Gezähnte Geschichte: Die Briefmarke als historische Quelle
2019
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Gezähnte Geschichte: Die Briefmarke als historische Quelle
Gezähnte Geschichte: Die Briefmarke als historische Quelle
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1 Post – Wert – Zeichen
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Pierre Smolarski, Ren Smolarski und Silke Vetter-Schultheiß
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1 Pierre Smolarski / Ren Smolarski /
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Silke Vetter-Schultheiß (Hg.)
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18 Mit zahlreichen Abbildungen
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22 Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen
23 Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über
24 http://dnb.d-nb.de abrufbar.
25
Gedruckt mit freundlicher Unterstützung der Stiftung zur Förderung der Philatelie und
26 Postgeschichte, der Universitätsbibliothek Erfurt und der Ernst-Abbe-Stiftung Jena.
27
28 2019, V& R unipress GmbH, Robert-Bosch-Breite 6, D-37079 Göttingen
Dieses Werk ist als Open-Access-Publikation im Sinne der Creative-Commons-Lizenz BY-NC-ND
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30 DOI 10.14220/9783737009379 abzurufen. Um eine Kopie dieser Lizenz zu sehen, besuchen Sie
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schriftlichen Einwilligung des Verlages.
33
34 Umschlagabbildung: Pierre und Ren Smolarski; Quellennachweis für das verwendete Foto:
35 Bundesarchiv, Bild 183-85458-0001 / Heinz Junge, 13. 8. 1961. Dieses Foto wird im Sinne der
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36 Bedingungen«) verwendet.
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38 Vandenhoeck & Ruprecht Verlage j www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com
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ISSN 2626-2134
40 ISBN 978-3-7370-0937-9
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Inhalt
Danksagung ..............................................................................................................9
I. Einleitung
Pierre Smolarski / René Smolarski / Silke Vetter-Schultheiß
Gezähnte Geschichte. Die Briefmarke als historische Quelle:
Zur Einführung ........................................................................................................13
Gottfried Gabriel
Die politische Bildersprache der Briefmarken. Beispiele aus der
deutschen Geschichte ..............................................................................................21
Christian Rohr
Land der Berge? Alpine Landschaften, Kultur und Infrastruktur im
Spiegel österreichischer und Schweizer Briefmarkenemissionen
nach 1945...................................................................................................................37
Christian Könne
Briefmarken im Geschichtsunterricht der Schule. Didaktische Konzepte
und das Angebot in den Schulbüchern .................................................................71
II. Erinnern und Tradition auf Briefmarken.
Über Hegemonie und Mnemosyne
Pierre Smolarski
Erinnern und Tradition auf Briefmarken. Über Hegemonie und
Mnemosyne: Zur Einführung.................................................................................101
Björn Onken
Deutschlandpolitik der frühen sechziger Jahre im geschichtskulturellen
Gewand. Die Briefmarkendauerserie Bedeutende Deutsche der
Deutschen Bundespost ............................................................................................105
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Pierre Smolarski
100 Jahre Arbeit. Ein Essay zur Alltagsästhetik der Arbeit auf deutschen
Briefmarken ..............................................................................................................341
René Smolarski
»... zwei Welten im Leben eines Volkes«. Nationalsozialistische
Geschlechterrollen im Spiegel der Briefmarken des ›Dritten Reiches‹
(1933–1945) ..............................................................................................................369
Franz Tröger
Die Propaganda und die Vielen. Briefmarken in der politischen
Kommunikation des NS-Staates ............................................................................399
Werner Boddenberg
Das Bild des Kriegsgefangenen als Mittel der Propaganda und
Gegenpropaganda. Die Kriegsgefangenen-Gedenkmarke der
Bundesrepublik Deutschland von 1953 ................................................................423
Silke Vetter-Schultheiß
Europäisches Naturschutzjahr 1970 im Miniaturformat. Europa im
Allgemeinen und die Bundesrepublik Deutschland im Speziellen ...................453
Annemarie Müller
Von Traktoristinnen und Kulturschaffenden. Politische
Selbstdarstellung auf den Sonderpostwertzeichen anlässlich der DDR-
Republikgeburtstage 1959 und 1964......................................................................485
Abbildungsnachweis ................................................................................................511
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Danksagung
Die Möglichkeit, den vorliegenden Band entstehen zu lassen, ist der fruchtba-
ren Kooperation mit vielen Menschen und einigen Institutionen zu verdanken.
Insbesondere gilt unser Dank den Förderern der vorausgegangenen Tagung
Gezähnte Geschichte. Die Briefmarke als historische Quelle, der Fritz Thyssen
Stiftung und der Ernst-Abbe-Stiftung. Die Konferenz wäre allerdings ohne den
Einsatz des Landesverbands Thüringer Philatelisten e.V., der eine Begleitausstel-
lung organisierte, sowie der Universität Erfurt, die die Räumlichkeiten stellte,
nicht in der auch von den Teilnehmern und Teilnehmerinnen so positiv emp-
fundenen Atmosphäre möglich gewesen. Wir danken beiden ebenso wie den
Teilnehmenden und Interessierten. Darüber hinaus gilt unser Dank auch den
Hilfskräften Liska Kübel und Dominik Gärtner, die die Tagung hilfreich beglei-
teten. Die vorliegende Publikation ist dankenswerter Weise finanziert durch die
Unterstützung der Ernst-Abbe-Stiftung, der Stiftung zur Förderung der Philatelie
und Postgeschichte sowie der Universitätsbibliothek Erfurt. Aufgrund dieser
guten Förderungslage war es auch möglich, die Publikation nicht nur in klassi-
scher Buchform, sondern auch als open access zu realisieren. Schließlich danken
wir auch dem Verlag V&R unipress, und hierbei insbesondere Frau Marie-
Carolin Vondracek und Frau Laura Haase, für die gute Betreuung bei der
Drucklegung.
Die Herausgeber und die Herausgeberin
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I. Einleitung
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Pierre Smolarski / René Smolarski / Silke Vetter-Schultheiß
Gezähnte Geschichte. Die Briefmarke als historische Quelle:
Zur Einführung
Die Philatelie hat längst nicht den Status einer anerkannten (Hilfs-)
Wissenschaft, wie beispielsweise die Numismatik oder die Heraldik. Vielmehr
haftet ihr der Ruf einer Liebhaberei an, die sich lediglich mit dem Sammeln
von Briefmarken und Fragen der Zähnung, Papier- und Farbsorten oder Stem-
peltypen beschäftigt. Dass dem nicht so ist, konnte bereits die dieser Publikati-
on vorgegangene Tagung Gezähnte Geschichte. Die Briefmarke als historische
Quelle (Universität Erfurt 2017) anhand von Werkstattberichten aus der uni-
versitären Wissenschaft wie auch der philatelistischen Forschung aufzeigen,
die sich dem Medium ›Briefmarke‹ aus unterschiedlichen Perspektiven annä-
herten. Dennoch findet philatelistische Forschung nach wie vor in besonderem
Maße außerhalb der etablierten universitären Forschungseinrichtungen statt;
immer wieder aufkeimende Bemühungen, philatelistische und universitäre
Forschung enger und nachhaltiger miteinander zu verbinden, stießen bislang –
zumindest auf institutioneller Ebene – ins Leere. 1 Die Konferenz zeigte, dass
eine solche Zusammenarbeit sehr fruchtbringend sein kann. So näherten sich
nicht nur universitäre Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Brief-
marke als Forschungsgegenstand an, sondern referierten auch Philatelisten
über ihr Spezialgebiet oder stellten in einer Ausstellung die Bandbreite heraus,
der sich die Philatelie widmet. Unter Schlagworten wie Citizen Science und
Bürgerwissenschaft nehmen jedoch in den letzten Jahren auch in den Geistes-
wissenschaften die Bestrebungen zu, universitäre und außeruniversitäre For-
schung miteinander zu vereinen. 2 In eben dieser Richtung ist auch der vorlie-
gende Tagungsband zu verstehen.
1 Vgl. Joachim Helbig: Ist Philatelie eine Hilfswissenschaft?, in: Postgeschichte – Historie Postale
– Storia Postale 82 (2000), S. 19–28.
2 Vgl. u. a.: Gerhard Ott: Hobbys. Private Quellen der Bürgerwissenschaft, in: Peter Finke (Hrsg.):
Freie Bürger, Freie Forschung. Die Wissenschaft verlässt den Elfenbeinturm, München 2015,
S. 70–74; Peter Finke: Citizen Science. Das unterschätzte Wissen der Laien, München 2014;
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Der Band verfolgt im wesentlichen drei Ziele: Erstens ist mit der Publikation
der Versuch unternommen, Wissensbereiche in der eben angesprochenen
Weise zu verbinden, was zugespitzt heißt, sowohl die philatelistische For-
schung aus der Selbstbespiegelung in philatelistischen Fachgruppen und ent-
sprechenden Publikationsorganen herauszulocken als auch die universitäre
Forschung für einen Gegenstand zu sensibilisieren, der bisher allenfalls als
gemeinfreie Bebilderung mit alltagsästhetischem Bezug fungiert. Citizen Sci-
ence ist, in dieser Weise verstanden, im Grunde einem Ideal verpflichtet, das in
Anlehnung an Friedrich Schiller als ein Zusammentreffen des universitären
Barbaren mit dem philatelistischen Wilden im ästhetischen Nullpunkt be-
zeichnet werden kann. 3
Zweitens steht die Frage im Mittelpunkt, welchen Quellenwert die Brief-
marke für die historische Forschung haben kann. Die Briefmarke, gleichsam
als populäres Symbol der Philatelie wie auch als dessen prototypischer Gegen-
stand, kann, so die Summe der hier versammelten Beiträge, in mehrfacher
Hinsicht einen Wert für die Geschichtsforschung beanspruchen: Sie ist bei-
spielsweise Zeitdokument in einem hegemonialen Diskurs, sie ist Zeugnis der
Stärke einzelner Interessengruppen, sie ist eben darum vor allem eine Quelle
der Mentalitätsgeschichte und als währungsäquivalentes Zahlungsmittel ist sie
auch ein Gegenstand der Wirtschaftsgeschichte. Insbesondere von der Menta-
litätsgeschichte aus zeigt sich dann auch die Vielfalt der Zugänge zu einzelnen
Subdisziplinen der historischen Forschung, wie beispielsweise der Technik-,
der Medizin- oder der Religionsgeschichte. Die Briefmarke ist – und darin
kommt auch einer ihrer wesentlichen geschichtsdidaktischen Funktionen zum
Ausdruck – letztlich eine Einladung, gezielt und thematisch fokussiert die
reichen Archivbestände zu im Grunde allen gesellschaftlichen Themenfeldern
zu erforschen. Die konkrete Marke wird dann faszinierender Weise zur sicht-
baren Objektivierung eines ganzen Diskurses. Die hier versammelten Beiträge,
die in sehr unterschiedlichen Weisen – von eher allgemeineren Beschreibun-
gen bis hin zu konkreten Fallstudien – den Quellenwert der Briefmarke aufzei-
Kristin Oswald/René Smolarski: Citizen Science in Kultur und Geisteswissenschaften, Guten-
berg 2016.
3 Die Anlehnung erfolgt hier an eine Stelle aus den Briefen zur ästhetischen Erziehung des Men-
schen, die bei Schiller in erster Linie in moralischen Bezügen steht. Jenseits der moralischen
Fragen bringt er dennoch einen Grundkonflikt zum Ausdruck, der auch für Fragen der Citizen
Science relevant ist, nämlich einen Wertekonflikt zwischen Grundsätzen wissenschaftlichen Ar-
beitens auf der einen Seite und einer oftmals biografisch-emotional begründeten und deshalb
stets auch interessierten, d. h. Interessen verfolgenden, Zugangsweise auf der anderen Seite. Die
Stelle bei Schiller lautet: »Der Mensch kann sich aber auf eine doppelte Weise entgegengesetzt
sein: Entweder als Wilder, wenn seine Gefühle über seine Grundsätze herrschen; oder als Bar-
bar, wenn seine Grundsätze seine Gefühle zerstören.« (Friedrich Schiller: Über die ästhetische
Erziehung des Menschen, in einer Reihe von Briefen, Stuttgart 1879, 4. Brief).
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gen, sind letztlich durch ebendiese, von diesem Alltagsmedium ausgehende,
didaktische Faszination geeint.
Schließlich ist es, drittens, ein Ziel des vorliegenden Bandes, sich dem Me-
dium Briefmarke aus unterschiedlichen Perspektiven anzunähern. Diese
Multiperspektivität umfasst neben den verschiedenen Teildisziplinen der Ge-
schichtswissenschaft auch die Archäologie, die Religionswissenschaft, die Ge-
schichtsdidaktik, die Politikwissenschaft, die Medien- bzw. Designwissenschaft
sowie die Literaturwissenschaft und nicht zuletzt die Philosophie. Der Sam-
melband wagt damit den Versuch, die Möglichkeiten und Grenzen der Philate-
lie als (Hilfs)Wissenschaft für die universitäre Forschung interdisziplinär aus-
zuloten. Auch wenn der Fokus vor allem auf der Geschichtswissenschaft liegt,
so erfordert der Gegenstand doch insbesondere im Hinblick auf die methodi-
sche Herangehensweise stets einen die bestehenden Disziplinengrenzen über-
greifenden Zugang: sei es die Verwendung empirischer Ansätze aus den Sozial-
wissenschaften 4, die ikonographischen Analyseverfahren der Kunstgeschichte
und Visual History 5 oder die Topik der klassischen Rhetorik.
Aus diesem Grund soll sich in dem Band nicht nur die Beschäftigung mit
dem Medium Briefmarke im Sinne einer Bürgerwissenschaft, sondern auch die
diesen Arbeiten zugrunde liegende methodische und thematische Vielfalt wi-
derspiegeln. Gerade die bereits im Verlauf der Tagung immer wieder als not-
wendig angemahnte Methodenvielfalt, derer eine breite Akzeptanz der Brief-
marke als historischer Quelle bedarf, soll hier ihren zweifachen Platz haben:
zum einen im Rahmen eher allgemeiner methodischer Ansätze im ersten Teil
des Bandes und zum anderen in der Vielzahl der konkreten Fallstudien, die
den größten Teil des hier vorliegenden Korpus ausmachen. Die Beiträge des
ersten Teils fragen nach grundlegenden methodischen Eckpfeilern im wissen-
schaftlichen Umgang mit Postwertzeichen.
Gottfried Gabriels Beitrag zeigt den ikonografischen Stellenwert der Brief-
marke und gleichermaßen den Wert der ikonografischen Methode exempla-
risch anhand der Darstellung des Brandenburger Tores auf. Die politische Bil-
dersprache der Briefmarken erscheint im Kern als die Möglichkeit, Geschichte
und Gegenwart im Lichte der eigenen ideologischen Ziele neu zu bestimmen.
Was Gabriel an den Darstellungsweisen des Brandenburger Tores ikonogra-
fisch untersucht, ist der Versuch der beiden deutschen Staaten, ein reales Bau-
4 So verwendet beispielsweise Christian Rohr den Ansatz von Ulrike Mietzner und Ulrike Pi-
larzyk, die in ihrer seriellen Ikonografie quantitative Analysen mit Erwin Panofskys Vorgehen
kombinieren (vgl. Ulrike Mietzner/Ulrike Pilarzyk: Das reflektierte Bild. Die seriell-
ikonografische Fotoanalyse in den Erziehungs- und Sozialwissenschaften, Bad Heilbrunn 2005,
im Internet unter: https://www.pedocs.de/volltexte/2010/2666/pdf/50086_Mietzner_D_A.pdf
(letzter Zugriff: 13. Juni 2018)).
5 Vgl. hierzu u. a.: Gerhard Paul: Das visuelle Zeitalter. Punkt und Pixel, Göttingen 2016.
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werk zu einem in der eigenen politischen Anschauung begründeten Symbol zu
verklären und es so darzustellen, dass der Betrachter es in einem Zeige-Akt mal
als Symbol der erstrebten Einheit und der doch faktischen Spaltung erkennt,
ein anderes Mal als Symbol der ganzen Stadt Berlin und damit des Herr-
schaftsanspruchs auf die ganze Stadt versteht. Das stete Changieren zwischen
›Realität‹ und ›Idealität‹ wird als ein wesentlicher Bestandteil der politischen
Ikonografie deutlich, die auch und insbesondere auf den Briefmarken als ei-
nem mitunter unterschwellig wirkenden Massenmedium 6 immer wieder ein-
gesetzt wird.
Christian Könne untersucht den didaktischen Einsatz von Postwertzeichen
im Schulunterricht. Briefmarken im Geschichtsunterricht. Didaktische Konzepte
und die Präsentation in Schulbüchern der Bundesrepublik und der DDR ist
gleichermaßen ein historischer Beitrag zur Geschichtsdidaktik und Schulbuch-
forschung, wie auch der Versuch des Aufzeigens konkreter Einsatzmöglichkei-
ten von Briefmarken im heutigen Geschichtsunterricht und damit ebenfalls ein
Beitrag zu aktuellen didaktischen Diskussionen. 7 Gerade die auf Geschichts-
vermittlung zielende Perspektive des Beitrags und deren historische Rekon-
struktion zeigt wesentliche Punkte dessen auf, was seit der einsetzenden Dis-
kussion um Briefmarken im Geschichtsunterricht als das Charakteristikum
dieses Kommunikationsmediums verstanden wurde. Der Aufsatz macht aber
auch deutlich, wie weit von diesen jeweiligen Einschätzungen des didaktischen
Wertes der Marken entfernt die tatsächliche Umsetzung in den Schulbüchern
erfolgte. Es zeigt sich am Umgang mit den Briefmarken im Geschichtsunter-
richt, was allenthalben auch generell beklagt wird: das mitunter kaum geschul-
te Bildbewusstsein, das einen kritischen Umgang mit diesem Medium ermög-
licht und das sich gerade an Briefmarken aus diversen Gründen sehr gut er-
proben ließe.
Christian Rohr vergleicht in seinem Beitrag Land der Berge? Alpine Land-
schaften, Kultur und Infrastruktur im Spiegel österreichischer und Schweizer
Briefmarkenemissionen nach 1945 den Stellen- und Aussagewert von Alpen-
darstellungen auf Briefmarken Österreichs und der Schweiz. Dazu nutzt er die
serielle Ikonografie, die eine sowohl quantitative wie auch qualitative Analyse
größerer Quellenbestände erlaubt und dabei Gemeinsamkeiten wie Unter-
schiede ähnlicher Motive herausarbeitet. Rohr nimmt eine Zeitspanne von 60
6 Vgl. Hans-Jürgen Köppel: Politik auf Briefmarken. 130 Jahre Propaganda auf Postwertzeichen,
Düsseldorf 1971, S. 10.
7 Diese Diskussionen finden nicht nur in der institutionalisierten Geschichtsdidaktik, sondern
auch in der außeruniversitären Philatelie seit längerer Zeit statt. So hat der Bund Deutscher Phi-
latelisten e.V. (BDPh) als Dachverband der organisierten Philatelie in Deutschland bereits eige-
ne Arbeitsblätter für den Einsatz im Geschichtsunterricht entworfen und herausgegeben.
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Jahren in den Blick, ermittelt den Anteil von Alpenbezügen an der Zahl der
Gesamtemission an Briefmarken der beiden Länder und zeichnet nach, wie
alpine Klischees, natur(räumliche) Ikonen oder Infrastrukturmaßnahmen wie
transalpine Verkehrswege und Energiegewinnung das nationale Selbstver-
ständnis dieser beiden Alpenrepubliken prägen und auf Postwertzeichen ihren
motivischen Ausdruck bekommen. Es zeigen sich Konjunkturen und Schwer-
punkte in den Alpen-Darstellungen der beiden Länder, die sich auch und be-
sonders über diese prägende Landschaftsform definieren.
Die einzelnen Aufsätze der Teile II bis IV werfen exemplarisch den Quellen-
reichtum der Briefmarkenwelt auf und veranschaulichen in konkreten Fallstu-
dien den jeweiligen Zeugnischarakter beziehungsweise fokussieren auf be-
stimmte Teilaspekte der Philatelie, die sie im Zusammenspiel mit anderen
Überlieferungen zu einer profunden historischen Quelle macht. Damit gehen
die Beiträge vor allem der Frage nach, welchen Aussagewert die Briefmarke für
die verschiedenen Teildisziplinen der Geschichtswissenschaft, aber auch dar-
über hinaus hat. Als ein Querschnitt der hier versammelten Beiträge mit deren
verschiedenen Blickwinkeln tritt das Postwertzeichen als Massenmedium in
seinen unterschiedlichen kommunikativen Dimensionen hervor und wird
anhand zahlreicher Beispiele auch in seiner Entwicklung empirisch gefasst.
Diese Beiträge stehen jeweils unter bestimmten Fragestellungen und be-
leuchten verschiedene Funktionen, die der Einsatz von Briefmarken im Laufe
ihrer Geschichte hatte und – wie aktuelle Bezüge zeigen – immer noch hat. Da
auf die in diesen Kapiteln versammelten Aufsätze in den jeweiligen Kapitel-
einleitungen gesondert und ausführlicher eingegangen wird, soll hier lediglich
die Gliederung der Kapitel vorgestellt werden.
Teil II widmet sich der Erinnerungsfunktion von Briefmarken und der mit
ihrer Hilfe aufgerufenen Traditionskultur. Die Vergegenwärtigung des Ver-
gangenen hat zwar oft auch legitimatorische Gründe, schafft aber darüber
hinaus auch ein Bewusstsein über die eigene (vermeintliche) Geschichte und
kann so Traditionslinien aufzeigen oder auch erst (mit) erzeugen. In eben
dieser Weise erscheint die Erinnerungsfunktion in einem Appellcharakter: Die
großen Persönlichkeiten der (vorrangig eigenen) Vergangenheit aus Religion,
Kunst, Politik, Wissenschaft und Militär werden unter den jeweils zeitgenössi-
schen politischen Rahmenbedingungen zu Ahnherren der Gegenwart stilisiert,
die Darstellung bedeutender Ereignisse wird wahlweise zum Mahn- oder Ge-
denkappell oder auch zum Anlass für Jubiläen oder dem Aufzeigen des eigenen
Fortschrittsglaubens. Doch an wen oder was erinnert man? Wer soll erinnert
werden und in welchen gegenwärtigen Kontexten appelliert man an diese Er-
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innerungsorte 8? Nicht selten werden Jahrestage genutzt, um einen vermeintlich
objektiven Anlass für die Ausgabe einer Marke zu haben. Doch können Jahres-
tage allein weder die Wahl einer konkreten Persönlichkeit oder eines Ereignis-
ses erklären, noch die getroffenen Gestaltungsentscheidungen und Weisen der
Inszenierung. Eben weil der Appell an die Erinnerung stets ein Appell ist, die
eigene Geschichtswahrnehmung zu justieren, kommt es regelmäßig vor, dass
unterschiedliche Länder zwar auf das gleiche Ereignis referieren, diesem je-
doch aus unterschiedlichen Beweggründen und Perspektiven gedenken.
Teil III dreht sich um die Frage, ob und wie die Briefmarke zur politischen
Legitimation und als Herrschaftsinstrument dienen kann und auch eingesetzt
wurde. Schon seit ihrer Einführung sind diese wenigen Quadratzentimeter
Papier nicht nur reine Gebührenquittungen, sondern dienen auch der Herr-
schaftssicherung des sie herausgebenden Landes. So verweist bereits das Herr-
scherbildnis Queen Victorias auf der ersten Briefmarke der Welt, der Penny
Black, wie in der Antike auf ihren Machtanspruch, ohne dass dies weiter aus-
buchstabiert werden muss. Postwertzeichen können aber auch dazu dienen,
beispielsweise mit Rekurs auf eine noch zu konstruierende eigene Vergangen-
heit, dem Aufbau eines Nationalsymbols Vorschub zu leisten und damit einer
neu gegründeten Nation Legitimation zu verleihen. Gleichzeitig kann mit ihrer
Analyse nachgezeichnet werden, wie sich politische Zielsetzungen und (demo-
kratische) Werte verschieben beziehungsweise an Bedeutung gewinnen oder
verlieren. Dabei wird Legitimation auch in den Raum eingeschrieben. So eig-
nen sich Anrainer eines Naturraums unter dem Stichwort ›Heimat‹ eben die-
sen unterschiedlich an, indem sie ihn auf je eigene Weise konnotieren. Dies
geht auch in größerem Maßstab, indem aus globaler Perspektive eine je eigene
Sicht auf die Welt mit unterschiedlichen Allianzen in die Motive ein- und
damit in gewisser Weise auch festgeschrieben werden. Aber diese räumliche
Komponente lässt sich nicht nur in Bezug auf reale naturräumliche Gegeben-
heiten erkennen. Marken, die eigentlich als Ausweis eines Staates auf dessen
naturräumliche Strukturen angewiesen sind, können sogar als Medium dazu
dienen, eine auf der Welt verstreute imaginäre Gemeinschaft zu konstituieren
und zu konsolidieren.
Teil IV versammelt Beiträge, die die Briefmarke als mediale Projektionsflä-
che für Ideologie und Utopie thematisieren. Wenn sinnvoll von Fortschritt in
einer Gesellschaft gesprochen werden soll, so muss ein Ziel angegeben werden
können. Andernfalls kann zwar von Veränderung, aber nicht von einer Annä-
8 Der französische Historiker Pierre Nora prägte den Begriff Erinnerungsort (lieu de mémoire),
der einen realen oder gedachten Ort bezeichnet, an dem sich das kollektive Gedenken einer so-
zialen Gruppe kristallisiert. Siehe dazu beispielsweise: Pierre Nora (Hrsg.): Französische Erinne-
rungsorte, München 2005.
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herung an ein Ziel, also von Fortschritt gesprochen werden. Diese Zielvorstel-
lungen sind im Kern stets ideologisch, denn sie folgen einer Idee, einer Vor-
stellung von einem Soll-Zustand. Sie sind nicht selten auch utopisch, denn
realisiert hat sich allenfalls ein Schritt in diese Richtung. Briefmarken können
diesen Weg als einen des Fortschritts propagieren helfen oder versuchen, den
Soll-Zustand zu veranschaulichen. Insbesondere in dieser Funktion wird die
Darstellung klarerweise normativ aufgeladen und dient ausdrücklich der Pro-
paganda. In diesen Bereich gehören Auseinandersetzungen mit dem Fort-
schrittsoptimismus und der Technikbegeisterung der DDR ebenso wie Ideen
des gemeinsamen Natur- und Umweltschutzes in der Nachkriegszeit oder auch
die NS-Ideologie der kinderreichen Familie und der Rolle der Mutter. Das
Massenkommunikationsmittel Briefmarke wird eben nicht nur zu einem aktu-
ellen Legitimationsnachweis herangezogen, dient auch nicht nur der Inszenie-
rung einer geteilten Erinnerungskultur, sondern propagiert eben auch Leit-
ideen und Zukunftsvisionen, Utopien und Ideologien.
Wir wünschen diesem Sammelband Leserinnen und Leser sowohl aus der
Philatelie als auch aus der universitären Wissenschaft und erhoffen uns einen
Dialog auf Augenhöhe über den Quellenwert von Postwertzeichen wie auch
über den methodischen Umgang mit den kleinen Gebührenquittungen. Mit
der vorausgegangenen Tagung ist hierzu bereits ein erster Schritt getan.
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Gottfried Gabriel
Die politische Bildersprache der Briefmarken. Beispiele aus der
deutschen Geschichte
Briefmarken – oder genauer und allgemeiner gesagt: Postwertzeichen – dien-
ten ursprünglich dazu, eine Postsendung zu frankieren, das heißt für den
Transport ›frei‹ zu machen. Daher auch die Bezeichnung ›Freimarke‹. Ihr ur-
sprünglicher Zweck ist, anzuzeigen, dass das Porto für die Sendung bezahlt
worden ist. Darüber hinaus sind Briefmarken zunehmend zu einem Medium
für Botschaften in Bild und teilweise auch in Schrift geworden. Die Philatelie
ist damit nicht nur ein Gebiet für Sammler, sondern auch der vergleichenden
Bildwissenschaft, insbesondere der politischen Ikonographie. Darüber hinaus
gibt es Bestrebungen, die Philatelie nicht auf das Objekt Briefmarke zu be-
schränken, sondern als eine allgemeine postgeschichtliche Wissenschaft mit
besonderem Blick auf die postalische Kommunikation zu etablieren. Die Phila-
telie würde dementsprechend zu einer interdisziplinären Hilfswissenschaft für
unterschiedliche Disziplinen wie zum Beispiel Geschichtswissenschaft, Poli-
tikwissenschaft und Sozialwissenschaft aufgewertet werden. 1 Einem solchen
Bemühen möchte ich keineswegs widersprechen. Aus der Sicht der politischen
Ikonographie ist es aber doch die Briefmarke als Bildträger, die im Zentrum
des Interesses steht.
Die Rede von einer ›Bildersprache‹ der Briefmarken, die im Titel in An-
spruch genommen wird, bedarf der Erläuterung. Sie ist im übertragenen Sinne
zu verstehen. Briefmarken stellen fraglos Bilder dar, fraglich ist aber, ob man
ihnen Sprache zubilligen kann. Wenn es eine Sprache der Bilder im eigentli-
chen Sinne gäbe, dann müssten diese uns etwas sagen können. Zwar heißt es:
›Ein Bild sagt mehr als tausend Worte‹; tatsächlich aber sagen Bilder gar nichts.
Sie zeigen allerdings etwas, und zwar vielleicht mehr, als tausend Worte sagen
könnten. Auf dem anschaulichen Zeigen beruht denn auch die Macht der
Bilder, die häufig stärker ist als die Macht der Worte. Obwohl wir auch bildli-
1 Vgl. Joachim Helbig: Ist Philatelie eine Hilfswissenschaft?, in: Postgeschichte – Historie Postale
– Storia Postale 82 (2000), S. 19–28.
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che Darstellungen durchlaufen müssen, um ihre Details zu erkennen, springen
doch deren Kerninformationen, wenn sie nicht gerade absichtlich verborgen
werden sollen, direkter in die Augen. Schon aufgrund wahrnehmungspsycho-
logischer Bedingungen sind die Teile eines Bildes schneller zu überblicken als
die Teile eines diskursiven Textes, der auch nur eine annähernd vollständige
Beschreibung des entsprechenden Bildinhalts liefert. Daraus folgt natürlich
nicht, dass Bilder immer schneller verstanden werden als Texte.
Bilder werden wegen ihrer Macht auch politisch eingesetzt, und Briefmar-
ken sind hier ein besonders beliebtes Medium, weil mit und auf ihnen politi-
sche Botschaften und Selbstverständnisse in die ganze Welt geschickt werden
können. Kein Geringerer als der Kunsthistoriker Aby Warburg, auf den die
Begründung der politischen Ikonographie als Teildisziplin der Kunstgeschich-
te zurückgeht, hat dies früh erkannt, indem er mit Blick auf die Briefmarken
von der »Bildersprache des Weltverkehrs« 2 spricht. In einem Brief vom Mai
1927 an seinen Bruder Max Warburg schreibt er, die »Kunstgeschichte der
Briefmarke« gehöre »zu den unerläßlichen Forderungen kulturwissenschaftli-
cher Geschichte«. 3 Warburg versuchte sogar, auf die Gestaltung der Briefmar-
ken der Weimarer Republik über den Kunsthistoriker Edwin Redslob, der das
Amt des Reichskunstwarts innehatte, Einfluss zu nehmen. 4 Gustav Stresemann
machte er anlässlich einer Führung durch die Bibliothek Warburg (am 20.
Dezember 1926), die vor einer Schautafel mit Briefmarken endete, eindringlich
auf die Bedeutung der Briefmarken als Symbolen der jungen Weimarer Repub-
lik aufmerksam. 5 Der Kunsthistoriker Max Osborn ist ihm hier vorangegan-
gen. Er schreibt bereits 1921 in seiner Einführung zu Die Briefmarke als
Kunstwerk: »Niemals ist der symbolische Wert der Postmarke so lebhaft emp-
funden worden wie in unseren Tagen.« 6 Das genannte Bändchen versammelt
Abbildungen von über 300 Briefmarkenentwürfen, die zu dem 1920 vom
2 Nach dem Bericht C. H. W.: Die Briefmarke als Kulturdokument, in: Hamburger Nachrichten,
15. August 1927, zit. n. Gottfried Gabriel: Ästhetik und politische Ikonographie der Briefmarke,
in: Zeitschrift für Ästhetik und Allgemeine Kunstwissenschaft 54 (2009), S. 200–201, hier:
S. 201.
3 Zit. n. Aby Warburg: Bilderreihen und Ausstellungen, in: Gesammelte Schriften. Studienausga-
be, 7 Bde., Berlin 2012. Bd. II/2, S. 151–189, hier: S. 151. Angedeutet ist dieses Verständnis (oh-
ne Nennung Warburgs) auch in: Kurt Karl Doberer: Kulturgeschichte der Briefmarke, Frank-
furt am Main 1973. Der mit Kuriositäten gespickte unterhaltsame Text enthält verstreut einige
treffliche Beobachtungen.
4 Ulrich Raulff: Der aufhaltsame Aufstieg einer Idee. Warburg und die Vernunft in der Republik,
in: ders.: Wilde Energien. Vier Versuche zu Aby Warburg, Göttingen 2003, S. 72–116, hier:
S. 91ff.; ferner Warburg: Bilderreihen und Ausstellungen, S. 153.
5 Raulff: Der aufhaltsame Aufstieg einer Idee, S. 78; ferner Warburg: Bilderreihen und Ausstel-
lungen, S. 152.
6 Reichspostministerium (Hrsg.): Die Briefmarke als Kunstwerk. Ergebnis des Wettbewerbs für
Freimarkenentwürfe mit Geleitwort von Max Osborn, Berlin o. J. [1921], S. 3.
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Reichspostministerium veranstalteten Preisausschreiben zur Erlangung von
Entwürfen für deutsche Briefmarken eingereicht wurden. Osborn selbst liefert
eine detaillierte ästhetische Beurteilung ausgewählter Stücke in Gegenüberstel-
lung zu Briefmarken aus anderen Ländern. Einige der Entwürfe sind ab 1921
realisiert worden (vgl. Michel, DR, 158–196.). Die einzigartige Dokumentation
lädt ein zu einem Vergleich der sehr unterschiedlich gestalteten Marken mit
gleichwohl häufig wiederkehrenden Motiven, die den damaligen Zeitgeist
repräsentativ zum Ausdruck bringen. Vielfach erscheint das Motiv der aufge-
henden Sonne beziehungsweise des Strahlenkranzes als Symbol des Aufbruchs
sowie besonders häufig die für die deutsche ikonographische Tradition charak-
teristische Eichensymbolik, einschließlich des Eichenstumpfs mit neuen Trie-
ben, als Symbol der Hoffnung auf eine Erneuerung Deutschlands. 7
Warburgs Bemühen war auf eine Ästhetisierung im Geiste der Politik der
Weimarer Republik gerichtet. Zu diesem Zweck studierte er gründlich die
Bildersprache des italienischen Faschismus, um sich deren futuristische Wirk-
samkeit mit gegensinniger Zielrichtung zunutze zu machen, konkret zum Bei-
spiel in dem Entwurf einer Luftpostmarke, die motivisch den völkerrechtlichen
Verträgen von Locarno unter namentlicher Nennung der beteiligten Außen-
minister Chamberlain, Briand und Stresemann gewidmet war.
Eine tragische Ironie der Geschichte ist es, dass die deutschen Nationalso-
zialisten die von Warburg erkannte Wirkung der Briefmarke in gleicher Weise
betonten, diese Wirkung dann freilich seinen Zielen entgegengesetzt nutzten.
Die Formulierungen sind so ähnlich, dass man (der Sache nach) geradezu von
einer ›Inversion‹ im Sinne Warburgs sprechen könnte. So heißt es in einer
Veröffentlichung aus der Deutschen Postzeitung aus dem Jahre 1939 unter der
Überschrift Auch die Briefmarke kündet des Führers Werk:
»Mehr und mehr ist diese kleine Marke zu einem Kulturdokument geworden, 8 zu einem
Künder deutschen Tatwillens und erfolgreichen deutschen Schaffens. Oft und oft spiegelt
sich im Bild der Briefmarke das große Geschehen unserer großen Zeit.«
Ergänzt ist der Text durch ein Sortiment von zwölf propagandistischen Brief-
marken. Sie liefern den Rahmen für eine vergrößerte Briefmarke mit dem
7 Abbildungen mit Eichensymbolik: 12, 24, 42 (Eichenstumpf), 44 (Eichenstumpf), 46 (Eichen-
stumpf), 139, 161, 179, 191, 203, 213, 223, 233, 260, 268, 271, 285 (Eichenstumpf), 293, 312, 320
(Eichenstumpf), 322 (Eichenstumpf), 334, 337–343. Abbildungen mit Strahlenkranz: 178–180,
209, 211–212, 243, 266, 274, 280, 284, 287, 296, 300, 303, 311, 320, 326. Zur Eichensymbolik
siehe ausführlich: Gottfried Gabriel: Ästhetik und Rhetorik des Geldes, Stuttgart-Bad Cannstatt
2002, Kap. 8; dort zur Eichensymbolik auf Briefmarken S. 107f. und S. 110.
8 Bis hier hätte der Satz genauso bei Warburg stehen können.
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Bildnis Hitlers, die 1938 zu dessen 49. Geburtstag ausgegeben worden war
(Michel, DR, 664.). 9
Warburgs lebenslange Beschäftigung mit der Ikonographie der Briefmarke
belegt die Ausgabe Bilderreihen und Ausstellungen. Dort findet sich auch eine
Rekonstruktion des Kontextes und des Inhalts von Warburgs Vortrag Die
Funktion des Briefmarkenbildes im Geistesverkehr der Welt, den dieser am 13.
August 1927 in der Kulturwissenschaftlichen Bibliothek Warburg (in Hamburg)
gehalten hat, sowie eine Zusammenstellung der von Warburg in diesem Zu-
sammenhang präsentierten Schautafeln mit typologisch geordneten Arrange-
ments von Briefmarken. 10 Den Vortrag hielt Warburg frei im Anschluss an den
Vortrag von Edwin Redslob Die Briefmarke als Kulturdokument. 11 Aus dem
bereits (in Anm. 2) erwähnten Bericht in den Hamburger Nachrichten über die
Veranstaltung geht hervor, dass Warburg sich besonders kritisch über die
Germania-Briefmarke äußerte (Abb. 1). Zur Sprache kam auch die zum 1.
November 1926 ausgegebene Briefmarkenserie Köpfe berühmter Deutscher.
Hier bemängelte Warburg, bei Schiller und Friedrich dem Großen sei »von der
Gewalt der dargestellten Persönlichkeiten wenig zu spüren« 12. Diese Kritik ist
allerdings nicht recht nachvollziehbar, da der Abbildung Friedrichs das be-
kannte Gemälde von Anton Graff als Vorlage diente, das für die Bevölkerung
einen großen Wiedererkennungswert besaß (Abb. 2). 13 Die Schiller-
Darstellung stimmt weitestgehend mit dem Portrait von Jakob Friedrich
Weck(h)erlin überein. Bemerkenswert ist, dass Warburg sich nicht in die Schar
derjenigen Kritiker einreihte, die es für völlig unangemessen hielten, dass die
9 Vgl. die Abbildung mit Text in: Stefan Martens: Post und Propaganda. Das Dritte Reich und die
Briefmarken der Deutschen Reichspost 1933–1945, in: Wolfgang Lotz (Hrsg.): Deutsche Post-
geschichte. Essays und Bilder, Berlin 1989, S. 321–338, hier: S. 322. Der Beitrag von Martens
gibt eine gute Übersicht über den propagandistischen Einsatz der Briefmarken im ›Dritten
Reich‹. Zu korrigieren ist die Behauptung, dass der Adler auf den aus Anlass des siebten Nürn-
berger Reichparteitags (1935) ausgegebenen Briefmarken (Michel, DR, 586 und 587) in seinen
Fängen einen Lorbeerkranz halte. Es handelt sich, wie in allen Fällen der Darstellung des natio-
nalsozialistischen Hoheitssymbols, um einen Eichenkranz.
10 Warburg: Bilderreihen und Ausstellungen, S. 151–157.
11 Vgl. auch Aby Warburg: Tagebuch der Kulturwissenschaftlichen Bibliothek Warburg, mit
Einträgen von Gertrud Bing und Fritz Saxl, in: Gesammelte Schriften. Studienausgabe, 7 Bde.,
Berlin 1998–2018. Bd. VII. Die Stellen zum Thema »Briefmarken« sind freilich nicht sehr ergie-
big. Zu ermitteln sind sie über: Björn Biester: Tagebuch der Kulturwissenschaftlichen Biblio-
thek Warburg 1926–1929. Annotiertes Sach-, Begriffs- und Ortsregister, Erlangen 2005; siehe
dort S. 37 die Stellenangaben, die noch durch S. 129 zu ergänzen sind. Bestätigt wird dort die
positive Aufnahme der gemeinsamen Veranstaltung mit Edwin Redslob: »Viele begeisterte und
zustimmende Urteile über den Redslob-Abend kamen mir zu Ohren.«
12 C. H. W.: Die Briefmarke als Kulturdokument, S. 201.
13 Auf die Wichtigkeit der Wiedererkennung bei einem Massenmedium wie der Briefmarke weist
schon Osborn mit Nachdruck hin: Reichspostministerium: Die Briefmarke als Kunstwerk, S.
21ff.
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neue Republik mit Friedrich dem Großen – neben Dichtern, Denkern und
Kunstschaffenden 14 – einen preußischen Monarchen unter die ›berühmten
Deutschen‹ aufgenommen hatte. Zudem war dessen Konterfei ausgerechnet
auf dem damaligen Standardwert von 10 Pfennig platziert worden, sodass es
eine besonders große Verbreitung fand. Es kam zu einem Briefmarkenstreit,
der zwischen staatsloyalen Republikanern und nationalkonservativen Gegnern
der Weimarer Republik einerseits, aber auch zwischen einigen preußenkriti-
schen Ländern und dem Reich andererseits ausgetragen wurde. 15 Dieser Streit
ist ein früher Beleg für die Bedeutung der Briefmarke in politisch-
ikonographischer Perspektive.
Zu betonen sind in diesem Zusammenhang die Gemeinsamkeiten zwischen
Briefmarken und Geldnominalen, insofern es sich – ungeachtet der unter-
schiedlichen Funktionen – in beiden Fällen um von Staaten ausgegebene bild-
liche Objekte mit hoheitlichem Status handelt. Sie legen daher einen politisch-
ikonographischen Vergleich nicht nur nahe, sondern fordern ihn geradezu.
Die Gemeinsamkeiten sind insbesondere bei Portraitdarstellungen offensicht-
lich. Einen Beleg liefert bereits die erste Briefmarke überhaupt. Auf dieser, der
am 6. Mai 1840 ausgegebenen One Penny Black Großbritanniens (Abb. 3), ist
die junge Queen Victoria abgebildet, für deren Konterfei eine Gedenkmünze
als Vorlage diente. Eine Verbindung zwischen Philatelie und Numismatik stellt
bereits Warburg her, indem er in seinen Betrachtungen und Briefmarkentafeln
auch Münzen und Medaillen vergleichend berücksichtigt. 16 Aus Sicht der poli-
tischen Ikonographie sind Philatelie und Numismatik wechselseitig aufeinan-
der zu beziehen. 17
Für Briefmarken gilt – anders als für Münzen und Geldscheine – der ästhe-
tische Grundsatz ›Abwechselung erfreut‹ (variatio delectat), allerdings nur so
lange die Übersichtlichkeit nicht verloren geht, wie dies zunehmend der Fall
ist. So spricht Carlrichard Brühl in seiner Geschichte der Philatelie bereits für
14 Vertreten sind Goethe (zweimal), Schiller, Beethoven (zweimal), Friedrich der Große, Kant,
Lessing, Leibniz, Bach und Dürer.
15 Vgl. Martin Vogt: Das Staatsunternehmen »Deutsche Reichpost« in den Jahren der Weimarer
Republik, in: Wolfgang Lotz (Hrsg.): Deutsche Postgeschichte. Essays und Bilder, Berlin 1989,
S. 241–288, hier: S. 274–276.
16 Vgl. zum Beispiel Warburg: Bilderreihen und Ausstellungen, S. 142f., 13a–c und 14a; vgl. auch
S. 155 die Bildmontage, in der eine antike Münze und eine französische Wechselstempelmarke
mit dem gleichen Kopf der Göttin Demeter/Ceres zusammengestellt sind. Zur Antikenrezepti-
on auf Briefmarken siehe auch den Beitrag von Reinhard Krüger in diesem Band.
17 Zur Erforschung der politischen Ikonographie des Geldes gibt es inzwischen ein Netzwerk,
dessen Aktivitäten abrufbar sind (www.banknotenforschung.de). Zu wünschen wäre eine ent-
sprechende Einrichtung für Forschungen zur politischen Ikonographie der Briefmarke.
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die Zeit von 1914 bis 1945 von einer anwachsenden »Markenflut« 18, die er als
das Ergebnis »eine[r] exzessive[n] Ausgabenpolitik fast aller Staaten« 19 beklagt.
Gemeint ist damit nicht die Erhöhung der Anzahl von Marken überhaupt,
sondern die sich überstürzenden Ausgaben von unterschiedlich gestalteten
Marken. Erst recht sind Briefmarken in den Jahren nach dem Zweiten Welt-
krieg nicht mehr ausschließlich Ausdruck des Selbstverständnisses der ausge-
benden Staaten, sondern zu einem großen Teil lediglich ein willkommenes
Mittel, die Staatskasse mit dem Geld der Sammler aufzufüllen. Insofern wird
man sagen müssen, dass Briefmarken gegenwärtig nicht immer die repräsenta-
tive Bedeutung haben, wie dies in früheren Zeiten der Fall war. Zumindest gilt
dies nicht für alle Staaten. Brühl benennt einige der ›Sünder‹, die beliebige
bunte Motive ohne jeden Bezug zum ausgebenden Staat auf die Marken brach-
ten. Genannt werden besonders die Vereinigten Arabischen Emirate in den
Jahren zwischen 1963 und 1972 – das Emirat Ajman gab zum Beispiel 1969 im
Rahmen einer Sportlerserie eine Briefmarke mit dem Konterfei von Franz
Beckenbauer heraus (Abb. 4) 20 – sowie die Tonga-Inseln im Pazifischen Ozean.
Aber so weit muss man nicht reisen, genügt doch schon die Vielfalt der Mar-
ken Monacos und San Marinos. 21
Die heutige Briefmarke ist abgesehen von den genannten ›bunten Bildchen‹
gleichwohl ein Massenmedium im doppelten Sinne des Wortes geblieben,
nämlich ein massenhaft hergestelltes und verbreitetes Medium und damit ein
Medium für die Massen, das dementsprechend genutzt wurde und wird. So ist
die beklagte Briefmarkenschwemme auch eine Folge des Einsatzes der Brief-
marken als Mittel ideologischer Propaganda. Zu nennen sind hier neben den
kommunistischen Staaten in den Zeiten des Kalten Krieges bereits das faschis-
tische Italien und Hitler-Deutschland. 22 Dabei hat sich letztlich eine Verände-
rung der ursprünglichen Funktion der Briefmarke als ›Freimarke‹ vollzogen.
Sie ist, so Brühl, »vom staatlichen Hoheitszeichen, das der Frankierung von
Briefen und anderen Postsachen dient, [...] mehr und mehr zum ›Werbeträ-
ger‹, das heißt zum Propagandamittel geworden, während ihr eigentlicher
Zweck als Frankatur immer stärker in den Hintergrund tritt« 23.
Einen Beleg für diese Entwicklung hat Roman Siebertz in einer exemplari-
schen Studie zu den Briefmarken des Irans vorgelegt. 24 Auch er hebt mit Bezug
18 Carlrichard Brühl: Geschichte der Philatelie, 2 Bde., Hildesheim/Zürich/New York 1985–1986.
Bd. 1, S. 143.
19 Ebd., S. 239.
20 Siehe die Abbildung ebd., S. 247.
21 Ebd., S. 245.
22 Vgl. ebd., S. 244.
23 Ebd.. Bd. 2, S. 1152. Die Seitenzählung des 2. Bandes setzt die Seitenzählung des 1. Bandes fort.
24 Roman Siebertz: Die Briefmarken Irans als Mittel der politischen Bildpropaganda, Wien 2005.
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auf weitere Literatur die Breitenwirkung der Briefmarke als »Massenmedium«
in Verbindung mit deren »hoheitlicher Funktion« hervor und stellt ohne Nen-
nung Warburgs, aber ganz in dessen Sinne fest: »Briefmarken sind somit au-
thentische Dokumente für das Selbstverständnis politischer Regime und die
offizielle Politik ihrer Herausgeberstaaten.« 25 In dieser Rolle können Briefmar-
ken nicht nur dem Gedenken an Vergangenes dienen, sondern auch die Fakti-
zität der Gegenwart festschreiben und sogar Fiktionen, die in die Zukunft
weisen, vorstellen. Zu nennen sind in diesem Zusammenhang insbesondere
integrative Motive und Symbole. Gerade hier liegt ein Vergleich zwischen
Geldnominalen (Münzen sowie Geldscheinen) und Briefmarken nahe.
Die Entwicklung des Münzwesens im 19. Jahrhundert seit der Gründung
des Deutschen Zoll- und Handelsvereins (zum 1. Januar 1834) diente nicht nur
der Erleichterung des Warenverkehrs zwischen den Vertragspartnern, sondern
förderte letztlich auch die politische Integration, die dann in der Vereinheitli-
chung der Münzbilder im Deutschen Kaiserreich ihren Ausdruck fand. Diese
Tradition wurde bei der Einführung des Euro mit der Festlegung einer ge-
meinsamen europäischen Seite auf den Münzen wieder aufgegriffen, ohne dass
hier freilich die politische Einheit vollzogen worden wäre. Für den Bereich der
Briefmarken im Kaiserreich gilt, dass die politische Einheit der Vereinheitli-
chung der Briefmarken voranging. Besonders die bekannte Darstellung der
gepanzerten Germania mit Kaiserkrone (Ausgabe ab 1. Januar 1900) war Aus-
druck der nationalen Einheit und des dementsprechenden Selbstverständnisses
des Kaiserreichs (Abb. 1). Die Bemühungen Warburgs während der Weimar
Republik waren denn auch darauf ausgerichtet, mit dieser Tradition zu bre-
chen und an die Stelle der nicht mehr als zeitgemäß erachteten, aber noch bis
31. Oktober 1922 gültigen Germania-Briefmarke Darstellungen zu setzen, die
der Idee der Republik entsprachen.
In die Zukunft weisende Briefmarken aus neuerer Zeit sind insbesondere
die seit 1956 ausgegebenen Europa-Marken der verschiedenen europäischen
Staaten. Die Bemühungen, eine Briefmarke zu schaffen, die unabhängig von
den nationalen Grenzen einheitlich für alle europäischen Staaten gültig ist und
damit ein Zeichen europäischer Integration setzt, sind freilich trotz vielfältiger
Bemühungen an dem simplen Faktum unterschiedlicher Postgebühren ge-
scheitert. Bislang besteht die Gemeinsamkeit lediglich in der Verwendung
gemeinsamer europäischer Motive und Themen. 26
25 Ebd., S. 4.
26 Vgl. Markus Göldner: Politische Symbole der europäischen Integration. Fahne, Hymne, Haupt-
stadt, Paß, Briefmarke, Auszeichnungen, Frankfurt am Main u. a. 1988, S. 225–236, Abb. Anla-
ge 6.1. Auch Göldner betont, dass Briefmarken »Ausdruck des politischen und kulturellen
Selbstverständnisses der ausgebenden Staaten« sind (S. 225).
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Im Folgenden soll der Erkenntniswert von Untersuchungen zur politischen
Ikonographie exemplarisch demonstriert werden, und zwar am Beispiel des
Bilderstreits, der zwischen den beiden deutschen Staaten ausgetragen wurde.
Dieser Bilderstreit führte dazu, dass bestimmte Briefmarken nicht geklebt
werden durften, wenn man vermeiden wollte, dass die Briefe ›postwendend‹
zurückgeschickt wurden. Rücksendungen wegen politisch unliebsamer Motive
gab es von beiden Seiten, allerdings vor allem von Seiten der DDR. Geklebt
werden durfte insbesondere nicht die 2-Pfennig-Marke Notopfer Berlin. Solche
sogenannten Postkriege zwischen Staaten gab es und gibt es immer wieder. 27
Meine Überlegungen konzentrieren sich auf die Interpretation der Intention
der jeweils ausgebenden Instanz, wobei allerdings auch die Unterscheidung
zwischen intendierten und nicht-intendierten, nämlich symptomatischen
(›verräterischen‹) oder die Intention sogar konterkarierenden Aspekten zu
beachten ist. Wieweit die propagandistische Intention oder – neutraler gesagt –
das Bildprogramm im intendierten Sinne von der nationalen und internationa-
len Öffentlichkeit jeweils wahrgenommen wird, ist eine Frage, die hier offen
bleiben muss. Eine Voraussetzung für eine erfolgreiche Vermittlung ist sicher,
dass die verwendeten Symbole und Motive ihren Ort im »kulturellen Gedächt-
nis« haben.
Gegenstand des Bilderstreits mittels Briefmarken zwischen der Bundesre-
publik (sowie West-Berlin) auf der einen und der DDR auf der anderen Seite
waren insbesondere Darstellungen des Brandenburger Tores. 28 Zu erinnern ist
daran, dass das Brandenburger Tor in der alten Bundesrepublik und in West-
Berlin das Mahnmal der deutschen Teilung schlechthin darstellte. Dabei ist das
Schicksal der Quadriga auf dem Brandenburger Tor selbst Teil der deutschen
Geschichte. Das Original wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Eine in West-
Berlin angefertigte Rekonstruktion wurde 1958 aufgestellt, jedoch lehnte es die
DDR aus politischen Gründen ab, das Siegeszeichen der Siegesgöttin in der
alten preußischen Form zu übernehmen. Beibehalten wurde schließlich nur
der Eichenkranz. Das ursprüngliche Arrangement bestand aus dem preußi-
schen Adler, der einen Eichenkranz mit eingeschriebenem Eisernen Kreuz in
den Fängen hält (Abb. 6).
27 Ein Beispiel aus dem Iran führt Siebertz an: Die Briefmarken Irans, S. 222f. Die Islamische
Republik gab 1991 anlässlich des Weltkindertages eine Briefmarke heraus, die einen Jungen
darstellt, der in den Farben der palästinensischen Fahne gekleidet eine Scheibe mit dem David-
stern einwirft (siehe die Abb. ebd., 160). Die amerikanische Post kündigte daraufhin an, Brief-
sendungen, die mit dieser Marke frankiert sind, zurückzuschicken.
28 Zum Folgenden siehe ausführlich: Gabriel: Ästhetik und politische Ikonographie der Briefmar-
ke; vgl. auch die weit über den philatelistischen Rahmen hinausgehende Darstellung von Dieter
Hoof: Das Brandenburger Tor in der Welt der Bilder, Zeichen und Symbole. Aspekte eines weit
reichenden Sammelgebietes, Münster 2007.
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Zum besseren Verständnis des Bilderstreits um die Darstellung des Bran-
denburger Tors muss man sich vergegenwärtigen, dass man vom Westen aus
auf die Rückseite des Tores schaute, sofern man als Vorderseite diejenige Seite
annimmt, die die Quadriga von vorne zeigt. Gleichwohl bilden auch die westli-
chen Briefmarken stets die Ostseite ab und vereinnahmen so symbolisch DDR-
Gebiet. Unterschlagen wird dabei prinzipiell die auf dem Tor wehende
›Spalterflagge‹, die auf den DDR-Briefmarken stets präsent ist. Aufmerksam-
keit verdient besonders die unterschiedliche Darstellung des Siegeszeichens.
Auf Briefmarken – wie auch auf Münzen und Geldscheinen – der DDR er-
scheint das Siegeszeichen nur in der auf den Eichenkranz reduzierten Form,
besonders deutlich auf der 1964 ausgegebenen Gedenkmarke zum 200. Ge-
burtstag von Johann Gottfried Schadow, der die Quadriga (ohne das später
angefertigte Siegeszeichen) gestaltet hat (Abb. 5). Verwiesen sei auch auf die 5-
Mark-Gedenkmünze von 1971, die mit ihrer Umschrift »BERLIN – HAUPT-
STADT DER DDR« den politischen Anspruch auf ganz Berlin zum Ausdruck
bringt (Abb. 7). 29 Dagegen stellt bereits die erste westdeutsche Darstellung des
Brandenburger Tors in der Briefmarkenserie Bauten (1948), die noch unter
alliierter Besetzung in der amerikanischen und britischen Zone ausgegeben
wurde, die Quadriga kontrafaktisch mit dem vollständigen Siegeszeichen dar
(Abb. 8). In größerem Format findet sich eine nahezu identische Darstellung
auf den beiden Werten der ebenfalls in der amerikanischen und britischen
Zone ausgegebenen Berlin-Hilfe von 1948 (Abb. 9).
Von besonderer Bedeutung ist die 1-Pfennig-Briefmarke in der Serie Berli-
ner Bauten (1949) der Deutschen Post für Westberlin (Abb. 10). Hier hebt die
Darstellung des Brandenburger Tores als offenen, von Automobilen durchfah-
renen Verkehrsknotenpunkt dessen verbindende Kraft hervor. Bereits so früh,
also noch vor dem Volksaufstand vom 17. Juni 1953 in der DDR und lange vor
dem 1961 erfolgten Bau der Berliner Mauer, wurde das Brandenburger Tor im
Westen bereits als Symbol der Deutschen Einheit gesehen. Um diesen Sym-
bolwert zu dokumentieren, wurde die 1-Pfennig-Marke vielfach zusätzlich
zum anfallenden Porto geklebt. 30 Das Kuratorium Unteilbares Deutschland
forderte dazu später in einer Pressemitteilung vom 19. Juli 1960 unter der
Überschrift Briefmarken mit dem Symbol der Wiedervereinigung sogar aus-
drücklich auf:
»Das UNTEILBARE DEUTSCHLAND wendet sich an alle Einwohner der Bundesrepub-
lik mit der Bitte, die 1-Pfennig-Marke mit dem Brandenburger Tor zur Ergänzung der
29 Kurt Jaeger: Die deutschen Münzen seit 1871, Basel 2001, Nr. 1536.
30 Vgl. Walter Gabriel: Symbolfrankatur für die Wiedervereinigung. Berlin 1 Pf Brandenburger
Tor, in: Rundbriefe der Forschungsgemeinschaft Berlin e. V. (Arbeitsgemeinschaft im Bund
Deutscher Philatelisten e. V.), Nr. 130 (o. J.), S. 59–66.
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üblichen Freimachung zu benutzen. Das Brandenburger Tor ist zum Symbol des Wieder-
vereinigungswillens aller Deutschen geworden. Jede Karte, jeder Brief, vor allem auch die
Post ins Ausland, sollten die Pfennigmarke mit dem Brandenburger Tor zusätzlich zei-
gen.« 31
Die Hervorhebung der ›Post ins Ausland‹ folgt dem Gedanken Warburgs,
Briefmarken als politische ›Botschafter‹ zu verschicken. Noch 1967 bestätigte
der damalige Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen Herbert Wehner,
»die Marke soll immer wieder eine Mahnung zur Einheit Deutschlands sein« 32.
In ganz anderer Weise beschwört eine Briefmarke der Deutschen Post zum
17. Juni 1953, die am 17. August desselben Jahres ausgegeben wurde, die Be-
deutung des Wahrzeichens Brandenburger Tor, das hier stilisiert als Silhouette
vor einem Strahlenkranz abgebildet ist (Abb. 11). Es fehlt die Quadriga. Wie
bereits bemerkt wurde, kehrte sie ›in Wirklichkeit‹ auch erst 1958 auf das Tor
zurück. In die Augen springt die formale expressionistische Ähnlichkeit mit
der Marke des ›Dritten Reichs‹ zum 10. Jahrestag von Hitlers Machtergreifung
(Abb. 12). Es gibt freilich auch gravierende Unterschiede. Auf der Marke des
›Dritten Reichs‹ sind Menschenkolonnen zu sehen, die durch das Brandenbur-
ger Tor in eine ›strahlende Zukunft‹ marschieren. Die Einzelindividuen ver-
schmelzen in der Masse zu einer dynamischen Gesamtheit – formal faszinie-
rend, inhaltlich erschreckend. Ganz anders die Marke zum 17. Juni. Hier mar-
schieren keine Massen, sondern das Brandenburger Tor steht einfach da als
offenes, strahlendes Mahnmal.
Der Strahlenkranz, der als Glorien- oder Heiligenschein (Aureole) ein reli-
giöses Symbol ist, gibt in seinen säkularisierten Verwendungen Anlass zu wei-
teren Vergleichen. Im Kaiserreich erscheint er auf der 2-Mark-Marke, auf der
zwei germanische Recken (über dem Schriftzug »Seid Einig – Einig – Einig!«)
die Einheit des Deutschen Reichs besiegeln (Abb. 13). In der Weimarer Repub-
lik wird er nicht verwendet. Dabei findet er sich aber wie bereits erwähnt als
aufgehende Sonne – einen Neubeginn symbolisierend – auf zahlreichen Ent-
würfen, die zur Ausschreibung des Jahres 1920 eingereicht wurden. Bemer-
kenswert ist, dass auch Warburg in einem eigenen Entwurf einer Luftpostmar-
ke für den Hintergrund das »Morgenrot« einer aufgehenden Sonne vorgesehen
hatte. 33 Der Strahlenkranz beziehungsweise die aufgehende Sonne wird auf
Briefmarken des ›Dritten Reichs‹ zum wiederkehrenden Hintergrundmotiv,
sogar noch auf der letzten, nicht mehr ausgegebenen Briefmarke, die drei mar-
schierende Angehörige des Nationalsozialistischen Kraftfahrerkorps (NSKK)
31 Zit. n. ebd., S. 62.
32 Zit. n. ebd., S. 64.
33 Zit. n. Warburg: Bilderreihen und Ausstellungen, S. 152; vgl. dort auch die Abbildung des
Entwurfs.
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vor strahlender Sonne im Rücken zeigt (Abb. 14). Als personaler Glorienschein
wird der Strahlenkranz nicht einmal in Darstellungen Hitlers verwendet.
Als in die Zukunft weisendes Symbol wird der Strahlenkranz auch in den
Anfängen der DDR auf Briefmarken in Anspruch genommen. Auf der Marke
zur deutsch-polnischen Freundschaft aus dem Jahr 1951 reichen sich die Prä-
sidenten der DDR (Wilhelm Pieck) und der Republik Polen (Bolesław Bierut)
vor einem Strahlenkranz die Hände über die anerkannte Oder-Neiße-Grenze
hinweg (Abb. 15). Eine Ausgabe zum ersten Todestag Stalins deutet ansatzwei-
se sogar einen Glorienschein für den Diktator an (Abb. 16). Auf Briefmarken
der Bundesrepublik erscheint der Strahlenkranz (als Sonne) ausschließlich auf
den beiden ersten zur Eröffnung des ersten Deutschen Bundestages ausgege-
benen Werten, auch hier für einen hoffnungsvollen Neubeginn stehend (Abb.
17).
Zurück zum Bilderstreit zwischen Bundesrepublik und DDR um das Bran-
denburger Tor. Auch nach der Rekonstruktion der Quadriga und der dabei
vollzogenen Reduktion des Siegeszeichens auf den Eichenkranz hat – den Tat-
sachen zum Trotz – der Adler auf den Briefmarken des Westens Bestand. Be-
sonders nachdrücklich dokumentieren dies die bildgleichen Serien Branden-
burger Tor (1966/67) der Bundesrepublik und West-Berlins (Abb. 18–19).
Die Briefmarken der DDR halten sich strikt daran, die Faktizität des Ei-
chenkranzes wiederzugeben. In ihrer ›realistischen‹ Darstellung des Branden-
burger Tors geht die DDR allerdings niemals so weit, auch die 1961 gebaute
Mauer hinter dem Brandenburger Tor mit abzubilden. Nicht einmal auf den
›Jubiläumsmarken‹ der DDR zum 10- und 25-jährigen Bestehen des sogenann-
ten ›antifaschistischen Schutzwalls‹ findet sich dieser auch nur angedeutet
(Abb. 20–21). Ganz im Gegenteil wird ein freier Durchgang durch das offene
Tor suggeriert. Auf der Marke zum 10-jährigen Bestehen wird die Mauer
dadurch kaschiert, dass im Hintergrund identifizierbare Bauwerke aus dem
Ostteil der Stadt, wie der Fernsehturm und das Rote Rathaus, platziert worden
sind. So wird der Eindruck erweckt, dass das Brandenburger Tor nicht Grenze,
sondern Teil der Hauptstadt der DDR ist.
Angeführt seien noch drei weitere Beispiele: Eine Briefmarke zum 10-
jährigen Bestehen der Volksarmee, auf der die Mauer ebenfalls nicht zu sehen
ist (Abb. 22), eine andere zum 20-jährigen Bestehen der Kampfgruppen der
Arbeiterklasse (Abb. 23), auf der die Mauer aus Stein geschickt durch eine
Kette aus Personen verdeckt wird, und schließlich eine mauerlose Abbildung
mit deutlich sichtbarem Eichenkranz und DDR-Fahne (Abb. 24).
Abgesehen von der beschönigenden Verdrängung der Mauer ist die DDR
bemüht, das Brandenburger Tor als reales Bauwerk der DDR abzubilden, wäh-
rend die Bundesrepublik es als ideales Symbol der Einheit Deutschlands verge-
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genwärtigt. Vielleicht erklärt sich so, dass die reale Mauer auch auf Briefmar-
ken des Westens nicht zu sehen ist. Mit Vortäuschungen nicht bestehender
Sachverhalte haben wir es auf beiden Seiten zu tun, allerdings in unterschiedli-
chen Funktionen: ›drüben‹ als Kaschierung, ›hüben‹ als Idealisierung. Nichts
bestätigt die Symbolkraft des Brandenburger Tors mehr als die von den ›real
existierenden‹ Gegebenheiten gezielt abweichenden idealisierenden Darstel-
lungen, deren Fiktionen durch die Wiedervereinigung zu Fakten geworden
sind.
Aus der Sicht der Zeitgeschichte liegt ein ikonographischer Vergleich zwi-
schen den Briefmarken der DDR und der Bundesrepublik auch sonst nahe. 34
Lohnend dürfte es zum Beispiel sein, die unterschiedlichen (und auch überein-
stimmenden) Würdigungen historischer Ereignisse und Persönlichkeiten zu
untersuchen. 35 Dabei stößt man durchaus auf Überraschungen. So bringt die
DDR (und nicht die Bundesrepublik) anlässlich der 150. Wiederkehr der soge-
nannten Befreiungskriege (1963) eine Serie von Briefmarken mit der Aufschrift
»Nationaler Befreiungskampf« (!) heraus. Diese ikonographische Auffälligkeit
ist dadurch zu erklären, dass der Krieg gegen Napoleon in der DDR als histori-
sches Beispiel einer deutsch-russischen ›Waffenbrüderschaft‹ galt. Dement-
sprechend werden nicht nur von Gneisenau, Blücher, Arndt, vom Stein und
von Lützow gewürdigt, sondern es sind zudem auf dem 10-Pfennig-Wert Ko-
saken und Landwehr in Berlin und auf dem 40-Pfennig-Wert der preußische
General von Scharnhorst und der russische Feldmarschall Kutusow gemein-
sam abgebildet. Die Bildersprache der Briefmarken spiegelt nicht nur die real-
geschichtliche Entwicklung, sondern auch deren Deutung. Briefmarken bieten
sich somit in zweifacher Hinsicht als historische Quellen an.
34 Vgl. bereits den detailreichen Beitrag von Sebastian Liebold: Politik mit Pinzette. 60 Jahre
deutscher und 20 Jahre vereinter deutscher Geschichte auf Briefmarken, in: Eckhard Jesse
(Hrsg.): Eine normale Republik? Geschichte, Politik, Gesellschaft im vereinigten Deutschland,
Baden-Baden 2012, S. 365–385.
35 Siehe hierzu auch die die Beiträge von Björn Onken und Sebastian Knoll-Jung in diesem Band.
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Abbildungen
Abbildung 1–3
Freimarke Germania (1900, Michel, DR, 53); Friedrich der Große (1926, Michel, DR, 390); One
Penny Plack (1840, Michel, GB, 1).
Abbildung 4–5
Franz Beckenbauer(1969, Michel, Ajman, 363A); Quadriga (1964, Michel, DDR, 1009).
Abbildung 6
Siegeszeichen der Quadriga auf dem Brandenburger Tor.
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Abbildung 7
5-Mark-Gedenkmünze Berlin – Hauptstadt der DDR (1971).
Abbildung 8–10
Brandenburger Tor (1948, Michel, Bizone, 85); Berlin-Hilfe (1948, Michel, Bizone, 101); Branden-
burger Tor (1949, Michel, West-Berlin, 42).
Abbildung 11–12
Volksaufstand 17. Juni (1953, Michel, West-Berlin, 111); 10. Jahrestag der Machtergreifung (1943,
Michel, DR, 829).
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Abbildung 13–14
»Nord und Süd« (1900, Michel, DR, 64); NSKK (1945 (nicht ausgegeben), Michel, DR, X).
Abbildung 15–17
Deutsch-Polnische Freundschaft (1951, Michel, DDR, 285); 1. Todestag von J. W. Stalin (1954,
Michel, DDR, 425); Eröffnung des 1. Deutschen Bundestages (1949, Michel, BRD, 111).
Abbildung 18–20
Brandenburger Tor (1966, Michel, BRD, 508); Brandenburger Tor (1966, West-Berlin, 288); 10
Jahre Berliner Mauer (1971, Michel, DDR, 1692).
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Abbildung 21
25 Jahre Berliner Mauer (1986, Michel, DDR, 3037).
Abbildung 22–24
10 Jahre Nationale Volksarmee (1966, Michel, DDR, 1162); 20 Jahre Kampfgruppen (1973, Michel,
DDR, 1875); Brandenburger Tor (1973, Michel, DDR, 1879).
Abbildung 25
150. Jahrestag der Befreiungskriege (1963, Michel, DDR, 988–992).
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Christian Rohr
Land der Berge? Alpine Landschaften, Kultur und Infrastruktur im
Spiegel österreichischer und Schweizer Briefmarkenemissionen
nach 1945
1 Einleitung
Österreich und die Schweiz gelten als die beiden Alpenstaaten schlechthin und
sie definieren sich auch seit Generationen gemeinhin als ›Alpenrepubliken‹.
Jeweils zwei Drittel des heutigen Staatsgebiets der beiden Länder sind nach der
Definition der Alpenkonvention von 1991 den Alpen zuzuordnen. 1
Die Schweiz wurde spätestens seit dem 18. Jahrhundert allgemein als Alpen-
land wahrgenommen, als vornehmlich britische Touristen im Rahmen der
Grand Tour auch Teile der Schweiz bereisten. Zudem verbreitete sich die
Selbstdarstellung als Alpenvolk, etwa in Form des berühmten Alpengedichts
Albrecht von Hallers (1708–1777) aus dem Jahr 1729, rasch in den aufgeklär-
ten Zirkeln Europas. In der Folge wurden die Begriffe ›Alpen‹ und ›Schweiz‹
mitunter fast synonym verwendet, was zu Landschaftsbezeichnungen wie
›Sächsische Schweiz‹ oder gar ›Holsteinische Schweiz‹ führte – und in letzte-
rem Fall eine (aus alpiner Sicht) höchstens als Hügelkette zu bezeichnende
Erhebung beschreibt.
1 Die Eingrenzung, welche Regionen den Alpen zugerechnet werden, folgt den in der für die
Alpenkonvention definierten Gebiete (vgl. dazu etwa die Karte bei Werner Bätzing: Die Alpen.
Geschichte und Zukunft einer europäischen Kulturlandschaft, München 2015, vordere Buchde-
ckelinnenseite bzw. S. 25 mit den Flächenangaben). Österreich weist mit 28,5 Prozent an der
Gesamtalpenfläche den größten Anteil aller Alpenstaaten auf, die Schweiz steht dabei allerdings
nach Italien (27,2 Prozent) und Frankreich (20,7 Prozent) mit 13,9 Prozent nur an vierter Stelle.
Das Juragebirge in der Nordwestschweiz sowie das Mühl- und Waldviertel werden daher trotz
ihrer zum Teil gebirgigen Struktur nicht in die Betrachtung miteinbezogen. Allerdings werden
gegenüber dieser Regelung Ausnahmen gemacht, wenn etwa eine Landschaft dargestellt ist, die
im Vordergrund extraalpine Regionen zeigt, aber die Alpen bewusst im Hintergrund in Szene
gesetzt werden.
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In Österreich erfolgte diese Selbstdefinition erst später, zumal die Alpen in
der Habsburgermonarchie bis 1918 nur einen deutlich kleineren Anteil an der
Gesamtfläche ausmachten und die Metropolen Wien, Budapest und Prag ab-
seits oder nur an den Ausläufern der Alpen lagen. Mit der Verkleinerung
›Rest-Österreichs‹ auf sein heutiges Territorium wurden die Alpen hingegen zu
einer der prägenden Landschaftsformen. Nicht zuletzt wurde der in den Alpen
beheimatete Steinadler zum österreichischen Wappentier. Die Alpenblumen
Enzian, Edelweiß und Alpenprimel zieren seit 2002 die österreichische 1-, 2-
und 5-Cent-Münze. Der für diesen Beitrag gewählte Haupttitel ›Land der Ber-
ge‹ bildet die ersten Worte der österreichischen Bundeshymne. Auch die
Schweizer Landeshymne, der Schweizerpsalm, kommt selbstverständlich nicht
ohne Bezug auf den sich rötenden Alpenfirn aus.
Das nationale Selbstverständnis wurde und wird in beiden Ländern auch
durch transalpine Verkehrswege geprägt, von der ersten alpinen Bahnstrecke
überhaupt über den Semmering bis hin zum Gotthard-Basistunnel, von der
Großglockner-Hochalpenstraße bis hin zur Europabrücke der Brennerauto-
bahn. Hochalpine Speicherkraftwerke wie am Grimselpass im Berner Oberland
oder in Kaprun in den Hohen Tauern wurden zu Symbolen von Autarkie und
Wiederaufbau in weltpolitisch turbulenten Zeiten.
Dieser Definition österreichischer und schweizerischer Identität über die
Alpen steht aber das Alpenvorland beziehungsweise Mittelland in beiden Län-
dern mit seinen urbanen Zentren gegenüber: die Schweiz der Finanzmetropole
Zürich, der Pharma-Stadt Basel und der Diplomatie-Stadt Genf sowie das
Österreich der Kulturmetropole Wien, der Stahl-Stadt Linz und der Mozart-
Stadt Salzburg. Schließlich prägen Flüsse und Seen nicht nur innerhalb der
Alpen die beiden Länder, vom Rheinfall bei Schaffhausen bis zum Donaueng-
tal der Wachau. ›Land am Strome‹ lautet daher die zweite Zeile der österreichi-
schen Bundeshymne, noch bevor Äcker und Dome besungen werden.
Versteht man Briefmarken als gleichsam ›offiziöse Visitenkarte eines Lan-
des‹ 2, so lässt sich fragen, inwiefern sich dieses alpine Selbstverständnis der
2 Vgl. in diesem Sinne den erstmals 1927 in der Frankfurter Zeitung (Nr. 584 vom 9. August 1927,
S. 1–2) erschienenen Essay von Walter Benjamin Briefmarken-Handlung, 1928 wiederabge-
druckt in Walter Benjamin: Werke und Nachlaß. Kritische Gesamtausgabe. Bd. 8: Einbahnstra-
ße, Frankfurt am Main 2009, S. 62– 65, hier: S. 65: »Marken sind die Visitenkarten, die die gro-
ßen Staaten in der Kinderstube abgeben.« In eine ähnliche Richtung argumentierte auch der
Kunstwissenschaftler Aby Warburg in den 1920er-Jahren, der in einer Notiz vom 28. Novem-
ber 1926 (Warburg Institute Archive, Notizkasten 3) festhielt: »Wenn alle Documente verloren,
genügt ein vollständiges Markenalbum zur Total-Reconstruction der Weltkultur im techni-
schen Zeitalter.« (zit. n. Ulrich Raulff: Der aufhaltsame Aufstieg einer Idee. Warburg und die
Vernunft in der Republik, in: ders.: Wilde Energien. Vier Versuche zu Aby Warburg, Göttingen
2003, S. 72–116, hier: S. 76). Allgemein zu Benjamin und Warburg und ihrer Stellung zur Be-
deutung der Briefmarke als Spiegelbild historischer Entwicklungen vgl. Gottfried Gabriel: Äs-
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beiden Länder auch in den Motiven der Briefmarkenemissionen widerspiegelt.
Lassen sich dabei Entwicklungen des Blicks auf die Umwelt im langjährigen
Vergleich erkennen? Gibt es signifikante Unterschiede zwischen Österreich
und der Schweiz? Der Schwerpunkt der Untersuchung liegt auf Österreich, die
Briefmarkenausgaben der Schweiz können aus Platzgründen nur vergleichend
analysiert werden.
Als Untersuchungszeitraum wird die Periode von 1945 bis 2015 herangezo-
gen. Dadurch ergibt sich ein Quellenkorpus, das sowohl mit quantifizierenden
als auch seriell-ikonografischen Ansätzen erschlossen werden kann. Es soll
somit analysiert werden, welchen Anteil Motive mit alpinem Bezug im Dau-
ermarkenprogramm und in Sonderausgaben der beiden Länder ausmachen
und wie diese Motive über die Jahrzehnte verteilt sind. Derartige quantifizie-
rende Überlegungen zur Motivwahl wurden bislang noch kaum im Zusam-
menhang mit Briefmarken angestellt und können somit qualitative und auf
einzelne Ausgaben gerichtete Studien sinnvoll ergänzen. 3
Die serielle Ikonografie im Sinne von Ulrike Pilarczyk und Ulrike Mietzner,
ursprünglich angewandt für große Bildkorpora mit ähnlichen Motiven, etwa
für bürgerliche Porträtfotografie des 19. Jahrhunderts, versucht, signifikante
Gemeinsamkeiten und Unterschiede herauszuarbeiten, die bei einer Einzelana-
lyse nicht auffallen würden. 4 Für den hier gewählten Bereich bedeutet dies,
dass erstens festgestellt werden kann, wie oft bestimmte Motive wiederkehren,
zweitens deutlich wird, wie sich deren Darstellung über die Jahrzehnte verän-
dert hat beziehungsweise welche Konstanten dabei zu beobachten sind, und
drittens erschlossen werden kann, wie diese Befunde die allgemeinen politi-
schen und gesellschaftlichen Entwicklungen widerspiegeln.
Sowohl bei den quantifizierenden Überlegungen als auch bei der qualitati-
ven Analyse wird bewusst zwischen Dauermarken und Sonderausgaben unter-
thetik und politische Ikonographie der Briefmarke, in: Zeitschrift für Ästhetik und Allgemeine
Kunstwissenschaft 54 (2009) 1, S. 183–201, hier: S. 184–185 sowie S. 200–201 (Anhang) mit ei-
nem Zeitungsbericht aus den Hamburger Nachrichten vom 15. August 1927, in dem von einem
Vortrag Aby Warburgs berichtet wird, in dem dieser »eine geistreiche und amüsante Staatspsy-
chologie der verschiedensten Länder« aus der »bald schroffen abstrakten oder göttergleichen,
bald beflissen reklamemäßigen Darstellung der Staatsoberhäupter, Landesprodukte oder Alle-
gorien« auf Briefmarken ableitete.
3 Carlrichard Brühl: Geschichte der Philatelie, 2 Bde., Hildesheim/Zürich/New York 1985,
S. 241–245 beschäftigte sich erstmals mit der Ausgabenstatistik und nahm eine hohe bzw. nied-
rige Zahl an Ausgaben, insbesondere von Blockausgaben, als Gradmesser für die ›Seriosität‹ der
Ausgabenpolitik. Dies mündete in erster Linie in eine scharfe Polemik gegenüber der Ausga-
benpolitik der Vereinigten Arabischen Emirate in den 1960er- und frühen 1970er-Jahren (mit
über 5.000 Freimarken), die allerdings alle Regeln der Wissenschaftlichkeit und political cor-
rectness missachtete.
4 Ulrike Pilarczyk/Ulrike Mietzner: Das reflektierte Bild. Die seriell-ikonografische Fotoanalyse
in den Erziehungs- und Sozialwissenschaften, Bad Heilbrunn 2005.
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schieden. Die erste Gruppe hat schon durch ihre Eigenschaft, in unbeschränk-
ter Zahl in Umlauf gebracht zu werden, die Funktion, auf den Durch-
schnittssendungen im Inland wie auch ins Ausland als Botschafter und Werbe-
träger zu fungieren – zumindest für die Zeit, bis automatische Frankaturstem-
pel zur Normalität wurden. Die zweite Gruppe ist stark an aktuellen Anlässen
und Jubiläen orientiert; zudem verraten Sondermarkenserien noch stärker
wichtige Trends einer Epoche. Für die Schweiz kommt dabei als jährlich emit-
tierte Sonderform die Gruppe der Pro Patria-Briefmarken – und in einem
kleineren Ausmaß die der Pro Juventute-Briefmarken – hinzu. Sie lassen durch
ihr regelmäßiges Erscheinen ganz besonders Entwicklungen hinsichtlich des
Blicks auf die Alpen und des nationalen Selbstverständnisses zu.
Was die Zahlenangaben für den quantifizierenden Teil betrifft, so sind diese
jeweils als Annäherungen zu verstehen, da die Zuordnung einzelner Briefmar-
ken zum Gesamtthema ›Alpen‹ nicht immer eindeutig ist. So sind etwa im
Bereich der Gruppe ›Flora, Fauna und Mineralien‹ manche Motive auch von
ihrem Zeichencharakter ganz eindeutig ›alpin‹, etwa Edelweiß, Murmeltier
oder Bergkristall. Andere, weniger eindeutig auf den alpinen Bereich bezogene
Motive aus dieser Gruppe wurden nur dann aufgenommen, wenn etwa die
gesamte Sondermarkenserie als ›Alpenblumen‹ tituliert wurde. Ähnlich wurde
auch mit der Gruppe ›Kunst/Brauchtum‹ verfahren, die unter anderem den
Bereich von regionalen Trachten beinhaltet. In den Alpen liegende Städte und
Dörfer wurden nur dann berücksichtigt, wenn die alpine Umgebung zumin-
dest angedeutet wurde. Die Darstellung eines Gebäudes allein in einer Stadt in
den Alpen reicht somit noch nicht für eine Zuordnung aus. Ebenso wurde auf
eine Aufnahme verzichtet, wenn bei Wintersportereignissen oder Personen,
die diese Sportarten ausüben, kein oder nur ein vager Hinweis auf die alpine
Umgebung vorliegt, etwa nur der Schnee als Untergrund für einen Schifahrer.
Schließlich hängt die genaue Zahl der ausgewerteten Briefmarken auch von der
Nummerierung in den unterschiedlichen Briefmarkenkatalogen ab, das heißt
manch ein Katalog versieht beispielsweise Neuausgaben auf geändertem Papier
mit einer neuen Nummer, andere nicht. Aufgrund der hohen Praktikabilität
orientieren sich alle Mengenangaben am Austria Netto-Katalog (ANK); für alle
österreichischen Briefmarken wird jeweils die Nummer nach dem Michel-
Katalog und dem ANK angegeben, für die der Schweiz auch nach dem dort
autoritativen Zumstein-Katalog, der allerdings die chronologische Ordnung
massiv durchbricht, indem etwa die Pro Patria- und Pro Juventute-Ausgaben
als eigene Kategorie gezählt werden. 5 Nichtsdestotrotz zeigen die quantifizie-
5 Verwendete Ausgaben der drei Kataloge: Austria Netto-Katalog (ANK) Briefmarken. Vierlän-
derkatalog Österreich – Deutschland – Schweiz – Liechtenstein 2018, Wien 2017; Michel Euro-
pa. Bd. 1: Mitteleuropa 2017, München 2017; Zumstein Katalog Schweiz/Liechtenstein/
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renden Beobachtungen klare Trends auf, die auch durch die bis zu einem ge-
wissen Grad subjektive Berücksichtigung oder Nicht-Berücksichtigung nicht
verändert wären.
2 Österreichische Briefmarken, 1945 bis 2015
Das Gesamtkorpus der offiziellen österreichischen Briefmarken 6 umfasst nach
dem ANK 2.612 Ausgaben, was einem Durchschnitt von 36,8 Briefmarken pro
Jahr entspricht. Allerdings täuscht dieser Durchschnittswert darüber hinweg,
dass bis zum Wechsel auf die Euro-Währung mit Anfang 2002 der Durch-
schnitt noch bei 26,9 Briefmarken pro Jahr lag (gesamt 1.537 Ausgaben), wo-
hingegen er für die Zeit von 2002 bis 2015 auf 63,5 hochschnellte (875 Brief-
marken insgesamt). Die allermeisten Ausgaben erschienen im Jahr 2008, insge-
samt 89 Briefmarken, davon 40 zur Fußball-Europameisterschaft 2008.
Hingegen wurden 1956 nur 7 Briefmarken herausgegeben. Die Zahl der Aus-
gaben pro Jahr schwankt allerdings auch für die Jahre vor der Jahrtausend-
wende stark (Abb. 1): 1945 wurden zunächst eigene Briefmarken für die westli-
chen beziehungsweise die sowjetische Besatzungszone in Umlauf gebracht,
dann Ausgaben für Gesamtösterreich. In den Folgejahren bestand weiter ein
Nachholbedarf hinsichtlich der Dauermarken, sodass die Zahl der emittierten
Briefmarken bis 1949 sehr hoch blieb, dann aber in den 1950er-Jahren deutlich
zurückging und erst gegen Ende des Jahrzehnts wieder stark anstieg.
Abbildung 1 verdeutlicht sowohl die Gesamtzahl der Ausgaben pro Jahr als
auch die Zahl der Briefmarken mit Alpen-Bezug. 264 Briefmarken weisen
einen klaren motivischen Alpenbezug auf, also rund 10,1 Prozent. Davon han-
delt es sich bei 114 um Dauermarken, was bei einer Gesamtzahl von 398 Dau-
ermarken rund 28,6 Prozent Ausgaben mit Alpenbezug bedeutet. Hingegen
machen die 150 Sondermarken mit alpinen Themen nur etwa 6,8 Prozent aller
Sonderausgaben (insgesamt 2.214) aus. Schon daran lässt sich klar erkennen,
dass ein alpines Selbstverständnis Österreichs zu einem überwiegenden Teil in
den Dauermarken und nicht in den Sondermarken repräsentiert ist. Wie im
Folgenden noch verdeutlicht wird, sind dabei aber auch ›Konjunkturen‹ zu
erkennen, also Zeiten, in denen Alpenmotive einen signifikant größeren Anteil
Campione und Vereinte Nationen, Genf 2018, Bern 2017. Das Copyright aller in diesem Auf-
satz gezeigten Österreichischen Briefmarken liegt bei der Österreichischen Post AG, das der
Schweizer Postwertzeichen bei der Post CH AG.
6 Seit der Jahrtausendwende können in Österreich auch Briefmarken für private Zwecke sowie als
Firmenwerbung selbst gestaltet werden. Diese werden für die Analyse ebenso nicht berücksich-
tigt wie die seit einigen Jahren von der Österreichischen Post AG herausgegebenen Markenbü-
cher mit Motivmarken aller Art, die in den Postshops verkauft werden.
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an der Gesamtzahl der Emissionen hatten, und umgekehrt Phasen, in denen
das Thema Alpen fast gar nicht auf Briefmarken zu finden war.
Die Dauermarkenserien der späten 1940er-Jahre sind motivisch stark von
Natur und Heimat, von Folklore und auf den ersten Blick unpolitischen The-
men geprägt, ein Trend, der sich aus den 1930er-Jahren fortsetzt und etwa
auch auf dem Gebiet der österreichischen Tourismusplakate vor 1938 erkenn-
bar ist. 7 Der alpine Raum spielt dabei naturgemäß eine zentrale Rolle, etwa bei
der Serie Landschaftsmarken von 1945 bis 1947, die 1947 bis 1948 nochmals in
einheitlichen Orange- beziehungsweise Violetttönen herausgegeben wurde: 36
von 55 Ausgaben beziehungsweise 18 von 27 Motiven haben einen eindeutigen
Alpinbezug, so auch Abbildung 2 8 mit einer Darstellung des Silvretta-Massivs
in Vorarlberg.
Eine der am meisten verwendeten und das Österreich-Bild prägenden Dau-
ermarkenserie war die Trachten-Ausgabe, die zunächst 1948 bis 1952 auf gel-
bem Papier erschien, um ab 1958/1959 auf weißem Papier nochmals für Jahre
die Briefe und Postkarten in und aus Österreich zu dominieren: 35 von 58
Ausgaben beziehungsweise 20 von 33 Motiven sind in diesem Fall alpin ge-
prägt, wobei die fast ausschließlich weiblichen, in regionale Trachten gekleide-
ten Personen schon alleine dadurch einen ländlich-alpinen Eindruck beim
Rezipienten erwecken (auch wenn die Ausgabe durchaus auch traditionell
städtische und andere nicht-alpine Trachten beinhaltet). Die Gebirgslandschaft
ist in der Regel nur im Hintergrund angedeutet. Die politische Aussage dieser
Dauermarkenserie ist nicht nur durch die Betonung des Konservativ-
Heimatlichen gegeben, sondern bei genauerer Betrachtung auch durch die
Wahl der Trachtenregion. So ist der besonders häufig verwendete Wert zu 1
Schilling mit einer Tracht aus dem Tiroler Pustertal geschmückt (Abb. 3 9), eine
Region, die seit 1918/19 zu Italien gehörte; nach dem Zweiten Weltkrieg streb-
te die österreichische Regierung vehement die Rückgabe zumindest dieses Teils
von Südtirol an, zumal das Tal einerseits eine wichtige Verbindung zwischen
den bei Österreich verbliebenen Teilen Tirols, Nord- und Osttirol, darstellt
und andererseits selbst nach der faschistischen Umsiedelungspolitik von einer
überwiegend deutschsprachigen Bevölkerung bewohnt war. Das sogenannte
Gruber-De Gasperi-Abkommen von 1947 beendete zwar dieses Ansinnen zu-
nächst, sah aber im Gegenzug die Ausarbeitung eines umfassenden Autono-
7 Vgl. Wolfgang Kos: Das Plakat als Leitmedium der Tourismusbewegung, in: Kurt Luger/Franz
Rest (Hrsg.): Alpenreisen. Erlebnis, Raumtransformationen, Imagination, Innsbruck u. a. 2017,
S. 533–552, hier: S. 544–545. Kos erkennt seit der Einrichtung des sogenannten Ständestaats im
Jahr 1934 einen »Rückgriff auf das Bäuerlich-Katholische« (S. 544).
8 Michel, Österreich, 845 bzw. ANK, Österreich, 854 (10. Dezember 1947).
9 Michel, Österreich, 911 bzw. ANK, Österreich, 905 (13. März 1950).
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miestatus für Südtirol vor (der aber erst in den 1990er-Jahren als erfüllt ange-
sehen wurde). Die Briefmarke mit dem Pustertal-Motiv erschien zudem in
insgesamt drei Farbgebungen, 10 sodass von einer Allgegenwärtigkeit dieser
impliziten politischen Botschaft auszugehen ist.
Mit der Bauten-Serie, die zum Großteil im Zeitraum von 1957 bis 1963 er-
schien (mit Ergänzungswerten bis 1970), rückten alpine Motive auf Dauer-
marken erstmals in den Hintergrund: Nur drei von 34 Ausgaben beziehungs-
weise 29 unterschiedlichen Motiven weisen einen alpinen Bezug auf. Zwar
liegen manche der Bauten durchaus in Städten und Dörfern innerhalb der
Alpen, doch wird die alpine Umgebung nicht einmal angedeutet. Ausnahmen
bilden ein Bauernhaus im Salzburger Pinzgau, 11 der Münzturm von Hall in
Tirol vor der Kulisse der Tiroler Nordkette (Abb. 4 12) sowie die Schattenburg
in Feldkirch 13. Insgesamt lässt sich beobachten, dass nicht nur die motivische
Grundausrichtung für diesen Rückgang an Alpenbezug verantwortlich war,
sondern dass die alpine Umgebung der Bauten in den meisten Fällen ganz
ausgespart wurde.
Mit der Landschaften-Serie der Jahre 1973 bis 1983 rückte der Alpenraum
wieder mehr ins Blickfeld: 16 von 28 Ausgaben beziehungsweise 15 von 27
Motiven weisen einen deutlichen Bezug zu alpiner Umwelt auf. Die Darstel-
lungen sind weitgehend realistisch gehalten, sodass ein Wiedererkennungsef-
fekt im Sinne der Tourismuswerbung in jedem Fall gegeben ist. Abbildung 5 14
mit der Bischofsmütze im Dachsteinmassiv (Land Salzburg) kann dafür als
gutes Beispiel dienen. Die Briefmarke zeigt eine Almenidylle mit einer Hütte,
die zur Einkehr nach einer Bergwanderung einlädt, vor schroffer, imposanter
Bergkulisse.
In den letzten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts verschwanden alpi-
ne Motive auf Dauermarken wieder weitgehend, was – wie unten noch zu
zeigen sein wird – in einem Gegensatz zur Entwicklung bei den Sondermarken
steht. Auf der Dauermarkenserie Klöster I (1984–1992) sind Berge nur in drei
von 18 Motiven im Hintergrund angedeutet, 15 bei der Serie Klöster II (1993–
1995), die sich vor allem auf architektonische Details beschränkt, findet sich
keine Briefmarke mit Alpenbezug. Bei der Serie Sagen aus Österreich (1997–
10 Blaue Ausgabe vom 1. Juni 1948 (Michel, Österreich, 910 bzw. ANK, Österreich, 904), rote
Ausgabe vom 13. März 1950 (Michel, Österreich, 911 bzw. ANK, Österreich, 905), grüne Aus-
gabe vom 24. September 1951 (Michel, Österreich, 912 bzw. ANK, Österreich, 906).
11 Michel, Österreich, 1115 bzw. ANK, Österreich, 1096 (25. September 1962).
12 Michel, Österreich, 1048 bzw. ANK, Österreich, 1101 (1. Februar 1960).
13 Michel, Österreich, 1232 bzw. ANK, Österreich, 1261 (3. Februar 1967).
14 Michel, Österreich, 1442 bzw. ANK, Österreich, 1587 (22. März 1974).
15 Michel, Österreich, 1791, 1915 und 1967 bzw. ANK, Österreich, 1807, 1946 und 1994
(28. September 1984, 18. März 1988 und 1. September 1989).
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2000) weisen immerhin drei von zwölf Motiven, also ein Viertel, klare Bezüge
zu einem alpinen Umfeld auf. 16
Mit Jahresbeginn 2002 wurde in Österreich der Euro als neue Währung ein-
geführt. Dies führte dazu, dass eine neue Dauermarkenserie in Umlauf kam,
die noch einmal eine große Anzahl an Einzelwerten und Motiven aufwies. Mit
dem Titel Ferienland Österreich (2002–2006) wurde auch die Intention der
Serie als Werbebotschaft im In- und Ausland betont. Da für diese Serie sowohl
Landschafts- als auch städtische Motive aufgenommen wurden, erreicht der
Anteil von Sujets mit Alpenbezug nicht mehr die Dimensionen der Land-
schaftsserien in den späten 1940er- und in den 1970er-Jahren, ist aber mit elf
von 28 Ausgaben beziehungsweise vier von 13 Motiven immer noch über-
durchschnittlich hoch.
Die sehr traditionell wirkenden Motive von verschneiten Winterlandschaf-
ten (Abb. 6 17), Almen mit Kühen oder Kellergassen in Weinbauerndörfern
führten allerdings zu allerhand Polemik und gar einem Aufschrei der österrei-
chischen Kunstszene. Ein namentlich nicht genannter Redakteur stellte zu-
nächst schon im April 2001 die angekündigte neue Dauermarkenserie in der
linksliberalen Tageszeitung Der Standard vor und sparte dabei nicht mit spit-
zen Bemerkungen: Österreich wird dabei ironisch als Nation von heimatver-
bundenen Xenophoben mit einem besonderen Naheverhältnis zu Kitsch und
Lüge dargestellt, die sich einmal mehr in den Briefmarken des Landes manifes-
tiere: »Der Fremde soll wissen, wofür wir stehen. Und der Einheimische kann
nicht oft genug daran erinnert werden. Wenn sich das mit der Union irgend-
wann einmal als Vereinnahmung herausstellen sollte, dann waren wir eben
nachweislich nie Europäer. Unsere Motive beweisen das schon jetzt.« Die
größte Illustration zum Beitrag, die Briefmarke mit einer Kuh auf einer Alm im
Tiroler Alpbachtal, 18 kommentierte der Autor spitz mit: »Ein Österreich-Bild
geht um die Welt. Im inneren Alpbachtal kulminiert, was uns ausmacht: das
Bekenntnis zur Moderne.« 19
Am 9. Mai 2001 erschien dazu ein Leserbrief von Gerald Bast, damals Rek-
tor der Universität für Angewandte Kunst in Wien, in dem dieser sich einerseits
über die fatale Ästhetik der Briefmarken beklagte, andererseits darauf hinwies,
dass zeitgenössische Künstlerinnen und Künstler, etwa auch der von ihm gelei-
teten Universität, nicht eingebunden worden seien:
16 Michel, Österreich, 2257, 2290 und 2300 bzw. ANK, Österreich, 2290, 2321 und 2330 (5. Juni
1998, 27. August 1999 und 12. November 1999).
17 Michel, Österreich, 2454 bzw. ANK, Österreich, 2488 (5. Dezember 2003).
18 Michel, Österreich, 2366 bzw. ANK, Österreich, 2400 (1. Januar 2002).
19 Ansichten keiner Republik, in: Der Standard, 25. April 2001, S. 13.
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»Offensichtlich versucht die Österreichische Post mit den neuen Euro-Briefmarken Ös-
terreich als Land der Almbewohner und Weindippler international zu positionieren.
Nicht nur, dass die neuen Briefmarken in der Ästhetik der 40er Jahre abgefasst sind, auch
mit den gewählten Motiven (schummrige Altstadt-Romantik, Weinkeller, Kuh auf der
Alm, verschneites Bergbauerndorf) stellt sich Österreich in einer Art dar, die wohl alle er-
schauern lassen muss, die Österreich als modernes Land sehen, in dem Kunst, Kultur und
Wissenschaft eine wichtige Rolle spielen. Ist das die Manifestation des berüchtigten öster-
reichischen Selbsthasses oder bloß die Gedankenlosigkeit eines in der Vergangenheit le-
benden Philatelisten? Auch wenn man die Bedeutung von Briefmarken nicht überbewer-
ten sollte, der Eindruck, den Österreich mit diesen Marken in der Welt erwecken will, ist
jedenfalls sowohl künstlerisch als auch was die Botschaft betrifft, verheerend.« 20
Bemerkenswert ist die Reaktion auf die Kritik: 2005 wurden einzelne Brief-
marken der Serie Ferienland Österreich nochmals mit Überdruck herausgege-
ben. 21 In Zusammenarbeit mit einem Wettbewerb an der Universität für An-
gewandte Kunst in Wien wurden auf die Dauermarken nicht nur neue Wert-
angaben aufgedruckt, sondern das Motiv wurde auch humoristisch verfremdet,
etwa durch Schispringer, die über eine winterliche Almhütte im Steinernen
Meer (Land Salzburg) fliegen 22 oder indem eine Kuh auf einer Alm im Tiroler
Alpbachtal zu einem ›Kubra‹ mutiert (Abb. 7 23).
Auch bei der neuen Dauermarkenserie Blumen von 2007 bis 2008 sind ty-
pisch alpine Pflanzen noch mit vier von 13 Motiven vertreten. 24 In den Folge-
jahren fand offensichtlich ein einschneidender Wechsel bei der Motivwahl für
Dauermarken statt. Mit der Serie Kunsthäuser (2011–2012), die Museumsbau-
ten in moderner Architektur in Österreich und auch im Ausland zeigt, fehlt
naturgemäß der Alpenbezug, auch wenn einzelne Gebäude durchaus in den
Alpen stehen. Da aber die Darstellung nur auf die Konturen der Bauten kon-
zentriert ist, spielt das Umfeld des Gebäudes keinerlei Rolle. Erstmals über-
haupt hat damit die Österreichische Post AG Motive für eine Dauermarkenserie
gewählt, die modern, ja mitunter sogar avantgardistisch wirken. Dies setzt sich
auch in der Serie Österreichische Wahrzeichen (2013–2014) fort, die Gebäude
in den österreichischen Landeshauptstädten zeigt, aber durch eine abstrahie-
rend-kubische Wiedergabe der Sehenswürdigkeiten – sowohl historischer als
auch moderner Bauten – ganz ohne Alpenbezug auskommt. Die oben zitierte
harsche Kritik an der Alpenromantik im Stil der 1940er-Jahre hat offenbar –
20 Gerald Bast: Verheerendes Bild, in: Der Standard, 9. Mai 2001, S. 38.
21 Michel, Österreich, 2509–2516 bzw. ANK, Österreich, 2543–2550 (25. Januar 2002 bis 18.
Februar 2002).
22 Michel, Österreich, 2514 bzw. ANK, Österreich, 2544 (25. Januar 2005).
23 ›Kubra‹ im Tiroler Alpbachtal, Michel, Österreich, 2515 bzw. ANK, Österreich, 2543 (25.
Januar 2005).
24 Michel, Österreich, 2631, 2679, 2681 und 2749 bzw. ANK, Österreich, 2658, 2706, 2708 und
2788 (26. Januar 2007, 25. August 2007 und 1. September 2008).
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bewusst oder unbewusst – zu einer Neuorientierung bei der grafischen Gestal-
tung geführt.
Besonders bemerkenswert ist der Rückgang an alpinen Bezügen in der letz-
ten hier analysierten Dauermarkenserie Impressionen aus Österreich (2015).
Wären hier in früheren Jahrzehnten noch ein bis zwei Drittel an Alpenmotiven
zu erwarten gewesen, so sind es jetzt gerade noch zwei von 16: Diese beiden
Briefmarken zeigen zum einen die moderne Bergisel-Sprungschanze in Inns-
bruck, einen hoch in die alpine Landschaft ragenden Neubau der Stararchitek-
tin Zahra Hadid, 25 und zum anderen als österreichische ›Bergikone‹ einmal
mehr den Großglockner (Abb. 30 26).
Allerdings gibt es für diesen Trend der letzten zehn Jahre, vom ›Land der
Berge‹-Klischee abzurücken, eine markante Ausnahme: 2012 erschienen zwei
Post-Frankier-Automatenmarken, welche die beiden Bergmassive Dachstein
und Großglockner zeigen und den Bezug auf das ›Land der Berge‹ sogar durch
die Aufschrift explizit betonen (Abb. 8–9 27). Hier kommt wieder der Aspekt
der Tourismuswerbung, aber auch des traditionellen Selbstverständnisses, wie
es die erste Zeile der österreichischen Bundeshymne beschreibt, klar zum Aus-
druck. Stilistisch erfolgt eine Abkehr vom gestochenen Markenbild, das über
lange Zeit die österreichischen Briefmarkenemissionen geprägt und wohl
maßgeblich zur hohen Beliebtheit als Sammelobjekt beigetragen hat. So wie bei
vielen Sondermarken liegen der Darstellung nun Fotos zugrunde.
Die Analyse von Alpenmotiven beziehungsweise -themen auf österreichi-
schen Sonderbriefmarken seit 1945 erfolgt in einem ersten Schritt zunächst
wieder quantifizierend. Abbildung 10 zeigt die Verteilung über den Untersu-
chungszeitraum hinweg. Dabei lassen sich deutliche Trends erkennen: Zum
einen finden sich zwischen der Mitte der 1950er-Jahre und 1983 nur relativ
wenige Beispiele für Sondermarken mit Alpenbezug; eine Ausnahme bildet das
Jahr 1966, in dem eine sechsteilige Sondermarkenserie mit Alpenblumen er-
schien. 28 Zum anderen ist danach für die letzten rund 15 Jahre des 20. Jahr-
hunderts ein besonderer Trend zurück zur (alpinen) Natur, aber auch zu alpi-
nem Kulturgut und Brauchtum zu erkennen, der auch nach der Jahrtausend-
wende etwas anhält. Diese Entwicklung stimmt durchaus auch mit der
allgemeinen politisch-gesellschaftlichen überein, denn um die Mitte der
1980er-Jahre wurden Umweltschutzthemen aktueller denn je, sowohl auf ös-
25 Michel, Österreich, 3197 bzw. ANK, Österreich, 3222 (1. März 2015).
26 Michel, Österreich, 3190 bzw. ANK, Österreich, 3221 (1. März 2015).
27 Michel, Österreich, Automatenmarke, ATM26C bzw. ANK, Österreich, PFK 1, Type II (29.
November 2012); Michel, Österreich, Automatenmarke, ATM26C bzw. ANK, Österreich, PFK
2, Type II (29. November 2012).
28 Michel, Österreich, 1209–1214 bzw. ANK, Österreich 1239–1244 (17. August 1966).
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terreichischer Ebene als auch in einem internationalen bis globalen Kontext.
Nach der Entstehung der Grün-Parteien in Österreich war insbesondere in den
frühen 1990er-Jahren auch in den etablierten Großparteien eine stärkere Hin-
wendung zu Umweltthemen in der Politik erkennbar, der bis hin zu aktionisti-
schen Medienauftritten vor atemberaubender Alpenkulisse führte.
In absoluten Zahlen blieben die Sondermarken mit Bezug auf die Alpen
auch nach der Umstellung auf den Euro etwa auf dem gleichen Niveau wie
zwischen 1984 und 2001, doch gemessen an der Gesamtzahl der Sondermar-
ken nimmt in den letzten Jahren der Anteil an der Gesamtzahl wieder ab (vgl.
Abb. 1). Dies liegt vor allem daran, dass umfangreiche Blockausgaben und
Einzelmarken bei der Österreichischen Post mehr im Trend sind als je zuvor.
Innerhalb der Sondermarken mit alpiner Thematik lassen sich mehrere
wichtige Motivgruppen erkennen, deren anteilsmäßige Verteilung in Abbil-
dung 11 ersichtlich ist. 29 Demnach nehmen Motive zur Infrastruktur, also
trans- und inneralpine Verkehrswege (Eisenbahn, Autobahnen) sowie alpine
Elektrizitätswerke, mit 54 Briefmarken (36 Prozent) den größten Anteil ein;
rund drei Fünftel (34 Briefmarken) sind davon Jubiläen gewidmet. Die Gruppe
›Kultur und Brauchtum‹ (24 Briefmarken, 16 Prozent) konstituiert sich vor
allem aus der Sonderausgabenserie Volksbrauchtum (1991–2006); von den
insgesamt 36 Motiven sind 14 eindeutig dem alpinen Raum zuzuordnen, in-
dem sie die alpine Umwelt zumindest andeuten. Im Bereich alpiner Landschaf-
ten (18 Briefmarken, 12 Prozent) fällt vor allem die Sonderausgabenserie Na-
turschönheiten in Österreich (1984–2001) mit 13 (von insgesamt 20) Motiven
ins Gewicht. Weitere Gruppen bilden ›Städte und Dörfer im Gebirge‹ vor ent-
sprechender alpiner Kulisse (12 Briefmarken, 8 Prozent), ›Flora, Fauna und
Gesteine‹ (15 Briefmarken, 10 Prozent) sowie ›Sport und Freizeit‹ (19 Brief-
marken, 13 Prozent), wobei eine Zuordnung zur letzten Gruppe nur dann
erfolgte, wenn ein Bezug auf die umgebende Landschaft klar erkenntlich war.
Bezöge man gerade für die Zeit nach der Jahrtausendwende noch die zahlrei-
chen Abbildungen zu erfolgreichen Schifahrerinnen und Schifahrern mit ein,
würde sich diese Gruppe noch deutlich vergrößern. Verschwindend gering –
und auch das ist signifikant – sind die Gruppen zu den Themen ›Umwelt- und
Klimaschutz‹ 30 und ›Wissenschaft‹ 31 mit nur vier beziehungsweise zwei Brief-
marken.
29 Die Zuteilung zu einer Gruppe ist mitunter nicht immer eindeutig beziehungsweise könnten
manche Briefmarken mehreren Gruppen zugeteilt werden. Je nachdem wurde das jeweils do-
minierende Element in der Darstellung für die Zuteilung als maßgeblich angesehen.
30 Europäisches Naturschutzjahr 1970 mit einer Darstellung der Krimmler Wasserfälle (19. Mai
1970, Michel, Österreich, 1325 bzw. ANK, Österreich, 1355); 100 Jahre Wildbachverbauung
(5. Juni 1984, Michel, Österreich, 1779 bzw. ANK, Österreich, 1812); Schützt die Alpen (Alpen-
konvention) (Abb. 21, Michel, Österreich, 2065 bzw. ANK, Österreich, 2099 (22. Mai 1992));
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In der folgenden qualitativen Analyse von österreichischen Sondermarken
mit Alpenbezug kann selbstverständlich nur auf eine kleine Auswahl näher
eingegangen werden. Die Erörterung erfolgt entweder zu Einzelstücken oder
zu Gruppen von Motiven. Dabei sollen inhaltliche und stilistische Kontinuitä-
ten und Veränderungen deutlich werden und zudem auch ›Ikonen‹ der Al-
penmotivik herausgearbeitet werden.
Im Jahr 1945 erschien als allererste Sonderausgabe überhaupt nach dem
Zweiten Weltkrieg und der Wiedererlangung der Eigenstaatlichkeit eine Zu-
schlagsmarke des Wohlfahrtswerks zugunsten der Kriegsheimkehrer (Abb.
12 32). Ein hagerer Mann steht hoch über dem Nebelmeer auf einem Berggipfel
und blickt in Richtung einer hochalpinen Bergkette, hinter der gerade die Son-
ne aufgeht. Vom Himmel schwebt zudem eine Friedenstaube herunter, wäh-
rend die Ketten zur Rahmung des Bildes an Kriegsgefangenschaft erinnern.
Die alpine Natur nimmt somit eine zentrale Rolle für die Darstellung des Neu-
beginns ein, sowohl auf den Heimkehrer als auch auf den wiedereingerichteten
Staat Österreich bezogen.
Im Januar 1954 ereignete sich in den westlichen Bundesländern Österreichs
einer der schwersten Lawinenwinter überhaupt. Allein im Dorf Blons im Gro-
ßen Walsertal (Vorarlberg) kamen bei zwei Lawinenabgängen 57 Menschen
ums Leben; ebenso waren das Montafon, das Klostertal und der Bregenzerwald
schwer betroffen. 33 Zur Unterstützung der Opfer brachte die Österreichische
Post eine Zuschlagsmarke heraus, wobei das Motiv der Landschaften-
Dauermarkenserie von 1946 mit dem Sujet des winterlichen Dorfes St. Chris-
toph am Arlberg 34 mit dem Aufdruck ›Lawinenopfer 1954‹ versehen wurde
und zum Nennwert von 1 Schilling weitere 20 Groschen hinzugeschlagen wur-
den (Abb. 13 35). Es ist bemerkenswert, dass diese Briefmarke mit einer Auflage
von 3 Millionen Stück alle anderen Sondermarken in der ersten Hälfte der
1950er-Jahre deutlich übertraf, also auch die damals noch nicht regelmäßig
erscheinenden Weihnachtsmarken oder eine weitere Zuschlagsmarke zur Hilfe
für die Ungarn-Flüchtlinge 1956. 36
Erhaltung der Gletscher und Polarregionen mit einer Darstellung der Venediger-Gruppe (Abb.
22, Michel, Österreich, 2797 bzw. ANK, Österreich, 2825 (26. März 2009)).
31 Briefmarken zum 75-jährigen (1. September 1961) bzw. 100-jährigen (5. September 1986)
Jubiläum des Sonnblick-Observatoriums (Michel, Österreich, 1091 und 1857 bzw. ANK, Öster-
reich, 1133 und 1888).
32 Michel, Österreich, 720 bzw. ANK, Österreich, 737 (10. September 1945).
33 Vgl. zu den Ereignissen von 1954: Helga Nesensohn-Vallaster: Der Lawinenwinter 1954. Der
11. Jänner 1954 aus der Sicht einer Betroffenen, Schruns 2004.
34 Michel, Österreich, 768II bzw. ANK, Österreich, 772 (29. August 1946).
35 Michel, Österreich, 998 bzw. ANK, Österreich, 1007 (19. Februar 1954).
36 Michel, Österreich, 1030 bzw. ANK, Österreich, 1039 (21. Dezember 1956).
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Verkehrsinfrastruktur beziehungsweise Verkehrsmittel aller Art sind be-
sonders beliebte Motive auf österreichischen Briefmarken und beziehen sich
nicht nur auf den alpinen Bereich. Dies ist wohl auch auf die Nähe zwischen
Post und Bahn zurückzuführen, die beide in Österreich lange als staatliche
Unternehmen geführt wurden und deren Strukturen eng miteinander verzahnt
waren. Zudem ist offensichtlich, dass auch eine große Gruppe von Philatelisten
gleichzeitig ein Interesse für historische Eisenbahnen und ähnliche Motive
haben dürfte. Analysiert man die Briefmarkenmotive mit Bezug zur alpinen
Verkehrsinfrastruktur, so fällt auf, dass analog zum Mobilitätsverhalten der
Wirtschaftswunderzeit beziehungsweise der 1970er-Jahre nicht nur die Bahn
häufig thematisiert wurde, sondern auch der Straßenbau. 37 So erschien 1971
eine Sondermarke zur Fertigstellung der Brenner-Autobahn, das die Europa-
brücke, damals die höchste Brücke Europas, zeigt; im Hintergrund erheben
sich die Stubaier Alpen (Abb. 14 38). Straße und hochalpine Landschaft bilden
gleichsam eine harmonische Einheit. Transalpiner Straßenbau wurde damals
als wesentliche technische Errungenschaft gesehen, wohingegen die negativen
Folgen des Alpentransits – die Brennerautobahn gehört zu den meistbefahre-
nen Strecken durch die Alpen – ausgeblendet wurden.
Mit den 1980er-Jahren begann eine Serie von Jubiläums-Briefmarken, die
an den Bau von Bahnstrecken, die Inbetriebnahme von touristischen Schiff-
fahrtslinien und Bergbahnen sowie andere Jubiläen erinnerten. Diese Häufung
ist insbesondere darin begründet, dass Ende des 19. und Anfang des 20. Jahr-
hunderts der Ausbau des Verkehrsnetzes vor dem Hintergrund des Touris-
musbooms der Belle Époque vonstattenging. Mit diesen Motiven war aber auch
gleichzeitig eine aktuelle Tourismuswerbung verbunden, wie etwa die 1993
erschienene Briefmarke zum 100-Jahr-Jubiläum der Zahnradbahn auf den
Schafberg im oberösterreichischen Salzkammergut zeigt (Abb. 15 39). Die Dar-
stellung ist stilistisch an die Werbeplakatkunst der Zeit um 1900 angelehnt; die
Bahn selbst wird betont, indem sie gleichsam aus dem ovalen Bild herausfährt,
während sich dahinter der Blick auf den Wolfgangsee und die Berge des Salz-
kammerguts öffnet. Der Aspekt der Tourismuswerbung über das Medium
Briefmarke ist somit offensichtlich.
Ebenfalls einen klaren Bezug zur Tourismuswerbung hatte die ab 1984 er-
schienene Serie Naturschönheiten in Österreich. Pro Jahr kam dazu eine, in
manchen Jahren auch zwei Briefmarken heraus. Zwei Drittel davon sind alpi-
37 Vgl. etwa auch die Sondermarke zum 25-Jahr-Jubiläum der Eröffnung der Großglockner-
Hochalpenstraße (Abb. 27, Michel, Österreich, 1080 bzw. ANK, Österreich, 1122 (3. August
1960)).
38 Michel, Österreich, 1372 bzw. ANK, Österreich, 1402 (8. Oktober 1971).
39 Michel, Österreich, 2104 bzw. ANK, Österreich, 2134 (6. August 1993).
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nen Motiven gewidmet, von Wasserfällen (Abb. 16 40) über Bergpanoramen
(Abb. 17 41) bis zu Tropfstein- und Eishöhlen. Sie brachten den Rezipienten
sowohl in Österreich als auch im Ausland Sehenswürdigkeiten näher, gleich-
sam als eine Einladung zu einem zukünftigen Besuch. Mitunter war dabei auch
ein Hinweis auf die in den 1980er- und 1990er-Jahren entstandenen neuen
Nationalparks verbunden, wie auch Abbildung 17 zum Nationalpark Hohe
Tauern zeigt.
Auch der Themenbereich ›Sport und Freizeit‹ weist eine touristische Kom-
ponente auf. Dabei ist in erster Linie zwischen Wintersport, der in Österreich
traditionell eine wesentliche Rolle einnimmt, und einem auf den Sommer
fokussierten Alpinismus beziehungsweise Wandertourismus zu unterscheiden.
Letzterer soll anhand von drei Abbildungen näher vorgestellt werden. 1970
erschien in einer Zeit, in der alpine Motive nur wenig zu finden sind, eine
Briefmarke zum Thema ›Wandern und Alpinismus‹ (Abb. 18 42). Die Motivati-
on für diese Themenwahl ist nicht näher erkennbar, sodass denkbar wäre, dass
diese Briefmarke den Wandertourismus in den Bergen propagieren sollte, der
damals zugunsten von Individual- und Gruppenurlaub am Meer deutlich an
Boden verlor. Zwei Wanderer stehen beziehungsweise sitzen im hochalpinen
Gelände und blicken auf eine Bergkulisse, vor der sich auch noch ein kleiner
See befindet. Zwei weitere Briefmarken sind Jubiläen der beiden großen Alpi-
nismus- und Wandervereine gewidmet: 1995 erschien eine Briefmarke zum
100-Jahr-Jubiläum der Naturfreunde, einer vor allem auf die Arbeiterschaft
ausgerichteten Freizeitorganisation (Abb. 19 43). Die Briefmarke zeigt die Ab-
bildung auf der Titelseite der ersten Ausgabe der Vereinszeitschrift Der Natur-
freund: Ähnlich wie bei der Heimkehrer-Briefmarke von 1945 (Abb. 12) steht
ein Wanderer auf einer Anhöhe und blickt über eine Gebirgslandschaft; hinter
einem hohen Berg im Hintergrund geht gerade die Sonne auf. Auch dieses
Motiv hatte zur Zeit seiner Entstehung (1895) einen hohen Symbolwert für
eine bessere Zukunft der Arbeiterschaft. Im Jahr 1995 wirkte es wohl eher als
nostalgischer motivischer Rückgriff auf eine längst vergangene Zeit. Schließlich
wurde 2012 eine Briefmarke zum 150-Jahr-Jubiläum des Österreichischen Al-
penvereins herausgegeben (Abb. 20 44). Auch hier ist die Darstellung auf die
Vergangenheit gerichtet, indem das Foto eines Kletterers aus der Zwischen-
kriegszeit verwendet wird, der am Seil in einer senkrechten Wand hängt. Bei
40 Michel, Österreich, 1853 bzw. ANK, Österreich, 1884 (4. Juli 1986).
41 Michel, Österreich, 2183 bzw. ANK, Österreich, 2214 (29. März 1996).
42 Michel, Österreich, 1341 bzw. ANK, Österreich, 1371 (16. September 1970).
43 Michel, Österreich, 2154 bzw. ANK, Österreich, 2186 (28. April 1995).
44 Michel, Österreich, 2974 bzw. ANK, Österreich, 3003 (12. Januar 2012).
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beiden Jubiläumsmarken spielt somit die Tourismuswerbung eine nur unter-
geordnete Rolle, während die Geschichte des Alpinismus im Zentrum steht.
Wie schon erwähnt, nehmen Umwelt- und Klimaschutz einen verschwin-
dend kleinen Anteil unter den Briefmarken mit Alpen-Bezug ein. Eine der
Ausnahmen dabei ist die Briefmarke Schützt die Alpen als Gemeinschaftsaus-
gabe mit der Schweiz (Abb. 21), 45 die ganz offensichtlich als Reaktion auf die
Alpenkonvention von 1991 erschien. Vor einer Alpenkulisse im Hintergrund
sind zahlreiche Landesflaggen zu sehen, wobei die beiden Flaggen Österreichs
und der Schweiz im Zentrum einen ›Knoten‹ bilden, von dem andere Flaggen
strahlenförmig ausgehen. Aus diesem Gemeinschaftsmotiv ist somit unschwer
zu erkennen, dass sich Österreich und die Schweiz als die beiden zentralen
Alpenländer sehen, während andere Alpenländer beziehungsweise Signatar-
staaten der Alpenkonvention wie Frankreich, Italien und Deutschland nur im
›Flaggenstrahlenkranz‹ erfasst sind. Anstelle der kleineren Alpenanrainerstaa-
ten Slowenien, 46 Liechtenstein und Monaco finden sich hingegen weitere eu-
ropäische Flaggen, die eigentlich keinerlei geografischen Bezug zum Alpen-
raum haben, ja bei den beiden durch Flaggen vertretenen Ländern Griechen-
land und Türkei spielt wohl auch der Tourismus in den Alpen eine sehr
untergeordnete Rolle. Vermutlich wird damit auf den gesamteuropäischen
Alpentransit angespielt, doch konnte dazu keine ›offizielle‹ Interpretation der
Flaggenauswahl ausfindig gemacht werden.
2009, also kurz vor der UN-Klimakonferenz von Kopenhagen, veröffent-
lichte die Österreichische Post eine Briefmarke zum Thema Erhaltung der
Gletscher und Polarregionen (Abb. 22 47), die erstmals das dominierende Um-
weltthema der Klimaerwärmung aufgreift. Das auf einem Foto basierende
Motiv zeigt die Venediger-Gruppe in den Hohen Tauern mit einem offensicht-
lich schon deutlich geschrumpften Gletscher.
Aus der Zeit nach 2000 existieren schließlich einige ›experimentelle‹ Brief-
marken, die an alpine Themen, ja alpine Klischees anknüpfen. Dabei stechen
vor allem die aus Textilien fabrizierten Briefmarken mit einem Edelweiß (Abb.
23 48) beziehungsweise einem Enzian 49 hervor, ebenso eine Textilmarke mit
45 Zur zeitgleich erschienenen Schweizer Briefmarke vgl. Michel, Schweiz, 1477 bzw. Zumstein,
Schweiz, 831 bzw. ANK, Schweiz, 1488 (22. Mai 1992).
46 Slowenien war damals ein ganz junger Staat, der am 25. Juni 1991 seine Unabhängigkeit erklärt
hatte, danach aber noch mit Rest-Jugoslawien in einem Kriegszustand war. Die damals zwölf
Mitgliedsstaaten der EG erkannten den neuen Staat Ende Dezember 1991 beziehungsweise im
Januar 1992 an. Eine Aufnahme der slowenischen Flagge wäre somit zum damaligen Zeitpunkt
noch ein sehr starkes politisches Statement gewesen.
47 Michel, Österreich, 2797 bzw. ANK, Österreich, 2825 (26. März 2009).
48 Michel, Österreich, 2538 bzw. ANK, Österreich, 2572 (19. Juli 2005).
49 Michel, Österreich, 2773 bzw. ANK, Österreich, 2801 (19. September 2008).
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einem österreichischen Dirndlkleid in Silhouettenstickerei 50 und als männli-
ches Pendent eine Lederbriefmarke in Form einer Lederhose aus dem Mikrofa-
servliesstoff Alcantara mit Swarovski-Kristallen (Abb. 24 51). Sowohl von der
Praktikabilität als auch vom Nennwert sind sie als reine Sammlerstücke anzu-
sehen, die wohl kaum in den nicht-philatelischen Umlauf kamen. Nichtsdes-
totrotz sind sie geeignet, Österreich wieder stärker als ›Land der Berge‹ zu
positionieren.
Schliesslich soll noch auf zwei ›alpine Ikonen‹ der österreichischen Nach-
kriegsgeschichte eingegangen werden, die sich immer wieder auf Briefmarken
finden. Dazu gehört zunächst der ›Mythos Kaprun‹, ein hochalpines Speicher-
kraftwerk zur Elektrizitätsgewinnung. Erste Pläne dazu reichen ins Jahr 1928
zurück, doch erfolgte der Spatenstich schließlich erst am 16. Mai 1938, also
kurz nach dem ›Anschluss‹ Österreichs an Hitler-Deutschland, durch Her-
mann Göring persönlich. Die konkreten Bauarbeiten begannen 1939, sodass
die gewaltige Staumauer bis 1945 rund zur Hälfte fertiggestellt war, vor allem
durch ausländische Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene. Nach dem Zweiten
Weltkrieg wurde das Kraftwerksprojekt zum Symbol schlechthin für den Wie-
deraufbau Österreichs – die NS-Vergangenheit des Projekts wurde dabei tun-
lichst ausgeblendet. 1951 wurde mit der Limbergsperre der erste Teil eröffnet,
1955, also im Jahr des Staatsvertrags und der Wiedererlangung der völligen
Unabhängigkeit, das Gesamtprojekt. Alle Schulbücher seit den 1950er-Jahren,
die Wochenschauen der Jahre 1950 bis 1955 und zahlreiche andere Publikatio-
nen waren von diesem herausragenden Beispiel für die Wiederaufbauleistung
Österreichs geprägt. Mehr als ein Dutzend Kaprun-Filme sorgten für die Ver-
ankerung des Wiederaufbaumythos im kollektiven Gedächtnis der 1950er-
und 1960er-Jahre, ja die Baustelle von Kaprun schaffte es sogar auf ein Werbe-
plakat der österreichischen Zigarettenmarke Elektra. Bis heute ist das Kraft-
werk eine der wichtigsten touristischen Attraktionen der österreichischen
Alpen. 52
So verwundert es nicht, dass auch mehrere Briefmarken das Motiv des
Kraftwerks Kaprun aufnehmen. 1955, also unmittelbar nach der Fertigstellung,
bildete die imposante Staumauer den höchsten Wert des fünfteiligen Sonder-
markensatzes 10 Jahre Wiederherstellung der Republik (Abb. 25 53). Nur wenige
Jahre später wurde das Motiv erneut aufgenommen, nun im Rahmen des Son-
50 Michel, Österreich, 3285 bzw. ANK, Österreich, 3314 (22. September 2016).
51 Michel, Österreich, 3231 bzw. ANK, Österreich, 3260 (24. September 2015).
52 Oliver Rathkolb/Richard Hufschmied/Andreas Kuchler/Hannes Leidinger: Wasserkraft, Elek-
trizität, Gesellschaft. Kraftwerksprojekte ab 1880 im Spannungsfeld, Wien 2012, hier: S. 198–
201 sowie S. 195 mit einer Abbildung der genannten Zigarettenverpackung.
53 Michel, Österreich, 1016 bzw. ANK, Österreich, 1025 (27. April 1955).
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dermarkensatzes 15 Jahre verstaatlichte Elektrizitätswirtschaft (Abb. 26 54 ).
Danach verblasste der alpine Wiederaufbaumythos offensichtlich; das offizielle
Briefmarken-Österreich definierte sich immer mehr als Land der Städte und
der Künstler außerhalb des Alpenraums.
Nur wenige Kilometer westlich von Kaprun führt die Straße durch das Fu-
schertal hinauf zum Hochtor, einer alten Passroute nach Süden, die seit der
Römerzeit in Verwendung war, allerdings die längste Zeit nur mit Saumtieren
begangen wurde. Im Zuge eines staatlichen Großprojekts zur Verminderung
der Arbeitslosigkeit während der Weltwirtschaftskrise wurde in den frühen
1930er-Jahren eine Fahrstraße über das Hochtor errichtet, die 1935 fertigge-
stellt wurde. Aufgrund des niedrigen Motorisierungsgrades in den 1930er-
Jahren und des kriselnden Tourismus hatte sie zunächst kaum eine wirtschaft-
liche Bedeutung. Nach dem Zweiten Weltkrieg hingegen wurde sie zur mit
Abstand wichtigsten Panoramastraße der Ostalpen. Ein Ausflug zur Pasterze,
dem Gletscher am Fuße des Großglockners, des höchsten Berges Österreichs
(3.797 Meter über dem Meeresspiegel), gehörte zu jeder Gruppen- oder Indi-
vidualreise in den Hohen Tauern. 55
Kaum ein anderes Motiv findet sich öfter auf österreichischen Briefmarken
als die Großglockner-Hochalpenstraße oder der Großglockner selbst mit der
Pasterze. In 25-Jahres-Schritten wurde mit Briefmarken der Eröffnung dieser
Panoramastraße gedacht (Abb. 27–28 56), ebenso dem 200-Jahr-Jubiläum der
Erstbesteigung des Gipfels (Abb. 29 57). Die Spitze des Großglockners ist gerade
in den letzten Jahren wieder vermehrt auf Briefmarken zu finden (Abb. 9, Abb.
30 58). Wenn auch von der Form nicht ganz so markant wie das Matterhorn, so
ist er wenigstens die österreichische Entsprechung dazu.
3 Schweizer Briefmarken von 1945 bis 2015 – ein Vergleich
Es würde zu weit führen, auch die Schweizer Briefmarken-Emissionen nach
1945 in derselben Ausführlichkeit zu analysieren, doch sollen hier gezielte
54 Michel, Österreich, 1103 bzw. ANK, Österreich, 1144 (26. März 1962).
55 Zur Geschichte und identitätsstiftenden Rolle dieser Aussichtsstraße, die mittlerweile Kandida-
tenstatus auf der UNESCO-Weltkulturerbeliste genießt, vgl. zuletzt: Bernd Paulowitz/Johannes
Hörl: Die Großglockner Hochalpenstraße. Ein Gesamtkunstwerk auf dem Weg zum Welterbe,
in: Kurt Luger/Franz Rest (Hrsg.): Alpenreisen. Erlebnis, Raumtransformationen, Imagination,
Innsbruck u. a. 2017, S. 83–106.
56 Michel, Österreich, 1080 und 1822 bzw. ANK, Österreich, 1122 und 1853 (3. August 1960 und
2. August 1985).
57 Michel, Österreich, 2309 bzw. ANK, Österreich, 2342 (28. April 2000).
58 Michel, Österreich, 3190 bzw. ANK, Österreich, 3221 (1. März 2015).
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quantitative und qualitative Vergleiche angestellt werden, um Parallelen und
Unterschiede zu Österreich herauszuarbeiten.
Das Gesamtkorpus der Schweizer Briefmarken ist um rund ein Viertel ge-
ringer als das österreichische und umfasst nach dem ANK 59 1.989 Ausgaben,
was einem Durchschnitt von 28,0 Briefmarken pro Jahr entspricht. Allerdings
täuscht auch hier der Durchschnittswert darüber hinweg, dass bis etwa zum
Jahr 2001 der Durchschnitt noch bei 21,6 Briefmarken pro Jahr lag (gesamt
1.336 Ausgaben), wohingegen er für die Zeit von 2002 bis 2015 auf 46,5 hoch-
schnellte (653 Briefmarken insgesamt). Die allermeisten Ausgaben erschienen
im Jahr 2015, insgesamt 53 Briefmarken, die wenigsten 1950 mit nur acht
Briefmarken, nämlich die beiden jährlich erscheinenden Sondermarkensätze
Pro Patria und Pro Juventute.
279 Schweizer Briefmarken weisen einen klaren motivischen Alpen-Bezug
auf; das sind rund 14 Prozent an der Gesamtzahl der Briefmarken im Zeitraum
von 1945 bis 2015. Im Gegensatz zu Österreich ist allerdings der Anteil bei den
Dauermarken etwas geringer (53 Briefmarken von 230, also rund 23 Prozent).
Bei den Sondermarken ist die Schweiz ein Sonderfall: Bis in die 1960er-Jahre
gab es kaum Sondermarken mit Ausnahme der jährlich erscheinenden Zu-
schlagsmarken der Stiftungen Pro Juventute (seit 1913) und Pro Patria (seit
1938). In der Nachkriegszeit wurden im Namen der beiden Stiftungen von der
Schweizerischen Post jeweils Sondermarkensätze mit in der Regel vier bis fünf
Motiven herausgegeben. Besonders die Stiftung Pro Patria, auf die im Folgen-
den noch näher eingegangen wird, wählte dabei zahlreiche Motive zu alpinen
Themen, konkret für 61 Briefmarken, was bei insgesamt 304 Pro Patria-
Marken im Untersuchungszeitraum einen Anteil von rund 20 Prozent aus-
macht. Bei den Pro Juventute-Marken ist der Anteil an Alpen-Bezügen hinge-
gen deutlich geringer: Nur 18 Briefmarken von 302 (rund 6 Prozent) fallen in
diese Kategorie. Bei den sonstigen Sonderausgaben beträgt der Alpen-Anteil
rund 12,7 Prozent (147 Briefmarken von 1.153). Zählt man alle drei Gruppen
zusammen, so fallen insgesamt 226 Sondermarken (inklusive Pro Patria/Pro
Juventute) in die Kategorie ›Alpine Themen‹. Bei 1.759 Sondermarken insge-
samt ist dies ein Anteil von 12,84 Prozent, also fast doppelt so hoch wie bei den
Sondermarken in Österreich.
Analysiert man den Anteil von Briefmarken mit Alpen-Bezug an der Ge-
samtzahl der Schweizer Briefmarken im langjährigen Vergleich, so fallen einige
Unterschiede zu Österreich auf. Wie aus Abbildung 31 ersichtlich ist, war
zunächst nach dem Zweiten Weltkrieg kein großer Bedarf gegeben, neue Dau-
ermarkenserien zu emittieren. Abgesehen von einigen Ausreißern war die Zahl
59 Zur besseren Vergleichbarkeit wird hier wieder die Zählweise nach dem Austria Netto-Katalog.
Vierländerkatalog Österreich – Deutschland – Schweiz – Liechtenstein herangezogen.
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der jährlich herausgegebenen Briefmarken in den 1950er-Jahren leicht stei-
gend, um dann bis in die 1990er-Jahre relativ konstant zu bleiben und erst um
die Jahrtausendwende signifikant anzusteigen. Schweizer Dauermarken mit
Alpenbezug sind zunächst in den späten 1940er-Jahren zu finden, danach nur
unregelmäßig in Einzeljahren. Hingegen fällt eine Häufung von alpinen Pro
Patria-Motiven in den 1950er-Jahren und dann wieder in den letzten zehn
Jahren auf. Die sonstigen Sondermarken mit Alpen-Themen sind zu einem
überwiegenden Teil in den letzten rund 15 Jahren zu finden.
Im Gegensatz zu Österreich hat die Schweiz seit 1945 deutlich mehr ver-
schiedene Dauermarkenserien herausgebracht, wobei viele davon nur relativ
wenige unterschiedliche Werte umfassten. Die Darstellung war in den meisten
Fällen deutlich abstrahierter als in Österreich, sodass auch bei Themen mit
einer grundsätzlichen Ansiedelung in einer alpinen Umwelt – etwa in den
Dauermarkensätzen Postgeschichte und Bauten (1960–1968) und Schweizer
Volksbräuche (1977–1984) – nie der alpine Kontext aufgegriffen wird. Konkret
auf die Alpen gehen die meisten Dauermarken der Serie Landschaftsbilder von
1948 ein, wobei es sich dabei um Farbänderungen zu Ausgaben von 1934/1936
handelt. 60 Ebenso ist die Serie Technik und Landschaft (1949) zu zwei Drittel
auf die Alpen bezogen (8 von 12 Motiven, Abb. 32 61). Erst die Dauermarkense-
rie Landschaftsbilder (1973–1975, Abb. 33 62) ist wieder stark auf die Alpen
fokussiert (8 von 11 Motiven), ebenso die Serie Tierkreiszeichen mit Landschaf-
ten (1982–1986, Abb. 34 63) mit neun von 14 Motiven sowie die Miniserie Berg-
seen (1991–1993, 2015, Abb. 35 64), bei der alle vier Ausgaben beziehungsweise
drei Motive naturgemäß einen alpinen Bezug aufweisen. Auch die Serien Bil-
der der Schweiz (1998) und Tourismus (2000–2001) gehen bei jeweils rund der
Hälfte der Motive auf die Alpen ein. Nach der Jahrtausendwende hingegen ist
freilich nur mehr die Miniserie Mineralien (2003–2005) alpin zu verorten.
Danach sind alle verbliebenen Alpenbezüge in den Sondermarken-Ausgaben
zu finden, dafür aber in steigender Zahl.
Bei den Sondermarken weist die Verteilung nach Motivtypen durchaus
markante Unterschiede auf (Abb. 36). Zwar ist die Gruppe ›Verkehr/
60 Von der am 15. März 1948 erschienenen Serie (Michel, Schweiz, 500–505 bzw. Zumstein,
Schweiz, 285–290 bzw. ANK, Schweiz, 511–516) sind bis auf ein Motiv alle klar im alpinen
Raum angesiedelt. Bezogen auf die Gesamtserie seit den 1930er-Jahren sind es 18 von 22 Aus-
gaben beziehungsweise neun von elf Motiven.
61 Michel, Schweiz, 539 bzw. Zumstein, Schweiz, 307 bzw. ANK, Schweiz, 550 (1. August 1949).
62 Michel, Schweiz, 1009 bzw. Zumstein, Schweiz, 530 bzw. ANK, Schweiz, 1020 (30. August
1973).
63 Michel, Schweiz, 1244 bzw. Zumstein, Schweiz, 688 bzw. ANK, Schweiz, 1255 (17. Februar
1983).
64 Michel, Schweiz, 1460 bzw. Zumstein, Schweiz, 820 bzw. ANK, Schweiz, 1471 (16. Dezember
1991).
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Infrastruktur‹ auch in der Schweiz die größte, allerdings mit 23 Prozent (53
Briefmarken) nur relativ knapp vor den Gruppen ›Landschaft‹ (21 Prozent, 50
Briefmarken), ›Stadt/Dorf im Gebirge‹ (19 Prozent, 45 Briefmarken) und ›Flo-
ra/Fauna/Gesteine‹ (19 Prozent, 44 Briefmarken), die alle auf einen deutlich
höheren Anteil kommen als in Österreich. ›Kunst/Brauchtum‹ (7 Prozent, 17
Briefmarken) sowie ›Sport/Freizeit‹ (5 Prozent, 12 Briefmarken) sind hingegen
seltener zu finden als in Österreich. Der Themenbereich ›Umwelt-
schutz/Klima‹, der in Österreich nur eine Randerscheinung ist (4 Briefmar-
ken), bringt es in der Schweiz zumindest auf elf Briefmarken oder 5 Prozent.
Im Folgenden sollen noch die Pro Patria-Briefmarken als Schweizer Beson-
derheit näher in den Fokus genommen werden. Die Stiftung Pro Patria.
Schweizerische Bundesfeierspende wurde 1909 gegründet. Ihr Tätigkeitsbereich
beziehungsweise Motto wird mit ›Erbe nutzen – Zukunft stiften‹ umschrie-
ben. 65 Die Bevölkerung sollte dazu am Tag der Bundesfeier (1. August) eine
patriotisch motivierte Spende zur Erhaltung des kulturellen Erbes leisten. Dies
geschah zunächst durch den Verkauf des ›1. August-Abzeichens‹, das bis heute
in der Schweiz ein in manchen Kreisen beliebtes Sammlerobjekt darstellt. Nach
dem Vorbild der Pro Juventute-Ausgaben erschienen seit 1938 auch Pro Pa-
tria-Briefmarken, zunächst einzeln, ab 1944 jeweils in Form von Sonder-
markensätzen zu vier bis fünf Briefmarken pro Jahr, die patriotische Motive
aller Art tragen. Alpine Landschaft und Kultur spielen naturgemäß eine zen-
trale Rolle, etwa Bauernhäuser vor alpiner Landschaft (Abb. 38 66), alpin-
ländliche Gerätschaften oder ländlich-alpines Brauchtum. Abbildung 37 ver-
deutlicht, dass die Wahl explizit alpiner Motive freilich Schwankungen unter-
worfen war. Dominierten diese bis in die späten 1950er-Jahre, so waren sie
danach nur vereinzelt zu finden, nahmen aber nach der Jahrtausendwende
wieder zu. Es waren dann aber weniger ländlich-patriotische Darstellungen als
solche mit touristischem und denkmalschützerischem Hintergrund, etwa zu
den Kulturwegen der Stiftung Via Storia (2007–2009, Abb. 39–40 67).
65 http://www.propatria.ch (letzter Zugriff: 27. Mai 2018).
66 Michel, Schweiz, 508–511 bzw. Zumstein, Schweiz, PP 38–PP 41 bzw. ANK, Schweiz, 517–520
(15. Juni 1948): Grenzwächter im Gebirge; Freiburger Bauernhaus; Walliser Haus; Häuser im
Tessin.
67 Schweizer Pro Patria-Ausgaben zu Kulturwege Schweiz (2007–2009): Michel, Schweiz, 2010
bzw. Zumstein, Schweiz, PP 299 bzw. ANK, Schweiz, 2022 (10. Mai 2007); Michel, Schweiz,
2108 bzw. Zumstein, Schweiz, PP 304 bzw. ANK, Schweiz, 2113 (8. Mai 2009). Vgl. zum Kul-
turwege Schweiz-Projekt von ViaStoria. Stiftung für Verkehrsgeschichte zuletzt: Hanspeter
Schneider: Kulturwege Schweiz. Erlebnis – Raumtransformationen – Imagination, in: Kurt Lu-
ger/Franz Rest (Hrsg.): Alpenreisen. Erlebnis, Raumtransformationen, Imagination, Innsbruck
u. a. 2017, S. 149–166, hier: S. 158 mit Abb. 14 mit Bezug auf die Schweizer Pro Patria-
Ausgaben von 2007 bis 2009, konkret auf die Darstellung von Vuiteboeuf an der Via Salina im
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Bei den übrigen Sondermarken bestehen zwar durchaus, wie oben erwähnt,
Unterschiede zwischen der Schweiz und Österreich in der quantitativen Ver-
teilung, doch überwiegen qualitativ gesehen die Gemeinsamkeiten. Im Bereich
›Verkehr/Infrastruktur‹ sind Briefmarken zu Eisenbahnjubiläen auch in der
Schweiz häufig, wobei bis in die 1970er-Jahre auch die Alpenstraßen relativ
häufig Beachtung fanden, etwa in Form einer Briefmarke zur Eröffnung des
Straßentunnels am Großen St. Bernhard im Jahr 1964 (Abb. 41 68).
Landschaftsdarstellungen mit dem impliziten Ziel, Touristen anzulocken,
sind in der Schweiz mindestens genauso weit verbreitet wie in Österreich. In
den letzten Jahren bauen sie vermehrt auf Fotos auf und geben Ansichten wie
aus dem Tourismusprospekt wieder, etwa die Blockausgaben Typische Schwei-
zer Landschaften mit Motiven aus dem Mattertal mit dem Matterhorn im Hin-
tergrund 69 und dem Emmental mit der Bergkulisse des Berner Oberlandes im
Hintergrund (Abb. 42 70).
Auch Freizeit- und Sportaktivitäten wie Wandern und Alpinismus finden
sich prominent in den Briefmarkenausgaben der letzten Jahre: Widmete die
Österreichische Post den Jubiläen von Naturfreunden und Österreichischem
Alpenverein jeweils eine Einzelmarke, so gedachte die Schweizer Post den Jubi-
läen der Schweizer Naturfreunde 71 und des Schweizer Alpen-Clubs (Abb. 43 72)
jeweils mit großformatigen Blockausgaben, die jeweils mehrere Formen von
Bergsport zeigen.
In den letzten Jahren werden auch in der Schweiz wieder vermehrt alpine
Klischees bedient. Als Beispiel hierfür kann die Blockausgabe zur Esposizione
internazionale di filatelia trilaterale delle Alpi, die 2003 in Locarno stattfand,
dienen. Der Block zeigt einen stilisierten Berg, aus dem ein überdimensional
großer Adlerkopf sowie Enzianblüten herauswachsen (Abb. 44 73).
›Ikonen‹ werden auch in der Schweiz immer wieder aufgenommen. Dies gilt
insbesondere für das Matterhorn, das mit seiner markanten Silhouette der
weltweit wohl meistbekannte Berg überhaupt ist. Es taucht als Hauptmotiv von
Schweizer Jura (2009, Michel, Schweiz, 2109 bzw. Zumstein, Schweiz, PP 305 bzw. ANK,
Schweiz, 2114 (8. Mai 2009)).
68 Michel, Schweiz, 791 bzw. Zumstein, Schweiz, 406 bzw. ANK, Schweiz, 802 (9. März 1964).
69 Michel, Schweiz, 2321 bzw. Zumstein, Schweiz, 1490 bzw. ANK, Schweiz, 2335 (14. November
2013).
70 Michel, Schweiz, 2365 bzw. Zumstein, Schweiz, 1530 bzw. ANK, Schweiz, 2379 (13. November
2014).
71 Michel, Schweiz, 1937–1940 bzw. Zumstein, Schweiz, 1168–1171 bzw. ANK, Schweiz, 1945–
1948 (6. September 2005).
72 Michel, Schweiz, 2288–2291 bzw. Zumstein, Schweiz, 1455–1458 bzw. ANK, Schweiz, 2302–
2305 (7. März 2013).
73 Michel, Schweiz, 1836–1837 bzw. Zumstein, Schweiz, 1085–1086 bzw. ANK, Schweiz, 1847–
1848 (8. Mai 2003).
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Briefmarken ebenso auf wie im Hintergrund, etwa für die Pro Aero-Briefmarke
vom 8. März 1988. 74
Bei einem Dauerthema der Alpenwahrnehmung unterscheiden sich die bei-
den Länder jedoch: der Gewinnung von elektrischem Strom aus Wasserkraft
im hochalpinen Gelände. Dieses hat zwar in beiden Ländern eine lange Tradi-
tion als Sinnbild für die Autarkie eines kleinen Alpenstaats, doch hat das The-
ma nur in Österreich Eingang auf Briefmarken gefunden. In jedem Fall geht es
mehr um die symbolische Wahrnehmung als um absolute Zahlen, denn die
Zahl der alpinen Wasserkraftwerke in Österreich (112) und in der Schweiz
(117) ist im gesamtalpinen Vergleich höchstens durchschnittlich. So weist
Italien, das nach Österreich den höchsten Prozentanteil an der Alpenfläche hat,
mit 169 alpinen Wasserkraftwerken eine deutlich höhere Zahl auf, ohne dass
dies dort besonders zum alpinen Selbstverständnis beiträgt. 75
Insgesamt belegt auch die quantitative und seriell-ikonografische Untersu-
chung österreichischer und Schweizer Briefmarken, dass die Alpen als konsti-
tuierendes Element der Identität beider Länder dienen, wenn auch mit gewis-
sen Konjunkturen und feinen Unterschieden im Detail. So wird der Bereich
›alpine Heimat‹ auf österreichischen Briefmarken deutlich mehr in Form von
Trachten und traditionellem Brauchtum ausgedrückt, und zwar von den spä-
ten 1940er-Jahren bis zur Jahrtausendwende, während dies in der Schweiz im
ersten Jahrzehnt des Untersuchungszeitraums stärker über Motive wie alpine
Bauernhausformen geschah. In neuerer Zeit sind in der Schweiz hingegen
Briefmarken in den Vordergrund getreten, die eine heile touristische Bergwelt
repräsentieren oder die Alpen als Raum fast unbegrenzter Freizeitmöglichkei-
ten interpretieren. Einzelne markante Berge wie der Großglockner oder das
Matterhorn sind durchgehend auf Briefmarken präsent und lassen sich somit
als ›alpine Ikonen‹ deuten. Beide Länder erheben gleichermaßen die Deu-
tungshoheit über typisch alpine Pflanzen und Tiere, allen voran Alpenblumen
wie dem Enzian oder dem Edelweiß oder Alpentieren wie dem Steinadler, dem
Steinbock oder dem Murmeltier. Sie sind daher immer wieder auf Briefmarken
zu finden.
Gemessen an den quantifizierenden Ergebnissen, was den Anteil an alpinen
Themen auf Briefmarken betrifft, ist die Tendenz, sich über die Alpen als ein
›Land der Berge‹ zu definieren, in beiden Ländern besonders für die 1940er-
und 1950er-Jahre offensichtlich. Danach wandte sich die Österreichische Post
AG signifikant von alpinen Motiven ab, um erst Mitte der 1980er- Jahre wieder
74 Michel, Schweiz, 1369 bzw. Zumstein, Schweiz, FP 49 bzw. ANK, Schweiz, 1375 (6. September
2005).
75 Vgl. die Tabelle bei Bätzing: Alpen, S. 229. Erfasst sind dort jeweils Wasserkraftanlagen mit
mehr als 10 Megawatt installierter Leistung, also ohne die zahlreichen Kleinkraftwerke.
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verstärkt darauf zurückzukommen. Insgesamt vermitteln die österreichischen
Sondermarken seit den 1960er-Jahren aber mehr eine österreichische Identität,
die sich über berühmte Komponisten, Maler und Literaten sowie durch touris-
tisch attraktive Kulturstädte definiert denn durch alpine Kulturen. In der
Schweiz ist dieser Verlauf ähnlich, aber nicht so markant zu erkennen. Hier
fällt aber im Unterschied zu Österreich auf, dass die Alpen in den letzten 15
Jahren wieder deutlich mehr Stellenwert als Motive auf Sondermarken gewon-
nen haben, wohl auch ein Reflex eines schweizerischen Sonderwegs außerhalb
der Europäischen Union, der mit einem spürbar verstärkten ›Schweizbewusst-
sein‹ in Politik und Gesellschaft einhergeht.
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Abbildungen
Abbildung 1
Zahl der pro österreichischen Briefmarken-Emissionen 1945–2015. Eigene Darstellung.
Abbildung 2–4
Silvretta (1947, Michel, Österreich, 845); Tracht aus dem (Süd-)Tiroler Pustertal (1950, Michel,
Österreich, 911); Münzturm von Hall in Tirol aus der Bauten-Serie (1960, Michel, Österreich,
1048).
Abbildung 5–7
Bischofsmütze bei Filzmoos (1974, Michel, Österreich, 1442); Winterliches Kleinwalsertal aus der
Serie Ferienland Österreich (2003, Michel, Österreich, 2454); ›Kubra‹ im Tiroler Alpbachtal (2005,
Michel, Österreich, 2515).
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Abbildung 8–9
Post-Frankier-Automatenmarke Dachstein (2012, Michel, Österreich, Automatenmarke,
ATM26C); Post-Frankier-Automatenmarke Großglockner (2012, Michel, Österreich, Automa-
tenmarke, ATM26C).
Abbildung 10
Zahl der österreichischen Sondermarkenausgaben mit Alpen-Bezug pro Jahr, 1945–2015. Eigene
Darstellung.
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Abbildung 11
Alpine Motive auf österreichischen Sondermarken nach Gruppen, 1945–2015. Eigene Darstellung.
Abbildung 12–13
Wohlfahrtsmarke mit einem Heimkehrer vor Berglandschaft (1945, Michel, Österreich, 720);
Zuschlagsmarke zugunsten der Lawinenopfer von 1954 (1954, Michel, Österreich, 998).
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Abbildung 14–15
Eröffnung der Brenner-Autobahn (1971, Michel, Österreich, 1372 2); 100 Jahre Schafbergbahn
(1993, Michel, Österreich, 2104).
Abbildung 16–17
Sondermarken-Serie Naturschönheiten in Österreich: Tschaukofall und Tscheppaschlucht, Kärnten
(1986, Michel, Österreich, 1853); Eiskögele im Nationalpark Hohe Tauern, Salzburg/Osttirol
(1996, Michel, Österreich, 2183).
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Abbildung 18–20
Wandern und Bergsteigen als Themen auf Briefmarken: Wandern und Bergsteigen (Michel, Öster-
reich, 1341); 100 Jahre Naturfreunde (1995, Michel, Österreich, 2154); 150 Jahre Alpenverein
(2012, Michel, Österreich, 2974).
Abbildung 21-22
Umwelt- und Klimaschutz als Thema österreichischer Sondermarken: Schützt die Alpen (1992,
Michel, Österreich, 2065); Erhaltung der Gletscher und Polarregionen (2009, Michel, Österreich,
2797).
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Abbildung 23–24
Alpine Klischees in Form von Textil- und Leder-Briefmarken: Edelweiß (2005, Michel, Österreich,
2538); Lederhose mit Swarovski-Kristallen (2015, Michel, Österreich, 3231).
Abbildung 25–26
Speicherkraftwerk Kaprun in den Hohen Tauern: Motiv des Sondermarkensatzes 10 Jahre Wie-
derherstellung der Republik (1955, Michel, Österreich, 1016); Motiv des Sondermarkensatzes
15 Jahre verstaatlichte Elektrizitätswirtschaft (1962, Michel, Österreich, 1103).
Abbildung 27–28
Großglockner und Großglockner-Hochalpenstraße: 25 Jahre Großglockner-Hochalpenstraße
(1960, Michel, Österreich, 1080); 50 Jahre Großglockner-Hochalpenstraße (1985, Michel, Öster-
reich, 1822).
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Abbildung 29–30
200 Jahre Erstbesteigung des Großglockners (2000, Michel, Österreich, 2309); Gipfel des Groß-
glockners im Rahmen der Dauermarkenserie Impressionen aus Österreich (2015, Michel, Öster-
reich, 3190).
Abbildung 31
Zahl der pro Schweizer Briefmarken-Emissionen 1945–2015. Eigene Darstellung.
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Abbildung 32–35
Alpine Motive auf Schweizer Dauermarken: Viadukt von Filisur (Graubünden) aus der Serie
Landschaft und Technik (1949, Michel, Schweiz, 539); Dorf im Kanton Wallis aus der Serie Land-
schaftsbilder (1973, Michel, Schweiz, 1009); Aletschgletscher aus der Serie Tierkreiszeichen und
Landschaften (1983, Michel, Schweiz, 1244); Melchsee (Obwalden) aus der Serie Bergseen (1991,
Michel, Schweiz, 1460).
Abbildung 36
Alpine Motive auf Schweizer Sondermarken nach Gruppen, 1945–2015. Eigene Darstellung.
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Abbildung 37
Zeitliche Verteilung der Schweizer Pro Patria-Briefmarken mit Alpen-Bezug.
Eigene Darstellung.
Abbildung 38
Schweizer Pro-Patria-Ausgabe des Jahres 1948 (1948, Michel, Schweiz, 508–511): Grenzwächter im
Gebirge; Freiburger Bauernhaus; Walliser Haus; Häuser im Tessin.
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Abbildung 39–40
Schweizer Pro Patria-Ausgaben zu Kulturwege Schweiz (2007–2009): Via Cook mit dem Grandho-
tel Giessbach am Brienzersee (2007, Michel, Schweiz, 2010); Via Francigena mit dem Hospiz am
Großen St. Bernhard (2009, Michel, Schweiz, 2108);
Abbildung 41
Eröffnung des Straßentunnels am Großen St. Bernhard (1964, Michel, Schweiz, 791).
Abbildung 42
Emmental mit Eiger, Mönch und Jungfrau im Hintergrund aus der Sondermarkenserie Typische
Schweizer Landschaften (2014, Michel, Schweiz, 2365).
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Abbildung 43
150-Jahr-Jubiläum des Schweizer Alpen-Clubs (2013, Michel, Schweiz, 2288–2291).
Abbildung 44
Esposizione internazionale di filatelia trilaterale delle Alpi in Locarno (2003, Michel, Schweiz,
1836–1837).
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Christian Könne
Briefmarken im Geschichtsunterricht der Schule. Didaktische
Konzepte und das Angebot in den Schulbüchern
»Es ist erstaunlich, wie viele Entdeckungen man macht, wenn man sich […] Briefmarken
anschaut und dabei merkt, was alles aus den Postwertzeichen ablesbar ist.« 1
1 Briefmarken und ihre Didaktik – Briefmarken und ihre Verwendung
Briefmarken finden sich als Medien in Geschichtsbüchern für die Schule. Die
Fachdidaktik Geschichte hat sich mit der Art und Weise, wie man Briefmarken
im Geschichtsunterricht einsetzen kann, befasst. Der nachfolgende Text unter-
sucht erstmals, seit wann Briefmarken als Medien im Geschichtsunterricht von
verschiedenen Autoren in didaktischen Texten thematisiert wurden und in
welcher Weise diese den Einsatz von Briefmarken im Geschichtsunterricht
empfahlen. 2 Daran anschließend wird untersucht, in welcher Weise die im
Schuljahr 2017/18 in den Bundesländern Baden-Württemberg und Rheinland-
Pfalz verwendeten Schulbücher für Geschichte Briefmarken als Medien im
Geschichtsunterricht einsetzen. Eine solche Untersuchung der realen Verwen-
dung von Briefmarken in Schulbüchern und der Vergleich mit den Empfeh-
lungen der Fachdidaktik scheint bisher nie vorgenommen worden zu sein. 3
1 Brief von Helmut Schmidt Bundeskanzler a. D. an Hans Jürgen Wischnewski, abgedruckt in:
Hans Jürgen Wischnewski: 150 Jahre Deutschland auf Briefmarken. Mein Land, unsere Ge-
schichte, München 1998, S. 1.
2 Hierfür wurden – offenbar erstmals, s. u. – folgende Fachzeitschriften geprüft: Vergangenheit
und Gegenwart. Monatsschrift für Geschichtsunterricht und politische Erziehung, Jahrgänge
1911–1944; Geschichte in Wissenschaft und Unterricht, alle Jahrgänge seit 1951; Praxis Geschich-
te, alle Jahrgänge seit 1987; Geschichte Lernen, alle Jahrgänge seit 1987 sowie Geschichte und
Staatsbürgerkunde, Jahrgänge 1959–1990.
3 In der vorliegenden Studie werden die Lehrpläne, die insgesamt für die Sekundarstufe 1 Gel-
tung haben, untersucht. Bei den untersuchten Schulbüchern handelt es sich um solche für das
Gymnasium. Da inzwischen etwa 42 Prozent aller Schülerinnen und Schüler eines Jahrgangs
das Gymnasium als Schultyp besuchen, ist damit die größte Gruppe erfasst.
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Vielleicht auch aus diesem Grunde unterscheiden sich die Hinweise der Didak-
tik zur Verwendung von Briefmarken im Unterricht im Verlaufe der Zeit und
auch der politischen Systeme weniger, als sich die konkrete Verwendung von
Briefmarken in den Schulbüchern von den didaktisch vorgeschlagenen Moti-
ven und Arbeits-Konzepten unterscheidet. Dies ist auch daher besonders er-
staunlich, weil manche der untersuchten Schulbücher Herausgeber haben, die
sich als Autoren in der Didaktik über die Verwendung von Briefmarken im
Unterricht geäußert haben. Aus diesem Grund sollen nachfolgend zunächst die
historisch-politischen Potentiale, die didaktischen Zugänge und schließlich die
Briefmarken in den Schulbüchern untersucht werden. Dass Briefmarken auf-
grund ihres politischen Aussagegehalts als Material für den Geschichtsunter-
richt geeignet sind, daran bestand und besteht kein Zweifel.
2 Politisch-propagandistische Potentiale von Briefmarken – und die
Repräsentation in den Lehrplänen für Geschichte
Briefmarken waren und sind immer auch ein Instrument staatlicher Propa-
ganda. Ob man diesen Aspekt bereits seit den ersten Ausgaben von Briefmar-
ken annimmt, oder ob man eine propagandistische Funktion von Briefmarken
erst für die Zeit seit dem Ersten Weltkrieg postuliert, hängt vermutlich mehr
von der Auslegung des Propagandabegriffs als vom Erscheinungsbild der
Briefmarken ab. 4 Fest steht, dass »seit der Erfindung des Postwertzeichens […]
kein Machthaber dieser Welt auf die politische Propagandakraft der Briefmar-
ke verzichten wollte«. Diese Aussage gilt unabhängig von der Staatsform. Poin-
tiert kam Hans-Jürgen Köppel zu der Einschätzung: »Die Briefmarke, täglich
verbreitet in einer Auflage von vielen Millionen, […] ist das heimliche, unter-
schwellig wirksame Massenmedium Nummer eins.« 5
Gleichzeitig gibt es eigentlich »nichts, was nicht auf einer Briefmarke abge-
bildet wäre«. Da Briefmarken »für einen Ausgabeanlass – oft ein historisches
Ereignis – geschaffen« 6 wurden und noch werden, ist also just diese Aussage-
absicht für den speziellen Anlass neben der konkreten inhaltlichen Erarbeitung
des eigentlichen Motivs im Unterrichtskontext thematisierbar. Außerdem ist –
erst recht seitdem das Internet auch in mehr und mehr Schulen verfügbar ist –
auch von einer ›leichten Verfügbarkeit‹ im Unterricht auszugehen. Inwieweit
4 Vgl. Hans-Jürgen Köppel: Politik auf Briefmarken. 130 Jahre Propaganda auf Postwertzeichen,
Düsseldorf 1971, S. 46, 49.
5 Ebd., S. 9f.
6 Dieter Opfer/Bund Deutscher Philatelisten/Bundesstelle für philatelistische Jugendarbeit:
Briefmarke und Bildung. Der lange Weg zur deutschen Einheit, Hodenhagen 2012, hier:
S. 6.
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die Briefmarken-Bild-Rezeption der Menschen – die nicht Sammler sind –
außerhalb von Schule vorhanden ist, ist bisher nicht untersucht, dürfte aber
gering sein. 7 Doch hat dies keinen Einfluss auf deren Verwendbarkeit im Un-
terricht.
Insgesamt bilden Briefmarken einen ebenso umfangreichen wie vielgestalti-
gen Fundus für den Unterricht.
»Geschichte ist konstruierte und damit gedeutete Vergangenheit. Daraus lässt sich eine
der Aufgaben des Geschichtsunterrichts ableiten, dass die Lernenden in die Lage versetzt
werden, aus Geschichte und Geschichts-Bildern die dahinter stehenden Interessen und
Intentionen zu erkennen und zu (de-)konstruieren. Durch die sich anschließende Rekon-
struktion von Geschichte trägt der Geschichtsunterricht auf besondere Weise zur Ent-
wicklung von Geschichtsbewusstsein und zur historisch-politischen Bildung bei.« 8
Eine Ausbildung für die kritische Rezeption von Briefmarken ist aus diesem
Grund eigentlich eine Notwendigkeit für den Schulunterricht. Können die
Schülerinnen und Schüler doch hier eine historische Quelle »hinsichtlich Sach-
lichkeit, Intention, Wirklichkeitsbezug« 9 reflektieren und beurteilen.
Angesichts dieses Befundes und der in der historischen wie philatelistischen
Fachliteratur stets konstatierten politischen Dimension von Briefmarken(-
Darstellungen) ist es erstaunlich, dass von den im Schuljahr 2017/18 gültigen
Lehrplänen im Fach Geschichte für die Sekundarstufe 1 aller Bundesländer –
also des Unterrichts, der von allen Schülerinnen und Schülern obligatorisch
und unabhängig von der Schulart zu besuchen ist – lediglich der Lehrplan des
Landes Niedersachsen an einer Stelle direkt auf Briefmarken als Medium im
und Quellen für den Geschichtsunterricht hinweist. In keinem Lehrplan eines
anderen Bundeslandes wird explizit auf Briefmarken als Mittel und Medium
für Geschichtsunterricht Bezug genommen. 10 Dies mag vielleicht auch daran
liegen, dass Briefmarken als bildliche Darstellung gelten – und somit unter die
Behandlung von Bildern jedweder Art im Geschichtsunterricht subsumiert
werden. Wie sind nun die Überlegungen zum Einsatz dieser kleinen Bilder im
Geschichtsunterricht?
7 Vgl. Michael Sauer: Originalbilder im Geschichtsunterricht. Briefmarken als historische Quel-
len, in: Gerhard Schneider (Hrsg.): Die visuelle Dimension des Historischen. Hans-Jürgen Pan-
del zum 60. Geburtstag, Schwalbach 2002, S. 158–169, hier: S. 161.
