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Meta-Metaphorologische Perspektiven: Zur technotropischen Geschichte des Metaphernbegriffs Alexander Friedrich Es gehört zu den Merkwürdigkeiten der Metapher, dass in ihrem Begriff explicans und explicandum untrennbar miteinander verflochten zu sein scheinen. Dass die Definition der Metapher als Übertragung – von Worten, Begriffen oder Eigenschaften – selber metaphorisch bestimmt sei, ist im Zuge der Modernisierung ihrer Theorie oft genug festgestellt worden und »kann mittlerweile als Gemeinplatz gelten«.1 Mit der wiederholten Feststellung verschwindet aber noch nicht die Merkwürdigkeit. Sie verweist allenfalls auf »eine produktive Begriffs- stutzigkeit«2, die sich in dem Diskurs über die Metapher bekundet. Was in seinen paradoxen Konsequenzen am radikalsten wohl von Jacques Derrida formuliert wurde, betrifft nicht nur die Schwierigkeiten einer systematischen Unterscheidung von Begriff und Metapher.3 Das Problem hat auch begriffsgeschichtliche Konsequenzen. Dass nicht nur Begriffe einen historischen Index haben, sondern auch die Erforschung ihrer Geschichte, gehört zu den Grundeinsichten einer sich selbst im Umbruch verstehenden Begriffsgeschichte.4 So verbindet sich mit ihrer kulturwissenschaftlichen Neuorientierung eine anhaltende Kontroverse über die Frage, wie sich ihre Gegenstände zu jenen einer Diskurs- und Metapherngeschichte verhalten: ob sie sich einander ergänzen, aufheben, unterordnen oder wechselseitig bedingen.5 Wenn Hans Blumenberg die Metaphorologie zunächst als eine Hilfswissenschaft der Begriffsgeschichte ausgab, die zwar in das Historische Wörterbuch der Philosophie keinen systematischen Eingang fand,6 so zeichnete sich doch schon bald ihre Verselbständigung zu einem eigenständigen Forschungsansatz ab, der ebenso neue Einsichten wie Probleme mit sich 1 Stefan Willer: »Metapher/metaphorisch«, in: Karlheinz Barck et al. (Hg.): Ästhetische Grundbegriffe, Bd. 7, Stuttgart 2010, S. 89–148, hier S. 90. 2 Ebd., S. 93. Vgl. ders.: »Metapher und Begriffsstutzigkeit«, in: Ernst Müller (Hg.): Begriffsgeschichte im Umbruch?, Hamburg 2005, S. 69–80. 3 Vgl. Jacques Derrida: »Die weiße Mythologie. Die Metapher im philosophischen Text«, in: Randgänge der Philosophie, hg. v. Peter Engelmann, Wien 1999, S. 229–290. 4 Vgl. Ernst Müller (Hg.): Begriffsgeschichte im Umbruch?, Hamburg 2005. 5 Vgl. ebd. Carsten Dutt (Hg.): Herausforderungen der Begriffsgeschichte, Heidelberg 2003. Hans Erich Bödeker und Mark Bevir (Hg.): Begriffsgeschichte – Diskursgeschichte – Metapherngeschichte, Göttingen 2004. Anselm Haverkamp und Dirk Mende (Hg.): Metaphorologie, Frankfurt/M. 2009. 6 Vgl. Hans Blumenberg: Paradigmen zu einer Metaphorologie, Frankfurt/M. 1998, S. 13 bestimmt »das Verhältnis der Metaphorologie zur Begriffsgeschichte […] als ein solches der Dienstbarkeit.« Joachim Ritter begründet im »Vorwort« des Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 1, Basel 1971, S. ix den vorläufigen Verzicht auf ihre Dienste damit, dass »das Wörterbuch bei dem gegebenen Stand der Forschungen in diesem Felde überfordert würde«. Forum Interdisziplinäre Begriffsgeschichte 1 (2012) A l e x a n d e r F r i e d r i c h · Meta-metaphorologische Perspektiven brachte.7 Die besonderen Schwierigkeiten und Vorzüge von Blumenbergs Metaphorologie bestehen sicherlich darin, dass sie wenig darüber sagt, was eine Metapher ist, aber viel darüber, was sie leistet. Obwohl sie sich nicht weiter um Definition und Paradoxie des Metaphernbegriffs kümmert, kann sie doch einen Anhalt zur Interpretation seiner Geschichte geben. Interessieren sich die Paradigmen zu einer Metaphorologie vor allem für die Funktion von Metaphern für die philosophische Begriffsbildung, kehrt Blumenberg ihre Blickrichtung in seinem späteren Ausblick auf eine Theorie der Unbegrifflichkeit gleichsam um: »auf die rückwärtigen Verbindungen [der Metapher] zur Lebenswelt als dem ständigen – obwohl nicht ständigen präsent zu haltenden – Motivierungsrückhalt aller Theorie.«8 Eine metaphorologisch reflektierte Begriffsgeschichte könnte daher auch versuchen, diese Perspektive auf den Begriff der Metapher selbst einzunehmen, um nach den ›rückwärtigen‹ Motiven seiner metaphorischen Bestimmung zu fragen. Mit einem solchen Versuch möchte der folgende Beitrag zwei Thesen zur Historisierung des Metaphernbegriffs vorschlagen: Erstens, dass die Historizität des Metaphernbegriffs durch seinen lebensweltlichen Bezug bedingt ist und zweitens, dass dieser lebensweltliche Bezug einen technotropischen Index aufweist. Zusammengefasst würden beide Thesen besagen, dass sich in der Geschichte des Metaphernbegriffs die Technisierung der Lebenswelt reflektiert. Dieser Zusammenhang ermöglicht es, von der Paradoxie der metaphorischen Selbstimplikation zu einer metaphorologischen Perspektive auf die Begriffsgeschichte der Metapher zu gelangen. I. META-METAPHORIZITÄT UND HISTORIZITÄT Während die Feststellung der metaphorischen Selbstimplikation inzwischen als Gemeinplatz gilt, gibt es bisher nur wenige weiterführende Untersuchungen dieses Problems. Seitens der kognitiven Linguistik hat Judit Ferenczy eine Studie über »Metaphors for Metaphors«9 vorgelegt, in der sie die terminologischen Metaphern dreier Metapherntheorien vergleicht: der interactional theory nach Max Black, der pragmatic theory nach John Searle und der conceptual metaphor theory nach George Lakoff und Mark Johnson. Dabei kommt sie zu dem Schluss, dass die unterschiedlichen und bisweilen gegensätzlichen Theorien auf ein gemeinsames Netzwerk (network) oder System (system) von Meta-Metaphern (meta-metaphors) rekurrieren, indem sie das abstrakte Konzept ›Metapher‹ durch konkretere Konzepte wie ›Werkzeug‹, ›Akteur‹ oder ›Karte‹ erklären.10 Dafür isoliert Ferenczy nach der Methode der kognitiven Linguistik verschiedene Aussagen der jeweiligen Theorien über die Metapher und gruppiert die als meta- phorisch identifizierten Ausdrücke nach bestimmten Begriffsclustern (conceptual domains). Einen solchen Vergleich unternimmt auch Olaf Jäkel in seiner Studie über Die kognitive Metapherntheorie und ihre Anwendung in Modell-Analysen der Diskursbereiche Geistestätigkeit, Wirtschaft, Wissenschaft und Religion, wobei er nicht nur einem ähnlichen Ergebnis, sondern auch zu der Vermutung gelangt, dass sich »anhand der metapherntheoretischen Metaphorik sogar eine nicht uninteressante Geschichte der Metapherntheorie schreiben«11 ließe. Während 7 Dass die Verselbständigung der Metaphorologie bereits in den Paradigmen »angelegt« war, argumentiert Philipp Stoellger in Metapher und Lebenswelt, Tübingen 2000, S. 94ff. und 253ff. Dass sie das HWdP nicht nur gesprengt, sondern »in der geplanten Form insgesamt erledigt« hätte, erklärt Anselm Haverkamp: »Metaphorologie zweiten Grades«, in: ders./Mende (Hg.): Metaphorologie (Anm. 5), S. 239. 8 Hans Blumenberg: »Ausblick auf eine Theorie der Unbegrifflichkeit«, in: Schiffbruch mit Zuschauer, Frankfurt/M. 1997, S. 87. Anm. von mir. 9 Judit Ferenczy: »Metaphors for Metaphors«, in: Cuadernos de filología inglesa 6 (1997) 2, S. 147–159. 10 Ebd., S. 157f. 11 Vgl. Olaf Jäkel: Wie Metaphern Wissen schaffen. Die kognitive Metapherntheorie und ihre Anwendung in Modell- Analysen der Diskursbereiche Geistestätigkeit, Wirtschaft, Wissenschaft und Religion, Hamburg 2003, S. 109. 2 Forum Interdisziplinäre Begriffsgeschichte 1 (2012) A l e x a n d e r F r i e d r i c h · Meta-metaphorologische Perspektiven eine solche Meta-Metapherngeschichte noch aussteht, sehen beide Autoren durch ihre Befunde aber schon grundsätzlich die These der conceptual metaphor theory bestätigt, dass Metaphern unidirektionale Abbildungen (mappings) bekannter, empirischer Konzepte auf weniger bekannte, abstrakte sind.12 So wird die Paradoxie des Begriffs zum Selbstbeweis der Theorie. Jacques Derridas Thesen zur Metaphorizität des Metaphernbegriffs scheinen mit einem solchen Befund zunächst in Einklang zu stehen, doch haben sie eine gegenteilige Konsequenz. Denn in Die Weiße Mythologie kritisiert Derrida die metaphysischen Implikationen einer systematischen Metaphorologie, die Metaphern auf bestimmte Grundkonzepte zurückführt, um zu einem unmetaphorischen Begriff der Metapher zu gelangen. Dafür dekonstruiert er zwei scheinbar entgegengesetzte metapherntheoretische Positionen. Der ersten, klassischen Position zufolge ist die Metapher die Übertragung eines Wortes, das von seiner eigentlichen Bedeutung abweichend gebraucht wird.13 Diese auf Aristoteles zurückgehende Position sei deshalb metaphysisch, weil sie mit der ›eigentlichen‹ Bedeutung eines Wortes eine ontologische Beziehung zwischen Begriff und Sache behaupte.14 Die zweite Position ist dieser genau entgegengesetzt. Denn sie erkennt in der wörtlichen Beziehung zwischen Begriff und Sache selber eine ursprüngliche Metapher. Gerade Abstrakta seien