Im Zwischenraum – Zigeuner
in Zentralasien
Ein Vergleich postsowjetischer und afghanischer
mugat-Gruppen
Olaf Günther
28. August 2015
Inhaltsverzeichnis
I. Einführung 5
1. Tsiganologie, Ethnologie und Regionalwissenschaft 6
1. Tsiganologische Grundannahmen . . . . . . . . . . . . 6
2. Perspektive: Ethnographische Theorie . . . . . . . . . . 11
3. Datengrundlage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13
4. Analysemethode Vergleich . . . . . . . . . . . . . . . . 16
5. Das Konzept des Zwischenraumes . . . . . . . . . . . . 19
2. Einführung 25
1. Orte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25
2. Zeiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29
3. Personen – Zugehörigkeiten – Verortungen . . . . . . . 32
II. Vergleich 51
3. Klassifizierungen und ethnographische Repräsentation 52
1. Zigeuner-Gruppen und ihre Klassifizierungen . . . . . . 52
2. Zigeuner-Gruppen in Afghanistan . . . . . . . . . . . . 56
3. Zigeuner-Gruppen in den neuen Nationalstaaten des
nördlichen Mittelasiens . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61
4. Die soziale Weide 66
1. Die Stadt als Mittelpunkt tsiganologischer Betrachtung 66
2. Die soziale Weide als ökonomische Grundlage des Zwi-
schenraums . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69
3. Die optio tsigana . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 75
2
Inhaltsverzeichnis
4. Divergierende Wirtschaftsethiken . . . . . . . . . . . . 80
5. Die kulturelle Verarbeitung der sozialen Weide bei den
mugat . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 87
5. Sammeln, Kairos & Spiel – ökonomische Aktivitäten 95
1. Sammel- und Kairosökonomien . . . . . . . . . . . . . 95
2. Ökonomisches Handeln in Afghanistan . . . . . . . . . 101
3. Ökonomisches Handeln im nördlichen Zentralasien . . . 105
4. Das Wirtschaften der Zwischenraumkulturen . . . . . . 109
5. Ökonomische Kooperation . . . . . . . . . . . . . . . . 113
6. Große Geschichte – Kleine Geschichte 115
1. Geschichtskonzepte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 115
2. Ethnogonien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117
3. Große Geschichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 121
4. Kleine Geschichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 128
5. Geschichte und Zwischenraum . . . . . . . . . . . . . . 130
7. Verankerung und Verwurzelung – Der zigeunerische Ort:
Zelt, Haus, Hof und Viertel 132
1. Theoretische Grundlagen . . . . . . . . . . . . . . . . . 132
2. Der temporäre Ort – Nordafghanistan . . . . . . . . . . 133
3. Der permanente Ort – nördliches Mittelasien . . . . . . 147
4. Wachsende Strukturen und wandernde Komponenten . 154
8. Revier und Route – Die Motilität der Zigeuner-Gruppen in
Afghanistan und dem nördlichen Mittelasien 157
1. Horizontale Mobilität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 160
2. Vertikale Mobilität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 171
9. Lager und Stadtviertel – soziale Beziehungen und der Ein-
fluss der Umgebungsbevölkerung 180
1. Die Lagerordnung in Nordafghanistan . . . . . . . . . . 180
2. Die Zigeunersiedlungen des nördlichen Mittelasiens . . 190
3. Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 199
3
Inhaltsverzeichnis
10.Die natürliche und die soziale Umgebung - Gemeinschaft
und Tabu 203
1. Das Wort und Konzept Tabu . . . . . . . . . . . . . . 203
2. Tabus in Afghanistan . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 204
3. Tabus im nördlichen Mittelasien . . . . . . . . . . . . . 206
4. Tabus als Grenzen des Zwischenraums . . . . . . . . . 208
11.Sichsammeln, Sichzerstreuen – Motilität und Biographie 210
1. Der Jahreszyklus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 211
2. Lebensstationen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 216
3. Die Flexibilität des Zwischenraums . . . . . . . . . . . 220
12.Das Argot der mugat – eine Sprache des Zwischenraums 223
1. Von der Sprachgruppe zur Gruppensprache . . . . . . . 223
2. Die Sprache der mugat . . . . . . . . . . . . . . . . . . 227
3. Die mugat Welt ohne Argot . . . . . . . . . . . . . . . 254
4. Techniken der Sprachverschiebung in den Zwischenraum 256
13.Zusammenfassung: Das Konzept des Zwischenraums 263
14.Ausblick 269
4
Teil I.
Einführung
5
1. Tsiganologie, Ethnologie und
Regionalwissenschaft
“There is only one method in social anthropology, the comparative
method – and that is impossible.” Sir Edward Evans-Pritchard 1
1. Tsiganologische Grundannahmen
Unser Wissen von der Welt wird von einem wichtigen Ordnungsprin-
zip bestimmt, dem Prinzip, die Welt in Regionen aufzuteilen. Dieses
Ordnungsprinzip ist sicher sehr alt und etablierte sich spätestens mit
den Karten auch in unseren Köpfen. Schauen wir im Internet in eine
beliebige Tageszeitungsseite, werden wir Europa, Asien, Lateinamerika,
Afrika usw. als Kontinente voneinander getrennt betrachtet sehen. Alle
um uns herum wissen mit Schlagworten wie dem Nahen Osten, Ostasien
oder Ozeanien umzugehen.
Das Schlagwort Region, area, ist in letzter Zeit stark in die Diskussion
gekommen. Nicht nur Vertreter der kolonialkritischen Perspektive, auch
die etablierte akademische Welt wendet sich globalen Prozessen zu,
dekonstruiert bestehende Ordnungen und versucht in einem holistischen
Ansatz generalisierende Themen aufzunehmen (Schäfer December 31,
2010).
Nur schade, dass die diskutierten Regionen und die sie vertretenden
Regionalwissenschaften häufig auf dem Stand von 1970 beschrieben
werden und deren Entwicklung in den letzten Jahren selten reflektiert
wird (Szanton 2004). Auch die Regionalwissenschaften haben neue
Konzepte entwickelt und ihre Ausrichtung verändert. So gilt der von
Willem van Schendel (Van Schendel 2005) herausgebrachte Stoßseufzer
längst nicht mehr, manche Regionen könnten nur bearbeitet werden,
1 (Needham 1975)
6
1. Tsiganologie, Ethnologie und Regionalwissenschaft
wenn – zum Beispiel für den sinotibetischen Sprachraum – ein Indologe,
ein Sinologe und ein Südostasienwissenschaftler zusammenkommen
würden (Scott 2009). Dass in den Regionalwissenschaften mit soge-
nannten Kulturräumen gearbeitet wird, ist zwar richtig, doch sehen
diese Räume anders aus als herkömmliche geographische Regionen.
Zwar ergeben sich die jeweiligen Räume aus Akteuren mit gemeinsam
gesprochenen Sprachen, Religionen und Praxen, doch ein Kulturraum,
der von homogenen, abgeschlossenen Einheiten ausgeht, ist gerade in
multisprachlichen und multikulturellen Räumen wie dem Kontinent
Asien nicht auffindbar. Hier wird schon von den einzelnen Ethnien
Kultur und Raum völlig anders kategorisiert. Wenn heute in den Re-
gionalwissenschaften Themen bearbeitet werden, geschieht das häufig
auf der Grundlage dieses Schemas (Houben 2013):
Abbildung 1.1.: Die Region bestimmt sich aus dem Thema, das im
Zentrum des Interesses steht. Dieses wird unter ei-
ner regional spezifischen Perspektive (lokales Wissen)
beleuchtet und durch regional spezifische Denksysteme
geleitet.
Das heißt, dass sich die Regionalwissenschaften längst nicht mehr in
kolonial definierten Räumen bewegen, sondern sich – je nach Thema –
Regionen im Bearbeitungsprozess erst ausbilden.
7
1. Tsiganologie, Ethnologie und Regionalwissenschaft
Die Tsiganologie2 ist eine Regionalwissenschaft und zugleich eine
Spezialdisziplin in der Ethnologie, die Zigeuner-Gruppen in aller Welt
vergleichend untersucht. Sie vertritt somit eine auf lokalen Ethnogra-
phien beruhende vergleichende Perspektive der Ethnologie. Wie aber
bildet sich bezogen auf die Tsiganologie eine Region? Die Betrachtung
der Entwicklung der mexikanischen Cale in den letzten 100 Jahren
betriffen die Regionen Mexiko, Vereinigte Staaten und das Osmanische
Reich. Für die Betrachtung der Flusszigeuner bede in Bangladesh ergibt
sich eine Region, die das Ganges Delta, Nordindien, die Andamanen
und Sri Lanka umfasst (Abbildung 1.2.). Deshalb sind bei Studien zu
Zigeuner-Gruppen fast immer Zugänge über die multi-sited ethnography
notwendig (Fosztó 2003, 104-106).
Zigeuner-Kulturen werden auf der Grundlage der totalen sozialen
Tatsachen (Mauss 1968, 17-18) (Bargatzky 2007, 16-20) und ihren
jeweiligen regionalen Äußerungen betrachtet. Diese regionalen Äußerun-
gen werden bei jeder spezifischen Themensetzung unter verschiedenen
Perspektiven analysiert, deshalb ist das Feld der Tsiganologie stark von
Heterogenität geprägt.
Als Disziplin erforscht die Tsiganologie den “Fremden in der kultu-
rellen Fremde” und beschäftigt sich mit einer für den Forscher dop-
pelten Fremdheit.3 Diese verlangt, nicht nur das kulturell Fremde
(Waldenfels 1997) zu verstehen, sondern auch die in dieser kulturel-
2 “Tsiganologie” bezeichnet eine Teildisziplin der Kulturwissenschaften und der
Ethnologie, die sich nach dem II. Weltkrieg aus der älteren Zigeunerkunde
entwickelte. Hier wurde das französische Wort tsigane zu Grunde gelegt, das
neben dem französischen gitane Gruppen bezeichnet, die über einen bestimmten
Lebensstil in der Gesellschaft zu erkennen sind. In Frankreich bezeichnete man
um die Jahrhundertwende des 19. zum 20. Jahrhundert mit dem Wort tsigane die
aus Osteuropa eingewanderten mobilen Gruppen, die als Musiker, Blumenver-
käufer und Wahrsager auf den Märkten Frankreichs auftauchten. Die damaligen
französischen Wissenschaftler übernahmen das Wort aus dem Deutschen und
frankophonisierten das Wort Zigeuner zu tsigane, (persönliche Konversation mit
Patrick Williams, 2010).
3 Die doppelte Fremdheit als Herausforderung in der Ethnologie wurde bisher vor
allem bei der Kindheitsforschung besprochen (Hardman 1993, 61) (van de Loo
& Reinhart 1993, 8). Methodisch wurde die doppelte Fremdheit bisher kaum
reflektiert.
8
1. Tsiganologie, Ethnologie und Regionalwissenschaft
Abbildung 1.2.: Hauptregion und Handlungsräume der bede Zigeuner-
Gruppen ausgehend vom Gangesdelta zur Ausbildung
hin nach Nordindien (Guwahati, Assam), entlang der
Küste bis nach Tamil Nadu mit Schlangenshows und
z.T. auf die Andamanen zu Heilzwecken.
len Fremde agierenden Zigeuner-Gruppen. Diese, in den Augen der
dortigen Mehrheitsbevölkerung ebenfalls “fremden” Zigeuner-Gruppen,
heißen in der Sprache der Tsiganologie dann “interne Fremde” (internal
strangers) (Bhopal & Myers 2008) oder gewohnheitsmäßige Fremde
(costumary strangers) (Berland & Rao 2004a).
Eine solche Ausgangslage stellt eine gewisse Herausforderung an den
Forscher dar und ist gewissermaßen die epistomologische Bürde der
Tsiganologie. Es gilt, mit einem Mal mehrere Kulturen zu durchdringen:
die Kultur der regionalen Umgebungsgesellschaft und die Kultur der
jeweiligen Zigeuner-Gruppe in ihr. Das verlangt vom tsiganologisch
arbeitenden Ethnologen eine wichtige methodische Erweiterung. Er
muss die Kulturen der Umgebungsbevölkerung genauso gut kennen
9
1. Tsiganologie, Ethnologie und Regionalwissenschaft
wie die partikulare Kultur der von ihm untersuchten Zigeuner-Gruppe.
Im Falle einer ausschließlichen Fokussierung auf eine Zigeuner-Gruppe,
also dem Kontextverlust, drohen Marginalisierung oder Exotisierung
dieser (Marushiakova & Popov 2011).
Weil jede Zigeuner-Gruppe unweigerlich auch ein Teil der Mehrheits-
gesellschaft ist, steht die Tsiganologie, die in Leipzig gelehrt wurde,
unter dem Paradigma des tsiganologischen Relationismus. Den Rela-
tionismus als eine Perspektive auf eine besondere soziale Beziehung
stützen mehrere Grundannahmen.
Erstens: Zigeuner-Gruppen sind immer als ein inhärenter Bestandteil
der zu untersuchenden Gesellschaft zu betrachten (Marushiakova 2008,
470). Neben der Einbettung der jeweiligen Zigeuner-Gruppe in die
Umgebungsgesellschaft geht die Tsiganologie weiter davon aus, dass es
immer Bereiche gibt, in denen sich die einzelnen Zigeuner-Gruppen von
der Umgebungsgesellschaft unterscheiden (Ries 2007, 101-106). Diese
kulturellen Differenzen zu verstehen und die Wirkungen dieser Differenz
regional nachzuverfolgen, ist das hauptsächliche Erkenntnisinteresse
der Tsiganologie.
Zweitens: Die Beziehung zwischen Umgebungsbevölkerung und
Zigeuner-Gruppen ist ein asymmetrisches Beziehungsgefüge (Dahrendorf
1967, 352-379). Schon dadurch, dass Zigeuner-Gruppen keine Nah-
rungsmittel produzieren (non food producing communities), müssen sie
diese in der sozialen Umgebung erwerben. Die Arten dieses Erwerbs
sind vielseitig, gleichbleibend ist jedoch die eingebettete Abhängigkeit
der Zigeuner-Gruppe von ihrer Umgebungsbevölkerung. Den Zigeuner-
Gruppen kann es also überall auf der Welt nur so gut gehen wie der
Umgebungsbevölkerung, aus der sie ihre Ressourcen beziehen.
Das bedeutet drittens: Die Umgebungsbevölkerung hat einen erhebli-
chen Einfluss auf die jeweiligen Zigeuner-Gruppen in ihrem Territorium,
auch wenn dieser Einfluss beiden Seiten oft nicht bewusst ist.
Nun stelle ich mit dem Vergleich der Kulturen mittelasiatischer
Zigeuner-Gruppen den oben angesprochenen Relationismus auf den
Prüfstand. Wenn es stimmt, dass Zigeuner-Gruppen immer in Rela-
tion mit ihrer Umgebung gesehen werden müssen, dann setzen Wand-
10
1. Tsiganologie, Ethnologie und Regionalwissenschaft
lungsprozesse in disparaten Umgebungen auch unterschiedliche Ent-
wicklungen der einzelnen Zigeuner-Gruppen in Gang.
Dafür fand ich einen Vergleich von Zigeuner-Gruppen, die sich seit 70
Jahren von einander getrennt entwickelten, vorher aber ein gemeinsa-
mes Territorium und eine gemeinsam Geschichte besaßen, ideal. Diese
Konstellation findet sich überall dort, wo nationalstaatliche Grenzen
vormals ungeteilte Räume zerteilten und möglicherweise die in ihnen
gemeinsam lebenden Zigeuner-Gruppen voneinander trennten.
Auch die mugat in Mittelasien teilten sich einmal vor der National-
staatenbildung einen weiten mittelasiatischen Kulturraum. Ab der
Kolonisierung des Raumes durch die Russen im Norden und die Eng-
länder im Süden schlugen sie zwei unterschiedliche Entwicklungsrich-
tungen ein. Mit dem Beginn der Ost-West-Blockbildung am Anfang
des 20. Jahrhunderts lebten sich diese zwei Regionen noch weiter aus-
einander. Ab den 1930er Jahren bis in die 1990er Jahre waren die
Grenzen zwischen der Region Afghanistan und der Region Usbekistan/
Tadschikistan hermetisch abgeriegelt, ein Transfer zwischen beiden
Großregionen nicht mehr Teil alltäglicher Praxis. Als ich mit meinen
Feldforschungen begann, war dieses Setting bereits 20 Jahre Geschichte.
Afghanistan war jedoch immer noch nicht in die Routen der Mobilität
der postsowjetischen mugat Zigeuner aufgenommen, ebenso wie die mu-
gat Afghanistans keine Veranlassung sahen, in den Norden Mittelasiens
zu gehen. Hier fand ich mein empirisches Feld für einen Vergleich.
2. Perspektive: Ethnographische Theorie
Die Grundlage der regionalwissenschaftlichen Ausbildung ist das Er-
lernen der Lokalsprachen des Raumes. So liegt eine der Hauptstärken
der Verschränkung von Regionalwissenschaften und Ethnologie in der
empirischen Methode der lokalen Feldforschung. Daraus folgt, dass die
hier vorliegende Arbeit vor allem ethnographisch inspiriert ist. Die Art
des Erkenntnisgewinns auf der Basis der Ethnographie nennt man auch
ethnographische Theorie. Die ethnographische Theorie, eine originäre
Methode der Erkenntnisgewinnung der Ethnologie seit der Einführung
der Feldforschung (Illius 2003, Nader 2011), war lange Zeit durch eine
11
1. Tsiganologie, Ethnologie und Regionalwissenschaft
starke induktive Theorielastigkeit in der Ethnologie verdrängt worden.
Die ethnographische Theorie ist also keine neue Perspektive, aber eine,
die aktuell eine Renaissance erlebt (Da Col & Graeber 2011, 9).
Einst war die ethnographische Theorie sehr wirkmächtig. Im 19.
Jahrhundert beschäftigte sich Karl Marx mit ethnologischen und völ-
kerkundlichen Themen und brachte sie in die politische Diskussion ein
(Marx, Krader & Schweikhart 1976, Skalnik 1980). 1913 publizierte Sig-
mund Freud eine Reihe von Schriften, die unter dem Titel “Totem und
Tabu” die intellektuellen Kreise Europas beschäftigten und dabei von
Arbeiten wichtiger Ethnologen wie James George Frazer (1906–1915)
and Robertson Smith (1995) inspiriert waren. Ebenso beschäftigte
sich Ludwig Wittgenstein (1889 – 1951) mit den Arbeiten von James
Georg Frazer und schrieb schließlich 1953 seine philosophischen Unter-
suchungen (Feyerabend 1981). In den späten 1940er Jahren arbeitete
Jean Paul Satre über existentielle Ethik und dachte dabei intensiv
über das Problem des Kwakiutl-Potlatsch nach (Sartre (1983) 1992,
373-79),(Da Col & Graeber 2011). Es waren ethnographische Theorien,
die diese europäischen Denker bewegten. Sie wurden aus dem Feld von
Ethnologen herausgebracht und in der europäischen Wissenschaftswelt
debattiert. Es wurden weitreichende Konzepte gehoben: totem (Spencer
& Gillen 1898), tabu (Steiner 2008), kula (Malinowski 1984), mana
(Lehmann 1922), hau und potlatsch (Mauss 1968), um nur einige zu
nennen.
Heute gleicht Theorienbildung dem einfachen Reiz-Reaktions-Schema
der Naturwissenschaften. Ethnologen haben eine Annahme, ziehen mit
dieser für kurze Zeit ins Feld, schauen sich die Reaktionen an, die
sich hierbei ergeben und ziehen daraus eine Lehre. Eine Folge dieser
Theorienbildung ist häufig die Selbstreferentialität ins Feld importierter
Modelle. Häufig gleichen sie hochkomplizierten Kartenhäusern. Laura
Nader führt dagegen zum Vorteil der ethnographischen Theoriebildung
die relative Voraussetzungslosigkeit früher Ethnographen ins Feld:
“Die Ethnographien der Ethnographen bzw. die ethnographischen Theorien
machte vor allem stark, dass sie erstellt wurden, ohne einer Doktrin unter-
worfen zu sein. Die Ethnographen hingen an keinem Modell. Sie machten
Ethnographien auf der Grundlage der Beobachtungen, wie sie alle Leute
12
1. Tsiganologie, Ethnologie und Regionalwissenschaft
machen können: Sie fuhren hin, beobachteten, sie blieben, kamen zurück
und schrieben ihre Ethnographien. Sie waren methodisch vielseitig, nahmen
alle möglichen Techniken zur Hilfe. Sie hatten keine Angst vor Innovation
und waren kreativ in Methoden, Antworten auf Fragen zu finden, die sich
ihnen stellten (Nader 2011).”
Die Perspektive der ethnographischen Theoriebildung liegt auch die-
ser Arbeit zu Grunde. Auf der Grundlage des Vergleichs versuchte ich
mich lokalen Konzepten zu nähern, die uns die Welt der Beziehungen
zwischen Umgebungsbevölkerung und Zigeuner-Gruppen erklären. Sie
sollten aus sich heraus erklärbar sein und damit eine innere Logik offen-
baren, die auch für andere Felder anwendbar sind und damit hilfreich
für die ethnologische Theoriebildung in den Geisteswissenschaften.
3. Datengrundlage
Der Arbeit liegen Feldforschungen (2005 - 2010) in zwei unterschiedli-
chen Regionen zugrunde, den ehemaligen Sowjetrepubliken Usbekistan
und Tadschikistan sowie Afghanistan.
Zwischen 2005 und 2010 führte ich an drei Orten ethnologische
Feldforschungen durch: im Ferghanatal in Kokand (Usbekistan) und
Xodjand (Tadschikistan) und im afghanischen Turkestan in Mazar-e
Sharif (Siehe Abbildung 1.3.). Ich wohnte mit meiner Familie jeweils in
den Häusern der Umgebungsbevölkerung und war viele Male Gast bei
meinen Freunden in den Stadtvierteln (mahalla) der mugat, sowie in
den temporären Wohnstätten der mugat Afghanistans.
Im Laufe der Zeit gewann ich Vertrauen zu vielen Personen, mit
denen ich viele eindrückliche Erlebnisse teilte. Die wichtigsten von
ihnen möchte ich hier kurz vorstellen. Die wichtigsten Bezugspartner
in Kokand waren für mich Sailob und Laziz. Sailob war ein erfahrener
Netzwerker, unterhielt zwei Familien und kümmerte sich dazu noch um
seine Mutter, die mit über 70 Jahren ihren Lebensabend genoss. In den
Jahren der Sowjetunion konnte Sailob ein großes Netzwerk aufbauen. Er
fuhr auf Uhrensammelreisen nach Odessa, kannte sich in Novosibirsk gut
aus. Als wir uns das erste Mal trafen, war Sailob etwas über Fünfzig.
Er führte mich in das Zigeunerquartier in Kokand ein. Die zweite
13
1. Tsiganologie, Ethnologie und Regionalwissenschaft
Abbildung 1.3.: Die drei Feldforschungsorte Kokand, Xodjand und Ma-
zar sind rot gekennzeichnet.
Kokander Bezugsperson war Laziz, der Taubenspieler. Auch Laziz war
gut herumgekommen und spezialisiert auf Schmuck. Er sammelte auf
langen Reisen durch Russland Ringe, Broschen, Ketten, Ohrringe. Er
tauschte und verkaufte, was seinen Kundinnen und Kunden gefiel.
In Khodjand hatte ich engeren Kontakt vor allem zu einer Person.
Sie hieß Maxluba und saß mit ihrem Wellensittich-Orakel Tag für Tag
auf dem Weg zum Freitags-Basar. Ihr Wellensittich Fotima sagte die
Zukunft aus einem Stapel Papierrollen (ähnlich denen der Glückskekse
in Chinarestaurants) voraus.
In Mazar-e Sharif waren die Chaqon meine Hauptansprechfamilie,
mit deren Mitgliedern mich ein inniges Verhältnis verband: Ghulom und
14
1. Tsiganologie, Ethnologie und Regionalwissenschaft
seinem Sohn, dem Großvater Mazor aka und seiner Tochter Guldˇgom
baxši.
Meine eigenen Forschungsaufenthalte gestalteten sich als eine Mi-
schung aus den Methoden der Regionalwissenschaften und Ethnologie:
Überall, wo ich in Usbekistan, Tadschikistan und Afghanistan hinkam,
fragte ich einzelne Zigeuner, ob ich nicht von ihnen ihre Sprache lernen
könne, denn Zigeuner sprechen überall, wo sie sich in Mittelasien aufhal-
ten, eine eigene Sprachvarietät, ein Argot, das sie von den Mitgliedern
der Mehrheitsgesellschaft unterscheidet. Argot,
Aus den Sprachlernkontakten entwickelten sich schnell Einladun- S.225
gen zu Hochzeiten, Kalenderfesten und alltägliche Kontakte zu ver-
schiedenen Mitgliedern der Zigeuner-Gruppen. Während meiner Feld-
aufenthalte 2005-2007 in Usbekistan und Tadschikistan und 2008 und
2010 in Afghanistan entstanden dabei zwei große Tagebücher, in denen
ich über meine Erlebnisse und Begegnungen erzähle (Günther 2005-
2007a, Günther 2008-2010). Diese Feldforschungstagebücher und meine
Sprachlernversuche sind nun die Grundlage für diese Arbeit.
Am Anfang meiner Feldforschung hatte ich keine partikulare Frage
oder theoretisches Konzept im Blick. Nach der induktiven Methode
der ethnologischen Feldforschung (Beer 2008) ethnographierte ich die
Gruppen, mit denen ich in Kontakt kam, in Kokand, Xodjand und
Mazar-e Sharif. Es sollte eine Arbeit über die Zigeuner-Kulturen Mittel-
asiens entstehen. Alles war dabei prinzipiell interessant. Während
der Feldforschungen hatte ich jedoch vor allem einen Blick auf die
Unterschiede zwischen der Umgebungsbevölkerung und den Zigeuner-
Gruppen. Auch die kulturellen Unterschiede zwischen den Gruppen,
die ich im Laufe von 6 Jahren kennenlernen konnte, waren Grundlage
meines Erkenntnisinteresses.
In der Zusammenschau meiner Feldforschungsergebnisse fragte ich
mich, wie unterschiedlich die mugat Zigeuner-Gruppen im Ferghanatal
in der ehemaligen sowjetischen Hemisphäre (Usbekistan (Kokand),
Tadschikistan (Xodjand)) und dem sich von der Sowjetunion getrennt
entwickelten Afghanistan (Mazar-e sharif) nun tatsächlich sind. Machte
diese Unterschiedlichkeit schlussendlich aus den Zigeunern Mittelasiens
15
1. Tsiganologie, Ethnologie und Regionalwissenschaft
untereinander unvergleichbare, unterschiedliche Gruppen oder ergab
sich aus dem Vergleich zwischen ihnen das gemeinsame Dritte?
4. Analysemethode Vergleich
Der Vergleich ist in den Regionalwissenschaften und der Ethnologie eine
der wichtigsten Methoden zum Erkenntnisgewinn. Beide nutzen den
Vergleich jedoch auf verschiedenen Ebenen. Regionalwissenschaftler ver-
gleichen verschiedene Epochen miteinander und untersuchen damit den
historischen Wandel von Phänomenen. Sie arbeiten vorwiegend mit dem
diachronen Vergleich (Osterhammel 2003, Kaelble & Schriewer 2003,
Middell 2006). Ethnologen vergleichen ein Phänomen über Regionen
und Kulturen hinweg und nutzen damit den synchronen Vergleich
(Yengoyan 2006, Scheffer & Niewöhner 2010).
Wie das Eingangszitat von Evans Pritchard schon verdeutlicht, ist
der Vergleich keine Methode, die kritiklos rezipiert und angewendet
wird, im Gegenteil, dem Vergleich, zumal, wenn er als Kulturvergleich
geplant wird, wird große Skepsis entgegengebracht. Um nur ein Beispiel
zu zitieren:
”Vergleiche, die vorranging synchron verlaufen, betonen immer die stati-
schen Qualitäten von Kategorien, jede Art des diachronen Vergleichs jedoch
wird immer mit den limitierten Qualitäten statischer Kategorien und deren
Unmöglichkeit des zeitlichen Transfers konfrontiert sein.” (Yengoyan 2006,
2)
In den Augen der meisten Kritiker des Vergleichs ist der Vergleich
ein Ding der Unmöglichkeit. Trotz aller Skepsis (Steiner 2008, 297)
(Kaschuba 2003) ist der Vergleich häufig aufgenommen und angewendet.
Einige sehen in ihm Herausforderungen (Kaelble 14. 8.2012), manche
versuchen ihn auf abenteuerliche Weise zu verwenden (Yengoyan 2006),
einige versuchen ihn durch Verkomplizierung zu stärken (Scheffer &
Niewöhner 2010), doch nur sehr selten sprechen sich gerade die Regio-
nalwissenschaftler für einen Vergleich aus (Shimada 1994, Hill 2012).
Regionalwissenschaften haben lange Zeit dem interregionalen Kultur-
vergleich widerstanden. Wissenschaftler dieser Disziplinen versuchen
den regionalen Kontext eines Phänomens zu stärken. In ihren Augen
16
1. Tsiganologie, Ethnologie und Regionalwissenschaft
hat der Vergleich immer etwas mit Simplifizierung zu tun, denn der Ver-
gleich steckt nun einmal im Dilemma, im synchronen Modus universelle
Kategorien so zu stärken, dass der Kontext verschwindet. Kategorien
und Konzepte würden sich außerdem im diachronen Vergleich durch
ihre statischen Bedeutungsqualitäten gegen eine adäquate Beschrei-
bung des Phänomens sperren. Kategorien und Konzepte passen in den
jeweiligen Kontext nicht ohne gehöriges Justieren des Begriffs hinein.
Häufig entledigen sich die Regionalwissenschaften dann der universellen
Begriffe, Konzepte und Kategorien zu Gunsten lokaler Begrifflichkeiten.
Der Kontext, das ist die Basis, auf der Regionalwissenschaftler arbeiten.
Vincent Houben beschrieb diesen Kontext als “verortete Differenz”.
Regionalwissenschaftler würden nämlich glauben, dass die Welt nur
verstanden werden kann, wenn man aufgibt, die Welt als Ganzes zu
verstehen und sie in kleinere Teile aufteilt, um diese genauer analy-
sieren zu können (Houben 2013). Auf dieser Grundlage produzieren
die Regionalwissenschaften “multidimensionales Wissen eines regio-
nal eingegrenzten Phänomens”, doch in ihrer Von-Innen-nach-Außen
Perspektive bleiben sie häufig auch im Kontext gefangen. Der haupt-
sächliche Dreh- und Angelpunkt in dieser Diskussion ist die Frage, ob
man kontextemergente Phänomene so “dekontextualisieren” kann, wie
das die Disziplinen (Ethnologie, Poltikwissenschaften, Soziologie usw.)
praktizieren. Doch auch diese gestehen ein, dass die Rahmenbedingun-
gen in einem bestimmten Gebiet immer die Generalisierbarkeit von
Theorien begrenzen (Hanson & Kopstein 2005). Letztlich also steht
die ungelöste Frage im Raum, ob es überhaupt möglich ist, Kulturen
überregional zu vergleichen.
Ich habe mich – trotz aller Kritik am Vergleich – entschlossen, diese
Frage mit “Ja” zu beantworten. So vergleiche ich meine Feldforschungs-
daten, die ich Mikrostudien nennen will, mit historischen Beschreibun-
gen, die ich durch Quellen- und Literaturrecherche gefunden habe. Diese
diachrone Vorgehensweise, die ich vorwiegend innerhalb meiner Mikro-
studien anwende, folgt der Methode des asymmetrischen Vergleichs
(Kaelble & Schriewer 2003, 9) (Kocka 1999). In diesem asymmetrischen
Vergleich stehen die Informationen meiner Informanten aus dem Feld im
Mittelpunkt und werden durch historische Parallelen und Differenzen
17
1. Tsiganologie, Ethnologie und Regionalwissenschaft
kontrastiert. Somit kann ich, bezogen auf die Gegenwart der Mikrostu-
dien, Kontinuitäten und Wandel (Pohlig 2009) darstellen. Die Parallelen
und Differenzen auf dem Zeitstrahl dienen zur Kontrastierung der von
mir erhobenen Daten im Feld.
Der synchrone Vergleich, den ich zwischen meinen beiden Großregio-
nen, dem nördlichen Mittelasien und Nordafghanistan, anstelle, folgt
dem Prinzip des interregionalen Vergleichs über ein tertium compara-
tionis (Sørensen 2010). Dabei stelle ich eine abstrakte Problematik, wie
z.B. das Wohnen, als tertium comparationis in den Mittelpunkt und be-
schreibe dabei die dazu passenden lokalen Phänomene in Afghanistan,
Tadschikistan und Usbekistan, die ich während meiner Feldforschungen
kennenlernte. Die Problematiken, die sich zum Vergleich anboten, waren
dabei solche, die ich in allen Feldern als gleichwertig präsent empfand
und die ich selbst genügend überschauen konnte. Einige Themen, wie
z.B. die religiösen Vorstellungen im Amulett, konnte ich nicht in den
Vergleich einbeziehen. Hier war in meinen Felddaten ein deutliches Un-
gleichgewicht zwischen der reichhaltigen Ausbeute in Afghanistan und
der sehr schmalen Datenlage im nördlichen Mittelasien zu verzeichnen.
Die Problematiken (Geschichtsverständnis, Wohnen, Mobilität, sozia-
le Strukturen usw.) fielen mir durch ihre “verortete Differenz” ins Auge.
Diese Differenz wiederum stellt eine Gesamtproblematik der Arbeit in
den Raum, der ich mich im Kapitel 2 der Einführung ausführlich wid-
me: Hatte ich es in meinen Mikrostudien mit jeweils unterschiedlichen
Gruppen zu tun, die sich durch nichts Gemeinsames, also Spezifisches
auszeichneten, oder gab es einen gemeinsamen Nenner, der bei allen
Gruppen zu finden war?
Ich versuchte diesen gemeinsamen Nenner in den Ethnographien zu
finden, die ich selbst erstellt hatte. Ich durchsuchte sie nach Bezügen,
die die von mir besuchten Gruppen zueinander hatten und die sie
möglicherweise miteinander verbanden. Da sich alle Gruppen nicht
untereinander kannten, konnten die Bezüge folgerichtig auch nicht
persönlicher Natur sein (Transfer), sondern mussten auf einer abstrak-
ten Ebene zueinander finden. Diese Abstraktion führte mich in den
Zwischenraum.
18
1. Tsiganologie, Ethnologie und Regionalwissenschaft
5. Das Konzept des Zwischenraumes
Das Konzept des Zwischenraumes führte Bernhard Streck (Streck 2005,
Streck 2008) in die Tsiganologie ein. Bei seinen jahrelangen Beobach-
tungen zum informellen Sektor während Feldforschungen und Reisen
stellte er fest, dass Zigeuner-Gruppen häufig in den Zwischenräumen
zwischen den großen stabilen und damit fest etablierten Mehrheitsblö-
cken von Gesellschaften leben und diese für sich auch ökonomisch zu
nutzen suchen. Er geht mit seiner These des Zwischenraumes davon
aus, dass menschheitsgeschichtlich mit dem Beginn des Entstehens der
Arbeitsteilung monolithische Kulturblöcke entstanden, die von einer
starken Ausdifferenzierung der Gesellschaft begleitet wurden. Innerhalb
dieser monolithischen Kulturblöcke kam und kommt es zur Entstehung
von Normen und Vorschriften, die das soziale Miteinander regeln. Diese
Regeln führen zwangsläufig auch zu vernachlässigten, unlukrativen oder
gar tabuisierten Praxen und Räumen. Arbeitsteilige Gesellschaften las-
sen Lücken und Nischen. Der Umgang mit Krankheiten als Heiler, der
Umgang mit gefährlichen Kulturtechniken (dem Feuer, der Unterhal-
tung), die Einmischung in die Welt der Geister, Götter und Dämonen
(Wahrsagen und andere magische Praxis) oder das Brechen religiöser
Tabus (Häresie und Dissidenz) können solche Lücken sein. Es können
aber auch Erscheinungen wie fehlende Auftragsdichte sein, die Gruppen
dazu bringen, im tsiganologischen Feld aktiv zu sein. Laut Bernhard
Streck sind diese Gemeinschaften wie der Mörtel zwischen den großen
Kulturblöcken und somit Teil der ganzen Zivilisation. Sie übernehmen
häufig Vermittlerrollen: als mobile Gruppen unter Sesshaften (Nach-
richten, Neuigkeiten), als Vermittler zwischen dem Transzendenten und
Profanen (Heilkunst) u.v.m. (Streck 2008). Fallen diese Gruppen weg,
so wird das zivilisatorische Gebäude wackelig, ihr Fehlen als Beginn
oder Ausdruck einer Krise empfunden (Günther 2008a).
Das Konzept des Zwischenraumes baut auf einer Idee von Max Weber
auf, der in der Soziologie den sogenannten Paria-Begriff prägte.4 Max
Weber charakterisierte Pariavölker als Gruppen, die durch den Aus-
4 Der Pariabegriff wird in Deutschland selten verwendet, obwohl er eine wertfreie
Bezeichung indischer kastenloser Gruppen ist. Diese gibt es als Selbstbezeichung
19
1. Tsiganologie, Ethnologie und Regionalwissenschaft
schluss von Heiratsbeziehungen (Konnubium) und Tischgemeinschaft
(Kommensalität) von der Umgebungsbevölkerung getrennt, für die
Bedarfsdeckung der Umgebungsbevölkerung aber in wirtschaftlicher
Symbiose leben (Weber 1972, 12). Dieses Phänomen ist ein gängiges
Charakteristikum aller komplexen Gesellschaften (Eisenstadt 1961),
gibt aber trotzdem einige Rätsel für die Verortung dieser Gruppen im
komplexen Gesellschaftsgefüge auf. Der Vorteil der Perspektive auf
den Zwischenraum gegenüber der Studie von Ethnien besteht in der
Loslösung des Blicks von den ethnographisch betrachteten Gruppen hin
zu einem Raum, an dem sie sich bilden und in dem sie ihr ökonomisches
Fortkommen suchen.
Das Konzept des Zwischenraums sollte dabei nicht mit den Kon-
zepten zur Hybridität verwechselt werden. Hybridität hat zwar in
seiner Anwendung von einem postmodernen Kommunikationsmodell
(Bhabha 1994), über Kulturmodelle (Canclini, Chiappari, López &
Rosaldo 1995) und Architekturen (Quayle & van der Lieck 1997) hin
zur Naturgeschichte (Skaria 1999) eine breite Verwendung erfahren,
meint im Kern aber immer eine Mischung von zwei oder mehreren Enti-
täten. Der Zwischenraum ist jedoch, wie ich zeigen werde, kein Ergebnis
hybrider Imaginationen, sondern vereint bestimmte Prinzipien zu einer
Kultur. Diese Prinzipien sind in jeder Gruppe kulturell eingebettet. Sie
kommen aber erst durch die Bedingungen in ihrer Umgebung zu spezifi-
schen lokalen Ausprägungen, da sie immer Ergebnis eines dialektischen
Prozesses zwischen den Prinzipien des Zwischenraumes und äußeren
Faktoren sind. Sie werden durch die jeweiligen Umgebungsgesellschaf-
ten mitbestimmt, das ist der Kern des tsiganologischen Relationismus.
In der faktisch-ethnographischen Welt erscheinen die Kulturen des Zwi-
schenraums deshalb als heterogen, in der Abstraktion und im Vergleich
jedoch offenbaren sich ihre Prinzipien.
Deleuze und Guattari hatten diese Prinzipien schon einmal versucht,
auf der philosophischen Ebene für die Nomaden zu entdecken:
auch in Mittelasien. Die Sprache bzw. der gesamte Wortschatz einer Gruppe der
parja wurde detailliert von Iosif Oranskij studiert (Oranskij 1977).
20
1. Tsiganologie, Ethnologie und Regionalwissenschaft
”Aber die Frage ist, was ein Prinzip des nomadischen Lebens ist und
was nur eine Folge davon.”(Deleuze & Guattari 1992, 522)
Ich will nun in der vorliegenden Arbeit dieses Prinzip für den Zwi-
schenraum ergründen.
Auch Juri Slezkine machte den Zwischenraum schon als Haupt-
handlungsraum vieler mobiler Gruppen aus und verstand ihn genau
wie Bernhard Streck als tatsächlichen Ort, aber ebenso, ähnlich wie
Roland Girtler (Girtler 1995), auch als Sphäre ethisch moralischen
Handelns (Slezkine 2004, 4-20). Ein wichtiges Ergebnis der Zwischen-
raumforschung ist die Betonung der Temporalität und Begrenztheit
dieses Raumes. Er ist starken zeitlichen, aber auch zahlenmäßigen Be-
grenzungen unterlegen. Ein weiterer Aspekt, auf den wie Juri Slezkine
viele hinweisen, ist die Nähe von Zwischenraumkulturen und Mobilität
(Kenrick 2004).
Der Zwischenraum wurde anfänglich als Handlungsraum in die Wis-
senschaft eingeführt und auf den ethisch moralischen Bereich ausge-
dehnt. Ich möchte zu den Prinzipien der Temporalität und Mobilität
noch das Prinzip des Potentiellen hinzufügen. Das Prinzip des Potenti-
ellen bindet ein rhizomatisches Moment an sich, die Möglichkeit Wurzel
oder Trieb zu sein bzw. zu werden, also sich den räumlichen und zeitli-
chen Möglichkeiten entsprechend auszubilden (Deleuze & Guattari 1992,
Kap.1). Das ist eines der Kerncharakteristika des Zwischenraums.
Ausblick Nach einer Einführung in die historisch lokalen Kontexte
meiner Untersuchungsregion(en) nehme ich mir in jedem Kapitel einen
Aspekt des Zwischenraumes vor. Im Kapitel 2 begegnet er uns als
statistische Größe und als Phänomen der situationalen Zugehörigkeit
und Abgrenzung zu vielschichtigen Kulturbereichen. Gerade in der
situationalen Zugehörigkeit offenbaren sich praktische Aspekte des Zwi-
schenraums. Zwischenraumkulturen können sich durch die situationale
Zugehörigkeit vielen einzelnen Kategorien gleichzeitig zugehörig fühlen,
sich aber auch von ihnen abgrenzen. Diese situationale Zugehörigkeit
ist ein wichtiges Mittel der Behauptung der inneren Souveränität der
Gruppen inmitten einer wirkmächtigen Umgebungsbevölkerung.
21
1. Tsiganologie, Ethnologie und Regionalwissenschaft
Im dritten Kapitel führe ich aus, was den Zigeuner-Begriff in Mittel-
asien ausmacht, und im vierten, wie er sich im lokalen Verständnis
und der kulturellen Praxis der mugat manifestiert. Der Kern dieser
Ausführungen ist die optio tsigana, die ich als kulturell eingebettete
Möglichkeit verstehe, als Zwischenraumkultur die sozialen Weiden zu
bewirtschaften. Neben der ökonomischen Grundlage wird das Moment
der Souveränität beleuchtet, die in der Kultur des Zwischenraumes
eine eigentümliche Eigenschaft besitzt. Souveränität bedeutet nämlich
hier immer auch ein Anpassungsprozess der Zwischenraumkulturen
an die Umgebungsbevölkerung. Anpassung ist somit eine Teilleistung
der Souveränität, ein Balanceakt, der ständig unter dem Risiko voll-
zogen werden muss, auf der einen Seite die Handlungsfähigkeit, auf
der anderen Seite die Eigenständigkeit der Gruppe zu verlieren. Auf
der Mikroebene ist dieser Balanceakt Teil der sozialen Leistung ei-
nes jeden einzelnen Gruppenmitglieds. Auf der Makroebene wiederum
offenbart sich diese Souveränität als Leistung einer Gruppe, die sich
den Zwischenraum offen hält und ihn gegen die Umgebungsgesellschaft
schützt.
Kapitel 5 wiederum führt in die konkrete Welt5 des materiellen
Überlebens und zeigt das Spektrum von Möglichkeiten, mit denen die
mugat den Zwischenraum bewirtschaften.
Im sechsten Kapitel manifestiert sich der Zwischenraum auf der Ebe-
ne der historischen Erzählung, der mündlich erzählten Geschichte, die
einerseits jeweils eine Anpassung an die Narrative der Umgebungsbe-
völkerung darstellt, andererseits die eigene Geschichte auf der Ebene
der biographischen Lebenserzählung belässt, die keinen Anschluss an
die großen Narrative sucht. Hier begegnen sich die Manifestationen des
Zwischenraums als Option und kultureller Äußerung zugleich. Die le-
bensgeschichtliche Erzählung lässt dabei mannigfaltige Schnittmengen
mit der Geschichte der Umgebung zu, manifestiert sich im Konkreten
5 Die konkrete Welt nennt Allfred Schütz “die Lebenswelt des Alltags” und be-
zeichnet hiermit die unmitelbar erreichbare Sozialwelt eines Individuums (Schütz
& Luckmann 2003, 69-97). Die mittelbaren Sozialwelten, die das Residuum
des Stereotyps sind, habe ich nur höchst selten einfließen lassen und dann als
Stereotyp gekennzeichnet.
22
1. Tsiganologie, Ethnologie und Regionalwissenschaft
aber erst in der Situation des Erzähltwerdens, in der sie die Gestalt
der sich historisch begründbaren Gegenwart annimmt. Die zeitlichen
Umstände und die lokale Umgebung liefern dabei die Leitmotive der
Erzählung.
Im siebten Kapitel wird der Zwischenraum der konkrete Raum des
Wohnens. Er ist ohne Materialität gar nicht denkbar und präsentiert sich
zeitlich begrenzt und zugleich permanent. Auf der Ebene des Vergleichs
zeigt sich, wie stark Anpassungsleistung und kulturelle Souveränität
die Gruppen formen und sie in unterschiedliche Wohnkulturen führen.
Im achten Kapitel folgen den Wohnkulturen verschiedene Mobilitäts-
formen. Diese variieren natürlich in jeder konkreten Situation, da sie
beeinflusst sind vom lokalen und sozialen Stand der Gruppe und des Ein-
zelnen, ebenso wie von zeitlichen Kontexten und den infrastrukturellen
Möglichkeiten. Als hohe Motilität – also als eine reichhaltige Auswahl
an Optionen, mobil zu werden – ist sie wiederum ein Charakteristikum
des Zwischenraums.
Unterschiedliche Wohnkulturen und Mobilitäten prägen auch ein
unteschiedliches soziales Miteinander. Dieses offenbart sich im Kapitel
9 als Potential, sich in allen Wohnkontexten den Bedingungen ent-
sprechend zu organisieren, die die Umgebungsgesellschaften vorgeben.
Dabei sind alle Prinzipien wie Lager, Netzwerk, temporärer Ort und
permanentes Viertel im Zwischenraum als Potential vorhanden, auf der
Grundlage der konkreten Gegebenheiten in seiner sozialen Struktur
jedoch verschieden ausgeprägt. Der Zwischenraum wird in der sozia-
len Struktur der mugat Gruppen besonders plastisch: Er richtet sich
nach der Umgebung, doch hat er dabei seine eigenen Prinzipien, die
auf gemeinsamem Leben (Koresidenz), Arbeitsteilung und familiärem
Wirtschaften fußen.
Wie sich die Prinzipien des Zwischenraums wiederum in der Welt der
Gefahren manifestieren, zeigt das Kapitel 10. Hier sind die Tabus die
konkreten kulturellen Äußerungen der Gefahren, unter denen die mugat
das Überleben als Gruppe gefährdet ansehen. Diese Gefahren sind auf
unterschiedlichen Ebenen angesiedelt, offenbaren jedoch das Prinzip
des Gruppenerhalts als Kern der kulturellen Anstrengung der mugat.
Hier zeigt sich plastisch, dass der Zwischenraum auch seine Grenzen
23
1. Tsiganologie, Ethnologie und Regionalwissenschaft
hat, die, wenn sie überschritten werden, das Überleben der Gruppe
gefährden.
Kapitel 11 beleuchtet die Möglichkeiten, die die Umgebungsbevölke-
rungen den mugat bieten, sich zu integrieren. Auch hier wieder ist es
das Zusammenspiel aus Anpassung und Bewahrung des Eigenen, der
das Leben der Zwischenraumkulturen unterliegt.
Im zwölften Kapitel wird der Zwischenraum auf der Ebene der
Sprache nachgezeichnet. Hier werden Techniken der Verschiebung der
Sprache in den Zwischenraum und die Prinzipien von Vergemeinschaf-
tung und Abgrenzung gegenüber Gruppenfremden auf der Ebene der
Sprache beschrieben. Es folgt darauf eine Zusammenfassung im Kapitel
13.
24
2. Einführung
Navoiy sevdi bir l˘
ulini Navoiy hat sich verliebt in eine Zigeunerin,
kezdik rub’i maskunda die die ganze bewohnbare Welt durchstreift hatte.
agar arlot, agar barlos, War sie von den Arlot oder Barlos,
*
agar tarxon, agar suld˘ uz. war es Tarxon oder Sulduz?
1. Orte
Die Region Mittelasien liegt im altweltlichen Trockengürtel, der von
Nordwestafrika bis hin in die Takla Makan nach China reicht. Dieser
altweltliche Trockengürtel erstreckt sich entlang der gleichen Breiten-
grade und bietet somit mehr oder weniger die gleichen klimatischen
Bedingungen. Er ist damit der älteste Migrationsraum der Mensch-
heit. Alle in Afrika, Asien und Europa bekannten Kulturpflanzen und
Nutztiere verbreiteten sich innerhalb dieses Raumes (Diamond 1998).
Für die Gruppen innerhalb des tsiganologischen Spektrums1 ist er ein
wichtiger Migrationsraum.
In diesem Trockengürtel sind ähnliche Bezeichnungen für Gruppen
und Typen von Tätigkeiten üblich – etwa die pahlavon, die im Persischen
Zirkuskünstler oder Ringkämpfer bezeichnen und als bahlawan in Ägyp-
ten und dem Sudan als Zigeuner-Gruppen auftreten (Streck 1996, 48).
Auch typologische Kontinua sind hier anzuteffen, etwa die Verortung
von ähnlichen Gruppen im tsiganologischen Spektrum durch die Umge-
bungsbevölkerung wie Barden und geächtete Handwerke– in Mali die
1 Der Begriff “das tsiganologische Spektrum” stellt einen begrifflichen Versuch dar,
nicht mit Gruppentermini zu arbeiten, sondern von Zigeuner-Gruppen als einem
Spektrum zu reden, die den Farben eines Farbspektrums gleichen. Das Spektrum
hat zwar seine Ränder und Grenzen, kann aber eine Vielzahl von Menschen
und Gruppen aufnehmen und weiß mit verschiedenen regionalen Ausformungen,
sprich Farbgebungen, historischen Kontexten und verschiedenen relationalen
Gefügen umzugehen.
25
2. Einführung
Griots, Schmiede und Lederarbeiter (Tamari 1991), Schmiede im Sudan
(Streck 1996), Barden, Schmiede, andere Wanderhandwerke im Nahen
und Mitteleren Osten (Rao 1982, Rao 1985, Escher & Meyer 1999),
banžara, kalbelia (Robertson 1998), kanžjari (Berland 1982) oder gadula
lohar (Misra 1977, Misra 1982) in Indien oder die Zigeuner-Gruppen in
Nordwestchina (Ladstätter & Tietze 1994). Die Hauptuntersuchungs-
gruppe meiner Studie, die mugat, liegen mitten innerhalb dieses geo-
graphischen und typologischen Spektrums.
Wie diese Gruppen in Mittelasien nun gesellschaftlich und ökono-
misch verortet werden, was das Charakteristische von Zigeuner-Gruppen
in Mittelasien ist und warum ich dabei nicht von den Zigeunern spre-
che, sondern von einem ganzen Spektrum von in sich unterschiedlichen
Zigeuner-Gruppen, dem “tsiganologischen Spektrum”, das wird im drit-
ten und vierten Kapitel zu klären sein. In diesem Kapitel will ich den
Leser ersteinmal in den Siedlungsraum der mugat, Mittelasien, führen. tsigan.
Spektrum,
S.54
Die Region Mittelasien wird durch die Flüsse Amudarja, Serafshan,
Syrdarja aus dem Tienshan und dem Pamir bewässert. Nur dort, wo
Menschen das Wasser der Flüsse zur Bewässerung nutzen, entsteht
Ackerland. An den Rändern bebaubaren Landes ist eine extensive Nut-
zung des Raumes durch mobile Viehzüchter möglich. In den Landschaf-
ten mit extensiver landwirtschaftlicher Nutzung gibt es die Infrastruktur
der Nomaden, also Brunnen und saisonal genutzte Weideflächen. Diese
Landschaften haben jedoch nur eine geringe Besiedlungsdichte. Um hier
Menschen zu erreichen, ist man auf lange Reisen, Last- und Reittiere
angewiesen. Das Land der Nomaden war – bis zum Bau der Eisen-
bahnen – fast ausschließlich von ihnen bewohnt. Dieses Land bietet
den Zigeuner-Gruppen des Raumes keine günstigen Bedingungen, diese
brauchen dicht besiedelte Räume für ihre Ökonomien. Im Laufe der die soziale
Jahrhunderte bildeten sich in den besonders für den Ackerbau genutzten Weide, S.69
Gebieten, den Oasen des Raumes, städtische Zentren, die untereinan-
der Handel betrieben und miteinander verbunden waren. Diese Städte
waren mindestens seit der Etablierung des Islams im 8. Jahrhundert
Zentren für Händler und Pilger (Paul 2012). Viele Städte der Region
haben besonders viele heilige Orte und beherbergen viele Zigeuner-
26
2. Einführung
Gruppen in ihren Territorien wie Buchara, Balkh, Merw, Samarkand
oder Mazar. Andere Städte besitzen ausgedehnte Zigeuner-Siedlungen
wie Pendzhikent bei Samarkand oder Xodjand im Ferghanatal, die
einen seit Jahrhunderten, die anderen seit dem Erstarken der Region
durch die Industrialisierung oder Urbanisierung im 20. Jahrhundert.
Immer, und das versuche ich im vierten Kapitel zu zeigen, sind es die Stadt, als
städtischen Zentren, die für die Zigeuner-Gruppen von existenzieller Mittel-
Wichtigkeit sind. punkt,
S.66
Innerhalb Mittel- und Zentralasiens gibt es keine wirklichen geo-
graphischen Grenzen wie Meere oder unüberwindliche Gebirge gibt und
Zigeuner-Gruppen immer freien Zugang zu den Oasenstädten fanden,
gibt es innerhalb Mittelasiens doch eine Reihe von Barrieren, die in
der Region als Raumteiler dienen und sie gliedern. Als Nordgrenze der
Bewegungs- und Handlungsräume von Zigeuner-Gruppen aus Mittel-
asien können die ausgedehnten Steppengebiete zwischen Kaspischem
Meer und Tien Shan gelten. Das Ust-Jurt Plateau oder die Halbinsel
Mangyschlak, die Kasachischen Steppen und Südsibirien stellten für
Zigeuner-Gruppen eine echte Barriere dar. Erst als die Regionen Mit-
telasiens als Kolonien am Ende des 19. Jahrhunderts an das russische
Eisenbahnsystem angeschlossen waren, waren die Reisen durch die
Steppen nicht mehr so aufwendig. Da darüber hinaus Wanderungen auf
einer Nord-Süd-Achse immer auch mit Klimaänderungen einhergehen,
stellten die klimatischen Widrigkeiten der nördlichen Steppen- und
Wüstenregionen ein weiteres Hindernis für die Migration der Zigeuner-
Gruppen des mittelasiatischen Raumes dar.
Kleinere Barrieren innerhalb Mittelasiens sind die Wüsten Karakum
und Kizilkum, sowie andere kleinere Steppen- und Wüstengebiete. Die
wirklich große Barriere aber ist der breite Strom Amudarja. Er ist nicht
überall überquerbar, bietet aber vor allem an seinem Knie, heute im
Dreiländereck Afghanistan, Usbekistan, Tadschikistan gelegen, einige
gute Möglichkeiten dazu. Deshalb finden sich auch in dieser Region
historisch bekannte alte Siedlungen (Askarov 1977, Brentjes 1979).
27
2. Einführung
Die Kommunikationswege in Zentralasien bildlich vorgestellt, er-
geben das Bild einer Schleuse oder eines Doppeltrichters. Der Ort, an
dem beide Teile Mittelasiens – der Norden und der Süden – jenseits
politischer Grenzen am einfachsten miteinander kommunizieren, wäre
im heutigen Dreiländereck Afghanistan, Usbekistan und Tadschikis-
tan gelegen. Diese Regionen haben seit Jahrtausenden eine wichtige
Schleusenfunktion. Eine dieser prominenten Transitmöglichkeiten findet
sich hier und wird heute das Hissartal genannt. Ein anderer historisch
wichtiger Ort liegt unweit davon, Termez (Borovkova 1989).
Der Amudarja und seine Übergänge sind der Trichterweg, der un-
terschiedliche Konzentrationen von mobilen Gruppen im Raum schuf.
Fast alle Zigeuner-Gruppen, die man in Mittelasien finden kann, kon-
zentrieren sich dabei auf die urbanen Zentren der Oasen und nutzen
deren Peripherie als Verdienstmöglichkeit. So entsprechen ihre Sied-
lungsgebiete dem Gitternetz, die die untereinander verbundenen Oasen
auf der Karte hinterlassen (Abb. 2.1.).
Abbildung 2.1.: Hauptregionen und Handlungsräume der mugat Zi-
geuner-Gruppen vor den nationalen Grenzziehungen
1920er
28
2. Einführung
Nur einige Zigeuner-Gruppen sind in diesem Gebiet sesshaft, doch die
meisten Gruppen ordnen sich einem urbanen Zentrum als Referenzort
zu. Sie identifizieren sich mit ihnen und messen ihrer lokalen Herkunft
eine große Bedeutung zu (Oranskij 1983, 26-28).
Hat man den Amudarja erst einmal vom Norden her kommend
überwunden, liegen Mittel- und Zentralasien relativ barrierefrei in
Richtung Westen und Süden offen. Hält man sich in Richtung Westen,
ist man schnell im Iran. Geht man gen Süden, also Richtung Kabul
in Afghanistan, ist man schnell in Peshawar oder Lahore in Pakistan.
Die Wanderungen der mugat Gruppen in diese beiden Richtungen
kennen daher auch keine wirklichen Grenzen. Ihre Dichte nimmt jedoch
in Richtung Osten bzw. Westen ab und wird abgelöst durch andere
Zigeuner-Gruppen (Rao 1982). Sprache,
Auch sprachlich lassen sich die Siedlungsgebiete der mugat genau- S.228
er eingrenzen. Vergegenwärtigt man sich die Verbreitungsgebiete des
chagataischen Zweigs der Turksprachen und der persischen Sprache als
Hauptsprachen der Oasenbewohner Mittelasiens (Fragner 1999), so stim-
men diese turk- und persischsprachigen Gebiete mit der Verbreitung
der mugat recht gut überein. Diese sprechen dann auch hauptsäch-
lich diese zwei Sprachen, wobei sie innerhalb ihrer Familien Persisch/
Tadschikisch2 als Erstsprache verwenden.
2. Zeiten
Zigeuner-Gruppen in der vorrevolutionären Zeit Man kann davon
ausgehen, dass bis zur Aufteilung Zentralasiens durch die europäi-
2 In Mittelasien trifft man viele verschiedene Varietäten, dessen, was man Ta-
dschikisch, Persisch oder Persisch-Tadschikisch nennen könnte. Im nördlichen
Mittelasien, also dort wo Tadschikisch die Amtsprache der ehemaligen Sowjetre-
publik Tadschikistan ist, würde man diese Sprache wohl einfach als Tadschikisch
bezeichnen. Im nördlichen Afghanistan sollte man Persisch-Tadschikisch als
Sprachbezeichnung anwenden, da hier der Persische Einfluss auf die Sprache
dominanter ist als das von Turksprachen umgebene Tadschikisch des nördlichen
Mittelasiens (Doerfer 1967, Rzehak 2001). Wenn ich also im Folgenden vom
Tadschikischen spreche, dann meine ich immer die in den jeweiligen Gebieten und
Regionen Mittelasiens relevante sprachliche Varietät des Persisch-Tadschikischen.
29
2. Einführung
schen Kolonialstaaten Russland und England, sowie durch Eroberungen
Chinas, die Mobilität der Zigeuner-Gruppen durch staatliche Mächte
kaum eingeschränkt war (Bhattacharya 2003). Ohne größere Schwie-
rigkeiten durchmaßen sie den Raum zwischen dem Kaspischen Meer
und dem Himalaya. Das blieb bis ins 20. Jahrhundert so, obwohl der
Raum längst zwischen dem russischen und dem britischen Imperium
aufgeteilt worden war.
Im 19. Jahrhundert hatten sich Russland und England darauf geeinigt,
dass ihre Einflusszonen keine gemeinsame Grenze haben werden, zu
frisch war die Erinnerung an den Krimkrieg (1853 - 1856) und das
Blutvergießen, das diesen ersten militärischen Stellungskrieg begleitete.
Sie teilten Mittelasien in einen russischen und einen britisch-indischen
Teil und ließen dazwischen den Pufferstaat Afghanistan entstehen
(Schetter 2011).
Nach den Beschreibungen russischer Ethnographen (Vilkins 1879)
stellten sich die Lebensumstände der mittelasiatischen Zigeuner in der
vorkolonialen Phase folgendermaßen dar: Zigeunerische Gruppen lebten
seit Jahrhunderten in Mittelasien. Sie waren in autonomen Gruppen
organisiert, weitgehend endogam und von der lokalen Bevölkerung und
ihren Machthabern toleriert. Sie siedelten in den Wintermonaten in
festen Quartieren in Dörfern anderer Ethnien, in eigenen Dörfern oder
am Rand der Städte. An Toponymen kann man außerdem unterschied-
liche Siedlungszonen der zigeunerischen Gruppen ablesen. Einige, die
sich teils mit dem Handwerk beschäftigten, teils Selbstproduziertes in
der näheren Gegend hausierend feilboten (tovoqtaroš ), waren in die
Städte und deren Handwerkerviertel integriert. Andere waren wandern-
de Tauschhändler (mugat), die vor allem mit Krämereien und Schmuck
ihre Geschäfte machten. Diese zogen zwischen entfernten städtischen
Zentren hin und her. Sie lebten vor allem vom Verkauf von Luxuswaren,
Schmuck und Krämereien. Ihre Waren waren eher auf ein städtisches
Publikum als auf ein ländliches zugeschnitten. Es gab aber auch zigeu-
nerische Gruppen (mazang), die ein ausgesprochen ländliches Leben
führten, sich saisonal als Wanderarbeiter in der Landwirtschaft verding-
ten und dabei Handel mit heilenden und glückbringenden Kräutern
sowie aus Naturstoffen gefertigten Färbemitteln trieben. Die Mobili-
30
2. Einführung
tät hatte eine große Spannbreite. Es gab das lokale Umherziehen um
ein Siedlungszentrum, den Handel zwischen städtischen Zentren und
ländlicher Umgebung und den translokalen Handel zwischen Großregio-
nen. Auch die Organisationsformen der Mobilität kannten ein weites
Spektrum. Manchmal waren es die Frauen der zu Hause arbeitenden
Handwerker, die umherzogen, um ihre Waren feilzubieten. Manchmal
traten lose zusammengeschlossene Gruppen auf, die sich innerhalb ihrer
Wohngebiete zusammenfanden, verabredeten und gemeinsam loszogen,
und zwar meist über große Distanzen bis nach Afghanistan, Indien,
China oder Iran. Ein Ältester oder eine Älteste (kalontar), die die Rou-
ten und Stationen schon von früher kannten, waren für das Geschick
der Gruppe verantwortlich. Sie führten, wenn nötig, die Verhandlungen
mit Straßenkontrollen und Grenzposten. In allen Gruppen bestanden
klare Hierarchien und Verantwortlichkeiten. Arbeits-
Obwohl die politische Landkarte Mittelasiens des 19. Jahrhunderts teilung,
und des frühen 20. Jahrhunderts auch von Grenzen und verschiedenen S.186
Einflusszonen geprägt war, kümmerte das die Zigeuner-Gruppen Mittel-
asiens wenig. Durch ihre Zweisprachigkeit konnten sie sich in turk- und
iranischsprachigen Gegenden gut verständigen und souverän bewegen.
Dies sollte sich mit der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution von
1917 aber ändern (Günther 2007b).
Aufteilung der Gebiete Nach der russischen Revolution von 1917 und
dem Bürgerkrieg, der darauf folgte und bis 1921 dauerte, wurde die
Macht über das nördliche Mittelasien von den Bolschewiki erobert. Not
und Elend des Bürgerkrieges ließen bald hunderttausende Flüchtlinge
in den Süden nach Afghanistan und in den Osten, in das China der
Qing Dynastie ziehen. Die sich nun im bolschewistischen Teil Mittel-
asiens ereignenden sozialpolitischen Reformen, die Enteignungen der
Landbesitzer und die antireligiösen Kampagnen allerorts hatten ab
den 1920er Jahren viele verschiedene Gruppen bewogen, dem Mit-
telasien der Bolschewiki den Rücken zu kehren (Shalinsky 1994, 1-
36) (Shayakhmetov 2006, 39-44) (Ohayon 2006, 236-276). Mit der
Einführung des Passwesens und der Schließung der Grenzen zwischen
dem Sowjetimperium, Afghanistan und Pakistan in den 1930er Jahren
31
2. Einführung
waren der grenzüberschreitenden Mobilität und dem Kulturaustausch
von Zigeuner-Kulturen in Mittelasien ein Ende bereitet, das bis heute
andauert.
Der dieser Arbeit zugrunde gelegte Gedanke unterstellt also den
vor 1930 im Raum Turkistan befindlichen Zigeuner-Gruppen, die sich
mugat nennen, eine kulturelle Einheit. Die mugat wurden daraufhin
getrennt und entwickelten sich in verschiedenen Einflussbereichen –
dem sowjetischen Mittelasien und dem durch den Westen dominierten
Afghanistan – verschieden weiter.
3. Personen – Zugehörigkeiten – Verortungen
Zwei der auf meinen Feldforschungen aufgenommenen Äußerungen will
ich hier einmal exemplarisch anführen:
Mazor aka, 6.09.2010, Mazar-e Sharif, Afghanistan “Ein wirklicher ghur-
bati (mugat) Zigeuner hat ein ordentliches Zelt (shaman). Wer ein echter
mugat ist, der mache sich ein Zelt, mache sich auf den Weg zu Gott
(xudoi mekuna), feiere ordentliche Feste, lebe von den guten Gaben. In
den Wintermonaten kann er ja in den Häusern (k˘uta) hausen.”
Laziz, 6.09.2008, Kokand, Usbekistan “Jedes Jahr zieht ein mugat im
Monat Ramazon aus und erbettelt Almosen. Dafür lasse ich mir einen
langen Bart wachsen und ziehe aus der Stadt hinaus, um zu betteln. Denn
im Monat Ramazon zu betteln, ist eine heilige Angelenheit (thawob ish).
[Dann singt er mir zwei Lieder der mugat vor. Sie handeln vom Ausziehen
in verschiedene Städte und den Töchtern an diesen Orten.]”
Die erste Äußerung stammt von einem mugat Zigeuner im Norden
von Afghanistan, die zweite von einem mugat Zigeuner aus Usbekistan.
Beide kennen sich nicht. Ihre Idealvorstellungen vom Dasein als mugat
Zigeuner sind aber augenscheinlich recht ähnlich. Es lassen sich auf
den ersten Blick aber auch Unterschiede ausmachen. Der eine bezeich-
net das Haus (k˘ uta) als eine Schachtel, in der man ja zur Not im
Winter hausen könne, der andere sieht keinen Unterschied zwischen
Zelt und Haus, sondern nennt nur Städte, durch die er ziehen will.
Beide haben für ihre Ausführungen zu den Idealvorstellungen eines
mugat Lebens die gleichen Leitmotive. Jeder hat dabei jedoch seine
32
2. Einführung
eigene Variation. Diese kurze Ausführung verleitet zur Frage, ob die im
historischen Verlauf des 20. Jahrhunderts durch hermetisch abgeriegelte
Staatsgrenzen voneinander getrennten mugat als eine Gruppe in zwei
unterschiedlichen Nationalstaaten betrachtet werden können, oder ob
sie zwei unabhängige Entitäten sind.
Die Unterstellung einer kulturellen Einheit ist gewiss eine problema-
tische Angelegenheit. Schließlich konstruiert hier der Wissenschaftler
mit Hilfe kategorischer und historischer Evidenzen eine Gruppe, die auf
der Grundlage der Wir-Gruppendefinition keine gemeinsame Gruppe
bilden (Streck 2000, 299-302). Zwar suggeriert der auf beiden Seiten des
Amudarja aufzufindende Terminus mugat eine gemeinsame Gruppe in
zwei unterschiedlichen Nationalstaaten. Diese aber als Prämisse einfach
anzunehmen, ignoriert eine langanhaltende Debatte in der Ethnologie.
In der Ethnologie gibt es bekanntlich viele Thesen, Theoreme und Theo-
rien, mit Gruppenzugehörigkeiten umzugehen. Die einen diskutieren
Zugehörigkeiten auf einer naturwissenschaftlich prüfbaren, biologischen
Ebene und sehen in Herkunft, Geburt, Vorfahren und genetischen
Informationen Beweismittel für Zugehörigkeiten (Geertz 1963, Gil-
White 1999, Horowitz 2002). Ich will sie Primordialisten nennen. Die
anderen sehen in Gruppen eine Momentaufnahme und weisen immer
wieder auf dynamische Prozesse bei Gruppenbildung und Zerfall hin.
Ich nenne sie im Folgenden Konstruktivisten. Doch schaut man sich
genauer einzelne Autoren an, wird klar, dass hier weniger grundsätzli-
che Theorien gegeneinander stehen, sondern sich viele Ethnologen mit
dem ihnen zur Verfügung stehenden Material onthologische Fragen stel-
len. Sie diskutieren also strukturelle Beziehungen zwischen von ihnen
wahrgenommenen Entitäten (Gegenständen, Eigenschaften, Prozesse).
Einige Autoren sehen die Entstehung von Minderheiten, kleinen
Ethnien und anderen vergleichbaren Gruppen von außen, indem sie
durch Ordnungsmächte oder Staaten zu einer Minderheit erklärt wer-
den (Gladney 1998, Gladney 2004). Mal sehen Autoren in den Gruppen
Konstruktionen, die sich vor allem aus dem Postulat der Unterscheid-
barkeit heraus erklären lassen und durch Marker, die diese Gruppen
an ihrer Außenseite tragen, zu erkennen sind (Barth 1969). Schließlich
weisen immer wieder Ethnologen auf den performativen Charakter
33
2. Einführung
von Gruppenzugehörigkeit hin, spüren diesen Zugehörigkeiten in Dis-
kursen nach und zeichnen auf, wie diese sich formen und verändern
(Comaroff 1996, Lentz 1998). Andere sehen im Individuum eine Viel-
zahl von Möglichkeiten, sich zugehörig zu fühlen. Diese verschiedenen
Zugehörigkeiten sind wiederum nicht deckungsgleich mit den Mitglie-
dern ein und derselben Gruppe, Familie etc. (Rao 1999, Schlee 2000).
Einer der letzten Impulse kam dabei von Rogers Brubacker, der ei-
ne Konstruktion von Ethnizität außerhalb jeder Art von geäußerten
Gruppenzugehörigkeiten ansiedelt (Brubacker 2004). Diese einfach zu
übernehmen, so Brubacker, würde den Naturalisierungsdiskurs der
Gruppen in die Wissenschaft übertragen, anstatt ihn zu analysieren.
Viele Abhandlungen zur Gruppendebatte führen als Kompromissan-
gebot dieser widerstreitenden Strömungen häufig Georg Elwert ins
Feld, der mit seiner Wir-Gruppendefinition (Elwert 1989) eine Art
kleinsten gemeinsamen Nenner formuliert hat. Er spricht einer Gruppe
dann eine gewisse Zusammengehörigkeit zu, wenn diese innerhalb ihrer
Gruppe einen Diskurs der Zugehörigkeit auf der Grundlage eines Wir
führen. Dieser kleinste gemeinsame Nenner bietet aber zur Beantwor-
tung der oben gestellten Frage auch keine Lösung. Denn auf der Ebene
der Wir-Gruppe hat man es mit einer Vielzahl von Kleinstgruppen
zu tun, die keinerlei Zusammenführung bedürfen. Und doch existiert
die Kategorie wie der Zigeuner-Begriff, der alle diese Kleinstgruppen
wieder zusammenführt, unter anderem auch in Mittelasien. Ist eine
Zusammenführung der Gruppen des tsiganologischen Spektrums zu
einer Zigeuner-Kategorie überhaupt möglich? Auch wenn erschwerend
hinzu kommt, dass hier der Zigeuner-Begriff aus Europa auf einen
Zigeuner-Begriff aus Mittelasien trifft? Ich will auf den nächsten Sei-
ten zeigen, dass alle in der Fachgeschichte aufgeführten Perspektiven
Teilantworten liefern, deren Aussagekraft aber auf verschiedene Ebenen
verteilt ist.
Die primordiale Perspektive
Die in Europa im 19. Jahrhundert aufgekommene Idee, Zigeuner kämen
aus Indien, ist die Basis, auf der viele Anhänger der primordialen Per-
34
2. Einführung
spektive ihre Argumentation aufbauen (Suchy 1968, Gresham 2001,
Mendizabal 2012). Der Mythos der Indienherkunft aller Zigeuner-
Gruppen wurde später auch durch russische Wissenschaftler in den
russisch besetzten Norden Mittelasiens getragen. Hier ist diese Idee bis
heute unter der Bevölkerung eine für wahr gehaltene Geschichte.
Die Grundlage, auf die sich, neben allem linguistischen Material,
diese These beruft, ist ein Zitat aus dem Köngisbuch (šahname) des
persischen Dichters Firdausi (940-1020). Hier berichtet dieser über
den König Bahram Ghur (Wahram V), der von einem Indienfeldzug
zurückkam und tausende Künstler, Akrobaten und Musiker nach Mittel-
asien geführt hatte. Die Geschichte, die Firdausi anspricht, geschah 500
Jahre vor seiner Zeit. Dennoch gilt das Königsbuch in der Literatur, die
die Indienhypothese vertritt, als beweiskräftige Quelle eines gewaltigen
Exodus vieler Zigeuner-Gruppen aus Indien (Hancock 2002, Kenrick
2004).
Dabei wird jedoch selten diskutiert, dass Firdausi diese Geschich-
te nicht erzählt, um hiermit einen Ursprung von Zigeuner-Kulturen
anzugeben (Köhler-Zülch 1996). Er ist in seiner Welt Zeuge eines all-
täglichen Austausches zwischen dem Subkontinent und Mittelasien, der
so normal ist, dass man sich hierüber keine Rechenschaft ablegen muss.
Firdausi wollte meiner Ansicht nach mit dieser Geschichte vielmehr
verdeutlichen, dass schon vor 500 Jahren der Austausch zwischen den
Regionen Mittel- und Südasien eine Normalität war und unter anderem
solche Großereignisse wie die Anwerbung von tausenden Künstlern
als Highlight kannte (Levi 2002, 13-84). Auch al-Biruni, der um 1000
unserer Zeitrechnung in Mittelasien lebte, war der Meinung, dass man
vieles für indisch halte, was eigentlich seit Jahrhunderten genuiner Teil
des mittelasiatischen Alltags sei (Biruni 1963, 194).
Zigeuner gehören also nachweislich seit Jahrhunderten in den Raum
Mittelasiens. Argumentiert man, dass Zigeuner eine Kultur des Zwi-
schenraumes und eine Folgeerscheinung von Arbeitsteilung sind (Streck
2008), sollten die Anfänge von Zigeuner-Kulturen in Mittelasien uralt
sein und in die vorgeschichtliche Zeit gehören (Edzard 2004, 16-36).
Denn solange es im Raum Mittelasien Karawanenhandel und trans-
lokale Verbindung gab, kann man davon ausgehen, dass auch hier
35
2. Einführung
Zigeuner-Kulturen ihren Platz hatten. So können grenzübergreifende
Wanderungen und Migrationen zwischen dem linken und dem rechten
Ufer des Amudarja seit langem nachgewiesen werden. Diese Nachweise
gehen auf die baktrische Zeit (500 v. Chr.) und tiefer in die Geschichte
zurück (D’jakonov 1954).
Schriftliche Überlieferungen zu Zigeunern in Zentralasien gibt es aber
bereits vor der Islamisierung des Raumes in persischen und arabischen
Quellen (Digard 2002). Hier werden sie luri oder kaoli genannt und
treten als Musiker, Akrobaten und andere Künstler in Erscheinung
(al Mas’¯ud¯ı 1861, 157-158). In der islamischen Zeit häufen sich dann die
Nachrichten über Zigeuner-Quartiere (mahalla) in zentralasiatischen
Städten (Samarkand u.a.). So wissen Babur in seinem Tagebuch, dem
Babur Name (16. Jh.) (Babur 1980), Abul Ghazi in seinen Žežare-e
Turk (17. Jh.) (Desmaisons 1871-1874) und Muhammad Amin-i Buchari
in seinem Ubajdulla-noma (18. Jh.) (Bukhari 1957) über Zigeuner in
Mittelasien zu berichten (Atakhanov & Asankanov 2002, Gatelier 2003).
Sie werden jedoch nur kurz im Zusammenhang mit Festen als Künstler
erwähnt, ohne dass man mehr über ihr Alltagsleben erfährt (Snesarev
& Troickaja 1960, 598). Es finden sich also in jedem Jahrhundert jeweils
einige Zeilen zu Zigeunern in schriftlichen Quellen, jedoch zu keiner
Zeit von ihnen selbst. Sie übertrugen ihr Selbstbild und -verständnis Geschichte,
mündlich von Generation zu Generation und nahmen keinen Anteil am S.130
schriftlichen Diskurs der Mehrheit. Doch seitdem man die mittelasiati-
schen Zigeuner-Gruppen nach ihrer Herkunft befragt hat, gaben und
geben sie immer wieder ihrer Überzeugung Ausdruck, ihre Heimat und
die ihrer Vorfahren sei Mittelasien (Oranskij 1983, 35).
Die qasida sass¯ aniya Eine wichtige arabische Literaturgattung, die
qasida sass¯aniya, hat sich zwar nicht explizit mit Zigeunern auseinan-
dergesetzt, im Zusammenhang mit dem Vagantentum kommen diese
aber immer wieder vor. Die qasida sind eigentlich Reimprosa über das
Leben einer Gruppe von Leuten, die man in Mitteleuropa zur gleichen
Zeit mit Gaunern gleichgesetzt hätte. Als Literaturgattung wären sie
somit das unmittelbare Pendant der “liber vagatorum” Literatur des
europäischen Mittelalters (Schubert 1995).
36
2. Einführung
Die Literatur der qasida sass¯aniya entstand in einer Zeit, in der die
Organisatoren des öffentlichen städtischen Lebens (muhtasib)˙ immer
wieder Ärger mit Bettlern hatten, denn ab dem 9./10. Jahrhundert
bevölkerten verstärkt Bettler die Straßen und Märkte. Gleichzeitig
wandten sich Dichter verstärkt der Beschreibung des Alltags auf den
Straßen und Plätzen zu (Bosworth 1976, 13-30,89) (Džumaev 1992, 16).
