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Will die Ukraine das Russische im Land abschaffen oder hat sie dies gar getan? Gerd Hentschel, Institut für Slawistik, Universität Oldenburg Am 15. Juli erschien im Feuilleton der FAZ ein Interview mit mir zu meinem großen Bedauern mit dem folgenden Titel: Der Versuch, das Russische abzuschaffen, war eine Dummheit. Eine solche Überschrift war mit mir nicht abgesprochen worden (wie auch keine andere). Sie ist durch meine Interviewaussagen nicht gedeckt, auch nicht durch Äußerungen, die nicht veröffentlicht wurden. Vielmehr beziehe ich mich im Interview auf den Beschluss des ukrainischen Parlaments vom 23. Februar 2014, das 2012 unter Präsident Janukowytsch in Kraft getretene sogenannte Regionalsprachengesetz aufzuheben. Auf dessen Basis konnte das Russische – neben anderen in der Ukraine verbreiteten Sprachen - den Status einer Regionalsprache erhalten, wenn es im Zensus von 2001 von mindestens 10 Prozent der Einwohner des betreffenden Gebiets als Muttersprache genannt worden war. (Aufgrund eines Vetos von Interimspräsident Turtschynow gegen den genannten Parlamentsbeschluss kam es letztlich zu keiner Aufhebung dieses Gesetzes.) Die korrigierte Version des Interviews, die seit dem 20. Juli im FAZ-Net unter http://www.faz.net/- gqz-7rlv4 zu finden ist, stellt dieses richtig. Die Überschrift ist leider geblieben. Kann man eine Sprache überhaupt „abschaffen“? Langfristige Unterdrückung kann sicher zum „Aussterben“ einer Sprache führen (bei aller aus wissenschaftlicher Perspektive gebotenen Vorsicht gegenüber solchen konventionellen Metaphern). Ein derartiges Schicksal kann dem Weißrussischen widerfahren, das unter Präsident Lukaschenka nicht die institutionelle und materielle Förderung erhalten hat, wie sie dem Ukrainischen in der unabhängigen Ukraine zuteilwurde. Das Wort „Abschaffung“ impliziert jedoch das Moment des schnellen Vollzuges. Es gab bekanntlich in der Geschichte der Menschheit Sprachen, die durch massenhafte Tötung ihrer Sprecherinnen und Sprecher untergegangen sind. Und genau dieses suggeriert doch die gegenwärtige Propaganda des Kremls, die von einer Verfolgung (wenn nicht Schlimmeren) von Russen und Russischsprachigen in der Ostukraine spricht. Die Überschrift meines Interviews in der FAZ gießt somit – gegen meine Intention und völlig gegen den Tenor meiner Interviewaussagen – Wasser auf die Mühlen der russischen Regierung. Immerhin kommt am Ende des Interviews zum Ausdruck, worauf ich besonders hinweisen wollte: Selbst auf dem Majdan und auf seiner Rednerbühne kann heute in der Ukraine frei Russisch gesprochen werden. Niemand in der Ukraine wird bedrängt, niemand wird verfolgt und niemand wird getötet, wenn er Russisch spricht.