oft nur tote Metaphern, die sich infolge ihres wiederholten Gebrauchs abgenutzt haben, wie eine Münze, deren Prägung längst abgegriffen ist. Nachdem ihr ursprünglicher Sinn verblasst sei, habe er einer neuen, allgemeineren Bedeutung Platz gemacht, die nun als Begriff behandelt wird. Als namhaftesten Vertreter dieser etymologisch genannten Metapherntheorie nennt Derrida Friedrich Nietzsche.15 Etymologisch sei diese Metapherntheorie deshalb, weil sie auf der kontinuistischen Vorstellung beruht, man könne die ursprüngliche Bedeutung wieder lesbar machen, wie durch die Restitution eines Palimpsests.16 Darum sei auch sie metaphysisch, weil sie noch immer auf der Vorstellung einer eigentlichen Bedeutung beruht, die nun aber nicht in der Beziehung zwischen Begriff und Sache, sondern in dem metaphorischen Ursprung eines Wortes gesucht wird. Derridas Argument, dass der Begriff der Metapher selber metaphorisch bestimmt ist, gewinnt zunächst Plausibilität durch das Bild der Münze und das Modell des Palimpsests – auf die später noch einmal zurückzukommen sein wird – sowie aus der griechischen Etymologie, insofern die metaphorá in der aristotelischen Poetik als Übertragung (epiphorá) definiert ist.17 Da metaphorá wie epiphorá denselben Wortstamm phérō für tragen, bringen haben, verweist ihr etymologischer Sinn auf eine räumliche Bewegung. Sie modelliert den Transfer eines Wortes (onómatos), das aus seinem üblichen (kýrion) Verwendungszusammenhang genommen und auf einen neuen Kontext übertragen wird, wo es zunächst befremdlich (allótrios) wirkt. Allótrios kann je nach Kontext fremd, ausländisch, feindlich, abgeneigt, entfremdet, sonderbar oder auffallend heißen.18 Das Übertragungsmodell der Metapher impliziert damit eine Topologie der Sprache, die durch die Unterscheidung heimisch und fremd organisiert ist. 12 Vgl. George Lakoff und Mark Johnson: Metaphors we live by, Chicago/London 1980 sowie Zoltán Kövecses und Szilvia Csábi: Metaphor, Oxford 2002. 13 Vgl. Jacques Derrida: »Die weiße Mythologie« (Anm. 3), S. 287. 14 Vgl. Aristoteles: Poetik, übersetzt von Manfred Fuhrmann, Stuttgart 1994, S. 67: »Eine Metapher ist die Übertragung eines Wortes (das somit in uneigentlicher Bedeutung verwendet wird) […]«. 15 Derrida: »Die weiße Mythologie« (Anm. 3), S. 230f. Der wohl am häufigsten zitierte Referenztext dieser Position ist der aus dem Nachlass herausgegebene Aufsatz Nietzsches »Über Wahrheit und Lüge im aussermoralischen Sinne«, in: Kritische Studienausgabe, Bd. 1, München 1999, S. 873–890. 16 Derrida: »Die weiße Mythologie« (Anm. 3), S. 231f. 17 Aristoteles, Poetik 1457b 6–7: Metafora_ de/ e0stin ono/matoj a)llotri/ou e)pifora_. 18 Vgl. Wilhelm Gemoll: Gemoll, München 2007 und Henry G. Liddell/Robert Scott: A Greek English Lexicon, Oxford 1996. Forum Interdisziplinäre Begriffsgeschichte 1 (2012) 3 A l e x a n d e r F r i e d r i c h · Meta-metaphorologische Perspektiven Obwohl Derrida in dieser Hinsicht oft missverstanden wird – am prominentesten seinerzeit sicherlich durch Paul Ricœur19 – begründet er die Metaphorizität der aristotelischen Bestimmung nun seinerseits nicht mit dem etymologischen Metaphernbegriff. Er könnte es auch gar nicht, ohne dabei die metaphysische Prämisse zu affirmieren, die er dekonstruieren möchte: den Nominalismus der Eigentlichkeit. Darum bestimmt Derrida die Metapher nicht als ein Phänomen auf Ebene der Lexis, sondern der Syntax: Die Meta-Metapher der Übertragung erhalte ihre Bedeutung gerade nicht aus einem wie auch immer gearteten eigentlichen Wortsinn, sondern aus einem »Netz von Philosophemen«,20 in das der philosophische Text sie einspinnt. Dieses Netz bilde eine »Schicht von ›Gründer‹-Tropen«,21 die die Unterscheidung von Begriff und Metapher erst ermöglichen. Daher nennt Derrida solche definierende Tropen später auch Quasi-Metaphern.22 Damit scheinen sie den absoluten Metaphern Blumenbergs verwandt. Denn nach Blumenberg sind »absolute Metaphern« tropische Grundbestände theoretischer Begriffs- bildungen, die sich »nicht ins Eigentliche, in die Logizität zurückholen lassen«.23 Doch während absolute Metaphern die uneinholbare Differenz zwischen den Ansprüchen und Leistungen des Begriffs gleichsam überbrücken, indem sie denkbar machen, was theoretisch nicht sagbar ist, stellen Quasi-Metaphern die Differenz zwischen Begriff und Metapher erst her. Bezieht man beide Begriffe aufeinander, könnte man also sagen: Quasi-Metaphern sind als Meta-Metaphern absolute Metaphern der Metapherntheorie. Diese Aussage hätte eine interessante Konsequenz. Denn zum einen argumentiert Derrida, dass Quasi-Metaphern begrifflich »nicht beherrscht werden«24 können, da jeder Versuch sie begrifflich einzuholen immer nur neue Quasi- Metaphern produzieren würde. Zum anderen erklärt Blumenberg: »Auch absolute Metaphern haben […] Geschichte.«25 Die Konsequenz würde also darin bestehen, dass die Wahl solcher Meta-Metaphern nicht systematisch, sondern historisch begründet ist. Diese Konsequenz lässt sich mit dem Befund der Historizität des Metaphernbegriffs verbinden, zu dem Christian Strub in seiner sprachanalytischen Untersuchung zur Theorie der Metapher gelangt ist. In Kalkulierte Absurditäten erklärt Strub, dass die klassische Vergleichstheorie, derzufolge alle Metaphern begrifflich prinzipiell einholbar und also ersetzbar sind, genauso konsistent und erklärungsmächtig ist, wie die moderne Metapherntheorie, derzufolge bestimmte Metaphern ein irreduzibles epistemisches Potential bergen, wodurch sie prinzipiell unersetzbar sind.26 Wenn beide Theorien aber gleichermaßen konsistent und erklärungsmächtig sind, wie Strub feststellt, dann könne die Entscheidung zwischen ihnen – und mit ihr auch die Zurückweisung der klassischen Theorie durch die moderne – nicht systematisch, sondern nur historisch begründet sein. Strub sieht den Grund dieser historischen Entscheidung letztlich darin, dass sich in der modernen Metapherntheorie die Reflexion auf die Kontingenz unserer begrifflichen Ordnungen und Weltmodelle artikuliert, die erst mit der modernen Sprachskepsis möglich wurde.27 Derridas dekonstruktive Metapherntheorie kommt also mit Strubs sprachanalytischer 19 Derrida wendet sich mit »Le retrait de la metaphoré«, in: Psyché, Paris 1987, S. 63–94 explizit gegen Ricœurs Lesart der Weißen Mythologie in dem letzten Kapitel von La métaphore vive, Paris 1975. 20 Derrida: »Die weiße Mythologie« (Anm. 3), S. 239. 21 Ebd., S. 240. 22 Jacques Derrida: »Der Entzug der Metapher«, in: Anselm Haverkamp (Hg.): Die paradoxe Metapher, Frankfurt/M. 1998, S. 222. Vgl. dazu auch Rodolphe Gasché: »Metapher und Quasi-Metaphorizität«, in: ebd., S. 235–267. 23 Blumenberg: Paradigmen zu einer Metaphorologie (Anm. 6), S. 10. 24 Derrida: »Die weiße Mythologie« (Anm. 3), S. 240. 25 Blumenberg: Paradigmen zu einer Metaphorologie (Anm. 6), S. 13. 26 Christian Strub: Kalkulierte Absurditäten, Freiburg/München 1991. 27 Ebd., S. 471ff. 4 Forum Interdisziplinäre Begriffsgeschichte 1 (2012) A l e x a n d e r F r i e d r i c h · Meta-metaphorologische Perspektiven darin überein, dass die Definition des Metaphernbegriffs selbst nicht begrifflich entschieden werden kann. Während Derrida im Blick auf die metaphysische Metapherntheorie über die Gründe der Entscheidung nur so viel sagt, dass die »Zufluchtsstätten der Wahrheit und der Eigentlichkeit (proprieté) sicherzustellen«28 hat, benennt Strub eine nach-metaphysische Konsequenz der modernen Metapherntheorie, die ihre Entscheidung dem Bewusstsein ihrer eigenen Kontingenz verdanke. Der Zusammenhang von Metaphorizität und Historizität des Metaphernbegriffs eröffnet damit eine Perspektive, die sich mit Blumenbergs Ausblick auf eine Theorie der Unbegrifflichkeit auf seine lebensweltlichen Bezüge hin verlängern ließe. Statt also vergleichende historische Befunde auf elementare Grundkonzepte zurückzuführen, wie es etwa die kognitive Metaphern- theorie vorschlägt, würde diese Perspektive den Ansatz einer metaphorologisch reflektierten Begriffsgeschichte nahelegen, die den historischen Index theoretischer Entscheidungen für eine bestimmte Meta-Metaphorik auf seine »rückwärtigen Verbindungen zur Lebenswelt«29 hin lesbar zu machen versucht. Wie ein solcher Versuch aussehen und wohin er führen könnte, sollen die folgenden Beobachtungen und Überlegungen zeigen. II. KOSMO-POLITISCHE TECHNOTROPIE Weit davon entfernt, die bloße Definition eines sprachlichen Stilmittels zu sein, als die sie von modernen Ansätzen gern verkannt wird,30 hat die Metapherntheorie des Aristoteles weitreichende natur- und technikphilosophische Implikationen. Was Derrida ein Netz von Philosophemen nennt, formiert sich dabei um die zentralen Begriffe phýsis und téchnē. Die Kunst (téchnē) bestimmt Aristoteles in seiner Poetik als eine Technik der Nachahmung (mimêsis). Was die Kunst nachahme, sind Handlungen, wobei Aristoteles unter Handlung eine Aktivität (enérgeia) versteht, durch die sich bestimmte Möglichkeiten (dýnamis) verwirklichen. Was durch Handlungen mittels bestimmter Techniken verwirklicht werden kann, ist wiederum durch die Natur beschränkt. So erklärt Aristoteles in seiner Physik: »Kunstfertigkeit [téchnē] bringt teils zur Vollendung, was die Natur [phýsis] nicht zu Ende bringen kann, teils eifert sie ihr (der Natur) nach [mimeítai].