Diese Hinwendung zum Alltag war die Folge einer gesteigerten Urba-
nisierung und Prosperisierung der islamischen Gebiete. Die reicheren
Schichten der islamischen Städte brachten um 900 unserer Zeit ein
Mäzenatentum hervor, das ein Interesse an Beschreibungen vom Leben
auf der Straße hatte. Diese Mäzenen engagierten Dichter, die auf der
Straße Erfahrungen unter Vaganten sammelten und sie in gedichteter
Form zu Gehör brachten.
Der illustre Haufen, den man mit Zigeunern, Vaganten, also fahren-
den Leuten, assoziierte, wurde auf Arabisch banu s¯ ass¯an genannt. Sie
führten sich auf verschiedene Führer in grauer Vorzeit zurück, unter
anderem auf einen gewissen Šayx S¯ass¯an, dessen historische Existenz
aber nicht bezeugt ist. Die Vaganten hielten sich in Städten, religiösen
Komplexen wie Moscheen oder Heiligengräber und Märkten auf. Vor
allem die Moscheen und später die Heiligengräber waren Sammelpunkt
der verschiedensten Leute, die durch Bettelei ihr Auskommen fanden.
Die einen bettelten, indem sie sich ihre Gliedmaßen verstümmelten, die
anderen erzählten ihrer Audienz ihr Schicksal oder religiöse Geschichten
und Überlieferungen, die dritten führten einen Bären, Affen, Ziegen
oder Gaukelzeug wie Schwerter, Seilgerüste oder Eisenkugeln mit sich
herum. Und alle wollten von den Gläubigen eine kleine Spende.
Ab dem 13. Jh. finden sich unter den Vaganten auch Derwische,
die von den Autoren als Schwindler, falsche Derwische oder Häretiker
bezeichnet werden. Diese Derwische müssen zu den freien Bruderschaf-
ten gehört haben, die sich ab dem 13. Jh. bildeten, der rifa’iyya, der
isawiyya, der qalandariyya und anderer Gemeinschaften, deren Gottes-
suche oft unkonventionell und unbelastet von kulturellen Zwängen war
(Frembgen 2000, 105 - 118) (Bosworth 1976, 111 - 114, 144). Einige
Bruderschaften hingen dem malamati-Prinzip an. Dieses Prinzip sah
in der menschlichen Eitelkeit das größte Hindernis für eine mystische
37
2. Einführung
Vereinigung mit Gott. Durch das bewusste Hinwenden zum Regelver-
stoß wurde der Ausstoß aus der Gesellschaft mit einkalkuliert. Der
Regelverstoß, also das malamati Prinzip, war die Absage an Glück und
Wohlergehen im irdischen Leben, denn gesellschaftliche Anerkennung
zog Eitelkeit nach sich und bedeutete damit ein Abwenden vom Weg
zu Gott. Viele freie Bruderschaften, die dem malamati-Prinzip folgten,
sahen in verachteten und marginalisierten Gruppen der Gesellschaft
den geeigneten Umgang (Xizmatulin 1999, 133-137). Die malamatiya
Bewegung wurde schnell von allerlei Leuten unterwandert, die darin
einen bequemen Weg des Lebens sahen. Wiederum unterwanderten
viele der Sufis auf dem malamatiya Pfad Vagantengruppen. Sie wollten
ihre religiöse Haltung verbergen und wurden oft zu Schaustellern und
Künstlern (Schimmel 1995, 129-133).
Vaganten wie Bruderschaften grenzten sich von anderen Gruppen
stark ab und hielten viel auf den inneren Zusammenhalt der Truppe.
Dazu gehörte, dass sie ein System des Teilens kannten, aber auch
drastische (Geld-)Strafen verhängen konnten, handelte ein Individuum
der Gruppe gegen die Regeln. Sie besaßen ihre eigenen Versammlungs-
orte, wo sie sich über erfolgversprechende Gewinnchancen, Orte und
Zeiten austauschten (Troickaja 1975).
Vaganten hatten ihre geheimen Sprachen. In Mittelasien wurde die-
se Sprache abdol tili genannt. Sie war eine Mischung aus Persisch,
Arabisch und Hebräisch, eine symbiotische Sprache3 , die mit eige-
nem Vokabel- und Grammatiksystem die allgemeinen Strukturen der
Umgebungssprache nutzte, in denen sich die jeweiligen Sprecher auf-
hielten. Die Wirtssprache konnte turk- aber auch iranischsprachig sein
(Troickaja 1948).
3 Eigentlich: “parasitäre Sprache”; auch wenn die “parasitäre Sprache” ein einge-
führter Begriff in der Sprachwissenschaft ist, hilft das nicht über den Umstand
hinweg, dass der Begriff aus der Biologie her falsch gewählt ist. Parasiten leben
nicht nur auf Kosten eines Wirtes, sondern sie sind so lange Teil von ihm, bis er
zu Grunde geht. Ergebnis eines parasitären Befalls ist also der Tod. Das kann
in der Sprache in keiner Weise nachvollzogen werden. Deswegen werde ich den
Begriff der Sprachsymbiose benutzen.
38
2. Einführung
Bettler, wie sie in den qasida sass¯
aniya beschrieben werden, hatten
nie nur eine Profession. Ihre Beschäftigungsstrategien waren von viel-
fältigen Tätigkeiten geprägt. Sie waren Heiler, Bettler, Scharlatane,
Trickbetrüger oder Gaukler gleichzeitig. Im Zusammenhang mit der
Lebensführung von Bettlern wurde auch immer wieder von der Aus-
schweifigkeit und Beschwerlichkeit des Lebens auf der Straße berichtet.
Vor allem der Haschischgenuss wurde mit Vaganten und den freien
Bruderschaften assoziiert. So gelangten sogar feste Redewendungen in
die Sprache der banu s¯ass¯an, wie »Haidars Wein«, einem Euphemismus
für Haschisch, der nach dem chorassanischen qalandari Mönch Scheich
Haidar benannt wurde (Bosworth 1976, 145).
Von diesen Alltagsbeschreibungen auf das soziale Leben von Zigeu-
ner-Gruppen schließen zu wollen, ist jedoch unmöglich. Sie werden von
den Beobachtern der Straße einfach mit den Gaunern assoziiert. Das
Extrahieren tatsächlicher historischer Fakten zu Zigeuner-Gruppen ist
schon deswegen schwierig, weil sich ihre Bezeichnungen und Ethnonyme
über die Jahrhunderte immer wieder wechseln konnten. Selbst schwache
Indizien wie die Selbstbeschreibungen der čistoni, die sich zum Teil bis
heute als Nachfahren von Gaunern sehen (Oranskij 1983, 26), lassen
keine historische Tiefenkonstruktion zu. Man findet zwar in den qasida
sass¯aniya durchaus Ausschnitte aus dem Alltag von fahrenden Leuten,
doch waren diese Beschreibungen eher an Einzelcharakteren angelegte
Typen von Menschen und deren Erlebnisse geknüpft, als dass sich die
Dichter ganzen Gruppen gewidmet hätten.
Die historischen Quellen lassen also durchaus einen Nachweis von
Zigeuner-Gruppen im Raum Mittelasien für viele Jahrhunderte zu, doch
kann man selbst bei Vorhandensein ähnlicher Ethnonyme nicht auf
identische Gruppen schließen. Da tsiganologische Ethnonyme immer
vielseitige Bedeutungsverschiebungen kennen, ist hier Vorsicht geboten.
Die konstruktivistische Perspektive
Auch in der Tsiganologie gibt es wichtige Vertreter der konstruktivisti-
schen Perspektive. Das bekannteste Postulat kommt dabei vielleicht
39
2. Einführung
von Judith Okeley, die in Hinblick auf Gruppenzugehörigkeit zu den
britischen traveller meinte:
“Wer seinen Wagen auf den Platz stellt, gehört dazu!”(Okely 1983,
40)
Diese Ansicht ist vielleicht etwas radikal, aber sie hat in der Fachdis-
ziplin der Tsiganologie zu einer soziologischen Wende geführt, die eine
Gegenposition gegen diejenigen bildete, die Indien als Ursprung aller
Zigeuner-Gruppen ansahen (Okely 1983, 1-28). Andere haben versucht
aufzuzeigen, wie Gruppengenese durch die Mehrheitsgesellschaft und
polizeiliche Verfolgung forciert und wie der Zigeuner-Begriff als polizei-
liche Ordnungskategorie gebildet wurde (Lucassen 2000, Willems 1998).
Diese Autoren stellen sich gegen die Vorstellung, mit den Zigeunern
Ethnien und Gruppen vor sich zu haben, die vor tausend Jahren ihren
Weg durch den persischen König Bahram Gur in den Westen gefunden
haben.
Aus konstruktivistischer Sicht gibt es für die Gruppenbildungsprozes-
se viel Material. Die historische Forschung kommt hier immer wieder
in Verwirrung, denn in Mittelasien gibt es unter den selbstgewähl-
ten wie die von anderen gegebenen Bezeichnungen viele strukturelle
Gemeinsamkeiten in der Namensgebung. Mal spezifizieren diese Be-
zeichnungen eine bestimmte Berufsgruppe: Siebmacher (ghalbilbaf )4
und Geschirrmacher (tovoqtaroš )5 . Mal sprechen Bezeichnungen den
Zigeuner-Gruppen vor allem Tätigkeiten in einer religiösen Sphäre
zu und benennen sie mit Wanderderwisch-Bezeichnungen qalandar,
mazang. Diese Bezeichnungen geben Hinweis auf den hohen Ritual-
status, den diese Gruppen in der Umgebungsbevölkerung genießen
(Rao 1985, S. 180). Der Gruppenname qalandar kann einerseits eine
mystische Wandermönchsbewegung bezeichnen (Frembgen 2000, S.85-
92), andererseits auch Zigeuner-Gruppen meinen. So beschreibt Joseph
Berland (Berland 1982) eine Gruppe qalandar (in diesem Fall aus dem
4 Wörtlich die Siebmacher von ghalbir (Tadschikisch) = Sieb und b¯aftan (Tadschi-
kisch) = weben, flechten.
5 Wörtlich Tellerschnitzer von tovoq (Tadschikisch) = Teller und taroshidan (Ta-
dschikisch) = schnitzen.
40
2. Einführung
Verwaltungsbezirk Punjab in Pakistan) als Dienstleistungsnomaden
(peripatetics). Dieser Begriff kann auf die qalandar von Anna Troickaja
(Troickaja 1975) nicht angewendet werden. Hier bezeichnet der Begriff
Anhänger einer freien Derwischbruderschaft der qalandariya. Gleiches
gilt für die Bezeichung malang bzw. mazang. Diese bezeichnen einzelne,
freie Derwische, aber auch Zigeuner-Gruppen im nördlichen Mittelasien
(Centlivres, Centlivres & Slobin 1971, Oranskij 1974). Dies gilt ebenso
für die sheykh mohommadi, deren Gruppenname auf eine abgeschlosse-
ne Gruppe in religiöser Gefolgschaft schließen lässt (Olesen 1987). Dann
wiederum gibt es Begriffe, die eine religiöse Rolle außerhalb des Islams
akzentuieren, was die Übersetzung des Ethnonyms mugat als “Feueran-
beter” nahe legt, was religionsgeschichtlich interessant, praktisch aber
nicht relevant ist.6
Neben diesen religiösen Gruppennamen gibt es Toponyme als Grup-
pennamen, die Großgruppen und gleichzeitig Zigeuner-Gruppen be-
zeichnen können. Der Yogi, also “aus Indien kommend”, ergibt džugi:
in Nordafghanistan und Tadschikistan eine Oberkategorie für Zigeuner,
in Indien die Bezeichnung heiliger Männer. Ihre Bezeichnungen sind
auch territoriale Marker wie die indische Stadt Multan bei den multoni
oder die Region Sistan bei den čistoni. Dabei wird der Städtename
Multan oft als Bezeichnung für die aus den südlichen Regionen Mittel-
asiens kommenden Zigeuner-Gruppen genutzt. Im Fall Usbekistans und
Tadschikistans sind die Winterquartiere vieler multoni im südlichsten
usbekistanischen Bezirk Surchandarja. In Nordafghanistan wohnen
ebenfalls viele multoni, z.B. in der Stadt Balkh. Ähnliche Feststellun-
gen kann man für Zigeuner-Gruppen machen, die die Bezeichnung der
Kandaharer kandahori tragen. Diese Gruppennamen verweisen einzig
auf eine Herkunft aus den südlichen Provinzen Afghanistans und auf
eine andere Erstsprache, dem Paschto.
Gleiches findet man bei historischen Bezeichnungen wie kabuli
(Bosworth 1976, S. 93) oder anderen Gruppennamen, die Städte in der
arabischen Welt bzw. Gruppennamen mit völlig anderen Bedeutungen
6 Obwohl die etymologische Herleitung dieses Begriffes bisher unklar ist, scheint
mir die Herleitung aus Feuer = mugh (Altiranisch) am wahrscheinlichsten.
41
2. Einführung
bezeichnen (Jacob 1910). Auch die Bezeichnung halab für Zigeuner im
Nilsudan ist auf die Stadt Allepo zurückzuführen (Streck 1996, 40-49).
Die Bedeutungen, die mit den einzelnen Bezeichnungen verbunden
sind, variieren von Region zu Region. Während beispielsweise im Süden
Afghanistans pastoralnomadische Gruppen mit einer westiranischen
Sprache Belutschen (baluč ) genannt werden, dient die Bezeichnung baluč
im Norden Afghanistans, aber auch in Usbekistan und Tadschikistan,
als Bezeichnung von Zigeuner-Gruppen, die sich selbst jat nennen
würden. Manche in Usbekistan zu findende Gruppen haben die Be-
zeichnung baluč vollständig übernommen und kennen die Bezeichnung
jat schon gar nicht mehr.
Das hier beigelegte Schema zeichnet nicht nur ein Bild der Vielfalt
von Gruppen in Mittelasien. Es wird darüber hinaus deutlich, dass man
bei der Beantwortung der oben gestellten Frage nicht um eine Einzel-
falluntersuchung der jeweilig konkreten Gruppe und deren Verortung
(erinnerte Herkunft, heutiges Tätigkeitssprektum, Wohn- und Mobili-
tätsformen usw.) herumkommt, will man ihre gegenwärtige Existenz
mit einer historischen Perspektive verknüpfen.
3.1. Aus dem Zwischenraum heraustreten: die ethnographische
Literatur
In der ethnologischen Forschungsgeschichte tauchen die Zigeuner-
Gruppen Mittelasiens als konkrete Gruppen im 19. Jahrhundert auf.
Das war in einer Zeit, in der die These, die “Zigeunersprache” könnte
mit dem Sanskrit und ihre Sprecher mit Indien in Verbindung ge-
bracht werden, in den europäischen Sprach- und Sozialwissenschaften
salonfähig wurde. Nun spricht zwar keine der Zigeuner-Gruppen Mittel-
asiens irgendeinen Dialekt des Romani, das Interesse an ihnen jedoch
war geweckt. Wissenschaftler europäischer Provenienz nutzten vom
19. Jahrhundert an dann auch Zigeuner-Gruppen Afghanistans und
Nordindiens für ihre Völkerwanderungsspekulationen (Goeje 1886).
In den Kolonialjournalen tauchten immer wieder Artikel über die
Herkunft der Zigeuner-Gruppen auf. Dabei fallen hin und wieder einige
Angaben zum Lebensalltag dieser Gruppen im 19. und 20. Jahrhundert
42
2. Einführung
ab (Sobolev 1874, Vil’kins 1882, Günther 2008a). In der Mitte des
19. Jahrhunderts werden sie in den statistischen Jahrbüchern als eine
eigene mittelasiatische Lokalgruppe verzeichnet. Im Turkestaner Al-
bum beispielsweise, ein vom damaligen Generalgouverneur des russisch
besetzten Mittelasiens General von Kaufmann in Auftrag gegebe-
nes Fotoalbum zur ethnischen, architektonischen und ökonomischen
Bestandsaufnahme, befinden sich zahlreiche Porträts von als mazang
und džugi bezeichneten Frauen und Männern (Kun 1871/72). In der
frühen sowjetischen Statistik wurden sie als kleine Ethnie geführt. Ivan
Ivanovich Zarubin berichtet 1927 von 800 mugat im Gebiet des Hissar-
tales (Zarubin 1927, 9), 1956 waren in Tadschikistan insgesamt 1600
mugat-Zigeuner registriert, in Khodjand 107 Personen (Oranskij 1983,
111). In dem Quartier (mahalla), in der ich in Kokand forschte, kommen
schätzungsweise etwa 700 Personen zusammen. In den anderen Städten
Usbekistans werden es jeweils nicht wesentlich mehr sein. Das heißt,
schätzungsweise kann man heute im nördlichem Mittelasien von 10.000
bis 12.000 mugat ausgehen. Was im Vergleich zur Zahl von etwa 38
Millionen Einwohner von Usbekistan und Tadschikistan insgesamt
eine sehr kleine Gruppe mit einem Anteil von 0.02 Prozent an der
Gesamtbevölkerung ist.
Eine ethnologische Auseinandersetzung mit den Vertretern von Zi-
geuner-Kulturen Afghanistans und den südlichen Teilen Mittelasiens
passierte bis in die Nachkriegszeit des 20. Jahrhunderts kaum (Gmelch
1986). Dann war es vor allem die Peripathetikerforschung von Joseph
Berland, Aparna Rao und Asta Olesen, die die ethnologische Forschung
sehr weit voranbrachte (Berland & Rao 2004b).
Eine eingehende Beschäftigung mit Zigeuner-Gruppen im sowjeti-
schen Mittelasien kann man für das 20. Jahrhundert bis auf wenige
schillernde Ausnahmen wie Anna Troickaja (Troickaja 1948) nur in
der Gruppe der Linguisten, genauer Iranisten finden. Von allen haben
die Studien von Josif Michailovič Oranskij die fruchtbarsten Ergeb-
nisse geliefert (Oranskij 1977, Oranskij 1983). Neben vielen Texten
zum Argot der mugat, der mazang, sheyx mohammadi u.a. hatte er als
Linguist ländliche Zigeuner-Gruppen im Hissartal ethnographiert und
beschrieben. Die Gruppen, die er im Hissar Tal in Tadschikistan unter-
43
2. Einführung
Abbildung 2.2.: Bild einer mugat-Zigeunerin aus dem Turkestaner Al-
bum 7
suchte, waren einerseits aus Afghanistan nach Tadschikistan migrierte
Ethnien, andererseits kleine Gruppen von Zigeunern wie die džugi und
die soghutaroš, die er als lokale Zigeuner-Gruppen klassifizierte. Die
afghanischen Gruppen nannten sich selber alle afghon und wurden
auch von der ansässigen Bevölkerung so betitelt, obwohl sie andere
Ethniennamen besaßen wie hazara, baluč, ’arab, čistoni, kaoli, sheyx mo-
hamadi oder parya. Die mugat- und die tovoqtaroš -Zigeuner-Gruppen
jedoch bezeichneten sich immer als Gruppe mit lokaler Herkunft und
wurden auch von der Umgebungsbevölkerung so wahrgenommen. Alle
afghanischen Gruppen, die Oranskij besuchte, thematisierten in ihrer
Erinnerungskultur auch Migrationsgeschichten aus Afghanistan. Die
mugat und die tovoqtaroš hatten solche Migrationsgeschichten jedoch
nicht. Vom Standpunkt der mündlichen Überlieferung wie auch der lin-
guistischen Strukturen, kann man nur zu dem Schluss gelangen, dass es
44
2. Einführung
sich bei beiden Gruppen um lokale mittelasiatische Zigeuner-Gruppen
handelt.
3.2. Konkrete und ideelle Zugehörigkeiten
Um die Frage von Zugehörigkeit auf meine beiden Vergleichsregionen
und mugat-Gruppen anwenden zu können, möchte ich in die Diskus-
sion einen wichtigen Unterscheidungsmarker einführen, denn bei den
Debatten um Zugehörigkeiten werden häufig zwei Ebenen vermischt:
die Ebene der konkreten bzw. auffindbaren und die Ebene der ideellen,
geäußerten Zugehörigkeiten (soziale Imaginationen).8 Konkrete bzw.
auffindbare Zugehörigkeiten sind dabei solche, die sich tatsächlich in
Raum und Zeit ausdrücken: etwa die Geburt in eine bestimmte Familie,
der gemeinsame Besitz eines Brunnens, das Beten in einer bestimmten
Moschee, die Mitgliedschaft in einer bestimmten Bruderschaft, das
Besitzen eines Siegels oder Brandmals bei Tieren oder die Pflicht zur
Zusammenarbeit mit anderen an einem Kanal.
Solche auffindbaren Zugehörigkeiten gibt es natürlich auch bei meinen
beiden Vergleichsgruppen. In Afghanistan z.B. ist die Mitgliedschaft zu
einem gewissen Zugverband durch gemeinsame Ortsnahme (bande) das Lager und
wichtigste Kriterium, das auf der Ebene der auffindbaren Zugehörigkei- Stadt-
ten zu finden ist.9 Bei den sesshaften mugat-Gruppen im Norden, in viertel,
S.180, 190
Usbekistan und Tadschikistan, dominiert das Prinzip der Territorialität.
Hier ist das Wohnen im mugat-Viertel ein zentrales Kriterium. Nur im
8 In letzter Zeit haben sich Sozialwissenschaftler und Anthropologen diesen ideellen
Zugehörigkeiten wieder verstärkt unter dem Terminus “soziale Imaginationen”
zugewandt. Diese sozialen Imaginationen sind kollektive Erinnerung und indivi-
duelle Erfahrungen. Sie bilden das auf die Praxis bezogene Wissen lokaler Ge-
meinschaften ab (Taylor 2004) und geben einen Einblick in ihre kollektive Praxis.
Soziale Imaginationen sind dabei nicht nur Abbild des sozialen Lebens, sondern
auch Institutionen sozialer Gemeinschaften, die kollektiv verhandelt werden. Ob-
wohl sie auf individuellen Erfahrungen basieren, sind soziale Imaginationen eine
kollektive Äußerung und somit auch eine kollektive Verortung im sozialen Bezie-
hungssystem gesellschaftlicher Gruppen (Castoriadis 1987, Gaonkar 2002, Sneath,
Holbraad & Pedersen 2009).
9 In der Ethnographie europäischer Zigeuner-Gruppen wird diese auch kumpania
genannt (Münzel 1981).
45
2. Einführung
Zigeuner-Viertel könne man wirklich nach den Prinzipien der Gemein-
schaft leben, sagen die mugat hier. Die mugat, die z.B. außerhalb der
zwei etablierten Zigeuner-Viertel in Kokand wohnen, werden von den
dort wohnenden mugat misstrauisch beäugt und häufig nur als “halbe”
mugat bezeichnet.
Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie sich als Mitglieder einer Gruppe
von der Umgebungsgesellschaft scheiden. Diese Segregation kann frei-
willig, ja ausdrücklich erwünscht sein wie im Fall der Kokander mugat.
Sie kann aber auch einfach alltäglich gegeben sein wie in Nordafgha-
nistan. Die Segregation der mugat ist wiederum eine typische tsigane
Segregation, denn sie folgt dem Paradigma des Dazugehörens zu ei-
nigen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens und dem gleichzeitigen
Nichtdazugehören zu anderen Bereichen des Sozialen.
Dabei mögen die Grade von konkreter Integration der Menschen aus
dem tsiganologischen Spektrum in die Umgebungsgesellschaft bei Han-
del (Kommerz), Tischgemeinschaft (Kommensalität) und Partnerwahl
(Konnubium) höchst unterschiedlich sein – nicht nur von Gruppe zu
Gruppe, sondern von Mensch zu Mensch, ja von Fall zu Fall. Übrig bleibt
jedoch bei allen mir bekannten mugat die ausgesprochene Überzeugung,
eine bestimmte Wir-Gruppe zu bilden, die anderen Werteskalen folgt
als die Umgebungsbevölkerung (Günther 2008a).
Diese Selbstbehauptung leitet über in die Gruppe der ideellen Zuge-
hörigkeitsäußerungen. Die Überzeugung, eine selbstständige Gruppe
zu bilden, hat immer konkrete Folgen. Da alle Gruppen im tsigano-
logischen Spektrum keine Nahrungsmittel produzieren, sind sie auf
die landwirtschaftlichen Erzeugnisse der Umgebungsbevölkerung an-
gewiesen. Dieses Tauschen und Sammeln wiederum geschieht auf der
Grundlage sozialer Ressourcen, auf einer sozialen Weide. Das Handeln
auf der sozialen Weide kennt mehrere Strategien und verlangt eine
spezielle Einbettung dieser in die eigene Wirtschaftsethik. Und auch Einbettung,
hier lassen sich Gemeinsamkeiten zwischen beiden Vergleichsgruppen, S.100
den mugat im Norden und denen im Süden, ausmachen. Obwohl im
Spektrum der Zigeuner-Gruppen sich sowohl vorwiegend mobile wie
auch sesshafte Gruppen befinden, eint diese ein besonderer Umgang
mit Mobilität. Diese lässt sich nicht scheiden in althergebrachte Di- Motilität,
S.157
46
2. Einführung
chotomien von sesshaft und mobil, sondern lässt sich erst definieren,
wenn man die besondere Einbettung von Mobilität in die Kultur der
Zigeuner-Gruppen analysiert.
Es gibt weitere behauptete Zugehörigkeiten, die ich oben bereits
“ideell” genannt habe. Die Kategorien, in denen ideelle Zugehörigkeiten
geäußert werden, können in Mittelasien verschiedene Bezüge haben.
Es wurden mir gegenüber beispielsweise Vergleiche geäußert, die ihre
Stellung in der Gesellschaft mittels eines mir, dem Fragenden, nicht
fremden Phänomens näher erklären sollten. So verglichen sich einige
meiner Gesprächspartner mit den cigan in Russland oder den gypsies
in der englischsprachigen Welt. Es kamen aber auch soziale Katego-
rien vor wie die alternativen Gruppenbezeichnungen “die Fremden”
ghorbat (Arabisch, Persisch) oder “die Elenden” firghori (Persisch). Es
können aber auch religiöse Bezüge aufgemacht werden, zu Buchara,
dem spirituellen Zentrum der mugat, und dem Begräbnisort eines ihrer
Fürsprecher und Schutzheiligen (pir) - Burhanuddin Naqšbandi.
Wiederum andere abstrakte Zugehörigkeiten führen direkt in die
Welt der Umgebungsbevölkerung hinein, etwa wenn sich die mugat
auch todžik nannten und sich damit mittels ihrer Alltagssprache, dem
Tadschikischen, in der Masse aller Tadschikischsprechenden verorteten.
Andere Zugehörigkeiten verbinden sie mit althergebrachten Wande-
rungsgebieten. So nannten die sich seit 70 – 80 Jahren in Mazar-e Sharif
und Umgebung aufhaltenden mugat auch “die aus Kulab” (kulobi),
einem Tal im heutigen Tadschikistan, oder “die aus Buchara” (buxoroi).
Das zeigt, dass in der vielschichtigen Realität sich verschiedene
Kulturbereiche finden, in denen sich die Zigeuner-Gruppen inmitten
der Umgebungsbevölkerung verorten und wahrgenommen werden, in
anderen Bereichen von Kultur aber eine klare Differenz zwischen mugat
und der Umgebungsbevölkerung zum Ausdruck kommt. Die Segregation
der Zigeuner-Gruppen ist also partiell und immer auch potentiell. So
können sich mugat als Tadschiken und zur gleichen Zeit als Spre-
cher einer anderen Sprache verorten. Wie sie sich veroten ist immer
situationsbedingt und kontextabhängig.
Kehre ich ein letztes Mal zur Frage zurück, ob denn nun die mugat
diesseits und jenseits des Amudarja die gleichen oder unterschiedliche
47
2. Einführung
Gruppen sind: Wie ich gezeigt habe, handelt es sich auf der Ebene der
konkreten Zugehörigkeiten, also der auffindbaren Verortungen, sicher
nicht um ein und dieselbe Gruppe. Auf der Ebene der abstrakten Zuge-
hörigkeiten fallen die Antworten auf diese Frage je nach Akzentuierung
unterschiedlich aus. Sie können die Annahme, zwei gleiche Gruppen
in zwei unterschiedlichen Kontexten zu sein, stützen. Sie können aber
auch wiederum die Unterschiede zwischen beiden betonen und damit
für zwei unterschiedliche Gruppen plädieren. Ich jedoch will weder die
eine noch die andere Antwort geben, sondern eine dritte Möglichkeit
aufzeigen, und diese führt in den Zwischenraum.
Zwischenraum
In der Zusammenfassung der drei oben behandelten Perspektiven lässt
sich also sagen:
• Auf der Ebene der Typologie kann man seit Langem von der
Existenz von Zigeuner-Gruppen in Mittelasien ausgehen.
• Auf der Ebene der Ethnographie sind die Ethnonyme heterogen,
ebenso auch die Gruppen. Hier hilft nur eine konkrete ethno-
logische Forschung bei den jeweiligen so bezeichneten Gruppen
weiter.
• Die auf der Ebene der Ethnographie gemachten Beobachtungen
lassen keine verallgemeinerbaren Schlüsse auf irgendeine ähnlich
bezeichnete Gruppe zu.
Diese drei Befunde geben nur der Typologie und nicht dem konkreten
Einzelfall eine Kontinuität, und offenbaren dabei in plastischer Weise
die Charakteristika des Zwischenraums. In den langen historischen
Zeitläufen kann man zwar der Existenz des Zwischenraumes, aber
keiner konkreten Gruppe eine historische Tiefe geben. Dieser Zwischen-
raum erweist sich auch historisch als ein Mittendrin. Es ist die Straße,
die Verbindung zweier Orte, die dem Betrachter als Zwischenraum
begegnet.
48
2. Einführung
Biographien vereinen die verschiedensten Beschäftigungen in sich. Die
Sozialisierung im Zwischenraum, die Normen, die ökonomischen Formen
geben einzigartige Beschreibungen seiner Charakteristika ab: Vielfalt
ist potentiell, das Konkrete nur im Moment konkret, die Gruppen und
der Einzelne in ihr sind anpassungsfähig, aber doch getrennt von den
Mitgliedern der Umgebungsbevölkerung.
Aus der Perspektive der historischen Kontinuitäten muss konstatiert
werden, eine Aussage über einzelne Gruppen ist in der longue duree
(Braudel 1972-73) nicht möglich. Was aber historisch betrachtet werden
kann, ist die Kategorie des Zwischenraums. Der Zwischenraum in Mit-
telasien kann historisch auf den Beginn der Verstädterung des Raumes,
also auf 500 v. Chr. datiert werden.
Eine konkrete Gruppe im Zwischenraum wird nur durch eine Ein-
zelfallstudie fassbar. Ohne ethnologische Feldforschung und Datener-
hebung bei Mitgliedern dieser Gruppe bleibt eine Beschreibung einer
Zigeuner-Kultur eine Beschreibung der Kategorie und nicht der kon-
kreten Ethnie. Und auch Feldforschung vermag auch nur den Moment
in der Interaktion mit dem Forscher zu beschreiben. Einige Jahre, ein
historisches Ereignis, eine soziale Reform kann das gesamte Feld ver-
schieben und zu Reaktionen, Anpassungs- und Abgrenzungsleistungen
der Zwischenraumkultur führen. So ist die Forschung im Zwischenraum
unendlich, jedoch nicht zeitlos.
Einzelfallstudien wiederum lösen die jeweilige Gruppe aus dem Zwi-
schenraum heraus und schreiben sie auf etwas Konkretes fest. Für den
ethnographischen Moment sind diese Studien ein wichtiger Beitrag. Der
Betrachter der Zigeuner-Kulturen sieht den Zwischenraum jedoch erst
im Vergleich dieser Gruppen. Es ist das Zusammenspiel vom Potential
des Zwischenraums mit der jeweiligen konkreten Umgebung, das zur
Heterogenität des tsiganologischen Spektrums führt.
Zwischenraumkulturen verbinden Orte und soziale Gemeinschaften.
Obwohl sie vielfältig in Erscheinung treten, sind einige Dinge stets gleich.
Sie treten in kleinen Gruppen auf, füllen die Zwischenräume, passen sich
ökonomisch an und grenzen sich sozial ab. Statistisch gesehen gehören
sie nirgends dazu, sie füllen meist die Kategorie “Sonstiges”, weil ihre
Anzahl auch statistisch nicht relevant ist. In einer konkreten Situation
49
2. Einführung
können sie Tadschiken sein, sich cigan nennen oder mugat. Treibt man
den Gedanken auf die Spitze, dann ist das gesamte tsiganologische
Spektrum in jeder Situation unterschiedlich Teil der Umgebungsgesell-
schaft bei Handel (Kommerz), Tischgemeinschaft (Kommensalität) und
Partnerwahl (Konnubium).
Anhand welcher Prinzipien die unterschiedlichen Zigeuner-Gruppen
Mittelasiens jedoch ein gemeinsames Ganzes darstellen, das soll in den
nächsten zwei Kapiteln dargelegt werden.
50
Teil II.
Vergleich
51
3. Klassifizierungen und ethnographische
Repräsentation
1. Zigeuner-Gruppen und ihre Klassifizierungen
Die Erscheinungsformen von Zigeuner-Gruppen in Mittelasien, ihre
Überlebensstrategien und Lebensweisen lassen sich nicht auf den ersten
Blick auf einen gemeinsamen Nenner bringen. So gibt es Gruppen im
tribalen Kontext von pastoralnomadischen Gemeinschaften, im Kontext
von Kastengesellschaften, in sesshaften Strukturen und agrarischen
Räumen, modernen Großstädten und sogar jenseits dieser Räume in
in sich geschlossenen Dörfern mit einer einzigen Berufsgruppe, den
Schmieden.
Diese Zigeuner-Gruppen haben jedoch eines gemeinsam: ihre Zu-
ordnung und Selbstverortung im Spektrum der Zigeuner-Gruppen.
Hierfür werden lokal die Nomenklaturen cigan (Russ.) džugi bzw. luli
(Tadschikisch, Usbekisch) genutzt. So sehr diese Begriffe auch in der
Übersetzung deckungsgleich mit dem deutschen Wort Zigeuner sind, ist
damit noch nicht erklärt, was denn nun eigentlich Zigeuner respektive
cigan, džugi bzw. luli im lokalen mittelasiatischen Verständnis sind.
Inwiefern lässt sich unser bisheriges Verständnis dieser Begriffe auf den
mittelasiatischen Kontext anwenden? Denn im Kontext von Studien zu
Mittelasien nutzte bisher nur die russische Wissenschaft das Wort Zi-
geuner, und das, ohne dieses Wort näher zu erläutern (Bessonov 2008).
Die westliche Wissenschaft jedoch schaffte sich andere Worte, um die
cigan, džugi bzw. luli zu beschreiben. Doch will ich den Zugang zum
Verständnis der Gemeinsamkeiten auf zwei Kapitel verteilen. In diesem
Kapitel geht es vor allem um die ethnographische Repräsentation und
ihr Gemeinsames. Im vierten Kapitel geht es um die Ebene des ab-
strakt Gemeinsamen, der sozialen Weide als gemeinsamer ökonomischer
Grundlage.
52
3. Klassifizierungen und ethnographische Repräsentation
Warum Zigeuner? Zigeuner wurden in Europa vor allem diejenigen
genannt, die eine zeitweise oder dauerhafte Erwerbsmigration in ökono-
mischen Nischen verfolgten. Deshalb tauchen sie in historischen Chro-
niken auch unter allerlei Tätigkeitsbezeichungen auf (Gilsenbach 1994,
311). Nutzten im 19. Jahrhundert und bis in die erste Hälfte des
20. Jahrhunderts die Sozialwissenschaften den Begriff des Zigeuners
noch als kategoriellen Begriff (Vilkins 1879), verschwand er im Zu-
sammenhang mit dem Holocaust und Genozid der deutschen Nazis in
der deutschsprachigen Wissenschaft sukzessive und wurde zu Gunsten
anderer Kategorien verdrängt (Bengelstorf 2009, 33-71).
Heute ist der Zigeuner-Begriff entweder eine soziale Gruppe oder
Ethnie (Matras 2004). Als ersterer wird er häufig als Äußerung eines
Lebensstiles dargestellt und vereint Vaganten, Tagelöhner, Bohemiens
oder Tsigane (Streck 2008). Manchmal wird der Lebenstil stärker auf die
ökonomischen Erwerbsstrategien eingegrenzt und vereint dann Dienst-
leistungsnomaden, Kleinhändler (petty traders), Kairosökonomen oder Kairos-
Nischenbewirtschafter (Hayden 1979, Rao 1987). ökonomie,
Wiederum eine andere Dimension stellen die Pariagruppen dar, wie in S.97
Indien anzutreffen sind, kalbelia, banjara, lambani, van bagria, dhaneta
oder kanjar (Berland 1982, Werth 1996, Robertson 1998, Wieck 2010).
Manche sehen auch die kastenartig organisierten Gemeinschaften Afri-
kas, der Griot, (nyamalo , ñeeño) als Zigeuner an (Tamari 1991).
Desweiteren können Zigeuner auch als eine Figur auftauchen, der
bestimmte Eigenschaften zugeschrieben werden wie in der Musik oder
Literaturwissenschaft (Breger 1998). Machmal bedient der Zigeuner-
Begriff eine ästhetische Perspektive und bezeichnet Interpreten be-
stimmter klassischer oder moderner Musikstile, die sich vor allem
durch Mischung von Neuem und Altem, von Kopie und Variation
auszeichnen (Lorenz 2008, Williams 2011). Manchmal dient die Figur
des Zigeuners auch zur gesellschaftskritischen Auseinandersetzung mit
Stereotypen und Resentiments der Mehrheitsbevölkerung (End, Herold
& Robel 2009, 2013). Dies ist nur eine Auswahl der Perspektiven, die
einen wissenschaftlichen Ansatz haben. Dahinter eröffnet sich das Feld
der populären Stereotype, auf die hier jedoch nicht eingegangen werden
kann.
53
3. Klassifizierungen und ethnographische Repräsentation
In der Nachkriegszeit wurde der Begriff des Zigeuners von einem
kategoriellen Begriff zu einem ethnisierenden. Auf der linguistischen
Grundlage der Sprache zog einer dieser Begriffe die weitesten Kreise:
die “Roma”-Bezeichnung. Auf der Grundlage der Romanes-Sprache
werden ethnische Gruppen zu einer gemeinsamen Sprachfamilie zusam-
mengefasst. Gruppen wie lovara, kalderash, arli, sinti, manush gehören
hier selbstverständlich zusammen (Liégeois & Acton 2002, Matras 2002,
Kenrick 2004). Manchmal werden dabei Gruppen, die diese Sprache
nicht sprechen und trotzdem zu den Zigeuner-Gruppen gerechnet wer-
den, als solche dargestellt, die sie verloren hätten (Stewart 1997, 34).
Manchmal werden sie ignoriert wie die albanisch sprechenden Ashkali
oder Egypter. Oder sie werden zu Roma deklariert (Marushiakova 2001,
Lichnofsky 2009). Durch den Roma-Begriff werden nichtromanesspra-
chige Gruppen nicht berücksichtigt, wie schweizer und süddeutsche
Jenische, irische Tinker, rumänische Bajeschi, Zirkusleute, Schausteller
oder mobile Theater- und Musikergruppen in Afrika, Asien und den
Amerikas. Der Roma-Begriff bleibt ein eurozentrierter Begriff, der sich
allerhöchstens einen historisierenden Blick auf die Landstraße nach
Indien genehmigt, um dort auf heute lebende Vergleichsgruppen zu
verweisen (Kenrick 2004).
Bisherherige Klassifizierungen des tsiganologischen Spektrums
Der bisher folgenreichste Versuch einer Klassifizierung zentralasiatischer
Zigeuner-Gruppen jenseits des Zigeuner-Begriffs war die Einführung des
Peripatethiker-Begriffs durch Aparna Rao und Joseph Berland. Dabei
bemühten sie sich in den Beschreibungen dieser Gruppen vor allem,
deren sozioökonomische Bedeutung für die Umgebungsgesellschaften zu
akzentuieren. Diese Akzentsetzung entstand durch die Reinterpretation
der griechischen Peripatethiker als mobile Dienstleister. Eigentlich
waren sie eine Schule von wandelnden Philosophen. Unter Zentralasien-
Kennern ist er ein etablierter Begriff, der in der Zeit des Erstarkens
der Roma-Bewegung in Europa entwickelt wurde, um nicht in die
Kritik der Aktivisten bei der Benutzung des vorher gebräuchlichen
Zigeuner-Begriffs zu geraten. Noch 1985 nutzte Aparna Rao das Wort
Zigeuner (Rao 1985). 1987 dann wurde der Peripatetiker bereits mit
54
3. Klassifizierungen und ethnographische Repräsentation
dem bahnbrechenden Sammelband “The other nomads” (Rao 1987) in
die Wissenschaft eingeführt.
Ein weiterer Versuch der Kategorisierung findet sich im Peripatetiker
verwandten Namen des Dienstleistungsnomaden (service nomad). Der
Begriff der Dienstleistungsnomaden wurde vor allem auf der Grundlage
von Forschungen auf dem Subkontinent Indien (Hayden 1979, Misra
1982) geprägt und ist auch für viele Gruppen innerhalb Afghanistans
relevant, kann aber nur auf mobile Gruppen angewendet werden. Ein
anderer, diesem Begriffsspektrum verwandter Begriff, ist der des indus-
trial nomad (Kenrick 2004, S. 75 - 84). Seine Begriffsschöpfer Thomas
Acton und Donald Kenrick sehen in der Beschäftigung mit Handwerk
und Unterhaltung die Möglichkeit mobil zu sein, weil viele Handwerke
und Künste nicht nur das Wandern ermöglichen, sondern Mobilität das
Gewerbe befördert.
Die Akzentuierungen des mobilen Dienstleisters in den Begriffen
Peripatetiker, service nomad, industrial nomad hatte zwangsläufig die
Ausblendung einiger Aspekte innerhalb von Zigeunerkulturen zur Folge.
So konnte das Betteln und dessen Bedeutung für die Umgebungsbevöl-
kerung kaum unter einer sozioökonomischen Nutzenrechnung geschehen.
Auch fasst man mit dieser Kategorie schwer alle sesshaften Zigeuner-
Gruppen Zentralasiens wie die mazang und die mugat im Norden
Zentralasiens.
Bevor ich jedoch den Begriff des Zigeuners diskutiere, möchte ich
zunächst einen kurzen ethnographischen Überblick über alle mir be-
kannten Zigeuner-Gruppen Mittelasiens geben.1 Dieser breite Überblick
ist notwendig, um später, am Ende des Kapitels, die Möglichkeiten der
Kategorisierung mittelasiatischer Zigeuner diskutieren zu können.
1 Es gibt auch viele Zigeuner-Gruppen, die im Süden Afghanistans, in Pakistan
oder in Indien leben. Diese habe ich selbst nicht getroffen und ethnographieren
können.
55
3. Klassifizierungen und ethnographische Repräsentation
2. Zigeuner-Gruppen in Afghanistan
Abbildung 3.1.: Afghanisch Turkestan, die Region der afghanischen
mugat
Die mugat Das historische Kerngebiet der mugat Zigeuner in Afgha-
nistan, von der Umgebungsbevölkerung džugi genannt, ist das Gebiet
Afghanisch Turkestan. Die Wandergebiete der mugat gehen jedoch
darüber hinaus. Zu Zeiten des Bügerkrieges (1993 - 1997) in Afghanistan
wanderten einige Gruppen westwärts bis nach Isfahan im Iran oder
Richtung Osten nach Pakistan, Peshawar, z.T. auch Lahore.
Die mugat Afghanistans besitzen heute Pferde und Zelte, jedoch
keine Wagen. Bei ihren Wanderungen sind sie für weite Strecken auf
LKW-Transport angewiesen, aber auch zu Fuß unterwegs.
Einige Männer der mugat beschäftigen sich mit dem Zureiten von
Pferden und treten bei den lokalen buzkashi–Wettbewerben2 mit eige-
nen Mannschaften an. Unter ihnen gibt es eine Reihe bekannter Spieler ökonomische
(čapandoz/ polvon). Neben dem Zureiten der buzkashi-Pferde verkaufen Strategien,
sie diese auch an andere buzkashi-Spieler. S.103
Ihre Frauen gehen mit Schnappsäcken auf die Sammeltouren. An
belebten Plätzen, etwa Busbahnhöfen oder Basartoren, bieten sie Im-
2 Buzkashi ist ein afghanistanisches Pferdespiel, in dem man versucht, sich beim
Raufen um einen Ziegen- bzw. Schafskadaver gegen seine Rivalen durchzusetzen
(Azoy 1982).
56
3. Klassifizierungen und ethnographische Repräsentation
Abbildung 3.2.: Nach dem Basar: Frau mit reich gefülltem Schnappsack
pulswaren3 an. Das Betteln ist bei den mugat eine tägliche Option,
wird vor allem von den Frauen in den städtischen Zentren betrieben. Sprach-
Die den mugat eigene Vielsprachigkeit (Usbekisch, Persisch sowie verhalten,
Pashto) leitet sich aus den hauptsächlichen Bewegungsräumen ab, in S.228
denen turksprachige, persischsprachige wie auch paschtunische Bevöl-
kerungsgruppen wohnen. Sie ist aber auch Zeichen einer breiten An-
schlussfähgkeit dieser Gruppe, die sich in einer großen Region bewegen
kann.
Einige mugat arbeiten als Musiker bei der Umgebungsbevölkerung.
Dabei sind sie nicht als professionelle Musiker bekannt, sondern als
3 Impulsware nennt man in den Supermärkten diejenigen Waren, die meist in
der Nähe der Ausgänge, entlang der Rolltreppen in Kästen als zur Verführung
des Kunden ausgestellte Angebote geordnet sind und nach dem Motto “was ich
immer schon brauchte, doch schon wieder vergaß” angeboten werden.
57
3. Klassifizierungen und ethnographische Repräsentation
Abbildung 3.3.: Vorführung eines buzkashi-Pferdes
Musiker, die auf der Frauenseite auftreten dürfen und als Trommler
bei Festen für Tänze von Frauen spielen (Slobin 1976, 30-31,48). Sie
gelten aufgrund ihrer Distanz zur Umgebungsbevölkerung als sexuell
unverdächtig und stellen keine Gefährdung für die Frauen dar.
Einige mugat, mit denen ich in Mazar-e Sharif sprach, beschreiben
sich selbst als verarmten Stamm lokaler Anwohner, den sogenannten
qattaghani. Andere wiederum erzählen eine Geschichte der Migrati-
on aus den Gebieten um Buchara. Ihre religiöse Bezugsfigur ist der
Tischler, Mystiker und islamische Heilige Bahauddin Naqšband. Dessen
Begräbnisort Buchara nennen alle mugat ihr spirituelles Zentrum. Die-
ser Ort liegt inmitten ihrer historischen Wanderungsgebiete zwischen
Isfahan und dem Ferghanatal. Heutzutage ist den afghanischen mu-
58
3. Klassifizierungen und ethnographische Repräsentation
gat der Grenzübertritt nach Usbekistan oder Tadschikistan verwehrt,
da sie keine Ausweise oder andere Papiere besitzen, die man für den
Grenzübertritt benötigt.
Ihre Wohn- oder Siedlungsorte beziehen die afghanischen mugat im
Durchschnitt für ein bis vier Jahre (manchmal auch mehr) auf brach-
liegenden Flächen inmitten dicht bewohnter Wohnquartiere (mahalla)
oder in der Nähe großer Städte. Hier bauen sie niedrige Häuser aus
Lehm. Der Hauptteil des Lebens spielt sich aber vor den Häusern auf
dem offenen Platz ab. Die Gruppen sind hier nicht durch den sonst
überall üblichen Sichtschutz aus Lehmmauern von den anderen Be-
wohnern des Wohnviertels getrennt. Ihr Leben ist somit weitesgehend Haus, Hof
öffentlich, was sie stark von den anderen Bewohnern der Wohngebiete und Viertel,
unterscheidet. Das für die Gemeinschaft wichtige Wasser beziehen sie S.135
aus Brunnen des angeschlossenen Wohngebiets.
Haben sich Investoren oder Bauherren für die Brachflächen gefunden,
müssen sie den Platz verlassen. Dann ziehen sie in eine andere Gegend,
bevorzugt in derselben Stadt, aber auch in gänzlich andere Gebiete.
Die sheykh mohamadi Die Zigeuner-Gruppe der sheykh mohamadi
oder kaoli bzw. kavuli, ist auf beiden Seiten des Amudarja zu Hause.
Ihre Eigenbezeichnung geht auf eine Heiligengenealogie (silsila) zurück,
zu der sie sich zugehörig fühlen. Diese wurde von Sheykh Rohani Bobo
begründet, einem berühmten Sufi und Heiligen aus Südafghanistan
aus dem 13. Jahrhundert. Die sheykh mohamadi wähnen sich als seine
Nachfahren und führen das Werk des Heiligen jetzt auf professioneller
Grundlage weiter, indem sie sich als Sänger heiliger Gesänge (qav¯ali)
hervortun und als solche auch zu Festen eingeladen werden. In Afgha-
nistan sind sie darüber hinaus als mobile Heiler und Drogisten bekannt
(Olesen 1987) (Olesen 1994, 131-205).
Die jat von Balch Es gibt in der Stadt Balch, unweit von Mazar-
e Sharif entfernt, ein Stadtviertel der jat, einer sesshaften lokalen
Zigeuner-Gruppe. Diese betrieben zur Zeit meiner Feldforschung in
Nordafghanistan hauptsächlich den Verkauf von Schmuckwaren, glä-
sernen Armreifen zum Beispiel, und besuchten dazu die Heiligen Orte,
59
3. Klassifizierungen und ethnographische Repräsentation
Basare und belebten Plätze der Umgebung. Dazu mieten sie sich aber
keine Standflächen wie die regulären Markthändler, sondern schaffen
dafür je nach passender Gelegenheit temporäre Verkaufsplätze.
Der Schmuck ist importiert und immer nur für eine kurze Zeitspanne
zu tragen, dann zerfällt er. Vor allem zu Heiligen Festen verkaufen die jat
ihren Glasschmuck. Viele Frauen überkommt hier der Wunsch sich mit
wenigen Mitteln für eine kurze Zeit schmücken zu wollen. Aparna Rao
hat sich einigen jat Gruppen in ihrer Dissertation gewidmet (Rao 1982).
Die mazang In Afghanistan wird die Bezeichnung mazang / malang
für einzelne Personen, die als Derwische umherziehen, verwendet, aber
auch für Zigeuner-Gruppen. Der Kabuler Stadtteil deh-i mazang be-
zeichnet gar ein ganzes Stadtviertel nach ihnen, auch wenn dort heute
keine mazang leben.
In Afghanistan werden die malang auch als mittelasiatische islami-
sche Schamanen beschrieben (Sidky 1990). Ihnen werden Heilfähigkeit,
Zauberkräfte und die Möglichkeit des Seelenfluges sowie die Führung
ihrer Patienten zu einem Seelenflug zu Heilzwecken zugeschrieben
(Centlivres et al. 1971).
Als Zigeuner-Gruppe treten die mazang in Nordafghanistan kaum
öffentlich in Erscheinung. Sie leben in den Stadtvierteln der Mehrheits-
bevölkerung.
Die haydaria Schmiede Ebenfalls in das tsiganologische Spektrum
fallen die Schmiede, die in zwei Dörfern im Norden Afghanistans in der
Nähe von Qaisar wohnen. Sie nennen sich haydaria. Einerseits sucht sie
die umliegende Bevölkerung in ihren Dörfern auf, um Schmiedearbeiten
in Auftrag zu geben, andererseits gehen die haydaria in den Sommermo-
naten auf Wanderschaft. Zu ihren Kunden gehören pastoralnomadische
Bevölkerungsgruppen sowie sesshafte Städter und Bauern. Die gesell-
schaftlichen Beziehungen zu diesen Gruppen sind rein dienstlicher Art.
Die Heiratspartner beziehen sie aus Mitgliedern ihrer Berufsgruppe aus
dem benachbarten Dorf oder aus anderen Gegenden (Jasiewicz 1978),
(Pstrusińska 1987).
60
3. Klassifizierungen und ethnographische Repräsentation
3. Zigeuner-Gruppen in den neuen Nationalstaaten
des nördlichen Mittelasiens
Die mugat In Usbekistan und Tadschikistan leben mugat in Zigeu-
nersiedlungen, eigenen Stadtvierteln, im Zentrum oder den Außenbezir-
ken der Städte. Sie bezeichnen sich vor Außenstehenden gerne auch als
Tadschiken (todžik), da dies ihre Erstsprache ist, intern jedoch nennen
sie sich mugat. Von der Umgebungsbevölkerung werden sie l˘ uli oder
džugi genannt.
Sie pflegen ausgeprägte Netzwerke zwischen den Städten der ehema-
ligen Sowjetunion und haben ihre Wandergebiete an die Geographie
der untergegangenen Sowjetunion angepasst. Obwohl sie meist sesshaft
sind, ist die Option zur Mobilität in all ihren Erwerbsstrategien vor-
handen. Ihre Heiratsnetzwerke beschränken sich auf die islamischen
Zigeunergemeinschaften, meist auf ihre eigene Gruppe, die mugat. Sie
nehmen aber gern auch die Töchter ihrer Umgebungsgesellschaft in
ihre Familien auf, die sich dann auch sprachlich integrieren und das
Tadschikische der Zigeunergemeinschaften lernen. In turksprachigen
Gebieten sprechen die mugat kaum Argot, in tadschikischsprachigen
Gebieten ist das Wissen um ihren Argot ausgeprägter.
Die sheykh mohammadi Nördlich des Amudarja tradieren die sheykh
mohammadi-Gruppen eine Migrationsgeschichte aus Afghanistan unter
sich. Auch von der lokalen Umgebungsbevölkerung und den anderen
mugat Zigeuner-Gruppen werden sie als afghanische Zigeuner (luli¯ane
afgh¯an¯i) bezeichnet. Jiossif Oranskij konnte unter ihnen im Hissartal
für längere Zeit Sprachforschungen anstellen und bekam dabei auch die
Geschichte der Migration aus Afghanistan ins Hissartal in Tadschikistan
erzählt.
Die sheykh mohammadi werden im nördlichen Mittelasien auch kaoli
oder kavali genannt, was sie mit den mystischen Gesängen qav¯alli
aus Afghanistan und Pakistan in Verbindung bringt. Jedoch wurde
dem sowjetischen Iranisten Oranskij im nördlichen Mittelasien weniger
über die religiöse Praxis erzählt als vielmehr über die ökonomischen
Grundlagen. Die sheykh mohammadi sind auch bekannt als afghanische
61
3. Klassifizierungen und ethnographische Repräsentation
Korallenverkäufer (afghon marˇgon furuš ), als Farb- und Färbemittel-
verkäufer (rangfuruš ) oder als Juwelierverkäufer. Sie werden wie die
mugat in Afghanistan auch Volk von Armen bzw. Volk wandernder
Derwische genannt (mardum fighori), was ihren niedrigen Sozial- und
gleichzeitig ihren hohen Ritualstatus wiedergibt.
Auch die Beschäftigung als qav¯ alli Sänger passt in dieses Bild. Sie
werden als Musiker verehrt, als Personen in diesem Tätigkeitsbereich
aber misstrauisch auf Distanz gehalten (Oranskij 1983, 49-59) (Džumaev
1992).
Die mazang Der Gruppenname mazang ist meines Wissens vor allem
im nördlichen Mittelasien zu finden. Er bezeichnet eine Gruppe von
Spezialisten, die sich vor allem mit dem Verkauf von Färbemitteln,
Arzneien und Kräutern beschäftigen, darüber hinaus aber auch Haus-
haltswaren verkaufen. Sie werden getrennt von den mugat als eine
eigene Gruppe wahrgenommen und leben ohne eigene Viertel, inmitten
der Mehrheitsbevölkerung.
Durch die in Mittelasien übliche Verschiebung der Konsonanten
d/z/l kann man die Gruppenbezeichnung auch als malang lesen. Die-
se Bezeichnung beschreibt eigentlich frei umherziehende islamische
Bettelmönche, eine Beschäftigung, der auch viele mugat im Norden
Afghanistans nachgehen.
Die prinzipielle Ausrichtung der malang als Heiler ist in der ökono-
mischen Beschäftigung der mazang im nördlichen Mittelasien erhalten
geblieben. Sie verkaufen Amullette, Heiltinkturen, Arzneien und an-
dere Produkte, die sie als ambulante Kleinwarenhändler ohne festes
Ladengeschäft feil bieten. Heute sind sie vornehmlich Basarhändler,
ohne die sonst bei Zigeuner-Gruppen bekannten ökonomischen Stra-
tegien, ihre Kunden selbst aufzusuchen. Anders als die meisten ande-
ren Zigeuner-Gruppen Mittelasiens sprechen sie keinen eigenen Argot
(Oranskij 1974).
Die Haushaltswarenhändler – tovoqtaroš, ghalbirbaf Die Geschirr-
macher und Haushaltswarenverkäufer tovoqči oder tovoqtaroš, soghut-
aroš, in Afghanistan auch ghalbirbaf genannt, bezeichnen Gruppen
62
3. Klassifizierungen und ethnographische Repräsentation
von Zigeunern, die sich ursprünglich mit dem Herstellen von Sieben,
Tellern, Löffeln und anderen Haushaltswaren beschäftigten, heute aber
zunehmend Plastikwaren aus chinesischer oder anderer Produktion
auf den Basaren verkaufen. Geschirr bzw. Teller heißt im Tadschiki-
schen tovoq. Überall da, wo man Geschirr einen anderen Namen gibt
(soghu = Geschirr Südtadschikistan), heißen sie nach dem jeweiligen
Geschirrnamen, so in Südtadschikistan soghutaroš.4
Zwar sind heute die meisten von ihnen in Usbekistan und Tadschikis-
tan mit dem städtischen Basarhandel und dem Verkauf von Haushalts-
artikeln beschäftigt, doch suchen sie auch in ländlichen Gegenden ihre
Kunden selbst auf. Bis zur Einführung der Plaste war die Bearbeitung
von Leder ebenfalls eine ihrer wichtigen Beschäftigungen, denn Leder
von Kuh-, Ziegen- und Schafshäuten wurde häufig zu Herstellung von
Sieben verwendet. Die Beschäftigung im Lederhandwerk lässt die tovoqči
heute auch im Musikinstrumenten- bzw. Trommelbau (doira) aktiv
sein. In Mittelasien werden die Meister der Trommelbaukunst bei vielen
Musikern sehr hoch geschätzt.
Die tovoqči sind ebenso Bärenführer. Ähnlich wie die kanžar in
Pakistan praktizieren die tovoqchi eine mobile Mischwirtschaft als Ver-
käufer irdener Ware, Kurzwaren, Trommler, Bären- bzw. Ziegenführer
(Berland 1982). Die tovoqči leben in Kokand wie in Khudjand in den
Wohnvierteln (mahalla) der Mehrheitsbevölkerung. Sie haben hier ihre
eigenen Höfe. Sie lehnen die Heirat mit der Umgebungsbevölkerung
und mit allen anderen Zigeuner-Gruppen ab.
Zusammenfassung Die Gruppen des tsiganologischen Spektrums in
Mittelasien sind alle um einen bestimmten Tätigkeitskomplex herum
in Gruppen organisiert. Mugat sind in der religiösen Almosennahme
vergemeinschaftet. Sheykh mohammadi eint eine islamische Gefolg-
schaft, eine Ritualgemeinschaft, die aber ebenso die Tätigkeit der
Färbemittelherstellung und weiterer Drogistengeschäfte versehen. Die
Perspektive der Vergemeinschaftung über einen Tätigkeitskomplex –
4 Eine kürzere Beschreibung ihrer Sprache sowie ihrer Bräuche gibt Oranskij
(Oranskij 1983, 177-183).
63
3. Klassifizierungen und ethnographische Repräsentation
mobile Veterinäre, mobile Handwerker, verfehmte Berufe (Siebmacher),
Nischenwirtschaftler (Geschirrhersteller) – lenkt jedoch den Blick von
einem dritten gemeinsamen Nenner ab und fokussiert zu sehr die Ka-
tegorien der Stabilität. Denn neben der Prekarität und Mobilität eint
alle diese Gruppen auch ihre Flexibilität. Sie passen ihre Tätigkeiten
den Gegebenheiten an und können deshalb in immer neuen Nischen
ein Auskommen suchen.
Wie ich schon im Einführungskapitel im zweiten Zusammenfassungs-
punkt S.48 formulierte, erscheint auf der Ebene der ethnographischen
Repräsentation das Feld der Zigeuner-Gruppen sehr heterogen, und
gemäß dem dritten Punkt in der Zusammenfassung kaum verallgemei-
nerbar. Auf der Ebene der ethnographischen Repräsentation findet sich
das Ergebnis einer Interaktion von der Gruppe des Zwischenraumes mit
der Umgebungsgesellschaft. Diese ist überall einzigartig und nirgends
gleich. Das heißt, dass der Blick ins ethnographische Feld vor allem für
die Heterogenität die Augen öffnet.
Die sehr instabilen wirtschaftlichen Nischen werden durch die in
den Zigeuner-Gruppen verankerte Flexibilität aufgefangen. Somit wird
auch klar, dass beim Studium von Zigeunergruppen die Kriterien wirt-
schaftlicher Stabilität in der Tätigkeit von geringer Bedeutung sind,
auch wenn die Ethnonyme häufig auf der vornehmlichen Tätigkeit einer
Gruppe basieren. Ethnonyme wie Siebmacher sind gewissermaßen ein
Zugeständnis an die Ordnungsvorstellungen der Umgebungsbevölke-
rung, sich über eine spezialisierte Tätigkeit zu beschreiben. Praktisch
gibt es in Zigeuner-Gruppen, beispielsweise den tovoqtaroš, auch immer
viele einzelne, die anderen (Musik, Tanz, Heilung) oder ähnlichen Tä-
tigkeiten (Trommelbau u.a.) nachgehen. Es ist nicht zuletzt die prekäre
Existenz, wegen der die Zigeuner-Gruppen auf viele Kulturtechniken im
Reservoir ihrer Jagd nach ökonomischen Gelegenheiten zurückgreifen.
Will man also die Ökonomie dieser Gruppen untersuchen, müssen
die wirtschaftlichen Grundlagen dieser Gruppen auf einer anderen
Ebene gefunden werden, d.h. man braucht ein anderes Kriterium als
das der konkreten Tätigkeit. Dabei fällt vor allem die Mobilität als
eine der wichtigsten Kulturtechniken der Zigeuner-Gruppen ins Auge.
Denn sie hat etwas Spezifisches an sich und unterscheidet sich von
64
3. Klassifizierungen und ethnographische Repräsentation
der Mobilität der Pastoralnomaden. Sie ist nicht nur saisonal, sondern
auch situational, sie ist evasiv, d.h. Konflikten ausweichend und auf
Unruhen reagierend, und letztlich ein wichtiges Mittel zum Erschließen
ökonomischer Ressourcen. Dies ist Teil des nächsten Kapitels.
65
4. Die soziale Weide
“Den Wolf ernähren seine Beine.”1
1. Die Stadt als Mittelpunkt tsiganologischer
Betrachtung
Jede Straßenkreuzung, jeder Checkpoint oder jeder temporäre Markt
in Zentralasien kann im Mittelpunkt tsiganologischer Betrachtung und
Forschung stehen. Es sind aber vor allem die Stadt und ihre Verbin-
dungen, die einer Vielzahl von Zigeuner-Gruppen eine wirtschaftliche
Grundlage schaffen.
Aus dem Feldforschungstagebuch Mazar-e sharif, Septem-
ber 2010 In Mazar gab es 2007 – 2010 drei bis vier verschiedene Zigeuner-
Gruppen, die džugi bzw. mugat, die Siebmacher (ghalbirbaf ) und die
kandahori 2 . Diese unterschieden sich vor allem in ihren Wirtschaftswei-
sen, aber auch in ihrer Herkunft. Die kandahori waren in den Norden des
Landes gekommen, weil ihre eigentlichen Wanderungsgebiete im Süden, in
der Gegend um Kandahar, nicht mehr sicher genug waren. Als ihr Stand
aufgrund des fehlenden Landfriedens in der Gegend um Kandahar immer
schlechter wurde, siedelten sie ab 2005 in den Norden nach Mazar-e sharif
um. Die džugi wurden in Mazar als die lokalen Zigeuner wahrgenom-
men. Die Frauen fallen in der Mehrheitsbevölkerung als Bettlerinnen und
Kleidungssammlerinnen auf, die Männer werden für Nichtstuer gehalten.
Das liegt jedoch daran, dass sie ihre Tätigkeit häufig einzeln auf dem
Tagelohnarbeitsmarkt ausüben und hier nicht als Gruppe von der lokalen
Stadtbevölkerung wahrgenommen werden können. Wenn die džugi sich
auf Suche nach ökonomischen Gelegenheiten begeben, dann ziehen sie
nicht weit weg. Sie gehen in die Dörfer der Umgebung. Die džugi sind
dabei den jat sehr ähnlich. Beide Gruppen fallen dadurch auf, dass sie
keine besondere Spezialisierung kennen. Ihre Hauptbeschäftigung ist die
1 Laziz, Kokand, Usbekistan, 29.09.2008
2 Die Bezeichnung ist von der südafghanischen Stadt Kandahar abgeleitet.
66
4. Die soziale Weide
mobile Gelegenheitsarbeit und die Bettelei. Die Gruppe der Siebmacher
(ghalbirbaf ) wohnt in der Stadt. Die Frauen verkaufen hier Armreifen,
die Männer sind Sieb-, Leisten- oder Kistenmacher und verkaufen ihre
Sachen auf dem Basar oder gehen hausieren. Eine weitere Gruppe im
Spektrum der Zigeuner-Gruppen sind kandahori, die Schmuck, vor allem
Armringe verkaufen. Diese sprechen als Hauptsprache nicht das lokale
Persisch, sondern Paschto.
Auffallend an diesem kurzen Streifzug durch die Stadt Mazar-e sharif
ist, dass alle beschriebenen Zigeuner-Gruppen mit dem städtischen
Kontext assoziiert werden. Ihre Herkunftsnamen sind städtisch wie
Multan, Kandahar, Kabul. Ihre Tätigkeit im mobilen Handel und
Handwerk braucht die Stadt dringender als das Land, denn die Stadt
gibt ihnen auch die nötige Anzahl von Kunden, Gönnern und Patronen,
die sie für ihre Lebens- und Wirtschaftsweise benötigen.
Alle Gruppen siedeln in einer Stadt zugleich und doch nicht gemein-
sam. Denn obwohl es verbindende Elemente in der Wirtschaftsweise
gibt, grenzen sie sich gegenseitig ab. Die Stadt als Arbeit- und Nah-
rungsgeber kann dabei nur eine begrenzte Anzahl von ihnen aufnehmen.
Kommen sich konkurrierende Gruppen hier zu nahe, kann es zu hand-
greiflichen Konflikten kommen. Solche Auseinandersetzungen sind in
den stärker umkämpften Zigeunersiedlungen in Kabul an der Tages-
ordnung. Diese Konflikte könnnen die verschiedensten Motive haben,
häufig sind Vorwürfe über den unehrenhaften Umgang mit Frauen im
Lager im Spiel, manchmal mag es auch eine Strategie sein, Raum zu
gewinnen. Wie in diesem Fall die Konfliktregelung zwischen konkur-
rierenden Zigeuner-Gruppen aussehen kann, zeigte Joseph Berland im
Fall einer Flüchtlingslageransiedlung in Lahore sehr plastisch. Hier
kam es zu Streitereien zwischen den kanžar und einer anderen Gruppe,
welche darauf die Stadtoberen baten, ihnen getrennte Siedlungsräume
zuzuweisen. Als die beiden Gruppen räumlich getrennt waren, hörten
die handgreiflichen Streits augenblicklich auf (Berland 1982, 86).
Kommt es zu Umständen, die eine Erwerbstätigkeit am Ort unmög-
lich machen (fehlende Sicherheit, Streit zwischen Gruppen), ziehen die
betroffenen Gruppen weiter. Dabei ergibt die Prosperität der Stadt
das Potential für die Gruppen. Sie können dieses Potential aber nur
sehr bedingt beeinflussen oder mehren. Das Potential wiederum schafft
67
4. Die soziale Weide
bei den Zigeuner-Gruppen eine Kultur, das Potentielle überhaupt nut-
zen zu können. Es ist die Umgebung als soziale Ressource, die die
Wirtschaftsweise der Zigeuner entscheidend beeinflusst. Wo diese kein
Potential hat, können sich auch keine Zigeuner ansiedeln.
Einer der Garanten für ein Potential zum Überleben ist der Heilige
Ort. So gibt es Städte, die für ihre Jahrhunderte alten Zigeuner-Viertel
bekannt sind.
Buchara zum Beispiel war und ist Zentrum eines vielfältigen Pilger-
wesens. Sie beherbergt nicht nur das Grab des Ordensgründers der naqš-
bandiya Sufis – Burhanuddin Naqshband, sondern eine Vielzahl anderer
Grabmäler, heiliger Moscheen, wundersamer Brunnen und Bäume. Im
Schatten eines solchen Pilgerwesens lebten auch viele Zigeuner-Gruppen
gut von Almosen, sorgten aber auch für Tanz und Unterhaltung. Auch
Samarkand war ein Zentrum muslimischen Pilgerwesens und damit
attraktiv für viele Zigeuner-Gruppen. Hier wird das Zigeuner-Viertel
auch das Viertel der Multaner genannt (Vilkins 1879, Gatelier 2003).
Weniger bekannt sind die Zigeuner-Viertel im vielbevölkerten Fergha-
natal. Hier gibt es in Kokand, Namangan und Osch große Zigeunervier-
tel, die als Händlergemeinschaften gut ausgebaute Netzwerke haben.
Sie handeln mit Gold für den Goldzahnmarkt oder mit Haaren für Pe-
rückenmacher in den weit entfernten Städten Buchara und Samarkand
(Atakhanov & Asankanov 2002, Ozkan & Polat 2005, Günther 2008b).
Weitere Städte, in denen große Gemeinschaften von Zigeuner-Gruppen
leben, sind Taschkent (Gatelier 2003) und Kabul (Rao 2004).
Betrachtet man nun alle Zigeuner-Gruppen gemeinsam, drängt sich
die Frage auf, was der kleinste gemeinsame Nenner ist, der es erlaubt,
all diese Gruppen unter einem Begriff zu betrachten?
68
4. Die soziale Weide
2. Die soziale Weide als ökonomische Grundlage des
Zwischenraums
Die Zigeuner-Gruppen Mittelasiens bewirtschaften die Ressourcen des
Sozialen.3 Sie produzieren keine Nahrungsmittel (nonfoodproducing com-
munities) und sind darüber hinaus auch nicht wehrhaft. Sie meistern
ihr Leben durch das Sammeln in einer sozialen Umwelt, widmen sich
zwischenzeitlich auftuenden Gelegenheiten und leben von auf Dienstleis-
tungen basierenden Nischenökonomien. Keine der Zigeuner-Gruppen
ist nur auf eine Beschäftigung spezialisiert, sondern die Potentiale bzw.
Gelegenheiten auf der sozialen Weide bestimmen die Betätigungsfelder
mit.
Ein entscheidender Nachteil des Begriffs “Peripatetiker” ist die Ak-
zentuierung der Mobilität im Gegensatz zur eigentlichen ökonomi-
schen Aktivität. Jemanden als ausschließlich mobil wahrzunehmen,
verrät einen sesshaften Blick auf eine mobile Gruppe. In der Forschung
zum Pastoralnomadismus wurde der Nachteil althergebrachter Begriffe
längst erkannt und ein Perspektivwechsel vollzogen. Hier setzte sich
anstatt des Begriffes “Nomadismus” der Begriff “mobile Weidewirt-
schaft” durch (Khazanov, Crookenden & Gellner 1994) (Stolpe 2008, S.
36-69). Damit wurde der Akzent von der Mobilität hin zur ökonomi-
schen Aktivität vollzogen. Dieser Akzentverschiebung liegt ein wichtiges
Motiv zu Grunde. Von der Perspektive einer defizitären, unsteten und
ziellosen Lebensweise wechselte nun der Begriff zu einer absichtsvollen
und zielgerichteten Tätigkeitsbeschreibung.
Einen ähnlichen Akzentwechsel schlage ich daher auch für den Begriff
des Zigeuners vor. Um den Perspektivwechsel von der Umgebungsgesell-
3 Auf die Leistungskraft des Sozialen wurde in der Tsiganologie schon oft von
verschiedenen Autoren hingewiesen. Joseph Berland sprach zwar von einer human
ressource base, nahm aber in diesen Terminus nicht die Qualität des Mobilen
auf (Berland 1982). Bernhard Streck legte ebenfalls für die halab die soziale
Umwelt als Hauptressource fest (Streck 1996, 55-187), akzentuierte dabei aber
ebenfalls nicht die Mobilität. Auch Anne Sutherland erkannte in der sozialen
Umwelt die wichtigste Ressource US-amerikanischer Roma (Sutherland 1975,
72-95) und Judith Okeley machte das Soziale als wichtige Grundlage englischer
Zigeuner-Gruppen aus (Okely 1983, 17-34).
69
4. Die soziale Weide
schaft hin zu den Zigeuner-Gruppen zu ermöglichen, will ich daher den
Begriff der sozialen Weide einführen. Dafür sei mir hier kurz erlaubt,
das Verhältnis der Zigeuner-Gruppen zu ihrer sozialen Umwelt parallel
zum Umweltverständnis eines Pastoralnomaden zu seiner “natürlichen
Umwelt” zu behandeln.
Ein Beispiel: Auf der Suche nach einer guten Weide reagieren mobile
Weidewirtschaftler vor allem auf die Bedürfnisse ihres wichtigsten Kapi-
tals, ihres Viehs. Dabei stellen sie auch Teile ihrer Gemeinschaften als
Heuproduzenten für das Winterfutter in der Nähe ihrer Winterquartiere
ab. Die Pastoralnomaden wägen alljährlich ihre Wanderrouten und
Ziele ab. Sie haben eine Reihe von Optionen, die sie jedes Jahr aufs
Neue zu berücksichtigen haben. Pastoralweidewirtschaft ist also keines-
falls eine eintönige Wanderung zwischen Sommer- und Winterweiden,
sondern unterliegt verschiedenen Variationen, die die Pastoralisten auf
Grundlage von kollektivem Wissen, Umwelt, Politik und Gemeinschaft
entwickeln. Jedes Jahr wirft von Neuem Probleme auf, für die stets
zeitgemäße Lösungen gefunden werden müssen.
Wenn die Wissenschaft ähnlich wie in der Nomadismusdebatte eine
Akzentverschiebung vollzieht und die Grundlage der Wirtschaftsweise
der Zigeuner-Gruppen beschreibt, so haben Mobilität und die Bewirt-
schaftung des Sozialen gleiches Gewicht. Guattari und Deleuze sprechen
vom Sesshaften als dem gekerbten und dem Mobilen als dem glatten
Raum (Deleuze & Guattari 1992). Die Wirtschafts- und Lebensweise
des Zwischenraums gewichtet beides gleich stark und lässt hier eines
seiner wichtigsten Charakteristika erkennen: Er vereint die Tätigkeit
in der sozialen Umgebung mit einer facettenreichen Mobilität. Eine
entscheidende Gemeinsamkeit aller sozialen Weidewirtschaftler liegt in
der Option, durch Mobilität verschiedene, räumlich auseinanderliegen-
de Weiden zu erschließen. Ich werde sie später noch als optio tsigana
besprechen.
Es könnte jedoch der Vorwurf entstehen, der Begriff der sozialen Wei-
dewirtschaft würde stark die Qualität des Abgrasens sozialer Ressourcen
betonen. Dem ist entgegenzuhalten, dass auch die pastorale Weidewirt-
schaft nicht nur das Weiden der Herdentiere beschreibt, sondern eine
Vielzahl von Einkommensstrategien kennt. Pastorale Weidewirtschaft
70
4. Die soziale Weide
beinhaltet z.B. den Verkauf von Milch, Quark, Käse, Fleisch, auf der
Weide geknüpfter Teppiche, allerlei gewebter und geknüpfter Gegen-
stände, Jagdtiere, Heilkräuter usw.. Parallel dazu sind auch auf der
sozialen Weide die Einkommensstrategien vielfältig.
Die Stadt oder das Land geben aufgrund ihrer unterschiedlichen Be-
völkerungsdichten unterschiedlich erfolgversprechende soziale Weiden
ab. Ähnlich wie die Forschung zur mobilen Weidewirtschaft ihre Be-
grifflichkeiten bereits verfeinert hat und von Agropastoralismus, Trans-
humans, Voll- und Halbnomadismus etc. redet (Scholz 1991, 25,133)
bzw. dafür eintritt, diese zu Gunsten eines mehr akteurszentrierten
Ansatzes wieder zu verwerfen (Salzman 2002), müssen in der Forschung
zur sozialen Weide auch diverse Erwerbsoptionen erfasst werden: halb-
nomadische Handwerker, spontanmobile Unterhalter oder sesshafte
Kleinhändler, bei denen ambulante Erwerbsmethoden auch eine Er-
werbsoption darstellen. So unterschiedlich die jeweilige Mobilität aber
auch sein kann, so oft innerhalb einer Biographie eines sozialen Weide-
wirtschafters die Tätigkeit gewechselt wird, die Wirtschaftsweise bleibt
gleich. Es ist die Leistungskraft des Sozialen, die die Zigeuner-Gruppen
sich durch eine facettenreiche Mobilität erschließen.
Menschen in Ackerbau und Weidewirtschaft sind seit Jahrtausenden
dabei, das Riskiko und die Unsicherheit in ihren Wirtschaftsbereichen
zu minimieren. Sie haben aus Tausenden von Pflanzen und Tierarten
gerade nur eine handvoll Arten herausnehmen können, die sich durch
ihre Züchtungsfähigkeit auszeichneten und sich zur Lagerung bzw. Stall-
haltung eigneten (Diamond 1998, 91-129). Trotzdem sind sie nicht vor
einem Restrisiko geschützt. Die Hauptressource auf der sozialen Weide,
der Mensch, ist dem gegenüber eine weitaus unsicherere Ressource. Er
ist unberechenbarer als Vieh und Pflanze. Er muss umsichtig beweidet
werden, da soziale Weiden sehr aggressiv auf Überweidung reagieren.
Der soziale Weidewirtschaftler muss seine Fähigkeiten nach der jewei-
ligen Weide justieren. Wenn er gerade Gelegenheitsarbeiter oder Bettler
ist, verhält er sich anders auf einer sozialen Weide, als wenn er eine
spezielle Handwerkskunst anbietet. Dass die Professionen innerhalb
einer Gruppe, ja eines Lebens wechseln können, habe ich bei den
ethnographischen Beispielen schon gezeigt. Obwohl viele Zigeuner-
71
4. Die soziale Weide
Gruppen Mittelasiens, wie die tovoqči, mazang, ghalbirbaf, namentlich
über ihre Spezialisierung bekannt sind, lassen sie sich besser durch
ihre Fähigkeit charakterisieren, sich durch ihre Mischwirtschaften den
Gegebenheiten auf der sozialen Weide anzupassen und sie sich durch
Mobilität erfolgversprechende Weiden zu erschließen.
