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Praktizierte Relationen. Das "Zigeunerische" in Ordungsvorstellungen bei Zigeunergruppen und der Mehrheitsbevölkerung Mittelasiens. In: Roma/Zigeuner in neuen Perspectiven. Roma/Gypsies in new perspectives. Leipzig: Leipzig University Press 2008, S. 71 - S. 91

Olaf Guenther
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 Olaf Günther Praktizierte Relationen Das „Zigeunerische“ in Ordungsvorstellungen bei Zigeunergruppen und der Mehrheitsbevölkerung Mittelasiens Geht man in ein Zigeunerviertel Mittelasiens, so ist vieles wie überall sonst auch in Mit- telasien. Männer sitzen auf Bänken am Straßenrand. Kinder spielen Fußball – nichts Be- sonderes also. Vielleicht kann man auch zwei Jungen dabei zusehen, wie sie neben alten Obstholzkisten stehen, sie auseinander nehmen, das brüchige, morsche Holz wegschmei- ßen und aus drei kaputten eine ganze Kiste machen. Oder man sieht gerade eine Frau mit einem Dutzend kaputter, zusammengeklappter Buggykinderwägen über die Straße zum Nachbarn eilen. Aus alt mach neu! Aha, na klar, ich bin ja im Zigeunerviertel! Viele Menschengruppen stehen an Wegkreuzungen. Geht man an ihnen vorbei, grüßt man sich und jeder will wissen: wohin des Wegs? Manchmal muss man wissen, wohin. Hier hat man hat das Gefühl, es ist wichtig, ein Wohin oder einen Gewährsmann in dieser Wohngegend zu haben.  Mittelasien besteht gemeinhin aus den Nationalstaaten östlich des Kaspischen Meeres, die keine Ozeananbindung haben: Afghanistan, Turkmenistan, Uzbekistan, Kirgistan, Tadschikistan aber auch Teile Nordpakistans (NWFP) und Nordwestchinas (Xinjiang). Die Region zeichnet sich durch die sprachliche Einheit des Persisch/Tadschikischen und verschiedener eng verwandter Turksprachen aus sowie durch gemeinsame, die heutigen Nationalstaaten übergreifende, historische Zusammenhänge. Die ethnographischen Daten und Beobachtungen bezog ich aus Feldforschungen im Jahre 2004-5 im Ferghanatal (Kokand/Uzbekistan, Khudjand/Tadschikistan), in Samarkand und Buchara (beide Uzbe- kistan).  Olaf Günther Was sich in dem vorangegangenen Absatz niederschlägt, sind einerseits Wahrneh- mungen der Lebenswirklichkeit in einem Zigeunerviertel Mittelasiens sowie darin unter- mischte stereotype Zuschreibungen und Verallgemeinerungen. In diesem Artikel will ich versuchen, das für Mittelasien spezifische „Zigeunerische“ zu entwerfen, indem ich die etische Perspektive der dortigen Mehrheitsgesellschaft auf die Zigeuner und die emischen Idealvorstellungen von Zigeunern miteinander vergleiche. Die Synthese aus diesen bei- den sozialen Konstruktionen, so meine These, ermöglicht es, das „Zigeunerische“ als eine Sinnwelt zu beschreiben, die – im Sinne von Schütz (Luckmann & Schütz 2003) – den gesellschaftlichen Status quo in Mittelasien reflektiert und auf der Ebene der mit- telasiatischen Lebenswelt (nicht nur) für zigeunerische Gruppen zur handlungsleitenden Vorstellung werden kann. Das „Zigeunerische“ ist somit nicht nur die Zuschreibung einer Umgebungsgesellschaft oder die emische Perspektive von Zigeunern, sondern eine von mir als Wissenschaftler erstellte Synthese daraus. Der Weg von statischen Kategorien zur Idee des tsiganologischen Relationismus Die Zigeunergruppen Sowjetisch-Mittelasiens waren bisher in der westlichen Welt kaum Gegenstand der Forschung. Bis zum Zerfall der Sowjetunion gab es für westliche Ethno- logen schlicht keine Möglichkeit, Zugang zu ihnen zu bekommen. Auf dem Gebiet der sowjetischen Ethnographie blieben die christlichen wie muslimischen Zigeunergruppen der Sowjetunion ebenfalls ein Stiefkind. Bezogen auf Mittelasien hat jedoch die sowje- tische Sprachwissenschaft der 1980er Jahre einen großen Beitrag geleistet. So schrieb der feldforschende Iranist Oranskij unter den Titeln „Die Folklore und Sprache der Paria im Hissartal“ (Oranskij 1977) und „Tadschikischsprachige ethnische Gruppen im Hissartal“ (Oranskij 1983) mehrere Abhandlungen über Zigeunergruppen, in die er viel ethnogra- phisches Material einarbeitete. Seit den 1970er Jahren sind in den südlichen außersowje- tischen Regionen Mittelasiens und darüber hinaus zigeunerähnliche Gruppen Gegen- stand von Monographien gewesen. Joseph Berland forschte unter den in Pakistan und Indien herumziehenden Khanjar (Berland 1982). Seine Kollegin Aparna Rao widmete sich den Ghorbat im südlichen Afghanistan (Rao 1982) und Asta Olesen (Olesen 1987, 1994) ethnographierte in Nordafghanistan wandernde Handwerkergruppen. All diese  „Gypsyness“ war in Bezug auf ungarische Zigeuner schon einmal bei Ada Engebrigsten Forschungs- gegenstand (siehe Engebrigsten 2007). Sie konstruierte sich ihre Vorstellung vom „Zigeunerischen“ als Ergebnis ihrer Feldforschungen in einer Zigeunersiedlung, die an ein rumänisches Dorf angeschlossen ist. Das „Zigeunerische“ ist in ihrem Fall vor allem das interaktive Produkt zweiseitiger Aushandlungs- prozesse. Praktizierte Relationen  Forschungen beschrieben Kleingruppen eines Wirtschaftstyps, der erstmals von Robert Hayden unter dem Sammelbegriff service nomads (Dienstleistungsnomaden) für mobi- le, nicht lebensmittelproduzierende und endogam orientierte Händler-, Künstler- und Handwerkergruppen vorgestellt wurde (Hayden 1979). Dieses Konzept nahmen Berland, Rao und viele Gleichgesinnte auf und erforschten die Akteure im Dienstleistungsnoma- dismus, welche sie Peripatetiker nannten. Diese in die Tsiganologie eingeführten Begriffe waren wegweisend und haben bis heute unter wirtschaftsethnologischer Perspektive Be- stand (Berland & Rao 2004). Auch der Begriff Merkurianer von Yuri Slezkine (2004) baut auf diesen Arbeiten zu mittelasiatischen middlemen communities (Vermittlergemein- schaften) auf. Jedoch legte Slezkine mit dieser neuen Kategorie, die das Peripatetiker- bzw. Dienstleisterkonzept erweitert, den Akzent allgemein auf netzwerkende, friedliche Vermittlergemeinschaften. In Mittelasien gehören neben Zigeunern demnach auch Ar- menier, bucharische Juden, Inder und Griechen dazu. Dienstleistungsnomaden, Peripa- tetikern bzw. Merkurianern ist gemeinsam, dass sie endogame Gruppen sind und keine Lebensmittel produzieren. Sie sind zwar von der Mehrheitsgesellschaft durch kulturelle Schranken getrennt, befinden sich jedoch in einem wirtschaftlich symbiotischen Verhält- nis zu ihr. Die Gruppen eint, dass sie Tätigkeiten bzw. Funktionen in der Mehrheitsgesell- schaft übernehmen, die die Mehrheit aufgrund kultureller oder religiöser Dogmen nicht ausfüllen können (z.B. Zinsnahme, Mobilität, Zweitverwertung, Recycling). Weiterhin sind diese Vermittlergemeinschaften gruppenintern in Netzwerken organisiert und ste- hen zur Mehrheit in einem asymmetrischen Verhältnis. Die Ordnungen der Mehrheit und der jeweiligen Gruppe konkurrieren miteinander und differieren voneinander. Da sie der Gerichtsbarkeit und den moralischen Regeln der Mehrheit unterworfen sind, jedoch eigene innere Gruppenwerte haben und in einer gewissen Gruppenautonomie leben, kommt es zwischen Vermittlergemeinschaften und allgemeiner Ordnung immer wieder zu Spannungen und Konflikten, in denen sie unterliegen, weil sie schutzlos sind. Diese Schutzlosigkeit ermöglicht ihnen aber gerade ihre Sonderstellung, da sie auch bei ökonomischem Erfolg keine Gefahr für die herrschenden Schichten darstellen und von diesen instrumentalisiert werden können. Dabei gibt es ganz unterschiedliche Grade der Partizipation an Regeln und Mechanismen der Mehrheitsgesellschaft. So haben in Mit- telasien Armenier, Griechen, Juden und Inder an der gesellschaftspolitischen Teilhabe ein stärkeres Interesse und sind durch Institutionen wie Vereine, Niederlassungen und Organisationen enger mit der Mehrheitsgesellschaft verknüpft als Zigeunergruppen, bei denen sich die gesellschaftliche Partizipation nur auf informelle Strukturen stützt.  Der Begriff geht zurück auf Jeremy Boissevain (1978).  Zum Entwurf des Merkurianerkonzeptes bei Slezkine siehe Kapitel 1 „Mercury´s Sandels: The Jews and Other Nomads“ (2004:4 -39).  