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2007c Der Sanskrit-Kommentar (Kommentarkulturen)

Walter Slaje Der Sanskrit-Kommentar 1. Kommentarliteratur in Indien Das Erklären von Texten war in Indien eine früh geübte Kunst, die ur­ sprünglich eng mit der Bemühung um treue Überlieferung und richtiges Verständnis des sakralen Veda verbunden war. Die textlich produktive Epo­ che der vedischen Religion erstreckte sich von frühestens um 1750 bis etwa 200 v. Chr. Sie kannte weder Propheten noch Stifter als Begründer. Viel­ mehr galt die Textsammlung des Veda (m. , ,Wissen' ) selbst, in Gestalt seiner als ewig geglaubten Hymnen, als das die ganze Welt und alle gültigen Normen offenbarende Wort. Der Veda trägt gemäß der indischen Überlie­ ferung also impersonalen Charakter. Er war gedacht als ungeschaffen, ewig und vollkommen. Entsprechend dem ihm zugeschriebenen Charakter einer ,sprachlichen Selbstoffenbarung' wurde sein Wortlaut ursprünglich daher immer nur mündlich weitergegeben und erklärt. Wurden in der ältesten Pe­ riode der religiösen Praxis mit der Rezitation seiner Lieder die Götter noch um Beistand angefleht, dachte man später, sie durch geeignete Riten und fehlerfreie Rezitationen zu den Handlungen zwingen zu können, die ihren jeweiligen Funktionen entsprachen. Schließlich glitten die vedischen Götter in die Rolle bloßer Statisten, denn das Opfer begann als automatisch wirk­ sames, allmächtiges Instrument der Wunscherfüllung gedacht zu werden. Da alles, was es je gab und geben konnte, im Veda als geoffenbart galt, ging mit der Kontrolle über seine Worte die Macht über die von diesen bezeich­ neten abstrakten Bedeutungen und konkreten Dinge einher. Das gesamte Universum konnte so durch Rezitation und Ritual manipuliert, das damals geglaubte Heilsziel eines Himmels für sich und andere ,herbeigeopfert' wer­ den. Vor einem solchen Hintergrund wird verständlich, dass neben der treuen Bewahrung des Wortlautes auch der Exegese des Veda eine ganz zentra­ le Bedeutung zukam, und dass daher schon sehr bald Anstrengungen zu eben diesem Zweck unternommen wurden. Die noch heute erhaltenen, nach Textgattung und Erklärungsziel allerdings durchaus unterschiedlichen Er­ klärungsformen aus vedischer Zeit zeugen von solch frühen exegetischen Bemühungen. Zu ihnen gehören etwa grammatisch-morphologische Analy­ sen (pada-piipha) des Veda anhand von Wortsegmentierung und Suffixmar­ kierung etc. , da sein Wortlaut bei der Rezitation stets in euphonischer Ver- - bindung artikuliert und nur so vernommen wurde ( sar(lhitii-piitha). 1 In die­ klärende Ausführungen zu einem Text. Das Sanskrit kennt allerdings eine ser Herauslösung einzelner Wörter und Morpheme aus ihrer Satzverbindung ganze Anzahl von durchaus unterschiedlichen Begriffen, die alle nach ober­ sowie in der Angabe ihrer jeweiligen Pausa-Formen lassen sich bereits ers­ flächlichem Befund Textkategorien bezeichnen, die grundsätzlich dasselbe te Bestrebungen um Verstehen und Erklären nachweisen. Erheblich weiter tun, nämlich Texte erklären. Es ist bei weitem nicht klar - und bedürfte gehen die auf komplexe Ritualdeutungen und Einzelworterklärungen zielen­ daher erst noch eingehender Untersuchungen - ob die so verschieden be­ den Exegesen, wie sie für die Textgattung der sogenannten Brähmai:ias (ca. nannten ,Kommentar' -Typen sich überhaupt signifikant voneinander unter­ 1. Hälfte des 1. Jt. v. Chr.) charakteristisch sind. Von besonderer Bedeu­ scheiden, und worin genau diese Unterschiede denn eigentlich lägen. Einhei­ tung sind ferner die unterschiedlichen Hilfswissenschaften ( ariga) des Ve­ mische Kategorisierungsversuche aus der späteren Zeit (Räjasekhara und da, d.h. ausgebildete Disziplinen wie beispielsweise Phonetik, Metrik oder Hemacandra, um die 1. nachchr. Jahrtausendwende)5 wandten dazu ge­ Grammatik, die ursprünglich wohl die präzise Überlieferung des mit pho­ wisse Strategien semantisch-typologisierenden Definierens an, deren sach­ nematischem Tonhöhenakzent rezitierten Wortlautes gewährleisten sollten. liche Übereinstimmung allerdings erst noch im Einzelnen an den entspre­ Von diesen Wissenschaften wären hier vor allem die semantischen Analy­ chend definierten Kommentarklassen zu überprüfen wäre. So lässt sich auf sen (nirvacana) der in Yäskas Nirukta (ca. 5. Jh. v. Chr.) aufgelisteten, der Grundlage unseres gegenwärtigen Wissensstandes mit Gewissheit erst schwierigen vedischen Wörter ( nigha7Jtu) hervorzuheben. Die Frühzeit der einmal nur bejahen, dass der autochthone Kulturraum Indien in der Tat Veda-Präservation und -Exegese hat auch Formen der Erklärung in Gestalt exegetisch autonome Textgestalten entwickelt hat, die funktional und me­ von ,Listenwissenschaften'2 hervorgebracht, zu denen Inhaltsverzeichnisse thodisch dem sehr stark ähneln, was wir als ,Kommentar' zu benennen bzw. Gedächtnishilfen (anukrama7J'i) über Verfasser, Metren, Gottheiten, gewöhnt sind. Allerdings wird dabei der Tatsache nicht immer hinreichend Lieder etc. des Veda sowie auch die erklärenden Mythen ( iikhyiina) 3 der explizit Rechnung getragen, dass zwischen antiken, mittelalterlichen, und Bi;haddevatä (ca. 3. Jh. v. Chr.) gezählt werden können. neuzeitlich-wissenschaftlichen Kommentaren Europas typologisch natürlich In vorchristlicher Zeit begannen einige unter diesen ,Hilfswissenschaften' enorme Unterschiede bestehen. Kaum anders verhält es sich mit dem indi­ sich allmählich zu Veda-unabhängigen, mehr säkularen Einzeldisziplinen zu schen Kulturraum, und so wären bei einer diesbezüglichen ,Kommentar'­ verselbständigen und entwickelten als solche dann Grundsätze und Metho­ Betrachtung neben der grundsätzlich zu berücksichtigenden Tatsache, dass den zur exegetischen Darstellung ihrer je eigenen Lehrgebäude, wie es vor wir es eben mit gänzlich andersgearteten, außereuropäischen Denk- und Er­ allem - aber keineswegs ausschließlich - an der Wissenschaft der Gramma­ klärungsmustern zu tun haben, auch den Gegebenheiten historischer Schich­ tik ( vyiikara'f}a) deutlich wird. Musterhaft prägte diese Disziplin Gestal­ tungen, der spezifischen Typologie und Systematik von indischer ,Kommen­ tung, Erklärungsformen und Sprachstil der Sanskrit-Kommentierung, wie tierung' besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Es handelt sich um eine sie später dann - unabhängig von der jeweiligen Textsorte, auf die sie ange­ sehr komplexe, für uns fremde Kultur mit einer reichen Geschichte, die die wendet wurde - in gewisser Hinsicht einheitlich formalisiert betrieben wurde. unterschiedlichsten Traditionen hervorgebracht hat. Und selbstverständlich Auch das Schema von aufeinander folgenden Sub- und Suprakommentie­ hat dabei auch ,der' Sanskritkommentar in seiner bei aller inneren Differen­ rungen bereits vorhandener Grundtext-Kommentare dürfte, ebenso wie die zierung traditionell gewordenen und dadurch heute klassisch anmutenden stilistisch und erklärungstechnisch eigentümliche Form des ,Bhä�ya' ,4 von Gestalt eine eigene, vielfältig verzweigte Vor- und Entwicklungsgeschich­ grammatischen Kommentaren wie dem des Pataiijali aus dem 2. Jh. v. Chr. te. Dazu können auch die eingangs erwähnten exegetischen Textgestalten (Mahä-Bhä�ya) erheblich beeinflusst worden sein. gezählt werden, die - aus der Perspektive der klassischen Kommentarform Wenn im Folgenden von ,Kommentar' im Zusammenhang mit einer lite­ - vielleicht als Früh- und Vorformen bzw. als Nebenlinien anzusehen sind. rarischen Klasse aus einer außereuropäischen Kultur die Rede sein wird, Historisch gesehen haben sie zu einem gewissen Zeitpunkt der Entwicklung so ist es ratsam, einige wenige methodologische Bemerkungen grundsätzli­ ihre Produktivität eingebüßt und typologisch danach keine Fortsetzer mehr cher Natur vorauszuschicken. Der Sache nach scheint zunächst unmittelbar gefunden. Insgesamt aber haben sich zahlreiche unterschiedliche, über Jahr­ klar zu sein, worum es sich bei einem Kommentar handelt, nämlich um er- hunderte, wenn nicht Jahrtausende gewachsene Textkategorien und eng an diese angeschlossene Erklärungstraditionen entwickelt, so dass hier allenfalls 1 Zu unterschiedlichen, auch mnemotechnische Zwecke verfolgenden Formen des rezi- ein eng begrenzter Ausschnitt in Gestalt der bloßen Approximation darge­ tativen ,Hersagens' (papha) vgl. Schmidt (1973). stellt werden kann. 2Smith (1982). 3Patton (1996) 4Vgl. dazu weiter unten. 