Tor zum Osten oder Krisenherd? Wie das EU-Ukraine-Abkommen den postsowjetischen Raum verändern würde
Tor zum Osten oder Krisenherd? Wie das EU-Ukraine-Abkommen den postsowjetischen Raum verändern würde
Tor zum Osten oder Krisenherd? Wie das EU-Ukraine-Abkommen den postsowjetischen Raum verändern würde
EU-Nachbarschaftspolitik
Tor zum Osten oder Krisenherd?
Wie das EU-Ukraine-Abkommen den postsowjetischen Raum verändern würde
Andreas Umland | Ende November soll es endlich so weit sein: Die EU und die
kraine unterzeichnen in Vilnius ein Assoziierungsabkommen. Doch wie
U
geht es danach weiter? Ohne eine klare Beitrittsperspektive für die Ukraine
ist das größte europäische Demokratisierungsprojekt wenig mehr als ein
Experiment. Und wie wird die EU auf Moskauer Widerstand reagieren?
Die Ukraine und die EU haben im Mit dieser Schicksalsfrage waren die
Sommer 2012 das umfangreichste As- Ukrainer zwar schon häufig konfron-
soziierungsabkommen paraphiert, das tiert. Neu ist jedoch, dass Kiew heute
Brüssel je ausgehandelt hat. Obwohl zwei unterschriftsreife Vertragstexte
dieses Vertragswerk keine ausdrückli- zur Auswahl vorliegen: eine Assoziie-
che Perspektive für eine EU-Mitglied- rung mit der EU oder der Beitritt zur
schaft enthält, hätte seine vollständige Zollunion Russlands, Belarus’ und Ka-
Implementierung eine weitgehende sachstans. Eine erfolgreiche Imple-
Integration der Ukraine in den euro- mentierung des EU-Ukraine-Abkom-
päischen Wirtschafts- und Werteraum mens könnte zu einer späteren ukrai-
zur Folge. In der ersten Jahreshälfte nischen Kandidatur für eine Mitglied-
2013 wurden alle technischen Vorbe- schaft in der Union führen. Wird der
reitungen für die Unterzeichnung größte rein europäische Flächenstaat
sowie die Übersetzung des Abkom- mit seinen rund 45 Millionen Einwoh-
mens in die EU-Sprachen abgeschlos- nern demnächst Teil des europäischen
sen; auch wurde der Vertragstext in Integrationsprozesses oder bleibt das
Kiew veröffentlicht. Das für beide Schicksal der Ukraine als Nation und
Seiten bedeutsame Abkommen ist Staat weiter in der Schwebe?
nunmehr zur Unterzeichnung bereit. Für Brüssel wäre die erfolgreiche
Seit Jahrhunderten suchen die Uk- Ratifizierung und Umsetzung des
rainer nach ihrer nationalen Identität Mammutvertrags der wichtigste Ein-
sowie internationalen Verortung. Nun zelerfolg in der Geschichte ihrer exter-
stehen sie vor der Entscheidung: Ge- nen Demokratieförderung. Mit der
hört ihr Land zum westlich geprägten Annäherung der Ukraine an die EU
Europa oder ist es Teil einer russisch würde sich nicht nur die Reichweite
geprägten „eurasischen“ Zivilisation? europäischer Werte und Institutionen
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Tor zum Osten oder Krisenherd?
