielmehr leidet der Empiriebezug an den schlichten Grenzen der Erkenntnisfähigkeit an sich - und noch viel mehr an der Verlässlichkeit der Erkenntnis der Wissenschaften. Dies gilt im Besonderen in den Sozialwissenschaften, wie der wechselhafte Entwicklungsdiskurs verdeutlicht. 117 Dies gilt aber auch in den naturwissenschaftlichen Bereichen, etwa in der Klimaforschung. Dies gilt aber noch viel mehr für die Wissenschaften als soziale Institution, also für die Aufrichtig- keit der Forscher. Wenn aber die sachlichen Grundlagen eines Arguments letztlich Glaubens- sache sind, etwa ob der Irak im Besitz von Massenvernichtungsmassen ist oder gar kurz vor der Nuklearwaffenproduktion steht, dann wird damit der gesamte Diskurs über einen gerech- ten Präventionskrieg gegen den Irak obsolet. 115 Spittler 1993, S. 13 f. 116 Kambartel 1992, S. 275; kursiv von mir gesetzt. 117 Siehe dazu das Kap. „Entwicklung" - der ideologische Wandel und die Krise eines Entwicklungsbegriffs.“ 776 Damit wird letztlich deutlich, dass ein „universell gültiges“ Argument nicht existieren kann, son- dern lediglich ein solches, das den beteiligten Kreis überzeugen kann - oder auch nicht. Dass aber ein Argument überzeugend ist, hängt jedenfalls nicht nur von seiner kritisch-rationalen Konstrukti- on ab. Vielmehr ist ausschlaggebend, 1. ob der Argumentationsführer gewillt ist, die Diskursbeteiligten als Individuen mit individuel- len Verständnishorizonten anzuerkennen, indem er auf sie eingeht und sich um ihr Verständ- nis bemüht; 2. und ob die Diskursbeteiligten gewillt sind, den Argumentationsführer als Individuum mit einem spezifischen Verständnishorizont anzuerkennen, indem sie sich auf ihn einlassen, um zu einem gemeinsamen Verständnishorizont zu gelangen. 3. Erst innerhalb dieses Horizonts kann Geltung durch Überzeugung erlangt werden. 22.8 Kulturalismus Im Gegensatz zum Transzendentalpragmatismus, der auf dem universalen Konzept der Diskurs- ethik beruht, geht der Kulturalismus von den konkreten Bedingungen lokaler Problembereiche aus und bemüht sich in einem ersten Schritt um die Entwicklung problemorientierter, lokaler Lösun- gen. Erst in einem zweiten Schritt wird das langfristige Ziel der Überwindung partikularistischer Positionen anvisiert, wenn sich diese für eine weitere Universalisierung eigenen sollten und wenn die Situation ihre weitere Universalisierung erfordert. Im Gegensatz zum universalistischen Zu- gang wird dies als „bottom-up-approach“ 118 verstanden. Der Vorteil dieser Methode besteht darin, in einen System, dessen Wertgefüge prinzipiell zwar mit dem eigenen nicht vereinbar ist, Verände- rungsprozesse aktiv mitzugestalten. Dies kann etwa in der Förderung und Etablierung von Ausbil- dungsstrukturen bestehen, wodurch die Sensibilisierung für die westliche Kultur und damit auch die eigene Kultur gefördert werde, um auf diese Weise die Fähigkeit zum Umgang mit der Ver- schiedenartigkeit der Kulturen zu schaffen. Insofern verfolgt der Kulturalismus wohl eine ähnliche Strategie, wie sie auch von Wohlrapp 119 im Sinne der Schaffung von entsprechenden Rahmenbedingungen als Vorbedingung für den funktio- nierenden Diskurs fordert. Doch der Kulturalismus geht weit über das Maß des Universalismus 120 hinaus. 22.8.1 Der methodische Konstruktivismus Der Kulturalismus baut auf dem von Kambartel 121 entwickelten methodischen Konstruktivismus auf, der auf einer prinzipiellen Sensibilität für die Kulturgebundenheit von Sprachregelung und Wertvorstellungen beruht. Dies wird jedoch nicht als kulturrelativistischer Zugang verstanden. Vielmehr geht dieses Konzept von der Möglichkeit aus, „Bemühungen zur Universalisierung auf der Ebene gemeinsam zu gewinnender lebenspraktischer Orientierungen in Gang zusetzen.“ Das Wesen liegt somit in der „Herstellung einer Wortgemeinsamkeit“, anknüpfend an eine gemeinsame 118 Steinmann/Scherer 1998b, S. 67. 119 Vgl. Wohlrapp 1998, S. 287. 120 Vgl. dazu die oben von Wohlrapp (1998, S. 246) genannten Grenzen des sich Einlassens auf die andere Kultur. 121 Vgl. Kambartel 1989. 777 Lebenspraxis, die zuweilen jedoch selbst erst herzustellen wäre 122. 22.8.2 Vernunft als Praxis Das kulturalistische Konzept geht von der Grundannahme aus, dass die Philosophie nicht imstande sei, „den Begriff der Vernunft in Gestalt von Definitionen, Kriterien oder Prinzipien abschließend zu formulieren und damit die reklamierte Vernünftigkeit des eigenen Vorgehens begrifflich einzu- holen“. 123 So sind etwa Steinmann & Scherer von der Sinnlosigkeit des Unterfangens überzeugt, für das Verständnis des Vernunftbegriffs eine „bloß verbale Definition gleichsam am Schreibtisch des Philosophen“ 124 zu gewinnen. Vielmehr sei man „angewiesen auf die praktische Einbettung dieses Wortes in eine konkrete Lebenssituation“, die Kambartel die „dialogisch-praktische Ba- sis“ 125 des Verstehens nennt. Auf dieser Basis sei Vernunft gleichsam als „Kultur“ in der Hinsicht zu bestimmen, dass sie als eine Form eingeübter Praxis zu verstehen sei. Dieser „praxeologische Kulturbegriff" 126 enthält zwei wesentliche Komponenten, nämlich 1. die Gestaltung einer gemeinsamen Lebenspraxis i. S. der Bildung gemeinsamer Standards für richtiges oder gelingendes Handeln und 2. den Umstand, dass eine derartige Kultur niemals vollkommen objektivierbar im Sinne ihrer Erfassung „in beobachtbarer Distanz“ sei. „Der angemessene Zugang zu ihr ist nicht Empi- rie, sondern Teilnahme" 127, wie dies Girtler mit seiner Methode der teilnehmenden Beobach- tung 128 bzw. Spittler mit jener der „dichten Teilnahme“ 129 vorschlägt. Das Grundprinzip des Kulturalismus dreht sich somit um die Frage, ob es an einer gemeinsamen Praxis mangelt bzw. „ob und wie wir überhaupt das kulturelle Territorium des anderen ein Stück weit betreten können“. 130. Und dies könne letztlich durch nichts anderes als die Herstellung einer Verträglichkeit durch eine gemeinsame praktische Basis geschehen, die erst zu schaffen sei. In einem Prozess der Interaktion mit Angehörigen fremder Kulturen geht es also auch wesentlich um die gleichzeitige Erforschung und Gestaltung dieser Interaktion mit dem Ziel, dass diese getrennten Lebensformen verträglich werden. Ich persönlich würde diesen Prozess als den der Vertrauensschaffung bezeichnen. In der Praxis zweier sich begegnenden Personen dienen dazu die Begrüßungsrituale, welche der Rekonstruktion eines gemeinsamen Geltungskontextes dienen. Darum scheitern oft solche kommunikativen Akte zwischen zwei oder mehreren Gesprächspartnern, wenn gewisse Rituale oder Sprachregeln nicht eingehalten wurden, etwa wenn jemand „mit der Tür ins Haus fällt“. In diesen Situationen schlägt die kommunikative Situation von einem Gespräch zweier gleichgestellten Personen in eine zwi- schen einem Angreifer und einem Verteidiger um, weil dem zweiten keine Gelegenheit gegeben war, sich auf die „Beichtstuhl-Situation“ und die damit verbundene Rolle einzustellen. Dies ist übrigens ein häufiger Grund für das Scheitern von Handelsgesprächen im interkulturellen Kontext: Während etwa Angehörige der zentraleuropäischen Handelskultur lieber rasch „zur Sache“ kom- men, pflegen Orientalen beim Tee erst lang und breit über alle möglichen privaten Themen zu plaudern, bis sie zum eigentlichen Handelsthema kommen und dieses dann relativ rasch abhan- 122 Vgl. Steinmann/Scherer 1998b, S. 48. 123 Wohlrapp 1998, S. 250 124 Steinmann/Scherer 1998b, S. 59. 125 Kambartel 1991; Hinw. in ebd. 126 Kambartel 1998a, S. 212. 127 Ebd. 128 Vgl. Girtler 1980. 129 Vgl. Spittler 1998, S. 66. 130 Wohlrapp 1995, S. 155. 778 deln. 131 Die kulturalistische Idee hinter diesem Konzept liegt in der größtmöglichen Offenheit der inhaltli- chen Bestimmung von Zielen, der Arbeitsweise hinsichtlich der Zielfestlegung und auch der dabei erforderlichen Konflikthandhabung. Kurz gefasst geht es um die Lernkultur, mittels welcher ange- sichts der zunehmenden Heterogenität kultureller Wertvorstellungen in höherem Maße zur Kon- fliktbeilegung beigetragen werden könnte als mit Hilfe allgemeiner Prinzipien. Das bedeutet, dass aller Anfang in der Orientierung an lokalen Geltungsansprüchen liegen muß, um dann an- schließend weitere Verträglichkeit suchend eine breitere Basis zu entwickeln. Das dafür zu erfor- schende Feld sei jedenfalls der Bereich des „Mündlichen“, des „Besonderen“, des „Lokalen“ und des „Zeitgebundenen“ 132, wie Toulmin meint. Die Überzeugung für die relativ größere Brauchbarkeit dieses Konzepts zur ethisch vertretbaren interkulturellen Konfliktlösung beruht nach Schneider auf den historischen Erfahrungen zahlrei- cher Tragödien, die auf der Grundlage von „Gewissheiten“ zugefügt wurden: „Führt man sich die ‚Irrtümer’ auch der moralisch Wohlmeinenden in der Geschichte der westliche Kultur, von der Sklaverei über die Hexenverfolgung bis zur Kolonialgeschichte, vor Augen, oder denkt man an die modernen Dilemmata etwa in der Tierhaltung oder der Embryonenforschung, so erscheint es naiv, zu meinen, wir verfügten über universale, zwingend gültige Prinzipien (oder seien doch kurz da- vor), die uns die Erfahrung, ‚alles falsch gemacht’ zu haben, ein für allemal ersparen könnten.“ Doch gerade „die Anerkennung der Fragwürdigkeit der eigenen Sehweise bedeutet dann nur die Anerkennung der Möglichkeit, sich zu täuschen“ 133, was nicht von der Pflicht entbinde, Täuschun- gen unter Einsatz aller möglichen Mittel zu vermeiden. 22.9 Die jeweiligen Grundpositionen aus der Sicht der Gegenposition 22.9.1 Kritik der Transzendentalpragmatiker am Kulturalismus Der Kernvorwurf der Transzendentalpragmatiker gegenüber den Kulturalisten, insbesondere auch gegenüber den Anhängern der Postmoderne, ist jener des Kulturrelativismus, dass nämlich Kultu- ren nicht miteinander vergleichbar, gleichsam ethisch inkommensurabel seien, weil der Welt eine unüberwindbare Pluralität der Geschichte und der Lebensformen innewohne. 134 Auch von man- chen Anthropologen, wie Hatch, wird die nach transzendentalpragmatischer Ansicht unhaltbare Position vertreten, dass es keine absoluten, bindenden Wertestandards gebe, sondern dass morali- sche Urteile stets von ihrem kulturellen Hintergrund abhängig seien. 135 Die fundamentale logische Konsequenz derartiger kulturrelativistischer Positionen sei nach Ansicht der Transzendentalprag- matiker der Umstand, dass die Kritik fremder Kulturen nicht möglich, sondern durch ein totales Toleranzgebot zu ersetzen sei: „We ought to be completely tolerant of other ways of life." 136 Das hätte aber die völlige Immunität von Kulturen und auch von kulturellen Entitäten, wie Unter- 131 Vgl. Friedl 2002a, S. 81 f. 132 Toulmin 1994, S. 281 f. 133 Schneider 1994, S. 18. 134 Vgl. Steinmann/Scherer 1998b, S. 47. 135 Vgl. Hatch 1983, S. 1 ff. 136 Ebd., S. 2. 779 nehmen, gegen die Kritik von außen zufolge, verbunden mit der Konsequenz, dass die Möglichkeit „vernünftiger Konfliktlösungen“ 137 negiert werde. Das wiederum würde dazu zwingen, die konkre- te Machtverteilung so zu akzeptieren, wie sie gerade ist, was dann zu einer „Lösung durch ‚Assimi- lation’, also zur Dominanz der mächtigeren Kultur über die Minderheitenkultur“, führen würde. In methodischer Hinsicht wird gegen die Kulturalisten vorgebracht, sie meinten, Normatives aus der eigenen Lebenswelt durch Distanzierung rekonstruieren zu können. Dies sei jedoch ein Trug- schluss, denn Rekonstruktion allein verleihe noch nicht normative Qualität, sondern sei lediglich deskriptiv. Vielmehr wäre dazu das Einnehmen einer „regulativen Überschreitungsperspektive des etablierten Moralbewusstseins“ nötig, wozu die Kulturalisten nach Gronke „aufgrund der behaup- teten Gebundenheit jeder Vernunftrekonstruktion an die Bezugnahme auf die in der jeweiligen Kultur eingeübte (normative) Vernunftspraxis nicht in der Lage“ seien. Daraus würde wiederum folgen, dass die Kulturalisten wegen „der selbst auferlegten Beschränkung auf die normativen Tat- sachen einer kulturalistischen Binnenperspektive“ eben dieser „verhaftet“ blieben, weshalb sie so- mit logischerweise – im Widerspruch zu ihrem Anspruch – „Relativisten wider Willen“ 138 seien. Im Gegensatz dazu erfordert die Zugangsweise der Transzendentalpragmatiker nach Gronke eine „reflexive Einstellung, die auf die Sinnvoraussetzungen der eigenen aktuellen Rede reflektiert. Die Dialogpartner werden mit Behauptungen konfrontiert, deren Geltung sie nicht bestreiten können, wenn ihre aktuelle Geltungsbestreitung als Dialogbeitrag, der für andere als Geltungsbestreitung verständlich ist, gelingen soll.“ 139 Dies sei z. B. die „unbedingte Verpflichtung, alle anderen Dis- kurspartner als gleichberechtigt anzuerkennen“. Aus dieser Zugangsweise heraus scheint es „nicht möglich, die absolute Geltung dieser Diskursnorm zu bestreiten, ohne sich als verständlicher Dia- logpartner aus dem Diskurs herauszuziehen“. Gronke stellt dies an folgenden zwei Punkten klar: 1. “Im reflexiven Diskurs (geht es) nicht um die Klärung der bloß formalen Aspekte des Argu- mentationsbegriffs, sondern um die Aufdeckung der notwendigen Sinnbedingungen der Ar- gumentationspraxis“ und insofern um eine „synthetische Argumentation“ 140. 