8 Lehrplan Erdkunde, Geschichte, Sozialkunde (Realschule Plus und Gymnasium) Klasse 5–10,
Rheinland-Pfalz, Mainz 2016, S. 82.
9 Ebd., S. 9.
10 Vgl. Lehrplan Geschichte Niedersachsen Sekundarstufe 1: Briefmarken als Beispiel für gegen-
ständliche Gattung, S. 26.
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3 Vorschläge und Überlegungen zur Didaktik und Methodik für die
Verwendung von Briefmarken im Unterricht
Trotz ihres allenthalben postulierten historisch-politischen Gehalts und damit
ihrer Eignung gerade für den Geschichtsunterricht finden sich in den gängigen
Einführungs- und Übersichtswerken der Fachdidaktik keine Hinweise auf die
Arbeit mit Briefmarken. Sie werden auch nicht innerhalb der Kapitel, die sich
speziell mit Bildern im Geschichtsunterricht befassen und daher die verschie-
denen Arten von Bildern auflisten, als eine mögliche Bild-Variante genannt.
Briefmarken scheinen ganz offensichtlich kein bedeutsames Thema der histori-
schen Didaktik in den Anmerkungen für Studierende ebenso wie für Lehrerin-
nen und Lehrer zu sein. 11
Hinweise zur Verwendung von Briefmarken im Unterricht gibt es dennoch.
Sie zu finden, erfordert ein wenig bibliografische Arbeit. Die verschiedenen
Ansätze sollen hier vorgestellt werden. Briefmarken können – ob ihres großen
Motivspektrums – grundsätzlich in verschiedenen Schulfächern eingesetzt
werden. Hierauf weisen die verschiedenen Autoren, die sich mit der Didaktik
von Briefmarken befassten, auch immer wieder hin. Nachfolgend werden spe-
ziell die Aussagen für den Geschichtsunterricht untersucht. Geschichte gilt in
den didaktischen Schriften als eines derjenigen Fächer, in dem Briefmarken als
Medium des Unterrichts in besonderes geeigneter Weise Verwendung finden
können. Darüber sind sich die Texte zur Didaktik einig. Dies stellt quasi den
Brückenschluss zur historischen Fachliteratur im Hinblick auf die politische
Komponente von Briefmarken dar.
Im Hinblick auf den prinzipiellen Einsatz von Briefmarken im Unterricht
herrscht in den Vorschlägen der Fachdidaktik seit jeher recht große Einigkeit:
Bereits 1906 wurde von Richard Herold hierzu ein Text veröffentlicht, mut-
maßlich der erste seiner Art. Er kommt bei seinen Überlegungen vom Interesse
der Schülerinnen und Schüler her. Für Herold gilt die Leidenschaft zu sam-
meln als eine Variante des kindlichen Spiels, die die Schule sich zunutze ma-
chen sollte. Zwar seien manche Sammlungen in der Schule anerkannt und
würden »von den Fachlehrern gefördert«, jedoch sei »die Briefmarkensamm-
lung«, jener »unnütze Kram von bunten Bildchen« bei »fast allen Pädagogen
11 Vgl. Georg Hahn: Die Verwendung des Bildes im Geschichtsunterricht, in: Vergangenheit und
Gegenwart 24 (1934), S. 109–120; Edda Grafe/Carsten Hinrichs: Visuelle Quellen und Darstel-
lungen, in: Hilke Günther-Arndt (Hrsg.): Geschichtsdidaktik. Praxishandbuch für die Sekun-
darstufe 1 und 2, Berlin 2003, S. 95–114; Michael Sauer: Geschichte unterrichten, S. 188–203;
Hans-Jürgen Pandel: Bildinterpretation, in: Ulrich Meyer/Hans-Jürgen Pandel/Gerhard
Schneider (Hrsg.): Handbuch Methoden im Geschichtsunterricht, Schwalbach 2007, S. 172–
187; Kapitel Visuelle Medien, in: Hans-Jürgen Pandel/Gerhard Schneider: Handbuch Medien
im Geschichtsunterricht, Schwalbach 2017, S, 225–438.
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verhaßt«. 12 Doch seit Herold regen die Texte zur Briefmarken-Didaktik nahezu
einhellig an, sich die Sammelleidenschaft der Schülerinnen und Schüler für
Briefmarken zu Nutze zu machen, um mit diesen und deren Marken den Un-
terricht zu bereichern und so an die Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler
anzuschließen. 13 Der Unterricht sollte in Zeiten noch ohne Abbildungen in
Schulbüchern durch das Mitbringen der Marken anschaulicher werden. Doch
auch nach der Aufnahme von Abbildungen in den Geschichtsbüchern der
Schule vor allem seit den 1970er-Jahren kann durch die Einbindung von
Sammlungen die Verbindung zum Leben der Schülerinnen und Schüler herge-
stellt werden. 14 Inwieweit Schülerinnen und Schüler 2018 noch Briefmarken-
sammlungen haben, auf die man zurückgreifen kann, ist eine andere Frage.
Zum Lebenswelt-Bezug hinzu trat von Beginn an in den didaktischen Texten
der Hinweis, dass der Umgang mit Briefmarken die Schülerinnen und Schüler
in ihrem »Sinn für Ordnung« 15 übe, weil die Marken geordnet werden müssen.
Außerdem kann eine »Schärfung der Beobachtungsgabe« 16 geübt werden, da
die Motive zwar sehr klein, aber oft sehr gehaltvoll sind und entschlüsselt wer-
den müssen. Darüber hinaus kann der Unterricht mit Briefmarken zur Erstel-
lung von eigenen Ausstellungen zu verschiedenen Themen des Unterrichts
genutzt werden. 17 Es ist auch möglich, als Hausaufgabe zu stellen, dass eine
Briefmarke, die zum aktuellen Unterrichtsthema passt, zuhause gesucht wer-
den soll. 18 In die gleiche Richtung zielt die Idee, Briefmarken als Wiederholung
der im Unterricht besprochenen Themen zu verwenden. 19 Auch die Einrich-
tung von Arbeitsgemeinschaften, die sich mit den historischen Aspekten bei
Briefmarken befassen, wird angeregt. 20 Hinzu tritt die Kooperation von Schule
12 Richard Herold: Briefmarkensammeln und Unterricht, in: Pädagogisches Archiv 48 (1906) 4, S.
218–223, hier: S. 218.
13 Vgl. ebd.; Adalbert Nowacki: Die Briefmarke im Dienste der Schule, Willich 1953, S. 1–8, hier:
S. 7f.; Wolfgang Tittelbach-Helmrich: Die Briefmarke als Arbeitsmittel im kirchlichen Unter-
richt, in: Die Christenlehre. Zeitschrift für den katechetischen Dienst 19 (1966) 7, S. 185–186;
Horst Schalk: Briefmarken als Quellen zur Geschichte, in: Geschichte und Staatsbürgerkunde
26 (1984) 2/3, S. 203–209, hier: S. 204f.
14 Vgl. Nowacki: Die Briefmarke im Dienste der Schule, S. 7.
15 Herold: Briefmarken sammeln im Unterricht, S. 218; Nowacki: Die Briefmarke im Dienste der
Schule, S. 7; Rudolf Elhardt: Briefmarke, Macht, Schule (Briefmarke macht Schule), Augsburg
2000, S. 103.
16 Herold: Briefmarken sammeln im Unterricht, S. 218; Nowacki: Die Briefmarke im Dienste der
Schule, S. 8.
17 Vgl. ebd., S. 7; Elhardt: Briefmarke, Macht, Schule, S. 105f.
18 Vgl. Nowacki: Die Briefmarke im Dienste der Schule, S. 7.
19 Vgl. Tittelbach-Helmrich: Die Briefmarke als Arbeitsmittel im kirchlichen Unterricht, S. 185.
20 Vgl. Nowacki: Die Briefmarke im Dienste der Schule, S. 7.
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mit außerschulischen Bildungsträgern und Vereinen, beispielsweise durch den
Einbezug von Sammlervereinen. 21
Im Hinblick auf den Umgang mit Briefmarken wurde auch die Forderung
erhoben, dass die Schulverwaltung Literatur über Philatelie beschaffe, oder
dass durch »besondere Empfehlung« die »Beschäftigung mit der Briefmarke in
den Schulen« angeregt werden solle. 22 Dieser Hinweis wurde damit untermau-
ert, dass angeblich in Italien, den USA und Lateinamerika spezielle Briefmar-
kenstunden im Unterricht vorhanden waren. 23 Wie eingangs gezeigt, ist dies
eine Forderung, die bisher nicht realisiert wurde. Dass man mit Briefmarken
»Geschichte neu, spielerisch, unterhaltsam und spannend« 24 vermitteln kann,
darin scheint seit 1906 weitgehend Einigkeit zu herrschen.
Die zentralen Schritte im Unterricht bei der Erarbeitung einer Briefmarke
sind dieselben wie die bei der Erarbeitung von Bildern grundsätzlich: »1. Bild-
beschreibung (Personen, Gegenstände, Symbole, Orte, und deren Anordnung).
2. Bildanalyse (Wie sind die Personen etc. dargestellt, Bedeutung der Symbole,
an wen richtet sich das Bild/die Briefmarke). 3. Interpretation der Bildaussage
(Zweck des Bildes, Ziel des Bildurhebers, Was wird warum nicht gezeigt). 4.
Bildbeurteilung (persönliche Sicht und Stellungnahme)« 25. Hinzu tritt die
Antwort auf die Frage, wann und warum dieses Motiv auf Briefmarken auf-
taucht, also die Einordnung der Darstellung auf der Marke in den historischen
Kontext. 26
So groß, wie die Übereinstimmungen der Fachdidaktik im Hinblick auf die
prinzipielle Verwendung von Briefmarken im Geschichtsunterricht ist, so groß
ist der Unterschied der einzelnen Texte der Fachdidaktik, wenn es um die
Frage geht, welche Briefmarken und Motive konkret als besonders geeignet für
Unterricht gelten können. Der Unterschied ist aber auch dann groß, wenn es
um die deutlich differierenden Vorschläge der Fachdidaktik für die immer
gleichen, aber immer wieder anders diskutierten und vorgestellten Briefmar-
ken geht. Hier zeigt sich, dass die Anregungen der Didaktik im Hinblick auf
die Verwendung spezieller Briefmarken stark zeitgebunden sind, wie nachfol-
gend illustriert wird.
21 Vgl. ebd., S. 7f.
22 Ebd., S. 8.
23 Vgl. ebd.
24 Eberhard Jung: Wettbewerb. Geschichte auf Briefmarken. Saarpfalz-Gymnasium Homburg
(Arbeitsgemeinschaft Geschichte) 2001, S. 3.
25 Dieter Opfer/ Bund Deutscher Philatelisten / Bundesstelle für philatelistische Jugendarbeit:
Briefmarke und Bildung. Der lange Weg zur deutschen Einheit, Hodenhagen 2012.
26 Vgl. Grafe/Hinrichs: Visuelle Quellen und Darstellungen, S. 95–114; Sauer: Geschichte unter-
richten, S. 188–203; Hans-Jürgen Pandel: Bildinterpretation, S. 172–187.
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4 Die Motivvorschläge der Fachdidaktiken – Bilder ihrer Zeit
1906 war Herolds Befund, dass sich »in den verschiedenen Markenausgaben
eines Landes [...] häufig die Geschichte der letzten 50 Jahre« wiederfindet. So
stellt er fest, dass man »einen Einblick in die frühere Zerrissenheit« Deutsch-
lands gewinnen könne, »wenn man die recht erhebliche Anzahl deutscher
Staaten betrachtet, die eigene Marken führten«. 27 Das Thema der Abbildung
der deutschen Kleinstaaten im 19. Jahrhundert auf Basis von deren Marken
schlagen auch Adalbert Nowacki und Horst Schalk vor. 28 Nowacki hält jedoch
angesichts der seit der Erstausgabe von Briefmarken weiter vorangeschrittenen
Zeit fest, dass sich die Geschichte der letzten 100 Jahre »an den Marken mit
Leichtigkeit illustrieren« ließe. 29 Neben der Geschichte der deutschen Einzel-
staaten finden sich auch Imperialismus und Kolonialismus des Deutschen
Reiches als Themenvorschläge in den didaktischen Texten. Auf der Basis der
Motive sowie der Stempel der verschiedenen weltweit im damaligen Kolonial-
besitz verstreut liegenden Postämter wird dieses Thema bis heute vorgeschla-
gen. Doch zeigen die Texte zur Didaktik bei gleicher Motivwahl unterschiedli-
che Ziele an. Während Herold mit den »Deutsche[n] Marken [...] aus unseren
Kolonien in Afrika und Australien« und den Briefen »von den deutschen Post-
ämtern in der Türkei, in China und Marokko [...] die Ausbreitung der deut-
schen [...] Macht« 30 abbilden wollte, führt Schalk aus DDR-Sicht hiermit den
negativen Beweis für den Imperialismus aus Sicht der marxistischen Ge-
schichtsschreibung. 31 Doch auch Michael Sauer verweist nach dem Ende des
Kalten Krieges auf diese Motive, wenn es um Unterricht im Hinblick auf Kolo-
nialismus und Imperialismus geht – nunmehr mit einem multiperspektivi-
schen Ansatz. 32
In ähnlicher Weise werden die Germania-Marken von der Fachdidaktik be-
handelt. Während Herold sie vor allem im Hinblick auf das Bildprogramm zur
inneren Reichseinigung bespricht und in ihnen Produkte eines künstlerischen
Wertes sieht, den er mit dem antiker Gemmen vergleicht, 33 kommt Schalk für
die DDR-Geschichtsdidaktik zu einer ganz anderen Verwendung und zu ei-
nem anderen historischen Urteil. Schalk schlägt die Germania-Marke vor, um
an ihr die Kontinuität des kaiserlichen Imperialismus und Chauvinismus bis
27 Herold: Briefmarken sammeln im Unterricht, S. 220.
28 Vgl. Nowacki: Briefmarken im Dienste der Schule, S. 3; Schalk: Briefmarken als Quellen zur
Geschichte, S. 205, 208.
29 Nowacki: Briefmarken im Dienste der Schule, S. 2.
30 Herold: Briefmarken sammeln im Unterricht, S. 220.
31 Vgl. Schalk: Briefmarken als Quellen zur Geschichte, S. 205f.
32 Vgl. Sauer: Originalbilder im Geschichtsunterricht, S. 164.
33 Vgl. Herold: Briefmarken sammeln im Unterricht, S. 222.
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hinein in die Weimarer Republik zu belegen. Hierfür sollten die Schülerinnen
und Schüler die Germania-Marken in den Varianten von 1902, 1916 und 1921
miteinander vergleichen, um auf diese Weise den Bild-Beleg zu erhalten, dass
sich der kaiserliche Imperialismus-Gedanke und -Anspruch auch in der Wei-
marer Republik fand. 34 Auch Sauer schlägt die Germania-Marken für den
Unterricht vor. Hierbei jedoch erneut mit einem Fokus, der auf die Reichseini-
gung, aber auch auf antifranzösische Aspekte hinweist und auf die dazu ver-
wendete Motivwahl abzielt. Mit diesen verschiedenen Deutungsrichtungen, die
die Marke enthält, zielt er darauf ab, »den Geist der Zeit und das Selbstbe-
wusstsein des aufstrebenden deutschen Reiches« zu untersuchen. 35
Auch die anderen Texte zur Didaktik für Briefmarken zeigen in ihren Hin-
weisen auf spezielle Motive einen deutlichen Zeitbezug. Im Kontext des damals
erst kurz zurückliegenden von den Deutschen verlorenen Zweiten Weltkriegs
und noch während des Besatzungsstatuts und im Angesicht der deutschen
Teilung kommt Nowacki zu Beginn der 1950er-Jahre zu der Empfehlung, die
Marke Justitia pro Hungaria! mit in den Unterricht aufzunehmen. Mit dieser
Marke protestierte Ungarn gegen den Vertrag von Trianon, der die Auflösung
Österreich-Ungarns sowie bedeutende Gebietsverluste für Ungarn festschrieb,
und damit gegen die Politik der Alliierten nach dem Ersten Weltkrieg. Außer-
dem hält Nowacki Briefmarken der beiden Weltkriege sowie solche, die die
Besetzung Deutschlands und die Inflation zeigen, ebenso wie die Abstim-
mungsmarken nach dem Ersten Weltkrieg für besonders wertvoll, um sie im
Unterricht einzusetzen. 36 Dass Nowacki auch Marken mit Abbildungen natio-
naler Wappen, Symbole, Gedenkstätten sowie Marken mit der Darstellung von
berühmten Köpfen aus Kultur und Naturwissenschaft empfiehlt, aber direkt
nach dem Krieg auf die Empfehlung der Abbildung von Politikern verzichtet,
ist ebenfalls bemerkenswert. 37 Es hätte auch Politikerabbildungen gegeben, auf
die man im Hinblick auf die Entwicklung der deutschen Demokratie gerade im
Angesicht eines verlorenen Krieges und nach der NS-Diktatur hätte verweisen
können, beispielsweise Friedrich Ebert. Dies ist nicht der Fall. Mit dem vorge-
schlagenen Bildprogramm in den Marken wird Kritik an den Alliierten in einer
Zeit formuliert, in der Kritik an den Besatzungsmächten zu üben, im Besat-
zungsstatut verboten war. 38 Gleichzeitig wird hier ein Briefmarken-Bild für
34 Vgl. Schalk: Briefmarken als Quellen zur Geschichte, S. 206.
35 Vgl. Sauer: Originalbilder im Geschichtsunterricht S. 162ff.
36 Vgl. Nowacki: Briefmarken im Dienste der Schule, S. 2f.
37 Vgl. ebd., S. 4.
38 Um die Erreichung der Grundziele der Besatzung sicherzustellen, wird die Zuständigkeit für die
folgenden Gebiete […] ausdrücklich vorbrhalten: […] der Schutz, das Prestige und die Sicher-
heit der Alliierten Streitkräfte.« (Besatzungsstatut für die Bundesrepublik Deutschland, 8. April
1949, in: Amtsblatt der Alliierten Hohen Kommission in Deutschland Nr. 1 (1949), S. 13).
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Deutschland gefordert, das entweder das kämpfende Deutschland in den
Weltkriegen zeigt oder Deutschland als Opfer – auch der Alliierten Entschlüsse
nach dem Ersten Weltkrieg. Der explizite Bezug auf die Abstimmungsmarken
– abgestimmt wurde u. a. in den Gebieten, die nach dem Ersten Weltkrieg an
Polen gingen – macht 1953 den damaligen Zeitbezug und auch die Sicht auf
die Situation Deutschlands deutlich. Die Diskussion um die Abstimmung und
Abtretung Oberschlesiens in den 1920er-Jahren dürfte in den 1950er-Jahren
noch präsent gewesen sein. 39 Die Empfehlung dieser Briefmarken für den Un-
terricht – die sich vermutlich in den 1950er-Jahren noch in ausreichend vielen
Haushalten fanden und in die Schule mitbringen ließen – war also durchaus
eine politische Aussage.
Neben den Deutschland-Bildern zeigen sich auch im Hinblick auf internati-
onale Aspekte gewisse Zeitkontexte in den Empfehlungen der Fachdidaktik für
Briefmarken. Am ausführlichsten sprach Herold 1906 über die Verwendung
verschiedener ausländischer Motive für den Unterricht. Als günstig sah er
ägyptische Marken an, die die Pyramiden und die Sphinx zeigten, neupersische
Marken, die den Mithrakultus zeigten, sowie griechische Marken mit Darstel-
lungen der antiken Geschichte an. 40 Auch die portugiesische Marke, die anläss-
lich des 400. Jahrestages der Entdeckung des Seewegs von Vasco da Gama
ausgegeben wurde, galt ihm als geeignet für den Unterricht. In dieser Hinsicht
war auch die US-Marke zur 400-Jahr-Feier der Entdeckung Amerikas und die
US-amerikanische Marke anlässlich der 100-Jahr-Feier der Unabhängigkeits-
erklärung der USA verwendbar. Herold befand zwar, dass Männer wie Fran-
klin, Washington oder Lincoln als Briefmarkenmotiv für den Unterricht zu
begrüßen seien. Doch »minder berühmte« Männer sowie die Präsidenten der
mittel- und Südamerikanischen Republiken auf Briefmarken, waren als Motive
»im Geschichtsunterrichte freilich nicht zu verwenden«. 41
Die Briefmarken Italiens vor 1859 und nach 1870 sah Herold als geeignet
an, um so den staatlichen Zusammenschluss Italiens zu thematisieren, ebenso,
wie er dies für die deutsche Geschichte vorschlug. 42 Mit den Briefmarken
Frankreichs ließ sich nach seinem Vorschlag beispielsweise der Wechsel der
französischen Verfassung zwischen 1848 und 1871 zeigen. Einmal heißt es auf
den Marken »REPUB. FRANC.« und zwar sogar dann noch, nachdem Napole-
on III. 1851 den Thron bestiegen hatte. Dieser druckte zwar seinen Kopf auf
die Marken, jedoch zusammen mit dem Schriftzug »REP. FRANC«. Erst nach
seiner Kaiserkrönung wurde der Schriftzug umgewandelt in »EMPIRE
39 Vgl. Nowacki: Briefmarken im Dienste der Schule, S. 2f.
40 Vgl. Herold: Briefmarken sammeln im Unterricht, S. 219.
41 Ebd., S. 220.
42 Vgl. ebd., S. 221.
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FRANC«. Nach der Schlacht von Sedan, die die Franzosen unter Napoleon III.
verloren hatten, tauchte statt des Kaisers Kopf auf den französischen Marken
erneut der Freiheitskopf auf. Hieraus sowie aus dem häufigen Wechsel der
Farben der Marken konstatierte Herold einen »bewegliche[n] Volkscharakter«
der Franzosen. Umgekehrt sah er einen »zäh festhaltende[n] Volkscharakter«
der Norweger, Russen, Schweden und Dänen darin begründet, dass diese nur
einen »ganz geringen Wechsel der Briefmarken« besäßen. 43 Auch dies sah er
als einen möglichen Unterrichtsinhalt an. Herold zog aus dem Zeitpunkt der
Veröffentlichung von Briefmarken auch Rückschlüsse darauf, wie kultiviert
diese Staaten seien, und referiert damit auf deren Entwicklung, die ein sol-
chermaßen organisiertes Postwesen erforderlich machte. Demgemäß stellte er
fest, dass Briefmarken seit 1840 in Großbritannien, seit 1849 in Frankreich und
Belgien sowie in den meisten anderen Staaten seit Anfang der 1850er-Jahre
emittiert wurden, in Russland jedoch erst 1857. Von den deutschen Ländern
war Mecklenburg-Strelitz das letzte, das 1864 seine erste Briefmarke heraus
gab. 44 Für seine Zeit war dies ein bemerkenswert freimütiger Ansatz, zeigt er
doch, dass manche deutschen Länder hinter der Entwicklung der als Konkur-
renz angesehenen europäischen Staaten zurück standen.
In den nach Herold folgenden Texten wurden die Vorschläge der Didaktik
im Hinblick auf die Abbildung von im weiteren Sinn internationalen Themen
deutlich geringer. Dies mag auch daran liegen, dass der Geschichtsunterricht
in der Schule auf die deutsche Geschichte fokussierte. Doch tat er genau dies in
besonderer Weise auch zur Zeit Herolds. Jedenfalls finden sich später oft nur
kleinere Bemerkungen zur Abbildung von im weiteren Sinne ›ausländischen
Themen‹ auf Briefmarken. Seit den 2000er-Jahren wurde die überwiegend
getrennt gestaltete nationale beziehungsweise internationale Betrachtung der
Marken und ihrer Verwendbarkeit für den Unterricht in den Vorschlägen der
Didaktik zugunsten einer thematischen Herangehensweise verlassen. Inzwi-
schen werden Vorschläge wie ›Nationale Symbole‹, ›Europa‹, ›Personenkult‹ in
den Texten thematisiert. 45 Dabei werden für Letzteren neben Motiven aus der
Union der sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR) auch solche anderer Dikta-
turen wie der DDR, Chinas oder Rumäniens im Vergleich vorgeschlagen. 46
Begründet wird dies vor allem mit der besonderen Funktion von Briefmarken
für die Selbstdarstellung dieser Staaten, doch war und ist Selbstdarstellung
43 Ebd.
44 Vgl. ebd.
45 Vgl. Elhardt: Briefmarke, Macht, Schule, S. 109f., 112f.; Antje Dussa/Marco Schöber: Auf meh-
reren Wegen zum Ziel. Die Welt kleinster Kunstwerke differenziert entdecken: Briefmarken als
Quellen im Geschichtsunterricht, in: Geschichte lernen (2017) 176, S. 18–23, hier: S. 18.
46 Vgl. Sauer: Originalbilder im Geschichtsunterricht, S. 166f.; Dussa/Schöber: Auf mehreren
Wegen zum Ziel, S. 18, 21.
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auch bei Briefmarken anderer Staaten der Fall. 47 Es findet sich thematisch
ebenfalls der Hinweis auf die römische Geschichte, die auf der Basis von italie-
nischen Briefmarken der Mussolini Zeit besprochen werden soll, um auf diese
Weise den Aspekt der Propaganda zu diskutieren. 48
Recht neu ist der Vorschlag, dass man Kombinationen von Marken auswäh-
len und nicht nur einzelne Marken verwenden sollte, weil dass die Selbstdar-
stellung im Vergleich leichter zu erkennen ist. Damit würde es leichter, auf die
Aussage-Absicht hin zu abstrahieren. 49
In der Verwendung von Briefmarken zur Abbildung von in den Lehrplänen
immer wieder geforderten historischen Längsschnitte zeigen sich Entwicklun-
gen – sowohl der Marken und auch der dargestellten Geschichte. Querschnitte
können Vergleiche ermöglichen. 50
Die umfangreichste Zusammenstellung internationaler Briefmarkenmotive,
die zu ganz verschiedenen Aspekten der Geschichte von den Dinosauriern bis
zum Jahr 2000 insgesamt 555 Aufgaben formuliert und diese mit Marken illus-
triert, ist das Ergebnis des Wettbewerbs Geschichte auf Briefmarken der AG
Geschichte am Saarpfalz-Gymnasium in Homburg/Saar. 51
Es ist verwunderlich, dass angesichts dieser hier nur umrissenen Befunde im
Hinblick auf deutliche Differenzen ebenso wie auf Analogien in den Texten zur
Didaktik von Briefmarken im Geschichtsunterricht Sauer 2002 zu der These
gelangte, dass es »didaktische Überlegungen« zu Briefmarken »bislang nicht«
gebe. 52 Bedauerlich ist, dass die seit 2002 erschienen Aufsätze zur Verwendung
von Briefmarken im Unterricht Sauer als einzige Quelle für die Didaktik von
Briefmarken im Geschichtsunterricht angeben. 53 Hiermit werden viele Ansätze
und Potentiale konsequent übergangen. Die ausführlichsten Überlegungen
zum Einsatz im Unterricht generell und zu den verschiedenen konkreten Bei-
spielen lieferte im Jahr 2000 Rudolf Elhardt. 54
Ob die zuletzt geäußerte Ansicht zutrifft, Briefmarken seien aufgrund ihrer
»leicht erschließbaren, symbolreichen Bildsprache« 55 besonders für den Unter-
richt geeignet, ist die Frage. Wie wurden all diese Vorschläge in den seit 2016
für die Sekundarstufe 1 neu herausgegebenen Büchern – und in den bereits
47 Vgl. Sauer: Originalbilder im Geschichtsunterricht, S. 160.
48 Vgl. Reinhard Hirth: Propaganda Recyclata. Vergil, Horaz und Augustus auf Briefmarken der
Mussolini-Zeit, in: Der Altsprachliche Unterricht 33 (1990) 1+2, S. 97–108.
49 Vgl. Sauer: Originalbider im Geschichtsunterricht, S. 161.
50 Vgl. ebd., S. 162.
51 Vgl. Jung: Wettbewerb.
52 Sauer: Originalbilder im Geschichtsunterricht, S. 160.
53 Vgl. Dussa/Schöber: Auf mehreren Wegen zum Ziel.
54 Vgl. Elhardt: Briefmarke, Macht, Schule.
55 Dussa/Schöber: Auf mehreren Wgen zum Ziel, S. 18.
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länger auf dem Markt befindlichen Büchern für die Sekundarstufe 2 berück-
sichtigt?
5 Die Verwendung von Briefmarken in Schulbüchern für Geschichte
der Länder Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz – Übersicht
der Verwendung
Mit dem Schuljahr 2016/17 trat in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz
ein neuer Bildungsplan beziehungsweise Lehrplan für den Geschichtsunter-
richt der Sekundarstufe 1 in Kraft. Hierzu wurden speziell neue Bücher her-
ausgegeben. In welcher Weise diese Schulbücher und ebenso die älteren Bü-
cher der Sekundarstufe 2 Briefmarken verwenden, wurde für den vorliegenden
Text anhand gängiger Schulbuchverlage (Buchner, Cornelsen, Klett, Wester-
mann) und ihrer häufig vertretenen Buchreihen (Das waren Zeiten, Forum
Geschichte, Geschichte und Geschehen, Horizonte) für die Sekundarstufe 1 und
2 untersucht. Offenbar ist die konkrete Verwendung von Briefmarken in
Schulbüchern bisher nie untersucht worden. Es ist also die Frage, welche
Briefmarken (Motiv) die Bücher in welcher Weise (Arbeitsaufträge, Verbin-
dung mit dem sonstigen Material des Buches, Arbeitsaufträge außerhalb des
Buches) bieten. Hierfür wurden insgesamt 41 Schulbuchtitel untersucht, in
denen sich insgesamt 29 Briefmarkendarstellungen finden.
5.1 Wie ist die Verteilung der Briefmarken in den Büchern?
In der Übersicht zeigt sich, dass der gesamte chronologisch angeordnete Gang
durch die Geschichte in der Schule auch Briefmarken als Materialien in den
Büchern bereit hält. Es zeigen sich jedoch im Hinblick auf die Häufigkeit be-
deutsame Unterschiede in der Verwendung von Briefmarken in Schulbüchern.
So findet sich für den Bereich Antike nur eine Briefmarke (=3 Prozent). Das
Mittelalter wird mit insgesamt vier Briefmarken (=12 Prozent) illustriert. Die
Geschichte der Neuzeit kommt auf 24 Briefmarkenabbildungen (=83 Prozent),
wovon sechs auf das 20. Jahrhundert und sieben auf die Zeit seit 1945 entfallen.
Briefmarken tauchen als Materialien in den Büchern also umso häufiger auf, je
kürzer die jeweils dargestellte Geschichte zurück liegt. Inwieweit dies mehr am
vorhandenen Briefmarken-Bestand oder am Interesse der Buchautoren liegt,
kann nicht ausgesagt werden.
Von den 29 Briefmarken, die sich in den Schulbüchern finden, sind 22 deut-
sche (=76 Prozent) und sieben ausländische (=24 Prozent) Marken. Es werden
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19 deutsche Motive (=66 Prozent) und 10 ausländische bzw. internationale
Motive (=34 Prozent) abgebildet, wie z. B. das Thema EU oder auch der West-
fälische Friede. Das nationale Bild- und Themenprogramm von Briefmarken
ist also vorherrschend.
Außerdem zeigt die Untersuchung, dass die beiden Bundesländer auf eine
unterschiedlich hohe Anzahl von Briefmarken in ihren Schulbüchern kom-
men. Dies ist von daher bemerkenswert, da es sich um dieselben Verlage, um
dieselben Reihen und oft um dieselben Themen handelt, die aber eben, je nach
Bundesland verschieden gestaltet sind. Dies zeigt sich auch in der Verwendung
von Briefmarken. So werden in den untersuchten Schulbüchern beider Länder
insgesamt 29 teils aus zwei Marken komponierte Briefmarkenmotive als Mate-
rialien angeboten. 56 Betrachtet man die beiden Bundesländer, zeigt sich, dass
acht Briefmarken (=28 Prozent) auf die Bücher, die in Baden-Württemberg
verwendet werden, entfallen. 21 Briefmarken (=72 Prozent) finden sich in den
Büchern für Rheinland-Pfalz, das damit einen deutlich höheren Anteil von
Briefmarken als Unterrichtsmedien aufweist.
Von den in den Büchern verwendeten 29 Marken entfallen 17 auf Bücher
der Sekundarstufe 1 (=57 Prozent) und 12 auf Bücher der Sekundarstufe 2
(=43 Prozent).
5.2 Welche Themen tauchen in den Motiven der Bücher auf?
Wenn man sich die Art der Motive nach den in der Fachdidaktik vorgeschla-
genen Kategorien besieht, kommt man in der Analyse der Schulbücher zu
folgenden Ergebnissen:
Art der Motive
Art der Darstellung Symbol, Allegorie, Emblem Person Einzelmotiv
gesamt: 4 gesamt: 15 gesamt: 10
Gemälde über- 0 0 4
nommen
eigene grafische 4 15 6
Gestaltung
56 Da für die Untersuchung in diesem Text nur an der Stelle relevant war, diese 29 Motive aufzu-
schlüsseln, wenn es um die Frage der Abbildung von Frauen/Männern sowie um die Frage der
Bestimmung der Länder geht, wurden die Motive, wie sie in den Büchern verwendet wurden,
gezählt. Beispiel: Wenn Karl Schurz sowohl in einer US-Marke und auch in einer deutschen
Marke dazu dient, Migration in der Industrialisierung abzubilden, wurde dies nur als ein Motiv
gewertet.
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Damit sind in den Schulbüchern solche Abbildungen verwendet, die sich
vergleichsweise leichter entschlüsseln lassen. Bildlich verdichtete Darstellun-
gen mit gegebenenfalls übertragener Bedeutung in Form von Symbolen, Alle-
gorien und Emblemen werden erkennbar weniger verwendet als die übrigen
Arten. Damit unterscheidet sich die Auswahl des Bildprogramms der Bücher
von dem zuletzt von der Fachdidaktik vorgeschlagenen, die auf die Symbole
abhebt. Auch die weitere Untersuchung der einzelnen Briefmarkenmotive im
Hinblick auf die Zuteilung zu bestimmten Themengruppen ergibt interessante
Aufschlüsse zur Verwendung der Marken in den Büchern.
Wenn man die angebotenen Marken im Hinblick auf die Abbildung von
Geschlechtergerechtigkeit besieht – und dies sowohl vor dem Hintergrund der
Forderungen der Lehrpläne und auch der Tatsache, dass aus diesem Grunde
von der Post beispielsweise speziell die Reihe der Berühmten Frauen aufgelegt
wurde, stellt man fest, dass sich unter den 29 Markenmotiven 13 finden (=45
Prozent), die Männer abbilden. Demgegenüber stehen vier Briefmarken (=14
Prozent), die Frauen abbilden. Betrachtet man die Statistik aller Motive, auf
denen Menschen abgebildet sind, steigert sich das Missverhältnis weiter. Denn
von den 17 Personenabbildungen insgesamt entfallen dann 76 Prozent auf
Männer und lediglich 24 Prozent auf Frauen. Im Hinblick auf die von der
Fachdidaktik inzwischen seit Jahrzehnten und zurecht kritisierte deutlich
mannzentrierte Gestaltung von Geschichtsbüchern für die Schule stützten also
auch die Ergebnisse der Verwendung von Briefmarken und ihren Motiven
diese Geschlechterungerechtigkeit. 57 Die geschlechterungerechte Gestaltung
der Materialien im Fach Geschichte sind ein Grund dafür, warum Schülerin-
nen schwerer Zugang zum diesem Unterrichtsfach haben als Schüler. 58 An
Themen und Motiven, dieses Missverhältnis durch eine entsprechende Aus-
wahl an Briefmarken zu verringern oder auszugleichen, ist kein Mangel.
Wenn man die 29 Marken nach der Fragestellung der Abbildung von Moti-
ven aus dem Kontext von Selbstdarstellung von Diktaturen versus Motive, die
im weiteren Sinn positive Demokratiegeschichte darstellen, untersucht, stellt
man fest, dass es vier Marken (=14 Prozent) gibt, die Diktaturengeschichte in
deren eigener Motivik abbilden. Dem stehen 16 Marken (=55 Prozent) gegen-
über, die Demokratiegeschichte in einem weiteren Sinn abhandeln, worunter
hier neben Aufklärung und NS-Widerstand auch die EU-Geschichte als positi-
57 Bodo von Borries: »Zauber des Anfangs«? Zum Debüt von »Geschlechtergeschichte« in Ge-
schichtsdidaktik und Unterricht, in: Bea Lundt/Toni Tholen (Hrsg.): »Geschlecht« in der Lehr-
amtsausbildung. Die Beispiele Geschichte und Deutsch, Berlin 2013, S. 159–198; vgl. auch: Mar-
tin Lücke: Auf der Suche nach einer inklusiven Erinnerungskultur, in: Bettina Alavi/ders.
(Hrsg.): Geschichtsunterricht ohne Verlierer? Inklusion als Herausforderung für die Ge-
schichtsdidaktik, Schwalbach 2016, S. 58–67.
58 Bodo von Borries: »Zauber des Anfangs«?
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ve Geschichte der Politik von Demokratien gerechnet wird. Zum Thema Euro-
pa finden sich zwei Marken, was 7 Prozent aller verwendeten Marken ent-
spricht. Damit sind im weiteren Sinne ›positive Vorbilder‹ für die Schülerin-
nen und Schüler bei 23 von 29 Marken (=79 Prozent) abgebildet. 59 Dies unter-
scheidet das tatsächlich realisierte Bildprogramm in Schulbüchern also
erheblich von den vonseiten der Didaktik zuletzt vorgeschlagenen Motiven aus
Diktaturen.
Das mit Abstand häufigste Thema der Motive der Bücher ist der Vormärz
mit dem Hambacher Fest von 1832 sowie die Revolution von 1848. Das Ham-
bacher Fest ist mit sieben Briefmarken das mit Abstand meist verwendete
Motiv. Allein auf dieses entfallen 24 Prozent aller Abbildungen. Diese Domi-
nanz könnte auf den ersten Blick daher stammen, dass der Vormärz und die
1848er Revolution gerade für die beiden Bundesländer Baden-Württemberg
und Rheinland-Pfalz auch regionalgeschichtlich von besonderer Bedeutung
sind und es wäre die Frage, ob das Ergebnis im Bildprogramm anderer Bun-
desländer ebenso ausfiele. Dies scheint jedoch nicht der Fall zu sein, denn der
Vergleich allein dieser beiden Bundesländer zeigt, dass alle Darstellungen des
Hambacher Festes in Büchern von Rheinland-Pfalz auftauchen. Es findet sich
– trotz der großen Bedeutung für die Landesgeschichte auch von Baden-
Württemberg – nicht eine Abbildung des Hambacher Festes oder des Themas
1848er Revolution in Form von Briefmarken in den Büchern dieses Landes.
Woran dies liegt, lässt sich nicht eindeutig beantworten.
Da es sich beim Hambacher Fest um das meist verwendete Briefmarken-
Motiv handelt, soll dies hier noch genauer untersucht werden, denn hieran
zeigen sich typische Probleme in der Abbildung von Briefmarken in Schulbü-
chern.
Die Briefmarken zum Hambacher Fest sind nicht nur die meist verwende-
ten, sondern – und vermutlich auch aufgrund der hohen Quantität – auch
diejenigen mit der variantenreichsten Art von Arbeitsaufträgen. Zum Hamba-
cher Fest 1832 finden sich zwei verschiedene Briefmarken, die das Thema
abbilden. Beides sind Marken der Deutschen Post. Einmal ist es diejenige, die
zum 150. Jahrestag herausgegeben wurde. Sie ist in zwei Büchern vorhanden. 60
Dann ist es die Marke, die zum 175. Jubiläum des Festes herausgebracht wur-
de. Sie findet sich in vier Büchern. 61 Ein Buch verwendet beide Marken zu-
59 Max Liedke: Zur Entstehung von Freund- und Feindbildern am Beispiel des deutschsprachigen
Schulbuchs. Historische Darstellung und evolutionstheoretische Hintergründe, in: Arsen Dju-
rovic/Eva Matthes (Hrsg.): Freund- und Feindbilder in Schulbüchern, Kempten 2010, S. 19–32.
60 Geschichte und Geschehen RP 2, S. 165; Buchner Kolleg Geschichte RP Sek. 2, S. 238.
61 Das waren Zeiten RP 1, S. 324; Forum Geschichte RP 1, 2, S. 297; Horizonte RP, Sek. 2, S. 237;
Geschichte und Geschehen RP 2, S. 165.
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sammen. 62 Ein Buch zeigt sowohl die Briefmarke zum 175. Jubiläum, die das
von Hans Mocznay gestaltete Gemälde abbildet und auch das von ihm vermut-
lich 1948 in der damaligen SBZ nach einem zeitgenössischen Stich gestaltete
Gemälde selbst. 63 Es findet sich heute im Bestand des Deutschen Historischen
Museums (DHM) in Berlin. Die Schülerinnen und Schüler sollen die Darstel-
lung betrachten und überlegen, warum die Marke mit dem Gemälde von
Mocznay als Motiv zum 175. Jahrestag gestaltet wurde. Es fehlen hier aber zwei
elementare Aspekte, um die Briefmarke und ihr Motiv in korrekter Weise
historisch deuten zu können. Erstens: Auf dem Original-Stich des Hambacher
Festzugs 1832 sieht man im Vordergrund alleine eine schwarz-rot-goldene
deutsche Fahne, aber keine polnische. Zweitens: Dass Moczany 1948 die polni-
sche Fahne in seine Darstellung des Hambacher Festzuges an kapitaler Stelle
vorne in der Mitte und neben der deutschen Fahne mit aufgenommen hat,
dürfte auf politische Gründe zurückzuführen sein, die in der politischen Situa-
tion Jahres 1948 generell, speziell der Situation in der SBZ und auch beim Ma-
ler selbst zu suchen sind. Damit wäre der Vergleich der beiden Darstellungen
des Festzuges von 1832 und dann diese im Vergleich zu den Darstellungen auf
der Briefmarke zum 175. Jubiläum in der Tat ein außerordentlich ertragreiches
Motiv, um mit Schülerinnen und Schülern die historisch-politische Bedeutung
und Deutung dieses Ereignisses zu diskutieren. Leider finden sich all diese
Informationen in keinem der Bücher. Es wird den Schülerinnen und Schülern
vorgegaukelt, dass das Bild auf der Briefmarke zum 175. Jubiläum die zeitge-
nössische Situation zeigen würde. Dies ist aber in Anbetracht der anders gestal-
teten zeitgenössischen Darstellungen falsch. Das Fehlen dieser Informationen
nimmt den Schülerinnen und Schülern damit auch diese weiteren, oben ge-
nannten Komponenten in der Diskussion im Unterricht. Die umfangreichste
Arbeit mit der Briefmarke zum 175. Jubiläum, die leider auch hier nicht in
ihrer Geschichte und Bildhaftigkeit vorgestellt wird, findet sich in Kombinati-
on mit einem Stich von Ludwig Burger vor 1884 aus dem Bestand des DHM,
der einen Redner auf dem Hambacher Fest und seine Zuhörer (darunter ein
Mann in polnischer Uniform) zeigt. Hinzu kommt eine Fotografie, die die 175-
Jahr-Feierlichkeiten in Hambach zeigt und auf der man Männer in histori-
schen Uniformen sieht, wie sie durch Hambach ziehen und schwarz-rot-
goldene Wimpel zwischen den Häusern hängen. 64 Zur Kombination dieser
drei Bilder gibt das Buch den Auftrag, das Hambacher Fest in der Erinne-
rungskultur zu vergleichen. Hierbei fehlen aber die hier angegebenen, eigent-
lich für eine differenzierte Beurteilung notwendigen Angaben über Autor,
62 Geschichte und Geschehen RP 2, S. 165.
63 Das waren Zeiten RP 1. S. 324.
64 Horizonte RP Sek. 2, S. 237.
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Erscheinungsjahr und Ort. Eine bildhafte Darstellung ohne all diese Informa-
tionen in ihrem historischen Gehalt umfassend und korrekt zu diskutieren und
einzuschätzen, ist nicht möglich. Damit steht das Beispiel der Darstellung des
Hambacher Festes nicht alleine da. Es ist eher als typisch anzusehen. Die Ver-
wendung von Briefmarken im Schulbuch scheint oftmals mehr illustrativen
Charakter zu haben. Mit Briefmarken ein Unterrichtsmaterial zur kritischen
Rezeptions-Ausbildung der Schülerinnen und Schüler anzubieten, scheint
weniger der Fall zu sein, wie nachfolgend genauer gezeigt wird.
6 Wie ist die Verwendung der Briefmarken als Materialien in den
Büchern?
Die Fachdidaktik zur Briefmarke im Geschichtsunterricht und die historische
Fachliteratur zu Briefmarken generell weisen zurecht darauf hin, dass eine
Briefmarke im Geschichtsunterricht einmal im Hinblick auf das in ihr abgebil-
dete Motiv untersucht werden kann. Es ist aber unstrittig, dass eine Briefmarke
ebenso im Hinblick auf ihren im weiteren Sinn Propaganda-Charakter, also die
Art und Weise ihrer Darstellung des jeweiligen Ereignisses zum jeweiligen
Ausgabetag und Herausgeber, untersucht werden sollte. Doch gerade in dieser
Hinsicht weisen die Briefmarken in den Büchern ein erhebliches Defizit auf.
Von den 29 Marken sind lediglich zwei (=7 Prozent) durch die Bücher mit
einem Datum versehen, sodass man ohne zusätzliche Recherchen weiß, wann
diese Marke verausgabt wurde. Weitere zwei Briefmarken (=7 Prozent) sind
mit Emissionsdatum in der Bildabbildung abgedruckt. Die Angabe ist rein
formal betrachtet vorhanden. Inwieweit diese Angaben bei der Größe von
Briefmarken in Schulbüchern lesbar ist, ist eine andere Frage. Nochmals fünf
weitere Briefmarken (=17 Prozent) sind zu einem Jubiläum erschienen, das auf
den Marken genannt wird, wie 175 Jahre Hambacher Fest. Mithilfe der Jahres-
angaben zum Ereignis im Buch und den Jubiläumsinformationen auf der Mar-
ke könnte man sich also alleine auf der Basis des Buches mit einem, wenn auch
geringen, Mehraufwand das Emissionsdatum der Briefmarke erschließen. 20
Marken (=70 Prozent) sind ohne irgendeinen Hinweis auf ihr Emissionsdatum
in den Büchern abgedruckt und damit um eine wesentliche Komponente ihrer
Aussage als historische Quelle beraubt. 65 Auch weitere Angaben, die die Mar-
65 In dieser Hinsicht ist die Verwendung von Briefmarken in Schulbüchern ähnlich der Situation,
die Bergmann/Schneider für Bilder und den zu diesen eigentlich notwendigen Informationen in
Schulbüchern ausgemacht haben. Auch sie erwähnen in ihrer Übersicht dessen, was als irgend-
wie geartetes »Bild« in einem Schulbuch auftauchen kann, Briefmarken nicht (Klaus Berg-
mann/Gerhard Schneider: Das Bild, in: Hans-Jürgen Pandel/Gerhard Schneider: Handbuch
Medien im Geschichtsunterricht, Schwalbach 2017, S, 225–268, hier: S. 229.
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ken, deren Verbreitung oder Gültigkeit nachvollziehbar machen, fehlen. Nach-
folgend soll gezeigt werden, welche Varianten der Arbeit mit den Briefmarken
in den Schulbüchern auftauchen. Welche Arbeiten werden mit den Briefmar-
ken in den Schulbüchern angebahnt?
Es finden sich überwiegend drei Arten in der konkreten Verwendung der
Briefmarken. Als Variante Eins findet man Briefmarken zu verschiedenen
Themen abgebildet. Die in ihnen abgebildeten Inhalte sollen nicht nur be-
schrieben werden, sondern in Kombination mit den zusätzlichen Informatio-
nen aus dem Schulbuchtext dazu genutzt werden zu begründen, zu welchem
Zweck diese Marken herausgegeben wurden. Damit wären die Vorgaben er-
füllt. Dieser Arbeitsauftrag wird jedoch größtenteils dadurch um eine wesentli-
che Dimension der Beurteilungsleistung gebracht, dass die Bücher das Emissi-
onsdatum und weitere Angaben zur Briefmarke nicht angeben (siehe oben).
Daher kann zwar das Bildprogramm kritisch überprüft werden, aber der kon-
krete Zeitbezug im Hinblick auf die Marke selbst muss – wenn die Lehrkraft
dies als Arbeitsauftrag zusätzlich formuliert – zunächst noch erschlossen wer-
den. Ansonsten entfällt diese Komponente der Quelleninterpretation. Die
Variante Eins findet sich bei sechs der insgesamt 29 Marken, also bei 21 Pro-
zent. Von diesen sechs Marken entfallen zwei auf Bücher (=33 Prozent) für
Baden-Württemberg und vier auf Bücher (=67 Prozent) für Rheinland-Pfalz.
Damit ist die Verwendung der Marken in Rheinland-Pfalz qualitativ besser in
den Büchern umgesetzt als in Baden-Württemberg. Von den nach Variante
Eins angebotenen Briefmarken finden sich sechs, also alle, in Büchern für die
Sekundarstufe 1. Ein solchermaßen realisierter Arbeitsauftrag, der also eine
ideologiekritische Beurteilungsleistung anbahnt, findet sich in keinem Buch
der Sekundarstufe 2. In dieser Hinsicht sind die Bücher der Sekundarstufe 1
qualitativ besser als die der Sekundarstufe 1, da die Marken mehr als eine rein
illustrative Funktion haben und mit dem Buchtext zusammen eine Beurtei-
lungsleistung der Schülerinnen und Schüler anbahnen.
Als Variante Zwei kann diejenige gelten, bei der eine Briefmarke durch den
Arbeitsauftrag mit mindestens zwei weiteren Elementen gekoppelt wird. In der
Regel bedeutet dies, dass zur Briefmarke der Sachtext des Buches sowie ein
oder mehr als ein weiteres Element, beispielsweise ein Gemälde oder eine Sta-
tue hinzutritt. Diese Elemente gilt es dann, miteinander im Hinblick auf ihre
Aussage für den historischen Gegenstand zu vergleichen. So wird beispielswei-
se vorgeschlagen, eine Briefmarke, die Luther vor dem Reichstag in Worms
zeigt, mit dem Gemälde von Anton von Werner zur selben Szene von 1877 zu
vergleichen und die gegensätzlichen Standpunkte beider Darstellungen heraus-
zuarbeiten. Dies erfolgt auf der Basis des Sachtextes des Buches, der über Lu-
ther vor dem Reichstag in Worms informiert. Ein anderes Buch bildet als Text
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Informationen aus der Vita Karoli Magni von Einhard ab. Der Arbeitsauftrag
fordert dazu auf, die Briefmarke, das Gemälde Dürers sowie die Reiterstatue
von Karl dem Großen daraufhin zu untersuchen, welche der drei Darstellun-
gen der Beschreibung von Einhard am nächsten kommt. Eine Verwendung
von Briefmarken in dieser Art kommt ebenfalls bei sechs von 29 Briefmarken,
also 21 Prozent, vor. Auch hier zeigen sich wieder Unterschiede zwischen den
beiden Ländern. So sind die sechs Mehrkomponenten Aufgaben ausschließlich
in den Büchern von Rheinland-Pfalz zu finden (=100 Prozent). Es gibt kein
Buch in Baden-Württemberg, das eine Briefmarke in dieser Weise als komplex
verflochtenes Arbeitsmaterial anbietet. Die Bücher aus Rheinland-Pfalz sind in
dieser Hinsicht anspruchsvoller gestaltet als die Baden-Württembergs. Die
Aufschlüsselung der Bücher nach Sekundarstufe 1 und 2 ergibt, dass fünf der
Bücher (=83 Prozent) für die Sekundarstufe 1 und ein Buch (=17 Prozent) für
die Sekundarstufe 2 gestaltet sind. Damit sind auch hinsichtlich der Variante
Zwei die Bücher der Sekundarstufe 1 quantitativ deutlich häufiger komplexer
gestaltet als die der Sekundarstufe 2.
Die Variante Drei in der Verwendung von Briefmarken in Schulbüchern für
Geschichte ist die didaktisch am schlechtesten umgesetzte. Dafür ist sie jedoch
die am häufigsten vorkommende Version. So finden sich für 17 der insgesamt
29 Briefmarken (=59 Prozent) in den untersuchten Büchern keinerlei Arbeits-
aufträge, die die Briefmarken entweder schlicht ins Material einbinden oder
gar zu kritischer Betrachtung auffordern. Es handelt sich bei diesen Briefmar-
ken in der vorgefundenen Aufmachung allenfalls um eine Illustration des
Themas, über das die jeweilige Buchseite informiert. Von diesen 17 Briefmar-
ken finden sich fünf in den Büchern der Sekundarstufe 1 (=29 Prozent) und 12
in Büchern für die Sekundarstufe 2 (=71 Prozent), was die oben genannten
Befunde im Hinblick auf die bessere Gestaltung der Bücher der Sekundarstufe
1 unterstützt. Denn nur ein Buch der Sekundarstufe 2 hat überhaupt eine
Briefmarke, die mit einer Aufgabenstellung als Arbeitsmaterial angelegt ist.
Von diesen 17 Briefmarken ohne Arbeitsauftrag finden sich 11 in Büchern des
Landes Rheinland-Pfalz (=65 Prozent). Von diesen 11 sind vier für die Sekun-
darstufe 1 (=36 Prozent) und sieben für die Sekundarstufe 2 (=64 Prozent).
Von den 17 Briefmarken ohne Arbeitsauftrag finden sich sechs (=35 Prozent)
in Büchern Baden-Württembergs. Von diesen sechs ist eines für die Sekundar-
stufe 1 (=17 Prozent) und fünf für die Sekundarstufe 2 (=83 Prozent). Damit ist
auch im Hinblick auf die Darstellung von Briefmarken ohne Arbeitsauftrag
und erkennbare Verwendung die Anzahl in Rheinland-Pfalz höher als die in
Baden-Württemberg. Außerdem ist die Anzahl der Bücher für die Sekundar-
stufe 1, die Briefmarken ohne Arbeitsauftrag anbieten, niedriger als diejenige
der Bücher für die Sekundarstufe 2. Dies zeigt erneut die bessere Gestaltung
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der Bücher der Sekundarstufe 1 im Hinblick auf die darin verwendeten Brief-
marken.
Damit ist festzustellen, dass nahezu 60 Prozent aller Schulbücher den für
den Unterricht notwendigen Aspekt der ideologiekritischen Prüfung von
Briefmarken, der auch konsequent in der Literatur zu Briefmarken ganz allge-
mein auftaucht, durch ihre Arbeitsaufträge und durch die fehlende Angabe des
Erscheinungsjahres der Briefmarken von der Gestaltung der Materialbasis her
nicht anlegt. Es zeigt sich auch, dass es insgesamt nur ein Buch der Sekundar-
stufe 2 gibt, das eine ideologiekritische Prüfung der Briefmarken in seinem
Arbeitsauftrag anlegt. Dies ist umso bemerkenswerter, als gerade die Überprü-
fung der Darstellung und Präsentation von Geschichte auf ihre jeweilige
Standortgebundenheit ein wesentliches Element des Geschichtsunterrichts der
Sekundarstufe 2 sein sollte. Im Hinblick auf die untersuchten Briefmarken ist
dies nicht realisiert. Es stellt sich bei diesem Befund die Frage, weshalb die
Marken dann überhaupt in den Büchern abgebildet werden.
Wenn man bedenkt, dass diejenigen, die diese Hinweise für die Didaktik
von Briefmarken formulierten, teilweise auch die Herausgeber von Schulbü-
chern sind, dann fragt man sich, wie viel sie mit dem unter ihrem Namen ver-
öffentlichten Buch tatsächlich zu tun haben. Theorie und Praxis weisen hier
jedenfalls bedeutsame Unterschiede auf. Man sieht also: Briefmarken im Ge-
schichtsunterricht sind aus vielerlei Gründen eine spannende Sache.
7 Exkurs: Briefmarken in Schulgeschichtsbüchern der DDR
Im Schulgeschichtsbuch der DDR tauchten Briefmarken erstmals 1983 als
Motive in dem Buch der Klassenstufe 8 auf. In diesem Text wird exemplarisch
die Verwendung in diesem ersten Buch mit Briefmarken als Materialien unter-
sucht. Bei folgenden Themen werden Briefmarken im Buch der Klasse 8 (Se-
kundarstufe 1) verwendet: Kapitalismus, Kolonialismus/Imperialismus sowie
der Darstellung der Pariser Kommune. Damit waren zentrale Bereiche des
marxistischen Geschichtsverständnisses durch Briefmarken seit 1983 illus-
triert.
Im Kapitel Der Kapitalismus wird zur bestimmenden Ordnung der Welt fin-
det sich die erste Briefmarke der Welt, die One Penny Black aus England von
1840. Die Marke zusammen mit dem über ihr angezeigten Bild eines Telegra-
phenapparates hat den Arbeitsauftrag: »Überlege, wofür eine schnelle, weltwei-
te Nachrichtenverbindung gebraucht wird!« 66 Im Kapitel Die Pariser Kommu-
66 Wolfgang Büttner (Leiter Autorenkollektiv): Geschichte. Lehrbuch für die Klasse 8, Berlin (Ost)
1983, S. 63.
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ne – ein Staat der Werktätigen findet sich die 20-Pfennig-Marke der DDR von
1971 aus der Serie 100 Jahre Pariser Kommune. 67 Im Kapitel Klassencharakter
und Machtverhältnisse des Deutschen Reiches wird die 1-Mark-Briefmarke aus
dem Jahr 1900, die das Reichspostamt zeigt, abgebildet. 68 Am umfänglichsten
sind Briefmarken für den Bereich Kolonialismus/Imperialismus verwendet.
Hier findet sich im Kapitel unter der Überschrift Die aggressive Politik des
deutschen Imperialismus und der Kampf der deutschen Arbeiterklasse gegen
Reaktion und Kriegsgefahr die Germania Marke zu 5 Pfennig, schwarz über-
stempelt mit »10 Para« mit dem Untertext: »Briefmarke der deutschen Post in
der Türkei, Germania-Marke (Para war eine türkische Währungseinheit)«. 69
Zum »Kolonialkrieg gegen die Herero und Nama« wird die Briefmarke aus
Deutsch-Südwestafrika zu 3 Pfennig abgebildet, die die Kaiseryacht SMY Ho-
henzollern abbildet, die von Nicht-Philatelisten jedoch auch für ein Kriegs-
schiff gehalten werden könnte. 70 Schließlich wird im Kapitel 9 Der erste impe-
rialistische Weltkrieg eine ›Besatzungsbriefmarke der Deutschen Post in Belgi-
en‹ verwendet, die die Germania zu 80 Pfennig schwarz auf rotem Grund zeigt
und schwarz überstempelt ist mit »Belgien, 1 Franc«, womit der aggressive
Charakter des Deutschen Reiches gegenüber seinen Nachbarn nachgewiesen
werden kann. 71 Erstaunlicherweise findet sich 1983 kein Motiv im Schulbuch,
das auf die DDR als Staat und deren Geschichte hinweist. Es findet sich auch
kein Motiv, das auf ein historisches Ereignis oder eine historische Person aus
dem damaligen Ostblock oder auf die Entwicklung des Sozialismus/Kommu-
nismus hinweist. 72 Allein aus DDR-Briefmarkenbeständen hätte man hierfür
bereits früh und reichlich Motive zur Verfügung gehabt. Damit entspricht das
Bildprogramm der verwendeten Briefmarken dem von der Schulbuchfor-
schung für DDR-Schulbücher ermittelten Themenspektrum der Schulbuchin-
strumentalisierung, das auf Themen wie Kampf und Revolution oder Kapita-
lismus verweist. 73
67 Vgl. ebd., S. 98.
68 Vgl. ebd., S. 111.
69 Ebd., S. 181.
70 Vgl. ebd., S. 182.
71 Vgl. ebd., S. 216.
72 Bis zu den letzten DDR-Schulbuch Ausgaben von 1988/89 wurde die Verwendung von Brief-
marken ausgeweitet. Darin finden sich dann auch solche Motive. Diese Bücher wurden aus
Zeitgründen für die vorliegende Untersuchung aber nicht genauer analysiert. Es kann aber ge-
sagt werden, dass die Schulbücher der DDR bis 1983, keinerlei Briefmarken verwendeten. Im
Laufe der 1980er-Jahre kamen jedoch zunehmend Briefmarken als Materialien für den Unter-
richt mit in die Schulbücher der DDR hinein – dann auch in Bücher anderer Klassenstufen.
73 Vgl. Lars Knopke: Schulbücher als Herrschaftssicherungsinstrumente der SED, Wiesbaden
2011, S. 87ff.; vgl. auch Eva Matthes: Freund- und Feindbilder in Fibeln und Staatsbürgerkun-
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Bei ihrer Verwendung weisen die Briefmarken im Schulgeschichtsbuch der
DDR dieselben Schwierigkeiten auf, wie die der heutigen Bücher. Nur zu einer
Briefmarke findet sich überhaupt ein Arbeitsauftrag – und dieser hat mit der
Briefmarke und ihrem Motiv direkt nichts zu tun. Außerdem fehlen zu den
abgebildeten Briefmarken die Angaben, wann und wo diese erschienen sind
und von wem sie verausgabt wurden. Damit ist die Verwendung von Brief-
marken im DDR-Schulbuch hinsichtlich der marxistischen Geschichtsauffas-
sung zwar an zentralen Bereichen vorhanden, aber didaktisch schlecht umge-
setzt. Dies ist auch aus dem Grund bemerkenswert, da die DDR Briefmarken
einen hohen politischen Wert beimaß und die Philatelisten beispielsweise in
den Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Deutschlands aufgenommen
wurden. 74 Einen schnellen und nachhaltigen Einfluss auf die Gestaltung der
Schulbücher hatte dies nachweislich nicht. Interessanterweise und im Unter-
schied zur heutigen Verwendung ist das Bildprogramm der Briefmarken der
DDR vor allem eines, das Feind- und nicht Freundbilder zeigt. Ob dies bei
zeitgenössischen westdeutschen Schulbüchern im Hinblick auf die Verwen-
dung von Briefmarken ebenfalls der Fall war, wurde nicht untersucht. Warum
man den von der Fachdidaktik West gerade für Briefmarken aus den östlichen
Diktaturen festgestellten propagandistischen Aussagewert 75 und die Selbstdar-
stellung nicht für die Arbeit in der Schule nutzte, bleibt offen.
8 Schlussbetrachtung
Betrachtet man das Thema des Einsatzes von Briefmarken im Geschichtsunter-
richt, fällt auf, dass die allgemeinen Hinweise in der didaktischen Literatur
Briefmarken und ihre Verwendung im Unterricht nicht thematisieren. Wenn
es allgemein um ›Bilder‹ im Geschichtsunterricht geht, werden zwar die ver-
schiedensten Arten von Bildern untersucht und aufgelistet. Briefmarken fehlen
hier – offenbar schon immer. Auch in den im Schuljahr 2017/18 gültigen
Lehrplänen aller Bundesländer tauchen Briefmarken als Empfehlung für den
Geschichtsunterricht fast nicht auf. Dies steht im Widerspruch zu der in der
historischen und erst recht philatelistischen Literatur zu Briefmarken akzentu-
ierten politischen Bedeutung der Briefmarken.
Betrachtet man die wenigen Texte, die sich aus didaktischer Sicht des Fa-
ches Geschichte speziell zu Briefmarken äußern, dann zeigt sich, dass das
debüchern der DDR, in: Arsen Djurovic/Eva Matthes (Hrsg.): Freund- und Feindbilder in
Schulbüchern, Kempten 2010, S. 75–85.
74 Vgl. Sauer: Originalbilder im Geschichtsunterricht, S. 161.
75 Vgl. Anm. 50, 51.
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Thema einerseits schon sehr lange und immer wieder diskutiert wurde und
dass sich die Aussagen der verschiedenen Autoren im Hinblick auf die Arbeit
im Unterricht in vielen Teilen ähneln. Es fällt aber auch auf, dass die einzelnen
Autoren didaktischer Hinweise zu Briefmarken die Texte ihrer Vorgänger
offenbar nicht im notwendigen Maß rezipieren und reflektieren. Darüber hin-
aus sind die Motivempfehlungen der didaktischen Texte bemerkenswert zeit-
gebunden. Verblüffend ist, dass bisher offenbar niemand untersucht hat, wie
Briefmarken in Schulbüchern tatsächlich verwendet werden. Dass ihre reale
Verwendung in vielerlei Hinsicht – beispielsweise bei der Motivauswahl – in
deutlichem Kontrast zu dem steht, was man in den Texten und Vorschlägen
der Fachdidaktik liest, ist ebenfalls verblüffend. So ist die in der Fachdidaktik
am breitesten diskutierte Germania-Marke in keinem der untersuchten Bücher
der Bundesrepublik zu finden. Sie findet sich aber im Schulbuch der DDR.
Auch dass Briefmarken in Schulbüchern in ihrer großen Mehrzahl nur unzu-
reichend mit den für den Unterricht eigentlich notwendigen Informationen,
speziell Emissionsdaten, versehen sind und Arbeitsaufträge, die für einen ideo-
logiekritischen Unterricht genutzt werden könnten, meist fehlen, zeigt an, dass
die in den Marken für den Unterricht vorhandenen Potentiale noch lange
nicht ausgeschöpft sind. Seit wann Briefmarken auch in den Büchern der Bun-
desrepublik zu finden sind, wurde nicht untersucht. Eine kursorische Durch-
sicht weniger Bücher bietet Anlass zu der Vermutung, dass in den 1980er-
Jahren offenbar deutlich weniger Briefmarken als Materialien für Schulbücher
verwendet wurden. 76
76 Durchgesehen wurden: Heinz Dieter Schmid: Fragen an die Geschichte. Bd. 3, Frankfurt am
Main 1981. Bd. 4, Frankfurt am Main 1990; Gerhard Bonwetsch: Grundriß der Geschichte. Bd.
2, Stuttgart 1972; Peter Alter: Grundriss der Geschichte. Bd. 2, Stuttgart 1986; Peter Alter: erin-
nern und urteilen. Bd. 3., Stuttgart 1981. Bd. 4, Stuttgart 1982. Nur in erinnern und urteilen Bd.
3 finden sich Briefmarken. Sie zeigen je drei übereinstimmende Motive der Post der DDR und
der Bundespost: Marke mit Robert Schumann, Thomas Mann und das Brandenburger Tor, S.
167.
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Anhang
Übersicht der in den Büchern verwendeten Briefmarken – in historisch-
thematisch chronologischer Reihenfolge
Nr. Marke(n) Buch (Art der Verwendung)
1 Thema: 2750 Gründung Roms Das waren Zeiten 1 BW, S. 115.
Motiv: Vor dem Rom Panorama im Hin- (Variante 1)
tergrund sieht man im Vorder-
grund die Wölfin, die Romulus
und Remus säugt
Land/Jahr: Italien, 1997
2 Thema: Karolingerreich Horizonte 7/8 RP, S. 154.
Motiv: Abbildung Karl der Große inner- (Variante 2)
halb des Oktogons des Aachener
Doms
Land/Jahr: Deutschland, 2000
3 Thema: Französische Staatsbildung Das waren Zeiten 1 RP, S. 258
Motiv: Philippe le Bel und die Etats Gene- (Variante 3)
reaux
Land/Jahr: Frankreich, 1968
4 Thema: Stadt im Mittelalter Geschichte 7, BW, S. 47
Motiv: Grafik der Skyline von Freiburg im (Variante 3)
Breisgau
Land/Jahr: Deutschland (West), 1970
5 Thema: Reformation Das waren Zeiten 1 RP, S. 242
Motiv: Luther vor dem Reichstag in Worms (Variante 2)
Land/Jahr: Deutschland (West), 1971
6 Thema: 30-jähriger Krieg Das waren Zeiten 1 RP, S. 271
Motiv: Köpfe der Unterzeichner des Westfä- (Variante 1)
lischen Frieden
Land/Jahr: Deutschland, 1998
7 Thema: Aufklärung Horizonte 7/8 RP, S. 258
Motiv: Portrait Rahel Varnhagen van Ense (Variante 3)
Land/Jahr: Deutschland, 1994
8 Thema: Europa der Nationen. Herausbildung Kursbuch Geschichte S 2 RP, S.
Nationalstaaten 297
Motiv: Marianne (Variante 3)
Land/Jahr: Frankreich, 1985
9 Thema: Vormärz und Revolution 1848/49 Kolleg Geschichte RP, S 2, S. 238
Motiv: Stich zum 150. Jubiläum Hambacher (Variante 3)
Fest
Land/Jahr: Deutschland (West), 1982
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10 Thema: Vormärz und Revolution 1848/49 Das waren Zeiten 1 RP, S. 324
Motiv: Gemälde von Mozcnay zum 175. Jubi (Variante 2)
läum Hambacher Fest
Land/Jahr: Deutschland, 2007
11 Thema: Vormärz und Revolution 1848/49 Forum Geschichte RP 1/2, S.
Motiv: Gemälde von Mozcnay zum 175. Jubi- 297
läum Hambacher Fest (Variante 1)
Land/Jahr: Deutschland, 2007
12 Thema: Vormärz und Revolution 1848/49 Horizonte S 2 RP, S. 237, 241
Motiv: Gemälde von Mozcnay zum 175. Jubi- (Variante 2)
läum Hambacher Fest
Land/Jahr: Deutschland, 2007
13 Thema: Vormärz und Revolution 1848/49 Geschichte und Geschehen RP
Motiv: Gemälde von Mozcnay zum 175. Jubi- 2, S. 165
läum Hambacher Fest (Variante 2)
Land/Jahr: Deutschland, 2007
14 Thema: Vormärz und Revolution 1848/49 Forum Geschichte RP 1/2, S.
Motiv: Portrait Mathilde Franziska Anneke 303
Land/Jahr: Deutschland (West), 1988 (Variante 3)
15 Thema: Vormärz und Revolution 1848/49 Geschichte und Geschehen BW
Motive: Friedrich Engels, DDR Oberstufe Basisband, S. 149
Carl Schurz, Baden (Variante 3)
Land/Jahr: Deutschland (Ost) 1955, Französische
Besatzungszone Baden 1949
16 Thema: Industrialisierung/Migration Geschichte und Geschehen BW
Motiv: Carl Schurz Oberstufe Basisband, S. 39
Land/Jahr: Deutschland (West), 1952, USA, 1982 (Variante 3)
17 Thema: Industrialisierung Geschichte und Geschehen BW
Motiv: Henry Ford Oberstufe Basisband, S. 48
Land/Jahr: USA, 1968 (Variante 3)
18 Thema: Weimarer Republik Inflation Kursbuch Geschichte BW, S.
Motiv: 2 Millionen Mark 246
Land/Jahr: Deutschland, 1923 (Variante 3)
19 Thema: Deutscher NS-Widerstand Horizonte 9 RP, S. 161
Dietrich Bonhoeffer (Variante 3)
Land/Jahr: Deutschland, 1995
20 Thema: Faschismus/Nationalsozialismus Geschichte und Geschehen BW
Motiv: Zwei Völker und ein Kampf. Hitler Oberstufe Basisband, S. 235
und Mussolini auf Marke des Deut- (Variante 3)
schen Reiches
Land/Jahr: Deutschland, 1941
21 Thema: Deutscher NS-Widerstand Das waren Zeiten 2 RP, S. 179
Motiv: Moltke/Stauffenberg (Variante 1)
Land/Jahr: Deutschland, 1964
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22 Thema: Deutscher NS-Widerstand Kolleg Geschichte S 2 RP, S. 387
Motiv: Block der Personen im Widerstand (Variante 3)
Land/Jahr: Deutschland (West), 1964
23 Thema: Bundesrepublik: Ära Adenauer Horizonte S 2 RP, S. 478
Motiv: Theodor Heuss (Variante 3)
Land/Jahr: Deutschland (West), 1957
24 Thema: DDR-Geschichte Das waren Zeiten 2 RP, S. 235
Motiv: 17. Juni 1953 (Variante 1)
Land/Jahr: Deutschland, 2003
25 Thema: DDR-Geschichte Das waren Zeiten 2 RP, S. 241
Motiv: Jubiläumsmarke zum Mauerbau (Variante 2)
Land/Jahr: Deutschland (Ost), 1971
26 Thema: DDR-Geschichte Kolleg Geschichte S 2 RP, S. 503
Motiv: 25 Jahre Deutsch-sowjetische Freund- (Variante 3)
schaft (Breschnew/Ho- necker)
Land/Jahr: Deutschland (Ost), 1972
27 Thema: KSZE/OSZE/EU Kursbuch Geschichte RP, S. 499
Motiv: Sondermarken Block zu 10 Jahre (Variante 3)
KSZE
Land/Jahr: Bulgarien, 1985
28 Thema: EU/Euro Kolleg Geschichte S 2 RP, S. 533
Motiv: Euro Zeichen (Variante 3)
Land/Jahr: Deutschland, 2002
29 Thema: EU Erweiterung 2004 nach Osteu- Histoire/Geschichte 2, S. 149
ropa (Variante 3)
Motiv: Europakarte, mit den EU-Ländern
Land: Frankreich, 2004
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Übersicht der ausgewerteten Geschichtsbücher nach Ländern und
Reihen. Insgesamt ausgewertete Geschichtsbücher: 41.
Baden-Württemberg: 9 Reihen, 22 Bücher
1) Michael Sauer (Hg.): Geschichte und Geschehen 5/6, 7 (die Folgebände sind noch
nicht erschienen), Stuttgart 2016, 2017.
2) Michael Epkenhans u.a.: Geschichte und Geschehen Oberstufe Basisband / Erweite-
rungsband, Stuttgart 2015.
3) Andreas Gawatz, Andreas Grießinger (Hg.): Geschichte 5/6, 7, Braunschweig 2017.
4) Andreas Gawatz, Andreas Grießinger (Hg.): Geschichte Differenzierende Aufgabe
5/6, 7 (die Folgebände sind noch nicht erschienen), Braunschweig 2015.
5) Daniel Doll u.a.: denk/mal 5/6, 7, 8, Braunschweig 2016.
6) Hans-Joachim Cornelißen, Claudia Tatsch, Andreas Zodel (Hg.): Forum Geschichte
5/6, 7 (die Folgebände sind noch nicht erschienen), Berlin 2017.
7) Rudolf Berg u.a. (Red.): Kursbuch Geschichte BW, Berlin 2016.
8) Voker Habermaier u.a. (Hg.): Zeit für Geschichte Gymnasium 5/6, 7, 8 (die Folge-
bände sind noch nicht erschienen), Braunschweig 2016.
9) Dorothea Beck u.a.: Zeit für Geschichte G 8, Bd. 1-5, Braunschweig 2005.
Rheinland-Pfalz: 8 Reihen, 16 Bücher
1) Hans-Joachim Cornelißen, Kai Willig (Hg.): Forum Geschichte, 1/2, 3, 4, Berlin
2015, 2016.
2) Michael Sauer (Hg.) Geschichte und Geschehen 1, 2, 3/4, Stuttgart 2016.
3) Asmut Brückmann / Daniela Bender Geschichte und Geschehen Frühe Neuzeit /
Neuzeit, Stuttgart 2011, 2012.
4) Ulrich Baumgärtner, Wolfgang Woelk (Hg.): Horizonte 7/8, 9, 10, Braunschweig
2015, 2016.
5) Ulrich Baumgärtner (Hg.): Horizonte Kursbuch 11-13, Braunschweig 2017.
6) Markus Reinbold (Hg.): Kolleg Geschichte 11-13, Bamberg 2017.
7) Karin Laschewski-Müller, Robert Rauh (Hg.): Kursbuch Geschichte RP, Berlin 2012.
8) Daniel Bernsen, Dieter Brückner (Hg.): Das waren Zeiten 1, 2, Bamberg 2015, 2016.
Daniel Herni, Guillaume Le Quintrec, Peter Geiss (Hg.): Deutsch-Französisches Ge-
schichtsbuch Historie: 2 Bde, Stuttgart 2008, 2015.
Wolfgang Büttner u.a.: Geschichte. Lehrbuch für die Klasse 8, Berlin (Ost) 1983.
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II. Erinnern und Tradition
auf Briefmarken.
Über Hegemonie und Mnemosyne
Open-Access-Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY-NC-ND 4.0
© 2019, V&R unipress GmbH, Göt t ingen
ISBN Print : 9783847109372 – ISBN E-Lib: 9783737009379
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Pierre Smolarski
Erinnern und Tradition auf Briefmarken.
Über Hegemonie und Mnemosyne: Zur Einführung
Erinnerung ist gemeinhin die Fähigkeit eines Subjektes, Vergangenheit und
Zukunft zu verbinden. Mnemosyne, die Mutter der Musen und Personifikati-
on der Geschichtswissenschaft, bezeichnet eben auch den Fluss in der Unter-
welt, dessen Wasser alle Erinnerung an vorherige Leben klar und deutlich ins
Bewusstsein treten lässt. Es ist dies der mythologische Schlüssel zur Allwissen-
heit. Ernst Bloch schreibt über die Verbindung von Erinnerung und Vorweg-
nahme in seinen philosophischen Grundfragen: »Erinnerung wie Vorwegnahme
treten als ebenso einander zuordnenbare wie in ihrer Richtung entgegengesetz-
te Zugangsakte auf: Der eine, retentionale, wendet sich gegen die fressende Zeit
[…] der andere, protentionale Akt, geht mit der gebärenden Zeit.« 1 Ist die
Fähigkeit der Erinnerung noch individuell zu verstehen, also bezogen auf ein
einzelnes Subjekt, so wird mit dem Begriff der Tradition ein kollektives Subjekt
angesprochen. »Der Begriff der Tradition kann zunächst in solchen lebenswelt-
lichen Bereichen gebraucht werden, in denen ein Übergeben, Weiterleiten,
Übertragen stattfindet.« 2 Auch bei Traditionen geht es im Allgemeinen darum,
eine Verbindung von Vergangenheit und Zukunft herzustellen, wobei dieses
Herstellen sowohl ein gesellschaftlicher als auch ein politischer Akt ist, denn
Traditionen sind darauf angelegt, die Lebenspanne des Einzelnen zu überdau-
ern. Sie müssen daher weitergegeben, übertragen werden. Wie Volker Steen-
block deutlich macht, schwingen im Traditionsbegriff über lange Zeit Bedeu-
tungsgehalte des römischen Depositenrechts mit: »Das Depositum ist kein
Eigentum, mit dem man beliebig verfahren kann, sondern es muss gut ver-
wahrt und unversehrt bzw. unverfälscht zurückgegeben werden.« 3 Durchaus
1 Ernst Bloch: Utopisches Eingedenken, in: Dietrich Harth (Hrsg.): Die Erfindung des Gedächt-
nisses, Frankfurt am Main 1991, S. 155–159, S. 155f.
2 Volker Steenblock: Tradition, in: Joachim Ritter/Karlfried Gründer (Hrsg.): Historisches Wör-
terbuch der Philosophie. Bd. 10, Darmstadt 1998, Sp. 1315–1329, hier: Sp. 1315.
3 Ebd.
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im Sinne eines solchen Depositums diskutiert Dietrich Ecklebe in seinem Bei-
trag Welterbe auf Briefmarken. Eine jedem zugängliche Quellen die UNESCO-
Weltkulturerbestätten und ihre Darstellung auf Briefmarken ihrer Herkunfts-
länder. Diese Briefmarken stehen ganz deutlich im Zeichen einer Traditions-
pflege und oftmals auch eines Versuchs des Traditionsschutzes, sie sind Zeu-
gen eines kollektiven und oftmals internationalen Erinnerungs- und Mahnap-
pels. Aus dem Bedeutungsgehalt des Depositums speisen sich, wie hieran
deutlich wird, auch wesentliche Teile des Verständnisses von Traditionspflege
und Traditionskultur, wenngleich die Traditionskritik sich immer wieder am
antiquarischen »Urväter-Hausrath« 4 reibt, wie es Friedrich Nietzsche nennt.
Nietzsche, der bereits auf individueller Ebene die Lebensnotwenigkeit des
Vergessen-Könnens betont, befürchtet auch bezogen auf eine übertriebene
Traditionsgebundenheit eine Ȇberwucherung des Lebens durch das Histori-
sche« 5.
Die hier benannten Eckpfeiler einer Problematisierung des Traditionsbe-
griffs können freilich nicht als umfängliche Auseinandersetzung gelten, den-
noch scheint eine solche Problematisierung notwendig, wenn nach dem Quel-
lenwert der Briefmarke im Kontext von Erinnerung und Traditionskultur
gefragt wird. Dies zeigt sich auch in vielen der folgenden Beiträge, beispielhaft
etwa in dem Beitrag von Sebastian Knoll-Jung Nur Köpfe berühmter Medizi-
ner? Briefmarken als Quellen für die Medizingeschichte. Knoll-Jung stellt die
Frage, wie Medizin, Krankheit und Gesundheit auf deutschen Briefmarken
dargestellt werden, wie man also einerseits an eine deutsche Medizin- und
Medizinertradition anknüpft, wie man aber andererseits mit den gesellschaftli-
chen Implikationen von Gesundheit und Krankheit in einem breitenwirksa-
men Medium, das die Briefmarke ist, umgeht. Er zeigt, dass diese Umgangs-
weise sich auch je nach politischem System in Ost und West unterschieden.
Bedeutend, gerade für den vorliegenden Kontext, in welchem Briefmarken
untersucht werden, die zwischen der Pflege bestehender Traditionen und ihrer
Interpretationen auf der einen Seite und einer ›Erfindung von Traditionen‹ 6
und deren Popularisierung auf der anderen Seite changieren, sind sicherlich
die Bezüge von Tradition und ›kultureller Hegemonie‹ 7, letztlich also zwischen
dem Historischen, als das gesellschaftlich Gewordene, und dem Politischen. 8
4 Friedrich Nietzsche: Unzeitgemäße Betrachtungen. Vom Nutzen und Nachteil der Historie für
das Leben, Berlin 2016, S. 85.
5 Ebd., S. 138.
6 Zur Erfindung von Traditionen siehe: Eric Hobsbawm/Terence Ranger (Hrsg.): The Invention
of Tradition, Cambridge 1983.
7 Dieser Begriff ist von Antonio Gramsci popularisiert worden und aus einer marxistischen
Analyse der Potentiale von Parteiarbeit in viele weitere Diskursfelder eingezogen. Insbesondere
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Aufbauend auf den Begriff der kulturellen Hegemonie bei Antonio Gramsci
schreibt Chantal Mouffe: »Das Politische ist mit Akten hegemonialer Instituie-
rung verknüpft [… und in] genau diesem Sinne muss das Gesellschaftliche
vom Politischen unterschieden werden.« 9 Auf der einen Seite steht das Gesell-
schaftliche, als die »Sphäre sedimentierter Verfahrensweisen« 10, also von Ver-
fahrensweisen, die »die ursprünglichen Akte ihrer kontingenten politischen
Instituierung verhüllen und als selbstverständlich angesehen werden, als wären
sie in sich selbst begründet«. 11 Traditionen, deren Ursprünge nicht selten im
Dunkeln oder Vagen liegen, bilden einen wichtigen Bestandteil dieses Gesell-
schaftlichen. Sie werden, wie auch viele Bereich des Alltags überhaupt, selten
hinterfragt und scheinen oft keiner weiteren Begründung zu bedürfen. Auf der
anderen Seite steht das Politische, das versucht sichtbar, mitunter sogar de-
monstrativ, die Akte der gesellschaftlichen Instituierung vorzunehmen. Im
Bereich des Politischen geht es letztlich darum, eine Meinungsführerschaft in
den Fragen der eigenen Position zu erlangen, also einen hegemonialen Stand-
punkt, der es erlaubt, nicht nur die Themen zu setzen, welche diskutiert wer-
den sollen, sondern auch die Art und Weise dieser Diskussion in weiten Teilen
mitzubestimmen. Wenngleich sich auch nie, wie Mouffe betont, die Grenzzie-
hung zwischen dem Gesellschaftlichen und dem Politischen a priori ausma-
chen lässt, so kann doch im konkreten Fall stets versucht werden, die Unter-
scheidung der beiden Rollen des gesellschaftlichen Lebens geltend zu machen.
Letztlich können auch hier, an dieser Grenzziehung zwischen dem Gesell-
schaftlichen und dem Politischen, Briefmarken eine Quelle für historische
Fragestellungen im Spannungsfeld von Traditionspflege und hege-monialer
Traditions(er)findung sein. In eine solche Richtung liest sich der Beitrag von
Tilmann Siebeneichner Mythos mit Zackenrand. Das revolutionäre Erbe der
SED und die Kampfgruppen der Arbeiterklasse auf DDR-Briefmarken. Siebenei-
chner zeichnet Traditionslinien nach, die durchaus im Sinne der kulturellen
Hegemonie zunächst überhaupt erst einmal als solche konstruiert werden
mussten und deren Konstruktion dann eben unter anderem auch auf Brief-
marken popularisiert werden sollten. Hier wie da sind Briefmarken eingebettet
in einen politischen Diskurs und demnach nicht nur Zeugnisse dieses Diskur-
ses, sondern auch Einladungen, ein kritisches Quellenstudium, insbesondere
der Wirksamkeit dieser Zeugnisse, voranzutreiben.
scheint der Begriff heute auch aus den politischen, demokratietheoretischen Diskursen nicht
mehr wegzudenken.
8 Zum Begriff des Politischen im Unterschied zum Begriff der Politik, siehe u. a.: Chantal Mouffe:
Über das Politische. Wider die kosmopolitische Illusion, Frankfurt am Main 2007.
9 Ebd., S. 26.
10 Ebd.
11 Ebd.
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Am Ende des hegemonialen Diskurses wie auch der gesellschaftlichen Tra-
ditionspflege steht nicht zuletzt die Frage nach dem eigenen Selbstverständnis
einer Kultur, einer Nation, kurz: einer kollektiven Identität, eines Wir. Wenn
also beispielsweise Björn Onken in seinem Beitrag zur Deutschlandpolitik der
frühen sechziger Jahre im geschichtskulturellen Gewand fragt, wer die bedeu-
tendsten Deutschen sind und diese Frage anhand der Häufung und Gewich-
tung von Personenporträts auf Briefmarken in der BRD und der DDR (1949–
1970) zu beantworten sucht, so ist diese Frage immer auch in die Richtung
einer Selbstverortung des jeweiligen Staates und seiner Gesellschaften zu ver-
stehen. Dies scheint besonders dann interessant, wenn der Erinnerungsgrund
in einem Spannungsverhältnis zum propagierten Selbstverständnis des Staates
steht. So untersucht der Beitrag von Thomas Richter die Bilder der Reformati-
on auf deutschen Briefmarken in der Bundesrepublik und der DDR und damit
eine Traditionslinie, die auf beiden Seiten ideologisch in diesem Spannungsge-
füge gebrochen scheint: Während die Bundesrepublik vor dem Problem steht,
dass die zentralen Wirkungsstätten Martin Luthers sich in der ›Zone‹ befinden,
steht die DDR vor dem grundsätzlicheren Problem, die Reformation als we-
sentlich theologisches Ereignis zu einem fundamental sozialen Ereignis zu
machen. Geschichte zeigt sich auf den Marken als eine Interpretationskunst
nicht nur bestehender Traditionslinien, sondern auch unbestreitbarer Autori-
täten. Die Briefmarke erweist sich hierin als ein Teil des gesellschaftlichen
Bildes, von dem mit Umberto Eco gesagt werden kann, was dieser vom mittel-
alterlichen Gelehrten sagt: »Der mittelalterliche Gelehrte weiß nämlich sehr
genau, dass man mit der Auctoritas machen kann, was man will: ›Die Autorität
hat eine Nase aus Wachs, die man nach Belieben verformen kann‹, sagte Alain
de Lille im 12. Jahrhundert.« 12 Nicht zuletzt als Zeugnis dieser ›Nasenchirur-
gie‹ haben Briefmarken einen unverkennbaren Wert auch für die Geschichts-
wissenschaft.
12 Umberto Eco: Über Gott und die Welt, München 2007, S. 25.
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Björn Onken
Deutschlandpolitik der frühen sechziger Jahre im
geschichtskulturellen Gewand. Die Briefmarkendauerserie
Bedeutende Deutsche der Deutschen Bundespost
1 Einführung
Als Bundespräsident Theodor Heuss 1959 seine zweite Amtszeit beendete, war
dies ein Anlass in der Bundesregierung, über eine neue Briefmarkendauerserie
nachzudenken. Seit 1954 hatte das Porträt des Bundespräsidenten als Motiv
einer solchen Serie gedient (Abb. 1), aber mit dem Abschied von Heuss aus
dem Amt eignete sich sein Bildnis nur noch in geringerem Maße dazu, die
Bundesrepublik Deutschland zu repräsentieren.
Nach einer Pressemitteilung der Bundesregierung aus dem Jahr 1960 hatten
Briefmarken »zuallererst die Funktion als Postwertzeichen zu erfüllen, d. h.
Hilfsmittel zu sein, die Entrichtung und Verrechnung der Postgebühren zu
vereinfachen«. Darüber hinaus fiel nach Ansicht der Regierung der »Briefmar-
ke durch ihre zeichen- oder bildhafte Gestaltungsfähigkeit im Laufe ihrer Ge-
schichte die Funktion eines repräsentativen Ausdrucksmittels zu«. 1
Fraglich ist aber, inwiefern mit diesen Repräsentationen noch weitergehen-
de politische Ziele verbunden waren, die durch eine Betrachtung der Briefmar-
ken als historische Quelle analysiert werden können. Intern wurde in der Bun-
desregierung am Anfang der 1960er-Jahre die politische Funktion der Brief-
marken sehr deutlich zum Ausdruck gebracht. Verkehrsminister Hans-
Christoph Seebohm schrieb am 11. Juli 1960 an den Bundeskanzler: »Brief-
marken haben stets eine große politische Wirkung. Gerade im Wahljahr sollte
man daher sehr bedachtsam sein.« 2 Im Folgenden soll anhand der Briefmar-
kenserie Bedeutende Deutsche (Abb. 2) der Jahre 1961 bis 64 untersucht wer-
den, inwiefern diese Repräsentation der Bundesrepublik durch geschichtskul-
1 Presse-Mitteilungen des Bundesministeriums für das Post- und Fernmeldewesen 2/1960, Blatt
3; Bundesarchiv, B 257/43122, Bl. 223.
2 Brief Seebohm an Kanzler, 11. Juli 1960, Bundesarchiv, B 257/43121, Bl. 407 Rückseite.
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turelle Erinnerung an Persönlichkeiten mit politischen Zielen verbunden ge-
wesen ist.
Die Planungen für die neue Briefmarkenserie erfolgten in einem Staat, der
sich sozusagen noch auf der Suche nach seiner Identität befand, denn die Ge-
waltherrschaft im Nationalsozialismus hatte viele der bisherigen nationalen
Traditionen der Deutschen für seine mörderischen Ziele missbraucht und
damit gründlich diskreditiert. 3 Zudem sah sich der junge Staat als eigentlich
noch unvollendet an. In seiner Verfassung, deren provisorischer Charakter
durch den Namen Grundgesetz ausgedrückt werden sollte, war die Wiederver-
einigung ein Staatsziel.
Obwohl Bundeskanzler Adenauer die DDR nicht als Staat anerkannte und
den Anspruch erhob, dass die Bundesrepublik die einzige legitime Vertretung
Gesamtdeutschlands sei, hatte er seit 1949 vor allem daran gearbeitet, den
Weststaat zu stabilisieren und in die westlichen Demokratien zu integrieren.
Am Ende der 1950er-Jahre konnte Adenauer auf beachtliche Erfolge seiner
Politik verweisen: Die Bundesrepublik hatte eine weitgehende Souveränität
erreicht und war Mitglied in wichtigen internationalen Organisationen des
Westens wie der North Atlantic Treaty Organization (NATO) und der Europä-
ischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG). Außerdem erlebte das Deutschland im
Westen einen fulminanten wirtschaftlichen Aufschwung, der bald mit dem
Begriff ›Wirtschaftswunder‹ verklärt wurde. 4 Aufgrund der erfolgreichen Ent-
wicklung verbuchte Adenauers CDU bei der Bundestagswahl 1957 im Ver-
bund mit der CSU mit 50,2 Prozent der Stimmen das beste je in der Bundesre-
publik erreichte Ergebnis einer Partei.
Allerdings wollten jene Stimmen nicht verstummen, die Adenauer vorwar-
fen, mit seiner Politik das Staatsziel Wiedervereinigung nicht konsequent ge-
nug im Blick zu haben oder sogar zu verraten. Adenauer hatte mit seiner Mag-
nettheorie geantwortet, der zufolge die Lebensqualität in der Bundesrepublik
die Menschen in den abgetrennten Gebieten im Osten anziehen und so die
Wiedervereinigung ermöglichen wird. Am Ende der fünfziger Jahre war das
zwar nach Ansicht vieler Deutscher keine realistische Perspektive, aber die
Zufriedenheit mit dem Erreichten nach Jahren von Kriegs- und Nachkriegs-
3 Heinrich August Winkler: Nationalismus, Nationalstaat und nationale Frage in Deutschland
seit 1945, in: ders./Hartmut Kaelble (Hrsg.): Nationalismus – Nationalitäten – Supranationali-
tät, Stuttgart 1993, S. 12–33; vgl. auch die daran angelehnte Darstellung bei Edgar Wolfrum:
Geschichtspolitik in der Bundesrepublik Deutschland. Der Weg zur bundesrepublikanischen
Erinnerung 1948–1990, Darmstadt 1999, S. 55.
4 Bernd-Stefan Grewe: Planwirtschaft und Wirtschaftswunder. Die beiden deutschen Volkswirt-
schaften, in: Barbara Hanke (Hrsg.): Zugänge zur deutschen Zeitgeschichte, Schwalbach im
Taunus, 2017, S. 40–53, hier: S. 45.
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elend überwog. 5 Dies zeigt sich auch im Rückgang der Unterstützung für den
Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE), der in der Bundestags-
wahl 1957 mit 4,6 Prozent den Einzug in das Parlament verpasste. Auch die
außerparlamentarischen Verbände der Vertriebenen verloren an Einfluss, was
diese 1958 durch eine Konzentration ihrer Kräfte mit der Vereinigung von
Zentralverband der deutschen Vertriebenen (ZvD)/Bund der vertriebenen Deut-
schen (BVD) und Verband der Landsmannschaften (VdL) zum Bund der Ver-
triebenen (BdV) auszugleichen versuchten. 6 Eine schon im Juni 1954 erfolgte
Reaktion der Verfechter einer Wiedervereinigung auf das schwindende Inte-
resse an diesem Thema war die Gründung des Kuratoriums Unteilbares
Deutschland mit dem Ziel, die deutsche Frage offen zu halten und das Postulat
der Wiedervereinigung in der Bevölkerung emotional zu verankern. 7 Im Bun-
destag wurde Adenauer wegen seines mangelnden Engagements für die Wie-
dervereinigung im Januar 1958 von Gustav Heinemann und Thomas Dehler so
scharf angegriffen, dass der Fraktionsvorsitzende der CDU/CSU, Heinrich
Krone, sogar fürchtete, dass eine neue Dolchstoßlegende entstehen könnte, der
zufolge Adenauer die Wiedervereinigung gar nicht wolle. 8
Diese Aktivitäten waren zwar schon Rückzugsgefechte, brachten aber
Adenauer in Schwierigkeiten, da das Kuratorium Unteilbares Deutschland zu
einer Sammlungsbewegung für die Opposition gegen Adenauer zu werden
drohte. Die Kontroverse über die Deutschlandpolitik wurde auch innerpartei-
lich zu einem ernsten Problem für den Kanzler, da einige Mitglieder und Füh-
rungspersönlichkeiten von CDU/CSU in den Vertriebenenverbänden organi-
siert waren, deren von der Kanzlerlinie abweichenden deutschlandpolitischen
Vorstellungen die zunehmende Unsicherheit der Christdemokraten über die
programmatische Orientierung der Partei verschärften. Nicht zuletzt durch
sein hohes Alter und seine unwürdige Rolle bei der Suche nach einem Kandi-
daten der Union für die Bundespräsidentenwahl 1959 verlor Adenauer auch
als Person an Zugkraft, sodass sich eine Erosion der bisherigen Grundlagen der
Wahlerfolge abzeichnete. 9
5 Frank Becker: Die Einigung Deutschlands in der Publizistik, in: Hanns Jürgen Küsters/Ulrich
Lappenküper (Hrsg.): Kanzler der Einheit. Bismarck – Adenauer – Kohl. Herausforderung und
Perspektive, Sankt Augustin/Berlin 2012, S. 65–90, hier: S. 79–82.
6 Matthias Stickler: Ostdeutsch heißt Gesamtdeutsch. Organisation, Selbstverständnis und hei-
matpolitische Zielsetzungen der deutschen Vertriebenenverbände 1949–1972. Düsseldorf 2004,
S. 78–98.
7 Christoph Meyer: Deutschland zusammenhalten. Wilhelm Wolfgang Schütz und sein Kurato-
rium Unteilbares Deutschland, in: http://www.bpb.de/ajax/183654?type=pdf (letzter Zugriff: 20.
März 2018).
8 Werner Biermann: Adenauer: Ein Jahrhundertleben, Berlin 2017, S. 465–469.
9 Tim Geiger: Atlantiker gegen Gaullisten. Außenpolitischer Konflikt und innerparteilicher
Machtkampf in der CDU 1958–1969, Berlin/Boston 2008, S. 113–141.
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2 Grundsatzentscheidungen
Als in dieser politischen Atmosphäre die Planungen für eine neue Briefmar-
kendauerserie anliefen, wurden im Postministerium zunächst 1959 verschie-
dene Vorschläge zusammengestellt, die neben den regierungsinternen Überle-
gungen aus einer Vielzahl von Eingaben an das Ministerium geschöpft wurden.
Diese vergleichsweise umfangreiche Vorarbeit resultierte aus dem Bewusstsein,
dass es sich um eine Dauerserie handelte, deren Marken über einen mehrere
Jahre andauernden Zeitraum an den Postschaltern verfügbar sein würden, was
bei den häufig gebrauchten Werten Milliardenauflagen erwarten ließ. Einfach
wieder eine Bundespräsidentenserie auszugeben, erschien dabei zu wenig at-
traktiv. Man dachte deswegen daran, sie durch die Wiedergabe abgewandelter
Versionen des Präsidentenkonterfeis oder mit einer Kombination von Bildern
des Bundespräsidenten mit Landschaftsbildern abwechslungsreicher zu gestal-
ten. Bei den Landschaftsbildern befürchtete man allerdings den empörten
Widerspruch von Vertriebenenverbänden, wenn sich die Motive auf den
Weststaat beschränkten, denn die Verbände hatten in der Vergangenheit im-
mer wieder Darstellungen aus ihrer Heimat gefordert. Andererseits rechnete
man bei Motiven aus der »Sowjetzone und den deutschen Gebieten jenseits der
Oder-Neisse Grenze« mit Protesten aus dem Ostblock. 10 Konflikte über die
Motive von Briefmarken hatten in der noch kurzen Geschichte Nachkriegs-
deutschlands schon mehrfach zu sogenannten ›Postkriegen‹ geführt, bei denen
Postsendungen über den Eisernen Vorhang hinweg, die mit den umstrittenen
Marken frankiert waren, von der Postverwaltung auf der anderen Seite abge-
wiesen und wieder über die Grenze zurückgeschickt wurden, 11 sodass diese
Marken ihre Funktion als Postwertzeichen nicht erfüllten. Andere Vorschläge
für die Motive der Marken waren: berühmte Personen, Abbildungen zu Volks-
liedern, Monatsbilder, berühmte deutsche Standbilder, deutsche Humoristen,
Sportarten, Tier- und Pflanzenbilder, Tierkreiszeichen und Sternbilder sowie
Industrieerzeugnisse. 12
Trotz der zu erwartenden Proteste von Seiten der Gegner von Adenauers
Deutschlandpolitik war der erste öffentlich gemachte Plan für die neue Dauer-
serie eher geeignet, eine westdeutsche Identität zu stärken. Neben dem Porträt
des neuen Bundespräsidenten Heinrich Lübke für die besonders oft gebrauch-
ten Wertstufen für Postkarte und Brief sollten die Wappen der Bundesländer
der Bundesrepublik Deutschland erscheinen. Das Postministerium begründete
10 Aktenvermerk, Bundesarchiv, B 257/43121, Bl. 420.
11 Jan Heijs: Postkrieg von 1870 bis heute. Ein doch nicht ganz abgeschlossenes Sammelgebiet:
eine Bestandsaufnahme, in: philatelie 67 (2015) 461, S. 49–53.
12 Aktenvermerk, Bundesarchiv, B 257/43121, Bl. 420f.
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diesen Plan zu Beginn des Jahres 1960 ausführlich in einer Pressemitteilung,
wobei das Hauptargument darauf abzielte, dass die Dauerserie vor allem der
»gegenwärtigen Repräsentation dienen« soll. Während Sondermarken zuge-
standen wurde, durchaus auch »zeitgebunden werbend wirken« zu dürfen,
sollte die Dauerserie die »klassische Form der Briefmarke als Symbol staatli-
cher Hoheit« deutlich erkennen lassen. Mit den Wappen würden neben dem
»Raum, auch die Glieder des Bundes« symbolisiert. 13
Mit dieser Argumentation ließen sich die Befürworter einer konsequenteren
Deutschlandpolitik nicht überzeugen. Schon im März 1960 erschien in den
Mitteldeutschen Berichten ein geharnischter Artikel des Bundesvorsitzenden
der Landsmannschaft der Provinz Sachsen-Anhalt Heinz Sting mit dem pro-
vozierenden Titel: Wo bleibt die gesamtdeutsche Mitarbeit der Bundespost?
Sting beklagte wortreich die Missachtung vieler Eingaben an das Ministerium
bezüglich der Berücksichtigung möglicher »Motive des Deutschlands jenseits
der Zonenschranken.« Der Plan der Bundespost, sich nur auf die westdeut-
schen Wappen zu beschränken, »käme einer Provokation gegen Gesamt-
deutschland gleich, da man zumindest gleichzeitig auch die Wappen der mit-
teldeutschen Länder und Provinzen hätte berücksichtigen müssen«. 14 Das
Postministerium erreichten weitere Eingaben, die sich für die Verwendung
von ost- und mitteldeutschen Motiven einsetzten und sogar schon Entwürfe
mitlieferten. Gedacht wurde unter anderem an Bauwerke, Landschafts- oder
Städtebilder. 15
Die Problematik spitzte sich zu, als der neue Bundespräsident Heinrich
Lübke Anfang Juli 1960 kurzfristig darauf verzichtete, auf den Briefmarken
abgebildet zu werden. Er begründete dies damit, dass Bilder immer wieder
wechselnder Staatsoberhäupter die »Bildung einer staatspolitischen Tradition
und einer wachsenden Anhänglichkeit des Bürgers an den Staat« nicht fördern
würden. 16 Der Präsident schlug stattdessen vor, Gesamtdeutschland durch
Landschaftsbilder zu repräsentieren und stellte sich damit hinter Vorschläge
aus dem Kreis der ost- und mitteldeutschen Landsmannschaften. 17
Offenbar wurde der Druck aus diesen Kreisen für das Postministerium so
groß, sodass im Juli 1960 Minister Richard Stücklen (CSU) mit Rückende-
ckung des Ministeriums für Gesamtdeutsche Fragen im Kabinett den Plan vor-
13 Pressemitteilung des Bundesministeriums für das Post- und Fernmeldewesen 2/1960, Bun-
desarchiv, B 257/43122, Bl. 223f.
14 Heinz Sting: Wo bleibt die gesamtdeutsche Mitarbeit der Bundespost?, in: Mitteldeutsche
Berichte 6 (1960) 3, S. 1f.
15 Z. B.: Brief Willy Pohland an Minister Stücklen, 28. März 1960, Bundesarchiv, B 257/43121, Bl.
481.
16 Bulletin der Bundesregierung Nr. 125 vom 12. Juli 1960, S. 1258.
17 Aktenvermerk, Bundesarchiv, B 257/43121, 420.
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trug, in der neuen Dauerserie neben den Wappen westdeutscher Länder auch
solche der deutschen Länder jenseits des Eisernen Vorhangs zu berücksichti-
gen. Mit Blick auf mögliche Proteste aus dem Ostblock führte er weiter aus,
dass diese Wappen »rein historische Reminiszenzen« seien und »keinen er-
kennbaren propagandistischen Charakter« trügen. Beim Bundeskanzler stieß
das aber auf keine Zustimmung, da damit »der seiner Ansicht nach ohnehin
schon zu sehr betonte Föderalismus noch weiter unterstrichen werde«. 18 Ver-
kehrsminister Hans-Christoph Seebohm hatte den Kanzler zudem wegen der
drohenden außenpolitischen Komplikationen in einem Brief eindringlich vor
dem Vorschlag aus dem Postministerium gewarnt. 19 Der Anregung des In-
nenministers, auf den Marken Bundessymbole abzubilden, wollte sich der
Postminister nicht anschließen, da diese nicht für eine künstlerisch anspre-
chende Gestaltung der Marken geeignet seien.
Im Kabinett wurde schließlich auf einen anderen Themenvorschlag zurück-
gegriffen und beschlossen, dass die Briefmarkenserie »Persönlichkeiten aus der
deutschen Vergangenheit darstellen soll. Diese sollen so ausgewählt werden,
dass der ganze deutsche Raum erfaßt wird.« 20 Minister Seebohm hatte zuvor in
seinem Schreiben vom 11. Juli 1960 an den Bundeskanzler zum Ausdruck
gebracht, dass der »günstige Effekt« im Sinne der gesamtdeutschen Aussage
über die Persönlichkeiten ohne die »ungünstigen Nebenwirkungen« der Wap-
penausgabe bleiben wird. 21 Schon bei früheren Sonderausgaben war die Bun-
despost bewusst auf die Wünsche nach mittel- und ostdeutschen Motiven mit
Marken für Persönlichkeiten aus der Vergangenheit eingegangen, ohne dass es
zu außenpolitischen Komplikationen gekommen war. 22 Die Kabinettssitzung
griff daher auf eine bewährte Vorgehensweise zurück und dies ist die eigentli-
che Geburtsstunde der Serie Bedeutende Deutsche, die vor allem unter der
Zielsetzung stand, Gesamtdeutschland zu repräsentieren.
Daneben verfolgte die Bundesregierung aber auch das Ziel, das »geistige,
kulturelle und politische Erbe« ›großer Deutscher‹ aus der Vergangenheit in
Erinnerung zu rufen, mit dem man sich verbunden fühle. 23 Dies entsprach der
vom Bundespräsidenten gewünschten Identitätsstiftung, die mithilfe von ange-
18 Kabinettsprotokoll vom 13.07.1960, in: https://www.bundesarchiv.de/cocoon/barch/0000/
index.html (letzter Zugriff: 20. Juli 2018).
19 Brief Seebohm an Kanzler, 11. Juli 1960, Bundesarchiv, B 257/43121, Bl. 407.
20 Kabinettsprotokoll vom 13. Juli 1960.
21 Brief Seebohm an Kanzler, 11. Juli 1960, Bundesarchiv, B 257/43121, Bl. 407.
22 Björn Onken: Geschichtspolitik mit Bildern in Millionenauflage. Anmerkungen zu den Brief-
marken der frühen Bundesrepublik mit einem Ausblick auf aktuelle Tendenzen, in: Zeitschrift
für Geschichtsdidaktik 12 (2013), S. 61–77, hier: S. 63; Jan Billion: Stifter-Gedenkmarke: Ost-
deutsches Motiv möglichst »unaufdringlich« verwirklichen!, in: Deutsche Briefmarken Revue
56 (2005) 10, S. 27–31.
23 Pressemitteilung, 19. Juli 1960, Bundesarchiv, B 257/43121, Bl. 517.
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sehenen Persönlichkeiten der deutschen Vergangenheit befördert werden
sollte und an den weit verbreiteten Erinnerungsort der Deutschen als Volk der
»Dichter und Denker« anschloss. 24
3 Vorläufer und Gegenmodell bei Reichspost und SBZ/DDR
Die Verwendung von berühmten Deutschen, der Dichter und Denker, zur
Identitätsstiftung war in der deutschen Postgeschichte nicht ohne Vorbild.
Schon nach dem Ersten Weltkrieg versuchte die Reichspost, mit einer solchen
Serie 1926/7 in Zeiten des bewegten Umbruchs einen »Briefmarkenkonsens«
herzustellen (Abb. 3), 25 der allerdings daran krankte, dass man den Preußen-
könig Friedrich II. in die Serie aufgenommen hatte, was unter anderem bei den
Sozialdemokraten nicht auf Zustimmung stoßen konnte. 26 Auch die Sowjeti-
sche Zone brachte 1948 eine Serie mit Persönlichkeiten heraus (Abb. 4), die
offensichtlich die Bildung einer sozialistischen Identität unterstützen sollte und
1952 von der Post in der DDR neu aufgelegt wurde.
Wie stark Identitätsstiftung und Geschichtskultur in den beiden jungen
deutschen Staaten politisch geprägt waren, zeigt sich auch daran, dass mit
Gerhart Hauptmann nur eine Person aus der SBZ/DDR Serie in die Serie Be-
deutende Deutsche der Bundespost aufgenommen wurde. Für die in der
SBZ/DDR geehrten August Bebel, Friedrich Engels, Georg Friedrich Wilhelm
Hegel, Käthe Kollwitz, Karl Marx, Ernst Thälmann und Rudolf Virchow fand
sich in der Westserie kein Platz. Rudolf Virchow war 1953 wenigstens auf einer
Westberliner Marke erschienen (Abb. 5).
Bemerkenswert für die Geschichtskultur der Bundesrepublik ist allerdings,
dass die Auswahl der Persönlichkeiten von Reichspost und Bundespost viele
Übereinstimmungen enthält. Von den neun berühmten Deutschen der
Reichspost schafften es nur König Friedrich II. von Preußen und Gottfried
Wilhelm Leibniz nicht in die bundesdeutsche Serie. Auf den schon in Weimar
umstrittenen preußischen König ist vermutlich aus naheliegenden politischen
Gründen verzichtet worden. Gegen Leibniz bestanden dagegen wohl keine
grundsätzlichen Einwände, er wird sowohl in der Vorschlagsliste des Bundes-
24 Etienne Francois/Hagen Schulze: Dichter und Denker, in: dies. (Hrsg.): Deutsche Erinnerung-
sorte. Bd. 1, München 2001, S. 157.
25 Hans-Jürgen Wischnewski: 150 Jahre Deutschland auf Briefmarken. Mein Land, unsere Ge-
schichte, München 1998, S. 143.
26 Wolfgang Lotz: Friedrich der Große und die deutsche Reichspost. Ein Beitrag zur Problematik
politischer Inhalte von Briefmarken in der Weimarer Republik, in: Archiv für Postgeschichte
(1986) 2, S. 108–113.
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ministeriums für gesamtdeutsche Fragen 27 als auch in einer Liste des Kuratori-
ums Unteilbares Deutschland 28 aufgeführt. Wahrscheinlich gelangte Leibniz
nicht in die Serie Bedeutende Deutsche, da am Ende schlicht der Platz fehlte.
Goethe, Schiller, Beethoven, Kant, Lessing, Bach und Dürer dagegen fanden
sowohl bei der Reichspost als auch bei der Bundespost Berücksichtigung.
4 Die Auswahl der Persönlichkeiten
Für die Auswahl der Persönlichkeiten holte der bundesdeutsche Postminister
zunächst von anderen Bundesministerien, Vertretern der Vertriebenenverbän-
de und dem Kuratorium für Unteilbares Deutschland Vorschläge ein. Auf
einer Sitzung im Postministerium am 15. August 1960 wurde auf dieser
Grundlage eine erste Liste für die Serie Bedeutende Deutsche der Bundespost
erstellt. Bemerkenswert ist der Kreis der Teilnehmer, denn man hätte vielleicht
erwarten können, dass sich die Bundesregierung für diese schwierige Aufgabe
Unterstützung von Experten aus Kultur und Wissenschaft erbeten hätte. Dies
war aber nicht der Fall. Neben Vertretern der Politik aus dem Auswärtigen
Amt und den Bundesministerien für Post, Inneres und Gesamtdeutsche Fragen
waren nur noch Vertreter des Bundes der Vertriebenen, des Kuratoriums Un-
teilbares Deutschland und der Präsident des Ostdeutschen Kulturrates Georg
Graf Henckel von Donnersmarck geladen. 29 Als Berater waren also nur Inte-
ressenvertreter der ost- und mitteldeutschen Landsmannschaften und die
Verfechter der Offenheit der deutschen Frage gefragt, was die deutschlandpoli-
tische Dimension der Serie unterstreicht.
Auf der Sitzung am 15. August 1960 wurden für die Briefmarkenserie die
folgenden Persönlichkeiten ausgewählt: Elisabeth von Thüringen, Annette von
Droste-Hülshoff, Johann Sebastian Bach, Robert Bosch, Albrecht Dürer, Albert
Einstein, Michael von Faulhaber, Johann Wolfgang von Goethe, Gerhart
Hauptmann, Immanuel Kant, Martin Luther, Balthasar Neumann, Friedrich
von Schiller, Gustav Stresemann. In eine Reserveliste wurden aufgenommen:
Gutenberg, Herder, Lessing, Kleist und Richard Strauß.
Von den Sitzungsteilnehmern wurden Goethe und Schiller als ȟber jeden
Zweifel erhaben gesamtdeutsch« eingeschätzt, Kant sollte auf Ostpreussen,
Hauptmann auf Schlesien und Neumann auf das Egerland hinweisen. Mittel-
27 Brief BMG an BPM, 10. August 1960, Bundesarchiv, B 257/43121, Bl. 400.
28 Brief, August 1960, Bundesarchiv, B 257/43121, Bl. 406.
29 Einladung BPM an Ostdeutschen Kulturrat, 09. August 1960, Bundesarchiv, B 257/43121, Bl.
405.
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deutschland repräsentierten zusätzlich Luther und Bach. Faulhaber und Dürer
sollten für Bayern und Stresemann für Berlin stehen.
Dass nicht nur geopolitische Aspekte für die Auswahl Bedeutung hatten,
sieht man auch daran, dass »Faulhaber als katholisches Gegengewicht zu Lu-
ther« aufgenommen wurde. 30
Die beiden Kirchenmänner hatte die Reichspost nicht berücksichtigt, aber
im Unterschied zur Weimarer Republik knüpfte der Christdemokrat Adenauer
identitätspolitisch stark an die Ideologie vom ›Christlichen Abendland‹ an. 31
Gerade das Christentum sollte dabei zu einer geistigen Stütze des neuen Staates
werden, was sich nicht zuletzt auch in den Briefmarkenausgaben der frühen
fünfziger Jahre zeigt. 32 Auf den Bezug zum Christentum in Verbindung mit
einem Hinweis auf Mitteldeutschland ist sicherlich auch die Aufnahme der
Heiligen Elisabeth von Thüringen zurückzuführen. Daneben sollte die Heilige
aber zusammen mit Annette von Droste-Hülshoff auch die Bedeutung von
Frauen für die deutsche Kulturgeschichte hervorheben, was die Reichspost
noch völlig versäumt hatte. Um die Frauen innerhalb der Briefmarkenserie
Bedeutende Deutsche hervorzuheben, wurde daran gedacht, mit ihnen die Serie
zu starten oder sie effektvoll auf die Höchstwerte zu setzen. 33 Zu den Berühmt-
heiten der Serie der Reichspost fügte die Bundespost noch Albert Einstein
hinzu, mit dem die »jüdischen Belange« Berücksichtigung finden sollten. 34
Hier wird deutlich, dass die Bundesregierung durch die Betonung der christli-
chen Tradition sowie der Rolle von Frauen und Juden neue Akzente in der
Geschichtskultur setzen wollte.
Bei dieser ersten Version mit 14 Persönlichkeiten war noch davon ausge-
gangen worden, dass die beiden wichtigsten Wertstufen für Postkarte und
Brief anstelle des Präsidenten das Motiv der schwarz-rot-goldenen Flagge
zeigen. Aufgrund der schon in der Kabinettssitzung von Stücklen erwähnten
Schwierigkeiten bei der künstlerischen Gestaltung nahm man aber Abstand
von diesem Motiv und holte Gutenberg sowie Lessing von der Ersatzliste.
Außerdem wurde Stresemann, der im Nachgang zu politisch erschien,
durch den zuvor nicht in die engere Wahl genommenen Beethoven ersetzt.
Damit entfiel der Repräsentant Berlins, was dem bayerischen Minister Stücklen
möglicherweise nicht ungelegen kam, der gesamtdeutschen Intention kurz
nach der Berlinkrise von 1958 aber nicht entsprach. Im Frühjahr 1961 wurde
30 Aktenvermerk, Bundesarchiv, B 257/ 43121, Bl. 376.
31 Axel Schildt: Das »christliche Abendland« als Zentrum politischer Integration in der Frühzeit
der Ära Adenauer, in: Tilman Mayer (Hrsg.): Medienmacht und Öffentlichkeit in der Ära Ade-
nauer, Bonn 2009, S. 39–54.
32 Onken: Geschichtspolitik, hier: S. 69f.
33 Aktenvermerk, Bundesarchiv, B 257/43121, Bl. 403.
34 Aktenvermerk, Bundesarchiv, B 257/43121, Bl. 376.
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Robert Bosch von Minister Stücklen von der Liste gestrichen, weil er ihm »zu
jung« war. Dafür kam nun Heinrich von Kleist zum Zuge, der zumindest seine
letzten Lebensjahre in Berlin verbracht hatte. 35
Veränderungen gab es auch bei den katholischen Persönlichkeiten, da die
katholische Kirche nicht mit Michael von Faulhaber einverstanden war. Minis-
ter Stücklen gab der Kirche daraufhin weitgehend freie Hand für die Auswahl
eines anderen Katholiken, 36 was im Frühjahr 1961 zur Aufnahme von Albertus
Magnus in die Serie führte. Mit acht Protestanten und sieben Katholiken ent-
sprach die Serie den ausdrücklichen Wünschen nach konfessioneller Parität. 37
Bevor die ersten Marken endlich erscheinen konnten, war noch zu klären,
wie die Persönlichkeiten auf die Wertstufen verteilt werden sollten. Aus der
Platzierung der Persönlichkeiten auf eine Wertstufe hätte sich auch eine Aus-
sage zu ihrer Bedeutung ableiten lassen können, was aber neue Konflikte hätte
heraufbeschwören können, die das Postministerium vermeiden wollte. Des-
halb reihte man die Persönlichkeiten zunächst alphabetisch, entschied sich
später aber für eine chronologische Reihung nach dem Geburtsjahr, was auch
deswegen sinnvoll erschien, weil dann das Postkartenporto mit 10 Pfenning
auf Dürer und das Briefporto mit 20 Pfennig auf Bach fiel, womit zwei unbe-
strittene Schwergewichte aus der Reihe diese wichtigen Positionen belegten. 38
Am 15. Juni 1961 konnten mit Dürer, Bach und Lessing, mit der Wertstufe von
40 Pfennig für den Auslandsbrief, die ersten Marken der dann sukzessive er-
scheinenden Serie der Deutschen Bundespost in den Verkauf gehen. Für die
Deutsche Bundespost Berlin wurde nur der Schriftzug »Deutsche Bundespost«
in der üblichen Weise mit »Berlin« ergänzt und mit dem Verkauf der entspre-
chenden Marken an demselben Tag begonnen.
Zum Erscheinen der ersten drei Marken im Juni 1961 wurden alle weiteren
geplanten Ausgaben öffentlich gemacht. Die Auswahl der Persönlichkeiten rief
zunächst kaum Kritik in der Öffentlichkeit hervor, aber die künstlerische Ge-
staltung überzeugte viele deutsche Philatelisten nicht, sodass eine größere Zahl
von zum Teil empörten und sarkastischen Eingaben zur Gestaltung der Mar-
ken das Ministerium erreichten und die Serie bald als »Grimmige Deutsche«
verspottet wurde. 39 Die Bundespost verkaufte trotzdem allein von den ersten
drei Marken fast zehn Milliarden Exemplare.
35 Aktenvermerk, Bundesarchiv, B 257/43122, Bl. 195.
36 Brief Stücklen an Prälat W. Wissing, 28. Dezember 1960, Bundesarchiv, B 257/43121, Bl. 383.
37 Aktenvermerk, Bundesarchiv, B 257/43122, Bl. 195.
38 Aktenvermerk, Bundesarchiv B 257/4322, Bl. 148.
39 Briefe, Sommer/Herbst 1961, Bundesarchiv, B 257/43121, Bl. 167– 195.
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5 Die Suche nach einem Repräsentanten des deutschen Judentums
Unbeachtet von der Öffentlichkeit meldete sich allerdings Otto Nathan, der
amerikanische Testamentsvollstrecker von Albert Einstein, beim Postministe-
rium. Er forderte, Einstein aus der Liste der geplanten Ausgaben zu streichen,
weil sein langjähriger Freund Albert nicht damit einverstanden gewesen wäre,
das Motiv einer deutschen Briefmarke zu werden. 40 Minister Stücklen bedauer-
te in seinem Antwortschreiben, dass er diesem Wunsch nicht mehr entspre-
chen könne, weil die Planungen schon zu weit fortgeschritten seien, um noch
verändert zu werden. 41 Mehr Eindruck auf das Postministerium machte mög-
licherweise eine seit Herbst 1961 geäußerte Reihe von Widersprüchen gegen
die Person Einstein, die von einem Artikel in der Deutschen Soldatenzeitung
ausgelöst wurde und auch von Philatelisten aufgegriffen wurde. Dieser Protest
richtete sich nicht gegen den Wissenschaftler Einstein, sondern nahm Anstoß
daran, dass er als Emigrant in den USA im Zweiten Weltkrieg die Entwicklung
und den Einsatz der Atombombe gegen Deutschland gefordert habe. 42
Im Postministerium sah man sich nun mit dem Problem konfrontiert, dass
es Gründe gab, auf Einstein zu verzichten, man aber andererseits nicht den
Eindruck erwecken wollte, sich von Einsprüchen rechtskonservativer Kreise
wie der Soldatenzeitung beeinflussen zu lassen. In dieser Lage erinnerte man
sich an den eigentlich schon abgewiesenen Einspruch von Otto Nathan und
bat den Herausgeber der Allgemeinen Wochenzeitung der Juden in Deutschland,
Karl Marx, seine Kontakte zu amerikanischen Juden zu nutzen, um von
Nathan doch noch eine Zustimmung zu der Einsteinmarke einzuholen. 43 Marx
erklärte sich dazu bereit, konnte aber nichts bewirken. Seiner Ansicht nach
hätte er in einem früheren Stadium der Verhandlungen vermutlich mehr errei-
chen können. 44 Damit hatte die Bundespost eine zweite Absage des Testa-
mentsvollstreckers, die nun aber im Unterschied zu der ersten nach der Inter-
vention der Soldatenzeitung erfolgt war, sodass man in einer Pressemitteilung
im Juni 1962 verkünden konnte, dass man auf das Bild von Einstein nicht
aufgrund der Proteste der Soldatenzeitung, sondern wegen des Einspruchs des
Testamentsvollstreckers verzichten wird.
Bei der Bundespost hatte im Frühjahr 1962 noch während der Gespräche
von Marx mit Nathan die Planung zu einer Marke mit Jacques Offenbach
begonnen, der anstelle von Einstein das deutsche Judentum in der Serie vertre-
40 Brief Nathan an BPM, 24. Juli 1961, Bundesarchiv, B 257/43122, Bl. 168.
41 Brief Stücklen an Nathan, 23. August 1961, Bundesarchiv, B 257/43122, Bl. 171.
42 Aktenvermerk, Bundesarchiv, B 257/43122, 176; 178; Sammlerlupe (1961) 15.
43 Aktenvermerke, Bundesarchiv, B 257/43122, Bl. 172, 197.
44 Brief Marx an BPM, 22. Juni 1962, Bundesarchiv, B 257/43122, Bl. 155.
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ten sollte. 45 Aber auch diese Persönlichkeit führte zu kritischen Einsprüchen.
Bemängelt wurde, dass der lebenslustige Operettenkomponist kaum in eine
Reihe mit Größen wie Beethoven und Bach passen würde. Zudem sei Offen-
bach nicht geeignet, das Judentum zu repräsentieren, da er zum katholischen
Glauben übergetreten sei. Außerdem musste sich das Postministerium den
Vorwurf gefallen lassen, dass Offenbach zwar in Köln geboren, aber nach Paris
ausgewandert sei und dort die französische Staatsbürgerschaft angenommen
habe. Deswegen war nicht klar, ob die französische Seite es als Provokation
aufgefasst hätte, wenn Offenbach als Deutscher präsentiert würde. Möglicher-
weise wäre die Marke auch als freundliche Geste an Frankreich empfunden
worden, aber im Vorfeld des Élysée-Vertrages barg Offenbach ein Risiko. Im
Ministerium dachte man neben Offenbach an Fritz Haber als möglichen Kan-
didaten, verfolgte diesen Plan aber nicht weiter, da Haber 1957 mit einer Mar-
ke der Berliner Post (Abb. 6) geehrt worden war. 46 Schließlich verzichtete man
auf die Ausgabe der Offenbachmarke, da der vorgesehene Portowert von 3
Mark angesichts der zunehmenden Abrechnung von teuren Postleistungen
ohne Postwertzeichen nicht mehr sinnvoll zu sein schien. Die am 12. April
1962 ausgegebenen Marken mit Schiller und Hauptmann blieben damit zu-
nächst die letzten der Serie.
Ende 1963 kam doch noch einmal Bewegung in die Serie Bedeutende Deut-
sche, als der Herausgeber der Allgemeinen Wochenzeitung der Juden in
Deutschland, Karl Marx, dem neuen Bundeskanzler Ludwig Erhard vorschlug,
zum 100. Geburtstag des Soziologen und Nationalökonoms Franz Oppenhei-
mer am 30. März 1964 eine Sondermarke herauszubringen. 47 Da Erhard 1925
bei Oppenheimer promoviert worden war, leitete er dieses Ansinnen gern an
den Postminister weiter. Für dieses Vorhaben war dem Postministerium die
Vorbereitungszeit zu knapp, aber man brachte als Alternative ins Gespräch,
dass Oppenheimer in die Serie Bedeutende Deutsche aufgenommen werden
könnte. 48 Noch im Jahr 1964 wurde die aufgrund einer Portoerhöhung sinn-
volle neue Wertstufe von 90 Pfennig mit einer Marke für Oppenheimer in der
Dauerserie eingebracht, sodass das deutsche Judentum doch noch in der Serie
vertreten war. 49
45 Aktenvermerk, 22. Februar 1962, Bundesarchiv, B 257/43122, Bl. 117.
46 Aktenvermerk, 11. April 1962, Bundesarchiv, B 257/43122, Bl. 157.
47 Brief Marx an Bundeskanzler Erhard 14. November 1963, Bundesarchiv, B 257/43122, Bl. 58f.
48 Brief BPM an Staatssekretär im Bundeskanzleramt, 10. Januar 1964, Bundesarchiv, B
257/43122, Bl. 57.
49 In Berlin nicht erschienen.
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6 Fazit
Der Blick auf die Genese der Briefmarkenserie Bedeutende Deutsche zeigt, dass
diese geschichtskulturelle Erinnerung an Persönlichkeiten der deutschen Ver-
gangenheit eng mit der Politik verknüpft war. Dass nicht im Postministerium,
sondern im vom Kanzler dominierten Bundeskabinett die grundsätzliche Ent-
scheidung über die Motive getroffen wurde, offenbart, dass Adenauer zu Recht
als Medienkanzler bezeichnet wird, 50 der auch die Briefmarken als Medien in
der politischen Kommunikation persönlich im Blick hatte.
Die Ausgabe der Briefmarken zu den bedeutenden Deutschen war mit meh-
reren politischen Zielen verbunden. Im Vordergrund stand die Absicht der
Bundesregierung, den Anspruch der Bundesrepublik auf das gesamtdeutsche
Erbe öffentlichkeitswirksam zu bekräftigen, um die politischen Kräfte, die sich
der Wiedervereinigung und der Wahrnehmung der Interessen der Vertriebe-
nen verschrieben hatten, wieder stärker an sich binden. Zum anderen machte
auch die Begründung des Bundespräsidenten deutlich, dass es um die »Bildung
einer staatspolitischen Tradition und einer wachsenden Anhänglichkeit des
Bürgers an den Staat« ging, denn die junge Bundesrepublik musste sich diese
erst erarbeiten. Die Geschichtskultur war hier ein wichtiges Feld, denn gerade
die Vergangenheit belastete den westdeutschen Staat schwer, sodass dem
Staatsvolk im Geltungsbereich des Grundgesetzes ein »geistiges, kulturelles
und politisches Erbe« präsentiert wurde, dem man sich gemeinsam verbunden
fühlen konnte, um so der nationalen Identität auch die wichtige historische
Dimension zurückzugeben. Dass dieses historische Erbe sich auf Gesamt-
deutschland bezog, hinderte die Identitätsbildung nicht, sondern beförderte
eben den Gedanken, dass zur Identität der Bundesrepublik auch die Vertre-
tung der Deutschen und ihrer Traditionen außerhalb der aktuellen Staatsgren-
zen gehöre. Zur Bekräftigung des gesamtdeutschen Anspruchs und der Identi-
tätsbildung trat noch die Betonung des christlichen Erbes sowie der Frauen
und Juden in der deutschen Kultur, letzteres möglicherweise auch mit Blick auf
das Ausland.
Die Briefmarkenserie Bedeutende Deutsche der Bundespost ist daher kein
überparteiliches Zeugnis für die Geistesgröße der ausgewählten Persönlichkei-
ten, sondern eine historische Quelle für die Geschichtskultur und ihre politi-
sche Instrumentalisierung im Spannungsfeld der deutschen Frage. 51
50 Dominik Paul: Adenauer-Wahlkämpfe. Die Bundestagswahlkämpfe der CDU 1949–1961,
Marburg 2011, S. 528–556.
51 Zu der Serie und ihrer Entstehung aus philatelistischer Sicht siehe: Jan Billion: Bedeutende
Deutsche – Adenauer lehnte Länderwappen ab, (Fortsetzungsartikel I – VI), in: Deutsche
Briefmarken Revue 66 (2015) 2-7, S. 25–27; 25–27; 31–33; 32–34; 32–34; 32–34.
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Abbildungen
Abbildung 1
Bundespräsident Theodor Heuss (1954, Michel, BRD, 183).
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Abbildung 2
Bedeutende Deutsche (1961/1965, Michel, BRD, 347–362).
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Abbildung 3
aus: Berühmte Deutsche (1926/1927, Michel, DR, 385–397).
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Abbildung 4
aus: Persönlichkeiten aus Politik, Kunst und Wissenschaft (1948, Michel, SBZ, 212–227 bzw. 1952,
Michel, DDR, 327–341).
Abbildung 5–6
Rudolf Virchow (1952, Michel, West-Berlin, 96); Fritz Haber (1957, Michel, West-Berlin, 166).
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Tilmann Siebeneichner
Mythos mit Zackenrand. Das revolutionäre Erbe der SED und die
Kampfgruppen der Arbeiterklasse auf DDR-Briefmarken
Der ›Kampf‹ der Arbeiterklasse war nach der Gründung des ersten ›Arbeiter-
und-Bauern-Staates auf deutschem Boden‹ zentrales Thema seiner politischen
Kultur: Er rechtfertigte, warum nach 1945 gerade die Sozialistische Einheitspar-
tei Deutschlands (SED) die Macht in der Deutschen Demokratischen Republik
(DDR) beanspruchte – hatten sich SPD und KPD vor 1945 doch am ent-
schiedensten den Nationalsozialisten entgegengestellt und deren Herrschaft
bekämpft – und er schrieb vor, was auch nach der Gründung des ›Arbeiter-
und-Bauern-Staates‹ für all seine Bürger gelten sollte: dass nämlich »zum Ar-
beiter das Gewehr gehört […] bis es in der ganzen Welt keine kapitalistischen
Blutsauger, keine Zins- und Fronherren mehr gibt« 1, wie es 1956 in einer von
der Abteilung Agitation und Presse/Rundfunk beim Zentralkomitee der SED
herausgegebenen Broschüre zur Popularisierung der Kampfgruppen der Ar-
beiterklasse hieß.
Bei den Kampfgruppen handelte es sich um eine paramilitärische Miliz, die
infolge des Aufstandes vom Juni 1953 gegründet wurde und der Zeit ihrer
Existenz etwa 200.000 werktätige Männer und Frauen angehörten. 2 Wie Gus-
tav Roebelen (1905–1967), als Leiter der Abteilung für Sicherheitsfragen mit
deren Organisation beauftragt, im Mai 1954 betonte, handelte es sich bei ihnen
um »kein neues polizeiliches, militärisches oder halbmilitärisches Organ der
DDR«, sondern um ein »Instrument der Sozialistischen Einheitspartei
Deutschlands zur politischen Massenarbeit« 3, das heißt um ein zentrales In-
1 Gustav Giesemann: Damals in Eisleben, hrsg. von der Abteilung Agitation und Pres-
se/Rundfunk beim ZK der SED, Berlin 1956, S. 8–9.
2 Zur Geschichte der Kampfgruppen vgl. Armin Wagner: Die Kampfgruppen der Arbeiterklasse
(1953–1990), in: Torsten Diedrich/Hans Ehlert/Rüdiger Wenzke (Hrsg.): Im Dienste der Partei.
Handbuch der bewaffneten Organe der DDR, Berlin 1998, S. 281–337; Volker Koop: Armee
oder Freizeitclub? Die Kampfgruppen der Arbeiterklasse in der DDR, Bonn 1997.
3 Vorlage der Abt. f. Sicherheitsfragen vom 6. Mai 1954, Stiftung Archiv der Parteien und Mas-
senorganisationen der DDR im Bundesarchiv (SAPMO-BArch), DY 30/J IV 2/3A/419, Bl. 28.
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strument staatssozialistischer Identitäts- und Geschichtspolitik. In den Kampf-
gruppen würden sich die »besten Erfahrungen, die Reife und revolutionären
Traditionen der deutschen und internationalen Arbeiterklasse« verkörpern,
hieß es beispielhaft zu ihrem 25-jährigen Bestehen im Oktober 1978. 4
»Sie bewahren das Vermächtnis und die revolutionären Traditionen der Kämpfer im Mit-
teldeutschen Industriegebiet; sie sind der würdige Erbe des Roten Frontkämpferbundes,
und sie werden im Geist der Internationalen Brigaden im spanischen Bürgerkrieg und der
mutigen Kämpfer gegen Faschismus und Militarismus erzogen. Heute tragen unsere
Kampfgruppen-Einheiten die Namen der besten Söhne der deutschen revolutionären Ar-
beiterklasse. Auf ihren Fahnen stehen die Namen von Karl Liebknecht, Ernst Thälmann,
Wilhelm Pieck, Bernard Koenen, Max Lademann und von vielen anderen standhaften
Kämpfern gegen Imperialismus und Militarismus. Diese Namen künden von den Zielen,
für die die Kampfgruppen angetreten sind, und sie künden vom siegreichen Kampf der
Arbeiterklasse.« 5
Das ›unmittelbar bewaffnete Organ der Arbeiterklasse‹ – wie die Kampfgrup-
pen häufig auch genannt wurden – als ›lebendiger Verkörperung‹ dieser kämp-
ferischen Traditionen zeigt, welch große Bedeutung die SED ihrem revolutio-
nären Erbe zur Legitimation ihrer Herrschaft und zur Mobilisierung ihrer
Bevölkerung beimaß. 6
Der Aufbau des Sozialismus sei auch nach der Gründung des ›ersten Arbei-
ter-und-Bauern-Staates auf deutschem Boden‹ weiterhin bedroht, insistierte
die SED-Führung kanonisch und kategorisch, und verlange deshalb die
Kampf- und Verteidigungsbereitschaft der gesamten Arbeiterklasse, sprich:
Bevölkerung. 7 Allerdings war die Bezugnahme auf das revolutionäre Erbe der
SED in der DDR alles andere als eindeutig beziehungsweise unumstritten. Der
proletarische Mythos, das heißt die Vorstellung einer geeinten und kampfbe-
reiten Arbeiterklasse, verdeckte, dass die Kommunisten vor 1945 stets nur eine
Minderheit innerhalb der organisierten Arbeiterbewegung gebildet hatten und
auch die Herrschaft der SED in der DDR weniger auf der Zustimmung breiter
Bevölkerungsteile denn auf der Schützenhilfe der sowjetischen Verbündeten
ruhte, wie nicht zuletzt der Aufstand vom 17. Juni 1953 noch einmal deutlich
4 Rede Werner Felfes anlässlich des Appells der Kampfgruppen am 6. Oktober 1978, Landes-
hauptarchiv Sachsen-Anhalt, Abt. Merseburg (LHASA), Nr. IV/D-2/12/467.
5 Rede Werner Felfes anlässlich des Appells der Kampfgruppen am 6. Oktober 1978, LHASA, Nr.
IV/D-2/12/467.
6 Vgl. dazu Tilmann Siebeneichner: Proletarischer Mythos und realer Sozialismus. Die Kampf-
gruppen der Arbeiterklasse in der DDR, Köln/Weimar/Wien: Böhlau 2014.
7 Vgl. etwa: Paul Puls: Die Entfaltung der revolutionären Wachsamkeit. Eine Aufgabe des tägli-
chen Kampfes, in: Einheit 14 (1952), S. 904–908.
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gemacht hatte. 8 Das vorbehaltlose Bekenntnis zur SED und ihrer Politik – das
etwa in dem 1959 eingeführten Gelöbnis der Kampfgruppen deutlich zum
Ausdruck kam 9 – fiel infolge des Aufstandes jedoch nicht nur langjährigen
Angehörigen der organisierten Arbeiterbewegung schwer. Die Erfahrung von
Vernichtungskrieg und Besatzung hatten innerhalb der Bevölkerung zudem
vielfach zu der Überzeugung geführt, sich in Zukunft nicht mehr für politi-
schen Projekte verheizen zu lassen, sondern das Heil eher im Privaten suchen
zu wollen – ein Phänomen, das von den verantwortlichen Funktionären häufig
als »mangelndes Klassenbewusstsein« ausgelegt wurde. 10
Im Mittelpunkt dieses Beitrages steht folglich die Frage, wie die SED mit ih-
ren revolutionären Traditionen umging, diese für ihre Politik instrumentali-
sierte und welche Probleme darüber entstanden. Die Kampfgruppen der Ar-
beiterklasse eignen sich besonders gut, dieser Frage nachzugehen, weil die
Miliz einerseits als »lebendige Verkörperung« 11 dieser Traditionen vorgestellt
und betrachtet wurden, andererseits aber auch, weil sie in ihrer Geschichte
vielfach zum Gegenstand von in der DDR erschienenen Briefmarken avancier-
te. Als »Informationsträger, in denen sich der Charakter der gesellschaftlichen
Verhältnisse in vielfältiger Weise wiederspiegelt« 12, sind Briefmarken eine
bedeutsame, wenn auch bislang wenig beachtete Quellengattung. Zunehmen-
des Interesse erfahren sie jedoch zur Untersuchung totalitärer Herrschaftsre-
präsentationen. 13
8 Zur Geschichte der KPD in der Weimarer Republik vgl. Klaus-Michael Mallmann: Kommunis-
ten in der Weimarer Republik. Sozialgeschichte einer revolutionären Bewegung, Darmstadt
1996; zum problematischen Verhältnis von SED und DDR-Bevölkerung vgl. Lutz Niethammer:
Die SED und »ihre« Menschen. Versuch über das Verhältnis zwischen Partei und Bevölkerung
als bestimmendes Moment innerer Staatssicherheit, in: Siegfried Suckut/Walter Süß (Hrsg.):
Staatspartei als Staatssicherheit. Zum Verhältnis von SED und MfS, Berlin 1997, S. 307–340.
9 Der Wortlaut des Gelöbnisses lautete: »Ich bin bereit, als Kämpfer der Arbeiterklasse die Wei-
sungen der Partei zu erfüllen, die Deutsche Demokratische Republik, ihre sozialistischen Er-
rungenschaften jederzeit mit der Waffe in der Hand zu schützen und mein Leben für sie einzu-
setzen. Das gelobe ich!« zit. n.: SED-BPO/Betriebsarchiv der VEB Filmfabrik Wolfen (Hrsg.):
Getreu dem Gelöbnis. Ausschnitte und Berichte aus der Arbeit der Kampfgruppen des VEB
Filmfabrik Wolfen, Wolfen 1969, S. 20.
10 Michael Geyer hat mit Blick auf die junge Bundesrepublik in diesem Zusammenhang von
einem »gekränkten Staatsbürgertum« gesprochen (vgl. ders.: Der Kalte Krieg, die Deutschen
und die Angst. Die westdeutsche Opposition gegen Wiederbewaffnung und Kernwaffen, in:
Klaus Naumann (Hrsg.): Nachkrieg, Hamburg 2001, S. 267–318).
11 Erhard Gilgen/Roland Carl/Fritz Bachinger (Hrsg.): Die Kampfgruppen der Arbeiterklasse,
Dresden 1978, S. 11.
12 Gerhard Rehbein: Lexikon der Post. Post- und Fernmeldewesen, Berlin 1983, S. 540; vgl. auch:
Gottfried Gabriel: Ästhetik und politische Ikonographie der Briefmarke, in: Zeitschrift für Äs-
thetik und Allgemeine Kunstwissenschaft 54 (2009) 1, S. 1–10.
13 Vgl. dazu etwa: Alexander Hanisch-Wolfram: Postalische Identitätskonstruktionen. Briefmar-
ken als Medien totalitärer Propaganda, Frankfurt am Main 2006; Jana Scholze: Ideologie mit
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Bereits Walter Benjamin nannte Briefmarken ›Visitenkarten des Staates‹,
die spezifische Vorstellungen in die Alltagswelt der Menschen transportieren
und auf diese Weise dazu beitragen, eine ›offizielle Kultur‹ und eine ›spezifi-
sche Identität‹ zu etablieren. 14 Über ihre zeichenhafte Abbildhaftigkeit hinaus
sind Briefmarken deshalb als Medien und Aktiva mit einer eigenständigen
Ästhetik zu begreifen. Wie von Seiten der Visual History betont wird, stellen
insbesondere Fotografien mehr als eine additive Erweiterung des historiogra-
phischen Quellenkanons dar. 15 Und was für Fotografien gilt, kann so auch auf
Briefmarken übertragen werden. Obwohl sie im Feld der Visual History bislang
wenig Beachtung gefunden haben, tragen sie durch ihre massenhafte Verbrei-
tung und Verwendung im Alltag – genau wie Fotografien – dazu bei, histori-
sche Sehweisen zu konditionieren, gesellschaftliche Wahrnehmungsmuster zu
prägen und politische Deutungsweisen zu transportieren, sprich: die ästheti-
sche Beziehung historischer Subjekte zu ihrer sozialen und politischen Wirk-
lichkeit zu organisieren. 16 Bilder – und in diesem Sinne werden in diesem Bei-
trag auch Briefmarken betrachtet – geben Geschichte nicht nur passivisch
wieder, sondern tragen aufgrund ihrer spezifischen »Triebkraft der Form« 17 –
wie es der Kunsthistoriker Horst Bredekamp ausgedrückt hat – auch dazu bei,
historische Realität zuallererst zu erzeugen und zu beglaubigen. Im Hinblick
auf die Geschichte der Kampfgruppen sind sie deshalb in erster Linie als ›Tra-
ditionsmotoren‹ und ›Mythosmaschinen‹ interessant, das heißt als Medien der
Geschichts- und Erinnerungspolitik, die eine bestimmte Deutung von Ge-
schichte generieren und transportieren. Welche revolutionären Traditionen
wurden im Zusammenhang mit den Kampfgruppen aufgerufen und wie wur-
den diese – auch ästhetisch – vermittelt? Welche Funktionen wurden den
Kampfgruppen auf diese Weise zugeschrieben und wie veränderten die sich im
Laufe der Zeit womöglich? Und welche Rückschlüsse lassen sich daraus im
Zackenrand. Briefmarken als politische Symbole, in: Dokumentationszentrum Alltagskultur
(Hrsg.): Fortschritt, Norm und Eigensinn. Erkundungen im Alltag der DDR, Berlin 1999, S.
174–191.
14 Walter Benjamin: Einbahnstraße, in: Gesammelte Schriften. Bd. IV/1, Frankfurt am Main 1972,
S. 134–137, hier S. 137.
15 Vgl. etwa: Martina Heßler: Bilder zwischen Kunst und Wissenschaft. Neue Herausforderungen
für die Forschung, in: Geschichte und Gesellschaft 31 (2005), S. 266–292.
16 Zur Visual History vgl. Gerhard Paul (Hrsg.): Visual History. Ein Studienbuch, Göttingen 2006
sowie ders.: Visual History. Version 2.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 29. Oktober 2012,
http://docupedia.de/zg/Visual_History_Version_2.0_Gerhard_Paul (letzter Zugriff: 31. Januar
2018).
17 Horst Bredekamp: Schlussvortrag. Bild = Akt = Geschichte, in: Jürgen Leipold u. a. (Hrsg.):
Geschichtsbilder. 46. Deutscher Historikertag vom 19.–22. September 2006 in Konstanz. Be-
richtsband, Konstanz 2007, S. 289–309, hier: S. 305.
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Hinblick auf die Gestalt und Geltung des proletarischen Mythos als zentraler
Identifikations- und Legitimationsfigur staatsozialistischer Herrschaft ziehen?
1 Von den Internationalen Brigaden zum ›unmittelbar bewaffneten
Organ der Arbeiterklasse‹: Die Kampfgruppen als Erben des
›antifaschistischen‹ Kampfes
Der Mauerbau vom 13. August 1961 gilt auch als ›heimlicher Gründungstag‹
der DDR. 18 Mit der Errichtung des ›antifaschistischen Schutzwalles‹, wie die
Mauer in der DDR offiziell hieß, war die Grenze zum Westen vollständig abge-
riegelt worden; nun konnte man sich in den Augen der Mächtigen unbehelligt
von jeglichen subversiven Aktionen des ›Klassenfeindes‹ an die Ausgestaltung
der realsozialistischen Gesellschaft machen.
Bis dahin hatte die vorrangige Rolle der Kampfgruppen darin bestanden,
den sozialistischen Aufbau zu schützen, wie eine der Miliz gewidmete Brief-
marke aus dem Jahre 1964 illustriert (Abb. 1). Diese Briefmarke wurde anläss-
lich des 15. Jahrestages der DDR als Teil eines Briefmarken-Blocks veröffent-
licht, der symbolisch die staatliche Konsolidierung des ›Arbeiter-und-Bauern-
Staates‹ bekräftigen sollte. Unter dem Motto Auferstanden aus Ruinen und der
Zukunft zugewandt wartete der Block mit 15 verschiedenen Motiven auf, die
verschiedene Aspekte und Errungenschaften des gesellschaftlichen Lebens in
der DDR portraitierten, darunter auch einen Angehörigen der Kampfgruppen,
der, mit einer Maschinenpistole bewaffnet, vor dem Hintergrund einer Indust-
rieanlage zu sehen ist. 19 Die politische Wertschätzung des bewaffneten Kamp-
fes ging in den 1960er-Jahren, die ganz im Zeichen des von Ulbricht prokla-
mierten ›umfassenden Aufbaus des Sozialismus‹ standen, deutlich zurück.
Nicht der Kämpfer, sondern der Techniker avancierte in Zeiten der ›wissen-
schaftlichen-technischen Revolution‹ zum zeitgemäßen Leitbild des ›neuen
Menschen‹. Das verdeutlicht auch der Block aus dem Jahre 1964, der außer
dem Kämpfer keine Angehörige anderer ›bewaffneter Organe‹ der DDR (wie
der Polizei oder der Armee) zeigt, dafür aber eine ganze Reihe von Wissen-
schaftlern und Ingenieuren, die den Aufbruch in eine ›sozialistische Moderne‹
verkörperten. 20
18 Dietrich Staritz: Geschichte der DDR 1949–1985, Frankfurt am Main 1985, S. 138.
19 Zu dieser Blockausgabe siehe auch den Beitrag von Annemarie Müller in diesem Band.
20 Zum ›umfassenden Aufbau des Sozialismus‹ beziehungsweise zur ›wissenschaftlich-technischen
Revolution‹ vgl. Arnold Sywottek: Gewalt – Reform – Arrangement. Die DDR in den 60er Jah-
ren, in: Axel Schildt/Detlef Siegfried/Karl Christian Lammers (Hrsg.): Dynamische Zeiten. Die
60er Jahre in den beiden deutschen Gesellschaften, Hamburg 2000, S. 54–76; zum Begriff einer
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Nach dem Machtantritt Erich Honeckers (1912–1994) im Mai 1971 gewann
die kommunistische Kampfzeit, die im Zeichen des Aufbruchs der 1960er-
Jahre zunehmend verblasst war, an Bedeutung zurück – und damit auch die
Kampfgruppen. Honecker, so hat es Wolfgang Engler pointiert bemerkt, ver-
wechselte sich »Zeit seiner Herrschaft mit einem proletarischen ›Eroberkönig‹
und die Geschichtsspanne, in der er wirkte, mit der Kampf- und Aufbruchspe-
riode des Weltkommunismus« 21. Weniger die Zukunft als das ›Vermächtnis
Ernst Thälmanns‹ galt nun als allgemeine politische Orientierung, 22 insbeson-
dere für die Angehörigen der Kampfgruppen, wie ein Bildband deutlich wer-
den lässt, den langjährige Kämpfer als Dank für ihre geleisteten Dienste erhiel-
ten. »Denn Soldat der Revolution sein, heißt: Unverbrüchliche Treue zur Sache
halten, eine Treue, die sich im Leben und Sterben bewährt, heißt unbedingte
Verlässlichkeit, Zuversicht, Kampfesmut und Tatkraft in allen Situationen
zeigen« 23, wurde dort an prominenter Stelle postuliert.
Diese Zeilen, die Ernst Thälmann (1886–1944) 1944 einem Mitgefangenen
im Zuchthaus Bautzen schrieb, und die in der DDR als Aufforderung an jeden
Angehörigen der Kampfgruppen, letztendlich aber an die gesamte Bevölkerung
zu verstehen waren, lassen deutlich werden, dass die unter Honecker wieder
gewachsene Bedeutung der Miliz sich weniger aus ihrer militärischen Funktion
erklärt. Vielmehr war es ihre identitätspolitische Dimension, die die Angehöri-
gen des ›unmittelbar bewaffneten Organs der Arbeiterklasse‹ erneut zu gesell-
schaftlichen Leitbildern im ›real existierenden Sozialismus‹ avancieren ließ.
»Angehöriger der Kampfgruppen – das ist in unserer Partei und im ganzen
Volk ein Ehrenname!« 24 pries Honecker die Miliz anlässlich ihres 25-jährigen
Bestehens und führte sogar eine spezielle Rente ein, die all diejenigen, die min-
destens 20 Jahre in den Kampfgruppen gedient hatten, auch materiell belohnte.
Ganz in diesem identitätspolitischen Sinne wurden insbesondere zu den Ju-
biläumsdaten der Kampfgruppen eine Reihe von Briefmarken publiziert. Ei-
›sozialistischen Moderne‹ vgl. Katherine Pence/Paul Betts (Hrsg.): Socialist Modern. East Ger-
man Everyday Culture and Politics, Ann Arbor, MI 2008.
21 Wolfgang Engler: Der proletarische König, in: ders.: Die ungewollte Moderne. Ost-West-
Passagen, Frankfurt am Main 1995, S. 11–30, hier: S. 28.
22 Vgl. etwa: Institut für Marxismus-Leninismus (Hrsg.): Ernst Thälmann – unsere Partei erfüllt
sein Vermächtnis. Wissenschaftliche Konferenz zum 100. Geburtstag Ernst Thälmanns in Ber-
lin am 12. und 13. März 1986, Berlin 1986; zur Bedeutung Ernst Thälmanns in der DDR vgl.
Russel Lemmons: Hitler’s Rival. Ernst Thälmann in Myth and Memory, Lexington, KY 2013.
23 Erhard Gilgen/Roland Carl/Fritz Bachinger (Hrsg.): Die Kampfgruppen der Arbeiterklasse,
Dresden 1978, S. 18; der vollständige Brief ist abgedruckt in: Ernst Thälmann: Zwischen Erin-
nerung und Erwartung. Autobiographische Aufzeichnungen, Frankfurt am Main 1977, S. 56–
58.
24 Toast anlässlich des 25-jährigen Bestehens der Kampfgruppen, 1978, LHASA, Nr. IV/D-
2/12/467.
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nerseits stellten sie eine Form der Huldigung dar, indem sie die jeweiligen
Geburtstage der Kampfgruppen feierten. Zugleich wurden sie aber auch dazu
benutzt, die Botschaft des proletarischen Mythos zu aktualisieren, wie insbe-
sondere die 50-Pfennig-Briefmarke zum 20-jährigen Jubiläum der Kampf-
gruppen illustriert (Abb. 2). Sie zeigt einen Angehörigen der Kampfgruppen –
erkennbar insbesondere an seinem Ärmelabzeichen, einem in die Höhe ge-
reckten Karabiner, an dem eine rote Fahne weht, dem offiziellen Symbol der
Kampfgruppen – in einer Reihe mit einem Angehörigen des Roten Front-
kämpferbundes (RFB) – wiederum erkennbar an dessen Ärmelabzeichen, einer
geballten Faust – und einem Angehörigen der Internationalen Brigaden des
Spanischen Bürgerkrieges – erkennbar vor allem durch seine charakteristische
Baskenmütze.
Tatsächlich hatten zahlreiche SED-Funktionäre, darunter etwa Erich Mielke
(1907–2000), Chef des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS), oder Heinz
Hoffmann (1910–1985), langjähriger Verteidigungsminister der DDR, und
Friedrich Dickel (1913–1993), langjähriger Innenminister der DDR, während
des Spanischen Bürgerkrieges auf Seiten der Republikaner gekämpft. Und
zumindest in der Anfangszeit der Kampfgruppen fanden sich auch eine Anzahl
ehemaliger Angehöriger des Roten Frontkämpferbundes in ihren Reihen. In
erster Linie verweist das Motiv jedoch auf die herausgehobene Bedeutung des
Spanischen Bürgerkrieges und der kommunistischen Kampfzeit der Weimarer
Republik in der politischen Kultur des ›Arbeiter-und-Bauern-Staates‹ und
illustriert die »Erfindung einer Tradition« 25, die die Angehörigen der Kampf-
gruppen als Nachfolger der Angehörigen der Internationalen Brigaden und des
Roten Frontkämpferbundes zeigt und damit zugleich das ›antifaschistische‹
Selbstverständnis des SED-Regimes hervorhebt. 26
Die ebenfalls anlässlich des 20-jährigen Jubiläums publizierte 20-Pfennig-
Briefmarke (Abb. 3) lässt sich hingegen als Versuch einer ganz eigenen Tradi-
tionsstiftung interpretieren: Nicht die ruhmreichen Klassenschlachten der
großen historischen Vorbilder der Miliz werden hier aufgerufen, sondern der
erste (und einzige größere) Einsatz der Kampfgruppen selbst. Als die SED im
August 1961 zur Absperrung der Zonengrenze in Berlin schritt, griff sie insbe-
25 Zum Begriff der ›Erfindung einer Tradition‹ vgl. die klassische Studie von Eric Hobs-
bawm/Terence Ranger: The Invention of Tradition, Cambridge 1992.
26 Zur Bedeutung des Spanischen Bürgerkrieges in der DDR vgl. Michael Uhl: Mythos Spanien.
Das Erbe der Internationalen Brigaden in der DDR, Bonn 2004; zum RFB vgl. Hermann
Dünow: Der Rote Frontkämpferbund. Die revolutionäre Schutz- und Wehrorganisation des
deutschen Proletariats in der Weimarer Republik, Berlin 1958; zum antifaschistischen Selbst-
verständnis des SED-Regimes vgl. Herfried Münkler: Antifaschismus und antifaschistischer
Widerstand als politischer Gründungsmythos der DDR, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 45
(1998), S. 16–29.
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sondere auf die Kampfgruppen zurück. 27 Ihre Hinzuziehung hatte vor allem
propagandistische Gründe, wie das Bild einer aus Kampfgruppen-Angehörigen
vor dem Brandenburger Tor gebildeten ›menschlichen Mauer‹ deutlich zeigt.
Dieses Bild avancierte in der DDR zu dem lasting image des Mauerbaus, das
immer wieder in Zeitungen, Schulbüchern und zu besonderen Anlässen – etwa
der 750-Jahr-Feier der Stadt Berlin 1987 – präsentiert und inszeniert wurde. 28
Einerseits fand sich in dieser ›menschlichen Mauer‹ aus vier mit Maschinen-
pistolen bewaffneten Kämpfern, die durch die zahlenmäßig korrespondierende
Säulenreihe des Brandenburger Tors im Hintergrund bildästhetisch noch un-
terstrichen wird, der entschlossene und einheitliche Willen einer größeren, alle
Generationen umfassenden Gemeinschaft – der ›Arbeiterklasse‹ – ausgedrückt.
Andererseits vermittelte die »Ambivalenz aus Militärischem und Zivilem«, die
in der Uneinheitlichkeit von Mimik, Gestik und Körperhaltung der abgebilde-
ten Kämpfer sichtbar wird, einen wenig bedrohlichen, beinah familiären Ein-
druck, der nicht nur die abgebildeten Kämpfer als ›Söhne ihrer Klasse‹ auswies,
sondern zugleich die scheinbar ›defensiven‹ Absichten der ›Arbeiter-und-
Bauern-Macht‹ unterstrich. 29 Der Sperrriegel aus Waffen und Menschen ver-
weist aus dieser Warte zunächst auf ein historisch – in der Auseinandersetzung
mit dem ›Faschismus‹ – erwachsenes Selbstverteidigungsrecht der ›Klasse‹ und
entsprach solchermaßen der propagandistischen Konzeption der SED, die
Errichtung des ›antifaschistischen Schutzwalles‹ als eine Maßnahme zur Frie-
denssicherung darzustellen. 30
2 Vom politischen Kämpfer zum professionellen Soldaten:
Die Kampfgruppen als ein ›bewaffnetes Organ‹ im Verbund
der DDR-Streitkräfte
Auch wenn die Kampfgruppen vor allem eine identitätspolitische Funktion
erfüllten, war man Zeit ihrer Existenz bemüht, ihren militärischen Einsatzwert
27 Zur Aktion Rose genannten Grenzabriegelung vgl. Armin Wagner: Stacheldrahtsicherheit. Die
politische und militärische Durchführung des Mauerbaus 1961, in: Hans-Hermann Hert-
le/Konrad H. Jarausch/Christoph Kleßmann (Hrsg.): Mauerbau und Mauerfall. Ursachen –
Verlauf – Auswirkungen, Berlin 2002, S. 119–137.
28 Vgl. dazu: Elena Demke: Mauerfotos in der DDR. Inszenierungen, Tabus, Kontexte, in: Karin
Hartewig/Alf Lüdtke (Hrsg.): Die DDR im Bild. Zum Gebrauch der Fotografie im anderen
deutschen Staat, Göttingen 2004, S. 89–106.
29 Elena Demke: »Sprung in die Freiheit« versus »Menschliche Mauer« – Foto-Ikonen zum Mau-
erbau aus West und Ost. Anregungen zur Bildinterpretation im Geschichtsunterricht, in: Hen-
ning Schluß (Hrsg.): Der Mauerbau im DDR-Unterricht, München 2005, S. 1–18.
30 Vgl. dazu etwa: SED-Bezirksleitung Berlin-Mitte (Hrsg): Da schlug’s 13. 13. August 1961. Bau
der Berliner Mauer, Berlin 1961.
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zu optimieren und die Miliz als vollwertiges ›bewaffnetes Organ‹ zu profilieren.
In den 1950er-Jahren war die Ausbildung noch vielfach improvisiert und von
einer Art ›Partisanenromantik‹ geprägt gewesen; viele Angehörige nahmen die
militärischen Anforderungen nicht sehr genau, sondern nutzten die Ausbil-
dung vor allem zur ›Kriegsspielerei‹. 31 Aus einer nur notdürftig bewaffneten
Truppe, die in den 1950er-Jahren in erster Linie für den Schutz der Betriebe
verantwortlich war, war unter Honecker eine Formation geworden, die mitt-
lerweile über Schützenpanzern und Flugabwehr-Geschütze verfügte und sich
auch in atomarer, biologischer und chemischer Kriegsführung übte. Diese
Entwicklung wird auf einer weiteren, zum 20-jährigen Jubiläum der Kampf-
gruppen publizierten Briefmarke zumindest angedeutet (Abb. 3). Zwar zeigt
die 10-Pfennig-Briefmarke das Emblem der Kampfgruppen – ein in die Höhe
gereckten Karabiner, an dem eine rote Fahne weht –, das seinerseits an ein
Motiv aus der Zeit des Roten Frontkämpferbundes angelehnt war. Mit seinem
charakteristischen Stahlhelm weckt der hier abgebildete Kämpfer jedoch eher
Assoziationen an einen Angehörigen der Nationalen Volksarmee (NVA). Die
beiden Briefmarken zum 25-jährigen Jubiläum der Kampfgruppen (Abb. 4)
sind ähnlich ambivalent. Während auf der 35-Pfennig-Briefmarke eine be-
kannte Fotografie von Ernst Thälmann als RFB-Vorsitzendem angedeutet
wird, zeigt die 20-Pfennig-Briefmarke einen Traktor und einen Schornstein,
klassische Symbole für die beiden Säulen des ›Arbeiter-und-Bauern-Staates‹.
Dieses Motiv, das sich schon auf der den Kampfgruppen gewidmeten Brief-
marke des Blocks von 1964 findet (Abb. 1), prägt auch einen anlässlich des 30-
jährigen Jubiläums der Miliz publizierte Briefmarken-Block (Abb. 5). Während
auf der Marke selbst ein Angehöriger der Kampfgruppen in Hab-Acht-Stellung
mit geschultertem Gewehr und seiner charakteristisch grauen Uniform gezeigt
wird, ziert den Block eine in Rot gehaltene Industriefassade. Wird hier einmal
mehr der politische Auftrag der Kampfgruppen beschworen, die ›sozialisti-
schen Errungenschaften‹ der DDR zu schützen, findet sich jedoch keinerlei
Referenz auf die kommunistische Kampfzeit mehr.
Die Kampfgruppen selbst, die auf den unterschiedlichen, im Laufe der
1980er-Jahre publizierten Briefmarken entweder in Reih und Glied marschie-
rend oder in feldmäßiger Ausrüstung gezeigt werden, wecken hier
eher Assoziationen an eine moderne Armee als an die historischen Vorläufer
der Kampfgruppen. Tatsächlich wird der Professionalisierungsprozess des
›unmittelbar bewaffneten Organs der Arbeiterklasse‹ 32, der im März 1980 in
der vollständigen Integration in das System der DDR-Landesverteidigung
kulminierte, in den zum 35-jährigen Jubiläum der Kampfgruppen gewidmeten
31 Vgl. Siebeneichner: Proletarischer Mythos und realer Sozialismus, S. 139–156.
32 Vgl. dazu: Siebeneichner: Proletarischer Mythos und realer Sozialismus, S. 375–377.
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Briefmarken besonders augenfällig (Abb. 6). Nur die 5-Pfennig-Briefmarke
zeigt Kampfgruppen-Angehörige, die vor dem Denkmal für die gefallenen
Interbrigadisten des Spanischen Bürgerkrieges ein rituelles Gelöbnis vollziehen
(das 1986 selbst Gegenstand einer Briefmarke geworden war (Abb. 7)). Die 10-
Pfennig- und 20-Pfennig-Briefmarken zeigen die Kämpfer hingegen stets im
Verbund mit NVA-Soldaten und Angehörigen anderer ›bewaffneter Organe‹
der DDR. Während auf der 20-Pfennig-Marke Kämpfer ihre Waffen aus den
Händen von NVA-Soldaten erhalten, zeigt die 10-Pfennig-Marke einen Kämp-
fer im Verbund mit einem Soldaten (erkennbar an seiner olivfarbigen Uni-
form) und einem Polizisten (wiederum erkennbar an seiner blauen Uniform).
