2012-05 PsychologieHeute - Wer andere erniedrigt, hat es nötig
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2012-05 PsychologieHeute - Wer andere erniedrigt, hat es nötig
2012-05 PsychologieHeute - Wer andere erniedrigt, hat es nötig
Erschienen
in:
Psychologie
Heute
(05/2012)
Wer andere erniedrigt, hat es nötig
Manche
Menschen
mit
betont
selbstbewusstem
Auftreten
scheinen
Gefallen
daran
zu
finden,
andere
zu
erniedrigen.
Wieso
haben
sie
das
nötig?
Die
jüngste
psychologische
Forschung
zeigt:
Tief
drinnen
ist
es
mit
dem
Selbstbewusstsein
dieser
Leute
nicht
allzu
weit
her.
Autor:
Chaehan
So
Von anderen erniedrigt zu werden, fühlt sich nicht gut an. Umso unangenehmer wird dies im
Beisein von Zeugen, beispielsweise wenn der Chef einen Mitarbeiter vor versammelter
Mannschaft für unfähig erklärt. Wir müssen nicht einmal selbst betroffen sein, um das
erniedrigende Gefühl nachzuempfinden und den Wunsch zu verspüren, uns in ein tiefes Loch
zu verkriechen: Bei Castingshows können die verächtlichen Beleidigungen der Jurymitglieder
über einen Kandidaten auch uns als Zuschauern unter die Haut gehen.
Selten machen wir uns aber Gedanken, warum Menschen höhnisch über andere spotten.
Manche Zeitgenossen scheinen es sich geradezu zur Gewohnheit gemacht zu haben, andere zu
erniedrigen. Was „haben sie davon“, was sind ihre Beweggründe? Man könnte die Motive
dieser „chronischen Erniedriger“ so auslegen, dass sie ganz bewusst ihre Opfer verletzen
wollten, weil sie daran Gefallen fänden.
Handeln die Betreffenden also einfach aus schierer Bosheit? Oder folgen sie stattdessen
einer inneren Notwendigkeit? Dann müsste es psychologische Gesetzmäßigkeiten geben, die
ihr Verhalten erklären können. Die sozialpsychologische Forschung hat im letzten Jahrzehnt
eine Antwort auf diese Frage gefunden, die in den komplexen Mechanismen unserer Psyche
vergraben liegt.
Diese Antwort hängt damit zusammen, wie wir Urteile über andere Menschen –
sogenannte „soziale Urteile“ – fällen. Wenn wir einen Menschen beurteilen, dann orientieren
wir uns nicht an einem absoluten, unverrückbaren Maßstab, sondern an einem relativen –
unserem Selbst. Wie wir andere beurteilen, hat also vor allem damit zu tun, wie wir uns selbst
beurteilen – und insbesondere wie hoch unser Selbstwertgefühl ist.
Unser Selbstwertgefühl (self-esteem) ist die mehr oder weniger gute Bewertung unseres
Ichs. Es entsteht durch eine gefühlsbehaftete zusammenfassende Einschätzung aller Aspekte,
die wir für unsere Persönlichkeit als relevant erachten. Also zum Beispiel: Ich bin ziemlich
fleißig, einigermaßen intelligent, sehe passabel aus, und so weiter. Die Höhe des
Selbstwertgefühls ist eng mit dem subjektiven Wohlbefinden verknüpft: Wenn wir uns nicht
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„wertvoll“ fühlen, sind wir nicht glücklich. Daher streben alle Menschen nach einem hohen
Selbstwertgefühl – um sich glücklich zu fühlen.
Nach dem Sozialpsychologen Constantine Sedikides von der University of Southampton
unterliegen Menschen – in unterschiedlichem Maß – dem Bedürfnis nach „Selbsterhöhung“
(self-enhancement). Dieses Bedürfnis treibt sie an, aktiv ihr Selbstwertgefühl nach oben zu
regulieren. Wie können sie dies tun?
Zum Beispiel, indem sie sich einer „starken“ Gruppe zugehörig fühlen und sich mit ihr
identifizieren. Nach der sozialen Identitätstheorie von Henri Tajfel und John Turner beziehen
Menschen ihre Identität, mit der das Selbstwertgefühl verknüpft ist, am stärksten aus ihrer
Zugehörigkeit zu sozialen Gruppen. Wenn sie die Mitgliedschaft zu einer solchen
Gemeinschaft positiv bewerten, wird auch ihre Selbsteinschätzung positiver. Daher bringt es
Vorteile, genau jene Gruppen, denen man selbst angehört, möglichst positiv zu bewerten –
denn das steigert automatisch das Selbstwertgefühl.