Mobilität Anders als sesshafte Handwerker, Händler und Künstler
sind die mugat als Bewirtschafter der sozialen Weide in Gruppen organi-
siert und in Gruppen mobil. Das bedeutet nicht, dass die Bewirtschafter
der sozialen Weide permanent unterwegs wären, sondern dass Mobi-
lität immer dann als Handlungsoption wichtig wird, wenn die soziale
Weide am Aufenthaltsort unwirtschaftlich geworden ist oder andere
Einflüsse das Verbleiben am Platz erschweren, etwa Konflikte zwischen
verschiedenen Zigeuner-Gruppen oder der Umgebungsbevölkerung. Motilität,
Der sesshafte Handwerker verlässt sich auf den Umstand, soweit in S.157
seine Umgebungsgemeinschaft eingebettet zu sein, dass er sich auch
durch sie erhalten kann. Er beansprucht die Ressourcen des Sozialen
ohne die Option der Mobilität. Zigeuner-Gruppen jedoch suchen sich
auf der sozialen Weide ihren Platz selbst, können von ihm aber auch
wieder verdrängt werden, wenn die Mehrheitsgesellschaft Anspruch
auf diese Plätze erhebt. Die Abhängigkeit vom Landfrieden und die
bisweilen aggressiv reagierende Umgebungsbevölkerung ergeben eine
ortsbezogene Unsicherheit, die durch Mobilität aufgefangen wird. Die
Mobilität folgt meist bekannten Routen, die Gruppen suchen sich
bereits erprobte Weiden und verbleiben häufig innerhalb ihres grup-
peneigenen Sprach- und Kulturkreises, der die Bewirtschaftung der
sozialen Weide erleichtert.
Der verfehmte Teil Ist der Pastoralnomade ein Bewirtschafter pe-
ripherer und für den Ackerbau wenig attraktiver Gebiete, sei es aus
mangelnder Fruchtbarkeit oder wegen fehlender Sicherheit, nutzt der
soziale Weidewirtschafter Ressourcen, die ebenso für die Mehrheit
unattraktive Nischen darstellen, sei es, weil sie nicht permanent für
eine größere Bevölkerungsgruppe gewinnbringend sind, weil gewisse
ethische Überlegungen die Mehrheit von diesen Ressourcen fernhalten
72
4. Die soziale Weide
(Almosen), oder der ungewohnte Umgang mit diesen Ressourcen die
Menschen abschrecken (Orakel, Handlesen, Amulletmedizin und Kräu-
terzauber usw.). George Bataille prägte für diese Bereiche den Begriff
des “verfehmten Teils”, der all diejenigen Bereiche bezeichnet, die die
Menschen von sich fernhalten. Einerseits beschreibt der verfehmte Teil
den nach unten ausgeschiedenen Teil wie den Müll, der von vielen mugat
durch Sammeln und verschiedene Formen des Recyclings wieder zu
einem Tauschgut gemacht wird. Andererseits beschreibt der verfehmte
Teil auch die nach außen geschiedene Unordnung. Schließlich ist der
verfehmte Teil auch der nach oben geschiedene Bereich des Heiligen, des
Transzendenten. Diese Bereiche werden von der Mehrheit als unsichere
Zonen wahrgenommen, die sie mit Tabus belegen, meiden und die
deshalb als Nischen offen bleiben (Bataille 1975, 41f). Inwiefern diese
Bereiche interferrieren, zeigt das Beispiel der sheykh mohammadi sehr
deutlich. Diese genießen als Sänger mystischer Gesänge einen hohen
Ritualstatus, haben jedoch einen sehr niedrigen sozialen Rang inne.
Gleiches kann bei den mazang beobachtet werden. Auch ihr Ritualsta-
tus als Kenner von Medizin- und Heilkräutern ist hoch, ihr soziales
Ansehen jedoch gering. Auch die Geschirrmacher, tovoqtarosh, sind mit
Tierhaut und anderen geruchslästigen Dingen in Berührung, gehen mit
dem Ausgeschiedenen um und sind beliebte Trommelbauer, trotzdem
ist der Umgang mit ihnen rein professionell. Sie alle sind keine Heirats-
partner. Auch die Unordnung ist bei allen Zigeuner-Guppen im Hinblick
auf ihre Beschäftigungsstrategien offensichtlich. Hier geht kaum einer
den geraden Weg einer Ausbildung zum Spezialisten. Alle Wirtschafts-
strategien von Zigeuner-Gruppen in Mittelasien sind Mischwirtschaften.
Das muss für den Außenstehenden ein Bild der Unordnung ergeben,
das eine auf Ordnung bedachte Umgebungsbevölkerung verunsichert.
Voraussetzungen Die Akteure auf der sozialen Weide sind ein inhä-
renter Bestandteil der Mehrheitsgesellschaft und können in ihr nur unter
bestimmten Umständen leben. Eine notwendige Grundvoraussetzung
für die Existenz des Phänomens der sozialen Weide ist, so trivial es
auch klingt, die Akzeptanz der Umgebungsbevölkerung. Nicht alle
Gemeinschaften kennen Arbeitsteilung, karritative Einrichtungen, städ-
73
4. Die soziale Weide
tische Marktbeziehungen und dergleichen mehr, also die Institutionen
und Orte, die ein Wirtschaften auf der sozialen Weide überhaupt erst
ermöglichen.4 Da aber die meisten Gesellschaften Arbeitsteilung und
Hierarchisierung von Arbeitsaufgaben kennen, ist auch für die Platz,
die hierin Aufgaben übernehmen, die von der Umgebungsbevölkerung
entweder nur ungern oder selten ausgeübt werden. Zigeuner-Gruppen
brauchen also den ihnen zugestandenen Platz in einer Gesellschaft
sowie eine hier einträgliche Tätigkeit.
Anders als beispielsweise Fernhändler, die mit ihrem Warenangebot
manchmal erst die für den Handel nötigen Bedürfnisse schaffen, also
weniger vorhandene Infrastrukturen nutzen, als neue hervorzubringen,
nutzen Zigeuner-Gruppen die vorhandenen Gelegenheiten. Das heißt
nicht, dass hierin nicht auch Innovation und Flexibilität gefragt sind.
Es heißt aber wohl, dass produktive Momente weniger eine Rolle spielen
als Momente der Verwertung vorhandener Möglichkeiten.
Viele Gesellschaften erlauben zwar das Ausüben bestimmter Ni-
schenberufe, garantieren aber nicht ganzjährig an einem Ort eine feste
Kundschaft. Berufe, wie z.B. der des Pferdedoktors, verlangen geradezu
nach einer mobilen Erwerbsweise. Donald Kenrick glaubt sogar, dass
es überhaupt das Handwerk ist, das mobile Erwerbsweisen in sich als
Option trägt (Kenrick 2004, 81). Aber auch der Handel kann ambulante
Formen annehmen, wenn etwa Kleinhändler selbst die Häuser ihrer
Kundschaft aufsuchen und nicht wie üblich umgekehrt die Kundschaft
zum Markt kommt. Diese ambulanten Kleinhändler sind dabei auf
Waren spezialisiert, die ebenfalls auf die lokalen Gegebenheiten abge-
stimmt sind. So bringen die mugat Usbekistans und Tadschikistans
oder die sheykh mohamadi in Afghanistan Waren für die Frauen an
die Haustüren, da diese gar nicht oder nicht so häufig auf den Markt
gehen (Olesen 1987).
4 Die Hazara in Zentralafghanistan sind ein gutes Beispiel einer solchen selbst-
genügsamen Gemeinschaft, die kaum Nischen und Lücken für Kleingruppen
lassen. Einerseits sind die Hazara dafür bekannt, in ihrer Wirtschaft die meisten
anfallenden Arbeiten selbst zu erledigen, andererseits sind die Hazara wiederum
bei ihrer Stadtmigration diejenigen gewesen, die anfallende Nischen etwa die des
Wasserträgers gut ausfüllen konnten (Ferdinand 1962).
74
4. Die soziale Weide
Eine weitere Bedingung für die Existenz einer sozialen Weide ist
der Landfrieden.5 Im Krieg sind Zigeuner-Gruppen als nicht Waffen
tragende und nicht wehrhafte Gruppen die ersten Verlierer. So blieben
Zigeuner-Gruppen während des Bürgerkrieges 1991 bis 1997 nicht in
Afghanistan, sondern wichen nach Peshawar in Pakistan oder nach
Isfahan im Iran aus, je nach persönlicher, kultureller oder sprachlicher
Präferenz. Eine weitere grundsätzliche Bedingung ist das Vorhandensein
von für die Zigeuner zu bewirtschaftenden Ressourcen. Eine wichtige Ahnenkult,
Ressource, die in islamischen Gebieten ein Überleben auch in schweren S.206
Zeiten garantiert, ist die Almosensteuer zakat, die der gläubige Muslim
bedürftigen Menschen in seiner Umgebung übergeben soll. Sie ist als
eine der fünf Säulen des Islams fest im lokalem Glaubenssystem ver-
ankert. Auf das Nehmen von Almosensteuern beziehen sich alle mir
bekannten Zigeuner-Gruppen Mittelasiens, auch wenn dies manchmal
nur (noch) rituell oder allenfalls ideell geschieht, indem man es für sich
als religiöses Gesetz während des Monates Ramadhan reklamiert.
3. Die optio tsigana
Für das Leben “Rücken an Rücken” prägte Anton Blok (Blok 1974) den
Terminus back to back societies und beschrieb hiermit eine relative Ah-
nungslosigkeit von Volksgruppen über ihre jeweiligen Nachbarn, die sich
gegenseitig nicht anschauen, aber eben auch nicht stören würden. Auch
in der tsiganologischen Literatur liest man häufig, Zigeunergemeinschaf-
ten und Umgebungsbevölkerung würden sich gegenseitig ignorieren.
Die Umgebung würde so wenig von den Zigeuner-Gruppen wissen, dass
sie vor allem Stereotype über diese produziere (Ries 2007, 74-107). Zum
Teil stimmt das auch. Ein erstaunlich großer Teil der mittelasiatischen
Bevölkerung kennt aber das tsiganologische Spektrum ihres Raumes
5 Der Begriff des “Landfriedens”, den Barth (Barth 1987) gebraucht, ist ein Frieden,
der als Ordnungsmacht Reiche und also dem einzelnen Bewohner ferne feudale
Ordnung im Kopf hatte. Hier geht es nicht um flächendeckende Kontrolle, sondern
um loyale Regionen und deren Steuerbotmäßigkeit (Scott 2009). Der moderne
Staat mit flächendeckender Kontrolle ist dem Zwischenraum eher ein Hindernis
(Streck 2005).
75
4. Die soziale Weide
sehr gut. So differenziert z.B. die Bevölkerung Usbekistans und Tadschi-
kistans die verschiedenen Zigeuner-Gruppen des Raumes in aus dem
europäischen Teil Russlands und der Ukraine kommende christliche
Zigeuner (evrupo¯i), in lokale, also mittelasiatische Zigeuner-Gruppen
(mahalli), in lokale, aber aus dem Süden Usbekistans (Surchandar-
ja) kommende Gruppen (multoni) und in die einst aus Afghanistan
herübergekommenen Gruppen (afghoni). Bei meinen Aufenthalten in
Afghanistan und bei meinen Nachforschungen über die Existenz von
Zigeuner-Gruppen in der Stadt Mazar-e Sharif wurden zwei Großgrup-
pen unterschieden. Die einen waren die aus dem Süden Kommenden
und wurden als kandahori bezeichnet. Die anderen aber waren die, die
als eigene Zigeuner (dzugi) in den Raum gehörten. Darüber hinaus wer-
den hier auch sesshafte Handwerkergruppen zu den Zigeuner-Gruppen
hinzugerechnet. Das sind z.B. die Siebmacher (ghalbirbaf ), die Geschirr-
macher (soghurtaroš ) oder die haydariya Schmiede, die nur manchmal
in die Umgebung ziehen, um ihre Waren anzupreisen.
Gerade in Hinblick auf die Kategorisierung der Zigeuner-Gruppen
ist die Beschäftigung mit den lokalen Konzepten lohnenswert, denn
in der lokalen Bestimmung, wer Zigeuner sei und wer nicht, liegt ein
erstaunlicher Befund verborgen: Es geht in der Zigeunerkategorie in
Zentralasien nicht ausschließlich darum, sein Leben auf der sozialen
Weide eingerichtet zu haben, sondern darum, diese Option überhaupt
in die Wahl eigener Überlebensstrategien miteinzubeziehen. Also ist
auch derjenige ein Zigeuner, der die soziale Weide als wirtschaftliche
Möglichkeit nur zeitweise mit in sein Leben integriert oder derjenige,
in dessen Familie nur in früheren Generationen diese Erwerbsweise ge-
nutzt wurde. Die Akzentuierung der sozialen Weide führt auch zu einer
Abgrenzung von pastoralmobiler Beweidung von Steppen- und Gras-
land (kuči). Die Eigenschaft, die Bewirtschaftung der sozialen Weide
überhaupt in die Wahl eigener Überlebensstrategien miteinzubeziehen,
möchte ich im Folgenden optio tsigana nennen.
Nicht alle Gruppen greifen innerhalb ihres Wirtschaftsspektrums
auf die optio tsigana zurück. Verarmte Pastoralnomaden etwa werden
Bauern (Khazanov et al. 1994, 198-227), (Galaty 1981, Balikci 1981),
Bauern werden Stadtflüchtlinge (Goetze 1989, 67-75) und versuchen
76
4. Die soziale Weide
in den Städten Arbeit zu finden. Für viele der Bauern und Noma-
dengruppen des Raumes ist die optio tsigana kein Bestandteil des
Wirtschaftsspektrums und von wenig Wert.
Aparna Rao beschrieb das Phänomen des Wirtschaftswechsels auf
die soziale Weide genauer. Anfänglich stellte sie in der Betrachtung
flexibler Erwerbsweisen einige Wirtschaftsweisen in ihrer Beziehung
zueinander dar (Abb. 3.4.).
(Rao 1987, 6)
Abbildung 4.1.: Zweidimensionales Modell von sozio-ökonomischen Ka-
tegorien, die sich untereinander durch ihren Grad an
Mobilität und Nahrungsmittelproduktion unterscheiden.
P sind Zigeunergruppen, HG sind Jäger und Sammler,
PN mobile Weidewirtschafter, SC sesshafte Händler
und A Bauern. Das Modell veranschaulicht, dass alle
Kategorien Übergänge kennen, es aber auch Nähe und
Ferne zwischen verschiedenen Wirtschaftsweisen gibt.
77
4. Die soziale Weide
Dann entdeckte sie innerhalb dieser Gruppen Kontinua, die Wildbeu-
ter und Zigeuner in besonderer Weise verbanden (Rao & Casimir 2003),
nämlich den Rückgriff auf die optio tsigana als Handlungspraxis im
sozialen Umfeld. In Indien waren Gruppen, die sich heute in der tsiga-
nologischen Nische bewegen, noch vor wenigen Dekaden Wildbeuter,
Jäger, Herren des Waldes, Leihviehhirten und Sammler von Honig und
anderen Rohstoffen des Waldes. Es ist damit Aparna Raos Verdienst,
auf rezente Entstehungsprozesse von Zigeuner-Gruppen aufmerksam
gemacht zu haben, die man auch Tsiganifizierungsprozesse nennen
könnte (Rao 1985, 182-185) (Rao 1987, 12-18). Diese Prozesse schildert
sie am anschaulichsten für die sabra (Rao 2004) in Nordindien.
Sprachen einzelne mugat über die Vorzeit, erzählten sie auch von einer
Vergangenheit als Jäger und Waldbewohner. So haben zum Beispiel
einige der mugat des Stammes der kulobi, also einer aus dem bewaldeten
Kulob Tal stammenden Zigeuner-Gruppe, davon berichtet, früher in
Häusern aus Gras bzw. Schilf gewohnt und von der Jagd gelebt zu
haben. Heute leben sie in der Stadt, und zum Jagen gibt es in der
Umgebung der Stadt nicht mehr viel, nur Tauben (čumčuq, govˇgulaq,
žur), Enten (˘urdak), Bergziegen (qoz), ein paar Fische (čiqori mohi,
gur¯ urighan). Auch Josif Oranskij gab Gespräche mit Vertretern
an, d˘
aus verschiedenen Zigeuner-Gruppen des Hissartals wieder, die von
einer Vergangenheit als Jäger des Waldes berichteten (Oranskij 1983,
105)
Es gibt weitere zahlreiche Beispiele, die beschreiben, wie Gemein-
schaften, die vormals Jäger und Sammler waren und deren Ressourcen
nicht mehr ausreichten, in tsigane Überlebensstrategien wechseln. In-
mitten sesshafter, zum Teil urbaner Strukturen suchen sie als ehemalige
Wildbeuter ein neues Auskommen. Die langha Epenerzähler in Rajas-
tan und Gujarat (Westphal-Hellbusch & Westphal 1968) gingen vom
Sammeln und Jagen als Geschichtenerzähler auf Jahrmärkten und in
den Dörfern zur mobilen Lebensweise über. Die birhor in Zentralindien,
die als Jäger und Sammler in den Wäldern lebten, verlegten sich in
den 1870er – 1880er Jahren auf Akrobatik und Gaukelei, als durch
Abholzung ihr eigentlicher Lebensraum verschwand (Roy 1925). Jana
Fortier beobachtete bei den raute in Nepal, wie Jäger und Sammler
78
4. Die soziale Weide
als Aufstockung ihrer Lebensgrundlage in die Städte und Siedlungen
gingen, um hier über Tausch von Schmuck, Holzschüsseln und anderen
Handwerksprodukten, die sie aus Produkten des Waldes fertigten, an
Lebensmittel zu gelangen (Fortier 2009). Clara Wieck konnte für die
van bagria in Nordindien nachzeichnen, wie diese Jäger und Sammler
aufgrund des Verbotes von Jagd, zum Beispiel in Gebieten, in denen es
zu einer Agrarnutzung von Jagdgründen kam, gezwungen wurden, sich
neue Ressourcen auf der sozialen Weide zu suchen (Wieck 2010).
Jäger und Sammler, deren Erwerbszweige Ähnlichkeiten mit dem
Jagen und Sammeln auf der sozialen Weide haben, wechseln also oft
nicht in Kulturmuster der Nahrungsmittel produzierenden Gemein-
schaften. Sie werden nicht zu Bauern oder mobilen Viehhirten, sondern
beschäftigen sich ähnlich wie viele andere Zigeuner-Gruppen mit dem
Verkauf von Handwerksprodukten, bieten ihre Dienstleistungen an,
engagieren sich im Handel von Schmuck und Kurzwaren oder gehen
in den Recyclingsektor. Sie nutzen auf der sozialen Weide bereits vor-
handene Ressourcen wie in einer natürlichen Umgebung und setzen sie
wiederum in Wert.
Ein Grund des Wechsels vom Jagen und Sammeln in der Natur auf
die soziale Weide könnte in der relativen Voraussetzungslosigkeit dieser
Wirtschaftsweise gesucht werden. Zum Ackerbau wird Wasser und
Land gebraucht. Besitzt man kein Land, so muss es gepachtet werden.
Hinzu kommen Bodenbearbeitungsgeräte und Vieh, welches für die
Landwirtschaft gebraucht wird. Nicht anders verhält es sich bei der
pastoralnomadischen Viehzucht. Hier braucht es Weiden und Vieh, die
vergleichsweise hohe Investitionskosten verlangen. Alle Voraussetzungen
können zwar durch Pacht und Leihe erlangt werden, aber sie führen
zu einem hohen Grad der Abhängigkeit von Geldgebern u.a., die diese
Gruppen früher als Wildbeuter nicht hatten. Das Wirtschaften auf der
sozialen Weide also garantiert eine Beibehaltung der Unabhängigkeit
der Lebensführung. Viele Gruppen tauschen lieber die Abhängigkeit
von den Gaben der Natur gegen die Abhängigkeit von den Gaben der
sozialen Weide ein, als in direkte soziale Abhängigkeiten zu gelangen,
die tief auf ihre internen Strukturen wirken.
79
4. Die soziale Weide
Für viele Gruppen aus dem Spektrum der Wildbeuter, Jäger und
Sammler ist die optio tsigana also von Wert. Sie laden sie mit positiven
oder negativen Mythen auf und machen sich so die optio tsigana zu
eigen (Fortier 2009, S. 114-141) (Casimir 1987). Auch Handwerker und
Unterhalter, bei denen Mobilität und Wanderschaft in der Ausbildung
angelegt sind, bedienen sich der optio tsigana. Der Verwertung von
vorhandenen Möglichkeiten auf der sozialen Weide, bei denen es sich
um Extraktion und nicht um Produktion von Nahrung handelt, geben
sie einen Vorrang vor der Produktion von Subsistenz erlaubenden
Produkten. Dies lohnt es sich näher zu untersuchen.
Liegt vielleicht mehr in der Unterscheidung zwischen Bauern, Pasto-
ralnomadengruppen und Zigeuner-Gruppen verborgen, als sich allein
bei der Fokussierung ng auf der Grundlage der sozialen Weide erken-
nen lassen? Liegen den Kulturen der Nahrungsmittelproduktion wie
Pastoralnomaden und Bauern andere Wirtschaftsethiken zu Grunde
als den Bewirtschaftern der sozialen Weide?
4. Divergierende Wirtschaftsethiken
Michel Serres hat in seinen philosophischen Betrachtungen auf den
Unterschied zwischen zwei grundsätzlich verschiedenen Weltbildern
und damit verbundenen Erwerbsweisen der Menschheit aufmerksam
gemacht. Es ist nicht primär die Wirtschaftsweise, die er hier unter-
scheidet, sondern der Zugang zu den Ressourcen der Welt. Michel
Serres spaltet die Erwerbsweisen der Menschheit in zwei große Grup-
pen auf: in die Gesellschaften des Tausches, also z.B. Vertretern einer
marktorientierten Ökonomien, und den Gemeinschaften des Dankes,
wie wir sie bei den Wildbeutern und Zigeunern Mittelasiens antreffen
(Serres 1987). Ich werde das im Kapitel fünf noch weiter ausführen.
Hier jetzt nur erst einmal so viel: Gesellschaften des Dankes haben
nichts mit Dankbarkeit zu tun. In ihrer jeweiligen Wirtschaft ist eine
Wirtschaftsethik eingebettet, die ich die “Gabe zu nehmen” nenne. In
die jeweiligen Wirtschaftsweisen der Gemeinschaften des Dankes ist die
Selbstverständlichkeit eingebettet, für das Fortkommen auf der sozialen
Weide empfangen zu müssen, aber eben nicht direkt aus der Natur oder
80
4. Die soziale Weide
direkt von den Menschen, sondern durch eine dritte Instanz, die man
Schicksal, Glück oder Fügung nennen kann (Olivera 2007, da Col &
Humphrey 2012, Hamayon 2012).
Die Gesellschaften des Tausches sind nach Michel Serres binär ausge-
richtet. Es gibt in diesem Denken immer zwei: Gebende und Nehmende.
Abbildung 4.2.: Divergierende Wirtschaftsethiken, links reziproke Ver-
hältnisse der Gesellschaften des Tausches, rechts die
Ethik der Nehmergemeinschaften
Die Gesellschaften des Dankes handeln auf der sozialen Weide nach
einem anderen Muster. Hier gibt es eine Dreierkonstellation: Mensch
A und Mensch B und C, eine göttliche bzw. transzendente Instanz.
Geber, Nehmer und Dank sind hier unlöslich miteinander verbunden.
Der Gedanke an Reziprozität spielt auf der sozialen Weide keine Rolle.
Wichtig ist diese Reziprozität innerhalb der mugat Gemeinschaften bei
Brauttausch und vielen anderen Beziehungen. Auf der sozialen Weide
ist die Nehmerschaft durch den Dank in die Wirtschaftsethik der mugat
Gemeinschaften eingebettet.
Die Wirtschaftsweise der Extraktion ist vor allem in Jäger- und
Sammlergesellschaften bekannt und in der Ethnologie ein prominent
diskutiertes Phänomen (Gowdy 2006, 392). Marshall Sahlins weist bei-
spielsweise darauf hin, dass die Nehmerschaft der Jäger und Sammler in
der “Steinzeit-Wirtschaft” das Abschöpfen eines Überschusses (surplus)
im Sinne hatte (Sahlins 1972, ).
Diese Extraktion aus der Natur geht häufig auch mit der Beseelung
dieser einher, die Extrahierenden versuchen Beziehungen zu Transzen-
81
4. Die soziale Weide
denzen herzustellen, indem sie etwa den Herren des Waldes, den Herren
der Tiere usw. opfern (Oelschlägel 2013, Hamayon 2012).
Von der Extraktion aus einer Umwelt im Überfluss erfuhr auch
Leonardo Piasere von Zigeuner-Gruppen in Norditalien. Hier gaben
jugoslawische Zigeuner in Gesprächen an, in Norditalien eine Welt des
Überflusses zu sehen, von dem sie überall lediglich ein wenig abschöpfen
würden. In dieser Welt des Überflusses sei ihr Sammeln auch nichts
Verwerfliches, da sie nirgends etwas Substantielles extrahieren würden,
sondern überall nur ein wenig. Die Gesamtheit aller Gaben war nur
für sie ein gemeinsames Ganzes, das surplus des Marshall Sahlins
gewissermaßen (Piasere 1992).
Es gibt aber auch andere Nehmerschaften, die Zinsnahme beispiels-
weise, die eine moderne Erscheinung der Geldwirtschaft ist und einen
anderen Verwendungshorizont hat als die Nehmerschaft des aus der
Natur oder Kultur übrig gebliebenen (Graeber 2012). Ein Beispiel:
Auch wenn mugat aus Kokand im Goldgeschäft tätig sind, indem sie
alte mechanische Uhren sammeln und die in ihnen befindlichen mit Gold
bedampften Unruhen zu Zahngold verwandeln, ist dieses gesammelte
Gold kein Grundkapital für größere Investitionen. Er ist ein aus dem
Überschuss, genauer Abfall, der Mehrheit gewonnener Gewinn, der dem
Haushalt und nicht einem weiteren Wirtschaftskreislauf zugeführt wird.
Das surplus der mugat wird nicht reinvestiert, sondern mittelbar über
den Tausch oder unmittelbar konsumiert.
Für Michel Serres sind die Gesellschaft des Tausches und die Ge-
meinschaften des Dankes zwei völlig verschiedene Welten (Serres 1987,
50- 53). Die Unterscheidung Serres’ ist nun aber keine rein philoso-
phische Unterscheidung, sondern kann auch empirisch in Mittelasien
nachvollzogen werden. Die pastoralnomadischen wie auch die sesshaf-
ten Gruppen der Umgebungsbevölkerung würden in der Einteilung
von Serres in die Gesellschaften des Tausches gehören. Sie erachten
Reziprozität als ein Maß ihrer ethischen Normen. Zigeuner-Gruppen
jedoch leben auf der sozialen Weide keine Reziprozität, sondern mit
einer Instanz, die sie Schicksal, Gott (xudo) oder Glück (baxt) nennen.
Nur in den Nehmergemeinschaften finden wir diese in sich widerspruchs-
82
4. Die soziale Weide
lose Wirtschaftsweise wieder. Einer meiner Gesprächspartner gab diese
Nehmerschaft in wenigen Worten wieder:
”Wir haben unseren Reichtum erstens von Gott, zweitens vom König
(podshoh d.h. dem Staat) und drittens vom Volk.”6
Die mugat haben für die verschiedenen Arten der Nehmerschaften
unterschiedliche Worte. In Afghanistan nennen die mugat ihre kurzen
Streifzüge durch die Stadt hoduri, das alltägliche Betteln. Das andere
ist die große Fahrt (koč ), gebunden an Heiligtümer (Rao 1982, 90).
Dazu gibt es noch das rituelle Betteln, gebunden an heilige Monate
wie den Ramadhan.
Auf reziproken Tausch und Ausgleich ausgerichtete Gemeinschaften
sind Akteursgruppen, die in unverbindlicher Weise miteinander um-
gehen können. Die Nehmerschaft ohne Gegengabe stellt die auf das
Reziprozitätsgebot ausgerichteten Gemeinschaften also vor ein Pro-
blem, das auf zwei Ebenen beantwortet wird. Diese Einbettung ist die
Grundvoraussetzung für die Existenz von Gruppen auf der sozialen
Weide.
Almosengebot Meine mittelasiatischen Gesprächspartner aus der
Umgebungsbevölkerung der mugat teilten die Bevölkerung ihrer Region
in zwei große Kategorien ein. In eine Großgruppe von Menschen, die
Almosen (sadaqa) als religiöse Pflicht geben müssen und solche, die sie
nehmen (sadaqaxur). Manchmal gehen sie sogar soweit, den Zigeunern
zuzuschreiben, die Eigenschaft nehmen zu können sei bei ihnen im
Blut (qonda). Diese Sichtweise schreibt einer kulturell eingebetteten
Tätigkeit eine biologische Grundlage zu. Sicher, das ist eine sehr zuge-
spitzte Formulierung, aber der Kern dieser Aussage zeigt auch, wie sich
die Mitglieder der Umgebungsbevölkerung die Nehmerschaft in den
Zigeuner-Gruppen vorstellen. Sie sehen sie konstitutiv für eine soziale
bzw. ethnische Gruppe an.
Die Nehmerschaft drückt sich in weiteren konkreten Formen aus, die
sich als Beziehung von Vertretern verschiedener Gruppen zu verschie-
denen Einzelpersonen der Mehrheitsbevölkerung innerhalb bestimmter
6 Raˇgab von der Familie der holmurod, 4.10.2008
83
4. Die soziale Weide
Stadtviertel beschreiben lassen. In Afghanistan können es beispielsweise
immer die gleichen Wohltäter sein, die die Lagerflächen für die Zelt-
lager der mugat zur Verfügung stellen. Es können immer die gleichen
Familien an bestimmten Tagen der Woche ein extra Essen für “ihre
Zigeuner-Gruppe” zur Verfügung stellen. Es können immer die gleichen
lokalen einflussreichen Fürsprecher und Schutzherren (malik) für be-
stimmte Gruppen sein. Sie haben als Grundlage eine gesellschaftliche
Verfasstheit, in der Geben als göttlicher Dienst (thawob) und Nehmen
der Almosengabe (zakat) als Gegenstück der Gabe verankert sind.
Die Umgebungsbevölkerung legitimiert auf diese Weise eine der
wirtschaftlichen Grundlagen von Zigeuner-Gruppen. Sie gesteht so den
Zigeuner-Gruppen ihr Existenzrecht zu, sieht sich selbst klar auf der
Seite der Almosengeber und grenzt sich damit von den Zigeunern ab.
Ausgrenzung Eine balancierte Reziprozität gibt es nur unter Glei-
chen, deswegen haben Ungleichheiten auch soziale und kulturelle Fol-
gen. Die unausgewogene Tauschbeziehung zwischen Umgebung und
Zigeuner-Gruppen muss sich deshalb auch auf andere Ebenen des ge-
sellschaftlichen Miteinanders auswirken. Die Mehrheitsbevölkerung rea-
giert beispielsweise auf diese Nehmerschaft, indem sie die Asymmetrie
zwischen Umgebung und Zigeuner-Gruppen mit Ausgrenzung auf der
Ebene der Heiratsbeziehungen (Konnubium) zementiert. In Afghanistan
betrug 2009 beispielsweise der Brautpreis in der Mehrheitsbevölkerung
durchschnittlich zwischen 12.000 und 15.000 US-Dollar. Der mugat
Brautpreis lag zwischen 200 und 300 Dollar. Doch kein Mitglied der
Umgebungsbevölkerung käme auf den Gedanken, in der Heirat mehrere
Tausend Dollar zu sparen. Eine Heiratsbeziehung zu mugat Familien
gilt als undenkbar.
Würde ich allein mit dem Vokabular des Tausches die Beziehung
zwischen Nehmergemeinschaft und Umgebungsbevölkerung beschreiben,
könnte ich die mugat Gemeinschaften nur als solche beschreiben, die
sich über Generationen bei ihrer Umgebungsbevölkerung verschuldet
haben (Graeber 2012, 95-134). Diese Überzeugung jedoch wird von
keinem in der Umgebungsgemeinschaft und schon gar nicht von den
mugat selbst geäußert. Die Nehmergemeinschaften der mugat schaffen
84
4. Die soziale Weide
vielmehr durch ihre Nehmerschaft eine Beziehung zur Bevölkerung. So
wird z.B. das Fehlen dieser Gruppen im Raum schmerzlich vermisst,
wenn diese Gruppen aufgrund von Bürgerkrieg das Land verlassen
haben. Sie sind vielmehr für die Bevölkerung ein Zeichen, dass im Raum
Landfrieden herrscht und der Raum über einen gewissen Wohlstand
verfügt (Günther 2008a, 302-304).
Grade von Fremdheit Die Beziehungen zwischen Umgebungsbevölke-
rung und Zigeuner-Gruppe sind aber mitnichten immer von Harmonie
geprägt, denn nicht nur die freiwillige Almosengabe ist in Afghanistan
und dem nördlichen Mittelasien zu beobachten, sondern auch die Al-
mosengabe, die einem Freikaufen aus der bisweilen sehr aggressiven
Bettelei gleichkommt. Die Almosengabe wird also auch gegeben, um die
mugat auf Distanz zu halten. Wobei zu beobachten ist, dass vor allem
die ortsfremden Zigeuner-Gruppen eine aggressive Bettelei betreiben.
In Mazar-e sharif waren es die jat bzw. kandahori, die durch aggres-
sive Bettelei am Bazar auffielen, im nördlichen Zentralasien waren es
z.B. die aus dem südlichen Usbekistan (Surchandarya) ins Ferghanatal
gekommenen Gruppen. Die lokalen mugat beweideten ihre eigenen kommu-
Reviere viel umsichtiger und kannten andere Mittel und Wege zum nikative
eigenen Fortkommen. Verwei-
gerung,
Je stärker also der Grad der Fremdheit auf der sozialen Weide ist, S.246
desto größer ist auch die Entfernung der Weidewirtschafter zum sozialen
Umfeld. Nähe zur sozialen Weide wiederum bedeutet im allgemeinen
umsichtiges Beweiden. Fremdheit kann dann zum Beispiel bedeuten,
dass die kommunikativen Fähigkeiten, die man auf der sozialen Weide
anwenden kann, stark eingeschränkt sind. Fremdheit bedeutet auch
einen eingeschränkten Zugang zu den Ressourcen der sozialen Weide.
Die Beschreibung der Zigeuner auf einer ökonomischen Grundlage re-
duziert die Beziehungen zwischen ihnen und der Umgebungsbevölkerung
jedoch auf rein ökonomische Prinzipien. Die Sicht der Umgebungsgesell-
schaften kann aber nicht einfach auf die Überzeugung reduziert werden,
dass sie in Zigeuner-Gruppen eine inferiore Gruppe von Menschen
sähen. Dazu haben die mugat in Afghanistan zu viele Pferde vor der
Tür zu stehen oder in Usbekistan und Tadschikistan zu viel Gold am
85
4. Die soziale Weide
Körper. Außerdem genießen viele von ihnen einen hohen Ritualstatus
innerhalb der Umgebungsbevölkerung oder haben ein hohes Ansehen
als Künstler (Günther 2008a).
In jeder Gesellschaft sind sozialer Status und gesellschaftliches Anse-
hen begleitet von vielfältigen Standpunkten und abhängig von vielen
Faktoren im Betrachter (Alter, soziale Schicht, individuelle Freiheit) wie
im Betrachteten. Sozialer Status und gesellschaftliches Ansehen können
miteinander korrespondieren oder sich diametral gegenüberstehen. So
ist es beispielsweise gang und gäbe, im Islam das Handwerk als dem
Betteln gleichgestellt zu betrachten (Sabra 2000). Das Handwerk wird
aber auch mit mystischer Beschäftigung und Praxis assoziiert. Trotz des
sozialen Ansehens des Tischlerberufs z.B. ist einer der einflussreichsten
Heiligen in Zentralasien ein Tischler gewesen: Burhanuddin Naqšband,
wie sein Hintername verrät. Er ist selbst Schutzheiliger (pir) der mugat.
Auch wenn die ökonomische Nehmerschaft also noch nichts über den
sozialen Status an sich aussagt, die Nehmerschaft der mugat wird trotz-
dem mit dem Preis der Ausgrenzung erkauft. Diese Abgrenzung gibt
ihnen wiederum die Freiheit, die Ebene der Nehmerschaft zu ihrer öko-
nomischen Grundvoraussetzung zu machen. Im nördlichen Mittelasien,
wo diese Nehmerschaft immer weniger praktiziert wird, verschwinden
auch die Barrieren im Konnubium. Sind diese jedoch überwunden,
zerfällt auch die Gruppe, weshalb im Bereich des Tabus heftige Gegen-
bewegungen gegen dieses Ausweichen in die Umgebungsbevölkerung
unternommen werden. Abgrenzungen zur Umgebungsbevölkerung sind Tabu, S.203
immer auch bei den Gruppen des Zwischenraumes zu beobachten.
Und trotzdem gibt der soziale Status Fragen auf: Warum perpetuieren
sich hier gesellschaftliche Asymmetrien und werden nicht durch die
Mitglieder der Gemeinschaft aufgehoben? Wie betten die in Zentralasien
lebenden Zigeuner-Gruppen die Abhängigkeit der Leistungskraft des
Sozialen in ihr Leben ein? Warum wird diese Ordnung nicht in Frage
gestellt?
86
4. Die soziale Weide
5. Die kulturelle Verarbeitung der sozialen Weide bei
den mugat
Die Bewirtschaftung der sozialen Weide zeigt eine Reihe von Wirkungen
bei den Bewirtschaftern der sozialen Weide, die Folge der Einbettung
dieser Wirtschaftsform in die eigene Kultur sind. Die Einbettung ist
als Terminus am weitesten von Karl Polanyi theoretisch durchdrungen
worden. Karl Polanyi geht bei allen Wirtschaftsweisen von einer Ethik
aus, die sich auf Solidarität, Opferbereitschaft und der Transzendierung
eigenen Handelns stützt. Ist dies der Fall, muss die Bewirtschaftung
der sozialen Weide auch kulturell verarbeitet werden (Baum 1996). Ge-
schieht das wie bei den mugat Zigeunern auf der Basis einer Gruppenzu-
gehörigkeit, muss diese legitimiert werden, eigene Solidaritätsprinzipien
kennen und ihre eigenen Wert- und Ordnungsmaßstäbe haben.
Souveränität Dass die Nehmerschaft gegenüber der Umgebungsbe-
völkerung souverän vertreten wird, zeigt ein Beispiel aus Afghanistan.
Ein einfacher Vergleich mit der Mehrheitsbevölkerung und deren Bettle-
rinnen genügt. Denn die bettelnden Frauen der Mehrheitsgesellschaften
betteln mit dem Čador verschleiert, während die Frauen der mugat
ihre Souveränität beweisen, indem sie ihr Antlitz nicht verschleiern.
Die Scham, die bei Bettlerinnen der Mehrheitsgesellschaft eine große
Rolle spielt, ist den mugat fremd. Sie betätigen sich, wenn sie betteln,
als souveräne Bettler.
Um die Wirtschaftsweise der mugat zu beschreiben, hatte mein
Kokander Freund Laziz das eingangs zitierte Sprichwort parat:
“Den Wolf ernähren seine Beine.”
Die Nehmerschaft ist keine passive Nehmerschaft wie die weitge-
hend passive Bettelei verarmter Mitglieder der Umgebungsbevölkerung,
sondern wird im Sprichwort zu einer Lebensweise erklärt, die die Sou-
veränität des Wolfes, sich selbst sein Auskommen zu suchen, und die
Mobilität miteinander vereinbart. Der Wolf ernährt sich nicht von den
Früchten, die er säte. Er nimmt dort, wo die Natur ihm gibt. Dazu
muss er selbst die Orte suchen, an denen er Nahrung findet.
87
4. Die soziale Weide
Yuri Slezkine geht davon aus, dass ein Vorhandensein eines kulturellen
Eigensinns für das Überleben einer jeden Minderheit inmitten einer
Mehrheit eine unabdingbare Grundbedingung ist (Slezkine 2004, S.7-24).
Im Lichte dieser Souveränität wird das Wirtschaften auf der sozialen
Weide als Privileg, Anrecht, traditionelle Selbstverständlichkeit, ja
manchmal auch als Fluch ausgelegt. Es bleibt aber Bestandteil einer
bewusst gelebten Alltagspraxis (Casimir 1987).
Gruppen im tsiganologischen Spektrum haben zahlreiche Gewohn-
heiten, ihre eigene souveräne Lebensführung nicht aufzugeben. Die
Souveränität kann sich dabei in vielen Punkten ausdrücken: in Ta-
bus (Heiratsgebote und Verbote, Ablehnung vertraglicher Bindung),
in der Tradierung gruppenspezifischer Überzeugungen durch Geschich-
ten, Lieder, Sitten und Normen, religiöse Abweichung, Verweigerung
des Zugriffs auf die Gruppe (Ablehnung von staatlicher Einmischung)
oder Mechanismen der Rechtssprechung. Im Komplex der Souveränität
ermöglicht Mobilität das Sich-Entziehen aus Konflikten und das Vermei-
den glückloser Orte. Souveränität drückt sich auch in gruppeneigenen
Wertesystemen aus.
Eigene Ordnung Eine eigene Ordnung zu haben, bedeutet andere
Wertmaßstäbe als die Umgebungsbevölkerung zu besitzen. Für die
Bewirtschafter der sozialen Weide sind interne Systeme des Gewohn-
heitsrechts handlungsleitend. Für sie gelten Legislative oder Exekutive
der sozialen Weide nur soweit, wie sie Einfluss auf den wirtschaftli-
chen Erfolg haben. Für diese Form der in einer Gesellschaft existieren-
den parallelen Ordnungssysteme hat sich das Wort Parallelgesellschaft
(Schiffauer 2008) bzw. Para-Ordnung (Streck 2011, 119-121) etabliert.
Kommt es zum Konflikt zwischen den Wertmaßstäben einer Zigeuner- Fluchtkultur,
Gruppe und denen der Umgebungsbevölkerung, muss sich die Gruppe S.169
im Fall des Konflikts unterordnen oder kann sich ihm durch Flucht
entziehen. Diese Fluchtkultur der Zigeuner-Gruppen deutet auf ein
wichtiges Merkmal hin: mugat sind in der Auseinandersetzung mit der
Umgebungsbevölkerung immer unterlegen und haben in der Mobilität
eine wichtige Konfliktlösungsoption. Diese gestaltet sich aber zwischen
den Gruppen nördlich und südlich des Amudarja verschieden.
88
4. Die soziale Weide
Gemeinschaften, die die soziale Weide bewirtschaften, geben sich
selbst Bezeichnungen, die die Differenz zwischen sich und den ande-
ren verdeutlichen sollen. Ihr Wir-Gruppengefühl bedingt auch, zu den
Menschen auf der sozialen Weide ein anderes Verhältnis zu pflegen
als unter sich. Über dieses Phänomen wurde schon vielfach berichtet
(Gmelch 1986). Auch in anderen ethnologischen Arbeiten ist das Prin-
zip lange bekannt, etwa in Max Schmidts Unterscheidung in Verkehrs-
und Gemeinwirtschaft (Schmidt 1920-21). Martin Fotta z.B. fand ein
Gegensatzpaar “Raub und Verlust” als wichtigen Marker zwischen
Zigeuner-Gruppen in Brasilien und der Mehrheitsgesellschaft. Inner-
halb der Gemeinschaft gilt Betrugsversuch als Diebstahl. Auf der so-
zialen Weide gilt der Betrug, etwa wenn man geliehenes Geld nicht
wiederbekommt, als Verlust (Fotta 2012).
Ralph Dahrendorf hat in seiner Soziologie (Dahrendorf 1967, 370)
die Normen einer Mehrheit und deren Nichteinhaltung zum Haupt-
grund für Ungleichheit zwischen den Menschen gemacht. Divergierende
Ethiken seien die Keimzelle asymmetrischer Beziehungen. Mit der Ein-
führung der Grenze in die ethnologische Theorie (Barth 1969) wurde
klar, welch enorme Rolle äußerlich sichtbare Zeichen in der Abgren-
zung von Gruppen untereinander spielten. Auch auf der sprachlichen Sprache als
Ebene grenzt der Bewirtschafter der sozialen Weide sich von seinen Abgren-
Ressourcen ab, indem man sich eines Argots bedient, der den anderen zung,
S.229
unverständlich erscheint. Bei allen Argot-Sprechern, die ich getroffen
habe, wurde immer wieder betont, dass die Sprache ausschließlich für
die Abgrenzung in der Öffentlichkeit bestimmt sei. In ihren Familien
würden sie normales Tadschikisch, Persisch, Paschto usw. sprechen. So
behaupten sich die Zigeuner-Gruppen im Zwischenraum.
Das Feld der Souveränitätsbehauptungen ist groß. Wie Salo & Salo
anhand der Kalderash auf der Ebene der Gewohnheits-, Brauchtums-
regeln detailliert nachzeichnen, befinden diese als Abgrenzungsstra-
tegien vorgestellten Souveränitätsbehauptungen auf der deskriptiven
Ebene, sind vereinzelt aber sehr umfangreich (Salo & Salo 1977, 15-24).
Am systematischsten wurde Souveränität vielleicht auf dem Unter-
suchungsfeld des Rechts belegt (Weyrauch 2001). Bisher wurden nur
wenige Versuche gemacht, diese auch einmal theoretisch zu ergründen.
89
4. Die soziale Weide
Das Konzept der Kontrastkultur ist eines der wenigen Beispiele hierfür
(Streck 2004) (Ries 2007, 71-106).
Situationale Zugehörigkeit Eine eigene Ordnung zu haben und trotz-
dem Teil einer Umgebungsbevölkerung zu sein, führt in vielen Situa-
tionen zu einem ambivalenten Set an Zugehörigkeitsoptionen. Der
Ökonom auf der sozialen Weide sieht seine Ressourcen als Grundlage
seiner Tätigkeit und nur bedingt zu dieser zugehörig. Die Zugehörigkeit
ist situational, kontextgebunden und relational, also abhängig vom
Gegenüber. Je nach Situation präsentieren sich die mugat entweder
als eine Gemeinschaft, die sich abgrenzt gegen die Umgebungsgesell-
schaft, oder als eine Gemeinschaft, die ihre Gemeinsamkeiten mit der
Umgebungsgesellschaft betont. Abstrakt gesprochen konstituiert sich
die Gruppe situational, mal als Teil einer Gesellschaft oder als disparat
von ihr und bleibt dabei trotzem immer (räumlich, sozial usw.) Teil
dieser.
Das Rätsel der situationalen und ambivalenten Zugehörigkeit zur
Zigeuner-Gruppe und zur Mehrheitsbevölkerung wurde in der tsigano-
logischen Literatur schon oft diskutiert (Salo & Salo 1977, Okely 1983,
Streck 2004, Baker 2011, Günther 2008b, 18-26). Judith Okely brachte
dabei das Rätsel mit einem Bild aus ihrer Feldforschung auf den Punkt.
Eine Zigeunerin, die mit ihrem Sohn in der Einkaufsstraße betteln war,
rief ihren Sohn mit folgenden Worten:
”Don’t bother this lady, mong chave mong!”
Sie brachte damit auf Englisch zum Ausdruck, ihr Sohn solle end-
lich von einer Dame ablassen, auf Romanes aber sagte sie: Bleib dran
mein Junge, bleib dran! (Okely 1983, 165) Dies mag ein besonders
zugespitztes Beispiel von ambivalenter und situationaler Zugehörigkeit
sein. Diese Art der situationalen Zugehörigkeit ist dabei eine eige-
ne Technik der Abgrenzung. In der eigenen Ordnung bekommt diese
situationale Zugehörigkeit ihre Relevanz. So haben die Gruppen im
Zwischenraum immer mehrere Möglichkeiten, ihre Zugehörigkeit zu
beschreiben. Einerseits können sie etwa bei Rechtsstreitigkeiten auf in-
terne Ordnungssysteme zurückgreifen, andererseits können sie auch bei
90
4. Die soziale Weide
Institutionen der Mehrheit oder des Staates Genugtuung suchen. Auch
das ist einer der Eigenschaften des Zwischenraumes, Überlappungen
und Dopplungen zwischen der internen und der externen Ordnung zu
nutzen.
Der moralische Anspruch, einem eigenen Gruppenideal gemäß zu
leben, wird dabei nicht durch den wirtschaftlichen Erfolg, sondern von
vielen Faktoren bestimmt, die man kurz und treffend mit situational
beschreiben kann, die also nur in der Summe aller Situationen ein Bild
ergeben. Diese bergen, wie das obige Zitat von Judith Okely anschaulich Fremdheit,
zeigt, immer die Widersprüchlichkeiten des Zwischenraums in sich. Das S.151
Anrecht auf einen Platz auf der sozialen Weide kann mit performativer
Souveränität oder auch mit performativer Inferiorität unterstrichen
werden. So handelt ein fahrender Künstler anders als ein Bettler an
einem Heiligtum. Souveränität wie auch Inferiorität wiederum schaffen
Ferne, die zwischen Ökonom und den Ressourcen der Weide respektive
seinen Menschen bestehen muss, will der Bewirtschafter der sozialen
Weide nicht mit ihr verschmelzen. Es braucht für das Beanspruchen
eines Platzes auf der sozialen Weide ein großes Maß an Menschenkennt-
nis, kommunikative Erfahrung und eine ethische Begründung eines
Anspruchs auf einen Platz auf der sozialen Weide.
Die Ferne zwischen Zigeuner-Gruppe und Mehrheitsbevölkerung kann
durch verschiedene ethnogonische Muster begründet werden. Manchmal Ethno-
ist es das Motiv der Schuld bzw. der Schande, die über das derzeitige gonie,
Schicksal der Gruppe richten würde. Fehler von Gemeinschaften in S.117
der Vergangenheit begründen dann die Lage von heute (Casimir 1987).
Aber auch Motive der Übergeordnetheit, die Idee der Dummheit der
Bewirtschafteten sind auf der sozialen Weide zu finden. Bezeichnungen
für die Umgebungsbevölkerung wie havrig, gadžo, payo bedeuten Bauer,
bzw. Menschen, die nicht die eigene Schläue der Zigeuner-Gruppen
besitzen. Diese Bezeichnungen für Nichtzigeuner bzw. die Umgebungs-
bevölkerung erzeugen Abgrenzung und deuten die Überlegenheit der
Bewirtschafter der sozialen Weide gegenüber ihren Kunden und Gön-
nern an (Slezkine 2004, S.26f).
Die mugat z.B. differenzieren sich selbst von der Umgebung als
Bewohner eines anderen Ortes. So hoben sich die mugat, mit denen ich
91
4. Die soziale Weide
in Nordafghanistan sprach, von der Stadbevölkerung, in der sie lebten,
mit den Worten ab, die Umgebungsbevölkerung seien die “Leute, die in
der Stadt leben” (mardum-e ki shaharva ano istum). Die mugat lebten
zwar auch in der Stadt, aber als ein anderer Teil von ihr, an einem
eigenen Ort, der nur aus der Perspektive des Zwischenraums verstanden
werden kann. Zwar ist ihr Wohnort ein konkreter Ort und damit Teil
der Stadt, aus der Sicht der mugat Zigeuner jedoch ist ihr Wohnort
nicht Teil des Ganzen. Für die Außenstehenden ist dieser Ort ein Ort
der Zigeuner. Für die mugat ist er jedoch die konkrete Manifestation
des Zwischenraums und bekommt hier erst seinen eigentlichen Sinn. der
temporäre
Ort, S.133
Akzentwechsel Der Blick auf die soziale Weide ermöglicht einen
Akzentwechsel. Er sieht die Welt aus der Perspektive der Zigeuner-
Gruppen und verweilt nicht wie bisher in der Perspektive der sesshaften
Beobachter. Aus diesem Blickwinkel heraus wird der Bettler zu einem
souveränen Akteur und bleibt kein bloßer Empfänger von Almosen. Die
Annahme eines souveränen Akteurs wiederum wechselt das Interesse
von statischen Handlungsbeschreibungen zum tatsächlichen Umgang
mit wechselnden Erwerbsstrategien.
Die Tätigkeiten auf der sozialen Weide sind die konkreten kulturellen
Ausprägungen im Feld der Ethnographie. Für die Konkretisierung
der Charakteristika des Zwischenraumes ist vor allem die kulturelle
Einbettung der Option, auf die Handlungsebene der sozialen Weide
zurückgreifen zu können, wichtig. Es ist die option tsigana, die aus der
Sicht der lokalen mittelasiatischen Bevölkerung heraus die Gruppen zu
Zigeuner-Gruppen macht. Sie kann zwar verschiedene Ausformungen
annehmen, auf der Ebene des analytischen Vergleichs wird sie zu einem
wichtigen Instrumentarium.
Der Blick auf die soziale Weide erweitert den Blick auf die Zigeuner-
Gruppen der Welt. Mit Forschungen zur sozialen Weide kann der
Blick regional und ethnisch erweitert werden. Durch die Perspektive
der sozialen Weide nehmen wir im Senegal oder Mali Griotgruppen
(Tamari 1991), in Nigeria Hyänenführer (Hugo & Adetokunbo 2007),
in Äthiopien fahrende Handwerker (Escher 2002) und in Zentralafrika
verfehmte Königsritualisten wahr (Haberland 1962, Haberland 1964).
92
4. Die soziale Weide
Mit Betrachtungen zur sozialen Weide öffnen wir den Blick in Richtung
Indien und können im Spektrum peripatetischer Gruppen in Indien
tsiganologische Themen en masse finden.
Auf der analytischen Ebene erlaubt der Begriff der sozialen Weide ein
Ordnen des tsiganologischen Feldes. Anhand des Begriffs der sozialen
Weide kann man nun z.B. mobile Bettler, die nach Erfolg versprechen-
den Weiden suchen, von verarmten Stadtbewohnern unterscheiden, die
zwar wegen ihrer Bedürftigkeit sich von der Gesellschaft unterstützen
lassen, die aber nicht aktiv und mobil ihre Almosenchancen optimieren.
Sie handeln wie Handwerker, die annehmen, die soziale Gemeinschaft
würde sie schon benötigen bzw. ernähren. Der Grad der sozialen Einbin-
dung der Wirtschafter der sozialen Weide in die Umgebung ist damit
notwendigerweise unterschiedlich, auch der Grad ihrer Abgrenzung zur
Umgebungsbevölkerung. Diesen beiden unterschiedlichen Herangehens-
weisen, das Erdulden auf der einen und das aktive Handeln auf der
anderen Seite, unterliegen fundamental andere Denkweisen und damit
unterschiedliche Wirtschaftsethiken.
Wenn wir den Blick auf die Grundlage des Wirtschaftens, die soziale
Weide selbst richten und dann erst auf die Praxen einzelner Gruppen,
können wir nicht nur innerhalb ein und derselben Beschäftigung zwei
Herangehensweisen unterscheiden. Wir können hiermit auch zwischen
unterschiedlichen Beschäftigungen mit der gleichen Herangehensweise
Nähe herstellen.
So können zwischen dem Sammeln und Jagen auf der sozialen Wei-
de und dem Sammeln und Jagen der Wildbeuter – bei beiden han-
delt es sich um Extraktion und nicht um Produktion von Nahrung
(Thurnwald 1931, 86ff), (Howell & Willis 1989) (Barnard 2004) – Nähe,
ja sogar Kontinuitäten hergestellt werden. Das Spektrum kann trotz
seiner verschiedenen regionalen Ausformungen, historischen Kontexten
und unterschiedlichen lokalen relationalen Gefügen auch vergleichend
bearbeitet werden.
An dieser Stelle könnte auch der berühmte Stoßseufzer von Mark
Münzel positiv umgedeutet werden.
93
4. Die soziale Weide
”Zwei Jahrhunderte Zigeunerforschung und über 10.000 Publi-
kationen haben keine Ordnung in diese Stämme bringen
können.”,(Münzel 1981, 24)
Damit wäre in der wissenschaftlichen Diskussion ein Ordnungskrite-
rium gefunden, mit dem die “Stämme” nicht vereinheitlicht unter einer
Ordnung zusammengefasst werden, sondern auf einer gemeinsamen
Grundlage – der sozialen Weide – verglichen werden können. So schafft
die Kategorie der sozialen Weide und des tsiganologischen Spektrums
Raum und begrenzt ihn nicht.
Die soziale Weide und die mit ihr verbundenen Möglichkeiten des
ökonomischen Erwerbs bieten für unterschiedliche Praxen eine Ver-
gleichsebene. Alle Zigeuner-Gruppen schöpfen aus einem unterschiedli-
chen Reservoir von Optionen. Die Erwerbsebene der sozialen Weide ist
ihnen jedoch allen gemeinsam.
Auch wenn sich die durch die Tsiganologie studierten Gruppen Teil-
mengen dieser Praxen mit anderen, einzelnen Individuen in den Mehr-
heitsbevölkerungen teilen – z.B denen, die durch die Entsagung der
Weltlichkeit als Bettelmönche leben, oder Leuten, die auf Grundlage
ostentativer Armut und gesellschaftlicher Dissidenz in verschiedenen
Gesellschaften sammeln und ernten – unterscheiden sich tsiganologisch
studierte Gruppen und Individuen in ihrer Form, diese Lebensweise
innerhalb ihrer Gruppen eingebettet zu haben und zu reproduzieren.
Die optio tsigana ist hier der wichtigste Unterscheidungsmarker. In
Zigeuner-Gruppen geschieht dies nicht durch den bewussten Entschluss
einzelner Individuen wie bei buddhistischen Mönchen, Sadhus, Punks
oder anderen Lebenskünstlern. In Zigeuner-Gruppen ist die optio tsiga-
na und die soziale Weide in alle möglichen Bereiche ihrer alltäglichen
und damit kulturellen Praxen eingebettet, werden von klein auf er-
lernt und nehmen je nach zeitlichen, lokalen und gruppenspezifischen
Kontexten unterschiedliche Formen an.
94
5. Sammeln, Kairos & Spiel – ökonomische
Aktivitäten
1. Sammel- und Kairosökonomien
1.1. Sammeln auf der sozialen Weide
Ökonomische Strategien sind gewachsene Strategien. Beim Werden
und Wandel dieser Strategien müssen immer zwei unterschiedliche
Ebenen voneinander getrennt gesehen werden. Da gibt es einerseits die
ethnologische Meta-Ebene, auf der Wirtschaftsmuster modelliert werden
und andererseits die Mikroebene, auf der Einzelfälle in unterschiedlichen
familiären, gruppenspezifischen Kontexten beschrieben werden, die das
ökonomische Geschick beinflussen.
Dem Sammeln widmete sich die Ethnologie häufig auf der Basis
von statistischen Erhebungen (Kalorien) und haushaltsökonomischen
Fragen (O’Connell, Hawkes & Hill 1982, Rao & Casimir 1987). Ein
Meilenstein der Cambridger Jäger- und Sammlerforschung (Lee &
Daly 1999) jedoch konnte sich adäquat beiden Seiten widmen, der
Modell- wie der Mirkoebene. Hier wie in anderen Fallstudien wird immer
wieder die Nehmerschaft und die Wirtschaftsstrategie des Extrahierens
aus einer gebenden Umwelt betont (Ingold, Riches & Woodburn 1988,
Gowdy 1997, Gowdy 2006).
Dieser Idee der Extraktion hat, wie schon besprochen, der französische
Philosoph Michel Serres eine Denkfigur gewidmet. Er spricht von zwei
unterschiedlichen Gesellschaftstypen, die man in der Welt ausmachen
kann. Der erste Typ sind Gesellschaften, die im Tausch leben und
der zweite Gemeinschaften, die nehmen. Erstere sind auf das feste
Prinzip der Reziprozität, also der Gegenseitigkeit gebaut, die in diesen
Tauschgesellschaften gewisse Verteilungsgerechtigkeiten garantieren
soll.
95
5. Sammeln, Kairos & Spiel
Dem gegenüber gibt es Nehmergemeinschaften, die nicht auf Rezi-
prozität fußen, sondern auf einem Dreiecksverhältnis basieren. Hier
wird die Geradlinigkeit der reziproken Verhältnisse durch eine dritte
Instanz aufgebrochen. Diese Instanz bestimmt den Weg, über den das
Gegebene zum Nehmenden gelangt.
Auf das Sammeln auf der soziale Weide übertragen heißt das: Hier do-
miniert der Gedanke einer gebenden Umwelt. Die Gaben dieser Umwelt
verdanke ich dem Zutun einer transzendenten Kraft wie dem Glück1 ,
einer Gottheit oder eines ganzen Pantheon von ihnen. Transzendenz,
Geber und Nehmer stehen hier miteinander in einer Beziehung. Auf
welche Weise die Gabe zum Nehmenden gelangt, hängt nicht von den
handelnden Personen/Gruppen ab, sondern vom Schicksal, dem Ge-
schick, dem Glück, Gottes Ratschluss. . . die Kette der Instanzen kann
hier beliebig fortgesetzt werden. Nehmergemeinschaften stehen aber
nicht zwangsläufig Gebergesellschaften gegenüber. Nehmergemeinschaf-
ten leben auch vom Wald, von der Wüste, vom Meer. Sie leben in
Koexistenz mit einer Umwelt, die ihnen gibt. Ähnliche Versuche, aber
weniger auf Weltbilder fokussierte Darstellungen kamen von Julius
Lipps mit seinem Versuch über die Erntevölker (Lipps 1953) und von
Alison Betts zu den historischen Sleb auf der arabischen Halbinsel
(Betts 1989).
Das Sammeln auf der sozialen Weide folgt dem Extrahieren eines
Überschusses, was ich im Kapitel der sozialen Weide schon als surplus
diskutiert habe. Von diesem Überschuss wird auf der sozialen Weide
jeweils vom Klienten, Kunden oder Gönner nur ein kleiner Teil abge-
geben. Keiner, der auf der sozialen Weide zur Ressource wird, wird
substantiell genutzt. Nur in der Masse wird das Gegebene zur Gabe
(Piasere 1987).
Das Modell der Dreiecksbeziehung zwischen einer transzendenten
Kraft und zwei Subjekten hilft nun auch weiter im Verständnis einer
weiteren Facette der ökonomischen Strategien der mugat in Zentralasien,
1 Ähnliche Abhandlungen gibt es auch für europäische Zigeuner-Gruppen z.B.
(Olivera 2007)
96
5. Sammeln, Kairos & Spiel
einer Form der Glücksökonomie, die von mir Kairosökonomie genannt
wird.
1.2. Kairosökonomie
Viele mittelasiatische Zigeuner-Gruppen fallen der allgemeinen Bevöl-
kerung auf, weil hier die Frauen eine besonders sichtbare Rolle im
Gelderwerb für den Haushalt spielen. Sie gehen mit ihren Kindern,
manchmal vereinzelt, manchmal in großen Gruppen, in den Straßen
sammeln. Dass hierbei auch die Männer sich als Sammler von Flaschen,
alten Kisten, Kinderwagen usw. beschäftigen, ist bei der Stereotypen-
bildung, dass bei den Zigeunern nur die Frauen arbeiten gehen würden,
von geringem Gewicht. Die Überzeugung geht sogar soweit, dass die
Zigeunerinnen, so die Umgebungsbevölkerung, bei ihrer Verheiratung
dem Mann das Versprechen geben, sie würden ihn und die Kinder, ja die
gesamte Familie ernähren. Das Stereotyp der einseitigen Verantwortung
der Frau für das ökonomische Fortkommen der Familie geht jedoch an
der Realität vorbei. Denn Männer betätigen sich vor allem in einer
Wirtschaftsweise, die ich die Kairosökonomie nennen will.
Die offensichtliche Differenz in der beharrlichen, haushaltsorientierten
Sammlertätigkeit der weiblichen Hälfte der Familien und der gelegentli-
chen und marktorientierten Tätigkeit der männlichen Familienmitglie-
der lässt sich mit unterschiedlichen ökonomischen Strategien erklären.
Der weiblich dominierten Ökonomie des Sammelns steht eine männlich
dominierte Glücksökonomie, die Kairosökonomie gegenüber.
“KAIROS ist ein nackter Jüngling und griechischer Gott,
der lediglich einen Zopf auf seinem Hinterkopf trägt. Wenn
er vorbeigeht, muss man ihn an seinen Haaren packen, dann
ist einem das Glück hold.”
Eine Grundvoraussetzung für das Praktizieren der Kairosökonomie ist
das plötzliche Bereitsein, den unverhofften Vorteil zu nutzen. Die Option
des spontanen Aktivwerdens kann aber nur der verinnerlichen, dessen
Gemeinschaft solcherlei Ökonomie auch toleriert. Kursiert beispielswei-
se in einem mugat Wohngebiet (mahalla) das Gerücht, in einer anderen
97
5. Sammeln, Kairos & Spiel
Stadt gebe es gerade günstige Gelegenheit zum Ankauf von Gold, tun
sich im Nu mehrere mugat, die verwandtschaftlich, nachbarschaftlich
oder freundschaftlich verbunden sind, zusammen und formieren eine
Reisegruppe. Leiter dieser Reisegruppe werden diejenigen, die die jewei-
lige Route am besten kennen und über Netzwerkknotenpunkte entlang
der Reiseroute verfügen. Diese Reisegruppenleitung kann von einer Frau
oder einem Mann übernommen werden, das hängt von dem jeweiligen
Geschick und der Erfahrung ab. Zu den Leitungstugenden gehören
kommunikative Fähigkeiten, die nicht nur verbal sind (Mehrsprachig-
keit), sondern die auch Virtuosität der nonverbalen Kommunikation
beinhalten, d.h. dem bewussten Einsetzen von Frechheit und Demut,
Charme und Schroffheit. Reisegruppenleiter müssen genau wissen, wann
es wichtig ist, unterhalb des Aufmerksamkeitshorizonts zu verweilen,
und wann es wichtig ist, sein Anliegen direkt und zuweilen aggressiv
vorzutragen.
Die Kairosökonomie ist also eine Wirtschaftsweise, die eine sich
plötzlich auftuende Chance bzw. den günstigen Augenblick nutzt. Die
Wortbedeutung von Kairos kommt von der Wurzel kairio, das beim
Weben die Lücke zwischen den Kettfäden bezeichnet, durch welche
das Weberschiffchen mit dem Schussfaden hindurchschlüpfen muss
(Kerkhoff 1973). In der Wurzel wie auch in der Götterfigur sind also
Zeitlichkeit und Gelegenheit festgeschrieben.
Die Kairosökonomie geht als Art des Wirtschaftens von einem ein-
fachen Grundprinzip aus: zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein,
um ökonomisches Glück genießen zu können und mehr noch, wenn
die Gelegenheit verpasst wird, geht der Kairosökonom leer aus. Im
Kairosprinzip liegt somit ein enormes Risiko verborgen.
Kairos kann überall passieren und steht jedem zum kurzzeitigen
Glück zur Verfügung. Etwas anderes ist es aber, sich auf ihn einzulassen
und auf die Suche, auf die Jagd nach ihm zu gehen. Denn dann verlässt
man sich auf der Suche nach der richtigen Zeit und dem richtigen Ort
auf zwei an sich sehr labile oder prekäre Faktoren, denn so, wie Ort
und Zeit richtig sein können, so können sie auch einfach fehlen. Kommt
es also zum Ausbleiben von Kairos, hat man unter Umständen Haus
und Heim verlassen, vieles auf der Jagd nach Kairos investiert und
98
5. Sammeln, Kairos & Spiel
kann trotzdem leer ausgegehen. Der Umgang mit dem Missgeschick
muss verarbeitet werden. Es wird zuerst jedoch durch Erfahrungswissen
minimiert.
Verdichtungszonen der kairosökonomischen Gelegenheit
Markt, Familie, dörfliche Gemeinschaften, staatliche Institutionen ha-
ben ihre eigenen zeitlichen Referenzsysteme, die die Möglichkeiten einer
Kairosökonomie mit vorbestimmen (Waldenfels 1997). Eine wichtige
Grundvoraussetzung für die Kairosökonomie ist das Vorhandensein gut
ausgebauter Infrastrukturen, die eine Kommunikation und Transport
in einer bestimmten Region möglich machen. Es gibt also Bedingungen,
Zeiten und Orte, an denen Kairos gehäuft auftritt.
Instabile Zustände Es gibt immer wieder Zeiten, in denen die Träg-
heit eines politischen Systems oder einer Bevölkerung diejenigen bevor-
teilt, die diese Trägheiten nutzen, auch mit dem Risiko, in rechtliche
Grauzonen vorzustoßen. Doch soll das nicht heißen, dass alle, die in
dieser Zeit die instabilen Zustände zu nutzen wissen, mugat sind. Diese
können aus allen Bevölkerungsteilen kommen. Die Forschung zum infor-
mellen Sektor, die häufig auch die unregulierten oder überregulierten
Zustände lokalisiert, geht davon aus, dass diese von Individuen und
Gruppen genutzt werden, die eine längere Sozialisierung im informellen
Sektor hatten (Long 1978, Schamp 1989, Angermann 2006). Akteure
in diesem Handlungsbereich sind deshalb auch Zigeuner-Gruppen.
Grenzland, Zone, Gürtel Grenzland, bestimmte Zonen und der Gür-
tel von Großstädten (Lyotard 1998) werden von mugat für die Kairos-
ökonomie genutzt.
Eine der klassischen Orte, an dem asymmetrische Beziehungen ge-
radezu kultiviert werden, sind die territorialen Grenzen zwischen Na-
tionalstaaten, die durch Einfuhrzölle, Qualitätskontrollen usw. un-
gleiche Angebotslandschaften und daher Nachfrage schaffen. Hier sind
Schmuggler (Girtler 1995) die klassischen Akteure, aber diese agieren in
99
5. Sammeln, Kairos & Spiel
Zentralasien oft nur in Zusammenarbeit mit Anwohnern an der Grenze
und dem diensthabenden Zoll- und Wachpersonal (Angermann 2006).
Die Ethnologie der Grenze unterscheidet zwischen Grenzübergän-
gen oder markierbaren Begrenzungen (borders) oder einem Grenzland
(boundaries), das groß, weit und unreguliert jenseits von Imperien,
Staaten und Ordnungen liegt. Das klassische Grenzland ist vielleicht
der durch Hollywood berühmt gemachte “Wilde Westen”.
Passagen und Nichtorte Kairosökonomen transformieren Orte bzw.
nutzen sie um. Ein Versuch, diese Nichtorte in den Mittelpunkt zu
rücken, machte Marc Augé (Augé 1995). Nichtorte stellen nach ihm
eine Verbindung zwischen zwei Orten dar, die als Passage aber keinerlei
Bedeutung haben und die keine nachhaltigen Beziehungen entstehen
lassen. Das kann ein Umsteigetunnel zwischen zwei U-Bahnlinien sein,
eine Zugverbindung oder das Gedränge eines Basars. Diese Nichtor-
te werden von Glücksökonomen transformiert, als Orte umgedeutet
und bewirtschaftet. Der Übergang zwischen zwei Bahnstationen, die
Zugfahrt oder das Gedränge des Basars können hier wirtschaftliche Be-
deutung erlangen. Es ist der Zwischenraum der Mehrheitsbevölkerung,
der für die Kairosökonomen zu einem Ort der Kairosjagd werden kann.
Für die Mehrheitsbevölkerung ist eine Zugfahrt eine Zeit der Bewegung
zwischen zwei Punkten ohne besondere Bedeutung. Für Kairosökono-
men werden diese Zwischenräume ein Ort und die Gelegenheit zum
Handeln.
Zusammenfassung Kairosökonomie ist eine Form der Glücksökono-
mie, die diejenigen, die auf Kairos setzen, in sehr kurzer Zeit sehr
erfolgreich werden lassen. Sie können aber auch alles daran gegeben
haben, Kairos zu erhaschen und trotzdem mit leeren Händen zurückkeh-
ren. Wer sich also trotz des Verpassens der ökonomischen Gelegenheit
immer wieder auf Kairos verlässt, muss ihn auch kulturell in seine
eigene Ethik einbetten.
Einbettung ist laut Karl Polyani immer von drei Prinzipien begleitet:
der Solidarität einer Wirtschaftsgemeinschaft, ihrer Opferbereitschaft
sowie der Transzendierung eigenen Handelns. Die Kairosökonomie muss
100
5. Sammeln, Kairos & Spiel
diese drei Prinzipien einbetten, damit die Wirtschaftsweise überhaupt
funktioniert. Mehr noch, neben der Einbettung kann auch Kairos nicht
losgelöst von Raum und Zeit, also dem jeweiligen lokalen Kontext,
betrachtet werden, indem die mugat sich jeweils befinden. So hat jede
Region, jede Zeit ihre eigenen Referenzhorizonte, die in Bezug auf
die Betrachtung einer Kairosökonomie auseinander gehalten werden
müssen. Allein durch den Umstand, dass die mugat des nördlichen
Zentralasiens auf eine andere Infrastruktur zurückgreifen können als
die mugat im nördlichen Afghanistan und demzufolge auch andere
Mobilitätsoptionen haben, hat deren Kairosökonomie eine andere Aus-
prägung als die der mugat im nördlichen Zentralasien. Ebenso hatte
die Kairosökonomie in der Sowjetzeit einen anderen Referenzhorizont,
kannte andere Gelegenheitslandschaften als in der Zeit nach dem Fall
der Sowjetunion. Zuerst einmal aber ein Blick auf die tatsächlichen
Erwerbsstrategien und Gelegenheitslandschaften in Afghanistan und
dem nördlichen Mittelasien.
2. Ökonomisches Handeln in Afghanistan
2.1. Sammeln und Hausieren in Afghanistan
In Nordafghanistan gehen die mugat Frauen auf den Märkten und in
den Innenstädten sammeln. Dazu bilden sie zusammen mit Frauen aus Arbeits-
anderen mugat Gruppen in den Innenstädten und an heiligen Plätzen teilung,
Sammelverbände. Sie unterstützen sich z.B. bei der Kinderbetreuung, S.186
tauschen Neuigkeiten aus, beraten sich bei Fragen von Marktpreisen,
über aktuelle Ankaufpreise und gute Absatzmärkte. Doch sammeln
nicht allein die Frauen in den mugat Familien Nordafghanistans. Auch
die Männer gehen sammeln. Sie sammeln aber nicht für den täglichen
Eigenbedarf, sondern für den Markt. Hier tauschen sie gesammeltes
Gut gegen Geld. Einen dritten Bereich bilden die rituellen Kontexte,
in denen gesammelt wird. Hier wird die Almosensteuer (zakat) an
die männlichen Vertreter der Familien durch die Moscheen verteilt.
Außerdem sammeln die mugat durch das Zeigen von Bedürftigkeit
(hoduri) an den Haustüren in den Wohnvierteln Almosen.
101
5. Sammeln, Kairos & Spiel
Die Sammler übergeben teilweise ihr Gesammeltes den jeweiligen
Familienoberhäuptern. In meiner Gastfamilie in Nordafghanistan gaben
die jungen Frauen das Gesammelte der Ältesten im Familienverband,
meiner Gastmutter Gulˇgom baxši ab.
Hausieren Eine wichtige Nische der Zigeuner-Gruppen in Afghanis-
tan ist das Dezentralisieren des Marktes. Der Basar gilt neben der
Moschee als einer der wichtigsten Orte der Öffentlichkeit, und diese
ist im Islam gerade für die gehobenen Schichten der Bevölkerung mit
Restriktionen verbunden. Hier haben die Frauen oft keine freien Bewe-
gungsmöglichkeiten. Die Mobilität der Zigeuner-Gruppen ermöglicht
jedoch durch das Aufsuchen der Haushalte der Umgebungsbevölkerung
die Teilnahme am Markt. So kommt es den Frauen vieler Haushalte
der Mehrheitsbevölkerung entgegen, dass mugat Waren vor allem des
weiblichen Bedarfs direkt vor die Haustür bringen. Aufgrund der Aus-
grenzung der mugat aus den Heiratsbeziehungen gilt die Anwesenheit
von Männern und Frauen dieser Gruppen nicht als den Frieden des
Hauses gefährdend. Das kommt ihnen auch als Musiker zu Gute, da in
Afghanistan die Zigeunermusiker die einzigen sind, die bei Festen auch
der weiblichen Festgemeinschaft Musik vorspielen bzw. hier Sängerinnen
begleiten dürfen (Slobin 1976, 30-31).
Die organisatorischen Formen der hausierenden mugat variieren stark.
Frauen gehen häufig, wenn sie mutig und souverän genug im Umgang
mit der Mehrheitsbevölkerung sind, allein oder mit ihren Kindern von
Haus zu Haus. Junge Frauen gehen mit anderen jungen Frauen und
ihren Kindern in kleinen Gruppen. Männer wiederum gehen, wenn
überhaupt, dann nur mit kleinen Kindern von Haus zu Haus und die
Alten wiederum allein. Manchmal kann das Hausieren in die Tagesge-
schäfte ganzer Expeditionen eingebettet sein. Hier kommt es häufig
zur Arbeitsteilung von Männern, die im Zentrum eines Dorfes im öf-
fentlichen Raum agieren, und Frauen (allein oder in Gruppen), die von
Haus zu Haus gehen (Berland 1982, 95-112), (Olesen 1987).
Neben dem Angebot von Waren kommt es aber auch zum Sammeln
von in den Häusern überflüssigen Gegenständen: alten Schuhen, Klei-
dern, manchmal auch Naturalien. Auch Gegenstände vom Straßenrand
102
5. Sammeln, Kairos & Spiel
sammeln die Frauen in ihren Schnappsäcken. Diese Gegenstände sind
häufig klein und leicht transportabel.
Sammeln für die Tierhaltung Obwohl mugat keine Viehzucht im
Sinne von Herdenvermehrung betreiben, verfügen einige Haushalte
über eine Kuh und Pferde. Die Kühe werden am Ende des Jahres
geschlachtet, die Pferde für das buzkashi Spiel trainiert. Die Versorgung
der Kuh übernehmen die Frauen der Haushalte. Die kleinen Mädchen
sammeln das Heu vom Straßenrand. Die erwachsenen Frauen reagieren
auf die Bedürfnisse der Kuh. Sie kümmern sich um eventuell anfallende
Krankheiten, bauen improvisierte Schattenspender usw.. Die erwach-
senen Männer kümmern sich um die Bedürfnisse der Pferde und der
Tiere für den Markt.
Für den Markt züchten die mugat Pferde und Hunde. Die Hunde,
die sie hier verkaufen, sind immer spezielle Rassehunde für den loka-
len Markt wie afghanische Windspiele. Für diese Tiere sammeln die
mugat für den Eigenbedarf Naturalien, z.B. Futter vom Straßenrand.
Dies ist häufig Aufgabe der Kinder, besonders der kleinen Jungs, die
hierfür gesondert losgeschickt werden. Sie gehen die Straßen ab und Lebens-
zupfen Wildkräuter, holen in größeren Chargen Tamariskengestrüpp stationen,
mit Schubkarren von den Brachflächen und Wegrändern, um sie an das S.216
Vieh zu verfüttern.
2.2. Kairosökonomie in Afghanistan
In Mazar-e Sharif fahren die Taxis und Kleinbusse in die verschiedenen
Richtungen von jeweils einem anderen Parkplatz ab. So gibt es eine
Shibirgan Abfahrtstelle (bandare-shibirghan), eine nach Balkh, (bandare-
balkh) usw.. Hier sind zwar manchmal Impulswarenverkäufer, Siebma-
cher (ghalbirbaf ) usw. zu finden, aber nur in sehr eigenschränktem
Maße.
