Academia.eduAcademia.edu
Plant GenZ nach Corona klimafreundlichere Reisen? von Laurenz Mörth und Harald A. Friedl, FH JOANNEUM, Graz und Bad Gleichenberg Angesichts dieser Umstände drängt sich die Fra- Diese Studie über die Auswirkungen der ge auf, wie jene jungen Menschen, die in den Covid-19-Reisebeschränkungen auf die Jahren vor der Pandemie so vehement für den Reisebedürfnisse Studierender basiert Umweltschutz eingetreten waren, mit diesen Rei- auf den Ergebnissen der gleichnamigen Bache- seeinschränkungen umgehen. Immerhin gehörte lorarbeit von Laurenz Mörth „Will die Genera- freies Reisen für viele junge EuropäerInnen bereits tion Z nach Corona klimafreundlicher reisen?“, zur Normalität einer modernen Lebenskultur, verfasst am Studiengang für internationales zumindest innerhalb des Schengen-Raums. Das Management an der FH JOANNEUM in Graz. Aufkommen von Billigfluganbietern in den letzten Jahren machte auch Fernreisen für jene junge Klientel zunehmend leistbar (Pallinger, 2020). Problemstellung Zudem trugen auch Programme zur Förderung Überwiegend junge Menschen gingen in den von studentischer Mobilität, wie ERASMUS, dazu letzten Jahren wiederholt auf die Straße, um für bei, dass insbesondere Studierenden seit Jahren ein Umdenken in der Klimapolitik zu demons- eine Kultur des grenzüberschreitenden Reisens trieren, zuletzt am 24. Oktober 2021 anlässlich vermittelt wird. eines weltweiten Klimastreiks (Klimastreik 2021, 2021). Federführend war hierbei zumeist die Allerdings belasten viele Formen des Tourismus Fridays-for-Future-Bewegung, deren zentrale das globale Klima beträchtlich und dauerhaft. Dies Forderung die Einhaltung des Pariser Klimaab- gilt besonders für emissionsintensive Formen der kommens ist, mit dem die Erderwärmung auf Anreise zur Zieldestination. So gelten PKW- und 1,5 Grad Celsius begrenzt werden soll (Fridays Flugverkehr als Hauptverursacher von Treibhaus- for Future Austria, o. J.-a). Der Klimawandel und gasemissionen im Tourismus (Umweltbundesamt dessen Bekämpfung war das zentrale Anliegen 2020, S. 125). Der Trend zum Kurzurlaub in Fern- für viele SchülerInnen und Studierende, bis eine destinationen auf Basis von Billigflügen spielte hier andere globale Krise die gesamte Aufmerksamkeit eine kritische Rolle (Pröbstl-Haider et al., 2021, auf sich zog. S. 67–68). Der dabei verursachte, beträchtliche ökologische Fußabdruck des Wirtschaftssektors Seit dem Ausbruch der Covid-19-Pandemie ist Tourismus gefährdet die Erreichung der Pariser die Welt mit beispiellosen gesundheitlichen, so- Klimaziele massiv. Zahlreiche bedeutende Au- zialen und wirtschaftlichen Herausforderungen torInnen vermuten nun angesichts der globalen konfrontiert. Grenzüberschreitender Tourismus Pandemie, diese könnte zu einem Wandel der gehört dabei zu den am stärksten betroffenen problematischen Beziehung des Tourismus zu Sektoren, da Reisebeschränkungen in Gestalt Natur und Klima beitragen (United Nations, 2020, wiederholter Schließungen von Grenzen zum S. 3–4; Gössling, Scott, & Hall, 2020; James & Ren, massiven Rückgang der internationalen Reisebe- 2021; Robinson & Wright, 2021; Gagan, Asha, wegungen führten (UNWTO, 2020). Die bisherige & Justin, 2021; Jiricka-Pürrer, Brandenburg, & Sommersaison 2021 zeigt zwar wieder einen Pröbstl-Haider, 2021). deutlichen Anstieg an internationalen Ankünften und Nächtigungen gegenüber dem Vorjahr, von Nach der