2. Dabei geht es um eine strenge Umsetzung der Praxeologie, indem das Hauptgewicht auf die aktuelle, praktisch inhaltliche Lebenserfahrung gelegt werde. Insofern sei gerade der „Bot- tom-up-Approach“ auch kennzeichnend für die Transzendentalpragmatik. Die Beanspruchung für die Gültigkeit der eigenen Argumente „duldet keine Einschränkung der Argumentation anderer“, setzt also die permanente Bereitschaft voraus, „die eigenen Argumente den Falsifikationsversuchen der anderen auszusetzen, das heißt von ihnen zu lernen.“ 141 Zusammenfassend werfen die Transzendentalpragmatiker den Kulturalisten vor, sie würden den Anspruch der kommunikativen Entwicklung gemeinsamer Grundlagen allein im Zuge der gemein- samen Praxis nicht erfüllen können. Vielmehr blieben sie auf der Ebene eines schlichten Kulturre- lativismus hängen, weil sie nicht die tieferen Umstände ihres Kommunizierens kritisch reflektieren würden. Das aber sei die Voraussetzung für die Schaffung einer universalistischen Grundlage. 137 Steinmann/Scherer 1998b, S. 37; kursiv im Original. 138 Gronke 1998, S. 396 f. 139 Ebd., S. 397; kursiv im Original. 140 Ebd., S. 398, kursiv im Original. 141 Ebd., S. 392, kursiv im Original. 780 22.9.2 Kritik der Kulturalisten am Universalismus bzw. an der Transzendentalpragmatik Einer der wesentlichen Kritikpunkte der Kulturalisten gegenüber der Transzendentalpragmatik ist die paradigmatische Betonung der Vernunft als universell gültige Methode für den interkulturellen Wertediskurs. Dies beginne für Wohlrapp schon mit dem Problem der „fehlenden Substanz des Vernunftbegriffs“, weil doch zu den zusammenhängenden Begriffen wie Vernunft, vernünftiges Argumentieren und dessen Bedeutung für das Leben nur „im Hinblick auf Formen und Verfahren“ von den Transzendentalpragmatikern Überlegungen angestellt würden, wogegen die „anthro- pologische Innenseite dieser Formen und Prozeduren, die ein bestimmtes Verhältnis des Menschen zu anderen Menschen und zur (...) Natur festschreibt, (...) unberücksichtig“ 142 bliebe. Diesen Aspekt kehrt Wohlrapp am Beispiel des Verhältnisses der westlichen Vernunft zu tradi- tionellen, durch Religion oder Tradition „außengesteuerten“ Kulturen anhand folgender Überlegun- gen zu Rolle und Funktion der Religion deutlich hervor. 22.9.2.1 Rolle und Funktion von Religion aus Sicht der Kulturalisten Entweder müsse die Religion eine „primitive Vorstufe der Vernunft“ sein, wodurch sie dann ei- gentlich „keine Kultur im emphatischen Sinne“ bilden könnte, oder sie vollbrächte auch eine „Kul- tivierung der Lebenspraxis. Dann wäre aber die Vernunft nur eine kultivierende Instanz unter ande- ren und hätte ihre Überlegenheit sehr wohl noch eigens auszuweisen.“143 Demnach können gewisse Situationen – also das Bestehen verschiedener Umstände und Tatsachen, wie etwa eine Dürre bei den Kel Timia – nach „westlicher Vernunft“ betrachtet völlig andere Interpretations- und Verhal- tensweisen mit (und das ist besonders bedeutsam!) anderen Konsequenzen nahe legen, als dies nach traditioneller Vernunft der Kel Timia der Fall wäre. So basiert etwa der ökonomische Rationalitätsbegriff auf Kategorien wie Nachfrage, Preis, Effi- zienz etc. Keine Bestandteile dieses Begriffs sind außerökonomische Faktoren, wie kulturelle Wertvorstellungen oder moralische Ansprüche. Sie stellen allenfalls „nicht veränderbare Be- schränkungen“ 144 dar. Insofern beansprucht dieser ökonomische Rationalitätsbegriff kulturinva- riante, universelle Geltung und bezieht die Möglichkeit interkultureller Konflikte gar nicht in Be- tracht, liefert somit auch keine Gestaltungshinweise zur Beilegung solcher Konflikte. Beurteilt nach diesem Rationalitätsbegriff würden freilich manche der Verhaltens- und Reaktionsweisen der Kel Timia unmittelbar als irrational empfunden werden, zumindest solange man nicht die religiöse Interpretation von Ereignissen, wie Dürre, und deren handlungsanleitende Bedeutung kennt: 145 Im Jahr 1984 erlebte Spittler, wie die Kel Timia auf fröhliche und feierliche Weise das „Gani-Fest“ zu Ehren des Geburtstags des Propheten Mohamed feierten - inmitten einer katastrophalen Dürre, die von Krankheit und Tod zahlreicher Kel Timia gekennzeichnet war. Obwohl die Hirse so knapp 142 Wohlrapp 1998, S. 261. 143 Ebd., S. 251. 144 Steinmann/Scherer 1998b, S. 39. 145 Vgl. Spittler 1993, S. 297 ff., wo die verschiedenen Interpretationsweisen von Phänomenen wie Dürren, Hungersnöte, Rezzus und Tod durch die Kel Timia beschrieben werden. Dass die Kel Timia sich mit abstrakten Fragen und Erklärungen sehr schwer tun und zudem das Fragen auch sozialen Normen unterworfen ist, wurde bereits erwähnt. (Vgl. Spittler 1998, S. 69 f.; 247.) 781 war, dass im Alltag häufig überhaupt nur Blätter zu einer Mahlzeit zubereitet werden konnten, be- gangen die Kel Timia in aller Ausgelassenheit ihr Fest. Eine Woche lang drehten sich die Gesprä- che nur um die prachtvollen Kamele, und die Mädchen kümmerten sich nur um ihr Aussehen und den nötigen Schmuck anstatt um die Hirse, die Spittler damals verteilte. Aber schon wenige Tage später drehten sich alle Gespräche nur noch um die damals aktuelle, unmittelbar erlittene Tragö- die. 146 Aus rationaler Sicht könnte man nun geneigt sein zu argumentieren, die Kel Timia hätten, anstatt „ökonomisch“ zu handeln und rigoros für die Zukunft zu sparen, in „unvernünftiger“ Weise die Nahrung verschleudert. Zieht man zur Interpretation dieses „Verprassens“ hingegen den kulturellen bzw. religiösen Kontext heran, so wird nachvollziehbar, dass die Kel Timia bewusst während einer gesellschaftlich vereinbarten Zeit quasi eine Auszeit von der als „Krise“ definierten Phase genom- men hatten, um vielleicht neue Kräfte zu sammeln und die Solidarität zu stärken. Auch die Definition der Krise unterliegt innerhalb der Kel Timia völlig anderen Vernunftskriterien als bei den Europäern: So erkannte Spittler, dass die laute Klage der Kel Timia über jeweilige ka- tastrophale Situationen weniger eine reale Situation schilderte, sondern vielmehr den Zweck ver- folgte, andere vom Versuch abzuhalten, den Betreffenden um Unterstützung zu bitten. Auf diese Weise meinte man das eigene Fortkommen besser abzusichern. 147 Diese Verhaltensweise erscheint in Nachhinein zwar plausibel, doch passt sie so gar nicht in unsere Vorstellung von einer solidari- schen Dorfgemeinschaft, die in realiter in der vom Westen idealisierten Form auch gar nicht exis- tiert. Derartige Erkenntnisse sind aber nicht durch Diskurse und Argumente zu gewinnen, sondern ausschließlich durch die Integration des Erkenntnissuchenden in den betreffenden sozialen Kon- text. Erst dann vermag er diese Erkenntnisse vor dem Hintergrund seiner eigenen Vernunftkultur zu konsistenten Erklärungen „zurecht zu zimmern“. Mit dieser abschließenden Bemerkung wurde bereits angedeutet, dass auch Kulturalisten keines- falls auf den westlichen Kulturbegriff verzichten wollen bzw. dass man, wie es Steinmann & Sche- rer formulieren, keinesfalls „hinter den jeweils erreichten kulturellen Entwicklungsstand (...) zu- rückzufallen“ brauche, sondern dass das Bemühen zur Aufrechterhaltung einer „Kultur der Ver- nunft“ von ihnen als völlig legitim betrachtet werde. 148 Es geht den Kulturalisten vielmehr um die Fragwürdigkeit der als selbstverständlich vorausgesetzten universellen Geltung des westlichen Vernunftsbegriffs. 149 22.9.2.2 Die kulturspezifische Interpretation der Menschenrechte Über das Verständnis von „Vernunft“ hinaus zielt ein klassischer Einwand gegen den Universalis- mus, nämlich jener gegen die Verallgemeinerbarkeit von Wertverständnissen. Dazu wird gerne das Beispiel der UN-Menschenrechtskonvention von 1948 bemüht und kritisiert 150, diese beruhe auf europäischen und amerikanischen Wertvorstellungen. Diese Wertvorstellungen werden jedoch in 146 Vgl. ebd., S. 11. 147 Vgl. ebd., S. 12. 148 Steinmann/Scherer 1998c, S. 405. 149 Gewisse Zweifel, die das ethische Selbstvertrauen und die Selbstgerechtigkeit des Westens tendenziell schwächen, meint Bau- man (1995, S. 29) unter Intellektuellen wahrzunehmen. Dabei gehe es um die Kapazität des Aufklärungsprojekts, jemals volle E- manzipation für alle Menschen zu ermöglichen, nämlich der Zweifel darüber, „whether the wedlock between the growth of rational control and the growth of social and personal autonomy, that crux of modern strategy, was not ill conceived from the start“. 150 Gaete (1999, S. 194) weist darauf hin, die US-Deklaration der Bürgerrechte von 1789 wie auch jene der Menschenrechte von 1948 seien nicht wie Gesetze „erlassen“ („enacted“) worden, sondern „ ‚declared’ to the world at large in the same way that Kepler declared the laws of planetary motion and Newton declared the law of gravity.“ Hierin komme die Überzeugung von deren univer- seller und zeitloser, von Kulturen unabhängiger Geltung zum Ausdruck. Diese „Erklärungen“ seien im Westen als die „discovery of the final and universal truth of medieval and monarchical justifications of authority“ präsentiert worden. 782 anderen Kulturen, in denen die Bedeutung der Gemeinschaft die des Individuums überwiegt und in denen die von der Gemeinschaft auferlegten Pflichten den entscheidenden Bezugspunkt für die Ordnung des Ganzen darstellte, nicht geteilt. In Skandinavien etwa werden auch wirtschaftliche Rechte im Sinne von sozialer Sicherheit zu den Menschenrechten gezählt. In ehemaligen kommu- nistischen Ländern werden unter Menschenrechten eher bürgerliche und politische Rechte, also primär bürgerliche Freiheitsrechte, verstanden. Die Afrikanische Menschenrechts-Charta wiederum basiert auf einem gemeinschaftsorientierten Ideal in Abkehr vom westlichen Individualismus. 151 Aufgrund dieser lokalen Besonderheiten und deren Negation im Rahmen der Durchsetzung der Menschenrechte auf universeller Ebene 152 wurde zuweilen der Vorwurf des Kulturimperialismus erhoben, wie Steinmann & Scherer anführen. 153 Die im Westen verbreitete Auffassung von der Universalität der Menschenrechte muss freilich vor dem Hintergrund einer abstrakten Idee von Gerechtigkeit verstanden werden, die auf dem Naturrecht beruht. Historisch habe das Konzept „Natur“ jenes der „Kultur“ ersetzt, wodurch es in der Folge ideologisch möglich wurde, die kultu- relle und historische Natur der Menschenrechte zu negieren und sie als etwas Ursprünglicheres als Kultur darzustellen. 154 Vor diesem Hintergrund wurden auch Menschen als grundsätzlich gleich, und kulturelle Differenzen als „merely something like different mental images of the same basic reality“, definiert. 155 Nach der Argumentation von Steinmann & Scherer verliere allerdings gerade durch diese Anma- ßung absoluter, universeller Geltung der universalistische Ansatz an Überzeugungskraft. 156 Im Ge- gensatz dazu betrachte der kulturalistische Ansatz das gegenwärtig westlich dominierte Verständ- nis von Menschenrechten „als das derzeit einzig verfügbare Modell, das die Frage nach dem fried- lichen Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen überhaupt stellt und dafür eine Lösungsmög- lichkeit entwickelt hat“. 157 Dies sei gleichsam das übertragene Prinzip von Popper, wonach die Menschenrechte solange gelten, bis etwas Besseres entwickelt wird. In ähnlicher Weise vertritt diesen Gedanken Beck, wenn er als Vertreter des „kontextuellen Universalismus“ für den „Wett- bewerb der Kulturen, Völker, Staaten und Religionen um die für die Menschen hilfreichste Kon- zeption von Menschenrechten" 158 argumentiert. 151 Hinw. in Beck 1997, S. 148. 152 So propagiert etwa Tibi (1995, S. 125 ff.) die interkulturelle Geltung der Menschenrechte. 153 Vgl. Steinmann/Scherer 1998b, S. 38. Gerade während des Kalten Kriegs dienten die Menschenrechte als ideologische Waffe der Propaganda und der Stärkung der Bürgertreue gegenüber dem Staat (vgl. hierzu die Analyse von Gaete 1993), wogegen diese nun- mehr als Waffen gegen kommerzielle Kontrahenten verwendet werden, etwa gegen Staaten, die Kinderarbeit zulassen (vgl. Gaete 1999, S. 196). 154 Vgl. Gaete (1999, S. 195) unter Hinw. auf die klassischen Vertreter der Naturrechtstheorien, Hobbes, Locke, Rousseau, Paine u.a. 155 MacGrane 1989, S. 118. 156 Vgl. Steinmann/Scherer 1998b, S. 70. So präsentierten etwa die USA auf der Menschenrechtskonferenz in Wien 1993 die westli- che Position „as an uncompromising ethical commitment to the integrity and indivisibility of human rights“ gegenüber den kulturre- lativen Positionen der Chinesen und anderer asiatischer Länder. Die US-Position entlarvt sich jedoch unweigerlich als bloße Rheto- rik, sobald man die sich wandelnde Interpretation der Menschenrechte durch den US-Supreme Court, abhängig von dessen jeweili- ger politisch motivierten Besetzung, betrachtet. Ähnlich seien auch die Entscheidungen des Europäischen Gerichtshofs für Men- schenrechte stark von der jeweiligen Auffassung vom guten Leben abhängig und sogar von politischen Sichtweisen. Insofern prakti- zieren die westlichen Menschenrechtsgerichtshöfe „a healthy relativism that Western governments denounce in China and South Asian countries“ (Gaete 1999, S. 196). Eine extremrelativistische Interpretation der Menschenrechte praktizieren die USA seit dem 11. 9. 2001 und dem alles legitimierenden „Anti-Terror-Krieg“: die Aberkennung jeglicher Verteidigungsrechte gegenüber den in Guantanamo stationierten Kriegsgefangenen aus dem Afghanistan-Krieg. Hier steht plötzlich das Sicherheitsbedürfnis der US- amerikanischen Oberschicht über der universellen Geltung der Menschenrechte. 