Das hauptsächliche kairosökonomische Betätigungsfeld, die Jagd
nach der günstigen Gelegenheit, bietet in der Stadt Mazar-e Sharif das
buzkashi Spiel, eine Art archaisches Pferdepolo. Die männlichen mugat
beschäftigen sich deshalb mit dem Zureiten von Pferden für das buzkashi
103
5. Sammeln, Kairos & Spiel
Spiel. Sind die mugat Pferde zugeritten, spielen sie entweder selbst in
den Spielen, lassen sich von einer Mannschaft anheuern und versuchen
durch das Spiel Geld zu gewinnen. Oder sie verkaufen die zugerittenen
Pferde an andere Reiter. Diese Tiere bringen einen hohen Gewinn
ein, der mehrere Jahreseinkommen einer Kleinfamilie bestreiten kann.
Diese Gewinne sind aber unkalkulierbar. Auch fressen die unterdessen
gehaltenen Tiere eine beträchtliche Menge an Geld wieder weg, so
dass eine Aufrechnung eine Pferdeverkaufes gegen die Einkünfte der
Sammlerinnen nicht möglich ist.
Ein buzkashi Pferd zu verkaufen, gelingt den mugat nur alle paar
Jahre. Es garantiert einen hohen Gewinn und der Verkauf eines Pferdes
könnte zu einem beachtlichen Reichtum für eine Familie führen. Doch
bleibt dieser Reichtum selten bei dieser Familie allein. Denn die Männer
aller Familien sind leidenschaftliche Spieler. Sie spielen neben Pferde-
spielen (buzkashi) mit Wachteln, manchmal auch mit Hunden. Für die
mugat sind in Mazar-e sharif der Wachtelkampf (bedonabozi) und das
Pferdepolospiel (buzkashi) die wichtigsten. Das buzkashi Spiel ist dem
Winter vorbehalten. Das Wachtelspiel kann ganzjährig stattfinden.
Die Gewinne, die man in der günstigen Gelegenheit erzielt hat,
können entweder in einer Heirat angelegt und dadurch auch wieder
vergemeinschaftet werden. Oder sie werden in Spielkreise, in denen jeder
männliche mugat Mitglied ist, eingespeist. Die Spielgemeinschaften sind
in Afghanistan nicht ethnisch oder nach Schichten getrennt. Beim Spiel
versammeln sich Spielergemeinschaften, die vor allem ihre Spiellust
und Leidenschaft teilen und hohe Summen von Geld gewinnen bzw.
verlieren. Es gibt wohl keine Gelegenheit oder keinen besseren Ort,
Kairos zu erhaschen als im Spiel. Im Spiel verdichtet sich der günstige
Augenblick Runde um Runde und kann durch das Prinzip Glück und
in den Tierspielen auch durch Geschick auf jeden Mitspieler verteilt
werden. Jeder kann hier durch Kairos begünstigt werden, aber auch
auf ihn setzen und scheitern. Das ist das Prinzip des Spiels.
104
5. Sammeln, Kairos & Spiel
3. Ökonomisches Handeln im nördlichen Zentralasien
3.1. Sammeln, Transformieren, Einspeisen
Die hauptsächliche Sammlertätigkeit dreht sich im nördlichen Mittel-
asien um den Komplex Sammeln, Transformieren und wieder in den
Markt einspeisen. Die häufigsten Dinge, die gesammelt und gleich in
den Wirtschaftkreislauf eingespeist werden, sind Schuhe und Kleider.
Es werden aber auch Sachen gesammelt, die erst transformiert werden
müssen, um sie neu in die Wirtschaftskreisläufe zu bringen. So werden
kaputte Holzgemüsekisten auf dem Markt gesammelt, auseinanderge-
nommen und neu zusammengesetzt. Auch alte Kinderwagen, die man
in den Wohngebieten sammeln konnte, werden repariert und wieder
auf den Markt getragen. In Taschkent fahren sie mit Eselskarren durch
die Wohnviertel (mahalla) und sammeln Altglas. In Kokand beliefern
sie die Schuhfabrik mit alten Schuhen, deren Sohlen eingeschmolzen
werden. Es gibt aber auch Gruppen, die auf Sammlertätigkeiten in
das gesamte Gebiet der ehemaligen Sowjetunion fahren. Alte Uhren
werden z.B. im großen Stil in russischen Gebieten gesammelt. Die Un-
ruhen dieser Uhren sind mit Gold beschichtet, dass dann zu Hause
ausgeschmolzen und auf dem lokalen Goldmarkt für Zahngold verkauft
wird.
In Kokand sammeln einige mugat Familien das Haar von Friseuren
der Stadt und bringen es zu den Perückenmachern von Buchara, eine
Reise von 900 km. Die mugat am Südbahnhof von Taschkent sammeln
Flaschen nur in der näheren Umgebung, die sie in den Haushalten zu
festgesetzten Tagen abholen und sie weiter an Zweitverwerter verkaufen.
Dieses Wirtschaften in Nischen ist temporär und wandelbar, da sich
durch Gesellschaftswandel immer wieder neue Nischen auftun, bzw.
lukrative Nischen wiederum aufhören zu existieren. Bei einer längeren
stabilen Wirtschaftslage kann es jedoch zu Spezialisierungen in der
Nischenwirtschaft kommen.
Eine jede Familie in den verschiedenen Zigeunervierteln im nördlichen
Mittelasien kann also (wenn auch nur temporär) eine bestimmte Spe-
zialisierung und fest gefügte Netzwerke aufweisen. Eine ist beispielweise
105
5. Sammeln, Kairos & Spiel
darauf spezialisiert, Haare aus Friseurgeschäften an Perückenmacher
zu verkaufen. Eine andere kauft und verkauft Antiquitäten, Ohrringe,
Broschen, Halsketten im Haustürgeschäft. Das Spektrum dieser Spezia-
lisierungen ist groß.
Im nördlichen Mittelasien ist das Sammeln für den Eigenbedarf nur
bei den Familien ausgeprägt, die sich auf die Bettelei spezialisiert haben.
Sie nehmen neben Geld auch schon mal Essen an. Die Bettelei spielt nur
für die Zigeuner, die in den Tourismuszentren Buchara und Samarkand
und in den Handelsmetropolen Taschkent und Kokand dem Betteln
nachgehen, eine verhältnismäßig wichtige Rolle. Im hohen Alter gehen
die mugat aber auch als religiöse Bettler (malang) auf Pilgerfahrt und
leben von dem Gesammelten: Geld, Zigaretten, Brot.
3.2. Kairosökonomie im nördlichen Zentralasien
Im Gegensatz zum allseits sichtbaren Sammeln auf den Basaren, Bus-
stationen und Bahnhöfen geht die Kairosökonomie häufig unbemerkt
von statten. Hatte beispielsweise ein mugat aus dem Wohnviertel in
Kokand die Möglichkeit, eine Reise nach Odessa zu machen, konnte
er sie auch zur Etablierung eines Netzwerkes nutzen. Er knüpfte am
Reiseziel Kontakte und baute so ein Netzknoten für sein wirtschaftliches
Netzwerk auf. Nun würde in einer Familie die weitere Verwandtschaft
auf dieses Netzwerk zurückgreifen können. Bekanntschaften und Ver-
wandtschaften im Wohngebiet ermöglichen eine schnelle Sammlung
von Reisepartnern zur Bildung von Reisegruppen, um diese Netzwerke
immer wieder zu nutzen.
Die freundschaftlich miteinander verbundenen Zigeuner innerhalb ih-
rer Community teilen unter sich. Die Zugänge zu den Kairosnetzwerken
wurden selbst im Sozialismus jenseits der Gruppenzugehörigkeiten zu
den mugat kaum genutzt. Sie betätigen sich als Netzwerker, die ein
Basarnetz von Odessa im Westen bis nach Wladiwastok im Osten
überblicken können. Es gibt aber auch die Jagd nach Kairos aus dem
Gürtel der Großstädte heraus in die Zentren der russischen Großstäd-
te wie Moskau, Novosibirsk usw.. Die mugat errichten im Gürtel der
Städte wilde Zeltcamps im Wald, von denen aus sie die Innenstädte für
106
5. Sammeln, Kairos & Spiel
kairosökonomische Expeditionen nutzen (Marushiakova & Popov 2007,
Abb. No.44-47).
Akteure aus Zigeuner-Gruppen, die diese Grenzübergänge nutzen,
sind meist verheiratete Frauen im fortgeschrittenen Alter. Diese sind
für die Grenzbeamten selten Zielscheibe von sexuellen Begehrlichkeiten
und werden außerdem nicht so hart bestraft, wie es ihren männlichen
Kollegen ergehen würde.
Gelegenheitslandschaften in der Perestroika Zeit In der Sowjetun-
ion waren die überregionalen Netzwerke der Zigeuner-Gruppen von
großem Vorteil. Das zeigte sich etwa daran, dass die Zeit der Stagnati-
on unter Breschnew zur „goldenen Ära der Zigeuner“ wurde. Die für
diese Zeit charakteristische Knappheit aller Güter eröffnete gerade den
Zigeunern ein weites Feld von Handelsmöglichkeiten. Charakteristisch
für die instabilen Zustände während der Perestroika waren Waren-
knappheit, vor allem von Fleisch. Auch das Verbot des Alkohols, das
die Schwarzbrennerei förderte, gehörte dazu wie neue Freiheiten auf
privatwirtschaftlicher Basis. Der Schwarzmarkt wurde entkriminalisiert
und der Basar aufgewertet. Hiervon profitierten diejenigen, die über
gute Netzwerke und Kommunikationskanäle verfügten. Allen voran
waren das in Russland wie in Mittelasien die Zigeuner-Gruppen, die
schon länger Spezialisten für translokale Netzwerke waren. Ihre Inte-
gration in weite Teile der Arbeitswelt befähigte sie, auf die Güter der
landwirtschaftlichen und industriellen Produktion zurückzugreifen. Das
verhalf ihnen zu ansehnlichem Profit (Marushiakova & Popov o. J.).
Die Jahre der Perestroika in der Sowjetunion (1986 – 1991) sind
Paradebeispiele für instabile Zustände, in denen jedoch niemals der
Grundpfeiler des Landfriedens, von denen die Handlungsfreiheit der
mugat Zigeuner entscheidend beeinflusst wird, ins Wanken gerieten.
3.3. Das rituelle Sammeln – der Ahnenkult
Im nördlichen Mittelasien gehen im heiligen Monat Ramadhan, in
dem die Spendenfreudigkeit der gläubigen Muslime besonders hoch
ist, mugat in Gruppen, Männer und Kinder mit Trommeln durch die
107
5. Sammeln, Kairos & Spiel
Wohngebiete, sammeln Geld und sprechen für jeden spendablen Geber
ein Gebet. Die Männer sind oft mit tragbaren Instrumenten, der kleinen
Trommel, einer Klarinnette (surnay), ausgerüstet. Selten sieht man
bei den Kindern auch ein Steckenpferd, das sie zur Belustigung der
Bevölkerung reiten und damit den Unterhaltungwert ihrer Gruppe
erhöhen: Der Ramadhan gilt im Leben eines muslimischen mugat als
eine besonders heilige Zeit, in der das Sammeln von Almosen eine
religiöse Pflicht ist.
Spricht man mit mugat im nördlichen Mittelasien, wird immer wieder
betont, dass dieses rituelle Sammeln2 im Ramadhan eine religiöse
Pflicht für sie darstelle und sie dies tun, um sich ihrer Ahnen würdig zu
erweisen. Das rituelle Sammeln wird damit nicht nur in den Kontext des
heiligen Monats Ramadhan eingebettet, sondern zusätzlich mit einem
Ahnendienst gleichgesetzt. Dieser Ahnendienst helfe, das Andenken an
die Ahnen lebendig zu halten. Wer wegen dringender Tagesgeschäfte
das Betteln kaum einrichten kann, der geht wenigstens für einen Tag
im Monat Ramadhan betteln.
Das Bettelgebot der mugat wird noch oft in Bezug auf ihr Selbst-
verständnis, ihre Tabuvorstellungen usw. erwähnt werden. Die Vorstel- Bettelgebot,
lung, ohne Betteln das Andenken an die Ahnen zu verletzten, wird S.151, 206
vor allem im Norden, also im heutigen Tadschikstan und Usbekistan,
tradiert. In Afghanistan ist das Betteln der mugat eine so alltägliche Er-
scheinung, dass diese nicht auf der Ebene des bewussten Umgangs mit
dem eigenen Selbstverständnis zu finden ist, sondern in der alltäglichen
Praxis. Hier wurde mir zwar auf Nachfrage bestätigt, dass das Betteln
auch etwas mit Ahnendienst zu tun hat, wurde aber nicht in solch
kanonisierter Form wie im Norden vorgebracht. So kann eine alltägliche
ökonomische Praxis auch auf die Ebene der religiösen Praxis wandern,
wenn die Tätigkeit durch die Integration in das Ressourcenspektrum
2 Der rituelle Aspekt von Bettelei wurde auch von Elisabeth Tauber in Norditalien
beleuchtet. Auch hier gehen Frauen, die keinerlei ökonomische Veranlassung
haben müssten, zu den Bauernwirtschaften betteln. Betteln (te mangel) war z.B.
auch wichtiger Sozialisationspunkt für die deutsche Ethnologin in der Südtiroler
Sinti Familie (Tauber 2008).
108
5. Sammeln, Kairos & Spiel
der Umgebungsgesellschaft zu einer überkommenen bzw. veralteten
Überlebensstragie geworden ist.
Ausdifferenzierung durch Integration Seit den 1920er Jahren sind
im sowjetischen Zentralasien Bemühungen nachweisbar, die versuchten,
allen Teilen der Bevölkerung einen gleichberechtigten Zugang zu allen
Arbeitsfeldern der damaligen Sowjetunion zu ermöglichen (Shapiro 1927,
136-142). Die Integration durch Arbeit eröffnete den Zigeuner-Gruppen Geschichte,
im sowjetischen Mittelasien neue Möglichkeiten. Dadurch, dass sie Zu- S.126
gang zu den großen Strukturen bekamen, konnten sie diese auch bestens
für eigene Zwecke nutzen. Dem gelernten Lastwagenchauffeur (in diesen
Beruf gingen viele Jugendliche aus mugat Kreisen), kam eine wichtige
Bedeutung zu (Gatelier 2004). Auch die familiäre Mischwirtschaft, d.h.
die Etablierung der Familienmitglieder in alle möglichen Institutionen
und Versorgungseinrichtungen, wurde von vielen Zigeunerfamilien prak-
tiziert. Diese Mischwirtschaft (einer bei der Polizei, einer im Gaswerk,
einer beim Zoll) war gängige soziale Praxis in Mittelasien. Von ihr
konnte profitieren, wer die Familie gut zusammenhalten konnte.
Diese Integration durch Arbeit wurde mit dem Ende der Sowjetunion
nicht mehr so stark praktiziert. Nach der Unabhängigkeit 1991 bekam
die ethnische Zugehörigkeit wieder mehr Gewicht und der Zugang in
die Berufswelt wurde durch das Knüpfen neuer Beziehungsnetzwerke
erschwert. Offen stehen den mugat die Lehrberufe, in denen sie selbst Lebenswege,
schon ihre Vertreter etablieren konnten. Das ist von Stadt zu Stadt S.219
ganz unterschiedlich.
4. Das Wirtschaften der Zwischenraumkulturen
4.1. Das Sammeln auf der sozialen Weide
Dem Sammeln verdankt die Familie ein leidlich regelmäßiges Einkom-
men und damit einigermaßen eine Verlässlichkeit der Ernährung. Durch
die verschiedenen technischen Kontexte, in denen sich die Sammler
befinden, kann der Schnappsack von einem Eselskarren ersetzt worden
sein, mit denen die mugat in Taschkent Altglas sammeln. Er kann
109
5. Sammeln, Kairos & Spiel
durch einen Handwagen, eine Schubkarre oder eine Motorradriksha
eingetauscht werden. Das Prinzip ist jedoch das gleiche. Bei der Sammel-
arbeit kennt der Sammler die Plätze, an denen zu bestimmten Zeiten
bestimmte Gaben der Natur und Gaben der Menschen zu holen sind.
So ist ein mehrfach herausgestelltes Charakteristikum der Zwischen-
raumkulturen, die Mobilität als Wirtschaftsoption zu nutzen, tief in
die Sammeltätigkeit eingebettet.
Gewöhnlich geht der Sammler in Gemeinschaft seiner Kinder hinaus,
die von frühester Jugend an ertragreiche Plätze kennenlernen. Ein
weiterer wichtiger Punkt beim Sammeln auf der sozialen Weide ist die
Fähigkeit zur Kommunikation, denn häufig sammelt man nicht nur
das Liegengebliebene, sondern fragt in Wohngebieten auch nach alten
Kleidern, Schuhen oder Flaschen. Das schließt neben der verbalen die Sprach-
nonverbale Kommunikation mit ein. Diese muss durch frühe Sammler- verhalten,
tätigkeit in der Praxis erlernt werden. Das Sammeln ist ein Komplex, S.228
der sich aus den Tätigkeiten Sammeln, Transformieren und Einspeisen
zusammensetzt.
Bei allen Gemeinsamkeiten ergeben sich zwischen den Gruppen, die in
Nordafghanistan und im nördlichen Mittelasien sammeln, Unterschiede.
Denn ihre unterschiedlichen Mobilitätsmuster zeitigen unterschiedliche
ökonomische Strategien. Revier &
In Afghanistan sind die mugat darauf angewiesen, dass sie ihre Route,
Aufenthaltsorte so sorgfältig auswählen, dass sich das Überwintern S.168
und das Einrichten in Häusern für sie in ihrem Revier auch lohnt.
Kann ein Revier das nicht leisten, werden diese Orte entweder nur
temporär im Sommer angesteuert oder eben zu dem Zeitpunkt, an dem
sie lohnenswert erscheinen. Das ist vor allem bei temporären Märkten
der Fall, die z.B. von Viehnomaden nur im Herbst besucht werden
(Ferdinand 1962, Grötzbach 1976). Doch die gegenwärtige Situation,
in der die Sicherheitslage die sichere Reise zwischen den Städten nicht
erlaubt, lässt die mugat nur Orte aufsuchen, die ihnen als ganzjähriges
Revier ein Auskommen garantieren. Im Gegensatz zum Sammeln im
Revier sammeln die mugat im nördlichen Mittelasien entlang etablierter
Routen. Sie bilden hierfür stabile Netzwerke aus, die zum Teil sogar
recht enge Spezialisierungen erlauben.
110
5. Sammeln, Kairos & Spiel
In Usbekistan und Tadschikistan sind die Arbeitsfelder der mugat
Gruppen diversifizierter als in Afghanistan. Bestimmt durch große
Infrastrukturen im nördlichen Mittelasien können mugat dort auch auf
große Gelegenheitslandschaften zurückgreifen. Ihre Mobilität bringt sie
problemlos auch in die großen Metropolen des Ostens und des Wes-
tens der ehemaligen Sowjetunion. Die Zahl der Gelegenheiten zwischen
St. Petersburg und Wladiwostok ist relativ groß. Die Stabilität des
Wirtschaftsraumes der ehemaligen Sowjetunion ermöglicht die Spezia-
lisierung vieler Familien auf eine bestimmte Nische, die schon einige
Jahrzehnte relativ stabil bewirtschaftet werden kann. Das führt zu einer
Vielzahl von parallelen Netzwerken einzelner Familien. Diese können in
bestimmten Fällen auch zusammengelegt werden, wenn sich zwei oder
drei unterschiedlich spezialisierte Familien zu einer größeren Expedition
zusammenschließen. Hier liegen dann mehrer Gelegenheitslandschaften
zusammen und erhöhen die Chancen auf Erfolg.
In Afghanistan sind Gelegenheiten nicht bestimmt durch große Netz-
werke, sondern durch intensive Beziehungen zur Umgebungsbevölkerung.
Zwar gibt es beispielweise den Kostgang zu großen Festen überall
in Zentralasien, doch ein tägliches Essen von Zigeunerfamilien auf
der Schwelle der Häuser bestimmter, ihnen besonders verbundener
Familien konnte ich nur in Afghanistan beobachten. Auch pflegen die
mugat zu ihren spirituellen Führern (pir) eine enge Beziehung und
bitten diese auch um Hilfe in ökonomischen Fragen. So führt also
das Wirtschaften in bestimmten Revieren auf die Dauer zu festen
Beziehungen zur Umgebungsgesellschaft, die jedoch auch immer von
der Zeitlichkeit des Aufenthaltes der mugat Lager begrenzt werden. Die
nördlichen mugat Gruppen handeln in weit ausgespannten Netzwerken
und haben ebenso dauerhafte Knotenpunkte und damit Verankerungen
in der Umgebungsgesellschaft. Diese sind vielleicht zahlreich, aber nicht
von der gleichen Intensität wie die Beziehungen zwischen Patronen
und mugat in Nordafghanistan. Zwischen Temporalität und Intensität
solcher Beziehungen besteht kein Widerspruch, da häufige Ortswechsel
eben immer auch häufige Absprachen mit den jeweiligen Ortsverwaltern
und Grundstücksbesitzern nach sich ziehen. Patronagebeziehungen sind
111
5. Sammeln, Kairos & Spiel
bei temporären Ansiedlungen von größerer Wichtigkeit als bei sesshaft
verwurzelten, in Zigeunervierteln geschlossen lebenden Gruppen.
4.2. Der Zwischenraum und die Kairosökonomie
Der Zwischenraum ist bestens auch auf die Fexibilität in der Kairos-
ökonomie eingestellt. Für Kulturen, in denen Improvisieren und das
Anpassen an Umgebung zur Lebenserfahrung gehören, kann Kairos
besonders oft eine Glück versprechende Option sein. Kairos kann überall
sein. Doch gibt es Orte, an denen er gehäuft auftritt. An diesen Orten
verdichten sich die Gelegenheiten. So unterschiedlich die Beschaffenheit
und Spezifika solcher Orte sein können, haben sie doch Gemeinsam-
keiten: Sie verlangen Flexiblität, Mehrsprachigkeit, Mobilität und die
Fähigkeit, mit dem wirtschaftlichen Misserfolg bzw. Verlust umgehen
zu können.
Wenn Max Weber vor allem vorausschauendes Handeln und langfris-
tiges, strategisches Planen als das Charakteristikum des Wirtschaftens
beschreibt (Weber 1980 [1922], 32), dann passt die Kairosökonomie
nicht in das Bild herkömmlicher Wirtschaft. Sieht man die Kairosökono-
mie aus der Perspektive des Spiels, wird ein wichtiges Charakteristikum
dieser Wirtschaftsweise deutlich. Wenn Kairosökonomie als Glücksöko-
nomie ein Spiel wäre, dann gäbe es hier kein Kapital, sondern einen
Einsatz. Die Wirtschafter wären Spieler und die Kairosexpeditionen
Teil ihres Spiels. Wird das Spiel gewonnen, vermehren sich die Einsätze,
wird es verloren, dann geht es in die nächste Runde. Vorausschauendes
Handeln und Ratio wird hier durch ein System ersetzt, das wie das Spiel
seine eigene Logik hat. Distribution und Speicherung sind auch hier
vorhanden, doch liegen den rationalen Prinzipien von Distribution und
Speicherung das Spielprinzip von Glück und Geschick zugrunde. Dieses
Spiel tritt in Afghanistan ganz offen im wirtschaftlichen Handeln der
mugat Männer zu Tage. Im nördlichen Mittelasien findet dieses Spiel
seine Parallele im Risiko, das in den Kairosexpeditionen liegt, ersetzt.
In der wirtschaftlichen Ratio verschließt sich die Glücksökonomie einer
Erklärung, nicht jedoch im Spiel.
112
5. Sammeln, Kairos & Spiel
Was aber sagt diese Ersetzung von wirtschaftlichem Handeln durch
das Spiel für die Kulturen des Zwischenraumes aus? Ist sie eine Ein-
bettung der Charaktersitika der sozialen Weide in den Umgang mit
dem wirtschaftlichen Glück? Ich habe schon darauf hingewiesen, dass soziale
soziale Weiden häufig aggressiv auf die Bewirtschafter der sozialen Weide, S.85
Weide reagieren können, gerade, wenn sie als Nehmergemeinschaften
im Verdacht stehen, mehr zu haben als ihnen als Bedürftige zustehen
würde. In einer solch schwierigen Umgebung ist das Verlagern des
wirtschaftlichen Glücks in die Sphären des Spiels ein nachvollziehba-
rer Prozess. Hier erzielte Gewinne basieren nicht auf wirtschaftlichem
Erfolg, korrespondieren aber mit den Charakteristika des Zwischenrau-
mes, mit wirtschaftlichem Misserfolg und dem Verlust eines Einsatzes
gut zurechtzukommen. Auch gilt der Spieler in den Augen der Um-
gebungsbevölkerung häufig als Leichtfuß, eine Denkweise, die dem
Bewirtschafter des Zwischenraums die gleiche Augenhöhe verwehrt.
Im Verlust wiederum wiederholt sich ein Muster, das sich ebenso in
der Siedlungsstruktur, sozialen Beziehungen zur Umgebungsbevölke-
rung und anderen Sphären wiederfinden lässt, die Abhängigkeit von
außerhalb des eigenen Handelns liegenden Faktoren. Der zyklische der zigeu-
Charakter von Auf- und Abbau des Wohnortes, die stetige Neukonstitu- nerische
ierung von Beziehungen bei Lageraufbruch und Neuankunft an anderen Ort, S.144
Plätzen verweisen auf ein Leben mit einem stetigen Neuanfang, was
die Einbettung des Verlustes im kairosökonomischen Handeln leichter
macht; ein grundlegender Punkt in der Konstitution der mugat als
Zwischenraumkulturen. Das Spiel garantiert auch die Umverteilung von
vorhandenem Geld unter den spielenden Männern und gewahrt so eine
wirtschaftliche Gleichheit unter den Spielern (Stewart 1997, 164-180).
5. Ökonomische Kooperation
Kairos wird nicht gelernt, sondern gewagt. Nicht alle Mitglieder einer
mugat Gruppe entschließen sich zu diesem Wagnis. In einigen Fällen
ist die Wahl der Wirtschaftsstrategie geschlechterspezifisch wie z.B. in
Afghanistan, wo Frauen einen besonders sanktionierten Zugang zur Ge-
sellschaft haben. In einigen Fällen ist die Wahl der Wirtschaftsstrategie
113
5. Sammeln, Kairos & Spiel
abhängig von der persönlichen Sozialisierung der Einzelnen und sei-
nen Fähigkeiten. Manches Mal sind Zeitumstände, Gelegenheiten und
der Einfluss der sozialen Weide für die Wahl der Wirtschaftsstrategie
zuständig. So kann man nicht zwischen Frauen- und Männernischen
verallgemeinern. Mugat Zigeunerinnen sind nicht weniger Kairosjäger.
Auch in Afghanistan, wo für die Frauen die Mobilität eingeschränkt
wird, ist mugat Frauen die Mobilität möglich. Sie gelten als sozial Nied-
rigstehende, als quasi-unberührbar. Nur scheinbar dominieren hier die
Männer als Kairosökonomen. Spielergemeinschaften stehen jedoch nur
ihnen offen. Im nördlichen Mittelasien sind Frauen sogar die häufigeren
Kairosjäger als Männer, denn durch die restriktive Grenz- und Zollpo-
litik an den Nationalstaatsgrenzen der ehemaligen Republikgrenzen,
ist es Frauen leichter, die Grenzübertritte unbeschadet zu überstehen.
Wenn also die Tätigkeitsfelder nicht gender-spezifisch aufgeteilt sind,
ist ein Punkt jedoch wesentlich: Bei den mugat Zentralasiens kann
man überall eine ökonomische Kooperation zwischen den Geschlechtern
beobachten. Die ökonomische Kooperation zwischen den Geschlechtern
ist hier das entscheidende Merkmal aller Zigeuner-Gruppen. Männer
und Frauen gehen gleichermaßen berechtigt ihren Tätigkeiten nach.
Auch ist die ökonomische Tätigkeit der Frau gleich wichtig zu der des
Mannes. Von einer männlichen Dominanz in den Haushalten kann man
also in der Regel nicht reden.
114
6. Große Geschichte – Kleine Geschichte
Und die Leute sagten uns: “Ihr seid schon immer frei gewesen, seid auch
weiterhin frei. . . ”1
1. Geschichtskonzepte
Geschichte kann verschieden archiviert werden. Sie kann aufgeschrie-
ben, erinnert oder tätowiert werden. Einige Wissenschaftler gehen
sogar davon aus, dass im Umgang mit Geschichte strategische Praxen
gegenüber Staatlichkeit, Regierung und Gesellschaften herauszulesen
sind. So sei im Umgang mit der Schrift und dem Erinnern bei postli-
teraten Gruppen in den Bergen von Südostasien (Geusau 2000) eine
strategische Positionierung gegen Staatlichkeit zu erkennen, die sich
in sozialer Fragmentierung, Akephalität, dem Mündlichen als Mittel
der Kommunikation und der Erinnerung als Mittel der Archivierung
ausdrücke (Scott 2009, 220-237). Dies ist noch keine Absage an Ge-
schichte. Sie wird höchstens in den Raum der Mündlichkeit verlagert.
Claude Levi Strauss war da mit seinem Postulat radikaler. Er fand,
dass es keinen Grund gebe, zwei Dinge, die passieren, in der Gegenwart
in irgendeinen kausalen Zusammenhang bringen zu müssen, es sei denn,
die Menschen wollen es so (Lévi-Strauss 1968, 295-301). Vielmehr sei
das Leben ein Balance schaffender Akt, der Vergangenheit und Zukunft
aufeinander abstimme (Lévy-Strauss 1971). Damit wies er eindrück-
lich auf den konstruierenden Charakter von Geschichte hin und den
Konstruktionswillen von Menschen und Gemeinschaften.
In der Tsiganologie ist die Frage, ob Geschichte bzw. die Erforschung
von Geschichtskonstruktionen mit den Selbstbildern und Zeitkonzepten
von Zigeuner-Gruppen vereinbar sei, kontrovers diskutiert worden. Tat-
sächlich waren viele Forscher bei ihren Feldforschungen verblüfft, wenig
1 Dastagir, Mazar-e Sharif, Afghanistan, 11.09.2008
115
6. Große Geschichte – Kleine Geschichte
Auskunft zu historischen Ereignissen zu bekommen. Michael Stewart
konstatierte, dass die von ihm untersuchten Zigeuner Ungarns wenig
von Geschichte halten (Stewart 1997). Auch die spanische Ethnolo-
gin Paloma Gay y Blasco schrieb, Geschichte sei eine Angelegenheit
der Mehrheit, die Minderheit lebe im Moment (Gay y Blasco 2001).
Innerhalb des Gießener Arbeitskreises legten Mark Münzel und Bern-
hard Streck mit ihrem Befund der Geschichtslosigkeit unter Zigeuner-
Gruppen der Sinti Deutschlands die Theorie auf, dass das Nichthaben
von Geschichte als Widerstand der Zigeunergemeinschaften (kumpania)
gegen die Mehrheit und den Staat gesehen werden könne (Münzel 1981).
Die Verweigerung einiger politischer Romaorganisationen, Einblicke in
das Innere, Einsichten in ihre Kultur zuzulassen, erinnert an diesen
Befund.
Patrick Williams war in der Tsiganologie der Erste, der Geschichts-
pflege auf der Ebene des Totengedenken entdeckte und beschrieb
(Williams 2003). Elisabeth Tauber schließlich fand andere Ebenen und
Bereiche von Geschichtspflege. Bei ihrer Forschung spielte die Erinne-
rung an frühere Wanderungen, an Wagenplätze, die zum Schweifgebiet
der Tiroler Sinti gehören, eine Rolle. Das bot Anlass zur Geschichts-
pflege. Darüber hinaus akzentuierte sie das Schweigen, denn im Schwei-
gen über Geschichte liege das Einverständnis, diese zwar untereinander
zu kennen, aber nicht verhandeln zu müssen (Tauber 2006, 60, 238-242).
In Bezug auf geschriebene, also archivierte Geschichte entdeckte
Katerin Gatelier im nördlichen Mittelasien weitere Ebenen des per-
sönlichen und kulturellen Gedächtnisses. Für die von ihr interviewten
Frauen waren Tattoos geschriebene Geschichte. Tattoos wurden aufge-
tragen, “um nicht zu vergessen”. In ihnen sei die Geschichtserzählung
aufgehoben, eine zutiefst persönliche Geschichte, die keinen Anschluss
an eine kollektive Makrogeschichte brauchte (Gatelier 2004, 271-274).
Darüber hinaus haben Tattoos bei mugat Zigeunern auch immer wieder
eine transzendete Bedeutung. So gibt es bei den mugat in Afghanistan
und dem nördlichen Mittelasien ein breites Zeichensystem von Tattoo-
zeichen gegen Krankheiten, Unglück und zum Schutz vor sonstiger
Unbill. Die mugat schreiben also auf ihre Haut, jedoch schreiben sie
116
6. Große Geschichte – Kleine Geschichte
keine Bücher.2 Allein daraus lässt sich ein ganz eigener Bezug zur
Vergangenheit ablesen. Er ist stark personalisiert und sucht keinen An-
schluss an eine Makrogeschichte. Den Befund einer personalisierten bzw.
persönlichen Geschichte finden wir in vielen Zigeunerkulturen wieder.
Elisabeth Tauber und Leonardo Piasere trennen in der Geschichtsre-
zeption bei den Sinti bzw. Manouches zwischen “kleiner Geschichte”
(Lebensgeschichte) und “großer Geschichte” (Geschichte der Gemein-
schaft) (Tauber 2006, Piasere 2000).
2. Ethnogonien
In der Ethnologie kann man seit Wilhelm Emil Mühlmann zwei grund-
sätzlich unterschiedliche Herangehensweisen nachweisen, Gruppenbil-
dung zu erklären. Die eine ist die faktisch, archäologisch, historisch
rekonstruierbare Gruppenbildung, auch Ethnogenese genannt. Sie geht
von sogenannten historischen Fakten, Urkunden, Namensgleichheiten,
Chroniken usw. aus. Die andere, die Ethnogonie, ist die erzählte und
geglaubte Geschichte (Mühlmann 1985). Diese wiederum eignet sich
nicht nur dazu, Gruppenbildungsprozesse und deren Widerspiegelung
in den mugat Gruppen zu untersuchen. Ethnogonien können Quelle
einer eigenen Geschichtsauffassung sein.
Die Zigeuner auf beiden Seiten des Amudarjas haben ethnogenetische
Prozesse durchlaufen. Sie nennen aber auch Ethnogonien ihr Eigen.
Um dem Heute einen Sinn geben zu können, nutzen Menschen häufig
Geschichte. Über die Erzählungen aus der Vergangenheit konstituiert
sich ihre Welt von heute. Dabei ist die Frage, ob diese Geschichten wahr
oder falsch sind, für seine Erzähler unerheblich.3 Denn der Mensch, der
die Geschichte erzählt, seine Motive, kurz, seine kulturellen Interpreta-
2 Ausnahme ist hier wohl Chol Nazarov, ein mugat aus Samarkand, der als
Folklorist und Historiker sich der Erforschung seiner eigenen Ethnie angenommen
hatte. Nach 1990 jedoch wiederrief er alle seine zu Sowjetzeiten formulierten
Ansichten und möchte auch nicht mehr mit ihnen in Verbindung gebracht werden.
3 Es sei denn, er erzählt Geschichten absichtlich falsch, das sogenannte Mimi-
kry. Dieser Fall ist aber bei meinen in folgenden vorgebrachten Fallbeispielen
auszuschließen.
117
6. Große Geschichte – Kleine Geschichte
tionen, stehen hier im Mittelpunkt der Betrachtung und nicht in erster
Linie ihre Faktizität (Bargatzky 2007, Assmann & Müller 2005).
Animal symbolicum Die frühesten Zeugnisse von Menschen, die auf
eine religiöse Vorstellung schließen lassen, zeigen höchstwahrscheinlich
Totenkulte. Unklar ist bisher, ob diese Totenkulte eine animistische
Prägung hatten oder Ahnenkulte waren. Das spielt auch für die Be-
lange dieser Arbeit keine Rolle. Viel wichtiger sind die differenzieren-
den Qualitäten religiöser Dimensionen im Ahnen- oder Animistenkult
(Haarmann 2007). Denn wer ein Totemtier sein Eigen nennt, ist nur aus
diesem hervorgegangen bzw. nur mit ihm seelenverwandt, er ist sein
Schutzgeist. Er denkt ihn nicht als Universalie, sondern vereinnahmt
ihn für sich und seine Gruppe, ob nun Sippe oder Klan. Wer sich als
Nachkomme eines heiligen Tieres sieht, hat eine Wahl getroffen und
kann nicht gleichzeitig auch ein anderes Tier als solches akzeptieren.
Als die Menschen begannen, Bilder auf Felswände zu malen, dick-
bäuchige Madonnen in ihren rauhen Fingern zu kneten, also religiöse
Gedanken zu formulieren, da zeigten sie des Menschen hervorstechends-
tes Merkmal: die menschliche Aneignung der Welt über Bilder und
Symbole. Wer sich nun wiederum Bilder, Symbole, am Ende Geschichte
aneignet, der nimmt sie auch zeitgleich jemandem anderen weg. Auf
diese fast banale Feststellung vom Phänomen der Aneignung machte
Gerd Spittler (Spittler 2002) aufmerksam. Diese Aneignung wiederum
muss zur Geltung gebracht werden und sich Generation um Generation
erneut Geltung verschaffen. Diese komplexen Vorgänge bedürfen Zeit
und enormer gesellschaftlicher Anstrengungen, denn konkurrierende
Aneignungen von Geschichte müssen immer wieder verdrängt werden.
Eine weitere Folge der Aneignung stellte sich heraus: Die gesamte
Umwelt des Menschen wurde in ihrer Aneignung und Wiedergabe eine
symbolische Umwelt. Husserl nannte diese Welt konstituiert.
“Indem wir die Reizgestalten produktiv umsetzen in Bilder,
verleihen wir ihnen einen Sinn, eine Bedeutung und einen
Stellenwert, den sie „als solche”, d. h. als „hyletische Daten“
(Husserl) nicht haben [. . . ] Es tritt gleichsam eine zweite
118
6. Große Geschichte – Kleine Geschichte
Welt neben die erste, eine Welt der Fiktion, wenn man
will. Das Erdichtete und das Mythisierte, das Dämonisier-
te und das Dramatisierte wirken auf uns und bestimmen
unser Handeln genauso und oft stärker als ein unmittelbar
beobachtetes reales Geschehen (Mühlmann 1962, 32).”
Einen statischen geschlossenen Zustand in dieser Weltdeutung gibt
es nicht. Die Auseinandersetzung des Menschen mit dem Weltsinn ist
immer auch eine Auseinandersetzung mit verschiedenen Deutungen
dieses Sinns. Hier eröffnet sich das Problem der Geltung. Diese kann
sich ja nur entfalten, wenn bestimmte Weltdeutungen autoritativen
Anspruch geltend machen können. Das Einfordern dieser Geltung aber
ist ein Konflikt.
Auch wenn ein Einfluss von außen, also ein räumlicher Konflikt, nicht
immer ersichtlich ist, auf der Ebene des Zeitstrahls ist eine Weltdeutung
ständiger Gefahr ausgesetzt, wenn etwa der Generationskonflikt die
Geltung der Alten nicht mehr anerkennt.
”Die Welt des Symbolischen ist aber zugleich eine geschicht-
liche Welt: Sie umschließt “Vorwelt” und “Folgewelt” in der
Aktualität. Wir handeln fortwährend auf Grund eines unse-
rer Gruppe eigenen Kulturerbes, das älter ist als wir selbst.
Der größte Teil unserer Normen, Standards, Ordnungs-,
Richtigkeits- und Schicklichkeitsvorstellungen ist uns einge-
bildet, einverseelt, ja einverleibt worden im Laufe unseres
individuellen Lebens und selbst unsere Proteste gegen die
Tradition zielen immer noch auf die Tradition. In allem Ak-
tuellen ist Vergangenes in “strömend-stehender Lebendig-
keit” impliziert (E. Husserl 1954, S. 379). (Mühlmann 1966,
33)
Die autoritative Geltung einer Weltdeutung funktioniert aber nur
dann, wenn das Problem der Geltung gelöst zu sein scheint. Die Auf-
nahme der Welt mit ihren Vorstellungen von “Vor-” und “Folgewelt”
ist dabei das vordringlichste Problem der Erziehung, der der Mensch
anders als alle anderen Säugetiere so viel Zeit widmet (Count 1973).
119
6. Große Geschichte – Kleine Geschichte
Keine andere Spezies bringt so unfertige und damit formbare Säuglinge
zur Welt wie die Menschen. In genau diese Zeit fällt die Einbettung des
jungen Menschen in die Kultur seiner Eltern, in ihre Vor- und Folgewel-
ten. Die Vor- und Folgewelten können durchaus zu einer Kosmologie
dazugehören, die keine Trennungen kennt.
Ein Teil dieser Kosmologie ist die Ethnogonie, die Frage, mit der
die Eltern ihren Kindern die Frage ihrer Herkunft beantworten. Die
Ethnogonie erfasst dabei die Erzählung über die Bedingungen der Welt
des Kindes als Ganzes, sie beginnt beim Ursprung und hört beim Ende
auf, eine Kosmologie, die keine Teilmengen kennt, sondern ganzheitlich
an die Lebenswelt gebunden ist. Adolf Friedrich nannte diese Sichtweise
eine a-theoretische Sichtweise (Friedrich 1951). Lebensweltlich gebunde-
ne Menschen, die in elementaren Sinnzusammhängen leben, brauchen
die Theorie, aus der schließlich die Ethnogenesen nachvollzogen wer-
den, nicht. Diese pluralistischen, kritischen, viele Sinnzusammenhänge
betrachtenden Erzählungen helfen nicht der Selbstgewissheit, wie es
der Glaube an die eigene Ethnogonie schafft. Vorstellungen von Eth-
nogenesen sind daher kraftlose Narrative, die mit viel Mühe errichtet
werden müssen. Viel Zeit widmet man dazu heute in der Schule. Die
Kraft der Ethnogonie entfaltet sich meist schon bei deren erster Er-
zählung. Ethnogonische wie ethnogenetische Ezählungen müssen für
sich Geltungsanspruch einfordern, um an die Menschen zu gelangen.
Die Erzählung zur Ethnogonie arbeitet dabei mit anderen Mittel als
die Erzählung zur Ethnogenese, hier eine Beweisführung, dort viele
verwirrende Handlungsstränge.
Man könnte es auch mit Jan Assmann sagen: “Für das kulturelle
Gedächtnis zählt nicht faktische, sondern nur erinnerte Geschichte
(Assmann 1992, 52)
120
6. Große Geschichte – Kleine Geschichte
3. Große Geschichte
Islamische Gefolgschaft – religiöse Bettler – die mugat
Afghanistans
Die mugat in Afghanistan teilen sich in vier verschiedene Stämme
bzw. Großgruppen auf: die kulobi, also aus dem Kulab Tal im heuti-
gen Tadschikistan stammend, die buxoroi, die Zigeuner-Gruppen aus
Buchara, die balxigi, die aus der Provinz Balkh kommenden Gruppen.
Daneben gibt es Gruppen- bzw. Stammesnamen, die sich nicht auf To-
ponyme beziehen, sondern auf Herkünfte aus größeren tadschikischen,
turksprachigen Stammesgruppen wie qattaghan oder die qunqrat.
Einige Familien der mugat-Zigeuner in Nordafghanistan geben in
ihrer Herkunftserzählung an, sie wären verarmte Bauern aus dem
Stamm der qattaghan aus dem Norden, dem heutigen Tadschikistan,
und hätten während der russischen Revolution fliehen müssen. Man
hätte ihre Ländereien im Norden enteignet, und als sie über die Grenze
Richtung Süden nach Afghanistan flohen, hätte man ihnen dort kein
Land zugeteilt. Sie haben um Land gebeten, um sich niederzulassen,
aber die Leute hätten zu ihnen gesagt:
“Ihr seid schon immer frei gewesen, seid auch weiterhin frei.”
Und so würden sie umherziehen. Ihr historisches Zentrum sei Buchara,
die heilige Stadt, da sie Anhänger des Sufi Ordens der naqshbandiya
seien. Sie sind Anhänger des Heiligen Bahauddin Naqšband, der ein
berühmtes Heiligengrab in der Nähe von Buchara besitzt, das Ziel
tausender Pilgerer jedes Jahr ist.
In einem Gruppengespräch erzählten die Familienmitglieder der Fa-
milie Dastagir:
˙
”Wir sind eigentlich vom Stamm der qatagan, kommen aus Čarˇgou. Unser
Stamm kommt ursprünglich aus der Gegend von Buchara, diese haben
wir aber zur Zeit der russischen Revolution im Oktober [1918] verlassen.
Unsere Großväter kamen über Samarkand hierher. Hier sind wir arm und
beschäftigen uns mit der Bettelei. Dort jedoch hatten wir Häuser, Land
und Vieh. Als wir hier herkamen hat uns keiner geholfen, keiner gab uns
etwas, nichts!”
121
6. Große Geschichte – Kleine Geschichte
O.G.: “Womit haben sich denn Eure Leute beschäftigt, damals, als ihr
noch in Buchara und Samarkand ward?”
“Hmm, das wissen wir nicht mehr, das wissen wir nicht mehr...” Ein anderer
fällt ein: “Ach beschäftigt haben sich unsere Familien damals mit allerlei.
Unser Großvater war zum Beispiel ein Beamter (khalifa), ein bucharischer.”
“Du fragst nach unserer Herkunft? Wir führen uns auf den Heiligen Ba-
hauddin Naqšband zurück, den König Naqšband. Wir haben dort unser
Oberhaupt (pir ). Wir haben ein Oberhaupt dort.”
Der andere erläutert genauer: “Wir haben in unserer Abfolge der Ober-
ˇ
häupter Said Toˇgiddin agha, Said Gaffar, ˇ
Said Gabbor[. . . ]”
Als ich noch einmal genauer die Abfolge ihrer Oberhäupter (Genealogie –
silsila) nachfrage, bedauern sie. Nein, ihre Genealogie (silsila), die kennen
sie nicht mehr genau, die haben sie verloren.4
Später fügten sie in mehreren kleineren Gesprächen an, dass ihre
Vorfahren früher im Wald gewohnt hätten, in Schilfhütten. Dort hätten
sie von der Jagd gelebt. Diese Erinnerung jedoch kann nicht aus dem
afghanischen Teil von Mazar-e Sharif stammen, sondern nur aus den
waldigen Gebirgstälern Tadschikistans.
Einige Familien, die ich in Mazar besuchte und befragte, erzählten
also eine Geschichte der Flucht bzw. Vertreibung, die der Grund ihres
jetzigen mittellosen Status in Afghanistan war. Ihren Auszug aus dem
Norden markieren sie als Anfang ihrer jetzigen Situation. Diese ist
gekennzeichnet durch den Fluch der Freiheit: “... Ihr seid schon immer
frei gewesen, seid auch weiterhin frei.” Solcherlei Flucherzählungen sind
in der Tsiganologie gut bekannt (Casimir 1987). Sie werden meist dann
aufgenommen, wenn der eigene Status gegen den der Umgebungsge-
sellschaft als niedriger empfunden wird. Die Flucherzählung gilt dann
als Nachweis, dass der präsente Status eine Vergangenheit habe, für
den man selbst als Individuum nichts könne. Mit Flucherzählungen
nimmt man freiwillig die Folgen der Asymmtrie zwischen den ethni-
schen und sozialen Gruppen auf sich, um sie gleich den eigenen Ahnen
weiterzugeben.
Es gab aber auch Familien, die sich selbst als lokale Zigeuner, nicht
aus dem Norden her eingewanderten, sondern sich als Zigeuner von
Balch (balxigi) bezeichneten. Von Inferiorität wollten diese nichts wissen.
4 Gruppengespräch mit den Dastagir, Mazar-e Sharif, Afghanistan, 11.09.2008
122
6. Große Geschichte – Kleine Geschichte
Sie beschrieben sich als alteingesessene Familie und betonten, dass sie
als Familie von der Umgebungsgesellschaft geachtet wurden und sogar
verwandtschaftliche Kontakte zu Nichtzigeunern pflegten. Ihre Töchter,
sagten sie, hätten sie auch schon in den Badakhschan verheiratet und
mit ihnen hohe Brautpreise erzielt. Diese alteingesessenen Gruppen5
wollten von einer traurigen Vergangenheit nichts wissen. Sie waren
ein wenig reicher, hatten mehr Pferde, trugen Gold am Körper zur
Schau, unterschieden sich aber in Lebens- und Siedlungsweise in nichts
von den anderen Zigeuner-Gruppen der geflüchteten mugat. Die Alt-
eingesessenen waren zufrieden mit ihrer Situation. Ihre Geschichte
war nicht an eine Vertreibung geknüpft, war im Gegensatz dazu aber
sonderlich ereignislos. Die einzigen Turbulenzen, die diese seltsame
Ereignislosigkeit zu bieten hatte, war der Bürgerkrieg während der Zeit
der Mudžahedin 1993 - 1997, während der sie nach Pakistan gezogen
waren, um hier den Ausgang des Bürgerkrieges abzuwarten.
Während zwar beide Geschichten eine gewisse Kontinuität offen-
baren, wird von den einen das Dasein als ein Fluch wahrgenommen,
bei den anderen als glücklicher Alltag. Beide führten von außen her
wahrgenommen das gleiche Leben, mit dem für den Beobachter einzigen
Unterschied, dass die glücklicheren mehr Gold um die Hände und an
den Ohren trugen. Das kollektive Gedächtnis gab je nach situativem
Wohlempfinden dem Jetzt seine historische Bedeutung.
Geschichte als Zuordnung heiliger Gefolgschaft Die gruppenüber-
greifende Geschichtserzählung der nordafghanischen mugat Gruppen
wurde mir im Stil einer Heiligengenealogie erzählt. Sie war eine Ge-
schichte einer islamischen Gefolgschaft entlang einer bestimmten Kette
(silsila) von islamischen Bezugspersonen (pir), die die Linie der Naqaš-
bandiya repräsentieren. Die Ordensvorsteher (šeykh) wurden in einer
Linie aufgezählt, von denen der wichtigste ein Heiliger war, der in
5 Die Konzepte von Alteingesessenheit gibt es auch bei europäischen Zigeuner-
Gruppen. Auf dem Balkan und in der Türkei nennen sie sich Arli / Erli (Türk.
für Erde, Boden, hier) (Boretzky 1996) Alteingesessene (erli) gibt es auch in der
Türkei, in Istanbul beispielsweise (Dauth 2012)
123
6. Große Geschichte – Kleine Geschichte
Mazar-e Sharif am Heiligtum des Grabes von Hazrat Ali beerdigt liegt:
Hazrat Balogirdon.
Diese Erzählung von Geschichte folgt der Hagiographie und dem
enzyklopädischen Prinzip (Endress & Filali-Ansary 2006), in der mit
jeder Kette entlang der Heiligen bzw. pir eine eigene Geschichte ver-
bunden ist. Diese Geschichten kannten aber von den mugat, mit denen
ich zusammen war, kaum einer, jedoch war die Nennung der silsila
vielen präsent. Sie war ein Ausweis der Gefolgschaft und hatte dadurch
integrative Kraft.
Familiengenealogien gibt es bei den mugat Afghanistans und im nörd-
lichen Mittelasien zwar auch, sie sind aber kein Mittel der Geschichts-
erzählung wie bei anderen Stammesgruppen Mittelasiens, sondern vor
allem Hilfmittel, Heiratspartner zu finden oder familiäre Netzwerke zu
pflegen. Sie sind präsent, werden aber nicht als Geschichtserzählung
präsentiert.
Als ich nach einer Gemeinsamkeit des kollektiven Gedächtnisses unter
den Zigeunern im nördlichen Afghanistan suchte, fiel mir die geringe
Ereignisfülle auf, mit der sie ihre Geschichte mit der allgemeinen Ge-
schichte des Territoriums, des Staates oder der Umgebungsgesellschaft
Afghanistans der letzten 100 Jahre verbinden. Ihre Geschichte ist nur
selten an eine Ereignisgeschichte, die sie mit der Umgebungsbevölke-
rung teilen, gekoppelt. Das Geschick der Gesamtgesellschaft wird nur
erwähnt, wenn gesamtgesellschaftliche Ereignisse alle Bevölkerungs-
gruppen erreichte und damit auch die mugat. Dies war immer dann
der Fall, wenn die Grundfesten der mugat gefährdet waren, etwa die
Revolution der Bolschewiki im nördlichen Zentralasien von 1917-21,
der Bürgerkrieg in Afghanistan von 1993-96 oder die Flüchtlingssi-
tuation in Pakistan und Iran in dieser Zeit. Diese, den allgemeinen
Landfrieden und die eigene Sicherheit gefährdenden Ereignisse, sind
Teil der Geschichtserzählungen der afghanistanischen mugat. Dabei
ist wichtig anzumerken, dass der Zugriff der allgemeinen Bevölkerung
auf die mugat nicht durchweg als negativ geschildert wird, etwa die
Einberufung in den Militärdienst, die mir auch in einem Fall als Stolz
des eigenen Lebens präsentiert wurde.
124
6. Große Geschichte – Kleine Geschichte
Auch die persönlichen Erlebnisse einzelner mugat werden selten mit
der Geschichte ihrer Gruppe verbunden. Ist dies jedoch der Fall, gehen
diese Geschichten kaum über den eigenen Familienverband hinaus. Das
Gruppengeschick wird auch dann nur selten mit gemeinsamen Ereignis-
sen verbunden, wenn es alle Mitglieder einer Gruppe betreffen würde
wie etwa die Ausweitung der Wehrpflicht auf die männlichen Mitglieder
der mugat Gruppen in den 1980er Jahren unter Dr. Nadzhibullah, dem
damaligen afghanistanischen Staatsoberhaupt.
Die Geschichtserzählung der Zigeuner-Gruppen Nordafghanistans
folgt neben diesen gesellschaftlichen Ereignissen jedoch vorranging
einer islamischen Geschichtstradition. Eine von der Umgebungsgesell-
schaft losgelöste Geschichtstradierung ist hierbei nicht festzustellen. Die
Geschichte ist eingebettet in die Erzählungen religiöser Gefolgschaft.
Neben diesem kollektiven Narrativ einer islamischen Gefolgschaft
konnte ich auch Einzelgeschichten finden, die die Alten von sich er-
zählten: als buzkashi Spieler (chapandoz), als religiöse Bettler (malang)
oder als Mullah, kurz, persönliche Geschichten.
Wie auf der Ebene der persönlichen Geschichte Geschichtserzäh-
lungen aussehen können, merkte ich erst bei der Wiederholung eines
eigenartigen Erlebnisses. Immer wieder, wenn ich nach der Geschichte
der Gruppe in der Vergangenheit fragte, war die Geschichten, die ich
hörte, merklich kurz. An seine Stelle traten immer wieder Lieder, vor
allem die von Mazor aka, dem ältesten Mitglied in meiner Gastfamilie,
den Chaqon.
Auszug aus dem Tagebuch
Mazar-i Scharif, 27.09.2010 Wann immer ich zu Mazar aka kam, um
zu reden, und ich unser Gespräch auf die Vergangenheit lenkte, sprach er
entweder über seine Biographie oder sang als Antwort auf meine Frage ein
Lied. Dieses handelte z.B. von der hiesigen und der jenseitigen Welt, wie
begangene Tat hier und auch dort zählt. Wie sie als Zigeuner zum Grab
in Mazar-i Scharif kamen, um Gott zu preisen, den Propheten zu ehren,
wie sie vom König (podšoh) Hilfe erbeten hatten, ein kleines bisschen,
ein kleines Geschenk. Doch sie gehen immer wieder zum Heiligegrab. Nur
dort würden sie empfangen. Exemplarisch klangen die Strophen dann so:
“Wenn Du mir jetzt gibst, dann wird Dir die Tat im Jenseits vergolten. So
125
6. Große Geschichte – Kleine Geschichte
kannst Du mir jetzt als Bettler helfen, um auf der anderen Seite deine
Sünden damit aufzuwiegen.”
Diese Art, Geschichte zu erzählen, sie in die poetische Form eines
Liedes zu verpacken oder in Form von Gebeten zu repräsentieren, ist wie-
derum auffällig für die islamische Geschichtserzählungen der Derwische
und Gaukler. Hier wird Geschichte in auffälliger Weise zur Performance.
Das haben dann die afghanistanischen mugat mit den Qalandariya Mön-
chen (Levin 1999, 106-111), religiösen Geschichtenerzählern (maddah)
(Troickaja 1975) oder Gauklern gemeinsam (Günther 2008a, 316-318).
Eine Geschichte der Integration im nördlichen Mittelasien
Die Zigeuner-Gruppen aus dem Norden erzählen eine andere Geschichte,
eine sowjetische. So berichteten mir die mugat Zigeuner aus dem usbe-
kistanischen Kokand, dass sie 1927 die Ersten waren, die sich in einer
Kollektivwirtschaft zusammenschließen ließen. Diese Kolchose ist auch
von Beamten der Staatsseite her recht gut beschrieben worden, da sie
eine Zeit lang als eine Musterkolchose galt (Shapiro 1927, 138-140). Der
Glücksumstand einer zeitgenössischen Beschreibung dieser Kolchose
macht es möglich, die von mir gesammelte mündliche Geschichte des
Stadtviertels bombay in Kokand mit der schriftlich fixierten Geschichte
abzugleichen.
Bei meinen Fragen nach der lokalen Geschichte der mugat in Kokand
erzählten mir mugat Zigeunerinnen auf einem Frauentreffen (sumalak),
wie ihre Vorväter damals die erste Kolchose der Stadt gegründet hatten.
Die Vorteile, in einer sowjetischen Farm mit Arbeit versorgt zu sein
und dennoch unter sich bleiben zu können, lagen auf der Hand. Die
damals ärmer gestellten Zigeuner konnten sich hier ganz problemlos in
die Obhut des Staates begeben, ohne dabei ihre Eigenverantwortung
aufzugeben. In Sachen Kollektivierung kamen sie also den Entwicklungs-
plänen der Sozialstaatsplanung der Sowjets entgegen und konnten hier
inmitten der Geschichte des Widerstandes gegen die Kollektivierung
von Seiten der bäuerlichen Umgebungsbevölkerung eine Integrationsge-
schichte nachweisen, die sie quasi zum Vorreiter der Sowjetisierung der
Stadt Kokand werden ließ. Mit dem Umbau der Gesellschaft seitens
126
6. Große Geschichte – Kleine Geschichte
der Sowjets wurden die Zigeuner Teil des staatlichen Reforminteresses
und damit auch des Gesellschaftsinteresses. Doch wie weit eine solche
Integration gelang oder abgewiesen wurde, zeigte sich erst in der nächs-
ten großen Kampagne nach der Kollektivierung, der Entschleierung
(hudzum) der Frau in den 1930er Jahren (Northrop 2004).
Bei der Kampagne zur Frauenbefreiung beklagten die sowjetischen
Sozialreformer schnell, dass ihre Bemühungen auf Befreiung der Zigeu-
nerfrauen keine Erfolge feiern konnten. Und das kam so: Wäre es bei der
Befreiung der Frau, deren erster Schritt die Entschleierung war und der
zweite Schritt dann die Befreiung durch Arbeit bedeutete, nach dem
Normalmaß gegangen, wären die Zigeunerfrauen von der Entschleie-
rung gar nicht betroffen gewesen, denn die Frauen der mugat trugen
von Haus aus keine Schleier, sondern Kopftücher, die ihre Haare und
ihren Hals bedeckten. Also hätten sie gar nicht Zielscheibe der sozialen
Umwälzungen werden müssen. Doch die sowjetischen Sozialreformer
hatten sich für die Zigeunerfrauen etwas ganz Besonderes ausgedacht.
Wo diese nun keine Schleier trugen, sollten sie doch auch das Kopf-
tuch ablegen und mit offenem Haar durch das Leben gehen. Diesen
Aufrufen aber folgten wenige bis gar keine Frauen aus den Reihen der
mugat (Shapiro 1927, 141f). Am Schleier hörte die Erfolgsgeschichte
der Integration von Zigeuner-Gruppen also auf.
Flexible Geschichten – Souveränität und Sehnsucht Als ich einmal
in Kokand bei meinem Freund Laziz saß, unterhielten wir uns in einem
Kreis engster Freunde über alles Mögliche, unter anderem über das
Museum der Stadt, den Khanspalast von Kokand. Dieser war damals
meine Arbeitsstelle. Auf einmal schaltete sich der Sohn von Laziz in
das Gespräch ein. Er sei neulich mit der Klasse im Palast gewesen
und hätte dort auf einem Bild, das den Hofstaat des letzten Fürsten
des Khanates zeigte, einen Zigeuner entdeckt, genau zur Rechten des
Fürsten Khudoyor Khan (1845-1875). Es hätte zwar kein Name darunter
gestanden, aber von seiner Erscheinung her gab es keinen Zweifel. Es
war einer der Ihren gewesen. Diese Erzählung wurde beifällig in der
Runde aufgenommen und kommentiert. Ja, damals schon hätten die
127
6. Große Geschichte – Kleine Geschichte
Zigeuner in der Stadt Kokand eine gewisse Rolle gespielt, rechts vom
König, das war der Platz, der ihnen gebührte.
Die Erzählung von der Nähe zur Macht scheint dabei eine alte
Variante der modernen Vorreitererzählungen wie bei der Kolchosbildung
zu sein. Sie wird genutzt, um die eigene Integrität an der höchsten
Stelle anzusetzen, und damit die Ebene der Straße zu überspringen,
auf der der alltägliche Respekt ausbleibt. Souveränität,
Solche Gedanken sind auch den mugat Zigeunern im Norden Afgha- S.87
nistans nicht fremd. Die Dastagir erzählten, dass ihre Vorfahren zum
Teil hohe Beamte am Hof des Bucharischen Fürsten gewesen sein sollen,
nach der Flucht aber mittellos geblieben seien. Wie weit diese Zusam-
menhänge konstruiert sind, ist hier von geringer Bedeutung. Vielmehr
ist die Nähe zum König vorstellbar, wird aber in die Vergangenheit
verlegt. In der schillernden Vergangenheit wird die Rolle der Geschich-
te, Selbstbilder zu produzieren, deutlich sichtbar. Vergangenheit und
Selbstbild sind somit auch ein Spiegel ferner Sehnsüchte.
Dass die Verbindung König und Zigeuner wiederum nicht nur ein
häufiges Erzählmotiv ist, sondern auch historisch belegbar ist, zeigt die
Geschichte europäischer Zigeuner-Gruppen genauso (Asseo 1996) wie
die eingangs genannten Beispiele im Šahname bei Firdausi und dem
Babur-name des Moghulherrschers Babur.
4. Kleine Geschichte
Wie oben schon gesehen, kann Geschichte bei den mugat ohne weitere
Schwierigkeiten auf der Ebene der lebensgeschichtlichen Erzählung ge-
funden werden. Diese wird vornehmlich von alten Männern erzählt, die
schon aufgrund ihres Lebensalters über eine lange Geschichte verfügen.
Unter den mugat werden Lebensgeschichten als Heldengeschichten
erzählt, bei denen die Protagonisten neben dem Erzähler selbst immer
auch seine Ahnen, sowie seine Frau als Lebensgefährtin eine Rolle spie-
len. Innerhalb dieses Verbandes (also nicht innerhalb des tatsächlichen
Zugverbandes, in dem er sich gerade befindet und auch nicht innerhalb
des Quartals, in dem er aufgewachsen ist) wird die Lebensgeschichte
eingesetzt. Sie dient bei den alten Männern immer dazu, die eigene
128
6. Große Geschichte – Kleine Geschichte
Unabhängigkeit und Souveränität zu unterstreichen und sie mit lokal
typischen heldenmachenden Tätigkeiten zu verbinden, in Afghanistan
das buzkashi Spiel oder der Ringkampf, in Mittelasien die Rolle des
Händlers oder des erfahrenen Geschäftsmannes. In allen Fällen wird
die Weitläufigkeit und Vielgereistheit unterstrichen, die im eigenen
Leben eine Rolle spielten. So werden in Afghanistan die Heiligen Orte
der Region aufgezählt, die als Pilger (malang) angesteuert wurden.
Nördlich des Amudarjas wird die Weitläufigkeit anhand der sowjeti-
schen Geographie deutlich gemacht. Hier sind es Odessa im Westen
und Wladiwostok im Osten, die die Endpunkte abbilden.
Eine weitere Konstante in den Lebensgeschichten ist der Kontext,
Probleme unter den gegebenen Umständen auf vorbildliche Weise gelöst
zu haben. Mit einer Lebensgeschichte stellen sich die Erzähler also selten
als Einzelperson an die Spitze einer Bewegung, sondern reagieren auf die
Gesellschaft, wie sie auf Naturgewalten reagieren würden: Sie entziehen
sich ihnen durch die Suche nach Schutz. Auch bei der sozialen Weide
habe ich auf die Tendenz hingewiesen, die sich gebenden Chancen zu
nutzen und nicht durch Innovation neue Konstellationen zu schaffen.
Gleiches gilt auch auf der Ebene der Lebensgeschichte.
Alle Lebensgeschichten haben damit notwendiger Weise ihre indivi-
duellen Ausprägungen, können aber auch unter den wiederkehrenden
Konstanten – familienbetonte Handlungsweise, Weitläufigkeit und Meis-
terung der Umstände – zusammengefasst werden.
Geschichte bzw. die Geschichtserzählung korrespondieren in Afgha-
nistan und dem nördlichen Mittelasien mit der jeweiligen Situation
der Gruppe und werden als ein Instrument der Integration in größere
Zusammenhänge, wie sie die Umgebungsgesellschaft vorgibt, flexibel
angewendet. Im Norden, im sowjetischen Mittelasien, wurde die Ge-
schichtserzählung weitgehend standardisiert und folgt dem Motiv der
Vorbildlichkeit. Man ist hier nicht nur den Zusammenhängen zugehörig,
sondern mit einer Kolchosgründung einer der herausragenden Vertreter
der ortsansässigen Bevölkerung. Flexibler Umgang mit der eigenen Ge-
schichte wurde hier durch ein sowjetisches Erzählmuster verhärtet, das
zwar ihre Anfänge im sowjetischen Bildungs- und Integrationssystem
129
6. Große Geschichte – Kleine Geschichte
hat, das aber später durch die mugat im Norden angeeignet und zu
einer Erzählung der Souveräntität gemacht wurde.
Dabei hat Geschichte in beiden Fällen, im Norden Afghanistans wie
nördlich des Amudarjas, die gleiche Aufgabe, sie soll Zugehörigkeiten
schaffen.
In Afghanistan wird diese Zugehörigkeit nach der Art der genealogi-
schen Geschichtsauffassung der afghanisch-islamischen Art geschaffen.
Im Norden Mittelasiens wurde die Zugehörigkeit in den sowjetischen
Mustern des Vorreiters wiedergegeben.
5. Geschichte und Zwischenraum
Die Muster der mugat Geschichtserzählung folgen denen der Umge-
bungsgesellschaften. Das beweist vorerst nur die alte These der Tsiga-
nologie, dass Zigeuner immer Teil der Mehrheitsgesellschaft sind, in der
sie leben. Dies stützt zwar einerseits das Argument der Ethnologen wie
Michael Stewart, Mark Münzel, Bernhard Streck, dass Zigeuner keine
eigene Geschichte verhandeln. Die Beobachtung, dass eine wirklich ei-
gene Geschichte in den biographischen Lebensgeschichten erzählt wird,
stützt wiederum das Argument von Leonardo Piasere und Elisabeth
Tauber, dass Geschichte bei Zigeuner-Gruppen immer “kleine Geschich-
te”, also Lebensgeschichte sei. Eines der Argumente könnte lauten, eine
eigene große Geschichte kann sich in solch kleinen Gruppenstrukturen
wie den mugat Zigeuner-Gruppen nicht ausbilden.
Durch die Sowjetisierung im Norden oder durch die islamische Bil-
dung in Afghanistan gäbe es aber Spezialisten, die eine eigene Geschich-
te aufschreiben könnten. Sie tun es aber nicht. Das deutet auf einen
eigentümlichen Umgang mit Geschichte hin. Dabei wäre es verfehlt,
wie schon James C. Scott formulierte, einen strategischen Umgang zu
vermuten. Vielmehr ist es das Charakteristikum des Zwischenraumes,
sich einerseits den großen Geschichtserzählungen der Umgebungsge-
sellschaften anzuschließen, auf der anderen Seite aber auf der Ebene
der Lebensgeschichte, sich seine eigene Geschichte zu bewahren. Die
Geschichte der mugat gehört in den Bereich des Flexiblen, der Münd-
lichkeit, des Zwischenraums. Das erspart ihnen, ihre Geschichtsbücher
130
6. Große Geschichte – Kleine Geschichte
alle dreißig Jahre neu zu schreiben, weil sich gesellschaftliche Umstände
und Konzepte eben auch in den großen staatstragenden Gemeinschaften
ständig wandeln.
Jede Familie hat ihre eigenen Toten. Dieser Toten wird immer dann
gedacht, wenn die Erinnerung des eigenen Lebens mit der Erinnerung
an andere, bereits tote Weggefährten verbunden ist. So erzählte mir der
alte Mazar aka immer wieder von seiner verstorbenen Frau, die ihm vor
nicht allzulanger Zeit noch die Sachen flickte und den Mantel für seine
religiöse Bettlerschaft (malang) herrichtete. Über ihre Toten verbinden
sich die mugat mit der Vergangenheit zu größeren abstrakten Einheiten,
die sie xel nennen. Die Vergangenheit der mugat im Norden Afghanis-
tans reicht im kulturellen Gedächtnis ihrer heutigen Vertreter bis an den
Anfang des 20. Jahrhunderts. Die kleine, also die Lebensgeschichte ist
Teil einer sozialen Gruppe und führt auch durch mehrere Generationen
dieser Gruppe hindurch. Die Genealogie ist dabei den immanenten
Beziehungen des Individuums heute untergeordnet. Zwar kommen
bei den Gruppen mit Totengedenken im Grabkult viele dieser über
Generationen verteilten Gruppenmitglieder zusammen, Beziehungen
bestehen jedoch oft nur noch in einer Erinnerung.
Geschichte der mugat verbindet sich auf der synchronen Ebene mit
der Umgebungsbevölkerung, auf der diachronen Ebene der Lebens-
geschichte konstituieren sich Gemeinschaften, die durch gemeinsame
Herkunft auch die Idee einer eigenen Gruppe verkörpern können. Auch
dies ist wieder ein typischer Fall der Ausprägung des Zwischenraums,
einerseits Teil des Ganzen zu sein, andererseits aber etwas Eigenes zu
reklamieren. Im Umgang mit Geschichte offenbart sich der Zwischen-
raum als Wesen zwischen einer Ethnie und einer sozialen Schicht. Der
Zwischenraum hat über die eigenen Toten sowie über die Generationen
hinweg vergemeinschaftende Erzählungen. Er ist über Gruppen-Grenzen
hinweg aber auch mit der Umgebungsbevölkerung verbunden.
131
7. Verankerung und Verwurzelung – Der
zigeunerische Ort: Zelt, Haus, Hof und
Viertel
1. Theoretische Grundlagen
Bisher wurde der Zwischenraum von mir als ein Abstraktum einge-
führt, als Potential, das in konkreten Situationen, je nach regionalen,
historischen und politischen Kontext, seine konkreten Ausprägungen
erfährt. Diese wiederum können nur aus den Wechselwirkungen mit
den Umgebungsgesellschaften erklärt werden. In diesem Kapitel wird
der Zwischenraum nun räumlich sichtbar, denn aus dem Zwischenraum
heraus entstehen in unterschiedlichen Umgebungsgesellschaften jeweils
ganz eigene Wohnorte. Die konkrete Verortung der Zigeuner-Gruppen
in Mittelasien macht wiederum viele Charakteristika des abstrakten
Zwischenraums deutlich. Schon die Mengenrelation zwischen Umge-
bungsbevölkerung und zigeunerischer Ansiedlung weist darauf hin, aber
auch die Einbindung der Siedlungsstrukturen in die Umgebung: Es
kann kein konkreter Ort der mugat ohne die Bedingungen, die die
Umgebungsbevölkerung ihnen bietet, entstehen. Auch die jeweiligen
Wohnformen tragen die Charakteristika des Zwischenraumes in sich.
Das offene mugat Zelt, aus dem das Haus, der Hof und später ein
Stadtviertel entstehen kann, trägt das Potential des Sesshaften und
des Mobilen gleichzeitig.
Die heutigen zentral gelegenen Zigeuner-Stadtviertel in den usbeki-
schen Städten, die mit der Industrialisierung entstandenen Randsiedlun-
gen in den Industriestädten Tadschikistans, die Zeltlager in Afghanistan
sind in sich zwar unterschiedlich, finden aber im Zwischenraum ihre
Gemeinsamkeit. Ohne das Zwischenkonzept könnten die Varietäten
der Wohnsiedlungen der mugat in ihrer Vielfalt nicht als eine Einheit
132
7. Verankerung und Verwurzelung
gedacht werden. In diesem Zwischenspiel zwischen Abstraktem und
Konkretem liegt die eigentliche Herausforderung, den Zwischenraum
zu verstehen.
Ich sollte nicht unerwähnt lassen, dass gerade meine Beobachtungen
zum Wohnraum der Zigeuner-Gruppen in Mittelasien die treibende
Kraft zur Nutzung der abstrakten Metapher des Zwischenraums dar-
stellte. Der Zwischenraum als Abstraktum wurde mir hier immer wieder
am plastischsten durch die konkreten Räume veranschaulicht, die zwi-
schen den etablierten städtischen Grundstücken entstanden, am Rande
einer Stadt oder inmitten einer etablierten Siedlung. In Afghanistan
konnte ich das in situ in der Stadt Mazar-e Sharif wiederholt beobach-
ten. Im nördlichen Mittelasien war der Entstehungsprozess der heute
permanenten Wohnviertel noch im kollektiven Gedächtnis der mugat
verortet. Die Dynamik der afghanischen Zwischenraumsiedlungen war
hier einer statischen Stadtarchitektur gewichen, die jedoch die Erinne-
rung an die Ortsentstehung aus dem Zwischenraum heraus manches
Mal noch in sich trug.
2. Der temporäre Ort – Nordafghanistan
Reisegepäck Das Reisegepäck der nordafghanischen mugat passt
meist auf die Ladefläche eines Kleintransporters. Ziehen mehrere Fami-
lien gemeinsam um, heuern sie sich zusammen einen LKW an. Das,
was die Familien kurz vor ihrem Aufbruch auf eine angeheuerte Motor-
rikscha oder LKW’s legten, packen sie zu Beginn ihrer Ansiedlung am
neuen Ort auf den Boden. Mit diesem Akt beginnt nicht nur die Inbe-
sitznahme des Platzes, mit ihm geht damit auch seine Transformation
einher. Er wird nun ein Ort der Zigeuner.
Siedlungsflächen In Nordafghanistan siedeln Zigeunerfamilien immer
in Städten oder in größeren Siedlungen, in denen sie Brachflächen
inmitten sonst dicht bewohnter Gebiete für sich in Anspruch nehmen.
Bei der Ansiedlung von Zigeunerverbänden (ˇgam) an bewohnten Orten
nutzen die mugat sich ihnen bietende temporäre Räume: eine breite
133
7. Verankerung und Verwurzelung
besiedelbare Straße, die auf den Straßenausbau wartet, eine Brachfläche
in Wohngebieten, noch nicht bebautes Bauland. Solange die Flächen
brach liegen, werden sie von den mugat Afghanistans meist ohne ein
Entgelt oder eine Mietzahlung an deren Besitzer bewohnt. Die Besitzer
wiederum erlauben bzw. tolerieren die Ansiedlung auf ihren Flächen.
Sie machen dies häufig als gottgefälliges Werk. Oft gibt es Straßen in
Vierteln, die zwar als breite Magistralen angelegt wurden, für deren
Weiterbau aber oft kein Geld vorhanden ist. Es vergehen zum Teil
Jahre bis zu deren Vollendung. Diese Räume nutzen die afghanischen
mugat häufig zur Ansiedlung. Solche temporären Siedlungen können
sich zum Teil bis zu zehn Jahre halten. Sie werden meist jedoch kaum
länger als vier Jahre bewohnt.
Siedlungsdichte Die Anzahl der sich ansiedelnden Zigeunerfamilien
in einer Stadt hängt meist von den Ressourcen ab, die der Ort zu bieten
hat. In großen Städten wie Mazar-e Sharif oder Shibirgan siedeln viele
Hundert Zigeuner. Diese leben über das gesamte Stadtgebiet verteilt
und nicht in räumlicher Nähe. Räumliche Nähe von Zigeunerfamilien
gibt es nur innerhalb einer gemeinsam umherziehenden Gemeinschaft
(ˇgam). Der Abstand zu anderen Zugverbänden ist wichtig, da allzu
große räumliche Nähe zu anderen Zigeunerlagern häufig ein Auslöser
für Streits sein kann (Berland 1982, 86).
Offene Bauweise Schon die oberflächliche Betrachtung des temporä-
ren mugat-Ortes zeigt einen fundamentalen Unterschied zur Siedlungs-
struktur der Umgebungsbevölkerung in Afghanistan. Sie ist offen. Das
Gehöft der sesshaften Stadtbevölkerung ist stets geschlossen angelegt.
Fremden wird kein Einblick gewährt. Besucher bekommen oft nur das
Gästezimmer zu sehen, das meist vom übrigen Teil des Gehöfts oder
der Wohnung getrennt ist. Die offene Bauweise und der Einblick in
einen Zigeunerhaushalt kann durch die Wahl des Ansiedlungsortes be-
einflusst werden. Einige Familien bevorzugen die Ansiedlung an Orten,
die etwas weiter weg von den Häusern der Sesshaften liegen. Sie halten
Abstand. Wird die Ansiedlung auf einer Brachfläche gesucht, die vom
Wohnviertel räumlich getrennt liegt, ist die offene Struktur allein durch
134
7. Verankerung und Verwurzelung
Abbildung 7.1.: Offene Zigeunersiedlung inmitten geschlossener Gehöf-
te
die Distanz aufgehoben. Nähert man sich dieser Ansiedlung jedoch,
sieht man die Haushalte der Zigeuner offen vor sich liegen. Andere
wiederum siedeln in engen Verhältnissen zwischen den Gehöften der
sesshaften Bevölkerung.
Die Umgebungsbevölkerung sieht, wie die Zigeuner kochen, waschen
und sich betten. Doch sie schaut nicht hin. Diese Eigenart hat schon
einmal kulturübergreifend Hans Peter Duerr thematisiert. Er konnte
zeigen, dass in vielen Gesellschaften, in denen Scham und Schande eine
große Rolle spielen, auch die mögliche Einsicht in die Privatwelt des
anderen gar nicht genutzt wird und sogenannte unsichtbare Wände zwi-
schen verschiedenen angrenzenden Lebensbereichen liegen. Mitglieder
dieser Gesellschaften schauen nicht in die Privatsphären ihrer Nachbarn,
auch wenn diese offen liegen (Duerr 1988, 116-128,165-176).
Das Zelt
Zeltaufbau In Nordafghanistan ist das Zelt die Grundlage eines kon-
kreten mugat Ortes. Das Zelt ist das erste Gebäude, das nach der
Ankunft aufgebaut und das letzte, das beim Aufbruch abgebaut wird.
135
7. Verankerung und Verwurzelung
Wenn das Zelt aufgebaut wird, ist das eine Familienangelegenheit.