5Vgl. dazu den Beitrag von 0. von Hinüber in diesem Band. 70 71 Dabei wird einem möglichen Entwurf zu einer theoretischen ,Systematik' <lern 7. Jh. n. Chr. zurn Gegenstand von Kornrnentierungen gemacht wur­ indischer Erklärungsstrategien aber ganz gewollt nicht vorgegriffen, obwohl den. 6 dies - etwa nach den gegebenen Begriffsrnustern europäisch-abendländischer Das zur Bezeichnung dieser Kornrnentarklasse nominal verwendete Gerun­ Hermeneutik - grundsätzlich möglich wäre. Die unkritische Anwendung vor­ div ,bhii$ya' besagt zunächst einmal nicht rnehr, als dass da etwas ist, ,über geformter Theorien des Westens könnte unerwünschte Konsequenzen zur das rnan (ausführlicher ) zu reden hat' bzw. ,das sprachlich auszuformulieren' Folge haben, wie sie in anachronistischer Projektion abendländischer Be­ ist. Es deutet dies auf die ursprüngliche Praxis mündlichen Erklärens hin. 7 griffiichkeiten auf die geistige Welt des indischen Altertums grundgelegt Erklärt wurden in der Regel solche Texte, die auswendig gewusst wurden. sind. Man rnuss darauf achten, sich den Blick auf autochthon-indische Sicht­ Nach gegebener Überlieferungslage zu urteilen scheinen die frühen Bh�yas weisen rnit ihren eigenen Denk-Schemata und Kategorisierungen, die <lern in der Tat überwiegend zur Erläuterung solcher wissenschaftlicher Lehrwer­ okzidentalen Kulturraum durchaus völlig fremd sein könnten, nicht verstel­ ke verfasst worden zu sein, von denen irnrner nur die tragenden Leitgedanken len zu lassen. Es sollte daher vermieden werden, aus indischen Anschau­ (siitra)8 nach den Grundsätzen äußerster rnnernotechnischer Ökonomie for­ ungen erwachsene, und von daher als ererbt und traditionsirnrnanent an­ muliert worden waren. Bh�ya-Kornrnentare zu Texten rnit voll ausforrnu­ zusehende Kontextualisierungen in ein Korsett europäisch-hermeneutischer liertern Wortlaut, wie solche der Kunstdichtung oder religiöse Texte, treten Denkrnuster eingepasst verstehen zu wollen. Erst auf der Grundlage einer irn Vergleich zu denen der Sutra-Literatur, wie bereits bemerkt, zeitlich erst gründlichen Bestandsaufnahme der Fakten und eines daraus wissenschaft­ später auf. Die auf die Spitze getriebene sprachliche Knappheit der Sutras lich ableitbaren Befundes wird rnan den einheimischen, spezifisch-indischen musste zwangsläufig zu den wohlbekannten Erscheinungen extremer Satz­ Distinktionen und Konzeptionen bei <lern Versuch einer ,Kategorisierung' ih­ oder Sinnellipsen führen. Das Bh�ya erfüllt nun den wichtigen Zweck, den rer Textgestalten gerecht werden, auch ihre inneren Zusarnrnenhänge sicht­ in einem Sutra nicht formulierten ,Volltext' , wie er allerdings gedanklich bar machen, und sie dann aus der Perspektive des kulturübergreifenden fortlaufend kontextualisiert werden rnuss, urn den behandelten Lehrkorn­ Vergleichs beurteilen können. plex zusarnrnenhängend zu verstehen, in gewissem Sinne in Gestalt einer ,Ausforrnulierung' (bhii$ya) wieder herzustellen - cum grano salis: den korn­ prirnierten Text zu ,entpacken'-, indem es die ausgesparten Teile sprachlich 2. Charakteristische Grundmuster eines komplettiert und rnit den erforderlichen grarnrnatischen und sachlichen Hin­ Sanskritkommentars tergrunderläuterungen versieht. Idealiter wäre dies die Rekonstruktion des Unter <lern eben dargestellten Vorbehalt sollen irn Folgenden einige charak­ ,Textes' so, wie der betreffende Autor ihn ursprünglich gedacht, gelehrt, teristische Grundrnuster eines ,klassischen' Sanskritkornrnentars vorn Typus und dargelegt hatte - anders wären grundlegende Zusarnrnenhänge von An­ Bh�ya vorgestellt werden, wie sie in formaler Hinsicht weitestgehend auch fang an unverstanden geblieben -, ihn für seine Schüler allerdings unter auf andere Kornrnentartypen (z.B. V�tti, Varttika, 'flka, etc. ) zutreffen. Der Beibehaltung nur der kontextuell unerläßlichen Leitgedanken in sprachlich Sache nach handelt es sich dabei urn wissenschaftlich-kritische Erklärungs­ kondensierter und skelettiert rnerkökonornischer Gestalt formuliert hatte. forrnen, wie sie auf beliebige Textsorten angewendet wurden. Als ,wissen­ schaftlich' können sie uns in <lern Sinne gelten, als die Autoren sich bei ihren 6Die ältesten überlieferten Kävya-Kommentare sind die des Vallabhadeva (10. Jh.), Erklärungen auf eine Anzahl von einheimischen Fundarnentalwissenschaf­ vgl. dazu Goodall (2001), 123f, FN 55. ten (Siistra) stützten, deren sichere Beherrschung die Voraussetzung für eine 7Eine generelle Reflexion über Schriftzeichen als konventionelle Symbole für Silben, die nach indischer Auffassung nur durch Ausspracherealisierung auf die Stufe der Wirk­ Qualifizierung als Kornrnentator war. Dazu zählten vor allem die Disziplinen lichkeit (satya) gehoben werden, findet sich bei Sari.kara (ca. 670-700): „Man beobachtet, Grarnrnatik (vyiikarar:ia) und Lexikographie (ko8a), Philosophie (darsana) [dass die] mit ,a' beginnenden wirklichen (d.h. gesprochenen) Silben dadurch verstan­ unter Einschluss von Logik ( hetuvidyii) und Dialektik (tarka) sowie Maxi­ den werden [können, dass] man die unwirklichen, aus Schriftzeichen [bestehenden] Silben kennt" (BSüBh 379,6 ad BSü 2.1.14). Mit diesem Beispiel für die Möglichkeit, Wirkli­ men (nyiiya) zur Exegese von Rechtstexten religiöser und weltlicher Natur ches durch Unwirkliches zu erkennen, sollte erklärt werden, dass die im philosophischen (mfmii'f!'l,Sii, dharmaSiistra). Als ,kritisch' wären sie insofern anz�sehen, als Sinne als ,unwirklich' anzusehende Sprach-Offenbarung (sruti), die nichts als Chiffre ist, sie Traditions- und Plausibilitätskriterien zur Abwägung alternativer Denk­ durchaus die Erkenntnis der höchsten ,Wirklichkeit' verursachen kann. So bemerkt der bzw. Interpretationsrnöglichkeiten reflektierend heranziehen. Die Textsor­ Kommentator Änandagiri zu der Stelle: „Selbst wenn das Schriftzeichen als solches wirk­ lich ist, erkennt man [mit seiner Hilfe dennoch] aus Unwirklichem das Wirkliche, weil ten, die sie erklären, reichen von der religiösen Offenbarungsliteratur über [das Zeichen als Zeichen] eben kein echter Sprachlaut ,a' usw. ist." wissenschaftliche Lehrwerke bis hin zur schönen Literatur, irn besonderen 8Zu Begriff und Typologie von ,sutra' vgl. Renou (1963); Klaus (2000), von Hinüber zu den Werken der Kunstdichtung (kiivya), wobei letztere erst frühestens ab (2001), 54-57 sowie Wezler (2001). 72 73 Realiter diente ein Bhai;;ya aber sehr häufig auch den Zwecken der Ent­ 2. 1. Die äußere Form eines Sanskrit-Kommentars wicklung und der Darstellung eigener, dem erklärten Grundtext durchaus noch fremd gewesener Gedanken, so dass Kommentare immer nur unter Für ein typisches äußeres Erscheinungsbild eines Sanskrit-Kommentars sind Berücksichtigung der ideengeschichtlich fortschreitenden Entwicklung mit Druckausgaben wenig repräsentativ, da sie in der Gestaltung des Schrift­ aller historisch-kritisch gebotenen Vorsicht herangezogen werden dürfen. spiegels, der Trennung von Text- und Kommentarteil, bei den Textaus­ Der als ,wissenschaftliches Sanskrit' bekannte, typische Sprachstil9 eines zeich�_1.mgen, etc., europäischen Gestaltungsmustern folgen. Die handschrift­ Bh�ya ist gekennzeichnet durch einen Nominalstil in komplexen Verschrän­ liche Uberlieferung von Bh�ya-Kommentaren zeigt demgegenüber, dass die kungen, bei dem die temporalen und modalen Funktionen finiter Verben äußere schriftliche Form die innere Struktur des Textes eigentlich gar nicht häufig durch nominale Stammbildungssuffixe ersetzt werden. Als Form wur­ widerspiegelt. Der vermutliche Grund dafür dürfte in der ursprünglichen de vorwiegend die der Prosa bevorzugt, doch ist auch die der gebundenen Oralität nicht nur der Grund-, sondern auch der Erklärungstexte liegen, da Sprache bezeugt. Letztere erzwingt zwar einen gegenüber der Prosa modi­ sie erst vergleichsweise spät verschriftlicht wurden, gleichsam als allmählich fizierten Satzbau, ändert aber weiter nichts an den charakteristischen Be­ hinzutretende, geschriebene ,Sicherheitskopie' des auswendig Gewussten. So sonderheiten von Stil und Syntax. Da sich ein Verfasser mit seinem Bh�ya werden Grundtext und Kommentar in den Handschriften meist nicht formal natürlich an die Gebildeten (Si§ta) bzw. Gelehrten (pa'l}�ita) seiner Zeit voneinander getrennt. Daher lassen sich die beiden Textkategorien optisch wandte, setzte er auch - wie an der typischen Zitierweise zu sehen ist, bei auch nicht immer sofort auseinanderhalten (Abb. 4). Üblicherweise schlie­ der meist die Anfangsworte allein als zureichend empfunden wurden, 10 weil ßen sich direkt an einen Vers oder an ein sütra des Grundtextes die ent­ diese dem Zeitgenossen genügten - einen kulturellen Verständnis- und fach­ sprechenden Erklärungen an. Der Grundtext wird auf diese Weise in den lichen Wissenshorizont voraus, der nicht der unsrige ist und der daher unter Kommentar eingebettet. Ist der Grundtext metrisch und der Kommentar Rückgriff auf das zitierte Quellenmaterial immer erst der sorgfältigen Re­ in Prosa, so erübrigt sich eine besondere graphische Gestaltung, insofern konstruktion bedarf. ein metrischer Grundtext sich als solcher bereits durch seinen spezifischen Zur Darstellung des generellen Charakters eines solchen Bhai;;ya bietet sich Rhythmus aus der Kommentarprosa, so der Kommentar die ungebunde­ die Bestimmung seiner Struktur und Organisation zunächst einmal an nach ne Form wählt, heraushebt. ,Lesen' geschah mit vernehmbarer Artikulati­ äußerer Form (2. 