Die Stadtwerdung von Graz aus archäologischer Sicht (2011)
READ PAPER
Die Stadtwerdung von Graz aus archäologischer Sicht (2011)
Die Stadtwerdung von Graz aus archäologischer Sicht (2011)
Im vorliegenden Tagungsband
behandeln 19 Autorinnen und
Autoren aus Deutschland,
Stadtgründung und Stadtwerdung
Großbritannien, Polen, der
Schweiz, Tschechien, Ungarn
und Österreich, Spezialistinnen
und Spezialisten auf dem
Gebiet der Archäologie wie der
Stadtgeschichtsforschung, die
Frage städtischer Gründungen.
Was können Ausgrabungen und
deren Auswertungen, was kann
die Analyse schriftlicher und
bildlicher Zeugnisse und deren
Interpretation zur Klärung der
Anfänge von Städten beitragen?
Die Thematik steht in jüngster
Zeit im ganz besonderen Fokus
des Forschungsinteresses,
wobei die für mehr als 450
Städte Europas vorliegenden
Städteatlanten und die
Methode des Rückschreibens
von kartographisch fundierten
Befunden aus der Epoche um
1800 auf die Siedlungsanfänge
Stadtgründung im Kern der Diskussionen
stehen. Der Band greift somit
und
eine Thematik auf, die auch über
Fachkreise hinaus auf großes
Interesse stößt. Er versteht sich
Stadtwerdung als Plädoyer zur Diskussion wie
zur Kooperation.
STADTGRÜNDUNG UND STADTWERDUNG
BEITRÄGE ZUR GESCHICHTE DER STÄDTE MITTELEUROPAS
begründet von
WILHELM RAUSCH
BAND XXII
Herausgegeben vom
Österreichischen Arbeitskreis für Stadtgeschichtsforschung
4040 Linz, Pfeifferstraße 22, ÖSTERREICH
Stadtgründung und
Stadtwerdung
Beiträge von Archäologie und Stadtgeschichtsforschung
herausgegeben
von
Ferdinand Opll
Redaktion:
Susanne Claudine Pils und Christoph Sonnlechner
im Auftrag des
Österreichischen Arbeitskreises
für Stadtgeschichtsforschung
Linz 2011
Das Werk ist urheberrechtlich geschützt. Die dadurch begründeten Rechte,
insbesondere der Übersetzung, des Nachdrucks, des Vortrages, der Ent-
nahme von Abbildungen, der Funksendung, der Wiedergabe auf fotome-
chanischem oder ähnlichem Weg und der Speicherung, Verwendung und
Auswertung in Datenverarbeitungsanlagen bleiben auch bei auszugswei-
ser Verwendung den Autoren vorbehalten.
Umschlag: Susanne Claudine Pils, Wachstumsphasenkarte von Leoben;
aus: Susanne Claudine Pils, Leoben. Wien 2006 (Österreichischer Städte
atlas 8).
Medieninhaber:
Österreichischer Arbeitskreis für Stadtgeschichtsforschung,
Pfeifferstraße 22, A-4040 Linz, ÖSTERREICH
ISBN 978-3-900387-62-4
Hersteller: TRAUNER DRUCK GmbH & Co KG, 4020 Linz, ÖSTERREICH
Frau
Prof. Dr. Anngret Simms
gewidmet
DIE DRUCKLEGUNG DES BANDES HAT DURCH EINEN
FINANZIELLEN BEITRAG GEFÖRDERT:
Amt der Oberösterreichischen Landesregierung, Institut für Kulturförderung
ANSCHRIFTEN DER AUTOREN
BAERISWYL Armand, Dr., Archäologischer Dienst des Kantons Bern; Brünnenstraße 66, Post-
fach 5233, 3001 Bern, SCHWEIZ; armand.baeriswyl@erz.be.ch
CLEMENS Lukas, Dr., Prof., Universität Trier, Fachbereich III - Mittelalterliche Geschichte,
54286 Trier, DEUTSCHLAND; clemensl@uni-trier.de
CSENDES Peter, Dr., Univ.-Prof., Schillerstraße 28a, 2351 Wiener Neudorf, ÖSTEREICH; peter.
csendes@wien.gv.at
CZAJA Roman, Dr., Prof., Nicolaus-Copernicus-University, Torun, Pl. Teatralny 2a, 87-100
Torun, POLEN; rc@his.uni.torun.pl
JOHANEK Peter, Dr.Dr. h.c., Prof., Institut für vergleichende Städtegeschichte an der Universi-
tät Münster, Königsstraße 46, 48143 Münster, DEUTSCHLAND; istg@uni-muenster.de
Hammel-Kiesow Rolf, Dr., Prof., Archiv der Hansestadt Lübeck, Mühlendamm 1–3, 23552
Lübeck, DEUTSCHLAND; rolf.hammel-kiesow@luebeck.de
Igel Karsten, Dr., Historisches Seminar – Abteilung für westfälische Landesgeschichte, West-
fälische Wilhelms-Universität Münster, Domplatz 20–22, 48143 Münster, DEUTSCHLAND;
karsten.igel@uni-muenster.de
Keene Derek, Dr., Prof., Centre for Metropolitan History, University of London Institute of
Historical Research, Senate House, Malet Street, GB-LONDON WC1E7HU; derek.keene@sas.
ac.uk
Klapště Jan, Dr., Prof., Univerzita Karlova v Praze, Institute for Archeology, Filozofická fa-
kulta, Nám. Jana Palacha 2,116 38 Praha 1, TSCHECHIEN; Jan.klapste@ff.cuni.cz
KRENN Martin, Dr., Abteilung für Bodendenkmale, Bundesdenkmalamt, Hofburg, Säulen-
stiege, 1010 Wien, ÖSTERREICH; martin.krenn@bda.at
LEHNER Manfred, Dr., Institut für Archäologie, Universitätsplatz 3/II, 8010 Graz, ÖSTER-
REICH; manfred.lehner@uni-graz.at
Moździoch Sławomir, Dr. habil., Prof., Oddział wrocławski Instytutu Archeologii i Etnolo-
gii, ul. Więzienna 6, 50-118 Wrocław, Polen; smo@arch.pan.wroc.pl
OPLL Ferdinand, Dr., Univ.-Prof., Franz-Garnhaft-Gasse 3, 2380 Perchtoldsdorf; ÖSTER-
REICH; ferdinand.opll@wien.gv.at
PILS Susanne Claudine, Dr., Wiener Stadt- und Landesarchiv, Rathaus, 1082 Wien, ÖSTER-
REICH; susanne.pils@wien.gv.at
Stercken Martina, Dr., Prof., Universität Zürich, „Zürcher Mediävistik“, Nationaler For-
schungsschwerpunkt (NFS), Rämistrasse 69, 8006 Zürich, SCHWEIZ; stercken@hist.unizh.ch
Szende Katalin, Dr., Prof., Central European University Department of Medieval Studies,
Nàdor u. 9, 1051 BUDAPEST, UNGARN; szendek@ceu.hu
UNTERMANN Matthias, Dr., Prof., Institut für europäische Kunstgeschichte, Ruprechts-Karls-
Universität Heidelberg, Seminarstraße 4, 69117 Heidelberg, DEUTSCHLAND; m.untermann@
zegk.uni-heidelberg.de
Végh András, Dr., Budapesti Történeti Múzeum, Szent György tér 2, 1014 Budapest, UN-
GARN; vegha@mail.btm.hu
Žemlička Josef, Dr., Prof., Historicky ústav AVCR, Prosecka 76, 19000 PRAHA 9, TSCHE-
CHIEN; hostivit@centrum.cz
VIII
INHALT
EINLEITUNG UND VORWORT . ................................................................ XI
ARMAND BAERISWYL
Auf der grünen Wiese oder im dichten Eichenwald?