Die Frauen holen als Erstes die aus Leinen bestehende Zeltbahn aus
dem Reisegepäck. Die Männer suchen Vorschlaghammer und Zeltnägel
zusammen. Zwei Leute halten in der Mitte die beiden Zeltpole und die
Mittelstange, die die Zeltbahn trägt, fest.
Die Zeltbahnen werden mit Hilfe von Zeltnägeln, die auf dem Markt
bei Schmieden gekauft werden, im Boden verankert. Die Zeltbahnen
bestehen neben dem Grundstoff Leinen aus gemusterten Stoffbahnen,
die auf die Zeltbahn aufgenäht und so angeordnet werden, dass sie
einem individuellen Muster entsprechen. Diese Musterungen dienen
dazu, dem Zelt ein individuelles Aussehen zu verleihen. Im Fall größerer
Ansammlungen von Zelten kann so das eigene Zelt leicht ausfindig
gemacht werden. Die zur Bemusterung gebrauchten Stoffe sind meist
Reste von Stoffen und Stoffbahnen, z.B. Bezugsstoffe für Decken und
Kopfkissen oder Teile nicht mehr getragener Kleider. Dabei ist die
Innenseite des Zeltes den Stoffen vorbehalten, zu denen die Bewohner
des Zeltes einen individuellen Bezug haben können: Teile alter Kleider,
Hemden, ausgediente Kindersachen. Auf die Außenseiten des Zeltes
werden unpersönliche Stoffe wie Bezüge, Gardinen und andere Stoffe
aus der Kleidersammlung der Umgebungsbevölkerung genäht.
Als Zeltgestänge, als Stütze des Zeltes, braucht man mindestens drei
Hölzer: zwei Stützstangen, die die Zeltbahn in der Mitte aufrichten und
eine Mittelstange (Apside), die die Zeltbahn trägt.
Wird das Zelt offen gehalten, etwa im Sommer, werden an der son-
nenabgewandten Seite am Ende der Zeltbahn noch einmal zwei Hölzer
aufgestellt, ohne jedoch eine weitere Mittelstange zu benutzen.
Ausrichtung Das Zelt wird nach dem Lauf der Sonne ausgerichtet, so
dass die Morgensonne ins Zelt scheint, die Zeltbahn die Bewohner des
Zeltes aber vor der Mittags und Abendsonne schützt. Ist mit einem
Sandsturm zu rechnen oder kommt Regenwetter auf, wird die offen
gehaltene Zeltbahn nach unten gezogen und das Zeltinnere so gut es
geht vor Wind und Wetter geschützt. Der Hausrat der Familie wird an
der steil gehaltenen, sonnenabgewandten Seite gelagert.
136
7. Verankerung und Verwurzelung
(Szabo &
Barfield 1989, S.54)
Abbildung 7.2.: Das mugat Zigeunerzelt schematisch, Abbildung
Aufteilung Das Zelt der Zigeuner kennt keine Aufteilung in Männer-
oder Frauenhälfte. Nur auf die Gegenstände, die im und am Zelt gelagert
werden, gibt es verschiedene Zugriffsrechte. So verwalten die Frauen den
Hausrat, die Schätze der Familie. Die Pferde, die die Zigeuner besitzen
und handeln, das Geschirr, kurz, alle Gegenstände der Tierhaltung sind
hingegen Männerdomäne.
Der Ort an der Steilwand wird von den Frauen streng bewacht. Die
Kisten (sunduq) der Familie, dort wo Lebensmittel, Mittel zur Gastbe-
wirtung, Tee, Wertgegenstände usw. lagern, sind hier aufgeschichtet
und zum Teil mit Vorhängeschlössern versehen. Die Anziehsachen der
Familie und die Decken für die Nacht lagern darauf. Sie werden in
Ballen eingeschnürt aufeinander an der Zeltwand gestapelt. Den Frauen
obliegen die Küchenarbeiten und die Haushaltsführung am Zelt.
Der Mist, den die Pferde hinterlassen, wird in der Nähe des Zelts
gestapelt und als Feuerung verwendet. Hunde liegen an der Kette in
der Nähe der Zelte und dienen als Wächter. Für die Toilette wird eine
Grube ausgehoben. An alle vier Ecken der Grube werden Holzstangen
eingeschlagen, die wiederum Stoffbahnen halten.
137
7. Verankerung und Verwurzelung
Das Zelt – familiärer Kosmos und symbolische Welt Die mugat
Zigeuner versehen die zwei unterschiedlichen Arten des Zeltgestänges
mit Bedeutung. Die mit einer Astgabel versehenen Stützstangen und
die glatte Firststange werden in unterschiedliche Geschlechterkatego-
rien eingeteilt. Die Astgabel, die aussieht, als spreize sie ihre Beine, ist
weiblich. Sie nimmt die als männlich geltende Firststange in sich auf.
Abbildung 7.3.: Zentraler Punkt des familiären Kosmos
Das Zelt besitzt in den Erzählungen der Zigeuner zum Lebensgefühl
einen hohen Stellenwert. Das Haus heißt bei ihnen abfällig Box oder
Schachtel (kutti). Auch das Wort für “Herd” heißt bei den mugat
“otešˇgo¯i”, was eigentlich Feuerstelle bedeutet. Wenn auch im sesshaften
Kontext das Zeltfeuer, also “die Feuerstelle” als Wort den Begriff “Herd”
(degdon, Tadschikisch) dominiert, deutet das auf herausragende Stellung
des Zeltlebens bei den mugat hin.
Bei der Vorstellung vom “wahren Zigeuner” spielt das Zelt ebenfalls Sommer -
eine herausragende Rolle. Mazor Aka brachte es einmal auf den Punkt: Zeit der
Reise,
”Wer ein richtiger ghurbati Zigeuner ist, der hat ordentliche Zelte (shaman), S.213
wer ein ghurbat ist, der macht sich ein Zelt, der begibt sich in Gottes Hände,
feiert ordentlich Feste, lebt von den guten Gaben. In den Wintermonaten
kann er ja in den Häusern hausen.”1
1 Gespräch mit Mazor aka am 6.09.2010 in Mazar-e sharif
138
7. Verankerung und Verwurzelung
Orte, die gut sind, die eine angenehme Lebensführung ermöglichen,
gelten als warm (garm), ein Sprachbild, das nur aus der Perspektive
des Zeltlebens heraus zu verstehen ist. Ein warmer Ort, kein heißer, ist
vor allem im Zelt angenehm. Warme Häuser jedoch werden von Fliegen
(paša) bewohnt. Ein Mann, der als faul gilt und wenig ambitioniert,
der fertig ist mit der Welt, von dem man nichts mehr erwarten kann,
über den sagt man: “Der liegt bei den Fliegen.”.
Zelt und Haushalt Obwohl Zigeuner-Gruppen in Afghanistan häufig
in Verbänden (ˇgam) ziehen, spielt die einzelne Familie eine wichtige
Rolle. Sie ist wie das Zelt innerhalb der Siedlungsgemeinschaften die
kleinste unteilbare Komponente der Gemeinschaft. Familie und Zelt
sind die vorherrschenden Bezugspunkte eines jeden Individuums der
Gemeinschaft. Die Familie wird jedoch nicht nur über die Gemeinschaft,
die sich ein Zelt teilt, bestimmt, sondern auch über die Gemeinschaft,
die am Abend zusammen zum Abendessen sitzt. Diese Tischgemein-
schaft bestimmt die Art der Zeltsiedlung. In ihr ist quasi die spätere
Hofbildung im Keim schon angelegt, denn eine Familie besteht fast
immer aus mehreren kleinen Familien. Wenn der Sohn vom Großen
Ghulom, der Kleine Ghulom, bei seiner Mutter und seinem Vater
wohnt, jedoch schon eigene Kinder besitzt, dann stehen zwei Zelte
zusammen: das Zelt des Großen Ghulom und das des Kleinen Ghulom.
Zeltgemeinschaften und Tischgemeinschaften sind hier einander gleich.
Das Zelt und die Gemeinschaft Das gemeinsame Lager (ˇgam) wird
so angelegt, dass einem jeden Zelt eine autonome Haushaltsführung
erlaubt ist (Abb. 7.4). Die Übergänge zwischen den Haushalten sind
dabei durch eine gewisse Distanz zueinander zu erkennen. Als Begren-
zung dienen aufgestapelte Stoffballen oder sind durch den Koppelplatz
des Pferdes zu erkennen. Manchmal werden auch grüne Zweige von
Weiden in die Erde gesteckt, die eine Abgrenzung und einen gewis-
sen Sichtschutz bieten, darüber hinaus, nach häufigem Gießen, auch
manchmal wurzeln und später für den Hausbau zu gebrauchen sind.
139
7. Verankerung und Verwurzelung
Abbildung 7.4.: Zelt, Haus, Begrenzung, fließende Einheiten
Haben die mugat in Nordafghanistan vor, länger zu bleiben, z.B. ein
Jahr, machen sie sich in den ersten Tagen ihres Campierens daran, eine
Lehmgrube auszuheben. Der Hausbau beginnt.
Vom Zelt zum Haus Den Lehm, den die mugat Zigeuner zum Haus-
bau brauchen, holen sie aus der Lehmgrube, die sie tief ausheben.
Die Lehmziegel, die sie dazu brauchen, werden mit Wasser und Lehm
geformt, in Lehmformen verschmiert, auf dem Boden ausgeleert, ne-
beneinander aufgereit und sind im Frühling innerhalb weniger Tage
getrocknet. Ein Haus zu bauen dauert etwa vierzig Tage. Die Wände
werden mit Lehmziegeln aufgemauert und Löcher für Fenster und Tü-
ren offen gehalten. Ähnlich wie bei nomadischen Raumaneignungen
sind Objekte, Dinge und Gegenstände in der Welt der mugat Zigeuner
multifunktional. Ein Ding ist immer für mehrere Sachen gut.
Meist besitzt ein Zimmer zwei Fenster und ein Haus eine Tür.
Die Wände werden aus Lehm hochgezogen, das aus einer Lehmgrube
stammt, die vor dem zukünftigen Haus angelegt wird. Sind die Wände
hoch genug, dass ein Mensch darin aufrecht stehen kann, werden pro
140
7. Verankerung und Verwurzelung
Zimmer vier große Balken auf die Wände gelegt, dazwischen werden
trockene, dünne Zweige geflochten, darauf eine Zeltbahn gelegt. Dann
kommt der Lehm drauf.
Da die ausgehobenen Lehmgruben häufig sehr tief sind, werden sie
auch als Abfallgrube benutzt. Da sehr wenig Abfall bei den mugat
anfällt, reicht eine solche Lehmgrube über Jahre.
Die Aufteilung des Hauses gehorcht der des Zeltes. Es gibt einen
Ort mit den Habseligkeiten, der den Frauen gehört, wo die Frauen
schlafen, jedoch sonst keine klare Aufteilung des Hauses. Wer sich wann
wo bettet, hängt davon ab, wann er schlafen kommt. Habseligkeiten,
die nicht für den alltäglichen Gebrauch bestimmt sind, werden weder
im Haus noch im Zelt aufbewahrt. Dazu werden extra Speicherhaufen
angelegt, die von alten Zeltbahnen bedeckt werden. Die Funktionen
des mugat Hauses sind gleich denen des Zeltes: Es soll schützen, nicht
bewahren.
Die äußerliche Gestaltung des Hauses ist ähnlich die der Zelte.
Schmuck wird angebracht, wenn er erwünscht wird. So bekommen
die Fensterlöcher manchmal einen Kalkanstrich. Einige mögen einen
Eingangsbereich mit Weidenstecklingen, die ein wenig Grün ins lehmi-
ge Braun bringen und später einmal im Hausbau eingesetzt werden
können.
Vom Haus zum Hof Bleiben mugat Zigeuner Afghanistans länger
an einem Ort, werden aus den Hausbauten Höfe. Die Söhne der Familie
siedeln zwar räumlich getrennt von den Eltern, doch räumlich so in
ihrer Nähe, dass sich alsbald ein Haus zum anderen gesellt und langsam
geschlossene Einheiten geschaffen werden, die keinerlei Einblick mehr
erlauben. Will man jetzt auf das Territorium der Familie, bleibt man
am Eingang stehen, ruft und wartet bis jemand kommt, der einen in
Empfang nimmt und nach dem Gesuch fragt. Die anfängliche Offenheit
des Zigeunerlagers weicht schrittweise einer Geschlossenheit, die auch
ein Eindringen auf ihr Territorium verbietet. Aus einem Zigeunerlager
wird ein Zigeunerhof.
Je länger die Zigeunersiedlung also besteht, desto größer ist die
Tendenz, ähnliche Siedlungsmuster wie die Mehrheitsbevölkerung auf-
141
7. Verankerung und Verwurzelung
Abbildung 7.5.: Hofbildung bei älteren Siedlungen
zubauen. Die mugat Siedlungen entstehen in Afghanistan jedoch auf
der Grundlage mehr oder weniger enger Zeitfenster, 2 bis 10 Jahre.
Eine dauerhafte Ansiedlung liegt nicht im Rahmen der Möglichkeiten,
denn brachliegende Flächen werden irgendwann auch wieder bebaut,
angefangene Baustellen beendet usw.. Die Zwischenzeitlichkeit der
Siedlung ist jedoch all seinen Bewohnern bewusst und wird nicht in
Frage gestellt. Mehr noch, Ghulom sarvar, mein Gastvater im Lager der
Chaqon, meinte einmal zu mir, wenn die Wohnviertelvorsteher mit den
Mietverträgen kommen würden, dann wären sie hier weg. Er sah keinen
Sinn, zur Verstetigung seines Wohnortes auch noch Geld zu bezahlen.
Doch die Art der Ansiedlung ist abhängig von ihren Bewohnern. Einige
Familien, wie die Sohibdod zum Beispiel, bezahlen einen kleinen Betrag
an die Vorsteher des Wohnviertels, in dem sie leben, um in ihrem alten
Viertel bleiben zu können und siedeln deshalb auch dort schon an die
sechs Jahre.
In den länger stehenden Zigeunersiedlungen sind Antennen weithin
sichtbar. Sie sind Zeichen für die Vernetzung der mugat mit der Außen-
welt und für die Kommunikation mit der Umgebungsbevölkerung. Denn
die temporären Siedlungen werden nicht von dem Stadtviertel regis-
triert, bekommen keine Hausnummer, also auch keine Elektrorechnung
142
7. Verankerung und Verwurzelung
zugestellt. Die Elektroanschlüsse werden ihnen von den Nachbarn ge-
stellt, zu denen die Zigeuner einen guten Kontakt aufbauen. Diese sich
hier aufbauenden Beziehungen sind Patron-Klientel-Beziehungen, wie
sie die Zigeuner in ihrem Stadtviertel mannigfaltig besitzen.
Temporäre Patrone und die Zigeunersiedlung In einem jeden Stadt-
viertel gibt es reiche lokale Potentaten, die angesprochen werden, um
bestimmte Mängel durch ihr Geld, ihre Macht bzw. ihre Möglichkeiten
zu beseitigen. Diese reichen Männer heißen malik und werden von den
Zigeunern als mögliche Patrone aufgesucht und um Rat gefragt.
Desweiteren ist die Moschee im Stadtviertel eine wichtige Anlauf-
station und Mittel der Vernetzung mit der Umgebung. Hier agieren
Mullahs und andere Gemeindemitglieder, etwa wenn es um die Vertei-
lung von Almosen (zadoqat) an die armen Leute im Stadtviertel geht,
zum Vorteil der Zigeuner. Diese Wohltaten werden durch eine enge
Bindung seitens der Zigeuner an die Moschee entgolten.
Jenseits dieser institutionellen Hilfe für die Zigeuner gibt es informelle
Unterstützung durch Nachbarn. Diese werden vor allem im Fastenmonat
Ramadhan von den Zigeunern angesprochen, um ganz konkret zu
helfen. Die Nachbarschaftshilfe besteht häufig in der Abgabe alter
Kleidungsstücke und Schuhe, die dann oft von den Frauen an die
Altkleidermarktstände im städtischen Basar verkauft werden.
Diese Patronage-Verhältnisse und Nachbarschaftsbeziehungen sind
temporär und halten sich nur für die Dauer der Ansiedlung. Darüber
hinaus gibt es religiöse Würdenträger, z.B. die Inhaber einer heiligen
Abstammungslinie (silsila), zu denen die Zigeuner eine innige Beziehung
pflegen. Diese wohnten im Fall der sohibdod, holmurod und chaqon, also
der mugat in Mazar-e Sharif die ich regelmäßig besuchte, in derselben
Stadt, gehörten zur naqšbandiya und wurden von den mugat von Zeit
zu Zeit aufgesucht und um Rat gefragt. Die Beziehungen zu einer Kette
religiöser Bezugspersonen sind andauernd und bestehen zum Teil seit
Jahrzehnten oder Jahrhunderten.
Der Auszug Wird die temporäre Siedlung verlassen, etwa weil die
Baulandbrache bebaut werden soll oder die Zigeunersiedlung einer
143
7. Verankerung und Verwurzelung
neuen Straße weichen muss, setzt sich der Zugverband zusammen und
beratschlagt, wohin sie gehen sollten. Dabei bleiben ihnen eine Fülle von
Möglichkeiten. Sie können im gleichen Stadtviertel an einen anderen
Ort ziehen. Sie können das Stadtviertel wechseln. Sie können in eine
andere Stadt in ihrem Einzugsgebiet ziehen.
Wird die temporäre Siedlung verlassen, nehmen die Zigeuner die
Dachbalken, die Flechtstöcke und die Zeltbahn wieder aus dem Dach,
Sie sind Teil ihres Reisegepäcks. Sie bauen damit an der nächsten Stelle,
die sich für eine temporäre Siedlung anbietet, das nächste Haus auf.
Das Haus wird also wie ein Zelt behandelt, welches man auf und wieder
abbauen kann. Die Lehmwände werden schnell wieder zu Erdboden.
Das zum Hausbau nötige Bauholz und die Tür ziehen ähnlich wie
das Zeltgestänge zu jedem weiteren Ort mit. Das Bauholz wird als
Erstes auf die angeheuerte Motorriksha gelegt. Darauf kommen die
Haushaltsgegenstände und die Decken. Als Letztes bedeckt das Zelt die
Habseligkeiten auf der Motorradriksha. Am neuen Ort wird das Zelt
wiederum dort als Erstes aufgebaut, wo die umliegende Bevölkerung
ihr Einverständnis zur Lagerbildung geben wird.
2.1. Temporäre Orte – die Verankerung an Nichtorten
Indem die mugat im Norden Afghanistans an Übergängen, Brachen,
Straßen- und Dorfrändern lagern, machen sie die von der Umgebungsbe-
völkerung als Nichtorte wahrgenommenen Räume zu einem Ort, einem
spezifischen Ort der mugat.
Um den Rand als Ort darzustellen, nutzte der französische Philosoph
Jean Francois Lyotard den Begriff der Zone bzw. des Gürtels. Hiermit
lenkte er den Blick vom Zentrum weg und sensibilisierte den Beob-
achter auf eine handlungsdynamische Zone, die die wirtschaftlichen
Möglichkeiten des Zentrums nutzt und aus den Möglichkeiten der Zone
heraus lebt. Zwischen Zone und Zentrum agierende Akteure genießen
also das Privileg, zu zwei Orten Zutritt zu haben, zur Zone (in die die
Leute des Zentrums nicht folgen) und zum Zentrum. Lyotard spricht
hiermit ein Handlungsreservoir an, das nur den Bewohnern der Zone
offensteht (Lyotard 1997, 113ff). Nicht vorhanden in dieser Denkfigur
144
7. Verankerung und Verwurzelung
ist das Zeitliche, das Temporäre, das für die Ortsnahme der von mir
besuchten mugat Zigeuner-Gruppen in Nordafghanistan zentral ist. Das
Thema der temporären Randzone wiederum bearbeitete Igor Kopytoff
in Afrika (Kopytoff 1999). Er entdeckte die Grenze bzw. das Grenzland
als Handlungsraum, als dynamische Zone, in der fortwährend neue
Gruppen aus Splittergruppen alter Verbände der Zentren entstehen.
Diesen Entstehungsprozess von Ethnien hatte auch schon Wilhelm Emil
Mühlmann (Mühlmann 1962) für Berggebiete und Randzonen beschrie-
ben. Marc Augé hingegen ging mit seinem Konzept des Nichtortes über
diese Entwürfe, die Ränder zu ergründen, hinaus. Für ihn waren der
Übergang, der Rand, die Brache konkrete Orte, die ohne Geschichte
sind und ohne Möglichkeit, nachhaltige Beziehungen einzugehen und
dazu noch das Temporäre in sich bergen. Für Marc Augé stellt der
Nichtort einen Zwischenraum, eine Verbindung zwischen zwei Orten
dar. Er beschreibt den Nichtort als Ergebnis der Moderne. Das Zu-
rücklegen einer Wegstrecke mit der U-Bahn oder die Wartehalle im
Flughafen usw. (Augé 1995) sind hier vor allem Passagen, nur flüchtig
wahrgenommene Räume. Das Nichtortkonzept formulierte Auge für
die Zustände der heutigen Hochmoderne. Das Konzept der Ortsnahme
der mugat stellt dabei eine vormoderne Variante dar. Denn für die
Umgebungsbevölkerung der mugat sind die Brache, die Straße und der
Rand, wenn sie unbewohnt sind, ebenso Nichtorte. Die mugat wieder-
um machen durch ihre temporäre Ortsnahme den Nichtort zu einem
zigeunerischen Ort, für sich und für die Umgebungsbevölkerung. Nun
wird der (Nicht-)Ort, der sonst gesichts- und geschichtslos existiert,
auf einmal Raum für temporäre und nachhaltige Beziehungen. Um ihn
bewohnen zu können, sind, wie ich zeigen konnte, Patronagebeziehun-
gen vonnöten. Es müssen Absprachen mit der Umgebungsbevölkerung
getroffen werden. So wandelt sich der Nichtort für alle für eine gewisse
Zeit zu einem Ort um.
Wie jedoch lässt sich die Komponente der Zeit adäquat beschreiben?
Zygmunt Bauman (Bauman 2008) nutzte den Terminus der Veran-
kerung für das Leben in einer modernen Großstadt, die durch ihre
Multikulturalität und Segmentarisierung immer wieder Ankerpunkte
für viele mobile Stadtbewohner biete. Der moderne Großstadtmigrant
145
7. Verankerung und Verwurzelung
finde also immer Möglichkeiten, sich in jeder beliebigen Stadt Kontakte,
also Ankerpunkte zu suchen, und diese für sich zu nutzen. Für die
mugat in Afghanistan kann dieses Konzept etwas weiter gefasst werden:
Gruppen, die sich nicht dauerhaft an einem Ort ansässig machen, also
eine klare zeitliche Perspektive vor Augen haben, verankern sich am
jeweiligen Ort wie ein Schiff in einem Hafen. Bei einer Verankerung an
einem Ort entscheiden die Ankernden und die am Ankerplatz ansässige
Bevölkerung über die Zahl und Qualität der Dinge, die sie miteinander
austauschen.
Die Verankerung von Zeltlagern ist ein Anpassungsprozess. Dieser
kann nur erfolgreich sein, wenn die zur Verfügung stehenden Möglich-
keiten während des Ankerns von den jeweiligen mugat Gruppen auch
wahrgenommen werden. Jeder Prozess der Verankerung setzt darüber
hinaus Ankerplätze innerhalb der Umgebungsbevölkerung voraus. Die
Verankerung von Zeltlagern ist ein Aushandlungsprozess. Der Unter-
schied zur Siedlungsbildung ohne zeitliche Perspektive, die ich für Us-
bekistan weiter unten noch erläutern werde, besteht nicht im Grad der
Verbindung zwischen der Zigeuner-Gruppe und der Umgebung, sondern
in der grundsätzlichen Beschaffenheit dieser Beziehung: im Zeitlichen.
Welche Nähe die jeweiligen zeitweiligen Verankerungen zur Umgebung
haben, ist bei jeder einzelnen Beziehung ganz unterschiedlich. Sie folgen
zwar immer den relationalen Markern Handel (Kommerz), Tischgemein-
schaft (Kommensalität) und Partnerwahl (connubium) (Weber 1921, 12)
(Marushiakova, Mischek, Popov & Streck 2005, 2), doch mit unterschied-
lichen Ergebnissen. Von Verankerung ohne Kommerz, ohne Anliegen,
ohne eine gemeinsame Handlungsgrundlage, kann nicht die Rede sein.
Mit dem Connubium ist es wiederum schwer, das Konzept der Veranke-
rung zu denken, denn mugat, die sich mit der Umgebungsbevölkerung
zum Bund der Ehe vereinen, holen Mädchen der Mehrheitsbevölkerung
entweder in ihre Verbände hinein und entnehmen sie so der Umgebungs-
bevölkerung, oder die einzelnen nach außen verheirateten mugat gehen
aus der Gemeinschaft der Verbände und Zigeunerquartiere heraus und
werden Teil der Umgebungsbevölkerung.
Die Abstufungen im Grad der Verankerung können also unterschied-
lich sein, ihren Anfang nehmen sie jedoch im Kommerz, ihr Ende finden
146
7. Verankerung und Verwurzelung
sie im connubium, denn im connubium ist die Zeitlichkeit der Beziehung
nicht mehr gewahrt. Irgendwo zwischen Kommerz und Connubium also
ist eine jede Verankerung angesiedelt, die Beziehung auf Zeit jedoch
ist das sie alle verbindende Element. In der Zeitlichkeit wiederum liegt
ein Akt der Souveränität. Denn die inneren Strukturen der sich ver-
ankernden Gruppen entziehen sich der Umgebungsbevölkerung durch
die Zeitlichkeit des permanenten Einflusses. Diese Zeitlichkeit ist na-
türlich nicht das einzige Mittel, mit dem die mugat ihre Souveränität
aufrecht erhalten. Das Wechselspiel zwischen Anpassung und Souve- Souveränität,
ränität wiederum ist ein wichtiges Charakteristikum der Kultur des S.87
Zwischenraums.
3. Der permanente Ort – nördliches Mittelasien
Nördlich des Amudarjas kann man den Beginn einer Ansiedlung von
mugat Gruppen kaum mehr beobachten. Hier leben die Zigeuner in
Stadtvierteln in den größeren Städten der Region und ziehen allerhöchs-
tens von der einen zur anderen Stadt, um sich hier bei Verwandten
und Bekannten niederzulassen.
Nichtorte im kollektiven Gedächtnis Im nördlichen Mittelasien sind
früher beliebte temporäre Wohnorte wie die Siedlungen entlang von
Bahngleisen, z.B. in Taschkent am südlichen Bahnhof (Gatelier 2004,
21f), heute permanente Wohnquartiere. Früher übliche zwischenzeit-
liche Ansiedlungen an stadtnahen Kanälen, etwa dem Zigeunerkanal
lo’li kanali am Stadtrand von Xodzhand (Tadschikistan), das Bahn-
hofsviertel in Nukus (Usbekistan), sind heute nur noch eine Erinnerung
an vergangene Zeiten.
In den alten Stadtkulturen Mittelasiens Buchara, Samarkand, Na-
mangan, Qoqand gibt es jedoch seit Jahrhunderten Zigeunersiedlungen.
In den Städten, die wie z.B. Taschkent heute eine immense Bedeutung
haben, aber historisch über keine überregionalen Pilgerorte verfügten,
waren bis vor 50 Jahren Zigeunerviertel unbekannt. Einen größeren
Teil der heute permanenten Zigeunerviertel des nördlichen Mittelasi-
147
7. Verankerung und Verwurzelung
ens gibt es erst seit der sowjetischen Politik der Ansiedlung mobiler
Gruppen. Seitdem haben auch typische Industrie- und Handelsstädte
wie Xodjand oder Taschkent ihre Zigeunerviertel. Hier gab es bis in die
1950er Jahre nur Zigeunerlager.
Pilgerzentren – Zigeunerviertel Alteingesessene Zigeunerviertel gibt
es vor allem in Städten, die Pilgerströme in sich aufnahmen. Diese
befinden sich vor allem in der Nähe von Orten, die früher als Pilgerorte
und heute als Tourismusmagnet für die mugat Zigeuner ein ansehnliches
Auskommen boten und bieten. In Samarkand liegt der traditionelle
Bezirk der Zigeuner in der qalandarxona mahalla, einem Bezirk im Osten
der Altstadt. Die Parallele zwischen Pilgerort und Zigeuneransiedlung
wird auch im Namen des Quartiers “qalandarxona mahalla” deutlich,
denn “qalandar” sind umherziehende Bettelmönche (Troickaja 1975),
sogenannte Derwische und “xona” bedeutet Haus. Der Bezirk der
Bettelmönche liegt unweit einer überregional wichtigen Pilgerstätte,
der Grabanlage Šoh-i zinda. Ein Großteil dieses Gebietes wurde bis
Anfang der 1990er Jahre von Bucharischen Juden bewohnt, die im Zuge
politischer und ökonomischer Veränderungen fast ausnahmslos die Stadt
verlassen haben. Das Gebiet, das die Zigeuner hier bewohnen, heißt
multoni mahalla, das “Viertel der Multoni-Zigeuner”. Ein Beobachter
dieser Mahalla Jens Jordan will erfahren haben, dass die Einwoher hier
“eigenen Aussagen zufolge [...] von Babur aus der pakistanischen Stadt
Multan mitgebracht” worden seien (Jordan 2007).
Auch in der Stadt Buchara wohnen die mugat nicht weit entfernt
vom Friedhof und dem Heiligengrab des mittelalterlichen Staatsgrün-
ders und heutigen Nationalheiligen der tadschikistanischen politischen
Elite Ismail Somoni. Über das genaue Alter dieses Stadtviertels wissen
wir nichts, aber in einem 1863 (1217) kopierten Erlass bucharischer
Herrscher ist von dem Vorsteher einer Musikergilde (surnai mehtar
Tadschikisch) in Buchara die Rede, der die Obliegenheiten der Ge-
meinschaft der l˘ uli (tadsch. ˇgomea-e lulion) übertragen bekam. Er
leitete alle wichtigen Angelegenheiten der Gemeinschaft, namentlich
Erbangelegenheiten und die Organisation von Festen. Eine Einmischung
148
7. Verankerung und Verwurzelung
in die Angelegenheiten der Gemeinschaft der Zigeuner von außen wird
in diesem Erlass ausdrücklich untersagt.2
Ein anderes Zeugnis über Zigeuner in den Städten Mittelasiens be-
richtet aus einem anderen Zigeunerviertel in Buchara. Es ist eine kurze
˙
Beschreibung aus der Feder von Mir husain M¯ir¯i, Sohn des bucharischen
Emirs Нah Mur¯ad von etwa 1830. Er beschreibt ein Wohnviertel von Zi-
geunern namens „Stadt der Ungläubigen“ (Persisch K¯afir¯ab¯ad). Dieses
Dokument zeigt, dass die fürstliche Macht lokale Zigeuner zwar als Un-
gläubige ansah, ihnen aber Aufenthaltsrecht in den Städten einräumte
und das Entstehen zigeunerischer Quartiere duldete (Günther 2007b).
Zigeunerviertel in Kokand Eine weitere große und bekannte Zigeu-
nersiedlung war und ist in Kokand zu finden. Hier siedelten die mugat
in einer Gegend, die historisch zwar zur Vorstadt gehörte, Ende des 19.
Jahrhunderts aber bereits relativ zentral in der Nähe des Palastes vom
letzten Kokander Fürsten zu finden war. Im kollektiven Gedächtnis
sind die Anfänge dieser Ansiedlung zwar nicht mehr abrufbar, zur
Zeit meiner Feldforschung war jedoch ihr vormaliges Aussehen und
der Wandel im 19. – 20. Jahrhundert noch im kollektiven Gedächtnis
präsent. Damals, vor dem Bau fester Häuser, hätten die Zigeuner in
Holzhütten gewohnt. Die Zäune waren aus Stroh. Viele Häuser besaßen
gar keine Begrenzung oder Schutz. Die hier wohnenden Familien hielten
sich Hunde an der Kette, die das Haus bewachten. Die Häuser wären
tagsüber weitgehend unbewacht, weil oft alle Bewohner ausgingen, um
für ihr ökonomisches Fortkommen zu sorgen. ökonomische
In den 1970er Jahren plante die Stadt Baumaßnahmen, die das Kooperati-
Neubaugebiet der Stadt Kokand erweitern sollten, um Wohnraum für on,
S.113
die rasch wachsende Bevölkerung der Stadt zu schaffen. Dazu wurden
mehrere Wohnblöcke am Ort des traditionellen mugat Zigeunerviertels
geplant. Um den dort siedelnden Zigeunern eine Ausweichmöglichkeit
zu geben, gab man ihnen ein Feld direkt gegenüber auf der anderen Seite
2 Eine Kopie dieser nicht betitelten Inš¯a’¯at - Handschrift, Inv.nr. 646 / II, hier: fol.
70v1r (= S. 141 f.), wurde mir dankenswerter Weise von Wolfgang Holzwarth
und Jens Ferchland zur Verfügung gestellt.
149
7. Verankerung und Verwurzelung
der Straße. Es wurde ihnen zugesichert, dass später, wenn die Wohnblö-
cke fertig sein würden, sie wieder in die modernen Häuser zurückziehen
könnten. Das Angebot des Umzugs auf eine neue Fläche nahmen alle
Familien ohne großen Widerstand an. Sie verließen ihre Holzhütten
und bauten gegenüber mit Hilfe der staatlichen Baumittelbeschaffung
nun Steinhäuser mit Vorgarten und schmiedeeisernen Zäunen ganz
nach dem Vorbild russischer Wohnhausarchitektur. Diese Wohnraum-
verbesserung war ein eindeutiger Akt vertikaler Mobilität. In wenigen
Jahren hatte sich die Zigeunermahalla sowjetisiert und modernisiert.
Dann wurden auch die Wohnblöcke fertig und die Zigeunerfamilien
erhielten die Einladung, in die bequemen und vollkomfortablen Woh-
nungen einzuziehen. Kaum eine der Kokander Zigeunerfamilien leistete
dieser Einladung jedoch Folge. Zwar war das Neubauviertel in der Er-
innerung der Zigeuner Kokands ein alter Zigeunerort, doch zogen nun
auch andere Familien der Umgebungsbevölkerung in die Neubauten
ein. Diese Vermischung schuf ein Problem. Denn der Wegzug aus dem
Zigeunerviertel in die Wohnviertel der Umgebungsbevölkerung wurde
und wird als eine Entfernung aus der mugat Gemeinschaft gewertet.
Wer wegzieht, gehört nur noch halb dazu. Wer im Zigeunerviertel bleibt,
der gehört ganz dazu. Und wer in die Wohnblöcke im alten Zigeuner-
wohnviertel zieht? Der wohnt zwar am eigentlichen Ort der mugat, doch
mit anderen Nichtzigeunern zusammen, was bis heute immer wieder
betont wird. So wissen viele mugat nicht, ob es nun angebracht ist,
in die Wohnungen zwischen all die anderen Nichtzigeuner zu ziehen,
oder ob das als Ausstieg aus der mugat Gemeinschaft gewertet wird. Tabu, S.207
Heute wird das alte Zigeunergebiet vor allem für Zweitwohnungen
oder Ausweiche bei Familienscheidungen genommen. Sonst wohnen alle
möglichen Leute in den neuen Wohnblöcken. Das gesamte Mosaik der
städtischen Bevölkerung ist hier anzutreffen.
Diese Episode zeigt, dass die aus dem Zwischenraum entstandenen
Siedlungen sich nicht einfach in einen allgemeinen Ort für alle umformen
lassen. Obwohl die eigentliche Siedlung in Gänze umzog, reklamierten
die mugat das alte Gebiet als ihre (wenn auch vormalige) Siedlung. Dies
zeigt eines ganz deutlich, mugat Wohnviertel sind keine Wohnviertel
für die allgemeine Stadtbevölkerung. Siedlungen, die aus dem Zwischen-
150
7. Verankerung und Verwurzelung
raum entstanden sind, gehören zur Kultur des Zwischenraums und
können nicht einfach umgewandelt werden. Auch wenn sie äußerlich
viele Merkmale eines allgemeinen Stadtviertels tragen, sind die aus
dem Zwischenraum entstandenen Siedlungen der manifest gewordene
Zwischenraum.
Die Beispiele aus dem vorsowjetischen Mittelasien wie auch die sowje-
tische Episode aus Kokand zeigen eine deutlich andere Qualität als die
temporären Lageransiedlungen in Nordafghanistan. Die Verstetigung
von Ansiedlungen im sowjetischen Teil Mittelasiens muss daher aus der
Perspektive der Verstetigung von Wohnraum betrachtet werden.
3.1. Räumliche Permanenz – Einwurzelung
Nach Gaston Bachelard geht die Verstetigung von Wohnraum mit
einem Prozess einher, das er Einwurzelung genannt hat. Einwurzelung
ist dabei ein Prozess, in dem ein Ort eine individuelle Erfahrungswelt
wird. Einwurzeln heißt bei Bachelard, ein Haus vom Keller bis zum
Dach in Besitz zu nehmen. Der Ort wird in solchem Maß zur eigenen
Erfahrungswelt, dass man etwa bei Stromausfall sich in ihm blind
auskennt. Der Eingewurzelte kann einen solchen Ort sogar in Träumen
als realen Ort abbilden (Bachelard 2007, 30-59). Das Ortsverständnis
der Einwurzelung wiederum verlangt nach einer Form der kulturellen
Einbettung genauso wie die temporäre Verankerung von Zigeunerlagern
(ˇgam).
Die aus der Permanenz der mugat Siedlungen in Usbekistan und
Tadschikistan resultierenden strukturellen Folgen für die Bewohner wird
ausführlich im Kapitel 9 behandelt. Die Sesshaftwerdung von Zigeunern
beeinflusste im Norden Mittelasiens einige ihrer Kulturmuster, vor allem
aber das Betteln.
Die Fremde Ist die Grundlage zigeunerischen Wirtschaftens in Af-
ghanistan das Betteln, so ist dies in den nördlichen Teilen Mittelasiens
nur noch bei einigen Gruppen der Fall. Alle mugat haben dennoch das
kulturelle Erbe des Bettelns zu ehren. Ahnendienst,
S.206
151
7. Verankerung und Verwurzelung
“Wer nicht einmal im Jahr seine Haare lang wachsen lässt und in die
Fremde geht, um zu betteln, der versündigt sich am Erbe seiner Väter.”3
Idealerweise wird deshalb der Bettelgang im Monat Ramadhan ange-
setzt. Die Sesshaftwerdung brachte also erst das Konzept der “Fremde”
bei den mugat hervor. Bei afghanistanischen Zigeuner-Gruppen gibt es
kein Konzept vom “Betteln in der Fremde”. In Afghanistan sammeln
mugat an ihren temporären Wohnorten genauso wie im anonymen
Stadtzentrum oder im verkehrsreichen Basar. Manche sesshaften mugat
haben sich sogar ein Konzept von interner Fremdheit zugelegt, das
ihnen im Idealfall Kontakt mit ihren nichtzigeunerischen Nachbarn
verbietet, da diese nicht mehr als potentielle Ressource genutzt werden
können. Der “wahre Zigeuner” habe keine Freunde unter den Nicht-
zigeunern, sagte einmal Laziz. Er schimpfte über all diejenigen, die
sich zu eng mit ihrer Außenwelt verbanden. Sie seien keine richtigen
Zigeuner.
Netzwerkbildung Die Entstehung von Zigeunerquartieren hat aber
auch zur Folge, dass diese nun als Fixpunkte für wandernde Zeltzigeuner
aus anderen Gegenden genutzt wurden und werden. Häufig finden z.B.
mugat aus dem 700 km entfernten Surchandarja in Kokand eine Bleibe
im Zigeunerquartier der Kokander Zigeuner, um in der Innenstadt auf
Betteltour zu gehen. Das verändert auch die Praxis des Bettelns, denn
wenn das Betteln bei den Zigeunern Usbekistans “nur in der Fremde”
praktiziert werden kann, haben sich “in der Fremde” Orte etabliert,
die feste Anlaufpunkte für die eigenen Betteltouren bieten.
Totenliebe und Totenflucht Nicht nur die Fremdheitskonzepte än-
dern sich mit den Wohnzusammenhängen, sondern auch der Grabkult.
So haben die Zigeuner Usbekistans und Tadschikistans nicht nur eigene
Häuser, sondern auch eigene Gräber, an manchen Orten sogar einen
eigenen Friedhof. In Nordafghanistan, wo das Zelt, das Temporäre
3 Interview Laziz und andere im Sommer 2008 in Kokand. Gleiches Gebot auch
bei den Abdal in Xinjiang (Ladstätter & Tietze 1994, 13).
152
7. Verankerung und Verwurzelung
und die Mobilität eine große Rolle spielen, begehen die mugat kei-
nen Grabkult. Sie legen zwar flüchtige Gräber auf den Friedhöfen der
Umgebungsgesellschaft an, pflegen sie aber nicht.
Sebald Rudolf Steinmetz und später auch Gion Condrau haben
menschliche Kulturen in totenliebende und totenflüchtige Kulturen
unterteilt (Steinmetz 1903, 75) (Condrau 1984, 75). Wobei die to-
tenliebenden Gruppen Menschen mit Landbesitz, die totenflüchtigen
Gruppen jedoch ein nomadisches Leben lebten. Analog kann man bei
Zigeunerkulturen sagen: Die Zigeuner mit Grabkult sind Zigeuner mit
Landbesitz, totenflüchtige Gruppe sind meist Zeltzigeuner. Totenliebe
und Totenflucht reflektieren also eine vermeintliche Gegensätzlichkeit
zwischen sesshaft und nomadisch und zeigen, wie tief sich Lebenstile
von Mobilität und Sesshaftigkeit in Kulturen einbetten können.4
Wie weit die Folgen eines solch unterschiedlichen Zugangs zum Tod
gehen können, konnte ich auf dem städtischen Friedhof von Buchara
beobachten. Hier finden sich zu religiösen Feiertagen, an denen die Um-
gebungsbevölkerung Totengedenken hält, besonders viele Zigeuner ein,
die ihre Dienste gegen einen geringen Obulus als Grabpfleger, Friedhofs-
guides zum Auffinden bestimmter Gräber und als Vorbeter anbieten.
Diese Beschäftigung als Friedhofsdienstleister wäre bei den mugat Zigeu-
nern in Nordafghanistan undenkbar. Sie haben zu Friedhöfen keine
Beziehung.
Stadtviertelbewohner im Zelt Obwohl die mugat-Stadtviertel im
nördlichen Mittelasien zum Teil seit Jahrhunderten in den Städten Mit-
telasiens etabliert sind, kommt es auch vor, dass Stadtviertelbewohner
wieder Zelte als Wohnorte bewohnen. Beispielsweise kam es in den
1990er Jahren vor, dass Zeltsiedlungen in den Wäldern um Moskau
herum neu entstanden. Hier siedelten mittelasiatische mugat als Wan-
derarbeiter. Seit Generationen sesshaft gemachte Zigeuner wurden nach
4 Im tsiganologischen Kontext lassen sich Analogien zu den Sinti und Manush in
Europa herstellen. Auch sie verbrennen das Hab und Gut des Toten und flüchten
seinen Anblick (Tauber 2006, Williams 2003), Romagruppen auf dem Balkan
mit einer langen Geschichte der Ansiedlung durch die Osmanen jedoch haben
fast überall Gräberkulte.
153
7. Verankerung und Verwurzelung
dem Zerfall der Sowjetunion und den damit einhergehenden wirtschaft-
lichen Zusammenbrüchen wieder zu Zeltbewohnern (Marushiakova &
Popov 2007, 448, Nr. 44-47). Nur bestanden diese Zelte nicht aus Baum-
wolle, sondern aus Plastikplanen. Auf die ehemaligen Zeltformen griffen
die mugat Mittelasiens nicht zurück. Sie fanden in Plastikplanen und
dem Holz der Umgebung das passende Zeltmaterial. Das heißt, dass
die Prozesse der Stadtviertelentwicklung keine linearen Entwicklugs-
prozesse darstellen. Vielmehr nutzen die Kulturen des Zwischenraumes
die sich ihnen bietenden Möglichkeiten auf vielfältige Weise. Hier wird
also keine Entwicklung, sondern ein Spektrum erkennbar, das beim
Zelt anfängt und beim Stadtviertel aufhört. Der Zwischenraum wird
damit in einer Vielzahl von Entfaltungsmöglichkeiten konkret, Zwi-
schenraumkulturen sind flexibel. Ihre Vertreter können sich sowohl als
Zeltbewohner und auch als Bürger im urbanen Raum manifestieren.
Diese Manifestationen folgen keinem Entwicklungsgedanken, sondern
den Optionen der Entfaltung.
4. Wachsende Strukturen und wandernde
Komponenten
Verankern sich Zeltzigeuner am Nichtort für eine sehr lange Zeit, ver-
schwindet der Unterscheidungsmarker zwischen temporär und perma-
nent: die Zeit. Auf die Verankerung folgt eine Einwurzelung. Den Weg
vom Zelt zum Haus zum Hof und wieder zum Zelt habe ich geschildert.
In all diesen Manifestationen des Zwischenraums kann man zwischen
zwei unterschiedlichen Elementen unterscheiden: wachsende Struktu-
ren und wandernde Komponenten. Die Haus-, Hof- und Stadtviertel
stellen dabei eine wachsende Struktur dar. In ihrer Vollendung, in der
Bildung eines Stadtviertels, unterscheiden sich die Häuser und Höfe der
in einem Stadtviertel wohnenden mugat kaum mehr von den Häusern
der Umgebungsbevölkerung.
Verlassen die Zigeuner in Afghanistan ihre temporären Ansiedlungen,
kommt, wie ich gezeigt habe, aus den Häusern schnell auch wieder der
Nukleus des zigeunerischen Lebens in Afghanistan, das Zelt, zum Vor-
154
7. Verankerung und Verwurzelung
schein. Ziehen die mugat also um und lassen ihre Lehmhäuser zurück,
wird aus ihren Siedlungen auch schnell wieder ein leerer Zwischen-
raum. Wichtiges Baumaterial wie Balken sind wie die Zeltstangen Teil
des Umzugsgepäcks. So wird ein Haus wie ein Zelt zusammengepackt.
Zeltstangen und Dachbalken sind die wandernden Komponenten der
mugat. Diese wandernden Komponenten gibt es auch in anderen Zu-
sammenhängen und bei anderen mobilen Zigeuner-Gruppen. Trailer,
Wohnwagen, Pferdekarren sind besonders sichtbare wandernde Kom-
ponenten. Manchmal wandert nur das, was der Rücken auch tragen
kann. Daher auch die persische Zigeunerbezeichnung khonabadosh –
der sein Haus auf dem Rücken trägt, die als Fremdbezeichnung für
Zigeuner-Gruppen von Persien bis nach Nordindien bekannt ist.
Das Zelt kann, wie ich gezeigt habe, sogar eine Wanderung in das
Haus antreten und damit die Wege der vertikalen Mobilität beschreiten.
Die wandernden Komponenten haben in sich damit auch die Qualitäten
einer wachsenden Struktur angelegt. Bei einem jeden Zeltaufbau wächst
aus dem Zelt heraus ein Haushalt mit seiner Umgebung zusammen. Bei
jedem Stop eines Wohnwagens ist die Wäscheleine, die z.B. zwischen
Wagen und Bäume gebunden werden kann, ein Zeichen einer wachsen-
den Struktur. Diese können in sich die Qualität des Temporären tragen,
aber auch die Qualität des Permanenten ausbilden. Diese Flexibilität
wiederum ist genuines Merkmal des Zwischenraums.
Zwischenraum – Potentiale für mobile und sesshafte Lebenspraxis
Lebensraum und Lebenspraxis sind, wie die vorangegangenen Beispiele
zeigen, eng miteinander verbunden. Ändert sich der Lebenraum, so
hat das auch unweigerlich Folgen für die eigene Lebenspraxis. Das
Bettelgebot und das mit der Sesshaftwerdung einhergehende Konzept
der Fremdheit zeigen dies sehr gut. Ebenso führt die dauerhafte Nutzung
ein und desselben Friedhofes die mugat des nördlichen Mittelasiens
zu Grabkult und Grabespflege. Wie stark dabei aber die Praxis der
Ahnenverehrung durch rituelles Betteln ist, kann nur ermessen werden,
wenn man sich vor Augen führt, dass ein seit Jahrzehnten andauernder
Grabkult das rituelle Betteln als Ahnendienst zum Ramadhan nicht
155
7. Verankerung und Verwurzelung
verdrängen konnte, sondern dafür Konzepte wie “die Fremde” oder
“der Fremde” eingeführt wurden.
Noch plastischer aber wird die Verbindung zwischen Raum und Praxis
bei der Einbettung des Zeltes in die Kultur der nordafghanischen mugat.
Das Zelt wird hier zu einem Sinncontainer (Löw 2001, 198). In ihm
verdichten sich Ideale der Lebensführung (Mobilität im Sommer) oder
die Praxis des Hausbaus. Selbst die ökonomische Kooperation beider
Lebenspartner findet bei den nordafghanischen mugat im Zelt seinen
Ausdruck.
Die mugat entscheiden im jeweiligen Raum über ihre jeweilige Praxis.
Martina Löw nennt diese Praxis “spacing”, also das Platzieren von
Handlungen. Orte mit ihren spezifischen logischen Funktionen wie das
Zelt oder die Fremde führen zu Handlungen der mugat, mit denen diese
bestimmte Orte erst zu einem spezifischen Ort für die mugat machen.
Das heißt, die Fremde ist die Fremde der mugat, das Zelt ist das Zelt
der mugat usw.. Der Zwischenraum ist somit ein Ort der mugat.
156
8. Revier und Route – Die Motilität der
Zigeuner-Gruppen in Afghanistan und
dem nördlichen Mittelasien
“Wir haben ja einigen Reichtum, dieser kommt erstens von Gott,
zweitens vom König (vom Staat O.G.) und drittens vom Volk.
Von uns aus haben wir ja nichts, keinen Boden, keinen eigenen
Ort. Hier wohnen wir zur Miete, wenn wir jedoch gezwungen
werden, weiterzuziehen, dann setzen sich drei bis fünf Leute hin
und beraten, wo sie wohl hingehen sollen. Wenn uns aber keiner
sagt: “Geh!”, dann bleiben wir hier.Gruppeninterview mit der
Familie der holmurod am 04.10.08 in Mazar-e Sharif
Das Motilitätskonzept Im letzten Kapitel habe ich gezeigt wie der
Zwischenraum räumlich als Wohnort sichtbar wird. In diesem Kapitel
werden die Handlungsräume der mugat thematisiert und das Konzept
der Motilität erkenntnisleitend sein. Ich habe schon im Kontext des
Wohnens die Dichotomie von mobil und sesshaft weitestgehend auf-
gehoben und in die Bereiche verankerter und verwurzelter Kulturen
geschieden. Da die Absolutheitsansprüche solcher Worte wie Mobilität
und Sesshaftigkeit unpassend für die Beschreibung von Lebens- und
Handlungsräumen der mugat sind, will ich in diesem Kapitel vor al-
lem auf ihre Bewegungsmöglichkeiten schauen, die durch das Konzept
der Motilität beschreibbar sind. Motilität betrachtet nicht zuerst die
konkreten Mittel und Wege der Fortbewegung, sondern beschreibt,
welche Auswahl von Bewegungsmöglichkeiten Individuen und Gruppen
überhaupt haben und welche Kontexte und Bedingungen zur Bewe-
gung führen.1 Motilität untersucht also die Mobilitätsoptionen von
1 Motilität ist ein Begriff, der in den Naturwissenschaften, vor allem in der Biologie,
gebildet wurde. Hier führte innerhalb der Forschung in Biotopen der einfache
157
8. Revier und Route
Individuen und Gruppen. Dabei beschreibt sie nicht nur die jeweils
vorhandenen Möglichkeiten horizontaler Bewegung, sondern erweitert
den Blick auf die vertikale Mobilität und die Frage wie sich hier, im
sozialen Auf- und Abstieg, die Mobilitätsspektren verändern. Motilität
bietet damit eine Möglichkeit, die vielen Handlungsoptionen von Ak-
teuren innerhalb ihres jeweiligen kulturellen Rahmens zu beschreiben,
ohne sie auf gewisse Tätigkeiten und Strategien hin festzuschreiben.
Zum anderen ermöglicht das Konzept der Motilität, auf die Auswahl
an Möglichkeiten hinzuweisen, die den Menschen in ihren jeweiligen
Handlungsräumen zur Verfügung stehen. Jede Zigeuner-Gruppe, zum
Teil jedes Individuum in dieser Gruppe, hat jeweils eigene Zugänge zu
Infrastrukturen. Jeder Ort, ob religiös, touristisch oder marktorientiert,
verlangt nach unterschiedlichen Mobilitätsstrategien. Darüber hinaus
verändern sich Mobilitätsoptionen auch in der zeitlichen Perspektive
(Canzler, Kaufmann & Kesselring 2008, 6-9). Die Mobilitäten eines je-
den sind durch politische Umwälzungen, Veränderungen der technischen
Möglichkeiten, dem Wachsen bzw. Schrumpfen von Infrastrukturen
und dem Statuswechsel von Einzelpersonen und Gruppen bestimmt.
Allein der Wechsel der politischen Systeme in den Regionen nördlich
des Amudarjas im 20. Jahrhundert vom feudalen Fürstenstaat (19
Jh.) zum russländischen bzw. sowjetischen Imperium (ab 1870) und
zu unabhängigen Nationalstaaten (1991) zeigt, dass zeitlicher Wandel
auch die Mobilitätsoptionen von Gruppen ändert.
Um die Komplexität der Motilität zu verstehen, zunächst ein Beispiel
aus Nordafghanistan. Die Mobilität der mugat im nördlichen Afgha-
nistan stellte sich mir 2008 wie folgt dar. Während des Krieges der
Mudžahedin flohen die holmurod, die ich in Mazar treffen konnte, nach
Pakistan. Ansonsten halten sie sich außer in Mazar in Andkhoy, in
Maimana, in der Provinz Faryab und Shulgar auf. Sie bleiben ein Jahr Kairos-
ökonomie,
S.97
Befund, dass es sehr mobile Organismen gibt wie Vögel und sehr immobile wie
Bäume. In den Sozialwissenschaften taucht der Begriff das erste Mal wahrschein-
lich bei Zygmunt Bauman (Bauman 2000) auf. In den Sozialwissenschaften gelten
Kaufmann, Bergmann und Joye aber als Grundsteinleger zur Einführung des
Begriffs (Kaufmann, Bergman & Joye 2004).
158
8. Revier und Route
oder zwei an einem Ort auf der Suche nach Gelegenheiten und wechseln
dann wieder.
Mazar-e Sharif, Oktober 2008 Ražab: “Die russische Revolution hat
uns auf die Reise geschickt, und so sind wir mobil geblieben. Wir haben
ja keinen eigenen Boden. Jetzt sind wir weniger gern im Umland, weil es
dort viele Diebe gibt, viele Gefahren.”
O.G.Und wer gibt den Marschbefehl? Wer entscheidet, wohin Sie gehen
würden?
Ražab:“Wir haben ja einigen Reichtum, dieser kommt erstens von Gott,
zweitens vom König (podšoh / Staat) und drittens vom Volk. Von sich
aus haben wir ja nichts, keinen Boden, keinen eigenen Ort. Hier wohnen
wir zur Miete, wenn wir jedoch gezwungen werden, weiterzuziehen, dann
setzen sich drei bis fünf Leute hin und beraten, wo sie wohl hingehen sollen.
Wenn uns aber keiner sagt: “Geh!”, dann bleiben wir hier. Dazu sind wir ja
gezwungen, haben ja keinen eigenen Platz. Wenn also keiner sagt “Geh!”,
dann bleiben wir fünf Jahre, zehn Jahre ja zwanzig Jahre . . . Früher, vor
der Revolution, da sind wir mehr umhergezogen, im Umland unterwegs
gewesen mit unseren Eseln und Pferden. Das war aber früher. Da trieben
wir Handel im Umland.
Damals lohnte es sich im Umland zu handeln. Damals hatten die Leute
noch Geld für uns. Mit den besseren Transportmitteln heutzutage und dem
billigen Einkaufen in der Stadt, noch dazu mit jeder Menge Abwechslung
des Einkäufers können wir als fliegende Händler nicht mehr mithalten. Nun
betteln wir vor allem . . . In der Stadt gibt es im Gegensatz zum Umland
den Staat, Sicherheit und Reichtum.”
O.G:Geht Ihr manchmal noch woanders hin, oder wandert Ihr nur hier im
Norden?
Ražab:“Nein, außer in Turkestan2 waren wir nur als Flüchtlinge (mohažir )
in Pakistan. Sonst sind wir immer hier. In der Zeit von Dr. Nagˇ ib jedoch
waren wir ganz anders in das Land integriert. Da hat man uns in die Armee
aufgenommen. Einer war von uns in Kandahar, einer in Herat. Doch dann
sind wir wieder als Arme (firghor ) nach Iran geflüchtet und sind einen
Monat in Maschad geblieben. Ja, seit zehn Jahren sind wir wieder hier.”
2 In Afghanistan nennt man den Norden und die Provinzen Balkh, Jowzˇgan,
Faryab und Sari-Pul manchmal Afghanisch Turkestan.
159
8. Revier und Route
Die hier vorgestellten Muster von Mobilität bei den mugat im Norden
von Afghanistan zeigen verschiedene Aspekte des Motilitätskonzeptes:
Infrastrukturen an den jeweiligen Orten und zwischen ihnen, Reiseradi-
en und Reiseziele, soziale Organisation der Mobilitätsverbände, Fragen
des historischen Wandels der Mobilitätsoptionen, sowie Fragen nach der
Mobilität als ethischem Konzept und Ideal fallen in den Fokus. Darüber
hinaus stellen sich Fragen nach dem Zugang zu den Ressourcen in ihrer
Umgebung, nach dem Wandel, wenn es zum Phänomen der vertikalen
Mobilität Einzelner oder einzelner Gruppen kommt.
1. Horizontale Mobilität
Im Kapitel zu Haus und Hof bei Zigeunern habe ich schon den Un-
terschied zwischen den verankerten Gruppen in Nordafghanistan und
den verwurzelten Gruppen in Usbekistan & Tadschkistan gezeigt. Die
unterschiedliche Einbettung in die Umgebungsgesellschaften führt auch
zu unterschiedlichen Praxen von Mobilität. Schon der Umstand, dass
viele Gruppen in Afghanistan Pferde besitzen, diese jedoch bei den
Zigeuner-Gruppen im nördlichen Mittelasien fast vollständig verschwun-
den sind, lässt unterschiedliche Mobilitätsmöglichkeiten erahnen. Man
könnte vermuten, dass Gruppen, die sich in ihren Umgebungsbevölke-
rungen verankern, stark auf Mobilität ausgerichtet sind, währenddessen
verwurzelte Gruppen eher zu stationärem Leben neigen. Doch dem ist
nicht so.
1.1. Horizontale Mobilität in Afghanistan
Infrastrukturen In Afghanistan ziehen die verschiedenen Zugverbän-
de auf der Suche nach einer temporären Ansiedlungsmöglichkeit als
gesamtes Lager von einem Ort zum nächsten. Sie reisen auf gemieteten
Motorradrikschas oder LKWs mit ihrem gesamten Hab und Gut in
Gruppen (ˇgam). Der Zugverband bestimmt gemeinsam vor der Abreise
in einem Rat das nächste Ziel. Dabei verfügen mugat immer über eine
Auswahl von Optionen, in welche Reviere sie jeweils ziehen könnten. Die
im Eingangsbeispiel vorkommenden Verankerungspunkte der holmurod,
160
8. Revier und Route
Städte wie Shibirghan, Maimana oder Andkhoy aber auch Pul-e humri, ˙
sind gleichzeitig die wichtigsten Pilgerstädte in der Region. Heilige Orte
in Afghanistan garantieren häufig den Reichtum einer Stadt: Pilgern
heißt Handeln, sagen deshalb auch die Leute dort (ziyorat tižorat ast).
Die Reviere der mugat sind wegen ihrer religiös motivierten Almosen-
nehmerschaft vor allem an diesen heiligen Städten ausgerichtet. Das
sie verbindende Netz ist die Straße.
Reiseradien, Reiseziele Die Reise an einen anderen Ort wird von den
mugat Afghanistans mit Umzug übersetzt (koč kardan) (Rao 1982, 97),
einen Terminus, den auch die Pastoralnomaden für ihre Wanderungen
zwischen den Weidegebieten benutzen. Die Zigeuner-Gruppen Afgha-
nistans wechseln mit dem Ort immer auch ihr Revier. Der Entschluss
zum Ortswechsel ist für das ökonomische Fortkommen der mugat Af-
ghanistans folgenschwer. Zwar gibt es viele Orte, die bereits als gut
funktionierende Reviere bekannt sind, doch liegt in jedem Ortswechsel
ein gewisses Risiko, denn die Übersiedelnden wissen nicht immer genau,
welche anderen Zigeuner-Gruppen noch am Ort verweilen, wie die öko-
nomischen Bedingungen konkret sind, wer am Ort gerade das Sagen
hat. Hieraus erklärt sich auch die Tendenz, ein einmal aufgeschlagenes
Lager so lange wie möglich zu behaupten. Für das Bleiben am Ort
treffen die mugat Vereinbarungen. Im Fall des damaligen Lagers der Patronage-
holmurod im Quartier (mahalla) Bobo Jodgor war für ihr Bleiben ein beziehungen,
lokaler Geistlicher (mullah) verantwortlich. Dieser gab ihnen für ein S.143
Jahr eine schriftliche Vereinbarung, dass sie bleiben können.3 Nach
diesem Jahr zogen sie in eine andere mahalla um. Dort wiederum war
es ein einflussreicher Quartiersbewohner (malik), der seine Fläche zur
Verfügung stellte.
Die ökonomisch gut funktionierenden Reviere sind immer in großen
Städten wie Mazar, Shibirghan, Maimana oder Andkhoy zu finden. Der
Umzug in die ihnen bekannten Reviere ist oft auch ein Wiedersehen
mit ihnen bekannten bzw. durch Verwandtschaftsbindungen nahen
mugat Gruppen. Um das Risiko des Streits zu verringern, tauschen
3 Gruppeninterview mit der Familie der holmurod am 04.10.08 in Mazar-e Sharif
161
8. Revier und Route
jene Gruppen, die ein Revier gemeinsam bewirtschaften, ihre Töchter.
Innerhalb dieser Reviere sind die mugat in Afghanistan in einem kleinen
Radius mobil. Sie gehen in die Innenstädte, zu den heiligen Orten, zu
den Basaren oder in die Wohngebiete zum Sammeln und Handeln.
Das Sammeln nennen sie “Bedürftigkeit zeigen” (hoduri kardan), was
aber auch als Terminus genutzt wird, um Mobilität im kleinen Radius
zu beschreiben. Andere Formen der Mobilität sind im Revier mobile
Männergruppen, die eigene Touren in die Umgebung machen (kiti
kardan). Das kann dann einen Handel in den Dörfern der Umgebung
bedeuten, wenn die Situation dies erlaubt, oder andere mugat Gruppen
in anderen Quartieren zu besuchen.
Ideal In meinen Gesprächen mit den mugat in Mazar-e Sharif kamen
wir immer wieder zum Thema “gute Lebensführung”. In dieser Welt der
Idealvorstellungen favorisierten viele mugat die Mobilität als Grundlage
einer “guten Lebensführung”. Wie ich schon im Kapitel zum Wohnen Jahreszyklus,
zeigen konnte, ist für die mugat das Zelt der Mittelpunkt ihres Lebens. S.215
Das Zelt und die warmen Jahreszeiten werden bei ihnen auf eine Art
und Weise transzendiert, die die Zeit der Überwinterung zu einer reinen
Übergangsphase macht. Auch wenn die Wege zu unsicher sind, die
Umgebung zu schwer zu erreichen und eine Wanderschaft nicht möglich
ist, gilt der Sommer trotzdem als die Zeit, in der ein mugat unterwegs
sein sollte.
Konflikte Mobilität ist Mittel der internen und externen Konfliktprä-
vention und -lösung. So konnte ich gerade bei großen Lagerbildungen
(ˇgam) in Afghanistan vor allem in Kabul beobachten, dass interne Kon-
flikte schnell ausbrechen und heftig enden. Meist sind hier moralische
Vorwürfe, Untreue oder Diebstahl der Grund für Auseinandersetzungen
zwischen den Familien des Lagers. Oftmals fehlen in diesen großen
Lagern auch verwandtschaftliche Bindungen zwischen den einzelnen
Familien (Berland 1982, 89-93). Dann verlassen einzelne Familien das
Lager und ziehen woanders hin.
Kommt es in Nordafghanistan zu Konflikten mit der Umgebungsbe-
völkerung und drohen Zusammenstöße mit einer gewaltbereiten Umge-
162
8. Revier und Route
bungsbevölkerung, dann kann sich das ganze Lager oder Teile davon
dieser Situation entziehen. Dieses Mittel der Konfliktlösung durch
Flucht werde ich später noch einmal aufgreifen.
Wanderung und Flucht Ortswechsel erfolgen bei den mugat in Af-
ghanistan üblicherweise entlang gut bekannter Verankerungspunkte.
“Eine Fahrt ins Ungewisse” gibt es nur unter besonderen Umständen
wie z.B. der Flucht. Die Zeiten der Sozialistischen Oktoberrevoluti-
on von 1918-21 im nördlichen Mittelasien (Shalinsky 1994, 1-36) und
der Bürgerkrieg zwischen 1993 und 1997 in Afghanistan waren solche
besonderen Umstände, die zur Flucht großer Teile der Bevölkerung
führte.
Der Ortswechsel im Bürgerkrieg von 1993 bis 1997 in Afghanistan
ist den mugat noch in guter Erinnerng. Der Bürgerkrieg veranlasste
viele der afghanischen Zigeuner-Gruppen in unbekannte bzw. wenig
bekannte Gefilde wie nach Isfahan in Iran oder Peshawar in Pakistan zu
ziehen. Wenn hier die Zigeuner-Gruppen auf konkurrierende Zigeuner-
Gruppen trafen, waren Konflikte unausweichlich. Oft konnten sie sich
kaum mit ihnen verständigen.
1.2. Horizontale Mobilität in Mittelasien
Infrastrukturen Für die territorialen Bewegungen der Zigeuner in Us-
bekistan und Tadschikistan spielen Überlandbusse und die Eisenbahn
eine wichtige Rolle. Die durch die russländisch-sowjetische Vergan-
genheit bedingte Verkehrsanbindung des nördlichen Mittelasiens an
Kasachstan und Europa ermöglicht bis heute auch für die mugat Mobili-
tät über weite Strecken. Alle Wege dieser Infrastrukur beschränken sich
vor allem auf das Gebiet der ehemaligen Sowjetunion und ihrer Verbün-
deten, da hier keine gesonderten Reisedokumente wie Visa nötig sind.
Die lange Abschottung der Sowjetunion von ihren südlichen Nachbarn
bewog die mugat, ab den 1930er Jahren die infrastrukturellen Bezugs-
punkte vom Süden in den Norden zu verlegen. Die von den nördlichen
mugat Gruppen vor der Revolution häufig benutzten Wegstrecken in
Richtung Süden nach Afghanistan gehören der Vergangenheit an und
163
8. Revier und Route
sind zur Zeit nicht Teil der alltäglichen Praxis. Sie tauchen nur als
biographische Erinnerungen auf, so zum Beispiel als Maxluba, eine
mugat Zigeunerin aus Khudjand, mir erzählte, dass ihr Großvater aus
Afghanistan als mobiler Veterinär, genauer gesagt als Pferdedoktor,
über den Amudarja in das nördliche Mittelasien gekommen war.
Reiseradien, Reiseziele Im nördlichen Mittelasien ist der Umzug ei-
nes ganzen Lagers nur noch in der historischen Erinnerung existent
und wird als Terminus nur für diejenigen benutzt, die als Familien
dauerhaft den Ort verlassen. Diese Mobilität zwischen den Zigeuner-
vierteln führte zur Bildung von Netzwerken. Durch die Einwurzelung in Netzwerke,
allen möglichen Teilen ihres Wanderungsgebietes bildeten sich für die S.190
mugat verschiedene Stationen, die auf der Grundlage von Freundschaft,
gemeinsamen ökonomischen Interessen oder Heirats- und Verwandt-
schaftsbeziehungen entstanden. Häufig sind Zigeunerviertel anderer
Städte wichtige Haltestationen und Ziele auf der Fahrt. Es gibt aber
auch andere über die Zeit entstandene Bekanntschaften mit Mitgliedern
der Mehrheitsbevölkerung, die diesen Reisegruppen eine Fahrt entlang
einer bestimmten Route ermöglichen.
Die Mobilität der Zigeuner-Gruppen Usbekistans und Tadschikis-
tans wird von gewinnbringenden Routen auf der Basis von Märkten
bestimmt: Fahrten nach Odessa sind gut für den Handel mit alten
Uhren, in Wladiwostok kann ein ordentlicher Profit bei Verkauf von
Stoffen erzielt werden. Auch auf kurze Strecken angelegter Handel
mit Frauenhaar zwischen dem Ferghanatal und Buchara versprechen
mit einiger Sicherheit ein solides Einkommen. Neben diesen sicheren,
auf lange Zeiträume stabilen Routen kommt es auch zur plötzlichen
Mobilität sich spontan bildender Reisegruppen, die auf der Grundlage
der kurzzeitigen Gelegenheit entstehen. Diese spontanen Reisegruppen Kairos-
im nördlichen Mittelasien basieren nicht auf Familien, die in Gänze von ökonomie,
einem Ort zum anderen ziehen, sondern auf Nachbarschaftsgruppen S.97
aus dem mugat Wohnquartier (mahalla), die kurzzeitig ein gemeinsa-
mes ökonomisches Ziel verfolgen. Der Vorsteher der Reisegruppe ist
häufig derjenige, der die Route am längsten und am besten kennt.
Ihm wird die Verhandlung mit den Schaffnern, Busfahrern, Polizisten
164
8. Revier und Route
und Zollbeamten überlassen. Diese Reisegruppen sind nicht auf be-
stimmte Familien beschränkt oder in bestimmte Geschlechtergruppen
aufgeteilt. So lassen z.B. auch mugat Frauen bei solchen Touren ihre
Männer zu Hause zurück und schließen sich einer Reisegruppe an – eine
Familientrennung, die in Afghanistan unvorstellbar wäre.
Staatsbildung und Mobilität Im nördlichen Mittelasien veränder-
ten die sich in der Sowjetunion stetig vergrößernden Verkehrsnetze
die Wanderungsterritorien sowie die Mobilitätsgrenzen. Es haben sich
Routen etablieren können, die es in dieser Größenordnung in Afghanis-
tan nicht gibt. So betreibt eine der Kokander Zigeunerfamilien einen
schwunghaften Handel mit dem 700 Kilometer entfernten Buchara.
Dort verkaufen sie Frauenhaar aus den Friseursalons der Stadt Ko-
kand an die Perückenmacher Bucharas. Diese Route ist so lohnenwert,
dass die Familie sie seit Jahren fährt und dabei alle Möglichkeiten
zum Nebenverdienst ausschöpft. Dazu gehört der ambulante Verkauf
billig eingekauften Plastikgeschirrs aus China in den Wohnquartieren
(mahallas) der Altstadt Bucharas. Routen sind also nicht funktional
auf den Transfer ausgerichtete Verbindungen, sondern sind erster Linie
Handlungsgrundlage und bieten vielseitige ökonomische Chancen.
Eine der wichtigsten Neuerungen, die in der Sowjetunion in den
1950er Jahren eingeführt wurde, war die Vergabe von Pässen auch
an mugat Zigeuner. Eigentlich war die Einführung des Passes dazu
gedacht, einen leichteren Zugriff auf die mugat Bevölkerung zu haben
und diese zu kontrollieren – etwa, um sie in die Armee einziehen zu
können. Die Einführung der Pässe führte aber auch dazu, dass die
mugat nun Verkehrsmittel nicht mehr nur informell nutzten, sondern
sich Fahrkarten kaufen und Reiseerlaubnisse besorgen konnten (Günther
2007b). Dies ermöglichte ihnen, von nun an auch weite Strecken in der
gesamten Sowjetunion zurückzulegen.
Zu sozialistischen Zeiten (1924 - 1991) gab es viele mugat Zigeu-
ner, die als Fahrer an staatlichen Institutionen angestellt waren. Diese
LKW-Fahrer spielten für das Nutzen des Verkehrswegenetzes eine große
Rolle. Sie transportierten dabei nicht nur im staatlichen Auftrag Pro-
dukte von Betrieben, Kolchosen usw., sondern verschoben auch Waren
165
8. Revier und Route
für den Schwarzmarkt in andere Städte. Die Fahrer waren nicht nur
Multitalente als Kraftwagenfahrer sowie als Groß- und Basarhändler,
sondern nutzten ihre Kontakte, um in den mugat Zigeunerquartieren
anderer Städte die Waren an ihre Netzwerkpartner abzugeben. Mit
dem Zusammenbruch der Planwirtschaft nach 1991 verloren die meis-
ten der Fahrer ihre staatlichen Anstellungen. Bei der nun folgenden
Privatisierung des Transportgewerbes konnten mugat Zigeuner nicht
mehr mithalten. Hier machten das Geschäft andere, diejenigen, die die
großen Investitionskosten für die LKWs auch aufbringen konnten. Diese
verteilten die spärlicher werdenden Aufträge eher auf die Mitglieder
der eigenen Netzwerke.
Ideal Die Sommerzeit ist auch bei den mugat Zigeunern in Usbekistan
die wichtigste Reisezeit. Hier fällt das Überwinden weiter Strecken leich-
ter als im Winter und die ökonomischen Gelegenheiten sind vielfältiger,
da insgesamt mehr Menschen unterwegs sind.
Eine Mobilität, die nur im Norden Mittelasiens anzutreffen ist, ist
die Ausfahrt zur rituellen Bettelei im Fastenmonat Ramadhan. Die mu-
gat Usbekistans und Tadschikistans sind, wie schon ausgeführt, davon
überzeugt, dass ein Mensch, der enge Kontakte mit der Umgebungs-
bevölkerung pflegt, seiner religiösen Pflicht, wenigstens im Ramadhan
betteln zu gehen, nicht nachkommen könne, es sei denn er gehe in eine
andere Stadt. Fremdheit ist, wie ich im Kapitel sieben ausführte, die
wichtigste Grundlage der Bettelei. Zwischen Freunden und Bekannten
kann es nur verpflichtende Almosen geben, jedoch keine anonymen
Spenden.
Da im Norden unter den sesshaften mugat des Weiteren die Über-
zeugung besteht, dass nur ein rituelles Betteln helfe, das Andenken
an die Ahnen lebendig zu halten, ziehen viele mugat im Fastenmonat
für ein paar Tage in eine andere Stadt und gehen hier betteln. Wer
wegen dringender Tagesgeschäfte das Betteln in einer anderen Stadt
zeitlich nicht einrichten kann, macht sich wenigstens für einen Tag
seiner Umgebung unkenntlich und geht in seiner eigenen Stadt betteln.
Hier ersetzt rituelle Verwandlung die rituelle Mobilität. Diese rituelle Fremdheit,
Mobilität ist indes nicht alt, sondern ein Produkt der Sesshaftmachung S.206
166
8. Revier und Route
der mugat während der Sowjetzeit und ein Nachweis dafür, wie schnell
die mugat Traditionen und Ethiken einer neuen Zeit anpassen. Den
mugat in Afghanistan ist, wie ich schon in Kapitel fünf gezeigt habe,
ein Konzept, in der Fremde betteln zu gehen, völlig fremd. Mobilität
ist hier also ein Mittel, die Spannung zwischen Einbettung in eine
Umgebungsbevölkerung und der Notwendigkeit der Fremdheit für das
Betteln zu umgehen.
Flucht und Progrome Kommen Einzelpersonen in Konflikte mit der
Umgebungsbevölkerung, können diese sich diesen Konflikten nur durch
Flucht entziehen. Ein mugat Mann, der von der Polizei gesucht wird, ver-
schwindet für ein paar Monate zu Verwandten in eine andere Stadt. Ein
ganzes Quartier kann sich der Umgebungsbevölkerung jedoch nicht ent-
ziehen. Deshalb kommt es hin und wieder zwischen Zigeuner-Quartieren
und der Umgebungsbevölkerung zu Zusammenstößen. Diese Zusam-
menstöße haben verschiedene Anlässe und wiederholen sich periodisch
etwa alle sieben, acht Jahre. Es scheint also in der Sesshaftwerdung der
Zigeuner-Gruppen auch ein unlösbares Konfliktpotential zu liegen, das
bei den Zigeuner-Gruppen in Afghanistan nicht aufkommen kann, weil
die Zeitlichkeit der Ansiedelung von Zigeunerlagern das Aufstauen von
Konflikten verhindert.
Mobilität des Alters Viele ältere Zigeuner gehen in Afghanistan
und dem nördlichen Mittelasien allein auf Wanderschaft und pilgern
von einem Heiligtum zum anderen, bei denen sie unterschiedlich lang
verweilen und betteln. In Afghanistan sind diese Bettler als malang
bekannt, was jedoch nicht bedeuten soll, dass alle malang Zigeuner sind.
Diese Bettelmönche sind eine typische Erscheinung des Alters. Die Rolle der malang,
des malang bietet vielmehr allen, die auf Weltlichkeit verzichten, ein S. 218
Auskommen an heiligen Orten. Diese Art des Bettelns auf dem Altenteil
gibt es auch im nördlichen Mittelasien. Im Gegensatz zu den meisten
anderen Mobilitätsformen der mugat ist die religiös und ökonomisch
motivierte Pilgerfahrt der mugat eine individuelle Reiseform. Alle
anderen Arten der Reise greifen immer auf verschiedene Arten von
Gruppenbildungen zurück.
167
8. Revier und Route
1.3. Revier und Route
In Afghanistan wechseln die Zugverbände (ˇgam) ihre Wohnorte dauer-
haft. Während ihres Aufenthaltes an einem Ort bewohnen und bearbei-
ten sie ihre Umgebung ähnlich der eines Revieres. Wechseln sie ihren
Wohnort, indem sie von einem Stadtviertel zum anderen umziehen,
bleiben sie im Revier. Wechseln sie ihren Wohnort in eine andere Stadt,
verlassen sie ihren aktuellen Wohnort für immer. Manchmal kehren sie
in diese Städte erst wieder nach Jahren zurück.
Die Zigeuner des nördlichen Mittelasiens reisen allein oder als Rei-
segruppen mit Teilen ihrer Familie und Nachbarschaft entlang von
ökonomisch gewinnbringenden Routen. Herrscht in Afghanistan Mo-
bilität von Verwandtschaftsverbänden, begünstigen die Umstände der
Einwurzelung im nördlichen Mittelasien die Mobilität Einzelner oder
temporär arbeitsteiliger Gruppen.
Bei der Unterscheidung der vorhandenen Routen- und Reviermo-
bilität spielt die Infrastruktur eine grundlegende Rolle. Es sind die
Umstände in ihrer Umgebung, die die konkreten Formen der Mobilität
bei Zigeunern entstehen lassen. Während in Afghanistan die Straße
eine große Rolle spielt, verfügen im nördlichen Mittelasien Zigeuner-
Gruppen über die Möglichkeit, auf Straße und Schiene zurückgreifen
zu können.