Denn auch bei der Bewertung von Gruppen haben wir keinen absoluten Maßstab, den wir
anlegen könnten. Nach einer Theorie des Sozialpsychologen Leon Festinger stellen wir bei
solchen Werturteilen einen „sozialen Vergleich“ an. Wir vergleichen die eigene Gruppe mit
anderen relevanten Gruppen. Und weil wir uns selbst nicht ab-, sondern aufwerten wollen,
entsteht die Neigung, Gruppen positiver zu bewerten, denen wir selbst angehören. Den
gleichen Effekt können wir erzielen, wenn wir die Vergleichsgruppen, denen wir nicht
angehören, auf niedrigerem Niveau einschätzen. Man spricht dann im Fachjargon von
downward comparison, also von einem nach unten gerichteten Vergleich. Diese
Mechanismen des sozialen Vergleichs fungieren als Garanten für eine Selbstwertsteigerung
nach dem einfachen Prinzip: Das Gefühl einer starken Gruppenzugehörigkeit führt zu
gestärktem Selbstbewusstsein durch die Aufwertung der eigenen Gruppe und die Abwertung
aller Nichtmitglieder.
Beide Effekte der Selbsterhöhung durch sozialen Vergleich, also gruppenbezogene Auf-
und Abwertung, können wir im Fußballstadion beobachten. Kaum zu überhören sind die
lauthals intonierten Hymnen und Sprechchöre auf die eigene Mannschaft und die mit viel
Imponiergehabe vorgetragenen Schmähgesänge über die gegnerische Mannschaft. Dieser
Vorgang funktioniert sogar zwischen Menschen, die sich gar nicht kennen – die
Gruppenidentität wirkt hier stärker: Einander wildfremde Fans desselben Teams liegen sich
nach einem Tor in den Armen. Der Effekt auf das Selbstbewusstsein ist dabei nicht zu
übersehen – und zu überhören.
Das gilt auch jenseits des Stadions. Man muss sich nicht einmal physisch innerhalb einer
Gruppe aufhalten, um diese Gruppe auf- und eine andere abzuwerten. Dazu reicht das
Signalwort „typisch“: „Typisch Frau – kann nicht einparken!“ Oder: „Typisch Mann – kein
Gefühl!“ Das betroffene Individuum wird also ausgegrenzt durch die Abwertung seiner
Gruppe – so steigt das Selbstwertgefühl.
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Bei solchen Ausgrenzungen spricht man in der Sozialpsychologie vom in-group bias, also
einer Urteilsverzerrung zugunsten der eigenen und zuungunsten der anderen Gruppe. Sie wird
als Vorstufe von Diskriminierung angesehen. Bereits 1971 wies Henri Tajfel diesen
Verzerrungseffekt in einem klassischen Experiment nach: Schuljungen wurden in zwei
Gruppen eingeteilt, je nachdem, ob sie Klee oder Kandinsky als Maler bevorzugten. Die
Vorliebe für den einen oder einen anderen Künstler war kein Kriterium, das für das Verhalten
der Schüler wichtig war. Als ihnen jedoch eine Summe Geld zur freien Aufteilung gegeben
wurde, gaben sie den Mitgliedern der in-group den Vorzug. Bemerkenswert dabei ist, dass
dieser Effekt sich zeigte, obwohl es sich um sogenannte „Minimalgruppen“ handelte –
Gruppen, die nach einem bedeutungslosen Kriterium gebildet wurden und deren Mitglieder
keinerlei Umgang miteinander haben durften.
Spätere Experimente mit Minimalgruppen bestätigten, dass sowohl die Arbeitsergebnisse
als auch die Angehörigen der in-group positiver beurteilt wurden als die der out-group.
Verblüffenderweise fand sich diese Urteilsverzerrung aber nur bei Probanden, die im
Fragebogen ein hohes Selbstbewusstsein offenbart hatten. Dieser Befund erscheint zunächst
kontraintuitiv: Es besteht doch keine Notwendigkeit, das Selbstwertgefühl steigern zu
müssen, wenn es bereits hoch ausgeprägt ist – oder etwa doch?