«31 Die Natur als phýsis ist hier noch nicht der Gegenstand der modernen Wissenschaft, sondern alles, was das Prinzip seiner Entstehung in sich selbst hat, d.h. alles ›Gewordenes‹ – im Unterschied zum ›Gemachten‹, was als Produkt der téchnē den Grund 28 Derrida: »Die weiße Mythologie« (Anm. 3), S. 262–264. 29 Blumenberg: »Ausblick auf eine Theorie der Unbegrifflichkeit«, (Anm. 8), S. 87. Anm. von mir. 30 Exemplarisch dafür etwa George Lakoff: »The contemporary theory of metaphor«, in: Andrew Ortony (Hg.): Metaphor and thought, Cambridge 1998, S. 203: »since Aristotle […] [i]n classical theories of language, metaphor was seen as a matter of language, not thought.« Vgl auch Monika Fludernik et al.: »Metaphor and Beyond: An Introduction«, in: Poetics Today 20 (1999) 3, S. 384: »traditionally, metaphor has been regarded as a purely literary phenomenon«. Die Poetik vom Nimbus einer bloßen Regelpoetik zu befreien, ist indessen ein dezidiertes Anliegen der Neuübersetzung Arbogast Schmitts in: Werke in deutscher Übersetzung, Bd. 5, Darmstadt 2008. Den Beschlag des aristotelischen Textes durch die klassische Rhetorik gelöst zu haben, ist ein wesentliches Verdienst Paul Ricœurs, dessen Interpretation in Die lebendige Metapher (München 2004, zuerst Paris 1975) eine Reihe aufschlussreicher Lesarten der aristotelischen Metapherntheorie eröffnet hat. Vgl. Samuel R. Levin: »Aristotle’s Theory of Metaphor«, in: Philosophy and Rhetoric 15 (1982) 1, S. 24–46. Umberto Eco: »The Scandal of Metaphor: Metaphorology and Semiotics«, in: Poetics Today 4 (1983) 2, S. 217–257. Geoffrey Lloyd: »Metaphor and the Language of Science« in: The revolutions of wisdom, Berkeley 1989, S. 172–215. Alfredo Marcos: »The Tension between Aristotle’s Theories and Uses of Metaphors«, in: Studies in History and Philosophies of Science 28 (1997) 1, S. 123–139. John T. Kirby: »Aristotle on Metaphor«, in: American Journal of Philology 118 (1997) 4, S. 517–554. Vgl. dazu auch den Kommentar von Christof Rapp zu Aristoteles: Rhetorik, in: Werke in deutscher Übersetzung, Bd. 4/II, Darmstadt 2002, insb. S. 921f. 31 Aristoteles: Physik. Vorlesung über Natur, II 8, 199a 15–17, hg. und übersetzt von Hans Günter Zekl, Hamburg 1987, S. 88–89: »o(/lws de\ h( te/xne ta\ me\n epitelei= a(/ h( fu/sij a)dunatei?= a)pepga/sasqai, ta\ de\ mimei=tai.« Anm. v. mir. Forum Interdisziplinäre Begriffsgeschichte 1 (2012) 5 A l e x a n d e r F r i e d r i c h · Meta-metaphorologische Perspektiven seiner Entstehung nicht in sich selber hat.32 Wenn Technik in diesem Sinne nur Nachahmung und Vollendung der Natur ist, dann bringt also einer, der Häuser baut nur das hervor, was auch entstehen würde, wenn Häuser in der Natur von selber wüchsen.33 Wachstum heißt Selbstverwirklichung der phýsis. Téchnē ist ihre Verwirklichung durch Kunst. Für die Metapher als eine téchnē, in der Poetik wie der Rhetorik, hat das naturphilo- sophische Prozessmodell der Physik eine wesentliche Bedeutung.34 Denn gute Metaphern, so Aristoteles, sind nicht nur darum geistreich (asteîa), weil sie das Verwandte (oikéōn), doch nicht Offenkundige (mē phaneōn) in weit auseinanderliegenden Dingen (polỳ diéchousi) erkennen lassen (theōreîn).35 Indem sie etwas in seiner Verwirklichung (energoûnta) vor Augen führen (prò ommátōn poeîn),36 vermitteln sie zugleich eine Einsicht in diesen Prozess. Wenn die Tragödie, als Hauptgegenstand der Poetik, die Geltung der aristotelischen Physik auch außerhalb der Sphäre natürlicher Prozesse vor Augen führt,37 so gilt dies auch für die Metapher, die unter den sprachlichen Mitteln »bei Weitem das Wichtigste«38 sei. Die aristotelische Theorie der Metapher beruht dabei auf der Prämisse einer strukturellen Identität von Natur und Technik. Das naturalistische Verständnis der Technik entspricht einem technologischen Verständnis der Natur. Das Verhältnis von Natur und Technik ist, mit anderen Worten, anthropozentrisch bestimmt. Plausibel konnte eine solche Deutung noch unter den Bedingungen der Antike sein, in der technische Apparate und maschinelle Systeme nicht als reine, der Natur enthobene Künstlichkeit erschienen. Die Möglichkeit der modernen Technik, artifizielle Gegenstände hervorzubringen, die sich nicht mehr ohne Weiteres als die Verwirklichung eines Naturzwecks interpretieren lassen, ist in der aristotelischen Natur- philosophie ebenso wenig vorgesehen, wie ihre enorme destruktive Macht, mit der spätestens das 20. Jahrhundert konfrontiert ist. Diese Macht der Technik ist in der Lebenswelt der Antike inmitten eines harmonisch geordneten Kosmos’ so nicht vorstellbar. Denn »Kosmos und Logos waren Korrelate«39, wie Blumenberg resümiert. Darum ist das, was der Logos in und durch die Metapher erkennt, immer schon durch eine Analogie von Natur und Technik präformiert. Auf die zentrale Bedeutung der Analogie für das aristotelische Metaphernmodell soll an dieser Stelle zugunsten des Zusammenhangs von Metaphorizität und Historizität der aristo- telischen Theorie nur hingewiesen werden.40 Wenn die Definition der metaphorá als epiphorá aufgrund desselben Wortstamms phérō für tragen, bringen nicht nur zirkulär, sondern auch metaphorisch zu sein scheint, dann verdankt sich die scheinbare Tautologie zunächst einmal einem Benennungsproblem im Griechischen und einem Übersetzungsproblem der Ziel- sprachen: Wenn schon metaphorá ›Übertragung‹ heißt, dann kann epiphorá nicht auch 32 Vgl. Aristoteles: Physik II 1, 192b 8–33. Vgl. Arbogast Schmitts Kommentar in: Werke (Anm. 30), Bd. 5, S. 275. 33 Vgl. Aristoteles: Physik II 8, 199 a 12–15, übersetzt von Hans Günter Zekl (Anm. 31), S. 89: »Wenn z.B. ein Haus zu den Naturgegenständen gehörte, dann entstünde es genau so, wie jetzt aufgrund handwerklicher Fähigkeit«. 34 Vgl. Schmitt in: Werke (Anm. 30), Bd. 5, S. 277. 35 Vgl. Aristoteles: Rhetorik III 11, 1412a 10–18. 36 Vgl. Aristoteles: Rhetorik III 11, 1411b 25: Le/gw dh\ pro\ o)mma/twn tau=ta poiei=n, o(/sa e)nergou~nta shmai/nei. Vgl. Rapps Kommentar in: Werke (Anm. 30), Bd. 4/II, S. 904. 37 Vgl. Wolfram Ette: »Die Tragödie als Medium philosophischer Selbsterkenntnis«, in: Hans Feger (Hg.): Handbuch Literatur und Philosophie, Stuttgart 2012 <http://www.etteharder.de/TragoediePhilosophie.pdf> (11.06.12). Siehe dazu auch Ders.: Die Aufhebung der Zeit in das Schicksal, Berlin 2003, S. 21–22. 38 Aristoteles: Poetik 22, 1459a 5–6, übersetzt von Fuhrmann (Anm. 14), S. 75. 39 Blumenberg: Paradigmen (Anm. 6), S. 8. Siehe auch Hans Blumenberg: »›Nachahmung der Natur‹«, in: Wirklichkeiten, in denen wir leben. Stuttgart 1999, S. 56. 40 Zum aristotelischen Analogiemodell der Metapher vgl. Eco: »The Scandal of Metaphor« (Anm. 30), S. 226f. und Hans Georg Coenen: Analogie und Metapher, Berlin 2002, S. 97f. Siehe dazu auch Christof Rapp: »Ähnlichkeit, Analogie und Homonymie bei Aristoteles«, in: Zeitschrift für philosophische Forschung 46 (1992) 4, S. 538f. und Rapps Kommentar zur Rhetorik in Aristoteles: Werke (Anm. 30), Bd. 4/II, S. 891. 6 Forum Interdisziplinäre Begriffsgeschichte 1 (2012) A l e x a n d e r F r i e d r i c h · Meta-metaphorologische Perspektiven ›Übertragung‹ heißen.41 Das Präfix epi- indiziert eine Bewegung auf etwas hin oder den Vorgang einer Anreicherung.42 Epiphorá kann, neben Hinbringen und Beitragen, Zufügung, Aufschlag oder Anhäufung bedeuten, weshalb es bisweilen auch eine Zulage zum Sold, eine Totenspende oder einen Überfall bezeichnet.43 Aristoteles verwendet es vermutlich in dem älteren Sinne von anhäufen (piling up), wie John Kirby erklärt: »the new or additional designation of a(n) (unusual or unaccustomed) name to something that already has a(n) (ordinary) name. Hence […] we might translate it ›additional assignment‹«.44 In diesem Sinne wäre eine Metapher die Anreicherung eines von seinem gewöhnlichen Sinn entfremdeten Wortes mit einer zusätzlichen Bedeutung. Die Definition referiert so aus Sprachnot nicht nur auf eine räumliche Bewegung, sondern auch auf den Prozess eines Bedeutungsgewinns, die durch die Begegnung des Vertrauten mit dem Fremden entsteht, wodurch eine nicht offensichtliche Verwandtschaft zwischen beiden vor Augen geführt wird. In diesem Sinne erwägt Richard Moran auch einen Bezug der Metapherntheorie zu den politischen Kategorien von Einheimischen und Fremden.45 Bezeichnender Weise ist die Metapher nicht die Verwendung eines Fremdwortes (xénikon oder glôtta), sondern der befremdliche Gebrauch eines bekannten (kýrion ónoma).46 In dieser Hinsicht