Informationen zur Raumentwicklung
Heft 3.2015
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Die informelle Stadt des 21. Jahrhunderts
X-Town 2025 – Ein Szenario
Stephanie Haury
Stephan Willinger
Zielte die Stadtentwicklung des 20. Jahrhunderts auf die Regulierung aller Aktivitäten, so
stützt sich die Stadtentwicklung im noch jungen 21. Jahrhundert immer mehr auf die Stärkung und Freisetzung der Selbstorganisationskräfte und der Kreativität der Stadtgesellschaft. Schenkte die Industriegesellschaft der Regelung des Alltags, der Institutionalisierung
des Sozialen und der Vermehrung und Sicherung des Eigentums die höchste Aufmerksamkeit, so konzentriert sich die postindustrielle Stadt der Wissensgesellschaft auf die Befreiung von Regeln, den Zugang zu Räumen und Möglichkeiten und die Nutzung von Flächen
durch Viele. Das Phänomen der Zwischennutzungen ist dafür ein besonders prägnantes
Zeichen, jedoch längst nicht das Einzige.
Wie wird sich Stadtplanung in der Zukunft vollziehen? Welche Werte und Grundsätze und
welche Akteure werden bei der Gestaltung und Aneignung von Räumen eine Rolle spielen?
Wie wird das Verhältnis zwischen Bürgern und Verwaltung aussehen? Im folgenden Szenario für das Jahr 2025 wird deutlich, was es heißt, Planung stärker als Nicht-Planung sowie
Nichtwissen und Unschärfe, Improvisation und Loslassen als wichtige Orientierungswerte
zu begreifen. In X-Town, einer Stadt mitten in Europa, wurden alte Grundsätze der Planung revidiert und neue Modelle und Instrumente entwickelt, durch die informelle Aktivitäten und ihre Akteure stärker zu Trägern von Stadtentwicklungsprozessen geworden sind.
17. August 2025, X-Town, eine Stadt am
Rande des Ruhrgebiets. Heiß steht die Luft
in den Straßen. Erst spät am Abend wird es
ein bisschen angenehmer werden. Ohne die
großen Waldinseln wäre es hier unerträglich. Trotzdem sind auch jetzt, um drei Uhr
nachmittags, die Straßen voller Menschen.
In allen Erdgeschossen herrscht geschäftiges Treiben. Zwischen Wohn- und Gewerbegebieten, Innenstadt und Vororten breitet
sich ein Kontinuum der Lebendigkeit aus,
mal dichter, mal lockerer, mal ruhiger, mal
wilder. Viele ältere Menschen prägen das
Straßenbild, doch auch Kinder und Jugendliche sind in den autofreien Straßenräumen
unterwegs. Eine andere Stadt ist das, eine
offenere und informellere: eine Stadt, in der
die Gemeinschaft zählt. Eine Stadt auch, die
sich immer wieder neu definiert. Und das,
obwohl die städtebauliche Grundstruktur
kaum verändert wurde. Grundlegend geändert hat sich seit noch nicht einmal acht
Jahren der Umgang mit den städtischen
Räumen in X-Town.
Die Vision, die in X-Town umgesetzt wurde,
war Ende des 20. Jahrhunderts in Industrieländern Mitteleuropas und Nordamerikas
entstanden und an kleinen Beispielprojek-
ten erprobt worden. Über lange Zeit wurde
das damit verbundene neue Verständnis allerdings nicht als Gesamtstrategie gesehen,
sondern als punktuell eingesetztes Hilfsmittel, um Phasen der Krise zu überdauern.