Die Mobilität der mugat des nördlichen Mittelasiens ist an ökono-
mischen Marktstandtorten orientiert. Die Mobilität der afghanischen
mugat führt vor allem an religiöse Stätte. Diese religiösen Stätten die-
nen den afghanischen mugat als Lebensversicherung, wenn alle anderen
ökonomischen Strategien versagen.
Auch die zeitlichen Umstände, in die Zigeuner-Gruppen eingebettet
sind, entscheiden über die Mobilitätsformen. Diese zeitlichen Umstände
bestimmen die verschiedenen Entfaltungsmöglichkeiten der jeweiligen
Gruppen und Individuen innerhalb der mugat. Die auf heilige Orte
ausgerichtete Mobilität der Zigeuner Afghanistans und die auf das
Marktwesen orientierte Mobilität brauchen beide jedoch als Grundvor-
aussetzung den Landfrieden. Deshalb verließen die mugat Afghanistans
das Land, als 1993 der Bügerkrieg ausbrach.
168
8. Revier und Route
Fluchtkultur Mobilität ist ein Mittel, sich Konflikten zu entziehen.
Diese Art der Konfliktbewältigung bewog einige Tsiganologen dazu,
Fluchtkulturen bei Zigeunern als eine kulturelle Besonderheit zu be-
schreiben (Streck 2011, 120ff). Flucht ist für Einzelne wie für Gruppen
immer dann eine bevorzugte Option, wenn eine Auseinandersetzung mit
dem Gegner als aussichtslos gilt (Moore 1978, Spittler 1978). Nur füh-
ren die unterschiedlichen Mobilitätsoptionen, die Mobilität der Lager
und die Mobilität von Familien und Einzelpersonen zu verschiede-
nen Ausprägungen dieser Fluchtkultur. In Afghanistan ist ein Auszug
ganzer Familienverbände aus einem gemeinsamen Lager üblich, man
könnte dies auch Revierflucht nennen. Im nördlichen Mittelasien gibt
es aufgrund der Stadtquartiers- und Netzwerkbildung keine Flucht
einer Gruppe aus einem Revier, sondern eine Flucht Einzelner entlang
von Routen. Im nördlichen Mittelasien begeben sich Einzelne für eine
gewisse Zeit auf die Flucht vor polizeilicher, nachbarschaftlicher oder
sonstiger Verfolgung in die Quartiere anderer Städte.
Einbettung Die grundsätzlich positive Einstellung zur Mobilität ist
das alle verbindende Element der Zwischenraumkultur der mugat. Die
einzige Mobilität, die negativ besetzt ist, ist das erzwungene Verlassen
angestammter Wanderungsgebiete wie nach der Oktoberrevolution und
dem Bürgerkrieg 1917–1924 und dem Bürgerkrieg in Afghanistan 1993–
1997. An dieser Positiv-/Negativsetzung lassen sich auch gewohnte
Mobilitätsradien von “Reisen ins Ungewisse” unterscheiden. So ist die
Erinnerung der Reise des Großvaters von Maxluba aus Afghanistan in
den Norden Tadschikistans nicht mit einem persönlichen oder zeitge-
schichtlichen Drama verbunden und damit eine gewohnte Handlung
jener Zeit, in der es in Mittelasien noch keine kontrollierten Grenzen
gab. Erzwungene und daher mit negativen Erinnerungen verbundene
Mobilität ist immer an dramatische Ereignisse geknüpft.
Es ist die Einbettung einer Mobilitätsoption in die Idealwelt ei-
ner Gemeinschaft und die konkrete Bewegung, die die Mobilität der
Zigeuner-Gruppen ausmacht. Diese Bewegungen teilen allesamt einen
Grundsatz: Sie sind im Einzelnen gerichtet, haben in ihrer Gesamtheit
169
8. Revier und Route
aber keinen festen Ankunftspunkt (Vivelo & Stagl 1981, 122-123).4 Es
sind eingebettete Ethik und kulturelle Praxis zugleich, die die Mobilität
der mugat ausmachen und die sie von allen anderen Nichtzigeuner-
gruppen in Mittelasien unterscheidet.
Mobilität und Heirat
Wenn mugat heiraten, verlässt die Braut das Heim ihrer Eltern und
zieht zur Familie des Bräutigams. Das bedeutet in allen Fällen einen
Ortswechsel. Manchmal verlassen die Töchter ihre Familien in ein
anderes Lager (bande), häufig werden sie aber auch an andere Orte
gegeben, so etwa die Familie der Chaqon, die einen Teil ihrer Mädchen
an mugat Familien in Kabul verheiraten konnten. Die Eheschließungen
schaffen Netzwerke, die von den verschiedenen mugat unterschiedlich
genutzt werden können.
Die gute Infrastruktur in den neuen Nationalstaaten Mittelasiens
ist für die Zigeuner-Gruppen eine gute Voraussetzung, weit verstreute
Verwandtschaftsnetzwerke zu schaffen und aufrecht zu halten.
In Afghanistan ist die Möglichkeit zum Netzwerken viel eingeschränk-
ter. Das betrifft nicht nur die jetzige Situation, die durch Unsicherheit
der Überlandwege gekennzeichnet ist, sondern auch die kulturelle Ein-
bettung von Heiratsmobilität bei den mugat Afghanistans. In keinem
meiner Gespräche mit den mugat im Norden Afghanistans wurden
Sorgen darüber geäußert, dass sie mit ihren Verwandten in anderen
Städten ihres Wanderungsgebietes kaum Verbindungen halten könnten.
Kontakte werden gehalten, wie die Möglichkeiten dazu gegeben sind.
Diese beschränken sich dabei häufig auf das Revier, in dem sie sich
gerade aufhalten.
Heirat bedeutet jedoch zweierlei: Einmal kann sie genutzt werden,
um mögliche Allianzen zu anderen Gruppen in ökonomisch gewinnbrin-
4 Diesen kulturell eingebetteten Umgang mit der Mobilität identifizieren Deleuze
und Guattari in ihrer Nomadologie als Kern des nomadischen Denkens (Deleuze,
Guattari, Ricke & Voullié 1997). Alle Ausformungen von Mobilität sind Folge
eines Grundprinzips, das sich ideell und praktisch bei den Zigeuner-Gruppen
Mittelasiens manifestiert.
170
8. Revier und Route
genden Gebieten zu schließen, die je nach Infrastruktur verschieden
gehalten werden können. Eine Heirat kann aber auch zur Absicherung
des eigenen Reviers oder Stadtviertels dienen. Indem man mit den
Gruppen oder Familien in der eigenen Nachbarschaft verwandtschaftli-
che Verbindung eingeht, ist der gemeinsame und friedliche Aufenthalt
an ein und demselben Ort durch Heiratsallianzen wahrscheinlicher.
2. Vertikale Mobilität
Die postsowjetische und die afghanische Gesellschaft sind in soziale
Klassen geteilt. In der Frage des Zugangs zu Ressourcen entscheiden
jedoch Familienstrukturen, Zugehörigkeit zu Religionsgemeinschaften,
lokale Herkünfte mehr als die Zugehörigkeit zu einer Schicht. Vergleicht
man Afghanistan und die ex-sowjetischen Nationalstaaten Usbekis-
tan und Tadschikistan, finden sich darüber hinaus unterschiedliche
Wertesysteme durch den Einfluss der Ideologie und Religion. Ehemals
kommunistische Ideale im nördlichen Mittelasien haben immer noch
einen starken Einfluss, genauso wie der Islam im afghanischen Staat. In
beiden Regionen, in Afghanistan und dem ex-sowjetischen Mittelasien,
wird das soziale Ansehen nicht über Steuerklasse oder Jahreseinkom-
men bestimmt, sondern folgt lokal unterschiedlichen Hierarchisierungen.
Ich will vertikale Mobilität daher für den Raum Mittelasiens nicht am
Wechsel in andere Statusgruppen, sondern vor allem am Wandel des Zu-
gangs zu Ressourcen und den Gruppen, die diese verwalten, festmachen
(Kaufmann et al. 2004, 750).
In der Tsiganologie prägte Bernhard Streck für den Wechsel der
Verortung von Zigeuner-Gruppen durch historischen Wandel den Be-
griff der wechselnden Rhythmen von Inklusion und Exklusion. Diese
Mechanismen von Inklusion und Exklusion sind in der Tsiganologie gut
beschrieben. Sie waren beispielsweise in der Zeit des Zusammenbruchs
des Osmanischen Reiches Mitte des 19. Jahrhunderts eine wichtige
Motivation für osteuropäische Zigeuner-Gruppen, nach Amerika auszu-
wandern (Salo & Salo 1977). Exklusionsprozesse waren wiederum nach
dem Zusammenbruch des Ostblocks nach 1989 deutlich zu beobachten
(Stewart 1997) (Kovats 2002). Betrachtet über einen größeren Zeitraum
171
8. Revier und Route
ergeben sich für ein jedes Gebiet, in denen sich Zigeuner-Gruppen
aufhalten, unterschiedliche Rythmen dieser Inklusions- und Exklusions-
prozesse. Obwohl sich in der Tsiganologie hartnäckig der Mythos der
Gegengesellschaft hält, ist es vor allem die Staatlichkeit und der durch
sie garantierte Landfrieden (Barth 1987, 7), der zu Intergration von
Zigeuner-Gruppen in ihre Umgebungsgesellschaften führt. Zeiten der
Neuordnung oder der gesellschaftlichen Unsicherheit führen hingegen
zur Exklusion von Zigeuner-Gruppen. Häufig reagieren auch diese dann
mit Flucht wie in den 1990er Jahren im gesamten Ostblock. Besonders
drastische Fluchtbewegungen waren während des Kosovokrieges zu
beobachten (Guy 2001).
2.1. Vertikale Mobilität in Afghanistan
Schon im zweiten und dritten Kapitel konnte ich zeigen, wie mugat
Zigeuner immer zur Umgebungsbevölkerung dazu gehören, jedoch einen
eigenen, besonderen Status genießen. Sie sind in diese Umgebungsbevöl-
kerung immer durch Nehmerschaft (sadaqaxur), Patronage und Handel
(Kommerz) eingebettet, sie sind aber räumlich (Komensalität) und
gesellschaftlich (Konnubium) von ihr separiert. Von der Umgebungsbe-
völkerung wird ihnen eine soziale Stellung als Almosennehmer attestiert,
die sie für sich ökonomisch zu nutzen wissen. Sie verorten sich damit
ganz selbstverständlich auf der untersten Ebene der gesellschaftlichen
Schichtung.
Dass sie sich intern nicht als arm empfinden, zeigt der doppelte
Armutsbegriff, den ich bei ihnen unterscheiden lernte. Nach außen
kommunizieren sie, dass sie arm (ghorbat) seien und zu den Elenden
(fighori) gehören würden. Dieser Armutsbegriff zielt auf die eigene
Statusbeschreibung innerhalb der Gesellschaft ab. Er deutet auf ein
absolutes Konzept von Armut hin.
Gruppenintern bedeutet “arm sein” und “Armut” aber etwas völlig
anderes. Arm sein ist hier ein vorübergehender Zustand, der durch
ein Unglück, Krankheit oder Verlust zustande gekommen sein kann.
Das Konzept der Armut ist intern ein Konzept, das Relationen in
Beziehungen setzt, ein Vorher / Nachher: Der Verlust einer Frau oder
172
8. Revier und Route
der Familie wird als Unglück eingeordnet, die Folge davon kann Armut
sein. Sie ist aber eine temporäre Angelegenheit und nicht ein absolutes
Konzept.
Ein kleines Beispiel: Als Mazar Aka, ein etwa 60-jähriger verwitweter
mugat sagte, er sei so arm, er schlafe auf der nackten Erde, war das ein
Spruch, der für mich bzw. für die Ohren der Umgebungsbevölkerung
(havrig) bestimmt war. Intern würde er, um auf das Unglück hinzu-
weisen, den Verlust eines Teppichs beklagen, also auf einen Prozess
hinweisen, der ihn jetzt zwänge, auf dem nackten Boden zu schlafen.
Die gruppeninterne Vorstellung von Armut trägt etwas Vorübergehen-
des in sich. Sie ist ein Auf und Ab des Lebens. Nach innnen gilt die
souveräne Lebensgestaltung, nach außen die Anpassung an die vorge-
gebene Ordnung der gesellschaftlichen Gruppen und die Einordnung in
ein gesellschaftlich anerkanntes Hierarchiesystem.
Es ist ohnehin problematisch, bei den mugat generell von Armut
zu sprechen, da Viehbesitz und dabei insbesondere der Besitz von
Pferden bei der Umgebungsbevölkerung als Zeichen von Reichtum gilt.
Leute, die zusammen mit den mugat eine Nachbarschaft teilen, die
sie aus ihrem Stadtquartier (mahalla) kennen, glauben nicht, dass die
mugat arm sind. Nur in der Stadt gelten die mugat als arm. In der
Nachbarschaft löst sich dieses Konzept auf.
Wird die gesellschaftliche Verortung der afghanischen mugat im
Kontext der Mobilität angewendet, erklärt sich auch der Umstand,
warum den mugat Afghanistans die horizontale Mobilität relativ leicht
gemacht wird. Denn überall, wo sie hinkommen, können sie als Gruppe
auch einen Platz für sich beanspruchen. Marginalität bedeutet dabei
auch, dass ihnen der Platz am Rand fest zugestanden wird. Sie sind
ein Teil der afghanischen Gesellschaft und haben einen Platz in ihr.
Als Gruppe haben sie Zugang zu den Ressourcen der Gesellschaft.
Hier profitiert das ganze Lager vom Geschick des Einzelnen. Inner-
halb eines Lagers gibt es keinen individuellen Aufstieg in eine andere
Gesellschaftsebene. Dies konnte ich bei der Familie der holmurod in
Mazar-e Sharif beobachten. Den holmurod ging es deutlich besser als
allen anderen dort siedelnden mugat. Das bezog sich nicht nur auf die
Ebene des täglichen Handelns (Kommerz), sondern schloss auch das
173
8. Revier und Route
Heiratsverhalten (Konnubium) mit ein. Sie waren die Einzigen, die
mir von Heiratsbeziehungen zur Umgebungsbevölkerung berichteten,
allerdings zu weit entfernt wohnenden Badakhschaner Familien. Unter
den holmurod gab es keine soziale Ungleichheit.
Manchmal gelingt es einzelnen mugat Familien, sich ein Haus in der
Stadt zu kaufen und hier ganzjährig zu leben. Diese Familien gehen ökonomische
aus den Lagern heraus und sind kein Teil mehr von ihnen. Vertikale Kooperati-
Mobilität trägt diese mugat Familien dauerhaft aus den Lagern in on,
S.113
die Gesellschaft der Umgebungsbevölkerung. Häufig übernimmt eine
mugat Familie mit der Wohnungsnahme in einem Stadtviertel der
Umgebungsbevölkerung die Kulturmuster der Umgebungsbevölkerung.
Die ökonomische Kooperation zwischen den Geschlechtern hört auf,
die Frauen verbleiben im Haus usw.. In Afghanistan entfernt also
überdurchschnittlich große vertikale Mobilität einzelne Familien aus
den sozialen Strukturen der mugat Lager (Rao 1982, 118-123).
2.2. Einbindung in die Umgebung
Die mugat Nordafghanistans haben keine Ausweise oder Pässe. Sie
existieren in vielen staatsbürgerschaftlichen Angelegenheiten nicht. Sie
haben keine Schulpflicht, sie gehen nicht wählen, sie bekommen keine
formale Ausbildung, ob bei privaten oder staatlichen Arbeitgebern.
Sie unterstehen heute keiner Wehrpflicht mehr und kommen in keinen
Polizeidienst. Das bedeutet jedoch nicht, sie hätten keine Zugänge zu
den Ressourcen der Gesellschaft. Diese gestalten sich jedoch immer
auf informelle Weise, wiederum ein Umstand, den sie mit vielen in
Afghanistan teilen.
Als wichtigste Institution der Einbindung der mugat in ihre Um-
gebung fungiert die Moschee, in deren Einzugsgebiet sie gerade ihr
Lager aufgeschlagen haben. Hier nehmen sie nicht nur am täglichen
Gebet teil, sondern werden als bedürftige Gläubige auch bei der Al-
mosenverteilung mitbedacht. Die Moschee wiederum ist ein wichtiges
Informationszentrum für das aktuelle Geschehen in der Nachbarschaft
und im Umkreis. Hier erfährt man Neuigkeiten, die über den Rahmen
von Wohnviertel und Nachbarschaft hinausgehen, etwa zur unmittel-
174
8. Revier und Route
baren Sicherheitslage und zur Sicherheit auf den Straßen in anderen
Provinzen.
Eine weitere wichtige Ressource, zu der die mugat Zigeuner in Af-
ghanistan Zugang haben, ist die Nachbarschaft. Diese stellt ihnen bei-
spielsweise Strom zur Verfügung. Das reicht vom temporären Aufladen
des Mobiltelefons bis hin zur jahrelangen Teilhabe am nachbarschaftli-
chen Stromnetz in den mugat Höfen. Diese Patronage ist jedoch nicht
umsonst, da Patrone, die beispielsweise Ladenbesitzer sind, als Gegen-
leistung verlangen, dass man in ihrem Laden auch einkaufen kommt.
Die Möglichkeiten einer Ausgestaltung einer solchen Patronage sind
vielfältig. Die Nachbarschaft versorgt die mugat auf ihren Bettelgängen
mit Altkleidern und anderen Almosen, die sie für sich unmittelbar
nutzen oder im Altkleidermarkt umtauschen und zu Geld machen
können.
Die mugat haben auch Zutritt zu Häusern, deren Familienoberhäupter
die Linie der Naqšbandiya Bruderschaft vertreten. Als ich sie nach diesen
Bezugspersonen (pir) fragte, hatten sie für die Stadt Mazar-e Sharif
gleich die relevanten Kontaktnamen parat. Man würde in deren Häuser
aber sehr selten gehen, nur in Zeiten großer Not und dann als einzelner
Vertreter einer Gemeinschaft.
Ein weiterer wichtiger Kontaktraum sind die Orte des Spiels, in
denen Hahnen- oder Wachtelkämpfe abgehalten, Musik gehört und
hohe Wetten gewettet werden. Diese Räume sind Treffpunkt der Spie-
ler, ohne Berücksichtigung ethnischer, gesellschaftlicher oder anderer
Zugehörigkeit.
Die mugat Afghanistans teilen den sie umgebenden öffentlichen Raum,
die Märkte, die Straßen, die heiligen Orte mit der Umgebungsbevölke-
rung. Der Zugang zum öffentlichen Raum wird ihnen nicht verwehrt.
Jedoch teilen die mugat all diese Räume mit der Umgebungsbevölkerung Patronage,
auf Augenhöhe. Sie vermitteln keinem das Gefühl eigener Randstän- S.143
digkeit. Sie ist ein Teil ihrer souveränen Haltung und der eigentliche
Widerspruch zur Selbstverortung am Rand oder am untersten Ende
der Gesellschaft.
175
8. Revier und Route
2.3. Das sowjetische Mittelasien
Durch die formale Gleichstellung aller Bürger der Sowjetunion und de-
ren pauschale Kategorisierung in Arbeiter und Bauern, gehörten formal
alle Sowjetbürger einer Klasse an. Entschieden in den ersten Jahren der
Sowjetunion noch Herkunft über den Karriereweg eines Sowjetbürgers,
so war dies mit dem Ende des 2. Weltkrieges weitgehend obsolet. Die
allgemeine Schulpflicht wurde 1917 eingeführt und Schritt für Schritt
bestimmten Bildungsgrad und Parteizugehörigkeit und nicht familiäre
Herkunft über den Karriereweg und den Zugang zu Ressourcen. Das
ermöglichte auch Zigeunern den Zugang zu höheren Bildungsinstitutio-
nen wie der Universität. N. Nazarow, ein Kulturwissenschaftler und
mugat Zigeuner, kann als repräsentatives Beispiel für solch einen Weg
durch die Institutionen gelten. Dieser hatte sich als Ethnologe auch
der Beschreibung der eigenen Gruppe angenommen, widerrief jedoch
nach dem Ende der Sowjetunion seine sowjetischen Veröffentlichungen
allesamt.
Für die mugat standen also viele Betätigungsfelder offen. Viele Fami-
lien nutzten die Gelegenheit und betrieben die für alle mittelasiatische
Familien typische Familienmischwirtschaft. So wurde der eine Sohn einer
Familie Lehrer, der nächste wurde Mitarbeiter im Gaswerk, wiederum
andere Mitglieder der Familie gingen in die Lehre als LKW-Fahrer.
Der freie Zugang zu den Institutionen änderte sich für die mugat
im nördlichen Mittelasien mit dem Zerfall der Sowjetunion und der
Bildung neuer Nationalstaaten auf der Basis der ehemaligen Sowjetre-
publiken. Die sowjetische, staatlich verordnete klassenlose Gesellschaft
wurde durch neue Wertesysteme, vor allem durch ethnische Zugehö-
rigkeit, regionale Netzwerke und familiäre Herkunft, ersetzt. Nun gab
es neue Spielregeln und neue Möglichkeiten, sich beruflich zu etablie-
ren, in denen mugat Zigeuner auf einmal nur noch bedingt mitspielen
konnten. Ethnische Zugehörigkeit, die offiziell über Jahre keine Rolle
spielen sollte, sowie die auf Familien basierenden Netzwerkstrukturen
der Gesellschaft wurden wieder entscheidend für das gesellschaftliche
Miteinander.
176
8. Revier und Route
Einige mugat Familien konnten ihre früheren sowjetischen Verbin-
dungsnetze weiter pflegen und hielten auch bei meinen Feldforschungen
wichtige Stellungen in der Stadt, wie etwa im Gaswerk, in einem
Orchester oder als Lehrer in den örtlichen Schulen. Andere haben sich
jedoch auf ihre ökonomische Unabhängigkeit besonnen und wirtschaften
auf Basis der Familie in der Gelegenheitswirtschaft.
2.4. Revier und Route als Metaphern für soziale Mobilität
Den Unterschied zwischen den mugat im nördlichen Mittelasien und
den Gruppenstrukturen der einzelnen Zigeunerlager in Afghanistan
konnte ich schon durch die bei der horizontalen Mobilität genutzten
Metaphern “Revier” und “Route” veranschaulichen. Im Sinne eines
Beziehungsgefüges werden aus vielen Routen der mugat im nördlichen
Mittelasien Netzwerke. Schon hier kann man den klaren Vorteil des
Motilitätskonzeptes erkennen. Der Wandel der Einbindungen in die
Umgebungsbevölkerung führt nicht nur zum Wandel der Mobilitätsop-
tionen, sondern ganzer Mobilitätsmuster.
Im nördlichen Mittelasien können einzelne Mitglieder Zugang zu
und Teilhabe an verschiedenen Ressourcen der Umgebungsbevölkerung
erhalten, wenn sie ihren Lebensweg entlang der von der Gesellschaft
geschaffenen Stationen machen: Schule, Lehre, Anstellung oder Selb-
ständigkeit. Sie legen also eine Route zurück. Die Erfolge auf diesem
Weg fallen nicht in erster Linie auf die eigene Gruppe zurück, sondern
vor allem auf ihre jeweiligen Familien. In Afghanistan ist solche in-
dividuelle Teilhabe nicht möglich. Die verschiedenen mugat Gruppen
nutzen als Gruppe (ˇgam) ihr Revier. Ein enges Netz von Verantwortung
und sozialen Beziehungen führt im gesamten Lager schnell zu Umver-
teilungen, an denen alle Mitglieder der Gruppe teilhaben. Das, was
ihnen aus der Gesellschaft hier zufließt, nutzt nicht nur den einzelnen
Familien, sondern dem ganzen Lager. Das gesamte Lager partizipiert
an einem Revier. Dieses Revier kann mugat Gruppen dann reich ma-
chen, wenn ihre ökonomischen Strategien mit den Möglichkeiten der
sozialen Weide in ihrem Revier gut korrespondieren. Ein Transfer zu
einer anderen, direkt neben der ˇgam lagernden mugat Gruppe findet
177
8. Revier und Route
jedoch nicht statt. Wird das Revier wiederum von vielen Gruppen
beansprucht, fällt auch der Profit der einzelnen Gruppen schmaler aus.
Anstatt nun aber dieses Revier zu verteidigen, ändern einzelne Lager
ihren Aufenthaltsort, wenn die soziale Weide kein Fortkommen mehr
ermöglicht. Die Temporalität aller ökonomischen Möglichkeiten ist im
Revier angelegt und wird von den einzelnen Gruppen nicht in Frage
gestellt.
Ein weiterer Punkt, der Ausformungen vertikaler Mobilität in Revier
und Netzwerk unterstützt, ist der Umstand, dass es in Afghanistan – im
Unterschied zum nördlichen Mittelasien – zwischen den einzelnen Grup-
pen an verschiedenen Orten keine ökonomischen Transfers gibt. Die
Netzwerkstrukturen der mugat im nördlichen Mittelasien ermöglichen
und verlangen ein über die einzelnen Zigeunerviertel hinausgehendes
Handeln.
Wie ich schon oben auführte, hat in Afghanistan das gruppeninterne
Umverteilen bei den mugat auch seine Grenzen. Wird eine einzelne
Familie sehr vermögend und kauft sich ein Haus in einer Stadt, ist sie
nicht mehr Teil des Lagers, sondern nähert sich der Umgebungsbevölke-
rung an. Das bedeutet, dass Mobilität auch in der sozialen Hierarchie
verortet werden kann. Als kleinsten gemeinsamen Nenner braucht es
dafür eine funktionierende Gemeinschaft, die sich meist durch eine
ökonomische Notwendigkeit sozialisiert. Gleiche ökonomische Einkom-
mensstrategien schaffen auch ähnliche soziale Verhältnisse. Horizontale
und vertikale Mobilität werden dabei von Armut und Reichtum einge-
rahmt. Die Gleichheit im Lager ist im mugat Stadtquartier (mahalla)
im nördlichen Mittelasien um die Gleichheit im Stadtviertel erweitert.
Diese Erweiterung bringt auch eine Verlagerung des sozialen Zusam-
menhalts vom gemeinsamen Lager auf die einzelnen Familien mit sich.
Aber auch diese Gleichheit hat ihre Grenzen. Reich gewordene oder
den Anschluss an die Umgebungsbevölkerung suchende mugat weichen
in die Wohnquartiere der Umgebungsbevölkerung aus.
Zu dieser Gleichheit kommt auch eine gemeinsame gesellschaftliche
Verortung der Zigeuner-Gruppen im sozialen Raum. Sie sind Almosen-
nehmer (sadaqaxur) und damit auf der unteren Stufe der sozialökono-
mischen Hierarchie. Die Anpassung an die vorgegebene Ordnung der
178
8. Revier und Route
gesellschaftlichen Gruppen und die Einordnung in ein gesellschaftlich
anerkanntes Hierarchiesystem ist ein weiteres herausragendes Merkmal
der Zwischenraumkulturen. Sie schaffen für sich keine neue gesell-
schaftliche Verortung oder mahnen diese an, sondern sie fügen sich in
bestehende gesellschaftliche Vorstellungen ein.
Auch wenn diese Verortung aktuell mit der sozialen Lage einzelner
Familien vor allem im Norden Mittelasiens nicht korrespondiert, gibt es
das Gebot des rituellen Bettelns. Die mugat vergemeinschaften sich im
Betteln mit ihren Ahnen und in der Kultur des Nehmens. Sie verorten
sich per Tradition und damit ganz selbstverständlich im prekären
Bereich des sozialen Beziehungsgefüges zur Mehrheitsgesellschaft.
Verschiedene Formen der Mobilität bilden die Grundlage, auf der
sich die Zwischenraumkulturen entfalten. Wenn sozialer Aufstieg und
damit soziale Sicherheit die Abnahme mobiler Strategien bedeutet, so
ist es die horizontale Mobilität, die die prekäre Lage der Bewirtschafter
der sozialen Weide zu meistern hilft. Die soziale Unsicherheit und die
prekäre Lage ist dabei ebenso wie die Mobilität eines der zentralen
Charakteristika der Zwischenraumkulturen. Diese jedoch als Bestandteil
des gruppeninternen Selbstverständnisses zu verstehen, gelingt nur mit
der Maßgabe der Souveräntität dieser Gruppe in ihrer Lebensführung.
Welche Auswirkungen haben nun diese unterschiedlichen sozialen
Beziehungen zwischen den einzelnen Gruppen und ihren Mitgliedern
auf die sozialen Strukturen der mugat? Wie wirken sich die unterschied-
lichen Zugänge zum Wohnen, der Unterschied zwischen Zeltlager und
Wohnviertel auf die sozialen gruppeninternen Strukturen der mugat
aus? Das soll Thema des nächsten Kapitels sein.
179
9. Lager und Stadtviertel – soziale
Beziehungen und der Einfluss der
Umgebungsbevölkerung
Anthropologische Studien haben einen Zusammenhang zwischen der
Siedlungsform und der Sozialstruktur der dort siedelnden Gemeinschaft
hergestellt (Lévi-Strauss 1967, Dafinger 2004). Wenn das stimmt, sollte
sich das am Beispiel der mugat Gruppen bestätigen: Die einen leben in
Verbänden innerhalb eines temporären Lagers, das sie immer wieder
abbrechen und neu errichten, die anderen wohnen in der permanenten
Anlage eines Wohnviertels. Wie wirken sich also die Temporaliät der
Lagergemeinschaft bzw. das permanente Wohnen in einer Zigeuner-
mahalla auf die sozialen Strukturen der mugat aus? Bedingen und
bestimmen sie sie? Bekräftigen sie sie oder fordern sie sie ein? Wenn
ja, dann müsste die Änderung des Wohnens von der einen Siedlungs-
form in eine andere (etwa bei Umsiedlung oder Sesshaftmachung) eine
Änderung der sozialen Struktur zur Folge haben.
1. Die Lagerordnung in Nordafghanistan
1.1. Haushalt und Lager
Haushalt Der Terminus der kleinsten Einheit, mit der die mugat
Nordafghanistans ihre Familien- und Stammesstrukturen beschreiben,
ist die Gemeinschaft (ˇgam). Diese Gemeinschaften tragen Patronyme,
genauer gesagt den Namen ihrer jeweiligen Ältesten und Repräsentanten
(kalontar). Die Gemeinschaften heißen z.B. chaqon, dastagir, sohidbod
und bestehen aus 10 bis 40 männlichen Mitgliedern. Zusammen mit
anderen Gemeinschaften bilden sie eine Lagergemeinschaft (bande) ab.
Innerhalb einer ˇgam existieren Unterteilungen, die man Zeltgemein-
schaft nennen könnte. Im Allgemeinen besteht eine Zeltgemeinschaft
180
9. Lager und Stadtviertel
Abbildung 9.1.: Die im Lager befindlichen Männer zum Fastenbrechen-
fest der ˇgam dastagir
aus einer Familie, aus Mutter, Vater und den Kindern. Es können aber
auch verwitwete Teile der Familie oder verwaiste Kinder dazukommen.
Diese Nuklearfamilie bildet mit anderen Zelten, also weiteren Familien
einen Haushalt. Im Falle meiner Gastfamilie gehörten zum Haushalt
die Zeltgemeinschaft des großen Ghuloms und die Zeltgemeinschaft
seines ältesten Sohnes, des kleinen Ghuloms. Zur Familie des kleinen
Ghulom gehörten seine Frau und ihre gemeinsame Tochter. Zur Familie
des großen Ghuloms gehörten noch eine fast erwachsene Tochter, für
die bereits ein Bräutigam gesucht wurde, sowie drei kleine Kinder des
großen Ghulom und seiner Frau Gulˇgom baxši. Als dritte unter einem
extra Dach lebende Person kam Mazor aka hinzu, der älteste Bruder
von Gulˇgom baxši. Diese zehn Personen bildeten einen Haushalt und
nahmen zusammen das Essen ein. Ein Lager besteht aus vier bis zehn
Haushalten.
181
9. Lager und Stadtviertel
Regeln, Pflichten des Haushalts Im Haushalt werden das Gesam-
melte und Erbettelte des Tages geteilt. Diese Teilung geschieht durch
die Abgabe des von allen am Tage Gesammelten an den Haushaltsvor-
stand, der im Falle der Familie des großen Ghulom seine Frau Gulˇgom
baxši war. Sie verwaltet den familiären Haushalt und gibt wiederum
das Nötige an ihre Familienmitglieder.
Während der interne Haushaltsvorstand bei allen Familien weiblich
ist, wird der Haushalt extern bei Versammlungen des Lagers zur Klä-
rung wichtiger Fragen von einem Mann repräsentiert. In der Regel
ist das der Ehemann des internen Haushaltsvorstandes. Im Fall mei-
ner Gastfamilie war dies der große Ghulom. Hat ein Mitglied eines
Haushaltes in der gleichen Siedlungsgemeinschaft ˇgam Anteil an der
Tischgemeinschaft eines anderen Haushaltes, gilt das als Besuch.
Frauen und Männer eines Haushaltes teilen sich die alltäglichen Ar-
beiten im Haushalt. Der Haushaltsvorstand verteilt die Arbeiten an die
Kinder. Dabei sind die Aufgaben im Haushalt von Kindesbeinen an in
verschiedene Aufgabengebiete, nach Geschlechtern getrennt, verteilt. So
beschäftigen sich die Jungen mit der Sorge um die Tiere der männlichen
Domäne (Wachteln, Pferde, Hunde), die Mädchen wiederum umsorgen,
was zur Haushaltsführung gehört. Lebens-
abschnitte,
S.216
Lager Eine Lagergemeinschaft ist eine Konsensgemeinschaft. Diese
Gemeinschaft respektiert Hierarchien und Autorität, unterwirft sich
aber nicht ihrer Macht, sondern lässt sich vom Konsens der Gemein-
schaft leiten. Die Sozialbeziehungen im Lager sind dabei von zwei
Prinzipien bestimmt: der Vorherrschaft des Alters und dem Einfluss
bestimmter Führungsfunktionen, die man im Laufe des Lebens im
Lager einnehmen kann.
Die Gruppe, die sich unter Chaqon aka verbunden fühlt, lebt mit
weiteren Familienverbänden zusammen. Sie bilden zusammen die nächst
größere Gemeinschaft, das gemeinsame Lager (bande). Die Lagerge-
meinschaft besteht aus mehreren Gemeinschaften. Im Falle unserer
Lagergemeinschaft bestand sie aus der ˇgam der čaqon, der ˇgalandar
und der dastagir. Eine Lagergemeinschaft besteht aus bis zu 120 Ein-
zelpersonen.
182
9. Lager und Stadtviertel
In einer Siedlungsgemeinschaft (bande) werden die anfallenden nicht-
alltäglichen Aufgaben untereinander geteilt. Man hilft sich gegenseitig
z.B. beim Hausbau, jedoch nicht bei der alltäglichen Haushaltsführung.
Dafür sind einzig die einzelnen Haushalte zuständig.
Bei der Ausrichtung eines Festes unterstützt sich eine bande gegen-
seitig. Ihre Mitglieder gelten auch ungefragt als eingeladen, wenn in
einem der Haushalte ein Fest abgehalten wird. Wenn beispielsweise
ein Gast in einer der Familien bewirtet wird, kommen bald auch die
anderen Mitglieder der ˇgam dorthin und nehmen am Gespräch mit
dem Gast teil. Ist man also bei einer Zigeunerfamilie zu Gast, lernt
man recht schnell auch die anderen Mitglieder der Verbandes kennen.
Man könnte soweit gehen, die Lagergemeinschaft auch als Festgemein-
schaft zu bezeichnen, denn jedes Familienfest ist auch ein Lagerfest.
Für die Ausrichtung eines Festes sind Zelte in der warmen Jahreszeit
von enormer Bedeutung. Festzelte werden dadurch gebildet, dass ein
Lager zwei oder mehr Zelte nebeneinander aufstellt. Hierbei wird der
Zeltfirst durch Aneinanderreihung der Zelte so verlängert bis der Platz
groß genug ist, um die Festgemeinschaft aufzunehmen. Ein Fest ist
immer auch etwas Außeralltägliches. In der Inszenierung, der Feier,
dem heiteren Beisammensein bestätigt sich der Zusammenhalt der
Gemeinschaft.
Familienübergreifende Fragen versucht die Lagergemeinschaft als
Verband gemeinsam zu lösen. Wird z.B. die Lagergemeinschaft auf-
gefordert, den gerade aktuellen Lagerplatz zu verlassen, setzt man
sich zusammen, um eine gemeinsame Lösung zu finden. Ist man sich
einig, zieht man auch gemeinsam weiter. Kann keine Einigung erzielt
werden, zerfällt eine Lagergemeinschaft (bande) in ihre einzelnen Fa-
milienverbände (ˇgam), oder bestimmte Gruppen ziehen woanders hin
und gründen neue Lagergemeinschaften.
In Gebieten mit dünner Besiedlung, die also ein geringes Auskommen
versprechen, teilen sich die einzelnen bande häufig auf, um eine weite
Streuung zu erreichen. In Gebieten mit größerem Ressourcenreichtum
wachsen die Verbände jedoch auch wieder zusammen (Olesen 1987)
(Berland 1982, 87f).
183
9. Lager und Stadtviertel
Abbildung 9.2.: Die für das gesamte Lager aufgestellten Festzelte zum
Fastenbrechenfest.
Trennen sich die Gemeinschaften eines Lagers, ist diese Trennung
keine endgültige, sondern temporär. Auch Konfliktpartner unterhalten
keine lebenslangen Fehden, sondern können unter anderen Umständen
auch wieder zusammen lagern. In diesen flexiblen Gruppenstrukturen
bestätigt sich nicht nur das Zusammengehörigkeitsgefühl sich verbunden
fühlender Gruppen, sondern auch noch die potentielle Zusammenge-
hörigkeit aller mugat Gruppen untereinander. Denn eine jede mugat
Gruppe könnte mit einer anderen mugat Gruppe in eine Lagerallianz
treten. Diese potentielle Zusammengehörigkeit wiederum offenbart die
Möglichkeiten der Gruppenbildung im Zwischenraum. Zusammengehö-
rigkeit und Teilung sind zwei Seiten derselben Medaille. Sie zeigt die
Flexibilität, auf innere und äußere Umstände reagieren zu können.
Die einzelnen Familienverbände ˇgam zerfallen nur bei existenziellen
Fragen, etwa der Konkurrenzsituation zweier Haushaltsrepräsentanten
184
9. Lager und Stadtviertel
(Generationskonflikt). Zerfallen die einzelnen ˇgam aufgrund eines sol-
chen Streites, ordnen sich deren Haushalte je nach Loyalität zu den
konkurrierenden Parteien neu und verlassen einander. Diese, sich neu
formierenden Familienverbände sind Teil eines wichtigen Ordnungs-
schemas, das versucht, das Konfliktpotential einer Gemeinschaft zu
minimieren. Entstehen Konkurrenzen untereinander, die nur durch
einen Kampf entschieden werden könnten, reagiert die Gruppe nicht
mit einem Ausschluss Einzelner aus dem Verband, sondern mit der Auf-
teilung in kleinere Einheiten. Ein Ausschluss Einzelner aus der Gruppe
kommt so gut wie nie vor, dies würde ihren sozialen Tod bedeuten.
Solcherlei fluide Gruppenstrukturen basieren jedoch auf festen Prin-
zipien von Verwandtschaft und balancieren die Macht innerhalb der
Gruppen aus.
1.2. Stamm & Territorium
Wie im Kapitel Geschichte schon einmal besprochen, hat jede Familie
ihre eigenen Toten. Über ihre Toten verbinden sich die mugat mit der
Vergangenheit zu größeren abstrakten Einheiten, die sie xel nennen.
Die Vergangenheit der mugat im Norden Afghanistans reicht im
kulturellen Gedächtnis ihrer heutigen Vertreter bis an den Anfang
des 20. Jahrhunderts. Die Erinnerungen an die Hauptreviere und Au-
fenthaltsorte dieser Zeit bilden auch die Stammesnamen der mugat.
Diese Einheiten existieren jenseits des Alltags und der in den Familien
beobachtbaren Strukturen. Die Einheit wird zwar unter den mugat kom-
muniziert, hat aber keine Auswirkungen auf das aktuelle Zusammensein.
An dem Stamm knüpfen sich keine endogamen Heiratsbeziehungen.
Jede Gruppe (ˇgam) hat jedoch eine historische Herkunft, die sie mit Geschichte,
einer territorialen Einheit in Verbindung bringt. Sie nennen sich dann S. 121
kulobi nach der südtadschikischen Provinz Kulob, balxigi nach der
nordafghanischen Provinz Balx, samarqandi nach der usbekistanischen
Stadt Samarkand oder buxoroi nach der usbekistanischen Stadt Bucha-
ra. Mit Änderung des Aufenthaltsortes über die Jahrzehnte wandelt
sich aber auch die territoriale Zuordnung. So sagte einer aus der Familie
der Chaqon einmal:
185
9. Lager und Stadtviertel
”Eigentlich sind wir kulobi, aber jetzt werden wir hier langsam zu balxigi.”
Das zeigt, dass die Zuordnung zu einer territorialen Einheit zwar
wichtig ist, aber flexibel gehandhabt wird. Drei, vier Generationen rei-
chen aus, um einen Wechsel der Zuordnung herbeizuführen. Das gleiche
Prinzip konnte ich auch in der aktuellen Zuordnung einer Lagergruppe
beobachten. Spricht man zum Beispiel über weiter entfernte Lager in
der gleichen Stadt, wird der Stadtviertelname zur Zuordnung genutzt.
Geht es um eine Gruppe in einer anderen Stadt, wird der Stadtname zur
näheren Bestimmung genutzt. Diese räumlichen Zuordnungen wechseln
aber mit jedem Ortswechsel.
1.3. Arbeitsteilungen
Innerhalb des gesamten Lagers (bande) gibt es Zusammenschlüsse
von Gruppen zur Arbeitsteilung, die je nach Alter, Geschlecht und
Aufgabe unterschieden werden können. Die jungen und mittelalten
Frauen des Lagers gehen beispielsweise am Morgen mit ihren Kindern
gemeinsam auf Bettel- und Sammeltour (hod˘ uri / gado¯i), während
die jungen Männer gemeinsam auf die Suche nach Gelegenheitsarbeit
gehen. Bei den Gruppen, die gemeinsam losziehen, wird die strenge
Geschlechtersegregation der afghanischen Gesellschaft übernommen.
Jeder der Zusammenschlüsse zur Arbeitsteilung innerhalb eines La-
gers bildet seine eigenen Strukturen. Diese sind sehr eindrücklich am
Beispiel der Sammeltouren der jungen Frauen und der Tagelohnarbeits-
suche der jungen Männer nachzeichenbar.
Am frühen Morgen treffen sich die jungen Frauen eines Lagers und
gehen im Stadtinneren auf Sammeltour. Die jungen Frauen des Lagers
haben jeweils Kinder unterschiedlichen Alters bei sich, die jeweils nach
Größe und Entwicklungsstand unterschiedlich in die Sammeltouren
eingebunden werden.
Einige sind so jung, dass sie problemlos auf dem Arm mitgenommen
werden. Bis sie das Krabbelalter erreicht haben, werden sie auch im
Laufe des Tages, wann und wo immer es nötig ist, gestillt. Krabbel-
kinder sind zu schwer zum ständigen Tragen und werden, da sie nicht
ausreichend weit laufen könen, nicht dauerhaft auf die Sammeltouren
186
9. Lager und Stadtviertel
mitgenommen. Für sie richten die jungen Mädchen eine Art Kindergar-
ten ein, der von ein, zwei jungen Mädchen betreut wird. Der Ort für
diese Kinderbetreuung liegt im Zentrum ihres Sammelgebiets, also nicht
im Haushalt einer Familie, sondern im öffentlichen Raum. In Mazar-e
Sharif ist es z.B. der Park um das Grab von Harzat Ali, der rawza. Hier
ist genügend Platz zum Herumtollen vorhanden. Eins ums andere Mal
nimmt sich eine der Betreuerinnen einen der kleinen Wänster und geht
mit ihm ein paar Hundert Meter auf Betteltour, um es danach wieder
in die Kinderkrabbelgruppe zu integrieren. Das schafft den Kleinen
Abwechslung und die großen betreuenden Mädchen können auch ein
wenig Geld für ihren Haushalt dazuverdienen. Außerdem lernen die
Mädchen hiermit spielend, Kinder zu umsorgen. Wenn die Kinder groß
genug sind, gehen sie mit ihren Müttern an der Hand auf Sammeltour.
Dann lernen sie das Handwerk des Sammelns. Von da an ist es nur
noch ein kurzer Schritt zur selbstständigen Sammeltour.
Jungen, die in den Augen der Frauengruppen zu alt sind, um sie
als ihre eigenen Kinder zum Betteln mitzunehmen, bleiben bei den
alten Frauen des Lagers zu Hause oder schließen sich den jungen
Männern an, die auf der Suche nach Gelegenheitsarbeit am Morgen auf
die Tagelohnarbeitsmärkte gehen. Diese jungen Männer sind ähnlich
wie die jungen Frauen Teil einer Altersklasse, die auch ihre eigenen
kleinen sozialen Strukturen kennt. Denn das Ergattern eines Jobs
auf den Tagelohnarbeitsmärkten ist eine echte Herausforderung. Viele
Dutzend junge Männer stehen im Morgengrauen in der Kälte am
Straßenrand. Kommt ein potentieller Arbeitgeber, muss man sich bis
zu ihm vorkämpfen und versuchen, seine eigenen Leute mit im Team
zu integrieren, das vom jeweiligen Arbeitgeber für den jeweiligen Tag
zusammengestellt wird. Das erfordert innerhalb der Tagelohngruppe
der jungen mugat Männer Solidarität und Opferbereitschaft und ein
gewisses Maß an Zusammengehörigkeitsgefühl untereinander.
Im Lager Die älteren Frauen des Haushaltes bewachen das Lager,
gehen sich gegenseitig besuchen und tauschen den letzten Klatsch
und Tratsch aus, d.h. sie wachen über den sozialen Zusammenhalt.
Die älteren Männer gehen wichtigen organisatorischen Tätigkeiten des
187
9. Lager und Stadtviertel
Lagers nach, führen Verhandlungen mit der Umgebungsbevölkerung,
organisieren und erhalten Patronage-Beziehungen. Sie besuchen andere
Lager oder verabreden sich zum Spiel. Die ganz Alten ruhen in den
Häusern oder unter den Zelten.
Die Aufgabenbereiche der Alten liegen im Herstellen und Erhalten
des sozialen Zusammenhalts im Lager. So gibt es in jeder Lagergemein-
schaft weise Frauen (kalanža), die nicht nur des Heilens mächtig sind,
sondern auch heikle soziale Aufgaben wie z.B. die Brautschau bzw.
Brautwerbung für einzelne Haushalte übernehmen. Eine kalanža wird
aufgesucht, um Streitigkeiten zwischen Einzelpersonen zu schlichten.
Ihre Existenz innerhalb einer Familie wertet auch das Ansehen der
Familie im Lager auf.
Die alten und erfahrenen Männer heißen qibla gui, wörtlich “die die
Gebetsrichtung bestimmen”. Sie gelten als lebenserfahren, sind meist
weit gereist und dementsprechend alt. Die alten Männer und die Re-
präsentanten der einzelnen Familien ˇgam bilden den “Rat des Lagers”.
Dieser Ratszusammenschluss basiert auf der autonomen Entscheidungs-
findung eines jeden einzelnen Mitglieds. Kann dieser die Entscheidung
des Rates nicht mittragen, muss er mit seiner Gruppe das Lager verlas-
sen und ein neues gründen oder sich einem anderen anschließen. Nur
so können im Lagerrat Konsensentscheidungen getroffen werden.
Die Alten beraumen auch Hochzeiten an. Einer der männlichen
Ältesten (muisafed) der Lagergruppe vertritt dabei die Seite der Braut.
Eine der alten Frauen (kalandža) vertritt die Seite des Bräutigams.
Diese beiden sind es, die in die Heiratsverhandlungen eintreten.
1.4. Heirat und Familie
Das Absprechen einer Heirat wurde mir als relativ rituallos beschrie-
ben. Die zum Verabreden der Verbindung zusammenkommenden Alten
bereden die Angelegenheit. Ein, zwei Mal gehen sie in die Verhandlung.
Dann holen sie einen Mullah. Anders als bei der Umgebungsbevölke-
rung wird die Braut zur Hochzeit jedoch nicht vom Bräutigam abgeholt,
sondern kommt zum Zeichen ihrer gleichberechtigten Stellung im spä-
teren Haushalt mit ihren Verwandten und Freundinnen zur Familie
188
9. Lager und Stadtviertel
des Mannes. Der Mullah führt den muslimischen Heiratsritus (nikox)
durch (qurbon mexona) und befragt die zukünftigen Eheleute, ob sie
zur Heirat bereit seien.
Dann wird ein sogenannter Vormund der Braut bestimmt (padar
vaqil) und die Heirat besiegelt (nikox basta mekuna). Die Heirat schließt
mit dem Milchritual ab. Dabei geht die Braut zu der Alten (kalanža)
der Bräutigamsfamilie und trinkt als Zeichen der Mitgliedschaft in
der neuen Familie die Milch von der Brust der Ältesten (šir-e kalanža,
šir haloli). Darauf trinkt der Bräutigam die Brustmilch von derselben
Ältesten (kalanža) des Hauses. Das besiegelt die Zusammengehörigkeit
der Braut mit dem Bräutigam und segnet die neue Verbindung. Dann
wird die Hochzeit für einen Tag gefeiert. Man isst, spielt Musik, singt
und tanzt. Es kommt Besuch aus den nahe gelegenen mugat Lagern.
Die Heirat besiegelt eine Partnerschaft, bei der Mann und Frau nahezu
gleichgestellt sind.
In den Idealvorstellungen der mugat Afghanistans heiraten mugat nur
Mädchen aus der eigenen Gruppe. Stammeszugehörigkeit ist in diesem
Kontext eine für den Außenstehenden kompliziert zu durchschauende
Angelegenheit. Bei den Zigeunern gibt es keine schriftlich fixierten oder
mündlich tradierten Genealogien (čažara). Stammeszugehörigkeiten
werden durch bestehende interfamiliäre Tauschverbindungen, gemein-
sam siedelnde Gruppen und das Teilen eines gemeinsamen Lebensstiles
bestimmt. Hier zählen zur Zugehörigkeit oft verwandtschaftliche Ver-
bindung zwischen einzelnen Abstammungsgruppen (xel), gemeinsame
Siedlungsgebiete und Kontakte zwischen den Gruppen. Auch das Wort
xel wird in diesem Fall immer wieder gebraucht, so als sei es ein Syno-
nym für das Wort Stamm qaum.
In Afghanistan heiraten die mugat Zigeuner auf der Basis eines
Brautpreises (kalin). Dieser wird zwischen Brautwerbern und Familie
der Braut festgelegt und betrug 2010 etwa 200 - 300 Dollar. Neben
dieser Heirat gibt es eine Spezialform der Heirat, die die Zahlung
des Brautpreises an die Brautgeber umgehen kann: der Brauttausch.
Hier wird zwischen zwei Familien eine Allianz geschmiedet, in der ein
reziproker Tausch von Bräuten in beide Richtung verabredet wird.
Diese Allianzform bindet zwei Familien nur für die Zeit, in der der
189
9. Lager und Stadtviertel
Ausgleich zwischen den Familien noch nicht vollzogen ist, aneinander.
Sie ist ein Zwecktauschverband, in allen Fällen der Heirat sehen die
Töchter ihre eigene Familie nur noch selten.
Geschlechtertrennung Sind mugat in ihren arbeitsteiligen Gruppen
in der Öffentlichkeit unterwegs, so teilen sich, wie es in Afghanistan
allgemein üblich ist, die Frauen und Männer wie oben beschrieben
in getrennt geschechtliche Gruppen auf. Zu Hause sitzen, anders als
bei der Mehrheit der Bevölkerung Afghanistans, Frauen und Männer
in ihren Familien zusammen. Kommen Fremde, Menschen aus der
Mehrheitsbevölkerung zu Besuch, wird wieder auf Geschlechtertrennung
geachtet. Bei Vertrauten jedoch finden sich alle zusammen an einem Ort.
Manchmal wird bei Besuch eine formelle Trennung zwischen Frauen
und Männern eingehalten, indem sich die Frauen vor die Türschwelle
des Zimmers setzen, aber dennoch bei den Gesprächen anwesend sind.
Diese Art des Familienzusammenhalts und der Gleichberechtigung
der Geschlechter ist im Kontext Mittelasiens etwas Besonderes. Bei den
mugat in Afghanistan wie auch bei denen im nördlichen Mittelasien ist
dies gleichermaßen der Fall, nur fällt dies in Afghanistan stärker ins
Gewicht, weil hier die Umgebungsbevölkerung die Geschlechter auch
innerhalb der Familien strikt trennt.
2. Die Zigeunersiedlungen des nördlichen Mittelasiens
2.1. Haushalt und Viertel
Nördlich des Amu-darja leben die mugat in Wohnvierteln zusammen.
Schon die Polizeiwache, die am Eingang der Zigeunermahalla in Kokand
steht, verdeutlicht: Hier ist das Ende der Polizeigewalt gekommen. Nur
in Ausnahmefällen betreten Polizisten das Viertel. Das wird von eigenen
mugat Kräften kontrolliert.
Als ich das erste Mal in das Wohnviertel der Zigeuner in Kokand
hineinging, wurde ich von allen am Straßenrand stehenden Zigeunern
genau beobachtet. Schon nach ein paar Metern wurde ich das erste Mal
von einer Gruppe Männer angesprochen. Sie fragten, was ich denn wolle,
190
9. Lager und Stadtviertel
eine rethorische Frage, die ein Zigeuner normalerweise mit den Worten
beantwortet: “Danke, mir gehts gut!” Der Fremde wird hier schnell
erkannt. Hat er kein Ziel und also auch kein Anliegen im Zigeunerviertel,
kann das bedeuten, dass er schnell wieder heraus expediert wird. Wer
diese peinliche Befragung zu umgehen sucht und z.B. mit dem Auto in
die mahalla fährt, kommt auch nicht weit. Irgendwann würde sich einer
in den Weg stellen, die Insassen kontrollieren und wenn sie niemand
kennt, heißt es: “Was wollt Ihr hier, schert Euch weg!” Will man jedoch
einen besuchen, der im Zigeunerviertel wohnt, würde man zu ihm
hingeführt werden. So wird sichergestellt, dass man dort auch ankommt.
Ist man jedoch als Gast einer gewissen Person im Viertel eingeführt,
kann man sich sehr sicher fühlen, auch überall im Zigeunerviertel
Wohlwollen und Schutz zu finden.
Das Wohnviertel der mugat in Kokand liegt unweit des Stadtzen-
trums und des Basars, wird von der Umgebungsbevölkerung Bombey
genannt und umfasst etwa 500 Häuser. Dies dient mir im Folgenden
als repräsentatives Beispiel, um das Leben in einem Wohnviertel zu
exemplifizieren. In jedem Haus leben zwischen sechs und zehn Per-
sonen, was bei 500 Häusern etwa 3000 bis 5000 Personen ergibt. Da
Kokand aber eine sehr einträgliche soziale Weide für viele Familien aus
anderen Städten, vor allem der südlichen Provinzen Kašqardarja und
Surchandarja darstellt, vergrö ßert sich in den Sommermonaten die
Zahl der hier Lebenden beträchtlich.
Haushalt Ein Haushalt besteht aus einer Familie von mindestens drei
Generationen und trägt jeweils einen Familiennamen (Oranskij 1983,
104-105) (Bessonov 2008, 3), der die Zugehörigkeit zu einer Einheit
herstellt. Diese Einheit trägt Namen, sogenannte Patronyme. Würde
solch ein Patronym sich nur auf das kollektive Gedächtnis ihrer Träger
stützen, hätte es eine Verweildauer von 3 - 4 Generationen. Doch Patro-
nyme im nördlichen Mittelasiem sind älter, weil sie von Standesämtern
erfasst und damit schriftlich verstetigt wurden. Viele dieser Namen
sind seit der Registrierung der mugat Familien in den 1950er Jahren zu
Familiennamen geworden, weil sie auf den Ahnen der Gruppe zurückge-
hen wie Azim boj. Patronyme können aber auch Berufsbezeichnungen
191
9. Lager und Stadtviertel
sein wie tovoqtaroš ‘Tellerschnitzer”, sakboz “Hundespieler”, kamčin
“die Peitschenmacher”, mal werden phänotypische Merkmale qojza-
fid, “die mit den weißen Augenbrauen”, in diesen Einheiten benannt
(Bessonov 2008).
Häufig sind die Wohngebiete und die ehemaligen Wanderungsgebiete
von Gruppen deckungsgleich, manchmal siedeln aber auch Gruppen
mit einem Patronym an vielen verschiedenen Orten in Usbekistan und
Tadschikistan, was auf früher sehr mobile Gruppen schließen lässt.
Eine Familie besitzt in einem Wohnviertel mehrere Haushalte. Bei
den Familienältesten wohnen die jüngsten Kinder der Familie. Die ande-
ren Familienmitglieder gründen ihre eigenen Haushalte im Wohnviertel.
Allen gemeinsam steht ein männlicher Vorstand vor, der aus einer Reihe
von Brüdern gewählt wird, der zum Lösen von übergreifenden Famili-
enstreitigkeiten herangezogen wird und seine Familie nach außen beim
Rat der Ältesten vertritt. Dieser ist immer ein Mann im berufsfähigen
Alter, praxisorientiert und stark respektiert.
Nach innen wird der Haushalt von weiblichen Vorständen dominiert.
Entscheidungen innerhalb eines Haushaltes werden oft von Frauen
getroffen. Die am meisten respektierte Person ist der oder die Älteste.
Wenn dies eine Frau ist, und das ist aufgrund des frühen Sterbens der
Männer häufig der Fall, dann gilt sie als das Familienoberhaupt. Die
Entscheidungen, die Familienoberhäupter im nördlichen Mittelasien
fällen müssen, betreffen nur die eigene Familie.
Die einzelnen Familien haben eigene Spezialisierungen innerhalb ihrer
Nischenökonomien. Besonders gut gehende Geschäftszweige jedoch, wie
der translokale Handel mit Haaren zur Perückenherstellung oder der
Handel mit Schmuck und Antiquitäten, erstrecken sich über ganze
Familien und sind nicht selten von ihnen monopolisiert.
Wohnviertel Im nördlichen Mittelasien gibt es zwar die Institution
der ˇgam als Familie. An die Stelle des gemeinsamen Lagers (bande)
ist das Wohnviertel (mahalla) getreten. Die Netzwerkstrukturen der
heutigen mugat sind zwar kein direktes Ergebnis aus der sowjetischen
Geschichte der mugat Zigeuner in Tadschikistan und Usbekistan, doch
hat die Sowjetadministration in den 1930ern und vor allem in den
192
9. Lager und Stadtviertel
1950er, 1960er Jahren darauf hingearbeeitet, umherziehende Zigeuner
sesshaft zu machen. Im nördlichen Mittelasien existieren heute nur noch
wenige umherziehende Zigeuner. Diese fallen kaum auf, da sie keine
Zelte nutzen. Die Sesshaftmachung hat auch bei den mobilen Einheiten
dazu geführt, dass alle in vielen Zigeunervierteln in Usbekistan und
Tadschikistan Verwandte und Bekannte haben. Diese Netzwerke bilden
die Grundlage für die eigene Mobilität. Sesshaftigkeit gepaart mit
Mobilität erzeugt Netzwerkstrukturen.
In den Städten, in denen seit langem Zigeuner ansässig sind, gibt es
ein eingespieltes Verhältnis zwischen Zigeunerviertel und Stadtverwal-
tung. So ist aus Buchara aus dem frühen 19. Jahrhundert eine Urkunde
bekannt, in der ein Flötenspieler als bevollmächtigter Ansprechpartner
für das gesamte Zigeunerviertel (l˘
uli mahalla) von der Stadtverwaltung
benannt wird (Gatelier 2003) (Günther 2007b, 106f).
Ein wichtiger Ausdruck dieser Selbstorganisation ist der interne Po-
lizeidienst. Das Zigeunerviertel gilt als polizeifreie Zone. Eine eigene
Ordnungstruppe ohne Uniform, aber als Ordnungskräfte respektiert,
hat hier das Sagen. Gibt es Probleme zwischen Zigeunern in der Öffent-
lichkeit, also vor allem auf der Straße, können diese schnell eingreifen.
Bei Streitigkeiten in den Häusern, innerfamiliärer Gewalt schreiten sie
jedoch nicht ein. Dies wird innerhalb der Familien geregelt.
In Kokand stellte sich das bei meiner Feldforschung wie folgt dar:
Bei Laziz zu Hause, 05.11.2004 Tursunali und Botir saßen für viele
Jahre im Gefängnis. Sie sind alle drei erst kürzlich wieder freigelasssen
worden.1
Tursunali bekam in der mahalla den Status des inoffiziellen Sprechers
(kalon) mit der Stadtverwaltung und ihren Institutionen. Er regelt also die
Angelegenheiten zwischen mugat Familien und der Außenwelt. Zu ihm geht
man, wenn man Probleme mit der Polizei befürchtet. Er nimmt mit ihnen
Kontakt auf, regelt die Angelegenheiten, indem er ihnen Bakschisch gibt
1 Der Gefängnisaufenthalt in den Gefängnissen der Mehrheitsbevölkerung gilt nicht
als ehrenrührig, sondern als Bewährungsprobe für junge Männer. Wer einmal im
Gefägnis saß, der kennt die Umgebungsbevölkerung, ihre offiziellen Vertreter wie
die Gefängnisinsassen. Er kennt die Möglichkeiten der internen Konfliktregelung,
die interne Organisation, Strafen und Sanktionen. Junge Männer können hier
Erfahrung sammeln und diese später in der eigenen Gemeinschaft weitergeben.
193
9. Lager und Stadtviertel
oder anderweitig vermittelt. Auch zur Streitschlichtung wird er angerufen.
Dem Ältesten wird viel Autorität eingeräumt, verlangt ihm aber auch
sehr wichtige Leitungsfähigkeiten ab. Er soll “gerecht sein”, muss den
“Menschen erkennen”, sein “Inneres erschauen”. Er darf sich nicht vom
Reichtum des einen oder der Armut des anderen in seiner Schlichtung
lenken lassen. ”Demjenigen, dem Unrecht getan wurde, soll Genugtuung
geschehen”, sagten mir die drei.
Laziz ist ein enger Vertrauter von ihm und fungiert als Ratgeber. Gibt es
einen Streitfall zu schlichten, kommt Tursunali zu ihm und bittet um Rat.
Nach einem Tag Bedenkzeit gibt Laziz dann meist seinen Rat. Botir ist
für die Sicherheit auf der Straße veranwortlich. Er hat ein Handy, das ihm
ermöglicht, ständig erreichbar zu sein.
Ein jedes Zigeunerviertel hat dazu ein Mahallakommitee, das von
staatlicher Seite offiziell eingesetzt wurde. Der Mahallavorsitzende er-
zählte mir, dieses sei dazu da, “die staatliche Wohlfahrt im Viertel zu
fördern”. Das bedeutet Kindergeldanträge anzunehmen, Bedürftigkeit
einzelner Familien festzustellen und zu helfen, an staatliche Unterstüt-
zung zu gelangen. Das Mahallakommitee ist die offizielle Kontaktstelle
zwischen Staat und Zigeunerviertel. Es dient vor allem der Verteilung,
nicht der internen Organisation. Als ich meine Feldforschung im Zi-
geunerviertel von Kokand beginnen wollte, wurde ich auch zuerst zum
Mahallakommiteevorsitzenden geschickt, der mir ohne Formalitäten
meinen Aufenthalt erlaubte, aber mir auch einige Verhaltensregeln auf
den Weg gab wie z.B., mich nicht mehr nach Einbruch der Dunkelheit
im Viertel aufzuhalten.
Ein weiteres, wichtiges Gremium in jedem Viertel sind die Familienäl-
testen (kalontar), die die Angelegenheiten ihrer Familien regeln. Diese
Ältesten sind häufig auch diejenigen, die gemeinsam auf Festen, zum
Freitagsgebet und anderen Gelegenheiten zusammentreffen und dort,
wenn nötig, Dinge des gemeinsamen Zusammenlebens regeln. Diese
Aufteilung von informellen Repräsentanten, von Ältesten und ihrem
Ältestenrat und einem Mahallakommiteevorsitzenden funktioniert
deshalb reibungslos, weil diese jeweils verschiedene Funktionsbereiche
haben. Der Ältestenrat garantiert den internen Zusammenhalt und
Frieden, das Mahallakommitee verwaltet die Ressourcen, die von außen
und dem Viertel zu Gute kommen, der inoffizielle Ältestenrat regelt
194
9. Lager und Stadtviertel
alles Inoffizielle. Die mugat Zigeuner im nördlichen Mittelasien haben
damit ihren Siedlungsstrukturen, die mehrere Tausend Mitglieder
umfassen, Institutionen gegeben, die diese zum gemeinsamen Zusam-
menleben brauchen.
Eine der wichtigsten Folgen des Wohnens in einem Zigeunerviertel
ist, so paradox das auch klingt, die relativ große Distanz, die einzelne
Familien zueinander einnehmen. Im nördlichen Mittelasien ist nicht
nur eine größere Zurückhaltung zwischen den Familien zu spüren,
sondern man spricht auch häufig schlecht über seine Nachbarn. Im
Zigeunerviertel im nördlichen Mittelasien sind zwischen Familie und
Wohngebiet nur noch wenige Zwischenstufen zu erkennen. Die Basis
des Zusammenlebens in den Zigeunervierteln im nördlichen Mittelasien
ist die Familie. Die Familie ist die Grundlage der Reproduktion der
Gruppe und des ökonomischen Fortkommens; die Organisation des
Zigeunerviertels organisiert das reibungslose Zusammenleben.
Vor allem im Fest kommt es zur Einbeziehung der Nachbarschaft,
die über das eigene familiäre Netzwerk hinausgeht.
Streit und Nachbarschaft Familien versuchen, sich innerhalb von
bestimmten Straßenzügen niederzulassen. Die Nähe zwischen den jewei-
ligen Brüdern eines gemeinsamen Vaters wird als wichtig empfunden.
Manchmal liegen aber auch Familien im Streit. Ist das der Fall, kann
das Betreten eines Straßenzugs einer verfeindeten Familie bedrohliche
Folgen annehmen. Das führt dazu, dass Nachbarschaftsstreitigkeiten
manchmal mit dem Messer ausgetragen werden oder man als Mitglied ei-
ner bestimmten Familie einen bestimmten Straßenzug lieber nicht mehr
betritt, weil dort Leute wohnen, bei denen man zum Beispiel Schulden
hat. Manchmal können auch die wohngebietseigenen Treffpunkte zum
Ort solcher Auseinandersetzungen werden.
Das Miteinander von Familien im Zigeunerviertel und die Immo-
bilität dieser Einheit führt zu einer ganz spezifischen Fluchtkultur.
Hier gehen einzelne Mitglieder für eine Zeit lang alleine in eine andere
Stadt, flüchten vor Verfolgung von Nachbarn oder der Stadtbevölkerung
entlang ihrer Netzwerke in andere Städte.
195
9. Lager und Stadtviertel
In Zigeunervierteln leben die Familien über Nachbarschaft vereint,
aber letztlich auch durch ihre familiären Loylitäten getrennt. Die mugat
des nördlichen Mittelasiens haben somit große Netzwerke, aber kleine
Primärstrukturen.
In Kokand lernte ich bei einer Familie das Argot der Zigeuner, eine
Varietät des Tadschikischen, die als Schuldiener in der Wohngebiets-
schule angestellt waren. Diese hatten ihren Wohnsitz außerhalb der
Zigeunermahalla im benachbarten Wohnquartier, das vor allem von
Usbeken bewohnt wurde. Auf einer Hochzeitsfeier wurde von einem
Teil der Anwesenden in Zweifel gezogen, dass diese Familie überhaupt
noch zu den mugat dazu gehören würde. Wer in ein usbekisches Stadt-
viertel ziehe, gehöre nicht mehr zu ihnen. Von der Familie wurde dies
schulterzuckend hingenommen. Sollten sie doch reden. Die Mutter des
Schuldienerhauses wiederum verriet mir, als ich sie nach dem Grund
dieses Wohnortwechsels fragte, dass sie damit schon eine Annäherung
an die Umgebungsbevölkerung bezweckte, damit ihre Kinder bessere
Chancen in der Berufswahl, überhaupt für ihren Lebensweg hätten.
In der Tat: Der Sohn des Hauses hatte ein usbekische Freundin, eine
Sängerin. Sie hatten vor zu heiraten.
Dieses Beispiel zeigt deutlich die Bedeutung des gemeinsamen Woh-
nens als Bedingung von Zugehörigkeit im nördlichen Mittelasien. Ob-
wohl viele Merkmale von Zugehörigkeit gegeben waren – eine gemein-
same Sprache, eine gemeinsame Herkunft – verblassten diese aber vor
dem Hintergrund, nicht gemeinsam zu wohnen. Neben diesem Leben
im Wohnviertel haben die Bewohner weit verflochtene Beziehungen zu
anderen mugat in anderen Städten sowie zur Umgebungsbevölkerung.
2.2. Stamm & Territorium
Im nördlichen Mittelasien wurden mir gegenüber nie Stammesnamen,
die sich an Regionen orientieren, genannt. Während viele ihre Grup-
penbezeichnung (ˇgam) als Familiennamen im Pass registriert bekamen,
wird die übergeordnete Einheit durch den Stadtnamen repräsentiert.
Man ist wie alle anderen Stadtbewohner als Zigeuner Kokander oder
Namanganer, man ist aus Samarkand, Buchara oder Surchandarja.
196
9. Lager und Stadtviertel
Diese Herkunftsbezeichnung ist gekoppelt mit einem für die jeweilige
Stadt auch typischen Selbstverständnis: Die Kokander seien reich, die
Surchandarja traditionell, die Samarkander eine uralte Gemeinschaft
usw.. Das Territorium ist das aktuelle. Da die hier siedelnden mugat
Gruppen im kollektiven Gedächtnis auch keine Geschichte der Ver-
treibung aus anderen Orten gespeichert haben, haben sie auch keine
Geschichte historischer Herkunftsorte zu erzählen. Die Herkunft ist bei
den mugat im nördlichen Mittelasien auch nicht an Nationalstaaten
geknüpft, sondern an Landschaften und Städte. Das territoriale Prinzip
ist ein aktuelles, aber lokales, was die Bedeutung konkreten Terri-
toriums im Gegensatz zum abstrakten Zusammengehörigkeitsgefühl
unterstreicht. Ich wurde nie mit der Bedeutung konfrontiert, usbekis-
tanischer oder tadschikistanischer mugat zu sein. Diese Zugehörigkeit
scheint den mugat unwichtig.
2.3. Arbeitsteilung
Einige mugat im nördlichen Mittelasien schließen sich in ihren Vierteln
auch jenseits der Familien kurzzeitig zu Verbänden zusammen, die auf
Jagd nach kairosökonomischen Chancen gehen. Diese gemeinsamen
kurzzeitigen Zusammenschlüsse haben für die Dauer ihrer Zusammen-
arbeit Hierarchien wie in den Lagerstrukturen Nordafghanistans. Es
gibt Individuen, die in einer solchen gemeinsam ziehenden Gruppe zum
Anführer gemacht werden. Diese Anführer sind häufig die Erfahren-
sten auf einer bestimmten Route und verfügen entlang dieser Routen
über eine Reihe von Netzwerkkontakten, die während der Reise allen
Mitgliedern der Reisegruppe zur Verfügung stehen. Diese Reisegruppen
sind nicht selten gemischtgeschlechtlich und ihre Führer nicht selten
Frauen.
Einzelne Mitglieder eines Zigeunerviertels agieren aber häufig auch
autonom, das heißt allein und nicht in Familie, besonders in den Som-
mermonaten, wenn sie saisonal ihre Viertel verlassen. Die Familien
bleiben jedoch die Basis dieses Wirtschaftens. In der Familie werden
Netzwerke zu anderen geknüpft. Die Familie ist es, die sich durch Heirat
konsolidiert und deren Wohl und Weh allen Mitgliedern am Herzen
197
9. Lager und Stadtviertel
liegt. Zwar können Nachbarschaften und Freundschaften auch am In-
formationsfluss in einzelnen Familien teilhaben und auf die Netzwerke
von Nachbarn und Freunden zurückgreifen, doch schließt das immer
das Einverständnis der wichtigsten Basis der mugat, der Familie, mit
ein.
2.4. Heirat und Brautraub
Im nördlichen Mittelasien gibt es zwei Arten zu heiraten. Die her-
kömmliche Heirat der mugat ähnelt sehr der im Norden Afghanistans.
Auch hier zieht die Braut mit ihren Freundinnen und Verwandten
selbstständig vor das Haus des Bräutigams und wird nicht wie bei den
Gruppen der Umgebungsbevölkerung vom Bräutigam abgeholt. Dieser
Ritus belegt immer wieder die herausgehobene Stellung der Frau unter
den mugat, die sich bei der Umgebungsbevölkerung bis zum Stereotyp
gesteigert hat, die mugat lebten in einer verkehrten Welt, in der die
Frau den Mann ernährt. ökonomische
Im nördlichen Mittelasien hat sich noch eine andere Heiratsform Kooperati-
etabliert, die im ex-sowjetischen Mittelasien unter vielen anderen Ge- on,
S.113
meinschaften (z.B. Karakalpaken oder Kirgisen) eine große Verbreitung
hat: der Brautraub. Die Männer “stehlen” ihre Bräute aus anderen mu-
gat Familien, indem sie diese von der Schule, auf der Straße, vom Markt
wegholen. Ein Brautraub wird nicht selten zwischen dem zukünftigen
Brautpaar abgesprochen und sogar der Zeitpunkt vereinbart, damit die
Familie des Bräutigams sich auf die Brautraubzeremonie vorbereiten
kann.
Nachdem die Braut geraubt ist, werden Boten zur Familie der Braut
gesandt, die versuchen, ein Einverständnis einzuholen. So lange dieses
Einverständnis von den Brauteltern nicht zu bekommen ist, gilt das
Paar als nicht verheiratet. Gelingt der Familie der Braut in dieser Zeit
das gewaltsame Zurückholen der Braut, ist die Familie des Bräutigams
beschämt und blamiert. Die Zeit zwischen Raub und Einverständnis ist
eine Zeit äußerster Gespanntheit. Alle Beteiligten vergewissern sich ihrer
Freunde und Verwandten in der Zeit des Raubes, indem sie entweder
gemeinsam das Haus der Bräutigams bewachen oder zusammen mit den
198
9. Lager und Stadtviertel
Brüdern der Braut versuchen, die Braut aus dem Haus des Bräutigams
zu befreien. Wenn man dabei seine eigenen Kräfte überschätzt oder die
Kräfte der Brautfamilie unterschätzt, kann das unangenehme Folgen
für alle Beteiligten haben. Dann gibt es bisweilen sogar Tote.
Die ganze Prozedur dient dabei vor allem der Umgehung des Braut-
preises (kalin). Von Brauttausch, wie ihn die mugat in Nordafghanistan
kennen, wurde mir im nördlichen Zentralasien nie berichtet.
Bei den mugat im nördlichen Zentralasien kommt es hin und wie-
der vor, dass die Männer auch Frauen aus der Umgebungsbevölke-
rung heiraten. Kontaktmöglichkeiten zu Frauen außerhalb der eigenen
Gemeinschaften finden die jungen Männer meist selbst. Vor allem
die Vergnügungs- und Unterhaltungsangebote in der Stadt wie Rum-
melplatz oder der Bazar bieten Möglichkeiten hierfür, aber auch der
Schulbesuch der örtlichen Schulen. Auch das Befahren der ökonomi-
schen Routen und der Besuch einzelner Zigeunerviertel während dieser
Fahrten bieten Gelegenheiten zur Brautschau. Manchmal sind mugat Schule,
Familien auch so nah an Familien aus der Mehrheitsbevölkerung, dass S.219
usbekische oder tadschikische Familien ihre Töchter in die mugat Fami-
lien geben. Dass die Bräute in die Wohnviertel der Zigeuner ziehen, gilt
als Selbstverständlichkeit. Um diese Frauen in die Kultur der mugat
vollständig aufnehmen zu können, müssen die jungen Frauen schon
in den ersten Monaten das Argot, also das lokale mugat Tadschikisch
lernen. In meinen Gesprächen mit den mugat des nördlichen Mittel-
asiens ist dieser Umstand der sprachlichen Assimilierung als wichtig
beschrieben worden.2
3. Zusammenfassung
Die soziale Ordnung beider Vergleichsgruppen scheint unterschiedlich
zu sein: Während in Afghanistan die temporären Beziehungen und Or-
ganisationsstrukturen dominieren, scheinen viele Strukturen im Norden
auf Permanenz ausgerichtet zu sein. Doch dieser Unterschied existiert
nur auf der Ebene der beobachtbaren und aktuellen kulturellen Aus-
2 Ein paralleles Beispiel aus Tirol, dazu siehe Elisabeth Tauber (Tauber 2006).
199
9. Lager und Stadtviertel
prägungen. Denn alle Muster sozialer Beziehungen und Ebenen von
Zugehörigkeit sind potentiell in beiden Vergleichsgruppen vorhanden,
nur unterschiedlich ausgeprägt. In der Konsequenz reagieren die mugat
also auf die Bedingungen, die ihnen die Umgebungsgesellschaften bieten.
Die Unterschiedlichkeit der sozialen Beziehungen in Afghanistan und
dem nördlichen Mittelasien ist damit Ausdruck der Flexibilität der
Bewohner des Zwischenraums.
Die Potentialität der Gruppenbildung offenbart sich in der flexiblen
Größe der Lagergemeinschaften in Afghanistan ebenso wie in den
Netzwerkverbindungen, die die mugat mit anderen Stadtvierteln und
Städten im nördlichen Mittelasien unterhalten. Auf der abstrakten
Ebene sind so alle mugat Gruppen durch ihre potentielle Anschlussfä-
higkeit miteinander verbunden. Auf der Ebene des Konkreten können
sie jedoch nur einen kleinen Ausschnitt aus allen möglichen Zusam-
menschlüssen pflegen. Die Flexibilität jedoch ist ein Paradoxon. Auf
der einen Seite schafft sie eine potentielle Anschlussfähigkeit zu allen
anderen Gruppen im Zwischenraum, andererseits schafft sie sehr offene
Gruppen, die sich in Zusammensetzung und Struktur schnell verändern
können. Kleine Erschütterungen des sozialen Friedens genügen hier
und Gruppenzusammensetzungen ändern sich (Berland 1982). Das
temporäre Lager kann sich schnell ändern oder die Einwohner eines
Wohnviertels verlassen aufgrund von Streitigkeiten schnell das Viertel
und ziehen in eine andere Stadt. Beziehungen und Struktur sind hier
sehr flexibel.