1) und innerer Anlage (2.2). Letztere wiederum ließe sich on des Textes, ohne die Wortgrenzen markierende Pausen, gewissermaßen grundsätzlich unterscheiden in Erklärungspraxis (2.2.1) und hermeneutische eine Art ,psalmodierender Lektüre' . Graphische Möglichkeiten der Text­ Theorie (2.2.2). Dabei werden im folgenden unter ,Erklärungspraxis' alle auszeichnung, wie sie häufig genutzt wurden, waren die von Numerierung, von einem Kommentator nicht explizit reflektierten, aber doch praktisch an­ Abstand oder Interpunktion (Abb. 4). Letztere in Form von einfach oder gewendeten Erklärungsschritte verstanden. Mit ,hermeneutischer Theorie' doppelt gesetzten, senkrechten Strichen ( da'l}�a = ,Stock' ) . Seltener ist die werden demgegenüber die von einem Erklärer explizit gemachten, sinnfin­ Hervorhebung durch - im Gegensatz zu unserem Unterstreichen - ,Überstrei­ dungsrelevanten Reflexionen im Zusammenhang mit der Etablierung oder chen' mittels zweier oberhalb des Grundtextes gezogener Linien oder durch der Anwendung spezifisch hermeneutischer Maximen (nyaya) bezeichnet. Rubrizierung entsprechender Wörter bzw. von Kolophonen. Eine weitere, Es versteht sich, dass im vorliegend beschränkten Rahmen auf all dies in durchaus gebräuchliche Form der Textanordnung war die der kommentato­ nur sehr allgemeiner, fallweise paradigmatischer Weise eingegangen werden riellen ,Zirkumskription' des mittig gesetzten Grundtextes, wobei ein solcher kann. Kommentar allerdings auch nur oberhalb und unterhalb des zu erklärenden Grundtextes geschrieben sein kann. Abb. 5 zeigt ein solches Beispiel. Der hier mittig eingerückte Text und der Kommentar sind zwar völlig textiden­ tisch mit dem Wortlaut in Abb. 4 , allerdings von einer anderen Schreiber­ hand in der lokalen Schrift Kaschmirs geschrieben. 1 i 9Vgl. dazu Renou (1956), 139ff. 10Zitate werden meist nur angerissen, und ihr Abschluss mit iti (,so') bzw. ityädi (,so'/ ,damit beginnend' ) markiert. 74 75 2.2. Zur inneren Anlage eines Sanskrit-Kommentars Macht und Reichtum, Eros, Rechtschaffenheit und Religiosität, Erlösung. Oft finden sich auch Angaben zur Herkunft (avatara7Ja, ,Deszendenz' ) der Wie oben bereits erwähnt, ist hinsichtlich der inneren Anlage des Kommen­ Lehre und zur eigentlichen Motivation (tatparya) des betreffenden Autors tars eine grundsätzliche Unterscheidung zu treffen zwischen kommentatori­ oder ( anonymen) Werkes. Einleitungen dieser Art zeigen, dass es den be­ eller Praxis die erkennbar systematisch und daher zweifelsfrei schulmäßig treffenden Kommentatoren ersichtlich um die Ausdeutung komplexer Lehr­ eingeübt erfolgt - ihr Tun aber nicht unbedingt reflektierend begleitet oder systeme in ihrem größeren Zusammenhang zu tun war. gar begründet -, und einer theoretischen Hermeneutik, die zu gewissen In­ Die Textexegese als solche bot dem Kommentator Gelegenheit, je nach Er­ terpretationsmaximen führen kann, welche ihrerseits - über die direkte An­ fordernis linguistische, Sach- und Intentionserklärungen zu einzelnen Wör­ wendung auf den eigentlichen Grundtext hinaus - fallweise selbst zum Ge­ tern, Sätzen oder Themen zu geben, die allerdings völlig unvermittelt ne­ genstand weiterer ( Meta- ) Reflexionen werden konnte. beneinander treten können: Linguistisch wird dabei so verfahren, dass unter Beibehaltung der gram­ 2.2. l. Erklärungspraxis matischen Kasus des Grundtextes appositionell glossiert wird. In der sim­ pelsten Form handelt es sich um einfache Juxtapositionen von glossierten Die kommentatorielle Praxis macht in der Tat sehr selten explizit, ob und (pratfka) und - meist in Gestalt von Synonymen - explizierenden Wörtern. welche besonderen hermeneutischen Grundsätze oder semantische Theo­ Glossiertes Explicandum und sein Explicans finden sich in identischer ka­ rien den Hintergrund für die jeweils durchgeführten Exegesen bilden. Im sueller Relation nacheinander angeführt. Nach Möglichkeit werden auch für Vergleich mit der in vielfältiger Weise praktisch geübten Kommentierung, das Explicans Ableitungsformen gewählt, die mit den Bildungen des Ex­ die sich wie selbstverständlich auf den unterschiedlichsten Erklärungsebe­ plicandums verwandt sind, so dass die Morphologie des erklärten Wortes nen linguistischer und sachlicher Natur bewegt, kommen begleitende Be­ implizit mitverstanden werden kann. Durch eine an die habituelle Wortfolge gründungen für das, was - und warum es - soeben getan wird, ka�m vor. des Sanskrit angepasste Anordnung der einzelnen Wörter des Grundtextes, . Die für eine wissenschaftlich-kritische Kommentierung charaktenstlschen, die zu diesem Zwecke entsprechend umgestellt werden, werden zugleich auch traditionsunabhängig einheitlichen Grundmuster müssen allerdings qua Kom­ Verbalrektion und Satzkonstruktion vorgeführt, sollten diese als erklärungs­ mentierkunst schulmäßig erlernt und auch so tradiert worden sein, sonst bedürftig empfunden worden sein. würden sie sich in formaler und stilistischer Hinsicht nicht so auffällig ähneln. Die spezifische Semantik einzelner Begriffe kann mit Hilfe unterschiedli­ Da die Frage nach der inneren Organisation eines Sanskrit-Kommentars - cher Verfahren dargelegt werden. Das einfachste unter ihnen ist das be­ von den Formalien des sprachlichen Ausdrucks bis zur Methodologie und reits genannte der Apposition, das dafür den Wortschatz einheimischer Le­ Strategie der Erklärung und Begründung - noch nie umfassend untersucht xikographen oder systemspezifisch definierte Begriffe heranzieht. Die nach wurde und da es auch weder eine zusammenfassende Darstellung der Art Wortfeldern (varga), Synonymen (paryaya) oder Homonymen (nana-artha) und Weise gibt, wie die Kommentatoren im einzelnen verfahren, noch wie sachlich-systematisch gegliederten Wortschatz-Sammlungen (kosa) der Le­ sich die einzelnen Elemente und Ebenen ihrer Erklärungen zueinander ver­ xikographen bildeten die wichtigste Grundlage für Glossierungen dieser Art. halten, können in Ermangelung solch systematischer Untersuchungen auch Dazu kommen noch Verzeichnisse der Sanskrit-Verbalwurzeln (dhatupathas) an dieser Stelle bloß Beobachtungen mitgeteilt werden, die unter entspre­ nebst Bedeutungsangaben. Wortbedeutungen konnten aber auch durch ety­ chendem Vorbehalt stehen. mologische Herleitung oder morphologische Suffixableitungsoperationen ex­ Manche Autoren führen in einer programmatischen Einleitung (bha§ya­ plizit gemacht werden, vielfach auch durch etymologisch-semantische Wort­ arambha) den besonderen Zweck (prayojana, artha) an, dem das zu er­ analysen (nirvacana),12 die nicht immer haltbar sind, wie wenn man sagt . klärende Lehrgebäude eigentlich dienen soll. Die Angabe des spezifisc�e� „ Wissenschaft heißt so, weil sie Wissen schafft" . Zweckes ist dabei bloß eines von einer ganzen Anzahl formaler Kompositi­ Die faktische Polysemie (aneka-artha) des Sanskrit, die allerdings von Ver­ onselemente (tantrayuktis), 1 1 wie sie für die Abfassung von s�stematis�h:n tretern gewisser Traditionen ( Mima:qisa) bestritten wurde, die allein die Lehrwerken gefordert waren. Dieser liegt meist in einem von vier als legitim Monosemie ( eka-artha) anerkannten und alles andere zur Sprachkorrupti­ anerkannten Zielen des Lebensvollzugs (puru§artha): materielle Prosperität on erklärten, hat Grammatiker, Logiker, Veda-Exegeten und Poetologen zu (artha), erotischer Genuss (kama), ein absolut gesetztes, säkular-sakrales umfangreichen und komplexen Diskussionen veranlasst, was schließlich zu Normengefüge (dharma), Befreiung vom Daseinswandel (mok§a) - kurz: 1 1 Vgl. TPSI (II), s.v. tantrayukti, 111. 