Die Antwort hat mit der Vielschichtigkeit unserer Psyche zu tun: Selbstwertgefühl ist nicht
gleich Selbstwertgefühl. Wir müssen zwischen einem „expliziten“ und einem „impliziten“,
dem Bewusstsein verborgenen, Selbstwertgefühl unterscheiden.
Das explizite ist das bewusst empfundene Selbstwertgefühl, also wie selbstbewusst sich
Menschen fühlen, erleben und vor anderen zeigen. Es sagt voraus, wie sich der Betreffende in
Situationen verhalten wird, in denen Selbstbewusstsein bei der bewussten Kontrolle seines
Verhaltens eine Rolle spielt. Im Alltag wird diese Selbstkontrolle häufig für impression
management eingesetzt, also wenn wir einen guten Eindruck auf andere Menschen machen
wollen, zum Beispiel beim ersten Kennenlernen, sei es bei einem Date oder einem
Bewerbungsgespräch.
Doch nicht alle unsere Verhaltensweisen sind bewusst steuerbar – manche entziehen sich
unserem Bewusstsein und damit unserer Kontrolle, weil sie auf automatisiert ablaufenden
kognitiven Prozessen beruhen. Wenn sich solche unbewussten Prozesse auf das
Selbstbewusstsein beziehen, spricht man vom impliziten Selbstwertgefühl.
Experimentell konnte man dieses implizite Selbstwertgefühl an der Tendenz erkennen,
dass Menschen Objekte bevorzugen, die sie mit ihrem Selbst assoziieren. Besonders deutlich
zeigte sich etwa, dass Versuchspersonen unter allen Buchstaben diejenigen
überdurchschnittlich mochten, die ihre Namensinitialen waren. Bei einem relativ neuen
Verfahren, dem „impliziten Assoziations-Test“ (IAT), sehen die Versuchspersonen
selbstbezogene und nicht selbstbezogene Wörter kurz auf einem Bildschirm angezeigt, die mit
positiven und negativen Wörtern abgewechselt werden. Dabei müssen sie die positive
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beziehungsweise negative Richtung („Valenz“) erkennen und per Knopfdruck anzeigen. Je
kürzer die Reaktionszeiten auf die positiven im Vergleich zu den negativen Wörtern
unmittelbar nach den selbstbezogenen Wörtern sind, desto höher wird das implizite
Selbstwertgefühl eingeschätzt. Dies liegt psychologisch darin begründet, dass Begriffspaare,
die als zusammengehörig wahrgenommen werden, schneller kognitiv verarbeitet werden
(siehe Verdeckte Ermittlungen – Testen im Unbewussten, Heft 7/2005).
Der Nachweis des impliziten Selbstwertgefühls brachte der sozialpsychologischen
Forschung den Fortschritt, unbewusst gesteuerte Verhaltensweisen erklären zu können,
welche nicht durch das explizite Selbstwertgefühl vorhergesagt werden konnten. Solche
„impliziten“ Verhaltensweisen sind beispielsweise spontane verbale und nonverbale
Reaktionen auf Fragen oder unwillkürliche Arm- und Kopfbewegungen (ins Haar greifen, mit
dem Mund zucken). Wenn diese impliziten Verhaltensweisen bei anderen Menschen einen
selbstbewussten Eindruck hinterlassen, ist dies auf ein hohes implizites Selbstwertgefühl
zurückzuführen.
Es kann durchaus vorkommen, dass eine Person zwar mit einem hohen expliziten
Selbstwertgefühl ausgestattet ist, aber nur ein niedriges implizites Selbstwertgefühl hat: Nach
außen hin und vor sich selbst strotzt diese Person vor Selbstsicherheit, aber vom
Unterbewussten wird ihre Souveränität nicht unterstützt. Und genau das ist die
Ausgangskonstellation, die der Wegbereiter für Diskriminierung sein kann.