Argumentationsweise dieser AutorInnen einem Vorkrisenniveau ist jedoch die diesjährige könnte man erwarten, dass die Umstände der Buchungslage, noch weit entfernt (Österreich Pandemie der klimakritischen Haltung der Ge- Werbung, 2021). neration „Friday 4 Future“ sogar entgegenkämen. Oktober 2021 Tourismus Wissen – quarterly | 1 mörth.indd 1 28.09.2021 16:59:34 Reiseverhalten Andererseits darf auch die langjährige Prägung dierenden den Wunsch nach Reisen verstärken durch eine expandierende Reisekultur nicht außer würden. Von besonderem Interesse war darum, Acht gelassen werden. Zur näheren Beleuchtung welche Bedeutung Studierende der Klimakrise bei dieses scheinbaren Widerspruchs wurde 2020 im der Planung ihrer zukünftigen Reisen zumessen Auftrag von TourismusWissen-quarterly an der würden. In welchem Ausmaß würde demnach FH JOANNEUM eine qualitative ad-hoc-Studie das Prinzip der Klima- und Umweltfreundlichkeit mit einem kleinen Sample durchgeführt. Dabei die beabsichtigte Reisepraxis der Studierenden vermittelten die befragten Studierenden einen leiten, wenn Reisen wieder möglich sei? Die Fra- „optimistischen Blick auf die Möglichkeit einer gen waren überwiegend geschlossen und auf nachhaltigen Lebensstiländerung“ durch die Basis einer sechsteiligen Likert-Skalierung zu Umstände der Pandemie. Das ermittelte starke beantworten (1 = hohe Zustimmung, 6 keine Zu- Bekenntnis zu Klima- und Umweltschutz wurde stimmung). Vereinzelt kamen auch Single- und jedoch kritisch „als vorübergehende Anpassung Multiple-Choice-Fragestellungen sowie in zwei an eine gewisse Öko-Sprech-Mode“ interpretiert. Fällen eine Ordinalskala zur Anwendung. Zudem waren die ProbandInnen TeilnehmerInnen einer Lehrveranstaltung über „Health and Nature Grundlegendes Reiseverhalten von Tourism“ mit signifikanter Nähe zu Nachhaltig- Studierenden keitsaspekten (Macher & Friedl, 2020). Darum Als jene Faktoren, die Studierende bei der Planung hatten die AutorInnen auch im Zuge einer Kon- und Durchführung einer Urlaubsreise als wichtig ferenzpräsentation ihrer Ergebnisse deren Über- erachten, erwiesen sich, nach der Häufigkeit der prüfung durch eine Studie mit einem größeren Nennung gereiht, „Erleben von Natur“, dicht ge- Panel empfohlen (Macher & Friedl, 2021, S. 223). folgt von „Ausspannen am Urlaubsort“ sowie „Ein Diese Empfehlung wurde durch Laurenz Mörth Abenteuer erleben“. Als weniger wichtig wurde aufgegriffen, indem er den Fokus seiner Untersu- „Feiern und Party machen“ und „Attraktive Plätze chung auf folgende Frage richtete: „In welchem besuchen, die gerade in Trend liegen“ beurteilt. Ausmaß sind junge Menschen, die sich mit den Diese Aussagen folgen dem langjährigen Trend Forderungen der Fridays for Future-Bewegung von Urlauberbefragungen, wonach die Bedeutung identifizieren, nach Rücknahme der Reisebe- von intakter Natur bzw. Landschaft auch schon schränkungen zur Bekämpfung der Covid-19-Pan- vor der Pandemie stets an prominenter Stelle demie bereit, die Klima- und Umweltfreundlichkeit genannt wurde (Deutsche Zentrale für Tourismus ihres Reiseverhaltens zu priorisieren?