010-021 Geografie und Klima KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:24 Seite 10
002tr Foto: hf
GEOGRAFIE UND KLIMA – DIE LEBENSWELT
DER TUAREG
Die Tuareg leben in Gebirgszonen der zentralen Sahara und in den wei-
ten Ebenen der westlichen Sahelzone. Geografisch lässt sich ihr Lebens-
raum als ein Dreieck beschreiben, begrenzt durch die Städte Ghadames
im Nordosten, Timbuktu im Westen und Zinder im Süden. Dieses Gebiet
umfasst eine Fläche von zwei Millionen Quadratkilometern, aufgeteilt auf
die Saharastaaten Algerien und Libyen, die Sahelstaaten Niger, Mali und
Burkina Faso.
Dieser Lebensraum ist geprägt von großer Trockenheit, intensiver Son-
neneinstrahlung und starken Temperaturschwankungen. Um unter derar-
tigen Bedingungen überleben zu können, braucht man viel Raum, um die
spärlichen Naturressourcen dauerhaft nutzen zu können. Darum ziehen
die Tuareg mit ihren Ziegen und Kamelen von einer kargen Weide zur
nächsten, damit sich das abgeweidete Land bis zu ihrer Rückkehr wieder
erholen kann.
### Autor: Bitte BU ergänzen
10 11
010-021 Geografie und Klima KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:24 Seite 12
Sahara Auch zahlreiche Echsen und Kriechtiere sowie an die 160 Vogelarten exis-
tieren hier.
Mit 12 Mio. km2 ist die Sahara die größte zusammenhängende Wüste Wegen der enormen Trockenheit und der extremen Temperatur-
der Erde. 90 % ihrer Fläche sind ohne jeglichen Bewuchs, weil Nieder- schwankungen gedeihen in der Sahara nur besonders widerstandsfähige
schläge äußerst selten sind. Der Grund dafür ist ein dauerhaftes tropisches Pflanzenarten. Von den insgesamt 1400 Sorten existieren die meisten in
Hochdruckgebiet, in dem ständig kalte, trockene Luft in Bodennähe nach den Berggebieten, während die weiten Ebenen – außer nach einem selte-
Süden hin angesaugt wird. Nur im Sommer, zwischen Juli und September, nen Regenfall – oft ohne jeden Bewuchs sind. Hier gedeihen lediglich so-
wenn das subtropische Hochdruckgebiet nach Norden wandert, können genannte annuelle Pflanzen, z. B. einjährige Gräser, deren Samen jahre-
feuchtere Luftmassen bis zu den Gebirgsmassiven der Sahara gelangen lang im trockenen Boden keimfähig bleiben, bis sie nach einem ausrei-
und dort als mächtige Wolkenbrüche niedergehen. Diese Niederschläge chenden Niederschlag binnen weniger Stunden keimen, blühen und rei-
nähren die Grundwasservorräte und lassen die für die Nomaden so wich- fen. Dann sind sie für die Nomaden wertvolle Weidepflanzen. Wildgras-
tigen Weiden sprießen. samen und Kräuter stellen für die Tuareg eine wichtige Nahrungsergän-
Dauerhaft überleben kann man somit nur in den saharischen Gebirgs- zung dar. Lebenswichtige Pflanzen sind auch die Tamarisken- und Aka-
regionen. Manche dieser Gebirge entstanden durch Vulkanismus vor et- zienbäume, die Brennmaterial liefern. In den Oasen ist die Dattelpalme
wa 150–60 Mio. Jahren. Das Aïr-Massiv, das im Norden des Staates Niger die bedeutendste Kulturpflanze.
eine Fläche von rund 80.000 km2 bedeckt, erhebt sich bis auf 2000 Meter. Feste Wüstensiedlungen sind aufgrund ihrer Märkte für die Tuareg-
Die meisten dieser Höhen sind gigantische Magmablasen, die langsam an Nomaden wichtig. Dort können sie ihr Vieh gegen Lebensmittel, Stoffe
die Oberfläche trieben und dort erkalteten. Die schönsten und höchsten und andere Produkte eintauschen, die sie selbst nicht herstellen können.
Vulkane der Zentralsahara, die alle längst erloschen sind, findet man im Solche Märkte wie In Salah im Norden des Hoggar oder Ghadames in
Hoggar-Gebirge, in dessen Zentrum zahlreiche Basaltsäulen wie Orgel- Nordwestlibyen, waren zentrale Etappen des Trans-Sahara-Handels. Im Sa-
pfeifen bis 3000 Meter in den Himmel ragen. hel, am südlichen „Ufer“ der Sahara, spielten für lange Zeit Timbuktu,
Die flächenmäßig größten „Berggebiete“ der Sahara sind genau ge- Agadez und Zinder eine führende Rolle als Karawanenendpunkte. Viele
nommen die Reste einstiger Meeresablagerungen, die durch Erosion all- bedeutende Städte und Siedlungen in den Tuareg-Regionen waren einst
mählich in ein Gewirr aus Canyons und Felsnadeln verwandelt wurden. kleine, unbedeutende Oasen, in denen Sklaven Gartenbau betrieben.
Sie umgeben das Zentralgebirge des Hoggar wie einen Kranz. Zu ihnen Tamanrasset im Hoggar war ursprünglich überhaupt nur ein saisonales
gehören das Adrar n’Ifoghas im Südwesten des Hoggar, das Tassili-n-Ajjer Nomadenlager. Daneben gibt es traditionsreiche, wichtige Siedlungen, in
in Nordosten und das Akakus-Massiv im äußersten Osten des Tuareg-Le- deren Umfeld wichtige Bodenschätze abgebaut werden. Dazu zählen die
bensraumes. Saline von Taoudeni, im Norden von Timbuktu gelegen, sowie die Salzoa-
Zwischen den Erhebungen dieser Massive liegen ausgedehnte Täler, sen Fachi und Bilma in der Ténéré. Funde von Uran, Öl, Erdgas und Kohle
sogenannte kori (Tamaschek, Sprache der Tuareg), in denen sich das sel- waren in jüngerer Zeit die Triebkräfte für die Entstehung neuer Siedlungen
tene Regenwasser sammelt und den Grundwasserspiegel nährt. Von den in der algerischen Sahara und am Rande des Aïr.
Bergflanken beschattet und geschützt vor dem trockenen Wind können
hier Weiden, Bäume und Gräser gedeihen, die das Überleben der Tiere Die Hölle der Tuareg …
und Menschen ermöglichen. Hier gab es schon vor vielen Tausend Jahren
verschiedene Tierarten, die den damaligen Bewohnern als Jagdbeute In den endlosen, flachen Ebenen der offenen Wüste findet der Wind kei-
dienten. Die zahlreichen Felsbilder von Giraffenherden und Nashörnern il- nen Angriffspunkt mehr, weshalb er ungehalten jede noch verbliebene
lustrieren eine Zeit, als die Wüste noch ein regenreiches Paradies war. In- Feuchtigkeit aus dem Boden saugt. Hier ist ténéré, die Tuareg-Bezeich-
zwischen sind viele Spezies wegen der fortschreitenden Trockenheit und nung für „Land da draußen“, im Sinne von „jenseits des Weidelandes“.
aufgrund der Jagd längst ausgestorben. Der größte Artenreichtum in der Hier kann kein Vieh mehr existieren und darum auch kein Nomade leben.
Sahara ist heute im 77.000 km2 großen Aïr-Ténéré-Bioreservat zu finden, Hier ist die einsame Un-Welt der bösen Geister, die Menschen in den
wo 35 Säugetierarten leben, darunter Antilopen und Wüstengeparde. Wahnsinn treiben. Ténéré ist für Tuareg der Inbegriff von Leid und
12 13
010-021 Geografie und Klima KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:24 Seite 14
003tr Foto: hf
wenn Wolkenbrüche die Gräser sprießen lassen. Zwar liegen die Tempe-
raturen tagsüber um die 35–40 °C bei erhöhter Luftfeuchtigkeit, aber di-
cke Wolken werfen kühlenden Schatten. Nachts ist es angenehme 20 °C
warm. Ende September folgt die heiße Trockenzeit mit Tagestemperaturen
bis zu 40 °C am Tag und 5–10 °C nachts. Im Dezember bricht die kalte
Trockenzeit an mit angenehmen Tagestemperaturen um die 25–30 °C
und nächtlichen Temperaturen um den Gefrierpunkt. Im März folgt dann
die heiße Trockenzeit mit Durchschnittstemperaturen um die 45 °C am
Tag und 15–25 °C in der Nacht. Besonders unangenehm sind die ständi-
gen, trockenen Winde, die große Mengen Staub mit sich tragen und das
Land „einnebeln“. In dieser Zeit leiden die Hirten häufig an Augenentzün-
dungen.
Auch für wilde Tiere können sich die Tuareg wenig begeistern. Schlan-
gen und Skorpione werden als Bedrohung empfunden und beim ersten
Anblick getötet, Gazellen und Mufflons bestenfalls gejagt. Hyänen und
Schakale rauben das Jungvieh und die Ausrottung der Löwen erleichterte
den Tuareg die Kamelzucht.
… als Paradies der Europäer
Schmerz, Durst und Hunger, Hitze und Kälte – ein Synonym für eine Höl-
le! Kein Nomade würde freiwillig die Wüste durchqueren. Eben weil sich Für Europäer ist die Wüste abseits des Tuareg-Lebensraumes die eigentli-
die Tuareg entweder auf Weiden oder in den Städten bewegen, kennen che Attraktion. Es ist der unbegrenzte, endlos wirkende Raum, der sich als
viele dieses Ödland nur vom Hörensagen. Manche städtische Tuareg nei- gigantische Projektionsfläche für Abenteuer- und Selbstverwirkli-
gen dazu, die Wüste wie die Europäer romantisch zu verklären und be- chungsträume eignet. Wüste steht für all das, was wir in unserer mit Rei-
trachten sie gar als „Segen Gottes“, weil sie als Touristenattraktion dient. zen übersättigten Welt nicht haben: die Stille, die Leere, das Nichts. Unser
Unsere Empfindungen gegenüber der Natur sind einem Hirten fremd. Interesse an dieser Landschaft ist Ausdruck unseres Bedürfnisses nach Spi-
Im Tamaschek, der Sprache der Tuareg, existiert kein Begriff, der unserem ritualität, Klarheit und Einfachheit. Darum ist die Wüste der wesentliche
Wort „Natur“ entspricht. Kahle Vulkankegel, die wir als eindrucksvoll emp- Antriebsgrund für Saharareisen.
finden, lassen den Hirten unberührt. Dass Touristen sich die Mühe ma- Tuareg spielen vordergründig nur eine Rolle als „Aufputz“, um die Wüs-
chen, auf einen Berg zu steigen, erscheint Nomaden völlig unsinnig, es sei tenfans als gastfreundliche, verlässliche Führer durch die anmutige Ge-
denn, sie müssten eine Ziege suchen. Dünen sind für die Kamelführer nur genwelt zu begleiten. Ironischerweise werden dabei die Tuareg, obwohl
unwegsame, bedrohliche Hindernisse. „Natur“ bedeutet für die Tuareg sie selbst der Wüste so gar nichts abgewinnen können, als „mentale
Mühsal und Beschwerden, weil sie im unwegsamen Gelände Gefahr lau- Coaches“ betrachtet, die uns Europäern den Respekt für die Größe und
fen, über Hindernisse zu stolpern und von Dornen verletzt zu werden. „Erhabenheit“ der Wüste vermitteln sollen. Dabei denken viele unweiger-
Auch Hitze und Kälte machen den Tuareg zu schaffen. Im Winter sinkt lich an golden wogende Dünenmeere, über die sie der sanft versinkenden
die Temperatur bis unter den Gefrierpunkt und im Frühling, zur Zeit der Sonne entgegenschreiten. Tatsächlich ist die Sahara nur zu 10 % von Dü-
Sandstürme, ist der Sand überall, im Mund, im Essen, in der Kleidung. Als nen bedeckt. Die größten Gebiete der Sahara sind trostlose, flache Schutt-
„schön“ nehmen die Viehhirten Weiden wahr, die für Europäer wie kahle flächen.
Felder verdorrter Büschel wirken, die aus dem Staubmeer ragen.
Entsprechend stellen sich für die Tuareg-Hirten auch die Jahreszeiten
dar. Am schönsten ist die Regenzeit im Sommer (Juli bis September), ### Autor: Bitte BU ergänzen
14 15
010-021 Geografie und Klima KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:24 Seite 16
004tr Foto: hf
Eine extreme Wüstenregion in der Zentralsahara ist die Ténéré, die
sich auf 300.000 km2 zwischen dem Aïr-Massiv im Westen, dem Tassili
n’Ajjer und dem Akakus im Norden, dem Djado-Plateau im Osten und
dem Tschadsee im Südosten ausdehnt. Bis vor einigen Tausend Jahren
vom Tschadsee bedeckt, finden sich an den Rändern der Ténéré Reste
von prähistorischen Siedlungen. Im Zentrum dieses Wüstengebietes liegt
die Salzoase Fachi wie eine einsame Insel im Ozean. Auf der 200 km lan-
gen Strecke zwischen Fachi und dem Aïr existiert nur ein einziger Brun-
nen. Entlang des östlichen Randes der Ténéré verläuft der Oasengürtel
des Kawar, wo bis zum 19. Jahrhundert die wichtigste Trans-Sahara-Route
für den Sklavenhandel verlief. Heute werden auf dieser Strecke alljährlich
Tausende Wirtschaftsflüchtlinge auf überladenen Lastwagen nach Libyen
geschmuggelt. Von dort hoffen sie, sich irgendwie ins Paradies Europa
durchschlagen zu können. Manche von ihnen verschwinden allerdings zu-
vor in der Wüste …
Noch größer und öder als die Ténéré ist die Tanezrouft, die „Strecke
des Durstes“. An ihrem nördlichen Rand liegt die algerische Saharastadt
Reggane. 1500 km weiter im Süden, nach einer endlosen Öde aus Schot-
ter, Staub und Schutt, liegt Gao am Niger. Hier beginnt der Sahel …
schnitt ca. 780 mm Regen pro m2. Beim Niederschlag kommt es nicht nur
auf die Jahresmenge an, sondern auch auf die Dauer der Regenfälle und
Sahel deren Verteilung. So sind in Gao und Agadez nur im Juli und August die
Sommerregen ergiebig genug, während der Regen außerhalb dieser Zeit
Sahel bedeutet auf Arabisch „Ufer“. Es ist die Übergangszone zwischen bei Tagestemperaturen von 30–45 °C gleich wieder am trockenen, heißen
der extrem trockenen, weil niederschlagslosen Sahara und der „wechsel- Boden verdampft.
feuchten“ Savanne, wo lediglich während der Regenzeit im Sommer die Nach der Regenzeit ergrünt das Land, das kurz zuvor kahl und grau war.
mehr oder weniger regelmäßigen tropischen Sommerregen fallen. In die- Es ist schwül, aber bewölkt und darum angenehm schattig. Für die Noma-
sem 200–300 km breiten Streifen liegen die Staaten Mali, Burkina Faso den ist dies die schönste Zeit im Jahr, in der man sich zu Hochzeiten trifft
und Niger. und das Leben in vollen Zügen genießt.
Die meiste Zeit des Jahres weht der Harmattan aus dem Nordosten und
trägt gewaltige Mengen Saharasand in den Sahel. Nur während der Som- Geologie
merzeit bringt der Monsun aus dem Südwesten den ersehnten Regen aus
den Tropen, der umso spärlicher fällt, je weiter man nach Norden gelangt. Der Sahel ist – wie die größten Teile Westafrikas und der Sahara – eine
In Zinder fallen während der Sommerzeit rund 500 mm Regen pro Qad- weite, endlose Ebene mit flachen Tälern und einigen großen Becken wie
ratmeter. Dies bedeutet, dass sich eine Messsäule im Laufe eines Jahres das Binnendelta des Niger zwischen Timbuktu und Gao oder das Tschad-
500 mm hoch mit Regenwasser füllen würde. In Agadez fallen nur noch see-Bassin im Osten. Dazwischen liegen Schwellen, die vor 600 Mio. Jah-
100 mm pro m2. Im Vergleich dazu fallen in Deutschland im Jahresdurch- ren durch Hebungen des afrikanischen Grundgebirgssockels entstanden
sind. Im Westen ist dies der Bereich Hoggar-Adrar n’Ifoghas, im Norden
das Aïr und im Südosten die Munio-Schwelle.
Die markanteste Erscheinung des Sahel ist der Niger, den die Tuareg
### Autor: Bitte BU ergänzen### Autor: Bitte BU ergänzen ghir n-igheren, Fluss der Flüsse, nennen. Er entspringt im tropischen Re-
16 17
010-021 Geografie und Klima KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:24 Seite 18
genwaldgebiet der Guinea-Schwelle, unweit der Grenze zu Sierra Leone, tummeln sich noch einige wenige Nilpferde und Krokodile, dafür aber
von wo er rund 1000 km nach Nordosten in ein breites Binnendelta fließt. reichlich Fische, wie der als Speisefisch beliebte „Capitain“. Einige der gro-
Seinen nördlichsten Punkt erreicht er bei Timbuktu, von wo er über 500 ßen Savannentiere wie Löwen, Büffel und Elefanten finden ihre Zuflucht
km in östlicher Richtung durch die Südsahara fließt, bis er sich kurz vor im dichten Gestrüpp des „Parc du W“.
Gao nach Südosten wendet. Hier mündet das Wadi-System des Tilemsi, Die Savanne ist weitflächig von Gräsern und Dornbüschen bedeckt.
wahrscheinlich der Ur-Niger, in den Fluss. Bei La Tapoa, 150 km hinter der Diese Dornbuschsavanne ist der eigentliche Lebensraum der südlichen
Hauptstadt der Republik Niger (Niamey) durchstößt der Strom in Form ei- Tuareg-Nomaden, wobei sie in Nord-Südrichtung von Weide zu Weide
nes „W“ die Atakor-Schwelle. Hier liegt der „Parc du W“, ein zum dem Regen hinterherziehen. Gelegentlich findet man verschiedene Aka-
UNESCO-Welterbe zählendes, grenzübergreifendes Naturschutzgebiet zienarten. Entlang der Wadis (Wadi = meist wasserloses Flusstal) gedeiht
mit einem reichen, tropischen Wildbestand. Hinter dieser Schwelle nimmt die Dumpalme, die ein wichtiger Lieferant von Fasern für Flechtwaren ist.
der Niger das 1200 km lange Wadi-System des Azaouagh auf. Es entwäs- Immer häufiger findet sich der Calotropis-procera-Strauch, ein giftiges
sert die Ifoghas-, Hoggar- und Aïr-Berge und durchzieht die wichtigsten Wolfsmilchgewächs mit hübschen lilafarbenen Blüten. Diese resistente
Weidegebiete (die Azaouagh-Ebenen) der Sahel-Tuareg. Dann strömt der Pflanze ist ein typisches Zeichen für die Ausdehnung der Sahara. Eine cha-
Niger in südöstlicher Richtung, bis er sich in Nigeria nach insgesamt 4160 rakteristische Grasart des Sahel ist das Cramcram-Gras (Cenchrus biflorus),
km als Delta in den Golf von Guinea ergießt. dessen Samen mit Widerhaken versehen sind und darum bei Spaziergän-
gen abseits der Wege an der Kleidung hängen bleiben. Wirtschaftlich
Fauna und Flora wichtige Pflanzen für die Tuareg sind das Afesso-Gras, das Flechtfasern
liefert, und diverse Wildgetreidesorten, die während der Dürrezeiten als
Je weiter man nach Süden gelangt, desto dichter ist das Land besiedelt. Ist Hirse-Ersatz dienen.
es für die meisten Wildtiere im Norden zu trocken, so finden sie im Süden
neben den Menschen immer weniger Lebensraum. In Naturpark von Til-
labery, unweit von Niamey, leben die letzten freien Giraffen. Im Niger Die Auswirkungen des Klimawandels
005tr Foto: hf
Der durch zivilisationsbedingte CO2- und Methanemissionen verursachte
Klimawandel macht sich auch in der Sahara immer deutlicher bemerkbar.
Messungen im Niger zeigen einen Rückgang der Niederschläge während
der letzten 50 Jahre um bis zu 40 %. Gleichzeitig verändert sich die Fauna
und Flora: In vielen Tälern, die vor einigen Jahren noch dicht mit Akazien
bewachsen waren, findet man heute fast nur noch Euphorbien. Das sind
hochgradig anpassungsfähige, strauchartige Wolfsmilchgewächse. Sie
werden von den Tuareg als letzte Lebewesen einer zur Wüste verdamm-
ten Region betrachtet. Vor 150 Jahren beschrieb Heinrich Barth den Aïr
noch als eine paradiesische, tropisch-lebensvolle Landschaft mit „einem
großen Reichtum an Pflanzenwuchs“. Seit damals hat sich das Aussehen
der Sahelzone nachhaltig verändert. Allein in den vergangenen 50 Jahren
dehnte sich die Sahara auf ihrer gesamten Südseite um rund 200 Kilome-
ter nach Süden aus.
### Autor: Bitte BU ergänzen
18 19
010-021 Geografie und Klima KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:24 Seite 20
006tr Foto: hf
hafteren Arten mittelfristig aussterben. In Dürrezeiten wird dieser Prozess
abermals beschleunigt, weil dann die Hirtinnen Baumzweige an die Tiere
verfüttern. Dadurch werden die ohnehin dürregeschädigten Akazienbäu-
me zusätzlich beeinträchtigt, was deren Absterben beschleunigt. Die Wur-
zeln eines abgestorbenen Baums können den Boden nicht mehr halten,
wodurch die fruchtbare Krume von Wind und Regen fortgespült wird.
Die Belastung der Baumbestände ist generell ein enormes Problem,
denn der überwiegende Teil der Bevölkerung kocht mit Feuerholz. Eine
Person benötigt rund einen Kubikmeter Holz pro Jahr. Mit wachsender
Bevölkerung wächst auch der Holzbedarf. Den größten „Holzhunger“ ha-
ben die Großstädte. Für deren Holzversorgung dringen Rodungstruppen
mit Lastwagen bis tief ins Aïr ein. Der Raubbau hat katastrophale Folgen
für das Ökosystem: Die Wälder verschwinden und die Ausbreitung der
Wüste wird erneut beschleunigt.
Gibt es endlich einmal Regen, dann führten in jüngster Zeit übermäßige
Niederschläge immer häufiger zu Flutkatastrophen mit zahlreichen To-
desopfern. Überlebt die Ernte selbst diese Bedrohung, dann gibt es noch
Buschbrände, Pflanzenkrankheiten oder Heuschreckenplagen. Im Jahr
2004 wurde der gesamte Sahel von gigantischen Heuschreckenschwär-
Das deutlichste Indiz für den Klimawandel sind jedoch die zunehmen- men heimgesucht. Selbst am Ostrand des Aïr war der spärlich bewachse-
den extremen Wetterlagen. Dürren als Folge der ausbleibenden Regen- ne Sand mit Abertausenden Heuschrecken übersät.
zeit suchten den Sahel früher nur alle zwanzig bis dreißig Jahre heim. Mitt- Durch die Dürren gingen große Viehbestände verloren, die Herden
lerweile wird die Region alle zehn Jahre durch große Trockenheit belastet, konnten sich bis heute nicht erholen. Darum gibt es zu wenige Ziegen
verbunden mit massiven Ernteausfällen und Hungersnot für weite Teile der und Kamele für die nachwachsende Hirtenjugend der Tuareg. So sind vie-
Bevölkerung. In den Jahren 2001 und 2002 war in manchen Tälern des Aïr le junge Tuareg gezwungen, alternative Einnahmequellen zu suchen.
seit zwei Jahren kein Tropfen Wasser gefallen. Die Brunnen trockneten
aus und die Weiden verdorrten, worauf viele Nomaden in den Süden des
Aïr zogen. Dadurch kam es dort bald zu Überweidungen und das Vieh
verhungerte. Doch auch die Menschen litten Hunger, da die Hirsepreise
wegen der mageren Ernten im Süden in die Höhe schossen.
Mit jeder Dürre wächst die Belastung der mageren Böden, verstärkt
durch die Ausdehnung der Agrarwirtschaft, durch Überweidung und die
Abholzung der begrenzten Baumbestände. Ist aber die Vegetationsdecke
einmal verletzt, wird sie umso empfindlicher für schwere Regenfälle, Wind
und pralle Sonne. Am Ende des Erosionsprozesses bleibt der nackte,
fruchtlose Fels zurück, in dem kein Samenkorn mehr keimen kann. Alljähr-
lich gehen viele Hundert Quadratkilometer Weidefläche im Lebensraum
der Tuareg an die Wüste verloren. Durch diesen Teufelskreis stehen den
Herden weniger intakte Weiden zur Verfügung, die dadurch noch stärker
überweidet werden und deren Bewuchs sich kaum regenerieren kann.
Dadurch überleben eher die ungenießbaren Gräser, während die nahr- ### Autor: Bitte BU ergänzen
20 21
022-053 Geschichte KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:26 Seite 22
008tr Foto: hf
DIE GESCHICHTE DER TUAREG
Bis heute gibt es keine eindeutige Klärung der Frage, woher die Tuareg ur-
sprünglich kommen, obwohl dieses Thema lange Zeit intensiv beforscht
wurde. In der Folge entstanden sehr seltsame, geradezu abenteuerliche
Theorien über die Herkunft der Tuareg, die ihrerseits viel zur Romantisie-
rung und Idealisierung dieser Volksgruppe beigetragen haben.
Zur Herkunft der Tuareg
Der bekannte Sahara-Forscher Henri Lhote (1903–1991) bezeichnete die
Ägypter als Vorfahren der Tuareg. Den „Beweis“ dafür lieferten Felsma-
lereien des Tassili-Plateaus, die Lhote gezielt manipuliert hatte, um seine
Theorie untermauern zu können. Nachgewiesen sind jedoch nur gewisse
Handelsverbindungen zwischen Ägyptern und berberischen Gruppen.
Festung der Stadt Ghat, Blick von Koukemen
22 23
022-053 Geschichte KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:26 Seite 24
007tr Foto: hf
Die Urahnin Tin Hinan
Nach einer Legende nobler Hoggar-Tuareg gilt die mythische Königin Tin
Hinan als ihre Urahnin. Von dieser „vornehmen“ Frau wird erzählt, sie sei
gemeinsam mit ihrer jüngeren Schwester oder Dienerin Takama „vor lan-
ger Zeit“ aus dem Norden ins Hoggar-Gebirge geritten. Hier soll Tin Hinan
den Stamm der „noblen“ kel ahaggar „gegründet“ haben, indem sie drei
Töchter gebar: Tinert („Antilope“), die heute als Urahnin des „noblen“
Stammes der inemba kel emerri gilt, Tahenkot („Gazelle“), die als Urahnin
der „noblen“ kel ghela angesehen wird, und Tamérouelt („Häsin“), von der
die „noblen“ iboglân abzustammen behaupten. Die Dienerin Takama soll
zwei Töchter geboren haben, denen Tin Hinan die Palmengärten der Region
als Geschenk überlassen haben soll. Diese beiden gelten als die Urahninnen
der Vasallenstämme der „noblen“ kel ahaggar, etwa der dag rali.
Diese Legende, die der Missionar und Tuareg-Forscher Charles de Fou-
cauld (1858–1916) überlieferte, dient den „noblen“ Tuareg-Stämmen als
Legitimation ihrer Vorherrschaft und ihres Anspruchs auf Tributzah-
lungen gegenüber den Vasallenstämmen, den „Nachkommen Takamas“. beschrieben. Demnach konnte sie nicht der lokalen negroiden Urbevölke-
(Zu den sozialen Schichten der Tuareg siehe das Kap. „Gesellschaft und Po- rung, den Isebeten, angehört haben, sondern dürfte von den südmarokka-
litik“.) So wurde von manchen Ehefrauen der „amenokal“ (wörtl.: „Füh- nischen Berbern abstammen. Damals wurde von Kaiser Konstantin in
rer der Trommlergruppe“, was so viel wie „oberste Autorität“ bedeutet) be- Nordafrika das Christentum als Staatsreligion eingeführt. Das lässt die Ver-
hauptet, sie seien direkt mit Tin Hinan verwandt. mutung zu, dass manche berberischen Nomadenstämme aus politischen
Zur Deutung solcher Tuareg-Überlieferungen muss man sich stets die po- oder religiösen Gründen nach Süden ausgewandert waren. Zu dieser Zeit
litische Funktion des Mythos vor Augen führen. So stößt man gegenwär- war die Sahara noch viel feuchter als heute. Seit dem 2. Jh. n. Chr. war das
tig im Hoggar auf eine Version des Tin-Hinan-Mythos, wonach Tin Hinan Kamel in Nordafrika verbreitet. Insofern erscheint die Reise zweier Frauen
als eine Art Urmutter der „noblen“ Tuareg und auch der Franzosen (!) be- auf dem Kamel durch eine Steppenregion mit ausreichenden Weiden für ihr
zeichnet wird. Tuareg-Forscher vermuten, dass diese Sichtweise von fran- Vieh vorstellbar. Im Hoggar dürften sie dann die Brunnen und Oasen frü-
zösischen Offizieren in der Absicht verbreitet wurde, engere Bande zwi- herer Bewohner vorgefunden haben. Darüber, mit wem sich die beiden Da-
schen ihnen und den Tuareg zu stiften. men fortpflanzten, gibt es jedoch keine Überlieferungen. Hier spiegelt sich
Stoff für Spekulationen um die „Richtigkeit“ des Tin-Hinan-Mythos lie- die Tuareg-Tradition wieder, wonach für die Herkunft die weibliche Linie
ferten 1926 und 1933 die reichen Grabungsfunde in Abalessa, 80 km west- zählt und nicht wie in Europa die männliche. Vielleicht war Tin Hinan der
lich von Tamanrasset. Hier lag ein mit massiven Goldreifen geschmücktes erste „amenokal“ der Region, wie die reichen Grabbeigaben von Abalessa
Frauenskelett auf einem Prunkbett aus Holz und Leder. Unter den Grabbei- vermuten lassen. Sie sind auch ein Indiz dafür, dass das Volk der Tin Hinan
gaben befanden sich römische Artefakte und Münzen aus der Zeit Kon- über die nötigen Strukturen verfügte, um Handelsbeziehungen aufzubauen.
stantins des Großen (4. Jh. n. Chr.), was auf die bedeutende soziale Stellung Wahrscheinlich war dieses Gebiet damals eine bedeutende Karawanenstati-
der Verstorbenen deutete, sowie Produkte aus Regionen südlich der Sahara. on auf dem Weg vom Mittelmeer in den Sudan.
„Tin Hinan“ bedeutet so viel wie „jene, die von weit her kommt“. In den
verschiedenen mündlichen Überlieferungen wird die Urahnin als eine
„schöne, große Frau mit einem makellosen Gesicht, einem hellen Teint ...“ ### Autor: Bitte BU ergänzen
24 25
022-053 Geschichte KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:26 Seite 26
009tr Foto: hf
Jahrhundert berichtete, sie hätten auf Streitwagen schwarze Menschen
gejagt. Hinweise darauf liefert die sogenannte „Straße der Garamanten“,
wie Henri Lhote die rund 200 Felszeichnungen von Kriegern auf Streitwa-
gen bezeichnete, die über die zentrale Sahara bis hin zum Sahel verstreut
zu finden sind. Wahrscheinlich gab es rege Austauschbeziehungen zwi-
schen den Garamanten im Norden und der sesshaften Bevölkerung im Sü-
den, aber Genaues ist darüber nicht bekannt.
In historischen Aufzeichnungen wird über die Garamanten berichtet, sie
hätten karthagische Küstenstädte geplündert, seien dann Handelspartner
der Karthager und schließlich sogar Söldner im karthagischen Heer ge-
worden. Im Jahr 218 v. u. Z. hätten sie unter Hannibal die Alpen überquert
und die Römer bei Cannae besiegt. Nach dem Dritten Punischen Krieg
gewann Rom die Oberhoheit in Nordafrika. Im Jahr 19 v. u. Z. wurde Ga-
rama, die Hauptsiedlung der Garamanten, erobert und die Bevölkerung
ins südliche Hinterland vertrieben. Danach dürften die Garamanten im-
mer noch gewisse Handelsbeziehungen zu den Römern gepflegt haben.
Dafür sprechen römische Münzen, die im Grab der Tin Hinan in Abalessa
bei Tamanrasset gefunden wurden.
Auch Wikinger, Vandalen und sogar Kreuzfahrer hielten als Vorfahren Berber: imazighen und imajeghen
der Tuareg her. Als Argument wurde darauf verwiesen, dass bei manchen
Tuareg-Stämmen blondes Haar und blaue Augen vorkämen. Immerhin Die Tuareg werden heute weitläufig als Angehörige der Berber bezeich-
hatten die Vandalen im 5. Jahrhundert u. Z. unter König Geiserich im net. Dieser Sammelbegriff für die Urbevölkerung Nordafrikas bezeichnete
Raum des heutigen Tunesien für rund hundert Jahre ein Germanenreich ursprünglich lediglich all jene Menschen, die außerhalb des griechischen
errichtet. und später des römischen Kulturkreises standen. Die einzige vergleichba-
Eine im Frankreich des 19. Jahrhunderts beliebte Hypothese war die An- re Gemeinsamkeit dieser vorarabischen Bevölkerungsgruppen ist deren
nahme gemeinsamer genetischer Wurzeln von Tuareg und Franzosen. Sprache, das Berberische bzw. imazigh. Darum nennt man die Berber
Für Jemen oder Palästina als Herkunftsgebiet der Tuareg plädierten auch imazighen und deren Untergruppe, die „noblen“, also militärisch
arabische Historiker. Dafür sprechen auch manche Mythen, die heute und politisch dominierenden Tuareg-Gruppierungen, imajeghen. (Vgl. da-
noch im Aïr erzählt werden. zu das Kap. „Gesellschaft und Politik“.) Doch auch diese Stämme sind ein
Resultat zahlreicher Trennungen und Vereinigungen verschiedener Grup-
Die Garamanten pen. Daher ist es heute so schwierig, von „den Tuareg“ zu sprechen.
So ist die Frage danach, welche verschiedenen Strömungen die Tuareg
Heute werden die Garamanten als historische Vorfahren der nördlichen in sich vereinigt haben, viel wichtiger und leichter zu beantworten, als die
Stämme, kel ahaggar und kel ajjer, angenommen. Deren Reich bestand vor Frage nach deren Herkunft. Heute ist davon auszugehen, dass die Tuareg
rund 2500 Jahren im Hochland von Fezzan, dem heutigen Zentrallibyen. mit der berberischen Urbevölkerung verwandt sind, ob sie nun Gara-
Diese Stämme wurden während der arabischen Invasion aus dem Mittel- manten, Berber oder gar Atlanten genannt wird. Diese Bevölkerungsgrup-
meerraum nach Süden verdrängt. Doch besteht bis heute Unklarheit da-
rüber, wer die Garamanten genau waren. Möglicherweise gehörten sie zu
einer negroiden, den Bornuvölkern verwandten Rasse, von der schon der
griechische Geograf und Historiker Herodot im fünften vorchristlichen ### Autor: Bitte BU ergänzen
26 27
022-053 Geschichte KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:26 Seite 28
pe hatte wirtschaftliche und militärische Kontakte mit dem Orient und nördlich von Timbuktu tributpflichtig wurden und ihre Überfälle auf Kara-
dem Sahel. Auch fanden in der Antike und im Mittelalter Wanderbewe- wanen unterließen. Neben den kel ifoghas wurden auch die kel aïr im öst-
gungen zwischen dem Norden und dem Süden der Sahara in beide Rich- lichen Sudan unterworfen.
tungen statt. All diese Umstände haben die heutige Volksgruppe der Tua- Die Region des Aïr-Massivs war ab dem 10. Jahrhundert in mehreren
reg mitgeprägt. Wellen von Tuareg-Stämmen besiedelt worden. Sie verdrängten die neg-
roide Urbevölkerung, die Goberawa, nach Süden oder integrierten sie in
ihre eigenen Gesellschaften. Später einwandernde Tuareg verdrängten ih-
Die Arabisierung Nordafrikas und ihre Folgen rerseits die schon früher angesiedelten Tuareg-Gruppen nach Süden. An-
fang des 15. Jahrhunderts gründeten die dominanten Tuareg-Stämme, die
Etwa ab dem 7. Jahrhundert fielen die Araber in mehreren Wellen in Nord- kel ewey und die kel gress, das Sultanat von Aïr mit dem Sitz in Agadez.
afrika ein. Diese kriegerischen Beduinen waren zwar schlecht gerüstet, Durch die Ansiedlung arabischer Kaufleute wurde die Stadt rasch zum
verfügten aber durch ihre neue Religion, den Islam, über ein enormes Sen- Kreuzungspunkt der Karawanen aus den Sahara-Oasen im Norden, dem
dungsbewusstsein. So konnten sie rasch ein Großreich in diesem Gebiet Königreich von Songhai am westlichen Nigerfluss, aus dem Gebiet der
errichten. Die Überfälle der Araber führten unter der berberischen Bevöl- Hausa im Süden und dem Reich von Bornu am Tschadsee. Damals galt
kerung zu wiederholten Abwanderungsbewegungen nach Süden. Dort Agadez als eine der größten und schönsten Städte des Sudan, sie muss-
wurden die Ureinwohner entweder unterworfen und als Vasallen oder te jährlich einen Tribut von 150.000 Dukaten an die Songhai in Gao ab-
Sklaven in die Gesellschaft integriert oder sie wurden ihrerseits vertrieben, liefern.
was zu weiteren Bevölkerungsverschiebungen führte.
Die Tuareg im Sudan Assode – die alte Hauptstadt der „kel aïr“
Eine dieser Gruppen, die in den Süden abwanderten, waren die Sanhad- Die Vorfahren der frühen Einwanderer haben im Aïr-Massiv eine bedeu-
scha-Berber. Sie unterwarfen im 11. Jahrhundert Marokko, gründeten die tende archäologische Stätte hinterlassen, die Ruinenstadt Assode. Diese
mächtige Dynastie der Almoraviden, eroberten das „Goldland“ Ghana einstige „Hauptstadt“ des Aïr ist heute ein ca. 70 Hektar großes Areal
und kontrollierten den Gold-, Salz- und Sklavenhandel zwischen dem Su- mit zahlreichen Ruinen ehemaliger Granitsteinhäuser. Es ist die älteste
dan und Marokko. Schließlich ging aus den Sanhadscha-Berbern auch die Siedlung im Aïr mit festen Häusern. Wie Radiocarbon-Messungen ver-
wichtige Tuareg-Gruppierung der kel iforas hervor, die sich in den süd- muten lassen, dürfte sie um das Jahr 1420 gegründet worden sein. In ih-
östlichen Ausläufern des Hoggar-Massivs, dem Adrar n’Iforas, ansiedelten. rer Blütezeit haben in Assode vermutlich etwa 10.000 Menschen gelebt.
Im 11. Jahrhundert erschütterte ein weiterer Einfall arabischer Truppen Zu Zeiten des Forschers Heinrich Barth, Mitte des 19. Jahrhunderts, war
die gesamte Region und verursachte erneut Auswanderungsbewegungen die Stadt längst im Niedergang begriffen, berichtete er doch über den
der ansässigen Berber-Gruppen. Die Almoraviden wurden vertrieben und „ansehnlichen Umfang seiner Ruinen – angeblich von tausend Häusern,
ein neues Reich, Mali, entstand, dessen Handelsbeziehungen sich wei- alle aus Stein und Lehm gebaut, während nur noch etwa achtzig
ter nach Osten verlagerten. Die wichtigsten Karawanenrouten verliefen bewohnt“ waren. Als der Brite Francis Rennell Rodd im Jahr 1926 die
nun von Tunis und Tripolis über Ghadames nach Timbuktu und Gao. In Ruinen passierte, waren sie bereits völlig verlassen. Die Gründe für den
dieser Zeit wurde Timbuktu zu einem führenden Zentrum der Wissen- Niedergang waren vermutlich Wassermangel, Raubzüge umliegender
schaft und des Islam. Tuareg-Stämme und die Verlagerung der Karawanenrouten nach Aga-
Gegen Ende des 15. Jahrhunderts ging Mali durch häufige Angriffe der dez. Neuerdings wird Assode wieder von „chasses-touristes“ („Touristen-
Tuareg und durch den Aufstieg der Songhai zugrunde. In deren neuem jägern“) frequentiert, die hier Tuareg-Kunsthandwerk verkaufen. (Siehe
Reich mit der Hauptstadt Gao erlebte die Region eine kulturelle und wirt- auch Kap. „Unterwegs in der Wüste“.)
schaftliche Blütezeit, u. a. wurde die berühmte Universität von Timbuktu
gegründet. Die Macht der Songhai war so groß, dass sogar die Tuareg
28 29
022-053 Geschichte KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:26 Seite 30
010tr Foto: hf
Angelockt vom Reichtum der Songhais eroberte Ende des 16. Jahrhun-
derts ein mächtiges marokkanisches Söldnerheer Timbuktu und Gao. Mit
dem Untergang des Songhai-Reiches wurde aber auch die Quelle des
Wohlstands, der funktionierende Handel, ruiniert. Seitdem ging es mit
dem geistigen Zentrum Timbuktu steil bergab. In der Region Agadez strit-
ten diverse Tuareg-Gruppen in zahlreichen Kriegen um die Vorherrschaft
über die Stadt, was zu ihrem raschen Niedergang führte. Letztlich konnten
sich die kel ewey als dominierender Stamm im Aïr durchsetzen, während
die kel gress nach Süden auswanderten.
Im Verlauf des 19. Jahrhunderts führten wiederholte Überfälle von Ara-
bern zu massiven Unruhen, beispielsweise raubten sie im Jahr 1849 fast
50.000 Kamele. Verhielten sich die Araber friedlich, dann stellten die Tu-
bus eine große Bedrohung für die Aïr-Tuareg dar. Die ständige Gefahr
von Übergriffen legte sich in diesem Gebiet erst mit der Etablierung der
französischen Kolonialmacht im 20. Jahrhundert.
Die Tuareg des Nordens
In den Hoggar, das zentrale Tuareg-Gebiet in der Sahara, wanderten ab
dem 7. Jahrhundert unter dem Druck der Araber die sogenannten „Targa“
ein. Das waren Kamel haltende Tuareg aus dem Fezzan im Südwesten Li- Das türkische Zwischenspiel
byens. Hier im Hoggar nahmen sie dann den Namen der Region, Ahag-
gar, an. Die eingeborenen Ziegen haltenden Berbergruppen, die Isbeten, Das osmanische Reich spielte schon seit dem 16. Jh. eine dominante Rolle
wurden von den dominanten kel ahaggar als Vasallen wirtschaftlich inte- im südlichen Mittelmeerraum. Einfluss auf die Tuareg-Region gewannen
griert und nunmehr als kel ulli, „Ziegenleute“, bezeichnet. die Osmanen jedoch erst ab dem 17. Jahrhundert mit ihrem Engagement
Die zweite dominante Gruppe im Hoggar war die der kel ajjer. Bis zur in Libyen. Ihren Herrschaftsanspruch stellten die Osmanen durch stellver-
Mitte des 17. Jahrhunderts bildeten sie gemeinsam mit den kel ahaggar ei- tretende beys, hochrangige Beamte, sicher, die weitgehend eigenständig
ne Konföderation unter der Führung adlig-religiöser Machthaber. Das regierten. Die wirtschaftliche Grundlage der beys in Algir, Tunis und Tri-
von ihnen beherrschte Gebiet reichte von Ghat in Südlibyen bis in den polis war die Piraterie. Seit dem 15. Jahrhundert kaperten die als „Korsa-
Südwesten des Hoggar, an der Grenze des heutigen Mali. Um 1660 führ- ren“ bekannten Piraten systematisch europäische Handelsschiffe im Mit-
ten Konflikte zwischen adligen Gruppen zum Zerfall der Konföderation. telmeer und im Atlantik und versklavten die Besatzung. Politisch und mili-
Die kel ajjer wichen nach Osten aus, während die kel ahaggar unter der tärisch unterstützt wurden sie seit 1529 vom türkischen Sultan. Die Macht
Führung der kel rela, einer noblen Untergruppe der kel ahaggar, im Wes- der Korsaren wurde erst gebrochen, nachdem diese gemeinsam mit den
ten die Oberhand behielten. Weitere verlustreiche Kriege reduzierten den Osmanen in der Seeschlacht von Navarino (Griechenland) vernichtend
Stamm der kel ajjer fast bis zur völligen Bedeutungslosigkeit. von den Flotten Frankreichs, Englands und Russlands geschlagen wurden.
Im Jahr 1930 versetzte der französische Kaiser Charles X. den Korsaren
von Algier den „Todesstoß“, indem er die Stadt besetzen und damit Frank-
reich erstmals als Kolonialmacht in Afrika in Erscheinung treten ließ. Mit
dem weiteren Vordringen Frankreichs in die Sahara sahen sich nunmehr
auch die Osmanen genötigt, aktiven Einfluss auf „ihre“ Sahara zu nehmen,
### Autor: Bitte BU ergänzen### Autor: Bitte BU ergänzen indem sie den Fezzan besetzten. Ihr militärischer Einfluss beschränkte sich
30 31
022-053 Geschichte KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:26 Seite 32
jedoch auf die Oasen, während die Welt außerhalb der Wüsteninseln von baute. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte die militärische Strategie der Koloni-
Tuareg kontrolliert wurde. almacht darin bestanden, einsame Festungen gegen die umliegenden Be-
Das Vordringen Frankreichs und der Osmanen von der Küste ins sahari- duinen zu verteidigen. Mit den neuen Truppen, die noch dazu mit ara-
sche Hinterland verursachte Spannungen zwischen den Kolonialmächten bisch-berberischen Chaamba-Nomaden besetzt waren, gelang Frankreich
und den Tuareg, da alle Gruppen Einfluss auf den lukrativen Trans-Saha- endlich die lang ersehnte Eroberung der Hoggar-Region. Der erste
ra-Handel nehmen wollten. Durch häufige Überfälle auf Karawanen und Streich war im Jahr 1899 die Eroberung von In Salah, dem wichtigsten Ver-
besonders auf europäische Reisende wurde der Handel erst recht geschä- sorgungsort der Tuareg im Norden.
digt, worauf sich die großen Handelsströme nach Westen verlagerten. Die
Präsenz der Osmanen in der Sahara endete im Jahr 1911 mit der Nieder- Die Eroberung des Sudan
lage im italienisch-türkischen Krieg. Daraufhin wurde eine „wissenschaftliche Expedition“ unter dem Sahara
erfahrenen Offizier Foureau und dem Wissenschaftler Lamy ausgerüstet,
um die Tuareg-Gebiete demonstrativ zu durchqueren und den Machtan-
Die Ära der französischen Kolonialisierung spruch Frankreichs zu untermauern. Der Expedition gehörten etwa 300
Soldaten an, 1000 Kamele und zwei Kanonen. Ohne jede militärische
Früheste Berichte über Reisen aus Europa in die Sahara und in den Sudan Konfrontation mit den kel ahaggar erreichte der Zug schließlich Agadez,
stammen bereits aus der Antike. Im Jahr 1626 gründeten Franzosen am wo die Franzosen unter Androhung von Gewalt die Ehrerbietung des Sul-
Unterlauf des Senegal eine Handelskolonie und unternahmen erste Expe- tans erzwangen.
ditionen ins Hinterland. Mit dem Einsetzen der Aufklärung in Europa wur- Zeitgleich war eine senegalesische Truppe Richtung Tschadsee aufge-
de der wissenschaftliche Forscherdrang zu einem wichtigen Motiv für Ex- brochen, die sich jedoch den Weg vom Senegal bis zum Niger mit bluti-
peditionen nach Afrika. Die damals größten Fragen der Geografen dreh- gem Terror gebahnt hatte. Dieses Blutbad hatte die gesamte Region ge-
ten sich um den Verlauf des Niger und um die Existenz der sagenhaften schwächt, wodurch Frankreich seine Vormachtstellung im Sudan relativ
Goldstadt Timbuktu. Entsprechend waren die Reisenden im späten 18. leicht ausbauen konnte. Timbuktu wurde 1899 als nördlichster Außenpos-
und frühen 19. Jh. weniger Forscher als vielmehr Abenteurer. Ab der Mitte ten ausgebaut. Kurz darauf wurden die östlich der Stadt lebenden kel ulli-
des 19. Jh. begaben sich bereits Wissenschaftler im modernen Sinn in die midden besiegt. Ein Jahr später, 1900, besetzten die Franzosen Tahoua
Zentralsahara, Persönlichkeiten wie der Deutsche Heinrich Barth (große südwestlich von Agadez und unterwarfen die dortigen Kel-dinnik-Tuareg.
Nord- und Westafrika-Reise 1849–1855) oder der Franzose Henri Duvey- Fast zeitgleich wurde ein Militärposten in Zinder errichtet und die im Sü-
rier (erste Forschungsaufenthalte bei den Tuareg des Nordens 1857– den beheimateten Tuareg der Imuzzurag in einer blutigen Schlacht ge-
1862). Diese Forscher konnten schon auf einen gelegentlichen Nach- schlagen. Ohne sich zu unterwerfen, zogen die imuzzurag in Massen
schub durch die französische Kolonialmacht in Nordafrika und im Senegal nach Süden.
zählen. Die Tuareg-Nomaden leisteten bis in das 20. Jahrhundert hinein Im Gegensatz dazu hatten die kel ewey aus dem Aïr freiwillig mit den
Widerstand gegen französische Okkupationsversuche. Die Berichte über Franzosen kooperiert, weil sie sich die Erhaltung des Salzkarawanenhan-
die Erforschung, Eroberung und Unterwerfung der Tuareg waren damals dels nach Süden erhofften. Ihre Region, das Aïr, wurde erst im August
die einzigen Informationsquellen über die Wüstennomaden. Doch erzähl- 1903 formell erobert. De facto blieben die Aïr-Tuareg aber bis zur Errich-
ten sie mehr über die französischen Eroberer selbst als über die Tuareg, tung eines Militärpostens in Agadez völlig unabhängig und konnten ihre
die somit für lange Zeit ein Mythos blieben. Raubüberfälle wie gewohnt durchführen.
Die Unterwerfung der Tuareg Die Bastion der Zentralsahara fällt
Trotz der erfolgreichen Foureau-Lamy-Expedition galten die kel ahaggar
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts setzte der damalige Oberbefehlshaber immer noch als die uneingeschränkten Herrscher in der Sahara. 1902
über die französischen Sahara-Tuppen, Henri Laperrine, eine Vision in die schickte Laperrine zur Provokation der kel ahaggar ein schwer bewaffne-
Tat um, indem er Kamel berittene Spezialtruppen, die „Meharisten“, auf- tes Inspektionscorps ins Hoggar, wo die Truppe auch tatsächlich am 7.
32 33
022-053 Geschichte KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:26 Seite 34
Stämmen und den Sklavenhandel. Als der 1. Weltkrieg ausbrach, be-
Mousa ag Amastan (1867–1920) – der große Stratege schlagnahmte die Kolonialmacht im Sudan vermehrt Vieh und Sklaven,
wodurch die Antipathie aller großen Ethnien gegenüber Frankreich stieg.
Die in Europa wohl bekannteste historische Gestalt der Tuareg war Mou- Gleichzeitig heizte die islamische Brüderschaft der Senussi mit ihrem Auf-
sa ag Amastan, der „amenokal“ (oberste Führer) der „kel ahaggar“. In
der französischen Literatur wurde er zum vorbildlichen Krieger heroi-
siert, der Frankreich bis zu seinem Tod loyal verbunden blieb. Außerge-
wöhnlich an Mousa war sein strategisches Denken, denn die traditionell Charles de Foucauld (1858–1916) – Forscher und Eremit im Hoggar
geprägten Tuareg pflegten die Gunst der Stunde für einen Überfall zu
nutzen, anstatt langfristig politisch zu planen. Daher ist ihre Geschichte Die schillerndste europäische Persönlichkeit in der Tuareg-Region war si-
von Zerwürfnissen, Zersplitterungen und vernichtenden Kriegen ge- cherlich Charles de Foucauld. Der Spross eines alten Adelsgeschlechts war
kennzeichnet. ein schlechter Berufsoffizier, der sich allein durch Liebesaffären und ei-
Mousa hingegen bevorzugte es, strategische Bündnisse einzugehen. nen ausschweifenden Lebensstil einen Namen machte. Erst nach seiner
Nach der Schlacht von Tit konnte er sich als neuer „amenokal“ der „kel Entlassung aus der Armee entdeckte er den Pfad des Heldentums, indem
ahaggar“durchsetzen, worauf er unweigerlich die Franzosen um Frieden er als 25-Jähriger als Jude verkleidet das damals in Europa unbekannte
bat. Als Gegenleistung wurde Mousa als Chef der Hoggar-Tuareg aner- Hinterland Marokkos erforschte. Foucaulds Forscherdrang wurde jedoch
kannt und erhielt freien Zugang zu den Handelsmärkten im Norden. von religiösem Fanatismus überflügelt. Er schloss sich dem strengen
Mousa zeigte sich als geschickter Diplomat, der einerseits Loyalität ge- Trappistenorden an, lebte als Klosterknecht im Heiligen Land und ließ
genüber Frankreich bewies, andererseits aber versuchte, sich und seinem sich im Jahr 1900 als Priester in die abgelegene Oase Beni-Abbes verset-
Volk alle Möglichkeiten offen zu halten. Im Jahr 1910 wurde Mousa zu zen. General Henri Laperrine begeisterte den Priester für den eben erst
einer Reise nach Frankreich eingeladen, während der ihm der Orden der befriedeten Hoggar, wo er die Tuareg christianisieren könnte. Tatsäch-
Ehrenlegion überreicht wurde. lich sollte Foucauld als französischer Außenposten die „kel ahaggar“
Mousa war der letzte Herrscher der Wüste. Nach seinem Tod im Jahr kontrollieren.
1920 übernahm das französische Militär die Verwaltung über Mousas Im Tamanrasset gewann Foucauld rasch die enge Freundschaft des
„Sahara-Reich“. „amenokal“ Mousa ag Amastan und widmete sich eingehenden Tuareg-
Studien. Er verfasste das bis heute bedeutendste Tamaschek-Franzö-
sisch-Wörterbuch und eine Sammlung von sechstausend Geschichten,
Legenden und Gedichten der Tuareg. Er gründete die strenge Bruder-
Mai in Tit nördlich von Tamanrasset angegriffen wurde. Aufgrund ihrer schaft der „Kleine Brüder Jesu“, für die sich jedoch zu seinen Lebzeiten
überlegenen Waffengewalt gewannen die Franzosen souverän. Dies war kein Kandidat fand. Der „weiße marabout“ („Heilige“) starb am 1. De-
die erste verlorene Schlacht der kel ahaggar, die bislang als unbesiegbar zember 1916 im Alter von 58 Jahren an der Kugel des fanatischen Senus-
gegolten hatten. Damit war die Eroberung der Tuareg-Gebiete im We- si-Anhängers eines gegnerischen Tuareg-Stammes.
sentlichen abgeschlossen. Für seine spirituellen Leistungen wurde Foucauld im Jahr 2005 in
Rom in Anwesenheit vieler Tuareg selig gesprochen. Seine Forschung gilt
Die Rebellionen von 1915 und 1916 gegen Frankreich heute noch als wichtige Quelle über die Tuareg, wenn er auch ein lei-
denschaftlicher Fürsprecher der Überlegenheit der französischen Zivili-
In den Jahren 1911–1913 herrschte im Sudan eine längere Dürreperiode sation und des Katholizismus war. Sein Interesse galt stets der Kontrolle
mit nachfolgender Hungersnot. In der Folge regte sich unter der Bevölke- und „Zivilisierung“ der Tuareg. In dieser Hinsicht war er ein Kind sei-
rung zunehmend Widerstand gegen die Besatzer. Besonders die Tuareg ner Zeit.
wünschten sich die alten Machtverhältnisse zurück, besonders aber ihre
früheren Einkommensquellen wie Raubzüge, Tribute von abhängigen
34 35
022-053 Geschichte KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:26 Seite 36
ruf zum Heiligen Krieg die Stimmung an. Bald erfasste eine Revolte das sie sowohl die französischen Truppen unterstützt als auch die kel aïr und
ganze Land, die sich jedoch weder gleichzeitig noch koordiniert entfalte- Kaosens Lager geplündert hatten. Die schwerwiegendsten Auswirkungen
te. Im Westen bei den kel ullimidden leitete der charismatische amenokal waren jedoch politischer und verwaltungstechnischer Art. Zahlreiche Mi-
Firhun Ag-el-Insar den Aufstand, während die kel aïr unter Kaosen gegen litärposten wurden eingerichtet, um eine strenge militärische Verwaltung
die Franzosen in Djanet und Agadez kämpften. zur Erhaltung der Sicherheit durchzusetzen.
Kaosen ag Wantiggida gehörte einem der südlichsten Tuareg-Stämme
an. Er war schon vor der Unterwerfung durch die Franzosen in den Fezzan Die Ära der Kolonialzeit bis 1960
emigriert, wo er als Vertrauter des regionalen Senussi-Führers zum Gou-
verneur des Fezzan aufstieg. Als der Heilige Krieg gegen die Kolonial- Der wichtigste offizielle „Grund“ der bürgerlichen französischen Regie-
mächte im Oktober 1914 vom obersten Senussi ausgerufen wurde, er- rungen für die Errichtung einer Kolonie waren Zoll- und Steuereinnah-
wies sich Kaosen rasch als wichtigste militärische und charismatische Füh- men. Tatsächlich hatten sich die pragmatischen bürgerlichen Regierungen
rerpersönlichkeit. Als die italienischen Kolonialtruppen wegen der Kämpfe Frankreichs aus Kostengründen gegen jegliches koloniales Engagement
des 1. Weltkriegs den Fezzan verlassen mussten, eroberten die Senussi ausgesprochen. So wurde Paris vom aristokratisch dominierten Militär mit
Ghat und das dort zurückgelassene schwere Kriegsmaterial. Derart be- der Eroberung von Kolonien gleichsam „zwangsbeglückt“. Das Motiv der
waffnet vertrieben sie die Franzosen aus Djanet, durchquerten die Sahara Adligen war deren weitgehender Verlust an politischem Einfluss im bür-
und griffen im Dezember 1916 Agadez an. Unterstützung erhielten sie gerlichen Frankreich des mittleren 19. Jahrhunderts. In militärischen Erfol-
von Tegama, dem Sultan von Agadez. Die wenigen französischen Militärs gen in Afrika sahen sie ihre letzte Chance, Prestige und Einfluss in Frank-
wurden rasch überwältigt und gehängt. reich zurückzugewinnen. Überspitzt formuliert war die französische Kolo-
Kaosen gelang es zwar, eine gewisse Anhängerschaft aus den Stämmen nisation lediglich eine Art Kriegsspiel frustrierter Blaublütiger aus Sehn-
des Aïr zu bilden, doch die meisten Tuareg-Gruppierungen verweigerten sucht nach Anerkennung daheim. Frankreich kostete dies ein Vermögen
ihm die Gefolgschaft. Vor allem die sesshaften Ethnien bevorzugten eher an Steuergeldern, die sich nun endlich durch Einnahmen aus den Kolonien
noch die Herrschaft einer Kolonialmacht als die der Tuareg, die mit Raub-
011tr Foto: hf
zügen und Sklaverei verbunden wäre. Letztendlich scheiterte dieser Re-
bellionsversuch, nachdem die französische Militärverwaltung Truppen
aus verschiedenen Regionen zusammenziehen und Kaosen aus Agadez
vertreiben ließ. Der entscheidende Schlag wurde ihm von den kel ahaggar
unter amenokal Mousa ag Amastan im Aïr versetzt.
Die Rebellion war für fast alle Tuareg-Stämme von vernichtender Wir-
kung. Einige Stämme, wie die ullimidden kel dinnik, waren fast gänzlich
ausgelöscht, in Agadez viele Tausend Menschen getötet worden. Der Aïr
wurde von den Franzosen mit Feuer und Schwert befriedet, die Oasen
niedergebrannt, die Bevölkerung evakuiert und in Lagern außerhalb der
Berge angesiedelt.
Tausende Aïr-Tuareg waren nach Nordnigeria geflüchtet. Wegen des
Verlusts an Kamelen und Ziegen war die gesamte Region wirtschaftlich
ausgeblutet. Gut überstanden hatten die Revolte nur die kel ahaggar, weil
Verfallendes Kolonialfort im Djado
36 37
022-053 Geschichte KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:26 Seite 38
rentieren sollten. Darum waren das Eintreiben von Steuern und das Be- einer gesteigerten Nachfrage nach dem Viehsalz aus der Sahara. (Vgl.
schlagnahmen von Gütern für staatliche Dienste wesentliche Maßnahmen das Kap. „Wirtschaft im Wandel“.) Die Zahl der Kamele, die für die Salz-
der kolonialen Militärbehörden. karawane benötigt wurden, stieg bis zum Ende der Kolonialzeit auf fast
Über viele Jahre hinweg erfolgte der hauptsächliche Kontakt zwischen 30.000, so viele wie nie zuvor. Andere traditionelle Karawanen, etwa je-
Nomaden und Militärverwaltung durch die Einziehung der Steuern, die ne zwischen dem Aïr und Ghat im Fezzan, verloren zu Beginn des 20.
anfangs in Form von Vieh und später in Form von Geld geleistet werden Jahrhunderts an Bedeutung.
musste. Dadurch waren die Nomaden plötzlich gezwungen, ihr Vieh auf Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die Befriedung der Region
den Märkten zu verkaufen, anstatt es – wie bisher – gegen lebensnotwen- durch Frankreich die Lebensumstände der Tuareg grundlegend verän-
dige Güter zu tauschen. Wer seine Steuern nicht zahlte, wanderte ins Ge- dert hat, wodurch sich ihr gesamtes wirtschaftliches, politisches und ge-
fängnis. Auf diese Weise trug das Steuersystem zur Integration der Noma- sellschaftliches System anpassen musste. Profitiert haben von diesen Ver-
den in das moderne Wirtschaftssystem bei, indem es sie vom Tauschsys- änderungen die sesshaften Ackerbauern (wie die Hausa und Djerma) und
tem zur Geldwirtschaft führte. jene Tuareg-Stämme, die nicht von Überfällen lebten und darum unter
Für die Militärbehörden war diese Aufgabe angesichts der verstreut le- den Kriegen und rezzus (= berittene Raubüberfälle) der dominanten Stäm-
benden Nomaden sehr beschwerlich. Zur Lösung des Problems wurden me gelitten hatten.
Teile der Bevölkerung kurzerhand umgesiedelt, in künstliche „Grup-
pen“ und „Dörfer“ eingeteilt und sesshaft gemacht. Diesen willkürlichen Der Rettungsversuch für die „französische Sahara“
Ansammlungen gehörten nun Personen unterschiedlichster Herkunft oh-
ne jede traditionelle Beziehung zueinander an. Angeführt wurden sie von Nach dem 2. Weltkrieg wurde die Forderung der Kolonialbevölkerung
einer Art Bezirkshauptmann bzw. einem Dorfchef. Um diese neuen nach Selbstbestimmung so stark, dass Frankreich 1946 die Bewohner sei-
Oberhäupter zur Komplizenschaft mit dem französischen Militär zu be- ner Kolonien vom „eingeborenen Einwohner“ zum „Bürger“ aufwertete.
wegen, wurde ihnen als Lockmittel das „Recht“ zur Eintreibung von Steu- Schrittweise wurden begrenzte politische Mitspracherechte übertragen.
ern übertragen, von denen sie einen Teil als Einkommen für sich behalten Die Menschen durften erstmals wählen und eigene Regierungsorgane zur
konnten. Für die meisten Dorfchefs war dies nunmehr die einzige Ver- Selbstverwaltung schaffen.
dienstmöglichkeit, denn ihre traditionellen Einnahmequellen aus Wege- In dem Verhältnis zwischen den Behörden und den Tuareg aber, die
zoll für Karawanen, Tributzahlungen der vormals abhängigen Stämme auch weiterhin außerhalb der Städte als Nomaden lebten, änderte sich
und Raubüberfällen hatten sie mit der Kolonialherrschaft verloren. Die wenig. Erst als sich Anfang der 1950er-Jahre die Unabhängigkeit der Ko-
Angehörigen der Tuareg-Kriegerkaste, die den Aufstand gegen Frank- lonien abzeichnete, versuchten die Franzosen „ihre“ saharischen Regio-
reich überlebt hatten und nicht als Chefs eingesetzt wurden, standen da- nen zu „retten“. Das betraf den gesamten Süden Algeriens, 90 % des spä-
her vor dem wirtschaftlichen Ruin. Als Ausweg wählten viele den Eintritt teren nigerischen Staatsgebiets und 60 % des heutigen Mali. Dieses 4,3
in die französische Armee. Mio. km² große Gebiet sollte in das politische Konstrukt der Organisati-
Doch auch für „einfache“ Nomaden war die Wirtschaftspolitik der Ko- on Commune des Régions Sahariennes (OCRS, „Gemeinsame Organi-
lonialherren existenzbedrohend, denn die neuen Verwaltungsgrenzen sation der saharischen Regionen“) umgeformt werden. Offiziell sollte in
behinderten den Zugang zu ihren traditionellen Weideflächen und diesem Sektor die Entwicklung der Tuareg gefördert werden. Zahlreiche
Märkten. Als Ausgleich dazu förderten die Behörden den Karawanen- Tuareg-Clans unterstützten diese Idee, da sie sich nicht unter ihre einsti-
handel, indem sie die Karawanen militärisch eskortierten. Davon profi- gen schwarzen Sklaven unterwerfen wollten. Inoffiziell ging es Frankreich
tierten besonders die Aïr-Tuareg, deren Salzkarawanen nunmehr vor um die Sicherung der dortigen Bodenschätze und um geeigneten Raum
den häufigen Überfällen der Tubus geschützt waren. Gleichzeitig florier- für Atombombentests.
te in den südlichen Feuchtsavannen die traditionelle Rinderzucht der Nach massivem Widerstand Malis und Algeriens wurde das Projekt im
Hausa und Fulbe unter den Frieden sichernden Bedingungen des Kolo- Jahre 1962 aufgegeben. Damit zog Frankreich zugleich einen Schluss-
nialismus besonders gut. Und weil Rinder aufgrund der hohen Tempera- strich unter den langen, verlustreichen und brutal geführten Unabhängig-
turen stark schwitzen und darum viel Salz lecken müssen, führte dies zu keitskrieg in Algerien.
38 39
022-053 Geschichte KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:26 Seite 40
012tr Foto: hf
des, aber auch zu Korruption, Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot und fort-
schreitender Verarmung. Unter dem Druck dieser Probleme gewährte die
FLN Ende der 1980er-Jahre Parteienpluralismus, Anerkennung der Men-
schenrechte und die Liberalisierung der Wirtschaft.
Für die Tuareg in der Zentralsahara bewirkte die wachstums- und presti-
georientierte Politik der Planwirtschaft eine weitere Veränderung der Le-
bensumstände. Algerien investierte zur militärischen und wirtschaftlichen
Erschließung des Südens viel Geld in den Straßenbau. In der Folge wur-
den die Karawanen durch LKWs als Gütertransportmittel ersetzt. Gleich-
zeitig versuchte man, die „zurückgebliebenen“ Tuareg in die moderne, so-
zialistische Gesellschaft zu integrieren. Dazu wurden die Kinder der No-
maden in arabischen Schulen zwangsunterrichtet und die Eltern erst mit-
hilfe von Agrarprojekten zur Sesshaftigkeit und dann mit verlockenderen
Lohnangeboten zur Arbeit in den südalgerischen Gas- und Ölfeldern be-
wogen. Weil der Tauschhandel aufgegeben und die Viehzucht unrentabel
geworden war, mussten die Nomaden zur Sicherung ihres Lebensunter-
haltes auf Lohnarbeit umsatteln.
Einen Aufschwung erlebte die traditionelle Nomadenwirtschaft erst
wieder seit den 1980er-Jahren, als mit dem beginnenden Tourismus die
Nachfrage nach Kamelen für touristische Exkursionen enorm anstieg. Die-
ser Aufschwung wurde jedoch durch den Ausbruch des algerischen Bür-
gerkriegs und die Tuareg-Rebellion im Niger und in Mali (1990–1997) un-
terbrochen. (Siehe Exkurs „Die Rebellion der ischomar“.)
Mittlerweile hat Algerien einen Weg in Richtung Normalisierung der
Beziehungen zu den Tuareg eingeschlagen. Im Jahr 2005 wurden den
Nomaden erstmals gewisse Minderheitenrechte zugestanden, so darf
in den Schulen nun auch Tamaschek neben dem Arabischen unterrich-
tet werden.
Libyen
Die kel ajjer der Region Ghat besaßen ihre traditionellen Weidegebiete in
Das Zeitalter der Nationalstaaten den westlich gelegenen Gebirgsregionen um Djanet. Infolge der Ausdeh-
nung des französischen Einflussgebiets und der dadurch entstandenen
Algerien Grenze zwischen Algerisch-Frankreich und Libysch-Italien verloren die kel
ajjer den Zugang zu ihren Weiden. Da zugleich auch der Trans-Sahara-
Im unabhängigen Algerien setzte sich bald die einstige Widerstandsbe- Handel, ihre wichtigste Geldeinnahmequelle, an Bedeutung verlor, waren
wegung als Staatspartei Front de Libération Nationale (FLN, „Nationale die libyschen Tuareg in der ersten Hälfte des 20. Jh. dem wirtschaftlichen
Freiheitsfront“) durch und herrschte bis 1988 über das Land. Diese militä-
risch gestützte Diktatur, gepaart mit einer Politik der sozialistischen Plan-
wirtschaft, führte zwar zur Modernisierung und Industrialisierung des Lan- ### Autor: Bitte BU ergänzen
40 41
022-053 Geschichte KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:26 Seite 42
013tr Foto: hf
Niedergang nahe. Das änderte sich auch nach der Unabhängigkeit Liby-
ens im Jahr 1951 nicht. Damals war Libyen eins der ärmsten Länder der
Welt und wurde von einem Enkel des Gründers der Senussi-Brüderschaft,
Idris I., als König beherrscht. Die Entdeckung reicher Erdölvorkommen
führte zu Wohlstand und seinen Nebenerscheinungen wie Korruption und
sozialen Spannungen. Die internationalen Ölgesellschaften waren nun die
eigentlichen Regenten des Landes. Dieses System wurde im Jahr 1969
vom Militär unter Oberst Muammar al-Gaddafi gestürzt und durch eine
Republik unter Gaddafis „Aufsicht“ ersetzt.
Das neue Regime nutzte den Ölreichtum zur Modernisierung und Ara-
bisierung Libyens, indem weitreichende Sozialprogramme umgesetzt
wurden. Für die Tuareg in Ghat und Ghadames wurden beispielsweise
moderne Wohnsiedlungen außerhalb der alten Stadtkerne errichtet und
den Kindern der Schulbesuch ermöglicht. Diese Chancen zum Aufstieg
wurden gern angenommen, die Integration in den neuen Staat war für die
Tuareg äußerst attraktiv. Abgesehen von der überdurchschnittlichen so-
zialen Versorgung galten sie hier als vollwertige Bürger, die auch höchste
politische und militärische Ämter besetzen konnten. Darum herrscht un-
ter den libyschen Tuareg ein ausgeprägtes Nationalgefühl, verfolgte Gad-
dafi doch sogar offiziell eine äußerst wohlwollende Tuareg-Politik. densengel“. Seit die UN-Sanktionen im Jahr 1999 ausgesetzt wurden, geht
So unterstützte Gaddafi 1976 einen Putschversuch von Tuareg gegen es mit Libyens Wirtschaft und besonders mit dem Tuareg-Tourismus steil
die nigrische Militärregierung durch Waffenlieferungen. Auch hatte er die bergauf. Mittlerweile engagiert sich Gaddafi als Vermittler bei Geiselnah-
Tuareg dazu aufgerufen, als vollwertige libysche Staatsbürger in seiner is- men und als EU-Bündnispartner in Sachen Migrationspolitik, denn Libyen
lamischen Legion zu dienen, was zahlreiche junge Nomaden befolgten ist für viele Schwarzafrikaner das Sprungbrett nach Europa. Für Tuareg aus
und bald im Libanon und im Tschad kämpften. Gaddafis militärische und dem Niger, insbesondere aus dem Aïr-Massiv, ist Libyen eine wichtige
terroristische Unternehmungen brachten ihn jedoch bald in Konflikt mit Gastarbeiter-Destination, hier finden sie als Schmiede, Händler und
den USA und der UNO, die Anfang der 1990er-Jahre Sanktionen gegen Schmuggler ihr Auskommen.
Libyen verhängte. Dadurch geriet die libysche Wirtschaft unter Druck,
worauf sich Gaddafi seine militärischen Abenteuer nicht mehr leisten Die neuen Staaten des Sudan
konnte. Weil aber unbeschäftigte Söldner eine Gefahr für Libyen selbst
darstellen konnten (eine Befürchtung, die sich nachfolgend mit dem Aus- Mali
bruch der Rebellion in Niger und Mali als zutreffend erwies), schickte Mali erlangte seine Unabhängigkeit im Jahr 1960 mit Modibo Keita als
Gaddafi die Tuareg-Kämpfer wieder nach Hause. Gleichzeitig erlaubte er Staatspräsident. Als die kel ifoghas im Nordosten Malis gegen die neue
eine schrittweise Liberalisierung und Privatisierung der nationalen Wirt- Zentralgewalt rebellierten, schlug das malinesische Militär den Aufstand
schaft. Dies ermöglichte auch die Öffnung Libyens für den Tourismus brutal nieder. Kurz darauf wurden politische Parteien verboten, Opposi-
und führte letztlich zur Wandlung Gaddafis vom Terroristen zum „Frie- tionelle verhaftet und die Wirtschaft zentral gesteuert. Die dadurch aus-
gelösten wirtschaftlichen Schwierigkeiten führten 1967 zu landesweiten
Unruhen. Keita wurde durch General Moussa Traoré gestürzt, der in Kidal,
mitten im Gebiet der Ifoghas-Tuareg, ein Deportationslager errichten ließ
und die gesamte Region zum Sperrgebiet erklärte. Dadurch verschlech-
Gadhafi-Plakat mit Hinweis auf den „Man-Made-River“ terten sich die Lebensbedingungen der kel ifoghas grundlegend. Von ih-
42 43
022-053 Geschichte KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:26 Seite 44
ren Weiderouten waren sie abgeschnitten, die verbliebenen Böden wur- entwickelte Gebiet des Landes. Die Kontrolle der Uranminen durch die ni-
den übernutzt und von der Geldwirtschaft blieben sie als Viehzüchter aus- grische Zentralregierung war auch im Interesse der französischen Atom-
geschlossen, weil ihnen der Zugang zu den Märkten wie Gao und Tim- politik, weshalb mehrere Putschversuche gegen Diori Hamani mithilfe
buktu verwehrt war. Zwei Dürreperioden zwischen 1974 und 1983 stürz- französischer Truppen abgewehrt wurden.
ten die Nomaden endgültig in den Ruin, da die internationalen Hilfsliefe- Wie in den meisten Sahelländern rekrutierte sich auch im Niger die po-
rungen in Bamako, der Hauptstadt Malis, versickerten. Zehntausende Tua- litische Elite vorwiegend aus Lehrern und Händlern, die meist aus den süd-
reg flüchteten vor dem Hunger in algerische Auffanglager, viele junge lichen Regionen stammten. Die nigrischen Tuareg hingegen waren im Ver-
Männer suchten auf algerischen Ölfeldern oder in Gaddafis Armee Arbeit. trauen auf ihre nomadische Tradition der Überzeugung, dass eine westli-
Doch auch der landwirtschaftlich geprägte Staat selbst wurde durch die che Schulbildung für ihr Fortkommen eher hinderlich sei. Dieser Eindruck
Auswirkungen der Dürrezeiten ruiniert. Unter dem Druck westlicher Ge- erklärt sich aus ihrer Erfahrung während der Kolonialzeit, als ihre nomadi-
berstaaten wurde das Land im Jahr 1991 demokratisiert und der Historiker sche Viehwirtschaft durch die Franzosen zum Teil gezielt gefördert wurde.
lpha Oumar Konaré zum Präsidenten gewählt. Das Sperrgebiet um Kidal Darum hatten sie häufiger die Kinder ihrer Sklaven als ihre eigenen Kinder
wurde aufgehoben und die Hungerflüchtlinge sowie die ischomar konn- in die staatlichen Schulen geschickt – mit der Folge, dass es hier nach dem
ten aus dem Exil zurückkehren. (Siehe Exkurs) Seither wurden in Mali Ende der Kolonialzeit kaum gut ausgebildete Tuareg-Persönlichkeiten
weitreichende politische und ökonomische Reformen umgesetzt. Im gab, die in die Politik hätten gehen können. Als dann Mitte der 1970er-Jah-
Jahr 2002 wurde der pensionierte General Amadou Toumani Touré zum re eine verheerende Dürre den Sahel traf, verloren die Nomaden den
Präsidenten gewählt. Als im Jahr 2006 eine neuerliche Tuareg-Rebellion Großteil ihres Viehbestandes und damit ihre Lebensgrundlage. Das Re-
aufflackerte, gelang ihm eine rasche und einvernehmliche Lösung, ver- gime Diori bereicherte sich jedoch an den eingehenden Hilfslieferungen,
bunden mit gezielten Förderungsmaßnahmen der Region Adrar n’Ifoghas. anstatt die hungernde Bevölkerung zu unterstützen. Daraufhin stürzte das
Mali gilt heute als eines der politisch und sozial stabilsten Länder Afrikas. Militär im April 1974 unter Colonel Seyni Kountché das Regime.
Kountché verwandelte den Niger in das Preußen Afrikas, indem er die
Niger Korruption bekämpfte, einen straff organisierten Einheitsstaat aufbaute
Im Jahr 1960 wählte die neue, unabhängige nigrische Nationalver-
014tr Foto: hf
sammlung den frankreichtreuen Lehrer Diori Hamani zum Präsidenten.
Rasch setzte er ein Einparteiensystem durch und organisierte das Land
nach dem zentralistischen Vorbild Frankreichs in „Departements“, zentra-
listisch verwaltete „Bundesländer“. Die Regierungen an der Spitze dieser
neuen Departements wurden direkt vom Präsidenten der Republik er-
nannt und waren diesem auch verantwortlich. Die Bevölkerung war nur in
Gestalt regionaler, gewählter Beratungsgremien ohne Einflussmöglichkei-
ten „beteiligt“. Hinter dieser Strategie der maximalen zentralstaatlichen
Kontrolle stand das Ziel der nationalen Einheit, denn die Einnahmen aus
der Förderung beträchtlicher Uranvorkommen im Norden von Agadez
stellten schon bald die wesentliche Quelle der Staatseinnahmen dar. Die
Unabhängigkeit von Agadez hätte somit den wirtschaftlichen Zusammen-
bruch des übrigen Staates Niger bedeutet. Während also die Region Aga-
dez den gesamten Niger „finanzierte“, blieb sie selbst das am wenigsten
### Autor: Bitte BU ergänzen
44 45
022-053 Geschichte KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:26 Seite 46
015tr Foto: hf
und dank des Uranbooms die sesshafte Bevölkerung sozial spürbar bes- ché-Regime zunehmend unter
serstellen konnte. Dagegen wurden die Bedürfnisse der Tuareg-Nomaden Druck setzte. Diese politische
außer Acht gelassen, wodurch das Verhältnis zwischen der Militärverwal- Schwächung nutzten führende
tung und den Tuareg angespannt blieb. Tuareg, wahrscheinlich mit Unter-
Als zu Beginn der 1980er-Jahre mit der wachsenden öffentlichen Kritik stützung Libyens, zu einem letzt-
an Atomkraftwerken in Europa der Uranpreis sank und eine neuerliche lich erfolglosen Putschversuch.
Dürre das Land heimsuchte, geriet das Regime wirtschaftlich und damit Das nigrische Regime reagierte
auch hinsichtlich seiner politischen Anerkennung unter Druck. Daraufhin mit verschärfter militärischer Kon-
wurden erste Schritte zur politischen Öffnung unternommen, worauf trolle gegenüber allen Tuareg-No-
1983 sogar ein Tuareg, Hamid Algabid, zum Premierminister ernannt wur- maden. Damit wurden jedoch ge-
de. Eine neuerliche Dürre 1985 verschärfte die wirtschaftlichen Probleme rade jene Tuareg-Gruppen be-
der Tuareg-Nomaden, wie auch des gesamten Landes, was das Kount- straft, die mit dem Putsch nichts
zu tun hatten, aber wirtschaftlich
ohnedies ruiniert waren und so-
Ischomar – wurzellose Wüstenkämpfer mit dringend Hilfe benötigt hät-
ten. So flüchteten viele Tausend
Viele Tuareg hatten in den 1980er-Jahren durch die lang anhaltende Nomaden vor militärischen Schi-
Dürre ihre Viehherden, ihre Familien und damit ihre gesamte Lebens- kanen und vor dem Hunger nach
grundlage verloren. Sie waren „ischomar“. Der Begriff ist vom franzö- Algerien.
sischen Wort „chômeur“ (Arbeitsloser) abgeleitet und bedeutet sinnge-
mäß „Ausgestoßene ohne Identität“. Die Rebellion der ischomar (1990–1997)
Auf der Flucht vor ihrem Elend, aber auch vor den Diktatoren Kount-
ché (Niger) und Traoré (Mali), die wenig für Nomaden übrig hatten, fan- Ende der 1980er-Jahre schob Algerien 18.000 Dürreflüchtlinge nach Mali
den junge Tuareg in Libyen Asyl als Soldaten in Gaddafis Islamischer und Niger ab und auch Libyen schickte die Ischomar-Söldner in ihre Hei-
Legion. Einerlei, ob Mali- oder Niger-Tuareg, diese Männer ohne Ver- mat zurück. Doch entgegen den Versprechen der Regierungen Malis und
gangenheit und Zukunft fanden plötzlich als Bürger und Angehörige der Nigers, die Rückkehrer beim Wiederaufbau ihrer nomadischen Lebens-
„Arabischen Nation“ Libyen Anerkennung und Karrierechancen in der weise zu unterstützen, fanden sich die Menschen in Elendslagern wieder.
Militärakademie von Tripolis. Gaddafis Garde- und Eliteregimenter Denn die beiden Sahelstaaten litten an einer katastrophalen Wirtschafts-
waren gespickt mit Tuareg, die einstmals Ziegen gehütet hatten und nun krise und hatten andere Sorgen, als sich um die Tuareg zu kümmern.
versiert mit der Kalaschnikow umzugehen verstanden. In Libanon- und
Tschad-Einsätzen bewährten sie sich als perfekte Kampfmaschinen mit Die Entwicklung im Niger
dem gemeinsamen Traum, ihr Stammesland von den schwarzen Dikta- Während die nigrische Regierung in Niamey unter dem Druck der Öf-
toren zu befreien. fentlichkeit radikale Demokratisierungsmaßnahmen (Mehrparteiensys-
1987 endete der Tschadkrieg, im gleichen Jahr starb Nigers Dikator tem, verfassungsgebende Konferenz) einleitete, waren die verantwortli-
Seyni Kountché, steckte Mousa Traoré in Mali tief in politischen und chen Behörden mit der Verwaltung der hastig errichteten Auffanglager für
wirtschaftlichen Schwierigkeiten und Libyens Geldquellen versiegten in- die Heimkehrer überfordert. Die Spannungen zwischen Behördenmitar-
folge des UN-Embargos. Für den Kriegsherrn Gaddafi war dies der güns- beitern und Lagerinsassen eskalierten im Mai 1990 in Tchin-Tabaraden, ei-
tigste Augenblick, um seine hochexplosiven Kriegshelden wieder loszu- nem Lager mit 18.000 Menschen 200 km südöstlich von Agadez. Zahllose
werden und nach Mali und Niger zurückzuschicken, wo sie schon bald
Revolten anzettelten.
### Autor: Bitte BU ergänzen### Autor: Bitte BU ergänzen
46 47
022-053 Geschichte KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:26 Seite 48
Menschen wurden von Militärs verhaftet, verletzt und exekutiert. Als die
Regierung keine Schritte zur Entspannung der Situation unternahm, grün-
Mano Dayak – der Charismatiker deten rund 600 ischomar unter Rhissa ag Boula eine Rebellenfront und at-
tackierten in Guerillamanier LKW-Transporte, Märkte, Sicherheitsposten
Die beeindruckendste Tuareg-Persönlichkeit seit Mousa ag Amastan war und auch Touristengruppen. Als Basis diente den Rebellen Mont Tingale-
Mano Dayak, mit vollem Namen Mano ag Dayak. Geboren um 1950 im ne, eine uneinnehmbare Vulkanfestung im Norden des Aïr. Unterstützung
Tal von Tidene im Aïr, nördlich von Agadez, hütete er als Kind die Zie- erhielten sie von der Tuareg-Bevölkerung und durch europäische „Freun-
gen, wurde aber auch – wie er in seiner Autobiografie „Geboren mit de der Tuareg“. Dazu hatte der charismatische Tourismusunternehmer
Sand in den Augen“ beschreibt – von der Poesie seiner Mutter und der und Tuareg Mano Dayak in Frankreich eine Medienkampagne gestartet
Weisheit seines Vaters geprägt. Erst mit zehn Jahren besuchte er die fran- und in übertriebener Weise vor einem „Völkermord an den Kurden Afri-
zösische Nomadenschule, wo er fleißig lernte. Sein Drang, die moderne kas“ gewarnt. (Siehe Exkurs „Mano Dayak – der Charismatiker“) Seine
Welt kennenzulernen, führte ihn schließlich bis in die USA und nach Pa- Botschaft beschrieb eine gesellschaftlich und politisch systematisch aus-
ris, wo er die Anthropologie der Berberkultur studierte. Hier knüpfte er gegrenzte Tuareg-Gesellschaft.
jenes Netzwerk zu Künstlern, Journalisten und Politikern, das für seine Die Rebellen spalteten sich bald in mehrere Fronten auf, die gegensätz-
spätere Karriere so bedeutsam wurde. liche Interessen vertraten. Die Extremisten forderten von der Regierung
Zurückgekehrt nach Agadez gründete er eine Reiseagentur und kur- zwei Drittel des nigrischen Staatsgebiets, ein Viertel des nationalen Bud-
belte den Saharatourismus an, indem er mit Charme und brillanten gets, die komplette Selbstverwaltung innerhalb des geforderten Gebiets
Kontakten nach Europa Agadez als neues In-Ziel der Pariser Hautevolee und den Ausschluss anderer Ethnien vom regionalen Wahlrecht. Solche
etablierte. Dass das Medienspektakel der Rallye Paris–Dakar seit dem Forderungen konnte keine nationale Regierung akzeptieren. Hinzu kam
Jahr 1984 regelmäßig zwei Tage lang Station in Agadez machte, war eine schwere Regierungskrise in Niamey, da sich die jungen Parteien ei-
ebenfalls Mano Dayaks Verdienst. Dabei war er stets bemüht, die Tuareg- nen lähmenden Machtkampf lieferten. Weil auch Präsident und Premier-
Bevölkerung ökonomisch zu fördern, ohne dabei ihre Kultur zu ver- minister unterschiedlichen Parteien angehörten, blockierten sie einander
fremden. Der Erfolg seines Engagements endete 1990 mit dem Ausbruch und paralysierten die Politik des Landes. Die Verhandlungen zwischen Re-
der Rebellion. Nachdem Mano anfangs vergeblich versucht hatte, den gierung und unterschiedlichen Rebellengruppen gingen zwar weiter und
Konflikt zwischen Regierung und Rebellen durch Verhandlungen zu führten am 24. April 1995 in Niamey zur Unterzeichnung eines Friedens-
schlichten, wurde er später zum charismatischen Führer einer großen vertrags, doch hielten sich weder die Regierung noch die abgespaltenen
Rebellenfront. Dabei nutze er seine Popularität in Europa, um mittels Fronten an die Vereinbarungen.
einer groß angelegten Medienkampagne finanzielle und militärische Un- Während dieser politischen und wirtschaftlichen Lähmungsphase stürz-
terstützung für die „Tuareg-Sache“ zu mobilisieren. Letztlich vermochte te Colonel Ibrahim Maïnassara Baré im Januar 1996 die Regierung, setzte
er sich gegenüber den zahllosen zerstrittenen Rebellenfronten nicht eine neue Zivilregierung ein, ließ per Referendum die Verfassung refor-
durchzusetzen, was daran gelegen haben mag, dass er selbst nie als Söld- mieren und führte erfolgreiche Verhandlungen mit den wichtigsten Rebel-
ner in Libyen gedient hatte. Sein unermüdliches Bemühen um eine fried- lengruppen. Nach mehreren Anläufen vereinbarten die wichtigsten politi-
liche Lösung des Konflikts kostete ihn am 15. Dezember 1995 das Leben, schen und militärischen Repräsentanten der Tuareg im Jahr 1997 schließ-
als sein Flugzeug auf dem Weg zu Friedensverhandlungen im Aïr lich einen Friedenspakt, nachdem die Oberhäupter der unter Hunger
zerschellte. Als Hommage an Mano ag Dayak wurde ein neues „Tuareg- und Verarmung leidenden Bevölkerung Druck ausgeübt hatten. Die drin-
Kreuz“ (typischer Tuareg-Schmuck) geschaffen. Auch der Flughafen Aga- gendsten Anliegen – Selbstverwaltung, Integration der Ex-Rebellen in die
dez trägt den Namen des großen „kel tamaschek“ („die Leute, die Armee und die Rückkehr der Flüchtlinge in ihre Stammesgebiete – wur-
Tamaschek sprechen“, Eigenbezeichnung der Tuareg), dem die Region den zumindest in kleinen Schritten umgesetzt. Rhissa ag Boula, der wich-
viel zu verdanken hat. tigste Repräsentant der Rebellion, wurde zum Tourismusminister ernannt.
Das große Hindernis für nachhaltige Lösungen blieb weiterhin der Geld-
mangel, denn der Niger war bankrott und die Geberländer hatten – bis
48 49
022-053 Geschichte KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:26 Seite 50
017tr Foto: hf
konnten. Nun hatte Mali zwar Demokratie, jedoch weiterhin kein Geld,
um die Versprechungen an die Rebellen umzusetzen. Der zerrütteten Tua-
reg-Region im Nordosten fehlte jegliche Entwicklungsperspektive, sodass
sich neuerliche Überfälle häuften und die Kämpfe der zerstrittenen Rebel-
lengruppen schon bald wieder aufflammten.
Als die Armeeoffensive gegen die Rebellen wieder zu scheitern drohte,
reagierte die Regierung mit einer neuen Taktik: Sie stellte die Rebellion als
Rassenkonflikt dar, nach dem Motto „anarchische weiße Sklaventreiber
gegen die moderne Gesellschaft der schwarzen Mehrheit.“ In der Folge
gründeten solche schwarze Bauern des Nordens, die sich als Sesshafte
von den Tuareg bedroht fühlten und deren Interessen im Gegensatz zu je-
nen der Nomaden standen, die Miliz „Ghanda Koi“. Diese ging brutal
gegen Angehörige der Tuareg-Bevölkerung vor und tötete an die 1200
Menschen, darunter Nomaden, Kinder und Intellektuelle. In Timbuktu
wurden die Tuareg praktisch ausgerottet. Im Gegenzug massakrierten
auch die Rebellen unschuldige Zivilisten der schwarzen sesshaften Bevöl-
kerung. Trotz dieser schwierigen Situation einigten sich die Streitparteien
im März 1996 in Timbuktu auf ein gemeinsames Vorgehen, worauf die
Kampfverbände aufgelöst, ihre Waffen feierlich verbrannt und 1500 Tua-
reg-Kämpfer den regulären Streitkräften eingegliedert wurden.
auf Frankreich – nach dem Putsch die Hilfszahlungen eingestellt. Auf na- Die wichtigsten Probleme Malis blieben jedoch auch weiterhin unge-
tionaler Ebene entlarvte sich Baré, anfangs noch als „Retter der Nation“ löst: Arbeits- und Perspektivlosigkeit. Bescheidene Lichtblicke gewähr-
gefeiert, als Diktator. Er ließ Wahlen manipulieren, Journalisten verhaften, ten einige kleine, regionale Entwicklungshilfeprojekte im Umkreis der Wo-
Politiker foltern und Demonstrationen blutig niederschlagen. Als sich die chenmärkte, wodurch die örtliche Wirtschaft wieder Fuß fassen und das
Situation 1999 immer mehr zuspitzte, fiel auch Baré einem Anschlag zum Vertrauen zwischen den vormals verfeindeten Gruppen zu wachsen be-
Opfer. Anscheinend hatten die etablierten Parteien inzwischen ihre Lekti- ginnen konnte. Für die unbeschäftigten Ex-Rebellen hingegen wurden
on gelernt, denn endlich gelang eine stabile Demokratisierung. Auch die Überfälle und Schmuggel zur wesentlichen Einnahmequelle. (Details da-
großen Geberländer nahmen ihre Zahlungen wieder auf und setzten zu im Exkurs „Vorsicht, Schmuggler“.)
Hilfsprojekte in Gang, wodurch der Niger zumindest halbwegs hand- Die Mischung aus Armut, Missstimmung und der Verbreitung von
lungsfähig wurde. In den Tuareg-Regionen wurden die zahllosen Flücht- Handfeuerwaffen führte im Mai 2006 zu einem erneuten Ausbruch der
linge wieder eingegliedert und Pisten, Brunnen sowie die wichtigsten öf- Rebellion. Immerhin reagierte die Regierung in Bamako darauf mit Ver-
fentlichen Gebäude wurden wiedererrichtet. Das Leben konnte sich all- ständnis für die Probleme der kel ifoghas. Es wurde ein neuer Friedensver-
mählich normalisieren. trag unterzeichnet und einmal mehr wurden den Tuareg Autonomie,
Entwicklungsförderung, Sicherheit und andere wichtige Punkte verspro-
Die Entwicklung in Mali chen. Angesichts der kritischen finanziellen Lage Malis scheint es wohl nur
Nach dem Drama von Tchin-Tarabaden im Mai 1990 war der Funke der eine Frage der Zeit bis zum Ausbruch der nächsten Revolte.
Rebellion auf Mali übergesprungen. Im Bergland der Ifoghas kämpften die
ischomar erfolgreich gegen Traorés Panzer, sodass die Regierung sehr
bald einen nationalen Friedenspakt mit weitreichenden Zugeständnissen
vereinbarte. Die Rebellion hatte den Diktator Traoré in Bamako so sehr ge-
schwächt, dass er gestürzt wurde und faire Wahlen durchgeführt werden ### Autor: Bitte BU ergänzen
50 51
022-053 Geschichte KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:26 Seite 52
016tr Foto: hf Saharatourismus – eine ter Mordverdacht verhaftet, woraufhin Ex-Rebellen ihren Unmut in Über-
Chance für den Frieden fällen ausdrückten. Die Situation spitzte sich bis zu einem erneuten Aus-
bruch der Rebellion im Jahr 2007 zu. Derzeit finden wieder Kämpfe zwi-
Die Tourismusentwicklung in der schen Tuareg-Rebellen und Regierungstruppen im Aïr statt, wodurch alle
Zentralsahara ist unmittelbar mit wirtschaftlichen Erfolge der vergangenen Jahre wieder zerstört werden
der jüngeren Geschichte der Tua- und der Tourismus völlig brach liegt.
reg verknüpft, denn stets dienten Ganz anders verlief die Entwicklung im Süden Algeriens, wo sich der
sie den anfangs noch spärlichen Tourismus bis zum Ende der 1980er-Jahre zu einem wichtigen wirtschaftli-
Besuchern als ortskundige Füh- chen Standbein entwickelt hatte. Hier wurden eher die negativen Auswir-
rer. Doch erst in den 1980er-Jah- kungen der jährlich bis zu 15.000 Besucher zu einem Problem. Die
ren entfaltete sich ein regelrechter schönsten Natur- und Kulturstätten wurden von Müllhaufen und stinken-
Tourismusboom, wodurch zahlrei- den Latrinen verunstaltet, Felsgravuren irreparabel geschädigt und viele
che Nomaden als Köche, Fahrer prähistorische Artefakte wurden als Souvenirs eingesammelt und illegal
und Kamelführer Arbeit fanden. exportiert. Die Initiativen zur Förderung eines ökologischen Saharatou-
In Agadez ist diese Entwicklung wesentlich mit dem Engagement von rismus wurden durch den Ausbruch des algerischen Bürgerkriegs und der
Mano Dayak verbunden, wodurch der Tourismus zur drittwichtigsten De- Tuareg-Rebellion unterbrochen und erst zehn Jahre später wieder aufge-
visenquelle des Niger wurde, nach dem Uran- und Viehexport. In Agadez griffen, als eine Neuauflage dieser Horrorentwicklung drohte. Mittlerweile
herrschte sogar ein gewisser Wohlstand, von dem ein Großteil der Bevöl- wurden verschiedene Maßnahmen, wie die verpflichtende Mitnahme ei-
kerung profitierte. Denn Mano Dayak war stets darauf bedacht, die Ein- nes einheimischen Wüstenführers erlassen, um die Zerstörung der touris-
nahmen aus dem Tourismus möglichst gerecht auf die Allgemeinheit um- tischen Attraktionen und damit der Grundlage des algerischen Sahara-
zuverteilen. Mit dem Ausbruch der Rebellion im Jahr 1990 brach die Tou- Tourismus in den Griff zu bekommen. All diese Sorgen verblassten jedoch
rismusbranche im Niger zusammen und verlagerte sich weitgehend nach im Jahr 2003 neben der bereits oben genannten Entführung von mehre-
Libyen. ren Reisegruppen, eines bis dahin einmaligen Vorkommnisses in der Ge-
Nach dem Ende der Rebellion bot sich der Tourismus als großes Frie- schichte des Sahara-Tourismus.
densprojekt an. Zahlreiche Ex-Rebellen gründeten mit ihren erbeuteten Von all diesen Krisen profitierte Libyen als neue, sichere Sahara-Desti-
Kleinwagen kleine Reiseagenturen, was rasch zu einer von Egoismus und nation, die erst seit den 1990er-Jahren für westliche Touristen zugänglich
Konfliktbereitschaft geprägten Konkurrenz um die wenigen Touristen führ- wurde. Hier war die Begleitung durch Führer von Anfang an verpflichtend,
te. Manche Agenturbetreiber überfielen sogar die Reisegruppen ihrer Ri- freier Individualtourismus blieb dagegen die Ausnahme. Von besonderer
valen, um sich einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen. Eine Verbesse- Bedeutung ist die rasch wachsende Besucherzahl in Libyen für ischomar
rung brachte erst die Gründung eines schlagkräftigen Tourismussyndikats, und Schmiede aus dem Aïr. Mit dem steigenden Bedarf an französisch-
das eine koordinierte Fremdenverkehrsentwicklung verfolgte. Agadez und deutschsprachigen Führern und Köchen im arabischsprachigen Liby-
erhielt endlich ein Touristeninformationszentrum, das Tourismuspersonal en finden qualifizierte ischomar gutbezahlte Jobs. Gleichzeitig wird immer
wurde umfassend geschult, ein jährlich stattfindendes „Festival de l’Aïr“ mehr Tuareg-Schmuck nachgefragt, der lediglich von Aïr-Schmieden her-
wurde etabliert, das Viersternehotel „La Paix“ errichtet und der Flughafen gestellt wird, die infolge des neuerlichen Ausbruchs der Rebellion im Ni-
renoviert, jeweils mit libyscher Finanzhilfe. Endlich wurde Agadez wieder ger ihre Lebensgrundlage verloren hatten. Darum zieht es gegenwärtig so-
regelmäßig von Paris aus angeflogen und schon bald erreichten die Tou- wohl Touristen wie auch Kel-aïr-Tuareg nach Libyen ...
ristenzahlen neue Rekorde.
Diese Erfolgsgeschichte endete abrupt im Jahr 2003. Erst erschütterten
die Entführungen von Sahara-Touristen in Algerien die gesamte Region,
im Jahr darauf überfielen dieselben Entführer drei Reisegruppen im nördli-
chen Aïr. Fast zeitgleich wurde der Tourismusminister Rhissa ag Boula un- ### Autor: Bitte BU ergänzen
52 53
054-061 Mythos-Blauer Ritter- KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:27 Seite 54
020tr Foto: hf
MYTHOS „BLAUER RITTER“
Allein von dem Wort „Tuareg“ geht eine ungeheure Faszination aus. Dies
beweisen die zahlreichen Werbe-Ideen, die mit Begriffen und Bildern aus
dem Tuareg-Umfeld arbeiten. Man denke nur an das das luxuriöse Allrad-
Fahrzeug „VW Touareg“, hier sollen bestimmte Qualitäten suggeriert wer-
den, die angeblich den Sahara-Nomaden anhaften. Auch touristische Re-
gionen, wie die tunesische Sahara oder das Tafilalet in Marokko, versu-
chen vom Tuareg-Image in Europa zu profitieren, indem sie sich mit Bil-
dern von „blauen Männern“ oder expliziter Berufung auf die Tuareg prä-
sentieren. Diese Menschen haben die romantischen Klischeevorstellun-
gen der Touristen erkannt und bieten ihnen das, was sie sehen wollen: in
blaue gandoras gehüllte edle Wüstenritter. Tatsächlich existiert kein ethni-
scher Bezug zwischen Marokkanern oder Tunesiern und den imajeghen,
außer ihrer gemeinsamen Berber-Herkunft. Diese Instrumentalisierung ei-
nes Begriffs ist kaum verwunderlich, denn wenige Völker sind so mystifi-
ziert und glorifiziert worden wie die Tuareg.
### Autor: Bitte BU ergänzen
54 55
054-061 Mythos-Blauer Ritter- KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:27 Seite 56
Der Name „Tuareg“ Historische Entwicklung des Mythos
Die Tuareg selbst nennen sich entweder kel tagelmust (die Leute mit dem Unsere heutigen Vorstellungen von den Tuareg sind das Ergebnis der fan-
Schleier) oder kel tamaschek (die Leute, die Tamaschek sprechen). Der tastischen Berichte der ersten Sahara-Reisenden, die mehr Erdichtetes
Begriff „Tuareg“ ist somit eine Fremdbezeichnung, dessen Mythos sich als Wahres über diese Nomaden überlieferten. Bis ins frühe 19. Jahrhun-
zum Teil aus seiner Bedeutung und Herkunft erklärt. Nach einer verbreite- dert war von den Tuareg kaum mehr bekannt als ein mysteriöser Name
ten Meinung leitet sich „Tuareg“ vom arabischen Wort terek ab, was „(von von Bewohnern im Herzen Afrikas, über das in Europa nur Legenden und
Gott) verlassen“ bedeutet: Weil die Tuareg nach Ansicht der Araber keine Schauermärchen kursierten. Der Grund dafür lag darin, dass die Sahara
„richtigen“ Muslime seien, wären sie von Gott in die Wüste verbannt wor- für Europäer praktisch unzugänglich war, weil die angrenzenden Regio-
den. Möglicherweise kommt der Begriff aber auch von targa, dem alten nen von Völkern wie den Arabern besiedelt waren, bei denen Europäer
Berbernamen für das Hochland von Fezzan im Südwesten Libyens. Hier nicht sehr willkommen waren. Dadurch lebten die „mysteriösen“ Tuareg
hatte der Stamm der Houara, wahrscheinlich Nachfahren der oben ge- gleichsam abgeschirmt von einem „ethnischen Schutzwall“ in der für Eu-
nannten Garamanten, gelebt, dessen Name sich später zu „Ahaggar“ ropäer damals unerreichbaren Welt der Zentralsahara.
wandelte. Als diese Volksgruppe in die Zentralsahara emigrierte und die Die frühen Berichte des islamischen Historikers und Politikers Ibn Chal-
dort lebenden Berberstämme unterwarf, wurde das dortige Bergmassiv – doun (1332–1406) überlieferten ein eher positives Bild der Tuareg, woge-
Hoggar oder Ahaggar – nach ihr benannt. In der Folge bezeichnete der gen der französische Abenteurer René Caillié (1799–1838) nach seiner le-
Name „Tuareg“ einerseits jene „adligen“, weil militärisch dominanten Tua- bensgefährlichen Timbuktu-Reise im Jahr 1828 die dortigen „Touaricks“
reg, die der Region Targa entstammten, und andererseits all jene Men- als „kriegerisch und grausam“ beschrieb.
schen, die in der von diesen „Adligen“ nunmehr beherrschten Region leb- Im 19. Jahrhundert galten die Tuareg einerseits als Personifikation des
ten. (Vgl. Exkurs „Imajeghen – adlige,Ritter‘ der Wüste?“) Seltsamen, deren Gesellschaft, Sitten und Lebensform in keine bisherige
Kategorie, außer jener des moralisch Schlechten, zu passen schienen. Das
018tr Foto: hf
Image von den Piraten der Wüste beherrschte den Ton in der Presse. An-
dererseits faszinierten die Tuareg europäische Romantiker wie Henry Du-
veyrier, der sie nach seinem ersten längeren Aufenthalt bei den Hoggar-
Tuareg (1859–1861) als ritterliche und freiheitsliebende Aristokraten
schilderte, denen Lüge und Diebstahl unbekannt seien.
