Plant GenZ nach Corona
klimafreundlichere Reisen?
von Laurenz Mörth und Harald A. Friedl, FH JOANNEUM, Graz und
Bad Gleichenberg
Angesichts dieser Umstände drängt sich die Fra-
Diese Studie über die Auswirkungen der ge auf, wie jene jungen Menschen, die in den
Covid-19-Reisebeschränkungen auf die Jahren vor der Pandemie so vehement für den
Reisebedürfnisse Studierender basiert Umweltschutz eingetreten waren, mit diesen Rei-
auf den Ergebnissen der gleichnamigen Bache- seeinschränkungen umgehen. Immerhin gehörte
lorarbeit von Laurenz Mörth „Will die Genera- freies Reisen für viele junge EuropäerInnen bereits
tion Z nach Corona klimafreundlicher reisen?“, zur Normalität einer modernen Lebenskultur,
verfasst am Studiengang für internationales zumindest innerhalb des Schengen-Raums. Das
Management an der FH JOANNEUM in Graz. Aufkommen von Billigfluganbietern in den letzten
Jahren machte auch Fernreisen für jene junge
Klientel zunehmend leistbar (Pallinger, 2020).
Problemstellung Zudem trugen auch Programme zur Förderung
Überwiegend junge Menschen gingen in den von studentischer Mobilität, wie ERASMUS, dazu
letzten Jahren wiederholt auf die Straße, um für bei, dass insbesondere Studierenden seit Jahren
ein Umdenken in der Klimapolitik zu demons- eine Kultur des grenzüberschreitenden Reisens
trieren, zuletzt am 24. Oktober 2021 anlässlich vermittelt wird.
eines weltweiten Klimastreiks (Klimastreik 2021,
2021). Federführend war hierbei zumeist die Allerdings belasten viele Formen des Tourismus
Fridays-for-Future-Bewegung, deren zentrale das globale Klima beträchtlich und dauerhaft. Dies
Forderung die Einhaltung des Pariser Klimaab- gilt besonders für emissionsintensive Formen der
kommens ist, mit dem die Erderwärmung auf Anreise zur Zieldestination. So gelten PKW- und
1,5 Grad Celsius begrenzt werden soll (Fridays Flugverkehr als Hauptverursacher von Treibhaus-
for Future Austria, o. J.-a). Der Klimawandel und gasemissionen im Tourismus (Umweltbundesamt
dessen Bekämpfung war das zentrale Anliegen 2020, S. 125). Der Trend zum Kurzurlaub in Fern-
für viele SchülerInnen und Studierende, bis eine destinationen auf Basis von Billigflügen spielte hier
andere globale Krise die gesamte Aufmerksamkeit eine kritische Rolle (Pröbstl-Haider et al., 2021,
auf sich zog. S. 67–68). Der dabei verursachte, beträchtliche
ökologische Fußabdruck des Wirtschaftssektors
Seit dem Ausbruch der Covid-19-Pandemie ist Tourismus gefährdet die Erreichung der Pariser
die Welt mit beispiellosen gesundheitlichen, so- Klimaziele massiv. Zahlreiche bedeutende Au-
zialen und wirtschaftlichen Herausforderungen torInnen vermuten nun angesichts der globalen
konfrontiert. Grenzüberschreitender Tourismus Pandemie, diese könnte zu einem Wandel der
gehört dabei zu den am stärksten betroffenen problematischen Beziehung des Tourismus zu
Sektoren, da Reisebeschränkungen in Gestalt Natur und Klima beitragen (United Nations, 2020,
wiederholter Schließungen von Grenzen zum S. 3–4; Gössling, Scott, & Hall, 2020; James & Ren,
massiven Rückgang der internationalen Reisebe- 2021; Robinson & Wright, 2021; Gagan, Asha,
wegungen führten (UNWTO, 2020). Die bisherige & Justin, 2021; Jiricka-Pürrer, Brandenburg, &
Sommersaison 2021 zeigt zwar wieder einen Pröbstl-Haider, 2021).
deutlichen Anstieg an internationalen Ankünften
und Nächtigungen gegenüber dem Vorjahr, von Nach der Argumentationsweise dieser AutorInnen
einem Vorkrisenniveau ist jedoch die diesjährige könnte man erwarten, dass die Umstände der
Buchungslage, noch weit entfernt (Österreich Pandemie der klimakritischen Haltung der Ge-
Werbung, 2021). neration „Friday 4 Future“ sogar entgegenkämen.