Olaf Günther Bei der Anwendung der Konzepte des Dienstleistungsnomaden, Peripatetikers, midd- leman oder Merkurianers gibt es in Bezug auf Mittelasien jedoch ein Problem. Sie wurden aus Texten, Reisebeobachtungen oder empirischen Studien gewonnen, die allesamt der Vergangenheit angehören. So ist der Dienstleistungsnomade zwar heute in Indien und in Kleinstgruppen in Mittelasien noch anzutreffen, jedoch vor allem in einer Zeit verbreitet gewesen, als Grenzen, Blockantagonismen und Paßsysteme noch nicht existierten. Als der Kolonialismus in die vormodernen Staaten Mittel- und Südasiens eindrang, begann er schrittweise die Bewegungs- und damit Erwerbsmöglichkeiten zu beschneiden und drängte seine Akteure in sesshafte Strukturen (Markovits 2003). Auch das Konzept des Peripatetikers wurde am Beispiel des Afghanistans der Vorkriegszeit (bis 1978) entwi- ckelt und ist in dem heute kriegsgeschüttelten Land so nicht mehr anwendbar. Gleiches gilt für den Begriff Merkurianer, welchen Slezkine entwarf, um eine neue Perspektive auf das 20. Jahrhundert zu eröffnen. Doch sind Merkurianer vor den modernen Einflüssen des 20. Jahrhunderts nicht verschont geblieben. Durch die Homogenisierungsschübe der sowjetischen Moderne, die vertikalen Mobilitätsangebote und die erzwungene gesell- schaftliche Partizipation erlagen zigeunerische Lebenswelten den inneren Widersprü- chen, Mischungen und Vertreibungen des 20. Jahrhunderts. So ist auch der Merkurianer für Zigeunergruppen in Mittelasien im 21. Jahrhundert nur teilweise anwendbar. Die Begriffe des Dienstleistungsnomaden, Peripatetikers, middleman oder Merkuri- aners nehmen zum Teil schon Elemente des in Leipzig verwendeten „tsiganologischen Relationismus“ als Forschungsparadigma vorweg: Die Forschungen zu Zigeunergrup- pen in Leipzig verstehen sich als relational, weil Zigeuner nicht ohne die sie umgebende Mehrheitsgesellschaft verstanden werden können – sie befinden sich immer in einem interaktiven Verhältnis zu ihrer gesellschaftlichen Umgebung. Als Minderheit sind sie dem Zugriff der Mehrheit ausgeliefert. Dabei ist die Mehrheitsgesellschaft in Mittelasien keinesfalls eine homogene ethnische Gruppe, sondern ebenfalls komplex strukturiert. In Mittelasien setzt sich die Mehrheitsbevölkerung aus vielen verschiedenen Ethnien zusammen: aus Uzbeken, Tadschiken, Kirgisen, Kasachen, Koreanern, Armeniern, Ju- den, Russen, Ukrainern, Vertretern verschiedener Kaukasusvölker u.v.a. Doch eint diese Vielzahl ethnischer Gruppen alle, dass sie eben keine Zigeuner sind. Tsiganologischer Relationismus im Bezug auf mittelasiatische Zigeunergruppen bedeutet nicht nur, dass z.B. Dienstleister ohne Klientel nicht vorstellbar sind. Tsiganologischer Relationismus ist mehr als die Betrachtung von Zigeunergruppen unter ökonomischer und ökologischer Perspektive. So werden mit diesem Ansatz nicht nur Gemeinschaften beforscht, die in das Schema des Dienstleisters passen. Nein, der Relationismus erlaubt, auch Fragen über ganz andere Lebensbereiche zu stellen, die erstens unter ökonomischer Perspektive nicht Praktizierte Relationen  erschöpfend beantwortet werden können (z.B. Kunst und Handwerk) und sich zweitens nicht nur aus emischer Perspektive beforschen lassen (z.B. Mythologie und Transzendenz). Grundlegend für die Existenz einer Relation ist die Vorstellung, dass Zigeuner und Mehrheitsbevölkerung ein zusammengehöriges Ganzes sind, das man in zwei Teile zer- legen kann. So sind Zigeuner ein inhärenter Bestandteil der Mehrheitskultur, in der ih- nen jedoch ein spezieller Platz zugewiesen ist. Sie werden auf bestimmte Räume und Funktionen beschränkt. Auf diese Weise sind seit Jahrhunderten zigeunerische Grup- pen Teil einer mittelasiatischen Kultur. So lange die Mitglieder dieser Gruppe den ihnen zugewiesenen Platz in der ökonomischen Spezialisierung oder im zu bewohnenden Zi- geunerviertel nicht verlassen, funktioniert das lokale kulturelle Gefüge reibungslos. Das „Dilemma“ beginnt dann, wenn die wirtschaftlichen Tätigkeiten und der Lebensraum der Zigeuner sich nicht auf die von der Gesellschaft zugewiesenen Teilbereiche beschränken oder die ökonomischen Tätigkeitsfelder bzw. Lebensräume auch von Nichtzigeunern beansprucht werden. Treten Zigeuner außerhalb ihres zugewiesenen Bereichs auf oder andere in die den Zigeunern traditionell zugewiesenen Bereiche hinein, stören sie das Ideal, d.h. die bestehenden sozial konstruierten Ordnungsvorstellungen. In diesem Artikel will ich also, wie oben schon angedeutet versuchen, das für Mittela- sien spezifische „Zigeunerische“ zu entwerfen. Dies jedoch, so meine These, kann kaum ohne den tsiganologischen Relationismus als Analyseinstrument geschehen. Hier ist das „Zigeunerische“ erst einmal nur Produkt einer sinnweltlichen Konstruktion. Dazu führe ich relational zueinander zwei Sinnentwürfe an: die Typisierungen der Mehrheit und die Idealvorstellungen der Minderheit. Jedoch will ich auch verdeutlichen, dass solche sinn- weltlichen Konstruktionen sich durchaus auf die Lebenswelt auswirken. Die empirische Grundlage leite ich aus der uzbekischen Stadt Kokand her, wo ich in den Jahren 2004 und 2005 unter Zigeunern und der Mehrheitsbevölkerung geforscht habe. Um den Bezugsrahmen für die Konstruktion von Typisierungen, Idealvorstel- lungen und dem relationalen Feld zu verdeutlichen, will ich zunächst auf die praktischen Lebenswelten der Zigeuner Mittelasiens eingehen, wie sie sich mir während meiner Feld- forschungen in Uzbekistan und Tadschikistan (Ferghanatal) darstellten. Die Zigeuner Mittelasiens: eine kurze ethnographische Einführung Für Zigeunergruppen Mittelasiens kann man eine Vielzahl von Selbst- und Fremdbe- zeichnungen finden. Sie nennen sich heute oft Tadschiken (todjik). Diese Bezeichnung ist jedoch erst innerhalb der Nationenbildung in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts aufgekommen und von Zigeunern übernommen worden, um die alten, verhassten Na-  Olaf Günther mensgebungen der Mehrheitsbevölkerung – djugi oder luli – abzustreifen. Woraus sich die Wortbedeutung des Ethnonyms luli ableitet, ist bis heute unklar. Das Ethnonym djugi hingegen repräsentiert die persische Variante des yogi aus dem Sanskrit, und bedeutet so- viel wie „religiöser Bettler“ oder „Umherziehender“ (Steingass 1981:378), einer Bezeich- nung für einen hinduistischen, also nach islamischem Verständnis heidnischen Bettler. Dieses aus einem indischen Lehnwort abgeleitete Ethnonym findet seine Entsprechung im arabischen abdol, eigentlich „Sklave“, das einen religiösen Bettler bezeichnet und im östlicher gelegenen chinesischen Xinjiang die gängige Bezeichnung für Zigeunergrup- pen ist (Ladstätter & Tietze 1994). Nach der russischen Kolonisation hingegen ist das Ethnonym cigan – „Zigeuner“ – von Zigeunergruppen aufgegriffen worden. Es ist aus dem Russischen in die Lokalsprachen eingegangen und wurde als Gruppenbezeichnung von allen Zigeunergruppen aufgenommen. Die Klassifikationen, die Zigeuner neben cigan bzw. todjik wählen, können einerseits auf Professionen hinweisen: Hersteller von Haushaltsgegenständen (tovoqchi/tovoqtarosh), Kleinhändler (mazang) oder ehemalige ambulante Goldschmiede (mugat) (heute oft Antiquitätenhändler). Es gibt aber auch Ethnonyme, die sich an anderen Stämmen orientieren, wie arab und baluch, oder Na- men, die auf Herkunftsorte verweisen: multoni (nach der nordindischen Stadt Multan) und hindustoni. Die Bezeichnung todjik, die sich in den meisten Pässen der Zigeuner findet, rekurriert vor allem auf ihre Sprache, das Zigeunertadschikische. Da während der Vergabe persön- licher Dokumente in den 1920er Jahren die Bevölkerung nur nach den Titularnationen der Sowjetrepubliken und ihren autonomen Regionen benannt werden konnte, stand den Zigeunern hier nur die Kategorie Tadschike oder Uzbeke zur Verfügung. Die Über- nahme der Bezeichnung Tadschike, die sich während der Volkszählung in den 1920er Jahren vollzog, gab den Zigeunern die Chance, von der Jahrhunderte lang verachteten Sammelbezeichnung luli wegzukommen und ihren Namen an die im Werden begriffene Nation der Tadschiken anzukoppeln. Zigeuner sollte es in der Sowjetunion per marxi-  Von der Volkskunde her verbreitete sich ab Ende des 20. Jahrhunderts in Mittelasien die Kategorie „cigan“. Sie ging als ein „gesunkenes Kulturgut“ (Naumann 1922) aus der wissenschaftlichen Literatur in die Umgangssprache der lokalen Bevölkerung ein. Der prominenteste Grundsteinleger der Zigeunerli- teratur ist Vil’kins (1882). Eine Zusammenfassung russischer volkskundlicher Literatur bietet Snesarev (1963). Diese Selbstklassifizierung ist für mich der Grund, in diesem Artikel den Begriff „Zigeuner“ zu verwenden.  