“ 2013; Reisenauer 2019, S. 13). Darum aus dem Befragungsergebnis eine Sorge der Studieren- Methodik den abzuleiten, dass touristische Aktivitäten die Für die Klärung dieser Frage wurde von März bis Biodiversität beeinträchtigen (Gössling, 2002, S. April 2021 ein Online-Fragebogen mit 16 Fragen 293–294), was wiederum zu einem erheblichen an Studierende der FH JOANNEUM ausgesandt. Attraktivitätsverlust von Urlaubsdestinationen Dabei wurde als einzige demografische Frage der führen könne (UNWTO & ITF, 2019, S. 11), würde Studiengang der teilnehmenden Person abgefragt. wohl zu weit gehen. Wenig überraschend erscheint, Der Rücklauf belief sich auf 258 Antworten, von dass Studierenden ein „reichhaltiges Kulturange- denen 107 von Studierenden der beiden Studi- bote in der Urlaubsdestination“ weniger wichtig engänge „Gesundheitsmanagement im Touris- erscheint, während Urlaubsreisende im Allgemei- mus“ (GMT) und „Management internationaler nen Sehenswürdigkeiten und Kulturerlebnisse Geschäftsprozesse“ (MIG) stammten. als wichtig bezeichnen (Pröbstl-Haider et al., Im Fragebogen wurde zunächst nach der Berück- 2021, S. 171). Studierende bewerteten lediglich sichtigung von Klima- und Umweltaspekten bei Merkmale wie „Besondere regionale Spezialitäten“ der Planung und Durchführung einer Urlaubsrei- oder „Sicherheitslage am Urlaubsort“ als deutlich se, insbesondere nach bevorzugten Formen der wichtiger. Besonders letzteres dürfte sich wohl Anreise zum Urlaubsort, gefragt. Im zweiten Teil aus der präsenten Covid-19-Pandemie erklären. stand die Meinung zum Pariser Klimaabkommen, zur Fridays for Future-Bewegung sowie zu deren Bei der Planung eines Urlaubs ist den Studieren- Forderungen hinsichtlich der Umsetzung des den Unabhängigkeit besonders wichtig, was in Pariser Klimaabkommens (Fridays for Future der Wahl des eigenen Autos als bevorzugtes Ver- Austria, o. J.-b) im Fokus. Der dritte Teil zielte auf kehrsmittel für die Anreise zum Urlaubsort zum das von Studierenden beabsichtigte Reiseverhal- Ausdruck kommt. Wichtig ist zudem auch eine ten für die Zeit nach dem Ende der Covid-1-Rei- möglichst preisgünstige Durchführung der Anrei- sebeschränkungen. Dabei wurde von der These se. So wurde das Flugzeug als Anreisevehikel am ausgegangen, dass die zur Zeit der Befragung zweithäufigsten genannt. Hier scheint der Boom bestehenden Reisebeschränkungen unter Stu- der Billigfluglinien bis zum Ausbruch von Covid-19 2 | Tourismus Wissen – quarterly Oktober 2021 mörth.indd 2 28.09.2021 16:59:34 Reiseverhalten (Pallinger, 2020) zum Ausdruck zu kommen. Um- mag diese Haltung etwas bestimmender zu sein, weltfreundlichere Verkehrsmittel wie Zug, Autobus wurde „Flugscham“ doch wesentlich von dieser und Fahrrad wurden deutlich seltener genannt. Bewegung geprägt (Gössling et al., 2020, S. 1). Offensichtlich spielt Klimafreundlichkeit bei der Auf Urlaub zu fahren scheint jedoch auch für Planung und Durchführung einer Urlaubsreise Fridays for Future-Befürworter als Ausstieg aus keine wesentliche Rolle. Vielmehr scheint dieses dem Alltag und der damit verbundenen Lebens- Thema bei der überwiegenden Zahl der Studie- welt empfunden zu werden. renden noch nicht angekommen zu sein. Dies verdeutlichen die Antworten auf die Frage, ob der Pariser Klimaabkommen und Fridays for Future Urlaub möglichst umwelt- und klimafreundlich Die Einhaltung des Pariser Klimaabkommens ist gestaltet werden solle: Mit Abstand am häufigs- die zentrale Forderung von Fridays for Future (o. ten gewählt wurden die Antwortmöglichkeiten J.