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Reiseverhalten
Andererseits darf auch die langjährige Prägung dierenden den Wunsch nach Reisen verstärken
durch eine expandierende Reisekultur nicht außer würden. Von besonderem Interesse war darum,
Acht gelassen werden. Zur näheren Beleuchtung welche Bedeutung Studierende der Klimakrise bei
dieses scheinbaren Widerspruchs wurde 2020 im der Planung ihrer zukünftigen Reisen zumessen
Auftrag von TourismusWissen-quarterly an der würden. In welchem Ausmaß würde demnach
FH JOANNEUM eine qualitative ad-hoc-Studie das Prinzip der Klima- und Umweltfreundlichkeit
mit einem kleinen Sample durchgeführt. Dabei die beabsichtigte Reisepraxis der Studierenden
vermittelten die befragten Studierenden einen leiten, wenn Reisen wieder möglich sei? Die Fra-
„optimistischen Blick auf die Möglichkeit einer gen waren überwiegend geschlossen und auf
nachhaltigen Lebensstiländerung“ durch die Basis einer sechsteiligen Likert-Skalierung zu
Umstände der Pandemie. Das ermittelte starke beantworten (1 = hohe Zustimmung, 6 keine Zu-
Bekenntnis zu Klima- und Umweltschutz wurde stimmung). Vereinzelt kamen auch Single- und
jedoch kritisch „als vorübergehende Anpassung Multiple-Choice-Fragestellungen sowie in zwei
an eine gewisse Öko-Sprech-Mode“ interpretiert. Fällen eine Ordinalskala zur Anwendung.
Zudem waren die ProbandInnen TeilnehmerInnen
einer Lehrveranstaltung über „Health and Nature Grundlegendes Reiseverhalten von
Tourism“ mit signifikanter Nähe zu Nachhaltig- Studierenden
keitsaspekten (Macher & Friedl, 2020). Darum Als jene Faktoren, die Studierende bei der Planung
hatten die AutorInnen auch im Zuge einer Kon- und Durchführung einer Urlaubsreise als wichtig
ferenzpräsentation ihrer Ergebnisse deren Über- erachten, erwiesen sich, nach der Häufigkeit der
prüfung durch eine Studie mit einem größeren Nennung gereiht, „Erleben von Natur“, dicht ge-
Panel empfohlen (Macher & Friedl, 2021, S. 223). folgt von „Ausspannen am Urlaubsort“ sowie „Ein
Diese Empfehlung wurde durch Laurenz Mörth Abenteuer erleben“. Als weniger wichtig wurde
aufgegriffen, indem er den Fokus seiner Untersu- „Feiern und Party machen“ und „Attraktive Plätze
chung auf folgende Frage richtete: „In welchem besuchen, die gerade in Trend liegen“ beurteilt.
Ausmaß sind junge Menschen, die sich mit den Diese Aussagen folgen dem langjährigen Trend
Forderungen der Fridays for Future-Bewegung von Urlauberbefragungen, wonach die Bedeutung
identifizieren, nach Rücknahme der Reisebe- von intakter Natur bzw. Landschaft auch schon
schränkungen zur Bekämpfung der Covid-19-Pan- vor der Pandemie stets an prominenter Stelle
demie bereit, die Klima- und Umweltfreundlichkeit genannt wurde (Deutsche Zentrale für Tourismus
ihres Reiseverhaltens zu priorisieren?“ 2013; Reisenauer 2019, S. 13). Darum aus dem
Befragungsergebnis eine Sorge der Studieren-
Methodik den abzuleiten, dass touristische Aktivitäten die
Für die Klärung dieser Frage wurde von März bis Biodiversität beeinträchtigen (Gössling, 2002, S.