Die Anfänge der Zähringerestädte Freiburg im Breisgau und
Bern im Licht archäologischer Erkenntnisse ............................................... 1
LUKAS CLEMENS
Von der Kaiserresidenz zur Kathedralstadt:
Trier von der Spätantike bis in das hohe Mittelalter aus der Sicht
historischer wie archäologischer Quellen . .................................................. 21
Peter Csendes
Zu den städtischen Anfängen von Tulln ..................................................... 49
Roman Czaja
Die Anfänge preußischer Hansestädte im Lichte der historischen
und Archäologischen Quellen: Danzig/Gdańsk, Elbing/Elbląg,
Thorn/Toruń . ................................................................................................... 59
Rolf Hammel-Kiesow
Der Lübecker Katasterplan des 19. Jahrhunderts als historische Quelle.
Überlegungen zur Stadtentwicklung Lübecks aus archäologischer,
historischer und bauhistorischer Sicht . ....................................................... 75
Karsten Igel
Phasen der Stadtwerdung von Greifswald und Stralsund im
archäologischen Kontext ................................................................................ 105
Peter Johanek
Stadtgründung und Stadtwerdung im Blick
der Stadtgeschichtsforschung ....................................................................... 127
Derek Keene
Winchester: Archaeology and history to 1500 ............................................ 161
Jan Klápšte
Zu den Anfängen des böhmischen Städtewesens aus der Sicht
archäologischer Erkenntnisse . ...................................................................... 187
IX
Martin Krenn
Stadtarchäologie in Tulln ............................................................................... 205
Manfred Lehner
Die Stadtwerdung von Graz aus archäologischer Sicht ............................ 225
Sławomir Moździoch
Zu den Anfängen des polnischen Städtewesens aus der Sicht
archäologischer Erkenntnisse . ...................................................................... 245
Ferdinand Opll
Städtegründungen des hohen Mittelalters –
Überlegungen Anhang der lombardischen Stadt Lodi ............................. 269
Susanne Claudine Pils
Zu den städtischen Anfängen von Bruck an der Mur und Leoben ......... 323
Martina Stercken
Der Anfang kleiner Städte — Methodische Überlegungen an
schweizerischen Beispielen . .......................................................................... 357
Katalin Szende
Von der Gespanschaftsburg zur Stadt:
Warum, wie – oder Warum nicht? Ein möglicher Weg
der Stadtentwicklung im mittelalterlichen Ungarn ................................... 375
Matthias Untermann
Stadtgründung und Stadtwerdung im Blick der Archäologie
des Mittelalters ................................................................................................ 407
András Végh
Urban development and royal initiative in the central part of the
kingdom of Hungary in the 13th–14th centuries. – Comparative
analysis of the development of the towns of buda and visegrád ............ 431
Josef Žemlička
Zu den Anfängen der Städte im Staat der Přemysliden.
Beispiele aus dem tschechischen Städteatlas .............................................. 447
X
Manfred Lehner
DIE STADTWERDUNG VON GRAZ AUS ARCHÄOLOGISCHER SICHT
Inhalt: Einleitung S. 225. – Siedlungstopographie S. 226. – Innerstädtische Grabungen S. 228.
– Die Stadtwerdung von Graz aus historischer Sicht S. 229. – Neue archäologische Indizien
S. 235. – Die Stadtmauer S. 239. – Zusammenfassung S. 241.
Einleitung
Es gibt in Graz keine institutionelle Stadtarchäologie. Stadtkernarchäo-
logie wird, mit nicht von Archäologen durchgeführten Vorgängeraktionen
der siebziger Jahre,1 überhaupt erst seit etwa 1990 betrieben.2 Die Altfunde,
insbesondere die prähistorischen, sind mehrmals zusammengestellt und
kartiert worden,3 eine genaue Auswertung liegt allerdings nur für zwei
Stadtbezirke vor, Innere Stadt und Gösting.4 Etwa die Hälfte der Gebäude
der Innenstadt steht unter Denkmalschutz, was bei Baustellen in diesen
Objekten, wenn nötig, einen archäologischen Zugriff garantiert. Was nach
Wissen des Verfassers nach wie vor fehlt, ist etwa ein Kellerplan bezie-
hungsweise eine Verlustzonenkartierung. Das Grazer Altstadterhaltungs-
gesetz (GAEG 2008, Schutzzonen I und II) erweist sich in archäologischen
Belangen als zahnlos.
Bis heute gibt es auch keine stadtgeschichtliche Ausstellung unter Ein-
beziehung der Archäologie im Stadtmuseum; ein diesbezüglicher Versuch
war 2005 als Konzept bis hin zur Objektliste und Vitrinenbeschriftung ge-
diehen, scheiterte aber an einem Direktorswechsel.
Insgesamt gesehen ist das Interesse der Entscheidungsträger/innen und
der Bürgerschaft für die eigene Stadtgeschichte nicht allzu hoch, was auch
daran liegen mag, dass es keine namentlich bekannte römerzeitliche Sied-
lung im Stadtgebiet gibt, also ein Anknüpfungspunkt zur hochkulturellen
1
Maria S c h a f f l e r , Freilegung mittelalterlicher Mauerzüge im Bereich des abgebrochenen
Stainzerhofes in Graz. In: Historisches Jahrbuch der Stadt Graz 3 (1970), 113–155.
2
Bernhard H e b e r t , Den Anfang machte das Franziskanerkloster. In: Graz in Funden. Ar-
chäologie in der Kulturhauptstadt (Steiermärkisches Landesarchiv Ausstellungsbegleiter 2).
Graz 2003, 62 f.
3
Zuletzt von Diether K r a m e r , Die Stadt Graz aus der Sicht der Archäologie. In: Walter
B r u n n e r (Hrsg.), Geschichte der Stadt Graz, Band I. Graz 2003, 17–60; Kartierungen bei
Wolfgang A r t n e r , Archäologische Übersicht. Urgeschichte, Römerzeit und Frühmittelal-
ter im Bereich der Stadt Graz. In: Wiltraut R e s c h , Die Kunstdenkmäler der Stadt Graz. Die
Profanbauten des I. Bezirkes, Altstadt (Österreichische Kunsttopographie 53). Wien 1997,
XIX–LIV.
4
Wolfgang A r t n e r / Ulrike H a m p e l , Atlas der archäologischen Fundstellen in Graz 1.
Graz 1999.