Die eigentliche Romantisierung der Tuareg begann nach dem 1. Welt-
krieg mit der Verbreitung von Abenteuerromanen, in denen die euro-
päischen Abenteurer als Eroberer der Sahara im Vordergrund standen,
während die Tuareg die Gegenrolle des edlen, treuen Eingeborenen spiel-
ten. Unter diese Literaturgattung fällt etwa Pierre Benoits Roman „Atlanti-
de“ (Paris 1919), in dem die Tuareg als letzte Zeugen und Hüter einer ver-
schwundenen Zivilisation geschildert werden. In diesem ideologisch ver-
brämten Zugang spiegelt sich die verbreitete Sichtweise der früheren Tua-
reg-Forscher wider, in der Regel aristokratische Offiziere, die in den domi-
Typisches Sehnsuchts-Bild: Tuareg in den Dünen
56 57
054-061 Mythos-Blauer Ritter- KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:27 Seite 58
Das „Ende der (Tuareg-)Welt“
Seit den 1960er-Jahren wurde immer häufiger das „Ende der Tuareg-Kul- Überzeugung bestärkt, etwas Besonderes zu sein und auch zu bleiben. (So
tur“ angekündigt. Mit dieser Befürchtung war die unter Europäern ver- wurde etwa „geduldet“, dass „noble“ Tuareg die Kinder ihrer Sklaven in
breitete Vorstellung verknüpft, dass die „wahren“ Tuareg schlecht an die die Kolonialschulen schickten anstatt ihre eigenen.) Tatsächlich hatten sich
moderne Welt angepasst und darum von den politischen Mächten der sowohl die „noblen“ Tuareg selbst – dies waren in den Augen der Europäer
jungen unabhängigen Staaten Niger, Mali und Algerien bedroht seien. Als lediglich die „echten, weißen, freien Nomaden“ – als auch die französi-
in den 1870er- und 1980er-Jahren ausgeprägte Dürren die Sahelnomaden schen Militärs adliger Abstammung stets als „hervorragend“ im Vergleich
massiv schädigten, sahen viele französische Beobachter darin gleichsam zur „einfachen“ sesshaften Bevölkerung betrachtet. (Vgl. dazu Kap. „Tra-
den „Beweis“ für den zwangsläufigen Untergang der „alten Welt der Tua- ditionelle Werte und Identität“.) In diesem Selbstverständnis wurzelte die
reg“. tiefe Überzeugung der Franzosen, nur nomadisierende Tuareg seien un-
Hinter dieser Überzeugung standen die große Sympathie und sogar abhängig, nobel und darum echt. Dagegen wurden sesshafte Tuareg, die
auch eine gewisse Identifikation der Franzosen mit den Tuareg. Vor allem häufig auch negroid waren, als „falsche“ Tuareg verachtet: Sie standen für
stand dahinter die schmerzliche Erfahrung des Verlusts ihrer Kolonien – Franzosen gleichsam für den sozialen Niedergang und den Verlust der ur-
und damit „ihrer“ Sahara, die für die Identität Frankreichs als „Grande sprünglichen kulturellen Unverfälschtheit.
Nation“ grundlegend gewesen war. Die Rede vom „Ende der Tuareg-Kul- Tatsächlich hatten sich die französischen Forscher und Militärs lange
tur“ war somit nichts anderes als die Projektion des eigenen, gedemütig- Zeit ein Idealbild „ihrer“ Tuareg zusammengezimmert, das ihrem eige-
ten Selbstverständnisses auf die verlorene Sahara und eine idealisierte nen idealisierten Selbstverständnis entsprach. Das Engagement gegen den
Tuareg-Bevölkerung. „Untergang der Tuareg-Kultur“ war somit nichts anderes als der Kampf
Zudem mussten die Franzosen am Ende der Kolonialära ihr Versäumnis gegen die Veränderung der eigenen Welt ... In diesem Tenor beschreibt
erkennen, „ihre“ Tuareg rechtzeitig in die allgemeine Entwicklung der Ko- Alberto Vázquez-Figueroa in seinem Bestseller-Roman „Tuareg“ den Titel-
lonialregionen eingebunden zu haben. Stattdessen hatten die französi- helden, der als einsamer „Sohn des Windes“ unbeirrbar die Überliefe-
schen Kolonialbeamten aus selbstgefälliger Nostalgie und rassistisch rung seines Volkes gegen die Bedrohungen der modernen Zivilisation
geprägter Wüstenromantik „ihre noblen Tuareg-Nomaden“ in deren verteidigt.
nanten Tuareg-Gruppen ihresgleichen zu erkennen meinten: „weiße“, mi- Tuareg als Opfer und Helden der Rebellion
litärisch qualifizierte „Adlige“, die auf verlorenem Posten für die überkom-
menen Werte einer alten, besseren Welt kämpften. Schon bisher erwies sich der Begriff „Tuareg“ als vieldeutige Spiegelung
In den Augen der französischen Forscher lag die Besonderheit der Tua- unterschiedlichster Sehnsüchte und Rollenbilder, die wenig mit der Le-
reg im Unterschied zu Arabern und Schwarzafrikanern in ihrer helleren bensrealität der kel tamaschek zu tun hatten und haben. Mit dem Aus-
Hautfarbe. Darüber hinaus galten die Tuareg als die saharischen Noma- bruch der Rebellion zu Beginn der 1990er-Jahre wurde das Tuareg-Image
den schlechthin, insbesondere die noblen imajeghen der Hoggar-Tuareg, um zwei weitere, miteinander verflochtene Facetten bereichert: das Bild
die mit Schwert, Schild und Gesichtsschleier an einen mittelalterlichen Rit- von den Tuareg als Opfer systematischer staatlicher Unterdrückung
ter erinnerten. Die Idealisierung der aristokratischen hellhäutigen Tuareg und als Helden eines Unabhängigkeitskampfes. Beide Vorstellungen
dauerte in dieser Extremform etwa bis zum Ende der Kolonialzeit, hält wurden zum Teil gezielt im Rahmen von Medienkampagnen verbreitet,
aber in seinen Grundzügen bis heute an. die wesentlich vom populären Aïr-Tuareg Mano Dayak getragen wurde. So
58 59
054-061 Mythos-Blauer Ritter- KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:27 Seite 60
019tr Foto: hf
wurden etwa Ausstellungen mit stereotypen Fotos der „edlen, würdevol-
len, weißen Wüstenritter“ organisiert und mit dem Hinweis verknüpft, die-
ses „außergewöhnliche“ Volk werde von seinen jetzigen schwarzen Be-
herrschern unterdrückt, ausgebeutet und sogar massakriert, weshalb es
unterzugehen drohe. Als „Beweis“ für diese „Tatsachen“ dienten die tragi-
schen Ereignisse in Tchin-Tabaraden, die in den Medienberichten zu ei-
nem regelrechten Genozid an den Tuareg aufgebauscht wurden. Mano
Dayak, die antreibende Kraft hinter dieser Kampagne, lieferte zum Teil er-
fundene Details in seinem eigens veröffentlichten Buch über die „Tuareg-
Tragödie“.
Diese erfolgreiche Medienaktion weckte in Europa Verständnis und
moralische Unterstützung für die Rebellen. Außerdem trug sie dazu bei,
dass die Hilfsmaßnahmen für die Tuareg von zahlreichen emotionalisier-
ten Fans großzügig unterstützt wurden. Der Kampf der Nomaden wurde
als ein gerechtfertigtes Mittel zur „Selbstverteidigung“ und zur Wieder-
herstellung ihrer „verlorenen Würde“ betrachtet, als ein ritterliches Ringen
der wiedergekehrten „Herren der Wüste“ mit ihren schwarzen Unterdrü-
ckern.
Gegenüber der Regierung beanspruchten die Rebellen offiziell zwei
Drittel des nigrischen Staatsgebiets sowie die Errichtung eines Apartheid- In Europa war die Propaganda von der untergehenden Tuareg-Kultur auf
staates, in dem nur „Angehörige der Tuareg-Ethnie“ das aktive und passive so fruchtbaren Boden gefallen, weil die romantischen Sahara- und Tuareg-
Wahlrecht hätten. Um diesen Anspruch der ausschließlichen Tuareg-Ho- Fans schon vor langer Zeit den Traum von „ihrer“ Sahara mit „ihren“ Wüs-
heit zu untermauern, stellten die Rebellen kurzerhand die Behauptung auf, tenrittern hatten begraben müssen. Mit der Rebellion der ischomar schien
in diesem Gebiet hätte vor der Kolonialisierung eine „Tuareg-Nation“ be- diese untergehende, ruhmreiche Welt endlich eine Renaissance zu erle-
standen. Die Wahrheit sah freilich anders aus, denn so etwas wie eine ben. Hinter dieser kritiklosen Hoffnung verbarg sich die Sehnsucht zivili-
„Tuareg-Nation“ hatte es zu keiner Zeit in der Geschichte gegeben. Mo- sationsmüder Bürger nach einer einfachen, schwarz-weiß gezeichneten
derne Begriffe wie „Staat“ oder „Nation“, „Heimat“ oder „Vaterland“, aber Welt von guten, selbstbestimmten Helden im Kampf gegen die finsteren
auch „Stamm“ oder „Ethnie“ entsprangen ursprünglich der westlichen Kul- Handlanger eines korrupten Staates. Der hohe Preis für diese Vorstellun-
tur und fanden erst während der Kolonialzeit Eingang in die wenigen ge- gen war, dass sich die Rebellion zu einem interethnischen Konflikt mit
bildeten Schichten der Tuareg-Gesellschaft. Vor allem aber war die von zahlreichen Toten auf allen Seiten verschärfte. Bezahlen mussten letztlich
den Rebellen geforderte Region schon vor der Ankunft der Nomaden von jene, die mit diesen romantischen Vorstellungen am wenigsten gemein
unterschiedlichen Volksgruppen bewohnt gewesen und auch die Tuareg hatten: die breite Tuareg-Bevölkerung.
selbst waren niemals eine einheitliche Nation oder eine geschlossene
Gesellschaft. Historische Fakten spielten aber für die Rebellen keine Rolle,
denn ihnen ging es ausschließlich um die Durchsetzung ihrer Eigeninte-
ressen. Die verdrehte historische Darstellung diente ihnen nur als ideolo-
gische Waffe.
### Ex-Rebell als Touristenbeschützer
60 61
062-091 Wertvorstellungen und Religion KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:28 Seite 62
021tr Foto: hf
WERTVORSTELLUNGEN UND RELIGION
Traditionell lebende Tuareg-Nomaden führen ein Dasein unter extremen
klimatischen und wirtschaftlichen Bedingungen. Die alltägliche Konfron-
tation der Kamelhirten und Ziegenhirtinnen mit Herausforderungen wie
Einsamkeit, Trockenheit, extrem karger Landschaft und anderen schier
überwältigenden Kräften der Natur prägte Selbstverständnis und Sitten
der Tuareg. Dabei haben diese Wüstenbewohner eine Kultur geistiger
Wertvorstellungen entwickelt, von denen viele an die Hofsitten mittelal-
terlicher Ritter erinnern. Werte wie Scham und Zurückhaltung, Respekt
und Wahrhaftigkeit spielen bei den Tuareg auch heute noch eine überra-
gende Rolle, die weit über die Bedeutung beispielsweise des Islam im täg-
lichen Leben hinausgeht. In diesem alten nomadischen Wertekodex wur-
zeln auch sehr viele zentrale Elemente des äußeren Erscheinungsbildes
und der Umgangsformen der Tuareg, wie beispielsweise der Gesichts-
schleier (tagelmust) der Männer. Darum werden in diesem Kapitel die
### Autor: Bitte BU ergänzen
62 63
062-091 Wertvorstellungen und Religion KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:28 Seite 64
„nomadischen“ Werte vor jenen des Islam behandelt, der erst relativ spät Amajegh – ein „echter Tuareg“ sein oder nicht sein
Anklang bei den Tuareg fand und erst gegenwärtig an spürbarer Bedeu-
tung gewinnt. Dabei wurde und wird der Islam von den Tuareg-Nomaden Was einen „richtigen“ Tuareg ausmacht, wird von den Tuareg selbst kei-
stets auf eigene Weise interpretiert und gelebt. So spielen etwa animisti- neswegs einhellig beantwortet, sondern hängt sehr von Beruf, Alter und
sche Überzeugungen auch heute noch eine große Rolle im täglichen Le- Herkunft des jeweiligen Befragten ab. Abgesehen davon ist die Fremdbe-
ben der Tuareg. zeichnung „Tuareg“ vielen Nomaden unbekannt. Für viele traditionell ge-
prägte Tuareg gilt eine Person als „ihresgleichen“, wenn sie Tamaschek
spricht und den tagelmust bzw. als Frau den aleschu trägt, unabhängig da-
Traditionelle Werte und Identität von, woher diese Person ursprünglich stammt (darauf komme ich noch zu
sprechen). Allerdings leben heute nicht mehr viele Tuareg traditionell als
Fragen nach Tradition und Identität, wie wir sie zumeist verstehen, sind für Nomaden, weshalb „Tuareg-Sein“ auch unabhängig von Sprache und Klei-
Tuareg nicht einfach zu beantworten. Das liegt an ihrer Art zu lernen und dung gegeben sein kann.
zu denken, die sehr von unserer westlichen Lern- und Erziehungsweise ab- Die relativ kleine Gruppe der Nachkommen einstiger „nobler“ Tuareg-
weicht. Während wir Europäer im Kindesalter lernen, Werte und Gege- Gruppen der kel ahaggar nennt sich selbst imuhagh, was ursprünglich
benheiten auf ihre Berechtigung und Sinnhaftigkeit zu hinterfragen, lernen nichts weiter als eine Zugehörigkeitsbezeichnung war. Weil aber die imu-
Tuareg-Nomaden in erster Linie durch Zusehen und Imitieren. Die Welt hagh militärisch und politisch dominierten, standen sie gesellschaftlich
wird dabei in all ihren Ausformungen als Wille Gottes hingenommen, oh- über der unterlegenen Nomadengruppe der imghad („Vasallen“) und erst
ne etwas in Frage zu stellen. Die Herausforderung für einen jungen Men- recht über den von schwarzen Bauern abstammenden iklan (Sklaven). Aus
schen wird darin gesehen, sich optimal an die lebensfeindliche Umwelt dieser Position betrachteten sie ihre Lebensweise zwangsläufig auch als
anzupassen. Die Alten und Erwachsenen beweisen durch ihr Überleben, die „edelste“ und „wertvollste“. Im Gegensatz dazu wurden den enaden
dass sie sich bislang erfolgreich an die Natur angepasst haben. Darum (Handwerker, bzw. „Schmiede“) aufgrund ihrer „schmutzigen“ Arbeit die
wird ihre Erfahrung als richtig anerkannt und nicht weiter hinterfragt. So „edlen“ Werte, asshak, eines „wahren“ Tuareg generell abgesprochen.
sind die Tuareg gleichsam das, was sie erfolgreich tun, um gegen die Un- (Vgl. das Kap. „Gesellschaftliche Strukturen“.)
bilden einer kargen und bedrohlichen Natur zu bestehen: Hirtennomaden Während der Kolonialzeit betrachteten die französischen Offiziere nur
oder Gärtner, Schmiede oder marabouts (Heilige, Angehörige der religiö- die Angehörigen der kollaborierenden Kriegerstämme der kel ahaggar als
sen Schicht). „echte Tuareg“. Darum setzten sie kurzerhand den Namen imuhagh mit
Von ähnlich großer Bedeutung wie die optimale Anpassung an ihre kar- der Bedeutung „Angehörige der gesellschaftlichen Schicht der Freien“ im
ge Lebenswelt ist der moralische Wert asshak, der Würde, Stolz und die Sinne von „Adelsschicht“ gleich. Dem stand jedoch der Umstand entge-
Beherrschung von zentralen Verhaltensregeln zusammenfasst. (Nähe- gen, dass es auch in fast allen anderen Tuareg-Konföderationen wie den
res zu asshak s. u.) kel ajjer oder den kel aïr dominante Kriegerstämme gab, deren Angehöri-
Für das Selbstverständnis älterer, nomadisch geprägter Tuareg spielen ge imajeghen (Sing.: amajegh) genannt wurden. (Siehe das Kap. „Gesell-
auch die Religion und das kulturelle Erbe der Ahnen eine große Rolle. schaft und Politik“.) Amajegh war somit der unter den meisten Tuareg ver-
Darunter werden Erinnerungen, Überlieferungen, historische Erzählun- breitete Begriff für ein Mitglied der „noblen, angesehenen“ Schicht.
gen und althergebrachte Bräuche, aber auch Sprache und Kleidung ver- Auch heute noch spielt der Ausdruck „amajegh“ eine zentrale Rolle für
standen. Unter jüngeren Tuareg ist die Rebellion der 1990er-Jahre von das Selbstverständnis der Tuareg, wenn auch mit veränderter Bedeutung.
prägender Bedeutung für ihr Selbstverständnis. Damals wurden zahlrei- Heute gibt es nur noch wenige „reine“ Nachkommen der einstigen so-
che Elemente des „wahren Tuareg“ wiederbelebt oder auch neu erfun- zialen Oberschicht der imajeghen. Diese haben außerdem ihre Lebens-
den. So erlebte etwa der tagelmust eine Renaissance als prägendes Iden- weise und soziale Stellung in ähnlicher Weise verloren wie die Adligen in
titätsmerkmal. Diese Elemente fanden ihren Niederschlag auch in mo- vielen Ländern Europas. Darum wird „Tuareg-Sein“ bzw. die Qualität eines
dernen Tuareg-Liedern, die von den „Helden des Freiheitskampfes“ be- amajegh heute in unterschiedlicher Weise definiert. Die im Folgenden be-
richten. schriebene, jeweilige Aufwertung der eigenen gesellschaftlichen Position
64 65
062-091 Wertvorstellungen und Religion KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:28 Seite 66
022tr Foto: hf
bei spielt auch keine Rolle, dass zahlreiche „Tuareg“ in den Städten des
Sahel oft nur noch Hausa sprechen und dass viele der als vollwertige
Tuareg-Angehörige geltenden Menschen von ehemaligen Hausa-Skla-
ven abstammen.
• Solche Abgrenzungsmechanismen gibt es auch zwischen benachbar-
ten Tuareg-Gruppen. So bezeichnen etwa die kel ewey in den Aïr-Ber-
gen sich selbst als imajeghen, alle anderen umliegenden Tuareg-Gruppen
hingegen abwertend als imghad („Vasallen“), obwohl sie alle Tamaschek
sprechen und als unabhängige Nomaden leben. Begründet wird diese
Herabwürdigung ihrer Nachbarn mit deren angeblicher mangelhafter
Befolgung der religiösen Gesetze und der traditionellen Werte.
Hierbei wird deutlich, dass es mindestens so viele Vorstellungen von ei-
nem „echten“ Tuareg gibt wie Menschen, die mit Tuareg-Angehörigen ak-
tiv oder passiv zu tun haben.
Ob eine Person als Tuareg angesehen wird, hängt somit von der Aner-
kennung durch die jeweilige Tuareg-Bezugsgruppe ab. So wurden früher
Sklaven arabischer oder schwarzafrikanischer Herkunft von Tuareg-Grup-
pen gleichsam „absorbiert“, sobald sie Sprache, Sitten und Lebensweise
und Lebensweise ist, wie bei anderen Volksgruppen auch, immer ver- der Tuareg angenommen hatten. Sie galten dann zumindest als Angehöri-
knüpft mit einer gleichzeitigen Abwertung anderer gesellschaftlicher Be- ge der kel tamaschek bzw., wenn sie den Schleier trugen, als kel tagelmust.
zugsgruppen, Lebensweisen und Kulturen. Zeichnete sich ein solcher dunkelhäutiger „Immigrant“ durch besondere
Weisheit, durch Reichtum und Großzügigkeit aus, so konnte ihm die res-
• Eine Minderheit von „freien, weißen und würdevollen“ Nomaden pektierte Stellung eines marabouts, eines „Heiligen“, zuerkannt werden.
sieht sich allein als die „wahren“ imajeghen, die sich (nach ihrer eigenen Dadurch wurde er in den Augen seiner neuen Bezugsgruppe zum ama-
Sicht) von anderen „uneigentlichen“ Tuareg-Gruppen durch eben diese jegh. Somit könnte grundsätzlich jeder Mensch amajegh sein, wenn er
Eigenschaften abhebt. sich entsprechend seiner Tuareg-Bezugsgruppe verhielte, weil darin letzt-
• Die überwiegende Zahl der Tuareg-Bevölkerung, ob sesshaft oder no- lich nichts anderes zum Ausdruck käme als die Anerkennung: „Du bist
madisch, beurteilt sich heute im Vergleich zu ihren jeweiligen kulturel- nun einer von uns“.
len Nachbarn weitläufig als imajeghen. So werden etwa die Fulbe-No- Daraus folgt aber auch, dass die „Tuareg-Eigenschaft“ – amajegh – auch
maden als „Wilde“ betrachtet, obwohl sie in ähnlicher Weise wie Tua- verloren gehen kann. Jene Tuareg, die vor vielen Jahrzehnten in den von
reg-Nomaden leben und vergleichbare Kleidung und Ausrüstungsge- Hausa dominierten Süden abgewandert waren, haben mittlerweile Klei-
genstände verwenden. Begründet wird diese Geringschätzung mit der dung, Glauben, Sitten und Sprache der Hausa weitgehend angenommen.
angeblichen „islamfeindlichen, matriarchalen Tradition“ der Fulbe, ob- Darum werden sie von Tuareg des Nordens häufig bereits als Hausa be-
wohl sich solche Ansätze auch bei den Tuareg finden. Amajegh bzw. trachtet.
„Tuareg-Sein“ bedeutet hier demnach „keiner von denen da draußen“ Doch auch diese Identitätsvorstellung wird zunehmend brüchig, da
zu sein. heute immer mehr Tuareg in die großen Städte West- und Nordafrikas
• Gegenüber schwarzen Hausa-Bauern und -Händlern grenzen sich viele
Angehörige der Tuareg, darunter auch Tuareg-Handwerker, die enaden,
durch den Gesichtsschleier, ihre Sprache Tamaschek, den Grundwert
asshak und die Vorstellung ab, einer „weißen Rasse“ anzugehören. Da- ### Autor: Bitte BU ergänzen
66 67
062-091 Wertvorstellungen und Religion KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:28 Seite 68
und sogar nach Europa ziehen. Ist denn ein Tuareg, der fließend Deutsch Eine Sonderstellung nimmt die „Scherzbeziehung“ (tabubasa) zwischen
spricht, die österreichische Staatsbürgerschaft angenommen hat und gern Kreuzcousinen und -cousins ein, also von Paaren, das sind ein Mann und
mit Freunden auf ein Bier geht, kein Tuareg mehr? Das hängt letztlich im- die Tochter seines mütterlichen Onkels oder seiner väterlichen Tante. Nur
mer vom jeweiligen Betrachter und damit von der jeweiligen Bezugsgrup- in dieser besonderen Verwandtschaftsbeziehung dürfen sich Mann und
pe ab. Frau bis zu einer Heirat gegenseitig in der Öffentlichkeit verspotten, wo-
bei alle Freiheiten erlaubt sind. Diese Ausnahme dient der Entlastung der
Asshak – das Edle und Gute eher strengen Gesellschaftsordnung. (Näheres dazu im Kapitel „Ehe“.)
Asshak kommt auch in der strikten Ablehnung von Lüge und Diebstahl
Der wohl wichtigste Schlüssel zum Verständnis der spirituellen Tuareg- sowie von Gier, Neid und protzerischem Reichtum zur Geltung. Es um-
Welt ist asshak. Dieser Begriff umschreibt ein Ensemble von Werten, die fasst somit Schlüsselwerte zur Aufrechterhaltung einer Nomadengesell-
Aspekte wie Würde, Ansehen, Selbstbewusstsein und Manieren umfas- schaft. Hirten weiden ihre Tiere über riesige Gebiete verstreut, darum kön-
sen, also das „Gute“ beim Tuareg schlechthin. Als wichtigste Verhaltens- nen sie ihr Hab und Gut nicht ständig kontrollieren. Sie müssen darauf
norm gilt dabei tekarakit, übersetzt etwa „Scham“ oder Zurückhaltung. vertrauen können, dass niemand Kamele oder Gegenstände aus dem
So gilt es beispielsweise als ungehörig, einem Gesprächspartner direkt in unbewachten Lager des Nachbarn stiehlt. Protzerei ist verpönt, um Be-
die Augen zu blicken, weil dies als bedrohlich empfunden wird. Darum gehrlichkeiten und dem eventuell daraus folgenden Diebstahl mit allen
schaut man während einer Unterhaltung entweder zu Boden oder lässt weiteren Konflikten vorzubeugen. Gier nach immer mehr ist nicht verein-
den Blick schweifen. bar mit der Nomadenwirtschaft in der Wüste, die auf Dauerhaftigkeit und
Der Schleier der Männer (tagelmust) verdeutlicht den Aspekt der Zu- Risikominderung anstatt auf Wachstum gerichtet ist.
rückhaltung am besten. In der Öffentlichkeit Mund und Nase unbedeckt Infolge sich wandelnder Lebensverhältnisse gerät asshak zunehmend
zu lassen, gilt für einen Mann ab einem gewissen Alter als unschicklich. unter Druck. Sesshafte Tuareg bedürfen eher neuer Verhaltenstechniken
Wenn ein junger Mann etwa mit 16 Jahren von seinem Vater einen eige- wie unternehmerisches Denken, Handelsgeschick und Diplomatie statt
nen, neuen Schleier geschenkt bekommt, erhält er damit auch seinen Zurückhaltung, Risikominderung und Aufrichtigkeit – oder Flexibilität und
Erwachsenenstatus. Von nun an gehört der junge Mann zur Wertege- Anpassungsfähigkeit statt Traditionsbewusstsein und Unabhängigkeits-
meinschaft der kel tagelmust. Bei einer jungen Frau entspricht dies dem streben. Hinter diesen neuen Fähigkeiten stehen neue Werte wie Risiko-
ersten Anlegen eines Kopftuchs. Ab diesem Zeitpunkt gelten bestimmte freude, Offenheit, Gewinnstreben und Kompromissbereitschaft. Damit
Vermeidungsregeln, die unmittelbar mit asshak verknüpft sind. So darf geraten jedoch traditionsgeprägte Tuareg in Gewissenskonflikte. Mussten
ein Vater in Gegenwart von Fremden nicht mehr mit seiner erwachsenen imajeghen bis in die Kolonialzeit ihrer Bevölkerung im Fall einer Hungers-
Tochter sprechen, ein Mann nicht vor seiner Schwiegermutter essen oder not beistehen, indem sie Nachbarstämme oder Siedlungen nach klaren
den Schleier ablegen. Eine verehrte Frau darf vor der Hochzeit nur bei Regeln überfielen (rezzu), so müssen Tuareg heute bei mächtigen Politi-
Nacht, also völlig diskret, besucht werden, weil voreheliche Sexualität – im kern diplomatisch um Hilfe bitten, was aus Asshak-Sicht als erniedrigend
Gegensatz zu anderen islamischen Gesellschaften – geduldet wird, solan- gilt. Darum würde ein amajagh im Notfall, um nicht das Gesicht zu verlie-
ge die Diskretion gewahrt bleibt, frei nach dem Grundsatz: „Was ich nicht ren, eine benötigte Sache wie Geld nicht erbitten, sondern einfordern, um
weiß, macht mich nicht heiß!“ (Zum relativ freizügigen Verhältnis zwi- es dann kommentarlos einzustecken. Gesten des Dankes sind unter den
schen Männern und Frauen siehe das Kap. „Familie und Geschlechterver- stolzen Nomaden unüblich. Das hat mit dem harten Leben zu tun, das die
hältnisse“.) Diese Regeln bezwecken die Aufrechterhaltung einer Hirten führen. Auf den Weiden herrscht häufig Nahrungsknappheit, Durst
gewissen Gesellschaftsordnung unter Bedingungen von Nomaden, bei und Einsamkeit. Dem kann nur mit der nötigen Selbstbeherrschung be-
denen die Kontrolle von allein lebenden Hirten und Hirtinnen kaum mög- gegnet werden, indem nicht über Hunger gejammert und um Nahrung
lich ist. Darum wird im Einzugsgebiet einer Bezugsgruppe – im Dorf oder gebettelt, sondern Stolz bewiesen wird.
im Lager der Eltern – umso strenger die Einhaltung der „Manieren“ erwar- Mittlerweile eröffnen sich den Tuareg zunehmend andere Perspektiven,
tet. Dann nämlich dienen die Vermeidungsregeln der Vermeidung familiä- wie z. B. die Arbeit als Gärtner, die oftmals dem Hirtendasein vorgezogen
rer Konflikte. wird. Denn ein Gärtner kann das ganze Jahr über bei seiner Familie leben,
68 69
062-091 Wertvorstellungen und Religion KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:28 Seite 70
023tr Foto: hf
den häuslichen Komfort genießen und wird regelmäßig von seiner Ehefrau
mit Essen versorgt, anstatt in der Wildnis selbst kochen und allein essen zu
müssen. Solche angenehmen Bedingungen lassen neue Regeln und Wer-
te für den zwischenmenschlichen Umgang entstehen. Denn wer nicht
ständig der Wildnis ausgesetzt ist, braucht nicht mehr so hart und selbst-
diszipliniert sein wie ein Hirte.
Die Anpassung der Werte an die neuen Lebensbedingungen verläuft
unter den ehemaligen Nomaden nur sehr langsam. Dies gilt besonders für
den Umgang mit Touristen, bei dem asshak ein großes Hindernis dar-
stellen kann. Erfolgreicher sind hier Kinder oder Handwerker. Kinder tra-
gen noch keinen Gesichtsschleier und brauchen noch keine so starke Zu-
rückhaltung zu üben. Tuareg-Handwerkern (enaden, obwohl die Hand-
werker Spezialisten in der Bearbeitung der unterschiedlichen Materialien
Metall, Holz und Leder sind, werden sie schlicht „Schmiede“ genannt.)
wiederum wird aufgrund ihres „unreinen“ Berufs asshak generell abge-
sprochen. (Vgl. das Kap. „Gesellschaftliche Strukturen“.) Doch gerade weil
von ihnen erwartet wird, dass sie schwindeln, handeln und sich mit Frem-
den arrangieren, erfüllen sie innerhalb der Tuareg-Gesellschaft eine wich-
tige Rolle als Vermittler. Nach außen, in Gegenwart von Europäern, tragen
enaden ebenfalls den tagelmust und sprechen gern von asshak, um als präsentieren wichtige soziale Gruppen der heutigen Tuareg-Gesellschaft:
„echter Tuareg“ wahrgenommen zu werden und ihren Schmuck erfolgrei- Hirtinnen, Karawanenführer, Gartenbauern, Handwerker, Händler, Schü-
cher verkaufen zu können. Für jüngere Tuareg, die in Städten oder im Tou- ler und Studentinnen, Lehrer, Geistliche, Politiker, Reiseführer, Musiker etc.
rismus arbeiten und die darum neuen Anforderungen genügen müssen, Meine Fragen drehten sich um das jeweilige Wertempfinden dieser Men-
spielt asshak eine zunehmend geringere Rolle. Es wird durch Werte wie Er- schen.
folg, Konsum und Bildung verdrängt.
• Soziale Sicherheit – das Wichtigste im Leben?
Die kel timia im Interview: Für ältere kel timia steht die Sicherheit und Versorgung ihrer Familie im
Alte Werte im Licht neuer Probleme? Mittelpunkt. Sobald sie verheiratet sind und Kinder haben, wird die Ver-
antwortung für die Familie zu ihrem zentralen Lebenszweck. Ähnlich
Die Welt der Tuareg unterliegt heute einem raschen und grundlegenden wichtig ist ihnen auch „Gesundheit und ein langes Leben“, denn Krank-
Wandel, weshalb auch die verschiedenen sozialen Gruppen innerhalb der heit würde sie zur Last für andere machen und sie könnten ihren
Tuareg-Gesellschaften immer unterschiedlicher werden. Zwangsläufig Lebenssinn nicht mehr erfüllen. Für jüngere, insbesondere auch für
verändern sich in der Folge auch individuelle Wertempfindungen. Das weibliche kel timia steht Wohlstand als zentrales Lebensziel im Vor-
zeigt sich deutlich am Beispiel der kel ewey der Region Timia im Herzen dergrund. Mariema, eine 17-jährige Hirtin, meinte etwa, ihr größter
des Aïr (Niger), 220 unwegsame Kilometer von Agadez entfernt. Hier in- Wunsch wäre, einen „reichen, netten, intellektuellen Ehemann und drei
terviewte ich 1999 und 2000 über 40 Personen, deren „Hauptwohnsitz“ Kinder“ zu bekommen. Frauen und Jugendliche haben nur geringe
sich im Bergdorf Timia oder im umliegenden Weidegebiet befand. Sie re- Chancen, aus eigener Kraft reich zu werden. Auch Hirtinnen und Kara-
waniers wünschen sich an erster Stelle „viel Geld“, denn auch sie leben
unter extrem schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen. Auch für jene,
die schon ein recht gutes Einkommen haben, bleibt Wohlstand wichtig.
### Autor: Bitte BU ergänzen### Autor: Bitte BU ergänzen Mohammed, ein 34-jähriger Gärtner, will viel Geld verdienen, um seine
70 71
062-091 Wertvorstellungen und Religion KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:28 Seite 72
Herde aufbauen, einen guten Garten kaufen und die Bildung der Fami- und der Magie nahe stehen. Sie werden als Schwindler und Ehrlose an-
lie finanzieren zu können. Er würde seine Kinder zur Schule schicken, gesehen. Doch gerade sie empfinden mittlerweile asshak und religiöse
damit sie einmal ihre Eltern ernähren können. Früher brauchte man eine Werte als etwas besonders Erstrebenswertes. In der modernen Welt
große Ziegen- und Kamelherde, um die Familie gut ernähren zu kön- wollen sie als Ehrenmänner anerkannt werden, die verlässliche Produkt-
nen. Darum empfinden ältere kel timia auch heute noch eine hinrei- qualität an Touristen liefern und dafür einen entsprechenden Preis be-
chend große Herde als äußerst wichtig, während für jüngere Tuareg ein zahlt bekommen. Würden die Touristen einen Schmied – entsprechend
hohes Geldeinkommen als Maßstab für wirtschaftlichen Erfolg und so- seiner traditionellen Rolle – als Schwindler wahrnehmen, so wäre das
ziale Sicherheit an Bedeutung gewinnt. Sie wünschen sich darum einen äußerst geschäftsschädigend.
Arbeitsplatz. Die Jugendarbeitslosigkeit ist bei den Tuareg ein noch viel • Das gute Leben ...
größeres Problem als in Europa. Die Präferenzen der meisten kel timia drücken das starke Bedürfnis nach
• Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral ...? materieller Besserstellung und somit nach zusätzlichen Einnahmequel-
Für die Menschen steht die nachhaltige Sicherung ihrer wirtschaftli- len aus. Je mehr Einblick man in die tatsächliche wirtschaftliche Lage
chen Basis und damit der materiellen Grundlage ihres Überlebens an jenseits der scheinbaren Idylle des „romantischen Bergdorfes“ erhält,
vorderster Stelle der Bedürfnisse. Dabei fällt auf, dass Tuareg-Frauen desto verständlicher wird dieser nüchterne Wunsch nach einem guten
häufiger die Befriedigung materieller Bedürfnisse als Lebensziel nennen Leben. Ideelle Vorlieben können sich diejenigen erlauben, die wirt-
als männliche Tuareg. Das ist auch nicht weiter verwunderlich, denn die schaftlich abgesichert sind. Politiker etwa müssen über den Alltagssor-
Frauen sind für die Versorgung der Kinder zuständig. Wer hungrige gen stehen und den Überblick behalten. Darum wünschte sich der
Mäuler stopfen muss, hat andere Sorgen als die Sehnsucht nach einem Dorfchef Mokhamed ag Gabda, der eine bescheidene Rente für seine
„langen Leben in Würde“, wie Männer häufig ihr Lebensziel formulie- Amtsführung erhält, „Friede und Entwicklung, sodass jeder anständig le-
ren. Die Männer aber verbringen mitunter viele Monate fern von der Fa- ben kann“.
milie, sei es als Arbeitsemigranten oder als Karawaniers. Auf sich allein
024tr Foto: hf
gestellt können sie Zeiten der Armut leichter würdevoll hinnehmen als
kinderreiche Mütter.
Für traditionelle ideelle Werte sprechen sich besonders jene jungen
kel timia aus, die im fernen Agadez in der Tourismusbranche gutes Geld
verdienen. Ihre materielle Basis ist weitgehend gesichert, weil sie aber
ständig von ihren Familien getrennt leben und stattdessen häufigen Um-
gang mit Europäern pflegen müssen, empfinden sie ihre kulturellen
Wurzeln als gefährdet. Für die chasses-touristes, die jungen „Touristenjä-
ger“ von Timia, wiederum geht es nur darum, möglichst schnell mög-
lichst viel Geld zu verdienen, während sie die traditionellen Werte
(noch) nicht bekümmern. Schließlich sind sie ständig von dieser „alten“
Welt der Traditionen umgeben. In einer ganz anderen Situation lebt Ris-
sa, ein 20-jähriger Karawanier. Weit entfernt von den Verlockungen der
modernen Welt empfindet er es als das Wichtigste „nobel, gut und ehr-
lich zu sein“. Schmiede sind diejenige gesellschaftliche Gruppe, denen
asshak traditionellerweise abgesprochen wird, weil sie der Geisterwelt
### Autor: Bitte BU ergänzen### Autor: Bitte BU ergänzen
72 73
062-091 Wertvorstellungen und Religion KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:28 Seite 74
Werte sind stets Ausdruck der jeweiligen Lebenssituation. Hier muss Dazu zählt etwa der Geisterglaube, wie in dem entsprechenden Kapitel
man streng zwischen der Bezeichnung eines Werts und der hinter dieser nachzulesen ist.
Bezeichnung stehenden Bedeutung unterscheiden. Für den jungen Tua-
reg, der als Karawanenführer (madugu) die Verantwortung für eine Wüs- Die Islamisierung der Tuareg
tenkarawane trägt, hat asshak eine völlig andere Bedeutung (da mit ande-
ren Lebenserfahrungen verknüpft), als für einen chasse-touriste, der an der Tuareg-Nomaden leben in der Regel eine eigene Ausformung des Islam.
Dorfpiste auf Touristen wartet. Das hängt mit ihren Lebensbedingungen, aber auch mit der Geschichte
Letztendlich können wir niemals mit Gewissheit erfahren, was ein Tua- ihrer Islamisierung zusammen, die im Jahr 642 mit der Invasion der Ara-
reg „wirklich“ mit asshak oder einem anderen Wert meint. Daran würde ber ihren Anfang genommen hatte. Die Tuareg hingen zu dieser Zeit ma-
auch nichts ändern, wenn wir als Touristen ein paar Tage oder Wochen in gisch-kultischen Vorstellungen an und wichen vor den Eindringlingen
einem Hirtenlager zubringen oder eine Salzkarawane durch die Ténéré nach Süden zurück, worauf sie von den Arabern als „Die von Gott Versto-
begleiten würden. Würden wir uns in der Hitze der Wüstensonne auch ßenen“ (arab. terek) bezeichnet wurden. Dennoch reicht der früheste
ein wenig als kel tamaschek fühlen und den Hauch von asshak spüren, es nachweisbare islamische Einfluss auf die Tuareg bis ins 7. Jahrhundert zu-
bliebe abermals unsere eigene, höchstpersönliche Erfahrung vor dem rück. Damals dürften berberische marabouts in den Hoggar vorgedrun-
Hintergrund unserer mitgebrachten Kultur. gen sein und als heilige Männer unter den kel ahaggar Anklang gefunden
Aber wir können zuhören und respektieren, für welchen Weg in die haben.
Welt sich ein Tuareg heute auch entscheiden mag und in welcher Weise Im 10. und 11. Jahrhundert setzte sich der Islam sowohl in Nordafrika als
er asshak und das „gute Leben“ auslegen mag. Er muss es vertreten und auch südlich der Sahara allgemein durch. Aus dieser Zeit stammen auch
wir dürfen vielleicht als Gast beiwohnen. die ersten Moscheen im Aïr-Massiv. Wiederum waren es einzelne religiö-
se Persönlichkeiten, die sich gegenüber den Tuareg als mit magischen
Kräften ausgestattete Nachkommen des Propheten Mohammed ausga-
Spiritualität, Magie und Islam ben. Sie verfügten angeblich über baraka, die Gabe, Heil und Segen zu
spenden und Böses abzuwenden. Das passte gut in das magische Denken
Magie, die Mutter der Religion der Tuareg-Nomaden und verschaffte den islamischen Missionaren Auto-
rität und Einfluss.
Magie ist eine Art Vorläuferin der „etablierten“ Religionen, die ihren An- Im 16. Jahrhundert förderte das Königreich Songhai die stärkere Durch-
gehörigen einheitliche Standards und Regeln zur erlangung des Seelen- setzung des Islam. Damals wurden große Moscheen und Ausbildungs-
heils vorgeben. Magie hingegen ist weitgehend unabhängig von einer stätten errichtet. In Timbuktu gab es 180 Koranschulen und eine Universi-
zentralen Instanz, denn sie beruht in erster Linie auf der Kompetenz, tät, die von 20.000 Studenten besucht wurde. Sie war die bedeutendste
Kraft und Ausstrahlung jeweils einer bestimmten Person, die den Lauf der Hochschule westlich von Ägypten. Während dieser Zeit passten viele Tua-
Welt durch die Beschwörung höherer Mächte zu beeinflussen versucht. reg-Gruppierungen ihre sozialen Strukturen und ihr Rechtssystem den
Magische Vorstellungen herrschen in der Regel dort vor, wo sich einheitli- islamischen Vorgaben an. Dabei spielten Muslimbrüderschaften eine be-
che Glaubenssätze nur schlecht verbreiten können – wie unter den ver- sondere Rolle, weil sie etwas vermitteln konnten, was den Tuareg zumeist
streut lebenden Tuareg-Nomaden der Fall ist. fehlte: Gemeinsamkeit und Loyalität. Gleichzeitig jedoch führte die ableh-
Ihre religiösen „Experten“, die marabouts und andere Korangelehrte, le- nende Haltung der Muslimbrüderschaften gegenüber dem Gemisch aus
ben zumeist außerhalb der nomadischen Weidegebiete in den Siedlungen Magie und Islam, wie es unter nomadischen Tuareg üblich war, auch wie-
und Städten. Die Nomaden sind somit gezwungen, eigene Rezepte zur der zu Gegenbewegungen. In diesem ständigen Hin und Her zeigte sich
Deutung und Beeinflussung ihrer Welt zu entwickeln, weshalb magische nicht nur der Unterschied zwischen den verstreut lebenden, eigenwilligen
Vorstellungen unter den Tuareg heute noch sehr verbreitet und im alltäg- Tuareg-Nomaden und den sesshaften, religiösen Stadt-Tuareg, sondern
lichen Leben tief verwurzelt sind. Dahinter verbirgt sich uraltes, vorisla- auch das Grundprinzip des Weltbilds der Tuareg überhaupt: das ewige
misches „Wissen“, das sich teilweise auch im Koran selbst wiederfindet. Ringen um Gleichgewicht!
74 75
062-091 Wertvorstellungen und Religion KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:28 Seite 76
Das Weltbild vom steten Ringen um Balance
Islamischer Dualismus
Nomade zu sein bedeutet, vielerlei Risiken ausgeliefert zu sein: einerseits
die übermächtige Natur mit Hitze, Wüste, ausbleibenden Regenzeiten, ge- Die Zweiteilung der Welt der Tuareg zieht sich konsequent durch alle Be-
folgt von Dürren, oder mit sintflutartigen Niederschlägen – andererseits reiche des Lebens, das von folgenden Gegensätzen geprägt ist:
feindliche Menschen, die den eigenen Stamm bedrohen. Die viel beschwo- • Gott (Allah) – Teufel („iblis“)
rene Freiheit der Nomaden ist eine wichtige Voraussetzung, um in diesem • Engel („andschelus“) – böse Geister („kel essuf“)
schwierigen Lebensraum überhaupt überleben zu können. Nur in völliger • gut/rein – böse/unrein
Unabhängigkeit können sie den Gefahren ausweichen und sich den ständig • Sonne/Tag/heiß – Mond/Nacht/kalt
wechselnden Bedingungen ihrer Umwelt anpassen. Dieser Anpassungs-
druck bringt zwangsläufig eine Sehnsucht nach Stabilität und Dauerhaf- Allah (aus dem Arabischen „al-ilah“, „der alleinige Gott“) ist – ähnlich
tigkeit mit sich, die oftmals in einem höheren, letzten Sinn gesucht wird. dem christlichen Gott – charakterisiert durch
Dieser „letzte Sinn“ ist für die Tuareg-Nomaden die Vorstellung von ei- • „Ein-heit“ (zu diesem strengen Monotheismus stehen vorislamische
ner Welt in einem fragilen Gleichgewicht, an dem drei zentrale „Spieler“ Kulte oder die Beschwörung von Geistern in direktem Widerspruch)
beteiligt sind: der Mensch, die guten übernatürlichen Mächte und die „bö- • Allmächtigkeit und Allwissenheit
sen“ Erscheinungen der Natur. Dabei steht der Mensch zwischen der gött- • Gerechtigkeit (laut den Koransuren 69,18–37 und weiteren Suren wird
lichen Welt und der unterirdischen Welt der Natur. „Oben“ waltet Gott, Allah beim Jüngsten Gericht die Taten der Menschen richten)
Allah, der „Allmächtige“, umgeben vom Propheten Mohammed, den En- • Güte (Allah kann den Sündern beim Weltgericht auch vergeben).
geln und anderen Helfern. „Unterhalb“, in der natürlichen Umwelt außer-
halb des vertrauen Lagers (aghiwan) und in der Erde, liegt die Welt von Iblis, der Teufel, symbolisiert die ungläubige Gegenwelt zu Allah. „Iblis“
iblis, dem Teufel, seinen Geistern und Dämonen (kel essuf). Oben scheint ist ein gefallener Engel, der sich der Anordnung Gottes widersetzte,
das heilige, erhellende Feuer des Islam, unten lodert das verzehrende Feu- Adam zu huldigen. Darum gelten Überheblichkeit und Ungehorsam ge-
er der Hölle, das Heidentum. Zwischen diesen Welten vermitteln die gen Gott als Wesenszüge des Teufels. Seither treibt „iblis“ sein Unwesen
marabouts, indem sie die jeweiligen Mächte durch Gebete und Beschwö- und verführt die Menschen, wie anfangs Adam und Eva, zum Verstoß
rungen zu beeinflussen versuchen, um das Gleichgewicht der Mächte gegen Gottes Gebote. Darum gilt „iblis“ als der Inbegriff der Versuchung.
aufrechtzuerhalten. In der Vorstellung der Tuareg dreht sich alles um die Die Erde wird als Schauplatz des Kampfes zwischen diesen gegensätzli-
Aufrechterhaltung des Gleichgewichts. Das gilt sowohl für die überirdi- chen Mächten angesehen, dessen Folgen die Menschen zu spüren be-
schen Mächte als auch für zwischenmenschliche Beziehungen und kommen. Dominieren die Geister, dann erleidet der Mensch Schaden.
schließlich auch für die Beziehung zwischen Mensch und Natur. Geht es ihm jedoch gut, so schützen ihn offensichtlich Allah oder dessen
Engel vor den Einflüssen der „Unterwelt“.
Der Geisterglaube Diese Vorstellung vom Kampf zwischen Gut und Böse ist auch im
Christentum und in zahlreichen anderen Kulturen tief verwurzelt. Ihr
Im Alltag der Tuareg-Nomaden ist der Glaube an Geister (kel essuf) allge- „Erfolg“ liegt darin, die komplexe Wirklichkeit auf besonders einfache,
genwärtig. Dieser Glaube ermöglicht es ihnen, Ängste auszudrücken und nachvollziehbare und zugleich überzeugende Weise auf den Punkt zu
unfassbaren Phänomenen Gestalt zu geben. So wird die Welt mit ihren bringen. Diese Vereinfachung ist zugleich auch ihr großer Nachteil,
unbegreiflichen Erscheinungen und unerwünschten Vorfällen erklärbarer denn die radikale Unterscheidung zwischen „uns“ als den „Guten“ und
und damit auch etwas „beeinflussbarer“, wodurch sie ihren Schrecken ver- den „Anderen“ als den „Bösen“ kann zu tragischen Konflikten führen.
liert. Solch ein Phänomen kann der Wind sein, der über Dünenkämme Die Rebellion der „ischomar“, die sich gegen alles richtete, was nicht
streicht und dabei ein seltsames Dröhnen, das „Trommeln der Geister“, „Tuareg-gemäß“ war, ist ein trauriges Beispiel dafür.
verursacht. Sinken Kamele im weichen Sand ein, so sagt man, sie wurden
von Dämonen gepackt.
76 77
062-091 Wertvorstellungen und Religion KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:28 Seite 78
Die Geister sind wie ihr teuflischer Herr (iblis) und die Engel aus Feuer der Seelen böser Menschen. Darum pflegen sich Nomaden beim Anblick
gemacht und leben in der Unterwelt. Durch Brunnen oder Erdlöcher ge- von Sternschnuppen unter einen Baum zu verkriechen, um nicht zum Op-
langen sie (insbesondere beim kalten, unreinen Licht des Vollmonds) nach fer menschlicher Bösartigkeit zu werden.
oben, wo sie bevorzugt in menschenleeren, unwirtlichen Landstrichen, in
Begräbnisstätten oder alten Bäumen und Brunnen leben. Darum heißen Der menschliche Körper im Kampf mit den Geistern
sie kel essuf – Leute der Wildnis. Unter menschenfeindlichen Umstän-
den der Natur werden sie aktiv und bedrohlich. Dann nehmen sie die Ge- In den Augen der Tuareg sind die Menschen der ständigen Gefahr ausge-
stalt von erdnahen, gefährlichen Tieren wie Vipern und Skorpionen an liefert, von den Geistern und Dämonen überwältigt und körperlich ge-
oder sie verwandeln sich in einen Werwolf. Wer nachts bei Vollmond und schädigt zu werden. Zum Schutz wird darum alles gemieden, was in un-
heulendem Wind allein in der Wüste lagert, kann diese angstvollen Vor- mittelbarem Kontakt mit bösen Geistern und deren Welt steht. Dies gilt für
stellungen nachfühlen. Sie symbolisieren das überlebensnotwendige Kriechtiere und Wurzeln, aber auch für Pflanzen, die bei Nacht gesammelt
Misstrauen der Wüstenbewohner gegen Fremde, die sie nicht einschät- wurden, sowie für die Handwerker bzw. Schmiede (enaden), die – im Ge-
zen können und denen sie im schlimmsten Fall ausgeliefert sein könnten. gensatz zu den gehenden und reitenden Hirten – am Boden sitzen und
Dahinter steckt die alte kollektive Erfahrung von Überfällen durch fremde Produkte aus dem Boden (Erze, Stein und Holz) bearbeiten. Sie alle gelten
Stämme aus der Wüste. darum als „unrein“ und „ehrlos“. Um sich vor Geistern zu schützen, müs-
Geister sollen vipernartige Augen an den Füßen, nur ein großes Ohr und sen im Alltag zahlreiche rituelle Handlungen und Verbote beachtet wer-
ein Nasenloch haben. In Menschengestalt erkennt man sie an ihrer beson- den, was letztlich auch das Verhältnis zwischen den Menschen und ihren
deren Listigkeit und an schlechtem Atem! Das mag ein Motiv sein, weshalb Umgang untereinander mitbestimmt.
Tuareg ihre Zähne so gut pflegen. Hat ein Mensch einen besonders guten Bei den Menschen und ihren Körperteilen unterscheiden Tuareg zwi-
Atem, so kann es sich nur um einen marabout handeln, dessen Odem ba- schen rein und unrein. Dabei steht das „Reine“ stets dem „Warmen“ im
raka, heilsame Wirkung, zugeschrieben wird. Hier wird deutlich, dass mit Sinne des heißen, „himmlischen“ Tages nahe und das „Unreine“ dem „Kal-
den Geistervorstellungen auch konkrete Gesundheitsvorkehrungen ver-
026tr Foto: hf
bunden sind. So sollen sich Geister von Blut und Kadavern ernähren, wes-
halb Tuareg nur Fleisch von bekannten, artgerecht geschlachteten Tieren
verzehren. Andernfalls hat man keine Gewissheit, dass das Fleisch genieß-
bar ist oder etwa Leichengift enthält. Hier deckt sich auch die Intention des
Koran mit jener der Geistervorstellung: Letztlich geht es in erster Linie um
die Bewerkstelligung und Sicherung eines „guten Lebens“.
Eine besonders ambivalente Bedeutung wird dem Mond zugeschrie-
ben. Einerseits hält man ihn für den Inbegriff von Schönheit, weshalb be-
sonders anmutige Frauen mit dem Mond verglichen werden. Andererseits
gilt das kalte, unnahbare Mondlicht als vom Teufel erschaffen, um die Welt
der Geister zu erhellen und um die schlafenden Nomaden mit eisiger
Kälte zu quälen. Die Sterne hingegen entsprechen wiedergeborenen
menschlichen Seelen, die die Lebenden vor dem Zusammentreffen mit
Geistern schützen. Sternschnuppen gelten jedoch als die Verkörperung
### Autor: Bitte BU ergänzen### Autor: Bitte BU ergänzen
78 79
062-091 Wertvorstellungen und Religion KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:28 Seite 80
ten“ im Sinne der kalten, „höllischen“ Nacht. Der obere Bereich des on und während der ersten Tage nach einer Entbindung als „unrein“.
menschlichen Körpers ist der göttlichen Welt näher, während die den Nach der Menopause werden sie generell als rein angesehen.
Boden berührenden Füße schon fast zur Geisterwelt gehören. Als „kalt“ Als grundsätzliche Schutzmaßnahme tragen Frauen ein Kopftuch, denn
werden auch die natürlichen Körperöffnungen angesehen, denn durch sie das Haar gilt als bevorzugter Sitz der Geister. Hier symbolisiert das Haar
schlüpfen die Geister in den menschlichen Leib und verursachen Krank- die weibliche Verlockung und der Geist eine unschickliche Belästigung
heiten. Am einfachsten ist dies über den offenen Mund möglich. Darum der Frau durch ungehörige oder gar von iblis besessene Männer. Beson-
gelten der Gesichtsschleier und die Hose der Männer als deren wichtigs- ders heikle Körperstellen sind Fingernägel und Klitoris, weil dort iblis
ter Schutz vor Dämonen. Alte Nomaden legen nicht einmal beim Essen persönlich hausen soll. Darum müssen Fingernägel stets rechtzeitig
den tagelmust ab, sondern heben für jeden Bissen den Gesichtsschleier et- geschnitten und die Klitoris muss immer verborgen gehalten werden,
was an. Hier zeigt sich deutlich die Verknüpfung des Konzepts von Scham Maßnahmen, die auch der Gesundheitsvorsorge dienen: Unter langen
und Zurückhaltung (tekarakit) mit der Vorstellung von bösen Geistern. Fingernägeln sammelt sich im Busch schnell Schmutz, der Infektionen ver-
Der tagelmust dient auch dem Schutz der Gesprächspartner vor dem ei- ursachen kann, und über die Klitoris kann der Urogenitalbereich infiziert
genen schlechten Atem, der einen bösen Geist aus dem eigenen Leib zu- werden. Infektionen im Busch können leicht tödlich enden.
tage fördern könnte. Ähnlich gelten auch abgehende Blähungen als vom
Teufel persönlich geschickte Geister, die den Menschen quälen sollen.
Hier zeigt sich deutlich die Sensibilität der Tuareg für die Kontrolle über ih- Der „typische“ Islam bei den Tuareg
ren eigenen Körper und die große Befürchtung, wegen einer verursachten
körperlichen Belästigung zum Gespött des Dorfes zu werden. Die Ausprägung des Islam ist bei den Tuareg äußerst unterschiedlich.
Ein weiterer Schutz gegen Dämonen ist die Indigofarbe der Kleider. Während es einige ausgesprochene Islam-Experten gibt, die ineslemen
Anlässlich großer Feierlichkeiten wie Hochzeiten und Namensgebungs- („Leute des Islam“), verfügen viele Nomaden nur über rudimentäre Ko-
festen werden möglichst neue indigofarbene Gewänder angelegt, denn rankenntnisse. Das ist nicht weiter überraschend, sprechen doch vor
bei so vielen feiernden Menschen ist die Gefahr eines Geisterangriffs – in allem die Hirten zumeist nur tamaschek und die Tuareg-Schrift tifinagh
Gestalt von Konflikten, Neid und Missgunst – besonders groß. Tragen wurde üblicherweise nur für kurze Nachrichten auf Felsen verwendet, wes-
aber alle Gäste schöne Gewänder, dann herrscht wieder Einheitlichkeit halb bislang der Koran nicht ins tamaschek übersetzt wurde. (Vgl. dazu das
und die Gefahr des „bösen Blicks“ ist gebannt. Geister können also auch Kap. „Sprache und Literatur“.) Die im Süden lebenden Tuareg beherrschen
destabilisierende Kräfte innerhalb der Gesellschaft verkörpern, wie Ängste fast immer auch Hausa, während sie mit dem Arabischen selten vertraut
oder Unstimmigkeiten. sind. Das kommt eher bei den nördlichen Tuareg vor, den kel ahaggar in
Ein besonderer Problemfall sind die Füße, denn sie stehen mit der Geis- Südalgerien und den kel ajjer in der Region von Ghat (Südwestlibyen) und
terwelt in ständiger Verbindung. Tuareg gehen niemals barfuß, sondern Djanet (Südost-Algerien). Den Koran zu lesen und somit die darin enthal-
sichern sich mit Schuhwerk vor den bösen Einwirkungen der Dämonen, tenen Lebensregeln zu kennen und umsetzen zu können, ist jedoch nur
wie etwa eingetretene Dornen. Vor Vipern hingegen schützt das – aus möglich, wenn man des Arabischen mächtig ist. Dazu kommt noch, dass
Geister vertreibendem Eisen geschmiedete – Schwert (takuba), denn da- Nomadenkinder bis in die 1980er-Jahre kaum eine Schule besucht haben.
mit können Vipern effektiv bekämpft werden. (Da Eisen aber zugleich als Alles, was sie zum Leben brauchten, lernten sie durch „learning by doing“.
unrein gilt, wird das Schwert mit edlen, reinen Metallen wie beispielsweise Abstrakte Erklärungen oder gar das Auswendiglernen von Inhalten oder
Kupfer am Griff verziert.) Somit dient das für den Tuareg-Nomaden so ty- Definitionen war weitgehend unbekannt und hält bei den Tuareg erst mit
pische Auftreten als eine Art Schutzwall gegen Geister. der verstärkten Verbreitung moderner Schulen nach französischem Vorbild
Frauen haben es aufgrund ihrer etwas anderen Biologie mit dem Schutz Einzug, in denen nur weltliche Stoffe gelehrt werden. Seit wenigen Jahren
vor Geistern nicht so leicht wie Männer, denn ihr „Reinheitsstatus“ richtet gibt es neben den weltlichen Schulen zunehmend auch Koranschulen.
sich nach ihrer jeweiligen Lebensphase. Babys beiderlei Geschlechts wer- (Näheres dazu im Kap. „Der Lebenszyklus“.)
den generell bis zur Namensgebung acht Tage nach der Geburt als unrein Trotz dieser mangelnden sprachlichen und erst recht mangelnden in-
betrachtet. Danach gelten Mädchen bzw. Frauen während der Menstruati- haltlichen Kenntnisse gilt der Koran den meisten Tuareg als „Heiliges
80 81
062-091 Wertvorstellungen und Religion KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:28 Seite 82
025tr Foto: hf
Buch“. In der Praxis führt das zu einem Verständnis des Islam, das als Ge-
misch aus Erziehung, gemeinsamem Gebet und persönlicher Erfahrung
entstand. Eine besondere Rolle spielt dabei die bereits genannte Vermi-
schung mit animistischen Elementen, insbesondere was die Bedeutung
der Amulette und anderer „Strategien“ zur Lebens- und Umweltbewälti-
gung anbelangt.
Einige Tuareg-Gesellschaften, wie die kel ewey im Aïr, definieren sich be-
sonders stark über den Islam, den sie als „ihre Tradition“ und – neben ass-
hak (Würde) – als zentrales Element ihrer Kultur empfinden. Erklärbar ist
dies durch die unmittelbare Nachbarschaft der kel ewey: Im Aïr-Massiv, an
den südlichen Ausläufern der Sahara gelegen, lebten sie lange Zeit unter
dem Einfluss bedeutender islamischer Staaten: Vom 12. bis zum 15. Jahr-
hundert war es das Reich Mali, für die nächsten zweihundert Jahre das
Reich Songhai und im 19. Jahrhundert das Herrschaftsgebiet des funda-
mentalistischen Fulbe-Kriegsherren Dan Fodio. In den Jahren 1916–1918
hatten sich die kel ewey dem „Heiligen Krieg“ (jihad) des Tuaregführers
Kaosen angeschlossen, der im Auftrag der libyschen Islambruderschaft
der Senussisten gegen die ikufar, die französischen „Ungläubigen“, kämpf-
te. Zur gleichen Zeit führten auch die Tuareg der kel iullemmeden von Me-
naka, im Osten des heutigen Mali gelegen, einen jihad gegen die französi- Letztlich ist es mit der Religion bei den Tuareg gar nicht viel anders als
schen Besatzungstruppen, geführt vom charismatischen amenokal Firhun bei uns: Es gibt das gesamte Spektrum von fanatischen Anhängern bis hin
Ag-el-Insar. Insbesondere im 20. Jh., nachdem die Tuareg durch die Fran- zu jenen, die sich herzlich wenig um die Religion kümmern.
zosen unterworfen worden waren, spielte der Islam unter den südlichen
Stämmen eine wesentliche Rolle als gemeinsames Identitätsmerkmal. Die Moschee – Ort der Einkehr und Begegnung
Mit seiner Hilfe vermochten sich die Tuareg von den ikufar als „überlegen“
abzugrenzen. Ein weiterer Grund für die große Bedeutung des Islam un- Die Moschee ist das wichtigste äußere Zeichen für die Präsenz des Islam.
ter den kel ewey dürfte auch ihr intensiver Kontakt mit den Hausa sein, die Bei den Tuareg stößt man oft mitten in scheinbar verlassenen Wadis auf
dem Islam besonders zugetan sind. Mit ihnen handeln die kel ewey als Be- kleine, von Steinen umrahmte und penibel gesäuberte Plätze. Solche
treiber der Salzkarawanen (taghlamt) nicht nur mit ihrem Viehsalz aus der „Oratorien“ gelten der Nomadenbevölkerung als heilige Orte für das
Ténéré-Oase Bilma, sondern sie „überwintern“ auch während der Tro- Gebet. Daneben findet man auch einfache Schuppen aus Holz und Stei-
ckenzeit auf den Feldern ihrer bäuerlichen Handelspartner. nen, die als einfaches Bethaus dienen, und natürlich auch Moscheen im
Die Ausprägung des Islam ist bei den Tuareg auch eine Frage des Wohl- eigentlichen Sinne, die in Bergregionen oftmals aus Steinen und Lehm er-
standes. Eltern, die es sich leisten konnten, auf ein Kind als helfende Hand richtet sind und unter der Verantwortung einer heiligen Persönlichkeit ste-
bei der Hirtenarbeit zu verzichten, schickten es auf eine Koranschule. So hen. Entsprechend den kargen Gegebenheiten sind diese Moscheen oh-
kommt es, dass heute neben den ineslemen auch besser gestellte Tuareg ne jeden Prunk, denn der Gläubige soll sich auf das Wesentliche konzen-
über hinreichende Arabisch- und Korankenntnisse verfügen. Der Ethnolo- trieren: die innere Einkehr zur Begegnung mit Allah und den Glaubens-
ge Gerd Spittler berichtet davon, wie lagernde Hirten der kel ewey in ihrer brüdern und -schwestern.
„Freizeit“ den Koran lasen. Die Moschee dient dem obligatorischen gemeinsamen Gebet am Frei-
tag. An Festtagen sind solche Gotteshäuser zu klein, um die vielen Gläu-
bigen zu beherbergen, weshalb dann ein großes provisorisches Oratori-
Betplatz im Akkakus um errichtet wird. Dann sitzen die verschleierten Männer dicht an dicht in
82 83
062-091 Wertvorstellungen und Religion KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:28 Seite 84
diesem Karree, während die Frauen abseits hinter den Männern sitzen, um Gebet Hände, Gesicht und andere wichtige Körperteile symbolisch „sau-
vor begehrlichen Blicken geschützt zu sein. ber gestrichen“. Gebetet wird auf einem einigermaßen sauberen Stück
Moscheen gibt es im Gebiet der Tuareg schon sehr lange. Die kleine Boden. Da die wenigsten Tuareg das Arabische beherrschen, fehlt ihnen
Steinmoschee von Ilamane im algerischen Hoggar dürfte wahrscheinlich fast immer das Verständnis für ihre rituell gesprochenen Gebetsformeln.
auf einem noch viel älteren Kultplatz im späten ersten Jahrtausend nach Das ist jedoch nichts Außergewöhnliches. Auch im mittelalterlichen
Christus errichtet worden sein. Aus dieser Zeit stammen auch die ersten Europa z. B. mangelte es der breiten Bevölkerung an Verständnis für das
Moscheen im Aïr. Große, sehr alte und über die Region hinaus berühmte Latein der katholischen Priester. Dadurch wurde etwa aus hoc est corpus
Moscheen finden sich an besonderen Orten wie Timbuktu, Gao und meum („Das ist mein Leib“) kurzerhand „Hokuspokus“ ...
Agadez.
3. Das Fasten (saum) im Monat Ramadan
Die fünf Säulen des Islam Der Ramadan ist die große Fastenzeit im Islam. Vierzig Tage lang sind
Muslime verpflichtet, zwischen Sonnenauf- und -untergang auf Nahrung,
Im Islam gibt es fünf Prinzipien oder „Säulen“, die jeder gläubige Muslim Getränke, Geschlechtsverkehr und Genussmittel zu verzichten. Nachts
als Ausdruck seiner Gottesfürchtigkeit befolgen muss. Diese Gebote wer- dürfen sie uneingeschränkt essen und trinken. Zweck des Fastengebots ist
den von vielen nomadischen Tuareg relativ leger gehandhabt, was wie- es, sich dem geistigen und spirituellen Leben, der inneren Reinigung, der
derum mit ihren besonderen Lebensumständen zu tun hat. intensiven Begegnung mit Gott sowie der Gemeinschaft zu widmen. Da-
rum ist der Ramadan für Muslime eine Zeit des Friedens und der Freude,
1. Das Glaubensbekenntnis in der Gläubige Streitigkeiten schlichten, Schulden begleichen und ein re-
„Es gibt keinen Gott außer Allah, dem Allmächtigen.“ Der Islam ist von ges öffentliches Leben pflegen. Das Ende des Ramadan wird im Kreis der
seinem Selbstverständnis her eine radikal monotheistische Religion. Der Familie besonders festlich begangen. Dazu wird rechtzeitig ein fetter
eine und einzige Gott, Allah, fordert die absolute Unterwerfung und dul- Hammel von speziellen Schafzüchtern gekauft (wegen der zunehmenden
det keine anderen „Götzen“ neben sich. „Islam“ bedeutet wörtlich über- Trockenheit im Lebensraum der Tuareg züchten die Nomaden selbst heu-
setzt auch „Ergebung“. te kaum noch Schafe), der nun geschlachtet und gemeinsam feierlich ver-
Die shahâda wird von den Tuareg im Prinzip zwar sehr ernst genom- speist wird.
men, praktisch wird es aber durch animistische Elemente relativiert, wie Im Koran (2. Sure, Vers 183–187) gibt es zahlreiche Ausnahmen von
den Glauben an Geister, an Hexerei und durch die fehlende Schriftkultur. dem ansonsten strengen Fastengebot, etwa für Kranke, Schwangere, Kin-
der und Reisende – und somit auch für Nomaden. Gemeinsames Beten
2. Fünfmal täglich beten und Essen während der Nacht ist den Hirten nicht möglich, denn sie le-
Ein Muslim muss jeden Tag beten (Sure 4,103), und zwar fünfmal täglich ben zumeist allein und sind äußerst knapp an Nahrungsmitteln. Da macht
auf Arabisch. Dazu muss er sich erst einem Waschritual unterziehen und Fasten wenig Freude. In den Tuareg-Siedlungen wird die Fastenzeit gewis-
sich dann nach einem vorgeschriebenen Ablauf in Richtung Mekka ver- senhafter eingehalten. Kinder werden erst ab dem 6. Lebensjahr schritt-
neigen. Von Tuareg wird das salat ebenfalls höchst unterschiedlich ge- weise an das Fasten herangeführt. Erst wenn Knaben den tagelmust und
handhabt. Solche, die sich als sehr religiös bezeichnen, beten etwa auch Mädchen den aleschu erstmals angelegt bekommen und damit als er-
während einer Touristenreise regelmäßig. Doch kenne ich auch viele Tua- wachsen gelten, sind sie dem Fastengebot zur Gänze verpflichtet.
reg, die diese Regel erst dann beachten, wenn sie von anderen Nomaden
beobachtet werden, etwa während eines muslimischen Festes. Ähnlich 4. zakat – die Pflicht, Almosen zu geben
wie Europäer, die nur zu Weihnachten die Kirche besuchen und dort die In zahlreichen Stellen des Koran (u. a. Sure 2,277 und 9,34–35) werden
Gebete mitmurmeln, im Alltag aber bestenfalls in Extremsituationen ein wohlhabende Muslime zum zakat (von zaka, arab.: reinigen) verpflichtet:
„Stoßgebet“ sprechen. Sie müssen pro Jahr etwa 2,5 % ihres Vermögens an Arme, Schuldner und
Tuareg beten zwangsläufig in einer der Wüste angepassten Weise. Reisende (9,60) abgeben. Dies dient sowohl dem sozialen Ausgleich zwi-
Wegen des Wassermangels werden anstelle des Waschrituals vor dem schen Reichen und Bedürftigen als auch der Psychohygiene, indem sich
84 85
062-091 Wertvorstellungen und Religion KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:28 Seite 86
027tr Foto: hf
praktiziert wird. Das Grundmotiv ist die Förderung des Dorffriedens und
die soziale Absicherung im Sinne eines einfachen Versicherungssystems.
Man hilft sich für den Fall, dass man selbst einmal Hilfe benötigt.
Mittlerweile gewinnt zakat in der Tuareg-Gesellschaft an Bedeutung,
weil Probleme wie Überbevölkerung, Überweidung, Klimawandel etc. die
Nomaden zur Sesshaftigkeit in den städtischen Zentren zwingen. Dort
aber wird der Unterschied zwischen reichen und bedürftigen Tuareg of-
fensichtlicher und damit ein sozialer Ausgleich notwendig.
5. hadj – die Pilgerreise nach Mekka
Jeder Muslim sollte laut Koran (22,27) einmal im Leben in die allerhei-
ligste Stadt Mekka pilgern. Ausnahmen gelten für kranke und arme Men-
schen, eine hadj darf keinesfalls die Verwandtschaft oder den Pilger selbst
wirtschaftlich in den Ruin treiben. Darum können sich in der Regel nur
sesshafte Tuareg, die es z. B. als erfolgreiche Händler zu Wohlstand ge-
bracht haben, eine kostenintensive Pilgerreise leisten. Unter den städti-
schen und gebildeten Tuareg gewinnt die hadj als Prestigefaktor zuneh-
mend an Bedeutung. Dafür stehen dann spezielle Reisebüros zur Verfü-
gung. Immerhin zählt Mekka zu den bedeutendsten Reisezielen der Welt …
Islamische Regeln im Widerspruch zur Erfahrungswelt der
Wohlhabende von der moralischen „Last“ des Reichtums angesichts er- Tuareg?
schreckender Armut „freikaufen“ und eventuelle ethische Skrupel besänf-
tigen können. Insofern erfüllen auch Bettler eine wichtige soziale und so- Je mehr man sich mit dem Islam und der Tuareg-Kultur auseinandersetzt,
mit würdevolle Funktion, indem sie den Reichen eine Möglichkeit eröff- desto offensichtlicher werden die Widersprüche zwischen dem Islam als
nen, trotz ihres Wohlstandes gottgefällig zu sein. Die Regel zakat entstand einer urbanen Religion einer arabischen Hochkultur und der nomadi-
im sozialen Umfeld der arabischen Zentren Mekka und Medina, wo große schen Lebenswelt, die sich stadtfern über Jahrhunderte in kargen Wüsten-
Unterschiede zwischen Arm und Reich herrschten. landschaften entwickelt hat.
Die heutigen Nomaden leben in einer völlig anderen Situation: Im La-
gerverband wird für jedes Mitglied gesorgt. Mit Bettlern, die sich nur in Die Stellung der Frau
den Städten finden, kommen Nomaden kaum in Kontakt. Auch steht der Der Koran (4,32) schreibt der Frau aufgrund ihrer Gebärfähigkeit eine
zakat im Widerspruch zu den Tuareg-Werten asshak (Würde) und teka- besondere Rolle als Mutter zu, während dem Mann aufgrund seiner grö-
rakit (Scham), denn für einen traditionsgeprägten Tuareg wäre Bettelei un- ßeren physischen Stärke die Verteidigung und Versorgung der Familie ob-
denkbar. Auch lassen sich arme Nomaden nicht von reichen unterschei- liegt. Über weitere notwendige, biologisch bedingte Arbeitsteilung hinaus,
den. Ein schäbig gekleideter Mann kann über viele Kamele und einen wie z. B. das zweijährige Stillen des Säuglings (2,233), gibt es jedoch kei-
schönen Garten verfügen, doch er zeigt es nicht. Reichtum zu zeigen hie- nerlei grundlegende Unterschiede zwischen den Rechten von Mann und
ße den „bösen Blick“ und den Neid der Geister auf sich zu ziehen. Frau: Sie gelten – im Gegensatz zur Bibel - als gleichzeitig geschaffen (4,1)
Tuareg haben eigene, sehr subtile Formen der Solidarität entwickelt, und auch von Satan im Paradies gemeinsam verführt und somit gleicher-
denn offensichtliche Hilfe widerspräche dem asshak. In den Dörfern gilt
das Prinzip „Dein Nachbar ist dein Engel“, das in Gestalt von gegenseiti-
ger Nachbarschaftshilfe bei Krankheiten und wirtschaftlichen Krisen Gemeinsames Gebet vor Friedhof
86 87
062-091 Wertvorstellungen und Religion KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:28 Seite 88
028tr Foto: hf
maßen verantwortlich (7,22), als gläubige Muslime werden sie gleicher-
maßen von Allah belohnt (3,193). Die in islamischen Ländern verbreitete
Dominanz der Männer gegenüber den Frauen beruht auf traditionellen,
gesellschaftlichen Vorstellungen, nicht aber auf dem Koran.
Vor diesem Hintergrund ist die Stellung von Tuareg-Frauen im Noma-
denlager durchaus konform mit dem Koran: Wenn der Ehemann bis zu
neun Monate pro Jahr mit der Karawane unterwegs ist, muss die Frau den
Haushaltsvorstand stellen und auch repräsentative Funktionen nach au-
ßen hin übernehmen. Wie im Koran kann die Frau völlig frei über ihren Be-
sitz verfügen. Sie erbt – entsprechend dem Koran (4,11) – allerdings nur
halb so viel wie der Mann, weil dieser mit seinem größeren Erbteil auch
für die Versorgung der Kinder haftet (4,34). Um diese Ungleichbehand-
lung zu umgehen, gibt es für Frauen schon zu Lebzeiten des Erblassers ei-
ne Art Schenkung auf den Todesfall. Dabei werden zumeist Ziegen und
Kamele, also Milch liefernde Tiere „vermacht“.
Eine Ausnahme vom Koran bildet das Erbrecht der kel ewey im Aïr. Hier
sind die Frauen wegen der langen, Karawanen bedingten Abwesenheit ih-
rer Männer materiell besonders schutzbedürftig. Darum verfügen sie über
ein ausschließliches Erbrecht am abatol, dem kollektiven Eigentum, wie
es etwa an Dattelpalmen besteht. Das abatol darf niemals an Fremde ver- Das Recht zur Scheidung steht Mann und Frau sowohl nach dem Ko-
kauft werden, damit es stets im Besitz der Frauen bleibt. Diese Regel wird ran (2,226ff; 65,1ff) als auch bei den Tuareg in gleicher Weise zu. Im Fall
zunehmend von marabouts, Korangelehrten, als „unislamisch“ bekämpft. der Trennung bleiben in der Regel das Zelt und die Kinder bei der Frau
und der Mann muss mit seinem persönlichen Eigentum zu seiner frühe-
Polygamie ren Familie zurückkehren. Nach Tuareg-Recht hätte der Mann zwar – im
Polygamie, die im Koran nur unter schwierig zu erfüllenden Bedingun- Gegensatz zum Koran (2,229) – Anspruch auf die Rückgabe des Braut-
gen erlaubt ist (4,129; 4,3), ist unter den kel tamaschek weitgehend ver- preises, doch würde die Durchsetzung dieses Anspruchs dem Ansehen
pönt. Vielehe verträgt sich weder mit der gesellschaftlichen Position der schaden.
Tuareg-Frau, mit der Vorstellung von weiblicher Würde, noch mit dem
wirtschaftlichen und verwandtschaftlichen System der meisten Tuareg-Ge- „Unverschleierte“ Tuareg-Frauen
sellschaften. Der Koran enthält kein unmittelbares Verschleierungsgebot, fordert
Nur unter den kel ewey im Aïr war die Polygamie schon sehr früh ver- aber in 24,31, dass Frauen ihre Reize nicht offen zur Schau stellen sollen,
breitet, weil sie deren besondere Organisationsform von Familie und um den Männern keine Gelegenheit zu unzüchtigen Gedanken zu geben
Wirtschaft (Viehzucht, Karawanenhandel und Gartenbau) unterstützte. und selbst nicht belästigt zu werden. In diesem Sinne ist auch die Sure
Die erste Frau lebte im Dorf und betrieb Hauswirtschaft, die zweite lebte 33,59 zu verstehen, wonach gläubige Frauen sich bedecken sollen. Mit
als Ziegenhirtin im „Busch“ und versorgte die Familie mit Käse und Zie- dieser Regel entstand ein generell verbindlicher Standard für „angemesse-
genmilch und die dritte betreute einen Garten und versorgte die Karawa- ne“ Kleidung, was im Prinzip auch für Männer gilt. Allerdings müssen die
ne mit Handelsgütern, etwa mit getrockneten Tomaten und Weizen. besonders „reiz“-vollen Geschlechtsmerkmale der Frauen auch in beson-
derem Maße geschützt werden, wie etwa das Haar. (Diesem Prinzip ent-
spricht in etwa auch der professionelle Kleidungsstil im europäischen Ge-
schäftsleben. Hier gilt für Businessfrauen als Standard, sich elegant und
Drei Generationen von Tuareg-Frauen adrett zu kleiden, gegebenenfalls eine Nuance damenhaft, doch keines-
88 89
062-091 Wertvorstellungen und Religion KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:28 Seite 90
falls sexy. Kleidung soll hier das Gelingen von Zweckbeziehungen fördern, Bildungspflicht
anstatt sie zu hemmen oder gar in eine „falsche“ Richtung lenken.) Zu- Um Allahs Offenbarungen im Koran im Original lesen, sie „richtig“ ver-
dem gelten auch heute noch Erotik und Sexualität im Islam als Intimität, stehen und umsetzen zu können, sollte ein guter Muslim die arabische
die im Verborgenen zu schützen ist. Sprache beherrschen. Hinter der Pflicht zur regelmäßigen Koranlektüre
Tuareg-Frauen sind nicht voll verschleiert, sondern sie bedecken – verbirgt sich im Grunde genommen nichts anderes als ein Anstoß zum le-
ganz im Sinne des Koran – nur ihr Haar, in dem sich die kel essuf (bösen benslangen Lernen von Regeln, die der Verbesserung zwischenmenschli-
Geister) gern festkrallen und Unfug treiben. Interpretiert man die Geister- cher Beziehungen dienen sollen. Denn der Koran lässt sich – ähnlich wie
welt der Tuareg als Personifikation von Unglück, Neid, Missgunst, Gier die Bibel oder die Thora – als eine Art umfassender Lebensratgeber ver-
und ungezügelter Wollust, dann deckt sich die Funktion des abge- stehen. Darüber hinaus fordert der Prophet Mohammed die Menschen
schwächten Schleiergebots bei den Tuareg-Frauen mit einem Grundsatz auf, aus ihren Fehlern zu lernen und sich weiterzubilden. Eltern sind für die
des Koran, nämlich unnötige Provokationen zwischen den Geschlechtern, religiöse und weltliche Ausbildung ihrer Kinder verantwortlich.
aber auch konfliktfördernde Konkurrenz zwischen attraktiven Frauen zu Für Tuareg-Nomaden ist es sehr schwierig, der Pflicht des Koran-Unter-
vermeiden. Will eine Tuareg-Frau besonderen Eindruck erwecken, dann richts nachzukommen. In den Weidegebieten abseits der Dörfer gibt es
steht ihr das ahal offen, eine Art literarisch-erotisches, jedoch geregeltes keine Schulen und die wenigsten Hirten in Mali und Niger sprechen Ara-
Treffen zwischen Männern und Frauen, um außereheliche sexuelle Kon- bisch. Außerdem bedarf das Hirtendasein vieler Fähigkeiten, die nicht
takte anzubahnen. durch Koranlektüre vermittelt werden können, etwa das Gespür für das
Eines müssen Tuareg-Frauen jedenfalls nicht verbergen: ihren Busen. Spurenlesen und für die Bedürfnisse der Herde. Auch wenn Nomaden oft
Dieser gilt unter den Nomaden, wie auch in den meisten Kulturen Afrikas, aus wirtschaftlichen Gründen darauf verzichten, ihre Kinder auf eine Ko-
als Terrain der Babys und nicht als erogene Zone. Dagegen werden Knie ranschule zu schicken, so handelten sie letztlich doch im Sinne Moham-
und Schenkel als höchst erotisch angesehen und sind darum unbedingt zu meds: Sie bringen ihren Kindern alles Nötige bei, damit sie zu „guten“, er-
verhüllen. folgreichen und angesehenen Hirten werden können.
Mit der Veränderung der Lebenswelt wandeln sich auch die Erziehungs-
Nahrungstabus standards. Um in der Welt des Geldhandels ein „guter“ Mensch zu wer-
Der Koran verbietet den Genuss von Schweinefleisch und Alkohol aus den, der eine Familie versorgen kann, bedarf es neuer, anderer Fähigkei-
Gründen der Gesundheitsvorsorge. Das Schweinefleischverbot bezieht ten. Darum gilt mittlerweile bei immer mehr Tuareg eine gute Ausbildung
sich auf die Verseuchung mit Trichinen, eine Gefahr, die angesichts der der Kinder als Voraussetzung zur Bewältigung der neuen Herausforderun-
hohen Temperaturen in muslimischen Ländern besonders hoch sein gen. Andererseits führt die moderne Schulbildung auch zur Entfremdung
kann. Alkoholgenuss führt zum Verlust der Selbstkontrolle, zur Gefahr der Kinder gegenüber den muslimischen Werten der elterlichen Hirten-
sich lächerlich zu machen oder sogar schwere Sünden wie Gewalttätig- welt. Um dieser Gefahr entgegenzutreten, gibt es mittlerweile auch in den
keit zu begehen. Man denke nur an die hohe Zahl von Unfalltoten, die öffentlichen Schulen im Niger die Fächer Arabisch und Koranlektüre. Da-
auf Europas Straßen als Folge von Alkohol am Steuer zu beklagen sind, durch erhalten die Kinder eine fundierte religiöse Erziehung und zugleich
nicht zu vergessen ist auch die weit verbreitete Alkoholsucht. (Allein für auch eine moderne Grundbildung. Mit diesem Schachzug konnten viele
Österreich wird die Zahl der Alkoholkranken auf 7 % der Bevölkerung Skeptiker unter den Nomaden-Eltern überzeugt werden, dass Bildung
und die Zahl der Alkoholgefährdeten auf weitere 15 % der Bevölkerung „gut“ und konform mit den Regeln des Islam sei. (Näheres siehe im Kapitel
geschätzt.) „Der Lebenszyklus“.)
Unter Tuareg-Nomaden wird der Verzicht auf Schweinefleisch und Al-
kohol traditionellerweise streng befolgt, denn am Rand der Wüste gibt
es weder geeignete Mittel zur Produktion von Alkohol noch könnten
Schweine gezüchtet werden. Mittlerweile wird Alkohol, meist in Form von
Bier, in den Städten schon häufiger konsumiert, wenn auch nur im Schutz
der Anonymität.
90 91
092-129 Gesellschaft und Politik KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:31 Seite 92
029tr Foto: hf
GESELLSCHAFT UND POLITIK
Tuareg entwickelten in ihren unterschiedlichen Lebensräumen auch un-
terschiedliche Lebensweisen und Varianten der gesellschaftlichen Organi-
sation. Vor allem sind „die“ Tuareg keine ethnisch geschlossene Einheit.
Darum sprechen Anthropologen lieber von „Tuareg-Gesellschaften“, als
von „der Tuareg-Gesellschaft“. Im Auge des europäischen Betrachters frei-
lich weisen Tuareg – trotz ihrer inneren Vielfalt – im Vergleich zu benach-
barten afrikanischen Kulturen doch markante gesellschaftliche und politi-
sche Gemeinsamkeiten auf. Bei deren Darstellung soll der Einfachheit hal-
ber auch weiterhin von „den Tuareg“ gesprochen werden.
Bevölkerung
Die „Ethnie der Tuareg“ gibt es nur als westliche Konstruktion. Darum
müssen die Tuareg als ein Gemenge von Familien und Stämmen unter-
schiedlicher ethnischer und kultureller Herkunft betrachtet werden,
die sich über die Jahrhunderte zu einem komplexen gesellschaftlichen
### Autor: Bitte BU ergänzen
92 93
092-129 Gesellschaft und Politik KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:31 Seite 94
Geflecht verbunden haben. Die meisten Tuareg stammen von den Ber- den enormen Bevölkerungszuwachs vornehmlich der sesshaften Bevölke-
bern ab. rung liegt in der sinkenden Kindersterblichkeit, ausgelöst durch eine
Um dem Eroberungszug der Araber, aber auch der schweren Dürre- bescheidene medizinische Versorgung. Seit den 1970er-Jahren versechs-
perioden zu entgehen, wanderten militärisch dominante, mit Kamelen fachte sich dadurch die Einwohnerzahl vieler Siedlungen. Großfamilien
ausgestattete Tuareg-Gruppen nach Süden, wo sie andere Stämme un- mit zehn Kindern sind keine Seltenheit.
terwarfen und mit ihnen eine Art wirtschaftliche und kulturelle Symbio- In der Vergangenheit hatten sich verschiedene Tuareg-Stämme zu
se eingingen. In der Zentralsahara waren dies berberische Ziegenhirten, „Konföderationen“ zusammengeschlossen, die später noch behandelt
im Aïr negroide Hausa-Stämme, im Westen Songhai und Djerma und in werden. Infolge der historischen Veränderungen gibt es diese Konfödera-
Burkina Faso die Fulbe. Aus diesem Grund dürfte man genau genom- tionen als politische Einheiten nicht mehr. Erhalten blieben aber ihre Na-
men nicht von „den Tuareg“ sprechen, sondern eher von „Tuareg-Ge- men für größere Gruppenverbände, auch wenn die Gemeinsamkeiten
sellschaften“. Der Einfachheit halber werde ich aber weiterhin bei „Tua- der damit repräsentierten Gruppen oft nur noch historischer und geogra-
reg“ bleiben. fischer Natur sind.
In der Vergangenheit hatten sich die Stämme zu größeren Konfödera-
tionen zusammengeschlossen, die es heute in dieser Form nicht mehr • Die kel ajjer leben zweigeteilt in den Staaten Libyen und Algerien. In
gibt. Geblieben sind jedoch deren Namen, die von neu entstandenen Libyen siedeln sie entlang der algerischen Grenze in den Oasen Ghada-
Gruppenverbänden in der jeweiligen Region übernommen wurden. Zur mes und Ghat sowie im Akakus-Massiv. In Algeriens Südosten umfasst
Größe dieser Tuareg-Gruppen gibt es nur Schätzungen, da die verstreut ihr Siedlungsbereich das Gebirgsmassiv des Tassili N’Ajjer mit dem Zen-
lebenden Nomaden schwierig zu erfassen sind. Auch sind die Grenzen trum Djanet. Die kel ajjer sind mit wenigen Tausend Menschen zahlen-
zwischen Tuareg und Nicht-Tuareg fließend. So machten früher die Skla- mäßig die kleinste Tuareg-Gruppe, weil sie in den Kämpfen des 19. Jh.
ven, die von Angehörigen anderer sesshafter Ethnien wie z. B. Haussa fast aufgerieben wurden.
oder Djermaden abstammten, den größten Teil der Tuareg-Bevölkerung • Die kel ahaggar siedeln in den Hoggar-Bergen mit dem Zentrum Tam-
aus. Dennoch galten sie als kel tamaschek. (Siehe das Kap. „Amajegh – anrasset und in den Vorgebirgen im Südwesten. Sie waren ursprünglich
ein ‚echter Tuareg’ sein oder nicht sein“.) Zudem waren Tuareg in den un- eine der bedeutendsten Tuareg-Konföderationen mit vielen „noblen“
abhängigen Nationalstaaten für lange Zeit nicht als ethnische Minderheit Stämmen wie den kel ghela und den taitok sowie mit Vasallenstämmen
anerkannt, weshalb sie auch nicht als „Tuareg“ gezählt wurden. Im mo- wie den dag ghali.
dernen Staat wachsen die Volksgruppen zunehmend zusammen, weshalb • Die kel adrar („Die Leute von den Bergen“) leben im Nordosten Malis
Bürgerrechte an die Stelle ethnischer, adeliger oder religiöser Privilegien in den Ifoghas-Bergen (adrar n’ifoghas) mit der Oase Kidal als Zentrum.
treten. So verliert im modernen Afrika die Unterscheidung von Bürgern Bekannt wurde diese Gruppe durch die Rebellion gegen die Regierung
nach ihrer ethnischen bzw. rassischen Herkunft zunehmend ihren Sinn. von Mali und zuletzt durch die Verhandlung mit den Touristen-Entfüh-
Aufgrund dessen können die Zahlen der „Tuareg-Bevölkerung“ nur auf rern im Jahr 2003.
groben Schätzungen beruhen. • Die kel tademaket leben in der Region um Timbuktu.
Zählt man zu den Tuareg all jene Menschen, die Tamaschek sprechen • Die ullimidden („Die Unverwundbaren“) spalteten sich im späten
bzw. sich den kel tamaschek zugehörig fühlen, dann dürfte die Gesamt- 17. Jahrhundert von den kel adrar ab und siedelten sich in den flachen
zahl der Tuareg-Bevölkerung etwa 2,5 Millionen Menschen betragen. Weiten südlich der Ifoghas-Berge an, wo sie zwei Konföderationen bil-
Davon dürfte rund eine halbe Million Menschen den weißen, noblen ima- deten:
jeghen angehören. Noch vor zwanzig Jahren wurde die Gesamtzahl der • Die ullimidden kel ataram („Die Unverwundbaren des Westens“) sie-
Tuareg auf eine Million geschätzt. Die Tuareg-Bevölkerung hat sich also deln im Südosten Malis zwischen dem Nigerfluss und Menacha mit
seither mehr als verdoppelt. Das Bevölkerungswachstum in manchen Splittergruppen in Burkina Faso und im Westen der Republik Niger.
Tuareg-Regionen zählt zum höchsten der Welt. Rund vierzig Prozent aller • Die ullimidden kel dinnik („ Die Unverwundbaren des Ostens“) haben
Tuareg, eine knappe Million, leben in Mali. In der Republik Niger lebt mit sich in der Region Azaouagh im Nordwesten der Republik Niger nie-
1.300.000 Angehörigen mehr als die Hälfte aller Tuareg. Ein Grund für dergelassen, mit den Zentren Tahoua, Tchin Tabaraden und Abalagh.
94 95
092-129 Gesellschaft und Politik KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:31 Seite 96
085tr Foto: hf
Arabisierung und Modernisierung der Nord-Tuareg
In der nördlichen Sahara galten nomadisierende Tuareg als Wider-
spruch zu den staatlichen Vorstellungen von nationaler Einheit, Fort-
schritt und islamischer Religion. Dies führte besonders in Libyen unter
Gaddafi zu einer massiven Modernisierung der „kel ajjer“ der Region
Ghat. Sie erhielten kostenlose Schulbildung, Krankenversorgung und
Sozialwohnungen. Auch der Zugang zum Militär und zu politischen Äm-
tern stand ihnen offen. Der Preis dafür war die kulturelle und religiöse
Angleichung an die herrschende Kultur. Arabisch wurde zur Um-
gangssprache und ein relativ streng gelebter Islam führte zu weitrei-
chenden Veränderungen der Sozialbeziehungen, insbesondere die Rolle
der Frau und das Erbrecht betreffend.
Nach der Ethnologin Ines Kohl, die lange unter libyschen Tuareg gelebt
hat, sei es den „kel ajjer“ relativ gut gelungen, von den neuen Chancen
zu profitieren und dennoch viele traditionelle Werte beizubehalten. So
haben zwar die Frauen der „kel ajjer“ manche überlieferte Vorrechte
durch die Annahme des Islam libyscher Fassung eingebüßt, doch dafür
• Die kel antessar leben in der malinesischen Region zwischen Maureta- stehen ihnen heute völlig neue Entfaltungsmöglichkeiten offen. Die
nien, Gao und Südwestalgerien mit dem Zentrum Timbuktu. Sie gelten Tuareg-Frau Rukayya beispielsweise, die kaum noch Tamaschek ver-
als ineslemen, als Korangelehrte. steht, arbeitet heute als libysche Polizistin und ist sehr zufrieden mit ih-
• Die kel aïr leben in den Aïr-Bergen im zentralen Norden der Republik rer Situation.
Niger mit den Zentren Iferouane, Timia sowie den Städten Agadez und
Arlit. Sie betreiben Gartenbau und führen Salzkarawanen nach Bilma.
Die wichtigsten Untergruppen sind die noblen kel ewey, kel ferouan
und ifoghas. Letzteren gehörte der charismatische Rebellenführer Ma- Gesellschaftliche Strukturen
no Dayak an. (Siehe Exkurs „Mano Dayak – der Charismatiker“.)
• Die kel gress leben im zentralen Süden der Republik Niger mit den Das Mutterzelt als Mittelpunkt
Zentren Tanut, Maradi und Zinder. Sie bauen Hirse an, die sie per Kara-
wane nach Fachi bringen. Im Zentrum des Tuareg-Universums steht das Mutterzelt, ehan n ma, um
• Im Norden von Burkina Faso leben rund 100.000 oudalan mit dem Zen- das sich das gesamte soziale Leben der Tuareg abspielt. Um das Mutter-
trum Gorom-Gorom. zelt wirtschaftlich und sozial zu stärken, ist der Besitz des Zeltes und der
dazugehörigen Herden an die Verwandtschaftslinie der Mutter ge-
Daneben leben Arbeitsmigranten in Nigeria, Elfenbeinküste, Libyen knüpft. Damit alles „in der Familie“ bleibt, werden auch die Kinder mög-
und in den meisten europäischen Staaten. Tausende Dürre- und Bürger- lichst mit Verwandten der Mutter verheiratet. Dieses „matrilineare“ Ver-
kriegsflüchtlinge haben in Mauretanien und Burkina Faso Zuflucht ge- wandtschaftssystem ist eine Art Lebensversicherung zugunsten der Zelt-
funden. herrin, die mit ihren Kindern oft lange Zeit allein ist. Die Männer hüten
die Kamelherden oft für Monate auf weit entfernten Weiden, reisen mit
der Karawane und früher unternahmen sie Kriegszüge. Für den Notfall
0Nachkomme freigelassener Sklaven in Libyen müssen Frauen und Kinder abgesichert sein. Aus dem gleichen Grund le-
96 97
092-129 Gesellschaft und Politik KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:31 Seite 98
ben oft auch die verheirateten Töchter mit ihren Kindern im Zelt ihrer große Gefolgschaft auch beträchtliche Verpflichtungen gegenüber den
Mutter. abhängigen Stämmen, wie beispielsweise Schutz gegenüber fremden An-
Die Matrilinearität führt zwangsläufig zur Konzentration der wirtschaftli- greifern oder die Versorgung im Fall einer Hungersnot. Die Verantwor-
chen und politischen Macht bei den Männern der weiblichen Linie, tung dafür trug der amenokal als Chef des ettebel bzw. als Inhaber der
nämlich beim Onkel und Neffen der Zeltherrin. Sie gelten als politische Kriegstrommel. Als oberste Autorität war er höchster Richter und Kriegs-
Schlüsselpersonen in der Tuareg-Gesellschaft. herr und somit für den Schutz der unterstellten Stämme verantwortlich. Im
Kriegsfall ließ er die weithin dröhnende Ettebel-Trommel schlagen, um die
Die traditionelle Verbandsorganisation Kämpfer einzuberufen. (Näheres über den amenokal siehe unten.)
Die größte politische Einheit der Tuareg ist die Konföderation (tesche-
Die Organisation einer nomadischen Tuareg-Gesellschaft kann man sich he), ein willkürlicher Zusammenschluss verschiedener Stämme und
als eine Art Spinnennetz vorstellen, in dessen Mittelpunkt das Mutterzelt Trommlergruppen, die – aufgrund ihrer militärischen Stärke – freiwillig
(ehan n ma) steht, um das sich weitere Zelte bzw. weitere Spinnennetze durch Vertrag wechselseitige Verpflichtungen innehatten. Der Unter-
gruppieren, die ihrerseits miteinander verflochten sind. Um das Mutterzelt schied zwischen dem Gebilde einer Konföderation und dem Zusammen-
gesellen sich in Hörweite mehrere Zelte mit den nächsten Familienmit- schluss eines ettebel liegt somit allein in der Freiwilligkeit. Demnach kann
gliedern. Sie bilden aghiwan genannte Lager, deren Lebensgrundlage die sich ein Stamm von seiner erzwungenen Mitgliedschaft beim ettebel zur
gemeinsam betreute Ziegenherde ist. freiwilligen Mitgliedschaft bei der Konföderation emanzipieren, indem er
Mehrere Lager sind in einem Lagerverband (amessar) zusammenge- an militärischer Macht gewinnt. Dies war etwa bei den kel ajjer der Fall, die
fasst, der häufig den Namen seines wichtigsten Weide- bzw. Aufenthalts- ursprünglich von noblen Stämmen der kel ahaggar dominiert wurden. Im
gebiets trägt. Innerhalb des amessar werden Handelskarawanen und Ka- Laufe des 17. Jahrhunderts wurden die kel ajjer so stark, dass sie sich ab-
melzucht gemeinschaftlich organisiert. Mehrere Verbände bildeten einen spalten, eine eigene Konföderation gründen und mit den kel ahaggar zeit-
Stamm (tawshit, pl. tiusatin), dessen Angehörige denselben Weidebe- weise erfolgreich Krieg führen konnten. Derartige Kriege zwischen ver-
reich besiedeln und sich über eine gemeinsame Abstammung definieren. schiedenen Konföderationen um Weiden, Vasallenstämme und politische
So fühlen sich die noblen kel ghela aus dem Hoggar als Nachkommen der Vormachtstellung führten im Laufe der Jahrhunderte sogar zur Ausrottung
legendären Königin Tin Hinan. Angeführt wird ein tawshit von einem etlicher Stämme.
amghar, dessen Herrschaft zumeist durch einen mythisch verklärten Anführer der Konföderation war ebenfalls ein amenokal, der unter den
Vorfahren legitimiert wird. Ein Stamm kann viele Tausend Menschen um- Chefs (amghar) der mächtigsten Imajeghen-Stämme ausgewählt wurde.
fassen, aber auch nur einige wenige Individuen wie im Fall der noblen Gegenüber dem von den imajeghen bevorzugten Kandidaten hatten auch
Stämme der kel ataram, deren Angehörige im Jahr 1916 von der französi- die Vasallenstämme eine Art Vetorecht. Insofern musste sich ein geeigne-
schen Armee fast ausnahmslos massakriert worden waren. ter Anwärter von vornherein mit allen beteiligten Stämmen der Konföde-
Mehrere Stämme bilden eine „Gefolgschaft“ (ettebel, pl. ittebelan) bzw. ration arrangieren. Als eine Art Aufwandsentschädigung für seine Tätigkeit
Trommlergruppe, benannt nach deren Machtinsignie, der ebenfalls ette- hatte der amenokal gegenüber den Stämmen Anspruch auf Tribute und
bel genannten Kriegstrommel. Einem ettebel entsprachen die voneinander Schutzgelder (tiuse). Man kann davon ausgehen, dass die imenokalan da-
abhängigen Stämme der oben genannten Tuareg-Gruppen (kel ahaggar, bei nicht verarmten: Firhun, der amenokal der kel ataram, soll 20.000 Rin-
kel ajjer, kel aïr etc.). Die Vormachtstellung eines Imajeghen-Stammes der besessen haben.
nahm mit der Größe seiner Kamelherde zu. Als Reittiere waren Kamele Die Funktion des amenokal besteht auch heute noch bei einigen
die Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Kriegsführung in der Wüs- Trommlergruppen, etwa bei den kel ahaggar, wo sich Edaber Ahmed ag
te. Mit einer großen Herde konnten viele Vasallen, die selbst meist nur Mohammed im Jahr 2006 als neuer amenokal durchsetzen konnte. Als
Ziegenherden besaßen, als Krieger ausgerüstet und als Heer befehligt Funktionär einer führenden algerischen Partei verfügt er über seine sym-
werden. Dies erlaubte, weitere Kamelherden, Sklaven und Güter von Ka- bolische Rolle des Tuareg-Chefs hinaus über einen gewissen Grad an
rawanen und Siedlungen zu erobern, aber auch weitere Stämme zu unter- realer politischer Macht: als Vermittler zwischen kel ahaggar und dem al-
werfen und zu Tributzahlungen zu verpflichten. Allerdings bedeutete eine gerischen Staat, von dem er sein Gehalt bezieht. Auch bei den kel antes-
98 99
092-129 Gesellschaft und Politik KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:31 Seite 100
030tr Foto: hf
sar (Mohamed Elmehdi ag Attaher) und den kel adrar (Intalla ag Attaher)
haben imenokalan verschiedene regionalpolitische Ämter inne und enga-
gieren sich auf diplomatischem Wege für das Wohl ihrer „Schutzbefohle-
nen“. Bei den ullimidden und den kel aïr hingegen hatte die Kolonialmacht
das Amt des amenokal nach der Rebellion von 1916/1917 abgeschafft.
Die beschriebene Form der Verbandsorganisation hat gegenwärtig auf-
grund der vielfältigen politischen, ökonomischen und kulturellen Verän-
derungen des 20. Jahrhunderts, insbesondere aber infolge der Dürren der
1970er- und 1980er-Jahre nur noch beschränkt Bestand und Geltung. Am
häufigsten anzufinden sind noch das aghiwan und das amessar, denn Hir-
tennomaden brauchen auch heute noch ihr „Mutterzelt“.
Hierarchische Gesellschaftsstruktur
Allen Tuareg-Konföderationen gemeinsam ist ihre hierarchisch gegliederte
soziale Struktur. (Zur Ausnahme der kel ewey siehe unten.) Diese „Schich-
ten“ unterteilen sich in Klassen der Freien und der Sklaven.
Zu den freien Gruppierungen zählen
• die „noblen“ imajeghen (sg. imhuar),
• die korankundigen, unabhängigen ineslemen, verheiraten. Weil es aber immer wieder zu Verbindungen zwischen Ange-
• die tributpflichtigen imghad (Vasallen) und hörigen verschiedener Schichten kam, insbesondere zwischen Freien und
• die enaden (Handwerker, Schmiede). Sklaven, entwickelten sich neue soziale Kategorien für die Nachkommen
aus solchen Mischehen: Kinder von Freien und Sklaven hießen ibogholli-
Der Klasse der Unfreien gehören die iklan (Sklaven) und deren Ab- ten und standen rechtlich über den Sklaven. Kinder von Freien und freige-
kömmlinge an. Mittlerweile neu entstanden ist die soziale Gruppe der lassenen Sklaven (iderfan) hießen iberogan. Sie standen nur wenig unter
ischomar, der jungen entwurzelten Tuareg, die sich nirgendwo einordnen den imghad und besaßen oft eigene Sklaven.
lassen.
Die „Schichten“ der Freien sind genau genommen unterschiedliche Imajeghen – der „Adel“
Stämme, die in historischer Zeit einander unterworfen hatten. So wurden Die Stämme der imajeghen verfügten durch ihren Besitz an Kamelen
aus den stärkeren Stämmen die „Noblen“ und aus den unterlegenen und Waffen über die militärische und politische Macht. Diese hervorra-
Stämmen die Vasallen. Wehrlose Landbewohner hingegen wurden als un- gende Position hatten sie bis zu ihrer Unterwerfung durch die Franzosen
freie Sklaven unterjocht und in die Familien ihrer neuen Besitzer integriert. inne. Stämme, die wie die kel ahaggar unter Mousa ag Amastan mit den
Nach diesem Schema hatte jedes Individuum innerhalb einer jeweiligen Franzosen kollaborierten, konnten ihre Position faktisch bis zum Ende der
sozialen Schicht seinen speziellen Platz und seine besondere Rolle. Und Kolonialzeit und in modifizierter Weise zum Teil bis heute aufrecht erhal-
um die Stabilität dieses Sozialsystems nicht zu gefährden, galt es als ver- ten. Durch eine strikte Heiratspolitik innerhalb des eigenen Stammes ver-
pönt, sich außerhalb der jeweiligen gesellschaftlichen Bezugsgruppe zu blieb die Macht stets bei derselben Gruppe. Nach ihrem Selbstverständ-
nis waren die imajeghen mutig und moralisch hoch stehend und somit die
Hüter von asshak, den traditionellen Werten. Darum stellten sie auch eine
Person von herausragenden Qualitäten als amenokal, als Chef der Konfö-
### Autor: Bitte BU ergänzen### Autor: Bitte BU ergänzen deration.
100 101
092-129 Gesellschaft und Politik KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:31 Seite 102
digt und an der Beute von Raubzügen beteiligt. Bei einer Hungersnot wur-
Imajeghen – adlige „Ritter“ der Wüste? den sie durch ihre imajeghen versorgt, indem diese einen Notüberfall (rez-
zu) auf andere Stämme oder Siedlungen unternahmen. Es bestand somit
Die Situation der „imajeghen“ wird gern mit jener des mittelalterlichen eine gegenseitige Abhängigkeit.