Der auffälligste Unterschied, der zwischen Lager und Wohnviertel
liegt, ist die Produktion von Zugehörigkeit. Im Zigeunerlager entschei-
det sich die Zugehörigkeit über die temporäre Koresidenz. Sie ist die
Grundlage des Zusammenlebens. Diese Koresidenz basiert jedoch nicht
gewohnheitsmäßig auf einem territorialen Prinzip wie in einem Zigeu-
nerviertel, sondern wird aktiv hergestellt und durch jeden Umzug von
neuem bestätigt. So verlangt gemeinsames Lagern nicht nur soziale
Nähe, es produziert sie auch. Durch jeden Entschluss, gemeinsam zu
lagern, werden Beziehungen bestätigt und aktualisiert. Jedes Lager
ordnet sich darüber hinaus über soziale Nähe. Nahe Verwandte lagern
in unmittelbarer Umgebung, entfernte Beziehungen drücken sich durch
200
9. Lager und Stadtviertel
territoriale Distanz aus. Solch eine ständige Aktualisierung der Ko-
residenz ist in den Zigeunervierteln im nördlichen Mittelasien nicht
möglich. Hier wird die Koresidenz statisch. Das bedeutet einerseits,
dass die aktive Bestätigung gemeinsamen Lagerns nicht mehr nötig
ist, andererseits kann die unmittelbare Nähe zwischen zwei gemeinsam
siedelnden Familien auch schwer aufgekündigt werden. In der statischen
Koresidenz lockern sich Strukturen, die das aktuelle Zusammenleben
im Lager regeln, andere wiederum werden stark wie beispielsweise die
permanente Repräsentation eines Ansprechpartners des gesamten Vier-
tels für die Stadtoberen. Auf die soziale Ordnung der mugat im Lager
und im Wohnquartier lässt sich das Bild der Gegensätze zwischen wan-
dernden Komponenten und wachsenden Strukturen aus Kapitel fünf
anwenden. Sind im Lager die wandernden Komponenten dominierend,
die sich mit jedem Ortswechsel immerzu neu ordnen, dominieren im
Quartier die wachsenden Strukturen. Nur wachsen in den Quartieren
der sesshaften mugat die Strukturen schnell auch über den Ort der
Residenz hinaus. Es kommt zur Netzwerkbildung.
Diese verschiedenen Formen der Zugehörigkeit sind jedoch nur zwei
jeweils verschiedene Ausprägungen eines Prinzips, das Prinzip des Zwi-
schenraumes. Die Gruppen des Zwischenraumes haben verschiedene
Optionen, die sich aber erst dann ausprägen, wenn sie mit den Rahmen-
bedingungen, die ihnen die Umgebungsbevölkerung bietet, interagieren.
Somit stimmt für die Bewohner des Zwischenraums nicht, was sich
für viele permanente Siedlungsformen beobachten ließ. Es ist nicht
die soziale Struktur, die die Siedlungsform bestimmmt und abbildet,
sondern in den sozialen Strukturen der mugat sind Potenziale einge-
bettet, die verschiedene Siedlungsformen und damit einhergehende
Sozialstrukturen hervorbringen können. Wie bei der optio tsigana ist optio
das vorherrschende Merkmal nicht die jeweilige Ausprägung und Kon- tsigana,
sequenz, sondern die Einbettung des Potentiellen in der jeweiligen S.75
Gruppenkultur der mugat.
Das bedeutet aber auch, dass in die Kultur der mugat-Zigeuner
optionale Strukturbildungspinzipien eingebettet sind, die dominanter
sind als eine etwaige Siedlungsform. Klaus E. Müller nannte einmal
die Existenz bindender Normen, Ethiken und Codices das neolitische
201
9. Lager und Stadtviertel
Erbe des Menschen. Er sah es als eine direkte Folge fester Siedlungs-
strukturen. Die bis heute aktuellen Strategien von Konfliktlösung sind
damit eine direkte Folge des gemeinsamen Siedelns (Müller 2010). Auch Flucht-
wenn diese zeitliche Einordnung rein spekulativ ist, folgen die mugat kultur,
einem Prinzip, das sicher älter ist, denn es basiert nicht primär auf S.169
der Einhaltung von Normen, sondern auf der Basis des Gemeinschaft-
serhalts. Alles ordet sich dem Prinzip des Gruppenerhalts unter: der
flexible Umgang mit Strukturen, der Lagerfrieden, der Umgang mit den
Normen des Umgebung etc.. Dies wiederum bedeutet eine ganz andere
Denkweise als die auf Normeneinhaltung und Befolgen von Normen
und Codices ausgerichtete Verfasstheit der Umgebungsbevölkerung.
Wer den Gemeinschaftserhalt als oberstes Ziel alltäglichen Handels
sieht, geht flexibel mit Strukturen um und ordnet und verortet sich
in jeder Umgebung und Zeitepoche von neuem. Im Umgang mit der
Umgebungsbevölkerung spiegelt sich das z.B. auch in der Fluchtkultur
der mugat wieder.
202
10. Die natürliche und die soziale Umgebung
- Gemeinschaft und Tabu
1. Das Wort und Konzept Tabu
Die Forschung zum Tabu scheint ganz und gar im Bereich der Rechts-
ethnologie aufgegangen zu sein (Knight 2003). Worte wie Norm und
Regel haben das Wort Tabu auf eine soziale und legislative Grundlage
gestellt, und doch ging bei diesem Wechsel von der Religionsethnologie
hin zur Rechtsethnologie eine wichtige Konnotation dieses Wortes
verloren. Zwar sind die Normen in sich geschlossener Gemeinschaften
durch Tabus, die sich diese Gemeinschaften auferlegen, abbildbar, doch
betreffen Tabus vor allem alle Gehorsamsmechanismen, die rituelle
Bedeutungen haben, sowie spezifisches und restriktives Verhalten in
gefährlichen Situationen. Sie beschreiben, welche Individuen gefährdet
sind und wie man die Gefährdeten und deshalb auch gefährlichen
Personen wiederum vor sich selbst und vor der Gemeinschaft beschützen
kann (Steiner 2008, 303). Somit verharren Tabus nicht im festgelegten
Regelwerk einer Gemeinschaft, sondern sind dynamische Kräfte, die auf
der Angst einer Gemeinschaft basieren, die im nichtdiskursiven Bereich,
im Unaussprechlichen wirken (Tyler 1991). Sie sind gleichsam wie das
Heilige immanent und ein wichtiger Schutz von Gemeinschaften im
Umgang mit dem Fremden und mit dem Umgebenen. Sie stabilisieren
Gemeinschaften von innen.
Durch ihre Tabus werden Gemeinschaften auch aus sich heraus
beschreibbar. Für Franz Baermann Steiner war das Tabu ein solch kom-
plexes kulturelles Kondensat, dass er das Tabu als Schlüsselbegriff für
eine “Soziologie der Gefahr” verstand. Auch der polnische Volkskundler
Ficowski sah in Tabus ein Meidungsverhalten, ein prophylaktisches
Mittel, um unerwünschten Vorkommnissen und Verhaltensweisen inner-
halb einer Gruppe vorzubeugen (Ficowski 1992, 113). Beide machten
203
10. Gemeinschaft und Tabu
damit deutlich, dass die Konnotation der Gefahr bzw. der Angst vor
der Gefahr eine andere sei als die Ebene von Recht und Strafe, die
Mary Douglas (Douglas 2003 [1966]) in den Vordergrund stellte.
Die mugat Gruppen, die in der ehemaligen Sowjetunion sehr nah
an die Umgebungsgesellschaft herangewachsen sind, haben eine große
Bandbreite an beobachtbaren Tabus und Sinnsprüchen zum Komplex
der Kontakte mit der Umgebungsgesellschaft. Wenn die Dichte an
Tabus nun einer Größe der Gefahr entspricht, so kann man schnell
darauf schließen, dass sich die Gemeinschaften der mugat im nördlichen
Mittelasien in großer Gefahr vor der Assimilierung durch die Umge-
bung sehen. Fast alle im nördlichen Mittelasien aufzufindenden Tabus
gehören in die Sphäre der sozialen Beziehungen. Gleichzeitig fehlen
eine Reihe von Tabus, die in Afghanistan zu den wichtigsten gehören:
die Berührungen mit der Welt der Geister, der Krankheit, die sich aus
der physischen Nähe der mugat Gruppen in Afghanistan zur Natur und
deren Erscheinungen erklären lassen. Dieser Naturnähe haben sich die
Gruppen im nördlichen Mittelasien durch den Bau von Steinhäusern
mit Gasheizung und Gasherd entzogen.
2. Tabus in Afghanistan
Bei den mugat Afghanistans konzentrieren sich die meisten Tabus auf
den Kontakt der mugat mit der Geisterwelt. Hier liegt die wirkliche
Gefahr. Um diese abzuwenden, werden Tattoos und Amulette gefertigt,
die vor dem Angriff der Geister schützen sollen. Der Hort, aus dem
die Geister kommen, resultiert nicht aus dem Kontakt mit der sozialen
Umwelt, sondern aus dem Kontakt mit der natürlichen Umwelt. Die
Nacht ist ein Hort dieser Geister, diese kämen in der Nacht und verur-
sachen Krankheiten. Über diese Geister redet man auch nicht. Wenn
überhaupt, dann nur ganz leise.
Mazar-e Sharif 3.09.2009
... wir redeten über ein paar Krankheiten und auf meine Frage, ob es unter
den mugat Ärzte gibt, verneinten sie, meinten aber, sie hätten ja einen
Mulla, der für die leichten Krankheiten zuständig sei.
204
10. Gemeinschaft und Tabu
Die Jungen verneinen zwar, dass sie andere Spezialisten für solche Dinge
hätten, aber hier schaltet sich die Mutter der Runde, Guldžom baxši, in
das Gespräch ein. Natürlich gäbe es ein paar folbin (Wahrsagerinnen) und
Naturheiler (baxši), sie sei ja selber eine. Das Praktizieren der baxši, so
führte Guldžom weiter aus, nenne man noghon mečumga. Es gebe aber
ein weites Feld von Bezeichnungen, so nennt man auch die Heilerinnen
einfach Alte (kalanža), die solche Fähigkeiten haben. Die Krankheiten, die
sie heilen, sind Bauchschmerzen (darde dil), Fieber garmi, Kopfschmerzen
(dardi sar ). Sie gehen aber auch zu einem Mulla und lassen sich hier
Heiltexte aufschreiben (ˇgodu), die sie dann in Amulette einnähen (tumor ).
Wenn bei einem der Kopf weh tut oder die Beine, dann machen sie auch
ein bisschen Zauber (ˇgodu), und damit gehe es dann ihren Patienten
wesentlich besser. Guldžom meinte weiter, dass sie auch die Arten von
Krankheiten, die ihre Patienten haben, erkenne. Sie stelle also auch eine
Art Diagnose. Kinderkrankheiten werden insbesondere genannt.
Ich spreche sie auch auf die Tätowierungen an. Sie sagt, diese Täto-
wierungen würden mit einer Nadel aufgetragen. So würde eine Kerze
gebraucht werden, eine Nadel und dann ist die Tätowierung gemacht. Die
Tätowierungen, die sie selbst hat, hätte ihre Mutter gemacht. Sie macht
mich natürlich, als ich sie frage, was diese Tätowierungen denn bedeuten,
darauf aufmerksam, dass sie eine große Sünde seien.1 Wenn der Schlaf
kommt, kommen hierher die Geister, sprach Guldžom weiter. So kommt
der Katzengeist, der Froschgeist.2
O.G.:Was passiert, wenn der Frosch kommt?
Guldžom: Dann frisst er deine Haut auf. (Das deutet sie nur mit den
Zähnen und der Haut an, gerade da, wo das Kreuz Tatoo auch sitzt.)
O.G.:Was sind denn das für Zeichen?
Guldžom: Das ist ein yedak. Es ist ein Kreuzzeichen mit Punkten an
jedem der vier Enden. Dieses ist gegen Steine.... (Hier bricht das Gespräch
ab, da sich Mazor aka einschaltet...)
1 Der in Afghanistan immer stärker werdende Islamismus wirkt sich auch auf die
Meinung zu Tattoos unter der Bevölkerung aus. Hier gilt die Tatauierung als
Verstümmelung des von Gott gegebenen Körpers und damit als Sünde (gunoh.
2 Waziri xoki rafti, dar in gašdum mioya, gašdum mifaxmi čor kudok (sehr leise),
boz ba in kašta kulos mioa, qurvoqa mioa, qox qox qox, qurvoqa xoqi, as duli
xoq padar (gadar) mivsast.
205
10. Gemeinschaft und Tabu
Die mugat sehen die größte Gefahr im Kontakt mit den Geistern der
Nacht, den Geistern der Natur. Ein Leben im Zelt und im provisorischen
Lehmhaus bietet vielen Kontakt mit diesen Kräften. Die Gefahr zu
erkranken ist hier viel größer als bei den mugat Usbekistans und
Tadschikistans. Denn der Arztbesuch ist eine kostspielige Angelegenheit
und gerade Säuglinge, auf die die meisten Tattoos aufgetragen werden,
sind dabei besonders gefährdet.
3. Tabus im nördlichen Mittelasien
Dass die Gefahren der Geisterwelt mit Amuletten und Tattoos auch
einmal im nördlichen Mittelasien eine Rolle gespielt haben, kann man
an den Gesichtstattoos der alten Frauen der mugat in Usbekistan
und Tadschikistan sehen. Diese haben noch Gesichtstatauierungen, die
gegen die Geisterwelt gerichtet waren und die mit denen in Afghanistan
identisch sind. Nur ist das Wissen um die Bedeutungen der Tattoos
verloren gegangen. Auf meine Fragen nach der Bedeutung verschiedener
Tattoos wurde mir immer nur erzählt, dass diese ihre Mütter aufgelegt
hätten und ihnen die Bedeutung nicht mehr bekannt sei. Die Bedeutung
und also auch die Gefahr, die mit diesen Tattoos assoziiert werden,
sind mit der Generation ihrer Mütter verschwunden.
Bei den mugat von Kokand gibt es eine Reihe von ganz anderen Tabus,
die zur Sphäre der sozialen Beziehungen mit der Außenwelt gehören.
So sollen mugat eigentlich keine freundschaftlichen Beziehungen mit
der Umgebungsbevölkerung pflegen, da ihnen damit die Möglichkeit
genommen würde, betteln zu gehen. Dieses Betteln aber zu unterlassen,
wäre wiederum ein Frevel für die Ahnen, denn durch das Betteln trete
man mit seinen Ahnen in Beziehung. Ahnendienst steht damit vor
der Freundschaft mit der Umgebungsbevölkerung, denn nur über seine
Toten kann man sich als zu einer Gemeinschaft gehörend definieren.
Das Bettelgebot und die alltägliche Verletzung des Freundschaftstabus
lassen sich nur vereinbaren, wenn man sich maskiere und dann nicht
mehr als eigentliche Person wahrgenommen werden würde, oder wenn
man zum Betteln die Stadt bzw. den Wohnort verlasse.
206
10. Gemeinschaft und Tabu
Im rituellen Betteln und der Ahnenverehrung der mugat im nördli-
chen Zentralasien offenbart sich die rituelle Verbindung zwischen heute
lebenden mugat mit den Ahnen: In ihrem Sinne zu handeln heißt,
betteln zu gehen. Nach Thomas Bargatzky äußern sich Weltanschau-
ungen im Handeln, also der Praxis der Menschen (Bargatzky 2007).
Ein wichtiger Teil und häufig anzutreffende Vorstellung dieser Praxis
ist die Vorstellung eines rechten Weges, der nach allen Regeln der
richtigen Lebensführung beschritten werden muss, um die eigene Welt
im Gleichgewicht zu halten. Werden diese Regeln verletzt, der Weg
verlassen, kann das Unglück seinen Lauf nehmen. Dieses Unglück muss
man um alles in der Welt verhindern, und man verhindert es durch ritu-
elles Handeln. Dieses rituelle Handeln erlaubt eine geistige Verbindung
zwischen den jetzt Lebenden und den Verstorbenen. Die Zusammen-
kunft im Jetzt von Ahnen und Nachfahren wiederum ermöglicht die
Weitergabe der “mythischen Substanz”, wie sie Thomas Bargatzky
nennt. Diese mythische Substanz sei das zentrale Element des Mythos
und des Kultes. Das Betteln wird hier zu einer mythischen Substanz.
Wenn dieses Betteln nicht in die alltäglichen ökonomischen Strategien Sammeln
der mugat gehört, wie es im nördlichen Mittelasien oft der Fall ist, in Afgha-
wird es in den heiligen Monat Ramadhan rituell eingebunden. Die nistan,
S.101
mugat Afghanistans hingegen gehen mit dieser ökonomischen Strategie
alltäglich um und tradieren deshalb auch keinen solchen Kult. Dabei
kann der Unterschied zwischen den mugat der ehemaligen Sowjetunion
erst einige Jahrzehnte alt sein, denn vor Revolution und Bürgerkrieg
(1918 – 1921ff) war das Betteln an Heiligtümern auch bei den mugat
des nördlichen Zentralasiens weit verbreitet. Das Betteln scheint also
zum kulturellen Kernbereich der mugat zu gehören, wenn die mugat es
im nördlichen Mittelasien in der Gefahr des Verlustes durch Mittel wie
Mythologisierung, Kult und Ritus am Leben halten.
Ein andere Reihe von Tabus betreffen die Verletzung des mugat
Territoriums. Früher, sagten mir einige meiner Gesprächspartner, seien
um die Häuser der mugat Zigeuner keine Zäune gewesen. Allerhöchstens
Hunde hätten das Hab und Gut bewacht. Die Zigeuner jedoch wären
den ganzen Tag nicht zu Hause gewesen. Jetzt habe sie alle Zäune, jeder
Schritt von Unbekannten auf ihrem Territorium wird streng überwacht.
207
10. Gemeinschaft und Tabu
Der Einfall von Staats- und Polizeigewalt in ihre Viertel wird von den
mugat ebenfalls nicht toleriert. Für den Kontakt zu solchen Stellen Zigeuner-
haben sie, wie ich gezeigt habe, eigene Leute, die z.B. über den Verbleib viertel,
bestimmter gesuchter Personen Auskunft geben bzw. die betreffenden S.190
Personen warnen, dass sie von der Polizei gesucht würden. Diese müssen
dann für ein paar Wochen, Monate oder Jahre verschwinden. Auch
hier ist wieder die Angst die Grundlage, die Gruppenautonomie könnte
durch einen Angriff auf die Territorialität der mugat gefährdet werden.
Josif Oranskij erfuhr von den im tadschikistanischen Hissartal leben-
den mugat, dass ein mugat Zigeuner sich niemals in einem Dorf der
Tadschiken oder Usbeken niederlassen würde, sie siedeln dort immer
in kleinen (vier - fünf Familien) bis mittelgroßen Siedlungen (bis zu
400 Personen) getrennt von der Mehrheitsbevölkerung in einzelnen
Siedlungen oder nur ein paar Meter weit weg vom jeweiligen Dorf
(Oranskij 1983, 107).
Tabuisiert werden auch die Personen, die zu enge Kontakte mit
der Umgebungsbevölkerung eingehen. Diejenigen, die aus dem mugat
Stadtviertel wegziehen, gelten als gefährdet und als ebenso gefährlich.
Da sie nicht mehr als echte mugat gelten, kann auch der Umgang mit
ihnen verunreinigen.
Wenn sich mugat Männer Bräute aus der Mehrheitsbevölkerung
nehmen, dann müssen diese die Sprache der jeweiligen mugat Gruppe
lernen. Alle mugat, mit denen ich sprach, machten das zur Grundbe-
dingung und alle mit mugat verheirateten Usbekinnen, die ich traf,
erzählten stolz, dass sie sehr schnell die Sprache der mugat gelernt
hätten.
Die mugat des nördlichen Mittelasiens sehen sich ständig in der
Gefahr der Entropie, dem Aufgehen in der Umgebungsgesellschaft.
4. Tabus als Grenzen des Zwischenraums
Die hier aufgezeigten Tabuzonen Natur, Krankheit und Assilimierung
durch die Umgebungsbevölkerung können als Grenzsteine des Zwi-
schenraums gelten. Auf beiden Seiten ist die Gruppe von Auflösung
bedroht, einmal durch Krankheit, einmal durch Assimilation in die
208
10. Gemeinschaft und Tabu
Umgebungsbevölkerung. Die Tabus der Gruppen sind dynamische, auf
den Gruppenerhalt reagierende Kräfte, die auf Beziehungen mit der
Umwelt reagieren. Nur ist auf der einen Seite in Afghanistan die na-
türliche Umwelt die feindliche, auf der anderen Seite, im nördlichen
Mittelasien, ist es die soziale Umwelt, die als gefährlich für den Grup-
penerhalt gilt. Somit sind die Tabus, wie Franz Steiner schon treffend
formulierte, Marksteine einer Gefahr für den Gruppenerhalt. Nur liegen
diese Gefahren in einer jeden Gesellschaft in verschiedenen Sphären
verborgen.
Die Nacht, die Welt der Geister, die Welten der Umgebungsbevöl-
kerung können betreten werden. Es folgt darauf auch nicht unbedingt
eine Strafe. Die hier aufgezeigten Tabus sind also weniger sanktionierte
Norm und Rechtssysteme, deren Beachtung peinlich befolgt wird, son-
dern Marker einer Gefahr, der mit einem Meidungsverhalten begegnet
wird.
209
11. Sichsammeln, Sichzerstreuen – Motilität
und Biographie
Der britische Sozialanthropologe Edmund Leach widmete sich in seinen
“Zwei Aufsätzen über die symbolische Darstellung der Zeit” der Idee,
Zeit bildhaft darzustellen. Seiner Ansicht nach wird diese durch zwei
grundsätzliche Prinzipien geordnet, das Prinzip der ewigen Wiederkehr,
symbolisiert durch Geburt und Tod, und das Prinzip der fortschreiten-
den Zeit, die man plastisch am eigenen Körper oder im Aufblühen und
Verwelken in der Natur bemerken kann (Leach 1966). Daraus entstand
bei ihm das Bild eines Weberschiffchens, das den Faden Zeit immer
wieder hin und her schießen lässt und ständig zu Stoff verwebt. Um die
sich hier ergebenden Lebensmuster über das Individuum hinaus auch
abbildbar zu machen, will ich mich einer weiteren Theorie bedienen,
die die soziale Morphologie einer Gruppe betrachtet. Soziale Morpho-
logie bedeutet hierbei die materiell räumliche Gestalt dieser Gruppe
in Beziehung mit allen und allem Anderen außerhalb ihrer selbst. Der
Begriff stammt eigentlich von Emile Durkheim, der diesen Begriff zum
Kern seines soziologischen Programms machte (Durkheim 1898). Für
die Ethnologie machte Marcel Mauss die soziale Morphologie das erste
Mal greifbar, indem er die Auswirkungen von saisonalem Sichsammeln
und Sichzerstreuen bei den Eskimovölkern Alaskas untersuchte. In den
letzten Seiten seines Essays macht er dieses Sammeln und Zerstreuen
schließlich als allgemein menschliches Phänomen für alle diejenigen aus,
die in Gruppen leben. Damit bezog er die Ergebnisse seiner Studien zu
den im Sommer weit auseinander lebenden Einzelfamilien und den im
Winter eng aneinander lebenden Gemeinschaften auf alle menschlichen
Gruppen und machte die Rhythmik des Sichsammelns und Sichzerstreu-
ens, wie die zyklische Transformation der damit verbundenen Regeln
und Riten, zu einer allgemein menschlichen conditio humana.
210
11. Sichsammeln und Sichzerstreuen
Obwohl in der Ethnologie die soziale Morphologie in vielen gesell-
schaftsethnologischen Studien häufig inhärent mitschwingt (Postert
2003), wird sie selten diskutiert. Bernhard Streck wies zur Gründung
des DFG Sonderforschungsbereichs 586 “Differenz und Integration”
darauf hin, dass Mobilität von Nomaden, Wildbeutern oder Dienstleis-
tungsnomaden immer zyklisch sei. Das unterscheide den Nomadismus
von der Migration, die einmalig und gerichtet ist (Streck 2001).
Wenn ich beide Thesen, die der Zeit als Muster und der sozialen Mor-
phologie als materiell räumliche Gestalt von Gruppen, zusammennehme,
ergeben sich dann wiederkehrende Muster? Oder sind die individuellen
Figurationen jeweils untereinander so verschieden, dass sie den Betrach-
ter in eine chaotische Unendlichkeit stoßen? Führt das grundsätzlich
unterschiedliche Eingebundensein in die Umgebungsgesellschaften im
Norden und Süden Mittelasiens zu signifikanten Unterschieden in den
morphologischen Mustern der mugat Afghanistans und denen des nördli-
chen Zentralasiens? Diesen Fragen möchte ich im Folgenden nachgehen.
1. Der Jahreszyklus
Der Jahresrhythmus spielt bei den mugat im nördlichen und im südli-
chen Mittelasien eine unterschiedlich starke Rolle. Bei den mugat in
Nordafghanistan haben die vier Jahreszeiten eine immense Bedeutung.
Bedingt durch das sommerliche Wohnen im Zelt oder die temporär
eingerichteten Häuser im Winter, sind sie stark von den Launen des
Wetters und der jahreszeitlichen Rhythmik geprägt. Diese werden im-
mer wieder thematisiert und sind und in den Spruchweisheiten der
mugat verankert. Bei den mugat im Norden Zentralasiens spielen die
Jahreszeiten, der Sommer ausgenommen, keine besonders wichtige
Rolle.
1.1. Der Jahreszyklus in Afghanistan
Der Frühling Der Frühling genießt in der ästhetischen Bewertung der
mugat Afghanistans eine überaus strahlende Kraft. Es ist die Jahres-
211
11. Sichsammeln und Sichzerstreuen
zeit, deren Beschreibung bei den mugat wahre Begeisterungsstürme
provoziert.
Tagebucheintrag: 15.09.2010 Als die Frage immer wieder auftaucht,
wann ich denn wiederkehren werde, antworte ich, selbst ein wenig darauf
hoffend, dass ich im Frühjahr wiederkommen würde. Hierüber freut sich
nicht nur meine Gastmutter Guldžom, sondern lässt noch einige bewun-
dernde Worte über den Frühling fallen. Es sei die Zeit des neuen Grüns,
wenn die Blumen überall blühen.
Im Frühling beginnt für die mugat in Afghanistan das neue Jahr.
Wenn die ersten Frühblüher aus der Erde kommen, die Wüste für
ein paar Wochen ergrünt, dann beginnt auch für die mugat ein neuer
Jahreszyklus. Es gibt bei den mugat den Begriff “warm”, der alles das,
was angenehm ist, bezeichnet: Ist ein Platz gut gewählt, so ist er warm
(ˇgoi-e garm). Ist eine Zeit gut, dann ist sie warm. Die starke Betonung
des Wortes “warm” ist ein eindeutiges Symbol für den Frühling, denn
dies ist die warme Jahreszeit. Der Sommer wird als heiß charakterisiert.
Der Frühling ist die Zeit für alle Vorkehrungen, die man für das neue
Jahr treffen muss. Steht ein Umzug an einen neuen Ort bevor, so wird
dies idealerweise im Frühling vollzogen. Ist das Bleiberecht aber noch
nicht zu Ende, besorgen sich die Familien, die es sich leisten können,
im Frühling eine junge Kuh auf dem Markt, die bis zum Jahresende
soweit hochgefüttert wird, dass man sie wieder schlachten kann. Die
Kuh symbolisiert somit die Sesshaftigkeit für ein Jahr. Sie halten sie
nicht wie Alm- oder Herdenkühe, damit sie mit ihren Nachkommen den
Wohlstand mehren, sondern gebrauchen sie wie eine Anlage in das Jahr.
Im Winter, wenn das Futter nur noch schwer zu beschaffen ist, werden
sie geschlachtet. Die Kuh markiert damit auch den Jahreszyklus, den
die mugat in jedem Frühjahr neu beginnen. Der Verzicht auf Viehzucht
ist auch ein Zeichen der tiefen Einbettung der spezifischen Mobilität
der mugat in den Jahreszyklus. In der Kuh trifft sich beides, das Leben
im Jahreszyklus sowie die Selbsterhaltung im Umherziehen durch den
Verzicht auf an Boden bindende Güter oder Tiere.
Der Frühling ist ebenso die Zeit der Hochzeiten. Auch hier kann man
den Jahreszyklus eingebettet sehen. Die schon beschriebenen Braut- Braut-
tauschbeziehungen zwischen zwei Familien werden dann angestrebt, tausch,
S.188
212
11. Sichsammeln und Sichzerstreuen
wenn in zwei Familien zwei gleich alte Mädchen zu finden sind, ein
Tausch also unmittelbar vollzogen werden kann. Das ist der angestrebte
Idealfall. Manchmal einigt man sich auch auf die Stundung der zweiten
Hochzeit um ein bis zwei Jahre, wenn die Bräute nicht gleich alt sind.
Das aber ist eher die Seltenheit. Diese Brauttauschbeziehung versucht,
den Umstand zu vermeiden, dass beide Tauschfamilien auseinander
gehen und somit Kommunikation und Tausch schwierig werden.
Abbildung 11.1.: Sommerlager der mugat in Kabul im Park der Neu-
stadt
Sommer – Zeit der Reise Bei den mugat Zigeunern Afghanistans
existiert die Vorstellung, dass ein echter mugat im Sommer unterwegs
sein sollte. Wer im Sommer den Rücken an eine Lehmwand lehnen
würde, sei kein echter mugat, sondern ein Faulpelz. Die Lehmwand
steht für das Haus und damit die Sesshaftigkeit. Diese wird zwar für
den Winter angestrebt, aber nicht für den Sommer. Der Sommer ist die
Zeit der Reise, der ökonomischen Chancen. Die mugat Afghanistans,
die etwas älter sind, gehen im Sommer auf Pilgerreise von Heiligtum
zu Heiligtum, um als Bettler oder als Bettelmönch (malang) sich etwas
dazu zu verdienen. Die Jungen finden im Sommer die besten Tage-
213
11. Sichsammeln und Sichzerstreuen
lohnjobs, denn der Sommer ist die Saison der Baustellenarbeit. Hier
trocknen die Lehmziegel am schnellsten und der Beton wird besonders
schnell hart.
Herbst – das Haus winterfest machen Im Herbst werden bei den
mugat Nordafghanistans die Vorbereitungen für den Winter bzw. die
Überwinterung getroffen. Bleiben die mugat den Winter über an einem
Ort, so wird im Herbst der Lehm vor dem Haus zusammen mit dem
Dung der Pferde gemischt und die Wände des Hauses an schadhaften
Stellen neu verputzt. Das Dach wird ausgebessert und für die Winter-
regen dicht gemacht. Auf dem Markt wird in großen Mengen Getreide
für die Pferde eingekauft, die dann 40 Tage vor Beginn des Winters
für die Wintersaison des buzkashi Spiels trainiert werden, eine Art
archaischem Pferdepolo, das eigentlich ein Hirtenspiel ist (Azoy 1982).
Deshalb heißen die Spieler hier auch čapandoz.
Der Herbst ist die Zeit der Stürme. Auch wenn es im Sommer stürmt,
gehören diese Stürme nicht in das Bild des Sommers, sondern in das
Bild des Herbstes. Der Sturm, vor allem der lästige Sandsturm (čang
bad), gilt als Vorbote des Winters.
Der Herbst ist ambivalent. Im Herbst kommen die meisten Lebens-
mittel, Früchte, Gemüse und Fleisch auf den Markt. In dieser Jahreszeit
sind Getreide und andere wichtige Grundversorgungsmittel besonders
preiswert. Auf den Märkten fällt beim Betteln und Sammeln für die
Sammler am meisten ab. Es ist also auch eine Zeit der Fülle, bevor die
harte Zeit des Winters anbricht.
Winter – Zeit der Spiele Kaum hat der Winter in Afghanistan be-
gonnen, beginnen die buzkashi Spiele. Die mugat Afghanistans nehmen
an diesen Winterspielen mit eigenen Reitern und Mannschaften teil.
Diese sind in der mugat Community sehr hoch angesehen, denn ein
Sieg bringt hier so um die 200 bis 300 Dollar in die Häuser der Sieger,
was für die mugat eine große Summe Geld ist. Der Winter ist also die
Jahreszeit des Spiels und des geselligen Beisammenseins.
214
11. Sichsammeln und Sichzerstreuen
1.2. Der Jahreszyklus im nördlichen Mittelasien
Im Jahrszyklus der mugat im Norden Mittelasiens spielen die vier Jah-
reszeiten nur noch mittelbar ein Rolle. Durch die festen Siedlungsplätze
und Steinbehausungen ist die Nähe zur Natur nur noch mittelbar zu
spüren. Die in Afghanistan angesprochenen, unmittelbaren Brauttausch-
beziehungen in der Heiratszeit im Frühjahr sind im Norden Mittelasiens
nur noch in einer weitergefassten Regel zu entdecken, die empfiehlt,
dass jegliche Transaktion zwischen Zigeunern und der Umgebungs-
bevölkerung, ja auch zwischen Zigeunern selbst unmittelbar erfolgen
sollte. Eine Stundung von Schuld ist nur innerhalb von Familien oder
innerhalb einer kurzen Zeitspanne üblich (Günther 2008b).
Eine Jahreszeit, die unter allen Jahreszeiten im nördlichen Mittel-
asien heraussticht, ist der Sommmer. Im Sommer verdienen die mugat
das beste Geld. Die mugat Usbekistans und Tadschkistans fahren
im Sommer zu ihren bevorzugten Arbeitsgebieten nach Novosibirsk,
Wladiwostok, Odessa oder gehen in Reisegruppen auf die Jagd nach
kairosökonomischen Chancen an neue, unbekannte Orte. Viele der
mugat sind im Sommer nicht zu Hause bei ihren Familien anzutreffen.
Hierbei ist jedoch zu beachten, dass Sommermobilität häufig eine
individuelle Angelegenheit ist. Von Gruppenmobilität eines Lagers wie
in Afghanistan konnte keine Rede sein.
Der Winter wiederum gilt als Widerpart zum Sommer. Es ist die
Zeit, in der die Familie beisammen ist. Wenn im Sommer die meisten
Familienmitglieder ihr Glück in der großen weiten Welt suchen – was
sich durchaus bis in den Herbst hinziehen kann – kehren sie im Winter
in die Heimstatt der Familie zurück. Auch wenn nicht alle mugat die
Reise im Sommer antreten, im Winter ist die Zigeunermahalla fast
vollständig anwesend. Dieser Umstand hat auch zur Folge, dass der
Winter als Saison des geselligen Beisammenseins und des Spiels gilt.
Hahnen- und Hundekämpfe werden unter den mugat im nördlichen
Mittelasien vor allem im Winter abgehalten.
215
11. Sichsammeln und Sichzerstreuen
2. Lebensstationen
Zeit kann auch auf der Ebene eines Lebensweges von Einzelnen in
den jeweiligen Gruppen nachvollzogen werden. Hier geht es jedoch
nicht um die Ordnung im Jahresverlauf, sondern um die Muster eines
Menschenlebens und den Zugriff von Individuum und Gruppe auf
die Ressourcen der Umgebungsgemeinschaften. Im Norden stärkt die
Vernetzung der jeweiligen Individuen zur Umgebungsgesellschaft die
jeweiligen Familien. In den Zeltgruppen Nordafghanistans verbleiben
die Lebensstationen der einzelnen Individuen vor allem innerhalb ihrer
Gemeinschaften. Hier verändert nur die Sesshaftmachung einzelner,
überdurchschnittlich reich gewordener Familien in Stadthäusern die
Vergemeinschaftung ökonomischer Chancen hin zur Individualisierung
(Rao 1982, 122f).
2.1. Lebensstationen in Afghanistan
Sammeln lernen / Jagen lernen Für einen jeden neuen Spross einer
bettelnden mugat Familie beginnt die Tätigkeit des Sammelns in den
ersten Tagen nach der Geburt. Denn sobald die Mutter des Kindes nach
der Geburt wieder laufen kann, nimmt sie das Kind eingewickelt in
Tücher in die Stadt mit, um zu sammeln, zu betteln oder Altkleider zu
verkaufen. Sie werden sorgsam in Tücher gewickelt und mit der Technik
des Verschnürens relativ ruhig gehalten. Müssen die Kinder gestillt
werden, so tun die Mütter das am Wegesrand oder setzen sich in den
Park. Das Beisammensein ist für Mutter und Kind dabei recht förderlich.
So können die Kinder bei ihren Müttern weilen, ohne unter dem Stress
des Entzuges anfällig für Krankheiten zu werden, die bei den Zigeunern
in viel prekärere Situationen führen als bei der Umgebungsbevölkerung.
Eine ärztliche Betreuung ist teuer, Ärzte, die anders als ein Hausarzt
keine Vertrauenspersonen darstellen, übervorteilen die Patienten oft und
werden nur widerwillig aufgesucht. Darüber hinaus erwecken die Frauen
durch das Mitführen von Kindern bei der Umgebungsbevölkerung
die Spendenlust, da für diese Umgebung Kinder nach Hause in den
216
11. Sichsammeln und Sichzerstreuen
geschützten Raum ihrer Mütter gehören. Mütter, die das nicht tun
können, erwecken den Anschein der Armut.
Sind die Kinder alt genug, um schon alleine zu laufen, nehmen die
Mütter sie mit, um sie in die Kunst des Sammelns einzuführen. Hier
lernen sie die besten Orte kennen, an denen man Sammeln kann. Wo
finde ich was? Wozu ist ein Heiligengrab gut und wozu der Basar? Was
kann man an den Taxiständen erwarten, was an den Teehäusern?
Sind die Kinder ein wenig älter, sammeln diese alleine in der Umge-
bung der Siedlungen für die Tiere (Pferde, Kühe) Futter und machen
hier ihre ersten eigenen Schritte ins Sammelleben hinein.
Das Sammeln ist dabei keine genuine Tätigkeit der Frauen, doch
dominieren sie diesen Tätigkeitsbereich. Sie sind es, die sich einen
Schnappsack über die Schulter werfen und im Wohngebiet, in dem sie
gerade leben oder in der Stadt, also auf allen öffentlich zugänglichen
Flächen, auf Sammeltour gehen.
Bei traditionellen Sammlern ist das wichtigste Hilfsmittel des Samm-
lers der Schnappsack, mit dem er über die Schulter gehängt auszieht,
um die Familie zu ernähren. In Afghanistan ist der Schnappsack eine
von Frauen selbst genähte Tasche, die z.B. einmal ein Kissenbezug war.
Diese Taschen werden multifunktional gehandhabt. Sie dienen am Zelt
auch als Aufbewahrungsmittel von Haushaltsgegenständen, etwa von
Geschirr und Töpfen, wenn sie nicht zum Sammeln gebraucht werden.
Domänen In den nordafghanischen Familien der mugat werden Jun-
gen früh an die Pflege der Pferde herangeführt, während die Betreuung
der hauseigenen Kuh den Mädchen obliegt, da sie direkter Teil des
Haushaltes ist und nicht Teil der Zucht. Die Jungen lernen nicht nur die
Anatomie und Pflege der Pferde kennen, sondern erlernen auch die nur
den mugat eigenen Wörter für die Pferdebeschreibung. Diese brauchen Sprache,
sie später auf dem Markt, um Gespräche zu führen, die Nichtzigeuner S.237
nicht verstehen können.
Die Jungen erlernen früh das Reiten. Schon im frühen Jungenalter
entscheidet sich, wer später einmal aus den Reihen der Zigeuner beim
buzkashi antreten wird. Ansonsten werden alle Jungen und Mädchen
früh in der Gelegenheit (Kairosökonomie) sozialisiert. Sie lernen früh
217
11. Sichsammeln und Sichzerstreuen
alle hier üblichen Tätigkeitsbereiche kennen und kaum einer ist später
auf nur eine Tätigkeit spezialisiert.
Im Alter Alte Frauen und Männer haben in der Gemeinschaft der
nordafghanischen mugat eine herausragende Stellung. Sie gelten als
weise und erfahren. Diese Weisheit aber bringt den alten Männern oft
auch Gelächter ein, da die Jugend zwar ihr Alter schätzt, sich aber auch
über die typischen Altersbeschwerden wie Schwerhörigkeit, undeutliche
Aussprache auch lustig macht.
Alte Männer können einen Sonderweg einschlagen, um entweder
allein zu sein oder der Familie, zu der sie gehören, nicht so sehr zur
Last zu fallen: die religiöse Pilgerfahrt als malang.
Um den malang zu verstehen, muss man den Derwisch kennen. Der
Derwisch ist unterwegs auf dem Weg zu Gott. Seine Kenntnisse und
Fähigkeiten erlernt er in der Unterweisung durch seinen Meister. Ist er
fähig, seinen Weg allein zu gehen, werden von ihm die Insignien des Der-
wischstatus angefertigt. Aus “Tausenden von Flicken”, so die Vorschrift,
wird ein Derwischmantel genäht. Dazu wird ein Stab geschnitten, mit-
unter überreicht ihm der Meister die Bettelschale, manchmal stellt
er sie sich aus Naturmaterialien selber her. Eine Gebetskette steckt
in der Tasche, ein Hilfsmittel beim Abhalten der Rituale und Gebete
(Frembgen 2000).
Der Status des malang gleicht dem Status des Derwisches fast aufs
Haar (Centlivres et al. 1971). Doch fehlen ihm entscheidende Voraus-
setzungen, ein Derwisch zu sein. Der malang besitzt zwar die gleichen
Attribute wie ein Derwisch: Er trägt einen Mantel, hat eine Bettelscha-
le, hat eine Gebetskette und geht mit einem Derwischstab, oft einem
einfachen Stock. Der malang bekommt jedoch seine Würde nicht von
einem Meister verliehen, sondern er ernennt sich selbst zu einem religi-
ösen Wanderbettler. Das hat gewisse Konsequenzen. Das Kostüm des
Derwisch sollte durch Bescheidenheit auffallen, der Mantel des malang
ist aufsehenerregend in seiner Aufmachung. Der malang beherrscht die
religiöse Theatralik, auf sich aufmerksam zu machen. Der Mantel des
malang ist greller als der des Kongregationsbruders. Die Gebetskette ist
größer und sticht jedermann ins Auge. Die Gebetsschale aus Messing
218
11. Sichsammeln und Sichzerstreuen
jedoch ist einfacher und nur für eine Generation von malang bestimmt,
während der Derwisch seine Bettelschale an seine Schüler weitergibt.
In den Augen der Bevölkerung haben die malang als heilige Männer
verborgene Kräfte. Ihr Gesang bewirkt Wunder und ihre Berührung
kann heilen oder schaden (Sidky 1990). Der Bettler bekommt seine
Gaben von Gott. Denn Gott ist für die Verteilung und Zuteilung der
Gaben verantwortlich. So ist die Bettelei des malang ein gottgefälliges
Werk. Wer dem malang gibt, der gibt mit Gott.
Die weisen Frauen (kal¯ anža) Unter den älteren Frauen der Gemein-
schaft finden sich häufig Spezialistinnen, die des Heilens mächtig sind.
Diese Frauen werden ähnlich wie die weisen Männer kal¯ anža genannt
und können als Spezialistinnen der Heilung und des Weissagens gelten.
Auch wenn es in der Umgebungsbevölkerung Wahrsagerinnen folbin
und Heiler (baxši) gibt, so dienen die kal¯anža vor allem ihrer eigenen
Gemeinschaft. Wichtig im Heilverfahren der kal¯anža ist das Tätowieren.
Die Tätowierungen werden mit einer Nadel aufgetragen. Dazu brauchen
sie lediglich Nadeln und Ruß. Neben dem Heilen fertigen die kal¯ anža
auch die Mäntel der alten Männer, die als malang auf Pilgerfahrt gehen.
2.2. Lebensstationen im nördlichen Mittelasien
Für die mugat des nördlichen Mittelasiens sind die Wahloptionen über
ihre Lebensführung ungleich größer, da sie entscheidende Abschnitte
ihres Lebens mit der Umgebungsbevölkerung teilen und die Zugangs-
möglichkeiten zu den Ressourcen der Umgebungsbevölkerung weit
gefächert sind.
Schule Wichtigster Unterschied der mugat des nördlichen Mittelasiens
im Vergleich zu den mugat Afghanistans ist die allgemeine Schulpflicht,
der alle Staatsbürger unterliegen. Auch wenn in Afghanistan eine all-
gemeine Schulpflicht existieren würde, die mugat hätten daran keinen
Anteil, solange sie ohne Papiere und Registration bleiben. In Usbekistan
und Tadschikistan ist das anders. Hier achtet der Staat darauf, die
Kinder der allgemeinen Schulpflicht zu unterwerfen.
219
11. Sichsammeln und Sichzerstreuen
Die Schule teilen sie dabei mit anderen Kindern der Umgebungs-
bevölkerung, auch wenn die Schulen in der Nähe der Zigeunerviertel
natürlich von den mugat Kindern dominiert werden. Das hat aber
keinen Einfluss auf die Ausstattung der Schule oder die Qualität der
Lehrer. Rassismus kann man dem Staat hier nicht vorwerfen.
Lehre Mit der Schulreife erlangen die Kinder auch die Möglichkeit
zwischen verschiedenen Optionen zu wählen. Sie können den selbst-
ständigen Weg der Händler einschlagen, der meist schon in vielen Fami-
lien verankert ist und praktiziert wird. Auch haben sie die Wahl auf
intellektuelle Tätigkeiten innerhalb der Gemeimschaft als mullah oder
als Lehrer, aber auch außerhalb der Gemeinschaft als Staatsangestellter,
Musikschullehrer usw..
Mit der Wahl des Lebenswegs in der Jugend ist vieles auch schon
für das Alter vorgezeichnet. Wer den Weg des mullahs wählt, wählt
Prestige ohne Reichtum. Wer den Weg des Händlers wählt, wählt den
Reichtum, doch nur mittelbar das Prestige, denn viele Handelsaktivi-
täten sind verbunden mit dem Ausgestoßenen und Verfehmten in der
Mehrheitsbevölkerung.
3. Die Flexibilität des Zwischenraums
Ein auffallender Unterschied in der sozialen Morphologie zwischen den
verwurzelten Gruppen im nördlichen Mittelasien und den veranker-
ten Gruppen in Afghanistan liegt in den Bezugspunkten sommerlicher
Mobilität und winterlicher Sammlung. Die mugat Afghanistans ziehen
in der Gruppe umher. Die mugat im nördlichen Mittelasien reisen
individuell oder in Gestalt kleiner Gruppen entlang ihrer Netzwerke.
Im Falle der vernetzten Gruppen in Usbekistan besitzen Individuen
als Teil einer Familie Netzwerke, im nördlichen Afghanistan profitiert
das umherziehende Lager von den ökonomischen Chancen des Som-
mers bzw. des Umherziehens. Letztlich bedeutet das im Norden eine
Aufwertung der Familie und eine größere Ungleichheit unter diesen
kleinsten sozialen Einheiten im Gegensatz zu den auf Lagersolidarität
220
11. Sichsammeln und Sichzerstreuen
fußenden Gruppen in Afghanistan. Diese Lager bestehen natürlich auch
aus einzelnen Haushalten und Familien, jedoch stehen allen die ökono-
mischen Chancen ihres Revieres gleichermaßen offen. Außerdem halten
die immer aus mehreren Familien bestehenden Lager untereinander
eine stärkere Solidarität unter den einzelnen Familienverbänden. Diese
kann aber auch ihre Grenzen haben, wenn z.B. herauskommt, dass
Einzelne im Lager zu große Vorteile genießen.
Im nördlichen Mittelasien profitieren einzelne Familien aus den Chan-
cen einzelner Individuen – in Afghanistan nutzen die Lagergruppen
ihre Chancen gemeinsan. Dabei sind die Möglichkeiten der jeweiligen
Entfaltung in Afghanistan und im nördlichen Mittelasien völlig ge-
gensätzlich gelagert. Das lässt den Schluss zu, in Afghanistan werde
das Leben eines Individuums durch den Jahreszyklus bestimmt, im
nördlichen Mittelasien sind es die Lebensstationen zwischen Adoleszens
und Greisenalter, die den Lebensweg bestimmen.
Die mugat des nördlichen Zentralasiens haben ihre Wirtschaftsgrund-
lage in der Familie und einen vergleichsweise einfachen Zugang zu
den Ressourcen der Umgebungsbevölkerung. So unterscheidet sie die
Möglichkeit, familiäre Mischwirtschaften zu betreiben, wohl am meis-
ten von den mugat Nordafghanistan. Im Norden wird der eine Sohn
der Familie Lehrer, der andere KFZ-Mechaniker, die Frauen handeln
mit Haaren bei Perückenmachern oder betätigen sich als Grenzgänge-
rinnen zwischen den Nationalstaatsgrenzen, vielleicht stehen sie auch
zum Goldverkauf auf dem Markt. Die Möglichkeiten, die sich entlang
eines solchen Jahr für Jahr erlebten Lebens ergeben, sind stark auf
einen lokalen Kontext bezogen und eingebettet in die Potenziale und
Chancen an den jeweiligen Aufenthaltsorten. Anders als den mugat
des nördlichen Mittelasiens stehen den mugat Afghanistans vor allem
die soziale Weide zur Verfügung, auf der sie sich konkret befinden. Sie
können nicht, wie die mugat des Nordens, auf eine weit nach Europa
und Ostasien hineinreichende Infrastruktur zurückgreifen. Ihre ökono-
mischen Chancen finden sie auf öffentlichen Flächen und an Orten wie
religiösen Heiligtümern, Bazaren und städtischen Wohnquartieren in
ihrem jeweiligen Revier.
221
11. Sichsammeln und Sichzerstreuen
Für die einzelnen Mitglieder der mugat Gruppen Afghanistans gibt
es an den verschiedenen Lebensstationen, Kindheit, Jugend, Erwachsen-
sein und Alter kaum Wahloptionen. Sie können sich vielleicht zwischen
Professionen wie Musiker oder Mullah entscheiden, der Lebensweg
bleibt aber an der Lebensführung des Lagers und seiner Mitglieder
verhaftet. Das stärkt die Lager und ihre interne Solidarität.
Das ist vielleicht eine der größten Differenzen, die sich in den Kultu-
ren des Zwischenraums manifestieren, auf der einen Seite eine starke
interne Lagersolidarität, auf der anderen Seite eine Tendenz zur sozialen
Ausdifferenzierung auf der Grundlage der Familie. Dass sie trotzdem
als mugat vergleichbare Gruppen bleiben, muss deshalb als eine der
größten kulturellen Leistungen gesehen werden, die diese Gruppen des
Zwischenraumes auszeichnet. Wie widersetzt man sich den gewaltigen
Fliehkräften, die die Umgebungsbevölkerungen mit ihren gestaltenden
Einflüssen auf die jeweiligen mugat Gruppen ausüben? Nicht zu un-
terschätzen sind hierbei die jeweiligen Selbstschutzmechanismen, die
in den Gruppen wirken. Die Tabus der Gefährdung oder Aufgabe der
internen Solidarität, das gemeinsame Leben auf der Grundlage eines
Wohnviertels, die Hochschätzung des gemeinsamen Lagers, das alles
sind Kohäsionskräfte, die den Fliehkräften der Umgebungsbevölkerun-
gen gegenüberstehen und die sich Tag um Tag neu zu beweisen haben.
Diese internen Gegensätze zwischen dem nördlichen Afghanistan und
dem nördlichen Mittelasien zeigen deutlich, was die Fexibilität des
Zwischenraumes zu leisten vermag und welche internen Gegensätze
dieser Zwischenraum aushalten kann. Das Herz dieses Zusammenhaltes
heißt auf der einen Seite Familie, auf der anderen Seite erweiterter
Familienverband, am Ende jedoch weist er auf interne Beziehungen
hin, die einen größeren Stellenwert einnehmen als die Beziehungen
zur Umgebungsbevölkerung. Hierin liegt das Kernstück der tsiganen
Souveränität verborgen, einer Souveränität, die die Zugehörigkeit zur
eigenen Gruppe höher bewertet als die Zugehörigkeit zur jeweiligen
Umgebungsbevölkerung.
222
12. Das Argot der mugat – eine Sprache
des Zwischenraums
1. Von der Sprachgruppe zur Gruppensprache
Als der russische Iranist W. Ivanow Anfang des 20. Jahrhunderts auf
eine Forschungsreise in den Iran fuhr, bemerkte er, dass die auf der
Straße lebenden und umher wandernden Bettelmönche (darwiš ) eine
eigene Sprache bzw. eine eigene Variante des Persischen sprachen und
sangen. Aus diesen Gesängen notierte er zwei Lieder als Sprachproben
und veröffentlichte sie wenig später in einer Fachzeitschrift (Ivanow
1927b, Ivanow 1927a). Damit begann die Forschung zur Sprache der
mugat mit einem Wort, das früher einen Zwischenraum markierte: der
Derwisch. Somit wies W. Ivanow schon zu Anfang des Jahrhunderts in
zwei Richtungen; durch das Wort”Derwisch” zum religiösen Stratum
und durch die Bezeichnung Argot in eine Gruppensprache.
Derwisch Das Wort “darw¯ıš 1 ” ist in seiner semantischen Breite so
breit, dass selbst der berühmte Islamwissenschaftler und Autor des
Derwisch-Artikels in der Enzyklopädie des Islams Clifford Edmund
Bosworth nicht umhin kam, ein ganzes Spektrum von vielen verschie-
denen Gruppen und Personen zu beschreiben (Bosworth 1976). Die
Bezeichnung “darwiš ” benennt einerseits Bettelmönche, andererseits ist
er Gaukler- und Künstlername und vieles mehr. Das im Iran durchaus
1 Es gibt verschiedene Schreibweisen für das persische Wort Derwisch. Im Iranischen
Persisch schreibt man es mit einem langen ¯ı in der zweiten Silbe also darw¯ıš.
In Afghanistan und dem nördlichen Zentralasien würde man eher ein darw¯eš
schreiben und aussprechen. Das ist für die inhaltlichen Aussagen, die ich in
diesem Kapitel treffen will, aber ohne Relevanz. Deswegen wende ich in diesem
Kapitel eine vereinfachte Schreibweise an, die es vielleicht an Exaktheit fehlen
lassen könnte, aber dafür weniger verwirrend wirkt.
223
12. Die Sprache des Zwischenraums
übliche Wort darw¯ıš wird in einigen Gegenden Afghanistans durch
das Wort malang ersetzt. Im nördlichen Mittelasien ist es nur noch in
der Literatursprache präsent. Diejenigen, die sich durch dieses Wort
bezeichnen lassen, vereinen vor allem folgende Eigenschaften auf sich:
Sie sind weltabgewandt, d.h. materiell prekär, aber in göttlicher Nähe.
Sie sind mobil und unstet. Sie sind sozial am Rande der Gesellschaft,
durch ihren Aufenthalt an heiligen Orten, als Künstler im Kaffeehaus
jedoch mitten unter ihr und oft in eigenen Gruppen organisiert. Sie
genießen einen hohen rituellen Status, den man aber lieber auf Distanz
bewundert. Und sie können durch ihre Nähe zum Göttlichen heilen.
Die zwei Sprachproben Iwanows wurden zwei Jahrzehnte später
durch die Sprachwissenschaftlerin und Ethnologin Anna Troickaja
(Troickaja 1948) zu einem umfangreichen Artikel ausgebaut. Hier erwei-
terte Anna Troickaja die Gruppe der Argot-Sprecher, den sie nun abdol
tili nannte, also die Sprache der abdal. Diese Sprache fand sie während
ihrer Feldforschungen im Ferghanatal vor allem bei den Akrobaten und
Zirkusleuten. Ihre Arbeit zu den Akrobaten, Zigeunern, Musikern warte-
ten mit einer weiteren wichtigen Leistung auf: Anna Troickaja erkannte
einen Zusammenhang zwischen der Sprache der Abdal (abdol tili) und
den historischen Wortlisten der Banu Sassan-Sprache. Die Wortlisten, Banu
auf die sie sich bezog, entstanden schon ab dem 7.-8. Jahrhundert aus Sassan,
dem Kreis arabisch-persischer Dichtung. Ihre Schreiber differenzierten S.37
unter den einzelnen Gruppen der Vaganten des Mittleren Ostens und
Zentralasiens jedoch nicht. Alle diese verschiedenene Gruppen gehörten
für sie in ein Argot-Schema hinein, ähnlich dem Rotwelsch in Europa,
dessen sich ja auch viele verschiedene Gruppen bedienten: Zigeuner,
Juden, Musiker, Vaganten, Schausteller oder Zirkusleute.
Für den Nahen Osten hatten Argot-Beschreibungen einen gewichtigen
Vorgänger, Enno Littmann (Littmann 1920), der bereits Anfang des
Jahrhunderts ein Zigeunersprachbuch herausbrachte, das ein Hybrid von
Wörterbuch, Grammatik und Folklore darstellte. Auch Enno Littmann
differenzierte die Gruppen nicht voneinander, sondern stellte einen
Wortschatz zusammen, den er gruppenübergreifend sammelte.
Was immer auch in der Zeit der Jahrhundertwende vom 19. zum 20.
Jahrhundert für eine Sprache unter diesen Gruppen gesprochen wurde,
224
12. Die Sprache des Zwischenraums
sie wurden von den frühen Sprachwissenschaftlern zu einem gruppen-
übergreifenden Stratum zusammengeführt. Sprachlich vermittelt es
ein Bild der Einheit. Schauen wir uns aber die genannten Gruppen
an, passen diese in Mittelasien erstaunlich genau mit dem Begriff des
Zwischenraums zusammen.
Was ist ein Argot? Der zweite Begriff Argot wiederum führt in eine
gänzlich andere Richtung, denn dieser ist ein Mittel der Differenzierung
unter den oben genannten Gruppen.
In einer Sprache gibt es ein großes Reservoir von Möglichkeiten
sich auszudrücken. Unter den vielfältigen Möglichkeiten will ich nur
einige wenige einführen, um die Charakteristiken des Argot zu ver-
deutlichen. So unterscheidet man zwischen reduzierten und elaborier-
ten Codes. An der Nutzung einer der beiden Möglichkeiten erkennen
Sprachwissenschaftler einen bewussten Vorgang, der nicht nur die Ver-
ortung des Sprechers in bestimmte Gesellschaftsgruppen erlaubt, son-
dern auch eine gewisse Charakterisierung seiner Eigenschaften zulässt
(d’Arcangelis 2006, 7-12). Elaborierte Codes zum Beispiel geben die
Möglichkeit der Selbstdarstellung. Sie erreichen damit die Möglichkeit
zur Alleinstellung des Sprechers, da sich hier das Ich über das Wir einer
Gruppe stellt (Salzman 1998, 192-241). Diese Art der Selbstdarstellung
findet man vor allem in den elitären bzw. bürgerlichen Schichten. Re-
duzierte Codes lassen ihre Sprecher in einer Wir-Gruppe verorten, in
der das Wir über der Alleinstellung des Ichs steht. Elaboriertheit ist
hier ein Hindernis, ein Sich-ausserhalb-der-Gruppe-Stellen. Die Sprache
der mugat ist jedoch kein elaborierter oder reduzierter Code, sondern
eine Sprachvarietät des Tadschikischen, dessen Existenz vor allem die
Funktion einer exklusiven Kommunikation unter Gruppenmitgliedern
erfüllt. Der Argot ist eine Wir-Gruppen-Sprache.
Grundlage des Argots der mugat ist das Persisch-Tadschikische.2 Das
heißt, dass alle mugat auch Tadschikisch sprechen. Sie können dieses
Tadschikisch jedoch je nach Wissen und Übung auf der lexikalischen
und grammatischen Ebene mit verschiedenen Mitteln verfremden. Diese
2 Siehe zum Sprachproblem Fußnote S..
225
12. Die Sprache des Zwischenraums
Sprachvarietät ist eine Sprachsymbiose3 , das heißt eine Sprache, die eine
bestimmte Sprache zur Grundlage nimmt und durch Verfremdungen
diese Sprache für eigene Kommunikationsbedürfnisse anpassen kann
(Wolfer 2007, 4-6).
Das Wissen um die Verfremdungsmöglichkeiten sind gemeinschaftli-
ches Wissen und konstituieren eine Wir-Gruppe. Jedes Mitglied dieser
Gruppe spricht den Argot verschieden gut, das hängt von seiner So-
zialisierung, seinem Alter und seiner Übung ab. Daraus ergeben sich
zwangsläufig individuelle und im Makrovergleich zwischen Afghanistan
und dem nördlichen Mittelasien zugleich regionale Unterschiede.
Obwohl den mugat durch die Kenntnis des Tadschikischen die gesam-
te Bandbreite an Ausdrucksmöglichkeiten der Sprache zur Verfügung
steht, nutzen sie den Argot in einigen ausgewählten Bereichen der
Kommunikation. Das bedeutet, Argots werden nicht immer gespro-
chen wie ein Dialekt oder Soziolekt, sondern sind nur für bestimmte
Kommunikationssituationen zu gebrauchen. Sie decken nur bestimmte
Wortfelder ab und ermöglichen nur für bestimmte grammatikalische
Konstruktionen eine Verschleierung des Gesagten.
Die sprachliche Varietät des Argots nimmt Wortneuschöpfungen und
Einführungen aus anderen Sprachen vor. In seiner aktiv gesprochenen
Variante dient der Argot in der Öffentlichkeit (auf der Straße, im
Bazar, im Wohnviertel der Umgebungsbevölkerung) der Abschirmung
der Kommunikation gegenüber Außenstehenden und damit auch die
Schaffung von Zugehörigkeit nach innen. Das unterscheidet den Argot
vom regional offenen Dialekt, vom offenen Soziolekt, reduzierten oder
elaborierten Codes.
Es gibt Wortfelder, die in Zusammenhang mit den ökonomischen
Spezialisierungen stehen. Aber auch die Vergangenheit der Gruppe
und die unterschiedliche lokale Herkunft führen zu gruppenspezifischen
Argot-Wortfeldern. Auch ist der Grad der Komplexität des Argot im
nördlichen Mittelasien und in Nordafghanistan extrem unterschiedlich.
3 In der Sprachwissenschaft nennt man diese Sprachvarietäten eigentlich “parasitäre
Sprachen”. Siehe Fußnote S.38
226
12. Die Sprache des Zwischenraums
2. Die Sprache der mugat
Die Sprachforschung zum Argot der mugat wurde durch Iossif Oranskij
ab den 1970er Jahren auf eine solide wissenschaftliche Basis gestellt.4
Iosif Oranskij erkannte das Problem der Gemeinschaftsbildung durch
Bildungen von Gruppensprachen. Deshalb schrieb er in seiner Studie
auch vier verschiedene Kapitel zum jeweiligen Argot der jeweiligen
Gruppe, die er im Hissartal besuchte: den džugi, den soghuratoš, den
čistoni, den parya (Oranskij 1983). Er kompilierte sie nicht zu einem
“Zigeuner-Argot”, wie Enno Littmann (Littmann 1920) dies für die
Argots der Arabisch sprechenden Zigeuner-Gruppen tat.
Was bei ihm fehlt, sind Aspekte der Kontaktlinguistik, die die Spre-
cher des Argot und ihre Sprachpraxis beschreiben. Um das ganze
Spektrum der Funktionen des Argot zu beleuchten, unternehme ich des-
halb einen Vergleich zwischen den Argot-Sprachgruppen. Zwar werde ich
mich in der weiteren Erörterung des Argot nur auf die mugat beziehen,
doch habe ich ihre Sprecher sowohl in Kokand als auch in Xudjand
sowie in Mazar-e Sharif kennengelernt und hier ganz verschiedene Arten
der sprachlichen Vergemeinschaftung erfahren. Diese waren abhängig
von den jeweiligen Kontexten der Lebensführung, je nachdem, ob
die mugat sich in einem kleinen Zeltlager zwischen den Häusern der
Umgebungsbevölkerung (Mazar-e sharif), in eigenen Wohnvierteln im
tadschikischsprachigen Umfeld (Xudjand) oder in Wohnquartieren
unter Usbekischsprechern (Kokand) befanden. Durch einen Vergleich
dieser drei Orte will ich den unterschiedlichen Zugang zur Sprache
nachvollziehen. Dies erlaubt mir, die gemeinsamen Prinzipien und die
Funktionsbreite des Argot der mugat genauer zu beschreiben.
4 Die Publikationen von Josif Oranskij (Oranskij 1974, Oranskij 1977, Oranskij
1983) sind der wichtigste Referenzpunkt der bisherigen Sprachforschung zum
mugati. Unabhängig davon haben für die abdal Zigeuner in Xinjiang Otto Lad-
stätter und Andreas Tietze eine Monographie erstellt (Ladstätter & Tietze 1994).
Ein paar Zufallsfunde konnte der polnische Ethnologe Zbigniew Jasiewicz
(Pstrusińska 1987) zu Tage fördern.
227
12. Die Sprache des Zwischenraums
2.1. Sprache und Sprachverhalten der mugat
Mehrsprachigkeit Alle mugat, mit denen ich sprach, waren virtuose
Mehrsprachler. Sie beherrschten nicht nur die Sprache der Umgebungs-
bevölkerung, sondern auch die Sprachen, die in ihrem Einzugsbereich
lagen. Das waren bei den mugat im Norden Mittelasiens Tadschikisch
als Erstsprache, Usbekisch, die Sprache der Umgebungsbevölkerung
und Russisch, die Sprache in weiter entlegenen Gebieten. Bei den mugat
Nordafghanistans waren dies Persisch als Erstsprache, Usbekisch als
Sprache der Umgebungsbevölkerung, Pashto für den Süden das Landes
sowie Urdu, wenn sie die Jahre des Bürgerkrieges zwischen 1993 und
1996 im pakistanischen Ausland verbracht hatten.
Unter diesen Sprachen können sie problemlos während der Konver-
sation wechseln (code switching). Bei meinen Feldforschungen bei den
mugat in Kokand stellte sich das Sprachverhalten so dar: Wenn die
mugat unter sich waren, sprachen sie ausschließlich Tadschikisch. Zi-
tierten sie im Gesprach einen Usbeken (havrig), dann sprachen sie
seine usbekischen Worte nach und fügten dazu nahtlos ihren tadschiki-
schen Kommentar an. Solche Erzählungen führten manchmal auch die
Usbeken, jedoch war deren code switching auf Usbekisch / Russisch
angelegt.
Warum geht ein Argot nicht in der Sprache der Mehrheit auf?
Nördlich und südlich des Amu-darjas sind die überall vorhandenen
Sprachhierarchien wichtig, um zu verstehen, warum ein Zigeunerargot
in seiner Existenz nicht gefährdet ist. Im nördlichen Mittelasien lauten
diese von unten nach oben wie folgt: Usbekisch / Tadschikisch (je
nach lokalen Mehrheitsverhältnissen), dann Russisch, später andere
europäische Fremdsprachen wie Englisch und Deutsch. Ein usbekischer
Erstsprachler wird also kaum unter dieser Sprachhierarchie anfangen
sich Sprachkenntnisse anzueignen. Es sei denn, er hat ein ausgespro-
chenes Interesse daran – etwa durch die Wissenschaft oder den Handel.
Alle Sprecher unterhalb dieser Sprachhierarchie, etwa die Sprecher
von Pamirsprachen, dem Jaghnobi, oder dem Argot der mugat, haben,
da sie sich auf unterster Ebene der Sprachhierarchie befinden, keine
228
12. Die Sprache des Zwischenraums
Konkurrenz zu “befürchten”. Mehr noch, ein jeder, der als Fremder auf
der Ebene ihrer Sprachen kommuniziert, wird, aufgrund der bloßen
Sympathie zu ihren Sprachen, als ihnen nahestehend angesehen.
Im Norden Afghanistans sind die Sprachhierarchien etwas anders
gelagert, hier sind es Turkmenisch, Usbekisch, Tadschikisch/Pashto,
später eventuell Urdu, English / Deutsch. Auch hier gilt, wer Turkme-
nisch als Erstsprache spricht, verfügt meist zusätzlich über Kenntnisse
in Tadschikisch/Pashto und darüber. Wer jedoch Persischsprecher bzw.
Pashtosprecher ist, kann sehr selten Usbekisch oder gar Turkmenisch
sprechen. Alle Sprecher der Nuristani Sprachen, der Pamirsprachen im
Badakhschan oder eben der Sprache der mugat liegen auf der Prestige-
skala unter dieser Sprachhierarchie.
Kommunikative Verweigerung Es kann aber auch vorkommen, dass
mugat mit dem anderen Extrem der kommunikativen Verweigerung ar-
beiten. Das kommt häufg bei denjenigen mugat vor, die an öffentlichen
Plätzen betteln gehen. Meine Versuche, das Betteln an mir zu unter-
binden, waren immer begleitet mit dem Versuch des Aufnehmens einer
Kommunikation, häufig auch im mir bekannten Argot. Dabei folgte
dem Aufnehmen von Kommunikation immer der Abbruch des Bet-
telns. Die Bettelei konnte nur funktionieren, wenn zwischen Geber und
Nehmer ein gewisser Grad von Fremdheit herrschte. Diese Fremdheit Fremdheit,
konnte jedoch nur aufrecht erhalten werden, wenn sich der Bettelnde S.85
der Kommunikation verweigerte. Die kommunikative Verweigerung ist
jedoch nicht nur beim Betteln anzutreffen. Auch vor staatlichen Orga-
nen, z.B. der Polizei, gibt es kommunikative Verweigerungen. Hiermit
soll verhindert werden, dass diese zu stark in die Belange der mugat
hineinregieren.
Sprache als Abgrenzung Eine der wichtigsten Eigenschaften des
Argots der mugat ist das Herstellen von Zugehörigkeit und Abgrenzung.
In Mazar-e sharif, im Norden Afghanistans, ist das mugati Teil einer
Alltagssprache, das im Zelt, falls es umgeben von Nichtzigeunern steht,
wie auch auf der Straße täglich gesprochen wird. Auf der Straße wurde
ich von befreundeten mugat mit den Worten angesprochen Malam
229
12. Die Sprache des Zwischenraums
mes˘ umi? was nicht wortwörtlich Kannst Du erzählen? bedeuten
sollte, sondern Kannst Du unsere Sprache sprechen?
In turksprachigen Gebieten des Nordens, wie zum Beispiel in der
Stadt Kokand, sprachen die mugat kaum Argot. Ihr alltägliches Tadschi-
kisch war hier Verschleierung genug. Ihre Sprache wäre einem jedem
Tadschiken etwa aus den Nachbarstädten Baghdad, Chust oder Xudjand
problemlos verständlich gewesen, in Kokand mit seiner usbekischspra-
chigen Umgebungsbevölkerung reichte die Erstsprache Tadschikisch als
exklusive Gruppensprache vollends aus, um das Gesagte zu verschleiern.
In der Stadt Kokand werden die Argot-Worte bei den meisten mugat
daher auch nicht mehr aktiv im kommunikativen Zusammenhang ge-
nutzt. Das bedeutet aber auch, dass es Zeiten gegeben haben muss, in
denen durchaus noch viele Personen den Argot aktiv gebraucht haben,
ansonsten wäre er heute nicht mehr Teil des kollektiven Gedächtnisses
der Kokander mugat.5 So sind die Worte wie ein kulturelles Gepäck,
das die Menschen nur noch mit sich herumgetragen. Bei einer Hochzeit,
an der sich ein Gespräch über die eigene Sprache entspann, schuf ich
durch meine Fragen eine Situation, um die Worte herzuzeigen. Die
Hochzeitsgäste trugen folgende Wörter zusammen:
• havrig - Usbeken, Tadschiken (muslimische Mittelasiaten)
• lagor - Tataren, Russen, Ukrainer (russländische Bevölkerung
Mittelasiens)
• delo - Haus
• xez - Messer
• oxang - Geld
• mais - Wasser
5 Da die Sprache der mugat ausschließlich mündlich weitergegeben wird, und es
keine Bücher zum Argot der mugat in den Händen meiner Informanten gab,
waren die letzten Argot Sprecher in Kokand wahrscheinlich die Großväter meiner
Informanten. Das deutet auf einen aktiven Gebrauch vor ca. 50 Jahren hin, was
in etwa in die Zeit der massenhaften Passvergabe und Sesshaftmachung der
mugat in den 195er Jahren fällt.
230
12. Die Sprache des Zwischenraums
• chuchuk - Taube
• gurg - Wolf
Diese Worte wurden mir von den mugat als ihre Worte, also Worte,
über die nur sie verfügen, vorgestellt. Sie dienten dazu, im Gespräch über
die Sprache Zugehörigkeit herzustellen. Wer diese Worte per Sozialisa-
tion im kulturellen Gepäck hatte, war Teil der mugat Gemeinschaft. So
wurde auch ich allein durch das Lernen ihrer Sprache immer mehr zum
Mitglied ihrer Gruppe. Die Sprache, wenn auch als abrufbare Wortliste
nur noch in ihrer rudimentärsten Form, wird hier in der repräsentativen
Rede zu einem ethnischen Marker. Sie ist gruppenbildend, mit allen
Konsequenzen. Auch ich, der ich mich bemühte, die Sprache der mugat
zu lernen, wurde als einer der ihren angesehen.
Die Allianz von Sprache und Zugehörigkeit schlägt sich aber auch
im Phänomen der sprachlichen Assimilierung nieder. So wurde mir
immer wieder in der usbekischsprachigen Stadt Kokand berichtet, dass
hier die mugat-Bräute aus den Reihen der Usbeken, würden sie in eine
mugat Familie einheiraten, als erstes die tadschikische Varietät der
Kokander mugat erlernen müssten, damit sie mit ihrer Schwiegermutter
kommunizieren können und die Kinder tadschikischsprachig aufwachsen
würden. Zu den wenigen Gelegenheiten, an denen ich mit eingeheirate-
ten Frauen aus der Mehrheitsbevölkerung sprechen konnte, wurde mir
stolz berichtet, dass sie sehr schnell Tadschikisch gelernt hätten und
das jetzt auch ganz gut können würden. Die Sprachübernahme war ein
Hort ihres persönlichen Stolzes.
Kommandosprache In Xudjand, der Nachbarstadt Kokands, auf ta-
dschikistanischem Territorium, war das Wissen um das mugati schon
elaborierter als in Kokand, weil hier auch die Mehrheit der Stadtbevöl-
kerung tadschikisch spricht, und dadurch das einfache Wissen um das
Tadschikische als Argot in seiner Funktion der Verschleierung wie etwa
in Kokand nicht mehr funktioniert.
Hier waren auch Imperative wie “Komm!” (vars!) oder “Geh!” (kim!),
“Setz Dich!” (tuj vol!) “Lauf weg!” (gruz!) Teil des aktiven Wortschatzes
231
12. Die Sprache des Zwischenraums
der mugat. Auch wichtige intime Äußerungen wie “Ich liebe Dich!” (Man
daxta dax mekum!) oder “Red nicht so viel!” (Buhup malam nakun!)
gehörten hierzu. Diese Kommandosprache war in Xudjand der letzte
aktiv gesprochene Part des mugati. Der Rest war wie in Kokand in der
Passivität verschwunden. Das Residuum der Imperative offenbart damit
auch eine der wichtigsten Funktionen des mugati, die Kommunikation
über verborgene Kommandos.
Das führt mich zu ein paar generellen Überlegungen zu den Möglich-
keiten des mugati als Sprachvarietät.
Sprachfunktionen Das mugati ist als Argot eine Sprachvarietät, die
nicht alle Funktionen einer Sprache abdecken kann. Ihm fehlen zum
Beispiel die Möglichkeiten, komplexere Sätze in der Vergangenheit und
für die Zukunft zu bilden, da es nur eine einfache Vergangenheitsform
und nur eine Präsensform besitzt, die auch eine futurische Bedeutung
hat. Auch wird mit den Mitteln dieses Argots kein Konjunktiv gebildet.
Das Problem besteht nicht darin, dass es im mugati diese Ausdrucks-
form nicht gibt, denn das Argot als Sprachsymbiose erlaubt ja jedes
Entlehnen grammatikalischer Formen aus dem Tadschikischem. Es wird
aber nur in bestimmten Zusammenhängen als Mittel der Kommunika-
tion genutzt und in diesen ist es nicht nötig, in einem Konjunktiv zu
reden.
Hieraus leitet sich die grundlegende Erkenntnis ab, dass es weniger
relevant ist, inwiefern man mugati und Tadschikisch überhaupt gram-
matikalisch voneinander abgrenzen kann. Eine Äußerung, in der ein
tadschikischer Konjunktiv vorkommt und mit zwei oder drei Argot Wör-
tern kombiniert wird, ist insofern Argot, wenn er bestimmte funktionale
Formen aufweist, die ich oben schon geschildert habe: das Entziehen der
Kommunikation aus dem öffentlichen Raum in den Zwischenraum zum
Zweck der exklusiven Kommunikation und der Inklusion zur Gruppe
gehörender Mitglieder.
Welche Kommunikationszusammenhänge nun nach einem Argot ver-
langen, darüber gibt ein Blick auf die Liste der Verben Aufschluss.
Die hier weiter unten zusammengestellte Verbenliste enthält den so-
genannten Grundwortschatz, der Wortfelder verschiedener semantischer
232
12. Die Sprache des Zwischenraums
Kategorien zusammenführt. Im Wortschatz befinden sich viele Verben
der Bewegung: “gehen, rennen, laufen, reiten, abhauen, aufsuchen” und
Worte, die auf aktive Tätigkeiten hinweisen. Auch sind Verben, die
intime Beziehungen und Verbindungen andeuten oder herbeiführen
können, von “sich gegenseitig zu mögen” bis zu “sich lieben, jeman-
den lieben” im Wortschatz zu finden. Aber auch Tätigkeiten, die auf
kommende Auseinandersetzungen hinweisen, wie “schlagen” oder ”rau-
ben”, sind prominent vertreten. Es finden sich im mugati jedoch kaum
Verbformen, die im Deutschen reflexiv gebildet werden, außer “sich
fürchten”, “sich treffen”. Das bedeutet, dass der Argot nicht dazu da
ist, episch-komplexe Vorgänge zu verbalisieren, sondern vor allem dazu
dient, kurze Kommandos, Hinweise oder Aufforderungen zu kodieren.
Das Argot der mugat wird also vor allem an Orten genutzt, an denen als
Kommunikationsmodus kurze Konversation vonnöten ist. Daraus folgt,
dass sich das mugati in erster Linie nicht durch bestimmte phonologi-
sche, morphologisch-syntaktische oder lexikalische Merkmale als Argot
definieren lässt, sondern durch seine Funktionen, bei deren Realisierung
insbesondere bestimmte lexikalische Merkmale zum Tragen kommen.
banžob Ta: band- De: anbinden, herausrufen,
boz čok- Ta: istod- De: aufhören, stehenbleiben, Bei-
spiel: Vaqte ke kore boz čokem... – Als wir mit unserer Arbeit
aufhörten.
čok- Ta: šudan De: - aufnehmen, im Sinne von ma-
chen, Aufforderung, Beispiel: malam čoki, – heraus-
finden, kim čoki, – geh mal, manžar mečokem, wir (werden)
essen (jetzt)
čol- Ta: kardan De: machen, Beispiel: Man in delava mičolum.
– Ich wohne in diesem Haus.
čung- Ta: didan De: sehen, Beispiel: To čungena! – Auf
Wiedersehen!
dahli- Ta: tarz xurdan De: sich fürchten, (Oranskij:
sich erschrecken, Beispiel: Dahlime? Ana, mamtoze ham
233
12. Die Sprache des Zwischenraums
dahli. – Fürchtest Du dich? Aha, der Junge fürchtet sich auch.
A mamtoze dahlium. Ich habe mich vor dem Jungen gefürchtet.
dax čung- Ta: d¯ust doštan De: gern haben; wörtlich
ähnliche Konstruktion wie usbekisch "yaši kurmoq"
gut finden, Beispiel: In mamtoz man dax mečungum. –
Diesen Jungen habe ich gern. Ghužmoq dax mečungum. –
Weintrauben habe ich gern.
daxta dax saxk- Ta: išq šudan De: lieben, Beispiel: Man
daxta dax mesaxkum! – Ich liebe dich!
darkim- Ta: darun raftan, daromadan De: hineingehen,
Beispiel: Dela darkimem. – Wir gingen ins Haus.