225
Manfred Lehner
Identifikation fehlt.5 Das betrifft übrigens nicht nur Graz allein, sondern
sämtliche nördlich der Drau und westlich der Raab gelegenen hochmittelal-
terlichen Städte und Märkte Kärntens und der Steiermark. Im Gegensatz zu
den umliegenden Gebieten gibt es im inneralpinen Teil der spätantiken Pro-
vinz Binnennoricum, der einigermaßen deckungsgleich mit dem späteren
karantanisch-alpenslawischen Machtbereich des 7. und 8. Jahrhunderts ist,
keine punktgenaue Ortskontinuität römischer und mittelalterlicher Städte.6
Ein Höhepunkt der Grabungstätigkeit im Grazer Altstadtkern ergab sich
im Vorfeld der Kulturhauptstadt 2003, die etliche Großbaustellen hervorrief,
welche in gemeinsamen Anstrengungen von Bundesdenkmalamt, Steier-
märkischem Landesmuseum Joanneum, Universität Graz und dem Ver-
ein Archäologieland Steiermark bewältigt werden konnten und zu vielen
neuen Erkenntnissen geführt haben, die, obwohl verhältnismäßig schnell
zumindest in Vorberichten publik gemacht, nur im Ausnahmefall reflektiert
in die „offizielle“ Stadtgeschichtsschreibung, die ebenfalls zum Kulturjahr
voluminöse Kompilationen hervorgebracht hat,7 eingeflossen sind.
Siedlungstopographie
Das heutige Stadtgebiet nimmt den gesamten nördlichen Teil des Gra-
zer Feldes ein und greift in das umliegende Berg- und Hügelland aus. Der
eigentliche Stadtbereich liegt links, also östlich der Mur und ist geprägt
durch seinen Schloßberg, einen paläozoischen Dolomit-Grundgebirgsauf-
bruch, um dessen Südfuß sich die Stadt schmiegt und der den zentralen
prähistorischen Siedlungspunkt darstellt. Über die quartären Schotterter-
rassen der Mur ist der Schloßberg nach Nordosten hin mit dem das Gra-
zer Feld umkränzenden Bergland verbunden. Wie mehrere Bergkuppen
rund um das Grazer Becken trug auch der Schloßberg im 4. Jahrtausend
vor Christus eine Höhensiedlung der frühen Kupferzeit (Lasinjakultur).8
Für die Siedlungsentwicklung im heutigen Altstadtgebiet sind vor allem
5
Der römerzeitliche Zentralort des Grazer Feldes liegt 11 km murabwärts bei Kalsdorf: Ute
L o h n e r - U r b a n , Untersuchungen im römerzeitlichen Vicus von Kalsdorf bei Graz. Die
Ergebnisse der Ausgrabungen auf der Parzelle 421/1. Baubefund und ausgewählte Klein-
funde (Veröffentlichungen des Instituts für Archäologie der Karl-Franzens Universität
Graz 9). Wien 2009.
6
Die betroffenen Städte des 13. Jahrhunderts in alphabetischer Reihenfolge sind Bruck an
der Mur, Friesach, Gmünd, Graz, Judenburg, Klagenfurt, Leoben, Maribor, Murau, Ober-
wölz, Radstadt, Rottenmann, St. Veit an der Glan, Voitsberg und Völkermarkt, siehe Man-
fred L e h n e r , Binnennoricum-Karantanien zwischen Römerzeit und Hochmittelalter. Ein
Beitrag zur Frage von Ortskontinuität und Ortsdiskontinuität aus archäologischer Sicht.
Habilitationsschrift Graz 2009.
7
Am umfangreichsten B r u n n e r , Geschichte (wie Anm. 3).
8
A r t n e r , Übersicht (wie Anm. 3), XXII, XXXVII.
226
Die Stadtwerdung von Graz aus archäologischer Sicht
die im späteren 2. Jahrtausend vor Christus einsetzenden Befunde einer
großen und mehrphasig befestigten Siedlung der Urnenfelder- und frühen
Hallstattzeit mit zugehörigen Brandgräbern am östlichen Schloßbergfuß
wichtig,9 kennzeichnen sie doch beste Siedlungslage auf der Hochterrasse,
die dann im Frühmittelalter wieder genutzt wurde. Untersuchungen in der
400 Meter weiter östlich in der Vorstadt (Geidorf) gelegenen Leechkirche
erbrachten ebenfalls urnenfelderzeitliche Gräber und vor allem einen um
600 vor Christus errichteten Großgrabhügel der entwickelten Hallstattzeit,
der wohl zu der vermuteten, aber bislang archäologisch kaum greifbaren
früheisenzeitlichen Höhensiedlung auf dem Schloßberg gehörte.10 (Ab-
bildung 1) Während keltisch-späteisenzeitliche Funde nur sehr spärlich
auftreten – erst kürzlich ist eine einzelne Scherbe sicher mittel- oder spätla-
tènezeitlicher Graphitkeramik vom Osthang bekannt geworden −, dürfte
es in der Römerzeit eine größere Siedlung am Schloßberg gegeben haben,
die ihre Spuren bisher allerdings nur in Form einzelner Fundstücke, vor
allem Münzen des 1. bis 4. Jahrhunderts nach Christus, hinterlassen hat.11
Die Annahme einer antiken Höhensiedlung wird durch altgefundene, wohl
spätantike Körpergräber am nordwestlichen, von der Stadt abgewandten
Fuß des Berges bestärkt.12 Die wenigen römerzeitlichen Fundstücke aus
dem eigentlichen Altstadtbereich am Süd- und Westfuß des Berges stam-
men durchwegs aus mittelalterlichen Schichten des 12. und 13. Jahrhunderts
und sind aberodiert, im Zuge der Baumaterialgewinnung verschleppt oder,
wie im Falle eines Münz- und Fibeldepots am Hauptplatz, im Mittelalter als
Buntmetall-Rohmaterial gesammelt worden.13 Funde des 5. bis 7. Jahrhun-
derts nach Christus fehlen bisher aus dem gesamten Stadtbereich völlig,
beziehungsweise sind nicht eindeutig identifiziert, womit Graz ja beileibe
9
Diether K r a m e r (Red.), Spannungsfeld Altstadttiefgarage. Stadtplanung, Stadtarchäolo-
gie (Schild von Steier, Kleine Schriften 20). Graz 2004; Hannes H e y m a n s , Archäologische
Untersuchungen beim Bau des Archivdepots des Steiermärkischen Landesarchivs. Vorbe-
richt über die Rettungsgrabung im Hof des ehemaligen Karmeliterinnenklosters in Graz. In:
Zeitschrift des Historischen Vereines für Steiermark 89/90 (1998/99) 371–378.
10
Manfred L e h n e r , Die Archäologie der Leechkirche. In: Forschungen zur Leechkirche in
Graz (Fundberichte aus Österreich, Materialhefte A 4). Wien 1996, 19–156.
11
Ina B a u e r , Römerzeitliche Höhensiedlungen in der Steiermark mit besonderer Berück-
sichtigung des archäologischen Fundmaterials. In: Fundberichte aus Österreich 36 (1997),
125 f.
12
K r a m e r , Graz (wie Anm. 3), 40.
13
Bronzedepot Hauptplatz: Ulla S t e i n k l a u b e r u. a., Die Grabungen am Grazer Haupt-
platz 2001/2002. Abschlussbericht zum Projektende. In: Fundberichte aus Österreich 41
(2002), 284–286; verlagertes Fundmaterial vom Reinerhof: Diether K r a m e r , Archäolo-
gisch-historische Untersuchungen zur Geschichte des Reinerhofes. In: Der Reinerhof. Das
älteste urkundlich erwähnte Bauwerk in Graz, Festschrift. Graz 1995, 52 f.; Münze des Traian
aus dem Admonterhof: Manfred L e h n e r , Der Admonterhof und die Grazer Stadtmauer.