um hunderte Kilometer gen Osten kulturell und geografisch gespaltene
ausdehnen. Die Ukraine hat bekannt- Land wird durch – teils hausgemachte,
lich enge Beziehungen zu Russland teils von Russland geschürte – Debat-
und Belarus sowie auch eine gemein- ten zwischen ukraino- und russopho-
same Geschichte mit den südkaukasi- nen Ukrainern über die Rolle der rus-
schen und zentralasiatischen Ländern sischen Sprache, die Bewertung der
des ehemaligen Zaren- und Sowjet- Stalin-Ära oder die Aktivitäten der
reichs. Daher würde eine schrittweise Organisation Ukrainischer Nationalis-
Europäisierung – d.h. allmähliche ten im Zweiten
Durchsetzung von EU-Standards – in Weltkrieg erschüt- Die EU-Perspektive
der Ukraine weit über die Ostgrenze tert. Die Vision
eint das noch immer
ausstrahlen. Russland müsste sich mit einer künftigen
der Heranführung der Ukraine an die EU-Mitgliedschaft gespaltene Land
EU endgültig von seinen neoimperia- der Ukraine ande-
len Träumen verabschieden. rerseits ist eine der wenigen politi-
schen Ideen, die weitgehenden Kon-
Ein Vorbild für Eurasien? sens im Großteil der ukrainischen
Zwischen der Ukraine und den ande- Elite erzeugt. Selbst in den traditionell
ren UdSSR-Nachfolgestaaten bestehen prorussischen süd- und ostukraini-
vielfältige politische, kulturelle und schen Bevölkerungsgruppen wird die
wirtschaftliche Kontakte. Fortschritte Möglichkeit eines EU-Beitritts – im
der Ukraine in den Bereichen Demo- Gegensatz zu einer NATO-Mitglied-
kratisierung, Rechtsstaatlichkeit, Li- schaft der Ukraine – von vielen mit
beralisierung, gesellschaftlicher Mo- freundlicher Neutralität aufgenom-
dernisierung usw. würden vor allem men. Aus all diesen Gründen hat das
in Russland und Belarus, aber auch im Abkommen nicht nur eine europa-,
Kaukasus und in Zentralasien wahrge- sondern auch geo- und sicherheitspoli-
nommen werden – und könnten eine tische Dimension. Das Scheitern be-
Modellfunktion haben. Die Ukraine ziehungsweise der Erfolg der europäi-
hat deshalb nicht nur als solche für die schen Integration der Ukraine wäre
EU eine große Bedeutung. Sie könnte von wesentlicher Bedeutung sowohl
für den Westen insgesamt zum Tor für für den Westen als auch für Russland.
eine schrittweise Demokratisierung Die wachsende Nervosität des
des riesigen, vormals sowjetischen Kremls zeigt, dass die Moskauer Elite
Territoriums im nördlichen Eurasien den historischen Charakter der ukrai-
werden. Sollte aber die ukrainische nischen Entscheidung versteht. In den
Annäherung an die EU scheitern, meisten westeuropäischen Hauptstäd-
hätte das den Verlust demokratischer ten hingegen sind die Beziehungen
Ausstrahlungseffekte im postsowjeti- zwischen der EU und der Ukraine
schen Raum zur Folge. weiterhin ein zweit-, wenn nicht dritt-
Beunruhigender noch: Die Ukrai- rangiges Thema. Dementsprechend
ne ist bislang konsolidierter National- hinkt die Planung hinter den Heraus-
staat; im Gegenteil: in den vergange- forderungen des Assoziierungsprozes-
nen Monaten haben sich zentrifugale ses her. Zwar steht der kurzfristige
Tendenzen verstärkt. Das ohnehin Fahrplan: Ende November sollen beim
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Gipfeltreffen der Östlichen Partner- standen wird und die ehemalige Mi-
schaft1 nicht nur das ukrainische As- nisterpräsidentin in den kommenden
soziierungsabkommen unterzeichnet, Wochen zur medizinischen Behand-
sondern auch ähnliche Verträge mit lung nach Deutschland ausreisen
Georgien, Moldau und womöglich Ar- kann. Wenn dies geschieht und auch
menien paraphiert werden. Wie sich einige wichtige Gesetze zur Justiz- und
Brüssel nach dem Gipfel in Vilnius Wahlrechtsreform angenommen wer-
verhalten soll, um diese Großprojekte den, dürften die formalen Bedingun-
zu einem nachhaltigen Erfolg zu ma- gen („greifbare Fortschritte“ in den
chen, bleibt aber bislang unklar. genannten Bereichen) zur Unterzeich-
Immerhin wurde Ende 2012, An- nung des Abkommens erfüllt sein.