„Ritteradels“ verglichen. Dies ist insofern nahe liegend, als unter „Adel“ Heute leben die imghad entweder als Vollnomaden von Kamel- und
eine kleine, privilegierte soziale Gruppe innerhalb einer hierarchischen Ziegenzucht oder als Halbnomaden, indem sie neben der Weidewirt-
Gesellschaft verstanden wird. Zugehörigkeit wird durch Geburt und Be- schaft auch Gartenbau betreiben. Immer mehr imghad werden gänzlich
sitz bestimmt, durch besondere Leistung, aber auch durch eine bestimm- sesshaft und spezialisieren sich auf Gartenbau oder suchen Arbeit in der
te Lebensform, einen eigenen Wertekodex und das Bewusstsein um die Ölindustrie und im Tourismus.
besondere Zugehörigkeit. Damit grenzt sich der Adel gezielt gegenüber
anderen Schichten ab. Ineslemen – der „Priesteradel“
Diese Merkmale treffen auch auf die „imajeghen“ zu. Sie verfügten Die ineslemen, „jene des Islam“, sind marabouts oder Korangelehrte.
über das Recht auf Kamelbesitz, auf Weiden und auf die politische Manchmal sind auch ganze Stämme ineslemen. Diesen Geistlichen wird
Führung. Zu den „imajeghen“ gehörte man entweder per Geburt oder aufgrund ihrer religiösen Kenntnisse eine besondere Beziehung zu Allah
aufgrund besonderer Leistung. Ihre schöne Indigokleidung sowie und damit die Macht nachgesagt, das Schicksal zu beeinflussen. Ihre Auf-
Schwert, Speer, Schild und Kamel waren die äußeren Zeichen dafür, dass gaben sind die religiöse Unterweisung und die Heilung bestimmter
sie keinerlei schmutzige Handarbeit verrichten mussten, sondern nur Krankheiten, indem sie die Menschen mit Amuletten versorgen und durch
die „saubere, edle“ Aufgabe des Führens und Kämpfens innehatten. Gebete unterstützen. Im Gegenzug werden sie materiell versorgt und be-
Die Vorstellung der „imajeghen“, sie seien der „breiten Masse“ der schützt. (Zur Rolle des Heilers siehe „Die Gesellschaftsstruktur aus Sicht
„dunkelhäutigen“ Tuareg überlegen und ihnen gegenüber privilegiert, des Geisterglaubens“.)
ist noch heute spürbar. Dabei spielt die „helle“ Hautfarbe eher eine ideo-
logische Rolle, vergleichbar mit dem Ideal vom „blonden Deutschen“, Iklan – die „Sklaven“
weil viele „imajeghen“ (insbesondere die „kel ewey“) infolge der Vermi- Die breite Masse der Tuareg-Bevölkerung gehört zur Schicht der Skla-
schung mit eingeheirateten Sklaven selbst dunkelhäutig sind. ven. Im Jahr 1949 besaßen 390 Freie der kel ahaggar 1552 Sklaven und
auch heute noch sollen viele nigrische imajeghen Sklaven halten. Iklan sind
unterschiedlicher ethnischer Herkunft und leben in einer Art Symbiose
mit ihren Herren in deren Lager. Früher standen sie und ihre Kinder im Ei-
Heute leben die imajeghen zum Teil noch von der Kamelzucht oder von gentum einer Familie. Heute sind sie zwar rechtlich unabhängig, die ge-
der Vermietung von Kamelen an Touristen. Viele imajeghen sind aufgrund genseitige wirtschaftliche Abhängigkeit zwischen „Herren“ und einstigen
ihrer sozialen Schlüsselrolle in der Verwaltung eingesetzt. Dadurch kom- Sklaven sind jedoch zum Teil immer noch gegeben. Im täglichen Leben
men sie in den Genuss eines regelmäßigen, wenn auch geringen Einkom- gibt es kaum Unterschiede zwischen Freien und iklan. Sie tragen die
mens. gleichen Kleider wie ihre Herren und früher zogen sie auch mit auf Raub-
züge. Sklavenkinder werden von den Freien wie eigene Nachkommen be-
Imghad – die Vasallen handelt. Dadurch fühlen sich die iklan oftmals mit ihren Herren verwandt-
Die imghad waren zwar grundsätzlich ebenfalls Krieger, verfügten aber schaftlich verbunden.
als Vasallen der imajeghen über keine eigenen Kamele, sondern weideten Sklaven erledigten den Haushalt, kümmerten sich um die Viehzucht oder
nur deren Kamelherden. Im Fall eines Krieges durften sie diese Tiere als betrieben Gartenbau. Dadurch spielten sie für die Tuareg-Gesellschaft ei-
Reittiere nutzen, um gemeinsam mit den imajeghen in den Krieg oder auf ne unverzichtbare wirtschaftliche Rolle und standen unter dem Schutz des
Raubzüge zu ziehen. Darüber hinaus mussten sie den imajeghen Tribute amenokal. Einen iklan zu misshandeln, verbot der Ehrenkodex asshak und
zahlen. Im Gegenzug dafür wurden sie von ihren eigenen imajeghen „in zog einen Prestigeverlust nach sich. Zudem hatte der iklan das Recht, ei-
Ruhe gelassen“, gegen Übergriffe feindlicher Imajeghen-Stämme vertei- nen unliebsamen Eigentümer zu wechseln, indem er das Ohr des Kamels
102 103
092-129 Gesellschaft und Politik KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:31 Seite 104
031tr Foto: hf
seines Wunschherren verletzte: Dadurch war der „schlechte“ Eigentümer
gezwungen, den von seinem Sklaven verursachten Schaden zu ersetzen,
indem er das Eigentumsrecht an diesem Sklaven an den Geschädigten (ob
dieser wollte oder nicht) übertrug. Er konnte aber aufgrund guter Leistun-
gen oder aus Freundlichkeit seines Herrn auch freigelassen werden. Die
Nachkommen der Freigelassenen sind ebenfalls frei und bilden wiederum
eigene Stämme mit eigenen Chefs. Sie werden als „schwarze“ Tuareg be-
zeichnet, die im Westen bei den Songhai bella genannt werden, im Süden
bei den Hausa buzu und im arabischen Norden sif. Sie leben von Garten-
bau und Viehzucht sowie von einfacher Lohnarbeit. Viele jener mittellosen
iklan, die während der Kolonialzeit formell befreit worden waren, kehrten
aufgrund ihrer geringen sozialen Aufstiegschancen zu ihren einstigen Her-
ren zurück. Zudem tolerierten die Franzosen die Sklaverei bei loyalen Tua-
reg-Stämmen. So schätzt die Tuareg-Menschenrechtsorganisation Timidria
(„Brüderlichkeit“), dass heute allein im Niger noch über 40.000 Menschen
als Sklaven leben, und zwar hauptsächlich bei Tuareg-Nomaden. Für deren
Freilassung und ihre Integration in die moderne Gesellschaft engagiert sich
Timidria mit politischer Lobbyarbeit und mit der Errichtung von Schulen,
Brunnen und Gesundheitszentren.
welt verfügen sie über „magische“ Kenntnisse und Fähigkeiten und wer-
Enaden – die Handwerker bzw. Schmiede den darum von den abergläubischen Tuareg-Nomaden gefürchtet. Sie
Eine Sonderstellung nehmen die Handwerker ein, bei den Tuareg stehen außerhalb des Asshak-Moralkodex der imajeghen. Aus Sicht der
schlicht „Schmiede“ genannt, deren Tamaschek-Name (enaden) wörtlich Nomaden ist darum den enaden „alles erlaubt“, weshalb sie als ehrlos und
bedeutet: „die Anderen“ oder „die man nicht beim Namen nennt“. Sie unglaubwürdig gelten. Diese Freiheit wiederum befähigt die enaden dazu,
sind Spezialisten in der Bearbeitung der unterschiedlichen Materialien, all jene sozialen Aufgaben zu übernehmen, die den starren Verhaltensre-
Metall, Holz und Leder, und gelten als Gegenpol zu den „Noblen“, wes- geln des asshak widersprechen. Darum fallen ihnen die Rollen als Beicht-
halb ihnen üble Eigenschaften wie Verlogenheit und Feigheit zugeschrie- vater, Heiratsvermittler, Diplomaten und Festorganisatoren, aber auch als
ben werden. Ihre Freiheit und ihr Eigentum sind allerdings unantastbar, Wundärzte zu.
denn durch ihre Handwerkskunst besetzen sie eine wichtige Position in Aufgrund ihrer sozialen Außenseiterposition, ihrer Flexibilität und ihrer
der Nomadengesellschaft. Die Männer produzieren Waffen, Schmuck, technischen Fähigkeiten konnten sich die Schmiede im Vergleich zu den
Gebrauchsgegenstände und Amulette, während die Frauen Lederbehält- asshak-geprägten Nomaden auch am besten an das moderne Wirt-
nisse und Flechtwaren für die Karawanen herstellen. Diese Produkte wer- schaftssystem anpassen. Sie wurden rasch sesshaft und eröffneten Auto-
den äußerst kunstvoll angefertigt. Somit tragen die Schmiede wesentlich werkstätten oder spezialisierten sich auf die Schmuckproduktion für Tou-
zur Pflege und Weiterentwicklung der materiellen Tuareg-Kultur bei. risten. Durch die Verbreitung dieses Schmucks wurde die Tuareg-Kultur
Die Schmiede erfüllen auch eine wichtige soziale Rolle innerhalb der weit über ihre Grenzen hinaus bekannt.
Tuareg-Gesellschaft. Als Beherrscher des Feuers und somit der Geister-
Regionale Besonderheiten
Auf den ersten Blick ähneln sich die Tuareg-Gesellschaften der verschie-
denen Regionen sehr, erst bei genauerer Betrachtung erkennt man Un-
Schmiede in der Werkstatt terschiede. Regionale Tuareg-Gruppen differieren hinsichtlich ihres Le-
104 105
092-129 Gesellschaft und Politik KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:31 Seite 106
bensraums und der damit verbundenen Wirtschaftsform, hinsichtlich des • Das politische System der kel aïr ist ungewöhnlich: Hier wird zusätzlich
Zelttyps, der Kleidung, des Schmucks, der Stellung der Frauen, der An- zum amenokal ein Sultan ernannt, der in Agadez residiert und früher
passung an ihre jeweiligen Nachbarn und des politischen und sozialen den Handel und die Karawanen organisierte, zwischen den Stämmen
Systems. als Diplomat und Richter vermittelte und in Agadez für Ordnung sorg-
te. Damals wurden die meisten Sultane nach wenigen Jahren ihrer Re-
• Die Tuareg der Zentralsahara in Algerien und Libyen können durch die gentschaft von unzufriedenen Tuareg-Führern umgebracht. Heute re-
seltenen Regenfälle kaum allein vom Nomadismus leben und sind da- duziert sich die Rolle des Sultans auf diplomatische Streitschlichtungen
rum viel stärker von Lohnarbeit abhängig als ihre südlichen Nachbarn. und die Leitung religiöser Zeremonien bei Festlichkeiten. Das Amt ist
Sie wohnen oftmals in Siedlungen und Städten und arbeiten häufig im somit auch nicht mehr lebensgefährlich: Der aktuelle 126. Sultan von
Tourismus, während im Sahel viel mehr Tuareg als Nomaden von der Agadez, Ibrahim Oumarou, amtiert seit über 40 Jahren. Die kel ewey,
Kamel- und Ziegenzucht leben können. Die kel ewey in der Aïr-Region der größte Stamm der kel aïr, haben anstelle des amenokal einen anas-
(Nordostniger) kombinieren Viehzucht und Gartenbau mit der Kara- tafidet als formalen Chef. Er war früher für die Rechtsprechung inner-
wanenwirtschaft. Die kel gress können aufgrund ihres regenreicheren halb der Stämme und für Verhandlungen mit dem Sultan von Agadez
Lebensumfeldes im Süden des Niger bereits Regenfeldbau betreiben. zuständig. Heute erfüllt der anastafidet nur noch repräsentative und di-
Sie bauen Hirse an, betreiben Viehzucht und führen Salzkarawanen. plomatische Aufgaben.
• Lederzelte sind typisch für die Tuareg im Norden und im Westen, wo
sich jedoch zunehmend billigere Zelte aus Stoff durchsetzen. Im Süden
und Südosten werden hauptsächlich Zelte aus geflochtenen Dumpal-
men-Matten hergestellt. In Bergregionen, wie im Aïr oder im Hoggar, Warum sind die Kel-ewey-Tuareg im Aïr so schwarz?
stößt man gelegentlich auch auf einfache Steinhütten. Zunehmende
Verbreitung im Aïr und in den Adrar n’Ifoghas finden Lehmhütten. Die „kel ewey“ haben eine besonders dunkle Hautfarbe. Schon Heinrich
• Unterschiedliche Kleidung findet sich am ehesten bei den Tuareg-Frau- Barth berichtete vom Widerwillen der Kel-ewey-Männer gegen die weiße
en. Im Norden und Westen wird hauptsächlich die gewickelte Tunika Hautfarbe. Der Grund dafür liegt in der Tradition, sich bevorzugt mit
(teserrnest) getragen, während im Süden das Übergewand (tekamist) schwarzen Sklavinnen zu vermählen, um ihre traditionell schwache Po-
und Aftek-Blusen dominieren. Auch tragen die Frauen im Sahel immer sition gegenüber den Tuareg-Frauen aus ihrer Schicht auszugleichen. De-
öfter Kleidung aus bunten Hausa-Stoffen. (Näheres im Kapitel „Be- ren ursprüngliche Vorherrschaft erklärt sich aus der Karawanenwirt-
kleidung und Schmuck“.) schaft. Da die Männer jedes Jahr viele Monate abwesend waren, lebten
• Beim Schmuck lassen sich grob zwei regionale Besonderheiten unter- die Ehefrauen bei ihrer Mutter (Matrilokalität) und verfügten zu ihrer
scheiden: Bei den kel ifoghas und den kel ahaggar ist die chomeissa aus sozialen Absicherung über besondere Erbrechte. Somit hatte die Frau
fünf Muschelrauten das typische Collier. Das taneghelt, das Kreuz von zwangsläufig „die Hosen an“ und ersetzte den „Mann im Haus“. War
Agadez, dominiert im Südosten, besonders bei den kel aïr, woher auch der Ehemann für wenige Monate im Lager, blieb er doch nur „Gast“ im
der meiste Silberschmuck stammt. (Näheres im Kapitel „Bekleidung und eigenen Heim. Um diesen Autoritätsverlust auszugleichen, begannen die
Schmuck“.) Kel-ewey-Männer schwarze Sklavinnen zu heiraten, die zum Mann zo-
• Die meisten Tuareg-Gesellschaften definieren sich über die direkte Ver- gen. Dadurch verschob sich das gesellschaftliche Gewicht wieder zuguns-
wandtschaftslinie der Mutter, während die ullimidden patrilinear orga- ten der Männer, die nun das Oberhaupt im Haus waren. Die Kinder die-
nisiert sind. Bei den Tuareg in den südöstlichen, von Hausa dominierten ser Paare galten als gleichwertige „Freie“ und blieben im Scheidungsfall
Städten wie Zinder herrscht zunehmend das islamische Rollenbild der beim Vater. Aufgrund dieser Heiratsstrategie wurden die „kel ewey“ bis
Frau vor, verbunden mit der Vielehe. Bei den kel ewey im Aïr heirateten ins 20. Jahrhundert hinein soziokulturell und ethnisch durch Hausa-
die Männer früher bevorzugt Sklavinnen, wodurch ihre Gesellschaft all- Sklavinnen geprägt.
mählich patriarchale Züge annahm. (Näheres im Exkurs „Warum sind
die kel-ewey-Tuareg im Aïr so schwarz?“.)
106 107
092-129 Gesellschaft und Politik KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:31 Seite 108
• Auch in gesellschaftlicher Hinsicht sind die kel ewey einzigartig: Bei ih- Djado-Region. Bei den Tuareg sehr beliebt ist der Tubu-Dolch, der ein-
nen fehlt die tributpflichtige Schicht der Vasallen, da sie niemals andere fach konstruiert, billig und sehr zweckmäßig ist.
Tuareg-Stämme unterwarfen, noch selbst jemals unterworfen wurden. • Die Kanuri leben in den Salzoasen Fachi und Bilma, wo sie das für die
Bei ihnen gibt es demnach nur imajeghen, marabouts, Schmiede und Viehzucht so wichtige Salz gewinnen. Zu diesen Oasen ziehen alljähr-
Sklaven. lich an die 700 Karawanen der kel gress und der kel ewey mit bis zu
20.000 Kamelen, um insgesamt rund 5000 Tonnen mineralhaltiges Salz
Die Tuareg und ihre Nachbarn in Form der Kantus (ca. 75 cm hohe, 20 kg schwere Kegel, die ihre Ge-
stalt durch einen ausgehöhlten Palmstamm erlangen) zu kaufen. Ge-
Die Tuareg sind von Ethnien unterschiedlichster Kulturen umgeben, mit zahlt wird zum Teil mit Hirse, der Nahrungsgrundlage der Kanuris. Die
denen sie von jeher regen Austausch pflegen. Wobei sie manche der Kul- Karawanen sind für die Oasen wichtige Verbindungen zur Außenwelt.
turtechniken ihrer Nachbarn übernommen und umgekehrt ihre Nachbarn Die Karawaniers liefern außerdem wichtigen Brennstoff in Form von Ka-
kulturell beeinflusst haben. Dieser Austausch verlief immer wieder auch meldung, Trockengemüse und Industrieprodukte an ihre Kanuri-Händ-
kriegerisch, doch darüber hinaus entwickelten sich stets stabile kooperati- ler, zu denen sie ein enges, persönliches Verhältnis haben.
ve Bande. • Die Fulbe leben als ethnische Minderheit im Süden des Niger, wo sie
• Den Arabern verdanken die Tuareg den Islam, arabische Sprachformen Hirse anbauen. Sie sind Handelspartner der Karawaniers, die sie wäh-
im Tamaschek und den bei Nomaden verbreiteten Windhund. Umge- rend ihres Winteraufenthalts auch verpflegen und betreuen. Sie leisten
kehrt haben einige arabische Nomaden Elemente der Tuareg-Kultur den Tuareg auch Vermittlerdienste, wenn streunende Kamele Flurschä-
übernommen, etwa die Lederzelte und den Gesichtsschleier. Manche den auf den Feldern anderer Hirsebauern anrichten. Für Tuareg-Knaben
Araber-Stämme wurden als Vasallen in die Tuareg-Gesellschaft integriert sind die Fulbe-Bauern oft wie behütende Großväter. Derartige freund-
und assimiliert. Umgekehrt werden derzeit die Tuareg im arabischen schaftliche Beziehungen gehen oft über Generationen.
Norden der Sahara stark arabisiert. Zu den Fulbe zählen die Wodaabe, die als Rindernomaden im Niger le-
Konflikte gab es besonders zwischen den kel ahaggar und ihren Erz- ben. Auf den Weiden kann man einen Wodaabe nur anhand der Rinder
feinden, den Chaamba-Beduinen der nördlichen Sahara-Oasen. Die
032tr Foto: hf
Chaamba dienten als Kamel reitende Söldner in der Sahara-Kompanie
und waren die schlagkräftigste „Waffe“ der Franzosen im Kampf gegen
die Tuareg. Auch die Karawanen der kel ewey wurden oft von arabi-
schen Stämmen überfallen. Wichtiger ist heute die Rolle der Araber als
Großhändler in den zentralalgerischen Oasen, in Agadez und anderen
Sahel-Siedlungen.
• Die Tubus besiedeln den Oasengürtel des Kawar im extrem trockenen
Osten des Niger. Sie gelten als zähe Wüstenbewohner und betreiben
Viehzucht und Gartenbau. In Krisenzeiten versuchten sie ihr Überleben
durch Überfälle auf die Karawanen der kel aïr zu sichern, worauf die kel
aïr mit Gegenangriffen reagierten. Auch führten Tuareg und Tubus zahl-
reiche Kriege um die Vorherrschaft im Kawar. Mitte der 1990er-Jahre
beteiligten sich die Tubus an der Rebellion an der Seite der ischomar.
Heute arbeiten Tubus für Reiseagenturen aus Agadez als Führer in der
### Autor: Bitte BU ergänzen### Autor: Bitte BU ergänzen
108 109
092-129 Gesellschaft und Politik KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:31 Seite 110
von einem Tuareg unterscheiden, denn beide verschleiern das Gesicht Grundstrukturen auf, mit Unterschieden im Detail. Lediglich in Libyen
und tragen Schwerter. Doch ist die Beziehung der Tuareg zu den Wodaa- folgt das von Gaddafi geschaffene Verwaltungssystem gänzlich anderen
be gespannt, weil die Rindernomaden immer weiter nach Norden ziehen, Regeln. Weil aber die Tuareg in Libyen nur wenige Tausend Individuen
was wiederholt zu Konflikten um Weiden und Brunnen führte. umfassen, wird hier die systematische Darstellung des Beispiels der Repu-
• Die Hausa stellen rund die Hälfte der nigrischen Bevölkerung und be- blik Niger zur allgemeinen Veranschaulichung herangezogen.
siedeln die gesamte Region zwischen dem Tschadsee und dem Niger.
Aufgrund ihrer hochwertigen Handwerksgegenstände wie Indigostoffe, Verwaltungsstrukturen
gefärbtes Leder und Eisenprodukte sind die Hausa wichtige Handels-
partner der Tuareg. Außerdem bauen Hausa, wie die Fulbe auch, die Der nigrische Nationalstaat ist nach französischem Vorbild in Departe-
für Tuareg lebenswichtige Hirse an. Von den Hausa stammt der Sultan ments, Arrondissements und Gemeinden unterteilt. An der Spitze dieser
von Agadez ab und die meisten Tuareg sprechen die Verkehrssprache Gebietskörperschaften stehen ein Präfekt, ein Unterpräfekt und ein Bür-
Hausa. Dennoch sind die Beziehungen zwischen Hausa und Tuareg ge- germeister bzw. Dorfchef, die den Staat gegenüber der Bevölkerung re-
spannt. Die Nomaden werden von den Hausa abfällig buzu genannt, präsentieren. Sie werden vom Präsidenten der Republik ernannt. Ihnen zur
die Bezeichnung für ehemalige Tuareg-Sklaven. Während ihres Aufent- Seite stehen gewählte Beratungs- und Verwaltungsgremien, deren Ämter
halts im Süden umgehen die Karawaniers die Städte, um Konflikte zu von den jeweiligen Führungsbeamten vergeben werden. Unterpräfekt und
vermeiden. Probleme entstehen aber auch wegen des fanatischen Glau- Bürgermeister sind finanziell autonom.
bens der islamischen Hausa, der im Gegensatz zur liberalen Einstellung Der mächtigste Mann im Lande ist der Präsident der Republik. Unter
der Tuareg steht. Nur die im Süden lebenden Tuareg-Gruppen haben ihm arbeitet die Regierung als oberstes Verwaltungsorgan mit dem Pre-
sich bereits weitgehend an den Lebensstil der Hausa angepasst. mierminister an der Spitze. Um Gesetze beschließen zu können, bedarf
• Die Djerma-Songhai siedeln im Umfeld des Nigerflusses mit den Zen- die Regierungspartei einer Mehrheit im Parlament, in das die Vertreter
tren Timbuktu, Gao, Niamey und Dosso. Sie leben von Fischfang, Hirse- der zahlreichen nationalen Landesparteien gewählt werden. Aufgrund des
anbau und der Produktion von Töpfer- und Flechtwaren. Die historische Verhältniswahlrechts, ähnlich jenem in Deutschland, gibt es keine stabilen
Djerma-Gesellschaft hatte viele Elemente der Tuareg-Kultur übernom- Mehrheiten, sondern eine Regierungskoalition zwischen möglichst inte-
men, etwa die hierarchische Struktur mit Aristokraten an der Spitze, die ressensgleichen Parteien.
sich wie die imajeghen das Gesicht verschleierten. Heute sind die Djer- Dieses System wurde 1974 zentralisiert, indem auf den unteren Ebenen
ma nach den Hausa die zweitgrößte Bevölkerungsgruppe im Niger pseudo-traditionelle Posten als Autoritäten installiert wurden. Auf Dorf-
und ihre Sprache ist neben Hausa die zweite Verkehrssprache. Weil die ebene ist das der Dorfchef, der den Vorsitz über den „dörflichen Entwick-
Djerma im politischen Zentrum Niamey besonders stark vertreten sind, lungsrat“ innehat und die Steuern eintreiben muss. Sein Amt wird durch
konnten sie sich als führende politische Kraft im Land durchsetzen, wäh- Vererbung weitergegeben. Die nächsthöhere Ebene, das Arrondissement,
rend die Hausa eher die Wirtschaft des Landes dominieren. wird vom „Chef de Groupement“ vertreten, einer Art Pseudo-Stammes-
chef, der dem „regionalen Entwicklungsrat“ vorsteht.
Politische Probleme werden in Kooperation zwischen dem Dorfchef
Politische Organisation heute und dem „Stammeschef“ im Rahmen des jeweiligen Entwicklungsrats
gemeinsam mit den betroffenen Bürgern zu lösen versucht. Die beiden
am Beispiel der Republik Niger Entwicklungsräte werden seit den späten 1990er-Jahren mittels fairer
Wahlen besetzt, doch noch immer verfügen sie kaum über Initiativ- und
Die Tuareg sind gegenwärtig auf fünf verschiedene Nationalstaaten (Alge- Mitbestimmungsrechte zu Fragen des Budgets und der politischen Rich-
rien, Libyen, Niger, Burkina Faso und Mali) aufgeteilt. 90 % der Tuareg le- tungsentscheidung.
ben jedoch in Mali und der Republik Niger, deren verwaltungstechnische Das wichtigste Organ der politischen Mitgestaltung sind die Kooperati-
und politische Strukturen einander sehr ähneln. Doch auch Algerien weist ven. Doch während sich die Verbände der Gartenbauern erfolgreich ent-
aufgrund seiner Vergangenheit als französische Kolonie vergleichbare falteten, blieben die ländlichen Viehzüchter weitgehend unorganisiert.
110 111
092-129 Gesellschaft und Politik KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:31 Seite 112
033tr Foto: hf
Die neue Richtung: Dezentralisierung
Gravierende Wirtschaftsprobleme in Mali und der Republik Niger, eine
demokratiefreundlichere Entwicklungspolitik der Geberländer und
schließlich auch der Ausbruch der Rebellion förderten eine neue Politik
der Dezentralisierung. Im Niger werden die jeweiligen Verwaltungsebe-
nen seit 1996 autonom verwaltet. Präfekten, Unterpräfekten und Dorf-
chefs sind nun nicht mehr dem Präsidenten der Republik verantwortlich,
sondern der jeweiligen gewählten Versammlung. Seit 2002 ist auch die
Gemeindeverwaltung weitgehend autark, zwei Jahre später wurden die
ersten freien Gemeindewahlen durchgeführt. Mit diesem Dezentralisie-
rungsprojekt sollte die Bevölkerung zur aktiven Mitgestaltung ihrer Le-
benswelt gewonnen werden, weil dem überschuldeten Staat mittlerweile
die Mittel fehlen, seine politische Macht durchzusetzen. Doch die Umset-
zung verläuft sehr zäh, denn der jahrzehntelange Zentralismus lässt sich
nicht so schnell aus den Köpfen der Menschen tilgen.
Infolge dieser Veränderungen wandelte sich bei den Tuareg die Art der
Bewältigung lokaler und regionaler Interessenkonflikte. Versuchten die
Interessengruppen früher den jeweiligen ernannten Amtsträger zu be-
einflussen, so werden nun politische Parteien zunehmend wichtiger.
Politische Rituale wie Wahlwerbung mittels Geschenken und Festen
Das Steuersystem beruht auf einer Kopf-Steuer, wobei eine 10-köpfige oder auch unlautere Wahlkampagnen bestimmen heute das politische
Familie ca. 7000 FCFA (afrikanischer Franc, die Summe entspricht 11 Euro) Alltagsleben. Neu ist auch die Art und Weise, wie Gemeinden zu Geld
pro Jahr zahlen müsste. Allerdings war in den Tuareg-Gemeinden der kommen. Weil der Präfekt weder über finanzielle Mittel noch über Ent-
Rückfluss an Steuereinnahmen stets sehr gering und während der Rebelli- scheidungsmacht verfügt, ließen die Bittgänge der Dorf- oder Stammes-
on brach das System zusammen. Gegenwärtig zahlen nur wenige Tuareg- chefs nach. Stattdessen entwickeln viele Gemeinden einen kreativen
Nomaden Steuern. Umgang mit Hilfsorganisationen und anderen potenziellen Geldgebern,
Die Politik der nationalen Einheit, die in diesem zentralistischen System um neue wirtschaftliche Quellen zu erschließen. (Siehe auch Kapitel
zum Ausdruck kommt, hatte stets zum Ziel, regionale Unabhängigkeits- „Wirtschaft im Wandel“.)
bestrebungen zu verhindern. In Mali schlug das Militär im Jahr 1961 eine
Revolte der kel ifoghas brutal nieder und die Bevölkerung wurde jahrelang Politik der Tuareg
ausgegrenzt. In Niger konnten die reichen Uranfunde bei Arlit nur bei na-
tionaler Einheit landesweit umverteilt werden. Dazu wurden alle Ethnien, Gegenwärtig lassen sich die politisch aktiven Tuareg aller Regionen grob
auch die Tuareg, auf höchster politischer Ebene integriert. In der Regel re- in vier Kategorien unterteilen:
krutierten sich jedoch die Eliten in Mali und Niger vorwiegend aus Lehrern
und Händlern, die meist aus den fruchtbaren, dichter besiedelten Regio- • Autonomisten, die maximale Unabhängigkeit vom Staat anstreben,
nen stammten. • konservative Strategen, die traditionelle Strukturen bewahren wollen,
• konservative Anarchisten, die traditionelle Strukturen mit modernen
Mitteln zu erzwingen versuchen und
• progressive Demokraten, die in integrativer Entwicklung einen Weg in
### Autor: Bitte BU ergänzen eine gemeinsame Zukunft der Tuareg mit allen Mitbürgern sehen.
112 113
092-129 Gesellschaft und Politik KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:31 Seite 114
Autonomisten Männern die Schlüsselqualifikationen für politisches Handeln vermittelt:
Die nomadisch geprägte, breite Tuareg-Bevölkerung war von jeher äu- die Fähigkeit, soziale Netzwerke und Seilschaften zu bilden und sich mit
ßerst misstrauisch gegenüber den Behörden. Jahrelang hatte sie schlechte den gegebenen Machtstrukturen zu arrangieren und die Dinge Schritt für
Erfahrungen mit einer zentralistischen Diktatur gesammelt, die wenig Ver- Schritt zu bewegen. Darum ist diese Politik auch konservativ, denn sie will
ständnis für die Bedürfnisse von Nomaden aufbrachte. Nach Überzeu- die gesellschaftlichen Grundlagen nicht verändern, sondern nutzt sie
gung der Autonomisten können sie nur mit erfolgreicher Viehzucht dau- zur Durchsetzung der eigenen Vorstellungen und Ziele. Wirtschaftlich ha-
erhaft überleben und ihre Probleme lösen, keinesfalls aber durch das Ver- ben sich diese Tuareg längst von ihren traditionellen Grundlagen abge-
trauen auf Dienstleistungen des Staats wie Gesundheitsversorgung oder koppelt: Statt über Kamele verfügen sie über politisches Know-how und
Schulen. Auch Demokratie sei lediglich eine Umverteilung von Macht und diplomatisches Feingefühl im Umgang mit dem neuen politischen „Adel“.
Geld von der einen Parteispitze auf die andere, während für die breite Be- Dass einfache Nomaden unter diesen Umständen kaum eine Chance
völkerung alles beim Alten bliebe. „Staat“ bedeutete somit nicht Hilfe, son- zum politischen Aufstieg haben, liegt im Interesse der konservativen Stra-
dern eher Behinderung oder gar Bedrohung in Form von Strafgesetzen. tegen: So gibt es weniger Konkurrenten …
Darum pflegten Nomaden sich zu verstecken, sobald sie in der Ferne die
Fahrzeuge staatlicher Behörden hörten. Diese Haltung findet sich noch Konservative Anarchisten
heute unter älteren, traditionsgeprägten Personen, aber auch bei jenen Giuseppe Tomasi di Lampedusas Leitmotiv in seinem Roman „Der Leo-
jüngeren Menschen, deren oftmals überzogene Hoffnungen auf verbes- pard“, wonach man alles verändern müsse, wenn alles so bleiben solle,
serte Lebensbedingungen vom Staat enttäuscht wurden. wie es sei, beschreibt treffend das Paradox einer konservativen Politik. Ei-
ne Gesellschaft so zu erhalten, wie sie scheint, ist unmöglich, weil sich die
Konservative Strategen Rahmenbedingungen von selbst verändern und damit die Umgestaltung
Angehörige der imajeghen neigen dazu, sich auch weiterhin als Tuareg- der Gesellschaft erzwingen.
Elite zu betrachten. Doch sie haben gelernt, dass eine Führungsposition Die veränderte Welt der Tuareg hat mit den ischomar eine neue Schicht
heute neue Kompetenzen erfordert, die am ehesten durch eine entspre- hervorgebracht, die aufgrund ihrer militärischen Ausbildung und ihrer Be-
chende Ausbildung vermittelt werden. Auch die Durchsetzung eigener In- waffnung zu einem politischen Faktor geworden ist. Die ischomar versu-
teressen und Sichtweisen bedürfen anderer politischer Strategien als in chen, ihre militärische Macht mit dem Mittel der Rebellion in politische
der „alten Zeit“. Mousa ag Amastan (1867–1920) war einer der ersten po- Macht umzuwandeln. Sie sind Anarchisten, die das politische System zur
litischen Tuareg-Strategen. Er hatte die Zeichen der Zeit verstanden und Anpassung an die eigenen Vorstellungen zwingen wollen, anstatt sich
sich mit den neuen Mächten arrangiert, um seine eigene Machtposition dem System anzupassen. Dabei versuchen sie, fehlende Kompetenzen
abzusichern, das Vertrauen seiner Partnerstämme in ihn zu stärken und wie politische Erfahrung und Beziehungsnetzwerke durch Gewalt auszu-
letztlich das Bestmögliche für sie „herauszuholen“. Anstatt zu rebellieren gleichen. So gelingt es ihnen, politisches Gehör und Zutritt zur politischen
oder zu resignieren passte Mousa sein politisches Handeln den veränder- Macht zu erkämpfen. Gipfel ihres Erfolgs war die Ernennung ihres Führers
ten Gegebenheiten an. (Vgl. den Exkurs „Mousa ag Amastan – der große Rhissa ag Boula zum Tourismusminister im Jahr 1997.
Stratege“.) Gleichzeitig sind die Rebellen, von denen viele zu den imajeghen gehö-
Seit der Unabhängigkeit der einstigen französischen Sahara-Kolonien ren, konservativ, weil sie keine gesellschaftliche Erneuerung anstreben,
mehren sich die Tuareg-Persönlichkeiten, die politische Karriere machen sondern lediglich die Besserstellung der eigenen Gruppe. Statt um den
und versuchen, auf diesem Weg Verbesserungen für ihre Tuareg-Gruppen Fortschritt des gesamten Landes, geht es ihnen um eine Umverteilung
durchzusetzen. In der Regel gehörten der nigrischen Regierung mindes- des Wohlstandes von schwarzen Bevölkerungsgruppen zu den weißen
tens zwei Tuareg an. Zeitweise stellten Tuareg sogar den Premierminis- Tuareg.
ter oder hatten andere hohe Ämter inne. Diese Laufbahnen von der „Ka- So versuchen die ischomar sich im Rahmen der lokalen Tourismuspolitik
melweide“ in politische Spitzenpositionen ermöglichten Eltern, die er- Vorteile vor dem Hintergrund überkommener Strukturen zu verschaffen,
kannt hatten, dass eine gute Schulausbildung den Weg zur Mitgestaltung anstatt die Strukturen selbst zu verbessern. Doch eine solche progressive
der Gesellschaft in der modernen Welt bahnt. Zudem wurden diesen Vorgehensweise setzt Vertrauen in sich selbst und in die Beteiligten vo-
114 115
092-129 Gesellschaft und Politik KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:31 Seite 116
raus, damit man diese als Partner und nicht als Gegner betrachten und so- „Projekte“. Und sie sind bereit, Energie auch in kleine Schritte zu investie-
mit kooperieren kann. Dieses Vertrauen jedoch fehlt den ischomar. Sie ren. Sie sind typische postmoderne Bürger, die ihr Schicksal eigenverant-
sind Herausforderungen schon immer mit Gewalt begegnet, so ent- wortlich in die Hand nehmen, anstatt auf einen Messias zu warten. Darum
spricht es ihrer Lebenserfahrung. All ihre Krisen „überwanden“ sie als Sol- sind sie auch demokratisch: Sie sehen ihre Positionen als gleichberechtigt
daten, die keine Fragen stellten, sondern „aufräumten“. unter vielen anderen an, deren Zweckmäßigkeit zur Lösung gesellschaft-
Jedoch scheiterten bisher sämtliche Versuche, mit dieser kurzsichtigen licher Probleme es im friedlichen Meinungswettbewerb zu beweisen gilt.
Politik des Extremismus ihr Ziel zu erreichen und zu behalten. So wurde Zu diesen „neuen Tuareg“ zählen die Gründer des demokratischen
Rhissa ag Boula im Jahr 2004 unter Mordverdacht seines Amtes entho- Tourismussyndikats in Agadez. Sie setzten sich im Jahr 2000 gegen die
ben. Daraufhin versuchten einstige Rebellen und Gefolgsleute Rhissas, konservativen Kräfte durch und erreichten Verbesserungen für die gesam-
dessen Rehabilitation zu erzwingen, indem sie mit dem neuerlichen Aus- te Branche, anstatt dass weiterhin einzelne Agenturen bevorzugt wurden.
bruch der Rebellion drohten. Als die Regierung nicht reagierte, griffen die Ihre Vertreter sind weder Ex-Rebellen noch direkte Nachkommen der ima-
Rebellen im Frühling 2007 wieder zu den Waffen. Zu den Opfern ihrer jeghen, sondern gebildete und in Unternehmensführung geschulte Tua-
Überfälle zählten hauptsächlich Zivilisten, darunter Frauen und Kinder. Im reg, die Probleme wahrnehmen und gemeinsam mit den betroffenen
Sommer 2007 reagierte schließlich die Regierung mit massivem Militär- Menschen Lösungen entwickeln. Langfristig scheint diese Politik des „mit-
einsatz. Seither herrscht im Norden des Niger Krieg. einander statt gegeneinander“ der erfolgreichere Weg zu sein.
Den Preis für diese Politik der Gewalt zahlen nicht nur die zivilen Kriegs-
opfer, sondern das gesamte Land, weil der Konflikt die wichtige Einnah-
mequelle Tourismus schwer schädigt. Die kurzfristigen militärischen Erfol- Wirtschaft im Wandel
ge der Rebellen aber geben ihnen – aus ihrer eigenen Sicht – „Recht“:
Durch die Waffengewalt, so erscheint es den Rebellen, würden sie die Re- Überleben in der Wüste: Nomadismus und Co.
gierung letztlich erfolgreich dazu zwingen, sich ihren Wünschen zu beu-
gen! In eben dieser Sichtweise liegt die dauerhafte Beschränkung radika- Die Tuareg besiedelten die unwirtlichen Regionen nicht freiwillig, viel-
ler politischer Strömungen: Der kurzfristige Erfolg durch Gewalt kaschiert mehr blieb ihnen aufgrund historischer Bevölkerungsbewegungen nur
die eigenen Mängel an konstruktiven Vorstellungen zur Lösung gesell- dieser unwirtliche Lebensraum übrig. Um hier überleben zu können, pass-
schaftlicher Probleme. ten sich die Tuareg an. So ziehen sie mit ihren Viehherden von einer Wei-
de zur nächsten, damit sich die sehr langsam wachsenden Wüstengräser
Progressive Demokraten immer wieder regenerieren können. Das optimale Transportmittel dafür ist
Die Welt lässt sich nicht verändern, nur die eigene Sicht auf die Welt. das Kamel. Es ist genügsam, kann kurzfristig bis zu 200 kg an Lasten tra-
Dieser Haltung folgt die Politik der vierten Gruppe, die weder opportunis- gen, bringt als Kamelstute alle zwei Jahre ein Jungtier zur Welt und ver-
tisch noch resignativ, sondern konstruktiv versucht, sich mit der Welt zu sorgt die Nomaden mit Milch. So sind Nomade und Kamel eine untrenn-
arrangieren. Die progressiven Integristen unter den Tuareg wollen sich da- bare Einheit zum Überleben in der Wüste. Unter diesen kargen Umstän-
bei weiterentwickeln, neue Strategien kennenlernen und neue Chancen den lässt sich im besten Fall die dauerhafte Selbstversorgung der Familie
entdecken und nutzen. Sie betrachten jeden Kontakt als einen weiteren bewerkstelligen, nicht jedoch eine auf unendliches Wachstum gerichtete
Knoten in ihrem Netzwerk, in das sie sich und ihre Gesellschaft eingebet- „Kamel-Industrie“.
tet glauben. Für sie bedeutet Veränderung nicht Bedrohung, sondern Unerwartete Ausgaben wie die Anschaffung von Kleidern oder Hand-
Zwang und Chance zugleich. Bildung bedroht nicht ihre Kultur, sondern werksgerät können die Nomaden mit Kamelen im Tauschhandel beglei-
erweitert sie. Sie misstrauen den Versprechungen von einer großartigen chen. Die Vermehrung des Viehbestands erlaubt darum vorübergehend
Zukunft, doch sie glauben an sich und an die einfache Wahrheit, dass nur einen gewissen Wohlstand und sie steigert auch die Chance, mittelfristige
gemeinsames Ziehen am selben Strang positive Veränderungen bewirkt. Klimaschwankungen zu überleben. Denn in Dürrezeiten überleben nur
Sie arrangieren sich mit den verschiedensten Branchen, ob Medien, Tou- die stärksten Tiere. Die Kamele werden auch als Transporttiere im Kara-
rismus, Handwerk, Kultur oder Handel und Viehzucht und entwickeln wanenhandel eingesetzt, z. B. um aus dem Süden Hirse zu importieren,
116 117
092-129 Gesellschaft und Politik KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:31 Seite 118
034tr Foto: hf
um das Überleben in der Wüste. Doch die europäische Idee vom „freien
Wüstenritter“ erweist sich mehr und mehr als pure Idealvorstellung.
Mit der Entstehung der unabhängigen Nationalstaaten gerieten die No-
maden zunehmend unter Druck. Grenzen schränkten den Weidewechsel
und den Karawanenhandel ein, alte Handelsbeziehungen lösten sich auf.
Dadurch geriet das alte System der langfristigen Risikoaufteilung aus den
Fugen. Die Dürren in den 1970er- und 1980er-Jahren ruinierten viele
Vollnomaden endgültig, denn aufgrund der nachhaltigen Schädigung der
Weiden verendete der Großteil ihres Viehbestands.
Als Ausweg wandten sich die Hirten in den Bergregionen dem Garten-
bau zu, der unter den gegebenen Umständen mittelfristig weniger Risiko
birgt. Ein Garten bringt einige Wochen nach einer Dürre wieder relativ rei-
che Ernte, wogegen der Neuaufbau einer Herde viele Jahre dauert.
In den Steppen der westlichen Ebenen ist Gartenbau jedoch unmöglich.
Die hier lebenden Vollnomaden, die ihre Herden ebenfalls verloren hat-
ten, mussten sich nunmehr als Lohnhirten verdingen. Manche flüchteten
in die Elendsviertel der Städte oder suchten als Emigranten Arbeit in be-
nachbarten Ländern oder in Gaddafis Islamischer Armee. Viele dieser
ehemaligen Tuareg-Nomaden wurden im Jahr 1990 zu Rebellen gegen
den Staat.
wodurch die Nahrungsgrundlage erweitert werden kann. Kamele können
aber auch krank oder gestohlen werden. Um diese Abhängigkeit zu ver- Mangelwirtschaft
ringern, halten Nomaden auch Ziegen. Ihr großer Vorteil liegt in ihrer Was benötigt eine achtköpfige Tuareg-Familie im Sahel, ob Mali oder
enormen Anpassungsfähigkeit an die Wüste. Sie sind noch genügsamer Niger, bei gehobenem Lebensstandard im Laufe eines Monats zum Le-
als Kamele und sehr fruchtbar, denn sie gebären bis zu drei Lämmer pro ben? Die wichtigste Nahrungsgrundlage ist Hirse, wovon rund 100 kg
Jahr und liefern Milch, Käse, Fleisch, Leder und Wolle. Früher züchteten gebraucht werden, ergänzt durch insgesamt 100 kg Reis, Mais und Wei-
Tuareg auch gern Schafe, der Wolle und des wertvollen Fleisches wegen, zen. Wichtig sind noch 10–12 Liter Sonnenblumenöl, das aus Libyen be-
doch aufgrund der fortschreitenden Trockenheit ist Schafzucht unter Tua- zogen wird. Den größten Luxus stellen 3 kg Tee und 20 kg Zucker dar, was
reg heute die Ausnahme. genauso viel kostet wie der gesamte Hirsevorrat. Um all das bezahlen zu
Weil Ziegen sehr einfach zu betreuen sind, werden sie eher von Frauen können, müsste die Familie 150 Euro erwirtschaften, was bereits einen be-
und Kindern gehütet. Damit Nomadenfamilien überlebensfähig sind, be- trächtlichen Wohlstand bedeuten würde. Nomadenfamilien verfügen
nötigen sie für die Viehzucht eine gewisse Mindestzahl an Familienmit- kaum über Geldeinkommen und leben hauptsächlich von Hirse und Zie-
gliedern. Kleinkinder werden zum Ziegenhüten eingesetzt, ältere Kinder genmilch.
für die Hirtenarbeit mit Kamelen und irgendwann soll der Familiennach- Besser ergeht es den Gartenbauern, die sich selbst versorgen können
wuchs die Eltern zur Gänze im Arbeitsprozess ablösen. Darum strebt eine und auf den Märkten Geld dazu verdienen. Diese zusätzlichen Mittel wer-
Nomadenfamilie danach, möglichst viele Kinder in die Welt zu setzen. den für regelmäßig anfallende Sonderausgaben benötigt. Zu besonderen
Nomaden sind also von vielen verschiedenen Faktoren abhängig: Klima,
Weidequalität, Gesundheit ihrer Viehherden, Kooperationsbereitschaft in-
nerhalb der Familie, Verlässlichkeit von Geschäftspartnern wie Salz- und
Hirsehändler, Handwerker und vieles mehr. Somit sind sie lediglich äußer-
lich „frei“, was für sie allerdings keine Rolle spielt, denn ihnen geht es nur Familie versetzt ihr Lager
118 119
092-129 Gesellschaft und Politik KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:31 Seite 120
Festtagen wird ein fettes Schaf gekauft, Hochzeiten müssen organisiert
035tr Foto: hf
Die Hirtin und Handwerkerin und neue Kleider angeschafft werden. Solche enormen Ausgaben kann
Dilliou erzählt eine Nomadenfamilie nur durch Viehverkäufe finanzieren. Eine Ziege
bringt bis zu 25 Euro, ein Kamel etwa das Zehnfache. Will ein Hirte mehr
Seit 60 Jahren lebt Dilliou in Ti- Geld einnehmen, so muss er auf Gartenbau umsteigen. Doch dazu
mia, das sie niemals verlassen braucht er erst einmal Geld für einen Brunnen …
hat. Sie kennt nur das Dorf und
das umliegende Weideland, wo Probleme der Ziegenzucht
sie als junge Frau viele Jahre lang Für das Überleben vieler Tuareg-Familien spielt die Ziegenzucht, die in
allein die Ziegen gehütet hat. Da- der Regel den Frauen obliegt, immer noch die Hauptrolle. Hier besteht
mals gab es für die Nomaden kei- das größte Problem in der Übernutzung der Weiden: Immer mehr Tiere
ne Schule. Dabei wäre sie gern brauchen immer mehr Weiden, die immer weniger Zeit zur Regeneration
Hebamme geworden. Mit dreißig haben. Dadurch werden die Weiden immer karger, weshalb die Herden
Jahren wurde sie von ihren jün- immer größere Flächen benötigen, um sich satt fressen zu können. Darum
geren Geschwistern als Hirtin müssen die Hirtinnen immer größere Strecken zurücklegen und die Aka-
abgelöst und sie lernte das Hand- zien-Bäume mit ihren Askom-Stangen bearbeiten, damit essbare Früchte
werk einer Lederschneiderin, das und Zweige für die Tiere herabfallen. Dennoch wachsen die Ziegenher-
sie seither im Dorf ausübt. Auch den, die zumeist aus zwanzig Tieren bestehen, nur zaghaft. Um eine Fa-
diese Arbeit empfindet sie als milie ausreichend mit Milch versorgen zu können, wären doppelt so viele
wertvoll und befriedigend. Tiere nötig.
Den Großteil ihrer Erzeugnisse tauscht sie gegen Hirse, Öl und Stoffe. Auch die Wasserversorgung wird für die Nomaden schwieriger. Die
Mit etwas Glück verdient sie zusätzlich im Monat ein paar Euro. Es muss vorhandenen Brunnen sind weit verstreut, sodass eine Ziegenhirtin viele
reichen, um die 14 Mäuler ihrer Familie zu stopfen. Ihr Mann ist bereits Kilometer gehen muss, um ihre Herde tränken zu können. Während der
vor Jahren gestorben, was ihre Situation noch schwieriger macht. Hätte Trockenzeit sinkt der Wasserspiegel in den Brunnen bedenklich tief und
sie mehr Geld, so würde sie in die Schaf- und Ziegenzucht investieren, bei geringen Regenfällen trocknen zahlreiche Brunnen sogar aus. Daher
denn wer Ziegenmilch hat, hat keinen Hunger! richten sich viele Maßnahmen zur Unterstützung der Nomadenwirtschaft
In ihrem Dorf ist Arbeitslosigkeit das größte Problem. Heute verdient auf die Neuanlage von Brunnen in den Weidegebieten.
man mit traditionellen Berufen nichts mehr, während der Gartenbau Während der Hirtenarbeit leben die Nomaden, Männer wie Frauen,
recht einträglich sei, sagt Dilliou. Doch dafür benötige man Lastwagen hauptsächlich von Hirsepolenta. Wird die Hirse knapp, dann stehen
als Transportmittel. Ohne diese Segnungen der modernen Welt können während der Regenzeit, wenn die Ziegen ihre Jungen bekommen, Milch
die Familien ihre Kinder nicht mehr ausreichend ernähren, dabei sei das und Käse als Nahrung zur Verfügung. In den Monaten zuvor, wenn die
doch das Wichtigste im Leben eines Menschen. Diese langfristige Sicht Männer noch nicht mit ihrer Kamelkarawane aus dem feuchteren Süden
gehe den jungen Menschen noch ab, meint sie, denn die wollen nur das mit der neuen Hirseernte zurückgekehrt sind, kann die Versorgungslage
schnelle Geld im Tourismus machen. Doch seien junge Menschen immer kritisch werden und es kommt vor, dass Hirtinnen sich von gesammelten
schon so gewesen. Bis sie erwachsen sind, würden sie sicher auf den rech- Wildgräsersamen ernähren oder hungern müssen. Hirtinnen, die nur von
ten Weg finden. Insgesamt ist Dilliou davon überzeugt, dass der Wandel der Ziegenzucht leben, haben den niedrigsten Lebensstandard. Auf-
und die neuen Zeiten dem Dorf viel Gutes gebracht haben. grund ihrer Armut bleiben viele Frauen unverheiratet und kinderlos und
schließen sich dem Lager von Verwandten an. Dennoch wollen Hirtin-
nen ihren Beruf nicht aufgeben, jedoch nicht aus Begeisterung für die
Hirtin schlägt mit der askom-Stange Blätter vom Baum für ihre Ziegen von Einsamkeit geprägte Arbeit, sondern weil sie nichts anderes gelernt
haben.
120 121
092-129 Gesellschaft und Politik KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:31 Seite 122
Karawanenhandel
Die Situation der Kamelhirten ist jener der Ziegenhirtinnen ähnlich, Der Schmied Achmed erzählt
doch können die Kamele als Transporttiere im Karawanenhandel einge-
setzt werden. Leider gibt es heute nur noch wenige aktive Karawanen. Achmed lebt seit seiner Geburt vor 49 Jahren in Timia. Gelegentlich reist
Bedeutend ist lediglich die Salzkarawane der kel ewey und der kel gress. er zwar in die Hauptstadt Niamey, um seine Produkte zu verkaufen,
Über 20.000 Kamele ziehen jeden Herbst vom Aïr durch die Ténéré nach doch weiter ist er noch nie gekommen. Eine Reise nach Europa würde
Fachi und Bilma und kehren von dort mit sechs Kantus (75 cm hohen Salz- ihn sehr reizen, um von den Europäern zu lernen, wie sie es anstellen, so
Kegeln à 25 kg) pro Kamel zurück. Dieser 1000 km lange Marsch hin und reich zu werden. Achmed war niemals in der Schule, sonst hätte er wohl
zurück dauert rund 30 Tage, wobei täglich bis zu 16 Stunden marschiert einen einträglicheren Beruf erlernt. Heute ist er immerhin Präsident der
wird. Die Ténéré wird so rasch wie möglich durchquert, damit das knapp Handwerkergenossenschaft und verdient genug, um die 15 Personen sei-
kalkulierte Kamelfutter ausreicht. Zurück im Aïr wird den Kamelen eine ner Familie zu versorgen. Sein Traum wäre es, einen Handel mit Tuareg-
kurze Erholungspause gegönnt. Dann beginnt die Hausa-Karawane nach Schmuck nach Europa aufzubauen. Doch dafür fehlen ihm die finanziel-
Süden, die viel langsamer durchgeführt wird, denn hier herrscht kein Zeit- len und die kaufmännischen Fähigkeiten. Darum beneidet er die Jun-
druck mehr. Im Hausa-Land wird das Salz verkauft, der Jahresbedarf an gen, die in die Schule gehen. Denn mit dem überkommenen Wissen kön-
Kleidung, Indigostoffen, Tee, Zucker und natürlich auch Hirse besorgt und ne man die neuen Probleme nicht mehr lösen, meint Achmed. Die Wüste
die Trockenzeit „überwintert“. Ab April zieht die Aïr-Karawane ins Aïr zu- breite sich immer weiter aus und erschwere den Menschen das Leben.
rück, wo die Hirten bis zum Ende der Regenzeit bei ihren Familien blei- Auch leide das Dorf an der Arbeitslosigkeit, denn mit den spärlichen Ge-
ben. Heute machen zwar die die LKWs den Karawanen eine gewisse Kon- winnen, die eine Karawane abwirft, kann man kaum eine Familie er-
kurrenz, doch gibt es keine sichtbaren Anzeichen für einen Niedergang nähren, geschweige denn bezahlte Arbeitsplätze für die vielen arbeitslo-
der Salzkarawane. sen jungen Menschen schaffen. Besonders schlimm sei auch die isolierte
Bedenklich sind allerdings die Dürren, die dem Kamelbestand zuset- Lage des Dorfes. 220 km holprige Piste trennen die Menschen von der
zen. Fällt im Aïr zu wenig Regen, dann finden die Kamele nicht genug nächsten Stadt und dem nächsten Krankenhaus. Für Touristen mag dies
Gras, um sich für die Ténéré-Durchquerung zu stärken. Dann wird der romantisch erscheinen, doch ohne eine gute Verbindung nach außen
Karawanenkreislauf mit hohen wirtschaftlichen Verlusten unterbrochen. sieht Achmed keine langfristige Überlebenschance für das Dorf.
Die eigentliche Bedrohung für den Karawanenhandel kommt aber von
den Tuareg selbst: ihr wachsendes Interesse an lukrativeren, weniger be-
schwerlichen Erwerbsquellen wie der Gartenbau oder die Wanderarbeit
in Libyen. Denn die großen Anstrengungen, die eine Karawane mit sich April kehren sie wieder zurück, um ihre Familien zu versorgen und sich
bringt, sind für die kel ewey kein sportlicher Anreiz, sondern eher eine neue Schmuckvorräte anzulegen.
Plage. Im Vergleich zu den Hirten verdienen Schmiede um ein Vielfaches mehr,
allerdings müssen sie sämtliche Lebensmittel käuflich erwerben. Obwohl
Schmiedehandwerk Schmiede finanziell relativ gut dastehen und auch keinesfalls ihren Beruf
Die Schmiede leben heute im Wesentlichen vom Tourismus. Sie entwi- aufgeben wollen, bezeichnen sie ihre Lebenssituation häufig als äußerst
ckelten sich zu modernen, marktwirtschaftlich orientierten Kunsthand- schwierig. Ihre Unzufriedenheit resultiert im Wesentlichen daraus, dass sie
werkern, die sich an den wachsenden Kunst- und Ethnomarkt anpassen. nicht den Regeln des asshak unterliegen. Anders als für Nomaden gehört
Ganz so rosig ist das Leben als Schmied freilich auch nicht, denn die Tou- es für sie einfach zum guten Ton, über ihr Schicksal zu hadern.
ristensaison ist kurz und die Zahl der Urlauber relativ gering. Auch kon-
kurrieren immer mehr Schmiede um die wenigen Kunden. Mittlerweile Gartenbau
gibt es eine massive Überproduktion an Schmuck und Lederwaren, wes- Seit der Dürre der 1970er-Jahre erlebte der Gartenbau einen Boom,
halb viele Schmiede während der Touristensaison in den Monaten von weil viele Nomaden nach dem Verlust ihrer Viehherden im Gartenbau ei-
Oktober bis März in die neuen Touristenzentren Libyens umziehen. Im ne alternative Einkommensmöglichkeit sahen. Voraussetzung für diese
122 123
092-129 Gesellschaft und Politik KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:31 Seite 124
Tätigkeit ist ein geeigneter Boden in bestimmter Höhe oberhalb eines Neue Verdienstmöglichkeiten
Flussbetts, denn in zu größer Höhe gibt es nur noch nacktes, nutzloses
Vulkangestein und zu nah am Fluss gelegen ist ein Garten während der Arbeitsmigration der ischomar
Regenzeit von Überschwemmung und Erosion bedroht. Auch muss ein Durch die Dürren der 1970er- und 1980er-Jahre verloren viele Men-
Garten in relativer Nähe zu den wichtigen Märkten liegen, gut erreichbar schen ihre Herden und damit ihre Lebensgrundlage. Sie wurden damit zu
sein und von Lastwagen angefahren werden können. Um einen Garten entwurzelten, arbeitslosen Tuareg: den ischomar. Der Begriff stammt vom
anzulegen, muss ein Brunnen gegraben werden. Aus dem Brunnen wird frz. Wort chômeur für „Arbeitsloser“. Auch heute können Viehzucht und
täglich bis zu sechs Stunden lang Wasser in einen Kanal zur Bewässerung Gartenbau bei Weitem nicht alle Arbeit suchenden Nomaden aufnehmen.
geleitet. Die Arbeitslosen sind daher gezwungen, irgendeinen bezahlten Job in
Unabhängig von den Jahreszeiten können bis zu drei Ernten pro Jahr den großen Städten zu suchen. Unter Tuareg beliebt sind Tätigkeiten als
eingeholt werden. Angebaut werden in einem Drei-Etagensystem Dattel- Wächter in Entwicklungsprojekten oder in den Villen reicher Bürger in Ni-
palmen, kleinere Obstbäume und Getreide, Gemüse, Gewürze und Grün- geria oder als Lohnarbeiter in den Uranminen von Arlit. Als Arbeitspara-
futter. In manchen Oasen wie Timia werden auch Mandarinen, Orangen, dies gilt Libyen, wohin es junge Tuareg in der Hoffnung auf schnelles
Pampelmusen, Granatäpfel, Limetten, Feigen und Trauben gezogen. Die Geld zieht. Die dortige Lebenssituation für Arbeitsmigranten als verachte-
meisten Produkte sind für den Verkauf bestimmt, nur ein geringer Anteil te, billige Kamelhirten wird jedoch von den Heimkehrern aus Scham ver-
wird in der Familie verbraucht. schwiegen. So lebt der Mythos von Libyen als „gelobtes Land“ weiter und
Gartenbauern sind wegen ihres vergleichsweise hohen Einkommens verleitet immer wieder unerfahrene junge Tuareg zur illegalen Migration
sehr angesehen. Um noch höhere Profite zu erzielen, investieren besser in die Agrarzentren Libyens. Dabei ereignen sich wiederholt Tragödien,
gestellte Gärtner mittlerweile in die Anschaffung von Motorpumpen, wie rassistische Ausschreitungen gegen Gastarbeiter mit zahlreichen To-
um größere Flächen bewässern zu können. Gleichzeitig wenden sich ten. Zuweilen sterben Migranten im wasserlosen Niemandsland der Saha-
immer mehr Nomaden dem Gartenbau zu. Dem Traum vom unendli- ra zwischen Libyen und dem Niger, weil ihr LKW wegen einer Panne lie-
chen Wachstum des „Garten-Kapitalismus“ sind jedoch Grenzen ge- gen geblieben war.
setzt. Gute Böden sind nur noch weit entfernt von den Siedlungen er- Heute dürften Zehntausende Tuareg illegal in Libyen leben, obwohl sie
hältlich, oft werden sie als Weiden benötigt. Dadurch sind Konflikte zwi- keinerlei Rechte haben und als Handwerker, Lohnhirten, Wächter oder
schen Nomaden und Gärtnern vorprogrammiert. Darüberhinaus sind Gartenarbeiter höchstens umgerechnet 40 Euro im Monat verdienen.
die bestehenden Gärten von Erosion bedroht, denn wenn im Sommer Während dieser Zeit droht ihnen ständig die Verhaftung und Beschlag-
Regen fällt, dann zumeist in Form weniger, aber heftiger Gewitterstür- nahme ihres Hab und Guts durch den libyschen Zoll. Trotz dieser Gefah-
me, worauf die sonst trockenen Wadis zu wilden Strömen anschwellen, ren bleiben viele bis zu zwei Jahren im Land, um Geld für einen Garten,
die den fruchtbaren Boden auswaschen und mitreißen. ein paar Stück Vieh und eine Familiengründung anzusparen.
So konzentrieren sich viele Entwicklungsprojekte auf Uferschutz und
den Bau von Wasserbarrieren. Dadurch soll das Regenwasser möglichst Moderne Jobs
langsam abfließen und dabei die Grundwasservorräte optimal auffüllen. Durch den Wandel der Tuareg-Lebenswelt, insbesondere infolge der
Denn auch Wasser ist nur begrenzt verfügbar. Als Folge der Dürreperi- modernen Schulbildung und der damit verbundenen Sesshaftigkeit, ent-
oden und des zunehmenden Einsatzes von Motorpumpen sinkt der standen neue Bedürfnisse und damit auch neue Jobnischen. Ein beliebter
Wasserspiegel, wodurch viele Brunnen vorübergehend austrocknen Berufswunsch ist neuerdings, Besitzer einer Boutique, eines kleinen
und die Gärten brach liegen. Dorfladens, zu sein, in dem Güter des täglichen Bedarfes wie Getreide,
Wenn es aber regelmäßig regnet, verdienen Gartenbauern mit dem Öl, Zucker, Tee und Sandalen sowie einfache Luxusgüter wie Stoffe, Bat-
Verkauf von Zwiebeln und Kartoffeln mehr, als Karawaniers mit dem terien und Kekse geführt werden. Meist übt der Verkäufer zusätzlich das
Salzhandel. Darum gibt es mittlerweile allein im Aïr-Massiv über tau- Schneiderhandwerk aus. Diese Läden ermöglichen ein regelmäßiges Ein-
send bewässerte Gärten, deren Erträge auf den Märkten Westafrikas kommen ohne körperliche Anstrengung, und dies in der Nähe der Fami-
verkauft werden. lien. Doch gibt es inzwischen schon recht viele „Boutiquen“ und es kom-
124 125
092-129 Gesellschaft und Politik KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:31 Seite 126
men zunehmend Händler aus dem Süden in die Dörfer im Aïr, um ihre
036tr Foto: hf Kunststoffprodukte aus Nigeria und China anzubieten, was das Einkom-
men schmälert. Großen Erfolg haben Ladeninhaber mit innovativen Ideen
und viel Kapital, sodass sie ihr Angebot erweitern und das Geschäft zum
„Supermarkt“ weiterentwickeln können.
Wer sich auf Touristen als Abnehmer spezialisiert, wird fliegender
Händler. Die chasses-touristes („Touristenjäger“) warten selbst bei abge-
legenen Sehenswürdigkeiten auf ihre wohlhabenden Kunden, um ihnen
die kunstvollen Tuareg-Schmiedeprodukte anzubieten. Theoretisch kann
jeder diesen Job machen, der etwas Geld für einen Grundvorrat an
Schmuck und etwas Gefühl für den Umgang mit Reisenden hat. Doch we-
gen genau dieser geringen Zugangsbarrieren wächst die Konkurrenz dra-
matisch. In Agadez und anderen Zentren hängen sich die Touristenjäger
regelrecht an die wenigen Spaziergänger, die sich entnervt ins Hotel flüch-
ten. Als Ausweg verlegen die chasses ihren Standort an entlegene Orte in
der Wüste oder in die neuen Touristenzentren in Libyen. Letztlich ist der
Souvenirverkauf nur eine bescheidene Alternative zur Arbeitslosigkeit,
denn die Touristensaison ist kurz und das unsichere Einkommen gering.
Vorsicht, Schmuggler! Viele Touristenjäger stammen aus verarmten Familien ohne Vieh oder
Gärten und sind somit ohne jede Absicherung. Sie sind die ischomar der
In den Ifoghas-Bergen und im Aïr, wo es eine hohe Arbeitslosigkeit und neuen Generation, ihre Hoffnung richtet sich immer wieder auf die An-
viel schwer zu kontrollierenden Raum gibt, blüht der Schmuggel als mo- kunft der nächsten Reisegruppe.
derne Form des einstigen Trans-Sahara-Handels. Die Gewinnspannen Der Tourismus als Wirtschaftsmotor gewinnt zunehmend an Bedeu-
für die Schmuggelwaren sind enorm. Indigostoffe aus Kano und auch tung: Reiseagenturen sind wichtige Arbeitgeber für Köche, Fahrer, Führer
Kamele kosten in Algerien das Vierfache des ursprünglichen Kaufprei- und Sekretäre, aber auch für Schmiede und Kamelhirten, die ihre Tiere für
ses. Darum sind Kamelkarawanen auf Schleichpfaden nach Tamanras- Trekkingtouren zur Verfügung stellen. Auf diese Weise trägt der Fremden-
set gelegentlich sogar für manche Nomaden lukrativ. Geschmuggelt wird verkehr sogar zur Förderung der traditionellen Wirtschaftsform bei. Wer
praktisch alles, was Geld bringt: subventionierte Lebensmittel, Benzin direkt im Tourismus arbeitet, kann mit dem Einkommen seine Familie ver-
oder kleinere Elektrogeräte. Das große Geld wird jedoch mit Drogen, sorgen. Was übrig bleibt, wird in eine weitere Berufsausbildung investiert,
Waffen und Zigaretten gemacht. Kidal, das Zentrum der „kel ifoghas“, denn wer einmal in dieser Branche gelandet ist, kommt nur noch als „Ur-
gilt längst als Knotenpunkt des Cannabishandels zwischen Marokko und lauber“ ins Heimatdorf zurück. Der neue Lebensmittelpunkt liegt in der
Arabien. Waffen sind bei algerischen Fundamentalisten sowie bei Tua- modernen Gesellschaft, aus deren Sicht die traditionelle Tuareg-Welt nur
reg-Banditen und -Rebellen in Mali und Niger gefragt. US-Zigaretten noch als lukrative Fassade empfunden wird.
werden für mehrere Hundert Millionen Dollar pro Jahr „gehandelt“. Damit sich Touristen überhaupt ins Land wagen, muss ihre Sicherheit
Diesen illegalen Devisensegen kann die nigrische Regierung nur mit garantiert sein. Darum wurden Spezialtruppen zur Erhaltung der Sicher-
Wohlwollen ignorieren. heit in den touristischen Saharagebieten zu einem wichtigen Arbeitsmarkt
Neuerdings wird der Drogen- und Waffenschmuggel vom Anti-Terror- für Ex-Rebellen, die ihr gewohntes Handwerk als Soldaten weiterhin aus-
Krieg der USA in der Sahara „bedroht“. üben und zugleich etwas Sinnvolles für die Gesellschaft leisten wollen.
Doch leider sind diese Spezialeinheiten schlecht für die Banditenjagd aus-
Menschenschmuggler am Weg nach Libyen gerüstet, vor allem aber gibt es nur wenige solcher Jobs. Darum warten
heute immer noch 3000 von insgesamt 7000 Ex-Rebellen auf eine sinn-
126 127
092-129 Gesellschaft und Politik KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:31 Seite 128
037tr Foto: hf
Zu einem wichtigen Betätigungsfeld für potenzielle Projektentwick-
ler wurde der Tourismus. Hier soll Besuchern das Gefühl vermittelt wer-
den, dass sie persönlich in einem idyllischen Dorf mit liebenswerten Tua-
reg willkommen seien, dass die Idylle dieses Ortes jedoch von großen
Problemen bedroht sei, deren Lösung durch einen Beitrag für die jeweili-
ge Tuareg-Organisation gefördert werden könnte. Europäer, die solche
Projekte unterstützen, können sich somit das Gefühl „erkaufen“, zur Ret-
tung einer „untergehenden“ Tuareg-Welt beizutragen. Vermittelt wird die-
se Vorstellung durch die Dorfbevölkerung, die sich höchstpersönlich
dankbar zeigt: ein postmoderner, globalisierter Tauschhandel.
Experte für diesen Tauschhandel ist die Bevölkerung von Timia, deren
größter Coup mit dem Franzosen Michel Bellevin gelang. Der Pensionist
hatte Timia 1997 als Tourist besucht, dabei das Dorf lieb gewonnen und
zurück in Frankreich kurzerhand den Verein Freunde von Timia (www.
lesamisdetimia.org) gegründet, um die traditionelle Wirtschaft zu unter-
stützen und neue grundlegende Bedürfnisse der Bevölkerung zu befriedi-
gen. Der Verein fand rasch Anhänger in Frankreich und entwickelte sich
zu einem großen und verlässlichen Partner des Dorfes, der die Ziegen-
herden der Nomaden aufstockt, Saatgut und Brunnen finanziert und so-
gar eine Art Sozialversicherung einführte. Mittlerweile profitieren etwa
20.000 Menschen in der Region davon. Finanziert wird der Verein durch
Mitgliedsbeiträge und Subventionen der französischen Staatskasse. Seit
volle Beschäftigung. Diese Betroffenen sind lebende Zeitbomben, denn Kurzem ist der Heimatort des Vereins, Louvriers, zur Schwesternstadt von
sie organisierten wiederholt Überfälle, die immer wieder zu Rebellionen Timia geworden, wodurch die Finanzierung dieser „interkontinentalen
eskalieren. Dem Aufstand schließen sich auch integrierte „Sicherheitsbe- Freundschaft“ nachhaltig gesichert wird. Die Erfahrung von Timia machen
amte“ an, denn die Zustände beim Militär sind katastrophal: Manchmal sich immer mehr Projektjäger zunutze, frei nach dem Prinzip: „Willst du
gibt es monatelang keinen Sold. Eine Karriere beim Militär ist somit kein besser überleben, dann mache dich beliebt, erwecke Vertrauen und wer-
Ausweg aus dem Elend der beschäftigungslosen Tuareg. de als vertrauter Freund in der Wüste unentbehrlich …“
Projektjäger
Weil „klassische“ Arbeitsplätze rar werden, suchen junge, innovative
Tuareg einen Ausweg in der Flucht nach vorn, indem sie ihre Jobs gleich-
sam selbst „erfinden“. Dazu gründen sie private Entwicklungsorganisa-
tionen und bauen sich soziale Netzwerke auf, die zur Finanzierung von lo-
kalen Projekten führen sollen. Um erfolgreich zu sein, müssen diese Tua-
reg-Organisationen gegenüber ihren potenziellen Geldgebern den Ein-
druck erwecken, auf ökologische und sozialverträgliche Weise die Chan-
cen der Bevölkerung sowie die traditionelle Kultur und Wirtschaft fördern
zu wollen. Westliche Geldgeber wiederum suchen „authentische Instru-
mente“, um „Gutes für die Tuareg“ tun zu können. Dazu bedienen sie sich
dankbar solcher neuen Tuareg-Organisationen. ### Autor: Bitte BU ergänzen
128 129
130-169 Familie und Geschlechter KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:36 Seite 130
038tr Foto: hf
FAMILIE UND GESCHLECHTER-
VERHÄLTNISSE
Die verbreitete Familienform in den Tuareg-Gesellschaften ist ein Spiegel-
bild der Hirtenkultur: Der Zweck der Familienorganisation liegt allein in
der nachhaltigen Sicherung des Lebensunterhalts mittels der Kamelzucht
der Männer und der Ziegenzucht von Frauen und Kindern. Damit eng ver-
knüpft ist das Verhältnis zwischen den Geschlechtern wie auch das zwi-
schen Eltern und Kindern. Daher ist eine Kernfamilie nach konservativer
westlicher Vorstellung – Vater, Mutter, Kind – unter Hirten die Ausnahme.
Der Regel entspricht eher eine Art vielschichtige Patchwork-Familie …
### Autor: Bitte BU ergänzen
130 131
130-169 Familie und Geschlechter KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:36 Seite 132
Familie dung und Erziehung, wo die strengen Verhaltensregeln des tekarakit
(Scham) vermittelt und eingefordert werden. So schreibt der deutsche
Über die Familie hört und liest man bei den Tuareg sehr wenig, obwohl sie Tuareg-Forscher Gerd Spittler: „Niemand ist in der Wildnis geboren und
die Keimzelle der Tuareg-Gesellschaften darstellt. wächst dort auf. Jeder wird von seiner Mutter in einem Haus geboren
und von ihr während des ersten Lebensjahrzehnts großgezogen. An das
• In politischer und gesellschaftlicher Hinsicht ist sie ein zentrales Element Leben in der Wildnis muss man sich erst gewöhnen. Das macht einen
der Tuareg-Gesellschaften. Durch die strikte Heiratspolitik werden die wesentlichen Teil der Erziehung zum Hirten aus. Jeder trägt die Erinne-
sozialen Grenzen zwischen den jeweiligen gesellschaftlichen Schichten rung an ein Haus in sich, macht dort gelegentlich Besuche und wird bei
aufrechterhalten (insbesondere die zwischen Nomaden und Handwer- der Heirat zusammen mit seiner Frau ein neues,Haus‘ gründen.“
kern), indem Hirten oder Gartenbauern immer nur Hirtinnen heiraten
und Schmiede immer nur Handwerkerinnen. (Vgl. das Kap. „Ehe“.) Über Familienstruktur
die Wahl des „richtigen“ Ehepartners aus der „richtigen“ Familie bleibt
das Vermögen in Form von Vieh erhalten oder wird umverteilt, vor allem In den Tuareg-Gesellschaften gibt es eine Vielzahl höchst differenzierter
aber werden die Bande zwischen verschiedenen Lagern verstärkt. Die und komplexer Familienformen und -strukturen, bedingt durch die unter-
Familie ist die wichtigste Kraft zur Erzeugung, Verstärkung und Auf- schiedlichen sozialen Schichten, aber auch durch die jeweiligen geografi-
rechterhaltung von Identität. Erst durch die Zugehörigkeit zu einer be- schen und wirtschaftlichen Verhältnisse sowie die kulturellen Einflüsse der
stimmten Familie und ihre Verwandtschaftslinie ist man „jemand“. Weil Nachbarvölker. Für den reisenden Beobachter lassen sich gewisse Grund-
aber zumeist sehr viele Menschen als zur gleichen Verwandtschaftslinie formen unterscheiden, die hier nur kurz skizziert und im Kapitel „Der Le-
gehörig betrachtet werden, sind „Familien“ bei den Tuareg häufig ex- benszyklus“ näher erläutert werden. Typisch sind bei den meisten Tuareg-
trem groß. Gruppen die bereits genannte klare Zuordnung der Arbeitsrollen und die
• Die Nomadenwirtschaft ist unmittelbar mit der Familie gekoppelt, bei- Monogamie.
de bedingen einander. Ein Kamelhirte und eine Ziegenhirtin können auf
Dauer nicht unabhängig voneinander leben, da sie sich gegenseitig mit Vollnomaden und Karawaniers
lebenswichtigen Produkten versorgen: Die Hirtin stellt den Käse her, mit Vollnomaden, wie die kel ataram oder die kel dinnik, weiden ihr Vieh in
dem die Hirten und Karawaniers versorgt werden, und der Hirte „pro- der weiten Ebene des Azawagh, dem großen Wadi zwischen Ostmali und
duziert“ Kamelfohlen, die irgendwann für die Karawane eingesetzt wer- Nordwestniger. Hier leben zumeist Mutter, Vater und Kinder bis ins hei-
den können, mittels derer Hirse zur Versorgung der Familie herbeige- ratsfähige Alter in einem gemeinsamen Lager, dem „Mutterzelt“ (ehan n
schafft wird. ma). In nächster Nachbarschaft befinden sich die Zelte der nahen Ver-
Gemeinsame Kinder sorgen für die dauerhafte Sicherung des nomadi- wandten, der Geschwister mit ihren Familien sowie der Eltern mütterli-
schen Wirtschaftssystems. Heute gerät die Nomadenkultur zunehmend cherseits. Die Angehörigen eines solchen Lagerverbandes (aghiwan) be-
unter Druck, da die Nomadenkinder häufiger in Dorfschulen gehen und treuen die gemeinsame Ziegen- und Kamelherde und unterstützen sich
damit den Eltern nicht mehr als Arbeitskraft zur Verfügung stehen. bei der Kinderaufsicht. (Vgl. die Kap. „Gesellschaftliche Strukturen“,
Im Unterschied dazu sind Schmiede eher wirtschaftlich unabhängig, „Wohnformen“ und „Typisch Tuareg?“) Säuglinge werden während der
weil sie vom Verkauf ihrer Produkte an Hirten oder Touristen leben. Ei- Stillzeit von ihren Müttern auf der Weide mitgeführt und bleiben dann bei
ne Familie wird jedoch wiederum nur im Umfeld eines Schmiedeviertels der Großmutter im aghiwan. Für den „Kinderbetreuungsdienst“ verant-
oder eines Schmiededorfes gegründet, wo sich zumeist auch gemeinsa- wortlich sind auch anwesende Tanten und der Großvater, sobald er keine
me Werkstätten befinden. Kamele mehr weidet. Sind die Kinder alt genug zum Ziegenhüten, verlas-
• Auch in der sozialen Lebenswelt der Tuareg spielt die Familie eine zen- sen sie wie ihre Mutter mit der Herde den Lagerverband. Die alten Eltern
trale Rolle. Sie ist als Lebensgemeinschaft (aghiwan) das Gegenstück zur und unverheiratete Geschwister bleiben bis zu ihrem Tod im aghiwan, je-
lebensfeindlichen Wildnis (essuf). Im Mittelpunkt der Gemeinschaft doch stets in ihrem eigenen Zelt. (Nähere Details siehe das Kap. „Der Le-
steht die Frau als „Herrin der Zelte“. Die Familie ist der Hort der Ausbil- benszyklus“.)
132 133
130-169 Familie und Geschlechter KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:36 Seite 134
039tr Foto: hf
Die „optimale“ Familienplanung der „kel ewey“
Im Gegensatz zu anderen Tuareg-Gruppen kombinieren die Vollnomaden
der „kel ewey“ im Aïr (Nordniger) Ziegen- und Kamelzucht mit regelmä-
ßigem Karawanenhandel. Damit dieses System dauerhaft optimal funk-
tionieren kann, spielen die „richtige“ Anzahl an Kindern und eine „aus-
gewogene“ Geschlechterverteilung eine wichtige Rolle.
Üblicherweise heiratet ein Mann mit 30 Jahren und eine Frau mit 25
Jahren. Ab dem zweiten Ehejahr bekommt die Ehefrau im günstigsten Fall
alle zwei Jahre ein Kind, am besten abwechselnd ein Mädchen und einen
Knaben. Während der ersten zehn Lebensjahre einer Tochter kann eine
Nomadin kaum mit deren Unterstützung rechnen. Zur ihrer eigenen Ent-
lastung lebt sie darum mitsamt ihren kleinen Kindern meist noch im
Haushalt ihrer eigenen Mutter und arbeitet mit ihren Schwestern zusam-
men. Erst wenn die erste eigene Tochter mit 10–15 Jahren selbstständig das
Ziegenhüten meistert, kann sich die Mutter auf die Betreuung der Zicklein
im unmittelbaren Umfeld des Zeltlagers beschränken. Nach weiteren acht
Jahren, wenn die Nomadin etwa 43 Jahre alt ist, sind genügend Töchter
herangewachsen, die ihrer Mutter die Hirtenarbeit zur Gänze abnehmen nur während der Regenzeit) ständig zwischen dem Kamel- und dem Zie-
können. genlager hin- und herpendeln.
Der Ehemann ist bei seiner Arbeit als Kamelhirte und Karawanier in In der Realität verläuft das Leben freilich viel beschwerlicher. Ein El-
den ersten 15 Jahren völlig auf sich allein gestellt, was die Hilfe seiner Kin- ternteil kann sterben oder die Ehe wird geschieden. Dann lebt die Frau mit
der angeht. Als Ausweg wird er sich zunächst einer anderen Karawane an- ihren Kindern bis zu ihrer nächsten Heirat bei ihrer Mutter. Häufiger tritt
schließen oder Unterstützung durch unverheiratete Brüder suchen. Erst der Fall ein, dass Kinder frühzeitig sterben oder dass nur Söhne geboren
wenn sein erster Sohn etwa zehn Jahre alt ist, beginnt er die Hirtenarbeit werden. Damit ein solcher Haushalt trotz der wenigen Arbeitskräfte
zu erlernen und die einfache Hausa-Karawane in den Süden zu begleiten. überlebensfähig bleibt, muss sich die Familie einem anderen Haushalt
Kamelherden selbstständig hüten kann der Knabe nach drei Jahren und anschließen. Bekommt eine Frau nur Mädchen, so bleibt den Männern
nach weiteren zwei bis drei Jahren, wenn der Vater etwa 50 Jahre alt ist mangels männlicher Helfer meist nichts anderes übrig, als die Karawanen
und bereits der zweite Sohn mit der „Lehre“ als Hirte begonnen hat, kann aufzugeben und sich der Gartenarbeit zuzuwenden.
der erste Sohn auch an der Bilma-Karawane teilnehmen.
Anhand dieses Idealschemas lässt sich erkennen, dass das Ehepaar erst
nach 15–20 Ehejahren regelmäßig und dauerhaft während der Regenzeit
im Aïr zusammenleben kann. Zuvor muss der Mann (und dies wiederum Eine Nomadenfamilie der kel ewey
Bei den halbsesshaften Berg-Tuareg, insbesondere bei den kel aïr, leben Söhne als Kamelkarawane zu den Salzoasen der Ténéré und anschließend
die arbeitsfähigen Ehepaare die meiste Zeit des Jahres getrennt voneinan- in den feuchten Süden im Grenzgebiet zu Nigeria. Hier lagern sie im Um-
der. Die Ehefrauen weiden gemeinsam mit ihren älteren Töchtern und jün- feld der Gehöfte jener Fulbe-Bauern, die für sie eine Art „Ersatzfamilie“
geren Söhnen die Ziegenherde im Umfeld ihres Basislagers, das hier dem darstellen. Am Ende der Trockenzeit ziehen die Männer zurück ins Aïr, um
aghiwan entspricht. Unterdessen ziehen die Ehemänner und die älteren ihre Familien mit frischer Hirse zu beliefern: die Frauen und älteren Kinder
134 135
130-169 Familie und Geschlechter KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:36 Seite 136
in den Weidelagern, die alten Eltern und Schwiegereltern, die in den Berg- Frauen für Lederarbeiten, den Haushalt und die Kindererziehung verant-
dörfern ihren Lebensabend verbringen, Geschwister, die in den Dörfern wortlich sind. Schon mit wenigen Jahren helfen die Kinder im Haushalt
als Gartenbauern leben, sowie die kleinen Kinder, die von den Großeltern und erlernen das Handwerk von Verwandten. Sobald sie erwachsen sind,
und Geschwistern betreut werden. Die übrigen Geschwister, Onkel und heiraten sie innerhalb der Schmiedeschicht. Dann zieht die frisch ange-
Tanten verfügen meist über ein eigenes aghiwan und eigene Herden, traute Tochter zur Familie ihres Ehemannes. Dieses Familiensystem erin-
doch schließen sich häufig mehrere Männer einer Familie zu einer Salzka- nert sehr an die europäische Handwerkerfamilie des Mittelalters.
rawane zusammen. Größere Familientreffen finden anlässlich großer reli-
giöser Feste im Dorf der Eltern statt. Die Rolle der Männer
Durch die vermehrte Sesshaftwerdung entwickelte sich jedoch eine Fa-
milienstruktur, die unserem Familienbild eher entspricht: Vater und Söh- Das Selbstverständnis der Tuareg-Männer ist wesentlich durch ihre Arbeit
ne arbeiten im Garten, während die Töchter Ziegen auf nahegelegenen bzw. durch ihr „Arbeitsmittel“, das Kamel, geprägt. Erst das Kamel erlaubt
Weiden hüten und die Mutter den Haushalt führt und ihre unmittelbare ihnen hohe Mobilität. Im Extremfall können sie binnen zwei Tagen bis zu
Familie sowie die alten Eltern und Schwiegereltern im Dorf versorgt. 300 km zurücklegen. Dies eröffnet den Männern – im Gegensatz zu im-
mobilen Hirtinnen – viele Möglichkeiten, mit unterschiedlichen Bezugs-
„Ineslemen“ gruppen in Kontakt zu treten.
Die ineslemen (Korangelehrte) befolgen die Regeln des Islam recht
streng. Darum gleicht ihre Familienstruktur der im arabischen Raum ver- • Sie sind in der Lage, nachts den Hirtinnen in ihren Lagern einen amou-
breiteten: Der Ehemann herrscht als Patriarch über seine Familie, mit der rösen Besuch (tanbar) abzustatten und somit als aktiv Werbende aufzu-
er in einem gemeinsamen Zelt oder Haus lebt. Er allein repräsentiert die treten.
Familie nach außen, während die Ehefrau in der Öffentlichkeit kaum in Er- • Sie können mit Handelskarawanen die Grenzen ihrer Gemeinschaft
scheinung tritt, aber zentral für Kindererziehung und den Haushalt zu- überschreiten und mit anderen gesellschaftlichen Gruppen Kontakt auf-
ständig ist. nehmen.
Gelegentlich findet man unter ineslemen auch polygame Strukturen. • In früherer Zeit verfügten die männlichen imajeghen über das Privileg
Diese für Tuareg eher ungewöhnliche Familienform ist jedoch nur „finan- des Kamel- und Waffenbesitzes, wodurch ihnen die Rolle des Kriegers,
zierbar“, indem ineslemen durch ihre Tätigkeit als Korangelehrte bzw. als des Eroberers und Beschützers zufiel.
Produzenten von Amuletten genug Geld für den Unterhalt mehrerer Ehe- • Dank ihrer Kamele konnten sie rezzus (berittene Raubzüge) gegen frem-
frauen verdienen. Eine polygame Familienstruktur ist auch bei den kel de und benachbarte Tuareg-Stämme unternehmen.
gress verbreitet, die dauerhaft im Süden leben und in ihrer Lebensweise • Aus dieser Position heraus erklärt sich auch die historische Dominanz
nachhaltig von den polygamen, streng muslimischen Hausa beeinflusst der männlichen Angehörigen der imajeghen im politischen Leben. Auf-
wurden. grund ihrer Mobilität waren sie die Gestalter der Beziehungen zwischen
den Stämmen und Föderationen. Heute gilt dies, übertragen auf die ver-
„Enaden“ änderten Verhältnisse, für männliche Nomaden im Vergleich zu den Hir-
Völlig anders zeigt sich die Familienstruktur bei den Schmieden: Einer- tinnen immer noch.
seits weil die Schmiede außerhalb der herrschenden Werte stehen, ande-
rerseits weil sie aufgrund ihrer Tätigkeit als Handwerker gezwungen sind, Gerade weil die Männer infolge ihrer hohen Mobilität leichter mit der
sich im Umfeld ihrer Kundschaft anzusiedeln. Daher leben sie fast immer Welt außerhalb der Zeltgemeinschaft (aghiwan) in Kontakt treten, fällt
in Dörfern oder Städten, wo in größeren, ebenerdigen Hausanlagen ihnen die Rolle der Repräsentanz der Tuareg-Kultur gegenüber der „Au-
Großfamilien wohnen, denen sowohl Eltern und Kinder als auch Großel- ßenwelt“ zu: Ein verschleierter Reiter auf dem Kamel gilt als Inbegriff der
tern und Geschwister angehören können. Hier funktioniert die Familie als harmonischen Tuareg-Welt, als Symbol der Harmonie zwischen der kal-
ein arbeitsteiliges Unternehmen, in dem die Männer für Materialbeschaf- ten Geisterwelt und der heißen göttlichen Welt. Im Auftreten des Mannes
fung, Metallbearbeitung und für den Verkauf zuständig sind, während die mit seinem tagelmust kommen die zentralen Werte der Tuareg-Gesell-
136 137
130-169 Familie und Geschlechter KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:36 Seite 138
schaft, asshak (Würde) und tekarakit (Scham), zum Ausdruck. Noch heute muslimische Frauen als unterdrückte, persönlichkeitslose Wesen bemitlei-
ist es für die gesamte Dorfbevölkerung ein erhebender Augenblick, wenn det werden. Im Vergleich zu diesem verzerrten Bild wirken „unverschlei-
die Hirten in ihren indigofarbenen Festtagsgewändern ihre Reitkünste auf erte“ Tuareg-Frauen neben den verhüllten Männern wie „Herrinnen“.
den Kamelen unter Beweis stellen. De facto treffen aber wenige dieser außerordentlichen Zuschreibungen
An all dies knüpfen auch die Erwartungen der Frauen an einen „richti- tatsächlich zu. Beispielsweise tragen Tuareg-Frauen sehr wohl ein Kopf-
gen“ Mann an. Ein Mann hat mutig, ehrenhaft und kontrolliert in seinem tuch, nur verhüllen sie nicht ihr Gesicht wie die Männer. Es trifft aber zu,
Auftreten zu sein. Er darf sich niemals gehen lassen und hat für die Be- dass sie eine wichtige, ausgleichende Rolle innerhalb der Tuareg-Gesell-
wahrung und Mehrung seines Ansehens Sorge zu tragen. Darum sind Tua- schaft spielen: Sie prägen die Gruppe von innen her und halten sie zu-
reg-Männer viel risikofreudiger als Tuareg-Frauen. Es sind die Männer, die sammen.
sich der fremden Welt aussetzen, indem sie nach Libyen oder Algerien auf Auch bezüglich der Freiheiten gibt es Unterschiede: In den Lagern der
Arbeitssuche gehen oder gar als Schmuggler, Räuber und Rebellen aktiv ineslemen dürfen die Frauen kaum ihr Zelt verlassen und Kontakte mit
werden, während die Frauen als Hüterin des Zeltes auf nachhaltige Si- Männern dürfen sie nur mit ihren engsten Verwandten pflegen oder mit
cherheit bedacht sind. Es sind Tuareg-Männer, deren Heldentaten in den den als „geschlechtslos“ geltenden Schmieden (enaden). Begeben sie sich
Gedichten und Liedern besungen werden. Und schließlich sind es Tuareg- in die Öffentlichkeit, müssen sie sich genauso verschleiern, wie es im ara-
Männer, die die Initiative bei der Werbung um eine Frau ergreifen müssen, bischen Raum üblich ist.
indem sie ihre Favoritin nachts mit dem Kamel besuchen oder ihr beim
ahal, dem rituellen „Minnehof“, Liebeslieder vortragen. Ein poetisches „Herrin der Zelte“
Spiel, an dem aber auch die Frauen aktiv als Dichterinnen teilzunehmen Frauen sind untrennbar mit ihrem Zelt, ehan, verbunden, das in ihrem al-
pflegen. (Vgl. das Kap. „Familie“.) Ganz allein aktiv sind Männer hingegen leinigen Besitz steht. Das „Mutterzelt“ gilt als der Mittelpunkt der Tuareg-
beim Tanz. Wenn die Schmiede und die Frauen die tende (Trommel) Welt und wird darum auch ehan n’ihanen genannt: „Zelt der Zelte“. Hier
schlagen und singen, tanzen die jungen Männer und stampfen in den lebt die Kernfamilie, die Mutter mit ihrem – gelegentlich anwesenden –
Staub, um den Frauen mit ihrer Kraft zu imponieren. Mann und den unverheirateten Kindern. Außerhalb des Mutterzeltes be-
In gewisser Hinsicht entspricht die Rolle des Tuareg-Mannes dem Inbe- ginnt essuf, die Wildnis. Im Zelt und in dessen unmittelbarem Umkreis be-
griff eines Helden. Doch ein solches Heldenleben ist mehr als nur findet sich alles, was die Kernfamilie zum Leben benötigt: der Hausrat,
beschwerlich. In der Gegenwart, da das hohe Bevölkerungswachstum zu Nahrungsmittelvorräte, Wassersäcke, die eigene Ziegenherde und ein Esel
einem engeren Zusammenleben zwingt, ist die Fähigkeit zur Kooperation als Transporttier. Diese wirtschaftliche Unabhängigkeit verschafft der
und zu Kompromissen weit wichtiger als rezzus und Imponiergehabe. So Nomadin innerhalb der Gesellschaft eine angesehene Position.
ist es kaum verwunderlich, dass immer weniger junge Tuareg dem Ideal- Zur „Herrin“ eines eigenen Zeltes wird eine Frau mit der Heirat, dem
bild des Nomaden auf seinem Kamel entsprechen können und wollen. Sie wichtigsten Ereignis in ihrem Leben. Damit beginnt für sie ein autonomes
müssen lernen, sich den neuen Herausforderungen zu stellen und dabei Leben unabhängig von ihren Eltern. Nun ist es ihr erlaubt, ihre Persönlich-
ein neues Selbstbewusstsein entwickeln. keit auszuformen und in die Gesellschaft einzubringen. Das Selbstver-
ständnis der Tuareg-Frau wird ganz wesentlich durch ihre Arbeit geprägt.
Die Rolle der Frauen Sie ist zuständig für die Ziegenzucht, muss die Ziegen melken und aus
der nicht verbrauchten Milch Butter und Käse herstellen. Sie muss Wasser
Um die Tuareg-Frauen ranken sich zahlreiche Klischees und Mythen. In vom Brunnen holen, Holz als Brennstoff besorgen, täglich mindestens
der Literatur wurden den Frauen neben herausragender Schönheit zu- zweimal Hirse stampfen, für die Familie kochen und diverse Handarbeiten
meist besondere gesellschaftliche Privilegien, eine hohe Bildung und erledigen. Nicht zu vergessen die Kindererziehungsarbeit. Sind die Wei-
viele Freiheiten zugeschrieben. Von populären Romanschriftstellern, z. B. degründe für die Ziegen im Umfeld bereits stark abgefressen, müssen die
von der Schweizer Bestsellerautorin Federica de Cresco, wurden Tuareg- Frauen ihre Zelte selbst abbauen und mit der Familie und dem gesamten
Frauen sogar als „einstige Königinnen der Wüste“ gepriesen. Verstehen Hausrat weiterziehen. So betrachtet arbeiten die Frauen zumeist viel mehr
lässt sich dies, wenn man sich der westlichen Sicht bewusst wird, wonach als die Männer.
138 139
130-169 Familie und Geschlechter KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:36 Seite 140
040tr Foto: hf
„Sozialer Kitt“
Die Rolle der Frau in der Öffentlichkeit ist weniger von repräsentativer
Bedeutung, dafür aber in sozialer und organisatorischer Hinsicht hoch ge-
schätzt. Frauen sind für die Abwicklung der Hochzeiten zuständig, sie ar-
rangieren und gestalten gemeinsam mit den Schmieden die tende, jene
Tanzfeste, bei denen sie selbst die Trommel (ebenfalls tende genannt)
schlagen und singen. Besonders in der Kunst ist ihr Ruf hervorragend. So
liegt das Spiel der imzad (einer Art Geige) allein in den Händen der Frau-
en, es gibt Meisterinnen, die über die Grenzen hinweg Berühmtheit er-
langten. (Siehe dazu das Kap. „Tuareg-Musik“.)
Auch in der Dichtkunst dominieren die Frauen, sei es beim Erzählen
von Märchen am Abendlager oder beim Gesang von Hirtenliedern. So
gibt es in den Dörfern in der Regel weibliche Singgruppen, während Män-
nerbands erst seit der Rebellion in Erscheinung treten. Eine besondere
Rolle spielen die Poetinnen beim ahal, dem freundschaftlichen Treffen
zwischen Jungen und Mädchen, wobei in einer Art Wettkampf poetische
Lieder (tesawit) vorgetragen werden, die die Angehörigen des jeweils an-
deren Geschlechts beeindrucken sollen. Bei diesen Wettbewerben ent-
scheidet das Urteil der jungen Frauen über Erfolg oder Niederlage, über
Ansehen oder Scham der jungen Männer.
Manche Frauen erlangen aufgrund ihrer fachlichen Kenntnisse als „Kräu-
terhexen“ hohes Ansehen. Als Hebammen, „Psychotherapeutinnen“ und
„Apothekerinnen“ waren sie in der traditionellen Tuareg-Gesellschaft un-
entbehrlich. Diese Funktion verlieren sie allmählich durch die Verbreitung
der modernen Medizin.
Ein weiterer Mythos, der relativiert werden muss, betrifft die großartige
Bildung und die Lese- und Schreibkenntnisse der Tuareg-Frauen. Dies
mochte bis zu einem gewissen Grad im Zusammenhang mit dem ahal zu-
treffen. In der heutigen Zeit werden eher nur die Söhne – und selbst diese
nur zögerlich – in die Schule geschickt, während die Mädchen zur Haus-
arbeit oder zum Ziegenhüten angehalten werden. (Siehe dazu das Kap.
Übrigens gibt es keine gesicherten historischen Quellen, die von Tua- „Der Lebenszyklus“.)
reg-Frauen als Herrscherinnen berichten. Der Chef in der Sippe ist
immer ein Mann. Zutreffend ist jedoch, dass Frauen in vielen Tuareg- Sexuelle Unabhängigkeit?
Gesellschaften an Gesprächen und Diskussionen der Männer teilnehmen. Leider ebenfalls überzogen ist das Klischeebild von der sexuell eman-
Ihre Urteile werden geschätzt, doch die Entscheidungen werden von den zipierten Tuareg-Frau. Vor der Ehe leben die Mädchen in der Obhut ih-
Männern getroffen. rer Eltern oder draußen im „Busch“ und sind nicht mobil. Sie können da-
rum nur einen nächtlichen Besucher zurückweisen oder akzeptieren,
nicht aber von sich aus auf „Eroberung“ gehen. Die einzige Möglichkeit,
selbst aktiv zu werden, besteht für die Frauen und Mädchen im Rahmen
### Autor: Bitte BU ergänzen des ahal.
140 141
130-169 Familie und Geschlechter KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:36 Seite 142
Mögen erwachsene und unverheiratete Tuareg-Frauen auch sexuell re- Tier aus der Herde der Frau anzurühren, ohne dafür ihr Einverständnis
lativ unabhängig sein, so wird die Wahl des Ehepartners zumindest bei eingeholt zu haben.
der ersten Ehe von den Eltern kontrolliert. Neben diesem individuellen Besitz der Frau gibt es auch Gemein-
Schließlich hat Sexualität bei den Tuareg generell mit Scham (tekarakit) schaftsgüter, wie Dattelpalmen, die nur in weiblicher Linie vererbt wer-
zu tun, weshalb wildes, ausgelassenes Liebesspiel als Ausdruck teuflischer den (abatol). Diese Güter gelten als Grundsubstanz für den Weiterbe-
Besessenheit gilt. (Näheres dazu im Kap. „Ehe“.) stand der Gesellschaft, weshalb sie generell nie verkauft, wohl aber an
Töchter vererbt werden dürfen. Die Datteln als Nebenprodukt hingegen
Wirtschaftliche Unabhängigkeit dürfen konsumiert, verkauft oder an die Söhne, Männer und Brüder ver-
Von den Tuareg-Frauen sagt man, sie würden über ihre „Streitmilch“ teilt werden.
(akh n’akanas) verfügen. Das ist die Milch ihrer höchsteigenen Ziegenher-
de, durch die ihre persönliche Versorgung jederzeit gesichert ist. Sollte Wandel des Frauenbildes
es zu einem Konflikt mit dem Ehemann kommen, so sind die Frauen in ih- Die wirtschaftliche Unabhängigkeit der Tuareg-Frauen wird zunehmend
rer Entscheidung zu bleiben oder sich zu trennen, verhältnismäßig frei. untergraben. Die immer wiederkehrenden Dürren dünnen ihre Viehher-
Früher wurde bereits ab dem Namensgebungsfest eines Mädchens mit den aus, wodurch diese kein sicheres Überleben mehr gewährleisten.
dem Aufbau ihrer eigenen Ziegen-, Rinder- oder Kamelherde begonnen. Gleichzeitig wandern immer mehr Männer in die Städte oder als Hilfsar-
(Zum Namensgebungsfest siehe Kap. „Der Lebenszyklus“.) Mittlerweile beiter nach Algerien und Libyen ab. Dies gilt auch für arbeitslose Väter,
züchten die Tuareg wegen der zunehmenden Trockenheit keine Rinder die ihre Frauen und Kinder zurücklassen, um anderswo ihr Glück zu ver-
mehr und auch Kamele sind wegen der Dürre bedingten, wachsenden suchen und irgendwann mit ein wenig Geld zurückkommen zu können.
Armut der Nomaden immer seltener Teil des „Startkapitals“ für ein No- Damit werden junge Tuareg-Mütter doppelt belastet, weil sie allein für den
madenmädchen. Die Tiere stehen zwar im Eigentum des Mädchens, be- Lebensunterhalt ihrer Kinder und für deren Erziehung sorgen müssen.
treut werden sie aber (wenn es sich um Rinder und Kamele handelt) vom Denn die Durchsetzung ihrer berechtigten Unterhaltsansprüche gegen-
Vater oder vom Onkel, im Falle von Ziegen von der Mutter oder den Tan- über Arbeitslosen im Ausland ist praktisch unmöglich.
ten. Diese Herde soll sich quasi als „Heiratsversicherung“ bis zur Hoch- Außerdem gerät die Position der Frauen durch den wachsenden Ein-
zeit des Mädchens bestmöglich vermehren. Zur Hochzeit wird diese fluss eines radikaleren Islam in Bedrängnis. Die marabouts kritisieren die
Herde um die Mitgift (taggalt) bisherige Ordnung als „unislamisch“. Sie fordern die Durchsetzung eines
vergrößert. konservativen islamischen Erbrechts, wonach Söhne im Vergleich zu
041tr Foto: hf
Die Eltern statten die Braut mit Töchtern das doppelte Erbe (takashit) erhalten, und befürworten die Ab-
Zelt, Mobiliar, Haushaltsutensi- schaffung nomadischer Erbrechttraditionen, etwa des nur an Frauen ver-
lien und genügend Milchziegen erbbaren abatol (siehe oben). Auch die Polygamie gewinnt an Bedeutung.
aus, um der Familie des Mannes Ihrer wirtschaftlichen Basis beraubt und ohne Zukunftsperspektive
gegenüber unabhängig zu blei- flüchten irgendwann auch die Frauen mit ihren Kindern in die Städte. Hier
ben. Die Ehefrau kann die Tiere versuchen Entwicklungsprogramme die Lage der Not leidenden Frauen zu
jederzeit verkaufen und auch verbessern, indem eine gemeinschaftliche Bewirtschaftung von Oasen-
im Falle einer Trennung bleibt gärten organisiert wird. Durch die Bereitstellung von Kleinkrediten wird
die Herde bei ihr. Nach der den Frauen ermöglicht, Gemüsehandel zu treiben und Fortbildungskurse
Scheidung ist der Mann für den zu besuchen. Einen Weg zurück in die traditionellen Verhältnisse gibt es
Unterhalt der Frau und der ge- meist nicht mehr, sondern nur die Anpassung an moderne Herausforde-
meinsamen Kinder verantwort- rungen durch Weiterbildung.
lich, während die Güter der Frau
unangetastet bleiben. Es galt als
ausgesprochene Schande, ein ### Autor: Bitte BU ergänzen
142 143
130-169 Familie und Geschlechter KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:36 Seite 144
Mittlerweile fördert der Niedergang der Karawanenwirtschaft eine Im Zelt angekommen, schleicht der Verehrer zum Mädchen und weckt
zunehmende Benachteiligung der Frauen, wie beispielsweise bei den sie durch zärtliches Streicheln am Ohr. Indem das Mädchen sich schla-
kel ewey. Weil immer mehr Männer als Gartenbauern im Dorf bleiben, fend stellt, weist es ihren Kavalier zurück, ohne dass er dabei sein Gesicht
verlieren die Institutionen der Matrilokalität und der Matrilinearität zu- verliert. Ist er jedoch willkommen, so wird sie mit ihm einen zärtlichen Flirt
nehmend ihre Funktion. So werden die Frauen immer mehr zum (edawanne) beginnen. Flüsternd werden Neckereien und verbale Wett-
„Heimchen am Herd“, die ihre Familie bekochen, die Kinder und den kämpfe ausgetragen, wobei es darum geht, wer das letzte Wort behält. Es
Haushalt betreuen und daneben möglichst noch ein zusätzliches Ein- geht aber auch um die Frage, ob man sich als offiziell liiert verstehen will.
kommen durch Handarbeit erwirtschaften. Da bleibt für sie nur wenig Dann nämlich darf der junge Mann seinem Schatz (tashlut) kleine Gegen-
Raum, um sich fortzubilden und die eigene Position in der Gesellschaft stände: einen Talisman (shirot), einen Ring (tizabit) oder eine Kette (taka-
zu stärken. za) als Zeichen seines Triumphes leihweise entwenden und in der Öffent-
lichkeit tragen.