Obwohl Untergruppen wie die Tellermacher (tovoqchi ) oder Kurzwarenhändler (mazang) nichts mit den Schmuckhändlern (mugat) zu tun haben wollen und es auch keine Heiratsbeziehungen zwi- schen ihnen gibt, gleicht sich ihre Sprachvariante des Tadschikischen, siehe Oranskij (1983).  Siehe zur Kampagne der „Einwurzelung“ Baldauf (1991) oder als regionale Fallstudie Kojchiev (2001). Praktizierte Relationen  stisch-leninistischer Doktrin nicht geben. Die Bezeichnung todjik gab den Statistikern der Sowjetunion die Möglichkeit, die zahlreichen muslimischen Zigeuner der Nationali- tät der Tadschiken zuzurechnen. Während die meisten Zigeuner heute sesshaft in den Städten leben und nur vereinzelt saisonal ihre Wohnorte wechseln, gibt es einige wenige, die als Bettler saisonal umher- ziehen. Von ihnen werden in den Sommermonaten die vergleichsweise wohlhabenden Orte des Ferghanatals, Taschkents, Samarkands und Bucharas aufgesucht, während in den Wintermonaten die wärmeren Gebiete Surchandaryas bevorzugt werden. Nur diese Bettlergruppen ließen sich in den 1950er Jahren die mittlerweile als Nationalität aner- kannte Bezeichnung luli in die Pässe einschreiben. Beim Überwinden der Bezirks- sowie Ländergrenzen gibt es für sie kaum Probleme, da Grenzkontrollen sie aufgrund ihres niedrigen Status nach der Abgabe eines kleinen Obolus für gewöhnlich ziehen lassen. Es gibt eine Reihe von Zigeunern, die sich auf bestimmte Berufe spezialisiert haben. Diese liegen fast durchweg in den Leerstellen, die die Mehrheitsgesellschaft Zigeunern zur Bewirtschaftung bietet. Sie arbeiten nach dem Prinzip der Arbeitsteilung in Fami- lienbetrieben. Die besonderen Fähigkeiten des Einzelnen werden hier berücksichtigt. Nur ein Beispiel von Hausratsverkäufern (tovoqchi/tovoqtarosh): Die Männer stellen die Waren in handwerklicher Arbeit selbst her, besorgen Rohstoffe und organisieren die Zu- lieferung an die Stände. Die Frauen verkaufen diese Waren an eigenen Ständen auf dem Markt. Die Spezialisierung der meisten Familien auf bestimmte Einkommensquellen kann als Nischenökonomie bezeichnet werden (Streck 1996:63-66). Beispielsweise sammeln Zigeuner Haare in den Friseursalons und verkaufen sie an Perückenmacher in anderen Städten. Auch gebrauchte Kleidung wird gesammelt, um sie bei Wiederaufbereitern zu verkaufen. Alte Schuhe, von denen Zigeuner die Sohlen abschmelzen, um daraus neue Sandalen herzustellen, werden ebenfalls zusammengetragen. Altmetall wird an Schrott- händler im Ausland verkauft. Die Beziehungen, die sich zwischen Sammler und Spender aufbauen, können dauerhaft sein und fest in der Hand einzelner Familien liegen. Die von außen fest zugeschriebene Beschäftigung als Musiker ist hingegen eher selten. Nur einige wenige Zigeuner sind Trommler (doirachi) oder Posaunenspieler (karnaychi), spielen also Instrumente der mittelasiatischen Festkultur. Dass gerade diese Instrumente bevorzugt werden, mag an der guten Einkommensmöglichkeit bei Festen liegen, die Zigeuner gerne als Kostgänger besuchen. Kommen uneingeladene Gratulanten an die Schwelle von Festorten, bringen sie Instrumente mit, tanzen auf Stelzen und lassen eine  Die Posaune spielt in der Musikkultur Mittelasiens eine außerordentlich wichtige Rolle. Sie wird immer dann gespielt, wenn man einem Haus Glück bringen will (bei Heiraten, Beschneidungen). Au- ßerdem ruft sie die Leute zum Fest herbei.  Olaf Günther Schüssel zur Sammlung von Geld herumgehen. Festgeber weisen Kostgänger nie ab. Zi- geuner sind hier für kurze Zeit willkommen – der Gastgeber kann seine Generosität be- weisen –, dann ziehen sie wieder ab. Die Kunde von den Festen erhalten die Zigeuner bei den Druckern von Einladungskarten, die wissen, wer wo welches Fest gibt. Zigeuner gehören in Mittelasien zu den ärmeren Schichten. Um das Überleben der Familie zu gewährleisten, gehen auch die Frauen einer Beschäftigung nach. Manchmal gelten sie als Spezialistinnen (Heilerinnen, Händlerinnen, Wahrsagerinnen). Wenn die Familie wohlhabend genug ist, bleiben die Frauen zu Hause und nur die Männer gehen arbeiten. Diese Zigeuner übernehmen damit die Gepflogenheit der islamischen Umge- bungsgesellschaft. Neben den Tätigkeiten als Nischenbewirtschafter gibt es unter den Zigeunern auch Lehrer, Geistliche (mullo), Krankenschwestern, Mechaniker, Fabrikarbeiter und Bauern in Kolchosen. Zigeuner beschäftigen sich auch als Hilfskräfte auf Baustellen oder gehen saisonal in andere Länder arbeiten. Sie erledigen hier und da Arbeiten, die nur kurzzeitig benötigt werden und zur Mobilität nötigen: auf Feldern, auf Festen usw., kurzum: Berufe, die sie mit der Mehrheitsbevölkerung teilen. Auch die Religion teilen sich die Zigeuner mit der Umgebungsgesellschaft. In vielen der Wohngebiete der Zigeuner gibt es Moscheen. Die Zigeuner haben unter sich auch Mullahs, die sich um das spirituelle Leben der Gemeinschaft sorgen. Einige Zigeuner beten die vorgeschriebenen Gebete, andere nicht, einige von ihnen Fasten, andere nicht, genauso wie die Mitglieder der muslimischen Mehrheitsgesellschaft. Es lässt sich somit in diesem Punkt kein Unterschied zur Mehrheitsbevölkerung finden. Auch kann man bei Reinheitsvorstellungen keine divergierenden Vorstellungen zur Mehrheitsgesellschaft feststellen. Dass das kulturelle Leben der Zigeuner wenig von der Mehrheitsgesellschaft abweicht, mag den überaus normativ wirkenden islamischen Kulturvorstellungen ge- schuldet sein. Die in islamischen Geboten proklamierte Gleichheit und die per shari’at (islamisches Recht) festgelegte Gleichbehandlung aller Muslime ist der entscheidende Faktor, dass sich Zigeuner auch immer wieder als Gleiche fühlen. Das Endogamiegebot schätzen die Zigeuner sehr. Das liegt vor allem daran, dass hier wie überall in Mittelasien die Eltern die Ehen der Kinder arrangieren und damit konser- vative Reinheitsvorstellungen stärkeren Einfluss haben. Dass die muslimischen Zigeuner darüber hinaus keinen Zweifel an ihrer Loyalität zur Religion aufkommen lassen, ist an ihrem Heiratsverhalten zu erkennen, denn ihre Töchter verheiraten sie auch teilweise mit anderen nichtzigeunerischen Muslimen. Unter keinen Umständen jedoch würden sie ihre Töchter christlichen Zigeunern Russlands oder Europas geben. So freundschaftlich ihre Beziehungen zu diesen mitunter auch sein mögen, das Abgeben der Töchter dorthin gilt als Tabu, denn dies käme der Apostasie gleich. Praktizierte Relationen  Unter den Zigeunern gibt es keine speziellen Geschichten oder Lieder, die einem früheren oder heutigen mobilen Leben gewidmet sind. Es finden sich keine Legenden oder Märchen, die ihrer speziellen Gruppe vorbehalten sind. Sie feiern die Feste der Muslime Mittelasiens (Id al-Fitr, Id al-Qurbon, Navruz) und singen die dazugehörigen Lieder. Nur bei den Zeltzigeunern Surchandaryas sind vereinzelt Wagenlieder gesammelt worden. Dieser erste Überblick zeigt: so sehr verschieden sind die Lebenswelten der Zigeuner und der muslimischen Mehrheitsbevölkerung, betrachtet man sie im Einzelnen, nicht. Zigeuner und Mehrheitsgesellschaft teilen z.T. ihre Einkommensstrategien, sie teilen ihre kulturellen Bräuche und sie teilen ihre Selbstbezeichnungen. Stellt man jedoch die Zigeu- ner und die Nichtzigeuner sowie deren kollektive Selbstverständnisse gegenüber, sind beide Gruppen überzeugt, dass die jeweils andere Gruppe „anders“ ist. Was sind jedoch diese Unterschiede? Sie finden sich losgelöst vom reellen Kollektiv und dem Individuum auf der Ebene des sozial Konstruierten, nur auf dieser Ebene manifestiert sich der Unter- schied zwischen der Mehrheitsgesellschaft und den Zigeunern. Zigeuner in Mittelasien: Typisierungen von Nichtzigeunern Betrachtet man den Begriff des Stereotyps, so fällt es schwer, ihn konkret zu erfassen, ist er doch durch seine inflationäre Beanspruchung ausgehöhlt und entleert. Eine Alternati- ve kann in dem durch die Phänomenologie geprägten Begriff der Typisierung gefunden werden. Nach Schütz und Luckmann sind Typisierungen die einzig mögliche Form, sich mittelbare Zeitgenossen in der eigenen Lebenswelt zu vergegenwärtigen. Der mittelbare Mensch wird durch die Typisierung erst im Ich zu einem Begriff, zu einem Er bzw. einer Sie. Dazu muss das Ich Informationen von Dritten bekommen. Sie können durch alter- native Typisierungen oder direkten Kontakt falsifiziert werden, bis dahin werden sie als wahr angenommen (Luckmann & Schütz 2003:116-122). Was sich in den während mei- ner Feldforschungen 2004 bis 2005 aufgenommenen Typisierungen zeigt, sind neben den Reflexionen der lokalen Kultur und dem sich daraus bildenden Kulturverständnis auch die wirksamen Kräfte der sinnweltlichen Konstruktionen. Die Mehrheitsbevölkerung nennt die Zigeuner landläufig luli. Im Süden Tadschiki- stans und Uzbekistans heißen sie djugi. Luli sowie djugi sind Ethnonyme, die von den  Diese Information habe ich Katja Daniela zu verdanken, die bei den ethnischen Gemeinschaften Surchandarjas forschte und zufällig auch einmal ein Wagenlied dokumentieren konnte. Es handelt vom Wagenzug, der von Stadt zu Stadt zieht: „In jedem Städtchen ein schönes Mädchen, das auf mich war- tet!