157 Steinmann/Scherer 1998b, S. 70. Hinsichtlich der Anmaßung absoluter Geltung schränkt Gaete (1999, S. 195) kritisch ein, der selbstbewusste Westen bedürfe heutzutage nicht länger der Rückführung der Menschenrechte auf die Natur, vielmehr werden diese durchaus als „cultural artefact“ betrachtet, allerdings auf universalem Konsens basierend: „The ideology of human rights is today arguably global because there is no alternative ideology of justification of power.“ 158 Beck 1997, S. 148. 783 22.9.2.3 Die mangelnde Praxisnähe der Transzendentalpragmatik Eine Kritik der Kulturalisten an der Transzendentalpragmatik beruht auf der Auffassung, diese ziele „auf eine Rekonstruktion der denknotwendig gültigen, relevanten Argumentationsregeln ab,“ was Steinmann & Scherer als praxisfernen, gleichsam von oben aufgesetzten “Top-down-Approach“ ab- lehnen. Dagegen gehe es den Kulturalisten, insbesondere den Vertretern des Konstruktivismus der Erlanger Schule darum, „im konkreten Konfliktfall vernünftige Verhältnisse (wieder)herzustellen, Partikularitäten zu überwinden, auch und insbesondere in solchen Fällen, in denen eine gemeinsame praktische Basis noch nicht besteht." 159 Dabei spiele doch gerade der Argumentationsbegriff eine zentrale Rolle, denn für den interkulturellen Kontext seien unterschiedliche Auffassungen von „rich- tigen“ Argumentationsweisen typisch, weshalb nach Schneider das Argumentieren erst im Sozialisa- tionsprozess im Sinne einer gemeinsamen Praxis gelernt werden müsse.160 Die meines Erachtens bedeutendste Kritik an den Transzendentalpragmatikern richtet sich gegen die behauptete Praxisferne. So äußert etwa Leuken den Verdacht, dass die Diskurstheorie von Ha- bermas 161 oder Apel 162 und die ihr zu Grunde liegende Formalpragmatik dem Handeln Formen aufzwinge, die sie den theoretischen Vorgaben aus der Sprachphilosophie, z. B. jener Chomskys oder Searles, entlehnt habe, anstatt die jeweils geltenden Formen reflexiv aus dem konkreten Han- deln zu gewinnen. 163 Ähnlich lautet auch die Kritik Watzlawicks an der Psychoanalyse 164, denn immerhin geht es ja im Bereich der Psychotherapie letztlich auch nur um die krankheitsstiftenden Konflikte zwischen ver- schiedenen individuellen „Kulturen“, im Sinne Lugers bereits genannter Kulturkonzeption als „de- sign for living“. 165 Eine von Watzlawicks Lösungsmethoden zur Beseitigung von kommunikativen, scheinbar unlösbaren Konflikten beruht dementsprechend auf dem Prinzip der „Umdeutung“ von „Tatsachen“, die den Patienten aufgrund seiner gegenwärtig durch ihn zugeordnete Bedeutung läh- men. Dabei ist für eine erfolgreiche Umdeutung wesentlich, immer die Ansichten, Erwartungen, Gründe und Annahmen, also das spezifische Begriffssystem des Patienten, zu berücksichtigen. „Verwende, was dir der Patient selbst bringt, ist eine der grundlegenden Regeln Ericksons für die Lösung menschlicher Probleme“ 166. Doch genau dieses Prinzip stehe nach Watzlawick im Wider- spruch zur Psychoanalyse, die dem Hilfesuchenden erst eine neue begriffliche Sprache beibringen muss, um sich mittels dieser fremden Sprache mit seinem Problem auseinander zu setzen. Zu guter Letzt werde dem Patienten innerhalb dieses aufgezwungenen Kommunikationsrahmens eine Lösung serviert. Wirkungsvolle Umdeutungen setzen dagegen voraus, dass der Therapeut die Sprache des Patienten erlernt. Böhler fasst diese Sichtweise in der Hypothese zusammen, dass das Verständnis eines sprachlichen Ausdrucks wesentlich von den „Wortverwendungsregeln einer geschichtlichen Sprachmein- schaft“ 167 abhänge. Daraus folgt aber, dass der in der Transzendentalpragmatik erhobene, univer- selle Geltungsanspruch von der Existenz einer universellen geschichtlichen Sprachgemeinschaft abhänge, eine Unterstellung, die selbst der Diskursethiker Habermas zurückweist: „Wir können im- mer seltener auf Erfahrungen und einleuchtende Beispiele rekurrieren, die für verschiedene Grup- pen und Individuen dieselbe Bedeutung haben. Wir dürfen immer weniger damit rechnen, dass dieselben Gründe im Lichte verschiedene Relevanzsysteme für verschiedene Individuen und Grup- 159 Steinmann/Scherer 1998b, S. 68. 160 Vgl. Schneider 1994, S. 22 ff. Auf die spezifische Argumentationskultur der Kel Timia, die sozialen Normen folgt und, je nach Umständen wie dem Status der Diskutanten, sehr unterschiedlich gelagert sein kann, wurde bereits oben hingewiesen. 161 Vgl. Habermas 1983, 1991. 162 Apel 1988. 163 Vgl. Leuken 1992, S. 223 ff. 164 Vgl. Watzlawick et al 1988, S. 128 f.; kursiv im Original. 165 Luger 1999, S. 34. 166 Watzlawick et al 1988, S. 128. 167 Böhler 1991, S. 152. 784 pen dasselbe Gewicht haben.“ 168 Dies gilt erst recht im Kontext des interkulturellen Wertkonflikts, weshalb es nach Steinmann & Scherer „zuallererst die Praxis des Argumentierens selbst (ist), die die Unterscheidung trifft zwi- schen dem bloß Faktischen und dem, was zu Recht Geltung beanspruchen kann, und nicht etwa transzendentalphilosophische Reflexion“, die „immer erst an eine solche Praxis anschließen“ kön- ne. „Die (differenzierende) Konstitution der Bedeutung von Begriffen wie ‚Argumentieren’, Ver- nunft’ (...) ist nicht frei von Urteilen, sondern selbst Ausdruck einer gelungenen Lebenserfah- rung.“ 169 Hier wird die herausragende Bedeutung der Bewährung einer Lebenstechnik bzw. des Funktionierens einer kommunikativen Technik innerhalb einer Kultur deutlich. Vor diesem Hintergrund fragen dann auch Steinmann und Scherer weiter nach der normativen Geltungsgrundlage für eine regulative Idee. Aus kulturalistischer Sicht sei es „gerade ihr Gelingen in der (vernünftigen oder vernunftorientierten) Lebenspraxis, das es rechtfertigt, gemachte Erfahrungen als ‚regulative Ideen’ für die zukünftige Ori- entierung von Handlungen zu verwenden. 170“ Die innerhalb einer Kultur überzeugenden Orientie- rungen beruhen somit stets und ausschließlich auf der Basis des „historischen Standes einer gelunge- nen, vernunftorientierten Lebenspraxis“ und werden eben nicht transzendentalphilosophisch durch Denkakte eingeführt. So lautet auch die Kritik an Gronkes Argumentation, wonach dieser allein mittels eines „Gedan- kenexperiments“ 171, somit also über die Methode des bloßen „Denkens nach einem Geltungskrite- rium sucht, das außerhalb der Kommunikationspraxis angesiedelt ist“. 172 Ein solches Gedankenex- periment könne aber keinesfalls praxeologisch sein. Ob diese Kritik auch zutrifft, wird im ab- schließenden Abschnitt diskutiert. 22.10 Versuch einer Vermittlung zwischen Kulturalismus und Transzendentalpragmatik Auf den ersten Blick erscheint der Unterschied zwischen der transzendentalpragmatischen und der kulturalistischen Zugangsweise als unüberwindliche, trennende Barriere: − Die Kulturalisten verstehen sich als Pragmatiker in dem Sinn, dass sie umsetzbare Lösungen zu entwickeln suchen, deren Geltung auf der Anerkennung durch den betroffenen Personen- kreis beruht. Insofern verzichten sie bewusst auf das Kriterium der universellen Geltung zu- gunsten der Brauchbarkeit bzw. Umsetzbarkeit. − Dem gegenüber ist für die Transzendentalpragmatiker die Brauchbarkeit an sich noch kein hinreichendes Kriterium für die Geltung. Sie wollen kritisch reflexiv weiter gehen bzw. wie- ter suchen, wo die Kulturalisten sich bereits mit einer akzeptablen Lösung zufrieden stellen. Lässt sich die eine oder andere Position als „richtig“ oder „falsch“ beurteilen, oder beruht der scheinbare Widerspruch nicht vielmehr auf einem gegenseitigen Missverständnis? Ist der Wider- spruch nicht vielmehr eine Unterstellung aufgrund eines unterschiedlichen Sprachgebrauchs? 168 Habermas 1991, S. 202 f. 169 Steinmann/Scherer 1998c, S. 404 f. 170 Ebd., kursiv im Original. 171 Gronke 1998, S. 393 f. 172 Steinmann/Scherer 1998c, S. 405. 785 22.10.1 Das Missverständnis der Kulturalisten Meines Erachtens beruht die Kritik der Kulturalisten gegenüber der transzendentalpragmatischen (Teil-)Methode des Gedankenexperiments auf einem grundlegenden Missverständnis der Trans- zendentalpragmatik. Nun bin ich zwar selbst ein großer Anhänger der „Praxeologie“ im Sinne einer pragmatisch orientierten Problemlösungssuche, was weiter unten noch näher zu erläutern sein wird, doch geht es hier um eine tiefer liegende Problematik: Die Berechtigung des von Steinmann & Scherer erhobenen Vorwurfs der Realitätsferne eines „Ge- dankenexperiments“ erscheint nämlich dann verfehlt, wenn man sich das Konzept der Diskursethik nochmals deutlich vor Augen führt: Ein wesentliches Strukturelement der transzendentalpragmati- schen Diskursethik beruht ja gerade auf deren Mehrstufigkeit, was „eine unmittelbare Anwendung des Diskursgrundsatzes auf die Realität geradezu untersagt.“ 173 Vielmehr geht es auf dieser Ebene nach meinem Verständnis um die selbständige Reflexion der – in einem ersten Schritt subjektiv erfahrenen – kulturspezifischen Kommunikationsbedingungen des jeweiligen Gesprächspartners. So betont ja auch Bausch, dass das diskursethische Ideal im Sinne eines allseitig argumentativ vermittelten Konsenses auf die realen, kontingenten soziokulturellen Gegebenheiten kontextsensi- tiv in einer solchen Weise zu beziehen sei, dass die „geschichtlich-faktischen Ermöglichungsbe- dingungen“ 174 bereits mitbedacht sind. Umgemünzt auf einen konkreten Anlassfall kann das freilich nur als eine Art Oszillieren zwischen dem praktischen Kommunizieren mit den Angehörigen der fremden Kultur einerseits und einem selbständigen Reflektieren des Erfahrenen und Erlernten andererseits ablaufen. Denn gerade die selbständige Reflexion kann ja immer nur vor dem eigenen kulturellen Hintergrund geschehen, weil ein anderer Hintergrund nicht existiert. Erst wenn ein Forscher in das Stadium des „Going Nativ“ 175 übergegangen ist, womit er praktisch alle vormals vertrauten westlichen Kulturelemente und auch das westliche Denken aufgegeben bzw. verdrängt hat, denkt er nur noch vor dem bislang fremden, nunmehr inkorporierten kulturellen Hintergrund der anderen Kultur. In diesem Zustand wurde allerdings keine gemeinsame Basis im Sinne einer Synthese erreicht, sondern das Verständ- nis der fremden Kultur zum Preis der völligen Aufgabe der eigenen Herkunftskultur erworben. Es wäre dies eine Art von tautologischem Verständnis im Sinne einer totalen Assimilation. Demge- genüber läuft interkulturelles Verständnis auf der Basis von Analogien ab. Insofern unterliegen die kulturalistischen Kritiker der Transzendentalpragmatik einem grundlegen- den, jedoch keinesfalls unüberwindlichen Missverständnis. 22.10.2 Die „Kopflastigkeit“ der Transzendentalpragmatik Das Kernproblem der Konzeption der Transzendentalpragmatik liegt in einer scheinbaren Abgeho- benheit von der konkreten Praxis. In der Tat erhält man den Eindruck, die Vertreter dieser Rich- tung hätten noch niemals ihre Lehrpulte verlassen, um etwa ein Gespräch mit einem Beisl-Wirt oder gar mit einer Tuareg-Nomadin zu führen. Doch eben die praktische, nämlich lernende Ausei- nandersetzung mit der spezifische Sprachkultur – im hiesigen Kontext jene der Kel Timia, auf de- ren Eigenarten ich bereits mehrfach hingewiesen habe – ist eine fundamentale Voraussetzung da- 173 Gronke 1998, S. 394 f. 174 Bausch 1998, S. 325. 175 Vgl. etwa bei Girtler 1984, S. 63 ff. 786 für, überhaupt verstehen zu können, was der einer anderen Kultur angehörige Gesprächspartner überhaupt meint. Denn erst dann kann der nächste Schritt folgen, das Gemeinte hinsichtlich seiner kulturspezifischen Bewertungskriterien zu beurteilen, um adäquate Gegenargumente aufbringen zu können. Es geht also um das Lernen fremder „Sprachen“. Leuken formulierte diesen Gedanken unter Berufung auf Putnam 176 in der Weise, dass das Streben nach moralischer Universalität nicht mit Streben nach einheitlichen Lebensweise für alle verwechselt werden dürfe, was den Respekt und die Anerkennung für die Kulturen und Werte der jeweils anderen Gruppen voraussetze. Dazu sei aber Wissen über diese Kulturen nötig, weil nicht respektierbar sei, was man überhaupt nicht kennt. Darum sei gruppenübergreifendes Verständnis im Konflikt nur her- stellbar durch die Kommunikation der von ihnen gelebten Werte. „Im transkulturellen Dialog müssen wir uns auf unsere verschiedenen Lebens-, Leidens- und Lerngeschichten einlassen.“ 177 Und das be- deutet, die jeweilige Sprache der anderen zu erlernen, weil über die Sprache ein wichtiger Teil der kulturspezifischen Bedeutungen transportiert wird. Doch genau an diesem Mangel der Fremdsprachenbeherrschung scheitert der Dialog zwischen Transzendentalpragmatikern und Kulturalisten, wobei sich dieser Vorwurf gegen beide Seiten rich- tet: Beide Seiten scheinen nicht gewillt oder in der Lage zu sein, sich ihrerseits die Sprache des jeweiligen Gegenkonzepts wenigstens vorübergehend anzueignen, um in nachvollziehender Weise die Bemühungen der Gegenseite um Erkenntnis gebührend anzuerkennen. Dies zeigt sich etwa an defensiv-vorwurfsvoller Kritik Gronkes an den Kulturalisten, die jedoch am Ziel der Bemühungen der Kulturalisten völlig vorbeigeht. 178 Doch in gleicher Weise fühlt sich auch der Kulturalist Kam- bartel unverstanden und reagiert beleidigt, wie sein Vorwurf der Beinahe-„Denunziation“ 179 an die Gegenseite beweist. Dieser beinahe eskalierende Konflikt verdeutlicht, dass die gegnerischen Parteien längst die Sach- ebene verlassen haben und nunmehr im persönlichen Stellungskampf verharren: der Konflikt ist eskaliert. An dieser Stelle ist besonders den Kulturalisten vorzuwerfen, dass sie an der Selbst- anwendung scheitern, weil es ihnen nicht gelingt, entsprechend ihrem Dogma sich auf mensch- licher Ebene auf die Sprachpraxis der Transzendentalpragmatiker einzulassen und eine gemeinsa- me kommunikative Praxis zu entwickeln. Wie schwer dies letztlich sei, gibt Wohlrapp zu beden- ken: „Die die Kulturdifferenzen ausmachenden Rahmen (sind) äußerst resistent gegen ihre Aufhe- bung (...), eben weil an ihnen der Sinn des Lebens hängt.