Verfügt ein Mädchen über viel Charme (tagomas), dann wird sie auch
Ehe viele Besucher haben, die um ihre Gunst konkurrieren und in einen ver-
balen Wettstreit um die schönsten und geistreichsten Verse treten.
Die Tuareg leben in monogamen Eheverhältnissen, doch genießen Män-
ner wie Frauen vor der Ehe eine gewisse sexuelle Freiheit. Auf Jungfräu- Sexualität
lichkeit, für die es im Tamaschek keinen Begriff gibt, wird keinerlei Wert Mit wachsender Zuneigung erwacht auch die Leidenschaft. Die Treffen
gelegt. Scheidungen sind an der Tagesordnung und auch hier gilt: Die werden zunehmend intimer. Vorehelicher Verkehr ist mittlerweile unter
Frauen haben das gleiche Recht, die Scheidung zu verlangen, wie die den Tuareg sehr verbreitet, da die jungen Männer heute zudringlicher sind
Männer – und sie nutzen es auch. als früher. Übliche Liebestechniken sind das sogenannte gir taghmiwen
(„zwischen den Schenkeln“) und der Coitus interruptus. Grundsätzlich ist
Verhältnis zwischen Mann und Frau alles erlaubt, was gefällt, solange das Mädchen nicht schwanger wird. Ein
uneheliches Kind gilt als Bastard (anube) und Unglücksbringer. Eine Frau
Vorehelicher Kontakt mit einem anube findet nur unter großen Schwierigkeiten einen Ehegat-
Der Umgang von Männern und Frauen miteinander ist – wie das ge- ten. Hier kann einer der seltenen Fälle eintreten, dass eine Frau unter ih-
samte Leben der Tuareg – vom jeweiligen Alter und von der sozialen Stel- rem Stand heiratet.
lung abhängig. Laufen Kleinkinder beiderlei Geschlechts noch fröhlich Beim tanbar muss der junge Mann darauf achten, rechtzeitig vor dem
nackt miteinander umher, so wird ab dem Kindesalter eine konsequente Morgengrauen aufzubrechen, um nicht von den Frauen des Lagers er-
Geschlechtertrennung vollzogen. Die Mädchen hüten im Lager der Mut- tappt zu werden. Das würde unweigerlich zu hämischen Hänseleien füh-
ter die Ziegen und die Knaben sind beim Vater, um die Kamelzucht zu er- ren. Um nicht in allen Lagern lächerlich gemacht zu werden, müsste er
lernen. Wenn mit dem Eintritt der Geschlechtsreife beide Seiten Interesse sich das Stillschweigen der Frauen mit einer Ziege erkaufen. Diskretion ist
füreinander gewinnen, pflegen junge Männer ihren Herzensdamen somit die wichtigste Regel für außereheliche Treffen, auch bei Erwach-
nächtliche Besuche (tanbar) abzustatten. senen, ob sie nun auf Freiers Füßen, verwitwet, geschieden oder auf der
Allerdings sind bei einem nächtlichen Einschleichen ins elterliche Zelt Suche nach einem Seitensprung sind. Diskretion ist alles. Wird hingegen
der Hirtin einige Anstandsregeln zu beachten. Der junge Mann muss sich ein ehebrecherisches Paar in flagranti erwischt, dann darf der Betrogene
unbemerkt bewegen, sodass das Vieh nicht unruhig wird. Und er darf nur es dem allgemeinen Spott preisgeben und das Paar wird aus dem Lager
von der östlich gelegenen Kopfseite her ins Zelt schlüpfen, damit die verstoßen.
Eltern den Schein des Heimlichen wahren und sich schlafend stellen kön- Als schädlich gelten nur solche Affären, die dem Ehepartner oder der
nen. Würde er hingegen den in Richtung der Füße gelegenen Eingang ver- Öffentlichkeit bekannt werden und somit dem Ansehen schaden. Dieser
wenden, so müsste dies als gewaltsame Entführung interpretiert und von pragmatische Zugang erlaubt einen viel weit gefassteren Treuebegriff, als
den Eltern lauthals verhindert werden. wir ihn üblicherweise verwenden. Als verbindende Teile zwischen zwei
144 145
130-169 Familie und Geschlechter KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:36 Seite 146
Menschen dienen immer die rigide Einforderung des gegenseitigen Res- Wie für alle Elemente des Lebens bei den Tuareg gibt es auch für Liebe
pekts und die Verantwortung für die gemeinsame wirtschaftliche Basis. In und Leidenschaft eine institutionalisierte Struktur, in der die Liebenden
der Praxis führt dies bei den monogamen Tuareg zu einem recht intensi- in aller Öffentlichkeit Zärtlichkeiten austauschen dürfen. Beim sogenann-
ven außerehelichen Verkehr, der zu einer hohen Scheidungs- und Wie- ten ahal, einer Art „Minnehof“, dürfen die jungen Männer offiziell mit den
derverheiratungsrate führt. Erklären lässt sich dies mit der hohen Mobilität jungen Mädchen zusammentreffen und um sie werben. Dabei dürfen ge-
der Tuareg: hier die Frauen im Ziegenlager, dort die Männer auf Karawa- wisse Zärtlichkeiten, etwa in Form des Nasenreibens, ausgetauscht wer-
ne. Das führt zwangsläufig zu einem geringen Maß an zwischenehelichen den. Damit alles in einem respektvollen Rahmen bleibt, findet ein ahal
Kontakten und der Versuchung, sich anderweitig zu betätigen, vorausge- stets unter Aufsicht einer älteren Frau statt, gleichsam der „Anstandsda-
setzt der Schein des Anstands bleibt gewahrt. me“. Im Mittelpunkt steht jedoch der poetische Wettkampf der Männer.
Junge, unverheiratete Tuareg (Männer wie Frauen), aber auch Ge- Durch den Vortrag gedichteter Lieder und Verse gilt es, das Herz der An-
schiedene gelten als asri, als „außerhalb der Sitten stehend“. Für sie ist es gebeteten zu erobern und unter den Anwesenden Ansehen zu erlangen.
moralisch unbedenklich, ihr eigenes Sexualleben nach Gutdünken auszu- Dazu wird die Schönheit der Geliebten besungen, sie mit den hübsches-
leben, solange sie es diskret tun. Das bedeutet jedoch nicht, dass jede ten Kamelen verglichen und zugleich der eigene Mut und die erbrachten
Situation ausgenutzt werden muss. Von solchen „Sexsüchtigen“ wird ge- Heldentaten in vergangenen Kämpfen gepriesen. Das ahal erfordert eini-
sagt, sie hätten zu viel iblis (Teufel) im Leib. Außerdem hat Sex – trotz aller ge Courage, denn der werbende Mann kann sich auch furchtbar blamie-
Freiheit – stets auch mit Scham (tekarakit) zu tun, weshalb vorehelicher ren, wenn seine Gedichte nicht gut ankommen oder er einfach zu
Verkehr zwar erlaubt, aber letztlich nicht die Regel ist. schlecht singt. (Siehe auch Kap. „Sprache und Literatur“.)
Dieser hohe Grad jugendlicher Selbstbestimmung endet mit der Wahl
eines Ehepartners, denn dabei geht es um eine Entscheidung mit Auswir- Von der Eheanbahnung bis zur Scheidung
kungen für den gesamten Familienclan.
Arrangierte Ehen
Liebe und „ahal“ Ekres ehan bedeutet „ein Zelt knüpfen“ und ist der Ausdruck für Heira-
In der Tuareg-Kultur herrscht ein sehr gefühlsbetontes Liebeskonzept ten oder eine Ehe führen. Damit kommt die Bedeutung der Eheschließung
vor. Leidenschaft und Sehnsucht spielen eine wesentliche Rolle bei der zum Ausdruck: Gründung eines neuen Hausstandes und eines Zeltlagers.
Wahl des Sexualpartners. Idealerweise fallen in einer Liebesbeziehung Die Heiratsplanung der Töchter und Söhne ist zumeist Sache der Eltern,
zärtliche Gefühle und sexuelle Befriedigung zusammen. Tuareg-Paare denn mit der „richtigen“ Verbindung stehen auch wichtige gesellschaftli-
können auch in „Liebe auf den ersten Blick“ entbrennen – und durch- che, wirtschaftliche und politische Interessen auf dem Spiel.
brennen. Diese romantische Vorstellung findet ihren Niederschlag in der Das Heiratsalter liegt bei den Frauen traditionell um die 25 Jahre und bei
Tuareg-Poesie. Sie ist aber auch ein weiterer Grund für die Brüchigkeit den Männern um die 30 Jahre. Den ersten Bräutigam bzw. die erste Braut
der Ehen. wählen üblicherweise die Brauteltern aus. Dabei achten sie darauf, dass bei-
Aufgrund ihrer wirtschaftlichen Unabhängigkeit kann es sich die tradi- de Ehepartner derselben sozialen Klasse angehören. Darum ist es
tionelle Tuareg-Frau leisten, ihre Gefühle auszuleben und ihren Ehemann, äußert selten, dass imajeghen, imghad oder ineslemen außerhalb der eige-
der ihr unsympathisch geworden ist, „vors Zelt“ zu setzen, um sich einen nen Gesellschaftsschicht heiraten. Bevorzugt sind auch eheliche Verbin-
jüngeren, hübscheren und zärtlicheren Verehrer zu suchen. Dabei ist eine dungen im eigenen Lagerverband (tawshit). Wie bereits erwähnt gelten
Hirtin gegenüber ihrem Mann im Vorteil, denn im Fall der Scheidung blei- Kreuzcousins (abobaz) und Kreuzcousinen (tubobaz) als ideale Ehepartner.
ben Zelt, Hausrat und ihre Herden in ihrem Besitz, während der Mann nur Auf diese Weise soll garantiert werden, dass die Mitgift in der Familie bleibt,
seine Herden und seine Kleidung behält und zurück ins Zelt seiner Eltern dass die Braut von den Schwiegereltern wohlwollend behandelt wird und
gehen muss. Liebe und Leidenschaft sind bei den Tuareg grundsätzlich an dass die Brautleute einander bereits kennen. Und im Fall einer Scheidung
kein Alter gebunden. In gewisser Weise lässt sich der Wert eines Ehever- sind die Kinder aus dieser Ehe in den guten Händen der Großfamilie.
trags zwischen Tuareg-Nomaden mit dem des europäischen Trauscheins Diese Macht der Brauteltern ist nicht unbeschränkt. Die Tochter kann
vergleichen: nur ein Stück Papier … sich gegen eine arrangierte Hochzeit zur Wehr setzen, denn letztlich ha-
146 147
130-169 Familie und Geschlechter KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:36 Seite 148
042tr Foto: hf
ben die Eltern kein Druckmittel. Unter Tuareg gilt die Ausübung von kör-
perlicher Züchtigung und anderen Formen der Durchsetzung elterlicher
Autorität als verpönt und einer schwachen Frau Gewalt anzutun, würde
größte Schande über einen Mann bringen. Nicht umsonst sagen die Tua-
reg „Jeder Mensch ist verschieden und jeder hat seinen eigenen Willen.“
Auch ein junger Mann kann sich verlieben, bevor seine Eltern die „Rich-
tige“ für ihn ausgewählt haben. In diesem Fall wird er einen „Botschafter“
zu seinen Eltern schicken, um sie von seiner guten Wahl zu überzeugen.
Es wäre äußerst ungeschickt, würde er selbst mit seinen Eltern reden, weil
ihm die Tradition verbietet, den Eltern zu widersprechen. Würden sie sich
seinem Wunsch widersetzen, so würde er in aller Öffentlichkeit einen
schweren Gesichtsverlust erleiden. Darum sind für derart heikle „Missio-
nen“ am besten Schmiede geeignet, die ja außerhalb der Verhaltensregeln
der Scham (tekarakit) stehen und sich darum „alles erlauben“ dürfen. Sind
die Eltern mit dem erwählten Mädchen einverstanden, nehmen sie über
einen Vermittler Kontakt mit ihren Eltern auf. Stimmen die Brauteltern und
die Auserwählte zu, dann folgt die Verhandlung über die Mitgift (taggalt).
Ergreifen die Eltern des Mädchens die Initiative, so läuft ihre „diplomati-
sche Mission“ der Kontaktaufnahme analog ab.
Die Mitgift gilt – in Erweiterung ihrer von Kindheit an besessenen Her- gen: „Ich bin gekommen, um die Heirat von einem Mann und einer Frau
de - als Sozialversicherung der Braut. Sie soll deren wirtschaftliche Unab- zu bezeugen.“ Dann nennt ein Anwesender die Namen der Brautleute, z.
hängigkeit für den Fall sichern, dass dem Ehemann etwas zustößt – und sei B. „Aghali, Sohn des Hadda, und Mariema, Tochter des Alkabous“. Nun
dies auch eine andere Frau. Darum besteht die Mitgift in der Regel aus spricht der marabout Segensworte für die Eheschließung und rezitiert Ko-
mehreren Kamelen, deren Zahl von Region zu Region variiert. Bei den kel ranverse.
ahaggar in Südalgerien sind es um die sieben, bei den kel ferouan im Aïr Früher wurden als taggalt auch noch ein oder zwei Rinder mitgebracht,
(Nordostniger) zehn bis zwanzig. Ein Teil der Kamele kann auch durch um sie gemeinsam zu braten und zu verspeisen. Vor der Schlachtung ver-
Rinder oder Ziegen ersetzt werden, wobei 25 bis 30 Ziegen einem Kamel anstalteten die jungen Männer im Lager eine corrida, eine Art Stierkampf,
entsprechen. um ihren Mut zu beweisen und ihren Favoritinnen zu imponieren. Heute
gibt es wegen der Dürre nur noch sehr wenige Rinder bei den Tuareg,
Eheschließung weshalb für das Feiern des abgeschlossenen „Ehevertrags“ mit Schafen,
Die Ehe wird vor einem marabout im elterlichen Lager des Mädchens Tabak, Tee und Zucker Vorlieb genommen und auf die corrida verzichtet
geschlossen. Dazu bringt der Vater des Bräutigams oder ein Schmied die werden muss.
Tiere des taggalt, die von den Brauteltern untersucht und formell ange- Bis das eigentliche Hochzeitsfest gefeiert und nach dessen Abschluss
nommen werden – für minderwertige Tiere kann ein Austausch gefordert die Ehe vollzogen wird, können noch viele Monate vergehen. (Siehe das
werden. Nach dem endgültigen Einverständnis mit dem taggalt nimmt der Kap. „Hochzeitsfeiern in Stadt und Land“.) Erst muss der komplette Haus-
marabout vor den Zeugen der beiden Familien und ohne Beisein der rat für die junge Braut beschafft und ein Zelt gebaut werden. Sind diese
Brautleute die religiöse Trauungszeremonie vor. Dazu sagen die Trauzeu- Vorbereitungen abgeschlossen, zieht der Bräutigam ins Lager seiner
Schwiegereltern. Weil es unschicklich wäre, sich im Lager der Brauteltern
zu zeigen, verbirgt er sich bis auf Weiteres in dem neuerrichteten Zelt,
umringt von Freunden und Schmieden. Gemeinsam wird Tee getrunken,
Bursche beeindruckt Frauen durch Tanzen gesungen und geplaudert – bis nachts die Braut kommt. Ihr Vater hat sie
148 149
130-169 Familie und Geschlechter KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:36 Seite 150
dafür mit neuen Kleidern ausgestattet. Nun darf sie bis zum Morgen bei widersprechen niemals älteren Personen und essen nicht in deren Gegen-
ihrem Bräutigam bleiben, muss dann aber wieder zu ihren Eltern zurück- wart. Die jungen Ehemänner sind tief verschleiert und trinken ihren Tee,
kehren. Dieses Versteckspiel dauert etwa eine Woche. Dann kehrt der indem sie das Glas unter dem Schleier zum Mund führen.
Bräutigam ins Lager seiner Eltern zurück, während die Braut ihre neuen Dieser Verhaltenskodex schreibt für die Anwesenheit der Schwiegerel-
Gewänder den Schmieden schenkt, die für die Organisation des Festes tern noch strengere Regeln vor. Während der ersten Zeit nach der Hoch-
zuständig waren. Nun legt sie wiederum neue Kleider an, die sie diesmal zeit lebt das Paar üblicherweise bei den Eltern des Bräutigams. Dort wird
von ihrem Bräutigam bekommen hat. Dann erst darf die Braut mit ihrem die junge Frau mit Essen versorgt, isst aber niemals gemeinsam mit den
Bräutigam in ihr neues Zelt ziehen. Schwiegereltern, sondern abgesondert, schweigend und mit gesenktem
Die verschiedenen Zeremonien, etwa die Weitergabe der Brautklei- Kopf. Diese Situation ändert sich in der Regel mit der Geburt des ersten
dung an die Schmiede, sollen die sozialen Bande aufrechterhalten und Kindes, die zumeist bei der Familie der Braut stattfindet. Nun wird das Ver-
verstärken und so zur Sicherung des sozialen Friedens (tawshit) innerhalb hältnis zwischen der jungen Mutter und den Schwiegereltern, die als
des Lagerverbandes beitragen. Heute würde man das wohl „Netzwerk- Großeltern eine neue Rolle einnehmen, gelockert. Diese strengen Res-
pflege“ nennen. pektsregeln sollen familiäre Konflikte möglichst unterbinden und die ge-
sellschaftliche Ordnung dauerhaft aufrechterhalten. Denn würde man
Die Beziehung zwischen Eheleuten die Konflikte zwischen den Generationen ungezügelt austragen, so die
Sobald ein Paar verheiratet ist, ändert sich unweigerlich das Verhalten Befürchtung der Tuareg, dann würde die Familie derart geschwächt wer-
zueinander. Das asri ist vorbei, nun gelten die Regeln des tekarakit, des den, dass sie an den Herausforderungen des Hirtenlebens und der Wüste
Anstands. Dadurch wird der Umgang miteinander sehr formell und dis- zerbricht.
tanziert, besonders in der Öffentlichkeit. So ruft die Ehefrau ihren Ehepart-
ner niemals bei seinem Namen, sondern nennt ihn einfach nur alis, Mann. Scheidung und Witwenschaft
Wird ein Kind geboren, dem der Name Mohammed gegeben wird, dann Die Tuareg leben im Wesentlichen monogam. Dennoch (oder vielleicht
ruft sie ihren Mann nunmehr shish n Mohammed, Vater von Mohammed. sogar deswegen?) erweist sich die Institution Ehe als höchst brüchig.
Umgekehrt hingegen darf der Mann seine Frau auch weiterhin beim Na- Scheidungen (amezzi) und neuerliche Heiraten sind sehr häufig. Eine
men nennen. Einen wesentlichen Einfluss auf den Umgang der Eheleute Scheidung kann auf Initiative des Mannes erfolgen, der seine Braut ins La-
miteinander hat die Anwesenheit von Verwandten. ger ihrer Eltern zurückschickt, oder auf Initiative der Frau, wenn sie vom
Diese Zurückhaltung (tekarakit) gilt auch beim Sex, der zwischen den Charakter des Ehemannes oder auch von seiner ständigen Abwesenheit
Ehepartnern als schambehaftet gilt. Als Grund dafür wird behauptet, beim genug hat. Bei der Trennung verbleiben die Kinder meist beim Vater.
Sex zwischen Eheleuten habe iblis, der böse Geist, seine Hand im Spiel. Die Mutter betreut nur die Säuglinge weiter. Das Zelt, sämtlicher Hausrat
Diese Regel bezweckt, dass Eheleute auch in gemeinsamen, höchst inti- und alles in die Ehe Eingebrachte nimmt die Frau mit. Dadurch werden die
men Situationen ihre Würde voreinander bewahren und nicht in einem Männer und die verbliebenen Kinder manchmal obdachlos. In diesem Fall
wollüstigen Anfall ihr „Gesicht“ verlieren. Dennoch gilt Sex zwischen Ehe- leben die Kinder nach einer Scheidung beim Bruder des geschiedenen
leuten, dem offiziellen, moralischen Anspruch nach, als besser und schö- Mannes, bis dieser wieder heiratet und seine Kinder zu sich holen kann.
ner als zwischen Unverheirateten. Die heikelste Frage im Fall einer Scheidung dreht sich um das taggalt.
Kreuzcousinen und -cousins, die vor der Eheschließung eine „Scherzbe- Begehrt die Frau die Scheidung, dann hätte der Ehemann grundsätzlich
ziehung“ (tabubasa) gepflegt hatten, fällt es oft schwer, plötzlich in ein for- Anspruch auf Rückgabe der Mitgift. Unter imajeghen widerspräche dies
males Verhältnis zueinander zu treten und sich gegenseitig den von der jedoch dem guten Ton, weshalb man großzügig darüber hinwegsieht. Bei
Öffentlichkeit erwarteten Respekt zu erweisen. Üblicherweise blödeln sie manchen Sahel-Tuareg wie den ullimmidden käme die Rückgabe des tag-
in unbeobachteten Momenten auch als Jungverheiratete ungeniert weiter. galt einer Nichtigkeitserklärung der Ehe gleich, wodurch die Kinder aus
Sobald ältere Personen anwesend sind, verstummt das junge Paar. dieser Ehe den Status unehelicher Bastarde erhielten. Darum verbleibt
Mann und Frau beteiligen sich am Gespräch nur noch, wenn sie direkt an- das taggalt als sichtbares Zeichen einer gültig geschlossenen Ehe bei der
gesprochen werden, und dann nur, um eine kurze Antwort zu geben. Sie Exfrau.
150 151
130-169 Familie und Geschlechter KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:36 Seite 152
Die geschiedene Frau darf nun drei Monate lang keinerlei Männerbe- Nomade zur Flexibilität regelrecht gezwungen, um mit seiner Herde auf
suche empfangen, ausgenommen ihre engsten Verwandten und die Klimawechsel reagieren und den Gefahren der Wüste entgehen zu
Schmiede. Durch diese alladad genannte Frist erhält man im Fall einer können. Geht es jedoch auf der Ebene der Lebensgestaltung darum, zu
Schwangerschaft Gewissheit, um wessen Kind es sich handelt und wer entscheiden, ob jemand überhaupt Nomade sein will, so schrumpft der
künftig für dessen Unterhalt aufzukommen hat. (Darum gilt diese Frist Spielraum aufgrund seiner mangelnden anderweitigen Kompetenzen
nicht für Männer! Auch sind diese als Kamelnomaden viel mobiler und unweigerlich auf ein Minimum zusammen. Zwar durchläuft ein Hirte im
darum in ihrer Sexualität viel weniger kontrollierbar.) Außerdem könnte Laufe seines Lebens mehrere Berufe, lernt er doch die Fertigkeiten der
während dieser Zeit der Konflikt beigelegt und die Ehe „gekittet“ werden. Ziegen- und Kamelzucht, des Handels, gegebenenfalls auch des Garten-
Dieses Prinzip des „favor matrimonii“ (Schutz der Ehe) gilt auch in vielen baus und diverse handwerkliche Techniken, doch damit enden bereits
mitteleuropäischen Rechtssystemen. Nach Ablauf der „Schutzfrist“ darf die Möglichkeiten zur Wahl seines Lebensweges. (Siehe das Kapitel
die geschiedene Frau wieder Feste feiern, imzad spielen und singen oder „Wirtschaft im Wandel“.)
an einem ahal teilnehmen, um neue Heiratskandidaten zu finden. Im Folgenden wird daher der Verlauf eines idealtypischen Nomaden-
Für eine Witwe gilt im Prinzip das Gleiche, nur dass ihre Wartefrist vier lebens dargestellt. Zur besseren Orientierung wird zu Beginn die „logi-
Monate und zehn Tage dauert. Während dieser Zeit zieht sie sich voll- sche Karriere“ von Hirtinnen und Hirten am Beispiel der kel ewey im Aïr
kommen zurück. Als Zeichen ihrer Trauer trägt sie an Hand- und Fußge- skizziert.
lenken und am Hals einen weißen, geknoteten Faden und verzichtet auf
jeglichen Schmuck, was für eine Tuareg-Frau unter normalen Umständen Typischer Lebenslauf einer Hirtin
höchst ungewöhnlich ist. Gegenüber anderen verbirgt sie ihr Gesicht und
hüllt ihren Kopf in einen Schleier. Ist die Trauerzeit abgelaufen, darf sie Turaeg-Frauen haben nur wenig Spielraum bei der Gestaltung ihres Le-
sich wieder schmücken und am öffentlichen Leben teilnehmen. bens. Ab einem Alter von drei bis vier Jahren beginnen sie im Umfeld des
Ältere Witwen bleiben wegen der geringen Heiratschancen meist bei mütterlichen Lagers mit dem gelegentlichen Hüten der Zicklein. Drei Jah-
ihren Kindern, wo sie die Rolle der Großmutter übernehmen und ihre re später ziehen sie bereits mit den älteren Schwestern auf die entlegenen
Töchter und Schwiegertöchter bei der Hausarbeit unterstützen.
043tr Foto: hf
Der Lebenszyklus
In der Nomadenkultur ist die langfristige Balance zwischen Individuum,
Gesellschaft und Umwelt ein Überlebensprinzip. Entsprechend gering ist
der Spielraum der Menschen, ihr Leben selbstbestimmt zu gestalten. Zu
viel Individualismus im Dienste der persönlichen „Selbstverwirklichung“
würde rasch an den Begrenzungen scheitern, die ein Leben in der Wüste
mit sich bringt.
Auf den ersten Blick scheint es einen Widerspruch zu geben, zwischen
der sprichwörtlichen Freiheitsliebe der Tuareg und der rigiden Gebun-
denheit an die ihnen zugeordneten Rollen. Dieser Eindruck trügt, denn
tatsächlich handelt es sich hierbei nur um unterschiedliche Betrach-
tungsweisen. Im unmittelbaren, alltäglichen Leben ist der einzelne
Hirtin und Tochter mit Ziegenherde
152 153
130-169 Familie und Geschlechter KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:36 Seite 154
Weiden. Mit acht bis zehn Jahren haben die Mädchen ihre volle „Berufs- meist nur Berufe wie Viehhändler, Gärtner oder Hilfsarbeiter für Entwick-
reife“ erlangt und können nach einer kurzen Eingewöhnungszeit eigen- lungsprojekte zu.
ständig eine Ziegenherde betreuen. Nun leben sie bis zu ihrer „Erobe- Im optimalen Fall könnte ein Hirte mit 50 Jahren „in Rente gehen“,
rung“ als Braut allein bei den Ziegen. Geeignete Ehekandidaten finden wenn einer seiner erwachsenen Söhne die Karawane übernehmen kann.
sich in der Regel durch die Vermittlung der Eltern oder durch nächtliche Andernfalls muss ein Nomade bis zu seinem 70. Lebensjahr die Kamel-
Besuche von möglichen Interessenten. Die jungen Frauen heiraten im Al- herde hüten. Dann erst kann er in sein Dorf ziehen, wo er zumeist im Um-
ter von 18 bis 25 Jahren, doch gibt es auch viele, die ihrer Armut wegen feld der Moschee mit seinen Altersgenossen über alte Zeiten plaudernd,
unverheiratet bleiben. Auch nach der Hochzeit leben viele Hirtinnen aus das Geschehen diskutierend und Tee trinkend auf den Tod wartet.
wirtschaftlichen Gründen auf den Weiden im „Busch“. Damit eine Frau ins
Familienlager im Umkreis ihrer Verwandten zurückkehren kann, müssen Kindheit bei den Tuareg
die älteren Töchter mindestens acht bis zehn Jahre alt sein, um die Herde
selbstständig übernehmen zu können. Doch auch im Lager bleibt die Frau Geburt
weiterhin ohne ihren Mann, der die meiste Zeit bei den Kamelen oder auf Die schwangeren Tuareg-Frauen ziehen zur Geburt der ersten Kinder
Karawane verbringt. Angesichts dieses mageren Ehelebens ist der Unter- meist mit ihrem gesamten Hab und Gut ins Lager ihrer Mutter, wo sie
schied zwischen Verheirateten und Unverheirateten nicht sehr groß: Karg mit vertrauter und fachkundiger Betreuung rechnen können. In diesem
und arbeitsam ist das Leben in jedem Fall. Wer es sich leisten kann und Umfeld können die Gebärenden ohne Scham ihren Schmerz zulassen,
eine ausreichend große Ziegenherde sowie Verwandte für die Hirtenar- was sich beispielsweise im Zelt der Schwiegereltern nicht ziemen würde.
beit hat, zieht ins Dorf zu den Eltern oder den Schwestern, um im Haus- Der Ehemann muss währenddessen bei seiner Herde im Freien schlafen.
halt zu helfen, Matten zu flechten und mit den Nachbarn zu plaudern. Ei- Eine werdende Mutter geht bis zum Einsetzen der Wehen ihren übli-
nen gemeinsamen Lebensabend mit dem Ehemann im Lager der Kinder chen Tätigkeiten nach. Je mehr sie sich bewegt, so sagen die Tuareg, des-
oder im Dorf gibt es nur dann, wenn dieser arbeitsunfähig wird, bevor er to leichter und rascher wird das Baby bei seiner Geburt in die Welt schlüp-
stirbt. Wer verheiratete Töchter hat, wird irgendwann als Großmutter die fen. Dauern dann jedoch die Wehen an und lässt sich das Baby Zeit, neh-
Enkel hüten, solange diese noch zu klein sind für die Ziegenweide und so- men zwei alte Frauen die Gebärende zwischen sich und laufen mit ihr he-
mit für den Neubeginn dieses Lebenszyklus ... rum. Im entscheidenden Moment kniet die Gebärende nieder und hält
sich mit beiden Händen oben an der zentralen Zeltstange fest, während
Typischer Lebenslauf eines Hirten ihre Helferinnen das Kind in Empfang nehmen. Die Nabelschnur wird ab-
getrennt, das Baby in heißem Wasser gewaschen und dann der Mutter
Im Gegensatz zu den Frauen ist das Leben der Männer etwas abwechs- zum Stillen und Einschläfern übergeben. Nun wird der Vater benachrich-
lungsreicher. Die ersten Lebensjahre der Knaben verlaufen ähnlich wie tigt, der zur Feier des Tages einen vorbereiteten Hammel zur Stärkung der
die der Mädchen. Auch die Jungen lernen Ziegenhüten und übernehmen Mutter und zur Belohnung der Helferinnen schlachtet.
mit sieben bis acht Jahren eigenständig eine Herde. Doch ab dem Aufgrund ihrer extremen Umwelt- und Lebensbedingungen ist die Kin-
zehnten Jahr wächst zumeist der Widerstand gegen das Ziegenhüten. dersterblichkeit bei den Tuareg besonders hoch, daher müssen sie beson-
Dann werden sie vom Vater auf die Karawane in den Süden mitgenom- dere Umsicht walten lassen, damit dem kleinen Geschöpf in dieser feind-
men, wo sie sich an die Männergesellschaft gewöhnen und Hausa ler- seligen Welt nichts zustoßen kann. Das hat zur Ausprägung besonderer
nen. Binnen drei bis vier Jahren eignen sie sich die Techniken des Kamel- Schutzrituale für das Neugeborene und seine Mutter geführt. So wird
hütens an und können dann eine Herde selbstständig weiden. Sobald der die Plazenta an einem geheimen Ort vergraben, denn das Blut lockt die
Knabe geschickt und ausdauernd genug ist, kann er nunmehr alljährlich bösen Geister an. Auf diese Weise soll das Unheil von Mutter, Kind und
die Bilma-Karawane durch die Ténéré begleiten und dies fortführen, bis den Angehörigen des Zeltes ferngehalten werden. Deshalb handelt es
er mit etwa 30 Jahren heiratet. Anschließend versuchen viele Ehemänner, sich bei den Helferinnen auch um alte Frauen, denn sie gelten als immun
eine andere Tätigkeit aufzunehmen, um in der Nähe von Frau und Fami- gegen Geister. Dem Kind werden gleich nach der Geburt Talismane um-
lie leben zu können. Die beschränkten Qualifikationen lassen jedoch gehängt, denn von jetzt an bis zum siebten Lebenstag gilt es als „kalt“ und
154 155
130-169 Familie und Geschlechter KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:36 Seite 156
044tr Foto: hf
Namensgebung
Am achten Tag nach der Geburt findet das Namensgebungsfest statt.
Organisiert von einem Schmied, kommen dazu die Kindeseltern, die Ver-
wandten und eine alte, „geisterimmune“ Frau zusammen. Letztere trägt
nun das Kind (isam) dreimal um das Zelt der Mutter, damit die Geister ver-
jagt werden und für die Zeit des Namensgebungsrituals fern bleiben. Der
marabout schlägt eine Auswahl von Namen für das Kind vor: beispielswei-
se Mokhammed, Akhmed, Musa oder Sidi für Knaben und Fatima, Gheis-
hatu oder Mariama für Mädchen. Der marabout lässt über eine Art Orakel
den definitiven Namen des Kindes bestimmen. Dieser Name wird dann
dem Schmied anvertraut, der ihn lauthals verkündet.
Über diesen muslimischen Namen hinaus erfinden die Großmütter
auch gern einen bedeutungslosen Kosenamen wie Kili-kili, mit dem sie ih-
ren kleinen Liebling zärtlich rufen.
Um das Baby vor einem weiteren möglichen Angriff der Geister zu
schützen, werden ihm die Haare abgeschnitten und diese sogleich ver-
graben. Zuletzt werden seine Hände und Füße mit Henna verziert, was
die Geister vollends in die Flucht treiben soll. Im Anschluss an die Zere-
monie wird ein Hammel geschlachtet und es wird gefeiert.
Nach diesem Fest genießt die Mutter noch weitere 33 Tage „Mutter-
schutz“ (sodass der Ehemann insgesamt vierzig Tage lang Enthaltsamkeit
üben muss). Erst dann nimmt sie wieder ihre gewohnte Tätigkeit auf, mög-
lichst im Umfeld ihrer eigenen Familie, um bei der Versorgung des Babys
bestmöglich unterstützt zu werden.
somit der Geisterwelt angehörig. Damit die kel essuf (bösen Geister) den Die ersten Lebensjahre
Säugling nicht gegen ein Geisterwesen austauschen, wird das Zelt ausge- Für eine Hirtin ist es nicht einfach, ihr Baby zu versorgen. Damit sie ihr
räuchert und Zweige des „Zahnbürstenbaums“ (Salvadora persica) aufge- Baby mit sich führen kann, bindet sie es sich mit einem Tragetuch (goyo)
hängt. Die Mutter wiederum schützt sich, indem sie stets ein Messer aus auf den Rücken. Dieses Verfahren stammt von den Hausa und ist bei den
Eisen mit sich führt, um die Geister damit in die Flucht zu schlagen. Tuareg eigentlich verpönt. Doch behindert die traditionelle Technik, das
Eine Legende sagt, dass die Vorfahren der Tuareg ursprünglich Kinder Baby an der Vorderseite des Körpers zu tragen, bei manchen körperlichen
von Geistern gewesen seien, die nachts Nomadinnen vergewaltigt hatten. Arbeiten wie Hirsestampfen oder Wasserschöpfen. Diese „würdevolle“
Kinder waren somit eljen a gouou, Söhne der Geister. Wenn ein Kind Trageweise stammt noch aus einer Zeit, als die adligen Tuareg-Frauen
mehr als sieben Tage vor der Heirat der Eltern geboren wird, gehört es bis Sklaven als Gehilfen hatten. Kommt darum eine junge Mutter ins Dorf zu-
zur Hochzeit ebenfalls noch zur Geisterwelt. Früher neigten Mädchen in rück, legt sie das goyo wieder ab.
diesen Fällen dazu, abzutreiben oder ihr Neugeborenes zu töten. Die Kinder werden bis zum Alter von etwa drei Jahren gestillt. Sobald
Während der folgenden sechs Tage nach der Geburt bleibt die Mutter das Kind abgestillt ist, muss es im Lager beaufsichtigt werden. Steht keine
im Zelt liegen und erscheint erst am siebten Tag wieder in der Öffentlich-
keit, um sich in der Zwischenzeit ihrer Unreinheit wegen vor Geistern zu
schützen und andere nicht zu verunreinigen. Praktisch bedeutet dies eine
Phase der Erholung und des Schutzes vor Infektionen. ### Autor: Bitte BU ergänzen
156 157
130-169 Familie und Geschlechter KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:36 Seite 158
ältere Schwester zur Verfügung, dann kommt es für einige Jahre in die schneidung als großes Fest gefeiert, zu welchem die Großfamilie zusam-
Obhut der Großmutter. Bei ihr verbringt das Kleinkind ein recht freies, menkommt. Ein Hammel wird geschlachtet und gemeinsam verspeist. Im
beschauliches Leben. Wenn es im Krabbelalter beginnt, alles am Boden „Busch“ hingegen läuft dieses Ereignis eher unauffällig ab.
zu erforschen, ist es in besonderem Maße den kel essuf ausgesetzt Für Mädchen gibt es kein entsprechendes Ritual.
(in Form der am Boden lauernden Gefahren wie Dornen oder Skorpio-
ne). Eine Vielzahl von Amuletten soll das Kind vor solchen Gefahren Kindererziehung und Bildung
schützen.
Spielzeug ist bei den Tuareg-Kindern eher unüblich. Die Kleinen begin- Lernen auf der Weide
nen aber früh, Gegenstände ihrer Umwelt wie etwa Kamele aus Lehm zu Etwa ab dem Zeitpunkt der Beschneidung schlafen Knaben nur noch
formen. Beliebt sind auch Spiele mit Tieren, die gefangen und „unter- gelegentlich bei den Eltern. Meist richten sie sich eine Schlafstatt irgend-
sucht“ werden. Dabei kann es, wie bei allen Kindern dieser Welt, recht wo unter freiem Himmel auf einer Matte oder unter einem Baum gemein-
brutal zugehen. sam mit Freunden oder sie finden Unterschlupf bei den Großeltern oder
Erst wenn sie so selbstständig sind, dass sie sich nicht mehr in der Wild- anderen Verwandten. Dieses freie Vagabundenleben führen die Knaben
nis verlaufen, kehren die Kinder wieder ins garra, das einfache Hirtenlager bis sie heiraten. Außerhalb der Dörfer bringen sie sich die notwendigen
der Mutter zurück. (Siehe das Kap. „Wohnformen“.) Dann beginnt auch Dinge des Lebens durch Experimentieren selbst bei.
gleich die „Ausbildung“ in der Hirtenarbeit. Zurechtgewiesen oder gar heftig beschimpft werden Kinder selten,
Kleinkinder tragen in der Regel gar keine Kleidung, selbst in der kalten geschlagen praktisch nie. In dieser Erziehungsmethode kommt der Res-
Jahreszeit werden sie nur spärlich mit Hemden oder Tüchern bekleidet. pekt zum Ausdruck, den die Tuareg allen Angehörigen ihrer Gesellschaft
Mädchen tragen allerdings schon sehr früh kleine Schmuckstücke wie entgegenbringen. Indem sie dieses Verhalten kopieren, erlernen auch die
Halskettchen und Ohrringe. Erst wenn die ersten Schamgefühle auftreten, Kinder die Regeln des Respekts.
kleiden sich die Kinder komplett. Trotz aller Freiheit beginnt in dieser Zeit die Berufsausbildung, wenn
Sobald sie in der Lage sind, selbstständig Körperpflege zu betreiben, be- auch auf sehr spielerische Weise. Im Wesentlichen lernen die Kinder
ginnt die Haartracht eine große Rolle zu spielen. Meist tragen Mädchen durch Beobachtung und Imitation. Ihre Lehrmeister sind ihre älteren Ge-
wie Jungen das Haar sehr lang und zu kunstvollen Zöpfen geflochten. schwister oder andere Verwandte, die sich ihre Fähigkeiten auf gleiche
Im Alter von fünf bis sieben Jahren wird der Tuareg-Junge beschnitten. Weise angeeignet haben. Und weil nur der Praktiker ein Meister werden
Dazu wird ihm traditionellerweise von einem Schmied oder einem Koran- kann, erfüllen die Kinder schon bald einfache erste Aufgaben, etwa das
gelehrten die Vorhaut vom Penis entfernt. In den Siedlungen übernimmt abendliche Zusammentreiben der Zicklein.
diese Tätigkeit oft ein Apotheker oder eine andere medizinisch geschulte Während wir gewohnt sind, in der Schule Regeln und Verallgemeine-
Person. rungen zu lernen, so ist abstraktes Erklären von Zusammenhängen und
Dieses Ritual soll den Jungen von einem „unreinen“ Körperteil befreien, Funktionsweisen bei den Nomaden unüblich. Daher können die Men-
in dem iblis, der Teufel, wohnt. Von diesem Zeitpunkt an wird der Knabe schen mit eher theoretischen Fragen wenig anfangen. Erkundigte ich mich
als „rein“ bzw. als „warm“ betrachtet und erwirbt damit das Recht, die Ko- etwa bei einem jungen Nomaden, warum er sein Kamel auf eine be-
ranschule zu besuchen, die rituellen Waschungen vor dem Gebet durch- stimmte Weise melke, dann erhielt ich zur Antwort: „Das ist eben so.“
zuführen, wodurch er sich von der täglichen Unreinheit befreien kann, Werden die Jungen und Mädchen größer und kräftiger, so beginnen sie,
und er darf an den öffentlichen Gebeten teilnehmen. Die Beschneidung selbstständig und allein die Ziegen zu weiden und sie zu tränken. Eine der
kennzeichnet das Ende der unbeschwerten Kindheit. Nun beginnt die ak- großen Herausforderungen dabei ist der Umgang mit der Einsamkeit. Das
tive „Berufsausbildung“, im Übrigen aber gilt der Knabe weiterhin als erste Mal draußen im „Busch“, konfrontiert mit dem Geheul der Schakale
„Kind“. und dem Rauschen des Windes, erleben die Kinder stets als Schock. Die-
Weil die Operation für den Knaben mit Schmerzen verbunden ist, wird se prägende Begegnung mit der Welt der kel essuf (Geister) fließt in die
er an diesem Tag besonders gehegt und von Eltern und Verwandten mit Märchen ein, die bei abendlichem Besuch am gemeinsamen Lagerfeuer
Süßigkeiten beschenkt. In den stärker islamisierten Regionen wird die Be- erzählt werden. Was die Kinder in der Wildnis lernen müssen, ist die Ge-
158 159
130-169 Familie und Geschlechter KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:36 Seite 160
045tr Foto: hf
wöhnung (alummud) an das Alleinsein, an Durst und Hunger und an wei-
tere Entbehrungen. Im Grunde genommen geht es hierbei eher um Ab-
härtung und Disziplin, denn die Tuareg geben zu, dass der Durst keine
Gewöhnung kennt. Haben Knaben ihre Kindheit mit Gartenarbeit oder in
der Schule verbracht und beginnen sie erst mit 15 Jahren ihre Ausbildung
zum Hirten, dann bereitet ihnen das Leben in der Wildnis die allergrößte
Mühe. Oft kommt es vor, dass ein Junge es nicht aushält, die Flucht er-
greift, ins heimatliche Dorf zurückkehrt oder gleich in die große Stadt
flieht.
Bei den Mädchen verläuft die Erziehung auf der Weide ähnlich, nur
dass sie ab dem arbeitsfähigen Alter, mit sechs bis sieben Jahren, häufiger
als Knaben Tätigkeiten wie Holz sammeln oder Wasser holen erledigen.
Sehr bald schon helfen sie ihrer Mutter beim Mörsern der Hirse.
Geistige Erziehung
Die Unterscheidung zwischen praktischer und geistiger Erziehung ist für
Nomaden etwas problematisch, weil ja Werte auch durch praktische Vor-
bildwirkung vermittelt werden und Fähigkeiten wie das Musizieren auf
der imzad (Geige) oder der Flöte ebenfalls. Die Kinder wohnen dem Spiel
bei, schauen zu und beginnen selbst mit den Instrumenten zu experimen- Text laut und folgt dabei mit dem Finger der Schrift. Diese Praxis wird über
tieren. Auf diese Weise lernen sie. Mit dem Musizieren auf der imzad Stunden hinweg wiederholt, bis eine Sure „sitzt“. Ziel dieser Lernmethode
bekommen sie Unterricht im Dichten und Erfinden von Rätseln und Denk- ist das Auswendiglernen des Korans bei gleichzeitigem Einprägen des
spielen, Sprichwörtern und Versen. Dadurch wird der Verstand geschärft Schriftbildes.
und die Schlagfertigkeit entwickelt. Im Azawagh leben sehr viele ineslemen, weshalb es für die Nomaden
Diese Technik wird auch bei der Vermittlung der Tuareg-Schrift tifi- einfach ist, ihre Kinder ohne großen Aufwand in eine Koranschule zu schi-
nagh angewendet. (Näheres dazu im Kapitel „Sprache und Literatur“.) Die cken. In anderen Regionen wie im Aïr leben die Schriftgelehrten oft sehr
Erwachsenen zeichnen ein Schriftsymbol in den Sand, erklären die Be- weit abseits der Weidegebiete. Dann wird ein Kind für den Schulbesuch
deutung und lassen es kopieren. Dann wird der eigene Name und jener für einige Monate oder Jahre von der Ziegenweide „befreit“ und lebt in
der besten Freundin zur Einprägung geschrieben, dann die Namen ande- dieser Zeit bei Verwandten im Schuldorf. Hier zeigt sich, dass schon das
rer vertrauter Dinge aus dem Alltag. Auf diese Weise werden die Schreib- klassische Schulkonzept mit dem nomadischen Lebensstil im Widerspruch
fähigkeiten mehr und mehr erweitert. steht.
Eine Schule in unserem Sinne gab es auch schon vor der Kolonialzeit,
nämlich die Koranschule. Oft war das nur ein Platz bei einem marabout Moderner Schulunterricht
oder einem Schriftkundigen in der Nähe der Lager, wo den Knaben Ara- Das Verhältnis der Sahel-Tuareg gegenüber der Schule war viele Jahre
bisch vermittelt wurde. Erst in jüngerer Zeit werden auch Mädchen in Ko- von starker Ablehnung geprägt. Mit der Nomadenwirtschaft lässt sich ein
ranschulen geschickt. Der Lehrer schreibt üblicherweise eine Koransure Schulbesuch nur schwer vereinbaren, denn die Kinder werden dringend
auf die Holztafel des Schülers und liest sie vor. Der Schüler wiederholt den als Arbeitskräfte benötigt. In der Vergangenheit versuchten die Schulbe-
hörden, die allgemeine Schulpflicht mit Zwang durchzusetzen, worauf
viele Tuareg ihre eigenen Kinder versteckten und stattdessen die Spröss-
linge ihrer Sklaven in die Schulen schickten. Mädchen wurden generell für
### Autor: Bitte BU ergänzen### Autor: Bitte BU ergänzen die Hausarbeit oder die Ziegenhaltung zu Hause behalten.
160 161
130-169 Familie und Geschlechter KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:36 Seite 162
qualifizierte Menschen als Lehrer ausbilden. In der Not werden oft ar-
Fatimata, eine ganz normale Schülerin beitslose Schulabsolventen ohne besondere Ausbildung für den Lehrberuf
rekrutiert, die mit den Herausforderungen des Unterrichts völlig überfor-
Fatimata besuchte dieser Tage seit Langem wieder einmal ihr Heimat- dert sind.
dorf Timia in den Aïr-Bergen. Vor 18 Jahren hier geboren, verbrachte sie Der Unterricht selbst ist sehr stark an westlichen Bildungsidealen ori-
die zwölf Jahre ihrer Schulausbildung in Internaten in den Städten Aga- entiert, wenn auch die Inhalte zum Teil an die Gegebenheiten des afrika-
dez und Arlit. Nur während der Sommerferien konnte sie heimkommen. nischen Alltags angepasst sind. Die Kinder lernen Lesen, Schreiben und
Nun hat sie das Lycée mit Bravour abgeschlossen und möchte gern Medi- Mathematik sowie Naturkunde, regionale und nationale Geografie und
zin studieren. Dafür würde sie vom Staat ein monatliches Stipendium Geschichte, aber auch Methoden der Krankheitsvermeidung. Der fünf-
von 4000 FCFA (5 Euro) bekommen, was kaum für Verpflegung und die jährigen Grundschule folgt ein vierjähriges Kolleg, das etwa unserer Real-
allernötigste Kleidung reicht. Fatimata kann nur davon träumen, sich oder Mittelschule entspricht. Höhere Schulen befinden sich nur in größe-
etwas Hübsches zum Anziehen kaufen zu können. Sie hofft, später ent- ren Städten, wo das Internatsleben besonders teuer ist, daher können sich
weder Ärztin zu werden und mehr zu verdienen oder als Übersetzerin im nur wenige Nomaden eine Schulkarriere ihrer Kinder leisten. Gelegentlich
Tourismus zu arbeiten, um viel in der Welt herumzukommen und span- vergeben Hilfsorganisationen Stipendien an einzelne Schüler, um ihnen ei-
nende Dinge zu erleben. ne höhere Bildung zu ermöglichen. Nach bestandener Abschlussprüfung,
Seit ihrer Kindheit begegnete sie in ihrem Dorf Touristen. Dass ihr im
Jahr 1999 eine Engländerin Schminksachen geschenkt hatte, ist eine ih-
rer schönsten Erinnerungen. Initiativen für Tamaschek-Unterricht
Fatimata ist der Überzeugung, dass die Tuareg von den Europäern
sehr viel lernen können. Diese seien großzügig, brächten den Tuareg Ge- Die Unterrichtssprache Französisch stellt für Schüler aus dem Noma-
schenke und sie seien viel intelligenter als Fatimatas Leute, denn sie woll- denmilieu, aber auch für Kinder jener sesshaften Tuareg-Eltern, die ihre
ten die ganze Welt kennenlernen – sogar die Wüste. Fatimata war noch Kultur, Sprache und Identität erhalten wollen, eine große Barriere dar.
nie in der Wüste! Darum war es für viele Eltern und Lehrer in den Tuareg-Regionen seit
Langem ein Anliegen, Tamaschek als Unterrichtssprache einzuführen. Im
Jahr 2000 wurde in der Republik Niger die Schulpolitik dezentralisiert
In größeren Orten wurden erst zu Beginn der 1960er-Jahre Grundschu- und damit der Weg für einen regional angepassten Unterricht frei.
len errichtet. Seit den 1990er-Jahren – nach der Erfahrung von Dürrekata- Diese Chance nutzte der deutsche Schriftsteller Edgar Sommer, um ein
strophen, der Rebellion und der damit verbundenen, steigenden Sesshaf- innovatives, schulisches Hilfsprojekt zu starten: In Abstimmung mit den
tigkeit – wird Schulunterricht zunehmend mit der Hoffnung auf ein nigrischen Schulbehörden ließ er die französischen Schulbücher von Tua-
besseres Leben für die Kinder verknüpft. Und doch bedeutet die Schule reg-Lehrern ins Tamaschek übersetzen und lieferte sie im Rahmen seiner
auch, auf die Kinder als Arbeitskraft zu verzichten, sie für Jahre in die Ob- regelmäßigen Saharafahrten an bislang über 10.000 Schüler im Aïr aus.
hut entfernter Verwandter zu entlassen und erhebliche Geldmittel aufzu- Finanziert wurde diese Initiative von der Niedersächsischen Lottostif-
bringen. Viele Eltern können sich das nicht leisten. tung.
Gleichzeitig leidet auch das Schulsystem selbst an großer Finanznot. Seither wurden im Niger bereits neun weitere Tamaschek-Schulen ge-
Den Schulen mangelt es an Materialien jeder Art: Tische, Schreibgeräte, gründet (Details unter www.tuareg-info.de). Durch den Unterricht in der
Unterrichtsbücher oder Hirse für die Schulkantine. Darum liegt die Alpha- eigenen Muttersprache hat der Lernerfolg der Kinder beträchtlich zuge-
betisierungsquote auf dem Land lediglich bei 15–20 %. nommen. Gleichzeitig empfinden die Eltern die Schule nicht mehr als ei-
Ein weiteres Problem ist auch die schlechte Qualität des Unterrichts. ne Form der kulturellen Entfremdung ihrer Kinder – und es eröffnet sich
Wegen der permanenten Finanznöte der Sahelstaaten Mali und Niger die Möglichkeit, auch den Erwachsenen das Lesen und Schreiben beizu-
werden Lehrer für ihren harten Job am „Ende der Welt“ oft monatelang bringen.
nicht bezahlt. Angesichts solcher Aussichten lassen sich immer weniger
162
130-169 Familie und Geschlechter KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:36 Seite 164
046tr Foto: hf
schu), den das Mädchen nunmehr tragen darf. Ab diesem Zeitpunkt darf
die junge Frau offiziell an einem ahal teilnehmen, sich dort umflirten las-
sen, einen Freund haben und Heiratsanträge entgegennehmen. Wie be-
reits im Kapitel über die Ehe geschildert, lebt eine junge Hirtin bis zu ihrer
Verheiratung entweder im Zelt ihrer Eltern oder allein bei den Ziegen auf
der Weide.
Die Regelblutung bringt für eine Frau gewisse Einschränkungen mit sich.
Menstruation heißt iba n amud, was übersetzt „Gebetsenthaltung“ be-
deutet. So dürfen Frauen während ihrer Periode weder am Freitagsgebet
noch am Fasten des Ramadan teilnehmen. Der Grund dafür liegt in ihrem
vorübergehenden Zustand der „Unreinheit“, wodurch sie den Geistern
gleich werden. Weil sich Unreinheit auf alles Berührte überträgt, muss sich
die Frau von den Betenden fernhalten. Sie darf auch nicht über eine Waffe
hinwegsteigen, weil damit die Abwehrkraft des Eisens zerstört würde.
Damit sich die Geister, vom Blut angelockt, nicht am Haar der Frau fest-
klammern können, muss sie während der Menstruation stets ein Tuch
über ihrem Haar tragen.
Dies gilt auch für alle weiteren Situationen, in denen eine Frau dem An-
griff der Geister besonders stark ausgesetzt ist: während ihrer Hochzeit
die – nach französischem Vorbild – mit landesweit einheitlichen Prüfungs- und wenn sie schwanger ist.
aufgaben abgehalten werden, besteht die Möglichkeit, für weitere vier
Jahre das „Lycée“ zu besuchen. Es entspricht unserem Gymnasium und Vom Jungen zum Mann
ein Lycéeabschluss wird für die Aufnahme an der Universität vorausge- Zum Mann wird ein Junge in der Regel mit etwa 18 Jahren. Als sichtba-
setzt. Doch dieser Weg ist hart, entbehrungsreich, sehr teuer und steht da- res Zeichen seines neuen sozialen Status erhält er von seinem Vater den
rum nur sehr wenigen Tuareg offen. indigofarbenen tagelmust, die lange Hose aus schwarzer Baumwolle
Zudem erfahren immer mehr Hirteneltern, dass die Hoffnung auf eine (akerbey), den schweren Überwurf (tekamist), ein Paar Sandalen und Ta-
Karriere ihrer Kinder im Staatsdienst, in Entwicklungsprojekten oder im lismane. (Details siehe Kap. „Bekleidung und Schmuck“.) In traditioneller
Tourismus oft unerfüllt bleibt. Weil sich aber viele Schulabsolventen für die Zeit (heute auch noch bei manchen Nomadenstämmen üblich) gehörte
Rückkehr zur Hirtenarbeit „zu fein“ sind, wählen sie die Flucht in eine un- ein Schwert (takuba) zur vollständigen Ausrüstung, damit sich der Mann
gewisse Zukunft als ischomar (entwurzelte Lohnarbeiter) in Algerien oder gegen Geisterangriffe schützen kann. Früher durfte der junge Mann von
Libyen. (Siehe das Kapitel „Wirtschaft im Wandel“.) diesem Zeitpunkt an rezzus (Raubüberfällen) teilnehmen, heute ändert
sich mit dem neuen Status recht wenig für ihn. Ob er die Karawane seines
Übergang zum Erwachsenenalter Vaters übernimmt, hängt eher von seinen Fähigkeiten, vom Vorhanden-
sein von Brüdern – oder davon ab, ob er lieber nach Libyen geht, um dort
Vom Mädchen zur Frau sein Glück zu versuchen.
Mit dem Eintritt der ersten Menstruation wechseln die Mädchen ihren Üblicherweise wird dieses Initiationsritual, wie bei den Mädchen, nur
sozialen Status und werden zur jungen Frau. Aus diesem Anlass wird ein im Familienkreis und zumeist am Ende des Ramadan durchgeführt.
Familienfest veranstaltet, zu dem sie neue, schöne Kleider und Schmuck
bekommen. Dieses Fest hat zwar keinen Bezug zur islamischen Tradition,
wird aber dennoch meist am Ende des Ramadan gefeiert. Äußeres Zei-
chen einer erwachsenen Frau ist der indigofarbene Kopfschleier (ale- Kahlrasierter Nomadenjunge vor Anlegen des Tagelmust
164 165
130-169 Familie und Geschlechter KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:36 Seite 166
Manchmal wird für den jungen Mann auch ein tende organisiert, ein Eine alte Frau steht außerhalb der Konkurrenz um mögliche Heirats-
„Kameltanz“. Dazu schlagen Frauen oder Schmiede die ebenfalls tende kandidaten, um große Herden oder Schmuck. In dieser Hinsicht ähnelt ih-
genannte Trommel, sodass der junge Tuareg erstmals gemeinsam mit re Position der des enad, des Schmieds, der ja ebenfalls außerhalb eines
seinen Freunden in seinem neuen Gewand auf dem Kamel vor allen La- sozialen Bezugssystems, dem Wertekodex asshak, steht. Mit zunehmen-
gerbewohnern defilieren kann. Nun steht es auch ihm frei, an einem ahal der Modernisierung wird die hohe Position der alten Frau als Wissende
teilzunehmen und die Damen mit seinen dichterischen Fähigkeiten zu be- jedoch geschwächt, weil ihr reiches Erfahrungswissen durch angelerntes
eindrucken. Nachts darf er seiner Liebsten heimliche Besuche abstatten Expertenwissen der Jüngeren verdrängt wird.
und ihr kleine Geschenke wie Brieftaschen (anfad) oder Ringe (tizebit) Eine zentrale Aufgabe älterer Frauen ist die Rolle der Großmutter, in-
machen, in der Hoffnung, ihr Einverständnis entweder für ein kurzes dem sie die Kinder ihrer Töchter betreuen, die zwar abgestillt sind, aber
Abenteuer oder für eine Ehe zu gewinnen. noch nicht alt genug, um der Mutter auf der Weide beim Ziegenhüten zu
Der junge Mann unterliegt nun auch neuen Pflichten. Er hat in der helfen. Wird eine Frau für die Führung eines eigenen Haushalts zu ge-
Öffentlichkeit die Regeln des Ehrenkodex (asshak) zu befolgen und sein brechlich, dann zieht sie in den aghiwan einer Tochter oder zu Verwand-
Gesicht zu verbergen. Eine besondere Rolle spielt das Haar. Bis zum Man- ten ins Dorf, wo sie bis zu ihrem Tod mit einem Schlafplatz und mit Nah-
nesalter lassen sich die Knaben das Haar oftmals sehr lang wachsen. Jetzt rung versorgt wird.
aber wird es zumeist kurz geschnitten, um das Ende des spielerischen Da-
seins und den Beginn des ernsten Lebens zu signalisieren. Die Angehöri- Alte Männer als Weise
gen der ineslemen rasieren sich gleich den ganzen Schädel kahl. Auch bei Männern steigt in ähnlicher Weise wie bei Frauen mit zuneh-
mendem Alter das Ansehen in der Gemeinschaft, während gleichzeitig
Alter ihre äußere Attraktivität schwindet. Häufig rasieren sich ältere Männer
ab vierzig den Kopf, um auf diese Weise symbolisch die Jugend abzule-
Alte Frauen als Geister-Vermittlerinnen gen. Können sie im Lager bei ihrer Ehefrau bleiben, weil ihre Söhne sie
Frauen gelten bei den Tuareg als alt, sobald sie nicht mehr menstruie- bei der Hirten- und Karawanenarbeit abgelöst haben, dann übernehmen
ren. Damit verändert sich ihr spiritueller Status, weil sie nun keine monat- sie nun Aufgaben eines Großvaters, indem sie sich gemeinsam mit ih-
lichen Phasen der Unreinheit mehr durchlaufen und den kel essuf gegen- rer Ehefrau um die Enkel kümmern, besonders wenn eines ihrer Kinder
über gleichsam immun werden. So spielen alte Frauen eine wichtige Rolle geschieden ist.
bei der Durchführung zahlreicher Rituale: bei Geburten, beim Namensge- Werden die Alten für körperliche Arbeit zu schwach, werden sie von
bungsfest und bei Hochzeitszeremonien. Aufgrund ihrer besonderen einem ihrer Kinder aufgenommen und mit Nahrung versorgt. Auch in die-
Situation und ihrer Erfahrung mit Kräutern, Krankheiten und Geistern sind sem Status werden die Männer respektiert. Sie gelten als amghar, als „Al-
alte Frauen prädestiniert als Hexen, Wahrsagerinnen und Geister-Bot- ter“ bzw. als Weiser im positiven, respektablen Sinn. Der Meinung
schafterinnen. Sie sind es auch, die den Besessenheitstanz (igumatan) zur eines amghar wird nicht widersprochen, mag sie auch noch so problema-
Austreibung von Geistern organisieren. tisch sein.
Die Zuschreibung solcher spirituellen Funktionen und Aufgaben ist eine In manchen Dörfern gibt es eine Art Altenverein, etwa einen Hof oder
in traditionellen Gesellschaften typische Strategie zur Integration von einen Platz, an dem sich die alten Männer zum Palaver und zum gemein-
Menschen, die aufgrund äußerer Veränderungen ihre ursprüngliche Rolle samen Gebet treffen, meist im nahen Umfeld der Moschee oder unter ei-
nicht mehr erfüllen können. Eine junge, erwachsene Frau erhält den nem schattigen „Palaverbaum“ gelegen.
Respekt der Gemeinschaft aufgrund ihrer Attraktivität, der damit verbun- Diese bevorzugte und respektvolle Behandlung der Alten ist ein Aus-
denen Gebärfähigkeit und aufgrund ihrer Arbeitskraft. „Alte“, nicht mehr druck des zyklischen Denkens, hinter dem das Wissen steht, selbst einmal
gebärfähige Frauen können zwar auch noch arbeiten, vor allem aber ver- vom Alter betroffen zu sein. Respekt im Alter wird jedoch nur demjenigen
fügen sie über einen großen Erfahrungsschatz und soziale Kompetenz. Als erwiesen werden, der seinerseits als junger Mensch Respekt erwiesen
„jenseits von Gut und Böse“ stehend, werden sie zu Vermittlerinnen zwi- hat, sei es gegenüber den Kindern, den Frauen und besonders gegenüber
schen Geistern und Menschen. den Alten.
166 167
130-169 Familie und Geschlechter KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:36 Seite 168
Tod marabout wirft abschließend etwas Sand über den Leichnam, der zuletzt
mit Steinen bedeckt wird. Nur je ein größerer Stein auf der Höhe des Kop-
Begräbnis fes und einer auf der Höhe der Füße des Toten, bei Frauen einer am Kopf-
Einer verstorbenen Person, ob Mann oder Frau, wird bei den Tuareg und zwei am Fußende erinnern daran, dass hier jemand beerdigt wurde.
noch einmal Respekt erwiesen, bevor sie der Welt der kel essuf übergeben Noch einige stille Gebete und ein paar murmelnde Gespräche, dann zie-
wird. In der Regel nehmen nur männliche Nachkommen, Verwandte und hen sich die Männer zurück.
Freunde eines Verstorbenen am Begräbnis teil. Sie versammeln sich, um
gemeinsam zu trauern und Trost zu finden. Das ist freilich in einer Kultur Trauerzeit und Erbrecht
der Zurückhaltung und der Scham nicht ganz einfach. In einer Welt am Nach der Beisetzung darf der Name des Toten nie mehr ausgespro-
Rande der Wüste, wo die Bedrohung durch den Tod alltäglich ist, bedarf chen werden, weder von seinen Kindern noch von seinem Ehepartner.
es – zumindest äußerlich – einer großen Gelassenheit gegenüber der Ver- Trägt jemand einen gleichlautenden Namen, so wird er nunmehr anders
gänglichkeit, dem Verlust und dem Abschiedsschmerz. Darum sind Be- genannt. Auch der Ort, an dem ein Nomade gestorben ist, wird fortan als
gräbnisse bei den Tuareg sehr stille Angelegenheiten. Lagerplatz möglichst gemieden. Der Grund dafür liegt in der Vorstellung,
Der marabout leitet die Beerdigungszeremonie. Mochte der Verstor- die Seelen der Verstorbenen seien die kel essuf. Allerdings gibt es gute
bene auch ein locker-distanziertes Verhältnis zum Islam gehabt haben, und böse Geister. Zu welcher Sorte die Seele des jeweiligen Verstorbenen
spätestens mit dem Tod fordert die Religion wieder ihr Recht ein. Noch gehört, hängt weniger von dessen Lebenswandel ab, als vielmehr von der
bevor der Mensch stirbt, befreit ihn der marabout mit rituellen Gebetsfor- aktiven Erinnerung der Hinterbliebenen an ihn. Wird ein Verstorbener von
meln von seinen Sünden. Sobald der Tod (tamettant) eingetreten ist, vielen Menschen sehr lange in Erinnerung behalten, dann bleibt sein Geist
wäscht der Korangelehrte Körper und Mundhöhle des Verstorbenen drei wohltätig, indem er den Menschen baraka, Segen, zukommen lässt. Da-
Mal und kleidet ihn in Hose, Hemd und Turban. Dann werden Hände und hinter steht die Erfahrung, dass die gemeinsame Erinnerung an eine ver-
Füße der verstorbenen Person zusammengelegt und mit einem Band um- ehrte Persönlichkeit die Menschen in friedlicher Weise vereint, anstatt sie
wickelt. Abschließend wird der Körper in ein weißes Tuch gehüllt. Ist eine gegeneinander aufzubringen. Als besonders Segen bringend gelten da-
Frau gestorben, dann übernimmt eine alte Frau diese Prozedur, natürlich rum die Seelen von sehr bekannten und bedeutenden Menschen, wie
unter Verwendung der typischen Frauenkleider. dem Sultan von Agadez, dessen Knochen als baraka bringende Amulette
Inzwischen versammeln sich die Trauernden, in ihre besten Gewänder begehrt sind. Für einfache Menschen pflegen die Tuareg am siebten Tag,
gehüllt, zum gemeinsamen Gebet. Wenn eine bekannte und angesehene am 40. Tag und dann an allen Jahrestagen des Todes zur Erinnerung ein
Person gestorben ist, wird das Begräbnis zu einem Ereignis, das sich nie- Tieropfer darzubringen.
mand entgehen lassen will und dann passen nicht alle Trauergäste in die Witwer haben eine dreitägige Trauerzeit (uduf) einzuhalten, während
Moschee. Kurzerhand wird ein ausgetrocknetes Flussbett zum „Oratori- der sie ihr Zelt nicht verlassen dürfen. Witwen hingegen müssen zwischen
um“ umfunktioniert. Dicht an dicht stehen dort die Menschen beieinan- 90 und 130 Tagen zurückgezogen trauern. Kinder trauern, je nach Region,
der und murmeln leise ihre Gebete. Nun wird der weiß umhüllte Leich- zwischen drei und zehn Tagen, um danach das Leben möglichst normal
nam von einigen Männern auf einer Bahre aus Dumpalmen-Matten zum weiterzuführen.
Friedhof gebracht, einer steinübersäten Ebene abseits des Dorfes oder Ein Verstorbener hinterlässt neben den Familienangehörigen in der Re-
des Lagers. Dort wurde bereits eine in Nord-Süd-Richtung gelegene, gel auch Güter. Die meisten Tuareg folgen in Erbfragen (takashit) dem
einen halben Meter tiefe Grube im felsigen Boden ausgehoben. Der Ver- Koran, wonach ein Sohn doppelt so viel erbt wie eine Tochter. Allerdings
storbene wird mit dem Kopf nach Süden östlich der Grube platziert. Da- wird diese Bestimmung oftmals durch das alchabus umgangen, einer Art
hinter steht der marabout und spricht ein Gebet, in das die Anwesenden „Schenkung zu Lebzeiten“, indem Töchter von ihren Onkeln mütterlicher-
brummend einstimmen. Dann beginnt die eigentliche Beisetzung (ana- seits Tiere geschenkt bekommen. Diese sind unveräußerlich und nicht
bal) des Toten in rechter Seitenlage, mit dem Gesicht nach Osten in Rich- übertragbar. Eine ähnliche Funktion hat auch die Institution des abatol bei
tung Mekka. Es gibt keinen Sarg, sondern nur das genannte Leichentuch den kel ewey, wonach den Frauen ein ausschließliches Erbrecht an be-
sowie Grasbündel und Zweige, die über den Toten gelegt werden. Der stimmten Gemeinschafsgütern zusteht.
168 169
170-237 Zum Alltagsleben KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:37 Seite 170
048tr Foto: hf
ZUM ALLTAGSLEBEN DER TUAREG
Woran erkennt man Tuareg-Männer und -Frauen, wie sieht deren ge-
wohnter Tagesablauf aus und womit vergnügen sich die Menschen in ih-
ren Mußestunden? Dieses Kapitel stellt einen kleinen Streifzug durch die
häufigsten „Normalitäten“ im Nomadenleben am Rande der Wüste dar.
Typisch Tuareg?
Nach zahlreichen Gesprächen mit Tuareg-Frauen, -Männern und -Jugend-
lichen, die unterschiedlichsten Alters-, Berufs- und Bildungsgruppen zuge-
hörten, fällt es nicht leicht, über das sogenannte „Typische“ von „den“
Tuareg zu sprechen. Längst sind die „Tuareg-Gesellschaften“ von einem
solchen Modernisierungs- und Differenzierungsprozess ergriffen, dass es
zumindest aus Sicht der Betroffenen selbst das „Tuareg-Typische“ kaum
mehr gibt. Die alten Stammes- und Klassenstrukturen haben sich aufge-
### Autor: Bitte BU ergänzen
170 171
170-237 Zum Alltagsleben KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:37 Seite 172
löst, neue Berufe entstehen, die Ausbildung der Jugendlichen wird vielfäl- mit Wasser oder Milch aufgegossen wird. Nun ist es höchste Zeit für das
tiger. Gleiches gilt auch für die Kleidung, die Umgangsformen und sogar „Tages-Make-up“: Im Sommer wird „Rouge“ aus einem roten Steinpulver
die Musik. Für einen europäischen Reisenden ohne ethnologische Schu- als Sonnenschutz aufgelegt, im Winter schützt Holzkohlepulver vor Wind
lung mögen solche Unterschiede auf den ersten Blick wie Haarspalterei- und Kälte. Während dieser Vorbereitungen laufen die Kinder um die Zie-
en wirken, denn erst beim genauen Hinsehen bemerkt man die veränder- gen herum, damit sie in der Nähe bleiben.
ten Bedeutungen von Bekleidung, Verhalten und Lebensstilen. Gegen neun Uhr bricht die Hirtin mit ihrer Herde zum eigentlichen
Da sich dieses Buch an den deutschsprachigen Leser richtet, knüpft die Weiden auf. Dazu schultert sie ein Ledertuch, in dem sich ihr Tagesgepäck
Vorstellung von „den Tuareg“ unweigerlich an den „Mythos Tuareg“ an. befindet: Proviant, eine Kalebasse (tagorat) mit Wasser oder ein kleiner
(Siehe das Kap. „Mythos,Blauer Ritter‘“.) Unter diesen Umständen wird Wassersack (tanwar) sowie eine kleine Tasche mit den oben genannten
sofort wieder der „wahre, echte Tuareg“ sichtbar und der ist nun mal ein Hautschutzmitteln (tamalat) und schließlich ein großes Tuch (takatkat n-
verschleierter Nomade, der Kamele hütet, Tee trinkt und in prachtvollen asuwal). Über der anderen Schulter trägt sie die Askom-Stange, mit der
indigofarbenen Gewändern großartige Feste feiert. Fragt man bei den Futterzweige von den Bäumen geschüttelt werden. Hat die Hirtin ein Ba-
Tuareg selbst nach, so kristallisiert sich auch bei ihnen immer wieder die- by, das sie noch stillt, so wird es an den Körper gebunden (abgestillte Kin-
ser Archetypus vom Tuareg-Nomaden und der Hirtin heraus. Dieses Bild der befinden sich im Zeltlager in der Obhut der Großmutter oder einer
scheint gleich einem „Über-Ich“ in den Hinterköpfen verankert zu sein. Schwester). Nun sucht die Hirtin nach guten Weideplätzen, ruft dabei im-
Wohl darum neigen in Europa lebende Tuareg zu besonderem Engage- mer wieder die Ziegen zurück und vertreibt sich mit Liebesliedern die Zeit
ment, wenn es um die „Erhaltung der Nomadenkultur“ geht. Auch die und die Einsamkeit. Nach einer Stunde gibt es die erste kurze Rast. Mit viel
ischomar besingen im Tuareg-Blues die „große Freiheit der Nomaden“ – Glück trifft sie eine Kollegin für einen kurzen Tratsch.
deren Leben in Wahrheit Hitze und Einsamkeit bedeutet. Das Träumen ist Um die Mittagszeit gönnt die Hirtin sich und der Herde eine halbstün-
wohl auch eine typische Eigenschaft der Tuareg, verborgen hinter dem ta- dige Pause. Während die Ziegen wiederkäuen (asughal n-agli), nimmt die
gelmust ... Hirtin ihren „Snack“ zu sich, eine Mischung aus roher Hirse, Kleie und
Agarblättern. Dann werden die Tiere bis zum Sonnenuntergang geweidet,
Ein Tag im Leben einer Ziegenhirtin indem die Hirtin Plätze mit saftigen Kräutern sucht und die Tiere durch
Schnalzen, Rufen und Pfeifen zusammenhält. Finden sich nur magere Wei-
Es kommt nicht von ungefähr, dass die Frauen als die „Herrinnen der Zel- den, dann muss die Hirtin mit der Askom-Stange heftig auf die Akazien-
te“ betrachtet werden, denn sie repräsentieren in der Tuareg-Gesellschaft Bäume einschlagen, damit die Ziegen die Akazienzweige, -blätter und
Stabilität und Kontinuität. Das zeigt sich allein schon beim Alltag der -früchte fressen können. Nebenher sammelt sie Kräuter, Futter für kranke
Ziegenhirtin, der – im Gegensatz zu dem der Kamelhirten – übers Jahr Ziegen oder Agarblätter für den nächsten Tag. Während eines Arbeitstags
hinweg weitgehend ähnlich abläuft. legt eine Hirtin, je nach Jahreszeit und Futterlage, bis zu 40 Kilometer
Bei Sonnenaufgang, gegen sechs Uhr, stehen die Ziegen auf und be- zurück.
ginnen in der Nähe des Lagers zu weiden. Nun erhebt sich auch die Hir- Abends wartet neue Arbeit auf die Hirtin. Alle zwei bis vier Tage, je nach
tin von ihrem einfachen Lager (garra). (Details zu den verschiedenen Trockenheit, müssen die Ziegen getränkt werden. Da sich einige Tiere im-
Lagerformen vgl. das Kapitel „Wohnformen“.) Als erstes muss sie rasch die mer zieren und zum Wasser gelockt werden müssen, wird dazu die Hilfe
Ziegen melken, bevor diese sich zu weit vom Lager entfernen. Dann wer- anderer Hirtinnen benötigt, die ihre Lager in Rufweite aufgebaut haben.
den die Zicklein aus ihrem Gatter (agrur) aus Dorngestrüpp freigelassen, Beim Tränken wird die Lieblingsziege besonders verwöhnt: Sie bekommt
um bei ihrer Mutter zu trinken. Unterdessen wird aus der überschüssigen Wasser aus dem Trinkgefäß der Hirtin serviert. Dann folgen die alltägli-
Milch Käse hergestellt. Erst dann nimmt sich die Hirtin Zeit für das Früh- chen Arbeiten: Die Tiere müssen gemolken, die Milch zu Käse verarbeitet
stück: Die restliche Hirsepolenta vom Vorabend wird aufgewärmt und und die Hirsepolenta für das Abendessen zubereitet werden. Erst gegen
gegessen, dazu Ziegenmilch getrunken. Dann wird der Proviant (ikassha- neun Uhr sind alle Arbeiten erledigt und die Frauen froh, sich noch etwas
wan) für den Tag zubereitet, indem rohe Hirse mit der zuvor getrennten unterhalten zu können, eine Märchenstunde als „Betthupferl“. Dann geht
Kleie und mit zerstampften und gekochten Agar-Blättern vermengt und jede Hirtin zu ihrem eigenen Lager zurück und legt sich schlafen.
172 173
170-237 Zum Alltagsleben KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:37 Seite 174
Ein Tag im Leben eines Kamelhirten der Nähe seiner Familie zieht der Hirte für das Winterlager in den Süden,
um erst kurz vor Beginn der Regenzeit im Juni zu den Weidegründen sei-
Je nach Jahreszeit hat der Kamelhirte zwei verschiedene Arbeitsperi- nes Lagerverbandes zurückzukehren, wo er wieder bis zu Beginn der Tro-
oden mit unterschiedlichen Tagesabläufen: das Weiden der Kamele in der ckenzeit im Oktober bleibt.
Wildnis und die Reise mit der Karawane. Der Alltag im Hausa-Land im Süden ist mannigfaltiger, weil konfliktrei-
Außerdem wird der Tagesablauf wesentlich durch das Kamel bestimmt, cher. Hier in der Regenfeldbau-Zone leben mehr Menschen als im einsa-
denn „das Kamel lässt sich nicht berechnen.“ Diese Formel bringt die un- men Weideland der Tuareg und es kommt immer wieder zu Streitigkei-
terschiedlichen Arbeitsabläufe auf den Punkt. Sie erfordern viel Flexibilität. ten: Brunnen dürfen nicht benutzt werden, ein Kamel trampelt in einem
Nur der Morgen beginnt einigermaßen regelmäßig bei Sonnenaufgang Feld die Ernte nieder oder Tiere werden gestohlen. In sozialer Hinsicht
mit dem Melken der Kamelkühe, die ein Junges haben. Weil die Jungen in fehlt den Hirten hier die Möglichkeit, ein Dorffest oder die Hirtinnen zu
ein Gatter gesperrt oder angebunden sind, verlassen deren Mütter das La- besuchen. Andererseits haben hier viele Nomaden einen konkreten An-
ger nicht zur unbeaufsichtigten Futtersuche wie die anderen Kamele. knüpfungspunkt, der ihr Leben wesentlich erleichtert. Der mai gida, ein im
Nach einem kurzen Frühstück, bestehend aus dem „Tuareg-Müsli“ eghale, Hausa-Land lebender Fulbe-Bauer, ist wie ein Onkel, zu dem die Hirten
im Norden areschira genannt, oder dem kalten Rest des Hirsebreis vom jahrelange, auf gegenseitigem Vorteil beruhende Beziehungen pflegen.
vergangenen Abend (vgl. das Kap. „Essen und Trinken“) bricht der Hirte Die Kamele düngen mit ihrem Kot die Hirsefelder der Bauern und dürfen
gegen acht Uhr auf, um nach den anderen Kamelen zu fahnden. Weil sich die Stoppeln abfressen. Die Hirten bekommen vom mai gida Hirse und
die Tiere selbstständig ihr Futter suchen, können sie sich dabei sehr weit Windschutz sowie Hilfe bei der Regelung von Konflikten.
verstreuen. Doch mit etwas Glück findet er die Tiere schon in nächster Im besten und eher seltenen Falle entspricht der Tag eines Hirten unse-
Nähe. Damit hat er sein Tageswerk erledigt und kann sich einen schönen ren romantischen Vorstellungen vom idyllischen Nomadendasein.
Tag machen, gemütlich seinen Hirsebrei kochen, Hirtinnen besuchen Dann kann er geruhsam im Schatten einer Akazie liegen, fettreiche Ka-
oder einen Abstecher ins nächste Dorf unternehmen. Dieses Übermaß an melmilch trinken, abends seine Herzensdamen besuchen und ihren Lie-
Freizeit ist jedoch die seltene Ausnahme, denn in der Regel zieht sich die dern lauschen oder im Dorf in prächtigen Kleidern auf seinem stolzen Ka-
Kamelsuche über viele Tage hin. Dann muss sich der Hirte mit ein paar mel am ilugan, dem Kamelkarussell, teilnehmen und die staunende Aner-
Datteln als Wegzehrung begnügen, außer er kommt an einem Gehöft kennung der Bevölkerung genießen. (Näheres dazu im Kapitel „Reiter-
oder einem befreundeten Lager vorüber, wo ihm etwas abgegeben wird. spiele und Tänze der imajeghen“.) Wenn er Pech hat, muss er jedoch ta-
Hunger und Durst spielen jedoch keine Rolle, solange er sein Tier nicht gelang hungernd und müde, bei Nacht oder kaltem Wind, auch frierend
gefunden hat, und das kann bis tief in die Nacht dauern. Natürlich ist die und vor allem besorgt nach Kamelen suchen. Und da Kamele eigensinnig
Kamelsuche ohne Ruhepause und ohne Verpflegung eine Qual, aber die sind und sich nicht um das Glück ihrer „Herren“ kümmern, ist der Hirten-
Sorge um das vermisste Tier ist noch schlimmer. Erst wenn er sein Tier ge- alltag meistens sehr hart.
funden und ins Lager zurückgeführt hat, wird er sich Hirsebrei kochen, Tee
trinken und sich ausruhen, um dann die nächsten Tiere zu suchen. (Details Tagelmust – der Schleier
zur Kamelwirtschaft vgl. das Kap.“Wirtschaft im Wandel“.)
Neben der Suchtätigkeit muss der Hirte immer wieder notwendige Be- Der Gesichtsschleier der männlichen Tuareg ist unumstritten ihr markan-
suche bei der Ehefrau oder den Eltern im Dorf unternehmen. Diese sozi- testes äußeres Erscheinungsmerkmal und zugleich ist er identitätsstiftend,
al motivierten, mehrstündigen „Dienstreisen“ werden gern während der nennen sich die Tuareg doch selbst die kel tagelmust, die „Leute mit dem
Nacht unternommen, um Zeit zu sparen, denn wichtiger ist die Sorge für Schleier“.
die Kamele. Während des „Sommerlagers“ in der Regenzeit, die ein Hirte Wenn Tuareg ihren tagelmust anlegen, so ist das ein regelrechtes Ritu-
mit seinen Kamelen meist allein auf den Weidegründen seines Lagerver- al, bei dem entsprechend der persönlichen Vorliebe und Technik das Tuch
bandes zubringt, hält er sich nur wenige Nächte bei seiner Frau auf. Im sorgfältig um den Kopf gebunden wird. Oft wird drei- bis viermal ein Neu-
Oktober, nach dem Ende des „Sommerlagers“ führt er für 40 Tage die Bil- anfang gemacht, bis die langen Stoffbahnen endlich zufriedenstellend und
ma-Karawane. Nach einer Erholungspause von zwei bis drei Wochen in fest genug liegen. Bei festlichen Anlässen werden zuweilen auch mehrere
174 175
170-237 Zum Alltagsleben KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:37 Seite 176
049tr Foto: hf
ne Spur aus Indigostaub hinterließ. So musste ich meinen ersten Tag als
Ehemann mit Putzen zubringen … (Vgl. das Kap. „Hochzeitsfeiern in Stadt
und Land“.)
Der tagelmust spielte vor der Kolonialzeit eine besondere Rolle als Er-
kennungsmerkmal, denn jeder Stamm pflegte ihn auf eigene Weise zu
binden. Auch die Angehörigen der unterschiedlichen Klassen, ob imajeg-
hen oder enaden, waren an der Flechtweise des Schleiers erkennbar.
Über die ursprünglichen Gründe, warum Männer einen Schleier tra-
gen, gibt es zahlreiche Spekulationen.
• Eine Legende besagt, einst hätten Krieger im Kampf eine schmähliche
Niederlage erlitten und hätten es bei ihrer Rückkehr ins Lager nicht
mehr gewagt, ihr Gesicht offen zu zeigen.
• Nach der Vorstellung der Tuareg soll der Schleier verhindern, dass die
bösen Geister der Wildnis und der erschlagenen Feinde durch den
Mund in den Körper einströmen können.
• Aus sozialer Sicht ist der tagelmust Ausdruck des für Tuareg bestimmen-
den Wertekodex der Scham, tekarakit, weshalb ein traditionell gepräg-
ter Tuareg vor fremden Leuten niemals seinen Schleier abnimmt.
• Der Schleier als Zeichen für Reife: Das erstmalige Anlegen des tagel-
must im Alter von 15 bis 20 Jahren gilt als Initiationszeremoniell. Es sym-
verschiedenfarbige Tücher ineinander verwickelt. Den Abschluss bildet bolisiert den Übergang vom Knaben- zum Mannesalter und die Aner-
dann ein großes, silbernes Amulett in Gestalt eines ca. 10 cm langen, dün- kennung des jungen Mannes als Mitglied der väterlichen Linie.
nen Zylinders, der seitlich auf eine Bahn des tagelmust gehakt wird. • Immer noch verbreitet ist die Funktion des tagelmust als Ersatz für mimi-
Ein gutes Tuch für den tagelmust ist bis zu acht Meter lang, tiefblau schen Ausdruck. Gibt das Tuch den Mund frei, dann fühlt sich der Be-
und glänzend. Hergestellt wird es in den nordnigerianischen Orten Nufe treffende in der jeweiligen Situation sicher und vertraut. Andernfalls
und Koura bei Kano, da die Tuareg selbst nicht weben. 1,5 Zentimeter wird das Tuch bis zur Nasenwurzel hochgeschoben.
breite Baumwollstreifen werden mehrfach abwechselnd in Indigosud und • Der Schleier erfüllt natürlich auch ganz praktische Zwecke, etwa als
ein mit einem Baumharz versetztes Bad getunkt. In getrocknetem Zustand Schutz gegen Sand, Hitze und Verdunstung.
wird der Stoff mit einem Schlegel heftig geschlagen, wodurch sich das In-
digo an der Oberfläche des Tuches zu einer lackartigen Konsistenz ver- Infolge der Dürrekatastrophen der 1970er- und 1980er-Jahre verarmten
dichtet. Danach werden die Streifen zu 50 Zentimeter breiten Stoffbahnen die Menschen so sehr, dass viele Strukturen der Tuareg-Gesellschaften
zusammengenäht. zerbrachen. Dadurch verlor auch der tagelmust viele seiner ursprüngli-
Ein acht Meter langes Indigotuch kostet bis zu 500 Euro und wird nur zu chen, sozialen Funktionen. Diese Entwicklung ging einher mit der Entste-
festlichen Anlässen getragen. Wohlhabende Menschen verwenden aus hung der Klasse der ischomar. Während der Zeit der Repression im Niger
Prestigegründen auch im Alltag Indigotücher. Ein neues Tuch gibt während und in Mali, wie auch während der nachfolgenden Rebellion, erlebte der
des Tragens dunkelblaue Farbe an die Haut ab. Daher stammt der Spitzna- tagelmust jedoch eine Renaissance, indem er zu einem bewusst getrage-
me „Blaue Menschen“. Was dies in der Praxis bedeutet, erlebte ich auf nen Symbol ethnischer Solidarität und Kameradschaftlichkeit wurde.
meiner kirchlichen Trauung in Österreich, als ich meine Tuareg-Hochzeit in
Timia des Jahres 2000 gleichsam „legalisierte“: Mein Tuareg-Gast hatte als
Zeichen der Anerkennung ein neues Indigotuch angelegt, wodurch er ei- ### Autor: Bitte BU ergänzen
176 177
170-237 Zum Alltagsleben KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:37 Seite 178
Zuverlässige Berichte über „verschleierte Männer in der Sahara“ gibt es Atem geschaffen haben, zuerst das Kamel und dann erst den Menschen –
erst seit dem 14. Jh. Dreitausend Jahre alte Felszeichnungen aus der Pfer- und den auch nur zur Versorgung des Kamels. Diese innige Beziehung
deperiode (ca. 1200 v. u. Z.) zeigen jedoch schon Figuren, die einen Ge- spiegelt auch der Koran (54. Sure, Vers 28) wieder: „Und sage ihnen, dass
sichtsschleier tragen. Und auch der aus Nordafrika stammende römische das Wasser zwischen ihnen und der Kamelstute geteilt werde.“ Auf langen
Schriftsteller Flavius Cresconius Corippus (500–570) berichtete bereits von Reisen durch die Wüste ertragen beide im selben Ausmaß Hitze und
den „verschleierten Libyern“. Gegenwärtig sind die Tuareg nicht die einzi- Durst. Werden Reiter und Tier krank, verzichtet ein Nomade lieber zu-
ge Ethnie, die einen Gesichtsschleier trägt: Auch bei den Wodaabe und bei gunsten des Kamels auf eine Arznei, wenn dadurch das Leben des Tiers
manchen arabischen Nomadenstämmen verschleiern sich die Männer. gerettet werden kann: Denn ohne Kamel muss letztlich auch der Nomade
Für uns Europäer ist das verschleierte Gesicht wohl das Symbol für den sterben.
Orient schlechthin, denn es signalisiert etwas Mystisches. Bei Männern Der Leidenschaft des Nomaden für sein Kamel hat der Tuareg-Dichters
strahlt der Schleier Würde und in gewisser Hinsicht auch Ritterlichkeit aus, Ibrahim al-Koni mit dem Roman „Goldstaub“ ein literarisches Denkmal ge-
erinnert er doch an einen mittelalterlichen Helm mit geschlossenem Vi- setzt. Darin beschreibt er den widerspenstigen Charakter, der dem Tier
sier. Einen Tuareg ohne Schleier könnten wir Europäer gar nicht als Ange- von den kel tamaschek zugeschrieben wird. Kamele gelten als ausgespro-
hörigen der kel tamaschek erkennen. Die Ex-Rebellen etwa, in Uniform chene Individuen, von denen keines einem anderen gleicht und deren Ei-
und mit Militärmütze, entsprechen so gar nicht dem Bild eines „typischen“ gensinn oft in einem größeren Ausmaß als bei Menschen respektiert wird.
Tuareg, eines verschleierten Wüstenritters. Die Kamele der Tuareg werden niemals geschlachtet, sondern sie erhalten
im Alter stets ihr Gnadenbrot.
Mehari – das „weiße“ Kamel Nach dem mystischen Weltbild der Tuareg stellt die Verbindung von
Mensch und Kamel das ideale Gleichgewicht zwischen kalt und warm
Das Kamel, auf Tamaschek allgemein amenis genannt, gilt bei den Tuareg dar. Der verschleierte, aufrecht gehende oder reitende Mensch ist der
als „das“ Tier schlechthin. Ohne Kamel (bei dem es sich zoologisch be- Sonne näher und gilt darum als warm, das Kamel hingegen geht auf dem
trachtet um ein Dromedar handelt) wäre die Besiedlung und Beherr- Boden, ist somit der Geisterwelt näher und gilt als kalt.
schung der Sahara unmöglich gewesen. Verbreitung fand das Kamel in Als Nutztier dient das Kamel dem Mann als Reittier (areggan), für die
Nordafrika ab dem dritten nachchristlichen Jahrhundert, doch wird auch imajeghen war es im Kampf und für die Verteidigung unentbehrlich. Wenn
schon seine Verwendung in den Römerheeren erwähnt. eine Kamelstute geworfen hat, gibt sie zudem sehr fett- und proteinreiche
Für den nomadischen Tuareg ist das Kamel der Inbegriff für Würde Milch, die den Hirten als Nahrung dient. Außerdem gilt das Kamel auch
und Ansehen, für Mobilität und Komfort, vor allem aber für wirtschaftli- heute noch als „das“ Wüstentransportmittel, etwa für die Salzkarawane
chen Reichtum. Ein altes Tuareg-Sprichwort besagt: „Der Noble, was be- und andere Handelskarawanen. In jüngerer Zeit hat der Tourismus we-
gehrt er? Ein weißes Kamel (mehari), einen roten Sattel, seine takuba sentlich zur Verbreitung der Tiere beigetragen, wodurch beispielsweise in
(Schwert) und ein Liebeslied.“ Der „Rolls-Royce“ unter den Kamelen ist der Region Djanet in Südwestalgerien heute das Kamelaufkommen höher
somit ein mehari, die edle Züchtung eines großes, schnellen, ausdauern- ist als vor der Kolonialzeit. In vielen arabischen Ländern gilt – im Gegen-
den Kamels mit weißem Fell und blauen Augen. Perfekt wird das Glück ei- satz zu den Tuareg-Gesellschaften – das Kamel auch als Fleischlieferant.
nes Tuareg, wenn er zusätzlich einen reich verzierten Prunksattel (tamzak) Zum prädestinierten Wüstentier wird das Kamel aufgrund seiner he-
und einen mit langen Troddeln versehenen, ebenfalls reich geschmückten rausragenden körperlichen Konstitution. Es kann Wasser mit einem Salz-
Reisesack aus Leder (asshakwa) sein Eigen nennen kann. Dieser wird seit- gehalt von bis zu sechs Prozent (50 % mehr als Meerwasser) trinken. Um
lich über dem Rücken des Kamels am Sattel befestigt. Derart ausgestattet Wasserverluste zu verringern, steigt seine Körpertemperatur von 37 Grad
lässt der Nomade sein Kamel während der Reiterspiele zum Rhythmus der auf 46 Grad, bevor die Haut Schweiß zur Kühlung ausscheidet. Die langen
Trommeln (tende) in einem angemessenen Trott daherschreiten, bei dem Beine tragen den Körper oberhalb der bodennahen, heißen Luftschichten
das Kamel unendlich würdevoll wirkt. und die Fettpolster am Rücken dienen zur Isolierung gegen direkt einwir-
Die nahe Beziehung zwischen Tuareg und Kamel kommt in zahlrei- kende Sonnenstrahlen. Die senkrechten, fettfreien Körperstellen können
chen Legenden zum Ausdruck. So soll Allah beide aus Ton und göttlichem sogar Hitze abstrahlen.
178 179
170-237 Zum Alltagsleben KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:37 Seite 180
Der Wasserhaushalt des Kamels wird zusätzlich durch ein spezifisches ist das Kamelkarussell (ilugan). Dabei sitzen die Frauen in ihren besten
Stoffwechselsystem unterstützt. So verwerten symbiotische Bakterien im Gewändern im Kreis, die Gesichter ockerfarben oder glänzend braun be-
Verdauungstrakt Teile des anfallenden Stickstoffs, wodurch weniger malt, schlagen die Trommel (tende), klatschen im Takt in die Hände und
Wasser zur Harnausscheidung verbraucht wird. Die Nieren des Kamels trällern laut. Währenddessen versuchen die Kamelreiter, mit ihren Reittie-
ermöglichen eine Harnstoffkonzentration von bis zu 15 %, menschliche ren (areggan) dem Rhythmus der Musik zu folgen. Dabei gehen die Tiere
Nieren können nur halb so viel vertragen. Auch über die Atmung wird die in eine Art Passgang (egharghar) über. Besonders kunstfertige Hirten las-
Wasserausscheidung reduziert: Die weit verzweigten Atemgänge in der sen ihr Kamel sogar eine bestimmte Strecke auf den Knien rutschen. Die
Nase ergeben eine Gesamtfläche von über 1000 cm². Sie kühlen die Bezeichnung für diesen „Gang“ (deremmage) wird auch für den Tanz-
Atemluft beim Einatmen um 10 Grad und befeuchten sie zugleich. Beim schritt der imajeghen verwendet.
Ausatmen wird der Atemluft 30 % der Feuchtigkeit entzogen, die dem Ein besonderes Vergnügen für Reiter und Zuschauer ist das Wettrennen
Körper zusätzlich zur Verfügung steht. im ausgetrockneten Flussbett. Hier können die Nomaden vor dem gesam-
Kamele speichern Wasser im Gewebe und im Blut, wodurch sie ein ten Dorf all ihr Geschick beweisen und zudem einen der gestifteten Geld-
Viertel ihres Körpergewichts verlieren können, ohne Schaden zu erleiden. preise gewinnen. Beim Galopp scheinen die Kamele ihre Beine gleichsam
Umgekehrt können erwachsene Tiere binnen weniger Minuten bis zu 140 chaotisch über den Boden zu werfen, als würden sie halb schweben, halb
Liter trinken: Das Wasser wird von den Blutkörperchen aufgenommen, in- stolpern. Die große Herausforderung für den Reiter ist es, auf diesem wo-
dem sie sich auf das 240-fache ihres ursprünglichen Volumens ausdehnen. genden Leib ruhig sitzen zu bleiben.
Auf diese Weise kann ein Kamel mehrere Wochen ohne Wasserzufuhr Die Tänze der imajeghen finden ohne Kamel statt. Anlässlich einer
auskommen. Hochzeit beispielsweise wird zum Schlag der tende und zum Gesang der
Dagegen droht ohne Nahrungsaufnahme schon nach wenigen Tagen Frauen der gemächliche, würdevolle Tanzschritt deremmage vorgeführt.
der Hungertod, weshalb regelmäßiges Grasen unverzichtbar ist. Wäh- Dazu sind die „noblen“ Tänzer mit feinster Kleidung und Speeren ausge-
rend der großen Dürren oder in der Wüste stirbt ein Kamel nicht am stattet.
Durst, sondern am Hunger. Dabei sind die Tiere höchst genügsam, denn Schmiede tanzen hingegen in schlechter Kleidung und unbewaffnet –
ihr Verdauungssystem ist in der Lage, die Polysaccharide aus Dattelkernen und sie tun dies wild hüpfend und Grimassen schneidend, um einen Ge-
oder die Zellulose aus Holz und Dornen in verwertbare Monosaccharide genpol zu den Noblen darzustellen. Die Schmiede sind auch für die Or-
umzuwandeln. Kamele sind auch extrem duldsam: Sie zeigen niemals Er- ganisation der Reiterspiele und Tänze zuständig.
müdungserscheinungen. Wurden sie aber unterversorgt und überfor- Die Aufführung der Reiterspiele ohne festlichen Anlass wird fantasia ge-
dert, dann bleiben sie irgendwann stehen, knien sich nieder und sterben. nannt. Ein Tanzfest, ob anlässlich einer Hochzeit oder einer politischen
Neben diesen „inneren“ Werten besticht das Kamel auch durch sein äu- Veranstaltung, nennt man tam-tam. Für ein traditionelles tam-tam schla-
ßeres Erscheinungsbild. Der geschwungene Hals, die langen Wimpern gen Schmiede die tende, begleitet von Frauengesang, während junge
um die ausdrucksvollen Augen, die elegant wirkenden Beine und auch ein Männer und Knaben wilde Tänze nach dem Schema „je wilder, desto ein-
höchst eigenwilliger Charakter, wie er ihnen von den Tuareg zugeschrie- drucksvoller“ vollführen. Seit den Zeiten der Rebellion bevorzugen die
ben wird, sind mitverantwortlich für die Faszination, die von den Kamelen jungen Leute hierzu die Begleitung durch eine Elektrogitarre.
ausgeht. So gibt es für eine Tuareg-Frau kein schöneres Kompliment, als
mit einem weißen Reitkamel verglichen zu werden ... Ashahi – das Teezeremoniell
Reiterspiele und Tänze der imajeghen Eines der wichtigsten Rituale und zugleich das höchste Vergnügen des Ta-
ges, ist für den Tuareg der Genuss des ashahi, des Tees. Dieser wird aus
Die Reiterspiele an den großen Festtagen bilden einen Höhepunkt im grünen Chinateeblättern in einer kleinen Kanne unter Zugabe von wenig
Leben der Nomaden. In solchen Momenten befinden sie sich völlig im Wasser und sehr viel Zucker zubereitet. Früher wurden dazu mit einer
Einklang mit dem Rest der Gesellschaft, die ihnen hier besondere Wert- speziellen silbernen „Zuckerhacke“ große Stücke von einem Zuckerhut
schätzung entgegenbringt. Die Krönung einer festlichen Zusammenkunft geschlagen – heute wird raffinierter Kristall- oder Würfelzucker verwen-
180 181
170-237 Zum Alltagsleben KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:37 Seite 182
050tr Foto: hf
det. Das Besondere an diesem Tee ist das Zeremoniell: Zur besseren Auf-
lösung des Zuckers wird ein wenig Tee mehrmals in einem langen Strahl
in ein schnapsglasgroßes Teeglas gegossen und wieder zurückgeleert.
Dass der Tee dabei abkühlt, ist wahrscheinlich ein positiver Nebeneffekt,
weil es beim ashahi auf das Ritual und den Geschmack, nicht aber auf die
Temperatur des Tees ankommt. Für dieses Ritual wird sehr viel Zeit in An-
spruch genommen, fast scheint es, als handle es sich um eine Huldigung
der Ewigkeit. Der Schaum, der bei diesem wiederholten Umgießen ent-
steht, gilt als zusätzliche Köstlichkeit und bezeugt den wahren Meister der
Teebereitung. Zum perfekten Genuss wird der Tuareg-Tee jedoch erst,
wenn man dazu Ziegenkäse (takammart) knabbern kann.
Als Gast hat man auf drei „Touren“ des Tees Anspruch, nicht mehr und
nicht weniger. Vorher von einem Besuch aufzubrechen, gilt als schwere
Beleidigung. Nach dem dritten Glas hingegen darf man sich verabschie-
den – oder man bleibt für weitere drei Gläser. Bei jedem der drei Aufgüsse
wird lediglich Zucker und Wasser hinzugefügt, nicht aber weitere Teeblät-
ter. Dadurch wird der Tee mit jedem neuen Aufguss schwächer und süßer.
Darum pflegen die Tuareg zu sagen, das erste Glas sei bitter wie das Le-
ben, das zweite sei mild wie die Liebe und das dritte sei süß wie der Tod. „Sand-Spiele“
Der Tee gilt einerseits als Stärkung, andererseits aber ist er vor allem ein
Mittel, um die beliebten „Plaudereien“ noch genussvoller zu gestalten. Spiele und Rituale der Zerstreuung sind ein fundamentaler Aspekt jeder
Genau genommen ist das Teeritual nur der äußere Anlass des für die Tua- Kultur. Auch die Tuareg haben trotz des Mangels an verfügbaren natürli-
reg-Kultur so wichtigen Rituals des Plauderns (edawan). Dabei werden chen Ressourcen am Rande der Wüste eine erstaunliche Vielfalt an Spie-
Neuigkeiten berichtet, Geschichten erzählt, Gerüchte ausgetauscht und len entwickelt. Sobald ein Stück Arbeit erledigt ist – sei es die Suche des
dadurch Beziehungen vertieft und gefestigt. Das Teeritual der Tuareg lässt Hirten nach einem Kamel, die Fahrt des Chauffeurs über eine schwierige
sich ein wenig mit der Wiener Kaffeehaus- oder mit der bayrischen Bier- Dünenstrecke oder das erfolgreiche Handelsgeschäft eines „Touristenjä-
garten-Kultur vergleichen. gers“ – und eine Pause fällig und mindestens eine zweite Person anwe-
Dieses Ritual ist noch nicht sehr alt: Der grüne Tee hielt erst in den send ist, wird gespielt. Darum leiden Hirten auch so sehr unter der
1920er-Jahren mit der Kaocen-Rebellion bei den südlichen Tuareg Einzug. Einsamkeit.
Doch blieb er lange Zeit ein seltener Luxusartikel. Noch in den 1980er- Spiele dienen nicht nur der Zerstreuung und der Unterhaltung, sondern
Jahren tranken nur wohlhabende kel tamaschek Tee. Mit dem sozialen auch der Vertiefung von Beziehungen. Sie erfüllen aber auch wesentliche
Wandel, der zunehmenden Verbreitung der Geldwirtschaft und mit den pädagogische Zwecke: Sie trainieren die Sprach-, Denk- und Kommunika-
neuen Möglichkeiten, schnelles Geld durch Tourismus oder auf den Ölfel- tionsfähigkeit, fördern die Bewegungsfähigkeit, die Feinmotorik und vieles
dern zu verdienen, wurde er rasch zum Allgemeingut. Heute betrachten mehr. Spiele sind als wichtiges Lerninstrument zur Auseinandersetzung
manche den exzessiven Teegenuss bereits als Sucht. mit der Wirklichkeit und zur Entwicklung von Bewältigungsstrategien zu
verstehen.
Das zeigt sich besonders bei Tuareg-Kindern, die schon im frühen Alter
die wichtigsten Wesen ihrer Lebenswelt nachbilden und alle verfügbaren
Materialien nutzen. Kamelfiguren werden aus Lehm oder Holz geformt,
Spuren im Sand nachgezeichnet oder getrocknete Kamelköttel als Mur-
Zwei Männer beim dera-Spiel meln verwendet. Auf diese Weise kann das Kind mit seiner Lebenswelt
182 183
170-237 Zum Alltagsleben KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:37 Seite 184
experimentieren, erste Beziehungen zu seiner Umwelt aufbauen und Auch ein sportliches Spiel wird bei den Tuareg gespielt: das karey, eine
dadurch eigene Schritte zur Integration in die „Gesellschaft der Erwachse- Art „Sandhockey“. Dabei jagen zwei Gruppen mit Stöcken bewaffnet ei-
nen“ wagen. nem Ball aus Leder nach. Unter städtischen Tuareg-Jugendlichen ist der
In allen Altersklassen beliebt sind Wort- und Sprachspiele (tamazagh). Fußball populär.