1 2Vgl. Eivind Kahrs (1998). 76 77 einer Vielfalt von Bedeutungstheorien mit äußerst unterschiedlichen Stand­ nicht immer wirklich abweisbar einer vordergründig erotischen Dichtung punkten geführt hat: Wenn ein Wort (sabda) Benennkraft (Sakti) hat, so auf einer zweiten Bedeutungsebene durchlaufend der gegenteilige Gehalt muss es auch eine Beziehung ( sa'T[1bandha) zur benannten Sache ( artha) ha­ (rasa) als vom Autor intendiert zugeschrieben wird. Der Exeget arbeitet ben. Ist diese Beziehung aber nun naturgegeben ( autpattika) bzw. ursprüng­ aus ein und demselben Wortlaut Strophe für Strophe gleichzeitig Aussagen lich von Gott gestiftet und damit ewig unveränderlich, oder beruht sie auf über Leidenschaft ( raga) und ihr genaues Gegenteil ( vi-raga) heraus.13 Um menschlicher Übereinkunft, entstanden durch Alltagskonvention ( sariketa, die begrenzten Zeichenkörper des Grundtextes auf unbegrenzte Ebenen von samaya)? Bezeichnet ein Wort das individuell-konkrete Einzelding (dravya, Denotaten auszuweiten und auf diese Weise konsistente Parallelbedeutun­ vyakti), oder die allgemeine Form ( akrti), mithin die Gattung (jati)? Ist sei­ gen zu erzeugen, wird auf alle dem Sanskrit zur Verfügung stehenden lin­ ne Bedeutung überhaupt herleitbar und wenn, wie? Etymologisch-derivativ guistischen Mittel zurückgegriffen: ,Volksetymologisch' -semantische Analy­ (yaugika), wie das Wort ,Koch' (von ,kochen' )? Konventionell (rurj,ha), wie sen (nirvacana), Neusegmentierung von Phonemreihen, dadurch Erzeugung beim Nomen ,Kuh' ? Derivativ und konventionell zugleich (yoga-rurj,ha), neuer Wortgrenzen, dadurch Bildung unterschiedlicher Wortarten, Wörter wie im Falle des ,Schlammentsprungenen' , einer Bezeichnung für den Lo­ oder ganzer Syntagmen unter jeweils voller Ausschöpfung ihrer Polysemie, tus? Derivativ oder konventionell (yaugika-rurf,ha), wie etwa beim Wort für ganz zu schweigen von polyvalenten Kasusfunktionen, der Umstrukturie­ ,Pflanzenschössling' ( udbhid), das ebenso gut auch ,hervorbrechend' bedeu­ rung des Satzbaus und der syntaktischen Beziehungen innerhalb desselben. ten könnte? Handelt es sich vielleicht sogar - wie von manchen Buddhisten So hilfreich und unentbehrlich Kommentare für die Aufschließung des ur­ vertreten - um eine rein negative Beziehung, bei der einem Wort seine ei­ sprünglich Gemeinten auch sind, so muss in dieser Hinsicht von ihren Deu­ gentliche Bedeutung aufgrund von Ausschluss aller anderen Bedeutungen tungen doch äußerst vorsichtig Gebrauch gemacht werden. Für historisch­ ( anya-apoha) zufällt? Manche Traditionen nahmen als Bedeutungsträger kritische Fragestellungen aber bewährt sich das methodische Diktum Wil­ ein unteilbares linguistisches Symbol ( sphota) an, das unabhängig von seiner lem Calands auch heute noch uneingeschränkt: Besser als jeder Kommentar phonetischen Realisierung existiere und erkannt werde durch die Artikula­ sind die Parallelstellen, vorausgesetzt, wir verfügen über solche. tion der aufeinanderfolgenden Phoneme (var'(ia). Hierbei enge jede einzeln Zu all dem kommt noch die Kategorie der suggestiven Benennkraft ( vyaii­ artikulierte Silbe das Bedeutungsfeld immer weiter ein, bis sich zuletzt das jana), in der poetischen Theorie auch als ,Anklingenlassen' ( dhvani) des Verständnis als ein ungeteiltes ,Einleuchten' (pratibha) einstelle. Gemeinten verwendet, das als solches grundsätzlich unausgesprochen bleibt. Die einmal gewonnene, scharfe Differenzierung und Klassifizierung von ety­ Man muss also ,zwischen den Zeilen' lesen, etwa so: Ein Fellhändler kommt mologischen, konventionellen etc. Bedeutungsherleitungen der Wörter spiel­ zum Fallensteller, um Ware zu kaufen. Dieser hat aber keine und antwortet te eine wichtige Rolle für die Praxis ihrer exegetischen Festlegung. Mit der so: „Wie kannst Du auf Felle hoffen, da meine Schwiegertochter mit zer­ Unterscheidung einer primären (mukhya) von einer sekundären (gau�a) Be­ zaustem Haar im Hause umherläuft?" Hinter dieser Antwort verbirgt sich nennkraft des Wortes ging natürlich die Möglichkeit einer metaphorischen indirekt als Begründung, dass des Jägers Sohn frisch verheiratet ist und Ausdeutung (lak$a�a, upacara) einher, die das Vorliegen eines ,übertragenen seine Zeit lieber mit seiner Frau als mit Jagen zubringt. Oder, wenn eine Sinnes, festzustellen half. Dieser kann beispielsweise gekennzeichnet sein von (indische) Mutter zu ihrem Kind sagt: „Plärrende Kinder holt der Tiger", so Verlust (jahat-svartha-lak$a�a) oder Bewahrung ( ajahat-svartha-lak$a�a) beinhaltet diese Aussage als suggestive Bedeutung, das Kind solle endlich der primären Bedeutung, bzw. von teilweisem Verlust und teilweiser Bewah­ zu schreien aufhören. Ein ebenfalls sehr gebräuchliches Erklärungsmittel, rung (jahad-ajahal-lak$a�a) derselben. Zu sagen, das Dorf liege im bzw. auf mit Hilfe dessen der wörtliche Sinn bei Bedarf eine Umdeutung erfahren dem Ganges (Lokativ im Sanskrit) , impliziert das Aufgeben der primären konnte, ist die Aufdeckung der angeblich wahren Intention des betreffenden Bedeutung, denn das in Rede stehende Dorf liegt allenfalls am, bzw. am Autors ( abhipraya, ,Absicht' bzw. bhava, ,geistige Disposition' ) . Rande des Flusses, aber keineswegs in demi:ielben. Ein vergleichbarer Be­ Gewisse Literaturkritiker und Exegeten, darunter der wirkungsgeschichtlich deutungsverlust liegt aber dann nicht vor, wenn man etwa sagt: „Die Lanzen besonders einflussreiche Mammata (1 1 ./12. Jh.) , erhoben die von einem kommen" und damit lanzenbewaffnete Wächter meint. ,Teilweiser Verlust' Gedicht erzeugte Stimmung (rasa) über die schulmäßige Anwendung von zielt demgegenüber auf Aussagen wie z.B. „Das Dorf ist abgebrannt". Dies Stilfiguren und entwickelten zudem gestufte Kriterien zur Beurteilung der trifft nur teilweise zu, insofern ja doch Gebäudereste übrigbleiben. Qualität von Dichtkunst (Kavyaprakasa I 1-5). Die folgenden Worte einer Die nahezu grenzenlose Fähigkeit und Bereitschaft indischer Kommentato­ ren, Bedeutung in einem Text zu ermitteln, respektive zu erzeugen, darf 1 . 13Von Bronner am Beispiel des Amarusataka und Ravicandras Kommentar gezeigt nicht unterschätzt werden. In extremen Fällen kann das so weit gehen, dass (Bronner (1998), bes. 237ff.). 78 79 langverheirateten Ehefrau erzeugen ohne spezielle sprachliche Schmuckmit­ Wie über die einzelnen Wörter, so wurde auch über den vollständigen Satz tel eine erotische Grundstimmung (rasa): und seine Bedeutung spekuliert. Eine Satztheorie aus der Tradition der Mimarp.sä besagt, ein Satz sei, was einen einzigen und einheitlichen Sinn „Der Gatte ist derselbe ' der mir die Jungfernschaft geraubt. (artha-ekatva) ausdrücke. Man kann demnach auch nicht mehr als eine Die Frühlingsnächte sind dieselben, einzige Bedeutung in einen einheitlichen Satz hineininterpretieren, weil ei­ Und so die würzigen Kadamba-Brisen ne Bedeutungsaufspaltung eines einheitlichen Satzes (vakya-bheda) nicht Mit Düften blühenden Jasmins. möglich ist. Diese Einschränkung gilt ausdrücklich nur für wissenschaftlich­ Auch ich bin's immer noch - jedoch: systematische Lehrgebäude (Sastra). In dieser Hinsicht herrschte traditi­ Mein Denken sehnt sich nach dem Spiel der Liebe onsübergreifend Einigkeit. 