April 2021 ein Online-Fragebogen mit 16 Fragen 293–294), was wiederum zu einem erheblichen
an Studierende der FH JOANNEUM ausgesandt. Attraktivitätsverlust von Urlaubsdestinationen
Dabei wurde als einzige demografische Frage der führen könne (UNWTO & ITF, 2019, S. 11), würde
Studiengang der teilnehmenden Person abgefragt. wohl zu weit gehen. Wenig überraschend erscheint,
Der Rücklauf belief sich auf 258 Antworten, von dass Studierenden ein „reichhaltiges Kulturange-
denen 107 von Studierenden der beiden Studi- bote in der Urlaubsdestination“ weniger wichtig
engänge „Gesundheitsmanagement im Touris- erscheint, während Urlaubsreisende im Allgemei-
mus“ (GMT) und „Management internationaler nen Sehenswürdigkeiten und Kulturerlebnisse
Geschäftsprozesse“ (MIG) stammten. als wichtig bezeichnen (Pröbstl-Haider et al.,
Im Fragebogen wurde zunächst nach der Berück- 2021, S. 171). Studierende bewerteten lediglich
sichtigung von Klima- und Umweltaspekten bei Merkmale wie „Besondere regionale Spezialitäten“
der Planung und Durchführung einer Urlaubsrei- oder „Sicherheitslage am Urlaubsort“ als deutlich
se, insbesondere nach bevorzugten Formen der wichtiger. Besonders letzteres dürfte sich wohl
Anreise zum Urlaubsort, gefragt. Im zweiten Teil aus der präsenten Covid-19-Pandemie erklären.
stand die Meinung zum Pariser Klimaabkommen,
zur Fridays for Future-Bewegung sowie zu deren Bei der Planung eines Urlaubs ist den Studieren-
Forderungen hinsichtlich der Umsetzung des den Unabhängigkeit besonders wichtig, was in
Pariser Klimaabkommens (Fridays for Future der Wahl des eigenen Autos als bevorzugtes Ver-
Austria, o. J.-b) im Fokus. Der dritte Teil zielte auf kehrsmittel für die Anreise zum Urlaubsort zum
das von Studierenden beabsichtigte Reiseverhal- Ausdruck kommt. Wichtig ist zudem auch eine
ten für die Zeit nach dem Ende der Covid-1-Rei- möglichst preisgünstige Durchführung der Anrei-
sebeschränkungen. Dabei wurde von der These se. So wurde das Flugzeug als Anreisevehikel am
ausgegangen, dass die zur Zeit der Befragung zweithäufigsten genannt. Hier scheint der Boom
bestehenden Reisebeschränkungen unter Stu- der Billigfluglinien bis zum Ausbruch von Covid-19
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Reiseverhalten
(Pallinger, 2020) zum Ausdruck zu kommen. Um- mag diese Haltung etwas bestimmender zu sein,
weltfreundlichere Verkehrsmittel wie Zug, Autobus wurde „Flugscham“ doch wesentlich von dieser
und Fahrrad wurden deutlich seltener genannt. Bewegung geprägt (Gössling et al., 2020, S. 1).
Offensichtlich spielt Klimafreundlichkeit bei der Auf Urlaub zu fahren scheint jedoch auch für
Planung und Durchführung einer Urlaubsreise Fridays for Future-Befürworter als Ausstieg aus
keine wesentliche Rolle. Vielmehr scheint dieses dem Alltag und der damit verbundenen Lebens-
Thema bei der überwiegenden Zahl der Studie- welt empfunden zu werden.
renden noch nicht angekommen zu sein. Dies
verdeutlichen die Antworten auf die Frage, ob der Pariser Klimaabkommen und Fridays for Future
Urlaub möglichst umwelt- und klimafreundlich Die Einhaltung des Pariser Klimaabkommens ist
gestaltet werden solle: Mit Abstand am häufigs- die zentrale Forderung von Fridays for Future (o.