Hier werden weniger die revolutionären Traditionen der Kampfgruppen be-
schworen (die im Abbild Ernst Thälmanns zumindest angedeutet werden) als
ihre gleichberechtigte Rolle im Verbund mit den anderen staatlichen Organen
der DDR. »Das war sozusagen die Reserve der Armee« 33, brachten ehemalige
Kampfgruppen-Angehörige ein Selbstverständnis zum Ausdruck, das mit der
›Partisanenromantik‹ der kommunistischen Kampfzeit nur noch wenig gemein
hatte.
Tatsächlich verlor der proletarische Mythos angesichts eines ›Daseins‹, das
immer »weniger von den großen geschichtlichen Prozessen der Vergangenheit,
den harten Kämpfen und Entbehrungen, als von der Normalität eines gesicher-
ten, selbstverständlichen und materiell reicher werdenden, wenn auch nicht
ungefährdeten Alltages bestimmt« 34 schien, wie der Schriftsteller Gerhard
Rothbauer schrieb, infolge der staatlichen Konsolidierung zunehmend an
Plausibilität und politischer Orientierung. Das damit einhergehende Selbstver-
ständnis barg jedoch eine problematische Pointe: Nicht politische Überzeu-
gung, sondern staatsbürgerliche Verpflichtung war seit den 1970er-Jahren
häufig für einen Beitritt zu den Kampfgruppen verantwortlich, wie verschiede-
ne Zeitzeugen-Interviews deutlich werden lassen. »Und dann wurde aber ge-
sagt auf der Arbeit, Mensch, guck ma, der Staat hat dir was gegeben. Hat dir
geholfen, ›n Haus zu bauen‹«, reflektierte ein ehemaliger Kämpfer im Nach-
hinein die Mechanismen einer Fürsorgediktatur, die im Austausch für soziale
Sicherheit Dankbarkeit und Fügsamkeit einforderte. 35 Dieses Erklärungsmus-
33 Interview mit Edgar Peters (20. September 2006), Transkript S. 1 und S. 13.
34 Zit. n. Alf Lüdtke: Alltage »in unserer Ebene« Anfragen zu den Perspektiven auf die 1970er und
1980er Jahre in der DDR, in: Renate Hürtgen/Thomas Reichel (Hrsg.): Der Schein der Stabilität.
DDR-Betriebsalltag in der Ära Honecker, Berlin 2001, S. 295–300, hier: S. 295; zur ›heilen Welt‹
des Realsozialismus vgl. auch: Stefan Wolle: Die heile Welt der Diktatur. Alltag und Herrschaft
in der DDR 1971–1989, Berlin 1998.
35 Interview mit Edgar Peters (20. September 2006), Transkript S. 1; zum Begriff der ›Fürsorgedik-
tatur‹ vgl. Konrad H. Jarausch: Realer Sozialismus als Fürsorgediktatur. Zur begrifflichen Ein-
ordnung der DDR, in: Aus Politik und Zeitgeschichte B20 (1998), S. 33–46.
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ter entbehrte keineswegs moralischer Beweggründe – diese folgten jedoch eher
einer Gabentauschlogik, als dass sie sich auf den selbstlosen und opferbereiten
Verhaltenskanon proletarischer Verpflichtung bezogen, wie er im Rekurs auf
das ›Vermächtnis Ernst Thälmanns‹ beschworen wurde. Artikulierte sich in
einer professionalisierten Ausbildung und zweckmäßigen Ausrüstung auch die
staatliche Konsolidierung der DDR, zeigten solche Aussagen zugleich, dass in
der ›heilen Welt‹ des Realsozialismus nicht mehr der proletarische Mythos und
sein politischer Appell als grundlegende Orientierung des Kampfgruppen-
Dienstes fungierte, sondern eher ein Gefühl staatsbürgerlicher Verpflichtung.
In Zeiten politischer Stabilität fiel diese Differenzierung kaum ins Gewicht –
ritualisierte Aufmärsche, etwa zu den offiziellen Feiertagen der DDR, »zele-
brierten die Gewaltförmigkeit von Politik, erzeugte[n] damit aber auch einen
gigantischen Bluff über die realen Potenzen« 36 der SED.
In Zeiten der Krise, wie schließlich im Herbst 1989, erwies sich die vielbe-
schworene ›Einheit von Partei und Klasse‹ jedoch alsbald als Fiktion. In der
Konfrontation mit den Demonstranten zeigte sich, dass die meisten Kämpfer
nicht in Kategorien des Klassenkampfes dachten, sondern in staatsbürgerli-
chen Kategorien. Für die Einhaltung von Recht und Ordnung einzutreten,
dazu waren auch im Herbst 1989 viele Kämpfer durchaus bereit. Gegen fried-
lich protestierende Mitbürger vorzugehen, die in vielerlei Hinsicht Ziele und
Ansprüche vertraten, die sich auch die Kämpfer zu Eigen machen konnten,
jedoch nicht. Das Feindbild hielt der persönlichen Überprüfung nicht mehr
stand, Gewalt war nicht gefragt, resümierte beispielhaft ein Kämpfer in einer
Eingabe den Zerfall des proletarischen Mythos im Herbst 1989. 37
3 Fazit: Herrschaftslegitimierung zwischen Kampfzeit und
staatlicher Konsolidierung
Mythen, das zeigt auch der Zerfall des proletarischen Mythos im Herbst 1989,
leben von einem nachvollziehbaren Gegenwartsbezug. 38 Warum ein Regime,
das mit der Deutschen Volkspolizei (DVP) und der NVA über die entsprechen-
den Institutionen zur Landesverteidigung beziehungsweise zur Gewährleistung
36 So im Hinblick auf den RFB bereits: Mallmann: Kommunisten in der Weimarer Republik, S.
199.
37 Vgl. dazu: Tilmann Siebeneichner: Die »Arbeiter-und-Bauern-Macht« im Ausnahmezustand.
Die Kampfgruppen der Arbeiterklasse und die Implosion des SED-Regimes im Herbst 1989, in:
Cornelia Rauh/Dirk Schumann (Hrsg.): Ausnahmezustände. Entgrenzungen und Regulierun-
gen in Europa während des Kalten Krieges, Göttingen 2015, S. 113–136.
38 Vgl. dazu: Raina Zimmering: Mythen in der Politik der DDR. Ein Beitrag zur Erforschung
politischer Mythen, Opladen 2000.
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von Sicherheit und Ordnung im Inneren verfügte, zusätzlich eine Arbeiter-
Miliz für notwendig erachtete, erklärt sich allein aus der kommunistischen
Kampfzeit und unterstreicht deren Funktion und Bedeutung zur Legitimie-
rung der SED-Herrschaft in der DDR. Während die Bezugnahme auf das revo-
lutionäre Erbe der SED schon in den von Krieg und Besatzungszeit überschat-
teten 1950er-Jahren umstritten war, besaß sie in den 1980er-Jahren, in denen
die Kampfgruppen zu einem festen Bestandteil der DDR-Landesverteidigung
avanciert waren, kaum noch Überzeugungskraft. Auch das zeigen die den
Kampfgruppen gewidmeten Briefmarken auf ihre Weise: Zwar wurden auch in
der Ära Honecker die revolutionären Traditionen weiterhin aufgerufen – am
deutlichsten kommt das in der 50-Pfennig-Briefmarke zum 20-jährigen Beste-
hen der Kampfgruppen 1973 zum Ausdruck (Abb. 2) –, mehr und mehr wurde
die Miliz nun jedoch im Verbund mit anderen staatlichen Organen der DDR
gezeigt als mit ihren revolutionären Vorläufern. Das Veröffentlichungsdatum
der Briefmarken – zumeist zu den Jubiläen der Kampfgruppen – schien die
staatstragende Rolle und Funktion der Kampfgruppen selbst zu bekräftigen,
die immer weniger als das ›unmittelbar bewaffnete Organ der Arbeiterklasse‹,
sondern als ein bewaffnetes Organ unter zahlreichen anderen Organen der
›Partizipationsdiktatur‹ betrachtet wurden. 39
»Die Ironie«, so hat es Eric Weitz im Hinblick auf die Geschichte der SED-
Herrschaft bemerkt, »liegt dabei darin, dass eine Partei, die so sehr aus dem
Bürgerprotest hervorgegangen war, nun das Volk kontrollieren und zur Passi-
vität zwingen wollte« 40. Während das Staats-Volk sich zunehmend mit der
DDR identifizierte, blieb seine Führung bis zuletzt einem ›revolutionären‹
Selbstverständnis verhaftet, das in vielerlei Hinsicht den biographischen Erfah-
rungen aus der kommunistischen Kampfzeit verhaftet war und den Staat weni-
ger als Selbstzweck denn als Instrument zur Durchsetzung des Sozialismus
verstand. 41 Dabei verweist schon die Tatsache, dass überhaupt Briefmarken zu
Ehren der Kampfgruppen und dem revolutionären Erbe der SED herausgege-
ben wurden, auf einen Konsolidierungsprozess – Christoph Kleßmann hat im
Hinblick auf die Geschichte der DDR von der ›Verstaatlichung der Arbeiter-
39 Zum Begriff der ›Partizipationsdiktatur‹ vgl. Mary Fulbrook: The People’s State. East German
Society from Hitler to Honecker, New Haven, CT 2005.
40 Eric D. Weitz: Der Zusammenbruch der DDR aus langfristiger Perspektive, in: Potsdamer
Bulletin für Zeithistorische Studien 12 (1998), S. 6–16, hier: S. 7.
41 Vgl. Tilmann Siebeneichner: »Ausnahmezustand« und alltägliche Staatlichkeit im Sozialismus.
Die »Kampfgruppen der Arbeiterklasse«, in: Jana Osterkamp/Joachim von Puttkamer (Hrsg.):
Sozialistische Staatlichkeit, München 2012, S. 91–114.
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bewegung‹ gesprochen 42 –, in dessen Zuge weniger proletarische denn staatli-
che Wahrnehmungskategorien an Gewicht gewannen, das revolutionäre Erbe
der SED hingegen zunehmend an Plausibilität und Erklärungskraft verlor.
42 Christoph Kleßmann: Die »verstaatlichte Arbeiterbewegung«. Überlegungen zur Sozialge-
schichte der Arbeiterschaft in der DDR, in: Karsten Rudolph/Christl Wickert (Hrsg.): Ge-
schichte als Möglichkeit. Über die Chancen von Demokratie, Essen 1995, S. 108–119.
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Abbildungen
Abbildung 1–2
Angehöriger der Kampfgruppen (1964, Michel, DDR, 1066A); 20 Jahre Kampfgruppen (1973,
Michel, DDR, Block 39).
Abbildung 3
20 Jahre Kampfgruppen (1973, Michel, DDR, 1874–1875).
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Abbildung 4
25 Jahre Kampfgruppen (1978, Michel, DDR, 2357–2358).
Abbildung 5
30 Jahre Kampfgruppen (1983, Michel, DDR, Block 72).
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Abbildung 6
35 Jahre Kampfgruppen (1988, Michel, DDR, 3177–3180).
Abbildung 7
50 Jahre Internationale Brigaden in Spanien (1986, Michel, DDR, 3050).
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Thomas Richter
Bilder der Reformation auf deutschen Briefmarken. Philatelistisch-
historische Anmerkungen zur Geschichtspolitik von
Bundesrepublik und DDR
1 Reformationsgedenken im europäischen Kontext
»Der Thesenanschlag fand nicht statt.« 1 – mit dieser These zum Thesenan-
schlag sorgte der katholische Münsteraner Kirchenhistoriker Erwin Iserloh in
den frühen 1960er-Jahren für großes Aufsehen unter Historikern und Theolo-
gen beider Konfessionen. Die eigenhändigen Hammerschläge Luthers an die
Türen der Wittenberger Schlosskirche seien nicht mehr als ein Mythos, der
eine jahrhundertelange Tradition habe, aber einer ausreichenden Quellen-
grundlage entbehre. Das heroisch-historistisch-hagiographische Bild des gro-
ßen deutschen Luthers geriet ins Wanken. Auch wenn es heute wieder vorsich-
tige Tendenzen dahingehend gibt, einen Anschlag eines Thesenzettels zumin-
dest durch den Universitätssekretär anzunehmen, bleibt die Frage im Raum
stehen, ob der Thesenschlag Tatsache oder Legende sei, wie Iserloh damals
formulierte. 2 Damit steht auch in Frage, ob denn 2017 überhaupt als Jubilä-
umsjahr gefeiert werden könne. Die breite Öffentlichkeit hat diese Frage zwei-
felsohne mit Ja beantwortet. Ob der Begriff Jubiläum dabei glücklich gewählt
ist, ist jedoch fraglich, denn ob Reformation, mithin also die bis in die Gegen-
wart andauernde Spaltung der einen Kirche, ein Grund zum Jubeln ist, das ist
noch eine ganz andere Frage. 3 Auch sollte die Zuspitzung auf den 31. Oktober
2017 nicht darüber hinwegtäuschen, dass Reformation ein Prozess ist, der
1 Erwin Iserloh: Luthers Thesenanschlag. Tatsache oder Legende?, Wiesbaden 1962, S. 32.
2 Vgl. die kontrovers diskutierten Beiträge in: Joachim Ott (Hrsg.): Luthers Thesenanschlag.
Faktum oder Fiktion, Leipzig 2008.
3 In künstlerisch besonders interessanter Weise setzte diese Frage die Sondermarke der nieder-
ländischen Post im Jahr 1983 zum 500. Geburtstag Luthers um (Michel, Niederlande, 1294).
Das schlichte Motiv, durch das ein Riss geht, nimmt freilich schon den Riss durch die Kirche
vorweg, der 1483 noch nicht gegeben ist, sich aber durch den Namenszug »Luther« in dessen
eigener Handschrift eng mit ihm als zentraler Persönlichkeit verbindet.
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nicht an einem einzelnen Datum oder einer einzelnen Person festgemacht
werden kann. Für die Frage nach Reformationsmotiven auf Briefmarken wird
aber zunächst schlicht vom ›Faktum 1517‹ und dem damals noch nicht in
Zweifel gezogenen Thesenanschlag ausgegangen.
Reformationsmotive auf Postwertzeichen haben eine relativ lange Tradition
und gehen bis zu den Ganzsachen des Deutschen Reichs von 1933 zurück
(Abb. 1). Einige Ausstellungskataloge, auch ohne direkten Jubiläumsanlass,
belegen das Interesse der Philatelistinnen und Philatelisten an diesen Motiven. 4
Dabei ist freilich die Diversität der Reformationen im europäischen Kontext zu
beachten. Denn wenn in Deutschland 2017 der Fokus auf der lutherischen
Reformation lag, darf nicht vergessen werden, dass der Westen des Heiligen
Römischen Reiches – von Ostfriesland über Holland, die Vereinigten Herzog-
tümer Jülich-Kleve-Berg und die Pfalz bis in die Eidgenossenschaft – stärker
reformiert-calvinistisch und eben nur bedingt lutherisch geprägt war und ist.
Das führt schon fast logisch dazu, dass in anderen Teilen Europas auch andere
Motive vorherrschen. In Frankreich findet sich beispielsweise neben Luther
auch eine Sondermarke zum 400. Todestag Johannes Calvins (Abb. 2). 5 Calvin
war Franzose, flüchtete dann aber bald nach Genf. Die Schweizer Reformation
hatte bereits in den 1520er-Jahren mit Huldrych Zwingli einen ›eigenen‹ Re-
formator, dessen Ideen später von Calvin stark rezipiert wurden. 6
In den habsburgischen Erblanden wurden reformatorische Bewegungen er-
folgreich – bei aller Vorsichtigkeit des Begriffs – bekämpft und weitgehend
unterdrückt. Die Erinnerungsmarke der österreichischen Post des Jahres 1967,
450 Jahre nach dem sogenannten Thesenanschlag und wenige Jahre nach Iser-
lohs einflussreicher Publikation, zeigt keine Bezüge zu den 95 Thesen. Stattdes-
sen muss man etwas genauer hinsehen bei diesem Jahrhunderte alten, von
Lutheranern verwendeten Motiv: ein Felsen inmitten der Brandung, darauf als
Anker des Lebens die aufgeschlagene Bibel, das wachende Auge Gottes und
den Fürbittruf, Gott möge das von der Frohen Botschaft ausgehende Licht den
4 Vgl. Dietrich Hellmund: »Unter die Lupe genommen«. Martin Luther und die Welt der Refor-
mation auf den Briefmarken der Welt, München 1983; Gerhard Baron: Protest des Gewissens.
Luther und sein Werk im Briefmarkenalbum, Rommerskirchen 1990; Briefmarkenclub Bret-
ten/Melanchthonhaus Bretten (Hrsg.): Ausstellung Reformation auf Briefmarken, Bretten 1997;
Ulrich H. Jobsky: Die Reformation des Doktor Martin Luther – das ist mehr als der Anschlag
von 95 Thesen. Die Ereignisse der Reformation auf Briefmarken dargestellt, Wittenberg 2002.
5 Ausführlich zu Calvin-Motiven vgl. Paul Chaix: La philatelie et Calvin, in: Musées de Genève.
Revue mensuel des musées et collections de la Ville de Genève 6 (1965), S. 16–19.
6 Zwingli starb bereits 1531 und konnte außerhalb der nördlichen Eidgenossenschaft kaum
Einfluss entwickeln. So wundert es nicht, dass nur die Postverwaltung der Schweiz eine Marke
(Michel, Schweiz, 906) mit dem Konterfei Zwinglis herausbrachte.
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Menschen bewahren (Abb. 3). 7 In eine ähnliche Richtung geht auch die öster-
reichische Marke des Jahres 2017, die schlicht eine Lutherbibel zeigt (Abb. 4). 8
2 Was ist (k)ein Reformationsmotiv?
Diese Vorüberlegungen führen zu der grundsätzlichen Frage: Was ist eigent-
lich ein Reformationsmotiv? Im Gegensatz zu Motiven aus Bereichen wie
Tierwelt, Raumfahrt oder Eisenbahn ist das nicht ohne weiteres klar. 9 Das gilt
insbesondere für die Frage, ob ein Bauwerk Reformation repräsentieren kann,
gerade dann, wenn es neben dem reformatorischen noch in anderen Erinne-
rungsnetzwerken auftaucht. Das gilt insbesondere für den Ort der deutschen
Romantik, die Wartburg. Die Wartburg auf einer Briefmarke ist nicht automa-
tisch ein Reformationsmotiv. Luther hat dort zwar ein paar Monate verbracht.
Aber die Burg ist eben auch der Ort des Wartburgfestes nach den Napoleoni-
schen Kriegen 1817, auch Erinnerungsort für das Fest der Burschenschaften
1848, auch für das schon sozialistisch gefärbte Studentenfest von 1948 und
nicht zuletzt wurde sie durch Wagners Tannhäuser-Oper populär und damit
auch zur romantischen Fluchtburg par excellence. Die Wartburg ist zu breit in
ihrer Symbolik, um allein Reformation verkörpern zu können. 10
7 Vgl. auch: Hellmund: Unter die Lupe genommen, S. 112–113.
8 Das Bibelmotiv hat in Österreich eine gewisse Tradition, schon der Wohlfahrtsmarkensatz von
1953 (Michel, Österreich, 989–993) zum Wiederaufbau der evangelischen Schule in Wien ent-
hielt eine Marke zu 1,50 Schilling+40 Groschen mit dem Motiv einer auf der Titelseite aufge-
schlagenen Lutherbibel; vgl. auch: Hellmund: Unter die Lupe genommen, S. 58–59 sowie die
kurze, für Kinder aufbereitete Kolumne eines unbekannten Autors dazu in: Morgenstern. Ein
Sonntagsblatt für Kinder 65 (1956) 38, unpag. [S. 2].
9 Bisweilen gewinnt man auch bei Katalogen den Eindruck, dass die Grenzen dessen, was ein
Reformationsmotiv sein könnte, sehr weit, vielleicht zu weit gefasst werden. Während sich der
Brettener Katalog von 1997 auf das ›Kerngeschäft‹ beschränkt (Melanchthon, Luther, Wartburg
und Bibel), wird es bei: Hellmund: Unter die Lupe genommen, S. 12–19, 26–29, schon arg aus-
ufernd mit Markenbesprechungen zu Hus und Savonarola und zu Luthers Ausbildungsorten
Magdeburg und Erfurt, bei denen die Markenmotive gar keinen Lutherbezug aufweisen. Ähn-
lich, aber nach anderer Anordnung, geht auch Jobsky vor, wobei fragwürdig ist, welche Beiträge
der Abdruck eines Anna Selbdritt-Gemäldes von Albrecht Dürer auf einer Marke aus Burkina
Faso oder ein Satz mit Bildern zu Genesisversen auf israelischen Marken in diesem Kontext leis-
ten (vgl. Jobsky: Die Reformation des Doktor Martin Luther, S. 17 und 23). Gerhard Baron:
Protest des Gewissens, verwendet ebenfalls deutlich über den engeren Lutherbezug hinausge-
hende Marken, bettet diese aber präziser in Luthers Lebens- und Schaffensweg ein und kontex-
tualisiert sie in den Frömmigkeitsbewegungen des frühen 16. Jahrhunderts, sodass Bezüge zu
Luthers Zeit klarer hervortreten.
10 Dabei ist die Wartburg die wohl insgesamt am häufigsten auf deutschen Briefmarken abgebilde-
te Burg: Michel, DR, 261, 474; Michel, DDR, 836, 1233, 1234, 1235, 3350; Michel, BRD, 544,
3319. Die gleiche Problematik – repräsentiert ein Bauwerk Reformation? – zeichnet sich auch
beim Lutherhaus in Eisenach ab. Die von der DDR herausgegebene Marke (Michel, DDR, 2298)
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Eine ähnliche Problematik lässt sich auch bei Portraits beobachten. Ohne
Zweifel gehört Philipp Melanchthon zur ersten Riege der Reformatoren. Wenn
sein Bildnis aber in einem DDR-Sondermarkensatz mit Werken Albrecht
Dürers auftaucht, dann soll an Dürer erinnert werden und nicht an Melan-
chthon (Abb. 5). 11 Gleiches gilt für das Portrait von Luthers Mutter Marga-
rethe, die in einem Satz der DDR-Post mit Werken Lucas Cranachs erscheint
(Abb. 6). Auch die bundesdeutschen Marken mit Abbildungen Luthers (1952)
und Calvins (1964) entstanden nicht, um an die Personen selbst zu erinnern,
sondern anlässlich der Tagungen der lutherischen bzw. reformierten Weltkon-
gresse, die in der BRD stattfanden (Abb. 7–8). Man könnte also formulieren,
dass bei der Beurteilung, ob eine Abbildung auf einer Briefmarke ein Reforma-
tionsmotiv ist, eine Nachrangigkeit der Abbildung als solcher hinter der Erst-
rangigkeit dessen, was oder woran mit diesem Bild erinnert werden soll, vor-
liegt.
Ähnlich, aber etwas schwieriger ist es in einem anderen Grenzbereich. Im
Jahr 1959 brachte die Schweiz eine Marke zum 400. Gründungsjubiläum der
Universität Genf heraus (Abb. 9). Zu sehen sind vor dem Hintergrund des
Universitätsgebäudes Johannes Calvin als Gründer und Theodore de Bèze als
erster Rektor. Die akademische Entwicklung reformierter Theologie ist ohne
die Genfer Universität zwar kaum denkbar – aber ist diese Briefmarke deshalb
schon ein Reformationsmotiv oder doch eher ›nur‹ eine Erinnerung an die
Gründung einer akademischen Lehr- und Forschungseinrichtung? Mit dem
Problemkomplex Universität, Theologie und Glauben sah sich auch die junge
DDR 1952 konfrontiert. In dieser Zeit noch stalinistisch und durchaus kir-
chenfeindlich orientiert, war die Frage, wie an die Gründung der Wittenberger
Universität vor 450 Jahren erinnert werden sollte, durchaus pikant. Der beauf-
tragte Künstler Erich Gruner reichte hierzu zwei Entwürfe beim Ministerium
ein. Modell 1 zeigte das Luthergemälde Lucas Cranachs von 1540 sowie als
Sockel das Augusteum (Universitätsgebäude) und das Lutherhaus (Augusti-
nerkloster) aus östlicher Sicht, Modell 2 bildete Luther nach dem Cranachbild-
nis von 1546 auf einem Sockel mit den gleichen Gebäuden aus südöstlicher
Ansicht ab. Gruners Entwürfe kamen nicht zur Ausführung. Das Ministerium
wünschte vielmehr lediglich die Ansichten der Gebäude. Jeglicher Bezug zum
Theologen Luther und eventuelle Assoziationen mit christlichem Gedankengut
hatten zu unterbleiben. Selbst der Namenszug Martin-Luther-Universität – der
Name war 1933 eingeführt worden – wurde getilgt und gegen Universität Hal-
erschien in einem Sondermarkensatz über Fachwerkbauten, stand also eindeutig in einem ar-
chitektonischen, nicht in einem reformationshistorischen Kontext.
11 Vgl. auch: Hellmund: Unter die Lupe genommen, S. 42–43.
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le-Wittenberg ausgetauscht (Abb. 10). 12 Im gleichen Jahr und auch 1958 wur-
den weitere Luthermarken aus gleichem Grund abgelehnt. 13
3 Von der (Un)Möglichkeit des Erinnerns:
Wann entstehen reformationsbezogene Briefmarken?
Postwertzeichen mit direktem Reformationsbezug entstanden üblicherweise
aus Anlass von Jubiläen. Neben dem sogenannten Thesenanschlag 1517 sind
dies, wie bei Personen üblich, Luthers Geburtsjahr und Sterbejahr, also 1483
und 1546. Nun fällt aber auf, dass genau diese Jubiläen vor den 1960er-Jahren
höchst selten vorkommen. Die Ursachen dafür sind eigentlich ganz banal. 1917
ist Krieg und Briefmarken zu besonderen Anlässen sind in dieser Zeit sowieso
noch selten. 1933 gab die Reichspost zwar eine Ganzsache mit Luthers Konter-
fei heraus (Abb. 1), 14 doch eine eigene Briefmarke wurde ihm nicht gewidmet.
1946 wiederum ist der Krieg gerade erst vorbei, die Verantwortung für das
Postwesen im in Trümmern liegenden Deutschland liegt bei den Alliierten –
Aufbau ist wichtiger als Reformationsgedenken. 15 Das einzige Produkt 1946 ist
12 Vgl. Peter Fischer/Alfred Fischer: Universitätsehrung 1952 ohne Martin Luther, in: Deutsche
Briefmarken Zeitung 74 (1999), S. 26–27. Das wiedervereinigte Deutschland löste die Frage
nach dem Motiv übrigens salomonisch: Es wurde nicht Luther als der wohl berühmtesten Pro-
fessor der Wittenberger Hochschule abgebildet, sondern ihr Gründer, Kurfürst Friedrich III.
(Michel, BRD, 2254); vgl. auch Günter Vogler: Luther oder Müntzer? Die Rolle frühneuzeitli-
cher Gestalten für die Identitätsfindung in der DDR, in: Hans-Joachim Gehrke (Hrsg.): Ge-
schichtsbilder und Gründungsmythen, Würzburg 2001, S. 417–437, hier: S. 422. Zu Gruners
künstlerischem Schaffen fehlt eine Gesamtdarstellung; einstweilen sei verwiesen auf: Lutz Hey-
dick: Der Leipziger Maler Erich Gruner (1881–1966), seine Kleinsteinberger Sommer und Bil-
der, Markkleeberg 2017 sowie Helmut Schimpfermann: Unsterblich durch Doppel-M. Erich
Gruner zum 125. Geburtstag, in: Deutsche Briefmarken Zeitung 81 (2006), S. 38–39.
13 Vgl. unten Anm. 27.
14 Die Untersuchung der von der Reichspost ab 1933 herausgegebenen Ganzsachen und Motiv-
postkarten mit verschiedenen Lutherportraits und Lutherorten und das dadurch vermittelte
Bild Luthers als deutscher Hetzer gegen die Juden bleibt hier außerhalb der Betrachtung. Ver-
wiesen sei dazu auf Reinhard Krüger: Luthers problematisches Erbe. Ein Juden-, Bauern- und
Frauenfeind auf deutschen Ganzsachen, in: Deutsche Briefmarken Revue (2017) 3, S. 40–44 und
(2017) 4, S. 40–43. Die Sonderstempel, die hier ebenfalls nicht behandelt werden, beschreibt für
06886 Lutherstadt Wittenberg, mit teils arg verkürzter Zusammenfassung veralteter Literatur,
Richard Thomas: Luther versus Tetzel. Gegnerische Mönche in der Philatelie, in: Heimatkalen-
der. Das Heimatjahrbuch für Stadt und Landkreis Wittenberg 20 (2017), S. 129–131.
15 Aufbaumarken sind ein typischer Markentyp in der sowjetischen Zone. In den westlichen
Zonen fehlen explizite Wiederaufbau-Motive fast vollständig, die einzige Ausnahme bildet hier
der Zuschlagsmarkensatz der Französischen Zone vom März 1949 zum Wiederaufbau Frei-
burgs (Michel, Französische Zone, 38–41). Dass einige Marken Kirchengebäude zeigen, ist, wie
oben angedeutet, nicht automatisch als religiöses Motiv anzusehen. Gleiches gilt auch für die
Friedenstaube (Michel, Gemeinschaftsausgabe Trizone, 959–962). Der Bizonensatz Bautenserie
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der umstrittene ›Wittenberg-Block‹, ein Privaterzeugnis ohne postamtliche
Genehmigung der sowjetischen Besatzungsmacht, deshalb auch schon bald
wieder eingezogen (Abb. 11). 16 Doch auch hier erinnert vom Motiv her ledig-
lich die Fußzeile an einen Zusammenhang mit Luthers Todesjahr, sonst folgt
der Block dem üblichen Schema und der Motivik lokaler Aufbaumarken dieser
Zeit. 17
Deshalb stehen zwei Gedenkjahre als die maßgeblichen Jubiläen im Vorder-
grund: 450 Jahre Thesenanschlag 1967 und Luthers 500. Geburtstag 1983. An
beiden Ereignissen lassen sich unterschiedliche Auffassungen und Interpreta-
tionen Luthers als Person, seiner Wirkungsstätten und seiner Taten und Theo-
logie auf der einen wie der anderen Seite der Berliner Mauer darstellen. Dass
Reformation aber noch weiter geht als die Lutherzentriertheit, die die histori-
sche und theologische Forschung zum Glück abgelegt hat, wird anhand von
Person und Wirken Thomas Müntzers nachzuvollziehen sein.
4 Getrenntes Erinnern:
Schwerpunkte der Reformationsgedenken in den beiden deutschen
Staaten aus philatelistischer und kirchenhistorischer Perspektive
In der DDR gab es aus Anlass des 450. Thesenanschlagsjubiläums 1967 einen
Sondermarkensatz von drei Werten (Abb. 12). Sie zeigen, historisch korrekt,
›Täter‹ und ›Tatort‹: Luther, das Augustinerkloster und die Schlosskirche.
von 1948 zeigt markante Bauwerke beider Zonen, neben dem Frankfurter Römer und dem
Brandenburger Tor die Münchner Frauenkirche und den Kölner Dom (Michel, Bizone, 73–
100). Anlass für ein Marienbild und ein Bild der Heiligen Drei Könige ist 1948 die 700-Jahr-
Feier der Grundsteinlegung des Kölner Doms (Michel, Bizone, 69–72). In der Französischen
Zone lässt sich ähnliches beobachten: Hier wird in der Badener Ausgabe das Freiburger Müns-
ter abgebildet (Michel, Französische Zone, 13, 27, 39), in der Rheinland-Pfälzer Ausgabe die
Dome in Worms und Mainz (Michel, Rheinland-Pfalz, 8, 10, 11, 39) – im übrigen in einem
Satz, in dem auch Karl Marx auftaucht – und in der Württemberg-Hohenzollerischen Ausgabe
die Abteien Bebenhausen und Zwiefalten (Michel, Württemberg-Hohenzollern, 6, 8, 13, 20, 22,
27, 29, 35). Obschon das Kloster Bebenhausen Mitte des 16. Jahrhunderts in eine evangelische
Schule umgewandelt wurde, sind alle gezeigten Kirchengebäude katholisch. Auch wenn die Lu-
thersache 1521 vor dem Reichstag in Worms verhandelt wurde, hat doch die Abbildung des
Wormser Doms damit nichts zu tun. So ist festzustellen, dass in der gesamten alliierten Besat-
zung 1946 keine Briefmarke erschien, die in irgendeiner Weise an den 400. Todestag Luthers
erinnerte noch überhaupt evangelische Kirchenmotive zeigte.
16 Vgl. Hellmund: Unter die Lupe genommen, S. 94–95.
17 Des bisher in der Forschung stiefmütterlich behandelten Lutherjubiläums des Jahres 1946
nimmt sich Johannes Schilling: Luther 1946, in: Jan Scheunemann (Hrsg.): Reformation und
Bauernkrieg. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik im geteilten Deutschland, Leipzig 2010,
S. 183–195, mit vielen Quellenzitaten an.
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Einerseits ist eine deutliche Abkehr von der stalinistischen Kirchenfeindlich-
keit wie noch 15 Jahre zuvor zu erkennen, zugleich aber auch keine kommu-
nistische Vereinnahmung Luthers. Sogar das Portrait ist stilsicher ausgewählt:
Cranachs Stich mit Doktorhut und Ordensgewand von 1520 ist am nächsten
an den Ereignissen dran. Die Motive bewegen sich also auf historisch sicheren
Pfaden.
Den Gegenpol dazu lieferte im gleichen Jahr die Bundespost. Natürlich war
auch hier der Thesenanschlag ein zu erinnerndes Ereignis. Doch Wittenberg
lag in der Zone. Wie also, selbst in Zeiten der Hallsteindoktrin, das andere
Deutschland nicht unnötig brüskieren? Das Ergebnis weist keinerlei Bezüge
zum Gedenkanlass auf und zeigt stattdessen eine Ansicht der Wartburg (Abb.
13). Die Wartburg war zwar eine Station im Leben Luthers, jedoch erst mehre-
re Jahre später und mit einem ganz anderen Schwerpunkt. Mit dem Thesenan-
schlag hat die Wartburg gar nichts zu tun. 18 Den motivlichen Fehlgriff rettete
auch der durchaus passende, eine Schriftrolle zeigende Ersttagsstempel nicht
mehr.
Nun lag die auch Wartburg freilich auf dem Gebiet jenseits der Demarkati-
onslinie. Umso mehr stellt sich die Frage, warum die Bundespost sich nicht
traute, ein Wittenberger Motiv zu nehmen. Denn die Sondermarke fiel genau
in die Zeit, in der ja auch die Dauermarkenserie Deutsche Bauwerke aus zwölf
Jahrhunderten für Aufsehen sorgte. 19 Bekanntermaßen gab es in dieser Serie ja
auch Ansichten von Bauwerken, die in der DDR, im polnischen Schlesien und
im sowjetischen Ostpreußen lagen und die beispielsweise die UdSSR als Pro-
pagandamarken verärgerten. 20 In dieser Serie gibt es auch ein Wittenberger
Motiv, das Melanchthonhaus (Abb. 14). Die Gründe für die Wahl des seltsa-
men Wartburgmotivs anlässlich des Thesenanschlaggedenkens bleiben also im
Dunkeln. 21
18 Vgl. so auch: Hellmund: Unter die Lupe genommen, S. 56.
19 Vgl. Michel, BRD, 489–503 sowie der Vorgängersatz Michel, BRD, 454–461.
20 5 Pfennig: Stettin Berliner Tor (Michel, BRD, 489), 10 Pfennig: Dresden Zwinger (Michel, BRD,
490), 60: Pfennig Neubrandenburg Treptower Tor (Michel, BRD, 496), 90: Pfennig: Königsberg
Zschokkesches Damenstift (Michel, BRD 499), 1 Deutsche Mark: Wittenberg Melanchthonhaus
(Michel, BRD, 500), 2 Deutsche Mark: Löwenberg Rathaus (Michel, BRD, 503).
21 Hierzu wäre zukünftig eine Recherche im Archiv des Bundespostministeriums notwendig.
Sowieso zeigen einzelne durchgeführte Stichproben, dass die Archivalien sehr erhellend bezüg-
lich der Motivauswahl sind. Gerade hier ist nach Alternativentwürfen, die nicht zur Ausführung
kamen, zu fragen. Publizierte Übersichten von Entwürfen sind bisher jedoch nicht häufig; als
Beispiele seien genannt: Eine Broschüre zu Michel, BRD, 1314: o. A.: Das Sonder-
Postwertzeichen der Deutschen Bundespost zur Ehrung des »Dichters von Radebeul« Karl May
(1842–1912), o.O. u. J. [wohl 1987] sowie die Entwürfe zur Melanchthon-Sondermarke von
1997 (Michel, BRD, 1902), in: Briefmarkenclub Bretten und Melanchthonhaus Bretten: Ausstel-
lung Reformation auf Briefmarken, S. 12–13.
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In den frühen 1960er-Jahren kam der Dauermarkensatz Bedeutende Deutsche
heraus. Dort finden sich auch Martin Luther wieder (Abb. 15). 22 Er steht dort
gleichberechtigt mit Gutenberg, Bach, Kant, Lessing, Goethe, Beethoven und
anderen. Es galt hier nicht, theologische Fragen aufzuwerfen, sondern heraus-
zustellen, dass Luther ein Deutscher ist, einer der größten Köpfe, die das Volk,
die Nation je hervorgebracht hat: Luther, der Deutsche. Zu dieser Konzeption
hat auf jeden Fall beigetragen, dass man sich entschied, Luther auf der 15-
Pfennig-Marke abzubilden – das war in den 1960er-Jahren der Tarif für Post-
karten. 23 Millionenfach schaffte es der Reformator so auf die Urlaubspost der
Wirtschaftswunderjahre, die Auflagenhöhe von 2,5 Milliarden Stück spricht
für sich. 24
Noch mehr hebt die Sondermarke von 1971 zum 450. Jahrestag des Worm-
ser Reichstags diese Interpretation hervor: Luther, der standhafte Deutsche,
der Kämpfer gegen die Fremdherrschaft eines nicht mal deutschsprechenden
deutschen Kaisers, der aufrechte Geist, der dem Herrscher die Stirn bietet.
Auch wenn die Szene etwas skizzenhaft gezeichnet ist, so wusste doch jedes
Kind aus dem Schulunterricht mit den Stichworten ›Luther vor Karl V.‹, die
auch auf der Marke abgedruckt sind, den Satz ›Hier steh ich, ich kann nicht
anders‹ zu verbinden. Dass es sich bei dem Verhör 1521 in Worms um ein
reichsrechtlich formalisiertes Verfahren handelte, spielte keine Rolle, es galt
den heroischen Luther in Szene zu setzen (Abb. 16). 25
Trotzdem gab es in der Bundesrepublik parallel bereits eine zweite Strö-
mung zu beobachten, die die ungleich schwierigere Aufgabe übernahm, theo-
logisch-inhaltliche Fragen und Jubiläen ins Bild zu bringen. Während das
vorherige Motiv noch einen Bezug zum damaligen historischen Grundwissen
hatte, wird es bei der Marke zum 450. Jahrestag der Überreichung der Confes-
sio Augustana schwierig, obschon eine ähnliche Szene abgebildet ist (Abb. 17).
Was aber die Confessio Augustana eigentlich ist, wo die Szene spielt und wel-
che immense Bedeutung die Bekenntnisschrift für die folgenden Jahrhunderte
22 Vgl. Michel, BRD, 347–362; vgl. zu diesem Satz auch den Beitrag von Björn Onken in diesem
Band.
23 Der Tarif von 15 Pfennig für eine Postkarte galt vom 1. März 1963 bis zum 31. März 1966 sowie
für einige Drucksachen und Büchersendungen (vgl. Postgebühren-Handbuch Deutschland,
München 2004, S. 245–246).
24 Die Sondermarke zum 400. Todestag Philipp Melanchthons von 1960 (Michel, BRD, 328) kann
man zwar ebenfalls unter der Kategorie »Große Deutsche« betrachten, sie bleibt jedoch hier au-
ßer Acht.
25 Aufgrund der nicht mehr überschaubaren Masse an Publikationen unterschiedlichster Qualität
zu Themen, Theologien und Ereignissen der Reformationsgeschichte wird an dieser Stelle wie
auch bei den folgenden, auf Briefmarken dargestellten Personen und Ereignissen auf Verweise
auf die historische und theologische Forschung grundsätzlich verzichtet.
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im innerprotestantischen wie im protestantisch-katholischen Diskurs hatte,
erschließt sich nicht ohne weiteres.
Sowieso stellt sich Designern von Briefmarkenmotiven die Frage, wie ein
theologisches Konzept in einem einzigen Bild dargestellt werden kann. Bei der
Augsburger Konfession ist es die Übergabeszene. Bei dem Jubiläum von Lu-
thers Katechismus hätte man schlicht einen Buchtitel nehmen können, so wie
beim Jubiläum des calvinistischen Heidelberger Katechismus auf jegliche Mo-
tivgestaltung verzichtet und lediglich der bloße Schriftzug abgedruckt wurde
(Abb. 18). Die Wahl fiel aber auf das biblische Motiv von Mose, der von
JHWH im Dornbusch die Gesetzestafeln erhält, während die Israeliten um das
goldene Kalb tanzen (Abb. 19). Ein direkter Bezug zum Katechismus, seinem
Inhalt und seiner Funktion fehlt.
Selbst die Marke von 1983 zum 500. Geburtstag Luthers blieb in der Bun-
desrepublik motivisch eher einfallslos. Tatsächlich zeigt sie aber einen gewissen
Wandel im Lutherbild auch im Westen. Statt des heroisch-deutschen Luthers
steht jetzt wieder der Theologe und Lehrer, der Prediger und Seelsorger im
Vordergrund, was durch seine Darstellung im Pastorentalar und den Finger-
zeig auf die von ihm übersetzte Bibel, mittelbar also einem Verweis auf das
sola-scriptura-Prinzip, hervorgehoben wird (Abb. 20). Sie macht im Vergleich
mit den anderen Marken der Bundespost auch deutlich, dass es in den 1960er-
bis 1980er-Jahren in Westdeutschland keineswegs eine einheitliche Lutherdeu-
tung gegeben hat.
Insgesamt scheinen die Motive der in der DDR verausgabten Briefmarken
etwas passender ausgewählt worden zu sein, sie sind jedoch im zu vermitteln-
den Geschichtsbild deutlich selektiver. 26 Schon beim Wittenberger Universi-
tätsjubiläum konnte gezeigt werden, dass der SED-Staat direkten Einfluss auf
die Gestaltung der Briefmarken nahm und bestimmte Motive verunmöglichte.
Gleiches galt für die Ablehnung von Briefmarken anlässlich der Tagung des
Lutherischen Weltbundes in Hannover und Berlin 1952 und zu Luthers 475.
Geburtstag 1958; die Begründungen des DDR-Postministeriums waren deut-
lich fadenscheinig. 27 Noch dazu galt Luther in der beginnenden DDR – ganz
26 Generell zur Historiographie der Reformationsgeschichte siehe Volker Leppin: Reformations-
geschichtsschreibung in der DDR und der Bundesrepublik, in: Scheunemann: Reformation und
Bauernkrieg, S. 33–47.
27 Vgl. Peter Fischer/Alfred Fischer: Warum die fromme Helene 1958 nicht auf eine DDR-Marke
kam. Kurioses und Ernsthaftes zu nicht erschienenen Marken, in: Deutsche Briefmarken Zei-
tung 68 (1993), S. 2016–2017. Der Vorschlag, 1952 zu den Kongressen in Hannover und Berlin
Sondermarken herauszugeben, stammte vom stellvertretenden Ministerpräsidenten Otto
Nuschke, der damit öffentlichkeitswirksam zu zeigen beabsichtigte, »daß die Regierung der
Deutschen Demokratischen Republik den Kirchen jede Möglichkeit gibt und jede Förderung
zuteil werden läßt, die der Erhaltung der für die evangelische Christenheit bedeutenden Luther-
Gedenkstätten gerecht werden«. Was die Marken konkret zeigen sollten, ist nicht bekannt. Bis
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im Sinne des Diktums von Karl Marx – als der Fürstenknecht, als derjenige,
der sich dem Willen der Feudalherren beugte, nicht aufrecht, sondern einge-
knickt, nicht revolutionär, sondern reaktionär. 28 Diesen Luther konnte man
nicht abbilden. Stattdessen rückte relativ plötzlich Thomas Müntzer in den
Fokus, der von der lutherzentrierten kirchen- wie profangeschichtlichen For-
schung bis dahin maximal als kurzzeitige Randerscheinung wahrgenommen
worden war. 29
Müntzer wurde um 1850 von Friedrich Engels in den Vordergrund einer
sozialistischen Reformationsgeschichtsschreibung gerückt, sozusagen als revo-
lutionärer Gegenpart zum reaktionären Luther. 30 Luther galt im protestan-
tisch-preußischen Historismus als deutsch-evangelische Identifikationsfigur.
Dagegen sahen Anhänger der sozialistischen Ideen, allen voran Rosa Luxem-
burg, in Müntzer eben jenen revolutionären Verfechter einer neuen sozialen
Ordnung und gestalteten ihn zum Vorläufer einer Idee des Sozialismus aus. 31
So wundert es dann auch kaum, dass Müntzer bereits 1953 als erster Wert in
einer Sondermarkenserie der DDR auftaucht als Vorkämpfer für die Freiheit
des deutschen Volkes gegen Fremdherrschaft und obrigkeitliche Repression,
noch dazu im direkten Zusammenhang mit dem preußischen Reformer Frei-
herr vom Stein als Bauernbefreier, aber auch mit Blücher, dem Wartburgfest
und den Barrikaden der 1848er Revolution. Müntzer wird, zumal in kämpferi-
scher Manier, als früher Aktivist für die Befreiung von Arbeitern und Bauern
gegen Fürstenwillkür dargestellt (Abb. 21).
Das Lutherbild der DDR unterlag, auch in Konfrontation mit Müntzer, in-
nerhalb kurzer Zeit einem tiefgreifenden Wandel. Hingegen blieb das
zum Entwurf scheint es nicht gekommen zu sein, denn Nuschkes Vorstoß wurde vom Postmi-
nisterium mit der knappen Begründung abgelehnt, dass »eine Vielzahl von kursfähigen Post-
wertzeichen […] für die Betriebsabwicklung im Postdienst nicht tragbar« sei (Zit. n. Fi-
scher/Fischer: Fromme Helene, S. 2016, die wiederum aus den Akten des Bundesarchivs Pots-
dam, DM 3 Ministerium für Post- und Fernmeldewesen zitieren). Tatsächlich waren im Mai
1952, als Nuschkes Vorschlag einging, nur 31 verschiedene Marken gültig (Michel, DDR, 251–
255, 271–272, 284–307), alle anderen sind spätestens zum 31. März 1952 ungültig geworden.
28 Vgl. beispielsweise – ohne den Begriff Fürstenknecht selbst zu verwenden – Karl Marx: Einlei-
tung zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie, in: Marx Engels Werke. Bd. 1, Berlin 1974, S.
378–391, hier S. 386: »Luther hat allerdings die Knechtschaft aus Devotion besiegt, weil er die
Knechtschaft aus Überzeugung an ihre Stelle gesetzt hat«.
29 Vgl. Vogler: Luther oder Müntzer, bes. S. 424.
30 Vgl. Friedrich Engels: Der deutsche Bauernkrieg, in: Marx Engels Werke. Bd. 7, Berlin 1973, S.
327–413, bes. S. 400–408.
31 Vgl. hierzu u. a. Horst Haun: Thomas Müntzer in der Geschichtswissenschaft der DDR bis zum
Beginn der siebziger Jahre, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 37 (1989), S. 715–731;
Alexander Fleischauer: »Die Enkel fechten’s besser aus«. Thomas Müntzer und die Frühbürger-
liche Revolution – Geschichtspolitik und Erinnerungskultur in der DDR. Münster 2010; Vogler:
Luther oder Müntzer, S. 418–421.
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Müntzerbild relativ konstant. Im Gegensatz zu Luther als Hetzer »wider die
räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern« 32 galt der Bauernkrieg als
erstes Aufflackern einer frühbürgerlichen Revolution und wurde als solche im
Sinne des historischen Materialismus interpretiert. Für die marxistische Ge-
schichtsforschung waren die von Müntzer angeführten Bauern jene, die sich
gegen die Kapital- und Feudalherren auflehnten und so eine Umwälzung der
bestehenden Verhältnisse in Richtung einer sozialistischen Staats- und Gesell-
schaftsvorstellung in Gang brachten. Dass sie in diesem Streit unterlagen, wur-
de ebenfalls in diesem Sinne interpretiert. Die Kleinbogenausgabe zum 450.
Jahrestag 1975 hebt genau diese Sicht auf die Geschichte anhand verschiedener
Holzschnitte hervor (Abb. 22). 33
Für genau diese sozialistische Interpretation eignete sich die lutherische Re-
formation mit ihren primär theologischen Anliegen nicht. Im Gegenteil: Gera-
de durch sein Engagement gegen die Bauern an der Seite der Fürsten war Lu-
ther persona non grata. Dass man ihm dennoch 1967 drei Marken gewidmet
hatte, lag jene Interpretation des Thesenanschlags zugrunde, Luther habe mit
seinen Hammerschlägen Struktur und Autorität der mittelalterlich-feudalen
Kirche ins Wanken gebracht. Doch gerade dieses positiver werdende Luther-
bild war Ende der 1960er-Jahre noch im Entstehen und seit dem Beginn der
DDR einem ständigen Wandel unterlegen, denn vom Fürstenknecht und Ur-
heber der ›deutschen Misere‹ – von Luther über Bismarck zu Hitler – bis zum
Auslöser der frühbürgerlichen Revolution ist es ein weiter interpretatorischer
Weg. Einerseits wurde dies durch eine Annäherung von Theologen und mar-
xistischen Historikern bewirkt. 34 In den 1970er-Jahren spielte andererseits
32 Vgl. D. Martin Luthers Werke, Kritische Gesamtausgabe (Weimarer Ausgabe) 18 (1908), S.
344–361.
33 Die Marken wurden zusammenhängend mit Zierfeld als Kleinbogen gedruckt. Die Bilder
zeigen (von oben links): Die herrschenden Produktionsverhältnisse mit Bauern bei der Fronar-
beit und bei der Abgabe des Zehnten an den Feudalherrn; Müntzer als zentrale Person; die Re-
volution mit bewaffneten Bauern und Bauern mit der Freiheitsfahne; die Niederschlagung mit
einem Bauern vor Gericht, der – im Sinne seiner revolutionären Sache – nicht einmal das Blut-
gericht der Sieger scheut.
34 Zur Lutherinterpretation und zum Lutherbild in der DDR vgl. (keineswegs erschöpfend) Mar-
tin Roy: Luther in der DDR. Zum Wandel des Lutherbildes in der DDR-Geschichtsschreibung,
Bochum 2000; Hans-Jürgen Schreiber/Achim Leschinsky: Luther vor der Revisionsinstanz. Der
Konflikt um das Luther-Bild und der Einfluß der Historiker auf die Revision des DDR-
Geschichtslehrplanes in den 80er Jahren, in: Zeitschrift für Pädagogik 46 (2000), S. 275–294;
Siegfried Bräuer: Informelle Kontakte zwischen marxistischen und nichtmarxistischen Refor-
mationshistorikern. Die Frühphase zwischen 1969 und 1979, in: Scheunemann: Reformation
und Bauernkrieg, S. 115–130; Wolfgang Flügel: Konkurrenz um Luther. Die Kirchen in der
DDR und die SED, in: Scheunemann: Reformation und Bauernkrieg, S. 149–162; Siegfried
Bräuer: Martin Luther in marxistischer Sicht von 1945 bis zum Beginn der achtziger Jahre, in:
Joachim Heise/Christa Strache (Hrsg.): Dialog über Luther und Müntzer. Zwanzig Expertenge-
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auch eine spürbare Tendenz zur Pflege des deutschen Erbes allgemein eine
Rolle. Honecker formulierte etwa, Luther sei einer der »größten Söhne des
deutschen Volkes« 35. Immerhin: Der Chef des Komitees zur Vorbereitung des
500. Geburtstags 1983 war Honecker selbst. 36 Ob sich nun dieses gewandelte,
auf einmal positiv besetzte Lutherbild in ›systemstabilisierender Absicht‹ bei
der SED-Führung durchsetzte, muss vorläufig offen bleiben. 37 Belegt ist jeden-
falls teils scharfer Widerstand seitens der Bezirksvertreter der SED gegenüber
Honeckers Plänen zur Lutherehrung. 38 Anhand der Briefmarken ist jedoch zu
sehen, dass diese neue Deutung von Luthers Wirken im Gedenkjahr 1983 eben
wegen der starken Spannungen doch eher weichgespült daherkam.
So präsentieren sich dann auch die Sondermarken zur Lutherehrung der
DDR 1983 unspektakulär: zwei Portraits nach Cranach und dazu die wenig
sinnstiftenden Siegel von Eisleben und Wittenberg – mehr nicht (Abb. 23). 39
Vielmehr ging es wohl darum zu zeigen, dass der ganze sozialistische Staat
hinter dem Plan steht; Luther wird, weil wenig pointiert, massentauglich an-
schlussfähig. Hier wurde staatlicherseits eben nicht so sehr der Theologe Lu-
ther geehrt, sondern der Luther, der einerseits die mittelalterlichen Verhältnis-
se ins Wanken brachte, sie zumindest in Frage stellte, und der andererseits ein
großer Deutscher war. Denn das Jubiläum 1983 fiel gerade in eine Phase von
Geschichtspolitik der DDR-Führung, die sich auf die Rehabilitation mehrerer,
bisher als kapitalistisch-feudalistisch gebrandmarkter großer Persönlichkeiten
der deutschen Geschichte konzentrierte. 40
spräche zwischen kirchlichen und marxistischen Reformationshistorikern in der DDR (1981–
1990). Eine Dokumentation, Berlin 2011, S. 307–357; Michael Beyer: Luther, Müntzer und der
Bauernkrieg in der DDR-Historiographie, in: Andreas Holzem, Volker Leppin/Claus
Arnold/Norbert Haag (Hrsg.): Martin Luther: Monument, Ketzer, Mensch. Lutherbilder, Lu-
therprojektionen und ein ökumenischer Luther, Freiburg 2017, S. 361–384, hier: S. 269–381.
35 Steffen Raßloff: Parteiauftrag Luther. Die staatliche Luther-Ehrung der DDR 1983, in: Kai Uwe
Schierz (Hrsg.): Luther. Der Auftrag. Martin Luther und die Reformation in Erfurt. Rezeption
und Reflexion, Erfurt 2017, S. 81–93, hier: S. 81, zit. n. Erich Honecker: Unsere Zeit verlangt
Parteinahme für Fortschritt, Vernunft und Menschlichkeit, in: Martin Luther und unsere Zeit.
Konstituierung des Martin-Luther-Komitees der DDR am 13. Juni 1980 in Berlin, Berlin 1980,
S. 9–18, hier: S. 11.
36 Vgl. Vogler: Luther oder Müntzer, S. 426.
37 Beyer: Luther, Müntzer und der Bauernkrieg, S. 362.
38 Vgl. Raßloff: Parteiauftrag Luther, S. 89–90.
39 Dabei fällt auf, dass der Luther auf der 85-Pfennig-Marke spiegelverkehrt zum Cranachbildnis
gedruckt wurde. Ob dies versehentlich oder absichtlich geschah, bleibt unklar; ein denkbarer
Ansatz wäre eine subtile Anspielung auf Luthers Rückwärtsgewandtheit nach 1525 (freundliche
Anregung von René Smolarski, Erfurt).
40 Vgl. Beyer: Luther, Müntzer und der Bauernkrieg, S. 362–365. In dieser Weise ist dann auch das
Schmuckfeld der Blockausgabe Michel, DDR, 2833/Block 73 zu sehen, das ja gerade den Titel
einer Bibel umgeben von feudalen Wappen zeigt; vgl. ferner auch Vogler: Luther oder Müntzer,
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Trotz allem gab es Unbehagen in der Partei, auch wegen des möglichen Erstar-
kens der Kirche als Störfaktor im real existierenden Sozialismus. So entschied
sich die SED, dem 500. Geburtstag Luthers kurzerhand nach einer überstürz-
ten Planung das Karl-Marx-Jahr zu dessen 100. Todestag entgegenzusetzen –
ein Gedenken, das man als sozialistische Staatspartei groß und ohne Einmi-
schung Dritter, schon gar nicht der Kirchen, begehen konnte. 41
Das Interesse an Thomas Müntzer als frühbürgerlichem Revolutionär war
trotz aller Lutherfreundlichkeit ungebrochen. Nach wie vor eignete sich Münt-
zer besser als Luther als Vorbild für den deutschen Sozialisten. So wurde dann
eben auch das Jubeljahr zum 500. Geburtstag Müntzers 1989 vorbereitet. 42
Gegenüber der Ausgabe von 1975 blieb der Block aber zurückhaltend und
zeigte neben dem bekannten Portrait nur dessen Wirkungsorte (Abb. 24).
Dezent, aber farblich herausgehoben zeigt der Block bereits das Gebäude des
Monumentalgemäldes von Bad Frankenhausen. Dieses 14 Meter hohe und 123
Meter lange Gemälde mit dem Titel Frühbürgerliche Revolution in Deutschland
war bereits 1974 angedacht worden. Bis der Maler Werner Tübke, der vom
Ministerium für Kultur damit beauftragt wurde, fertig war, dauerte es aller-
dings bis zum Herbst 1989. In dieser Zeit kam es durchaus immer wieder zu
Spannungen zwischen dem Künstler und dem Politbüro. Die Vermarktungs-
strategie des Kunstwerks schloss von Anfang an auch Postwertzeichen ein. 43
Dennoch fällt bei den fünf für die Briefmarken ausgewählten Bildausschnitten
ikonografisch auf: Um die ›Quelle der Wahrheit‹ gruppieren sich zwar Luther,
S. 417–437; Helmut Zeddies: Luther, Staat und Kirche. Das Lutherjahr 1983 in der DDR, Augs-
burg 1984; zuletzt Raßloff: Parteiauftrag Luther, S. 81–93.
41 Vgl. Raßloff: Parteiauftrag Luther, S. 90–91; Günter Wirth: Pflichterbe oder mehr? Zur Luther-
ehrung im Karl-Marx-Jahr in der DDR, in: Communio viatorum 26 (1983), S. 239–257.
42 Das Interesse an Müntzers theologischen Inhalten wurde von der SED-Führung freilich nicht
beachtet, ganz im Sinne des Diktums von Friedrich Engels, dass Müntzers Schriften »natürlich
voll des religiösen und abergläubischen Unsinns seiner Zeit« seien (Friedrich Engels: Fortschrit-
te der Sozialreform auf dem Kontinent, in: Marx Engels Werke. Bd. 1, Berlin 1974, S. 480–496,
hier: S. 489). Die theologische Forschung erhielt tatsächlich erst durch die Vorbereitungen zum
Müntzer-Jubiläum einen stärkeren Impuls, sich näher mit seinem theologischen Werk zu be-
schäftigen. Das breite Interesse verlor sich weitgehend durch die politische Wende 1989/90,
doch wurde die Müntzerforschung nach dem Ende der Staatlichkeit der DDR keineswegs obso-
let (vgl. u. a. Siegfried Bräuer/Helmar Junghans (Hrsg.): Der Theologe Thomas Müntzer. Un-
tersuchungen zu seiner Entwicklung und Lehre, Göttingen 1989; Siegfried Bräuer: Müntzer war
unter uns. Zum Müntzerverständnis in der evangelischen Theologie, in: Die Zeichen der Zeit 43
(1989), S. 200–206; Bernhard Lohse: Thomas Müntzer in neuer Sicht. Müntzer im Licht der
neueren Forschung und die Frage nach dem Ansatz seiner Theologie, Göttingen 1991; Adolf
Laube: Theologie und Sozialvorstellungen bei Thomas Müntzer, in: Geschichte in Wissenschaft
und Unterricht 42 (1991), S. 469–478).
43 Vgl. Bärbel Mann/Jörg Schütrumpf: Werner Tübke – Frühbürgerliche Revolution in Deutsch-
land. Panorama auf dem Schlachtberg bei Bad Frankenhausen, in: Monika Flacke (Hrsg.): Auf-
tragskunst in der DDR 1949–1990, München/Berlin 1995, S. 369–382, hier: S. 376.
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Erasmus, Dürer und Hutten, nicht aber Müntzer. Er steht weiter weg inmitten
des Schlachtgetümmels, mit nachdenklich-resignierter Haltung und gesenkter
Fahne (Abb. 25). 44 Tübke hatte sich von Anfang an gegenüber der Staatsfüh-
rung künstlerische Freiheit ausgehandelt, sodass diese Darstellung Müntzers
und der Reformation also weit weniger direkt durch die SED beeinflusst gewe-
sen ist. Anders formuliert: Von revolutionärer Klassenkampfideologie ist auf
dem Gemälde und den Briefmarken kaum eine Spur. Dass die Mauer nur zwei
Monate nach der politisch gefärbten Einweihungsfeier am 14. September 1989
fiel, machte das Kunstwerk und mit ihm auch die Briefmarken zum Abgesang
des untergehenden Staates. 45
5 Schlussbetrachtung
Im Kalten Krieg zeigten Briefmarken Personen, Orte und Ereignisse, woran
der Staat in seinem jeweiligen System erinnern wollte und wovon er wollte,
dass auch seine Bürger sie in bestimmter Art und Weise erinnern. Beide Sys-
teme wollten die Reformation und ihre Protagonisten erinnern.
Anhand der Briefmarkenmotive fällt auf, dass die Post der alten Bundesre-
publik nach der Phase der späthistoristisch anmutenden Glorifizierung Martin
Luthers als großem Deutschem keine in sich geschlossene Lutherdeutung an-
bot und zugleich – neben vorsichtigen Anklängen an Melanchthon und Calvin
– dennoch in einer Lutherzentriertheit steckenblieb. In der DDR hingegen war
Luther den Chefideologen zunächst viel zu sehr im feudalistischen System
verstrickt. Er, der sich gerade gegen die aufständischen Bauern engagierte, war
als Identifikationsfigur in einem Bauernstaat, der sich in seinem Selbstver-
ständnis auf revolutionäre Traditionen berief, untauglich: Das neue Deutsch-
land brauchte eine neue Identifikationsfigur und fand sie, nach Anleitung von
Engels und Luxemburg, in Thomas Müntzer. Er eignete sich hervorragend zur
Verkörperung der Reformation als im Bauernkrieg gipfelnder frühbürgerlicher
Revolution. Dieses staatlich gelenkte Geschichtsbild zog sich bis zur Wende
1989/90 durch die Reformationsmotivik der DDR-Post. Die Ambivalenz Lu-
thers zwischen Reformator und Fürstenknecht brach in der DDR erst in einem
langsamen Prozess auf. Noch in den 1980er-Jahren war die Aushandlung der
Deutung Luthers in marxistischer Perspektive keineswegs vorbei, gleichwohl
44 Hier besonders Michel, DDR, 3270 und 3271; vgl. auch: Beyer: Luther, Müntzer und der Bau-
ernkrieg, S. 367.
45 Vgl. Mann/Schütrumpf: Werner Tübke – Frühbürgerliche Revolution in Deutschland, S. 378.
Honecker selbst war bei der Einweihung nicht anwesend (vgl. Beyer: Luther, Müntzer und der
Bauernkrieg, S. 366).
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aber eine Ehrung einschließlich Briefmarken staatlicherseits bereits machbar.
Dennoch galt in beiden deutschen Staaten, dass über die Wahl von Briefmar-
kenmotiven – im Westen weniger, im Osten mehr – ein normatives Ge-
schichtsbild eines Prozesses vermittelt werden sollte, der in seinen Grundanlie-
gen eigentlich theologischer Natur war. 46
Ob sich die privatisierte Post im wiedervereinigten Deutschland davon los-
gemacht hat, ist eine andere Frage. Von der UNESCO-Marke abgesehen ist die
Konzentration auf Köpfe statt auf Konzepte jedenfalls auffällig. Positiv fällt
zwar auf, dass mit Martin Bucer nun auch die ›zweite Garde‹ der Reformatoren
abgebildet wurde und mit Katharina von Bora erstmals eine Frau erschien. Ob
die Lutherbibel, die mit dem Gedenkjahr 2017 gar nichts zu tun hat, passend
ist, und was der Einzelne mit dem stilisierten Lutherkopf 2017 verbindet, ist
jedoch nicht mehr geleitete Geschichtspolitik, sondern jedem selbst überlas-
sen. 47
46 Auch wenn Müntzer nie eine bundesrepublikanische Marke zierte: Eine automatische System-
analogie DDR–BRD gleich Müntzer versus Luther gab es ausdrücklich nicht, wenngleich das
mit den Motiven der Briefmarken Michel, BRD, 149 und Michel, DDR, 3271 gestaltete Titelbild
von Scheunemann: Reformation und Bauernkrieg, diesen Eindruck erweckt.
47 Vgl. 500. Todestag Martin Luthers (1996, Michel, BRD, 1841); 500. Geburtstag Philipp Melan-
chthons (1997, Michel, BRD, 1902); 500. Geburtstag von Katharina von Bora (1999, Michel,
BRD, 2029); 450. Todestag Martin Bucers (2001, Michel, BRD, 2169); UNESCO-Erbe Luther-
gedenkstätten in Eisleben und Wittenberg (2009, Michel, BRD, 2736); 500. Geburtstag Johannes
Calvins (2009, Michel, BRD, 2744); Lutherübersetzung der Bibel (2017, Michel, BRD, 3277);
500 Jahre Reformation (2017, Michel, BRD, 3300).
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Abbildungen
Abbildung 1
450. Geburtstag Martin Luthers (1933, Michel, DR (Ganzsache), P 224).
Abbildung 2–4
400. Todestag Calvins (1964, Michel, Frankreich, 1475); 450 Jahre Reformation (1967, Michel,
Österreich, 1249); 500 Jahre Reformation (2017, Michel, Österreich, 3323).
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Abbildung 5–7
Philipp Melanchthon (1971, Michel, DDR, 1674); Margarete Luther (1972, Michel, DDR, 1771);
Lutherischer Weltbundes (1952, Michel, BRD, 149).
Abbildung 8–10
Tagung des Reformierten Weltbundes (1964, Michel, BRD, 439); 400 Jahre Universität Genf (1959,
Michel, Schweiz, 671); 450 Jahre Universität Halle (1952, Michel, DDR, 318).
Abbildung 11
400. Geburtstag Luther (1946, Michel, Lokalausgabe Wittenberg, nicht-amtliche Ausgabe).
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Abbildung 12
450. Jahrestag des Thesenanschlags (1967, Michel, DDR, 1317–1319).
Abbildung 13–15
450. Jahrestag des Thesenanschlags (1967, Michel, BRD, 544); Wittenberg (1966, Michel, BRD,
500); Martin Luther (1961, Michel, BRD, 351).
Abbildung 16–18
450. Jahrestag des Wormser Reichstags (1971, Michel, BRD, 669); 450. Jahre Augsburger Bekennt-
nis (1980, Michel, BRD, 1051); 400 Jahre Heidelberger Katechismus (1963, Michel, BRD, 396).
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Abbildung 19–21
450 Jahre Katechismus von Martin Luther (1979, Michel, BRD, 1016); 500. Geburtstag von Martin
Luther (1983, Michel, BRD, 1193); Thomas Müntzer (1953, Michel, DDR, 398).
Abbildung 22
450. Jahrestag des Deutschen Bauernkrieges (1975, Michel, DDR, 2013–2018).
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Abbildung 23
500. Geburtstag von Martin Luther (1982, Michel, DDR, 2754–2757).
Abbildung 24
500. Geburtstag von Thomas Müntzer (I) (1989, Michel, DDR, Block 97).
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Abbildung 25
500. Geburtstag von Thomas Müntzer (II) (1989, Michel, DDR, 3269–3273).
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Dietrich Ecklebe
Welterbe auf Briefmarken. Eine jedem zugängliche Quelle
1 Einleitung
Der Beitrag versucht, an ausgesuchten Beispielen einen Überblick über die
Präsentationsweisen von UNESCO 1-Welterbestätten auf Briefmarken zu ge-
ben. Im Mittelpunkt soll hierbei die historische Entwicklung stehen und es soll
versucht werden, die Rolle der Briefmarke insbesondere in ihrer breitenwirk-
samen Erinnerungs-, Mahn- und auch Werbefunktion herauszustellen.
Dabei stehen die Objekte des Weltkultur- und Weltnaturerbes im Mittel-
punkt des Interesses, während das immaterielle Weltkulturerbe und das Do-
kumentenerbe unberücksichtigt bleiben müssen. Im ersten Abschnitt werden
von der UNESCO unterstützte Rettungsaktionen von Kulturgütern bis 1972
behandelt, die dazu beitrugen, dass die Idee, eine Welterbeliste einzurichten,
entstand. Im zweiten Abschnitt werden Objekte behandelt, die in ihrer Exis-
tenz bedroht sind oder sogar schon teilweise zerstört wurden. Zum Abschluss
sollen Beispiele des Weltnaturerbes aufgezeigt werden.
1972 wurde von der UNESCO genau festgelegt, was als Welterbe eingestuft
werden kann:
»Die Generalkonferenz der Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissen-
schaft und Kultur, die in der Zeit vom 17. Oktober bis 21. November 1972 in Paris zu ih-
rer 17. Tagung zusammengetreten ist, beschließt am 16.11.1972 dieses Übereinkommen
- in Hinblick darauf, dass das Kulturerbe und das Naturerbe zunehmend von Zerstörung
bedroht ist, nicht nur durch die herkömmlichen Verfallsursachen, sondern auch durch
wirtschaftliche Verhältnisse, der durch noch verhängnisvollere Formen der Beschädigung
oder Zerstörung die Lage verschlimmert
1 Die United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization (UNESCO) ist eine Un-
terorganisation der UNO, die den Bereichen für Kultur und Bildung verpflichtet ist.
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- in der Erwägung, dass der Verfall oder der Untergang jedes einzelnen Bestandteils des
Kultur- oder Naturerbes eine beklagenswerte Schmälerung des Erbes aller Völker der
Welt darstellt; […]
- in der Erwägung, dass es angesichts der Größe und Schwere der drohenden neuen Ge-
fahren Aufgabe der internationalen Gemeinschaft als Gesamtheit ist, sich am Schutz des
Kultur- und Naturerbes von außergewöhnlichem universellem Wert zu beteiligen, indem
sie eine gemeinschaftliche Unterstützung gewährt, welche die Maßnahmen des betreffen-
den Staates zwar nicht ersetzt, jedoch wirksam ergänzt«. 2
Im Jahre 1978 wurden die ersten Kultur- und Naturstätten auf die Welterbelis-
te gesetzt. 3 1979 erschienen in Ecuador die ersten Briefmarken, die auf dieses
Welterbe hinweisen und das Logo der UNESCO zeigen. 4
Die Darstellung der Welterbestätten auf Briefmarken kann durchaus von
der Realität abweichen. Die Briefmarke als Kleinkunstwerk muss sich auf das
Wesentliche der Darstellung beschränken. Dadurch kann es dazu kommen,
dass Dinge gemeinsam dargestellt werden, die in der Realität nicht zusammen
liegen. 5 Ältere Briefmarken zeigen die Bauten so, wie sie zur Herausgabe der
Briefmarke ausgesehen haben. Inzwischen hat sich das Aussehen durch Res-
taurierungen oder Umbauten mitunter verändert. 6 Es kommt aber auch vor,
dass bewusst historische Ansichten auf Briefmarken abgebildet werden. 7 Unter
anderem durch Kriege, Geldmangel, Naturkatastrophen oder Umweltzerstö-
rungen werden Bauwerke zerstört und Tiere und Pflanzen bedroht. Briefmar-
ken sind dabei Teil einer öffentlich gemachten Bestandsaufnahme, wie sich das
Welterbe und die Sicht darauf im Laufe der Zeit veränderten. Aktuelle Beispie-
le dafür sind die Zerstörungen durch den Islamischen Staat (IS) in Syrien und
im Irak. Zahlreiche Briefmarken zeigen Palmyra in Syrien vor der Zerstörung
2 Auszug aus der Konvention zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Menschheit, zit. n.
UNESCO (Hrsg.): Naturwunder und Kulturschätze unserer Welt. Indischer Subkontinent,
München 1998. S. 6.
3 Ende 2017 gab es auf der Welterbeliste 1073 Stätten in 167 Ländern, wobei die Mehrheit Kul-
turstätten sind.
4 Bereits früher bildeten Briefmarken diese Kultur- und Naturstätten ab, aber noch nicht unter
dem Motto des Welterbes.
5 Beispiele dafür sind die Ausgaben Deutschlands in der Serie Welterbe: Michel, BRD, 1913:
Schloss Brühl und Schloss Falkenlust; Michel, BRD, 2615: Stralsund und Wismar; Michel, BRD,
2736: Bauten aus Lutherstadt Wittenberg und Lutherstadt Eisleben; Michel, BRD, 3299: der
Rammelsberg, die Altstadt von Goslar und das Oberharzer Wasserregal.
6 Ein Beispiel dafür ist die Stiftskirche in Quedlinburg. Eine Ganzsache des Deutschen Reiches
von 1934/35 zeigt die Kirche mit den spitzen gotischen Turmspitzen, die inzwischen den fla-
chen romanischen Turmspitzen weichen mussten. Die romanischen Turmspitzen sind Ergebnis
der Restauration von 1947 bis 1959 (vgl. Josef Walz: Der Harz, Köln 1993).
7 Beispiele dafür sind drei Ausgaben von Deutschland in der Serie Welterbe: Michel, BRD, 2253:
Dessau-Wörlitzer Gartenreich; Michel, BRD, 2536: Oberes Mittelrheintal und Michel, BRD,
3050: Kloster Lorsch.
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durch den IS im Jahr 2015. Auch die Vernichtung des Großen Buddhas von
Bamiyan im März 2001 durch die Taliban in Afghanistan ist ein Beispiel dafür.
Während die Briefmarken vor 2001 noch die intakte Buddha-Statue zeigen,
sieht man auf den späteren lediglich die leere Nische in der Felswand.
Auch Naturkatastrophen verändern das Bild der Städte und Landschaften
stark. Das Erdbeben in Nepal hat 2016 Kathmandu, eine Stadt, die seit 1979
zum Weltkulturerbe zählt, fast völlig zerstört. Zahlreiche Briefmarken Nepals
zeigen die Tempel und Paläste der Stadt vor der Zerstörung Kathmandus,
während Briefmarken, die dem Wiederaufbau der zerstörten Stadt und ihrer
Bauten gewidmet sind, noch fehlen.
Da für die Gestaltung der Briefmarken historische Ansichten herangezogen
werden, bieten Briefmarken ebenso wie Fotografien und Filmaufnahmen die
Möglichkeit, einem breiten Publikum die ursprüngliche Stätte zu zeigen.
Briefmarken, die dem Weltnaturerbe gewidmet sind, bilden häufig Tiere und
Pflanzen ab, die in dem jeweiligen Gebiet beheimatet sind und die häufig einer
der Gründe dafür waren, dass diese Gebiete einst unter Schutz gestellt wurden.
Viele dieser Tiere sind bereits ausgestorben. Gründe dafür sind neben der
Umweltverschmutzung und dem menschlichen Eingriff in die Lebensräume
mitunter auch Bürgerkriege, die beispielsweise in Afrika zu einer Intensivie-
rung der Wilderei geführt haben.
2 Rettungsaktionen unter Leitung der UNESCO
Die Entstehung der Konvention zum Schutze des Weltkultur- und Weltnatur-
erbes geht unmittelbar auf einige Rettungsaktionen von historischen Bauwer-
ken durch die UNESO zurück. Ausgangspunkt waren die altägyptischen
Denkmäler Nubiens, die in den Fluten des Assuan-Stausees zu versinken droh-
ten. Bereits vor dem Baubeginn (9. Januar 1960) machten Briefmarken auf die
bedrohten Tempel von Abu Simbl aufmerksam. 8 Danach erschienen in Ägyp-
ten fast jährlich Briefmarken zu diesem Thema. Am 8. März 1960 rief der Ge-
neraldirektor der UNESCO, Vittorino Veronese, alle Staaten dazu auf, einen
Beitrag zur Rettung der nubischen Denkmäler zu leisten. 9 Dem Aufruf folgten
51 Länder, die eine Summe von insgesamt 36 Millionen Dollar spendeten. 10
8 Erste Briefmarken erschienen in Ägypten 1959 und 1960: Michel, Ägypten, 596: Großer Tempel
von Abu Simbl; Michel, Ägypten, 618: Kleiner Tempel von Abu Simbl.
9 Vgl. Friedrich Hinkel: Auszug aus Nubien, Berlin 1978.
10 Zahlen nach: Radwan/Onsy: Abu Simbel, ohne Ort ohne Jahr.
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Gleichzeitig machten viele Länder darüber hinaus auch auf die Aktion durch
die Herausgabe eigener Briefmarken aufmerksam. 11
Wenige Jahre später mussten weitere Rettungsaktionen erfolgen. Trotz die-
ser umfangreichen Spenden waren weitere Maßnahmen zur Finanzierung
erforderlich. Daher bat Ägypten um internationale Hilfe und bot vor allem den
ausländischen Archäologen ideale Konditionen an, denn die Hälfte der bei der
Rettungsaktion gefunden Artefakte sollten in den Einrichtungen der Helfer
verbleiben dürfen. 12 So begannen Spezialisten vieler Länder mit der Rettung
der Tempel. Die Felsentempel von Abu Simbel, die bedeutendsten Bauwerke
des Neuen Reiches 13, die unter Ramses II. errichtet worden waren, wurden in
große Blöcke zersägt und an einer höher gelegenen Stelle, die nicht von der
Überflutung bedroht war, wieder aufgebaut (Abb. 1–2). Mehrere Briefmarken
Ägyptens erinnern an diese Aktion. Auch für den Tempel auf der Nilinsel
Philae wurden Rettungsaktionen gestartet. Bereits durch den Bau des ersten
Staudammes gerieten die Tempelbauten zeitweilig unter Wasser und oft ragte
lediglich ein Teil des Trajan-Kiosk aus dem Wasser (Abb. 3–8).
Für Ägypten war die Rettung der nubischen Denkmäler von großer Bedeu-
tung, waren sie doch Hauptanziehungspunkte für den Tourismus, auf die das
an Bodenschätzen arme Land dringend angewiesen war und immer noch ist.
Gleichzeitig war aber auch der Bau des Staudammes für die Versorgung des
Landes mit Energie von entscheidender Bedeutung, da der Strom die Grundla-
ge für den Ausbau der Industrie darstellte.
Diesen ersten Aktionen unter Federführung der UNESCO folgten weitere in
anderen Ländern. In Indonesien galt es, den Tempel von Borobudur (Abb. 9–
11) vor dem Verfall zu retten und in Pakistan waren es die Anlagen der Indu-
stal-Kultur, die ihren Höhepunkt in der Stadt Moenjodaro (Abb. 12) erlebte,
11 Folgende Länder (die Länderanordnung erfolgt nach der Reihenfolge im MICHEL-Katalog)
gaben Briefmarken dazu heraus: 1961: Monaco; 1962: Jemen-Nord, Libanon, Jugoslawien; 1963:
Afghanistan, Argentinien, Ghana, Korea-Süd, Marokko; 1964: Algerien, Dahomey, Elfenbein-
küste, Frz. Somaliküste, Gabun, Guinea, Indonesien, Kongo-Brazzaville, Kuwait, Laos, Mali,
Mauretanien, Nigeria, Niger, Obervolta, Pakistan, Senegal, Sudan, Tschad, Togo, Tunesien,
Uruguay, Zentralafrikanische Republik, Jordanien, Vatikan; 1965: Malediven; 1966: Guatemala,
Irak, Libyen, Syrien; 1971: Südjemen; 1978: Benin.
12 Durch dieses Angebot haben einige Länder ausgezeichnete Funde für ihre Museen bekommen,
zum Beispiel die damalige DDR die Funde aus Mussawwarat el Sufra und Polen die Fresken aus
Faras – beide Fundorte liegen im Sudan. Beide Länder gaben Briefmarken mit den Ausgra-
bungsfunden heraus: Michel, DDR, 1584–1590; Michel, Polen, 2010–2017.
13 Die altägyptische Zeit wird in drei Reiche und die Zwischenzeiten eingeteilt. Das Neue Reich ist
das jüngste der Reiche und umfasst die 18. bis 20. Dynastie von 1550 bis 1076 v. Chr. (Zeitan-
gabe nach: Dieter Arnhold: Die Tempel Ägyptens, Augsburg 1996). Die Jahreszahlen werden
bei anderen Autoren anders angegeben, z. B. bei Michalowski von 1567 bis 1085, (Kazimierz
Michalowski: Nicht nur Pyramiden, Warschau 1972).
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vor dem Wasser des Indus trocken zu legen. 14 In Europa sollten die Aktionen
der UNESCO zur Rettung Venedigs und der Akropolis in Athen beitragen und
schließlich galten die Aktionen der jemenitischen Hauptstadt Sana’a, die heute
mehr bedroht ist denn je. 15
Die Rettungsaktionen galten den Bauwerken, die Ursachen der Bedrohun-
gen wurden dadurch nicht beendet. Mit der Herausgabe der Briefmarken un-
terstützten die Länder das Bestreben, Kulturdenkmäler zu retten. Ziel dabei
war, die UNESCO davon zu überzeugen, dass entsprechende Gelder für die
Rettungsaktionen bereitgestellt würden. Es handelt sich also um eine Art Soli-
daritätsausgabe. Denkmal- oder Naturschutz auf Briefmarken gab es schon
lange, bevor es die Ernennung zum Welterbe gab.
Da diese Aktionen sehr teuer waren und damit gerechnet werden musste,
dass noch weitere Länder um Hilfe bitten würden, entstand der Gedanke, die
besonders wertvollen Baudenkmäler und Naturschönheiten in eine Welterbe-
liste aufzunehmen. Gleichzeitig hatten alle Länder, die dieses Abkommen un-
terzeichneten, einen eigenen finanziellen Beitrag zur Erhaltung der Welterbe-
stätte zu leisten. Mit diesen Geldern konnten beschädigte oder zerstörte Welt-
erbestätten restauriert oder wieder errichtet werden. Die Briefmarkenausgaben
vieler Länder unterstützten damit das Anliegen der Länder, in denen sich die
Kulturstätten befanden und der UNESCO, die Erinnerung an die Leistungen
der Menschheit in der Vergangenheit wach zu halten und zu würdigen. 16 Es
handelte sich um Werke, die zum Erbe der gesamten Menschheit gehören und
deren Erhalt nicht von Nationalität, Religion oder politischen Ansichten ab-
hängig sein sollte.
3 Zerstörungen
Jedes Volk besitzt seine eigene Vergangenheit mit den aus dieser Zeit stam-
menden Bauwerken und Dokumenten. Werden diese historischen Hinterlas-
14 Die Industalkultur war die erste Hochkultur auf dem Indischen Subkontinent. Die kulturellen
und politischen Zentren lagen am Indus im heutigen Pakistan. Die Blütezeit der Kultur war
zwischen 2300 und 1700 v. Chr.
15 Über die Bedrohung der jemenitischen Hauptstadt Sana’a siehe Kapitel Zerstörungen.
16 Auf der Internetseite der Deutschen UNESCO-Kommission kann man unter Welterbepro-
gramm der UNESCO nachlesen: »Was verbindet den Kölner Dom mit den Pyramiden Ägyp-
tens, den Mont Saint-Michel mit dem Tadsch Mahal oder die Inkastadt Machu Picchu in Peru
mit dem Ngorongoro-Krater in Tansania? Es sind Zeugnisse vergangener Kulturen, künstleri-
sche Meisterwerke und einzigartige Naturlandschaften, deren Untergang ein unersetzlicher
Verlust für die gesamte Menschheit wäre. Sie zu schützen, liegt nicht allein in der Verantwor-
tung eines einzelnen Staates, sondern ist Aufgabe der Völkergemeinschaft.«
(http://www.unesco.de/kultur/welterbe.html (letzter Zugriff: 13. Juni 2018)).
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senschaften bewusst vernichtet, greift man damit auch diese Vergangenheit
und somit die jeweilige nationale Identität an. Man demütigt das betreffende
Volk oder die betreffende Glaubensgemeinschaft und macht daher weder vor
sakralen noch weltlichen Bauwerken halt.
3.1 Jugoslawien
Bei den militärischen Auseinandersetzungen während des Zerfalls Jugoslawi-
ens in den Jahren des Balkankonfliktes (1991–2001) richteten sich zahlreiche
Angriffe gegen Orte, die zum Welterbe gehören, wie Dubrovnik und Šibenik in
Kroatien. Die historischen Städte Kroatiens sind bedeutende Touristenorte.
Durch ihre Zerstörung fügte man dem Land großen materiellen Schaden zu,
da der Tourismus auf lange Sicht eingeschränkt wurde.
Interessant ist die Tatsache, dass auf der Briefmarkenausgabe Kroatiens die-
se Angriffe aus Šibenik mit den Angriffen der osmanischen Türken vor rund
350 Jahren verglichen werden (Abb. 13–14). Wenn man die Angriffe der Ser-
ben auf kroatische Städte mit dem Angriff der Türken vergleicht, ist das ein
Aufruf an die eigene Bevölkerung zur Verteidigung des Landes.
Dubrovnik, die einstige ›Perle an der Adria‹, ließ sich sehr leicht beschießen.
Die hohen Berge, die sich nahe der Stadt erheben, boten ideale Geschützstel-
lungen. 17 Nach dem Ende des Krieges konnte Dubrovnik durch die Hilfe der
UNESCO restauriert werden und ist heute wieder ein Touristenziel ersten
Ranges (Abb. 15–17). Bei Stadtführungen verweist man natürlich auf die
Kriegsschäden, die die Serben angerichtet haben und erwähnt die eigenen
Gräueltaten in dem Krieg nicht.
In dem bosnischen Ort Mostar lebten orthodoxe Christen mit Katholiken
und Muslimen über Jahrhunderte gut zusammen. 18 Sinnbild dieser Symbiose
war die berühmte türkische Brücke von Mostar, die den christlichen mit dem
muslimischen Stadtteil verband (Abb. 18–19). Im Zuge des Kriegs, der den
Zerfall Jugoslawiens begleitete, übertrugen sich die auch religiös motivierten
Konflikte auf die Menschen in Mostar. Das Symbol der Verbindung zweier
Weltreligionen, die 4,49 Meter breite Brücke, in Form eines großen, steinernen
Bogens mit 28,70 Meter Spannweite, wurde gesprengt, sodass die Verbindung
auch real zerrissen war. Nach Kriegsende baute man die Brücke wieder auf
17 Zu den militärischen Auseinandersetzungen aus kroatischer Sicht siehe: Darko Novakovic:
Dubrovnik, Zagreb 2004, S. 35ff.
18 Mostar war seit 1767 Sitz des serbisch-orthodoxen Metropoliten. 1847 wurde es außerdem
katholischer Bischofssitz. Zahlreiche Moscheen aus türkischer Zeit standen der Bevölkerung
offen (vgl. Alija Bijavica/Mato Njavro: Mostar und Umgebung; Zagreb 2001).
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(Abb. 20–21), doch ob damit auch wieder die religiöse Toleranz einkehren
wird, ist fraglich. Bis heute müssen Truppeneinheiten den brüchigen Frieden
bewahren (Abb. 22).
Wenn mit Hilfe der UNESCO die Brücke wieder aufgebaut worden ist, soll
damit auch das Symbol des friedlichen Zusammenlebens von Vertretern unter-
schiedlicher Religionen wieder erschaffen werden. 19 Ziel dabei ist es, das ehe-
mals gute Verhältnis wieder herzustellen. Sicher wird es noch viele Jahre dau-
ern, bis die Schrecken des Krieges überwunden sein werden und die Vertreter
der Religionen wieder Vertrauen zueinander finden. Dazu kann die gemein-
same Erinnerung an die Brücke von Mostar beitragen. Die europäischen Län-
der unterstützen diesen Prozess durch die Entsendung von militärischen Ein-
heiten, um so in Mostar für Ruhe zu sorgen, wie der abgebildete Brief zeigt.
Man kann aber auch an den Briefmarkenausgaben der Länder, die nach
dem Zerfall Jugoslawiens entstanden sind, erkennen, dass man versucht, alte
Feindschaften zu überwinden. Im Jahre 2016 wurden die Stecci (mittelalterli-
che Grabsteine) zum Weltkulturerbe ernannt. Wissenschaftler aus Kroatien,
Bosnien-Herzegowina, Montenegro und Serbien hatten diesen Antrag gemein-
sam vorbereitet und die vier Länder haben ihn auch gemeinsam bei der
UNESCO eingebracht. Bisher gibt es nur einige Briefmarken zu diesem The-
ma, bei dem jedes Land eigene Beispiele zeigte. Da aber alle Stecci der gleichen
Kultur entstammen, erinnern diese Ausgaben auch an eine gemeinsame Ver-
gangenheit und können so dazu beitragen, das Zusammengehörigkeitsgefühl
der Menschen zu stärken (Abb. 23–26).
3.2 Afghanistan
Vom 1. bis 5. Jahrhundert n. Chr. prägte vor allem der Buddhismus Afghanis-
tan. Aus dieser Zeit sind bis heute bedeutende, teils einmalige Kunstwerke
erhalten geblieben. 20 Besonders die Gandhara-Kultur war ein Höhepunkt der
asiatischen Kultur. Mit der Vernichtung buddhistischer Kunstwerke brachten
die Taliban nicht nur eine intolerante Haltung gegenüber anderen Religions-
19 »Mostar ist ein außergewöhnliches Beispiel für multikulturell geprägtes urbanes Leben – aber
auch für die damit verbundenen Konflikte. Die Hauptstadt der Herzegowina, besonders die mit
internationaler Unterstützung 1998 bis 2004 wiederaufgebaute ›Alte Brücke‹ (Stari Most) über
die Neretwa, symbolisiert das Zusammenleben unterschiedlicher religiöser, kultureller und
enthnischer Gemeinschaften.« (Das Erbe der Welt unter dem Schutz der UNESCO – Europa
VIII, Augsburg 2008/2009, S. 64).
20 Vgl. Burchard Brentjes: Völkerschicksale am Hindukusch, Leipzig 1983.
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gemeinschaften zum Ausdruck, sondern sie griffen zielgerichtet die buddhisti-
sche Tradition des Landes an. 21
Am 11. März 2001 sprengten sie im Tal von Bamiyan in Afghanistan die be-
rühmten Buddhastatuen (Abb. 27–30). Mehr als 1000 Jahre war Bamiyan ein
wichtiges Zentrum des Buddhismus der Gandara-Kultur an der Seidenstraße.
Die große Buddha-Statue aus dem 6. Jahrhundert war mit einer Höhe von 55
Metern die größte weltweit und war direkt aus dem Felsen herausgeschlagen,
wobei die Details aus Schlamm, Lehm und Pferdehaar geformt worden sind
und an der Statue angebracht wurden. Die ›kleine‹ Buddhastatue erreichte
auch noch eine Höhe von 33 Metern. Das gesamte Tal war ein bedeutendes
Wallfahrtszentrum. Da die Auseinandersetzungen in Afghanistan stets die
Anlagen von Bamiyan bedrohten, konnte die Sicherheit der Denkmäler durch
die damalige Regierung nicht garantiert werden und sie wurden kein Welterbe.
Das Bamiyan-Tal wurde erst nach dem Sturz der Herrschaft der Taliban und
der Regierungsübernahme durch eine demokratische Regierung 2003 zum
Welterbe erklärt, eine Rettung war aber nicht mehr möglich (Abb. 31). 22 Die
UNESCO konnte jedoch dadurch weltweit auf den Vandalismus der Taliban in
Afghanistan aufmerksam machen und weltweit zur Unterstützung der Ret-
tungsaktionen aufrufen. Trotz der Zerstörungen blieben von den einstigen
12.000 Höhlen noch 700 erhalten. 23 Viele der Kunstwerke aus den einstigen
Höhlen wurden geraubt und verkauft, um Waffen zu finanzieren. Wenn wir
also von Vernichtung wichtiger Kulturgüter sprechen, müssen auch die ange-
klagt werden, die solche Kunstwerke für den Privatbesitz erwerben.
3.3 Irak und Syrien
Bei ihrem Versuch, einen islamischen Gottesstaat aufzubauen, zerstörte auch
der IS wertvolle Kulturgüter antiker, christlicher und muslimischer Traditio-
nen in Syrien und dem Irak durch Sprengungen oder durch Zertrümmern mit
Vorschlaghämmern. Im Irak erfolgte der Übergang zur Sesshaftigkeit, entstan-
den die ersten Städte und Staaten und bedeutende Bauwerke. Mächtige Reiche
21 Am 16. Februar 2001 wurde der Befehl bekannt, die Buddha-Statuen von Bamiyan als Götzen-
bilder (es gibt keine islamischen Götzenbilder – Bilderverbot im Islam) zu zerstören. In ihren
Sitzungen vom Dezember 1998, 1999 und 2000 hatte die UNO-Vollversammlung bereits alle
Länder aufgerufen, das afghanische Erbe zu erhalten. Am 10. März 2001 riefen die Botschafter
aller 54 Staaten der Islamischen Konferenz die Taliban zur Verschonung der Denkmäler auf
(vgl. Alonzo C. Addison: Bedrohte Paradiese, Hamburg 2008, S. 13).
22 Die UNESCO verlangt von den Regierungen Garantien für die Erhaltung der Welterbestätten.
Diese Garantien wurden in Afghanistan nicht gegeben und daher wurden die Statuen nicht in
die Welterbeliste eingetragen.
23 Addison, Bedrohte Paradiese, Hamburg 2008, S. 12.
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nahmen von hier ihren Ausgang und haben in den Tells 24 wertvolle archäolo-
gische Gegenstände hinterlassen. Ein Block vom Irak zeigt eine Landkarte mit
zahlreichen Ausgrabungsstätten. Briefmarken verbreiten also nicht nur Bilder
der jeweiligen Objekte, sondern popularisieren auch kartografische Informati-
onen (Abb. 32).
Die biblische Geschichte begann im Irak. Abraham stammte aus Ur in
Caldäa, dem alten Sumer im heutigen südlichen Irak. Man vernichtete Orte, an
denen einst die Erzväter des Judentums, des Christentums und des Islams tätig
waren. Viele dieser Orte wurden im Laufe der Jahrtausende schon mehrfach
zerstört.
Zu den Großreichen gehörte auch das Reich der Assyrer, das etwa ab 1000
v. Chr. den Vorderen Orient und Ägypten unter seine Herrschaft brachte. Das
Neuassyrische Reich 25 besaß am oberen Tigris drei Zentren: Assur, Kalchu und
Ninive. Auf den Wänden der Paläste wurden die Taten der Herrscher, die als
siegreiche Feldherren, bei der Ermordung ihrer Feinde oder als erfolgreiche
Jäger gezeigt wurden in Reliefs verewigt. In den Tempeln schmückten Reliefs
mit geflügelten Wesen die Wände. Geflügelte Stiere bewachten die Eingänge zu
den Palästen und Tempeln (Abb. 33–37). Der Kopf wurde deutlich herausge-
arbeitet, während der Körper in der Mauer verborgen und reliefartig ausgear-
beitet wurde. 26
Gerade die Zerstörung dieser Stierfiguren durch den IS ist deutlich belegt,
denn der IS hat ein Video ins Netz gestellt, auf dem zu sehen ist, wie IS-
Kämpfer mit Vorschlaghämmern diese Statuen zerstören. Dass sie damit die
Empörung ihrer Gegner auslösten, ist sicher eins ihrer Ziele gewesen. Im Irak
erschienen daraufhin Briefmarken, die genau diese Szenen zeigen. Man klagt
so die Terroristen an und beklagt gleichzeitig die Verluste (Abb. 38–40).
Auch in Syrien fielen dem IS zahlreiche bedeutende Kulturstätten zum Op-
fer, darunter die alte Handelsmetropole Palmyra. In Palmyra wurden in der
Antike die Handelsbeziehungen zwischen den Parthern im Osten und den
Römern im Westen geknüpft. Gleichzeitig kreuzten sich hier die Handelswege
von Norden nach Süden. So entwickelte sich eine gräko-römische Mischkultur,
24 Als Tell wird ein Siedlungshügel im Vorderen Orient bezeichnet. Da nach einer Zerstörung
immer wieder an der gleichen Stelle der Ort errichtet wurde, wuchs die Siedlung immer weiter
in die Höhe. Bei Ausgrabungen werden die übereinander liegenden Siedlungsschichten nachei-
nander abgetragen. Die Spuren der ältesten Siedlung liegen also ganz unten.
25 Die Assyrer errichteten im nördlichen Zweistromland zwei Reiche. Das Altassyrische Reich
bestand vom 18. bis 17. Jahrhundert v. Chr., das Neuassyrische Reich vom 10. bis 7. Jahrhun-
dert v. Chr. (Angaben nach: Barthel Hrouch: Mesopotamien, München 2000).
26 Zur Geschichte des Zweistromlandes siehe: Burchard Brentjes: Land zwischen den Strömen,
Heidelberg 1963; Henry W.F. Saggs: Völker im Lande Babylon, Stuttgart 2005; Barthel Hrouda:
Mesopotamien, München 2000.
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die aufgrund ihres erfolgreichen Handels einzigartige Bauwerke hervorbrachte.
Palmyra gehörte zum Imperium Romanum, doch in der Zeit der politischen
Krise des Reiches wählte die Stadt Septimus Odaenathus zum Herrscher. Sein
Sohn nannte sich 250 n. Chr. Fürst von Palmyra und der dritte Herrscher Oda-
enatus konnte große Gebiete des Sasanidenreiches erobern. Nach seinem Sieg
von Nisibis und Karrhae 266 n. Chr. nannte er sich Imperator. 27 Diese Titel
übernahm auch sein Sohn Vaballathus, für den aber dessen Mutter Zenobia
herrschte. Sie erklärte die Unabhängigkeit Palmyras, und eroberte ganz Syrien.
Vaballathus ließ sich sogar auf Münzen abbilden (Abb. 41). Kaiser Aurelian
(270–275 n. Chr.) beendete 272 n. Chr. die Selbständigkeit Palmyras.
Das Nationalheiligtum der Palmyrer, der Baal-Tempel 28, entstand 32 n. Chr.
und lag direkt an der Prachtstraße. Das Innere war von Säulenhallen einge-
säumt, die um 100 n. Chr. errichtet worden sind. In der Cella befanden sich die
Standbilder der obersten Götter Baal, Iarhibol und Aglibol, denen die kaiserli-
che Trias mit Kaiser Tiberius und seinen Söhnen Drusus und Germanicus
gegenüber standen. 29
Der Baal-Schamin-Tempel (Abb. 42) lag etwas abseits und wurde erst 131 n.
Chr. begonnen. Die 15 mal 10 Meter große Cella des Tempels war von Pfeilern
umgeben. Bedeutend wurde er dadurch, dass man dank der Funde den Tempel
rekonstruieren konnte. Die Reliefs auf den Simsen besitzen einen kosmologi-
schen Charakter, denn es wurden sieben Planeten dargestellt (Abb. 43). 30
Die Hauptstraße Palmyras entstand nach 220 n. Chr. und richtete sich nach
dem Verlauf des Wadis und entsprach so nicht den griechisch-römischen
Vorbildern. Das Zentrum bildete die Große Kolonnade mit dem Tetrapylon
im Zentrum (Abb. 44–47). Von den einst 860 bis 880 Säulen, auf deren Konso-
len sich Bronzeskulpturen der Wohltäter der Stadt befanden, hatte sich nur ein
Teil erhalten. Wie viele es heute noch sind, ist unsicher. Die Bildhauerei hatte
27 Kaiser Valerian geriet laut antiker Quellen mit 70.000 Soldaten (Diese Angabe ist jedoch, wie
Michael Sommer hervorhebt eine Übertreibung der antiken Autoren. Vgl. Michael Sommer:
Die Soldatenkaiser, 3. Auflage, Darmstadt 2014, S. 46) in Gefangenschaft der persischen Sassa-
niden und wurde dort umgebracht. Sein Nachfolger Gallienus beauftragte Odaenathus mit der
Rückeroberung der verlorengegangenen Gebiete und der Absetzung der beiden Gegenkaiser
Macrinus und Quietus. Er ließ die beiden Gegenkaiser ermorden und drängte die Sassaniden,
zurück. Von nun an nannte er sich Imperator und Corrector des ganzen Orients (vgl. Henri
Stierlin: Städte in der Wüste, Stuttgart/Zürich 1996 und Horst Klengel: Syria antiqua, Leipzig
1971).
28 In anderen Quellen auch Beel geschrieben, z. B. bei Stierlin: Städte in der Wüste.
29 Ebd., Kapitel ›Kaiserliche Trias‹, S. 147ff.
30 Ebd., Kapitel ›Der Baalschamin-Tempel‹, S. 153ff.
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einen sehr hohen Stand erreicht, was besonders bei der ›Schönen von Palmyra‹
zum Ausdruck kommt (Abb. 48). 31
3.4 Sana’a
Seit 1986 gehört Sana’a zum Weltkulturerbe der UNESCO. Doch das Land hat
auch in dieser Zeit nur wenige Friedenszeiten gekannt. So wurden erst 1990 die
Kriege zwischen den verfeindeten Staaten in Nord- und Südjemen, die von
Saudi Arabien beziehungsweise der Sowjetunion beeinflusst wurden, beendet. 32
Heute haben schiitische Huti-Milizen die Hauptstadt und große Gebiete des
Landes besetzt. Mit Unterstützung von Saudi-Arabien bekämpft eine sunniti-
sche Koalition die Huti-Milizen. Dabei geht es in dem Konflikt in erster Linie
um die Vorherrschaft im Vorderen Orient zwischen dem sunnitischen Saudi-
Arabien und dem schiitischen Iran, der wiederum die Huti-Milizen unter-
stützt. Als Kollateralschaden dieses Konfliktes werden auch viele einmalige
Kulturstätten beschädigt oder unwiederbringlich zerstört.
Sana’a gilt als die älteste Stadt der Arabischen Halbinsel. Die Gründung
wird Sem, dem ältesten Sohn Noahs zugeschrieben. Die Landwirtschaft brach-
te dank des Regens, der sich an den umliegenden bis über 3600 Meter hohen
Bergen abregnen kann, große Erträge. Reich wurde die Stadt aber vor allem
durch den Handel mit Weihrauch. Seit 628 n. Chr. ist das Land vorrangig
islamisch geprägt. Koranhandschriften, die bis in die Zeit unmittelbar nach
Mohammed zurückreichen, sind der Reichtum der Moscheen.
Sana’a ist von festen Mauer umschlossen. Das Marktviertel wurde durch das
Tor Bab al-Jemen, das nachts geschlossen war, betreten (Abb. 49–51). 33
Hinter den Mauern erstreckte sich ein farbenprächtiges Ensemble von Bür-
gerhäusern, Palästen und Moscheen. Insgesamt soll es in Sana’a einst 150 Mo-
scheen gegeben haben. Die älteste und bedeutendste ist die Große Moschee,
die Dschama el-Kabir, die noch zu Lebzeiten des Propheten Mohammed (um
570–632 n. Chr.) errichtet worden war (Abb. 52–54).
Besonders interessant sind die schmalen Bürgerhäuser, die über fünf oder
mehr Stockwerke verfügen. Die unteren Räume bestehen aus massiven Stein-
31 Zur Geschichte und Kunstgeschichte Palmyras siehe unter anderem Kazimierz Michalowski,
Palmyra, Leipzig 1968 und Michael Sommer: Palmyra. Biographie einer Weltkulturstätte,
Darmstadt 2017.
32 Vgl. https://www.zeit.de/1994/20/viele-staemme-kein-volk/seite-2 (letzter Zugriff: 12. Juni
2018).
33 Zur Geschichte und Baukunst Sana’as siehe: Cristina Erck/ Hermann J. Benning: Naturwunder
und Kulturschätze der Welt. Vorderasien, München 1998, S. 238ff. und Joachim Willeitner: Je-
men, München 2002.
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platten, denn man musste sich vor Räubern schützen. Das Erdgeschoß bot den
Tieren Platz. In der dritten Etage befand sich die Küche, darüber der Bereich
der Frauen und in der obersten Etage hatten die Männer ihr Domizil. Hier lag
auch der ›Mafradsch‹, der Empfangsraum, von dem man direkt auf die Dach-
terrasse gelangt. Die Fassaden waren durch horizontale Ziegelsteinbänder
gestaltet. Die Fenster besaßen weiße Stuckrahmen (Abb. 55–57).
Die UNESCO hat schon einmal eine Rettungsaktion für Sana’a durchge-
führt. Dennoch musste aufgrund der aktuellen Lage die UNESCO Sana’a auf
die Rote Liste der bedrohten Kulturstätten setzten.
3.5 Bikini-Atoll
Am Ende des 2. Weltkrieges setzten die USA die ersten Atombomben ein, an
deren Folgen bis heute Menschen sterben. Nach dem Ende des Zweiten Welt-
krieges und mit dem Einsetzen des Kalten Krieges waren die USA und die
Sowjetunion bestrebt, dem jeweils anderen die eigene militärische Überlegen-
heit zu demonstrieren. Dazu gehörte ein ständiges Wettrüsten. Daher began-
nen die USA auf Anordnung von Präsident Truman mit ihren Atombomben-
tests auf dem Bikini Atoll im Pazifischen Ozean.
Im Februar 1946 hatte der amerikanische Militärgouverneur der Marshall
Inseln, Raymond A. Spruance, die Bewohner des Bikini-Atolls gebeten, ihm
die Inseln ›vorübergehend‹ »for the good of mankind« 34, also für das Wohl der
Menschheit, auszuleihen. Die Verantwortlichen stimmten zu und so begann
die Evakuierung (Abb. 58, oben links). Die Einwohner hofften, dass sie wieder
zurück auf ihre Insel kämen, doch das geschah, da die Inseln bis heute wegen
der atomaren Verstrahlung unbewohnbar sind, bislang nicht. Medienwirksam
sollte die am 1. Juli 1946 gezündete Atombombe der Welt und besonders der
Sowjetunion zeigen, über welche Macht die USA verfügten. Man baute auf den
Inseln Beobachtungstürme (Abb. 59, oben rechts) auf, denn die Reporter soll-
ten der Welt hervorragende Bilder von der Waffenstärke der USA liefern kön-
nen. Rund 100 Schiffe ankerten vor dem Atoll. Sie hatten zwar keine Menschen
an Bord, aber Tausende von Tieren (unter anderem Ratten, Ziegen, Schweine
und Meerschweinchen), an denen man die Strahlenwirkung testen wollte. Die
Atombombe ›Gilda‹, die in einer Höhe von 8.000 Metern abgeworfen wurde,
hatte eine Sprengkraft von 23 Kilotonnen TNT und wurde in einer Höhe von
150 Metern gezündet. Nach wenigen Sekunden hatte der Atompilz eine Höhe
34 Zit. n. Maik Brandenburg: Verbrannt von tausend Sonnen, im Internet unter:
http://www.spiegel.de/einestages/atomtestinseln-bikini-atoll-a-946977.html (letzter Zugriff: 12.
Juni 2018).
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von 6.000 Metern und stieg dann bis 16.000 Metern auf. Die Temperaturen an
der Oberfläche erreichten 100.000 Grad Celsius (Abb. 59, 3. Briefmarke). Doch
die Bombe hatte nicht genau das Ziel getroffen und so waren ›nur‹ fünf Schiffe
versenkt. Viele der Journalisten reisten ab und so erhielt der nachfolgende
Bombentest, der am 25. Juli 1946 (›Baker-Day‹) durchgeführt wurde, bedeu-
tend weniger mediale Aufmerksamkeit. 35
Die Bombe ›Baker‹ wurde in einer Tiefe von 27 Metern unter Wasser ge-
zündet. Dadurch konnte man sie genau platzieren und so die Wirkung besser
messen. Die Plutoniumbombe hatte wieder eine Sprengkraft von 23 Kiloton-
nen TNT. Nach vier Millisekunden schoss ein Feuerball aus dem Meer und
schleuderte das verdampfte Wasser mit einer Geschwindigkeit von 600 Metern
pro Sekunde bis in eine Höhe von 2.000 Metern. Die so entstandene Wasser-
hose hatte einen Durchmesser von 600 Metern und 100 Meter starke Wasser-
wände (Abb. 59, unten links, 60). 20 Schiffe wurden mit in die Höhe geschleu-
dert. Nach zehn Sekunden brach alles zusammen und das herabstürzende
Wasser erzeugte eine Gischt von bis zu 600 Metern Höhe und einen Tsunami
mit 30 Meter hohen Wellen. Im Boden der Lagune blieb ein tiefer Krater zu-
rück, auf dessen Boden zahlreiche Schiffe lagen, darunter auch der Flugzeug-
träger USS Saratoga (Abb. 59, unten rechts). Die Detonation war so stark, dass
sie in den USA noch von seismischen Stationen als Erdbeben der Stärke 5,5
gemessen wurde. 36
Die USA legten Wert darauf, dass eine medienwirksame Auswertung erfolg-
te. Dazu hatte man eine riesige Zahl von Journalisten eingeladen, 20 Tonnen
Filmausrüstung und 600 Kameras auf das Bikini-Atoll gebracht und bei der
Vorbereitung und Durchführung rund 42.000 Amerikaner beschäftigt. 37
Am 28. Februar 1954 wurde die Wasserstoffbombe ›Bravo‹ gezündet. Sie
hatte eine Sprengkraft von 15 Megatonnen TNT und übertraf damit alle bishe-
rigen Bomben. Die Atompilzwolke hatte eine Breite von sieben Kilometern
und erreichte eine Höhe von 40 Kilometern. Erstmals kam es zu einem Fallout,
bei dem nuklear verseuchte Bestandteile auf einer Fläche von 18.000 Quadrat-
kilometern niedergingen und dafür sorgten, dass es Tote gab. 38
35 Sven Felix Kellerhoff: So zerstörte die Bombe das Bikini-Atoll, im Internet unter:
https://www.welt.deIgeschichte/article136709322/so-zerstoerte-die-bombe-das-bikinui-atoll
(letzter Zugriff: 12. Juni 2018); Brandenburg: Verbrannt von tausend Sonnen.
36 Vgl. https://www.atomicheritage.org/history/operation-crossroads (letzter Zugriff: 12. Juni
2018).
37 Ebd.
38 Maik Brandenburg: Das Paradies, in das die Bombe fiel, im Internet unter: http://www.
spiegel.de/panorama/bikini-atoll-das-paradies-in-das-die-bombe-fiel-a-399674.htm1 (letzter
Zugriff: 12. Juni 2016); Mari Yamaguchi: Japanische Fischer starben wie Aussätzige, im Internet
unter: http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/50-jahre-wasserstoffbombe-japanische-fisch
er-starben-woe-aussaetzige-a-288625.htmt (letzter Zugriff 12. Juni 2018).
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Dennoch erschienen in den USA bis heute keine Briefmarken aus diesem An-
lass, während die Marshall-Inseln, die zu diesem Zeitpunkt ein Treuhandgebiet
der USA waren, im Jahre 1964 eine erste Ausgabe dazu herausgaben. Mehrfach
gaben die Marshall-Inseln danach noch Briefmarken an dem Jahrestag des
ersten Atombombentests heraus. Sie wollten damit an die katastrophalen Er-
eignisse erinnern und gleichzeitig die Völker der Welt vor weiteren Atom-
bombentest warnen. 2016 klagte die Regierung der Marshall-Inseln mehrere
Staaten, darunter Indien, Großbritannien und Pakistan, wegen der Nichtteil-
nahme an den Atomwaffenabrüstungsverhandlungen an. 39 Bis heute bekennen
sich die USA nicht zu ihrer Verantwortung. Noch 2010 wurden die Klagen der
Insulaner auf Entschädigung von den USA abgewiesen. 40
Die Atombombentests wurden bis 1958 fortgesetzt. Die Kontaminierung
der Inseln, Schiffe und des Meeresbodens lag um das 80.000-fache höher als
zugelassen. Insgesamt fanden 67 Atombombenversuche statt. Die Unterlagen
unterliegen der Verschwiegenheit. Man bekommt kaum Informationen, mit
Ausnahme der beiden ersten Tests.
Es bleibt nur zu hoffen, dass die Vernunft siegen wird und solche Bilder nie
wieder zu sehen sein werden. Die Briefmarken sind nicht nur Quellen der
Geschichte, sondern vor allem Mahnung und ein Appell, alles zu tun, um sol-
che Schrecken zu verhindern (Abb. 61). Die Briefmarken von 1996 haben ei-
nen Zuschlag von je acht Cent. Dieses Geld sollte die Bewohner des Bikini-
Atolls finanziell unterstützen, denn sie leben noch heute unter existenzbedroh-
lichen Verhältnissen.
Die Marshall-Inseln haben in einer Ausgabe zur Jahrtausendwende deutlich
die Schrecken eines Atombombenabwurfes dargestellt, um so vor den Gefah-
ren zu warnen. Gleichzeitig wurde auf Briefmarken die Unterzeichnung des
Atomteststopabkommens vom 5. August 1963 gewürdigt, das die oberirdi-
schen Atombombentests der USA, der Sowjetunion und Großbritanniens
beendete (Abb. 62).
4 Weltnaturerbe
Auch beim Weltnaturerbe gibt es genügend Beispiele, dass Briefmarken als
Bildquellen für die Popularisierung von Ansichten, Wissen und bisweilen auch
Hintergründen anzusehen sind. Dabei können die Bezugspunkte sehr unter-
39 Vgl. http://www.spiegel.de/politik/ausland/marshallinseln-bringen-atommaechte-vor-gericht-
a-1081111.html (letzter Zugriff: 12 Juni 2018).
40 Vgl. http://www.atomwaffena-z.info/glossar/m/m-texte/artikel/2eccb8c015/marshall-inseln.
html (letzter Zugriff: 12 Juni 2018).
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schiedlich sein. Sowohl die Klimaerwärmung und das damit verbundene Ab-
schmelzen der Gletscher als auch das Aussterben oder die Rettung bestimmter
Tierarten gehören dazu.
Die Rhätische Bahn in Graubünden in der Schweiz und ein Teil der die
Bahnstrecke umgebenden Landschaft als Pufferzone gehört zum Weltkulturer-
be der UNESCO. Dies gilt auch für den Monteratschgletscher bei Pontresina.
Als die Bahn gebaut wurde, reichte der Gletscher noch fast bis an das Hotel
dicht neben der Bahnstrecke. Heute hat sich der Gletscher weit zurückgezogen
und man muss mittlerweile einige Kilometer laufen, um die Gletscherzunge zu
erreichen. Die Briefmarke der Schweiz bildet den Monteratschgletscher ab. Die
Linien auf der Marke zeigen das Gletscherende in früheren Jahren. Deutlich
kann man sehen, wie die Klimaerwärmung zum Abschmelzen des Gletschers
beigetragen hat. Eindrucksvoll hat der Gestalter der Briefmarke die Folgen der
Klimaerwärmung so für jeden deutlich dargestellt (Abb. 63). 41
Die Galapagosinseln gelten als ein einmaliges, aber bedrohtes Naturgebiet 42.
Durch die Insellage haben sich viele endemische 43 Arten herausgebildet, die
nur auf diesen Inseln leben. Bestimmte Tiere haben auf jeder Insel eine eigen-
ständige Form einer Art entwickelt. Sie haben Darwin zu den wichtigen Er-
kenntnissen der Evolutionstheorie angeregt und gleichzeitig einen Beleg für die
Korrektheit seiner Annahmen geliefert. Zu diesen Tieren gehören auch die
Riesenschildkröten. Sie haben sich auf jeder Insel getrennt entwickelt, sodass
heute jede Art nur auf jeweils einer der Insel vorkommt. Insgesamt gab es einst
15 verschiedene Arten, die sich vor allem in der Form ihres Panzers voneinan-
der unterschieden. Da die Zahl der Individuen je Insel relativ klein ist, können
auch kleiner Schwankungen der Population das Überleben der jeweiligen Art
gefährden. Auch hier griff man neben anderen Medien auf Briefmarken zu-
rück, um international auf die bedrohten Arten hinzuweisen und Spendengel-
der zu akquirieren. Am 24. Juni 2012 starb der ›Einsame George‹ (Lonesome
George, Solitaria George) an Herzversagen (Abb. 64–65). Er war erst im ›bes-
ten Alter‹ von rund 100 Jahren, doch er hatte noch nie etwas unternommen,
um Nachwuchs zu zeugen. Wie sollte er auch, war er doch der letzte seiner Art.
41 Auch an anderen Weltnaturerbestätten kann man die Klimaerwärmung nachweisen und mit
Briefmarken belegen, allerdings nicht so deutlich, wie an der Briefmarke aus der Schweiz. Wei-
tere Beispiele sind das Abschmelzen der Eiskuppe auf dem Kilimandscharo in Tansania oder
der Gletscher Perito Moreno im Süden Argentiniens. Von beiden Weltnaturerbestätten gibt es
mehrere Briefmarken. Siehe dazu auch den Beitrag von Christian Rohr in diesem Band.
42 Weiterführende Literatur: Brigitte Fugger/Wolfgang Bittmann: Galapagos, München 1998;
Jürgen Lotz/ Hermann J. Benning: Naturwunder und Kulturschätze unserer Welt. Mittel- und
Südamerika, München 1997; Alonzo C. Addison: Bedrohte Paradiese, Hamburg 2008.
43 Unter endemisch versteht man in der Biologie das Auftreten von Tieren und Pflanzen in einem
bestimmten, von der Natur klar abgegrenztem Gebiet. Abgelegene Inseln sind dafür ideal.
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Er gab kein einziges Weibchen der Unterart Chelonoidis nigra abingdoni von
der Insel Pinta mehr, die für Nachkommen in Frage gekommen wäre.
Heute erinnern unter anderem auch die Briefmarken an diese Riesenschild-
kröte. Doch sein Tod hat auch zu einem Umdenken geführt, denn nun sam-
melt man die Eier der Schildkröten ein und brütet sie im Inkubator aus. So
konnte der Bestand der noch lebenden Unterarten wieder erhöht werden, die
fünf schon ausgestorbenen Arten kann man allerdings nicht wieder herbei-
schaffen. Sie sind für immer verloren. Für die anderen Arten besteht aber
Hoffnung, dass sie gerettet werden können.
Auch geologische Prozesse lassen sich mit Briefmarken bildlich belegen, wie
die Entstehung der Vulkaninsel Surtsey vor Island beweist. Dabei geht es nicht
um die Vermittlung wissenschaftlicher Kenntnisse. 44 33 Kilometer vor der
Südküste entfernt riss am 14. November 1963 eine 500 Meter lange Spalte auf
und es bildete sich eine immer größer werdende Explosionswolke (Abb. 66).
Schon am zweiten Tag wurde ein Kegel aus Schlacke und Asche sichtbar. Im
Februar war die neue Insel bereits 100 Meter lang, 800 Meter breit und 160
Meter hoch (Abb. 67). Ab dem 1. Februar schossen starke Lavafontänen aus
einem neuen Krater und basaltische Lava ergoss sich über den Aschekegel
(Abb. 68). Am 5. Juni 1967 stellte der Vulkan seine Tätigkeit endgültig ein. Es
war eine 2,5 Quadratkilometer große Insel entstanden. Die Wissenschaftler
konnten vom ersten Tag an beobachten, wie sich Pflanzen ansiedelten, die
tierisches Leben nach sich zogen. Gleichzeitig konnte auch die Abtragung der
Insel durch Erosion registriert werden. Alle diese Stadien wurden auf Brief-
marken festgehalten. Mit der Darstellung der einzelnen Etappen des Aus-
bruchs auf den Briefmarken wollte man einem breiten Publikum auf den Aus-
bruch aufmerksam machen. Zum Zeitpunkt der Ausgabe war noch nicht daran
zu denken, dass die Insel einmal zum Weltnaturerbe gehören wird. Das ergab
sich erst aus der Besiedlung der Insel mit Pflanzen und Tieren und der einma-
ligen Möglichkeit, diesen Prozess vom ersten Tage an mitzuverfolgen.
Die zu Australien gehörende Macquarie Insel ist eine der subarktischen In-
seln zwischen Australien und der Antarktis. Hier herrscht ein Tundraklima
mit Permafrost vor, das gerade Pinguinen ideale Lebensbedingungen bietet.
Fast der gesamte weltweite Bestand der Haubenpinguine, die zu den Schopf-
pinguinen gehören, brütet hier. Doch der Bestand war gefährdet, so wie auch
der Bestand anderer Vogelarten. Bedroht wurden die Vögel durch Kaninchen,
Ratten und Katzen. Diese Tiere kamen mit den Menschen auf die Insel und
44 Island hat zu mehreren Vulkanausbrüchen Briefmarken herausgegeben: 1948: Ausbruch des
Hekla von 1947, Michel, Island, 247–253; 1975: Ausbruch des Heimaey von 1973, Michel, Is-
land, 500–501; 2010: Ausbruch des Eyjafjällajökull 2010: Michel, Island, 1283–1285; 2016: Aus-
bruch der Holuhraun Lavafeldes von 1914, Michel, Island, 1497.
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vermehrten sich sprunghaft, da sie keine Feinde hatten. Da die Insel nur von
wenigen Forschern bewohnt wird, fanden die Eingeschleppten keine Nahrung
und suchten sich neue Nahrungsquellen. Die Ratten spezialisierten sich auf die
Eier der Vögel, speziell die der Pinguine. Für die Katzen waren die flugunfähi-
gen Jungvögel eine leichte Beute. Die Kaninchen gruben sich ihre Baue in die
Berghänge. Dadurch gerieten die Hänge aus dem Gefüge und bei Regen
rutschten die Hänge ab und begruben die Vogelnester am Fuße der Berghänge.
So sorgten auch die Kaninchen für den Tod der Pinguine. 45
Ein Rettungsprogramm für die Pinguine, das viele Millionen Doller kostete,
wurde gestartet, ohne die erwarteten Ergebnisse zu bringen. Dann bildete
Hunde für die Jagd auf Ratten, Katzen und Kaninchen aus und brachte sie auf
die Insel. Dort haben die Hunde gründlich aufgeräumt, sodass die Gefahren-
stufe heute auf ein normales Maß geschrumpft ist. Über diese Rettungsaktion
findet man kaum Aufzeichnungen oder Fotos. Die australische Post hat jedoch
den Rettern eine Briefmarkenserie und einen Block gewidmet, die die Hunde
als Retter der Tierwelt auf der Macquarie Insel abbilden (Abb. 69). Da das
Projekt sehr erfolgreich war, will man es auch in Südgeorgien anwenden und
so die Insel schädlingsfrei bekommen. Die Hunde sind alle namentlich be-
kannt und gelten in Australien als eine Art Helden. 46 Natürlich will man damit
auch den Erfolg der Aktion würdigen.
5 Ausblick
Das Welterbe ist sehr umfangreich und es gibt viele Briefmarken zu den unter-
schiedlichsten Objekten. Dabei dienen die Briefmarken in erster Linie der
Würdigung der Welterbestätten. Daher können sie alle als Bildquellen im Sin-
ne eines Fotos gewertet werden. Aber die Verwendung dieses Mediums ver-
folgt andere Ziele, als sie mit Fotos, Filmmaterial oder Berichten erreicht wer-
den können. In erster Linie verfolgen die Briefmarken mit der Darstellung von
Welterbestätten den Zweck der Werbung für die betreffenden Orte. Der Titel
Welterbe zieht Touristen an, die Geld in die Kassen der Städte bringen. Daher
beantragen auch regelmäßig in Deutschland Städte die Herausgabe solcher
Briefmarken. Konkrete politische Zielstellungen lassen sich nur selten aus den
Markenbildern selbst ableiten, wie dies beispielsweise bei den Marken der
45 Angaben nach Informationen der Australischen Post zur Briefmarkenausgabe und Das Erbe
der Welt, Asien VI und Australien, Augsburg 2008/2009.
46 Leider gibt es nur wenige Angaben über die Aktion im Internet. Die vier Briefmarken und der
Block erschienen in einer Präsentationsmappe zusammen mit einem entsprechenden Text, der
die Aktion schildert.
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Deutschen Demokratischen Republik (DDR) zum 450. Jahrestag der Reforma-
tion der Fall ist. 47
Zum anderen sollte durch die Beschäftigung mit Briefmarken auch das Inte-
resse an diesen geweckt werden, denn der Wissenserwerb, der dadurch mög-
lich wird, ist riesig. Man muss die Schüler dazu befähigen, sich mit dem Darge-
stellten auf der Briefmarke zu beschäftigen, dann können sie Wissen für alle
Schulfächer erwerben. 48
47 Siehe hierzu den Beitrag von Thomas Richter in diesem Band.
48 Siehe hierzu den Beitrag von Christian Könne in diesem Band.
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Abbildungen
Abbildung 1–2
14. Jahrestag der Revolution. Rettung der Felsentempel von Abu Simbel (1966, Michel, Ägypten,
829); Felsentempel von Abu Simbel (2016, Michel, Ägypten, noch nicht katalogisiert).
Abbildung 3–4
UNESCO Kampagne zur Erhaltung der nubischen Denkmäler auf der Insel Philae (1963, Michel,
Afghanistan, 815); 23 Jahre Vereinte Nationen (1966, Michel, Ägypten, 892).
Abbildung 5–7
Tag der Vereinten Nationen (1978, Michel, Ägypten, 1294); Erhaltung nubischer Denkmäler
(1964, Michel, Guinea, 261); Tag der Vereinten Nationen (1976, Michel, Ägypten, 1230).
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Abbildung 8–9
24 Jahre vereinte Nationen (1969, Michel, Ägypten, 968); Restaurierung von Borobudur (1983,
Michel, Indonesien, Block 49).
Abbildung 10
Erhaltung des buddhistischen Heiligtums Borobudur (1968, Michel, Indonesien, Block 10).
Abbildung 11
Erhaltung der Tempel von Borobudur (1975, Michel, Laos, Block 71).
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Abbildung 12
Erhaltung von Mohenjo-Daro (1976, Michel, Pakistan, 398–402).
Abbildung 13
350. Jahre Verteidigung Šibeniks gegen die Türken (1997, Michel, Kroatien, 428–429).
Abbildung 14–16
950 Jahre Šibenik (2016, Michel, Kroatien, 1242); Dubrovnik (1959, Michel, Jugoslawien, 871);
Minčeta-Turm (2003, Michel, Kroatien, 655).
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Abbildung 17–19
50 Jahre Institut für Kunstgeschichte, Dubrovnik (2011, Michel, Kroatien, 1009); 400 Jahre Alte
Brücke in Mostar (1966, Michel, Jugoslawien, 1185); 550 Jahre Mostar (2002, Michel, Bosnien-
Herzegowina (Mostar), 87).
Abbildung 20–21
Wiederaufbau der Alten Brücke von Mostar (2004, Michel, Bosnien-Herzegowina (Mostar), 135);
Alte Brücke, Mostar (2005, Michel, Bosnien-Herzegowina (Serbische Republik), 341).
Abbildung 22
Feldpostbrief (29. Juni 1998).
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Abbildung 23–25
Stecci (2014, Michel, Montenegro, 344); Stecak von Durdevik (2016, Michel, Bosnien-
Herzegowina, 698); Stecci (2016, Michel, Serbien, 696).
Abbildung 26–27
Stecci (2017, Michel, Bosnien-Herzegowina (Serbische Republik), 730–731); Buddha von Bamian
(1978, Michel, Afghanistan, 1205).
Abbildung 28–31
Bamian (1965, Michel, Afghanistan, 943); 10 Jahre Welttourismustag (1985, Michel, Afghanistan,
1435); Buddha von Bamian (1951, Michel, Afghanistan, 344); 1. Jahrestag der Zerstörung des
Buddha von Bamian (2002, Michel, Afghanistan, 1966).
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Abbildung 32
Sehenswürdigkeiten (2013, Michel, Irak, Block 140).
Abbildung 33–35
Landesmotive (1923, Michel, Irak, 21); Torhüterskulpturen, Nimrud (1967, Michel, Irak, 505); Dur
Scharrukin (1963, Michel, Irak, 363).
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Abbildung 36–38
Frühgeschichtliche Funde (2006, Michel, Irak, 1728); Niniveh (2011, Michel, Irak, 1836); Zerstö-
rung antiker Kulturschätze durch den IS (2015, Michel, Irak, 1982).
Abbildung 39–40
Zerstörung antiker Kulturschätze durch den IS (2015, Michel, Irak, Block 147 und 1981).
Abbildung 41–43
Vaballathus-Münze (1976, Michel, Syrien, 1320); Baal-Tempel, Palmyra (1969, Michel, Syrien,
1053); Baal-Schamin-Tempel, Palmyra (1956, Michel, Syrien, 702).
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Abbildung 44–46
Kolonaden der Säulenstraße und Triumphbogen (1925, Michel, Syrien, 270); Dreitoriger Tri-
umphbogen (1952, Michel, Syrien, 614); Palmyra, Triumphbogen (1961, Michel, Syrien, 778).
Abbildung 47–49
Säulen von Palmyra (1968, Michel, Syrien, 1033); Die Schöne von Palmyra (1962, Michel, Syrien,
804); Welttourismuskonferenz Manila(1981, Michel, Jemen-Nord, Arabische Republik, 1648).
Abbildung 51–53
Paläste, Bab al Jemen (1961, Michel, Jemen-Nord, Arabische Republik, 226); Landesmotive, Mo-
schee Sana‘a (1951, Michel, Jemen-Nord, Arabische Republik, 128); Sana’a – arabische Kultur-
hauptstadt (2003, Michel, Jemen, Republik, 281).
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Abbildung 50
Konferenz der Außenminister der islamischen Staaten (1986, Michel, Jemen-Nord, Arabische
Republik, Block 243).
Abbildung 54–55, 57
Al-Bukiriat-Moschee, Sana‘a (2007, Michel, Jemen, Republik, 343); Sana’a – arabische Kultur-
hauptstadt (2003, Michel, Jemen, Republik, 283); Internationale Kampagne zur Erhaltung der
Altstadt von Sana‘a (1988, Michel, Syrien, 1718).
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Abbildung 56
Sana’a – arabische Kulturhauptstadt 2004 (2003, Michel, Jemen, Republik, Block 39).
Abbildung 58
40. Jahrestag der Evakuierung des Bikini-Atoll (1986, Michel, Marshall Inseln, 82–85).
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Abbildung 59
50. Jahrestag des ersten Atombombenversuchs auf dem Bikini-Atoll (1996, Michel, Marshall
Inseln, 723–278).
Abbildung 60
40. Jahrestag der Evakuierung des Bikini-Atoll (1986, Michel, Marshall Inseln, Block 1).
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Abbildung 61, 63
Atombombenabwurf (1998, Michel, Marshall Inseln, 1077); Internationale Kampagne zum Schutz
der Polargebiete und Gletscher (2009, Michel, Schweiz, 2097).
Abbildung 62
25. Todestag von John F. Kennedy (1988, Michel, Marshall Inseln, 194–198).
Abbildung 64–65
Tod der letzten Galapagos Riesenschildkröte (2013, Michel, Ecuador, 3519, Block 217).
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Abbildung 66–68
Neue Insel Surtsey (1965, Michel, Island, 392–394).
Abbildung 69
Jagd und Spürhund im Einsatz (2015, Michel, Australisches Antarktis Gebiet, Block 17).
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Sebastian Knoll-Jung
Nur Köpfe berühmter Mediziner? Briefmarken als Quellen für die
Medizingeschichte
1 Einführung
Während allenthalben in den geschichtswissenschaftlichen Teildisziplinen ein
iconic turn postuliert wird, bleibt ein wichtiges, wenn auch kleines
(Bild)Medium weitgehend unbeachtet – die Briefmarke. Auch in der Medizin-
geschichte ist dies nicht anders. Doch gerade hier eröffnet der unscheinbare
Quellentyp Briefmarke besondere Chancen, insbesondere wenn man ihn um
Brief und Postkarte, die durchaus zum philatelistischen Sammelportfolio gehö-
ren, erweitert auffasst. Den Wert dieser bunten postalischen Überlieferungen
für die medizingeschichtliche Forschung aufzuzeigen, ist Ziel dieses Beitrags.
Anhand einiger interessanter Fragestellungen sollen exemplarisch die prakti-
schen Einsatzmöglichkeiten aufgezeigt werden.
Für diese kleine einführende Leistungsschau der Briefmarke als medizinhis-
torischer Quelle werden im Folgenden zwei Ebenen beleuchtet: zum einen die
funktionale Ebene der Briefmarken im medizinischen Kontext, also Briefmar-
ken im Dienste der Medizin. Hierbei werden die praktischen Aufgaben und
Wirkungsweisen der Marken herausgearbeitet und weniger die bildlichen
Darstellungen interpretiert, auch wenn dies nicht immer trennscharf zu unter-
scheiden ist. Konkret beinhaltet dies den Komplex der Spenden- und Wohl-
fahrtsmarken und den Einsatz der Klebebildchen zu präventiven Zwecken
sowie Postkarten und Briefe als Informationsmedien.
Zum anderen lässt sich die ikonographisch-inhaltliche Ebene untersuchen.
Hier stellt sich die Frage, wie Medizin, Gesundheit und Krankheit auf Brief-
marken dargestellt wurden. Exemplarisch wird dies vor allem an deutschen
Ausgaben gezeigt. Neben einer Untersuchung der chronologischen Entwick-
lung bietet sich gerade hier auch ein Vergleich der verschiedenen politischen
Systeme an, insbesondere eine Gegenüberstellung der Präsentationsweise von
Medizin in der Bundesrepublik und der DDR.
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In einem letzten Abschnitt wird exemplarisch an der Immunschwächekrank-
heit AIDS gezeigt, welche Erkenntnisse aus der Darstellung von Gesundheit,
Krankheit und Leid auf Briefmarken gewonnen werden können. Diese Beispie-
le sollen verdeutlichen, wie sich Postwertzeichen chronologisch, vergleichend,
quantitativ oder inhaltlich untersuchen lassen.
Die bisherigen Versuche, Philatelie und Medizingeschichte zu verbinden,
bestanden in wenigen, älteren Publikationen, die vorwiegend nicht von Histo-
rikern verfasst wurden. Sie verfolgen eine deskriptive und weniger analytische
Herangehensweise und bestehen meist lediglich in einer Aufzählung der Ab-
bildungen berühmter Mediziner auf Briefmarken. 1
2 Spenden- und Wohlfahrtsmarken
Bei Wohlfahrtsmarken – auch Wohltätigkeits- oder Wohlfahrtsausgaben ge-
nannt – handelt es sich um Sonderausgaben von Postwertzeichen mit einem
Zuschlag für karitative Zwecke, meist der Tuberkulosebekämpfung, der finan-
ziellen Unterstützung von Rotkreuz-Organisationen oder Kinder- und Ju-
gendhilfswerken sowie der Hilfe für Naturkatastrophengeschädigte. 2 Ganz
offensichtlich weisen sie einen engen Bezug zu medizinischen Themen auf,
weil die Spendenzwecke ganz überwiegend der Gesundheitsförderung zugute
kommen. Daher sollen sie hier den Anfang der vorzustellenden Quellentypen
bilden.
Die ersten Wohlfahrtsmarken erschienen 1897 in New South Wales, einem
Bundesstaat von Australien, anlässlich des 60-jährigen Regierungsjubiläums
von Königin Victoria. Sie wurden für 1 Shiling und 2 Shiling 6 Pence verkauft
(Abb. 1). Ihr Frankaturwert betrug dagegen nur 1 Penny, beziehungsweise 2 ½
Pence. Es handelt sich also um einen sehr hohen Zuschlagswert, der einem
Baufonds für eine Tuberkuloseheilanstalt zugutekam. Die Auflagenhöhe be-
trug 40.000 für die Ein-Penny-Marke und 10.000 für die teurere. 3 Es handelt
1 Vgl. etwa: Siegfried Gutmann: Berühmte Mediziner auf Briefmarken, Ettlingen 1958; Siegfried
Gutmann/Rolf Vatke: Mediziner aus fünf Jahrtausenden auf Briefmarken, Ettlingen 1973. Gele-
gentlich befassten sich auch Mediziner mit der Thematik, häufig aber nur sehr oberflächlich.
Folgender Aufsatz etwa subsumiert die Geschichte des Down Syndroms in einem kurzen Text
und bebildert diesen mit drei unkommentiert gelassenen Briefmarken und zwei Sonderstem-
peln: Ahmet Doğan Ataman/Emine Elif Vatanoğlu-Lutz/Gazi Yıldırım: Medicine in Stamps.
History of Down Syndrome through Philately, in: Journal of the Turkish-German Gynecologi-
cal Associaion 13 (2012) 4, S. 267–269.
2 Vgl. Wolfram Grallert/Waldemar Gruschke: Lexikon der Philatelie, Bonn 1971, S. 444f.
3 Vgl. Michel. Australien, Ozeanien, Antarktis 1997, Übersee-Katalog Bd. 7, München 1997, S.
46.
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sich um eine vergleichsweise hohe Auflage, die den Schluss zulässt, dass schon
damals auf den Sammlermarkt als Zielgruppe fokussiert wurde.
Eine ähnliche Vorgehensweise wurde in Europa erst im Jahr 1904 in Däne-
mark aufgenommen. Die dortigen Julemarken erschienen zu Weihnachten
zunächst als Spendenmarken ohne Frankaturkraft, wurden aber dennoch an
den Postschaltern vertrieben. Sie dienten als Briefverschluss oder Zusatzmarke.
Schnell fanden sie Verbreitung. Ihre Verwendung auf der Weihnachtspost
wurde fast obligatorisch. Die Einnahmen kamen Tuberkulosekranken, tuber-
kulosegefährdeten und erholungsbedürftigen Kindern zugute. Ein eigenes
Weihnachtsmarken-Sanatorium, das bis 1926 etwa 4.000 Kindern Aufnahme
gewährt hatte, wurde in Kolding errichtet. Auf der Julemarke von 1908 ist es
als Motiv zu sehen, im Bildteil abgebildet auf der Rückseite einer Weihnachts-
postkarte (Abb. 2).
Danach waren auch Abbildungen gesunder Kinder häufig auf Marken zu
finden. Es wurde nicht die Krankheit dargestellt, sondern in einem salutogene-
tischen Sinne das kuratorische Ziel. Auf Briefmarken ist die Darstellung der
Krankheit an sich, wie später zu zeigen ist, sehr problematisch. Schweden und
Norwegen legten ähnliche Programme von Weihnachtsmarken zur Tuberku-
losebekämpfung auf. 4
In den Vereinigten Staaten kamen die ersten Weihnachtsmarken 1907 in
Delaware auf Betreiben des dortigen Roten Kreuzes zum Verkauf. Das Konzept
war ein großer Erfolg und verbreitete sich schnell. Ab 1910 erfolgte eine Ko-
operation mit der National Tuberculosis Association, die ab 1919 allein feder-
führend für die Vignetten war. Der Tuberkulosehilfe flossen dort allein im Jahr
1925 fünf Millionen Dollar an Hilfsgeldern zu, vor allem Unternehmen zählten
hier zu den Großabnehmern. 5 Das abgebildete Werbeplakat zeigt, wie die
Spendensammlung schon früh kommerzialisiert wurde, indem die Werbestra-
tegien der Privatwirtschaft übernommen wurden (Abb. 3).
Die Spendenmarken zur Tuberkulosehilfe wurden auch in zahlreichen an-
deren Ländern eingeführt und nicht nur zu Weihnachten vertrieben, so etwa in
Frankreich, wo seit 1925 vignettes antituberculeuses erschienen, kurz ›Tubs‹
genannt. 6
4 Vgl. Fritz Gumpert: Wohlfahrtsmarken in Deutschland und im Auslande, in: Reichsarbeitsblatt
(Nichtamtlicher Teil) 6 (1926) 36, S. 645–647, hier: S. 646.
5 Vgl. ebd. Die Marken sind aufgelistet in: The Christmas Seal and Charity Society (Hrsg.):
Green’s Catalog of the Tuberculosis Seals, Part I: US National Christmas Seals, [Granville, OH]
2013; Weitere Weihnachtsmarken finden sich außerdem in: The Christmas Seal and Charity
Society (Hrsg.): Green’s Catalog of the Tuberculosis Seals, Part III: Foreign Seals, [Granville,
OH] 2009.
6 Vgl. Grallert/Gruschke: Lexikon der Philatelie, S. 412f.
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Als Kennzeichen der meisten Tuberkulosemarken diente das Lothringer-
kreuz, das internationale Symbol des Kampfes gegen diese heute in der öffent-
lichen Wahrnehmung fast vergessene Krankheit. 7 Ihre damalige gesellschaftli-
che Bedeutung als weit verbreitete Volkskrankheit wird auch durch die Stel-
lung auf den Briefmarken in millionenfacher Auflage rein quantitativ belegt. In
ihrer funktionalen Eigenschaft wiederum schuf die Tuberkulosemarke öffentli-
che Aufmerksamkeit für die Krankheit, erhöhte die Spendenbereitschaft und
sorgte ganz praktisch für eine finanzielle Unterstützung der Heileinrichtungen.
Handelte es sich bei den bisher vorgestellten Ausgaben um private Spen-
denmarken ohne Frankaturkraft, finden sich die ersten offiziellen Wohlfahrts-
ausgaben nach dem Vorbild der australischen Marke in der Schweiz. Die Pro
Juventute Stiftung hatte 1912 begonnen, Wohlfahrtsmarken zu verwenden und
es 1913 erreichen können, dass die Schweizer Postverwaltung die Herausgabe
übernahm und ihnen den Charakter von amtlichen Freimarken gab. Der Fran-
kierungswert betrug 5 Rappen und ein ebenso hoher Zuschlagwert ging an die
Stiftung (Abb. 4). In den darauffolgenden Jahren wurden Serien von zwei, drei
oder vier Marken herausgegeben. Bis 1920 blieb die postalische Gültigkeit
dieser Marken allerdings auf die Schweiz begrenzt. Der Weltpostvertrag von
1906 untersagte es, Postwertzeichen für den internationalen Verkehr zu ver-
wenden, die zu einem allein das Ausgabeland betreffenden Zweck hergestellt
wurden. Auf dem Weltpostkongress von Madrid 1920 wurde diese Bestim-
mung aufgehoben. 8
Der Verkauf der Marken fand im Dezember statt. Neben dem Schalterver-
kauf befanden sich ehrenamtliche Helfer im Einsatz. Dieser außerpostalische
Vertrieb machte 1925 80 Prozent des Gesamterlöses aus.
Die frühen Motive der Wohlfahrtsmarken zeigten meist Trachten oder
Wappen, hatten also keinen unmittelbaren Bezug zum eigentlichen Zweck. Ein
zeitgenössischer Artikel bezeichnet gerade diese Motive als einen vollen Erfolg.
Sie seien sehr beliebt bei den Sammlern. 9 Dies verdeutlicht, dass gerade für die
Wohlfahrtsmarken der Sammlermarkt besonders wichtig war: Die Herausge-
ber machten so die Philatelisten gleichsam zu Zwangsspendern. Im Gegensatz
zu den freiwilligen Weihnachtspendenmarken, die wiederum in den Augen der
Sammler keinen hohen Stellenwert genossen.
Erst auf einigen späteren Marken nahm man motivisch Bezug auf den ei-
gentlichen Zweck der Stiftung. Der Satz von 1927 stellte auf der niedrigsten
Wertstufe einen verwahrlosten Jungen, angedeutet durch seine Barfüße und
7 Vgl. zum Thema: Sylvelyn Hähner-Rombach: Sozialgeschichte der Tuberkulose vom Kaiser-
reich bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs, Stuttgart 2000.
8 Gumpert: Wohlfahrtsmarken in Deutschland und im Auslande, S. 646.
9 Vgl. ebd.
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das Sitzen in der Natur, einen aufrecht sitzenden, strebsamen Schüler auf der
nächst höheren Marke gegenüber (Abb. 5).
Auch ein Jubiläumsblock zu 25 Jahren Pro Juventute-Marken von 1937
nahm über das Motiv Bezug zum eigentlichen Zweck der Stiftung, indem es
ein Mädchen und einen Jungen abbildete. Er zeichnet auch zum ersten Mal
den Spendenwert gesondert aus (Abb. 6).
Die Verwendung der Erträge umfasste drei Aufgabengebiete: die Fürsorge
für Mutter, Kleinkinder und Säuglinge, dann die Fürsorge für schulpflichtige
Kinder und außerdem die Fürsorge für schulentlassene Kinder. Einen bitteren
Beigeschmack haben diese Spenden, da die Stiftung bis 1972 auch für das so-
genannte Hilfswerk für die Kinder der Landstraße verantwortlich war. Dieses
nahm Fahrenden, vor allem Jenischen, aber auch Sinti und Roma, ihre Kinder
weg und brachte sie größtenteils in Erziehungsheimen unter. Dort sollten sie
zu vermeintlich arbeitsamen Mitgliedern der Gesellschaft umerzogen wer-
den. 10
Ein weiteres Land mit langer Tradition von Kinderfürsorge-Briefmarken
sind die Niederlande. Seit 1924 erschienen dort regelmäßig Sätze mit Voor-het-
Kind-Marken (Abb. 7). In Finnland gab es seit 1930 auch Zuschlagsmarken für
das Rote Kreuz (Abb. 8).
Deutschland machte 1919 seinen Anfang und schlug den Weg mit amtli-
chen Freimarken mit Wohlfahrtszuschlag ein. Die erste Ausgabe war eine 10-
Pfennig-Germaniamarke mit Aufdruck »5 Pf. für Kriegsbeschädigte« (Abb. 9).
1922 erschienen zwei Zuschlagsmarken, zu 6+4 und 12+8 Mark mit der Abbil-
dung Mädchen pflanzt Bäumchen als Allegorie der Mildtätigkeit (Abb. 10). Die
Erträge dienten der Alters- und Kinderhilfe. Sie wirkten sich allerdings wegen
der Inflation nicht voll aus. Die kurz darauf erschienen Marken hatten bereits
Werte mit drei- und vierstelligen Mark-Beträgen.
Da aber in der Weimarer Republik insbesondere nach der Inflation das
Spendenaufkommen für wohltätige Zwecke im Allgemeinen stark zurückge-
gangen war und höhere Einzelspenden ausblieben, setzte man auf die Kleinst-
spenden durch Briefmarken. 11 Seit 1924 begann die Reichspostverwaltung mit
der regelmäßigen Herausgabe von Wohlfahrtsmarken zugunsten der Deut-
schen Nothilfe. Der erste Satz hatte vier Werte mit einem dreihundertprozenti-
gen Zuschlag und brachte 788.343 Reichsmark im Postverkauf und 945.657
10 Vgl. Sara Galle/Thomas Meier: Von Menschen und Akten. Die Aktion »Kinder der Landstras-
se« der Stiftung Pro Juventute, Zürich 2009.
11 Zur Spendenthematik in der Weimarer Republik vgl. Lothar Kilian: Die unbekannte Winterhil-
fe. Die großen Nothilfesammlungen in den Krisenjahren der Weimarer Republik, Paderborn
2013.
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Reichsmark im außerpostalischen Vertrieb durch die Deutsche Nothilfe. Der
Erlös wurde an verschiedene Verbände der Freien Wohlfahrtspflege verteilt. 12
Der Satz von 1924 zeigte Wandgemälde von Moritz von Schwind mit Dar-
stellungen der Werke der Barmherzigkeit aus der Elisabethengalerie auf der
Wartburg (Abb. 11). Die Motive hatten also starken Bezug zu dem eigentlichen
Hilfszweck. Seit 1925 zeigten die Wohlfahrtsmarken allerdings Wappen (Abb.
12). Der damalige Leiter der Reichsgeschäftsstelle der Deutschen Nothilfe, Fritz
Gumpert, äußerte sich zu den Motiven folgendermaßen: »Nach eingehender
Prüfung war die Wahl auf heraldische Darstellungen gefallen, die unbedingt
den Vorzug vor symbolischen Caritasbildern verdienen und besonders bei
mehrfarbiger Ausführung sehr gute Wirkung hervorbringen.« 13 Scheinbar
nahm man an, dass Darstellungen mit Bezügen zur Wohlfahrtspflege beson-
ders auch bei Sammlern wenig beliebt waren. Ähnlich wurde dies ja auch bei
den Schweizer Marken gehandhabt.
Im internationalen Vergleich lagen die Erträge der Wohlfahrtsmarken aber
noch weit zurück, wie die auf 1.000 Einwohner errechneten Zahlen Gumperts
belegen (siehe Tabelle 1). Er plädierte daher auch für eine verstärkte Werbung
für die Verwendung der Marken.
Tabelle 1: Erträge aus Wohlfahrtsmarken auf 100 Einwohner in RM
Deutschland 14,17 RM
Dänemark 73,07 RM
Schweiz 100,20 RM
Vereinigte Staaten 198,20 RM
Quelle: Gumpert, Wohlfahrtsmarken in Deutschland und im Auslande, S. 647.
Die Entkopplung von Motiv und Wohltätigkeitszweck wurde auf deutschen
Marken erst in den 1940er-Jahren während des Krieges aufgelöst – auf Marken
aus Böhmen und Mähren mit Spenden für das Rote Kreuz (Abb. 13). Sie stell-
ten Szenen von pflegenden Rotkreuz-Schwestern mit verwundeten Soldaten
dar. Beachtenswert ist deren Veränderung in der Bildersprache: Auf der Aus-
gabe von 1940 verbindet eine Schwester einem stramm und aufrecht stehenden
Verwundeten den Arm. 1941 pflegt sie einen im Bett liegenden, aber immer
noch aufgerichteten Soldaten. Schließlich zeigen die Marken von September
1942 den verbundenen Kopf eines Verletzten, dem die Schwester ein Getränk
12 Vgl. Gumpert: Wohlfahrtsmarken in Deutschland und im Auslande, S. 646.
13 Ebd., S. 647.
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einflößt, weil er dazu nicht mehr in der Lage zu sein scheint. 1943 verschwin-
den die Pflegenden wie auch die Verwundeten. Sie wichen einer Standarte,
einem Adler auf dem Roten Kreuz. Wie diese Verschlechterung des Gesund-
heitszustands des jeweiligen Patienten bis hin zu deren Ersetzung durch ein
Feldzeichen auf den Marken angesichts des Kriegsverlaufs zu deuten ist, dar-
über ließe sich vortrefflich streiten.
Auf einem Satz von 1944 anlässlich von 10 Jahren Hilfswerk Mutter und
Kind finden sich ebenfalls pflegende Frauen, ein bis dahin eher seltenes Motiv,
das sich aber durchaus in die nationalsozialistische Rollenzuschreibung der
Frau einfügte (Abb. 14). 14
In der Bundesrepublik wurde ab 1949 die Tradition der Wohlfahrtsmarken
wieder aufgenommen. Doch auch hier waren tatsächliche Bezüge zur Gesund-
heitsthematik eine Seltenheit. Es fanden sich lediglich in der frühen Serie Hel-
fer der Menschheit unter anderen Persönlichkeiten und Berufsgruppen auch
berühmte Ärzte sowie Pflegerinnen. Der erste Wohlfahrtsmarken-Satz von
1949 enthielt einen Wert mit einer Abbildung von Paracelsus (Abb. 15). Im
nächsten Ausgabejahr 1951 erschien unter den Helfern die schwedische Rot-
kreuz-Schwester Elsa Brändström (Abb. 16), die vor allem durch ihren Einsatz
für Kriegsgefangene des Ersten Weltkriegs in Sibirien Berühmtheit erlangte.
Angesichts der konfliktträchtigen Situation um die Kriegsgefangenen des
Zweiten Weltkriegs in Russland war dies sicher keine zufällige Wahl. Wie um
diese Gruppe mittels Briefmarken Politik betrieben wurde, zeigt die im Jahr
1953 erschienene Marke Gedenket unserer Gefangenen (Abb. 17). 15 Sie wurde
von der DDR als Provokation betrachtet und dort auf Briefen geschwärzt oder
sie wurden ganz zurück gesendet. 1952 ist der Begründer des Roten Kreuzes
Henri Dunant (Abb. 18) und 1953 der Arzt Johann Christian Senckenberg
(Abb. 19) abgebildet. Während 1954 kein Mediziner in den Wohlfahrtssatz
aufgenommen wurde, erscheint auf einer Marke von 1955 mit Samuel
Hahnemann, dem Begründer der Homöopathie, eine durchaus umstrittene
Persönlichkeit (Abb. 20). Dass diese häufig von der Schulmedizin kritisierte
alternative Heilmethode auf den als quasi staatliche Hoheitszeichen geltenden
Briefmarken zu Ehren kam, barg sicherlich Konfliktpotential, ebenso wie eine
1996 erschienene Ausgabe zu 200 Jahren Homöopathie (Abb. 21).
Der Wohlfahrtssatz von 1956 stand ganz im Zeichen der Kinderpflege und
stellte mit drei Marken Szenen aus der Praxis dar, ergänzt durch einen Wert
mit Konterfeil des Arztes und Geburtshelfers Ignaz Semmelweis (Abb. 22).
Danach allerdings verschwanden die Bezüge zur Wohlfahrtspflege völlig: 1957
war das Thema Bergleute, im Folgejahr Landwirtschaft, daraufhin folgten
14 Siehe dazu auch den Beitrag von René Smolarski in diesem Band.
15 Siehe dazu den Beitrag von Werner Boddenberg in diesem Band.
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Märchen, altes Spielzeuge, Blumen, Kunst und Trachten, alles ohne Gesund-
heitsbezug.
Auch heute gibt es in Deutschland noch Wohlfahrts- und Weihnachtsmar-
ken mit Aufschlägen für gute Zwecke. Allerdings dürfte das durch sie gewon-
nene Spendenaufkommen angesichts des zurückgehenden privaten Briefver-
kehrs eher gering und von symbolischem Wert sein. Entsprechende Rückgänge
lassen sich in den Auflagezahlen feststellen. Aber auch wenn das Spendenauf-
kommen eher gering ist, werden die Wohlfahrtsmarken doch immer noch sehr
öffentlichkeitswirksam präsentiert. Die alljährlichen Vorstellungen der neuen
Marken sind Inszenierungen bei denen Innenminister und Bundespräsident
beteiligt sind. 16 Somit werden Wohlfahrtsmarken zwar zum eher seltenen
Frankaturmittel, sie bleiben aber wichtiger symbolischer Gegenstand für die
Freie Wohlfahrtspflege im deutschen Sozialstaat mit all ihren Mitgliedsorgani-
sationen. Man kann sie als materielle Zeugnisse der bundesdeutschen Spen-
denpraktiken bewerten und als solche auch zum Untersuchungsgegenstand
erheben.
Weiterführende Fragen in diesem Themenkomplex bleiben offen: Setzen
Wohlfahrtsmarken einen Wohlfahrtsstaat oder ein demokratisches System
voraus? Warum fehlen sie in den meisten sozialistischen Staaten und für wel-
che Zwecke wurde in Diktaturen ein Zuschlag erhoben?
3 Der Einsatz von Briefmarken zu präventiven Zwecken
Neben der Generierung von Spendengeldern bestand ein weiterer funktionaler
Aspekt der Briefmarken in deren Verwendung zu präventiven Zwecken. Mit-
tels Schrift und Bild wurde versucht, auf die Rezipienten einzuwirken und sie
zu einem gesundheitsförderlichen Verhalten zu erziehen. Teilweise geschah
dies eher indirekt, wie bei dem schlichten Schriftzug über Robert Koch auf
einer Ausgabe der Freien Stadt Danzig von 1939: »Luft und Sonne – der
Schwindsucht Feind« (Abb. 23). Oder man warb unmittelbar und ästhetisch
anspruchsvoll, wie etwa auf den bundesdeutschen Marken zur Verkehrs-
Unfallverhütung 1953 (Abb. 24), beziehungsweise auf der bekannten Dauer-
markenserie zur Unfallverhütung aus den 1970er-Jahren (Abb. 25).
Die bekannte Marke zum Thema Verkehrssicherheit zeigt eine sehr ergrei-
fende, emotionale Darstellung einer Mutter mit einem verletzten Jungen. Sie
erinnert stark an die Plakate der Zeit zum Thema Verkehrsunfallverhütung.
Dieser Marke sollten in der Bundesrepublik und auch der DDR noch weitere
16 Die Projekte werden unter dem Motto »Porto mit Herz« vorgestellt auf:
http://www.wohlfahrtsmarken.de/ (letzter Zugriff: 29. April 2018).
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Einzelmarken und Sätze folgen. Häufig bildeten diese späteren Marken aber
lediglich Verkehrsschilder oder Illustrationen von Verkehrsregeln ab, nicht
mehr die Opfer oder Darstellungen von Leid, wie in der Ausgabe von 1953.
Die Dauerserie zur Unfallverhütung erinnert in ihrem Stil einer einfachen
Bildsprache an die Marken mit Piktogrammen von Otl Aicher anlässlich der
Olympischen Spielen 1972 in München. Die streng geometrischen Bildsysteme
finden sich auch auf den Piktogrammen, die in Betrieben als Sicherheitskenn-
zeichen benutzt wurden, wieder. 17
Die Verwendung von Unfallverhütungsmotiven sowohl auf offiziellen
Freimarken als auch auf privaten Reklamemarken geht zurück auf das Konzept
der Unfallverhütungspropaganda, das in Europa in den 1920er-Jahren Fuß
fasste. Nach amerikanischem Vorbild nutzte man Techniken der kommerziel-
len Reklame um für die Unfallverhütung zu werben. 18 In der Regel geschah
dies in großem Format auf zum Teil ästhetisch sehr anspruchsvoll gestalteten
Unfallverhütungsplakaten. In den Niederlanden begann man damit, von die-
sen großen Vorlagen kleine Reproduktionen zu erstellen und als Klebemarken
zu verbreiten. 19 Normalerweise wurden die Motive unverändert verkleinert. In
der Regel wurde ihr Format dadurch etwas größer als bei den offiziellen Brief-
marken. In ihrer Bildsprache waren diese verkleinerten Plakate dann auch
wesentlich vielfältiger und bunter, sie versuchten wie Werbeplakate, kleine
Geschichten zu erzählen. Auch in Deutschland gab es solche Reklamemarken,
hauptsächlich herausgegeben von der vom Verband der deutschen Berufsgenos-
senschaften organisierten Unfallverhütungsbild G.m.b.H. Die Briefmarke wurde
im Falle der Unfallverhütungsmarke als gleichwertiges Medium unter anderen
(Plakat, Warnzeichen, Film etc.) genutzt.
Neben dem betrieblichen Arbeitsschutz war auch die allgemeine Verkehrs-
sicherheit häufig Gegenstand der Reklamemarken. Schon vor dem Ersten
Weltkrieg erschienen etwa Szenen des österreichischen Karikaturisten Fritz
Schönpflug zu Gefahren der Wiener Straßenbahnen auf Vignetten (Abb. 26).
Dieses Gebiet der Reklamemarken bringt allerdings die Schwierigkeit mit sich,
dass hier keine systematischen Kataloge bestehen. Das vielfältige und umfang-
reiche Feld der privaten Druckerzeugnisse liefert dennoch wertvolles Quellen-
17 Eine ausführliche geschichtswissenschaftliche Untersuchung dieser Zeichensysteme gerade
unter Berücksichtigung der Querverbindungen zur Unfallverhütungspropaganda stellt noch ein
Forschungsdesiderat dar.
18 Vgl. Sebastian Knoll-Jung: Vom Maschinenschutz zur Unfallverhütungspropaganda. Paradig-
menwechsel präventiver Praktiken in der Unfallversicherung zur Zeit der Weimarer Republik,
in: Sylvelyn Hähner-Rombach (Hrsg.): Geschichte der Prävention. Akteure, Praktiken, Instru-
mente, Stuttgart 2015, S. 17–40.
19 Franz Xaver Karsch: Die Organisation der Unfallverhütung, in: Reichsarbeitsblatt (Nichtamtli-
cher Teil). Arbeiterschutz, Unfallverhütung, Gewerbehygiene 6 (1926) 3, S. 42–44, hier: S. 43.
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material, etwa für medizingeschichtliche Fragestellungen, die sich mit der
bildlichen Darstellung von Prävention, Krankheit und Gesundheit befassen
oder auch für Untersuchungen zur Werbung im medizinischen und pharma-
zeutischen Bereich. Eine Reklamemarke für Halspastillen, die wohl aus den
1910er-Jahren stammt, verdeutlicht, wie Werbung im Kleinformat betrieben
wurde (Abb. 27). Sehr häufiges Mittel war hierbei die Karikatur. Gerade die
Vignetten vermochten so, in ihren bildlichen Darstellungen etwas mehr zu
leisten, als dies bei den offiziellen Hoheitszeichen Briefmarke der Fall war. Ihre
an die Reklame angelehnte Bildersprache war vielfältiger und bunter.
Für die medizinhistorische Forschung bieten diese Vignetten einen sehr
praktischen Forschungsgegenstand. Inhaltlich ist das Thema Arzneimittelwer-
bung nur wenig erforscht, die Darstellung von Geschlechterrollen und eine
Untersuchung der Zielgruppen böten sich hier an. Im Gegensatz zum groß-
formatigen Plakat bringt hier die Reklame den Vorteil mit sich, dass sie einfa-
cher zu erlangen und darzustellen sind.
Außerhalb der offiziellen Gebührenmarken wurden auch Postkarten und
Stempel bis heute zur Prävention und Reklame benutzt. Bildpostkarten und
Ganzsachen warben häufig für Präventions- und Gesundheitskampagnen, wie
etwa Blutspendenaktionen; hier abgebildet und Dank des Datums des Stempels
gut datierbar (Abb. 28).
Mit ihren Charakteristika als Massenmedien, 20 die Bild und Sprache trans-
portieren können, bot sich die gesamte Bandbreite der philatelistischen Objek-
te an, um mit erzieherischer Absicht für den Gesundheitsschutz zu werben.
Indes lässt sich die tatsächliche Wirkung der Briefmarken als Instrument
der Prävention nicht bemessen. Aber der Umstand, dass etwa die Dauerserien,
wie diejenige zur Unfallverhütung, häufig gesehen und genutzt wurden, dürfte
zu einer erhöhten Aufmerksamkeit und Sensibilität gegenüber der Unfallthe-
matik auch auf gesamtgesellschaftlicher Ebene geführt haben. Außerdem wird
durch diese Thematisierung staatliches Interesse an den Gesundheitsproble-
matiken belegt. Dieses agenda setting konnte sich dann in konkreten Maß-
nahmen und Kampagnen niederschlagen.
4 Briefe und Postkarten im medizingeschichtlichen Kontext
Einen weiteren, allerdings vorphilatelistischen Zusammenhang von Medizin
und Post stellen die sogenannten Seuchen- oder Cholerabriefe dar. Diese ver-
suchte man zur vermeintlichen Verringerung der Ansteckungsgefahr bei Seu-
20 Vgl. etwa: Hans-Jürgen Köppel: Politik auf Briefmarken. 130 Jahre Propaganda auf Postwertzei-
chen, Düsseldorf 1971, S. 10–15.
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chen zu desinfizieren, indem man sie durchlöcherte und Essig-Dämpfen aus-
setzte oder räucherte. Sie wurden dann mit besonderen Cholera-, Sanitäts-
oder Seuchenstempeln beziehungsweise per Brandeisendruck markiert. Beson-
dere Sanitätsstempel existieren etwa 1805 aus Bayern sowie 1831 von Thurn
und Taxis. Es handelt sich heute um begehrte Sammlerobjekte. 21 Interessan-
terweise geht die Seltenheit dieser Briefe auf den Umstand zurück, dass die
Umschläge meist unmittelbar nach Erhalt aus der Furcht vor Ansteckung ver-
nichtet wurden. 22 Diese Quellen sind materielle Zeugen von Praktiken in Seu-
chenzeiten und als solche auch per se von Interesse für die medizinhistorische
Forschung.