Bericht über die archäologischen Untersuchungen in der Nordwestecke der mittelalterli-
chen Stadt Graz. In: Fundberichte aus Österreich 43 (2004), 633.
227
Manfred Lehner
Abbildung 1: Graz 1999, Luftbild von Süd-Süd-Ost. Nach: Weltkulturerbe (wie
Anm. 36), 17.
keinen Einzelfall darstellt. Die Siedlungsnutzung des linken Murufers unter
dem Schloßberg und den Hochterrassen setzt, soweit bisher bekannt, erst
im frühen Hochmittelalter ein.
Innerstädtische Grabungen
Moderne archäologische Grabungen und Dokumentationen am Areal
der mittelalterlichen Stadt (also innerhalb der Stadtmauer des 13. Jahrhun-
derts) haben bisher ausschließlich im Vorfeld, im Zuge und im Gefolge von
Bauarbeiten stattgefunden, wobei es über zahlreiche Notgrabungen hinaus
mehrmals gelungen ist, die Archäologie in der Prioritätenliste des Baube-
triebs nach oben zu reihen und fachgerechte Grabungen ohne allzu gro-
ßen Zeit- und Maschinendruck durchzuführen. Dabei sind vor allem die
Arbeiten im Stadthof des Zisterzienserstiftes Rein von 1992 bis 1994,14 im
14
Der Reinerhof (wie Anm. 13); Martina R o s c h e r , Der Reinerhof. Ergebnisse der archäolo-
gischen Untersuchungen im Grazer Reinerhof mit besonderer Berücksichtigung der kerami-
schen Funde, Diplomarbeit Graz 1997.
228
Die Stadtwerdung von Graz aus archäologischer Sicht
Stadtmuseum von 1995 bis 1996,15 am Hauptplatz von 2001 bis 2002,16 im
Stadthof des Benediktinerklosters Admont 2002,17 in der Alten Universität
200318 sowie im Franziskanerkloster 200919 hervorzuheben. Sämtliche Gra-
bungsbefunde der Innenstadt sind der Mittelalter- und Neuzeitarchäologie
zuzuordnen (Abbildung 2). Die Verteilung der Grabungsplätze, die eben
nicht wissenschaftlich, sondern wirtschaftlich bedingt ist, zeigt eine klare
Konzentration um den Hauptplatz, den Sack, die westliche Stadtbefesti-
gung und mit Abstrichen die „Stadtkrone“ auf der oberen Murterrasse.
Für viele Bereiche der Altstadt, vor allem im Süden und Südosten, liegen
dagegen keinerlei archäologische Daten vor. Besonders zu bedauern ist der
Umstand, dass mit Ausnahme einer wenig ergiebigen Georadarmessung
im Grazer Dom20 noch keine einzige innerstädtische Kirche untersucht
werden konnte.21
Die Stadtwerdung von Graz aus historischer Sicht
Das Grazer Stadtarchiv ist 1820 vernichtet worden,22 sodass die Stadtge-
schichtsschreibung zur Gewinnung früher Hinweise auf äußere, vor allem
klösterliche Urkunden angewiesen war und ist. Ob die früheste Nennung
von Graz nun schon für 1091 (ein Weriant de Grez in der Gründungsurkunde
des Stiftes St. Paul im Lavanttal23) zu verzeichnen ist, für 1115, 1128, oder gar
erst 1140,24 spielt aus der Sicht der Archäologie keine entscheidende Rolle,
15
Manfred L e h n e r , SG Graz, KG Innere Stadt. In: Fundberichte aus Österreich 34 (1995),
777, und 35 (1996), 582 f.; Johanna K r a s c h i t z e r , Zwei datierte frühneuzeitliche Fund-
komplexe aus Graz. In: Fundberichte aus Österreich 42 (2003), 205–278.
16
S t e i n k l a u b e r , Hauptplatz (wie Anm. 13), 265–317.
17
L e h n e r , Admonterhof (wie Anm. 13), 621–660.
18
Christoph G u t j a h r , Das frühmittelalterliche Körpergräberfeld in der ehemaligen Jesui
tenuniversität (Alte Universität), Graz, Steiermark. In: Fundberichte aus Österreich 46
(2007), 339–375.
19
Christoph H i n k e r , SG Graz, KG Innere Stadt. In: Fundberichte aus Österreich 48 (2009),
485 f. Im Franziskanerkloster hatten bereits 1989, 2004 und 2006 kleinere Grabungen statt-
gefunden, siehe zusammenfassend Manfred L e h n e r , (Stadt-)Archäologie im Grazer
Franziskanerkloster. In: Einblicke in die Baugeschichte des alten Murklosters (Schriften des
Interdisziplinären Forschungs- und Kulturzentrums Franziskanerkloster Graz 1) Graz 2009.
20
Gerald F u c h s , Radarmessungen im Grazer Dom. In: Graz in Funden (wie Anm. 2), 69.
21
Archäologisch untersucht ist dagegen der 1810 abgerissene spätromanische Zentralbau der
Burgkapelle am Schloßberg: Walter M o d r i j a n , Die St. Thomaskapelle auf dem Grazer
Schloßberg. In: Neue Ausgrabungen in der Steiermark (Schild von Steier, Kleine Schriften
14). Graz 1973, 59 f.; zuletzt Diether K r a m e r / Leopold T o i f l , Thomaskapelle am Schloß-
berg, Graz. In: Historisches Jahrbuch der Stadt Graz 31 (2001), 1–38.
22
Fritz P o p e l k a , Geschichte der Stadt Graz 1. Graz 21959, 19.
23
Gerald G ä n s e r , Graz. Kommentar zur Siedlungsgeschichte und Wachstumsphasenkarte
von Graz. (Österreichischer Städteatlas, 5. Lieferung 1. Teil). Wien 1996, 2.
24
Walter B r u n n e r , Lebensraum, Verfassung und Verwaltung von den Anfängen bis
1784/1848. In: B r u n n e r , Geschichte (wie Anm. 3), 73 f.
229
Manfred Lehner
Abbildung 2: Grabungsplätze in der Innenstadt. Kreise: größere Grabungen.
Punkte: kurze Untersuchungen. Luftbild Graz 2003 © Stadtvermessung Graz.
Nach: Internationales Städteforum Graz. Magazin 2009/1, Titelblatt.
230
Die Stadtwerdung von Graz aus archäologischer Sicht
weil nicht gesagt werden kann, in welchem Stadium der Stadtwerdung
beziehungsweise besser Siedlungsentwicklung die zufällig erhaltene ur-
kundliche Erstnennung geschah. Interessanter wäre der Zeitpunkt der Stadt-
rechtsverleihung, doch dieser ist unbekannt; man geht allgemein von einer
Verleihung frühestens unter dem Babenberger Leopold VI. (1194–1230) und
vor 1289 aus, weil in diesem Jahr von einem sigillum civitatis die Rede ist. Ob
die Bezeichnung civitas, die erstmals bereits 1189 und noch einmal 1233 fällt,
einen bestimmten Rechtsstatus bezeichnet, ist angesichts der Vieldeutigkeit
beziehungsweise beliebigen Anwendung der Siedlungsbegriffe in den Ur-
kunden jedoch zweifelhaft. So sind auch die für Graz verwendeten Bezeich-
nungen suburbanum castri (1164), forum (zuletzt 1214), burgum (1222) und
Abbildung 3: Stadtentwicklungsplan von Fritz Posch 1968; kolorierte Fassung im
Stadtmuseum Graz. Nach: Weltkulturerbe (wie Anm. 36), 21.