So nutzten vor allem stark schrumpfende
Städte oder Städte mit großen Industriebrachen die Möglichkeiten des Informellen,
ließen Akteure aus dem Kultur- und Kreativbereich einzelne leer stehende Industriehallen umnutzen, die diese Areale für die
Stadtbewohner öffneten und daraus neue
positiv besetzte Orte machten. Selbst als
immer klarer wurde, dass viele Leerstände auch auf längere Sicht nicht mit konventionellen Mitteln zu aktivieren waren,
scheuten die Regierungen noch davor zurück, diesen Weg zu einem Leitbild für die
Stadtentwicklung zu erheben und systematisch zu verfolgen. Erst recht wurden Probleme wie die Integration von Migranten,
die Flächeninanspruchnahme durch den
Individualverkehr oder die mangelnde Erneuerung von Wirtschaftsstrukturen nicht
mit den Potenzialen des Informellen Urbanismus in Verbindung gebracht.
Gleichzeitig wurde schon seit geraumer
Zeit der Eindruck immer stärker, dass die
Stephanie Haury
Referat Stadtentwicklung.
Themen u. a. Jugend- und
Subkultur, Bottom-Up-Ansätze
und Zwischennutzung
stephanie.haury@bbr.bund.de
Stephan Willinger
Referat Stadtentwicklung
Themen u. a. Informeller
Urbanismus, Partizipation,
Planungsstrategien
stephan.willinger@bbr.bund.de
Bundesinstitut für Bau-, Stadtund Raumforschung (BBSR)
im Bundesamt für Bauwesen
und Raumordnung (BBR)
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Stephanie Haury, Stephan Willinger:
Die informelle Stadt des 21. Jahrhunderts. X-Town 2025 – Ein Szenario
Zivilgesellschaft in den Startlöchern stand.
Gärtner, Radfahrer, Kreative, junge Familien
und andere Bürger wurden aktiv, versuchten sich an Raumaneignungen oder politischer Mitsprache. Doch auch in diesen
Gruppen wurde nicht ernsthaft über umfassende Lösungen diskutiert. Stattdessen
verwies man immer weiter auf den Staat,
der aber ein klares Signal für den Einstieg in
einen Informellen Urbanismus vermissen
ließ. Dies änderte sich erst, als die Region
um X-Town im Herbst 2018 nach einem
Bürgerentscheid zur Sonderzone „Experimentelle Raumnutzung“ erklärt und damit
zum Partner im weltweiten Netzwerk von
über 100 X-Towns wurde. Dieses Netzwerk
besteht aus Städten des globalen Nordens
und Südens, die sich hier über ihr ganz
unterschiedliches Verständnis eines Informellen Urbanismus und über Instrumente einer zukunftsfähigen Stadtentwicklung
austauschen. Lernen die Städte des Nordens von den Erfahrungen des Südens in
Bezug auf eine breite Informalisierung des
städtischen Lebens, so bringen sie selbst
ihr Staatsverständnis im Sinne einer Governance des Informellen in das Netzwerk ein.
Unmittelbar nach Ausrufung der Sonderzone wurden in X-Town einige Verordnungen erlassen, Experimentierklauseln in Gesetze eingeführt (z. B. eine Aufhebung der
Nutzungstypologie der Baunutzungsverordnung (BauNVO)), einengende Festlegungen
in Plänen abgeschwächt, andere Regelungen verschärft und damit insgesamt die Sozialbindung des Eigentums gestärkt. Rasch
wurde dann im Rahmen einer umfassenden Strategie eine Reihe neuer Instrumente
eingeführt, um die Aneignung von städtischen Räumen durch die Zivilgesellschaft
zu erleichtern. Dabei wurde das Eigentum
an Grund und Boden nicht grundsätzlich
in Frage gestellt. Der Gemeinschaft wurden
aber konkrete Gelegenheiten zur Mitbestimmung und für einen leichteren Zugang
eingeräumt. Von der Gemeinschaft definierte Ziele werden viel direkter als früher
in Anreize zum Handeln übersetzt. Dieser
Ansatz fördert selbstbestimmtes zivilgesellschaftliches Engagement und kommt so
auch jenen Kommunen entgegen, die sich
in schwierigen Finanzsituationen befinden.
Sie gewährleisten nur noch die zentralen
Infrastrukturangebote während die zivilgesellschaftlichen Träger über ihre Projekte
selbst entscheiden.