Diesen Schluss legen zwei Studien aus dem Jahr 2005 der Sozialpsychologen Christian
Jordan, Steven Spencer und Mark Zanna an der University of Waterloo nahe. Sie versetzten
Versuchspersonen, die im Fragebogen ein hohes explizites Selbstwertgefühl offenbart hatten,
einen Dämpfer, indem sie ihnen nach einem Test rückmeldeten, sie hätten darin nicht gut
abgeschnitten. Anschließend hatten die Versuchspersonen Gelegenheit, eine
Bestrafungsempfehlung für einen Studenten zu geben, der auf dem Campus einen Faustkampf
angezettelt haben sollte. Resultat: Diejenigen Probanden, die zwar ein hohes explizites, aber
nur ein verkümmertes implizites Selbstwertgefühl hatten, plädierten für härtere Strafen bei
ausländisch aussehenden verdächtigten Personen als jene, die sowohl bewusst als auch
unbewusst selbstbewusst waren.
Im Alltag können wir Ähnliches an Menschen beobachten, die sich zwar lautstark
gebärden, während sie jemanden einschüchtern, dabei aber eine unsichere Körperhaltung
einnehmen. Für solche Menschen ist es „funktional“, andere Menschen zu diskriminieren. Sie
empfinden nämlich ein überdurchschnittlich starkes Bedürfnis nach Selbsterhöhung, wie
Jennifer K. Bosson und ihre Kollegen von der University of Oklahoma 2003 in einer Studie
bestätigt haben. Menschen, die sowohl implizit als auch explizit selbstbewusst sind, haben
diese Neigung nicht. Dies gilt auch für Menschen, die sowohl implizit als auch explizit über
ein niedrig ausgeprägtes Selbstbewusstsein verfügen. Denn ihr explizit niedriges
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Selbstwertgefühl legt ihnen nahe, dass sie nicht etwas Besseres als andere Menschen sind.
Daher neigen sie auch nicht zu Diskriminierung.
Vom Selbstverständnis her selbstbewusst, doch im Unterbewussten verunsichert: Es drängt
sich natürlich die Frage auf, wie es überhaupt zu einer solchen Konstellation kommen kann.
Leider gibt es darauf keine einfache Antwort – sie ist so komplex wie die menschliche
Psyche. Deren Einflussfaktoren sind nämlich sehr unterschiedlich. Vereinfacht kann man
sagen: Das explizite Selbstwertgefühl entsteht aufgrund von dauerhaft erlebtem Erfolg in
relevanten Lebensbereichen. Dahingegen entsteht das implizite Selbstwertgefühl durch die
Nähe und Geborgenheit, die während der frühkindlichen Entwicklung erlebt wurde. Ein
niedriges implizites Selbstverständnis ist demzufolge nicht einfach und kurzfristig nach oben
zu regulieren – dies vermögen nur tiefgreifende und positive affektive Erlebnisse.
Erschwerend kommt bei Menschen, die sich als selbstbewusst erleben, hinzu, dass sie nicht
direkt erkennen können, ob sie ein niedriges implizites Selbstwertgefühl haben. Denn dieses
bleibt ja per Definition ihrem Bewusstsein verborgen – sie fühlen sich demnach auch nicht
unsicher. Bei manchen dieser Menschen fing es vielleicht damit an, dass ihr Selbstwertgefühl
sowohl implizit als auch explizit niedrig ausgeprägt war. Im Laufe der Zeit änderten sich dann
aber die äußeren Umstände. Beispielsweise erlebten sie wiederholt akademischen oder
beruflichen Erfolg, oder die Mitgliedschaft in einer wirkungsvollen in-group wie etwa einer
Partei oder einem Verein wurde Balsam für das Ego. Infolgedessen verstärkte sich das
explizite Selbstwertgefühl, nicht aber das implizite.
Doch durch eine solchermaßen entstandene intrapsychische Spannung steigt das Bedürfnis
nach Selbsterhöhung. Dies erklärt, warum die Betreffenden die unangenehme Angewohnheit
haben, Menschen außerhalb der eigenen Gruppe abzuwerten. Denn sie fühlen sich am
leichtesten in ihrem Selbstwert bedroht, und können ihn auf diese Weise wirkungsvoll
schützen.
Dr.
Chaehan
So,
Jahrgang
1971,
ist
Dozent
für
Allgemeine
Psychologie
und
hat
über
das
Thema
Teamwork
in
Kontexten
hoher
Unsicherheit
im
Bereich
Organisations-‐
und
Sozialpsychologie
promoviert.
Daneben
arbeitet
er
als
Coach
für
Führungskräfte
und
Menschen
mit
hohen
Lernanforderungen,
um
deren
mentale
Effektivität
zu
steigern.
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