So wurden etwa 1831 im Amtsblatt für den Regierungsbezirk Köln die An-
weisung gegeben, dass aus Frankreich kommende Briefe durchstochen und
durch Essig gezogen werden mussten. Alle Warensendungen von der Frank-
furter Messe mussten gereinigt werden und bis zu 30 Tage in Quarantäne lie-
gen. Die Postsendungen aus Choleragebieten wurden in den Postlokalen gerei-
nigt und danach mit Seuchenstempeln versehen. Auch Geldsendungen, Pakete,
selbst die Postillione, ihre Wagen und Pferde hatten beim Übertritt aus den
Quarantänezonen gewaschen zu werden. 23 In Berliner Postämtern kamen nach
dem Ausbruch der Seuche im Juli 1831 alle Briefe zur Desinfektion in einen
Holzkasten, in dem sich eine mit Essig gefüllte Pfanne befand und im unteren
Teil auf glühenden Kohlen ein Pulver aus Schwefel, Salpeter und Kleie ver-
brannt wurde. Vor dieser aufwendigen Räucherprozedur durchlöcherte man
die Briefe, um auch den Inhalt zu erreichen. Erst dann erhielten sie einen
Rundstempel mit der Abkürzung SAN.S oder SAN.ST für Sanitätsstelle. 24
Auch an Grenzen und in Hafenstädten gehörte der Desinfektionsprozess
von Briefen in Seuchenzeiten zum Standardprozedere. In erster Linie waren
hiervon die Postsendungen aus osteuropäischen Regionen und dem Osmani-
schen Reich betroffen, sie wurden in der Habsburger Monarchie etwa in eigens
eingerichteten Kontumazämtern, ein älterer Ausdruck für Quarantäne, einer
Desinfektion unterzogen. 25 Dies unterstützt auch die Wahrnehmung der Cho-
lera als »asiatische Seuche« 26.
21 Vgl. Grallert/Gruschke: Lexikon der Philatelie, S. 89, 361 und 379.
22 Vgl. Bruno Valentin: Cholera-Briefe, in: Sudhoff’s Archiv für Geschichte der Medizin und der
Naturwissenschaften 37 (1953) 3/4, S. 417–421, hier: S. 419.
23 Vgl. Beilage zum 37. Stück des Amtsblattes der Königlichen Regierung zu Köln, in: Amtsblatt
der Königlichen Regierung zu Köln, 16 (1831), S. 1–3.
24 Vgl. Fritz Steinwasser: Berliner Post. Ereignisse und Denkwürdigkeiten seit 1237, Berlin (DDR)
1988, S. 149–151.
25 Vgl. o. V.: 2000 Jahre Post – Zwei Jahrtausende Postwesen vom cursus publicus zum Satelliten.
Ausstellung Schloss Halbturn, 14. Mai–27. Oktober 1985, Halbturn 1985, S. 293.
26 Vgl. dazu: Barbara Dettke: Die asiatische Hydra. Die Cholera von 1830/31 in Berlin und den
preußischen Provinzen Posen, Preußen und Schlesien, Berlin 1995.
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Es handelt sich bei den Seuchenbriefen mit ihren Stempeln um konkrete Zeu-
gen der Gesundheitspolitik und von präventiven Praktiken zur Seuchenein-
dämmung. Die Stempel als solche sind Ausdruck des Desinfektionsvorgangs.
Postgeschichte und Medizingeschichte zeigen sich hier eng verzahnt. Insbe-
sondere kann anhand dieser Quellen dargelegt werden, wie mittels der Post in
vorbakteriologischer Zeit praktische Krankheitsbekämpfung betrieben wurde.
Ein weiterer vielseitiger und bisher eher vernachlässigter Quellentyp für die
medizingeschichtliche Forschung stellen Postkarten dar. Hier interessiert al-
lerdings weniger der Portoaspekt der Briefmarken als vielmehr die bildlichen
Darstellungen und die persönlichen Inhalte. Es existiert eine große Bandbreite
von Bildpostkarten, die medizinische Einrichtungen aller Art darstellen, von
Arztpraxen und kleinen Heileinrichtungen über Krankhäuser, Lungenheilan-
stalten, Sanatorien bis zu den zahlreichen Heilstätten der Kurstädte. Sie bieten
etwa einer technik- und architekturzentrierten Krankenhausgeschichte eine
gute Quellenbasis. Auch der Aspekt der Werbung für Leistungen im Gesund-
heitsbereich kann an den Postkarten als interessante Forschungsfrage unter-
sucht werden.
Eine Problematik der medizinhistorischen Teildisziplin der Patientenge-
schichte liegt darin, an unmittelbare Aussagen der Betroffenen zu gelangen.
Gerade hier können die Textteile der aus Anstalten versendeten Postkarten
Abhilfe schaffen. Der Heidelberger Medizinhistoriker Wolfgang Eckart hat
beispielsweise Feldpostkarten aus dem Lazarett von 1914 bis 1918 untersucht
und Rückschlüsse über die Krankenpflege und die Patienten ziehen können. 27
Zwar kommen diesbezüglich auch Briefe in Frage, diese sind allerdings als
Quelle meist wesentlich schwieriger zugänglich als Postkarten. Letztere werden
gerade über den großen Sammlermarkt auch der wissenschaftlichen Forschung
zugänglich. Um nicht in Konkurrenz zu Sammlern treten zu müssen, böten
sich hier Kooperationen an, um die verschieden gelagerten Expertisen zusam-
menzuführen. Als Plattformen des Austauschs und zur besseren Vernetzung
können dabei nicht zuletzt Tagungen wie die diesem Band zugrunde liegende
dienen.
5 Darstellung von Medizin auf Briefmarken
Als weiterer Untersuchungsgegenstand medizinhistorischer Forschung kommt
in Betracht, was auf Briefmarken außer des Frankaturwerts und der Länderan-
gabe abgebildet wurde. Die Auswahl der Motive erfolgte nicht willkürlich; sie
27 Vgl. Wolfgang Eckart: Die Wunden heilen sehr schön. Feldpostkarten aus dem Lazarett 1914–
1918, Stuttgart 2013.
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oblag in der Regel staatlichen Stellen und verfolgte bewusst politische, gesell-
schaftliche oder wirtschaftliche Ziele. Je nach Briefmarkentyp sollte daher
quellenkritisch versucht werden, die jeweilige Intension der Herausgabe einer
Marke oder eines Motives zu erfassen. Dauerserien waren für den Massenge-
brauch gedacht, Sondermarken hatten häufig eine Gedenkfunktion, bei Aus-
landsmarken mit entsprechenden Portostufen spielte eine gewisse Fernwir-
kung als »Visitenkarten eines Landes« (Walter Benjamin) eine Rolle. Hinzu
traten Agitations- und Propagandafunktionen. Auch die bereits diskutierten
funktionalen Aspekte der Spendengewinnung und Prävention gehören zu den
Intensionen. Viele Briefmarken vor allem aus Kleinststaaten wurden auch
speziell für den Sammlermarkt herausgegeben und bekamen dementsprechend
dort beliebte Motive.
Für die Untersuchung der Darstellung medizinischer Themen auf Brief-
marken gilt unter Berücksichtigung dieser verschiedenen Charakterausprä-
gungen der Quellen die Annahme, dass sie Spiegel des gesellschaftlichen Stel-
lenwerts von Gesundheitsthemen sind. In gewissem Maße können sie so als
Indikator dienen und zeigen, wie der Staat Medizin nach außen präsentieren
wollte und bis heute will.
Eine Untersuchung der Marken mit medizinischen Motiven kann zeitlich
erfolgen und dadurch Konjunkturen bestimmter Themen sichtbar machen.
Die Briefmarke als weltweit verbreitetes Medium bringt aber auch die hervor-
ragende Möglichkeit mit sich, Vergleiche zwischen Ländern anzustellen. In
welchen konkreten Formen Medizin, Krankheit und Gesundheit nun Gegen-
stand auf Briefmarken werden konnten, soll im Folgenden anhand deutscher
Ausgaben kurz skizziert werden.
Die am weitesten verbreitete Darstellungsform medizinischer Motive ist der
im Titel dieses Beitrags erwähnte Mediziner-Kopf. Berühmte Ärzte von der
Antike bis heute dienten als Motiv. Zum Teil geschah dies auf Wohlfahrtsmar-
ken, hauptsächlich aber zu Jubiläen, wie Geburts- oder Todestagen, also den
typischen Gedenkanlässen zur Herausgabe einer Briefmarke. Seltener als zu
den Lebensdaten wurde mittels Briefmarken dem medizinischen Fortschritt
oder den Entdeckungen gedacht. In der Regel war dies verknüpft mit den da-
hinterstehenden Medizinern und Abbildungen von deren Köpfen.
Abgesehen von einer Darstellung des Arztes Gustav Nachtigal auf einer Se-
rie zu Kolonialforschern aus dem Jahr 1934, auf der er als Kolonialheld und
nicht als Mediziner geehrt wurde (Abb. 29), erschien die erste deutsche Marke,
die explizit den medizinischen Leistungen einer Person gedenkt, 1940. Sie
bildet zur 50-jährigen Entdeckung des Diphterie-Serums den Nobelpreisträger
Emil von Behring ab (Abb. 30). 1944 folgte der 100. Geburtstag von Robert
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Koch als Anlass zur Markenherausgabe (Abb. 31). Weit häufiger aber wurden
Komponisten, Dichter oder Ingenieure abgebildet. 28
Interessanterweise hat diese Form der Darstellung berühmter Mediziner auf
Marken Parallelen zu der Forschungsrichtung Medizingeschichte. Auch dort
befasste man sich bis in die 1970er-Jahre hauptsächlich mit den herausragen-
den Leistungen einzelner Ärzte in einer Art Standesgeschichte und öffnete sich
erst in den 1970er- und vor allem 1980er-Jahren neuen Forschungsansätzen
wie der Sozialgeschichte der Medizin, der Patientengeschichte oder der Pflege-
geschichte, um nur einige zu nennen.
Ein weiteres zu erwähnendes medizinisches Thema für Briefmarken, das
sich allerdings nicht auf deutschen Briefmarken wiederfindet, waren große
medizinische Kongresse. Polen gab etwa 1927 eine Briefmarke heraus zum 4.
internationalen Kongress für Militärmedizin und Pharmazie in Warschau (Abb.
32), Ägypten 1928 zum Anlass des 1. Kongresses für Tropenhygiene in Kairo
und der 100-Jahr-Feier der medizinischen Fakultät in Kairo (Abb. 33), Brasili-
en zum 1. Weltkongress der Homöopathie 1954 (Abb. 34) oder Rumänien 1957
zum dortigen nationalen Ärztekongress (Abb. 35). Es lässt sich vermuten, dass
es dabei vor allem darum ging, eigene Stellung und Leistungen im Bereich der
Medizinwissenschaft zu betonen. Daher begegnet man diesen Gedenkmarken
weniger in den westlichen Industrienationen. Sie nahmen diese Praxis nicht
auf, auch weil dort Kongresse zum alltäglichen Wissenschaftsbetrieb gehörten
und dementsprechend viele solcher Ereignisse stattfanden. Hier gab es keine
offiziellen Briefmarken, es erschienen höchstens private Vignettenmarken oder
philatelistische Andenken, wie Postkarten mit Sonderstempeln.
Bis auf wenige Ausnahmen, wie die bereits erwähnten Abbildungen von
pflegenden Schwestern im Krieg und auf Wohlfahrtsmarken, blieben medizini-
sche Themen auf deutschen Marken bis in die 1970er-Jahre auf die Ehrung
medizinischer Persönlichkeiten beschränkten. Zwar gibt es bis heute Gedenk-
und Jubiläumsmarken für Mediziner, es traten nun aber auch andere medizini-
sche Themen in den Vordergrund. 1970 erschien ein Satz mit sechs Marken zu
freiwilligen Hilfsdiensten, darunter die Betreuung von Behinderten (Abb. 36).
Die Bilder wurden entworfen von Hans Förtsch und Sigrid von Baumgarten,
die auch für die in den Folgejahren erschienene bereits thematisierte Dauerse-
rie zur Unfallverhütung verantwortlich waren. Im Olympiajahr 1972 bildetet
eine 40-Pfennig-Sondermarke einen bogenschießenden Rollstuhlfahrer ab und
verwies auf die Weltspiele der Gelähmten in Heidelberg (Abb. 37). 1973 warb
28 Zählt man die berühmten Persönlichkeiten auf Marken des Deutschen Reichs ohne die Politi-
ker, kommt man zu folgender Aufstellung: Sechs Marken gibt es mit Komponisten, fünfmal
werden Dichter beziehungsweise Schriftsteller zum Motiv, ebenso häufig Ingenieure und Erfin-
der. Ärzte hingegen wurden lediglich in den drei beschriebenen Fällen abgebildet.
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ein Satz zum Umweltschutz unter anderem auch für die Lärmbekämpfung. Sie
wird zwar heute eher dem präventiven Gesundheitsschutz zugerechnet, bildete
aber auch ein klassisches Thema der Umweltschutzbewegung. Erneut fand das
Thema Behinderung 1974 Berücksichtigung auf einer Briefmarke, ikonogra-
phisch an dem Bild eines Rollstuhlfahrers als Silhouette zwischen Gesunden
dargeboten. Wie bei den Umweltmarken warb diese ohne einen konkreten
Anlass oder eines Ereignisses für die Rehabilitation Behinderter (Abb. 38).
Am selben Tag kam außerdem eine Ausgabe an den Postschalter, die zum
Blutspenden aufrief und einen Blutstropfen neben einem Blaulicht abbildete
(Abb. 39). 1975 schließlich beteiligte sich die Deutsche Bundespost mittels
Briefmarke am Kampf dem Drogenmissbrauch. (Abb. 40). Gesundheitsthemen
mit vornehmlich präventivem Charakter genossen in der ersten Hälfte der
1970er-Jahre demnach eine gewisse Konjunktur. Erst in den frühen 1980er-
Jahren fand sie eine Fortsetzung. Zunächst erinnerte eine Gedenkmarke an den
200. Geburtstag des Arztes Friedrich Joseph Haass (Abb. 41). Interessant ist bei
der Motivwahl, dass hier nicht das Porträt des Mediziners gezeigt wurde, son-
dern die Darstellung einer Hand, welche die Marke zierte. 1981 wurde dem
Internationalen Jahr der Behinderten gedacht (Abb. 42) und wiederum als
präventive Botschaft für Gesundheit durch Vorsorge gegen Krebs geworben
(Abb. 43).
Außer einer Briefmarke, der 1984 erschienen Marke mit dem Thema Rau-
chen gefährdet die Gesundheit (Abb. 44), gab es aber keine weiteren präven-
tiven Ausgaben. Stattdessen dominerten wieder klassische Gedenkthemen und
Anlässe: 100. Jahrestag der Entdeckung des Tuberkulose-Erreger durch Robert
Koch mit Abbildung des Arztes 1982 (Abb. 45), 25 Jahre Deutsches Aussätzi-
gen-Hilfswerk 1982 (Abb. 46), 125 Jahre Internationales Rotes Kreuz 1988 (Abb.
47), 100 Jahre Arbeiter-Samariter-Bund 1988 (Abb. 48). Auch in den 1990er-
Jahren finden sich keine reinen Präventivmarken zum Gesundheitsschutz
mehr, ganz im Gegensatz zum Umweltschutz, der regelmäßig in Erscheinung
trat.
Die Vielzahl der Sondermarken zu bestimmten Jubiläen von Medizinern,
Entdeckungen oder Organisationen lassen sich als Ausdruck der Gedenkpoli-
tik und -kultur bewerten und so vor allem medizinhistorisch interpretieren.
Den Gedenkmarken kommt so eine passive Rolle als Geschichtsträger zu. Sie
sind materielle Zeugnisse des (Medizin)Geschichtsbildes der jeweiligen Zeit
und lassen sich als solche auch selbst zum Forschungsobjekt erheben. Wer und
was wurde von wem als wichtig, als gedenkwürdig angesehen? Wem gedachte
man über Ländergrenzen hinweg? Handelt es sich bei dieser Form der Huldi-
gung um ein westliches Phänomen, das dem westlichen Fortschrittsparadigma
entspricht und welche Gegenentwürfe bieten Briefmarken andere Länder oder
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bestätigen sie erstgenanntes nur? Das sind nur einige Forschungsfragen, die
sich anhand der Darstellungsweise von medizinischen Inhalten auf Briefmar-
ken untersuchen lassen.
Die Marken mit der Absicht der Belehrung, Prävention oder Propaganda
lassen sich dagegen als Ausdruck aktiver Gesundheitspolitik verstehen. So sind
die präventiven Marken zur Unfallverhütung, Verkehrssicherheit, Gesund-
heitsfürsorge und Anerkennung beziehungsweise Gleichstellung von Men-
schen mit Behinderung auch ein Ausdruck für die gesellschaftspolitische Rele-
vanz dieser Themen. Briefmarken spiegeln in ihrer Gedenk- und Agenda-
Funktion die historischen und gesellschaftlichen Debatten und Konfliktlagen
der jeweiligen Zeit wider. Auch hier können Vergleiche zwischen Ländern und
unterschiedlichen Zeiten erkenntnisfördernd sein.
Eine Problematik offenbart die chronologische Untersuchung der deutschen
Marken mit medizinischer Thematik außerdem: Die berühmten Ärzte sind fast
ausschließlich Männer. Erstmals wurde 1987 in der Dauerserie Berühmte
Frauen mit Dorothea Erxleben die erste promovierte Ärztin in Deutschland
abgebildet (Abb. 49). Im medizinischen Kontext erscheinen weibliche Akteure
so hauptsächlich als Krankenschwestern.
Einfache Darstellungen, die Pflegende oder auch Medizintechnik und Hei-
leinrichtungen zeigen, bieten aus medizinhistorischer Perspektive inhaltlich
nur einen geringen Quellenwert. Es handelt sich in der Regel um stark ideali-
sierte Darstellungen, die meist nach künstlerischen Gesichtspunkten gestaltet
wurden und nicht dem Alltag entnommen sind. Dies belegt etwa die unnatür-
liche Rückenhaltung der Kinderschwester auf der Wohlfahrtsmarke von 1956
(Abb. 50). Für die neueren Teildisziplinen der Medizingeschichte, wie der
Pflegegeschichte, Patientengeschichte oder der Sozialgeschichte der Medizin
bietet sich die Briefmarke als Quelle somit weniger an. Jedoch zeigen sie die
Leerstellen in der bisherigen Wahrnehmung und Darstellung medizinischer
Themen. Einblicke in medizinische Praktiken und Techniken liefern eher, wie
bereits geschildert, die Ansichtskarten.
6 Vergleich der Darstellungen von Medizin auf Marken der BRD
und der DDR
Briefmarken als Quelle bieten eine ihrem Wesen inhärente Vergleichsmöglich-
keit, beispielsweise chronologisch oder zwischen Ländern beziehungsweise im
Falle Deutschlands, zwischen den verschiedenen politischen Systemen.
Die Darstellungen von medizinischen Themen auf den bundesdeutschen
Marken wurde bereits vorgestellt. Wie traten nun die Marken in der Briefmar-
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kenwelt der Deutschen Demokratischen Republik auf? Grundsätzlich kam
ihnen ein weitaus geringerer Stellenwert zu. Zwar finden sich auch berühmte
Medizinerköpfe, wie Rudolf Virchow 1952 (Abb. 51), Avicenna 1952 (Abb. 52)
oder Georgius Agricola 1955 (Abb. 53). Sie blieben aber recht selten, auch
insbesondere im Vergleich zu Darstellungen von Dichtern, Komponisten und
natürlich der sozialistischen politischen Prominenz.
Weitere Gedenkmarken erschienen 1953 zum einjährigen Bestehen des Ro-
ten Kreuzes in der DDR (Abb. 54) und 1957 zum Welttag des Roten Kreuzes.
(Abb. 55). Mit der Darstellung einer Erste-Hilfe-Leistung im Sanitätsraum
eines Industriebetriebs drückt die Marke ihr Selbstverständnis als Arbeiterstaat
aus.
Es gab in der DDR keine offiziellen Wohlfahrtsmarken. Dortige Zuschlags-
marken hatten meist politische Zwecke, wie Wiederaufbau oder Unterstützung
der Bruderstaaten. Für das Rote Kreuz existierten aber private Spendenmarken
(Abb. 56).
Interessant erscheint auch, dass auf den in kommunistischen Ländern be-
liebten Serien, die die werktätige Bevölkerung zeigen, keine medizinischen
Berufe vorkommen, etwa den Marken zum Fünfjahresplan ab 1953 oder den
Ausgaben zu 15 Jahren DDR, auf der chemische und technische Berufe domi-
nieren. Anders sah dies in anderen Ländern des Ostblocks aus, wie etwa in der
Tschechoslowakei, wo die Freimarkenserie Berufe von 1954 sowohl eine Kran-
kenschwester als auch einen Arzt beinhaltete (Abb. 57).
Wenn auf den DDR-Marken Medizin auftrat, dann meist technisch geprägt,
wie bei den fünf Sonderpostwertzeichen zur medizinischen Sammlung des
Karl-Sudhoff-Instituts in Leipzig, das alte medizinische Geräte 1981 zum Ge-
genstand nahm (Abb. 58), oder der Abbildung des Krankenwagens Barkas B
1000 im Rahmen eines Satzes zum Industrieverband Fahrzeugbau von 1982.
(Abb. 59).
Es finden sich keine Pendants zu den in den seit den 1970er-Jahren in der
Bundesrepublik erschienenen Marken zur Gesundheitsprävention. Lediglich
das Thema Verkehrssicherheit wurde aufgegriffen. Die Unfallverhütung hin-
gegen schafte es nicht in die vielfältige Motivwelt der DDR-Briefmarken auf-
genommen zu werden, auch wenn die Arbeitsschutzpropaganda auch in Pla-
katform durchaus auf der staatlichen Agenda stand.
Medizinische Themen hatten also insgesamt keinen hohen Stellenwert in
der DDR. Das Fehlen der Marken mit präventivem Charakter lässt sich
dadurch erklären, dass man in der Außendarstellung nicht vermitteln wollte,
dass etwaige Probleme mit Verkehrs- und Arbeitsunfällen, Alkohol oder Rau-
chen in der DDR bestanden. Möglicherweise war die Absicht dahinter, dass
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man nach Außen zeigen wollte, dass es den DDR-Bürgerinnen und Bürgern
gut gehe.
7 Krankheit, Leid oder Schmerz auf Briefmarken am Beispiel von AIDS
Die Darstellung von Krankheit, Leid oder Schmerz auf Briefmarken sind
grundsätzlich selten und ein neueres Phänomen. Hier bildete lediglich die
Figur des verwundeten Soldaten eine Ausnahme. Ein in diesem Zusammen-
hang interessantes Untersuchungsobjekt ist die Darstellung der Immunschwä-
chekrankheit AIDS: Wie, wann und wo trat AIDS als Briefmarkenmotiv auf?
Diese Fragen können im Rahmen dieses Beitrags nicht abschließend behandelt
werden. Vielmehr soll verdeutlicht werden, welche Erkenntnisse Briefmarken
als medizingeschichtliche Quelle liefern können. Eines der frühsten Beispiele
der Thematisierung von AIDS stammt aus der Schweiz aus dem Jahr 1994. Es
zeigt die stilisierte Darstellung eines Phallus von der bekannten Künstlerin
Niki de Saint Phalle (Abb. 60). Stellt man dieser Marke einen Kleinbogen des
Vatikanstaats von 2002 gegenüber, der afrikanische Kinder als Opfer darstellt
(Abb. 61), wird deutlich, welche unterschiedlichen Rezeptionsweisen die
Krankheit zulässt. Während die Schweizer Marke, transportiert über das
Kunstwerk, eine mit Sexualität verknüpfte westliche Krankheitsproblematik
darstellt, ohne dabei Stigmatisierungen vorzunehmen, wird bei der Vatikan-
ausgabe AIDS als Problem Afrikas beschrieben. Das Problem wird also lokal
externalisiert. Außerdem findet auch bezüglich des Opferbildes eine Verände-
rung statt, da nun Kinder als Betroffene in den Vordergrund gerückt wurden.
Allein diese beiden Beispiele zeigen, welche Interpretationsspielräume und
Auslegungsmöglichkeiten eine Untersuchung dieses Mediums offenbart.
Postwertzeichen mit Bezug zu Krankheiten schaffen Aufmerksamkeit und
ein gesteigertes Problembewusstsein. Viele Briefmarken wollten sich als Zei-
chen gegen die Stigmatisierung verstanden wissen, etwa mittels Abbildung
einer roten Schleife als bekanntes Symbol für den Kampf gegen die Krankheit.
Nur wenige warben präventiv, etwa zur Verwendung von Kondomen, wie eine
belgische Ausgabe mit Spendenzuschlag von 1996 (Abb. 62).
Insgesamt fand die Thematisierung von AIDS auf Briefmarken erst lange
nach Ausbruch der Krankheit statt, was sicher mit der negativ konnotierten
öffentlichen Wahrnehmung der Krankheit und ihrer Assoziation mit einem
promiskuitiven Lebensstil, Homosexualität oder Drogenkonsum zusammen-
hängt. Auch der Zeitpunkt des Erscheinens entsprechender Ausgaben kann so
eine wichtige Aussage haben und als Indikator in einem internationalen Ver-
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gleich dienen. Eine umfassende Bestandsaufnahme wäre hier sicher erkennt-
nisfördernd.
Im Übrigen war die Darstellung von Leid wie auf der vatikanischen AIDS-
Marke sehr lange problematisch, wie ein Beispiel aus der bundesdeutschen
Briefmarkengeschichte belegt. 1961 wurde eine deutsche Marke mit einem
hungernden Kind noch kurz vor der Ausgabe zurückgezogen (Abb. 63).
8 Schlussbemerkungen
Resümierend kann festgehalten werden, dass in der Einbeziehung der Brief-
marken als visuelle Massenquelle gerade, aber nicht ausschließlich, in der Me-
dizingeschichte große Chancen und Möglichkeiten liegen. Dies kann und sollte
als Ergänzung der üblichen Quellen stattfinden. Über eine ärztliche Standesge-
schichte hinaus bieten Briefmarken und ihre Sammelderivate Stempel, Post-
karten und Briefe zahlreiche interessante Facetten und Forschungsbereiche.
Ihr Einbeziehen in den Kanon der medizingeschichtlichen Quellen eröffnet,
wie hier vielfach nur angedeutet werden konnte, neue und vielfältige Fragestel-
lungen.
Ein Hinweis sei noch darauf gegeben, dass auch die Sammelleidenschaft an
sich als Gegenstand medizinischer und auch medizinhistorischer Untersu-
chungen taugt.
In einem Artikel aus dem Illustrierten Briefmarken-Journal des Jahres 1887
warnt ein Mediziner vor dem Briefmarkensammeln, weil zu viel Zeit im Sitzen
verbracht würde, statt bei der Bewegung in der freien Natur. Außerdem wür-
den ansteckende Krankheiten über die Sammelobjekte verbreitet, beispielswei-
se Schwindsucht, Scharlach, Masern oder Pocken. Ausdrücklich mahnt er
deshalb davor, die Marken mit dem Mund zu berühren. 29 Hingegen beantwor-
tet ein aktueller Artikel in der Zeit die Frage, ob das Sammeln gesundheitsför-
derlich sei positiv. Es entspanne und in dem man darin Aufgehe, setze der
Körper Endorphine frei, die helfen, das Immunsystem zu stimulieren. 30 Die
Beschäftigung mit Briefmarken lohnt sich demnach sowohl für die Sammler
als auch für die Historiker.
29 Vgl. Emil Pfeifer: Gesundheitliches über das Briefmarkensammeln, in: Illustriertes Briefmar-
ken-Journal 14 (1887), zit. n.: http://www.klassische-briefmarken.de/ibj2.htm (letzter Zugriff:
29. April 2018).
30 Vgl. Sven Stillich: Über die heilsame Hingabe des Sammlers. Warum Muscheln, Briefmarken
oder Käfer in schweren Zeiten Halt geben. In: Die Zeit 71 (2017) 22.
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Abbildungen
Abbildung 1
Wohltätigkeitsmarke (1897, New South Wales).
Abbildung 2
Julemærke-sanatoriet (1908, Dänemark).
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Abbildung 3
Werbung Christmas Seals (1924, USA).
Abbildung 4–5
Pro Juventute (1913, Michel, Schweiz, 117); Pro Juventute (1927, Michel, Schweiz, 222–223).
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Abbildung 6
Pro Juventute (1937, Michel, Schweiz, Block 3).
Abbildung 7–9
Voor Het Kind (1924, Michel, Niederlande, 143); Rotes Kreuz (1930, Michel, Finnland, 160);
Kriegsgeschädigtenhilfe (1919, Michel, DR, 106).
Abbildung 10–12
Alters- und Kinderhilfe (1922, Michel, DR, 233); Deutsche Nothilfe (1924, Michel, DR, 353);
Deutsche Nothilfe (1925, Michel, DR, 377).
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Abbildung 13
Rotes Kreuz (1940–1943, Michel, Böhmen und Mähren, 54, 63, 112, 132).
Abbildung 14–16
10 Jahre Hilfswerk Mutter und Kind (1944, Michel, DR, 869); Paracelsus (1949, Michel, BRD, 118);
Elsa Brandström (1951, Michel, BRD, 145).
Abbildung 17–19
Deutsche Kriegsgefangene (1953, Michel, BRD, 165); Henri Durant (1952, Michel, BRD, 159); J. C.
Senckenberg (1953, Michel, BRD, 175).
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Abbildung 20–22
Samuel Hahnemann (1955, Michel, BRD, 224); 200 Jahre Homöopathie (1996, Michel, BRD,
1880); Ignaz Semmelweis (1956, Michel, BRD, 244).
Abbildung 23–24
Robert Koch (1939, Michel, Danzig, 307); Verkehrsunfall-Verhütung (1953, Michel, BRD, 162).
Abbildung 26
Wiener Straßenbahnen (Österreich).
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Abbildung 25
Unfallverhütung (10. September 1971, Michel, BRD, 694–703).
Abbildung 27–28
Reklamemarke Wybert Tabletten ; Stempel Blutspenden (1970, BRD).
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Abbildung 29–31
Gustav Nachtigal (1934, Michel, DR, 541); Emil von Behring (1940, Michel, DR, 761); Robert Koch
(1944, Michel, DR, 864).
Abbildung 32–34
4. Internationaler Kongress für Militärmedizin und Pharmazie (1927, Michel, Polen, 251); Interna-
tionaler Medizinkongress (1928, Michel, Ägypten, 141); Christian Friedrich Samuel Hahnemann
(1954, Michel, Brasilien, 862).
Abbildung 35
Nationalkongress für Medizinwissenschaft (1957, Michel, Rumänien, 1638).
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Abbildung 36–38
Betreuung Behinderter (1970, Michel, BRD, 631); Weltspiele der Gelähmten (1972, Michel, BRD,
733); Rehabilitation Behinderter (1974, Michel, BRD, 796).
Abbildung 39–40
Blut spenden (1974, Michel, BRD, 797); Kampf dem Drogenmissbrauch (1975, Michel, BRD, 864).
Abbildung 41–43
Joseph Haass (1980, Michel, BRD, 1056); Jahr der Behinderten (1981, Michel, BRD, 1083); Vorsor-
ge gegen Krebs (1981, Michel, BRD, 1089).
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Abbildung 44–45
Anti-Raucher-Kampagne (1984, Michel, BRD, 1232); Robert Koch (1982, Michel, BRD, 1122).
Abbildung 46–48
25 Jahre Deutsches Aussätzigen-Hilfswerk (1982, Michel, BRD, 1146); 125 Jahre Internationales
Rotes Kreuz (1988, Michel, BRD, 1387); 100 Jahre Arbeiter-Samariter-Bund (1988, Michel, BRD,
1394).
Abbildung 49–51
Dorothea Erxleben (1987, Michel, BRD, 1332); Kinderschwester (1956, Michel, BRD, 246); Rudolf
Virchow (1948, Michel, SBZ, 218 bzw. September 1952, Michel, DDR, 332).
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Abbildung 52–54
Avicenna (1952, Michel, DDR, 314); Georgius Agricola (1955, Michel, DDR, 497); 1 Jahr Deut-
sches Rotes Kreuz in der DDR (1953, Michel, DDR, 385).
Abbildung 55
Welttag des Roten Kreuzes (1957, Michel, DDR, 572–573).
Abbildung 56
Spendenmarken DRK der DDR (Vorderseite und Rückseite, 1973).
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Abbildung 57
Krankenschwester und Arzt (1954, Michel, Tschechoslowakei, 848, 852).
Abbildung 58
Karl-Sudhoff-Institut Leipzig (1981, Michel, DDR, 2640–2645).
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Abbildung 59–60
Krankenwagen Barkas B 1000 (1982, Michel, DDR, 2744); AIDS-Bekämpfung (1994, Michel,
Schweiz, 1534).
Abbildung 61
Unterstützung AIDS-geschädigter Kinder (2004, Michel, Vatikan, 1488).
Abbildung 62–63
Kampf gegen AIDS (1995, Michel, Belgien, 2672); Brot für die Welt (1961 (nicht verausgabt),
Michel, BRD, X).
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III. Die Briefmarke als Mittel
politischer Legitimation
und Herrschaftsinstrument
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René Smolarski
Die Briefmarke als Herrschaftsinstrument und Mittel politischer
Legitimation: Zur Einführung
Auf keine andere Aussage wird im Verlauf dieses Sammelbandes so häufig
direkt oder indirekt verwiesen, wie auf die des Philosophen und Kulturkriti-
kers Walter Benjamin, in der er feststellt, dass es sich bei Briefmarken um
Visitenkarten handele, »die die großen Staaten in der Kinderstube abgeben« 1.
Nimmt man diese Aussage ernst, so folgt daraus aber auch, dass sie vor allem
die Visitenkarten der jeweiligen Staatsführung sind und somit ein Mittel dar-
stellen, deren Herrschaft nicht nur nach außen zu repräsentieren, sondern
auch zu legitimieren.
Die Verwendung der Briefmarke als Herrschaftsinstrument und Mittel poli-
tischer Legitimation ist indes nicht neu, sondern greift auf eine alte, spätestens
seit den Zeiten der römischen Republik bestehende Tradition zurück. Denn
bereits hier hatte man sich der Münze – eines der Briefmarke verwandten
Mediums – bedient, um über den abstrakten Gelddiskurs hinaus »tagtäglich
kulturelles und politisches Selbstverständnis und damit eine Botschaft vom
Herausgeber des Geldes, dem politischen Souverän, dem Staat, dem Herrscher,
der Stadt, an den Nutzer« zu vermitteln und ihm dadurch »die Möglichkeit
einer national-kulturellen Identifikation« 2 zu bieten. Es kam daher nicht von
ungefähr, dass man sich bei der Konzeption der Briefmarke in den 1840er-
Jahren bewusst an der tradierten Münzgestaltung orientierte, zumal es sich bei
der Briefmarke ja doch auch um eine Art von Papiergeld handelt. 3
Dass bei der Konzeption und Gestaltung der Briefmarken jedoch nicht al-
lein ein seit langer Zeit tradiertes Münzverständnis, sondern auch die antike
1 Walter Benjamin: Einbahnstrasse, Berlin 1928, S. 69.
2 Katharina Martin: Sprechende Bilder. Zur »Sprache des Geldes« in der Antike, in: Benedikt
Eckhardt/Katharina Martin (Hrsg.): Geld als Medium in der Antike, Berlin 2011, S. 91–138. Be-
zogen auf Deutschland siehe auch Wilhelm Klüsche: Briefmarken als Spiegel kultureller Identi-
tät. 60 Jahre Bundesrepublik Deutschland 1949–2009, Aalen 2017.
3 Vgl. Hans-Jürgen Köppel: Politik auf Briefmarken. 130 Jahre Propaganda auf Postwertzeichen,
Düsseldorf 1971, S. 14.
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Mythologie selbst Pate stand, zeigt Reinhard Krüger (†) in seinem Beitrag Die
Erfindung der Penny Black oder Queen Victoria als Artemis, in dem er explizit
auf die Rolle der antiken Mythologie auf den frühen Postwertzeichen eingeht.
Krüger verweist in diesem Zusammenhang nicht allein auf die ästhetische
Orientierung an der antiken Götterwelt bei der Darstellung der Königin Victo-
ria auf den weltweit ersten Briefmarken, sondern auch auf deren langanhalten-
de Rezeption, die sich nicht zuletzt auch in dem immer wiederkehrenden Bild
des Götterboten Hermes (beziehungsweise Merkur) widerspiegelt.
Es dauerte einige Jahrzehnte, bis man sich der über die Darstellung hoheitli-
cher Repräsentation hinausgehenden Möglichkeiten politischer Propaganda
auf Briefmarken bewusst wurde. 4 Vor allem mit der Einführung von Sonder-
marken, also einer anlässlich eines besonderen Ereignis verausgabten Marke
»mit auf den Ausgabeanlaß Bezug nehmendem Bild und/oder Inschrift« 5,
wurde das Repertoire politischer Aussagen erheblich erweitert.
Ein in jeder Hinsicht besonderes Ereignis aus staatlicher Perspektive ist da-
bei wohl vor allem seine eigene Gründung, zumal dadurch, dass damit nicht
zuletzt auch eine grundlegende Legitimation seiner nunmehr beginnenden
Existenz verbunden ist. Dies umso mehr, wenn entweder die Existenz des neu
gegründeten Staates an sich oder zumindest seine Existenzbegründungen von
innen- oder außenpolitischen Gegenspielern verneintoder zumindest bezwei-
felt werden. Neben einer eigenen Flagge, einem eigenen Wappen, eigenen
Ausweispapieren sowie eigenen Münzen und Banknoten sind auch Briefmar-
ken ein wichtiges Mittel zur symbolischen Repräsentation der neu gewonne-
nen Eigenstaatlichkeit, und damit auch ein erstes Massenkommunikationsmit-
tel, 6 das zur politischen Legitimation gegenüber dem In- und Ausland einge-
setzt werden kann. Briefmarken bilden dabei nicht nur eine Projektionsfläche
für ein in die Zukunft gerichtetes politisches Programm der jeweiligen Staats-
führung, sondern stellen auch ein Medium dar, auf dem man sich auf die eige-
ne oder als eigen konstruierte historische Vergangenheit beziehen kann. Wel-
che Rolle hierbei archäologische Funde spielen und welche Implikationen eine
Berufung auf sie hervorrufen kann, zeigt Florian Müller in seinem Beitrag über
Archäologische Funde als Motive auf Briefmarken zur Begründung staatlicher
Souveränität und nationaler Identität am Beispiel des Konfliktes zwischen Ma-
kedonien und Griechenland.
4 Vgl. Köppel: Politik auf Briefmarken, S. 47.
5 Ulrich Häger: Kleines Lexikon der Philatelie (SW: Sondermarke), Gütersloh/Berlin 1977, S. 396.
6 Vgl. René Smolarski: Operation Cornflakes. Kommunikationsguerilla durch Briefmarken, in:
Andreas Beaugrand/Pierre Smolarski (Hrsg.): Adbusting. Ein Designrhetorisches Strategie-
handbuch, Bielefeld 2016, S. 234–261, hier: S. 236–237.
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Der Blick auf die Geschichte der Briefmarke, die sich seit ihrer Einführung
1840 in England innerhalb von wenigen Jahrzehnten weltweit durchsetzte, 7
zeigt, dass die eigentlich als einfache Quittung und Beleg dafür, »dass die Ge-
bühr für die Nutzung eines Mediums (den Brief) entrichtet worden ist« 8, ge-
dachte Briefmarke mehr und mehr zu einem Mittel der politischen Propagan-
da avancierte. Briefmarken stellen somit auch eine wesentliche Quelle über die
zeitgenössischen politischen Diskurse im Herausgeberland dar, erfüllen doch
gerade Massenmedien, wie Gerd Strohmeier herausstellt, gleich in mehrfacher
Hinsicht politische Funktionen. Neben ihrer Primärfunktion, die die Herstel-
lung einer Öffentlichkeit beziehungsweise der Konstruktion eines öffentlichen
Raumes in einem politischen System umfasst, meint dies vor allem die darauf
aufsetzenden Sekundärfunktionen, die der Informationsverbreitung und der
politischen Kontrolle dienen. Dies hat, so Strohmeier, wiederum Einfluss auf
die politische Sozialisation und Integration, die politische Bildung und Erzie-
hung sowie die politische Meinungs- und Willensbildung. 9 Auf Briefmarken
zeigt sich demnach das jeweils zeitgenössische Selbstverständnis eines Staates
beziehungsweise das vom jeweiligen Herausgeber betriebene agenda setting. 10
Wie dieses Setting sich im Verlauf der Zeit ändern und an veränderte politi-
sche Rahmebedingungen anpassen kann, zeigt Sebastian Liebold in seinem
Beitrag Türkische Briefmarken als Zeitzeichen: Einmal Moderne und zurück?, in
dem er sich am Beispiel türkischer Briefmarken sowohl mit materiellen und
ästhetischen Modernisierungstendenzen in den 1950er- bis 1970er-Jahren als
auch mit dem seit den 2000er-Jahren verstärktem Rückgriff auf osmanische
Traditionen in der Türkei auseinandersetzt. Von besonderer Bedeutung in der
Ausgabepolitik türkischer Briefmarken ist dabei auch die auf diesen visualisier-
te Positionierung zum Ausland, insbesondere zu Europa, die ebenfalls einer
Veränderung unterworfen ist.
Briefmarken zielen somit, wie die Beispiele der Türkei und Makedoniens
zeigen, auch über die eigenen Staatsgrenzen hinweg, werden sie doch nicht nur
von einer weltweiten Sammlergemeinde rezipiert, sondern – und hier unter-
scheiden sie sich von den Münzen und Banknoten, die im Regelfall nur im
eigenen Land beziehungsweise der entsprechenden Währungsunion Gültigkeit
besitzen – werden als Frankatur für Auslandspost auch qua ihrer Funktion von
Rezipienten außerhalb des eigenen Staatsgebietes wahrgenommen. Die ein-
7 Eine Übersicht über die Chronologie der Einführung der Briefmarke findet sich bei Traugott
Haefeli-Meylan: Die Entstehung der Briefmarke und ihre weltweite Verbreitung, Lausanne
1985, S. 120–122.
8 Gottfried Gabriel: Ästhetik und Rhetorik des Geldes, Stuttgart/Bad Cannstatt 2012.
9 Gerd Strohmeier: Politik und Massenmedien. Eine Einführung, Baden-Baden 2004, S. 72–74.
10 Zum agenda-setting-Ansatz siehe unter anderem: Gerd Strohmeier: Politik und Massenmedien.
Eine Einführung, Baden-Baden 2004, S. 198ff.
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gangs angesprochene Bezeichnung der Briefmarke als der »Visitenkarte im
Weltverkehr« (Aby Warburg) tritt hier besonders deutlich zu Tage.
Dabei bezieht sich die Funktion dieser Visitenkarte auch auf die Repräsenta-
tion des Selbstverständnisses von der Stellung des eigenen Landes in der Welt.
Briefmarken können somit, wie Jasper Trautsch in seinem Beitrag Vom ameri-
kanischen Exzeptionalismus zur atlantischen Gemeinschaft. Die Visualisierung
des Ost-West-Konflikts auf US-Briefmarken argumentiert, auch als historische
Quelle zur Rekonstruktion von Weltbildern dienen. Dies zeigt Trautsch an-
hand des von ihm untersuchten Wandels von Weltkarten-Darstellungen auf
den Postwertzeichen der Vereinigten Staaten Mitte des 20. Jahrhunderts und
damit im Kontext des Kalten Krieges.
Nimmt man die Funktion der Briefmarke als einem Massenmedium ernst,
eine Rolle, die sie laut Köppel zumindest »bis zur Installation des heute vor-
handenen weltweiten Funknetzes und bis zur Existenz des Satellitenfernse-
hens« inne hatte, dies umso mehr, als nur sie für eine gewisse Zeit die Länder-
grenzen souverän und »ohne Rücksicht auf System oder Ideologie« 11 überwin-
den konnte, dann ist festzustellen, dass durch ihren gezielten Einsatz, wie
Strohmeier für Massenmedien allgemein konstatiert, auch Herrschaft ge-
schwächt oder gestärkt werden kann. 12 Die Bedeutung des Mediums Briefmar-
ke im Kontext von politischer Herrschaftsausübung und -legitimation ist bis-
lang ein Forschungsdesiderat, das einer weiterführenden Untersuchung bedarf.
Einen ersten Aufschlag machen die folgenden Beiträge.
11 Köppel: Politik auf Briefmarken, S. 15. Köppel, für den die Briefmarke »täglich verbreitet in
einer Auflage von vielen Millionen, liebevoll gesammelt, gierig gehortet oder achtlos in den Pa-
pierkorb geworfen, das heimliche, unterschwellig wirksame Massenmedium Nummer eins« (S.
10) darstellen, geht hier jedoch zu weit, da bereits vor 1840 – d. h. vor Entstehung der Postwert-
zeichen – andere Mittel der Massenkommunikation, allen voran Zeitungen, Zeitschriften und
Flugblätter, auch über Ländergrenzen hinweg ihre Wirkung zeitigten.
12 Strohmeier: Politik und Massenmedien, S. 69.
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Reinhard Krüger
Die Erfindung der Penny Black oder Queen Victoria als Artemis.
Antike Mythologie und die frühen Postwertzeichen
1 Antike und Moderne in der Postgeschichte
Der Blick in die Briefmarkenkataloge für die Ausgaben des 19. Jahrhunderts,
aber auch noch für die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts zeigt es recht schnell:
Die antike Mythologie ist ein fester Bestandteil des Programms, das die ver-
schiedensten Postanstalten der Welt, die in irgendeiner Weise mit der europäi-
schen Tradition verbunden sind, mit ihren Briefmarken-Editionen realisieren.
Nicht nur antike Götter erscheinen auf Postwertzeichen, sondern es werden
auch Herrscherporträts mit Blick auf antike Herrscher- und Götterdarstellun-
gen gestaltet: Für einen neuzeitlichen Monarchen, der sich wie die römischen
Kaiser und die mittelalterlichen Könige auf das Gottesgnadentum beruft, er-
scheint die grafische Inszenierung als Divus oder als Diva durchaus als ange-
messen. Dies gilt auch für die erste Briefmarke der Weltpostgeschichte, die
Penny Black, die am 1. Mai 1840 an die Schalter der britischen Postämter ge-
langte und ab dem 6. Mai 1840 gültiges Postwertzeichen war. Sie zeigt ein Port-
rät, das als Bildnis der Victoria vorgeführt wird, aber ohne die Präsenz der
antiken Mythologie nicht angemessen verstanden werden kann: Es ist, wie
noch zu zeigen sein wird, codiert durch die antike Mythologie.
Zu den in diesem Kontext drei wichtigsten Zeichnungen von Postwertzei-
chen, der Penny Black, der Cérès in Frankreich und den Hermes-Köpfen Grie-
chenlands gibt es natürlich zahlreiche philatelistische Monographien. Diese
konzentrieren sich jedoch, so wie es in der Philatelie üblich ist, weniger auf den
kulturhistorischen Hintergrund der entsprechenden Motiv-Entwicklung, son-
dern vor allem auf die Details der Zeichnung, der Drucktechnik, des Papiers,
der Zähnung und ähnlicher Daten. 1 Diese Handbücher sind natürlich von
1 Vgl. Rigo de Righi: The Story of the Penny Black, London 1980; Edward B. Proud: Penny Black
Plates, London 1987; Stanley Gibbons: Great Britain specialised stamp catalogue I: Queen Vic-
toria, London 162015.
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allererster Bedeutung für eine historische Studie, wenn es darum geht, auf der
Grundlage derartiger Details zu Aussagen zu gelangen. Eine kulturgeschichtli-
che Studie jedoch, die sowohl die Verortung der einzelnen Motive in der Ge-
schichte wie auch ihren Zusammenhang vor der Bühne der europäischen Kul-
turgeschichte darlegt, existiert noch nicht.
Nun ist es nicht so, dass die antiken Themen in der Postwertzeichengestal-
tung überwögen, wohl aber, dass sie einen deutlich erkennbaren Anteil an der
Bildwelt haben, die auf jenen artistischen Miniaturen vermittelt und befördert
werden, als die wir die Briefmarken auffassen können. Im Vordergrund stehen
hier Demeter/Cérès als die Göttin der Fruchtbarkeit und Hermes/Merkur als
der Bote der Götter. Sie werden eingesetzt als funktionstüchtige Symbole für
jene Bereiche der gesellschaftlichen Praxis, für die sie stehen, also Fruchtbar-
keit, Fortschritt, Dynamik und Entwicklung auf der einen Seite sowie Kom-
munikation und Handel auf der anderen Seite. Beide werden für teilweise über
ein Jahrhundert immer wieder auf Postwertzeichen in Erscheinung treten, bis
sie dann in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts immer seltener werden und
schließlich ganz verschwinden. Die antiken Göttergestalten gehören im ausge-
henden 20. Jahrhundert nicht mehr zur Alltagskommunikation über die gesell-
schaftliche Wirklichkeit, in der man lebt und die man mitgestaltet und begreift.
Die antike Mythologie scheint ausgedient zu haben, und dies nicht etwa im
Ergebnis eines Prozesses natürlichen Vergessens, sondern seit der Mitte des 19.
Jahrhunderts, so beispielsweise bei Baudelaire oder Grandville, können wir
einen Prozess der kritischen Parodierung antiker Mythologie und schließlich
zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Programmatik der futuristischen Bewe-
gung auch eine deutliche Ablehnung und den Impuls zu ihrer Überwindung
erkennen. 2 Diese Vorgänge sind letzten Endes als die kulturgeschichtliche
Dynamik zu identifizieren, in deren Entfaltung die antike Mythologie und ihre
sinnlich-begrifflichen Bilder von göttlichen Gestalten mit ganz wenigen Aus-
nahmen außer Gebrauch geraten. 3
Dieser Prozess ist als die Querelle des Anciens et des Modernes 4 oder kurz
darauf in England als die battle of books 5 in die Kulturgeschichte eingegangen
2 Vgl. Filippo T. Marinetti: Manifeste du Futurisme, in: Le Figaro, 28. Februar 1908, S. 1.
3 Vgl. dazu allgemein: Hans G. Rötzer: Traditionalität und Modernität in der europäischen
Literatur. Ein Überblick vom Attizismus-Asianismus-Streit bis zur »Querelle des Anciens et des
Modernes«, Darmstadt 1979.
4 Vgl. Charles Perrault: Parallèle des anciens et des modernes en ce qui regarde les arts et les
sciences. 4 Bde. Paris 1688–1696 (Faksimiledruck der vierbändigen Originalausgabe Paris
1688–1696 als Theorie und Geschichte der Literatur und der schönen Künste, München 1964).
Weitere Quellen sind abgedruckt bei Anne-Marie Lecoq: La querelle des anciens et des moder-
nes. XVIIe–XVIIIe siècles, Paris 2001 sowie Reinhard Krüger: Zwischen Wunder und Wahr-
scheinlichkeit. Die Krise des französischen Vers-Epos im 17. Jahrhundert, Marburg 1986.
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und ist in Europa auf eine schlanke Kurzformel gebracht worden: nämlich,
dass im Kern darüber diskutiert werden müsse, ob die antike Mythologie
überhaupt noch für die Gestaltung eines Bildes von der modernen Gegenwart
geeignet sei. Im 17. Jahrhundert waren die Modernisten nämlich jene, die vor
allem auf eine christliche Gegenwart insistierten, die sie als Absetzbewegung
von der antiken Begeisterung der Renaissance verstanden wissen wollte. Im 19.
Jahrhundert war dies aber definitiv anders geworden: Es stellte sich einfach die
Frage, ob eine in zunehmendem Maße industrialisierte und motorisierte Ge-
sellschaft und ihre Verrichtungen denn wirklich noch in angemessener Weise
mit Chiffren und Symbolen repräsentiert werden konnten, die der antiken
Mythologie entnommen waren. Wir haben es hier faktisch mit einer Fortset-
zung und partiellen Vollendung dieser Querelle des Anciens et des Modernes zu
tun.
Die Methoden und Perspektiven der Untersuchung des Verhältnisses von
Antike und Moderne in der Entwicklung der Thematik von Postwertzeichen
unterscheiden sich nun faktisch überhaupt nicht von jenen, die beispielsweise
in der Kunstwissenschaft oder in der Literaturgeschichtsschreibung Anwen-
dung finden. Es kommt immer darauf an, die Motive zu identifizieren, die Art
und Weise, wie mit ihnen umgegangen wird, und letzten Endes die Kritik und
die Ablösungsprozesse der älteren Motive durch neue zu identifizieren. Dabei
gilt grundsätzlich, dass die Postgeschichte wie alle anderen kulturellen Artiku-
lationen einer Gesellschaft auch als ein großes Gefüge verschiedener Praktiken
und Bedeutungen anzusehen ist, wobei es zwischen den verschiedenen Sekto-
ren beständig zum Transfer von Informationen kommen kann. Dies bedeutet,
dass der Versuch, beispielsweise die Geschichte der Nutzung bestimmter Mo-
tive in der Briefmarkengestaltung vor dem Hintergrund der allgemeinen kul-
turgeschichtlichen Entwicklung untersuchen zu wollen, als Gegenstand wis-
senschaftlicher Bemühungen vollkommen legitim ist. Nicht weiter ausgearbei-
tete, erste Ideen dazu hatten bereits in den 1920er-Jahren Walter Benjamin 6
und Aby Warburg 7 formuliert. Eine erste umfangreiche Untersuchung der
Gestaltung von Postwertzeichen, in diesem Fall der italienischen, aus einer
5 Vgl. die Quellen bei Hermann Josef Real: Jonathan Swift, the battle of the books. Eine histo-
risch-kritische Ausgabe mit literarhistorischer Einleitung und Kommentar, Berlin 1978 sowie
Achim Hölter: Die Bücherschlacht. Ein satirisches Konzept in der europäischen Literatur, Biele-
feld 1995.
6 Walter Benjamin: Briefmarken-Handlung, in: Gesammelte Schriften. Bd. IV/1, Frankfurt am
Main 1972, S. 134–137, hier: S. 136.
7 Vgl. Frank Zöllner: »Im Geistesverkehr der Welt«. Aby Warburg und die Philatelie, in: Philate-
lie als Kulturwissenschaft, in: Das Archiv. Magazin für Kommunikationsgeschichte (2016) 3, S.
14–20.
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kunsthistorischen Perspektive liegt bereits vor, 8 hat jedoch noch nicht dazu
geführt, dass auch schon die Editionen anderer Länder entsprechend unter-
sucht worden wären.
Die Geschichtsschreibung, die sich die Analyse von Postwertzeichen als ei-
ner Quelle historischer Erkenntnis zum Ziel gesetzt hat, müsste sich hier ganz
an den Ergebnissen der bisherigen kulturhistorischen Forschung orientieren
und diesen selbstverständlich gegebenenfalls auch weitere Ergebnisse hinzufü-
gen. Umgekehrt ist es aber so, dass die ›Philatelie als Wissenschaft‹ oder eben
die wissenschaftliche Philatelie sich insgesamt der Theorien, der Methoden
ebenso wie der Ergebnisse der Kunst- und der Kulturwissenschaft zu bedienen
hat, 9 um zu valablen Ergebnissen zu gelangen, die auch anderen Disziplinen als
Erkenntnisse vermittelt werden können.
2 Queen Victoria als Artemis (1840)
Nihil ex nihilo… Es ist eine Binsenweisheit, dass nichts von nichts kommt. Will
man etwas vollkommen Neues erfinden, so gibt es keine andere Möglichkeit,
als aus bereits vorhandenen Materialien durch eine Kombination, die noch
niemals erfunden worden ist, etwas zu kreieren, das dann tatsächlich voll-
kommen neu ist. Dennoch trägt dieses Neue immer die Spuren des Alten und
dies ist der Grundkonflikt einer jeden Innovation, einer jeden Avantgarde, und
eines jeden Versuchs einer jüngeren Generation, der älteren den Rang streitig
zu machen. Immer klebt einem das Alte an den Sohlen und es wird niemals
möglich sein, ohne das Alte in die Zukunft zu schreiten. Dies ist nicht nur im
Sinne der Befreiung von einer Tradition zu verstehen, sondern auch in dem
Sinne, dass man ohne genaue Kenntnis der Tradition und damit auch ohne
genaue Kenntnis ihrer retardierenden wie positiven Potenziale tatsächlich
nicht in die Zukunft schreiten kann.
Die ganze Geschichte der Ästhetik, der Kunst und der Literatur ist voll von
Phänomenen, die genau aus diesem Konflikt herrühren. Schon in der griechi-
schen Antike gab es jene Dichter, die sich rühmten, dass sie ein vollkommen
neues Lied dichten wollten. Dieser Topos der Neuheit bleibt eigentlich immer
in mehr oder weniger starkem Maße ein Begleiter aller europäischer Bemü-
8 Federico Zeri: I francobolli italiani. Grafica e ideologia dalle origini al 1948, in: Guilio Bolla-
ti/Paolo Fossati (Hrsg.): Storia dell’arte italiana. Bd. 2: Grafica e immagine, Turin 1980, S. 287–
319.
9 Vgl. Detlev Schöttker: Philatelie als Kulturwissenschaft? Zur Geschichte eines unvollendeten
Projekts, in: Das Archiv. Magazin für Kommunikationsgeschichte (2016) 3, S. 6–13.
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hungen darum, eine Kunst zu produzieren, die den ästhetischen Bedürfnissen
der modernen Zeit entspricht, in der man nun einmal lebte.
Die moderne Postgeschichte, das heißt die Postgeschichte seit der Heraus-
gabe der ersten Briefmarke, war von solchen Überlegungen noch vollkommen
unberührt. Für das Neue gab es noch keine neuen Bilder, noch keine angemes-
sene visuelle Repräsentation. Unter diesen Bedingungen griff man auf die Tra-
dition antiker Bilder zurück und so traten die neue Gesellschaft und die neuen
sozialen Praktiken in Gestalt der alten Bilder visuell in Erscheinung. Daher
begann die moderne Postgeschichte mit einem Postwertzeichen, das eine Ver-
neigung vor der Bildlichkeit der antiken Mythologie war, da hier das antike
Bildprogramm noch einmal aufgerufen wurde.
Die Gestaltung der ersten britischen Postwertzeichen nimmt ihren Ausgang
von einem visuellen Zeichensystem, das sich bereits auf anderen grafisch ge-
stalteten Miniaturobjekten befindet (Abb. 1).
Es handelt sich um die britischen Münzen, speziell die Kupfer-Pennies, die
seit dem Jahre 1797 eine doppelte Herrschaftssymbolik aufweisen: Sie zeigen
auf dem Avers das Bild des Herrschers, das heißt des jeweiligen Königs, und
auf dem Revers in Gestalt der aus der römischen Antike stammenden Britan-
nia eine Allegorie der britischen Inseln und des Königtums, das sie politisch
zusammenhält und beherrscht. Hier wird ein doppeltes Bildprogramm er-
probt, von dem das Bild des Avers, die Herrscher-Ikone in das Bildprogramm
der Briefmarken, das des Revers, die Britannia, in das der Mulready-
Ganzsachen eingeht. 10 Von der ersten Briefmarke wird nachfolgend die Rede
sein.
Als William Wyon, ein Meister für die Herstellung von Reliefs, im Jahre
1834 den Auftrag erhielt, die noch junge Prinzessin Victoria von England für
eine Medaille zu porträtieren, da suchte er nach der Lösung eines nicht unbe-
deutenden künstlerischen und ästhetischen Problems: Victoria, nach Augen-
zeugenberichten, und selbst nach beschönigenden Porträtgemälden aus ihrer
Zeit, war nun nicht unbedingt eine Frau von strahlender Schönheit.
In einem Brief vom 29. Juli 1838 schreibt der Konsul von Kinsky über ein
Erlebnis vom letzten Hofball:
»Auf dem letzten Hofball hatte ich die Ehre mit der Königin eine Contredanse zu tanzen,
sie war sehr gnädig, wie sie überhaupt sehr freundlich ist, gerade schön kann man sie
nicht nennen, aber ganz hübsch.«
Was Kinsky mit seinen Worten meint, kann man erahnen, wenn man zeitge-
nössische Porträtbilder Victorias betrachtet. Zwar sind Schönheitsideale zu
10 Vgl. dazu: Reinhard Krüger: Penny Black. Ein kulturgeschichtlicher Essay, Unterschleißheim
2018.
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verschiedenen Zeiten ebenso verschieden wie der individuelle Geschmack, in
den zeitgenössischen Porträts Victorias erkennen wir jedoch ein Gesicht, das
zur Zeit der Entwicklung der Penny Black nicht gerade als schön galt. Damit ist
auch verständlich, vor welcher Aufgabe Wyon stand, als er das Relief mit dem
Seitenprofil der Königin anzufertigten hatte.
Dieses Problem löste Wyon, indem er zu einer für Medaillen seit der Antike
nicht unüblichen Methode der Idealisierung griff: Im Jahre 1636 hatte der
französische König seinem britischen Schwager eine Skulptur geschenkt, die
die griechische Göttin Artemis darstellte: Sie figuriert in der Kunstgeschichte
als die Diane de Versailles. Es handelte sich dabei um die Kopie einer unter
Kaiser Hadrian angefertigten Kopie eines klassischen griechischen Standbildes
des Bildhauers Leochares aus dem 4. Jahrhundert vor unserer Zeit. Nach ver-
schiedenen Standorten wurde diese Kopie im Jahre 1829 in Windsor Castle
aufgestellt, wo die junge Victoria und zukünftige Königin Großbritanniens
aufgewachsen ist. William Wyon porträtierte Victoria mit dem Blick auf diese
Diana gerichtet. Er wählt sich damit die Diane de Versailles faktisch als visuelle
Übersetzungshilfe, um das Bild der Victoria im Glanze der Erhabenheit eines
Bildes aus der antiken Mythologie erstrahlen zu lassen.
Das Ergebnis war ein Porträt, das drei Jahre später für die Gestaltung der
sogenannten Guildhall-Medal Verwendung fand, eine Medaille, die aus Anlass
des Besuchs der Königin im Londoner Rathaus am 7. November 1837 11 in
verschiedenen Edelmetallen geprägt wurde. Hier sehen wir de facto die junge
Königin als Artemis dargestellt, ein Bild, das mit der wirklichen Viktoria prak-
tisch nichts mehr gemein hat. Man kann hier feststellen, dass es für die Herr-
scher-Ikone zu dieser Zeit weniger darauf ankam, irgendeine Ähnlichkeit mit
der Person des Herrschers aufzuweisen, sondern dass es viel wichtiger war, ein
sinnliches Bild von Herrschaft zu präsentieren (Abb. 2).
Dies war im Falle der Viktoria die Ikone einer jugendlichen Göttin, die an-
stelle eines Real-Porträts der Monarchin genau diese Funktion übernahm. Für
die Geschichte der Philatelie wäre dies nur ein nebensächliches Detail, wenn
nicht genau auf der Basis dieser Medaille nach einer Vielzahl der verschiedens-
ten Versuche, die Prinzipien für den Entwurf eines Postwertzeichen zu entwi-
ckeln, Rowland Hill auf die Idee verfallen wäre, genau dieses Porträt der
Guildhall-Medal auch der Zeichnung des ersten Postwertzeichens Großbritan-
niens zugrunde zu legen. Aus einer Vielzahl von Möglichkeiten, die im Jahre
1839 im Rahmen des Wettbewerbs um die Gestaltung der ersten Briefmarke
11 G. B. Campion: Her Majesty. Queen Victoria’s Visit to the City on the 9th of November 1837,
in: Reports relating to the entertainment of Her Majesty the Queen, in the Guildhall of the City
of London, on Lord Mayor’s Day, 1837, Issued by London. Court of Alderman London, Eng-
land: Printed by Arthur Taylor, 1838.
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alle nur erdenklichen Formen grafischer Gestaltung eines Postwertzeichens
angeboten wurden, wird nämlich in einem nicht genau rekonstruierbaren
Prozess der Entscheidungsfindung schließlich jene ausgewählt, die das antiki-
sierende Porträt der Königin nach dem Modell der genau bestimmbaren
Skulptur aus dem Windsor Castle favorisiert, der Diane de Versailles. Es war
schließlich Rowland Hill, der in die Diskussion das Bildkonzept der Guildhall-
Medal eingebracht und schließlich auch durchgesetzt hat. Das spricht dafür,
dass man in jedem Fall in der Tradition antiker und antikisierender Gemmen,
Münzen und Medaillen bleiben wollte.
Die erste philatelistische Ikone Großbritanniens ist also de facto ein an der
antiken Bildlichkeit geschultes, imaginäres Porträt der Königin. Neben dieser
antiken Tradition spielt eine zweite Tradition eine Rolle: Es ist die Konzeption
eines römischen Staats-Cameos, einer Gemme, die auf dunklem Grund die
erhabene Darstellung des Kaisers aus Perlmutt oder anderem hellen Material
zeigt. 12 Das Bild der Victoria auf der Penny Black und der Penny Blue (Abb. 3)
weist bis ins Detail des Diadems und der Haarschleifen respektive Locken
hinein eine frappierende Ähnlichkeit mit dem berühmten Blacas-Cameo (Abb.
4) auf, der ja Augustus darstellen soll.
Betrachten wir die Penny Black und mit ihr die diesem Modell folgenden
weiteren Ausgaben von Postwertzeichen Großbritanniens und der britischen
Kolonien und Überseegebiete, so können wir feststellen, dass wir vor allem erst
einmal ein Bild der Artemis, also der griechischen Jagdgöttin betrachten und
weniger ein Bildnis der jungen Königin Victoria. Wer die antike Skulptur
kennt, die die Vorlage dieses Porträts gewesen ist, kann auch vollkommen auf
die Attribute dieser Göttin verzichten, um sie zu identifizieren. Auf der ande-
ren Seite ist es jedoch so, dass durch die Entkontextualisierung des Porträts der
Göttin dieses nur noch als allgemeines Bildzeichen existiert und verwendet
wird, das nicht mehr notwendigerweise als die Darstellung der Diana identifi-
ziert werden kann. Damit wird dieses Porträt zu einem von seiner Repräsenta-
tionsfunktion befreiten und autonomisierten Bildzeichen, dem nun faktisch
jede beliebige Bedeutung zugeordnet werden kann.
Können wir nun dieses Bild der Victoria als eigentliches Bild der Artemis
decodieren, dann hat dies hinsichtlich der kulturgeschichtlichen Bedeutung
dieses Bildes einige Konsequenzen: Es ist geschaffen unter den Bedingungen,
dass das seit der Antike immer wieder zu verzeichnende Verfahren, nämlich
die Wirklichkeit in den Glanz antik-mythologischer Kompositionen zu rücken,
auch hier im 19. Jahrhundert noch weiter gewirkt hat.
12 Vgl. Erika Zwierlein-Diehl: Antike Gemmen und ihr Nachleben, Berlin 2007.
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Das erste Postwertzeichen der Welt ist demnach ein an antiker Mythologie
geschultes Königsporträt im ›Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit‹
(Walter Benjamin) und wird faktisch als ein millionenfach druckereitechnisch
reproduzierter Staats-Cameo in den Umlauf gebracht. Die Penny Black ist
damit die Inkunabel der Philatelie und fungiert in zahlreichen Ländern als
Inspiration für den Entwurf der eigenen Postwertzeichen. Wenn auf diesen
nicht der Herrscher dargestellt wird oder aus Gründen der politischen Um-
stände die Darstellung des Herrschers, insbesondere nach der 1848er Revoluti-
on, nicht als probat erschienen, wie es in Bayern und in Sachsen der Fall war,
dann griffen viele Länder auf ein Motiv der antiken Mythologie zurück.
Mit der Wahl eines mythologischen Motivs bestätigen diese Länder de facto,
dass sie im Vorbild der Penny Black nun tatsächlich das Gestaltungsprinzip der
Postwertzeichen nach dem Modell der antiken Mythologie anerkannt und für
sich selbst auch akzeptiert haben. Mit der Herausgabe von eigenen Postwert-
zeichen haben sie dies nun auch noch bestätigt. Nehmen wir das Beispiel der
ersten französischen Postwertzeichen, so ist klar, dass in einem Staat, der in der
Tradition der französischen Revolution nun selbst republikanisch organisiert
ist, ein Herrscherporträt kein geeignetes Mittel zur Repräsentation der Idee
dieses Staates sein konnte.
Es gilt hier, was schon Walter Benjamin feststellen konnte, der die Postwert-
zeichen als »die Visitenkarten, die die großen Staaten« 13 herausgeben und in
der Welt verteilen, ansah. Die Zeichnung der Postwertzeichen sollte also im
Idealfall politische, kulturelle und ikonographische Traditionen des jeweiligen
Landes vermitteln. Dementsprechend setzt die französische Post anstelle eines
Herrscherporträts mit den Ausgaben der Cérès (Abb. 5) auf der einen Seite die
Tradition der Penny Black fort, indem von der ornamentalen Rahmengestal-
tung bis hin zur Farbe Schwarz, als der Grundfarbe der allerersten Marke, alles
genutzt wird, was das britische Vorbild liefert. Doch anstelle eines – freilich als
Artemis verkleideten Herrscherporträts –, wird jetzt in das Zentrum des Mar-
kenbildes mit einer Grafik der Cérès das mythologische Bild der Göttin der
Natur und der Fruchtbarkeit gesetzt. Andere republikanisch organisierte Ge-
sellschaften der damaligen Zeit, die wie Argentinien sich ebenfalls auf die Tra-
dition der Französischen Revolution beriefen, folgten diesem Beispiel, indem
sie gleichfalls die Cérès im Markenbild in Szene setzten und zugleich den Vor-
gaben der ornamentalen Einrahmung dieses Porträts nach dem Modell der
Penny Black folgten.
Mit der Penny Black wird also eine Tradition der Nutzung einer mythologi-
schen Ikonographie auf den frühesten Postwertzeichen Europas und der Welt
13 Benjamin: Briefmarken-Handlung, S. 136.
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begründet, die nun auch noch andere antike Götter auf den Postwertzeichen in
Szene setzte. Es liegt bei der Entwicklung von Postwertzeichen auf der Hand,
dass Symbole der Kommunikation im Markenbild beziehungsweise in der
Gestaltung des Postwertzeichens zum Einsatz kommen. Dies ist auf den briti-
schen Mulready-Ganzsachen beispielsweise das transozeanische Segelschiff,
auf den ersten peruanischen Postwertzeichen die Eisenbahn, auf den ersten
Postwertzeichen des Kantons Basel die Brieftaube und es ist vor allen Dingen
in zahlreichen Markeneditionen das Bild Merkurs oder wenigstens seine Attri-
bute wie der Flügelhut und der Botenstab, die hier ins Markenbild gerückt
werden.
3 Merkur bei der österreichischen Post
Als erstes Markenland tritt hier Österreich hervor, das für die Zeitungsmarken
das Bildnis des Merkur wählte. Davon ist der zinnoberrote Merkur die teuerste
Briefmarke Europas geworden (Abb. 6). 14
Wir erkennen hier ein, wie die Artemis auf der Penny Black, nach links ge-
richtetes Kopfporträt, das Merkurs Attribut, nämlich den Flügelhut aufweist.
Der Botenstab ist zwar nicht vorhanden, durch den Flügelhut ist aber eindeu-
tig, dass es sich hier um ein Bildnis Merkurs respektive seines griechischen
Vorbilds, des Götterboten Hermes, handeln soll. Merkur oder Hermes sind
traditionellerweise bestens geeignet, im Rahmen postalischer Ikonographie in
Erscheinung zu treten, zumal sie spätestens seit der Renaissance nicht nur in
der antiken Tradition als das Symbol der Kommunikation, sondern auch als
das Symbol des Handels gelten. Ein Postwesen, mit dem man in Form einer
Stempelmarke die Zeitschriften im Voraus frankieren kann, leistet unter den
Bedingungen einer derartigen Bildtradition natürlich Sinnvolles und für die
Öffentlichkeit auch Verständliches, wenn es sich eines solchen allgemein be-
kannten mythologischen Symbols bedient.
Bis in die Zeit nach dem Untergang der Habsburgermonarchie wird Hermes
in der Praxis der österreichischen Briefmarken-Editionen ein ständig präsentes
mythologisches Symbol sein. Auf den letzten Eilzustellungs-Marken der Mo-
narchie ebenso wie auf den ersten entsprechenden Postwertzeichen der Repub-
lik Deutsch-Österreich erscheint erneut Merkur als Symbol der Kommunikati-
on, und zwar in diesem Fall als Symbol der besonderen Geschwindigkeit, mit
der eine postalisch vermittelte Kommunikation stattfinden kann (Abb. 7).
Diese besondere Geschwindigkeit ist jedoch durch Zackenlinien rechts und
links des Kopfbildes symbolisiert, die man im Zuge der Entwicklung der draht-
14 Vgl. Ullrich Ferchenbauer: Österreich 1850–1918, Wien 2000, S. 285–300.
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losen Telegrafie als Blitzstrahlen identifizieren kann, die jetzt vereint mit Mer-
kur als Symbole der Geschwindigkeit vorgeführt werden.
4 Griechenlands Hermes-Köpfe
Kaum anders war die Lage in Griechenland, wo gleichfalls mit der Etablierung
eines Postwesens sich die Frage nach einer angemessenen visuellen Repräsen-
tation des Staates und seiner Postorganisation stellte. Hier wählte man, ob-
gleich es sich bei Griechenland um eine – wenn auch von europäischen Mäch-
ten künstlich geschaffene – Monarchie handelte, dennoch nicht das Herrsch-
erbild des griechischen Königs, sondern in Analogie zu der französischen
Cérès das Kopfbild des Hermes als zentrales Bildelement der ersten griechi-
schen Postwertzeichen (Abb. 8). 15 Die ersten griechischen Briefmarken werden
ja tatsächlich auch in Paris gedruckt. Die Wahl des Götterboten als Marken-
motiv hat auch seine konkreten historischen Gründe: Otto I., der erste König
Griechenlands und zudem bayrischer Herkunft, war es seit seiner Inthronisati-
on im Jahre 1832 niemals gelungen, ein politisch stabiles System zu etablieren.
Zahlreiche Putsche, schwache politische Zwischenlösungen, Aufstände et cete-
ra waren der Anlass, dass er im Jahre 1862 definitiv in einem Putsch gestürzt
wurde und ins Exil gehen musste. So ein schwacher, politisch umstrittener
König passte nicht gut auf eine Briefmarke. Darin ähnelt die Situation der Lage
in Bayern und Sachsen in Folge der politischen Erschütterungen durch die
Revolution in Deutschland in den Jahren 1848 bis 1849: Auch in diesen beiden
Königtümern verzichtete man zunächst darauf, das Porträt des Königs auf den
Postwertzeichen zur Schau zu stellen. Mit der Wahl des Hermes-Kopfes in
Griechenland gelang es, solche politischen Klippen zu umschiffen und zugleich
die Symbolisierung des Postwesens zu bewerkstelligen: Mit diesem Motiv wur-
de der Funktion des Postwertzeichen, nämlich die Bezahlung des Transports
von postalischen Sendungen von A nach B zu sichern, symbolisch-bildlichen
Ausdruck verliehen.
5 Merkur als globale Ikone der Kommunikation
Merkur ist auf den frühen österreichischen und griechischen Postwertzeichen
vor allen Dingen ein symbolisches Bild der Kommunikation. Dies ist auch in
anderen Ländern so und wir können feststellen, dass Merkur in Australien,
15 Vgl. George M. Photiadis: The first Athens issue of the large Hermes heads of Greece, Luton
1965; Heinz D. Behrens: Griechenland 1861–1886. Die grossen Hermesköpfe, Düsseldorf 1980.
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Argentinien, Brasilien und dann vor allem auch auf den Ausgaben des British
Commonwealth aus Anlass des 75. Jahrestages der Gründung des Weltpostver-
eins massiv in Erscheinung tritt (Abb. 9–10).
Hier wird er entsprechend der Entwicklungslogik der Globalisierung in ers-
ter Linie als ein Symbol globaler und globalisierter Kommunikation vorge-
führt. Anders als noch auf den frühen österreichischen und griechischen Post-
wertzeichen erscheint er jetzt grundsätzlich vor der Erdkugel oder wenigstens
vor einem Segment von ihr. Damit beherrscht er die oberhalb der Erdoberflä-
che existierende Sphäre, und dieser Raum ist die Sphäre der Kommunikation.
6 Merkur und der Handel
Aber es wird in dieser Zeit nun auch noch eine andere semantische Facette
dieser mythologischen Chiffre aktiviert. Diese ist zwar schon seit dem 17. Jahr-
hundert gelegentlich in der Literatur anzutreffen, doch wird sie erst im 19.
Jahrhundert so richtig deutlich.
Es handelt sich darum, dass der Gott der Kommunikation natürlich auch
der Gott des globalen Handels und des Austausches ist. Dies wird durch sche-
matische Darstellungen der Erde im Hintergrund entsprechender Briefmar-
kenzeichnungen angedeutet. Eines der frühesten Postwertzeichen, an dessen
Beispiel die semantische Dimension finanzieller Transaktionen im Kontext des
Bildes von Merkur deutlich wird, ist eine Postanweisungsganzsache der Deut-
schen Reichspost, die im Jahre 1920 erschienen ist und die wegen der Inflation
kaum noch verwendet wurde (Abb. 11). Sie weist einen Wertstempel mit der
Zeichnung des Hermes auf. Ebenso nutzen Versicherungsanstalten für das
Kreditwesen das Bild des Hermes sowohl als Ikonen und Markenzeichen auf
ihren Drucksachen wie auch als Firmenname. Auf diese frühen Beispiele für
die monetäre Konnotation des Merkur folgen dann die ersten Briefmarken, auf
denen Merkur in dieser Funktion erscheint, in den 1950er- und frühen 1960er-
Jahren. Auf der einen Seite haben wir es mit einer italienischen Edition zu tun,
in der Merkur eindeutig in Bezug zu industriellen Praktiken dargestellt wird
(Abb. 12). Auf der anderen finden wir ein österreichisches Postwertzeichen, in
dem Merkur als Symbol für die Tagung des Internationalen Währungsfonds in
Wien im Jahre 1961 vorgeführt wird (Abb. 13). Diese Bilder sind, soweit zu
sehen, die letzten Okkurrenzen des Bildes von Merkur, so wie er im Sinne der
Deutung antiker Mythologie schon seit dem 19. Jahrhundert auf Postwertzei-
chen verwendet wird. Danach taucht, soweit zu sehen ist, Merkur eigentlich
nicht mehr auf. Heute existiert er nur noch als Name eines Logistik-
Unternehmens und im Bild des Fleurop-Boten.
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In Frankreich scheint Merkur schon immer vor allen Dingen die Funktion
zugewiesen worden zu sein, den Handel zu symbolisieren. Schon bei den
Postwertzeichen vom Typ Sage erkennen wir eine Allegorie des Friedens, die
gemeinsam mit Merkur einen Erdball umfängt (Abb. 14). Hier ist eindeutig ein
alter bildlicher Zusammenhang gedacht, nämlich der, dass der Handel den
Frieden benötigt ebenso wie der Frieden dadurch gesichert wird, dass die Völ-
ker miteinander in großem Stile Handelsbeziehungen unterhalten. Diese Am-
bivalenz der Merkur-Ikone, die wir schon auf dem Typ Sage finden, wird dann
fortgesetzt mit der Merkur-Ausgabe, die kurz vor Beginn des Zweiten Welt-
krieges in Frankreich erscheint (Abb. 15). Hier wird eine ganze Serie von
Postwertzeichen mit der Ikone des Merkur veröffentlicht, die parallel mit einer
anderen Freimarken-Serie erscheint, die das Thema des Friedens in Form einer
Cérès zeigt.
7 Merkur und die Aviatik
Eine besondere Funktionszuweisung des Bildes des antiken Götterboten tref-
fen wir dann an, wenn wir auf griechischen oder argentinischen Postwertzei-
chen Merkur als symbolische Figur auf den Luftpostwertzeichen erkennen
(Abb. 16–17). Selbstverständlich ist diese Funktion eng verbunden mit der
allgemeinen Funktion, die er als Gott der Kommunikation aufweist. Aber den-
noch wird Merkur hier, indem er auf einem Postwertzeichen in Juxtaposition
mit dem Faktum der Luftpost und damit auch des Fluges gebracht wird, eine
neue Funktion zugewiesen. Er erscheint jetzt, wenn man so will, als eine my-
thologische Personifikation oder Chiffre der modernen Luftfahrt oder noch
konkreter: der Flugapparate oder ihrer Besatzung. Er vereint in sich all diese
Funktionen, indem sie ihm zugewiesen werden und er sie überzeugend über-
nehmen kann. Damit hält der moderne technische Flugapparat alleine durch
diese Funktionszuweisung des Götterbildes im Kontext der Luftpost unter-
schwellig Einzug. Tatsächlich ist er auf der argentinischen Luftpostmarke vor
dem Hintergrund einer schematischen Silhouette eines Flugzeugs zu erkennen.
Mit der visuellen wird auch eine semantische Äquivalenz zwischen Merkur
und dem modernen Fluggerät hergestellt. Semantisch ist dies vollkommen
kohärent, denn der Gott mit Flügelhut und Flügelschuhen ist natürlich ein
Flieger.
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8 Die Eroberung des Erdraumes: Merkur im Weltraum
Unter den Bedingungen der Globalisierung und der Moderne ist das Verhalten
und die Praxis des Menschen im Raum nur mit neuen Apparaten möglich. Die
anthropologische Grunddisposition des Menschen zur sozialen Selbstorganisa-
tion im globalen Raum wird unter den neuen Bedingungen anders und mit
bisher unbekannten Apparaten realisiert. Dies wird an den Postwertzeichen
ablesbar, die daher zu Zeugnissen der Veränderung des menschlichen Raum-
verhaltens werden. Im Vordergrund der grafischen Gestaltung steht zunächst
als erste Technologie der industriellen Moderne deren bedeutendste technolo-
gische Errungenschaft, nämlich die Eisenbahn. Ihr folgen sehr schnell das
Fahrrad, das Automobil das Flugzeug und schließlich die Apparate des Welt-
raumflugs. In dieser Form tritt uns Merkur noch einmal entgegen, und zwar
jetzt aber nicht mehr als mythologisches Bild, sondern in abgeleiteter Weise als
der Name des Raumfahrtprogramms Project Mercury (1956–1963) (Abb. 18).
Mit diesem hat die NASA auf dem Weg zur ersten bemannten Raumfahrt ihre
Versuche zur Exploration des Weltraums unternommen. Die Mercury-Kapseln
werden so zum Gefährt des Astronauten, der als moderner Merkur des Welt-
raumzeitalters den kosmischen Raum durchmisst: Alan Shephard, Virgil Gris-
som und John Glenn sind diese Männer, die ihre Expeditionen im Rahmen des
Mercury-Programms unternommen haben, allerdings alle erst nach Juri Gaga-
rin: Dieser war bereits am 12. April 1961 zu den Sphären aufgestiegen, die auf
den Postwertzeichen bisher dem Gott Merkur vorbehalten waren.
Wir können also feststellen, dass die antike Mythologie, selbst unter den
Bedingungen der Entwicklung moderner Kommunikations-Verhältnisse, die
europäischen und die von ihnen abhängigen Kulturen noch fest in ihrem Griff
hatte: Wir hatten es hier mit nicht weniger als 2.000 Jahren der Tradition anti-
ker Bildlichkeit zu tun, die nicht so leicht abzuschütteln war, und die auch
niemand so leichtfertig abschütteln wollte. Erst im Kontext des Raumflugs
wird Merkur optisch verdrängt, und dies geschieht über die linguistische
Schwundstufe der Benennung eines Raumfahrtprogramms nach diesem Gott.
9 Ein modernistisches Programm zur Ablösung der antiken Mythologie
Die Frage, inwiefern die antike Mythologie als sinnliches Begriffssystem noch
für die industrialisierte Welt brauchbar ist, stellt Karl Marx zur gleichen Zeit,
als die ersten Postverwaltungen daran gingen, ihre entsprechenden Entschei-
dungen zugunsten antik-mythologischer Bildlichkeit zu treffen. Im Vorwort zu
seiner Kritik der politischen Ökonomie fragt Marx beispielsweise, was denn
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Jupiter gegen den Blitzableiter verrichten könne, und wozu Merkur gegen den
crédit mobilier im Stande sei. Damit stellt er eines der wichtigsten Motive der
Postwertzeichen, noch bevor es überhaupt die ersten Merkur-Marken und
Hermes-Köpfe gab, vor der historischen Bühne der Entwicklung des 19. Jahr-
hunderts in Frage:
»Nehmen wir z. B. das Verhältnis der griechischen Kunst und dann Shakespeares zur Ge-
genwart. Bekannt ist, daß die griechische Mythologie nicht nur das Arsenal der griechi-
schen Kunst, sondern ihr Boden ist. Ist die Anschauung der Natur und der gesellschaftli-
chen Verhältnisse, die der griechischen Phantasie und daher der griechischen [Mytholo-
gie] zugrunde liegt, möglich mit Selfaktors und Eisenbahnen und Lokomotiven und
elektrischen Telegraphen? Wo bleibt Vulkan gegen Roberts et Co., Jupiter gegen den
Blitzableiter und Hermes gegen den Crédit mobilier? Alle Mythologie überwindet und
beherrscht und gestaltet die Naturkräfte in der Einbildung und durch die Einbildung: ver-
schwindet also mit der wirklichen Herrschaft über dieselben. Was wird aus der Fama ne-
ben Printinghouse Square?« 16
Dieser rhetorische Aufbau wäre nicht erforderlich gewesen, wenn Marx nicht
hätte konstatieren müssen, dass die moderne Welt der antiken Mythologie
nicht etwa die Grundlagen entzogen und diese verjagt hätte, sondern dass die
antike Kunst und Kultur nach wie vor Kunstgenuss gewähre:
»Von einer andren Seite: Ist Achilles möglich mit Pulver und Blei? Oder überhaupt die
›Iliade‹ mit der Druckerpresse oder gar Druckmaschine? Hört das Singen und Sagen und
die Muse mit dem Preßbengel nicht notwendig auf, also verschwinden nicht notwendige
Bedingungen der epischen Poesie?
Aber die Schwierigkeit liegt nicht darin, zu verstehn, daß griechische Kunst und Epos an
gewisse gesellschaftliche Entwicklungsformen geknüpft sind. Die Schwierigkeit ist, daß
sie für uns noch Kunstgenuß gewähren und in gewisser Beziehung als Norm und uner-
reichbare Muster gelten.« 17
Es ist nun eben diese Tatsache, dass die antike Kunst und Mythologie noch
immer Kunstgenuss gewähren, die für die Gestaltung der Objekte und Hand-
lungen der modernen Welt unter anderem auch auf Postwertzeichen von Be-
deutung ist.
Die antike Mythologie und ihre Bilder stehen spätestens aus der Tradition
der Renaissance für die visuelle Codierung von Sachverhalten der modernen
Welt zur Verfügung und werden auch immer wieder eingesetzt. Das bedeutet,
dass es aufgrund der mythologischen Codierung der Bilder für die Dinge der
16 Karl Marx: Einleitung zur Kritik der politischen Ökonomie, in: Karl Marx/Friedrich Engels:
Werke. Bd. 13, 1971, Berlin/DDR, S. 615–641, hier: S. 641.
17 Ebd.
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modernen Welt möglicherweise keine angemessenen visuellen Repräsentatio-
nen mehr gibt.
Dennoch stellte sich die Frage, inwiefern eine an der antiken Bildlichkeit
und Mythologie geschulte visuelle Repräsentation gesellschaftlicher Wirklich-
keit tatsächlich imstande sein könnte, die modernen Realitäten in den indust-
rialisierten Gesellschaften des 19. Jahrhunderts überhaupt noch angemessen
wiederzugeben beziehungsweise zu symbolisieren. Hier treten antike mytholo-
gische Bildlichkeit und moderne gesellschaftliche Praxis so weit auseinander,
dass wir es mit einer Autonomisierung des Ästhetischen gegenüber den öko-
nomischen und sozialen Realitäten zu tun haben. Marx treibt die Frage in eine
Richtung voran, die ganz überraschend ist: Während er auf der einen Seite
durchaus unterstellt, dass die Bilder der antiken Mythologie nicht geeignet
seien, die modernen Realitäten in angemessener Weise zu symbolisieren, so
fragt er auf der anderen Seite, wie es denn komme, dass die antike Mythologie
und die sich um sie rankenden Erzählungen uns bis auf den heutigen Tag noch
Kunstgenuss gewährten.
Wir sehen also, dass der Status der antik-mythologischen Bildlichkeit schon
in der Mitte des 19. Jahrhunderts nicht so unproblematisch ist, wie es erschei-
nen mag und wie es selbstverständlich auch ist, bedenkt man, dass ein damali-
ger Postbenutzer durchaus imstande war, den mythologischen Gehalt und
damit auch die Bedeutung entsprechender Bilder auf dem Postwertzeichen für
sich zu erkennen. Auf dieser Basis einer weiterhin gegebenen Wirksamkeit der
antiken Mythologie, werden sogar noch Friedrich Nietzsches kulturphiloso-
phische Abhandlungen (über das Apollinische und das Dionysische in unseren
Gesellschaften) und Maler wie Pierre Bonnard sowie Dichter wie Paul Verlaine
noch ›Saturnalische Gedichte und Bilder‹ produzieren. Die antike Mythologie,
so scheint es, stellt sich als ein unverzichtbarer Bestandteil des europäischen
kulturellen Erbes dar.
Doch die Verhältnisse änderten sich in dem Maße, wie die Beziehungen des
Menschen innerhalb seiner Gesellschaft und gegenüber dem Raum, in dem er
lebt, sich durch die von ihm selbst eingeführte Intervention der Maschinen
massiv veränderten. In erster Linie waren es die Eisenbahn und die Telegrafie,
dann aber, in aufsteigender Linie, das Fahrrad, das Automobil und schließlich
das Flugzeug sowie die Weltraumrakete, technische Geräte, die zu modernen
Mythen werden, weil sie sowohl bewirken, dass, wie sie auch erklären, weshalb
die Weltverhältnisse jetzt anders sind als zuvor.
Eine der wichtigsten Transformationen findet nun statt, als die Kunst-
Avantgarden der Tradition den Krieg erklären und die omnipräsente antike
Mythologie als grafische und symbolische Chiffre für die Sachverhalte der
modernen Welt beseitigen wollten. Solche Verfahren liegen beispielsweise
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noch vor, wenn das Eisenbahnrad, das mit Hermes’ Flügeln versehen ist, zum
Symbol für das Eisenbahnwesen wird, das ja eigentlich der Inbegriff der in-
dustrialisierten und maschinellen Modernisierung des Raumes ist. Konsequen-
terweise finden wir eine radikale Konfrontation zwischen dieser modernen
Welt und der antiken Mythologie im Manifeste du Futurisme (1908) von Filip-
po Tommaso Marinetti. Gegen diese Mythologisierung der Verhältnisse gibt
der Begründer des italienischen Futurismus eine programmatische Erklärung
zugunsten der technisch-industriellen Moderne ab:
»Une automobile de course avec son coffre orné de gros tuyaux, tels des serpents à
l’haleine explosive [...] une automobile rugissante, qui a l’air de courir sur de la mitraille,
est plus belle que la Victoire de Samothrace.« 18
»Ein Rennauto mit seiner Motorhaube, die mit großen Rohren verziert ist, als handelte es
sich um Schlangen mit explosivem Atem … ein brüllendes Automobil, das auf einem Ge-
schoß zu reiten scheint, ist viel schöner als die Nikè von Samothrake.«
Es geht um nicht weniger als um die Demontage der antiken Mythologie und
eines an ihr geschulten Kunstverständnisses und Geschmacks. Gegen die äs-
thetische Rückständigkeit der Produktgestaltung in Anbetracht der modernen
Funktionen der Produkte hat sich auch Guillaume Apollinaire in seinem Ge-
dicht Zone (1912) geäußert. Hier war es vor allem die Gewohnheit und Tradi-
tion der Ästhetik der Kutsche, die dem Automobil noch ganz die Form auf-
zwang, worin Apollinaire den vollständig unmodernen Zustand Frankreichs
erblickte:
»Ici même les automobiles ont l’air d‘être anciens.«
»Hier haben selbst die Automobile den Anschein alt zu sein.« 19
In diesem Punkt denkt Apollinaire wie der Liebhaber von Rennwagen Mari-
netti. Dessen Lobgesang auf das Rennauto geht nicht nur einher mit der Ent-
wertung der Nikè von Samothrake und damit der ganzen antiken Mythologie,
sondern auch mit der Entsorgung der Traditionen, insofern sie den modernis-
tischen Bestrebungen entgegengehalten werden. Darin stimmt Marinetti be-
merkenswerterweise vollkommen mit den Auffassungen von Henry Ford hin-
sichtlich der Bedeutung von Geschichte überein:
»History is more or less bunk. It’s tradition. We don’t want tradition. We want to live in
the present, and the only history that is worth a tinker’s damn is the history that we make
today.« 20
18 Marinetti: Manifeste du Futurisme, S. 1.
19 Guillaume Apollinaire: Zone, in: Œuvres poétiques, Paris 1975, S. 39.
20 Henry Ford in der Chicago Tribune, 1916.
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»Geschichte ist mehr oder weniger Quatsch. Sie ist Tradition. Wir wollen keine Tradition.
Wir wollen in der Gegenwart leben, und die einzige Geschichte, die einen Pfifferling wert
ist, ist die Geschichte, die wir heute machen.«
Mit seinen Fahrzeugen lässt Henry Ford seine Arbeiter einen Mythos der Mo-
derne, das Automobil bauen, das schon nach Marinetti die Geschichte samt
der antiken Mythologie austreibt. Marinettis Deklaration bedient ein altes
Denkmodell der europäischen Tradition, mit dem die Differenz zwischen
Moderne und Antike begriffen werden soll. Es ist Bestandteil der nicht nur das
17. Jahrhundert in Frankreich und Deutschland prägenden Querelle des An-
ciens et des Modernes, des Streites der Befürworter der Antike, wenn es um
Kunstdinge geht, mit den Modernisten, die sich vor allem auf die Überwin-
dung der antiken Mythologie durch das Christentum berufen.
In der Konfrontation zwischen der Tradition antiker Mythologie und der
Ästhetik der modernen technischen Geräte wird hier die Ablösung der künst-
lerischen Gestaltungsprinzipien, der Künstler Generationen und des artisti-
schen Zeitgeistes propagiert, der auf die Ablösung der Vertreter der alten
Kunst durch die Protagonisten der Moderne hinausläuft.
10 Transformationen der postalischen Bildwelten: Fahrrad und Flügelhut
Bilder auf Postwertzeichen sind grundsätzlich codiert, zeigen also durchaus
nicht unbedingt das, was wir zu sehen glauben. Sie sind vielmehr als Symbole
konstruiert, die wir ›lesen‹ und interpretieren müssen. Wenn wir das Bildnis
auf der Penny Black betrachten, sehen wir also nicht das, was wir zu sehen
glauben: Es handelt sich hierbei nicht um Victoria, ja noch nicht einmal um ihr
Abbild, sondern um eine mythologische Chiffre. Der surrealistische Maler
René Magritte (1898–1967) hat ein Bild mit dem Titel La trahison des images
(Die Täuschung der Bilder, 1929) gemalt, in dem wir die Abbildung einer Pfeife
sehen und darunter geschrieben ›Ceci n’est pas une pipe.‹ (›Das hier ist keine
Pfeife‹). Natürlich ist die Einsicht trivial, dass das Bild eines Gegenstands nicht
der Gegenstand selbst ist, und es ist eine Ungenauigkeit unserer Wahrneh-
mungsverarbeitung und Sprache, wenn wir auf das Bild der Königin Victoria
auf der Penny Black zeigen und sagen, dass das, was wir da sehen, die Königin
Victoria sei. Mehr noch: Das Porträt der Königin ist nicht die Königin selbst, ja
es entsprach noch nicht einmal dem aktuellen Aussehen der Königin, als die
Penny Black an die Postschalter kam.
Bilder, ja selbst Porträtbilder, sind symbolisch aufgeladene grafische Kon-
strukte, die entziffert werden müssen, wenn man ihre Funktion erkennen will.
Die Gestaltung von Postwertzeichen ist das Ergebnis von sozialen Prozessen, in
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denen Themen bewertet und die Möglichkeiten der Repräsentation wie die der
Gestaltung ausgehandelt werden. Daher ist die Gestaltung von Postwertzei-
chen unter thematischen wie unter stilistischen Gesichtspunkten historischem
Wandel unterworfen.
Der problematische Status von Bildern der modernen Welt soll an zwei Bei-
spielen aus der Postgeschichte demonstriert werden. Während auf US-
amerikanischen Eilbotenmarken der Eilbote zunächst als Läufer (Abb. 19) und
dann als Radfahrer (Abb. 20) und damit als Symbol der Moderne vorgeführt
wird, kommt es plötzlich zu einer ganz antimodernen Rückkehr der antiken
Mythologie: Diese special delivery-Marken konnten ausschließlich für die Vo-
rausbezahlung der Eilzustellung am Ankunftsort eines Briefes verwendet wer-
den Die erste special delivery-Marke der USA erschien am 29. September 1885
und zeigte das Bild eines schnell laufenden Eilzustellers.
In diesem historischen Kontext wird das Fahrrad zu einem Alltagsgegen-
stand der Moderne und modernistische Künstler. So kaufte sich beispielsweise
der französische Dichter Alfred Jarry (1873–1907) für 525 Francs ein Fahrrad
des Typs Clément luxe 96, eines der ersten Fahrräder dieses Typs überhaupt,
und fuhr damit stolz durch Paris.
Erstmalig seit der Erfindung des Hebels und des Rades wurde wieder eine
neue mechanische Extension des menschlichen Körpers geschaffen, die den
Wirkungsgrad der menschlichen Muskulatur erhöht, ohne auf fremde Energie-
ressourcen zurückgreifen zu müssen. Mit dem Apparat des Fahrrades in Ge-
stalt des safety-bicycle wurde eine bis dahin unbekannte Optimierung der Leis-
tungen des menschlichen Körpers möglich. Der Mensch auf dem Fahrrad wird
damit im symbolischen System der Bilder zum ernsthaften Konkurrenten des
Götterboten, wenn es um den Transport von Nachrichten geht.
Diese Erfahrung der Optimierung trieb die weitere Entwicklung an und
führte zur Entwicklung des Doping, mit dem der Niedergang dieser Sportart
einsetzte, die eigentlich einen Sieg des menschlichen Geistes darstellte. Wiede-
rum war es Alfred Jarry, der in seinem bizarren Roman Le Surmâle (1902) die
Erzählung von einem ebenso bizarren Wettkampf veröffentlicht. Eine profes-
sionelle Fahrrad-Equipe tritt ausgerüstet mit dem perpetual-motion food gegen
einen nicht gedopten Einzelfahrer ein Rennen über 10.000 Kilometer von Paris
nach Irkutsk und wieder zurück nach Paris an und wird diesem unterliegen.
Das Fahrrad wird zum mythischen Apparat, der den Körper des Menschen
mehr und früher noch als das Automobil oder der Flugapparat in die Moderne
katapultiert. Und diese Entwicklung hatte der Dichter Guillaume Apollinaire
vor Augen, als er im Jahre 1915 eine der ersten Definitionen der aufkommen-
den Kunstrichtung des Surrealismus vorlegte. Hierin heißt es:
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»Quand l’homme a voulu imiter la marche, il a créé la roue qui ne ressemble pas à une
jambe. Il a fait ainsi du surréalisme sans le savoir.« 21
»Als der Mensch das Laufen imitieren wollte, hat er das Rad erfunden, das einem Bein
nicht ähnelt. Er hat auf diese Weise Surrealismus gemacht, ohne es zu wissen.«
So erscheint es wie eine ästhetische Reaktion gegen die Moderne, wie sie sich
in Frankreich, Italien und selbst bei der US-Post abzeichnete, als sich diese am
12. Dezember 1908 von dem modernistischen Motiv des Fahrrads verabschie-
dete und stattdessen zu einem Symbol aus der antiken Mythologie griff. Auf
Anregung des New Yorker Architekten Whitney Warren wurden neue Motive
gewählt: Merkurs Flügelhut als Ikone der Kommunikation und der Geschwin-
digkeit vor einem Olivenzweig als dem Symbol des Friedens, der eine Folge
funktionierender Kommunikation ist (Abb. 21).
Das Postwertzeichen und seine Zeichnung wurden vom Publikum mit gna-
denloser Kritik aufgenommen. Man nannte die Marke als Anklang an Franz
Lehárs Operette Die lustige Witwe (1905), die gerade weltweite Erfolge feierte,
spöttisch Merry Widow, denn bei Lehár spielte ein großer Hut eine entschei-
dende Rolle. Bereits am 9. Juni 1909 wurde die Marke wieder zurückgezogen
und man kehrte zu den alten Zeichnungen mit dem radfahrenden Eilboten
zurück, der dann bald durch einen Motorradfahrer abgelöst wurde:
»That the manufacture and issuance to postmasters of special-delivery stamps of 1908,
described on page 7 of the January 1909, Supplement to the Official Postal Guide, be dis-
continued; and that the manufacture and issuance of the special-delivery stamp of the se-
ries of 1902, described in Section 769, Supplement of 1907 to the Postal Laws and Regula-
tions, be resumed.« 22
Diese Anordnung des postmaster general Frank H. Hitchcock war das Todes-
urteil für das antikisierende Design, ein gutes Jahr, nach dem Marinetti in
seinem Manifeste du Futurisme die Überlegenheit des Rennautos gegenüber
der Nikè von Samothrake gerühmt hatte.
11 Transformationen der postalischen Bildwelten: Antike Mythologie
und Sportsymbolik
So leicht jedoch war die antike Mythologie aus der modernen Welt nicht zu
vertreiben. Während das Radfahren als pragmatische Handlung des Menschen
sehr frühzeitig auf einem Postwertzeichen grafisch verewigt wurde, ist dies mit
nicht-pragmatischen Handlungen des Menschen, beispielsweise des Sportlers,
21 Guillaume Apollinaire: Les Mamelles de Tirésias, Paris 1917.
22 http://usspecialdelivery.com/exhibits/sd_widow.html (letzter Zugriff: 14. Mai 2018).
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erheblich schwieriger gewesen. Und dies, obgleich individuelle Rekorde im
Sport, Höchstleistungen und anderes seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhun-
derts in zunehmendem Maße als Medienereignisse inszeniert wurden. Aber
Sport, vor allem, wenn es sich um eine Massensportart wie den Fußball handel-
te, wies offensichtlich noch nicht die Dignität und soziale Wertschätzung auf,
die es gestattet hätte, dass die Sportler wegen ihrer Leistungen abgekonterfeit
worden wären.
Bei den Olympischen Spielen in Paris 1924 gewinnt die uruguayische Fuß-
ballnationalmannschaft die Goldmedaille. Uruguay war damals neben England
die erste internationale Fußballgroßmacht. Aus Anlass dieses Medaillenge-
winns erschien in Uruguay ein aus drei Werten bestehender Satz, der zugleich
die ersten Sportbriefmarken der Welt darstellt (Abb. 22).
Doch findet man auf den Briefmarken weder das Bild der Sporthelden noch
überhaupt einen Hinweis darauf, dass es sich um die Feier für den Gewinn
einer Goldmedaille im Fußball handelt. Stattdessen erkennen wir auf einen
Sockel montiert eine wohlbekannte hellenistische Statue und Symbolfigur des
Sieges: Das Bild der Nikè von Samothrake aus dem Louvre von Paris. Und so
lässt sich die Lage im Jahre 1924 folgendermaßen resümieren:
»In diesem Jahr 1924 ist es gewesen, dass Uruguay das olympische Fußballturnier gewon-
nen hat. Und aus diesem Anlass heraus hat auch dieses Land Uruguay einen Satz von
Briefmarken herausgegeben zu diesem Thema Fußball mit dem Motiv der griechischen
Siegesgöttin Nike von Samothrake. Und da sieht man schon ganz deutlich, dass auch zu
den Anfängen des Fußballs auf der Philatelie noch keine typischen Fußballszenen, Tor-
raumszenen oder keine Persönlichkeiten dargestellt wurden, sondern tatsächlich der
olympische Gedanke wurde aufgegriffen und auch bei der Gestaltung und Umsetzung
dieser Briefmarke dargestellt.« 23
Dem Entwerfer der uruguayischen Postwertzeichen zur Erinnerung an die
Goldmedaille für die Fußballnationalmannschaft kam der Umstand zur Hilfe,
dass die Nikè von Samothrake im Louvre von Paris steht, also der Stadt, die
auch die Olympischen Spiele des Jahres 1924 ausgerichtet hatte. So konnte er
das Bildnis der Göttin gleichermaßen als Symbol des Sieges wie auch als topo-
grafischen Marker einsetzen. Folglich brauchte der Ortsname Paris auch nicht
mehr in der inscriptio der Marken genannt werden, denn die Nikè stand selbst
schon für ihren Aufbewahrungsort.
23 Klaus-Peter Baschke über die Ausstellung Fußball regiert die Welt. Fußballgeschichte auf Brief-
marken erzählt im Museum für Kommunikation in Nürnberg vom 14. Dezember 2005 bis zum
15. Januar 2006, Interview vom 13. Dezember 2005 unter: http://www.deutschlandfunk
kultur.de/stramme-waden-auf-postwertzeichen.1013.de.html?dram:article_id=165585 (letzter
Zugriff: 14. Mai 2018).
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Im Jahre 1928 gewann die Fußballgroßmacht Uruguay erneut die Goldme-
daille bei den Olympischen Spielen, die diesmal in Amsterdam stattfanden.
Erneut erschien ein Satz mit anlassbezogenen Briefmarken. Im Gegensatz zu
der artistischen Lösung des Jahres 1924 ist jetzt das Thema des Fußballs klarer
zu deuten, auch wenn es immer noch weitgehend in der Maske von Symbolen
daherkommt. Abgesehen von den allgemeinen kulturhistorischen Erwägungen
und Konstruktionen sind vor allem Kenntnisse der spezifischen historischen
und natürlichen Umstände erforderlich, um Symbolbilder wie auf den uru-
guayischen Postwertzeichen von 1928 aus Anlass des neuerlichen Gewinns der
Goldmedaille im Fußball angemessen zu interpretieren.
Lesen wir dieses Bild von seinem Zentrum her, also der topologisch am
deutlichsten markierten Stelle. Leicht unterhalb des Zentrums des Bildes, wohl
aber im Zentrum der rechteckigen Konstruktion, erkennen wir das Bild einer
Sonne, die über der Spitze eines Hügels aufgeht. Es handelt sich dabei um den
Sol de Mayo (Sonne des Mai), das Staatsemblem, das gleichermaßen in der
uruguayischen wie der argentinischen Flagge sowie auf den Münzen beider
Saaten erscheint. Der Sol de Mayo ist der Inkamythologie entnommen, wonach
die Sonne als Inti, dem Sohn des göttlichen Schöpfers Viracocha erscheint.
Zudem symbolisierte der Sol de Mayo die argentinische Revolution vom 18. bis
zum 25. Mai 1810. Anders als auf den Olympia-marken des Jahres 1924 ist hier
die antike Mythologie Europas durch ein mythologisches Bild ersetzt, das
gleichermaßen der indigenen Traditionen wie den historischen Erfahrungen
der sich von Spanien befreienden lateinamerikanischen Völkern Südamerikas
entnommen ist.
Eingerahmt ist der Sol de Mayo von einer rechtwinkligen Torkonstruktion
aus nahezu unbearbeiteten Baumstämmen. Dadurch, dass oben auf die Quer-
latte das Bild eines Fußballs gesetzt ist, wird dieses Tor wohl als ein Fußballtor
gekennzeichnet. In jedem Fall ersetzt das Bild des Fußballs jeden weiteren,
denkbaren schriftlichen Hinweis auf den Kontext des Fußballs dieser Post-
wertzeichen. Irgendwie scheint dieses Tor jedoch zugleich grafisch wieder in
gewisser Weise zurückgenommen worden zu sein. Aus den Stämmen sprießen
Reiser hervor, die die ganze Konstruktion wieder in Natur zurückzuverwan-
deln scheinen. Zudem kann man hier an Vitruvs Erzählung von der Erfindung
der Säulen denken. In seiner Schrift De architectura libri decem (Zehn Bücher
von der Architektur), entstanden im 1. Jahrhundert vor unserer Zeit, führt er
die Säulenform darauf zurück, dass die Menschen versucht hätten, die Baum-
stämme mit Steinen nachzuahmen, aus denen sie ursprünglich ihre Häuser
errichtet hatten. Die Säulenkapitelle schließlich seien eine Nachahmung der
Baumkrone mit ihren Blättern. Dieses Wissen ist in Zeiten, als der Bildung in
antiken Sprachen und Kulturen noch ein größerer Wert beigemessen wurde,
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Bestandteil der Allgemeinbildung. Die Blätter, die aus den Stämmen sprießen,
kann man als Zitate dieser ›Baumkronen‹ bei Vitruv ansehen. Alles scheint auf
die romantische Idee einer Renaturalisierung menschlicher Artefakte hinaus-
zulaufen. Und so erkennen wir hier einen aus natürlichen Ressourcen geschaf-
fenen Fußball-Torbogen, einen Arco de fútbol.
Hier schließt sich die Frage nach der Motivation an, ein Fußballtor auf diese
Weise darzustellen. Weshalb es zu dieser ›Abweichung‹ von der regulären
Form eines ›gut‹ hergestellten Fußballtores gekommen ist, zeigt uns ein Blick
auf die realen Verhältnisse dieses Sports in Uruguay und Argentinien. Als
Massenbewegung wird Fußball in diesen Ländern vor allem auf ›wilden‹ Fuß-
ballplätzen mit provisorischen Installationen gespielt. Hier werden die Talente
ausgebildet und gefunden – Diego Maradona gehörte zu ihnen –, die dann in
den großen Clubs zu Fußballstars aufsteigen können. Diese Fußballplätze hei-
ßen potreros, was man im Deutschen wohl am besten mit ›Bolzplatz‹ wieder-
gibt. Suchen wir nun nach Bildern solcher Anlagen, werden wir schnell fündig
und entdecken hier genau diese groben, nicht fein ausgearbeiteten, nahezu
naturbelassenen Materialien, aus denen die Tore bis heute gezimmert werden.
Und hier können wir auch die sprießenden Zweige und Blätter erkennen,
die wir auch auf den Briefmarken entdecken: In den subtropischen Regionen
Amerikas braucht man nur ein Stück Holz in den Boden einzugraben, und
schon wird es nach einer gewissen Zeit wieder beginnen, Triebe hervorzubrin-
gen.
Die uruguayischen Postwertzeichen aus Anlass des Sieges der Fußballnatio-
nalmannschaft bei den Olympischen Spielen 1928 reduzieren das Thema des
Fußballs zwar wieder bis hin zu der Präsentation von Symbolen (Abb. 23).
Diese Symbole sind aber sehr konkret der Kultur der Region des Rio de la Plata
entnommen: Ein Sol de Mayo, der als Symbol Uruguays hinter einem von
einem Fußball gekrönten potrero (Abb. 24) aufgeht. Dabei wird der potrero
selbst zu einem Symbol des fußballbegeisterten Landes.
Doch ganz hat die mythologische Maskierung der Aktivitäten der Menschen
in der modernen Welt immer noch nicht ausgedient: Denn anstelle der Nikè
von Samothrake, mit der hier die europäische Mythologie ihren Abschied von
der Bühne nimmt, erhebt sich jetzt hinter dem Hügel der Inka-Gott Inti in
Gestalt der siegreichen Sonne und überstrahlt das Fußballfeld, auf dem die
Nationalmannschaft Uruguays den Sieg davongetragen hat.
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12 Ausblick
Die Entwicklung der grafischen Gestaltung von Postwertzeichen vollzieht sich
im Rahmen einer allgemeinen kulturgeschichtlichen Entwicklung, die ange-
trieben wird durch ökonomische und soziale Prozesse, in deren Kontext die
kulturell vorgegebenen und verfügbaren Mittel der bildlichen Interpretation
gesellschaftlicher Verhältnisse und Fakten immer wieder verändert werden.
Dabei verliert die antike Mythologie allmählich ihre weitgehend in der europä-
ischen Renaissance etablierte Bedeutung als semiotisches System der Repräsen-
tation sozialer und kultureller Phänomene. An ihre Stelle tritt eine Signogra-
phie, die geschult ist an Bildgebungsverfahren der abstrakten Kunst und die
Komposition von Bildwelten ermöglicht, die nicht mehr vorgeben, auf irgend-
eine Art und Weise ein visuelles Abbild der Verhältnisse zu geben. Vielmehr
kommt es nun darauf an, in Form grafischer Kompositionen Miniaturen zu
schaffen, mit denen es möglich ist, auf komplexe gesellschaftliche Zusammen-
hänge zu verweisen.
Der Funktionsverlust einer an antiker Bildlichkeit geschulten Kunst des
Entwerfens von Postwertzeichen zeigt sich vor allem auch dort, wo es um die
Herstellung von Porträts der Staatsoberhäupter geht. Hier bleibt auf der einen
Seite zwar die Tradition des Bildaufbaus der Herrscher-Ikone auf Kameen,
Medaillen und Münzen gewahrt, auf der anderen Seite aber wird in zuneh-
mendem Maße die Ähnlichkeit des Bildes mit der auf dem Postwertzeichen
dargestellten Persönlichkeit zum entscheidenden Kriterium. Der Einfluss, den
die Entwicklung der Fotografie auf die Erwartungshaltung gegenüber der
Porträtkunst genommen hat, ist dabei sicherlich recht hoch zu veranschlagen
und bedarf noch eingehender Untersuchung.
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Abbildungen
Abbildung 1
Großbritannien: Kupfer-Penny (1797).
Abbildung 2
William Wyon: Transformationen des Portraits von Victoria.
Abbildung 3–5
Königin Victoria (1840, Michel, Großbritannien, 1); Blacas-Cameo mit Portrait des Augustus;
Cérès (1849, Michel, Frankreich, 1).
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Abbildung 6–8
Zeitungsmarke: Merkurkopf (1856, Michel, Österreich, 9); Drucksachen-Eilmarke: Merkurkopf
(1917, Michel, Österreich, 220); Hermeskopf (1861, Michel, Griechenland, 1).
Abbildung 9–10
Flugpost: Hermes (1934, Michel, Australien, 126); 75. Jahrestag der UPU (1949, Michel, St. Lucia,
136).
Abbildung 11
Deutsches Reich: Postanweisungsganzsache A49 (1920).
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Abbildung 12–14
3. Generalzählung von Industrie und Handel (1951, Michel, Italien, 848); Weltbankkongress (1961,
Michel, Österreich, 1097); Cérès und Mercure (1876, Michel, Frankreich, 65).
Abbildung 15–17
Mercure (1938, Michel, Frankreich, 376); Hermes (1939, Michel, Griechenland, 415); Merkur
(1940, Michel, Argentinien, 457).
Abbildung 18–19
1. Bemannter US-Weltrumflug (1962, Michel, USA, 822); Eilmarke (1894, Michel, USA, 102).
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Abbildung 20–21
Eilmarke (1902, Michel, USA, 152); Eilmarke (1908, Michel, USA, 174).
Abbildung 22–23
Fußball-Goldmedaille bei den Olympischen Spiele Paris (1924, Michel, Uruguay, 285); Fußball-
Goldmedaille bei den Olympischen Spielen Amsterdam (1928, Michel, Uruguay, 381).
Abbildung 24
Uruguay/Agentinien: Provisorisch installierter Potrero (ca. 2015).
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Sebastian Liebold
Türkische Briefmarken als Zeitzeichen: Einmal Moderne und
zurück?
1 Einführung
Bundespräsident Theodor Heuss besuchte 1957 die Türkei. Das westliche
Deutschland suchte zu jener Zeit – vornehmlich in Anrainerstaaten des Mit-
telmeeres – neue Arbeitskräfte, um dem Bedarf des ›Wirtschaftswunders‹ ge-
nüge zu tun. Bald darauf, am 30. Oktober 1961, schlossen Türkei und Bundes-
republik das Anwerbeabkommen, nachdem Italien (1955), Griechenland und
Spanien (beide 1960) bereits in ähnliche Händel mit Bonn eingetreten waren.
Dass Deutschland und die Türkei engere Beziehungen aufbauen wollten, zeigte
sich bereits 1957 1 auf zwei türkischen Briefmarken mit dem Konterfei von
Heuss zu Ehren des Besuchs (Abb. 1–2). Während Zuwanderer nach Deutsch-
land seither mitunter in öffentlichen Debatten vorkommen, prägt die (klei-
nere) deutsche Population kaum Diskurse im Land zwischen Ägäis und Taurus.
Im Spiegel der Briefmarkenausgaben der Türkei ergibt sich ein facettenreiches
Bild von Politik und Gesellschaft, dessen Wandel herauszuarbeiten dieser Bei-
trag anstrebt. Folgende Fragen dienen als Richtschnur: (1) Wer gibt die Brief-
marken heraus? Wie kommen die Themen zustande? Ist die Öffentlichkeit
beteiligt? (2) Welche Leitmotive haben die Briefmarkenausgaben? Welche im
engeren Sinne ›politischen‹ Gegenstände werden abgebildet? Was bleibt außen
vor? (3) Wie ist der Wandel im Zeitraum von der Mitte des 20. Jahrhunderts
bis heute in Bildern dokumentiert? (4) Welche Schlüsse ergeben sich zur politi-
schen Kultur und den Außenbeziehungen? Inwiefern sind Briefmarken ein
Gradmesser für Demokratie, für Wandel, für Tradition?
Dazu sollen nach einem Überblick über die türkische Postgeschichte die Ga-
lerie politischer Köpfe – vor allem des Republikgründers Atatürk – und politi-
1 Siehe Nr. 1906 und 1907 im Isfila-Katalog, der für Recherchen zu diesem Beitrag genutzt wurde
(herausgegeben von der Istanbul Filateli ve Kültür Merkezi A.Ş.). Ihnen entsprechen die Nr.
1516 und 1517 im Michel-Katalog Türkei.
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sche Institutionen vorgestellt werden, ehe anhand bestimmter Motive Aussa-
gen zur politischen Kultur im Spiegel der Marken folgen. Eine Abwägung über
Modernisierungs- und Beharrungstendenzen fasst die innenpolitischen Motive
zusammen. In zwei weiteren Abschnitten werden Bezüge zu Europa und ande-
ren Staaten und internationalen Bündnissen hergestellt. Schließlich geht es um
restaurative Tendenzen der letzten Jahre.
2 Ausgabegeschichte
Nicht später als viele europäische Staaten führte das Osmanische Reich 1863
Briefmarken ein. So konnte die Posta ve Telgraf Teşkilatı Genel Müdürlüğü
(PTT, Generaldirektion der Post und des Telegraphenwesens) 2013 das 150.
Jubiläumsjahr ihrer Briefmarkenkultur feiern. Nur 23 Jahre nach der Grün-
dung des türkischen Postamtes, damals mit Sitz in Istanbul, begann das Kapitel
der Postaufkleber mit Ziffern, Mustern und – bald – mit Bildmotiven. Zum
Jubiläumsanlass gab die PTT imponierend gestaltete Sondermarken heraus.
Unter den häufigen Motiven findet sich, mit Hilal (Mondsichel) und fünfza-
ckigem Stern – später als Mondstern in die Nationalflagge integriert – verse-
hen, die Tughra mit Goldrelief: Das traditionelle Namenssiegel der Sultane
versah offizielle Dokumente des damaligen Reiches mit imperialem Charme.
Zugleich zeigt es den Rang der Kalligraphie – wie auf der ersten Briefmarke
vom 13. Januar 1863. Dieses Emblem dominierte die historischen Postwertzei-
chen, neben wechselnden Symbolen wie dem Wappen des Osmanischen Rei-
ches und der Mondsichel (Abb. 3–4). Die Emission wurde durch einen Erlass
von Sultan Abdülaziz auf Empfehlung von Âgâh Efendi, dem Minister für
Postangelegenheiten, angeordnet. 2 In späten Jahren des Osmanischen Reiches
erschienen die ersten gezeichneten Abbildungen der kızılay yardım pulları
(Benefizmarken für den Türkischen Roten Halbmond), zudem erste Dauerse-
rien mit Landschafts- und Architekturmotiven. Die ersten aufwendigeren
Briefmarken (Abb. 6) – auf denen sich bemerkenswerterweise auch der vor-
letzte Sultan Mehmed V. Reşad abbilden ließ – kamen zwischen 1912 und 1914
aus den Druckereien Wiens und Londons. Später druckte die türkische Staats-
druckerei die Hoheitszeichen selbst. 3
2 Siehe Hakan Anameriç: Stamps as an Information Source in the National Library of Turkey, in:
Library Collections, Acquisitions, and Technical Services, 30 (2006), Heft 1–2, S. 117–127. Für
diesen Hinweis und weitere Recherchen im Vorfeld danke ich René Neumann, dessen Bericht
dazu lautet: Postwertzeichen als historische Zeugnisse – ein Einblick in türkische Briefmarken,
in: Wiener Zeitschrift für die Kunde des Morgenlandes 107 (2017), S. 235–250.
3 Die ersten osmanischen Briefmarken waren Eigenfabrikate. Später bestellte man Marken im
europäischen Ausland, da dortige – neue – Druckverfahren eine bessere Qualität versprachen:
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Stilistisch verlief die Transition von Imperium zu Republik viel langsamer als
die Politik vorgab, so erhielt sich die Erinnerung an das Osmanische mit arabi-
schem Schriftbild vereinzelt noch auf den Benefizmarken bis in die 1930er
Jahre. Die Dauermarken wurden Atatürks weitreichender Sprachreform ge-
mäß von 1928 an jedoch ›postwendend‹ latinisiert. Die erste Marke der Repub-
lik ›Stern und Halbmond‹ ist eine Reminiszenz an die Duloz-Marken der Jahre
1865 bis 1882, benannt nach dem Schöpfer Pierre Duloz der angesehenen
Pariser Druckerei Poitevin. 4 Gegenwärtig werden alle Marken in der türki-
schen Hauptstadt Ankara gedruckt.
Wer entscheidet über die Motive? Das jährliche Ausgabeprogramm können
verschiedene Institutionen beeinflussen; ein Vorschlagsrecht haben das Gene-
ralsekretariat des Staatspräsidiums, das Ministerialpräsidium, der Generalstab,
Universitäten, Stiftungen, Vereine und andere öffentliche Institutionen. Die
endgültige Auswahl trifft eine Expertenkommission. 5 Der Auswahlprozess ist
folglich in einen öffentlichen, teilhabefreundlichen und in einen arkanen Ab-
schnitt geteilt.
3 Persönlichkeiten im kemalistischen Staat
Philatelisten kommen am Republikgründer Mustafa Kemal, genannt Atatürk,
dem ›Vater der Türken‹, nicht vorbei, weil er als ›Kopf der Nation‹ ständig auf
Briefmarken präsent ist (Abb. 5). Kein anderes Motiv hat sich in der Republik-
geschichte so oft wiedergefunden. Dabei wird die nationale Identifikationsfigur
Atatürk vornehmlich als Staatsmann, kaum als Militär porträtiert. Angesichts
seiner herausragenden Rolle im Unabhängigkeitskrieg mag das zunächst ver-
wundern; allerdings stand Mustafa Kemal zu Sultanszeiten in Konkurrenz zu
den Jungtürken unter Enver Paşa. Atatürks Prämisse einer Trennung von
Druckereien in Hauptstädten wie Paris, London oder Wien wurden für Drucktechniken wie
Lithografien oder Gravurdruckverfahren beauftragt. Eine weitere im Ausland gedruckte Marke
war eine Portraitmarke zu Ehren des Staatsgründers Atatürk (November 1959) im Tiefdruck-
verfahren, gefertigt von der deutschen Bundesdruckerei. Vgl. dazu Istanbul Philatelic and Cul-
tural Center Co. (Hrsg.): İsfila 2013. Turkish Stamps & Postal Stationery Catalogue 1863–2012,
Katalog 1, Istanbul 2012, S. 263.
4 Ebd., S. 1; vgl. auch Iqbal Nanjee: Duloz Stamps 1865–1882, in: Stamp Society of Pakistan,
unter: http://www.sspak.com/library/Ottoman/Duloz%20Issues%201865-82.pdf (14. Dezember
2016).
5 Vgl. die Internetpräsenz des Postamtes, in: http://www.ptt.gov.tr/sx/ptt/#posta (22. Januar
2017); Dank gilt dem Briefmarkenexperten Vedat Duman für Informationen zur Ausgabepoli-
tik.
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Militär und zivilem Staatswesen (im Gegensatz zu Vorstellungen der Jungtür-
ken) zwang dabei zur Darstellung ohne Uniform. 6
Sein Konterfei ist seit der republikanischen Staatsgründung vom 29. Okto-
ber 1923 untrennbar mit jeder Jubiläumsmarke zum Tag der Republik verbun-
den – mit einer Ausnahme: der Präsidentschaft von İsmet İnönü. Atatürks
langjähriger politischer und militärischer Wegbegleiter wurde mit dem Tod
des Republikgründers am 21. November 1938 7 dessen Nachfolger im Präsiden-
tenamt und somit mächtigster Mann zwischen Edirne und Van. Der Perso-
nenkult des alten Präsidenten blieb zwar bestehen, dennoch konnte İnönü
seinen ehemaligen Waffenbruder zwischen 1939 und 1950 sichtbar in den
Hintergrund rücken. Atatürks Antlitz musste zu Gunsten des neuen Präsiden-
ten weichen, bis auf wenige Ausnahmen. Die Jubiläumsmarke zum Jahrestag
der Republik 1943 ist bis heute die einzige ihrer Art, denn sie wurde ganz ohne
das Bildnis des Staatsgründers abgedruckt. Wollte İnönü einen eigenen Perso-
nenkult etablieren? 8 Dies schienen zumindest einige seiner Kritiker in der
Demokratische Partei (DP) so zu sehen. Ihnen galt er als autoritär – trotz der
Umsetzung des Mehrparteiensystems. 9 Die letzten İnönü-Dienstmarken wur-
den fast bis zur Unkenntlichkeit mit Handstempeln überdruckt, ein Akt, der
bei Atatürk-Formaten undenkbar wäre und zweifellos gegen das ›Gesetz über
strafbare Handlungen gegen das Andenken Atatürks‹ verstieße. Der zweite
türkische Präsident İnönü sollte noch dreimal geehrt werden: an seinem To-
destag 1973, zum 100. Geburtstag 1984 und auf einem Gedenkmarkenblock zu
den sieben Staatspräsidenten von 1987. Die Präsidentenmarke gab dem Gene-
ral und Putschisten Kenan Evren als einzigem weiterem Politiker die Möglich-
keit, sich während seiner Amtszeit porträtieren zu lassen. Eine vorläufig letzte
Ausnahme. Wie in vielen anderen Staaten wird die Abbildung eines Spitzenpo-
litikers als (zu) starke Machtdemonstration gemieden – vielleicht ist es in der
heutigen bildreichen Welt auch nicht mehr nötig.
6 Vgl. Dankwart A. Rustow: The Army and the Founding of the Turkish Republic, in: World
Politics 11 (1959), S. 513–552, hier: S. 549. Die Atatürk-Marken tragen die Isfila-Nummern
1384, 1419 (zugleich Block 1) und 1385–1389.
7 Ikonographisch wie ausgabenstrategisch sind Ähnlichkeiten bei deutschen Marken unverkenn-
bar, etwa bei den sechs Überdrucken zum Hindenburg-Satz vom 4. September 1934 nach dem
Tod des früheren Reichspräsidenten. Der Türkei-Block Nr. 1 vom 3. Januar 1940 zum 1. Todes-
tag Atatürks (vgl. Abbildung 5) lässt philatelistisch auch eine Anknüpfung an die Blockgestal-
tung beim Tod Wilhelm Piecks vom 10. September 1960 (der Gedenkblock zu Ehren des einzi-
gen Präsidenten der DDR erschien binnen dreier Tage, muss also im Entwurf bereits vorgelegen
haben, vgl. Michel-Nr. 784 B) zu.
8 Eine Gesetzesinitiative von 1950 machte es – eigentlich – unmöglich, sich als Politiker zu Leb-
zeiten auf einer Marke verewigen zu lassen. Das Gesetz trifft aber in der Praxis kaum auf Legali-
tätsdenken.
9 Vgl. Feroz Ahmad: The Turkish Experiment in Democracy 1950–1977, London 1977, S. 45.
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4 Politische Institutionen
Staatliche Einrichtungen als Häuser mit Tor und Türen sind für die türkische
Ausgabepolitik rasch bedeutsam geworden. Schon ein Jahr vor der offiziellen
Etablierung der neuen Republik erschien im Januar 1922 ganz in osmanisch
anmutendem Layout das erste Parlamentsgebäude (die Bauphase währte von
1920 bis 1924) auf Marken. Während des Unabhängigkeitskrieges war das
Parlament die wichtigste Projektionsfläche des nationalen Widerstandes aus
Kreisen der Befreiungsbewegung um den Republikgründer Atatürk. Den Na-
men Türkiye Büyük Millet Meclisi (dt. Große Nationalversammlung der Tür-
kei) trägt das Parlament bis heute – wenn es auf Marken erscheint, ist dies
nicht immer ein Ausdruck seiner starken Stellung im politischen System, wie
sich noch zeigen wird.
Der sozialwissenschaftliche Institutionenbegriff, zuweilen breiter ausgelegt,
soll auf ›staatstragende‹ Einrichtungen wie Verfassung, Repräsentationsorgane
und Gerichtsbarkeit beschränkt werden. Hier sind vor allem zwei Aspekte von
Belang: zum einem der Umgang mit Jubiläumsausgaben, die an die reformeri-
schen und modernisierenden Momente (teils noch während der osmanischen
Ära) erinnern, zum anderen die jeweiligen Reaktionen auf einen Putsch.
Würdigung erhielten beispielsweise die Errungenschaften der Tanzimat-
Reformen zum 125. Jahrestag im Jahre 1964, vier Jahre später der 100. Jahres-
tag der Einrichtung des türkischen Staatsrates (tr. Danıştay) und des Kassati-
onshofs (tr. Yargıtay). 1988 wurde nur noch dem Kassationhof diese Ehre
zuteil. Beide Gerichte waren Ausdruck einer am Westen orientierten Reform-
politik, nahmen sie in ihrer Funktion doch Maß an den französischen Institu-
tionen von Conseil d’Etat und Cour de cassation. Das erste Parlament in der
Geschichte des Landes (einberufen 1877) fand Anerkennung in einer Ausgabe,
während die ein Jahr zuvor durchgesetzte erste schriftliche Verfassung keine
Erwähnung fand. Gefilterte Erinnerung gehört eben zur Politik. Die Marke des
alten Parlaments wurde mit dessen Leitspruch und mit dem republikanischen
Gründungsruf Atatürks versehen: »Souveränität ist eine unveräußerliche Be-
dingung der Nation.« 10 Ein demokratisches Markenzeichen, 1987 gewürdigt,
das wieder an französische Staatsideen gemahnt.
Bemerkenswert erscheint auf der anderen Seite die Ausgabepolitik nach er-
folgreichen Putschen des Landes. Zwei Beispiele: Der Militärputsch gegen den
zunehmend autokratischen Regierungsstil von Adnan Menderes, der in der
Bevölkerung immer weniger beliebt war, fand sein Ende mit den Verurteilun-
10 Im Original Egemenlik, kayıtsız şartsız Milletindir laut Isfila-Nr. 3170. Die beiden Folgenum-
mern sind der modernen Architektur gewidmet (in der Reihe der europäischen CEPT-
Ausgaben). Deutlicher kann die Vielgestaltigkeit von Marken kaum ausgedrückt werden.
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gen in den Yassıada-Prozessen. Das Ausnahmegericht verurteilte hunderte
Menschen zum Tode bzw. zu hohen Haftstrafen. Der Mammutprozess löst aus
westlich-rechtsstaatlicher Sicht Unbehagen aus; in der symbolträchtigen Dar-
stellung auf den Marken von 1960 erscheint der Prozess im Geiste der Justitia
mit Waage und Richtschwert, allerdings ohne Augenbinde. Die fehlende Au-
genbinde mutet wie ein Hinweis auf die politische Motivation des Prozesses
an. 11 Ein anderes Beispiel ist der Militärputsch vom 12. September 1981, dekla-
riert als Stabilisierungsmaßnahme während des Bürgerkriegs. Steter Anspruch
war, durch die Wahl der Symbole die Staatsorganisation als legitim erscheinen
zu lassen. Bereits im Oktober 1981 kam eine Marke zur verfassungsgebenden
Versammlung heraus, im Januar 1983 bereits zwei Motive zur neuen – und in
Teilen immer noch gültigen – Verfassung von 1982. Das Bildnis Atatürks sym-
bolisiert die Übereinkunft mit der Werteordnung des Republikgründers, der
Urnengang die demokratische Legitimität durch den Volksentscheid.
5 Jahre der Modernität
Weder als Staatsideologie noch in der Staatspraxis war der Kemalismus zu
Lebzeiten von Mustafa Kemal ein statisches Konzept – er galt vielmehr als
Ausdruck der Grundprinzipien seiner Partei, der Cumhuriyet Halk Partisi
(CHP, dt. Republikanische Volkspartei). Diese Grundprinzipien bestanden aus
verschiedenen Teilideologemen wie Republikanismus, Revolutionseifer/
Reformismus, Nähe zum Volk (Populismus), Laizismus, Etatismus und immer:
Nationalismus. Auf dem heutigen Parteilogo finden sich diese sechs Prinzipien
des Kemalismus als sechs Pfeile symbolisiert – umso erstaunlicher, dass dieses
Kennzeichen trotz der jahrzehntelangen Einparteienherrschaft der CHP nie
auf eine Marke kam. Während der Nationalismus fester Bestandteil der sym-
bolischen Repräsentation geblieben ist, finden sich andere Prinzipien eher
implizit in den Motiven. Die Reformen Atatürks wurden erstmals 1938 gewür-
digt. 12 Erstaunlicherweise erst 36 Jahre später erschienen zwischen 1974 und
1979 jeweils zum 29. Oktober drei Marken zu den wichtigsten Reformen des
Staatsgründers. 13
Atatürks tiefgreifende Reformen betrafen nicht zuletzt das Geschlechterver-
hältnis. Ziel war es, die rechtliche Gleichstellung von Männern und Frauen in
11 Vgl. Camilla Dawletschin-Linder: Diener eines Staates: Celal Bayar (1883–1986) und die mo-
derne Türkei, Wiesbaden 2003, S. 251.
12 Neben der Sprachreform wurden bessere Ausbildungsmöglichkeiten und der Landesausbau
gewürdigt.
13 Isfila-Nr. 2730–2732, 2796–2798, 2823–2825, 2859–2861, 2887–2889.
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allen Lebensbereichen durchzusetzen; dafür wurde das alte osmanische Recht
durch solches nach Vorbild des schweizerischen Zivilgesetzbuches ersetzt. In
diese Stoßrichtung geht die Ausgabe zum 12. Internationalen Kongress der
Liga für Frauenrechte im Jahre 1935 in Istanbul (Abb. 7). Fünfzehn verschie-
dene Marken mit abwechslungsreichen Motiven zeigen Frauen in verschiede-
nen Lebenslagen. So bildet etwa eine Marke die Begegnung der ersten Kampf-
pilotin der Welt Sabiha Gökçen – einer Türkin, Adoptivtochter des Staats-
gründers und Namensgeberin des Istanbuler Flughafens auf der asiatischen
Seite – mit Mustafa Kemal ab. Die Ausgabe umfasste die bisher größte Anzahl
an Frauenmarken und zeigte auch sieben Feministinnen von internationaler
Geltung. In den folgenden Jahren wurden Frauen besonders auf den Marken
des Roten Halbmonds 14 abgedruckt, hierbei in den klassischen Rollen der
Krankenschwester, ›Kümmerin‹ oder Mutter. 15 Für das kemalistische Selbst-
verständnis ist die Rolle der Frau in den Reformen Atatürks prägend, denn die
Reformbemühungen verbesserten die Stellung von Frauen in der Gesellschaft
erheblich. Bereits 1934 – vor einigen europäischen Staaten – wurde den Frauen
das aktive und passive Wahlrecht zugestanden. Die Förderung von Frauen im
Bildungswesen galt als bahnbrechend – die Türkei erreichte zeitweise Spitzen-
plätze beim Anteil von Frauen an Professorenposten. 16
Wer die aktive Rolle der Frau etwa mit der emanzipatorischen Rolle in der
DDR vergleicht, wird die politische Strategie dahinter erkennen: Gebildete und
berufstätige Frauen helfen beim Landesausbau und bei der Modernisierung des
Staatswesens. Daher soll zur politischen Kultur der Modernität bewusst hinzu-
gefügt werden: Die Beteiligung am öffentlichen Leben kann zwar demokratisch
begründet sein, muss es aber nicht. Planer unterschätzen oft die Dynamik der
Wissensaneignung – indes hat die Türkei mehrfach den Wert höherer Bildung
auf Marken gewürdigt: Dabei spielten wiederum technische Fächer, vor allem
14 Benefizmarken kamen in den ersten Jahrzehnten der Republik – vor allem in den 1930er Jahren
– recht häufig vor. Sie dienten als eigenständige Marken von Hilfsorganisationen wie des ›Roten
Halbmondes‹ und der Gesellschaft zum Schutz der Kinder Wohlfahrtszwecken. Obgleich sie
daher zunächst keine Zuschlagsmarken waren, erfreuten sie sich großer Beliebtheit. Das lässt
sich an den hohen Auflagen ablesen. Erst in den 1960er Jahren wurden die Benefizmarken offi-
ziell Zuschlagsmarken, was einerseits mit dem Ausbau des Sozialstaats, andererseits mit starker
institutioneller Zentralisierung und der Wegnahme von Anreizen zu zivilgesellschaftlichem En-
gagement einhergeht.
15 Ein Vergleich mit Frauenmotiven auf Marken der NS-Zeit unterbleibt aus Platzgründen. Zu
Geschlechterrollen im Spiegel von NS-Briefmarken vgl. den Beitrag von René Smolarski in die-
sem Band.
16 Vgl. Çiğdem Borchers: Frauenstudium und Hochschulkarrieren in der Türkei. Historische
Entwicklungen vom 19. Jahrhundert bis heute mit vergleichendem Blick auf Deutschland,
Münster 2013, S. 15.
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die Ingenieurtechnik, eine überragende Rolle, wie auch sonst in Forschung und
Entwicklung stets der Nutzen für die nationale Industrie im Mittelpunkt stand.
6 Stabile Balance zwischen Fortschritt und Tradition
Lokomotiven, Flugzeuge und Schiffe, Schienen- und Telekommunikationsnet-
ze, moderne Architektur etwa von Brücken und Staudämmen gaben der Mo-
dernisierungspolitik – vor allem in Form von Infrastruktur – beredten Aus-
druck (Abb. 8). Darin lässt sich eine Kontinuität bereits seit Mitte der 1920er
Jahre erkennen. Seit den jungen Republikjahren waren Motive zu verschiede-
nen staatlichen Kampagnen wie dem Zensus oder internationale Messen, Kon-
ferenzen und Ausstellungen zu industriellen oder wissenschaftlichen Gebieten
gegenwärtig. Beispiele sind die Marken zum ersten Jahrestag der Eröffnung des
türkischen Nuklearforschungsprogramms (1963), dem 50. Jahrestages anläss-
lich der türkischen Stahl- und Eisenindustrie (1987), zwei Marken zu Ehren
der türkischen Luftfahrtindustrie (1988) oder die Staudammprojekte des Lan-
des. Militärische Leistungen – ob Schiffs- oder Flugtechnologien – zeugen von
nationaler Stärke und ungebrochener Schlagkraft (im westlichen Bündnis, wie
noch zu lesen ist). Zu diesen Zeugen des Fortschritts gesellten sich immer
wieder Ausgaben renommierter Bildungseinrichtungen, vor allem in der neuen
Hauptstadt Ankara, womit die Basis für den Erfolg demonstriert werden sollte:
Anstrengung für das Vaterland erzeugt Stolz. 17
Neben Bildern des Fortschritts kommen immer wieder Selbstvergewisse-
rungsmarken heraus, die die Landung von Mustafa Kemal in Samsun zeigen,
Schlachtengetümmel wiedergeben, das Werk einzelner Sultane – etwa die Er-
oberung Istanbuls – oder die Einheit der Staatstradition herausheben. Dass
dabei der tiefe Bruch zwischen dem Osmanischen Reich und der bewusst neu
eingerichteten Republik übertüncht wird, ist klar. Weder die – bei allem Re-
formwillen – fast sprichwörtliche Unfähigkeit der Sultane zur Modernisierung
des Landes noch die Gewalttätigkeit der Gründungsjahre und der Umstürze
sind Teil der Bildpolitik (darin ist die Türkei kein Einzelfall). Eine Glättung der
Geschichte, so ist mein Eindruck, kann dazu beitragen, die Politik der Gegen-
wart kohärenter wirken zu lassen. Sie nimmt den Streitigkeiten alltäglicher
Aushandlungsprozesse etwas von ihrer Kontingenz.
Das Kulturerbe, große Persönlichkeiten der Geschichte und alltägliche Kul-
turgüter, sind vor allem seit den 1960er Jahren beliebt. Dabei scheinen die
zivilisatorischen Errungenschaften der Vergangenheit über die Jahrzehnte
immer mehr Motive einzunehmen und dabei zu helfen, die eigene kulturelle
17 Vgl. nochmals Abbildung 8.
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Größe zu preisen. Es geht nicht zuletzt um Einnahmen: Schließlich bezieht die
Türkei seit dieser Zeit einen (zuletzt etwas gesunkenen) Anteil seiner Wert-
schöpfung aus dem Fremdenverkehr. Zunächst wurden Volkstänze, Kunstgü-
ter und wichtige Personen wie der Volksdichter Yunus Emre auf den Marken
abgedruckt, später kamen weitere Motive dazu – damit erhalten Postkarten
von der Riviera im Süden des Landes zusätzlichen Charme. Präsent sind
Kunstgegenstände und Ausgrabungen, traditionelle Wohnhäuser, die vielfälti-
ge Küche und traditionelle Kopfbedeckungen und Trachten der Frauen. Kultu-
relle Vielfalt bleibt stets kulturelle Vielfalt der Türken, regionale Eigenheiten
(im ethnischen Sinne) finden fernab von Tourismusmarken keine Erwähnung.
Das zentralistische Staatsverständnis räumt lokalem Stolz wenig Platz ein –
insofern ist die Städteserie von 1958 bemerkenswert, sind die Städte doch –
insbesondere in abgelegenen Gegenden – kleine ›Hauptstädte‹ des Kulturle-
bens und damit Orte der Identifikation. Die Abbildung einer kurdischen Iden-
tität ist auf nationalen Wertzeichen gemäß der Verfassung undenkbar (Unteil-
barkeit von Staatsgebiet und Staatsvolk). Religiös-kulturelle Vielfalt wird hin-
gegen präsentiert: Auf einer Marke vom 25. Mai 2000 erkennt man die
Gotteshäuser der drei Weltreligionen. Religiöse Symbole – auch die der Mehr-
heitsreligion Islam – sind auf den Marken der türkischen Republik spärlich zu
finden. Religiöse Bezüge sind vor allem in den architektonischen Meisterwer-
ken des Moscheebaus und – politisch gewendet – in Konferenzen islamischer
Länder zu erkennen. Diese Art indirekter Symbolik und damit vielfältiger
Anschluss- und Deutungsfähigkeit gehört zum Handwerkszeug der Ausgabe-
politik überall in der Welt.
Historische Bauten, Personen und Ereignisse verbinden osmanische Ver-
gangenheit und republikanische Gegenwart. Die Frage ist: Geschieht dies mit
einem Impetus von Affirmation oder mit der Frage, was die Aktualität be-
stimmter Themen ausmachen kann. Das historische Erbe präsentiert die türki-
sche Kulturgeschichte, wobei Dichter und Denker aus republikanischer und
osmanischer Zeit lange Zeit gleichermaßen Andenken erfuhren. Ob Ziya
Gökalp, Soziologe und Vordenker der türkischen Nation, oder der nach Ana-
tolien emigrierte persische Dichter und Mystiker Mevlânâ, eine Vielzahl be-
deutender und bekannter Personen findet sich auf gezacktem Papier verewigt.
Die Marke Türk Meşhurları (dt. berühmte Türken) aus dem Jahre 2009 teilten
sich zwei Persönlichkeiten: der osmanische Prinz und Mitherrscher Süleyman
Çelebi und der kirgisische Schriftsteller Cengiz Aytmatov. Nicht nur eigene
Köpfe sind festgehalten – eine Marke von 1983 erinnert zum 100. Todestag an
den deutschen Komponisten Richard Wagner.
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7 Nähe zu Europa?
Die Gretchenfrage für viele europäische Politiker, der EU-Beitritt, provoziert
seit Jahrzehnten heftige Diskussionen in der Öffentlichkeit der EU-
Mitgliedstaaten und der Türkei. Orientiert man sich an der Ausgabepolitik der
PTT, ist die Antwort eindeutig. Marken mit europäischen Bezügen gehören
seit frühen Republikjahren in das Repertoire der Post. Im Jahre 1954 würdigte
die türkische Ausgabepolitik das fünfjährige Bestehen des Europarates, erst-
mals erschien die Europaflagge auf einer türkischen Marke. Im Jahr 1958 gab
man eine Avrupa- (Europa-)Marke heraus, auf deren Abbildung ein Baum-
stumpf mit der Aufschrift ›Europa‹ zu sehen ist, aus dem ein neuer Trieb her-
auswächst. Ein neuer Anfang in Hoffnung. Die Kernserie stellen die CEPT-
Marken 18 dar. Sie kamen mit variablen Motiven zwischen 1960 und 2005 (bis
auf wenige Ausnahmen) jedes Jahr auf den Markt (Abb. 9–10). 19 Die Bebilde-
rung war nicht zwangsläufig ›europäisch‹, sondern trug eine Vielzahl verschie-
dener Symbole oder Naturabbildungen. Charakteristisch war der Schrift-
zug ›Europa‹, der bei neueren Marken allerdings nicht mehr vorhanden ist.
2005 erschien eine Jubiläumsausgabe ›50 Jahre Europäische Briefmarken‹ mit
einer Blockausgabe und deutlichen CEPT-Motiven (Abb. 11). Die Ratifizie-
rung des Assoziierungsabkommen zwischen der Türkei und der Europäischen
Wirtschaftsgemeinschaft vom 12. September 1963 wurde nicht geehrt, anders
als der Verhandlungsbeginn 2005 mit der Europäischen Union – allerdings
weist dieses Jahr bereits in eine andere Ära.
8 Bündnisse und bilaterale Staatenkooperation
Allein in den 1960er Jahren erschienen sechs NATO-Marken. Im wohl am
stärksten international ausgerichteten Jahrzehnt türkischer Briefmarkenemis-
sion markiert dies eine Traditionslinie. Jubiläen von Bündnissen wurden stolz
gefeiert: so etwa das 15. Jubiläum der Vereinten Nationen; der erste Jahrestag
des Abkommens zur regionalen Entwicklung zwischen der Türkei, dem Iran
18 CEPT steht für Conférence Européenne des Administrations des Postes et des Télécommunica-
tions (dt. Europäische Konferenz der Verwaltungen für Post und Telekommunikation). Sie er-
strebt als Dachorganisation in Zusammenarbeit mit den Postgesellschaften europäischer Staa-
ten, der Europäischen Union, der Internationalen Fernmeldeunion und dem Weltpostverein
einheitliche Regelungen im Post- und Telekommunikationssektor und versucht nationale Stan-
dards anzugleichen.
19 Die erste türkische CEPT-Marke kam 1960 auf den Markt (nach Gründung der CEPT im Jahre
1959), die Europamarken sind fortan im Rahmen der CEPT erschienen. Die zuvor von den eu-
ropäischen Postämtern herausgegebenen Europamarken kamen ab 1956 in den Umlauf, die
Türkei gab vor den CEPT-Marken die bereits erwähnte Marke zum 10. Oktober 1958 heraus.
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und Pakistan; das zwanzigjährige Bestehen der Weltgesundheitsorganisation
oder der intereuropäische Highway. Die Türkei sah sich als Teil der Weltge-
meinschaft und bemühte sich um internationales Ansehen. Europa war dabei
ein Angelpunkt, aber auch andere Regionen finden sich im Gefüge der Bezie-
hungen wieder. Die bilateralen Beziehungen wurden durch die Ausgabe von
Portraitmarken der jeweiligen Staatsmänner gewürdigt, welche offizielle
Staatsbesuche in der Türkei absolvierten. So gelangte nach – dem schon er-
wähnten – Theodor Heuss 1968 Charles de Gaulle auf ein Postwertzeichen.
Gleich dreimal erschien der iranische Reza Schah Pahlavi auf türkischen Mar-
ken – auch sein Sohn Mohammad Reza Pahlavi samt Gattin schmückte Aus-
gaben. Die teils gewaltsam vollzogenen Reformen zur Schaffung eines moder-
nen iranischen Nationalstaates durch Reza Schah Pahlavi wurden von Atatürks
Reformpolitik substanziell beeinflusst. Der Hinweis auf den Schah sollte die
Vorbildwirkung der türkischen Nachbarschaftspolitik verdeutlichen. Der so
verwirklichte türkische Internationalismus kann nicht zuletzt als Selbstverge-
wisserung, als späte Trotzreaktion nach den überwiegend als demütigend emp-
fundenen Jahren beim Untergang des Osmanischen Reiches und nach den
vertraglichen Bürden durch den Vertrag von Sèvres gedeutet werden.
Heldentum kommt als Bildmotiv immer wieder vor, es stellte die internati-
onale Bedeutung des Landes wieder her. Dies gilt insbesondere für den Unab-
hängigkeitskrieg der Türken (1919–1922) und die siegreichen Entscheidungs-
schlachten um Dumlumpınar, Sakarya und schließlich den Einzug Atatürks in
der Küstenstadt Izmir. Die Jahre 1971 und 1972 erzählen das nationale Hel-
denepos in sechs Ausgaben zum 50. Jubiläum nach. Diese Siege waren die
Voraussetzung zur Vertragsrevision: Mit dem Vertrag von Lausanne erreichte
die Türkei wieder nationale Souveränität. Die Erinnerung daran ist sicher für
die ›türkische Seele‹ von hoher Bedeutung. Die Schlacht von Gallipoli um die
Dardanellen – im Türkischen Çanakkale Savaşı (dt. Krieg von Çanakkale) –
des Jahres 1915 war nicht nur einer der verlustreichsten Kriegsschauplätze im
Ersten Weltkrieg, der türkische Sieg ist bis heute Anlass für den jährlichen
Feiertag am 18. März. 20 Zu vier Ausgabeterminen am Nationalfeiertag Şehitler
Günü (dt. Tag der Märtyrer) erschienen Gedenkmarken. Militärische Erfolge
am Vorabend der Republikgründung sind nicht die einzigen Motive zur Dar-
stellung von Größe. Zwei der bedeutendsten Ereignisse der älteren Geschichte
dürfen nicht fehlen. Die Schlacht bei Malazgirt, datiert auf den 26. August 1071,
entschieden die Seldschuken unter Führung von Alp Aslan über die byzantini-
schen Truppen von Romanus IV. für sich. Der Weg für die Besiedelung durch
die oghusischen Vorväter der heutigen Türken war geebnet. Ein weiteres
20 Bereits ab 1917 zeigten osmanische Marken den Sieg in der Dardanellenschlacht.
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Schlüsselereignis war die Eroberung Konstantinopels. Zum 500. Jubiläum
kamen am 29. Mai 1953 zwölf Marken in Umlauf. Gezeigt werden unter ande-
rem das Antlitz von Mehmet II. Fatih (dt. Eroberer) und einige erhaltene Ge-
bäude wie die Theodosianische Mauer oder die Sultan-Ahmed-Moschee. Die
Symbolik suggeriert: Alle außenpolitischen Erfolge tragen zur Stärkung des
Staates bei, für den einzutreten sich stets lohnt. In langer historischer Reihe
gelten sie als fraglos legitim (Einzelereignissen und Taten ohne historisches
Vorbild fehlt dieses ›Siegel‹ meist).
Eine Sonderrolle in der türkischen Außenpolitik nahm stets das Verhältnis
zu Zypern ein (Abb. 12–13). Während die Abbildung türkischer Politiker in
ihrer Amtszeit auf Briefmarken der Republik Türkei sehr untypisch war, wur-
den türkische Politiker anlässlich von Zypern-Besuchen auf den Marken der
Türkischen Republik Nordzypern regelmäßig dargestellt – so auch Necmettin
Erbakan, der Gründer der Milli-Görüs-Bewegung 21 und mehrerer islamisch-
konservativer Parteien seit 1970. Sein dezidiert islamistisches Verständnis steht
im Spektrum weiterer religiöser Bewegungen für ein vergleichsweise abwägen-
des Traditionsverständnis. Der Politiker, 1996 bis 1997 kurzzeitig Ministerprä-
sident der Türkei, wurde am 30. Juni 1997 durch den »postmodernen Staats-
streich« 22 zum Rücktritt gezwungen. Auf eine Marke der Türkischen Republik
Nordzypern schaffte er es aber noch: genau zehn Tage vor dem Putsch (zum
Missfallen der Militärs, auf deren Anweisung ein Großteil der Ausgabe ver-
nichtet wurde, sodass der Wert dieser Rarität seither enorm steigt).
9 Rückkehr der Autorität
Während über Jahrzehnte – selbst über Putsche und Verfassungsreformen
hinweg – eine innere Demokratiebindung und eine äußere Bündnistreue (mit
allen zugehörigen Pflichten) proklamiert und aufrechterhalten wurde, lässt
sich für die Jahre etwa seit 2005 ein Wandel erkennen. 23 Motive wie der 250.
Geburtstag von Benjamin Franklin, ein Zeugnis der Amerika-Euphorie der
1950er Jahre, die Marken zum 10. Jahrestag des Europarats (1959), zum Welt-
21 Vgl. Benjamin Wochnik, Atatürks islamische Erben – wer regiert die Türkei?, Marburg 2010, S.
66-67; Ayça Nur Ataklı, Entstehung und Entwicklung der politischen Parteien in der Türkei.
Eine Modernisierungsgeschichte, Saarbrücken 2016. Informationen zu den Markenausgaben
Nordzyperns sind rar, dargestellt sind sie im Stanley Gibbons Stamp Catalogue: Cyprus, Gibral-
tar & Malta, London 2004.
22 Vgl. Cengiz Günay, Geschichte der Türkei. Von den Anfängen der Moderne bis heute, Wien
2012, S. 312.
23 Demokratische Defizite der Zeit zuvor sollen damit in keiner Weise verharmlost werden. Viel-
mehr geht es um den diachronen Vergleich. Er lässt sich durch die Gegenüberstellung von poli-
tischer Praxis und der Markensymbolik am besten veranschaulichen.
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flüchtlingsjahr (Abb. 14) oder zum 25. Jahrestag der Gespräche über die Euro-
päische Menschenrechtscharta sind inzwischen in weite Ferne gerückt. 24
Nicht auf allen Gebieten lässt sich der Wandel kurz abhandeln: Eindrück-
lich ist er etwa bei Symbolen zu Frauenrechten. In den letzten zwei Jahrzehn-
ten werden Abbildungen mit weiblichen Motiven fast ausschließlich in traditi-
oneller Tracht entworfen. Auch die Bezeichnungen vieler Marken markieren
Änderungen: Einige Ausgaben heißen beispielsweise ›Unser Kulturgut/Kultur-
erbe‹ oder ›Kopfbedeckungen türkischer Frauen‹ (dies war bei den Volkstanz-
marken der Jahrzehnte zuvor neutraler gehalten). Bildung und Beteiligung an
politischen und wirtschaftlichen Aktivitäten sind in der Abbildungspolitik
hingegen nicht mehr erkennbar.
Auch in anderen Gebieten ging die Balance zwischen der – neben der Mo-
derne immer dagewesenen – Tradition und der Darstellung des Fortschritts
verloren. Immer stärker speist sich die Bildkraft nationaler Souveränität aus
kriegerischen, osmanischen, vor allem jedoch weit zurückliegenden Ereignis-
sen. »Obwohl die Gegner der Verwestlichung die Sprachreform nicht umkeh-
ren konnten und niemand die einschneidende Latinisierung der Schrift von
1928 rückgängig machen will, sind die Erfolge der ›Neo-Osmanisierung‹ im
Bereich der symbolischen Kulturpolitik unübersehbar.« 25 Als Beispiele nennt
der Türkeikenner Klaus Kreiser die Abwendung vom ›progressiven Erbe‹, die
nicht mehr beiläufige, sondern hervorgehobene Verehrung der Eroberer-
Sultane samt ihres ›friedlichen Imperialismus‹ (der ethnische und sprachliche
Grenzen überwand) und die – auch im nahen Ausland – wieder verbreiteten
Elemente der osmanischen Hochkultur wie etwa des Schattentheaters.
Symbolpolitik nährt in besonderer Weise die Außenbeziehungen. Der Um-
riss der Republik der Türkei ist auf keiner nordzypriotischen Marke erkennbar,
dafür die türkische Flagge und das Konterfei Atatürks. Damit versucht die
Türkei den Status quo in diesem Fall eher unauffällig beizubehalten und die
nur von ihr anerkannte Republik Nordzypern aus der ›Schusslinie‹ zu nehmen.
Beachtlich sind die Marken zur ›Solidarität mit dem palästinensischen Volk‹
auf der zur Hälfte besetzten Insel – im türkischen Mutterland war dies ange-
sichts der diplomatischen Beziehungen zwischen Israel und der Türkei lange
Zeit undenkbar. Mit einer Gemeinschaftsmarke zwischen der Türkei und Pa-
lästina von 2013 änderte sich dies. 2017 erschien eine türkische Marke mit den
Flaggen aller ›Brudervölker‹ (Abb. 15).
Die Geschichte der Türkei ist auch die Geschichte heroischer Siege, ob im
Schatten mächtiger Sultane oder nachosmanischer Befreiungskämpfer. Ruhm-
24 Isfila-Nr. 1946–1947, 2115, 2156–2157, 2856–2857.
25 Klaus Kreiser: Im Bann der Ottomania, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 31. Januar
2017.
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reiche Schlachten sind kein Tabu, im Gegenteil. Und der türkische Personen-
kult um Mustafa Kemal Atatürk ist ebenso charakteristisch wie für ein deut-
sches Verständnis bisweilen befremdlich. Das ›Motiv Atatürk‹ als Identifikati-
onsfigur der nationalen Größe steht nicht nur für steten Wandel, sondern
für ›moderne‹ nationale Errungenschaften. Atatürk kann, als Person gleich-
sam ›Institution‹, die Rückkehr zur historisch grundierten Machtpolitik reprä-
sentieren (sofern als ›fortschrittlich‹ markiert), weil er selbst zur Projektions-
fläche geworden ist. Ein Zeichen dafür ist die martialisch dargestellte Technik
auf der Jubiläumsmarke von 2008 (Abb. 16).
10 Resümee
Bei der Dekonstruktion von Bildsprache, zumal als symbolische Repräsentati-
on eines Staates, ist stets die Plausibilität der intendierten Wirkung zu erfragen.
Was ist Propaganda, was entspricht in etwa den Verhältnissen des Alltags?
Dazu gehört auch die einkalkulierte Wirkung bei zeitgenössischen und
bei ›späteren‹ Lesern. Die Bildpolitik bewegt sich stets auf dem schmalen Grat,
was gewünschte Bilder sind und was nicht mehr glaubwürdig erscheint. Dabei
kommen allerlei Dreistigkeiten vor. Im Fall der Türkei ist das erstaunlichste
Ergebnis, sowohl im damaligen Zeitverständnis wie aus dem heutigen Blick-
winkel die Marken etwa der 1950er und 1960er Jahre den Anspruch demonst-
rieren, modern zu sein. Während in jener Periode geschichtliche Anleihen eher
beiläufig erfolgten, ist in der Gegenwart die Erinnerung an osmanische Groß-
und republikanische Frühtaten dominant.
Wie tiefgreifend der Wandel im Bild ist, kann nicht abschließend beantwor-
tet werden. Osmanische Nostalgie und der politische Rekurs auf türkisch-
osmanische Werte sind fester Bestandteil des Regierungsdiskurses um die Yeni
Türkiye (dt. Neue Türkei), eng angebunden an die Ideen von Präsident Recep
Tayyip Erdoğan für eine neue und selbstbewusste türkische Großmacht. 26 Sind
die Motive der Boote der Sultane (saltanat kayığı) mit dem Siegel des Sultans
tatsächlich Ausdruck konservativer Kulturpolitik im Sinne eines Neo-
Osmanismus 27 oder – wie säkulare Kritiker der Regierung und viele Europäer
behaupten – gar Vorboten einer gesellschaftlichen Re-Islamisierung? Derartige
Urteile haben viel für sich, schürfen aber bislang an der Oberfläche. Auch in
den letzten Jahren bleibt der Kopf des Staatsgründers Atatürk auf Briefmarken
präsent, dessen Anspruch der Aufbau der Republik war. Religionsspezifische
26 Siehe Günter Seufert: Erdoğans Neue Türkei. Die Restauration des autoritären Staates im
Namen der Demokratie, SWP-Aktuell 60, Berlin 2014.
27 Im Sinne der kulturellen Rückbesinnung (hier ist keine neue Außenpolitik-Doktrin gemeint).
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Motive sind weiterhin kaum vorhanden. 28 Die zukünftige Ausgabenpolitik
wird die Geschichte fortschreiben. Gezeigt werden konnte eine Zunahme in
der Abbildung von Kunst- und Kulturgütern mit besonderem Wiedererken-
nungswert (so Architektur, Teppichknüpfen, Küche oder Trachten) über die
letzten zwei Jahrzehnte. 29 Anfänglich dominierten Symbole der Modernisie-
rung, in den 1970er Jahren begann, während der wirtschaftliche Aufstieg sozia-
le Verwerfungen zeitigte (ein Grund für das Putschgeschehen), der selbstbe-
wusste Umgang mit eigenen Traditionen. Er verstärkte sich in den letzten
Jahren. Osmanische Kunst, etwa die Kalligraphie, ist auf heutigen Marken
signifikant öfter abgebildet (die Tughra der Sultane war allerdings auch beim
100. Markenjubiläum 1963 abgebildet).
Ein Bild zur nationalen Einheit von 2017 kommt nicht ohne Panzer aus –
ein kleines, aber klares Zeichen der größeren Akzeptanz von Militär im Inne-
ren (Abb. 17). Eine Frage zukünftiger Forschung wird sein, zu erkunden, ob
der Wandel der Politik so tiefgreifend ist, dass er sich in markanten Änderun-
gen der Symbolik auf Briefmarken kennzeichnen lässt (offenbar scheut sich die
Exekutive, hier den ›Korridor‹ der bisherigen Abbildungspolitik zu verlassen).
Als Ausblick kann ein Vergleich mit der deutschen Postgeschichte angeregt
werden, nicht nur, weil die in Abbildung 6 gezeigte Marke von Edirne den
kaiserlichen Mark-Werten ähnelt, weil – wie beschrieben – Fragen der Perso-
nenmotive (etwa zwischen Atatürk und Hindenburg) einer genaueren Unter-
suchung harren, sondern auch, weil sich etwa in den Automatenmarken der
Türkei eine Nähe zu deutschen Marken zeigt.
Während indes die Bundesrepublik ihre Rolle in einer veränderten, weniger
berechenbaren Welt noch sucht, führt die Türkei im Grenzgebiet zu Syrien
Krieg (übrigens wiederum ein Bezugspunkt zur deutschen Geschichte: Hel-
muth von Moltke war 1839 bei der Schlacht von Nisib im heutigen Syrien als
deutscher Militärberater des Sultans dabei). Dass die Türkei ihre Zukunft eher
im Verbund mit Mächten des Nahen Ostens sieht, zeigt sich indirekt auf einer
Marke zur Eröffnung des Eurasien-Tunnels: Über dem Eingang steht Asya
(Abb. 18).