-b). Auch die befragten Studierenden an der FH „Stimme eher zu“ (3) und „Stimme eher nicht zu“ JOANNEUM beurteilten dieses Abkommen zu 83 (4). Lediglich vier von 258 Befragten stimmten % als „sehr wichtig“ oder „wichtig“ für die Politik dieser Aussage voll zu. Österreichs. Dabei beurteilte die große Mehrheit der Befragten diesen Vertrag als unzureichend Dieses Beantwortungsmuster war im Wesentlichen im Gegensatz zu lediglich 11 % der Befragten, auch bei den Studiengängen GMT und MIG zu die das Klimaabkommen als „völlig ausreichend“ erkennen, und dies, obwohl Aspekte des nach- oder „ausreichend“ sehen. Ambitioniertere Kli- haltigen Tourismus im Studiengang GMT sogar maschutzmaßnahmen, so könnte man meinen, explizit gelehrt werden. Allerdings hängen innere würden demnach unter Studierenden der FH Motive, die für die Wahl einer Reiseform maßgeb- JOANNEUM auf Akzeptanz treffen. Denn nach lich sind, von unterschiedlichen Umwelteinflüs- dem Bericht des Rechnungshofs wären solche sen, Gewohnheiten und Wertedispositionen ab Maßnahmen dringend nötig, um die auf EU-Ebene (Herrmann, 2016, S. 8). Bildung und insbesondere vereinbarten Klimaziele für 2030 und 2050 zu formale Bildungsinhalte scheint diese inneren erreichen. Mit den derzeit gesetzten Maßnahmen Motive nicht signifikant zu beeinflussen, soweit könnten bis 2030 lediglich 21 % der Treibhausgase dies Klima- und Umweltfreundlichkeit betrifft. anstelle der erforderlichen 36 % reduziert werden, Lediglich hinsichtlich des Flugzeugs als Reisemittel bis 2050 nur 55 % anstatt der erforderlichen 80 war erkennbar, dass Studierende der Gruppe MIG – 100 % (2021, S. 13). das Flugzeug als bevorzugtes Reisevehikel deutlich häufiger nannten als Studierende der Gruppe GMT. Die Fridays for Future-Bewegung beurteilen Stu- Ein sachlicher Grund hierfür könnte jedoch das dierende zu 84% als „sehr wichtig“, „wichtig“ oder verpflichtende Auslandssemester der Gruppe MIG „eher wichtig“. Und während die überwiegende bei einer der weltweiten Partneruniversitäten sein. Mehrheit der Studierenden sich bereit erklärte, Vermutlich werden sich für diesen Studiengang diese Bewegung aktiv zu unterstützen, lehnten eher solche Personen bewerben, die eine höhere dies lediglich 30% der Befragten kategorisch ab. Affinität zu Reisen in ferne Länder aufweisen, Als Formen der aktiven Unterstützung wurden während Studierende der Gruppe GMT aufgrund mit jeweils 40% Überzeugungsarbeit gegenüber der gesundheitlichen Ausrichtung des Curriculums Familie und Freunden sowie die Verbreitung von eine höhere Affinität zu regionalen Praktika zei- entsprechenden Beiträgen auf Social-Media-Kanä- gen. Hier wird somit deutlich, welchen Einfluss len genannt. Ein Drittel der Befragten beurteilten äußere Rahmenbedingungen auf konkrete Denk-, auch die Teilnahme an Demonstrationen der Bewertungs- und Handlungsmuster ausprägen. Bewegung als realistische Option. Hier zeigt sich deutlich die Neigung zu einfachen Optionen mit Als „Flugscham“ wird das schlechte Gewissen geringem Aufwand. Wie groß das tatsächliche bei Flugreisen aufgrund der dabei verursachten, Engagement jenseits einer Befragungssituation sei, hohen klimaschädlichen Emissionen verstanden steht freilich auf einem anderen Blatt. Dennoch (Dudenredaktion, o. J.). Nach Gössling et al. (2020, ist die hohe Bereitschaft zur Unterstützung von S. 9) und Becken et al. (2021) seien Debatten Fridays for Future bemerkenswert. über Flugscham zwar in der breiten Gesellschaft angekommen, jedoch sind bislang noch keine Demnach wäre also die Politik gefordert, dringend Auswirkungen