lässt sich die Definition der Metapher auf einen kulturellen Index hin interpretieren, der auf ihren gesellschaftlichen Kontext verweist: nicht nur auf Ebene des Sprachgebrauchs und Bedeutungswandels, sondern auch der zivilisatorischen Entwicklung. Wenn Aristoteles die Metapher geistreich (asteîa) nennt, weil die das Verwandte im Verschiedenen vor Augen führt, so bedeutet der Ausdruck asteîa wörtlich städtisch oder urban (zu ásty: Wohnstätte, Hauptstadt).47 In übertragener Weise konnotiert er Eleganz, Witz oder das, was man im Englischen sophistication nennt.48 Somit könnte man asteîa auch allgemein mit kultiviert übersetzen, insofern es meint, was vornehm ist und in Städten hervorgebracht wird. Die Metapher wird dadurch als etwas ausgezeichnet, was auf einer Kultivierung des Geistes und der Sprache beruht, die ein städtisches Leben voraussetzt. Die Trope (von trópos: Wendung, Richtung) ist in ihrer kosmo-politischen Weltgewandtheit also nicht nur auf die Erkenntnis der Naturgesetze (phýsis) des Kosmos gerichtet, sondern immer auch den Kulturtechniken (téchnē) der Polis zugewandt. Was sich in dieser rückwärtigen Verbindung zur Lebenswelt bekundet, ist ein technotropischer Index der Metapher. Durch die Annahme der strukturellen Identität von Kultur und Natur birgt wie verbirgt die aristotelische Signatur diesen Index – und damit auch seine Geschichtlichkeit. 41 Vgl. Willer: »Metapher/metaphorisch« (Anm. 1), S. 92 und Kirby: »Aristotle on Metaphor« (Anm. 30), S. 531f. 42 Ebd., S. 532: »Epi- as a prefix may designate movement over or beyond boundaries. Too, it may have a sense of addition, or (as per LSJ s.v. epi G.I.4) ›accumulation of one thing over or besides another.‹ Thus epipherein may mean to put, or pile, something on top of something else (so Ar. Peace 167; Xen. Anab. 3.5.10; Hdt. passim). The noun epiphora may mean an additional payment (so Thuc. 6.31, IG I2 205)«. 43 Vgl. Kirby: »Aristotle on Metaphor« (Anm. 30), S. 532 sowie Liddell/Scott: A Greek English Lexicon und Gemoll/Vretska: Gemoll (beides Anm. 18). 44 Vgl. Kirby: »Aristotle on Metaphor« (Anm. 30), S. 532. In diesem Sinne hält der Aristoteles-Interpret application für die glücklichste Übersetzung für epiphorá, ebenso wie transference für metaphora. 45 Richard Moran: »Artifice and Persuasion. The Work of Metaphor in the ›Rhetoric‹«, in: Amélie Oksenberg Rorty (Hg.): Essays on Aristotle's Rhetoric, Berkeley 1996, S. 385–398. 46 Vgl. Aristoteles: Poetik 21, 1457b 3–6. Siehe dazu auch Michael Schramm: »Gedanke, Sprache und Stil«, in: Otfried Höffe (Hg.): Aristoteles: Poetik, München 2010, S. 187 und Alfred Gudemanns Kommentar in: Aristoteles: Peri Poietikes, Berlin/Leipzig 1934, S. 356–357. 47 Aristoteles: Rhetorik III 10, 1410b u. III 11, 1411b. Zu asteîa vgl. Gemoll: »städtisch; übertr.: fein, hübsch; niedlich, witzig, gebildet« und Liddell/Scott: A Greek English Lexicon (Anm. 18): »of the town […] II. town-bred, polite […] of thoughts and words, refined, elegant, witty«. George Kennedy übersetzt in Aristotle on Rhetoric, New York 1991: urbanities. 48 Vgl. Kirby: »Aristotle on Metaphor« (Anm. 30), S. 544. Forum Interdisziplinäre Begriffsgeschichte 1 (2012) 7 A l e x a n d e r F r i e d r i c h · Meta-metaphorologische Perspektiven III. OPTISCHE TECHNOTROPIE Ein signifikanter technotropischer Aspekt der Begriffsgeschichte der Metapher bekundet sich in ihrer späteren Charakterisierung als bildliche Rede. Wenn Aristoteles noch davon sprach, dass sie Ähnlichkeiten zu erkennen gebe, indem sie weit Auseinanderliegendes als Verwandtes vor Augen führe (prò ommátōn poeîn), schreiben sich in diese Bestimmung im Laufe ihrer Rezeptionsgeschichte neue ästhetische und mediale Konnotationen ein, die sich bestimmten technik- und wissensgeschichtlichen Innovationen verdanken. Die noch heute zur Erklärung des »Metaphorischen oft unproblematisch gebrauchte Kategorie des Bildes (in Begriffen wie ›Bildspender‹ und ›Bildempfänger‹)« beginnt sich erst vor dem Hintergrund neuzeitlicher Bildgebungsverfahren herauszubilden: »Einbildungskraft und Imagination sind Konzepte von Metaphorik als Bildlichkeit«49 – und als solche verdanken sie sich auch einer technologischen Zurüstung des Gesichtssinns. So ist der titelgebende Apparat für Emanuele Tesauros barocke Großtheorie der Tropen bezeichnender Weise das Galileische Fernrohr, das nun als kosmologisches Erkenntnis- Instrument die aristotelische Theorie technotropisch re-metaphorisiert. Wenn der Turiner Gelehrte in Das aristotelische Fernrohr (Il cannochiale aristotelico, 1654) seine Grundidee des witzigen und ingeniösen Ausdrucks entfaltet, die jeglicher rednerischer, epigraphischer und symbolischer Technik dienlich sei, dann tut er dies in dezidiertem Bezug auf eben jene Stelle der aristotelischen Rhetorik, die das Vermögen der Metapher lobt, den Zusammenhang weit aus- einanderliegender Dinge vor Augen zu führen.50 Nun stiftet das astronomische Gerät eine technologische Evidenz der geistreichen Sinnlichkeit jener Trope, die für Tesauro zur figura ingeniosa schlechthin wird.51 Auch ihre ciceronische Klassifizierung als Redeschmuck (ornatus)52 gewinnt im Manierismus eine neue, über die bloß rhetorische hinausgehende, epistemische Qualität – erkennt der spätbarocke Blick im Ornament doch einen eigentümlichen Erfindungsreichtum, den vor allem der deutsche Gelehrte Daniel Georg Morhof in seinem Polyhistor literarius (1688) hervorhebt, wo die Metapher an erster Stelle unter den Ornamenten (primum inter ornamenta locum) einordnet wird.53 Mit der Erfindung des Teleskops und der mit ihr einhergehenden Entwicklung der Zentralperspektive setzt die optische Transfiguration metaphorischer Bildlichkeit eine wechselseitige Perspektivierung rhetorischer und medialer Bildtechniken in Gang. So entwirft der jesuitische Universalgelehrte Athanasius Kircher in seiner Physiologica (1624) die Apparatur einer ›Metaphernmaschine‹, die durch eine bewegliche Spiegelkonstruktion das Bild des Betrachters in einem Kaleidoskop zufällig wechselnder Bilder zeigt, um einen Prozess manieristischer Assoziationen in Gang zu setzen, der das Verfahren der Imagination technisch imitieren soll.54 Kirchers Maschine beruht dabei nicht mehr auf einer mimetischen, sondern 49 Willer: »Metapher/metaphorisch« (Anm. 1), S. 110. 50 Emanuele Tesauro: Cannocchiale aristotelico, ossia Idea dell'arguta et ingeniosa elocutione che serve a tutta l'Arte oratoria, lapidaria, et simbolica esaminata co’ Principij del divino Aristotele, Turin 1654. Zur Übersetzung des Untertitels vgl. Klaus-Peter Lange: Theoretiker des literarischen Manierismus, München 1968, S. 26. 51 Tesauro: Cannocchiale aristotelico (Anm. 50), S. 82, 266. Vgl. Lange: Theoretiker des literarischen Manierismus (Anm. 50), S. 40f. 52 Vgl. Marcus Tullius Cicero: De Oratore III 96–165. 53 Daniel Georgius Morhofius: Polyhistor, Literarius, Philosophicus Et Practicus, Lübeck 1688. Vgl. Willer: »Metapher/metaphorisch«, S. 99. 54 Vgl. Gustav René Hocke: Die Welt als Labyrinth, Reinbek bei Hamburg 1987, S. 152ff. 8 Forum Interdisziplinäre Begriffsgeschichte 1 (2012) A l e x a n d e r F r i e d r i c h · Meta-metaphorologische Perspektiven einer kombinatorischen Logik des Metaphorischen, die an den Platz von Ähnlichkeit und Verwandtschaft den Zufall und die produktive Einbildungskraft setzt.55 Die technotropisch induzierte Rückübertragung des optisch transfigurierten Metaphern- begriffs auf seine Modelle setzt sich auch in das Feld der Malerei hinein fort. Wie Stefan Willer in den Ästhetischen Grundbegriffen darlegt, gewinnt die Metapher während des 18. Jahrhunderts eine zentrale Funktion für die Neuinterpretation der aristotelischen Mimesis- Theorie, indem sie das ›Sprachbild‹ in eine enge Beziehung zum Gemälde setzt, wodurch sich Metapher und Malerei zunehmend wechselseitig erläutern – wenn etwa Johann Adolf Schlegel in seiner Übersetzung von Charles Batteux’ Les beaux-arts réduits à un même principe von der »hauptsächlich […] im Besitze der Metapher« befindlichen »Poesie der Malerei« ganz metaphorisch sagt: »sie redet ins Auge.