28 Eine Ausnahme bildet ein Briefmarkenblock aus dem Jahre 2012 mit der Bezeichnung Kar-
deşlik Ahlakı ve Hukuku Anma (dt. Moral und Recht der Brüderlichkeit). Auf einer der beiden
Marken findet sich der Abdruck des Siegelsteins, ein Relikt des Propheten Mohammed, als sak-
rale Vergegenständlichung der letzten und unveränderten Verkündung Allahs durch den Pro-
pheten (›Siegel des Propheten‹). Dies ist ein Novum. In der Vergangenheit fanden sich ›islami-
sche‹ Themen eher kulturgeschichtlich dargestellt.
29 Begünstigt hat den Prozess vermutlich die in den 1980er Jahren in der Türkei einflussreiche,
inzwischen jedoch kaum mehr staatlich propagierte ›Türkisch-Islamische Synthese‹ des konser-
vativen Historikers İbrahim Kafesoğlu, die der Türkei eine wichtige Rolle bei der Verbreitung
des Islam zubilligte.
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Abbildungen
Abbildung 1–3
Staatsbesuch von Theodor Heuss (1957, Michel, Türkei, 1517); Bundespräsident Theodor Heuss
(1956, Michel, BRD, 260); Tughra (1892, Michel, Türkei, 70).
Abbildung 4–5
150 Jahre türkische Briefmarken (2013, Michel, Türkei, Block 94); 1. Todestag von Kemal Atatürk
(1940, Michel, Türkei, Block 1).
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Abbildung 6–7
Rückeroberung von Adrianopel (1913, Michel, Türkei, 228); Jane Addams und Selma Lagerlöf –
12. Internationaler Frauenkongress in Istanbul (1935, Michel, Türkei, 993, 995).
Abbildung 8
Grundsteinlegung der ersten Bosporus-Brücke (1970, Michel, Türkei, 2161).
Abbildung 9–10
Europamarke (1960, Michel, Türkei, 1774), Europamarke (1960, Michel, BRD, 337).
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Abbildung 11
50 Jahre Europamarken (2005, Michel, Türkei, Block 59).
Abbildung 12–14
Unabhängigkeit Zyperns (1960, Michel, Türkei, 1766); »Friedensoperation« auf Zypern (1974,
Michel, Türkei, 2331); Weltflüchtlingsjahr (1960, Michel, Türkei, 1730).
Abbildung 15–17
Brudervölker (2008, Michel, Türkei, 4340); 85. Jahr der Gründung der Republik (2008, Michel,
Türkei, 3714); Demokratie und nationale Einheit (2017, Michel, Türkei, 4347).
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Abbildung 18
Eröffnung des Eurasischen Tunnels (2017, Michel, Türkei, Block 160).
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Florian Martin Müller
Archäologische Funde als Motive auf Briefmarken zur Begründung
nationaler Identität und staatlicher Souveränität am Beispiel des
Konfliktes zwischen Mazedonien und Griechenland
1 Die mediale Funktion der Briefmarke
Die Briefmarke kann als typisches ›Gebrauchsmedium‹ angesprochen werden,
als ein normaler Gebrauchsgegenstand, der jedoch »zusätzlich mediale Funkti-
onen erfüllt« 1. Zunächst wird sie an Postkunden verkauft, um als Quittung die
im Voraus bezahlte Beförderungsleistung zu dokumentieren und so überhaupt
einen Brieftransport zu ermöglichen beziehungsweise zu vereinfachen.
Da hinter der Ausgabe von Briefmarken, ähnlich wie bei Münzen und Geld-
scheinen, zumindest bis in jüngere Zeit in fast allen Ländern ein staatliches
Monopol stand, wird auch ihre Gestaltung von offizieller Seite bestimmt. Diese
behält sich die thematische Auswahl der auf den Marken dargestellten Motive
und die Art ihrer Ausführung vor und bestimmt somit schlussendlich ihre
mediale Aussage. Durch die Markengestaltung und das Schaffen einer passen-
den Verbindung zwischen Briefmarke und Ausgabeland kann es Letzterem
dabei gelingen, sich besonders glaubhaft selbst darzustellen. 2 Durch ihre wach-
sende Popularität entwickelte sich die Briefmarke aber zunehmend zu einem
Gegenstand der Alltagserfahrung, einem »Massenmedium mit starken publi-
zistischen Wirkungen« 3, wenn nicht gar dem »Massenmedium Nummer eins« 4,
dessen Bildinhalte nun nicht nur rein informativen Charakter besaßen, son-
1 Alexander Hanisch-Wolfram: Postalische Identitätskonstruktionen. Briefmarken als Medien
totalitärer Propaganda, Frankfurt am Main 2006, S. 80.
2 Vgl. Peter Seleskowitsch: Sematologischer Vergleich der Briefmarke mit anderen Marken und
Malen, ungedruckte Dissertation, Wien 1936, S. 33–34.
3 Bernhard L. Neumann-Neander: Publizistik der Postmarke. Ein Beitrag zur Organlehre der
Publizistikwissenschaft, in: Publizistik. Zeitschrift für Wissenschaft von Presse, Rundfunk, Film,
Rhetorik, Werbung und Meinungsbild 7 (1962) 1, S. 39–46, hier: S. 39.
4 Hans-Jürgen Köppel: Politik auf Briefmarken. 130 Jahre Propaganda auf Postwertzeichen,
Düsseldorf 1971, S. 10.
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dern auch ganz gezielt meinungsbildend eingesetzt werden konnten. Sie dien-
ten von Anfang an der Selbstdarstellung der ausgebenden Staaten, repräsen-
tierten das Selbstverständnis ihrer Herrscher oder sonstiger staatlicher Autori-
täten und wurden als Kommunikationsmittel genutzt, um verdeckt oder offen
deren politisch motivierte Botschaften und ideologische Ideen zu vermitteln. 5
Briefmarken waren und sind somit nicht nur ein Zahlungsmittel, sondern
»Informationsträger, in denen sich der Charakter der gesellschaftlichen Ver-
hältnisse in vielfältiger Weise widerspiegelt« 6. Die gewählte Schrift, das Bild
und die Symbole gelten dabei als wichtigste Aussagemittel von Briefmarken, 7
und so können diese ähnlich wie Geld als kombinierte Wort-Bild-Medien an
den Betrachter Informationen übermitteln, die mit dem Brief an sich – also
dem Medium, dessen Transport sie erst ermöglichen – gar nichts zu tun haben.
Beim Betrachter, also dem Rezipienten, kann es sich nun um den Postkunden,
also den Käufer der Briefmarke und in vielen Fällen auch den Absender des
jeweiligen Briefes, den Empfänger desselbigen und schlussendlich den Brief-
markensammler handeln. 8 Anders als bei Geld, welches normalerweise als
Zahlungsmittel innerhalb des Landes kursiert, wo es als Währung gilt, können
Briefmarken nicht nur dort, sondern eben in ihrer Funktion als Zeichen des
bereits bezahlten Beförderungsentgeltes auf den versandten Briefen auch ver-
5 Diesem Aspekt wurde bislang in Publikationen die größte Aufmerksamkeit zuteil: Max Büttner:
Geheimnisse um Briefmarken, in: Die Kleine Briefmarken-Zeitung 11 (1933), S. 91–92; A.
Middelhoff: Briefmarken als Mittel zur Festigung politischen Territorialanspruchs. Die Brief-
marken der Antarktis, in: Michel Rundschau 3 (1960), S. 87–89; Siegfried Korn: Politik und
Briefmarken, in: Michel Rundschau 9 (1964), S. 452–454; Hans-Jürgen Köppel: Politische Wer-
bung auf Postwertzeichen. Unter besonderer Berücksichtigung der deutschen und österreichi-
schen Emissionen von 1849–1970, ungedruckte Dissertation, Salzburg 1970; Köppel: Politik auf
Briefmarken; Roswitha Badry/Johannes Niehoff: Die ideologische Botschaft von Briefmarken
dargestellt am Beispiel Libyens und des Iran, Tübingen 1988; Stefan Martens: Post und Propa-
ganda. Das Dritte Reich und die Briefmarken der Deutschen Reichspost 1933–1945, in:
Wolfgang Lotz (Hrsg.): Deutsche Postgeschichte. Essays und Bilder, Berlin 1989, S. 321–337;
Claudia Kühner: Briefmarken im Dienste der Propaganda, Neue Züricher Zeitung, 22. August
1997, S. 67; Jörg Zemmer: Nationale Ideologie anhand von Symbolen. Eine vergleichende Un-
tersuchung zu Briefmarken und Geldscheinen in Österreich und Italien vom Ende des 19. Jahr-
hunderts bis heute, ungedruckte Diplomarbeit, Innsbruck 2001; Hanisch-Wolfram: Postalische
Identitätskonstruktionen, S. 75–148; Henio Hoyo: Posting Nationalism. Postage Stamps as Car-
riers of Nationalist Messages, in: Joan Burbick/William R. Glass (Hrsg.): Beyond Imagined
Uniqueness. Nationalisms in Contemporary Perspectives, Cambridge 2010, S. 67–92; René
Smolarski: Operation Cornflakes. Kommunikationsguerilla durch Briefmarken, in: Andreas Be-
augrand/Pierre Smolarski (Hrsg.): Adbusting. Ein Designrhetorisches Strategiehandbuch, Biele-
feld 2016, S. 234–261.
6 Gerhard Rehbein: Lexikon der Post. Post- und Fernmeldewesen, Berlin 1983, S. 540.
7 Vgl. Neumann-Neander: Publizistik der Postmarke, S. 40–42; Köppel: Politik auf Briefmarken,
S. 45–46; Hanisch-Wolfram: Postalische Identitätskonstruktionen, S. 115–118.
8 Vgl. Neumann-Neander: Publizistik der Postmarke, S. 42–43; Hanisch-Wolfram: Postalische
Identitätskonstruktionen, S. 118–121.
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stärkt außerhalb des ausgebenden Landes wahrgenommen werden. Briefmar-
ken können daher sowohl identitätsstiftend im Inneren bestimmte für ein
Gemeinwesen konstitutive Ideen und Orientierungen widerspiegeln als auch
als werbewirksame, mediale Botschafter der Landeskultur, quasi als »kulturelle
Visitenkarten« 9 der jeweiligen Staaten im Ausland genutzt werden. Somit gilt,
»daß sich die Ausgabe von Briefmarken […] als komplexer Prozeß darstellt, in
dem historische Einschätzungen, politische Willensbildung und ästhetische
Bewertung eine Verbindung eingehen.« 10
Deutlich werden die Prioritäten, die ein Staat in der Motivwahl seiner
Briefmarken setzt, insbesondere, wenn man sie mit denen anderer Staaten
vergleicht. Sich der politischen Dimension der verwendeten Motive und Sym-
bole bewusst werdend, wundert es daher nicht, dass Briefmarken einerseits
nicht selten selbst zu öffentlichen Diskussionen und politischen Auseinander-
setzungen führten beziehungsweise andererseits eben gerade solche über das
Medium Briefmarke ausgetragen wurden.
Im Folgenden soll der Blick auf ein konkretes Bildmotiv, nämlich archäolo-
gische Funde beziehungsweise Überreste, gerichtet werden. Die Wahl solcher
als Darstellung auf Briefmarken stellt ein reizvolles Themenfeld dar, da beide
unabhängig voneinander als Mittel der Identitätsstiftung sowie Legitimation
dienen und genutzt werden können. Gerade aber durch die Kombination des
Mediums ›Briefmarke‹ und des Bildmotivs ›Archäologie‹ darauf lassen sich
beide in ihrer Intention treffend ergänzen – wie auch am konkreten Beispiel
gezeigt werden soll.
2 Archäologische Motive auf Briefmarken
Historische Objekte, vielfach jedoch auch bedeutende archäologische Funde
begegnen uns auf zahlreichen Briefmarken. 11 Neben der Überlegung vieler
9 Walter Benjamin: Briefmarken-Handlung, in: Gesammelte Schriften. Bd. IV/1, Frankfurt am
Main 1972, S. 134–137; Friedrich Lauring: Briefmarken und ihre Herstellung, Wien 1950, S. 5.
10 Gottfried Gabriel: Ästhetik und politische Ikonographie der Briefmarke, in: Zeitschrift für
Ästhetik und Allgemeine Kunstwissenschaft 54 (2009) 2, S. 183–201, hier: S. 186.
11 In den 1970er- und 1980er-Jahren gab es einige kleinere Ausstellungen zu Briefmarken und
Archäologie (Ralf Busch: Archäologie im Spiegel der Briefmarke. Eine Sonderausstellung des
Braunschweigischen Landesmuseums in Verbindung mit der Fa. Richard Borek, Braunschweig
und der Norddeutschen Landesbank, Hannover-Braunschweig, in: Veröffentlichungen des
Braunschweigischen Landesmuseums 12, Wolfenbüttel 1977; Heinz Grünert: Rezension zu Ralf
Busch: Archäologie im Spiegel der Briefmarke, in: Ethnographisch-Archäologische Zeitschrift
21 (1980), S. 231–232; Torsten Capelle: Briefmarken und Archäologie. Studioausstellung im
Westfälischen Museum, Münster 1986; o. V.: Ausstellungen. Briefmarken und Archäologie, in:
Archäologie in Deutschland (1984) 4, S. 41).
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Postverwaltungen, thematisch attraktive Ausgaben zu produzieren, die auf-
grund des in den letzten Jahren deutlich gesteigerten Interesses an Archäologie
in der breiten Öffentlichkeit interessierte Abnehmerinnen und Abnehmer
finden sollten, können in der Geschichte im Wesentlichen drei Motive für eine
solche Themenwahl festgemacht werden. 12 Zum einen äußert sich darin ein
offizielles Bekenntnis zur Denkmalpflege. Die Bürgerinnen und Bürger inner-
halb der jeweiligen Staaten sollen durch die Darstellung historischer Monu-
mente, charakteristischer Bodenaltertümer und hervorragender archäologi-
scher Funde in den Museen der Geschichte der eigenen Heimat gegenüber
sensibilisiert und so auch um deren konkrete Unterstützung für die Belange
der Denkmalpflege geworben werden. 13 Andererseits stellen Briefmarken in-
folge ihrer Verbreitung und ihrer zahlreichen Sammler ideale Werbeträger von
hoher Wirkung dar. Neben kunsthistorischen Monumenten oder Naturschön-
heiten können passende Markenmotive mit der Darstellung antiker Überreste
auf den Reiz alter Kulturen aufmerksam machen, das Interesse von Touristen
auf die sehenswerte Vergangenheit eines Landes lenken und letztlich zum
Besuch desselben anregen. Schlussendlich können archäologische Motive auf
Briefmarken aber auch klar für politische Aussagen und Propaganda ge- bezie-
hungsweise missbraucht werden. Dies geschieht bei innerstaatlichen Veränder-
ungen wie dem Wechsel der Staatsform, aber ebenso bei einem geopolitischen
Wandel, insbesondere dem Zerfall und damit einhergehend der Konstituie-
rung neuer Staaten. Im Zuge solcher Gründungen hat sich eine Reihe von
Symbolen herausgebildet, die dabei möglichst rasch die neue Eigenstaatlichkeit
unterstreichen sollen und damit auch vielfach selbst zu einem Teil neuer
›Gründungsmythen‹ werden. Neben einer eigenen Flagge und einem eigenen
Wappen, eigenen Pässen sowie der Ausgabe von Münzen beziehungsweise
Banknoten gehört eben auch der Druck von Briefmarken dazu, die als ›Bot-
schafter‹ in die Welt hinausgesandt, die neu gewonnene oder die noch zu er-
reichen beabsichtigte Unabhängigkeit zeigen sollen. Gerade bei den ersten
Ausgaben eines neuen Staates ist die Wahl archäologischer Motive keinesfalls
zufällig und folgt oftmals demselben Muster. Durch den Rückbezug auf eine
reale oder auch schlichtweg konstruierte bedeutende und vor allem weit zu-
12 Vgl. Reinhard Stupperich: Politik und Archäologie auf europäischen Briefmarken im späten 20.
Jahrhundert, in: Inken Jensen/Alfried Wieczorek (Hrsg.): Dino, Zeus und Asterix. Zeitzeuge
Archäologie in Werbung, Kunst und Alltag heute, Mannheim/Weißbach 2002, S. 313–321.
13 Solche Briefmarkenserien mit archäologischen Motiven wurden dann auch in archäologischen
Fachzeitschriften thematisiert (Gerhard Jacobi: Sonderpostwertzeichen-Serien »Archäologi-
sches Kulturgut«, in: Fundberichte aus Hessen 17/18, 1977/78 (1980), S. 423–431; Réne
Wyss/Rudolf Degen: Bundesfeiermarken 1974, in: helvetia archaeologica 18 (1974) 5, S. 52–61;
Réne Wyss/Rudolf Degen: Bundesfeiermarken 1975, in: helvetia archaeologica 24 (1975) 6,
S. 115–124).
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rückreichende Vergangenheit wird so beabsichtigt, nach innen eine kulturelle
Identität zu erzeugen. Eine gemeinsame Geschichte oder zumindest der Glau-
be daran stellen einen grundlegenden Faktor für die Herstellung von nationa-
ler Identität dar. Nach außen soll durch archäologische Funde die Legitimation
für die Selbstständigkeit des neuen Staates und die häufig umstrittene Integri-
tät seines historischen Territoriums untermauert werden. Insbesondere Staa-
ten, die sich in ihrer Selbstbehauptung vergewissern wollen, da sie sich dem
Druck ihrer Nachbarn ausgesetzt oder gar von diesen in ihrer Existenz in Frage
gestellt sehen, können durch die gezielte Wahl archäologischer Motive auf
ihren Briefmarken Bezug auf aktuelle politische Fragen nehmen.
Ein Beispiel der jüngeren Geschichte findet sich in einer über Jahrzehnte
andauernden Auseinandersetzung zwischen Mazedonien und Griechenland.
3 Die Unabhängigkeit Mazedoniens 1991 und ihre Folgen
Im Zuge des Zerfalls von Jugoslawien erklärte sich auch die südlichste Teilre-
publik Mazedonien nach einem Referendum am 8. September 1991 für unab-
hängig und konstituierte sich im November 1991 mit der Einsetzung einer
neuen Verfassung als selbstständiger Staat Republik Mazedonien (Republika
Makedonija). Nach der Unabhängigkeitserklärung kam es jedoch zu Unstim-
migkeiten mit dem Nachbarn Griechenland, der sich der internationalen An-
erkennung Mazedoniens widersetzte. Die Gründe, der sich bis in die jüngste
Gegenwart hinziehenden Auseinandersetzung, waren im Wesentlichen der
Name und das Aussehen der Staatsflagge des neuen Staates. 14 Griechenland
beansprucht den Namen nämlich allein für seine eigene nördlichste Region
Makedonien, in der mit dem wirtschaftlichen und kulturellen Zentrum
Thessaloniki gleichzeitig die zweitgrößte Stadt Griechenlands liegt. Auch auf-
grund einiger Passagen in der neuen mazedonischen Verfassung, denen die
Griechen den Vertretungsanspruch aller Mazedonier durch die neue Republik
entnahmen, wurden künftige Territorialansprüche gegenüber Griechenland
oder zumindest eine Einmischung in die inneren Angelegenheiten befürch-
tet. 15
14 Vgl. Loring M. Danforth: The Macedonian Conflict. Ethnic Nationalism in a Transnational
World, Princeton 1995, S. 142–184.
15 Vgl. Stefan Troebst: Makedonische Antworten auf die ›Makedonische Frage‹ 1944–1992. Nati-
onalismus, Republiksgründung, nation-building, in: Südost-Europa (1992) 3–4, S. 423–442;
Peter Hilpold: Die Makedonienfrage, in: Europa Ethnica 50 (1993) 3, S. 113–120; Nikolaos
Zahariadis: Nationalism and small-state foreign policy. The Greek response to the Macedonian
issue, in: Political Science Quarterly 109 (1994) 4, S. 647–667; Viktor Meier: Von der mazedoni-
schen zur griechischen Frage, in: Europäische Rundschau 23 (1995) 1, S. 17–24; Adamantios
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Zum Symbol des Konfliktes entwickelte sich aber die im August 1992 einge-
führte neue Staatsflagge Mazedoniens, die auf rotem Grund den goldenen
sogenannten Stern von Vergina beziehungsweise die Sonne von Vergina zeigte
und von Griechenland nicht akzeptiert wurde (Abb. 1–3). 16 So formulierte der
griechische Ministerrat Bedingungen für die Anerkennung des neuen Staates,
darunter den Verzicht auf den Namen Mazedonien sowie die Änderung der
Flagge.
4 Der Stern oder die Sonne von Vergina
Griechenland sah vor allem den Stern bzw. die Sonne von Vergina als proble-
matisch an, da es sich hierbei um ein Symbol handelte, das sich auf einem bei
archäologischen Ausgrabungen in Griechenland gemachten antiken Fundstück
befunden hatte und dessen Verwendung durch den neuen Nachbarstaat somit
den Anspruch des Landes, alleiniger kultureller Erbe des antiken Makedoniens
zu sein, in Frage stellte. 17 Bei der heutigen Stadt Vergina in der griechischen
Region Makedonien befand sich das antike Aigai, das bis 410 v. Chr. Haupt-
stadt Makedoniens gewesen war, aber auch danach seine Bedeutung nicht
einbüßte, da sich die Angehörigen des Königshauses weiter hier bestatten lie-
ßen. 18
Skordos: Griechenlands Makedonische Frage. Bürgerkrieg und Geschichtspolitik im Südosten
Europas, 1945–1992, Göttingen 2012.
16 Vgl. Dorothea Schell: »Wenn dies mit deinem Land geschähe, wie würdest du reagieren?«
Anmerkungen zu einem ethnographischen Dilemma, in: Waltraud Kokot/Dorle Dracklè
(Hrsg.): Ethnologie Europas. Grenzen, Konflikte, Identitäten, Berlin 1996, S. 273–284; Dorothea
Schell: Der Stern von Vergina als nationales Symbol in Griechenland, in: Rolf W.
Brednich/Heinz Schmitt (Hrsg.): Symbole. Zur Bedeutung der Zeichen in der Kultur. 30. Deut-
scher Volkskundekongreß in Karlsruhe vom 25. bis 29. September 1995, Münster/New York
1997, S. 298–307; Dorothea Schell: Der Hellenismus feilscht nicht um seine Rechte. Der Stern
von Vergina als nationales Symbol in Griechenland, in: Bernd Schmelz (Hrsg.): Drache, Stern,
Wald und Gulasch. Europa in Mythen und Symbolen, Bonn 1997, S. 74–89; Dorothea Schell:
Perspektiven der volkskundlichen Erforschung von Symbolen. Das Beispiel des Sterns von
Vergina, in: Dittmar Dahlmann/Wilfried Potthoff (Hrsg.): Mythen, Symbole und Rituale. Die
Geschichtsmächtigkeit der Zeichen in Südosteuropa im 19. und 20. Jahrhundert, Frankfurt am
Main/Wien 2000, S. 241–256.
17 Vgl. Florian Martin Müller: Der ›Stern von Vergina‹. Vom Emblem der makedonischen Kö-
nigsdynastie zum nationalen Symbol Griechenlands?, in: Elisabeth Walde (Hrsg.): Bildmagie
und Brunnensturz. Visuelle Rhetorik von der klassischen Antike bis zur aktuellen medialen
Kriegsberichterstattung, Innsbruck/Wien/Bozen 2009, S. 364–380.
18 Vgl. Chrysoula Saatsoglou-Paliadeli: Aigai. Die alte Hauptstadt und Königsnekropole der
antiken Makedonen, in: Iulia Vokotopoulou (Hrsg.): Makedonen. Die Griechen des Nordens.
Ausstellungskatalog Hannover 1994, Athen 1994, S. 36–37.
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1976 bis 1980 fanden dort systematische archäologische Ausgrabungen im
Bereich eines 12 Meter hohen und 110 Meter im Durchmesser umfassenden
Grabhügels statt und führten zur Entdeckung von drei ungeplünderten, reich
ausgestatteten Kammergräbern. 19 Den bedeutendsten Fund stellte dabei das im
Oktober 1977 freigelegte sogenannte Königsgrab mit seiner aufwendigen Aus-
stattung und seinen prunkvollen Grabbeigaben, insbesondere Metallarbeiten,
dar, welche die hohe Stellung des Grabinhabers zeigten. 1979 erschien in Grie-
chenland bereits ein aus acht Marken bestehender Sonderbriefmarkensatz zu
den Grabbeigaben von Vergina (Abb. 4–10). Neben wertvollen Waffen, einem
mit Goldbändern verzierten eisernen Brustpanzer (Abb. 10), einem Helm,
einem Prunkschild mit eingelegten Ornamenten, einem Schwert, Beinschienen
und einem Gorytos, einer Kombination von Bogenfutteral und Köcher, der mit
einem Goldblech mit Reliefdarstellung von Kriegern überzogen war (Abb. 9,
14), fanden sich zahlreiche kostbare Silber- (Abb. 8, 11) und Bronzegefäße
(Abb. 6) sowie Schmuck, unter anderem ein goldener Kranz mit Myrtenblät-
tern und -früchten (Abb. 5). Reste von Skulpturen und Reliefs aus Elfenbein
(Abb. 4) schmückten ursprünglich eine hölzerne Kline.
Herausragend war aber eine truhenförmige Larnax, eine aus Gold gefertigte
Schatulle, in der die Gebeine des Verstorbenen nach der Leichenverbrennung
aufbewahrt wurden. Die Vorderansicht und die beiden Seiten waren mit zwei
Streifen vegetabiler Ornamente verziert, zwischen denen eine Reihe von Roset-
ten mit Blütenblättern aus blauer Glaspaste angebracht war. Goldene Rosetten
schmückten auch die senkrechten Streifen an den Ecken, die in vier Löwenfü-
ßen ausliefen. Auf dem Deckel fand sich innerhalb einer rechteckigen Einfas-
sung ein Stern mit sechzehn Strahlen, die von einer mit einer doppelten Roset-
te im Zentrum verzierten Scheibe ausgingen. Die Blütenblätter der äußeren
Rosette bestanden aus Gold, die der inneren aus blauer Glaspaste. Die 16
symmetrisch angeordneten Strahlen waren alternierend jeweils länger bezie-
hungsweise kürzer (Abb. 7, 22–23). 20
19 Vgl. Manolis Andronikos: Vergina. The Royal Graves in the Great Tumulus, in: Athens Annals
of Archaeology 10 (1977), S. 1–72; Manolis Andronikos: The Royal Graves at Vergina, Athen
1978; Manolis Andronikos: Regal Treasures from a Macedonian Tomb, in: National Geogra-
phic 154 (1978) 1, S. 54–77; Manolis Andronikos: Die Königsgräber von Vergina, Athen 1980;
Manolis Andronikos: Die Nekropole von Aigai/Vergina, in: Antike Welt (1982) 1, S. 18–34;
Manolis Andronikos: Die Königsgräber von Aigai (Vergina), in: Miltiadēs. B. Hatzopoulos/
Louisa D. Loukopoulos (Hrsg.): Ein Königreich für Alexander. Philipp von Makedonien,
Bergisch-Gladbach 1982, S. 188–230; Manolis Andronikos: Vergina. The Royal Tombs and the
Ancient City, Athen 1984.
20 Vgl. Maria Tsimpidou-Avloniti: Katalog Nr. 257: Goldlarnax, in: Ioulia Vokotopoulou: Make-
donien, S. 217–218 Abb. 257; Maria Lilibaki-Akamati: Katalog Nr. 225: Large gold larnax of
Philip II, in: Lucy Braggiotti (Hrsg.): Ancient Macedonia, Athen 1988, S. 277.
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Das Königsgrab von Vergina wurde vom Ausgräber Manolis Andronikos
(1919–1992) (Abb. 14) als die letzte Ruhestätte des Makedonenkönigs Philipp
II. (382–336 v. Chr.), dem Vater von Alexander dem Großen (356–323 v. Chr.),
gedeutet. 21 Wenngleich diese Interpretation heute umstritten ist, 22 kann kei-
nesfalls angezweifelt werden, dass es sich hier um das Grab eines makedoni-
schen Königs handelt. Für Aufsehen sorgte aber bald das von da an als Stern
von Vergina oder auch gelegentlich Sonne von Vergina bezeichnete Symbol auf
dem Deckel der Larnax und seine mögliche Verbindung mit dem makedoni-
schen Königshaus. So schrieb Andronikos: »[T]here is a majestic emblem on
the lid, sixteen rays (larger ones alternating with smaller) around a central
rosette, the star so well-known from Macedonian shields and coins« 23 und
präzisierte dies wenig später: »The lid is embossed with the star emblem of the
Macedonian dynasty.« 24
Mit ihren reichen Beigaben stellen die Königsgräber von Vergina mit Si-
cherheit einen der bedeutendsten Funde der Archäologie der letzten Jahrzehn-
te dar. Nichts deutete aber bei der Entdeckung daraufhin, dass das Emblem auf
der goldenen Larnax, der Stern von Vergina, über 2.300 Jahre nach ihrer Ent-
stehung eine Renaissance als nationales Symbol erleben, internationale Beach-
tung im Konflikt zwischen dem modernen Griechenland und der ehemaligen
Jugoslawischen Republik Mazedonien erlangen und sogar selbst als Bildnis für
diese jahrelange Auseinandersetzung stehen sollte. 25
21 Vgl. Jonathan H.M. Musgrave/Richard Neave/John Prag: The Skull from Tomb II at Vergina.
King Philip II of Macedon, in: The Journal of Hellenic Studies 104 (1984), S. 60–78; Winthrop
Lindsay Adams: The Royal Macedonian Tomb at Vergina. An Historical Interpretation, in:
Ancient World 3 (1980), S. 67–72; Eugene N. Borza: The Macedonian Royal Tombs at Vergina.
Some Cautionary Notes, in: Archaeological News 10 (1981), S. 73–87; Peter Green: The Royal
Tombs of Vergina. A Historical Analysis, in: Winthrop Lindsay Adams/Eugene N. Borza
(Hrsg.): Philipp II, Alexander the Great and the Macedonian Heritage, Washington 1982,
S. 129–151.
22 Vgl. Phyllis Williams Lehmann: The So-Called Tomb of Philip II. A Different Interpretation, in:
American Journal of Archaeology 84 (1980) 4, S. 527–531; Anna Maria Prestianni
Giallombardo/Bruno Tripodi: Le tombe reali di Vergina: quale Filippo?, in: Annali della Scuola
Normale superiore di Pisa X (1980) 3, S. 989–1001; Eugene N. Borza: The Royal Macedonian
Tombs and the Paraphernalia of Alexander the Great, in: Phoenix 41 (1987) S. 105–121; Eugene
N. Borza: In the Shadow of Olympus. The Emergence of Macedon, Princeton 1990, S. 260; An-
tonis Bartsiokas: The Eye Injury of King Philip II and the Skeletal Evidence form the Royal
Tomb II at Vergina, in: Science 288 (2000), S. 511–514.
23 Andronikos: Vergina. The Royal Graves, S. 60.
24 Kate Ninou (Hrsg.): Treasures of Ancient Macedonia, Athen 1978, S. 50 No. 86, S. 53 No. 120;
Manolis Andronikos: Museum Thessaloniki. Ein neuer Führer durch seine Bestände, Athen
1982, S. 27.
25 Ausführlicher Überblick bei Christos Katsioulis: Die griechische außenpolitische Identität im
Namenskonflikt mit Mazedonien und im Kosovo Krieg, Trier 2002, S. 67–102; Ekkehard Kraft:
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Für die Griechen war der Anspruch des neuen Staates auf den Namen Ma-
zedonien weder aus der Geschichte, noch aus ethnischen Gegebenheiten ge-
rechtfertigt. Der Name sei griechischen Ursprungs und bereits früher für das
antike Makedonien verwendet worden, welches somit politisch wie kulturell
ein griechischer Staat gewesen sei. Die alten Makedonen waren Hellenen, und
da es außer den griechischen Makedonen keine weiteren gäbe, hätte somit
auch keine andere makedonische Nation eine Existenzberechtigung. Makedo-
nien sei unzertrennlich mit dem Griechentum verbunden. Zudem umfasse die
jugoslawische Nachfolgerepublik größtenteils ein Gebiet, welches nicht zum
historischen Makedonien zähle. 26 Somit wäre die Wahl des Namens und des
Sterns von Vergina auf der Staatsflagge (Abb. 1–3) eine Usurpation fremder
Geschichte und Kultur. »Der Stern von Vergina wurde zum Sinnbild für die
griechischen Ansprüche auf Makedonien – nicht etwa auf das Territorium der
ehemaligen jugoslawischen Teilrepublik, sondern auf den Mythos Alexanders
des Großen.« 27 Die griechische Fixierung auf den Stern von Vergina lässt sich
nur aus der Geschichte heraus verstehen, da er für den Teil des griechischen
Selbstverständnisses steht, der für diesen Staat seit der Gründung 1830 bis
heute von größter Bedeutung war – sein antikes Erbe. 28 Die Tatsache, einzig
rechtmäßiger Erbe der alten Griechen zu sein, war wichtigste ideologische
Legitimation für die Staatsgründung und bedeutendstes Element griechisch-
nationaler Ideologie. Der Stern galt als Symbol der makedonischen Könige und
somit Alexanders des Großen, dessen Mythos seinerseits als wichtiger Bestand-
teil nationaler griechischer Identität und Werte gesehen werden kann. Der neu
entstandene Staat im Norden wurde nun als direkte Bedrohung dieser emp-
funden.
Der ›makedonische Faktor‹ in der griechischen Außen- und Innenpolitik. Ursachen und Aus-
wirkungen, in: Südost-Europa 44 (1995) 6–7, S. 385–412.
26 Vgl. Pantaleon Giakoumis: Hellas und die Makedonische Frage, in: Südost-Europa 41 (1992)
3/4, S. 443–459; Nikolaos K. Martis: Die Fälschung der Geschichte Makedoniens, Athen 1984;
Pavlos Tzermias: Identitätssuche des neuen Griechentums. Eine Studie zur Nationalfrage mit
besonderer Berücksichtigung des Makedonienproblems, Freiburg 1994, S. 64–150.
27 Schell: Der Stern von Vergina, S. 301.
28 Vgl. Richard Clogg: The Greeks and their Past, in: Dennis Deletant/Harry Hanak (Hrsg.):
Historians as Nation-Builders. Central and South-Eastern Europe, Basingstoke 1988, S. 15–30.
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5 Der Konflikt im Spiegel der Briefmarken Griechenlands und
Mazedoniens
5.1 Griechische Briefmarkenausgaben
Eine nun einsetzende Kampagne mit dem Ziel, den alleinigen Anspruch Grie-
chenlands auf sein antikes Erbe zu untermauern, wurde unter anderem auch
bildhaft am Stern von Vergina festgemacht. So gab die griechische Post bereits
am 17. Juli 1992, nicht einmal ein Jahr nach der Unabhängigkeitserklärung
Mazedoniens, unter dem Titel Makedonien war und ist griechisch einen Satz
von sieben Sondermarken mit historischen Motiven heraus, zu einem großen
Teil archäologische Fundstücke beziehungsweise Fundplätze (Abb. 11–17). 29
Der 10-Drachmen-Wert zeigt die Darstellung eines Kopfes des mythischen
Helden Herakles (Abb. 11). Dieser ziert den Henkel eines silbernen Alabstrons
aus dem dritten Viertel des 4. Jh. v. Chr. und war im sogenannten Königsgrab
in Vergina gefunden worden. Herakles galt in der antiken Mythologie als der
Ur-Urgroßvater von Temenos, dem Begründer der Königsfamilie der Temeni-
den, von denen sich wiederum die makedonische Königsdynastie der Argea-
den herleitete, deren berühmteste Angehörige die Könige Philipp II. und deren
Sohn Alexander der Große waren. Daraus erklärt sich, dass Herakles von den
Makedonen nach dem Göttervater Zeus als Hauptgott verehrt wurde. 30 Der 20-
Drachmen-Wert widmete sich Aristoteles (384–322 v. Chr.), der zu den be-
kanntesten und einflussreichsten Philosophen und Naturforschern der Ge-
schichte zählt und gleich aus verschiedenen Gründen einen guten Gewährs-
mann für die Intention des Briefmarkensatzes darstellt (Abb. 12). Aristoteles
wird in Zeichnung vor der Landkarte der geographischen Region Makedonien
dargestellt, aus der er nun selbst auch stammte, genauer aus Stageira, einem
Ort an der Ostküste der Halbinsel Chalkidike. Der Philosoph weist ebenfalls
eine Verbindung zu den makedonischen Königen auf, so wurde er ab 343/342
v. Chr. auf Einladung Philipps II. für mehrere Jahre zum Lehrer von dessen
dreizehnjährigem Sohn Alexander. 31 Dieser findet sich nun selbst auf dem 60-
29 Horst Engelhardt: »Mazedonien ist griechisch«, in: Die Briefmarke 8 (1993), S. 40; o. V.: Grie-
chenlands Post zum Thema »Mazedonien«, in: Deutsche Briefmarken Zeitung 17 (1992);
H. Mann: Briefmarken für Prestige, Patriotismus und Profit, in: Briefmarken Spiegel 2 (1994),
S. 114–117, hier: S. 114–115; Cay Lienau: Staatssymbolik auf griechischen Briefmarken, in:
Horst-Dieter Blume/Cay Lienau (Hrsg.): Annäherungen an Griechenland. Festschrift für A-
nastasios Katsanakis zum 65. Geburtstag, Münster 2002, S. 168–180, hier: S. 178.
30 Pinelop Iliadou: Herakles in Makedonien, Hamburg 1996.
31 Emmanuel Microyannakis: Aristotle and Alexander. On the Gradual Deterioration of their
Relationship, in: Olga Palagia/Stephen V. Tracy (Hrsg.): The Macedonians in Athens 322–229
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Drachmen-Wert in seiner wohl bedeutendsten Darstellung auf dem in der
zweiten Hälfte des 2. Jhs. v. Chr. entstandenen sogenannten Alexandermosaik
aus Pompeji (Abb. 13). 32 Alexander befindet sich mitten in der Schlacht mit
dem Perserkönig Daraios III. (um 380–330 v. Chr.). Während Letzterer schon
seinen Streitwagen zur Flucht wendet und zu seinem Feind zurückblickt, zeigt
der Detailausschnitt der Briefmarke den zu Pferd auf den Perserkönig zustür-
menden Alexander. Der 80-Drachmen-Wert erinnert an den wenige Monate
zuvor verstorbenen Archäologen und Entdecker der Königsgräber von Vergina,
Manolis Andronikos (Abb. 14). Einige der wichtigsten Funde, so der schon
angesprochene Gorytos, der mit verziertem Goldblech überzogene Köcher
sowie bronzene Beinschienen werden ebenfalls dargestellt. Der 90-Drachmen-
Wert führt in die an der Wende vom 5. zum 4. Jh. v. Chr. neu gegründete und
insbesondere in der Zeit Philipps II. ausgebaute makedonische Hauptstadt
Pella. Im Zuge der seit den 1950er-Jahren dort durchgeführten archäologi-
schen Ausgrabungen konnten neben einer Palastanlage und öffentlichen Ge-
bäuden auch ein Wohnbezirk freigelegt werden. Zu den bekanntesten Funden
zählen jedoch die großflächigen Kieselmosaikfußböden, von denen einer aus
der Zeit um 300 v. Chr. mit der Darstellung einer Hirschjagd auf der Briefmar-
ke abgebildet ist (Abb. 15). 33 Auf dem 120-Drachmen-Wert findet sich der
Revers einer in der makedonischen Stadt Amphipolis zwischen 168 und 149
v. Chr. geprägten Münze (Abb. 16). Die Tetradrachme zeigt die Keule des
Herakles zwischen Monogramm und Schrift von einem Eichenkranz eingefasst
sowie das Blitzbündel des Zeus. Hinter der Münze ist, quasi wie eine aufge-
hende Sonne, der Stern von Vergina dargestellt. Der höchste Nominalwert mit
340 Drachmen unterstreicht die Bedeutung Makedoniens für das frühe Chris-
tentum in Europa. Abgebildet sind die Ruinen von Philippi, einer Stadt im
Osten Makedoniens, die ihren Namen seit der Ausdehnung des makedoni-
schen Einflussbereiches nach Osten nach Philipp II. trägt. Um 49/50 n. Chr.
gründete an diesem Ort der Apostel Paulus, der ebenfalls die Briefmarke ziert,
eine christliche Gemeinde, die als die erste in Europa gilt und von der aus die
Christianisierung der Slawen Osteuropas erfolgte (Abb. 17). Zwischen dem 4.
und 6. Jh. n. Chr. errichtete man eine Reihe von Kirchenbauten in Philippi. Die
fotografierten Ruinen auf der Briefmarke zeigen die sogenannte Basilika B. 34
B.C. Proceedings of an International Conference held at the University of Athens, May 24–26,
2001, Oxford 2003, S. 37–39.
32 Vgl. Bernhard Andreae: Das Alexandermosaik, Stuttgart 1967.
33 Vgl. Dieter Salzmann: Untersuchung zu den antiken Kieselmosaiken von den Anfängen bis
zum Beginn der Tesseratechnik, Berlin 1982, S. 107–108.
34 Vgl. Peter Pilhofer: Philippi. Die erste christliche Gemeinde Europas 1, Tübingen 1995.
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Alle Werte, bis auf die 120-Drachmen-Ausgabe, die diesen ja selbst im zent-
ralen Bildfeld abbildet, zeigen als eine Art Logo den Stern von Vergina, der
auch das zentrale Motiv des Ersttagsstempels bildet (Abb. 18). Der ganze
Briefmarkensatz verfolgte somit ein durchdachtes und ineinander verschränk-
tes inhaltliches Programm. Durch archäologische Fundstücke und ihre Ver-
knüpfung mit historischen wie mythologischen Persönlichkeiten der makedo-
nischen Geschichte sollte diese als fester Bestandteil der griechischen Ge-
schichte gezeigt werden. Durch die Marken wurden also die griechische
Identität Makedoniens und infolge der rechtmäßige Anspruch Griechenlands
auf das makedonische Erbe gegenüber den Ansprüchen der ehemaligen jugo-
slawischen Teilrepublik bekräftigt. Gerade im Rahmen der Ausgabepolitik
eines demokratischen Staates westlicher Prägung nach 1945 dürfte die Intenti-
on dieses griechischen Briefmarkensatzes gegenüber einem anderen demokra-
tischen Staat singulär sein.
Griechenland hatte jedoch schon einmal in seiner jüngeren Geschichte auf
eine konkrete Provokation durch eine Briefmarke ähnlich geantwortet, und
dabei spielte ein archäologisches Motiv, wenn auch nur im wahrsten Sinne des
Wortes im Hintergrund, eine Rolle. Im November 1959 hatte die Sowjetunion
den in Griechenland unter dem Vorwurf der Spionage inhaftierten linksge-
richteten griechischen Politiker Manolis Glezos (geb. 1922) auf einer Sonder-
marke abgebildet, welche hinter seinem Porträt ferner die Ruinen der Akropo-
lis von Athen und den Schriftzug »Freiheit für die Patrioten« zeigte (Abb. 19).
Einen Monat später, im Dezember, konterte Griechenland bereits mit einem
Briefmarkensatz von zwei Werten für Imre Nagy (1896–1958), den im Vorjahr
im Zuge des Volksaufstandes von den Kommunisten hingerichteten ungari-
schen Regierungschef (Abb. 20). 35
Die zentrale Bedeutung des antiken Erbes für die griechische Identität und
seine konstituierende Rolle für das nationale Selbstverständnis spiegelt sich
generell deutlich in der Ausgabepolitik des Landes wider. Die größte Zahl
archäologischer Motive auf Briefmarken findet man in Griechenland, und
gerade im Vergleich zu anderen europäischen Ländern zeigt sich, dass Brief-
marken mit konkreten antiken Motiven oder auch nur Darstellungen in antiki-
sierendem Design, die somit für jeden Anlass genutzt werden konnten, deut-
lich dominieren. Insgesamt tragen bis 1999 42 Prozent aller griechischen
Briefmarken ein antikes Motiv, das sind 844 Marken von insgesamt 2.016.
Während bis 1913 überhaupt ausschließlich solche anzutreffen sind und diese
in den folgenden Jahrzehnten, mit Ausnahme der Zeit der Diktatur und des
Krieges von 1940 bis 1950, immer noch deutlich über 50 Prozent einnehmen,
35 Vgl. Neumann-Neander: Publizistik der Postmarke, S. 44–45; Köppel: Politik auf Briefmarken,
S. 60; Lienau: Staatssymbolik auf griechischen Briefmarken, S. 178.
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kann erst ab den 70er-Jahren des 20. Jahrhunderts eine kontinuierlich ab-
schwächende Tendenz festgestellt werden. 36
Der Stern von Vergina, der 1992 auch den Avers der höchsten griechischen
Münze zu 100 Drachmen zierte, während auf dem Revers Alexander der Große
abgebildet war (Abb. 21), begegnet nach dem zuvor ausführlich vorgestellten
Satz nur noch viermal auf griechischen Briefmarken.
Zu den Olympischen Spielen 2004 in Athen wurde eine Sondermarke mit
Darstellung der Siegesgöttin Nike mit erhobener olympischer Fackel in einem
aus fünf gleichen Marken mit jeweils einem Zierfeld bestehenden Block ausge-
geben. Diesen Block gibt es nun in unzähligen Variationen, die das Motiv des
Zierfeldes betreffen, auf welchem verschiedene Orte in Griechenland mit je-
weils für sie repräsentativen Abbildungen gezeigt werden. Auf einem findet
sich nun die bereits erwähnte goldene Larnax aus Vergina mit dem Sternen-
symbol auf ihrem Deckel (Abb. 23). Der Ersttagsstempel aus Vergina trägt
ebenfalls als Motiv den Stern (Abb. 22). In einer 2005 erschienenen Serie, in
der bedeutende griechische Weine präsentiert werden, wird auf der 0,65-Euro-
Briefmarke (Abb. 24) die alte, aus Zentralmakedonien stammende Rotweinsor-
te Xinomavro 37 vorgestellt und neben den Trauben der Revers einer antiken
makedonischen Tetradrachme abgebildet, welche im 5. Jh. v. Chr. in der Stadt
Mende an der Westküste der Chalkidike geprägt worden war, und die ebenfalls
den sechzehnstrahligen Stern zeigt.
Prominent findet sich der Stern jedoch auf einem 2006 ausgegebenen Block
zum 50. Jubiläum der Europäischen Konferenz der Verwaltungen für Post und
Telekommunikation (CEPT). Während für die beiden Briefmarken ältere
CEPT-Ausgaben mit der Akropolis in Athen und der Hagia Sophia in Thessa-
loniki ausgewählt wurden, finden sich auf dem Rand des Blockes ein marmor-
ner Porträtkopf Alexanders des Großen sowie im Vordergrund ein kleiner und
im Hintergrund ein großer goldener sechzehnstrahliger Stern von Vergina
(Abb. 25). Man könnte auch hier ein durchdachtes Programm vermuten. Die
Briefmarken zeigen mit der Akropolis von Athen den prominentesten antiken
Fundplatz der griechischen Hauptstadt sowie mit Thessaloniki die Hauptstadt
der Verwaltungsregion Zentralmakedonien und gleichzeitig wirtschaftliches
36 Vgl. Lienau: Staatssymbolik auf griechischen Briefmarken, S. 168–180; Stupperich: Politik und
Archäologie auf europäischen Briefmarken, S. 319–320. In Hinblick auf archäologische Motive
kann die Ausgabepolitik Griechenlands am ehesten, wenn auch in deutlich geringerem Aus-
maß, mit der Italiens verglichen werden. Auch hier spielte der Rückbezug auf eine gemeinsame
antike, in diesem Fall aber römische Geschichte, eine wichtige Rolle sowohl in der Zeit des Ei-
nigungsprozesses, als auch insbesondere in der Zeit des italienischen Faschismus, dem das rö-
mische Weltreich als konkretes Vorbild diente (vgl. Zemmer: Nationale Ideologie anhand von
Symbolen, Österreich und Italien).
37 Vgl. Konstantinos Lazarakis: The Wines of Greece, London 2005, S. 77–79.
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und kulturelles Zentrum der gesamten griechischen Region Makedonien. Bei-
de Marken werden durch den Block im wahrsten Sinne des Wortes zusam-
mengefasst und durch den bedeutendsten Vertreter des antiken Makedoniens,
eben Alexander den Großen und das Symbol des Sterns von Vergina, gerahmt.
Die Zusammengehörigkeit der antiken griechisch-makedonischen Geschichte
und die sich daraus ergebende historische Kontinuität werden hier deutlich
herausgestrichen. Nicht nur allein die Tatsache, hier einen Briefmarkenblock
zu gestalten und klar dessen Vorteile gegenüber einem normalen Briefmarken-
satz zu nutzen, sondern auch, dass durch eine EUROPA-Ausgabe ein bei
Sammlern überaus beliebtes und verbreitetes Sammelgebiet angesprochen wird
und somit eine über reine Ländersammler hinausgehende Verbreitung der
Ausgabe anzunehmen ist, kann als überaus geschickte Entscheidung angespro-
chen werden.
Da der Stern von Vergina neben einer makedonischen Münze und dem wei-
ßen Turm auch einen Teil des Logos der Universität von Makedonien in Thes-
saloniki bildet, findet er sich ebenfalls auf einer 2007 zum 50. Jahr-Jubiläum
der Universität erschienenen Sondermarke. Auf dieser wird der Revers eines
makedonischen Tetrobols aus dem 2. Jh. v. Chr., der einen Schild mit Schrift-
zug »MAKE« und die zuvor schon beschriebene Keule des Herakles zeigt, in
Vergrößerung und als Teil des Logos abgebildet (Abb. 26). Dass der Stern von
Vergina, der noch 1991 prominent einen ganzen Briefmarkensatz zierte, in den
folgenden Jahrzehnten nur noch viermal auf griechischen Briefmarken abge-
bildet wurde, hat sicher auch mit dem bereits im Jahre 1995 erfolgten Wechsel
der Staatsflagge Mazedoniens, auf den im Nachfolgenden noch einzugehen
sein wird, zu tun. Dadurch dürfte der Stern als Symbol des Konfliktes deutlich
an Bedeutung verloren haben.
Abgesehen von einer unmittelbaren Darstellung des Sterns von Vergina
ergibt sich auf griechischen Ausgaben nach 1992 nur noch einmal ein direkter
Bezug zum antiken Makedonien. Ebenfalls zu den Olympischen Spielen in
Athen 2004 erschien ein aus vier Briefmarken bestehender Satz sowie eine
diesen nochmals beinhaltende Blockausgabe mit der Darstellung antiker Mün-
zen (Abb. 27). Neben Stücken aus Kos und Elis sind auf der 0,65 Euro- und der
2,17-Euro-Marke Münzen Philipps II. aus der 2. Hälfte des 4. Jhs. v. Chr. abge-
bildet. Auf dem Avers eines Goldstaters ist der jugendliche Gott Apoll mit
einem Lorbeerkranz in den Haaren dargestellt, während auf dem Revers ein
Sieg Philipps bei einem Wagenrennen in Olympia gezeigt wird. Auf einer sil-
bernen Tetradrachme findet sich Zeus mit Lorbeerkranz und ein Reiter mit
einem Palmwedel.
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5.2 Mazedonische Briefmarkenausgaben
Auf den Postwertzeichen Mazedoniens, welches am 12. Juli 1993 auch Mitglied
im Weltpostverein wurde, steht meistens nur das Wort »Makedonija«, auf
frühen Ausgaben noch »Macedonia« oder »Republic of Macedonia«, später fast
nur noch »PTT Makedonija« oder »Republika Makedonija«, also der von Sei-
ten Griechenlands bis heute beanstandete Staatsname.
Auch der Stern von Vergina findet sich ebenfalls sehr früh auf diesen. Vor
den ersten offiziell erschienenen drei Briefmarkenausgaben 38 hatte Mazedoni-
en bereits 1992 drei Briefmarken in den Nominalen 10, 40 und 50 mazedoni-
sche Denar mit jeweils der Abbildung der neuen mazedonischen Staatsflagge
mit dem goldenen Stern von Vergina vor farblich unterschiedlichem Hinter-
grund drucken lassen, diese aber zurückgehalten und erst am 15. März 1993
offiziell ausgegeben (Abb. 1–3). Gleich wie bei der griechischen Sonder-
markenserie Makedonien war und ist griechisch aus dem Vorjahr bildet hier
der Stern ebenfalls das zentrale Motiv des Ersttagsstempels. 39 Bei einer Über-
druckserie auf Dauermarken Jugoslawiens, die angeblich zum 1. Jahrestag der
Unabhängigkeit bereits im September 1992 erschienen sein sollte, handelte es
sich wie bei ähnlichen im Zuge des Zerfalls Jugoslawiens aufgetauchten Ausga-
ben jedoch um private Erzeugnisse. Der Überdruck in goldener Farbe zeigt
neben dem Text »1991–1992 Makedonija« in kyrillischer Schrift und neuer
Wertangabe aber ebenfalls den Stern von Vergina. 40
Aufgrund des Namenstreites mit Griechenland konnte das Land am 8. April
1993 nur unter dem provisorischen Namen Die ehemalige Jugoslawische Re-
publik Mazedonien bzw. FYROM (engl. The former Yugoslav Republic of Mace-
donia) Mitglied der Vereinten Nationen werden. Da es aber in der Folge weder
in Bezug auf Namen noch Flagge zu einer Einigung kam, beschloss die griechi-
38 Vgl. Frank Golczewski: Der neue Balkankrieg, in: Sammler Express (1993) 9, S. 686–688, hier:
S. 688. Zu früheren Briefmarkenausgaben und der Postgeschichte des Landes vgl. Sinisa Pa-
vlevski: Die Postgeschichte Makedoniens vom Osmanischen Reich zur Republik, in: Südost-
Philatelie 122 (2013), S. 5–9, hier: S. 8–9; Felix Gamillscheg: Umstrittenes Makedonien, in: Süd-
ost-Philatelie 84 (2004), S. 1651; Max Demeter Peyfuss/Nataša Vittorelli: Pro Macedonia.
Briefmarkenentwürfe für ein unabhängiges Makedonien in der Zwischenkriegszeit, in: Walter
Lukan/Peter Jordan (Hrsg.): Makedonien. Geographie-Ethnische Struktur-Geschichte-Sprache
und Kultur-Politik-Wirtschaft-Recht, Wien/Frankfurt am Main/Berlin/Bern/New York/Paris
1998, S. 185–202.
39 Vgl. Stupperich: Politik und Archäologie auf europäischen Briefmarken, S. 319; Frank
Golczewski: Unterschiedliche Quellen, widersprüchliche Angaben. Neueste Informationen aus
Ex-Jugoslavien, in: Sammler Express (1993) 12, S. 935–937, hier: S. 937. Die Ausgaben wurden
1994 bzw. 1995 mit dem Aufdruck eines veränderten Nominalwertes von 15 auf 10, bzw. 2 auf
40 mazedonische Denar versehen (Michel, Makedonien, 22, 38 und 38I).
40 Vgl. Golczewski: Unterschiedliche Quellen, S. 936–937.
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sche Regierung mit Unterstützung auch der konservativen Opposition am 16.
Februar 1994 ein Handelsembargo und blockierte fortan den Warentransport
aus und nach Mazedonien. 41 1995 beanspruchte Griechenland schließlich bei
der World Intellectual Property Organisation (WIPO) das Exklusivrecht für die
Nutzung des Sterns von Vergina. Erst nach rund zweijährigen Vermittlungs-
bemühungen durch die Vereinten Nationen wurde Mazedonien am 13. Sep-
tember 1995 von Griechenland offiziell anerkannt. Durch ein von den Au-
ßenministern beider Staaten in New York unterzeichnetes Abkommen ver-
pflichtete sich Griechenland, die 18 Monate andauernde Blockade zu beenden,
die die wirtschaftliche Entwicklung Mazedoniens stark beeinträchtigt hatte.
Mazedonien seinerseits erklärte sich zur Änderung seiner Staatsflagge und
damit zum Verzicht auf den Stern von Vergina bereit und ersetzte diesen ab
dem 5. Oktober 1995 durch eine achtstrahlige, stilisierte Sonne. 42 Auf der im
Dezember 1995 anlässlich der in diesem Jahr erfolgten Mitgliedschaft Make-
doniens im Europarat und bei der OSZE herausgegebenen Sondermarke (Abb.
28) wie auch der im folgenden Jahr zum 5. Jahrestag der Unabhängigkeit er-
schienenen Marke (Abb. 29) wird bereits die neue Staatsflagge gezeigt, die
infolge öfters auf mazedonischen Briefmarken begegnet. Die UNO forderte
Griechenland und Mazedonien nun zwar auf, auch zu einer friedlichen Eini-
gung im Namenskonflikt zu finden. Da keine der Seiten besonderes Interesse
daran zeigte, wurden die Verhandlungen jedoch unterbrochen.
Während, wie im vorangegangenen Kapitel schon ausgeführt, das antike
Erbe eine bedeutende Rolle auf griechischen Briefmarken spielte und bis heute
spielt, erscheint es doch überraschend, dass es auf mazedonischen Briefmarken,
gerade auch im Gegensatz zu prähistorischen, spätantiken, frühchristlichen,
byzantinischen und mittelalterlichen Motiven deutlich unterrepräsentiert ist.
So zeigt ein 1998 erschienener Sondermarkensatz Archäologische Funde von
vier Marken ausschließlich prähistorische Objekte, unter anderem mehrere
Tongefäße (Abb. 30–33), und auf zwei in der Dauermarkenserie Kunsthand-
werk 2004 ausgegebenen Briefmarken sind restaurierte Gefäße aus dem 12. Jh.
v. Chr. dargestellt (Abb. 34–35). Zwei weitere Briefmarken aus dem Jahr 2007
widmen sich dem bronzezeitlichen Fundplatz Kokino im Nordosten von Ma-
41 Vgl. Sabine Riedel: Die UN-Wirtschaftssanktionen gegen Jugoslawien und Griechenlands
Embargo gegen die Republik Makedonien. Wege zu Konfliktlösung oder zu neuen Krisenher-
den?, in: Südost-Europa 44 (1995) 6–7, S. 443–445; Walter Gruber: Die wirtschaftliche Entwick-
lung Makedoniens seit 1991, in: Lukan/Jordan, Makedonien, S. 435–457.
42 Vgl. Jürgen Reuter: Athens schwieriger Weg zum Abschluß eines Interim-Abkommens mit
Skopje, in: Südosteuropa Mitteilungen 35 (1995) 4, S. 332–359. Das Abkommen findet sich ab-
gedruckt (vgl. Griechenlands Anerkennung der Republik Makedonien: Das Interimsabkommen
vom 13. September 1995, in: Südost-Europa 45 (1996) 1, S. 64–75).
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zedonien, welcher durch Entdeckungen im Jahre 2001 als prähistorisches Ob-
servatorium gedeutet wird (Abb. 36–37). 43
Bereits 1996 waren acht Briefmarken in Viererblockanordnung mit vier
identischen Motiven in verschiedenen Nominalen und vor unterschiedlichem
farbigen Hintergrund erschienen, welche 1978 in Viničko Kale im Osten Ma-
zedoniens gefundene frühchristliche Terrakottareliefs zeigen (Abb. 38–45).
Auf den in das 5. und 6. Jh. n. Chr. zu datierenden Stücken sind neben Daniel
in der Löwengrube, der Heilige Georg und Christophorus, Josua und Kaleb
sowie ein Wasser trinkender Hirsch dargestellt. 44 1997 wurde ein aus vier Son-
dermarken sowie einer Blockausgabe bestehender Satz ausgegeben, der Fuß-
bodenmosaike mit Tierdarstellungen aus Herakleia Lynkestis zeigte (Abb. 46–
50). Die heute im Südwesten der Republik Mazedonien gelegene antike Stadt
war nach Eroberung des Territoriums durch Philipp II. in verkehrsgeogra-
phisch günstiger Lage gegründet worden und hatte sich schnell zu einem pros-
perierenden Zentrum entwickelt. In frühbyzantinischer Zeit, also vom 4. bis
zum 6. Jh. n. Chr., war die Stadt ein bedeutender Bischofssitz. Die Mosaike
stammen aus der im Zuge archäologischer Ausgrabungen freigelegten Großen
Basiliken und können in das 6. Jh. n. Chr. datiert werden. Als man 2012
schließlich den 20. Jahrestag einer eigenen mazedonischen Währung mit einer
Briefmarke beging, war neben einer frühen 1-Denar-Münze der jungen Repub-
lik jedoch keine antike Münze, sondern der Revers einer Bronzemünze aus
byzantinischer Zeit, also dem 6. Jh. n. Chr., abgebildet (Abb. 51). 45
Antike Münzen und damit das erste Mal seit der Ausgabe mit dem Stern
von Vergina 1993 überhaupt wieder ein antikes Motiv hatte ein 2002 erschie-
nener, aus vier Marken und einer Blockausgabe bestehender Satz zum Thema
(Abb. 52–56). 46 Die 6-Denar-Ausgabe zeigt eine Tetradrachme aus dem 4. Jh.
v. Chr. des Königs Lykkeios von Paionia, einer nördlich des antiken makedoni-
schen Königreiches gelegenen Landschaft. Auf dem Avers ist der Gott Zeus mit
Lorbeerkranz und auf dem Revers Herakles im Kampf mit dem Nemeischen
Löwen abgebildet (Abb. 52). 47 Die 12-Denar-Marke ist Alexander III., also
Alexander dem Großen, gewidmet. Auf der ebenfalls ins 4. Jh. v. Chr. zu datie-
43 Vgl. Alexy Stoev/Penka Muglova: Archaeoastronomical Interpretation of the Tatichev Kamen
Roch-cut Monument near the Kokino Village, Staro Nagorichane municipality, Macedonia, in:
Pyraichmes II (2002), S. 329–345; Cenev Gjore: Megalithic Observatory Kokino, in: Publica-
tions of the Astronomical Observatory of Belgrade 80 (2006), S. 313–317.
44 Vgl. Elizabeta Dimitrova: The Ceramic Relief Plaques from Vinica, Skopje 2016.
45 Vgl. Andreas Urs Sommer: Die Münzen des Byzantinischen Reiches 491–1453, Regenstauf
2010.
46 Vgl. Maja Hadji-Maneva: Macedonia. Coins and History. Guide through the permanent Exhibi-
tion at the National Bank of the Republic of Macedonia, Skopje 2008.
47 Vgl. Hugo Gaebler: Die antiken Münzen Nord-Griechenlands 3. Makedonia und Paionia 1,
Berlin 1906 und 2, Berlin 1935.
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renden Tetradrachme ist auf dem Avers Herakles mit Löwenfell und auf dem
Revers der thronende Zeus Aetophoros, also der ›Adlertragende‹ Zeus, abge-
bildet (Abb. 53). Die 24-Denar-Ausgabe zeigt eine Bronzemünze, die in der 1.
Hälfte des 2. Jhs. v. Chr. in der antiken Stadt Lychnidos, dem heutigen Ohrid,
geprägt wurde und die auf dem Avers den makedonischen Schild und dem
Revers die Frontpartie eines Schiffes zeigt (Abb. 54). 48 Die 36-Denar-Ausgabe
bildet einen Goldstater Philipps II. aus der 2. Hälfte des 4. Jhs. v. Chr. ab. Der
Avers zeigt den jugendlichen Gott Apoll mit einem Lorbeerkranz, während auf
dem Revers ein Sieg Philipps bei einem Wagenrennen in Olympia dargestellt
ist (Abb. 55). Denselben Münztyp sollte Griechenland, wie zuvor bereits be-
schrieben, zwei Jahre später auch auf einer eigenen Marke abbilden (Abb. 27).
Der Block zu 50 Denar zeigt nochmals vier weitere makedonische Münzen
(Abb. 56).
Erst einige Jahre später, 2008, wurden in der Serie Kulturelles Erbe mit gol-
denen Ohrringen in Form von Tieren wieder antike Fundstücke als Motiv für
zwei Sondermarken gewählt. Die erste zeigt zwei Ohrringe mit Tauben, die aus
Marvinci-Valandovo im Südosten des Landes stammen und in das 2. Jh.
v. Chr. datiert werden (Abb. 57). Die zweite Marke bildete einen Ohrring aus
Demir Hisar im Südwesten Mazedoniens ab, der aus dem 4. Jh. v. Chr. stammt
und in einem Löwenkopf endet (Abb. 58). 49 Ebenfalls in der Serie Kulturelles
Erbe erschien 2018 eine Marke mit der goldenen Maske von Trebeništa. Dort
wurde eine Nekropole aus dem 6./5. Jh. v. Chr. erforscht, die wohl ursprüng-
lich zur oben bereits erwähnten antiken Stadt Lychnidos gehörte. 50 Bis heute
konnten dort als bedeutendste Funde fünf goldene Totenmasken entdeckt
werden, von denen eine die Briefmarke ziert (Abb. 59).
Es zeigt sich zusammenfassend, dass archäologische Themen auf mazedoni-
schen Briefmarken, gerade auch im Vergleich zur griechischen Ausgabepolitik
keine entscheidende Rolle spielen. Bei mittlerweile über 800 Ausgaben bis 2018
zieren 36 archäologische Motive, 27 wenn man um identische Darstellungen
mit unterschiedlichen Nominalen bereinigt, von denen dann jedoch gerade
einmal neun Bezug auf die makedonische Antike nehmen, im Gegensatz zu 18
48 Vgl. Sophia Kremydi-Sicilianou: The Bronze Coins of Lychnidos, in: Evgeni Pauno/Svetosava
Filipova (Hrsg.): HPAKΛEOYΣ ΣΩTHPOΣ ΘAΣIΩN. Studia in honorem Iliae Prokopov sexa-
genario ab amicis et discipulis dedicat, Tirnovi 2012, S. 287–297.
49 Vgl. Viktorija Sokolovska: The Ancient Town at Isar-Marvinci,Valandovo. Cultural-historic
Survey, Skopje 2012, S. 49 Abb. 22.
50 Vgl. Bogdan D. Filow: Die archaische Nekropole von Trebenischte am Ochrida-See, Ber-
lin/Leipzig 1927; Wolfgang David: Makedonen und Kelten am Ohrid-See. Ein Zusammenprall
der Kulturen?, in: Bayrische Archäologie 4 (2004), S. 46–51; Wolfgang David (Hrsg.): Das Gol-
dene Antlitz des unbekannten Makedonenkönigs. Makedonen und Kelten am Ohrid-See. Ein
Zusammenprall der Kulturen? Schriften des kelten römer museums manching 8, Manching
2014.
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mit der Darstellung prähistorischer, frühchristlicher und byzantinischer Funde.
Die auf den Briefmarken abgebildeten Funde aus makedonischer Zeit stam-
men bis auf den Stern von Vergina auf den ersten Ausgaben alle von Fundplät-
zen auf dem Staatsgebiet Mazedoniens und nicht Griechenlands.
Ein Aspekt, auf den in diesem Artikel nicht näher eingegangen werden kann,
stellt die Tatsache dar, dass archäologische Motive jedoch anders als auf den
Briefmarken auf den Münzen und Geldscheinen Mazedoniens überproportio-
nal vertreten und seit 1996 auf diesen fast ausschließlich anzutreffen sind.
Zahlreiche bereits auf den Briefmarken vertretene archäologische Fundstücke
begegnen auch auf den Scheinen.
Auf zwei weitere Briefmarkenausgaben mit antiken beziehungsweise antiki-
sierenden Motiven muss im Folgenden noch eingegangen werden. Mazedoni-
en hatte am 22. März 2004 offiziell den Antrag auf Aufnahme in die Europäi-
sche Union gestellt und zu diesem Anlass am 9. Mai 2004 eine Sondermarke
ausgegeben (Abb. 60), welche das mazedonische Logo für die EU-
Heranführung zeigt, nämlich die Sonne der neuen mazedonischen Flagge und
vier Sterne aus der Europaflagge auf dunkelblauem Hintergrund. Das auch auf
der Marke angeführte Motto lautete: The sun, too, is a star. Nachdem das Land
2005 offizieller Beitrittskandidat geworden war, empfahl die Europäische
Kommission 2009 schließlich die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen. Um
das Ziel einer Mitgliedschaft zu unterstreichen, hatte Mazedonien bereits 2008
mit der Herausgabe einer Briefmarkenserie begonnen, in der in den folgenden
Jahren immer jeweils zwei Ausgaben erschienen, die zwei Hauptstädten von
Mitgliedsländern der EU gewidmet waren. 2014 wurden Griechenland und
Italien mit Athen und Rom gezeigt (Abb. 61–62). Gerade diese Kombination
dürfte wohl aufgrund der bedeutenden antiken Vergangenheit beider Länder
gewählt worden sein, die eine Marke zeigt die Akropolis von Athen und die
andere das Kolosseum in Rom. So kam es zur eigentlich skurrilen Situation,
dass auf einer mazedonischen Briefmarke einer Serie, die den Aufnahme-
wunsch des Landes in die EU unterstreichen sollte, mit Athen, die Hauptstadt
des Landes gewürdigt wurde, welches einen Beitritt unter dem Namen Repub-
lik Mazedonien kategorisch ablehnte.
Eine mazedonische Marke illustriert nun sehr deutlich den Konflikt. 2010
hatte die damalige mazedonische Regierung das Projekt »Skopje 2014« gestar-
tet, dessen Ziel es war, der Hauptstadt Skopje einen historischen Anstrich zu
geben, unter anderem auch mit einem deutlichen Bezug auf die makedonische
Antike. Gebäude wurden errichtet, renoviert und zahlreiche Standbilder aufge-
stellt. Quasi als zentrales Symbol des Projektes gilt eine mit ihrer Säule annä-
hernd 25 Meter hohe Statue, die 2011 zum 20. Jahrestag der Unabhängigkeit
auf dem Mazedonien-Platz aufgestellt worden war. Obwohl sie eindeutig
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Alexander den Großen auf seinem Pferd Bukephalos darstellt, entschloss man
sich aber knapp vor der Aufstellung, diese in Krieger zu Pferd umzubenennen,
um den Konflikt mit Griechenland nicht noch weiter zu befeuern. Im folgen-
den Jahr, 2012, präsentierte Mazedonien das Reiterstandbild jedoch auf einer
Sondermarke (Abb. 63). Interessanterweise wählte man dafür – wie einige
Jahre zuvor Griechenland – die EUROPA-Ausgabe, welche touristische Se-
henswürdigkeiten zum Thema hatte.
5.3 Der Postkrieg zwischen Griechenland und Mazedonien
Der Konflikt beider Länder hat sich jedoch nicht nur in der jeweiligen Ausga-
bepolitik widergespiegelt, sondern vor allem in den ersten Jahren nach der
Unabhängigkeit Mazedoniens auch zu einem Postkrieg geführt. Man hatte
zwar im Zuge des Interimsabkommens am 13. September 1995 die gegenseiti-
gen Postbeziehungen festgelegt, da Griechenland den Namen des Nachbarlan-
des aber nicht akzeptierte, wurde Post, die aus Mazedonien nach Griechenland
versandt wurde, im Zeitraum von 2000 bis mindestens 2011 mit drei verschie-
denen Zusatzstempeln versehen. Diese dokumentierten in lateinischen und
griechischen Buchstaben, dass Griechenland Mazedonien nur unter dem Na-
men FYROM anerkannte (»Recognized by Greece as FYROM«) (Abb. 65). Die
Griechische Post bestätigte die Verwendung derartiger Zusatzstempel, wider-
sprach aber Meldungen, dass Postsendungen in das Ausgabeland zurückge-
sandt worden wären. Trotzdem liegen Briefe aus den Jahren 1992 und 1995 vor,
die Retourstempel tragen, in welchen darauf hingewiesen wird, dass die bean-
standeten Postsendungen nicht an den Empfänger zugestellt, sondern an den
Absender zurückgesandt werden, da sie die Briefmarke eines Landes tragen –
nämlich der Republik Mazedonien –, welches nicht Mitglied im Weltpostverein
(WPV) wäre (»Retour parce que l’envoi porte un timbre poste d’un pays que
n’est pas membre de l’union postale universelle«) (Abb. 66). Damit würde eine
grundlegende Prämisse des Weltpostvertrages des WPV gebrochen, nämlich
die, dass jede Postverwaltung allein über die von ihr herausgegebenen Post-
wertzeichen entscheidet und in der Folge Postverwaltungen, die von einer
anderen Postverwaltung für gültig angesehenen Postwertzeichen ebenfalls zu
akzeptieren hat. 51
51 Vgl. Deto Burhop/Jan Heijs: »Postkrieg«. Postkrieg-Spezialkatalog 1870–2008/Catalogue of
Postal War 1870–2008, Amsterdam 2011, S. 208; Jan Heijs/Ulrich Clauss: Der Postkrieg zwi-
schen Makedonien und Griechenland, in: Südost-Philatelie 122 (2013), S. 11–14; Jan Heijs:
Postkrieg von 1870 bis heute. Ein doch nicht ganz abgeschlossenes Sammelgebiet: eine Be-
standsaufnahme, in: philatelie 461 (November 2015), S. 49–53, hier: S. 53. Vgl. auch die Home-
page: http://www.postkrieg.info (letzter Zugriff: 28. August 2018). Für Informationen und die
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Gegen eine konkrete mazedonische Sonderbriefmarke wurde jedoch von
Seiten Griechenlands offiziell protestiert und angekündigt, mit dieser freige-
machte Postsendungen nicht zu befördern. 52 Dabei handelte es sich aber um
keine Ausgabe mit einem Bezug zur antiken makedonischen Vergangenheit,
sondern zur jüngeren griechischen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Gegen
Ende des griechischen Bürgerkrieges 1948 wurden über 20.000 Kinder von
Eltern, die auf Seiten der Kommunisten kämpften, darunter auch zahlreiche
Angehörige der slawisch-mazedonischen Minderheit, gegen den Protest der
damaligen griechischen Regierung von Nordgriechenland in sozialistische
Staaten Osteuropas verbracht. Die 1998 vom Maler Kole Manev (geb. 1941),
selbst damals eines der Flüchtlingskinder, gestaltete Sondermarke erinnerte an
den 50. Jahrestag dieses Ereignisses (Abb. 64). 53 Verweigerte Sendungen mit
dieser Briefmarke sind bislang aber nicht bekannt geworden. 54
Aber auch Briefe aus Griechenland selbst wurden mit handschriftlichen
Anmerkungen und Parolen in verschiedenen Sprachen wie »Nein zur Usurpa-
tion des Namens Mazedonien. Mazedonien ist nur griechisch« versehen, und
gleichartige Werbeeinsätze kamen auch bei griechischen Maschinenstempeln
zum Einsatz. 55
6 Zusammenfassung
Briefmarken finden Verwendung, um Einfluss auf die politische, kulturelle
oder ökonomische (Selbst)Wahrnehmung eines Landes zu nehmen und sind
somit ein Ausweis aktuell geführter Debatten. Sie wurden und werden genutzt,
um in zwischenstaatlichen politischen Konflikten Botschaften, Argumente und
Rechtfertigungen der jeweils eigenen Position im wahrsten Sinne des Wortes
in die Welt hinaus zu senden. Dass dies nicht nur, wie bereits vielfach unter-
sucht, gerade in totalitären Regimen des 20. Jahrhunderts festzustellen ist,
sondern auch in demokratisch verfassten Gesellschaften bis in die Gegenwart
beobachtet werden kann, zeigt die seit 1991 geführte Auseinandersetzung zwi-
schen Griechenland und Mazedonien.
Bereitstellungen von Abbildungen danke ich sehr herzlich Jan Heijs, Amsterdam und Jan
Ulrich Clauss, Bonn.
52 Vgl. UPU-Rundschreiben Nr. 1998-276.
53 Vgl. Loring M. Danforth/Riki Van Boeschoten: Children of the Greek Civil War. Refugees and
the Politics of Memory, Chicago, IL/London 2012, S. 256.
54 Vgl. Heijs/Clauss: Postkrieg, S. 14; Burhop/Heijs: Postkrieg-Spezialkatalog, S. 229.
55 Vgl. Horst Engelhardt: ›Mazedonien ist griechisch‹, in: Die Briefmarke (1993) 8, S. 40; Schell:
Der Stern von Vergina, S. 304.
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Bei beiden Staaten geschah dies auch durch die Wahl von archäologischen
Funden als Motive ihrer Postwertzeichen, um damit einen Anschluss an eine
kulturelle Vergangenheit, im Konkreten auf die jeweils für sich selbst rekla-
mierte historische Kontinuität mit der makedonischen Antike zu untermauern.
Deutlich kann illustriert werden, wie so archäologische Objekte mehr oder
weniger subtil als Beweise herangezogen wurden, um eine solche nach außen
zu belegen, aber insbesondere eine historische wie auch konstruierte kollektive
kulturelle Identität nach innen zu stiften, zu verbreitern, zu stabilisieren und
somit letztendlich überhaupt in einer spezifischen Gemeinschaft zu verankern.
Dies geschah vielfach durch Etablierung identitätsstiftender Zeichen und Sym-
bole, wie eben im konkreten Fall den Stern von Vergina. Dieses Jahrtausende
alte Zeichen wurde zu einem Symbol des griechischen Anspruchs auf sein
antikes Erbe. Wie von griechischer Seite eingeräumt wurde, ging es nie um die
Existenz des neuen Nachbarstaates im Norden; Griechenland fühlte nur
dadurch seine historische Identität in Frage gestellt, dass Mazedonien in der
Wahl seiner Staatssymbole auf das antike, nationalgriechisch verstandene Erbe
zurückgriff. Die Reaktion auf den Anspruch von Nichtgriechen darauf führte
zu extremen Abwehrmaßnahmen auf politischer wie wirtschaftlicher Ebene.
Beide Staaten, sowohl Mazedonien in wirtschaftlicher Hinsicht als auch Grie-
chenland in politischer, hatten einen hohen Preis für diesen Konflikt zu bezah-
len. Es zeigte sich aber ebenso die Bedeutung, die Staaten und Nationen noch
heute Namen und Symbolen beimessen und wie schnell Konflikte unabsehbare
Ausmaße annehmen können.
Man würde es sich leicht machen, die diesen Konflikt illustrierenden in den
letzten Jahren erschienenen Briefmarkenausgaben beider Staaten als billige
Propagandawerke abzutun, denn sie spiegeln auf der einen wie der anderen
Seite ein Ringen um die eigene Identität wider. Dem jungen Staat Mazedonien
ging es hier paradoxerweise gleich wie dem jungen griechischen Staat, der 1830
nach fast 400 Jahren osmanischer Herrschaft, Revolution und Unabhängig-
keitskrieg seine Unabhängigkeit erlangt hatte. Der Bezug auf die griechische
Antike wurde zu einer der wichtigsten Stützen der neugriechischen Ideologie
und Gesamtausrichtung des Staates ab dem 19. Jahrhundert, und schon damals
bemühte man sich daher, eine zwar äußerlich durch die über 400 Jahre wäh-
rende Türkenherrschaft unterbrochene Kontinuität des griechischen Volkes
von der Antike bis in diese Zeit herzustellen. Griechenland unterscheidet sich
darin nicht von anderen Balkanländern, in welchen auch der Versuch unter-
nommen wurde, die eigene Kultur und Identität durch eine Verbindung mit
der vorosmanischen Vergangenheit zu bestimmen und zu legitimieren. Dies
mag erklären und nachvollziehbar machen, wie sensibel Griechenland darauf
reagierte, als plötzlich mit Mazedonien ein weiterer Staat begann, auf der Su-
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che nach einer neuen, eigenen Identität diese durch einen Rückbezug ebenfalls
auf die Antike historisch zu begründen und konkret in der Wahl des Staatsna-
mens und der Flagge darauf Bezug zu nehmen.
Anfang 2018 kam jedoch plötzlich wieder Bewegung in die Auseinanderset-
zung. Unter der neuen mazedonischen Regierung war das schon erwähnte
Projekt »Skopje 2014« bereits gestoppt worden, und man begann Überlegun-
gen anzustellen, die dabei errichteten Denkmäler wieder zu entfernen. Im
Vorfeld von nach jahrelanger Unterbrechung neu gestarteten Gesprächen mit
Griechenland, die eine endgültige Lösung des Namenstreits nach fast 30 Jahren
zum Ziel hatten, kam es zudem zu einer Reihe von Namensänderungen in
Mazedonien. So heißt der Flughafen der Hauptstadt heute nicht mehr
»Alexander der Große« sondern einfach »Internationaler Flughafen von
Skopje« und auch die »Alexander der Mazedonier« genannte Nord-Süd-
Autobahn des Landes wird heute als »Straße der Freundschaft« bezeichnet.
Im Juni verkündeten die Ministerpräsidenten beider Staaten eine Einigung
im Namenstreit, nämlich dass der Staatsname mit einer zusätzlichen geografi-
schen Bezeichnung, konkret Republika Severna Makedonija also Republik
Nord-Mazedonien bzw. Republik Nordmazedonien, versehen werden sollte. Es
bleibt zu hoffen, dass die Bemühungen beider Staaten um eine endgültige Lö-
sung des Streites in beiden Ländern als akzeptabler Kompromiss angesehen
werden und somit im Gegensatz zu einer politischen Instrumentalisierung –
auch durch Briefmarken – zukünftig eine wissenschaftliche, kulturelle und
auch touristische Nutzung des sich in beiden Ländern befindlichen, reichen
archäologischen Erbes im Vordergrund stehen wird.
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Abbildungen
Abbildung 1–3
Erste Flagge von Mazedonien (1992–1995) (1993, Michel, Makedonien, 4–6).
Abbildung 4–10
Archäologische Funde aus dem sogenannten Königsgrab von Vergina (1979, Michel, Griechen-
land, 1365–1371).
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Abbildung 11–18
»Makedonien war und ist griechisch« (1992, Michel, Griechenland, 1805–1811. 1805–1807 FDC).
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Abbildung 19–20
Manolis Glezos (1959, Michel, Sowjetunion, 2288); Imre Nagy – Volksaufstand in Ungarn (1959,
Michel, Griechenland, 721).
Abbildung 21
Kursmünze Griechenland: 100 Drachmen (1992).
Abbildung 22
Larnax mit dem Stern von Vergina – Olympische Sommerspiele, Athen (2004, Michel, Griechen-
land, 2220 FDC).
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Abbildung 23–24
Larnax mit dem Stern von Vergina – Olympische Sommerspiele, Athen (2004, Michel, Griechen-
land, 2220+Zierfeld); Xinomavro-Wein (2005, Michel, Griechenland, 2294).
Abbildung 25
Athen und Thessaloniki – 50 Jahre EUROPA/CEPT (2006, Michel, Griechenland, Block 40).
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Abbildung 26
50 Jahre Universität von Makedonien (2007, Michel, Griechenland, 2438).
Abbildung 27
Antike Münzen (2004, Michel, Griechenland, Block 32).
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Abbildung 28–29
Neue Flagge von Mazedonien (seit 1995) – Aufnahme von Mazedonien in den Europarat und in
die OSZE (1995, Michel, Makedonien, 61); 5 Jahre Unabhängigkeit (1996, Michel, Makedonien,
73).
Abbildung 30–33
Archäologische Funde aus der Steinzeit (1998, Michel, Makedonien, 122–125).
Abbildung 34–35
Kunsthandwerk – Prähistorische Gefäße (2004, Michel, Makedonien, 320–321).
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Abbildung 36–37
Kulturelles Erbe – Prähistorisches Observatorium Kokino (2007, Michel, Makedonien, 415–416).
Abbildung 38–45
Frühchristliche Terrakottareliefs (1996, Michel, Makedonien, 78–85).
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Abbildung 46–50
Archäologische Funde: Römische Mosaiken aus Herakleia Lynkestis (1997, Michel, Makedonien,
95–98, Block 5).
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Abbildung 51
20. Jahrestag der mazedonischen Währung (2012, Michel, Makedonien, 631).
Abbildung 52–56
Antike Münzen (2002, Michel, Makedonien, 245–248, Block 9).
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Abbildung 57–59
Kulturelles Erbe – Ohrringe (2008, Michel, Makedonien, 449–450); Kulturelles Erbe – Die goldene
Maske von Trebeništa (2018, Michel, Makedonien, 827).
Abbildung 60–62
Antrag auf Aufnahme in die EU (2004, Michel, Makedonien, 319); Europäische Hauptstädte –
Athen und Rom (2014, Michel, Makedonien, 692–693).
Abbildung 63–64
»Krieger zu Pferd« – EUROPA/CEPT-Ausgabe (2012, Michel, Makedonien, 628); 50. Jahrestag der
Deportation (1998, Michel, Makedonien, 121).
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Abbildung 65
Brief von Mazedonien nach Griechenland mit dem Stempel: »Recognized by Greece as FYROM«.
Abbildung 66
Nicht zugestellter Brief von Mazedonien nach Griechenland mit dem Stempel: » Retour parce que
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Jasper M. Trautsch
Vom amerikanischen Exzeptionalismus zur atlantischen
Gemeinschaft. Die Visualisierung des Ost-West-Konflikts auf US-
Briefmarken
1 Einleitung
In der Raumwahrnehmung der US-Amerikaner vollzog sich in den Jahren
nach Ende des Zweiten Weltkriegs ein signifikanter Wandel. Seit Gründung
der USA hatten sie sich vorrangig über Abgrenzung zu Europa definiert. Es
war gerade die Vorstellung, dass Amerika anderen historischen Gesetzen un-
terworfen sei und eine andere politisch-soziale Entwicklung einschlagen würde
als die europäischen Referenzgesellschaften, auf der – als amerikanischer
Exzeptionalismus bekannt – das amerikanische Nationalbewusstsein basierte. 1
Diese Sicht auf die eigene Nation begünstigte und legitimierte eine unilaterale
Außenpolitik, die bindende politische oder militärische Bündnisse und mit
Souveränitätsverlust verbundene Mitgliedschaften in internationalen Organi-
sationen scheute. Die Entscheidung, 1919 nicht dem Völkerbund beizutreten
und Verantwortung für die Versailler Ordnung nach Ende des Ersten Welt-
kriegs zu übernehmen, war Folge dieses auf externe Demarkation pochenden
Identitätsbewusstseins. Nach 1945 jedoch vollzog sich nicht nur ein grundle-
gender Wandel in den dominanten außenpolitischen Überzeugungen in den
USA, die der NATO beitraten und Westeuropas Sicherheit vor der Sowjetuni-
on militärisch garantierten. Auch die nationalen Selbstverständigungsdebatten
erhielten eine neue Richtung: In zunehmendem Maße setzte sich im entste-
henden Kalten Krieg die Überzeugung durch, dass die USA mit Westeuropa in
einer gemeinsamen ›westlichen Zivilisation‹ beziehungsweise einer ›westlichen
Gemeinschaft‹ verbunden waren. Infolgedessen veränderten sich auch die
kognitiven Landkarten der Amerikaner, die den Atlantik zunehmend weniger
1 Für den amerikanischen Nationalismus als externen Abgrenzungsprozess und die Entstehung
des amerikanischen Exzeptionalismus siehe Jasper M. Trautsch: The Genesis of America. U.S.
Foreign Policy and the Formation of National Identity, 1793–1815, Cambridge/New York 2018.
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als Scheidelinie denn als Brücke zwischen zwei miteinander verflochtenen
Kontinenten wahrnahmen. 2
Die Veränderung der Sichtweise auf den Platz Amerikas in der Welt wurde
auch auf kartographischem Material vollzogen. Schließlich sind Karten nicht
bloßes Abbild der Wirklichkeit, sondern eine Interpretation von geographi-
schen Fakten und deshalb historischem Wandel unterworfen. Sie bringen ein
bestimmtes, oft ideologisch geprägtes Weltbild zum Ausdruck, unabhängig
davon, ob sie mit einem bestimmten politischen Interesse gestaltet worden
sind oder ihr Urheber glaubte, er fasse die Wirklichkeit objektiv zusammen. 3
Deshalb richtet sich das Erkenntnisinteresse dieses Beitrages auf die Frage, wie
sich Weltkarten und überregionale Karten in der Mitte des 20. Jahrhunderts in
den USA veränderten, um die Annahme, dass Europa und die Welt gleichsam
natürlich zweigeteilt seien und es einen geographisch identifizierbaren, Nord-
amerika und Westeuropa verbindenden ›Westen‹ gebe, visuell zu unterstüt-
zen. 4
2 Briefmarken als historische Quellen zur Rekonstruktion von
Weltbildern
Briefmarken, auf denen in unregelmäßigen Abständen kartographisches Mate-
rial als Motiv genutzt wird, erscheinen in diesem Zusammenhang als beson-
ders geeignetes Quellenmaterial, um die Forschungsfrage nach dem Wandel
des amerikanischen Weltbilds in der Mitte des 20. Jahrhunderts zu beantwor-
ten. Anders als Spezialkarten, die für einen eng umgrenzten Personenkreis im
Bereich des Militärs, der Nautik oder der Aeronautik erstellt werden, werden
2 Zum Zusammenhang der amerikanischen Selbstverständigungsdebatten und der US-
Außenpolitik nach dem Kalten Krieg siehe Patrick Thaddeus Jackson: Defending the West. Oc-
cidentalism and the Formation of NATO, in: Journal of Political Philosophy 11 (2003) 3,
S. 223–252.
3 Zur Frage, wie Karten historisch kontingenten Wahrnehmungsmustern folgen und Raumvor-
stellungen prägen, siehe vor allem John Brian Harley: Maps, Knowledge, and Power, in: Denis
E. Cosgrove/Stephen Daniels (Hrsg.): The Iconography of Landscape. Essays on the Symbolic
Representation, Design and Use of Past Environments, Cambridge 1988, S. 277–312; John Brian
Harley: Deconstructing the Map, in: Cartographica 26 (1989) 2, S. 1–20; John Pickles: Texts,
Hermeneutics and Propaganda Maps, in: Trevor J. Barnes/James S. Duncan (Hrsg.): Writing
Worlds. Discourse, Text and Metaphor in the Representation of Landscape, London 1992,
S. 193–230; Jeremy Black: Maps and Politics, London 1997.
4 Zur Begriffsgeschichte des Westens siehe Jasper M. Trautsch: The Invention of »the West«, in:
Bulletin of the German Historical Institute Washington 53 (2013), S. 89–102; ders.: The Con-
cept of the West, in: Critical Muslim 20 (2016), S. 18–33; ders.: Was ist »der Westen«? Zur Se-
mantik eines politischen Grundbegriffs der Moderne, in: Forum interdisziplinäre Begriffsge-
schichte 6 (2017) 1, S. 58–66.
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Postwertzeichen für die allgemeine Öffentlichkeit produziert und massenhaft
vertrieben. Deshalb kann ihnen als Massenmedium eine breitere Wirkung
zugeschrieben werden. 5 Gegenüber Atlanten, die ebenfalls für ein breiteres
Publikum gedruckt werden und das geographische Vorstellungsvermögen der
historischen Zeitgenossen prägen, haben Briefmarken als historische Quellen
darüber hinaus den Vorteil, dass sich ihre Motive und Designs vergleichsweise
kurzfristig ändern können. Da jedes Jahr zahlreiche neue Postwertzeichen
herausgebracht werden, lässt sich mit Briefmarkendarstellungen auf Verände-
rungen der politischen Verhältnisse schneller reagieren. Aufgrund der beson-
deren Produktionsbedingungen hat kartographisches Material in Atlanten
dagegen eine größere Langlebigkeit, sodass darin politische und soziale Um-
brüche oftmals keinen unmittelbaren Widerhall finden. Als Seismograph für
neue politisch-ideologische Entwicklungen und veränderte Weltwahrnehmun-
gen sind Briefmarken deshalb besser geeignet. 6
Die Ikonographie von Briefmarken ist für Historiker außerdem besonders
interessant, da die Auswahl von Motiven und Designs nicht nur das Resultat
von ästhetischen, sondern auch von politischen Erwägungen ist, werden
Briefmarken doch in der Regel von staatlichen Stellen herausgeben. Der Philo-
soph Walter Benjamin bezeichnete sie deshalb als »Visitenkarten, die die gro-
ßen Staaten in der Kinderstube abgeben.« 7 Für Aby Warburg, Begründer der
Ikonographie, wurden sie »zur Idee des Staatswesens.« 8 Sie spiegeln dement-
sprechend nicht nur gängige Weltbilder wider, sondern haben auch einen
prägenden Einfluss darauf und können Veränderungen der Wahrnehmung
anstoßen helfen. Die Kompositionen von Briefmarken können also durchaus
einer politischen Agenda folgen und von dem Wunsch geprägt sein, eine kol-
lektive Identität zu propagieren. 9
Am häufigsten sollen Briefmarken – oder auch Münzen und Geldscheine,
deren Produktion und Wirkung einer ähnlichen Logik folgen – die Bildung
einer nationalen Identität befördern, etwa wenn sie an nationale Ereignisse
5 Für Briefmarken als Massenmedium siehe Hans-Jürgen Köppel: Politik auf Briefmarken. 130
Jahre Propaganda auf Postwertzeichen, Düsseldorf 1971, S. 14–16.
6 Zur Verwendung von Briefmarken als historischen Quellen im Schulunterricht siehe Michael
Sauer: Originalbilder im Geschichtsunterricht. Briefmarken als historische Quellen, in: Gerhard
Schneider (Hrsg.): Die visuelle Dimension des Historischen, Schwalbach im Taunus 2002,
S. 158–169.
7 Walter Benjamin: Briefmarken-Handlung, in: Gesammelte Schriften. Bd. IV/1, Frankfurt am
Main 1991, S. 134–137, hier: S. 137.
8 C. H. W.: Die Briefmarke als Kulturdokument, in: Hamburger Nachrichten, 15. August 1927,
S. 9.
9 Vgl. Pauliina Raento/Stanley D. Brunn: Visualizing Finland. Postage Stamps as Political Mes-
sengers, in: Geografiska Annaler 87 (2005) 2, S. 145–164.
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oder Nationalhelden erinnern oder Nationalsymbole verwenden. 10 Allerdings
können sie auch zur Stärkung einer supranationalen Identität verwendet wer-
den. Die Euroscheine, auf deren Rückseite eine Karte der westlichen Halbinsel
der eurasischen Landmasse dargestellt ist und die damit die Grenzen Europas
definieren, sind ein prägnantes Beispiel aus jüngerer Zeit. 11 Allerdings ist der
Euro ein Sonderfall, da er keine nationale Währung ist, sondern ein Zah-
lungsmittel für eine Gruppe von Staaten. Ein Blick auf die von der US-
Notenbank herausgegebenen Münzen und Geldscheine hingegen offenbart,
dass es auf ihnen niemals Weltkarten oder Karten von Großregionen, die ein
über die Nation hinausgehendes Gemeinschaftsgefühl evozieren wollen, gege-
ben hat. 12
Briefmarken unterscheiden sich in dieser Hinsicht auf zweierlei Weise von
Münzen und Banknoten. Erstens werden viel mehr unterschiedliche Briefmar-
ken gedruckt. Jedes Jahr kommen zahlreiche neue Briefmarken mit unter-
schiedlichen Motiven auf den Markt, während das Design von Münzen und
Geldscheinen in der Regel für mehrere Jahrzehnte unverändert bleibt, um
damit die Stabilität der Währung auszudrücken. Dementsprechend bieten
Briefmarken mehr Platz für eine größere Bandbreite an unterschiedlichen
Motiven als Münzen oder Geldscheine. Im Gegensatz zu den Banknoten lassen
sich auf US-Briefmarken tatsächlich zahlreiche überregionale und Weltkarten
sowie Globusdarstellungen finden. 13
Zum anderen unterscheiden sich Briefmarken von staatlichen Zahlungsmit-
teln hinsichtlich ihrer Reichweite. Nationale Währungen werden in der Regel
nur in dem Land, in dem sie ausgegeben werden, verwendet. Briefmarken
hingegen werden auch für den internationalen Postverkehr produziert: Sie
10 Vgl. Henio Hoyo: Posting Nationalism. Postage Stamps as Carriers of Nationalist Messages, in:
Joan Burbick/William R. Glass (Hrsg.): Beyond Imagined Uniqueness. Nationalisms in Con-
temporary Perspectives, Cambridge 2010, S. 67–92; Jan Penrose: Designing the Nation. Bank-
notes, Banal Nationalism and Alternative Conceptions of the States, in: Political Geography 30
(2011) 8, S. 429–440; Desirée Barlava: »Novus Ordo Seclorum – Die Geburt unserer Nation war
der Beginn einer neuen Geschichte«. Selbstverständnis und Selbstdarstellung der Amerikaner
im Spiegel der ONE-Dollar-Note, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 49 (1998) 11,
S. 702–708.
11 Vgl. Gottfried Gabriel: Aesthetics and Political Iconography of Money, in: Udo J. He-
bel/Christoph Wagner (Hrsg.): Pictorial Cultures and Political Iconographies. Approaches, Per-
spectives, Case Studies from Europe and America, München 2011, S. 419–428, hier: S. 420, 422.
12 Für Geldscheine als Massenkommunikationsmittel in den USA siehe Josh Lauer: Money as
Mass Communication. U.S. Paper Currency and the Iconography of Nationalism, in: Commu-
nication Review 11 (2008) 2, S. 109–132.
13 Zum Vergleich von Briefmarken und Geld in Form von Münzen und Banknoten siehe Gott-
fried Gabriel: Ästhetik und Rhetorik des Geldes, Stuttgart-Bad Cannstatt 2002, S. 38–41; ders.:
Ästhetik und politische Ikonographie der Briefmarke, in: Zeitschrift für Ästhetik und allgemei-
ne Kunstwissenschaft 54 (2009) 2, S. 183–201, hier: S. 187–191.
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überschreiten regelmäßig Grenzen und können somit zur Bildung einer supra-
nationalen Identität beitragen. Briefmarken konstituieren »die Bildersprache
des Weltverkehrs« 14, wie Aby Warburg es am 13. August 1927 in einem Vor-
trag in seiner kulturwissenschaftlichen Bibliothek im Beisein des Reichskunst-
warts Edwin Redslob ausdrückte. Deshalb sind Briefmarken wichtige Quellen
für die Erforschung räumlicher Wahrnehmungen und in diesem Fall der Ent-
stehung eines transatlantischen Gemeinschaftsbewusstseins.
Zur Beantwortung der Forschungsfrage wird im Folgenden untersucht, wie
sich die Darstellungen von Weltkarten auf US-Briefmarken in der Mitte des
20. Jahrhunderts gewandelt haben, um den Ost-West-Konflikt zu visualisieren
und die Vorstellung, dass Amerika mit Westeuropa in einer ›atlantischen Ge-
meinschaft‹ verbunden ist, zu propagieren. Dazu werden alle Briefmarken, die
zwischen den 1920ern und 1950ern herausgegeben wurden und eine Darstel-
lung eines Globus oder eine Landkarte enthalten, auf der mehr als nur das
Territorium der USA oder eines amerikanischen Einzelstaates zu sehen ist, auf
ihre Darstellungsweise hin analysiert. 15 Briefmarken, die zwar einen Globus
abbilden, auf dem jedoch keine Erdteile oder Meere eingezeichnet sind, wer-
den aus der Untersuchung ausgeklammert, da sie für die Frage nach der men-
talen räumlichen Verortung Amerikas in der Welt unerheblich sind. 16
14 C. H. W.: Die Briefmarke als Kulturdokument.
15 Das National Postal Museum in Washington, D.C., hat alle in den USA erschienen Briefmarken
in einem Onlinekatalog zusammengestellt: https://postalmuseum.si.edu/research/topical-
reference-pages/the-complete-collection-of-us-stamps.html (letzter Zugriff: 15. März 2018). Al-
le in den USA vor 1961 erschienenen Postwertzeichen können außerdem inklusive relevanter
dazugehöriger Daten und Bildbeschreibungen gefunden werden in: United States Post Office
Department (Hrsg.): Postage Stamps of the United States. An Illustrated Description of All Uni-
ted States Postage and Special Service Stamps Issued by the Post Office Department from July 1,
1847, to December 31, 1961, Washington, D.C. 1962.
16 Dies betrifft zum einen die fünf von C.A. Huston und A.R. Meissner vom Bureau of Engraving
and Printing in den 1930ern herausgegebenen Luftpostbriefmarken, die das Abzeichen der
Postpiloten – einen Globus, der auf beiden Seiten ausgebreitete Flügel hat, aber weder Land-
massen noch Ozeane erkennen lässt – als Motiv haben: die am 10. Februar 1930 herausgegebe-
ne, per Flachdruck hergestellte, violette 5-Cent-Briefmarke (Scott, USA, C12), die am 19. Au-
gust 1931 zum Verkauf freigegebene mit der vorigen identische, aber per Rotationsdruck herge-
stellte 5-Cent-Briefmarke (Scott, USA, C16), die am 26. September 1932 veröffentlichte
olivgrüne 8-Cent-Briefmarke (Scott, USA, C17), die am 1. Juli 1934 herausgegebene orangene
6-Cent-Briefmarke (Scott, USA, C19) sowie die am 16. Mai 1939 der Öffentlichkeit präsentierte
blaue 30-Cent-Briefmarke (Scott, USA, C24). Zu diesen Briefmarken siehe Beverly S. King/Max
G. Johl: The United States Postage Stamps of the Twentieth Century, 4 Bde., New York 1932–
1938. Bd. 3, S. 221–229. Zum anderen betrifft dies die rötliche von Robert Baker gestaltete und
am 20. April 1959 anlässlich des vom 19. bis 25. April desselben Jahres in Washington, D.C. ta-
genden 17. Kongresses der Internationalen Handelskammer herausgegebene 8-Cent-Briefmarke
World Peace through World Trade (Scott, USA, 1129). Diese zeigt einen Lorbeerzweig vor ei-
nem Globus, auf dem Längen- und Breitengrade eingezeichnet sind, der aber ansonsten keine
Markierungen aufweist. Für weitere Informationen zu diesem Postwertzeichen siehe 8-Cent
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Der Beginn des Untersuchungszeitraums ergibt sich aus der Tatsache, dass
Briefmarken, die vor 1927 herauskamen, keine Globen oder Landkarten, die
mehr als nur die USA oder Teile davon zeigen, enthalten. 17 Der Abschluss
Ende der 1950er-Jahre ist dem Umstand geschuldet, dass kartographische
Darstellungen ab 1960 vielseitiger wurden und keinem einheitlichen Muster
mehr folgten, was sich damit erklären lässt, dass sich der Kalte Krieg nach der
Lösung der Berlinkrise von Europa weg in die Dritte Welt verlagerte und damit
die kartographische Darstellung des Ost-West-Konflikts schwieriger wurde. 18
Die Abgrenzung des Untersuchungszeitraums ergibt sich darüber hinaus
aus den sich ab 1957 ändernden Produktionsbedingungen. Vor diesem Jahr
gab es keinen formalen Auswahlprozess für Briefmarkenmotive und -designs.
Es lag im freien Ermessen des Postmaster General (also des Bundespostminis-
ters), welche Themen auf welche Art und Weise auf Briefmarken behandelt
wurden. Manchmal erbat das Weiße Haus Briefmarken, die an ein bestimmtes
Ereignis oder eine Person erinnern sollten, wie zum Beispiel in den 1930ern,
als sich Präsident Franklin Delano Roosevelt, der passionierter Philatelist war,
in den Auswahlprozess von Briefmarkenmotiven und -designs einschaltete.
Manchmal schlugen auch verschiedene Ministerien wie das Department of
State bestimmte Briefmarkenmotive vor. Gelegentlich drängten Repräsentan-
ten und Senatoren den Postmaster General, Briefmarken herauszugeben, die
World Peace through World Trade Commemorative Postage Stamp, in: Postal Bulletin, 19.
März 1959, S. 1.
17 In den ersten acht Jahrzehnten nach Erscheinen der ersten Briefmarke in den USA im Jahre
1847 wurden vor allem Porträts von Präsidenten sowie amerikanische Landschaftsmotive und
später dann auch Darstellungen historischer Ereignisse als Motive gewählt. Für detaillierte Be-
schreibungen der im 19. Jahrhunderts herausgegebenen amerikanischen Briefmarken siehe Les-
ter G. Brookman: The 19th Century Postage Stamps of the United States, 2 Bde., New York
1947.
18 Die Darstellungen auf den sieben Briefmarken, die zwischen 1960 und 1990 herausgegeben
wurden und über die USA hinausgehendes kartographisches Material enthielten, waren durch-
weg unterschiedlich. Sie reichen von zwei sich ergänzenden Blickwinkeln auf den Globus, die
die Welt entlang des Nullmeridians teilen, auf der blauen anlässlich der National Automobile
Show in Detroit herausgegebenen, von Arnold J. Copeland gestalteten, weiß-blauen 4-Cent-
Briefmarke Wheels of Freedom vom 15. Oktober 1960 (Scott, USA, 1129) über eine Darstellung
des Globus, der Nordamerika, den Atlantik und Europa zeigt, auf der am 3. Mai 1963 anlässlich
des 100. Jubiläums der ersten internationalen Postkonferenz herausgegebenen roten 15-Cent-
Luftpostbriefmarke (Scott, USA, C66), eine Weltkarte in der Mercator-Projektion auf der aus
Anlass des 100. Jahrestages der internationalen Fernmeldeunion am 6. Oktober 1965 veröffent-
lichten weiß-braunen 11-Cent-Briefmarke (Scott, USA, 1274), eine Karte Nord- und Südameri-
kas auf der zum HemisFair erschienenen rot-blauen 6-Cent-Briefmarke vom 6. April 1968
(Scott, USA, 1340), eine Darstellung des Globus, der alle Erdteile zeigt, auf der am 29. Septem-
ber 1975 herausgegebenen 10-Cent-Briefmarke World Peace through Law (Scott, USA, 1576)
bis zu einer Gegenüberstellung der westlichen und östlichen Hemisphäre auf den Luftpostwert-
zeichen im Wert von 25 beziehungsweise 31 Cent vom 2. Januar 1976 (Scott, USA, C89 und
C90).
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Personen oder Organisationen darstellten, die von ihren Wählern oder Lobby-
isten vorgeschlagen worden waren. Infolgedessen wurden Briefmarken in
dieser Zeit zum Beispiel der Stahlindustrie, dem Fuhrwesen, den Eisenbahnin-
genieuren, dem Bankgewerbe oder der Geflügelindustrie gewidmet. 19
Da der Auswahlprozess vor 1957 also recht willkürlich, jedenfalls keinen
klaren Regeln unterworfen war, war die US-Bundesregierung über den Post-
master General vollkommen frei in ihren Entscheidungen und konnte Brief-
markendarstellungen nach Belieben und nach politischem Kalkül auswählen.
Da aufgrund des Fehlens transparenter Auswahlmethoden Motive und De-
signs von Briefmarken in dieser Zeit problemlos und schnell nach politischer
Interessenlage geändert werden konnten, lässt sich durch die Analyse von
Briefmarken rekonstruieren, welche neue Weltbilder wann opportun erschie-
nen und propagiert werden sollten.
Im Jahr 1957 allerdings änderten sich die Produktionsbedingungen. Seit-
dem wählt das Citizen’s Stamp Advisory Committee die Motive, die auf ameri-
kanischen Briefmarken dargestellt werden, aus. Diese Gruppe besteht aus zwölf
bis fünfzehn Mitgliedern, die vom Postmaster General (seit 1971 nicht mehr
Bundespostminister, sondern Vorsitzender der amerikanischen Bundespost)
ernannt werden, und begutachtet die von amerikanischen Bürgern eingereich-
ten Vorschläge, was auf Briefmarken abgebildet werden könnte. Nachdem das
Komitee die Ideen diskutiert hat, schickt es seine Empfehlungen an den Post-
master General, dem die endgültige Entscheidung obliegt, der aber in der Regel
dem Rat des Komitees folgt. Nachdem die Themen ausgewählt worden sind,
beauftragt das Komitee Künstler damit, Designvorschläge zu erstellen. Das
Komitee wählt daraus jeweils ein Design aus und schlägt es dem Postmaster
General vor, der wiederum die endgültige Entscheidung fällt. Daraufhin wer-
den die Briefmarken gedruckt und verkauft. Seit 1957 ist der Auswahlprozess
also formalisiert und nicht mehr unmittelbar politisch steuerbar. Einige Stan-
dards geben darüberhinaus vor, welche Themen grundsätzlich in Frage kom-
men, um Konsistenz zu gewährleisten (grundsätzlich gilt zum Beispiel, dass
nur amerikanische beziehungsweise Amerika betreffende Themen ausgewählt
und keine lebenden Personen auf Briefmarken geehrt werden dürfen sowie
dass an historische Ereignisse nur an besonderen Jahrestagen erinnert werden
darf). 20
19 United States Senate (Hrsg.): The Issuance of Semipostal Stamps by the U.S. Postal Service.
Hearing Before the International Security, Proliferation, and Federal Services Subcommittee of
the Committee on Governmental Affairs, United States Senate, 106th Congress, 2nd Session,
May 25, 2000, Washington, D.C. 2000, S. 20.
20 Zum seit 1957 bestehenden Auswahlprozess und den Auswahlkriterien siehe: http://about.
usps.com/who-we-are/csac/ (letzter Zugriff: 15. März 2018).
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Im Anschluss an die Analyse des kartographischen Materials auf den ameri-
kanischen Briefmarken werden einige Überlegungen zu den Problemen von
Briefmarken als historischen Quellen, die bei einer Einschätzung der Ereignisse
berücksichtigt werden müssen, angestellt.
3 Der Wandel von Weltkarten auf US-Briefen in der Mitte des
20. Jahrhunderts
Unter dem Eindruck des Kalten Krieges veränderten sich in der Mitte des
20. Jahrhunderts die Darstellungen von Karten auf amerikanischen Briefmar-
ken. Propagierten diese bis zum Zweiten Weltkrieg die Vorstellung von Ame-
rika als von Ozeanen umgebener Insel, die gänzlich unabhängig und mit ande-
ren Erdteilen unverbunden war, präsentierten sie Amerika zunehmend als Teil
einer Nordamerika und Westeuropa umfassenden ›atlantischen Gemein-
schaft‹. Dieser Wandel vollzog sich Ende der 1940er- und Anfang der 1950er-
Jahre.
Die blaue 5-Cent-Briefmarke, die am 30. Januar 1946 anlässlich des Todes
des amerikanischen Präsidenten Roosevelt am 12. April des vorigen Jahres
herauskam, ist noch der traditionellen Konzeption von den USA als exzeptio-
neller Nation verhaftet (Abb. 1). Sie war Teil einer vierteiligen Briefmarkense-
rie, die den verstorbenen Präsidenten, der von 1933 bis 1945 amerikanisches
Staatsoberhaupt und damit Commander-in-Chief während des Zweiten Welt-
krieges gewesen war, ehren sollte, und zeigt ein Porträt von Roosevelt im Oval
auf der linken (Name sowie Geburts- und Sterbejahr stehen darunter) sowie
das Abbild eines Erdglobus auf der rechten Seite. Beide sind von Wolken um-
geben. Im Vordergrund des Globus sind in weiß die vier Freiheiten abge-
druckt, die, wie Roosevelt dem US-Kongress in seiner jährlichen Ansprache
am 6. Januar 1941 mitteilte, überall in der Welt zu verteidigen seien: »Freedom
of Speech and Religion, from Want and Fear.« 21
Die Orientierung des Erdballs verdeutlicht die Perspektive eines Amerikas,
das gerade an zwei großen Kriegen teilgenommen hatte – einem Krieg in Eu-
ropa und einem Krieg im Pazifik – und das deshalb keiner Himmelsrichtung
im Besonderen zugeneigt ist: Amerika erscheint in der Mitte des Globus, um-
geben von Ozeanen. Der Rest der Welt liegt unsichtbar auf der anderen Seite
der Erdkugel. Es ist zwar keine Botschaft des Isolationismus (die Erwähnung
der global durchzusetzenden vier Freiheiten verhindert eine solche Deutung),
aber es ist doch im wahrsten Sinne des Wortes amerikazentrisch. Nach dieser
21 Für weitere Informationen zu der Briefmarke siehe 5-Cent Roosevelt Memorial Stamp, in:
Postal Bulletin, 11. Januar 1946, S. 2.
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Darstellung von Amerika als einer vom Rest der Welt getrennten Insel sind die
USA vollkommen unabhängig.
Diese Darstellung von Amerika in der Mitte des Globus mit den anderen
Landmassen jenseits des Sichtfelds war dabei kein Unikum, sondern hatte sich
zu dieser Zeit bereits als Muster etabliert, wie die von Victor S. McCloskey Jr.
(seit 1930 Graveur am Bureau of Engraving and Printing) nach einem Design-
vorschlag von Everett A. Vordenbaum (Postmaster in Randolph Field, Texas)
gestaltete, für internationale Postsendungen bestimmte blaue 5-Cent-
Briefmarke, die anlässlich der Zehnten Olympischen Spiele in Los Angeles am
15. Juni 1932 herausgegeben worden war, verdeutlicht (Abb. 2). 22 Sie zeigt den
ikonischen Diskobolos von Myron, eine berühmte griechische Skulptur aus dem
5. Jh. v. Chr., die nach Wiedereinführung der Olympischen Spiele Ende des 19.
Jahrhunderts auf Plakaten und Briefmarken häufig als Symbol für die sportli-
chen Wettkämpfe genutzt wurde. 23 Der Diskurswerfer befindet sich innerhalb
eines Tafelbildes in Form eines Hufeisens vor einem von Wolken umringten
Erdglobus, auf dem Nord- und Südamerika umgeben vom Atlantik und Pazifik
zu sehen sind. Die eurasische Landmasse und Afrika liegen bis auf minimale
Andeutungen an den Rändern außerhalb des Sichtfeldes. Nur die zu den USA
gehörenden hawaiianischen Inseln sind überdimensioniert im Stillen Ozean zu
erkennen. 24
Ein weiteres Beispiel für die in den 1930ern und 1940ern populäre amerika-
zentrische Darstellung von Globen ist die anlässlich der zweiten Antarktis-
Expedition von Richard E. Byrd am 9. Oktober 1933 zum Verkauf freigegebene
und ebenfalls von McCloskey entworfene blaue 3-Cent-Sondermarke (Abb. 3).
Für eine zusätzliche Gebühr von 50 Cent konnte mit dieser Briefmarke Post,
die von dem Expeditionsteam transportiert wurde, über die Antarktis ver-
schickt werden (insgesamt wurden zu diesem Zweck mehr als 30.000 frankierte
Briefumschläge mit auf die Reise genommen, die dann in der Nähe des Süd-
pols abgestempelt wurden). Die Idee für das Motiv sowie der Vorschlag für das
Design kamen beide vom damaligen Präsidenten der USA, der damit öffentli-
22 Bereits 1930 hatte der Kongress dem Postmaster General Walter Folger Brown vorgeschlagen,
eine Briefmarkenserie zur Eröffnung der Olympischen Spiele 1932 herauszugeben. Im Sommer
1931 wiederholte der Präsident des Olympischen Komitees diesen Wunsch nach einer Sonder-
marke und fand bei Brown, der das Bureau of Engraving und Printing anschließend beauftragte,
entsprechende Designentwürfe vorzubereiten, Gehör. King/Johl: The United States Postage
Stamps. Bd. 2, S. 187.
23 Vgl. beispielsweise die anlässlich der ersten neuzeitlichen Olympischen Spiele am 25. März 1896
herausgegebenen lilafarbenen und grauen Briefmarken aus Griechenland (Michel, Griechen-
land, 98 und 99) oder die am 20. Mai 1920 anlässlich der siebten Olympischen Spiele in Ant-
werpen herausgegebene grüne Briefmarke (Michel, Belgien, 159).
24 Zusätzliche Daten zur Briefmarke finden sich in: The Xth Olympiad Commemorative Stamp,
in: Postal Bulletin, 6. Juni 1932, S. 1.
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ches Interesse an der Südpolexpedition erzeugen wollte. 25 Der von Wolken
umrahmte Globus in der Mitte des Postwertzeichens zeigt Nord- und Südame-
rika im Zentrum, Europa, Vorderasien und Afrika im Osten, Ostasien, Austra-
lien und Neuseeland im Westen sowie die Antarktis mit dem eingetragenen
Basislager der Expedition Little America im Süden. Gestrichelte Linien verwei-
sen auf die Routen bisher getätigter und noch auszuführender Flüge zur Ant-
arktis beziehungsweise zum Südpol sowie zum Nordpol. 26
Die Darstellung auf zwei der drei anlässlich des 75-jährigen Jubiläums des
Weltpostvereins am 7. Oktober beziehungsweise 30. November 1949 herausge-
gebenen Briefmarken unterscheidet sich zwar vordergründig von den zuvor
genannten Motiven, verkündet aber eine ähnliche Botschaft. 27 Die blaue 15-
Cent-Briefmarke (Abb. 4) zeigt den östlichen Teil von Amerika sowie den mit
ihm durch den Atlantik verbundenen westlichen Teil Eurasiens und Afrika.
Der Globus wird von weißen Brieftauben umflogen. 28 Die als Pendant dazu
gestaltete rote 25-Cent-Briefmarke (Abb. 5) wiederum zeigt den Pazifik, der
den westlichen Teil von Amerika mit Ostasien sowie Australien verbindet, vor
einem dunklen Hintergrund. Über dem Ozean fliegt ein viermotoriges Post-
flugzeug. 29 Zusammengenommen verdeutlichen die Briefmarken zwar Ameri-
kas Verbindungen zum Rest der Welt jenseits der es umgebenden Ozeane, aber
sie stellen die USA wiederum in die Mitte des Weltgeschehens. Amerika er-
scheint als Nabel der Welt, der keiner Weltregion außerhalb der westlichen
Hemisphäre den Vorzug gibt.
Dies waren im Untersuchungszeitraum die letzten Briefmarken, die diesem
amerikazentrischen Muster folgten. Von nun an sollte sich die Darstellungs-
weise ändern, um der zunehmenden Teilung der Welt in einen ›Westen‹ und
einen ›Osten‹ Rechnung zu tragen und Amerika als Teil der ›atlantischen Ge-
meinschaft‹ zu präsentieren.
Wie auf der für inländische Briefsendungen gefertigten 3-Cent-Briefmarke
(Abb. 6) von 1952, die das dreijährige Bestehen der NATO feiert, sichtbar
wird, hat sich die Perspektive leicht, aber entscheidend geändert. Abgesehen
davon, dass nur die Nordhalbkugel zu sehen ist, wurde der Globus so gedreht,
25 King/Johl: The United States Postage Stamps. Bd. 4, S. 71–73.
26 Zu dieser Briefmarke s. auch: Little America Postage Stamp, in: Postal Bulletin, 25. September
1933, S. 1.
27 Die dritte Briefmarke der Serie (Scott, USA, C42) im Wert von 10 Cent und in lila, die am 18.
November 1949 herausgegeben wurde, zeigt das Gebäude des Post Office Department in
Washington, D.C. Zwar enthält sie oben links auch einen Globus hinter einem Flugzeug. Auf
der Erdhalbkugel sind jedoch weder Kontinente und Ozeane eingetragen.
28 Für weitergehende Informationen siehe Fifteen-Cent Universal Postal Union Air Mail Com-
memorative Stamp, in: Postal Bulletin, 15. September 1949, S. 1.
29 Die für die Briefmarke relevanten Daten finden sich in: Twenty-Five Cent Universal Postal
Union Air Mail Commemorative Stamp, in: Postal Bulletin, 1. November 1949, S. 2.
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dass wir inzwischen weniger vom Pazifik, aber dafür Westeuropa sehen. Der
Nordatlantik erscheint hier als Brücke, die beide Pfeiler der ›atlantischen Ge-
meinschaft‹, die durch zwei Hände, die zusammen die Fackel der Freiheit hal-
ten, repräsentiert sind, verbindet. Das Ansinnen dieser Briefmarke war ange-
sichts des Bildprogramms offensichtlich, in den USA eine transatlantische
›westliche‹ Identität, die auf demokratischen Werten beruht, zu befördern –
ein Vorhaben, das angesichts der Tatsache, dass die Produzenten offensichtlich
glaubten, Wissen über die NATO sei noch nicht genug verbreitet, um es bei
einem Akronym belassen zu können, sondern es für nötig hielten, »North
Atlantic Treaty Organization« auf der Briefmarke auszuschreiben, geboten
schien. 30 Der historische Kontext spricht ebenfalls dafür, dass mit dieser
Briefmarke bewusst politische Propaganda betrieben werden sollte. 1951 war
gerade erst die sogenannte Great Debate, die sich an Trumans Entscheidung,
vier amerikanische Divisionen als Teil einer integrierten NATO-Truppe nach
Westeuropa zu verlegen, entzündet hatte, über Amerikas Nachkriegspolitik
geführt worden, und 1952 strebte Senator Robert A. Taft aus Ohio, der bei
einem Wahlsieg Amerikas transatlantische Verpflichtungen zurückfahren
wollte, (wie sich später herausstellte vergeblich) die republikanische Präsident-
schaftskandidatur an. 31
Die These, dass mit der Briefmarke öffentliche Unterstützung für Amerikas
NATO-Mitgliedschaft erzeugt werden sollte, wird auch durch die Art und
Weise, wie sie zustande gekommen ist, gestützt. Das Motiv geht auf eine Initia-
tive des Department of State zurück, das auch einen Sketch für das Design
lieferte, das Charles R. Chickering vom Bureau of Engraving and Printing (ein
graphischer Künstler, der insgesamt 77 Briefmarken für die amerikanische
Bundespost entwarf) anschließend nutzte, um die Briefmarke zu gestalten. Die
Briefmarke wurde am 4. April 1952, genau drei Jahre nach Unterzeichnung des
NATO-Vertrages, im Weißen Haus veröffentlicht. Anschließend signierte
Präsident Harry S. Truman im Beisein des Außenministers und Postministers
mehrere Bogen dieser Briefmarke, die an alle Staatsoberhäupter der NATO-
Mitgliedsstaaten verschickt wurden. 32 Die New York Times sprach im Zusam-
menhang mit der Herausgabe der NATO-Briefmarke von einem »Philatelic
Cold War« und verglich sie mit ähnlichen Briefmarken aus der Sowjetunion
30 Weitere Detailinformationen zu der Briefmarke finden sich in: 3-Cent North Atlantic Treaty
Organization Commemorative Postage Stamp, in: Postal Bulletin, 6. März 1952, S. 1.
31 Für die Great Debate siehe David R. Kepley: The Senate and the Great Debate of 1951, in:
Prologue 14 (1982), S. 212–226; Ted Galen Carpenter: United States’ NATO Policy at the
Crossroads. The ›Great Debate‹ of 1950–1951, in: International History Review 8 (1986) 3,
S. 389–415.
32 Daily Appointment Sheet for President Truman, 2. April 1952, Harry S. Truman Library &
Museum, Matthew J. Connelly Files, Box 7.
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und der DDR (betonte allerdings auch, dass ›der Westen‹ Postwertzeichen
nicht in demselben Maße wie ›der Osten‹ für »the propagandist’s purpose«
verwendete). 33
Die große Bedeutung der Briefmarke für den Wandel des amerikanischen
Weltbildes wird zum einen durch die hohe Auflage von fast 3 Milliarden
Exemplaren deutlich. 34 Nur eine einzige US-amerikanische Briefmarke war
zuvor in so hoher Zahl gedruckt worden (die 1932 zum 200. Geburtstag von
George Washington herausgegebene 2-Cent-Briefmarke). Man kann deshalb
durchaus von einem ›best-seller‹ sprechen. 35 Zum anderen lässt sich die Bedeu-
tung der NATO-Briefmarke von 1952 daran ablesen, dass die mit ihr einge-
führte neue Art der Repräsentation kein Einzelfall blieb, sondern den neuen
Standard für zukünftige kartographische Darstellungen auf amerikanischen
Briefmarken definierte. Tatsächlich folgten alle Briefmarken, die Landkarten
enthielten, bis 1960 diesem Muster, das heißt, sie zeigten die USA zusammen
mit Westeuropa. Landkarten, die ausschließlich Nord- und Südamerika und
die sie umgebenden Ozeane zeigten, kamen dagegen aus der Mode.
Die am 21. November 1952 ebenfalls für den Versand von Standardbriefen
im Inland herausgegebene blaue 3-Cent-Briefmarke zur Ehrung des Internati-
onalen Roten Kreuzes nimmt einen ähnlichen Blickwinkel wie die NATO-
Freimarke ein (Abb. 7). Diesem Ausschnitt nach besteht die relevante Welt aus
Nordamerika und Westeuropa, der ›atlantischen Gemeinschaft‹, die von dem
Licht, das von einem sonnengleichen roten Kreuz auf der rechten Seite aus-
strahlt, erleuchtet wird. Die kommunistischen Staaten sind außer Sicht bezie-
hungsweise anders ausgedrückt: Sie befinden sich im Dunkeln. Anders als das
vorige Postwertzeichen ist die Briefmarke offensichtlich nicht auf die Nord-
halbkugel beschränkt, sondern zeigt auch Südamerika und Westafrika. Dieser
Umstand ist allerdings mutmaßlich den geographischen Fakten geschuldet, die
sich auch von politische Interessen verfolgenden Kartenproduzenten nicht
willkürlich verzerren lassen. Sollte ein Abbild des Globus gezeigt werden, auf
dem Nordamerika und Westeuropa zu sehen sind, ließen sich Westafrika und
Südamerika nun einmal nicht ohne drastische und offensichtliche Verfäl-
schungen verschweigen, auch wenn es bei der politischen Botschaft nicht vor-
rangig um die Südhalbkugel ging. Deshalb ist davon auszugehen, dass die sub-
33 Philatelic Cold War, in: New York Times Magazine, 4. Mai 1952, S. 30.
34 Insgesamt wurden 2.899.580.000 dieser NATO-Briefmarken gedruckt (Michel. USA-Spezial
1980, München 1979, S. 142).
35 Harry Tennant/Scott Hershley: Nearly Everybody Wants to Get into the Stamp Act, in: Ameri-
can Mercury 76 (1953), S. 79–83. Für einen Überblick über US-amerikanische NATO-
Briefmarken siehe: Matin Modarressi: Philatelic Propaganda. U.S. Postage Stamps During the
Cold War, in: Journal of Cold War Studies 19 (2017) 3, S. 196–201.
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tile Botschaft dieser Briefmarke ist, dass die USA vor allem mit Westeuropa
verbunden sind und derselben Sphäre zugehören. 36
Diese Veränderung des Blickwinkels sticht noch mehr hervor, wenn man
die Briefmarke mit derjenigen vergleicht, die am 21. Mai 1931 angesichts des
50-jährigen Jubiläums des Amerikanischen Roten Kreuzes auf Bitte derselben
Organisation hin herausgegeben worden war (Abb. 8). Auf dieser 2-Cent-
Briefmarke für den Versand von Briefen im Inland (damals war das Porto
noch einen Cent günstiger) wird das Rote Kreuz durch eine Krankenschwester
personifiziert, möglicherweise ein Verweis auf Clara Barton, die das Amerika-
nische Rote Kreuz am 21. Mai 1881 gegründet und bis 1904 als seine Präsiden-
tin fungiert hatte. Die Figur ist eine Variation von The Greatest Mother, einem
von dem New Yorker Graphiker und Graveur Lawrence Wilbur gestaltetem
Poster von 1930, mit dem zur Mitgliedschaft im Roten Kreuz aufgerufen wor-
den war. 37 Sie hält ihre Hand über den Globus unten links, der so gewendet ist,
dass nur die westliche Hemisphäre zu erkennen ist. In dieser traditionellen
Darstellung erscheint Amerika noch als räumlich losgelöste Einheit, die vom
Rest der Welt, von der wir kaum etwas erkennen können, getrennt ist und eine
eigene Sphäre verkörpert. Das Licht, das von der rechten Hand der Kranken-
schwester ausströmt, scheint ausschließlich auf Nordamerika, während die
übrigen Weltregionen allmählich in der Dunkelheit verschwinden. 38
Dass sich die neue Sichtweise auf den Globus als neuer Standard durchsetz-
te, wird auch auf der blauen 8-Cent-Briefmarke für internationale Sendungen,
die am 23. Februar 1955 anlässlich des 50-jährigen Bestehens von Rotary Inter-
national, das am 23. Februar 1905 von Paul P. Harris in Chicago gegründet
worden war, herausgegeben wurde, erkennbar (Abb. 9). 39 Der auf der Brief-
marke abgedruckte Erdball, der den internationalen Wirkungsbereich des
Rotary Clubs verdeutlichen sollte, ist wieder so gedreht, dass nur die ›Atlanti-
sche Gemeinschaft‹ sichtbar ist, während die kommunistischen Staaten des
›Ostens‹ außer Betracht bleiben. Die brennende Fackel auf der linken Seite ist
über der amerikanischen Ostküste platziert. Nach der Symbolik der Briefmarke
36 Für relevante Daten der Briefmarke siehe 3-Cent International Red Cross Comemorative
Postage Stamp, in: Postal Bulletin, 4. November 1952, S. 2.
37 King/Johl: The United States Postage Stamps. Bd. 2, S. 115–119.
38 Zu dieser Briefmarke siehe auch: Red Cross Commemorative Postage Stamp, in: Postal Bulletin,
5. Mai 1931, S. 1.
39 Rotary International beauftragte W. W. Wind, den Gewinner eines internationalen Briefmar-
kengestaltungspreises der Vereinten Nationen, damit, die Briefmarke zu designen. Sie wurde
erstmals am 23. Februar 1955 in Chicago bei den Jubiläumsfeierlichkeiten des Rotary Clubs ver-
kauft. Das allegorische Design der Briefmarke sollte nach Aussage von Rotary International Ge-
dankenfreiheit, internationale Verständigung, guten Willen und Weltfrieden zum Ausdruck
bringen. Vgl. Pierre Yvert: The Rotary Stamp Story to Date, in: The Rotarian. An International
Magazine, Juni 1955, S. 18.
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sind die USA Quelle der Aufklärung (auf Englisch: Enlightenment, was wört-
lich übersetzt ›Erleuchtung‹ bedeutet) und von ihr strahlt das Licht der Freiheit
in andere Weltregionen aus. Bisher wurde allerdings nur Westeuropa erleuch-
tet, während der ›Osten‹ noch in Dunkelheit, ergo: in Unfreiheit verweilt. Afri-
ka wird durch das Zahnrademblem von Rotary International verdeckt, der
globale Süden spielt also in der dargestellten Zweiteilung der Welt nur eine
untergeordnete Rolle. 40
Das Weltbild, das amerikanische Briefmarken im frühen Kalten Krieg ver-
mitteln sollten, kommt auf der für den inländischen Versand von Standard-
briefen am 28. Juli 1955 herausgegebenen und von dem Künstler George R.
Cox, dem leitenden technischen Illustrator des Brookhaven National Laborato-
ry in Upton, New York, gestalteten blauen 3-Cent-Briefmarke, die anlässlich
des Auftaktes des Atome für den Frieden-Programms der amerikanischen
Bundesregierung erschien, vielleicht am bemerkenswertesten zum Ausdruck
(Abb. 10). Dieses Programm zielte darauf ab, Amerikas Verbündeten zu hel-
fen, Nuklearforschung zu betreiben und diese zur friedlichen Energiegewin-
nung zu nutzen. Dafür stellten die USA ihren Alliierten Ausstattung und In-
formationen bereit. Im Besonderen sollte das Programm die Westeuropäer
davon überzeugen, dass die USA weiterhin ihre Sicherheit garantieren, aber
eben keinen Atomkrieg provozieren wollten – eine Sorge, die durch die neue
Strategie der Eisenhower Administration, aus Kostengründen in Europa kon-
ventionelle Truppen durch billigere Nuklearwaffen zu ersetzen, geweckt wur-
de. 41 Mit der passenden Briefmarke zu diesem Programm sollte nun auf die
Friedenspropaganda auf sowjetischen und anderen osteuropäischen Postwert-
zeichen reagiert werden, wie die New York Times berichtete. 42
Die Briefmarke bildet zwei sich ergänzende Darstellungen des Erdballs, die
zusammen ein vollständiges Bild der Welt zeichnen, ab. 43 Beide Sphären wer-
den von orbitalen Ellipsen, die die Atomenergie symbolisieren, umkreist. Diese
Sphärendarstellung zeigt noch deutlicher als die vorigen Briefmarken, dass die
40 Für weitere Details zur Briefmarke siehe New 8-Cent Commemorative Stamp, in: Postal Bulle-
tin, 18. Januar 1955, S. 1–2.
41 Für das Atome für den Frieden-Programm und Eisenhowers Nuklearstrategie siehe Richard G.
Hewlett/Jack M. Holl: Atoms for Peace and War, 1953–1961. Eisenhower and the Atomic Ener-
gy Commission, Berkeley, CA 1989.
42 Kent B. Stiles: News of the World of Stamps, in: New York Times, 24. April 1955, Sektion 2,
S. 44.
43 Die Hinzufügung einer zweiten Globusdarstellung zum Erhalt eines vollständigen Blicks auf
alle Erdteile war angesichts des behandelten Themas passend. Atomwaffentests, die Sorge vor
der Proliferation von Kernwaffen sowie die Gefahr eines Atomkrieges waren globale Probleme
und der nukleare Wettlauf wurde erst durch den Kalten Krieg zwischen ›Ost‹ und ›West‹ ange-
trieben. Außerdem wäre es makaber gewesen, Japan, das 1945 Opfer zweier Atombombenab-
würfe geworden war, aus einer Graphik zur friedlichen Kernwaffennutzung auszuklammern.
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Welt in einen ›Westen‹ und einen ›Osten‹ geteilt ist. Auf der einen Seite sehen
wir das bekannte Motiv der ›atlantischen Gemeinschaft‹ mit Nordamerika und
Westeuropa, auf der anderen Seite ›den Osten‹, der sich aus Osteuropa und
Asien zusammensetzt. Im buchstäblichen Sinne scheinen ›Westen‹ und ›Osten‹
zwei unterschiedliche aus dem Erdball hervorgehende Welten zu repräsentie-
ren – eine zur dargestellten Thematik passende Metapher, sorgt doch die ato-
mare Spaltung zur Aufteilung eines Kerns in zwei kleinere Kerne. 44 Die Neuar-
tigkeit dieser Darstellungsweise wird ersichtlich, vergleicht man sie mit den bis
dato üblichen hemisphärischen Darstellungen der Welt, die die westliche He-
misphäre mit der ›Neuen Welt‹ der östlichen Hemisphäre mit der ›Alten Welt‹
gegenüberstellten. Solche fanden sich zwar nicht auf Briefmarken, wohl aber
durchgängig in amerikanischen Atlanten aus der Zeit vor dem Kalten Krieg.
Darstellungen, die Amerika und Westeuropa als zur gleichen Sphäre zugehörig
zeigten, waren bis zum frühen Kalten Krieg dagegen beispiellos.
Auch die letzte relevante Briefmarke aus dem Untersuchungszeitraum hebt
wie die vorigen die Verbindung Nordamerikas und Westeuropas hervor. Es
handelt sich um die am 15. August 1958 herausgegebene, von dem italo-
amerikanischen Graphiker George Giusti gestaltete, rosafarbene 4-Cent-
Briefmarke (das Porto für den Versand von inländischen Briefen mit einem
Gewicht von bis zu einer Unze war zuvor angehoben worden), die an den 100.
Jahrestag der Fertigstellung des transatlantischen Kabels erinnert (Abb. 11).
Darauf ist eine verzerrte, tatsächlich nur die Nordhalbkugel umfassende Dar-
stellung des Globus zu sehen, auf der eine das Kabel symbolisierende horizon-
tale Linie beide Erdteile verbindet und damit die ›atlantische Gemeinschaft‹
versinnbildlicht (auch wenn der Strich aus kompositorischen Gründen in der
Mitte platziert wurde und deshalb ins Mittelmeer und nicht direkt nach West-
europa führt). Links ist zudem der Kopf des römischen Meeresgottes Neptun
sowie dessen Attribut, der Dreizack, und rechts der Kopf einer Meerjungfrau
mit einem Seestern auf der Stirn und Seegras an den Haaren zu sehen. Zu-
sammen mit dem Kontrast zwischen der hellen linken und der dunkleren rech-
ten Seite wird dadurch eine Hierarchie zugunsten der USA innerhalb ›des
44 Weitere Daten zur Briefmarke finden sich in: New 3-Cent Atoms for Peace Commemorative
Stamp, in: Postal Bulletin, 12. Juli 1955, S. 1–2; Kent B. Stiles: News of the World of Stamps, in:
New York Times, 17. Juli 1955, Sektion 2, S. 16. Die These, dass die Briefmarke die Zweiteilung
der Welt symbolisieren soll, wird von der Rede von Präsident Eisenhower im Weißen Haus an-
lässlich der Herausgabe des Postwertzeichens unterstützt. Darin zeichnete er ein dichotomes
Bild der Welt, die von der Auseinandersetzung zwischen den Kräften des Guten und des Bösen
gekennzeichnet sei. Text of Atoms for Peace Talk by Eisenhower, in: Los Angeles Times, 29. Juli
1955, S. 11.
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Westens‹ hergestellt. 45 Das Design dieser Briefmarke erinnert an die Briefmar-
ken, die zuvor zum Andenken an Charles A. Lindberghs Atlantiküberquerung
im Flugzeug und den Atlantikflug der Graf Zeppelin sowie anlässlich des In-
ternationalen Zivilluftfahrtkongresses herausgegeben worden waren. 46
4 Herausforderungen von Briefmarken als historischen Quellen
Im Kontext des frühen Kalten Krieges und im Zusammenhang mit Amerikas
militärischen Verpflichtungen gegenüber und wachsender wirtschaftlicher
Verflechtung mit Westeuropa vollzog sich in der Mitte des 20. Jahrhunderts
ein Wandel im Selbstbild Amerikas von einer exzeptionellen, auf Unabhängig-
keit pochenden und sich in Abgrenzung von Europa definierenden Nation zu
45 Zu dieser Briefmarke siehe auch: Atlantic Cable Commemorative Postage Stamp, in: Postal
Bulletin, 10. Juli 1958, S. 1.
46 Die blaue, von Meissner gestaltete 10-Cent-Briefmarke, die nur einen Monat nach der ersten
Non-Stop Alleinüberquerung des Atlantiks durch Colonel Lindbergh am 18. Juni 1927 auf Ini-
tiative des republikanischen Mitglieds des US-Repräsentantenhauses Ernest R. Ackerman aus
New Jersey herausgegeben worden war, zeigt die Spirit of St. Louis über dem Atlantischen Oze-
an Richtung Osten fliegend, die Flugroute, die Ostküste Nordamerikas, die Westküste Europas
sowie die Start- und Landeorte New York und Paris (Scott, USA, C10). Die auf dem Postwert-
zeichen abgedruckte Karte enthält einige geographische Fehler. So wird Neufundland nicht als
zusammenhängende Landmasse, sondern in der Form von drei Inseln gezeigt. Außerdem wur-
de Paris am Ende einer die Stadt mit dem Ärmelkanal verbindenden Bucht statt in der Mitte
von Frankreich platziert. Dem Atlantikflug der Graf Zeppelin wurden als Zeichen des guten
Willens gegenüber Deutschland 1930 gleich drei Briefmarken gewidmet. Zwei davon enthielten
Karten. Die eine Briefmarke, die die Atlantiküberquerung des deutschen Luftschiffes zeigt, war
braun, hatte einen Wert von 1,30 US-Dollar und wurde am 19. April herausgegeben (Scott,
USA, C14). Auf ihr sind rechts Westeuropa und Westafrika und links die Amerikas dargestellt;
der Abfahrtsort Friedrichshafen und die Ankunftsorte New York und Rio de Janeiro sind her-
vorgehoben. Der dazwischen liegende Atlantik wurde verzerrt, um ihn so groß zu machen, dass
das davor platzierte Luftschiff keinen der Kontinente überdeckt. Die andere ebenfalls von Hus-
ton und Meissner gestaltete und am 19. April herausgegebene und in blau gedruckte Zeppelin-
Briefmarke im Wert von 2,60 US-Dollar zeigt das deutsche Luftschiff vor einem von Wolken
umgebenen Globus, der so gedreht ist, dass Westeuropa und Afrika, der Atlantik sowie Ameri-
ka zu sehen sind (Scott, USA, C15). Die am 12. Dezember 1928 zu Beginn des Internationalen
Zivilluftfahrtkongresses, der zum 25-jährigen Jubiläum des ersten mit einem Motor angetriebe-
nen Fluges durch die Gebrüder Wright in Washington, D.C., abgehalten wurde, als Teil einer
zweiteiligen Serie herausgegebene, von Huston designte, blaue 5-Cent-Briefmarke zeigt ein
Flugzeug vor einem Globus, der Westeuropa und Westafrika auf der einen und Amerika auf der
anderen Seite sowie den Atlantik in der Mitte erkennen lässt. Flankiert wird der Erdball und das
Flugzeug vom Washington Monument auf der linken und dem Kapitol auf der rechten Seite
(Scott, USA, 650). Für Detailinformationen zu den vier Briefmarken siehe New 10-Cent Lind-
bergh Air Mail Stamp, in: Postal Bulletin, 10. Juni 1927, S. 1; ›Graf Zeppelin‹ Air Mail Stamps,
in: Postal Bulletin, 4. April 1930, S. 1; International Civil Aeronautics Conference Stamp, in:
Postal Bulletin, 13. November 1928, S. 1; King/Johl: The United States Postage Stamps. Bd. 3,
S. 204–211, 235–240. Bd. 2, S. 63–65.
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einem Teil der supranationalen ›atlantischen Gemeinschaft‹ beziehungsweise
des Westeuropa und Nordamerika verbindenden ›Westens‹. Wie die Analyse
der amerikanischen Briefmarken, die über die USA hinausgehendes kartogra-
phisches Material enthielten, ergab, vollzogen die Postwertzeichen durch neue
Darstellungsweisen von Landkarten beziehungsweise Abbildungen von Globen
diesen Prozess mit und halfen ihn, kartographisch zu untermauern.
Hinsichtlich der Rolle, die Briefmarken bei der Neubestimmung des Platzes
der USA in der Welt auf den mentalen Landkarten der historischen Zeitgenos-
sen gespielt haben, ist zum Schluss noch auf zwei Probleme hinzuweisen, die
sich dem Historiker bei der Nutzung von Briefmarken als historischen Quellen
stellen und die bei einer abschließenden Einschätzung berücksichtigt werden
müssen. Zum einen können in vielen Fällen die Absichten der Briefmarken-
produzenten nicht mehr in Erfahrung gebracht werden. Zwar lässt sich erfor-
schen, wie die Produktions- und Selektionsverfahren zu verschiedenen Zeiten
ausgesehen haben, aber wie die konkreten Entscheidungsprozesse abgelaufen
sind, bleibt oft im Verborgenen, da diese in der Regel nicht verschriftlicht
wurden, vor allem aber Details der Darstellung von Motiven aus Briefmarken
möglicherweise gar nicht zwischen Auftraggebern, Designern und Herausge-
bern von Briefmarken diskutiert wurden. Für amerikanische Briefmarken, die
nach 1957 herausgekommen sind, gilt dies im besonderen Maße. Da seit die-
sem Zeitpunkt die Vorschläge oftmals von Bürgern kamen und die Entschei-
dungen in nicht-öffentlichen Sitzungen des Citizen’s Stamp Advisory Commit-
tee, die nicht protokolliert wurden, getroffen wurden, ist es äußerst schwierig,
etwas zu den Gründen für die Auswahl ihrer Themen und Designs zu sagen.
Dementsprechend kann auf die Beweggründe und Erwartungen der Brief-
markenproduzenten nur indirekt geschlossen werden. Zum einen kann eine
hermeneutische und semiologische Analyse der Briefmarke selber Auskunft
über mögliche beziehungsweise wahrscheinliche Aussagen beziehungsweise
Botschaften der darauf gedruckten Bilder geben. Darüber hinaus können die
Auftraggeber beziehungsweise Designer, deren Namen zumeist bekannt sind,
unter die Lupe genommen und begründete Vermutungen über ihre Interessen
angestellt werden. Des Weiteren kann der politische Kontext, in dem die
Briefmarken erstellt worden sind, rekonstruiert werden. Auf diese Weise kön-
nen Erkenntnisse darüber, warum bestimmte Ereignisse beziehungsweise Per-
sonen zu bestimmten Zeiten thematisiert wurden, gewonnen werden. Schließ-
lich lassen sich die zu untersuchenden Briefmarken mit zuvor herausgegebe-
nen Postwertzeichen oder auch anderen visuellen Quellen aus der Zeit
vergleichen. So lässt sich herausfinden, ob mit bestimmten Motiven und De-
signs nur Traditionslinien fortgeführt oder ob gänzlich neue Darstellungen
gewählt wurden. Im Zusammenhang mit der Analyse des Bildprogramms
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beziehungsweise des, wie Benjamin es formulierte, »graphische[n] Zellengewe-
be[s]« 47 der Briefmarke, des biographischen Hintergrunds der Produzenten
und des historischen Kontextes können durch einen solchen Vergleich dann
Thesen zu den konkreten Absichten, die bei der Wahl des Sujets und der Ge-
staltungsweise verfolgt wurden, aufgestellt werden. 48
Die zweite Herausforderung, der man als Historiker bei der Nutzung von
Postwertzeichen als historischen Quellen gegenübersteht, ist die Schwierigkeit,
herauszufinden, wie Briefmarken gewirkt haben, oder gar nachzuweisen, dass
sie einen Einfluss auf die Wahrnehmung der Welt durch die historischen Zeit-
genossen gehabt haben. Haben die in diesem Beitrag analysierten Briefmarken
bei den Rezipienten tatsächlich zu einem veränderten Weltbild geführt? Oder
waren die aufgezeigten Veränderungen zu subtil, um einen Einfluss auf die
Raumperzeption der Betrachter auszuüben?
Die Auflagezahlen, in denen Briefmarken gedruckt und verkauft wurden,
sind zwar bekannt und mit ihnen kann auf die Verbreitung und relative Be-
deutung einzelner Briefmarken geschlossen werden. 49 Allerdings sagen diese
Zahlen nichts darüber aus, ob die Sender beziehungsweise Empfänger die klei-
nen Freimarken überhaupt bewusst in Augenschein genommen und ihre De-
tails erkannt haben beziehungsweise ob die Motive und Designs einen Einfluss
auf ihre kognitiven Landkarten gehabt haben. 50 Ebenso lässt sich über den
47 Benjamin: Briefmarken-Handlung, S. 135.
48 Zur Anwendung dieses vielschichtigen methodischen Verfahrens, das auf Hermeneutik, Semio-
logie, Kontextualisierung und Vergleich setzt, zur Interpretation von Fotografien siehe Gerhard
Jagschitz: Visual History, in: Das audiovisuelle Archiv 29/30 (1991), S. 23–51, hier: S. 39–46.
49 Die 1930 herausgegebenen Graf Zeppelin-Briefmarken beispielsweise waren nur für den Trans-
port von Postkarten und Briefen auf dem deutschen Luftschiff vorgesehen und wurden dement-
sprechend in geringerer Auflage (nur jeweils 72.428 beziehungsweise 61.296 Exemplare) ge-
druckt als Briefmarken für die reguläre Post. Außerdem waren sie so teuer, dass sich zu Zeiten
der Großen Depression selbst viele Sammler den Erwerb des Briefmarkensatzes nicht leisten
konnten. Zur Beschreibung der Briefmarken siehe Anm. 46. Auch die Briefmarke, die zur Un-
terstützung der Byrd-Expedition in die Antarktis herausgegeben wurde und vorrangig für den
einmaligen Versand über die nur für kurze Zeit eingerichtete Poststation im Basislager Little
America verwendet werden sollte, wurde nur in kleiner Auflage (5.735.944 Exemplare) ge-
druckt. Andere für den inländischen Versand eines Standardbriefes bestimmte Postwertzeichen
wie die Internationales Rotes Kreuz-Briefmarke von 1952, die Atome für den Frieden-Briefmarke
von 1955 sowie die Atlantisches Kabel-Briefmarke von 1958 wiederum wurden jeweils mehr als
100 Millionen Mal, die NATO-Briefmarke von 1952 sogar fast 3 Milliarden Mal gedruckt. Zu
den Auflagezahlen siehe Michel. USA-Spezial 1980, S. 115, 119–120, 142, 147, 151. Generell
lässt sich festhalten, dass Briefmarken, deren Wert sie für den Versand inländischer Postsen-
dungen bestimmte, sehr viel häufiger gedruckt wurden also solche, die für internationale oder
Luftpostsendungen produziert wurden.
50 Allerdings muss auch beachtet werden, dass amerikanische Tageszeitungen Briefmarken häufig
in größerem Format nachdruckten, sobald der Postmaster General ihre Designs öffentlich
machte. Infolgedessen ist anzunehmen, dass zumindest Zeitungsleser diese Briefmarken auf-
merksam zur Kenntnis nahmen. Die New York Times beispielsweise druckte im Rahmen von
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Frankierwert der Freimarken zwar darauf schließen, wer die Empfänger waren
(also ob sie für den inländischen oder internationalen Postverkehr produziert
wurden), aber eben nicht klären, wie diese die postalischen Gebührenquittun-
gen rezipiert haben. 51 In Einzelfällen mögen kontroverse Motive und Designs
von der breiten Öffentlichkeit (also nicht nur von Philatelisten) diskutiert oder
kritische Kommentare an den Postmaster General geschickt oder mit ihnen
frankierte Postsendungen von Postbehörden im Ausland zurückgewiesen wor-
den sein, sodass die öffentliche Reaktion analysiert werden kann. Allerdings
war dies eher die Ausnahme. 52 Schließlich lässt sich untersuchen, ob die auf
einer Briefmarke verwendeten Motive und Designs in späteren Briefmarken
aufgegriffen wurden, also stilbildend waren, oder ob sie Einzelfälle blieben.
Auch damit lässt sich indirekt auf ihre Bedeutung schließen. Letztlich wird sich
der Historiker aber damit begnügen müssen, Wirkungsmöglichkeiten heraus-
zuarbeiten, wird einzelnen Briefmarken aber in der Regel kaum einen konkre-
ten Einfluss nachweisen können.
Dementsprechend kann auch nicht abschließend geklärt werden, ob die hier
untersuchten Briefmarken den Wandel des amerikanischen Weltbildes nach-
träglich mitvollzogen haben und diesen damit nur illustrierten
oder ob sie dabei geholfen haben, diesen Wandel der kognitiven Landkarten
der Amerikaner überhaupt erst in Gang zu bringen und massenwirksam
durchzusetzen. Dass sie aber Teil des Prozesses der mentalen Neukartierung
der Welt in den USA im frühen Kalten Krieg waren, daran lässt sich, wie die
Analyse gezeigt hat, kaum zweifeln.
Kent B. Stiles’ Artikelserie News of the World of Stamps regelmäßig neue Briefmarken ab, so
auch die meisten der hier besprochenen (11. September 1949; 9. Oktober 1949; 24. Februar
1952; 21. September 1952; 9. Januar 1955; 13. Juli 1958). Die NATO-Briefmarke von 1952 wur-
de sogar noch ein zweites Mal in einem sehr großen Format abgedruckt: New Stamp Hails Birth
of Western Alliance, in: ebd., 20. Februar 1952, S. 8.
51 Für die historische Entwicklung der inländischen und internationalen Portosätze in den USA
siehe: Henry W. Beecher/Anthony S. Wawrukiewicz: U.S. Domestic Postal Rates, 1872–2011,
Bellefonte, PA 32011; Anthony S. Wawrukiewicz/Henry W. Beecher: U.S. International Postal
Rates, 1872–1996, Portland, OR 1996.
52 Keine der hier analysierten Briefmarken hat eine öffentliche Diskussion über ihre Motive oder
Designs ausgelöst. Jedenfalls haben führende amerikanische Tageszeitungen keine kritischen
Artikel über sie veröffentlicht, wie eine Analyse der Reaktionen der Los Angeles Times, New
York Times, Washington Post und des Wallstreet Journal auf die Briefmarkenveröffentlichungen
ergab.
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Abbildungen
Abbildung 1–3
Tod von Franklin D. Roosevelt (1946, Scott, USA, 933); 10. Olympische Sommerspiele in Los
Angeles (1932, Scott, USA, 719); Südpolexpedition von Richard E. Byrd (1933, Scott, USA, 733).
Abbildung 4–5
75 Jahre Weltpostverein (1949, Scott, USA, C43); 75 Jahre Weltpostverein (1949, Scott, USA, C44).
Abbildung 6–8
3 Jahre Nordatlantikpakt (1952, Scott, USA, 1008); Internationales Rotes Kreuz, (1952, Scott, USA,
1016); 50 Jahre Amerikanisches Rotes Kreuz (1931, Scott, USA, 702).
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Abbildung 9–10
50 Jahre Rotary International (1955, Scott, USA, 1066); Atome für den Frieden (1955, Scott, USA,
1070).
Abbildung 11
100. Jahrestag der Verlegung des ersten Transatlantikkabels (1958, Scott, USA, 1112).
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IV. Die Briefmarke als mediale
Projektionsfläche für Ideologie und
Utopie
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Silke Vetter-Schultheiß
Die Briefmarke als mediale Projektionsfläche für Ideologie und
Utopie: Zur Einführung
Briefmarken zeichnen sich nicht nur durch ihre Erinnerungsfunktion oder die
Darstellung aktueller gesellschaftlicher Debatten aus, sondern können auch
mediale Projektionsfläche sein für Wertevorstellungen einer Gesellschaft. Dies
gilt sowohl für aktuelle Gesellschaftsentwürfe als auch für Zukunftsvorstellun-
gen. Beides bildet einen Rahmen, eine Vorstellung von Welt, die sich auch in
Welt-Bildern, in Darstellungen von Welt zeigen, 1 wie es beispielsweise auf
Markenmotiven der Fall ist. Alexander Hanisch-Wolfram nennt dies die »My-
then der jeweiligen Ideologie« 2, die vorwiegend auf Postwertzeichen zur Ab-
bildung kämen und die zum Ziel hätten, eine kollektive Identität zu erzeugen. 3
In diesem Zusammenhang spricht David Scott davon, diese Gebührenquittun-
gen hätten die auf kleinstem Raum konzentrierte Ideologiedichte, die ein kul-
turelles Erzeugnis haben könne. 4 So ist es nicht verwunderlich, dass Propagan-
da auf Briefmarken für Staatsideologien und damit die Anzahl der verausgab-
ten Postwertzeichen im 20. Jahrhundert stark zunahmen, was sich vor allem
auch an Diktaturen wie dem NS-Staat und der ehemaligen DDR zeigt, wie
auch einige der hier versammelten Beiträge deutlich machen. 5
1 Vgl. Eva Schürmann: Darstellung einer Vorstellung. Das Bild der Welt auf der Pioneer-Plakette,
in: Christoph Markschies/Ingeborg Reichle/Jochen Brüning/Peter Deuflhard (Hrsg.): Atlas der
Weltbilder, Berlin 2011, S. 376–385.
2 Alexander Hanisch-Wolfram: Postalische Identitätskonstruktion. Briefmarken als Medien
totalitärer Propaganda, Frankfurt am Main u. a. 2006, S. 278.
3 Ebd., S. 124.
4 Vgl. David Scott: European Stamp Design. A Semotic Approach to Desinging Messages, Lon-
don 1995, S. 13; siehe auch: Henio Hoyo: Posting Nationalism. Postage Stamps as Carriers of
Nationalist Messages, in: Joan Burbick/William Glass (Hrsg.): Beyond Imagined Uniqueness.
Nationalisms in Contemporary Perspectives, Newcastle upon Tyne 2010, S. 67–92.
5 Vgl. Roswitha Badry/Johannes Niehoff: Die ideologische Botschaft von Briefmarken. Dargestellt
am Beispiel Lybiens und des Iran, Köln 1988, S. 4; Hanisch-Wolfram: Postalische Identitätskon-
struktion, S. 273. Die meisten wissenschaftlichen Veröffentlichungen zu Postwertzeichen be-
schäftigen sich mit genau diesem Apsekt, der Briefmarke als propagandistischem Massenmedi-
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Verschiedenen Gesellschaftsentwürfen anhand eines wichtigen Bestandteils
moderner Gesellschaften – der Arbeit – geht Pierre Smolarski in seinem Auf-
satz 100 Jahre Arbeit. Ein Essay zur Alltagsästhetik der Arbeit auf deutschen
Briefmarken nach. So lassen sich anhand der Postwertzeichenmotive der jewei-
ligen deutschen Staaten über die Zeit hinweg verschiedene visuelle Argumenta-
tionsmuster ausmachen, die auf unterschiedliche Art und Weise Handlungsan-
leitung bieten, (Erwerbs)Tätigkeit zu verstehen. Anhand dieses abgebildeten
Diskurses lässt sich das jeweilige Selbstverständnis einer Gesellschaft ablesen,
die mithilfe ihrer je eigenen Definition von Arbeit jeder und jedem einzelnen
eine Rolle in der Gesellschaft zuweist und somit politisches Handeln und indi-
viduelles Selbswertgefühl miteinander verzahnt.
Eine weitere Art und Weise, privates und öffentliches Interesse zu verbin-
den und damit den privaten Kern einer Gesellschaft – den Oikos, die Familie –
politisch werden zu lassen, spricht René Smolarski mit seinem Beitrag »... zwei
Welten im Leben eines Volkes«. Nationalsozialistische Geschlechterrollen im
Spiegel der Briefmarken des »Dritten Reiches« an. Innerhalb des NS-Staates
waren die jeweiligen Aufgaben, die Männern und Frauen zugedacht waren,
klar verteilt: Die Frau war für die Familie und der Mann für die Erwerbstätig-
keit sowie für die Verteidigung des Vaterlandes zuständig. Doch die auf Brief-
marken postulierte ideologische Überlegenheit der ›arischen Rasse‹ und das
damit einhergehende Geschlechterbild zerschellte an der Realtität von alltägli-
chen Entbehrungen, von sportlichem Wettbewerb und kriegerischer Ausei-
nandersetzung.
Dem Dialog zwischen Vertretern der Bevölkerung und des Staates widmet
sich Franz Tröger in seinem Beitrag Die Propaganda und die Vielen. Briefmar-
ken in der politischen Kommunikation des NS-Staates. War die Kommunikati-
on in Friedenszeiten noch gegeben, scheiterte diese mit zunehmender Dauer
des Krieges, was der Emission von Sondermarken jedoch keinen Abbruch tat.
So zeugen Markenmotive, die in Archiven überlieferte Kommunikation zwi-
schen Bevölkerung und Reichspostministerium wie auch persönliche Seilschaf-
ten davon, wie mentale Welt-Bilder unterschiedlichster Gruppierungen auch
hier immer weiter auseinander klafften und die in Umlauf kommenden Brief-
marken mit motivisch greifbaren Vorstellungswelten immer weniger mit dem
Alltags(er)leben und der Realität des Krieges zu tun hatten.
um vor allem totalitärer bzw. Kolonialstaaten. Siehe dazu beispielsweise: Jana Scholze: Ideologie
mit Zackenrand. Briefmarken als politische Symbole, in: Dokumentationszentrum für Alltags-
kultur der DDR e. V. (Hrsg): Fortschritt, Norm und Eigensinn. Erkundungen im Alltag der
DDR, Berlin 1999, S. 175–192; Donald Malcom Reid: The Postage Stamp. A Window on Sad-
dam Hussein’s Iraq, in: Middle East Journal 47 (1993) 1, S. 77–89; Gabriel Jonsson: The Two
Koreas’ Societies Reflected in Stamps, in: East Asia, 22 (2005) 2, S. 77–95.
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Werner Boddenberg thematisiert Das Bild des Kriegsgefangenen als Mittel
der Propaganda und Gegenpropaganda anhand der Kriegsgefangenen-
Gedenkmarke der Bundesrepublik Deutschland von 1953. Mithilfe der Ge-
schichte eines einzelnen Motivs geht er der Frage nach, wie medienpolitisch
unterschiedlich ausgerichtete Seiten die Vorstellung von Kriegsgefangenen
jeweils für sich vereinnahmten und verschieden ausbuchstabierten. Hier geht
es weniger um das Auseinanderklaffen von Realität und Ideologie, sondern
vielmehr darum, wie unterschiedliche Weltentwürfe unterschiedliche Wertun-
gen ein und desselben Motivs hervorbrachten und damit gegeneinander über
dessen Deutungshoheit in Stellung gebracht wurden – sowohl zur Einordnung
von vergangenem schuldhaftem Verhalten wie auch zur Legitimation von
gegenwärtigem und zukünftigem Handeln.
Um in die Zukunft gerichtete Visionen anhand der bildlichen Darstellung
von gegenwärtigen Ereignissen geht es in den beiden noch verbliebenen Bei-
trägen dieses Großkapitels. Zukunftsvorstellungen strukturieren Erwartungen,
die eine Gesellschaft in die Zukunft hat. So sind diese sowohl für die Gesamt-
gesellschaft als auch für politische und soziale Bewegungen wichtig. Eine sol-
che Zukunftsvorstellung bildet die positiv konnotierte Utopie. 6 Sie ist Aus-
druck der Gegenwart, in der sie entstanden ist, überschreitet aber auch gegen-
wärtige Zustände. Ihre politische Funktion zeigt sich daran, dass sie sowohl als
Kritik an der Gegenwart (»kritisches Gegen-Bild«) als auch als in die Zukunft
weisende Motivation (»motivierendes Leit-Bild«) fungieren kann. 7 So zeigt sie
Probleme und Erwartungen auf, die in einer Gesellschaft existieren, und ent-
wirft eine gesellschaftliche Alternative, die es im besten Falle weiter zu verfol-
gen gilt. 8
Dieser Ermächtigungsfunktion, die am gesellschaftlichen Leben teilhaben
lässt, 9 bedient sich auch das Europäische Naturschutzjahr 1970 im Miniatur-
format. Europa im Allgemeinen und die Bundesrepublik Deutschland im Spezi-
ellen, wie Silke Vetter-Schultheiß ausführt. 17 Staaten definierten auf ihren für
dieses Ereignis hergestellten Postwertzeichen zum einen der ersten Male die
Aufgaben und Ziele eines sich im Entstehen befindenden grenzübergeifenden
6 Ulrich Busch: Postsozialistische Romantik, in: Die Lücke der Utopie. Kritik, Ermächtigung,
Trost. Berliner Debatte Initial 27 (2016) 2, S. 94–106, hier: S. 94.
7 Alexander Neupert-Doppler: Utopiebewusstsein. Formen und Funktion utopischen Denkens,
in: Die Lücke der Utopie. Kritik, Ermächtigung, Trost. Berliner Debatte Initial 27 (2016) 2,
S. 84–93, hier: S. 87ff.
8 Sonderheft zum 500-jährigen Erscheinen von Thomas Morus’ Utopia: Die Lücke der Utopie.
Kritik, Ermächtigung, Trost, in: Berliner Debatte Initial 27 (2016) 2.
9 Sandra Markewitz: Zur Ordnungsform der Utopie. Zwischen Ermächtigungs- und Trostfunkti-
on, in: Die Lücke der Utopie. Kritik, Ermächtigung, Trost. Berliner Debatte Initial 27 (2016) 2,
S. 39–49, hier: S. 39.
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europäischen Naturschutzes. Mit verschiedensten gestalterischen Mitteln –
Logo, Slogan und Motiven – machten die teilnehmenden Nationen auf die
drängenden Fragen des Naturschutzes aufmerksam. Dabei zeigen die Brief-
markenabbildungen sowohl staatliche Eigenarten als auch eine große Band-
breite an für dieses Thema zur Verfügung stehenden Darstellungen – von der
Schönheit nationaler Flora und Fauna über die Kritik an aktuellen schädlichen
Entwicklungen bis hin zu alternativen, grenzüberschreitenden Lösungsansät-
zen.