fang 2013 Klarheit über die Bedingun-
gen für die Unterzeichnung des Asso- Nicht ohne Beitrittsoption
ziierungsvertrags mit der Ukraine Unbestimmt ist jedoch, wie es nach
geschaffen und eine Reihe von Voraus- der Unterzeichnung weitergeht. Die
setzungen (Nachwahlen, Wahlrechts- EU war bislang weder auf die zu er-
änderungen, Justizreformen usw.) for- wartende harsche Reaktion aus Mos-
muliert. Das ist ein Fortschritt gegen- kau vorbereitet noch hat sie hinrei-
über jenen Zeiten, als die EU weitge- chende Konsequenzen aus dem enor-
hend kommentar- und tatenlos der men Umfang der Reformaufgaben in
Machtkonzentration von Präsident der ukrainischen Staatsmaschinerie
Viktor Janukowitsch zusah – ja eine und Wirtschaft gezogen. Zwar hat die
dubiose Abord- EU rechtzeitig das Ausmaß der provi-
Jetzt muss nur noch nung des Europäi- sorischen Anwendung großer Teile
schen Parlaments des Abkommens noch vor seiner Rati-
Julia Tymoschenko
im Frühjahr 2010 fizierung durch die EU-Mitgliedslän-
freigelassen werden die parlamentari- der geklärt und angekündigt, dass
schen Manipulati- circa 90 Prozent der Freihandelsbe-
onen des neugewählten Präsidenten stimmungen und etwa 50 Prozent des
gar guthieß. Heute haben sich auch politischen Teils bereits ab 2014 im-
dank des Engagements des tschechi- plementiert werden. Allerdings scheu-
schen EU-Kommissars für Erweite- en sich die Staats- und Regierungs-
rungs- und Nachbarschaftspolitik, chefs der EU, den entscheidenden
Štefan Füle, die Beziehungen zwischen Schritt zur Sicherung einer zügigen
Brüssel und Kiew intensiviert. und tiefen Europäisierung der Ukrai-
Die wichtigste Bedingung, die für ne zu tun – nämlich ihr eine langfris-
die Unterzeichnung des Assoziie- tige und an Bedingungen geknüpfte,
rungsvertrags erfüllt werden muss, ist aber doch klare Perspektive für eine
die Freilassung der zu Unrecht inhaf- EU-Mitgliedschaft zu geben.
tierten Oppositionsführerin Julia Ty- Ohne eine Beitrittsoption aber
moschenko. Es gibt Anzeichen, dass bleibt der gesamte Assoziierungspro-
dies nun auch von Janukowitsch ver- zess ein unausgereiftes Projekt, wenn
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Neben den EU-Staaten gehören dazu Armenien, Aserbaidschan, Belarus, Georgien, die Republik
Moldau und die Ukraine.
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nicht riskantes Experiment. Die poli- schaftsperspektive hat, jedoch womög-
tikwissenschaftliche Europa-For- lich nie beitreten wird. Selbst wenn
schung der vergangenen Jahre hat wie- ein Land, wie im Falle der Türkei oder
derholt die wichtige, wenn nicht ent- Serbiens, den Status eines Beitritts-
scheidende Rolle eines an eindeutige kandidaten bekommen hat, behält die
Bedingungen geknüpften Aufnahme- EU alle Handlungsoptionen. Sie kann
versprechens nachgewiesen, um ein einen Aufschub oder Entzug der Auf-
postkommunistisches Land effektiv an nahme mit Hinweis auf die mangelnde
Europa heranzuführen. Ohne das Vorbereitung des Landes oder auf die
Druckmittel eines Aufschubs bzw. fehlende eigene Bereitschaft zu weite-
Entzugs der Beitrittsoption droht der ren Beitritten begründen.