“ 10 Olaf Günther Zigeunern oft als Schimpfworte empfunden werden. Dass dem Ethnonym luli durchaus Schimpfliches anhängt, zeigt folgende Herkunftslegende, die man über die Zigeuner er- zählt: „Lu und Li waren ein Geschwisterpaar, das sich ineinander verliebte. Da diese Art von Beziehung im Islam strikt tabuisiert ist, wurden sie von Gott bestraft. Lu und Li fielen von Gott ab und sind seither Ausgestoßene. Aus dieser Beziehung gingen Kinder hervor, die man heute luli nennt.“10 Es existiert in Mittelasien landläufig die Meinung, Zigeuner seien anders als alle an- deren, lebten ihr eigenes autonomes Leben und würden der Gesellschaft wenig Nutzen bringen. Die Mehrheit zieht zwischen sich und den Zigeunern eine eindeutige Grenzli- nie. Das Leben jenseits dieser Grenze ist kaum bekannt und zusätzlich mit der Aura des Geheimnisvollen versehen. Die Mehrheit meidet die Wohnviertel der Zigeuner, fürchtet sich vor den dortigen Zuständen, die nicht selten Projektionsflächen einer konstruierten Kontrastkultur sind (Streck 2003). Schon der Name, den das Wohnviertel der Zigeuner im Volksmund von Kokand (Usbekistan/Ferghanatal) trägt, vermittelt gedachte Ferne: Bombay. So märchenhaft der Name der indischen Filmtraumfabrik in Mittelasien klingt, so phantastisch sind die Legenden, die sich um das Wohnviertel ranken. Alles was dies- seits der Grenze als geordnet gilt, sei dort entgegengesetzt: Dort würden sich die jungen Leute auf den Straßen Spritzen setzen, die Polizei könne dort nicht für Ordnung sorgen, in diesem Wohnviertel seien Kriminalität und Messerstechereien an der Tagesordnung. Der Name des Viertels Bombay zeigt die Überzeugung im Volksmund, dass die mittela- siatischen Zigeuner aus Indien eingewandert seien. Außerdem schwingt im Namen die geheimnisvolle Aura einer indischen Kultur mit, die in Mittelasien heute vor allem durch die beliebten indischen Filme wahrgenommen wird. Wie oberflächlich jedoch solch eine Bezeichnung angenommen werden kann, zeigt ein anderer Wohnviertelname in der Stadt Kokand: Kuwait. Die Einwohner dieses Wohnviertels handeln hier zum Teil mit Benzin, was gerade in Zeiten von Benzinknappheit reißenden Absatz findet, werden jedoch nicht als gesonderte Gruppe wahrgenommen. Allgemein nimmt die Mehrheitsbevölkerung die Zigeuner als Volk jenseits der nor- malen Maßstäbe wahr. Es heißt, bei der Heirat würden die Zigeunerfrauen ihren zu- künftigen Ehemännern das Versprechen geben, sie zu ernähren. So säßen die Männer zu Hause, die Frauen gingen auf der Straße betteln. Mit anderen Worten: Für die Mehrheits- bevölkerung steht die Welt bei den Zigeunern Kopf. Man kann, so erzählte mir eine alte, erfahrene Frau, die muslimische Bevölkerung zweiteilen: in diejenigen, deren Pflicht es ist, die Almosensteuer an die Bedürftigen zu 10 Ganz besonders gehässige Zeitgenossen meinen sogar, dass die Geschichte im Koran stehen würde. Praktizierte Relationen 11 entrichten und in die anderen, die Empfänger dieser Steuer seien (sadaqaxur). Die Zi- geuner ordne man der zweiten Gruppe zu. Eine Typisierung, die damit einhergeht, ist der Vorwurf, die Zigeuner seien Schwind- ler. Die Begründung: „Schaut, sie betteln auf unseren Basaren! Aber geht doch mal in ihre Viertel, da seht Ihr wie reich sie sind! Geht doch mal auf deren Feste! Also Betteln müssen die alle nicht!“ Eine andere Typisierung besagt, dass unter den Zigeunern viele Musiker und Tänzer zu finden sind. Es spielt bei dieser Zuschreibung weniger eine Rolle, ob dies auch wirk- lich der Fall ist. Denn ausschlaggebend ist der zweifelhafte Ruf von Musikern und Tän- zern im Islam. Beide Künste gelten als hoch geachtet und spielen bei Festen eine große Rolle. Jedoch sind ihre Protagonisten weniger gut angesehen. Mädchen wie Jungen, die sich in diesen Sphären bewegen, werden weniger gern als Heiratspartner genommen und gelten auf dem Heiratsmarkt als minderwertig, weil sie in der Öffentlichkeit als Künstler auftreten. Auch hier dienen die Zigeuner der Mehrheit als Projektionsfläche für die aus- schweifenden und mit Lastern belegten Künste.11 Eine weitere Typisierung spricht den Zigeunern einen Gräberkult ab. Zigeuner wür- den ihre Toten nicht begraben. Im Zusammenhang damit steht wohl auch die Überzeu- gung der Mehrheitsbevölkerung, die Zigeuner pflegten ihre eigene Geschichte nicht. Viele haben auf die Frage nach den Eigenarten der Zigeuner als Antwort parat: „Zi- geuner sitzen nicht auf einem Fleck.“ In dieser Vorstellung treffen sich zwei Dinge: die Tendenz zur hohen Mobilität der Einzelnen und der Hang, sich gleich Sesshaften immer wieder nieder zu lassen. Also werden Zigeuner weniger als umherziehende Nomaden, sondern als besonders mobile Sesshafte wahrgenommen. Deshalb macht man mit ihnen keine Geschäfte, die nicht im Hier und Jetzt stattfinden. Man traut keinen auf später ver- tagten Stundungen. Kommt es zum Kontakt beider Lebenswelten, obwalten Höflichkeit und Zurückhal- tung. Nicht zuletzt, weil man die innere „zigeunerische“ Loyalität fürchtet, die sich im- mer im Vergeltungsakt manifestiere. Viele sagen, man solle sich nicht auf einen Streit mit Zigeunern einlassen, sonst hätte man schnell das gesamte Zigeunerwohnviertel gegen sich. Die Vergeltung für einen aus ihren Reihen erfolge bei den Zigeunern immer kollek- tiv. Deshalb sei es unablässig, entweder die Sache auf sich beruhen zu lassen oder zu einer schnellen gemeinsamen Einigung zu kommen. Die Angst im Umgang mit Zigeunern kann groß sein. Gibt es jedoch den Fall, dass Einzelne aus der Mehrheitsbevölkerung im Kampf gegen Zigeuner obliegen, so generieren sich aus dieser Tat noch Jahre später Hel- 11 Dieses so genannte „Musikverbot“ bzw. die Abwertung bestimmter Musikarten und musikalischer Anlässe mit unterhaltendem Charakter bezieht sich auf die Koransure 31/6. Die Auslegungen differieren allerdings erheblich; zur Diskussion um das „Musikverbot“ siehe z.B. Sellheim (1995). 12 Olaf Günther dengeschichten. Eine sehr gebildete Dame sagte mir einmal: Seitdem sich ein gewisser XY mit seinen Jungs nach einem Basargedrängel zwischen Zigeunern und usbekischen Händlern dem darauf folgenden „Kampf der Messer“ gestellt und dabei obsiegte habe, sei das Verhältnis einigermaßen friedlich. Früher sei es zu viel mehr Zwischenfällen zwi- schen Zigeunern und Uzbeken gekommen. Diese Typisierung geht also davon aus, dass die Harmonie zwischen Zigeunern und Mehrheitsbevölkerung brüchig ist. Ein weiterer Allgemeinplatz ist die Darstellung des Zigeuners als Dieb. Kleine Ge- schichten aus der Nachbarschaft belegen immer wieder den scheinbaren Wahrheitsge- halt dieser Typisierung. Diese vermeintlichen Diebereien gefährden nie den Besitz des Bestohlenen im Kern, denn der Bestohlene verliert immer nur einen geringen Teil da- von. So muss die Faktizität des Zigeunerdiebstahles gar nicht erst nachgewiesen werden. Wenn ein Hemd auf der Wäscheleine fehlt oder ein stehengelassener Besen vor der Haus- tür, waren es unwillkürlich die Zigeuner. Demgegenüber steht die staatliche Willkür auf einem ganz anderen Blatt. Die überall wachenden Beamten können zum Beispiel den Händler mit erhöhten Steuerforderungen binnen weniger Tage in den Ruin treiben. Ver- brechen dieses Formats gehören nicht zu den Typisierungen über Zigeuner. Es sind die kleinen Gaunereien, nicht der Ruin, die in diesen Geschichten ihren Platz haben. Einer meiner Gesprächspartner fügte der Zigeunerdiebvorstellung an: „Weißt Du, mit ‘zigeunerischen’ Gaunereien ist nicht das Einbrechen in ein Haus gemeint, dieser kleine Diebstahl kann ja von jedem gemacht werden! Nein, Zigeuner sind für den Raub im großen Maße zuständig. Ihre Gaunerei und Diebeskunst ist eine große, die professionell ausgeübt wird.