Statt auf die kritische Dimension von Utopien hebt der Beitrag Von Trakto-
ristinnen und Kulturschaffenden. Politische Selbstdarstellung auf den Sonder-
postwertzeichen anlässlich der DDR-Republikgeburtstage 1959 und 1964 von
Annemarie Müller auf deren motivierende Funktion ab. So dienten die Jahres-
tage zwar zur Selbstvergewisserung einer bestimmten Staatsideologie, zielten
mit ihrer sozialisitschen Propaganda aber vor allem auf die zukünftige Gestal-
tung des noch jungen Staates ab. Die Marken dienten zu einem bilanzierenden
gesellschaftlichen Rück-Blick, was bereits geschafft wurde, aber mit größerem
Nachdruck gaben sie einen Aus-Blick in die Zukunft. In diesem verwoben sich
die politischen Symbole der Staatsmacht – allen voran die Flagge – mit der
alltäglichen Lebenswelt des arbeitenden Staatsvolkes.
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Pierre Smolarski
100 Jahre Arbeit. Ein Essay zur Alltagsästhetik der Arbeit auf
deutschen Briefmarken
1 Bedeutung der Arbeit als gesellschaftliches Fundament
Arbeit ist ein, wenn nicht gar das Kernphänomen der modernen Gesellschaft.
Ihre Organisation, Verteilung und Sicherung ist das Movens des politischen
Handelns. 1 Gerade als Basisphänomen wird Arbeit als Thema weitestgehend
als selbstverständlich empfunden und im Grunde nur da grundlegend erörtert,
wo Umbrüche bevorstehen oder Umbrüche in Form von Revolutionen geleis-
tet worden sind oder (vermeintliche) Revolutionen geleistet werden sollen
(etwa in der aktuellen Debatte um die Transformation der Arbeit im Zuge der
Digitalisierung, der sogenannten Arbeit 4.0). Arbeit ist aber zugleich auch ein
Phänomen, das als privat und intim empfunden wird, das auf den Einzelnen
zurückgeht und ganz konkret seine Stellung in einer Gesellschaft anspricht. 2
1 Auch wenn sich der Arbeitsbegriff über die Jahrhunderte, beeinflusst von religiösen Überzeu-
gungen und philosophischen Theorien und natürlich auch geprägt von der Art der Ökonomie,
immer wieder wandelte, so kann doch die oben getroffene Feststellung für moderne Gesell-
schaften als Gemeinplatz gelten. Gleichwohl ist die historische Entwicklung nicht so zu verste-
hen, dass etwa ein Arbeitsbegriff einen anderen endgültig überwunden hätte, oder ablöste. Wir
scheinen heute in mit einer Vielzahl historisch bedingter Arbeitsbegriffe konfrontiert, die sich
nicht auf einen Nenner bringen lassen, der unstrittig wäre. So schreiben Gisela Ecker und Clau-
dia Lillge in ihrer Einleitung des Bandes Kulturen der Arbeit: »[W]er über Arbeit nachdenken,
reden und schreiben möchte, sieht sich zunächst einmal der Schwierigkeit gegenübergestellt,
inhaltlich zu fassen, was Arbeit denn eigentlich sei und wie sich diese definieren ließe. An An-
geboten, wie sie im Spektrum der wissenschaftlichen Disziplinen vorleget wurden, mangelt es
dabei keineswegs. Arbeit als Waren – und/oder Leistungstausch, Arbeit als zweckrationales
Handeln, Arbeit als Mühe, Arbeit als entlohnte Tätigkeit, Arbeit als Güterproduktion, Arbeit als
Tätigkeit für andere, Arbeit als Gegenteil von Nicht-Arbeit und Freizeit.« (Gisela Ecker/Claudia
Lillge: Einleitung, in: dies. (Hrsg.): Kulturen der Arbeit, München 2011, S. 7–11, hier: S. 7.) Für
einen umfassenden Überblick über die Entwicklung des Arbeitsbegriffs siehe: Werner Conze:
Arbeit, in: Otto Brunner/ders./Reinhart Koselleck (Hrsg.): Geschichtliche Grundbegriffe. Bd. 1,
Stuttgart 1972, S. 154–215.
2 Eine jüngst erschienene Auseinandersetzung zum Thema der ›Individualisierung‹ und ›Privati-
sierung‹ der Arbeit liegt mit Sabine Donauers Buch Faktor Freude vor. Donauer beschreibt die
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Arbeit berührt das Selbstwertgefühl des Einzelnen. Diese Individualisierung
der Arbeit darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Dimension der
Arbeit bis in die Wurzeln der Gesellschaft und ihres Selbstverständnisses
reicht. Kurz: Es gibt kaum ein gesellschaftlich relevanteres, bedeutungsstärke-
res und zugleich persönlicheres und emotionaleres Thema als Arbeit. Ohne
Arbeit gibt es in den modernen Gesellschaften, sei sie nun nationalsozialistisch,
realsozialistisch oder kapitalistisch geprägt, keine soziale Anerkennung und
kein gesellschaftliches Lebensrecht. Wer nicht arbeitet, soll auch nicht sein. 3
Arbeit ist damit zum Inbegriff der gesellschaftlich relevanten Tätigkeiten ge-
worden. Gleichwohl können unterschiedliche Gesellschaftsentwürfe unter-
schiedlich mit diesem Phänomen umgehen. Ja, man kann die These vertreten,
dass die Unterschiedlichkeit gesellschaftlicher Entwürfe sich gerade an der
unterschiedlichen Stellung des Einzelnen in der Gesellschaft abzeichnen muss
und diese Stellung wird in erster Linie durch Arbeit bezeichnet. Wenn wir also
fragen, wie Arbeit in einer Gesellschaft organisiert ist, so fragen wir letztlich
auch nach der Stellung des Einzelnen in dieser Gesellschaft, nach seinem ge-
sellschaftlichen Wert und danach, wodurch ihm dieser Wert zukommt.
Wenn Briefmarken die ›Visitenkarten eines Staates‹ 4 sind, wie Walter Ben-
jamin postuliert, dann müsste sich auf diesen wenigstens ein Teil des Arbeits-
diskurses wiederfinden. Wir werden im Nachfolgenden nach Motiven der
Arbeit und insbesondere nach Darstellungen von Arbeitern und Arbeiterinnen
auf deutschen Marken suchen und versuchen, diese Darstellungen nach Topoi
›Entdeckung‹ der Arbeitergefühle durch die beginnenden Managementstudien um 1900 und
die zunehmende Nutzung dieser emotionalen Bindung über die unterschiedlichen politischen
Systeme hinweg. Arbeit auch als privates Glück zu empfinden ist dabei eine wesentliche Strate-
gie der Effizienzsteigerung (vgl. Sabine Donauer: Faktor Freude. Wie die Wirtschaft Arbeitsge-
fühle erzeugt, Hamburg 2015). Diese Studie reiht sich ein in eine durchaus reiche Literaturland-
schaft zu diesem Themenkomplex. Neben der – mittlerweile schon ein Klassiker – Managemen-
tanalyse von Luc Boltanski und Éve Chiapello Der Neue Geist des Kapitalismus (1999) gehören
in diese Reihe noch unzählige Publikationen, etwa: Richard Sennett: Zusammenarbeit. Was un-
sere Gesellschaft zusammenhält, München 2012; André Gorz: Arbeit zwischen Misere und
Utopie, Frankfurt am Main 2000; uvm.
3 Diese Phrase ist in immer wieder abgewandelter Form und in sehr unterschiedlichen Kontexten
benutzt, letztlich ein Bibelzitat. Von Lenins Verwendung Кто не работает, тот не ест bis Franz
Münteferings gleichlautende Äußerung. In vielen Fällen, wird das ›will‹, das im Bibelzitat steht,
dabei ebenso weggelassen wie der Kontext des Bibelzitats. Im zweiten Brief an die Thessaloniker
schreibt Paulus: »Wer nicht arbeiten will, der soll auch nicht essen.« (2. Thess 3,10). Er schreibt
aber in demselben Brief auch: »Denn wir [die Jünger Jesu] haben nicht unordentlich bei euch
gelebt, haben auch nicht umsonst Brot von jemanden genommen, sondern mit Mühe und Plage
haben wir Tag und Nacht gearbeitet, um keinen von euch zur Last zu fallen. Nicht, dass wir da-
zu nicht das Recht (sic!) hätten, sondern wir wollten uns selbst euch zum Vorbild geben, damit
ihr uns nachfolgt.« (2. Thess 3,7–9).
4 Vgl. Walter Benjamin: Briefmarken-Handlung, in: Gesammelte Schriften. Bd. IV/1, Frankfurt
am Main 1991, S. 134–137.
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zu ordnen, die es erlauben sollen, Rückschlüsse auf darin formulierte Argu-
mentationsansätze geben zu können.
Ein Topos bezeichnet in der klassischen Rhetorik das, was man im Deut-
schen mit dem Wort ›Gemeinplatz‹ wiedergibt. Wörtlich übersetzt heißt Topos
›Ort‹ oder ›Platz‹ und meint im rhetorischen Gefüge den Ort, an dem sich
Argumente nach einem gewissen Schema finden lassen, wobei das Schema
selbst schon als überzeugend angesehen wird. Ein klassisches Beispiel macht
das deutlich: Aristoteles benennt in seiner Rhetorik den Topos des ›Mehr und
Weniger‹, 5 der sich schematisch etwa so formulieren lässt: Wenn es glaubwür-
diger erscheint, dass einem Objekt P die Eigenschaft x zugesprochen wird als
dem Objekt S, wir aber wissen, dass S die Eigenschaft x hat, dann ist es glaub-
würdig, dass auch P die Eigenschaft x hat. Nach diesem Schema gebildete Sätze
versprechen, so Aristoteles, glaubwürdig und daher überzeugend zu sein. Etwa:
Wenn nicht einmal die Götter allwissend sind, dann doch erst recht nicht die
Menschen. Oder: Wer selbst in einem Freundschaftsspiel foult, der foult erst
recht, wenn es etwas zu gewinnen gilt. Nach diesem Topos ließen sich endlos
weitere Beispiele anführen. In diesem klassisch-rhetorischen Sinne soll der
Begriff Topos auch im vorliegenden Aufsatz verwendet werden.
Es sollen visuelle Topoi, also Argumentationsschemata, die vorrangig auf-
grund der bildlichen Darstellung argumentativen Schlüssen Glaubwürdigkeit
und Überzeugungskraft verleihen, ausgemacht werden, die den ›Arbeitsdis-
kurs‹ auf Briefmarken wiedergeben. Dieser Diskurs, der im Sinne der All-
tagsästhetik häufig nicht als streitbarer Diskurs explizit gemacht wird, sondern
eher im didaktisch-erzieherischen Aufzeigen besteht, fällt rhetorisch gesehen
unter eine Rede, die belehren will und soll. Dieses Belehren erfolgt, wie die
nachfolgende Analyse insbesondere der Markenbilder mit einem klaren ideo-
logischen Hindergrund zeigen wird, durch das Geben ›guter Beispiele‹, die
vorbildhaft zeigen sollen, was erreicht ist und was vom Einzelnen erwartet
wird, damit das Erreichte beständig bleibt. Es sind Lobreden auf das Erreichte,
die didaktisch-vorbildhaft wirken sollen, und genau in diesem Sinne eben
schmeichelnde Visitenkarten des Staates.
Die nachfolgenden Topoi ergeben – das muss einschränkend hinzugesagt
werden – sicherlich keine vollständige Liste an Gemeinplätzen der vielfältigen
Arbeitsdiskurse, der für den Untersuchungsgegenstand relevanten letzten
knapp 100 Jahre. Sie können es aus vielen Gründen auch nicht ergeben, unter
anderem, weil die Briefmarke als ideologisches Kommunikationsmittel ganz
wesentlich einen hegemonialen Standpunkt wiederspiegelt, der Meinungsfüh-
rerschaft beanspruchen kann, ohne immer auch einen Gegendiskurs abzubil-
5 Vgl. Aristoteles: Rhetorik. II, 23, 1397b.
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den. 6 Das heißt aber eben auch – und insbesondere für die Marken der Bun-
desrepublik ist das auffällig –, dass der öffentliche Diskurs sich kaum auf
Briefmarken abgebildet findet. Wir werden darauf zurückkommen.
2 Topoi der Arbeit
Zunächst sollen kurz die beiden Topoi vorgestellt werden, die für diese Arbeit
tragend sind und die dann im anschließenden Kapitel an Beispielen verdeut-
licht und diskutiert werden sollen.
Arbeit ist zunächst nicht nur ein essentieller Bestandteil unseres gesell-
schaftlichen, sondern auch unseres natürlichen Seins. Zwar kann man mit
gutem Grund anführen, dass von ›Arbeit‹ erst in einem gesellschaftlichen Sin-
ne gesprochen werden kann, dass ›Arbeit‹ also immer auch mit Aspekten von
Arbeitsteilung, Ausbeutung von Arbeitskraft, also der Arbeit für Andere, und
Lohn, im Gegensatz zum Ertrag, gesprochen werden kann. Dennoch erwach-
sen die gesellschaftlichen Notwendigkeiten zur Arbeit aus den natürlichen
Notwendigkeiten des Lebenserhalts. Der erste Topos ist diesem Bezug zur
Notwendigkeit gewidmet, der rhetorisch schon deshalb interessant ist, weil das
Notwendige, wenn es denn als notwendig anerkannt wird, eigentlich auf Über-
zeugung nicht angewiesen ist. Das Notwendige ist eben zwingenden nicht
überzeugenden Charakters. Gleichzeitig ist die öffentliche Darstellung des
Notwendigen und vor allem dessen, der das Notwendige leistet, keineswegs
selbstverständlich, ist er (oder sie) doch ein durch die Not Gezwungener. Die
andere Perspektive auf diesen Zwangscharakter der Arbeit ist gerade die, dass
durch die Arbeit die Basis des gesellschaftlichen Wohlstands geschaffen wird,
eines Wohlstandes, der letztlich Freiheit überhaupt erst ermöglicht. Zu diesem
ersten Topos gehört aber auch die Betrachtung der Darstellungen eines Aspek-
tes, der mehr einem konkreten historischen Umstand geschuldet ist und sich
also weniger aus einer philosophischen Betrachtung zum Thema Arbeit ablei-
tet: Die Zerstörungen durch den Zweiten Weltkrieg machten Arbeit am ›Wie-
deraufbau‹ notwendig, wobei, wenn man sich von der bloß materiellen Dimen-
6 Solch einem Gegendiskurs begegnete man womöglich aber dann, wenn man die gesellschaftli-
chen Diskussionen nachzeichnete, die zur Entstehung der konkreten Marken geführt haben.
Interessant wären hierbei nicht nur die nachgängigen Diskussionen um bereits verausgabte
Marken, sondern auch die Argumente und Gegenargumente, die zunächst zur Themensetzung
geführt haben, die sodann auch die Auswahl unter den Vorschlägen lenkten und schließlich zur
Realisation eines bestimmten Motivs führten. Die Briefmarke als historische Quelle betrachten
kann in diesem Sinne eben auch heißen, sie als Anlass für eine gezielte Recherche eines gesell-
schaftlichen Diskurses zu nehmen. Eine solche historische Analyse einzelner Diskurse kann im
Rahmen der vorliegenden Arbeit allerdings nicht erbracht werden.
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sion, die sicherlich die primäre nach dem Krieg war, löst, durchaus zu fragen
ist, was eigentlich wieder aufgebaut werden sollte und was neu und anders zu
errichten war. Wir werden sehen, dass dieser Wiederaufbau in den entstande-
nen Zonen sehr unterschiedlich dargestellt wurde und sich hier bereits deutli-
che ideologische Unterschiede zwischen den Systemen abzeichnen.
Der zweite Topos setzt Arbeit in das Spannungsgefüge zwischen Tradition
und Fortschritt. Arbeit und ihre konkrete gesellschaftliche Verteilung ist un-
zweifelhaft ein wesentlicher Faktor der Stabilisierung eines bestimmten gesell-
schaftlichen status quo, eines Zustandes also, der eine bestimmte Form des
gesellschaftlichen Gleichgewichts (oder auch der gesellschaftlichen Ungleich-
heit) aufrechterhält. Veränderungen im Bereich der Arbeit und ihrer Vertei-
lung sind daher wenigstens potentielle ›Bedrohungen‹ dieser Stabilität, wie
auch aktuell an den Debatten um die sogenannte Industrie 4.0 im Zuge der
Digitalisierung zu sehen ist. 7 Ob dieser Stabilitätsverlust als ›Aufbrechen eines
verkrusteten Systems‹ und damit als möglicher Fortschritt gesehen wird oder
als potentiell ›schrankenloser Zerfall‹, hängt von der Perspektive ab. Ideolo-
gisch – in dem Sinne, wie das Wort in diesem Aufsatz verwendet werden soll –
sind beide Sichtweisen, denn beide setzen einen Zielzustand als wünschenswert
voraus, beide messen die Entwicklung an dem Grad der Realisation einer Idee.
In diesem Sinne ist jede Rede von Fortschritt ideologisch, insbesondere aber
gilt das, wenn von einem ›gesellschaftlichen‹ Fortschritt gesprochen wird, der
letztlich die Vorstellung von einer teleologischen Gesellschaftsentwicklung
voraussetzt. Fortschritt aber – und das macht den rhetorischen Bezug darauf
interessant – erscheint als in sich überzeugend. Es mag streitbar sein, ob eine
konkrete Veränderung als Fortschritt zu werten sei, es scheint jedoch unstreit-
7 »Industrie 4.0 steht dabei für die vierte industrielle Revolution, einer neuen Stufe der Organisa-
tion und Steuerung der gesamten Wertschöpfungskette über den Lebenszyklus von Produkten.
Dieser Zyklus orientiert sich an den zunehmend individualisierten Kundenwünschen und er-
streckt sich von einer Produktidee, dem Auftrag über die Entwicklung und Fertigung, der Aus-
lieferung an den Kunden, der Nutzung bis hin zum Recycling, einschließlich der damit jeweils
verbundenen Dienstleistungen. Grundlage dafür ist die Verfügbarkeit aller relevanten Informa-
tionen in Echtzeit durch Vernetzung aller an der Wertschöpfung beteiligten Instanzen. Gleich-
zeitig beinhaltet der Begriff Industrie 4.0 die Fähigkeit, aus den Daten den zu jedem Zeitpunkt
optimalen Wertschöpfungsfluss abzuleiten. Daten werden zunehmend zur Schlüsselressource
bei der Verzahnung individualisierter Leistungsangebote mit flexiblen, transparenten Leis-
tungserstellungsprozessen. Durch die Verbindung von Menschen, Objekten der Informations-
welt und physischen technischen Systemen entstehen dynamische, echtzeitoptimierte und sich
selbst organisierende, unternehmensübergreifende Wertschöpfungsnetzwerke, die sich nach
unterschiedlichen Kriterien, wie beispielsweise Kosten, Verfügbarkeit, Energieeffizienz und
Ressourcenverbrauch, optimieren lassen. All dies wirkt sich auf die Gestalt der Industriearbeit
aus, wirft die Frage nach Richtungen, Zeithorizonten sowie den Beschäftigungsperspektiven be-
sonders betroffener Tätigkeiten oder Qualifikationsgruppen auf.« (Bundesministerium für
Wirtschaft und Energie: Memorandum der Plattform Industrie 4.0, Berlin 2015, S. 2).
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bar, dass Fortschritt als solcher wünschenswert ist. Dieser Topos generiert
seine Überzeugungskraft also letztlich aus einem Appell an den Fortschritts-
glauben bei einem gleichzeitigen Versprechen von Stabilität. Auf Briefmarken
finden wir den Fortschrittsdiskurs, wie noch deutlich werden wird, vor allem
auf den Marken der DDR, also des Staates, der sich als Arbeiter- und Bauern-
staat verstand und zu verstehen geben wollte. Fortschritt kann dabei vielerlei
umfassen, vor allem aber zwei Aspekte: den sozialen Fortschritt der Arbeit und
durch Arbeit etwa in Fragen der Inklusion behinderter Menschen, 8 der In-
tegration ausländischer Menschen 9 oder ganz besonders der Gleichberechti-
gung von Frauen; zweitens den technischen Fortschritt durch Arbeit und für
die Arbeit in Form von Leistungen im Bereich der Ingenieurs- und Maschi-
nenentwicklung und der damit einhergehenden fortschrittlichen Veränderung
der Arbeitsprozesse (Arbeitserleichterung) und Arbeitsresultate (Produktivi-
tätssteigerung). Da keine der Briefmarken des Untersuchungsgebietes eine
Negativdarstellung vornimmt, ließe sich allenfalls die Betonung der Arbeits-
tradition anstelle einer Darstellung des vermeintlichen Fortschritts als fort-
schrittskritische Position verstehen.
3 Die Alltagsästhetik des Lebensnotwendigen zwischen
Tradition und Fortschritt
Betrachtet man die frühen Marken mit Arbeitermotiven, erscheint Arbeit
buchstäblich als das, was Karl Marx 10 als den Stoffwechsel mit der Natur be-
zeichnet und was sich nach Hannah Arendt 11 als in den Kreislauf, in dem das
Leben schwingt, eingebunden findet, nämlich: die Aufwendung von Arbeits-
kraft zur Hervorbringung von Konsumgütern und insbesondere Lebensmit-
teln; ein Kreislauf, der von der Notwendigkeit des Lebens selbst diktiert wird.
In dieser Hinsicht tritt uns auf Briefmarken vor allem der Landarbeiter und der
Bergmann entgegen, also der primäre und der sekundäre Wirtschaftssektor.
Beide bilden die Basis des gesellschaftlichen Wohlstands und – insbesondere
bezogen auf den Landarbeiter – die Basis des Lebens überhaupt. Beide verwen-
8 Hierzu gibt es lediglich zwei Marken, die 1979 in der DDR erschienen. Sie thematisieren aller-
dings die Rehabilitation von Behinderten durch Unterricht im Krankenhaus (Michel, DDR,
2431) und spätere Arbeitstätigkeit im Betrieb (Michel, DDR, 2432).
9 Auch hierzu gibt es allerdings nur eine Marke, die in der BRD 1981 erschien und eine deutsche
Familie an der Haustür einer Ausländerfamilie zeigt, also den Besuch der Arbeiterfamilien und
nicht die Arbeitenden als solche (Michel, BRD, 1086).
10 Vgl. Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Bd. 1, in: Marx-Engels-
Gesamtausgabe (MEGA). Bd. 6, Berlin 1987, Dritter Abschnitt, Fünftes Kapitel.
11 Vgl. Hannah Arendt: Vita Activa oder vom tätigen Leben, München 162015.
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den ihre Arbeitskraft darauf, dem Boden die Stoffe abzugewinnen, die zum
Leben notwendig sind. Arbeit erscheint schlichtweg als die Basis des Lebens
und Überlebens überhaupt.
Die frühesten Marken mit Arbeitermotiven (Abb. 1, Abb. 2) dieses Topos
zeigen den pflügenden Landarbeiter, den Mann bei der Aussaat und den
Schnitter. In dem Bayernsatz 12 von 1920 finden wir diesen Bezug zur agrarisch
geprägten Kultur, deren Lebensfundament auf der Arbeit des Landarbeiters
gründet, auch allegorisch angezeigt (Abb. 3): Eine allegorische Bavaria kontrol-
liert die Naturkräfte und hält sie dadurch im Zaum, sie hält das Blitzbündel in
der rechten Hand und verweist mit der linken Hand auf die Sonne als lebens-
spendende Quelle. Doch nicht nur das Wetter bestimmt das Gedeihen und
Verderben der agrarischen Kultur, sondern auch die Schätze der Erde selbst,
die hier als Wasserquell dargestellt wird. Ein Sturzbach, dessen potentielle
Bedrohung eingefangen und nutzbar gemacht ist, durch das Wasserrad, das er
antreibt.
Nachdem der Bayernsatz noch im gleichen Jahr mit dem Aufdruck ›Deut-
sches Reich‹ auch im gesamten Reichgebiet erschienen ist (Abb. 4), kam 1921
ein Satz der Reichspost mit Arbeitermotiven heraus (Abb. 5). An diesem ist
zweierlei interessant. Zum einen wird hier neben dem Landarbeiter auch der
Bergmann und der Schmied mit Marken bedacht, zum anderen zeichnet sich
die letzte Marke des Satzes durch eine signifikant abweichende Darstellungsart
aus und verweist damit auf einen anderen Topos als die übrigen Marken des
Satzes. Wie wir bereits oben ausführten haben, ist die öffentlich publizierte
Darstellung desjenigen, der aus und wegen der Notwendigkeit handelt, kei-
neswegs selbstverständlich. Die Marken des Landarbeiters, Bergmanns und
Schnitters zeigen eine Form, in der die Darstellung dennoch möglich ist, näm-
lich die Heroisierung: Man sieht die aufrechte Pose des Arbeiters, in leichter
Untersicht und im Moment höchster Spannung und Anspannung festgehalten.
Dagegen weckt die Art der Darstellung der letzten Marke des Satzes eher Asso-
ziationen zu expressionistischen Höhlenmalereien und bedient damit weniger
den Topos des Arbeiterhelden als den Topos der Arbeitstradition. Der Pflüger
pflügt wie eh und je. Seine Arbeit ist natürlich, notwendig und auch in schnell-
lebigen oder Umbruchszeiten beständig. Die Glorifizierung und Heroisierung
des Arbeitenden auf der einen Seite und die Anbindung an eine Arbeitstraditi-
on auf der anderen Seite sind zwei wichtige Topoi der Arbeiterdarstellung, die
keineswegs zueinander in Widerspruch stehen. Gerade der Topos der Arbeits-
tradition scheint auch einer der Haupttopoi der Arbeiterdarstellung der Bun-
12 Dieser Satz, der als Abschlussausgabe Bayerns bekannt ist, war der letzte Satz unter bayrischer
Posthoheit.
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desrepublik zu sein. So werden etwa in den der Jugend gewidmeten Sätzen zu
den Handwerksberufen (Abb. 6 und Abb. 7) die verschiedenen Handwerksbe-
rufe in einer Früher-Heute-Gegenüberstellung präsentiert, die weniger die
Entwicklung als die Tradition kenntlich machen. Ähnliches gilt für viele Dar-
stellung von Postarbeitenden 13 (Abb. 8) oder auch für die Briefmarke 750 Jahre
Apothekerberuf (Abb. 9).
Zum ersten Topos, dem Topos der Notwendigkeit in seiner Ausformung als
Glorifizierung und Heroisierung, gehört neben dem bereits gezeigten auch die
Militarisierung der Arbeit auf Briefmarken des Deutschen Reichs wie auch der
DDR. Der Satz von 1943 zum 8-jährigen Bestehen des Arbeitsdienstes zeigt auf
vier Marken uniformierte Männer, die ihren militärischen Dienst an Spaten,
Sense und Spitzhacke vollrichten (Abb. 10). Während die Marken zu 5 Pfennig
und zu 6 Pfennig diese Männer bei der Ausübung ihrer Arbeit darstellen, wird
der Satz gesäumt von der 3-Pfennig-Marke eines am Spaten Salutierenden und
der 12-Pfennig-Marke eines mit Spitzhacke und Gewehr bewaffneten und
frontal den Betrachter anblickenden jungen Mannes. Auch in der DDR finden
sich viele Marken, die den Bezug zwischen Arbeitenden und Soldaten deutlich
herausstellen und die damit letztlich beide für die Sicherheit und die militäri-
sche Stabilität des Staates verantwortlich machen. Und da staatliche Darstel-
lungen der eigenen Soldaten es an sich zu haben scheinen, dass sie kaum nicht
heroisierend gezeigt werden können, überträgt sich dies auf die mit dargestell-
ten Arbeiter. Deutlich zu sehen ist dies etwa in dem Satz von 1962 zum 6-
jährigen Bestehen der Nationalen Volksarmee (Abb. 11). »Für den Schutz der
Arbeiter- und Bauern-Macht« steht auf allen fünf Marken des Satzes und die
20-Pfennig-Marke zeigt auch den in eine gute Zukunft schauenden Arbeiter,
der vom sorgsam sich umschauenden Soldaten beschützt wird, ohne dass er
deswegen ›schutzbedürftig‹ dargestellt worden wäre. Während die übrigen
Marken des Satzes die Soldaten mit ihrer jeweiligen Militärtechnik (Jagdflug-
zeug, Schützenpanzer, Küstenschiff, Panzer) im Hintergrund darstellen, er-
scheint hier im Hintergrund die Industrieanlage und der Traktor 14 gleichsam
als schützenswertes Gut und zugleich militärisch relevant. Der erwähnte Blick,
genauer die Blickrichtung, der dargestellten Figuren kann einen wesentlichen
Unterschied in Bezug auf die Möglichkeit zur Heroisierung machen. Betrachtet
13 Das gilt auch für die DDR, die, wie noch zu sehen sein wird, auf Marken, die eine historische
Entwicklung vergleichen, üblicherweise mehr den Fokus auf die fortschrittliche Veränderung
als auf die traditionelle Bindung legt.
14 Mit dieser Symbolik wird abermals der primäre und sekundäre Wirtschaftssektor mit Motiven
bedacht, ohne dass ein Verweis auf eine zunehmende Tertiarisierung ablesbar wäre. Gewichtete
man die Arbeiterdarstellungen auf Briefmarken (sowohl der DDR als auch der BRD) nach den
drei Wirtschaftssektoren, so würde sich wohl eine Verteilung ergeben, die insgesamt eher ein
traditionelles Verhältnis wiederspiegelt.
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man beispielsweise den Chemiker als ›Erbauer des Sozialismus‹ auf einer Mar-
ke des Satzes zum 10-jährigen Bestehen der DDR (Abb. 12) und vergleicht
diese mit dem ein Jahr später herausgegebenen Chemiker des Satzes zum Tag
des Chemiearbeiters (Abb. 13), so fällt auf, dass letztere Darstellung einen
Mann zeigt, der seine Tätigkeit im Blick hat, während der ›Erbauer des Sozia-
lismus‹ darüber hinaus blickt. Er schaut nicht auf den Kolben in seiner Hand,
sondern in eine zu errichtende Zukunft, was ihn als ›heroisch entrückt‹ er-
scheinen lässt. Vergleichbare Darstellungen finden sich in der Bundesrepublik
nicht, was nicht zuletzt auch daran liegt, dass Soldaten in der BRD nicht darge-
stellt werden. Weder die Marke 30 Jahre Bundeswehr (Abb. 14) noch die jüngst
erschiene Bundeswehrmarke von 2013 (Abb. 15) bilden einen Soldaten ab. 15
Auch der Satz zu den Berufsständen, der Tätige aus neun verschiedenen Be-
rufen zeigt, heroisiert Stereotype; vom Kaufmann, über den Schmied, Berg-
mann und Bauer bis zum Künstler, Wissenschaftler und Richter (Abb. 16).
Was hier wie eine Sammlung von Porträts anmutet, zeigt Idealtypen, die iko-
nografisch durch ihnen beigegebene Attribute als Vertreter des jeweiligen
Berufsstandes vorgestellt werden. Es sind, wie Andreas Hahn sagt: »Männer
mit vorgestrecktem Kinn [, die…] Aufstellung [nehmen;] hoch gewachsene,
breitschultrige, hünenhafte Typen: Bauarbeiter, Landmann, Richter. Sogar ein
Künstler kommt vor. Auch ihm traut man zu, dass er seine Granitblöcke auf
der Schulter ins Atelier stemmt.« 16 Dass es sich hierbei nicht bloß um ein Port-
15 Gleichwohl ist insbesondere die Marke von 2013 nicht ohne Pathos. Die Marke stellt ziviles
Leben dar und betont mit der zentralen Figur, dem von dem Erwachsenen in die Luft gehalte-
nen Kind, eine Bildsprache, die für Zukunft und Gedeihen steht. Dabei entstehen die Silhouet-
ten der Figuren aus dem Tarnfleckmuster der Bundeswehr. Auch wenn hier kein Soldat darge-
stellt ist, so ist der Bezug von Militär und zivilem Leben eindeutig: Die Bundeswehr hat ihre Da-
seinsberechtigung im Schutz dieses Lebens und dieses Leben gedeiht aufgrund des Einsatzes der
Bundeswehr. Diese pathetische Inszenierung geht weiter als die Darstellung der 1985 erschie-
nen Marke 30 Jahre Bundeswehr, die lediglich das eiserne Kreuz als Hoheitszeichen der Bun-
deswehr eingebunden in die deutsche Trikolore zeigt. Es wundert daher nicht, dass die Reakti-
onen auf die 2013 erschienen Marke ebenfalls stark ausfallen: Während beispielsweise die Initi-
ative Solidarität mit unseren Soldaten und ihren Familien die Herausgabe einer offiziellen
Marke zu diesem Thema als überfällig ansieht und ihr Erscheinen lobt, sieht Roland Blach, der
Geschäftsführer der Deutschen Friedensgesellschaft Baden-Württemberg, diese Marke eher kri-
tisch. Er schreibt im Neuen Deutschland (einer sozialistischen Zeitung), sie sei »ein unrühmli-
cher vorläufiger ›Höhepunkt‹ der Werbemaßnahmen der Bundeswehr seit Wegfall der Wehr-
pflicht«. Damit macht er diese Marke zu einem Zeitzeugnis für eine sich seither fortwährend
weiterentwickelnde Werbepräsenz der Bundeswehr auf unzähligen Plakaten oder im Netz (mit
eigener Youtube-Serie: Die Rekruten). Siehe dazu: http://solidaritaet-mit-soldaten.de/
gelbe_schleife/items/briefmarke-im-einsatz-fuer-deutschland.html; https://www.neues-deutsch
land.de/artikel/823535.wenn-der-brief-zur-feldpost-wird.html (letzter Zugriff: 26. Februar
2017).
16 http://www.deutschlandfunk.de/hitlers-briefmarken.691.de.html?dram:article_id=48823 (letz-
ter Zugriff: 14. April 2018).
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rätieren, sondern ein Idealisieren und Überhöhen handelt, wird etwa im Ver-
gleich zu einer 1948 erschienen Marke des Saarlandes deutlich (Abb. 17). Der
hier abgebildete Arbeiter trägt tatsächlich individualisierende Züge, die freilich
auch Züge der Nachkriegszeit sind: hager, mit übergroßer Nase und leicht
schielend blickt der Arbeiter freundlich den Betrachter an. Sein Blick ist weder
tätigkeitsfixiert, noch fortschrittsorientiert, sondern einfach und schlicht auf
Sympathie angelegt.
Bleiben wir aber zunächst bei dem Thema der Arbeit als Lebensnotwendig-
keit und Basis des gesellschaftlichen Wohlstands. Es ist festzustellen, dass Mar-
ken dieses Topos nach dem Krieg zwar noch erscheinen, aber lediglich bis in
die späten 1950er-Jahre hinein. Zu nennen wären hier zunächst die vom fran-
zösisch kontrollierten Saarland herausgebrachten Marken mit Wiederauf-
baumotiven, die eben auch die basalen Berufsgruppen abbilden: Dem Wieder-
aufbau des für das Saarland fundamentalen Bergbaus wird 1947, 1948 und
1949 gedacht (Abb. 17). Gleichzeitig und in den gleichen Sätzen abgebildet,
sorgen die Landarbeitenden für die Grundversorgung (Abb. 17): 1947 Die
Rübenernte mit Industrieanlagen im Hintergrund; 1948 Das Bauernmädchen
mit Garbe; 1949 Der Landarbeiter beim Umgraben des Ackers (auch hier mit
Industrieassoziationen im Hintergrund). Zu dieser Wiederaufbauthematik
findet sich interessanterweise nichts Vergleichbares in den anderen Westzo-
nen.
1957 erschien im Saarland, das nun bereits Bundesland der Bundesrepublik
geworden war, und zeitgleich auch bundesweit die Wohlfahrtsmarken zum
Kohlebergbau (Abb. 18). 17 Damit wird zum einzigen Mal in der BRD den Ar-
beitenden in einem Bereich gedacht, der unbestritten das wirtschaftliche Fun-
dament der Moderne darstellt. 1958 endet mit dem dritten Wohlfahrtssatz
zum Thema Landwirtschaft die Darstellung von Arbeitenden dieser ersten
Kategorie in der Bundesrepublik (Abb. 19).
Auch wenn Arbeit in beiden deutschen Staaten stets nicht nur als gesell-
schaftliche oder wirtschaftliche Notwendigkeit, sondern tatsächlich immer
auch als Lebensnotwendigkeit verstanden wird, spielt dieses Thema in der
DDR eine weitaus größere Rolle. Unter der Vielzahl an Marken, die sich unter
anderem auch dieser Thematik zuordnen lassen, soll hier nur kurz ein Beispiel
gezeigt werden, welches diesen Bezug sinnbildlich darstellt (Abb. 20): Zum 5-
jährigen Jubiläum der Jugendweihe erschienen zwei Marken mit Jugendlichen,
die mehr oder minder gespannt in das Buch Weltall, Erde, Mensch 18 schauen;
17 Dieser Satz ist der zweite der Wohlfahrtssätze der 1950er-Jahre. 1956 erschien der Wohlfahrts-
satz zur Kinderpflege, 1957 Kohlebergbau und 1958 Landwirtschaft.
18 Dieses Buch wurde vor allem zu Jugendweihen an die jugendlichen Jungen und Mädchen
übergeben.
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ein Buch, das also dem Titel nach den Anspruch einer Totalen formuliert. Im
Hintergrund findet sich der Kontext dieses Bezugs symbolisch dargestellt:
Industrie und Landwirtschaft und damit Produktions- und Arbeitszusammen-
hänge erscheinen als die Basis des menschlichen Weltbezugs. Abermals, so
könnte man anfügen, bleibt der tertiäre Wirtschaftssektor unterbelichtet.
Eine spezifische Unterart des allgemeinen Topos von der Lebensnotwendig-
keit der Arbeit ergab sich aus dem notwendigen Wiederaufbau in der Nach-
kriegszeit. Wie bereits angemerkt erscheinen zu diesem Thema nicht in allen
Besatzungszonen Briefmarken. Auffällig ist, dass der materielle Wiederauf-
bau 19 und die dazu notwendige Arbeit lediglich in der sowjetischen Besat-
zungszone und im französisch kontrollierten Saarland abgebildet werden. Als
einzige Ausnahme können die Freimarken der zweiten Kontrollratsausgabe
von 1947 angesehen werden, die als Gemeinschaftsausgabe sowohl in der sow-
jetischen als auch in der amerikanischen und britischen Zone sowie den vier
Sektoren von Groß-Berlin gültig waren (Abb. 21). Angefangen wird der Satz
mit dem Pflanzer eines Eichensetzlings, der gerade noch mit dem Spaten die
Erde aushob und nun das Symbol des Neuanfangs vor dem Hintergrund einer
Aureole sanft in die Erde setzt. Seine Arbeit verweist auf eine Darstellungstra-
dition, die weniger Landwirtschaft thematisiert, als den nationalen Neube-
ginn. 20 Der Sämann sowie der Arbeiter, der Maurer und die Bäuerin hingegen
stehen in einem engen Bezug zur lebensnotwendigen Arbeit. Der Satz schließt
mit einer Befreiungs- und Friedensmarke, auf der entfesselte Hände eine Frie-
denstaube in die Welt entlassen. Diese Marke gibt dem Wiederaufbau damit
auch ein politisches Telos, es ist (oder soll sein) ein Wiederaufbau zu Errei-
chung des Friedens eines befreiten Volkes. 21
19 Es kann im Sinne eines sittlich-moralischen Wiederaufbaus angeführt werden, dass auch die
Westzonen hierzu einige Marken herausbringen. In diesem Sinne kann beispielsweise die reli-
giöse Motivwahl (religiöse Motivwahl gerade in der BRD sehr stark – nicht nur im Saarland)
auf den Marken des Saarlandes zur Volkshilfe (insbesondere 1949 und 1951) angeführt werden.
Die französische Zone bringt in Baden, Rheinland-Pfalz und Württemberg-Hohenzollern vor
allem Marken heraus, die durch einen Heimatbezug, landschaftliche Schönheit und bedeutende
Dichter und Denker eine Normalisierung der Verhältnisse und eine erbauliche Rückbesinnung
auf die eigene Größe und Schönheit anzustreben scheint. Die hierbei auch abgebildete Winze-
rin und die Winzerwirtschaft, bedienen mehr einen Traditionstopos als den Topos der Arbeits-
notwendigkeit. In der Bizone erscheinen 1948 als eine der ersten Marken mit thematischen
Bildmotiven, Marken zum 700. Jahrestag der Grundsteinlegung des Kölner Doms.
20 Siehe dazu auch den Beitrag von Gottfried Gabriel im vorliegenden Band.
21 Es wäre eine Forschungsfrage, inwieweit hiermit auch kommuniziert werden sollte, dass die
kriegerische Zeit zuvor ein Resultat der Unfreiheit des Volkes war, dass also das durch den NS-
Staat gefangen genommene Volk selbst zweifaches Opfer geworden ist, indem es zunächst sei-
ner Freiheit beraubt und dann in einen Krieg gezwungen wurde. Damit wäre auch dieser Satz
im Sinne einer Verklärung als Opfer zu lesen. Im Rahmen der vorliegenden Arbeit kann diesem
Gedanken allerdings nicht nachgegangen werden.
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Zum Wiederaufbau in der sowjetischen Zone und der frühen DDR findet
sich eine Vielzahl an Marken. Die Lokalausgabe aus Meißen 1945 zeigt auf vier
Marken (Abb. 22), die auch mit »Wiederaufbau« überschrieben sind, den not-
wendigen Wiederaufbau des Haus- und Weinbaus, den Wiederaufbau der
regional bedeutsamen Porzellanindustrie, einen zu verbauenden Stahlträger
und dann nicht zuletzt auch die Symbolik des Brückenbaus. Plauen (Vogtland)
bildet 1945 die zerstörte Elsterbrücke und mit dem gleichen Nominalwert (6+4
Pfennig) auch die wiederaufgebaute Elsterbrücke ab (Abb. 23). Während die
zerstörte Brücke so gezeigt wird, dass die Zerstörung in Form einer klaffenden
Lücke deutlich zu sehen ist, weist die wiederaufgebaute Brücke bereits perspek-
tivisch in eine Fahrtrichtung und macht mit der Silhouette des mit einem
Hammer bewehrten Arbeiters die Leistung des Wiederaufbaus deutlich. Zwei
Regionen innerhalb der sowjetischen Zone stechen durch die Vielzahl ihrer
Wiederaufbaumotive deutlich hervor: die Provinz Sachsen und Mecklenburg-
Vorpommern. 22 Zum einen gibt die Provinz Sachsen 1946 drei Marken zum
Wiederaufbau heraus (Abb. 24), wobei hier nicht die Versorgung mit Lebens-
mitteln thematisiert wird, sondern die Wiederherstellung von Wohnmöglich-
keiten und der industrielle Aufbau im Mittelpunkt stehen. Zum anderen er-
scheinen in Mecklenburg-Vorpommern viele Marken mit Arbeitsbezug. Hier
allerdings steht die Versorgung mit Lebensmitteln und damit die Landwirt-
schaft im Zentrum. Dabei betont die holzschnittartige Darstellung der 1945
erschienen Freimarke mit pflügendem Bauern (Abb. 25) einen eher traditio-
nellen Bezug zur Landwirtschaft, der auch in der sogenannten Abschiedsserie 23
von 1946 deutlich wird (Abb. 26). In dieser Serie dominieren zwar Darstellung
des landwirtschaftlichen Aufbaus, allerdings wird auch der industrielle Aufbau
sowie der Neubau von Wohnhäusern abgebildet. Die in beiden Regionen er-
scheinenden Marken zur Bodenreform zeigen zwar auch die landwirtschaftli-
che Arbeit, bedienen aber mit ihrem explizit gemachten Bezug zur Bodenre-
form den eher revolutionären Topos des sozialen und politischen Fort-
schritts. 24 Besonders deutlich wird das auf den 1945 herausgegebenen Marken
22 Auch Groß-Berlin gibt einen Satz zum Wiederaufbau heraus, auf welchem der Bär als das
Wappentier der Stadt in Arbeitszusammenhängen gezeigt wird. Der Bär mit Spaten, Ziegel und
Balken baut auf, damit, wie die letzte Marke des Satzes deutlich macht, das Eichenbäumchen als
nationales Erneuerungssymbol zwischen Kriegsruinen wieder gedeiht.
23 In Mecklenburg-Vorpommern waren ab Ende Dezember 1945 auch die übrigen Oberpostdirek-
tions- und Lokalausgaben der sowjetischen Besatzungszone gültig. Mit dem 31. März 1946
wurde daher die Ausgabe eigener Marken eingestellt.
24 Unter der Losung ›Junkerland in Bauernhand‹ forderte der Vorsitzende der KPD (Wilhelm
Pieck) bereits am 2. September 1945 den Beginn einer Bodenreform. Die darauf unmittelbar
erlassenen Bodenreformverordnungen der Länder- und Provinzialverwaltungen sah »eine Ent-
eignung der führenden Nationalsozialisten, der einflussreichen Repräsentanten des ›Dritten
Reichs‹ sowie aller Landbesitzer mit jeweils mehr als einhundert Hektar« vor (Arnd Bauerkäm-
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in Mecklenburg-Vorpommern (Abb. 27), wo durch die Losung ›Junkerland in
Bauernhand‹ eine politische Forderung breitenwirksam kommuniziert und
propagiert werden soll, die keineswegs unumstritten war.
Grundsätzlich scheinen die Darstellungen der Arbeitenden auf Marken der
DDR vor allem den Topos des Fortschritts zu bedienen. In ihnen werden die
Arbeitenden in aller Regel kontextualisiert, sie arbeiten an konkreten Produk-
ten, mit bestimmten Maschinen an benennbaren Produktionsstätten. Es er-
scheinen relativ wenige Marken, die porträthafte Züge annehmen, sondern es
wird der Versuch unternommen, entweder im Bildhintergrund die Kontexte
der Arbeit herzustellen, oder es werden Situationen der Arbeit dargestellt. In
beiden Fällen tritt ein Topos dominant hervor, der mit der Darstellung der
Arbeit auch die technische Entwicklung derselben darzustellen versucht. Zwar
zeigt auch die ab 1975 herausgegebene bundesdeutsche Dauerserie zu Industrie
und Technik (Abb. 28) Erzeugnisse des technischen Fortschritts, die klarer-
weise ein Resultat menschlicher Arbeit sind, allerdings wird dieser Bezug in
dem Satz nicht hergestellt. 25 Weder wird gezeigt, dass etwa der Traktor auf der
80-Pfennig-Marke ein Erzeugnis menschlicher Produktivkraft ist, noch wird
gezeigt, wie diese Produktivkraft durch den Einsatz des Traktors gesteigert
wird oder sich Arbeitsbedingen durch diesen Traktor verbessern. Diese Loslö-
sung von Verwendungs- und Entstehungskontexten findet sich zwar auch auf
Marken der DDR, etwa auf vielen Messemarken ab Mitte der 1950er-Jahre,
aber das Gros der Darstellungen insbesondere der frühen DDR bemüht sich
sichtlich um einen kontextuellen Bezug. Der technische Fortschritt wird damit
häufig als auf die Arbeits- und Lebenswelt bezogen gezeigt, zugleich erscheint
die Entwicklung der arbeitenden Tätigkeiten als Errungenschaften des techni-
schen Fortschritts. Arbeit ist damit nicht bloß die Basis des gesellschaftlichen
Wohlstands, sondern zugleich ein Indikator der gesellschaftlich-technischen
Entwicklung. Die 35-Pfennig-Marke zur Leipziger Herbstmesse 1953 macht
dies deutlich (Abb. 29): Hier werden die Landmaschinen im Einsatz darge-
stellt, aufrecht steht der Maschinist unter dem Banner mit der Losung ›Im
Zeichen des Fortschritts‹. Spätere Messemarken zeigen schließlich zunehmend
weniger Arbeitstechnik im Einsatz oder auch nur in einem Kontext menschli-
per: Die Bodenreform in der Sowjetischen Besatzungszone in vergleichender und beziehungs-
geschichtlicher Perspektive. Einleitung, in: ders. (Hrsg.): »Junkerland in Bauernhand«? Durch-
führung, Auswirkungen und Stellenwert der Bodenreform in der Sowjetischen Besatzungszone,
Stuttgart 1996, S. 7–20, hier: S. 7.)
25 Die Marken dieses Satzes mit einem klaren Bezug zur Arbeitswelt sind vor allem ab der 80-
Pfennig-Marke zu finden. Dargestellt werden ein Traktor, ein Braunkohleförderbagger, eine
Chemieanlage, ein Heizkraftwerk, ein Großhochofen und eine Bohrinsel. Die übrigen Marken
zeigen eher technische Neuerungen aus dem Bereich der Informationsübertragung und des
Transports sowie (mit dem Spacelab auf der 40-Pfennig-Marke) der Forschung.
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cher Interaktion. Es setzt sich ein Bildtypus auf den Messemarken durch, der
das Produkt als Werbe- und Verkaufsobjekt in Szene setzt, wie dies besonders
deutlich auf der 25-Pfennig-Marke zur Leipziger Frühjahrsmesse zu sehen ist
(Abb. 30). Der Traktor posiert dramatisierend durch die gewählte Froschper-
spektive mit schräg auf den Betrachter hin eingeschlagenen Vorderrädern.
Grundsätzlich kann gesagt werden, dass sich der Bezug zum technischen
Fortschritt auf zwei Weisen vollzieht: einerseits indem die Produkte des fort-
schrittlich technisierten Arbeitsprozesses in den Blick gerückt werden, ande-
rerseits indem die Technisierung der Arbeitsprozesse als fortschrittlich heraus-
gestellt wird. Während auf die erste Weise eher der Warenkonsument in sei-
nem Interesse an neuen, hochwertigen Produkten angesprochen wird, wendet
sich die zweite Darstellung eher an den Arbeitenden, der an einer Verbesse-
rung der Prozesse interessiert ist. Beispielhaft sei für die erste Darstellungswei-
se auf den schon thematisierten Satz zum Tag des Chemiearbeiters (Abb. 13)
verwiesen, in welchem die gesellschaftlich-technischen Neuerungen als tat-
sächliche Produkte der Arbeit gezeigt werden. Die zweite Darstellungsweise
tritt wesentlich häufiger auf und thematisiert oft die Technisierung der Land-
wirtschaft. Der 1962 erschienene Satz zur nationalen Landwirtschaftsausstel-
lung (Abb. 31) kann hierfür ebenso als Beispiel dienen, wie auch die Einzel-
marke von 1987 zum 35-jährigen Jubiläum der Landwirtschaftlichen Produk-
tionsgenossenschaften (Abb. 32). Gerade diese Marke zeigt mit der bildlichen
Gegenüberstellung von ›früher‹ und ›heute‹ unzweifelhaft ein Fortschrittsmo-
tiv. 26 Allerdings wird an dieser Marke auch deutlich, dass der Mensch, etwa als
arbeitender und mit der Technik interagierender Maschinist, nicht mehr dar-
gestellt wird. Verglichen mit den Marken der DDR der 1950er- und 1960er-
Jahre wird die Darstellung der Produkte zunehmend wichtiger und wenn auch
der menschliche Bezug nie vollends verschwindet, so scheint er doch an Be-
deutung zur Legitimation verloren zu haben. Dies wird deutlich, wenn man
sich zum Vergleich etwa die Marken zum Fünfjahrplan von 1953 (Abb. 34)
oder den großen DDR-Block 15 Jahre DDR von 1964 (Abb. 35) ansieht, wo der
Arbeitende noch im Zentrum der Darstellung steht und der Fortschritt in
Technik und Entwicklung – und damit auch seine Legitimation – an der sicht-
lichen Zufriedenheit des Arbeiters ablesbar gemacht wird, was besonders gut
an der zufrieden und sympathischen, wohlwollend lächelnden Maschinistin
auf der 80-Pfennig-Marke im Fünfjahrplan-Satz zu sehen ist. Man nutzt – wie
es auch heute noch in der Werbung üblich ist – ein sympathisches Testimonial,
das die Vorzüge der Entwicklung sichtlich preisen soll. Dabei sind diese Dar-
stellungen keineswegs heroisierend, wie etwa die Darstellungen der landwirt-
26 Siehe dazu auch den Beitrag von Annemarie Müller im vorliegenden Band.
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schaftlichen Produktionsarbeit im Deutschen Reich, sie sind auch nicht Tradi-
tionsbezogen, wie die Darstellungen der frühen Bundesrepublik, sondern – in
zunehmenden Maße – technikfixiert und fortschrittsorientiert. An einem ab-
schließenden Beispiel wird ein Unterschied zwischen den traditionsbetonen-
den und den fortschrittsbetonenden Topoi sehr gut deutlich: Die Automatisie-
rung und Technisierung der Arbeit, ein Phänomen das heute immer auch als
wenigstens potentiell soziales Problem – etwa in Bezug auf Stellenabbau und
Arbeitslosigkeit – diskutiert wird, erscheint auf Marken der Bundesrepublik im
Grunde gar nicht und in den Marken der DDR nicht als problembehaftet. 1987
erschienen in der DDR zwei Marken zum 30-jährigen Jubiläum der Messe der
Meister von Morgen (Abb. 33), also zwei Marken, die sich nicht zuletzt an jun-
ge Menschen richten und stellen die Arbeit am PC und sogar mit dem
Schweißroboter die Vollautomation dar. Diesbezügliche Marken sind bis heute
in der Bundesrepublik nicht erschienen.
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Abbildungen
Abbildung 1–3
Landarbeiter und Schutzpatronin Bavaria (1920, Michel, Bayern, 178, 182, 186).
Abbildung 4
Teil- bzw. Neuauflage von Bayerns sog. Abschiedsausgabe (1920, Michel, DR, 121, 123, 127).
Abbildung 5
Ziffern, Arbeiter, Posthorn und Pflüger (1921, Michel, DR, 165, 168, 170, 176).
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Abbildung 6
Jugend: Handwerksberufe (1986, Michel, BRD, 1274–1277).
Abbildung 7
Jugend: Handwerksberufe (1987, Michel, BRD, 1315–1318).
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Abbildung 8
Fernsprechvermittlung und Telegrammübermittlung früher und heute (1979, Michel, DDR, 2400–
2401).
Abbildung 9
750 Jahre Apothekerberuf (1991, Michel, BRD, 1490).
Abbildung 10
8 Jahre Arbeitsdienst (1943, Michel, DR, 850–853).
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Abbildung 11–12
6 Jahre Nationale Volksarmee (1962, Michel, DDR, 878); 10 Jahre Deutsche Demokratische Re-
publik (1959, Michel, DDR, 726).
Abbildung 13
Tag des Chemiearbeiters (1960, Michel, DDR, 800–803).
Abbildung 14–15
Grundgedanken der Demokratie: 30 Jahre Bundeswehr (1985, Michel, BRD, 1266); Im Einsatz für
Deutschland: Bundeswehr (2013, Michel, BRD, 3015).
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Abbildung 16
Deutsche Nothilfe: Berufsstände (1934, Michel, DR, 556–564).
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Abbildung 17
Berufe und Ansichten aus dem Saarland (1947, Michel, Saarland, 208, 215, 220); Wiederaufbau des
Saarlandes (1948, Michel, Saarland, 243, 245, 247, 249); Bilder aus Industrie, Handel, Landwirt-
schaft und Kultur (1949, Michel, Saarland, 283, 284).
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Abbildung 18
Wohlfahrt: Kohlebergbau (1957, Michel, BRD, 270–273).
Abbildung 19
Wohlfahrt: Landwirtschaft (1958, Michel, BRD, 298–300).
Abbildung 20
5 Jahre Jugendweihe (1959, Michel, DDR, 680–681).
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Abbildung 21
II. Kontrollausgabe (1947, Michel, Gemeinschaftsausgaben, 943, 945, 947, 949, 959).
Abbildung 22
Wiederaufbau (1946, Michel, Lokalausgaben (Meißen), Block 1).
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Abbildung 23
Wiederaufbau: Volkshilfe (1945, Michel, Deutsche Lokalausgaben ab 1945 (Plauen), 3).
Abbildung 24
Wiederaufbau (1946, Michel, SBZ (Sachsen), 87–89).
Abbildung 25
1. Ausgabe (1945, Michel, SBZ (Mecklenburg-Vorpommern), 11).
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Abbildung 26
Sog. Abschiedsserie (1946, Michel, SBZ (Mecklenburg-Vorpommern), 33, 35–40).
Abbildung 27
Bodenreform (1945, Michel, SBZ (Mecklenburg-Vorpommern), 23–25).
Abbildung 28
Industrie und Technik (1975, Michel, BRD, 853–858).
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Abbildung 29–30
Leipziger Herbstmesse (1953, Michel, DDR, 381); Leipziger Frühjahrsmesse (1980, Michel, DDR,
2499).
Abbildung 31–32
Nationale Landwirtschaftsausstellung, Markkleeberg (1962, Michel, DDR, 895–897); 35 Jahre
Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften (1987, Michel, DDR, 3090).
Abbildung 33
30 Jahre Messe der Meister von Morgen (1987, Michel, DDR, 3132–3133).
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Abbildung 34
Fünfjahrplan (1953, Michel, DDR, 362–379).
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Abbildung 35
15 Jahre DDR (1964, Michel, DDR, Block 19).
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René Smolarski
»... zwei Welten im Leben eines Volkes«. Nationalsozialistische
Geschlechterrollen im Spiegel der Briefmarken des ›Dritten
Reiches‹ (1933–1945)
1 Einleitung
In seiner Rede vor der NS-Frauenschaft am 8. September 1934 sprach Adolf
Hitler in Bezug auf seine Vorstellungen einer funktionierenden Volksgemein-
schaft und im Hinblick auf die geschlechterspezifische Rollenverteilung darin
von »zwei Welten im Leben eines Volkes« 1. Die sich aus dieser Einteilung
ergebenden und immer wieder propagierten Geschlechterrollen finden sich
nicht allein in den zahlreichen schriftlichen und akustischen Quellen der Zeit,
also den entsprechenden Publikationen – hier nicht zuletzt auch Adolf Hitlers
Mein Kampf – und den vielzähligen Ansprachen führender NS-Funktionäre,
sondern auch auf visuellen Medien. Eines dieser Medien, das bis heute jedoch,
wenn überhaupt, nur am Rande wahrgenommen wird, ist die Briefmarke.
Im Folgenden soll auf der Grundlage ausgewählter Beispiele und anhand
zwei konkreter thematischer Bezüge – Familie und Arbeitswelt – aufgezeigt
werden, wie auch auf den Postwertzeichen des ›Dritten Reiches‹ geschlechter-
spezifische Gesellschaftsvorstellungen vermittelt wurden.
2 Die Frau als Hüterin der Familie
Die von Seiten der nationalsozialistischen Führung zugedachte primäre Rolle
der Frau in der Volksgemeinschaft 2 hatte Adolf Hitler in der eingangs erwähn-
1 Adolf Hitler zitiert in der Frauenzeitschrift NS-Frauenwarte (Oktober 1936, S. 265), zit. n. Tanja
Sadowski: Die nationalsozialistische Frauenideologie. Bild und Rolle der Frau in der NS-
Frauenwarte von 1939, in: Mainzer Geschichtsblätter 12 (2000), S. 161–182, hier: S. 164.
2 Zum Begriff Volksgemeinschaft siehe unter anderem: Norbert Frei: 1945 und wir. Das Dritte
Reich im Bewußtsein der Deutschen, München 2005 sowie Dietmar Süß/Winfried Süß: »Volks-
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ten Ansprache unmissverständlich erklärt, als er vor dem Hintergrund seiner
Einteilung des Leben eines Volkes in zwei Welten diejenige der Frau mit den
folgenden Worten umschrieb: »Denn ihre Welt ist ihr Mann, ihre Familie, ihre
Kinder und ihr Haus.« 3 Das Bild der Frau, welches die Nationalsozialisten
nicht neu entwarfen, sondern aus tradierten und nicht erst seit Zeiten der
Weimarer Republik vorherrschenden Geschlechterstereotypen übernahmen, 4
konzentrierte sich wenn auch nicht ausschließlich 5, so doch größten Teils auf
ihre Rolle als Hausfrau und Mutter.
Die nationalsozialistische Ideologie passte nicht nur, wie Hans-Ulrich Weh-
ler in seiner umfassenden Deutschen Gesellschaftsgeschichte aufzeigte, zu dem
männerbündischen Charakter der Hitlerbewegung, 6 sondern wies der Frau
auch eine wesentliche und funktionale Rolle in der patriarchalischen NS-
Volksgemeinschaft zu. 7 Sie sollte als Hüterin des Heims, als Erzieherin der
Kinder und als »Gefährtin und Gehilfin des (Ehe-)Mannes« 8 die Aufrechter-
haltung der Familie als »Keimzelle der Volksgemeinschaft« 9 sicherstellen.
Familien und insbesondere Mütter wurden daher durch das nationalsozialisti-
sche Regime im besonderen Maße gefördert und geehrt. Bereits Hitler hatte die
Mutter in Mein Kampf als »wichtigste Staatsbürgerin« in seinem Staate be-
zeichnet – auch wenn er die Mütter in diesem Zusammenhang wohl eher als
Erzeugerin des für seine Eroberungspläne so wichtigen Nachwuchses ansah. 10
Diese gesellschaftliche Überhöhung des Mutterbildes äußerte sich nicht nur
in der rein finanziellen Unterstützung durch Kindergeld 11 und Ehestandsdar-
gemeinschaft« und Vernichtungskrieg. Gesellschaft im nationalsozialistischen Deutschland, in:
dies. (Hrsg.): Das »Dritte Reich«. Eine Einführung, München 2008, S. 79–99.
3 Aus Hitlers Ansprache vor der NS-Frauenschaft (8. September 1934); siehe auch: Völkischer
Beobachter, 10. September 1934.
4 Vgl. Sybille Steinbacher: Frauen im »Führerstaat«, in: Dietmar Süß/Winfried Süß (Hrsg.): Das
»Dritte Reich«. Eine Einführung, München 2008, S. 103–119, hier: S. 104 und Maruta
Schmidt/Gabi Dietz: Frauen unterm Hakenkreuz. Eine Dokumentation, München 1985, S. 56.
Zum Arbeitsalltag der Arbeiterinnen in den 1920er-Jahren siehe unter anderem: Alf Lüdtke
(Hrsg.): »Mein Arbeitstag – mein Wochenende«. Arbeiterinnen berichten von ihrem Alltag
1928, Hamburg 1991.
5 Vgl. Michael Wildt: Geschichte des Nationalsozialismus, Göttingen 2008, S. 98.
6 Hans-Ulrich Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Vom Beginn des Ersten Weltkriegs bis
zur Gründung der beiden deutschen Staaten 1914–1949, Bonn 2010, S. 752. Siehe dazu auch:
Rita Thalmann: Frausein im Dritten Reich, München/Wien 1984, S. 74ff.
7 Wildt: Geschichte des Nationalsozialismus, S. 98.
8 Sadowski: Die nationalsozialistische Frauenideologie, S. 172.
9 Ilse Eben-Servaes: Der Treuegedanke im Familienrecht, in: Deutsches Recht 5 (1934), S. 536f.
10 Vgl. Schmidt/Dietz: Frauen unterm Hakenkreuz, S. 58–59.
11 Das Kindergeld in Höhe von 10 Reichsmark/Monat wurde im Juli 1936 eingeführt und richtete
sich vorerst an Familien mit mindestens fünf Kindern unter 16 Jahren und einem maximalen
Monatseinkommen von 185 Reichsmark. Später wurden diese Beschränkungen immer weiter
aufgehoben, sodass das Kindergeld ab Dezember 1940 bereits ab dem dritten Kind unter 21 Jah-
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lehen 12 sowie der Schaffung entsprechender Institutionen wie dem Reichsmüt-
terdienst, sondern auch in der Idealisierung der Mutterschaft und dem öffent-
lichen Vollzug ihrer Ehrung im Allgemeinen. So wurde zum einen bereits ab
1934 der Muttertag fest in das gesetzliche Feierjahr eingebunden und jedes
Jahr festlich begangen. 13 Zum anderen erhielten reichsdeutsche Frauen mit
mehr als vier ›arischen‹ und ›erbgesunden‹ Kindern seit 1938 mit dem Ehren-
kreuz der deutschen Mutter eine eigene Auszeichnung, die die in der Gesell-
schaft eingeforderte Anerkennung der Rolle der Frau als Mutter und Erhalterin
der Volksgemeinschaft unterstrich. 14
Es wundert daher wenig, dass auch bei der Gestaltung der Briefmarken als
einem propagandistischen Medium immer wieder das Bild der Mutter aufge-
griffen wurde, so zum Beispiel auf den anlässlich des Internationalen Gemein-
dekongresses in München und Berlin (1936), des 10-jährigen Bestehens des
Winterhilfswerkes 15 (1943) und des ebenfalls 10-jährigen Jubiläums des Hilfs-
werkes Mutter und Kind 16 (1944) herausgegebenen Marken.
Im ersten Fall (Abb. 1) handelt es sich um einen Satz von vier bildgleichen
Marken in den damals üblichen Wertstufen, auf denen eine Mutter abgebildet
ist, die ihre Arme schützend um eine Gruppe von vier nackten, in einer stili-
ren und unabhängig vom Einkommen ausbezahlt wurde (vgl. Wildt: Geschichte des National-
sozialismus, S. 99).
12 Mit dem Gesetz zur Verhinderung von Arbeitslosigkeit, welches im Juni 1933 erlassen wurde,
wurde frisch verheirateten Paaren die Möglichkeit gegeben, ein zinsloses Darlehen in Höhe von
bis zu 1.000 Reichsmark aufzunehmen. Die Darlehensschuld reduzierte sich dabei pro neugebo-
renem Kind um jeweils ein Viertel, sodass das Darlehen nach vier Kindern abgekindert war (vgl.
Schmidt/Dietz: Frauen unterm Hakenkreuz, S. 63). Die Aufnahme eines solches Darlehens war
jedoch damit verbunden, dass die Ehefrau ihre Anstellung aufzugeben und sich damit ganz ih-
rer Rolle als Ehefrau und Mutter hinzugeben hatte (vgl. Wildt: Geschichte des Nationalsozia-
lismus, S. 99 und Schmidt/Dietz: Frauen unterm Hakenkreuz, S. 63).
13 Vgl. Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte, S. 753 und Wolfgang Benz: Geschichte des
Dritten Reiches, München 2000, S. 76. Zur Geschichte des Muttertags siehe unter anderem: El-
ba Maria Frank: Die Institution Muttertag. Eine historisch-soziologische Studie, Saarbrücken
2008 und Irmgard Weyrather: Der nationalsozialistische Mutterkult, in: Alexander Bo-
esch/Birgit Bolognese-Leuchtenmüller/Hartwig Knack (Hrsg): Produkt Muttertag. Zur rituellen
Inszenierung eines Festtages, Wien 2001, S. 71–78.
14 Vgl. Benz: Geschichte des Dritten Reiches, S. 76.
15 Das Winterhilfswerk wurde im September 1933 gegründet und sollte als Nothilfe-Institution
schnelle und sichtbare Unterstützung bei der Bekämpfung von Armut und den Folgen von Ar-
beitslosigkeit leisten. Zum Winterhilfswerk siehe unter anderem: Herwart Vorländer: NS-
Volkswohlfahrt und Winterhilfswerk des Deutschen Volkes, in: Vierteljahrshefte für Zeitge-
schichte 34 (1986) 3, S. 341–380.
16 Das Hilfswerk Mutter und Kind unterstand dem Hauptamt für Volkswohlfahrt in der Reichslei-
tung der NSDAP und wurde 1934 mit der Zielstellung gegründet, die den rassischen Bestim-
mungen genügenden Schwangeren und jungen Mütter sowie deren Nachwuchs zu betreuen.
Dazu siehe auch: Schmidt/Dietz: Frauen unterm Hakenkreuz, S. 70–71.
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sierten Burg spielenden Kleinkindern hält und dabei liebevoll auf sie herunter-
blickt. 17
Auch im zweiten Fall, einer auf einem Entwurf des Künstlerehepaares Wer-
ner und Maria von Axster-Heudtlaß 18 basierenden Zuschlagsmarke zugunsten
des Winterhilfswerkes (Abb. 2), wird das Bild einer jungen Mutter im Kreise
ihrer ebenfalls vier Kinder dargestellt. Doch gerade in diesem detailreichen
und aufwändig gestalteten Bild zeigen sich auch die, über die reine Kinderzahl
hinausgehenden, rassischen Ansprüche an den ›erbgesunden‹ deutschen
Nachwuchs. Die junge blonde Frau in ihrem biederen Kittel sitzt an der mit
einem Herzen verzierten Wiege ihres jüngsten Nachwuchses und hält ein nur
unwesentlich älteres Kind in den Armen. Neben ihr stehen ihre beiden Ältes-
ten. Zu ihrer Rechten ein junges, vielleicht sechs- oder siebenjähriges, blondes
Mädchen mit den gerade für die damalige Zeit und im Zusammenhang mit der
nationalsozialistischen Bildersprache charakteristischen Zöpfen. Sie stützt sich
auf die Beine der Mutter und blickt liebevoll und neugierig zu dieser auf. Auf
der linken Seite ihr Ältester: ein vielleicht zehnjähriger, ebenfalls blonder Jun-
ge, der die Uniform einer der nationalsozialistischen Jugendorganisationen –
Deutsches Jungvolk oder Hitlerjugend – trägt und ebenfalls seinen Blick auf die
mit dem Geschwisterchen beschäftigte Mutter richtet. Die Marke soll damit,
wie es im Hinblick auf die geplante Emission in der Deutschen Zeitung in den
17 Der Entwurf zur Marke stammt von Richard Klein, seit 1935 Direktor der Staatsschule für
angewandte Kunst in München und ab 1937 zusammen mit Albert Speer, Fritz Todt und Leon-
hard Gall Mitglied des künstlerischen Beirates der Zeitschrift Die Kunst im Deutschen Reich.
Klein, der seit der Erhebung der Staatsschule zur Akademie für angewandte Kunst auch zum
Professor ernannt worden war, entwarf zwischen 1933 und 1945 eine ganze Reihe von Brief-
marken. Darunter vor allem die jährlichen Ausgaben zum Rennen um das Braune Band und
verschiedene Marken mit dem Porträt Hitlers, so unter anderem anlässlich dessen 49. Geburts-
tages sowie des Reichsparteitags von 1938. Zu Richard Klein siehe unter anderem: Ernst Klee:
Das Kulturlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945, Frankfurt am Main
2007, S. 310 und Birgit Witamwas: Geklebte Propaganda. Verführung und Manipulation durch
das Plakat, Berlin 2016, S. 170–173.
18 Über das Künstler-Ehepaar Maria von Axster und Werner von Heudtlaß (vgl. Gerd Krollpfeif-
fer: Das Künstler-Ehepaar von Axster-Heudtlaß, in: Das Magazin (1941) 6, S. 17–20) ist nur
wenig bekannt. Sie waren, entweder einzeln oder gemeinsam, für den Entwurf einer ganzen
Reihe von Briefmarken des Deutschen Reiches, die zwischen 1937 und 1944 verausgabt wurden,
verantwortlich. Vgl. Wolfgang Schneider: Deutschlands Briefmarkenkünstler, in:
http://www.bund-forum.de (letzter Zugriff: 26. Januar 2018). Dabei reicht der thematische Bo-
gen der Markenbilder von unpolitischen Landschaftsmotiven bis hin zu hoch politischen Aus-
gaben, so zum Beispiel die Marke anlässlich der Wehrkampftage der SA oder die zur Unterstüt-
zung des indischen Nationalistenführers Subhash Chandra Bose vorbereitete aber nicht mehr
ausgegebene Markenserie für die Legion Freies Indien, einer aus indischen Studenten und vor
allem britischen Kriegsgefangenen gebildeten Einheit, die im August 1944 der Waffen SS unter-
stellt wurde. Werner von Axster-Heudtlaß, der im November 1949 verstarb, lieferte auch den
Entwurf für die in der Bizone erschienene Emission zur Hannover-Messe 1949 und war damit
auch nach 1945 weiterhin als Briefmarkengestalter aktiv.
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Niederlanden am 21. August 1943 nachzulesen steht, »eine kinderreiche Fami-
lie als Sinnbild der volkspflegerischen Arbeit an Mutter und Kind« 19 und damit
den Erfolg der nationalsozialistischen Familienpolitik aufzeigen.
In beiden Motiven zeigt sich die von den Nationalsozialisten propagierte
Großfamilie mit mindestens vier – dem Minimum für den Erhalt des Mutter-
kreuzes – gesunden und ›arischen‹ Vorstellungen genügenden Kindern. Diese
Anforderungen an die Zahl und rassischen Anlagen des deutschen Nachwuch-
ses basierten auf der Vorstellung, dass Ehe und Familie keine privaten und
individuellen Lebensbereiche waren, sondern sich dem Primat der Politik und
den sich daraus ergebenden Konsequenzen, wie Kriegsführung, Rassen- und
Arbeitskraftpolitik, 20 zu unterwerfen hatten.
Das hier gezeichnete (Ideal)Bild entsprach jedoch nicht der Realität, denn
trotz des aufgebauten gesellschaftlichen Druckes, der anhaltenden Unterstüt-
zung und Schaffung finanzieller Anreize sowie der entsprechenden gesetzli-
chen Bestimmungen zum Verbot der Abtreibung und zur stückweise vollzoge-
nen Fernhaltung der Frauen vom Arbeitsmarkt setzte sich der bereits vor 1933
einsetzende Trend zur Kleinfamilie mit maximal zwei Kindern auch nach der
Machtübernahme der Nationalsozialisten weiterhin fort und die Zahl der kin-
derreichen Familien blieb weit hinter den Erwartungen zurück. 21 Auch die
diesbezüglichen Erfolge der von Heinrich Himmler gegründeten Organisation
Lebensborn ändert an diesen Entwicklungen wenig. 22
Keine der Marken zeigt zudem den Vater oder auch nur einen Hinweis auf
dessen physische Existenz. 23 Die Familie erscheint vielmehr als das alleinige
19 Vgl. Deutsche Zeitung in den Niederlanden, Nr. 77, 21. August 1943, S. 2.
20 Horst Becker schrieb diesbezüglich in seinem Buch über die Familie 1935, die Ehe sei nicht
»mehr nur Sache der Liebe, sondern steht unter politischer Verantwortung, unterliegt den For-
derungen der Rassenpflege und Rassenpolitik. Kinder zeugen und gebären ist eine nationale
Pflicht [...]« (Horst Becker: Die Familie, Leipzig 1935, S. 146, zit. n. Schmidt/Dietz: Frauen un-
term Hakenkreuz, S. 63).
21 Wildt: Geschichte des Nationalsozialismus, S. 99–100 und Wehler: Deutsche Gesellschaftsge-
schichte, S. 755. Dagegen spricht jedoch eine von Rita Thalmann veröffentlichte Statistik zur
»Entwicklung der deutschen Familie zwischen 1932 und 1939«, welche sich auf die Zeitschrift
Völkischer Wille (1939, Nr. 18, S. 2) beruft. Hiernach blieb zwar die Anzahl der Zwei-Kind-
Ehen innerhalb des betrachteten Zeitraums nahezu unverändert (20 bzw. 20,8 Prozent), jedoch
nahm die Anzahl kinderloser Familien deutlich ab – wohl zugunsten der gestiegenen Ein-Kind-
Ehen. Auch die Zahl größerer Familien mit drei Kindern sank zugunsten der Großfamilie mit
über vier Kindern. In wie weit diese Zahlen aber als verlässliche Grundlage angenommen wer-
den können, ist fraglich (vgl. Thalmann: Frausein im Dritten Reich, S. 124).
22 Zu Lebensborn siehe unter anderem: Georg Lilienthal: Der »Lebensborn e. V.« Ein Instrument
nationalsozialistischer Rassenpolitik, Frankfurt am Main 2003 und Volker Koop: Dem Führer
ein Kind schenken. Die SS-Organisation »Lebensborn« e. V., Köln 2007.
23 Diese offensichtliche Ausgrenzung der Väter konstatiert auch Ute Benz in ihrem Aufsatz über
die langen Nachwirkungen der geschlechtsspezifischen Ideologisierung im Nationalsozialismus,
mit der sie sich vor allem anhand der entsprechenden Ratgeberliteratur für junge Mütter ausei-
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›Reich‹ der Mutter, in dem der Vater nur eine untergeordnete – eben nicht
sichtbare – Rolle spielte. Die hier gezeigte Rollenverteilung entsprach jedoch
durchaus der Vorstellung des nationalsozialistischen Regimes, da für dessen
auf das reine Bevölkerungswachstum konzentrierte Politik der Mann lediglich
als Erzeuger und Ernährer gebraucht wurde. 24 Während zeugungswillige Män-
ner nach zeitgenössischer Ansicht leicht zu finden waren, musste die Politik,
wie Rita Thalmann konstatiert, zur Hebung der Bereitschaft zur Mutterschaft
bei jungen Frauen mit entsprechenden Erziehungs- und Zwangsmaßnahmen
sowie finanziellen Anreizen nachhelfen. 25
Die fehlende Vaterfigur auf der Marke von 1943 erhält zudem durch die
sich immer weiter verschärfende Kriegssituation eine zusätzlich und sicher
nicht intendierte Realitätsnähe, waren die Männer doch zu jener Zeit auch
unabhängig von den Vorstellungen der politischen Führung größtenteils tat-
sächlich nicht anwesend, sondern – sofern nicht schon gefallen oder verwun-
det – auf den verschiedenen Kriegsschauplätzen in Europa im Einsatz. Es liegt
daher die Vermutung nahe, dass die auf dieser Marke vermittelte heitere Fami-
lien-Stimmung nicht der tatsächlichen Stimmung in den meisten deutschen
Familien zu dieser Zeit entsprach.
Das nächste Beispiel – die aus dem Jahr 1944 stammenden Zuschlagsmar-
ken zugunsten des Hilfswerkes Mutter und Kind – umfasst vier Marken (Abb.
3), die ebenfalls auf Entwürfen aus der Werkstatt von Axster-Heudtlaß basie-
ren und auf denen unterschiedliche, auf den propagierten Lebensalltag einer
deutschen Mutter und die Arbeit des Hilfswerkes bezogene Motive dargestellt
sind. So zeigen die Markenbilder Mütter am Kinderbett, im Gespräch mit einer
der Gemeindeschwester, beim Besuch des Kinderarztes oder in Gemeinschaft
in einem der vom Hilfswerk betriebenen Müttererholungsheime.
Auch hier fehlen die Vaterfiguren. Der einzige in den Motiven dargestellte
Mann ist der Kinderarzt, welcher im Beisein der Mutter und einer Schwester
des Hilfswerkes einen Säugling untersucht. Gerade diese Marke zeigt beson-
ders eindrücklich die Trennung der männlichen und weiblichen Sphäre, in der
von den Nationalsozialisten propagierten Gesellschaftsordnung. Während die
Frau als Hüterin des Heimes und liebevolle Mutter ganz zur Hausfrau erkoren
nandersetzt (vgl. Ute Benz: Deutsche Frau und deutsche Mutter. Die langen Wirkungen der
Ideologisierung im Nationalsozialismus, in: Ortrun Niethammer (Hrsg.): Frauen und National-
sozialismus. Historische und kulturgeschichtliche Positionen, Osnabrück 1996, S. 144–155,
hier: S. 145–147).
24 Vgl. Thalmann: Frausein im Dritten Reich, S. 114. Zum Bild des Vaters und dessen Metamor-
phosen im 20. Jahrhundert siehe unter anderem Ernst Hanisch: Männlichkeiten. Eine andere
Geschichte des 20. Jahrhunderts, Wien u. a. 2005, S. 28ff.
25 Vgl. Thalmann: Frausein im Dritten Reich, S. 114.
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war, sollte die Berufswelt, wie weiter unten zu zeigen ist, gänzlich als eine Do-
mäne des Mannes verstanden sein.
Das Bild der liebevollen und schützenden Mutter fand jedoch nicht nur in
direktem Bezug auf die Familien- und Geburtenpolitik des Regimes, sondern
auch in einer allegorischen Dimension seinen Niederschlag in die Briefmar-
kenikonographie. Deutlich wird das an den 1935 anlässlich der Saarabstim-
mung und der damit verbundenen Wiedereingliederung des Saarlandes in das
Reichsgebiet verausgabten Postwertzeichen, 26 die von Emmy Glintzer, damals
als freischaffende Künstlerin in Berlin und seit 1940 als Referentin für Kunst
des Reichspost-Ministeriums tätig, entworfen wurden.
Die vier bildgleichen Marken (Abb. 4) zeigen eine mit Eichenlaubkranz 27
versehene Frau, die vor dem Hintergrund einer an einen Glorienschein erin-
nernden Sonne ein junges Mädchen umarmt. Durch den am oberen Bildrand
stehenden Satz »Die Saar kehrt heim!« werden die beiden Personifizierungen
als das Deutsche Reich (Mutter) und das wieder angegliederte Saarland (Toch-
ter) ausgewiesen.
Die enge Koppelung der Begriffe Mutter und Heimat beziehungsweise Mut-
ter und Deutschland in Verbindung mit dem ausgeprägten Mutterkult bot, wie
Maruta Schmidt und Gabi Dietz aufzeigen, den Nationalsozialisten eine ent-
sprechende Projektionsfläche, um die Begeisterung und Bindung der ›Volks-
gemeinschaft‹ an die eigene Nation und deren vermeintliche Größe anzufa-
chen. 28 Gerade Joseph Goebbels nutzte in seinen Reden und Erklärungen im-
mer wieder das Bild der Mutter als Synonym für Heimat und (Vater)Land. 29
26 Die Herausgabe dieses Briefmarkensatzes nur drei Tage nach der erfolgten Abstimmung macht
deutlich, wie sicher sich die Reichsregierung bereits im längeren Vorfeld über das Abstim-
mungsergebnis gewesen war, da, wie Hans-Jürgen Köppel in diesem Zusammenhang konsta-
tiert, die fast zeitgleich zur Verkündigung des Abstimmungsergebnisses erfolgte Herausgabe
der Marken aufgrund des zeitintensiven Herstellungsprozesses die Vermutung nahelegt, dass
»die Postwertzeichen mit der ›Erfolgsmeldung‹ schon Monate vor der Abstimmung am 13. Ja-
nuar 1935 fix und fertig in reichsdeutschen Schubladen lagen« (Hans-Jürgen Köppel: Politik auf
Briefmarken. 130 Jahre Propaganda auf Postwertzeichen, Düsseldorf 1971, S. 61). In Anbetracht
des Abstimmungsergebnisses, wonach 90,73 Prozent der Wähler bei einer Wahlbeteiligung von
97,99 Prozent für die Vereinigung mit dem Reich stimmten, erscheint diese Sicherheit der Na-
tionalsozialisten aber durchaus erklärbar. Im Gegensatz dazu waren die Marken für die Volks-
abstimmungen in Österreich (10. April 1938) und im Sudentenland (4. Dezember 1938) bereits
zwei Tage vor den jeweiligen Abstimmungen und ohne die Bekanntgabe eines Ergebnisses wohl
als Aufruf und Werbemaßnahme herausgegeben worden.
27 Zu Bedeutung und Bedeutungswandel des Eichenlaubes auf Briefmarken, Münzen und Bank-
noten siehe: Gottfried Gabriel: Ästhetik und Rhetorik des Geldes, Stuttgart 2002 und ders.: Äs-
thetik und politische Ikonographie der Briefmarke. in: Zeitschrift für Ästhetik und Allgemeine
Kunstwissenschaft 54 (2009) 2, S. 183–201.
28 Schmidt/Dietz: Frauen unterm Hakenkreuz, S. 67.
29 Vgl. ebd.
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Auch die Künstlerin greift hier dieses Bild auf, welches jedoch nicht von den
Nationalsozialisten entworfen, sondern lediglich benutzt wurde. Das Grund-
motiv basiert auch auf der Germania-Vorstellung, die als Personifikation des
Deutschen Reiches insbesondere im Verlauf des 19. Jahrhunderts enorme
Ausmaße angenommen hatte. 30 Laut Monika Wagner erwies sich das weibliche
Körperbild »nicht nur im geographischen, sondern auch im politischen Sinn
einer nationalen Einheit als besonders tauglich«, da sich in ihm »die Begehr-
lichkeiten und Hoffnungen in ästhetische Vorstellungen übersetzen und eben-
so demonstrativ wie verständlich vermitteln« ließen. 31
Auch in der deutschen Briefmarkenikonographie spielt die Germania eine
herausragende Rolle, ist sie doch das erste über verzierte Wertziffern, Staats-
wappen und Herrscherbildnisse hinausgehende Motiv, das auf deutschen Mar-
ken Verwendung fand. Zwischen 1900 und 1922 und damit bis kurz vor den
Höhepunkt der deutschen Nachkriegsinflation von 1923 32 wurden immer
wieder neue Emissionen der sogenannten Germania-Marken (Abb. 5) aufge-
legt. Dabei war auch dieser Schritt politisch motiviert, denn durch das Weglas-
sen konkreter Hoheitszeichen sollten die bayerische und württembergische
Postverwaltung zur Aufgabe der eigenen Posthoheit veranlasst werden. 33
Doch auch hier griff man bereits auf ein schon seit langer Zeit tradiertes
Motiv zurück, denn schon in der Antike war die Provinz Germania wie alle
römischen Provinzen weiblich personifiziert und zum Beispiel auf den Mün-
zen des Kaisers Domitian (81–96 n. Chr.) als trauernde Gefangene unter dem
Trophäenbaum des siegreichen Kaisers sitzend abgebildet worden (Abb. 6),
während die Münzlegende auf die Eroberung der Provinz verwies:
»GERMANIA CAPTA«.
Durch die allegorische Überzeichnung des Saarlandes als Tochter des Rei-
ches auf den Marken von 1935, wurde damit deutlich gezeigt, dass man dieses
Gebiet nicht erst seit der Bekanntgabe der Abstimmungsergebnisse, sondern
von jeher als Teil des deutschen Staatsgebietes, eben als Tochter der Germania,
ansah.
30 Monika Wagner: Germania, in: Uwe Fleckner/Martin Warnke/Hendrik Ziegler (Hrsg.): Hand-
buch der politischen Ikonographie. Bd. 1, München 2011, S. 408–412, hier: S. 408.
31 Ebd., S. 410.
32 Siehe hierzu unter anderem Frank Graham: Exchange, Rrices, and Production in Hyperinflati-
on. Germany 1920–1923, Whitefish 2010.
33 Vgl. Michel. Deutschland 2011/2012, Unterschleißheim 2011, S. 123.
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3 Arbeit und Beruf: Eine Männerdomäne
In kaum einem Punkt tritt die soziale Struktur des ›Dritten Reiches‹ als einer
Männergesellschaft 34 so deutlich zu Tage, wie in den Vorstellungen des natio-
nalsozialistischen Regimes von und dessen Einflüsse auf den deutschen Ar-
beitsmarkt. So wurde das bereits erwähnte Ehestandsdarlehen im Rahmen des
Gesetzes zur Verhinderung der Arbeitslosigkeit eingeführt und mit der Ver-
pflichtung verknüpft, dass die frisch verheiratete Ehefrau – sofern ihr Gatte
über ein geregeltes Einkommen verfügte – ihren Arbeitsplatz mit der Ehe-
schließung aufzugeben und auch im Nachhinein keinen neuen anzunehmen
hatte. Ziel dieses und anderer staatlicher Eingriffe in den Arbeitsmarkt, wie der
Ausschluss von verheirateten Beamtinnen aus dem öffentlichen Dienst und das
seit 1936 erteilte Berufsverbot für Juristinnen, 35 war es unter anderem, der
nationalsozialistischen Ideologie folgend, die Frau von eben jenem fern zu
halten und auf die ihr zugedachten Aufgaben, Mutterschaft und Rassenzüch-
tung, zu beschränken.
Damit griffen die Nationalsozialisten zwar die bereits in der Weimarer Re-
publik bestehenden und in weiten Teilen der männlichen aber auch weibli-
chen 36 Bevölkerung gepflegten Ressentiments gegen die außerhäusliche Be-
schäftigung von insbesondere verheirateten Frauen auf, 37 konnten diesen prin-
zipiellen Kurs aber nicht dauerhaft durchhalten. Bereits vor der
›Machtergreifung‹ zwangen die unerwarteten Wahlerfolge zwischen 1930 und
1933, der enorm angestiegene Anteil der Frauenstimmen und die vom politi-
schen Gegner gegen das NS-Frauenbild vorgebrachte Kritik die NSDAP-
Führung, einstweilen vom Kurs abzuweichen und die Stellung der Frau im
Arbeits- und Berufsleben – wenn auch mit deutlichen Einschränkungen ge-
genüber dem Mann – zumindest verbal anzuerkennen. 38 Der anhaltende Ar-
beitskräftemangel, der bereits seit 1936 in verschiedenen Bereichen der Indust-
rie-, Agrar- und Dienstleistungswirtschaft spürbar war 39 und sich mit Aus-
bruch des Krieges weiter verschärfte, führte zudem zu einer stetigen
34 Vgl. Benz: Geschichte des Dritten Reiches, S. 75.
35 Steinbacher: Frauen im »Führerstaat«, S. 107–108.
36 Nicht nur Männer machten gegen die Emanzipation und damit auch gegen die berufliche
Gleichberechtigung der Frauen mobil. Auch viele Frauen haderten mit der kaum 14 Jahre vor
der Machtergreifung eingeführten formalen Gleichberechtigung der Frau und den sich langsam
eröffnenden beruflichen Perspektiven, schienen sie doch die gesellschaftliche Grundordnung zu
gefährden und die bislang gewohnten Rollenbilder aufzubrechen. Siehe dazu unter anderem:
Benz: Deutsche Frau und deutsche Mutter, S. 146.
37 Vgl. Steinbacher: Frauen im »Führerstaat«, S. 106–107.
38 Vgl. Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte, S. 752; siehe dazu auch: Thalmann: Frausein im
Dritten Reich, S. 157ff.
39 Vgl. Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte, S. 754.
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Aufweichung der Restriktionsmaßnahmen. So wurde unter anderem bereits
1936 der für das Ehestandsdarlehen notwendige Berufsverzicht gelockert, 1937
ganz aufgehoben 40 und ab 1939 ein Arbeitsdienst für Frauen sogar vorge-
schrieben, welcher in der Regel ein halbes Jahr Arbeitseinsatz in der Landwirt-
schaft erzwang. 41
Auf diese Weise konnte sich der bereits in den 1920er-Jahren einsetzende
Trend einer steigenden Anzahl erwerbstätiger Frauen trotz der offiziell anti-
emanzipatorischen Politik weiter fortsetzen. 42 Diese führte letztlich so weit,
dass, wie Michael Wildt anhand entsprechender Zahlen nachweist, das natio-
nalsozialistische Deutschland im Jahr 1939 mit 14,6 Millionen erwerbstätigen
Frauen prozentual gesehen sogar Großbritannien und die USA überholte. 43
Trotz gegenteiliger, vor allem durch den Krieg geschaffener Tatsachen wurde
die offizielle und ideologisch begründete Devise, wonach die Frau an den hei-
mischen Herd gehöre und sich vorrangig der Mutterschaft zu widmen habe,
bis zuletzt nach außen vertreten. 44
Die leitende Vorstellung eines rein männlich dominierten Arbeitsmarktes
zeigt sich auch auf einer Reihe von Postwertzeichen. So erschien bereits 1934
ein Satz von neun mit einem Zuschlag für die Deutsche Nothilfe versehenen
Marken (Abb. 7), auf denen verschiedene Berufsstände abgebildet wurden. Alle
diese von Ferdinand Spiegel 45 entworfenen Marken zeigen stets einen männli-
chen Vertreter des entsprechenden Berufsstandes mit dem für seine jeweilige
Arbeit notwendigen und charakteristischen Werkzeug. Beim größten Teil der
dargestellten Tätigkeiten handelt es sich um klassische Männerberufe wie
Schmied, Bergmann oder Maurer. Eher frauenspezifische Berufe der damali-
gen Zeit wie Krankenschwester, Büroangestellte oder Lehrerin wurden hinge-
gen gar nicht gezeigt.
Über die Tatsache hinaus, dass keines der Motive eine Frau zeigt, ist an die-
sem Markensatz eine weitere, für die nationalsozialistische Vorstellung von
Arbeit charakteristische Eigenheit zu erkennen. Während die unteren Wertstu-
fen (drei bis zwölf Reichspfennig) dem Handwerks- und Kaufmannswesen
(Kaufmann, Schmied, Maurer, Bergmann, Baumeister und Bauer) gewidmet
sind, zeigen die drei Höchstwerte (20 bis 40 Reichspfennig) die akademischen
Berufe (Wissenschaftler, Künstler und Richter). Hinsichtlich der Haltung und
40 Vgl. Thalmann: Frausein im Dritten Reich, S. 162.
41 Vgl. Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte, S. 755.
42 Vgl. Steinbacher: Frauen im »Führerstaat«, S. 106.
43 Vgl. Wildt: Geschichte des Nationalsozialismus, S. 100.
44 Siehe hierzu unter anderem ebd.
45 Ferdinand Spiegel gilt als ein Vertreter des ›völkisch-traditionalistischen‹ Stils und war auch auf
den großen deutschen Kunstausstellungen im Münchner Haus der Deutschen Kunst mehrfach
vertreten.
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Gesichtszüge der abgebildeten Männer sowie in Bezug auf die Zusammenstel-
lung der einzelnen Werte entsprach die Serie damit der von den Nationalsozia-
listen behaupteten Gleichstellung des Arbeiters der Faust mit dem Arbeiter der
Stirn (Abb. 8). 46
Im Hinblick auf die Gewichtung scheint auf den ersten Blick den Akademi-
kern aufgrund der Markenwerte ein höherer Stellenwert beigemessen worden
zu sein. Dabei gilt es jedoch zu beachten, dass vor allem die niederen und für
die alltägliche Frankatur am häufigsten verwendeten Werte – also vor allem
jene zu sechs und zwölf Reichspfennig – die weiteste Verbreitung fanden. 47 Die
Bilder des handwerklich schwer arbeitenden deutschen Mannes fanden also in
der breiten Bevölkerung deutlich mehr Rezipienten und vermittelten daher die
durch das Regime propagierte Bedeutungshoheit der Arbeiterklasse.
Erst im Frühjahr 1944 und damit weit nach Ausbruch des kriegsbedingten
Arbeitskräftemangels tauchte erstmals eine (erwerbs-)tätige Frau auf einem
reichsdeutschen Markenbild auf. Im Rahmen eines erneut von Axster-
Heutdlass entworfenen Zuschlagssatzes für die Deutsche Reichspost, einem
während des Nationalsozialismus regelmäßig auf Briefmarken verarbeiteten
Themas, wird neben einem männlichen Feldpostbeamten und vier weiteren
mit dem Postbetrieb in Verbindung stehenden Motiven auch eine Briefzustel-
lerin abgebildet (Abb. 9). Diese steht mit einer Tasche voller zuzustellender
Briefe vor einer intakten Häuserfront, die zu diesem Zeitpunkt, aufgrund des
anhaltenden (Bomben)Krieges, so nicht mehr überall in Deutschland vorzu-
finden war. Hinzu kommen die beiden ebenfalls 1944 herausgegebenen und
von dem vor allem als Fotografen bekannt gewordenen Künstler René Ahrlé
entworfenen Marken anlässlich einer Ausstellung des Reichsarbeitsdienstes
(RAD). Die eine Marke zeigt eine RAD-Maid 48, die zweite einen RAD-Mann
(Abb. 10) in ihren jeweiligen Uniformen und mit entsprechendem Arbeitsgerät
(Rechen beziehungsweise Spaten). In beiden Fällen handelt es sich bei den
jeweiligen Markenpaaren um die damals geläufigsten Wertstufen, wodurch die
leider unbekannten Auflagenhöhen wohl in etwa gleich groß waren. Auffällig
ist jedoch, dass, entgegen der hier augenscheinlichen Gleichbehandlung von
46 Vgl. Stefan Martens: Post und Propaganda. Das Dritte Reich und die Briefmarken der Deut-
schen Reichspost 1933–1945, in: Wolfgang Lotz (Hrsg.): Deutsche Postgeschichte. Essays und
Bilder, Berlin 1989, S. 321–337; dazu auch: Werner Abelshauser: Die langen Fünfziger Jahre.
Wirtschaft und Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland 1949–1966, Düsseldorf 1987,
S. 67.
47 Dies zeigt sich auch an den enormen Unterschieden in der Auflagenhöhe der einzelnen Mar-
ken. Während beispielsweise der 12-Reichspfennig-Wert beinahe 5,5 Millionen Mal aufgelegt
wurde, produzierte man von dem Höchstwert zu 40 Reichspfennig lediglich etwa 340.000 Stück
(vgl. Michel. Deutschland 2011/2012, S. 157).
48 Zur Rolle der Frauen im Reichsarbeiterdienst siehe unter anderem: Schmidt/Dietz: S. 42–46.
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Mann und Frau, die Marke mit dem männlichen Motiv stets den höheren
Ausgabewert besitzt.
Im Hinblick auf die Verwendung berufs- und arbeitsbezogener Motive auf
den deutschen Briefmarken zwischen 1933 und 1945 fällt jedoch über die ge-
schlechterspezifische Auswahl der Abbildungen hinaus vor allem die häufige
Verknüpfung dieser Motive mit militaristischen Elementen auf. Diese Tatsache
an sich kann bei einem so auf das Militär und paramilitärische Parteiorganisa-
tionen begründeten System wie dem des ›Dritten Reiches‹ nicht weiter ver-
wundern. Dennoch zeigt sich, dass sich gerade diese Verbindung mit der Zeit
und insbesondere vor dem Hintergrund des immer aussichtsloser werdenden
Krieges stetig intensiviert. Die Briefmarken werden somit zu einem wesentli-
chen Bestandteil der Durchhaltepropaganda, die alle Teile der Bevölkerung
erreicht und diese spätestens seit der Ausrufung des ›Totalen Krieges‹ durch
Joseph Goebbels in dessen Sportpalastrede vom 18. Februar 1943 auch in den
bis dato vom Krieg nicht unmittelbar erfassten Bereichen involviert. Während
zum Beispiel in dem oben gezeigten Briefmarkensatz Berufsstände keine Ver-
bindung mit dem Militär festzustellen ist – weder dadurch, dass man den Sol-
daten selbst in die Liste der Berufsstände aufnimmt 49 noch durch die Verwen-
dung entsprechender Symbole oder Bildelemente – ist diese Verbindung in
dem 1943 anlässlich des achtjährigen Bestehens des paramilitärischen Arbeits-
dienstes herausgegebenem Markensatz (Abb. 11) unübersehbar.
Auch in diesem Fall stellen die von Klaus Müller-Rabe 50 entworfenen Mar-
kenbilder lediglich junge arbeitsdienstleistende Männer in Uniform und mit
entsprechendem Arbeitsgerät, im Falle des Höchstwertes sogar mit Waffe, dar.
Und dies obwohl bereits der Vorgänger des RAD, der 1931 gegründete Freiwil-
lige Arbeitsdienst (FAD), seit 1932 für Frauen geöffnet und der RAD selbst ab
1939 sogar für die weibliche Jugend verpflichtend war. Dies zeigt deutlich, dass
man seitens der politischen Führung die (kriegs)wirtschaftlich und gesell-
schaftlich begründeten Abweichungen von den ideologischen Grundsätzen
und propagierten Gesellschaftsnormen in der Öffentlichkeit zu retuschieren
versuchte. Auch wenn dies in keinem Verhältnis zur Realität stand, wurde über
das Medium Briefmarke die Arbeits- und Berufswelt auch dann noch als eine
nahezu reine Männerdomäne dargestellt, als der durch den Krieg verstärkte
Arbeitskräftemangel schon längst auch die Frauen von den ihnen zugedachten
Betätigungsfeldern an Herd und Kinderbett in die industrielle und landwirt-
schaftliche Produktion zwang. Auch an den Universitäten hatte man den spe-
ziell für die Frauen eingeführten numerus clausus 1935 wieder aufgehoben, da
49 Das Fehlen des Soldaten im Satz der Berufsstände ist aber wohl auch darauf zurück zu führen,
dass Deutschland erst 1935 seine vollständige Wehrhoheit wiedererlangte.
50 Vgl. Steinbacher: Frauen im »Führerstaat«, S. 108.
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sich, wie Sybille Steinbacher anhand von Studentinnenzahlen aufzeigt, mit
Blick auf den bereits in Vorbereitung befindlichen Krieg abzeichnete, dass man
auch in den akademischen Berufen früher oder später dringend entsprechend
ausgebildete Frauen vor allem als Lehrerinnen und Ärztinnen brauchen wür-
de. 51 Trotz dieser Entwicklungen änderte sich wenig an der durch die Post-
wertzeichen vermittelten grundsätzlichen Devise.
4 Das schöne Geschlecht: Körper und Körperkult
Die geschlechterspezifische Rollenverteilung von Mann und Frau im ›Dritten
Reich‹ war nicht allein auf die durch diese ausgeübten Tätigkeiten und deren
vordefinierte Gesellschaftsrollen beschränkt, sondern bezog sich auch konkret
auf den menschlichen Körper an sich, dienten doch der gesunde, ›reine‹ und
›arisch vollkommene‹ Körper und der aus diesen bestehende ›Volkskörper‹
auch stets als politisches Propagandamittel. 52 Die nationalsozialistische Vor-
stellung von der Überlegenheit der ›arischen‹ Rasse im Wettkampf der Völker
war eng mit der Gesundheit des ›Volkskörpers‹ und somit der Gesundhaltung
des Körpers jedes einzelnen ›Volksgenossen‹ verbunden. Sport war demnach
keine Freizeitbeschäftigung, sondern vielmehr ein »Erziehungs- und Diszipli-
nierungsmittel [...], um die Gesundheit des ›Volkskörpers‹ sicherzustellen und
um die postulierte Überlegenheit des ›arischen‹ Körpers der eigenen Bevölke-
rung aufzuzeigen und vorzuführen« 53. Sport war somit ein der Rassenhygiene
verpflichtetes politisches Instrument. Das ›Dritte Reich‹ hatte, wie Peter Rei-
chel konstatiert, »ein Doppelgesicht: Es war zugleich extrem menschenverach-
tend und extrem schönheitsbedürftig. Der NS-Staat beruhte ebensosehr auf
exzessiver und verheerender Entfesselung von Gewalt wie auf virtuoser Selbst-
darstellung und imponierender Inszenierung seiner Macht.« 54
Die Darstellung entsprechend ästhetischer, den rassischen Ansprüchen ge-
nügender und durch Leibesübungen gestählter Körper war daher, wie Ronny
51 Vgl. ebd., S. 108.
52 Vgl. Ronny Trachsel: Fitness und Körperkult. Entwicklungen des Körperbewusstseins im 20.
Jahrhundert, in: Andreas Schwab/ders. (Hrsg.): Fitness. Schönheit kommt von aussen, Bern
2003, hier: S. 1. Siehe dazu auch Paula Diehl: Macht – Mythos – Utopie. Die Körperbilder der
SS-Männer, Berlin 2005, S. 20ff.
53 Daniel Wildmann: Begehrte Körper. Konstruktion und Inszenierung des »arischen« Männer-
körpers im »Dritten Reich«, Würzburg 1998, S. 18f.
54 Peter Reichel: Aspekte ästhetischer Politik im NS-Staat, in: Ulrich Herrmann/Ulrich Nassen
(Hrsg.): Formative Ästhetik im Nationalsozialismus. Intentionen, Medien und Praxisformen
totalitärer ästhetischer Herrschaft und Beherrschung, Weinheim/Basel 1993, S. 13–31, hier:
S. 13.
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Trachsel aufzeigt, in der NS-Propaganda omnipräsent. 55 Hierbei legte die nati-
onalsozialistische Ideologie ihr Augenmerk jedoch vorrangig auf den männli-
chen Körper, welcher sich, wie Daniel Wildmann feststellt, »nicht in seinem
Verhältnis zum weiblichen bestimmt, sondern [...] als positiver, also als ›ari-
scher‹ Körper in seiner Relation zum ›nichtarischen‹ betrachtet« 56 wurde.
Es verwundert daher nicht, dass diese ästhetischen Vorstellungen auch für
die Gestaltung der Postwertzeichen des ›Dritten Reichs‹ immer wieder aufge-
griffen wurden, wo sie als Ausdruck des gesunden, wehrfähigen und im Über-
lebenskampf bestehenden ›Volkskörpers‹ Verwendung fanden. Wortwörtlich
im Kampf befindet sich der Protagonist auf der ersten dieser Marken (Abb.
12), welche einen muskulösen, nahezu unbekleideten und kraftvoll das Schwert
schwingenden Siegfried im Kampf mit dem Drachen zeigt und zusammen mit
anderen Wagner-Motiven anlässlich des 50. Todestages des Komponisten 1933
herausgegeben wurde. 57 Interessanterweise zeigen diese Marken häufig die
jeweiligen idealisierten Körper gemeinsam mit Pferden (Abb. 13–14), welche
als Wahrzeichen für Kraft und Ausdauer diese Aussagen weiter zu untermau-
ern scheinen. 58
Einen besonderen Höhepunkt erfuhr die Instrumentalisierung der »schönen
Körper« 59 im Rahmen der Olympischen Spiele von Berlin 1936, bot sich doch
bei diesem Anlass die Möglichkeit, »sich sowohl nach außen als auch nach
innen inszenieren zu können« 60. Diese Inszenierung, die ihren unvergleichli-
chen Höhepunkt sicher in dem zweiteiligen Film der Regisseurin Leni Riefen-
stahl (1902–2003) Olympia. Fest der Völker/Fest der Schönheit (1938) fand, 61
55 Vgl. Trachsel: Fitness und Körperkult, S. 7.
56 Wildmann: Begehrte Körper, S. 12.
57 Die Entwürfe zu diesen Marken stammen von Alois Kolb, einem deutsch-österreichischen
Künstler, der sich vor allem als Radierer einen Namen gemacht hat und seit 1907 als Professor
an der Königlichen Akademie für graphische Künste und Buchgewerbe in Leipzig wirkte. Thema-
tisch widmete er sich immer wieder auch volkstümlichen und epischen Inhalten, so zum Bei-
spiel in seinen beiden Zyklen Ilias und Odyssee von 1921 bzw. 1922.
58 Hier vor allem die jeweiligen Ausgaben die anlässlich der verschiedenen, jährlich stattfindenden
Reitsportturniere (Braunes Band/Deutsches Derby) herausgegeben wurden. Diese Reitsport-
Marken zeigen zwar nicht ausschließlich männliche Protagonisten, jedoch sind die jeweiligen
weiblichen Gegenstücke stets der realen gesellschaftlichen Wirklichkeit enthoben und zeigen
eher transzendente oder phantastische Figuren wie die römische Siegesgöttin Victoria (Michel,
DR, 671, 1938) oder ein Paar angreifender Amazonen (Michel, DR, 780, 1941). Zum Motiv des
Pferdes in der Kunstgeschichte siehe unter anderem: Manfred Lurker: Pferd, in: ders.: Wörter-
buch der Symbolik, Stuttgart 1983, S. 525–526 und Ludger Alscher et al. (Hrsg.): Lexikon der
Kunst (SW: Pferdedarstellung). Bd. 3, Leipzig 1984, S. 817–819. Zu den Reitsportmarken im
›Dritten Reich‹ siehe auch den Beitrag von Franz Tröger in diesem Band.
59 Vgl. Trachsel: Fitness und Körperkult, S. 7.
60 Wildmann: Begehrte Körper, S. 11.
61 Hierzu unter anderem: Wildmann: Begehrte Körper.
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lässt sich auch auf den zu diesem Anlass herausgegeben Postwertzeichen er-
kennen.
So wurden in Vorbereitung auf die Olympischen Winter- und Sommerspie-
le von 1936 drei beziehungsweise acht von dem Münchner Künstler und Ge-
brauchsgrafiker Max Eschle 62 entworfene Wohlfahrtsmarken mit Zuschlägen
zugunsten des Sports in unterschiedlichen Wertstufen sowohl als Einzelmar-
ken sowie im Falle der Sommerspielmarken auch als Doppel-Blockausgabe
herausgegeben (Abb. 15–17). Diese einfarbigen Marken zeigen Sportler in
ihren mit olympischen Ringen verzierten Trikots bei der Ausübung unter-
schiedlicher Sportarten (Eisschnelllaufen, Skispringen, Viererbob, Turnen,
Turmspringen, Fußball, Speerwerfen, Fackellauf, Fechten, Rudern und Spring-
reiten). 63 Auffällig ist, dass lediglich auf einer einzigen Marke – dem Wert zu 4
Reichspfennig – eine Sportlerin abgebildet ist. Damit entspricht das Verhältnis
zwar in etwa dem tatsächlichen Geschlechterverhältnis der Wettbewerbe, 64
zeigt aber auch, dass diese auch medial männlich dominiert sind.
Die olympischen Spiele in Berlin und Garmisch-Partenkirchen standen
demnach ganz im Zeichen des männlichen Wettkampfes. Dies war jedoch
nicht allein den nationalsozialistischen Gastgebern geschuldet, denn bereits
Pierre de Coubertin, einer der maßgeblichsten Wegbereiter der Wiederbele-
bung der Olympischen Spiele und zweiter Präsident (1896–1925) des 1894 von
ihm gegründeten Internationalen Olympischen Komitees, propagierte die Kul-
tur des Sports als »eine exklusive Männerdomäne« 65 und ein Refugium von
Männlichkeit. Dies erfordere zwar, wie Thomas Alkemeyer herausstellt, nicht
unbedingt den Ausschluss der Frauen vom jeweiligen Schauplatz, setze aber
voraus, dass ihre Rolle während des olympischen Festes »auf das Applaudieren
62 Max Eschle hatte unter anderem auch das Plakat für die im gleichen Jahr stattfindende Münch-
ner Ausstellung Der Bolschewismus: Große antibolschewistische Schau entworfen.
63 Im November 1935 war bereits eine ebenfalls von Max Eschle entworfene Serie von drei Mar-
ken für die olympischen Winterspiele (Februar 1936) in Garmisch-Partenkirchen herausgege-
ben worden. Die entsprechenden Aussagen zu den Marken der Sommerspiele lässt sich aber
auch auf diese anwenden (vgl. Dieter Germann: Die Deutsche Reichspost und die Olympischen
Spiele 1936 in Deutschland, in: Archiv für deutsche Postgeschichte 34 (1986) 1, S. 5–29, hier:
S. 6).
64 Bei den Sommerspielen waren von den 3961 teilnehmenden Athleten 328 Frauen (ca. 8 Pro-
zent) und bei den Winterspielen waren es sogar 80 von 646 (ca. 12 Prozent). Einige der deut-
schen Teilnehmerinnen konnten in ihren Disziplinen sogar die Goldmedaille gewinnen, so zum
Beispiel im Turnen, Diskuswerfen und Speerwerfen.
65 Thomas Alkemeyer: Körper, Kult und Politik. Von der »Muskelregion« Pierre de Coubertins
zur Inszenierung von Macht in den Olympischen Spielen von 1936, Frankfurt am Main 1996,
S. 118.
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und die Bekränzung der männlichen Siegerhäupter zu beschränken [sei]« 66.
Das Geschlechterverhältnis auf den Olympia-Marken betont somit diese ge-
schlechtsspezifische Exklusivität des Sports – vielmehr des öffentlich ausgetra-
genen Wettkampfes, denn der Sport an sich als Leibesübung zur Abhärtung
und Kräftigung des (Volks)Körpers war seitens der NS-Führung auch von den
Frauen erwünscht und erwartet. So wurde auch der Frauensport durch ent-
sprechende Institutionen wie Kraft durch Freude (KdF) und den Bund Deut-
scher Mädel (BDM) befördert und medial in Großveranstaltungen wie dem
BDM-Sportfest von 1938 inszeniert.
Diese zumindest aus rassehygienischen Gründen propagierte sportliche Er-
tüchtigung der Frauen 67 zeigte sich auf den Briefmarkenmotiven vor allem
darin, dass man 1939 im Rahmen eines sogenannten Kameradschaftsblocks
der Deutschen Reichspost 68 eine Marke mit einem entsprechenden Motiv her-
ausgab. Diese Marke, die wie die gesamte Serie auf Entwürfen des bereits er-
wähnten Künstlerpaars von Axster-Heudtlaß basiert, blieb aber eine Ausnah-
me und wird hinsichtlich der projizierten Geschlechterrollen bereits dadurch
wieder relativiert, dass auf den übrigen Marken dieses Satzes (zumindest sofern
dargestellt beziehungsweise erkennbar), die unter anderem einen Leistungs-
wettkampf, einen Reichsberufswettkampf, und eine Begabtenauslese zeigen,
nur Männer abgebildet sind (Abb. 18).
Der Frauensport diente daher offensichtlich nicht dem eigentlichen Wett-
kampf. Dieser war in der Regel den Männern vorbehalten und sollte gerade im
Rahmen der olympischen Spiele die Überlegenheit des eigenen ›arischen‹ Vol-
kes im Wettstreit mit den ›nichtarischen‹ Athleten aufzeigen. 69 Für den Erfolg
im Überlebenskampf der Völker, welcher im sportlichen Wettkampf stellver-
tretend vorweggenommen wurde, waren somit in der nationalsozialistischen
Ideologie vor allem rassische Merkmale der Wettstreitenden entscheidend und
manifestierten sich als »Leitbild des gesunden, schönen, kraftvollen ›rassenrei-
nen‹ Körpers [...] in der ›nordischen Rasse‹.« 70 Die Briefmarken zu den olym-
pischen Spielen 1936 zeigen demnach – wie auch alle anderen nationalsozialis-
66 Ebd. Damit knüpft die Vorstellung Coubertins sowohl an die olympische Idee der Antike als
auch an die deutschen Turnervereine des 19. Jahrhunderts an, in welchen die genannten Rollen
als traditionelle Aufgabe der Frauen verstanden wurden.
67 Vgl. dazu unter anderem Trachsel: Fitness und Körperkult, S. 10.
68 Der Begriff Kameradschaftsblock ergab sich für das Reichspostministerium wohl vor allem aus
der durch die Markenausgabe zu erzielenden Wirkung, denn so begründete der Reichspostmi-
nister Wilhelm Ohnesorge im hauseigenen Amtsblatt (1939, S. 162–163), dass durch die Mar-
kenbilder »von dem kameradschaftlichen Zusammenleben und der Gemeinschaftsarbeit inner-
halb unserer Gefolgschaft berichtet wird« (vgl. Amtsblatt des Reichspostministeriums (1939),
BArch R 4701/25793, o. Bl.).
69 Siehe dazu unter anderem Wildmann: Begehrte Körper, S. 19.
70 Trachsel: Fitness und Körperkult, S. 10.
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tischen Markenbilder – stets Menschen, die offen sichtbar eben jener Rasse
angehören und damit dem Idealbild des deutschen Mannes beziehungsweise
der deutschen Frau entsprachen. Afrikanisch oder asiatisch anmutende Athle-
ten finden sich demnach auf keiner dieser, doch eigentlich einen internationa-
len Wettbewerb darstellenden, Marken. Umso gravierender muss für die nati-
onalsozialistische Führung daher der Umstand gewesen sein, dass mit Jesse
Owens ausgerechnet ein Afroamerikaner zum erfolgreichsten Athleten der
Spiele avancierte und damit die propagierte Überlegenheit der eigenen ›ari-
schen‹ Rasse öffentlich in Frage stellte.
Wettbewerb – auch unabhängig von Sport und Körperästhetik – dient aber,
so eine These von Michael Meuser, als zentrales Mittel männlicher Sozialisati-
on nicht allein oder ausschließlich der Abgrenzung von anderen Männern,
sondern ist zugleich auch »ein Mittel männlicher Vergemeinschaftung« 71. Die
Sinnhaftigkeit dieser These zeigt sich auch und vor allem in einem so männer-
bündisch organisierten System wie dem Nationalsozialismus besonders deut-
lich, war doch der Wettstreit untereinander, ob nun in sportlicher, beruflicher
oder (para)militärischer Hinsicht besonders ausgeprägt. Dieser Zusammen-
hang zwischen Wettkampf und Gemeinschaftsbildung zeigt sich auch auf den
bereits erwähnten Marken des Kameradschaftsblocks der Deutschen Reichspost
(1939), auf welchen verschiedene Formen männlichen Wettstreits (Reichsbe-
rufswettkampf, Leistungswettkampf und Begabtenauslese) abgebildet sind. 72
Trotz des dahinterstehenden Konkurrenzgedankens vermitteln die Markenbil-
der (Abb. 18, oben rechts, unten links und unten rechts) eher den Eindruck
einer durch den Wettstreit gefestigten Gemeinschaft. Der Sport wird somit,
wie Wildmann feststellt, zu einem »Erziehungs- und Disziplinierungsmittel
[...], um die Gesundheit des ›Volkskörpers‹ sicherzustellen« 73.
5 Das Schlachtfeld
Gewalt ist für Paula Diehl eine der wichtigsten Komponenten sowohl der nati-
onalsozialistischen Führung als auch des von ihr propagierten Männerbildes,
71 Vgl. Michael Meuser: Ernste Spiele. Zur Konstruktion von Männlichkeit im Wettbewerb der
Männer, in: Nina Baur/Jens Luedtke (Hrsg.): Sie soziale Konstruktion von Männlichkeit. He-
gemoniale und marginalisierte Männlichkeiten in Deutschland, Opladen 2008, S. 33–44, hier:
S. 34. Siehe dazu auch Michael Meuser: Wettbewerb und Solidarität. Zur Konstruktion von
Männlichkeit in Männergemeinschaften, in: Sylvia von Arx et al. (Hrsg.): Koordinaten der
Männlichkeit. Orientierungsversuche, Tübingen 2003, S. 83–98.
72 Die Tatsache, dass es sich um Wettkampfdarstellungen handelt, lässt sich in der Regel nicht auf
Grundlage des Motives erschließen, sondern basiert auf der entsprechenden textuellen Erläute-
rung links und rechts des Markenbildes.
73 Wildmann: Begehrte Körper, S. 19.
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die innerhalb der NS-Machtinszenierung auch in der Darstellung militärischer
Motive präsent ist. Gerade der Militarismus spielte, wie Diehl feststellt, »eine
zentrale Rolle im Imaginären vor und nach dem Ersten Weltkrieg«, da er die
mit ihm verbunden Vorbilder sowie die bestehenden Wünsche nach Disziplin
und Hierarchie kanalisierte und zudem »Idealbilder für Männlichkeit und
soziale Ordnung« 74 lieferte. Ihre Visualisierung fanden diese Vorstellungen vor
allem in der symbolhaften Bedeutung der Uniform. Sie »verhüllt den Körper
und gibt ihm symbolische Attribute, die Gruppenzugehörigkeit, Hierarchie,
Ordnung, Macht und Gewalt darstellen« 75.
Uniformen und uniformierte Männer waren schon vor der Machtübernah-
me der Nationalsozialisten und natürlich auch danach keine Besonderheit,
vielmehr eine »alltägliche Selbstverständlichkeit« 76, sodass auch Hitlers Hang
zur Uniformierung nicht nur kaum Anstoß erregte, sondern Teil einer sehr
erfolgreichen Selbstinszenierung wurde. Es verwundert daher nicht, dass sich
auch recht bald nach der Machtübernahme Soldaten auf den Briefmarken des
Deutschen Reiches wiederfinden.
Die ersten zwei bildgleichen, einen deutschen Soldaten zeigenden Postwert-
zeichen wurden am 15. März 1935 zum Gedenken an die gefallenen Soldaten
des ersten Weltkrieges (Heldengedenktag) verausgabt (Abb. 19) und entstam-
men der Feder eines der bekanntesten Karikaturisten des ›Dritten Reichs‹,
Hans Herbert Schweitzer 77. Diese erste Darstellung eines von Eichenlaub um-
gebenen Reichswehr-Soldaten auf einem deutschen Postwertzeichen nach 1933
hat aber eine weit über den innerdeutschen Gedenktag hinausgehende und
außenpolitisch weitreichende Bedeutung, denn bereits am Folgetag, dem 16.
März 1935, verkündet Hitler die Wiedereinführung der allgemeinen Wehr-
pflicht sowie die Aufkündigung der militärischen Bestimmungen des Versailler
74 Vgl. Diehl: Macht – Mythos – Utopie, S. 22. Diehl bezieht ihre Aussage konkret auf das Männ-
erbild der SS, welches sich aber zumindest in Form militärischer Gewalt auch auf andere NS-
Verbände sowie die Wehrmacht übertragen lässt.
75 Vgl. ebd., S. 64.
76 Vgl. ebd.
77 Schweitzer machte bereits durch sein Pseudonym Mjoelnir, dem Namen des Kriegshammers
des nordisch-germanischen Gottes Thor, sowie seine bereits 1926 erfolgte NSDAP-
Mitgliedschaft und seine SS-Angehörigkeit seine Verbundenheit mit dem NS-System und der
von ihr vertretenen Rassenideologie kenntlich. Er war unter anderem Mitbegründer der NS-
Zeitschrift Der Angriff und wurde 1935 zum Reichsbeauftragten für künstlerische Formgebung
ernannt. Er entwarf neben Briefmarken auch die Vorderseiten der seit 1936 im ›Dritten Reich‹
gültigen Münzen. 1936 erfolgte seine Ernennung zum Mitglied des Präsidialrates der Reichs-
kammer der Bildenden Künste, 1937 seine Berufung zum Professor. Schweitzer war zudem auch
an der Beschlagnahmung sogenannter ›entarteter Kunst‹ und deren Diffamierung aktiv beteiligt
(vgl. unter anderem Carl-Eric Linsler: Mjölnir. Zeichner des Nationalsozialismus, in: Wolfgang
Benz (Hrsg.): Handbuch des Antisemitismus. Judenfeindschaft in Geschichte und Gegenwart.
Bd. 7, Berlin 2015, S. 313–316).
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Friedensvertrages von 1919. 78 Eine zufällige Überschneidung dieses politisch
bedeutsamen und für die weiteren Entwicklungen so nachhaltigen Ereignisses
mit der Wahl des Markenmotivs erscheint vor diesem Hintergrund unwahr-
scheinlich.
Bereits im November des gleichen Jahres folgen zwei ebenfalls bildgleiche
Marken anlässlich des 12. Jahrestages des Hitler-(Ludendorff-)Putsches von
1923, die einen uniformierten SA-Mann mit Hakenkreuzfahne im Fackel-
schein vor der Münchner Feldherrnhalle zeigen (Abb. 20). In den darauffol-
genden Jahren wurden diese und andere Anlässe immer wieder genutzt, um
entsprechende Postwertzeichen herauszugeben.
Eine weiterführende und auf tagespolitische Ereignisse hinweisende Dar-
stellung von militärischen und kriegsbezogenen Motiven blieb aber, abgesehen
von der Darstellung Hitlers in dessen Reichswehruniform und einer dem
Reichsluftschutz gewidmeten Markenserien, bestehend aus drei bildgleichen
Werten im März 1937, fürs Erste aus. Auch der Kriegsbeginn im September
1939 änderte daran vorerst nichts.
Doch wie für den Kriegsverlauf an sich scheinen die verlorene Schlacht von
Stalingrad (August 1942 bis Februar 1943) sowie die sogenannte Sportpalastre-
de Joseph Goebbels und die hier erfolgte Ausrufung des ›Totalen Krieges‹ (18.
Februar 1943) auch für die Wahl der Briefmarkenmotive einschneidende Zä-
suren zu sein. Hatte man bislang neben den obligatorischen politischen Moti-
ven (Parteitage, Hitlergeburtstage und Jahrestagausgaben zu verschiedenen für
das NS-Regime bedeutsamen Ereignissen) vor allem vermeintlich neutrale
Darstellungen, 79 wie Trachten, Berufsstände, berühmte Persönlichkeiten, Bau-
ten, technische Errungenschaften und Landschaften, aufs Papier gebracht, so
radikalisierten sich die Motive nun zunehmend. Bereits im März 1943 erschien
anlässlich des Heldengedenktages eine aus zwölf Marken bestehende Serie
zugunsten der Wehrmacht, welche Kriegsmotive und Fronteindrücke aller
Waffengattungen zeigte. Ein ähnlicher, diesmal 13 Werte umfassender, Satz
wurde ein Jahr später aus gleichem Anlass herausgegeben. Gerade durch diese
Ausgaben wurde auch die Briefmarke zu einem Medium des von Goebbels
eingeforderten ›Totalen Krieges‹, hielt der Krieg doch auf diese Weise einen
nahezu unausweichlichen und ganz konkreten Einzug in bislang unberührte
Bereiche der Privatsphäre der deutschen Zivilbevölkerung.
In beiden Sätzen spielte natürlich auch die Verkörperung des Soldaten eine
wesentliche Rolle. Dies ist umso mehr der Fall, weil in der nationalsozialisti-
schen Vorstellung die kriegerische Auseinandersetzung im Überlebenskampf
78 Vgl. Martens: Post und Propaganda, S. 326.
79 Wie wenig neutral und wie hoch politisch diese Motive tatsächlich waren zeigen unter anderem
die Beiträge von Pierre Smolarski und Björn Onken in diesem Band.
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der Völker ein Dauerzustand ist, für den, wie Ernst Hanisch in diesem Zu-
sammenhang feststellt, vor allem eines von Bedeutung war: »der Mann – der
männliche Krieger« 80. Die beiden Wehrmachtsätze zeigen somit neben diver-
sem militärischen Gerät im Fronteinsatz, wie Panzern, Stukas und Artilleriege-
schützen, vor allem eben jene männlichen Krieger, die zeitgleich zu tausenden
täglich ihr Leben an den Kriegsfronten ließen. Auf den Marken selbst sah man
dieses Sterben natürlich nicht, stattdessen zeigten sie mutig vorstürmende
Infanteristen, einsam wachende Gebirgsjäger oder in kameradschaftlicher
Einheit agierende Pioniere, die das Geschehen des Krieges ikonographisch
überhöhten (Abb. 21) 81 und somit der für die NS-Mythenkonstruktion und das
NS-Männerbild wesentlichen verherrlichenden Rezeption des Krieges entge-
gen kamen. 82 Von den insgesamt mehr als einer halben Million Wehrmachts-
helferinnen, die während des Krieges unter anderem als Sanitäterinnen, Fun-
kerinnen (Blitzmädchen), Flakhelferinnen oder Teil des Wehrmachthelferin-
nenkorps im Einsatz waren, sieht man auf diesen Bildern nichts.
Der Krieg erschien somit im Spiegel der reichsdeutschen Briefmarken als
eine ausschließlich den Mann betreffende Angelegenheit, auch wenn Frauen
natürlich von dessen Auswirkungen ebenso betroffen waren. Dies zeigt sich
insbesondere auch auf der letzten amtlich verausgabten Briefmarke des ›Drit-
ten Reiches‹, die ebenfalls von Erich Meerwald entworfen wurde und dem
Volkssturm gewidmet ist. Das Bild zeigt drei Männer verschiedener Alters-
gruppen (Abb. 22), die mit Gewehren und aufgepflanzten Bajonetten gemein-
sam mit dem Hoheitszeichen des Adlers auf ein außerhalb des Bildes liegendes
Ziel vorstürmen. Über ihnen steht der Schriftzug »Ein Volk steht auf«. Zu
diesem aufstehenden Volk gehören jedoch demnach nur die Männer, denn auf
dessen weibliche Angehörigen wird im Markenbild in keiner Weise hingewie-
sen.
Diese Exklusivität des Krieges als einer Domäne des Mannes galt jedoch al-
lein für die reichsdeutschen Marken und nicht uneingeschränkt auch für jene,
die unter Postaufsicht des Deutschen Reiches in den besetzten Gebieten her-
ausgegeben wurden. 83 So wurden zwischen 1940 und 1942 84 im Protektorat
80 Hanisch: Männlichkeiten, S. 71.
81 Auffällig ist an dieser Stelle auch die bereits seit Juni 1943 amtliche, aber erst seit Oktober
verwendete Landesbezeichnung »Großdeutsches Reich«.
82 Diehl: Macht – Mythos – Utopie, S. 22.
83 Die in den obigen Abschnitten behandelten Marken waren alle von der Deutschen Reichspost
für das Reichsgebiet herausgegeben worden. Im Verlauf des Krieges wurde es jedoch für die
Aufrechterhaltung des Postverkehrs in den besetzten und nicht zum eigentlichen Reichsgebiet
zählenden Gebieten notwendig, für diese jeweils eigene Marken zu verausgaben. In vielen Fäl-
len beschränkte man sich, vor allem in Übergangszeiten, entweder auf die Nachverwendung der
ursprünglich gültigen Marken mit oder ohne einem entsprechenden Aufdruck (so zum Beispiel
im Kurland) oder die Einführung der Marken des ›Dritten Reiches‹, welche in der Regel auch
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Böhmen und Mähren jährlich jeweils zwei bildgleiche aber im Hinblick auf die
Wertstufen unterschiedliche Wohlfahrtsausgaben zu Gunsten des Deutschen
Roten Kreuzes herausgegeben (Abb. 23–25), deren Markenbilder jeweils eine
Rotkreuz-Schwester bei der Pflege eines verwundeten deutschen Soldaten
zeigen. 85
Mit diesem Motiv der fürsorglichen Krankenschwester im Kriegsgebiet
greift auch die nationalsozialistische Propaganda auf die spätestens seit dem
Ersten Weltkrieg bestehenden Bemühungen zurück, die Krankenpflegerinnen
und Krankenschwestern als »weibliches Pendant zur Wehrhaftigkeit der Män-
ner« zu konzipieren. 86 Die Frau sollte, wie Bianca Schönberger dies bereits für
die Rotkreuz-Schwestern und Etappenhelferinnen im Ersten Weltkrieg darlegt,
an der Seite des männlichen Soldaten mit ebenso »aufopferungsreicher und
selbstloser Pflichterfüllung« 87 für den Sieg eintreten. Und wie bereits ein Vier-
teljahrhundert zuvor, ging es dabei nicht um »männlichen Heldenmut, son-
dern [...] Mütterlichkeit, die Selbstaufopferung und hingebende Fürsorge in
sich schließt« – um mütterlichen Heldenmut. 88
Die Darstellungen auf den Marken selbst erscheinen daher vor dem Hinter-
grund der überlieferten Lazarett-Erfahrungen in Fotografie und textueller
mit einem entsprechenden Aufdruck versehen wurden (beispielsweise in der Ukraine). In eini-
gen Gebieten, wie dem Generalgouvernement (26. Oktober 1939 bis 8. Mai 1945) oder dem
Protektorat Böhmen und Mähren (15. März 1939 bis 8. Mai 1945) hingegen gaben die jeweili-
gen Postverwaltungen entweder auf Anweisung der deutschen Besatzungsmacht, oder zumin-
dest von dieser genehmigt oder stillschweigend toleriert, mit der Zeit eigene Marken heraus.
Auch wenn auf den Marken dieser beiden – aus philatelistischer und ikonographischer Sicht –
umfangreichsten Besatzungsgebiete zwar neben den obligatorischen Führermotiven vor allem
architektonische, landschaftliche und auf konkrete Persönlichkeiten und Jubiläen der Geschich-
te bezogene Darstellungen vorherrschen, so finden sich zumindest in den Marken des Protekto-
rats auch Motive, die die geschlechterspezifischen Vorstellung visualisieren.
84 1943 erschien lediglich eine Einzelmarke zu Gunsten des Roten Kreuzes, welche sich zum einen
durch einen enormen Zuschlagsbetrag auszeichnet und zum anderen keine Personen, sondern
einen, das rote Kreuz in den Fängen haltenden, Reichsadler sowie das Wappen des Protektorats
auf schwarzem Grund zeigt.
85 Interessanter- und ironischerweise scheint sich der Schweregrad der Verletzung mit Verlauf des
Krieges zu steigern. Aus einer vergleichsweise harmlos erscheinenden Armverletzung (1940)
wird ein Jahr später ein ans Bett gefesselter Soldat – wohl mit einer Schulterverletzung – (1941)
und im Folgejahr ein mit einem Kopfverband versehener Patient, der selbst die Nahrung nicht
mehr alleine zu sich nehmen kann. Siehe hierzu auch den Beitrag von Sebastian Knoll-Jung.
86 Vgl. Bianca Schönberger: Mütterliche Heldinnen und abenteuerlustige Mädchen. Rotkreuz-
Schwestern und Etappenhelferinnen im Ersten Weltkrieg, in: Karen Hagemann/Stefanie Schü-
ler-Springorum (Hrsg.): Heimat-Front. Militär und Geschlechterverhältnisse im Zeitalter der
Weltkriege, Frankfurt am Main 2002, S. 108–127, hier: S. 109.
87 Amelungen: Schöne und gescheite Frauen oder häusliche und mütterliche Frauen, in: Kölnische
Zeitung, 13. Mai 1917 (2. Morgenausgabe), Nr. 463, zit. n. Bianca Schönberger: Mütterliche
Heldinnen und abenteuerlustige Mädchen, S. 112.
88 Vgl. ebd., S. 112.
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Beschreibung auch realitätsfern. Keine sterbenden Patienten, amputierte
Gliedmaßen, ja nicht einmal medizinisches Gerät ist zu sehen. Vielmehr ver-
mitteln die Bilder den Eindruck eines stetigen und ruhigen Erholungsprozesses
unter den wachsamen und beinahe liebevollen Augen der mütterlich-
fürsorglichen Krankenschwestern. Diese Aura der Zuneigung wird durch die
Blicke der Protagonisten verstärkt, die stets einander zugewandt sind und so
auch in diesem Kontext den Eindruck einer Partnerschaft der Geschlechter
vermitteln, in deren Rahmen der Frau jedoch lediglich eine unterstützende, die
Wehrhaftigkeit des Mannes aufrechterhaltende Funktion zukommt. Diese
Bilder können jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass spätestens der Krieg
die von der nationalsozialistischen Führung definierten Geschlechtergrenzen
verwischte 89 und die propagierten gesellschaftlichen Rollenverteilungen längst
nicht mehr eingehalten werden konnten.
89 Vgl. Steinbacher: Frauen im Führerstaat, S. 114.
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Abbildungen
Abbildung 1–2
Internationaler Gemeindekongress München-Berlin (1936, Michel, DR, 620); 10 Jahre Winter-
hilfswerk (1943, Michel, DR, 859).
Abbildung 3
10 Jahre Hilfswerk Mutter und Kind (1944, Michel, DR, 869–872).
Abbildung 4–6
Saarabstimmung (1935, Michel, DR, 568); Germania (1900, Michel, DR, 53); Sesterz des Domitian
(86 n. Chr., RIC 297, 463).
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Abbildung 7
Deutsche Nothilfe: Berufsstände (1934, Michel, DR, 556–564).
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Abbildung 8
NSDAP-Wahlkampfplakat, Reichspräsidentenwahl 1932.
Abbildung 9
Kameradschaftsblock der Deutschen Reichspost (III) (1944, Michel, DR, 888, 890).
Abbildung 10
Reichsarbeitsdienst (1944, Michel, DR, 894–895).
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Abbildung 11
8 Jahre Arbeitsdienst (1943, Michel, DR, 850–853).
Abbildung 12–14
Siegfried (1933, Michel, DR, 504); 5. Jahrestag der Machtergreifung (1938, Michel, DR, 660);
Das braune Band von Deutschland (1938, Michel, DR, 699).
Abbildung 15
Olympische Winterspiele (1935, Michel, DR, 600–602).
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Abbildung 16
Olympische Sommerspiele (1936, Michel, DR, Block 5).
Abbildung 17
Olympische Sommerspiele (1936, Michel, DR, Block 6).
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Abbildung 18
Kameradschaftsblock der Deutschen Reichspost (I) (1939, Michel, DR, 704, 706, 707, 709).
Abbildung 19–20
Heldengedenktag (1935, Michel, DR, 569); 12. Jahrestag des Marsches zur Feldherrnhalle (1935,
Michel, DR, 598).
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Abbildung 21
Tag der Wehrmacht (I) (1943, Michel, DR, 835–836) und Tag der Wehrmacht (II) (1944, Michel,
DR, 885).
Abbildung 22
Der Volkssturm (Februar 1945, Michel, DR, 909).
Abbildung 23–25
Rotes Kreuz (1940, Michel, BUM, 54); Rotes Kreuz (1941, Michel, BUM, 63); Rotes Kreuz (1942,
Michel, BUM, 112).
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Franz Tröger
Die Propaganda und die Vielen. Briefmarken in der politischen
Kommunikation des NS-Staates
1 Einleitung
Zur Zeit des NS-Staates waren Briefmarken sehr beliebt. Die Zeitungen richte-
ten Briefmarkenecken ein, die Besucherzahlen der Ausstellungen stiegen, 1
Martin Bormann und Hermann Göring bekamen von Reichspostminister
Wilhelm Ohnesorge Sammelalben voller philatelistischer Leckerbissen ge-
schenkt. 2 Die Reichspost nutzte die Gunst der Stunde und gab immer neue
Sondermarken 3 heraus. Das war im internationalen Vergleich vorerst nicht
unüblich, entwickelte aber später, zur Kriegszeit, eine besondere und intern
durchaus umstrittene Dynamik: 4 Als 1943 der NS-Staat im nun erklärten ›tota-
len Krieg‹ zaghaft begann, das zivile Leben einzuschränken, empfahl der so
genannte Dreierausschuss – eine Art Kriegskabinett mit Martin Bormann,
Wilhelm Keitel und Hans Heinrich Lammers – auf die Herausgabe weiterer
1 Zur damaligen Popularität der Briefmarken vgl. Hans Meyer: Die Philatelie im Dritten Reich.
Die Organisationen der Sammler und Händler 1933–1945, Zwickau 2006, S. 91f., S. 101, S. 113,
S. 142, S. 256, S. 311; Michael Adler: Briefmarken zwischen 1919 und 1945. Dokumente der
Kontinuität, Mittel zur Propaganda und Abbilder des Krieges, in: Deutsche Post (Hrsg.): 150
Jahre deutsche Briefmarke. Bd. 2, Bonn 1998, S. 98–145, hier: S. 117–120, S. 125. Auch damals
ging man von einer Massenbeschäftigung aus (vgl. Reichsbund der Philatelisten (Hrsg.): Das
Ausstellungswesen (Sonderdruck), Berlin 1938, S. 1; Hans Rost: Deutsche Postwertzeichen, in:
Erich Körner (Hrsg.): Jahrbuch des Postwesens 1937, Berlin 1938, S. 270–295, hier: S. 295).
2 Vgl. Schreiben Ohnesorge an Bormann, 5. November 1943, Bundesarchiv (BArch), R 4701
(Reichspostministerium)/11443, Bl. 5; Schreiben Ohnesorge an Göring, 10. August 1943,
BArch, R 4701/11447, Bl. 247.
3 Sondermarken sind Ausgaben in niedriger Auflage zu einem bestimmten Anlass.
4 Frankreich und die Sowjetunion druckten vor dem Krieg ebenfalls vermehrt Sondermarken,
Italien bereits ab Mussolinis Regierungsantritt 1921. Im Krieg reduzierten die Sowjetunion und
Italien deutlich ihre Ausgaben, Japan und Bulgarien brachten 1943 keine Marken heraus.
Großbritannien und die skandinavischen Länder hatten schon immer Zurückhaltung geübt.
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Sondermarken zu verzichten. 5 Wie wenig er sich in diesem Punkt durchsetzen
konnte, zeigt die Statistik in Abbildung 1.
Ähnlich verlief es ein gutes Jahr später, diesmal bei Joseph Goebbels als dem
Generalbevollmächtigten für den totalen Kriegseinsatz. Die Alliierten waren
inzwischen in der Normandie gelandet, Bomber legten die Städte in Schutt und
Asche. Wieder wurde vorgeschlagen, auf Sondermarken zu verzichten. 6 Und
die Reichspost verzichtete tatsächlich: auf die Sonntagszustellung, auf neue
Telefonbücher und anderes mehr, 7 nicht aber auf Sondermarken. Selbst kurz
vor der Kapitulation 1945 – die Reichspost rekrutierte inzwischen selbst 12-
Jährige zum Briefesortieren, die Zustelldauer lag bei ein bis vier Wochen 8 –
kamen noch Sondermarken in den Verkauf, weitere waren vorbereitet.
Woher kam diese Beharrlichkeit? Ging es um Propaganda? Zumindest läge
das nahe, denn die Reichspost erklärte öffentlich:
»Die Eigenart der Briefmarke […] hat ihre Verwendung als ein wertvolles Werbemittel
geradezu zwingend erscheinen lassen in einer Zeit, in der es darauf ankommt, der übrigen
Welt und den eigenen Volksgenossen von der Wesensart eines Staates und erst recht ei-
nes neuen Reiches etwas Besonderes mitzuteilen.« 9
Briefmarken waren für die Propaganda interessant, denn erstens konnten
weder Freund noch Feind ihrer millionenfachen Bebilderung entgehen, da sie
nicht nur auf Briefen klebten, sondern auch in der Presse abgebildet waren und
in den Sammelalben steckten; zweitens waren sie durch die Auslandspost und
die ausländischen Sammler auch dort wirksam.
Der Wille, Briefmarken zur Propaganda zu nutzen, war also offensichtlich.
Aber wurde er auch umgesetzt? War es eine Zeit »gleichgeschalteter Briefmar-
ken« 10, war die Post nur ein »Sprachrohr der Propaganda« 11? Und wenn ja, war
5 Vgl. Wolfgang Lotz/Gerd Ueberschär: Die Deutsche Reichspost 1933–1945. Eine politische
Verwaltungsgeschichte. Bd. 1 (Lotz): 1933–1939. Bd. 2 (Ueberschär): 1939–1945, Berlin 1999,
hier: Bd. 2, S. 227f. Zum Dreierausschuss vgl. Ian Kershaw: Hitler. Bd. 2: 1936–1945, Stuttgart
2000, S. 741–744.
6 Vgl. Lotz/Ueberschär: Deutsche Reichspost. Bd. 2, S. 232.
7 Vgl. ebd., S. 263.
8 Vgl. ebd., S. 284f.
9 Ansprache Ministerialdirektor Otto Fleischmann zur Eröffnung der Ausstellung Die Deutsche
Briefmarke am 16. April 1937, zit. n. Lotz/Ueberschär: Deutsche Reichspost. Bd. 1, S. 149.
10 Adler: Briefmarken, S. 129.
11 Stefan Martens: Post und Propaganda. Das Dritte Reich und die Briefmarken der Deutschen
Reichspost 1933–1945, in: Wolfgang Lotz (Hrsg.): Deutsche Postgeschichte, Berlin 1989,
S. 321–338, hier: S. 336. Ähnlich Jürgen Wrage: Das ästhetische Erscheinungsbild von Brief-
marken. Gründerzeit, Weimarer Republik und ›Drittes Reich‹, in: Deutsche Post (Hrsg.): 150
Jahre deutsche Briefmarke. Bd. 2, Bonn 1998, S. 74–89, hier: S. 85, S. 87; Hans-Jürgen Köppel:
Politik auf Briefmarken. 130 Jahre Propaganda auf Postwertzeichen, Düsseldorf 1971, S. 112.
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diese Propaganda erfolgreich? Was hielten deren Empfänger davon? Verfolg-
ten sie eigene Anliegen?
Antworten darauf liefern die Briefmarken selbst und die Akten vor allem
des Reichspostministeriums, die, neben Schriftgut zu den politischen Ent-
scheidungs- und internen Herstellungsprozessen, 218 Zuschriften aus der
Bevölkerung enthalten. Bei dieser Zahl wäre es unangemessen, die Absender
stellvertretend für ›die Bevölkerung‹ zu setzen. Stattdessen soll für sie, soweit
sie weder amtliche Entscheidungsbefugnis noch lobbyistisches Vertretungsbe-
wusstsein hatten, zusammenfassend der Begriff »die Vielen« 12 benutzt werden.
Er eignet sich, weil er einerseits keine Anzahl suggeriert, die auf ›die Bevölke-
rung‹ hochgerechnet werden könnte, andererseits aber sprachlich den Gegen-
pol zu den ›Wenigen‹, die die Entscheidungen fällten, besetzen kann. Die Per-
spektive ist also eine doppelte: Welche Agenda verfolgte der NS-Staat mit sei-
nen Briefmarken? Welche Agenden setzten die Vielen dagegen? Und ergab
sich daraus ein gelungener Dialog?
Die Vielen hinterließen im administrativen Schriftgut der Reichspost nur
feine Spuren; weder Zahl noch Kontinuität reichen für Beweise, aber doch für
Hinweise. Die Überlieferung beginnt vereinzelt ab 1937, verdichtet sich in der
Kriegszeit auf 1944 hin und bricht am Ende dieses Jahres ab. 13 Die Formate
reichen von hastig hingekritzelten Feldpostkarten bis zu mehrseitigen Schrei-
ben inklusive Motivskizzen auf Pauspapier. Außer ihren Anliegen gaben die
Vielen oft nur die Adresse preis, gelegentlich Alter oder Beruf, später den
Dienstgrad.
12 Dieser Begriff der Historischen Anthropologie wurde von Alf Lüdtke geprägt, vgl. z. B. Alf
Lüdtke: Wo blieb die »rote Glut«? Arbeitererfahrung und deutscher Faschismus, in: ders.
(Hrsg.): Alltagsgeschichte. Zur Rekonstruktion historischer Erfahrungen und Lebensweisen,
Frankfurt am Main 1989, S. 224–282, hier: S. 235. Anschaulich wird er beschrieben bei Philipp
Müller: Auf der Suche nach dem Täter. Die öffentliche Dramatisierung von Verbrechen im Ber-
lin des Kaiserreichs, Frankfurt am Main/New York 2005, S. 24–28. Ohne unbedingt mit diesem
Begriff zu operieren, gibt es zu den Handlungsmöglichkeiten und -zwängen ›kleiner Leute‹ im
NS-Staat Untersuchungen beispielsweise zur Denunziation (Robert Gellately: Die Gestapo und
die deutsche Gesellschaft. Die Durchsetzung der Rassenpolitik 1933–1945, Paderborn 1993),
zur Gewalt (Christopher Browning: Ganz normale Männer. Das Reserve-Polizeibataillon 110
und die »Endlösung« in Polen, Reinbek bei Hamburg 1993) oder zu den Strategien des NS-
Staates bei der Integration der Arbeiter (Lüdtke: Wo blieb die »rote Glut«?).
13 Für eine detaillierte Auswertung dieser Schreiben vgl. Franz Tröger: »Als hätte der Führer
Schnupfen«. Briefmarken im politischen Kalkül des NS-Staates, unveröffentlichte Magisterar-
beit, Berlin 2009, S. 81–131.
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2 Winterhilfswerk
Eine Traditionsserie der Reichspost waren die karitativen Markenausgaben, 14
die der NS-Staat ebenso wie das Winterhilfswerk (WHW) aus der Weimarer
Republik übernommen hatte und ab 1936 diesem widmete. 15 Das WHW, im
NS-Staat eine sehr präsente Sozialeinrichtung, 16 war dem Propagandaminister
unterstellt, der mit dem Postminister jedes Jahr eine neue Motividee aushan-
delte. 17 Für die Ausgabe 1936 waren Großbauten des NS-Staates ausgewählt
worden. Der vorletzte Wert des Satzes 18 zeigt die Mangfallbrücke, eine Stahl-
brücke aus dem Jahr 1934 (Abb. 2). Im Bildeck links unten ist der Frankatur-
wert eingefügt: 25 Pfennig – den bekam die Post. In den äußeren Ecken stehen
weitere 15 Pfennig – ein Zuschlag. Den bekam das WHW als eine reale, mate-
rielle Gratifikation. Zum WHW 1936/37 trugen die Briefmarken knapp 6 Pro-
zent bei. 19
Diese Briefmarke bewarb nicht direkt die Partei oder deren Ideologie. Im
WHW wirkten neben Parteiorganisationen auch Einrichtungen der freien
Wohlfahrt, der Wirtschaft und der Kommunen mit. Es wurde zwar vom NS-
Staat propagandistisch und organisatorisch vereinnahmt, war aber weniger
ideologisch ausgerichtet als zum Beispiel die Nationalsozialistische Volkswohl-
fahrt. 20 Damit zählt es zu den integrativen Angeboten mit geringer ideologi-
scher Hemmschwelle, die Thymian Bussemer in seiner Untersuchung der NS-
Populärkultur beschreibt. Das WHW knüpfte an alltägliche Erfahrungen an
und lud ein, bei den »vorpolitische[n] Handlungen, die als große Politik ausge-
14 Ausgabe werden die Briefmarken genannt, die als Einzelmarke oder Satz zu einem bestimmten
Anlass (Sondermarke) oder Zweck (Dauermarke) herauskommen.
15 Vgl. Rost: Deutsche Postwertzeichen, S. 291f.; Florian Tennstedt: Wohltat und Interesse. Das
Winterhilfswerk des Deutschen Volkes. Die Weimarer Vorgeschichte und ihre Instrumentali-
sierung durch das NS-Regime, in: Geschichte und Gesellschaft 13 (1987), S. 157–180, hier:
S. 176f.
16 Vgl. Herwart Vorländer: NS-Volkswohlfahrt und Winterhilfswerk des deutschen Volkes, in:
Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 34 (1986), S. 341–380, hier: S. 365.
17 Vgl. z. B. die Schreiben Reichspostministerium (RPM) an Reichsministerium für Volksaufklä-
rung und Propaganda (RMVP), 6. November 1939 und 3. Februar 1941, BArch, R 4701/11449,
o. Bl.
18 Ein Satz ist eine Briefmarkenausgabe mit mehreren Nominalwerten, oft als dasselbe Motiv in
verschiedenen Farben.
19 Die WHW-Briefmarken 1936 erbrachten 2.300.760 Reichsmark (vgl. Rost: Deutsche Postwert-
zeichen, S. 292); die Leistungen des WHW betrugen in diesem Winter 408.323.140 Reichsmark
(vgl. Josef Franz Zimmermann: Die NS-Volkswohlfahrt und das Winterhilfswerk des Deut-
schen Volkes, Dissertation, Würzburg 1938, S. 149f.).
20 Vgl. Vorländer: NS-Volkswohlfahrt, S. 369; Zimmermann: NS-Volkswohlfahrt, S. 96–99, S. 101.
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geben wurden« 21, mitzuwirken. Dazu passt die Abbildung: keine Parteisymbo-
le, sondern die Mangfallbrücke als Teil der Reichsautobahn, was auf der Marke
beides am Rand vermerkt ist. Die Autobahn war eine Propagandaikone des
NS-Staates; insbesondere ihre Brückenbauten wurden als technische Meister-
leistung beworben. Ein Pfeilermodell der Mangfallbrücke war 1937 in der
Ausstellung Gebt mir vier Jahre Zeit zu sehen. 22
Die Marke ist ein Beispiel für ein gelungenes integratives Angebot. Das Mo-
tiv nahm die in allen Schichten verbreitete Technikbegeisterung auf, 23 der
Markenanlass entsprach der Vorstellungswelt der Vielen (zumal die Sammler
über den Tag der Briefmarke in das WHW eingebunden wurden), 24 der Zu-
schlag vermittelte reale Gratifikationen an einen nachvollziehbaren Zweck. Die
Vielen nahmen den Dialog auf und boten neue Motivideen an, die durchaus
beachtet wurden, wie der WHW-Satz 1940 zeigt. Zu dessen Vorbereitung
sandte das Postministerium mit der Anmerkung, es seien »folgende Anregun-
gen von privater Seite […] bisher dazu gegeben worden«, eine Liste mit The-
menvorschlägen an Goebbels. 25 Aus dieser wurde die Anregung »Historische
deutsche Städtebilder unter Berücksichtigung der befreiten Ostgebiete« reali-
siert. Selbst Jahre später, als es keine Marken für das WHW mehr gab, wurde
danach gefragt, beispielsweise von dem Oberzahlmeister Alfred Losert. Er
schrieb am 7. Juni 1943 aus Posen:
»Wenn nun DRK- und im Winter WHW-Marken in der Stückelung 1, 5 und 10 RM für
die gesammelten Beträge der Truppe gegeben und dem Soldaten gesagt, daß diese Mar-
ken, auf Feldpostbriefe geklebt, von der Feldpost auch gestempelt werden, wird jeder voll
Stolz die Marken auf seine Heimatbriefe kleben, damit man zuhause sieht, was er gespen-
det hat und zuhause wird das den Opfer- und Kampfwillen ungeheuer stärken, wenn man
sieht, wie die Front denkt und handelt.« 26
Wenige Wochen später kam tatsächlich eine Ausgabe zum 10-jährigen Beste-
hen des WHW heraus (Abb. 3), allerdings nicht im Sinne Alfred Loserts. Die
Einzelmarke zeigt eine Mutter mit vier Kindern und außerdem, dass sich das
Zahlenverhältnis verändert hat: 12 Pfennig Frankatur, dazu mit 38 Pfennig
mehr als das Dreifache an Zuschlag. Diese Marke war eine doppelte Gratifika-
21 Thymian Bussemer: Propaganda und Populärkultur. Konstruierte Erlebniswelten im National-
sozialismus, Wiesbaden 2000, S. 102; ähnlich Tennstedt: Wohltat, S. 179.
22 Vgl. Rainer Stommer: Triumph der Technik. Autobahnbrücken zwischen Ingenieuraufgabe
und Kulturdenkmal, in: ders. (Hrsg.): Reichsautobahn. Pyramiden des Dritten Reichs, Marburg
1982, S. 49–76. Der WHW-Satz 1936 enthielt als weitere Autobahnmotive die Saalebrücke und
den Straßenabschnitt am Irschenberg.
23 Vgl. Bussemer: Propaganda, S. 112–115.
24 Vgl. Meyer: Philatelie, S. 66, S. 152.
25 Schreiben RPM an RMVP, 6. November 1939, BArch, R 4701/11449, o. Bl.
26 Schreiben Alfred Losert an RMVP, 7. Juni 1943, BArch, R 4701/11447, Bl. 228.
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tion: Das WHW wurde beworben, die Mütter wurden durch Ehrung inte-
griert. 27 Aber beide Gratifikationen waren nur mehr symbolisch. 28 Die
38 Pfennig gingen weder an Mütter noch an das WHW, sondern an Hitler
persönlich, genauer: an seinen Kulturfonds. 29 Mit den gezähnten Bildchen aus
Papier wurden gerahmte Bilder in Öl finanziert, nämlich Hitlers private Ge-
mäldesammlung für seinen Alterssitz in Linz. In diesen Sonderauftrag Linz, für
den vor allem exzellente Werke der Renaissance und der deutschen Romantik
erworben und geraubt wurden, begannen ab 1937 die Erträge der Zuschlags-
marken zu fließen, die nur noch gelegentlich mit anderen Institutionen geteilt
wurden. Am Ende hatte Hitler einige 100 Millionen Reichsmark für einige
tausend Kunstwerke ausgegeben; 30 der Anteil der Briefmarken daran lag bei
ungefähr 50 Millionen Reichsmark. 31 Weniger finanziellen Erfolg hatten die
27 Zur Rolle der Mutter auf Briefmarken des NS-Staates siehe auch den Beitrag von René Smo-
larski in diesem Band.
28 Symbolische Gratifikationen waren in der Propagandatheorie der Zeit ein gängiges Thema.
»Ehre oder Geld« seien die Motivationen der Menschen, schrieb 1932 der Werbefachmann
Hans Domizlaff in seiner Schrift Propagandamittel der Staatsidee (als Manuskript gedruckt
1932, hier: S. 66). Mit »Leistungsbelohnungen in Form von Auszeichnungen« könne man kos-
tenfrei gesellschaftlichen Zusammenhalt herstellen. Domizlaff vermerkte dazu, seine Schrift sei
von Hitler rezensiert worden und Goebbels wolle sie auswendig gekannt haben (vgl. Hans Do-
mizlaff: Nachdenkliche Wanderschaft. Autobiographische Fragmente. Bd. 2, Hamburg 1950,
S. 244f., S. 247).
29 Vgl. Schreiben Hilgenfeldt an RPM, 19. Oktober 1943, BArch, R 4701/11444, Bl. 348. Albert
Speer berichtet, das sei eine gemeinsame Idee von Wilhelm Ohnesorge, Martin Bormann und
Heinrich Hoffmann gewesen, denen zufolge »Hitler als der Abgebildete auf Briefmarken ein
Recht auf sein Bild besitze, das durch Zahlungen abgegolten werden könne« (Albert Speer: Er-
innerungen, Berlin 1969, S. 100). Obwohl diese Version vielfach Eingang in die Sekundärlitera-
tur gefunden hat, erscheint sie wenig wahrscheinlich, denn erstens galten Ansprüche aus § 23
des Kunsturhebergesetzes nicht für »Bildnisse aus dem Bereiche der Zeitgeschichte«, zweitens
flossen in den Fonds Zuschläge von Marken, die überwiegend etwas anderes zeigten als Hitler,
und drittens gibt es zumindest in den erhaltenen Abrechnungen keinen entsprechenden Posten.
Vielmehr legt die Konstruktion des Kulturfonds unter dem Dach der Dankspendenstiftung na-
he, dass es sich formal gesehen um eine durch die Zuschläge erzielte Spende handelte. Solche
Sonderfonds ohne haushaltsrechtliche Kontrolle waren im NS-System kein Sonderfall, sondern
struktureller Bestandteil (vgl. Frank Bajohr: Parvenüs und Profiteure. Korruption in der NS-
Zeit, Frankfurt am Main 2004, S. 34f.).
30 Vgl. Günther Haase: Die Kunstsammlung Adolf Hitler. Eine Dokumentation, Berlin 2002, S. 46,
S. 192–304.
31 Vgl. Schreiben Ohnesorge an Hitler, 8. Mai 1941, in: Akten der Parteikanzlei der NSDAP.
Rekonstruktion eines verlorengegangenen Bestandes, Mikrofiches, hrsg. v. Institut für Zeitge-
schichte, München 1983 (Teil 1), München 1992 (Teil 2), hier: Teil 1. Bd. 1, 101.17856;
Matthias Rawert: Entscheidungsprozesse bei der Gestaltung und Herausgabe von Postwertzei-
chen 1871–1945, unveröffentlichte Magisterarbeit, Freiburg 1990, S. 86f. Der gern kolportierte
Bericht Heinrich Hoffmanns, Wilhelm Ohnesorge habe Hitler einen Einzelscheck über 50 Mil-
lionen Reichsmark überreicht, muss eine Falschinformation sein. Denn Hitlers Finanzbedarf
ließ nicht zu, auf das Zusammenkommen solcher Summen zu warten, die Schecks wurden
vielmehr in Portionen zwischen 1 und 3 Millionen Reichsmark übergeben (vgl. Schreiben Bor-
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Markenkäufer, denn von den Ausgaben der Kriegszeit erzielten die wenigsten
später auch nur den damaligen Einkaufspreis. Um den Fonds zu füllen, stieg ab
1937 die Zahl der Zuschlagsmarken ebenso schlagartig an wie die Höhe der
Zuschläge (Abb. 4). Das summierte sich: Wenn beispielsweise ein Facharbeiter
alle Marken des Jahres 1941 inklusive der besetzten Gebiete haben wollte, ein-
mal gebraucht, einmal ungebraucht, musste er dafür eineinhalb Wochen lang
arbeiten.
Bei dieser WHW-Marke 1943 fanden die Propaganda und die Vielen nicht
mehr richtig zusammen. Die karitative WHW-Serie war im Jahr 1941 einge-
stellt worden, »damit der Kulturfonds des Führers nicht durch die Marken des
Winterhilfswerks benachteiligt wird« 32. Ab nun lief der Mitwirkungswille der
Vielen ins Leere. Im Zielkonflikt zwischen Markenpropaganda und Hitlers
Geldbedarf wurde Ersteres geopfert. Auch der Nachzügler im Jubiläumsjahr
1943 brachte dem WHW keine reale, sondern nur noch eine symbolische Gra-
tifikation. Dieser feine Unterschied war der Briefmarke nicht anzusehen. Un-
kundige Käufer dürften davon ausgegangen sein, mit dem Zuschlag zum gera-
de beginnenden Kriegswinterhilfswerk beizutragen. Die Sammler unter den
Vielen waren dagegen durch das Amtsblatt des Postministeriums und die
Fachpresse darüber informiert, dass Zuschlagsgelder seit 1937 vor allem an
Hitlers Kulturfonds gingen. Dabei wurde allerdings der genaue Zweck des
Fonds wortreich verschleiert:
»Und diese Mittel kommen nicht nur den Künstlern zugute, sondern dem ganzen deut-
schen Volke, das durch die von seinen Künstlern geschaffenen Werke kulturell bereichert
wird. Nicht umsonst sehen wir auf allen Gebieten der Kunst blühendes Leben, zu dem
auch der Kulturfonds des Führers ein gut Teil beigetragen hat. […] Über die Mittel ver-
fügt allein der Führer: es kann und muß also jeder das Vertrauen haben, daß sie im Inte-
resse des Volksganzen eingesetzt werden.« 33
Gelegentlich gab es Kritik an den Zuschlägen, 34 meistens aber gingen die Vie-
len affirmativ mit den finanziellen Aspekten um und sandten Verbesserungs-
vorschläge zu. Beispielsweise schlug Ignaz Strutz aus Graz am 15. Juli 1944 vor,
auf Sondermarken vorübergehend ganz zu verzichten. Diese hätten »ihren
Grund wohl nur in dem Bestreben, möglichst viel flüssiges Geld abzuschöp-
fen« und könnten besser durch ein Sonderpostsparbuch mit Gutscheinen statt
Zinsen ersetzt werden, die allein dazu berechtigen würden, nach dem Krieg
Sondermarken zu kaufen. Der für den Kulturfonds entstehende Ausfall könne
mann an Lammers, 8. Mai 1941, in: Akten der Parteikanzlei, Mikrofiches, Teil 1. Bd. 1,
101.17857).
32 Schreiben Hilgenfeldt an RMVP, 12. Mai 1941, BArch, R 4701/11449, o. Bl.
33 Hans Rost: Deutsche Postwertzeichen, Halle 1939, S. 40.
34 Vgl. Schreiben O. Heinrich an RPM, 4. August 1942, BArch, R 4701/11445, Bl. 164.
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nach dem Krieg durch eine Lotterie mit Marken von Zahlkarten oder was
sonst so bei der Post verbliebe, ausgeglichen werden. 35
Das wurde von der Reichspost mit der Begründung abgelehnt, dass das Ziel
der Geldabschöpfung nicht zutreffe. 36 Was sie nicht schrieb, war, dass Hitlers
Gemäldekäufe nicht auf die ungewisse Zeit nach dem Krieg warten konnten,
sondern schon allein wegen der NS-internen Kunstkonkurrenz mit Hans
Frank und vor allem Hermann Göring in vollem Gange waren. Außerdem
wäre der Propagandaaspekt unter den Tisch gefallen – der politische und fi-
nanzielle Funktionszusammenhang der Sondermarken war zu komplex und zu
erfolgreich für Änderungen.
Weitere Vorschläge wie derjenige Dr. Erich Uetrechts aus Steinebach vom
17. November 1944 zielten auf die Vermehrung der Einnahmen: »Um dem
Reich große Mengen an Devisen einzubringen, schlage ich vor, V1 und V2 als
Raketenbriefmarken herauszugeben.« Als Grund für die von ihm empfohlenen
sehr hohen Frankaturwerte bis zu 20 Reichsmark könne man »Wertbriefmarke
nach Japan, Mandschurei, (China) angeben.« 37 Zwar wurden Ende 1944 nicht
mehr viele Wertbriefe in die Mandschurei verschickt, aber immerhin antwor-
tete die Reichspost, für den März 1945 sei ein Briefmarkensatz mit Abbildun-
gen der V-Waffen vorgesehen. Stattdessen erschien im Februar 1945 eine Mar-
ke zum Volkssturm – als Einzelwert, denn dessen Ausrüstung konnte nur noch
schwer zu einem Markensatz aufgefächert werden, wie es in den Vorjahren bei
den Ausgaben zum Heldengedenktag mit einem umfangreichem Waffenarse-
nal geschehen war.
3 Putsch und Pokale
Zum Jahrestag des Hitlerputsches gab die Reichspost 1944 eine Marke mit dem
Motiv eines Adlers im Kampf mit einer dreiköpfigen Schlange heraus (Abb. 6).