Assoziierungsprozess zu einem Miss- Bis vor kurzem schien die EU ig-
erfolg der Brüsseler Nachbarschafts- noriert zu haben, dass sich Moskau
politik zu werden – mit traurigen Fol- gegen eine Integration der Ukraine
gen nicht nur für die Ukraine, sondern wehren könnte. Solche Blauäugigkeit
auch für eine diskreditierte EU. gegenüber den außenpolitischen Inte-
Es ist nicht nachvollziehbar, ressen des Kremls hat Tradition. Die
warum sich die EU mit einer Aussicht deutsche Sozialdemokratie etwa
auf Mitgliedschaft so schwer tut: Ein scheint bis heute nicht verstanden zu
Kandidatenstatus für die Ukraine haben, dass Russland die kostspieli-
würde frühestens in zehn Jahren auf gen Nord- und South-Stream-Pipe-
die Tagesordnung kommen, und eine lines für Erdgas vor allem dazu benö-
Kandidatur führt nicht notwendiger- tigt, weniger abhängig von der Ukrai-
weise zu einer schnellen Aufnahme. ne zu werden und damit mehr Druck-
Dies zeigt das Beispiel der Türkei, die potenzial gegenüber dem „Brudervolk“
seit nunmehr 50 Jahren eine Mitglied- zu haben. Auch in Brüssel erkannte
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EU-Nachbarschaftspolitik
man lange Zeit nicht die Intensität der bargo gegen die Ukraine zu einem eu-
russischen Begehrlichkeiten gegen- ropäischen Handelskrieg gegen Russ-
über der Ukraine. Obwohl es zuvor land führen würde. Die daraus resul-
schon eine Reihe ähnlicher Aktionen tierenden Einkommensverluste russi-
Moskaus gegeben hatte, war die Euro- scher Unternehmen und Haushalte
päische Union im würden über kurz oder lang zu sozia-
Russland darf die August 2013 sicht- len Verwerfungen führen, die wieder-
lich überrascht, als um mit innenpolitischen Risiken für
ukrainische Wirtschaft
der russische Prä- den Kreml verbunden wären. Nur die
nicht weiter strangulieren sident Wladimir Gefahr eines Machtverlusts wird
Putin mit einem Putin veranlassen, sich anders zu ver-
fünftägigen De-facto-Handelsembargo halten, als er dies seit Jahren gegen-
für alle ukrainischen Importe nach über Georgien, Moldau und anderen
Russland versuchte, Kiew von seinem postsowjetischen Republiken tut.
Europäisierungskurs abzubringen. Erste Signale aus Brüssel lassen er-
kennen, dass diese Zusammenhänge
Klare Ansage an den Kreml zumindest in den EU-Organen er-
Vor diesem Hintergrund ist es wichtig, kannt werden. Doch auch in Berlin,
dass die EU und ihre Mitgliedstaaten Paris, London und Rom müssen der-
– nicht zuletzt Deutschland – Moskau artige Szenarien diskutiert, und auch
glaubwürdig signalisieren, dass ge- von dort klare Signale nach Moskau
samteuropäische Sanktionen folgen gesandt werden.
würden, wenn es wieder zu russi- Die Europäische Union und ihre
schen Handelsbeschränkungen gegen- Mitgliedsländer werden nicht um-
über der Ukraine kommen sollte. Zwar hinkommen, sich intensiver mit der
könnten europäische Gegenmaßnah- Ukraine und ihren innen- wie au-
men - gerade für die eng mit Russland ßenpolitischen Problemen zu be-
verbandelte deutsche Wirtschaft - zu schäftigen. Dafür sind die Risiken
erheblichen Gewinneinbußen führen. und Chancen, welche die künftige
Aber die Kosten eines Auseinanderfal- Entwicklung des größten europäi-
lens des größten Flächenstaats Euro- schen Flächenstaats birgt, zu groß.
pas aufgrund einer russischen Stran- Deutschland sollte es – schon aus
gulierung der ukrainischen Wirtschaft historischen Gründen – nicht an Be-
wären für den deutschen Steuerzahler herztheit, Prinzipienfestigkeit und
letztlich höher als eventuelle Verluste Weitsicht in seiner künftigen Ukrai-
aus Berliner Handelsbeschränkungen ne-Politik fehlen lassen.
für Russland.
Wie das Verhalten der russischen Andreas Umland,
Führung gegenüber Georgien im Au- Dr. phil., Ph.D. (Cam-
gust 2008 zeigte, darf die Konfliktbe- bridge), ist DAAD-
Fachlektor für Europa-
reitschaft des Kremls zur Durchset- studien an der Kiewer
zung seiner Interessen im postsowjeti- Mohyla-Akademie und
schen Raum nicht unterschätzt wer- Herausgeber der Reihe
„Soviet and Post-Soviet
den. Für die Moskauer Machthaber Politics and Society“.
muss deutlich werden, dass ein Em-
112 IP • November / Dezember 2013
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