ten gewählt wurden die Antwortmöglichkeiten J.-b). Auch die befragten Studierenden an der FH
„Stimme eher zu“ (3) und „Stimme eher nicht zu“ JOANNEUM beurteilten dieses Abkommen zu 83
(4). Lediglich vier von 258 Befragten stimmten % als „sehr wichtig“ oder „wichtig“ für die Politik
dieser Aussage voll zu. Österreichs. Dabei beurteilte die große Mehrheit
der Befragten diesen Vertrag als unzureichend
Dieses Beantwortungsmuster war im Wesentlichen im Gegensatz zu lediglich 11 % der Befragten,
auch bei den Studiengängen GMT und MIG zu die das Klimaabkommen als „völlig ausreichend“
erkennen, und dies, obwohl Aspekte des nach- oder „ausreichend“ sehen. Ambitioniertere Kli-
haltigen Tourismus im Studiengang GMT sogar maschutzmaßnahmen, so könnte man meinen,
explizit gelehrt werden. Allerdings hängen innere würden demnach unter Studierenden der FH
Motive, die für die Wahl einer Reiseform maßgeb- JOANNEUM auf Akzeptanz treffen. Denn nach
lich sind, von unterschiedlichen Umwelteinflüs- dem Bericht des Rechnungshofs wären solche
sen, Gewohnheiten und Wertedispositionen ab Maßnahmen dringend nötig, um die auf EU-Ebene
(Herrmann, 2016, S. 8). Bildung und insbesondere vereinbarten Klimaziele für 2030 und 2050 zu
formale Bildungsinhalte scheint diese inneren erreichen. Mit den derzeit gesetzten Maßnahmen
Motive nicht signifikant zu beeinflussen, soweit könnten bis 2030 lediglich 21 % der Treibhausgase
dies Klima- und Umweltfreundlichkeit betrifft. anstelle der erforderlichen 36 % reduziert werden,
Lediglich hinsichtlich des Flugzeugs als Reisemittel bis 2050 nur 55 % anstatt der erforderlichen 80
war erkennbar, dass Studierende der Gruppe MIG – 100 % (2021, S. 13).
das Flugzeug als bevorzugtes Reisevehikel deutlich
häufiger nannten als Studierende der Gruppe GMT. Die Fridays for Future-Bewegung beurteilen Stu-
Ein sachlicher Grund hierfür könnte jedoch das dierende zu 84% als „sehr wichtig“, „wichtig“ oder
verpflichtende Auslandssemester der Gruppe MIG „eher wichtig“. Und während die überwiegende
bei einer der weltweiten Partneruniversitäten sein. Mehrheit der Studierenden sich bereit erklärte,
Vermutlich werden sich für diesen Studiengang diese Bewegung aktiv zu unterstützen, lehnten
eher solche Personen bewerben, die eine höhere dies lediglich 30% der Befragten kategorisch ab.
Affinität zu Reisen in ferne Länder aufweisen, Als Formen der aktiven Unterstützung wurden
während Studierende der Gruppe GMT aufgrund mit jeweils 40% Überzeugungsarbeit gegenüber
der gesundheitlichen Ausrichtung des Curriculums Familie und Freunden sowie die Verbreitung von
eine höhere Affinität zu regionalen Praktika zei- entsprechenden Beiträgen auf Social-Media-Kanä-
gen. Hier wird somit deutlich, welchen Einfluss len genannt. Ein Drittel der Befragten beurteilten
äußere Rahmenbedingungen auf konkrete Denk-, auch die Teilnahme an Demonstrationen der
Bewertungs- und Handlungsmuster ausprägen. Bewegung als realistische Option. Hier zeigt sich
deutlich die Neigung zu einfachen Optionen mit
Als „Flugscham“ wird das schlechte Gewissen geringem Aufwand. Wie groß das tatsächliche
bei Flugreisen aufgrund der dabei verursachten, Engagement jenseits einer Befragungssituation sei,
hohen klimaschädlichen Emissionen verstanden steht freilich auf einem anderen Blatt. Dennoch
(Dudenredaktion, o. J.). Nach Gössling et al. (2020, ist die hohe Bereitschaft zur Unterstützung von
S. 9) und Becken et al. (2021) seien Debatten Fridays for Future bemerkenswert.
über Flugscham zwar in der breiten Gesellschaft
angekommen, jedoch sind bislang noch keine Demnach wäre also die Politik gefordert, dringend
Auswirkungen auf das Reiseverhalten messbar. einschneidende Maßnahme zum Schutz des Klimas
Auch für Studierende ist Flugscham kein ent- umzusetzen. Bedauerlicherweise liegt zwischen
scheidender Faktor. Lediglich 13% der Befragten der Unterstützung der Fridays for Future-Bewegung
bezeichneten Flugscham als „sehr entscheidend“ und des Klimaabkommens durch Studierende ei-
oder „entscheidend“ für das eigene Reiseverhal- nerseits und dem akkumulierten Wählerverhalten
ten. Für UnterstützerInnen von Fridays for Future andererseits bislang eine große Kluft.