“ 180 Und dass gerade wissenschaftliche Erkenntnisse von Wissenschaftlern gleichsam wie religiöse Dogmen oder mehr noch, wie das ei- gene Leben, gegen neue oder widersprechende Positionen verteidigt werden, hat Kuhn hinreichend als strukturierendes Element des Wissenschaftsprozesses beschrieben. 181 22.10.3 Auswege aus der Polarisierung Es ist unbestreitbar, dass beide Positionen wichtige und förderliche Beiträge zur Lösung interkultu- reller Konflikte liefern. Ihre scheinbare Inkommensurabilität liegt jedoch meines Erachtens darin, dass sie zuweilen an unterschiedlichen Ebenen ansetzen und darüber hinaus unterschiedliche Beg- riffe verwenden, die sich nur zum Teil decken. Es ist allerdings nicht Ziel dieser Arbeit, die zwei Modelle auf ihre Kompatibilität hin zu überprüfen, sondern aus ihnen Anregungen für die Bewer- tung der aus unterschiedlichen Kulturen stammenden Meinungen über den Tourismus bei den Kel 176 Putnam H. , zit. in Leuken 1998, S. 315. 177 Leuken 1998, S. 316. 178 Vgl. Gronke 1998, S. 399. 179 Kambartel 1998a, S. 219. 180 Wohlrapp 1998, S. 275. 181 Vgl. Kuhn 1979. 787 Timia zu gewinnen. Wichtige Anregungen dafür bietet Leuken, der die Lösung interkultureller Wertprobleme in Lern- prozessen sieht, die auf „bewusstes Gestalten und Machen von Erfahrungen“ 182 abzielen. Probleme werden freilich in Form von Lerngrenzen dort auftauchen, wo unverträgliche identitätsstiftende, oberste Zwecke der Beteiligten miteinander in Konflikt geraten. Als Ausweg dafür empfiehlt sich die Beendigung der hierarchischen Beziehung von Zwecken zugunsten von flachen, prozessual geordneten Zweckbeziehungen. Als passendes Bild für die Darstellung der beweglichen Beziehun- gen zwischen Zwecken und Erfahrungen ist eher das Bild des Netzes angemessen. Als Methode bietet sich ein argumentativer Dialog über Zwecke und Normen an. Dieser argumen- tative Dialog bezweckt zum einen, gegebene Zwecke und Normen zu prüfen, zu kritisieren und zu begründen, zum anderen gleichzeitig eine Art von „Lern- und Suchbewegung“ zu praktizieren, wobei „Argumentieren (...) hier als ein Prozess des Forschens und Lernens aufgefasst“ 183 wird. Vor dem Hintergrund dieser Suchpraxis bedeutet „moralische Objektivität“ hinsichtlich der Beur- teilung von Handlungen und Zwecken „einen Anspruch, der in unsere moralische Beurteilungspra- xis eingeht“, der nicht endgültig in einer situationsinvarianten Superregel fixierbar ist, sondern „im argumentativen Dialog immer wieder neu und bezogen auf unsere situativen Erfahrungen erläutert und eingelöst werden (muss). Nur in diesem Sinne durchzieht universelle Moralität unsere perspek- tivisch und historisch relative Pluralität von Praxen, Situationen und Lebensformen“. 184 Wahrscheinlich liegt hierin die große, keinesfalls neue Erkenntnis, dass es eben keine letzte Gewiss- heit gibt, auch keine, die durch höchste Vernunft erlangbar ist, und auch keine, die durch reine Empi- rie zu erlangen ist. Wohl aber sind solche Normen „erkennbar“, die aus der Reflexion des jeweiligen Geltungskontextes - und insofern diskursiv mit den kontextrelevanten Personen – gewonnen werden. Diese Normen können Prioritäten oder Gewichtungen sein, die zur Bewertung einer unmittelbaren, konkreten Handlungsentscheidung beitragen. Je vielfältiger aber die kulturellen Bezugssysteme der kontextrelevanten Personen sind, desto unschärfer wird auch das Ergebnis der Norm sein. Mitunter kann es in gewissen Situationen sogar völlig unmöglich sein zu beantworten, ob eine Handlung „gut“ oder „böse“ sei, solange - um transzendentalpragmatisch zu argumentieren – niemand entsprechende Wertungen vornimmt und explizit in den Diskurs einbringt. Wahrscheinlicher ist es in solchen Situa- tionen nur, dass lediglich die (subtile) Wertung des Gegenübers nicht verstanden wurde. Daraus ließe sich entsprechend ableiten, dass, falls es überhaupt eine interkulturelle Supernorm gibt, es die Pflicht zum permanenten Kommunikations- und Lernprozess ist. 22.11 Schlussfolgerungen für die Frage des Timia-Tourismus Für unsere Kernfrage, die Rechtfertigung des Timia-Tourismus und die Bewertung der dazu geäu- ßerten Standpunkte, bedeutet dies vor allem eines: die Frage, inwieweit im Zuge meiner Befragun- gen innerhalb der jeweiligen Gesprächssituationen gegenseitiges Vertrauen im Sinne einer gemein- samen Verständnisbasis bestand. Dass freilich Vertrauen zwischen den Interaktionspartnern eine grundlegende Voraussetzung für das Funktionieren von Kommunikation ist, habe ich bereits an- dernorts am Bespiel der Strukturelemente der Reisegruppensituation 185 beschrieben. Wie schwierig es im Fall der Kel Timia sein kann, das nötige Vertrauen aufzubauen, berichtete Ibrahim Asalek, der nigrische Chef der EZA-Organisation Premiere Urgence in Timia: Ein ganzes Jahr der Zusam- menarbeit war ausschließlich für die Festigung des nötigen Vertrauens zwischen Bevölkerung und 182 Leuken 1998, S. 316. 183 Ebd., S. 318. 184 Ebd., S. 319. 185 Friedl 2001d, S. 144 ff. 788 Hilfsorganisation nötig, was nicht weiter verwunderlich sei. Auch innerhalb der Dorfgemeinschaft herrsche gegenseitig ein großes Manko an Vertrauen. 186 Im Zuge der Interviews, die ich mit manchen der oben genannten Experten geführt hatte, empfand ich einen gewissen Mangel an Vertrauen mir gegenüber. Allerdings ist dies auch damit erklärbar, dass manche Äußerungen Ausdruck einer politischen Zwangssituation oder persönlichen Interesses waren. Folglich sind aber die Sachlichkeit dieser Urteile sowie auch deren moralische Wertigkeit, soweit sie die Vertretbarkeit des Timia-Tourismus in Zweifel ziehen, in Frage zu stellen. Dagegen erwähnte Asalek, mit dem ich in sehr vertrauter Atmosphäre sprach, dass er und sein französischer Kollege indirekt sogar etwas für den „Tourismus in Timia“ tun würden, indem sie die Schmiede bei ihren Organisationsbemühungen unterstützten. 187 Ein Argument, das bereits oben genannt wurde, muss hier nun nochmals wiederholt und hervor gehoben werden: Gemeinsamkeiten aus dem touristischen Erfahrungsbereich, die als gemeinsamer Nenner zur Konfliktlösungen dienen könnten, waren zwischen den Befragten praktisch inexistent, sowohl bei den „Experten“ als auch bei den Kel Timia. Dies zeigte die Antipathie der Experten bei jeglichen Maßnahmen zur „Tourismusförderung“. Denn mein wesentliches Argument für eine In- tervention zur Ordnung des Tourismuswachstums zielt ja eben nicht auf vordergründige Maßnah- men, die das Tourismusaufkommen lediglich steigern sollen, sondern vielmehr auf jene, die zu erwartende negative Effekte der unkontrollierten Tourismusentwicklung auffangen, dämpfen oder gar verhindern sollen. Doch genau dies wird durch eine ignorierende Haltung gegenüber dem Tou- rismus insgesamt oder gar durch dessen Stigmatisierung als „unerwünscht“ seitens der „Experten“ verhindert. 188 Was die Kel Timia anbelangt, so kann ich nur nochmals wiederholen, dass diesen Menschen mindes- tens genau so viel Ignoranz wie Überlebenswillen zuzugestehen ist, wie auch von „modernen“ Euro- päern als selbstverständliches Recht der Selbstbestimmung beansprucht wird. Die Kel Timia haben den gleichen Anspruch, sich für die Angebote der Moderne - Schulbildung, TV, Ventilator, Parfum ..., zu entscheiden, wie wir das für uns fordern. Will man dem Schmied, der über keine Schreibkenntnisse verfügt, in späten Jahren aber noch dazu- lernen will, um seine Berufschancen - möglicherweise bar jeder realistischen Hoffnung - zu verbes- sern, den Bildungsversuch verwehren? In Europa wird es als Menschenrecht betrachtet, Kindern eine hochwertige(Aus)Bildung zu ermöglichen, obwohl es den übersättigten Kindern oft an den nötigen Grundvoraussetzungen, nämlich Eifer, Disziplin, Interesse, klare Bildungsziele, oder überhaupt an der Freude am Lernen fehlt. Worin liegt denn der Unterschied zwischen einem europäischen Kind, das lernen muss, und einem Kel-Timia-Schmied, der lernen will? Beide bekommen mit ihrer zusätz- lichen Ausbildung keinen Job garantiert, doch können sie möglicherweise ihre konkreten Überle- benschancen verbessern: das europäische Kind, indem es mit vielseitiger Ausbildung beruflich flexi- bel wird und der Schmied, indem er die europäischen Kunden zu verstehen lernt und sich dadurch besser aus seine neue Kundschaft einstellen kann. Jene Haltung, die in der Ablehnung einer geordneten Tourismusentwicklung zum Ausdruck kommt, ist letztlich nur das Spiegelbild der langjährigen Tourismuspraxis: Integrative Tourismus- planung und -steuerung wird zwar allerorts empfohlen, aber nicht einmal in Europa in nennenswer- tem Maße gehandhabt, denn es gibt nur in den wenigsten Ländern Masterpläne für eine geordnete Tourismusentwicklung. 189 Eine langfristige Tourismusplanung im Sinne der Agenda 21 ist die ab- solute Ausnahme. Konkrete Konzepte zur Kontrolle der Überschreitungen von Kapazitätsgrenzen, 186 Ibrahim Asalek, Int. April 2001, Agadez. Zur typischerweise im Zuge von „Community-based Tourism“-Projekten vernachläs- sigten Konfliktproblematik vgl. insb. Häusler 2004, S. 150 f. 187 Ibrahim Asalek, Int. April 2001, Agadez. 188 Gegen eine Überbewertung von Expertenmeinungen zugunsten einer „frühzeitigen Einbindung der Bürgerinnen und Bürger“: argumentiert auch der Nachhaltigkeitsforscher Christian Baumgartner (2004, S. 101), wonach „Verwaltung und Experten (…) von der Zivilgesellschaft lernen (können), wodurch sie bessere Planungen erstellen und frühzeitiger etwas über die Akzeptanz von Vor- haben erfahren könnten: dies ist eine Qualität, die reine Expertengutachten gar nicht leisten können.“ 189 Vgl. Ghimire 1997, S. 3. 789 zur gerechteren Verteilung von Tourismuseinnahmen oder zur Durchsetzung von Partizipations- rechten der betroffenen lokalen Bevölkerung existieren kaum 190, was Ghimire zur nüchternen Fest- stellung veranlasste: "Despite many years of experience of dealing with mass tourism, these crucial questions are far from answered within the European context." 191 Daran hat sich auch in den mehr als zehn Jahren danach nichts geändert. So lässt sich abschließend nur eines mit Gewissheit feststellen: Auffälligerweise leben diejenigen, die keinen Tourismus in Timia wollen, nicht in Timia. Somit fehlt ihnen die Basis zum Verständnis dessen, was die Kel Timia und warum sie etwas wünschen, z. B. eine stärkere Partizipation am Tourismusaufkommen. Damit bleibt freilich noch die Frage zu beantworten, welche Form des Tourismus gewünscht wird, doch lässt sich einfach folgendermaßen argumentieren: erwünscht ist eine Form, die möglichst vielen Mitgliedern der Kel Timia zugute kommt und gleichzeitig möglichst wenig Schaden anrich- tet. Und dies ist, wie in den abschließenden Empfehlungen zusammen zu fassen ist, jedenfalls kein „Laisser-faire“-Tourismus. 192 190 Vgl. ebd., S. 23. 191 Ebd., S. 9. 192 In diesem Sinne hatte sich auch das Syndicat du Tourisme du Niger (2004) anlässlich der Einrichtung einer Linienverbindung durch das Flugunternehmen „Go-Voyages“ gegen „les dégâts irréversibles d'un développement non contrôlé et à bas prix“ ausge- sprochen. Im Gegensatz zum Charter-Unternehmen Point-Afrique, das vor Ort aufgrund des Verkaufs von eigenen Tour-Produkten Eigeninteressen verfolgte, erwartet man sich von „Go-Voyages“ mehr Respekt gegenüber einer „développement sain et durable de notre économie touristique (…). Le Niger n’est pas une destination de tourisme de masse et nul ne peut prétendre à uniformiser les prix des expéditions sahariennes au Niger avec ceux d’une autre région.“ Vgl. dazu insb. auch die sinngemäße Tourismusförde- rungspolitik der ÖEZA im Kap. „ ‚Entwicklungshilfe’ Tourismus?/Tourismus-Entwicklungspolitik der Gegenwart/Tourismus in der österreichischen EZA“. 