Das ist die einzige Briefmarke des NS-Staates, die einen, wenn auch nur allego-
rischen, Feind abbildet. Die Intention ist eindeutig: In einer dramatischen
Darstellung wird ein Parteithema und abgeurteiltes Staatsverbrechen bewor-
ben. Die Marke spricht den Betrachter durch ein »Gedenke« mitsamt Ausrufe-
zeichen emphatisch an. Die Bildidee war den Sammlern vertraut von den Ge-
denkmünzen, die Preußen 1913 zum Jubiläum der Befreiungskriege gegen
Napoleon herausgegeben hatte. Der Bezug liegt auf der Hand: In einer schwie-
rigen Lage ist der Sieg durch den Aufstand der ›Volksgemeinschaft‹ möglich.
35 Schreiben Ignaz Strutz an RPM, 15. Juli 1944, BArch R 4701/11446, Bl. 68.
36 Vgl. Schreiben RPM an Ignaz Strutz, 27. Juli 1944, ebd., Bl. 69.
37 Schreiben Erich Uetrecht an RPM, 17. November 1944, BArch R 4701/11448, Bl. 208.
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Dazu passt die Rückseite der Münze mit der Inschrift: »Der König rief und alle
alle kamen« (Abb. 5). Die Briefmarke ging auf einen Entwurf des SS-Designers
Karl Diebitsch zurück, der ihn bereits 1935 eingereicht hatte. 38 Damals war das
Motiv wohl noch zu kämpferisch gewesen, nun schien es passend.
Diese Marke ist sowohl vom Anlass als auch vom Motiv her offensichtliche
Propaganda. Aber wenige Wochen vorher erschien eine Marke mit der Abbil-
dung eines barocken Prunkbechers aus dem Dresdner Grünen Gewölbe –
wohlgemerkt: ebenfalls zum Ende des inzwischen ›totalen Krieges‹ (Abb. 7).
Zu dieser Ausgabe für die Gesellschaft für Goldschmiedekunst schrieb A. Hein-
rich aus Stuttgart am 23. September 1944:
»Und nun gar die neueste Sonderausgabe zu Ehren der deutschen Goldschmiedekunst,
vertreten durch eine in weitesten Kreisen unbekannte, seit etwas über einem Jahrzehnt
bestehende Gesellschaft, die kaum eigenen künstlerischen Ehrgeiz zu erkennen gibt, wie
die Darstellungen alter Museumsstücke auf jetziger und vorheriger Sonderausgabe bewei-
sen.« 39
Schon 1942, als zum ersten Mal Marken für diesen Anlass erschienen waren,
hatte die Reichspost keine hohen Erwartungen an den Verkauf gehabt und sie
vorsichtshalber nur an den Sitzen der Reichspostdirektionen und in einigen
weiteren »größeren Orten« an die Postämter ausgegeben. 40 Von der Folgeaus-
gabe 1943 blieb ungefähr ein Viertel vor allem des höheren Werts unverkauft. 41
Solche Lobbymarken hatten nichts mit Propaganda und nichts mit der Le-
benswelt der Vielen zu tun, machten diesen keine Angebote und können daher
nicht einmal als Versuch einer Heile-Welt-Propaganda bewertet werden. Hier
ging es nur um Geld zugunsten des Kulturfonds, dem die Marke 1943 fast drei
Millionen Reichsmark einbrachte, und der Gesellschaft für Goldschmiedekunst,
bei der 250.000 Reichsmark verblieben. 42
4 Pferde
Ein überraschend präsentes Thema auf den Briefmarken des NS-Staates war
das Pferd. Markenausgaben zu Pferden gab es genauso viele wie zu Führerge-
burtstagen, Reichsparteitagen und allen anderen Parteifeiern zusammen. Was
machte das Pferd so interessant? Die hohe Symbolkraft? Es verkörperte im-
38 Vgl. Entwurf Tag der Bewegung 1935, Archiv für Philatelie, Bilddatenbank, 2-2003-2638.
39 Schreiben A. Heinrich an RPM, 23. September 1944, BArch, R 4701/11444, Bl. 498.
40 Schreiben RPM an Reichspostdirektionen, 28. Juli 1942, BArch, R 4701/11445, Bl. 157.
41 Eigene Berechnung aus der Differenz der Druckereianweisungen und der erlösten Beträge (vgl.
Aktenvermerk, 3. Dezember 1943, ebd., Bl. 182).
42 Vgl. Aktenvermerk, 16. Oktober 1944, BArch, R 4701/11444, Bl. 495.
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merhin »kriegerischen Sinn, Ritterlichkeit und Herrentum« 43, es war das Tier
der Jagd und der Kavallerie, es war steinernes Accessoire der Helden von Josef
Thorak und anderen NS-Bildhauern. Und das Pferd war ganz real das Rück-
grat sowohl der deutschen Landwirtschaft als auch der Wehrmacht, die we-
sentliche Teile ihrer Logistik mit Millionen von Pferden abwickelte. 44 Aber all
das kam nicht auf die Briefmarken. Auf denen ist, neben ein paar nostalgischen
Postkutschenpferden, nur ein einziges Thema zu sehen: Pferderennen. Das
begann 1936 mit einer jährlichen Marke zum Rennen in München-Riem (Abb.
8). Ab 1939 gesellten sich Marken zum Hamburger Rennen dazu, 1941 eine
Marke zum Großen Preis der Reichshauptstadt, 1943 und 1944 kam mit Wien
ein vierter Veranstalter ins Spiel.
Weder die Bedeutung des Pferdesports noch die deutschen Erfolge darin
hätten eine solche Fülle erfordert, die auch noch mit meist ähnlichen Bildern
illustriert wurde. Aber die Rennpferde hatten eine gute Lobby im Postministe-
rium, vor allem die Pferde des Rennvereins München-Riem. Das war lukrativ,
denn neben dem Werbeeffekt erhielt der Verein einen Anteil an den Zu-
schlagserlösen. Von den Erträgen der Pferdemarken – bei der München-Riem-
Marke 1941 immerhin über eine Million Reichsmark 45 – konnten die Vereine
zwischen 10 und 50 Prozent behalten, der Rest ging an den Kulturfonds.
Der von Postminister Wilhelm Ohnesorge höchstpersönlich mit dem Präsi-
denten des Rennvereins, Christian Weber, geführte Schriftwechsel liest sich
sehr einvernehmlich; 46 die Motive durfte der Rennverein aussuchen. Der
vergab als Siegestrophäe das Braune Band und entschied sich in der Enge sei-
ner lobbyistischen Vorstellungswelt jedes Mal für Pferde in Braun. 47 Auch an
die Institutionalisierung hatte man gedacht, denn Reichspostminister Oh-
nesorge saß im Kuratorium des Braunen Bandes, 48 Christian Weber im Beirat
der Post. 49
In der Sekundärliteratur wird Christian Weber, ein Pferdeknecht, der zum
Münchner Ratsherr und Multifunktionär aufgestiegen war, 50 als gewalttätige
NS-Lokalgröße mit starker Neigung zu persönlicher Bereicherung charakteri-
43 Franz Beaulieu: Der klassische Sport. Ein Beitrag zur Geschichte des Rennsports und der Voll-
blutzucht, Berlin 1942, S. 240.
44 Vgl. Ulrich Raulff: Das letzte Jahrhundert der Pferde. Geschichte einer Trennung, München
2015, S. 123f.
45 Vgl. Übersicht, 19. März 1943, BArch, R 4701/11445, Bl. 78.
46 Vgl. ebd., Bl. 3–120.
47 Vgl. Schreiben RPM an Kuratorium Braunes Band, 15. Januar 1941, ebd., Bl. 49.
48 Vgl. Lotz/Ueberschär: Deutsche Reichspost, Bd. 2, S. 15.
49 Vgl. Thomas Martin: Aspekte der politischen Biographie eines lokalen NS-Funktionärs, in:
Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte (57) 1994, S. 435–484, hier: S. 455f.
50 Vgl. ebd., S. 435, S. 449, S. 455f.
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siert. 51 Er kannte den Postminister noch aus ›Alte Kämpfer‹-Zeiten und hatte
1920 zu Hitlers erster Leibwache gehört. 52 Das zahlte sich aus: Weber bekam
aus dem Markenverkauf und auch von Hitler selbst Geld für seinen Verein und
damit für umfangreiche Immobilienkäufe im Münchner Umland.
Als 1939 das Hamburger Blaue Band als bekanntestes deutsches Traditions-
rennen sein 70. Jubiläum feierte, war ihm eine Sondermarke nicht zu verweh-
ren, womit ebenfalls eine jährliche Serie begann. 1943 aber lehnte die Reichs-
post weitere Marken ab, obwohl die Rennbahn bei Luftangriffen zerstört wor-
den war. 53 Trotzdem blieb die Reichspost hart, denn es sei nicht ihre Aufgabe,
»derartige Rennen zu finanzieren, wenn die Rennclubs hierzu nicht in der Lage
sind« 54.
Auch der Berliner Union-Club hatte es schwer. Weber diffamierte diesen
pferdesportlichen Konkurrenten als Feudalvereinigung, die ihr reichliches
Geld nur für Clublokale bereitstelle 55 – der Postminister lehnte den Antrag auf
eine Briefmarke für das Jahr 1939 ab. Zwar konnten die Berliner Hermann
Göring als Schirmherrn ins Feld führen, 56 aber Weber und Göring waren In-
timfeinde. 57 Es bedurfte der Intervention nicht nur der Obersten Behörde für
Vollblutzucht und -rennen, sondern wohl auch Görings selbst, um die Sonder-
marke 1939 dann doch übereilt in Auftrag geben zu lassen. 58 Listigerweise
verband Ohnesorge mit dem Bescheid den Hinweis, dass der Zuschlagsertrag
an den Kulturfonds des Führers gehe; auch hier musste der Union-Club noch
einmal Göring ins Spiel bringen, um sich seinen Anteil sichern zu können. 59
Allerdings wurde das Berliner Pferderennen wegen des Kriegsbeginns mitsamt
Marke abgesagt. 1940 lehnte Ohnesorge den erneuten Antrag wieder ab mit
der Begründung, die Reichspost wolle nicht mehr als zwei Rennen im Jahr mit
Sondermarken versehen. 60 Erst 1941 kam der Club zu seiner einzigen Marke.
51 Vgl. ebd., S. 435f., S. 443, S. 454, S. 462.
52 Vgl. ebd., S. 439.
53 Vgl. Schreiben Hamburger Rennclub an RPM, 20. Mai 1943, BArch, R 4701/11447, Bl. 222;
Schreiben Hamburger Rennclub an RPM, 25. Mai 1944, BArch, R 4701/11446, Bl. 62.
54 Schreiben RPM an Präsidium des Hamburger Rennclubs, 26. Mai 1943, BArch, R 4701/11447,
Bl. 223.
55 Vgl. Schreiben Kuratorium Braunes Band an RPM, 31. März 1941, BArch, R 4701/11445,
Bl. 123.
56 Vgl. Schreiben RPM an Union-Club, 14. Juli 1939, BArch, R 4701/11444, Bl. 4.
57 Vgl. Martin: Aspekte, S. 447.
58 Vgl. Schreiben Oberste Behörde für Vollblutzucht und -rennen an RPM, 15. Juli 1939, BArch,
R 4701/11444, Bl. 5.
59 Vgl. Schreiben RPM an Union-Club, 10. August 1939, ebd., Bl. 9; Schreiben Union-Club an
RPM, 12. August 1939, ebd., Bl. 10f.
60 Vgl. Schreiben Union-Club an RPM mit Verweis auf die Ablehnung vom 31. Mai 1940,
13. Januar 1941, ebd., Bl. 28f.
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Im Antrag hatte er sich wieder auf Göring berufen, was bei der Reichspost sehr
genau vermerkt worden war. 61
Leichter tat sich das Rennen um den Großen Preis von Wien, das politisch
vom dortigen Gauleiter Baldur von Schirach vertreten wurde. Eigentlich war es
nicht als reichswichtig eingestuft 62 und Schirachs Stern bereits am Sinken.
Aber er hatte über seinen Schwiegervater Heinrich Hoffmann, den persönli-
chen Fotografen Hitlers, einen guten Draht zum Postminister – und er verfüg-
te über das Schloss Sitzenberg, das die Reichspost gern gehabt hätte. Dieses
Schloss war Eigentum der nach England geflohenen Baronin Springer, gebore-
ne Rothschild, und von der Wiener Feindvermögensverwaltung für die HJ ge-
pachtet worden. 63 Laut Verabredung sollte nun Ohnesorge für Marken zu-
gunsten der Wiener Pferderennen sorgen, im Gegenzug wollte Schirach gegen
Stellung eines Ersatzobjektes auf sein Vorkaufsrecht verzichten. 64 Das Ergebnis
waren erstens erhebliche Erlöse für die Wiener Rennbetreiber und wieder
Hitlers Bilderkäufe, zweitens Pferdemarken bis in den August 1944 hinein. 65
Bemerkenswert ist hier die Vermischung von Schirachs Ämtern, denn an
der Briefmarke war er als Gauleiter interessiert, Rechte am Schloss hatte er
aber als Reichsleiter der NSDAP-Jugenderziehung, ein Beleg für die These,
dass die Macht im NS-Staat mehr an Personen als an Ämter gebunden war. In
der Sache machte Schirach das bessere Geschäft, denn die Übergabe kam nicht
zustande. Die Baronin war zum Verkauf nicht bereit, eine Enteignung aber
wurde nicht durchgeführt, weil sie zwar Jüdin, aber britische Staatsangehörige
war. Außerdem konnte Ohnesorge kein Ersatzobjekt stellen, da, wie er klagte,
die Partei bereits alle Objekte beschlagnahmt habe. 66 Bis zum Kriegsende be-
herbergte das Schloss daher eine Gebietsführerschule der HJ. 67
Wenn also jede der Pferdemarken ihre besondere Ursache hatte, so bleibt
aber doch die Frage: Warum fanden bis kurz vor Kriegsende die Rennen über-
61 Vgl. ebd.
62 Vgl. ebd.; Schreiben Schirach an Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft
(RMEL), 16. Juli 1942, BArch, R 3601 (Ministerium für Ernährung und Landwirtschaft)/1272,
Bl. 86.
63 Vgl. Josef Prinz: Sitzenberg, in: Ernst Bezemek, Willibald Rosner (Hrsg.): Heimatbuch Sitzen-
berg-Reidling, Sitzenberg-Reidling 2007, S. 303–346, hier: S. 331.
64 Vgl. Schreiben Reichspostdirektion Wien an Ohnesorge, 27. August 1942, BArch, R 4701/
11444, Bl. 51; Schreiben Ohnesorge an Schirach, 5. Februar 1943, ebd., Bl. 63.
65 Für das Schloss Sitzenberg wollte Schirach überdies noch eine Marke zur Tagung der europäi-
schen Jugend in Wien haben, die allerdings im Hin und Her der Institutionen steckenblieb (vgl.
Tröger: »Als hätte der Führer Schnupfen«, S. 78). In einem anderen Fall, dem der Marken für
die Wiener Messe, war die Seilschaft Ohnesorge-Schirach stark genug, dafür auch einen Kon-
flikt mit dem Propagandaminister zu riskieren (vgl. ebd., S. 78f.).
66 Schreiben Ohnesorge an Reichspostdirektion Wien, 5. Februar 1943, BArch, R 4701/11444,
Bl. 63v.
67 Vgl. Prinz: Sitzenberg, S. 334.
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haupt noch statt? Zu Beginn des Krieges wirkte hier die intensive Förderung
der Pferderennen durch den NS-Staat. 68 Vor allem die Wehrmacht, der an
Leistungsprüfungen der Pferdezucht gelegen war, dürfte dabei ihre Rolle ge-
spielt haben. Bis 1942 lassen sich die Pferderennen zudem noch durch den
Versuch erklären, bis weit in den Krieg hinein den Anschein ›ziviler‹ Normali-
tät zu wahren – gerade gegenüber den Engländern, die ihre Pferderennen er-
heblich reduziert hatten. 69
1944 aber konnte von einer Normalität keine Rede mehr sein. Wie die Son-
dermarken, so standen auch die Pferderennen immer wieder in der Kritik und
auf den Streichlisten: Goebbels sah sie in einer Reihe mit den »Schlemmerloka-
len« und forderte ihre Einstellung, 70 auch Bormann wollte sie beenden. 71 Und
wie bei den Sondermarken, so war es auch hier das Votum Hitlers, das eine
reduzierte Fortführung ermöglichte. Er wollte dem Volk »irgendeine Erholung
gönnen« 72, mehr noch aber spielten in beiden Fällen ökonomische Gründe
eine Rolle. Ging es bei den Sondermarken vor allem um seine Kunstankäufe, so
schätzte er die Pferderennen als ein Mittel, die ruinierten Kriegsfinanzen zu
entlasten. Trotz des Lohnstopps war ein erheblicher Geldüberhang entstanden,
dem ein schwindendes Warenangebot gegenüberstand. Da waren die Sonder-
marken, mehr aber noch die Rennwetten ein willkommenes Mittel, ohne große
Gegenleistung Kaufkraft abzuschöpfen. 73 Auch die Pferdemarken trugen also
zum Krieg bei, indem sie die Pferderennen erstens bewarben und zweitens
mitfinanzierten. Trotzdem sind sie ein Beispiel für Briefmarken, die nur wenig
mit gezielter Propaganda zu tun hatten und im Sinne der Sportpropaganda
sogar kontraproduktiv waren, denn bei den Pferderennen konnten sich die
deutschen Teilnehmer nur schwer gegen die ausländische Konkurrenz durch-
setzen. 74 Diese Marken verdankten sich vor allem politischen Seilschaften und
persönlicher Bereicherung.
68 Vgl. Schreiben RMEL an den Präsidenten des Werberats der deutschen Wirtschaft, 21. Novem-
ber 1941, BArch, R 3601/1273, Bl. 49.
69 Vgl. Schreiben RMEL an Reichsminister für Bewaffnung und Munition, 12. Februar 1941,
BArch, R 3601/1272, Bl. 8.
70 Protokoll der Mittagskonferenz am 8. Februar 1943 bei Goebbels, 9. Februar 1943, in: Akten der
Parteikanzlei, Mikrofiches, Teil 2. Bd. 2, 64877–64880, hier: 64877f.
71 Vgl. Schreiben Bormann an Tiessler, 12. Februar 1943, in: ebd., 76848.
72 Aktenvermerk für Friedrichs, Klopfer und Tiessler, 10. März 1943, in: ebd., 76839.
73 Vgl. Schreiben Lammers an Goebbels, 8. März 1943, in: ebd., Teil 1. Bd. 1, 101.10082–
101.10084; Aktenvermerk für Tiessler, 11. Mai 1943, in: ebd., Teil 2. Bd. 2, 76839; Schreiben
Lammers an die Reichsverteidigungskommissare, 1. Juli 1943, in: ebd., Teil 1. Bd. 2, 103.09732.
74 Vgl. Übersendung Unterschriftensammlung an die Oberste Behörde für Vollblutzucht und
-rennen, April 1941, BArch, R 3601/1273, Bl. 5. Damit versuchten die deutschen Rennteilneh-
mer zu verhindern, dass das so genannte Ausländergewicht herabgesetzt wird, da »wir gegen
diese ausländische Konkurrenz nur mit ganz erheblichen Gewichtserlaubnissen antreten kön-
nen«.
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Damit sind sie kein Sonderfall, sondern struktureller Teil des NS-Systems,
das mit Geschäften und Gegengeschäften, Sonderfonds ohne jede Aufsicht und
einer grassierenden Korruption derlei Verfahrensweisen geradezu erforderte. 75
Die Vielen blieben ratlos bis ablehnend wie zum Beispiel der Gefreite Hans-
Dietrich Peters, der am 4. September 1944 aus Potsdam schrieb: »Ganz abgese-
hen, dass gar keine Rennen mehr stattfinden sollen, ist denn ein sonst alljähr-
lich stattfindendes Pferderennen von so großer Bedeutung für unser Volk, dass
man jedes Mal eine Sondermarke herausgibt?« Ein besseres Thema sei die
Freundschaft zwischen Schiller und Goethe, die »weit größere Bedeutung hat
als irgendein Pferderennen während des Krieges« 76. Entsprechend lagen die
Verkaufszahlen unter dem Durchschnitt anderer Marken. 77 Zur Ablehnung
dürften die teils exorbitanten Zuschläge und die fehlende Abwechslung in
motivischer Hinsicht beigetragen haben.
5 Lübeck
Als die Stadt Lübeck 1943 ihre 800-Jahr-Feier beging, vermittelte ihr Oberbür-
germeister den Grafiker Alfred Mahlau für eine Jubiläumsmarke an die
Reichspost. Mahlau wählte als Bildidee die berühmten sieben Türme der Stadt
(Abb. 9), nicht zum ersten Mal, wie man bei dem ebenfalls von ihm gestalteten
Logo auf den Marmeladengläsern der Firma Schwartau noch heute sehen
kann. Auf der Marke sieht man unter den gedrängten Kirchtürmen die Stadt
mit Stadtmauer und Holstentor liegen, vor dem drei Koggen ankern. Alles ist
auf die Vermittlung von Stärke angelegt: die optische Vergrößerung der Türme
ebenso wie die Symmetrie des Bildes, der zuliebe nicht nur die Wertangabe
verdoppelt, sondern auch die linke Häuserzeile entgegen der Realität nach
hinten gezogen wurde. Die Marke knüpft in Sujet und Stilistik an die mittelal-
terliche Geschichte der Stadt mit ihrer ökonomischen und militärischen Stär-
ke 78 an und zeigt eine selbstgewisse Trutzburg. Allerdings entsprach die Dar-
stellung nicht mehr der Realität, seit die britische Luftwaffe ein gutes Jahr zu-
vor fünf der sieben Türme zerstört hatte. 79
Wie problematisch die Abbildung von Städten in Zeiten des Bombenkriegs
wahrgenommen werden konnte, belegt ein Brief an das Postministerium. Ein
75 Vgl. dazu Bajohr: Parvenüs, S. 7, S. 10f.
76 Schreiben Hans-Dietrich Peters an RPM, 4. September 1944, BArch, R 4701/11447, Bl. 385–388.
77 Eigene Berechnung aus dem Bestand BArch, R 4701/11444.
78 Vgl. Erich Hoffmann: Lübeck im Hoch- und Spätmittelalter. Die große Zeit Lübecks, in: Antje-
Kathrin Graßmann (Hrsg.): Lübeckische Geschichte, Lübeck 1988, S. 79–340, hier: S. 158f.
79 Vgl. Lutz Wilde: Bomber gegen Lübeck. Eine Dokumentation der Zerstörungen in Lübecks
Altstadt beim Luftangriff im März 1942, Lübeck 1999, S. 30–52.
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Jahr später stand nämlich eine Briefmarke für das Jubiläum Fuldas an, und
Irene Flöck schrieb am 3. März 1944:
»Warum aber spricht man von der 1200-Jahr-Feier einer Stadt – hier ist es z. Zt. Fulda –
und läßt eine Gedenk-Freimarke drucken, die jetzt in alle Welt hinausgehen soll und so
auch ins feindliche Lager gelangt und klar und deutlich den Anreiz gibt: ›Willst du, Feind,
denn nicht auch mal hier noch deine Bomben abwerfen?, wir haben doch noch den schö-
nen alten Dom, das alte Schloß u.s.w. und noch viele alte Kirchen und Sehenswertes!‹ […]
Ich spreche im Sinne vieler, die überzeugt sind, daß Fulda angegriffen wird, sobald seine
1200-Jahr-Feier beim Feind bekannt wird. Darum bitte ich Sie dahin zu wirken, daß die
Herausgabe der Freimarke wie auch die allgemeinen Feierlichkeiten bis nach dem Kriege
zurückgestellt werden.« 80
Irene Flöck kann in der Marke keine Gratifikation, sondern nur eine Gefahr
erkennen, sie eignet sich die Propaganda mit Eigensinn 81 an. Zudem hat bei ihr
das amtliche Propagandavokabular nicht verfangen, denn sie spricht vom
›Feind‹, nicht – wie die meisten anderen Zuschriften – von ›Terrorfliegern‹
oder ›Luftgangstern‹. Einen Schutz durch die deutsche Luftabwehr scheint sie
nicht mehr zu erwarten – zu Recht: Bei Luftangriffen im Herbst 1944 wurde
Fulda zu einem Viertel zerstört. Verantwortlich dafür war aber nicht die
Briefmarke, sondern die geografische Lage der Stadt als Ausweichziel für die
US-Luftflotte auf ihrem Weg ins mitteldeutsche Industriegebiet. 82 Zuvor war
noch die Fulda-Marke herausgekommen (Abb. 10), auch sie mit einer Diffe-
renz zwischen Darstellung und Realität, denn die auf der Marke abgebildete
Flora-Skulptur war inzwischen längst hinter einem Splitterschutz verschwun-
den. 83
Erst als die deutschen Städte von den alliierten Bombern bedroht wurden,
gab es für sie Briefmarken: 1943 Lübeck, 1944 Fulda, 1945 Oldenburg. 84 Sicher
dürfte das als Anerkennung dessen gesehen worden sein, was die Städte im
Luftkrieg durchmachten. Allerdings war die Gratifikation lediglich symbolisch,
denn der Erlös dieser Zuschlagsmarken floss komplett in die Bilderkäufe Hit-
lers. So ergab sich eine weitere Differenz: die zwischen der Vorspiegelung einer
›Volksgemeinschaft‹ und der realen Bereicherung der NS-Führung. 85 Aber
80 Schreiben Irene Flöck an RPM, 3. März 1944, BArch, R 4701/11444, Bl. 576.
81 Zu diesem Begriff aus der Alltagsgeschichte, der nicht mit Widerstand zu verwechseln ist, vgl.
Alf Lüdtke: Geschichte und Eigensinn, in: Berliner Geschichtswerkstatt (Hrsg.): Alltagskultur,
Subjektivität und Geschichte. Zur Theorie und Praxis von Alltagsgeschichte, Münster 1994,
S. 139–153.
82 Vgl. Günter Sagan/Thomas Heiler/Beate Kann: Der Tod kam in der Mittagszeit. Fulda im
Bombenkrieg 1944–1945, Gudensberg-Gleichen 2004, S. 18f.
83 Vgl. Fotografie ›Orangerie mit eingemauerter Flora-Vase‹ in: Sagan/Heiler/Kann: Tod, S. 15.
84 Weder hatte Aalen 1939 eine Marke bekommen noch Stralsund 1934 oder Hannover 1941.
85 Zur nationalsozialistischen Volksgemeinschaft als Forschungsgegenstand und Analyseansatz
vgl. Uwe Danker/Astrid Schwabe: Das Konzept der NS-Volksgemeinschaft – ein Schlüssel zum
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auch die Differenz zwischen dem, was auf den Marken zu sehen war, und dem
realen Zustand hatte ein für die Propaganda subversives Potenzial. Alle drei
Städtemarken vermieden die sichtbare Realität des Krieges. Die Vielen hätten
dagegen gern mehr davon auf den Marken gesehen. Zum Beispiel schlug der
Unteroffizier Franz (Nachname unleserlich) am 4. Juli 1943 eine Briefmarken-
serie vor, »die links auf dem Markenbilde das Kulturdenkmal vor, und rechts
dieses nach seiner Zerstörung durch die Terrorangriffe zeigen sollte« 86. Und
Bootsmaat Rudolf Berghahn schrieb am 20. September 1942:
»Während meines Urlaubes in Hamburg und auf einer Dienstreise durch Lübeck habe
ich die Trümmer, der von den englischen Piraten zerstörten Wohnhäuser gesehen. Das
Herz krampft sich zusammen, wenn man dieses sieht, und da ist mir folgender Gedanke
gekommen. Die Schaffung eines Bauziegels in der Form einer Briefmarke, zum Aufbau
der zerstörten Häuser und zur Hilfe der Betroffenen.« 87
Das Postministerium antwortete, Briefmarken seien »nicht das geeignete Mit-
tel, um derartige Summen zusammenzubringen« 88. Immerhin erwog das Pro-
pagandaministerium eine Briefmarkenserie zerstörter Kulturdenkmäler, und
zwar ohne Zuschläge, um die Verbreitung zu fördern. 89 Als sich aber die Ar-
beiten bis November 1944 verzögerten, stoppte Goebbels das Projekt, »da diese
Bilder […] damals zwar noch Zorn und Rachegefühle erwecken konnten, heu-
te aber nur noch Resignation hervorrufen werden« 90.
In dieser existenziellen Frage versagte der Propagandadialog ganz. Die
Chance, dem Erleben des Bombenkriegs ein Ventil zu schaffen, wurde vertan.
Diese Marken wären wahrlich aus der Lebenswelt gegriffen gewesen. Stattdes-
sen gab es Pferderennen und Goldschmiedearbeiten. Das wog umso schwerer,
als es auch die finanzielle Frage betraf: Die Vielen wollten Geld für Bombenop-
fer oder den Wiederaufbau organisieren. Die Reichspost aber antwortete, dass
es selbst solche Briefmarken »nur mit Zuschlägen zugunsten des Kulturfonds
des Führers« 91 gebe. Als zur ideellen Frage auch die finanzielle kam, erwies sich
die vom NS-Staat apostrophierte ›Volksgemeinschaft‹ als Illusion. Stattdessen
erreichten im Jahr 1944 Hitlers Bilderankäufe ihren Höhepunkt. 92
historischen Lernen? Einführung und Reflexionen, in: dies. (Hrsg.): Die NS-Volksgemeinschaft.
Zeitgenössische Verheißung, analytisches Konzept und ein Schlüssel zum historischen Lernen?,
Göttingen 2017, S. 7–20.
86 Schreiben Franz [Nachname unleserlich] an RPM, 4. Juli 1943, BArch, R 4701/11447, Bl. 234.
87 Schreiben Rudolf Berghahn an Göring, 20. September 1942, ebd., Bl. 60.
88 Schreiben RPM an Rudolf Berghahn, 6. Oktober 1942, ebd., Bl. 61.
89 Vgl. ausführlich: Lotz/Ueberschär: Deutsche Reichspost. Bd. 2, S. 229–231.
90 Schreiben Ministeramt an Propagandaleitung, 29. November 1944, zit. n. ebd., S. 231.
91 Schreiben RPM an Bruno Loberg, 14. Juni 1944, BArch, R 4701/11447, Bl. 373v.
92 Vgl. Haase: Kunstsammlung, S. 46; Ernst Kubin: Sonderauftrag Linz. Die Kunstsammlung
Adolf Hitler. Aufbau, Vernichtungsplan, Rettung, Wien 1989, S. 67.
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6 Einschreiben und Schnupfen
Die Hauptlast des Postverkehrs trugen damals wie heute die Dauermarken. 93
Dafür hatte der NS-Staat einfach die Hindenburg-Marke aus dem Jahr 1932
auch nach dessen Tod weitergedruckt. Erst 1941 wurde Hitler auf den Dauer-
marken in Milliardenauflage omnipräsent (Abb. 11). Bei diesen reklamierte der
HJ-Oberscharführer Eduard Becker am 22. August 1941, es habe sich
»ein Plattenfehler übelster Sorte eingeschlichen. Auf sämtlichen Marken sieht es so aus,
als hätte der Führer den Schnupfen und das Wasser liefe über den Schnurrbart. Es ist eine
grosse Gemeinheit der Reichspostdirektion solche Marken ohne Prüfung herauszugeben
und es mutet geradezu wie eine Beschimpfung und Verunglimpfung des Führers an. Ich
glaube wohl annehmen zu können, dass der Führer in der heutigen Zeit nicht in der Lage
ist sich um solche Sachen zu kümmern, da er bestimmt zum Wohle seines Volkes ganz
andere Aufgaben zu lösen hat und diese bestimmt lösen wird.« 94
Die Kanzlei des Führers gab den Fall an den Postminister und dieser an die
Reichspostdirektion Düsseldorf weiter mit dem Auftrag, es sei
»die abwegige und ganz ungehörige Kritik des Einsenders in geeigneter, aber schärfster
Weise zurückzuweisen. Der Einsender ist nicht darüber im Zweifel zu lassen, daß von
weiteren Maßnahmen nur mit Rücksicht auf seine Jugend abgesehen wird.« 95
Die Reichspostdirektion meldete zurück, Becker sei durch den Spott tschechi-
scher Bürger zu seiner Eingabe bewogen worden und habe einen davon sogar
ins Gesicht geschlagen. Er sei nun belehrt worden, mache ansonsten einen
guten Eindruck, und man bitte, von weiteren Maßnahmen abzusehen. 96
Dieser bemerkenswerte Vorgang zeigt, wie präsent Briefmarken in der poli-
tischen Alltagsdiskussion waren, und zwar bei Freund und Feind gleicherma-
ßen. In dieser Auseinandersetzung schlug sich der NS-Staat keineswegs auf die
Seite des loyalen HJ-Oberscharführers. Stattdessen wurde er vorgeladen und
verwarnt. Das Problem lag in der eigensinnigen Aneignung des durch Brief-
marken vermittelten Führerbildes. Solcher Eigensinn stand von den Tsche-
chen, die dem Bild spöttisch gegenüberstanden, zu erwarten, und die Reichs-
post versuchte in keiner Weise dagegen vorzugehen. Aber auch Eduard Becker
kratzte am Führermythos und darüber hinaus am guten Ruf der Reichspost.
Als dagegen ein paar Jahre später, am 2. November 1944, der Oberleutnant O.
Hofmann aus Elbogen dieselbe Dauermarke als »unschön« 97 bezeichnete und
93 Dauermarken sind einfach gestaltete Markenserien in hoher Auflage und vorerst ohne Gültig-
keitsende.
94 Schreiben Eduard Becker an Kanzlei des Führers, 22. August 1941, BArch, R 4701/11448, Bl. 5.
95 Schreiben RPM an Reichspostdirektion Düsseldorf, 13. September 1941, ebd., Bl. 6.
96 Schreiben Reichspostdirektion Düsseldorf an RPM, 29. September 1941, ebd., Bl. 7.
97 Schreiben O. Hofmann an RPM, 2. November 1944, ebd., Bl. 213.
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in einem weiteren Schreiben noch eins draufsetzte mit der Behauptung, jeder
habe »schon schönere Aufnahmen des Führers gesehen« 98, blieb das von der
Reichspost unkommentiert. Inzwischen war sie mit anderen Dingen beschäf-
tigt, zumal der Zugriff auf einen Oberleutnant der kämpfenden Truppe sowohl
organisatorisch als auch mental weniger Erfolg versprach als der auf einen
Jugendlichen.
Neben der umstrittenen Qualität der Abbildung hatte die Dauerserie noch
ein weiteres Problem: Sie enthielt vorerst keinen 42-Pfennig-Wert. Für einen
Einschreibebrief waren aber 12 Pfennig Grundtarif plus 30 Pfennig Einschrei-
begebühr zu bezahlen. 99 Da eine entsprechende Briefmarke nicht zur Verfü-
gung stand, mussten die Postnutzer, wenn sie nicht teure Zuschlagsmarken
nehmen wollten, mehrere Marken kombinieren. In dieser Sache übersandte A.
Krauth aus Köln am 29. November 1942 den Entwurf eines Werbezettels mit
der Botschaft, dass »während des Krieges und der damit bedingten Material-
knappheit« 100 nur eine einzige Marke auf jeden Brief geklebt werden solle.
Aber auch als weitere Zuschriften zugunsten einer 42-Pfennig-Marke eintra-
fen, unterstützt durch die Oberpostdirektion Innsbruck, 101 antwortete die
Reichspost, es bestehe kein Bedürfnis und zudem stehe der Aufwand neuer
Druckplatten in keinem Verhältnis zur Papierersparnis. 102 Zwar war sie verun-
sichert genug, im Februar 1943 ein internes Gutachten erstellen zu lassen, das
kam aber zum selben Ergebnis. 103 Daher wurde auch die Zuschrift des Regie-
rungsrats Dr. Dickhaut aus Kauen vom 23. August 1943 abschlägig beschieden.
Da »immer größere Kreise der Bevölkerung Postsendungen aus Sicherheits-
gründen ›eingeschrieben‹ aufgeben«, so Dr. Dickhaut, sei eine 42-Pfennig-
Marke unumgänglich, denn: »Der Krieg verlangt Einsparungen, wo sie nur
möglich sind.« 104 Auch Dr. Dickhaut sah also eine Möglichkeit, bei den Brief-
marken Ressourcen einzusparen und damit den Krieg gewinnen zu helfen –
ein ab Herbst 1942 häufiges Argumentationsmuster.
Als aber am 1. Dezember 1943 Josef Thum aus St. Johann ebenfalls zur
42er-Marke »im Interesse des totalen Krieges« zwei Vorschläge einsandte und
hinzufügte, er freue sich, »auch in diesem Sinne für eine rasche und siegreiche
Beendigung des Krieges etwas beigetragen zu haben« 105, ließ die Antwort auf
98 Schreiben O. Hofmann an RPM, 5. Dezember 1944, ebd., Bl. 215.
99 Vgl. Karl Sautter: Geschichte der Deutschen Post. Bd. 3: Geschichte der Deutschen Reichspost
1871 bis 1945, Frankfurt am Main 1951, S. 525, S. 532.
100 Schreiben A. Krauth an RPM, 29. November 1942, BArch, R 4701/11448, Bl. 40f.
101 Vgl. Schreiben Oberpostdirektion Innsbruck an RPM, 8. Februar 1943, ebd., Bl. 47.
102 Vgl. Schreiben RPM an Franz Pferr, 29. Dezember 1943, ebd., Bl. 125.
103 Vgl. Gutachten, 20. Februar 1943, ebd., Bl. 129.
104 Schreiben Dr. Dickhaut an RPM, 23. August 1943, ebd., Bl. 121.
105 Schreiben Josef Thum an RPM, 1. Dezember 1943, ebd., Bl. 148.
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sich warten. Der Brief Josef Thums ist in mehrfacher Hinsicht interessant:
Erstens argumentiert auch er mit dem Krieg, dessen rasche Beendigung er für
möglich hält. Damit griff er eine Propagandastrategie Goebbelsʼ auf, der seine
Rede zum ›totalen Krieg‹ am 18. Februar 1943 unter einem Transparent mit
der Aufschrift »TOTALER KRIEG – KÜRZESTER KRIEG« gehalten hatte.
Zweitens ist das Schreiben ein Beispiel für die Hoffnung (und gelegentlich
Überschätzung), die sich angesichts des Krieges selbst mit so etwas Kleinem
wie der Briefmarke verband. Drittens war sein Schreiben nicht an das Postmi-
nisterium gerichtet, sondern an die Feldpostnummer 0800, unter der das Rüs-
tungsministerium »Anregungen zum totalen Kriegseinsatz« sammelte und an
die passenden Institutionen weiterleitete. 106 Auch in dieser Angelegenheit trat
der NS-Staat an die Bevölkerung heran und machte ihr ein Mitwirkungsange-
bot, das angenommen wurde.
Josef Thum hatte Erfolg. Zumindest legt die große Verzögerung der Ant-
wort nahe, dass auch sein Schreiben, vielleicht in Zusammenhang mit der
Kenntnisnahme des Rüstungsministeriums, zum Anstoß wurde, die Sache
erneut zu prüfen. Erst nach über drei Monaten wurde ihm mitgeteilt, die 42er-
Marke sei vorgesehen. 107 Allerdings war die Angelegenheit nicht weiter gedie-
hen, als im August 1944 der Reichsbahnoberinspektor Volker Kraus aus Mar-
burg das Thema ansprach: »Die Einsparungen […] – Papier, Farbstoff, Gum-
mi, Arbeit – wären im Zeichen des totalen Krieges sicher nicht zu verach-
ten.« 108 Erst im November 1944 kam die Dauermarke zu 42 Pfennig heraus –
zwei Jahre hatte die Reichspost gebraucht, um die Anregungen in eine Ent-
scheidung zu kanalisieren, weitere Monate vergingen, weil bei einem Flieger-
angriff die Druckmaschinen beschädigt worden waren. 109 Zwar ist die Marke
im Michel-Katalog unter der Nummer A795 bei der Dauerserie 1941 einsor-
tiert, trägt aber als einzige die seit Juni 1943 amtliche Länderbezeichnung
»GROSSDEUTSCHES REICH« (Abb. 12). 110
Die Zuschriften zu Werten und Formen waren ein Zeichen für den Mitwir-
kungswillen der Vielen am gemeinsamen Projekt eines siegreichen Kriegs-
endes, aber auch für die gelungene Mitwirkungspropaganda der verschiedenen
106 Aufruf des Reichsministers für Rüstung und Kriegsproduktion, 9. Februar 1944 (Eingang),
ebd., Bl. 149v.
107 Schreiben RPM an Josef Thum, 9. März 1944, ebd., Bl. 152.
108 Schreiben Volker Kraus an RPM, 12. August 1944, ebd., Bl. 187.
109 Schreiben RPM an Reichswirtschaftskammer, 26. Juli 1944, ebd., Bl. 186v.
110 Vgl. Rundschreiben RPM, 5. Juli 1943, ebd., Bl. 132. Die Reichspost gab bereits vorbereitete
Briefmarken noch mit der alten Bezeichnung aus und zog erst im Oktober mit der Lübeck-
Marke nach.
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Ministerien. 111 Zuschriften zu Druckfarben und Frankaturwerten führten im-
mer wieder zu interner Diskussion, gelegentlich auch zu Veränderungen. Sol-
che Aktionen hatten einerseits eine integrative Wirkung, andererseits war mit
ihnen ein schwindendes Vertrauen in die Problemlösungskompetenz des NS-
Staates verbunden.
7 Zusammenfassung
Im NS-Staat hatten viele Briefmarken in Anlass oder Motiv ein offensichtliches
Propagandaziel. Nicht weniger aber gab es Traditionsmarken aus Weimarer
Zeit (Wohlfahrtssatz, Hindenburg-Marke), Angebote im vorpolitischen Raum
(Autobahn) und Marken bar jeder Propagandaabsicht (Prunkbecher). Ein Ziel,
das konsequenter verfolgt wurde, war ab 1937 die Geldbeschaffung.
In der Friedenszeit spürte die Reichspost erfolgreich Bedürfnisse auf und
unterbreitete integrative Propaganda, die nicht unbedingt ideologisch konno-
tiert sein musste und meist mit den lebensweltlichen Erfahrungen überein-
stimmte. Das gilt beispielsweise für die WHW-Marken, für die Marken zu den
Olympischen Spielen und für Bildmotive technisch herausragender Bauwerke.
In der Kriegszeit verlor der Dialog an Konsistenz. Existenzielle Anregungen
der Vielen wie die Luftkriegsmarken wurden nicht erfüllt, schon gar nicht,
wenn damit finanzielle Vorschläge verbunden waren. Die Bereicherung des
Kunstsammlers Hitler blieb das oberste Ziel, für Zuschlagskonkurrenten wie
zum Beispiel Bombengeschädigte war da kein Platz. Außerdem erschienen
immer wieder Ausgaben, die keine Schnittstelle mit der Alltagserfahrung der
Vielen hatten wie Goldschmiedearbeiten oder Pferderennen. Letztere trugen
zwar zur Bebilderung der von Hitler vergönnten ›Erholung‹ bei, verdankten
aber ihr völlig überdimensioniertes Erscheinen einer Gemengelage aus der
Bereicherung lokaler NS-Größen, Hitlers Bilderkäufen, Seilschaften mit ihren
Deals, Kriegswirtschaft und Propaganda.
Die Vielen wurden in ihrem Dialog mit der Regierung des NS-Staates als
Postnutzer, Sammler oder allgemein politisch Interessierte vorstellig und
schrieben Briefe wegen eigener oder übergeordneter Belange. Die Reichspost
ihrerseits beantwortete fast alle Schreiben und sammelte die Anregungen,
soweit sie verwertbar schienen, für bevorstehende Entscheidungen. Fast 10
Prozent der Zuschriften äußern sich kritisch. Das blieb in aller Regel folgenlos,
111 Auch anderweitig war eine Zunahme an technischen Vorschlägen zu verzeichnen (vgl.
Henrik Eberle: Briefe an Hitler. Ein Volk schreibt seinem Führer, Bergisch Gladbach 2007,
S. 425).
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nur bei einem brisanten Thema wie Hitlers ›Schnupfen‹ erfolgte eine – gemes-
sen am Repressionspotential des NS-Staates – gelinde Verwarnung.
Vor allem sandten die Vielen Vorschläge zu Briefmarkenmotiven und
-anlässen. Im Krieg kamen Rationalisierungsvorschläge zu Bildgrößen und
Markenwerten hinzu. Die Vielen nahmen die Einladung zur Mitwirkung am
NS-Staat, vermittelt durch Aktionen wie die Feldpostnummer 0800, an. Ihre
Vorschläge mussten bei prekären Themen wie den Zuschlagsgeldern ergebnis-
los bleiben, konnten aber bei weniger komplizierten Angelegenheiten wie Her-
ausgabeanlässen oder Markenwerten gelegentlich Erfolg haben. Das verbesser-
te bei der Reichspost unter Umständen die Arbeitsprozesse, musste aber die
Hoffnungen der Vielen, zur Bewältigung des Krieges ihren Teil beitragen zu
können, trotzdem enttäuschen. Mit 42-Pfennig-Marken war kein Krieg zu
gewinnen, mit Bauziegelzuschlägen keine Stadt aufzubauen. Die Briefmarke
war zu klein, um diese Probleme lösen zu können.
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Abbildungen
Abbildung 1
Anzahl der ausgegebenen Sondermarken in Deutschland 1924–1945 und 1949–1955 – Werte pro
Jahr.
Abbildung 2–3
Winterhilfswerk (1936, Michel, DR, 641); Jubiläum Winterhilfswerk (1943, Michel, DR, 859).
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Abbildung 4
Zuschlagswerte in Reichsmark 1924–1945 (nur Reichsgebiet) und 1949–1955 (Umrechnung DM
in RM auf Basis der Portogebühren).
Abbildung 5
Deutsches Kaiserreich, Preußen, Wilhelm II., 3 Mark 1913.
Abbildung 6–7
Tag der Bewegung (1944, Michel, DR, 906); Deutsche Gesellschaft für Goldschmiedekunst (1944,
Michel, DR, 902).
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Abbildung 8
Rennen um das Braune Band (1936, Michel, DR, 621).
Abbildung 9–10
800 Jahre Lübeck (1943, Michel, DR, 862); 1200 Jahre Fulda (1944, Michel, DR, 886).
Abbildung 11–12
Dauermarke: Adolf Hitler (1941, Michel, DR, 785); Ergänzungswert (1944, Michel, DR, A795).
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Werner Boddenberg
Das Bild des Kriegsgefangenen als Mittel der Propaganda und
Gegenpropaganda. Die Kriegsgefangenen-Gedenkmarke der
Bundesrepublik Deutschland von 1953
Vor etwa 65 Jahren gab die Bundesrepublik Deutschland die sogenannte
Kriegsgefangenen-Gedenkmarke (Abb. 1) heraus. Sie entstand 1953 auf Forde-
rung des Verbandes der Heimkehrer (VdH) und der Wohlfahrtsverbände unter
Mithilfe des Ministeriums für Vertriebene, um Propaganda für die Freilassung
der noch in sowjetischem Gewahrsam verbliebenen deutschen Soldaten zu
machen. 1 Die Bildstruktur dieser Briefmarke und die damit intendierte visuelle
Kommunikation soll mithilfe des bildsemiotischen Ansatzes 2 entschlüsselt
werden. Das Bild wird dabei als reduziertes Zeichen verstanden, das eine Reihe
von Assoziationen und Bedeutungen generiert. Philatelistische Gesichtspunkte
bleiben hierbei größtenteils unberücksichtigt, da darauf bereits mehrere post-
geschichtliche Veröffentlichungen eingehen. 3 Der Motivgeschichte und der
anschließenden Rezeption wird hingegen besondere Bedeutung beigemessen.
So steht die Kommunikation mit Bildern von Kriegsgefangenen über den Post-
verkehr aus Lagern in der Sowjetunion und in den Medien der vier Besat-
zungszonen im Mittelpunkt dieses Beitrags.
1 Historischer Kontext
Die historischen Abläufe bis zur Ausgabe der Kriegsgefangenen-Gedenkmarke
1953 tragen wesentlich zum Verständnis der Motivgeschichte bei, weshalb sie
vorab vorgestellt werden sollen. Dazu muss bis ins Jahr 1947 zurückgegangen
1 Vgl. Der Heimkehrer, Nr. 9, September 1952.
2 Vgl. Roland Barthes: Mythen des Alltags, Berlin 2010.
3 Vgl. Reinhard Krüger: Die Kriegsgefangenen-Gedenkmarke der Bundesrepublik Deutschland
1953. MINr. 165, Soest 2017; Dedo Burhop: ›Postkrieg‹ 1948–1972. Spezialkatalog, Stollham
1984; Werner Boddenberg: Letzte Post der deutschen Kriegsgefangenen des II. Weltkrieges,
Falkensee 2004.
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werden. In diesem Jahr, am 23. April 1947, beschlossen die Siegermächte, alle
deutschen Kriegsgefangenen bis Ende 1948 zu repatriieren. Tatsächlich waren
aber nach Berechnung des Suchdienstes des Deutschen Roten Kreuzes Ende
1948 noch etwa 500.000 Kriegsgefangene in sowjetischen Lagern. 4 Nachdem
Anfang 1949 feststand, dass die Sowjetunion Ende 1948 nicht alle in ihrer
Hand befindlichen Kriegsgefangenen entlassen hatte, protestierten die westli-
chen Siegermächte und forderten die Sowjetunion auf, ihre Zusage von 1947
einzuhalten. Zu diesem Zeitpunkt war der Kalte Krieg zwischen den beiden
Blöcken bereits auf seinem ersten Höhepunkt angelangt und eskalierte in der
Blockade von Berlin, die vom 24. Juni 1948 bis zum 12. Mai 1949 bestand. 5
Wenige Tage später, am 23. Mai 1949, erfolgte die Gründung der Bundesre-
publik Deutschland. Währenddessen änderte sich die Situation für viele
Kriegsgefangene in den sowjetischen Lagern schlagartig. Statt der erhofften
Repatriierung wurden im Verlauf des Jahres 1949 bis Anfang 1950 etwa 26.800
Kriegsgefangene in Schnellverfahren wegen angeblicher oder tatsächlich be-
gangener Kriegsverbrechen zu langen Haftstrafen verurteilt. 6 Damit verhinder-
te die Sowjetunion, dass durch die bevorstehende Entlassung die Täter das
Land verließen und sicherten sich ein politisches Faustpfand für spätere Ver-
handlungen. Die Repatriierung der nicht verurteilten Kriegsgefangenen aus
der UdSSR nach Deutschland wurde im Mai 1950 abgeschlossen. So befanden
sich 1953, im Ausgabejahr der Marke, nur noch von der UdSSR verurteilte
deutsche Kriegsgefangene in deren Gewahrsam. Eine Reaktion der westdeut-
schen Bevölkerung auf die Verurteilungsaktion war Ende der 1940er-, Anfang
der 1950er-Jahre noch nicht zu verzeichnen, da Nachrichten über diese Vor-
gänge zunächst nur spärlich in die Heimat drangen. Erst mit der wachsenden
Zahl der Heimkehrer, die bis Mai 1950 entlassen wurden, verdichteten sich die
Anzeichen für die sowjetischen Verurteilungen. Schließlich enthüllte die Mel-
dung der sowjetischen Nachrichtenagentur Telegrafenagentur der Sowjetunion
(TASS) vom 5. Mai 1950 den Umfang der Kriegsverbrecher-Verfahren:
»Von den deutschen Kriegsgefangenen, die sich auf dem Gebiet der Sowjetunion befan-
den, verbleiben dort 9.717 Mann, die wegen begangener schwerer Kriegsverbrechen ver-
urteilt sind, und 3.815 Mann, deren Kriegsverbrechen z. Z. noch untersucht werden. 14
Mann werden zeitweilig wegen Krankheit zurückgehalten, Sie werden zurückgeführt, so-
bald ihre Behandlung abgeschlossen ist.« 7
4 Vgl. Erich Maschke: Zur Geschichte der deutschen Kriegsgefangenen des Zweiten Weltkrieges.
Bd. 15: Die deutschen Kriegsgefangenen des Zweiten Weltkriegs, Bielefeld 1974, S. 196.
5 Vgl. Udo Wetzlaugk: Berliner Blockade und Luftbrücke 1948/49, Berlin 1998.
6 Vgl. Martin Lang: Stalins Strafjustiz gegen deutsche Soldaten. Die Massenprozesse gegen deut-
sche Kriegsgefangene in den Jahren 1949 und 1950, Herford 1981, S. 48.
7 Ebd., S. 124f.; Kurt W. Böhme: Gesucht wird..., München 1970, S. 129f.
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Die Öffentlichkeit forderte die Bundesregierung auf, die TASS-Zahlen zu
widerlegen, da diese Größenordnung deutlich zu klein erschien. 8 Zu diesem
Zeitpunkt waren noch etwa 1,1 Millionen Wehrmachtsvermisste registriert.
Nach vielen Diskussionen über die zutreffenden Zahlen wurde entschieden,
ein Verfahren zu finden, die Namen der Zurückgehaltenen zu registrieren. Da
die Gefangenen nach der Verurteilung nicht mehr schrieben, wusste auch
niemand, wo sich diese befanden.
Noch während derartige Fragen das Handeln der bundesdeutschen Regie-
rung bestimmten, änderte sich im November 1950 die Kommunikation mit
den Gefangenen ein weiteres Mal: Sie meldeten sich wieder, anfangs nur ver-
einzelt, im Laufe der nächsten Monate jedoch zunehmend. Hierbei waren zwei
Neuheiten zu beobachten. Erstens stand auf den neuen amtlichen Vordruck-
karten für den Postverkehr nicht mehr ›Kriegsgefangener‹, zweitens waren die
angegebenen Postfachnummern der Lager unbekannt. Ließ sich die erste Än-
derung mit der vorausgegangenen Verurteilung erklären, wodurch aus Kriegs-
gefangenen ›Häftlinge‹ geworden waren, so zwang die zweite zu der Überle-
gung, ob die Zurückgehaltenen in andere Lager verlegt oder die alten Lager
neu nummeriert worden waren. 9 Die neutralere Gestaltung der neuen Karten
im Gegensatz zu denen des Russischen Roten Kreuzes kann zudem symbolpoli-
tisch gedeutet werden, da diese Formulare insgesamt stärker auf den Aspekt
der Verurteilung hinwiesen.
1950 erteilte der deutsche Staat den Suchdiensten, Wohlfahrtsverbänden
und dem Deutschen Roten Kreuz den Auftrag, über diese ›Postschreiber‹ genau
Buch zu führen, die entweder wieder oder möglicherweise zum ersten Mal seit
ihrer Gefangennahme Nachrichten schickten. Denn seit 1946 bestand lediglich
eine nicht mehr aktuelle Liste über die Gefangenenlager. So entstand über die
Zeit eine ›Postschreiberliste‹, in der etwa 16.000 Kriegsgefangene registriert
wurden. Diese sollte in den kommenden fünf Jahren eine große Rolle in der
Bundesrepublik spielen, um den Gefangenen Pakete zu liefern oder um Gut-
achten über deren körperlichen und psychischen Zustand zu erstellen. 10 Mit
dieser Liste wiesen der Suchdienst München und die Wohlfahrtsverbände 1956
auch nach, dass die Sowjetunion alle darin registrierten Kriegsgefangenen aus
ihrem Gewahrsam entlassen hatte. 11
Das Schicksal der Kriegsgefangenen in der Sowjetunion zählte aus bundes-
deutscher Sicht zu einer der wichtigsten ungelösten Hinterlassenschaften des
Krieges. Deutsche Soldaten in sowjetischen Lagern bildeten ein zentrales The-
8 Vgl. ebd., S. 129.
9 Vgl. ebd., S. 133.
10 Vgl. ebd.
11 Vgl. ebd., S. 141f.
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ma in der Politik der Bundesrepublik in den frühen 1950er-Jahren. Die sowje-
tische Weigerung, alle verbliebenen Kriegsgefangenen freizulassen, wurde zu
einem besonders starken, machtvollen Symbol der propagierten kommunisti-
schen Brutalität. Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) stellte Anfang 1950
fest, die Verbrechen des ›Dritten Reiches‹ fänden eine Parallele in den sowjeti-
schen Vergehen gegen die deutschen Kriegsgefangenen. 12 In diesem Punkt
stimmten die Sozialdemokraten dem Kanzler zu; Carlo Schmidt von der SPD
sekundierte: »Darum haben wir Deutsche trotz allem ein Recht, anzuklagen
und zu fordern, dass dem Rechte Genüge getan werde.« 13 Aus Tätern wurden
Opfer. Mit diesem Ansatz verfolgte der 1950 gegründete Verband der Heim-
kehrer (VdH) seine Propaganda zur Freilassung der verurteilten Kriegsgefan-
genen in der Sowjetunion. Gestützt auf die Aussagen der nach 1950 heimge-
kehrten Kriegsgefangenen, dass ihre noch in Gefangenschaft verbliebenen
Kameraden keine ›Kriegsverbrecher‹ seien, 14 forderte der Verband in den fol-
genden Jahren die Regierung der Bundesrepublik immer wieder auf, alles dafür
zu tun, die Kriegsgefangenen zu entlassen.
2 Das Ringen um die Gedenkmarke von 1950 bis zur Herausgabe am
9. Mai 1953
Seit 1950 befasste sich das Bundesministerium für Post- und Fernmeldewesen
auf Anregung von Interessenverbänden und einzelner Personen mit der Her-
ausgabe einer Kriegsgefangenen-Gedenkmarke. 15 Die Initiatoren wollten mit
einer solchen Marke auf die noch in östlichem Gewahrsam befindlichen deut-
schen Kriegsgefangenen aufmerksam machen. Insbesondere aus dem Ausland
erhofften sie sich Unterstützung, um der Forderung der politischen Parteien
und der deutschen Bevölkerung Nachdruck zu verleihen, die noch festgehalte-
nen Kriegsgefangenen in die Heimat zu entlassen. 16
Noch im selben Jahr begannen die ersten konkreten Planungen zur Heraus-
gabe einer Gedenkmarke mit dem 30-Pfennig-Wert für den Auslandsbrief. 17
12 Vgl. Robert Möller: Deutsche Opfer, Opfer der Deutschen. Kriegsgefangene, Vertriebene, NS-
Verfolgte: Opferausgleich als Identitätspolitk, in: Klaus Naumann (Hrsg.): Nachkrieg in
Deutschland, Hamburg 2001, S. 29–58, hier: S. 48.
13 Ebd.
14 Vgl. ebd., S. 49.
15 Vgl. Der Heimkehrer, Nr. 9, September 1952.
16 Vgl. Schreiben vom 18. August 1950 mit Az. A15–35306–Be/R, Bundesarchiv (BArch),
B 150/Nr. Akb. 4450.
17 Vgl. Schreiben vom 15. September 1950 mit Az. Min/St/IV 2040–1, BArch, B 150/Nr. Akb.
4450. Das Auslandsporto für einen Brief sollte im Ausland an das Schicksal der Kriegsgefange-
nen erinnern. Die schließlich verausgabte Marke von 1953 mit 10 Pfennig Frankaturwert für
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Dieser Versuch wie auch weitere in den Jahren 1951 bis 1952 scheiterten je-
doch unter anderem an Bedenken der Bundesregierung, die zu dieser Zeit
keine Konfrontation mit der Sowjetunion riskieren wollte. 18 Erst ein Artikel in
der Verbandszeitschrift des VdH Der Heimkehrer vom September 1952 mit
dem Hinweis auf mehrere in der Vergangenheit in anderen Ländern herausge-
gebene Briefmarken zu Kriegsgefangenen brachte den gewünschten Erfolg. 19
Im November 1952 wurde die Herausgabe einer Kriegsgefangenen-
Gedenkmarke vorbereitet. 20 Mit dem Einverständnis des VdH-Beauftragten
für künstlerische Belange, Professor Fritz Theilmann, wurden eine Reihe von
Künstlern mit der Schaffung von Ideenskizzen beauftragt. 21 Darunter war auch
der Grafiker, Zeichner und Schriftgestalter Professor Karl Hans Walter aus
Stuttgart. In einem Schreiben vom 23. Februar 1953 an das Bundesministerium
für das Post- und Fernmeldewesen (BPM) erläutert Walter seinen Entwurf der
Briefmarke Gedenket unserer Gefangenen:
»Bildinhalt und Druckausführung sind auf das außerordentliche des Themas abgestellt. 8
Jahre nach Kriegsende kann man eine Kriegsgefangenen-Gedenkmarke nicht mit einem
Bildchen oder einem leeren Symbol schmücken. Die Skizze zeigt das Profil eines Mannes,
der in die Richtung des sich öffnenden Stacheldrahts blickt. Etwas von der stillen Größe
der fast vergessenen Armee hinter Stacheldraht soll ausgedrückt werden.
Die Ausführung ist in Stahlstich und Blindprägung 22 gedacht und nimmt mit dieser
Kombination eine gute Tradition der Briefmarke wieder auf. Es würde uns außerdem
wohl anstehen, auf diese Art gerade diese Marke heraus zu stellen. Obschon Skizze, Nega-
tivschnitt mit Prägung noch sehr fragmentarisch sind, hoffe ich, dass Sie daraus auf die
endgültige Wirkung schließen können. Wenn die Marke zur Ausführung kommt, ist der
Reliefschnitt und die Reinzeichnung rasch fertiggestellt.« 23
Aus dem engeren Wettbewerb mit den Herren Rössing (Stuttgart), Brecker
(Krefeld) und Roth (München) ging Walter als Sieger hervor. 24 Auch der Ver-
band der Heimkehrer stimmte im Frühjahr 1953 dem Entwurf zu. Dieser sollte
zudem das neue Ausstellungsplakat des Kriegsgefangenen-Archivs und Museum
eine Fernkarte im Inland wurde gewählt, um eine größere Verbreitung in Deutschland zu ge-
währleisten. Zudem kann durch die Verwendung mehrerer dieser Marken auch eine höhere
Gebühr frei gemacht werden.
18 Vgl. Boddenberg: Letzte Post der deutschen Kriegsgefangenen, S. 396ff.
19 Vgl. Der Heimkehrer, Nr. 9, September 1952.
20 Vgl. Schreiben vom 12. November 1952 mit Az. I H 1 2040 1, BArch, B 150/Nr. Akb. 4450.
21 Vgl. Schreiben vom 8. April 1953 mit Az. I H 1 2040 – 1, BArch, B 150/Nr. Akb. 4450.
22 Blindprägung ist ein Relief- oder Prägedruck, der lediglich geprägt, also ohne Farbe gedruckt
wird.
23 Schreiben vom 23. Februar 1953 von Walter an BPM, Deutschen Kunstarchiv im Germani-
schen Nationalmuseum in Stuttgart, Nachlass Walter (NL W).
24 Vgl. Schreiben vom 19. Mai 1953 von Walter an Walter Herdeg, Graphis Verlag, NL W.
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e. V. in Frankfurt am Main zieren (Abb. 4), wie eine Anfrage von Wilhelm von
Lersner, dem Ausstellungsleiter, an den Grafiker vom März 1953 zeigt:
»Wir haben uns vor einiger Zeit entschlossen, mit einem neuen Plakat für unsere Ausstel-
lung, die bisher den Namen ›Kriegsgefangene reden‹ trug, herauszukommen. Nachdem
Ihr Entwurf unserem Kameraden, Prof. Theilmann, in Bonn gezeigt wurde, sind wir uns
darüber einig, dass wir ihn auch für unser Ausstellungsplakat verwenden möchten. Wir
haben die Post um ihre entsprechende Zustimmung sofort gebeten, und nun bitte ich Sie
nunmehr namens unseres Verbandes Ihren Entwurf uns auch für das neue Ausstellungs-
plakat zur Verfügung zu stellen. Die Ausstellung soll spätestens erstmalig in Frankfurt im
April dieses Jahres unter dem neuen Titel ›Wir Mahnen. Kriegsgefangenschaft als Erleb-
nis und Aufgabe‹ herauskommen.« 25
Dass Walter in diesem Entwurf auch seine eigene Kriegserfahrung verarbeitet,
zeigt sich in seinem Antwortschreiben:
»Ich war selbst zwei Jahre hinter Stacheldraht, gemessen an den Leiden der vielen Kame-
raden, die viel länger oder gar zur Stunde noch in der Gefangenschaft waren oder noch
sind, ist diese Zeit belanglos. Die Problematik des PoW’s habe ich aber in diesen zwei Jah-
ren selbst erlebt, sodass bei dem Entwurf nicht die gute grafische Arbeit allein im Vorder-
grund stand. Ich glaube, dass die menschliche Ergriffenheit sich auch dem Betrachter
mitteilen wird.
Ihrer Ausstellung ›Wir mahnen‹ wünsche ich vollen Erfolg. Möge sie auch von den vielen
trägen Zeitgenossen gesehen werden, die so tun, als ob nichts gewesen wäre. Von den
›Unbeteiligten‹, deren schwaches Gedächtnis sogar die Kameraden in Russland vergessen
hat.« 26
Seine eigene Gefangenschaft verarbeitete der Grafiker auch in seinem Buch
BLUMEN AM WEGE. Tagebuch in Bildern. 27 Dieses beinhaltet Skizzen, Holz-
schnitte und Notizen aus der Vorkriegszeit, Kriegszeit und der Kriegsgefan-
genschaft bis zur Heimkehr 1946 und darüber hinaus. Es enthält zudem einige
Notizen und mehrere Skizzen zu seinen verschiedenen Stationen in Lagern der
Amerikaner und Engländer. Der zugehörige Abschnitt beginnt mit der Über-
schrift STACHELDRAHT. Skizzen aus der Kriegsgefangenschaft. Die charakte-
ristischen Symbole der Kriegsgefangenschaft sind darin vertreten: auf der Klei-
dung zur schnellen Identifizierung von Flüchtigen (der Aufdruck ›PW‹ (priso-
ner of war) auf Hose und Jacke in amerikanischem Gewahrsam, die aufgenähte
Raute in englischem Gewahrsam) wie auch das Lager (Stacheldrahtzaun und
Wachturm). Die dargestellten Kriegsgefangenen in Lagern der Amerikaner
und Engländer tragen volles Haupthaar, häufig einen Vollbart und sind im
Regelfall von kräftiger Statur. Besonders häufig verwendet Walter in seinen
25 Schreiben vom 2. März 1953 von Lersner an Walter, NL W.
26 Schreiben vom 5. März 1953 von Walter an Lersner, NL W.
27 Karl Hans Walter: Blumen am Wege. Tagebuch in Bildern, Ulm 1947 (Auflage: 5.000 Stück).
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Zeichnungen und Texten den Stacheldraht. Schon auf der Titelseite sind Blu-
men am Wegesrand zusammen mit einem solchen dargestellt.
Kurz vor seiner Rückkehr in seine Heimatstadt im März 1946 begegnete er
im Februar des selben Jahres in Münster in Westfalen anderen Kriegsheimkeh-
rern: »PoW’s aus den USA, aus Russland, England, Frankreich treten hier zum
letzten Mal an; Gesichter die von Leid, von Krankheit, ja Tod gezeichnet sind,
die graue Hinterlassenschaft des Nazismus.« 28 Er wird in den folgenden Jahren
bis zu seinem Entwurf der Gedenkmarke als ehemaliger Kriegsgefangener die
Repatriierung der restlichen Gefangenen mehr oder weniger wahrgenommen
haben. Diese Eindrücke werden vermutlich zusammen mit seinen eigenen
Erfahrungen die Grundlage für die Gestaltung des Entwurfs der Marke mitge-
prägt haben. 29
3 Rezeption der Marke
Kurz vor der Herausgabe der Marke machte der VdH 1953 auf der Titelseite
seiner Verbandszeitschrift Werbung dafür (Abb. 3). 30 Nach der Herausgabe
der Gedenkmarke gab es in der Presse Zustimmung und Ablehnung für den
Entwurf der Marke. Die Neue Zeitung (NZ) vom 30/31. Mai 1953, eine der
auflagenstärksten Zeitungen der amerikanischen Besatzungszone, druckte zwei
Leserkritiken, die wiedergaben, wie die Marke in der Bevölkerung wahrge-
nommen wurde. Dr.-Ing. Alfons Distler aus Hanau sah sich durch den Ent-
wurf nicht an einen Kriegsgefangenen, sondern aufgrund der fliehenden Stirn
und des krankhaft ausgebildeten Hinterkopfes eher an einen Strafgefangenen
erinnert. Dagegen lobte er die von Österreich vor Jahren herausgebrachte
Briefmarke für Kriegsgefangene (Abb. 2). Seines Erachtens sei die graue Son-
dermarke eine Beleidigung der deutschen Kriegsgefangenen. Ganz anders sah
dies Günter Born aus München:
»Dass die Bundespost endlich eine Briefmarke zum Gedenken unserer Kriegsgefangenen
herausgebracht hat, ein lobenswerter Entschluss, dessen positiver Charakter eindeutig
durch die Form des Entwurfes unterstrichen wird. Man mag nun verschiedener Auffas-
sung sein über die Gestaltung eines Postwertzeichens, in diesem Falle ist mit dem Relief
eines Kriegsgefangenenkopfes der richtige Ausdruck jenes unmenschlichen Leidens ge-
funden, das seit vielen Jahren Tausende deutscher Soldaten in sowjetischen Zwangsar-
beitslagern zu erdulden haben. Maßlose Qual, Hunger und Entbehrung, körperliche und
28 Ebd., S. 22.
29 Karl Hans Walter, Jahrgang 1911, war Soldat vom 28. August 1939 bis zu seiner Gefangennah-
me 1944. Während des Krieges hat er als Zeichner der Propagandakompanie u. a. für die Tages-
zeitung für die Armee gearbeitet (NL W).
30 Vgl. Der Heimkehrer, Nr. 5, Mai 1953, Titelblatt.
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seelische Not, Hoffnung und Glaube an ein Ende der Gefangenschaft liegt in dieser Dar-
stellung. Der kahle Schädel ist in seiner Form so typisch, wie er eben nur durch Dystro-
phie und Wassersucht entstehen kann.« 31
In beiden Kritiken gingen die Leser, wenn auch mit unterschiedlicher Wer-
tung, auf den Inhalt der Marke ein. Alfons Distler vergaß bei seinem Hinweis
auf den Strafgefangenen, dass zu diesem Zeitpunkt keine Kriegsgefangenen
mehr in russischem Gewahrsam waren, sondern nur noch verurteilte Kriegs-
verbrecher. Demgegenüber gab Günter Born mit seiner Interpretation das
wieder, was sich in den Köpfen vieler Deutscher durch die Wahrnehmung der
Bilder von Kriegsgefangenen aus sowjetischem Gewahrsam in der Nachkriegs-
zeit eingeprägt hatte: die menschliche Entbehrung.
Auch von künstlerischer Seite entstanden Rezensionen. Der Grafiker Eber-
hard Hölscher beurteilte in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift Ge-
brauchsgraphik den Entwurf der Marke positiv: »Eine Überraschung war vor
allem die einprägsame Kriegsgefangenen-Gedenkmarke, die ihren Zweck voll-
endet erfüllt und künstlerisch ebenso sorgfältig durchgebildet ist.« 32 Ebenso
lobte in England der Manchester Guardian bei einem Vergleich der Qualität
deutscher Briefmarken die Gestaltung der Marke: »Die beste Briefmarke von
allen war die wirklich eindrucksvoll gestaltete, grau und weiß gehaltene
Kriegsgefangenen-10-Pfennig-Marke, mit den zwei Strängen Stacheldraht, die
quer über den stumm wartenden Kopf gezogen sind.« 33
4 Motivgeschichte: Propaganda und Gegenpropaganda
Im Folgenden wird gezeigt, wie sich im Nachkriegsdeutschland das Bild des
Gefangenen aus russischem Gewahrsam im Gedächtnis der Bevölkerung ent-
wickelte. Als Quellen dienen Erzählungen der Heimkehrer und Berichterstat-
tung durch die Medien, wie Rundfunk, Tageszeitungen oder Bildreportagen in
Illustrierten.
Die ersten Kriegsgefangenen aus russischem Gewahrsam wurden schon im
Verlauf des Jahres 1945 entlassen. 34 Hierbei handelte es sich überwiegend um
kranke und nicht mehr arbeitsfähige ehemalige Soldaten aus Durchgangsla-
gern in Mitteldeutschland und den besetzten Ostgebieten sowie aus ständigen
31 Die Neue Zeitung, Nr. 126, 30/31. Mai 1953.
32 Gebrauchsgraphik 24 (1953) 11, S. 42f. mit Abbildung des Entwurfs.
33 Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12. März 1956.
34 Vgl. Wolfgang Buwert/Klaus Eichler: Die medizinischen Einrichtungen für Heimkehrer in
Frankfurt (Oder), in: Wolfgang Buwert (Hrsg.): Gefangene und Heimkehrer in Frankfurt
(Oder) 1945–1950/56. Studien, Potsdam 1998, S. 93–108.
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Lagern in der Sowjetunion. 35 Insbesondere in den Durchgangslagern waren die
Lebensverhältnisse ausgesprochen schlecht und dementsprechend auch der
Zustand der Heimkehrer. Dennoch hielt sich die Aufregung in den Medien in
Grenzen, da auch in den Lagern der westlichen Gewahrsamsmächte, wie zum
Beispiel in den Rheinwiesenlagern, die Verhältnisse nur unwesentlich besser
waren.
Im Sommer 1946 kündigte die Tägliche Rundschau, das amtliche Mittei-
lungsblatt der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD), die
ersten durchorganisierten Entlassungen aus russischen Lagern an. In Frankfurt
an der Oder wurde alles auf die Übernahme der ersten Heimkehrer vorbereitet.
Die zuständige Verwaltung für Umsiedler in der Sowjetischen Besatzungszone
(SBZ) wurden von der SMAD auf das vorbereitet, was kommen sollte. In einer
Unterredung am 6. Juli 1946 zwischen Oberstleutnant Ugrumow (SMAD) und
Vizepräsident der Zentralverwaltung für Umsiedler, Michael Tschesno, wurde
mit Bezugnahme auf die geplante Übernahme von 120.000 ehemaligen Kriegs-
gefangenen aus der Sowjetunion unter anderem mitgeteilt, dass etwa 50.000
der Heimkehrer Kranke seien. Diese seien erst vor kurzem aus Krankenhäu-
sern entlassen worden und es müsse dafür Sorge getragen werden, die nötige
Anzahl an Ärzten wie auch ausreichende Vorräte an Medikamenten rechtzeitig
zur Verfügung zu stellen. 36
5 Heimkehrer
5.1 Berichterstattung in den westlichen Besatzungszonen
Wie die Realität aussah, ist den Bildberichten der Täglichen Rundschau nicht
zu entnehmen. In den westlichen Besatzungszonen hingegen wurde in den
Medien über die Ankunft der Heimkehrer und deren Zustand ausführlich
berichtet. Beispielsweise zeigt die Reportage Heimkehr aus Russland der Illus-
trierten Heute vom 1. Oktober 1946 Bilder aus dem Entlassungslager in Frank-
furt an der Oder. Diese erste deutschsprachige Zeitschrift nach dem Zweiten
Weltkrieg gab die amerikanische Militärregierung heraus (Abb. 5–7). 37 Die
Abbildungen geben einen ersten Eindruck, wie der Zustand der Russland-
35 Vgl. Wolfgang Buwert: Frankfurt (Oder). Sammel- und Umschlagplatz für Gefangene und
Heimkehrer 1945–55/56, in: ders. (Hrsg.): Gefangene und Heimkehrer in Frankfurt (Oder)
1945–1955/56. Studien, Potsdam 1998, S. 11–58, hier: S. 38.
36 Vgl. Notiz zur Unterredung vom 6. Juli 1946, BArch, DO1/Bd76.
37 Vgl. Heute, Nr. 21, 1. Oktober 1946.
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Heimkehrer war. Auch aus dem Lager Friedland liegen aus dieser Zeit mehrere
Fotos vor (Abb. 8–9). 38
Ein großer Teil kam in die vorbereiteten Krankenanstalten der SBZ, bevor
sie in die Westzonen beziehungsweise Quarantänelager der verschiedenen
Länder oder Provinzen der SBZ weitergeleitet wurden. So ist den statistischen
Berichten des Heimkehrer-Lazaretts in der Lutherstadt Wittenberg zu ent-
nehmen, dass in der Zeit vom 25. August bis zum 25. September 1946 bei einer
Belegungsstärke von im Mittel 426 Personen 39 Patienten gestorben sind. 39
Der überwiegende Teil davon stammte aus dem russischen Entlassungslager
Nr. 69 in Frankfurt an der Oder und sollte sich dort vor der Weiterreise in die
Westzonen erholen. Über den festgestellten Gesundheitszustand der Heimkeh-
rer aus Russland, die die im Herbst 1946 das Durchgangslager Friedland in der
britischen Zone passierten, wurden mehrere Berichte verfasst. Darin war unter
anderem aufgeführt, dass nur 17 Prozent von ihnen arbeitsfähig waren. 40
Als in der britischen Besatzungszone im August 1946 die ersten Heimkehrer
aus der Sowjetunion in Hannover eintrafen, wurde im Rundfunk darüber be-
richtet. Die Inhalte der Berichterstattung nahm die dortige KPD-Bezirksleitung
zum Anlass, die SED-Führung in der SBZ darüber zu informieren. In seinem
Buch Die deutschen Kriegsheimkehrer berichtet Hans Reichelt rückblickend
über die damalige Zeit. 41
»In den Westzonen, von den ersten Reflexen des kalten Krieges der Besatzungszonen der
Besatzungsmächte erfasst, gelten solche Heimkehrer als authentische Zeugen für die Ver-
hältnisse hinterm ›Eisernen Vorhang‹. Sie berichten und bedienen die Vorurteile. Und
den kalten Kriegern liefern sie Munition für ihre Propagandakanonen. In einem Schrei-
ben an Generalleutnant F. J. Bokow, den Chef des Stabes der Sowjetischen Militärverwal-
tung, informiert Ulbricht am 28. August 1946 über Vorgänge in Niedersachsen. Die SED-
Führung war darüber von der dortigen KPD-Bezirksleitung unterrichtet worden. Deren
Schreiben schickt man gleichfalls nach Karlshorst.‹ Gestern (das war der 14. August 1946
– H. R.) sind in Hannover die ersten von 120.000 zurückgekehrten Kriegsgefangenen ein-
getroffen. Der Hamburger Rundfunk hat sofort mit einer ganz üblen Propaganda begon-
nen. Die Kriegsgefangenen kommen hier am Bahnhof an in Lumpen gehüllt, ohne Schu-
he, mit Lumpen an den Füßen, werden von Nazis und ehemaligen Offizieren am Bahnhof
empfangen und durch die Stadt geführt. Man verbindet damit eine üble Hetze gegen die
Sowjetunion und gegen uns. Es ist anzunehmen, dass eine ganze Organisation hinter die-
ser Sache steht, und dass man schon beim Betreten der britischen Zone den Gefangenen
38 Vgl. Bildarchiv Russlandheimkehrer Friedland, DRK Suchdienst.
39 Vgl. 735 Medizinal-statistische Meldungen 1946 bis Januar 1949, Ratsarchiv Lutherstadt Wit-
tenberg.
40 Vgl. R. Schoen/F. Hartmann: Untersuchungen an Unterernährten I. Dtsch. Arch. Med. 196, 593
(1950).
41 Vgl. Hans Reichelt: Die Deutschen Kriegsheimkehrer. Was hat die DDR für sie getan?, Berlin
2007, Einführung.
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entweder die Kleidung abnimmt und gegen Lumpen eintauscht, oder dass sie dieselben
gegen Tabak usw. verscheuern. Wir werden sofort einen ständigen Pressevertreter zur
Untersuchung der Zustände in die Quarantänelager Friedland und Ilsenburg schicken.
Vielleicht ist es notwendig, dass man in der Sowjetzone die Kriegsgefangenen, die in die
britische Zone gehen, nochmal zusammenfasst. Wünschenswert wäre es, von Ihnen noch
vor Überschreiten der Zonengrenze Erklärungen, kurze schriftliche Berichte und Briefe
zu erhalten, die wir veröffentlichen können.« 42
Die Sowjetische Militäradministration in Deutschland (SMAD) reagierte um-
gehend auf derartige Meldungen, wie dem Tagesspiegel vom 27. Oktober 1946
zu entnehmen ist. Der 1945 gegründete Tagesspiegel ist eine liberal zu nen-
nende, auch überregional bekannte Berliner Zeitung, die eher in den westli-
chen Bezirken der Stadt gelesen wurde und wird. Diese berichtete von einer
Versammlung in Chemnitz, in der Oberstleutnant Ostruch von der russischen
Kommandantur sich zu Gerüchten äußerte, dass ausschließlich Krüppel und
Kranke zur Entlassung kämen. Es kämen neben diesen auch Tausende völlig
Gesunder und Unversehrter aus der Gefangenschaft.
5.2 Berichterstattung in den Medien der Sowjetischen Besatzungszone
Ausführlich befasste sich in der sowjetischen Besatzungszone der Berliner
Rundfunk mit der Heimkehr der Kriegsgefangenen. In speziellen Nachrichten-
und Grußsendungen wurde regelmäßig darüber berichtet. 43 Einige eingesandte
und vermutlich auch über den Funk vorgetragene Hörerbeiträge, die den Sen-
dern per Post zugestellt wurden, werden auszugsweise hier vorgestellt.
Hörerpost an den Berliner Rundfunk:
»Ich bitte Sie im Namen von Millionen deutschen Frauen, doch einmal der aktuellsten
Fragen über die Kriegsgefangenen in der UdSSR über das Radio zu gedenken. [...] Die
meisten der aus der UdSSR heimkehrenden Männer sind in einer körperlichen Verfas-
sung, die zum Himmel schreit. Muss das sein, dass die Männer so trostlos verelendet
heimkehren? [...] Eine von Millionen wartender Frauen« 44
42 Ebd., S. 108f. Reichelt gehörte 28-jährig als jüngster Minister der DDR-Regierungsdelegation
an, die 1953 in Moskau über die Rückkehr der noch verbliebenen Kriegsgefangenen verhandel-
te. Das Buch ist ein Versuch, den Beitrag der DDR zur Rückführung der Kriegsgefangenen dar-
zulegen und damit Adenauers Verdienst um den von Pieck, Grotewohl und anderen zu ergän-
zen, die an der erfolgreichen Rückführung ebenfalls ihren Anteil hätten.
43 Vgl. Jörg-Uwe Fischer: »Die Heimat ruft«. Sendungen zur Kriegsgefangenen- und Heimkehrer-
problematik im Rundfunk der Sowjetischen Besatzungszone, in: Annette Kaminsky (Hrsg.):
Heimkehrer 1948. Geschichte und Schicksale deutscher Kriegsgefangener, München 1998,
S. 96–116.
44 Anonym Berlin, in: Postauswertung vom 1. bis 30. Juni 1947, Abschrift Nr. 370/439/31 vom 18.
Juli 1947, Deutsches Rundfunkarchiv Berlin (DRA) HA HF.
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»Ich wohne in der Nähe vom Hauptbahnhof und sehe viele Gefangene zurückkommen.
Aus allen Ländern kommen sie gesund und sauber gekleidet und mit großem Gepäck an.
Nur von Russland kommen sie so krank und elend wieder.« 45
»Aus unserem Hause sind in letzter Zeit Heimkehrer aus Amerika, England, Frankreich,
einer aus Russland heimgekommen. Mit allen habe ich mich unterhalten. Sie hatten alle
Sehnsucht nach Hause. Alle waren sie gut genährt, gut eingekleidet und hatten auch
Marschverpflegung bei sich. Nur der Heimkehrer aus Russland kam abgezehrt, krank und
in Lumpen an. Warum lässt Russland die Gefangenen so abgerissen in die Heimat fahren,
ich habe die Begrüßung zwischen dem Heimkehrer und der Mutter gesehen, es war herz-
zerreißend.« 46
Etwa zur gleichen Zeit wie die Hörerzuschriften an den Berliner Rundfunk
kamen im Juni 1947 etwa 29.000 Heimkehrer aus der Sowjetunion in Frankfurt
an der Oder an. Mit einer großen Fotoreportage berichtete die Tägliche Rund-
schau in der Sonntagsausgabe vom 29. Juni 1947 über die Entlassung von 3.609
Kriegsgefangenen aus diesem Lager. Auf der Titelseite findet sich ein schriftli-
cher Bericht über die Entwicklung der Entlassungen aus den Lagern im Jahr
1947 und den Zustand der Heimkehrer. Im Text wird sehr gezielt auf die Vor-
würfe zu den ersten Transporten ab August 1946 reagiert. Bewusst wird auf die
Anzahl der Erkrankten, deren Gesundheitszustand und Bekleidung eingegan-
gen:
»Die auf den Heimkehrertransporten Erkrankten oder Fälle, die eine Lazarettbehandlung
zur Wiederherstellung ihrer Reisefähigkeit nötig haben, machen nur einen geringen Teil
der Transporte aus. Jeder Heimkehrer wird ärztlich sorgfältig untersucht, um die Gefahr
der Einschleppung von Seuchen zu verhindern. Auffallend ist der gute Gesundheitszu-
stand und die gute körperliche Verfassung der neuen Heimkehrer. Heimkehrer, darauf-
hin angesprochen, gaben an, dass sie nach Krankheiten und ihrer Wiederherstellung in
Sowjetrussland erst in Erholungslager kamen, bevor sie heimgeschickt wurden.« 47
Der Fotobericht auf Seite 5 wird ergänzt mit einem zu den Bildern (Abb. 10–
12) abgestimmten Text, der nachfolgend auszugsweise wiedergegeben wird:
»Der Tag der Entlassung […]Die sommerliche Hitze trieb viele an die Waschanlagen. Vor
der großen Küchenbaracke wurde das Essen ausgegeben. Jeder bekam zu Mittag seinen
Liter dicke Hirsesuppe mit Nudeln, Fleisch und Fisch. Dass die Suppe schmeckt, zeigt der
Appetit beim Essen. Jeder muss mit Uniform und zwei Garnituren Wäsche das Lager ver-
lassen. Zerrissene Wäsche wird umgetauscht. […] Einer unserer Berichter unterhält sich
mit den deutschen Kriegsgefangenen, die als ›Bestarbeiter‹ bevorzugt entlassen worden
sind.« 48
45 Ida Jacob, Leipzig C 1 Marienstrasse vom 4. Juli 1947 (ebd., S. 8).
46 Anonym (ebd., S. 10).
47 Tägliche Rundschau, Nr. 149, 29. Juni 1947, Titelseite.
48 Ebd., S. 5.
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Im Text zum Fotobericht wird sehr bewusst auf zwei wichtige Aspekte einge-
gangen, die auf die Klischees zum Bild des Heimkehrers eingehen. Zum einen
ist der Hinweis wichtig, dass die Heimkehrer zwei Garnituren Wäsche erhalten
und zerschlissene Wäsche umgetauscht wird. Dazu passen auch die neuen
Hosen in Abbildung 12. Zum anderen ist auch der Hinweis auf die Entlassung
der sogenannten »Bestarbeiter« wichtig, die ja im Regelfall durch ihren Zuver-
dienst besser genährt waren. Damit wird der Behauptung widersprochen, dass
vor allem Kranke und Versehrte entlassen wurden.
5.3 Bilder von Kriegsgefangenen in den Lagern der Sowjetunion
5.3.1 Illustrationen aus dem Postverkehr der sowjetischen Lager
Bilder von Kriegsgefangenen und den Lebensverhältnissen in den Lagern der
Sowjetunion waren in der Zeit von 1945 bis Spätherbst 1946 im Westen unbe-
kannt und mit Mythen behaftet. Nur in Zeitungen der Ostzone und insbeson-
dere in der Täglichen Rundschau wurde aus den sowjetischen Lagern berichtet.
Es gab demnach für die Angehörigen keine Vergleichsmöglichkeit zum Bild
der Heimkehrer, anhand der sie feststellen konnten, wie die Gefangenen in den
Lagern bekleidet waren und aussahen. Nur anhand der mündlichen Erzählun-
gen der Heimkehrer war es möglich, sich eine Vorstellung von den Lebensver-
hältnissen zu machen. Erst 1950 erschienen in den westlichen Medien die
ersten Fotoreportagen aus den Lagern. Zu diesem Zeitpunkt waren die meisten
Kriegsgefangenen jedoch schon entlassen. 49
Nachdem im August 1946 die Empörung über den Zustand der Heimkehrer
in den Westzonen vom SMAD in Karlshorst wahrgenommen wurde, trat im
letzten Quartal des Jahres 1946 auch eine Veränderung im Postverkehr aus den
Lagern in der Sowjetunion ein. Rechtzeitig zum Weihnachtsfest konnten die
Gefangenen illustrierte Karten in die Heimat versenden. Die Illustrationen
bestanden aus gezeichneten Bildern und Fotos, auf einigen wenigen Karten
auch aus Kombinationen von beiden. Die Zeichnungen zeigten im Regelfall die
in Deutschland üblichen Motive zum Weihnachtsfest, aber auch Porträtzeich-
nungen von den Gefangenen. Bei den anderen Bildern handelte es sich um
Fotografien, die überwiegend mit Nähgarn oder Draht an den Postkarten be-
festigt waren. Die Fotos zeigten Porträts, im Regelfall Kopfporträts der Kriegs-
gefangenen, im Format eines Passfotos. Später, im Verlauf des Jahres 1947 und
in den folgenden Jahren wurden auch Fotos der Kriegsgefangenen in anderen
49 Ende März 1950 waren es nur noch etwa 46.800 Kriegsgefangene (vgl. Maschke: Zur Geschichte
der deutschen Kriegsgefangenen, S. 196).
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Formaten und auch mit anderen Inhalten über den Postweg nach Deutschland
geschickt.
Einige der Porträts aus der Zeit von 1946 bis 1949 sollen hier vorgestellt
werden, um zu zeigen, wie in Deutschland das Bild der Kriegsgefangenen in
den Lagern der Sowjetunion wahrgenommen werden konnte. Bezogen auf den
Entstehungszeitpunkt der Fotos oder der Zeichnung geben diese Bilder das
äußere Erscheinungsbild der Gefangenen wieder, als sie noch in einem Lager
in der Sowjetunion waren. Dies ist wichtig zu betonen, da bisher in diesem
Beitrag nur Bilder aus Illustrierten und Zeitungen in Deutschland der Jahre
1946 und 1947 vorgestellt wurden, die das äußere Erscheinungsbild der Gefan-
genen nach der Entlassung aus russischem Gewahrsam wiedergaben. Zwischen
dem Zeitpunkt der Aufnahme dieser Fotos lag im günstigsten Fall allein der
Zeitraum des Transportes vom Lager bis nach Frankfurt an der Oder. 1945
und 1946 erkrankten oder starben während der Transporte noch relativ viele
der Kriegsgefangenen. 50
Der Versand dieser Bilder wurde aus propagandistischen Gründen von der
Lagerleitung nicht nur gefördert, sondern auch deren Bildinhalte in mehreren
Fällen manipuliert, um die Lebensverhältnisse in den Lagern positiv darzustel-
len. Wobei hier auch festgestellt werden muss, dass nicht jedes Bild von der
Gewahrsamsmacht, sondern auch einige Bilder von den Gefangenen selbst
manipuliert wurden. Ein Beispiel dazu ist der Internetseite des Deutschen His-
torischen Museums zu entnehmen (Abb. 14). Dort findet sich ein Selbstbildnis
von Kurt Elfering, das er mit der Post aus russischer Kriegsgefangenschaft an
seine Eltern verschickt hatte, sowie die dazugehörige Geschichte. Seinem Be-
richt sind einige wesentliche Hintergrundinformationen zu entnehmen, die
zum Verständnis derartiger Zeichnungen einen wichtigen Beitrag liefern. Er
gibt an: »Ich habe mir sogar ein rotkariertes Hemd gemalt und eine schöne
Jacke. Der kahle Kopf wurde mit einer schönen Schirmmütze verdeckt.« 51
Offensichtlich hat er einiges in seinem Porträt dargestellt, was nicht dem Ab-
bild im Spiegel entsprach; was vom Grundsatz jedem Zeichner bei seinem
Werk zugestanden wird. Elfering hat nach seiner eigenen Aussage an seiner
Bekleidung und seinem Aussehen Korrekturen vorgenommen. Vermutlich
waren Hemd, Jacke und Kopfbedeckung, wie es bei einem Gefangenen zu
dieser Zeit üblich war, nicht mehr schön, sondern abgetragen. Der kahle Kopf,
ein Merkmal des einfachen Gefangenen in sowjetischem Gewahrsam, wurde
verdeckt durch eine für Gefangene oder Soldaten übliche Kopfbedeckung.
50 Vgl. Tägliche Rundschau, 29. Juni 1947, S. 1.
51 Kurt Elfering: Post aus russischer Gefangenschaft, in: Lebendes Museum online, im Internet
unter: https://www.hdg.de/lemo/zeitzeugen/kurt-elfering-post-aus-russischer-kriegsgefangen
schaft.html (letzter Zugriff: 4. Juni 2018).
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Den gezeichneten Porträts ist eigen, dass ihre Wirkung vom Porträtierten,
dem Zeichner und auch dem Betrachter bestimmt wird. Zwei am Entste-
hungsprozess des Bildes Beteiligte, der Zeichner und der Porträtierte konnten
Einfluss auf die Inhalte des Bildes nehmen. In den meisten Fällen nahmen die
Beteiligten auf die Inhalte insofern Einfluss, als dass ein Porträt entstand, in
dem der Abgebildete vorteilhafter dargestellt war. Bei vielen Porträts wurden
die wesentlichen ikonografischen Inhalte wie zum Beispiel das volle Haupt-
haar, die warme Kleidung und eine passende Kopfbekleidung, dargestellt. Die
Bildinhalte gaben damit keinen Anlass zu Beanstandungen durch die Zensur
der sowjetischen Gewahrsamsmacht, da sie keine negativen Inhalte zu den
Lebensverhältnissen in den Lagern enthielten. Von den vielen mir vorliegen-
den gezeichneten Porträts gibt es nur ein Bild, das aus diesem Rahmen heraus-
fällt. Zusammen mit dem Text der zugehörigen Mitteilung spricht dieses Bild
für sich (Abb. 13).
»Meine liebste Emmi! Vor einem Jahr Allgemeinzustand, körperlich, geistig – seelisch in
bester Ordnung! Heute nicht mehr! [Text von der Zensur gestrichen] Heimat-Sehnsucht,
zu Dir u. Kindern zehrt. Darum heute über sehr lieben Elternbrief und Klausens ausführ-
liche Karte tief beeindruckt. Lebt wohl! Herzinnige Grüße Dein Paul«
Fotos aus den Jahren 1947 und 1948 zeigen, wie groß die Unterschiede bezüg-
lich Bekleidung und Aussehen der Kriegsgefangenen waren. Paul Edier ent-
sprach den allgemeinen Vorstellungen eines Kriegsgefangenen (Abb. 15). Da-
gegen machte Paul Dornfeld, abgebildet mit Schlips, Hemd und Revers der
Jacke eher den Eindruck eines Büroangestellten als den eines Kriegsgefange-
nen; er wird vermutlich zur Lagerprominenz gehört haben (Abb. 16).
Ein Beispiel, wie von der Propaganda vorgegangen wurde, zeigt die Korres-
pondenz des Kriegsgefangenen Mesch, der er ungewöhnlich viele und unter-
schiedliche Portraitfotos beifügte (Abb. 17–20). Aus seiner Korrespondenz
liegen allein aus dem Jahr 1947 vier verschiedene Porträtaufnahmen vor. Bei
jedem Foto trägt der Häftling eine andere Bekleidung; davon ist er bei zwei
Fotos mit unterschiedlicher Kopfbedeckung abgebildet. Alle vier Aufnahmen
wurden von Mesch an Postkarten des Sowjetischen Roten Kreuzes angenäht
und seinen Angehörigen zugesandt. Die einzelnen Fotos geben, abgesehen
vom guten Erhaltungszustand der Bekleidung, wenig Hinweise auf eine Ein-
flussnahme durch sowjetische Propaganda. Erst die Vorlage von gleich vier
Aufnahmen, die innerhalb weniger Monate versandt wurden, legt die Vermu-
tung nahe, dass hier mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit bewusst manipuliert
wurde, um die Lebensverhältnisse im Lager zu beschönigen.
Zum Vergleich folgen zwei Porträts von Kriegsgefangenen, die offensicht-
lich nicht so gut wie Lorenz Mesch bekleidet waren (Abb. 21–22). Ihre Beklei-
dung ist mehr oder weniger abgetragen und wirkt bezogen auf die allgemeinen
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Vorstellungen von Kriegsgefangenen in sowjetischem Gewahrsam authentisch.
Der Eindruck wird insbesondere durch die vom täglichen Gebrauch ausge-
beulten Feldmützen verstärkt. Porträts mit Bildinhalten wie bei den zwei vor-
gestellten Personen sind deutlich in der Minderzahl; sie stellen eher die Aus-
nahme dar.
Auch Konrad Hannesschläger aus dem Lager 7362/5, bekleidet mit Uschan-
ka, Schal und Mantel, durfte ein Foto an seine Eltern verschicken (Abb. 23).
Ebenso wie bei dem Gefangenen Erich wird der kahle Kopf durch die Uschan-
ka nur unvollständig verdeckt. In seiner Mitteilung an die Eltern kommentiert
er das Bild: »So ähnlich sehe ich auf alle Fälle aus.« 52 Ob das Foto von Hannes-
schläger im Rahmen einer von der russischen Lagerleitung organisierten Akti-
on aufgenommen oder auf eigene Initiative angefertigt wurde, ist nicht nach-
weisbar. Die Gewahrsamsmacht hat bei der Herstellung derartiger Porträtauf-
nahmen in vielen Lagern nachgeholfen, damit die Gefangenen gut gekleidet
aussahen. 53
In der Zeitschrift Stern von 1950 ist dazu ein Bericht mit Fotos vom Leben
in den sowjetischen Lagern zu finden. Hier wird nur das zugehörige Titelblatt
wiedergegeben (Abb. 24). Der Beitrag erklärte, wie die Fotos der Reportage
entstanden sind und Porträtfotos im Passbildformat im den Lagern angefertigt
wurden:
»Es war den Fotografen streng verboten, Bilder für den eigenen Gebrauch zu machen –
bis auf tausende von Porträts in Passbildformat, die von den Gefangenen auf Postkarten
aufgeklebt und nach Hause geschickt werden sollten, damit die Angehörigen sähen, ›wie
gut es Ihnen ging‹. Für diese Art von Heimatpropaganda gab es in Uljanowsk eine einzige
ungeflickte Pelzjacke (›die stand jedem gut und machte sogar volle Backen‹), während es
in Moskau ein einziges Kragenhemd gab, das jeder Gefangene bei der Aufnahme anzu-
ziehen hatte.«
In der Literatur ist bisher noch nicht nachgewiesen worden, wie die über den
Postverkehr versandten Fotos aus den Lagern von den Angehörigen wahrge-
nommen wurden. Anhand von Kommentaren in Antwortbriefen der Angehö-
rigen kann dieser Nachweis geführt werden. Ein Beispiel, welchen Eindruck
die Fotos aus den Lagern auf die Angehörigen machten, zeigt die Mitteilung
der Familie Maskus an ihren Sohn Rudi in der Karte vom 31. August 1947:
»Endlich können wir Dich einmal in aller Ruhe betrachten. Du bist immer noch derselbe
geblieben. Wir haben Dich gleich erkannt. Du siehst ganz gut aus, nur ernster, gereifter u.
älter bist Du geworden. Ja, kein Wunder, hast viel erlebt. Bist auch nicht so mager,
52 Abb. 23, Portraitfoto von Konrad Hanneschläger, Sammlung Boddenberg.
53 Vgl. Stern, Jg. 3, H. 7, 12. Februar 1950, Angaben im Textkasten auf S. 7.
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krankhaft u. gebrechlich, wie die Gef. sonst hier ankommen. Und der schöne Zivilan-
zug!« 54
Der Kommentar zum Bild des Sohnes in den letzten beiden Sätzen der Mittei-
lung gibt eindrucksvoll die Überraschung des Vaters wieder. Seine Bilder im
Kopf, die aus den Medien in der Britischen Zone oder aus eigenem Erleben
stammen, wurden hier widerlegt. Und genau dies hatte die Sowjetunion mit
der Zulassung des Versandes von Bildern über den Postverkehr beabsichtigt.
5.3.2 Berichterstattung in von der Sowjetunion kontrollierten Medien
Neben der Einflussnahme auf die Inhalte der Fotos aus den Lagern wurden
von sowjetischer Seite in der SBZ auch Bücher und Broschüren mit Bildberich-
ten aus den Lagern in der Sowjetunion herausgegeben, um auf die Berichter-
stattung in den drei westlichen Besatzungszonen zu reagieren. Die bekannteste
Veröffentlichung davon ist das Buch Kriegsgefangene in der Sowjetunion, das
der in Berlin ansässige Verlag der sowjetischen Militäradministration 1949
herausgab. 55 In diesem Buch sind diverse kurze Erlebnisberichte von Kriegsge-
fangenen veröffentlicht. Genau wie auf tausenden von Flugblättern während
des Krieges haben die Gefangenen die Berichte unterschrieben mit ihrem Na-
men, ihrer Heimatadresse und der Berufsangabe. Die meisten Aufnahmen
zeigen wohlgenährte und ordentlich angezogene Personen mit vollem Haupt-
haar. Davon aber weicht das Foto von Peter Werner ab (Abb. 25). Diese Person
scheint zwar ebenfalls gut genährt, sie trägt jedoch den im Lazarett üblichen
Kurzhaarschnitt. Auffallend ist das gesund aussehende runde Gesicht.
Ähnlich aufgemacht, jedoch mit der Vorgabe, realitätsnäher zu sein, ist eine
Broschüre mit dem Titel EIN BILD sagt mehr als TAUSEND WORTE. Fotodo-
kumente eines Heimkehrers aus der UdSSR. 56 Herausgeber ist ein ehemaliger
deutscher Kriegsgefangener der Sowjetunion, gedruckt wurde das Heft in der
selben Druckerei, in der auch die Tageszeitung Tägliche Rundschau, dem
Nachrichtenblatt der SMAD, gedruckt wurde. Auch dieses Heftchen veröffent-
lichte ein Foto aus einem Lazarett mit kahl geschorenen Personen (Abb. 26).
Dass die Inhalte die erlebte Realität widerspiegeln und damit authentisch wir-
ken sollen, vermittelt die Einleitung:
»Lieber Leser! Ich bin über viereinhalb Jahre in der Sowjetunion im Lager 82 als Kriegsge-
fangener gewesen. [...] Über die Kriegsgefangenschaft ist schon viel geschrieben und noch
54 Karte vom 31. August 1947 von Robert Maskus an Rudi Maskus, Lager 7119, Sammlung Bod-
denberg.
55 O. A.: Kriegsgefangene in der Sowjetunion, Berlin [1949].
56 Kurt Meinhold: EIN BILD sagt mehr als TAUSEND WORTE. Fotodokumente eines Heimkeh-
rers aus der UdSSR, Berlin 1949, nachfolgendes Zitat aus Einleitung.
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mehr gelogen worden. [...] Die Bilder dieser kleinen Broschüre sollen Dir einen Einblick
in das Leben und Wirken der Kriegsgefangenen vermitteln. [...] Möge die Schrift allen
von der westlichen Propaganda infizierten die Augen öffnen, damit sie die Wahrheit er-
kennen!«
5.4 Zwischenfazit
Bevor die Bildinhalte der Gedenkmarke vorgestellt werden, folgt ein kurzes
Resümee zu den vorgestellten Bildern. Die Sowjetunion hat in den ersten drei
Nachkriegsjahren bevorzugt kranke und nicht mehr arbeitsfähige Kriegsgefan-
gene in die Heimat entlassen. Das war auch bei den westlichen Gewahrsams-
ländern vom Grundsatz nicht anders. Der Unterschied bestand darin, dass die
gesamten Lebensverhältnisse im Osten entschieden schwieriger waren. Des-
halb war der körperliche Zustand der Gefangenen beziehungsweise der Heim-
kehrer auch wesentlich schlechter. Anders als die deutsche Wehrmacht, die
während des Krieges hunderttausende russische Kriegsgefangene verhungern
ließ, entließ die Sowjetunion die kranken deutschen Kriegsgefangenen aus
ihrem Gewahrsam und schickte sie nach Hause. In Deutschland war die Ent-
rüstung groß, die Bilder von heruntergekommenen Heimkehrern setzten sich
im kollektiven Gedächtnis der deutschen Bevölkerung fest. Mit allen rhetori-
schen Mitteln der Propaganda versuchte die Sowjetunion, dieses Bild zu beein-
flussen und zu ändern. Sie nahm Einfluss auf die Berichterstattung in den
Medien, beispielsweise mithilfe der Täglichen Rundschau oder den hier vorge-
stellten Büchern und Broschüren. Zudem gestattete die Sowjetunion ab dem
letzten Quartal des Jahres 1946 den Versand von Bildern aus den Lagern, ob-
wohl in den Postvorschriften für die Kriegsgefangenenpost grundsätzlich keine
Illustrationen zugelassen waren. 57 Auf die Inhalte der Bilder, insbesondere der
Fotos, nahm die Lagerzensur Einfluss. Bis auf wenige Ausnahmen vermied
man auf der überwiegenden Anzahl dieser Bilder die besonderen ikonografi-
schen Merkmale eines kranken und nicht mehr arbeitsfähigen Kriegsgefange-
nen beziehungsweise Heimkehrers aus russischem Gewahrsam wie der kahle
Kopf, die schlechte Bekleidung und das ausgemergelte Aussehen.
57 Vgl. Anatolij Tschajkowskij: Deutsche in sowjetischer Kriegsgefangenschaft, Brandenburg 2010,
S. 588 Zensurbestimmungen.
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6 Ikonografie der Gedenkmarke
Die am 9. Mai 1953 herausgegebene deutsche Kriegsgefangenen-Marke zeigt
ein Kopfporträt im Profil mit Schulteransatz; beides ist in Weiß gehalten, der
Hintergrund in Grau (Abb. 1). Die Blickrichtung und Kopfhaltung ist der
Neigung des oberen Stacheldrahts angepasst. Haupt und Gesicht sind unbe-
haart. Den markanten Gesichtskonturen ist zu entnehmen, dass die dargestell-
te Person sehr ausgemergelt ist. Dies wird durch den Reliefdruck noch betont.
Das schmale Gesicht steht stellvertretend für die schweren Lebensverhältnisse
mit Hunger und harter Arbeit in den Lagern der Sowjetunion und erinnert an
die vielen Heimkehrer, die als Dystrophiker in den Jahren 1945 bis 1947 heim-
kehrten. Verbunden mit der Mangelkrankheit Dystrophie waren unter ande-
rem Antriebs-, Interessenlosigkeit und Schweigsamkeit. 58 Dies kann der in sich
gekehrten und hoffnungslos in Richtung des sich öffnenden Stacheldrahtes
schauenden Person entnommen werden.
An der Interpretation des kahl geschorenen Kopfes scheiden sich die Mei-
nungen über die zutreffenden ikonografischen Inhalte. 59 Der kahle Kopf war
für viele Deutsche ein Symbol der russischen Gefangenschaft. Um Ungeziefer
wie Wanzen und Läuse fern zu halten, wurden den Inhaftierten aus hygieni-
schen Gründen die Haare geschoren; dies galt insbesondere für Kranke in
Lazaretten. Von dieser Maßnahme ausgenommen war die Lagerprominenz,
wie zum Beispiel das Lageraktiv, und Mitglieder von Spezialistenbrigaden und
der Kulturgruppe. Das Entfernen des Haupthaars war bei den deutschen Sol-
daten sehr unbeliebt, da es einen starken Eingriff in die Persönlichkeit und das
Wertegefühl darstellte:
»Als der Russe aber die Maschine am Nacken ansetzt und erst an der Stirn den Schnitt
beendet, fahre ich hoch, wehre mich, fluche und schreie. Aber es hilft mir nichts. Die
Haare werde ich los. Völlig verstört fahre ich mit der Hand über den kahlen Kopf. Es ist,
als ob ich verstümmelt bin, und Stunden vergehen, bis ich mein Gleichgewicht wiederfin-
58 Vgl. Ulrich Gries: Abbau der Persönlichkeit, München/Basel 1957, S. 33ff.
59 Vgl.: Krüger: Die Kriegsgefangenen-Gedenkmarke, hier: S. 31: (»Der kahlgeschorene Kopf war
praktisch eine Frisur für den sibirischen Sommer.«); Elke Scherstjanoi (Hrsg.): Russlandheim-
kehrer, München 2012; Andrea von Hegel: Der Sinnlosigkeit einen Sinn geben. Zur Kriegsge-
fangenenausstellung des Verbandes der Heimkehrer, 1951–1960, hier: S. 84 (»Zeichen der Ent-
ehrung« und »Aus Berichten von Kriegsgefangenen geht hervor, dass das Kahlscheren mehr-
heitlich als als Demütigung angesehen wurde.«); Berthold Petzinna: Berichte aus der
sowjetischen Kriegsgefangenschaft. Bundesdeutsches Inventar eines Genres, 1946–1960, hier:
S. 96 (»Nicht nur in Sowjetischer Gefangenschaft war die Haarlänge von hoher Bedeutung, Er-
hart Kästner berichtet aus einen britischen Lager in Ägypten: ›Damals spielte das kurzgeschnit-
tene Haar eine ungeheure Rolle, es herrschte ein listenreich stummer Kampf um freiheitlich-
menschenwürdiges Haar.‹«).
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de. Samson und Dalila fallen mir ein. [...] Mit dem Haar raubt man dem Menschen einen
Teil seiner Persönlichkeit und seines Selbstbewusstseins.« 60
»August, Deine Haare‹, singt er hoffnungsvoll und plinkert mir zu. Und dann sehe ich die
Exekution selbst. Etwa sechs Mann schneiden in rasender Eile Glatzen. Die geschnittenen
Haare häufen sich zu Bergen. Zwei Mann von der Antifa stehen gelangweilt dabei und
grinsen. Ihr Haarschnitt ist ausgezeichnet. Das empört mich, aber ich bin noch nicht lan-
ge genug Gefangener, um zu wissen, dass Antifamänner eben besondere Rechte genießen.
Es dauert nicht lange, dann fällt auch mein Skalp. In rasender Eile sind wir also Glatzen-
träger geworden. Meine Feldmütze ist jetzt natürlich zu groß. Ich habe den Eindruck, als
wären die Ohren der Kameraden, meine eingeschlossen, um ein Beträchtliches gewach-
sen.« 61
In der Heimat wurde der kahle Kopf überwiegend im Zusammenhang mit
Heimkehrern wahrgenommen, die wegen Krankheit und Entkräftung aus den
Lazaretten entlassen wurden. Auch der sowjetischen Propaganda war die Be-
deutung des kahlen Kopfes zusammen mit ausgemergelten Gesichtern be-
wusst. Um dieser Interpretation entgegenzuwirken, zeigten Propagandaveröf-
fentlichungen, Fotos aus Lazaretten (Abb. 25–26) mit kahlgeschorenen Patien-
ten, aber ausgesprochen kräftigen und gesunden Gesichtern. In der Realität
kamen jedoch in der Regel entkräftete und ausgemergelte Dystrophiker ins
Lazarett. Einen solchen zeigt die Gefangenen-Marke und auch mehrere der
gezeigten Fotos weisen darauf hin.
Ein weiteres wesentliches gestalterisches und symbolbehaftetes Element ist
der abgebildete Stahldraht. Dieser besteht aus zwei verdrillten Drähten, auf
denen in regelmäßigen Abständen zwei Drähte mit radial abstehenden Enden
aufgewickelt sind. Genau genommen ist der Stahldraht nur ein Teil des Zaunes
oder der Umzäunung, um die Kriegsgefangenen von der Außenwelt zu tren-
nen. Er wird in den meisten Bildern als Symbol gewählt und stellt die Grenze
zwischen Freiheit und Unfreiheit dar. Grafiker Walter hat diesen nicht als
geschlossene Grenze, sondern als einen sich ›öffnenden Stacheldraht‹ darge-
stellt und dazu den oberen Draht geneigt gezeichnet. 62 Die ikonographische
Nähe zum Bild des leidenden Christus liegt hier auf der Hand. Grafisch ähnelt
der Stacheldraht auf der Gedenkmarke den Darstellungen in Walters Buch.
Der Unterschied besteht darin, dass auf den Zeichnungen im Buch der Gefan-
gene vor dem Stacheldraht steht, während sich der Gefangene auf der Marke
hinter der Absperrung befindet. Die Kombination ›Kriegsgefangener mit
Stahldraht‹ wurde bereits im Ersten Weltkrieg (Abb. 27–28) und ebenso auf
Postkarten zur Darstellung des Loses der Gefangenen des Zweiten Weltkriegs
60 Heinrich Graf von Einsiedel: Tagebuch der Versuchung, Berlin/Stuttgart 1950, S. 23f.
61 Hans Helmut Barkenthin: Morgen dürft ihr nach Hause, Gütersloh 1957, S. 16.
62 Vgl. Walter: Blumen am Wege, S. 19.
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verwendet. Einige dieser Postkarten stellte sogar die Organisation Young Men’s
Christian Association (YMCA) den deutschen Kriegsgefangenen in Kanada
und Ägypten für ihre Post zur Verfügung. Auf Illustrationen aus sowjetischen
Lagern ist er jedoch nur sehr selten zu finden. Bisher liegen von mehreren
Tausend solcher Karten nur zwei entsprechende Illustrationen aus dem Lager
mit der Postfach-Nummer 190 vor. 63
Abschließend stellt sich die Frage, warum auf der Marke statt ›Kriegsgefan-
genen‹ das Wort ›Gefangenen‹ verwendet wurde. Hierfür können mehrere
Interpretationen gegeben werden. Die Erste und plausibelste ist die Länge des
Wortes ›Kriegsgefangenen‹. Die Schriftgröße hätte so weit reduziert werden
müssen, dass bei Beibehaltung der Position, die Proportionen von Porträt und
Schriftgrößen nicht mehr harmonisch gewesen wären. Es kann aber auch den
Grund haben, dass man den besonderen Status der verurteilten Kriegsgefange-
nen, als Kriegsverbrecher und somit ›Gefangener‹ damit verdeutlichen wollte.
In Hinblick darauf, dass der Veranlasser (VdH) die Ansicht vertrat, dass es
keine Kriegsverbrecher gab, ist dies jedoch nicht wahrscheinlich. Auch denk-
bar ist die von Krüger gewählte Erklärung, dass damit auch auf die in der SBZ
inhaftierten Gefangenen aufmerksam gemacht werden sollte. 64
7 Vergleich mit der österreichischen Kriegsgefangenen-Marke von 1947
Um zu zeigen, wie andere Nationen Kriegsgefangene auf Briefmarken darge-
stellt haben, wird zum Vergleich die grüne Marke mit 8+2 Groschen der Re-
publik Österreich aus dem Jahr 1947 gewählt (Abb. 2). Das Bild der Marke
enthält die wesentlichen damals konventionalisierten Merkmale einer symboli-
schen Gestaltung von Bildern zum Thema Kriegsgefangenschaft: eine Person
mit einer Wehrmachtsmütze, mit ausgemergeltem und leidendem Gesicht
hinter Stacheldraht. Walters Entwurf ähnelt vom Grundsatz der vorgestellten
österreichischen Marke, nur dass sein Kriegsgefangener im Profil und der auf
der österreichischen Marke im Viertelprofil dargestellt ist. Eine Person mit
Kopfbedeckung hätte einen ganz anderen Eindruck vermittelt. Insofern war es
geradezu notwendig, zusammen mit dem ausgemergelten, schlanken Gesicht
eine Person ohne Kopfhaar und Kopfbedeckung darzustellen um den ge-
wünschten Gesamteindruck zu vermitteln. In mehreren Veröffentlichungen
63 Vgl. https://erlangenwladimir.wordpress.com (letzter Zugriff: 4. Juni 2018). In meiner Samm-
lung von ca. 500 illustierten Karten aus sowjetischem Gewahrsam ist kein Stacheldraht darge-
stellt. In den ungefähr 35 Jahren meiner Sammeltätigkeit habe ich etwa 2000 illustrierte Karten
gesehen und bisher war nur auf zwei Karten ein Stacheldraht dargestellt.
64 Vgl. Krüger: Die Kriegsgefangenen-Gedenkmarke, S. 32.
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sind Fotos von Gefangenen mit einem derartigen Profil abgebildet, darunter
auch aus sowjetischen Archiven. 65
Sie wurden hier nicht gezeigt, weil diese Fotos damals nicht den Rezipienten
der Marke von 1953 zur Verfügung standen. Jedoch hatten Hunderttausende
Heimkehrer aus russischem Gewahrsam derartige Bilder in ihren Köpfen. Wie
wichtig es den sowjetischen Behörden war, gerade den kahlen Kopf auf den
Fotos aus den Lagern mit einer Kopfbedeckung zu verdecken, ist den Fotos aus
den Lagern zu entnehmen (Abb. 21–23). Auch die Kriegsgefangenen haben in
den Illustrationen von sich aus alles getan, dass ein kahler Kopf nicht darge-
stellt wurde. Stattdessen wurden fast immer die kahlen Köpfe mit Schiffchen,
Feldmütze oder Pelzmütze retuschiert.
8 Die Gedenkmarke im alltäglichen Gebrauch
Im Amtsblatt vom 30. April 1953 stellte das Bundespostministerium die
Kriegsgefangenen-Marke vor und wies darauf hin, dass sie bevorzugt zu ver-
wenden sei. 66 Die Marke war nach wenigen Tagen ausverkauft. Dies veranlass-
te das Bundesministerium für Vertriebene, Flüchtlinge und Kriegsgeschädigte
dazu, an das Postministerium zu schreiben:
»Nachdem am 10.5.1953 die Kriegsgefangenen-Gedenkmarke erschienen ist, sind mir
mehrfach Klagen bekannt geworden, aus denen ich schließen muss, dass diese Marke nur
in geringem Umfang den Postanstalten des Bundesgebietes zur Verfügung steht. Die
Herausgabe einer Kriegsgefangenen-Gedenkmarke erfüllt aber nur dann ihre propagan-
distische Aufgabe, wenn sie in großer Auflage erscheint und nach Möglichkeit für eine
gewisse Zeitdauer an die Stelle des gleichen Wertes der üblichen Dauerserie tritt, soweit
ihre Verwendung möglich ist.
Ich wäre Ihnen daher dankbar, wenn Sie die Verteilung der Marke an die einzelnen Post-
anstalten überprüfen und gegebenenfalls durch eine weitere Auflage sicherstellen könn-
ten, dass eine umfassende Verwendung der Kriegsgefangenen-Gedenkmarke während ih-
rer Geltungsdauer ermöglicht wird.« 67
In den folgenden Wochen wurden die Marken in ausreichender Anzahl nach-
gedruckt und an die Postschalter gebracht. Zudem wurde der Postverkauf für
die Kriegsgefangenen-Gedenkmarken vom 30. November 1953 auf den 31.
März 1954 verschoben und gleichzeitig die Gültigkeitsdauer bis 31. Dezember
65 Vgl. Stefan Karner: Im Archipel GUPVI. Kriegsgefangenschaft und Internierung in der Sowjet-
union, Wien/München 1995, Abb. 2.52.
66 Vgl. Vf. Nr. 235/1953 aus Amtsblatt des Bundesministers für das Post- und Fernmeldewesen,
Ausgabe A, Jg. 1953, Nr. 46 vom 30. April 1953.
67 Schreiben vom 12. Juni 1953 mit Az. I4b – 3263 Tgb. Nr. 3121/53, Barch. B 150/Nr. Akb. 4450.
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1954 verlängert. 68 Die Marke wurde in ihrer Gültigkeitszeit bevorzugt verwen-
det, auch bei Sendungen, die sonst mit Marken für höhere Portostufen freige-
macht wurden (Abb. 29).
Wie von den Behörden der Bundesrepublik erwartet, wurde die Marke von
der DDR beanstandet. Im Rahmen eines sogenannten Postkrieges entstanden
viele für die Postgeschichte interessante Varianten, wie Unkenntlichmachung,
Zurückweisung oder Gegenpropaganda (Abb. 30). 69
9 Zusammenfassung
Das Postministerium gab die Kriegsgefangenen-Gedenkmarke 1953 heraus,
um damit Propaganda zur Freilassung der in sowjetischen Lagern zurückge-
haltenen verurteilten Kriegsgefangenen zu machen. Mit der für eine Sonder-
marke ungewöhnlich hohen Auflage von 101 Millionen Stück (sonst zu dieser
Zeit in der Regel zwischen 1 und 6 Millionen) fand sie große Verbreitung,
Zuspruch und auch Ablehnung. Die Ablehnung durch die DDR kam nicht
überraschend und war erwartet worden. Der Geschichte des Markenmotivs
konnte mit Hilfe von Texten und Abbildungen nachgegangen werden. So
konnte Propaganda und Gegenpropaganda miteinander verglichen und die
Hauptmerkmale herausgearbeitet werden, mit denen sowohl westliche als auch
sowjetische Stellen Kriegsgefangene darstellten. Auch wenn die Sowjetunion
dies mit entsprechenden Motiven verschleiern wollten, erlittenen deutsche
Kriegsgefangene in den Lagern in der Sowjetunion Hunger und Entbehrungen.
Jedoch muss hier daran erinnert werden, was Kurt W. Böhme in Absicht oder
Notstand? ausführlich erläutert hat: »Die Absicht der Gewahrsamsstaaten, die
Gefangenen durch den Hungertod zu dezimieren, ist nicht nachweisbar.« 70 Er
erinnert daran, wie die deutsche Wehrmacht mit den russischen Kriegsgefan-
genen umgegangen ist, wer das Land zerstört und die Not im Lande verursacht
hatte.
An der Frage, wer die Leiden deutscher Kriegsgefangener zu verantworten
hatte, scheiden sich bis heute die Geister, obwohl die Urheber des Zweiten
Weltkrieges klar zu benennen sind. Unter anderem zeigen die Wehrmachts-
ausstellung und der Kommissarbefehl, wer schwerste Kriegsverbrechen und
Verbrechen gegen die Menschlichkeit in der Sowjetunion begangen hatte. Mit
68 Vgl. Vf. 697/1953 aus Amtsblatt des Bundesministers für das Post- und Fernmeldewesen,
Ausgabe A, Jg. 1953, Nr. 128 vom 13. November 1953.
69 Aus Platzgründen wird hier nur ein Beispiel vorgestellt und auf die unter Anm. 3 aufgeführte
Literatur verwiesen.
70 Kurt Böhme: Absicht oder Notstand?, Bonn 1963, S. 27.
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der kollektiven Lüge der deutschen Heimkehrer, die verurteilten Kriegsgefan-
genen in der Sowjetunion hätten keine Kriegsverbrechen begangen, wurden
aus Tätern Opfer. Die Mehrzahl der verurteilten Kriegsgefangenen wurde in
den neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts aufgrund von Verfahrensfeh-
lern rehabilitiert. Hierzu stellte jedoch Günther Wagenlehner fest, der maßgeb-
lich das Verfahren zur Rehabilitation betrieben hatte: »Aber auch wenn alle
verurteilten Deutschen tatsächlich unschuldig wären, so hieße das nur, dass
Stalins System unfähig war, die tatsächlich Schuldigen zu entdecken; denn die
Verbrechen bleiben, ob die Täter gefunden werden oder nicht.« 71
71 Günther Wagenlehner: Die russischen Bemühungen um die Rehabilitierung der 1941–1956
verfolgten deutschen Staatsbürger. Dokumentation und Wegweiser, Bonn, 1999, im Internet
unter: library.fes.de/fulltext/historiker/00700toc.htm (letzter Zugriff: 4. Juni 2018).
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Abbildungen
Abbildung 1–2
Deutsche Kriegsgefangene (1953, Michel, BRD, 165); Kriegsgefangene (1947, Michel, Österreich,
829).
Abbildung 3–4
Ankündigung der Gedenkmarke in Der Heimkehrer, Nr. 5, Mai 1953; Ankündigung des Plakats
im Kölner Stadtanzeiger, 27. Juni 1953.
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Abbildung 5–7
Reportage »Heimkehr aus Russland« der Illustrierten Heute, Nr. 21, 1. Oktober 1946.
Abbildung 8–9
Heimkehrer aus Russland auf dem Weg ins und im Lager Friedland.
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Abbildung 10–12
Reportage aus dem Heimkehrerlager Frankfurt an der Oder/Gronenfelde zur Entlassung von 3.609
Kriegsgefangenen in der Täglichen Rundschau, Nr. 149, 29. Juni 1947.
Abbildung 13
Paul Beele, gezeichnet von D. W. W. (1947).
Abbildung 14–16
Selbstbildnis von Kurt Elfering (1945); Portraitfoto von Paul Edier (1947); Portraifoto von Paul
Carl Dornfeld (1948).
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Abbildung 17–20
Portraitfotos von Lorenz Mesch (1947): »Mir geht´s gut«; Uschanka und Pelzmantel; Fufaika
(russische Wattejacke); Russisches Schiffchen (Pilotka) und Hemd.
Abbildung 21–23
Portraitfoto von Erich [Nachname unbekannt] (194?); Portraitfoto von Karl Vittinghoff (1949);
Portraitfoto von Konrad Hanneschläger (1948).
Abbildung 24–25
Reportage aus dem Stern, Jg. 3, H. 7, 12. Februar 1950; Abbildung aus »Kriegsgefangene in der
Sowjetunion« (1949).
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Abbildung 26
Abbildung aus »EIN BILD sagt mehr als TAUSEND Worte« von Kurt Meinhold (1949).
Abbildung 27–28
Ankerkennungsschreiben des Deutschen Hilfswerks; Werbepostkarte des Deutschen Hilfswerks.
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Abbildung 29
Brief vom 17. September 1953 mit 8x10 Pfennig, Einschreiben zu 40 Pfennig mit 2. Gewichtsstufe
bis 50 Gramm zu 40 Pfennig.
Abbildung 30
Von der Zensur geschwärzte Gedenkmarke.
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Silke Vetter-Schultheiß
Europäisches Naturschutzjahr 1970 im Miniaturformat. Europa im
Allgemeinen und die Bundesrepublik Deutschland im Speziellen
1970 gilt als Epochenschwelle in der Umweltgeschichtsschreibung. Neben dem
ersten Earth Day, den Gaylord Nelson, Gouverneur von Wisconsin, in jenem
Jahr in den USA veranstaltete, zelebrierte Europa das erste Naturschutzjahr.
Aus diesem Anlass gaben gleich mehrere Länder auf dem alten Kontinent
Naturschutzmarken heraus. Im Rahmen einer europäischen Umweltge-
schichtsschreibung sollen diese Postwertzeichen motivisch erschlossen und in
ihren zeithistorischen Kontext gestellt werden. Die kleinen Gebührenquittun-
gen können als Werbeträger für einen im Entstehen begriffenen grenzübergrei-
fenden Natur- beziehungsweise Umweltschutz gesehen werden, der sich eines
Großteils des damals für dieses Anliegen zur Verfügung stehenden Bildreper-
toires bediente. Zum einen wird in diesem Aufsatz das gesamte Markenkorpus
ikonografisch analysiert. Zum anderen richtet sich der Blick auf die Sonderrol-
le der Bundesrepublik Deutschland, die bei der Herausgabe der entsprechen-
den Serie ihre ganz eigene Verbindung zum Europäischen Naturschutzjahr
1970 (ENJ) herstellte. Die Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte dieser Mar-
ken lässt sich anhand der im westdeutschen Postministerium erhalten geblie-
benen Akten gut nachzeichnen. So können Diskussionszusammenhänge über
Themen- und Motivwahl sowie die Einstellung des Bundespostministeriums
zu diesem Ereignis zumindest für die Bundesrepublik Deutschland offengelegt
werden. Erst gemeinsam betrachtet zeigen die motivisch vielfältigen europäi-
schen Marken auf kleinstem Raum und visuell schlagkräftig die Bandbreite des
in den 1960ern vom Europarat verfolgten Naturschutzprogramms. Sie sind
damit eine hervorragende Quelle für einen europäischen Vergleich im Sinne
einer Visual History 1.
1 Siehe beispielsweise: Jürgen Danyel/Gerhard Paul/Annette Vowinckel (Hrsg.): Arbeit am Bild.
Visual History als Praxis, Göttingen 2017.
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1 Naturschutz auf (deutschen) Postwertzeichen: eine Vorgeschichte
Dass schon der frühe Naturschutz in Deutschland die Symbolkraft von Brief-
marken als Werbung in eigener Sache erkannte, 2 belegen beispielsweise sieben
Aufsätze, die zwischen 1927 und 1940 in der vom Bund für Vogelschutz 3 her-
ausgegebenen Zeitschrift Naturschutz 4 erschienen. Diese behandelten das Phä-
nomen des Sammelns 5 – insbesondere von Natur(schutz)motiven – oder die
Abbildungen auf den Marken. 6 Lediglich ein einzelner Aufsatz nutzte Post-
wertzeichen rein zur Illustration. 7 Alle Aufsätze enthielten jedoch den kultur-
politischen Appell an das Reichspostamt, sich ein Beispiel an anderen Ländern
zu nehmen und für den Schutz der Natur aktiv zu werden. 8 Diese seien mit
gutem Beispiel vorangegangen und verwendeten entsprechende Motive. Ziele
2 Die gleichen Argumente für Briefmarken als Werbeträger fanden auch in der Bundesrepublik
wieder Verwendung.
3 Lina Hähnle gründete 1899 den Bund für Vogelschutz. Vögel zu schützen, stand von Beginn an
auf der Agenda des modernen Naturschutzes. Vögel waren auch bei Motivsammler/innen sehr
beliebt und stellten die größte Anzahl an Tiermotiven auf den Marken, die anlässlich des Euro-
päischen Naturschutzjahres 1970 verausgabt wurden.
4 1920 erschien unter dem Namen Zeitschrift für Vogelschutz die erste Fachzeitschrift Deutsch-
lands zum Thema Naturschutz. Sie wurde 1922 in Naturschutz umbenannt, hieß nach dem
Krieg für zwei Jahrgänge Naturschutz und Landschaftspflege und wird heute unter dem seit
1953 geltenden Namen Natur und Landschaft vom Bundesamt für Naturschutz herausgegeben.
5 Zwei Artikel thematisierten das Sammeln im Allgemeinen, von Briefmarken im Besonderen
und von Naturmotiven im Speziellen sowie die Bedeutung dieser kulturellen Tätigkeit für den
Naturschutz. Sie hoben den pädagogischen Nutzen hervor, speziell die Wissens- und Substitu-
tionsfunktion, sodass es nicht mehr nötig schien, eine eigene Sammlung mit realen Tieren an-
zulegen (Walter Effenberger: Briefmarken und – Naturschutz?, in: Naturschutz 9 (1927/28) 2,
S. 45–47; Sn.: Naturschutz und Briefmarken, in: Naturschutz 15 (1933/34) 5, S. 100–103). Zur
Verwendung von Briefmarken als didaktisches Mittel siehe den Beitrag von Christian Könne in
diesem Band.
6 Drei von vier Beiträgen besprachen (neu) herausgegebene Serien und unterfütterten das jewei-
lige Thema der Marken mit Hintergrundinformationen und/oder Originaltexten zum Thema.
Ein aus zwei Teilen bestehender Aufsatz begleitete die Ausstellung Das Tier auf der Briefmarke
des Zoologischen Museums der Universität Berlin (F. Moewes: Nationalparke auf Briefmarken,
in: Naturschutz 16 (1934/35) 5, S. 112–115; N.: Neue Naturschutz-Briefmarken, in: Naturschutz
17 (1936) 1, S. 21–23); N. N.: Eine neue Briefmarkenreihe mit Naturschutzbildern, in: Natur-
schutz 17 (1936) 12, S. 281–284; Walter Effenberger: Tierbilder auf afrikanischen Briefmarken,
in: Naturschutz 21 (1940) 7, S. 78–81 (Teil 1) und 8, S. 92–95 (Teil 2)).
7 Th. G. Ahrens: Über Natur- und Jagdschutz in Belgisch-Kongo, in: Naturschutz 19 (1938) 4,
S. 94–96.
8 Bis in die 1920er-Jahre fanden sich in Deutschland nur einige wenige Landschafts- und Hei-
matbilder auf Briefmarken. Dies änderte sich bis Ende der 1960er-Jahre nicht und war immer
wieder Thema bei schriftlichen Anfragen aus der Bevölkerung und im Postministerium.
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dieser Briefmarken-Offensive sollten sein, Naturparks zu popularisieren und
ein Bewusstsein für die Verwundbarkeit der Natur zu schaffen. 9
2 Europäisches Naturschutzjahr 1970: Geburtsstunde einer
europaweiten Naturschutzpolitik?
Einige Jahrzehnte später nutzten viele Länder des Europarats den kleinen
Werbeträger, um auf genau dieses Thema aufmerksam zu machen, das nach
Meinung der Autoren in der Zeitschrift Naturschutz schon Anfang des 20.
Jahrhunderts auf den Briefmarken seinen Platz finden sollte. Im Folgenden
wird auf die Entstehung des Europarates, seine Naturschutzpolitk sowie auf
das Europäische Naturschutzjahr 1970 und das Qellenkorpus der in diesem
Umfeld entstandenen Marken eingegangen.
1949 gründeten zehn Staaten auf Vorschlag der USA den Europarat, nicht
zuletzt wegen der Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges. Ziel dieser ersten
europäischen Staatenorganisation sollte sein, über Nationalgrenzen hinweg
zusammenzuarbeiten sowie gemeinsam für Demokratie einzustehen und Men-
schenrechte zu fördern. Im Rahmen dieser länderübergreifenden Absichten,
das gemeinsame Erbe zu bewahren, begann Anfang der 1960er-Jahre eine
Expertenkommission, sich mit einem möglichen europäischen Naturschutz zu
befassen. So lässt sich bereits für dieses Jahrzehnt eine europäische Debatte um
Naturschutzthemen nachweisen, die in der Umweltgeschichte noch als Epoche
der Planungs- und Technikeuphorie gilt. Eines der dafür entwickelten Instru-
mente war das European Diploma of Protected Areas of the Council of Europe,
mit dem besondere Landschaften ausgezeichnet werden sollten. 10 Das Logo
dieses Diploms fand auch als Logo für das Naturschutzjahr eine zusätzliche
Verwendung. Um den Gedanken eines grenzübergeifenden Naturschutzes zu
popularisieren, rief der Europarat auf Vorschlag Großbritanniens das Jahr
1970 zum Europäischen Naturschutzjahr aus. Dies galt als Geburtsstunde einer
9 Neben der Popularisierung von bereits bestehenden Naturparks mithilfe von Briefmarken
konnte der Naturschutz auch durch die Ausweisung neuer Parks unterstützt werden. So warben
die Marken mit entsprechenden Motiven nicht nur für ein allgemeines Ziel – den Naturschutz
–, sondern auch für ein spezifisches Instrument, dieses Anliegen durchzusetzen – die Etablie-
rung von Naturparks. Dieses Argument wurde auch in der Bundesrepublik wieder aufgegriffen.
10 Zur Frage nach der Epochenzuordnung und zum Europadiplom vgl. Anna-Katharina Wöbse:
Die ausgezeichnete Natur Europas. Zur Geschichte eines Labels, in: Themenportal Europäische
Geschichte (2016), im Internet unter: http://www.europa.clio-online.de/2016/Article=753 (letz-
ter Zugriff: 6. Juni 2018). Einen ähnlichen Vorlauf hatte auch die US-amerikanische Umwelt-
schutzdebatte (siehe dazu und zu der Rolle, die visuelle Medien dabei spielten: Finis Dunaway:
Seeing Green. The Use and Abuse of American Environmental Images, Chicago, IL/London
2015).
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vorher auf Nationalstaaten begrenzten und nun europaweiten Umweltpolitik.
Die »erste europaweite Umweltkampagne« 11 stand unter dem Motto Der
Mensch in seiner Umgebung.
Im Gedenkjahr gehörten 18 Länder dem Europarat an, von denen nur vier
keine entsprechenden Marken herausbrachten; 12 die restlichen 14 Nationen
verausgabten Postwertzeichen anlässlich des Ereignisses oder in zeitlicher
Nähe dazu; drei andere europäische Staaten nahmen an der Emission von
Briefmarken teil, obwohl sie nicht im Europarat saßen. 13 Die ersten beiden
Länder gaben Anfang Februar ihre Marken heraus. Dies fiel zusammen mit der
Europäischen Naturschutzkonferenz, die der Europarat vom 9. bis zum 12.
Februar 1970 zur Eröffnung des Gedenkjahres abhielt. Fast alle restlichen Staa-
ten folgten im Laufe des Gedenkjahres 1970. 14
Die teilnehmenden 17 Nationen verausgabten im Umfeld des Gedenkjahres
insgesamt 40 Marken mit 37 verschiedenen Motiven. 15 Zum größten Teil ent-
standen Sätze, in der Regel mit zwei Marken. 16 Wie die Anzahl der Marken
variierten auch die Druckverfahren von Land zu Land. Diejenigen, die sich für
ein aufwendigeres Verfahren entschieden, brachten zumeist weniger Marken
in den Umlauf. Es scheint, dass damit der einzelnen Marke größeres Gewicht
verliehen wurde. 17
11 Thorsten Schulz: Das »Europäische Naturschutzjahr 1970«. Versuch einer europaweiten Um-
weltkampagne, Berlin 2006, S. 1, im Internet unter: http://nbn-resolving.de/urn:-nbn:de:0168-
ssoar-196627 (letzter Zugriff: 6. Juni 2018).
12 Dänemark, Großbritannien, Malta und die Niederlande.
13 Finnland, Jugoslawien und Liechtenstein.
14 Ob für die Ausgabetage der restlichen Länder spezielle, für den Naturschutz oder diesbezügli-
che Aktivitäten in jenem Jahr bedeutsame Daten gewählt wurden, lässt sich hier nicht abschlie-
ßend klären, wäre aber eine Untersuchung wert. Ausgabedaten: 4. Juni 1969 (Deutschland,
Abb. 1), 9. Februar 1970 (Türkei, Abb. 2), 10. Februar 1970 (Finnland, Abb. 3), 23. Februar
1970 (Irland, Abb. 4), 9. März 1970 (Luxemburg, Abb. 5), 23. März 1970 (Frankreich, Abb. 6),
10. April 1970 (Norwegen, Abb. 7), 30. April 1970 (Liechtenstein, Abb. 8), 11. Mai 1970
(Schweden, Abb. 9), 19. Mai 1970 (Österreich, Abb. 10), 16. Juni 1970 (Griechenland, Abb. 11),
3. Juli 1970 (Belgien, Abb. 12), 3. August 1970 (Zypern, Abb. 13), 25. August 1970 (Island, Abb.
14), 17. September 1970 (Schweiz, Abb. 15), 28. November 1970 (Italien, Abb. 16), 14. Dezem-
ber 1970 (Jugoslawien, Abb. 17). Anders als bei den Marken des europäischen Umweltschutz-
jahres 1986 im Rahmen der CEPT gab es 1970 keine derartige Kooperation.
15 Italien, Schweden und Irland verausgabten je zwei motivgleiche Marken mit verschiedenen
Nominalwerten.
16 Vier Länder entschieden sich für eine Marke (Finnland, Frankreich, Österreich, Schweiz). Die
meisten Länder, sieben an der Zahl, brachten zwei Marken heraus (Irland, Luxemburg, Schwe-
den, Belgien, Island, Italien, Österreich, Schweiz). Nur zwei Nationen verausgabten Serien mit
drei Postwertzeichen (Türkei, Zypern). Vier Länder schließlich folgen mit je vier Marken
(Deutschland, Norwegen, Liechtenstein, Griechenland).
17 Fast die Hälfte der Länder verwendete Rastertiefdruck (Irland, Island, Italien, Jugoslawien,
Liechtenstein, Schweiz, Luxemburg, Norwegen). Der Rest verteilt sich auf Offset- (Türkei, Finn-
land, Griechenland, Zypern), Stichtiefdruck (Frankreich, Österreich, Schweden) oder eine
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Am häufigsten fanden sich naturgetreue Darstellungen mit Symbolcharak-
ter; sie bildeten das damals Zeittypische an Motiven für Natur(- und Um-
welt)schutz ab: vor allem Pflanzen, an zweiter Stelle standen Tiere und an drit-
ter Landschaften. 18 Konzeptuell bedeutet dies, dass landestypische Pflanzen,
Tiere oder Landschaften für das Land an sich warben beziehungsweise als
Landessymbol verwendet wurden. Sie unterstützten zum einen den Tourismus,
indem sie pittoreske Landschaften zeigten und/oder hoben zum anderen den
Schutzgedanken hervor durch die Darstellung gefährdeter Tier- und Pflanzen-
arten, schützenswerter Landschaften oder mithilfe von Logos und Symbolen.
Teilweise wurde auch auf bereits mit dem Europadiplom ausgezeichnete Ge-
biete verwiesen, entweder durch Landschaftsmotive oder typische Flora und
Fauna. Hierauf wird später noch näher eingegangen.
Die Marken stellten die Verbindung zum Gedenkjahr auf unterschiedliche
Weise her: über ihre Motive, die Verwendung des Slogans Europäisches Natur-
schutzjahr 1970 in der beziehungsweise den jeweiligen Landessprache(n)
und/oder über das Logo. 19 Charakteristisch für die Marken war der Umgang
mit dem Slogan. Hier arbeitete die Mehrzahl der Länder mit verschiedenen
Komposita aus einem Pool von fünf Wörtern: ›Europäisches – Natur – Schutz
Kombination aus Rastertief- und Stichtiefdruck (Belgien) beziehungsweise Offset- und Stich-
tiefdruck (Deutschland). In der Anzahl der Marken ausgedrückt bedeutet dies: 19 Marken ent-
standen im Rastertiefdruckverfahren, elf Marken im Offset- und vier Marken im Stichtief-
druckverfahren. Die Kombination von Offset- und Stichtiefdruck wurde bei vier Marken und
die Verbindung Rastertief- und Stichtiefdruck wurde bei zwei Marken angewendet.
18 Die Motive zeigten eine »weitreichende Sammlung europäisierter Natur« (Wöbse: Die ausge-
zeichnete Natur Europas): zwölf Blumen und drei Bäume (2 Laubbäume, 1 Nadelbaum) verwie-
sen auf spezifische landestypische Regionen und waren meist geschützte Vegetationsarten mit
Seltenheitswert. Das gleiche galt für die acht Tiermotive, wovon fünf Marken Vögel darstellten:
drei Greifvögel (2 Adler, 1 Geier) sowie Flamingo und Huhn. Die restlichen drei Marken visua-
lisierten Säugetiere (Igel, Ziege, Wolf). Die acht Landschaftsmotive gliederten sich in vier lan-
destypische, stilisierte Darstellungen (Fluss- und Seelandschaft sowie Mittel- und Hochgebirge),
einen Vulkan, zwei Wasserfälle und einen Fluss. Gerade die Greifvögel waren um 1970 stark
gefährdet und die Populationen nahmen durch Schutzmaßnahmen erst ab den 1980ern/90ern
wieder zu. Andere Tierarten wiesen bereits in die Zukunft des Europäischen Naturschutzes: Die
Kretische Wildziege kommt heute nur noch in der Samaria-Schlucht auf Kreta vor. Diese Regi-
on wurde erst 1979 mit dem Europadiplom geehrt und ist bis heute das einzige Gebiet in Grie-
chenland, das diese Auszeichnung erhielt. Die abgebildeten Landschaften waren touristisch
und/oder naturschützerisch wertvolle, bekannte Regionen.
19 Von 17 Ländern verwendeten zwei Länder nur das Logo (Zypern, Jugoslawien), acht Länder
nur den Slogan (Finnland, Irland, Luxemburg, Schweden, Österreich, Griechenland, Island, Ita-
lien), vier Länder Logo und Spruch (Türkei, Frankreich, Belgien, Schweiz) und weder Spruch
noch Logo bedienten sich drei Länder (Deutschland, Norwegen, Liechtenstein). Irland und
Deutschland bildeten Ausnahmen, da Irland ein nationales Logo verwendete und die Wörter
von Deutschlands Slogan zwar ebenfalls im Wörterpool vorkamen, diesem aber nicht entlehnt
waren.
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– Jahr – 1970‹ 20. Den Europagedanken griffen lediglich die Länder auf, die
auch auf das Gedenkjahr Bezug nahmen. Die Verbindung ›Europäischer Na-
turschutz‹ brachte hingegen keine der Nationen auf das Motiv. Dieser befand
sich 1970 noch in den Kinderschuhen und sollte mit diversen Aktionen wie
den Postwertzeichen beworben werden. Das Design der Marken gestaltete sich
von Land zu Land verschieden, viele benutzten das Logo oder den Slogan des
Gedenkjahres: Die teilnehmenden Staaten druckten das offizielle Logo in un-
terschiedlichen Größen und Farben oder verfremdeten es, auch den Slogan
eigneten sie sich auf verschiedene Weise an. Gerade auch an der Freiheit in der
Gestaltung zeigt sich der rein normative und nicht rechtlich bindende Charak-
ter des Europarats.
3 Logo: Zeichen eines europäischen Naturschutzes
Eines der zentralen Gestaltungselemente auf den Marken war das Logo des
Europäischen Naturschutzjahres 1970 (Abb. 15). Dieses vereinte bereits die
geleistete Naturschutzpolitk des Europarats mit den Zielen für eine zukünftige
Zusammenarbeit. Denn das Logo wurde zwar für das Gedenkjahr gewählt, es
bestand aber schon seit Mitte der 1960er-Jahre. Es ist das Ȋlteste Markenzei-
chen europäischen Naturschutzes« 21: das Emblem des sogenannten Europadip-
loms, des European Diploma of Protected Areas of the Council of Europe. Dieses
wurde 1965 aus der Taufe gehoben und zeichnete seit 1966 besondere Natur-
schutzgebiete im Raum des Europarates aus. So verwundert es nicht, dass so-
wohl das Logo an sich als auch Landschaften, die bereits mit dem Europadip-
lom ausgezeichnet wurden, sich auf den Marken einiger Länder wiederfanden.
Nach der Analyse des Logos folgen Markenbeispiele einiger Länder.
Das Logo nutzt sowohl den Sternenreigen der 1955 eingeführten Europa-
ratsflagge als auch ein typisches Symbol für die Natur im Allgemeinen und den
20 Zwölf der 17 Länder bedienten sich sieben Komposita rund um den Begriff ›Natur‹. Sechs der
sieben Komposita wiesen direkt auf das Ereignis hin, entweder mit dem Begriff ›Jahr‹, mit der
Jahreszahl ›1970‹ oder mit beidem zusammen: ›Europäisches Naturschutzjahr 1970‹ (Griechen-
land, Österreich, Türkei), ›Europäisches Naturschutzjahr‹ (Irland, Italien), ›Naturschutzjahr
1970‹ (Schweden), ›Europäisches Jahr der Natur 1970‹ (Frankreich), ›Jahr der Natur 1970‹
(Schweiz), ›Naturschutz 1970‹ (Finnland, Island). Auf ›Europa‹ verwiesen nur drei der sieben
Zusammensetzungen und immer in Verbindung mit dem Gedenkjahr. Recht allgemein auf den
›Naturschutz‹ machten zwei Länder aufmerksam, wobei Belgien sich zusätzlich des Logos be-
diente und lediglich Luxemburg den Begriff ›Naturschutz‹ ohne weitere Spezifizierung verwen-
dete.
21 Wöbse: Die ausgezeichnete Natur Europas.
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Naturschutz im Speziellen, den Baum. 22 Die im gleichen Abstand zueinander
und kreisförmig angeordneten zwölf Sterne symbolisieren Europa als ideelle
Gemeinschaft von gleichberechtigten Partnern in einer auf ewig angelegten
Verbindung, unabhängig von der wechselnden Anzahl der Ratsmitglieder. Die
Flagge steht für Einheit und Frieden in Europa, für dessen Identität und Werte.
So verweist das Symbol auf ein gemeinsames (politisches) Projekt, das alle
Europäer/innen einen soll, ungeachtet ihrer (nationalen) Unterschiede. 23 Der
Baum besteht aus drei Wurzeln, einem kräftigen Stamm und einer symmetri-
schen Krone aus Ästen mit 18 Blättern – zum Zeitpunkt der Logoentwicklung
gehörten genau 18 Länder dem Europarat an. Das Logo repräsentiert eine
europäische Natur- und Umweltschutzpolitik, die nach dem Zweiten Welt-
krieg im Entstehen begriffen war. Es half, in der Öffentlichkeit Aufmerksam-
keit für dieses Thema zu generieren und die Idee einer gemeinsamen europäi-
schen Natur zu konstruieren und zu propagieren. 24
3.1 Im Zentrum des Logos: der (Lebens)Baum
Im Zentrum des Logos steht der Baum. Dieser findet sich jedoch nicht nur auf
dem offiziellen Emblem, sondern auch in abgewandelter Form als Symbol oder
Teil eines nationalen Logos sowie als in der Natur vorkommende Art. Die
Entscheidung für einen Baum liegt nahe. Ein Baum bietet Schutz, er wurzelt
tief in der Erde und seine Krone reicht gleichzeitig in den Himmel. 25 Die Wur-
zeln symbolisieren eine stabile Basis, aus der alles erwächst, die Blätter stehen
für Lebendigkeit. Zudem wurde der Baum mit der Zeit selbst als (Me-
ta)Zeichen gedeutet: 26 Er steht nicht mehr für sich selbst als konkreter Baum
irgendwo auf der Erde, sondern gewann eine weitere, übergreifende kulturelle
22 Das Emblem wandelte sich mit der Zeit: Die Wurzeln gingen im Laufe der Modernisierung des
Zeichens verloren. Auch die zwölf Sterne wurden durch einen rahmenden Kreis ersetzt, der
durch Text unterbrochen ist. Auf zwei Ebenen steht sowohl der Hinweis, was verliehen wird
(European Diploma of Protected Areas), als auch, von wem (Council of Europe). Zudem ist das
Logo gegenüber der anfangs meist schwarzen Darstellung nun in Hellgrün gehalten.
23 Die Zahlensymbolik bedient sich der Bedeutungszuschreibung des christlich-abendländisch
geprägten westlichen Kulturkreises (vgl. Conseil de l'Europe: Pavoiser européen, Straßburg
[o. J.], im Internet unter: https://www.cvce.eu/de/obj/pavoiser_europeen-fr-0fab63df-d5c3-
41a5-ac49-da913609423a.html (letzter Zugriff: 6. Juni 2018)).
24 Vgl. Wöbse: Die ausgezeichnete Natur Europas.
25 Vgl. The Archive for Research in Archetypical Symbolism: Das Buch der Symbole. Betrachtun-
gen zu archetypischen Bildern, Köln 2011, S. 130 (Baum) und S. 140 (Wurzeln).
26 Vgl. Bärbel Kühne: Das Naturbild in der Werbung. Über die Emotionalisierung eines kulturel-
len Musters, Frankfurt am Main 2002, S. 48–49.
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Bedeutungsebene hinzu. 27 Ähnlich wie Wasser(tropfen) oder die Farbe Grün
symbolisiert er den Kreislauf des Lebens. Seine Bedeutung geht im Rahmen des
Europadiplom-Logos sogar über die des Lebensbaumes hinaus, was sich in der
hier vorgestellten ursprünglichen Variante mit dem Sternenkranz und den drei
Wurzeln sogar noch deutlicher zeigt: Der Baum steht sowohl für das beschüt-
zende Subjekt – den Europarat – als auch für das zu schützende Objekt – die
Natur. 28 Es folgen drei Länderbeispiele, die sich auf unterschiedliche Weise
dem Motiv ›(Lebens)Baum‹ angenähert haben.
3.1.1 Schweiz
Ganz prominent setzte die Schweiz das offizielle Logo des ENJ ein (Abb. 15).
Sie nutzte dieses auf ihrer einzigen Marke als singuläres Stilelement. Der in den
drei offiziellen Landessprachen aufgedruckte Slogan ›Jahr der Natur 1970‹
umrahmt es. Im Gegensatz zu den anderen Ländern, die das Symbol einfarbig
nutzten, ist dieses bunt gehalten. Das Blau des Hintergrundes und das Gelb der
Sterne lässt die Nähe des Logos zur Europaflagge deutlich hervortreten, das
Braun und Grün zeichnen einen kräftigen, lebendigen Baum.
Farben zu verwenden, bedeutet, Stimmungen und Emotionen aufzurufen,
die je nach kulturellem Hintergrund auch unterschiedlich konnotiert sein
können. Aus deren Grundassoziationen, den kulturell abhängigen Grunder-
fahrungen beziehungsweise Grundkenntnissen der Menschen im Zusammen-
hang mit diesen Farben können sich weitere Bedeutungsebenen ergeben. Blau
steht kulturübergreifend für Himmel und/oder Wasser. In diesem Zusammen-
hang symbolisiert es den Himmel, der das ganze Abendland (aber auch die
ganze Erde) umspannt. Gelb zeigt die Leben spendende Sonne und Wärme an,
Grün gilt in der westlichen Kultur als Symbol für die Natur, Vegetation sowie
Wachstum und Braun steht für Erde. 29 Der Zusammenhang dieser Farben lässt
sich mit Kühne wie folgt interpretieren:
27 »Das Bild eines Baumes stellt also nicht einen bestimmten Baum an einem bestimmten Ort zu
einer bestimmten Zeit dar, sondern es verweist auf die ihm immanenten konkreten wie überge-
ordneten Konnotationen wie Material (Holz), Natur und Umwelt, Wachstum, Stärke, Dauer-
haftigkeit, Kraft, Leben, die sich dann in Kombination mit anderen Zeichen dem Betrachter er-
klären.« (ebd., S. 48).
28 »Er diente als visuelle Metapher sowohl für die zu schützende Natur als auch für das euro-
päische Projekt an sich: ein Gewächs mit starken Ästen und vielen Blättern.« (Wöbse: Die aus-
gezeichnete Natur Europas). Der Baum wird zu einer Ikone, mit Gisela Parak könnte man auch
von einem Eco-Image sprechen (Gisela Parak: Introduction, in: dies. (Hrsg.): Eco-Images. His-
torical Views and Political Strategies, München 2013, S. 5–9).
29 Vgl. Kühne: Das Naturbild in der Werbung, S. 73, 74, 170 und 190.
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»Mittels der Farben Blau und Gelb, bzw. Blau und Orange wird die Natur und die Bezie-
hung des Menschen zur Natur interpretiert: Distanz ebenso wie Nähe. Blau ist die Farbe
des Himmels und der Weite der Natur, Orange ist die Farbe der Wärme und der Nähe
menschlichen Miteinanders, – in der Mitte liegt das Grün, ausgleichend und beruhigend,
die Gewissheit mit sich bringend, dass die Natur real fassbar ist und Mensch und Natur
miteinander verbindet.« 30
Ob die Farben bereits das ursprüngliche Logo des Europadiploms zierten und
damit eine Entscheidung des Europarats waren oder ob die Verantwortlichen
der Schweiz diese Farbgebung wählten, lässt sich heute nicht mehr feststellen.
Nichtsdestotrotz bekannte sich die Schweiz gerade mit der Entscheidung für
die prominente Platzierung des offiziellen Emblems und dessen auffälliger
Farbgebung zu Europa und den Aktivitäten des Europarats in Sachen Natur-
schutz.
3.1.2 Irland
Neben der Schweiz bediente sich auch Irland eines Logos, jedoch nicht des
europaweiten Symbols für das Naturschutzjahr, sondern des eigenen Landes
(Abb. 4). Dieses Emblem verwendeten Beteiligte, wenn sie Aktionen im Rah-
men des Europäischen Naturschutzjahres durchführten. 31 Auf zwei Marken, in
Ocker (6 Irische Pence) und Lila (9 Irische Pence) gehalten, prangt rechts ne-
ben dem in Schwarz und auf Gälisch geschriebenen Slogan Europäisches Na-
turschutzjahr ein weißes Logo. Je zwei Wurzeln aus zwei unterschiedlichen
Richtungen verjüngen sich zu einem aus zwei Strängen bestehenden Stamm
beziehungsweise Stängel; es könnte auch den unteren Teil eines Pfeils symboli-
sieren oder unterschiedliche Wege, die sich zusammenfinden und schließlich
in eine Richtung weisen. Diese zwei Stränge erweitern sich wiederum zu einer
kreisförmigen Struktur aus vier Quadranten, die aus drei mal zwei Formen
besteht, welche an (Wasser)Tropfen erinnern; aus den beiden tropfenartigen
Gebilden im linken Quadranten entsteht ein stilisierter Vogel. Man könnte
diese Figur wahlweise als Blüte oder Baumkrone interpretieren, auf der ein
Vogel sitzt beziehungsweise aus der ein Vogel nach links herausschaut. Je zwei
der Tropfen vereinigen sich zu einer Herzform. Drei dieser herzförmigen Ge-
stalten könnten das irische Nationalsymbol des dreiblättrigen Kleeblatts bil-
30 Ebd., S. 190.
31 Vgl. Europarat (Hrsg.): Nature in Focus. Bulletin of the European Information Centre for
Nature Conservation. European Conservation Year, Straßburg 1970, S. 20, im Internet unter:
https://rm.coe.int/CoERMPublicCommonSearchServices/DisplayDCTMContent?documentId=
090000168069c88f (letzter Zugriff: 6. Juni 2018).
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den, das der Vogel schließlich zu einem vierblättrigen erweitert – einem in
natura schwer zu findenden Symbol für Glück.
Das irische Logo nimmt die Bedeutung des europäischen Symbols (den
Baum mit seinen Blättern) auf und kombiniert es mit einem eigenen nationa-
len, irischen Motiv (Kleeblatt) beziehungsweise stellt die Natur in einer größe-
ren Bandbreite dar, als es der europäische Baum als Pars pro Toto tut: Flora
(Baum, Blume, Kleeblatt) und Fauna (Vogel) wie auch das Leben spendende
Wasser (Tropfen) vereinen sich zu einem Ganzen (Baum des Lebens, Lebens-
zyklus). Dieses ›Ganze‹ ist gut verwurzelt und stabil, es kann gut gedeihen. Zu
diesem Ganzen führen verschiedene Wege, wobei sich auch das Ziel, das kreis-
förmige Gebilde, unterschiedlich ausdifferenzieren lässt. Die verschlüsselte
Botschaft scheint zu lauten: Wenn man national wie international/europäisch
mit Herz (und Verstand) agiert, natürliche Ressourcen achtet und sich um die
(seltene) Natur bemüht, so ergibt sich schließlich ein harmonisches, Glück
bringendes Ganzes, in dessen Lebenswelt alle ihren Platz haben.
3.1.3 Italien
Auch Italien bediente sich der beim Europadiplom-Logo im Zentrum stehen-
den Naturerscheinung: des Baumes (Abb. 16). Doch dieser wurde in einen
ganz anderen motivischen Kontext eingebettet. Die Marke zeigt eine stilisierte
Landschaft, bestehend aus Wiesen, einem Industriekomplex (oder einer Stadt),
einer Erhebung, die nicht klar zu definieren ist (Fels, Abfallhalde oder Roh-
stofflieferant), sowie einem Baum ohne Blätter. Die Wiesen erscheinen in ei-
nem saftigen Grün, während der Gebäudekomplex in Rot (20-Lire-Marke)
beziehungsweise Graublau (25-Lire-Marke) gehalten ist. Ebenfalls in Rot be-
ziehungsweise Graublau umwölbt wie ein schützendes Band der auf Italienisch
geschriebene Slogan ›Europäisches Naturschutzjahr‹ das Motiv: ›Annata Euro-
pea‹ (Europajahr) steigt links auf, ›Per La Salvaguardia‹ (zum Schutz) über-
schreibt das Ganze und ›Della Natura‹ (der Natur) fällt rechts herunter.
Die (noch?) grüne Wiese scheint bedroht; in diese ursprüngliche Natur
frisst sich ein relativ großer Industrie- oder Stadtkomplex. Aus den beiden
Schloten, die das eng bebaute Gebiet überragen, steigt Rauch. Dieser scheint
den einen (oder einzig noch verbliebenen) Baum zum Absterben zu bringen, er
besteht nur noch aus seinem Gerippe. Der letzte Buchstabe von ›Natura‹
scheint an die schwer definierbare Erhebung in der Landschaft anzudocken.
Dies ist das einzige Objekt auf der Marke, das sowohl grün als auch rot oder
blaugrau gefärbt ist. Man könnte denken, dass der Schriftzug, der wie die Häu-
ser, Schornsteine und der Rauch in Rot oder Blaugrau daherkommt, die ›Ver-
giftung‹ der Umgebung in sich aufnimmt und die Natur wieder zum Leben
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erweckt. Der Slogan begrenzt zudem das Wachstum der Gebäude wie auch
eine noch größere Ausbreitung des Rauches. Das Motto scheint zu lauten: Die
Aktivitäten des Europäischen Naturschutzjahres bringen die Natur wieder zum
Atmen und verbessern damit auch die Lebenswelt der Menschen.
So kam der Baum auf den Marken unterschiedlicher Nationen in verschiede-
nen Ausführungen auf das Motiv: Die Türkei wies neben den beiden hier nä-
her vorgestellten Ländern ebenfalls symbolisch mit verdorrten Sträuchern in
einer Wüstenlandschaft und einem verkohlten Baumstamm inmitten eines
Flammenmeeres auf Versteppung und Waldbrände hin (Abb. 2). Selbst wenn
Länder wie Belgien (Abb. 12) oder Griechenland (Abb. 11) die schlichteste
Möglichkeit wählten – die Darstellung einer bestimmten Baumart als Beispiel
typischer nationaler Vegetation – rekurrierte dieser Baum nie allein auf sich
selbst: Er stand für das ausgebende Land, dessen naturräumliche Gegebenhei-
ten, und im optimalen Fall verwies er auf ein (mit dem Europadiplom ausge-
zeichnetes) Naturschutzgebiet. Aber auch eine solche Darstellung konnte den
Bedeutungsbereich eines Baumes als Symbol für das Leben aufrufen. Diese
Konnotation war jedoch stärker bei den Marken, die den Baum als Teil eines
Logos oder einer symbolischen Darstellung verwendeten. So konnte ein Baum,
positiv und kraftvoll gewendet, auf eine utopische Zukunft verweisen, in der
Lösungen für Probleme gefunden werden beziehungsweise in der auf Gemein-
schaft und Zusammenhalt gebaut wird. Negativ gewendet, warnte ein zerstör-
ter Baum vor einem dystopischen Morgen, in dem das Leben aller Kreaturen
bedroht ist. All diesen verschiedenen Darstellungsmöglichkeiten war jedoch
eins gemeinsam: Der Baum stiftete grenzübergreifend Identität.