«56 Im Kontext moderner Theorien ist es die Technologie der Kinematographie, die eine Fortschreibung der optischen Transfiguration des Metaphernbegriffs erlaubt. Während Kirchers Metaphernmaschine ein barockes Simulakrum entwirft, das sich als eine manieristische Abwandlung des platonischen Höhlenmodells interpretieren ließe, in der die kombinatorische Einbildungskraft eine epistemische Aufwertung erfährt, tendieren die Begründungen des schöpferischen Potentials der Metapher im 20. Jahrhundert signifikanter Weise zum Paradigma der Projektion. So erklärt Max Blacks Interaktionstheorie den metaphorischen Prozess durch ein Verhältnis von focus und frame, die sich gegenseitig neu belichten und wechselweise aufeinander projizieren (project).57 Harald Weinrich spricht von der metaphorischen Über- tragung zwischen Bildspender und Bildempfänger, was kohärent kaum im Paradigma der Malerei-, sondern nur der Belichtungstechnik vorstellbar ist.58 Auch die Theorie der conceptual metaphor beschreibt die metaphorischen Übertragungen zwischen source domain und target domain als projections.59 Desgleichen behauptet die Theorie des Conceptual Blending eine zentrale Rolle metaphorischer Projektionen (metaphorical projection) für die Prozesse kognitiver Bedeutungskonstruktionen.60 In ihrer emphatischen Absetzung vom klassischen Metaphernbegriff rekurrieren die neuen Metapherntheorien zu ihrer Plausibilisierung damit auf eine genuine Technologie der Moderne. Indessen erfährt der Begriff der Übertragung selbst eine medientechnische Umdeutung. Während die metaphorá bei Aristoteles auf befremdliche, aber geistreiche Weise die Konvergenz von politischer und kosmologischer Weltordnung zum Ausdruck bringt, impliziert die Übertragung als Projektion die perspektivisch gebundene Überblendung prinzipiell kontingenter Vorstellungen, deren mimetisches Potential hinter ihr produktives zurücktritt. Die damit nicht notwendig artikulierte, aber indizierte Historizität der Metapher wird mit dem 19. Jahrhunderts zum Gegenstand metaphorologischer Reflexionen. Dabei spielen wiederum zwei andere Medien eine wichtige Rolle: die Schrift und das Geld. Hierfür sind Derridas Beobachtungen zu Weißen Mythologie sehr aufschlussreich. 55 Vgl. Peter-André Alt: Der Schlaf der Vernunft, München 2002, S. 89. 56 Johann Adolf Schlegel: »Von dem höchsten Grundsatze der Poesie«, in: Charles Batteux: Einschränkung der schönen Künste auf einen einzigen Grundsatz, Th. 2, übersetzt von J. A. Schlegel, Leipzig 1770, S. 214. Zit. nach Willer: »Metapher/metaphorisch« (Anm. 1), S. 111. 57 Vgl. Max Black: »Metaphor«, in: Proceedings of the Aristotelian Society 55 (1954/55), S. 276 und Ders.: »More On Metaphor«, in: Andrew Ortony (Hg.): Metaphor and thought, Cambridge 1998, S. 28. 58 Vgl. Harald Weinrich: »Semantik der kühnen Metapher«, in: Deutsche Vierteljahresschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte (1963) 37, S. 324–344. 59 Vgl. George Lakoff: »A Contemporary Theory of Metaphor« (Anm. 30), S. 229. 60 Vgl. Gilles Fauconnier und Mark Turner: »Conceptual Integration Networks«, in: Cognitive Science 22 (1998) 2, S. 133ff. Forum Interdisziplinäre Begriffsgeschichte 1 (2012) 9 A l e x a n d e r F r i e d r i c h · Meta-metaphorologische Perspektiven IV. HISTORISCHE TECHNOTROPIE In seiner Kritik der etymologischen Metapherntheorie bezieht sich Derrida auf Anatol Frances Le jardin d’Epicure (1894).61 Auch wenn sich seine Lektüre des Textes letztlich einer Dekonstruktion der Eigentlichkeit widmet, weist sie doch auf einen Wandel des Metaphernbegriffs hin, der sich erst unter den Bedingungen des Historismus entwickeln konnte. In einem Dialog über die metaphysische Sprache diskutieren Frances Figuren Ariste und Polyphile über den ursprünglich metaphorischen Sinn abstrakter philosophischer Begriffe. So erklärt Polyphile, er habe geträumt, dass die Metaphysiker sich eine Sprache schaffen, indem sie Worte wie »Medaillen und Münzen an den Schleifstein legen, um die Inschrift, die Jahreszahl und das Kopfbildnis auszulöschen. […] Zunächst sieht man, was sie dabei verlieren; man sieht aber nicht sofort, was sie dabei gewinnen.‹«62 Denn gerade durch die Auslöschung ihrer Signatur könne der abgeschliffenen Münze (pièce) erst ein allgemeiner Sinn zugewiesen werden, dessen Geltung nicht mehr von den Grenzen ihres ursprünglichen Währungsraums abhängt. Daraufhin erwägen die beiden die Möglichkeit, die getilgte Signatur der Münze, ihre ursprüngliche metaphorische Bedeutung, wiederherzustellen: ›Wir können uns von all diesen Wörtern, die durch den Gebrauch entstellt oder poliert oder im Hinblick auf irgendeine geistige Konstruktion sogar geschmiedet wurden, deren ursprüngliche Gestalt vorstellen. Die Chemiker stellen das Reagens her, das auf dem Papyrus oder auf dem Pergament die ausgelöschte Tinte sichtbar macht. Mit Hilfe dieser Reagenzen können die Palimpseste gelesen werden. Wenn man den Schriften der Metaphysiker eine analoge Prozedur auferlegte, wenn man die einfache und konkrete Bedeutung ans Licht brächte, die unter der abstrakten und neuen Bedeutung unsichtbar und präsent bleibt, dann könnte man so recht sonderbare und manchmal auch recht aufschlussreiche Ideen finden.‹63 Frances poetologische Spekulation und Derridas Kritik indizieren damit eine signifikante Verschiebung der technotropischen Referenz: Denn sie rekurriert nicht mehr auf der Prozess der phýsis, in dem sich die Möglichkeiten der Natur durch ihre technische Nachahmung vollenden. Das Modell der abgeschliffenen Münze verweist vielmehr auf einen technischen Prozess der Entfremdung von ihr. Gleichwohl bleibt sie etymologisch daran gekoppelt – jedoch im Modus des Verlorengegangenen, wieder Herzustellenden: in der Gestalt des Palimpsests. Wenn Derrida dieses Modell kritisiert, gilt seine Dekonstruktion den theoretischen Implikationen der Palimpsest-Metapher – nicht jedoch ihren historischen Voraussetzungen. Während die Herstellung von Palimpsesten ein bereits seit der Antike praktiziertes Verfahren ist, um wertvolles Pergament durch das Abschaben alter Texte für Neubeschriftungen wieder- verwendbar zu machen, bekundet sich in dem Wunsch nach einer Restitution der getilgten Inskription ein zeitgenössischer Bezug zum technologischen Kontext des Historismus. Denn er verweist auf ein spezifisch modernes Verfahren historischer Forschung, das erst durch die Verbindung von Chemie und Philologie möglich wurde.64 Was zur Voraussetzung ihres 61 Anatole France: Le Jardin d’Épicure, Paris 1894, dt. Der Garten des Epikur, übersetzt von Olga Sigall, Minden i. W. 1906. 62 Ebd., zitiert nach Derrida: »Die weiße Mythologie« (Anm. 3), S. 230–231. 63 Ebd., zitiert nach Derrida: »Die weiße Mythologie«(Anm. 3), S. 231. 64 Zur Beschreibung des Verfahren siehe Otto Wächter: »Diagnose und Therapie in der Pergament- und Miniaturenrestaurierung«, in: Restaurator 5 (1983) 1–2. 10 Forum Interdisziplinäre Begriffsgeschichte 1 (2012) A l e x a n d e r F r i e d r i c h · Meta-metaphorologische Perspektiven anamnetischen Sinns wird,65 bezeugt die technotropische Kehrseite der Metapher: In der archäologisch-etymologischen Implikation einer verborgenen, aber zu rekonstruierenden Fortdauer des Vergangenen im Gegenwärtigen artikuliert sich einerseits das Bewusstsein des Historismus und andererseits das Vertrauen in die Objektivität der Naturwissenschaft. In beidem bekundet sich ein spezifisches Selbstverständnis des 19. Jahrhunderts. Indem Derrida die etymologische Metapherntheorie nun wesentlich als eine bloße Umkehrung der meta- physischen ausweist, blendet er diesen historischen Index wieder aus – und zwar, sowohl in Bezug auf die Metapher des Palimpsests als auch auf jene des Geldes, die sich damit verknüpft. V. ÖKONOMISCHE TECHNOTROPIE Wenn Frances Polyphile in Jardin d’Épicure das Abschaben von Pergamenten mit dem Abnutzen von Münzen vergleicht, um philosophische Begriffe auf ursprüngliche Metaphern zurückzuführen, so verweist die Verknüpfung von Palimpsest- und Geld-Metaphorik auch auf die Sphäre der neuzeitlichen Ökonomie. Denn sie modelliert die Produktion eines arbiträren, abstrakten Sinns nach der Logik des Geldes: Der Wert und die Zirkulationsfähigkeit eines Wortes nehme zu, indem es seine konkreten Bezüge in allgemeine verwandelt, wodurch es sich wie eine Münze baren Geldes verhält. Sein Wert besteht nicht mehr in einer bestimmten, sondern einer potentiellen Referenz, analog zur potentiell unendlichen Vielfalt an Waren. Indem sich der Wert des Geldes nicht mehr auf eine absolute Größe, sondern allein auf das Verhältnis möglicher Tauschakte bezieht, beruht das Geld auf einer funktionalen Abstraktion, die höchst verschiedene Dinge miteinander vergleichbar macht.66 Alles, was sich für Geld kaufen lässt, wird dadurch zur Ware. Die Analogie zur Denkform des Begriffs besteht in der Abstraktion der Warenform, denn auch der Begriff stellt eine Äquivalenz zwischen Disparatem qua Abstraktion her. Auf ganz andere Weise als das Fernrohr führt das Geld nun die Ähnlichkeit weit auseinanderliegender Dinge vor Augen: Auf dem Markt werden alle Waren miteinander vergleichbar – als Produkte, die einen Preis haben. Zwar bemerkt Derrida in seiner Lektüre, dass die »Inschrift der Münze […] der Schauplatz des Austauschs zwischen dem Linguistischen und dem Ökonomischen«67 ist, doch geht er diesem Zusammenhang nicht weiter nach. Nimmt man diesen Zusammenhang allerdings ernst, dann markiert die Geld-Analogie einem Unterschied innerhalb der von Derrida als ›metaphysisch‹ kritisierten Metapherntheorie, die sich auf ihren historischen Index hin lesbar machen lässt. So markiert die Geldanalogie eine grundlegende Differenz zur aristote- lischen Metapherntheorie, beruht diese doch auf dem naturphilosophischen Wachstumsmodell der phýsis, demzufolge die Metapher die Entfaltung des Wesens der Dinge vor Augen führt. Überdies gründet die Geldtheorie des Aristoteles in der Vorstellung, dass Geld zwar ein besonderes, aber eben nur ein Ding unter vielen sei, das Menschen aufgrund ihrer Bedürfnisse miteinander tauschen.68 In der neuzeitlichen Ökonomie bedeutet ›Wachstum‹ und ›Verwertung‹ jedoch nicht mehr die Verwirklichung eines natürlichen Wesens, sondern die Produktion eines Mehrwerts, der vorher noch nicht existierte. Grundlage dafür ist das Geld, dessen Wert durch keine natürliche Größe, keine kosmisch verbürgte Ordnung, sondern allein durch eine 65 Vgl. Aleida Assmann: Erinnerungsräume, München 2006, S. 151–158. 