790 23 Gesamt-Schlussfolgerungen Aus den vorliegenden Untersuchungen lässt sich deutlich ableiten, wie sehr Mythen, Images, Pro- jektionen und Ignoranz die Diskurse innerhalb zahlreicher Experten, insbesondere aber der Touris- muskritiker und Ethiker prägen. Besonders für letztere lässt sich ein verzweifeltes Festhalten an den Paradigmen des Neukantianismus und anderer ethischer Konzepte, die auf einem überkommenen Menschen- und Weltbild aufbauen, feststellen, wodurch wesentliche Erkenntnisse zur Lösung wich- tiger, zum Teil sogar Existenz bedrohender Probleme unserer Gesellschaft als auch der Menschheit ungelöst bleiben. Tourismus ist ein umfassendes, hochkomplexes System, das aufgrund seiner globalen Auswirkun- gen sowohl unsere Gesellschaft, aber auch solche Kulturen direkt beeinflusst, die am Rande unseres Wahrnehmungshorizonts liegen. Indigene Volksgruppen gewinnen jedoch zunehmend an Attrakti- vität für eine Wirtschaftsbranche, die ständig neue exotische Ziele für ihren wachsenden Markt be- nötigt. Darum liegt die Befürchtung nahe, dass solche indigenen Gruppen im Prozess der ökonomi- schen Integration eher Schaden nehmen, als ökonomisch oder anderweitig zu profitieren. Die Tuareg spielen als indigene Gruppierung eine besondere Rolle für die europäische Kultur. Sie werden als eine Art Zeugen einer vergangenen, archaischen und doch „ritterlichen“ Kultur betrach- tet. Aufgrund ihres spezifischen Äußeren eignen sie sich hervorragend als Projektionsfläche für europäische Sehnsüchte nach einer besseren Welt in der Vergangenheit, die heute nur noch in der Wüste gefunden werden könne. Angesichts dieser Annahmen ist die Befürchtung nahe liegend, dass Tuareg durch Tourismus schaden nehmen könnten. Auslöser für diese Untersuchung war eine Aus- sage der GfbV-Referentin für Tuareg-Angelegenheiten, Eva Gretzmacher. Bei der Ankunft einer österreichischen Reisegruppe unter ihrer Leitung am Rande des Bergdorfs Timia im Hebst 1997 hatte sie verkündet, sie pflege mit Touristen nicht das Dorf zu besuchen, um die Intimität der Dorf- bewohner nicht zu stören. Zur Verifizierung dieser Frage wurde Agadez, eine seit Jahrzehnten mit Tourismus in kleinem Maßstab vertraute Region im Zentrum von Westafrika, untersucht. Besonderes Augenmerk galt den ökonomischen und politischen Strukturen des Tourismus in Agadez, die anhand der lokalen Reise- agenturen erforscht wurden. Die Untersuchung umfasste auch die Geschäftsbeziehungen zwischen den Anbietern in Agadez und europäischen Reiseveranstaltern, sowie das touristische Sahara- Klientel. Der zweite Schwerpunkt der Forschung lag auf dem Tuareg-Dorf Timia im Herzen des Aïr-Massivs am Rande der Ténéré. Weil sich traditionelle ethische deontologische wie auch teleologische Modelle für die Evaluation derart komplexer Zusammenhänge nicht eignen, wurde als alternatives Instrument das Modell der „kybernetischen Ethik“ entwickelt. Deren Prinzipien beruhen auf dem kybernetischen Paradigma. Handlungen werden demnach als kommunizierende Elemente von Bezugssystemen betrachtet. Be- wertet werden Handlungen hinsichtlich ihres Einflusses auf die beteiligten Systeme. Maßstab für die Zulässigkeit oder Unzulässigkeit einer Handlung ist nicht ihre eindeutige Bewertung als „gut“ oder „böse“, sondern der jeweilige Grad ihrer destabilisierenden Wirkung auf die betroffenen Sys- teme. Insofern ist dieses ethische Modell universell einsetzbar, zugleich aber dennoch kontextspezi- fisch. Vor dem Hintergrund dieses Modells lautet die Forschungsfrage demnach, in welcher Weise und Intensität die gegenwärtige Tourismusentwicklung in der Region Agadez bzw. in der Region Timia zur Destabilisierung der betroffenen Teil- und Gesamtsysteme (Umwelt, soziokulturelles, ökonomisches, politisches, touristisches System) beiträgt. 791 23.1 Nachhaltige Tourismusentwicklung „Entwicklung“ wurde früher noch als linear-dialektisches Wachstum betrachtet, doch haben sich mittlerweile systemisch-kybernetische Betrachtungsweisen von Entwicklungsprozessen durchge- setzt, symbolisiert durch den Begriff der „Nachhaltigen Entwicklung“. Dieses Modell wird nun- mehr auch zur Evaluation solcher sozioökonomischen Prozesse mit Erfolg eingesetzt, auch wenn der Erfolg der nachhaltigen Steuerung bei weitem zu wünschen übrig lässt. Doch wird vor diesem Hintergrund bereits deutlich, dass das Entwicklungsziel für die Region Agadez in der Stabilisierung seiner Teilprozesse und keineswegs in einem möglichst raschen Wachstum liegen könne. Dies gilt auch für den Tourismus, zu dessen Evaluation sich das analog konzipierte Modell der „Nachhalti- gen Tourismusentwicklung“ durchgesetzt hat. In einer Region ist Tourismusentwicklung demnach nachhaltig, wenn diese in die betroffenen Teilsysteme (Wirtschaft, Kultur, Umwelt, Befindlichkeit, Zukunft) ohne deren spürbare Destabilisierung integriert werden kann. Ein Hauptargument der österreichischen Entwicklungspolitik für die Förderung des Tourismus liegt in der Überzeugung, Tourismus trage zur Völkerverständigung bei. In der theoretischen Analyse wurde jedoch der im populären Diskurs verwendete Begriff der Völkerverständigung als verklärt und irreführend entlarvt. Von einer Völkerverständigung im Sinne einer „Verbrüderung“ oder von „gegenseitigem Verständnis“ kann man zwischen Touristen und Indigenen, die so unterschiedliche Wahrnehmungs- und Orientierungsmuster aufweisen, keineswegs ausgehen. Konzipiert man „Ver- ständigung“ hingegen unabhängig vom Ziel eines (ohnedies fragwürdigen) Erkenntnisgewinns in offener Weise, wonach jeder Beteiligte für sich etwas Positives aus dieser Begegnung gewinnen kann, dann weist Tourismus sehr wohl wesentliche Potenziale zur „Völkerverständigung“ aus. Vor- aussetzung dafür ist jedoch die spezifische Umsetzung von Tourismus. Darum erfüllen interkultu- rell kompetente Reiseleiter eine zentrale Funktion zur Vermittlung zwischen Reisenden und Bereis- ten. 23.2 Analyseergebnisse der Region Agadez Die Region Agadez weist eine enorme soziokulturelle, wirtschaftliche und ökologische Dynamik aus. Die gegenwärtigen wirtschaftlichen Strukturen haben sich im Wesentlichen aus den Folgen der großen Dürren der 70er- und 80er-Jahre sowie aus dem zeitgleichen Uranboom entwickelt. Nach- haltig beeinflusst wurde das politische und wirtschaftliche System der Region auch durch die erste Tuareg-Rebellion (1991-1997). Gegenwärtig ist Agadez von spürbarer, wenn auch derzeit nicht von existenzbedrohlicher Verarmung bedroht. Aufgrund des generell hohen Bevölkerungswachstums, der signifikanten Urbanisierung und der hohen Arbeitslosigkeit steigt der Belastungsdruck auf die Umweltressourcen. Vor diesem Hintergrund setzte die Bevölkerung hohe Erwartungen in die Tourismusentwicklung. Die Region am Rande der Ténéré, eine der schönsten Wüsten der Welt, verfügt über ein reichhalti- ges Angebot an Natur- und Kulturattraktionen und weist insofern ein signifikantes Tourismuspoten- zial auf. Tourismus wurde bereits in der französischen Kolonialzeit angeboten, doch an Dynamik gewann dieser Wirtschaftssektor erst in den 80er-Jahren unter dem charismatischen, intellektuellen Tuareg Mano Dayak. Der erste Tourismusboom kollabierte jedoch mit dem Ausbruch der ersten Tuareg-Rebellion. Nach dem Ende dieser ersten Rebellion, im Zuge derer auch Mano Dayak verunglückt ist, erfüllte der neu aufkeimende Tourismus eine integrative und stabilisierende Funktion, da zahlreiche ehema- lige Rebellen ihr Glück als Tourismusunternehmer versuchten. Dieser Umstand war für die Struktur 792 und Dynamik der Tourismusentwicklung, als auch für die Qualität der angebotenen Produkte we- sentlich: Neben einigen wenigen marktbeherrschenden Unternehmen wuchst die Zahl an Kleinstun- ternehmen aufgrund der geringen Markt-Zugangsbarrieren rasch an. Die angebotenen Produkte be- standen im Wesentlichen nur in der Bereitstellung von grundlegender Logistik (Organisation, Un- terkunft, Verpflegung, Transport). Zahlreichen Unternehmern und Mitarbeitern mangelte es hinge- gen an an grundlegenden Kompetenzen im Bereich der Betriebsführung (Betriebswirtschaftslehre, Marketing etc.) und Gruppenführung (interkulturellen Pädagogik, aktives Führungsverhalten etc.). Dadurch zeichnete sich ein zunehmender Konkurrenzkampf zwischen den Unternehmen ab, der mit dem Mittel des Preisdumpings, vereinzelt aber auch der Sabotage durch Überfälle, ausgetragen wurde. Zusammenfassend ließe sich diese Periode als ungesteuerte, „wilde“ Entwicklung charakte- risieren. Diese „wilde“ Entwicklung erfuhr auch wiederholt Rückschläge in Gestalt von Raubüberfällen auf Reisegruppen, vor allem aber durch die Sperrung des lokalen lokalen Flughafens von Agadez. An- hand der raschen Rehabilitation des Tourismusaufkommens seit der Wiedereröffnung des Flugha- fens im Jahr 2003 und der Einrichtung einer direkten Flugverbindung zeigt sich, dass die Abhän- gigkeit des hiesigen Tourismusaufkommens wesentlich von den Anreisebedingungen abhängt. Seit dem Jahr 2000 zeichnet sich ein Trend der Institutionalisierung von politischen Tourismus- strukturen ab. Das damals gegründete Tourismus-Syndikat setzte sich nach anfänglichen Wider- ständen seitens zahlreicher Unternehmen durch und engagiert sich seither für die Verbesserung zahlreiche Belange des Agadez-Tourismus. Dazu zählen die Renovierung des Flughafens, das An- gebot von Schulungen für Unternehmer und Reiseleiter, Maßnahmen zur Umwelt-Sensibilisierung der Unternehmer sowie aktive politische Vertretung gegenüber der Regierung. Dieses Beispiel ist ein deutlicher Beweis für die herrschende Grundannahme, dass nachhaltige Tourismusentwicklung nur auf dem Weg des Aufbaus starker Institutionen realisiert werden könne. Leider fanden diese vielversprechenden Entwicklungen im Jahr 2007 ihr vorläufiges Ende, als eine neuerliche Rebellion in Reaktion auf eine rücksichtslose, zentralistische Uranförder- und -exportpolitik ausbrach. In wirtschaftlicher Hinsicht stellte Tourismus während der relativ kurzen Saison (Oktober bis April) die wichtigste Deviseneinnahmequelle für Agadez dar. Bedeutend sind besonders die sekundären pekuniären Niederschläge durch den Verkauf von Tuareg-Kunsthandwerk. In besonders attraktiven Naturregionen trägt Tourismus in Form des Kameltrekkings wesentlich zum Erhalt traditioneller Wirtschaftsformen bei. Weil die im Tourismus tätigen Personen ihr Einkommen zumeist in traditio- nelle Investitionsgüter (Vieh und Landwirtschaft) reinvestieren, trägt Tourismus in diesem Bereich sogar zu einer Reduktion der wirtschaftlichen Abhängigkeit von klimatischen Bedingungen bei. Allerdings führt die Wahrnehmung der Bedeutung dieser Einnahmequelle unter der Bevölkerung auch zu kontraproduktiven Entwicklungen, die sowohl die Stabilität des Tourismus als auch der Region an sich gefährden können. Dazu zählen z. B. die informellen örtlichen Reiseführer in Aga- dez, die Touristen in aufdringlicher Weise belästigen. Dadurch droht die Stadt an Attraktivität ein- zubüßen. Schon heute umgehen viele Touristengruppen den Ort. Hier müssen somit notwendige Maßnahmen der Steuerung getroffen werden, um eine ökonomisch leistbare, sozial integrative Um- verteilung der touristischen Einkommen zu erwirken. Andernfalls könnte sich die touristische Ent- wicklung in Agadez selbst zu Fall bringen. Die Evaluation eines solchen Reiseangebots konnte keine signifikanten Belastungen der Region in ökologischer und soziokultureller Hinsicht, normale bzw. friedliche Bedingungen vorausgesetzt, nachweisen. Doch ist dieses Ergebnis keineswegs repräsentativ, weil die evaluierten Touren unter der Verantwortung des Autors standen. Die evaluierten Produkte waren bewusst nach umwelt- und sozialverträglichen Kriterien in Kooperation mit dem österreichischen Unternehmen Kneissl Tou- ristik entwickelt und mit Erfolg vermarktet worden. Aufgrund von Beobachtungen von Touren anderer Unternehmen und aufgrund der Ergebnisse der Befragungen der Agenturbetreiber muss sehr wohl von gewissen ökologischen und soziokulturellen Belastungen ausgegangen werden. Der Hauptgrund dafür liegt in der mangelnden tourismusethi- 793 schen Kompetenz der Tuareg-Führer. Probleme wie der Raubbau an prähistorischen Artefakten, die willkürliche Verteilung von Medikamenten an Tuareg oder die Verunreinigung von Wasserlöcher durch badende Touristen ist den Tuareg-Führern zum Teil nicht bewusst, oder sie verfügen nicht über die Autorität, sich gegen Verstöße durchzusetzen. In Summe lässt sich somit festhalten, dass Tourismus aufgrund seiner ökonomischen Bedeutung integrative Ansätze aufweist und ein noch weit größeres Potenzial in sich birgt. Unter den gegen- wärtigen, nur wenig gesteuerten Bedingungen aber ist es vor allem die (bis zum Jahr 2004 gemes- sene) geringe Zahl von jährlich max. 4.000 Pauschaltouristen, die spürbare negative Auswirkungen auf die Region verhindert. Die Region würde - insbesondere aufgrund der enormen Fläche des be- reisten Gebietes - eine Zahl von jährlich 10.000 Touristen problemlos integrieren können, vorausge- setzt, dass wesentliche Maßnahmen zur Hebung der Qualifikation der Reiseleiter vorgenommen werden. Sollten diese Maßnahmen nicht getroffen werden, so besteht dennoch keine Gefahr, dass Agadez „überrannt“ werden könnte, weil die Region an zahlreichen infrastrukturellen Mängeln leidet. Die Kommunikation mit Europa ist mühsam und teuer, die Mittel für geeignete Marketing-Investitionen kaum vorhanden. Reisen in den Niger, selbst solche mit Kamelnomaden, liegen im obersten Preis- segment und sind darum für ein breites Publikum unerschwinglich. Der geringe Komfort der Reise- angebote wird zwar durch ein unvergleichliches Natur- und Kulturerlebnis kompensiert, doch spricht diese Kombination nur eine sehr kleine, spezielle Klientel an. Das Wüstenerlebnis ist das zentrale Reisemotiv der Niger-Klientel. Nur ein verschwindender Anteil sucht in erster Linie die Begegnung mit der Bevölkerung. Die Vorstellungen von der Bevölkerung entsprechen zudem den üblichen, durch die Medien transportierten Klischees von den „Blauen Männern“. Trotz dieser Motivpräferenz weisen die Niger-Reisenden hohe Kontaktkompetenz ge- genüber der Bevölkerung auf, vorausgesetzt, der Kontakt wird durch die jeweilige Agentur geför- dert oder wenigstens zugelassen. Trekking-Touristen sind aufgrund der spezifischen Rahmenbedin- gungen ihrer Reiseform offener gegenüber der Bevölkerung, und naturgemäß ist der Kontakt auch weit häufiger. Unter Allrad-Touristen hat dagegen das bewusste, visuelle Naturerlebnis eine größere Bedeutung. Bei beiden Reisetypen ist die Offenheit gegenüber der Bevölkerung umso größer, je eher gewisse Schlüsselerwartungen wie der Sonnenuntergang auf den