231
Manfred Lehner
oppidum (1265)25 nicht unmittelbar auf ein zu erwartendes archäologisches
Befundbild umzulegen. Insbesondere die mit 1164 datierte Reiner Urkunde,
die den Standort des Reinerhofes im Sack als in suburbano castri beschreibt
und diese randliche Lage mit dem vorgeschriebenen Abrücken der Zister-
zienser von den forensibus turbis begründet, hat zu vielerlei Rückschlüssen
auf die Siedlungsorganisation im dritten Viertel des 12. Jahrhunderts An-
lass gegeben: So ist von einer „zweiten Marktgründung“ am Hauptplatz
vor 1164, also unter Markgraf Otakar III., ausgegangen worden, weil ein
Markt zuvor im Sack, also dort, wo der Reinerhof liegt, bestanden habe.
Diese Lokalisierung eines „ersten Marktplatzes“ beruht wiederum auf einer
erstaunlich überlebensfähigen Keramikfehldatierung des Landesarchäolo-
gen Walter Schmid26 im frühen 20. Jahrhundert und hatte zur Folge, dass
von historischer Seite die Wirkungsstätte der Grazer mercatores Witelo (ge-
nannt 1147 oder 1151) und Pertholdus (um 1150) in den Sack verlegt wurde.
Daraus konnte Fritz Posch schließen, dass Graz ein „Musterbeispiel einer
zweistufigen Entwicklung“ mit zwei aufeinanderfolgenden Marktplätzen
vor und nach der Mitte des 12. Jahrhunderts abgebe.27 Dieses Konstrukt
wird, obwohl von Gerald Gänser im Österreichischen Städteatlas mit guter
Begründung abgelehnt, bis in die Gegenwart hartnäckig rezipiert.28 Neuer-
dings wird dies nicht nur von Seiten der Archäologie, sondern auch von der
Paläographie in Frage gestellt: Die Reiner Urkunde von 1164 dürfte erst im
früheren 13. Jahrhundert verfasst worden sein und gibt daher vielleicht erst
ein zeitgenössisches Bild bewegten Marktlebens wieder.29
Die historischen Forschungen seit Fritz Popelka, der in seinem 1935 ver-
fassten „Plan der Stadt Graz-Altstadt“30 durch Angabe der mittelalterli-
chen und neuzeitlichen Mauerverläufe und älterer Häuserbestände auch
eine bauliche Weiterentwicklung der Stadt kennzeichnet, fanden ihren
Ausdruck in Stadtentwicklungsplänen wie denen von Eduard Andorfer31
25
B r u n n e r , Lebensraum (wie Anm. 24), 80 f.; G ä n s e r , Kommentar (wie Anm. 23), 3.
26
Walter S c h m i d , Graz und Umgebung in der Vorzeit. In: Urania. Wochenschrift für Volks-
bildung 7 (1914), Heft 30 vom 25. Juli 1914, 352.
27
Fritz P o s c h , Die mehrstufigen Stadt- und Marktanlagen der Steiermark im Mittelalter und
ihre Bedeutung für die Siedlungsgeschichte. In: Mitteilungen des Instituts für Österreichi-
sche Geschichtsforschung 78 (1970), 277.
28
R e s c h , Altstadt (wie Anm. 3), LV f.; Gertrude C e l e d i n u. a., Graz. Graz 2003, 17 f.
29
Günther B e r n h a r d , Zur diplomatischen und paläographischen Kritik von Zisterzien-
serurkunden aus Stična/Sittich und Rein. In: Anton S c h w o b / Karin K r a n i c h - H o f -
b a u e r (Hrsg.), Zisterziensisches Schreiben im Mittelalter – Das Skriptorium der Reiner
Mönche (Internationales Jahrbuch für Germanistik, Reihe A, Kongreßberichte 71). Bern u. a.
2005, 33–51.
30
P o p e l k a , Geschichte (wie Anm. 22), Beilage.
31
Eberhard H e m p e l / Eduard A n d o r f e r , Steiermark (Dehio-Handbuch. Die Kunstdenk-
mäler Österreichs), Wien 31956, 67; Eduard A n d o r f e r , Kunsthistorischer Baualterplan
der Stadt Graz, Blatt II/Süd. In: Atlas der Steiermark. Graz 1969, Beilage.
232
Die Stadtwerdung von Graz aus archäologischer Sicht
und Fritz Posch32 (Abbildung 3) und kulminierten in den „Wachstumspha-
sen von Graz“ Gerald Gänsers im Österreichischen Städteatlas33 (Abbil-
dung 4). Ganz im Gegensatz zum textlichen Kommentar trachtet dieser
Plan danach, sämtlichen historischen Vermutungen gerecht zu werden
und schreibt damit eine Entwicklung und allmähliche Ausdehnung der
Stadt vom Sack her nach Süden und Osten fest. Einiges davon, vor allem
die Reduktion eines ersten Altstadtkernes innerhalb einer Befestigung des
12. Jahrhunderts, hat dem punktuellen ground check durch die Archäologie
nicht standhalten können. Gänsers Plan ist im Archäologischen Atlas der
Stadt Graz 1999 nochmals abgedruckt worden, weil bis zum Beginn des
21. Jahrhunderts kaum relevant interpretierbare archäologische Daten vor-
lagen. Dass auch ein Vorliegen solcher Daten nicht unbedingt dazu führt,
dass alte Forschungstraditionen aufgegeben werden, zeigt der Plan „Graz
bis 1809“ von Strahalm und Laukhardt, die auf der kaum veränderten Folie
althergebrachter historischer Lehrmeinung die neuen archäologischen
Fundpunkte applizieren, ohne sie grundsätzlich neu zu interpretieren.34
Das Problem liegt aber wohl bei der Archäologie selbst: Man nimmt zu
wenig Rücksicht auf die Klagen der Historiker/innen und Kunsthistoriker/
innen, die Grabungsberichte seien in der Fachliteratur „versteckt“, nicht
genügend aufbereitet und daher schwer zu rezipieren.35 Erst in jüngster
Zeit gibt es diesbezügliche Teilerfolge.36
32
Fritz P o s c h , Zur Geschichte der Gründung und ältesten Entwicklung von Graz. In: Histo-
risches Jahrbuch der Stadt Graz 1 (1968), 29–50. Plan 36; P o s c h , Marktanlagen (wie Anm.
27), Plan 278.
33
G ä n s e r , Wachstumsphasenkarte (wie Anm. 23).
34
Werner S t r a h a l m / Peter L a u k h a r d t , Graz. Eine Stadtgeschichte. Graz 2003, Plan hin-
tere Umschlagklappe.