14 Gedanklichen Höhenflügen und freier interpre­ Im Wurzelwerk des Rattanbaums an der Narmadä Gestade. " tatorischer Spekulation (kalpana) wurden bei einer Kommentierung wissen­ schaftlicher Systeme klare empirisch-analytische Grenzen gesetzt: „Kenner Das Unausgesprochene (dhvani) i n der Dichtung wurde von Mammata als exegetischer Prinzipien [halten es] damit: „Was das Wort [direkt] besagt, höchste Ausdruckskunst interpretiert: das hat für uns Beweiskraft"15 . Sie schenken der [freien] Kontexterklärung keinen Glauben" 16 . Genau umgekehrt verhält es sich - wie oben gezeigt - bei „Ach du lügnerische Botin! Abgefallen von der Wölbung Literatur und Poesie (kavya), wo der besondere Reiz vor allem in der kunst­ Deines Busens ist der Sandel, vollen Formulierung und dem Aufspüren von Mehrdeutigkeiten und Anspie­ Verwischt der Unterlippe Farbe, lungen lag. Auch muss eine wechselseitige Beziehung (akaiik$ti) aufeinander In Deinen Augenwinkeln fehlt die Schminke, beziehbarer Satzglieder vorliegen (yogyata), die innerhalb des Satzes na­ Und Dein zarter Leib zeigt hochgereckte Härchen. he genug positioniert (saT(lnidhi) sein müssen. Strittig blieb innerhalb der Sicher bist um künft'ger Leidensqual Vermeidung Mimärp.sä, woraus die Sinneinheit sich letztlich ergebe: Ist es der Gesamt­ Deiner Lieben wegen weg zum heil'gen Bade zusammenhang von nacheinander artikulierten Worten (abhihita-anvaya), Du von hier geschritten, die einem Satz seinen Sinn verleihen, oder erlaubt überhaupt erst die Sinn­ Nicht zu des Verruchten Bette." einheit des vollständigen Satzes, seinen einzelnen Wörtern ihre ganz spezi­ fische Bedeutung zuzuweisen (anvita-abhidhana)? Unter Voraussetzungen, Aus der Wendung ,des Verruchten' entwickelt der Exeget als vom Autor die der letztgenannten Theorie verwandt sind, arbeitet beispielsweise heute intendierte, aber unausgesprochen gebliebene Bedeutung, dass die Botin in die historisch-kritische Philologie, wenn sie die Konnotation gewisser Begrif­ Wahrheit doch zu ihrem Geliebten geeilt sei, um sich zu vergnügen. fe aus dem Kontext der vollständigen Satzbedeutung herzuleiten sucht. Im Als mittelmäßig gilt ihm, wenn der angedeutete Sinn kaum über die unmit­ übrigen wurde in Indien ja auch der ,Kontext' (prakara7Ja, nigama) als sol­ telbare Bedeutung der Worte hinausführt: cher ganz explizit als ein Kriterium zur Satzinterpretation herangezogen.17 Auch die Bestimmung und angemessene Ergänzung von Satz- oder Sinnel­ Sehr verdüstert sich des Mädchens Antlitz' Glanz. lipsen eines Grundtextes war ein wichtiger Bestandteil der Kommentierung. Zum einzig Schönen dieses Dorfes strebt ihr Blick - In seiner Hierbei bedarf die Satzellipse (vakya-8e$a) der grammatischen Ergänzung Hand als Zeichen durch ein linguistisches Element (adhyahara), was bei der Sinnellipse (artha­ Die frischen Blüten des Asokabaums. Se$a) so nicht der Fall ist. Der angedeutete Sinn ist hier nur sekundär: „Sie hatte ein Stelldichein in einer Laube aus Asokablüten vereinbart, konnte aber nicht hinkommen. " Die unterste Klasse bildet der direkte Ausdruck unter bloßer Wortkünstelei: 14Bhaskara, der Vedäntin, formulierte dies ganz ähnlich: „Denn bei Verwendung eines einzigen [Satzes] darf [in ihm] nur eine einzige Bedeutung enthalten sein" ( ekiirthani�thatviid ekasmin prayoge - SMBh 6, 1). „Dass Hayagriva stolz aus seinem Haus gegangen war 15yac chabda iiha, tad asmiikaiyi pramii'ly,am iti hi nyiiyavidah SMBh 5, 15f. Nach eignem Willen und Entschluss, - 16tad idaiyi sambandhakathanaiyi nyiiyavido na sraddadhate - SMBh 5, 8. Hier geht es Das kam zu Ohren Indras Stadt. um einen von Gegnern völlig frei konstruierten Zusammenhang mit dem Wort atha aus Und kraftvoll sausend ließ den Riegel fallen sie in großer Hast, Brahmasutra 1.1.1. Vgl. SMBh 4, 19. Als wollt' aus Furcht sie ihre Augenlider schließen." 17Vgl. dazu die Übersetzung sub 3.2. 80 81 Die sachliche Argumentation wurde zumeist in eine fiktiv dialogische hat demgegenüber eigene hermeneutische Prinzipien für die Veda-Exegese Form gekleidet und dialektisch im Disput geführt. Um die eigene Lehrmei­ entwickelt, auf die sie als Maximen (nyiiya) zur Ermittlung von vedischen nung als definitiv endgültige zu entwickeln, orientierten sich die Strategien Satzbedeutungen (viikya-artha) zurückgriff. Hierbei handelt es sich um sys­ der Begründung und Falsifizierung formal an einer traditionell überliefer­ tematische Reflexionen über Methoden des Verstehens von system-externen ten Methodologie des Disputs. Im größeren Kontext ist die Organisation Aussagen, nämlich des Veda, der als Text dem ausgebildeten Lehrsystem der dieser Strategien so strukturiert, dass zunächst einmal die gegnerische Posi­ Mimärp.sä zeitlich ja weit vorausliegt. Insofern besteht darin ein durchaus tion möglichst treu im Wortlaut und insofern durchaus objektiv dargestellt wichtiger Unterschied zu den systemimmanent entwickelten und der Beherr­ wird (purva-pak$a). Daran schließen sich in gleicher Darstellungsweise eine schung der eigenen Lehrsysteme dienenden Interpretationsgrundsätze, wie oder mehrere entgegengesetzte Positionen an (uttara-pak$a), die sowohl die es beispielsweise bei den paribhii$iiS der Grammatiker der Fall ist. eigenen als auch fremde sein können. Auf der Basis der so aufgezeigten Wi­ Die von der Mimärp.sä geschaffenen Maximen zur Interpretation von Satzaus­ dersprüchlichkeiten bzw. Unhaltbarkeiten der einzelnen Standpunkte wird sagen des Veda bilden zusammengenommen eine Art von hermeneutischem sodann eine definitive Entscheidung begründet herbeigeführt, die schließlich Regelwerk. Wo Grundsätze entwickelt, formuliert und als solche reflektiert die gültige Lehrmeinung (siddhiinta) repräsentiert. werden, lässt sich von ,expliziter Hermeneutik' sprechen. Ein solcher Fall Eine dialektische Methode (tarka) zur Falsifizierung gegnerischer Thesen liegt etwa vor in der Entwicklung gestufter ,Maßgeblichkeiten' (pramiir_ia) war die Aufdeckung von ,unerwünschten Folgen' (prasariga), wie sie sich bei spezifischer Kriterien zur Satzbedeutungsermittlung, die in der folgenden stringenter Weiterverfolgung der Argumentation des Gegners notwendig er­ Hierarchie niedergelegt wurden:19 Der direkten Bedeutung durch ,Verneh­ geben mussten. Darunter fallen beispielsweise der ,Zirkel' (cakraka) als Kreis men' (sruti) der Wörter bzw. ihrer Endungen wurde das größte Gewicht von einander bedingenden Regeln, das sich selbst Voraussetzen (iitmiisraya), beigemessen. Daran reihen sich in absteigender Reihenfolge: Indirekter Sinn die ,wechselseitige Voraussetzung' (itaretarasraya), der ,regressus ad infini­ anhand eines besonderen ,Bedeutungs-Merkmals' (liriga), die syntaktische tum' (anavasthii) sowie die ,reductio ad absurdum' (ani$ta-prasariga). Die Einheit des Satzes (viikya), der größere Kontext (prakarar_ia), die Stellung Stichhaltigkeit des eigenen Standpunktes konnte mittels unterschiedlicher der einzelnen Wörter (sthiina), und die ,Etikettierung' in Gestalt von Ei­ Arten analogen Folgerns bzw. formalen Schließens (anumiina) nachgewiesen gennamen (samiikhya). werden. Handbücher der formalisierten Debattenkunst lassen erkennen, wie Von ,impliziter Hermeneutik' lässt sich demgegenüber dort reden, wo In­ beim aktuell geführten, mündlichen Disput (viida), den die Kommentatoren terpretationskriterien auf stillschweigend vorausgesetzten - jedenfalls nicht j a strukturell nachahmen, die Argumentation zusätzlich durch begleitende explizit gemachten - Annahmen gründen. Solche wären z. B. in dem Prin­ Maßnahmen abgesichert wurde. Etwa dadurch, dass man den Gegner mit zip der ,relativen Nähe' zu suchen20, demzufolge die naheliegendste, den einem ,Redeschwall' überschüttete, ohne überhaupt eine eigene These aufzu­ geringsten Erklärungsaufwand (yatna-liighava) voraussetzende Interpreta­ stellen (vitar_i<f,ii), durch das Vorbringen von ,Scheingründen' (hetviibhiisa), tionsmöglichkeit grundsätzlich auch als die treffendste zu akzeptieren sei. die Anwendung von ,Wortverdrehungen' (chala), oder durch die Formulie­ In direktem Rückgriff auf die Tradition der Mimämsä wurden deren Maxi­ rung ,falscher Einwände' (jiiti), etc. Wenn der Opponent diese Fallstricke men der Veda-Exegese in analoger Weise auch vo� der Rechtswissenschaft nicht als solche zu erkennen vermochte und ernsthaft auf sie einging, so (dharma-Siistra) für die Auslegung der Rechtsschriften adaptiert. Hier liegt konnte auch dies ein ,Grund für seine Niederlage' (nigraha-sthiina) sein. nahe, dass es in der Tat die von beiden Traditionen betriebene, wenngleich durchaus differenziert aufgefasste ,Dharma-Forschung' war, die sie auch hin­ 2.2.2. Hermeneutische Theorien sichtlich ihrer exegetisch verwandten Methodik aneinanderband. Von einzel­ nen der Rechtsgelehrten wurde die hermeneutische Strategie des ,verlorenen' Manche indische Wissenschaften, und zwar im besonderen die der einheimi­ Veda verfolgt: Alle Dharmalehren seien in den heiligen Vedas enthalten. Die schen Sanskrit-Grammatik, haben für den Gültigkeitsbereich ihrer eigenen in dieser Offenbarung nicht auffindbaren - in den Rechtsschriften gleich­ Lehrwerke systemspezifische Interpretations- und Leitregeln - sowie diese wohl vorgeschriebenen bzw. aktuell praktizierten - Normen müssen daher ( als Metaregeln) regelnde Interpretationsgrundsätze (paribhii$ii) - geschaf­ fen. Die vorwiegend ebenfalls mit Sprache, allerdings mit vedischen Sätzen 19Mimärµsä-Siltra 3.3.14. Vgl. Bronkhorst (1990), 36lff. als Mittel zum Verständnis des ,dharma' 18 befasste Tradition der Mimärp.sä 20Zu dieser und zu weiteren stillschweigend vorausgesetzten Annahmen, z. B. der, dass vedische Aussagen grundsätzlich eine unzweifelhafte, direkte Interpretation ermöglichten, 18Gemäß Mimärµsä-Siltra 1.1.2 ist der ,Dharma' eine zweckerfüllende Sache, der oder dass die Bedeutung eines Begriffs auf einer ursprünglich inneren Beziehung beruht, Führung und Anleitung des Veda bedürfend. vgl. Bronkhorst (1990). 