66 Nach Eske Bockelmann: Im Takt des Geldes. Zur Genese modernen Denkens, Springe 2004, S. 182 beruht die Logik des Geldes dabei auf einem abstrakten Ausschließungsverhältnis: Es ist, was es ist, nur dadurch, dass es nicht ist, wofür es sich eintauschen lässt. 67 Vgl. Derrida: »Die weiße Mythologie« (Anm. 3), S. 237. 68 Vgl. Joseph Alois Schumpeter: Geschichte der ökonomischen Analyse, Göttingen 2009, S. 89–106 . Forum Interdisziplinäre Begriffsgeschichte 1 (2012) 11 A l e x a n d e r F r i e d r i c h · Meta-metaphorologische Perspektiven funktionale Relation bestimmt ist.69 Dadurch wird das Geld per se zu einer technotropischen Referenz. Wenn Blumenberg in seiner metaphorologischen Studie zu Georg Simmels Philosophie des Geldes (1900) bemerkt, dass »traditionell Teleologie ein Merkmal der Natur gewesen war«, so erweist sich jene »des Geldes von höchster Künstlichkeit«.70 Mit der allgemeinen Durchsetzung der modernen Geldwirtschaft verabsolutiert sich die reine Referentialität zu einer Referenz sui generis. Das absolute Mittel wird zum Selbstzweck.71 Es gerät dabei zu einer zweiten Natur: einer Technik, die kein natürliches Vorbild kennt, sich auf Natur nur noch als Abstraktum bezieht, als ein Wertmaßstab, dessen Maß kein natürliches mehr – gleichwohl ein universales ist.72 So figuriert die abgeschliffene Münze als monetäres Palimpsest ein Metaphernmodell, das seine historischen Voraussetzungen in der Logik der neuzeitlichen Ökonomie hat. Unter den Bedingungen einer Kultur, in der Geld als abstraktes Zeichensystem zu einer universalen Vergesellschaftungsform geworden ist, kann es als ein plausibles Modell der Sprache erscheinen, des Begriffs zumal, der wie das Geld eine Äquivalenz zwischen Nicht-Identischem herstellt.73 Woraus noch keine Identität der Logik des Geldes mit jener der Sprache folgt, doch setzt die monetäre Metaphorik beide in Analogie zueinander.74 Die technotropische Kehrseite der Münzmetapher ist die monetär vermittelte Form des sozialen Zusammenhangs funktional differenzierter Gesellschaften.75 Als solche unterscheidet sie sich grundlegend von der kosmo- politischen Ordnung des antiken Stadtstaats. Entsprechend verbirgt sich die historische Signatur des technotropischen Indexes hier nicht mehr in der Annahme einer strukturellen Identität von Kultur und Natur, sondern in jener von Sprache und Ökonomie. Denn auch die ursprüngliche Metapher bliebe nach ihrer Restitution als sinnliches Zeichen – eine Münze. VI. TEXTILE TECHNOTROPIE Der Bezug der Geld-Metaphorik zum historischen Bewusstsein der Moderne unter den Bedingungen der funktional differenzierten Gesellschaft schreibt sich den Meta-Metaphoriken im 20. Jahrhunderts unter veränderten Bedingungen weiter fort. Spätestens mit dem linguistic turn setzt jene Reflexion auf die unhintergehbare Kontingenz der Sprache ein, die alle 69 So fragt sich Dirk Baecker in seinen Studien zur nächsten Gesellschaft, Frankfurt/M. 2008, S. 66 mit Blick auf Aristoteles: »ob ein (Fern-)Handel, der nur dem Gelderwerb dient […] noch mit der Ordnung des Kosmos übereinstimmt«. 70 Hans Blumenberg: »Geld oder Leben. Eine metaphorologische Studie zur Konsistenz der Philosophie Georg Simmels«, in: Ästhetische und metaphorologische Schriften, Frankfurt/M. 2001, S. 178. 71 Vgl. Georg Simmel: Philosophie des Geldes, Frankfurt/M. 1996, S. 139–253. 72 Vgl. Christoph Deutschmann: »Geld als absolutes Mittel«, in: Ders. (Hg.): Kapitalistische Dynamik, Wiesbaden 2008, S. 46 und Karl-Heinz Brodbeck: Die Herrschaft des Geldes, Darmstadt 2009, S. 402–460. 73 Vgl. Karl-Heinz Brodbeck: Geld und Sprache. Vortrag zum Symposium »Die Wirtschaft des 21. Jahrhunderts!?«, Abbazia di Rosazzo, Manzano am 03.06.11, S. 171–215 <http://www.khbrodbeck.homepage.t- online.de/sprache.pdf>. 74 Zur Geschichte der Sprach-Geld-Analogie, insbesondere der Neuzeit siehe Eric Achermann: Worte und Werte, Tübingen 1997 sowie Kolja Frey: Geld als Sinnbild für Sprache, Hamburg 2009. 75 Die Prädominanz der Analogie entfaltet sich daher konsequenter Weise auch in den Gesellschaftstheorien der Moderne. Die Problematik dieses Wechselverhältnisses in der Systemtheorie Parsons untersucht Jan Künzler: »Talcott Parsons’ Theorie der symbolisch generalisierten Medien in ihrem Verhältnis zu Sprache und Kommunikation«, in: Zeitschrift für Soziologie 15 (1986) 6, S. 422–437. Zur Bedeutung des Geldes in der Systemtheorie Luhmanns siehe Axel T. Paul: Die Gesellschaft des Geldes, Wiesbaden 2004. Brodbeck: Geld und Sprache, S. 15 interpretiert die Kritik des instrumentellen Denkens von Heidegger bis Habermas als eine »mehr oder minder entfaltete« Kritik der Geldlogik. Eske Bockelmann: Im Takt des Geldes (Anm. 66) erklärt aus der Logik des Geldes gar die Genese modernen Denkens. 12 Forum Interdisziplinäre Begriffsgeschichte 1 (2012) A l e x a n d e r F r i e d r i c h · Meta-metaphorologische Perspektiven sprachphilosophischen Hoffnungen der etymologischen Metapherntheorie desavouiert, insofern Sprache nun nicht mehr als die richtige oder falsche Repräsentation eines natürlichen Weltbezugs, sondern als ein immer schon kulturell bedingtes Zeichensystem gedacht wird. Dies hat weitreichende Folgen für das Verhältnis von Begriff und Metapher, das nun einer grundsätzlichen Revision unterzogen wird. Was sich in einer bemerkenswerten Konjunktur an metapherntheoretischen Arbeiten niederschlägt, veranlasst den Literaturwissenschaftler Wayne C. Booth auf einem 1978 veranstalteten Symposium zu der ironischen Prognose, dass es bei einer Fortsetzung des Trends im Jahr 2039 mehr Metaphernforscher geben werde als Menschen.76 Der Trend mobilisiert schließlich auch neue Meta-Metaphern. Während das neu aufkommende Modell der Projektion als eine Modernisierung der optischen Technotropie erscheint, lässt sich eine paradigmatische Umbesetzung innerhalb jener ›Schicht von Gründer-Tropen‹ verzeichnen, die Derrida als ein ›Netz von Philosophemen‹ bezeichnet. Als eine textile Metapher weist das Netz eine bis in die Antike zurückgehende Tradition des Sprechens über Sprache auf, die sich noch in vielen lexikalisierten Wendungen erhalten hat, wenn etwa die Rede davon ist, dass man den Faden aufnimmt, sich in Wider- sprüchen verstrickt, Thesen entwickelt, Argumente verbindet, Aussagen verknüpfet – so geht auch der Begriff des Textes auf das lateinische Verb texere für weben und flechten zurück.77 Mag die Metaphorik ursprünglich im Blick auf die Kunst der Textiltechnik im Verarbeiten kleinster Fasern zu einem komplexen Gebilde entstanden sein (noch das Wort komplex geht auf das lateinische complexus zu plectere zurück und heißt also: zusammengeflochten), erhält sie in ihrer Wiederbelebung durch die sprachphilosophische Reflexion eine neue Bedeutung. Hatte bereits Friedrich Nietzsche notiert: »Die Verführer der Philosophen sind die Worte, sie zappeln in den Netzen der Sprache«,78 so reserviert Wittgenstein das textile Verhängnis nicht mehr nur für Philosophen: »Die Menschen sind im Netz der Sprache verstrickt und wissen es nicht.«79 In seiner Lektüre Paul Valérys bemerkt Blumenberg, dass auch dem Dichter die Sprache »immer wieder als ein Netz von Bindungen und Einschränkungen des reinen Denkens«80 vorgekommen sei. Mit der Re-Metaphorisierung des lexikalisierten Textils als Fang- zeug evoziert das Netz eine Verstricktheit des Geistes, die bis in das beginnende 20. Jahrhundert hinein vor allem als das Resultat eines täuschenden Sprachgebrauchs gilt, zu dem auch die Metapher gehört.81 Im Laufe des 20. Jahrhunderts verweist sie dann zunehmend auf die Unhintergehbarkeit der Sprache und die Irreversibilität ihrer geschichtlichen Logik. So problematisiert Derrida Edmund Husserls Repräsentationsmodell der Sprache mit dem Argument der irreduziblen Verwobenheit von Sprachlichem und Nicht-Sprachlichem: Diese Verwebung* der Sprache, dessen, was in der Sprache rein sprachlich ist, mit den anderen Fäden der Erfahrung, bildet ein Gewebe. Das Wort Verwebung* verweist auf dieses metaphorische Feld: Die ›Schichten‹ sind ›verwoben‹, ihre Verflechtung ist von der 76 Wayne C. Booth: »Metaphor as Rhetoric« (1978), in: Sheldon Sacks (Hg.): On metaphor, Chicago 1993, S. 47: »I have in fact extrapolated with my pocket calculator to the year 2039; at that point there will be more students on metaphor than people.