35
Matthias U n t e r m a n n , Archäologie in der Stadt. Zum Dialog der Mittelalterarchäolo-
gie mit der südwestdeutschen Stadtgeschichtsforschung. In: Bernhard K i r c h g ä s s n e r /
Hans Peter B e c h t (Hrsg.), Stadt und Archäologie (Veröffentlichungen des südwestdeut-
schen Arbeitskreises für Stadtgeschichtsforschung 26). Stuttgart 2000, 10 f., räumt eine
Teilschuld der Archäologie an der Nichtbeachtung von Grabungsergebnissen durch die
Historie ein; vergleiche zu den feldarchäologischen Fehlern, die aus der Überschätzung
von Schriftquellen resultieren können und zum Ehrgeiz der Archäologie, aus Schriftquellen
abgeleitete Ergebnisse zu falsifizieren auch Matthias U n t e r m a n n , Kontinuität – Diskon-
tinuität. Einführende Bemerkungen. In: Kontinuität und Diskontinuität im archäologischen
Befund (Mitteilungen der Deutschen Gesellschaft für Archäologie des Mittelalters und der
Neuzeit 17). Paderborn 2006, 11 f.
36
So durfte die Archäologie inhaltlichen Einfluss nehmen auf den Beitrag von Astrid M.
W e n t n e r , Historische Altstadt. Ein Stadtporträt. In: 10 Jahre UNESCO Welterbe Graz.
Graz 2009, 18–24; in der Vorläuferpublikation Graz: Weltkulturerbe. Graz 42003, 21 ist noch
der zu diesem Zeitpunkt bereits überholte Stadtentwicklungsplan von Fritz P o s c h aus
dem Jahre 1968 wiedergegeben.
233
Manfred Lehner
Abbildung 4: Wachtumsphasen von Graz. Nach: Gänser (wie Anm. 23).
234
Die Stadtwerdung von Graz aus archäologischer Sicht
Neue archäologische Indizien
Einen wesentlichen Aufschluss zum Einsetzen der frühmittelalterlichen
Besiedlung brachte die überraschende Entdeckung eines wohl als heid-
nisch-slawisch zu betrachtenden Körpergräberfeldes des späten 8. bis frü-
hen 9. nachchristlichen Jahrhunderts im Bereich der „Stadtkrone“ in der
Alten Universität.37 (Abbildung 1 und 5) Die Grabfunde müssen zu einem
ältesten, noch nicht sicher lokalisierten präurbanen Siedlungskern zwischen
Dom und Schloßberg gehört haben, den man sich eher als Wehrhof und we-
niger als dorfartige Siedlung vorzustellen hat.38 Historisch ist eine nach der
Einführung der fränkischen Grafschaftsverfassung in Karantanien (828) er-
richtete karolingerzeitliche Anlage (curtis) trotz der zahlreichen Nennungen
solcher Anlagen im Südostalpenraum in den Quellen der zweiten Hälfte
des 9. Jahrhunderts39 allerdings für Graz nicht zu erschließen. Eine früh-
mittelalterliche Wehrfunktion des Schloßberges ist erst in Form einer „otto-
nischen Mittelpunktsburg“ des 10. Jahrhunderts begründet anzunehmen;
zwar steht ein definitiver archäologischer Nachweis nach wie vor aus, als
Brückenkopf links der Mur würde eine solche Burg jedoch gut ins Konzept
einer Grenzverteidigung der Karantanischen Mark gegen die Ungarn pas-
sen.40
10 bis 15 Höhenmeter tiefer als das Reihengräberfeld, gegen das Flussufer
hin am Hauptplatz und im Sack (also in den archäologisch am besten er-
forschten Bereichen der mittelalterlichen Stadt), fehlen Funde und Befunde
des 8. und 9. Jahrhunderts. Die frühesten archäologisch fassbaren Sied-
lungsreste des Mittelalters sind auf dem Hauptplatz in Form eines in die
erste Hälfte des 11. Jahrhunderts zu datierenden Grubenhauses von 4,4 auf
1,6 Metern Größe nachzuweisen.41 Da die frühesten Siedlungsbefunde im
37
G u t j a h r , Körpergräberfeld (wie Anm. 18).
38
G u t j a h r , Körpergräberfeld (wie Anm. 18), 354–357.
39
Allen voran die Schenkungs- und Bestätigungsurkunde Ludwigs des Deutschen an das Erz-
bistum Salzburg aus dem Jahre 860: Fritz P o s c h , Zur Lokalisierung des in der Urkunde
von 860 genannten Salzburger Besitzes. In: Mitteilungen der Gesellschaft für Salzburger
Landeskunde 101 (1961), 243–260; Markus J e i t l e r , Das Privileg vom 20. November 860
an die Salzburger Kirche und seine Auswirkungen, unpublizierte Diplomarbeit Wien 1996;
vgl. auch Jochen G i e s l e r , Der Ostalpenraum vom 8. bis zum 11. Jahrhundert. Studien zu
archäologischen und schriftlichen Zeugnissen 2: Historische Interpretation (Frühgeschicht-
liche und Provinzialrömische Archäologie, Materialien und Forschungen 1). Rahden 1997,
Karte 288.
40
Frühmittelalterliche Funde vom Schloßbergplateau sind zwar nicht vorgelegt, aber glaub-
haft erwähnt; auch soll es an der Stelle der hochmittelalterlichen Rundkapelle St. Thomas
einen „oblongen Steinbau“ des 10./11. Jahrhunderts gegeben haben: K r a m e r , Graz (wie
Anm. 3), 48–50.
41
In die Oberfläche des stratigraphisch darunterliegenden Schwemmsediments eingetretene
Holzkohle ergab ein Radiokarbondatum von 1000–1030 (1 Sigma, Beta Analytics Miami
160536). S t e i n k l a u b e r , Hauptplatz (wie Anm. 13), 268, 282, 295.
235
Manfred Lehner
Sack bereits mindestens dem fortgeschrittenen 11. oder frühen 12. Jahrhun-
dert angehören, ist anzunehmen, dass entgegen der tradierten Meinung der
älteste Siedlungskern auf Flussniveau nicht im Sack zu lokalisieren ist, son-
dern um den heutigen dreieckigen Hauptplatz, dessen Nordspitze wohl die
Kreuzung zweier alter Wege markiert, nämlich einer Nordsüdverbindung
der Mur entlang (heute Schmiedgasse-Sackstraße) und einer Verbindung
vom Murübergang nach Osten (heute Murgasse-Sporgasse, vergleiche Ab-
bildungen 2, 7 und 8).
Über drei Holzbauphasen des späteren 11., des 12. und der ersten Hälfte
des 13. Jahrhunderts, deren Gebäude sowohl in Schwellbalken- als auch in
Ständerbauweise errichtet waren und deren Fluchten bereits die spätere
Baurichtung vorzeichnen, liegen drei Steinbauphasen (Abbildung 6). Als
ältester Steinbau lässt sich das Trockenfundament eines fast quadratischen
Turmhauses isolieren, das nach dem keramischen Befund der ersten Hälfte
des 13. Jahrhunderts angehört, sich also mit der letzten Holzbauphase zeit-
lich überschneidet. Derselben Zeitstufe beginnender profaner Steinarchi-
tektur dürften der gut erhaltene, oblonge Saalgeschossbau des Reinerhofes
im Sack und vielleicht auch ein 1970 freigelegtes, von der Stadtmauer über-
schnittenes Gebäude am Sparkassenplatz angehören.42
Die Hauptbauphase am Hauptplatz kann nach Ausweis des zugehöri-
gen Fundmaterials ins späte 13. und frühe 14. Jahrhundert gestellt werden.