82 83 Bestandteil verlorener Vedas gewesen sein. In der Folge kam es zur Theorie tierung durchwachsenen Erklärung des - seinerseits ebenfalls theoretisch und der ,expliziten Offenbarung' (pratyak�a-sruti), die von der ,erschlossenen Of­ praktisch verfahrenden - Grundtextes, des Mimärp.sä-Sütra. fenbarung' ( anumita-sruti) unterschieden wurde. Die Letztgenannte wurde mit Notwendigkeit aus dem faktischen Gegebensein von Normen erschlos­ 3 . 1 . S äbarabhäs;ya ad Mimärp.sä-Sütra 1. 1. 1 sen, weil diese bekannt und von der Gesellschaft als verbindlich akzeptiert waren.21 An diesem Beispiel22 wird ersichtlich, auf welche Weise S ahara das ers­ Als weitere, zumal von philosophischen Autoren gerne verwendete Strategie te Wort des ersten Satzes (Mimärp.sä-Sütra 1) erklärt. Eine der Überset­ der Ausdeutung verdient die Differenzierung unterschiedlicher ,Wahrheiten' zung vorgeschaltete schematische Darstellung analysiert die Struktur seines hervorgehoben zu werden, die auf eine Ontologie gestufter Realitätsgrade Argumentationsganges. Die dafür als Raster herangezogene Notation nach (z.B. ,praktisch real' , ,scheinbar real' , ,absolut real' ) gegründet ist. Eine De:tirnalklassifikation bildet die innere Organisation seines Arguments aller­ Aussage kann demzufolge zu einer nur bedingt formulierten, ausschließlich dings in Form europäischer Denkmuster ab. Die Analyse ,übersetzt' also die im Rahmen der Alltagswirklichkeit gültigen ( vyavahara-satya) erklärt wer­ Struktur dieses außereuropäischen Gedankenganges aus der Vergangenheit den, im Gegensatz zu einer im absoluten Sinne gültig formulierten (pa­ in analytische Orientierungskategorien unserer Zeit und versucht so, sie in ramiirtha-satya). Vergleichbare Verfahren finden sich auch bei buddhisti­ den eigenen Verständnishorizont zu überführen. Dass diese Vorgehensweise schen Autoren, wenn diese etwa den Sinn gewisser Aussagen des Buddha als Interpretation impliziert, braucht nicht eigens betont zu werden. provisorisch und erst noch der weiteren ,Auslegung bedürfend' ( neyiirtha) Die handschriftlich überlieferte, äußere Form von Sabaras Kommentar muss von solchen Aussagen unterscheiden, deren Sinn definitiv, in der direkten man sich entsprechend den (oben sub 1) gezeigten und besprochenen Ab­ Wortbedeutung zu nehmen ist (n'ttiirtha). bildungen 4 und 5 vorstellen. 3 . Beispiele zur praktischen Exegese und theoretischen Mimärp.sä-Sütra 1. 1. 1: Hermeneutik at hiit.,o dharmajijniisii (in euphonischer Satzverbindung) Es folgen zwei Beispiele für kommentatorielle Verfahrensweisen in deut­ = atha ataly, dharma-jijniisii (in Pausa-Form) scher Übersetzung. Bei dem kommentierten Grundtext handelt es sich um eine dem Jaimini zugeschriebene Kompilation, das Mimärp.sä-Sutra (etwa aus den Jahrhunderten um die Zeitenwende), bestehend aus 2745 konzis­ „ [Danach kommt es] im Folgenden nun (atha), da der [Veda bereits aus­ elliptisch formulierten Leitgedanken (sutra). Zusammen bilden sie ein kom­ wendig gekonnt wird] ( atal!), zum Interesse am Verständnis (jijniisii) des plettes Lehrsystem, das zur richtigen Interpretation all jener Aussagen des Dharma (dharma)". Veda anleiten will, die für ein Verständnis des dharma relevant sind. Ein Säbarabhfu?ya ( atha), dezimalklassifikatorische Strukturanalyse des Argu­ solches Verständnis wiederum war Bedingung der Möglichkeit, den dharma mentationsganges: für das handelnde Individuum nutzbar machen zu können (artha). 0 Sabarasvämin (ca. 4./5. Jh. n. Chr.) hat dieses Sutra anhand seines Bha.::;ya 1 atha erklärend ,ausformuliert'. Hierbei werden mehrere siitras unter dem Aspekt 1.1 von thematischen Einheiten (adhikarar;a) zusammengefasst behandelt. Jede 1 . 1. 1 solche Einheit macht eine rituelle Aussage des Veda zu ihrem besonderen 1. 1. 1. 1 Gegenstand. S abaras Kommentar zeigt bereits alle Merkmale der klassi­ 1.1.1.1.1 schen Kommentarform, von der umfassenden Beherrschung der praktischen 1 . 1. 1.2 Exegese bis hin zur hermeneutischen Reflexion (vgl. oben, 2.1). Das Beson­ 1 . 1. 1. 2 . 1 dere an seinem Bhfu?ya im Zusammenhang hier ist die Mehrschichtigkeit 1 . 1 . 1.2. 1 . 1 seiner Erklärungsebenen: S ahara führt die Kunst der Erklärung vedischer 1. 1. 1.2. 1 . 1. 1 Aussagen theoretisch und praktisch vor, anhand einer von Überlegungen, 1. 1 . 1. 2. 1. 1.2 der Etablierung hermeneutischer Maximen und von praktischer Kommen- 21 Äpastamba-Dharmasü.tra 1.(1.)4.8; 1.(4.)12.9-11 (vgl. Olivelle (1999), XIL). 22Hrsg. v. KäSinath Vasudev SastrI Abhyaii.kar, Gai:ies SastrI Josr et al. Bd 1-6. [SS 79] Poona, 1976-1984. Vgl. auch Frauwallner 1968. 84 85 1.1. 1.2. 1.2 1.1.1.2.1.1 (Nachweis der Unvereinbarkeit dieser geteilten Bedeutung un­ 1.2 ter Anwendung satztypologischer Grundsätze:) Ein Gebot kann nicht 1.2. 1 den Charakter einer Zusatzbemerkung tragen und umgekehrt. 1.2. 1. 1 1.1.1.2.1.1.1 Entweder Gebot ( vidhi) des vorangehenden Memorierens 1.2. 1 . 1 . 1 nebst einer Zusatzbemerkung ( anuvada) über ein unmittelbar nach­ 1.2.1. 1. 1. 1 folgendes Verständnisinteresse, oder 1.2. 1.2 1.2. 1.2. 1 1.1.1.2.1.1.2 Gebot des sofortigen Verständnisinteresses nebst einer Zu­ 1.2.1.2.2 satzbemerkung über das Memorieren. 1.2. 1.2.3 1.2. 1.2.3. 1 1.1.1.2.1.2 Jaimini selbst hat eine zweigeteilte Satzbedeutung untersagt 1.3 ( Vorgriff auf Sutra 2. 1 .46), sein eigenes Sutra kann daher nur ei­ = ne einzige Bedeutung haben ( dem Verständnisinteresse geht das = Memorieren voraus) . S abarabha�ya ( atha), begriffiiche Strukturanalyse: 1.2 (Ergebnis:) Das Slijra drückt den Sinn aus, dass der Schüler nach dem O Exegetischer Grundsatz: Wörter im Sutra haben dieselbe Bedeutung wie Memorieren des Veda zum Zwecke des Verständnisses des Dharma im Alltag. weiterhin beim Lehrer bleiben und noch keinen eigenen Hausstand Dieser Grundsatz ist Prämisse für die Erklärung von: gründen soll. 1 „ [Danach kommt es] im Folgenden nun (atha)". 1.2.1 (Einwand:) Unmöglich wegen Offenbarungsübertretung, da das Me­ morieren ja erst durch ein rituell vollzogenes Schluss- und Abschieds­ 1.1 (Behauptung:) Gemäß seiner Alltagsbedeutung setzt das Wort atha et­ bad als vollendet gilt (Wurde der Abschied erst einmal rituell vollzo­ was Zeitliches voraus. Dies sei das Memorieren des Veda ( vedadhyayana). gen, ist er definitiv, und ein längerer Studienaufenthalt beim Lehrer Es gehe dem Verständnisinteresse am Dharma voran. wäre nicht mehr möglich. ) 1.1.1 (Einwand gegen die Behauptung:) Ein Verständnisinteresse am Dhar­ 1.2.1.1 (Entgegnung zum Einwand:) I n einem solchen Falle müsste die Of­ ma ist zu jeder Zeit möglich. fenbarung eben übertreten werden. 1.1.1.1 (Entgegnung zum Einwand:) Diese Möglichkeit wird nicht bestrit­ 1.2.1.1.1 (Begründung der Entgegnung:) Der Sinn des Veda erfüllt sich nur ten. Das atha im Sutra bezieht sich allerdings auf ein solches Interesse, durch das erworbene Verständnis der darin gelehrten Ritualhandlun­ das des vorausliegenden Memorierens bedarf. gen. 1.1.1.1.1 (Begründung der Entgegnung:) Weil erst der (auswendiggelernte) 1.2.1.1.1.1 (Begründung zur Begr.:) Bloßes Memorieren reicht für dieses Wortlaut des Veda Gegenstand von Reflexionen über ihn sein kann. Verständnis nicht aus. 1.1.1.2 (Entgegnung zum Einwand:) Das Sutra verbietet allerdings nicht, 1.2.1.2 (Entgegnung zum Einwand:) Der Veda schreibt gar keine unmit­ diesem Interesse vor dem Memorieren des Veda nachzugehen. telbare Beendigung der Lehrzeit durch das rituelle Schlussbad vor, weil 1.1.1.2.1 (Begründung der Entgegnung:) Denn die Annahme eines sol­ chen Verbotes setzte eine geteilte Bedeutung eines einzigen Satzes 1.2.1.2.1 ein entsprechendes Wort nicht vorkommt, ( vakyabheda) voraus, in Form eines gleichzeitig formulierten (a) Ver­ botes (vorangehenden Interesses) und (b) Gebotes (unmittelbar nach­ 1.2.1.2.2 das Absolutivsuffix in adhftya („ [den Veda] erlernt habend") bloß folgenden Interesses) . eine Vorzeitigkeit (des Memorierens) ausdrückt, und 87 lt; 86 " " r 1.2.1.2.3 das Memorieren dann keinen erkennbaren Zweck mehr hätte, vorauszusetzen ist], ist das Memorieren des Veda. Wenn nämlich ein wenn durch eine sofortige Beendigung der Lehrzeit das Verständnis­ solches [Memorieren] gegeben ist, ist [hernach auch] ein [Verständnis­ interesse am (vedischen) Dharma entfiele. interesse am Dharma] stimmig. 