Sie werden nicht nur beim ahal praktiziert, dem ritualisierten „Minnetref-
fen“, sondern in jedem günstigen und gemütlichen Moment, in dem sich
ein lockeres Gespräch zwischen Gleichgesinnten entspinnt. Dazu werden Bekleidung und Schmuck
Märchen oder Rätsel erfunden, die sich im Wesentlichen um die unmittel-
bare Umwelt und die verfügbaren Ressourcen drehen. Dadurch dienen Die Tuareg-Handwerker, enaden, sind nicht nur technisch, sondern auch
sie auch der Vermittlung praktischer Kenntnisse und Fähigkeiten. Ein sol- künstlerisch sehr begabt. Obwohl ihre Produkte in erster Linie zum Ge-
ches Wortspiel ist etwa die Frage: „Es hat so viele Kinder auf seinem Ka- brauch bestimmt sind, weisen sie stets ein Äußeres von ungewöhnlicher
mel sitzen, dass niemand, selbst Gott nicht, sie zählen kann. Wer ist es?“ Schönheit auf, unabhängig von den verwendeten Materialien. Am berühm-
Die Antwort lautet „Die afagag (eine regionaltypische Akazienart) mit all testen ist zweifellos der bei Europäern als Souvenir begehrte Silberschmuck.
ihren Dornen!“ Wegen der enormen Vielfalt der Produkte aus Leder, Holz, Metall und
Die Verknüpfung von Unterhaltung mit der Vermittlung praktischer Stein wird hier nur eine Auswahl jener Handwerksprodukte näher vorge-
Kenntnisse und strategischer Fertigkeiten erlaubt das beliebte Spiel dera, stellt, die entweder eine große Rolle im Alltagsleben der Tuareg spielen
das von den Hausa übernommen wurde. Dazu werden mit dem Finger oder die aufgrund der großen Nachfrage durch Touristen am häufigsten
mehrere mit Linien verbundene Löcher in den Sand gebohrt, welche die hergestellt werden. Dies sind vor allem Kleidungsstücke, Schmuck und ge-
Lebenswelt der Tuareg darstellen sollen. In die Löcher werden Steine wisse Lederprodukte. Das Interesse der Touristen an Tuareg-Produkten
(oder auch Kamelköttel) gelegt. Nun benennen die Spieler diese Steine je verstanden Entwicklungshilfe-Organisationen zu nutzen, indem sie die
nach ihrer Lage nach verschiedenen Viehtypen (Schafe, Ziegen, Kamele), Herstellung hochwertiger Waren gezielt durch Lehrgänge, Kredite, Unter-
nach Hirtenaktivitäten (Weiden, Tränken, Karawane ...), Bewegungen stützung bei der Organisation oder Marketingmaßnahmen förderten.
(Weidewechsel ...) und Strategien zur Erringung besserer Weidepositio-
nen. Ziel des Spiels ist es, möglichst viele Spielsteine des Gegners zu Lederprodukte und ihre Herstellung
erlangen, um dadurch die eigene Herde und die Weidegüter zu vergrö-
ßern, bis einem das gesamte Spielfeld „gehört“. Unter besonders strengen Das Leder hat bei den Tuareg einen hohen Stellenwert. Der Ethnologe
ineslemen und stark islamisierten Tuareg gilt dera als ein Spiel des Teufels, und Tuareg-Spezialist Edmond Bernus nennt die kel tamaschek gar eine Zi-
weil man sich darin so sehr verlieren kann, dass man sogar die Gebets- vilisation des Leders. Selbst bei den banalsten Gebrauchsgegenständen
stunden vergisst. aus Leder kommt ein hoch entwickelter, ästhetischer Sinn für Form, Dekor
Bei dem aus der Tuareg-Kultur hervorgegangenen Spiel izgag werden und Farbe zum Ausdruck. Die künstlerische Wirkung des jeweiligen Ob-
im Sand zwei parallele Linien zu je drei Löchern gezogen. Jedes Loch wird jekts spielt auch für traditionelle Abnehmer und nicht nur für Touristen ei-
mit sechs Kamelkötteln gefüllt. Der erste Spieler nimmt nun den Inhalt ei- ne große Rolle.
nes Lochs in die Hand, den er auf alle übrigen Löcher in der Weise verteilt, Die Bandbreite an traditionellen Lederprodukten ist groß und umfasst
dass sich in allen Spielfeldern eine ungerade Anzahl an Steinen befindet. Satteltaschen, Reisesäcke oder auch Brieftaschen mit bestimmten mar-
Gelingt das nicht, muss er aus einem Loch mit einer geraden Anzahl an kanten Grundmustern und Verarbeitungstechniken. Ursprünglich trugen
Spielsteinen all diese an sich nehmen. Befinden sich in den Löchern nur Sklaven und einfache Tuareg überwiegend Lederkleidung in Form einfa-
noch Steine in ungerader Anzahl, dann darf der aktive Spieler die Steine in cher Umhänge oder Schürzen, die jedoch schon längst durch billigere
seiner Hand seinem Gegner überlassen, und dieser ist nun an der Reihe. und komfortablere Baumwollkleidung aus importierten Stoffen ersetzt
Gewonnen hat schließlich jener Spieler, dem es als erstes gelingt, sämtli- wurde. Zu den modernen Lederprodukten zählen mittlerweile kunstvoll
che Steine so zu verteilen, dass auf allen Feldern Steine in ungerader Zahl verzierte CD-Boxen, Spiegel mit Tuareg-Motiven, Damenhandtaschen,
liegen und somit kein Stein übrig bleibt. Sitzpolster und vieles mehr.
184 185
170-237 Zum Alltagsleben KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:37 Seite 186
Sehr beliebt bei Männer und Frauen sind Umhängetaschen, die wie Die Lederprodukte werden fast ausschließlich aus Ziegenleder herge-
Brustbeutel getragen werden und zumeist die Funktion von Geldbörsen stellt. Dieses Material gilt als „wertneutral“, weshalb es durch verschiede-
haben. In jeder Region gibt es dafür eigene Erscheinungsformen. Beson- ne Applikationen und Muster „magisch aufgewertet“ wird. Früher wurden
ders beliebt ist das enefed, das von Portemonnaie-Spezialistinnen herge- für bestimmte Artikel besondere Ledersorten verwendet: Für Bänder von
stellt und wegen seiner auffälligen Schönheit während besonderer Festta- Amuletten verwendete man die Haut des Klippschiefers (ein Murmeltier)
ge getragen wird. Hier umfasst eine reich mit Applikationen verzierte oder der Hyäne. Für den tamzak, den Kamelsattel, wurde das Fell des Ge-
Lederhülle die darunter liegenden, gefalteten und mit Fransen bestückten pards bevorzugt, um die Schnelligkeit des Kamelreiters zu signalisieren.
Taschen. Zu diesen gelangt man, indem man die „Hülle“ entlang der Tra- Für Sandalen war das Leder von Giraffen begehrt, um den majestätischen
geriemen nach oben zieht. Gang zu signalisieren, und die Kampfschilde wurden mit Antilopenhaut
Ebenfalls weit verbreitet ist das etabu, eine kästchenförmige Brieftasche überzogen. Viele der Hautlieferanten sind mittlerweile fast ausgestorben
aus rotbraunem Leder mit Überschlagkappe. und bis auf Amulettbänder werden die entsprechenden Waren nicht mehr
Die „Tasche“ mit der größten Verbreitung ist der Amulettbehälter, den nachgefragt.
es in den unterschiedlichsten Formen gibt. Die einfachsten und häufigsten Lederprodukte werden von den Schmiedefrauen in Heimarbeit herge-
Amuletttäschchen sind rechteckig oder quadratisch und aus rotbraunem stellt. Sie kaufen am Markt das fertig gegerbte und zum Teil auch schon
Leder gefertigt. Besonders wirkungsvoll sollen sie sein, wenn gefaltete gefärbte Ziegenleder, schneiden es zurecht und vernähen die Teile. In ab-
Koranseiten darin eingenäht wurden. Solche Amulette werden Neugebo- gelegenen Regionen behandeln die Frauen die frische Ziegenhaut selbst.
renen unmittelbar nach der Geburt umgehängt. Auch Kamele tragen gan- Dazu wird das Leder mit pflanzlichen Beizmitteln enthaart und dann
ze Bündel dieser magischen Täschchen. durch das Einlegen in eine mit Akazienschoten versetzte Gerberlohe ge-
Das wohl wichtigste Kleidungsstück aus Leder, das auch heute noch zu- gerbt. Diese Schoten enthalten das Gerbmittel Tannin. Die wichtigste
mindest während der Festtage getragen wird, ist die aufwendig verzierte Arbeit der Schmiedefrauen ist jedoch die Verzierung der Produkte mit
Sandale (eratimen). Produziert wird sie allerdings von spezialisierten Hau- aufgenähten, aufgemalten und geschabten Linien, Dreiecken, Vierecken,
sa-Handwerkern. Rauten und Baumwollfäden. Eine besonders beliebte Verzierung bei Brief-
und Satteltaschen sind bunte Lederfransen. Typisch für die kel aïr sind
051tr Foto: hf
auch Ausschneide- und Applikationstechniken sowie die Kunst des Posa-
mentierens. Dazu werden helle Lederstreifen in eine dunklere obere Le-
derschicht eingearbeitet.
Die Lederfarben werden aus Naturprodukten gewonnen:
• Rot entsteht durch eine Mischung aus Wasser, Teilen der Sorghum-
Pflanze und Natronsalz,
• mit Rost versetztes Wasser färbt schwarz,
• Gelb wird durch eine Mischung aus Milch, Salz, Hirsemehl und Anilin-
puder gewonnen,
• die grüne Lederfarbe erhält man durch eine Mischung aus Kupfer- oder
Bronzepuder, Sulfat und Zitrone. Doch wird grünes Leder nur von we-
nigen Spezialisten hergestellt und meist in Kano gekauft. Grünes Leder
symbolisiert die Raffinesse, weshalb es ausschließlich zur Zierde ver-
wendet wird.
### Autor: Bitte BU ergänzen
186 187
170-237 Zum Alltagsleben KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:37 Seite 188
Kleidung Ebenfalls im Süden verbreitet sind Blusen (aftek), die dem Schnitt nach
lediglich Kurzformen der tekamist sind. Dafür werden zumeist schwarze
Obwohl die Tuareg ein unglaublich reiches Repertoire an Kunsthand- oder weiße Stoffe verwendet, verziert mit weißen oder roten Ornamenten.
werksarten und -formen hervorgebracht haben, sucht man Webereipro- Die kurze Bluse erfordert als Ergänzung einen Rock (asedschebes): ein
dukte vergeblich. Dennoch spielt die Herstellung der Kleidung für die Tua- rechteckiges indigoblaues Baumwolltuch, das um die Hüften gewickelt
reg eine bedeutende Rolle, definieren sie sich doch ganz wesentlich über wird und bis zu den Knöcheln reicht.
ihre Ausstattung. Sie ist auch ein ansehnlicher Posten im Familienbudget, Eine große Auswahl an schöner Kleidung zu haben, ist nicht nur für
denn die Menschen pflegen sich zu großen Festen, insbesondere zu shoppingsüchtige Westeuropäerinnen erstrebenswert. Auch Tuareg-Frau-
Hochzeiten, neu einzukleiden. Dafür muss beispielsweise eine Frau (oder en stellen sich das „gute Leben“ so vor, dass sie sich gelegentlich ein paar
ihre Eltern) mit umgerechnet 300–400 Euro rechnen. Da Nomaden übli- schöne neue Kleider anschaffen können. Heutzutage wird tatsächlich
cherweise nicht „flüssig“ sind, muss eine Neuausstattung durch den Ver- mehr Kleidung gekauft, als noch vor der Rebellion. Ermöglicht wurde das
kauf von 30 bis 40 Ziegen oder 10 bis 15 Kamelen finanziert werden. im Wesentlichen durch die Veränderung der Mode.
Nachdem die Tuareg selbst keine Stoffe weben, müssen diese importiert Die jungen Mädchen ziehen mittlerweile die bunt bedruckten Hausa-
werden. So kommen etwa die schwarz-blau glänzenden Indigostoffe aus Stoffe dem traditionellen Tuareg-Stil vor. Sängerinnen, die beim abendli-
dem Norden Nigerias. Die meisten leichteren Baumwollstoffe stammen chen tam-tam zur Gitarre ihren Tuareg-Blues singen, gelten erst in Paillet-
mittlerweile aus China, werden jedoch in Westafrika bedruckt. Geschnei- tenblusen als perfekt gekleidet. Auch die 45-jährige Handwerkerin Rah-
dert werden die Gewänder von spezialisierten Tuareg-Handwerkern, mit- mata meinte, sie schätze die heutige Zeit, weil mit ihr die schöne, moder-
hilfe von fußbetriebenen Singer-Nähmaschinen. ne Kleidung Einzug nehme. Die älteren Frauen hingegen halten immer
Auch bei den Kleidungsstücken der Tuareg zeigt sich die große Bedeu- noch an der traditionellen Indigokleidung fest, die jedoch, wenn sie alt
tung der Äußerlichkeit, des guten Geschmacks und der Prachtentfaltung. und ausgetragen ist, schwarz erscheint.
Alles wird verziert und soll schön aussehen. Der Preis spielt natürlich auch eine Rolle, denn im Vergleich zu den
handgefertigten Indigostoffen sind die bunten Hausa-Stoffe extrem güns-
Frauenkleider und Schönheitspflege tig. Und sie sind leicht zu bekommen: Mittlerweile bieten Händler aus
Bei den traditionellen Kleidungsstücken der Frauen lassen sich grob den Städten ihre Importware in allen größeren Dörfern an.
zwei Stile unterscheiden. Im Norden und Westen wird eine Art gewi- In der Poesie huldigen die Tuareg der schönen Frau und auch in Part-
ckelte Tunika, teserrnest, aus einem einfachen indigoblauen Tuch von nerschaften ist gutes Aussehen wichtig. Um diesen hohen Ansprüchen zu
vier Metern Länge und 1,5 Metern Breite getragen. Dazu wird das Tuch entsprechen und auch um die Haut vor Sonne und Austrocknung zu
zweimal gegen den Uhrzeigersinn um Körper und Kopf gewickelt, sodass schützen, schminken sich Tuareg-Frauen bei jeder Gelegenheit. Beson-
es gleichzeitig auch als Kopftuch dient. In das Ende des Tuches, den Zip- ders wichtig ist der Lidstrich aus schwarzem Antimon am Rand des Ober-
fel, wird zur Stabilisierung dieser Konstruktion ein schwerer Gegenstand und Unterlids. Er soll die Augenform unterstreichen und auch Infektionen
geknotet. verhindern. Weil derartige Leiden wegen des staubigen Windes häufig
Im Süden tragen die Tuareg-Frauen üblicherweise die tekamist, ein wei- sind, ist der Lidstrich auch bei Männern üblich.
tes Übergewand ohne Verzierungen, das lediglich aus einem rechtecki- Bei kleinen Kindern beiderlei Geschlechts und unverheirateten jungen
gen Tuch besteht, in dessen Mitte ein Schlitz für den Kopf angebracht ist. Frauen spielen kunstvoll geflochtene Frisuren eine wichtige Rolle. Die
In manchen Regionen werden zusätzlich noch weite Ärmel an das Tuch Haare werden mit einer Seifenlauge gewaschen, zu langen Zöpfen ge-
genäht. Mit der tekamist wird üblicherweise das Kopftuch (aleschu) kom- bunden und mit parfümierter Butter imprägniert.
biniert, das Pendant zum tagelmust. Dieses ca. zwei Meter lange und
1,20 Meter breite Indigotuch besteht aus zahlreichen, einen Zentimeter Das „Tuareg-Kreuz“ und anderer Schmuck
breiten Baumwollstoffbahnen, die aneinander genäht sind. Das Tuch wird Schmuck spielt für Tuareg-Frauen eine bedeutende Rolle. Selbst die
einfach über den Kopf gelegt und ein Ende wie ein Schal über die Schul- ärmste Frau putzt sich wenigstens mit einer Halskette aus billigen, selbst
ter geworfen. aufgefädelten Plastikperlen heraus. Wann immer Mittel verfügbar sind,
188 189
170-237 Zum Alltagsleben KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:37 Seite 190
052tr Foto: hf werden sie in schöne Kleider und neingegossen. Nach dem Erkalten des Silbers wird der Lehmmantel vor-
Schmuck investiert. Letzterer dient sichtig zerschlagen: Die Form geht somit letztlich „verloren“, daher der
im Übrigen auch dem Schutz vor Name der Methode. Als nächstes erhält der Anhänger einen Feinschliff
dem bösen Blick, vor Geistern und wird dann mittels Stichel und Punzen mit Mustern verziert. Typisch
und anderen Übeln. Produziert sind Wellenlinien, Liniendekors und geometrische Figuren wie das gleich-
werden die Schmuckstücke von schenklige Dreieck. Die Dekorationen symbolisieren die Tierwelt („Auge
den Schmieden, deren wichtigste des Chamäleons“, „Spur des Schakals“ …) oder auch Himmelskörper
Kundschaft inzwischen die Touris- (Sonne, Mond, Sterne).
ten sind. Tuareg-Schmuck findet Als Material für die Stücke wurde schon immer Silber verwendet, so
man heute in allen europäischen dienten sie zugleich als leicht transportable Wertanlage für schlechte Zei-
Schmuckläden mit ausgefallener ten. Auch gilt Silber als „reines“, heilendes Metall, wogegen Gold verpönt
Produktpalette. ist, weil es den „bösen Blick“ anziehen soll. Durch den Hausa-Einfluss in
In die Zeit vor der Kolonisation den Städten gewinnt das Gold inzwischen zunehmend an Bedeutung. Im
lassen sich vier Grundformen von Aïr werden auch Schmuckstücke aus Speckstein hergestellt, der geschnit-
Anhängern zurückverfolgen, die ten, gefeilt, gefettet, im Feuer geschwärzt und mit eingeritzten Ornamen-
zumeist auf Kamelhaarschnüren ten verziert wird. Ein unter Tuareg-Frauen beliebtes Material ist der Achat,
aufgefädelt um den Hals getragen der beispielsweise für das „Kreuz von Ingal“ verwendet wird. Dieses
wurden: das taneghelt („Kreuz von „Kreuz“ ist eigentlich ein Ring mit einem eingefassten Achat bzw. einem
Agadez“), das teinfuk („Kreuz von mekkawi, einem Dreieck aus rotem Glas, das Mekkapilger als Andenken
Ingal“), das zakkat („Kreuz von Ife-
rouane“) und das zenalett („Kreuz von Zinder“). Aufgrund des großen In-
teresses der französischen Offiziere an Tuareg-Schmuckstücken wurden Zur Symbolik der Tuareg-Kreuze
diese Grundformen seit Beginn der Kolonialzeit zu verschiedenen Varian-
ten weiterentwickelt. Um 1960 fasste man die damals verbreiteten Aus- Über den Symbolgehalt der Tuareg-Kreuze wurde von jeher viel speku-
führungen in der „Sammlung der 21 Kreuze“ zusammen. Gleichzeitig liert. Ein Zusammenhang mit dem christlichen Kreuz scheint ebenso ei-
setzte sich die Fantasieübersetzung „Kreuz von…“ durch, obwohl es diese ne Wunschvorstellung zu sein, wie die angebliche Verwandtschaft mit
Bezeichnung im Tamaschek nie gegeben hatte. Seit dem Tourismusboom dem altägyptischen Symbol „ankh“. Auch eine Verbindung mit dem
der späten 1990er-Jahre lässt sich eine beträchtliche Vervielfältigung und Zeichen der Tanit, der Stadtgöttin von Karthago (phönizisch: Astrate),
Verfeinerung der Anhängervarianten feststellen, wenn auch das am häu- wonach das Kreuz von Agadez eine Sonnenscheibe zwischen dem Hör-
figsten produzierte und verkaufte Repertoire der Schmiede nur ein Dut- nerpaar auf dem Kopf der Göttin darstellen soll, gilt als abwegig. Wahr-
zend Formen umfasst. Dazu zählen die besonders beliebten „Kreuze“ von scheinlich stellen die Kreuze nichts anderes als Varianten des gleich-
Agadez, von Iferouane, von Ingal und das 1995 kreierte „Kreuz von Mano schenkligen Dreiecks dar, die Grundform fast aller Tuareg-Objekte.
Dayak“. Lediglich über das Agadez-Kreuz ist bekannt, dass es als Amulett mit
Die Tuareg-Werkstatt enthält nur wenig Werkzeug, das für die Produk- magisch-heilender Wirkung betrachtet wurde. Mittlerweile muss es
tionsweise „die verlorene Form“ nötig ist. So wird das Gießverfahren gleichsam als Symbol für alles herhalten, was irgendwie mit der Wüste
genannt, bei dem im ersten Schritt eine gewünschte Form aus Wachs mo- zu tun hat. So findet sich das Agadez-Kreuz als Werbegag sowohl auf
delliert und mit Lehm umgeben wird. Dann wird aus der Lehmform das Berberteppichen im Maghreb als auch auf Lederprodukten im Sahel. Da-
Wachs durch Erhitzung entfernt und stattdessen geschmolzenes Silber hi- mit wandelte sich das ursprüngliche Amulett zum zweckfreien, sinnent-
leerten Ornament.
### Autor: Bitte BU ergänzen
190 191
170-237 Zum Alltagsleben KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:37 Seite 192
mitbrachten. Wahrscheinlich war der Achat in vorkolonialer Zeit als Der tekamist ist im Sahara-Raum unter der arabischen Bezeichnung
Schmuckmaterial verbreiteter als Silber. Wertvolle Achat-Schmuckstücke gandura und im Sahel unter dem Hausa-Namen bubu bekannt. Dabei han-
werden im Aïr auch heute noch von Mutter zu Tochter vererbt. delt es sich um ein rechteckiges Tuch aus schwerer Baumwolle, in dessen
Neben den „Kreuzen“ gibt es eine Vielfalt an weiteren Schmuckstü- Mitte wie bei dem Kleidungsstück der Frauen eine Öffnung für den Kopf
cken. Hier eine Auswahl der wichtigsten Varianten: geschnitten wird. In manchen Regionen werden an der Seite auch lange
breite Ärmel angebracht. Der tekamist reicht bis zu den Waden. Es wird
• Bei den kel adrar n’Ifoghas und den kel ahaggar findet sich die chomeis- mit der Nähmaschine mit aufwendigen Stickmustern versehen und in die
sa, die dort wohl eine ähnliche Bedeutung hat wie das taneghelt im Falten werden Taschen eingearbeitet, in denen die Tuareg empfangene
Südosten. Dabei handelt es sich um einen Anhänger aus fünf Rauten Geschenke wort- und spurlos „verschwinden lassen“ können.
aus Muscheln oder Silberblech, die in Dreiecksform auf einer dicken, Von den Tuareg gern getragen wird die akerbey, eine sehr weit geschnit-
vielschichtigen Lederunterlage angeordnet sind. Getragen wird die cho- tene, bis zu den Knöcheln reichende Hose. Zumeist wird sie aus leichtem
meissa an einer Halskette aus schwarzen Glas- oder Karneolperlen. Sie schwarzem Baumwolltuch gefertigt. An den Außennähten werden Ziersti-
ist ein Amulett gegen den bösen Blick, ihre Form soll die Hand der Pro- ckereien aus weißen oder gelben Schnüren angebracht. Die Vorlage dafür
phetentochter Fatima symbolisierten. stammt ursprünglich aus Agadez und hat sich im Laufe der Zeit über das
• Bei den kel ajjer verbreitet ist ein monumentaler Brustschmuck aus gesamte Tuareg-Gebiet verbreitet. Zur kompletten Bekleidung gehörten
zahlreichen silbernen Dreiecken, der nur an besonderen Festtagen an- früher die Ledersandalen, die eratimen.
gelegt wird. Mittlerweile hat sich das Erscheinungsbild der Tuareg stark verändert.
• Halsketten finden sich in größter Formenvielfalt. Unter den Nomadin- Unter dem finanziellen Druck, aber auch wegen der sich wandelnden Mo-
nen beliebt sind schlichte, bunte Ketten aus Glas- oder Kunststoffperlen, de neigen die Tuareg-Männer im Alltagsleben verstärkt dazu, westliche
die sie neben dem Ziegenhüten selbst herstellen. Nur Perlen und Faden Kleidung und nicht etwa indigoblaue Festtagsgewänder zu tragen. Hier
werden aus den größeren Städten besorgt. findet sich die gesamte Palette von Jeans, T-Shirts und Hemden, Parkas
• Ein sehr beliebtes und verbreitetes Schmuckstück ist der variantenreiche und Sportjacken, Pullover, Mützen und Schildkappen (bei den Frauen hin-
Fingerring (tisek). Er dient als kleines Geschenk, um bei einer Herzens- gegen setzt sich eher die Hausa-Mode als der westliche Stil durch). Einmal
dame Eindruck zu schinden, aber er zählt auch zu den wenigen begegnete ich in der Ténéré einem Karawanier, der ein T-Shirt mit dem
Schmuckstücken, die auch Männer tragen. Konterfei von Bin Laden und eine runde Stoffmütze mit dem Aufdruck
„Bild-Zeitung“ trug. Ich bezweifle, dass er über die Bedeutung dieser Sym-
Außerdem gibt es noch aus Silber gefertigte Amulettbehälter in Gestalt bole Bescheid wusste.
eines kleinen Döschens, in das Koranseiten gelegt werden. Männer tragen Als Schuhwerk beliebt sind Sportschuhe oder Trekkingschuhe. Solcher
dieses Schmuckstück auf dem Kopf als krönenden Abschluss eines aus Luxus ist für die meisten Nomaden jedoch genau so unerschwinglich wie
weißem und indigofarbenem Tuch gewickelten tagelmust. Amulette sollen die traditionellen Eratimen-Sandalen. Ein ungewöhnliches und verbreite-
vor dem bösen Blick und vor Verhexung schützen, aber auch vor Sterilität, tes – weil billiges – Schuhwerk sind Überzieher aus reinem Plastik. Sie er-
Liebeskummer oder Armut und vor der Verwundbarkeit durch Waffen. So füllen zumindest den Zweck, den Fuß notdürftig vor Dornen zu schützen.
erzählen die kel ewey von ihrem legendären Chef Bolhou aus dem 19.
Jahrhundert, dass er sich im Kampf dank seines Amuletts habe unsichtbar Die Grundausstattung eines Hirten
machen können.
Über die Kleidung hinaus bedarf der Tuareg-Nomade einer gewissen
Männerkleider Grundausstattung, die ihn in die Lage versetzt, sowohl sich und seine Her-
Die traditionelle Männerkleidung besteht im Wesentlichen aus drei de gegen Gefahren zu verteidigen als auch sein Kamel zu reiten. Er benö-
Teilen, dem Schleier (tagelmust), dem Überwurf (tekamist) und der Hose tigt somit Waffen aus Metall und einen Sattel aus Holz und Leder. Beides
(akerbey). Der tagelmust wurde im Kapitel „Typisch Tuareg?“ ausführlich wird von Spezialisten unter den Handwerkern, den Schmieden, herge-
beschrieben. stellt.
192 193
170-237 Zum Alltagsleben KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:37 Seite 194
053tr Foto: hf
Bewaffnung
Das wichtigste Verteidigungsmittel ist das zweischneidige Schwert (ta-
kuba). Es war früher die Standardwaffe der noblen Tuareg und wurde im
Nahkampf eingesetzt. Im späten 19. Jahrhundert wurden die Klingen aus
Europa geliefert, während die modernen Versionen oft von alten Karosse-
rieteilen stammen. Eisen gilt als „unreines“, unheilvolles Metall. Zum
Schutz des Besitzers werden darum alle eisernen Gegenstände mit „Se-
gen bringenden“, heilenden Metallen wie Messing oder Kupfer versehen.
Beim Schwert werden der Griff und der Knauf sowie die kunstvoll verzier-
te Scheide aus „reinem“ Material gearbeitet.
Heute dienen Schwerter den Hirten nur noch als Prestigesymbol oder
um Schakale zu vertreiben und Schlangen zu töten. Vor die Wahl gestellt
würde ein moderner Hirte dem Schwert wohl ein Radio vorziehen. Da-
rum werden Schwerter aus Geldnot gern an Touristen verkauft.
Die zweite wichtige traditionelle Waffe der imajeghen war die rund zwei
Meter lange Lanze (allar) aus Vollmetall, die als Wurf- und Stichwaffe ver-
wendet wurde. Heute wird sie nur noch bei Festen für den Tanz der ima-
jeghen, den deremmage, eingesetzt.
Die traditionelle Ausstattung des noblen Kriegers vervollständigte ein
mit Antilopen-Leder überzogener Metallschild (aghar). Leider sind die Über die Formen des dreifach gegabelten Griffs und der spitz zulaufen-
Schilde mittlerweile sehr selten geworden, da sie auch in traditionellen Ze- den Lehne wurde viel spekuliert. Am plausibelsten ist die Ansicht, dass
remonien nicht mehr benutzt werden. sich dahinter auch wieder die weit verbreitete Grundform des gleich-
schenkligen Dreiecks verbirgt, wenn auch auf stilisierte Weise. Dieses
Tamzak – der Kamelsattel Symbol repräsentiert gleichsam die rhythmische und zyklische Ordnung
Für jeden erwachsenen Tuareg-Nomaden ist es eine Frage der Ehre, ei- der Tuareg-Welt. Wie im Kapitel „Das Weltbild vom steten Ringen um Ba-
nen tamzak zu besitzen. Sein Prestige beruht wohl auf seiner herausra- lance“ dargestellt, stellt der imuhar das ideale Gleichgewicht zwischen
genden Schönheit, zusätzlich signalisiert er einen gewissen Reichtum. der Welt Allahs und dem Wirkungskreis der Geister dar. In Anlehnung an
Denn einen eigenen tamzak kann sich nur leisten, wer über eine hinrei- das Symbol vom reitenden Tuareg ließe sich demnach formulieren: Wer
chend große Kamelherde verfügt. in einem tamzak auf dem Rücken eines Kamels reitet, stellt nicht nur
Die besten und schönsten Tuareg-Sättel werden von berühmten Spe- selbst das optimale Gleichgewicht der Welt dar, er sitzt auch in einer
zialisten in Agadez hergestellt und bis nach Algerien und Libyen expor- idealen Ordnung.
tiert. Das Gerüst des tamzak besteht aus Holz, der Überzug aus Leder.
Der Schaft des gegabelten Vorderteils wurde früher mit Gepardenfell Alltägliche Gebrauchsgegenstände
überzogen, um Schnelligkeit, Kraft und Dynamik zu symbolisieren. Heute Neben seinen Waffen benötigt der Hirte auch heute noch gewisse
wird dazu Ziegenfell verwendet. Die Rückseite der Lehne und der Zier- Kleingeräte zur Erleichterung seiner Arbeit. Dazu zählen Feuerzeuge und
spitz unter dem Vordergriff sind mit Metallblechen, -fäden und -punzen Pinzetten. Als Feuerzeug (enefed) wurden früher Schlageisen, Feuerstein
verziert. Für die prächtige Dekoration werden raffinierte Techniken einge- und Baumwollfäden als Zunder verwendet. Dieses „Gerät“ wurde mittler-
setzt. weile selbst in den abgelegensten Winkeln von Streichhölzern und Weg-
werf-Feuerzeugen verdrängt.
Pinzetten (iremdan) sind für die Arbeit im „Busch“ absolut unentbehr-
### Autor: Bitte BU ergänzen### Autor: Bitte BU ergänzen lich, denn der Boden ist voller Dornen, die sich schnell in Hirten- und
194 195
170-237 Zum Alltagsleben KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:37 Seite 196
Kamelfüße bohren. Iremdan ist eigentlich ein eisernes Kombi-Gerät, be- Vielfalt an Wohnformen. Man findet einfachste Lager, die kaum Wind-
stehend aus einem langen Dorn auf der einen Seite und einer kräftigen schutz bieten, genauso wie vollklimatisierte Villen. Traditionellerweise
Pinzette auf der anderen. Doch auch dieses sehr roh geschmiedete Instru- leben die Tuareg in Zelten oder Hütten.
ment wird zunehmend durch westliche Industrieprodukte wie Taschen-
messer verdrängt. Wohnform Zelt
Interessanterweise werden von den enaden kaum Messer geschmiedet.
Bei den Nord-Tuareg werden nur Zierdolche, die eine verkleinerte Form Wenn ein Nomade seine Familie besuchen will, so wird er stets fragen:
der takuba darstellen, für Touristen hergestellt. Die Hirten hingegen be- „Wo stehen die Zelte?“, niemals aber „Wo befindet sich meine Familie?“,
dienen sich für ihren Arbeitsalltag der Messerproduktion benachbarter denn das Zeltlager (aghiwan) ist der Mittelpunkt der Familie. Aghiwan
Ethnien. Bei den kel aïr etwa sind die einfach gestalteten, aber sehr schar- bedeutet im übertragenen Sinne „Zuhause“ oder „Wohnsitz“. Das mate-
fen und preisgünstigen Dolche der Tubu beliebt. Sie werden für die rielle, einzelne Zelt in seinen verschiedenen Formen wird dagegen ehan
Schlachtung von Vieh, für das Schneiden von Futterpflanzen oder das genannt. In der Regel besteht ein aghiwan aus mehreren Zelten und bil-
Kappen von Seilen verwendet. det somit eine kleine Zeltsiedlung. Es ist gleichsam der gemeinsame La-
Komplett ausgestattet ist ein Nomade jedoch erst mit dem Teegeschirr, gerplatz der gesamten Familie: Hier kommen alle Familienmitglieder
bestehend aus einem Wasserkessel, einem Teekännchen, einem Tablett, während der Regenzeit zusammen, wenn die sprießenden Gräser erlau-
mehreren Gläsern und einem Drahtherd. Vor der Zeit des Kristallzuckers ben, die Kamel- und Ziegenherden auf relativ engem Raum zu weiden.
war auch der Zuckerhammer unentbehrlich. Der Kessel wird zumeist aus Während der Trockenzeit leben hier nur die selbstständige Mutter als
Algerien importiert, das Kännchen kommt aus Nigeria, Marokko oder Chi- „Herrin der Zelte“, die Kinder, die zum Hüten der Ziegen noch zu klein
na, das bunt verzierte Blechtablett aus dem Maghreb und die Gläschen sind, Geschwister, die noch keinen eigenen aghiwan haben und im
aus Frankreich. Haushalt helfen, sowie unterstützungsbedürftige Eltern. Die älteren
Töchter hingegen müssen nun weit umherstreifen, um genug Nahrung
für die Ziegenherde zu finden. Ehemann und Söhne weiden die Kamele
Wohnformen oder sind „auf Karawane“.
Die Herstellung der Zelte ist Frauenarbeit. Wenn das aghiwan ver-
Die Wohnform einer Nomadengesellschaft ist zugleich auch ihre Lebens- setzt wird, transportieren die Frauen die Zeltmaterialien auf ihrem Esel und
form, denn Mobilität ist die Bedingung dafür, dass die Tuareg ihre Weiden bauen das Zelt auch selbst wieder auf. Es verbleibt ihr Leben lang in ihrem
nachhaltig nutzen können. Hirten müssen mit einem Minimum an Wohn- Eigentum. Die Zelte werden aus Leder oder Matten gefertigt. Das Leder-
substanz auskommen, weil unnötiger Ballast das häufige Siedeln er- zelt (ehaket) ist der häufigste Zelttyp bei den Tuareg. In der trockenen
schwert. Wir Sesshaften pflegen umso mehr Besitz anzusammeln, je Zentralsahara (bei den kel ajjer und kel ahaggar) werden die Lederzelte
länger wir an einem Ort leben. Dadurch werden wir immer unbewegli- ganzjährig, im Sahel nur während der Regenzeit genutzt, da sie wasser-
cher. Der einzige anzuhäufende Besitz der Nomaden hingegen ist eben- dicht sind. Während der kalten Trockenzeit werden hier leichte Zelte aus
falls mobil: das Vieh! Dennoch sind die Tuareg in gewisser Hinsicht von Flechtmatten bevorzugt, weil der Lagerplatz wegen der dürren Weiden
den Sesshaften abhängig. Sie können zwar für viele Monate ausschließlich häufiger gewechselt werden muss. Die Größe eines Lederzeltes ist vom
mit und von ihren Kamelen oder Ziegen leben, aber möglich wird dies Wohlstand der Familie abhängig. „Normale“ Zelte sind etwa vier mal fünf
erst durch eine Grundausstattung mit Ausrüstungsgegenständen wie Meter groß und nur um die 130 cm hoch. Sie dienen nur als Schlafgemach
Schwertern oder Indigotüchern. Diese können jedoch nur unter sesshaf- und als Lagerraum, das aktive Leben (Kochen, Empfang von Gästen …)
ten Bedingungen produziert werden. Der Nomadismus steht somit zur spielt sich außerhalb des Zeltes ab. Die Lederplane besteht aus 30 bis 50
Kultur der Sesshaften in einem Abhängigkeitsverhältnis. Ziegen- oder Schafhäuten, doch gibt es auch „Zeltpaläste“, die aus 150
Wie die Menschen wohnen, hängt in Selbstversorger-Gesellschaften Häuten bestehen und deren Plane mannsschwer wiegt.
von der Verfügbarkeit brauchbarer Materialien ab. Da die Tuareg mittler- Neue Zeltplanen werden hergestellt, sobald die Heirat einer Tochter
weile eine große Bandbreite an Lebensstilen aufweisen, wuchs auch die vereinbart ist. Die Herstellungsprozedur ist ein wichtiges soziales Ritual,
196 197
170-237 Zum Alltagsleben KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:37 Seite 198
054tr Foto: hf
sehen können, wird dieser durch eine Lederplane oder eine Matte abge-
schirmt.
Die kel gress (Südniger) und die kel aïr (Nordostniger) bevorzugen Mat-
tenzelte aus Blättern der Dumpalme, denn das Rohmaterial ist billiger als
Ziegenhäute und überall im Aïr und im Süden verfügbar. Dazu flechten
Hirtinnen aus den Dumblättern 10 cm breite Bänder und nähen daraus
ovale oder rechteckige Matten. Je nach Größe der Matten werden 6 bis
10 Stück auf ein kuppelförmiges Gerüst aus geflochtenen Ästen gelegt,
um ein Zelt von vier Metern Durchmesser und zwei Metern Höhe zu bau-
en. Wird ein Lager verlegt, bleibt das Gerüst bis zur Rückkehr stehen, wäh-
rend die Matten mitgenommen werden. Am neuen Lagerplatz wird dann
wieder ein Gerüst aufgebaut. Das Innenleben eines Mattenzeltes ist dem
eines Lederzeltes vergleichbar.
Wohnform Hütte
Wenn ein aghiwan an einem versorgungstechnisch günstigen Ort steht,
kann daraus eine auf Dauer eingerichtete Siedlung entstehen. Dann wer-
den die Zelte zunächst befestigt und dann schrittweise durch Hütten er-
das die Familienbande festigt. Die Häute werden innerhalb der Verwandt- setzt, die aus dem jeweils verfügbaren Material (Schilf, Matten, Holz,
schaft gesammelt und gemeinsam imprägniert und zusammengenäht. Die Lehm oder Stein) gebaut werden.
zukünftige Zeltherrin sorgt für die Verpflegung der Näherinnen. Impräg-
niert werden die Häute mit Butter und Ocker, so werden sie wasserdicht • Schilfhütten (ekeber) sind in der Zentralsahara üblich, werden aber
und widerstandsfähig gegen die Sonnenstrahlung. Dann werden sie mit wegen der zurückgehenden Schilfbestände seltener. Diese Hütten be-
Lederfäden zusammengenäht und über verzierte, fest verankerte Zelt- stehen aus einem Holzgerüst von einigen Metern Seitenlänge, das mit
pfosten gezogen. Das Zelt wird in Nord-Süd-Ausrichtung aufgestellt, mit Schilf verkleidet wird. Das ungeschnittene Schilf verleiht den Hütten ein
der Zeltöffnung nach Westen. buschiges Aussehen und verursacht ein typisches Rauschen.
Im Inneren des Zeltes herrscht eine geschlechtsspezifische Raumauf- • Für Hütten aus geflochtenen Matten wird ein Gerüst aus Stangen kon-
teilung. Im Zentrum steht ein Bett mit der Fußseite nach Westen zum Ein- struiert, die im Boden verankert werden. Damit keine Ziegen in diese
gang gerichtet. Das im Aïr übliche Bettgerüst tadabut ist eine aufwendige „Zelthütte“ gelangen, ist dieses feste Lager oft von einem Zaun aus
Konstruktion aus vier Hockern, auf denen zwei verzierte Querrollen Ästen und Dornsträuchern umgeben.
aufliegen, die wiederum Längsbalken tragen. Darauf befindet sich der • Hütten aus festen Materialen werden z. B. im Aïr aus aneinander
„Lattenrost“ aus Dumpalmen- und Grasmatten. Die kel ahaggar schlafen gelegten Ästen gebaut. Diese Bauweise verbraucht extrem viel Holz,
nur auf Wolldecken. Rechts des Bettes, auf der Männerseite, deponieren woran in der Wüste wegen des langsamen Wachstums der Bäume oh-
die Männer Schwert, Sattel und Zaumzeug, links die Frauen ihre Koch- nedies Mangel herrscht. Um der steigenden Nachfrage nach Unterkünf-
utensilien. Babys schlafen in aufgehängten, geflochtenen Körben, Klein- ten – infolge des enormen Bevölkerungswachstums – ohne Schädigung
kinder neben dem elterlichen Bett auf dem Boden, der mit Matten, Baum-
wollteppichen und Lederkissen dekoriert ist. Während der Vater mit den
Kamelen unterwegs ist, kriechen die Kinder auch gern ins Bett der Mutter.
Die Aktivitäten des Alltags und der Empfang von Gästen finden in der Re-
gel vor dem Zelt statt. Damit Gäste den Intimbereich der Familie nicht ein- Gerüst eines Mattenzelts
198 199
170-237 Zum Alltagsleben KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:38 Seite 200
des Baumbestandes nachkommen zu können, wird heute mit Lehm und Zur Schonung des Holzbestandes wurde im Aïr die sogenannte „Holzlos-
Stein gebaut. So wurden beispielsweise die Hütten in Assode, dem eins- Bauweise“ entwickelt und verbreitet. Dabei werden beliebig viele quadra-
tigen Zentrum der kel ewey im Aïr, aus Stein errichtet. Als Baumaterial tische Räume mit Kuppeldächern aus Lehmziegeln kombiniert. Diese
beliebter sind luftgetrocknete Lehmziegel (banco), weil sie leicht zu be- vornehmlich in Agadez zu findende Architektur passt sich wunderbar ans
arbeiten sind. Weil aber Lehm für Regen anfällig ist, müssen die Hütten Landschaftsbild an, erfordert aber einiges an Know-how.
nach jeder Regenzeit wieder repariert werden. Lehmhütten sind wie ein In den alten Karawanenstädten Ghadames, Timbuktu und Agadez war
Schuhkarton geformt, mit wenigen kleinen Fenstern, die mit aufklapp- Lehm das zentrale Baumaterial. Menschen mit geringen finanziellen Mit-
baren Brettern versehen sind. Die Dächer bestehen aus halbierten Dum- teln bauen heute noch mit Lehm, während moderne Familien zu Beton
palmenstämmen, bedeckt mit geflochtenen Matten und Lehm. Die und Klimaanlagen neigen, obwohl Lehm besser isoliert. So ziehen die
Eingänge sind offen oder werden mit Holztüren verschlossen. Den Hof Menschen in Ghadames während des Sommers die kühleren Lehmbauten
solcher Hütten umgeben Schilf- oder Lehmzäune. der Altstadt ihren modernen Betonwohnungen vor.
Timia – ein „Bilderbuchdorf“ im Aïr
„Timia“ – schon der Name ist pure Poesie und verheißt Schönheit im Wegen der exponierten Lage des Dorfes kamen die „kel timia“ erst rela-
schlichten Gewand, Eleganz ohne Pomp und Glitter. Das Dorf der „kel tiv spät mit Europäern in Berührung. Heinrich Barth hatte nur vom Tal
ewey“ im Herzen des Aïr-Massivs erscheint als perfekte Inszenierung eines „Tchimmia“ und dessen wunderbaren Palmenhainen gehört. Als erster
touristischen Höhepunktes, der errungen werden will, anstatt sich anzu- Europäer besuchte der Deutsche Erwin von Bary im Jahr 1877 das Dorf
biedern. 220 holprige Pistenkilometer hinter Agadez, vorbei an kahlen und berichtete von blühenden Gärten, in denen damals Tabak und Pfeffer
Mondlandschaften, stößt man auf die „Cascade“, das Wahrzeichen des gezogen wurden. Während der Kolonialzeit verführte das Dorf Offiziere
Dorfes: Ein kühles Rinnsal an einer Basaltwand nährt ganzjährig einen zum Schwärmen: „Seine Höhenlage, seine grandiose und wilde Umge-
kleinen klaren See. Abseits warten geduldig Schmuckhändler aus dem bung, der grüne und harmonische Gürtel seiner Palmenhaine und Gär-
Dorf auf Reisende. Oberhalb der Basaltbarriere verläuft das breite Wadi ten, seine verschlossene Bevölkerung und der fanatische Charakter seines
entlang grüner Gärten, wo unter einem Baldachin aus Dattelpalmen süße Islam machen Timia zu einem einzigartigen Ort im Aïr.“ Von Forschern
Pampelmusen, leuchtende Orangen, duftende Mandarinen und knackige wurde das Dorf lange Zeit ignoriert, weil es sich bei den „kel ewey“ doch
Granatäpfel gedeihen. Dann schließlich brandet das üppige Grün der Gär- um „schwarze“ und somit keine „richtigen“ Tuareg handelte. Erst im Jahr
ten auf die kahle Flanke des Hügels Tawadu, auf dessen Kuppe das alte 1976 entdeckte der deutsche Ethnologe Gerd Spittler die „kel timia“, bei de-
„Fort Massu“ steht, ein Relikt aus der Kolonialzeit. Von hier eröffnet sich nen er einige Jahre verbrachte und die Bevölkerung in vielerlei Hinsicht
ein sagenhafter Rundblick auf die umliegenden Weiden, Gärten, Berge – unterstützte.
und das Dorf. Während der Rebellion war das Dorf weitgehend von der Außenwelt ab-
Auf 1200 Metern Seehöhe gelegen, schmiegen sich Hunderte Lehmhüt- geschnitten. Nach den Kämpfen kehrten die ersten Touristen nach Timia
ten der „kel ewey“ schachbrettartig aneinander, überragt vom kahlen zurück, unter ihnen der Normanne Michel Bellevin. Die Gastfreundschaft
Fels des knapp 2000 Meter hohen Adrar Egalah. Die Geschlossenheit der der „kel timia“ berührte ihn so sehr, dass er die Gründung eines Hilfsver-
Siedlung und der Kontrast der prallen Gärten zu dem kargen Umland be- eins beschloss, den er „Freunde von Timia“ nannte. Eine ihrer zahlrei-
geistern von jeher europäische Reisende, die sich hier in einem grünen Ha- chen Aktionen zur Dorfentwicklung war die Renovierung des verfallenen
fen inmitten eines mondhaften Universums wähnen. Vor dem weiten, glei- „Fort Massu“, das seither Besuchern als Museum, Teestube und Herberge
ßend hellen Wadi wirken die dicht gedrängten braunen Lehmhäuser wie offen steht, in der man hoch über dem Dorf die süßesten Pampelmusen
eine Festung gegen Bedrohungen aus der Wüste. Afrikas genießen kann.
200 201
170-237 Zum Alltagsleben KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:38 Seite 202
Wohnform Hirtenlager Käselaibe. Für deren Herstellung sind hölzerne Melkkübel, eine Kalebasse
für den Labmagen, Fasern aus Dattelpalmen als Milchsieb und das Ge-
Hirtinnen ziehen die meiste Zeit mit ihren Ziegen von Weide zu Weide, flecht tesabar nötig, mit dem der Käse geformt wird. Auf einem weiteren
während Hirten entweder ihre selbstständig weidenden Kamele zusam- Ständer werden Vorräte und die notwendigsten Haushaltsgegenstände
mensuchen oder mit einer Karawane unterwegs sind. Darum sind deren gelagert. Dazu zählen Mörser, Stößel, Reibestein, Kochtopf, Kalebassen,
Lager äußert einfach und nur auf einige Tage bis zum nächsten Weide- Löffel und Teegeschirr. Eine Feuerstelle aus Steinen und ein Gatter aus
wechsel angelegt. Entsprechend den unterschiedlichen Anforderungen an Dornengeäst für die Zicklein vervollständigen ein Hirtinnenlager.
die Hirtenarbeit gibt es unterschiedliche Lagertypen. Eine Hirtin schläft normalerweise allein in ihrem garra, so wie sie auch
•Das Lager eines Hirten (edaw, wörtl. „Busch“) wird an einem Ort er- ihre Ziegen tagsüber allein weidet. Dennoch ist eine Hirtin nicht völlig der
richtet, der von günstigen Weiden umgeben, nicht zu weit von einem Einsamkeit ausgesetzt, denn normalerweise befinden sich mehrere garra
Wasserloch oder Brunnen entfernt ist und der einen Baum und einen Fel- in Rufweite zueinander. Dadurch können die Hirtinnen einander in Not-
sen aufweist. Der Baum dient als „Kasten“, um Wassersäcke, Schwerter, fällen beistehen und der Weg zur abendlichen Plauderei ist nicht so weit.
Teegeschirr und Seile aufzuhängen. Unter dem Felsen werden die Hirse- Andererseits sollen sich die Ziegenherden der Hirtinnen, die abends im
vorräte gelagert und so vor der Sonne und notdürftig vor Tieren ge- Umfeld des garra lagern, nicht vermischen. Die nächste Wasserstelle sollte
schützt. Mörser (tende, dient mit Haut bespannt auch als Trommel), Stö- höchstens sieben Kilometer vom Lager entfernt sein, mehr schafft kein
ßel, Kochtopf, Kalebassen, hölzerne, verzierte Esslöffel und Behälter für Zicklein. Die Qualität der direkt umliegenden Weide spielt für das garra
die Kamel- oder Ziegenmilch vervollständigen das Lager. All diese Gegen- keine Rolle, weil die Herden tagsüber zu den guten Weiden geführt wer-
stände sollten auf dem Baum aufbewahrt werden, um sie vor den kel es- den. Das ist weniger anstrengend, als jeden Tag das Lager zu einer neuen
suf, den bösen Geistern, und somit vor Tieren oder vor dem Verlust zu Weide zu verlegen. Gewechselt werden solche Lager erst, sobald das Um-
schützen. Denn tagsüber, wenn der Hirte seine Kamele sucht, die sich auf feld voller Ziegenkot ist. Und weil Tuareg die Einsamkeit hassen, werden
der eigenständigen Suche nach Futter zu weit entfernt haben, bleibt das die Hirtinnen aller benachbarten garra möglichst gemeinsam umziehen.
edaw unbeaufsichtigt zurück. Doch zumeist sind Hirten achtlose „Haus- Hirtenlager sind nur mit dem Notwendigsten ausgestattet. Ein familiäres
männer“, die ihren Hausrat nachlässig auf dem Boden liegen lassen. Lager hingegen erlaubt einen gewissen Luxus, hier will man es gemütlich
Geschlafen wird unter freiem Himmel auf einer Matte oder einer Decke haben und die Zeit mit der Familie und den Gästen genießen. Hier wird
im Schutze des Felsens, wo auch gekocht und gegessen wird. Das edaw Wert auf Sauberkeit und Ordnung gelegt, weshalb sich ein aghiwan stets
bietet somit keinerlei Schutz, dafür aber große Mobilität. Es gilt als auch durch einen umgrenzten, aufgeräumten und sauberen Platz auszeichnet,
nicht als „Zuhause“ (aghiwan), denn dazu gehört eine Frau. Zumeist näch- vor allem aber durch mehr Inventar und Vorräte.
tigt ein Hirte allein in seinem edaw. Vorübergehend können aber auch bis
zu zehn Hirten zusammen lagern, etwa nachdem sie die Salzkarawane Städtische Zentren der Tuareg
von Bilma ins feuchtere Hausa-Land geführt haben und dort gemeinsam
die kalte Trockenzeit „überwintern“. Mythos Timbuktu
•Das Lager einer Ziegenhirtin, garra, besteht äußerlich lediglich aus ei- Timbuktu steht für die große Sehnsucht nach Schätzen, die europäische
nem Windschutz. Während der Regenzeit bauen die Hirtinnen zusätzlich Regierungen teure Expeditionen finanzieren ließen. Es verkörpert den
ein einfaches, grasbedecktes Pfahlgerüst. Vor der Winterkälte schützt eine Klang von Exotik und Abenteuer, der ungeahnte Erfahrungen verspricht.
Hütte aus Matten oder Baumrinde. Am wohnlichsten ist die bukka, ein mit Es steht aber auch für die herbe Enttäuschung jener, die ihre Reise durch die
Matten bedecktes Gerüst aus gebogenen Ästen. Dieser „Luxus“ ist sol- Wüste mit den räuberischen Tuareg überlebten und ein verfallenes, ver-
chen Hirtinnen vorbehalten, die regelmäßig vom Ehemann besucht wer- drecktes Dorf vorfanden. Und Timbuktu ist das einstige geistige Zentrum
den. Ein Hirtinnenlager unterscheidet sich von einem edaw durch Sauber- des Sudan. Diese Verbindung aus Mythos, Geschichte und Architektur er-
keit und Ordnung, weil andernfalls die Ziegen sämtliche herumliegenden hebt Timbuktu zu einer der bedeutendsten UNESCO-Kulturstätten Afrikas.
Gegenstände anknabbern würden. Sauberkeit ist auch für die Käsezube- Im 14. Jahrhundert war die Stadt der Mittelpunkt des Salz- und Gold-
reitung wichtig. Ein mit Gras bedecktes Gerüst dient dem Trocknen der handels des Königs von Mali, Kan-kan Musa, dessen legendärer Reichtum
202 203
170-237 Zum Alltagsleben KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:38 Seite 204
055tr Foto: hf
überliefert ist. In dieser Epoche wurden die Djinger-ber-Moschee und die
große Sidi-Yahia-Moschee erbaut. Der arabische Reisende Leo Africanus
schilderte die Stadt als eine reiche Metropole, in der Gold, Seide,
Schmuck, Elfenbein und Sklaven gehandelt wurden und in deren Univer-
sität Sankóre astronomische und anatomische Studien betrieben wurden.
Ab dem 17. Jahrhundert aber geriet Timbuktu zwischen die Fronten rivali-
sierender Stämme und versank in Bedeutungslosigkeit. Dennoch blieb
die Stadt stets ein Zentrum der Begegnung, in dem Tuareg, Mauren,
Songhai, Mandinka, Fulbe und Bambara miteinander lebten, wenn auch in
eigenen Vierteln.
Im Jahr 1988 wurde Timbuktu wegen seiner zahlreichen Moscheen aus
der Songhai-Periode zum UNESCO-Weltkulturerbe erhoben. Die Biblio-
theken der Stadt beherbergen über 100.000 kostbare alte arabische
Schriften. Doch was bleibt jenseits der historischen Relikte vom Mythos?
Die letzte große Karawane aus Marokko traf im Jahr 1937 ein. Heute wird
nur noch der lokale Salzhandel mit Taoudeni betrieben.
Zu den berühmten Söhnen Timbuktus zählen der Blues-Musiker Ali
Farka Touré (1939–2006) und der internationale Stardesigner Alphadi
(*1957). Agadez tragen anstelle ihrer Schwerter Mobiltelefone. Dennoch dreht sich
hier das Rad der Zeit langsamer. Immer noch wandeln Nomaden durch
Agadez – das Tor zur Wüste die staubigen Gassen zwischen den Lehmgebäuden und auch die Feste
1500 km östlich von Timbuktu liegt Agadez, das der Forschungsreisen- werden noch genauso ausgelassen und farbenfroh gefeiert wie früher.
de Ibn Battuta (1304–1377) als die „größte, schönste, stärkste Stadt des
Sudan“ schilderte. Im 16. Jahrhundert war die Handelsstadt so wohlha-
bend, dass sie sich den jährlichen Tribut von 150.000 Dukaten an das Essen und Trinken
Songhai-Reich leisten konnte. Damals dürfte die Stadt einen Umfang von
fünf Kilometern und rund 10.000 Einwohner gehabt haben. Dann erlitt Zu den Tuareg reist man nicht, um eine Genusskultur kennenzulernen,
Agadez das gleiche Schicksal wie Timbuktu als Verlierer zwischen krieg- denn die Speisekarte der Nomaden ist äußerst karg und variationsarm. Im
führenden Tuareg-Stämmen. Vordergrund der nomadischen Esskultur steht, überspitzt formuliert, die
Agadez war stets ein Ort des Austausches zwischen verschiedenen Be- „würdevolle Sättigung“. Für feine Geschmacksnuancen ist hier wenig
völkerungsgruppen. Im 16. Jahrhundert wurden hier Tamaschek, Hausa Raum. Dies ändert sich freilich mit zunehmendem Abstand vom Noma-
und Songhai gesprochen. In den 1950er-Jahren war Agadez vornehmlich denland. Die von Tuareg geführten Restaurants in den Städten, wie auch
von dunkelhäutigen Hausa besiedelt, doch auf den Märkten trafen sich die Küche der Tuareg-Reiseagenturen bieten ein äußerst schmackhaftes
auch Tuareg, Wodaabe und Araber. Aus diesem Kultur-Mix erklärt sich Essen, das im Vergleich zur Speisekarte der Nomaden auch recht varian-
die kulturelle Kraft, die Agadez auch heute zu einer vitalen Stadt macht, tenreich ist. Der westliche Gast hingegen muss seine Erwartungen deut-
die fast wie ein lebendiges Museum wirkt. Erst seit dem Ende der Rebelli- lich herunterschrauben.
on erlebt die Stadt eine merkliche Modernisierung. Heute ragt aus der In den städtischen Zentren werden zunehmend westliche Gepflogen-
Mitte der Altstadt ein gigantischer GSM-Sender und die meisten Tuareg in heiten übernommen. Hier isst die Familie gemeinsam an einem Tisch mit
Besteck und im Hintergrund läuft der Fernseher …
Doch wie sehen die Regeln und Sitten der ländlichen Bevölkerung hin-
Märchenerzähler in Agadez - Hintergrund Minarett sichtlich ihrer Esskultur aus?
204 205
170-237 Zum Alltagsleben KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:38 Seite 206
Zur Esskultur dann spricht man die Dankesformel „alhamdullilah“, was so viel wie „ge-
lobt sei Allah“ bedeutet. Den guten Sitten folgend, wird man versuchen
Wer isst mit wem? sich zurückzuhalten und das Essen möglichst frühzeitig zu beenden, um
Wie in zahlreichen traditionellen Gesellschaften üblich, pflegen auch den größeren Teil der Speisen für Frauen und Kinder übrig zu lassen.
bei den Tuareg die Männer und Frauen getrennt voneinander zu essen. Sind jedoch Gäste anwesend, so werden diese aus Höflichkeit immer wie-
Als besonders unehrenhaft gilt es für einen Mann, eine Mahlzeit in Ge- der zum Essen angehalten, bis sie selbst „alhamdullilah“ sagen.
genwart seiner Schwiegermutter einzunehmen. Gibt es keine getrennten Unter Nomaden ist es auch üblich, zum Mahl Ziegen- oder wenn ver-
Räume, wie etwa in einem Nomadenlager, dann werden zuerst die Män- fügbar Kamelmilch zu trinken. Dazu wird eine Schüssel im Kreis herumge-
ner, dann die Frauen und zuletzt die Kinder verköstigt. Früher aßen die reicht und ein wenig davon getrunken, damit jeder zu seinem Teil kommt.
Sklaven zuletzt. Wenn Frauen in einem abgetrennten Raum essen, dann Wasser gibt es üblicherweise erst nach dem Essen. Dazu wird wiederum
füttern sie auch gleich ihre Kinder mit. Gemeinsam gegessen wird übli- eine Schüssel mit Wasser gefüllt und im Kreis herumgegeben. Vom Was-
cherweise nur in jungen Kleinfamilien. ser kann man so viel trinken, wie man möchte, denn daran herrscht nor-
malerweise kein Mangel. Allerdings trinken Tuareg im Vergleich zu Euro-
Wie wird gegessen? päern relativ wenig, da sie sich behutsamer bewegen und insofern einen
Für das gemeinsame Essen hocken die Männer auf dem Boden um die geringeren Flüssigkeitsverbrauch aufweisen.
Schüssel herum, die zumeist mit Hirsebrei (eshink n enele) gefüllt ist. Das Als „komplett“ wird ein Essen sogar während einer Karawane erst dann
„Büfett“ gilt als eröffnet, sobald der Hausherr die Segensformel „bismillah“ empfunden, wenn der ashahi, die drei Runden grünen Tees, serviert wur-
ausspricht, was so viel wie „mit Gottes Segen“ bedeutet. Gegessen wird de. Mit dem Teezeremoniell verändert sich aber auch die Stimmung. Nun
mit Löffeln, die mit der rechten Hand zum Mund geführt werden. Die lin- ist die „notwendige“ Nahrungsaufnahme vorüber und der angenehme,
ke Hand gilt als „unrein“, auch weil sie für die Toilette verwendet wird. unterhaltsame Teil kann beginnen. (Näheres zum Teezeremoniell im Kapi-
Wenn ältere Männer in Gesellschaft anderer Personen speisen, nehmen tel „Typisch Tuareg?“)
sie auch währenddessen den Schleier nicht ab und führen etwas um-
ständlich den Löffel darunter her zum Mund. Gemeinsames Essen wird Was ist tabu?
nach traditioneller Vorstellung oft als peinlich empfunden. Während in vielen Kulturen Aufstoßen als Anerkennung des guten Es-
Gegessen wird im Nomadenlager rasch und schweigend. Hier hat die sens gilt, ist dies bei den Tuareg verpönt. Rülpser werden als Teil des
Mahlzeit weniger mit einem Ritual des sozialen Austausches als vielmehr Atems und somit als Mittel zur Übertragung von bösen Geistern betrach-
mit der notwendigen und – glücklicherweise möglichen – Aufnahme von tet. Dies gilt erst recht für Darmwinde, deren Entweichen als extrem un-
Nahrung zu tun. Dies gilt in besonderem Maße während einer Karawane, höflich empfunden wird.
wenn keine Zeit zu verlieren ist. Diesen hastigen Essstil habe ich überall Die Handwäsche vor und nach dem Essen ist im Nomadenmilieu unüb-
dort erlebt, wo der Hirsebrei das Hauptnahrungsmittel darstellte, so auch lich. Einerseits verwendet man zum Kochen und Essen nur die rechte
in Timia oder in Agadez bei einfacheren Menschen. Je stärker sich Tuareg Hand, während die als unrein geltende Linke ausschließlich zur Körperrei-
an das städtische Leben gewöhnen, desto mehr wird das Essen zu einem nigung nach der Toilette verwendet wird. Andererseits wird zum Essen der
Ritual des sozialen Austausches. Etwa bei Schmieden in Timia, bei denen Löffel benutzt, weshalb man mit der Hand in keinen direkten Kontakt mit
nicht nur abwechslungsreicher gegessen wurde, sondern auch fröhlicher dem Essen gerät. Die Hände wäscht man sich üblicherweise mit Sand vor
und unterhaltsamer. dem Gebet oder mit Wasser, wenn man zu einem Brunnen kommt.
Verteilung der Speisen Speisen und Getränke
Gibt es ein Gericht, in dem sich besondere Leckerbissen wie Gemüse-
oder Fleischstücke befinden, so schiebt der Hausherr diese dem Gast zu. „Aman iman – ach assuder“ lautet das Grundprinzip der Tuareg, wenn es
Ansonsten pflegt jeder aus seiner „Region“ der gemeinsamen Schüssel zu ums Essen geht: „Wasser ist Leben, Milch ist Nahrung“. Ohne Wasser ist
essen, um dem Nachbarn nicht in die Quere zu kommen. Hat man genug, kein Überleben möglich. Wo es aber Wasser gibt, dort gibt es Weiden
206 207
170-237 Zum Alltagsleben KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:38 Seite 208
und wo es Weiden gibt, dort können Ziegen und Kamele gedeihen und Nomaden schlechthin ist, hatte doch schon Heinrich Barth davon ge-
wo diese Tiere leben können, dort gibt es auch Milch. schwärmt. „Wir waren höchst begierig, von dem berühmten Aïr-Käse zu
kaufen, nachdem wir auf der ganzen Reise durch die Wüste lebhafteste
Ziegen- und Kamelmilch Sehnsucht getragen und mit dessen Vorspiegelung wir oft unsere sinken-
Tuareg-Nomaden leben von Milch, sofern sie welche haben. Dann wird den Lebensgeister aufgemuntert hatten.“ Barth bedauert aber, nicht im-
sie, ob von Ziegen oder Kamelen, frisch getrunken. Das ist jedoch nur dann stande gewesen zu sein, „auch nur einen einzigen kleinen Käse“ erstanden
möglich, wenn die Weiden saftig genug sind. Während der heißen Tro- zu haben. Der Grund dafür lag in seiner unpassenden Reisezeit. Der Käse
ckenzeit, die von März bis Juli dauert, müssen vor allem die Hirtinnen oft- wird überwiegend während der Regenzeit hergestellt, weil in dieser Peri-
mals darben und auch hungern. Denn dann geben die Ziegen keine Milch ode das Nahrungsangebot für Ziegen größer ist und sie dann mehr Milch
mehr und auch ihre zweite Nahrungsgrundlage, die Hirse, wird knapp. geben.
Die überragende Rolle der Kamelmilch als Nahrungsgrundlage der No- Zur Käsegewinnung wird die frische Ziegenmilch fermentiert, wozu
maden beschreibt der kel-ewey-Forscher Gerd Spittler, indem er deren der Magen einer neugeborenen, eigens geschlachteten Ziege verwendet
Aufnahme als Hirtenglück beschreibt. Eine Schale fetter, warmer Kamel- wird. Die fermentierte Masse wird in kleinen Mengen in einem Bastge-
milch an den Mund zu setzen und in großen Zügen zu trinken, stellt einen flecht ausgepresst. Dadurch erhält der Käse die typisch quadratische Form
Höhepunkt im kargen Leben eines Hirten dar. Auch für Hirtinnen ist es ein und die Linien auf seiner Oberfläche. Er schmeckt im frischen Zustand
erlösender Genuss, wenn sie tagsüber im Schatten einer Akazie Erholung nach Mozzarella, im fortgeschrittenen Reifestadium nach Parmesan. Am
suchen und sich dann eine Schale Ziegenmilch gönnen. Die Hirten der kel liebsten essen die Tuareg den Ziegenkäse zum Tee. Weil der takammart
ahaggar leben manchmal für Monate ausschließlich von Kamelmilch. Da- gut lagerfähig ist, dient er als Vorrat für „magere“ Zeiten, wenn die Ziegen
bei konsumieren sie bis zu fünf Liter täglich. Weil die Milch sehr vitamin- keine Milch mehr geben, und als eine der wenigen Einnahmequellen der
und enzymreich ist, leiden die Hirten zwar unter keinerlei Mangelerschei- Hirtinnen. Wegen seiner Haltbarkeit spielt der Käse sogar eine gewisse
nungen, aber ihr Haar bleicht aus und nimmt einen rötlichen Ton an. Die Rolle als Geldanlage. Für die alten Leute in den Dörfern, die kaum Zugang
dunke Pigmentierung des Haars zu frischer Ziegenmilch haben, ist es eine wichtige Ergänzung zur tägli-
056tr Foto: hf
stellt sich jedoch wieder ein, so- chen Hirse. Den Karawaniers dient er als Reiseproviant und er ist ein
bald der Betroffene auch wieder wichtiger Bestandteil des „Wüstenmüslis“ eghale (siehe unten).
Getreide zu sich nimmt.
Hirse
Butter und Käse Weil die Ziegen- und Kamelherden immer kleiner und die Weiden im-
Während Kamelmilch ausschließ- mer magerer werden, gibt es immer weniger Milch. Schon allein darum
lich frisch getrunken wird, kann bedürfen die Tuareg einer anderen, verlässlichen und lagerungsfähigen
aus überschüssiger Ziegenmilch Nahrungsgrundlage. Diese Anforderungen erfüllt die Hirse, genauer ge-
Butter gewonnen werden, die mo- sagt die trockenheitsresistente Kolbenhirse. Weil dieses Getreide sehr vie-
natelang haltbar ist. Verwendung le lebensnotwendige Stoffe wie Kohlehydrate, Eiweiße, Mineralstoffe und
findet sie als Zugabe zu diversen Spurenelemente, ungesättigte Fettsäuren und Vitamine enthält, spielt es
Speisen, insbesondere zur Hirse- als Nahrungsgrundlage für die Sahel-Tuareg eine ähnliche Rolle wie lange
polenta (siehe unten), aber auch Zeit die Kartoffel für die irische Bevölkerung, der Mais für die Mexikaner
als Pflegemittel für Haut und oder der Reis für Südostasiaten. Zudem ist die Hirse im Sahel das preis-
Haar und als Imprägnierungsmit-
tel für Ziegenleder.
Eine viel wichtigere Rolle spielt
hingegen der Ziegenkäse (takam-
mart), der die Spezialität der Aïr- ### Autor: Bitte BU ergänzen
208 209
170-237 Zum Alltagsleben KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:38 Seite 210
werteste Getreide. Eine achtköpfige Familie verzehrt im Monat etwa 150 räte benötigt. Darum wird Couscous auch eher in wohlhabenden urbanen
Kilogramm Hirse. Angebaut wird sie in den südlichen Gebieten im Re- Haushalten zubereitet und mit Fleisch- und Gemüsesoßen serviert.
genfeldbau. Im Aïr wird sie im Austausch gegen Salz über die Bilma-Kara- Eine wichtige Nahrungsergänzung für Nomaden (insbesondere in Dür-
wane bezogen. Mittlerweile wird das Getreide in kleineren Mengen auch rezeiten) sind Wildgräser, weil sie sehr nahrhaft und voller wichtiger In-
in bewässerten Gärten in der Sahara gezogen. haltsstoffe sind. Die Ähren des Wildgetreides werden während des Wei-
Es wird meist als Hirsebrei (eshink n enele) gegessen, der aus Hirsemehl dens systematisch gepflückt oder vom Boden aufgesammelt und später
und Wasser zubereitet wird. Hirsemehl fermentiert sehr rasch, wodurch es der Hirse beigegeben oder notfalls als Hauptnahrungsmittel gemörsert,
einen muffigen, unangenehmen Geschmack annimmt. Deshalb wird das gekocht und verzehrt.
Korn gelagert und erst kurz vor seiner Verwendung gemörsert. Mittags
und abends, oft aber auch schon am Morgen, hört man in der Nähe von Eghale – das Tuareg-Müsli
Dörfern und Lagern den typischen, rhythmischen Klang des Stampfens. Eine besondere Spezialität ist das „Tuareg-Müsli“ eghale, im Norden are-
Diese Arbeit wird von Kindern oder Frauen erledigt – von Männern nur schira genannt. Dabei handelt es sich um ein Gemisch aus gestampfter
dort, wo sie allein sind. Das Mehl wird mit Wasser zu einer festen, klumpi- Hirse, Käse, Datteln und Wasser oder Milch, wodurch eghale alle wich-
gen Masse gekocht. Wenn verfügbar, wird dem „Brei“ frische oder saure tigen Nährstoffe beinhaltet, die ein Mensch zum Leben braucht. Norma-
Milch oder auch Butter hinzugefügt. In dieser Form schmeckt eshink für lerweise fermentiert Hirse in gestampfter Form sehr rasch, doch in Form
den europäischen Gaumen etwas fade. Salz macht das Ganze für uns des eghale ist es recht lange haltbar. Darum ist dieses „Müsli“ ein idealer
schon bekömmlicher. Reiseproviant. Üblicherweise wird es morgens in viel Flüssigkeit aufgelöst
Zur köstlichen Süßspeise wird eshink, wenn man Zucker und importier- und als Frühstück getrunken. Von Karawaniers wird es auch gern unter-
tes, in Dörfern erhältliches Milchpulver hinzufügt. Doch habe ich noch wegs als Trockenprodukt verzehrt. Eghale hat einen angenehm süßlichen
nicht beobachtet, dass Tuareg diese Kombination zu sich nehmen, zumal – wenn auch etwas gewöhnungsbedürftigen – Geschmack und ist in je-
Milchpulver recht teuer ist. dem Fall eine Kostprobe wert ...
Andere Grundnahrungsmittel Taguella – Weizenfladen
Für die Tuareg besteht eine Hauptmahlzeit zumeist aus nichts anderem Weizenmehl gilt bei den Tuareg wegen seiner weißen Farbe als „rein“
als Hirsebrei. Erst seit wenigen Jahren entdecken auch sie Alternativen zur und ist darum sehr beliebt. Wegen des vergleichsweise hohen Preises ist
Hirse, die teurer in der Beschaffung, ohne Eigengeschmack, aber den- es jedoch eine selten genossene Delikatesse. Ernährungsphysiologisch ge-
noch beliebter sind. Dazu zählt Reis, der aus Thailand, China und Libyen sehen ist das auch gut so, denn das raffinierte Weizenmehl enthält keine
importiert wird. Besonders begehrt sind pates, importierte Nudeln aus Ballaststoffe, Vitamine oder sonstige nahrhafte Inhaltsstoffe mehr und be-
Hartweizen in beliebigen Formen. steht nur noch aus Kohlehydraten.
Reis und Nudeln wird eine Soße beigemengt, die aus etwas Öl, einer Die Tuareg bereiten Weizenfladen (taguella) aus dem Mehl: Nach einer
geschmorten Zwiebel, einem Suppenwürfel, Tomatenmark und etwas Variante wird ein Mehl-Wasser-Gemisch in eine Pfanne mit heißem Fett
Salz besteht. Suppenwürfel und Tomatenmark werden aus Algerien einge- gegossen und darin gebacken, bis es goldbraun ist. Im heißen Zustand
führt und in kleinsten Mengen in dörflichen „Boutiquen“ verkauft. Beim sind diese knusprigen Fladen äußerst schmackhaft. Weil aber der gute Ge-
Öl handelt es sich überwiegend um Sonnenblumenöl aus Libyen, das in schmack bei den Tuareg eine untergeordnete Rolle gegenüber dem „rich-
kleinen Kunststoffflaschen transportiert wird. Salz stammt nur selten aus tigen sozialen Zeitpunkt“ für eine Mahlzeit spielt, bekommt man die Fla-
den eigenen Minen, die primär zur Produktion von Tiersalz genutzt wer- den meistens nur noch als kalte fettige Lappen serviert. In den Genuss hei-
den. Zumeist handelt es sich um raffiniertes Meersalz aus Algerien, Nige- ßer, knuspriger taguella kam ich nur in Timia, wenn mich meine „Ersatz-
ria oder Frankreich. großmutter“ Mariema, eine alte Ziegenhirtin, während meiner For-
Eine Delikatesse bei den nördlichen Tuareg ist Couscous aus Weizen- schungsarbeit bei Kräften halten wollte.
grieß. Damit dieses Gericht schön locker und krümelig wird, bedarf es je- Eine andere Möglichkeit, Weizenmehl zu verarbeiten, geschieht in einer
doch einer sehr aufwendigen Zubereitung, für die man etliche Küchenge- Art „Wüstenbackofen“. Dazu wird Brotteig geknetet, in den heißen Sand
210 211
170-237 Zum Alltagsleben KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:38 Seite 212
057tr Foto: hf
unter eine Feuerstelle gelegt und mit Glut bedeckt. Nach 30–40 Minuten
wird die Glut zur Seite geschoben und der Sand vom knusprigen Brot ge-
kratzt.
Eine neuere Variante ist der Buschofen: Der Teig wird auf ein Blech in
die Glut gelegt und mit einer großen Schüssel bedeckt. Die Schüssel wird
mit Glut überhäuft, wodurch im Inneren der Schüssel Temperaturen wie in
einem Backofen entstehen. Auf diese Weise bleibt das Brot frei von Sand.
Die Tuareg pflegen das Brot zu kleinen, mundgroßen Happen zerteilt
mit einer dicken Fleischsuppe, ähnlich einem Gulasch, zu übergießen. So-
bald die Brotstücke durchweicht sind, ist die original taguella perfekt.
Fleisch
Nomaden betrachten ihr Vieh entweder als Milchlieferant (Ziegen, Ka-
mele), als Arbeitsmittel (Kamele, Rinder und Esel) oder als Kapitalanlage.
Es ist somit eine Lebensgrundlage. Als Fleischlieferant dienen in erster Li-
nie Ziegen, und zwar nur zu besonderen Anlässen, etwa wenn außerge-
wöhnliche Gäste angekündigt sind. Für große Feste, etwa zum Tabaski-
Fest und zu Hochzeiten, werden Hammel bevorzugt. (Vgl. das Kapitel
„Feste und Feiertage“.) Dem Tier wird gemäß den Koranvorschriften mit
einem scharfen Messer die Kehle durchgeschnitten, wodurch der Körper
binnen kürzester Zeit ausblutet. Dann wird die Haut abgezogen und die
Innereien entfernt. Gegessen werden neben dem Fleisch auch gewisse In- Für Hochzeiten werden ganze Hammel in mannsgroßen Gefäßen, die
nereien, etwa die Luftröhre, die als ausgesprochene Spezialität gilt. Ka- an Miraculix’ Zaubertrankkessel erinnern, zu einer dicken Fleischsoße zer-
melfleisch würden Tuareg aus einem ähnlichen Grund niemals essen, wie kocht und dann mit Reis serviert. Die Innereien werden separat zubereitet
wir vor dem Genuss von Pferdefleisch eher zurückschrecken: Kamele gel- und als Delikatesse serviert.
ten als treue Persönlichkeiten, denen im Alter das Gnadenbrot gewährt Als ausgesprochene Spezialität, die nur sehr selten genossen wird, gilt
wird. Trockenfleisch. Dazu wird das Fleisch von Wild, etwa von Gazellen, be-
Fleisch wird entweder in gebratener oder gekochter Form gegessen. Bei vorzugt. Allerdings dürfen diese Tiere mittlerweile nicht mehr gejagt wer-
Festen werden Ziegen oder Hammel auch im Ganzen als meshoui über den, da sie vom Aussterben bedroht sind.
der offenen Glut gegrillt. Einmal ließ ich in Timia ein solches meshoui für Eher unüblich ist der Genuss von Hühnerfleisch und Eiern. Darum wer-
meine Reisegruppe vorbereiten. Leider wurde die Ziege zu früh vom Feu- den in den Dörfern auch kaum Hühner gehalten.
er genommen und bis wir endlich essen konnten, war sie kalt und zäh. Ein
Abenteuer war das Essen in jedem Fall. Gemüse, Salat und Obst
In den Städten gibt es, ähnlich unseren Imbissbuden, Ziegen- und Ham- Tuareg bauen in ihren Gärten eine Vielzahl von Gemüse- und Obst-
melgrillstände, wo knusprige, frisch zubereitete Fleischscheiben verkauft sorten an. Im Aïr findet man grünen Salat, Tomaten, Zwiebeln, Kartoffeln,
werden: serviert auf einem Stück Papier, versehen mit einer Gewürzmi- Kräuter, Limonen, Orangen, Mandarinen und äußerst süße Pampelmusen
schung aus Piment (Nelkenpfeffer) und Salz. sowie Granatäpfel. Doch sind die Tuareg beim Genuss dieser Produkte
sehr zurückhaltend. Für die Nomaden im Busch sind solche Delikatessen
praktisch nicht verfügbar und in den Dörfern konnte ich lediglich Schmie-
de beim regelmäßigen Verzehr von Salat beobachten. Dabei wird ein
### Autor: Bitte BU ergänzen### Autor: Bitte BU ergänzen Dressing aus Salz, Limonen und Maiskeimöl verwendet. Die Gartenbau-
212 213
170-237 Zum Alltagsleben KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:38 Seite 214
ern selbst ziehen es vor, ihre Produkte auf den Märkten der großen Städte Sprache und Literatur
und an Reiseagenturen zu verkaufen.
Orangen sind bei der heimischen Bevölkerung durchaus beliebt, doch Die Berbersprache Tamaschek
wegen ihres Preises von 25 Cent pro Stück sind sie für eine einfache Fami-
lie ein unerschwinglicher Luxus. Die einzige Frucht, die auch von den Die Berbersprache Tamaschek gehört der hamito-semitischen Sprachfa-
Einheimischen regelmäßig konsumiert wird, ist die Dattel (teyne). Sie ist milie an, zu der auch das Semitische, das Tschadische und Ägyptisch ge-
vitaminreich und darum eine wichtige Nahrungsergänzung. Hauptsäch- zählt werden.
lich wird sie als Bestandteil des eghale (Müsli) verzehrt. Außerdem sind Aus dem Tamaschek haben sich über die Jahrhunderte hinweg zahlrei-
Datteln ein wichtiges Produkt für den Handel mit den Salzoasen. che regionale Dialekte entwickelt, die sich durch die jeweilige Betonun-
gen, die grammatikalische Struktur und auch durch den Wortgebrauch
Genussmittel unterscheiden. Heute sprechen die meisten Tuareg, die sich selbst kel ta-
Das wichtigste Genussmittel der Tuareg ist der grüne Tee, der mit viel maschek nennen, mehrere Sprachen, um mit ihren benachbarten Ethnien
Zucker möglichst nach jedem Essen und zu jeder anderen nur erdenkli- Handel treiben zu können. Das sind Arabisch im Norden, Hausa im Sü-
chen Gelegenheit aus kleinen Gläsern getrunken wird. (Näheres im Ka- den und im Südwesten Songhai. Darüber hinaus wird im gesamten ehe-
pitel „Typisch Tuareg?“) Verbreitet ist auch der Kautabak, der mit Na- maligen französischen Kolonialgebiet Französisch und in Nordnigeria
tronsalz vermengt sowohl von Männern als auch von Frauen verwendet Englisch gesprochen.
wird. Zwischen dem Arabischen und Tamaschek besteht eine besondere Be-
Geraucht hatten vor der Kolonialzeit nur die westlichen Stämme. Da- ziehung. Diese miteinander verwandten Sprachen kamen durch die Isla-
zu wurden Röhrenpfeifen verwendet, eine Tradition, die wahrscheinlich misierung seit dem 7. Jahrhundert wieder in Kontakt miteinander. Ihre Ge-
aus dem nahe gelegenen Mauretanien stammte. Unter den jüngeren meinsamkeiten sind der Drei-Konsonanten-Stamm und die übliche
Tuareg, insbesondere den ischomar, sind dagegen „Marlboro“-Zigaret- Reihenfolge von Verb, Subjekt und Objekt im Satz. Zudem wurden zahl-
ten sehr beliebt. Hier greift zum einen die Modernisierung, zum anderen reiche Begriffe aus dem Arabischen übernommen, für die es kein Ta-
aber auch der Umstand, dass Zigarettentabak eines der wichtigsten maschek-Wort gab. Dabei handelt es sich zumeist um religiöse Begriffe
Schmuggelgüter aus den Sahelländern nach Algerien und Libyen dar- sowie um technologische und abstrakte Ausdrücke. In arabischen Univer-
stellt. sitäten wurden schon früh theoretische Studien durchgeführt, während
Alkohol wird zwar grundsätzlich abgelehnt, doch gönnt sich mancher die nomadische Tuareg-Gesellschaft von einer praktisch-konkreten, „be-
ischomar, der im Tourismus arbeitet und sich in einer Bar in der Großstadt greifbaren“ Lebenswelt umgeben war und daher keine Worte für abstrak-
unbeobachtet fühlt, schon mal einige Bierchen – auch wenn er es niemals te Zusammenhänge kannte.
zugeben würde ...
Tifinagh-Schrift
Verpönt ist ...
Aufgrund der kargen und spärlich gewürzten Ernährung ist der Ge- Die Tuareg verfügen mit dem tifinagh über ein eigenes Alphabet, das von
schmackssinn der Tuareg sehr sensibel. Wohl aus diesem Grund sind der antiken libysch-punischen Schrift abstammt. Das tifinagh ist eine reine
Gewürze wie Knoblauch verpönt. Im traditionellen Milieu wird auch kaum Konsonantenschrift, die je nach Region aus 21 bis 27 geometrischen Zei-
Fisch gegessen, wogegen Thunfisch in Dosen zumindest auf touristischen chen besteht. Tifinagh-Texte können in jede beliebige Richtung geschrie-
Rundreisen recht häufig zum Einsatz kommt. Gänzlich abgelehnt wird ben werden: von oben nach unten, von rechts nach links oder auch
Schweinefleisch, sowohl aus religiösen als auch aus geschmacklichen umgekehrt. Dies macht die Schrift sehr schwer lesbar.
Gründen. Doch ist davon auszugehen, dass hier der „schlechte“ Ge- Tifinagh wurde üblicherweise nur für kurze Nachrichten auf Felsen oder
schmack kulturbedingt ist. In ähnlicher Weise können auch wir uns nur für Signaturen auf Silberschmuck genutzt. Einheitliche Schriften wie Ara-
wenig für die Luftröhre eines Hammels begeistern, die gekocht oder ge- bisch oder Latein waren in städtischen Kulturen mit zentralen Bibliotheken
braten bei den Tuareg als Delikatesse gilt. entstanden, was im Nomadismus nicht gegeben war. Stattdessen herrsch-
214 215
170-237 Zum Alltagsleben KS_Tuareg:2008.qxd 19.03.2008 14:07 Seite 216
te unter den Tuareg eine Form der Ritualkultur: Wichtige Vereinbarun- und kämpfen, aber auch „ritterliches“ Benehmen. Sie mussten Reiterheere
gen erhielten ihre Allgemeingültigkeit durch den Vollzug bestimmter befehligen, Recht sprechen und den Stamm führen – und sie mussten sich
zeremonieller Akte und Rituale vor mehreren Personen. In einer Gesell- beim ahal, dem poetischen Treffen zwischen heiratsfähigen Frauen und
schaft, in der Lüge als etwas zutiefst unehrenhaftes gilt, zählt nur das Männern, als wortgewandte Künstler beweisen.
Zeugnis der Anwesenden, etwa bei einer Eheschließung. Schriftliche Ver-
träge waren lange Zeit völlig irrelevant. Lieder der imajeghen
Heute schreiben nur noch wenige Menschen in tifinagh, was die Be- Bei diesen Treffen, wie sie in abgewandelter Form auch heute noch un-
fürchtungen nährte, die Tuareg-Kultur sei vom Untergang bedroht. In ter Hirten üblich sind, spielten sich regelrechte Wettkämpfe ab, in denen
jüngster Zeit wurden daher Vorstöße zur Einführung von tifinagh in den die Herren gegeneinander antraten und die schönen Frauen mit ihren Ver-
Schulunterricht unternommen. Der Tuareg-Poet Hawad (siehe unten) sen zu unterhalten versuchten. Zentrale Themen dieser Balladen sind die
verfasst seine Gedichte ausschließlich auf tifinagh und fördert dadurch die Beziehung zwischen Mann und Frau, die Sehnsucht nach der reinen Lie-
Entwicklung einer neuen Bedeutung der Schrift für die Tuareg-Identität. be, die Schönheit der geliebten Frau – oder auch ihre Wankelmütigkeit,
die mit erschütternden, mitreißenden Worten beklagt wird. Sie erzählen
Tuareg-Lyrik – Heldenlieder und „Minnegesang“ von Helden, die ihre Geliebte im letzten Moment einem Rivalen entreißen
können. Rosamunde Pilcher auf Tamaschek …
Die kel tamaschek sind ausgesprochene Sprachkünstler und Poeten. In Das zweite Lieblingsthema der Lieder sind die Sänger selbst, indem sie
vorkolonialer Zeit war die Herausbildung einer gewissen Kultiviertheit sich als Helden preisen und ihre eigenen Ruhmestaten verherrlichen.
ein zentrales Lebens- und Erziehungsziel der imajeghen. Sie lernten reiten Hier spielen der Kampf gegen den Feind und das Bestehen harter Prüfun-
gen eine wesentliche Rolle. Diese Heldenlieder dienen heute der For-
Die Tifinagh-Schrift schung über die Geschichte der Tuareg als wichtige Quelle. Charles de
a j r
Foucauld hatte mehr als sechstausend solcher Gedichte und Balladen ge-
sammelt, die einen Eindruck von den traditionellen Wertvorstellungen der
b k s
„Noblen“ vermitteln. Diese mündlichen Überlieferungen sind sehr vor-
sichtig zu interpretieren, weil darin jeweils der eigene Stamm in ein vor-
c l t
teilhaftes Licht gestellt wird. Da werden verlorene Schlachten kurzerhand
in Siege umgemogelt und den eigenen Ruhm beeinträchtigende Ereignis-
d m c (tch)
se „vergessen“. Schließlich dienen die Gesänge dem Publikum ja auch
weniger der „Wahrheitsfindung“ als vielmehr der Unterhaltung.
e n u
Dies gilt auch heute noch. In den modernen Liedern geht es weiterhin
um die Liebe und das Heldentum – nur wurden die Schwerter schwingen-
f o v
den Ritter auf ihren Kamelen durch Kalaschnikow bewehrte Tuareg auf
Toyota-Pick-ups ersetzt. Gesungen wird zur Elektro-Gitarre, deren Verstär-
g p w
ker per Autobatterie mit Strom versorgt wird, anstatt zur imzad.
ƞ q y
Märchen der Hirtinnen
Wenn die Hirtinnen am abendlichen Feuer im Ziegenlager zusammen-
h x (kh) z
sitzen, vertreiben sie sich die Zeit mit der Erzählung von Märchen (imayy-
an). Sie schildern Schöpfungsmythen und Herkunftslegenden, in denen
i ɤ (gh)
Tiere Menschengestalt erlangen. Die am häufigsten vorkommende Mär-
chenfigur ist der Schakal, dem besondere Klugheit zugesprochen wird,
denn auch im richtigen Leben fallen viele Zicklein seinen geschickten
216 217
170-237 Zum Alltagsleben KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:38 Seite 218
Raubzügen zum Opfer. Die Hyäne wird hingegen als äußerst dumm be- Literatur. Weitere Preise in Frankreich und Marokko folgten, gekrönt von
trachtet. Mit dem Schakal gemein hat sie lediglich ihre Fressgier. Sehr be- dem „Großen Literaturpreis des Kantons Bern“ im Jahr 2005.
liebt sind Handlungen, in deren Verlauf Schakale und Hyänen verprügelt In seinen Werken ringt der Autor um die nomadische Tuareg-Identität
werden. Auf diese Weise können die Hirtinnen an ihren „Lieblingsfein- und umkreist den Konflikt zwischen Tradition und Fortschritt sowie die
den“ und den „Mördern“ ihrer Zicklein wenigstens symbolisch Rache Spannung zwischen der Zugehörigkeit zu einer sozialen Klasse und dem
nehmen. Insofern dienen solche Geschichten auch der spielerischen Auf- Individualismus. Dabei bedient er sich poetischer Bilder und Metaphern,
arbeitung von unangenehmen Erlebnissen. die einen sprachlichen Brückenschlag zwischen der Welt der Nomaden
Neben diesen „fabel-haften“ Märchen werden auch gern Geschichten und der europäischen Realität schaffen. So vermittelt al-Koni dem Leser
über die bösen kel esssuf (die Geister) erzählt, die unter dem knorrigen die „exotische“ Tuareg-Welt in vertrauten Bildern, was seine Texte gut ver-
Baum rascheln, oder über kumbultu, den fremden Mann, der sich in eine ständlich macht.
Art Werwolf verwandelt und den Hirtinnen Angst einjagt. Am Höhepunkt Dadurch befindet sich al-Koni an einem Ende des Spektrums von gro-
solcher Geschichten, wenn ein bemitleidenswertes Wesen von Hyänen ßen Tuareg-Poeten, an dessen anderem Ende Hawad steht.
oder Geistern bedroht wird, erscheint plötzlich ein schöner, heldenhafter
Hirte als Retter ... Wie ähnlich sind doch die Wünsche und Bedürfnisse Hawad
von Männern und Frauen in aller Welt. Der kel aïr Hawad wurde um 1950 im Norden von Agadez geboren
und wuchs als Hirte auf. Sein Großvater lehrte ihn Rhetorik und seine
Bestseller-Poeten Mutter Poesie und Philosophie, indem er am ahal teilnehmen durfte. Mit
sieben Jahren floh Hawad nach dem Tod seines Großvaters aus Trauer in
Die Konfrontation mit der modernen Welt hat die Tuareg vor neue Pro- die Wüste und fand Zuflucht bei Sufi-Mönchen (Anhänger einer mys-
bleme gestellt, die nicht nur neue Lösungen, sondern auch neue Strate- tisch-islamischen Gruppierung, die den Weg der Erleuchtung in Medita-
gien der kulturellen Verarbeitung dieser Schwierigkeiten erfordert. Spra- tion und Tanz sehen). Sie lehrten ihn Arabisch und die Philosophie der
che ist nicht nur ein Instrument der Kommunikation, sondern sie erlaubt Weltreligionen. Mit 17 Jahren vagabundierte er einige Zeit lang durch die
uns auch, unsere Seele zu ergründen, um Licht ins Dunkel unserer Identi- Welt, bis er Anfang der 1970er-Jahre ins Aïr zurückkehrte und die Mytho-
tät zu bringen. Große Literatur entsteht darum zumeist dort, wo Men- logie seines Volkes für sich entdeckte. Damals begann er, Gedichte aus-
schen um ihren Platz in dieser Welt – oder mehr noch ums Begreifen die- schließlich in tifinagh zu verfassen. In den 1990er-Jahren heiratete er
ser Welt – ringen. Solche „Identitätssucher“ von großer literarischer Be- die französische Tuareg-Anthropologin Heléne Claudot und verfasste mit
deutung haben mittlerweile auch die Tuareg hervorgebracht und es ist ihr zahlreiche Werke über die Tuareg. Seit Mitte der 1990er-Jahre ist Ha-
wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis uns Stockholm den ersten Tuareg- wad zunehmend auch als Maler und als Herausgeber von Tifinagh-Litera-
Nobelpreisträger für Literatur bekannt gibt. tur tätig.
Hawads Werk spiegelt das ständige Ringen des menschlichen Individu-
Ibrahim al-Koni ums um seine Selbstbestimmung gegenüber einer übermächtigen Gesell-
Der im deutschen Sprachraum bekannteste Tuareg-Schriftsteller ist Ibra- schaft wider, die selbst von Wandel und Untergang bedroht ist.
him al-Koni. 1948 in Ghadames geboren, begann der kel ajjer schon früh Unter den kel aïr gilt Hawad als sage, als „Weiser“, der nur schwer ver-
Gedichte und Erzählungen zu verfassen. Seit 1978 arbeitet er für die Liby- standen werden könne. Unnahbar gibt sich seine Lyrik, die zugleich Mit-
sche Botschaft als Presseattaché, zunächst in Warschau, dann Moskau gefühl für die Leidenschaften und die Verzweiflung der entwurzelten
und nunmehr in Bern. Daneben veröffentlichte er mehrere Bände mit ischomar vermittelt. Im Gegensatz zu den Werken Ibrahim al-Konis er-
Kurzgeschichten und seinen Debüt-Roman „Blutender Stein“. Weitere Er- scheinen Hawads literarische Texte als Versuch, die Bruchstücke seiner ei-
zählungen und Romane folgten, darunter sein Hauptwerk Al-Majûs (Die genen Vergangenheit zu etwas Neuem zusammenzufügen. Er, der selbst
Magier. Das Epos der Tuareg). Darin behandelt er den ewigen Wider- ischomar ist, biedert sich nicht an, sondern geht seinen Weg als ewig Su-
spruch zwischen Nomadismus und Sesshaftigkeit. 1996 erhielt er den Li- chender zwischen den Welten. Seine Waffe aber ist die Poesie – nicht die
teraturpreis der Stadt Bern, 1997 den libyschen Staatspreis für Kunst und Kalaschnikow.
218 219
170-237 Zum Alltagsleben KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:38 Seite 220
Das moderne Pendant zum tende ist esele, eine Art „Wüstendisco“.
Für den Sohn des Nomaden – Gedicht von Hawad Junge Frauen fordern die Männer mit rhythmischem Gesang zum Tanz
auf. In den Dörfern und Städten wird als Begleitinstrument die Gitarre im-
Nimm deine Sandalen und tritt fest in den Sand, mer beliebter.
Den noch kein Unfreier berührt hat. Das einzige traditionelle Musikinstrument, das auch von Männern ge-
Wecke deine Seele und schmecke den Ursprung, spielt wird, ist die unter Hirten verbreitete vierlöchrige Flöte.
Den noch kein Schmetterling gestreift hat.
Entfalte deine Gedanken zu den milchweißen Spuren, Imzad – die Geige der Tuareg
Die noch kein Unbesonnener zu träumen gewagt hat.
Atme den Duft der Blumen, Die imzad ist eine Art Geige mit nur einer Saite, die ursprünglich nur von
Dem noch keine Biene gehuldigt hat. noblen Frauen der imajeghen gespielt wurde. Sie dient als begleitendes
Entferne dich von den Schulen und Dogmen. Musikinstrument bei Unterhaltungen und als Heilwerkzeug in der Thera-
Lausche den Geheimnissen der Ruhe, pie von Kranken.
Die dir der Wind ins Ohr flüstert. Sie genügen dir. Mit der imzad untermalen die Spielerinnen beim ahal, dem „Balzritual“,
Entferne dich von den Märkten und Menschen. die gesungenen Gedichte der Männer, in denen sie ihre eigenen Helden-
Stelle dir die Muster der Sterne vor, taten und die Schönheit der verehrten Hirtin preisen. Damit ist die imzad
Wie Orion sein Schwert gürtet, ein wichtiges Instrument für die Aufrechterhaltung der Tuareg-Kultur,
Wie die Plejaden um den Hof des hellen Mondes lachen. denn zu ihrem Spiel wird erlebte Geschichte mündlich weitergegeben.
Dort, wo kein Phönizier seine Spur hinterlassen hat. Sie ist ein Kommunikations- und Bildungsmittel in einer nomadischen
Pflanze dein Zelt weit an den Horizont, Welt, in der Schulen oft unerreichbar sind. Ursprünglich durften die im-
Dort, wo kein Strauß je daran gedacht hat, zad und die von ihr begleiteten Lieder nur von den Kriegern vor einem
Seine Eier zu verstecken,
058tr Foto: hf
Wenn du frei aufwachen willst.
Tuareg-Musik
Musik und Literatur lässt sich bei den Tuareg schwer trennen, denn einige
der wichtigsten Musikformen sind jene gesungenen Balladen, die im Zu-
ge eines ahal von Männern vorgetragen werden, begleitet von imzad-
spielenden Frauen. Daneben gibt es noch das tende, bei dem die Frauen
beisammensitzen. Eine Vorsängerin trommelt auf dem mit Ziegenhaut be-
spannten Hirsemörser, der Tende-Trommel, die übrigen Frauen klatschen
den Rhythmus und trällern schrill dazu und die Männer umrunden die
Frauengruppe auf ihren Kamelen. (Näheres dazu im Kap. „Feste und Fei-
ertage“.)
### Autor: Bitte BU ergänzen### Autor: Bitte BU ergänzen
220 221
170-237 Zum Alltagsleben KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:38 Seite 222
„edlen“ Publikum gespielt und gesungen werden. Heute werden diese teressentinnen angeboten werden. Für die Zukunft sind sogar Fördermit-
traditionellen Gesänge von wenigen talentierten Imzad-Spielerinnen in- tel für Imzad-Poetinnen und die Veranstaltung von Musikwettbewerben
terpretiert und weiterentwickelt. Sie gelten als Botinnen des kulturellen im Rahmen des „Festival de l’Aïr“ geplant.
Tuareg-Erbes.
Als Heilwerkzeug wird die imzad auch heute noch bei der Behandlung Tuareg-Blues und die Popstars der Wüste
psychisch Kranker eingesetzt, wobei Geisteskrankheit als die Besessen-
heit von einem bösen Geist verstanden wird. (Details dazu vgl. das Kap. Während der Tuareg-Rebellion hatten musikalisch begabte Männer in ih-
„Gesundheit und Hygiene“.) Dazu wird abends in einem Zelt ein Musikri- ren nächtlichen Lagern auf ihren Gitarren gezupft und dazu leidenschaftli-
tual durchgeführt, bei dem das Spiel der imzad eine intime, meditative At- che Lieder über das Leid ihrer Bevölkerung und den bewaffneten Kampf
mosphäre schafft. Oft wird zusätzlich das Harz eines bestimmten Baumes
verbrannt, um durch den Rauch die psychedelische Wirkung der Musik zu
verstärken. Die kranke Person lässt sich in diesem stimmungsvollen Strom Abdallah ag Oumbadougou – Vater des Tuareg-Blues
dahintreiben, bis sie gänzlich mitgerissen wird und in Trance fällt. Durch
das Gefühl der völligen Aufgehobenheit in der Vertrautheit mit den An- Der Gitarrist Abdallah gilt als einer der „Erfinder“ des Tuareg-Blues. Ge-
wesenden, in der Geborgenheit des Zeltes und in der Musik durchleben boren 1962 bei Agadez, brachte er sich im Alter von 16 Jahren selbst das
die Patienten eine heilsame „Krise“ (agelled), die zur Vertreibung des bö- Gitarrenspielen bei. 1984 floh er vor der großen Dürre nach Tamanras-
sen Geistes führen soll. set, wo er verhaftet und in den Niger abgeschoben wurde. Daraufhin
Heute beherrschen nur noch einige noble Frauen die imzad und die al- schloss er sich Gaddafis islamischer Armee an. Im Trainingslager unter-
ten, „wahren“ Imzad-Gesänge, doch auch von diesen renommierten Ex- hielt er gemeinsam mit anderen Musikern seine Lagergenossen mit
pertinnen leben immer weniger und die traditionellen Anlässe für die selbst komponierten und selbst getexteten Songs. Das war die Geburts-
„richtigen“ Lieder, die Ahal-Zusammenkünfte, werden auch kaum noch stunde der Gruppe Takrist n’Akal (Das Land erschaffen). 1987 kehrten
gefeiert. Gleichzeitig greifen immer häufiger Frauen aus anderen sozialen die Bandmitglieder aus ihrem Exil zurück und nahmen mit ihren kriti-
Schichten zur imzad, um diese aus bloßem Vergnügen auf Festen zu spie- schen Liedern an einem Musikwettbewerb teil, worauf sie verhaftet
len und dabei neue Lieder zu erfinden. Diese „Demokratisierung“ des Im- wurden. Direkt nach seiner Freilassung floh Abdallah abermals nach
zad-Spiels wird von Traditionalisten mit dem Argument kritisiert, dadurch Libyen. 1990 schloss er sich der Rebellion im Aïr an, ohne mit dem Kom-
würden die alten Lieder verändert werden und letztlich ganz in Verges- ponieren zu pausieren. Seine leidenschaftlichen Melodien und Texte
senheit geraten. wurden rasch berühmt. Wer aber beim Lauschen seiner Songs erwischt
Diese traditionsfixierte, auf „Kulturerhalt“ gerichtete Kritik übersieht je- wurde, landete wegen Konspiration im Gefängnis.
doch die Veränderung der Tuareg-Welt und die damit verbundenen, neu Nach dem Friedensschluss 1995 kehrte Abdallah offiziell in den Niger
entstehenden kulturellen Bedürfnisse der Menschen. Moderne Tuareg- zurück, wo er von unzähligen Fans begeistert empfangen wurde. Seit da-
Musikerinnen entwickeln die kraftlos gewordenen Traditionen der mals erschienen zahlreiche Platten des unermüdlichen Komponisten.
Vergangenheit auf kreative Weise zu etwas Lebendigem weiter. Denn le- Heute fördert Abdallah die Tuareg-Kultur gezielt durch die Finanzierung
bendige Kultur ist wie eine Schlange, die immer wieder ihre alte Haut ab- einer Imzad-Schule und durch die Gründung des Musikprojekts Desert
streifen muss, um weiterleben zu können. Rebel (www.desertrebel.com), eine Vereinigung von herausragenden
Allen Fürsprechern der imzad ist die Haltung gemein, dass dieses Instru- Künstlern aus dem Tuareg-Milieu und aus verschiedensten französisch-
ment als Schlüssel zum Verständnis des poetischen Charakters der Noma- sprechenden Regionen der Welt. Zweck dieses Projektes ist die Entwick-
denkultur gilt. Doch mehren sich jene, die eine offenere Sichtweise lung gemeinsamer Initiativen zur Überwindung von globalen Handels-
vertreten und darum den „demokratischen“ Gebrauch der imzad als ein- und Standardisierungszwängen in der Musikindustrie. Mittlerweile
zige Chance sehen, damit dieses Instrument langfristig als Kulturelement wurden bereits mehrere erfolgreiche Konzerte in Frankreich, Kanada
„überlebt“. Seither gibt es zahlreiche Initiativen zur Revitalisierung der und im Niger realisiert und es wurde eine DVD produziert.
Imzad-Kultur, indem etwa Imzad-Kurse in Agadez und Tahoua für alle In-
222 223
170-237 Zum Alltagsleben KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:38 Seite 224
059tr Foto: hf
tagsüber als Kämpfer und abends als Entertainer für ihre Kampfgenos-
sen. Diese Doppelrolle als Musiker und Freiheitskämpfer entspricht in
hohem Maße dem klassischen Heldenideal der imajeghen, die in ihren
Versen die Schwerter tanzen lassen.