Sie besteht aus langgestreckten, giebelseitig zu den Hauptstraßen ausge-
richteten und durch geschotterte Gassen voneinander getrennten Streifen-
häusern mit Hinterhöfen, wie sie aus vielen europäischen Städten bekannt
sind. Die längliche Parzellengliederung, die mit diesem Haustyp einher-
geht, ist noch im heutigen Kataster, vor allem entlang der östlichen Häu-
serzeilen der Sackstraße und der Herrengasse gut zu erkennen (Abbildung
2 und 8). Sie scheint eine ältere Gliederung mit breiteren Parzellen ersetzt
zu haben: Das ältere Turmhaus wird durch zwei der späteren Streifen-
häuser mittig überbaut. Obwohl der archäologische Nachweis einer gro-
ßen „Brandzerstörungsschicht“ in der Innenstadt fehlt, ist es gut möglich,
dass diese, soweit in den vorhandenen Aufschlüssen erkennbar, flächen-
deckende frühgotische Steinbaukampagne mit einem von den Leobener
Dominikanern überlieferten Stadtbrand von 1275, der 200 Grazer Bürger/
innen das Leben gekostet haben soll,43 in ursächlichen Zusammenhang zu
bringen ist. Ebenfalls passend erscheint, dass der Impetus für diesen Urba-
nisierungsschub noch in die Regierungszeit des Städteförderers Přemysl
Ottokar II. fällt.
42
Der Reinerhof (wie Anm. 13); S c h a f f l e r , Stainzerhof (wie Anm. 1).
43
P o p e l k a , Geschichte (wie Anm. 22), 56 f.
236
Die Stadtwerdung von Graz aus archäologischer Sicht
Abbildung 5: Grab 10 des frühmittelalterlichen Körpergräberfeldes unter der Alten
Universität, spätes 8. Jahrhundert nach Christus Nach: Gutjahr (wie Anm. 13),
Foto © Bundesdenkmalamt.
237
Manfred Lehner
Abbildung 6: Hauptplatz von Südost, Grabungen 2002. Die überbauten Funda-
mente des spätromanischen Turmhauses neben der linken oberen Ecke der weißen
Plane. Foto © Bundesdenkmalamt.
238
Die Stadtwerdung von Graz aus archäologischer Sicht
Die letzte Bauphase am Hauptplatz besteht aus An- und Umbauten der
Streifenhäuser; das späteste Fundmaterial ist ins frühe 15. Jahrhundert zu
datieren, stammt aus der Zuplanierung eines Kellers dieser letzten Phase
und liefert einen chronologischen Anhaltspunkt für den Abriss des ganzen
Häuserblocks zwischen Schmied- und Herrengasse. Der heutige dreieckige
Grazer Hauptplatz ist also nicht im Zuge einer „zweiten Marktgründung“
des 12. Jahrhunderts angelegt worden, sondern das Ergebnis einer urba-
nistischen Maßnahme des 15. Jahrhunderts. Die durchgehende Besiedlung
des Hauptplatzes vom frühen 11. bis ins frühe 15. Jahrhundert spricht auch
gegen die verschiedentlich mündlich geäußerte Meinung, die Hauptplatz-
bebauung sei als spätmittelalterliches, am ehemaligen Marktplatz errichte-
tes „Gretzl“, oder als gotische Markthalle zu interpretieren.
Die Stadtmauer
Ein echtes Forschungsproblem stellt aufgrund ihres erbärmlichen Er-
haltungszustandes die 1265/67 in einem landesfürstlichen Urbar als beste-
hend erwähnte mittelalterliche Stadtmauer dar (iudicium intra muros oppidi
Graetzensis).44 Der Mauerverlauf, für dessen Rekonstruktion noch am bes-
ten auf alte Stadtansichten zurückgegriffen werden kann,45 ist nur in Teilen
endgültig geklärt. Diese Unsicherheit war und ist der Nährboden für zahl-
lose Vorschläge für Befestigungsanlagen und deren Verlauf von historischer
und kunsthistorischer Seite, die zum Teil auf der urkundlichen Nennung
von Türmen und deren Lokalisierung beruhen (als hätte es in einer mittel-
alterlichen Stadt keine Wohntürme gegeben), zum Teil auf Beobachtungen
„alter“, mächtiger Mauern, die militärisch unsinnig am Fuß eines Gelände-
anstiegs oder einer Böschung verlaufen (Abbildung 7).
Am besten steht es noch um die Nord- und Westfront zur Mur hin, deren
Fundamente an verschiedenen Stellen ergraben werden konnten. Sowohl
im Admonterhof (errichtet vor 1317) als auch im Franziskanerkloster (als
Minoritenzelle vielleicht schon 1235 bestehend), die beide mit ihren westli-
chen Flügeln direkt an der Stadtmauer liegen, waren archäologische Strati-
fizierungen zu gewinnen, wobei der Admonterhof innen an die Stadtmauer
angebaut und der Westflügel des Minoritenklosters wahrscheinlich als Syn-
ergieeffekt zusammen mit der Mauer errichtet worden ist. Die stratifizierten
44
Zusammenfassend zur Grazer Stadtmauerforschung Manfred L e h n e r , Die Grazer Stadt-
mauer aus archäologischer Sicht. Ein Diskussionsbeitrag. In: Zeitschrift des Historischen
Vereines für Steiermark 94 (2003), 25–46.
45
So zeigen die Kopie der verlorenen Stadtansicht aus dem Palazzo Vecchio in Florenz (1565)
und der Stich von Laurenz van de Sype und Wenzel Hollar (1626/1657) noch Teile der mit-
telalterlichen Stadtbefestigung.
239
Manfred Lehner
Keramikfunde, die uns als einzige Datierungshilfe zur Verfügung stehen,
sprechen für eine Errichtung der westlichen Stadtmauer noch in der Zeit
der späten Babenbergerherrschaft.46 Auffällig ist, dass das Stadtmauerfun-
dament an beiden Grabungsstellen Reste von Holzgebäuden des 12. und
der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts überschneidet beziehungsweise der
Fundamentgraben der Mauer in fundführende hochmittelalterliche Schich-
ten abgetieft ist. Im Sommer 2010 ergab sich im Maximilianstrakt der Gra-
zer Burg, unmittelbar nördlich des Burgtors (vgl. Abbildungen 7 und 8),
ein Aufschluss an der östlichen Stadtmauerfront. Auch dort durchschneidet
das Fundament, das in gleicher Technik wie an der Westfront errichtet ist,
eine massive hochmittelalterliche Siedlungsschicht mit Keramik des frühen
13. Jahrhunderts.47
Die landesfürstliche Burg am Schlossberg bleibt natürlich außerhalb der
Mauer; nur der südlichste Sporn des Berges, der „Paulsberg“ mit seinem
Turm (der „Uhrturm“, das heutige Wahrzeichen von Graz) wird als Nord
ecke einbezogen. Spätestens unter Přemysl Ottokar II. sollte die Mauer voll-
endet48 und damit Graz auch bautypologisch als „Stadt“ gekennzeichnet
gewesen sein. Der gesicherte beziehungsweise wahrscheinliche Verlauf der
etwas über zwei Kilometer langen „Ringmauer“, die ein unregelmäßiges
Fünfeck von gut 26 Hektar Innenfläche bildet, wird auf Abbildung 8 darge-
stellt. Eine Stadterweiterung und damit auch Erweiterung des Mauerrings
nach Osten hin (vergleiche Abbildungen 3 und 4) wurde von historischer
Seite aufgrund einer 1336 gewährten dreijährigen Steuerbefreiung postu-
liert, mithilfe deren die Bürger Bauarbeiten an der Stadtmauer finanzieren
sollten. Damit ist wohl die Errichtung von Türmen und Toren (die bezeich-
nenderweise sämtlich erst im 14. Jahrhundert genannt sind49) gemeint; dar-
aus eine Erweiterung des Mauerrings nach Osten abzuleiten, hat mehrere
argumentative Nachteile: Erstens müsste die frühere Mauer von 1265 wehr-
technisch höchst ungünstig am Abhang zur Mur gelegen sein,50 zweitens
stünde die 1174/1181 erstmals erwähnte Pfarrkirche St. Aegydius, der heu-
46
Auch von historischer Seite sind Leopold VI. (1194–1230) und Friedrich der Streitbare (1230–
1246) als mögliche Initiatoren des Mauerbaus genannt worden. Auch ein Zusammenhang
mit dem kurzen ungarischen Intermezzo unter Béla IV. ab 1254 und dessen Mongolenerfah-
rungen von 1241/42 scheint möglich; vergleiche zusammenfassend mit Literatur L e h n e r ,
Stadtmauer (wie Anm. 44), 42 f.