Dünen bereits eingelöst wer- den konnten. Das Bewusstsein um tourismusethisch relevante Verhaltensformen ist bei zentraleuropäischen Tou- risten recht stark verbreitet, weniger hingegen bei Franzosen. Dies zeigt sich auch in der Praxis, da französische Reisende häufiger spärlich bekleidet in Tuareg-Dörfern anzutreffen sind als zentraleu- ropäische Reisende. Dieser Umstand unterstreicht auch die Notwendigkeit der Sensibilisierung und Schulung von Tuareg-Reiseführern in tourismusethischen Belangen. Europäische Reiseunternehmen, die Niger-Touren anbieten, weisen in der Regel ein hohes Beant- wortungsbewusstsein auf, soweit dies ihrem Katalogmaterial entnommen werden kann. Tourismus- ethisches Verhalten ist hingegen kein Auswahlkriterium für die jeweilige Partneragentur. Das ver- breitete Image der Marketing-Instrumente ist durchwegs die Wüste, und erst in zweiter Hinsicht der Tuareg. Das Image des Tuareg ist im Wesentlichen ein Produkt der französischen Kolonialmacht, das in den vergangenen 150 Jahren einen vielfältigen Wandel erfahren hat. Mittlerweile wurde dieses Image vom tapferen, widerstandsfähigen Helden der Wüste von der Tuareg-Diaspora als identitätsstiften- des Element inkorporiert. Dies geht soweit, dass Elemente des europäischen Tuareg-Images von den Tuareg-Rebellen der ersten Generation (1991-1997) als Legitimation für ihre politischen Forde- rungen herangezogen wurden. Aufgrund dieser Querverbindung zwischen einstigen französischen Projektionen, dem westlichen Image der Wüste, der Adaptation des westlichen Tuareg-Images durch die Tuareg-Rebellen und schließlich deren Engagement als Tourismusunternehmer verdeut- licht, das Tuareg-Tourismus in jeder Hinsicht eine ideologisch-ökonomische „Kooperation“ zwi- 794 schen Tuareg und Europäern ist. Aus dieser Sicht kann von Tuareg-Tourismus als eine Form der Kolonialisierung nicht gesprochen werden. Was dem Niger-Tourismus jedoch zu wünschen wäre, sind höhere Preise, kompetentere Mitarbei- ter, und stabilere (tourismus-)politische Strukturen. Vor allem aber benötigt das Land dringend eine seit langem in Aussicht gestellte, dezentrale Nationalpolitik, welche den wirtschaftlichen, kulturel- len, ökologischen und institutionellen Bedürfnissen der jeweiligen Region besser gerecht wird als die bisherige zentralistische Politik. 23.3 Analyseergebnisse der Region Timia Die größte Überraschung bereiteten zweifellos die Ergebnisse der Befragung der Bevölkerung von Timia. Denn im völligen Gegensatz zu der Hypothese, Tuareg-Siedlungen sollten möglichst vor Tourismus verschon bleiben, hatte sich von 45 befragten Personen aus Timia und dessen näherem Umfeld kein einziger gegen den Tourismus ausgesprochen. Vielmehr kritisierten 35 Personen aus- drücklich das übliche Verhalten von Reisegruppen, die meiste Zeit abseits des Dorfes bei der regio- nalen Hauptattraktion, einem „Wasserfall“, zu verbringen. Vor dem Dorf würden die meisten, wenn überhaupt, nur anhalten, um ihre Wasservorräte zu ergänzen. Dadurch verbliebe den Dorfbewoh- nern nichts weiter als die Abnutzung der Wasserpumpen und der aufgewirbelte Staub. Befragt zu den klassischen Kritikpunkten am Dritte-Welt-Tourismus (unpassende Kleidung, re- spektloses Fotografieren und willkürliches Verteilen von Geschenken) stieß sich entgegen meinen Erwartungen daran nur eine unbedeutende Anzahl der Bewohner des Dorfes Timia. Und ebenfalls nur eine verschwindende Minderheit sprach explizit von störendem Verhalten. Auf gezielte Fragen nach derartigem störendem Verhalten wurde nur vereinzelt die unangepasste Kleidung oder das Fotografierverhalten der Touristen kritisiert. Einhellig war dagegen der Wunsch der Kel Timia nach der Teilnahme von Touristen an traditionellen Festen, wobei deren fotografische Aktivität als wich- tiger Werbeeffekt eingeschätzt wurde. Auch die Bewertung von Geschenken, die durch Touristen an Kinder verteilt werden, entsprach nicht der Erwartung des Autors, dass diese als „herabwürdigend“ verurteilt werden würden. Viel- mehr schätzte ein Großteil der befragten Bevölkerung solche Geschenke als eine Form der materiel- len Partizipation am Tourismus. Größer war hingegen die Sorge, dass sich Touristen durch die Bet- telei der Kinder belästigt fühlen und in der Folge von Timia fernbleiben könnten. Die Kel Timia brachten somit deutlich zum Ausdruck, mehr und besser vom Tourismus profitieren zu wollen, sowohl finanziell durch den Verkauf von Schmuck, kunstvoll geschmückten Lederpro- dukten und Erzeugnissen aus dem lokalen Gartenbau, als auch ideell durch Gespräche, Kontakt zu Europa, sowie Abwechslung in ihrem als monoton empfundenen Hirtendasein. Vor dem Hintergrund des Modell von Butler 1 über Lebenszyklen von Destinationen oder Doxey’s 2 „Irritex“ zur Messung des Irritationsgrades der Bereisten bei wachsendem Tourismusaufkommen ist diese Reaktion der Kel Timia keineswegs mehr so überraschend. Auch zahlreiche Studien über die Bevölkerung in österreichischen Tourismusorten 3 weisen ein typisches Muster vor, betreffend die Haltung gegenüber Tourismus: Im Anfangsstadium des Kontakts mit Tourismus reagieren die Einheimischen in der Regel begeis- tert und hoffnungsvoll, bis infolge einer massiven Zunahme von Tourismusankünften eine Sätti- 1 Butler 1980, 2000. 2 Doxey 1975. 3 Z.B. Bachleitner/Penz 2000 über die Salzburger Tourismusregion. 795 gung und letztlich die Übersättigung eintrete, die zu Widerständen seitens der Bevölkerung und auch zum Einbruch der Tourismuszahlen führe. Die Aufnahmekapazität der Bevölkerung und damit auch die soziokulturellen Ressourcen der Destination werden gleichsam verbraucht, doch könne dieser Prozess durch entsprechende Maßnahmen verlangsamt oder gar verhindert werden. Die Kel Timia weisen jedoch eine Sondersituation auf, da ihre historischen und gegenwärtigen Le- bensumstände keineswegs dem Bild der unberührten, verletzlichen „Wüstenindianern“ entsprechen, deren Kultur gefährdet sei. Vielmehr erlebten die Kel Timia über Jahrhunderte hinweg zahlreiche Krisen und Veränderungen, die wiederholt ihre Anpassung an neue Gegebenheiten erforderten. Heute leben sie einerseits als Salzkarawanen-Händler, Gartenbauer, aber auch als Handwerker, Be- amte und Wächter in der Diaspora. Timia selbst weist - analog zu Agadez - ähnliche Probleme wie Überbevölkerung, drohende Verar- mung, ökologische Belastung, Mangel an Arbeitsplätzen und an Grundversorgung auf. Die Ein- wohnerzahl des Einzugsgebiets von Timia stieg in den letzten 40 Jahren um 800 % auf rund 8.000 Personen! Der Mangel an Arbeitsplätzen wurde darum von den meisten der befragten Kel Timia als ihr größtes Problem betrachtet. Neue Probleme kommen auf Timia zu, denn mit der Ausweitung und Intensivierung der Bodennutzung geraten Gartenbaubetreiber und Hirten zunehmend in Kon- flikte um die Nutzung der knappen Böden, deren Ertragkraft sinkt. Eine zusätzliche Bedrohung für die Region ist der Klimawandel, dessen Auswirkungen in Gestalt der Ausbreitung der Wüste und des Verlusts an Biodiversität für die gesamte Bevölkerung zunehmend spürbar werden. Angesichts dieser Sorgen wird die große Offenheit der Kel Timia für neue Einkommensquellen nachvollzieh- bar. Denn die seit den großen Dürren gepflogene Strategie, als Gastarbeiter nach Libyen zu ziehen, ist für die besonders heimatbezogenen Kel Timia hart und war in den wenigsten Fällen von wirt- schaftlichem Erfolg gekrönt. Besonders schwierig war die Situation der Kel Timia während der ersten Rebellion, als das Dorf, im Zentrum des umkämpften Aïr-Massiv gelegen, von der Außenwelt weitgehend abgeschnitten war (eine ähnliche Situation herrscht nunmehr abermals seit dem Ausbruch einer neuerlichen Rebellion im Jahr 2007). Darum wird heute von der Bevölkerung die Bereitstellung von Lastkraftwagen durch Hilfsorganisationen als eine der größten Errungenschaften der vergangenen Jahre bezeichnet. Durch diese Anbindung an die urbanen Märkte wurde für viele Hirten der Umstieg von der ertraglosen Karawanenwirtschaft auf die lukrativere Gartenbauwirtschaft möglich. Die Männer können das ganze Jahr bei ihren Familien verbringen, erzielen drei Ernten pro Jahr, und im Falle einer Dürre kann nach deren Ende gleich wieder produziert werden. Der Aufbau einer Dürre-geschädigten Her- de benötigt hingegen mehrere Jahre. Aufgrund seiner hohen Attraktivität gelang es Timia, die Begeisterung und das Engagement von einigen Europäern für sich zu gewinnen, die die Bevölkerung spürbar mit grundlegender Infrastruk- tur und punktuellen Hilfsmaßnahmen unterstützen. Durch Tourismus entsteht aufgrund des erwei- terten Wahrnehmungs- und Empfindungshorizonts westlicher Touristen eine neue Form der interna- tionalen Solidarität. In ökonomischer Hinsicht spielt dieser sekundäre Effekt des Tourismus die größte Rolle für Timia. Vor dem Hintergrund dieser sich wandelnden Strukturen und aufgrund der Tatsache des relativ ge- ringen Tourismusaufkommens in Timia kann von einer Gefährdung der regionalen Kultur keine Rede sein. Eher trägt der Timia-Tourismus sogar zu einer Stärkung des kulturellen Selbstbewusst- seins bei: Die Vorführungen von Reitkünsten durch festlich gekleidete Hirten ist unter Touristen als begehrte Foto-Attraktion sehr gefragt, unter Hirten sind diese Gelegenheiten sowohl als punktuelle Einnahmequelle, aber auch als eine Form des Prestigegewinns im Kontext der Dorfgemeinschaft begehrt. Insgesamt vermögen die Kel Timia das geringe Tourismusaufkommen realistisch genug einzuschät- zen, um keine großen Hoffnungen darauf aufzubauen. Für einen Teil der Bevölkerung hingegen, die Schmiede, ist jedoch der Tourismus bereits die wichtigste Einkommensquelle. Zusammenfassend lässt sich die Situation in Timia in der Weise beschreiben, dass es eher den Kel Timia gelingt, die 796 europäischen Touristen zu „instrumentalisieren“, als dass Touristen die Kel Timia kulturell „koloni- alisieren“ würden. Was für die Potenziale für Agadez gilt, trifft auch für Timia zu, jedoch in verschärfter Form: Timia lässt sich weit attraktiver für Touristen gestalten, um den Durchreisenden die Entscheidung, über Nacht zu bleiben, zu erleichtern. Solche Maßnahmen umzusetzen, bedürfte es jedoch umfassender Schulungsmaßnahmen. Seitens der Organisationen wie "Les Amis de Timia" aber, die in Timia tä- tig sind, existiert derzeit jedoch keine hinreichende fachliche Kompetenz, um sich in sinnvoller, konstruktiver Weise im Tourismus engagieren zu können. 23.4 Tuareg-Tourismus ist gegenwärtig kein „Kulturzerstörer“ Die Frage nach der Vertretbarkeit von Reisen zu den Tuareg lässt sich somit grundsätzlich bejahen. Daraus folgt aber auch, dass eine generelle Verurteilung oder Befürwortung von „Ethno- Tourismus“ zu indigenen Gesellschaften niemals generell, sondern stets nur kontextabhängig beur- teilt werden kann. Worauf es heute im Tourismus ankommt, ist nicht mehr das „ob“, sondern das „wie“ des Reisens. Insofern ist die Hypothese der GfbV-Tuareg-Referentin Eva Gretzmacher ein- deutig widerlegt. Was an dieser Stelle unbeantwortet bleiben muss, ist die Frage, ob es denn überhaupt sinnvoll sei, traditionelle Einrichtungen wie etwa die Salz-Karawane fördernd zu erhalten, obwohl sie von den Betreibern selbst nicht mehr als rentabel betrachtet werden. Würde dies nicht bedeuten, Strukturen, deren traditionelle „Bedeutung“ in Auflösung begriffen ist, künstlich zugunsten der Sehnsucht des Europäers nach der guten alten Welt und nach ästhetischen Reizen zu erhalten? Oder sollte viel- mehr die Regel gelten, dass Chancen zur Erhaltung traditioneller Strukturen in der Dritten Welt solange zu nutzen seien, als jede andere Überlebensvariante für diese Menschen noch ungewisser sei? Die Beantwortung dieser Frage ist wohl rein akademischer Natur und wird an der sich wandelnden Realität der Tuareg nichts ändern. Was aber die Förderungswürdigkeit von Tuareg-Tourismus anbe- langt, so lässt sich die gesamte Problematik ganz einfach auf den Punkt bringen: Akademische Kritiker können organisierte Reisen zu den Tuareg nicht verhindern. Das vermögen - kurzzeitig - nur Naturkatastrophen, Banditen ode der Zusammenbruch der sozialen Stabilität mit der Folge des Ausbruchs eines neuerlichen Krieges. Was Kritiker aber verhindern können, ist die kon- struktive Kanalisierung von touristischem Wildwuchs, der zu Benachteiligung, Konflikten und da- mit zur sozialen Destabilisierung einer Region führen kann. Heute, im Herbst 2008, ist meine Drohung längst traurige Gewissheit: In der Region Agadez herscht der Ausnahmezustand aufgrund einer neuerlich ausgebrochenen Rebellion der Ischomar in den Aïr-Bergen, die gegen eine weitreichende Verseuchung der westlichen Weidegebiete durch die Folgen einer massiven Ausbeutung von neu zu erschließenden Uranminen kämpfen. Der Tourismus ist indes zusammengebrochen, jedoch nicht als Folge einer destruktiven Tourismusentwickung. 797 Quellenverzeichnis Persönliche Quellen Abbt Bahedi, Claudia, Vizepräsidentin der alger. Vereinigung UNATA, Mail vom 25.6.2002. Abdala, Oasis Tours, Agadez, 17.2.2000 Abdoussalam Mahadi, Sekretär des „Centre d’Information Touristique d’Agadez“ (C.I.T.), 9.2.2003. Achmed Botho, Sekretär von TILALT, Agadez, 28.10.1999. Achmed Ewaden, Ewaden Voyages, 16.2.00, Agadez Achmet Alcher, Direktor v. Arakao Voyages, Agadez, 5.4.2001. Aggag, Chauffeur und UICN-Mitarbeiter in Iferouane, 20.10.1997. Aghali Abdou, Direktor v. Adrar Madet V., Agadez, 23.10.1999. Aghali Alambou, Touareg Tours, Agadez, 1.4.2001. Aghali Imoumoumene, heimischer EZA-Mitarbeiter in Timia, Timia, 18.11.1999; Agadez, 12.3.2001. Aghali Isoufou, Onat-Sekretär aus Timia, Agadez, 5.4.2001. Aha Issoufa, Direktor von Tagelmoust Voyags, Agadez, 10.1.2000, 27.3.2001. Ahmed Amoutchoukou, Schuldirektor, Timia, 23.3.2003. 