Die heutige Band besteht aus acht Personen. Ihr erstes Album, „The Ra-
dio Tisdas Sessions“, wurde in einem solarbetriebenen Studio in der Wüs-
te aufgenommen und thematisiert den Verlust des goldenen Zeitalters der
imajeghen sowie die hoffnungsvolle neue Zukunft. In manchen Songs ru-
fen die Musiker zum einzig lohnenden Aufstand auf: zur Rebellion gegen
die eigene Apathie. Die Zeiten, in denen die Mitglieder von Taghreft Ti-
nariwen über der einen Schulter ein Gewehr und über der anderen eine
Gitarre trugen, sind vorbei. Heute haben sie den Inhalt ihrer Lieder auf
Wiederaufbau und Zukunft abgestimmt, sind die musikalischen Helden
auf Hochzeiten und Kindstaufen und spielen gelegentlich auch in Europa.
Seit 2005 betreibt die Musikgruppe in Kidal ein überregionales Kultur- und
Bildungsprojekt (http: //keltinariwen.org), das auch die regelmäßige Or-
ganisation des „Festivals von Essouk“ umfasst. (Vgl. das Kap. „Moderne
Festivals“.)
gegen die Unterdrückung gesungen. Daraus entwickelte sich ein eigen- Tartit
ständiger Musikstil, der Elemente von Rock und Blues mit traditioneller Mit Tartit („Vereint“) betraten nun auch Frauen die Bühne des Tuareg-
Tuareg-Musik verband. Mit einfachsten Mitteln auf Kassette aufgenom- Showbiz. Die Gruppe bildete sich ebenfalls in den Wirren der Rebellion,
men, wurden diese Songs unter der Hand weitergegeben. Sie wurden wenn auch in einem Flüchtlingslager, in dem einige Frauen abendliche
zum klingenden und einigenden Symbol der Rebellen, das die Regierun- Singtreffen organisierten. Von diesen Treffen beeindruckt, lud eine belgi-
gen in Mali und Niger erfolglos zu unterdrücken versuchten, indem sie sche Entwicklungshelferin die Damen zum Festival „Stimmen der Frauen“
das öffentliche Spielen und den Verkauf dieser Musik verboten. in Liège ein. Hier begann eine regelrechte Karriere mit internationalen
Nach dem Ende der Rebellion erlebten die Schöpfer dieses Stils steile Auftritten. Ihren Erfolg nutzte die Gruppe, um sich für die Verbesserung
Musiker-Karrieren. Mittlerweile gibt es zahlreiche international bekannte der Lage der Tuareg-Frauen einzusetzen.
Tuareg-Musikgruppen. Ihre Texte behandeln den Konflikt zwischen Tradi- In der Musik der Gruppe Tartit, die heute aus fünf Frauen und vier Män-
tion und modernen Herausforderungen, aber auch Themen wie Liebe, Eh- nern besteht, verschmelzen traditionelle Singstile der Tuareg mit mo-
re und Leidenschaft. Damit führt der Tuareg-Blues viele Funktionen des dernen Elementen. Die Frauen schlagen die Tende-Trommeln und spielen
traditionellen Imzad-Spiels auf zeitgemäße Art weiter. Er thematisiert die imzad, begleitet werden sie vom Spiel der Männer auf der dreisaitigen
das alltägliche Leben, dokumentiert Ereignisse und überliefert sie damit Gitarre tehardent und der E-Gitarre. Das wichtigste Element ihrer Musik ist
der Nachwelt – und er pflegt die Kultur der gesungenen Poesie, wenn das Zusammenklingen des hellen, fünftönigen Gesangs der Frauen.
auch auf moderne Weise. Die Texte thematisieren die Lage der Frauen: ihren schweren Stand
gegenüber den Männern, die vor den Alltagsproblemen flüchten, indem
Taghreft Tinariwen sie in den Krieg ziehen, den Helden spielen und dabei Frau und Kind ih-
In den frühen 1980er-Jahren trafen sich im libyschen Ausbildungslager
spontan einige Männer des Abends, um mit E-Gitarren und Drumkit Mu-
sik zu machen. Die Gruppe nannte sich einfach Taghreft Tinariwen („Die
Gruppe der Wüsten“). Während der Rebellion betätigten sich die Männer ### Autor: Bitte BU ergänzen
224 225
170-237 Zum Alltagsleben KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:38 Seite 226
rem Schicksal überlassen. Sie singen von der Stärke und der Selbststän- Im feuchten Süden hingegen, wohin die kel ewey mit ihren Salzkarawa-
digkeit der Tuareg-Frauen, die sich der Verantwortung gegenüber ihren nen zur Überdauerung der Trockenzeit ziehen, sterben alljährlich viele
Kindern stellen und dennoch selbst nicht untergehen. Manche Lieder sind Hirten im besten Alter. Denn wo es häufiger regnet, finden auch die Über-
auch nostalgische Träumereien von der großen Liebe. träger zahlreicher Tropenkrankheiten wie Malaria, Typhus, Cholera,
Polio, Bilharziose und Flussblindheit einen guten Nährboden. In ihren tro-
Agadez Nomade FM 101,9 – der Tuareg-Radiosender ckenen Gebieten blieben die Tuareg für lange Zeit vor solchen scheußli-
chen Krankheiten verschont, doch im Schlepptau größerer Ansiedlungen
Um den „Desert Blues“ zu hören, benötigt man in Agadez nur ein Ta- breiten sich die Überträger langsam, aber unaufhaltsam nach Norden aus.
schenradio. Auf FM 101,9 erklingen täglich ausgewählte Tuareg-Songs zwi- In den Städten und Dörfern sammeln sich Abwässer auf der Straße, in
schen politischen und kulturellen Informationen über Rechte und Pflichten denen die Krankheitswirte prächtig gedeihen können.
der Bürger von Agadez. Gesendet wird in den Sprachen Tamaschek, Hau- Darum gilt edaw, der „Busch“ außerhalb der Dörfer, als die gesündeste
sa und Französisch. Diesen ersten Radiosender von und für Tuareg grün- Umgebung. Hier sind nahrhafte Ziegen- und sogar Kamelmilch verfügbar
dete der Halb-Tuareg Serge Hilprons. Anlass dafür war eine islamistische und Infektionskrankheiten treten praktisch nicht auf.
Sendung eines öffentlichen Radiosenders, in dem die schockierende Be-
hauptung vertreten wurde, ein Mann habe das Recht seine Frau zu schla- Hygiene bei wenig Wasser
gen. Hilprons erkannte den Bedarf der Tuareg-Gesellschaft an modernen
Massenkommunikationsmitteln, um über bestehende Rechte und Pflichten Aman iman – Wasser ist Leben. Diese Tuareg-Wahrheit ist zweischneidig:
aufklären und gegen gefährliche kulturelle Entwicklungen wie die Verbrei- Einerseits steigt dort, wo es viel Wasser und viele Menschen gibt, das Risi-
tung eines radikalen Islam vorgehen zu können. In der Gründung von „Ra- ko der Verbreitung von Infektionskrankheiten – andererseits benötigt man
dio Nomade FM 101,9“ sah er die Chance für moderne Tuareg, auch über sauberes Wasser für die Körperpflege, um sich vor Infektionen zu schüt-
weite Distanz miteinander in Kontakt zu bleiben. Mittlerweile wird dieser zen. So würden zumindest wir Europäer denken. Die Lebenswelt der Tua-
einstige „Kultursender“ vom Staat gefördert. Je nach Tageszeit und nach reg sieht hingegen anders aus.
Hörergruppe beinhaltet das Programm politische, soziale und morali-
sche Themen aus dem gesellschaftlichen Leben in Agadez, aus der fernen Anpassung
Hauptstadt Niamey und sogar aus Europa. Auf diese Weise kommen die Permanenter Wassermangel zwingt zur Anpassung des gesamten
Tuareg in und um Agadez in direkten Kontakt mit der ganzen Welt. Durch Lebenswandels an diesen Umstand. Dies gilt auch für die Hygieneme-
Leserbriefe an die Redaktion, können auch Nomaden auf ihrer fernen Wei- thoden der Hirten, die im Alltag fast kein Wasser verbrauchen. Der simple
de zu Wort kommen und sich Gehör verschaffen. „Trick“ besteht darin, möglichst nicht schmutzig zu werden. Tuareg bewe-
gen sich sehr langsam, um nicht unnötig zu schwitzen und dadurch Flüs-
sigkeit zu vergeuden. Natürlich schwitzen auch die Nomaden in der Saha-
Gesundheit und Hygiene ra-Hitze, aufgrund der extrem geringen Luftfeuchtigkeit verdunstet der
Schweiß sofort und es kommt kaum zur Entwicklung von Körpergeruch.
„Gesunde Wüste“ Auf den Punkt gebracht, betreiben die Tuareg eher wenig Körperpflege,
ganz einfach weil es in ihrer Lebenswelt an entsprechenden Mitteln fehlt.
Die Wüste ist wegen ihrer Trockenheit einer der saubersten Plätze der Er- Dies führt dazu, dass Nomaden in ihrer staubigen Umwelt auch oft stau-
de. Die Menschen leben in der Wüste relativ gesund, vorausgesetzt sie big sind, frei nach der Devise: Wozu den Staub abwaschen, wenn er
haben genügend Wasser und Nahrung. Schon Heinrich Barth schwärmte gleich wiederkommt?
von dem bekömmlichen Klima und befand das Aïr als „eines der gesün- Der Eindruck dieser Haltung drängt sich einem besonders bei Kindern
desten Länder der Erde“. Diese Meinung teilen auch die Tuareg. In ihren in den Hirtenlagern und Dörfern auf. Äußerlich wirken sie schmutzig und
Augen ruht auf der Aïr-Region baraka, göttlicher Segen, weshalb der tro- verwahrlost, mit Krusten an Nase und Mund und mit dicken Brocken ein-
ckene Norden für Mensch und Tier als besonders zuträglich gilt. gedickter Tränenflüssigkeit in den Augenwinkeln, zur großen Freude der
226 227
170-237 Zum Alltagsleben KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:38 Seite 228
060tr Foto: hf
zahlreichen Fliegen. Erst wenn man selbst Kleinkinder hat, spätestens aber
dann, wenn man längere Zeit in einem Lager zugebracht hat, beginnt man
zu verstehen, dass westliche Sauberkeitsvorstellungen hier völlig fehl am
Platz wären. Die Fliegen wird man nicht los, genauso wenig wie den Staub
und noch weniger kann man die rinnende Nase der Kinder stoppen. Da
hilft nur, sich schlicht anzupassen.
Hygienemethoden
Hat ein Tuareg die Möglichkeit zu baden, dann wird er diese Chance so-
fort und intensiv nutzen. Im Aïr etwa gibt es im Unterlauf der Tamgak-
Schlucht einige schöne Bassins mit Fließwasser, wo man wunderbar ein
Bad nehmen kann. Heutzutage verwenden die Tuareg für ihre Körper-
pflege in der Regel Industrieseife. Manche Nomaden produzieren jedoch
ihre Hygieneprodukte noch selbst.
• Seife wird aus den Samen der Wüstendattel (tiboraq, lat. Balanites ae-
gyptiaca) gewonnen, deren Öl einen hohen Saponingehalt aufweist.
• Shampoo stellen die Tuareg aus Blättern der Afagag-Akazie (lat. Acacia
raddiana) her, indem diese zerstoßen und mit Wasser gemischt werden.
Das ergibt ein Fett lösendes Gel.
• Zähne und Zahnfleisch werden mit den jungen Zweigen des „Zahn-
bürstenbaums“ (lat. Salvadora persica) gepflegt. Die Zweige dieser
Pflanze enthalten wichtige Mineralstoffe, Rohfasern, Proteine und anti-
biotisch wirkende Substanzen sowie einen hohen Anteil an Fluorid.
Eine wichtige Hygienestrategie ist das Vermeiden von schlechtem Was-
ser. Brunnen und Wasserlöcher werden möglichst sauber gehalten. Auf man sich mit heruntergelassener Hose hockt. Durch das rockartige Über-
den Weiden wird kein Oberflächenwasser als Trinkwasser genutzt, son- gewand geschützt, kann nun das Bedürfnis erledigt werden. Abschließend
dern in Wadis an deren tiefster Stelle ein Loch gegraben. Schon bald stößt werden die Spuren diskret mit Sand bedeckt.
man auf Grundwasser, das durch den Sand zwar trüb, aber bestens gefil-
tert ist. Krankheiten
Mögen Nomaden auch gewisse Techniken zur Schmutzvermeidung be-
herrschen, eines bleibt auch „Wüstenrittern“ nicht erspart: Sie müssen ge- Der Legende nach hatte es in alter Zeit keine Krankheiten gegeben. Der
legentlich urinieren. Für eine Gesellschaft, in der Würde und Scham eine biblische König Salomon gilt im Koran als der „Herr der Geister“ (34,12).
so große Rolle spielen, ist Notdurft ein Tabuthema. Ein älterer Tuareg Nach der Tuareg-Vorstellung hielt Salomon die Krankheitserreger in Ge-
würde niemals mitteilen, dass er „austreten“ müsse. Vielmehr würde er sa- stalt böser Geister in einem irdenen Topf gefangen. Eines Tages ruhte er
gen, er müsse „zum Schmied gehen“. Dann wird abseits des Lagers oder sich aus, wobei er sich auf seinen Stock stützte. Da überredeten die bösen
am Dorfrand ein ruhiger Platz gesucht und ein Loch gegraben, über das Geister die Termiten, den Stock zu zernagen. Der Stock wurde immer
dünner, bis er einknickte, wodurch Salomon stürzte und starb. Der Topf
zerbrach auf dem Boden und die Geister entflohen. Seither fügen sie den
### Autor: Bitte BU ergänzen### Autor: Bitte BU ergänzen Menschen Schaden zu und lassen sie erkranken.
228 229
170-237 Zum Alltagsleben KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:38 Seite 230
Die Geißeln der Nomaden Dörfern und Städten ab, denn hier ist der „Zahnbürstenbaum“ nicht ver-
Mögen die Nomaden in der Wüste auch vor bösartigen Krankheitserre- fügbar.
gern verschont bleiben, so plagen sie doch auch körperliche Leiden, die Mit der wachsenden Mobilität der Tuareg steigt auch die Verbreitung
entweder durch das jahreszeitliche Klima oder durch die besonderen Um- von neuen Krankheiten aus dem Süden. So mehren sich Poliofälle, die
stände des jeweiligen Berufs bedingt sind. Während der kalten Jahreszeit Malaria breitet sich immer weiter nach Norden aus, gelegentlich erschüt-
leiden die Menschen armutsbedingt unter dem Mangel an warmer Klei- tern Rötelepidemien die Tuareg-Regionen und fordern zahlreiche Todes-
dung. Oft weht ein kalter Wind und die Temperaturen können nachts bis opfer. Im einstmals so gesunden Aïr sind mittlerweile in manchen stehen-
unter Null Grad fallen. Geheizt wird überhaupt nicht, denn der wertvolle den Gewässern Bilharzioseerreger nachweisbar.
Brennstoff Holz dient nur zum Kochen. Darum sind bei Erwachsenen und
Kindern Erkältungen bzw. grippale Infekte sehr verbreitet, verbunden Das Elend in den Städten
mit Kopf- und Bauchschmerzen wie auch mit Durchfällen. Im Gegensatz zu den Dörfern, die noch ein wenig von der „Sauberkeit
In der trockenen und heißen Jahreszeit machen Wind und Hitze den der Wüste“ profitieren, werden in den rasch und ungeordnet wachsenden
Menschen zu schaffen. Der ständige Wind wirbelt Staub auf, wodurch Städten die Infektionskrankheiten zu einer ernsthaften Bedrohung. Wäh-
manchmal ein regelrechter dichter Staubnebel über dem Land liegt. Dann rend der trockenen und heißen Zeit fordert die Meningitis (Hirnhautent-
sind Bindehautentzündungen besonders häufig. Die Behandlung der Au- zündung) alljährlich ihre Todesopfer. Zunehmend werden auch Typhus
genlidränder mit Antimon bietet hier ein wenig vorbeugende Hilfe. Der und Tuberkulose zum Problem. Geradezu epidemisch breiten sich in den
dauernde Wind verursacht auch Kopfschmerzen. Die extreme Hitze Städten Erkrankungen der Atemwege und des Verdauungssystems aus.
kann bei Nomaden, die nachts auf dem aufgeheizten Boden schlafen Die Durchfallerkrankungen beruhen wesentlich auf der ungelösten
müssen, zu Darmbeschwerden (ezez) führen. Auch Beschwerden wie Entsorgungsproblematik. So gibt es in Agadez, einer Stadt mit knapp
Hitzschlag und Abszesse kommen im Sommer oft vor. 100.000 Einwohnern, nur 700 Meter Abwasserkanäle und 14 registrierte
Hirten leiden während ihrer Karawanenzüge besonders häufig unter Endlagerstätten. Von einer jährlichen Abwasserproduktion von 50.000 m³
Durchfällen, wahrscheinlich aufgrund der großen körperlichen und men- werden lediglich 4 % sachgemäß entsorgt. Der Großteil der privaten Ab-
talen Belastung, verbunden mit Schlafentzug und mit einer ungesunden wassergruben wird nachts auf die Straße entleert. Diese Methode ist zwar
Ernährung: Während ihres täglichen 16-Stunden-Marsches essen sie im billiger, führt aber zur Verunreinigung des Grundwassers mit Fäkalien
Gehen und nachts schlingen sie die Hirse rasch in sich hinein, um mög- und dadurch schließlich zu Cholera- und Typhuserkrankungen und auch
lichst schnell schlafen zu können. zu Malariaepidemien. In den Abwasserpfützen gedeihen die Moskitos
Typische Leiden der Hirtinnen und Hirten, die auf unwegsamem Gelän- prächtig. Mittlerweile gilt Malaria als eine der häufigsten Todesursachen
de große Strecken zurücklegen müssen, sind Beinverletzungen wie ein- im Sahel, allein in der Region Agadez erkranken pro Jahr an die 40.000
getretene Dornen, Risse und Schnitte oder gar Knochenbrüche. Seltener Menschen.
sind hingegen Schlangenbisse oder Skorpionstiche. Auch ein mentales Die schlechte Gesundheitslage der Bevölkerung beruht im Wesentli-
Leiden ist unter Hirten weit verbreitet. Es ist die Abstumpfung durch Ein- chen auf fünf Faktoren: Armut, Unterernährung, unzureichender Zugang
samkeit, Kälte, Hitze und Monotonie im edaw, dem „Busch“, womit die zu sauberem Trinkwasser, ungenügende Gesundheitsvorsorge und gerin-
Hirten über Jahre hinweg konfrontiert sind. Dies führt zuweilen zu Men- ger Bildungsgrad insbesondere der Frauen. Der letzte Punkt beruht auf
schenscheue, Wortkargheit, Gefühllosigkeit und Gleichgültigkeit gegen- dem Umstand, dass Mädchen immer noch viel seltener in die Schule ge-
über Freunden. schickt werden als Knaben. Dadurch mangelt es vielen Mädchen an
Die typische Zivilisationskrankheit der Tuareg, die zunehmend zu einem grundlegenden Kenntnissen über Gesundheitsvorsorge, aber auch an jeg-
epidemischen Problem wird, ist die Zahnfäule. Karies ist direkt verknüpft licher Chance auf einen Beruf, mit dem sie sich und ihre Kinder in der
mit dem wachsenden, wenn auch immer noch sehr bescheidenen Wohl- Stadt gut ernähren können. Das zeigt sich deutlich anhand der fünf wich-
stand, der sich im häufigen Zuckerkonsum in Form von stark gesüßtem tigsten Todesursachen bei Kindern: Unterernährung, Röteln, Malaria,
Tee äußert. Bei Kindern sind dies die Folgen der Bonbon-Geschenke frei- Durchfall und Atemwegsinfektionen. Rund die Hälfte der Bevölkerung gilt
giebiger Touristen. Gleichzeitig nimmt die traditionelle Zahnpflege in den als mangelhaft ernährt, der Großteil der Betroffenen sind Kinder unter
230 231
170-237 Zum Alltagsleben KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:38 Seite 232
zehn Jahren. Bei Frauen führt Unterernährung zu Blutarmut, ausgelöst drückt werden können. Igumatan wird nur von Frauen praktiziert: Das
durch Eisen- und Vitamin-A-Mangel, was bei Schwangeren eine Missbil- Selbstverständnis und der Wertekodex eines imuhar wäre mit einer sol-
dung ihrer Babys verursachen kann. chen kollektiven Therapieform in keinster Weise zu vereinbaren.
Angesichts dieser Zustände in den Städten der Tuareg-Regionen rückt
der Anspruch auf Gesundheit, von der Weltgesundheitsorganisation Psychohygiene und sozialer Frieden
(WHO) als ein „Zustand kompletten physischen, mentalen und sozialen Heilwissen ist bei Tuareg-Nomaden meist nur lokal verbreitetes Wissen,
Wohlbefindens“ definiert, in weite Ferne. Die Städte erlauben bestenfalls weil es durch die Lehre bei erfahrenen Kräuterexpertinnen, bei enaden
einen „unperfekten“ Lebensstil, geprägt vom Bemühen, das Leid mög- (Schmieden) oder ineslemen (Korangelehrten) sowie durch persönliche
lichst gering zu halten ... Erfahrungen im Umgang mit Kräutern der jeweiligen Region erworben
wurde. Dieses Wissen und auch die mit Heilung verbundenen magischen
Traditionelle Heilmethoden Vorstellungen sind noch heute bei vielen Tuareg eng mit den Gegeben-
heiten ihrer sozialen Lebenswelt verflochten. Krankheit, insbesondere
Magie und Exorzismus Geisteskrankheit, nehmen sie als Ausdruck einer gestörten Beziehung zur
Die traditionellen Tuareg-Gesellschaften haben eine spirituelle Vorstel- sozialen Welt wahr, etwa als Folge von amoralischem Verhalten. Darum
lung von Gesundheit, als Ausdruck eines Gleichgewichts zwischen der kann Heilung nur erlangt werden, wenn die Ursachen für diese Spannun-
reinen göttlichen und der unreinen Geisterwelt. Dieses dualistische Welt- gen gemeinsam von bzw. zwischen allen Beteiligten aufgelöst werden. Ei-
bild findet sich auch im animistisch geprägten Islam wieder, in dem der nen ähnlichen Ansatz verfolgen auch systemische Therapieformen wie et-
Koran als medizinische Enzyklopädie verstanden wird: „Wir haben dir nun wa die Familientherapie, die Gestalttherapie und die Kurztherapie.
vom Koran offenbart, was dem Gläubigen Heilung und Gnade bringe.“ Wo es an Wohlstand und an technischem Überfluss fehlt, ist die Abhän-
(17. Sure, Vers 82). Heilung bedeutet hier eine enge Verknüpfung von Ma- gigkeit von gegenseitiger Unterstützung umso größer. Wird in einem Dorf
gie, Religion und das Erfahren von „Heil“, baraka. Nicht von ungefähr ein Brunnen gebaut, so arbeitet üblicherweise die ganze Dorfgemein-
bedeutet das arabische Wort tibb sowohl „Magie“ als auch „Medizin“. schaft mit. Dadurch entsteht die Verpflichtung des Brunnenbesitzers, sich
Unheilbare Krankheiten wie Krebs oder Geisteskrankheiten werden bei den Helfern entsprechend zu revanchieren. Tut er das nicht, so wird er
bösen Geistern, den kel essuf, zugeschrieben und können nur von religiö- den Unmut und das Misstrauen seiner Mitmenschen auf sich ziehen, was
sen Spezialisten, den marabouts, geheilt werden. Dazu werden mit lösli- sein Leben in dem kleinen Dorf zur Hölle – und seinen Körper sehr wahr-
cher Tinte Koransprüche auf eine Holztafel geschrieben und gleich darauf scheinlich krank – machen würde.
wieder abgewaschen. Das verwendete Wasser wird dem Patienten zu trin- Vor diesem Hintergrund ist auch die Hexerei zu verstehen, über die je-
ken gegeben, wodurch die heilsame Wirkung dem Magen zugeführt wird, doch nur hinter vorgehaltener Hand gesprochen wird. So wurde mir von
wo die bösen Geister vermutet werden. einem Fall in Agadez erzählt, wonach eine Frau Opfer eines Fluches ge-
Formen von traditioneller „Gruppenpsychotherapie“ werden bei den worden sei, denn keine Medizin konnte ihr Leiden lindern. Schließlich
Tuareg ebenfalls praktiziert. Beim igumatan, einer Art Besessenheitstanz, wurde eine Frau „ausfindig“ gemacht, die als verantwortlich für diese Ver-
singt und „tanzt“ sich eine seelisch kranke Frau in Begleitung des rhythmi- hexung betrachtet wurde. Die mutmaßliche „Hexe“ weigerte sich aber,
schen Trommelns und Singens einer Frauengruppe in Ekstase. Bei dieser den Fluch aufzuheben, worauf sie vom Sultan der Stadt verwiesen wurde.
Art von Exorzistenritual bewegt sich die Kranke so heftig und so lange, Erst danach ging es mit der „verfluchten“ Frau wieder bergauf.
wobei sie sich meist unkontrolliert auf dem Boden wälzt, bis sie von den Vor dem Hintergrund solcher Erfahrungen wird es nachvollziehbar, dass
kel essuf „befreit“ ist. Im igumatan kommt die befreiende und zugleich die viele Verhaltensweisen, die oberflächlich gesehen auf die Abwehr von
sozial verbindende Kraft des Singens und Tanzens zum Ausdruck. Durch übernatürlichen Mächten gerichtet sind, eigentlich unnötige soziale
die gemeinsame Bewegung entsteht ein intensives Gefühl der Verbun- Spannungen und Konflikte verhindern sollen. Tuareg nennen dies die
denheit und Geborgenheit, ein völliges Sich-Einlassen auf die Bewegun- Vermeidung des „bösen Blicks“.
gen des Gegenübers. Dabei lösen sich innere „Verspannungen“, worauf Traditioneller Schmuck etwa wurde niemals aus Gold hergestellt, weil
verdrängte und unverarbeitete seelische Schmerzen und Ängste ausge- dieses wertvolle Metall den „bösen Blick“ anziehe, wodurch Neid und
232 233
170-237 Zum Alltagsleben KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:38 Seite 234
Missgunst gestiftet würden. Auch gilt es unter Tuareg als verpönt, Kinder Obwohl kaum vorstellbar, so ist die medizinische Versorgung außer-
oder Hab und Gut eines Menschen als besonders schön zu loben, weil halb der Städte noch um vieles schlechter. In der Region Kidal, dem Le-
dies die Aufmerksamkeit böser Geister anlocken könnte. Aus diesem bensraum der kel ifoghas, gibt es auf einer viertel Million Quadratkilome-
Grund verlassen und betreten Karawanen Oasen nur bei Nacht, wenn we- ter kein einziges Krankenhaus und keine voll ausgestattete Apotheke. Hier
der Geister noch Mitmenschen die mit wertvollen Waren beladenen Tiere müssen die Tuareg mit vier bescheidenen „Gesundheitszentren“ vorlieb
sehen können. Auf diese Weise wird die Provokation von Neid verhindert. nehmen, in denen Krankenschwestern und manchmal ein Apotheker zur
Dies wird auch heute noch so praktiziert. Bei all diesen Regeln handelt es Verfügung stehen. In vielen Regionen der Republik Niger ist die Situation
sich letztlich um einfache, aber wirkungsvolle Strategien, um Anlässe für ähnlich. Für die Nomaden sind darum traditionelle Heilmethoden oft die
Neid und andere negative Gefühle zu verringern. einzige Rettung, vorausgesetzt, es befinden sich geschulte Hirtinnen in
der Nähe. Bei schweren Verletzungen oder Erkrankungen müssen die Be-
Naturheilkunde troffenen per Kamel zum nächsten „Gesundheitszentrum“ transportiert
In einer Welt, die von einem Mangel sowohl an Medikamenten als auch werden, in der Hoffnung, dort ausreichende Hilfe zu bekommen. Wer an
an medizinisch-technischer Hilfe geprägt ist, sind Kenntnisse der traditio- Zahnproblemen leidet, muss sich entweder den „bösen“ Zahn vom
nellen Naturheilkunde überlebensnotwendig. Es sind zumeist Hirtinnen, Schmied ziehen lassen oder sich über viele Hundert Kilometer mit dem
die über solches Wissen verfügen, denn aufgrund ihrer langen Abgeschie- Lastwagen ins nächste Hospital fahren lassen.
denheit auf den Weiden mussten sie lernen, Verletzungen, Erkältungen Mehr Glück haben da die Menschen in Timia, wo seit Kurzem alle paar
oder Koliken selbst zu behandeln. Monate ein Kieferchirurg aus Agadez praktiziert. Dann müssen Hunderte
Als Heilmittel finden u. a. Früchte, Blätter, Blüten, Wurzeln und Baum- von Patienten binnen einer Woche behandelt werden. Finanziert wird die-
harze Verwendung. So wird etwa die Milch des Oscher-Strauches (Calo- se Einrichtung durch den französischen Hilfsverein „Les Amis de Timia“.
tropis procera, ein Wolfsmilchgewächs) als Zugsalbe bei eingetretenen Diese Organisation führte nunmehr auch eine Art „Heilmittelversiche-
Dornen verwendet. Dieses Mittel ist jedoch so giftig, dass es bei Kontakt rung auf Gegenseitigkeit“ ein: Jede Familie zahlt regelmäßig einen be-
mit den Augen zur Erblindung führen kann. Rheumatismus wird durch das scheidenen Betrag in einen Fonds ein, aus dem die tatsächlich benötigten
Auflegen von Straußenfett behandelt, gegen Erkältungen wird heißes, Medikamente bezuschusst werden. Auf diese Weise sinken die individuel-
fettes, stark gesalzenes und gewürztes Ziegenfleisch gegessen. Zur Prä- len Kosten für Arzneimittel, wodurch eine viel größere Bevölkerungszahl
vention gegen Erkältungskrankheiten werden bestimmte Blatt- und Kräu- Zugang zur Medikamentenversorgung erhält. Besondere Aufmerksamkeit
termischungen (wie etwa die „Grüne Soße vom Bagzan“) zusammenge- wird auch der Bekämpfung von Unterernährung bei Kindern gewidmet.
stellt, die zur Vitaminanreicherung dem Hirsebrei beigegeben werden. 2006 ließen die „Amis de Timia“ eine Landebahn für kleine Transportflug-
zeuge bauen, um Schwerverletzten die qualvolle Fahrt per LKW über 200
Westliche Medizin und Krankenversorgung km holprige Piste zu ersparen. Die jüngste Errungenschaft ist die Installati-
on eines Satellitentelefons im Nachbarort, wodurch erstmals sofort auf
Wie wichtig der Erhalt der traditionellen Heilkunde für die Tuareg ist, zeigt Notfälle reagiert werden kann. Eine derartig gute Ausstattung ist auf dem
sich angesichts der schwierigen medizinischen Versorgungslage in den Land jedoch die Ausnahme.
südlichen Tuareg-Regionen. In Agadez kommt, statistisch betrachtet, auf Die Einheimischen setzen große Hoffnungen in die westliche Medizin.
über 1000 Patienten nur ein Krankenbett. Die wenigen und schlecht aus- Viele Nomaden glauben im Übrigen, Weiße würden generell über medi-
gestatteten Ärzte sind dem Ansturm der Kranken und Verletzten einfach zinische Kenntnisse verfügen. Das war schon zu Heinrich Barths Zeiten so
nicht gewachsen. Das Krankenhaus Agadez ist aufgrunddessen und we- und René Gardi berichtete in den 1950er-Jahren davon, dass sich die
gen seiner mangelhaften Hygienebedingungen derart verrufen, dass jene, Tuareg alle möglichen Vorwände einfallen ließen, um an westliche Medi-
die es sich finanziell und körperlich irgendwie leisten können, die Fahrt ins kamente zu gelangen. Leider neigen Touristen und auch manche Hilfsor-
1000 km entfernte Niamey vorziehen. Im Vergleich zum Süden ist die Si- ganisationen heute dazu, Medikamente leichtfertig und willkürlich weiter-
tuation in den Zentren der nördlichen Tuareg, in Algerien und Libyen, ge- zugeben. Dies fördert den Glauben an die scheinbare Überlegenheit der
radezu luxuriös. westlichen Medizin und den verbreiteten „Modekonsum“ von Medika-
234 235
170-237 Zum Alltagsleben KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:38 Seite 236
061tr Foto: hf
Hilfsorganisationen versuchen durch Aufklärung zu vermitteln, wie akti-
ve Gesundheitsvorsorge unter den extremen Lebensbedingungen in der
„gesunden“ Wüste betrieben werden kann. Dabei geht es um Themen
wie den bewussten Einsatz von Medikamenten, um einfache, aber effekti-
ve Hygienevorkehrungen und um Empfängnisverhütung. Wichtige Maß-
nahme sind auch Impfaktionen gegen Tetanus, Röteln und Polio sowie
die Einrichtung von „Getreidebanken“. Diese längerfristigen Vorratslager
für Hirse und Reis werden in guten Erntejahren aufgebaut, um die Sahel-
Tuareg in Dürrezeiten vor humanitären Katastrophen zu bewahren. Doch
auch der Kampf gegen den täglichen Hunger, insbesondere gegen die
Unterernährung von Kindern, ist ein wichtiges Anliegen. Dahinter steht
die Überzeugung, dass nur ein richtig und gut ernährtes Kind sich zu ei-
nem erwachsenen Tuareg entwickeln kann, der gesund und kräftig genug
ist, um für sein unabhängiges Überleben in der Wüste zu arbeiten.
Verhütung – immer noch ein Tabu?
Vor 35 Jahren lebten in Timia kaum 1000 Nomaden. Heute sind es über
menten. Um an Arzneimittel zu gelangen, werden beliebige Leiden 6000 – ein jährliches Bevölkerungswachstum von rund 6 %, eines der
vorgetäuscht, meistens Kopfschmerzen oder Erkältungen. Ich persönlich höchsten auf der Erde. Angesichts dieser Entwicklung befragte ich die
begegne diesem Problem, indem ich für die Abgabe von „harmloseren“ „kel timia“ zu ihrer Meinung über Verhütung. Das war nicht einfach,
Tabletten (z. B. Aspirin) kleine Gegenleistungen wie Ziegenkäse einforde- denn das Thema Sexualität ist weitgehend tabuisiert. Wohl darum sieht
re. Dadurch lässt sich das Bewusstsein um den Wert des Medikaments ein Viertel der Befragten eine Schwangerschaft als den Willen Gottes an
stärken. (Näheres zur Problematik der Medikamentenabgabe siehe das und hält Verhütung für einen inakzeptablen religiösen Verstoß. Viele
Kap. „Medizinische Hilfe kann töten“ in meinem Praxis-Band „Respektvoll würden sich schämen, in der Apotheke nach Kondomen zu fragen.
reisen“, REISE KNOW-HOW Verlag.) Rund die Hälfte der befragten Männer und Frauen sprach sich für Ver-
Dorfbewohner werden normalerweise im lokalen „Gesundheitszen- hütungsmittel aus. Die Männern bevorzugen allerdings, wenn ihre Ehe-
trum“ gegen ein geringes Entgelt mit staatlich subventionierten Medika- frauen heimlich verhüten würden. Relativ pragmatisch gehen jüngere Tua-
menten versorgt. Doch selbst diese minimalen Kosten können sich arme reg mit dem Thema um: Souleyman, ein 23-jähriger Musiker und „chasse-
Familien nicht leisten. Zudem gerät das gesamte System infolge der andau- touriste“, ist bereits verheiratet, will aber aus Geldmangel und Freiheitslie-
ernden Finanzkrise der Sahelstaaten Mali und Niger in Gefahr. Manche be noch keine Kinder. Er verhütet – und bat mich um Kondome …
Dörfer erhalten von Reisegruppen oder Hilfsorganisationen gespendete Der 67-jährige Karawanier Achmoudiou lehnt Verhütung ab, weil nur
Arzneimittel, die dann kostenlos vom Apotheker abgegeben werden kön- mit vielen Nachkommen die Ernährung der Eltern garantiert sei. Dil-
nen. Darum animiere ich meine Reiseteilnehmer schon vor Antritt einer Ni- liou, eine 54-jährige Lederhandwerkerin, findet es zwar wunderbar, vie-
ger-Tour, zusätzliche Medikamentenvorräte für die Dorfapotheken mitzu- le Kinder zu haben, aber während einer Dürre würden kinderreiche Fa-
nehmen, die dann direkt an den Apotheker übergeben werden können. milien am meisten leiden. Dieser weitsichtigen Meinung schließen sich
mittlerweile auch zahlreiche Hilfsorganisationen an und sensibilisieren
die Bevölkerung für Verhütungsmethoden und versorgen sie mit Verhü-
tungsmitteln.
Verletzter Nomade wird von einem reisenden Arzt versorgt
236 237
238-255 Feiertage und Feste KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:41 Seite 238
063tr Foto: hf
FEIERTAGE UND FESTE
Die Tuareg meistern nicht nur das Überleben am Rande der Wüste, son-
dern sie sind auch Künstler und Genießer, wenn es um das Feiern geht.
Es zählt zu den großen Glückfällen für einen Reisenden, Tuareg-Festlich-
keiten beiwohnen zu dürfen, denn hier entfaltet sich die ganze äußere
Pracht dieser Kultur.
Die Menschen ziehen ihre schönsten Gewänder an und präsentieren
sich von ihrer „besten Seite“. Die Kamelhirten beweisen ihre Reitkünste
auf den Kamelen (areggan), die mit dem verzierten Prunksattel, dem
tamzak, und den prächtigen, mit zahlreichen Lederfäden behangenen
Sattelsäcken geschmückt sind. Gleiten dann die indigofarben gekleide-
ten Hirten auf ihren tänzelnden Tieren vor der staunenden Menge über
ein trockenes Flussbett, dann erscheint die Tuareg-Welt für einige Stun-
den wie in einen Zauber gehüllt. Dann schlagen die Schmiede stun-
denlang die Trommeln und die Hirten werden nicht müde, die Trommler
zu umkreisen ...
### Autor: Bitte BU ergänzen
238 239
238-255 Feiertage und Feste KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:41 Seite 240
Die Bedeutung von Festen
064tr Foto: hf
Während der schweren Dürre der frühen 1970er-Jahre erlebte der deut-
sche Tuareg-Forscher Gerd Spittler im Bergdorf Timia, wie die dortigen
Kel-ewey-Tuareg das Gani-Fest anlässlich des Geburtstags des Propheten
Mohammed vorbereiteten. Dabei schlug die Stimmung unter den Men-
schen plötzlich von Not und Elend in Vorfreude auf das nahe Ereignis
um. Als würde es plötzlich keine Hungersnot mehr geben, wurde ein Fest-
mahl vorbereitet und alsbald gefeiert. Kaum war das Fest vorbei, als Kum-
mer und Tod in den Alltag zurückkehrten.
Durch das Fest wird im Zeitbewusstsein der Menschen ein Ankerpunkt
gesetzt, die Zeit bekommt wieder einen Sinn und es kann Hoffnung auf
eine bessere Zukunft aufkeimen. In Abhängigkeit von den jeweiligen Fes-
ten kann das die Hoffnung auf das Ende der Trockenzeit und damit auf Re-
gen, fette Ziegen und süße Milch sein oder auf das Ende der Kindheit, um
endlich heiraten zu können. Diese Erwartungen – wie auch die Feste
selbst – sind stets in einen religiösen Bedeutungsrahmen eingebettet. In
dieser besonderen Zeit gelten besondere Regeln, die zugleich auch
Pflichten darstellen. So darf man sich an einem Festtag schön anziehen,
zugleich wird die angemessene Kleidung auch erwartet. Gegessen wird Lebensstandards geht. Vor diesem Hintergrund empfinden Hirten jeden
ausnahmsweise einmal Fleisch, zugleich ist die rechtzeitige Beschaffung Anlass, bei dem sie mit der Familie zusammenkommen, sich festlich klei-
eines fetten Hammels auch eine Pflicht. den, unter allgemeiner Anerkennung mit dem Kamel stolzieren und zu-
Feste fördern den sozialen Zusammenhalt, indem die Menschen ge- sammen fettes Hammelfleisch essen können, als überwältigend. Da will
meinsam etwas vorbereiten und dann die Feier in immer gleicher, freud- jeder Augenblick möglichst lang ausgekostet werden. Darum empfindet
voller Weise gemeinsam begehen. Wer als Gast an einem Tuareg-Fest teil- ein Hirte selbst eine ganze Woche „Kameltanz“ und Hammelgelage mit
nimmt, muss sich außerdem revanchieren. Eine solche Gegenveranstal- Freunden als kurzweiliges, höchstes Glück.
tung mit Reiterspielen und gutem Essen für viele Menschen ist eine Inves-
tition ins eigene Ansehen, in die eigene Beliebtheit – aber auch in die Be- Welches Fest zu welcher Zeit?
reitschaft der Menschen, ihrerseits wieder ein Fest zu organisieren. Auf
diese Weise entstehen dauerhaft wirkende und stetig erneuerte soziale Bei den Tuareg gibt es vier Grundformen von festlichen Ereignissen:
Beziehungsnetze auf Gegenseitigkeit.
Vergleicht man die verschiedenen Tuareg-Feste miteinander, so erschei- 1.religiös motivierte, persönliche Feste wie Namensgebungs- und
nen sie geradezu als monoton: „Höhepunkte“ sind fast immer Reiterspiele Hochzeitsfeste. Sie orientieren sich am Lebenszyklus, sind an eine kon-
und Frauengesänge sowie das gemeinsame Festmahl. Um die enorme Be- krete Person geknüpft und richten sich an die Familie.
deutung solcher „Höhepunkte“ für Angehörige einer Nomadengesell- 2.religiös motivierte Feste wie das Tabaski-Fest, das Ende des Ramadan
schaft nachvollziehen zu können, müssen wir uns deren Lebensalltag vor und das Gani-Fest am Geburtstag Mohammeds. Sie wiederholen sich im
Augen führen, der von harter Arbeit, Einsamkeit und Gleichförmigkeit auf islamischen Jahreszyklus und werden von der gesamten Dorfgemein-
der Weide geprägt ist und bei dem es um die Sicherung eines minimalen schaft gefeiert.
3.regionalspezifische traditionelle Feste wie die cure salée („Salzkur“,
zum Ende der Regenzeit in Ingal, Region Agadez). Sie sind mit der Hir-
### Autor: Bitte BU ergänzen### Autor: Bitte BU ergänzen tenarbeit verknüpft, folgen dem Rhythmus des Sonnenjahres und rich-
240 241
238-255 Feiertage und Feste KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:41 Seite 242
ten sich an die gesamte umliegende Bevölkerung. Manche Feste wie se (aftek) wurden meiner Auserwählten übergestreift und zu guter Letzt
das banoui (lokales, karnevalsartiges Fest) in Agadez beziehen sich auf bekam sie das schwere Indigotuch (aleschu) um den Kopf gewickelt.
ein besonderes historisches oder mythisches Ereignis. Dann nahmen die Frauen die Braut in ihre Mitte und stimmten Hoch-
4.neu eingeführte Folklore- und Kultur-Festivals, die für die heimische zeitsgesänge an, begleitet von kleinen Handtrommeln (tende) und vom
Bevölkerung und die Touristen veranstaltet werden. Sie hängen von der schrillen Trällern der Frauenstimmen. Währenddessen ritten zehn festlich
touristischen Saison ab. geschmückte Reiter, ausgestattet mit Schwert und Speer, auf herausge-
putzten weißen Kamelen den Berg hoch, begleitet von geschäftigen
Innerhalb des Lebenszyklus finden zu allen wichtigen Abschnitten und Schmieden, die sich um den Bräutigam kümmern sollten. Nach einem
Übergangszeiten Feste statt. Damit soll der gefeierten Person Anerken- langwierigen Begrüßungsritual wurde auch er in feinste Indigotücher ge-
nung gezollt werden und gleichzeitig wird der Kontaktpflege innerhalb kleidet, mit Sandalen versehen und mit Schwert und Speer ausgerüstet.
der Großfamilie gedient. Nun wurden Braut und Bräutigam von einem Hirten zusammenge-
Zu diesen Festen zählen führt, der eine Art Weihrauchofen um das Paar schwenkte, während er ri-
tuelle Formeln murmelte. Damit sollten die Geistermenschen vertrieben
• das Namensgebungsfest am achten Tag nach der Geburt, und dem Brautpaar reicher Kindersegen beschert werden. Während die-
• die Beschneidung der Knaben im Alter von fünf bis sieben Jahren und ser Zeremonie wartete ein ganzes Dutzend alter Tuareg-Damen vor dem
das erstmalige Anlegen des tagelmust beim Knaben bzw. des aleschu Fort, um die Geister von der Braut auf sich abzulenken. Auf die offizielle
beim Mädchen im Alter von ca. 16 Jahren, „Legalisierung“ der Hochzeit durch einen marabout verzichteten wir. Da-
• die Hochzeit und zu müssten die Familien der Vermählten die Eheschließung feierlich
• das Begräbnis. bezeugen, dann würde der marabout den göttlichen Segen für diese Ver-
bindung erbeten und eine Koransure rezitieren. Ein amtlicher Eintrag wür-
de im Nomadenmillieu wenig Sinn ergeben, weil hier Lesekundige selten,
Hochzeitsfeiern in Stadt und Land marabouts meist fern und die Gefahren des Verlustes eines Dokuments
durch Unwetter, Überfall oder Ähnliches groß sind. Viel wichtiger ist
Die Hochzeit ist wohl das wichtigste Ereignis im Leben der kel tamaschek, darum die Anerkennung der Eheschließung durch die Zeugen, eine
weshalb die beteiligten Familien lange vorher schon darauf sparen müs- Funktion, die in modernen Staaten stellvertretend vom „anerkannten“
sen. Allein die komplette Ausstattung für eine Braut kostet bis zu 1000 Standesbeamten erfüllt wird. In größeren Siedlungen der Sahel-Tuareg al-
Euro, je nach Qualität des Indigotuches. Das Fest ist mit zahlreichen Vor- lerdings setzt sich langsam das staatliche Verwaltungssystem mit dem ge-
bereitungen verbunden, wofür die Schmiede die Verantwortung tragen: setzlich vorgeschriebenen Eintrag durch, das in Algerien und Libyen schon
Honoratioren und Familienmitglieder müssen eingeladen werden, Köche, lange Pflicht ist.
Unterkünfte und Reis müssen organisiert, Hammel gemästet und die Hir- Nun traten die Hochzeitsbegleiter vor das Tor hinaus und stellten sich
ten benachrichtigt werden, damit ein prachtvolles ilugan („Kamelkarus- den Gästen, die sich dort inzwischen versammelt hatten, nacheinander
sell“) „getanzt“ werden kann. einzeln vor, indem sie ihre Berufsinsignien präsentierten, etwa den Speer
oder das Schwert der imajeghen. Dann bewegte sich die Festgemeinde an
Eine Dorfhochzeit in Timia den Rand des Flussbetts hinab, wo die Schmiede auf ihren Trommeln den
Rhythmus für die ilugan, den Kameltanz, zu schlagen begannen. Dazu
Ich möchte von meinem eigenen Hochzeitsfest in Timia erzählen, das umkreisten die Tiere mit ihren Reitern in eleganten Bewegungen die Mu-
ich im Februar 2000 gemeinsam mit meiner Grazer Gefährtin nach Tua- siker. Für die Schaulustigen war dies zweifellos der Höhepunkt des Festes,
reg-Brauch gefeiert habe. Die Hochzeit fand im damals neu renovierten das mit der deremmage, dem Tanz der imajeghen abgeschlossen wurde.
„Fort Massu“ auf dem Hügel Tawadu hoch über dem Dorf statt. Dazu Dazu stellten sich die Hirten mit den Speeren in den Händen in einer Rei-
kamen am frühen Morgen Frauen vom Dorf, um die Braut einzukleiden. he auf und begannen, sich zum Trommelschlag der Schmiede im Stand
Mehrere Schichten weißer Baumwollgewänder sowie eine schwarze Blu- würdevoll zu bewegen. Dazu hoben sie ein Bein leicht an, streckten es
242 243
238-255 Feiertage und Feste KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:41 Seite 244
zaghaft schräg nach unten aus und setzten es wieder auf den Boden zu- Mann und eine Frau in der Mitte des Platzes, wo sie in der Art der imajeg-
rück, um dieselbe Bewegung mit dem zweiten Bein durchzuführen – und hen tanzten: mit wenigen würdevollen, behutsamen Bewegungen – be-
dieses immer und immer wieder. gleitet von einer E-Gitarre.
Schließlich zog sich die Festgemeinde zur Mittagsruhe wieder in ihre Allerdings erlebte ich in Agadez auch Hochzeiten mit poppigen Bands,
Unterkünfte zurück. Nur der Bräutigam, seine nahen Freunde und Ange- die „fetzig“ abliefen. So gibt es auch hier immer mehr Varianten, je nach
hörige sowie einige Schmiede versammelten sich beim ashahi, dem grü- Geschmack. Das Kernelement bleibt jedoch gleich: Zwei bislang ge-
nen Tee, zum Plaudern, während das Festessen noch auf sich warten ließ. trennte Bezugsgruppen (die Familie und Freunde der beiden Brautleute)
Indes wurde die Braut von den Frauen neu eingekleidet und an Händen verbringen eine gute Zeit miteinander und knüpfen eine gesellschaftliche
und Füßen mit Hennamalerei verziert, um gegen böse Geister geschützt Verbindung, damit die Beziehung des neuen Paares eine gute soziale Ba-
zu sein. Damit die Hennapaste nicht verwischt, musste sie zwei Stunden sis bekommt.
lang auf die Haut einwirken, wobei sich die Braut nicht bewegen durfte.
Vom späten Nachmittag bis zur Dämmerung fand der zweite „Durch-
gang“ des ilugan und des Hirtentanzes statt. Diese Wiederholung der im- Islamische Feste
mer gleichen Rituale beginnt Europäer rasch zu langweilen. Für eine
Nomadengesellschaft hingegen stellen diese Festakte Höhepunkte in ih- Während ein großes Hochzeitsfest in der Regel nur einmal im Leben ge-
rem Alltag dar, weshalb die mehrmalige Wiederholung der an sich recht feiert wird, wiederholen sich Jahr für Jahr die großen Feiertage des Islam.
monoton ablaufenden „Kameltänze“ und Frauengesänge immer wieder Sie haben bei den Tuareg eine ähnliche Bedeutung wie für uns Weihnach-
aufs Neue als spektakulär empfunden wird. Dann stand endlich das große ten oder Ostern. Diesen großen Tag vor Augen wird gefastet und gespart,
Festessen gemeinsam mit den Dorfbewohnern bevor. Dazu wurden wir um dann einen Hammel als besonderes Festmahl für die Familie zuberei-
zu einer kleinen überdachten Terrasse geführt, auf der bereits die Hono- ten zu können. Je näher ein solches Fest rückt, desto aufgeregter werden
ratioren des Dorfes, der Dorfchef, der Schuldirektor und der marabout, die Menschen und versuchen, noch rasch irgendwie das Geld für das
Platz genommen hatten. Die übrigen Gäste, an die 200 kel timia, hatten Schlachttier zu beschaffen.
sich auf einige Häuser verteilt, wo sie eng aneinander gekauert auf ihren
Anteil am Festmahl warteten. Die Verköstigung begann sogleich mit dem Tabaski
Höhepunkt des Hochzeitsmahles: gekochte Innereien eines Hammels.
Das Brautpaar erhielt den besten Leckerbissen: die gummiartige Luftröh- Das tabaski wird am 10. Tag des Wallfahrtsmonats, am Ende der Pilger-
re, während sich die Honoratioren mit Leber, Herz und Nieren begnüg- fahrt nach Mekka, in Erinnerung an Abraham und die (Beinahe-)Opfe-
ten. Als zweiter Gang wurde mit ein wenig Fleischsoße angefeuchteter rung seines Sohnes aus Gehorsam zu Gott begangen (Koran 22,38). Man
Reis aufgetischt, der in einem riesigen Kessel über dem offenen Feuer zu- kann es mit dem jüdischen Passahfest und dem christlichen Osterfest ver-
bereitet worden war. Gekrönt wurde das Festmahl von den drei Runden gleichen. Das tabaski gilt als einer der höchsten Festtage des Jahres
ashahi, dem Tee. Dann endlich durfte sich das Brautpaar zurückziehen … (2008: 8. Dezember, 2009: 27. November, 2010: 12. November).
In Agadez wird es auf ganz besondere Weise gefeiert. Schon am Vor-
Heiraten in der Stadt abend des großen Tages setzt das Trommelschlagen vor dem Sultanspa-
last ein. Am Morgen wartet die Bevölkerung vor dem Palast auf die Musi-
Die städtischen Hochzeitsfeiern sind den modernen Gegebenheiten an- kanten mit ihren gellenden, trompetenähnlichen alten Blasinstrumenten
gepasst worden. In Agadez nahm ich an einer Hochzeit teil, die auf dem und großen Trommeln. Märchenerzähler unterhalten die Menschenmen-
Fußballplatz gefeiert wurde, um die zahllosen Gäste unterzubringen. ge mit ihren Geschichten. Höhepunkt des farbenfrohen Festes sind die
Diese waren in bunte, topmodische Hausa-Gewänder und teure Schleier Reiterspiele zu Pferd vor dem Palast. Sobald der alte Sultan Ibrahim Ou-
gekleidet und machten ihre Aufwartung dem Brautpaar, das in der Mitte marou seinen Palast verlassen und in seiner Audienzhütte Platz genom-
einer Spielfeldhälfte saß. Die Menschen plauderten hauptsächlich mitei- men hat, reiten geschmückte Männer im wilden Galopp mit ihren Pferden
nander und irgendwann wurde auch getanzt. Dazu trafen sich je ein mehrmals um die in unmittelbarer Nachbarschaft liegende Moschee.
244 245
238-255 Feiertage und Feste KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:41 Seite 246
065tr Foto: hf
Das Gani-Fest
Am mouloud, dem Geburtstag des Propheten Mohammed, wird das Gani-
Fest gefeiert. Es ist mit dem christlichen Weihnachtsfest vergleichbar und ist
von ähnlich großer Bedeutung wie das Tabaski-Fest. In Agadez umrundet
der Sultan im Zuge eines rituellen Ausritts dreimal den Palast, dann trifft
man sich in der Moschee zum gemeinsamen Gebet und geht schließlich
nach Hause, um gemeinsam den Hammel zu schlachten und zu verspeisen.
Für die Hirten von Timia gilt das Gani-Fest als der wichtigste Festtag,
weil sie – im Gegensatz zum tabaski – ihren großen Auftritt mit Reiter-
spielen und Kamelwettrennen haben, dem das ganze Dorf beiwohnt. Die
Krönung einer solchen festlichen Vorführung ist stets das ilugan, das Ka-
melkarussell. Besonders kunstfertige Hirten lassen ihr Kamel sogar eine
bestimmte Strecke auf den Knien rutschen.
Der Ramadan ist zu Ende!
Der Ramadan ist die große Fastenzeit des Islam, in welcher der Mensch
in sich gehen und sich seiner Sünden bewusst werden soll. Besonders
wichtig ist diese Zeit auch zur Vertiefung der sozialen Bande.
Nach dieser Vorführung ziehen sich die Menschen zurück und bald färbt Dreißig Tage lang wird tagsüber nichts gegessen und nichts getrunken.
sich in den Gassen der Sand rot, denn vor jedem Haus wird ein Schaf ge- Dafür darf nach Sonnenuntergang und vor Sonnenaufgang umso mehr im
schächtet. An diesem Tag lassen allein im Niger fast zwei Millionen Ham- Kreis der Familie und Freunde gefeiert werden. In der Regel essen die
mel ihr Leben, die dann aufgespießt über großen Feuern entlang der Stra- Menschen während des Ramadan sogar mehr als normal – aber eben nur
ßen schmoren. Auf diese Weise kommen auch jene zu einem guten Stück nachts. Das ist anstrengend und bringt den Lebensrhythmus durcheinan-
Fleisch, die an diesem Tag fernab ihrer Familien sind, wie etwa Karawa- der, besonders wenn der Ramadan in die heiße Zeit des Jahres fällt (2008:
niers. 1. September bis 1. Oktober, 2009: 22. August bis 22. September, 2010:
In Timia sammeln sich anlässlich des tabaski die Männer im Flussbett 11. August bis 11. September).
vor dem Dorf und marschieren in einer langen, eindrucksvollen Prozessi- Danach wird das Ende der Fastenperiode als wahre Erlösung empfun-
on zum gemeinsamen Gebet. Auf einem gesäuberten Platz im Norden den. Das Abschlussfest wird jedoch unspektakulär gefeiert. Die Menschen
lassen sie sich in langen, parallelen Reihen vor dem marabout auf die Knie ziehen sich schön an und treffen sich zum gemeinsamen Gebet. Anschlie-
nieder. Die Frauen nehmen diskret in den letzten Reihen am Gebet teil. ßend wird viel und gut gegessen, bevorzugterweise Hammelfleisch.
Anschließend besuchen die Männer am Friedhof die Gräber ihrer Ahnen Einst fiel das Ende des Ramadan in die Zeit einer meiner Wüstentouren.
und plaudern bei der Gelegenheit ausgelassen miteinander. Allmählich Unsere Tuareg-Begleiter hatten rechtzeitig für das Fest von einem Noma-
ziehen sich die Männer dann in ihre Häuser zurück, wo die Frauen bereits den ein Schaf gekauft, es geschlachtet, abgehäutet und einige Tage auf
die Vorbereitungen für die Schlachtung des Hammels getroffen haben, dem Dach des Transporters mitgeführt. Als endlich der große Tag kam,
der anschließend gebraten und gemeinsam verspeist wird. verrichteten sie gewissenhaft ihre alltägliche Arbeit, versorgten die Reise-
gruppe – und verschwanden ... Am nächsten Tag waren die jungen Män-
ner furchtbar bleich und kaum ansprechbar, weil sie enorme Mengen vom
Hammelfleisch in sich hineingestopft hatten. Aber, so rechtfertigten sie
### Autor: Bitte BU ergänzen sich, das müsse bei diesem Fest eben so sein.
246 247
238-255 Feiertage und Feste KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:41 Seite 248
Regionale festliche Traditionen
Wie die „kel ferouan“ zu ihrem Weideland kamen
Bei den Tuareg im Sahel beruhen die regionalen Feste auf der nomadi-
schen Tradition. Die Nomaden wandern mit dem Vieh mit der anbre- Die Legende erzählt davon, dass vor vielen Jahren eine junge Frau auf ei-
chenden Trockenzeit nach Süden und kehren mit der bevorstehenden nem Kamel zur Oase Iferouane kam, wo sie den Dorfchef Azerezer um
Regenzeit wieder zurück. Während der Regenzeiten gibt es immer genug das Gastrecht bat. Bezaubert von ihrer Schönheit hielt der Mann sogleich
Weidefläche für alle, es ist die Zeit des Friedens und des Überflusses. Jetzt um ihre Hand an. Sie akzeptierte das Angebot unter der Bedingung,
kommen die Familien zusammen, Hochzeiten werden gefeiert und alte dass sie als Morgengabe so viel Land bekomme, wie ihr Kamel ohne zu
Bande verstärkt und neue geflochten. ermüden durchqueren könne. Der Mann schlug sofort ein, meinte er
Regionale Feste finden stets gegen Ende der Regenzeit statt. Bis in doch, dass es ihn nicht viel kosten würde. Die Frau aber ritt auf ihrem
jüngste Zeit trafen sich die Nomaden auf den fetten Weiden und während Kamel weiter nach Süden, bis nach Tagdofat, das beträchtlich hinter den
die Tiere auf sich allein gestellt glücklich grasten, arrangierte man gemein- Aïr-Bergen und hinter Agadez gelegen ist. Hier stieg sie vom Kamel und
sam ein Fest. Heute werden diese Ereignisse aus touristischen und politi- steckte ihren Speer in den Sand. Wie versprochen übergab der Bräuti-
schen Gründen zeitlich geregelt, damit sie berechenbar und für die touris- gam seiner Verlobten das ausgedehnte Weideland, wo sich die Nachkom-
tische Planung genutzt werden können. men der schönen Reiterin ansiedelten, die später Königin Osabanass
genannt wurde. Der Name bedeutet „Die ihr treu sind“, denn die Köni-
Cure salée in Ingal, Niger gin war so gerecht und so offen für die Sorgen ihrer Untertanen, dass sie
sehr respektiert und geliebt wurde. Aus ihrem Stamm ging das große Ge-
Seit mehr als Hundert Jahren findet alljährlich zwischen Ende Juli und schlecht der „kel ferouan“ hervor.
Anfang September, sobald der Regen gefallen ist, die cure salée (die „Salz-
kur“) für das Vieh der Nomaden statt. Dazu wandern die Azawagh-Tuareg
von Tahoua einige Hundert Kilometer nach Norden in die Region von In- Freilich hat die cure salée durch all das ihren ursprünglichen Charme
gal und Teggida-n-tesemt, wo die Erde dank der hiesigen Mineralquellen verloren, den man höchstens noch abseits der großen Tribünen an den
einen hohen Natrongehalt hat und die Weiden proteinreich sind. Durch Brunnen findet, wo die Herden das tun, wozu sie schon seit Jahrhunder-
diesen Weidewechsel, der unserem Almauftrieb vergleichbar ist, haben ten hergekommen sind: die Salzweiden abgrasen, während die Hirten mit-
die Tiere Gelegenheit, das während der heißen Zeit verlorene Salz wieder einander plaudern, lachen und singen ...
aufzunehmen – darum der Name „Salzkur“. Die cure salée dient aber
auch dem Austausch zwischen den regionalen Kulturen, weil sowohl Tua- Ashihar der kel ferouan, Niger
reg- als auch Fulbe-Hirten hierher kommen. Bei der cure salée gibt es das
jährliche Wiedersehen der Clans, es ist die Zeit der Spiele, der Feste und Das ashihar findet alljährlich in Aderbissanet, etwa 160 km südlich von
oft auch der Hochzeiten. Agadez, in der dritten Septemberwoche statt. Es erfüllt eine ähnliche
Die cure salée gilt mittlerweile als ein offizielles Ereignis von nationa- Funktion wie die cure salée, hat aber, da relativ unbekannt, seinen traditio-
lem Interesse und Stolz, dessen Termin amtlich festgesetzt und zur Ver- nellen Charme noch weitgehend erhalten. Das Tamaschek-Wort ashihar
kündung von Botschaften des Präsidenten an das nigrische Volk genutzt bedeutet sinnigerweise „Treffen“ oder „Begegnung“, da die verschiede-
wird. Gleichzeitig findet eine Nomaden- und Kunsthandwerksmesse statt nen Fraktionen der Kel-ferouan-Tuareg hier am Ende der Regenzeit zu-
und es werden Impfaktionen für Tiere und Nomadenkinder durchgeführt. sammenkommen, Verbindungen auffrischen und neue durch Heirat ein-
Das sieben Tage dauernde Fest wird von Tausenden Schaulustigen, aber gehen. Das betrifft fast dreißig Stämme, die als Nomaden über die Region
auch von Delegationen aus den Nachbarstaaten besucht. Seit dem Jahr Aïr im Norden, Irhazer im Süden und Tadress im Westen verteilt leben.
2001 wurden zusätzliche touristische Aktivitäten sowie Modeschauen Auch heute noch geht es bei diesen Zusammentreffen darum, im ashihar-
und Sensibilisierungskampagnen für den Kampf gegen AIDS und Armut in Forum aktuelle Probleme zu diskutieren und gemeinsame Lösungen für
das Programm integriert. die Zukunft der Föderation zu besprechen.
248 249
238-255 Feiertage und Feste KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:41 Seite 250
Nach den geistigen und sozialen Bemühungen folgt der festliche Teil mit gemeinsam mit ihren Tieren unternehmen oder irgendwie eine „Vertre-
Kamelkarussell, traditionellen Tänzen und Kamelrennen. Eine Besonderheit tung“ fürs Ziegenhüten organisieren. Da haben es die Kamelhirten leich-
ist hier der Schönheitswettbewerb für die am hübschesten geschmückten ter, denn einerseits überlassen sie die Kamele sowieso gelegentlich sich
Kamele und Esel, die Besitzer können attraktive Geldpreise gewinnen. selbst und sammeln sie nur von Zeit zu Zeit wieder ein; andererseits ste-
hen ihnen ihre Kamele jederzeit als Transportmittel zur Verfügung. Um
Bianou in Agadez trotzdem dann und wann zu ein wenig Vergnügen zu kommen, das im
Übrigen fast nichts kostet, organisieren die Hirten bzw. Hirtinnen kleine
Das bianou wird nur in Agadez und Ingal gefeiert. Es beginnt vierzig Tage spontane „Partys“ zum persönlichen Gaudium.
nach dem tabaski und endet nach 23 Tagen am 9. Tag des islamischen Irawayan sind nächtliche Spiele der Hirten und Hirtinnen, zu denen sie
Monats moharem, der in Agadez „Monat des bianou“ heißt. sich nach der Versorgung ihrer Tiere zusammenfinden. Anlass kann eine
Gefeiert wird das Andenken an das Ende der Sintflut. Weil Noah mit Geburt oder ein Namensgebungsfest sein, meistens ist der Grund aber
seiner Arche bei Agadez gelandet sei und dabei wichtige Pflanzen geret- schlicht Vergnügen und Spaß. Dann werden die Hirsemörser kurzerhand
tet habe, schmücken die Menschen ihre Häupter mit Palmwedeln. Nach zu Trommeln (tende) umfunktioniert, die Frauen singen und trällern und
anderen Deutungen wird das bianou in Erinnerung an das Ende eines Krie- die Männer tanzen.
ges zwischen einigen Stämmen gefeiert. Für manche Agadeziens wieder- Elawag werden die Reiterspiele während der Regenzeit genannt, zu
um kennzeichnet es Mohammeds Flucht nach Medina. Während der 23 denen sich Hirtinnen und Kamelreiter nach Gewittern auch tagsüber
Festtage feiern die Bewohner von Agadez jeden Abend von Sonnenunter- spontan zusammenfinden. Denn wenn der Regen fällt, ist die Freude un-
gang bis Mitternacht in den Gassen, wo gegnerische Gruppen um die ermesslich und will geteilt werden. Dann strömen alle Hirtinnen der Um-
Wette trommeln und tanzen. Zeitweise sind dabei die jungen Burschen gebung herbei, singen und trillern und benutzen ihre Wassergefäße als
aufgewühlt und rennen unter johlendem Geschrei und drohendem Stock- Trommeln. Das lockt wiederum die in der Nähe befindlichen Kamelreiter
schwingen von Viertel zu Viertel. an, die sich formieren und in rhythmischer Gangart mit ihren Tieren den
Dieses wilde Treiben ist – ähnlich unserem Karneval – eine Art vorüber- ilugan „tanzen“. Es läuft alles ab wie bei einem großen Fest in den Dör-
gehender planmäßiger Ausnahmezustand, bei dem die Regeln umgekehrt fern, nur dass die Beteiligten keine schöne Kleidung tragen und die spon-
werden und normalerweise Verbotenes erlaubt ist. Dies dient dem sym- tane „Festgemeinde“ im Busch leider auf Leckereien verzichten muss.
bolischen Ausgleich sozialer Ungleichheiten und damit verknüpfter Kon- Eine besondere Form der Gesangstreffen ist das igumatan, bei dem
flikte, ist somit eine Art rituelle Konfliktprävention. Frauen auf engem Raum zusammensitzen, die Trommeln schlagen und sin-
Den Höhepunkt des bianou bildet am Vorabend des letzten Tages der gen, um eine vermeintlich besessene Person (meist ebenfalls eine Frau) von
vereinte Auszug von Trommlern und Maskierten nach Alarses, sieben Ki- Geistern zu befreien. (Näheres dazu im Kap. „Gesundheit und Hygiene“.)
lometer nordöstlich von Agadez, wo Noahs Arche angeblich gelandet ist. Eine weniger therapeutische, eher sozialhygienische Wirkung hat das
Für die Maskerade ist erlaubt, was gefällt. Zierrat aus Konserven oder abendliche tam-tam, wenn die Frauen und Schmiede ihre Mörser und Ka-
Palmwedeln, Schmuck und verrückte Sonnenbrillen, bunte Schirme und lebassen schlagen und dazu trällern. Dann haben die jungen Männer Ge-
natürlich beste Indigotücher verwandeln die vormals „Noblen“ plötzlich in legenheit, ihre Tanzkünste und ihre Energie unter Beweis zu stellen. Dazu
gockelartige blaue Figuren oder wandelnde Weihnachtsbäume. Nach der löst sich jeweils ein junger Mann aus dem umstehenden Kreis und hüpft
Übernachtung im Freien bewegt sich der Umzug am nächsten Tag wieder mit stampfenden Schritten vor die Trommler. Manchmal schwingt er auch
in die Stadt zurück und löst sich hier allmählich auf. das Schwert, reißt die Arme hoch und springt in die Luft, als wollte er flie-
gen. Je wilder der Tänzer sich aufführt, je lauter er stampft und je höher er
Kleine spontane Feste springt, desto mehr Prestige erwirbt er. Dies ist auch ein geeigneter Anlass
für Gäste (besonders auch für Touristen), Sympathien zu gewinnen, aus
Die Tuareg feiern gern und wann immer es möglich ist. Für Hirtinnen aber, der Anonymität der Zuschauer hinaus in den Kreis zu treten und seine
die abseits der Dörfer leben, ergibt sich meist nur ein bis zwei Mal im Jahr Wildheit unter Beweis zu stellen. Denn wer zum Vergnügen der Anderen
eine Gelegenheit dazu. Denn entweder müssen sie die Reise zum Festort beiträgt, macht sich überall auf der Welt beliebt.
250 251
238-255 Feiertage und Feste KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:41 Seite 252
Moderne Festivals
062tr Foto: hf
In der kalten Jahreszeit, zumeist Ende Dezember, finden in den verschie-
denen Tuareg-Regionen diverse Kulturfestivals statt. Sie entstanden aus
dem Bedürfnis der Tuareg nach dem „Erhalt“ traditioneller, ausdrucksstar-
ker Rituale und aus dem Wunsch, möglichst viele Besucher daran teilha-
ben zu lassen, die diese Sympathie für die vergangene Tuareg-Welt teilen.
Die Grundform der verschiedenen Festivals ist meist sehr ähnlich: Im
Mittelpunkt stehen die prachtvollen Kameltänze der geschmückten Tua-
reg-Hirten, die Kamelrennen und die Gesänge der Hirtinnen. Doch entwi-
ckelt jedes Festival auch eine kulturelle Eigendynamik und bringt neue Ele-
mente hervor, wie Theaterstücke, Modeschauen, Misswahlen, Lyriklesun-
gen und Popkonzerte. So wird aus einer „Museumspräsentation“ rasch
ein lebendiger Teil der gegenwärtigen Tuareg-Kultur.
Eines der traditionsreichsten Festivals ist wohl das tafsit kel ahaggar,
das im April zwei Tage lang in Tamanrasset gefeiert wird. Es ging aus den
traditionellen, alljährlichen Treffen der Stämme der Zentralsahara hervor,
die der Bekräftigung von Bündnisverträgen und der Feier von Hochzeiten
dienten.
Im Jahr 1991 wurde das tafsit „modernisiert“ und in das „Fest des Früh- vom Henna rot gefärbt und sie sind über und über mit Silberschmuck be-
lings“ umbenannt. Im Vordergrund soll die Begegnung zwischen Noma- hängt. Hintergrund dieser Aufmachung ist die Wahl der „Miss Illizi“, zu
den, Städtern, Touristen und Beamten stehen, um drei Tage lang miteinan- der sich bis zu Hundert Mädchen aus der gesamten Region einfinden. Bei
der zu plaudern, zu musizieren, aber auch um Handel zu treiben und ge- den Kandidatinnen wird großer Wert auf traditionelle Kleidung gelegt.
meinsam die Reiterspiele zu bestaunen. Zum Rahmenprogramm gehört Der Anblick von so viel Indigo und Silberschmuck auf so engem Raum ist
eine große Eröffnungsprozession, an der Sportler verschiedenster Diszip- überwältigend. Es knistert und klirrt regelrecht, wenn die Mädchen teils
linen, Kameltruppen und Sängergruppen teilnehmen. Auf zahlreichen stolz, teils scheu und verlegen über den Laufsteg schreiten. Sie tragen na-
Ausstellungsständen präsentieren Handwerker und landwirtschaftliche türliches Make-up, Kajal an den Augenrändern, Indigo als Schönheitszei-
Kooperativen ihre Produkte: Flechtwerke, kunstvolle Teppiche aus dem chen auf den Lippen sowie auf Kinn, Wangen und zwischen den Augen.
Norden, Silberschmuck, aber auch knackiges Gemüse und Datteln. Die Seit dem Jahr 2000 sind auch Männer als Zuschauer bei dieser Wüsten-
Höhepunkte des Festivals sind auch hier der beeindruckende „Kamel- misswahl gestattet, was den Zulauf an Besuchern beträchtlich steigerte.
tanz“, ein Kamelrennen und der nächtliche Wettbewerb der Sängerinnen. Das größte Ereignis für die libyschen Tuareg ist das mahrajan ghat, das
In der Region Djanet wird jeden November anlässlich des Jahrestages stets Ende Dezember stattfindet. Mit seiner Gründung im Jahr 1994 durch
der Algerischen Revolution das Illizi-Festival organisiert. Seine Besonder- die Bewohner von Ghat sollte die große Vergangenheit der kel ajjer als
heit liegt wohl in der außergewöhnlichen Ausstattung der Sängerinnen: Touristenattraktion wiederbelebt werden. Auf dem Festival, das in der de-
dunkelblaue Indigogewänder werden mit rosafarbenen und anderen grell korierten Altstadt von Ghat stattfindet, werden Traditionen und Rituale
gefärbten Stoffen kombiniert. Die Sängerinnen und Tende-Spielerinnen der kel ajjer nachgespielt, etwa Namensgebungsfeste, Beschneidungen,
sind stark geschminkt, ihre Hände mit Henna verziert, die Fingernägel Hochzeiten und Begräbnisse. Einen großen Raum nimmt die Präsentation
von traditionellem Handwerk ein, auch wenn viele dieser Töpfe, Flecht-
und Webwaren heute so nicht mehr produziert werden. Die größten
Attraktionen sind natürlich wieder die „lebendigen“ Darstellungen von re-
Sieger und Zweiter des Kamelrennens auf dem Ghat-Festival gionalen Tänzen, Gesängen und „Konzerten“ sowie das ilugan.
252 253
238-255 Feiertage und Feste KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:41 Seite 254
Aufgrund seines großen Erfolgs wird das Festival mittlerweile von einer
staatlichen Behörde organisiert, was seinen Glanz erfreulicherweise kaum Das „Festival au Désert“ – Malis Wüstenwoodstock
beeinträchtigte. Inzwischen wird anlässlich des mahrajan ghat eine arabi-
sche Zeitung mit englischer Beilage herausgebracht, um Touristen über Das innovativste Tuareg-Event ist das „Festival au Désert“, das seit
die Hintergründe des Festes und über die Stadt zu informieren. 2003 alljährlich im Januar in Essakane stattfindet, zwei Fahrstunden
Mit dem zunehmenden Erfolg des Tourismus im Aïr seit dem Ende der nördlich von Timbuktu. Dieses Musikfestival gilt heute als renommierter
Rebellion wuchs unter den kel aïr das Bewusstsein für die Bedeutung ihrer Ort der Begegnung von westafrikanischen Künstlern, allen voran Tua-
Kultur als touristische Attraktion. Darum wurde im Jahr 2001 das „Festival reg-Popgruppen. Es entstand aus dem Bedürfnis der Menschen, die tra-
de l’Aïr“ als ein Mittel der aktiven, jedoch kultursensiblen Tourismusför- ditionelle Idee der alljährlichen Stammestreffen am Ende der Regenzeit
derung, aber auch als Gegenpol zur verpolitisierten cure salée eingeführt. wieder aufzugreifen und in zeitgemäßer Weise weiterzuführen. Auch er-
Das Event versteht sich als ein klares Signal der kulturellen Lebendigkeit kannten viele Menschen, dass sich in der Darbietung provokanter Lieder
der kel aïr, weshalb die Festivalparole lautet: „Kämpfen wir gegen das Ver- und satirischer Theaterstücke ein Weg bietet, die trennenden Erlebnisse
gessen! Retten wir unserer Kultur! Öffnen wir uns der Moderne, ohne die der Rebellion gemeinsam aufzuarbeiten und sich in friedlicher Weise nä-
Kultur zu untergraben!“ Das Festival findet zwischen Weihnachten und herzukommen.
Neujahr statt. Das von der EU und der Regierung Malis unterstützte Kulturtreffen
Jährlich beteiligen sich mehr Menschen aus dem Aïr an der Gestaltung entfaltete eine produktive Eigendynamik und ging bereits 2003 als eines
des Festivals, sei es mit einem Imzad-Gesang aus vergangener Zeit, sei es der größten Musikfestivals Afrikas in die Geschichte ein. Neben zahl-
mit neu entwickelten Silber-“Kreuzen“, sei es mit süßen Pampelmusen aus reichen Tuareg-Popbands zählten damals internationale Stars wie die
Timia oder lila Zwiebeln aus Tabelot. Alte Traditionen werden präsentiert, Afro-Blueslegende Ali Farka Touré oder Robert Plant von „Led Zeppelin“
neu interpretiert und weiterentwickelt, etwa in Form von Theaterstücken zu den Gästen. Doch auch Musiker aus jenen malinesischen Bevölke-
und literarischen Lesungen. Wettbewerbe sollen besonders Jugendliche rungsgruppen, mit denen sich die Tuareg-Rebellen im Krieg befunden
ansprechen und ihre Liebe zur Tuareg-Kultur wachrufen. Es gibt Veranstal- hatten, wagten sich in das einstmalige Feindesgebiet und spielten nun-
tungen für traditionelle Tänzer und für die schönsten Mädchen. Schon im- mehr friedlich und begeistert mit- und füreinander: Musiker der Bam-
mer hatte jedes Dorf besonders hübsche, talentierte Sängerinnen, die als bara- und Mandinke-Volksgruppen aus dem Westen sowie Sänger der
„Botschafterinnen“ ihres Dorfes galten und die nun hier auftreten. Wer Fulbe-Nomaden und der Songhai aus dem Süden. Diesen Sensationser-
sich mehr zu ideellen Werten hingezogen fühlt, kann auf dem Festival z. B. folg konnten die nachfolgenden Festivals zwar nicht mehr erreichen, sie
einen kostenlosen Tifinagh-Kurs besuchen. glänzten aber dennoch durch die hohe Qualität von Musik und Perfor-
Seit 2003 veranstalten die kel ifoghas ein Musikfestival: die „Sahara- mance.
Nächte von Essouk“ (Nuits Sahariennes d’Essouk). Essouk liegt am Rande
der Hoggar-Ausläufer in Mali und ist ein historischer Kreuzungspunkt für
Karawanen. Dem Gedanken der Begegnung trägt das Festival Rechnung, aus dem Klimakollaps, aber auch der Kampf gegen Terrorismus. Dieses
indem über die gewohnten Kamelparaden und Tänze hinaus auch Kon- Forum ist Ausdruck der Überzeugung, dass neben den „schönen Küns-
zerte berühmter zeitgenössischer Tuareg-Blues-Gruppen wie „Tinariwen“ ten“ auch Politik als elementarer Teil der gelebten Tuareg-Kultur kultiviert
oder „Tarit“ stattfinden. Im Karey-Turnier wetteifern die besten „Sand-Ho- und weiterentwickelt werden muss.
ckeyspieler“ um den Sieg und Hirtinnen konkurrieren um den Titel der
besten Schneiderin von Lederzelten.
Die eigentliche Besonderheit der „Sahara-Nächte“ liegt jedoch in der
Veranstaltung eines dreitägigen politischen Diskussionsforums, bei dem
sich regionale und nationale Abgeordnete, Botschafter und andere hohe
Politiker offenen Debatten stellen. Diskutiert werden so brisante Themen
wie Schulunterricht für Nomadenmädchen, AIDS-Prävention und Wege
254 255
256-329 Als Fremder KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:42 Seite 256
066tr Foto: hf
ALS FREMDER BEI DEN TUAREG
Nach dem Überblick über die verschiedenen „Innenaspekte“ der Tuareg-
Gesellschaften verschiebt sich nun das Augenmerk auf die Art und Weise,
wie Tuareg uns Europäer betrachten und wie wir in einen möglichst gelin-
genden Kontakt mit ihnen treten können.
Der Blick auf das Fremde
Die Tuareg-Nomaden des Sahel versuchten lange Zeit, jeden Kontakt zu
Fremden tunlichst zu vermeiden. Seit der Unabhängigkeit der National-
staaten erwiesen sich die seltenen Begegnungen mit „Angehörigen der
Macht“, den Beamten der Forst- oder Zollbehörden oder den Soldaten,
zumeist als äußert unangenehm. Gerd Spittler berichtet davon, dass sich
die Tuareg im Aïr beim Geräusch eines sich nähernden Gefährts zu ver-
stecken pflegten. So kam es auch erst sehr spät zu den ersten Begegnun-
### Autor: Bitte BU ergänzen
256 257
256-329 Als Fremder KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:42 Seite 258
gen zwischen Nomaden und Touristen, denn die Touristenfahrzeuge wur- allem jene alten Sachen kaufen zu wollen, die wir als alt und nutzlos emp-
den ebenfalls als „feindlich“ eingestuft. finden“, etwa löchrige, alte Ledertaschen. Was Europäer mit diesem „Ab-
Dagegen lernten die Nomaden in Algerien schon recht früh, den Tou- fall“ anfangen wollen, ist ihm ein Rätsel.
rismus als Einkommensquelle zu nutzen: Oft stellten sie ihre Zelte in der Zusammenfassend lässt sich das Bild, das sich Tuareg von Touristen ma-
Nähe der Piste auf, spielten „Gastfreundschaft“ und erhielten dafür Was- chen, wie folgt skizzieren: Touristen reisen viel herum, und zwar grund-
ser- und Sachspenden. und ziellos, sie schauen sich „Dinge“ zum bloßen Vergnügen an, geben
Seit dem Ende der Rebellion vollzieht sich unter den Tuareg im Sahel ein viel Geld für nutzlose Dinge aus und fotografieren alles, was ihnen gefällt.
grundlegender Sinneswandel. Fremde werden, vereinfacht gesagt, zuneh- Manche Touristen suchen außergewöhnliche Erfahrungen, doch sind sie
mend positiver wahrgenommen. Dies mag mit dem wachsenden Touris- dabei meist in Eile.
mus zusammenhängen, ganz wesentlich aber auch mit dem Engagement
der staatlichen und privaten Hilfsorganisationen aus dem Westen. Un- Warum Touristen reisen
ter diesen war und ist primär die „Deutsche Gesellschaft für Technische Was Menschen freiwillig und zum Vergnügen in die Wüste treibt, ist be-
Zusammenarbeit“ (GTZ) präsent, aber auch zahlreiche private Vereine sonders für ältere Tuareg häufig unbegreiflich, da sie selbst nur aus be-
von „Tuareg-Freunden“. ruflichen oder gesellschaftlichen Gründen reisen. Viele schließen darum
Wie aber nehmen die Tuareg die reisenden Europäer wahr und was von sich auf andere und vermuten, dass Touristen den Kontakt zu den
denken sie über uns, wenn sie uns in Toyotas vorbeibrausen oder auf dem Menschen, also zu den Tuareg, suchen würden. Das widerspricht jedoch
gemieteten Kamel durch Dünen und Felsenlandschaften reiten sehen? Zu den Tatsachen, denn der Großteil der Sahara-Besucher sucht in erster Li-
diesem Themenkomplex habe ich in den letzten Jahren zahlreiche nie die Begegnung mit der Wüste, während der Kontakt zur Bevölkerung
Gespräche mit Männern und Frauen verschiedener Alters- und Berufs- von untergeordneter Bedeutung ist.
gruppen aus dem Aïr durchgeführt. Im Folgenden lesen Sie eine Zusam- Die jüngeren Tuareg können dies wiederum nachvollziehen, wenn sie
menstellung der Antworten und Meinungen. bereits Erfahrungen im Tourismus gesammelt haben. Sie wissen über die
Sehnsucht der Europäer nach Dünen und der endlosen Weite der Wüs-
Was ist ein „Tourist“? te, also nach unbekannten, unvorstellbaren, „abenteuerlichen“ Landschaf-
ten. Dass aber Touristen auch Stille und Abgeschiedenheit in der Wüste
Tchindjadam, eine 57-jährige Hirtin, betrachtet Touristen als Leute, „die zu suchen könnten, ist ihnen nur schwer verständlich, denn sie selbst hassen
viel Geld haben und nichts damit anzufangen wissen“. Die meisten Tua- die Einsamkeit.
reg unternehmen Reisen entweder aus beruflichen Gründen, in Notfällen
oder um Verwandte zu besuchen. Dann reisen sie zu Fuß, per Kamel oder Der „Nutzen“ von Touristen
Esel oder sie fahren auf der Ladefläche eines LKW mit. Allein die Miete Wie stehen die Tuareg zu denTouristen? Wie bewerten sie, was sie von
eines Allradfahrzeuges wäre unerschwinglich. Darum erscheint in ihren den „eiligen, fotografierenden Menschen“ sehen? Erstaunlicherweise ist
Augen jemand als sehr reich, der nur zum Vergnügen einen Toyota be- die positive Haltung der Tuareg gegenüber Touristen weit verbreitet.
nutzt. Für viele Nomaden sind Menschen in vorbeifahrenden Toyotas das Tatsächlich fand ich bei meinen zahlreichen Gesprächen nur sehr wenige
einzige, was sie von Touristen zu Gesicht bekommen, daher meint Tchind- Menschen, die sich dem Tourismus gegenüber kritisch äußerten – und
jadam wie viele andere Tuareg, das „Toyotafahren“ sei für Touristen ein selbst sie sahen ihn als unverzichtbare neue Einnahmequelle an.
seltsamer, unverständlicher Selbstzweck. Von den unterschiedlichen Meinungen lassen sich vier wesentliche
Fitita, eine 33-jährige Hirtin, sieht Touristen als großzügige, nette Men- Überzeugungen zusammenfassen:
schen an, weil sie ihr gelegentlich „leere Konservendosen geschenkt“ ha-
ben. So unvorstellbar es uns Europäern auch erscheinen mag: Für eine • Die ältere Generation ist noch tief in ihrer nomadischen Welt verwurzelt
Nomadin, der es im Busch stets an Behältnissen mangelt, ist eine schlichte und hat wenig Erfahrung mit Touristen, deren Welt jedoch im Wider-
Blechdose ein großer Gewinn. Daboun Taralou, der 61-jährige „Stammes- spruch zu ihren eigenen Werten zu stehen scheint. Darum beurteilen sie
chef“ der Region Timia, wundert sich über die Neigung der Touristen, „vor die Regsamkeit der Touristen weitgehend als fremd, unverständlich und
258 259
256-329 Als Fremder KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:42 Seite 260
067tr Foto: hf
zum Teil als unsinnig. Dies gilt besonders für das nutzlose Umherziehen
aus bloßem Vergnügen, das unter Hirten generell verpönt ist. Tchindja-
dam, eine 57-jährige Hirtin, würde niemals zur Unterhaltung reisen, son-
dern das Geld lieber für ihre Familie aufwenden. Tschibril, 36-jähri ger
Besitzer einer Boutique, würde einen Berg nur besteigen, um ein Kamel
zu suchen. „Die Touristen müssen davon irgendwie profitieren, sonst
würden sie nie freiwillig da hinaufklettern.“ Völlig erstaunt äußern sich
auch Karawaniers, wenn ihnen Touristen bei der Durchquerung der Té-
néré begegnen: Kein Nomade würde sich freiwillig der Wüste aussetzen.
• Jüngere Menschen, vor allem junge Männer, sind oft bereits durch ihre
intensiven Erfahrungen mit Städten und dem Wüstentourismus geprägt,
wodurch sie bereits manche der westlichen Denkweisen und Sehn-
süchte übernommen haben. Sie beginnen, sich mit der Vorstellung
vom Reisen als bloßes Vergnügen anzufreunden. Für Jousoufa, den 37-
jährigen Touristenkoch, machen westliche Menschen mit ihrem Geld
einfach nur das, worauf sie Lust haben. Hätte er das nötige Geld, würde
er sich ebenso verhalten und auch reisen.
• Noch stärker von Europäern geprägt sind die „romantischen Kritiker“. Sie
leben meist in großen Städten in einem bescheidenen Wohlstand, zu-
weilen sogar in Europa. Zu ihrem gewohnten Wohlstand gehören auch
gelegentliche touristische Reisen „ins Grüne aufs Land“ oder zum Ver- brachte Achmed, der 42-jährige Schmied und Chef der Schmiedeko-
gnügen in die nächste Großstadt. Dadurch haben sie sich so weit von operative in Timia, das Verhältnis der Tuareg zu Urlaubern auf den
der Lebensrealität der Tuareg-Nomaden entfernt, dass sie diese Welt zur Punkt: Touristen haben Geld, um ihre Neugier zu befriedigen. „Diese
„guten, alten Zeit“ verklären, die es vor dem Tourismus zu schützen gilt. Geldquelle müssen wir nutzen!“
So kritisiert der 30-jährige Geograf Adouma die Touristen als „Leute, die
Blödsinn treiben, Müll verursachen, nackt herumgehen und keine Zeit Welcher „Fremde“ ist kein Tourist?
haben, sich nach den Leuten (nämlich den Einheimischen, d. A.) zu er-
kundigen“. Trotzdem sieht auch er den wirtschaftlichen Nutzen und er- Die Tuareg unterscheiden sehr wohl zwischen Touristen und solchen
innert sich an sein Glücksgefühl, als er vor zwanzig Jahren von einem Menschen, die zwar auch der westlichen Kultur entstammen, aber nicht
Touristen Kugelschreiber geschenkt bekommen hatte. die „typischen Eigenschaften“ von Urlaubern aufweisen. Darunter fallen
• Die zahlenmäßig größte Gruppe sieht die Touristen als segensreiche vor allem westliche Forscher und Mitarbeiter von Hilfsprojekten, die
Geldbringer an, wobei manche Vorstellungen doch recht unrealistisch aus Sicht der Tuareg daran zu erkennen seien, dass sie eine konkrete Ar-
sind. So hält der 20-jährige Karawanier Rissa die Touristen für „besser“ beit verrichten wollten, wofür sie sich viel Zeit nehmen würden. Dabei gin-
als die Forscher oder Projektbetreiber, weil „Touristen so viel kaufen“ gen die „Fremden“ auf die Einheimischen ein, interessierten sich für deren
und die Bevölkerung deshalb viel mehr von ihnen profitieren würde, als Belange anstatt für Attraktionen, vor allem aber ließen sie, wenn sie wie-
von den Projektverantwortlichen. Fiches, ein junger Schmuckhändler, der gingen, etwas zurück: längerfristige Projekte und damit nachhaltig wir-
meinte: „Touristen bringen Geld. Ich liebe sie!“ Weit pragmatischer kende Einkommensmöglichkeiten für die Bevölkerung.
Nun sollte man meinen, Forscher und Projektmitarbeiter seien bei allen
Tuareg beliebt. „Das ist ein Irrtum.“, erklärte Daboun Taralou, Stammes-
chef der kel timia: „Forscher beschäftigen sich vor allem mit der Vergan-
### Autor: Bitte BU ergänzen### Autor: Bitte BU ergänzen genheit. Für uns Nomaden ist das völlig unsinnig! Die Vergangenheit ist
260 261
256-329 Als Fremder KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:42 Seite 262
vorbei. Was soll man mit ihr noch anfangen, wie kann man mit ihr Geld • Ältere Tuareg ohne persönliche Erfahrung mit Europäern sehen diese oft
verdienen? Würden ein Forscher und ein Tourist gleichzeitig in einem noch als akafar (Pl.: ikufar) an, als Heiden, weil sie nicht dem Islam an-
Dorf ankommen, dann würden alle Leute zum Touristen laufen und ihm gehören. Allerdings wurde dieser Begriff früher sowohl für Fremde be-
ihre Produkte anbieten!“ Für Menschen, die starken materiellen Zwängen nutzt wie auch als Schimpfwort für ein böses Kind, einen störrischen
unterliegen, erscheint historische Forschung, wie sie Heinrich Barth oder Esel oder eine gefährliche Hyäne.
Gerd Spittler betrieben hatten, als überflüssiger Luxus, es sei denn, der
Forscher bringt Hilfsprojekte mit sich, wie Spittler es mehrmals getan hat. Europa – Hölle und Paradies
Ansichten über Menschen stehen zumeist in einem Zusammenhang mit
Europa und Europäer aus Sicht der Tuareg Vorstellungen von deren Lebenswelt. Darum sind die Bilder interessant,
welche die Tuareg mit den Herkunftsländern der Touristen verbinden. Die
Wenn wir über fremde, „exotische“ Menschen nachdenken, dann unter- breite Mehrheit sieht in Europa eine enorm reiche Region, in der sehr viel
scheiden wir zwischen jenen, mit denen wir konkrete Erfahrungen teilen, Regen fällt und in der unzählige Fahrzeuge viel Verkehr erzeugen.
und jenen, die wir nur vom Hörensagen kennen. Für unser westliches Bild
von den Tuareg spielen die Medien und somit Erzählungen aus zweiter • Einfache, in ihren traditionellen Werten stark verwurzelte Menschen be-
Hand eine wesentliche Rolle. Was aber denken die Tuareg über uns Men- trachten den enormen Reichtum mit erstaunten Augen. So meint Jema-
schen in Europa? Welche Art von Menschen vermuten sie hinter dem na, eine 46-jährige Handwerkerin, dass die Leute deswegen aus dem
eiligen, fotografierenden Wesen im Kaufrausch? Welche Bilder und Vor- schönen Europa in die kahle Wüste kämen, weil sie nichts Besseres mit
stellungen verbinden sie mit den Ländern, aus denen diese Menschen ihrem Reichtum anzufangen wüssten.
kommen? • Gebildete Tuareg jüngeren Alters sehen zwar die florierende wirtschaft-
liche Entwicklung und den technischen Fortschritt, wissen aber auch
Europäer – Sünder und Genies um die dadurch ausgelösten Probleme wie die Umweltverschmutzung.
Naturgemäß kann es unter den Tuareg keine übereinstimmende Vor- • Wenig gebildete Tuareg neigen dazu, Europa in den rosigsten Farben zu
stellung von uns Europäern geben, weil auch die Menschen in der Sahara malen. Für die 36-jährige Hirtin Lolo kommt „alles Gute und Schöne von
über unterschiedliche Erfahrungen verfügen. Dennoch lassen sich einige Europa“.
Meinungstrends erkennen.
Diese Begeisterung verwundert nicht, verfügen doch nur die wenigsten
• Den Europäer als offenen, kompetenten und humanitär engagierten Tuareg über konkrete Europaerfahrungen. Zumeist sind es gebildete Tua-
Menschen sehen vor allem Frauen und jüngere Männer, die Europäer reg, die im Laufe ihrer Karriere in den Westen kommen, oder Schmiede,
selten und nur aus sicherer Distanz „erlebt“ haben. So meinte die 54- die in Europa ihren Schmuck verkaufen wollen. Das Interesse an einem
jährige Handwerkerin Dilliou, Europäer würden die Tradition der Tuareg Besuch Europas ist eher unter den Männern verbreitet, während die Frau-
lieben, weshalb sie in die Wüste kämen und die Tuareg-Kultur förderten. en diesbezüglich zurückhaltender antworten. Als Grund für eine Europa-
Die 17-jährige Schülerin Fatimata hält Europäer für „viel intelligenter als reise nannten viele pures „Interesse“, um „all den Reichtum zu sehen“, wie
die Leute von hier“, weil sie komplizierte Technologien beherrschen es der 47-jährige Karawanier Ibrahim nannte. Simple Neugier als Motiv
würden und schwierigste Probleme lösen könnten. Fitita, eine 33-jähri- würde ein amajegh niemals zugeben, weil dies dem Tuareg-Wert asshak
ge Hirtin, begeistert sich für Europäer, weil sie „gut gewachsen und par- widerspräche. Hadda, ebenfalls Karawanier, würde es einmal reizen, „Kü-
fümiert“ seien. he auf den grünen Weiden zu hüten.“ Männer mit politischer Verantwor-
• Tuareg, die bereits über eine solide Erfahrung im Umgang mit Europä- tung zeigten besonderes Interesse an der politischen und wirtschaftlichen
ern verfügen, beurteilen sie eher neutral als Angehörige einer anderen Funktionsweise des Westens. Der Hirte Achmoudiou würde in Europa
Kultur, die von Werten wie Individualität, Effizienz, Sauberkeit und „Werbung für die Tuareg-Kultur machen, um Hilfsprojekte herbeizuschaf-
Rechtsstaatlichkeit geprägt sei, in der es aber den Menschen an zwi- fen“, wogegen der Schmied Ilies davon überzeugt ist, in Europa würden al-
schenmenschlicher Wärme fehlen würde. le Menschen ein Auto als Geschenk bekommen.
262 263
256-329 Als Fremder KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:42 Seite 264
Europäische „Freunde“ als Sprungbrett in eine bessere Zukunft? Vorteile zu erkennen glauben. Sie verstehen es, ihre Trümpfe – die
Die Ansicht über den märchenhaften Reichtum Europas, die ich in ab- „Schönheit“ ihres Lebensraums und die „Offenheit“ ihres Wesens – ge-
gewandelter Form häufig hörte, verdeutlicht die Verbreitung des Mythos zielt einzusetzen, um die Sehnsüchte der Europäer zu befriedigen. Auf
von Europa als Paradies. Diese Vorstellung trägt wesentlich dazu bei, diesem Weg gelingt es manchen von ihnen, das „Herz“ eines Touristen
dass viele Menschen in einer Reise nach Europa, zumindest aber in Kon- und damit seine Brieftasche für den Kauf regionaler Produkte oder gar für
takten zu Europäern eine wichtige Chance auf bessere Zukunftsperspekti- die langfristige Unterstützung eines Projekts zu öffnen.
ven sehen.
Die Mehrheit der Nomaden verfügt kaum über direkte Erfahrungen mit
Europäern. Zwar haben die meisten Tuareg im Zuge von Hilfs- und For- Unterwegs in der Wüste
schungsprojekten schon einmal Kontakt zu Europäern gehabt, doch war
das nur vorübergehend und oft auch in ferner Vergangenheit. Derzeit In nur wenige Saharagebiete kann man auf eigene Faust reisen, weil in
wächst die Zahl derer, die aus vertieften Begegnungen mit europäischen den meisten Tuareg-Regionen ein Führer verpflichtend ist. Für die Einreise
Touristen beständige Bekanntschaften entwickeln konnten. Viele Tuareg nach Libyen benötigt man zusätzlich noch die Einladung einer Reiseagen-
wünschen sich ernsthafte Kontakte zu Europäern. Dabei denken die älte- tur. Organisierte Reisen werden hingegen zunehmend bevorzugt behan-
ren Menschen eher an kommerzielle Aspekte wie gesteigerte Verkaufs- delt. Ziel dieser Maßnahmen ist die Sicherheit der Reisenden, aber auch
chancen oder eine Einladung nach Europa. Jüngere Tuareg hingegen, ein besserer Schutz der jeweiligen Kultur- und Naturschätze.
besonders Hirtinnen, erhoffen sich vor allem geistigen Austausch durch In den meisten Regionen müssen die Reiserouten bei der Behörde hin-
Gespräche und Korrespondenz. terlegt werden, um im Notfall einen Anhaltspunkt für die Suche nach einer
Diese Sichtweisen verdeutlichen, dass die kel tamaschek andere Proble- vermissten Gruppe zu haben. Außerdem dürfen Touristenfahrzeuge aus
me haben, als „von Touristen verdorben zu werden.“ Im Gegenteil, viele Sicherheitsgründen generell nur in Begleitung von mindestens einem wei-
Tuareg denken bereits in sehr kreativer Weise „global“ und „postmodern“, teren Gefährt die offene Wüste durchqueren. Für den Besuch von Tuareg-
indem sie in der „Vernetzung“ mit dem Westen wichtige Chancen und Siedlungen gibt es derzeit keine behördlichen Besuchseinschränkungen.
Zum Umgang mit Bettlern
068tr Foto: hf
Almosen
Die Verteilung von Geschenken ermöglicht verarmten Einheimischen
am Tourismus teilzuhaben. Dabei kommt es jedoch darauf an, wen man
mit Almosen begünstigt und unter welchen Umständen. Alten, Blinden
oder körperlich Behinderten ein paar kleine Münzen zu geben, wie es
Einheimische auch tun, ist immer empfehlenswert. Dies lindert auch ein
wenig den Stress, den wir als westliche Besucher empfinden, wenn wir mit
gravierender Armut konfrontiert sind.
In den Städten sieht man auch Kinder, die mit Blechschüsseln um Nah-
rung betteln. Ihnen die Speisereste vom eigenen Teller zu geben, ist für die
hungernden Kinder ein Segen und weit sinnvoller, als eventuelle Reste
fortzuwerfen. Allerdings sollte man keine außergewöhnlichen Versor-
### Autor: Bitte BU ergänzen
264 265
256-329 Als Fremder KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:42 Seite 266
gungsaktionen starten, denn sonst könnte das System des Almosenge- Der einfachste und konstruktivste Weg, um einem solchen „Überfall“ zu
bens kippen, indem die Kinder zur organisierten Berufsbettelei animiert entgehen, ist das Engagement eines „Jägers“ als persönlichen Führer. Für
werden. ein paar Euro hält er zudringliche Händler ab und wird zudem kurzzeitig
Verteilt man Geschenke zur Unterstützung von Dörfern oder Schulen in den „formellen“ Tourismus integriert, was zu einer Entschärfung der
willkürlich an einzelne Personen, dann besteht die Gefahr der persönli- Situation beiträgt. Es fördert auch die Motivation der chasses, sich ent-
chen Bereicherung der Beschenkten. Gleichzeitig könnten dadurch neid- sprechend ausbilden zu lassen, um dann als qualifizierter Ortsführer zu
bedingte Konflikte unter der Bevölkerung gefördert werden. Dagegen arbeiten. Zuweilen erlebt man mit dieser Lösung glückliche Überraschun-
fördert die kontrollierte Übergabe von Gaben an anerkannte Verantwor- gen: Als ich in Agadez einen behinderten Jungen namens Paschir anheu-
tungsträger des Dorfes die Entstehung von Sympathie der Bevölkerung erte, erwies sich dieser als äußerst kompetent und engagiert. Er erläuterte
gegenüber westlichen Besuchern. Darum empfiehlt es sich, Geschenke soziale Hintergründe zum Leben in der Stadt und zeigte mir reizvolle, ver-
wie Kleidung oder Unterrichtsmittel gesammelt an den Dorfchef oder den steckte Winkel von Agadez.
Schuldirektor zu übergeben.
Eine gezielte Unterstützung von Einzelpersonen oder Einzelgruppen, „Donne-moi un cadeau!“ – aggressive Stadtkinder
etwa von Behinderten, kann ebenfalls „kippen“, wenn dadurch die beste- Aggressive Kinder, die in scharfem Ton von Touristen Geschenke fordern,
hende Solidarität der Dorfbevölkerung untergraben wird. Denn durch sind eine unangenehme Folgeerscheinung des sozialen Wandels in städti-
externe Formen karitativer Zuwendung kann aus einstiger nachbarschaft- schen Zentren. In abgelegenen Gassen können diese Kinder unglaublich
licher Solidarität leicht Missgunst werden. Mag lokale Unterstützung noch zudringlich werden. Ich selbst wurde in Agadez wiederholt von schreien-
so gering sein und nur das bloße Überleben sichern, so wirkt sie doch den Kindern beschimpft und sogar mit Steinen beworfen. Dafür wird gern
aufgrund intakter sozialer Netzwerke nachhaltiger als einmalige Zuwen- der Tourismus verantwortlich gemacht, weil Touristen Bonbons und Ku-
dungen wieder abreisender Europäer. Ganz anders sind Unterstützungen gelschreiber verteilt und somit Begehrlichkeiten geweckt hätten. Wahr-
zu bewerten, die planvoll, reflektiert und in Zusammenarbeit mit der be- scheinlicher ist aber, dass den Rangen einfach nur langweilig war, denn seit
troffenen Bezugsgruppe geschehen. immer mehr Kinder die Schule besuchen, sinkt das aggressive Verhalten
Bei manchen Besuchern löst eine Reise zu den Tuareg ein umfassendes spürbar. Außerdem berichtete Ludwig Zöhrer schon in den frühen 1950er-
und auch dauerhaftes soziales Engagement aus. So wurde etwa die fran- Jahren, lange vor dem Tourismusboom, über dieses Phänomen. Vermutlich
zösische Hilfsorganisation „Les Amis de Timia“ von Michel Bellevin tragen auch die mangelnde Kontrolle der Kinder durch ihre Eltern und ihr
gegründet, nachdem der pensionierte Elektriker das Dorf Timia im Zuge wachsender sozialer Spielraum in den Städten zur „Verwilderung“ bei.
einer touristischen Reise kennengelernt hatte. Heute ist diese Organisati- Um sich zu „schützen“, sollte man sich möglichst unauffällig bewegen
on einer der wichtigsten Kooperationspartner des Dorfes. und darauf verzichten, Wertgegenstände offen zur Schau zu stellen. Mit
einem einheimischen Führer steht man unter anerkanntem Schutz.
Chasses-touristes – Touristenjäger Manchmal hilft auch die freundliche, aber bestimmte Antwort „babou ca-
Überall, wo sich Touristen aufhalten, versuchen junge Männer, sich ih- deau“, was auf Hausa-Französisch bedeutet, „wir haben kein Geschenk“.
ren Lebensunterhalt als inoffizielle Souvenirhändler zu verdienen. In den Das würdigt die Französischkenntnisse der Kinder und Anerkennung ist
größeren Städten konzentriert sich wegen der Infrastruktur (Flughäfen, meist ein guter Weg, um Aggressoren zu entwaffnen.