Ein wichtiger Aspekt in X-Town ist die Öffnung von Stadtentwicklungsprozessen für
die Kreativität neuer Akteure aus der Zivilgesellschaft. Zwar war dem Titel nach „Kreativität“ schon seit Beginn des Jahrhunderts
als Standortfaktor erkannt und so auch
Richtschnur vieler Stadtentwicklungskonzepte. Doch wurde diese zumeist nicht bei
den Bürgern gesucht, sondern im Umfeld
von Künstlern und Medienschaffenden.
Nach der Trendwende wird in X-Town nun
ein breiteres Verständnis vom kulturellen
Kapital einer Stadt verfolgt, das die kreativen Energien und den Pioniergeist beim
Quartiersbewohner und beim lokalen Unternehmer sucht. Dies erforderte eine Neuorientierung vor allem auch der institutionellen Akteure: Ämter, Planungsgremien,
Stadtbetriebe. Sie alle mussten ihre Stereotype von der passiven Bürgerschaft aufgeben – und ebenso die Macht der alleinigen
Steuerung des Gemeinwesens.
Für seine Mitwirkung in der Stadtgesellschaft steht jedem einzelnen Bürger von
X-Town nun deutlich mehr Zeit für Engagement und Selbstentfaltung zur Verfügung
als früher. Das beginnt schon in der Kindheit: Der Unterricht in den Schulen wurde
auf ein Minimum verringert, die Anwesenheitspflicht nahezu vollständig aufgehoben.
Dafür schwärmen junge Menschen jeden
Morgen in die Stadtviertel aus, betätigen
sich dort ganz praktisch und lernen im und
am Alltag. In Unternehmen und Läden, in
Gemeinschaftsräumen und Wohnungen
treffen sie auf X-Coachs, die als Ansprechpartner fungieren, ihnen auf der Suche nach
sinnvollen Einsatzfeldern weiterhelfen und
die vielen entstehenden Projekte und Ideen
bündeln und koordinieren. Aus Do-it-yourself-Projekten sind auf diese Weise schon
vielfältige dezentrale Lernorte entstanden,
an denen Fachleute ihr Wissen weitergeben
und gemeinsam mit Interessierten weiterentwickeln. Diese Lernorte entstehen z. B.
in gemeinschaftlich orientierten Projekten wie Allmenden oder Lernbauernhöfen.
Aber auch unternehmerische Projekte wie
ein Bioladen oder ein Marktforschungsinstitut sind geeignete Lernorte für Kinder und
Jugendliche. Die Schüler von X-Town erwerben ihre Kompetenzen über das Mitwirken in den Projekten beiläufig und immer
in Verbindung mit realen Anwendungen.
Der Rest des Lernens läuft über das Internet
– und auch hier ermöglicht die mediale Ver-
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netzung, dass Austausch und Interaktion
mittlerweile eine größere Rolle spielen als
das Reproduzieren eines Lern-Kanons. Auf
mobilen Geräten und in den auf die Stadt
verteilten Lernoasen bestehen vielfältige
Möglichkeiten für vertiefende Recherchen.
Bildung ist mehr und mehr zu einer Sache
Aller geworden, von Jung und Alt, verteilt
über die ganze Stadt. Vermittelt werden
bereits ganz früh die wichtigen Werte von
X-Town: Verbundenheit mit der Gemeinschaft, Netzwerkfähigkeit, Lernintelligenz
und Kreativität.
Viele weitere Maßnahmen in unterschiedlichen Handlungsfeldern der Stadtentwicklung haben dazu geführt, dass sich das Leben und die Verfügbarkeit von städtischem
Raum in X-Town grundlegend verändert
haben. Dies betrifft u.a. die Beschränkung
des motorisierten Individualverkehrs, die
Einrichtung von dezentralen E-Mobilitätsstationen, Mitnutzungs- und Tauschzentralen für Wohnungen, Fahrzeuge und
Werkzeuge, aber auch die Nutzung der
Digitalisierung des täglichen Lebens für
eine stärkere politische Teilhabe und neue
Demokratiemodelle.