auf das Reiseverhalten messbar. einschneidende Maßnahme zum Schutz des Klimas Auch für Studierende ist Flugscham kein ent- umzusetzen. Bedauerlicherweise liegt zwischen scheidender Faktor. Lediglich 13% der Befragten der Unterstützung der Fridays for Future-Bewegung bezeichneten Flugscham als „sehr entscheidend“ und des Klimaabkommens durch Studierende ei- oder „entscheidend“ für das eigene Reiseverhal- nerseits und dem akkumulierten Wählerverhalten ten. Für UnterstützerInnen von Fridays for Future andererseits bislang eine große Kluft. Oktober 2021 Tourismus Wissen – quarterly | 3 mörth.indd 3 28.09.2021 16:59:34 Reiseverhalten Reisen nach der Pandemie Post-Covid-Reisen entscheidend. Dieser Faktor Nach Aufhebung der Covid-19-bedingten Reise- wurde lediglich mit dem Faktor 4,32 („wenig rele- beschränkungen wollen rund 80% der Befragten vant“) bewertet. Als noch unwichtiger allerdings, wieder reisen. Hier scheint die langjährige Erfah- und das ist zweifellos bemerkenswert, wurde eine rung des freien und günstigen Reisens (innerhalb große Ferne der Urlaubsdestination beurteilt. Es der Schengengrenzen) als selbstverständlicher Teil muss somit nicht unbedingt Patagonien oder eines modernen Lebensgefühls zum Ausdruck zu Tahiti sein, auch das Gesäuse oder das Wald- kommen. Dem gegenüber wurde die Covid-19-Pan- viertel erlaubt die Befriedigung der Sehnsucht demie als größter, bislang erlebter Einschnitt in nach Exotik und Gegenwelten. Daraus lässt sich diese Freiheit wahrgenommen. Doch gibt es keine ableiten, dass Klimafreundlichkeit bei Studie- Anzeichen dafür, dass dieser Einschnitt zu einer renden der FH JOANNEUM noch lange nicht im Neubewertung dieser Reisekultur geführt habe, Selbstverständnis einer Reiseplanung angekom- eher zum Gegenteil. Freilich hat Urlaub die soziale men sei. Jedoch lässt die konkrete Erfahrung der Funktion der Durchbrechung von Alltagsroutinen Corona-bedingten Rahmenbedingungen, nämlich (Friedl, 2002, S. 26). Dieses „Ausbrechen aus dem Reisebeschränkungen und eine dadurch „erzwun- Alltag“ wurde von einer überragenden Mehrheit als gene“ Wiederentdeckung regionaler Attraktionen wichtigstes Motiv für Reisen nach der Pandemie als lohnenswerte Reiseziele (ACTNetwork, 2020, angegeben. Das „Erleben einer fremden Kultur“, S. 2), im Verbund mit einer gewissen „neuen ein „diverses Freizeitangebot“ oder eine „sichere Vorsicht“ auch für die Zeit nach Covid-19 gewisse Gesundheitslage“ wurden hingegen kaum als wich- klimafreundlichere Reisetendenzen erwarten. tig genannt, obwohl die Befragung während einer Diese Interpretation untermauert der Umstand, globalen Gesundheitskrise durchgeführt wurde. dass für 72% der Befragten Urlaub innerhalb Offensichtlich leiden die Studierenden trotz der von Österreich infolge der Reisebeschränkungen Pandemie-Erfahrung unter keinerlei Reiseangst, interessanter geworden sei. wie von Zheng et al. für China indiziert (2021, S. 10). Eher scheint hier die Interpretation von Miao Für die österreichischen Regionen würde dies et al. mit heterogenen Typen von post-Covid-Rei- bedeuten, entsprechend innovative, attraktive severhalten zu greifen. Unter jüngeren Menschen und nachhaltige Produkte zu entwickeln und häufiger zu finden sei etwa eine von Sehnsucht dabei nicht auf präventive Maßnahmen gegen nach Freiheit und Erlebnissen geprägte post-Co- Übertourismus zu vergessen. Das wieder ruft den