« 77 Siehe dazu auch Erika Greber: Textile Texte. Poetologische Metaphorik und Literaturtheorie, Köln 2002 und Mareike Buss und Jörg Jost: »Die Schrift als Gewebe und als Körper. Eine metaphorologische Skizze«, in: Elisabeth Birk (Hg.): Philosophie der Schrift, Tübingen 2009. 78 Friedrich Nietzsche: »Nachgelassene Fragmente 1875–1879«, in: KSA, Bd. 8, München 1999, S. 113. 79 Ludwig Wittgenstein: Philosophische Grammatik, in: WA, Bd. 4, Frankfurt/M. 1984, S. 462. 80 Hans Blumenberg: »Sprachsituation und immanente Poetik«, in: Wirklichkeiten, Stuttgart 1999, S. 150–151. 81 Vgl. Christian Emden: »Netz«, in: Ralf Konersmann (Hg.): Wörterbuch der philosophischen Metaphern, Darmstadt 2007, S. 248–260. Forum Interdisziplinäre Begriffsgeschichte 1 (2012) 13 A l e x a n d e r F r i e d r i c h · Meta-metaphorologische Perspektiven Art, daß man Schuß und Kette nicht voneinander unterscheiden kann […]: denn Gewebe bedeutet Text. Verweben* bedeutet hier texere.82 Während die Verstrickungsmetaphorik noch mit einer Aussicht auf Befreiung verbunden bleibt, impliziert die Verwebung nun die prinzipielle Unmöglichkeit, an einen Ort jenseits des Gewebes zu gelangen. Mit der Totalisierung verliert auch die Vorstellung der Gefangenschaft ihren Sinn. Auf diese Weise gewinnt die Textilmetaphorik im Laufe des 20. Jahrhunderts ihrerseits eine neue ›Schicht‹. Über die ältere Bedeutung der Kunstfertigkeit und der Verstrickung webt sich nun jene eines protentiell unendlichen Netzes von Zeichen und Bedeutungen, der die Logik eines Systems ohne natürliches Zentrum korrespondiert.83 Obschon die Ambivalenz von fangen und verknüpfen nie ganz verschwinden wird, tritt die Konnotation der Verstrickung bald zugunsten jener der rein funktionalen Relation zurück. VII. TECHNOTROPIE ZWEITEN GRADES Während der Bedeutungswandel der Netzmetaphorik seinerseits eng mit wissenschaftlichen und lebensweltlichen Veränderungen zusammenhängt, insbesondere mit der rasanten Ausbreitung technischer Infrastrukturen seit der Mitte des 19. Jahrhunderts,84 wird die Metapher des Netzes als Metapher der Sprache zu einer Metapher der Metapher. Hatte Derrida die Struktur von Quasi-Metaphern als ein ›Netz von Gründertropen‹ bestimmt, schreibt Ricoeur diese Meta-Metaphorik in seiner Kritik der Derridaschen Dekonstruktion weiter fort, indem er das Netz der Metapher (réseau métaphorique) interaktions- und sprechakttheoretisch als ein komplexes Netz von Aussagen (réseau complexe d’énoncés) bzw. als ein syntaktisch strukturiertes Netz von Prädikaten (réseau de prédicats) expliziert.85 Das Netz der Metapher unterscheide sich dabei von einem Begriffsnetz (réseau conceptuel)86 nur noch durch eine Konventionalität des Sinns und Geltungsanspruchs, den letzteres in einem bestimmten kulturellen Kontext behauptet, während die Metapher stets eine mögliche Neubeschreibung des Wirklichen eröffne. Wenn schon die Gewebemetaphorik auf eine elementare Kulturtechnik verweist, die Textilverarbeitung, so lässt sich an der Netzmetaphorik nun eine signifikante Verschiebung der technotropischen Referenz feststellen. Denn wenn Ricœur den Prozess der Vernetzung 82 Jacques Derrida: »Die Form und das Bedeuten. Bemerkungen zur Phänomenologie der Sprache«, in: Randgänge der Philosophie, Wien 1999, S. 181. Gekennzeichnete Worte* sind deutsch im Original, Derrida bezieht sich dabei auf Edmund Husserl: Ideen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie, Tübingen 1980, S. 256. Vgl. Derridas Untersuchung zur Metaphorik der ›Verflechtung‹ von Husserls Untersuchungen zur Phänomenologie und Theorie der Erkenntnis in: Die Stimme und das Phänomen, Frankfurt/M. 2005. Siehe dazu auch Maxime Doyon: Der transzendentale Anspruch der Dekonstruktion, Würzburg 2010, S. 94–97. 83 Vgl. Willard Van Orman Quine und Joseph Silbert Ullian: The Web of Belief, New York 1970, S. 41: »Implication is […] the very texture of our web of belief, and logic is the theory that traces it.« Richard Rorty entwickelt in einer Abwandlung des Gedanken seine philosophische Konzeption personaler Identität. So empfiehlt er in »Der Vorrang der Demokratie vor der Philosophie«, in: Solidarität oder Objektivität?, Stuttgart 1995, S. 103: »die Auffassung, der Mensch sei ein mittelpunktloses Netz von Überzeugungen und Wünschen, dessen Vokabular und Meinungen durch die historischen Umstände determiniert sind«. Zur Sprache als Netz siehe auch Jean Aitchison: The Language Web, Cambridge 2002. 84 Vgl. Alexander Friedrich: »Vernetzte Zwischenräume«, in: Uwe Wirth (Hg.): Bewegen im Zwischenraum, Berlin 2012, S. 55-74. 85 Vgl. Ricœur: Die lebendige Metapher (Anm. 30), S. 233 u. 278 [La métaphore vive, S. 206 u. 379.] 86 Ebd., S. 261f. [364]. 14 Forum Interdisziplinäre Begriffsgeschichte 1 (2012) A l e x a n d e r F r i e d r i c h · Meta-metaphorologische Perspektiven (organisation en réseau)87 als einen der Wechselwirkung (réseau d’interactions)88 und diese Wechselwirkung durch Begriffe wie Transaktion (transaction),89 Spannung (tension),90 Kollision (collision)91 und Sinnakkumulation (cumulation de sens)92 bestimmt, dann lassen sich diese Vorgänge kaum noch sinnvoll innerhalb des textilen Paradigmas verstehen. Vielmehr setzen die technischen und ökonomischen Implikationen dieser Begriffe ein Verständnis von Netzen als dynamische Strukturen funktionaler Relationen voraus. Dieses Verständnis hat seine Herkunft offenbar aus einem sozio-technischen Kontext. Denn im Unterschied etwa zu filet, was ein Fangnetz bezeichnen würde, verweist réseau, das Ricœur durchgängig gebraucht, auf die Organisationsform komplexer Kommunikations- und Infrastrukturen.93 Insofern das sozio-technische Verständnis von Netzen selber das Produkt einer komplexen Metaphern- und Begriffsgeschichte ist, die in einer immanenten Wechselwirkung mit Technisierungsprozessen der Lebenswelt steht, bekundet sich in der Wahl der Meta- Metaphorik nicht nur der Bezug auf eine zentrale Kulturtechnik der Industrialisierung. Wenn »›Netz‹ und ›Netzwerk‹ […] zu kulturellen Leitmetaphern der modernen Gesellschaft und ihrer Wissenschaften geworden«94 sind, dann gilt dies offenbar auch für den Begriff der Metapher selbst. So bestimmt Nelson Goodman ein Jahr nach dem Erscheinen von La métaphore vive in Languages of Art (1976) die metaphorische Übertragung als »a reorientation of a whole network of labels«.95 Vier Jahre darauf erhält das network eine systematische Stellung in der Metapherntheorie der kognitiven Linguistik, die das mapping von conceptual metaphors als »a coherent network of entailments«96 beschreibt. Eine exponierte Stellung erlangt die Metapher schließlich in der Conceptual Blending Theory – hier wird das Metaphernmodell der Conceptual Integration Networks (1998) sogar titelgebend.97 Was sich in dieser Entwicklung abzeichnet, ist eine Verschiebung des metaphern- theoretischen Paradigmas von der Übertragung zur Verknüpfung. Bemerkenswert ist dabei, wie sich das Netz in seiner Funktion als Meta-Metapher das technotropische Erbe seiner Vorgänger anverwandelt. So fungiert nicht nur die technotropische Referenz der Optik als eine vermittelnde Figur dieser Verschiebung, indem die Übersetzung zwischen beiden Paradigmen wesentlich über die Konzepte focus, frame, mapping und projection erfolgt. In Ricœurs Theorie des réseau métaphorique lässt sich mit den Begriffen der Transaktion und Akkumulation noch eine Transformation des monetären Palimpsests erkennen, wenn er in der Metapher einen Grundmechanismus der Produktion von Polysemien erkennt. Zwar löst er dabei das Postulat einer eigentlichen Wortbedeutung und damit auch den Etymologismus auf, doch nur zugunsten eines Modells, das den Prozess einer Anreicherung lexikalischer Bedeutung durch die Konventionalisierung metaphorischer Ausdrücke beschreibt: Die Metapher wird zur Produzentin eines semantischen Mehrwerts, indem sie immer neue Verknüpfungen im Netz der Sprache stiftet und sie dadurch bereichert. 87 Ebd., S. 235 [308]. 88 Ebd., S. 165 [127]. 89 Ebd., S. 139 [105]. 90 Ebd., S. 239 [311]. 91 Ebd., S. 163 [125]. 92 Ebd., S. 206 [150]. 93 Vgl. Jean Dubois: Larousse. Dictionnaire de français, Berlin 2000. 94 Hartmut Böhme: »Netzwerke. Zur Theorie und Geschichte einer Konstruktion«, in: Jürgen Barkhoff et al. (Hg.): Netzwerke, Köln 2004, S. 26. 95 Nelson Goodman: Languages of Art, Indianapolis 1997, S. 72. 96 George Lakoff und Mark Johnson: »Conceptual Metaphor in Everyday Language«, in: The Journal of Philosophy 77 (1980) 8, S. 482. 