47
L e h n e r , Admonterhof (wie Anm. 17), 632; für das Franziskanerkloster freundliche Mittei-
lung von Christoph H i n k e r ; für die Grabung im Maximilianstrakt der Burg freundliche
Mitteilung von Astrid Steinegger.
48
Leopold T o i f l , Stadtbefestigung-Wehrwesen-Krieg. In: B r u n n e r , Geschichte (wie
Anm. 3), 461 f. datiert die Errichtung zwischen 1254 und 1265.
49
Burgtor 1346, Paulustor 1355, Sacktor 1372; P o p e l k a , Geschichte (wie Anm. 22), Band 2,
12 f.
50
Diese fiktiven Mauerverläufe diskutiert bei L e h n e r , Stadtmauer (wie Anm. 44), 33–35.
240
Die Stadtwerdung von Graz aus archäologischer Sicht
Abbildung 7: Gesicherte, hypothetische (mit Angabe der Autoren) und teilweise
bereits archäologisch falsifizierte Befestigungslinien in der und um die Grazer Alt-
stadt. © Verfasser.
tige Dom, bis ins 14. Jahrhundert außerhalb der Mauer und drittens müsste
auch ein Haus des späteren 13. Jahrhunderts, dessen Reste sich in der Alten
Universität über dem frühmittelalterlichen Gräberfeld fanden, knapp au-
ßerhalb der Mauer liegen, was höchst unwahrscheinlich ist. Man wird lie-
ber mit Fritz Popelka und Herwig Ebner konform gehen, die die Ostmauer
schon im 13. Jahrhundert auf Höhe des späteren Burgtores vermuten.51 Dies
wird nunmehr auch durch die Ergebnisse der Notgrabung 2010 im Maximi-
lianstrakt der Grazer Burg unterstützt.
51
P o p e l k a , Geschichte (wie Anm. 22), 185 und Planbeilage; Herwig E b n e r , Burgen und
Schlösser in der Steiermark, Band 3: Graz, Leibnitz, West-Steiermark. Wien 21981, 43.
241
Manfred Lehner
Zusammenfassung
Die mittelalterliche Stadtwerdung von Graz lässt sich aus archäologischer
Sicht derzeit folgendermaßen nachzeichnen:
Unweit des frühmittelalterlichen Reihengräberfeldes bei der Alten Uni-
versität muss sich eine Siedlungsstelle des späteren 8. und 9. Jahrhunderts
am östlichen Schloßbergfuß befunden haben, wahrscheinlich in Form eines
Hofes (curtis). Ob es auch eine bereits karolingerzeitliche, für Graz (gra-
dec) namengebende kleine Anlage am Plateau des Berges gegeben hat, ist
unklar. Für das 10. Jahrhundert hingegen kann eine solche Wehranlage
wegen der Grenzlage zu Ungarn mit gutem Grund vermutet werden. Die
zugehörige Burguntersiedlung im Bereich einer Wegkreuzung ist im Be-
fund seit dem frühen 11. Jahrhundert nachweisbar. Seit der Mitte des 12.
Jahrhunderts ist dort historisch ein Marktbetrieb und archäologisch Hand-
werksausübung belegt. Zu diesem Zeitpunkt hat sich die ausschließlich
aus Holzgebäuden bestehende, offensichtlich planmäßig organisierte Sied-
lung bereits in den Sack und ans Murufer ausgedehnt und hat wohl auch
das Areal des frühmittelalterlichen Althofes auf der oberen Murterrasse
überlagert. Die Ausdehnung nach Süden und Südosten kann mangels ar-
chäologischer Daten nicht bestimmt werden. Auch das Areal der in der
Nordostecke der Stadt gelegenen Friedrichsburg (Neuerrichtung ab 1438),
neben der der mindestens auf das 12. Jahrhundert zurückgehende Dom
steht, ist für das Früh- und Hochmittelalter noch nicht beurteilbar; allfäl-
lige, vor das 15. Jahrhundert zurückreichende Vorgängerbauten (etwa der
Meierhof der Burg am Schloßberg?52) sind unbekannt. Mit zunehmender
wirtschaftlicher Bedeutung, die sicher auch durch den Status als Residen-
zort der traungauischen Markgrafen und seit 1180 Herzöge gefördert wird,
entstehen erste profane Steinbauten. Mit der Fertigstellung der Stadtmauer
vor 1265, die teilweise ältere Gebäude überschneidet, wird Graz zu einer
Stadt mit allen Attributen; die drei Grundkomponenten der Stadtwerdung,
die Burg am Schloßberg als „Katalysator“, der Althof auf der Murterrasse
als ältester Kern und der Markt an der Mur als wirtschaftlicher Motor sind
zusammengewachsen (Abbildung 8). Nach dem verheerenden Brand von
1275 wird die Stadt sukzessive und im Laufe des 14. Jahrhunderts flä-
chendeckend mit Steinbauten ausgestattet. Das rechte Murufer wird, wie
archäologische Kontrollen der Kunsthausbaustelle gezeigt haben, erst im
15. Jahrhundert zur echten Vorstadt, in der besten und einen weiteren ur-
banistischen Schub auslösenden Zeit von Graz als Residenzstadt Innerö-
52
B r u n n e r , Lebensraum (wie Anm. 24), 83, nimmt einen vielleicht auch wehrhaften Mei-
erhof des 12. Jahrhunderts (Otakar IV.) im Bereich der heutigen Burg an, auf dessen Kirche,
den heutigen Dom, spätestens 1181 die Pfarrrechte übertragen worden sind.
242
Die Stadtwerdung von Graz aus archäologischer Sicht
sterreichs unter den Habsburgern Herzog Ernst dem Eisernen und dessen
Sohn Friedrich V., der 1440 zum deutschen König gewählt wird und 1452
als Friedrich III. die Kaiserkrone erhält.
Abbildung 8: Die drei Komponenten der frühen Stadtentwicklung und der mittel-
alterliche Mauerverlauf. Bildgrundlage wie Abbildung 2.
243
Manfred Lehner
244