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Reiseverhalten
Reisen nach der Pandemie Post-Covid-Reisen entscheidend. Dieser Faktor
Nach Aufhebung der Covid-19-bedingten Reise- wurde lediglich mit dem Faktor 4,32 („wenig rele-
beschränkungen wollen rund 80% der Befragten vant“) bewertet. Als noch unwichtiger allerdings,
wieder reisen. Hier scheint die langjährige Erfah- und das ist zweifellos bemerkenswert, wurde eine
rung des freien und günstigen Reisens (innerhalb große Ferne der Urlaubsdestination beurteilt. Es
der Schengengrenzen) als selbstverständlicher Teil muss somit nicht unbedingt Patagonien oder
eines modernen Lebensgefühls zum Ausdruck zu Tahiti sein, auch das Gesäuse oder das Wald-
kommen. Dem gegenüber wurde die Covid-19-Pan- viertel erlaubt die Befriedigung der Sehnsucht
demie als größter, bislang erlebter Einschnitt in nach Exotik und Gegenwelten. Daraus lässt sich
diese Freiheit wahrgenommen. Doch gibt es keine ableiten, dass Klimafreundlichkeit bei Studie-
Anzeichen dafür, dass dieser Einschnitt zu einer renden der FH JOANNEUM noch lange nicht im
Neubewertung dieser Reisekultur geführt habe, Selbstverständnis einer Reiseplanung angekom-
eher zum Gegenteil. Freilich hat Urlaub die soziale men sei. Jedoch lässt die konkrete Erfahrung der
Funktion der Durchbrechung von Alltagsroutinen Corona-bedingten Rahmenbedingungen, nämlich
(Friedl, 2002, S. 26). Dieses „Ausbrechen aus dem Reisebeschränkungen und eine dadurch „erzwun-
Alltag“ wurde von einer überragenden Mehrheit als gene“ Wiederentdeckung regionaler Attraktionen
wichtigstes Motiv für Reisen nach der Pandemie als lohnenswerte Reiseziele (ACTNetwork, 2020,
angegeben. Das „Erleben einer fremden Kultur“, S. 2), im Verbund mit einer gewissen „neuen
ein „diverses Freizeitangebot“ oder eine „sichere Vorsicht“ auch für die Zeit nach Covid-19 gewisse
Gesundheitslage“ wurden hingegen kaum als wich- klimafreundlichere Reisetendenzen erwarten.
tig genannt, obwohl die Befragung während einer Diese Interpretation untermauert der Umstand,
globalen Gesundheitskrise durchgeführt wurde. dass für 72% der Befragten Urlaub innerhalb
Offensichtlich leiden die Studierenden trotz der von Österreich infolge der Reisebeschränkungen
Pandemie-Erfahrung unter keinerlei Reiseangst, interessanter geworden sei.
wie von Zheng et al. für China indiziert (2021, S.
10). Eher scheint hier die Interpretation von Miao Für die österreichischen Regionen würde dies
et al. mit heterogenen Typen von post-Covid-Rei- bedeuten, entsprechend innovative, attraktive
severhalten zu greifen. Unter jüngeren Menschen und nachhaltige Produkte zu entwickeln und
häufiger zu finden sei etwa eine von Sehnsucht dabei nicht auf präventive Maßnahmen gegen
nach Freiheit und Erlebnissen geprägte post-Co- Übertourismus zu vergessen. Das wieder ruft den
vid-Reiseeinstellung, die etwaige Risiken entweder Gesetzgeber auf den Plan, denn dafür braucht es
weitgehend ausblende oder damit pragmatisch geeignete gesetzliche Grundlagen (Stock 2018).