Leerstand beleben:
Reviver entwickeln Nutzungen
Die Stadtentwicklung in X-Town profitiert
und lebt von den Bewohnern, die in den
letzten Jahren eine immer stärker werdende Community aufgebaut und eine Vielzahl
gelebter Alternativen zur früheren Stadtentwicklung entwickelt haben. Damit hat
sich eine Veränderung der Stadtgesellschaft
vollzogen und es sind – ausgelöst durch einen neuen Umgang mit dem städtischen
Raum – andere Lebens- und Arbeitsformen
entstanden. Sichtbare Zeichen sind solidarische Ökonomien und neue Finanzierungsmodelle, die zivilgesellschaftlichen
Gruppen die Möglichkeit zu eigenen Investitionen geben. Grundlegende ökonomische Prinzipien wie Gegenseitigkeit und
Subsistenz wurden (wieder)entdeckt. Und
viele Menschen öffnen ihr Eigentum auch
für andere und erlauben den freien Zugang
zu Raum, Informationen, Musik, Filmen
und Infrastrukturen. Tauschbörsen und Regionalhandel verwandeln das Alltagsleben.
Wichtigstes neues Prinzip ist aber, dass die
Menschen sich gegenseitig helfen und un-
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terstützen, soweit es dem Einzelnen jeweils
möglich ist.
Was bedeutet das für den Umgang mit
Raum? Das Verständnis von Eigentum hat
sich gewandelt und man nimmt den Grundsatz, dass „Eigentum verpflichtet“ und dass
jeder Bewohner eine soziale Verantwortung hat, sehr ernst. Darum wurde die Sozialpflichtigkeit des Eigentums in städtebaulicher Hinsicht z. B. durch den neuen
„Revive-Paragraphen“ (BauGB, Besonderes
Städtebaurecht, Städtebauliche Gebote,
§ 176b: Öffnungsgebot) konkretisiert: Stehen Gebäude oder Grundstücke mehr als
drei Monate leer oder befinden sie sich in
einem verwahrlosten Zustand, so können
sie von „Revivern“ okkupiert werden. Alle
Interessenten können sich auf einer Internet-Plattform registrieren und über das von
der Community selbst gepflegte ReviveKataster für die Nutzung einer Fläche bewerben. Erhalten sie den Zuschlag, so sind
sie legitime Zwischennutzer.
Eine besondere Form des Revivements
sind die Cross-Age-WGs, in denen Senioren ihre zu groß gewordenen Immobilien
mit Interessenten teilen. Entgegen der ursprünglichen Erwartungen, wird die Aufnahme mindergenutzter Wohnungen in das
Revive-Kataster von den meisten Senioren
durchaus positiv interpretiert. Sie haben
erkannt, dass die Öffnung von Teilen ihrer
Wohnungen für andere Nutzer auch ihr
Leben an andere (jüngere) soziale Gruppen anschließen kann. So entstanden aus
dieser Verpflichtung schnell generationenübergreifende Raumnutzungen – mit ganz
unterschiedlichen Facetten. Denn die Senioren haben die Chance, über die Angabe ihrer Fähigkeiten und Bedürftigkeiten
auf der Internetplattform genau passende
Mitbewohner zu finden. So zieht bei der
Ziehharmonika-Spielerin eine Folk-Band
ein, beim pensionierten Schreiner eine Designer-Gruppe und beim Gehbehinderten
ein passionierter Jogger, der beim Training
den Rollstuhl gleich mitschiebt.