žam žok- Ta: gˇam’ kardan De: versammeln, Beispiel: Man
mamtozho žam žokum. – Ich brachte die Jungs zusammen...
žol- Ta: kardan De: machen wie kardan, Beispiel: nigox
mežolem, wir schauen an, bozi mežolem, wir spielen. Momghi-
zum varsit, manžar mežala – Meine Mutter kommt und macht
das Essen.
žondur zadan Ta: šikor zadan De: jagen von žondor zadan:
ein Lebewesen schlagen = töten, Beispiel: as žangal
žondur zada – im Wald jagen gehen
žok- Ta: kardan, šudan De: machen, werden (situatio-
nale Verwendung), Beispiel: kutti hazor mežokim, wir
kaufen ein Beinkleid, siehe auch oš šistan.
gap žok- Ta: gˇam šodan De: treffen, Beispiel: Hamma
dele mugatho gap mežoqim., – Wir werden in allen Häusern
der mugat uns treffen.
gaxma- Ta: šudan De: passieren, werden, Beispiel: kolo
gaxmed, als Krieg war, vaqte deg gaxmed, Es ist Zeit zu Essen.
To nož˘ur gaxmed, kimesa nagaxma Wenn man krank ist, kann
man nicht laufen.
gruz! Ta: gurez! De: Lauf weg!,
234
12. Die Sprache des Zwischenraums
gum žok- Ta: gum šudan De: vergessen, verloren
gehen, Beispiel: jagon malamhoe ki gum mežoke, man
ham mehuvanum; Wenn Du etwas von unser/er(em) Sprache
(Wissen) vergisst, dann helfe ich Dir.
hoqi- Ta: mondan, farom¯uš kardan De: lassen, vergessen,
Beispiel: dar dela hažar hoqimestum, bad hažareton meho-
worum. Ich habe die Tausend zu Hause gelassen, ich gebe sie
Dir dann wieder.
hov- Ta: ovardan, dodan, De: geben, Beispiel: Jagon ma-
lamhoe ki gum mežoke, man ham mehovarum. – Wenn (Du)
etwas von unserer Sprache/Wissen vergisst, dann helfe ich
Dir. [ hažareton mehoworum. – Dein Geld gebe ich Dir wieder.
Jakan delamum hažar how! Bringe mal das Geld von zu Hause.
xon čol- Ta: xondan De: lesen, vorlesen,
i čol Ta: istod! De: bleib stehen!,
kaft- Ta: koftan De: ausrauben durchsuchen, Beispiel:
man mekaftum, ich raube (ihn) aus, ich (durch)suche etwas,
Kafti! – Raub ihn aus!
kim- Ta: raftan De: weglaufen, abhauen, Beispiel: Mo
kima! – Wir hauen ab. Kim!– Geh!
kim čol! Ta: berauv! De: Hau ab!,
kok- Ta: xandan De: lachen, Beispiel: mo mekokim – Wir
lachen. Nakok! – Lach nicht!
mončoqi Ta: mondan De: lassen, bleiben, Beispiel: Dar
dela hažar mončokim. – Wir haben das Geld zu Hause gelassen.
navišta šišt- Ta: navisondan De: schreiben, Beispiel: Man
xat navišta šišt˘um. – Ich habe einen Brief geschrieben.
noghon čung- Ta: šafa didan De: heilen, Beispiel: Noghon
mečunga. – Ich bin Heilerin
uf- Ta: xo raftan De: schlafen,
n˘
235
12. Die Sprache des Zwischenraums
oleši Ta: badal / ivaz (kardan) De: tauschen, Beispiel: Da
kalin girifti yo oleši kardi? – Hast Du dir die Braut gekauft
oder hast Du die Braut getauscht?; bad oleši – schlechter
Tausch, In danam bad olešime? In žang kard karded. – Hast
Du einen schlechten Tausch gemacht? Sie (die Frau) macht
doch ständig Ärger / Krieg.
oš- Ta: giriftan De: nehmen, Beispiel: Oš! –Nimm!, Dova
zamin meošina. – Das Pferd nimmt Dreck (mit den Hufen)
auf. davo meošinim, – Wir nehmen Arznei (ein).
oš šišt- Ta: xaridan De: kaufen, Beispiel: Guddi oš šištum
– Ich habe einen Drachen gekauft.
oxol- Ta: xurdan, nušidan De: essen, Beispiel: Yak tarvus
(mayobi) oxolem. – Wir haben eine Wassermelone gegessen.
Harsit oxolem. – Wir haben Brot gegessen. Buhup naoxor! –
Iss nicht soviel! Xela meoxolum. – Ich trinke Wasser, Tee.
pelevido vars- De: flüchten, Ta: gurextan Beispiel: pele-
vido varsidem – Wir sind geflüchtet. Peleb! – Flüchte!
sal kardan Ta: didan De: besuchen, Beispiel: In kase sal
kunim. – Wir besuchen diese Person (noch).
soron- Ta: kuštan, halol kardan De: schlachten; töten,
Beispiel: hugal sorondem – Wir haben eine Kuh geschlachtet.
sotir kardan Ta: šuxi kardan De: Spass machen,
um- Ta: fahmidan De: verstehen, Beispiel: Malamu-
s˘
ta mes˘umum. – Ich verstehe, was er sagt. Malame degho
names˘umum. – Ich verstehe nicht, was der Fremde sagt.
uri- Ta: dašnom dodan De: schlagen, schimpfen, Bei-
s˘
spiel: Tu s˘uri? – Schimpfst Du?, Danam s˘urmi tu? – Schimpft
deine Frau nicht mir Dir?
ur- Ta: pursidan De: fragen, Beispiel: Kim čol! Malam
s˘
degho surob! Geh mal! Frag den Fremden, was er weiß!
236
12. Die Sprache des Zwischenraums
šiš- Ta: nišastan De: sitzen, bleiben, Beispiel: Šištum dar
inža. –Ich habe hier ’rumgesessen / bin hier geblieben.
tar- Ta: zadan De: schlagen, anschlagen, Beispiel:
Ghulom Savar aka, malam tar! – Reden Sie doch, Ghulom
Savar aka!
tarb kim- Ta: De: aufsuchen, hingehen, finden?,
Beispiel: Dele tarb kimim – Wir gehen in sein Haus.
tarv- Ta: sadan De: schlagen, trinken, Beispiel: Mayob
tarvim. – Wir haben Wasser getrunken. Čoj metarvim. – Wir
trinken Tee. Toreš či gaxmed, sang metanum, mugati malam
tarviamba. – Wenn der Abend kommt, dann rufe ich an, und
wir reden ein bisschen mugati.
tu- Ta: dodan De: geben, Beispiel: boz xona raftum paise
metujum. – Wenn ich wieder nach Hause gehe, gebe ich (Dir)
das Geld.
turvo- Ta: (dar doxile xona) nišastan De: sitzen, sich
zusammensetzen, Beispiel: Ba či dightum turvolesti? –
Warum sitzt du so traurig da?, Tuvol! Bešin! – Setz dich!
vars- Ta: omadan De: kommen, Beispiel: Ine varsidim, ki
kolo gaxmed. – Wir sind hierher gekommen, als der Krieg
begann. Vars! – Komm!, Vars delake mem, – Komm doch
zu uns nach Haus. Vars xela oxol! – Kommen Sie doch Tee
trinken!
voqes- Ta: šudan, peš omadan De: passieren, geschehen,
Beispiel: dighku voqesti – was Trauriges passiert sein, to dighto
voqestonuša – wenn Dir etwa Trauriges passiert, to dightum
voqestonuta – wenn ihm etwas trauriges geschieht, Emruz dar
dela-tum voqestim. – Heute waren wir zu Hause.
ökonomische Spezialisierungen Ein wichtiger Teil des als mugat
Sprache reklamierten Wortschatzes deckte die Beschäftigung in den
traditionellen Spezialisierungsrichtungen ab. Ich konnte im Norden
237
12. Die Sprache des Zwischenraums
Afghanistans ganze Wortfelder finden, die auf einen aktiven Gebrauch
dieser Worte im Bereich der Pferdezucht schließen lassen. Die Speziali-
sierung der nordafghanischen mugat in dieser Nische führte zu einer
Vielzahl von Worten, die im Bereich des Basars, beim Pferdekauf/-
verkauf und bei der Pferdezucht Anwendung finden.
Wortfeld Pferd
amb˘ur Ta: mex De: Nagel, Beispiel: ambur mesana –
Nagel einschlagen
banžob Ta: band- De: anbinden, herausrufen,
čak(uš) Ta: teša De: Hammer für die Hufe des Pfer-
des,
čopsa Ta: zin De: Sattel,
ležom Ta: laˇgom De: Zügel, die,
počila Ta: nal De: Hufeisen, Beispiel: nal mečoqim –
Hufeisen einschlagen
mijon Ta: pušt, mijonband De: Rücken, der, Beispiel: In
mijonuš – Das ist sein Rücken.
sokon Ta: De: Tremse, die, Beispiel: von sokon (mug.) –
Mund
tumčuk Ta: puza De: Maul, das,
Das Verschwinden der durch die mugat Ökonomie determinierten
Wortfelder im Norden Mittelasiens weist auf berufliche Orientierungen
der mugat hin, die keiner Gruppenkommunikation in der Öffentlichkeit
bedürfen. Die Individualisierung der mugat in ihren Tätigkeitsbereichen
im Norden wird dadurch augenscheinlich.
Das Argot als Gruppensprache bildet sich also als Mittel der Kommu-
nikation auch entlang der ökonomischen Spezialisierung von Gemein-
schaften. Wenn diese wie im Norden von der Nischenbewirtschaftung
einer Gruppe zu Gunsten eines individuellen Lebensweges aufgege-
238
12. Die Sprache des Zwischenraums
ben wurde, kann sich kein Argot aufrechterhalten. Ein Großteil des
Wortschatzes der mugat ist dort deshalb verschwunden.
2.2. Verschiedene Situationen – Verschiedene Sprachvarietäten
Als ich einmal in Xudjand meine Informanten aufforderte, Argot zu
sprechen, konnte in dieser Sprachvarietät erst gesprochen werden, als
sie anfingen Alltagssituationen wie etwa eine Kontaktsituation auf
dem Basar nachzuspielen. Dann erst kamen ihnen mugat Worte über
die Lippen. Das Argot hat also nicht nur nur bestimmte Funktionen,
es ist auch nur in bestimmten Situationen möglich, diese Sprache
anzuwenden. Denn der funktionale Charakter des Argot bedingt die
situationsbedingte Anwendbarkeit.
Straße Das ausgesprochen elaborierte Wissen um das Argot der mu-
gat in Nordafghanistan rührte vor allem von der räumlichen Nähe ihrer
Zwischenraumsiedlungen zur Persisch sprechenden Umgebungsbevölke-
rung. Dies wirkte sich auch im Alltag auf die Beschaffenheit des Argots
aus. Die Notwendigkeit der Verschleierung ist hier viel größer als im
Norden Mittelasiens, wo die mugat in den Wohnvierteln vor allem unter
sich bleiben. Doch nicht alles kann mit diesem Siedlungsunterschied
erklärt werden.
Eine ganze Reihe von Worten aus dem Argot sind dazu da, über
Leute zu reden. Diese Worte können allgemein menschliches, etwa
Körperteile oder Kleidungsstücke bezeichnen. Sie können aber auch
Personengruppen und Ethnien bezeichnen.
urob Ta: afghon De: Bezeichnung für paštospra-
b˘
chige Nichtzigeuner,
danam Ta: zan-i begona De: Frau, eine fremde nicht-
zigeunerische, Beispiel: Danamtum varsit!; – Es kommt
eine fremde Frau!
degho Ta: odam-i begona De: Fremder,
239
12. Die Sprache des Zwischenraums
faldiroz Ta: afghon De: Bezeichnung für paštospra-
chige Nichtzigeuner,
findi, fing, ping Ta: bini De: Nase,
gadar Ta: xar De: Esel, Beispiel: Gadar varsit. – Ein Esel
kommt.
galdur Ta: uzbak, turkman, turk De: Bezeichnung für
turksprachige Nichtzigeuner, Beispiel: Galdur varsit.
– Ein Turkmene kommt.
halam Ta: odam De: Leute, jemand, Beispiel: Jak halam
nest. – Keiner da!
havrig Ta: uzbak, todžik De: muslimische Mehrheits-
bevölkerung, Beispiel: Havrig varssoz! – Da kommt ein
Nichtzigeuner!
hordila Ta: orus, šuravo De: Russen; auch Schwuler,
Beispiel: šuravo ba mardume mo cigon megujand. – Die Russen
sagen zu uns Zigeuner.
jedak Ta: dast, hazor De: a) Hand; b) Tausend, Beispiel:
panž jedak – fünf Tausend
kampal Ta: šol, dastmol De: Schal, Tuch,
kastok Ta: kas, odam De: Mensch; Leute,
kokon Ta: dahan De: Mund,
mafzi Ta: jagon kas De: jemand, Beispiel: S˘ur čist? Agar
mafzi žang mikonad. – Was Ärger bedeutet? Wenn jemand
Streit macht.
moqi Ta: toqi De: Kappe, toqi und moqin kommen
zugleich vor.,
muš Ta: guš De: Ohr,
nuhur Ta: čašm, dida De: Augen,
qoqon, sokon Ta: dahan De: Mund,
240
12. Die Sprache des Zwischenraums
salot Ta: nom De: Name, Beispiel: Salot-i tu chi?, Nomi
šumo čist (tadsch.)? Wie heißen Sie?
ut Ta: muisafed De: alter Mann,
sov˘
zulma Ta: angušt De: Finger?, Beispiel: Zulma-oin mui! –
Wasch dir mal die Finger!
Gepaart mit einer Reihe von Adjektiven und Adverbien kann man
mit diesen Worten auf Menschen hinweisen bzw. über Menschen reden,
ohne dass diese mit in das Gespräch hineingezogen werden. Viele der
Adjektive sind aber auch für Bazarverhandlungen nützlich, will man
über Preise, Angebote usw. sprechen.
buhu Ta: m¯ul, bisjor De: viel, Beispiel: Buhu(p) mala
nakun! – Red nicht so viel!
dax Ta: xub De: gut, Beispiel: In dova dax dova. – Dieses
Pferd ist ein gutes Pferd.
mimmat Ta: qimmat De: teuer,
qalo Ta: kamjob, nodir De: selten,
ulaq Ta: ma’qul De: passend, bequem, Beispiel: Qulaq
qˇ
ast. – Das passt mir.
šukur Ta: doro, boj, davlatmand De: reich, Beispiel: Vai
šukur dora.; – Er ist reich/ Er hat es gut.
zarvar Ta: buzurg De: groß, älter, Beispiel: Ghulom
zarvar, der älterere Ghulom
Darüber hinaus gibt es aber auch ein großes Wortfeld, das Produkte,
Dinge auf dem Markt, Ortsbezeichnungen, Zeiten oder Richtungsanga-
ben beinhaltet.
utti Ta: kor De: Sache, Angelegenheit, Beispiel:
č˘
Ano č˘utti xudeš hast. – Das ist seine/ihre Sache.
daržiz Ta: davidan De: rennen, Beispiel: Mana in dova
daržiz nagaxmed – dieses Pferd läuft nicht
241
12. Die Sprache des Zwischenraums
dela Ta: xona De: Haus, Beispiel: Dele vai kimim. (Mo ba
xona-i vai burem.) – Wir gingen zu seinem (ihrem) Haus. –
Dele Ražab kimim. – Wir gingen in Radjabs Haus.
doba, dova, dava Ta: asp De: Pferd,
dok Ta: zamin De: Land, Erde, Beispiel: Dok doshtem. –
Wir besaßen einmal Land.
ud, dhud Ta: g˘ušt De: Fleisch,
duh¯
hažal Ta: tillo De: Gold,
hažar, hažal Ta: nuqra De: Geld, eigentlich Silber,
Beispiel: Dar dela hažar mončokim – Wir haben das Geld zu
Hause gelassen (vergessen).
xašvak Ta: č¯ub De: Holz, Stab; für das Zelt,
und Ausrüstung der Malang, Derwische, Beispiel:
Xašvak ošim! Nehmt mal den Stab!
xela I Ta: čoj De: Tee, Beispiel: Xela metarvim. – Wir trinken
Tee. Xela peš mehmon varson! tad.= Čoja peš mehmon bijo!
– Bring dem Gast doch Tee!
xela II Ta: bang, anaša De: Gras (Cannabis sativa),
xez Ta: kord De: Messer,
xužumoq Ta: angur De: Weintrauben,
xurki Ta: gandum De: Weizen, Getreide,
indak Ta: indžo De: hier, hierher, Beispiel: Indak vars!,
Indžo biyo! – Komm her!
jakan Ta: pul De: Geld,
kaham Ta: non, ord De: Brot, Mehl, Beispiel: jak, do, se
čor burži kaham – ein, zwei, drei, vier Sack Weizen
kolo Ta: gˇang De: Kampf, Beispiel: Bedona kolo qobul
mekime. – Die Wachteln sollen anfangen zu kämpfen. Ine
varsidim ki kolo gaxmed. – Hierher sind wir gekommen, als
der Krieg / die Revolution war.
242
12. Die Sprache des Zwischenraums
kaluš Ta: gurba De: Katze,
uta Ta: xona De: Haus, Beispiel: Unho k˘uta dora? – Haben
k˘
sie Häuser?
kutti hezor Ta: pirohan-tomban De: Beinkleid (typisch
für Afghanistan, Pakistan),
latta Ta: qolin, gilam, latta De: Teppich; eigentlich
Fetzen, Beispiel: Ina kuhna latta ast! Das ist ein alter
Teppich (Fetzen)!
leli Ta: xalta(k) De: Sack, Tüte,
mablak Ta: čapli De: Schlappen; Schuhe,
malam Ta: balad De: wissend, erfahren, beherr-
schend, Beispiel: Malam names˘umum. Ich weiß nicht/ Ich
verstehe nicht. malam degho surob! Frag mal den Fremden
(was er weiß.)
milča Ta: pul De: Geld,
millo Ta: tillo De: Gold,
mugati Ta: mugati Beispiel: mugati malam kardan. zigeune-
risch sprechen De: mugati, Sprache der mugat,
mukon Ta: dukon De: Geschäft, Beispiel: A mukon-e
nonvoi xarsit varson! – Bringt aus dem Brotladen Brot mit!
muška Ta: butol, šiša De: Flasche,
otor Ta: ˇsahr, bozor De: Stadt, Markt,
oštagi Ta: xaridagi, savdo De: Gekauftes; Genommenes,
Beispiel: nov oštagi – heute gekauft
orosta Ta: masˇgid De: Moschee, Beispiel: Ba orosta meki-
mem ba salota. – Wir gehen in die Moschee zum Beten.
ping Ta: bini De: Nase,
potxe Ta: poj, pojafzol De: Fuß, Schuhe,
243
12. Die Sprache des Zwischenraums
qauš Ta: qaluš De: Schuhe, Beispiel: Tu ku jak puli qauš
ham da mona doi! – Gib mir Geld für ein paar Schuhe!
qini dulangi Ta: pirohan-tomban De: Beinkleid (typisch
für Afghanistan, Pakistan),
rezvon Ta: dor De: Seil,
ghildir Ta: mošina De: Auto,
ghužmok Ta: angur De: Weintrauben, Beispiel: Ghužmoq
dah mežungum. – Ich mag Weintrauben.
ghul I Ta: xurus De: Hahn,
ghul II Ta: b˘udina De: Wachtel,
ghulbozi Ta: xurusbozi De: Hahnenkampf,
ghulbozi II Ta: b˘udina bozi De: Wachtelspiel,
ghul ghul Ta: murgh De: Hahn, Beispiel: murgha ghul ghul
meguiad das Huhn rufen »gock gock«
ghur Ta: murgh De: Huhn,
sabdo Ta: sabzi De: Gemüse,
salota Ta: namoz De: Gebet, Beispiel: salota mexončoki
sarval, sarvar Ta: x¯uroki hajvonot De: Futter, Beispiel: da
dela-e mugat sarval bakor. – In einem Haus der mugat braucht
es Futter für ein Pferd. Sarvar-e dova xalos šud. – Das Futter
für das Pferd war alle.
savidai Ta: burda xona De: ???,
sun Ta: taroza De: Waage; von sunora (mug.) für die
Nadel als entscheidendes Teil der Waage,
sunora De: Nadel, Ta: suza(n)
šaft Ta: pišaq, gurba De: Katze ,
šamoh Ta: ravghan De: Fett,
šahmo Ta: sabzi, zardak De: Mohrrübe,
244
12. Die Sprache des Zwischenraums
šamul Ta: birinˇg De: Reis,
šatto Ta: zardolu De: Aprikose,
širine Ta: qand De: Süßigkeit,
šobkuh Ta: kord, pičoq De: Messer,
šoxtor Ta: buz De: Ziege, Beispiel: siehe auch džis
tira Ta: dar De: Tür, Beispiel: siehe Oranskij tarik
toreš Ta: šab De: Abend, Nacht, Beispiel: Toreš mevarsim,
menufim dar dela mo. – Wir kommen abends zum Schlafen in
unser Haus.
toriš dela Ta: zindon De: Gefängnis, auch dunkles
Haus (Loch),
unde Ta: pijoz De: Zwiebel,
t˘
urva Ta: xalta De: Bettelbeutel; Ausrüstung der
t˘
Malang, Derwische, Beispiel: t˘urva-e malang
usumo Ta: hudemo De: (wir) selbst, Beispiel: Mo usumo.
Dar zamone ki a Buchoro ki omadim, mo usumo, ine varsidim.
– In der Zeit, als wir aus Buchara gekommen sind, wir selbst,
sind wir hierher gekommen.
usun Ta: onˇgo De: dort, Beispiel: a usun –von dort
zavari Ta: miliciya De: Polizei,
Aus dieser Wortfeldzusammenstellung wird deutlich: Die Sprache
ist vor allem für den Bazar und die Straße gemacht. Ein Viertel aller
von mir aufgenommenen Argot Worte bezeichnen Produkte, öffentliche
Gebäude, Richtungsangaben, Personengruppen. Nimmt man noch die
Anzahl der Verben hinzu, bekommt dieser Bereich der Sprache noch
einmal ein zusätzliches Gewicht. Es ist der Bazar- bzw. Straßenwort-
schatz, der das Argot dominiert, das demzufolge auch vor allem in der
Öffentlichkeit eingesetzt wird. In diesen öffentlichen Räumen vollzieht
sich auch der größte der Teil des mugat Alltags in Mazar-e Sharif. Sie
schlagen ihre Zelte in den Wohnquartieren und an den öffentlichen
245
12. Die Sprache des Zwischenraums
Plätzen inmitten der Umgebungsbevölkerung auf. Sie bewegen sich als
Gruppen im Alltag des Pilgerortes, des Bazars, der Straße auf der Suche
nach ökonomischen Gelegenheiten. Hiermit wird eine Qualität deutlich,
die später in der Betrachtung der lexikalischen und grammatikalischen
Besonderheiten genauer berachtet wird: Je mehr sich die mugat unter
der Umgebungsbevölkerung als Gruppe bewegen, desto mehr Argot
sprechen sie. Das macht das Argot genuin zu einer Gruppensprache
und damit zu einer Sprache des Zwischenraumes.
Geheimhaltung, Verschleierung der Haushaltsführung Das Phäno-
men des Zwischenraums lässt sich gut am Beispiel der Hauhaltsführung
der afghanischen mugat exemplifizieren. Als ich einmal die in Nordaf-
ghanistan lebende Zeltzigeunerfamilie Chaqon bat, mir in die Feder zu
diktieren, was unbedingt in einen Zigeuner-Haushalt gehören würde,
hatte ich später folgende Liste zusammengestellt:
Tagebuch 29.09.2010 Also unter ein Zelt sarvar bzw. in ein
Haus gehören unbedingt ein Teppich (gilim), Teller (tavoq),
Brot (harsit), Essen, bzw. das Reisgericht Plov (šamul) Geld
(hažar ) ein Pferd (dova) am besten zwei bis drei, eine Kuh
(mugal), ein Hund (kalpak) auch besser zwei davon, Brot
(kaham) bzw. das Mehl dazu, Reis (rez), Weizen (gandum),
Tee (hela), Teller bzw. Geschirr (lagan), Messer (šaft) und
Löffel (tafkir ). Eine Wachtel (mit einem Käfig) ghul.
Diese Liste zeigt, wie tief die Sprache des Argot in die Alltagssprache
der Familien hineinreicht. Warum werden alltägliche Worte des Haus-
halts vor der Umgebungsbevölkerung verschleiert, denn die Wirkung der
Geheimhaltung wird ja nur für die Umgebung erzielt? Um den Schlüssel
in der Hand zu halten, muss man sich eine konkrete Lebenssituation
in einem Zigeunerlager zwischen zwei Wohnhäusern in Rufnähe der
Nachbarn vorstellen: Es ist abends. Die Schwiegertochter des Hauses
kocht und braucht aus der Vorratsbox noch Reis, vielleicht ein wenig
Fleisch und Zwiebel. Nun ruft sie eines der Zeltmitglieder: “XXXe doch
mal x xxxe von XXX her, damit ich xxx xxxe!” Keiner würde denken,
246
12. Die Sprache des Zwischenraums
sie sagt: “Bring doch mal 3 Kilo Reis her, damit ich kochen kann!”
Ginge sie am nächsten Tag auf Betteltour in die Wohngemeinschaft,
würde sie vielleicht Probleme mit der Spendenfreudigkeit bekommen,
denn auch in der Umgebung spricht sich schnell herum, wer arm und
wer reich ist.
Der Umgebungsbevölkerung würde also ein tiefer Einblick in die All-
tagswelt der mugat gegeben werden, wenn diese jedes einzelne Wort der
Haushaltsführung der mugat verstehen würden. Dieser Bereich gehört
also, obwohl er sich im Familienleben verorten lässt, auch in den Bereich
des öffentlich Einsehbaren. Erst durch die Techniken der Verschleierung
schaffen die mugat eine gruppeninterne Kommunikation. Die Sprache
in der Öffentlichkeit wird so zu einer Sprache des Zwischenraumes.
Wortfeld Haushalt
badigh, badiq Ta: xarbuza De: Honigmelone,
bagadon Ta: piola De: Tasse,
urem Ta: la’li De: Platte, (großer Teller),
b˘
čatti Ta: ghizo Beispiel: indak čatti varson! Bringt das Essen
her. De: Essen,
darmiz Ta: dastarxon De: Tischdecke,
žilob Ta: gˇurob De: Strümpfe, Beispiel: džilob dar poi kun!
– Zieh dir die Strümpfe an!
harsit, xarsid, hast Ta: non De: Brot, Beispiel: Xarsit oxol!
Iss doch ein Stück Brot!
uri Ta: nonx˘uri De: Mahlzeit, Beispiel: Dar vaqt-
harsitx˘
i xarsitx˘uri hammaiš boz jak gˇam šuda, harsit mexurad. –
Zur Zeit der Mahlzeit kommen wir alle zusammen und essen
gemeinsam.
hugal Ta: mol De: Kuh, Beispiel: Hugal sorondem – Wir
haben Kühe geschlachtet.
langar Ta: alav De: Feuer,
247
12. Die Sprache des Zwischenraums
mangal Ta: oteš, alav De: Feuer, Beispiel: mangal mečokim
- wir machen Feuer
manžar I Ta: ghizo Beispiel: momghiz varsit, manžar mežoka.
– Meine Mutter kommt und macht das Essen. De: Essen,
Speisen,
manžar II Ta: deg Beispiel: Ina dega mo manžar megu’em. –
Für deg sagen wir manžar. De: Geschirr, Topf (Koch-),
mayob Ta: ob, čoy De: Wasser; Getränk; Tee,
mayobi Ta: tarbuz De: Wassermelone, (eigentlich die
Wässrige), Beispiel: mayobi oxolem.
moibar Ta: čoy De: Tee, Beispiel: Moibar čoi džuiš šona
(mikona). – Im Kessel kocht der Tee.
mugha Ta: tuxm De: Ei,
otešto’i, otešˇoi Ta: degdon, učoq De: Herd,
g¯
paša Ta: magas, paša De: Fliege, die, Beispiel: paša
(tadsch.) eigentlich Mücke, hier aber Oberbegriff für alle flie-
genden Hausplagen
pišqob Ta: kord De: Messer, das,
rez Ta: birinˇg De: Reis, der,
sevon Ta: xaima De: Zelt, Beispiel: Mo sevonva. – Wir sind
im Zelt.
tafkir Ta: qošuk De: Löffel,
tirno, teg,
˙ tegna,
˙ tigino
˙ Ta: kord De: Messer,
Die Verschleierung der Haushaltsführung findet man bei den Zigeu-
nern Usbekistans und Tadschkistans nicht. Sie wohnen in Ein- oder
Mehrfamilienhäusern und haben keine offene Haushaltsführung. Hier
sind die Argot-Wörter längst durch die Wörter der Umgebungsbevölke-
rung ersetzt worden. Man braucht sie nicht mehr.
248
12. Die Sprache des Zwischenraums
Worte der sozialen und verwandtschaftlichen Beziehungen Das
Gleiche gilt für das reichhaltige Wortfeld der sozialen Beziehungen. Von
außen soll so niemand in die Welt der sozialen Beziehungen hinein-
schauen können. Hierin offenbart sich auch eine nach Innen wirkende
Kraft des Argot.
balxigi Ta: džugi De: die mugat aus Balkh, (Stamm
der dzugi),
bande Ta: toifa De: Siedlungsgruppe, Beispiel:
barin Ta: xuˇgain, sohib De: Herr; Ehemann,
čuiš makinaš Ta: hamsar De: Ehepartner, Beispiel: čuiš
varsit
dalqoč, dalxoč Ta: duxtar De: Tochter,
daja Ta: padar De: Vater,
žam Ta: gˇamo’a De: a) zusammen, insgesammt b)
Haushalt; Lager, Beispiel: žam mešim, wir setzen uns zu-
sammen, mo usumo dar žam-e mo 5 delatˇum. Unser Haushalt
/ Lager besteht aus fünf Häusern
fighori Ta: faqir Beispiel: De: Elende, (Stamm der
dzugi),
xel Ta: xel, qaum Beispiel: xeli dastagir, xeli chaqon – die
Dastagir Familie, die Chaqon Familie De: Bezeichnung
für eine Großgruppe der Zigeuner, ähnlich wie
Stamm,
xohartum Ta: hamšira De: Freundin (eigentlich von
Schwester mit der Endung -tum daran aber et-
was verallgemeinernd,
kalin Ta: pul ar¯usi, qalin De: Brautpreis, Beispiel: da kalin
girifti yo oleši kardi? Hast Du dir die Braut gekauft oder hast
Du die Braut getauscht?
lap Ta: šappalok, šappoti De: Ohrfeige, Beispiel: Tu danam
lap kardi? – Hast du deine Frau schon mal geohrfeigt?
249
12. Die Sprache des Zwischenraums
legor Ta: evropeec De: christl. Nichtzigeuner,
makina Ta: šavhar De: Mann, Beispiel: danam makinaš –
der (Ehe-)mann der Frau
manto Ta: pisar, bača De: Sohn,
ma’raka Ta: maˇglis, gˇome’a, ma’raka De: Treffen, Bei-
sammensein, kleine private Party, Beispiel: Ma’raka
mešinim. – Wir setzen uns zusammen zum (gemeinsamen)
Beisammensein. Dela Gulbidin kim, ma’rakatum! – Komm in
das Haus von Gulbidin, da ist ein Treffen!
mamtoz, matkoz, matgouz Ta: bača De: Junge (3-4
Jahre), Beispiel: A mamtoze man, man in dax mečungum.
– Von meinen Jungen habe ich diesen sehr lieb.
melin Ta: ar¯us De: Braut, Beispiel:
momghez Ta: modar Beispiel: De: Mutter, auch Müt-
terchen, alle älteren weiblichen Verwandten,
qataghoni Ta: gˇugi Beispiel: De: Katagani (Stamm der
dzugi),
ui Ta: kalontar, qibla goh De: Großvater (ältes-
qibla g˘
ter) (derjenige, der sagt, in welcher Richtung
Mekka ist), Beispiel:
qighil Ta: xurd De: jung, Beispiel: mamtoze qighil – junger
Junge
kulobi Ta: gˇugi Beispiel: De: kulabi (Stamm der dzugi),
˙ darbadar De: Ausdruck beson-
qur devola Ta: kambagal,
derer Armut, Beispiel: xayma nadora, qur devola ast! –
Wenn Du kein Zelt hast, dann gehts Dir echt dreckig!
ghafz Ta: kalon, kalontar De: Ältester; Chef,
ghurbat Ta: faqir Beispiel: De: arm, (Eigenbezeichnung
der dzugi),
250
12. Die Sprache des Zwischenraums
ghurbati Ta: ghurbati Beispiel: De: ghurbati, die Spra-
che der Zigeuner,
šum Ta: šavhar De: Ehemann,
Konservierender Charakter des mugati Der Argot der mugat ist
nicht nur eine aktuelle sprachliche Abbildung des Zwischenraums, er
hat auch eine zeitliche Dimension. Denn Argots nehmen nicht nur den
aktuellen sprachlichen Bestand der Umgebungsbevölkerungen auf, son-
dern konservieren auch Sprachbestände aus anderen Zeiten. So finden
sich bei den mugat in Mazar-e sharif zwar heute viele Worte aus dem
Paschto in der Alltagssprache, werden aber nicht als Argot-Worte ange-
geben. Paschtunische Worte wie etwa paisa für “Geld”, rupa “Rupie”,
“Afghani”, sarak für “Straße” oder baˇga (nachgestellt bei Zeitangaben)
für “Stunde” sind heute wie selbstverständlich Teil des alltäglichen
Wortschatz der mugat. Sie eignen sich aber nur dort zu einem Argot-
Wort, wo sie unverständlich sind, etwa im Iran oder im nördlichen
Mittelasien. Hier können sie aufgrund ihres Verschleierungspotentiales
in den Rang eines Argot Wortes gelangen.
Das Argot bildet also folgerichtig einen Sprachbestand ab, der einen
konservierenden Charakter hat. Viele Worte aus dem Argot der mu-
gat gehören in Wortfelder, die durchaus in der Mehrheitsbevölkerung
bekannt sein könnten, z.B. wenn es schriftsprachliche literarische Wen-
dungen sind wie bei arus, literatursprachlich veraltet für “Braut”. Sie
gehören in eine andere Zeit.
Viele dieser Worte, die die Umgebungsbevölkerung nicht verstehen
würde, sind zwar genuin tadschikischen Ursprungs, werden aber von
den mugat als ein Argot-Wort angegeben. So ist das gebräuchliche
Argot-Wort für Messer zum Beispiel xez, das jedoch bedeutet Klinge,
ist also nur eine sehr schwache Verschleierung des eigentlich Gemeinten.
Der Wolf gurg hingegen wird überall in persischsprachigen Gebieten als
Wolf verstanden, im Ferghanatal wird hierzu unter Tadschiken jedoch
das usbekische Wort b˘ uri genutzt, was in der Situation der mugat im
Ferghanatal dazu legitimiert, das Wort als einen Teil ihres Argots zu
benennen.
251
12. Die Sprache des Zwischenraums
Gerade im Feld der Tierbezeichnungen deutet der Argot auch auf
verschwundene Tätigkeiten der Jagd hin, auf die auch schon im Kapitel
der Geschichte eingegangen wurde. Geschichte,
S.78, 122
Worte der Jagd
ghanab, ghanab, ghanau, ghanav Ta: g¯usfand De:
Schaf, Beispiel: Guzfanda ghanab meguim. Wir sagen zur
Ziege gahanab.
kalbuz Ta: buz, siehe auch džis De: Ziege, Beispiel:
meltiq Ta: tufang, miltiq De: Gewehr, Beispiel: katti meltiq,
ein großes Gewehr
žis Ta: buz De: Ziege,
zix Ta: šox De: Hörner,
Einige Worte des Argot sind nur in den jeweiligen Regionen, in
denen die mugat sich aktuell befinden, unbekannt, jedoch in anderen
Regionen gang und gäbe. So ist beispielweise in Mazar-e Sharif das Wort
dodar für jüngerer Bruder barodar unbekannt, in Tadschikistan aber für
jedermann verständlich. Häufig sind diese Worte aus den ehemaligen
Wandergebieten nördlich des Amudarja mitgebracht worden, also aus
einer anderen Zeit und nur in den neuen Wandergebieten unbekannt.
konservierte Worte
arus Ta: kelin De: Braut, die,
murč Ta: kalamfur De: Pfeffer, der; in Tadschikistan
auch murč, in Nordafghanistan qalamfur ,
olma olma Ta: seb De: Apfel, der,
Sprachmischung Obwohl einige der hier genannten Formen auch bei
Tadschikischsprechern außerhalb der Argot Gruppen der mugat zu
finden sind und gerade das Tadschikische sich im Gegensatz zu dem
weiter südlich gesprochenen Dari dadurch auszeichnet, dass es viele
252
12. Die Sprache des Zwischenraums
Einflüsse von den ihm umgebenen Turksprachen aufgenommen hat
(Doerfer 1967), sind meiner Beobachtung nach die Sprachmischungen
des grammatikalischen Aufbaus mit Formen aus dem Usbekischen bei
den mugat besonders deutlich. Das Argot ist jedoch keine wilde indivi-
duell produzierbare Sprachmischung. Sie gehorcht vergemeinschafteten
Prinzipien und Konventionen.
Als eine Gruppe junger mugat zu Beginn eines Treffens auf mich
einredete, sehr schnell und sehr viel auf einmal, meinte ich entschul-
digend, dass ich so viel mugati ja noch nicht verstehe, und wenn ich
dann manchmal noch Tadschikisch reden würde, könne ich ja auch ein
Mischmasch ausprobieren (aralaš ) wo gegen sie sich verwahrten und
meinten, dass man ihre Sprache (lafzi) nicht mischen dürfe / könne.
Bei einem Erklärungsversuch macht einer meiner Gesprächspartner
im Gespräch, das auf mugati geführt wurde, eine Sprachmischung und
wurde sogleich von Gulbiddin zurechtgewiesen:
Ammo tu lughatusha kame lughate digar megˇu. – Aber in deiner Sprache
benutzt Du ein bisschen die anderen (falschen?) Worte.
Sprachbilder Es tauchen im Argot auch Sprachbilder auf, die dem
Argot ein inneres Gesicht verleihen. Hier schlagen sich Denkweisen und
Gewohnheiten nieder, die auch die alltägliche Lebenpraxis genauer cha-
rakterisieren helfen. So finden sich z.B. Sprachbilder, die das Verhältnis
der mugat zu Haus und Zelt erläutern.
• kutti → “Box” für Haus
• otešˇgo¯i → “Feuerstelle” für “Herd”; von otaš (Usb.) für “Feuer”
und ˇgoi (Tad.) für “Ort” und “Stelle”.
Zelt, S.138
Das deutet vor allem auf die Wichtigkeit des Kochfeuers im Zelt
als “Feuerstelle” hin und auf eine höhere Bewertung des Zeltlebens im
Gegensatz zum Leben in einem Haus.
Auch das Verhältnis der mugat zu ihrer Umgebungsbevölkerung kann
daraus abgelesen werden:
• galdar → “Esel” für Mehrheitsbevölkerung
253
12. Die Sprache des Zwischenraums
3. Die mugat Welt ohne Argot
Repräsentative Rede Während meiner Sprachstudien bei den mugat
Afghanistans bat ich immer wieder, bestimmte Erzählungen, z.B. Er-
zählungen über ihre Vergangenheit oder über ihren Alltag, auch auf
mugati vorzutragen, nachdem sie mir auf persisch tadschikisch berichtet
wurden.
Bei einem meiner ersten Treffen mit den Sohibdod erzählte beispiels-
weise ein Ältester (kalon) der Sohibdod über ihren Exodus aus Ta-
dschikistan zur Zeit der russischen Revolution. Diese Erzählung hielt
er auf tadschikisch. Kurz darauf bat ich ihn, ob er das auch auf mugati
sagen könne. Da lächelte er. Er hob an und stockte schon nach dem
ersten Satz. Als Mazor aka von den Chaqon die Geschichte seiner
Gruppe erzählen wollte, suchte er nach den richtigen mugati Worten.
Traf er sie nicht und benutzte dafür die gebräuchlichen tadschikischen
Worte, wurde er von den Jungen ermahnt, ausgelacht und berichtigt.
Die Jungen riefen die “richtigen” Worte dazwischen. Alles geschah in
einer spaßhaft-ruppigen Athmosphäre. Ich merkte sofort, dass mugati
für solche Sprechsituationen gar nicht geeignet war. Das Ganze lief in
etwa folgendermaßen ab.
Rede eines Malang: Čor sol bistu čor nafar buda omadand. varsit angˇu!
Vor vier Jahren sind wir hier mit 24 Leuten angekommen.
Sag: ham wa uns getrollt! Omadand! Ne, varsit angˇu! Tu mugati gˇu
Gekommen! Ne sag jetrollt! Sprich doch mal mugati Mensch! Mo gov
pushim, izzat kardem. Mughal! Hatten Kühe, man hat uns geach-
tet! Sag Mughal! kimem push, mughal sorondem. Sind also jegangen
und haben die Mughal jeschlachtet! Izzat kardem. Izzat mana
gˇol kim! Man hat uns geachtet, Jeachtet, Achtung entjejenjebracht
Kine pushondem. Dod doshtim, zamin doshtim. Bogh doshtim! Hatten
Land, Hatten einen Garten! [hier bricht er aber alles ab!]”6
Nachdem also Mazar aka ein halbes dutzendmal innerhalb weniger
Sätze unterbrochen und verbessert worden war, brach er seine Rede
einfach ab. Er hatte keine Lust darauf, dass die Jungen ihn ständig
verbessern wollten. Auch alle anderen Erzähler historischer Geschichten,
6 Mazar aka am 1.09.2010 in Mazar-e Sharif
254
12. Die Sprache des Zwischenraums
die ich vor die gleiche Aufgabe stellte, konnten mir meinen Wunsch
nicht erfüllen. Dies gelang keinem Erzähler so recht, wurde jedenfalls
von dem Umstehenden immer als Nicht-mugati abgestempelt.
Die repäsentativen Reden, z.B. die Erzählungen über die Vergan-
genheit, halten die Alten. Sie haben nicht nur das längere Gedächtnis,
sondern auch von der Gruppe die Ermächtigung und die Rolle, das
kollektive Gedächtnis nach außen zu vertreten. Es sind in Afghanistan
aber die jungen mugat, die äußerst geübt darin sind, mugati zu sprechen,
d.h. anzuwenden. Sie sind ständig draußen unterwegs, sind ökonomisch
am aktivsten. Hier wird häufig das mugati angewendet. Die Alten je-
doch hüten das Lager. Sie sind unter sich, besuchen ihre Nachbarn und
Freunde. Hier wird kein mugati geredet, sondern tadschikisch. Also ist
mugati ein anwendungsbezogener Argot, das Übung verlangt und bei
dem man im Gegenschluss auch aus der Übung kommen kann, wenn
man es nicht spricht.
Argot ohne Argot Das Schaffen von Kommunikation, die eine mu-
gat-typische ist, gibt es in den Gebieten nördlich des Amu-darjas auch,
ohne dass sie dem Argot zugeordnet werden muss. So haben sich be-
stimmte Sprachcodes entwickelt, die man in einem jeden Zigeunerviertel
antreffen kann. Es stehen hier an vielen Straßenkreuzungen oder vor
Häusern Gruppen von jungen Männern, die jeden mit den Worten grü-
ßen “Was machst Du so (tu či kor kusos)?” Normalerweise beantwortet
der Gesprächspartner, wenn er ein mugat ist die Frage mit “Danke
und Du?” (Rahmat, tu či?) Wenn man dem Fragenden unbekannt ist,
kann man nicht so nicht einfach mit dieser Antwort vorbeigehen. Man
muss zumindest die höfliche Frage mit dem Ziel des eigenen Weges
beantworten “Ach, ich gehe zu Laziz, dem Taubenzüchter!” (Ba Laziz
meram, Laziz kaptanboz!). In Begleitung eines anderen mugat muss
man ihnen gar nicht antworten, sondern nur sagen, “Danke, und Du?”
(Rahmat, tu či?). Dieser Code wurde mir erst bewusst, als mich Laziz,
mein Begleiter im Zigeunerviertel Kokands fragte, warum ich jedem
auf die einfache Frage nach dem “Wie gehts?” mit so vielen Worten
begegne? Ich brauche doch nicht jedem erzählen, was ich so vorhabe.
255
12. Die Sprache des Zwischenraums
Das “Was machst Du denn so?” als Entsprechung für “Guten Tag!”
ist im nördlichen Mittelasien aus dem Russischen übernommen worden,
aber an sich keine mugat-spezifische Übernahme. Alle Tadschikisch-
sprecher würden diese Frage als Begrüßungsformel verstehen. Was den
mugat jedoch eigen ist, ist dass sich ein jeder im Viertel mit jedem
grüßt. Die Anonymität des Wohnviertels der Mehrheitsbevölkerung
kann man hier nirgends finden. Hier sind Nachbarn und Passanten
im direkten und ständigen Kontakt. Wer jedoch nicht dazugehört, der
steht hier Rede und Antwort. Denn ohne Auskunft zu geben, würde
man ihn nicht weitergehen lassen.
4. Techniken der Sprachverschiebung in den
Zwischenraum
Was einen Argot auf der linguistischen Ebene ausmacht, sind die Verän-
derungen der Ausgangssprache. Durch das Hinzufügen von Elementen,
Substitutionen, Lehnworten, phonologischen Veränderungen oder freien
Erfindungen werden diese Worte unkenntlich gemacht (Wolfer 2007,
11). Viele Linguisten sprechen dann von Geheimsprachen, ebenso viele
lehnen die Bezeichnung wiederum ab (Bosworth 1976, 150). Im eigent-
lichen Sinne kann man beim mugati nicht von Geheimsprache reden,
denn alle einen Geheimbund verbindenden Rituale der Geheimhaltung
gibt es beim mugati Erlernen nicht. Keiner wies mich beispielsweise
darauf hin, dass ich mein Wissen zum mugati geheim halten solle. Im
Gegenteil, als ich in Mazar den mugat berichtete, ich wolle ein Buch
über ihre Sprache schreiben, waren sie hocherfreut und meinten, da es
ja über jede Sprache ein Buch gebe – Tadschikisch, Usbekisch, Turk-
menisch usw. – wäre es nur gerecht, auch ein Buch über das mugati zu
haben.
Zwischenraum auf grammatischer Ebene Wir finden im Argot us-
bekische Nomen wie auch grammatikalische Wendungen, die aus dem
Tadschikischen ins mugati gewandert sind, die die Zwischenraumsitua-
tion der mugat widerspiegeln.
256
12. Die Sprache des Zwischenraums
• pišqob von pišoq (Usb.) das Messer wird im Tadschikischen Um-
feld nicht genutzt
• dax čung- von usbekischer Verbalkomposition jaxši k˘
urmoq für
“gut finden”, “gern haben”
• sur- – usbekisches Verb “fragen” ins mugati - Persisch eingefügt
Surob! → “Frag mal!”
• Verbalkomposita gerefta doshtan wie olib bermoq “nehmen und
geben” → “bringen”, wie es vor allem im Usbekischen üblich ist.
• Postposition -mum “unser” abgeleitet vom Usbekischen -miz
Bsp.: delomum “unser Haus”
• turmoq (Usb.) “setzen, stellen legen” und olmoq (Usb.) “nehmen”
→ turvol- “sich hinsetzen, sitzen”
• Auch in der Agluttinierung von Suffixen nehmen die mugat us-
bekische Grammatik mit in ihre Argot-Varietät auf: lughat-uš-a
Sprache + seiner + in wird zu “in seiner Rede”, “in dem was
er sagt” oder vaidaki er + bei sich + Substantivierung
wird zu “die Seinigen” “diejenigen, die zu ihm gehören”.
Morphologische Veränderungen, Hinzufügen von neuen Elemen-
ten, Lauten oder Silben
• -ghez. Dies wird bei Personen dazu gegeben momghez - vom
Tadschikischen moma: “für Großmutter, Amme” ”,
• -čil, -čul, -čol wie bei počul vom Tadschikischen po → “Beine”,
mončol von mondan → “bleiben”
• -tum, bei Substantiven dazugegeben, xoltum von Tadschikisch
xol → “Tattoo, Zeichen”, gunohtum von Tadschikisch gunoh →
“Sünde” kann aber auch als Imperativsuffix dienen partum! von
Tadschikisch partoftan → “Wirf!”
257
12. Die Sprache des Zwischenraums
• -žob- -čol-, -žol- und -žok-, kreiert eine Tätigkeit, die nur dem
Gegenüber situational verständlich ist, da sie aus dem Zusam-
menhang gerissen sowohl als z.B. eine Aktiv-, eine Passiv- oder
eine Reflexivkonstruktion gemeint sein kann:
-žob bei banžob- von bandan (Tadsch.) für “binden” und Zusatz
-žob → “anbinde
kutti hazor mežokim, von kutti hazor (Mugati) für Beinkleid
und erste Person Plural Präsens mežokim → “Beinkleid kaufen”
aber eigentlich “(sich) beinkleiden”.
malam čoki, von malam (Mugati) für “Wissen” und 1. Person
Singular Imperativ -čoki → “herausfinden, zu Wissen gelangen”.
kim čoki, aus kim (Mugati) für Laufen → “geh mal”
manžar mežokem ( Mugati) für “essen” und 1. Person Plural
-žok- → ” wir (werden) essen (jetzt)”
čop čoka nistum von čop (Tadsch.) für “Druck” und čoka zur
Partizipbildung sowie Verb nist (Tadsch.) für “ist nicht” plus
Suffix für 1. Person Singular Präteritum → “ich habe (die Fotos)
nicht gedruckt”.
Kompositionen aus Argot-Worten und tadschikischen Morphemen
mit grammatikalischer Funktion
• bekokon aus Tadschikisch be- “ohne” und kokon (Mugati) “Mund”
→ “stumm”.
• harsitpaz aus harsit (Mugati) “Brot” und paz (Tadschikisch)
“Koch, Bäcker” usw. → “Brotbäcker”
• dar kim- – dar (Tadschikisch) innen/drinnen, kim- (Mugati) für
“kommen” → “eintreten”
• – -tok, wie kastok von Tadschikisch kas → “Person”
• kal- bei kalbuz “Ziege” vom Tadschikischen buz für “Ziege”
• Suffix –žot bsp.: mevažot aus meva (Tadschikisch) “Früchte”
258
12. Die Sprache des Zwischenraums
Kürzungen auf einen Teil des Wortes
• malam (Mugati) von ma’lumot (Tadschikisch) für Nachrichten
• Zeitkonstruktionen oder Verbverbindungen buz von buda ast,
kadasodim von karda istodem istodus von istoda ast, mondus von
monda ast.
Substitution und Anfügung Viele Suffixe in der Sprache dienen der
Verschiebung des eigentlichen Hauptwortes in den Argot. Diese können
ein gebräuchliches Suffix ersetzen oder durch Heranhängen von Suffixen
das Wort verändern.
Einige der Substitutionen im Argot folgen dem im persisch-türkischen
Sprachraum üblichen Hendiadyoin. bzw. expressive Dubletten. Sie
treten immer paarweise auf und sind in ganz Mittelasien ein sehr
verbreitetes Ausdrucksmittel: čoy-moy für “Tee”, dukon-mukon für
Geschäft. Die mugat greifen sich jedoch nur eine der transformierten
Varianten heraus und erreichen damit eine Verschleierung des eigentlich
Gemeinten.
• durch phonetisch ähnliche Laute
n → l bsp.: nambar→ lambar für number (engl.) “Nummer”
lambar moboil “Telefonnummer”
k → m bsp.: kelin (Usbekisch) → melin für “Braut”
t → m bsp.: tillo (Tadschikisch) → millo f´’ur “Gold”, moqin
→ toqin (Tadschikisch) für “Kappe”
q → m bsp.: qimmat (Tadschikisch) → mimmat für “teuer”
d → m bsp.: dukon (Tadschikisch) → mukon für “Geschäft”
g → m bsp.: guš (Tadschikisch) → muš für Ohr
• Substitution von Suffixen
– iš, – uš, – aš kann Endungen ersetzen, wie bei dariš für
darun: Innen, beriš für berun: draußen
259
12. Die Sprache des Zwischenraums
Austausch des Wortpartikels -žo von žoi für “Ort” mit -ak:
Beispiel indak für indžo – “hierher”, Indak vars! für Indžo biyo! –
“Komm her!”
• Substitution bzw. Hinzufügung
Hinzufügen von -turk-, wie bei dandonturka, von dandon “die
Zähne”, oder Ersetzen der Endung wie dumturke von dumba
“Schwanz”
Metathesen
• Oft gibt es im Sprachgebrauch eine Vertauschung (Metathese) von
Lauten. In Mittelasien weit verbreitet sind z.B. dayro statt daryo
für “Fluss” oder turba statt tubra für “Beutel”. Hier ließe sich
auch ghur für murgh einordnen, nur dass das /m/ hier weggefallen
ist.
r → gh bsp.: murgh (Tadschikisch) → ghur für “Huhn”
onomatopoetische Verschleierung
• ghul ghul oder ghur ghur anstatt murgh (Tadschikisch) – Huhn
Calque Es gibt eine Reihe von Argot-Redewendungen, die direkt
tadschikischen Redewendungen entsprechen, zu deren Bildung aber der
Wortschatz des mugati genutzt wird.7
• Wie bei malam tarb von gap (malam) und zadan (tarb-) gleich
gap zadan für “reden”.
• dax sak- von dax gleich naghz und sak- gleich didan zu naghz
didan für “gefallen, lieben”.
7 Siehe auch bei (Oranskij 1983, 119-120) und (Troickaja 1948, 254)
260
12. Die Sprache des Zwischenraums
4.1. Sprache und Zwischenraum
Will man das Mugati treffend beschreiben, dann ist diese Sprache eine
Sprache des Zwischenraumes. In den Ausführungen zum Sprachverhal-
ten klang das Thema schon an, es gibt aber noch mehrere gewichtige
Argumente.
Der Zwischenraum stellt keine kulturelle Kontaktzone zwischen Grup-
pen und Gemeinschaften dar, die Zigeunergruppen ausfüllen und somit
einen kosmopolitschen, kulturüberbrückenden Anspruch hätten. Die
Sprache des Zwischenraums ist vielmehr die Fähigkeit, durch lexika-
lische und grammatische Manipulation unter den turk- und persisch-
sprachigen Bevölkerungsgruppen eine eigene Sprachvarietät für sich
einzunehmen. Die einzelnen Manipulationen stellen dabei keine unauf-
lösbare Codierung dar. Ein jeder, der sich sprachlich mit dem Mugati
beschäftigt, wird es – wenn er Persisch / Tadschikisch und / oder
Usbekisch kann – auch schnell erlernen. Es ist jedoch die Summe aller
Manipulationen, die es den mugat ermöglicht, die Sprache der Umge-
bung zu ihrer Sprache zu machen und sie damit in den Zwischenraum
zu verschieben. Eine jede Substitution, Hinzufügung oder semantische
Manipulation verfolgt allein diesen Zweck. Will der Forscher nun diesen
Argot verstehen, muss er den mugat nur in den Zwischenraum folgen.
Er wird ihre Sprache in situ verstehen. Sich durch die Nutzung eines
Argots von der Umgebungsbevölkerung abzugrenzen, funktioniert da-
bei nur deswegen, weil ihnen keiner in den Zwischenraum folgt. Auch
unter den mugat beherrschen diejenigen den Argot fließend, die ihn
als Bewirtschafter der sozialen Weide auch täglich im Zwischenraum
brauchen.
Auch fällt auf, dass es wie in vielen anderen Kapiteln – der Ge-
schichte, dem Wohnen, der Mobilität usw. – schwer fällt, eine Grenze
zwischen den Domänen der Mehrheit und denen des Zwischenraumes
zu ziehen. Es sind weiche Ränder und überlappende Zonen, die die
Übergänge bestimmen. Wann aus der Sprache der Mehrheit ein Ar-
got der mugat wird, entscheiden keine festlegbaren phonologischen,
morphologisch-syntaktischen oder lexikalischen Merkmale. Die Praxis,
den Argot zu benutzen, ist entscheidend für seinen Inhalt. So können
261
12. Die Sprache des Zwischenraums
Wörter, die heute z.B. in Mazar-i Sharif alltäglich erscheinen, morgen
schon in einer anderen Region als Argot Worte dienen, je nach dem,
welche sprachliche Landschaft die mugat jeweils umgibt. Vor allem
der funktionale Charakter des Argot bedingt die situationsbedingte
Anwendbarkeit.
Grundlage, einen solchen Argot anzuwenden, ist die Flexibilität sei-
ner Sprecher. Denn sie beherrschen nicht nur die überall gesprochene
Sprache der Umgebung, sondern immer auch noch eine zusätzliche
Variante, die sich über einen langen Zeitraum bildete und Spuren der
Geschichte der Gruppe mit sich trägt. Hier schrieben sich vergangene Be-
schäftigungsfelder genauso ein wie vormalige Umgebungsgesellschaften.
Jede aktuelle Umgebungsgesellschaft wiederum bietet neues Potential
für zukünftige Sprachlandschaften. So ist der Argot ein anwendungs-
bezogener Bereich des Zwischenraums, dessen Dynamiken immerzu
auch auf den Sprachgebrauch wirken. Verlassen die mugat jedoch die
Zwischenräume, indem sie einzeln oder kollektiv ein Teil der Mehrheits-
gesellschaft werden, verschwindet auch die Notwendigkeit einen Argot
zu gebrauchen. Der Argot ist funktionaler Teil des Zwischenraumes. Er
ist eine Gruppensprache, schafft Zugehörigkeiten und Abgrenzungen,
ohne diese festzuschreiben.
262
13. Zusammenfassung: Das Konzept des
Zwischenraums
So, wie Unordnung Muster zerstört, liefert sie auch das
Material einer jeden Ordnung. Ordnung beinhaltet Ein-
schränkung; von allem möglichen Material wird für die
Ordnung nur eine Auswahl genutzt. Unordnung ist un-
endlich, eine Musterhaftigkeit lässt sie nicht erkennen,
die Möglichkeiten ihrer Musterbildung sind jedoch un-
endlich. Auch wenn wir versuchen Ordnung herzustel-
len, schaffen wir damit die Unordnung nicht ab. Wir
sehen, Unordnung ist für existierende Muster zerstö-
rerisch; in ihr liegt jedoch ebenso das Potential aller
Muster.(Douglas 2003 [1966], 117)
Überall, wo auf der Welt komplexe Gesellschaften entstanden, waren
Arbeitsteilungen, soziale Schichtung, Hierarchien und gesellschaftliche
Ungleichheiten die direkte Folge davon. In diesen Gesellschaften ent-
standen Moralvorstellungen und Ethiken, die bestimmte Bereiche der
Kultur tabuisierten und den Mitgliedern der eigenen Gesellschaften
eine Beschäftigung in diesen tabuisierten Bereichen verweigerten. So
entstanden Räume, die ich mit dem Konzept des Zwischenraums im
ersten Kapitel in den Mittelpunkt gestellt habe. Wenn wir den Zwischen-
raum nun als Fugen zwischen Steinblöcken visualisieren wollen, dann
ist die wichtigste Bedingung für die Existenz eines Zwischenraumes
das Vorhandensein von zivilisatorischen Blöcken, die Zwischenräume
überhaupt erst ermöglichen. Diese Zwischenräume entstanden mit dem
Beginn der Stadtbildungen zwischen dem afrikanischen Kontinent und
Asien in einem uralten Migrationsgebiet, dem altweltlichen Trockengür-
tel. Das zeigen ähnliche Beschäftigungen (Schmiedehandwerk zwischen
dem Nilsudan und Indien) oder Namensgleichheiten (bahlawan sowohl
263
13. Zusammenfassung
in Ägypten als auch in Persien), die für Gruppen gebraucht werden,
die wir heute Zigeunergruppen nennen und die diese Zwischenräume
für sich zu nutzen wissen. In Zentralasien, einem Gebiet mit uralten
städtischen Kulturen, existieren diese Blöcke schon sehr lange. Das
zeigte meine historische Einführung. Sicher waren sie in Baktrien (450
v.u.Z.), als Zeit mit weitreichender urbaner Kultur und arbeitsteiligen
Gesellschaften, bereits existent.
Manchmal knirschen die Blöcke der Mehrheitsgesellschaft aufeinan-
der und reiben sich, manchmal brechen die Zvilisationen auseinander.
Immer dann können Zwischenräume nicht mehr genutzt und bewirt-
schaftet werden. Die Blöcke also sind es, die die den Zwischenraum
zulassen. Sie bedingen ihn, aber sie bestimmen nur mittelbar, in welcher
Weise die Fugen zwischen den Blöcken gefüllt sind. Die Metapher der
Blöcke und deren Fugen wurde für den Zwischenraum eingeführt, um
ihn an das Erbauen der ersten Städte zu koppeln und ihm damit eine ge-
wisse historische Tiefe und Kontinuität in der Geschichte menschlicher
Vergesellschaftung zu geben.
Im Zwischenraum existieren verschiedene Formen von Gemeinschafts-
bildungen. Diese unterschiedlichen Formen bedingen auch unterschiedli-
che soziale Strukturen innerhalb dieser Gemeinschaften. Sie formen sich
nach den Gegebenheiten, die die Umgebungen den Gruppen des Zwi-
schenraumes bieten. Das führt auf den ersten Blick zu einem Spektrum
untereinander heterogener Gemeinschaften.
Die gemeinsame Grundlage der Bewirtschaftung der Zwischenräume
sind die Ressourcen, die die Umgebungsgesellschaften den Zigeuner-
Gruppen zur Verfügug stellen. Diese Besonderheit gilt für alle Zigeuner-
Gruppen innerhalb des altweltlichen Trockengürtels. Alle Zigeuner-
Gruppen nutzen hier die Ressourcen des Sozialen, die ihnen von der
Umgebungsbevölkerung zur Verfügung gestellt werden. Die Ressourcen
des Sozialen bringen ein Abhängigkeitsverhältnis mit sich, die sich
in einer prekären Lebens- und Wirtschaftsgrundlage widerspiegeln
aber auch einige Privilegien in der Gesellschaft mit sich bringen. Die
Mobilität ist eine der Möglichkeiten, diese Prekarität zu minimieren. In
Verbindung mit der Mobilität werden die Ressourcen des Sozialen zu
264
13. Zusammenfassung
einer sozialen Weide, die auf unterschiedliche Arten beweidet werden
kann.
Als Wirtschaftsgrundlage müssen Schnittmengen mit der Umgebung
oder selten bewirtschaftete Nischen vorhanden sein. Die Gruppen des
Zwischenraumes brauchen aber auch die Flexibilität, sich ständig neue
Wege offen zu halten. Die Tätigkeiten auf der sozialen Weide sind
der best beobachtbare Teil der konkreten kulturellen Ausprägungen
dieses Verhältnisses im Feld der Ethnographie. Für die Konkretisierung
der Charakteristika des Zwischenraumes ist vor allem die kulturelle
Einbettung der Option, auf die Handlungsebene der sozialen Weide
zurückgreifen zu können, wichtig. Es ist die optio tsigana, also die
Option auf eine Tätigkeit auf der sozialen Weide zurückgreifen zu
können, die in den Augen der lokalen mittelasiatischen Bevölkerung,
Zigeuner-Gruppen zu Zigeuner-Gruppen macht. Im Zwischenraum geht
es also nicht ausschließlich darum, sein Leben auf der sozialen Weide
eingerichtet zu haben, sondern darum, diese Option überhaupt in die
Wahl eigener Überlebensstrategien miteinzubeziehen.
Damit wird die optative Kultur in die Ethnologie zurückgeholt, die
in der Essentialismus-Konstruktivismus-Debatte völlig verloren gegan-
gen ist. Optative Kultur meint z.B. die situationalen Zugehörigkeiten
der Zigeuner-Gruppen. Optative Kultur ist ein Kleid, das bestimmte
Familien sich überstreifen (dann leben sie im Zwischenraum und nutzen
soziale Weiden). Die Kultur des Zwischenraumes ist eine Jacke, die man
sich an- und ausziehen kann, die man umändern, kürzen, verlängern
oder flicken kann. Der Blick auf die optative Kultur der Zwischenräume
überwindet damit die Konstruktivismus-Essentialismus-Debatte in der
Ethnologie.
Wie die sozialen Weiden bewirtschaftet werden können, bestimmen
Zeitumstände und Gelegenheitslandschaften der Umgebungsbevölke-
rungen. Die mugat, die ich als Untersuchungsgruppe auswählte, bilden
über die Praxis der gemeinschaftlichen Almosennahme eine Gruppe.
Zigeuner-Gruppen können dabei ganz unterschiedlich in die Städte,
die sie vornehmlich bewirtschaften, integriert werden. Sie können in
temporären Zeltlagern verankert oder dauerhaft in Stadtquartieren
verwurzelt sein. Die allen eigene Gemeinsamkeit, die soziale Weide zu
265
13. Zusammenfassung
bewirtschaften, ändert sich dadurch nicht, wohl aber die Formen, die
diese Bewirtschaftung annimmt. So können verschiedene Mobilitätsfor-
men unterschieden werden, die sich entlang von Routen oder innerhalb
eines Revieres entfalten.
Die Potentialität der Gruppenbildung offenbart sich in der flexiblen
Größe der Gemeinschaften in Afghanistan wie im nördlichen Mittela-
sien. Auf der abstrakten Ebene sind alle mugat Gruppen durch ihre
potentielle Anschlussfähigkeit miteinander verbunden. Auf der Ebene
des Konkreten können sie jedoch nur einen kleinen Ausschnitt aus allen
möglichen Zusammenschlüssen pflegen und diese nur in den jeweiligen
Wohnumgebungen entfalten.
Die Gruppen des Zwischenraumes und damit der Zwischenraum selbst
haben ihre Grenzen. Sie brauchen den Zusammenhalt einer sozialen
Gruppe, weil nur Solidarität und Opferbereitschaft prekäres Leben zu
führen erlauben. Zu großer wirtschaftlicher Gewinn führt aus dieser
Gruppe heraus und in die Mehrheitsgesellschaften hinein. An diesen
Schwellen zeigt sich die Durchlässigkeit und der Gestaltungsrahmen
des Zwischenraumes der mugat. Der Zwischenraum bildet damit Raum
und Rahmen, die für die Gruppe, die ihn bewirtschaften, essentiell sind.
Sie müssen seine Rahmenbedingungen akzeptieren, um zu existieren.
Innerhalb dieses Raumes wirken ganz spezifische Kräfte der sozialen
Kohäsion, deren Existenz durch die Betrachtung der Grenzen des
Zwischenraumes veranschaulicht werden kann. Ein wichtiger Grenzstein
des Zwischenraumes stellt die Gefahr des Aussterbens einer Gruppe
durch Zerfall und innere Konflikte dar. Ein anderer Grenzstein ist
das Aufgehen der Gruppe in der Mehrheitsgesellschaft. Diese Grenzen
nicht zu übertreten, dazu gibt es in den Gemeinschaften zahlreiche
Tabus. Wie diese Tabus wirken, versuchte ich durch das Almosengebot,
durch das Verbot territorialer Vermischung aber auch anhand von
Krankheitstabus zu zeigen.
Das Leben in den Grenzen des Zwischenraumes wird durch die Balan-
ce von interner Souveränität und externer Anpassung aufrecht erhalten
und bringt gruppeneigene Strategien hervor. So charakterisieren das
Bettelgebot, das Sprachverhalten, die Mobilität wandernder Kompo-
nenten und die Verankerung bzw. Verwurzelung integrativer Einheiten
266
13. Zusammenfassung
in der Umgebungsbevölkerung die mugat und machen sie jenseits des
abstrakten Zwischenraumes zu einer konkreten Gruppe.
Gruppen im tsiganologischen Spektrum haben zahlreiche Strategien,
ihre eigene souveräne Lebensführung nicht aufzugeben. Die Souveränität
kann sich dabei in vielen Punkten ausdrücken: in Tabus (Heiratsgebo-
ten und Verbote, Ablehnung vertraglicher Bindung), in der Tradierung
gruppenspezifischer Überzeugungen durch Geschichten, Lieder und
Codices, religiöse Abweichung, Verweigerung des Zugriffs auf die Grup-
pe (Ablehnung von staatlicher Einmischung) oder Mechanismen der
Rechtssprechung. Der Komplex der Souveränität ermöglicht Mobilität,
das Sich-Entziehen aus Konflikten und das Vermeiden wirtschaftlich
glückloser Orte. Souveränität drückt sich auch in gruppeneigenen Wer-
tesystemen aus.
Da nach dem Barthschen Paradigma das Wirtschaften auf der so-
ziale Weide sichere und prosperierende Umgebungen braucht, sind die
Sensorien der Gruppen des Zwischenraumes sehr fein auf politische und
wirtschaftliche Krisen eingestellt. Da ihre Integration immer nur eine
teilweise Integration in die Umgebung (situationale Zugehörigkeit) ist,
verlieren sie in der wirtschaftlichen und politischen Krise häufig als erste
ihre manchmal Jahrzehnte andauernde wirtschaftliche Stabilität in den
Umgebungsbevölkerungen. Wie sie mit den unterschiedlichen Rhyth-
men von Integration und Exklusion seitens der Mehrheit umgehen,
zeigen der kulturell eingebettete Umgang mit Gewalt (Fluchtkultur
S.162), die Mobilität und Flexibilität in der Nischensuche sowie der
interne Zusammenhalt als Gruppe.
Das Herz des Zusammenhaltes ist die Familie und der erweiterte
Familienverband. Die nächst größere Klammer ist das Lager bzw. das
Wohnviertel. Am Ende weist beides auf interne Beziehungen hin, die
einen größeren Stellenwert einnehmen als die Beziehungen zur Umge-
bungsbevölkerung. Hierin liegt das Kernstück der tsiganen Souveränität
verborgen, einer Souveränität, die die Zugehörigkeit zur eigenen Gruppe
höher bewertet als die Zugehörigkeit zur jeweiligen Umgebungsbevölke-
rung.
Eine eigene Ordnung zu haben, bedeutet andere Wertmaßstäbe als die
Umgebungsbevölkerung zu besitzen. Für die Bewirtschafter der sozialen
267
13. Zusammenfassung
Weide sind interne Systeme des Gewohnheitsrechts handlungsleitend.
Für sie gelten Legislative oder Exekutive der sozialen Weide nur soweit,
wie sie Einfluss auf den wirtschaftlichen Erfolg haben.
Es ist nicht die Hybridität (Jacobs 2012, 267-271), die diese Kultur
erklären kann, auch nicht die Bricolage (Lévi-Strauss 1968, 17-19),
die Zigeunern eine Eigenständigkeit durch den souveränen Umgang
mit Versatzstücken von Kultur zuschreibt, sondern die Möglichkeit,
aus dem Zwischenraum heraus in bestimmten Gesellschaften Fuß zu
fassen, die die mugat Zigeuner und ihre Kultur am besten beschreibt. So
ist die ethnographische Beschreibung einzelner Gruppen das Ergebnis
eines lokalen Essentialismus. Das Lokale essentialisiert die jeweiligen
in ihm siedelnden Zigeuner-Gruppen, gestaltet sie und macht sie für
den Beobachter immer nur zu einer zeitlich und örtlich festgelegte
Form. Hier wird immer nur eine der vielen Facetten ihrer flexiblen
Gestaltfähigkeit sichtbar. Im Vergleich der Gruppen untereinander
jedoch offenbart sich das dahinter liegende Konzept.
Das Konzept des Zwischenraumes ist kein beliebiges Amalgam, das
entsteht, wenn man zwei existierende Gruppen zusammenwirft und dar-
aus dann eine Ordnung des Potentiellen macht. Denn das Konzept des
Zwischenraumes fußt auf ganz bestimmten Prinzipien, die eingebettet
sind in die Kulturen der mittelasiatischen Zigeuner. Das Fundament
ihrer Handlungsräume sind die soziale Weide, die Flexibilität und die
Mobilität, gepaart mit Prekarität. Die Flexibilität ermöglicht den Zigeu-
nern aus dem Zwischenraum heraus zu einem Teil eines zivilisatorischen
Blockes zu werden. Zigeuner-Guppen sind damit immer Teil einer Ge-
sellschaft und doch liegt auch in dieser Verschmelzung schon wieder
das Potential der Segregation verborgen.
Als kleine Gruppen sind die Zigeuner-Gruppen vor allem damit
beschäftigt, sich vom Zustand der Enthropie fernzuhalten und ihr
Überleben als Gruppe zu sichern. Da sich aber die Konstellationen
und Einflüsse der Umgebung auf die Zigeuner-Gruppen stetig wandeln,
sind die Gruppen ständig gefragt, auf die Umgebungsumstände zu
reagieren. Die Forschung zu Zigeuner-Gruppen, die Forschung zum
Zwischenraum blickt damit auf ein riesiges Feld der Beschäftigung, denn
der Zwischenraum ist unheimlich alt und unglaublich jung zugleich.
268
14. Ausblick
Nun ist es an der Zeit das Gedicht von Ali Shir Navoi aus dem Einfüh-
rungskapitel S.25 aufzulösen. Es enthält tatsächlich eine ganze Menge
Einsicht in das Thema Zigeuner-Gruppen in Mittelasien.
Navoiy hat sich verliebt in eine Zigeunerin, die die ganze bewohnbare
Welt durchstreift hatte.
War sie von den Arlot oder Barlos, war es Tarxon oder Sulduz?
(Fozilov 1983)
Ali Shir Navoi (1441-1501) ist einer der bekanntesten Dichter Mit-
telasiens. Er war am Hof Hussayn Baiqaras in Herat mit zahlreichen
Ämtern betraut und schrieb Gedichte und Epen. Seine Stellung kann
man wohl mit höfisch beschreiben, auch wenn diese höfische Stellung
im 15. Jh. noch nicht in diesem Maße von dem Alltag der übrigen
Stadtbewohner Herats abgeschlossen war, wie die höfische Kultur in
Europa in der frühen Neuzeit.
Ali Sher Navoi war kein Pendant zu François Villon, kein Rabelais,
kein ausschweifender Trinkliedschreiber. Er hatte keine Vorlieben für die
Straße, den Zwischenraum, das Rustikale, sondern war ein durch und
durch beherrschter und höfisch erzogener Mensch. Navoi beschreibt nun
eine Liebe, eine Liebe zu einer Zigeunerin, wobei nicht ganz klar ist, ob
hier die Liebe zu ihr oder die Liebe zur Weltgewandtheit, ein hohes Ideal
im Mittelasien des 15. Jahrhunderts, gemeint ist. Doch das ist für meine
Begriffe nebensächlich. Für dieses Gedicht ist die Eingebundenheit der
Zigeunerin Tarxon oder Sulduz in die Welt Mittelasiens zentral.
Die Zigeunerin im Gedicht kommt von den arlot oder den barlos. Die
arlot und barlos sind zwei Stammesverbandsbezeichnungen zur Zeit
Amir Timurs (1336-1405), auch bekannt als Timurlenk oder Tamerlan.
Timur selbst war von den barlos, einer Stammesgruppe, die entschei-
dend die Politik des Landes mitbestimmte. Auch die arlot waren nicht
unbedeutend, kamen aus den Truppen Chingis Chans und stellten
269
14. *
in Mittelasien auch die höfische Elite (Ebülg¯az¯ı Bahadir Han 1729-
1730, Abulg’oziy Bahodirxon 1995). An den Namen kann Ali Shir Navoi
sich nicht mehr erinnern, aber er lässt sie auch nicht namenlos als Figur
stehen, sondern deutet Möglichkeiten an.
Kann es einen besseren Nachweis für die Akzeptanz und Verwurzelung
der Zigeuner-Gruppen in Mittelasien geben? Tarxon oder Sulduz wird
nicht als fremde exotische Person beschrieben, sondern ist eine Zigeune-
rin (l˘
uli) und eine arlot/barlos zugleich. Sie vereint Weitläufigkeit und
Eingebundenheit in sich. Damit bestätigt und erweitert sich, was ich im
9. Kapitel über die Anschlussfähigkeit der mugat-Gruppenmitglieder
bereits formulierte. Auf der abstrakten Ebene sind alle mugat-Gruppen
(durch ihre potentielle Anschlussfähigkeit) miteinander und mit der
Umgebungsbevölkerung verbunden.
Das Gedicht legt aber auch einen Finger auf die Leerstellen, die
eine Betrachtung von mugat-Zigeunergruppen unweigerlich hinterlassen
muss. Nur sehr wenig habe ich auf der Ebene der Individualperspektive
zusammengetragen. Immer wieder deutete ich an, das konkrete Be-
ziehungen zwischen einzelnen Vertretern von Umgebungsbevölkerung
und Zigeuner-Gruppe durch ein Vielzahl von zeitlichen und räumli-
chen, sozialen und privaten Faktoren bestimmt sind, die nur durch eine
Einzelfallbetrachtung nachvollziehbar gemacht werden können.
Manchmal sind einzelne Personen in dieser Arbeit in den Vorder-
grund getreten, Mazor aka aus Mazar-e Scharif etwa oder Laziz, der
Taubenspieler aus Kokand, sie kamen aber insgesamt zu kurz.
Solche Einzelfallbetrachtungen aber können gerade für die Betrach-
tung des Zwischenraums zusätzliche Spanungsfelder und widerspre-
chende Standpunkte liefen. Das schon vor 100 Jahren von Max Weber
formulierte Spannungsfeld zwischen Souveränität und Eingebunden-
sein, zwischen Teilmenge und Menge wird keiner endgültigen Lösung
entgegengehen, sondern ist ein produktives Moment und Forschungs-
problem auch über die Betrachtung der mugat Zigeuner hinaus. Unter
dieser Perspektive wiederum findet die Tsiganologie Anschluss an viele
aktuelle Forschungsfelder der Ethnologie.
Wie äußern sich unter den Bedingungen der urbanen, modernen
westlichen Welt Zugehörigkeit und Souveränität bei Zigeuner-Gruppen
270
14. *
und ihrem Mitgliedern (Soysal 1994)? Welche Bedeutung haben neue
und doch typische Zwischenräume, wie das Internet für die jetzt auf-
wachsende Generation (Sirkkunen & Kotilainen 2004)? Wird durch
die erweiterte Mobilität der letzten Jahrzehnte etwa nach China oder
Europa das Netzwerk der mugat erweitert? Auch Fragen der politischen
Vertretung, die in Europa gerade durch den politischen Aktivismus der
Roma-Bewegung immer wieder auf die europäische und die nationale
Agenda kommen, werden in den nächsten Jahren eine zunehmende
Rolle spielen. Viel Bewegung ist in Sachen Erweiterung des starren eth-
nischen Roma-Begriffs zum hybriden und politisch nutzbaren Konzept
zu bemerken (vgl. z.B. http://www.middleeastgypsies.com). Diese
Themen sind Zukunftsthemen und nicht Teil dieser Arbeit gewesen.
Sicher aber kann das Konzept des Zwischenraumes auch bei der Bear-
beitung neuer Themen im Bereich der Ethnologie und darüber hinaus
hilfreich sein.
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