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Kundenzahl pro Jahr 19. woher 20. bleiben wie lange 21. wie viele Gruppen zu wie vielen Leuten Anzahl der Mitarbeiter und deren Entlohnung 22. fix angestellte 23. gehoben Büro 24. Informatiker 25. Wächter 26. Fahrer 27. Guide-Chauffeur 28. Charterfahrzeug 29. Führer lokal 30. Führer regional 31. Koch 32. Kamelführer 877 33. Kamelmiete 34. Ausbildungsstand für Reiseleiter 35. Interesse an Ausbildungszentrum 36. Informationsmaterial für Reiseleiter 37. für Touristen 38. Feedback - in welcher Form? 39. Handhabung von Kritik, reaktive Innovationen, Verbesserungen 40. Tourvarianten (Arten, Ziele) 41. Marketing (Mittel, Strategien) 42. welche Reisemotive angesprochen 43. Partner in Europa 44. Kommunikationsmittel 45. Preise pro Fahrzeug inkl. Führer 46. pro Passagier 47. für eine ganze Tour/2Wo 48. Gewinnspannen (ohne Investitionen) Tourismuspolitik 49. größte Probleme für Tourismus generell 50. ….für die Agentur insbesondere 51. Worin liegen für die Region die größten Vorteile 52. ….die größten Nachteile hinsichtlich 53. der Umwelt 54. des kulturellen Erbes 55. Geben Sie Ihren Kunden Verhaltensrichtlinien 56. insb. bez. des Fotografieren von Personen: 57. bez. allgemeiner Umgangsformen 58. bez. Geschenke 59. bez. der Kleidung 60. Zu welchen landesweiten Konsequenzen führt der Tourismus 61. Prinzipielle Bereitschaft, einen Fonds für die vom Tourismus betroffene Landbevölkerung nach dem Vorbild von Croq’ Nature zu speisen? 62. Konzeption von Tuareg? 63. Konzeption von Tuareg-Kultur? Bei den im März 2000 befragten Agenturen wurden aufgrund vorgefallener Ereignisse fol- gende Fragen hinzugefügt: 64. Erwartungen an die neue Regierung bzw. an den Tourismusminister 65. Zufriedenheit mit der Saison generell 878 66. mit dem Wachstum des Touristenaufkommens 67. mit dem Charter Agadez-Paris 68. Bez. der Rallye Paris-Dakar: 69. Vermutung über die Ursache der Absage in Agadez 70. politische Konsequenzen 71. persönliche Konsequenzen wie Stornierungen Bez. des Überfalls auf Dune Voyages in El Meki im Feber 2000: 72. Vermutungen über die Ursache 73. politische oder persönliche Konsequenzen 74. Beurteilung des Timia-Projekts Abschließend vom Interviewer selbst zu beurteilen Besonderheiten der Agentur besondere Gesprächsumstände 879 Anhang 2: Interviewleitfaden für Agadez-Reisende (Französisch) Généralités concernant la personne interrogée Interview numéro … 1. date et heure de l'interview 2. lieu de l'interview 3. sexe 4. âge 5. nationalité 6. lieu de résidence (nom de la localité) 7. formation professionnelle 8. profession 9. employé / à son compte 10. état civil, nombre d'enfants 11. venant de … (pays, ville, itinéraire) 12. allant à …. (pays, ville, itinéraire) 13. durée totale du séjour dans la région d'Agadez 14. voyage individuel / voyage organisé / les deux 15. voyageant en groupe / seul 16. moyen de locomotion 17. en cas de voyage organisé: par quelle agence en Europe et à Agadez? 18. coût total du voyage Motif du voyage 19. Pourquoi avez-vous choisi la région Agadez pour vos vacances? 20. Pourquoi avez-vous choisi cette agence européenne / agadézienne? 21. Quels sont vos attentes et vos espoirs concernant ce voyage? 22. Si vous êtes venus à cause du désert, pourquoi avoir choisi le désert? 23. Quel sens a pour vous le désert? 24. Quel est, d'après le programme, l'attrait majeur du voyage retenu? 25. …et d'après vous? 26. Si la motivation principale de votre voyage est d'ordre culturel, pour quelle culture vous intéres- sez-vous exactement? 27. Pourquoi spécialement cette culture? 28. Quel est l'attrait culturel le plus important selon le programme du voyage que vous avez retenu? 29. …et selon votre attente personnelle? Quels particularismes culturels connaissez-vous… 30. au niveau de l'apparence physique d'un Touareg / d'une Targuia? 31. au niveau économique chez les Touaregs 32. au niveau social chez les Touaregs 33. au niveau politique chez les Touaregs 34. au niveau de l'histoire des Touaregs 880 35. dans quels régions et états vivent les Touaregs? "Impressions personnelles " du voyage 36. Quel aspect de votre voyage est /était le plus important, le plus convivial ? 37. Que voulez vous rapporter de ce voyage chez les Touaregs? 38. Si ce sont principalement des souvenirs non matériels, de quels souvenirs s'agit-il ? 39. Si ce sont des objets achetés, de quels objets s'agit-il? (artisanat, vêtements, cailloux trouvés ou achetés …) 40. Si ce sont des photos, quels sont vos motifs préférés? Expériences précédentes 41. Combien de fois avez-vous déjà voyagé dans le désert? 42. Ou êtes-vous allé? 43. Combien de temps êtes-vous resté dans le désert? 44. Quelle est votre plus belle expérience? 45. Pour quelle raison? 46. Qu'en avez-vous retiré? 47. L'expérience la plus mauvaise? 48. Pour quelle raison? 49. Quelles ont été les conséquences? Combien de fois avez-vous déjà rencontré des Touaregs? 50. A quel endroit exactement ? 51. En quelles circonstances? 52. Combien de temps? 53. Votre plus belle expérience? 54. Pour quelle raison? 55. Quelles conséquences a-t-elle eues? 56. Votre plus mauvaise expérience? 57. Pour quelles raisons? 58. Quelles conséquences a-t-elle eues? 59. (si pas encore mentionné) : connaissez-vous personnellement un Touareg/ comme ami? 60. Quelle est votre impression particulière de la personnalité touarègue? 61. Quelle est votre définition d'un Touareg? 62. Si vous n'avez pas encore rencontré des Touaregs, avez-vous déjà rencontré d'autres nomades? 63. A quel endroit exactement? 64. Dans quelles circonstances? 65. Combien de temps? 66. Votre plus belle expérience? 67. Pour quelles raisons? 68. Quelles conséquences a-t-elle eues? 69. Votre plus mauvaise expérience? 70. Pour quelles raisons? 881 71. Quelles conséquences a-t-elle eues? 72. (Si pas encore mentionné) : connaissez-vous personnellement un nomade / comme ami? 73. Quelle est votre impression particulière de la personnalité touarègue 74. Quelle est votre définition d'un nomade? Vos sources d'information 75. Vous êtes-vous préparé à votre voyage en cherchant des informations diverses? 76. Si oui, sur quel sujet en particulier? Au niveau de la région (Niger / Agadez), vous avez 77. lu ou utilisé quel guide? (nom, maison d'édition,) 78. vu quelle émission télévisée? 79. lu des articles de presse : sur quel sujet? Dans quels magazines? 80. lu quels livres ? (roman, album photos, scientifique) 81. reçu quelles informations par votre agence de voyages? 82. assisté à des conférences / à des conférences avec projection de diapositives ou d'un film)? Au niveau du désert, vous avez … 83. lu ou utilisé quel guide? (nom, maison d'édition,) 84. vu quelle émission télévisée? 85. lu des articles de presse : sur quel sujet? Dans quels magazines? 86. lu quels livres ? (roman, album photos, scientifique) 87. reçu quelles informations par votre agence de voyages? 88. assisté à des conférences / à des conférences avec projection de diapositives ou d'un film)? Au niveau de l'ethnie touarègue, vous avez…. 89. lu ou utilisé quel guide? (nom, maison d'édition,) 90. vu quelle émission télévisée? 91. lu des articles de presse : sur quel sujet? Dans quels magazines? 92. lu quels livres ? (roman, album photos, scientifique) 93. reçu quelles informations par votre agence de voyages? 94. assisté à des conférences / à des conférences avec projection de diapositives ou d'un film)? Au niveau des directives concernant votre comportement 95. Où avez-vous reçu vos informations ? 96. Quel domaine ces informations concernent-elles? (tabous, impératifs vestimentaires, photos et films) 97. Quelles directives concernant le comportement vous semblent les plus importantes au niveau du tourisme en général? 98. Quelles sont les directives concernant le comportement que vous respectez personnellement le plus souvent? 882 Photos et Vidéo 99. Possédez-vous un équipement photos ou vidéo? 100. Quel équipement possédez-vous exactement (nombre et qualité des appareils photos, camé- ras, objectifs zoom en mm, filtres, trépieds.) 101. Pour quelles raisons faites vous des photos (souvenir, créations, reportages, conférences....) 102. Combien d'années d'expérience de la photographie avez-vous? 103. Combien avez-vous emporté de pellicules? 104. Quels sont vos sujets favoris (paysage, portraits, spectacles, amis …) 105. Quand vous voulez prendre un homme ou une femme en photo, quelle est votre manière habituelle de procéder? (téléobjectif, instantané, demander l'autorisation …) 106. Vous arrive-t-il de payer pour avoir l'autorisation de prendre une photo? 107. Quelles expériences avez-vous faites en prenant des photos de Touaregs? 108. Avez-vous eu des problèmes quand vous avez pris des photos de Touaregs (des hommes en particulier)? Agadez/Timia : 109. Aimez-vous Agadez? 110. Qu'aimez-vous le plus? 111. Pour quelles raisons? 112. .Qu'aimez-vous le moins? 113. Pour quelles raisons? 114. Agadez répond-elle à votre attente? 115. Que conseillez-vous comme amélioration dans la communauté d'Agadez? L'avenir: 116. Voudriez-vous revenir visiter cette région? 117. Pourquoi (pas)? 118. Souhaitez-vous visiter une région analogue? 119. Si oui, laquelle? 883 Anhang 3: Fragebogen für Agadez-Reisende von Kneissl Touristik 1. Allgemeine Fragen zur Person: bei Auswahl-Fragen Zutreffendes bitte ankreuzen 1. Interview am .............................................................. 2. in.............................................................. 3. Geschlecht: weiblich.............männlich.................. 4. Alter: bis 20 J......bis 35........bis 55........bis 70..........über 70............... 5. Herkunft/Land: Österreich..........Deutschland.........Schweiz..........sonstiges:......... 6. Wohnumgebung: Stadt.................. eher ländlich........................... 7. Ausbildung Mittelschule......Matura..........Höhere Bildung........... 8. Beruf................................ 9. angestellt...........unabhängig................................ 10. Familienstand ledig......verheiratet.........gesch./verwitwet......................... 11. woher kommend: direkt von Paris..........Niamey.............Agadez............Aïr-Berge 12. am Weg nach: Paris...........Niamey...........Agadez.............Air..............Ténéré/Djado........ 13. Wie lange bleiben Sie in der Region Agadez/Air:..............Tage 14. Reiseform: überwiegend organisiert ...........unabhängig........... 15. in Gruppen...................allein................... 16. Fortbewegungsmittel: mit Allradfahrzeug..........Tage/ davon mit Kamel........Tage /Wandern.........Tage 17. Mit welcher nigrischen Agentur sind Sie unterwegs?................................................... 18. ungefähre Gesamtkosten der Reise (inkl. Flug).................................... 19. ungefähre zusätzliche persönliche Ausgaben für Trinkgelder, Souvenirs, Konsum............. 2. Fragen zu den Motiven 19. Warum haben Sie dieses Reiseziel gewählt....................................... 19a. warum mit dieser Agentur gefahren....................................... 20. Was erwarten Sie sich von dieser Reise besonders)....................................... 21. Kamen Sie wegen der Wüste....................................... 21.a Wenn ja, warum?....................................... 22. Was bedeutet Wüste für Sie?....................................... 23. Welche Höhepunkte ob landschaftlich oder kulturell soll es lt. Programm ge- ben?....................................... 23a. Gibt es für Sie andere, besondere persönliche Höhepunkte?....................................... 24. wenn Kultur, welche....................................... 25. warum gerade diese....................................... 26. Mit welcher Ethnie bringen Sie Ihre Reise in Verbindung? ....................................... Nennen Sie bitte einige typischen Besonderheiten dieser Ethnie, soweit Sie davon gehört haben. 27a äußerliche Merkmale....................................... 27b "typische" Wirtschaftsweisen....................................... 27c soziale Struktur....................................... 27d politische Organisation....................................... 27e historische Besonderheiten....................................... 884 27f regionales Verbreitungsgebiet....................................... 28. Was an dieser Reise ist für Sie insgesamt am wichtigsten, bzw. worüber freuten/worauf freuen Sie sich am meisten?....................................... 29. Was werden Sie von dieser Reise materiell/ideell mit nach Hause mitzunehmen: 29a. ideell: welche besonderen Erinnerungen/Erlebnisse....................................... 30. wenn materiell (Souvenirs) - welche....................................... 31. wo gekauft.........................unter welchen Umständen....................................... 32. Wenn Fotos - welche Motive besonders?....................................... 3. Fragen nach Erfahrungen 33. Haben Sie bereits Erfahrungen mit Wüste?....................................... 