vid-Reiseeinstellung, die etwaige Risiken entweder Gesetzgeber auf den Plan, denn dafür braucht es weitgehend ausblende oder damit pragmatisch geeignete gesetzliche Grundlagen (Stock 2018). umgehe (2021). Sinngemäß sehen dies auch die Befragten: Dem- nach seien für die Reduktion von Emissionen durch Diese Interpretation von Reisen als Alltagsflucht touristische Mobilität vor allem Regierungen (2,46) bzw. als Sehnsucht nach Grenzüberschreitung durch entsprechende Regelungen verantwortlich, scheint auch für die Antworten auf die Frage nach dicht gefolgt von Betreibern der Fluglinien (2,62) der Relevanz von Klimafreundlichkeit geplanter mittels Investitionen in effizientere Flugzeuge, Abbildung 1: Wichtigste Faktoren einer Urlaubsreise (Mörth 2021, S. 55) 4 | Tourismus Wissen – quarterly Oktober 2021 mörth.indd 4 28.09.2021 16:59:34 Reiseverhalten sowie von KonsumentInnen (2,67). Stärker aus verankerten Handlungsebene jedoch fehlt die der Verantwortung genommen wurden hingegen Motivation zu klimafreundlichem Reisen. Zu Reiseveranstalter (3,58). groß ist der Wunsch, mittels einer Reise die Co- Anhand dieser Antworten zeigt sich die Diskrepanz vid-19-Normalität hinter sich zu lassen, Grenzen zwischen der Sicht auf die Verantwortung „der zu überwinden, zu fremden Kulturen zu reisen Anderen“ im Gegensatz zum eigenen Verhaltens- und sich am Urlaubsort unbeschwert auszuleben. muster. Denn obwohl die Studierenden selbst bei Urlaubsreisen nur einen bescheidenen Grad an Diese Diskrepanz ist aus entwicklungspsycho- Eigenverantwortung zu leisten bereit sind, fordern logischer Sicht nicht weiter überraschend, eben sie gleichzeitig diese Verantwortung von der kon- weil die verschiedenen Handlungsmuster auf sumierenden Allgemeinheit ein. Hier wiederholt unterschiedlichen Ebenen verhaftet sind: Die sich ein typisches Muster aus dem Umweltverhalten intellektuelle Reflexion über bedrohliche, jedoch von Reisenden, wonach zwar eine saubere Um- abstrakte Zukunftsszenarien wie auch emotional welt im Reiseland erwartet und geschätzt werde, verhaftete, engagierte Kontroversen über Fridays doch eben im Sinne eines Teils der „gebuchten“ for Future (von Lucke, 2019) sind stark an Bezugs- Leistungskette: Die Verantwortung tragen andere, gruppen geknüpft: Als Studierender gehört es ein konsumiert werde durch den Gast, der ohnedies wenig dazu, die Welt retten zu wollen und gegen für seinen Aufenthalt zahlt. Fragt sich nur, wem? die Obrigkeit zu rebellieren, um auf diese Weise soziales und symbolisches Kapital aufzubauen. Diskussion Reisen hingegen können durch den Akt der Gren- Der Widerspruch zwischen der Möglichkeit, frei züberschreitung zu „Wegen“ der persönlichen und günstig verreisen zu können, und der ge- Selbstverwirklichung werden – auch oder zuweilen forderten Umsetzung von Maßnahmen zur Be- sogar erst recht gegen die Regeln der herrschenden kämpfung des Klimawandels, konnte im Zuge Vernunft. Darum liegt es für zukünftige Forschung dieser Arbeit auch unter Studierenden der FH nahe, diese sozialpsychologischen Widersprüche JOANNEUM nachgewiesen werden. So scheint und dahinterliegenden Mechanismen näher zu be- das Pariser Klimaabkommen von 2015 unter den leuchten. Denn gefragt sind hilfreiche Ansätze für Studierenden nicht nur populär zu sein, sondern innovative Reiseprodukte, die das Bedürfnis nach vielen für die „Rettung des Klimas“ gar nicht weit Entfaltung durch persönliche