“ Seine Typisierung zielte hier jedoch nicht auf die Kleinkriminalität im Diebstahl, sondern auf die überall grassierende Demontage alter Gebäude und Fabriken ab. In seiner Erzählung schwang gleichzeitig unverhohlen Bewunderung für den Aben- teurer bzw. Outlaw mit. In den meisten dieser Typisierungen ist das, was die Zigeuner ausmacht, das Spie- gelbild der eigenen Kultur. Jedoch bleiben, neben den Inversprojektionen der eigenen Gesellschaft auf die Fremde Grundüberzeugungen stehen, die man auch in den Idealvor- stellungen der Zigeuner wieder findet. Ideale bei Zigeunern Die Zigeuner Mittelasiens haben ein eigenes Selbstverständnis und empfinden sich in Bezug auf die Mehrheitsgesellschaft als anders. Sie nennen die Muslime der Mehrheits- gesellschaft havrig, die Christen in der Mehrheitsbevölkerung heißen laghror. Wenn es irgendwie geht, sollte man nichts mit Nichtzigeunern zu tun haben. Die Kontakte sollten Praktizierte Relationen 13 sich auf praktische Dinge beschränken. So wie es ein klares Bild vom Zigeuner in der Mehrheitsbevölkerung gibt, so zeichnen die Zigeuner auch ein Idealbild von sich. Das Idealbild hat viele Facetten. Diese will ich versuchen, anhand von Sprichwörtern und Be- obachtungen zu skizzieren, die ich während meiner Feldforschungen im Zigeunerviertel sammeln konnte. Eingangs jedoch ein Beispiel für die Vielschichtigkeit und die Schwie- rigkeiten, die „zigeunerischen“ Idealvorstellungen inne wohnen können: „Wessen Brot du isst, wessen Wasser du trinkst, den ehre 40 Tage.“12 Dieses Gastgesetz ist nur eines von vielen, die sich um den Komplex der Gastfreundschaft ranken. Die Gastfreundschaft und ihren hohen Stellenwert finden wir wohl in allen is- lamischen Gesellschaften vom Maghreb bis hin nach Indonesien. Ein Zigeuner erzählte mir hierzu die folgende Geschichte: „Einmal war ein Zigeuner, der sich auf das Diebeshandwerk verlegt hatte, in einer ihm fremden Stadt. In dieser Stadt hörte er von einem Kaufmann, der unsägliche Reichtümer in seinem Haus habe. Der Zigeuner nun wollte ihn um diese erleichtern und ging zu seinem Haus. Um sich erst einmal einen Eindruck von seinem Haus zu verschaffen, klopfte er beim Händler und erlangte unter irgendeinem Vorwand Zugang zum Haus. Hier wurde er in ein Zimmer gelassen und man hieß ihn warten. Schon das, was er hier in diesem Zimmer des Hauses sah, reichte ihm, um sich von dem Reichtum des Mannes zu überzeugen. Überall standen goldenes Geschirr, Löffel und Tabletts herum. Der Zigeuner wurde unruhig. All der Anblick des Goldes war zuviel für ihn. Ihn überkam die Gier. Er fasste das eine oder andere an, befühlte es und nahm eine goldene Kanne an den Mund. Seine Zunge berührte sanft das Gold und kostete vom für ihn unsagbaren Reichtum. Doch kaum hatte er das getan, schlug er sich auf die Stirn. Mit dem Betasten des Goldes durch die Zunge war er in das Gastrecht eingetreten. Er hatte im Hause dieses Händlers etwas genossen. Nun war die Diebestat für ihn die nächsten vierzig Tage tabu. Vierzig Tage jedoch zu warten, dass lohnte sich nicht. So ging er unverrichteter Dinge fort.“ Das Beispiel zeigt gut, wie sich hier das normale islamische Kulturgesetz der Gastfreund- schaft mit Selbstbewusstsein vermischt und ebenso auf die Komplexität zwischenmensch- licher Beziehungen hinweist. Jedes Individuum ist an einen allgemeinen Kulturrahmen 12 Überall im Islam gelten gemeinsam eingenommenes Brot und Wasser als Friedenssymbole und die Zahl vierzig als heilig. 14 Olaf Günther gebunden. An diesen wird es sich genauso halten, wie an eigene Weltanschauungen und Wertvorstellungen. Wie sehr sich beides verbinden kann, wie auch trotz allem die In- dividuen zum gegenseitigen Respekt verpflichtet sind, dafür ist die Anekdote ein gutes Beispiel. Im Folgenden kommen Idealvorstellungen zum Tragen, die mit Sprichwörtern oder Redensarten, einfachen und prägnanten Äußerungen eingeleitet werden. Allesamt erfuhr ich sie von meinen Gesprächspartnern unter den Zigeunern. „Was auch immer geschehe, sei ein Mensch!“ Manchmal bekam ich auf meiner Suche nach Ethnonymen im Zigeunerviertel auf die Frage nach der Selbstbezeichnung zur Antwort: odam. Dieses Wort bedeutet (auf Adam, den biblischen Stammvater aller Menschen rekurrierend) nichts anderes als Mensch. Ein Mensch zu sein, nach den Prinzipien der Menschlichkeit zu leben, ist für viele Zigeuner das wichtigste, das es zu bewahren gilt. Mensch sein heißt, Regel- und Ordnungssyste- men zu unterliegen, die in sich eine Moral bergen und die zwischen menschlich und un- menschlich unterscheiden. Mensch sein heißt, die Gesetze der Gemeinschaft zu befolgen. Mensch sein heißt im Grunde, gut zu sein. Und das Gute wird innerhalb der Zigeunerge- meinschaften durch die Ideale der Gemeinschaft bestimmt. Das Sprichwort spricht sich also deutlich für eine eigene Ordnung bzw. für ein eigenes Regel- und Ordnungssystem aus, in dem andere Werte gelten oder betont werden als in der Ordnung der havrig. Nur ein Beispiel: Einer meiner Bekannten im Zigeunerwohnviertel saß 15 Jahre hinter Gittern. Seine Schwester wurde vor Jahren von einem Nichtzigeuner entführt. Als das ihr Bruder mitbekam, nahm er sich ein Messer, fand den Entführer und ermordete ihn. Die Ehre seiner Schwester wurde von ihm verteidigt. Das Gericht befand ihn des Mordes für schuldig. Seine Freunde empfanden das als Willkür der havrig. In ihren Augen war diese Tat völlig durch ihre innere Ordnung gerechtfertigt. Entführt ein Zigeuner eine Braut, so weiß er, dass er bis zur Einigung seiner Eltern und Schwiegereltern um sich und sein Leben fürchten muss. Das gehört zu den Regeln. Oft werden der Brauträuber und sein Haus von seinen Freunden für den besagten Zeitraum verteidigt. Einer meiner Gesprächspartner, der den Posten eines Zigeunermilizionärs im Wohnvier- tel innehatte, kommentierte dieses Sprichwort: Würde man von einem der ihren bedroht und sagte diesen Satz, sei das für den Drohenden das Zeichen, seinem Tun Einhalt zu ge- bieten. Doch das Aufsagen des Sprichworts ist keine Garantie für die Schlichtung. Denn es kommt auch vor, dass die Kategorie „Mensch“ nur auf Zigeuner angewendet wird. Praktizierte Relationen 15 So kann es sein, dass man Zigeunern, die allzu engen Kontakt mit den Nichtzigeunern (havrig) pflegen, das Menschsein abspricht. Wenn unter Umständen eigenen Leuten das Menschsein abgesprochen wird, so gilt das umso mehr für die Mehrheitsbevölkerung, die havrig. „Dem guten Menschen schenke dein Herz, dem schlechten reiße es heraus.“ Zigeuner sprechen oft von dem unbedingten Vertrauen, dass man ineinander haben muss. Es ist ein Vertrauen darauf, dass man sich gegenseitig hilft und sich nicht verletzt. Befolge ich dieses Gesetz, so sind die Freunde meines Freundes auch meine Freunde. So multipliziert sich die Loyalität. Werden jedoch die Grenzen des Vertrauens verletzt, kann es zur Vergeltung kommen und auch hier ist das Gesetz der Multiplikation existent. Die Gemeinschaft hat zur Aufrechterhaltung von Loyalitätsstrukturen Institutionen aufgebaut. Familienverbände werden durch kalontar (Älteste) zentral gelenkt. Unter ih- nen wird einer zum Vorsteher gewählt, der zum Beispiel dafür verantwortlich ist, mit der Polizei im Namen bestimmter Personen der Familien zu verhandeln, um etwa das Fallenlassen von Verfolgung durch Geldsummen zu erwirken. Der kalontar ist ebenso bei Streitschlichtung innerhalb der Familiengemeinschaft wichtig. Daneben gibt es einen Sprecher, der in einem offiziellen Wohngebietskomitee sein Büro hat. Dieser wird von Staats wegen eingesetzt. Er fungiert als Kommunikationsglied zwischen der Kommune, dem Staat und der Zigeunergemeinschaft, oder ist Vermittler bei sozialen Problemen, z.B. mit der Wohlfahrt. Der kalontar dagegen regelt die Angelegenheiten unter den Familien. Ihm wird sehr hohe Autorität eingeräumt und man verlangt ihm größte Leitungsfähig- keiten ab. Er soll gerecht sein und muss Menschenkenntnis besitzen. Er darf sich nicht vom Reichtum des einen oder der Armut des anderen in seiner Schlichtung lenken las- sen. Demjenigen, dem Unrecht getan wurde, soll Genugtuung geschehen. So sind also Familienverbände nicht nur durch Affinitäten, sondern auch durch Institutionen wie den kalontar miteinander verbunden – eines der Zeichen dafür, für wie wichtig gegenseitige Loyalität und Vernetzung innerhalb der Gemeinschaft gehalten werden. „Der Wolf ernährt sich von seinen Beinen.