Hotels) zumeist auch das Aufkommen „lukrativer“ Urlauber. Dort finden
sich dann auch die meisten „Touristenjäger“, die gegenüber einzelnen Rei- Einheimische Tourguides
senden äußerst zudringlich werden können. Der Grund dafür liegt im Auf-
einandertreffen von hoher Arbeitslosigkeit und potenziellen, kaufkräftigen Die meisten Staaten schreiben für Reisen in die offene Wüste die Mitnah-
Kunden. Doch das Los der chasses ist hart, denn die Reiseveranstalter ver- me qualifizierter Führer vor, die sich meist auch gleich als Chauffeur
suchen, „ihre“ Touristen abzuschirmen. Auf die wenigen Reisenden, die betätigen. Die meisten Führer sind ehemalige Nomaden mit guten Kennt-
eigenständig eine Stadt durchstreifen, stürzen sich zwangsläufig alle Tou- nissen der Region. Leider sind „typische“ Reiseführer-Kompetenzen wie
ristenjäger zugleich. das Halten von Vorträgen und die Vermittlung von Zusammenhängen
266 267
256-329 Als Fremder KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:42 Seite 268
den Tuareg-Führern meist fremd. Beherrschen sie etwas Französisch oder ne Form der Anerkennung für besondere Leistungen. Dazu sollte man
Englisch, dann beantworten sie jedoch gern Fragen. In den letzten Jahren die einheimischen Betreuer zum Abschlussabend bitten, da sie sonst
verbessert sich diese Situation, weil das Angebot an professionellen Aus- gleich nach der Ankunft im Abflugort zu ihren Familien zurückfahren.
bildungen steigt und die Führer erfahrener werden. Als Richtwert für Reisegruppen gelten zwei Euro pro Tag und Gruppen-
Üblicherweise wird zwischen regionalen und überregionalen Führern mitglied. Das gesammelte Geld kann dem Reiseführer am letzten Abend
unterschieden. Nur letztere dürfen Touristen in die offene Wüste beglei- offiziell übergeben werden, der es gerecht auf alle Crewmitglieder auftei-
ten. Es empfiehlt sich, als Ortsführer einen chasse-touriste (siehe oben) zu len wird. Hat der Agenturchef als Chauffeur oder Führer die Tour beglei-
engagieren. tet, so behält er üblicherweise nichts vom Trinkgeld für sich. Will man auch
seine Leistung anerkennen, überreicht man ihm am besten ein separates
Trinkgeld Kuvert. Generell können einzelne Crewmitglieder, die besonders hilfreich
waren, persönlich beschenkt werden. Dazu eignen sich neben Geldschei-
Trinkgeld ist ein wichtiges Einkommen für die Führer und Mitarbeiter von nen auch Gebrauchsgegenstände, auf die man verzichten kann, die aber
Reiseagenturen, die zwar im Vergleich zu anderen Berufen recht gut ver- für Tuareg von hohem Wert sind, wie z. B. Schlafsäcke, Kleidungsstücke,
dienen, doch nur während einer kurzen Saison. Außerdem ist Trinkgeld ei- Schuhe oder Taschenlampen.
069tr Foto: hf
Houiah – vom Kamelhirten zum Profi-Führer
Einer der interessantesten Ortsführer in der Ténéré ist Houiah. Geboren
um das Jahr 1965 im nördlichen Aïr, hütete er Ziegen, bis er mit 8 Jahren
als einziges von sechs Geschwistern von Soldaten geholt und zum Schulbe-
such gezwungen wurde. Dank seiner profunden Orts- und Englischkennt-
nisse wurde er im Jahr 1984 als Sekretär des örtlichen Tourismusleiters
angestellt. Als seine Stelle wegrationalisiert wurde, erwarb er die Lizenz
als Aïr- und Ténéré-Führer und arbeitete bis zum Ausbruch der Rebellion
im Tourismus. Außerhalb der Reisesaison weidete er weiterhin seine Ka-
mele im Aïr. Nach der Rebellion investierte er sein Erspartes in einen ge-
brauchten Allrad-Toyota. So konnte er als Führer und Chauffeur arbeiten
und zusätzlich seinen Wagen verchartern.
Houiah beurteilt den Tourismus als wichtige wirtschaftliche Chance. Sei-
ne fünf Geschwister arbeiten als Hirten und Gärtner, doch im Vergleich zu
ihnen geht es ihm wirtschaftlich am besten. Er sieht allerdings auch die Ri-
siken einer zu großen Abhängigkeit, weshalb er sein Kapital in die Vieh-
zucht und neuerdings auch in einen Garten in Iferouane investiert, den
ein Verwandter bearbeitet. Houiah ist sich auch der Gefahren bewusst, die
der Tourismus und der dadurch beschleunigte soziokulturelle Wandel mit trinken, was er selbst aufgrund des traditionellen Ethos ablehne. Über-
sich bringt. Heute würden viele junge Menschen rauchen und Alkohol haupt ist Houiah trotz seiner Schulbildung und seines häufigen Kontakts
mit Touristen sehr religiös und durch traditionelle Werte geprägt geblie-
ben, was ihm in kritischen Situationen zu ungewöhnlicher Gelassenheit
### Autor: Bitte BU ergänzen### Autor: Bitte BU ergänzen verhilft.
268 269
256-329 Als Fremder KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:43 Seite 270
070tr Foto: hf
War die Leistung mangelhaft, dann sollte man den Verantwortlichen ein
entsprechendes Feedback geben, damit sie aus ihren Fehlern lernen kön-
nen. Dies gilt auch für Restaurants und Hotels, wo Trinkgelder noch wenig
üblich sind. Bei guter Bedienung gebe ich in der Regel 5–10 % des Rech-
nungsbetrages.
Tuareg-Reiseagenturen
Der Tourismus ist der einzige Erwerbszweig in der Zentralsahara, in dem
Tuareg aufgrund ihrer Qualifikationen als Wüstenführer dominieren. Der
Gründungsboom der letzten Jahre führte zu einer unüberschaubaren Viel-
falt an Agenturen unterschiedlichster Qualität in Algerien und im Niger.
Dabei lassen sich folgende Typen von Agenturen unterscheiden:
• Alteingesessene Agenturen verfügen über langjährige Erfahrung und
über gute Beziehungen vor Ort sowie auch nach Europa, sie werden
häufig für Expeditionen von Forschungs- und Redaktionsteams heran-
gezogen.
• Die meisten Agenturen bieten schlichten „Abenteuer-Tourismus“, bei
dem Transport und Verpflegung der Kunden im Vordergrund stehen,
während kaum über Land und Leute informiert wird. Verständnis für die len. Das am häufigsten genutzte Verkehrsmittel sind private Minibusse, die
Lebens- und Vorstellungswelt der Nomaden oder gar eine aktive Unter- starten, sobald sie übervoll sind. Solche Fahrten sind extrem ungemütlich,
stützung bei Kontakten ist nur bedingt zu erwarten. aber preiswert. Die Busse fahren überall dort hin, wo „Straßen“ ohne All-
• Einige wenige Agenturen haben sich der Förderung der Tuareg-Kultur radantrieb befahrbar sind. In größeren Städten gibt es auch Taxis, die ei-
verschrieben. Sie wollen Touren möglichst umwelt- und sozialverträglich nen Gast mitnehmen, solange sie noch Plätze frei haben. Für bestimmte
durchführen, unterstützen die Begegnung mit der ländlichen Bevölke- Wegstrecken gelten Festpreise.
rung und vermitteln Aufenthalte in Tuareg-Lagern. Leider gibt es keiner- Abgelegene Tuareg-Siedlungen sind per LKW erreichbar. Diese Trans-
lei Erkennungszeichen für solche Agenturen. Am besten holt man portfahrzeuge werden häufig von dörflichen Genossenschaften betrie-
mehrere Angebote ein und spricht mit den Agenturbetreibern über ihre ben und fahren in unregelmäßigen Abständen. Die Fahrpreise sind ge-
Vorstellungen und Empfehlungen. ring, dafür fehlt auf der Ladefläche jeglicher Komfort. Für Proviant, Was-
ser und die Ausrüstung für eine Übernachtung im Freien ist man selbst
Verkehrsmittel in der Wüste verantwortlich. Solche Fahrten sind eine gute Möglichkeit, um den Men-
schen „auf Augenhöhe“ zu begegnen, vorausgesetzt man spricht etwas
Auf den großen Verkehrsadern für Überlandstrecken werden zumeist Französisch.
staatlich betriebene Reisebusse eingesetzt. Sie sind preisgünstig, kom- Rasch, flexibel, jedoch teuer ist der Allradwagen, den man mitsamt Fah-
fortabel und verkehren zu festen Zeiten. Reservierungen sind zu empfeh- rer tageweise bei Agenturen mieten kann. Die billigere Variante sind Ka-
mele, die auch in größeren Siedlungen zu mieten sind. Diese Reiseform ist
umweltfreundlich und sie fördert die regionale Wirtschaft sowie den Kon-
takt zu Nomaden. Dafür muss man sich dem Rhythmus der Kamele unter-
werfen, die nachts zum Fressen freigelassen und am nächsten Morgen
### Autor: Bitte BU ergänzen### Autor: Bitte BU ergänzen wieder eingefangen werden. Und das kann dauern …
270 271
256-329 Als Fremder KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:43 Seite 272
Restaurants, Garküchen und Lagerfeuer Bei manchen örtlichen Reiseagenturen ist es üblich, den eigenen Müll
einzusammeln und zurückzubringen. Leere, gesäuberte Konservendo-
In Libyen und Algerien gibt es in den Städten einfache Imbissstuben, die sen in gutem Zustand nutzen Nomaden als Behältnisse für Kleinmateria-
schnell und billig schmackhaftes „Fastfood“ anbieten. Daneben gibt es in lien. Problematisch ist es hingegen, den Restmüll zu vergraben, denn bei
größeren Hotels Restaurants mit einem recht luxuriösen Ambiente, deren Sturm oder Regenflut wird er wieder freigelegt und unkontrollierbar fort-
Angebot an arabischen Gerichten jedoch begrenzt ist. transportiert. Die bei Agenturmitarbeitern übliche Praxis, Kunststoffe und
Im Niger ist dagegen die Auswahl beträchtlich größer. In Bäckereien Pappe zu verbrennen, hinterlässt hässliche Rückstände. Organische Abfäl-
kann man Croissants und feine Backwaren erstehen und es gibt eine recht le wie Knochen und Obstschalen einfach „für die Tiere“ liegen zu lassen,
große Bandbreite an Restaurants. An gehobene Ansprüche richten sich bereitet dort Probleme, wo aufgrund der Trockenheit kaum Tiere leben
italienische und französische Spezialitätenrestaurants sowie die Lokale und dann z. B. verdorrte Orangenschalen für Jahre liegen bleiben.
der luxuriösen Hotels, wo auch Spezialitäten wie der Nigerfisch „Kapitän“
und regionale Cocktails serviert werden. Besonders empfehlenswert ist
der alkoholfreie „Le Tagui“ aus Orangen-, Mango- und Ananassaft mit Kein Licht ohne Schatten? Umweltbombe Batterie
Grenadinesirup.
Die üblichen heimischen, preisgünstigen Restaurants bieten wenige und Nur gelegentlich wird die stockfinstere Neumondnacht in der Wüste von
einfache, aber wohlschmeckende Speisen wie Reis oder Nudeln mit Ge- Lichtstrahlen aus Taschenlampen erhellt. Sie werden mit chinesischen
müse und Fleischsoßen, gebratene Fleischspieße (brochettes) und Salate. Kohle-Zink-Batterien betrieben, die zwar nur wenige Cent kosten, dafür
Daneben gibt es zahlreiche Garküchen, deren Inventar aus einer Kiste als aber auch bloß ein paar Stunden halten. Dann werden sie im Lager, im
Tisch und einem Topf besteht. Hier bekommt man gebackene Teigbäll- Flussbett oder auf der Weide „entsorgt“. Während der Regenzeit rosten
chen mit scharfer Soße oder Reis- und Bohnengerichte auf Plastiktellern die Batteriehüllen, wodurch die darin befindlichen Schwermetalle ins
zu geringsten Preisen. An Verkehrsknotenpunkten wird in Bretterbuden Trinkwasser gelangen. Ohne Aussicht auf eine sachgerechte Entsorgung
auch „Frühstück“ serviert, bestehend aus bloßem Weißbrot und „Lipton“ dieses Sondermülls droht diese Umweltbombe langfristig zu explodieren.
(Schwarztee) oder „Nescafé“ mit Milchpulver und Zucker, je süßer desto Im Schnitt benötigt eine Person pro Jahr etwa 50 Batterien. Für einen
beliebter. Grillstände, die Spieße mit knusprigem Ziegenfleisch anbieten, Ort wie Timia bedeutet dies alle drei Jahre eine Million Altbatterien, die
werden besonders gern von Tuareg aufgesucht. Auf Rundreisen bereiten im Flussbett landen. Darum ist es so wichtig, dass Touristen wenigstens
talentierte Tuareg-Köche eine abwechslungsreiche Verpflegung zu: würzi- ihre eigenen Batterien wieder nach Europa mitnehmen.
ge Suppen, Fleisch- und Gemüseeintöpfe sowie Salatkompositionen. Das Der Hamburger Arwed Milz geht viel weiter. Er entwickelte ein noma-
Brot wird in der heißen Asche frisch gebacken. dentaugliches Solarmodul, mit dessen Hilfe Akku-Batterien wieder auf-
geladen werden können. Dadurch könnten 95 % des Sondermülls einge-
Wohin mit dem Müll? spart und die Modulkosten binnen zwei Jahren amortisiert werden. „No-
madentauglich“ bedeutet möglichst klein, leicht und widerstandsfähig
Wilde Müllkippen an touristischen Lagerplätzen in der Wüste sind ein sowie billig und einfach zu bedienen. Ein technisches Problem stellt etwa
häufig anzutreffendes Umweltproblem. Der Abfall, den organisierte die sensible elektronische Steuerung des Ladevorgangs dar, wodurch das
Rundreisen hinterlassen, besteht zumeist aus leeren Konservendosen, Glä- Überladen der Akkus verhindert und damit deren lange Lebensdauer
sern, Zigarettenverpackungen, mit Aluminium beschichteten Folien sowie erhalten werden kann. Für die Testphase im Jahr 2007 wurden Noma-
Plastiksäcken und abgelaufene Medikamenten, also weder verbrennbare denfamilien aus fünf Orten im Aïr mit Solarmodulen und Akkus ausge-
noch verfütterbare Materialien. Ein besonderes Problem stellen Batterien stattet. Von lokalen Agrarkooperativen betreut, sollen die Akkus später
dar, die in keiner Tuareg-Region sachgerecht entsorgt werden können. Lei- gegen geringe Leih- und Ladegebühren an die Dorfbevölkerung vermie-
der ist es hier unter der Bevölkerung üblich, Batterien und jeden anderen tet werden. Für den Transport der Module von Europa nach Afrika sol-
Abfall einfach fortzuwerfen. Umso wichtiger ist es, dass Reisende ihre lee- len Reisegruppen gewonnen werden.
ren Batterien wieder mit nach Europa nehmen.
272 273
256-329 Als Fremder KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:43 Seite 274
071tr Foto: hf
vermehrten Einsatz von Motorpumpen für die Bewässerung, weil dadurch
viel größere Mengen Wasser hochgepumpt werden können als bei ka-
melbetriebenen Ziehbrunnen. Das gleiche Phänomen zeigt sich auch in
der libyschen Wüste, wo über den „Man-Made-River“, Gaddafis giganti-
sche Kanalanlage, fossile Grundwasservorkommen für die Versorgung der
Großstädte Tripolis und Benghazi ausgebeutet werden. Als Folge dieses
Kanalprojekts sind im Fezzan bereits viele traditionelle Brunnen versiegt.
Heute muss Wasser aus 400 Metern Tiefe emporgepumpt werden.
Um Wasser zu sparen, sollte auf Hotels mit Pools und großzügigen Ra-
sensprenganlagen verzichtet und das Duschen möglichst kurz gehalten
werden. In der Wüste „duscht“ man normalerweise, indem man den Inhalt
einer Wasserflasche über sich ergießt. Um dabei das Wasser von Brunnen
oder Wasserlöchern nicht zu verunreinigen, sollte man einen hinreichenden
Abstand von mindestens fünf Metern einhalten. Dann schmeckt das Brun-
nenwasser auch weiterhin nach Wasser und nicht nach Seife.
Toiletten
Bei den Tuareg ist es selbstverständlich, sich zur Verrichtung seiner Not-
durft etwas vom Lager zu entfernen, um den unmittelbaren Lebensraum
Gegenwärtig ist die Situation bei den südlichen Tuareg noch nicht gra- sauber zu halten. Aufgrund der großen Trockenheit stellt diese Art der
vierend. Die Erfahrungen in Algerien und mittlerweile auch in Libyen mit „Entsorgung“ kein Problem dar. Wichtig ist nur, dass sich der gewählte
Müllhaufen aus unverrottbaren Konservendosen zeigen, dass bei Auswei- Abort weit genug entfernt von einer Wasserstelle befindet. Dass man
tung des Tourismus mit ernsthaften Entsorgungsproblemen zu rechnen optisch geschützt sein möchte, versteht sich von selbst. (Näheres im Kapi-
ist. Dies gilt besonders für die schönsten Plätze, zu denen natürlich die tel „Gesundheit und Hygiene“.)
meisten Touristen kommen, die dann die größten Müllberge hinterlassen Problematisch ist jedoch die Benutzung von Toilettenpapier, da es in
dieser heißen Zone nicht verrotten kann. Beim nächsten Windstoß könnte
Wasser ist Leben es im benutzten Zustand einem Mitreisenden ins Gesicht fliegen. Vergra-
Aman iman – Wasser ist Leben. So lautet das wichtigste Überlebens- ben bringt ebenfalls nicht viel, denn der nächste Regen oder Sandsturm
prinzip der Tuareg, denn die Wüste wird erst mit entsprechenden Wasser- legt die „Bescherung“ wieder frei. Toilettenpapier sollte darum nach Ge-
vorräten nutzbar. Das Gleiche gilt für Reisegruppen, die ebenfalls regel- brauch stets verbrannt werden. Die einfachste und auch sauberste Lösung
mäßig ihre Wasservorräte auffrischen müssen. Darum spielen Brunnen wäre jedoch, eine kleine Menge Wasser statt Papier zu verwenden.
und Wasserlöcher mit sauberem, trinkbarem Wasser eine lebenswichtige
Rolle. Tierkot, der über den Rand in den Brunnen fällt, Rückstände von Feuerholz
Waschmitteln, Seife oder Shampoo können das kostbare Nass verderben. Die „Übernutzung“ der Holzbestände durch Verfeuern stellt in Sahara
Shampoo kann aber in solchen Wasserlöchern verwendet werden, die und Sahel ein gravierendes Problem dar. Einerseits ist Holz für Nomaden
auch die Einheimischen zu Waschzwecken nutzen oder die über reinigen- der wichtigste Bau- und Brennstoff. Andererseits wachsen Bäume in der
de Zu- und Abflüsse verfügen. Wüste extrem langsam, während Feuer- und Bauholz in immer größerer
Ein zunehmendes Problem ist besonders im Sahel die „Übernutzung“ Menge benötigt wird. Holzraubbau wiederum beschleunigt die Ausbrei-
des Grundwassers, indem durch die rasch wachsende Zahl der bewäs-
serten Gärten mehr Grundwasser verbraucht wird, als bei normalen Som-
merregen nachfließt. Verschärft wird diese Situation zusätzlich durch den ### Autor: Bitte BU ergänzen
274 275
256-329 Als Fremder KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:43 Seite 276
tung der Wüste. Darum ist der Holzeinschlag in den geschützten Zonen ßerst widerspenstige Charaktere sind. Das Verhältnis des Reiters zum Ka-
auch für Nomaden restriktiv geregelt. Zusätzlich wird im Aïr die holzlose mel ist darum eher von Respekt oder Stolz gekennzeichnet.
Hüttenbauweise auf Basis getrockneter Lehmziegel gefördert. Die größere Bedrohung der Tiere rührt jedoch von der illegalen Jagd
Reisegruppen benötigen Holz zur Essenszubereitung, doch findet zu- durch Militärangehörige und Rebellen mit Schnellfeuerwaffen her. Die
nehmend Erdgas Verwendung, mit dem man auch viel rascher kochen Einführung des Gewehrs in den 1920er-Jahren führte u. a. zur Ausrottung
kann. So bleibt noch das abendliche Lagerfeuer als „Holzfresser“. Wüs- der Löwen. Südlich des Aïr lebten noch bis in die 1950er-Jahre Antilopen
tenabende ohne Feuer sind kalt, dunkel und ungemütlich, was die Reise- und Giraffen und vor der Rebellion waren Strauße in Gruppen bis zu 20
teilnehmer nach dem Essen schnell in die warmen Schlafsäcke treibt. Da- Vögeln keine Seltenheit. Heute gelten die meisten Großtierarten in der Sa-
bei wäre dies die beste Gelegenheit zur Muße, um die Erlebnisse des Ta- hara als gefährdet.
ges gemeinsam mit den Tuareg-Begleitern zu reflektieren und über Lan-
des- und Kulturfragen zu diskutieren. Ein Lagerfeuer ist somit ein beträcht- Unterkünfte
licher Komfortgewinn und fördert die Gruppenkommunikation. Zur Lö-
sung dieses Dilemmas wird rechtzeitig in dichter bewachsenen Zonen Hotels sind in der Sahara verhältnismäßig teuer, ohne jedoch einen ent-
Holz geladen und in baumlosen Gebieten oder bei Holzknappheit schon sprechenden Komfort zu bieten. Bessere Unterkünfte gibt es zumeist nur
mal auf das Lagerfeuer verzichtet. Letzteres kommt besonders im Einzugs- in den Hauptstädten und urbanen Zentren der Tuareg-Regionen. Lohnend
gebiet von Siedlungen vor, wo die Einheimischen selbst großen Bedarf an sind Häuser, die aus regional-typischen Materialien und in traditioneller
Holz haben. Architektur erbaut wurden. Die meisten Hotels haben den Vorteil, dass
man sich von den aufdringlichen chasses-touristes zurückziehen kann. Au-
Tier- und Pflanzenschutz ßerhalb der größeren Städte gibt es nur wenige, äußerst bescheidene Ho-
In der Wüste lebenden Wildtieren zu begegnen, ist stets ein besonderes tels. Eine Besonderheit ist das „Café du Fort“, eine renovierte Festungsan-
Erlebnis. Ob Dornschwanzagamen, Hornvipern, Paviane oder Chamäle- lage rund hundert Meter hoch über Timia. Der Blick auf das Dorf und die
ons – immer sind diese Gesellen die absoluten „Fotostars“. Das an Tierar- umliegende Bergwelt ist fantastisch.
ten reichste Gebiet ist das Aïr-Ténéré-Reservat, in dem auf rund 80.000 Die angepasste Form in der Wüste zu nächtigen, ist das Lager. In vielen
km2 an die 150 Vogelarten und 30 Säugetiergattungen leben, darunter Orten und Dörfern finden sich Campingplätze, die zumeist ein paar
Addax-Antilopen, Strauße und Wüstengeparde. schattige Stellen und recht gut gepflegte sanitäre Anlagen bieten. In Städ-
Leider kann die „Begeisterung“ für wilde Tiere zu gravierenden Proble- ten ohne Campingplatz erlauben manche Hotels das kostenpflichtige
men führen, beispielsweise wenn etwa Gazellen für ein gutes Foto mit Campieren im Hof. Auf dem Dorf bieten sich dafür private Gärten an.
dem Wagen gejagt werden. Die Tiere können nach einer solchen Hetz- In Ländern wie Niger oder Libyen ist es offiziell verboten, Quartier in
jagd an Flüssigkeitsverlust oder Stress sterben. Privatunterkünften zu beziehen. In den kleinen Dörfern spielt diese Re-
Die Tuareg haben ein anderes Verhältnis zu Tieren als urbanisierte, der gelung jedoch keine Rolle. Hier ist die Einkehr im Lehmhaus einer Familie
Natur entfremdete Europäer. Sie betrachten die Geschöpfe als Konkur- ein besonderes Erlebnis. Ist man mit einer Reiseagentur unterwegs, dann
renten, Feinde oder im besten Fall als Fleischlieferanten, weshalb sie nur muss man als Kunde die Führer meist nachdrücklich zu einer Übernach-
wenig Verständnis für den Schutz wilder Tiere aufbringen. Noch heute tung bei Einheimischen drängen, weil die Agentur den – ohnedies lächer-
gilt getrocknetes Gazellenfleisch als Spezialität, während Schlangen, Skor- lich geringen – Preis lieber einspart. Tatsächlich ist dieser „Urlaub auf dem
pione oder Spinnen als Gefahr empfunden und getötet werden. Auch das Bauernhof à la Tuareg“ eine der besten Möglichkeiten, mit Einheimischen
Verhältnis zu den Haustieren ist eher funktionell. Eine Ausnahme bildet näher in Berührung zu kommen und sie zugleich vom Tourismus profitie-
hier die emotionale Beziehung zwischen der jungen Hirtin und ihrem ren zu lassen. Wer allein unterwegs ist, erhält in einer „Boutique“ (kleiner
Lieblingszicklein, das in der Einsamkeit des „Busches“ als tröstender Ge- Laden) Auskunft über private „Vermieter“.
sellschaftsersatz dient. Die Beziehung zwischen dem „Kamelhirten und Auch manche Nomaden nehmen gern einen europäischen Gast bei
seinem weißen Lieblingskamel“ hingegen, wie sie z. B. der Tuareg-Dichter sich auf. Solche Kontakte erhält man am besten über lokale Reiseagentu-
al-Koni in „Goldstaub“ beschreibt, ist eher die Ausnahme, weil Kamele äu- ren, die auch preisgünstige Privatunterkünfte für längere (Forschungs-
276 277
256-329 Als Fremder KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:43 Seite 278
072tr Foto: hf
oder Projekt-)Aufenthalte vermitteln. Als Faustregel gilt: Je rascher man größerer, außergewöhnlicher Arte-
gute Kontakte zu lokalen Vertrauenspersonen aufbaut, desto besser und fakte, wie sie gelegentlich von flie-
preiswerter wird das Angebot. Vorsichtig sollte man bei Offerten „tuaregi- genden Händlern angeboten wer-
sierter“ Europäerinnen sein, die sich ein Zubrot mit der Vermietung ihrer den, ist jedoch rigoros abzulehnen.
Häuser verdienen: Der Anschein westlicher Vertrautheit schlägt sich häu- Derartige Funde sind als touristische
fig in überzogenen Preisen nieder. Attraktion in lokalen Museen besser
aufgehoben, wo sie auch zur regio-
Schatzsuche in der Wüste? nalen Wertschöpfung beitragen
können. Die Nachfrage würde an-
Neben den Naturlandschaften sind prähistorische Artefakte und Felsgra- dernfalls die kommerzielle Suche
vuren wesentliche Attraktionen in der Wüste, gilt doch die Sahara als das nach solchen Stücken fördern und
größte Freilichtmuseum der Welt. Die Faszination der Besucher äußert noch mehr Schaden anrichten.
sich leider auch in rücksichtsloser Sammelleidenschaft, wodurch das kul- Grundsätzlich sollte man lokale
turelle Erbe der Saharabewohner unwiederbringlich geschädigt wird. Das Führer dabei unterstützen, die Grund-
ist allerdings kein neues Phänomen. Henri Lhote, der selbst ernannte „Ent- lage ihres zukünftigen Arbeitsplatzes
decker“ der Felszeichnungen im Tassili n’Ajjer, hatte prähistorische Arte- zu beschützen, indem wir Mitreisen-
fakte systematisch gesammelt und außer Landes gebracht. Was er nicht de und andere Sahara-Fahrer für den Verzicht auf prähistorische Schätze
verkaufen konnte, kam in seine Privatsammlung. Französische Paläontolo- sensibilisieren. Dies ist eine Frage des Respekts gegenüber den Einheimi-
gen hatten viele Tonnen Saurierfossilien von ihren Expeditionen nach Paris schen als rechtliche Eigentümer dieser Fundstücke.
transportiert. Unproblematisch ist dagegen der Handel mit alten Gebrauchsgegen-
Mittlerweile gelangen immer mehr Touristen an abgelegene Fundstät- ständen wie Ledertaschen, Musikinstrumenten oder Waffen. Diese Wa-
ten, wo sie anscheinend der Versuchung, historische Gegenstände zu ren sind für die Nomaden funktionslos und somit wertlos geworden und
sammeln, kaum widerstehen können – obwohl die Ausfuhr in den meisten können auf diese Weise noch zur Versorgung der Familie beitragen. Tou-
Saharastaaten streng verboten ist. Nachdem Mitarbeiter des Tassili-Natio- risten, die sich für ein altes Schwert interessieren, werden somit zu lukrati-
nalparks im Jahr 2004 zahlreiche neolithische Artefakte bei deutschen ven „Abfallverwertern“.
Touristen entdeckt hatten, wurden die Urlauber zu Haftstrafen von 3 Mo-
naten, einer Geldstrafe von 5000 Euro und einer Entschädigungszahlung
von 30.000 Euro pro Person verurteilt. Lange zählten auch die Mitarbeiter Ist die Sahara sicher?
von Tuareg-Reiseagenturen zu eifrigen Sammlern, doch mittlerweile wer-
den die einheimischen Führer für den Schutz der Fundstätten sensibilisiert. In der Sahara herrschte nur während der Kolonialzeit eine gewisse Sicher-
Wenn die Sehnsucht nach einem „echten“ Steinzeitsouvenir unbe- heit, abgesehen von vereinzelten Überfällen und Kameldiebstählen. In
zwingbar erscheint, dann wäre es die bessere (wenn auch illegale) Alter- den postkolonialen Staaten herrschte dann eine Art „Friedhofsruhe“, wo-
native, Pfeilspitzen bei den Nomaden zu kaufen. Dadurch bliebe der für die Geheimpolizei sorgte. Mit der Schwächung der Regimes brach in
„wissenschaftliche“ Schaden vernachlässigbar. Vor allem ist dies eine der Nordalgerien der Bürgerkrieg und im Sahel die Rebellion aus. Seit damals
wenigen Möglichkeiten, dass Nomaden, die solche Pfeilspitzen während gibt es regelmäßig Überfälle, wobei jedoch die Entführung der 54 Sahara-
ihrer Hirtenarbeit finden, vom Tourismus profitieren können. Der Kauf Touristen im Jahr 2003 lediglich ein inszeniertes Spiel der algerischen
Machthaber war. Unsere Sensibilität für solche Zwischenfälle steigt mit
der leichteren Erreichbarkeit der Sahara und mit dem zunehmenden In-
formationsfluss. Ein Überfall auf Europäer im hintersten Winkel der Saha-
ra erscheint sofort in unseren Medien, während die täglichen Morde in
### Autor: Bitte BU ergänzen### Autor: Bitte BU ergänzen New York niemanden rühren. Ist die Sahara also sicher?
278 279
256-329 Als Fremder KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:43 Seite 280
Ewige Rebellen Der Friede in Agadez wäre gesichert. Im Vergleich zu Nordmali und Sü-
dalgerien, wo seit dem Ende der Rebellion ein Dutzend Menschen bei
Sowohl in Mali als auch im Niger drohten die Ex-Rebellen mehrmals mit ei- Überfällen getötet worden war, stimmte das sogar.
ner „Renaissance der Rebellion“, überfielen militärische und private Ziele Dennoch griff die Strategie nur oberflächlich, denn die alten Probleme
und veröffentlichten Kommuniqués. Darin riefen sie wegen der unzurei- brodelten im Untergrund weiter: Es gab zu viele gewaltbereite, bewaff-
chend umgesetzten Friedensverträge der 1990er-Jahre immer wieder zum nete Personen, zu große wirtschaftliche Not und zu viel Misstrauen der
bewaffneten Aufstand auf. Tuareg-Bevölkerung gegenüber den aus dem Süden stammenden Militärs.
Tatsächlich leben viele Ex-Rebellen immer noch in Armut und Ausgren- Auch Rhissas Einfluss auf seine ehemaligen Gefährten bestand nur so lan-
zung und der Nordosten Malis gilt als extrem unterentwickelt. Im Aïr ist ge, wie er ihnen nützlich war. Fehlten ihm die Mittel für „Brot und Spiele“,
die Situation ähnlich. Geringe Regenfälle verschärfen die Situation. so wandten sich die enttäuschten Männer unweigerlich gegen den „Ver-
Die Rebellen hatten nie etwas anderes gelernt, als sich mithilfe des Ma- räter an der eigenen Sache“. Rhissa hatte somit nie wirklich Macht über
schinengewehrs durchzusetzen. Auch untereinander wurden Konflikte die Ex-Rebellen, die wandelnde Zeitbomben blieben. Im Sommer 2006 in
„gelöst“, indem sich eine Gruppe teilte und sich die Aufrührer gegenseitig Mali und im Frühling 2007 im Niger explodierten sie in Form einer neuen
bekämpften. Dadurch war die Rebellenbewegung schließlich in ein gutes Rebellion.
Dutzend ethnisch und regional definierter Fronten zerfallen. Hinter dieser
Vorgehensweise steht die Persönlichkeitsstruktur der ischomar. Entwur- „Moderne“ Kriminelle
zelt und unerwünscht, meinen sie nur mit Gewalt ihr Ziel zu erreichen.
Die Kalaschnikow ist die Krücke, mit deren Hilfe sie den Mangel an Selbst- Der globale Modernisierungsprozess führt in traditionellen Kulturen zur
wertgefühl und Identität ertragen können. Das hielt sie immer dann auf- Auflösung überlieferter Wertsysteme und zum Verlust sozialer Kontroll-
recht, wenn sie sich benachteiligt fühlten. Darum richteten sich viele mechanismen. Dadurch neigen besonders junge Menschen dazu, den
Überfälle gegen andere Ex-Rebellen, die im Tourismus Erfolg hatten. Halt in ihrem sozialen Umfeld zu verlieren und kriminell zu werden. Ar-
Dass die breite Bevölkerung im gesamten Sahel ebenfalls Armut leidet, ist beitslosigkeit, Verarmung und fehlende Entwicklungsperspektiven stei-
für diese Leute irrelevant: Wer tief in der Seele verletzt ist, spürt nur sein gern diese Gefahr. Unter solchen Umständen kann der Tourismus Begehr-
eigenes Leid. Und wer niemals irgendwo hingepasst hat, außer hinter den lichkeiten wecken, die zur „schnel-
074tr Foto: hf
Abzug einer Kalaschnikow, fühlt sich auch nur dort wohl. len“ Geldbeschaffung mittels Ge-
walt führen können.
Der sich selbst erfüllende Mythos vom Frieden Die südliche Sahara mit ihren
schwer kontrollierbaren Bergregio-
Dennoch war es dem nigrischen Tourismusminister und Ex-Rebellen Rhis- nen bietet Ex-Rebellen hervorragen-
sa ag Boula nach der Rebellion gelungen, viele Fronten „umzuprogram- de Möglichkeiten, als „freiberufliche
mieren“: Statt Fahrzeuge zu überfallen, sollten sie lieber am touristischen Sahararäuber“ ein Auskommen zu
„Goldrausch“ teilhaben. Damit diese Rechnung aufgehen konnte, kon- finden. Aber auch junge „Neuzugän-
zentrierte sich Rhissa auf die Förderung des Friedens, indem er in aller ge“ kommen zunehmend auf den
Welt die Republik Niger als sicheres Reiseland propagierte. Sobald eu- Geschmack, ihr Glück zu versuchen.
ropäische Reiseveranstalter dieser Botschaft vom idyllischen Frieden in Die jungen Täter der vergangenen
der Wüste glaubten, würden viele Saharasüchtige kommen, damit Ar- Jahre hatten sich in der Regel spon-
beitsplätze sichern und zur sozialen Stabilität beitragen – und schwups! tan einem Überfall angeschlossen.
Dabei handelte es sich durchweg um
höchst labile Persönlichkeiten, die
aus einem zerrütteten familiären Um-
### Autor: Bitte BU ergänzen### Autor: Bitte BU ergänzen feld stammten.
280 281
256-329 Als Fremder KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:43 Seite 282
Sicherheitsfaustregeln für Saharareisen
Saharareisende können das Risiko eines Überfalls beträchtlich mindern, • unsichere Gebiete entweder im Konvoi oder auf wenig befahrenen
wenn sie einige Grundregeln befolgen: Routen möglichst rasch durchqueren
• Schmuggel-Routen und suspekte Fahrzeuge meiden, um ungewollten
• eine Reisegepäckversicherung gegen Sachschäden abschließen Zusammentreffen mit Schmugglern zu entgehen
• Geld und Wertsachen verborgen halten, um Begehrlichkeiten zu ver- • nur offizielle Grenzstationen benutzen (Illegale Übergänge sind belieb-
meiden te Hinterhalte!)
• niemals Unbekannten von der geplanten Route erzählen • Nachtfahrten abseits der Straßen unterlassen! (Man könnte vom Mili-
• bei den Behörden vor Ort die aktuelle Sicherheitslage erkunden tär für einen Schmuggler gehalten werden.)
• sich für eine Reise ins Hinterland stets einheimischer Fahrzeuge, Fahrer
und Führer bedienen Im Falle eines Überfalls sollten Sie folgende Regeln beherzigen:
• Agenturen bevorzugen, deren Mitarbeiter mit der Region verbunden
sind (Sie kennen die gefährdeten Landstriche und die aktuelle Sicher- • Keinen Widerstand leisten! (Straßenräuber müssen flüchtenden Fahr-
heitssituation am besten.) zeugen nachfeuern, um „ihr Gesicht zu wahren“.)
• möglichst alte, unauffällige Fahrzeuge nutzen (Schnelle, benzinbetrie- • Zumindest äußerlich möglichst ruhig, verbindlich und trotzdem selbst-
bene Allradwagen sind gefragt!) sicher bleiben. Versuchen, Opfer und Täter zu beruhigen!
• in unsicheren Gebieten möglichst in Dörfern übernachten, um den • Kenntnisse der lokalen Sprache anfangs vertuschen! Die Banditen
Schutz der Dorfgemeinschaft genießen zu können. Ist das nächste Dorf könnten ihre Identifikation befürchten und den unerwünschten Zeugen
zu weit entfernt, zum Beispiel in der Wüste, dann sollte man sichtge- beseitigen wollen.
schützte Stellen abseits von Pisten oder Touristenattraktionen bevorzu- • In jedem Fall Ruhe bewahren, das Vertrauen der Täter gewinnen und
gen und auf ein Feuer verzichten, um keine unliebsamen Gäste anzu- sich kooperativ zeigen! Damit steigt die Chance, am Leben zu bleiben
locken. und wenigstens die Freiheit wiederzuerlangen.
Diese Art von Kriminalität richtet sich jedoch nicht nur gegen Touristen, Zur besseren Kontrolle illegaler Waffen riefen die Vereinten Nationen
sondern gegen alle Personen und Behörden, bei denen sich ein Überfall im Jahr 2000 ein Projekt zur Sensibilisierung der Bevölkerung ins Leben.
lohnt. Bevorzugtes Objekt der Begierde ist der Allradwagen: So gesehen In den Folgejahren konnten mehrere Tausend Handfeuerwaffen in Niger
sind diese Vergehen „nur“ die Fortsetzung der alten Tradition des Kamel- und Mali eingesammelt und vernichtet werden. Doch es bleiben noch ge-
diebstahls. Das Motiv ist Gewinnsucht bzw. Habgier, verbunden mit der nug Gewehre im Umlauf, die junge, arbeitslose Männer zur Beschaffung
leichten Verfügbarkeit von Handfeuerwaffen. von „schnellem Geld“ nutzen.
Die große Verbreitung von Feuerwaffen ist ein weltweites Problem. In
die Zentralsahara und nach Westafrika gelangen solche Gewehre durch Vorkehren statt Nachsehen
Schmuggel. Während der Tschad-Kriege wurden die Waffen überwiegend
von Frankreich und Libyen aus in den Sahel eingeführt. Weitere Waffen Im Niger wurden große Reiseagenturen häufiger überfallen als kleine, denn
brachten die ischomar Ende der 1980er-Jahre mit, als sie von Gaddafis offensichtlicher Erfolg zieht Neid auf sich. Ein besonderer Risikofaktor sind
Kriegen zurückkehrten. In den frühen 1990er-Jahren tauschten die unter- egoistische unternehmerische Strategien. Manche Agenturen versuchen,
legenen Soldaten des tschadischen Präsidenten Habré große Mengen an durch Dumpingpreise die Konkurrenz zu unterbieten. Diese Taktik zerstört
Gewehren bei den Tubus im Niger gegen Kamele und Nahrung ein. das Preisniveau, ruiniert kleine Firmen und schafft dadurch böses Blut.
282 283
256-329 Als Fremder KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:43 Seite 284
Die wenigsten Überfälle fanden auf solche Betriebe statt, die in der Re- ne ausgeprägte Rolle spielen. Männliche Touristen neigen eher dazu, die
gion über ein weites und dichtes Beziehungsnetzwerk verfügten. Durch Wüste als Herausforderung und Abenteuer zu betrachten.
diese Verbundenheit mit den Einheimischen steigt die Chance, rechtzeitig Seit den 1980er-Jahren reisten zahlreiche europäische Frauen in die
vor möglichen Gefahren gewarnt zu werden. Zentralsahara, knüpften persönliche Bande zu Tuareg und machten sich
Noch wichtiger sind konkrete Maßnahmen zur wirtschaftlichen Einbin- zum Teil sogar einen Namen als engagierte Förderin. Manche erwarben
dung der Bevölkerung entlang der Reiserouten. Die Mitarbeiter der auch einen Wohnsitz bei den Tuareg und wurden so zu einem gewachse-
Reiseagenturen können Produkte von Gartenbauern, Nomaden und nen Kettenglied zwischen der westlichen und der Tuareg-Kultur.
Schmieden kaufen oder Gemeinde-Campingplätze nutzen. So kann der Die Rebellion führte jedoch zu einer grundlegenden Einstellungs- und
Missgunst entgegengesteuert und das Überfallsrisiko reduziert werden. Verhaltensänderung der jungen Männer gegenüber Frauen. Tuareg-
Die breite Streuung des Tourismuseinkommens fördert die sozioökono- Männer sind heute „selbstbewusster“ und sexuell offensiver. Uneheliche
mische Stabilität, was bei der Bevölkerung zur Akzeptanz des Tourismus Kinder sind keine Seltenheit mehr. Darum sollten allein reisende Frauen
und somit zur Kriminalitätsprävention beiträgt. stets auch wachsam und skeptisch bleiben. Viele Tuareg haben mittler-
weile gelernt, das Wunschbild vom „edlen Wüstenritter“ zu instrumentali-
Frauen allein unterwegs sieren, um ihren Vorteil aus einer Beziehung mit einer westlichen Frau zu
gewinnen. In ihren Augen sind weiße Frauen wohlhabend und bieten aus-
Für lange Zeit galt die Welt der Tuareg als Reiseparadies für Frauen, die sichtsreiche Kontakte nach Europa. Sie gelten als potenzielle Einnahme-
sich hier auf eigene Faust und ohne männliche Begleitung frei und gefahr- quellen zur Versorgung der eigenen Familie, sogar eine Eheschließung
los bewegen konnten. Dies hing mit dem traditionellen Verbot der Gewalt scheint denkbar. Eine (sexuelle) Beziehung mit weißen Frauen hat für junge
gegenüber Frauen und mit dem hohen Ansehen zusammen, das Frauen Tuareg einen hohen Prestigewert. Allein das macht die Frau bereits attrak-
bei den Tuareg generell entgegengebracht wird. Darüber hinaus fällt es tiv. Gibt sie sich zudem auch noch besonders offen und „begeistert“ für al-
westlichen Frauen aufgrund ihrer sozialen Prägung tendenziell leichter als les, was mit Tuareg zu tun hat, dann bietet sie sich als Opfer geradezu an.
Männern, sich auf eine Kultur gefühlsmäßig einzulassen, in der Frauen ei- Frauen werden von Einheimischen umso besser und respektvoller be-
handelt, je vertrauter den zukünftigen Gastgebern der Mittelsmann ist, mit
073tr Foto: hf
dem die fremden Gäste ins Dorf oder ins Lager kommen. In der Regel
werden diese Mittler Vertreter kleiner Reiseagenturen sein. Wichtig ist
auch, über faire Gegenleistungen für den Aufenthalt offen zu verhandeln.
Denn mit einem Besuch bei den Nomaden entstehen Kosten für Transport
und Nahrung, die ausgeglichen werden müssen.
Probleme treten erfahrungsgemäß meist dann auf, wenn Frauen versu-
chen, ihren Aufenthalt bei den Hirten auf eigene Faust und ohne Ta-
maschek-Kenntnisse zu organisieren. Dann findet sich rasch ein freundli-
cher Helfer, der sich ihr Vertrauen als Übersetzer und Vermittler erwirbt
und dafür irgendwann unverschämt hohe Gegenleistungen als „Unter-
stützung für arme Familienmitglieder“ verlangt. Irgendwann wird der
Bogen überspannt und eine solche „Freundschaft“ endet mit Streit und
hohen Kosten.
### Autor: Bitte BU ergänzen
284 285
256-329 Als Fremder KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:43 Seite 286
Diese „Helfer“ handeln keineswegs aus Bosheit, sondern aus schlichter ensselig und begeistert, bis irgendwann die Illusion der „selbstlosen
Notwendigkeit, jede Chance auf ein zusätzliches Einkommen nutzen zu Freundschaft“ an unerwarteten Forderungen zerbrach.
müssen. Und schließlich erfüllen sie lediglich den Wunsch ihrer „Kundin“ Solches Verhalten fordern wir Europäer mit unserer naiv-romantischen
nach „authentischen“ Begegnungen mit „echten“ Tuareg und dem Ge- Vorstellung von dem Paradies in der Wüste geradezu heraus. Der beste
fühl, den „armen Nomaden“ helfen zu können. Das kann im Übrigen Schutz ist darum eine gesunde Portion Selbstironie und Selbstdistanz,
durchaus zu beglückenden Erlebnissen führen – bevor die Enttäuschung um das „Traumhafte“ der eigenen Ansichten über Tuareg im Auge zu be-
kommt. Auch ich machte vergleichbare Erfahrungen, war anfangs vertrau- halten. Dadurch steigt die Chance, nach einer enttäuschenden Erfahrung
eine reifere, weniger euphorische, aber dennoch zugeneigte Beziehung
zu den Nomaden zu entwickeln. Denn Tuareg sind in erster Linie Men-
Europäische Tuareg-Frauen oder „tuaregisierte“ Europäerinnen? schen, die überleben, indem sie das Beste aus ihrer Lebenssituation he-
rausholen.
Ende der 1980er-Jahre entdeckte die 1951 geborene Schweizerin Mari-
anne Roth im Zuge einer Kamelreise in Südalgerien die Welt der Tuareg, Schutz vor Krankheiten
woraufhin sich ihr Leben radikal änderte. Sie machte ihre Liebe zur
Sahara zu ihrem Beruf und führte in den Folgejahren fast 80 Touren in In der Wüste bestehen für Reisende nur wenige ernsthafte Gesundheits-
Algerien und im Niger durch. Im Jahr 2001 heiratete sie ihren langjäh- risiken, die sich zudem mit wenigen Vorkehrungsmaßnahmen kontrollie-
rigen Tuareg-Gefährten Adem Mellakh, einen „kel aïr“, mit dem sie die ren lassen.
Stiftung „Bildungs- und Kulturzentrum Iferouane“ zur Förderung der Klassische Impfungen sind Tetanus, Polio und Hepatitis A und B. Länder
Nomaden gründete. (www.kamelkarawanen.ch) Im Jahr 2004 verun- wie Mali und der Niger schreiben die Gelbfieberimpfung zwingend für die
glückte sie tödlich in der Sahara. Einreise vor. Während der heißen Perioden steigt auch das Meningitisrisi-
Eine der bekanntesten „Tuareg-Deutschen“ ist die Schriftstellerin und ko. Gegen Typhus und Cholera lasse ich mich beispielsweise nur impfen,
Fotografin Désirée von Trotha. 1961 in Augsburg geboren, wurde die wenn ich in ausdrücklich gefährdete Gebiete reise. Das Malariarisiko ist
gelernte Grafikdesignerin 1991 vom „Tuareg-Virus“ befallen. Seit damals differenziert zu betrachten. Da es in der Zentralsahara und während der
pendelt sie zwischen München und der Sahara und verbringt mehrere Trockenzeit im Sahel praktisch keine Malaria gibt, nehme ich höchstens
Monate im Jahr bei Tuareg-Familien. Mittlerweile ist sie von „ihrem“ vorübergehend Malariaprophylaxemittel ein, abhängig von der Jahreszeit,
Dorf als vollwertiges Mitglied anerkannt. Ihre Erfahrungen flossen in der Region und von der Reisedauer. Wichtiger ist die physikalische Vor-
das 1997 erschienene Buch „Die Enkel der Echse“ ein, dem mittlerweile beugung gegen Malaria, indem man sich gar nicht erst stechen lässt: Al-
zwei Bildbände folgten. lein durch das Bedecken der Haut, das Auftragen eines starken Insekten-
Eine österreichische „Tuareg-Karriere“ machte Eva Gretzmacher. Die schutzmittels und durch das nächtliche Schließen von Fenster und Türen
1951 in Wien geborene Kindergärtnerin hatte die Sahara in den 1980er- in der Unterkunft sinkt die Infektionsgefahr beträchtlich.
Jahren entdeckt und bald eine tiefe Zuneigung zu den Tuareg entwickelt, Eine große Gefahr geht in der Sahara vom Klima aus. Der Körper muss
die sie ausleben konnte, indem sie Reisen organisierte und führte. Nach durch lange Gewänder und Kopftücher vor Sonnenbrand geschützt wer-
der Rebellion förderte sie als eine der ersten den Wiederaufbau des Tou- den. Die Augen werden mit Gletscherbrillen vor Licht und Staub bewahrt.
rismus im Niger, wurde in Agadez teilsesshaft und baute ein geschmack- Um die Mittagszeit gehen nur Esel in die pralle Sonne. Die Hitze, gepaart
voll eingerichtetes Lehmhaus. Hier empfängt sie Reisende und Künstler mit geringer Luftfeuchtigkeit, birgt auch die Gefahr der Dehydrierung,
aus Europa. Mittlerweile hat sie im Herzen von Agadez das Kulturzen- weshalb so oft wie möglich Wasser getrunken werden sollte. Es empfiehlt
trum „ART.E-Agadez“ (www.art.e-agadez.org) gegründet, eine Kombi- sich, abends stark gewürzte Suppen gegen den Verlust von Elektrolyten zu
nation aus Kaffeehaus, Kunstgalerie, Konferenzzentrum und Internet- essen. Nach Sonnenuntergang kühlt die Luft rasch ab, dann bewahrt ein
Center. Hier werden Alphabetisierungskurse durchgeführt und Werke warmer Pullover vor Erkältungen.
von Tuareg-Künstlern präsentiert. Sauberes Trinkwasser ist die Voraussetzung für eine gelungene Tour. In
der Regel ist das Wasser in Brunnen und Wasserlöchern von bester Quali-
286 287
256-329 Als Fremder KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:43 Seite 288
075tr Foto: hf
tät. Im Sahel wird zu Beginn einer Tour stets Wasser aus dem örtlichen
Netz in Kanistern mitgeführt. Im „Busch“ werden die Trinkwasservorräte
aus sauberen Nomaden- oder Dorfbrunnen und in der Wüste aus Was-
serlöchern aufgefrischt. Um ganz sicher zu gehen, empfiehlt sich dennoch
die Filterung oder chemische Desinfektion des Wassers.
Krankheiten durch verdorbene Lebensmittel sind in der Wüste selten,
weil Käse und Fleisch in der Sonne rasch trocknen. Auch Frischmilch von
Ziegen und Kamelen ist hygienisch einwandfrei, jedoch verträgt nicht
jeder die natürliche Milchflora. Die auf Touren servierten Salate werden
nur unter Verwendung von Grundwasser gezogen und mit Trinkwasser
gereinigt und sind darum ungefährlich. Typische Ursachen von Durchfall-
erkrankungen sind Überanstrengung, Wasser- und Elektrolytverlust, der
Genuss von zu kaltem Bier, vor allem aber Stress durch die Klimaumstel-
lung und die Anpassung an die örtlichen „normalen“ Keime.
Gefährlich können aber auch bestimmte Tiere sein. Giftig sind die Bisse
der Hornvipern, diverser Skorpionarten und der Walzenspinnen. Jedoch
habe ich in all meinen Saharajahren nur insgesamt drei Schlangen, zwei
Skorpione und eine Walzenspinne gesehen. Um dennoch sicherzugehen,
sollte man den Lagerplatz mit festen Schritten abschreiten, um versteckte
Schlangen durch die Erschütterungen zu vertreiben. Skorpione verbergen
sich gern in Hohlräumen, weshalb man die Schuhe nachts mit ins Zelt
nehmen sollte. Walzenspinnen suchen nachts die Wärme des Feuers, also
Augen auf am abendlichen Lagerfeuer! Angesichts der Seltenheit dieser
Tiere sind Kamele weit gefährlicher: Sie können zutreten oder den Reiter
aus dem Sattel werfen.
Kontakte in der Wüste
Begrüßungsrituale kation ist jedoch die Voraussetzung für die zutreffende Einschätzung ei-
nes anderen Menschen. In der Wüste kann von dieser Bewertung einer
Die Begrüßung ist ein wichtiger sozialer Vorgang, durch den zwei Men- zufällig auftauchenden Person das eigene Überleben abhängen. Handelt
schen, die sich zum ersten Mal oder auch nach langer Zeit wieder begeg- es sich bei jenem Menschen um einen Freund, der mich besuchen will,
nen, sozusagen abtasten. Sie müssen sich gleichsam aufeinander einstel- oder um einen Dieb, der meine Kamele stehlen will, oder gar um einen
len und ihr Gegenüber als freundlich oder als gefährlich einschätzen. Man Banditen, für den mein Leben keinen Wert hat und der es daher mögli-
darf nicht vergessen, dass die Tuareg ein Nomadenvolk waren und zum cherweise nicht respektiert? Ist er „einer von uns“, unterliegt er somit un-
Teil noch sind, dass diese Menschen somit für lange Zeit allein im Busch seren Regeln, Gesetzen und Werten, oder ist er ein Fremder, der sich alles
leben müssen, ohne mit anderen kommunizieren zu können. Kommuni- erlauben könnte?
Durch das Begrüßungsritual wird gleichsam ein Einverständnis darüber
„durchgespielt“, dass man gemeinsame Werte und Regeln teilt, so als wür-
### Autor: Bitte BU ergänzen### Autor: Bitte BU ergänzen de durch das Ritual ein unsichtbares Band der Gemeinsamkeiten zwi-
288 289
256-329 Als Fremder KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:43 Seite 290
Die Begrüßungsformel
Normalerweise beginnt die besuchte Person A mit dem Begrüßungsritual. B: „alher ghas“ – „Danke, gut.“
Das „gh“ des Wortes „ghas“ wird immer als „r“ gesprochen, wie beim A: „mani aweslu?“ – Wörtlich „Wie die Reise?“, sinngemäß „Wie war Dei-
Wort „imajeghen“. ne Reise?“
A: „oyy-ik?“ – „Wie geht es Dir?“ B: „alher ghas“ – „Danke, gut.“
Darauf antwortet die besuchende Person. A: „isalan?“ – Wörtlich „Neuigkeiten?“, sinngemäß „Gibt es irgendetwas
B: „alher ghas“ – Wörtlich übersetzt „Gutes nur“, sinngemäß „Danke, Neues zu berichten?“
gut.“ B: „alher, wer egarat“ – wörtlich „Gut, nichts Neues“, sinngemäß „Alles in
A: „ma tole?“ – Wörtlich „Wie du warst ähnlich?“, sinngemäß „Wie geht Ordnung!“
es Dir?“
B: „alher ghas“ – „Danke, gut.“ Dieser Ablauf mit den gleichen Fragen durch die gleiche Person kann
A: „mani aghiwan?“ – Wörtlich „Wie das Lager?“, sinngemäß „Alles in mehrfach wiederholt werden. Hier geht es schließlich nicht um einen Akt
Ordnung zu Hause?“ der Erkundigung, sondern um ein Ritual der Annäherung. Interessant ist,
B: „alher ghas“ – „Danke, gut.“ dass zwar nach den Kindern, den Kamelen oder den Geschäften gefragt
A: „mani eddas?“ – Wörtlich „Wie die Müdigkeit?“, sinngemäß „Bist Du wird, keinesfalls aber nach der Ehefrau. Dies gilt als eine unzulässige Inti-
erschöpft?“ mität. Das Ritual wird seitens des Besuchten beendet, indem er den Besu-
B: „agôdeya i yalla“ – Wörtlich „ich gelobe, gehen“, sinngemäß „Ich lobe cher einlädt.
Gott dafür, es geht.“, bzw. „Danke, es geht.“ A: „awed eseger“ – Sinngemäß „Nimm Platz.“
A: „mani bararan?“ – Wörtlich „Wie die Kinder?“, sinngemäß „Wie geht Nun kann man als Europäer darauf antworten:
es Deinen Kindern?“ B: „tanemmert“ – Das bedeutet „Danke“, doch ist es unter Nomaden un-
B: „alher ghas“ – „Danke, gut.“ üblich, sich zu bedanken.
A: „mani esamed?“ – Wörtlich „Wie die Kälte?“, sinngemäß „Wie geht es Möglicherweise wird einem Besucher nun Wasser angeboten:
Dir mit der Kälte?“ A: „aman da“ – „Hier, nimm das Wasser!“
schen den sich Grüßenden geflochten. Es ist kein Wunder, dass das Be- ziehen, um für alle Fälle „gewappnet“ zu sein. Diese Handlung lässt sich
grüßungsritual, wie es unten näher beschreiben wird, dort noch beson- mit der Überprüfung des Sitzes der Krawatte in unserem Kulturkreis ver-
ders ausgeprägt ist, wo auch der Nomadismus noch wesentlich den Alltag gleichen: Man will sich „ordentlich“ präsentieren. Dann bewegt man sich
der Tuareg prägt: nämlich im Niger. Frank Donath weist in seinem wun- langsam, mit leicht gesenktem Kopf und Blick aufeinander zu, bis man in
derbaren Kauderwelsch-Sprachführer „Tamaschek – Wort für Wort“ da- einem Abstand von einer Armlänge Halt macht.
rauf hin, dass es „einen eigenen, leider aber fast ausgestorbenen Gruß“ Nun fährt man mit der rechten Hand auf die Hand des Gegenübers zu,
gebe. Ich nehme an, dass Donath diese Erfahrung in Algerien und Libyen wie für einen Händedruck. Tatsächlich aber streichen die Finger nur über
gemacht hat, wo nur noch recht wenige Tuareg nomadisieren und die die preisgegebene Handinnenfläche. Dies wird mehrere Male wiederholt,
Modernisierung, Urbanisierung und Arabisierung sehr stark greift. Im Ni- während leise die Begrüßungsfloskeln gemurmelt werden. Dabei bleibt der
ger und zum Teil auch in Mali ist jenes Ritual, wobei sich die Begrüßenden Blick stets zu Boden geneigt oder schweift herum, sodass er nicht die Au-
regelrecht „abtasten“, immer noch üblich. gen des Gegenübers fixiert. Seitens eines Tuareg würde das direkte An-
Begegnen sich zwei männliche Tuareg, so werden sie, sobald sie einan- schauen als unhöflich, aufdringlich oder gar als Aggressivität aufgefasst wer-
der wahrgenommen haben, ihren Gesichtsschleier bis über die Nase den. Einem Fremden wird hier sehr viel mehr Nachsicht entgegengebracht.
290 291
256-329 Als Fremder KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:43 Seite 292
Sobald die Begrüßungsformel einmal oder auch mehrmals gemurmelt Einen Nachnamen im westlichen Sinne gibt es bei den Tuareg nicht,
wurde, sind die Grüßenden aufeinander eingestimmt und können darum sondern man trägt nach dem eigenen Vornamen den des Vaters,
„näher treten“. Dies äußert sich darin, dass sie ihre Köpfe heben und nun verbunden durch das Wort ag für „Sohn von“. Ein Mann heißt dann z. B.
einander kurz direkt in die Augen sehen (dauerndes In-die-Augen-starren Alhousseini ag Ibra: Hussein, Sohn des Ibra. Der männliche Zusatz ver-
gilt als respektlos), oft auch bereits lachen, was an den Lachfältchen um schwindet jedoch in der Alltagspraxis zunehmend. Bei Frauen steht an-
die Augen zu erkennen ist. Zugleich wird auch die Stimme angehoben stelle des ag das Wort ult („Tochter von“). Korrekterweise hieße eine Frau
und eine freudige, persönliche Begrüßung gerufen: Die Unterhaltung wird dann Rahmata ult Ahmed. Allerdings wird dieser Zusatz bei Frauen in der
jetzt spontaner. Gleichzeitig fassen die Grüßenden mit einer leicht ausho- Praxis nicht verwendet.
lenden Bewegung der rechten Hand, die Finger gespreizt, endlich nach Der Rufname bei den Tuareg lässt sich mit dem bei uns gebräuchlichen
der Hand ihres Gegenübers und drücken sie fest. Beide spüren, dass sie Spitznamen vergleichen. Dieser wird mit dem französischen Zusatz dit
einander vertrauen können. Ein ausgelassenes Gespräch kann beginnen. (genannt) angekündigt. Während der Vorname im Zuge des Namensge-
Begegnen sich ein Mann und eine Frau oder zwei Frauen, so werden bungsfestes vom marabout ausgewählt und verkündet wird, wählt zumeist
die Bewegungen und Berührungen der Hände unterlassen, weil dies als die Mutter des Kindes den Rufnamen aus, der dann von der Familie und
unschicklicher Austausch von Intimität gälte. Die sich Begrüßenden ste- den Freunden übernommen wird. Solche Namen können sein Akli oder
hen nur beieinander, blicken zu Boden und murmeln die Begrüßungs- Houché (gespr.: Huschi). Ein voller Name könnte dementsprechend lau-
floskeln. Anschließend bestimmt die jeweilige Vertrautheit der Personen ten: Alhousseini ag Ibra dit Houché.
und das aktuelle soziale Umfeld den weiteren Umgang miteinander. Tref- Im Tamaschek gibt es weder besondere Anredeformeln, noch eine be-
fen sich Hirtinnen unbeobachtet auf der Weide, so werden sie sich umar- sondere Höflichkeitsform. Wäre man des Tamaschek mächtig, würde man
men, kichern und miteinander scherzen. Begegnen sich Eheleute im eine Person ganz einfach mit ihrem Vornamen ansprechen. Beherrscht
Dorf, dann werden sie, den Blick voneinander abgewandt, leise miteinan- man die französische Sprache, so wählt man die im Französischen übliche
der sprechen. Höflichkeitsform der Anrede (vous) und kann allenfalls noch vor den
Vornamen ein Monsieur oder Madame setzen. Das ist jedoch nur unter
Namen und Anrede städtischen Tuareg üblich, die bereits einen Umgangston mit westlichen
Umgangs- und Höflichkeitsformen pflegen.
Bei den Tuareg findet man zwei „Sorten“ von Namen bzw. Vornamen.
Unter Nomaden sind Kel-tamaschek-Namen berberischen Ursprungs Begegnungen
verbreitet. Dazu zählen Namen wie Abambacho, Aghali (gespr.: Aráli),
Aoutchiki, Birgie, Dayak, Efad, Feltou, Ghabdou (gespr.: Rabdu), Gwada, Tuareg lieben es, miteinander zu tratschen. Sie können kaum verstehen,
Ibra, Khadda (gespr.: Hadda), Houiah, Ixa, Matachi, Rhissa und noch viele warum Europäer stattdessen lieber allein auf einer Düne sitzen, denn der
mehr. Bei den Frauen sind dies Namen wie Assulo, Azahra, Fitita, Khadijita Hirtenalltag ist geprägt von Einsamkeit. Die schönste Abwechslung für ei-
(gespr.: Hadidschita), Lolo, Mina, Saghaidou (gespr.: Saraidu) oder Tahe- nen Tuareg ist ein gutes Essen und die Begegnung mit Menschen, denn
dag. Viele dieser Namen haben eine poetische Bedeutung. Tahedag etwa das bedeutet Unterhaltung, Neuigkeiten, Spannung und Vertrautheit. Da-
bedeutet sinngemäß „Sie ist gut, wo sie ist“. rum interessieren sich die meisten Tuareg auch für Europäer, die Frage ist
Mit der Islamisierung der Tuareg finden arabische Namen zunehmend nur, wie sich Tuareg und Fremde am besten begegnen können: Asshak
Verbreitung: Männernamen wie Achmed, Boubakar, Ibrahim, Ioussouf, verbietet es den Hirten, offen wie Kinder auf Fremde zuzugehen. Wenn ei-
Khader, Mohammed, Moussa, Moustapha, Souleyman und viele andere. ne Reisegruppe auf Nomaden trifft, dann werden die Nomaden von sich
Manche Namen werden „tuaregisiert“, aus Mohammed wird dann Mok- aus nur die einheimischen Führer und Fahrer begrüßen und die Touristen
hamed. Bei den Frauen findet man häufiger Namen wie Aicha (gespr.: Aí- „ignorieren“, um keinen Fehler im Umgang mit den Fremden zu begehen.
scha), Fatima bzw. Fatimata, Mariema oder Rahmata. Auch bei den Frauen Würde hingegen ein Tourist einen Nomaden auf der Weide antreffen und
finden sich tuaregisierte Vornamen aus dem Arabischen: So wird etwa aus ihn ansprechen, dann wird der Nomade gern antworten – ohne sich der
Aicha dann Ghaysha. Gefahr eines „Fettnäpfchens“ auszusetzen.
292 293
256-329 Als Fremder KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:43 Seite 294
076tr Foto: hf
Hier muss der Fremde große Zurückhaltung üben, um sich annähern zu
können. Je näher der Kontakt zu einem „Freien“ wird, desto tiefer rutscht
der tagelmust. Dabei können Europäer im Grunde genommen gar nicht
viel falsch machen, denn sie werden als Fremde erkannt, die außerhalb
des Asshak-Ethos stehen. Darum wird etwaigen Fehltritten ihrerseits stets
mit Nachsicht begegnet.
Ruhe und Haltung bewahren
In einer Welt, in der Zeit das wichtigste Kapital ist, geht mit Eile gar nichts.
Die „würdevolle“ Ausstrahlung der Tuareg ist ja eine wesentliche Strate-
gie, um den wechselhaften Bedrohungen seitens der Wüste Stabilität und
Sicherheit entgegenzusetzen. Mag auch die Herde verhungern und die
Ernte verdorren – was dem Nomaden immer bleibt, sind seine Haltung
und sein Ansehen. Das erscheint angesichts unserer auf Schnelligkeit,
Kommunikation, Wirkung und Erlebnis ausgerichteten Kultur schwer
nachvollziehbar. Sobald man sich aber an das „Leben“ in der Wüste ge-
wöhnt hat, beginnt man zu spüren, dass Langsamkeit, Ruhe und Haltung
die nötige Kraft vermitteln, um in der Weite, Hitze und Einsamkeit über-
Am einfachsten ist der Umgang mit Kindern, die noch außerhalb der haupt bestehen zu können.
Asshak-Regeln stehen und darum relativ zugänglich sind. Über den Kon-
takt mit den Kindern lässt sich auch gut eine Brücke zu ihren reservierten Zeit nehmen
Angehörigen schlagen. Wer etwa die Kleinen zum Lachen bringt, gewinnt Manche Hirtinnen haben Angst vor Touristen, weil diese stets in Eile zu
schnell auch das Herz der Erwachsenen. Ein bewährtes Mittel ist der Ein- sein scheinen und mit ihren Fahrzeugen nicht stehen bleiben, wenn sie ei-
satz der Kamera, indem man Kinder durch den Sucher blicken lässt und ne Gruppe von Nomaden sehen. Im Busch, wo Begegnungen mit Men-
dabei das Zoomobjektiv bewegt. Für Zurückhaltung plädiere ich hinge- schen ohnedies selten sind, erscheint solch ein Verhalten widersinnig, un-
gen bei leichtfertig verteilten Geschenken. (Näheres dazu im Kap. „Gast- freundlich und darum unbegreiflich. Das kann durchaus zur Verunsiche-
freundschaft“.) rung der Nomaden führen. Woher sollte eine Hirtin auch wissen, dass ein
Die Schmiede (enaden) vermittelen von jeher zwischen Tuareg und an- Tourist unter dem Zeitdruck eines teuren, knapp geplanten Reisepro-
deren Kulturen. Sie etablierten sich auch als erste im Tourismus. Ein gramms steht? Kommt es darum in abgelegenen, verkehrsarmen Regio-
Schmied bzw. Handwerker eignet sich ideal als Kontaktperson zum Milieu nen zu Sichtkontakt mit Hirten, so gebieten es sowohl Höflichkeit als
der imajeghen. Bei den enaden sind im Wesentlichen unsere eigenen auch das „Gesetz der Wüste“, dass man anhält, die Menschen begrüßt
Grundregeln der Höflichkeit und einer angemessenen Distanz zu beach- und sich nach ihrem Befinden erkundigt.
ten, denn Schmiede können auch aufdringlich sein. Tuareg-Führer, die ihre Tradition noch bewusst leben, tun dies von sich
Tuareg-Frauen sind sehr viel offener als in den meisten Kulturen des aus. Auf einer Rundreise kann es mitunter Konflikte mit Reiseteilnehmern
Orients. Hirtinnen lieben die Abwechslung und mit Gartenbäuerinnen geben, die ihre innere Uhr auf das Reiseprogramm eingestellt haben und
habe ich schon die schönsten gemeinsamen Lachanfälle erlebt. Dabei berechtigterweise nicht den Sonnenuntergang in den Dünen verpassen
befanden wir uns stets außerhalb des Dorfes, denn sobald imajeghen hin-
zutreten, reagieren die Hirtinnen wieder zurückhaltend.
Angehörige der imajeghen verhalten sich Fremden gegenüber distan-
ziert: Als Zeichen wird der tagelmust bis zur Nasenwurzel hochgezogen. ### Autor: Bitte BU ergänzen
294 295
256-329 Als Fremder KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:43 Seite 296
wollen. Als Reiseleiter gerät man hier in ein Dilemma, denn die Erforder- dominiert. Zugleich ist diese Haltung aber auch verantwortlich für welt-
nisse der hiesigen Höflichkeitsregeln finden nicht immer das nötige weite Auswirkungen wie Klimawandel, Kriege und Hunger. Die meisten
Verständnis. Und schließlich ist man ja auch an einen Reisevertrag mit de- Europäer leben von der Natur getrennt und beeinflussen sie gewaltig. Sie
klarierten Fixpunkten gebunden. Manche Tuareg-Führer stoßen hier eben- können in der Wüste überleben, jedoch nur so lange, wie Benzin, Wasser
falls an ihre Grenzen: Wie kann man ihnen vorenthalten, eine vertraute und andere Vorräte zur Verfügung stehen. Tuareg dagegen leben (zum
Person, die sie lange nicht mehr gesehen haben, „kurz“ zu begrüßen? Teil noch) in langfristiger Anpassung an ihre herausfordernde Umwelt. Ih-
Das Problem ist tatsächlich nicht lösbar, weil an eben diesem Punkt zwei re Haltung ist Ausdruck dieser Anpassung.
unterschiedliche Wert- und Erlebniswelten aufeinander prallen. Die Si- Haben Nomaden Meinungsverschiedenheiten untereinander, dann
tuation lässt sich bestenfalls durch Gespräche und Beschwichtigungen gehen sie einfach ihrer Wege – oder sie unterwerfen sich der Meinung
entspannen. Tuareg haben ganz einfach mehr Zeit als wir und erleben dessen, der am „längeren Hebel“ sitzt. Einem madugu, dem Führer einer
täglich einen Sonnenuntergang hinter den Dünen. Salzkarawane durch die tödliche Ténéré, zu widersprechen, wäre sinnlos,
Der Faktor Zeit ist besonders wichtig für die Kontaktanbahnung. Kommt denn schließlich wird niemand gezwungen, sich ihm anzuschließen.
ein Besucher zu einem Nomadenlager, dann setzt er sich in einem gehö- Deshalb macht der madugu auf jeden Fall das, was er aufgrund seiner
rigen Abstand vor das Zelt hin und wartet. Er ruft allenfalls den Gruß Erfahrung für seine Karawane für richtig hält. Ein unerfahrener Karawanen-
„Asalem aleikum“ („Der Friede sei mit Dir“) und wartet, bis jemand auf ihn führer würde sich in der Wüste verirren und sterben, weshalb er es vor-
zukommt, um das Begrüßungsritual durchzuspielen. Dann wird der Frem- zieht, sich der Führung des erfahrenen madugu zu unterwerfen.
de zum Zelt geführt – aber fast nie hinein. Auf diese Weise wird verhin- In der Welt der Tuareg bestimmt letztlich immer die Wüste, wer Recht
dert, dass die Familie, die in der Wildnis in der Regel mit keinem Besucher hat. Darum pflegen Nomaden sich in Situationen ohne echte Alternative
zu rechnen braucht, bei einer peinlichen Situation (etwa beim Essen …) anzupassen und zu schweigen, um ihr Gesicht zu wahren. Europäer nei-
überrascht wird. gen eher dazu, ihrer Enttäuschung und ihrem Ärger Luft zu machen, wenn
Für uns Europäer ist hier die oben getroffene Unterscheidung zwischen ihnen eine Situation in der Wüste nicht recht passt, eben weil es für sie kei-
der jeweiligen sozialen Tuareg-Klasse wichtig. Gegenüber imajeghen gilt ne so große Rolle spielt, das Gesicht zu bewahren.
höchste Zurückhaltung und Behutsamkeit, wogegen man bei Kindern und In unserer Zeit ändert sich vieles aufgrund der neuen Lebensbedingun-
Schmieden wenig falsch machen kann. Und an Kindern und Schmieden gen. Die Zahl der Menschen in der Wüste wächst, Weiden und Wasser
mangelt es in Dörfern nie. Trifft man hingegen Hirten allein auf der Wei- werden knapp, weshalb viele Nomaden den Ausweg in der Sesshaftigkeit
de, dann wird sogar erwartet, dass man als Fremder anhält und die Person suchen. In den Siedlungen aber sind die Menschen stärker aufeinander
begrüßt. angewiesen. Gleiches gilt für das Leben in einem staatlichen Gefüge. Mit
der wachsenden Bevölkerungsdichte in einem Land mehren sich auch die
Das Gesicht wahren Spannungen zwischen unterschiedlichen sozialen Schichten und zwi-
Auch unter den friedlichsten Tuareg gibt es natürlich Konflikte, doch schen Angehörigen unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen mit unter-
dringen diese fast nie nach außen. Ob sich die Mitglieder einer Tuareg- schiedlichen Lebensformen, beispielsweise Hirsebauern und Kamelhirten.
Gruppe gut verstehen oder gerade Meinungsverschiedenheiten austra- Hier bedarf es neuer Kompetenzen zur friedlichen Konfliktaustragung,
gen, lässt sich am „Stand“ des tagelmust erkennen. Je tiefer dieser sinkt, weil es nicht mehr so einfach möglich ist, sich wie früher im Konfliktfall
desto ausgelassener ist die Stimmung. Steigt er höher Richtung Nasen- „aus dem Weg zu gehen“.
wurzel, dann wird es ernst. Dies gilt auch für die Gespräche mit Fremden. Jüngere, westlich geprägte Tuareg neigen mittlerweile eher dazu, die
Der grundlegende Unterschied zwischen Tuareg und Europäern liegt Grenzen der traditionellen Haltung zu durchbrechen und „auszuflippen“.
meines Erachtens darin, dass Tuareg eher auf Dinge reagieren, während Der Griff zur Kalaschnikow und jedwede Form von Kriminalität gehören
„Westler“ dazu neigen, die Dinge aktiv zu gestalten und voranzutreiben. zu dieser veränderten Lebensart, wie auch der lautstarke Umgang mit
Europäer sind „Macher“, Tuareg hingegen „Balance-Manager“. Das mag Spannungen.
wohl der Grund dafür sein, dass die westliche Kultur, geprägt durch For- Als Tourist gerät man hoffentlich nicht in eine derartig explosive Situati-
schung, raschen Fortschritt und Wachstum, heute fast die ganze Welt on. Wenn es irgendwie mit den eigenen Interessen zu vereinbaren ist, soll-
296 297
256-329 Als Fremder KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:43 Seite 298
077tr Foto: hf
te man sich – gleich dem unerfahrenen Hirten gegenüber seinem madu-
gu – gleichfalls hinter den „Schleier“ eines freundlichen, distanzierten Lä-
chelns zurückziehen und Raum geben, die Stimme unter Kontrolle be-
halten und den Blick schweifen lassen (der längere, direkte Blick in die Au-
gen eines Tuareg würde als Angriff empfunden werden). Schließlich sitzen
wir als Fremde in dieser unwirtlichen Welt am kürzeren Hebel.
Ganz im Gegensatz zu dieser extrem beherrschten Umgangsform zwi-
schen den meisten Tuareg steht die „Scherzbeziehung“ (tabubasa) zwi-
schen Kreuzcousins und -cousinen (ein Mann und die Tochter seines
mütterlichen Onkels oder seiner väterlichen Tante): Sie „beflegeln“ sich öf-
fentlich mit den wüstesten Beschimpfungen. Dieses institutionalisierte Ver-
hältnis stellt ein wichtiges Instrument zum Ausgleich der strengen An-
standsregeln dar. Ähnlich dürfen sich auch die Schmiede „aufführen“, weil
sie als einzige soziale Gruppe nicht den Regeln der Würde (asshak) und
des Schamgefühls (tekarakit) der imajeghen unterliegen. Sie gelten als
„würdelos“ und dürfen entsprechend ihrem eigenen „Moralkodex“ jedem
ihre Meinung ins Gesicht sagen.
Tuareg sind geprägt von einer extremen Lebenswelt, die Schwächen
und Fehler mit dem Tod bestraft. Darum verlangt die Wüste von den Men- nicht nachhaltig zu zerrütten, indem man die Verantwortungsübernahme
schen ein hohes Maß an Anpassung oder gar Unterwerfung unter die je- für diesen Irrtum einfordert. Ein Fehler, den die Wüste vergeben hat, so
weiligen Gegebenheiten. Dies brachte eine Kultur hervor, in der das „Ge- könnte man sagen, war kein Fehler. Für Europäer, die in präzisen Katego-
sicht zu bewahren“ und „Stärke zu zeigen“ oberstes Gebot ist. Asshak ver- rien wie „richtig“ und „falsch“ denken, ist das manchmal schwer zu ak-
bietet es, um eine Sache zu bitten oder gar zu betteln – ja sogar sich für zeptieren. Im Gespräch helfen hier Geschichten, Vergleiche und viel Hu-
Geschenke zu bedanken, denn das würde als Schwäche ausgelegt. Viel- mor und Toleranz, vor allem aber ein selbstkritischer Blick.
mehr werden Geschenke wortlos entgegengenommen, wenn auch mit ei-
nem Gefühl der Dankbarkeit und Freude. Der Ausdruck für „danke“, tane- „Ja“, „Nein“ und „die Wahrheit“
mert ennek (ich danke dir, wörtlich: danke dein), wird aber mittlerweile ge-
genüber Europäern häufiger verwendet, weil viele Tuareg gelernt haben, Was zählt der Wille eines kleinen Menschen in der Wüste, wenn Gott (Al-
dass Europäer darauf Wert legen. lah) anderes mit ihm vorhat? Die Erfahrung des Ausgeliefertseins wird
Besonders schwer fällt es Tuareg, einen Fehler oder einen Irrtum einzu- auch im Umgang der Tuareg mit Plänen und Prognosen sichtbar. Alles
gestehen, etwa wenn ein Fahrer die Orientierung oder den Anschluss an wird stets unter dem Vorbehalt angegangen, dass auch alles klappt und
die Gruppe verloren hat. Auch das kommt daher, dass die Wüste keinen nichts dazwischen kommt: Insh’ Allah (so Gott will).
Irrtum erlaubt. Die Reaktion auf Fehler, nämlich ein lachendes Überspie- Fragen nach zeitlichen Abläufen in der Zukunft oder gar nach Gewiss-
len oder bestenfalls ein betretenes Schweigen, wirkt noch sehr stark in heiten wird ein Tuareg stets ausweichen. Woher soll auch jemand im Vor-
den Alltag hinein. Oft kann es vorkommen, dass jemand mit einer Aufga- hinein wissen, ob eine Wagenachse hält, ein Sandsturm einsetzt oder die
be überfordert war. Wer will das schon zugeben? Eine solche Situation ist Reisegruppe von einem übergenauen Polizisten gefilzt wird? Zu viel kann
nur mit sehr viel Fingerspitzengefühl zu entschärfen, um eine Beziehung in der Wüste passieren. Darum werden konkrete Zeitangaben meist um-
gangen und auch mit dem Wahrheitsanspruch bei Zahlennennungen neh-
men es die Tuareg nicht sehr genau. Auf die Frage, wie weit der Weg bis
zum Abendlager noch sei, wird ein Nomade in der Regel nur antworten
### Autor: Bitte BU ergänzen### Autor: Bitte BU ergänzen „Nicht mehr weit, Insh’ Allah.“
298 299
256-329 Als Fremder KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:43 Seite 300
Bei den kel aïr gibt es zwischen der Wahrheit (tidet) und der Lüge (ba- rühren. Man darf nicht vergessen, dass bei den Tuareg die Vermeidung
hu) auch die Zwischenform des Verschweigens (ifur). Tidet spielt eine des „bösen Blicks“ eine große Rolle spielt. Über den Besitz zu sprechen,
Rolle, wenn ein Hirte sein Kamel sucht und nach dessen Verbleib fragt. kann Neid schüren, der wiederum den „bösen Blick“ hervorrufen kann.
Dann werden – ähnlich wie in einer Verhörsituation – genaue und vor al- • Bei den Geschichten, idamman, handelt es sich um geschlossene Er-
lem wahre Antworten erwartet, die dem Suchenden weiterhelfen. Bahu zählungen, die in variierenden Darstellungen die Taten und Leiden kon-
können jene Geschichten sein, die man sich am abendlichen Feuer zur Er- kreter Personen beschreiben. Sie erheben einen großen Wahrheitsan-
heiterung erzählt: Sie sollen erheitern, weshalb man es hier mit der Wahr- spruch, da diese Menschen als moralische Leitbilder dienen.
heit nicht so genau nimmt. Ifur betrifft Bereiche wie den persönlichen Be- • Scherze, irawayan, sollen eine heitere und entspannte Atmosphäre
sitz oder andere Intimitäten, die niemanden etwas angehen: Ihr Ver- schaffen. Dies ist besonders häufig zwischen Kreuzvettern und -cousi-
schweigen wird allgemein akzeptiert. nen erwünscht. Hier gilt es als harmlos, ein Mädchen als „faule, hässli-
Es gibt auch Situationen, in denen ein Tuareg nicht sagen kann, was er che Hure“ oder einen Mann als „stinkenden, schwanzlosen Ziegen-
denkt oder für richtig hält, nämlich dann, wenn er sich in Gegenwart eines bock“ zu bezeichnen. In den Zuschreibungen schwingt immer ein klei-
alten Menschen befindet, der anderer Meinung ist. Solches gilt – zumin- nes Quäntchen Wahrheit mit, denn die Scherze sollen das Verhalten der
dest im ländlichen Raum – immer noch als Tabu. Darum sollte man klä- Betreffenden auf subtile Weise beeinflussen, indem sie einen wunden
rende oder heikle Gespräche möglichst ohne „fremde Ohren“ führen, am Punkt aufzeigen. Entsprechend heftig kann die Reaktion des Beschimpf-
besten außerhalb von Siedlungen, damit der Gesprächspartner freier re- ten ausfallen.
den kann und nicht etwa das Gesicht verliert. • Streitgespräche, tamazagh, kommen äußerst selten vor, denn sie be-
dingen den gleichen sozialen Stand der Beteiligten. So wäre es undenk-
Gesprächsform und Wahrheitsanspruch bar, dass Junge mit Alten streiten – wohl aber Frauen mit Männern. Ein
solcher Streit kann für die Anwesenden durchaus Unterhaltungscharak-
Bei den Tuareg wird zwischen verschiedenen Gesprächssituationen un- ter haben, weil es dabei auch um die Form des Wettstreits geht. Auf
terschieden, die jeweils einen eigenen Umgang mit der Wahrheit er- kurzweilige Weise wird nach der Wahrheit gesucht, wobei eine Ent-
fordern. scheidung für das „Richtige“ zwar angestrebt, aber nicht unbedingt
durchgesetzt wird.
• Bei der schlichten Unterhaltung, edawane, geht es nur um Tratsch und • Im Gegensatz dazu steht die Diskussion, shawara, die auf ein prakti-
lustige Geschichten. Was erzählt wird, soll zwar wahr sein, doch wird es sches Ziel gerichtet ist, etwa die Entscheidung über die beste Route für
mit der konkreten Wahrheit nicht so genau genommen. Wagt man sich eine Reisegruppe oder über die Zukunft einer politischen Gemeinde.
zu weit vor, sind Rückzieher erlaubt, indem man etwa sagt „Ich habe nur Hier geht es sehr viel ernster, aber auch sehr viel ruhiger und zurückhal-
davon gehört“. tender zu, indem verschiedene Argumente über das Für und Wider ein-
• Berichtet man von alltäglichen Neuigkeiten, iselan, wird die Wahrheit gebracht und miteinander verglichen werden. Es wird versucht, ein kla-
erwartet und nicht die Verbreitung von Gerüchten. res Ja oder Nein zu umgehen, um den Spielraum möglichst lange mög-
• Sehr streng geht es beim Fragen, asestan, zu. Die Situation erinnert fast lichst groß zu lassen. Das Ziel der Diskussion ist, den optimalen Konsens
an ein Verhör: Dem Fragenden geht es um wichtige Informationen, etwa zu erreichen. Deshalb sollte im Zuge des Gesprächs auch niemandem
über den Verbleib seines Kamels. Hier werden klare Antworten erwartet. zu nahe getreten werden – im Gegensatz zu unseren parlamentarischen
Nichts zu wissen ist in diesem Fall besser, als etwas Falsches zu sagen. Diskussionen.
• Beim Ausfragen, aseggeyi, etwa wenn man sich als Fremder, ob Tourist
oder Forscher, einem Tuareg gegenüber als besonders interessiert zeigt, Zusammenfassend lässt sich die Haltung der Tuareg zu „Ja“ und „Nein“ in
ist mit großer Behutsamkeit vorzugehen, um nicht an Tabufragen zu rüh- der Weise auf den Punkt bringen, dass man weiter kommt und sich viele
ren. Während es noch angemessen ist, sich nach dem Wohlergehen von gefährliche Missverständnisse erspart, wenn man auf jeglichen Gewiss-
Frau und Kindern zu erkundigen, sind Fragen nach Konflikten oder Be- heitsanspruch verzichtet, sich in Geduld übt und den Augenblick
sitzverhältnissen zu unterlassen, weil sie einen absoluten Intimbereich be- genießt – Insh’ Allah – alles liegt in Gottes Hand ...
300 301
256-329 Als Fremder KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:43 Seite 302
Nonverbale Kommunikation großartige Kontaktchance sollte man nicht ungenutzt vergehen lassen,
ganz abgesehen davon, dass eine Ablehnung als Affront empfunden wer-
Normalerweise besteht zwischen Nomaden, von denen viele nur Ta- den würde. Als Fremder trägt man das Privileg der „Unkenntnis“, weshalb
maschek sprechen, und Touristen, die oft nicht einmal Französisch be- man in einer solchen Situation nur gewinnen kann und für den Mut zum
herrschen, eine schwierig zu überwindende Sprachbarriere. öffentlichen Auftritt viel Anerkennung erfährt.
Obwohl die nonverbalen Gesprächstechniken der Tuareg in mancherlei Heikel kann es indes werden, wenn man anerkennend auf Gegenstän-
Hinsicht den unsrigen widersprechen, funktioniert die Kommunikation be- de anderer zeigt. Hier kann es grobe Missverständnisse geben, bei-
sonders mit Kindern, Frauen und Schmieden auch ohne Worte bis zu ei- spielsweise zur fälschlichen Annahme, man wolle jemandem etwas schen-
nem gewissen Grad recht gut. Vorausgesetzt man beachtet einige Grund- ken oder etwas käuflich erwerben. Das zeigte die Erfahrung einer meiner
regeln. Reiseteilnehmerinnen, die überzeugt war, sie könne aufgrund ihrer gro-
Ziel des Austauschs sollte eine Annäherung im Sinne der Herstellung ei- ßen Reiseerfahrung mit den Nomaden problemlos nonverbal kommuni-
nes „guten Gefühls“ sein. Folgt man den modernen Theorien, dann be- zieren. Während einer Mittagspause besuchte sie auf eigene Faust Hir-
steht Kommunikation ohnedies zum überwiegenden Teil aus Körpersigna- tinnen, die in der Nähe lagerten und kehrte kurz darauf triumphierend zu-
len. Es geht somit nicht um den „Transfer“ irgendwelcher konkreter Inhal- rück. Sie zeigte uns einen Ring, den ihr eine junge Frau „geschenkt“ haben
te, als vielmehr um einen permanenten Feedbackprozess. Nach Ansicht sollte. Kurz darauf erschien die Nomadin und ließ über ein Crewmitglied
des Kybernetikers Heinz von Foerster kann Kommunikation als eine Art ge- fragen, ob die Dame den Ring behalten und dafür bezahlen wolle, sonst
meinsamer „Tanz“ verstanden werden. Wichtig dabei ist, ob man sich ge- möge sie ihn zurückgeben. Meine Versuche, die Teilnehmerin von ihrem
meinsam in eine Richtung bewegt oder ob man auseinander driftet. Wenn Missverständnis zu überzeugen und sie zur Bezahlung der erbetenen fünf
hier eine gemeinsame Basis gefunden wurde, ist das bereits ein großer Er- Euro für den Ring zu bewegen, führten dazu, dass sie den Ring wütend
folg und eine wichtige Voraussetzung, um in einem zweiten Schritt even- vor die Füße der Nomadin in den Staub warf. Die Hirtin hob ihn unter Trä-
tuell einen Übersetzer einzuschalten. nen vom Boden auf. Wir konnten die Situation einigermaßen retten, in-
Am besten funktioniert die Vermittlung elementarer Gefühle, die über dem unsere Crewmitglieder intervenierten und einige Gruppenmitglieder
alle Kulturen hinweg vertraut sind: Interesse, Respekt, Vertrauen und Freu- die weinende Nomadin mit aufmunternden Worten und kleinen Ge-
de. Dabei helfen grundlegende körperliche Kommunikationsmittel wie ein schenken trösteten.
zurückhaltendes Lächeln oder ein Zunicken. Dabei ist ganz wichtig, dem
Tuareg-Gegenüber immer nur kurz in die Augen zu blicken, weil der bei Körperkontakt ist tabu
uns als höflich geltende konzentrierte Augenkontakt bei Tuareg als ag-
gressiv und respektlos empfunden wird. In der Öffentlichkeit berühren sich Tuareg nur sehr selten, etwa beim Be-
Der Ausdruck von Fröhlichkeit ist selten unpassend. Selbst von einem grüßungsritual. Ansonsten pflegt man stets eine gewisse körperliche Dis-
amajegh wird man schlimmstenfalls für einen sympathischen Verrückten tanz. Der Austausch von Zärtlichkeiten in der Öffentlichkeit gilt als abso-
gehalten, doch auch die Noblen lachen gern, wenn auch etwas verhalte- lut tabu, auch für Paare. Eine gewisse Ausnahme gibt es wieder bei den
ner. Bei Kindern eignen sich Faxen und andere Späße als Kommunikations- Kreuzcousinen und -cousins, die sich im Scherz öffentlich „schlagen“ und
mittel. Erlaubt ist fast alles, was man selbst vertreten kann und was das La- necken dürfen. Sobald die beiden aber heiraten, wird jede Berührung zur
chen der Kinder fördert. Dazu muss man sie und die umstehenden Er- privaten Intimität.
wachsenen einfach im Auge behalten. Auch Lieder sind ein hervorragen- Anders ist die Situation bei Berührungen zwischen Personen gleichen
des Hilfsmittel zur Verständigung und Kontaktaufnahme. Daraus kann sich Geschlechts. So kann man in Städten beobachten, dass junge Männer,
mit Kindern ein regelrechter, enthusiastischer Sängerwettstreit entwickeln. vor allem ischomar, Hand in Hand gehen. Dabei handelt es sich lediglich
Die Teilnahme an einem spontanen oder organisierten tam-tam führt um den Ausdruck eines freundschaftlichen Verhältnisses, nicht etwa um
ebenfalls zu Anerkennung und Sympathie seitens der Zuschauer, ausge- eine homosexuelle Verbindung. Hier macht sich der Einfluss der arabi-
drückt in begeisterten, lachenden Gesichtern. Das kann so weit gehen, schen Lebensweise bemerkbar, bei der diese Umgangsform sehr verbrei-
dass man von den Anwesenden zum Tanz aufgefordert wird. Solch eine tet ist.
302 303
256-329 Als Fremder KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:43 Seite 304
Als Reisender genießt man das Privileg, außerhalb des Ehrenkodex zu ein gewisses Gespür dafür entwickeln, wie sein persönlicher Stil in einer
stehen. Dennoch sollte man sich mit Berührungen sehr zurückhalten und bestimmten Situation ankommt und ob eine Prise mehr oder weniger an
sich mit dem Begrüßungsritual begnügen. Offenheit oder Reserviertheit zum gewünschten Erfolg führt.
Expressiv oder reserviert? Typische Gesten
Das Auftreten der imajeghen ist darauf ausgerichtet, stets die Kontrolle Das Spektrum der „typischen“ Gesten, die auch Fremden gegenüber zum
über sich selbst zu bewahren, insbesondere in der Öffentlichkeit, gegen- Einsatz kommen, ist bei den Tuareg recht eingeschränkt. Die wohl wich-
über fremden Personen und in bestimmten sozialen Konstellationen, bei- tigste Geste ist das Hochziehen und Richten des tagelmust. Dabei han-
spielsweise in Gegenwart der Schwiegereltern. Dann zieht der Mann den delt es sich sowohl um eine Verlegenheitsgeste als auch um den Ausdruck
tagelmust bis zur Nasenwurzel und schweigt – die Frau richtet sich den der Distanzierung. Umgekehrt kommen mit dem Absinken des Schleiers
Schleier und blickt zu Boden. Sie sind bemüht, sich möglichst unauffällig die Gefühle zunehmender Sicherheit und Vertrautheit zum Ausdruck.
zu verhalten. Ein amajegh würde niemals in der Öffentlichkeit laut oder Will ein Tuareg jemandem deutlich machen, dass dieser sich annähern
schroff werden. Konflikte werden stets verhalten und in der privaten Sphä- möge, so wird mit der nach unten offenen Hand bei leicht ausgestrecktem
re ausgetragen. Allerdings gibt es auch hier Ausnahmen, insbesondere un- Arm nach unten gewunken, dabei werden die Finger ein wenig angewin-
ter den ischomar. kelt. Auf den ersten Blick wirkt dies für uns Europäer, als wolle der Betref-
Je vertrauter man einander ist und je geringer die soziale Kontrolle wirkt fende uns verscheuchen.
(weil man etwa abseits des Dorfes lagert), desto mehr können die Tuareg
078tr Foto: hf
aus sich herausgehen – manche entpuppen sich gar als wahre „Stim-
mungskanonen“. In entsprechender Situation und wenn die soziale Stel-
lung es erlaubt, kann das auch in der Öffentlichkeit vorkommen: Der ta-
gelmust sinkt immer tiefer und gibt irgendwann ein breites Lachen preis.
Jugendliche zeigen, welches Temperament und welche Kraft in ihnen
stecken, indem sie so richtig „ausflippen“ und wild stampfend tanzen.
Wird ein amajegh erwachsen, reduziert sich sein Tanz auf ein einfaches,
dezentes Heben und Senken der Füße.
Viele Tuareg-Mädchen sind exzellente Sängerinnen. Während der Zie-
genweide singen die Hirtinnen gern, um sich die Zeit zu vertreiben und
um die Einsamkeit zu vergessen. Im Dorf würden sie jedoch niemals zum
Vergnügen vor sich hinträllern, weil es sich „nicht schickt“. Hier ist das Sin-
gen nur in einer Gruppe während eines Festes erwünscht und möglich.
Den Deutschen wird oft nachgesagt, sie seien reserviert und distanziert:
Vielleicht ist dies der Grund, warum sich Deutsche und Tuareg recht gut
verstehen, denn ihre Vorstellungen von Distanz ähneln einander sehr. Ob
sich das so verallgemeinern lässt, ist freilich die Frage, denn Österreicher
gelten wiederum als „charmant“ und offen und sind bei der Kommunikati-
on mit Tuareg nicht weniger erfolgreich. Letztlich muss aber jeder für sich
### Autor: Bitte BU ergänzen### Autor: Bitte BU ergänzen
304 305
256-329 Als Fremder KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:43 Seite 306
Nicht zu verkennen ist das zumeist scherzhaft gemeinte „Nein“, bei ist, umso mehr, je abgelegener und vom Tourismus unbehelligt sie leben.
dem der Zeigefinger in die Höhe gestreckt und hin und hergeschwenkt Denn bei Nomaden herrscht die Kamelzeit. Wenn jedoch eine Trekking-
wird. Dabei wird zur Unterstreichung der Verneinung gern auch das Wort tour begonnen werden soll, halten die Tuareg die vereinbarten Treffpunk-
kai oder kal wiederholt. Diese Geste wird jedoch üblicherweise nur dann te und Zeiten verbindlich ein: Hier geht es schließlich ums Geschäft. Wäh-
verwendet, wenn es um nichts Wichtiges geht. rend der Tour hingegen gilt wieder: Erst kommen die Bedürfnisse der
Kamele. Ein morgendlicher gemeinsamer Aufbruch von Wanderern und
Insh’ Allah – Vom Umgang mit Zeit Gepäckkamelen um eine bestimmte Zeit ist nicht zu bewerkstelligen,
schließlich müssen die Tiere erst eingesammelt und gesattelt werden. All
Tuareg sind Risikomanager, neben dem Vieh ist ihr wichtigstes Kapital die das beansprucht ein unkalkulierbares Maß an Zeit. Ist die Karawane aber
Zeit. Je mehr Zeit vergeht, desto mehr „Zinsen“ bringen ihre Herden in erst einmal unterwegs, so ist sie trotz ihrer gemächlichen vier km/h viel
Form von Jungen. Mit der Zeit kommt – hoffentlich – auch der Regen. Ge- schneller als die interessierten Touristen, die immer wieder schauen, foto-
gen Risiken wie Klimakatastrophen, Krankheiten oder Unfälle wappnen grafieren, rasten und genießen. So ist ein zeitversetzter Abmarsch in der
sich die Tuareg, indem sie ihren Viehbestand langfristig aufbauen und zu- Regel kein Problem.
sätzlich in verschiedene andere Wirtschaftsbereiche investieren. Um aber
die immer wieder eintretenden Verluste verschmerzen zu können, bedarf Zeitkonflikte mit Reisegruppen
es auch des Gottvertrauens und großer Gelassenheit. Diese Haltung wirkt Auf motorisierten Rundreisen dominiert notwendigerweise die touristi-
sich auf den Umgang mit Zeit aus. Es gibt keine Planungen und Erfolgs- sche Zeitkultur mit ihrem Zeitdruck. Doch obwohl sich ein Tuareg-Führer
versprechen ohne das einschränkende Insh’ Allah – denn letztlich kann „vertraglich“ verpflichtet hat, kommt es beim Zeitmanagement von Tou-
man nie wissen, was kommt. ren gelegentlich zu Diskrepanzen zwischen touristischer und Tuareg-Zeit-
Fixe Uhrzeiten spielen nur in den Siedlungen eine Rolle: wenn es um kultur. Die Ursache liegt oft im überladenen Tourprogramm, wodurch
das gemeinsame Gebet in der Moschee, um den Schulbeginn oder um eine Reise zum „Galopp durch die Attraktionen“ wird. Da bleibt weder
die Öffnungszeiten von Ämtern geht. Pünktlichkeit als Kulturtechnik ist so- Zeit für die Begegnung mit Nomaden noch für Einkäufe. Dieser Fast-Food-
mit eine urbane Erscheinung. Tourismus führt bei den Tuareg zu der Vorstellung, die Europäer wollten
nichts mit den Einheimischen zu tun haben und würden darum einfach
Kamele haben keine Uhren ... weiterfahren. Die sorgfältige Planung einer Rundreise mit zeitlichen Spiel-
Zeitvereinbarungen werden darum auch nur sehr bedingt ernst genom- räumen ist daher die Grundbedingung für eine Annäherung an die Bevöl-
men. „Morgen“ kann „irgendwann in der näheren Zukunft“ bedeuten. kerung. Dies gilt besonders für die Einladung zum Tee, der man nur folgen
Der „Nachmittag“ wird im französischsprachigen Sahel nicht entspre- sollte, wenn man genug Zeit für die obligaten drei Gläser hat: Davor auf-
chend après-midi genannt, sondern soir (Abend). Bereits ab 13.00 Uhr zubrechen wäre eine schwere Beleidigung. (Näheres im Kapitel „Gast-
grüßt man sich daher mit bon soir (Guten Abend). Ein Treffen „am Nach- freundschaft“.)
mittag“ (le soir) kann darum zwischen frühem Nachmittag und Sonnen- Das mangelnde Verständnis der Führer für die Bedürfnisse der
untergang stattfinden. Es könnte schließlich etwas dazwischen kommen, Touristen kann ebenfalls zu Problemen führen. So pflegen Tuareg wäh-
etwa ein launisches Kamel, das sich nicht einfangen lassen will. Das Vieh rend der Mittagshitze sehr lange Pausen einzulegen, die bei aktiven Rei-
bestimmt die Zeit der Nomaden. Ein „guter“ Hirte, der nach einem senden zu Langeweile und Verdruss führen können. Wird dann nicht
verirrten Kamel sucht, ist nicht einmal bereit, einer Einladung zum Tee zu rechtzeitig zum Sonnenuntergang in den Dünen aufgebrochen, dem ge-
folgen: Er will nur das Tier wiederfinden. Die Suche wird dann so lange planten Höhepunkt der Tour, dann werden sogar eingefleischte „Tuareg-
dauern, wie sie eben dauert, Insh’ Allah. Fans“ ungeduldig. Das Verständnis von Zeit als Faktor für das „richtige
Diese an sich sinnvolle Haltung kann in der Zusammenarbeit mit einer Fotolicht“ ist unter Tuareg nicht sehr ausgeprägt. In solchen Situationen
Reisegruppe zu Konflikten führen, denn deren Reise folgt in der Regel ei- lässt sich nur Ruhe bewahren, Verständnis für die Zeitvorstellungen der
nem vertraglich festgelegten Programm. Die Spannungen lassen sich nur Nomaden signalisieren, zugleich aber auch die eigenen Wünsche ver-
in der Weise lösen, als die Zeitkultur der Einheimischen zu respektieren deutlichen.
306 307
256-329 Als Fremder KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:43 Seite 308
Werte respektieren Die hier empfohlenen Verhaltensweisen sollen dazu beitragen, die Kon-
taktchancen seitens der Reisenden zu mehren und Konflikt- und Rei-
Obwohl die Tuareg sich stark über ihre Werte definieren und diese bei- bungspunkte zu vermeiden. Je besser man sich anpasst, desto leichter fällt
spielsweise in Form ihrer Kleidung auch zum Ausdruck bringen, sind sie es den Einheimischen, auf die Fremden zuzugehen. So erspart man sich
sehr liberal. Die Erfahrung zeigt, dass Intoleranz erst dort an Einfluss ge- viele Probleme und gewinnt leichter Freunde. Heinrich Barth hat mithilfe
winnt, wo Werte und Weltbilder ins Wanken geraten. Fundamentalismus dieser Strategie als einziger Forscher eine mehrjährige Forschungsreise
ist somit auch ein Ausdruck sozialer und kultureller Verunsicherung. Da- durch den Sudan überlebt, während seine Kollegen nicht nur Krankheiten,
rum neigen bei den Nomaden vornehmlich zwei Gruppen zur Einforde- sondern auch Überfällen und Mordanschlägen zum Opfer fielen.
rung traditionsgemäßer Äußerlichkeiten:
Angemessene Kleidung
• Die marabouts und Lehrer: Sie sind aufgrund ihrer gesellschaftlichen
Stellung zu Vermittlern und zugleich auch „Wächtern“ der Werte beru- „Falsche“ Bekleidung gilt als typisches „Vergehen“ unangepasster Touris-
fen. Eine kritische Haltung gegenüber unangemessenem Verhalten wird ten. Für Tuareg stellt es kein Problem dar, wenn ein weiblicher Busen zu
von ihnen geradezu erwartet. sehen ist, weil er nicht als Sexualmerkmal betrachtet wird, sondern als
• Ischomar und urbanisierte Tuareg: Sie haben sich bereits weit von „Versorgungsquelle“ der Babys. Dagegen sind unbedeckte Knie tabu.
den traditionellen Lebensformen und Werten entfernt, fühlen sich oft Shorts werden von den Tuareg als Unterhosen angesehen. Darum sind
entwurzelt und sehnen sich nach verlässlicher Orientierung. Jene Tua- weite, lange Röcke und Hosen den Miniröcken und Shorts vorzuziehen.
reg, die in der „modernen Welt“ Karriere machen, leben postmoderne Sie bieten gleichzeitig den Vorteil, die Haut vor der aggressiven Sonne zu
Werte wie Individualität, Liberalität und Flexibilität, sehnen sich aber schützen.
manchmal nach der „guten alten Zeit“. Die Mitglieder dieser Diaspo- Aus Sicht der Tuareg verhalten sich Österreicher und Deutsche sehr
ra debattieren gern in Internetforen über die Veränderungen „ihrer“ sensibel gegenüber kulturellen Kleidungsregeln, neigen aber im Gegen-
Tuareg-Welt und verurteilen das „ungebührliche“ Verhalten mancher zug zu Ungeduld, Neugier und Pedanterie, während Reisende aus Frank-
Touristen. reich und Italien eher „locker“ sind, was sich auch in ihrer sparsamen Be-
kleidung widerspiegelt. So beobachtete ich eine ältere Französin, die sich
Die meisten traditionell lebenden Tuareg, die um ihren festen Platz in „ih- am „Pool“ von Timia vor den Augen von Kindern und Schmieden splitter-
rer“ Welt wissen, stoßen sich in der Regel kaum am Verhalten der Tou- nackt auszog. Sie versuchte sich damit zu rechtfertigen, dass sie ein No-
risten, mag ihnen dieses auch noch so seltsam erscheinen. Unpassende madenschulprojekt unterstützt hätte und nun Urlaub machen wolle.