34. wenn ja: wie oft bereits:................mal, und wo und wie lange je- weils................................................ ........ 34a. Was war dabei Ihre schönste Erfahrung und warum?....................................... 34b. Was war dabei Ihre schlechteste Erfahrung und warum?....................................... 34c. Führten diese Erfahrungen jeweils zu irgendwelchen Konsequenzen (Meiden des Gebietes, Ändern der Einstellung..)? ....................................... 35. Haben Sie bereits Kontakt/Erfahrungen mit Tuareg? Wenn nein, bitte weiter Frage 40 35a Wenn ja, wie oft bereits?............mal; Wo genau....................................... 35b. Die einprägendste Begegnung war in..................... und dauerte ..............(Tage/Stunden) und war unter folgenden besonderen Umständen.............................................. 35c Die schönste Erfahrung mit Tuareg war in .............im Jahr............. 35d Besondere Umstände/Grund der positiven Bewertung....................................... 36 Die schlechteste Erfahrung mit Tuareg war in...............im Jahr.............. 36a Besondere Umstände/Grund der negativen Bewertung....................................... 37. Führten diese Erfahrungen jeweils zu irgendwelchen Konsequenzen wie besonderes Interesse/Meiden der Tuareg, Ändern der ursprünglichen Einstellung odgl.?........................... 38 Kennen Sie einen Tuareg persönlich? ....................................... 39: Wie würden Sie sein charakterliches Wesen/seine Mentalität beschreiben?...................... 40: Welche Merkmals sind Ihrer Ansicht nach für Tuareg bezeichnend? 41.Hatten Sie bereits Kontakt/Erfahrungen mit Nomaden/Beduinen?........................... 41a Wenn ja, wie oft bereits?............ Wo genau....................................... 41b. Die einprägendste Begegnung war in........................ und dauerte ............Stunden/Tage und war unter folgenden besonderen Umständen.............................................. 41c Die schönste Erfahrung mit Nomaden/Beduinen war in ......................im Jahr.............. 41d Besondere Umstände/Grund der positiven Bewertung....................................... 42 Die schlechteste Erfahrung mit Nomaden/Beduinen war in...............im Jahr.............. 42a Besondere Umstände/Grund der negativen Bewertung....................................... 43. Führten diese Erfahrungen jeweils zu irgendwelchen Konsequenzen wie besonderes Interesse/Meiden der Nomaden/Beduinen, Ändern der ursprünglichen Einstellung odgl.?....................................... 44 Kennen Sie einen Nomaden/Beduinen persönlich? ....................................... 885 45: Wie würden Sie sein charakterliches Wesen/seine Mentalität beschreiben? .............................................................. 46: Welche Merkmale sind Ihrer Ansicht nach für Nomaden/Beduinen bezeichnend? Fragen nach Informationsquellen 54. Haben Sie sich für diese Reise vorbereitet? ....................................... wenn nein... ..........................................(bitte ankreuzen), weiter zu Frage 55b 55. wenn ja, worauf haben Sie sich besonders vorbereitet?....................................... Welche Info-Quellen haben Sie betreffend den Niger/Agadez/Aïr genutzt: 55a. Reiseführer, wenn bekannt, bitte Titel, Verlag....................................... 55b. welche Spielfilme, Reportagen gesehen....................................... 55c. welche (Reise)Magazine gelesen....................................... 55d. sonstige Belletristik, Sachbücher....................................... 55e. durch Reisebüro....................................... 55f. Diavorträge, sonstiges....................................... 56 Wüste: 56a. Reiseführer, wenn bekannt, bitte Titel, Verlag....................................... 56b. welche Spielfilme, Reportagen gesehen....................................... 56c. welche (Reise)Magazine gelesen....................................... 56d. sonstige Belletristik....................................... 56e. Diavorträge, sonstiges....................................... 57 bez. Tuareg: 57a. Reiseführer, wenn bekannt, bitte Titel, Verlag....................................... 57b. welche Spielfilme, Reportagen gesehen....................................... 57c. welche (Reise)Magazine gelesen....................................... 57d. sonstige Belletristik....................................... 57e. Diavorträge, sonstiges....................................... 58 bez. Verhaltensrichtlinien 58a Woher bezogen Sie die Informationen/Hinweise? ....................................... 58b Auf welches Verhalten bezogen sich diese Richtlinien? ....................................... 58c Welche dieser RL erscheinen Ihnen besonders wichtig? ....................................... 58d Welche dieser RL erschienen Ihnen übertrieben/unsinnig? ....................................... 59e Auf die Einhaltung welcher dieser RL würden Sie sogar bei Ihren Reisepartnern dringen? 60. Führen Sie eine Fotoausrüstung mit sich? ja.......nein.........(bei nein bitte weiter zu Frage 64) 60a. Art/Umfang: (bitte ankreuzen): Kompaktkamera......... Spiegelreflex........mit ........Tauschobjektiven.......Extrablitz.......Stativ.........Zahl der Filme 61. Seit wie vielen Jahren fotografieren Sie bereits? ...............Jahre.............eben begonnen 62. Aus welchem Motiv fotografieren Sie überwiegend: Erinnerung.......Vorträge........Kunst........andere Gründe..................... 886 63. Welches sind Ihre wichtigsten Motive: Land- schaft........Tiere...........Kultur.......Portraits/Menschen......... Reisegruppen-Situationen................andere (bitte präzisieren).............................................. 64. Wie pflegen Sie generell menschliche Motive zu fotografieren: eher mit Teleobjektiv.........eher Schnappschüsse.......... frage prinzipiell vorher um Genehmigung..........fotografiere unbeobachtet.............. 66. Sind Sie auch bereit, für ein Foto zu bezahlen? wenn ja, wie viel maximal?............... Wenn nein, warum nicht? ................................................. 67. Welche überwiegenden Erfahrungen machten Sie beim Fotografieren von Tuareg/ wenn noch keine Tuareg-Erfahrung: mit Menschen in der Dritten Welt? 68. Hatten Sie bereits Probleme beim Fotografieren von Menschen in der Dritten Welt? 69. Agadez: Wie gefällt es Ihnen generell? ....................................... Was gefällt Ihnen am meisten in Agadez, und warum? ....................................... Was am wenigsten und warum? ....................................... Hat Agadez Ihren Erwartungen entsprochen? ....................................... Welche Änderungen, Verbesserungen wären wünschenswert? ....................................... Wenn bereits am Rückweg: Möchten Sie wieder in die Region Agadez kommen? ....................................... Warum (nicht)? ....................................... Oder in eine ähnliche Region (Wüste, Afrika, Orient, Nomaden)? ja, weil................................. Wohin etwa? ....................................... nein, weil.................................................................................... Ich danke Ihnen herzlichst für Ihre Aufmerksamkeit und Ihre Unterstützung. Die Auswertung dieser Befragung können Sie meiner Dissertation über "Nachhaltige Touris- musentwicklung in der Tuareg-Region Agadez/Air" entnehmen. Mag. Harald A. Friedl 887 Anhang 4: Interviewleitfaden für die Bevölkerung von Timia Questionnaire Timia 1 Nom 2 sexe 3 âge 4 Combien de temps par an vis-tu à Timia? 5 Education: dans quelles écoles es-tu allé? 6 Si tu n'es pas allé à l'école, aimerais-tu en fréquenter une? 7 Qu'attendais-tu de l'école? 8 Si tu as des enfants, pourquoi ne les envoies-tu pas à l'école? 9 Travail: quel travail fais-tu en ce moment? 10 Quels travaux as-tu fait jusqu'à présent? 11 Situation économique: combien d'argent gagnes-tu pas an? 12 Troupeau: combien de chèvres, de chameaux? 13 Comment utilises-tu l'argent? 14 Situation de famille: combien as-tu de personnes à nourrir dans ta famille/ ton campement? 15 Combien as-tu d'enfants? 16 Combien d'enfants veux-tu encore avoir? 17 Avec l'argent que tu gagnes, peux-tu vivre: bien, moyennement, pauvrement? 18 Combien d'argent voudrais-tu gagner? 19 Que voudrais-tu pouvoir acheter? 20 Si tu avais le choix, quel travail aimerais-tu faire? 21 Si tu en avais la possibilité et si c'était suffisamment lucratif, aimerais-tu travailler dans le domaine du tourisme à Agadez ou dans sa région comme guide, cuisinier etc. ? 22 Quand as-tu vu le premier touriste à Timia ? 23 Combien de touristes sont venus l'année dernière à Timia ? 24 Selon toi, en quelle année a eu lieu la meilleure saison touristique à Timia, et avec quel nom- bre approximatif de touristes? 888 25 Quelle différence fais-tu entre un touriste et un étranger comme Gerd Spittler ou Michel Bel- levin („les amis de Timia“)? 26 Comment juges-tu quelqu'un qui voyage uniquement par esprit de curiosité? 27 Combien d'argent gagnes-tu par an grâce au tourisme? 28 As-tu des membres de ta famille ou des amis qui gagnent de l'argent grâce au tourisme? 29 Combien de francs CFA par an? 30 Est-ce que la majorité des touristes s'arrêtent à la cascade, ou visitent-ils aussi le village? 31 Es-tu d'accord avec cette situation ou préférerais-tu que d'avantage de touristes restent plus longtemps au village? 32 Pour quelles raisons? 33 Y a-t-il quelque chose dans le comportement des touristes qui te dérange? 34 Si oui: en ce qui concerne les vêtements? Quoi exactement? 35 Que penses-tu des enfants qui crient pour demander des cadeaux aux étrangers ? Est-ce cela t'amuse ou est-ce que cela te dérange plutôt? 36 Photos: est-ce que les touristes ont déjà pris des photos de toi? 37 Avec ou sans ton autorisation? 38 Aimes-tu que les touristes prennent des photos de toi? 39 Pourquoi penses-tu que les touristes prennent des photos? 40 Qu'est ce que tu penses que les touristes font avec les photos? 41 La tradition: qu'est ce qu'elle représente pour toi? Donne des exemples concrets. 42 Quelle signification penses-tu que la tradition a pour les gens de Timia, dont la majorité est très jeune? 43 Comment jugez-vous la situation actuelle/ le développement? 44 Le métier de caravanier a-t-il bonne réputation? 45 Quel métier a meilleure réputation: celui de caravanier ou celui de jardinier? Pourquoi? 46 Est-ce que le travail d'un guide touristique, d'un guide chauffeur, d'un cuisinier, a encore meilleure réputation? Pourquoi? 47 Qu'est-ce que cela signifie pour toi être un touareg/ Imuhar ? 48 Quelle est la différence entre un Kells Ewey et un Imphal? 49 Quelles sont les valeurs les plus importantes dans la culture touarègue? 889 50 As-tu observé une perte de ces valeurs, surtout chez les jeunes? 51 Comment juges-tu cette évolution? 52 Qu'est ce qui est le plus important dans la vie, pour toi? 53 Que représente le désert pour toi? 54 Et les touristes, que penses-tu qu'ils viennent chercher dans le désert? 55 Combien de gens de Timia, en pourcentage, profitent du tourisme? 56 Quels changements positifs le tourisme a-t-il apportés à Timia? 57 Quels changements négatifs le tourisme a-t-il apportés à Timia? 58 Quels sont actuellement à Timia les problèmes les plus importants? (pour les bergers, en brousse ?) 59 A Timia même, qu'est-ce qui a changé ces dernières -années? 60 En faisant le bilan des tous les aspects positifs et négatifs, es-tu plutôt content ou plutôt mé- content? 61 Quelles autres localités que Timia as-tu visitées? 62 En t'appuyant sur ces expériences, aimerais-tu toujours vivre à Timia ou préférerais-tu vivre ailleurs? 63 Pour quelles raisons? 64 L'Europe, qu'est qu'elle représente pour toi? 65 Es-tu en contact avec des étrangers? As-tu des amis en Europe? 66 Si oui, comment les as-tu connus? 67 Si non, aimerais-tu avoir des amis en Europe, et pourquoi? 68 Si tu n'as jamais visité l'Europe, souhaiterais-tu le faire? 69 Pourquoi? 70 Comment juges-tu les Européens, surtout leur mentalité, par rapport aux gens de Timia? 71 A Timia ont lieu des fêtes auxquelles participent des étrangers qui prennent des photos, éga- lement avec le flash. Est- ce que cela te dérange ou es-tu content? Pourquoi? 72 La surpopulation de Timia est un problème fondamental. Si, selon, tu veux encore avoir des enfants comment feras-tu pour éviter de nouvelles naissances par la suite? 73 Serais-tu d’accord, ainsi que ton conjoint, pour utiliser des méthodes contraceptives/ préser- vatifs? 890 Anhang 5: Karte der Republik Niger 891 Anhang 6: Einzugsgebiet der Tuareg Anhang 7: Skizze der Ténéré 892 Anhang 8: Karte der Tamgak-Schlucht bei Iferouane 893 Anhang 9: Karte des Bagzan-Plateaus 894 Anhang 10: Karte der Kaldera von Arakao 895 Anhang 11: Bericht über die traditionelle Tuareg-Hochzeit in Timia 896 897 Anhang 12: Foto von Agadez Anhang 13: Foto von Timia Anhang 14: Foto der Dünen von Temet 898 Anhang 15: Salzkarawane der Kel Ewey am Rückweg aus Bilma Anhang 16: Nomaden-Familie in ihrem Camp 899 Anhang 17: Der Autor bei Freunden in Timia Anhang 18: Die Sängerinnen von Timia 900 Anhang 19: Tuareg vor Saurier-Funden Anhang 20: Der Ténéré-Führer Houiah 901 Anhang 21: Das Team von Tchimizar Voyages Anhang 22: Alhousseini Ibra, Direktor von Tchimizar Voyages, und der Autor 902