“ Der Zigeuner ist in den Augen dieses Sprichworts kein Nomadisierender, sondern hat wie der Wolf seine „Heimat“ und sein „Revier“. Ergibt sich jedoch die Gelegenheit, so macht er sich auf den Weg. Mobilität ist bei vielen Zigeunern ein wichtiges Mittel, um ökonomisches Auskommen zu sichern. Sie legen weite Wegstrecken zurück – oft Distan- zen von mehreren tausend Kilometern – um Handel zu betreiben. Reisen die Zigeuner, 16 Olaf Günther so sind sie oft in einer Gruppe unterwegs, die auf einem Familienverband basiert. In der Gruppe gibt es immer einen, der die Route kennt und am Zielort über die nötigen Kon- takte verfügt, um Waren an die Kundschaft zu bringen oder gegen irgendwelche andere Waren einzutauschen. Er ist für die Verhandlungen mit den Grenzern, den Ordnungshü- tern usw. verantwortlich. Er versorgt die Gruppe mit einer Bleibe. Mobilität ist schließlich auch eine Verhaltensweise, sich Unannehmlichkeiten zu ent- ziehen. Hat man sich eines Deliktes oder eines Verbrechens schuldig gemacht, so zieht man es vor, zu flüchten. Man kommt erst wieder an den Ort vergangener Taten zurück, wenn man denkt, dass sich die Strafen verjährt haben oder mittlerweile mit Geldgaben abgewendet werden können. Ein anderes Beispiel ist die (häufig vorkommende) Flucht der Frauen vor ihren Ehemännern, falls innerfamiliärer Streit unerträglich wird. Hier werden oft die eigenen Eltern oder Geschwister um Asyl gebeten. „Sei unauffällig, so kannst du dich überall frei bewegen!“ In den Augen der Zigeuner solle man es vermeiden, Reichtum zu zeigen und sich selbst auf irgendeine auffällige Weise zu präsentieren. Wichtig sei in allen Lebenslagen Un- auffälligkeit. Das gelte für das kulturelle wie das ökonomische Leben. Würde man als Zigeuner erkannt, könne man oft sein Ziel nicht erreichen. Es fallen die Türen zu oder die Polizisten über einen her, wie die Zigeuner sagen. Einer meiner Gesprächspartner führte dazu aus: „Weißt Du, wenn wir Zigeuner einen hätten, der sich hervortun würde, der da draußen als schlauer Mann gelten würde, er würde nicht lange leben.“ So sehr diese Vorstellung auch durch die Erfahrung der Ausgrenzung geprägt ist, ein nach Au- ßen erkennbares Verlassen des Mittelmaßes gilt bei den Zigeunern als wenig förderlich. Darum bleibe man unter sich und zeige nichts, was einem gehört, nicht Reichtum, nicht kluge Gedanken. Diese als ideal empfundene Unauffälligkeit mag auch durch die katego- rielle Gefährlichkeit des Fremden bedingt sein. In der mittelasiatischen Gesellschaft ist die Angst vor den Fremden ein wichtiges Thema. In Legenden verwandeln sich fremde Bräute nach der Heirat in Schlangen, in der Alltagsreligiösität kann der Fremde Träger des bösen Blickes sein usw. Als Fremder erkannt zu sein, heißt immer auch ausgegrenzt zu werden. „Wenn die anderen schlafen gehen, beginnt unser Tag.“ Auch wenn dieser Ausspruch eines Zigeuners nicht von allen anderen Zigeunern unter- stützt würde, so ist doch ein Teil der Zigeuner aktiv, wenn andere sich bereits zur Ruhe gelegt haben. Sie arbeiten in der Welt der halboffiziellen Geschäfte, transportieren Altme- Praktizierte Relationen 17 tall, demontieren alte Anlagen, tätigen andere Geschäfte. Diese Welt wird extrem geheim gehalten und ist für Außenstehende nicht einsichtig. Der Ausspruch jedoch steht für die Bereitschaft vieler Zigeuner, auch in illegalen und informellen Bereichen Geschäfte zu schließen. „Meinen Jungen respektieren die Leute nicht wegen seines Vaters, sondern wegen ihm.“ Als ich in Familien mit Kindern, vor allem mit Jungen jenseits des fünften Lebensjahres zusammen war, hörte ich immer wieder die Väter mit Stolz berichten, dass ihre Kinder aufgrund ihres Auftretens bzw. Durchsetzungsvermögens auf der Straße den Respekt der Gemeinschaft genießen würden. Hier wurden körperliche Stärke, sprachliche Aufmüp- figkeit und das Zurschautragen von Stolz als wichtige und positive Anzeichen der Ent- wicklung gesehen. Ein Bekannter hatte einen Jungen, der aufgrund einer angeborenen Muskelschwäche nicht in die boxerischen Fußstapfen seines Vaters treten konnte. Der Vater erzählte mir eine Begebenheit, wie der Junge individuelle Anerkennung erlangt hatte: als in einem Festgottesdienst der mullo ausfiel, konnte er der Gemeinde aus dem Koran vorlesen und alle Leute lauschten andächtig. Solche Fälle zeigen deutlich, dass sich Jungen schon von jungen Jahren an Respekt verschaffen sollten, nicht so sehr allein mit körperlicher Stärke, sondern so, wie es ihnen nach Maßgabe ihrer Vorrausetzungen am besten gelingt. „Unsere Frauen reden mit Dir wie ein Mann!“ Dieses Sprichwort berichtet einerseits von dem unverhohlenen Stolz, den die Männer empfinden, wenn sie ihre Frauen als gleichberechtigt darstellen. Andererseits liegt in die- ser proklamierten Gleichberechtigung auch ein praktisches Problem: die Unterordnung der Frau unter den Mann. Obwohl das koranische Ideal gilt, die Frau sei dem Mann schutzbefohlen, gilt ebenso das Ideal der Gleichberechtigung. Da beide Regeln im dis- kursiven Widerstreit stehen, kommt es unter den Ehepartnern oft zu Auseinanderset- zungen. Manchmal flieht die Ehegattin in ein Asyl – es kann die Mutter oder die Schwe- ster sein – und wird dort nach einigen Tagen vom Ehegatten wieder herausverlangt. Oft ist beiden die Zeitspanne bekannt, die nötig ist, bis man sich gegenseitig vergeben kann. Einmal konnte ich mitverfolgen, wie ein Boxer seine Frau wieder heraus verlangte. Die Mutter der Braut stellte sich vor ihn und drohte ihm, ihn mit der Gerte zu schlagen. Er erkannte die unbedingte Autorität der bewaffneten Älteren an, seine Frau jedoch hatte ihm längst wieder verziehen und so wurde die Familie unter dem Schelten und Belehren der Brautmutter wieder zusammengeführt. 18 Olaf Günther Grundsätzlich existiert unter Uzbeken wie unter Zigeunern eine Asymmetrie der Machtverteilung in der Familie. Jedoch werden bei den Zigeunern Konflikte und Streit oft durch Flucht der Frauen gelöst. Für die Uzbekinnen ist dies meist das allerletzte Mittel der Hilfe nach einer langen Zeit des Leidens und wird weitaus weniger angewendet. Dass Frauen bei Zigeunern den Männern als ebenbürtig gelten können, beobachtete ich in der problemlosen Übernahme traditionell von Männern besetzter Ämter durch Frauen. So können Frauen zum Familienoberhaupt avancieren. Sie können als Lehrmei- sterinnen gelten. Sie sind Reiseführerinnen bei ökonomischen Expeditionen von Zigeu- nergruppen in die „Fremde“. In der Öffentlichkeit zeigen sich Frauen und Männern näher, als es bei den Nichtzigeunern der Fall ist. Wenn man in der Familie unter sich ist – zum Teil auch im Beisein von Gästen – setzen sich Männer und Frauen zusammen an einen Tisch. Bei meinen Besuchen bei Zigeunern nahmen Frauen fast immer am Gespräch teil und erzählten ihre eigenen Geschichten. Eine eindrückliche Beobachtung war, dass Männer und Frauen bei den Zigeunern auch eine gleichberechtigte Fest- und Trinkgemeinschaft bilden können. So tauchte ein- mal ein stark alkoholisiertes Zigeunerehepaar bei ihren Verwandten auf, bei denen ich mich eben zum Sprachunterricht befand. Sie berichteten entschuldigend, wie sehr sie gemeinsam die Beschneidungsfeier ihres Sohnes genossen und den glücklichen Ausgang der Beschneidung gefeiert hätten. „Gehst du nicht betteln, verlierst du das Andenken an Deine Vorväter.