1.2.1.2.3.1 Ein erkennbarer Zweck des Memorierens wäre allerdings in­ 1.1.1 Einwand gegen die Behauptung direkt dadurch gegeben, dass das Abschlussbad ja keiner Vorschrift So ist das nicht. Sowohl unmittelbar nach einer anderen Beschäftigung über einen nicht erkennbaren Zweck entspricht, sondern gleichzeitig als auch vor dem Vedamemorieren ist ein Verständnisinteresse am mit der Beendigung des Vedamemorierens auch die Beendigung aller Dharma angemessen. Einschränkungen des Schülerdaseins (z. B. nicht zu baden) markiert. 1.1.1.1 Entgegnung zum Einwand 1.3 (Ergebnis:) atha bedeutet daher, unmittelbar nach dem Memorieren des Wir lehren: Der Meister [Jaimini] hat das Wort atha jedoch bezogen Veda dem Erkenntnisinteresse am Dharma beim Lehrer nachzugehen, auf ein solches Verständnisinteresse am Dharma angewendet, welches ohne sogleich das Abschlussbad zu nehmen und im Anschluss daran ohne ein Vedamemorieren nicht möglich ist. einen eigenen Hausstand zu gründen. 1.1.1.1.1 Begründung der Entgegnung S äbarabh�ya ad Mimärp.säsütra 1.1. 1 , Übersetzung: Weshalb? Es wird [nämlich] hier [im Mimärp.sä-Sutra] eine mannigfa­ „[Danach kommt es] im Folgenden nun (atha), da der [Veda bereits aus­ che Reflexion über die Sätze des Veda geben. wendig gekonnt wird] ( atal:i), zum Interesse am Verständnis (jijnasa) des Dharma (dharma)". 1.1.1.2 Entgegnung zum Einwand [Andererseits] schreiben wir aber auch gewiss nicht vor, [dass] hier [im 0. Exegetischer Grundsatz Sutra] ein Verständnisinteresse am Dharma vor dem Vedamemorieren Man muss wissen, dass die Wörter in den sutras [der Mimärp.sa] - so­ verboten wird. weit möglich - genau dieselben Bedeutungen haben, in denen sie im Alltag bekannt sind. Ihre Bedeutung braucht nicht mit Hilfe von Sat­ 1.1.1.2.1 Begründung der Entgegnung zergänzungen und anderem ermittelt zu werden, noch ist sie zum Ge­ Denn dieser eine Satz [des Sutra] wird nicht das Verständnisinteresse genstand von Interpretationsgrundsätzen zu machen. Allein so [kön­ am Dharma vor dem Vedamemorieren verbieten und [zugleich seine] nen] mit den [Wörtern der sutras] die Sätze des Veda selbst erklärt darauf folgende Unmittelbarkeit vorschreiben (/thematisieren) . Denn werden. Andernfalls wären die Sätze des Veda zu erklären und es so würde der Satz [im Falle zweier Bedeutungen ja] gespalten werden, wären [zusätzlich] die Bedeutungen der eigenen Wörter [der sutras nämlich in eine deutlich manifeste Aussage ( vacanavyakti) dieses [Sat­ ebenfalls] zu erklären. Dies liefe auf einen zu hohen [Erklärungs-]Auf­ zes,] indem er das Verständnisinteresse am Dharma vor dem Vedame­ wand ( yatnagaurava) hinaus. 23 morieren zurückweist, und eine andere [deutliche Aussage desselben Satzes], indem er eine darauffolgende Unmittelbarkeit [des Verständ­ 1.1 Behauptung nisinteresses am Dharma] lehrt. Bei den Alltagsmenschen beobachtet man, [dass] dieses Wort atha („im Folgenden nun" ) die Bedeutung von ,In Gang Bringen' (pra­ 1.1.1.2.1.1 Nachweis der Unvereinbarkeit der geteilten Bedeutung kriya) von etwas [hat, das bereits] Geschehenem (vrtta) unmittelbar Mit der einen [expliziten Aussage] wird vorgeschrieben, [nachfolgt] . Doch hier [in diesem Falle] findet man keinerlei Gescheh­ nis. Es muss allerdings etwas geben, das die Voraussetzung [dafür] 1.1.1.2.1.1.1 bildet, unmittelbar worauf ein Verständnisinteresse am Dharma stim­ „nachdem die Veden gelernt wurden, [soll das Verständnisinteresse mig ist. In dieser Weise wird das [Wort atha] in seiner bekannten am Dharma einsetzen]" . Die ,[darauf folgende] Unmittelbarkeit' [des Wortbedeutung ja stimmig verwendet (kalpita).24 Dieses aber, [was Vedamemorierens wäre dann bloß eine] Zusatzbemerkung25 [ohne Vor­ schrift-Charakter] 23Dies reflektiert einen bei Sabara implizit gegebenen, exegetischen Grundsatz, wonach die naheliegendste Interpretation immer auch die plausibelste sei Bronkhorst (1990). 25 anuviida Bloße Wiederholung von bereits Erwähntem und daher schon Bekanntem ' = 24Wegen der Behauptung, dass der Alltagsgebrauch nicht verschieden sei. mithin eine Feststellung ohne neuen Informationsgehalt. 88 89 r 1.1.1.2.1.1.2 lehren, „ [Diese] Fruchtverheißung für Opfersubstanzen, Zubereitung Umgekehrt bei der anderen [expliziten Aussage] . und Opferhandlung ist eine [bloße] Sacherklärung, weil [für sie] ein an­ 1.1.1.2.1.2 derer [Haupt-]Zweck, [nämlich das Opfer als gesamtes], vorliegt" [Siltra Jaimini selbst hat eine zweigeteilte Satzbedeutung untersagt ( = Vor­ 4.3. 1 ] . griff auf Sutra 2. 1.46). Und [Jaimini] wird (Sutra 2 . 1 .46) lehren, [dass] 1.2.1.2 Entgegnung zum Einwand die Einheit des Satzes aus der Einheitlichkeit der Bedeutung [stammt] . Und es wird auch nicht für den, der den Veda erlernt hat, eine solche Unmittelbarkeit des Schlussbades vorgeschrieben. Denn es gibt 1.2 Ergebnis Nämlich, wurde der Veda gelernt, ergibt sich zweierlei [als Möglich­ 1.2.1.2.1 keit]: Entweder von der Familie des Lehrers [nach Hause] zurückzu­ keinen einzigen Ausdruck, [der] hier eine Unmittelbarkeit ausdrückt . kehren, oder über die Sätze des Veda zu reflektieren. Im [gegenständli­ chen] Fall hat die Unterweisung [des Sutra] den Sinn, dass [der Schüler] 1.2.1.2.2 nicht von der Familie des Lehrers zurückkehren soll. Wie sonst könnte Das [Absolutiv-] Suffix -(t)ya (,adhftya' ) wird nämlich traditionell im er über die Sätze des Veda reflektieren? Sinne einer Vorzeitigkeit (des Memorierens) gelehrt, nicht in dem einer [darauffolgenden] Unmittelbarkeit (des Bades) . Und 1.2.1 Einwand Wenn dem so wäre, dann [gäbe es] kein Vedamemorieren vor dem 1.2.1.2.3 Verständnisinteresse am Dharma. Denn so wird es überliefert: „ [Erst] die erkennbare Zweckhaftigkeit des Vedamemorierens ginge im Falle nachdem er den Veda auswendig gelernt hat, soll er das [Abschluss­ der Unmittelbarkeit [des genommenen Schlussbades] verloren. /Abschieds-]Bad26 nehmen" . Und hier würde ein [Schüler, der sein] 1.2.1.2.3.1 Erkennbarer Zweck des Memorierens Bad [erst] in Zukunft, nach dem Vedamemorieren nimmt, indem er [vorher noch] dem Dharmaverständnis nachgeht, diese autoritative In indirektem Sinne gäbe es diesen [erkennbaren] Zweck aber. Denn Überlieferung übertreten. Eine autoritative Überlieferung darf jedoch das Baden wird [ja] nicht ohne erkennbaren Zweck vorgeschrieben. Vielmehr wird in einem übertragenen Sinne die Beendigung von Ein­ nicht übertreten werden! schränkungen wie Nichtbaden usw. [während der Schülerzeit] als gleich­ 1.2.1.l Entgegnung zum Einwand zeitig mit dem [Beendigen des] Memorierens des Veda gelehrt. „Den Dazu wird gesagt: Wir werden diese autoritative Überlieferung übert­ Vedagelernt habend soll er ein Bad nehmen" und „er soll die Familie reten. des Lehrers nicht verlassen" [widersprechen einander nicht, sondern] dienen allein der Vermeidung [der Annahme eines] nicht erkennbaren 1.2.1.1.1 Begründung der Entgegnung Zweckes. [Sie] nicht übertretend würden wir den Veda, [der] zweckhaft (/sinn­ voll) ist, zu einem [durch Unterlassung des Verständnisses seines Sin­ 1.3 Ergebnis nes] nutzlosen (/ sinnentleerten) [Veda] machen. Sein Zweck (/ Sinn) Deshalb hat das Wort atha die Fähigkeit, [diesen] Sinn auszudrücken: ist doch sichtbar: Rituelle Handlungen, [die] verstanden werden sollen. nachdem zuerst nur das Vedamemorieren fertig zu Ende gebracht wur­ de, soll unmittelbar danach der Dharma zu verstehen gesucht werden. 1.2.1.1.1.1 Begründung zur Begründung Wir lehren nicht, dass nach einer beliebig anderen Beschäftigung dem Auch überliefern die ehrwürdigen Opferspezialisten nicht, [dass es zu Verständnisintcresse am Dharma nicht nachgegangen werden darf. einem] Resultat [eines Opfers] aufgrund des bloßen Memorierens [des Vielmehr soll er nicht eilends baden, nachdem er den Veda erlernt Veda kommt] . Selbst wenn [es] scheint, [dass] sie [ein solches Resul­ hat. Er soll unmittelbar [darauf] den Dharma zu verstehen suchen. tat] überliefern, so wird [der Verfasser der Sutras, Jaimini, an späterer Das ist die Bedeutung des Wortes atha. Stelle] für solche Fälle den Status einer Sacherklärung ( arthavada )27 26 Das Abschlussbad beendet die Schülerschaft. Hillebrandt (1897) § 35. Gopal (1983), 310ff. Hier wird Baudhayana-Gi;hyasiltra II 6, 1 zitiert. Vgl. auch Mahabharata XII 313, 16. 27 Rein sachliche Information ohne Vorschrift-Charakter. 90 91 l 3.2. S abarabha�ya ad Mimarp.sä-Sutra 1.3. 