Grenzüberschreitung genug zu gehen. Ähnlich bewertet wird auch hervorragend befriedigen und selbstverständlich die Fridays for Future-Bewegung als lautstarke zugleich klimafreundlich und nachhaltig im Sinne VerfechterInnen globaler Klimaschutzmaßnah- der Triple-Bottom-Line sind. g men. Sobald es jedoch um das Ausleben von konkreten Reiseträumen geht, verliert Klima- und Quellenverzeichnis: Umweltfreundlichkeit als Maxime für nachhaltiges ACTNetwork. (2020). Covid-19 and the future of tourism: Reiseverhalten an Relevanz. Zwar wird auf intel- Why this crisis is different and transformative. LinkedIn. lektueller Ebene die Notwendigkeit zum eigenen https://www.linkedin.com/company/actnetwork/posts/?- Handeln wahrgenommen, auf der emotional tief feedView=all Abbildung 2: Verantwortliche Stakeholder zur Emissionsreduktion (Mörth 2021, S. 56) Oktober 2021 Tourismus Wissen – quarterly | 5 mörth.indd 5 28.09.2021 16:59:34 Reiseverhalten Becken, S., Friedl, H. A., Stantic, B, Connolly, R. & Chen, Miao, L., Im, J., Fu, X., Kim, K. & Zhang, Y. E. (2021). J. (2021). Climate crisis and flying: social media analysis Proximal and distal post-COVID travel behavior. Annals traces the rise of “flightshame”. Journal of Sustainable of Tourism Research 88, p 103159. Tourism 29/9, 1450-1469. Mörth, L. (2021). Auswirkungen von Reisebeschrän- Deutsche Zentrale für Tourismus (2013). Das Reiseverhal- kungen in Folge von Covid-19 auf die Reisebedürfnisse ten der Deutschen im Inland. Frankfurt/Main: Deutsche von Studierenden: Chance für nachhaltigen Tourismus? Zentrale für Tourismus e.V. Bachelorarbeit, verf. am Studiengang für Management Dudenredaktion. (o. J.). DudenFlugscham. www.duden. internationaler Geschäftsprozesse. FH JOANNEUM, Graz. de. Abgerufen 22. März 2021, von https://www.duden. Österreich Werbung. (2021, Juli). Nächtigungsstatistik Juli de/rechtschreibung/Flugscham 2021 (Hochrechnung). Österreich Werbung. https://www. Fridays for Future Austria. (o. J.-a). 7 Grundsätze von Fridays austriatourism.com/tourismusforschung/studien-und-be- For Future Austria. Fridays for Future Austria. Abgerufen richte/naechtigungsstatistik-juli-2021-hochrechnung/ 3. Jänner 2020, von https://fridaysforfuture.at/ueber-uns Pallinger, J. (2020, Oktober 29). Corona und Klima: Platzt Fridays for Future Austria. (o. J.-b). Forderungen. Fridays bald der Traum vom ewig billigen Fliegen? Der Standard. for Future Austria. Abgerufen 3. Jänner 2021, von https:// https://www.derstandard.at/story/2000121127864/coro- fridaysforfuture.at/forderungen na-und-klima-platzt-bald-der-traum-vom-ewig-billigen Friedl, H. A. (2002). Tourismusethik: Theorie und Praxis Pröbstl-Haider, U., Lund-Durlacher, D., Olefs, M., & Pret- des umwelt- und sozialverträglichen Fernreisens. Mün- tenthaler, F. (2021). Tourismus und Klimawandel. Springer chen : Profil. Verlag Berlin. Gagan, D. S., Asha, T., & Justin, P. (2021). Reviving tourism Rechnungshof Österreich. (2021). Klimaschutz in industry post-COVID-19: A resilience-based framework. Österreich – Maßnahmen und Zielerreichung 2020. Tourism Management Perspectives(37), p. 100786. https://www.rechnungshof.gv.at/rh/home/home/ Gössling, S. (2002). Global environmental consequences Bund_2021_16_Klimaschutz_in_Oesterreich.pdf of tourism. Global Environmental Change, 12(4), 283–302. Reisenauer, B. (2019). Der Oberösterreich-Gast im Sommer