Kleidung der Touristen, aufdringliches Fotografieren und willkürliches Nur wenige Tuareg fühlen sich durch einen derartigen Anblick in ihrem
Verteilen von Geschenken sind den Nomaden weitgehend gleichgültig. religiösen Empfinden oder in ihrem Schamgefühl verletzt. Manche Tuareg-
Dagegen möchten sie alle immer mehr vom Tourismus profitieren, ob Frauen mögen zwar in der aufreizenden Kleidung der Touristinnen eine
durch den Verkauf eigener Produkte oder durch Kontakte nach Europa. sexuelle Provokation ihrer Männer sehen, die meisten Tuareg aber spielen
Touristen stehen als „Fremde“ natürlicherweise außerhalb der eigenen „Nacktheit“ als notwendiges Übel oder akzeptablen Preis für lebenswich-
Werteordnung, sodass man ihnen in der Regel mit großer Toleranz be- tige Verdienstchancen herunter. Dabei reagieren ältere kel tamaschek ten-
gegnet. denziell sensibler als junge, die naturgemäß toleranter und auch neugieri-
Diese „Sympathie“ gegenüber Touristen beginnt erfahrungsgemäß ger sind.
erst dann zu kippen, wenn die Fähigkeit der Bevölkerung zur Integration Als Faustregel gilt: Nackte Beine behindern im Allgemeinen die Entste-
der Fremden überfordert wird. Dann reagieren die Menschen mit Ab- hung gegenseitiger Sympathie, weil sie mangelnden Respekt gegenüber
lehnung oder gar Widerstand. Davon ist man aufgrund des noch relativ den traditionellen Werten der Nomaden signalisieren. Vor allem in den
geringen Tourismusaufkommens bei den Tuareg weit entfernt, weshalb Siedlungen schadet es nicht (schon allein der Sonne wegen), Arme und
hier die Begegnung mit einer gelebten, traditionellen Nomadenkultur Schultern ebenfalls zu verhüllen. Allerdings sieht man nackte Arme oft
noch möglich ist. auch bei arbeitenden Tuareg-Frauen.
308 309
256-329 Als Fremder KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:43 Seite 310
079tr Foto: hf
solchen Situationen ziehen sich Tuareg hinter ihren tagelmust zurück. Da-
rum empfiehlt es sich, bei der Ankunft in einem Hirtenlager oder Dorf erst
einmal die Kamera beiseite zu lassen und Kontakte aufzubauen, bis die
Kommunikation fließt. Danach wird das Fotografieren eher als Anerken-
nung, denn als Überfall empfunden.
Bei Festlichkeiten sind Fremde als Gäste sehr willkommen. Die Men-
schen sind stolz auf ihre Kultur und die Reit- und Tanzkünste ihrer Ange-
hörigen. Darum sehen es die Tuareg auch als normal an, wenn auf ihren
Festen fotografiert wird. Diese (fotografische) Form der „Anerkennung“
sollte jedoch nicht überstrapaziert werden, sodass die eigentlichen Akteu-
re des Festes in der Menge der geschäftigen Fotografen untergehen.
Eine gewisse Vorsicht ist beim bianou in Agadez geboten. Bei diesem
karnevalsartigen Fest kann es recht wild zugehen, weshalb man als Foto-
graf stets einen gewissen Sicherheitsabstand von der ausgelassenen
Menge halten sollte. Sonst könnte schon mal die Kamera zu Bruch gehen.
Besuch von Moscheen
Fotografieren Die berühmtesten Moscheen der Tuareg stehen in Timbuktu (Djinger-Ber
und Sankoré) und in Agadez (Amiskini). Sie wurden im Mittelalter auf Ge-
Entgegen der verbreiteten Kritik an der „Fotografierwut“ der Touristen ha- heiß von Lokalheiligen errichtet und sind heute die religiösen Zentren und
ben die Tuareg relativ wenig Probleme damit: Wer die Funktion von Ka- Mittelpunkte der großen Feiern in diesen Städten. Die Einwohner sind
meras bereits kennt und gewisse Erfahrungen mit dem Fremdenverkehr sehr stolz auf ihre Sakralbauten. Europäern, ob Männern oder Frauen, ist
hat, betrachtet schöne Fotos von gut aussehenden Nomaden als die beste der Besuch der Moscheen nicht nur erlaubt, er wird in gewisser Weise so-
Werbung für den Tuareg-Tourismus. Woran sich manche Tuareg sehr wohl gar erwartet. Denn zum einen wird ständig Geld für die Reparatur der
stoßen, sind Bilder von nackten oder schmutzigen Kindern: Dadurch Lehmbauwerke benötigt, weshalb für die Besichtigung manchmal ein An-
könnte der Eindruck entstehen, Tuareg würden ihre Kinder vernachlässi- erkennungsentgelt von 1–2 Euro pro Person erwünscht ist, – zum anderen
gen. Im Übrigen ist der Verdacht verbreitet, Touristen würden mit ihren fühlen sich manche Hausmeister oder Wächter der Moscheen vom Inte-
„schönen Tuareg-Fotos“ Geschäfte machen, ohne die Abgebildeten in ir- resse der Europäer auch geschmeichelt.
gendeiner Weise am Gewinn zu beteiligen ... Für einen Besuch der Amiskini-Moschee in Agadez muss eine offizielle
Grundsätzlich kann die Kamera als ein hervorragendes Mittel zur non- Genehmigung des Sultans eingeholt und ein Obolus an den Moschee-
verbalen Kontaktvertiefung und der freundlichen Verständigung einge- wächter entrichtet werden. Die Sankoré-Moschee in Timbuktu beherbergt
setzt werden. So können digitale Portraitaufnahmen dem „Modell“ unver- zugleich die alte Universitätsbibliothek. Die Minarette der Djinger-Ber-
züglich gezeigt werden, was stets große Freude bereitet. Kinder lieben es, Moschee (Timbuktu) und der Amiskini-Moschee können bestiegen
durch das Zoomobjektiv blicken zu dürfen. Das setzt jedoch voraus, dass werden. In Agadez führt eine Wendeltreppe auf die enge Plattform der
bereits ein gewisses Vertrauen zwischen Tourist und Einheimischen her- Minarettspitze, wo kaum zwei Personen gleichzeitig Platz finden. Ludwig
gestellt wurde. Zöhrer beschrieb in den 1950er-Jahren das Erklimmen der „beängstigend
Leider wird die Kamera häufig in recht aggressiver Weise eingesetzt,
beispielsweise indem das fotografische Interesse einer ganzen Reisegrup-
pe in einem unkontrollierten „Feuergefecht“ eskaliert. Dann dient die
Kamera nicht mehr der Kommunikation, sondern behindert sie eher. In ### Autor: Bitte BU ergänzen
310 311
256-329 Als Fremder KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:43 Seite 312
steilen, engen und finsteren Treppen im Inneren des Minaretts“ als ein wird man hingegen bestens versorgt. Auch die Crewmitglieder handha-
Abenteuer, doch von oben bietet sich ein fantastischer Ausblick auf „das ben das Fastengebot zumeist sehr leger, sind sie doch „auf Reisen“. Be-
Wabenwerk der Lehmhäuser mit den Flachdächern (und) das Durchei- merkbar macht sich der Ramadan manchmal gegen Ende der Tour, wenn
nander der Gassen (...)“. die Tuareg-Crew bei Nomaden einen Hammel kauft, schlachtet und aus-
Für den Besuch der Moscheen gilt dieselbe Regel wie für den Aufenthalt nimmt, um sich nachts, sobald die Reisegruppe versorgt ist, gemeinsam
im Einzugsbereich von Siedlungen: Es sollte lange, den ganzen Körper ver- richtig „voll“ zu essen. Dann sollte man am nächsten Morgen Nachsicht
hüllende Kleidung getragen werden. Vor dem Betreten der Gebetsräume mit den Männern üben.
sind aus Hygienegründen die Schuhe auszuziehen. Besonders wenn Men-
schen im Gebet sind, sollte man sich ruhig verhalten, mit der Kamera Konversation mit Feingefühl
höchste Zurückhaltung üben und den Anweisungen der Wächter Folge
leisten. Das direkte Gespräch erlaubt den intensivsten und interessantesten Ge-
Die in Nomadengebieten typischen „Moscheen“ sind gesäuberte, von dankenaustausch mit Tuareg. Spricht man etwas Französisch, so stehen
Steinen umrahmte Plätze sowie einfache Bethäuser aus Holz und Steinen. einem in Städten und bei jüngeren, etwas gebildeten Tuareg alle Türen of-
(Siehe auch das Kapitel „Der,typische‘ Islam bei den Tuareg“.) Sie befin- fen. Im Nomadenlager ist man auf einen Tamaschek-Übersetzer angewie-
den sich oft an „heiligen Orten“ und sollten nicht betreten werden, foto- sen, der als eine Art „menschlicher Filter“ vor Tabuverstößen bewahrt.
grafieren dürfte jedoch kein Problem sein. Nun gilt man als Europäer ohnedies als ikufar, als Ungläubiger, der die Re-
geln des Islam nicht kennt. (Siehe dazu auch das Kap. „Der Blick auf das
Reisen während des Ramadan Fremde“.) Um diese Meinung nicht unnötig zu bestätigen, sollte man all
jene Themen meiden, die die Intimsphäre betreffen: Sexualität, persönli-
Die Bedeutung des Ramadan wurde bereits in den Kapiteln über den Is- che Hygiene und jegliche Konflikte. Über derartige Belange wird auch
lam bei den Tuareg beschrieben. Wie aber wirkt sich dieser Fastenmonat zwischen traditionellen Tuareg kaum gesprochen. Offener sind jüngere,
auf das Reisen in Tuareg-Gebieten aus? In den Ortschaften ist das öffentli- urbane Tuareg und Reiseführer während einer Rundreise. Dennoch rate
che Leben tagsüber stark reduziert. Alles verläuft in einem langsameren ich stets zu Fingerspitzengefühl und Behutsamkeit, um dem Gesprächs-
Rhythmus, man trifft sich in der Moschee zum gemeinsamen Gebet und partner stets die Chance zu lassen, heiklen Themen ohne Gesichtsverlust
wartet auf den Sonnenuntergang, um endlich ausgiebig essen, trinken und auszuweichen.
feiern zu können. Restaurants, Bars und sonstige Gaststätten verlängern Vor einigen Jahren zeichnete sich eine Dame in meiner Reisegruppe
ihre Öffnungszeiten bis in die Nacht hinein. Gegessen werden als durch besonders intensive Kontaktaufnahme zu den Einheimischen aus.
Vorspeise Datteln mit Milch, um den Magen zu beruhigen (die im Orient Während der Trekkingtour hielt sie sich oft in der Nähe unseres Führers Ka-
verbreitete Ansicht, wonach der Prophet Mohammed damit das Fasten be- lala auf, einem alten Karawanier. Eines Abends berichtete sie der Gruppe,
endet habe, ist den meist koranunkundigen Nomaden unbekannt), und Kalala habe ihr die unter Tuareg üblichen Methoden des Geschlechtsver-
danach möglichst viel Hirsebrei. Bei den kel ahaggar wird eine traditionel- kehrs und der Notdurftverrichtung erläutert. Ich war verblüfft, denn
le Gemüsesuppe serviert. Die Nomaden essen auch unabhängig vom Ra- gerade diese Themen gelten unter älteren Tuareg als absolut tabu. Als ich
madan tagsüber selten etwas und nachts gibt es – wie sonst auch – nur bei Kalala nachfragte, wie er, der nur Tamaschek spreche, sich mit jener Da-
Hirsebrei. me verständige, bedauerte er, dass er wegen zu großer Sprachschwierig-
Fällt die Reisezeit in den Ramadan, so kommt man in den Ortschaften keiten gar nicht mit ihr gesprochen hätte. Als ich ihm schilderte, in welche
tagsüber nur schwer zu Nahrung, weil die wenigen Geschäfte und die sel- Geheimnisse er die Dame eingeweiht haben soll, amüsierte er sich könig-
tenen Restaurants zumeist geschlossen haben. Darum sollte man sich ent- lich. Dank seiner reichen Erfahrung im Umgang mit Touristen nahm er diese
sprechend bevorraten. Brunnen sind hingegen jederzeit zugänglich und Episode mit Humor. Offensichtlich musste wohl die Touristin in ihrer großen
auch Trinkwasser wird einem niemals versagt werden, denn Reisende sind Freude an der versuchten Kommunikation nonverbale Signale völlig miss-
ja vom Fastengebot ausgenommen. Allerdings sollte man nicht unbedingt verstanden haben. Denn eher würde ein traditioneller Tuareg sich die Zun-
vor den Augen der Fastenden essen oder rauchen. Auf einer Pauschalreise ge abbeißen, als mit einer europäischen Frau über Sex zu plaudern ...
312 313
256-329 Als Fremder KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:43 Seite 314
Ein sehr offen diskutiertes Thema ist der Islam. Dabei wird von Europä- Als Mann (ob Tuareg oder Europäer) eine Tuareg-Frau anzusprechen
ern häufig angenommen, sie seien Atheisten. Dass man sich als Christ aus- und umgekehrt ist – im Gegensatz zu anderen muslimischen Gesellschaf-
gibt, beeindruckt die Tuareg nicht sonderlich. Im Gespräch rate ich den- ten – keinesfalls verpönt. Tuareg-Frauen sind sehr selbstständig und tre-
noch zur Zurückhaltung, denn nur wenige Tuareg verfügen über fundierte ten recht selbstbewusst auf. Sie flirten auch gern und heftig. Davon
Islamkenntnisse. Im Zweifel empfiehlt es sich, eher zuzuhören, als eigene berichtete Heinrich Barth, der in Agadez von sechs Mädchen in übermüti-
Meinungen kundzutun. ger Weise bedrängt wurde. Vergleichbares widerfuhr auch mir, als mich in
Problematisch sind die Bereiche Politik und Identität besonders bei Timia ein junges Mädchen besuchte, während ich ein Interview führte. In
jüngeren Menschen, die einem starken sozialen Wandel ausgesetzt sind. Parfum gehüllt und lächelnd umtänzelte sie mich, während sie ein hüb-
So findet die Rebellion der ischomar unter jüngeren, städtischen Tuareg sches Tuch schwenkte und mir zulächelte. Um meine Irritation zu verber-
großen Anklang. Viele von ihnen haben die Kämpfe unterstützt und sind gen, konzentrierte ich mich auf meinen Interviewgast. Möglicherweise
darum diesem Thema emotional stark verhaftet. Im Zweifel sollte man den habe ich die junge Dame damals gekränkt, aber auch ein ikufar (Fremder,
begeisterten Schilderungen kommentarlos, bestenfalls Verständnis signa- Europäer) hat Anspruch auf den Respekt seiner Intimsphäre.
lisierend, lauschen, denn letztlich hat man als Außenstehender keinen Versucht man – wenn auch in guter Absicht – die Grenzen zwischen
wirklichen Einblick in das Erlebte eines Betroffenen. Auch ist die Rebellion Männer- und Frauenwelten aufzulösen, so kann dies zu peinlichen Situa-
durch die jüngsten Ereignisse in Mali und im Niger wieder aktuell, weshalb tionen führen. Meine Frau und ich hatten im Bergdorf Timia aus Anlass
auch die Gefahr besteht, im scheinbar einvernehmlichen Gespräch an unseres Weihnachtsfestes ein Festessen vorbereitet und die traditionell ge-
den „Falschen“, etwa einen Vertreter der Behörden oder des Militärs, zu prägte Tuareg-Familie eingeladen, in deren Lehmhütte wir zur Miete
geraten. Eine offene Befürwortung der Rebellion könnte dann zu unange- wohnten. Dazu versammelten sich Männer, Frauen und Kinder gemein-
nehmen Schwierigkeiten führen. sam in einem Raum. Doch trotz der von uns servierten Leckereien wollte
bei unseren Gästen keine rechte Stimmung aufkommen. In dieser Kon-
Männerwelten – Frauenwelten stellation zu essen, widersprach ganz einfach ihrem Schamgefühl. Aber
unsere Gäste übten Nachsicht. Wir waren eben doch nur ikufar ...
Wie in den meisten traditionellen Gesellschaften herrscht bei den Tuareg
weitgehende Geschlechtertrennung, die etwa in Moscheen oder bei Fes-
ten auch konsequent umgesetzt wird. Gegenüber Europäern wird jedoch Gastfreundschaft
so viel toleriert, wie es in anderen muslimischen Gesellschaften kaum vor-
stellbar wäre. Davon profitieren besonders westliche Frauen, die Zutritt „Dein Nachbar ist dein guter Engel“, sagt ein Tuareg-Sprichwort, denn in
sowohl zu den Frauen- als auch den Männerwelten haben. Die Forscherin der Wüste überlebt man auf Dauer nur mit gegenseitiger Hilfe. Bei den
Ines Kohl beschreibt in ihrem Buch „Tuareg in Libyen“ den Prozess der Ein- Nomaden ist der Begriff des Nachbarn sehr weitläufig und dem des Gas-
gliederung in „ihre Familie“ in Ghat. Während sie sich zu Beginn weitge- tes ähnlich. Im Islam, der sich aus dem Nomadismus entwickelt hat, gilt
hend frei in allen gesellschaftlichen Schichten bewegen konnte, wurde mit darum das Gastrecht als „heilige Pflicht“. Der Legende nach soll Abra-
fortschreitender Zeit auch von ihr die Berücksichtigung der sozialen Nor- ham drei Engel Allahs bewirtet haben. Wer einen Gast nicht aufnimmt,
men und Beschränkungen erwartet, eben weil sie dann als eine kel ghat droht Allah zu erzürnen und seinen Platz im Paradies zu verspielen.
betrachtet wurde. Dennoch konnte sie sich als westliche Frau auch jetzt Gegenseitige Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft erzeugen sozia-
noch viel zwangloser im öffentlichen, den Männern vorbehaltenen Raum len Zusammenhalt. Das Gastrecht ist eine Art Sozialversicherung auf Ge-
bewegen als die Tuareg-Frauen. genseitigkeit: Nur wer bereit ist, seinerseits Fremden Hilfe zu gewähren,
Europäische Männer sind im Vergleich zu westlichen Frauen etwas be- kann auch selbst im Fall der Fälle mit Unterstützung rechnen. Darüber
nachteiligt. Auch ich traf in Timia nur schwerlich Frauen ohne adäquate hinaus kann in der Wüste das verwehrte Gastrecht, etwa der Zugang zu
männliche Begleitung. Entweder waren dies ältere Hirtinnen, die mich einem Brunnen, den Tod des Fremden verursachen.
nach einiger Zeit als eine Art Verwandten betrachteten , oder es waren Andererseits können sich Fremde auch als Räuber entpuppen und das
Schmiedefrauen, die außerhalb des Asshak-Kodex praktisch „alles“ dürfen. Überleben des Gastgebers bedrohen. Heinrich Barth wurde beispielswei-
314 315
256-329 Als Fremder KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:43 Seite 316
080tr Foto: hf
se während seiner Reise ins Aïr von Tuareg besucht, die sich erst großzü-
gig bewirten ließen und dann die Europäer auszurauben versuchten. Da-
rum muss der Gastgeber stets abwägen, ob ein unerwarteter Gast eine
Gefahr darstellt oder ob er ihm einen „Mehrwert“ verschaffen wird. Die-
ser Profit kann in Form von Gastgeschenken oder Handelsgewinnen
erfolgen, aber auch ideell als Unterhaltung und Information, Integration
und Prestige. Am wichtigsten ist jedoch der mittelbare und längerfristige
„Mehrwert“ in Form zukünftiger Gegeneinladungen oder dauerhafter
Handels- oder Tourismusbeziehungen. Insofern ist die absolute Gast-
freundschaft der Orientalen nur ein Mythos der romantisierenden „Sehn-
suchtsliteratur“: Unsere Sehnsucht nach einem friedvollen Paradies, in
dem wir überall willkommen sind und geliebt werden, spiegelt sich hier
wider.
Herzlich willkommen
Tuareg lieben Besucher, denn diese sorgen für willkommene Abwechs-
lung in einem monotonen Alltag. Besucher bringen Neuigkeiten und ge-
stalten die abendliche Unterhaltung interessanter, selbst wenn es schwer
zu verstehende Westler sind. In den Augen der Tuareg kommen wir aus ei-
ner fernen, sehr reichen und fortschrittlichen Welt und haben sicher viel
zu erzählen. Einen Europäer zu beherbergen, ist auch mit Ansehen ver-
bunden. Wird man etwa auf eine Hochzeit in einer fremden Tuareg-Fami-
lie eingeladen, sollte man dieses Angebot möglichst annehmen, denn die Teerunden
Gastgeber erwerben mit dem exotischen Gast Prestige.
Bei traditionell geprägten Tuareg verbirgt sich nutzenorientiertes Den- Mit der Einladung zum Tee kann einem Gast eine große Ehre oder auch
ken noch stark hinter allgemeinen Verhaltensregeln. Ähnlich wie ein „gu- nur eine routinierte Höflichkeit zuteil werden. Der ashahi mit den obliga-
ter Christ“ Hilfsbereitschaft offiziell aus „Mitgefühl“ zu leisten hat, um ten drei Runden süßen grünen Tees ist das wichtigste Zeichen der Gast-
nicht als berechnend zu gelten, so gewähren auch Nomaden das Gast- freundschaft unter den Tuareg. Er dient als Vorwand, um den Reisenden
recht vordergründig aufgrund ihres Ehrenkodex und erst in zweiter Linie zum Verweilen und zum angeregten Gespräch zu verpflichten. Es gilt als
aufgrund der religiösen Regel im Islam. Würde das Gastrecht in Konflikt äußerst unhöflich, eine von Privatleuten ausgesprochene Einladung zum
mit anderen Werten geraten, so greifen hierfür feste Regeln. Wurde etwa Tee abzuschlagen, wie auch vor dem dritten Glas aufzubrechen. Wird hin-
der besuchte Nomade gerade beim Essen überrascht, dann wird er den gegen der ashahi in einem Geschäft angeboten, das sich auf Touristen
Schleier hochziehen und dem Gast den Rücken zukehren, als hätte er ihn spezialisiert hat, dann wird dort auch das „klassische Touristen-Gesetz“
nicht gesehen – oder er wird das Essen fort schieben. Denn es wider- respektiert: die ewige Eile! Die Annahme einer Tee-Einladung verpflichtet
spricht dem Wertekodex der Scham, tekarakit, beim Essen von anderen übrigens keineswegs zu einem Kauf.
beobachtet zu werden. Auf Rundreisen, wo der ashahi in der Regel nach jedem Mittag- und
Abendessen gereicht wird, ist es kein Problem, wenn jemand nur gele-
gentlich ein einzelnes Glas starken Tees genießt. Andererseits kann man
durch das regelmäßige gemeinsame Ashahi-Ritual der Tuareg-Mannschaft
### Autor: Bitte BU ergänzen### Autor: Bitte BU ergänzen ganz unkompliziert näher kommen.
316 317
256-329 Als Fremder KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:43 Seite 318
Einladung in ein Zelt oder Haus der Tuareg nem begegnen, mit ein paar freundlichen Worten: Meist werden die Ehe-
frau und die Kinder präsentiert. Hier kann man ruhig das eine oder andere
Das Zelt stellt das Zentrum des Tuareg-Universums dar, den innersten und höfliche Kompliment über Kinder und Ehefrau anmerken. Wenn der Besu-
intimsten Bereich einer Nomadenfamilie, der für Fremde in der Regel ta- cher Fotos von der Familie machen möchte, sollte er sie möglichst dem
bu ist. Allerdings gibt es bei den Tuareg unterschiedliche Kategorien von Gastgeber später zukommen lassen. Sehr bald werden Essen oder zumin-
Fremden – entsprechend des Vertrautheitsgrades –, für die jeweils unter- dest die drei Runden Tee serviert.
schiedliche Verhaltensregeln gelten. Vorausgesetzt man spricht eine gemeinsame Sprache (etwa Franzö-
sisch) oder man hat einen Dolmetscher dabei, werden vom Besucher Bei-
Der Fremde träge zur Unterhaltung erwartet. Besonders interessieren Berichte über
Ein amagar ist ein völlig Fremder, zu dem niemand eine Beziehung hat die eigene Lebenswelt: den Familienstand, Details über Kinder oder –
und über den man nichts weiß. Ein amagar wird normalerweise nicht ins wenn man selbst keine hat – die Kinder der Verwandten, den Beruf, das
eigene Haus oder Zelt eingelassen, außer wenn es sich um besondere, Klima und sonstige alltägliche Belange aus Europa, die den Tuareg jedoch
der Öffentlichkeit zugängliche Häuser handelt. außergewöhnlich erscheinen. Dazu empfiehlt es sich, eine Sammlung von
So gibt es beispielsweise in Agadez das „Haus des Bäckers“, das über Fotos der Familie und des eigenen Lebensraumes mitzuführen. Dies wird
eine ungewöhnliche, wunderschön dekorierte Innenarchitektur verfügt. auf neugieriges und dankbares Echo stoßen. Erst nach dem dritten Glas
Dieses Gebäude wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts von einem sene- Tee geziemt es sich üblicherweise, den Besuch zu beenden. Präsentieren
galesischen Bäcker errichtet, daher der Name. Internationale Bekanntheit Schmiedefamilien ihre Produkte, dann sollte man wenigstens ein Erzeug-
erlangte es im Jahr 1990 durch zahlreiche Filmaufnahmen mit Debra Win- nis der Männer (z. B. ein Silberkreuz) und eines der Frauen (z. B. einen
ger für „Himmel über der Wüste“ („Sheltering Sky“) von Bernardo Berto- Schlüsselanhänger) für wenige Euro kaufen, um das eigene Gesicht zu
lucci. Der öffentlich zugängliche Abschnitt ist durch den Innenhof eines wahren und sich für den Tee zu revanchieren.
Privathauses erreichbar. Hier sitzen die jungen Frauen des Hauses herum, Zu den Zelten der imajeghen gelangt man als akafar üblicherweise nur
schäkern miteinander und amüsieren sich über die Touristen. Der zu ent- in Begleitung von Vertrauenspersonen. Dies kann beispielsweise der Füh-
richtende Eintrittspreis ist recht hoch, dazu kommen noch die Kosten für rer der eigenen Reisegruppe sein, der mit dem Gastgeber verwandt oder
die „Fotolizenz“. Im privaten Innenhof ist das Fotografieren untersagt, es befreundet ist. Doch auch dann muss ein Respektsabstand von zehn bis
sei denn, die Damen fordern dazu auf. Man ist eben amagar und hat so- zwanzig Metern eingehalten werden. Hier bedarf es sehr viel mehr Zu-
mit keinerlei Rechte und Ansprüche, außer zu zahlen, sich möglichst un- rückhaltung und Fingerspitzengefühl, ansonsten gilt das Gleiche wie für
auffällig und freundlich zu verhalten und wieder zu gehen. den Besuch einer Schmiedefamilie – nur dass sich bei den Hirten als Re-
vanche für die Gastfreundschaft der Kauf eines Stückes Käse oder (im Fall
Der entfernte Bekannte einer Reisegruppe) einer Ziege anbietet, um die Fleischvorräte wieder auf-
Grundsätzlich jeder Weiße, den man nicht persönlich kennt, wird akafar zufrischen.
(wörtlich: der Ungläubige) genannt. Auch ein Tourist, der sich mit einem
Tuareg oberflächlich angefreundet hat, gilt als akafar. Diese oberflächlich Der Freund
bekannten Menschen werden von Angehörigen der Schmiedezunft den- Als amiji (Freund) wird man betrachtet, sobald man mit dem Gastgeber
noch in ihre Häuser eingeladen, da sie als außerhalb des Asshak-Kodex Ste- näher bekannt oder mit Personen aus dessen engem Freundes- und Ver-
hende mehr Intimität preisgeben dürfen. Es empfiehlt sich, kleine Gastge- wandtenkreis befreundet ist. Ein amiji ist ein stets willkommener, gern ge-
schenke wie Zucker und Tee mitzubringen, außerdem gehen Schmiede sehener Gast, dem man vertrauen kann, der zwar noch nicht zum engen
davon aus, dem Gast irgendwann ihre Produkte zeigen und verkaufen zu Kreis der Familie gehört, aber schon größere Verhaltensfreiheiten genießt.
können. Ein amiji kommt – wie überall auf der Welt – natürlich niemals mit leeren
Für einen solchen Besuch sollte man angemessene Kleidung tragen, Händen (siehe unten). In festen Häusern wird man üblicherweise in den
auch wenn Schmiede recht „hart im Nehmen“ sind. Die Schuhe sind vor privaten Wohnraum geführt. Bei Nomaden befindet sich das „Wohnzim-
der Türschwelle auszuziehen. Im Haus grüßt man alle Personen, die ei- mer“ draußen vor dem Eingang des Zeltes. Nur bei den kel ifoghas, wo es
318 319
256-329 Als Fremder KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:43 Seite 320
die großen Empfangslederzelte gibt, kann man das Glück haben, bereits sen, wie sie wollen, doch empfiehlt es sich, zusammen mit den anderen
als amiji ein solches Zelt von innen zu sehen. aufzuhören. Dazu stecken die Tuareg ihren Löffel außerhalb der Schale
Für besondere Gäste wird ein Festessen bereitet. Die Nomaden, die sel- verkehrt in den Sand oder lehnen ihn gegen die Schüssel und sprechen
ten Besucher haben, schlachten dazu eine Ziege. Der wichtigste Teil eines die Formel Alhamdul’Illa (Dank sei Allah). Nach dem Essen kommt die Zeit
solchen „Festes“ ist, neben dem Zubereiten und Verspeisen der Ziege, der Muße: Nun wird ashahi getrunken und geplaudert.
das Gespräch vor und nach dem Essen. Mit einem amiji spricht man relativ Als besondere Unsitte „bei Tisch“ gelten unkontrollierte Darmwinde,
offen und vertraulich über private Belange, etwa über die Kinder, aber wogegen das Aufstoßen nur bei manchen Tuareg-Gruppen als unhöflich
auch über Politik, beispielsweise über die jüngsten Attacken der Rebellen empfunden wird. Im Zweifel sollte man sich zurückhalten.
und die möglichen Hintermänner. Dabei empfiehlt es sich, stets den ta-
gelmust des Gastgebers im Auge zu behalten: Bleibt der Mund unver- Geschenke machen
schleiert, dann fühlt er sich wohl, alles läuft bestens und man verhält sich
„ok“. Zieht er jedoch den Schleier hoch, dann fühlt er sich offensichtlich Reist man zu den Tuareg, so wird man zwei sehr typische, einprägsame Er-
durch den Gesprächsverlauf oder durch ein bestimmtes Verhalten in die fahrungen machen. Einerseits wird man mit einem Lebensstil konfrontiert,
Defensive gedrängt. Dann sollte man mit etwas mehr Zurückhaltung rea- den wir als extreme Armut wahrnehmen – was emotional bereits sehr be-
gieren und auf harmlosere Themen ausweichen. lastend sein kann. In dieser Situation macht man häufig eine weitere irri-
tierende Erfahrung, nämlich die Konfrontation mit Einheimischen, die der
Der „Verwandte“ festen Meinung sind, wir Europäer seien alle reich und verpflichtet, sie an
Zum abobaz (Vetter bzw. Verwandter) wird man, sobald man vierzig unserem Wohlstand teilhaben zu lassen. Beunruhigend wirkt das Ganze,
Tage bei einer Familie gewohnt hat. Ab diesem Zeitpunkt gehört man „da- wenn diese Ansicht auf aggressive Weise verdeutlicht wird: So wird man
zu“. Man gilt als integriert in den Alltag der Familie und weiß, was sich ge- im Sahel oft von Kindern umringt, die lauthals cadeaux (Geschenke) for-
hört und worauf es ankommt. Damit wird jedoch auch erwartet, dass man dern. Doch auch Erwachsene können grußlos auf einen Europäer zustre-
sich bis zu einem gewissen Grad dem herrschenden Verhaltenskodex der ben und beispielsweise Aspirin verlangen.
Familie unterwirft. Wem diese Ehre widerfährt, der braucht meine Rat- Auf solche alltäglichen Erfahrungen sollte man sich mental einstellen,
schläge nicht mehr. um dann unterscheiden zu können, ob man lediglich als „reicher europäi-
scher Geldsack“ missbraucht wird oder ob der Anstand oder die Freund-
„Tisch“-sitten schaft ein Geschenk erfordern.
Gegenüber Fremden wird bei Tisch eine recht große Toleranz geübt, weil Betteln um Geschenke – eine Würdelosigkeit?
man von den gänzlich anderen Umgangsformen in Europa gehört hat. In Wer den Anblick des hier sichtbaren gewaltigen Wohlstandsunter-
manchen wohlhabenden Familien in den Städten setzen sich mittlerweile schieds nicht verkraften kann, reagiert darauf entweder mit Verdrängung
bereits westliche Tischsitten durch. oder mit einer Überkompensation von Schuldgefühlen. Im ersten Fall wird
Üblicherweise sitzt man ohne Schuhe auf dem Boden im Kreis. Die kaltherzig auch dort gegeizt, wo eine kleine Aufmerksamkeit angemessen
Speise befindet sich in einer großen Emailschüssel, die ins Zentrum des wäre, im zweiten Fall werden wahllos Geschenke an „arme Einheimische“
Kreises gestellt wird. Nun bekommt jeder einen Löffel, man wünscht sich verteilt. (Siehe auch das Kap. „Unterwegs in der Wüste“.)
Bism’Illah (Im Namen Allahs) und beginnt zu essen. Dabei wird aus- Den imajeghen untersagt ihr traditioneller Ehrenkodex das Betteln, um
schließlich die rechte, „reine“ Hand eingesetzt. Jeder isst in „seinem“ sich selbst nicht bloßzustellen. Diese Haltung ist auch heute noch oft zu
Bereich der Schüssel und kommt so dem Nachbarn nicht in die Quere. finden, doch gibt es immer mehr Tuareg, die so hartnäckig betteln, als
Während des Essens wird üblicherweise nur wenig gesprochen. Als Gast habe asshak für sie keine Bedeutung mehr. Dabei werden nicht nur Tou-
wird man jedoch häufig animiert mehr und schneller zuzugreifen. Zudem risten um Gaben angegangen, sondern auch eigene Familienmitglieder,
werden dem Besucher gelegentlich besondere Leckerbissen mit dem Löf- die ein Unternehmen betreiben und darum als wohlhabend betrachtet
fel zugeschoben, die man auch annehmen sollte. Gäste können so viel es- werden. Da wird um die Begleichung einer Arztrechnung, um das Schul-
320 321
256-329 Als Fremder KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:43 Seite 322
081tr Foto: hf
Die Bettelei ist somit eher ein Problem für
• überforderte Touristen, die den Anblick der Armut nicht ertragen und
sich der Bettelei nicht erwehren können,
• für Touristiker, die sich um ihre irritierten Kunden sorgen,
• für westliche Verfechter des Mythos vom „edlen Tuareg“, die nicht von
ihrem Idealbild ablassen können
• sowie für westlich geprägte Tuareg, die sich in ihrer „Luxuswelt“ nach
der „guten alten Zeit“ sehnen.
Die um Geschenke bittenden Menschen selbst, ob Kinder oder Erwach-
sene, streben lediglich danach, ein wenig von unserer Konsumwelt zu pro-
fitieren. Das entbindet uns nicht von der Verantwortung, mit der Proble-
matik differenziert umzugehen.
Drohende Abhängigkeit
Die wahllose Verteilung von Geschenken kann schwere soziale Schädi-
gungen in Form von Abhängigkeit bei den Tuareg bewirken. Menschen,
die ihre Existenz auf den unsicheren Segen von touristischen Gaben auf-
geld für ein Kind oder um die Bezahlung des Hammels für das Mouloud- bauen, laufen Gefahr, beim Ausbleiben des Touristenstroms komplett zu
Fest gebeten. Das kann Tuareg-Unternehmer vor die schwierige Entschei- verarmen. Diese Gefahr droht vor allem jungen Menschen, die leichter
dung stellen, entweder alle Wünsche zu befriedigen und sich dabei selbst der Illusion vom schnellen Reichtum durch Kontakte mit Touristen erlie-
zu ruinieren – oder aber die Gesuche auszuschlagen und dann als „Geiz- gen. Sie werden chasses-touristes, verzichten auf eine Berufsausbildung
hals“ das Gesicht zu verlieren oder gar aus Rache überfallen zu werden. und damit auch auf dauerhafte Beschäftigungschancen.
Manche Tuareg versuchen, durch möglichst lange berufliche Reisen den Der „Lockruf des Touristengoldes“ hat einen Haken: Immer mehr Men-
Bittstellern zu entgehen. schen buhlen immer intensiver um Touristen, die ihrerseits wiederum da-
Die gewachsene Bereitschaft der Tuareg, um Gaben zu bitten, hängt rauf reagieren, indem sie dem Druck auszuweichen versuchen – mit der
sowohl mit ihrer zunehmenden Verarmung als auch mit der verstärkten Folge, dass diese Einnahmequelle möglicherweise gänzlich versiegen
Präsenz von Entwicklungsprojekten zusammen. Viele Menschen sind wird. So pflegen bereits viele Reiseagenturen vom Flughafen Agadez di-
inzwischen der Überzeugung, Probleme seien nur durch Hilfsprojekte lös- rekt in die Wüste zu fahren, um ihren Gästen den Ansturm der chasses-
bar. „Il faut un projet“ (Wir brauchen ein Projekt!) ist heute unter den Tua- touristes in der Stadt zu „ersparen“. Auch die Oase Fachi wurde einige
reg ein geflügeltes Wort. Leider fördern viele gut gemeinte – aber un- Zeit von Agenturen „boykottiert“, weil zu viele Kinder die Reisegruppen
durchdachte – „Hilfsprojekte“ von privaten Organisationen eher die anbettelten. Erst nachdem der Sultan von Fachi unter Einbindung der El-
Abhängigkeit der Menschen. (Siehe hierzu auch das Kapitel „Wirtschaft tern und der Schulen eine spürbare Veränderung bewirkt hatte, fuhren die
im Wandel“.) Agenturen die Oase wieder regelmäßig an.
Nur wenige Tuareg sehen in der Bettelei ein großes Problem. Viele sto- Darum rate ich grundsätzlich zu Zurückhaltung bei Geschenken an
ßen sich zwar an aufdringlichen Kindern, für die aber seien deren Eltern fremde Menschen, die entweder offensichtlich nicht bedürftig sind, kei-
verantwortlich. Oftmals wird sogar befürwortet, wenn Kinder durch Ge-
schenke vom Tourismus profitieren, solange die Gaben nicht zum Ver-
stoß gegen religiöse Regeln verleiten, wie beispielsweise Konserven mit
Schweinefleisch oder alkoholische Getränke. ### Autor: Bitte BU ergänzen
322 323
256-329 Als Fremder KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:43 Seite 324
nerlei Gegenleistung erbracht haben oder zu denen man in keinem per- man eher nur von solchen Tuareg erleben, die den Umgang mit Touristen
sönlichen Verhältnis steht. bereits gewöhnt sind.
Im Lebensumfeld von Nomaden empfiehlt es sich, nicht mehr benötigte Für Gruppen sollten die Geschenke stets so gewählt werden, dass sich
Kleidung zurückzulassen. Das können sogar zerschlissene Hemden sein, die Bedachten gerecht behandelt fühlen. Darum sollte man auf Gaben
die dann für Seile etc. wiederverwertet werden können. Solche Textilien verzichten, die nicht fair aufgeteilt werden können. Im Aïr beobachtete ich
hängt man am besten sichtbar über einen Strauch und ein neuer geeigne- ein Touristenpaar, das zwei Nomadenknaben mit nur einem T-Shirt be-
ter Besitzer wird sich mit Sicherheit bald finden. schenkte. Als die Knaben verlegen reagierten, weil sie nicht wussten, wie
sie mit dem einen Shirt verfahren sollten, übergab der Mann als Ausgleich
Persönliche Geschenke eine Trillerpfeife. Die Knaben zogen sich zurück und begannen, sich hef-
Unterwegs zu Tuareg sollte man stets einen großen Vorrat an Geschen- tig um die Pfeife zu streiten. Hier waren offensichtlich zwei Geschenke
ken mit sich führen. Immer wieder gibt es passende Anlässe, wie Einla- von unterschiedlichem Gebrauchs- und Prestigewert vergeben worden,
dungen oder die Anerkennung der Leistung heimischer Führer. Tuareg wodurch mehr Konflikt gesät als Freude gestiftet worden war.
machen selbst gern Geschenke wie Ringe oder andere Kleinigkeiten. Sol-
che Aufmerksamkeiten zurückzuweisen, wäre eine schwere Beleidigung. Zum Feilschen
Tuareg sind zwar arm, aber sehr stolz. Andererseits sollte man sich gegen-
über einem Gastgeber mit Komplimenten über besonders schöne Stücke Einheimische profitieren am meisten vom Tourismus durch den Verkauf ih-
aus seinem Hab und Gut in Zurückhaltung üben. Der Gastgeber könnte rer Produkte an Reisegruppen, besonders in abgelegenen Regionen, wo
sich sonst bemüßigt fühlen, diesen Gegenstand dem Gast sofort zu schen- die Menschen aus Mangel an Infrastruktur und Transportmitteln keinen
ken. Ist eine solche Situation eingetreten, dann sollte man sich zumindest Anschluss an überregionale Märkte haben. Mit dem Fremdenverkehr
entsprechend revanchieren. kommt gleichsam der Markt zu ihnen. Dieser Chance der Teilhabe am
Als Geschenke geeignet sind Gegenstände, die für die Tuareg von ho- Tourismus stehen häufig drei Probleme entgegen: der Mangel an Klein-
hem funktionellem Nutzen und die von einer gewissen Schönheit sind. Bei geld seitens der Reisenden, die Übervorteilung unerfahrener Nomaden
den Männern beliebt sind Taschenlampen, insbesondere Stirnlampen, durch handelstüchtige Touristen und die Gefahr neuer Abhängigkeiten.
Batterien, Sonnenbrillen, Parfum (auch kleine Gratisproben), Ledergurte,
T-Shirts, Schlafsäcke, Taschenmesser, Werkzeug und andere Gebrauchs- Kleingeldmangel
gegenstände. Frauen lieben schwere Parfumdüfte, parfümierte Seifen, Nomaden bieten interessante Produkte wie Ziegenkäse, Antiquitäten
Duftkerzen, farbigen Haarschmuck, Toilettenartikel, Haushaltsgeräte, wei- oder Pfeilspitzen zu günstigen Preisen an – doch häufig fehlt es den Rei-
te Blusen und Kopftücher. Für Kinder eignen sich ebenfalls Kleidungsstü- senden an Münzgeld als adäquatem Zahlungsmittel. Und die Tuareg
cke, kleine Taschenlampen, Spielzeugautos, Kinderbücher, Hefte und können in der Regel auf große Geldscheine nicht herausgeben. Auch in
Farbstifte und für Mädchen Schmuck aus Glasperlen. Banken wird häufig nur Papiergeld ausgegeben, weil es günstiger und da-
Sinnvolle Mitbringsel, mit denen man immer richtig liegt, sind regio- her in größeren Mengen herzustellen ist als Münzen. Dieses Problem er-
naltypische Nahrungs- und Genussmittel wie Reis, Nudeln, Zucker oder kannte auch schon Heinrich Barth vor 150 Jahren. Als Lösung soll er im Aïr
Tee. Viel Freude stiftet man, indem man der besuchten Familie ein Schaf „säckeweise Münzgeld“ mit sich geführt haben, das er aus Libyen mitge-
oder eine Ziege abkauft und es für das gemeinsame Mahl zubereiten bracht hatte.
lässt. Solch ein Festessen ist für Nomaden selten und darum ein geschätz- Verfügen aber Touristen nicht über den genauen Kleingeldbetrag, um
ter Genuss. ein Produkt geringen Werts zu kaufen, dann pflegen sie meist ganz darauf
Übergibt man Nomaden ein Geschenk, so zeigen sie normalerweise zu verzichten. Dadurch geht jedoch die wesentliche „Wohltat“ des Touris-
keine Dankbarkeit. Dies sollte kein Grund für Enttäuschung sein, denn mus für die Bevölkerung verloren. Innerhalb einer Reisegruppe lässt sich
das traditionelle Schamgefühl verbietet es den Menschen, Gefühle öffent- das am besten umgehen, indem der Reiseleiter – ähnlich wie Heinrich
lich zu zeigen. Üblicherweise werden verpackte Geschenke auch nicht Barth – bereits in der Hauptstadt größere Mengen an Kleingeld besorgt
vor anderen geöffnet. Worte und Gesten des Dankes wie tanemert wird und während der Tour diese Ausgaben der Teilnehmer vorfinanziert.
324 325
256-329 Als Fremder KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:43 Seite 326
Feilschen um jeden Preis? ten, darum sollte man beim Feilschen Zurückhaltung üben. Zudem liegt
Manchmal wollen Reisende weder auf den Kauf eines entdeckten Pro- der verlangte Betrag zumeist sowieso schon weit unter dem städtischen
dukts verzichten noch den geforderten Preis zahlen. Bereits Mano Dayak Marktpreis. Ältere imajeghen erliegen am leichtesten solchen touristischen
riet seinen touristischen Kunden davon ab, ihre Handelskünste bei Noma- „Dumping-Attacken“, weil ihnen ihr Schamgefühl verbietet, sich auf eine
den exzessiv einzusetzen und den Preis mit aller Gewalt zu drücken. Nach lautstarke Auseinandersetzung einzulassen. Sie sind sehr autoritätsemp-
seiner Ansicht verkaufen Nomaden ihre Güter erst in finanziellen Notzei- findlich und weder gewohnt Befehle zu erteilen, noch Streitgespräche zu
Kunst und Zweck des Handelns gel an Courage: Wer sich so einfach über den Tisch ziehen lässt, verdient
nach Ansicht der Tuareg keinen Respekt.
Der Handel ist bei den Tuareg, den einstigen „Beherrschern“ des Karawa- Vor allem aber verweigert der Kunde dem Händler die Chance, im ge-
nenhandels, eine uralte Tradition. Bis heute wurde der Tauschhandel le- meinsamen Gespräch den für beide Seiten „passenden“ Preis zu finden.
diglich durch die Geldwirtschaft ersetzt. Handelstradition bedeutet jedoch Für den Händler ist das wichtig, weil nur dann die Zufriedenheit beider
nicht, dass es einen besonderen Brauch beim Handelsgespräch gibt. Im Ge- Parteien gewährleistet ist und damit die Chance auf weitere Geschäfte be-
gensatz zum Orient, wo der Handel eine beinah schon kunstgerechte Kom- stehen bleibt. Wer jedoch den erstgenannten Preis zahlt, weil er nichts zu
munikationsform für sich darstellt, scheinen die Tuareg recht nüchtern erwidern wagt, ist in den Augen der Tuareg als Kunde verloren.
mit Preisverhandlungen umzugehen. In einen regelrechten Verkaufsrausch verfallen übrigens die Schmiede
Bei den Tuareg gibt es zwei Arten von Preisen. und Händler, wenn das Ende des Ramadan oder ein anderer großer Fest-
- •Festpreise gelten für Waren in den „Boutiquen“, jenen winzigen „Super- tag naht. In dem Drang, in allerletzter Minute noch möglichst viel Bargeld
- märkten“ in kleinen Siedlungen, oder in städtischen Geschäften. für den Kauf des obligaten Hammels zu erlangen, fallen die Preise in gera-
e •Alle anderen Waren haben einen Preis, der erst zwischen Händler und dezu grotesker Weise. Ich kann da nur raten: Zuschlagen und kaufen,
e Kunden einvernehmlich festzulegen ist. Dies gilt besonders für die gän- denn man kann nie genug Tuareg-Schmuck haben, den man daheim im
gigen Kunsthandwerksprodukte wie Schmuck und Lederwaren. Freundeskreis zu jeder Gelegenheit als Mitbringsel verschenken kann.
t Manche Händler glauben ihren Erfolg durch Aufdringlichkeit steigern
Normalerweise nennt der Schmied oder „chasse-touriste“ einen Preis, wo- zu können. Besonders ausdauernd sind die „chasses-touristes“ in Agadez,
s rauf man mit einem niedrigeren Gegenpreis antwortet – dieses Spiel geht die ihre potenziellen Opfer bis ins „Hotel de l’Aïr“ verfolgen, wo sie uner-
so lange hin und her, bis man sich irgendwo in der Mitte trifft. In der müdlich ihre Schätze neben dem kühlen Bier ausbreiten. Auch wenn ich
- Regel wird dies bei 50 bis 70 % des erstgenannten Preises liegen. Rabatte großes Verständnis für die schwierige Lage dieser Menschen habe, die
z werden üblicherweise – wie bei uns auch – beim Kauf größerer Mengen kaum alternative Einnahmequellen finden, so bleibt es doch das gute
- gewährt. Ist einem ein Stück nur einen bestimmten Preis wert und will Recht eines Reisenden, „Nein“ zu sagen.
man das Feilschen zur Gänze umgehen, dann nennt man diesen konkre- Hier hilft viel Humor, eine Prise Ironie und breites Lächeln. Höfliche
ten Preis. Lehnt der Händler das Angebot ab, dann bedankt man sich und Hinweise auf mangelndes Kaufinteresse sind meist erfolglos. Reagiert man
geht. Manchmal überlegt es sich dann der Händler noch anders, läuft hin- hingegen auf Preisangebote wiederholt mit amüsiertem Lachen, erkennt
terher und schlägt ein ... auch der penetranteste der Händler irgendwann die Vergeblichkeit seiner
Legt man Wert auf sein Ansehen als Kunde, so sollte man keinesfalls Liebesmüh’.
den erstgenannten Preis akzeptieren. Auf diese Weise verfahren übli- Auf gar keinen Fall sollte man bei diesem Spiel in eine Preisverhand-
cherweise amerikanische Touristen, die das Handeln nicht gewohnt sind. lung ohne echte Kaufabsicht einsteigen. Mag das eigene Angebot auch
Solch ein Vorgehen stößt bei den Tuareg auf Verachtung. Dies mag vorder- noch so lächerlich sein, sobald es angenommen wird, muss Wort gehalten
gründig gesehen erstaunen, erzielen die Händler doch auf diese Weise hö- und gezahlt werden. Alles andere wäre ein inakzeptabler Mangel an Res-
here Preise. Aber genau genommen beweist ihr Kunde damit einen Man- pekt, auf den selbst ein aufdringlicher Touristenjäger Anspruch hat.
326 327
256-329 Als Fremder KS_Tuareg:2008.qxd 18.03.2008 16:43 Seite 328
führen. Dadurch befinden sie sich gegenüber dreisten „Preiskämpfern“ Jüngere Tuareg hingegen begeistern sich schon eher für ein Engage-
deutlich im Nachteil. ment im Tourismus. Doch auch sie nehmen den harten Job des Schmuck-
Im Aïr besuchte ich mit meiner Reisegruppe eine „Boutique“, um Tee handels in abgelegenen Dünenfeldern nur dann in Kauf, wenn die Ver-
und Zucker als Gastgeschenke für Nomadenbesuche zu kaufen. Ich hatte dienstchancen im eigenen Dorf eindeutig schlechter sind. Oft stehen sie
auf die hier geltenden Fixpreise und das Kleingeldproblem hingewiesen. vor der Wahl zwischen der Abhängigkeit vom Tourismus, der Suche nach
Eine Reiseteilnehmerin wollte dennoch den Preis von 650 FCFA (ein Euro) Arbeit im Ausland oder der Arbeitslosigkeit.
für ein Handwerksprodukt mit einem 10.000 FCFA-Schein (15 Euro) be-
gleichen. Auf das Bedauern des Händlers, kein Wechselgeld zu haben, Mündigkeit der Tuareg
entgegnete die Kundin, in deutschen Supermärkten sei dies kein Problem, Diese drei „Gefahren“ des Handels lassen sich auch anders betrachten:
legte einen 500-FCFA-Schein auf den Tisch und ließ den überrumpelten In unserer Liebe zu exotischen und traditionellen Kulturen neigen wir Eu-
Verkäufer stehen. Für die fehlenden 150 FCFA (ca. 23 Eurocent) sprang ich ropäer dazu, die Tuareg als unerfahrene und wehrlose Opfer abzustufen
ein. Derartige Vorfälle werden jedoch seltener, da sich die Nomaden zu- und glauben, sie vor touristischer Gier und modernisierenden Einflüssen
nehmend an den Umgang mit Touristen gewöhnen und selbst ein gewis- schützen zu müssen. Auch ich achtete während meiner ersten Touren als
ses Handelsgeschick entwickeln. So hat der allgemeine Wertewandel bei Reiseleiter in übervorsichtiger Weise darauf, dass meine Kunden beim
den Tuareg wenigstens einen Vorteil. Handeln mit Nomaden nicht zu „brutal“ die Preise drückten.
Diese Haltung übersieht allerdings die Lernfähigkeit der Menschen
Strukturelle Abhängigkeit entlang der Touristenrouten. Die Nomaden erkennen sehr wohl die
Jede neue Einnahmequelle führt zu gesellschaftlichen Veränderungen Schwächen der Touristen und wie sie persönlich davon profitieren kön-
und ist zwangsläufig auch mit neuen Abhängigkeiten verbunden. So nen. Sie verkaufen Produkte wie Pfeilspitzen oder „antike“ Ledergegen-
führt ein spürbar wachsendes Tourismusaufkommen in einer abgele- stände, für die es ohne den Tourismus keine Nachfrage gäbe, zu attrakti-
genen Region häufig dazu, dass sich entlang der Reiserouten immer ven Preisen. Auf diese Weise entwickelt sich der Kontakt in Richtung einer
mehr Tuareg ansiedeln, weil sie von den Urlaubern mehr zu profitieren Kommerzialisierung der Gastfreundschaft. Den Tuareg gelingt es, ihren
meinen als von ihrem traditionellen Beruf. Wenn aber die Besucherzah- wachsenden Wissensvorsprung auszunutzen – wogegen die Handels-
len plötzlich zurückgehen, etwa wegen einer Terrorismuswarnung, dann kompetenz von uns Europäern wohl eher auf Selbstüberschätzung beruht.
drohen diese Menschen zu verarmen, weil sich durch den Tourismus ih- Auch Tuareg-Frauen sind „stark“ genug, selbst entscheiden zu können,
re gesamte Lebensweise verändert hat. Eine „Rückkehr“ in eine rentable ob sie ein persönliches Schmuckstück verkaufen wollen oder nicht. Dabei
Nomadenwirtschaft ist dann äußerst schwierig. Soweit die Theorie der werden viele Nomadinnen bei ihren Forderungen nach Gegenleistun-
Tourismuskritik. gen zunehmend dreister. Sie verlieren allmählich ihre (Ehr-)Furcht vor uns
Tatsächlich schätzen die meisten Tuareg ihre Chancen durch Tourismus Fremden und ihr Bild vom ökonomischen und technischen Genie aus
eher realistisch ein. Sie wissen um die damit einhergehenden Probleme, Europa weicht dem von einem einfachen Menschen mit geringen Sahara-
wie die starken Schwankungen des Tourismusaufkommens oder die kur- kompetenzen, aber mit naiver Bewunderung für die Tuareg.
ze Saison. Die Landbevölkerung sieht darum im Fremdenverkehr keine Wer angesichts dieses Lerneffekts den Tourismus als Kulturzerstörer an-
ernsthafte Alternative zu ihrer traditionellen Beschäftigung. Schon allein prangert, macht sich einer kolonialistischen Sichtweise von Menschen
aus ökologischen Gründen wäre es völlig unmöglich, die nomadische Be- schuldig, in der die Einheimischen dazu degradiert werden, eine ihnen zu-
völkerung einer ganzen Region am Tourismus spürbar partizipieren zu las- geschriebene, traditionalistisch-brave Rolle zu spielen.
sen. In Südalgerien wäre dafür ein jährliches Aufkommen von 80.000 Be-
suchern nötig. Doch schon die zeitweise erreichten Spitzenwerte von
15.000 Touristen pro Saison führten zu spürbaren Umweltbelastungen.
Die ökologischen Grenzen des Tourismuswachstums sind auch den No-
maden klar, weshalb sie lieber in ihre traditionelle Wirtschaft investieren:
den Gartenbau und die Viehzucht.
328 329
330-348 Anhang KS_Tuareg:2008.qxd 19.03.2008 14:07 Seite 330
082tr Foto: hf
ANHANG
### Autor: Bitte BU ergänzen
330 331
330-348 Anhang KS_Tuareg:2008.qxd 19.03.2008 14:07 Seite 332
Glossar können auch ganze Stämme, etwa wie die ifoghas, eine Gruppe der kel
ajjer, auftreten, die sich nach außen durch ihre besondere Religiosität
arab.: Arabisch definieren.
syn.: Synonym • ischomar – nigrische und malische Tuareg-Migranten, vom französi-
tam.: Tamaschek schen chômeur (Arbeitslose) abgeleitet, weil sie infolge der Dürren ihre
• aghiwan – tam.: Lager von bis zu 20 Zelten, gesellschaftliche Grundein- traditionelle Lebensweise aufgeben mussten. Die ischomar waren zwar
heit der Nomaden, Familienlinie; syn. für Zuhause, Wohnsitz die Hauptakteure der Rebellion, dennoch ist ischomar kein Synonym für
• ahal – tam.: geregeltes amouröses Treffen, in dessen Verlauf Tuareg- Tuareg-Rebell.
Männer mittels eines poetischen Wettstreits um Frauen werben • kantu – tam.: Salz aus der Oase Bilma in Form eines Kegelstumpfes
• akafar (pl.: ikufar) – tam.: Ungläubiger, Fremder • kel – tam.: Leute; dem Wort folgt meist eine Ortsbezeichnung als Hin-
• akli (pl.: iklan) – tam. sing.: Sklave weis, woher eine bestimmte Personengruppe stammt, zum Beispiel die
• Allah – arab.: von al-ilah, „der alleinige Gott“ kel ahaggar
• amenokal – tam.: Führer der Trommlergruppe (ettebel) und der Konfö- • kel essuf – tam.: Leute der Wildnis, Geister
deration (teschehe) • madugu – tam.: Karawanenführer
• ashahi – tam.: grüner Tee bzw. Teeritual • marabout – arab.: islamischer Heiliger bzw. dessen Grabstelle
• asshak – tam.: Ehre • mehari – tam.: großes weißes Kamel
• baraka – arab.: Heil, Segen, heilsame Wirkung • rezzu – tam.: berittener Raubüberfall nach klaren Regeln mit dem
• Bilma – Oase am Ostrand der Ténéré, Niger; wichtigster Lieferant von Zweck, die Not des eigenen Stammes zu lindern, Wurzel unseres Be-
Viehsalz für die Salzkarawane der Tuareg. griffs Razzia
• chasse-touriste – sing., frz.: „Touristenjäger“, irregulärer Ortsführer und • Senussi – islamische Bruderschaft, im frühen 20. Jahrhundert treibende
Händler Kraft des antikolonialen Widerstands, angeführt von dem Tuareg Kao-
• eghale – tam.: „Hirtenmüsli“ (im Norden areschira genannt), aus Hirse, sen; stellten im unabhängigen Libyen die Königsdynastie
Käse, Datteln und Wasser • Sudan – alte Bezeichnung für den Sahel
• ehan n ma – tam.: Mutterzelt, soziale Kerneinheit der Nomaden • tabaski – tam.: Opferfest bei den Tuareg, vergleichbar mit dem jüdi-
• enad (pl.: enaden) – tam.: soziale Gruppe der Tuareg-Handwerker schen Paschafest
• Endogamie – Wahl des Ehepartners ausschließlich innerhalb derselben • tagelmust – tam.: ursprünglich indigofarbener Gesichtsschleier der
sozialen Bezugsgruppe (Stamm) männlichen Tuareg
• essuf – tam.: Wildnis, Busch, Gebiet ohne menschliche Ansiedlung • tam-tam – tam.: Fest, Party
• ettebel – tam.: Kriegstrommel, syn. für „Trommlergruppe“, der politi- • tekarakit – tam.: Scham, Anstand, Zurückhaltung; Verhaltensweise, die
schen Vereinigung mehrerer Lagerverbände (tawshit) unter einem ge- Respekt und Ehre verleiht
wählten amenokal; syn. für die politische Beziehung zwischen imajeg- • tende – tam.: Holzmörser, der mit Leder bespannt zu einer Trommel
hen und imghad umfunktioniert wird; syn. für ein Fest mit Kameltänzen (ilugan)
• ikufar (sing.: akafar) – tam.: Ungläubige, Fremde, Europäer • ténéré – tam.: lebensfeindliches Land, Wüste; geografischer Name
• ilugan – tam.: Hirtenreitspiel auf Kamelen für die vegetationslose, völlig ebene Region zwischen Aïr und Djado-
• imajeghen (sing.: amajegh) – tam.: Angehörige eines noblen Krieger- Plateau
Stammes • tifinagh – tam.: Schrift der Tuareg, entwickelte sich aus dem Altlybischen
• imghad (sing.: ameghid) – tam.: Angehörige eines Vasallenstammes • Wadi – arab.: Flusstal, das nur nach Regenfällen für kurze Zeit Wasser
• imzad – tam.: einsaitige Geige der Tuareg führt
• ineslemen – tam.: „Leute des Islam“, Personen mit besonderer muslimi-
scher Bildung, die ähnlich den imajeghen über eine besondere soziale,
politisch unabhängige Stellung verfügen (marabouts). Als ineslemen
332 333
330-348 Anhang KS_Tuareg:2008.qxd 19.03.2008 14:07 Seite 334
Literaturtipps • Hureiki, Jacques: Tuareg. Heilkunst und spirituelles Gleichgewicht.
Schülper 2004. Darstellung der traditionellen Tuareg-Medizin und -
• al-Koni, Ibrahim: Goldstaub. Basel 1999. Legendärer Roman des be- Weltanschauung.
kannten Tuareg-Autors über die leidenschaftliche Beziehung der Noma- • Keenan, Jeremy: The Lesser Gods of the Sahara: Social Change and
den zu ihren Kamelen. Contested Terrain Amongst the Tuareg of Algeria. London 2004. Eng-
• Bagley, Desmond: Atemlos. Goldmann Verlag 2003. Spannendes lischsprachige Schilderung des sozialen Wandels bei den algerischen
Abenteuer in der Zentralsahara mit detailreichen Schilderungen des mo- Tuareg.
dernen Tuareg-Alltags. • Klute, Georg: Die schwerste Arbeit der Welt. Alltag von Tuareg-Noma-
• Barth, Heinrich: Die Große Reise. Forschungen und Abenteuer in Nord- den. München 1992. Detailreiche Beschreibung des Nomadenlebens in
und Zentralafrika 1849–1855. Berlin1986. Gekürztes, gut lesbares Rei- Mali.
setagebuch des berühmten Afrika- und Tuareg-Forschers. • Kohl, Ines: Tuareg in Libyen. Identitäten zwischen Grenzen. Berlin 2007.
• Ball, David: Ikufar. Sohn der Wüste. Dtv 2001. Gut geschriebener Ro- Beschreibung der kel ajjer in Ghat aus Sicht einer Ethnologin.
man über den Sohn einer kel ahaggar und eines französischen Grafen, • Müller, Gert (Hg.): Wie Sand im Licht des Mondes. Dichtung der Tua-
der das Massaker an der Flatters-Mission miterlebt. reg. Innsbruck 1997. Sammlung alter und neuer Tuareg-Lyrik.
• Cussler, Clive: Operation Sahara. Goldmann 1994. Spannender Saha- • Sommer, Edgar: Tafassasset – Regentier und Zauberbilder. Felsbilder
ra-Thriller im Umfeld der Tuareg-Rebellion. der Sahara und Spurensuche nach dem afrikanischen Geist. Schwülper
• Dayak, Mano: Die Tuareg-Tragödie. Horlemann Verlag 1998. Das 2002. Philosophisch-spekulative Schilderung der Sahara-Felsbilder.
Schicksal der Tuareg aus Sicht eines Tuareg sehr reißerisch und pathe- • Sommer, Edgar: Kel Tamashek. Die Tuareg. Schwülper 2006. Darstel-
tisch geschildert. lung verschiedener Aspekte der Tuareg-Kultur. Mit der detaillierten
• Dayak, Mano: Geboren mit Sand in den Augen. Zürich 1998. Die Au- Schilderung einer Hochzeit von Harald A. Friedl.
tobiografie des charismatischen Tuareg aus dem Aïr.
MALI
• DeCesco, Federica: Im Herzen der Sahara. Heyne Verlag 2005. Einer
von zahlreichen romantischen Tuareg-Liebesromanen der Schweizer Er-
folgsautorin.
• Donath, Frank: Tamaschek (Tuareg) Wort für Wort. Kauderwelsch
Band 167. REISE KNOW-HOW Verlag 2003. Ein empfehlenswerter Sprach- Wild - Natürlich
führer.
• Fleming, Fergus: Trikolore über der Sahara. Der Traum vom Wüsten-
Geheimnisvoll
reich. Hamburg 2004. Faszinierend geschriebene Kolonialgeschichte Im Wüstensand Timbuktus
Frankreichs mit besonderer Betonung der Tuareg-Geschichte. Die Tuareg und Sie
• Friedl, Harald A.: Reisen zu den „Wüstenrittern“. Ethno-Tourismus bei
den Tuareg aus Sicht der angewandten Tourismus-Ethik. Traugott Bautz
auf Tuchfühlung
Verlag 2008. Untersuchung der Auswirkungen des Tourismus auf die individuell & exklusiv
Aïr-Tuareg.
• Friedl, Harald A.: Respektvoll reisen. REISE KNOW-HOW Verlag 2005. Pra-
* kleine Gruppen *
xisbezogener Travelguide für umwelt- und sozialverträgliches Reisen,
speziell für Tuareg-Regionen.
African Dreams
• Gartung, Werner: Die Salzkarawane. Mit den Tuareg durch die Ténéré. Brigitte Waltzinger
Eduard Mörike Weg 1a 66133 Saarbrücken
Markgröningen 2000. Packender Bericht vom Marsch durch die Wüste. info@african-dreams.biz Tel:0681-8319458
• Göttler, Gerhard: Die Tuareg. Kulturelle Einheit und regionale Vielfalt ei-
Vertreten durch: www.african-dreams.biz
nes Hirtenvolkes. Köln 1989. Umfangreiche Darstellung der Tuareg-Kultur.
334 335
330-348 Anhang KS_Tuareg:2008.qxd 19.03.2008 14:07 Seite 336
• Spittler, Gerd: Hirtenarbeit. Köln 1998. Die Lebensweise der Hirten im
Aïr wird anschaulich dargestellt.
• Vázquez-Figueroa, Alberto: Tuareg. München 1986. Pathetischer, span-
nender Roman über den Kampf zwischen Tradition und Moderne.
• von Throta, Desiree: Die Enkel der Echse. Lebensbilder aus dem Land
der Tuareg. Hamburg 2007. Erzählungen aus Agadez.
Internettipps
• www.wuestenschiff.de – Saharaforum mit aktuellen Top-Informationen
Die Wüste ist unsere
• www.auswaertiges-amt.de/diplo/de/Laenderinformationen/ Sicher- Leidenschaft
heitshinweise-Laenderauswahlseite.jsp – Seite des deutschen Aus-
wärtigen Amts mit Reise- und Sicherheitsinfos über einzelne Staaten
• www.inst.at/trans/15Nr/09_1/friedl15.htm – illustrierte Studie von
H. A. Friedl über nachhaltige Tourismusentwicklung bei den kel aïr Spezialist für Kameltrekkings
• www.inst.at/trans/16Nr/06_8/friedl16.htm – Untersuchung von Ha- und Entdeckerreisen
rald A. Friedl über Wahrnehmungsunterschiede bei Tuareg und Touris-
ten sowie zur Frage der Völkerverständigung im Tourismus Ägypten - Algerien - Chile/Bolivien -
China - Jemen - Jordanien - Libyen -
• www.moula-moula.de – reiche Sammlung an Infos, Fotos und Tuareg-
Mali - Marokko - Mauretanien -
Blues
Mongolei - Namibia - Niger - Oman -
• www.tuareg-info.de – Infos über die Kampagne des Cargo-Verlags zur
Sudan - Tunesien - Usbekistan
Verbreitung von Tamaschek-Schulunterricht für Nomaden
• www.tuareghelp.ch – Seite des Schweizer Hilfsprojekts ENMIGRAW
mit Details über die Entwicklungszusammenarbeit bei den Tuareg
• www.lesamisdetimia.org – Homepage der französischen Hilfsorgani-
sation „Les Amis de Timia“ mit zahlreichen Infos und Bildern von dem
Dorf im Aïr und über aktuelle Projekte
• koumama.2page.de/index.html – Seite der Schmiedefamilie Kouma-
ma in Agadez, die für die Qualität ihres Silberschmucks international be-
kannt ist
• www.temoust.org – französische und englische Seite der von Mano
Dayak gegründeten Organisation mit aktuellen, aber einseitigen Infos
über die Lage und den Kampf der Tuareg Hauptsitz Schweiz: Vertretung in Vertretung in
• m-n-j-deutsch.blogspot.com – Blog der neuen Rebellenbewegung Jubiläumsstrasse 91 Deutschland: Österreich:
über ihre Motive und Erfolge in höchst subjektiver Darstellung CH-3005 Bern Wippertstraße 2 Kleegasse 3
• www.kamelkarawanen.ch – Seite der von Marianne Roth gegründeten Tel.: 031 318 48 78 D-79100 Freiburg A-8020 Graz
Fax: 031 318 48 59 Tel.: 0761 - 881 41 89 Tel.: 0316 583 504 55
Stiftung „Bildungs- und Kulturzentrum Iferouane“ zur Förderung der
info@desert-team.ch info@desert-team.de info@desert-team.at
Tuareg-Kultur www.desert-team.ch www.desert-team.de www.desert-team.at
• www.art.e-agadez.org – Homepage des von Eva Gretzmacher gegrün-
deten Kulturhauses „ART.E“ in Agadez
336 337
330-348 Anhang KS_Tuareg:2008.qxd 19.03.2008 14:08 Seite 338
Die Reiseführer von Reise Know-How auf einen Blick
Reisehandbücher L adakh, Zanskar
Laos
Taiwan
Tansania, Sansibar
Edition RKH Frau allein unterwegs
Früchte Asiens
Schutz vor Gewalt
und Kriminalität
Urlaubshandbücher Lateinamerika
BikeBuch
Thailand
Thailand – Tauch-
Abenteuer Anden
Auf Heiligen Spuren
Fun u. Sport im Schnee
Geolog. Erscheinungen
Schwanger reisen
Selbstdiagnose
Reisesachbücher Libyen und Strandführer
Thailands Süden
Durchgedreht –
Sieben Jahre im Sattel
GPS f. Auto, Motorrad
GPS Outdoor-Navigation
unterwegs
Shopping Guide USA
Edition RKH, Praxis Malaysia, Singapur,
Brunei
Tokyo, Kyoto,
Yokohama
Inder, Leben und Riten
Mona und Lisa
Handy global
Hinduismus erleben
Sicherheit Bärengeb.
Sicherheit am Meer
Afrika, Durch, 2 Bde. Fahrrad-Weltführer Marokko Transsib Myanmar – Land Höhlen erkunden Sonne, Wind, KulturSchock
Agadir, Marrakesch, Florida Mauritius, La Réunion Trinidad und Tobago der Pagoden Hund, Verreisen mit Reisewetter
Südmarokko Fuerteventura Mexiko Tunesien Please wait to be seated Indien und Nepal, Sprachen lernen Afghanistan
Ägypten individuell Mexiko kompakt Türkei, Hotelführer Rad ab! Wohnmobil Südamerika, Auto Ägypten
Ägypten/Niltal Guatemala Mongolei Türkei: Mittelmeerküste Salzkarawane Internet für die Reise Survival-Handbuch Argentinien
Alaska ‡ Kanada Motorradreisen Südwärts durch Islam erleben Naturkatastrophen Australien
Algerische Sahara Havanna Myanmar Uganda, Ruanda Lateinamerika Japan: Reisen Tango in Buenos Aires Brasilien
Fernziele
Argentinien, Uruguay, Hawaii USA, als Gastschüler Suerte – 8 Monate und Jobben Tauchen Kaltwasser China, Taiwan
Paraguay Honduras Namibia USA, Kanada durch Südamerika Kanu-Handbuch Tauchen Warmwasser Cuba
Äthiopien Hongkong, Macau, Namibia kompakt USA, Canada BikeBuch Taiga Tour Kartenlesen Transsib – Moskau-Peking Ecuador
Australien – Kanton Neuseeland BikeBuch USA Nordosten, USA – Unlimited Mileage Kommunikation unterw. Trekking-Handbuch Familien im Ausland
Auswandern New Orleans Kanada Osten Konfuzianismus erleben Trekking/Amerika Kl. Golfstaaten, Oman
Australien, Osten Indien, der Norden New York City USA, der große Süden Kreuzfahrt-Handbuch Trekking/Asien Indien
und Zentrum Indien, der Süden New York im Film USA Südwesten, Kalif., Praxis Küstensegeln Afrika, Neuseeland Iran
Australien, Westen Iran Baja California Langzeitreisen Tropenreisen Japan
und Zentrum Oman USA, Südwesten, Aktiv Marokko Maya-Kultur erleben Unterkunft/Mietwagen Jemen
Japan Outdoor-Praxis Natur u. Wandern All inclusive? Mountainbiking USA Shopping Guide Kambodscha
Baikal, See u. Region Jemen USA, der ganze Westen Australien: Outback/Bush Mushing/Hundeschlitten Volunteering Kaukasus
Bali und Lombok Jordanien Panama Australien: Reisen/Jobben Neuseeland: Reisen Vulkane besteigen Laos
Bali, die Trauminsel Peru, Bolivien Venezuela Auto durch Südamerika und Jobben Wann wohin reisen? Leben in fremd. Kulturen
Bangkok K alifornien und Peru kompakt Vereinigte Arabische Ayurveda erleben Orientierung mit Was kriecht u. krabbelt Marokko
Botswana USA Südwesten Phuket (Thailand) Emirate Buddhismus erleben Kompass und GPS in den Tropen? Mexiko
Brasilien Kalifornien, Süden Vietnam Canyoning Panamericana Wildnis-Ausrüstung Pakistan
Brasilien kompakt und Zentrum Qatar Clever buchen/fliegen Paragliding-Handbuch Wildnis-Backpacking Peru
Kambodscha Queensland (Australien) Westafrika – Sahel Daoismus erleben Pferdetrekking Wildnis-Küche Russland
Cabo Verde Kamerun Westafrika – Küste Drogen in Reiseländern Radreisen Winterwandern Thailand
Chicago Kanada, USA Rajasthan (Indien) Wo es keinen Arzt gibt Dschungelwandern Reisefotografie Wohnmobil-Ausrüstung Thailands Bergvölker
Chile, Osterinsel Kanadas Maritime Expeditionsmobil Reisefotografie digital Wohnmobil-Reisen und Seenomaden
China Manual Provinzen San Francisco Yucatán (Mexiko) Fernreisen auf Reisekochbuch Wohnwagen Handbuch Türkei
Chinas Osten Kanadas Osten, Senegal, Gambia eigene Faust Reiserecht Wracktauchen USA
Costa Rica USA Nordosten Singapur Fernreisen, Fahrzeug Respektvoll reisen Wüstenfahren Vietnam
Cuba Kanadas Westen, Sri Lanka PANORAMA Fliegen ohne Angst Safari-Handbuch Afrika Vorderer Orient
Alaska St. Lucia, St. Vincent,
Djerba & Zarzis Kapstadt – Garden Grenada Australien
Wo man unsere Reiseliteratur bekommt:
Dominikanische Route (Südafrika) Südafrika Cuba
Republik Kapverdische Inseln Südafrika: Kapstadt – Rajasthans Palasthotels Jede Buchhandlung Deutschlands, der Schweiz, Österreichs und der
Dubai, Emirat Kenia Garden Route Südafrika Benelux-Staaten kann unsere Bücher beziehen. Wer sie dort nicht findet,
Kenia kompakt Südafrika: Krügerpark – Thailands Bergvölker kann alle Bücher über unsere Internet-Shops bestellen.
E cuador, Kerala (Indien) Kapstadt und Seenomaden Auf den Homepages gibt es Informationen zu allen Titeln:
Galápagos Krügerpark – Kapstadt Sydney, Naturparks Tibet
Erste Hilfe unterwegs (Südafrika) Syrien Vietnam www.reise-know-how.de oder www.reisebuch.de
330-348 Anhang KS_Tuareg:2008.qxd 19.03.2008 14:08 Seite 340
Afrika
Kaum eine andere Region der Welt faszi-
niert so sehr wie Afrika. Geheimnisvoll
und mysteriös wirken ganz besonders die
Wüstengegenden. Die Reiseführer-Reihe
REISE KNOW-HOW bietet aktuelle und kom-
plette Reiseführer für jedes Land der
Region:
Göttler, Gerhard, Baur, Thomas, Därr, Erika (Hg.)
Sahel-Länder Westafrikas
Der komplette Reiseführer für individuelles Algerien,
Reisen und Entdecken Libyen, Mali –
Mauretanien, Mali, Niger, Burkina Faso,
Senegal und Gambia, begegnen Sie
828 Seiten, 41 Karten und Stadtpläne, den Tuareg!
über 200 Fotos
Gerhard Göttler
Libyen
Der komplette Reiseführer für individuelles
Reisen und Entdecken
mit Rundgang durch die Altstadt von Tripolis,
624 Seiten, ca. 39 Ortspläne und Karten,
alle Routen mit GPS-Daten,
über 160 Fotos,
Gartung, Werner
Die Salzkarawane
1000 Wüstenkilometer
mit der Tuareg-Salzkarawane
Mit einer Gruppe von Tuareg und 49 Kamelen
durchquerte der Fotograf und Afrika-Journalist
Werner Gartung in der Republik Niger eine der
feindlichsten Wüsten dieser Erde, die Tenéré. In
packendem Stil beschreibt der Autor die entbeh- Hauser exkursionen GmbH
rungsreichen Wochen seiner Extremtour bis Spiegelstraße 9 · 81241 München
Bilma. Tel: 0 89/23 50 06-0
288 Seiten, ca. 90 Fotos und Abbildungen info@hauser-exkursionen.de
REISE KNOW-HOW Verlag, Bielefeld www.hauser-exkursionen.de
340 341
330-348 Anhang KS_Tuareg:2008.qxd 19.03.2008 14:08 Seite 342
AnzeigeSound_RKH120_4cA.qxd 15.02.08 12:17 Seite 1 Anz_SUN_100x150_DV 13.02.2008 10:50 Uhr Seite 1
C M Y CM MY CY CMY K
Neu bei
ISBN 978-3-8317-5106-8
REISE KNOW-HOW
ISBN 978-3-8317-5109-9
ISBN 978-3-8317-5101-3
ISBN 978-3-8317-5102-0
Australia Argentina China Finland
ISBN 978-3-8317-5104-4
ISBN 978-3-8317-5108-2
ISBN 978-3-8317-5105-1
ISBN 978-3-8317-5103-7
Japan Cuba Switzerland The Balkans
Die Compilations der
ISBN 978-3-8317-5107-5
ISBN 978-3-8317-5110-5
CD-Reihe sound)))trip
stellen die typische Musik
eines Landes oder einer
Region vor.
Northeast Northern Die mit zehn Veröffent-
Brazil Africa lichungen startende Reihe
ist der Beginn einer
einzigartigen Sammlung,
Ab März 2008 einer Weltenzyklopädie
im Buchhandel erhältlich aktueller Musik.
Jede Audio-CD
ca. 50–60 Min. Spieldauer Jedes Jahr sollen unter dem
24-seitiges Booklet Musik-Label sound)))trip
Unverbindl. Preisempf.: mindestens zehn CDs
15,90 ⁄ [D] hinzukommen.
Kostenlose Hör pr obe im Internet unter:
In Kooperation mit
w w w. r e i s e - k n o w - h o w. d e
342 343
Probedruck
330-348 Anhang KS_Tuareg:2008.qxd 19.03.2008 14:08 Seite 344
K a u d e rw e l s c h ?
Mit REISE KNOW-H OW Kauderwelsch!
ans Ziel Die Sprachführer der Reihe Kauder -
welsch helfen dem Reisenden, wirklich
Die Landkarten des world mapping zu sprechen und die Leute zu verstehen.
project bieten gute Orientierung – Wie wird das gemacht?
weltweit. Die Grammatik wird in einfacher Sprache so
weit erklärt, dass es möglich wird, ohne viel Pau-
•Moderne Kartengrafik mit Höhenlinien, kerei mit dem Sprechen zu beginnen, wenn auch
Höhenangaben und farbigen Höhen- nicht gerade druckreif.
schichten Alle Beispielsätze werden doppelt ins Deutsche
•GPS-Tauglichkeit durch eingezeichnete übertragen: zum einen Wort-für-Wort, zum ande-
ren in „ordentliches” Hochdeutsch. So wird das
Längen- und Breitengrade und ab Maß- fremde Sprachsystem sehr gut durchschaubar.
stab 1:300.000 zusätzlich durch UTM- Ohne eine Wort-für-Wort-Übersetzung ist es so gut
Markierungen wie unmöglich, einzelne Wörter in einem Satz aus-
•Einheitlich klassifiziertes Straßennetz mit zutauschen.
Entfernungsangaben Die Autorinnen und Autoren der Reihe sind
•Wichtige Sehenswürdigkeiten, heraus- Globetrotter, die die Sprache im Lande gelernt ha-
ben. Sie wissen daher genau, wie und was die
ragende Orientierungspunkte und Bade- Leute auf der Straße sprechen. Deren Ausdrucks-
strände werden durch einprägsame weise ist häufig viel einfacher und direkter als z.B.
Symbole dargestellt die Sprache der Literatur. Außer der Sprache ver-
•Der ausführliche Ortsindex ermöglicht mitteln die Autoren Verhaltenstipps und erklären
Besonderheiten des Landes.
Jeder Band hat 96 bis 160 Seiten. Zu jedem Ti-
das schnelle Finden des Zieles
•Wasser- und reißfestes Material
tel ist ein begleitendes Tonmaterial erhältlich.
Kauderwelsch-Sprachführer gibt es für rund
•Kein störender Pappumschlag, der das
individuelle Falzen unterwegs und das 100 Sprachen in mehr als 200 Bänden, z.B.:
Einstecken in die Jackentasche behindert
Tamaschek (Tuareg) – Wort für Wort
Derzeit sind über 160 Titel lieferbar
(siehe www.reise-know-how.de), z. B.:
Hausa für Nigeria– Wort für Wort
Westafrika, Sahelländer 1 : 2,2 Mio.
Hocharabisch – Wort für Wort
Algerien, Tunesien 1 : 1,7 Mio.
Lybien 1 : 1,6 Mio.
Französisch – Wort für Wort
world mapping project
REISE KNOW-HOW Verlag, Bielefeld REISE KNOW-HOW Verlag, Bielefeld
344 345
330-348 Anhang KS_Tuareg:2008.qxd 19.03.2008 14:08 Seite 346
Register Anstandsregeln 144
PRAXIS – für jedes Thema Araber 30, 56, 75, 94
A Arabisch 215
der richtige Ratgeber Arabisierung 28, 97
Wer weiß schon, wie man sich Vulkanen nähert, Abenteuer 15, 270 Arbeitslosigkeit 51
Höhlen sicher erkundet, sich im Dschungel Abenteuerromane 57 Aristokraten 57
orientiert, ein Kanu steuert, seine Flugangst Abraham 245 Armut 280
überwindet — oder einfach nur Flüge, Unterkunft Abschlussfest 247 Artefakte, prähis-
und Mietwagen am cleversten bucht und mit
einer Digitalkamera auf Reisen umgeht? Abwanderung 28 torische 278
Die erfahrenen Autoren der Reihe PRAXIS Adel 101 Arzneimittel 236
vermitteln in jedem der über 100 Bände eine Agadez 29, 33, 44, 52, asshak 64, 138, 293
Fülle nützlicher Informationen und praktischer
204, 250, 311 Assode 29
Tipps für alle Themen rund um Urlaub und
Freizeit. Ägypter 23 Ausbildung 132
ahal 147, 221 Ausfragen 300
Hier eine kleine Auswahl:
Ahnen 64 Aussehen 189
• Als Frau allein unterwegs al-Koni, Ibrahim 179, Autonomisten 114
• Clever buchen – besser fliegen 218
• Clever reisen mit dem Wohnmobil aleschu 65 B
• Drogen in Reiseländern Algerien 95, 106, 272
• Safari-Handbuch Afrika Alkohol 214 Baby 133, 157
• Fliegen ohne Angst Allah 77 Bad 228
• Handbuch für Tropenreisen Alltag 171 Balladen 217
• Islam erleben Almosen 265 Barfuß 80
• Reisefotografie digital Alphabet 215 Batterien 272
• Respektvoll reisen Alphabetisierungsquote 162 Baumbestände 21
• Richtig Kartenlesen Alter 166 Beduinen 28, 108
• Schutz vor Gewalt und amajegh 65 Beerdigungszeremonie 168
Kriminalität unterwegs Amastan, Mousa ag Begegnungen 293
• Trekking Handbuch 34, 114 Begrüßung 288
• Wann wohin reisen? amenokal 34, 99, 101 Beine, nackte 309
• Wildnis-Ausrüstung Amulettbehälter 186, Bekannte 318
• Wüstenfahren 192 Bekleidung 185
Weitere Titel siehe Programmübersicht und unter:
Anarchisten 115 Berber 27, 94
www.reise-know-how.de. Anerkennung 269 Berufsausbildung 159
Anführer 99 Beschneidung 158
Jeder Titel 144-176 Seiten, reich illustriert,
handliches Taschenformat 10,5 x 17 cm, Anhänger 190 Besessenheitstanz 232
Glossar, Register und Griffmarken zur Anpassung 64, 227 Besucher 316
schnellen Orientierung Anrede 292 Bettler 265, 321
Anschauen, direktes Bevölkerung 93
REISE KNOW-HOW Verlag, Bielefeld
291 bianou 250
Ansehen 145 Bildung 138, 159
346 347
330-348 Anhang KS_Tuareg:2008.qxd 19.03.2008 14:08 Seite 348
Bindehautentzündungen 230 Durchfallerkrankungen 231, 288 Felszeichnungen 27, G
Blick, böser 233 Dürre 20, 44, 94, 119 178, 278
Blues 223 Duschen 275 Feste 239, 311 Gaddafi, Muammar al 46
Boula, Rhissa ag Feste, religiöse 241 Gani-Fest 247
49, 52, 115 E Feste, spontane 250 Garamanten 26
Boutique 125 Feste, traditionelle 241 Garküchen 272
Braut 243 Edle 68 Festessen 244, 320 Gartenbau 103, 119
Brotteig 211 eghale 211 Festival de l’Aïr 254 Gärtner 69
Brunnen 274 Ehe 144, 152 Feuerholz 275 Gastfreundschaft 315
Burkina Faso 16 Ehefrau 134, 174 Flechtmatten 197 Gebirge 12
Butter 208 Eheleute 150, 292 Fleisch 212 Gebrauchsgegenstände 195,
Ehemann 134, 146 Flora 18 269, 279
C Eheschließung 243 Flughafen Agadez 48 Geburt 155
Einkommen 71 Flutkatastrophen 21 Gedichte 216
Campingplätze 277 Einladungen 318 Fotografieren 310 Gefühle 302
Chaldoun, Ibn 57 Einsamkeit 230 Foucauld, Charles de Gegensätze 77
chasses-touristes 72, enaden 70, 104, 136, 294 35 Geige 221
127, 266, 323 Englisch 215 Fragen 300 Geisterglaube 76
Couscous 210 Entführungen 52 Frankreich 26, 33, 39 Geisterwelt 104
cure salée 248 Entsorgung 274 Franzosen 58, 101 Geisteskrankheiten 222, 232
Entwicklungsprojekte 124, Französisch 215 Geldeinkommen 119
D 128, 322 Frauen 80, 132, 225 Geldmangel 49
Erbrecht 169 Frauen, europäische Gemeinschaftsgüter 143
Dank 69, 324 Erdgas 276 284, 314 Gemüse 213
Dayak, Mano 48, Erdöl 42 Frauenarbeit 197 Genussmittel 214
52, 59 Erkältungen 230 Frauenbild, Wandel 143 Geografie 11
Demokraten 116 Erosion 20 Frauenkleider 188 Geologie 17
Demokratisierung 47 Erziehung 133 Frauenwelten 314 Gesangstreffen 251
Desert Rebel 223 Essen 205, 320 Freiheit 76, 138 Geschenke 266, 321
Deutsche 304 Europa 60 Fremde 318 Geschichte 23
Dezentralisierung 113 Europäer 15, 257, 262 Fremdenverkehr 52 Geschichten 301
Dichtkunst 141 Exorzismus 232 Freunde 319 Geschlechterverhältnisse 131
Diskussionen 301 Freunde von Timia Gesellschaft 68, 93
Distanz 303 F 129, 201 Gesicht wahren 296
Disziplin 160 Frieden 280 Gesichtsschleier 58,
Djerma-Songhai 110 Familie 131 Friedhof 168 63, 80, 175, 290
Dorfhochzeit 242 Fastenmonat 312 Frisuren 189 Gespräche 313
Dornbuschsavanne 19 Fauna 18 Frühstück 172, 272 Gesprächsformen 300
Dreieck 195 Fehler 298 Führer 15, 34, 267 Gesten 305
Dualismus, islamischer 77 Feiertage 239 Fulbe-Bauer 109, 175 Gesundheit 226, 287
Dünen 15, 259 Feilschen 325 Fundstätten 278 Gesundheitsvorsorge 81
348 349
330-348 Anhang KS_Tuareg:2008.qxd 19.03.2008 14:08 Seite 350
Getränke 207 Hirse 119, 209 Jobs 125 Kleidung, ange-
Gewalt 116 Hirtenlager 202 Jugendarbeitslosigkeit 72 messene 309, 318
Gleichgewicht 76 Hirtin, Lebenslauf 153 Kleingeld 325
Glossar 332 Hitze 14, 230 K Klima 11
Gold 191 Hochzeit, Stadt 244 Klischees 55
Großmutter 158, 167 Hochzeit 141 Kälte 14 Kolonialisierung 32
Grundausstattung 193 Höflichkeitsregeln 296 Kamel 117, 271 Kommunikation,
Grundwasser 274 Hoggar 95 Kamel, weißes 178 nonverbale 302
GTZ 258 Holz 275 Kamelkarussell 181 Konflikte 297
Hotels 277 Kamelmilch 208 Konföderation 30, 99
H Hütte 199 Kamelsuche 174 Kontaktaufnahme 302
Hygiene 226 Kameltanz 243 Kontakte 264, 285
Haar 81, 89 Karawane 174, 297 Kontrolle 304
Halsketten 192 I Karawanenhandel 122 Konversation 313
Hamani, Diori 44 Karies 230 Kopftuch 81, 139, 188
Hammel 212, 244 iblis 77, 81 Käse 208 Koran 81, 91
Handeln 326 Idealisierung 58 Kautabak 214 Korangelehrte 74, 96,
Handwerker 104, 294 Identität 67, 314 Keita, Modibo 43 103, 136
Hausa 66, 110 iklan 65, 103 kel adrar 95 Koranschule 160
Hausa-Karawane 122 Illizi-Festival 252 kel ahaggar 24, 65, 75 Körper 79
Hausarbeit 141 imajeghen 27, 55, 101, kel aïr 29, 37, 96, 219 Körperkontakt 303
Hausrat 149 137, 180, 294, 319 kel ajjer 30, 95, 218 Krankenhaus 234
Hawad 219 Impfungen 237, 287 kel antessar 96 Krankheiten 229, 287
Hebammen 141 imzad 221 kel ataram 133 Kreuz von Agadez 106
Heiden 263 Indigofarbe 80, 176 kel essuf 76, 90, Kreuzcousinen 69,
Heilmethoden, Indigostoffe 188 159, 168, 218 147, 298
traditionelle 232 ineslemen 103, 136 kel ewey 29, 67, Kreuzfahrer 26
Heilmittelversicherung 235 Initiationsritual 165 82, 96, 134, 200 Krieg 30, 61, 116
Heirat 139 Internettipps 336 kel ferouan 96, 249 Kriminalität 281
Heiratsalter 147 Interview 70 kel gress 29, 96
Heiratspolitik 101, 132 Intimsphäre 313 kel ifoghas 43, 51 L
Helden 59, 64, 138 ischomar 44, 53, 100, kel tagelmust 56
Heldenlieder 216 125, 177, 280, 303 kel tamaschek 56, 94 Lagerfeuer 272
Herkunft 23 Islam 28, 64, 136, 314 kel timia 70 Lagerverband 98
Herodot 26 Islamisierung 75 kel ullimidden 33, 95 Lanze 194
Heuschreckenplage 21 Kernfamilie 139 Lebensbedingungen 70
Hexen 166, 233 J Kinder 118, 132, Lebensstandard 121
Hierarchie 100 151, 183, 265, 294 Lebenszyklus 152
Hilfsbereitschaft 315 Jagd 277 Kindererziehung 159 Lederprodukte 185
Hilfsorganisationen 258, 266 Jahreszeiten 14 Kindersterblichkeit 95 Lederzelt 106, 197
Hilfsprojekte 261 Jemen 26 Kleidung 106, 188, 312, 324 Lehmhütte 106, 200
350 351
330-348 Anhang KS_Tuareg:2008.qxd 19.03.2008 14:08 Seite 352
Libyen 47, 95, 106, Musikfestival 254 R Savanne 16
125, 272 Müsli 211 Schafe 118
Liebe 146 Muslimbrüderschaft 75 Radiosender 226 Scham 68, 80
Literatur 215 Mutterzelt 97, 133 Rallye Paris–Dakar 48 Scheidung 142, 151
Literaturtipps 334 Mythos 55 Ramadan 247, 312 Scherzbeziehung 69
Lohnarbeit 106 Rassenkonflikt 51 Scherze 301
Lohnhirten 119 N Raubzüge 137 Schilfhütten 199
Lüge 300 Raumaufteilung 198 Schlangenbisse 230
Luxusartikel 182 Namen 293 Rebellion 34, 42, 50, Schleier 68, 90, 175
Lyrik 216 Namensgebung 157 59, 116, 280 Schmiede 53, 70, 104,
Nationalstaaten 119 Reformen 44 136, 181, 294
M Naturheilkunde 234 Regenzeit 14, 17, 248 Schmuck 53, 106, 185
Niger, Fluss 110 Regierungskrise 49 Schmuggel 51, 126
Magie 74, 232 Niger, Republik 16, 44, Reichtum 263 Schönheitspflege 188
Malaria 231 52, 111, 272, 280 Reis 210 Schrift 81, 160, 215
Mali 16, 28, 39, 43, 50 Noble 65 Reiseagenturen 270, 284 Schule 45, 159, 216
Mangelwirtschaft 119 Nomadenlager 296 Reisebusse 270 Schutz 79, 202
Männer 147, 137, 178 Nomadenwirtschaft 132 Reisen 258, 265, Streitgespräche 301
Männer, europäische Nomadismus 117 284, 312 Sudan 33, 43
314 Notdurft 228 Reiterspiele 180, 245 Sultan 107
Männerkleider 192 Nutztier 179 Religion 63, 74 Süßspeise 210
marabouts 67, 74, 103 Respekt 150 Symbolik 177, 191
Märchen 217 O Restaurants 272
Matrilinearität 97, 144 Rindernomaden 110 T
Mattenzelte 199 Ortsführer 268 Ritter 55, 102
Medikamente 235 Osmanisches Reich 31 Rom 27 Tabaski 245
Medizin, westliche Romantisierung 57 Tabus 207, 300, 313
234 P Ruinen 29 tagelmust 64, 68, 80,
Meinungsverschiedenheiten 297 137, 175, 305
Meningitis 231 Parlament 111 S tam-tam 181, 251, 302
Menstruation 80, 164 Pflanzen 13, 19 Tamanrasset 252
Messer 196 Piraterie 31 Sahara 12, 55, 281 Tamaschek 81, 215,
Metallschild 194 Plaudern 182 Saharatourismus 52 293
Milch 208 Poesie 146, 216 Sahel 13, 16, 19 Tamaschek-Unterricht 163
Mitbringsel 324 Politik 93, 110, 314 Salomon 229 Tanezrouft 16
Mitgift 148, 151 Polygamie 136 Salz 210 Tanz 180, 243
Mode 189 Popstars 223 Salzkarawane 109, 122 Tartit 225
Modernisierung 97 Preise 326 Sandalen 186, 193 Tauschhandel 117
Moscheen 311 Priesteradel 103 Sandhockey 185 Tee 207, 214, 317
Müll 272 Privatunterkünfte 277 Sattel 178, 194 Teezeremoniell 181,
Musik 220 Projektjäger 128 Sauberkeit 228 207, 317
352 353
330-348 Anhang KS_Tuareg:2008.qxd 19.03.2008 14:08 Seite 354
tekarakit 68 U Weizenfladen 211 Wüste 13, 226, 297
Temperaturen 15 Weltkrieg, Erster 35 Wüstenritter 55, 60
Ténéré 13, 16 Überfälle 279 Weltkulturerbe 204
terek 56, 75 Übernutzung 121 Werte 63, 69, 308 Z
Teufel 76 Umweltbelastung 328 Widerstand 34
Tiere 12, 18, 276 Umweltproblem 272 Wikinger 26 Zahlen 299
tifinagh 81, 160, Unabhängigkeit 112 Wind 15 Zeit 299, 306
215, 219 Unabhängigkeit, Winterlager 175 Zelt 197
Timbuktu 28, 33, wirtschaftliche 142 Wirtschaft 117 Zentralsahara 33, 52,
75, 203 Unterernährung 237 Witwenschaft 151 Ziegenhirtin 172
Timia 70, 129, 200, Unterkünfte 277 Wodaabe 109 Ziegenkäse 208
242, 314 Unterstützung 266 Wohlstand 71, 321 Ziegenzucht 121, 139
Tin Hinan 24, 98 Unterwegs 265 Wohnformen 196 Zinder 33
Tischsitten 320 Uran 44 Würde 64 Zurückhaltung 68, 80
Tod 168
Toiletten 275 V
Touré, Amadou
Toumani 44 Vandalen 26
Tourguides 267 Vasallen 102
Tourismus 42, 49, 122, Vázquez-Figueroa,
267, 322, 328 Alberto 59
Tourismussyndikat 117 Verdienstmöglichkeiten 125
Touristen 70, 258, 307 Verhaltensregeln 316
Touristenjäger 72, 127, Verhütung 237
266 Verkehrsmittel 270
Tragetuch 157 Vermeidungsregeln 68
Trans-Sahara-Handel 32, 126 Verwaltung 111
Trauerzeit 169 Verwandte 320
Tribut 99, 102 Viehzucht 106
Trinken 205 Vollnomaden 133
Trinkgeld 268 Vorfahren 23
Trinkwasser 287 Vulkane 12
Trockenfleisch 213
Trockenzeit 15 W
Trommlergruppe 98
Tropenkrankheiten 227 Wadi 19
Tuareg-Kreuz 189 Waffen 282
Tuberkulose 231 Wahrheit 299
Tubus 108 Wasser 20, 179, 207,
Türken 31 227, 274
Typhus 231 Weiden 173
354 355
330-348 Anhang KS_Tuareg:2008.qxd 19.03.2008 14:08 Seite 358
Karte
Karte0000
Übersichtskarte
Übersichtskarte MAMA
R ORKKO TUN E SEIE
TUN SNIEN
O KKO
Verbreitungsgebiete
Verbreitungsgebiete Ghardala
Ghardala
M iMt tei tlte
- l-
Marrakesch
Marrakesch
der Tuareg
der Tuareg Tripolis
Tripolis m eme er e r
Bechar
Bechar Ouargla
Ouargla
NalutNalut Misratah
Misratah
Abadia
Abadia
Atla n tis
Atla cher
n tis cher Agadir
Agadir
El-Goléa
El-Goléa Benghasi
Benghasi
O zea n n
O zea
Tabelbala
Tabelbala Kerzaz
Kerzaz Ghadamês
Ghadamês Ganyat
Ganyat
Timimoun
Timimoun
A A L L GG E E R R I I E E NN
Tindouf
Tindouf
Bordj Omar
Bordj DrissDriss
Omar In Amenas
In Amenas
In Salah
In Salah Edjeleh
Edjeleh L L I I B B Y Y E E NN
Ta Ta Sebha
Sebha
s i Amguid
s Amguid
lli illi
Chegga
Chegga - n - n
- A- A Murzuk
Murzuk
Arak Arak jje jje
Zaouatallaz r r
Zaouatallaz GhatGhat
A d rAadr r aA rh nA eh tn e t
DjanetAkakus
Djanet Akakus
Zouérat
Zouérat K E KL E AL J A
JEJ JR E R
TahatTahat AdrarAdrar
Mariaou
Mariaou
t t K E KL E LR E RL EA L A 29082908
m m
uf uf
gar
r
Taoudenni
Taoudenni T a nTea znreozur fot u f t
ga
Tamanrasset
Tamanrasset
z ro zro T a nT-aAnh- eA nh ee n e g og
H oH
uf uf ne ne K EKLE LA HA AHGA GG AGRA R
jo jo
D D Ta Ta
El El
Tibesti
Tibesti
Bardai
Bardai
Djado
Djado
Chirfa
Chirfa
MM
AUAR
UERT
E AT N
ANI EI N
EN Tessalit
Tessalit
K E KL E AL D ARDA RR A R
Tamgak
Tamgak
19001900
m m Seguedine
Seguedine
h h KE LKEE LW E W
Y EY
Adrar
Adrar ag ag KE LKE
AHL AG
AHG AR
AG G AAïr
R AïrIferouane
Iferouane
n'lfoghas
n'lfoghas a w a w KE LKE AïR
z z L AïR
A A Arlit Arlit Dirkou
Dirkou
MM A A L L I I KidalKidal
TimiaTimia
Bagzane
Bagzane
BilmaBilma
E r gE r g
er er
20222022
m mFachiFachi o ß o ß al m a
Gr GrBilm
Té éré
ré
K E KL E AL N AT NE TS ES SA SR A R i
n n B
né
vo vo
ne
ne
n
Bourem
Bourem
Té
wa
wa
Timbuktu
Timbuktu U L UL LI -L I- -M -ï M
DDï DE DN E N IngalIngal ra ra
ka ka
Goundam
Goundam
Agadez
Agadez RouR
teod SearlzSalz
uteer d
GaoGao KE LKE
ATA R AM
L ATA R AM KE LKE
DLI NDNI INKN I KKE LKEFL
E RFO
EUAN
R O UA N
Ménaka
Ménaka
KE LKE
NLA N
N AN
NN I I GG E E R R
N i geN
r i ge r
Nampala
Nampala KE LKE
A LïR AïR
MM A A L L I I Gorom-Goroml
Gorom-Goroml
Tahoua
Tahoua Tanout
Tanout T TS SC CH HA AD D
N igerN iger
O UODUA DL AA LN A N KE LKE
GLR E
GSRSE S S
Ségou
Ségou Maradi
Maradi Zinder
Zinder
Niamey
Niamey Gourê
Gourê
Bamako
Bamako
BURKIN
BURKINAA
FAFA
SOSO Sokoto
Sokoto Ts chTs
a dch
s eae d s e e
Ouagadougou
Ouagadougou
GayaGaya
N NI G
IG EKano
ER RI AI A
Kano N' Djamena
N' Djamena
358 359
330-348 Anhang KS_Tuareg:2008.qxd 19.03.2008 14:08 Seite 360
083tr Foto: hf Der Autor
Wie kann man Menschen mit
fremder Lebensweise besser ver-
stehen? Antworten darauf suchte
Harald A. Friedl (Jg. 1968) zu-
nächst im Studium (Rechte, Philo-
sophie und Politologie in Graz,
Ethnologie und Soziologie in
Frankreich). Doch richtig zu ver-
stehen begann er erst dank seiner
Saharareisen per Autostopp. Da-
bei prägten ihn besonders die Be-
gegnungen mit Tuareg.
1992 ließ er sich in den USA
zum Kultur- und Abenteuer-Reise-
leiter ausbilden, führte Touren rund um die Welt mit Schwerpunkt Sahara
und Orient und arbeitete als Journalist im Bereich Tourismus und Entwick-
lung. Aus einer Reise in das vom Krieg erschütterte Aïr-Massiv entstand
1999 ein langjähriges Forschungs- und Entwicklungsprojekt in Agadez
und im Aïr mit dem Ziel einer nachhaltigen Tourismusentwicklung. Dabei
heiratete er in Timia seine Grazer Gefährtin Christiane nach Tuareg-Ritual.
Die Erfahrungen dieser Forschung flossen in den Band „Respektvoll rei-
sen“ ein.
Heute lehrt der Autor Tourismussoziologie und -ethik am Studiengang
„Gesundheitsmanagement im Tourismus“ an der Fachhochschule JOAN-
NEUM in Bad Gleichenberg. In seiner Freizeit „trainiert“ er für die gemein-
same Saharaexpedition mit seinem Sohn Alexander ... in der Sandkiste.
360