3.2 Mit Europadiplom ausgezeichnete Landschaften
Das Logo wies, wie schon beschrieben, nicht nur auf das europäische Aktions-
jahr hin, sondern auch auf die mögliche Auszeichnung von für Europa bedeu-
tenden Landschaften mit dem Europadiplom. Daher verwundert es nicht, dass
die Motive einiger Länder eben diese ausgezeichneten Gebiete zeigten. Ziel
dieser symbolischen Politik, dieser »neue[n] Form der ideellen Aneignungspo-
litik«, war es, »eine mentale Karte Europas« zu entwerfen, »die ein räumliches
Äquivalent zu den gemeinsamen Werten und dem gemeinsamen Erbe des
Kontinents liefern sollte«. 32 Diese Idee erweiterte das Europäische Naturschutz-
jahr 1970 sogar noch: Mithilfe nationaler wie internationaler Aktionen in die-
sem Jahr wurde nicht nur eine mental map (Frithjof Benjamin Schenk) ge-
32 Wöbse: Die ausgezeichnete Natur Europas.
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schaffen, sondern auch der Integrationsprozess zu einer imagined community
(Benedict Anderson) vorangetrieben. So nennt die Umwelthistorikerin Anna-
Katharina Wöbse das Europadiplom-Logo den »visuelle[n] Auftakt einer Ge-
schichte der Verdichtung europäischer Naturschutzbeziehungen«, ein Thema,
das auch über Nationalgrenzen hinweg die Kraft hatte, in der europäischen
Bevölkerung als »allgemeingültig und identitätsstiftend« zu gelten. 33
Wöbse spricht bei der Verleihung des Europadiploms von einer »Symbolpo-
litik«, da es »weder mit Geld noch mit Sanktionsmöglichkeiten, weder mit
verbindlichen Standards noch mit Gesetzestexten« verbunden war. 34 Nichts-
destotrotz sahen die Verantwortlichen des Europarates, aber auch diejenigen,
die sich um die Auszeichnung bemühten, darin mehr als eine internationale
Auszeichnung besonders schützenswerter Landschaften. Denn die Vertreter
der Gebiete, die sich um das Diplom und auch um seine Verlängerung bewar-
ben, setzten sich nicht nur für die eigene Region ein, sondern bekannten sich
auch zu Europa: Die Gebiete waren daher nicht nur national, sondern auch
international von Bedeutung. 35 »Die Vergabe des Europadiploms diente zum
einen der Produktion einer europäischen Identität, zum anderen der Populari-
sierung des grenzüberschreitenden Naturschutzes.« 36 In diesem symbolischen
Akt wurden weder Gesetzestexte noch Grenzwerte verhandelt. Auf diese Weise
konnte der Europarat zwar keine Natur- und Umweltpolitik betreiben, schon
gar nicht auf nationaler Ebene. »Aber der Europarat besaß eine normative
Kraft. Seine Stärke, die er besaß, war die Aura des europäischen Integrations-
projektes und die damit verbundene Aufmerksamkeit.« 37 Der Schwerpunkt der
Vergabe lag bei Naturschutzgebieten, die schon auf eine lange Tradition zu-
rückblicken konnten und teilweise auch »Ikonen der Naturschutzbewegung
des frühen 20. Jahrhunderts« 38 waren, wie die französische Camargue oder die
Krimmler Wasserfälle in Österreich. Diese beiden Landstriche fanden sich
auch auf den Marken zum ENJ, die im Folgenden näher betrachtet werden.
33 Wöbse: Die ausgezeichnete Natur Europas.
34 Ebd.
35 Vgl. Sonnewend-Wessenberg: Grußbotschaft namens der zuständigen Vertreter des Europara-
tes anläßlich »25-Jahr-Jubiläum« Europäisches Naturschutzdiplom für die Krimmler Wasserfäl-
le 18. Oktober 1992 in Krimml, in: Peter Haßlacher: Krimmler Wasserfälle. Festschrift 25 Jahre
Europäisches Naturschutzdiplom 1967–1992, 1993, S. 15–16, hier: S. 16, aber auch die anderen
Grußworte in dieser Veröffentlichung; siehe dazu auch: Wöbse: Die ausgezeichnete Natur Eu-
ropas.
36 Ebd.
37 Ebd.
38 Ebd.
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3.2.1 Frankreich
Die Rosaflamingos, die flamants roses, auf der französischen Marke wiesen
indirekt auf eines der drei ältesten mit dem Europadiplom ausgezeichneten
Schutzgebiete hin (Abb. 6): Die Camargue 39 ist eines der bedeutendsten Brut-
gebiete dieser Vögel in Europa. Frankreich gab nur diese eine Marke im mehr-
farbigen Stichtiefdruck heraus. Aber in dieser verdichteten sich alle möglichen
Modi, auf das Ereignis hinzuweisen. Es war das einzige Land, das sich aller
darstellerischen Möglichkeiten bediente, die auf den vierzig Marken zu finden
sind: Es verwendete das Logo, den fast vollen Slogan ›Année européenne de la
nature 1970‹ sowie ein für den Naturschutz in Frankreich ikonisches Tier samt
dessen Bezeichnung in der Landessprache. Der Grafiker zeigte den Vogel je-
doch nicht nur als einzelnes Exemplar und in naturgetreuer Darstellung, son-
dern in seinem Habitat einer (Brut)Kolonie im Süden Frankreichs. Diese Um-
gebung wiederum ist ebenso ikonisch aufgeladen: Sie war bezogen auf den
Naturschutz eines der umkämpftesten Gebiete Frankreichs beziehungsweise
Europas. Die Region ist international von Bedeutung und wurde 1966 ausge-
zeichnet, im ersten Jahr, in dem das Europadiplom vergeben wurde. Ebendiese
internationale Auszeichnung verhalf dazu, das Reservat auf nationaler Ebene
zu verteidigen und somit zu retten. 40 Mit dem Hinweis auf das Europadiplom
über das Motiv wie auch über das verwendete Logo schließt sich der Kreis hin
zum Europäischen Naturschutzjahr im Speziellen und zum Naturschutz im
Allgemeinen. Denn neben der auch farblich naturgetreuen Darstellung der
Vögel in Weiß, Grau und Rosa ist Grün die vorherrschende Farbe. In dieser ist
das Logo gehalten, sie umgibt aber auch das gesamte Motiv wie einen Rahmen.
Diese Farbe ist traditionellerweise die Farbe des Naturschutzes, weist sie doch
auf die Natur beziehungsweise das Leben als Ganzes hin.
3.2.2 Österreich
Österreich bediente sich einer ähnlichen Vorgehensweise, wenn auch weniger
offensichtlich (Abb. 10). Diese Nation verausgabte ebenfalls nur eine Marke,
die ein mit dem Europadiplom ausgezeichnetes Gebiet zeigt. Dieses diente
hierbei jedoch nicht als Staffage für die im Vordergrund stehende Darstellung
der dort ansässigen Tier- oder Pflanzenwelt, sondern wurde als ausgezeichnete
39 Eine ähnliche Interpretation ließe sich auch anhand der finnischen Marke durchführen, die
einen Steinadler zeigt, der gerade im Begriff ist, sein Junges im Horst eines Baumes zu füttern
(Abb. 3). Einer seiner Lebens- und Bruträume befindet sich im Norden des Landes, der einige
der ältesten Schutzgebiete Finnlands birgt (vgl. http://www.nationalparks.fi/en/oulankanp/
history; http://atlas3.lintuatlas.fi/results/species/golden%20eagle (letzter Zugriff: 6. Juni 2018)).
40 Vgl. Wöbse: Die ausgezeichente Natur Europas.
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Landschaft selbst dargestellt, die wiederum eine ganz eigene, teils gefährdete
Flora und Fauna aufwies: der obere Teil des Naturdenkmals Krimmler Wasser-
fälle. Die Fälle besuchten schon Anfang des 19. Jahrhunderts Reisende vorwie-
gend aus dem Vereinigten Königreich und aus den USA. 41 Mit der aufkom-
menden Gewinnung elektrischer Energie durch Wasserkraft entstanden so
bereits Ende des 19. Jahrhunderts Konflikte um die touristische oder wirt-
schaftliche Nutzung der Fälle. Diese Streitigkeiten fielen im Laufe der Jahr-
zehnte immer wieder zu Gunsten des Naturschauspiels aus. 42 Die sich unter
anderem daraus ergebende Verpflichtung aller Österreicher »nicht nur vor der
Zukunft, sondern auch vor der Vergangenheit« 43 zum Schutz der Fälle be-
schwor der Botaniker und Naturschützer Gustav Wendelberger bereits in den
1950er-Jahren. Dieses »Herzstück« eines geplanten Nationalparks Hohe Tau-
ern könne nicht veräußert werden, wäre doch ein Park »ohne sein schönstes
Juwel sinnlos«. 44 1983 wurden die ausgezeichneten Fälle schließlich als ein
»Kristallisationspunkt« 45 in den in jenem Jahr neu gegründeten Nationalpark
Hohe Tauern einbezogen, das »größte Schutzgebiet in den Alpen« bezie-
hungsweise den »größte[n] Nationalpark in Mitteleuropa«. 46 Damit ging der
Wunsch Wendelbergers in Erfüllung, einen der traditionsreichsten »Kardinal-
punkte des österreichischen Naturschutzes« 47 auch für die Zukunft zu sichern.
In dieser Tradition stand auch die Auszeichnung der Fälle mit dem Europadip-
lom.
Der mit 380 Metern 48 zweithöchste Wasserfall Europas und fünfthöchste
weltweit erhielt die Auszeichnung neben fünf weiteren Schutzgebieten im
Jahre 1967. So gab es bis auf die Nichtverleihung oder Aberkennung des Dip-
loms keine Sanktionsmöglichkeiten, aber eine moralische Wirkung blieb nicht
aus. Dass der Impetus dieser »Symbolpolitik« 49 in Österreich durchaus Ge-
wicht hatte, zeigte sich auch in den Festreden zur ersten Vergabe des Diploms
41 Vgl. Österreichischer Alpenverein: 100 Jahre Wasserfallweg. 1901–2001, o. O. 2001, S. 7.
42 Zur Geschichte dieser Konflikte siehe beispielsweise: Moritz Herbert: Festrede anläßlich der
Überreichung des Europäischen Naturschutzdiploms am 31. Mai 1969 in Krimml, in: Peter
Haßlacher (Hrsg.): Krimmler Wasserfälle. Festschrift 25 Jahre Europäisches Naturschutzdiplom
1967–1992, Innsbruck 1993, S. 17–19, hier: S. 18; Gustav Wendelberger: Die Rettung der
Krimmler Wasserfälle. Ein Rückblick, in: Natur und Land (1953) 11–12, S. 155–159.
43 Ebd., S. 159.
44 Ebd., S. 155.
45 Peter Haßlacher: Krimmler Wasserfälle und Oesterreichischer Alpenverein, in: ders.: Krimmler
Wasserfälle. Festschrift 25 Jahre Euroäpisches Naturschutzdiplom 1967–1992, Innsbruck 1993,
S. 4–5, hier: S. 4.
46 Österreichischer Alpenverein: 100 Jahre Wasserfallweg, S. 7.
47 Gustav Wendelberger: Krimmler Wasserfälle, Gesäuse, Gamsgrube. Die Kardinalpunkte des
österreichsichen Naturschutzes, in: Natur und Land (1951) 12, S. 199–202.
48 Vgl. Österreichischer Alpenverein: 100 Jahre Wasserfallweg.
49 Wöbse: Die ausgezeichnete Natur Europas.
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1967 und zum 25. Jahrestag dieser Verleihung im Jahre 1992, die das Euro-
padiplom und die darin verabredete Schutzverpflichtung ernst nahmen. 50
Die den Wasserfällen zugesprochene (umwelt)politische ästhetische Quali-
tät spiegelte sich auch in der ausgewählten Herstellungsart der Briefmarke.
Während sich die meisten Länder für ein günstigeres Druckverfahren ent-
schieden, wählten die Österreicher genauso wie die Franzosen mit dem Stich-
tiefdruck ein besonders hochwertiges und traditionelles. Dieser Druck galt
unter Philatelisten und Verantwortlichen für die Briefmarkengestaltung als
edelste Technik. 51 Im Gegensatz zu den meisten Ländern verausgabten beide
Länder nur ein Postwertzeichen. Der einzelnen Marke kam damit ein größerer
Stellenwert zu, der sich auch durch ein höherwertiges Druckverfahren aus-
zeichnete, was auch den Landestraditionen entsprach. Auf ihre je eigene Weise
zeigten die beiden Nationen die dem dargestellten Thema zugeschriebene
Bedeutung: Frankreich über die verwendeten naturgetreuen und ikonischen
Farben, Österreich über die aufwendige, detailreiche und großflächige Darstel-
lung. 52 Das Motiv schimmerte bei beiden Ländern in der Farbe des Natur-
schutzes: Grün. Im Gegensatz zu Frankreich, das einen plakativen Farbton
wählte, entschied sich Österreich für ein einheitliches, gedeckteres Grün, das
eher dem gewählten edlen Verfahren entsprach. Rein ästhetisch orientierte sich
dieses Land an Druckgrafiken und verstärkte dadurch diesen Eindruck. Als
Beschriftung wählte der österreichische Grafiker weder das Logo noch die
geografische Bezeichnung, sondern lediglich den Slogan. Dieser ist wie bei
Griechenland und der Türkei voll ausgeschrieben und übertitelt die gesamte
Marke: Europäisches Naturschutzjahr 1970. Wie Frankreich – und doch ganz
anders – nahm sich Österreich einer der ikonischen Landschaften des europäi-
schen Naturschutzes an.
50 Vgl. Moritz Herbert: Festrede anläßlich der Überreichung des Europäischen Naturschutzdip-
loms am 31. Mai 1969 in Krimml, in: Peter Haßlacher: Krimmler Wasserfälle. Festschrift 25
Jahre Europäisches Naturschutzdiplom 1967–1992, Innsbruck 1993, S. 17–19; Harald Kremser:
Geleitwort, in: Peter Haßlacher: Krimmler Wasserfälle. Festschrift 25 Jahre Europäisches Na-
turschutzdiplom 1967–1992, Innsbruck 1993, S. 6; Hans Katschtahaler: Festansprache anläßlich
des Festaktes »25-Jahr-Jubiläum« Europäisches Naturschutzdiplom für die Krimmler Wasser-
fälle 18. Oktober 1992 in Krimml, in: Peter Haßlacher: Krimmler Wasserfälle. Festschrift 25
Jahre Euroäpisches Naturschutzdiplom 1967–1992, Innsbruck 1993, S. 9–11.
51 Das Motiv wird seitenverkehrt in eine Stahlplatte gestochen, die die Vorlage für die in einem
mehrstufigen Verfahren entstehende Druckplatte oder -zylinder bildet. Die in den Vertiefungen
der Druckvorlagen befindliche Farbe wird auf das Markenpapier gepresst, weshalb die Farbe auf
der Marke reliefartig erhaben wirkt (zu den einzelnen Druckverfahren siehe: Wolfgang Maas-
sen: Echt oder falsch?, Schwalmtal 2003, S. 217–226).
52 Auch bei der Größe gibt es Unterschiede: Die österreichische Marke ist fast doppelt so groß wie
die französische: 33x43 mm bei Österreich im Vergleich zu 21,5x36 mm bei Frankreich.
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4 Besondere Fälle
4.1 Großbritannien und Liechtenstein
Nicht nur Frankreich und Österreich beschritten ihren ganz eigenen Weg,
jedes Land zeigte seinen eigenen Zugang zur Gedenkmarkenherstellung im
Allgemeinen und zum gewählten Motiv im Besonderen. Bemerkenswert ist
beispielsweise, dass Großbritannien keine Postwertzeichen verausgabte, ob-
wohl es den maßgeblichen Anstoß für den Europarat lieferte, dieses Feierjahr
auszurufen. 53
Liechtenstein wiederum nahm das ENJ zum Anlass, eine Viererserie mit
Blumen herauszugeben (Abb. 8). Es war aber das einzige Land, das lediglich
über die Darstellung teils gefährdeter einheimischer Pflanzenarten zum Natur-
schutz aufrief und die Käuferinnen und Käufer nicht einmal mit einer Benen-
nung der botanischen Motive an die Hand nahm. Doch bereits 1966 gab das
Land eine Sonderserie zum Naturschutz heraus mit positiv konnotierten Sym-
bolen zu den Bereichen ›Gesunde Erde‹, ›Reine Luft‹, ›Sauberes Wasser‹ und
›Schutz der Natur‹. 54 Auf solche Themen musste beispielsweise die Bevölke-
rung der BRD noch sieben Jahre warten; 1973 nahmen sich ebenfalls vier Mar-
ken der ersten Umweltschutz-Serie in einem motivischen Vorher/Nachher-
beziehungsweise Dystopie/Utopie-Vergleich der hier dem Umweltschutz zu-
geordneten Bereiche an: Luftreinhaltung, Lärmbekämpfung, Abfallbeseitigung,
Wasserhaushalt. Eine ebenfalls schon vorbereitete Marke zum Bodenschutz
wurde nicht ausgegeben. 55 1970 dagegen war die Blumen-Serie von Liechten-
stein unter allen zum ENJ 1970 herausgegebenen Marken die Serie, über die
mithilfe der Markenmotive am wenigsten auf das Thema rückgeschlossen
werden konnte.
53 Vgl. Schulz: Das Europäische Naturschutzjahr 1970, S. 8. Es würde sich aus diesem Grund
lohnen, in einem weiteren Forschungsbeitrag der Ausgabepolitik für Natur- und Umwelt-
schutzmarken im Vereinigten Königreich nachzugehen.
54 Michel, Liechtenstein, 460–463; siehe auch: Paul Hochstraßer: Postwertzeichen für Natur-
schutz, in: Natur- und Nationalparke 18 (1967) 5, S. 48–51, BArch Koblenz, B 257/42208/147–
150.
55 Michel, BRD, 774–777; siehe auch den Abschnitt Umweltgeschichte in: René Smolarski/Silke
Vetter-Schultheiß: Die Briefmarke als historische Quelle, in: philatelie 484 (2017) Oktober,
S. 29–31, hier: S. 29–30.
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4.2 Deutschland
Wie bei der liechtensteinischen Serie gaben auch die bundesdeutschen Post-
wertzeichen keinen direkten Hinweis auf das Europäische Naturschutzjahr.
Weder erschienen die Marken 1970, noch zeigte irgendein Motiv oder Slogan
an, dass es sich um Marken zum Gedenkjahr handelte. Doch genau darauf
nahmen entsprechende Veröffentlichungen des Bundespostministeriums Be-
zug und gaben darin zum Ausdruck, dass dieses der Anlass für die Markenaus-
gabe gewesen sei. Der ungewöhnliche Entstehungskontext der Marken samt
ihrer Motive lässt sich aber erst anhand von Akten des Postministeriums nach-
zeichnen. Dieses Beispiel zeigt, wie einzelne Postwertzeichen oder Serien nicht
nur einen spezifischen Ausgabeanlass repräsentierten, sondern manchmal in
ihrer bewusst wage verfassten Allgemeinheit einem ganzen Strauß von Zielen
dienen sollten. Dies galt ganz besonders für die deutsche Naturschutzserie von
1969.
4.2.1 Europäisches Naturschutzjahr 1970
Schon Anfang 1968 fragte der Oberlandforstmeister im Bundesministerium für
Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (BMELF) und Vorsitzende des Natio-
nalen Komitees für das Europäische Naturschutzjahr 1970, Dr. Herbert Off-
ner, 56 bei der Postverwaltung an, ob Pläne für Sonderpostwertzeichen anläss-
lich des 1970 stattfindenden Europäischen Naturschutzjahres bestünden. Der
Präsident des Vereins Naturschutzpark e. V., Alfred Toepfer, habe ihn auf eine
Briefmarkenserie mit Landschaftsdarstellungen aufmerksam gemacht, die
Offner irrtümlicherweise als Marken für das ENJ ansah. Der Komitee-
Vorsitzende äußerte die Bitte, an der Entwicklung der Marken beteiligt zu
werden. 57 Die Postverwaltung wies jedoch darauf hin, dass die genannte Vie-
rer-Serie Schützt die Natur als ›Sammelmarken‹ für alle möglichen Organisati-
onen und Themen rund um den Begriff der ›Natur‹ ohne einen bestimmten
Anlass 1969 und bisher noch ohne bekanntes Veröffentlichungsdatum ausge-
geben werde. 58 Offner bedauerte die Entscheidung des Postministeriums und
wies auf die gesellschaftliche Relevanz dieses Ereignisses für Deutschland und
die restlichen europäischen Länder hin. Er bat darum, die Marken zumindest
Anfang 1970 herauszubringen, in zeitlicher Nähe zum Europäischen Natur-
56 Vgl. Kurzprotokoll über die Dienstbesprechung des Nationalen Komitees für das Europäische
Naturschutzjahr 1970 am 15. Januar 1969, BArch Koblenz, B 257/42208/33–40.
57 Vgl. BMELF Offner an BPM Moering vom 12. Februar 1968, BArch Koblenz, B 257/42208/73.
58 Vgl. BPM Moering an Offner vom 21. Februar 1968, BArch Koblenz, B 257/42208/72.
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schutzjahr. 59 Lediglich mit der Möglichkeit von Sonderstempeln und Hinwei-
sen auf das ENJ in Veröffentlichungen kam das Postministerium Offner entge-
gen. Dieser gab sich vordergründig damit zufrieden und sah die Markenausga-
be als »geeignete[n] Auftakt« für die deutschen Aktivitäten rund um das Euro-
päische Naturschutzjahr an. 60 Doch noch Anfang 1969 hofften die Verant-
wortlichen, das Postministerium umstimmen zu können. Offner fragte bei
verschiedenen Zusammenkünften und auch schriftlich nach. 61 Das Postminis-
terium informierte ihn jedoch nicht mehr über den Fortgang der Markenent-
wicklung. Stattdessen erhielt er im Mai 1969 nach einer weiteren Nachfrage
seinerseits das Amtsblatt und das Druckblatt, mit denen das Postministerium
die Öffentlichkeit über die bereits fertigen Marken informierte. 62 Dies heißt:
Weder wurde der Ausgabetermin von Schützt die Natur nach hinten verscho-
ben, noch gab das Postministerium eine eigene Marke heraus oder druckte das
offizielle Emblem auf die vier Marken. Kurioserweise wird als Ausgabeanlass
sehr stark auf das Europäische Naturschutzjahr abgehoben, sodass diese Mar-
ken dem Quellenkorpus dieses Artikels hinzugerechnet werden müssen. Off-
ner leitete das Druckblatt der Naturschutzserie an den Europarat in Straßburg
weiter und forderte den Deutschen Naturschutzring auf, der mit der Ausfüh-
rung des Naturschutzjahres in Deutschland beauftragt war, die Mitgliedsver-
bände sollten ihre Post mit den Marken frankieren. 63 Der Naturschutzring kam
dieser Bitte nach und versandte Druckblätter an die Mitgliedsverbände, um
diese über die Marken zu informieren. 64 So ist anzunehmen, dass die Marken
im Rahmen des bundesdeutschen Schriftverkehrs mit Bezug zum Europäischen
Naturschutzjahr verwendet wurden und der Zusammenhang zumindest inte-
ressierten Kreisen bekannt war.
4.2.2. Anfänge
Mit diesen Marken lässt sich nicht nur eine Geschichte des ENJ schreiben,
sondern auch noch eine weitere, die eng mit der Ausgabepolitik des Bundes-
59 Vgl. BMELF Offner an BPM Moering vom 14. März 1968, BArch Koblenz, B 257/42208/71.
60 BMELF Offner an BPM Moering vom 3. Dezember 1968, BArch Koblenz, B 257/42208/69.
61 Vgl. Protokoll über die interministerielle Dienstbesprechung am 4. Februar 1969, BArch Kob-
lenz, B 257/42208/28–32, hier: 32; Protokoll über die Dienstbesprechung des Nationalen Komi-
tees für das Europäische Naturschutzjahr 1970 am 15. Januar 1969, BArch Koblenz,
B 257/42208/33–40, hier: 38.
62 Vgl. BMELF Offner an BPM Moering ohne Datum [nach dem 4. Februar 1969], BArch Kob-
lenz, B 257/42208/14; BPM Moering an BMELF Offner vom 7. Mai 1969, BArch Koblenz,
B 257/42208/13.
63 Vgl. BMELF Offner an BPM Moering vom 14. Mai 1969, BArch Koblenz, B 257/42208/12.
64 Vgl. Geschäftsstelle DNR an BPM Moering vom 12. Mai 1969, BArch Koblenz, B 257/42208/15;
SPWZ-Serie ›Schützt die Natur‹, BArch Koblenz, B 257/42208/23.
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postministeriums zusammenhängt: sowohl hinsichtlich der Motive als auch
des Naturschutzes auf Briefmarken. Die Anfänge dieser Serie lagen weit vor
der Zeit, in der man sich über ein länderübergreifendes Gedenkjahr Gedanken
machte: Ganze 14 Jahre dauerte es, bis die Markenserie von der ersten Anfrage
1955 und nach mehreren Absagen schließlich auf Briefen und Postkarten lan-
dete. Dies ist der längste Vorlauf, mit dem Natur- und Umweltschutzmarken
zwischen 1950 und 1990 herausgebracht wurden. Das Postministerium hat
nicht nur diese Anfrage lange abschlägig beschieden, sondern auch Anfragen
beispielsweise von Tierschutzvereinen immer wieder abgewiesen. Im Gegen-
satz beispielsweise zu religiösen Themen spielte Natur(schutz) in den 1950er-
und 60er-Jahren eine untergeordnete Rolle. Mit den seit 1962 herausgegebenen
Jugendmarken mit (beliebten) Tiermotiven sah das Postministerium seine
Schuldigkeit auf diesem Gebiet getan.
Seit 1955 kämpfte Alfred Toepfer für die Darstellung von geschützten Land-
schaften auf Briefmarken. Ab 1954 amtierte er für dreißig Jahre als Präsident
des 1909 gegründeten Vereins Naturschutzpark und prägte die Geschichte von
Naturschutzparks in Deutschland mit. Die Marken sollten dem der Allge-
meinheit dienenden Ziel verpflichtet sein, auf den Naturschutz wie auch auf
Naturparks hinzuweisen. Mehr als eine Dekade lang vertrösteten alle vier da-
maligen Postminister den Vereinsvorsitzenden mit unterschiedlichsten Argu-
menten. Weder der Hinweis auf die gesellschaftliche Relevanz von Naturparks
noch das 50-jährige Bestehen des Vereinsoder Marken Ostdeutschlands mit
ähnlichen Motiven konnten die Postverwaltung umstimmen. Immer wieder
wurden seine Bemühungen mit weiteren Anforderungen abgeblockt und/oder
angemerkt, es gäbe zu viele Anfragen für eine zu geringe Anzahl an jährlichen
Sondermarken. Aber auch Anfragen des Landwirtschaftsministeriums 1958
oder die Bitte einer deutsch-luxemburgischen Vereinigung von 1965, gemein-
sam mit der luxemburgischen Postverwaltung den ersten binationalen Natur-
park in Europa zu unterstützen, liefen ins Leere.
Ebenso verwies die Postverwaltung auf verschiedene während dieser Zeit
herausgegebene Marken. Die Serie Schützt unsere Heimatlandschaft und ihre
Geschöpfe von 1957 thematisierte zum ersten Mal den Naturschutz auf bun-
desdeutschen Briefmarken. 65 Auch die Marke Verhütet Waldbrände! von 1958
wies explizit darauf hin, den Wald zu schützen. Implizit mahnten seit Beginn
der 1960er-Jahre mehrere Serien den Naturschutzgedanken an, so die Serie
Flora und Philatelie von 1963 mit geschützten Pflanzen und die ab 1962 regel-
mäßig erscheinenden Jugendmarken, die teilweise vom Aussterben bedrohte
65 Vgl. BPM an Schmitz und Toepfer vom 8. Mai 1957, BArch Koblenz, B 257/475.
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Tiere zeigten. Die Marken trugen jedoch keine einschlägige Beschriftung, wes-
halb das jeweilige Motiv nicht auf Anhieb als gefährdet erkennbar war.
Nach drei erfolglosen Versuchen in den 1950er-Jahren brachte sich Toepfer
bei dem seit 1957 amtierenden Postminister Richard Stücklen (CSU) 1964
erneut in Erinnerung – ohne Erfolg. 1963 wurde der Verband Deutscher Na-
turparks gegründet. Dieser fungierte als bundesdeutscher Dachverband der
bestehenden Parkträger. Sein erster Präsident wurde Alfred Toepfer. Auch der
Dachverband mahnte Naturpark- beziehungsweise Naturschutz-Marken an.
Diese Anfrage unterstützte der Deutschen Fremdenverkehrsverband. Vermut-
lich, um eine Absage aus persönlichen Gründen zu umgehen, wurde die An-
frage des Verbands Deutscher Naturparks im Auftrag Toepfers verfasst, ohne
ihn explizit zu nennen. Nur im Kleingedruckten konnte man lesen, dass Alfred
Toepfer als Mitglied des Verbands Deutscher Naturparks-Vorstandes fungier-
te. 66 Mitte der 1960er-Jahre häuften sich zudem Anfragen einzelner Natur-
parks. Zu spekulieren wäre, ob die Anfragen der einzelnen Verbände in den
folgenden Jahren auf Toepfers Anregung hin starteten.
Ein weiterer bemerkenswerter Punkt ist das Verhalten des Präsidenten der
Oberpostdirektion Hamburg von 1967, Walter Koropp. Er kannte die verwal-
tungsinternen Abläufe der Postministeriums und saß gleichzeitig im Beirat des
Vereins Naturschutzpark. Aufgrund dieser Doppelfunktion konnte er freier
agieren. Er wies bei dem ab Ende 1966 amtierenden Postminister Werner
Dollinger (CSU) auf die vorangegangenen Versuche des Vereinsvorsitzenden
Toepfers hin. Koropp ließ sich nicht mit dem üblichen Verfahren abspeisen,
dass nicht der Postminister selbst, sondern seine Mitarbeiter antworteten.
Ebenso ignorierte er die Floskel der zu großen Nachfrage und des begrenzten
Kontingentes sowie den Hinweis, dass Tier- und Pflanzenmarken implizit auf
den Naturschutz hinweisen würden. Koropp ging es nicht unbedingt um Land-
schafts-, Tier oder Pflanzenmotive, sondern um einen zusätzlichen schriftli-
chen Hinweis wie ›Naturschutzgebiet‹, ›Landschaftsgebiet‹, ›Schützt die Natur‹,
›Reine Luft‹ oder ›Sauberes Wasser‹. Die Motive allein seien nicht ausreichend,
so seine Meinung; eine Beschriftung sollte die Dringlichkeit der Thematik
hervorheben – dies sei in der BRD vor zehn Jahren das letzte Mal geschehen,
wohingegen andere europäische Länder diese Thematik vor kurzem aufgegrif-
fen hätten. 67
Zudem brachte Koropp neben den bereits aufgeführten Argumenten – Ak-
tualität und gesellschaftliche Relevanz des Themas wie auch die Markenpolitik
anderer Länder – ein zusätzliches vor: Seine Mitstreiter wiesen auf die USA
66 Vgl. Schreiben von Verband Deutscher Naturparke e. V./Dr. Jüttner (Präsident) an BPM vom
3. November 1964, BArch Koblenz, B 257/42208/131–132.
67 Vgl. Antwort von Koropp vom 13. November 1967, BArch Koblenz, B 257/42208/121.
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hin, die als Vorbild für die Schaffung von Naturparks galten. Der Fokus der
früheren Antragsteller lag jedoch auf dem lokalen Natur- und Landschafts-
schutz. Koropp hingegen stellte die Funktion dieser Parks in einen globalen
Zusammenhang und argumentierte damit auf der Höhe der Zeit. Aktuelle
Nationen übergreifende Probleme wie Rohstoffknappheit oder die Verunreini-
gung lebenswichtiger Ressourcen verdeutlichten die Dringlichkeit dieses über
ein Jahrzehnt alten Anliegens, das nun endlich zu bearbeiten sei – und dieses
passte zu den Naturschutz-Zielen des Europarats.
Ob die Hartnäckigkeit Koropps oder die in der Öffentlichkeit immer prä-
senter werdende Naturschutzfrage schließlich den Ausschlag gab, dass diese
Serie ausgeführt wurde, lässt sich nicht abschließend beantworten. Sicher je-
doch ist, dass sich Postminister Dollinger kurz darauf über den negativen Be-
scheid seiner Mitarbeiter hinwegsetzte und vier Werte in Auftrag gab.
4.2.3 Von der Idee zur Marke
Zwölf Jahre nach der ersten Zweier-Serie Schützt unsere Heimatlandschaft und
ihre Geschöpfe von 1957 sollte 1969 allumfassend des Themas ›Natur(schutz)‹
gedacht werden, was auch durch die Anzahl der Marken ausgedrückt werden
sollte. Die oben genannten Befürworter von Naturschutz- beziehungsweise
Naturpark-Marken in der Bundesrepublik schlugen vor, Landschaftsdarstel-
lungen (auch gezielt aus den zu bewerbenden Gebieten wie der Lüneburger
Heide) oder Blumen- beziehungsweise Tiermotive (auch für die Naturparks
typische Flora und Fauna) zu verwenden. Wiederholt wiesen sie darauf hin,
dass mit den Darstellungen nicht nur dem Natur- und Landschaftsschutz,
sondern auch den für das Postministerium einträglichen Motivsammlern ge-
dient sei. Die Art der gewünschten Marken variierte auch, bezogen auf das
Anliegen, von Sonderbriefmarken mit und ohne Zuschlag, als Motivserie der
Wohlfahrts- und Jugendmarken bis hin zur Dauerserie. Auch die Frage der
Beschriftung als zusätzlicher Hinweis auf den Ausgabeanlass stellte sich unter-
schiedlich. Wären manche der Antragsteller schon mit Motiven aus dem Be-
reich ›Natur‹ zufrieden gewesen, forderten andere gezielt auch die Beschriftung
der Marken. 68
Nationen wie Norwegen (Abb. 7), Schweden (Abb. 9), Österreich (Abb. 10)
oder Island (Abb. 14) zeigten auf den ENJ-Marken reale, landschaftlich reiz-
volle Regionen oder Naturdenkmäler, die als Symbole für den Naturschutz
standen. Dies war für das deutsche Postministerium keine Option. Denn noch
68 Schreiben des Präsidenten der OPD Hamburg Walter Koropp an BPM Dollinger vom 16.
August 1967, BArch Koblenz, B 257/42208/124; Antwort von Koropp vom 13. November 1967,
BArch Koblenz, B 257/42208/121.
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waren die Grenzen in den deutschen Gebieten nach dem Zweiten Weltkrieg
nicht endgültig gezogen. Als Motiv für die ausgeführte Serie Schützt die Natur
wählte Dollinger schließlich »vier Werte mit typischen Landschaftsbildern« 69
aus Deutschland – »Seeufer, Mittelgebirge, Hochgebirge und Flußlandschaft«.
Denn Landschaftsmotive – auch wenn sie so nicht eins zu eins in der Realität
existierten – seien sowohl bei Vertretern des Naturschutzes wie auch allgemein
in der Bevölkerung sehr beliebt. 70
Die von vielen Antragstellern gewünschte Beschriftung verwirklichte der
Postminister mit dem schon in den 1950er-Jahren vorgeschlagenen ›Schützt
die Natur‹. Diese Marken verdeutlichten insbesondere, dass für eine einfachere
Einordnung des Anlasses neben einem aussagekräftigen Motiv auch die Be-
schriftung eine wichtige Rolle übernahm. Seit 1957 wiesen einige Postwertzei-
chen implizit auf den Schutzgedanken hin. Doch der Hinweis ›Schützt die
Natur‹ verdeutlichte auch ohne die amtlichen Veröffentlichungen des Postmi-
nisteriums mit Informationen zu Marken und Motiven, worum es ging, ähn-
lich wie bei den Marken von 1957. Da die BRD keine Marke explizit zum Ge-
denkjahr herausbrachte, war der Leitspruch auf der Naturmarke dieses Jahres
auch nicht spezifisch aus dem Wörterpool entlehnt. Dennoch kamen die bei-
den Wörter ›Natur‹ und ›Schutz‹ vor. Deren Zusammensetzung folgte jedoch
einer eigenen Logik. Einerseits sollte es eine prägnante und »neutrale Mah-
nung« 71 sein, unter der sich viele Themen wiederfinden konnten. Hierunter
zählte der Minister unter anderem die »Natur und ihre Geschöpfe, Natur-
schutzparks, Naturparks, Landschaftsgebiet, reine Luft, reines Wasser, Tier-
schutz« 72 – teilweise Themen, die schon die Autoren der Zeitschrift Natur-
schutz Anfang des 20. Jahrhunderts als Markenthemen angemahnt hatten.
Andererseits formten sie den Imperativ ›Schützt die Natur‹ und appellierten
damit an das Verantwortungsbewusstsein jedes einzelnen Bürgers. Doch ein
umtriebiger Pfarrer, Pater Augustinus Gröger, entgegnete in einem Schreiben
an das Postministerium, damit werde eine systemische Gefährdung der Natur
beispielsweise durch Monokulturen im Forstbetrieb außer Acht gelassen. 73
Diese beiden Argumentationslinien – individuelle Verantwortung und Sys-
temwechsel – sind bis heute zwei der wichtigsten Argumentationslinien im
Natur- und Umweltschutz.
69 Vgl. unter anderem Schreiben von BPM an OPD Koropp vom 23. Januar 1969, BArch Koblenz,
B 257/42208/120.
70 Vgl. ebd.
71 Ebd.
72 Ebd.
73 Vgl. Pater Augustinus Gröger an BPM Werner Dollinger vom 8. September 1969, BArch Kob-
lenz, B 257/42208/5–6
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4.2.4 Resonanz
Insgesamt gaben die Postverwaltungen in Europa – zumindest bis in die
1960er-Jahre früher und häufiger als in Deutschland Marken mit geschützten
Tieren und Pflanzen oder Naturreservaten heraus. Die westdeutsche Natur-
schutz-Serie wurde schließlich im Juni 1969 ausgegeben und unterstützte da-
mit die »umfangreichen Bestrebungen auf vielen Gebieten zum Schutz der
Natur« 74, zu denen auch das ENJ gehörte.
Der kombinierte Stichtief- und Offsetdruck fand stärkeren Beifall beim
Bund Naturschutz in Bayern als die Marken der 1950er-Jahre, die in mehrfar-
bigem Offsetdruck hergestellt wurden. Dieser Verein hatte sich 1957 statt der
»Bildchenmarken« eine den Briefmarken angemessenere, seriösere Gestaltung
gewünscht, die seiner Meinung nach »mehr dem Geist des Naturschutzes«
entspräche und damit eine größere Reichweite erzielen würde. 75 Die Bevölke-
rung nahm 1969 die »hübschen Landschaftszeichnungen« 76 gut auf, die auf die
Bedeutung des Natur- und Landschaftsschutzes hinwiesen. Der Bezug zum
Europäischen Naturschutzjahr mit seinen unterschiedlichsten Konferenzen
und Veranstaltungen scheint – zumindest in Sammlerkreisen und bei den
westdeutschen Verantwortlichen für das ENJ – dank der Veröffentlichungen
des Postministeriums trotz des fehlenden Hinweises auf den Marken selbst
erkannt worden zu sein. 77 Im Gegensatz zur Heimatschutz-Serie von 1957
thematisierten die Reaktionen auf die Landschaftsmarken viel stärker den
Naturschutz insgesamt. Die Reaktionen der 1950er-Jahre hatten ihrerseits eher
den spezifischen Schutz einheimischer Tiere und Pflanzen angesprochen und
eher implizit auf den Naturschutz verwiesen. Nun aber wies ein Postkunde
sogar darauf hin, dass der durch die vier Nominalwerte entstehende Appell an
die Bevölkerung zwar gut gemeint, dem Naturschutz mit gesetzlichen Rege-
lungen jedoch mehr gedient sei. 78 So scheint der Naturschutzgedanke in Teilen
der Bevölkerung schon Ende der 1960er-Jahre breit verankert gewesen zu sein.
74 SPWZ-Serie ›Schützt die Natur‹, BArch Koblenz, B 257/42208/23.
75 Vgl. Korrespondenzkonvolut, v. a. Luitpold Rueß: Sonderbriefmarken ›Schützt die Natur und
ihre Geschöpfe‹, in: Blätter für Naturschutz 37 (1957) 3/4, S. 46-47, hier: S. 47, BArch Koblenz,
B 257/42177/171–192, hier: 186–187 V+RS.
76 Joachim Dill: 1970 ›Europäisches Naturschutzjahr‹, in: Die aktuelle Briefmarken-Ecke, 5. Mai
1969, Blatt 1, BArch Koblenz, B 257/42208/18.
77 Vgl. ebd.
78 Beispielsweise würde die Schwäbische Alb durch Fichtenanbau ›verschwarzwäldert‹. Dollinger
verspricht, den Brief an den Bundesminister für Ernährung Landwirtschaft und Forsten, Her-
mann Höcherl, weiterzuleiten, der für den Naturschutz eher zuständig sei (Pater Augustinus
Gröger an BPM Dollinger vom 8. September 1969, BArch Koblenz, B 257/42208/5–6).
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4.2.5 Fazit BRD
Die Argumente die schon Anfang des 20. Jahrhunderts vorgebracht wurden,
um entsprechende Markenmotive zu erhalten, wurden im deutschsprachigen
Raum kontinuierlich verfolgt und fanden sich auch in den Debatten um Post-
wertzeichen für Naturschutzparks beziehungsweise das ENJ. Auch die verbale
Zurückhaltung auf Naturschutzmarken war ein Kontinuum. Das Gleiche lässt
sich sagen über die große Wertschätzung, die Vertreter von Na-
tur(schutz)parks sowohl diesen Einrichtungen als auch der Werbewirkung von
Marken entgegenbrachten.
Eine Frage, der weiter nachgegangen werden könnte, ist, warum Toepfer
nicht auf das Einfügen des Logos beharrte. Als einer der großen Vertreter
deutscher Natur(schutz)parks müsste ihm die Verbindung zum Europadiplom
bewusst gewesen sein. Und neben der Schaffung neuer Parks müsste es ihm ein
Anliegen gewesen sein, diese auch auszeichnen zu lassen, wie die Lüneburger
Heide, die ihm selbst sehr am Herzen lag und die bereits 1967 das Europadip-
lom erhalten hatte. 79
5 Die Marken im Umfeld des Europäischen Naturschutzjahres 1970: Was
bleibt?
Anhand einiger weniger Exkurse zu einzelnen Marken konnte gezeigt werden,
dass, selbst ohne die Entscheidungsprozesse für Postwertzeichen im einzelnen
nachverfolgen zu können, sich bei näherer Betrachtung der Motive ganze Ge-
schichten auftun, die weitere Facetten zum Europäischen Naturschutzjahr 1970
und zu seiner Bedeutung für einen grenzübergreifenden europaweiten Natur-
schutz beisteuern. Die Motive für sich allein betrachtet ließen nicht immer
einen klaren Bezug zum Gedenkjahr erkennen: Bei Liechtenstein fand sich
kein einziger Hinweis, Luxemburg stellte den Naturschutz heraus und
Deutschland bediente sich des Imperativs ›Schützt die Natur‹. So ist es von
Vorteil, in der Umweltgeschichte des jeweiligen Landes gut Bescheid zu wis-
sen, um die ganze Dimension der einzelnen Markenaussagen zu verstehen. Die
Länder, die nur eine Marke ausgaben, verdichteten meist sehr viel Information
auf kleinstem Raum. Dies führte zu einer Diskussion, die auch im deutschen
Postministerium, aber auch in Kennerkreisen oder der Bevölkerung immer
wieder Thema war: Debatten um die Markengestaltung im Allgemeinen und
die Informationsdichte im Besonderen.
79 Vgl. Jens Ivo Engels: Naturpolitik in der Bundesrepublik. Ideenwelt und politische Verhaltens-
stile in Naturschutz und Umweltbewegung, 1950–1980, Paderborn u. a. 2006, hier: Kapitel 2.
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Dieser Aufsatz trägt zu einer europäischen Umweltgeschichtsschreibung
bei. Die Markenmotive zeigen die ganze Bandbreite auf, in der Natur(- und
Umwelt)schutz traditionellerweise auf Postwertzeichen dargestellt wird: für
eine Nation ikonische (und gefährdete) Pflanzen, Tiere und Landschaften in
naturgetreuer Darstellung, symbolische Gefährdungslagen wie die Zerstörung
der Natur durch den Menschen (und/oder Naturkatastrophen) sowie Natur-
schutzsymbole, die entweder schon (inter)national etabliert waren oder extra
für ein bestimmtes Ereignis geschaffen wurden.
Die Markenmotive spiegelten teilweise die Kernthemen des Europarates
zum Thema Naturschutz. Es wurden sowohl unterschiedliche Reservatstypen
gezeigt, der Feuchtgebietsschutz wurde beispielsweise mit der Camargue the-
matisiert. Vogelschutz war aufgrund der vielen Vogelmotive fast omnipräsent.
Um den Artenschutz machten sich die vielen Marken mit Pflanzen- und Tier-
motiven verdient. Gefahren, die durch eine intensivierte Landnutzung samt
Luft- und Bodenverschmutzung entstanden, widmeten sich die italienischen
Marken. Europäischer (und nationaler) Naturschutz samt den damit einherge-
henden Idealen und sich daraus ergebenden Maßnahmen zeigten insbesondere
die Marken mit symbolischen Motiven. Auch die Bedeutung eines ökologi-
schen Kreislaufs ließ sich daran ablesen. Aber auch der klassische Landschafts-
schutz, der auf ästhetische Qualitäten einer Region abzielte, kam mit den
Landschaftsmotiven nicht zu kurz. 80
So hat diese europäische Initiative schon einiges bewirkt in Bezug auf die
Visualisierung eines nationalen und dennoch auf Europa ausgerichteten Na-
turschutzes, auch wenn einige Länder den europäischen Anteil auf ihren Moti-
ven klein hielten oder andere Lösungen wählten.
Gerade das für das Europadiplom entwickelte und für das Gedenkjahr 1970
wieder aufgegriffene Logo kann als Kristallisationspunkt einer Umweltge-
schichte zeigen, dass umweltkritische Debatten nicht erst in den 1970ern be-
gannen, wie Wöbse und Dunaway eindrücklich klar machen. Dieses Logo wies
mit dem Baum – sowohl zu schützendes Objekt als auch beschützendes Sub-
jekt – bereits voraus auf einen globalen Umweltschutz. Dieser kristallisierte
sich im Logo des United Nations Environmental Program (UNEP), das für die
erste Umweltschutzkonferenz in Stockholm 1972 entwickelt wurde. In
Deutschland ist es besser als Blauer Engel bekannt und wurde 1973 zum welt-
weit ersten nationalen Umweltzeichen. Auch dort ist – sogar in zweifacher
Weise: ein Mensch, der die Erde umgreift – sowohl die zu schützende
(Um)Welt als auch der sie schützende Mensch als Teil einer globalen Gemein-
80 Vgl. Wöbse: Die ausgezeichnete Natur Europas.
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schaft verdichtet. Und so sind die Marken ein mögliches Brennglas (europäi-
scher) Umweltgeschichtsschreibung.
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Abbildungen
Abbildung 1
Schützt die Natur (1969, Michel, BRD, 591–594).
Abbildung 2
Europäisches Naturschutzjahr 1970 (1970, Michel, Türkei, 2158–2160).
Abbildung 3–4
Europäisches Naturschutzjahr 1970 (1970, Michel, Finnland, 667); Europäisches Naturschutzjahr
1970 (1970, Michel, Irland, 237–238).
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Abbildung 5–6
Europäisches Naturschutzjahr 1970 (1970, Michel, Luxemburg, 804–805); Europäisches Natur-
schutzjahr 1970 (1970, Michel, Frankreich, 1704).
Abbildung 7
Europäisches Naturschutzjahr 1970 (1970, Michel, Norwegen, 602–605).
Abbildung 8
Europäisches Naturschutzjahr 1970 (1970, Michel, Liechtenstein, 521–524).
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Abbildung 9–10
Europäisches Naturschutzjahr 1970 (1970, Michel, Schweden, 674–675); Europäisches Natur-
schutzjahr 1970 (1970, Michel, Österreich, 1325).
Abbildung 11
Europäisches Naturschutzjahr 1970 (1970, Michel, Griechenland, 1049–1052).
Abbildung 12
Europäisches Naturschutzjahr 1970 (1970, Michel, Belgien, 1583–1584).
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Abbildung 13
Europäisches Naturschutzjahr 1970 (1970, Michel, Zypern, 674–675).
Abbildung 14
Europäisches Naturschutzjahr 1970 (1970, Michel, Island, 447–448).
Abbildung 15
Europäisches Naturschutzjahr 1970 (1970, Michel, Schweiz, 932).
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Abbildung 16
Europäisches Naturschutzjahr 1970 (1970, Michel, Italien, 1325–1326).
Abbildung 17
Europäisches Naturschutzjahr 1970 (1970, Michel, Jugoslawien, 1406–1407).
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Annemarie Müller
Von Traktoristinnen und Kulturschaffenden. Politische
Selbstdarstellung auf den Sonderpostwertzeichen anlässlich der
DDR-Republikgeburtstage 1959 und 1964
1 Einführung
»Geschichte vollzieht sich zwar auch ohne unser Zutun; entscheidend für unser Wissen
von Geschichte ist aber die Überlieferung, ein aktives Tradieren. Aufbewahren und
Sammeln sind grundlegende menschliche Tätigkeiten.« 1
Die Briefmarke kann im engeren Sinn als ein solches Geschichtsdokument
betrachtet werden. Sie tritt auf als das »unterschwellig wirksame Massenmedi-
um Nummer eins« 2. Der Wert von Briefmarken äußert sich überwiegend
durch ihren Gebrauchswert. Sie entwerten den Transport einer Karte oder
eines Briefs durch staatliche Postanstalten und private Agenturen. Die in Fran-
katurwert, Zähnung, Gestaltung und Darstellung unterschiedlichen Marken
haben die Sammelleidenschaft vieler Menschen geweckt. 3 Die Kulturtechnik
des Sammelns umschließt damit auch das Medium und Hoheitszeichen Brief-
marke.
Der individuellen Sammlungssystematik liegen verschiedene Kategorien zu-
grunde, nach der die Marken erworben, geordnet und in sammlerischen Kon-
texten dargestellt werden. Die Spezialisierung des Sammlers bezieht sich dabei
vielfach auf in der Regel abschließbare Einheiten. Ein geografischer Raum, eine
Zeit oder Epoche sowie unterschiedliche Sach- und Motivbereiche können den
unterschiedlichen Sammlungsstrategien zu Grunde gelegt werden. Die Gren-
zen der jeweiligen Ordnungssysteme verlaufen jedoch vielfach fließend. 4 Die
1 Michael Maurer: Zu dieser Reihe, in: ders. (Hrsg.): Quellen, Stuttgart 2002, S. 7–14, hier: S. 7.
2 Hans-Jürgen Köppel: Politik auf Briefmarken. 130 Jahre Propaganda auf Postwertzeichen,
Düsseldorf 1971, S. 10.
3 Siehe dazu Die verschiedenen Briefmarkenarten. Merkmale der Briefmarke, in: Wolfram Gral-
lert/Johannes Roland: Kleines ABC der Briefmarke, Leipzig 1960, S. 18f.
4 Vgl. Horst Hille: Moderne Philatelie, Berlin 1967, S. 10–17.
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Postwertzeichen mit ihren Merkmalen Ausgabeland, -jahr und -anlass sowie
die Angabe eines Frankaturwerts – stets im Kontext politischer Ikonografie –
vereinen im Rahmen der grafischen Gestaltung eine deutliche Nähe zur Nu-
mismatik. 5 Die dargestellte Ikonografie unterliegt, wie auch die der Numisma-
tik, einem auf Angebot und Nachfrage basierenden Sammlermarkt. Dieser
trägt nicht unwesentlich zu größeren Devisengeschäften der jeweiligen Nation
bei. Nach vorangestellten Überlegungen zur Methodik der wissenschaftlichen
Nutzbarmachung der millionenfach verbreiteten Briefmarken soll eine solche
Systematik der Beschreibung anhand zweier Sonderausgaben eröffnet werden.
Ein Beitrag zum historischen Verständnis der Briefmarke als eigenständi-
gem Medium soll mit der hermeneutisch-kulturhistorischen Deutung von
Bildprogrammen und Emissionskontexten dargelegt werden. Diese qualitative
Methodik kann einerseits der inhaltlichen Beschreibungsebene der Marken
gerecht werden, Grafik und Gestaltung aufzeigen, beschreiben und einordnen.
Andererseits wird eine notwendige historische sowie quellenkritische Kontex-
tualisierung des Mediums vorgenommen, die eine Annäherung an komplexe
Deutungszusammenhänge ermöglicht. 6
Roman Siebertz stellt im Rahmen seiner Dissertation zur politischen Bild-
propaganda Irans die Briefmarke als Quelle in den Mittelpunkt seines Quel-
lenkorpus. Siebertz beschreibt mit Blick auf methodische Überlegungen die
Notwendigkeit der Benennung von gezeigten Symbolen auf Briefmarken und
ihrer thematischen Zuordnungen (›Sinnbilder‹). Erst danach müsse sich die
Frage nach Emissionskontexten stellen. Siebertz schlägt vor, dabei nach Urhe-
bern, nach den Adressaten der Propaganda und nach den künstlerischen Um-
setzungen der Beeinflussung zu fragen. Die Symbole sollen dabei stets im Ho-
rizont »der politischen Ikonografie der Zeit« betrachtet werden. 7
Diese methodischen Überlegungen sollen für die Betrachtung von Brief-
marken im Kontext der Jahrestage der Deutschen Demokratischen Republik
(DDR) nutzbar gemacht werden. Informationen über Wirkungen und Rezep-
tionskontexte der Marken bilden einen bislang vernachlässigten Forschungsbe-
reich, der auch im vorliegenden Aufsatz nicht eingehender betrachtet werden
kann. Die Sphäre der Adressaten wird daher zu Gunsten der Untersuchung des
5 Vgl. Gottfried Gabriel: Ästhetik und politische Ikonografie der Briefmarke, in: Zeitschrift für
Ästhetik und Allgemeine Kunstwissenschaft 54 (2009) 2, S. 183–201, hier: S. 183.
6 Die Erschließung der Sonderausgaben basiert auf dem Michel-Katalog Deutschland 2014/2015,
der wesentliche Daten zu Auflagen, Größen, Ausgabedaten und abgebildeten Darstellungen lie-
ferte (vgl. Michel-Katalog. Deutschland 2014/2015, Unterschleißheim 2014).
7 Vgl. Roman Siebertz: Die Briefmarken Irans als Mittel der politischen Bildpropaganda, Wien
2005, S. 16. Siebertz schlägt die Ausweitung der Betrachtung auf andere Bildquellen im Sinne
einer vergleichenden Analyse, die verschiedenen Epochen und deren Medien gerecht wird, vor
(vgl. ebd.).
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Mediums Briefmarke und seiner gestalterischen Umsetzungen zurückgestellt.
Auch wird der philatelistische Alltag in der DDR kein Gegenstand der vorlie-
genden Untersuchung sein.
Die aus dem staatlichen Monopol hervorgegangene Briefmarke wird als
Hoheitszeichen der Akteursgruppe Urheber genutzt. Ein sich damit verbin-
dendes staatspolitisches Selbstverständnis kann darüber abgebildet und prä-
sentiert, aber auch propagiert werden. Die Herausgeber bildeten über das Me-
dium Briefmarke die Ebenen Staatsterritorium und Staatsvolk, in besonderer
Weise aber auch die Staatsmacht ab. Politische, gesellschaftliche und wirt-
schaftliche Realität konnte im Rahmen des Mediums Briefmarke auf darge-
stellte idealtypische und sogar utopische Ideen treffen.
Diese Briefmarken erschienen zunächst durch ihre Darstellungen, im Wei-
teren aber auch durch Ausgabeanlässe und deren Umstände unmittelbar ge-
knüpft an zeitgeschichtliche Ereignisse und Kontexte. Aufgezeigt werden soll
dies an politischer, sozialistischer Festkultur, spezifischer am 7. Oktober als
Jahrestag der Deutschen Demokratischen Republik. Die These, dass sich die
zum 10. und 15. Jahrestag der DDR herausgegebenen Sonderausgaben bruch-
los in die propagandistische Rhetorik der Jubiläumsfeierlichkeiten einfügen,
wird Gegenstand der vorliegenden Untersuchung sein. Vor dem Hintergrund
der massenkulturell und damit massenmedial angelegten Jahrestagsfeiern der
DDR-Regierung wurde auch die Briefmarke als eigenständiges, bisher wenig
beachtetes Propaganda-Medium genutzt.
»Mehr und mehr ist deutlich geworden, dass sich Gesellschaft nicht nur im Festlichen re-
präsentiert und gewissermaßen aufgipfelt, sondern recht eigentlich konstituiert. Indem
man die Gemeinschaftskomponente des Festes betont, erweist sich Feiern als ein Mecha-
nismus der Inklusion und Exklusion, der Identitätsstiftung und Vergegenwärtigung von
Geschichte, der Teilhabe am Ganzen oder an bestimmten Vergesellschaftungen und Ver-
gemeinschaftungen auf allen Ebenen, vom Staat bis zur Familie.« 8
Für die Analyse sollen die beiden Sonderausgaben 9 herangezogen werden, die
1959 und 1964 anlässlich des 10. und 15. Jahrestages der DDR erschienen sind.
Im konkreten Fall wurden die Sonderausgaben über ihre Ikonografie, aber
auch in direkter Weise über ihren Ausgabeanlass politisch aufgeladen. Dabei
soll im Sinne Roman Siebertz’ den Fragen nachgegangen werden, ob und wie
8 Michael Maurer: Einleitung, in: ders. (Hrsg.): Festkulturen im Vergleich. Inszenierungen des
Religiösen und Politischen, Köln/Weimar/Wien 2010, S. 9–12, hier: S. 9.
9 »Alle Marken, die zur Würdigung bestimmter Festtage, Ereignisse und Persönlichkeiten be-
stimmt sind, werden Sondermarken genannt. Erscheinen für einen Anlaß mehrere Sondermar-
ken, bezeichnet man sie zusammenfassend als Sonderausgabe.« (Grallert/Roland: ABC der
Briefmarke, S. 20). Siehe dazu: Wolfram Grallert/Waldemar Gruschke: Lexikon Philatelie, Ber-
lin 1971, S. 382.
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die einzelne Briefmarke Repräsentationsmedium des obrigkeitsstaatlichen
DDR-Selbstverständnisses wird und welche Rolle darin eine erdachte Alltags-
perspektive im Kontext der Republikgeburtstage einnimmt. Dabei sollen die
Sonderausgaben mit ihren insgesamt 25 einzelnen Briefmarkenmotiven mit
Methoden der hermeneutisch-kulturhistorischen Deutung erschlossen und
verglichen werden, um Kontinuitäten und Brüche der Ikonografie bezie-
hungsweise der Emissionskontexte aufzuzeigen.
Als erste Kontextualisierung soll zunächst ein zeithistorischer Rahmen be-
schrieben werden, dem allgemeinere Ausführungen zur Idee und Umsetzung
von Jahrestagsfeiern in der DDR folgen, um Einblicke in die propagandistisch
aufgeladene Jubiläumsrhetorik zu gewähren. Die Thematisierung der Jahres-
tagsfeiern 1959 als spezifischer Emissionskontext soll die Beschreibung und
Zuordnung der Sonderausgabe zum 10. Jahrestag der DDR einleiten (Michel,
DDR, 722–731). Darauf folgend werden die beiden motivgleichen Sonderaus-
gaben zum 15. Jahrestag der DDR in den Fokus der Betrachtung rücken (Mi-
chel, DDR, 1059 A/B–1073A/B). An die politische und gesellschaftliche Ein-
ordnung der Briefmarken zum 15. Jahrestag der DDR schließt sich ein Ver-
gleich der Motivgruppen und Themen der Sonderausgaben von 1959 und 1964
an.
2 Politische Festkultur zum Geburtstag der DDR
Die DDR-Jubiläen verweisen auf ihre ›Geburtsstunde‹: »Am 07. Oktober 1949
hatte sich der Deutsche Volksrat der Sowjetischen Besatzungszone zur Provi-
sorischen Volkskammer konstituiert. Er setzte eine Verfassung in Kraft und
begründete mit diesem Akt [...] einen eigenständigen ostdeutschen Staat« 10.
Vor allem die runden Republikgeburtstage wurden Höhepunkte der politi-
schen Festkultur in der DDR, des »ersten deutschen Arbeiter-und-Bauern-
Staat[s]« 11. Der Feierwoche dieser besonderen Jahrestage um den 7. Oktober
gingen lange, zumindest seit Jahresbeginn, und in nahezu allen Bereichen von
10 Monika Gibas/Rainer Gries: Die Inszenierung des sozialistischen Deutschland. Geschichte und
Dramaturgie der Dezennienfeiern in der DDR, in: Dies./Ders./Barbara Jakoby/Doris Müller
(Hrsg.): Wiedergeburten. Zur Geschichte der runden Jahrestage der DDR, Leipzig 1999, S. 11–
40, hier: S. 16; vgl. Klaus Schroeder: Der SED-Staat. Geschichte und Strukturen der DDR 1949–
1990, Köln/Weimar/Wien 2013, S. 86–92; vgl. Demokratischer Aufbau. Zeitschrift für staatliche
und kommunale Verwaltung (Hrsg.): Das erste Jahr Deutsche Demokratische Republik. Son-
derausgabe, Berlin 1950, S. 2f.
11 Walter Ulbricht: Die Deutsche Demokratische Republik. Der deutsche Staat des Friedens, des
Fortschritts und der Zukunft, in: Kanzlei des Staatsrates der Deutschen Demokratischen Re-
publik (Hrsg.): Der Zukunft zugewandt. Festschrift zum 15. Jahrestag der Gründung der Deut-
schen Demokratischen Republik, Berlin 1964, S. 9–20, hier: S. 9.
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Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, verschiedene Formen von Mobilisierung
mit Hilfe sozialistischer Propaganda voraus. 12 Ziel war die »mentale Stabilisie-
rung und Aktivierung der DDR-Gesellschaft« im Hinblick auf bevorstehende,
sozialistische Aufgaben, wie sie die Staats- und Parteiführung formulierte. 13
»Die runden Jahrestage wurden [...], beginnend mit dem zehnten Jahrestag 1959 – analog
der Wirtschaftsplanung – zu alle fünf Jahre wiederkehrenden, aufwendig inszenierten
Festritualen. Es gab sieben große Repräsentationsfeiern: 1959, 1964, 1969, 1974, 1979,
1984 und 1989. [...] Neben den kleinen Festformen, die sich jährlich wiederholen, wie be-
triebliche und institutionelle Auszeichnungs- und Festveranstaltungen [...] am Vorabend,
neben Kranzniederlegungen[,] [...] Volksfesten [und Sportveranstaltungen], prägen vor
allem große Massenveranstaltungen diese besonderen Anlässe: Fackelzüge, Großkundge-
bungen, Demonstrationen oder Militärparaden waren die zentralen Festformen der run-
den Jahrestage.« 14
Die hier zutage tretende Staats- und Parteirepräsentation entwarf dabei das
Bild der gemeinschaftsbildenden und produktiven sozialistischen Einheit auf
allen Ebenen von Staat und Gesellschaft. Diese Einheit sollte nach sowjeti-
schem Vorbild und im Geiste der Lehre des Marxismus-Leninismus erreicht
werden. »Zumindest vom Anspruch her sollten mit den Dezennien Propagan-
da und Politik einerseits, Alltag und Lebenswelten andererseits glaubwürdig
und sinnlich erfahrbar in Einklang gebracht werden.« 15
Die massenkulturellen Auslegungen der Feste in allen Teilen des Landes
thematisierten die vor allem wirtschaftliche Bilanzierung der DDR in Bezug
auf den zeitlichen Fortschritt des Sozialismus: Die politische und gesellschaftli-
che Zeit wurde durch die Teilziele Volkswirtschaftsplan, Dezennienfeier und
Parteitag der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) gegliedert. Die
Erfüllung eines wirtschaftlichen Plans zum Erreichen gesteckter produktiver
und politischer Ziele konnte unter anderem im Rahmen der Jahrestage konkret
aufgegriffen werden. Wirtschaftsmobilisierende Kräfte konnten mit einem
Verweis auf Plan(über)erfüllungen dargestellt und mit Blick auf die weitere
Entwicklung des Sozialismus eingefordert werden. So wurde aus dem bevor-
stehenden Festakt anlässlich der Republikgeburtstage eine Kraft, die mit pro-
12 Vgl. Gibas/Gries: Dezennienfeiern in der DDR, S. 17. Auch die organisatorischen Zuständigkei-
ten der Ausrichtung von Dezennienfeiern konnten als Träger und Plattformen staatlicher Pro-
paganda beschrieben werden: »Neben den Abteilungen Agitation, Propaganda und Kultur in
den zentralen und regionalen Strukturen der SED und der Massenorganisationen sowie einer
›Kommission Feste und Feiern‹ beim Ministerium für Volksbildung spielte dabei auch das seit
1952 bestehende ›Zentralhaus für Laienkunst‹ [...] eine Rolle.« (Ebd., S. 13).
13 Ebd., S. 17.
14 Ebd., S. 17f.
15 Rainer Gries: Vorwort, in: Monika Gibas/Ders./Barbara Jakoby/Doris Müller (Hrsg.): Wieder-
geburten. Zur Geschichte der runden Jahrestage der DDR, Leipzig 1999, S. 7.
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pagandistischen Mitteln die heimische Wirtschaft anzukurbeln versuchte. 16
Die Arbeitsleistungen ganzer Wirtschaftssektoren, Betriebe, Arbeitskollektive
sowie einzelner Werktätiger wurden im Rahmen der Bilanzierung herangezo-
gen und als vorbildhaft herausgestellt. »Und mit Blick auf die Zukunft bot sich
die Möglichkeit, eventuelle Mangelerfahrungen der Gegenwart mit hoffnungs-
frohen Erwartungen auf ein besseres Morgen zu kompensieren.« 17 Das hier im
Kontext von Propaganda genutzte Element Zeit bediente sich auch der Ge-
burtstagsmetapher, in deren Rahmen die gesamte DDR zum ›Geburtstagskind‹
stilisiert wurde. In allen Teilen des Landes wurde der ›Republikgeburtstag‹
festlich begangen. Indem die Führung der SED selbst die Zukunftsvisionen der
jungen Republik propagierte, ließ sie anderen Varianten wenig bis gar keinen
Raum und erzog ›das Kind‹ nach eigener Fasson. 18
3 Fest und Briefmarken zum 10. Jahrestag 1959
»Für des Volkes Wohlstand, Frieden, Glück, decken wir den Tisch der Repub-
lik« war das Motto der Feierlichkeiten zum ersten runden Jahrestag. Die zehn
Jahre alte Republik wurde seit ihrer Gründung 1949 wiederaufgebaut. Seit 1949
wurde sie im Regiment der SED straff geführt und zu einer Diktatur entwi-
ckelt. Die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands› ›vereinheitlichte‹ im enge-
ren Wortsinn Parteien, Gewerkschaften und gesellschaftliche Großorganisati-
on. Schlüsselpositionen in Politik, Wirtschaft und Kultur wurden mit linien-
treuen Sozialisten und Kommunisten besetzt, um eine »Willensbildung von
oben nach unten« zu vollziehen. 19
»Wahlen fanden nur mit Einheitslisten statt, die im Oktober 1950 erstmals gewählte
Volkskammer tagte nur selten, freie Diskussionen fanden in ihr nicht statt, und keines-
wegs alle Materien, für die es nötig gewesen wäre, wurden gesetzlich geregelt – zumindest
blieb es bei Verordnungen. […] Die Justiz wurde schnell und nachhaltig politisiert.« 20
16 Vgl. Gibas/Gries: Dezennienfeiern in der DDR, S. 19–21.
17 Rainer Gries: Die ›runden Geburtstage‹, künstlicher Pulsschlag der Rupublik. Zeitkultur und
Zeitpropaganda in der DDR, in: Monika Gibas/Ders./Barbara Jakoby/Doris Müller (Hrsg.):
Wiedergeburten. Zur Geschichte der runden Jahrestage der DDR, Leipzig 1999, S. 285–304,
hier: S. 287.
18 Vgl. Dieter Vorsteher: Ich bin 10 Jahre. Die Ausstellung im Museum für Deutsche Geschichte
anlässlich des zehnten Jahrestages der DDR, in: Monika Gibas/Rainer Gries/Barbara Jako-
by/Doris Müller (Hrsg.): Wiedergeburten. Zur Geschichte der runden Jahrestage der DDR,
Leipzig 1999, S. 135–146; vgl. Gries: Zeitkultur und Zeitpropaganda, S. 286f.
19 Vgl. Schroeder: SED-Staat, S. 93f.; vgl. Hans Fenske: Deutsche Geschichte. Vom Ausgang des
Mittelalters bis heute, Darmstadt 2002, S. 204–228, hier: S. 224f.
20 Ebd., S. 225.
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Im Februar 1950 wurde dann mit der Einrichtung des Ministeriums für Staats-
sicherheit 21 und dessen Spionagenetz auf politische Gegner inner- und außer-
halb der DDR reagiert. 22 Sowohl nach Westdeutschland geflüchtete Fachkräfte
als auch Reparationen an die in den darauffolgenden Jahren zum Bruderland
stilisierte Sowjetunion verzögerten und erschwerten einen wirtschaftlichen
Neuanfang auf dem Gebiet der DDR. 23 Die Konsumgüterproduktion wurde im
Fünfjahresplan 24 1951 gegenüber der Schwerindustrie deutlich benachteiligt.
Auf die darauffolgenden Engpässe in der Versorgung der Bevölkerung sollten
die Arbeitenden mit Normenerhöhungen reagieren. Der Unmut über schlechte
Arbeitsbedingungen und die Forderung nach der Herstellung einer Demokra-
tie entluden sich in der flächendeckenden Demonstrations- und Aufstandsbe-
wegung um den 17. Juni 1953. 25 Hauptsächlich sowjetische Truppen schlugen
den Aufstand nieder, und hunderte Menschen starben. Im Juli 1952 wurde
dann zum »planmäßigen Aufbau des Sozialismus« 26 übergegangen. Außenpoli-
tisch legt die Führung der Sowjetunion unter Stalin dem Westen seine an Be-
dingungen geknüpften ›Stalin-Noten‹ zur territorialen Wiedervereinigung
Deutschlands vor. Deutsche Entmilitarisierung und Wiedervereinigung schei-
terten vorerst. 27
Das politische ›Tauwetter‹ in der Sowjetunion schlug Mitte der 1950er-Jahre
auch auf die DDR über. Repressionen der Staatssicherheit wurden gelockert.
Mit Blick auf das nächste kleinere Jubiläum wurde 1958 der Siebenjahrplan
erhoben. 28 Lohn- und Rentenerhöhungen in der Folgezeit, aber auch Preissen-
kungen ließen einen besseren Lebensstandard zu. Wirtschaftliche Stabilität
sollte mit der weiteren Steigerung der Produktion auch einen propagandisti-
schen Vorsprung der Sowjetstaaten begründen. 1957 flog der Satellit Sputnik,
zwei Jahre später die erste sowjetische Rakete zum Mond. Gegenüber den rea-
len Entbehrungen der Nachkriegszeit begründeten besonders die Erfolge der
Raumfahrt den Aufbruch in eine neue Zeit des sozialistischen Lagers. 29 Den-
noch erfolgte nach wie vor eine »Abstimmung mit Füßen« 30, denn »[v]on 1947
21 Vgl. Schroeder: SED-Staat, S. 95.
22 Vgl. ebd., S. 557–569.
23 Vgl. ebd., S. 53–57.
24 Vgl. Stefan Wolle: Der große Plan. Alltag und Herrschaft in der DDR 1949–1961, Berlin 2013,
S. 116–118; vgl. Kleßmann: Arbeiter, 2007, S. 259–270 und Schroeder: SED-Staat, S. 129.
25 Vgl. Wolle: Alltag und Herrschaft, S. 263–274, vgl. Schroeder: SED-Staat, S. 96 und S. 137–152.
26 Vgl. Schroeder: SED-Staat, S. 93f.
27 Vgl. Joachim Scholtyseck: Die Aussenpolitik der DDR, München 2003, S. 83–92.
28 Vgl. Gries: Zeitkultur und Zeitpropaganda, S. 289.
29 Vgl. ebd., S. 287.
30 Vgl. Schroeder: SED-Staat, S. 845–849.
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bis 1953 gingen 1,3 Mill. Menschen in den Westen, bis 1960 folgten ihnen
weitere 1,5 Mill.« 31
Mit Blick auf eine zentral gesteuerte Planwirtschaft 32 wurden 1952 mit Ost-
Berlin 15 Bezirke gegründet, denen jedoch wenig wirtschaftspolitischer Hand-
lungsspielraum zugesichert wurde. Auch daraus folgte eine große Abhängig-
keit der Bezirke von der SED-Führung in Ost-Berlin. 33 Umgesetzt wurde das
große Vorhaben durch die verstärkte Verstaatlichung vieler gewerblicher Be-
triebe in Volkseigene Betriebe (VEBs). Nach der umfassenden Bodenreform
1945 wurde ab Ende der 1950er-Jahre die Mehrheit der Bauern und Landwirte
in Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften (LPGs) gedrängt. Bis 1960
wurde die Landwirtschaft nahezu vollständig kollektiviert. 34
Ausgehend von diesen schlaglichtartigen Ereignissen und Prozessen im ers-
ten Jahrzehnt der DDR stellte sich die Frage, wie der erste große Republikge-
burtstag feierlich begangen werden sollte. Mit den landesweiten Feierlichkeiten
standen die Organisatoren der ersten Dezennienfeier vor einem Mammutpro-
jekt. Das ganze Jahr 1959 wurde mit kulturellen Höhepunkten ausgestattet.
Allein die Vorbereitungsphase dauerte neun Monate, in denen auf die eigentli-
che Festwoche hingearbeitet wurde. Neben Vorträgen und Podiumsdiskussio-
nen zu aktuell politischen Themen – aus Sicht der SED-Führung – gab es so-
zialistisch geprägte Kundgebungen und Demonstrationen. 35
Mit kurzen Losungen wie »Unser zehnter Jahrestag ist für Bonn ein harter
Schlag« 36 oder »Mag sich Erhard beim Teufel beschweren, wir schaffen den
Plan – der Republik zu ehren« 37 wurde im Kontext der Systemkonkurrenz der
sozialistische Entwurf zum Überlegenen stilisiert und verordnet. 38 Die auf
große Banner gedruckten Propagandasprüche hingen im gesamten Land. Aus-
stellungen zur Geschichte der DDR sowie Kunstausstellungen zum Sowjeti-
schen Realismus, jedoch stets im Lichte sozialistischer Geschichtsschreibung,
konnten in Berlin besichtigt werden. Vordergründig wurden der Aufbau des
31 Fenske: Deutsche Geschichte, S. 226; vgl. Wolle: Alltag und Herrschaft, S. 392–395.
32 Siehe dazu: Schroeder: SED-Staat, S. 625–657.
33 Vgl. ebd., S. 119f.
34 Vgl. Wolle: Alltag und Herrschaft, S. 239–241; vgl. Fenske: Deutsche Geschichte, 2002, S. 225;
vgl. Georg Ewald: Freie Bauern auf freier Erde, in: Neues Deutschland Berlin/Prawda Moskau
(Hrsg.): … und der Zukunft zugewandt. Anlässlich des 15. Jahrestages der Deutsche Demokra-
tischen Republik, Berlin 1964, S. 75–82.
35 Vgl. Gibas/Gries: Dezennienfeiern in der DDR, S. 17f.
36 Zit. n. ebd., S. 15.
37 Zit. n. ebd.
38 Zu Elementen der Systemkonkurrenz und einem dabei erhöht dargestellten, sozialistischen
Staats- und Gesellschaftsentwurf im Spiegel der Jahrestage siehe: Demokratischer Aufbau: Das
erste Jahr Deutsche Demokratische Republik, S. 17, 20, 28, 32, 37f., 41, 46, 51f., 58.
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Sozialismus und die Stärkung der ökonomischen Basis durch »höhere Arbeits-
leistungen in Industrie und Landwirtschaft« thematisiert. 39
Nur wenige Tage vor dem Fest wurde am 1. Oktober 1959 durch ein Volks-
kammer-Gesetz die Änderung der Nationalflagge der DDR beschlossen. Fort-
an sollte das Staatswappen Hammer-Zirkel-Emblem mit Ährenkranz fester
Bestandteil der Nationalflagge sein. 40 Das damit neu- beziehungsweise umge-
staltete Staatssymbol bekam in der Bundesrepublik die Bezeichnung ›Spalter-
flagge‹. Das Emblem mit seinen Elementen Hammer, Zirkel und Ähre sollte
die sozialistische Gesellschaftsordnung propagieren – als Einheit von Arbei-
tern, Intelligenz und Bauern. 41 Der 10. Tag der Republik wurde ein willkom-
mener Anlass, die Fahne mit dem Hammer-Zirkel-Emblem zu präsentieren
und im kollektiven Gedächtnis – nicht nur der DDR-Bevölkerung – zu veran-
kern.
Die Sonderausgabe 10 Jahre Deutsch Demokratische Republik. Staatsflagge
und Darstellungen aus dem ersten Arbeiter- und Bauern-Staat auf deutschem
Boden besteht aus 10 Sondermarken (Abb. 1). Sie wurden am Vortag der gro-
ßen Feier, am 6. Oktober 1959 in Ost-Berlin der Öffentlichkeit vorgestellt, und
ihr liegt der Entwurf des Erfurter Grafikers Lothar Grünewald 42 zugrunde. 43
Dargestellt werden die folgenden Motive und Motivgruppen: Dem Bereich
der Landwirtschaft können die 5-Pfennig-Marke mit Mähdrescher als ›Mecha-
nisierung der Landwirtschaft‹ (Michel, DDR, 722) und die 50-Pfennig-Marke
39 Zit. n. Gibas/Gries: Dezennienfeiern in der DDR, S. 22.
40 Vgl. Wolf-Sören Treusch: 50 Jahre Spalterflagge. Eine deutsch-deutsche Politposse mit sportli-
chem Hintergrund, in: http://www.deutschlandfunk.de/spalterflagge-pdf-dokument.media.14
edd550e6e6a1d8a62a2b1dbcbe1c58.pdf (letzter Zugriff: 9. Oktober 2017).
41 Vgl. ebd.
42 Lothar Grünewald wurde 1935 in Halle an der Saale geboren und »machte von 1950 bis 1953
eine Lehre als Dekorationsmaler[. Er] studierte anschließend bis 1956 an der Hochschule für
industrielle Formgestaltung Burg Giebichenstein, Halle.« Daran schloss sich eine Anstellung
»als Grafiker bei der Deutschen Werbe- und Anzeigengesellschaft (DEWAG) in Halle (ab 1960
als Atelierleiter)« an. Ab 1965 arbeitete Grünewald freischaffend. »Er wird Mitglied im Verband
Bildender Künstler der DDR und betätigt sich als Buchillustrator und Buchherausgeber (insbe-
sondere von Science Fiction Romanen) sowie als Gestalter von Plakaten und Prospekten. Be-
sonders erfolgreich ist er als Briefmarkendesigner. Von 1959 bis 1986 entwirft er insgesamt 111
Marken [...] für die Post der DDR. Sein Erstlingswerk ist der Satz zum 10. Jahrestag der DDR
[...]. Dreimal wurde er mit der ›Goldenen Briefmarke‹ ausgezeichnet (1965 ›20 Jahre Rundfunk
der DDR‹, 1979 ›30 Jahre DDR‹, 1982 ›100. Geburtstag von Georgi Dimitrow‹). Auch nach der
Wiedervereinigung kann er einige Wettbewerbe für sich entscheiden; zwischen 1991 und 1997
kommen 11 weitere Marken nach seinen Entwürfen an die gesamtdeutschen Schalter.« (vgl.
Wolfgang Schneider: Grünewald, Lothar, in: http://forum.bund-forum.de/viewto-pic.
php?f=680&t=25512 (letzter Zugriff: 13. April 2018); siehe dazu: Verband Bildender Künstler
der Deutschen Demokratischen Republik. Sektion Gebrauchsgrafik (Hrsg.): Gebrauchsgrafik in
der DDR, Dresden 1975, S. 332).
43 Vgl. Michel-Katalog, 2014, S. 491.
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mit Traktoristin als ›[e]in Erbauer des Sozialismus‹ (Michel, DDR, 728) zuge-
ordnet werden. Die Bereiche Kultur und Freizeit werden abgebildet durch die
10-Pfennig-Marke mit dem FDGB-Erholungsheim Fritz Heckert in Gernro-
de/Harz (Michel, DDR, 723), die 15-Pfennig-Marke zum Wiederaufbau des
Dresdner Zwingers (Michel, DDR, 724) sowie die 40-Pfennig-Marke mit dem
Leipziger Zentralstadion (Michel, DDR, 727). Der Motivbereich industrielle
Produktion gliedert sich in die vier Untergruppen Hüttenindustrie, gezeigt in
der 20-Pfennig-Marke mit Hüttenarbeiter und Werkanlage als ›Erbauer des
Sozialismus‹ (Michel, DDR, 725) sowie den Bereich Chemie durch die 25-
Pfennig-Marke mit Chemiker und Gaskombinat »Schwarze Pumpe« als ›Er-
bauer des Sozialismus‹ (Michel, DDR, 726). Dem technischen Bereich der
Luftfahrtindustrie ist die 60-Pfennig-Marke mit Passagierflugzeug (Michel,
DDR, 729) zuzuordnen, dem Motivbereich Schifffahrt die 70-Pfennig-Marke
mit einem Hochsee-Handelsschiff in der Werft (Michel, DDR, 730). Die letzte
Briefmarke im Satz entspricht einem Nominalwert von 1 Deutsche Mark-Ost,
sie zeigt den ersten Atomreaktor der DDR (Michel, DDR, 731), den For-
schungsreaktor in Dresden-Rossendorf.
Die einzelnen Marken sind in unterschiedlicher Auflage herausgegeben. Die
10-Pfennig-Marke des FDGB-Erholungsheims (Michel, DDR, 723) ist mit 45
Millionen Stück die auflagenstärkste, demgegenüber steht die 1-Mark-
Briefmarke des Rossendorfer Forschungsreaktors (Michel, DDR, 731) mit
lediglich 2,5 Millionen. 44 Daraus können auch Schlüsse auf die Verbreitung der
Marken gezogen werden, denn ab 1. Oktober 1954 kostete ein Brief bis 20
Gramm, versandt innerhalb des Ortsverkehrs der DDR, 10 Pfennig und im
inländischen Fernverkehr 20 Pfennig. Auch für eine Postkarte, verschickt in-
nerhalb des Inlandes, mussten 10 Pfennig beglichen werden, ab 1. Oktober
1956 für den Fernverkehr des Auslands 20 Pfennig. 45 Gewichtsabhängige Por-
tostaffelungen für In- und Ausland sowie Zusatzleistungen wie Eilzustellun-
gen, Einschreiben und Rückschein, aus denen sich auch höherwertige Franka-
turen ergaben, seien an dieser Stelle lediglich angemerkt. 46
Die zum 10. Jahrestag der DDR herausgegebenen Briefmarken zeigen über-
wiegend Arbeits- und Produktionsbereiche. Prozesse der Nutzbarmachung
und Verarbeitung von Rohstoffen in Landwirtschaft und Industrie stehen
neben der DDR-Flagge im Fokus der Darstellungen. Diesen wurde mit dem
44 Vgl. ebd.
45 Vgl. Franz Schöll (Hrsg.): Einheitsfarbe Ginstergelb. Die Postler in West und Ost als Praktiker
der Einheit, Berlin 1995, S. 110.
46 Siehe dazu o. A.: Postgebühren von SBZ, DDR und VGO für Briefe, Postkarten und Drucksa-
chen, in: https://www.rund-um-briefmarken.de/postgebuehren/postgebuehren_ddr_sbz_vg-
o.html (letzter Zugriff: 23. Februar 2018).
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Motivbereich Kultur und Freizeit ein thematischer Gegenpol eröffnet. Über
den jeweiligen Motiven wurde zentral die Staatsflagge der DDR positioniert.
Das Schwarz, Rot und Goldgelb der Flagge mit Hammer-Zirkel-Emblem hebt
sich von den Sand- und Pastelltönen des Hintergrunds gut sichtbar ab. Auch
der Ausgabeanlass »10 Jahre« Deutsche Demokratische Republik wurde durch
rote Lettern und in Großbuchstaben hervorgehoben. Der Schriftzug windet
sich um den äußeren Rand der Marken, wobei das Wort »DEMO-
KRATISCHE« jeweils direkt über der Fahne und den Motiven positioniert
wurde. Im unteren, rechten Bildrand finden sich fettgedruckt die Angaben des
Nominalwerts und links daneben die Kurzbeschreibungen der Motive oder
Motivgruppen. Insgesamt können – neben der Fahne mit Emblem – drei
Hauptmotive beschrieben werden: Maschinen als Repräsentanten ganzer In-
dustriezweige, Gebäude als Repräsentanten soziokultureller Bereiche sowie die
›Erbauer des Sozialismus‹ in Form idealtypisch dargestellter Personen. Diese
Hauptmotive wurden grafisch in Schwarz und im Stil des Sowjetischen Rea-
lismus umgesetzt. Auch künstlerisch lehnte sich die Markengestaltung in ih-
rem Kunststil an das Bruderland Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken
(UdSSR). 47 Die schwarzen Grafiken treten damit auch gestalterisch unter die
über ihnen platzierten farbigen Fahnen-Darstellungen.
Durch die Anordnung der Elemente, maßgeblich der Flagge als hoheits-
staatliches Element, wurde deutlich, dass vor allem die sozialistische Ideologie
und Selbstdarstellung im Sinne einer politischen Werbung im Mittelpunkt der
Marken steht. Die Briefmarken übernahmen dabei die Rolle des Werbemedi-
ums, die den sozialistischen Führungsanspruch propagierten, indem sie die
neu gestaltete Staatsfahne mit dem Hammer-Zirkel-Emblem im kollektiven
Gedächtnis der Bevölkerung zu etablieren versuchen. Das neu gestaltete Staats-
symbol wurde massenmedial durch eine nur wenige Tage nach ihrer Einfüh-
rung emittierte Sonderausgabe wirksam verbreitet.
Hammer und Zirkel als Elemente eines propagierten, wirtschaftlich orien-
tierten Fortschritts erschienen in der Sonderausgabe neben kulturellen Erneue-
rungen und Bewahrungen, wie unter anderem die Marke zum Wiederaufbau
des Dresdner Zwingers (Michel, DDR, 724) belegt. Mit der motivischen Dar-
stellung des FDGB-Erholungsheims »Fritz Heckert« in Gernrode/Harz (Mi-
chel, DDR, 723) konnte, neben der Relevanz touristischer Wirtschaftskraft,
auch auf die Würdigung bislang geleisteter Arbeit verwiesen werden. Die Re-
generation wirtschaftlicher Stärke, so legen die Motive der ›Erbauer des Sozia-
lismus‹ (Michel, DDR, 725, 726, 728), des Hochsee-Handelsschiffs (Michel,
DDR, 730), des Passagierflugzeugs (Michel, DDR, 729) und des Mähdreschers
47 Siehe dazu: Alfred Stollberg: Die UdSSR im Bilde ihrer Briefmarken, Leipzig 1964.
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(Michel, DDR, 722) nahe, schien nach den zu leistenden Reparationen nach
dem Zweiten Weltkrieg abgeschlossen. Die junge Republik hatte scheinbar vor
allem in diesen Bereichen neue Arbeitsplätze geschaffen, sodass die Bevölke-
rung, dargestellt durch die Gestik des Aufblickens der ›Erbauer des Sozialis-
mus‹, positiv und durchaus heroisch in eine erfolgversprechende Zukunft
blicken konnte. Neben den beiden Männern wurde auch eine Frau als ›Erbauer
des Sozialismus‹ (Michel, DDR, 728) dargestellt. Auch sie stand als geachtetes
Mitglied im Arbeitsprozess für die Weiterentwicklung der sozialistischen Ge-
sellschaft. 48
Politischer Anspruch und Wirklichkeit treffen im Medium Briefmarke auf-
einander. Die Sonderausgabe zeichnet insgesamt ein optimistisches Bild des
Jubiläumsjahres 1959. Suggeriert wurde ein stabiles, in soziokultureller, techni-
scher und wirtschaftlicher Hinsicht hochentwickeltes Land – durch und für die
Arbeitenden. Die über allen Darstellungen positionierte Fahne mit Hammer-
Zirkel-Emblem wurde im Kontext der sozialistischen Staats- und Gesellschafts-
idee zum ideologischen ›Überbau‹. Dieser in der Staatsfahne abgebildet ideolo-
gische Führungsanspruch fand auch gestalterisch seine Basis in der scheinbar
abgebildeten Realität – als real existierender Sozialismus. Die gelb gestaltete
Fahnenstange reichte jeweils in die Motivabbildungen. Sie wurde damit zum
verbindenden Element zwischen Staatsmacht und Staatsvolk, zwischen Oben
und Unten. Die damit auch in den Briefmarken dargestellte Vereinbarkeit von
Staatsmacht und Staatsvolk konnte als ein zentrales Anliegen der Jubiläumsfei-
erlichkeiten beschrieben werden.
4 Fest und Briefmarken zum 15. Jahrestag 1964
Im Folgenden soll mit der historischen Verortung der Feierlichkeiten zum
15. Republikgeburtstag die Kontextualisierung der zu diesem Anlass herausge-
geben Briefmarken erfolgen. Der massenhaften Flucht aus der DDR trat die
SED unter Walter Ulbricht am 13. August 1961 mit der Sperrung der Grenze
zwischen Berliner Ost- und Westsektor entgegen und schloss damit die Mauer.
Ulbrichts Macht wurde zunehmend gefestigt, auch gegen Widerstand aus den
eigenen Reihen. 49 Der Mauerbau als zentrales Ereignis zwischen den genann-
ten Jubiläen trat als ›antifaschistischer Schutzwall‹, als propagandistisch ausge-
deutete Maßnahme zum Erreichen des Kommunismus in den Hintergrund der
48 Vgl. Christoph Kleßmann: Arbeiter im ›Arbeiterstaat‹ DDR, Bonn 2007, S. 233–243.
49 Vgl. Wolle: Alltag und Herrschaft, S. 402f.; siehe dazu Schroeder: SED-Staat, S. 152–172; vgl.
Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg: Bau der Berliner Mauer. 13. August
1961, in: https://www.lpb-bw.de/mauerbau.html (letzter Zugriff: 5. Januar 2018).
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Feiern 1964. 50 Eine eher kontraproduktive Strategie, die innere Krise nach dem
Mauerbau 51 zu überwinden, war die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht
im Februar 1962. Zwei Monate vorher wurde mit dem Kommuniqué Die Frau-
en – der Frieden und der Sozialismus die Stellung der Frau in der DDR auch
schriftlich bekräftigt. Die weitere Erhöhung der Produktivität 52 sowie eine
bessere Vereinbarkeit von Haushalt und Beruf, unter anderen durch den um-
fassenden Ausbau von Kinderbetreuungsmöglichkeiten, wurde darin gefor-
dert. Aber auch die Jugend sollte früh auf das ideologische System der SED
ausgerichtet werden. 1964 wurde das Schulfach Staatsbürgerkunde an den
Schulen der DDR für Schüler der neunten bis zwölften Klassen verpflichtend
eingeführt. 53 Mit der Wirtschaftsreform von 1963 reagierte die SED auf nach-
lassende Wirtschaftsleistung mit einer Flexibilisierung durch teilweise ange-
setzte Dezentralisierung und wirtschaftliche Rechnungsführung. Das schwä-
chelnde Wachstum der Wirtschaft benötigte zur Steigerung der Arbeitspro-
duktivität diese Reformen am zentral organisierten Planungs- und
Steuerungssystem. 54
Der 15. Jahrestag der DDR stand unter dem Motto »Dem Volke zum Nut-
zen – der Republik zu Ehren«. Auch in diesem Jahr gab es eine Ausstellung zur
Geschichte der DDR, sie trug den Titel »Deutschland ist hier! 15 Jahre DDR«.
Das Konzept trat auf als bilanzierende Leistungsschau, vor allem im Hinblick
auf das verarbeitende Gewerbe. 55 Die bekannten Festformen blieben erhalten.
Auszeichnungen, Demonstrationen, Aufmärsche sowie sozialistisch geprägte
Debatten und Reden zum Weltgeschehen – wie auch zu den Feierlichkeiten
1959 – fanden stets im Horizont der Systemkonkurrenz statt. 56 Auch der Fa-
ckelzug der Freien Deutschen Jugend (FDJ) am Vorabend und der Aufmarsch
von Formationen der Nationalen Volksarmee (NVA) an der Tribüne der
Hauptstadt am 7. Oktober 1964 wurden im Sinn der kommunistischen Para-
50 Siehe dazu die Beiträge von Gottfried Gabriel und Tilmann Siebeneichner in diesem Band.
51 Vgl. Schroeder: SED-Staat, S. 199–202.
52 Vgl. Herbert Weiz: Höhere Arbeitsproduktivität durch Wissenschaft und Technik, in: Neues
Deutschland Berlin/Prawda Moskau (Hrsg.): … und der Zukunft zugewandt. Anlässlich des
15. Jahrestages der Deutschen Demokratischen Republik, Berlin 1964, S. 53–58.
53 Vgl. Günther Heydemann: Die Innenpolitik der DDR, in: Peter Blickle/Elisabeth Fehren-
bach/Lothar Gall (Hrsg.): Die Innenpolitik der DDR, München 2003, S. 22–27, hier: S. 22f.
54 Vgl. ebd., S. 22f.; vgl. Schroeder: SED-Staat, S. 175–179.
55 Vgl. Gibas/Gries: Dezennienfeiern in der DDR, S. 22f.
56 Vgl. Albert Norden: Zwei Welten auf deutschem Boden, in: Neues Deutschland Berlin/Prawda
Moskau (Hrsg.): … und der Zukunft zugewandt. Anlässlich des 15. Jahrestages der Deutschen
Demokratischen Republik, Berlin 1964, S. 17–20; siehe dazu: Alfred Neumann: Vieles ist er-
reicht. Größeres wird angestrebt, in: Neues Deutschland Berlin/Prawda Moskau (Hrsg.): … und
der Zukunft zugewandt. Anlässlich des 15. Jahrestages der Deutschen Demokratischen Repub-
lik, Berlin 1964, S. 39–46.
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den der Sowjetunion zelebriert. Insgesamt fiel der Umfang des Festes und
seiner Ausstaffierung jedoch deutlich kleiner als fünf Jahre zuvor aus. Der
inneren Krise nach dem Bau der Mauer sollte mit der Vermittlung von Sicher-
heit und Selbstbewusstsein durch wirtschaftliche Stärke begegnet werden. Die
Benennung defizitärer gesamtgesellschaftlicher, politischer und wirtschaftli-
cher Entwicklungen sollte dabei in den Hintergrund treten. 57
Ebenfalls am Vorabend der großen Feierlichkeiten, am 6. Oktober 1964 und
wieder im Zeichen einer Ankündigung des eigentlichen Jubiläums, wurden aus
gleichem Anlass zwei motivgleiche Sonderausgaben 15 Jahre Deutsche Demo-
kratische Republik 58 herausgegeben; einerseits in Form von 15 Einzelmarken,
anderseits als nicht perforierter Sonderblock (Abb. 2). Der Sonderblock hatte
eine Auflage von 1,2 Millionen Satzbögen, die einzelnen Marken der Sonder-
ausgabe eine Auflage zwischen 3,5 und 4 Millionen. 59 Umsetzung fanden die
Sondermarken nach den Entwürfen von Klaus Hennig 60 und Dietrich Dorfste-
cher 61. Der Markenumfang wurde, ebenso wie zum 10. Jahrestag, dem Ausga-
57 Vgl. Gibas/Gries: Dezennienfeiern in der DDR, S. 22f.
58 Sonderpostwertzeichen vgl. Michel, DDR, 1059 A – 1073 A (gezähnt, gummiert) bzw. 1059 B –
1073 B (geschnitten, nicht gummiert), als Sonderblock vgl. Michel, DDR, Block 19. Die Nen-
nung der Marken mit der Michel, DDR, A/B meint dabei stets beide Ausgaben.
59 Vgl. Michel-Katalog, S. 511.
60 Klaus Hennig arbeitete als freiberuflicher Ausstellungs- und Postwertzeichengestalter sowie als
Karikaturist in Berlin. Er wurde 1932 in Halle an der Saale geboren und studierte im Zeitraum
von 1951 bis 1957 an der Hochschule für bildende und angewandte Kunst in Berlin-Weißensee
(vgl. Verband Bildender Künstler der Deutschen Demokratischen Republik. Sektion Ge-
brauchsgrafik (Hrsg.): Gebrauchsgrafik in der DDR, Dresden 1975, S. 333).
61 Der Briefmarkenkünstler und Medailleur Dietrich Dorfstecher wurde 1933 in Groß Miltzow bei
Neubrandenburg geboren und starb 2011 in Berlin. »Nach dem Abitur in Schwerin beginnt er
zunächst eine Lehre als Gebrauchswerber (Schauwerbegestalter). 1952 nimmt er ein Graphik-
Studium an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee auf, welches er 1957 mit dem Diplom ab-
schließt. Seitdem ist er als Gebrauchsgraphiker sowie Ausstellungsgestalter freischaffend in Ber-
lin tätig und Mitglied im Verband Bildender Künstler der DDR. 1978 erhält er den Vaterländi-
schen Verdienstorden in Bronze und 1980 den Kunstpreis der DDR. [...] Mit insgesamt 167 [...]
nach seinen Entwürfen erschienen Briefmarken avancierte er insbesondere in den 1960-
1970’iger Jahren zu einem der erfolgreichsten und produktivsten Briefmarkenkünstler der
DDR. Dabei entwickelte er eine ganz eigene Handschrift: Graphisch präzise Gestaltung in An-
lehnung an technische Zeichnungen[...]. Insgesamt neunmal wird er für seine Werke mit der
›Goldenen Briefmarke‹ ausgezeichnet. Einige Projekte entstehen [...] mit anderen Graphik-
Kollegen. Gemeinsam mit Klaus Hennig entwirft er beispielsweise den Block zum 15. Jahrestag
der DDR. Nach der Wende kann Dietrich Dorfstecher nur noch einen Wettbewerb für sich ent-
scheiden, die 2006 erscheinende Sondermarke ›Burganlage Burghausen‹ ([Michel-]Nr.2548).«
(Wolfgang Schneider: Dorfstecher, Dietrich, in: http://forum.bund-forum.de/viewtop-ic.
php?f=680&t=22078&p=61515&hilit=KlausHenning#p61515 (letzter Zugriff: 14. April 2018);
siehe auch Verband Bildender Künstler der Deutschen Demokratischen Republik. Sektion Ge-
brauchsgrafik (Hrsg.): Gebrauchsgrafik in der DDR, S. 329).
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beanlass entsprechend berücksichtigt. Die 15 Markenbilder zeigen die folgen-
den Motive:
Dargestellt wurde der Motivbereich Bauwesen/Architektur mit den beiden
Marken Bauarbeiter und Wohnhäuser im Bau (Michel, DDR, 1072 A/B) sowie
die DDR-Fahne vor dem Haus des Lehrers mit Wohnblock am Berliner Ale-
xanderplatz (Michel, DDR, 1063 A/B). Der Motivbereich der Sachgüterpro-
duktion gliederte sich in die Unterbereiche Handelsschifffahrt, Hüttenindust-
rie und Textilproduktion. Gezeigt wurden diese über die Briefmarken des
Schweißers mit Sichtschutz und Schiff am Kai (Michel, DDR, 1059 A/B), dem
Hüttenwerker mit Hochofen im VEB Stahl- und Walzwerk Brandenburg (Mi-
chel, DDR, 1062 A/B) sowie der Textilarbeiterin mit Webstuhl (Michel, DDR,
1073 A/B). Die Landwirtschaft wurde dargestellt durch das Motiv der Melkerin
mit Melkmaschine und Milchviehanlage (Michel, DDR, 1060 A/B). Dem Mo-
tivbereich Chemie konnten zwei Marken zugeordnet werden, einerseits die
Briefmarke des Chemikers mit Reagenzglas und Chemieanlage (Michel, DDR,
1064 A/B), andererseits ein Angehöriger der Kampfgruppe mit Maschinenge-
wehr und Chemieanlage (Michel, DDR, 1066 A/B). Neben die Chemie als
Motivgruppe traten mit dem Braunkohletagebau, dem Maschinenbau und der
Feinmechanik/Optik weitere ingenieurswissenschaftliche Industriezweige. Sie
wurden abgebildet über die Briefmarken des Vermessungsingenieurs mit
Braunkohletagebau (Michel, DDR, 1068 A/B), dem Ingenieur mit Buch und
Werkzeugmaschine (Michel, DDR, 1065 A/B) sowie dem Wissenschaftler mit
Planetariumsprojektor des VEB Carl Zeiss Jena (Michel, DDR, 1070 A/B).
Gezeigt wurden diese Industriebereiche vielfach im Horizont von Wissenschaft
und Forschung – ein Verweis auf das Verhältnis von wissenschaftlicher Inno-
vation und Wirtschaftskraft. Als Mittler dieses Verhältnisses konnte einerseits
die Briefmarke der Messe-Figuren mit dem Alten Rathaus Leipzig (Michel,
DDR, 1067 A/B) gewertet werden, andererseits das Briefmarkenmotiv der
Studentin mit Mikroskop und Hörsaal (Michel, DDR, 1061 A/B). Dem breiten
Motivgebiet Wirtschaft im Sinne volkswirtschaftlicher Erschließung und Pro-
duktion durch Hand und Kopf, Arbeitskraft und (Spezial-)Wissen, standen
lediglich zwei Sondermarken aus dem Motivbereich Kultur und Freizeit ge-
genüber. Sie zeigen einen Bildhauer mit Frauenplastik vor dem Dresdner
Zwinger (Michel, DDR, 1071 A/B) und eine Winterurlauberin in einer ver-
schneiten Ortschaft (Michel, DDR, 1069 A/B).
Alle erschienenen Werte entsprachen einem Frankaturwert von 10 Pfennig,
mit dem etwa Briefe bis 20 Gramm im Ortsverkehr oder Postkarten verschickt
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werden konnten. 62 Für die Versandpraxis ergaben sich daraus vielfach Mehr-
fachfrankaturen. Damit – und mit Blick auf eine beinahe identische Auflagen-
höhe – kann von einer etwa gleichen Verteilung im Postverkehr ausgegangen
werden. Die Rahmenfarben Rot, Blau, Grün und Grau fanden Anwendung,
und der weiße Schriftzug »15 Jahre DDR« hebt sich über dem mehrfarbigen
Motiv gut sichtbar ab. 63
Auf jeder Marke ist, ähnlich wie im Satz von 1959, sowohl eine Person als
auch ein materielles Artefakt dargestellt. Beide Motive zusammen repräsentie-
ren einen Industriezweig oder kulturellen Bereich. Die schemenhaft dargestell-
ten Menschen wurden 1964, wie im Satz von 1959, vor den sie repräsentieren-
den Industriezweigen und kulturellen Bereichen platziert.
Im Folgenden soll vor allem auf die Blockausgabe eingegangen werden,
denn der Block ist mit 21,0 x 28,5 Zentimetern (Format DIN A4) sowohl der
größte Sonderblock, der jemals von der DDR herausgegeben wurde, als auch
bis heute der europaweit größte emittierte Block überhaupt. Die einzelnen
zuvor beschriebenen Marken konnten aus dem Block herausgeschnitten und
anschließend zur Frankatur verwendet werden.
Die Blockausgabe zeigt hintergründig das grün gedruckte Staatsterritorium
der DDR. Unter der rot-grauen Überschrift »15 Jahre Deutsche Demokratische
Republik« findet sich das goldgelbe Emblem der DDR, Hammer und Zirkel
mit Fahne und Ährenkranz. Unterschrift ist in roten Lettern die erste Zeile der
DDR-Hymne »Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt« 64. Die
15 farbigen Marken verteilen sich gestalterisch, aber auch inhaltlich über die 15
Bezirke des Staatsgebietes der DDR. 65 Auch auf den vollständig ausgeschriebe-
nen Namen »Deutsche Demokratische Republik« wurde 1964 verzichtet. Die
DDR zeigte sich selbstbewusst in Zeichen ihrer politischen Symbolik – Fahne
mit Emblem, Territorium und Beginn der Hymne säumen die Blockausgabe.
62 Siehe dazu o. A.: Postgebühren von SBZ, DDR und VGO für Briefe, Postkarten und Drucksa-
chen, in: https://www.rund-um-Briefmarken.de/postgebuehren/postgebuehren_ddr_sbz_vgo.h
tml (letzter Zugriff: 23. Februar 2018).
63 Vgl. o. A.: Lipsia. Permanent Briefmarken-Katalog, Berlin 1979, S. 59f.
64 Vgl. Demokratischer Aufbau: Das erste Jahr Deutsche Demokratische Republik, S. 11; vgl.
Wolle: Alltag und Herrschaft, S. 92–94; siehe dazu: Willi Stoph: Unsere Arbeit hat sich gelohnt,
in: Neues Deutschland Berlin/Prawda Moskau (Hrsg.): … und der Zukunft zugewandt. Anläss-
lich des 15. Jahrestages der Deutschen Demokratischen Republik, Berlin 1964, S. 7–13.
65 Indem der Schweißer mit Schiff am Kai (Michel, DDR, 1059 A/B) dem Bezirk Rostock, der
Angehörige der Kampfgruppen mit Industrieanlage (Michel, DDR, 1066 A/B) dem Bezirk Halle
und seinem Industriegebiet Leuna zugeordnet werden kann, so entspricht beispielsweise auch
die Briefmarke des Vermessungsingenieurs mit Braunkohletagebau (Michel, DDR, 1068 A/B)
dem Bezirk Frankfurt an der Oder und seinem Lausitzer Braunkohlerevier.
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Durch den Bau der Mauer wurden diese Grenzen nun außenpolitisch klar
umrissen. 66
Die Sonderausgaben zum 15. Jahrestag der DDR zeichneten, wie auch in der
Ausgabe von 1959, einen positiven Gesellschaftsentwurf im Sinne der Jubilä-
umsrhetorik. Im Zentrum der Sonderausgaben standen die Arbeitenden selbst,
das Staatsvolk. Die Fahne als hoheitliches Symbol, wie noch in der Ausgabe
von 1959, trat hinter die Arbeitenden zurück – aber wurde in der Blockausgabe
mit einer Briefmarke (Michel, DDR, 1063 B) im Zentrum des Staatsterritori-
ums platziert. Und auch auf Briefmarkenblättern von Vordruckalben erscheint
die einzelne Sondermarke mit der DDR-Fahne in der Regel als oberste und
erste. 67 Die sonst dargestellten Menschen werden in dieser Sondermarke durch
die zentral dargestellte Flagge ersetzt beziehungsweise die Menschen ersetzen
in den übrigen Darstellungen die Fahne als hoheitsstaatliches Symbol. Der
Wechsel der signifikant herausgestellten Motivgruppen von ›DDR-Flagge‹ zu
›Menschen‹ in den Sonderausgaben von 1959 und 1964 ermöglicht die Deu-
tung des Menschen als Gegenstand des real existierenden Sozialismus, der sich
nicht nur der hoheitsstaatlichen Symbolik angenommen hat, sondern dessen
propagierte Ziele er auch im alltäglichen Denken und Handeln – hier im Rah-
men von Arbeit – verinnerlichte.
Der Sonderblock umreißt das grün unterlegte Staatsterritorium, und politi-
sche Symbolik findet sich darüber hinaus in der ersten Zeile der DDR-Hymne
sowie in der Präsentation des Hammer-Zirkel-Emblems. Suggeriert wurde in
dieser Sonderausgabe eine farbenfrohe Gegenwart, die scheinbar auf ein poli-
tisch stabiles, technisch und wirtschaftlich hochentwickeltes Land zurückzu-
führen sei. Das noch 1959 in den Briefmarken propagierte Anliegen der Etab-
lierung politischer Symbolik, auch als politisch gewünschte Einheit von
Staatsmacht und Staatsvolk, wird 1964 zu Gunsten einer Zentriertheit auf die
Arbeiterschaft umgedeutet.
5 Motive – Themen – Kontexte. Ein Vergleich
Nach Untersuchungen zum 15. Jahrestag der Republik sollen im folgenden
Kapitel Kontinuitäten und Brüche von Motiven und Themen, aber auch dem
gestalterischen Aufbau der Sonderausgaben und des Blocks von 1959 und 1964
herausgestellt werden.
Die Bevölkerung – im Satz von 1959 noch explizit ›Erbauer des Sozialismus‹
genannt – trat 1964 in den Kontext von scheinbar gesicherten ökonomischen
66 Vgl. Kleßmann: Arbeiter, S. 549–557.
67 Siehe dazu u. a. Abria Vordruckblätter.
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Grundlagen, dargestellt als Werktätige auf den Marken der industriellen Er-
zeugung und Fertigung. Die Darstellungen der Melkerin (Michel, DDR, 1060
A/B), des Hüttenwerkers (Michel, DDR, 1062 A/B), der Textilarbeiterin (Mi-
chel, DDR, 1073 A/B) und des Schweißers (Michel, DDR, 1059 A/B) legen dies
nahe. Bis auf die Thematisierung des tertiären Dienstleistungssektors wurden
alle wirtschaftlichen Bereiche in den Markensätzen vereint. Im Zentrum – eine
Kontinuität in beiden Sätzen – standen Rohstoffgewinnung und -verarbeitung
in Landwirtschaft, Industrie und Gewerbe, 68 aber auch politische Symbolik im
Hinblick auf die Etablierung und Verbreitung der DDR-Fahne. Wirtschaftspo-
litische Propaganda wird als Kontinuität, jedoch mit unterschiedlichen Motiv-
schwerpunkten, fokussiert beibehalten.
Die Themenkomplexe Bauwesen/Architektur, Handelsschifffahrt, Hütten-
industrie und Kultur wurden auch im Satz von 1964 beibehalten. Motivgleiche,
jedoch in beiden Ausgabejahren unterschiedlich dargestellte Themenkomplexe
lassen sich exemplarisch an der Darstellung des Dresdner Zwinger aufzeigen,
aber auch allgemeiner bei der Handelsschifffahrt und der Hüttenindustrie.
1959 stand die Wiedererrichtung des Dresdner Zwingers (Michel, DDR, 724)
als Kulturgut, fünf Jahre später der sich dort inspirierende Kunstschaffende
(Michel, DDR, 1071 A/B) 69, im Zentrum der Postwertzeichen. Die Jahre des
Wiederaufbaus schienen bis zum 15. Tag der Republik überwunden. Aber auch
die Themenkomplexe Freizeit und Erholung sowie Landwirtschaft wurden im
Satz von 1964 berücksichtigt. Dem konkreten FDGB-Erholungsheim in Gern-
rode (Michel, DDR, 723) stand 1964 eine beliebige Ortschaft (Michel, DDR,
1069 A/B) gegenüber. Die beiden Landwirtschaftsmarken vom 10. Jahrestag,
der Mähdrescher (Michel, DDR, 722) als Maschine und die Traktoristin (Mi-
chel, DDR, 728) als Arbeiterin, wurden im Satz fünf Jahre später in nur einer
Marke vereint – sie zeigt eine Melkerin mit Melkmaschine (Michel, DDR, 1060
A/B).
Gegenüber der Reduktion von Motiven stand die thematisch bewusste Aus-
differenzierung der Marken, unter anderem zu belegen durch den Motivbe-
reich Chemie. Dem Sonderpostwertzeichen des Chemikers, der motivisch auch
in beiden Sätzen Berücksichtigung fand (Michel, DDR, 726 und 1064 A/B), trat
1964 mit einem Angehörigen der Kampfgruppen der Arbeiterklasse (Michel,
DDR, 1066 A/B) eine weitere Sondermarke hinzu. Das Mitglied der paramilitä-
rischen Vereinigung wurde dabei bewusst in den Kontext der Sicherung sen-
sibler Industrieanlagen, im vorliegenden Fall der Chemie, gestellt. 70
68 Siehe dazu den Beitrag von Pierre Smolarski in diesem Band.
69 Zur Rolle der Kultur im Sozialismus: Schroeder: SED-Staat, S. 544–552.
70 Siehe dazu Tilmann Siebeneichner: Proletarischer Mythos und realer Sozialismus. Die Kampf-
gruppen der Arbeiterklasse in der DDR, Köln/Weimar/Wien:Böhlau 2014, S. 183–198; Bürger-
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Für die Betrachtung der Motive, insbesondere der ›Menschen‹ als zentral
positionierte Darstellungen von Erwerbstätigen, ließen sich unterschiedliche
Befunde herausstellen. Mit Blick auf geschlechterspezifische Fragestellungen
zeigte sich, dass die Darstellungen von Frauen als Arbeiterinnen (Michel,
DDR, 1060 A/B und 1073 A/B), als angehende Naturwissenschaftlerin (Michel,
DDR, 1061 A/B) und Urlauberin (Michel, DDR, 1069 A/B) mit der Emission
von 15 Marken erkennbar erweitert wurden. Und das in beiden Sonderausga-
ben dargestellte Staatsvolk sind ausschließlich Erwachsene. Vor dem Hinter-
grund der im Rahmen der propagandistischen Jubiläumsrhetorik genutzten
Geburtstagsmetapher, die den Entwicklungsprozess eines Kindes auf die Ge-
schichte der eigenen Republik übertrug, wurde auf Abbildungen von Kindern
und Heranwachsenden verzichtet. Im Zeichen von Wirtschaftspropaganda, die
in beiden Ausgabejahren thematisiert wurde, treten Kinder und Jugendliche in
eine zu vernachlässigende Rolle.
Der ›Intelligenz‹ als gesellschaftliche Gruppe, dargestellt in den Briefmarken
der Chemiker (Michel, DDR, 726 und 1064 A/B), des Vermessungsingenieurs
(Michel, DDR, 1068 A/B), des Feinmechanikers/Optikers (Michel, DDR, 1070
A/B), des Maschinenbauingenieurs (Michel, DDR, 1065 A/B) und der Studen-
tin (Michel, DDR, 1061 A/B), die im Bereich der Ingenieurswissenschaften
1964 ebenfalls deutlich ausdifferenziert dargestellt wurden, kam die Aufgabe
der Erforschung und Nutzbarmachung von Rohstoffen und Technologien zu.
Auffällig war in der Ausgabe von 1964 auch eine feinere Untergliederung der
Industriezweige wie der Chemie, dem Braunkohletagebau, dem Maschinenbau
und allgemeiner der Wissenschaft und Forschung. Neu hinzu kam im Satz von
1964 der Themenbereich Leipziger Messe (Michel, DDR, 1067 A/B), als Podi-
um, Neuheiten der Industrie- und Konsumgüterproduktion, aber auch Er-
zeugnisse sozialistischer Nachbarländer auszustellen und eine keine Vergleiche
scheuende Wirtschaftskraft darzustellen.
Doch konnten auch deutliche Unterschiede in der Darstellungsweise zwi-
schen den beiden Ausgaben gesehen werden. So überwog im Satz von 1959
noch die Gestik des heroischen Aufblickens der Arbeitenden (unter anderem
Michel, DDR, 725 und 726) in eine noch nicht eingetroffene Zukunft, während
1964 eine sorgfältig erscheinende Hinwendung der Arbeitenden zu ihren je-
weiligen Tätigkeiten (unter anderem Michel, DDR, 1064 A/B, 1068 A/B und
1073 A/B ) – und damit eine explizite Gestik des Arbeitens selbst – ausgemacht
werden kann. 71
komitee Leipzig e. V.: Die Kampfgruppen der Arbeiterklasse, in: http://www.runde-ecke-leip
zig.de/sammlung/pop_zusatz.php?w=w00093 (letzter Zugriff: 12. Dezember 2017) und den Bei-
trag von Tilmann Siebeneichner in diesem Band.
71 Siehe dazu auch den Beitrag von Pierre Smolarski in diesem Band.
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Die Luftfahrtindustrie als Prestigeprojekt der DDR, wie sie noch in der Son-
derausgabe von 1959 mit dem Passagierflugzeug (Michel, DDR, 729) gezeigt
wurde, fand im Satz von 1964 keine weitere Würdigung. Das Passagierflugzeug
Baade 152 72 war noch 1958, bis zum Absturz einer im Test befindlichen Ma-
schine, der Stolz und die Hoffnung der Flugzeugbauer in der DDR. Bereits im
März 1961 verkündete die DDR-Regierung dann das Ende der eigenen Luft-
fahrtindustrie. 73 Die Überschätzung ökonomischer Kraft und wirtschaftspoliti-
scher Qualifikation, fehlende unternehmerische Risikoanalyse ohne die Beach-
tung marktwirtschaftlicher Aspekte, auch des Weltmarkts, sowie die alleinige
Ausrichtung auf den Absatzmarkt des zivilen Flugzeugbaus für die Sowjetuni-
on hatten zu dieser kurzen, aber technisch durchaus anerkennenswerten Ent-
wicklung in der Luftfahrtindustrie der DDR in den 1950er-Jahren geführt. 74
1959 wurde auch der erste Atomreaktor der DDR in Dresden-Rossendorf in
der Sonderausgabe als Briefmarke (Michel, DDR, 731) geführt. Das Atom-
kraftwerk, genutzt als Forschungsreaktor, wurde in seiner Darstellung und in
der Motivbeschreibung nicht funktional beschrieben. 75 Gerade vor dem Hin-
tergrund des sich anbahnenden Ost-West-Konflikts und einem damit verbun-
denen, auch nuklearen Wettrüsten ließen die Herausgeber der Sonderausgabe
die Beschreibung der Reaktornutzung intendiert offen. Indem die tatsächliche
Nutzungsstrategie des Rossendorfer Kernreaktors zu Zwecken der Wissen-
schaft und Forschung jedoch im Rahmen der Sonderausgabe nicht aufgelöst
wurde, konnte eine militärische Nutzung der Kernkraft – und demgegenüber
auch eine friedliche Nutzung – im Rahmen von Energieerzeugung auch nicht
ausgeschlossen werden. 76
Die Sonderausgaben gingen in besonderer Weise auf Rohstoffe, Güter und
Produktionsweisen ein, die der Konzeption des sozialistischen Wettbewerbs
72 Siehe dazu Reinhard Müller: Brunolf Baade und die Luftfahrtindustrie der DDR. Die wahre
Geschichte des Strahlverkehrsflugzeuges 152, Erfurt 2013, S. 161–250.
73 Vgl. Rainer Appelt: Schnelles Ende. DDR-Luftfahrtindustrie, in: Klassiker der Luftfahrt, 4
(2014) 3, in: http://www.klassiker-der-luftfahrt.de/geschichte/flugzeuge/scheitern-der-ddr-
luftfahrtindustrie/599458 (letzter Zugriff: 25. August 2017); vgl. Gerhard Barkleit: Die Spezialis-
ten und die Parteibürokratie. Der gescheiterte Versuch des Aufbaus einer Luftfahrtindustrie in
der Deutschen Demokratischen Republik, in: Berichte und Studien des Hannah-Arendt-
Instituts für Totalitarismusforschung. Zur Geschichte der Luftfahrtindustrie der DDR 1952–
1961, 1 (1995), S. 5–27, hier: S. 12.
74 Vgl. Heinz Hartlepp: Hatte die DDR-Luftfahrtindustrie 1954 und danach eine Chance? Die
heutige Sicht eines damals Beteiligten, in: Berichte und Studien des Hannah-Arendt-Instituts
für Totalitarismusforschung. Zur Geschichte der Luftfahrtindustrie der DDR 1952–1961, 1
(1995), S. 29–46, hier: S. 45f.
75 Vgl. Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf: 50 Jahre Forschungsstandort Dresden-
Rossendorf, in: https://www.hzdr.de/db/Cms?pOid=38032 (letzter Zugriff: 9. Oktober 2017).
76 Siehe dazu Schroeder: SED-Staat, S. 178.
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unterlagen. 77 Bezeichnend in diesem Zusammenhang ist einerseits die Darstel-
lung einer Studentin mit Mikroskop (Michel, DDR, 1061 A/B) und anderer-
seits die eines Wissenschaftlers mit Werkzeugmaschine (Michel, DDR, 1065
A/B) in den Sonderausgaben von 1964. Damit gelang es, Angehörige der Intel-
ligenz, grafisch gestaltet mit den Attributen Buch und Mikroskop, als geistige
Arbeiter gleichgestellt neben die Werktätigen »als Teil eines gesamtgesell-
schaftlichen Produktionsprozesses« 78 darzustellen. Beide Postwertzeichen kön-
nen demnach auch in den Kontext einer von Peter Pasternack festgestellten
wissenschaftlich-technischen Revolution eingeordnet werden. 79 Die Gruppe
der die Intelligenz abbildenden Sondermarken zeigte ausschließlich die ingeni-
eurswissenschaftlich, zumindest jedoch naturwissenschaftlich arbeitenden
Berufsgruppen. Auf die Darstellung geisteswissenschaftlicher Kontexte wurde
hingegen explizit verzichtet. Schwierig schien hier die Eingliederung von geis-
teswissenschaftlich Forschenden als Erwerbstätige in den sozialistischen Wirt-
schaftswettbewerb.
6 Resümee
Die in der Einführung beschriebene These zur Bruchlosigkeit der Propagan-
dastrategien in Briefmarke und Jubiläum soll an dieser Stelle wieder aufgegrif-
fen werden. Die aufgestellte These konnte abschließend als nicht hinreichend
beschrieben werden, denn auch wenn die SED-Führung die einzelne Briefmar-
ke als Repräsentationsmedium des eigenen Selbstverständnisses im Hinblick
auf Wirtschaftspropaganda nutzte, wurden Elemente der Ausgestaltung politi-
scher Festkultur im engeren Sinn nicht aufgegriffen. Übertragbar wurde diese
Form der sozialistischen Propaganda auf die Republikgeburtstage, weil sie im
Kern auf volkswirtschaftliche Produktivitätssteigerung ausgerichtet war und in
ihrer erdachten Alltagsperspektive auf die Lebenswelt der Arbeitenden einging.
Indem hauptsächlich die Arbeitswelt gezeigt und damit sichtbar gemacht wur-
de, das heißt mit ihren Werkzeugen und (Mess)Instrumenten, mit ihren Ar-
beitsweisen und Produkten, denen die Sphäre der Freizeit gegenübergestellt
schien, konnte ein wirtschaftlicher, aber auch gesellschaftlich bilanzierender
Blick ermöglicht werden. Die Bilanzierung als wesentliches Element von Jubi-
läumsfeierlichkeiten, als Teil ihrer Rhetorik, wird im Medium der Briefmarke
77 Vgl. ebd., S. 638.
78 Zit. n. Peer Pasternack: Politik und Wissenschaft in der DDR. Kontrastanalyse im Vergleich zur
Bundesrepublik, in: Ders.: Wissenschaft und Politik in der DDR. Rekonstruktion und Litera-
turbericht, Wittenberg 2010, S. 35–37.
79 Siehe dazu Peer Pasternack: Wissenschaft und Politik in der DDR. Rekonstruktion und Litera-
turbericht, Wittenberg 2010.
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mit der Lebenswelt der überwiegend arbeitenden Bevölkerung zumindest pro-
pagandistisch vereinbar.
Es kann konstatiert werden, dass weder die untersuchten Sonderpostwert-
zeichen von 1959 noch die aus dem Jahr 1964 deutliche Bezüge zu den Jubilä-
umsfeierlichkeiten an sich und damit im engeren Sinne politisch umgesetzte
Festkultur zeigen, 80 wohl aber zur propagandistischen Rhetorik der Jubiläen.
Vielfach zeigte sich, dass ähnliche Bildprogramme in beiden Sätzen genutzt
wurden. Auf die Darstellung politischer Funktionsträger wurde verzichtet.
Auch wurden keine offensichtlichen Rückblicke in die eigene Geschichte, auf
unmittelbare Gründungsumstände vorgenommen, sondern überwiegend
Werktätige und Industriezweige in der Gegenwart dargestellt. Vor allem die
Gestik des stolzen, im Grunde heroischen Aufblickens konnte als Blick in die
Zukunft gedeutet werden. Nicht Vergangenheit, sondern Gegenwart und Zu-
kunft im Zeichen ihrer Prozesshaftigkeit wurden gezeigt. Den Blick in die
Zukunft wagte aber nicht der große Politiker, die schillernde Führungsfigur,
sondern der einzelne Arbeiter, der ›kleine Mann‹ oder die ›kleine Frau‹, die als
»Helden der Arbeit« 81 vermittelt wurden und die nach ihren Möglichkeiten
und zum Wohle eines größeren gesellschaftlichen Zusammenhangs auf dem
Weg in den klassenlosen Kommunismus, die Gegenwart für die Zukunft ge-
stalteten. 82
Die Sonderausgaben verwiesen dabei im weiteren Sinne auf Themen und
Inhalte der Jubiläen. Sie traten einerseits in den Zusammenhang mit Bilanzie-
80 Am Rande sei angemerkt, dass für den 10. Jahrestag 1959 in der Lipsia. Philatelistischen Schrif-
tenreihe (Heft 5) ein Sonderheft mit dem Titel Was die Briefmarken der DDR erzählen er-
scheint, »das erstmals den Versuch unternimmt, von der Thematik der Briefmarken der DDR
her eine Darstellung der geschichtlichen Entwicklung unseres Volkes in den letzten 150 Jahren
zu geben.« (Grallert/Roland: ABC der Briefmarke, S. 119; siehe dazu: Arthur Vogt: Was die
Briefmarken der DDR erzählen, Leipzig 1959).
81 »Im Jahre 1950 wurde das Gesetz der Arbeit erlassen. Es sah zur Förderung und Pflege der
Arbeitskräfte, zur Steigerung der Arbeitsproduktivität und zur weiteren Verbesserung der ma-
teriellen und kulturellen Lage der Arbeiter und Angestellten die Verleihung de[s] Titel[s] ›Held
der Arbeit‹ [...] vor.« (Frank Bartel: Auszeichnungen der Deutschen Demokratischen Republik
von den Anfängen bis zur Gegenwart, Berlin, 1979, S. 11). »Der Ehrentitel ›Held der Arbeit‹
wurde am 19. April 1950 geschaffen. Mit dem Titel können die bahnbrechenden Taten für den
Aufbau und den Sieg des Sozialismus in der Volkswirtschaft anerkannt und gewürdigt werden.
[...] Zum Ehrentitel gehören ein Ehrenzeichen, eine Urkunde und eine Prämie.« (ebd., S. 118).
82 Vgl. Ulrich Kurzer: Silke Satjukow/Rainer Gries: Sozialistische Helden. Eine Kulturgeschichte
von Propagandafiguren in Osteuropa und der DDR, in: http://www.deutschlandfunk.de/silke-
satjukow-rainer-gries-sozialistische-helden-eine.730.de.html?dram:article_id=101931 (letzter
Zugriff: 12. Dezember 2017); vgl. Christoph Kleßmann: Teilung und Wiederherstellung der na-
tionalen Einheit 1949–1990, in: Ulrich Herrmann/Ulf Dirlmeier/Ernst Hinrichs (Hrsg.): Kleine
deutsche Geschichte, Stuttgart 1995, S. 383–457, hier: S. 430f.; siehe dazu: Schroeder: SED-Staat,
S. 713–717; siehe dazu: Demokratischer Aufbau: Das erste Jahr Deutsche Demokratische Re-
publik, S. 25.
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rung und Leistungsschau, andererseits mit Zukunftsdenken und Leistungsstei-
gerung 83 – in der Hoffnung auf ein gutes, besseres Morgen. Die Vermittlung
eines positiven Gegenwarts- beziehungsweise hoffnungsvollen Zukunftsbildes
der DDR auf beiden Sonderausgaben unterlag, wie bereits vielfach herausge-
stellt, dem sozialistischen Propagandaapparat. Der bereits hochpolitische Aus-
gabekontext der Jahrestage wurde auf die Ikonografie der Postwertzeichen in
Form von Schrift und Bild übertragen. Die einzelne Marke wurde hier bereits
durch den Ausgabekontext authentische, geschichtswissenschaftlich nutzbare
Quelle. Ikonografisch blieb sie verhaftet an der propagandistischen Jubiläums-
rhetorik und ihrer 1959 die Staatsmacht, 1964 das Staatsvolk fokussierenden
Ideale. Die untersuchten Briefmarken konnten abschließend als idealtypische
Abbildungen des Selbstbildes der Deutschen Demokratischen Republik identi-
fiziert werden. Die Sonderausgaben präsentierten überwiegend Industrie- und
Produktionszweige als scheinbar harmonisches Nebeneinander von Arbeitern,
Bauern und Intelligenz – als Nebeneinander der Werktätigen. 84 Sie stellten
Industriezweige vor, deren Angehörige praktisch alle DDR-Bürger sein konnte
und denen diese Marken gewidmet scheinen.
Die Verbindung zwischen Jubiläum und alltäglicher Lebenswelt gelingt über
die Staatssymbolik, hier im Wesentlichen über die Darstellungen der DDR-
Fahne. Die Sonderausgabe von 1959 stellte klar die Fahne als hoheitliches Zei-
chen und Staatssymbol in den Mittelpunkt der Ausgabe, als Zeichen von
›oben‹. Genügte 1964 eine zentral positionierte Briefmarke des Satzes mit der
Darstellung der DDR-Fahne (Michel, DDR, 1063 A/B), die darüber hinaus auf
eine Personendarstellung verzichtete, schien sich 1959 die verhältnismäßig
junge DDR mit ihrer Symbolik international behaupten zu müssen. Fünf Jahre
später wurde der Arbeiter mit seiner Leistung in den Mittelpunkt der Ausgabe
gestellt, als Zeichen von ›unten‹. Dies zeigt einen deutlichen Paradigmenwech-
sel: Aus der 1959 dargestellten, zu etablierenden Staatssymbolik, der Präsenta-
tion der Staatsmacht wurde nach dem Mauerbau 1961 wieder eine deutliche
Zentriertheit auf den Menschen, eine Fokussierung auf das Staatsvolk.
Durch die auf den Sonderausgaben präsenten politischen Symbole, die zu-
gleich zentrale Elemente der politischen Ikonografie sind, wird der Staat in der
Lebenswelt der Menschen präsent. Die Nutzung des Mediums Briefmarke als
alltäglicher Gebrauchsgegenstand bot sich durch seine visuelle Zugänglichkeit
und wirksame Verbreitung staatspolitischer Symbolik an. Diese Präsenz, die
sich auch im Rahmen der Fest-Rituale als kollektive Identität konstituieren
soll, konnte im Weiteren über das Medium Briefmarke hinaus wirksam wer-
83 Vgl. ebd., S. 853–855.
84 Das propagierte Nebeneinander der Bevölkerungsgruppen hat unter anderem Klaus Schroeder
im Kapitel zur Sozialstruktur herausgestellt (vgl. Schroeder: SED-Staat, S. 696–712).
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den. Die idealisierte Ikonografie bezog sich dabei auf Darstellungsweisen und
Botschaften, die als Abbild politischen, hier sozialistischen Wunsch- und Zu-
kunftsdenkens auftraten.
Das methodische Vorgehen nach Roman Siebertz, der die Briefmarken
Irans als Mittel der politischen Bildpropaganda untersuchte, 85 stellte sich für
die Analyse der Jubiläumsausgaben der DDR als fruchtbar heraus. Parallelen,
die im Kontext beider Diktaturen beschrieben werden können, beziehen sich
dabei auf einerseits staatlich kontrollierte Emissionskontexte und eine ebensol-
che, durchaus propagandistische Beeinflussung mit Blick auf Ikonografie und
Gestaltung. Politische Symbolik konnte demnach benannt und die Darstellun-
gen der Sonderausgaben in Kategorien zu ›Motivgruppen‹ geordnet werden.
Die Fragestellung nach dem Verhältnis der Festkultur von Jahrestagen der
DDR und dem unter anderem dafür genutzten Medium Briefmarke erforderte
vor der Einteilung der ›Sinnbilder‹ jedoch eine historische Verortung als Be-
schreibung der Emissionskontexte. Erst durch diese historische Einordnung
wurde ein Vergleich der Bildprogramme mit ihren jeweils spezifischen Ausga-
bejahren ermöglicht. Grenzen der Betrachtung liegen, entgegen der For-
schungsarbeit von Roman Siebertz, in der breiten medialen Einbettung der
Briefmarke der DDR in andere zeitgenössische Propagandakanäle und in der
Erforschung ihrer Wirkungs- und Rezeptionsgeschichte. Auch das Verhältnis
der Akteursgruppen Urheber und Adressaten der Propaganda wurde mit einer
Fokussierung auf die Umsetzungen der Beeinflussung zurückgestellt. Vor al-
lem die DDR-Fahne als zentrales staatspolitisches Element konnte im Horizont
»der politischen Ikonografie der Zeit« Beachtung finden und damit den me-
thodischen Überlegungen Roman Siebertz’ folgen. 86
Wünschenswert wären weitere Forschungen im Kontext von Propaganda-
und Totalitarismusforschung, die die Briefmarke als zentrale Quelle herausstel-
len und neuartige Perspektiven auf das Verhältnis von Urhebern und Adressa-
ten der Beeinflussung ermöglichen.
85 Vgl. Siebertz: Die Briefmarken Irans.
86 Vgl. ebd., S. 16.
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Abbildungen
Abbildung 1
10 Jahre DDR (1959, Michel, DDR, 722–731).
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Abbildung 2
15 Jahre DDR (1964, Michel, DDR, 1059–1073/Block 19).
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Abbildungsnachweis der Beiträge
Das Copyright aller in diesem Buch gezeigten Österreichischen Briefmarken
liegt bei der Österreichischen Post AG, das der Schweizer Postwertzeichen bei
der Post CH AG. Die Abbildungen der deutschen Marken erfolgt mit freundli-
cher Genehmigung des Bundesministeriums der Finanzen.
Gottfried Gabriel
Abb. 1–3, 5–6, 8–25: https://wikipedia.de
Abb. 4: https://colnect.com
Abb. 7: https://muenzkatalog-online.de
Christian Rohr
Abb. 1, 10–11, 31, 36–37: Eigene Darstellungen
Abb. 2–9, 12–30: https://philawiki.post.at/Home/Index
Abb. 32–35, 38, 41 42–45: Sammlung Christian Rohr
Abb. 39–40: www.propatria.ch
Björn Onken
Abb. 1–6: https://wikipedia.de
Tilmann Siebeneichner
Abb. 1–7: https://wikipedia.de
Thomas Richter
Abb. 1, 21: Sammlung René Smolarski
Abb. 2, 11: https://colnect.com
Abb. 4–10, 12–20, 22–25: https://wikipedia.de
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Dietrich Ecklebe
Abb. 1–69: Sammlung Dietrich Ecklebe
Sebastian Knoll-Jung
Abb. 1: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:1897_Semi-postal_stamp_in
_NSW.jpg
Abb. 2: 4–32, 34–64: Sammlung Sebastian Knoll-Jung
Abb. 3: https://collections.nlm.nih.gov/catalog/nlm:nlmuid-101449533-img.
Abb. 33: Dietrich Janke: Medizinisch-philatelistische Bildkartei, Ingelheim am
Rhein 1962.
Reinhard Krüger
Abb. 1: https://ebay.de
Abb. 2: https://pinterest.de
Abb. 3, 12, 25: Sammlung Reinhard Krüger
Abb. 4: https://wikipedia.de
Abb. 5–11, 13–24: https://colnect.com
Sebastian Liebold
Abb. 1–18: Sammlung Sebastian Liebold
Florian Müller
Abb. 1–64: Sammlung Florian Martin Müller
Abb. 65: Deto Burhop/Jan Heijs: »Postkrieg«. Postkrieg Spezialkatalog 1870–
2008/Catalogue of Postal War 1870–2008, Amsterdam 2011, S. 20.
Abb. 66: Jan Heijs/Ulrich Clauss: Der Postkrieg zwischen Makedonien und
Griechenland, in: Südost-Philatelie 122 (2013), S. 13 Abb. 2.
Jasper M. Trautsch
Abb. 1–11: https://arago.si.edu
Pierre Smolarski
Abb. 1–3, 15, 22, 34: Sammlung René Smolarski
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Abb. 4–14, 16–21, 23–33, 35: https://wikipedia.de
René Smolarski
Abb. 1–5, 7, 9–22: https://wikipedia.de
Abb. 6: https://numisbids.com
Abb. 23–25: Sammlung René Smolarski
Abb. 8: https://wahlplakate-archiv.de
Franz Tröger
Abb. 1, 4: Eigene Darstellungen
Abb. 2–3, 5–6, 8–30: Sammlung Franz Tröger
Abb. 5: https:// http://www.muenzen-ritter.de
Werner Boddenberg
Abb. 1: https://wikipedia.de
Abb. 2, 5–7, 13, 15–23, 27–30: Sammlung Werner Boddenberg
Abb. 3: Der Heimkehrer, Nr. 5 von Mai 1953
Abb. 4: Kölner Stadtanzeiger vom 27. Juni 1953
Abb. 8–9: Bildarchiv des DRK-Suchdienstes
Abb. 10–12: Tägliche Rundschau, Nr. 149 vom 29. Juni 1947
Abb. 14: https://dhm.de, mit freundlicher Genehmigung des Deutschen Histo-
rischen Museums und von Kurt Elfering
Abb. 24: Stern vom 12. Februar 1950
Abb. 25: O.A.: Kriegsgefangene in der Sowjetunion, Berlin [1949]
Abb. 26: Kurt Meinhold: EIN BILD sagt mehr als TAUSEND WORTE. Foto-
dokumente eines Heimkehrers aus der UdSSR, Berlin 1949.
Silke Vetter-Schultheiß
Abb. 1: https://wikipedia.de
Abb. 2–4, 6–17: https://colnect.com
Abb. 5: POST Luxembourg, OT/130.16
Annemarie Müller
Abb. 1–2: https://wikipedia.de
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1 Post – Wert – Zeichen
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6 Band 1
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11 Herausgegeben von
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Pierre Smolarski, RenØ Smolarski und Silke Vetter-Schultheiß
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1 Pierre Smolarski / RenØ Smolarski /
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Silke Vetter-Schultheiß (Hg.)
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Gezähnte Geschichte
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13 Die Briefmarke als historische Quelle
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22 Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen
23 Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über
24 http://dnb.d-nb.de abrufbar.
25
Gedruckt mit freundlicher Unterstützung der Stiftung zur Förderung der Philatelie und
26 Postgeschichte, der Universitätsbibliothek Erfurt und der Ernst-Abbe-Stiftung Jena.
27
28 2019, V& R unipress GmbH, Robert-Bosch-Breite 6, D-37079 Göttingen
Dieses Werk ist als Open-Access-Publikation im Sinne der Creative-Commons-Lizenz BY-NC-ND
29
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30 DOI 10.14220/9783737009379 abzurufen. Um eine Kopie dieser Lizenz zu sehen, besuchen Sie
31 https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/.
Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen
32
schriftlichen Einwilligung des Verlages.
33
34 Umschlagabbildung: Pierre und RenØ Smolarski; Quellennachweis für das verwendete Foto:
35 Bundesarchiv, Bild 183-85458-0001 / Heinz Junge, 13. 8. 1961. Dieses Foto wird im Sinne der
Creative-Commons-Lizenz BY-SA International 3.0 (»Namensnennung – Weitergabe unter gleichen
36 Bedingungen«) verwendet.
37
38 Vandenhoeck & Ruprecht Verlage j www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com
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ISSN 2626-2134
40 ISBN 978-3-7370-0937-9
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Inhalt
Danksagung ..............................................................................................................9
I. Einleitung
Pierre Smolarski / René Smolarski / Silke Vetter-Schultheiß
Gezähnte Geschichte. Die Briefmarke als historische Quelle:
Zur Einführung ........................................................................................................13
Gottfried Gabriel
Die politische Bildersprache der Briefmarken. Beispiele aus der
deutschen Geschichte ..............................................................................................21
Christian Rohr
Land der Berge? Alpine Landschaften, Kultur und Infrastruktur im
Spiegel österreichischer und Schweizer Briefmarkenemissionen
nach 1945...................................................................................................................37
Christian Könne
Briefmarken im Geschichtsunterricht der Schule. Didaktische Konzepte
und das Angebot in den Schulbüchern .................................................................71
II. Erinnern und Tradition auf Briefmarken.
Über Hegemonie und Mnemosyne
Pierre Smolarski
Erinnern und Tradition auf Briefmarken. Über Hegemonie und
Mnemosyne: Zur Einführung.................................................................................101
Björn Onken
Deutschlandpolitik der frühen sechziger Jahre im geschichtskulturellen
Gewand. Die Briefmarkendauerserie Bedeutende Deutsche der
Deutschen Bundespost ............................................................................................105
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Pierre Smolarski
100 Jahre Arbeit. Ein Essay zur Alltagsästhetik der Arbeit auf deutschen
Briefmarken ..............................................................................................................341
René Smolarski
»... zwei Welten im Leben eines Volkes«. Nationalsozialistische
Geschlechterrollen im Spiegel der Briefmarken des ›Dritten Reiches‹
(1933–1945) ..............................................................................................................369
Franz Tröger
Die Propaganda und die Vielen. Briefmarken in der politischen
Kommunikation des NS-Staates ............................................................................399
Werner Boddenberg
Das Bild des Kriegsgefangenen als Mittel der Propaganda und
Gegenpropaganda. Die Kriegsgefangenen-Gedenkmarke der
Bundesrepublik Deutschland von 1953 ................................................................423
Silke Vetter-Schultheiß
Europäisches Naturschutzjahr 1970 im Miniaturformat. Europa im
Allgemeinen und die Bundesrepublik Deutschland im Speziellen ...................453
Annemarie Müller
Von Traktoristinnen und Kulturschaffenden. Politische
Selbstdarstellung auf den Sonderpostwertzeichen anlässlich der DDR-
Republikgeburtstage 1959 und 1964......................................................................485
Abbildungsnachweis ................................................................................................511
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Danksagung
Die Möglichkeit, den vorliegenden Band entstehen zu lassen, ist der fruchtba-
ren Kooperation mit vielen Menschen und einigen Institutionen zu verdanken.
Insbesondere gilt unser Dank den Förderern der vorausgegangenen Tagung
Gezähnte Geschichte. Die Briefmarke als historische Quelle, der Fritz Thyssen
Stiftung und der Ernst-Abbe-Stiftung. Die Konferenz wäre allerdings ohne den
Einsatz des Landesverbands Thüringer Philatelisten e.V., der eine Begleitausstel-
lung organisierte, sowie der Universität Erfurt, die die Räumlichkeiten stellte,
nicht in der auch von den Teilnehmern und Teilnehmerinnen so positiv emp-
fundenen Atmosphäre möglich gewesen. Wir danken beiden ebenso wie den
Teilnehmenden und Interessierten. Darüber hinaus gilt unser Dank auch den
Hilfskräften Liska Kübel und Dominik Gärtner, die die Tagung hilfreich beglei-
teten. Die vorliegende Publikation ist dankenswerter Weise finanziert durch die
Unterstützung der Ernst-Abbe-Stiftung, der Stiftung zur Förderung der Philatelie
und Postgeschichte sowie der Universitätsbibliothek Erfurt. Aufgrund dieser
guten Förderungslage war es auch möglich, die Publikation nicht nur in klassi-
scher Buchform, sondern auch als open access zu realisieren. Schließlich danken
wir auch dem Verlag V&R unipress, und hierbei insbesondere Frau Marie-
Carolin Vondracek und Frau Laura Haase, für die gute Betreuung bei der
Drucklegung.
Die Herausgeber und die Herausgeberin
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I. Einleitung
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Pierre Smolarski / René Smolarski / Silke Vetter-Schultheiß
Gezähnte Geschichte. Die Briefmarke als historische Quelle:
Zur Einführung
Die Philatelie hat längst nicht den Status einer anerkannten (Hilfs-)
Wissenschaft, wie beispielsweise die Numismatik oder die Heraldik. Vielmehr
haftet ihr der Ruf einer Liebhaberei an, die sich lediglich mit dem Sammeln
von Briefmarken und Fragen der Zähnung, Papier- und Farbsorten oder Stem-
peltypen beschäftigt. Dass dem nicht so ist, konnte bereits die dieser Publikati-
on vorgegangene Tagung Gezähnte Geschichte. Die Briefmarke als historische
Quelle (Universität Erfurt 2017) anhand von Werkstattberichten aus der uni-
versitären Wissenschaft wie auch der philatelistischen Forschung aufzeigen,
die sich dem Medium ›Briefmarke‹ aus unterschiedlichen Perspektiven annä-
herten. Dennoch findet philatelistische Forschung nach wie vor in besonderem
Maße außerhalb der etablierten universitären Forschungseinrichtungen statt;
immer wieder aufkeimende Bemühungen, philatelistische und universitäre
Forschung enger und nachhaltiger miteinander zu verbinden, stießen bislang –
zumindest auf institutioneller Ebene – ins Leere. 1 Die Konferenz zeigte, dass
eine solche Zusammenarbeit sehr fruchtbringend sein kann. So näherten sich
nicht nur universitäre Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Brief-
marke als Forschungsgegenstand an, sondern referierten auch Philatelisten
über ihr Spezialgebiet oder stellten in einer Ausstellung die Bandbreite heraus,
der sich die Philatelie widmet. Unter Schlagworten wie Citizen Science und
Bürgerwissenschaft nehmen jedoch in den letzten Jahren auch in den Geistes-
wissenschaften die Bestrebungen zu, universitäre und außeruniversitäre For-
schung miteinander zu vereinen. 2 In eben dieser Richtung ist auch der vorlie-
gende Tagungsband zu verstehen.
1 Vgl. Joachim Helbig: Ist Philatelie eine Hilfswissenschaft?, in: Postgeschichte – Historie Postale
– Storia Postale 82 (2000), S. 19–28.
2 Vgl. u. a.: Gerhard Ott: Hobbys. Private Quellen der Bürgerwissenschaft, in: Peter Finke (Hrsg.):
Freie Bürger, Freie Forschung. Die Wissenschaft verlässt den Elfenbeinturm, München 2015,
S. 70–74; Peter Finke: Citizen Science. Das unterschätzte Wissen der Laien, München 2014;
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ISBN Print: 9783847109372 – ISBN E-Lib: 9783737009379
Der Band verfolgt im wesentlichen drei Ziele: Erstens ist mit der Publikation
der Versuch unternommen, Wissensbereiche in der eben angesprochenen
Weise zu verbinden, was zugespitzt heißt, sowohl die philatelistische For-
schung aus der Selbstbespiegelung in philatelistischen Fachgruppen und ent-
sprechenden Publikationsorganen herauszulocken als auch die universitäre
Forschung für einen Gegenstand zu sensibilisieren, der bisher allenfalls als
gemeinfreie Bebilderung mit alltagsästhetischem Bezug fungiert. Citizen Sci-
ence ist, in dieser Weise verstanden, im Grunde einem Ideal verpflichtet, das in
Anlehnung an Friedrich Schiller als ein Zusammentreffen des universitären
Barbaren mit dem philatelistischen Wilden im ästhetischen Nullpunkt be-
zeichnet werden kann. 3
Zweitens steht die Frage im Mittelpunkt, welchen Quellenwert die Brief-
marke für die historische Forschung haben kann. Die Briefmarke, gleichsam
als populäres Symbol der Philatelie wie auch als dessen prototypischer Gegen-
stand, kann, so die Summe der hier versammelten Beiträge, in mehrfacher
Hinsicht einen Wert für die Geschichtsforschung beanspruchen: Sie ist bei-
spielsweise Zeitdokument in einem hegemonialen Diskurs, sie ist Zeugnis der
Stärke einzelner Interessengruppen, sie ist eben darum vor allem eine Quelle
der Mentalitätsgeschichte und als währungsäquivalentes Zahlungsmittel ist sie
auch ein Gegenstand der Wirtschaftsgeschichte. Insbesondere von der Menta-
litätsgeschichte aus zeigt sich dann auch die Vielfalt der Zugänge zu einzelnen
Subdisziplinen der historischen Forschung, wie beispielsweise der Technik-,
der Medizin- oder der Religionsgeschichte. Die Briefmarke ist – und darin
kommt auch einer ihrer wesentlichen geschichtsdidaktischen Funktionen zum
Ausdruck – letztlich eine Einladung, gezielt und thematisch fokussiert die
reichen Archivbestände zu im Grunde allen gesellschaftlichen Themenfeldern
zu erforschen. Die konkrete Marke wird dann faszinierender Weise zur sicht-
baren Objektivierung eines ganzen Diskurses. Die hier versammelten Beiträge,
die in sehr unterschiedlichen Weisen – von eher allgemeineren Beschreibun-
gen bis hin zu konkreten Fallstudien – den Quellenwert der Briefmarke aufzei-
Kristin Oswald/René Smolarski: Citizen Science in Kultur und Geisteswissenschaften, Guten-
berg 2016.
3 Die Anlehnung erfolgt hier an eine Stelle aus den Briefen zur ästhetischen Erziehung des Men-
schen, die bei Schiller in erster Linie in moralischen Bezügen steht. Jenseits der moralischen
Fragen bringt er dennoch einen Grundkonflikt zum Ausdruck, der auch für Fragen der Citizen
Science relevant ist, nämlich einen Wertekonflikt zwischen Grundsätzen wissenschaftlichen Ar-
beitens auf der einen Seite und einer oftmals biografisch-emotional begründeten und deshalb
stets auch interessierten, d. h. Interessen verfolgenden, Zugangsweise auf der anderen Seite. Die
Stelle bei Schiller lautet: »Der Mensch kann sich aber auf eine doppelte Weise entgegengesetzt
sein: Entweder als Wilder, wenn seine Gefühle über seine Grundsätze herrschen; oder als Bar-
bar, wenn seine Grundsätze seine Gefühle zerstören.« (Friedrich Schiller: Über die ästhetische
Erziehung des Menschen, in einer Reihe von Briefen, Stuttgart 1879, 4. Brief).
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gen, sind letztlich durch ebendiese, von diesem Alltagsmedium ausgehende,
didaktische Faszination geeint.
Schließlich ist es, drittens, ein Ziel des vorliegenden Bandes, sich dem Me-
dium Briefmarke aus unterschiedlichen Perspektiven anzunähern. Diese
Multiperspektivität umfasst neben den verschiedenen Teildisziplinen der Ge-
schichtswissenschaft auch die Archäologie, die Religionswissenschaft, die Ge-
schichtsdidaktik, die Politikwissenschaft, die Medien- bzw. Designwissenschaft
sowie die Literaturwissenschaft und nicht zuletzt die Philosophie. Der Sam-
melband wagt damit den Versuch, die Möglichkeiten und Grenzen der Philate-
lie als (Hilfs)Wissenschaft für die universitäre Forschung interdisziplinär aus-
zuloten. Auch wenn der Fokus vor allem auf der Geschichtswissenschaft liegt,
so erfordert der Gegenstand doch insbesondere im Hinblick auf die methodi-
sche Herangehensweise stets einen die bestehenden Disziplinengrenzen über-
greifenden Zugang: sei es die Verwendung empirischer Ansätze aus den Sozial-
wissenschaften 4, die ikonographischen Analyseverfahren der Kunstgeschichte
und Visual History 5 oder die Topik der klassischen Rhetorik.
Aus diesem Grund soll sich in dem Band nicht nur die Beschäftigung mit
dem Medium Briefmarke im Sinne einer Bürgerwissenschaft, sondern auch die
diesen Arbeiten zugrunde liegende methodische und thematische Vielfalt wi-
derspiegeln. Gerade die bereits im Verlauf der Tagung immer wieder als not-
wendig angemahnte Methodenvielfalt, derer eine breite Akzeptanz der Brief-
marke als historischer Quelle bedarf, soll hier ihren zweifachen Platz haben:
zum einen im Rahmen eher allgemeiner methodischer Ansätze im ersten Teil
des Bandes und zum anderen in der Vielzahl der konkreten Fallstudien, die
den größten Teil des hier vorliegenden Korpus ausmachen. Die Beiträge des
ersten Teils fragen nach grundlegenden methodischen Eckpfeilern im wissen-
schaftlichen Umgang mit Postwertzeichen.
Gottfried Gabriels Beitrag zeigt den ikonografischen Stellenwert der Brief-
marke und gleichermaßen den Wert der ikonografischen Methode exempla-
risch anhand der Darstellung des Brandenburger Tores auf. Die politische Bil-
dersprache der Briefmarken erscheint im Kern als die Möglichkeit, Geschichte
und Gegenwart im Lichte der eigenen ideologischen Ziele neu zu bestimmen.
Was Gabriel an den Darstellungsweisen des Brandenburger Tores ikonogra-
fisch untersucht, ist der Versuch der beiden deutschen Staaten, ein reales Bau-
4 So verwendet beispielsweise Christian Rohr den Ansatz von Ulrike Mietzner und Ulrike Pi-
larzyk, die in ihrer seriellen Ikonografie quantitative Analysen mit Erwin Panofskys Vorgehen
kombinieren (vgl. Ulrike Mietzner/Ulrike Pilarzyk: Das reflektierte Bild. Die seriell-
ikonografische Fotoanalyse in den Erziehungs- und Sozialwissenschaften, Bad Heilbrunn 2005,
im Internet unter: https://www.pedocs.de/volltexte/2010/2666/pdf/50086_Mietzner_D_A.pdf
(letzter Zugriff: 13. Juni 2018)).
5 Vgl. hierzu u. a.: Gerhard Paul: Das visuelle Zeitalter. Punkt und Pixel, Göttingen 2016.
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werk zu einem in der eigenen politischen Anschauung begründeten Symbol zu
verklären und es so darzustellen, dass der Betrachter es in einem Zeige-Akt mal
als Symbol der erstrebten Einheit und der doch faktischen Spaltung erkennt,
ein anderes Mal als Symbol der ganzen Stadt Berlin und damit des Herr-
schaftsanspruchs auf die ganze Stadt versteht. Das stete Changieren zwischen
›Realität‹ und ›Idealität‹ wird als ein wesentlicher Bestandteil der politischen
Ikonografie deutlich, die auch und insbesondere auf den Briefmarken als ei-
nem mitunter unterschwellig wirkenden Massenmedium 6 immer wieder ein-
gesetzt wird.
Christian Könne untersucht den didaktischen Einsatz von Postwertzeichen
im Schulunterricht. Briefmarken im Geschichtsunterricht. Didaktische Konzepte
und die Präsentation in Schulbüchern der Bundesrepublik und der DDR ist
gleichermaßen ein historischer Beitrag zur Geschichtsdidaktik und Schulbuch-
forschung, wie auch der Versuch des Aufzeigens konkreter Einsatzmöglichkei-
ten von Briefmarken im heutigen Geschichtsunterricht und damit ebenfalls ein
Beitrag zu aktuellen didaktischen Diskussionen. 7 Gerade die auf Geschichts-
vermittlung zielende Perspektive des Beitrags und deren historische Rekon-
struktion zeigt wesentliche Punkte dessen auf, was seit der einsetzenden Dis-
kussion um Briefmarken im Geschichtsunterricht als das Charakteristikum
dieses Kommunikationsmediums verstanden wurde. Der Aufsatz macht aber
auch deutlich, wie weit von diesen jeweiligen Einschätzungen des didaktischen
Wertes der Marken entfernt die tatsächliche Umsetzung in den Schulbüchern
erfolgte. Es zeigt sich am Umgang mit den Briefmarken im Geschichtsunter-
richt, was allenthalben auch generell beklagt wird: das mitunter kaum geschul-
te Bildbewusstsein, das einen kritischen Umgang mit diesem Medium ermög-
licht und das sich gerade an Briefmarken aus diversen Gründen sehr gut er-
proben ließe.
Christian Rohr vergleicht in seinem Beitrag Land der Berge? Alpine Land-
schaften, Kultur und Infrastruktur im Spiegel österreichischer und Schweizer
Briefmarkenemissionen nach 1945 den Stellen- und Aussagewert von Alpen-
darstellungen auf Briefmarken Österreichs und der Schweiz. Dazu nutzt er die
serielle Ikonografie, die eine sowohl quantitative wie auch qualitative Analyse
größerer Quellenbestände erlaubt und dabei Gemeinsamkeiten wie Unter-
schiede ähnlicher Motive herausarbeitet. Rohr nimmt eine Zeitspanne von 60
6 Vgl. Hans-Jürgen Köppel: Politik auf Briefmarken. 130 Jahre Propaganda auf Postwertzeichen,
Düsseldorf 1971, S. 10.
7 Diese Diskussionen finden nicht nur in der institutionalisierten Geschichtsdidaktik, sondern
auch in der außeruniversitären Philatelie seit längerer Zeit statt. So hat der Bund Deutscher Phi-
latelisten e.V. (BDPh) als Dachverband der organisierten Philatelie in Deutschland bereits eige-
ne Arbeitsblätter für den Einsatz im Geschichtsunterricht entworfen und herausgegeben.
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Jahren in den Blick, ermittelt den Anteil von Alpenbezügen an der Zahl der
Gesamtemission an Briefmarken der beiden Länder und zeichnet nach, wie
alpine Klischees, natur(räumliche) Ikonen oder Infrastrukturmaßnahmen wie
transalpine Verkehrswege und Energiegewinnung das nationale Selbstver-
ständnis dieser beiden Alpenrepubliken prägen und auf Postwertzeichen ihren
motivischen Ausdruck bekommen. Es zeigen sich Konjunkturen und Schwer-
punkte in den Alpen-Darstellungen der beiden Länder, die sich auch und be-
sonders über diese prägende Landschaftsform definieren.
Die einzelnen Aufsätze der Teile II bis IV werfen exemplarisch den Quellen-
reichtum der Briefmarkenwelt auf und veranschaulichen in konkreten Fallstu-
dien den jeweiligen Zeugnischarakter beziehungsweise fokussieren auf be-
stimmte Teilaspekte der Philatelie, die sie im Zusammenspiel mit anderen
Überlieferungen zu einer profunden historischen Quelle macht. Damit gehen
die Beiträge vor allem der Frage nach, welchen Aussagewert die Briefmarke für
die verschiedenen Teildisziplinen der Geschichtswissenschaft, aber auch dar-
über hinaus hat. Als ein Querschnitt der hier versammelten Beiträge mit deren
verschiedenen Blickwinkeln tritt das Postwertzeichen als Massenmedium in
seinen unterschiedlichen kommunikativen Dimensionen hervor und wird
anhand zahlreicher Beispiele auch in seiner Entwicklung empirisch gefasst.
Diese Beiträge stehen jeweils unter bestimmten Fragestellungen und be-
leuchten verschiedene Funktionen, die der Einsatz von Briefmarken im Laufe
ihrer Geschichte hatte und – wie aktuelle Bezüge zeigen – immer noch hat. Da
auf die in diesen Kapiteln versammelten Aufsätze in den jeweiligen Kapitel-
einleitungen gesondert und ausführlicher eingegangen wird, soll hier lediglich
die Gliederung der Kapitel vorgestellt werden.
Teil II widmet sich der Erinnerungsfunktion von Briefmarken und der mit
ihrer Hilfe aufgerufenen Traditionskultur. Die Vergegenwärtigung des Ver-
gangenen hat zwar oft auch legitimatorische Gründe, schafft aber darüber
hinaus auch ein Bewusstsein über die eigene (vermeintliche) Geschichte und
kann so Traditionslinien aufzeigen oder auch erst (mit) erzeugen. In eben
dieser Weise erscheint die Erinnerungsfunktion in einem Appellcharakter: Die
großen Persönlichkeiten der (vorrangig eigenen) Vergangenheit aus Religion,
Kunst, Politik, Wissenschaft und Militär werden unter den jeweils zeitgenössi-
schen politischen Rahmenbedingungen zu Ahnherren der Gegenwart stilisiert,
die Darstellung bedeutender Ereignisse wird wahlweise zum Mahn- oder Ge-
denkappell oder auch zum Anlass für Jubiläen oder dem Aufzeigen des eigenen
Fortschrittsglaubens. Doch an wen oder was erinnert man? Wer soll erinnert
werden und in welchen gegenwärtigen Kontexten appelliert man an diese Er-
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innerungsorte 8? Nicht selten werden Jahrestage genutzt, um einen vermeintlich
objektiven Anlass für die Ausgabe einer Marke zu haben. Doch können Jahres-
tage allein weder die Wahl einer konkreten Persönlichkeit oder eines Ereignis-
ses erklären, noch die getroffenen Gestaltungsentscheidungen und Weisen der
Inszenierung. Eben weil der Appell an die Erinnerung stets ein Appell ist, die
eigene Geschichtswahrnehmung zu justieren, kommt es regelmäßig vor, dass
unterschiedliche Länder zwar auf das gleiche Ereignis referieren, diesem je-
doch aus unterschiedlichen Beweggründen und Perspektiven gedenken.
Teil III dreht sich um die Frage, ob und wie die Briefmarke zur politischen
Legitimation und als Herrschaftsinstrument dienen kann und auch eingesetzt
wurde. Schon seit ihrer Einführung sind diese wenigen Quadratzentimeter
Papier nicht nur reine Gebührenquittungen, sondern dienen auch der Herr-
schaftssicherung des sie herausgebenden Landes. So verweist bereits das Herr-
scherbildnis Queen Victorias auf der ersten Briefmarke der Welt, der Penny
Black, wie in der Antike auf ihren Machtanspruch, ohne dass dies weiter aus-
buchstabiert werden muss. Postwertzeichen können aber auch dazu dienen,
beispielsweise mit Rekurs auf eine noch zu konstruierende eigene Vergangen-
heit, dem Aufbau eines Nationalsymbols Vorschub zu leisten und damit einer
neu gegründeten Nation Legitimation zu verleihen. Gleichzeitig kann mit ihrer
Analyse nachgezeichnet werden, wie sich politische Zielsetzungen und (demo-
kratische) Werte verschieben beziehungsweise an Bedeutung gewinnen oder
verlieren. Dabei wird Legitimation auch in den Raum eingeschrieben. So eig-
nen sich Anrainer eines Naturraums unter dem Stichwort ›Heimat‹ eben die-
sen unterschiedlich an, indem sie ihn auf je eigene Weise konnotieren. Dies
geht auch in größerem Maßstab, indem aus globaler Perspektive eine je eigene
Sicht auf die Welt mit unterschiedlichen Allianzen in die Motive ein- und
damit in gewisser Weise auch festgeschrieben werden. Aber diese räumliche
Komponente lässt sich nicht nur in Bezug auf reale naturräumliche Gegeben-
heiten erkennen. Marken, die eigentlich als Ausweis eines Staates auf dessen
naturräumliche Strukturen angewiesen sind, können sogar als Medium dazu
dienen, eine auf der Welt verstreute imaginäre Gemeinschaft zu konstituieren
und zu konsolidieren.
Teil IV versammelt Beiträge, die die Briefmarke als mediale Projektionsflä-
che für Ideologie und Utopie thematisieren. Wenn sinnvoll von Fortschritt in
einer Gesellschaft gesprochen werden soll, so muss ein Ziel angegeben werden
können. Andernfalls kann zwar von Veränderung, aber nicht von einer Annä-
8 Der französische Historiker Pierre Nora prägte den Begriff Erinnerungsort (lieu de mémoire),
der einen realen oder gedachten Ort bezeichnet, an dem sich das kollektive Gedenken einer so-
zialen Gruppe kristallisiert. Siehe dazu beispielsweise: Pierre Nora (Hrsg.): Französische Erinne-
rungsorte, München 2005.
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herung an ein Ziel, also von Fortschritt gesprochen werden. Diese Zielvorstel-
lungen sind im Kern stets ideologisch, denn sie folgen einer Idee, einer Vor-
stellung von einem Soll-Zustand. Sie sind nicht selten auch utopisch, denn
realisiert hat sich allenfalls ein Schritt in diese Richtung. Briefmarken können
diesen Weg als einen des Fortschritts propagieren helfen oder versuchen, den
Soll-Zustand zu veranschaulichen. Insbesondere in dieser Funktion wird die
Darstellung klarerweise normativ aufgeladen und dient ausdrücklich der Pro-
paganda. In diesen Bereich gehören Auseinandersetzungen mit dem Fort-
schrittsoptimismus und der Technikbegeisterung der DDR ebenso wie Ideen
des gemeinsamen Natur- und Umweltschutzes in der Nachkriegszeit oder auch
die NS-Ideologie der kinderreichen Familie und der Rolle der Mutter. Das
Massenkommunikationsmittel Briefmarke wird eben nicht nur zu einem aktu-
ellen Legitimationsnachweis herangezogen, dient auch nicht nur der Inszenie-
rung einer geteilten Erinnerungskultur, sondern propagiert eben auch Leit-
ideen und Zukunftsvisionen, Utopien und Ideologien.
Wir wünschen diesem Sammelband Leserinnen und Leser sowohl aus der
Philatelie als auch aus der universitären Wissenschaft und erhoffen uns einen
Dialog auf Augenhöhe über den Quellenwert von Postwertzeichen wie auch
über den methodischen Umgang mit den kleinen Gebührenquittungen. Mit
der vorausgegangenen Tagung ist hierzu bereits ein erster Schritt getan.
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