Gössling, S., Humpe, A., & Bausch, T. (2020). Does ‘flight 2018 Ergebnisse der Gästebefragung T-MONA Tourismus shame’ affect social norms? Changing perspectives on the Monitor Austria Sommer 2018. https://www.oberoester- desirability of air travel in Germany. Journal of Cleaner reich-tourismus.at/fileadmin/user_upload/lto/Markt- Production, 266, p. 122015. forschung/T-MONA_O%C3%96_Sommergast_2018.pdf Gössling, S., Scott, D., & Hall, M. C. (2020). Pandemics, Robinson, M., & Wright, A. (2021, September 9). Fragile tourism and global change: a rapid assessment of CO- Promises: Re-working Post-covid Tourism and Heritage VID-19. Journal of Sustainable Tourism(29/1), pp. 1-20. Relationships. Retrieved from ATLAS Annual Conference Herrmann, H.-P. (2016). Tourismuspsychologie. Hamburg: 2021 Tourism 21: Re-building Tourism – Continuities Springer-Verlag. and Changes ONLINE zu finden unter https://youtu.be/ James, L., & Ren, C. (2021). All change? Reflections on Zra0Kmf5XLg the COVID-19 pandemic as a transformative moment Stock, W. (2019). Rechtliche Maßnahmen gegen Over- for tourism. Retrieved from ATLAS Annual Conferen- tourismus, Tourismus Wissen quarterly 18, p. 281-286. ce 2021: Tourism 21: Re-building Tourism – Continui- Umweltbundesamt (2020). Klimawirksame Emissionen ties and Changes ONLINE. https://www.youtube.com/ des deutschen Reiseverkehrs Abschlussbericht. Texte watch?v=3_aHkT38UrI 141/2020. https://www.umweltbundesamt.de/sites/de- Jiricka-Pürrer, A., Brandenburg, C., & Pröbstl-Haider, U. fault/files/medien/1410/publikationen/2020-07-20_tex- (2021). Reprint of: City tourism pre- and post-covid-19 te_141-2020_emissionen-reiseverkehr_0.pdf pandemic – Messages to take home for climate change United Nations. (2020). Policy Brief: COVID-19 and Trans- adaptation and mitigation? Journal of Outdoor Recreation forming Tourism. United Nations. and Tourism (34), p. 100435. UNWTO, & ITF. (2019). Transport-related CO2 Emissions of Klimastreik 2021 (2021). AlleFürsKlima – Das war der Streik the Tourism Sector—Modelling Results. UNTWO. https:// am 24. September 2021. https://www.klima-streik.org/ www.e-unwto.org/doi/epdf/10.18111/9789284416660 Macher, S. & Friedl, H. (2020). CoV-Krise als konstruktiver UNWTO. (2020, Oktober). Impact Assessment of the Lernprozess. Ad-hoc-Studie über Sichtweisen von Studie- Covid-19 outbreak on international tourism. UNWTO. renden über die Zukunft nach Corona. Tourismus Wissen https://www.unwto.org/impact-assessment-of-the-co- quarterly, Oktober. vid-19-outbreak-on-international-tourism Macher, S. & Friedl, H.A. (2021). COVID-19 as a Catalyst von Lucke, A. (2019, März). Fridays for Future: Der Kampf in Education for Sustainable Tourism Development: How um die Empörungshoheit. Blätter 3-19. https://www. do students in the field of tourism plan to live and travel blaetter.de/ausgabe/2019/maerz/fridays-for-future-der- sustainably in future? In: TOURIST Consortium 2020 (Ed.), kampf-um-die-empoerungshoheit 3rd TOURIST Conference on Sustainable Tourism: Building Zheng, D., Luo, Q., & Ritchie, B. W. (2021). Afraid to travel Resilience in Uncertain Times (Conference Proceedings; after COVID-19? Self-protection, coping and resilience pp. 218-226). Kasetsart University, Feb. 3 – 4. 2021 in against pandemic ‘travel fear’. Tourism Management, Bangkok, Thailand. 83, 104261. 6 | Tourismus Wissen – quarterly Oktober 2021 mörth.indd 6 28.09.2021 16:59:35