10 {1.3) Die Ungebildeten jedenfalls bemühen sich nicht um [die Ermittlung des] Wortsinns, [diese] Bemühung [liegt] nur bei Das zweite Beispiel28 zeigt die Anwendung des ( sub 2. 2. 1 . ) genannten dia­ den anderen. lektisch-dialogischen Verfahrens im Zusammenhang mit der Ermittlung der Bedeutung von Wörtern, im gegebenen Falle von solchen, die nicht zum {1.4) Darum ist der Sinn ausgehend von einem linguistischen Grundelement zu etablieren. ererbten Wortschatz des Sanskrit gehören. 2. Darstellung der eigenen Position, uttarapak§a Mimarp.sa-Sutra 1.3. 10: [Ist es mit der Argumentation] dahin gekommen, antworten wir [in Übereinstimmung mit dem sutra] : Der von den Ungebildeten vorge­ coditarri tu pratfyetavirodhat pramar:iena (in euphonischer Satz­ brachte [Sinn eines Wortes] könnte, obwohl er von den Gebildeten verbindung) nicht verstanden wird, [dennoch] akzeptiert werden. coditarri tu pratfyeta avirodhat pramar:iena (in Pausa-Form) „Der [von ungebildeten Sprachbarbaren] vorgebrachte [Sinn ei­ ( Maxime : ) Wenn man erkennt, dass etwas nicht im Widerspruch zu nes Wortes] jedoch könnte aufgrund dessen akzeptiert werden, einem maßgeblichen Erkenntnismittel steht, ist es unangemessen, dies dass er nicht zu einem maßgeblichen Erkenntnismittel im Wi­ abzulehnen. derspruch steht." Was aber [die Bemerkung angeht], Säbarabh�ya ad Mimärp.sä-Sutra 1.3. 10, Struktur und Übersetzung: (1.) der [Sprach]gebrauch der Gebildeten sei ein maßgebliches Erkenntnis­ 0. Problematisierung mittel, die [gilt nur] , wenn der Gegenstand nicht durch Sinneswahr­ „Nun besteht ein Zweifel hinsichtlich derjenigen Wörter, welche die nehmung erkannt wird. [gebildeten] Äryas29 in keinerlei Bedeutung verwenden, die Sprach­ barbaren jedoch in einem [ganz] spezifischen [Sinne] gebrauchen, wie Was aber [die Bemerkung angeht] , etwa die Wörter ,pika' , ,nema' , ,sata' , ,tamarasa' (1.3.) [allein] die Gebildeten bemühten sich um die Wortbedeutungen, [so] ( 1 ) soll [ihr] Sinn [nun] ausgehend von einem linguistischen Grund­ wird darauf geantwortet - die Sprachbarbaren kümmern sich [eben] element ( dhatu ) etabliert werden, vermittelst [Hinzuziehung von] mehr um Aufzucht und Pflege der Vögel. Kontext ( nigama ) , semantischer ( nirukta ) und grammatischer Was aber [die Bemerkung angeht] , Analyse ( vyakarar:ia ) , oder (2) [wäre schon] das der [feststehende] Wortsinn, in welchem die (1.2.) „die Zweckmäßigkeit des Kontexts, der semantischen Analyse und Sprachbarbaren ihn verwenden? der Grammatik [für die Bedeutungsermittlung] " , [so] werden sie für [eine derartige Ermittlung] wohl zweckmäßig sein, nicht [aber dort] , 1. Darstellung der gegnerischen Position, purvapak§a wo sogar die Sprachbarbaren den Wortsinn [bereits] verstanden haben. ( 1 ) Man lehrt, dass [nur] der [Sprach]gebrauch der Gebildeten ein (1.4.) Ferner, wenn die Bedeutung [immer erst] durch den Kontext usw. maßgebliches Erkenntnismittel ist, nicht [aber] die Überlieferung hergestellt werden müsste, stünde der Wortsinn nicht [grundsätzlich] der Ungebildeten. fest, es gäbe Ungewissheit in bezug auf diesen. (1.1) Deshalb wird der Sinn kraft [der Berücksichtigung des] 3. Lehrsatz, siddhiinta Kontexts usw. etabliert. Deshalb ist unter ,pika' ein Kuckuck zu verstehen, [unter] ,nema' (1.2) Auf diese Weise nämlich muss sich [dann auch] eine Zweck­ ein Halbes, [unter] ,tamarasa' ein Lotus, unter ,sata' ein hölzerner mäßigkeit des Kontexts usw. [für die Bedeutungsermittlung] [Branntwein-]Becher, kreisrund, mit hunde�t Löchern. " ergeben. 28Vgl. dazu auch Renou (1956), 136ff 29zu den Maßstäben von Sprachreinheit und ihren Vertretern (Si§ta, iirya) sowie zu ,Sprachbarbaren' ( asi?ta, mleccha) vgl. die Ausführungen bei Renou (1956), 76ff. 92 93 Literaturverzeichnis Kahrs, E. (1998), Indian Semantic Analysis, University of Cambridge Ori­ ental Publications 55, Cambridge. Bronkhorst, J. (1997) , Philosophy and Vedic Exegesis in the Mimarµsa„ Klaus, K. (2000), Zu den Srautasutras, in B. Forssman und R. Plath, Hrsg„ in E. Franco und K. Preisendanz, Hrsg„ Beyond Orientalism. The Indoarisch, Iranisch und die Indogermanistik. 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(2001), Zu der Frage des „ Strebens nach äußerster Kürze" in den Srautasutras, ZDMG 2(151), 351-366. Abbildung 4: Bhaskarakar;itha: Tfka ad Mok�opaya IV 1 , 1-3. DevanagarI­ Schrift im Kaschmir-Duktus. Staatsbibliothek Berlin Ms.or. 1 1221, fol. 1 v. Tusche auf Papier. Prosa-Kommentar (tfka) des Bhaskarakar;itha (frühes 18. Jh.) zu einem metrischen Grundtext aus dem 10. Jh. (Anonymus Casmirien­ sis: Mok$opaya, „Weg zur Befreiung" ) . Grundtext formal nicht vom Kom­ mentar getrennt, sondern in ihn eingebettet. Verse sowie der dazugehöri­ ge Kommentarteil durch entsprechende Zahlzeichen kenntlich gemacht. Links oben Titelkürzel der Kommentarkapitelbezeichnung (sthitiprafkarar:ia} tf/kaj) nebst Blattzählung (1), rechts unten Titelkürzel des Grundtextes (mo[k�o]pa[ya]) und Blattzählung (1). Abbildung 5: Bhaskarakar:itha: Tfka ad Mok�opaya IV 1 , 1-8. S arada­ Schrift. Staatsbibliothek Berlin Ms.or. 12704, fol. 1 v . Textidentisch mit Abb. 4. Grundtext mittig eingerückt, Kommentarteil oberhalb und unter­ halb angeordnet. Zahlzeichen des Kommentars korrespondieren mit denen der Verszählung des Grundtextes. Titel- und Kapitelkürzel (mofk$opaya} sthiftiprakarar:ia}) sowie Blattzählung (1) links unten. 96 97 1 .

References (36)

  1. 2. Sabarabha�ya ad Mimarp.sä-Sutra 1.3.10
  2. Das zweite Beispiel28 zeigt die Anwendung des ( sub 2. 2. 1.) genannten dia lektisch-dialogischen Verfahrens im Zusammenhang mit der Ermittlung der Bedeutung von Wörtern, im gegebenen Falle von solchen, die nicht zum ererbten Wortschatz des Sanskrit gehören. Mimarp.sa-Sutra 1.3.10: coditarri tu pratfyetavirodhat pramar:i ena (in euphonischer Satz verbindung) coditarri tu pratfyeta avirodhat pramar:i ena (in Pausa-Form)
  3. "Der [von ungebildeten Sprachbarbaren] vorgebrachte [Sinn ei nes Wortes] jedoch könnte aufgrund dessen akzeptiert werden, dass er nicht zu einem maßgeblichen Erkenntnismittel im Wi derspruch steht." Säbarabh�ya ad Mimärp.sä-Sutra 1.3.10, Struktur und Übersetzung:
  4. Problematisierung "Nun besteht ein Zweifel hinsichtlich derjenigen Wörter, welche die [gebildeten] Äryas29 in keinerlei Bedeutung verwenden, die Sprach barbaren jedoch in einem [ganz] spezifischen [Sinne] gebrauchen, wie etwa die Wörter ,pika' , ,nema' , ,sata' , ,tamarasa' (1) soll [ihr] Sinn [nun] ausgehend von einem linguistischen Grund element ( dhatu) etabliert werden, vermittelst [Hinzuziehung von] Kontext ( nigama) , semantischer ( nirukta) und grammatischer Analyse ( vyakarar:i a) , oder
  5. Darstellung der gegnerischen Position, purvapak §a (1) Man lehrt , dass [nur] der [Sprach]gebrauch der Gebildeten ein maßgebliches Erkenntnismittel ist, nicht [aber] die Überlieferung der Ungebildeten. (1.1) Deshalb wird der Sinn kraft [der Berücksichtigung des] Kontexts usw. etabliert.
  6. 2) Auf diese Weise nämlich muss sich [dann auch] eine Zweck mäßigkeit des Kontexts usw. [für die Bedeutungsermittlung] ergeben. 28Vgl. dazu auch Renou (1956), 136ff
  7. den Maßstäben von Sprachreinheit und ihren Vertretern (Si §ta, iirya) sowie zu ,Sprachbarbaren' ( asi?ta, mleccha) vgl. die Ausführungen bei Renou (1956), 76ff. Literaturverzeichnis
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  36. Abbildung 4: Bhaskarakar;i tha: Tfka ad Mok�opaya IV 1,1-3. DevanagarI Schrift im Kaschmir-Duktus. Staatsbibliothek Berlin Ms.or. 11221, fol. 1 v. Tusche auf Papier. Prosa-Kommentar (tfka) des Bhaskarakar;itha (frühes 18. Jh.) zu einem metrischen Grundtext aus dem 10. Jh. (Anonymus Casmirien sis: Mok$opaya, "Weg zur Befreiung"). Grundtext formal nicht vom Kom mentar getrennt, sondern in ihn eingebettet. Verse sowie der dazugehöri ge Kommentarteil durch entsprechende Zahlzeichen kenntlich gemacht . Links oben Titelkürzel der Kommentarkapitelbezeichnung ( sthitiprafk arar:ia} tf/kaj) nebst Blattzählung (1), rechts unten Titelkürzel des Grundtextes (mo[k�o] pa[ya] ) und Blattzählung (1). Abbildung 5: Bhaskarakar:itha: Tfka ad Mok�opaya IV 1,1-8. Sarada Schrift. Staatsbibliothek Berlin Ms.or. 12704, fol. 1 v. Textidentisch mit Abb. 4. Grundtext mittig eingerückt, Kommentarteil oberhalb und unter halb angeordnet. Zahlzeichen des Kommentars korrespondieren mit denen der Ve rszählung des Grundtextes. Titel-und Kapitelkürzel ( mofk$opaya} sthift iprakarar:ia}) sowie Blattzählung (1) links unten.