97 Fauconnier/Turner: »Conceptual Integration Networks«. Siehe Anm. 60. Vgl. Dies.: »Rethinking Metaphor«, in: Raymond W. Gibbs (Hg.): The Cambridge Handbook of Metaphor and Thought, Cambridge 2008, S. 53–66. Forum Interdisziplinäre Begriffsgeschichte 1 (2012) 15 A l e x a n d e r F r i e d r i c h · Meta-metaphorologische Perspektiven In seiner Lektüre der aristotelischen Metapherntheorie versteht Ricœur damit den Prozess der metaphorischen Anreicherung (epiphorá) nicht mehr als das Mittel einer Darstellung der phýsis. Indem die Metapher als eine Neubeschreibung der Wirklichkeit das schöpferische Potential der Sprache realisiere, beschreibt er sie selbst als ein konstitutives Moment der phýsis,98 die nun aber ein anderes Weltverhältnis impliziert. Ist diese bei Aristoteles noch als teleologischer Naturprozess gedacht, dem die Kultur als téchnē untergeordnet ist, versteht sie bei Ricœur als einen schöpferischen Prozess, in dem das Verhältnis von Sprache und Wirklichkeit nicht mehr durch den Modus der Repräsentation, sondern der Produktion bestimmt ist. Das Netz als Meta-Metapher dieses Weltbezugs bezeichnet so das produktive »Ganze der Sprache als Gesagt-Sein der Wirklichkeit«.99 Als das Resultat von Sprachspielen einer Kultur ist das Netz wesentlich kontingent, d.h. historisch wandelbar. Doch erhält es über längere historische Zeiträume hinweg eine relativ stabile Struktur. Denn seine Verknüpfungen sind nicht einfach zufällig, sondern das Produkt bestimmter sozialer Praktiken und Kulturtechniken. Dadurch wird das Sprachgewebe gleichsam zu einer zweiten Natur, in der sich die Geschichte einer Kultur sedimentiert. In der Metapher des Netzes bekundet sich mithin ein technotropischer Index zweiten Grades, der sich einer historischen Stratifizierung der Meta-Metaphorik verdankt, in der sich stets neue Verknüpfungen bilden, während alte sich verfestigen oder re-metaphorisieren, wobei sie nicht mehr als verstrickende Einschränkungen des Denkens erscheinen, sondern als dessen konstitutiven Voraussetzungen. Die Metapher selbst wird zu einem wesentlichen Verfahren, dieses Netz ständig weiterzuspinnen und umzustricken. Wenn Anselm Haverkamp in Bezug auf die »Sprachsituation« einer Zeit als das Ergebnis historischer Sedimentationsprozesse den Ausblick auf eine Metaphorologie zweiten Grades gibt, die sich als eine »Archäologie« dessen versteht, was im »Bodensatz der Gesagtseinsgeschichte […] als Geschichte auf-geschichtet ist«,100 dann scheint dieser Ansatz genau dieses Phänomen zu adressieren. Eine Meta-Metaphorologie hätte überdies nicht nur ihre eigene Metaphorizität, sondern auch das Problem einer Technotropie zweiten Grades zu reflektieren. Mit dieser Überlegung sollen die bisherigen Beobachtungen zur Geschichte des Metaphernbegriffs noch einmal auf das eingangs problematisierte Verhältnis von Metaphorizität und Historizität des Metaphernbegriffs und seiner begriffsgeschichtlichen Implikationen zurückbezogen werden. VIII. SCHLUSSÜBERLEGUNG: META-METAPHOROLOGISCHE PERSPEKTIVEN Methodologisch betrachtet eröffnet die hier vorgeschlagene Perspektive einer Historisierung des Metaphernbegriffs, neben zwei grundsätzlichen Strategien der metaphorischen Selbstimplikation zu begegnen, eine dritte Möglichkeit. Die erste Strategie wäre der Versuch, das Problem systematisch aufzulösen, um zu einer nicht-metaphorischen Bestimmung des Metaphernbegriffs zu gelangen. Beispielhaft dafür sind etwa Paul Ricœurs La métaphore vive oder die Versuche der kognitiven Linguistik, die Meta-Metaphern auf elementare Grundkonzepte zurückzuführen. Doch während in Ricœurs Theorie das réseau zur definierenden Trope avanciert, gelangt auch Ferenczy in ihrer vergleichenden Systematik zu 98 Vgl. Ricœur: Die lebendige Metapher (Anm. 30), S. 295. 99 Ebd., S. 287. 100 Anselm Haverkamp: »Metaphorologie zweiten Grades«, in: Haverkamp/Mende (Hg.): Metaphorologie (Anm. 5), S. 248–252. 16 Forum Interdisziplinäre Begriffsgeschichte 1 (2012) A l e x a n d e r F r i e d r i c h · Meta-metaphorologische Perspektiven einem »network of meta-metaphors«.101 Das Netz erweist sich in diesen Versuchen damit als eine Instanz jener Quasi-Metaphorik, die nach Derrida begrifflich nicht einzuholen ist. Wenn die zweite Strategie darin besteht, das Problem der paradoxen Selbstimplikation als ein bloß abstraktes zurückzuweisen oder zu ignorieren, um sich vielmehr auf Evidenzen aus rein pragmatischen Verfahrensweisen zu verlassen, so darf hierfür sicherlich Blumenbergs Metaphorologie als Beispiel gelten. Auf die Risiken einer methodisch unkontrollierten Identifizierung und Interpretation von Metaphern hat indessen Petra Gehring in ihrem kürzlich erhobenen »Ordnungsruf«102 an die Metaphernforschung hingewiesen. Doch ruft das Insistieren auf Systematik das Problem der Paradoxie wieder an seinen Platz. Neben dem systematischen Lösungsansatz und einem pragmatischen Verzicht darauf sowie den Versuchen seiner methodologischen Korrektur könnte also eine metaphorologische Begriffsgeschichte der Metapher einen Weg eröffnen, dem Problem der Meta-Metaphorizität zu begegnen, ohne dabei notwendig aporetisch, metaphysisch, beliebig oder paradox zu werden. Zugleich ließe sich damit auch ihr eigenes Verfahren reflektieren. Eine Meta-Metaphorologie würde dabei auf eine Historisierung der paradoxen Selbstimplikation hinauslaufen: Was rein theoretisch unlösbar scheint, erweist sich als umso aufschlussreicher hinsichtlich des lebensweltlichen Bezugs der historischen Lösungsstrategien. Die Frage nach der Definition der Metapher verwandelt sich damit in die Frage, welches Weltverhältnis die jeweiligen Versuche zur Definition der Metapher voraussetzen oder begründen. Wenn die Geschichte des Metaphernbegriffs auch eine seiner eigenen Metaphorizität ist, so weist ihr technotropischer Index sie zugleich als eine Geschichte seiner lebensweltlichen Bezüge aus. Der Wandel ihres Begriffs indiziert daher nicht nur den Wandel eines theo- retischen, sondern auch eines kulturellen Weltverhältnisses, das wesentlich technisch bedingt ist. Auf diese Weise lässt sich die beobachtete Paradigmenverschiebung von der Übertragung zur Verknüpfung auch als eine Folge von Technisierungsprozessen interpretieren, die auf apparativen Innovationen beruhen, die modellgebend für die Theoriebildung werden, wie etwa neue bildgebende Verfahren, aber auch auf umfassenden gesellschaftlichen Modernisierungs- prozessen, etwa durch das Geld oder soziotechnische Infrastrukturen. Dass die avanciertesten Technologien gern zum Modell eines kulturellen Welt- und Selbstverständnisses werden, ist ein bekanntes Phänomen, das selbst als metaphorischer Prozess beschrieben werden kann. Wenn die Technologien ihrerseits Gegenstand von Metaphorisierungen werden, so ergibt sich daraus eine konstitutive Wechselwirkung von Technisierung und Metaphorisierung, die sich in die Geschichte des Metaphernbegriffs selbst einschreibt. In diesem Sinne ließe sich die Feststellung Rüdiger Campes, dass die »Frage nach der Metapher […] letztlich gar nichts anderes als die Frage nach der Technik«103 sei, im Kontext einer kulturwissenschaftlichen Begriffsgeschichte als eine metaphorologische Konsequenz des ›Vico-Axioms‹ lesen: verum et factum convertuntur.104 Hatte Blumenberg diese Konsequenz bereits in den Paradigmen auf die pragmatistische Formel gebracht: »Die Wahrheit der Metapher ist eine vérité à faire«,105 so gilt dies offenbar auch für ihren Begriff. Dessen technotropischer Index gibt einen Hinweis darauf, dass er nicht nur historisch kontingent ist, 101 Ferenczy: »Metaphors for Metaphors« (Anm. 9), S. 157. 102 Petra Gehring: »Erkenntnis durch Metaphern?«, in: Matthias Junge (Hg.): Metaphern in Wissenskulturen, Wiesbaden 2010, S. 203. 103 Rüdiger Campe: »Von der Theorie der Technik zur Technik der Metapher«, in: Haverkamp/Mende (Hg.): Metaphorologie (Anm. 5), S. 309. 104 Vgl. Ferdinand Fellmann: Das Vico-Axiom, Freiburg 1976. 105 Blumenberg: Paradigmen (Anm. 6), S. 25. Forum Interdisziplinäre Begriffsgeschichte 1 (2012) 17 A l e x a n d e r F r i e d r i c h · Meta-metaphorologische Perspektiven sondern immer auch von den Welt- und Selbstbeschreibungen einer bestimmten Kultur im Verhältnis zu ihren Technologien abhängt. Eine technotropisch orientierte Begriffsgeschichte der Metapher würde daher nicht nur eine Metaphorologie zweiten Grades verlangen, die sich als eine Archäologie sprachlicher Sedimentierungen versteht, sondern ebenso sehr eine kulturwissenschaftlich informierte Technisierungsgeschichte,106 die den Prozess meta-metaphorologischer Umbesetzungen als eine Folge von Übersetzungen, Transformationen und Anverwandlungen historischer Metapherndefinitionen und -theorien lesbar machen kann, die stets in enger Wechselbeziehung mit ihrem lebensweltlichen Kontext stehen. 106 Vgl. Dirk Mende: »Technisierungsgeschichten. Zum Verhältnis von Begriffsgeschichte und Metaphorologie bei Hans Blumenberg«, in: Haverkamp/Mende (Hg.): Metaphorologie (Anm. 5), S. 85–107. 18 Forum Interdisziplinäre Begriffsgeschichte 1 (2012)