umgehe (2021). Sinngemäß sehen dies auch die Befragten: Dem-
nach seien für die Reduktion von Emissionen durch
Diese Interpretation von Reisen als Alltagsflucht touristische Mobilität vor allem Regierungen (2,46)
bzw. als Sehnsucht nach Grenzüberschreitung durch entsprechende Regelungen verantwortlich,
scheint auch für die Antworten auf die Frage nach dicht gefolgt von Betreibern der Fluglinien (2,62)
der Relevanz von Klimafreundlichkeit geplanter mittels Investitionen in effizientere Flugzeuge,
Abbildung 1: Wichtigste Faktoren einer Urlaubsreise (Mörth 2021, S. 55)
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Reiseverhalten
sowie von KonsumentInnen (2,67). Stärker aus verankerten Handlungsebene jedoch fehlt die
der Verantwortung genommen wurden hingegen Motivation zu klimafreundlichem Reisen. Zu
Reiseveranstalter (3,58). groß ist der Wunsch, mittels einer Reise die Co-
Anhand dieser Antworten zeigt sich die Diskrepanz vid-19-Normalität hinter sich zu lassen, Grenzen
zwischen der Sicht auf die Verantwortung „der zu überwinden, zu fremden Kulturen zu reisen
Anderen“ im Gegensatz zum eigenen Verhaltens- und sich am Urlaubsort unbeschwert auszuleben.
muster. Denn obwohl die Studierenden selbst bei
Urlaubsreisen nur einen bescheidenen Grad an Diese Diskrepanz ist aus entwicklungspsycho-
Eigenverantwortung zu leisten bereit sind, fordern logischer Sicht nicht weiter überraschend, eben
sie gleichzeitig diese Verantwortung von der kon- weil die verschiedenen Handlungsmuster auf
sumierenden Allgemeinheit ein. Hier wiederholt unterschiedlichen Ebenen verhaftet sind: Die
sich ein typisches Muster aus dem Umweltverhalten intellektuelle Reflexion über bedrohliche, jedoch
von Reisenden, wonach zwar eine saubere Um- abstrakte Zukunftsszenarien wie auch emotional
welt im Reiseland erwartet und geschätzt werde, verhaftete, engagierte Kontroversen über Fridays
doch eben im Sinne eines Teils der „gebuchten“ for Future (von Lucke, 2019) sind stark an Bezugs-
Leistungskette: Die Verantwortung tragen andere, gruppen geknüpft: Als Studierender gehört es ein
konsumiert werde durch den Gast, der ohnedies wenig dazu, die Welt retten zu wollen und gegen
für seinen Aufenthalt zahlt. Fragt sich nur, wem? die Obrigkeit zu rebellieren, um auf diese Weise
soziales und symbolisches Kapital aufzubauen.
Diskussion Reisen hingegen können durch den Akt der Gren-
Der Widerspruch zwischen der Möglichkeit, frei züberschreitung zu „Wegen“ der persönlichen
und günstig verreisen zu können, und der ge- Selbstverwirklichung werden – auch oder zuweilen
forderten Umsetzung von Maßnahmen zur Be- sogar erst recht gegen die Regeln der herrschenden
kämpfung des Klimawandels, konnte im Zuge Vernunft. Darum liegt es für zukünftige Forschung
dieser Arbeit auch unter Studierenden der FH nahe, diese sozialpsychologischen Widersprüche
JOANNEUM nachgewiesen werden. So scheint und dahinterliegenden Mechanismen näher zu be-
das Pariser Klimaabkommen von 2015 unter den leuchten. Denn gefragt sind hilfreiche Ansätze für
Studierenden nicht nur populär zu sein, sondern innovative Reiseprodukte, die das Bedürfnis nach
vielen für die „Rettung des Klimas“ gar nicht weit Entfaltung durch persönliche Grenzüberschreitung
genug zu gehen. Ähnlich bewertet wird auch hervorragend befriedigen und selbstverständlich
die Fridays for Future-Bewegung als lautstarke zugleich klimafreundlich und nachhaltig im Sinne
VerfechterInnen globaler Klimaschutzmaßnah- der Triple-Bottom-Line sind. g
men. Sobald es jedoch um das Ausleben von
konkreten Reiseträumen geht, verliert Klima- und Quellenverzeichnis:
Umweltfreundlichkeit als Maxime für nachhaltiges ACTNetwork. (2020). Covid-19 and the future of tourism:
Reiseverhalten an Relevanz. Zwar wird auf intel- Why this crisis is different and transformative. LinkedIn.
lektueller Ebene die Notwendigkeit zum eigenen https://www.linkedin.com/company/actnetwork/posts/?-
Handeln wahrgenommen, auf der emotional tief feedView=all
Abbildung 2: Verantwortliche Stakeholder zur Emissionsreduktion (Mörth 2021, S. 56)
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Reiseverhalten
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