“ Das Betteln ist keineswegs Alltag bei den Zigeunern. Aber es gehört im Ideal in ihre Lebenswelt. Es ist keine Schande, sondern religiöse Pflicht eines jeden Zigeuners, we- nigstens im Fastenmonat Ramadhan sich den Bart lang wachsen zu lassen, alte Kleider anzuziehen und auf dem Markt, in der Fremde oder in den Wohnvierteln betteln zu gehen. Wer das nicht tue, schände das Andenken an die Ahnen. Der Bart sei dazu eines der wesentlichen Merkmale der Armut und Möglichkeit der Verschleierung. Durch den Bart könne man sich für die anderen unkenntlich machen. Einer meiner Informanten ging sogar soweit, aus dem Bettelideal die Unmöglichkeit abzuleiten, mit Nichtzigeunern Freundschaften zu schließen. Denn, wenn er als Freund vor sie trete und nicht als frem- der Bettler, so könnte er von ihnen keinen Pfennig mehr erwarten. Fremdheit wurde von ihm als Vorraussetzung angesehen, Zigeuner zu sein, auch wenn diese sich auf zwei oder drei Tage im Fastenmonat Ramadhan beschränke. Praktizierte Relationen 19 Das „Zigeunerische“ als praktizierter tsigalonogischer Relationismus Viele der Typisierungen der Mehrheitsgesellschaft finden kein besonderes Äquivalent in den Idealvorstellungen der Zigeuner bzw. lassen sich beim genauen Betrachten nicht als Besonderheit von Zigeunern in Mittelasien interpretieren. Betrachte ich im Folgenden nun also das „Zigeunerische“, kann es nur im Lichte des am Anfang besprochenen tsiganologischen Relationismus verstanden werden. Dieser wirkt sich durch dynamische Wechselwirkungen zwischen den zwei sinnweltlich kon- struierten Polen – dem der Mehrheit und dem der Zigeuner – auch auf die Praxis im Alltag aus. Denn in der Praxis nahm ich die Zigeuner als Akteure wahr, die ihren Stand- punkt im situational abhängigen Relationsgefüge zwischen Mehrheit und Minderheit ständig ändern. Es gibt dabei unterschiedliche Grade der Differenz des Einzelnen im Be- zug auf die sozial konstruierten Ordnungsvorstellungen der Mehrheitsbevölkerung und die der Zigeuner. Das Individuum nimmt also fortwährend wechselnde Standpunkte im relationalen Gefüge beider Pole ein und verhält sich entsprechend zu ihnen auf der Ebe- ne der Lebenswirklichkeit. Es kann eine relative Nähe oder Ferne zu einem dieser Pole empfinden, es ist in seinen Handlungen aber nie nur Teil eines Ideals. Dabei ist es im Normalfall der Zigeuner, der durch Sozialisierung in mehreren Wirklichkeiten (Familie, Schule, Ausbildung, Erwerbstätigkeit) die relationale Beziehung zu beiden Polen nutzt. Jedoch kann diese bipolare Weltsicht auch für Mitglieder der Mehrheitsgesellschaft, die sich dem Pol zigeunerischer Ordungsvorstellungen nähern, handlungsbestimmend wer- den. Die alternative Ordnung Das „Zigeunerische“ ist aus der Perspektive der mittelasiatischen Mehrheitsgesellschaft zwangsläufig ein Ausdruck von Unordnung. Das Unverständnis beider Gruppen (Zigeu- ner und havrig) füreinander ist aus einer jeweils ablehnenden Einstellung zu den Werten der anderen zu erklären. Das, was den Zigeunern recht erscheint (z.B. Selbstjustiz), über- schreitet das Rechtsverständnis der havrig. Dazu kommt, dass im Wettstreit der unter- schiedlichen Wertewelten die Normen der Mehrheitsbevölkerung immer die Oberhand behalten. Hier kann sich bei Zigeunern zurecht das Gefühl einstellen, dass sie von der Gesellschaft ungerecht behandelt würden.13 13 Diese Beobachtungen decken sich mit dem Gedanken Bernhard Strecks zur „Kontrastkultur“ (Streck 2003). 20 Olaf Günther In diesem Sinne trifft die Typisierung der Mehrheitsbevölkerung zu, unter den Zigeu- nern herrsche wilde Unordnung, allerdings nur in Bezug auf die teilweise Abwesenheit der Ordnung der Mehrheitsbevölkerung. Das Leben der Unordnung stößt bei der Mehr- heitsbevölkerung auf Ablehnung. Wird die Unordnung, d.h. die „zigeunerische“ Ord- nung, jedoch selbstbewusst vom Einzelnen (auch dem Nichtzigeuner) angenommen, lebt er in der Wertewelt der Zigeuner und gerät mit den Werten der anderen in unaufhörliche Kollision. Es gibt zwei Auswege aus dem Dilemma. Einmal ist es der Verbleib in der Au- tonomie des Zigeunerviertels, d.h. in den eigenen Regelsystemen, der das Funktionieren der Wertewelt der Zigeuner begünstigt. Das Betreten der Welt der anderen findet dann nur zum Zweck des ökonomischen Vorteils statt, wie es etwa im Handel oder am dra- stischsten in der Bettelei geschieht. Oder man arrangiert sich mit der Mehrheitsmoral bzw. den anderen Wertmaßstäben und versucht, sich ihnen so weit wie nötig anzupassen. Der Grad der Anpassung an das eine oder andere Ordnungssystem wird dabei von der Position des Individuums im relationalen Feld bestimmt. Zwischen den Polen kommt es zu verschiedenen Graden der Eingebundenheit in die Lebenswelten von Zigeunern oder Nichtzigeunern. Die Loyalität zur jeweiligen Wertewelt muss also nicht statisch sein, son- dern ist immer situativ, da sich die Position des Zigeuners im relationalen Feld ständig verändert. Anpassung ist also keine Abkehr von „zigeunerischen“ Idealen, sondern die Fähigkeit, sich in mehren Wertewelten bewegen zu können. Das zigeunerische Kollektiv Die Angst der havrig, die Antwort der Zigeuner auf eine unrechte Behandlung des Ein- zelnen würde bei ihnen im Kollektiv erfolgen, deckt sich weitgehend mit den Idealen der Zigeuner, dass alle für Einen stehen müssten, im Gutem wie im Schlechten. Doch ist das gegenseitige Einstehen und die Loyalität zueinander nicht allein durch die Geburt in das Kollektiv vorgegeben. Die verwandtschaftliche Dazugehörigkeit mag zwar eine Rolle spielen, kann aber auch wieder verloren gehen, wenn man sich dauerhaft jenseits des Zigeunerkollektivs bewegt. Mit der Akkulturation Einzelner in die Mehrheitsgesellschaft zum Beispiel werden Netzwerke eher in der Welt der Mehrheitsgesellschaft geknüpft. So- mit bewegt sich der Einzelne anhaltend jenseits zigeunerischer Ordnungsvorstellungen und Wertewelten. Legt man nun den Relationismus als Analyseinstrument zugrunde, wird folgendes deutlich: Individuen können in beiden Wertewelten agieren. Der Ein- zelne befindet sich im relationalen Feld zwischen beiden Kollektiven und muss sich in ihnen verhalten. Dabei ist es im Normalfall der Zigeuner, der von den Möglichkeiten des Wechsels der Welten profitiert. Es können aber auch die havrig, die Nichtzigeuner, in die Loyalität des Zigeunerkollektivs mit eingebunden werden. Das „Zigeunerische“ kann Praktizierte Relationen 21 etwa zum Zweck der Rückversicherung oder der Vergeltung auch die Wahlmöglichkeit zwischen relational zueinander stehenden Kollektiven sein. Der Respekt Der Respekt ist auf beiden Seiten des relationalen Felds ein wichtiger Stabilitätsfaktor von Kollektiven, doch wird er an beiden Polen auf verschiedene Weisen generiert. Die Ach- tung der Anderen also bestimmt den Grad der Verankerung ins Kollektiv. Die Achtung wiederum speist sich aus der Ordnung und ihren Werten, für die das Kollektiv einsteht. Dabei ist es bei weitem nicht nur der Respekt, den man sich durch Prügeleien auf der Straße verdient. Man verdient sich bei den Zigeunern Achtung als gescheiter Mensch, als guter Muslim, als welterfahrener Reisender, als großer Künstler usw. So wie sich der Sohn meines Gesprächspartners durch das Vorlesen des Korans Respekt verschaffte (s.o.), kann der Einzelne sich z.B. durch die Kenntnis der Sprache der Zigeuner Achtung ver- dienen, auch wenn er nicht aus dem Zigeunerviertel kommt. Das Wissen um den Argot des Tadschikischen, die Kenntnis der Wörter, die als speziell zigeunerisch gelten und die richtige Aussprache der tadschikischen Wörter im lokalen Dialekt können dem ein- zelnen Nichtzigeuner im Zigeunerwohnviertel Respekt verschaffen. Die Werteskala des Respekts (Girtler 1995) ist dabei nicht gesamtgesellschaftlich vorgegeben, sondern auch in den eigenen alternativen Wertesystemen der mittelasiatischen Zigeuner zu suchen. So kann ein langer Gefängnisaufenthalt, der Aufgrund eines ungerechten Schuldspruchs zu- stande kam, dem Respekt innerhalb des Zigeunerkollektivs förderlich sein. Da die Dazugehörigkeit zum Zigeunerkollektiv sich vor allem durch Handlungen generiert, die im Einklang mit der zigeunerischen Wertordnung stehen, ist die zigeune- rische Gemeinschaft bei entsprechendem Verhalten auch offen für Außenstehende. Am anderen Pol, der Mehrheitsgesellschaft jedoch generiert sich Respekt vor allem durch die Verortung im sozialen Schichtungssystem. Hier entscheidet der Stand, die Herkunft oder das Eigentum über die Verankerung ins Kollektiv. Legt der Zigeuner auch in der Mehrheitsgesellschaft Wert darauf, Respekt zu generieren, nutzt er deren Mittel wie z.B. ostentativen Reichtum oder die Angabe einer edlen Herkunft. Deswegen werden zigeu- nerische Respektpersonen nach Außen auch als „Baron“ (baron) vorgestellt und nicht mit dem innerhalb der eigenen Gemeinschaft geltenden Terminus des „Ältesten“ (kalon- tar). Ein anderes Mittel, in der Mehrheitsgesellschaft eine respektablere Einbettung zu erfahren, ist das Verlassen des Zigeunerwohnviertels (also der Herkunftsorte) und das Umziehen in prestigeträchtigere Viertel als Mittel der Anerkennung durch die Umge- bungsgesellschaft. 22 Olaf Günther Die Präsenz Zu den oben unter dem Stichwort „Kollektiv“ dargestellten Überlegungen über zigeune- rische Zugehörigkeit im relationalen Feld gesellt sich ein weiteres Mittel zigeunerischen Handelns: der Umgang mit der Präsenz. So ist Unauffälligkeit eines der Mittel, die zur Bewegung in verschiedenen Umgebungen befähigt. Auch die Typisierung des Zigeuners als falsch oder als Schwindler seitens der Mehrheitsbevölkerung erlebt hier ihre Bestä- tigung. „Zeige keinem deinen Reichtum, keinem deinen klugen Kopf, präsentiere dich unauffällig.“ Unauffälligkeit wird nicht durch Anpassung erreicht, sondern durch Ca- mouflage. Einer meiner Freunde im Zigeunerviertel meinte zu mir, wenn ich das nächste Mal komme, mache er mich zum Zigeuner: die Haare kurz, dazu einen Chulpon (mit- telasiatischen Wattemantel), darunter ein Jogginganzug und ein paar sportliche Schuhe. Das war mitnichten etwa Zigeunerfolklore, sondern genau der Look der anderen Jugend- lichen in der Stadt auch. Ich sollte also nicht zum folkloristischen Zigeuner werden, son- dern im Gegenteil: unerkennbar. Das war in seinen Augen der richtige Zigeuner. Die Strategie der Camouflage ist jedoch nur eine Form der Erzeugung von (Nicht)- Präsenz. Es gibt auch andere Formen zigeunerischer Erwerbstätigkeit, in denen Unauf- fälligkeit geradezu kontraproduktiv wäre. Die von der Bettelei lebenden Zigeunerfami- lien zum Beispiel müssen eine Auffälligkeit produzieren, die auf ihre Not aufmerksam macht. Auch diese Form von Präsenz ist an Regeln gebunden. So muss sich ein Bettler als Zeichen seiner Gottesfürchtigkeit den Bart lang wachsen lassen. Auch sollte er einen Stock mit sich führen. All dies sind überkommene Attribute eines wandernden religiösen Bettlers, die heute in Mittelasien nicht mehr existieren. Trifft man jedoch Bettlerfamilien in ihrem häuslichen Umfeld, fehlen die Attribute der Auffälligkeit fast völlig. Die eigene Präsenz als Mittel einzusetzen, entspricht der Forderung der havrig nach Sichtbarkeit. Der Zigeuner kann ja nur als solcher erkannt werden, wenn er in seiner Präsenz der Erwartung der Mehrheitsgesellschaft entspricht. Am anderen Ende des re- lationalen Felds, im Zigeunerviertel etwa, spielt Präsenz eine nur geringe Rolle. Camou- flage und Auffälligkeit sind also Mittel, den Erwartungen der Umgebungsgesellschaft zu begegnen. Egalität und Unterordnung Das Auftreten von Zigeunerfrauen in der Öffentlichkeit erklärt sich die Mehrheitsbevöl- kerung oft mit dem oben veranschaulichten Argument der Unordnung. Im Fall der Frau- enrolle vermuten die havrig einen einfachen Rollentausch. Bei Zigeunern sei die Frau der Mann und umgekehrt. Da die Gleichheit aller Menschen aber im Islam ein allge- Praktizierte Relationen 23 meines Ideal ist, unterscheiden sich Mehrheit und Zigeuner im Bezug auf dieses Ideal nicht. Ein Unterschied zur Mehrheitsgesellschaft besteht jedoch bei der Umsetzung des Ideals, vor allem bezogen auf die Rolle der Frauen in der Gemeinschaft. So gibt es in den Zigeunergruppen Frauen, die Plätze einnehmen, die in der Mehrheitsgesellschaft Män- nern vorbehalten sind. Das heißt, Frauen können durchaus auch den Familienvorsitz oder die Führerschaft in Gruppen übernehmen. Die Durchsetzungsstärke einer Person in ei- ner Gemeinschaft macht hier nicht am Geschlecht halt. Auch die „repräsentative Rede“ (Schiffauer 1987) ist nicht, wie bei den Gemeinschaften der Mehrheit, auf den Mann be- schränkt. Die Meinung der Frauen ist nicht auf den Machtbereich des Haushalts einge- grenzt, sondern tritt auch im öffentlichen Raum selbstbewusst auf. Separieren sich in der muslimischen Mehrheitsgesellschaft die Frauen von der Tischgemeinschaft der Männer, ist in der Welt der Zigeuner hier keine Trennung zu spüren. Frauen nehmen am Tischge- spräch genauso wie die Männer teil. Die Gesetze der Egalität gelten jedoch nur im Bereich zigeunerischer Lebenswelten. Werden diese gestört, etwa durch nichtzigeunerische Gäste, verhält sich die Frau je nach individuellem Selbstverständnis. Sie kann durch Zurückhal- tung sich in die Gesetzlichkeit der Umgebungsgesellschaft einpassen oder selbstbewusst zigeunerisches Selbstverständnis leben. Ist jedoch die Familie oder die Frau im Bereich der Mehrheitsgesellschaft aktiv, fällt diese Präsenz sofort als störend auf. Will die Frau also im relationalen Feld nicht unnötig in Spannungen kommen, wird sie die Gesetze der allgemeinen Unauffälligkeit der Frauen in der Öffentlichkeit akzeptieren. Schluss Soll es am Ende also heißen, „zigeunerische“ Lebenspraxen in Mittelasien seien vor allem durch die Wahlmöglichkeit bestimmt? Die Frage sollte auf der einen Seite bejaht werden, denn mir stellte sich die Lebenswelt der Zigeuner als Welt der Möglichkeiten vor. Ich nahm die Zigeuner als flexible Akteure mit einer Strategie situationaler Verortung wahr. Das sich zeitlich begrenzte Platzieren-können zwischen zwei Polen, das Spiel mit den Op- tionen, das Kennen mehrer Realitäten – der Realität in einer Zigeunermahalla und in der Mehrheitsgesellschaft, aus denen die Zigeuner ihre Handlungsoptionen wählen können – war ihre Lebenswirklichkeit. Das „Zigeunerische“ ist damit mehr als eine Subkultur, mehr als eine Parallelgesellschaft. Es ist der mannigfaltige, situational unterschiedliche Rückgriff auf Wertesysteme, Handlungsoptionen, ökonomische Strategien und Netz- werke. Es ist die situational unterschiedliche Einbettung in Loyalitätsbeziehungen und die sich daraus ergebende Vielzahl kollektiver Äußerungen, die Zigeuner umgeben, die sie benutzen, für die sie aber auch einstehen müssen. 24 Olaf Günther Auf der anderen Seite sollte aber die erste Antwort auf die Frage nicht darüber hin- wegtäuschen, dass eine Wahlmöglichkeit zu haben, keine Metapher für ein Wünsch-Dir- Was-Spiel ist, denn zur Wahl gesellen sich nicht nur die Qual, sondern auch die Folgen eigenen Tuns. So muss eine jede Entscheidung im relationalen Feld von Ordnungsvorstel- lungen und Wertewelten auch verantwortet werden. Bestimmte Entscheidungen können zum Ausschluss aus Loyalitätsbeziehungen führen, ins Gefängnis oder in den Hörsaal. Das „Zigeunerische“ kann jedoch, und das zeigt den Wert relationaler Betrachtungen, auch losgelöst von der ethnischen Zuschreibung existieren und von allen Mitgliedern der Gesellschaft in Anspruch genommen werden. Somit ist das „Zigeunerische“ offen, höchst dynamisch und in seinen mannigfaltigen Ausformungen innerhalb des relatio- nalen Felds dem historischen Wandel unterworfen. Praktizierte Relationen 25 Literatur Baldauf, I. 1991. Some thoughts on the making of the Uzbek nation. Cahiers du monde russe Russie, Empire russe, Union sovietique et états indèpendants 32(1):79-96. Berland, J.C. 1982. No Five Fingers are Alike: Cognitive Amplifiers in Social Context. Cambridge, Mass., London: Harvard University Press. Berland, J.C. & Rao, A. (eds.) 2004. Customary strangers: new perspectives on peripatetic peoples in the Middle East, Africa, and Asia. Westport, London: Praeger. Boissevain, J. 1978. Friends of Friends - Networks, Manipulators and Coalitions. Oxford: Basil Blackwell. Engebrigsten, A. 2007. Exploring gypsyness: power, exchange and interdependence in a Transylvanian village. Oxford: Berghahn Books. Fragner, B.G. 1999. Die „Persophonie“. 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