Die Einschränkung des Eigentumsrechts
hat in X-Town also viel bewegt: Eigentümer
übernehmen seither mehr Verantwortung
für ihre Immobilien und investieren mehr
in die Sanierung. Dies hat auch die lokale
Bauwirtschaft angekurbelt. Zudem ist es
in X-Town viel einfacher geworden, Leer-
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Die informelle Stadt des 21. Jahrhunderts X-Town 2025 – Ein Szenario
X-Town 2025 – Die informelle Stadt des 21. Jahrhunderts
Quelle: Stephan Willinger/Stephanie Haury
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stände zwischen zu nutzen. Dadurch hat
vor allem die soziokulturelle Szene einen
Aufschwung erhalten und es gibt nun viele
Kulturveranstaltungen in Leerständen und
auf Brachen. Kostengünstiger Wohnraum
entsteht z. B. für Studenten, da in den Leerständen auch temporäres Wohnen ermöglicht wird.
Diese neue Sichtweise auf städtischen
Raum erfordert auch ein neues Planungsverständnis: die klassische Stadterneuerung
hätte die ungeordneten Zwischenräume
überplant und möglichst rasch einer neuen Verwertung zugeführt. Selbst angesichts
fortschreitenden Klimawandels war das
mühsam erkämpfte Leitbild der Innenentwicklung zu stark, um Leerräume freizuhalten und für Nutzungsexperimente und
gemeinschaftliche Ansätze zu reservieren.
Erst das in X-Town angewendete „Dornröschen-Prinzip“ erlaubt es nun vielen „Prinzen“, diese leeren Räume durch kreative
Aneignungen „wach zu küssen“.
Im leeren Zentrum: neue Räume
für die Gemeinschaft
Solche freien Räume gibt es nicht mehr
nur in einigen schrumpfenden Städten, sie
sind ein Phänomen, das seit ein paar Jahren auch in prosperierenden Städten das
Bild prägt. Denn im Jahr 2015 hatte ein rasanter Strukturwandel in den Innenstädten
begonnen: nach der Veröffentlichung einer
Studie über die absehbaren Auswirkungen
des Online-Handels war das Vertrauen der
Banken in den innerstädtischen Einzelhandel endgültig geschwunden. Die Geldhähne
wurden zugedreht … und wie beim Domino kippte ein Filialist nach dem anderen in
die Pleite. Selbst in Nebenzentren standen
schon nach wenigen Monaten mehr als die
Hälfte aller Ladenlokale leer. Eigentümer
und Stadtplaner suchten noch eine Zeit
lang nach Lösungen, ohne sich eingestehen
zu wollen, dass traditionelle Lösungen, die
die eine rentable Lösung durch eine andere
ersetzten, nicht mehr zu finden waren. Dies
war auch in X-Town nicht anders. Erst die
Wende drei Jahre später ermöglichte einen
grundsätzlichen Wandel, der neue Ideen für
die Innenstadt zuließ.
Den Durchbruch ermöglichte schließlich
eine Austauschveranstaltung des X-Town-
Netzwerks in den USA, wo vor dem Hintergrund brachgefallener Shopping-Center
in einer laborähnlichen Situation das neuartige Prinzip eines „Community Improvement Districts“ (CID) erprobt worden war.
Schnell wurde auch die Innenstadt von
X-Town als CID gewidmet, in dem leerstehende Großimmobilien von der Kommune
übernommen wurden und die Eigentümer
sich auf gemeinsame Leitlinien einigten.
Bestehende planungsrechtliche Festlegungen wurden aufgehoben und so entstand
ein vollkommen entwicklungsoffener Bereich, indem nur eine Regel gilt: Alle Umnutzungsprojekte müssen zumindest in der
Erdgeschosszone einen gemeinschaftlichen
Ansatz aufweisen. Der Bau gemeinschaftlich
nutzbarer Küchen, offener Werkstätten, von
Spielräumen und Co-Working Spaces und
anderen Gemeinschafsträumen wird aus
einem Community-Fonds gefördert. Alles
kann hier geteilt werden. Und das Faszinierende an dem sich ausbreitenden Sharing
ist die damit verbundene Veränderung der
gesamten Lebensweise: Der Mensch rückte
wieder in den Mittelpunkt. Um Dinge oder
Dienstleistungen zu teilen, muss man miteinander kommunizieren und interagieren.
Zudem geht der Austausch von Dingen
meist mit ökonomischen und ökologischen
Vorteilen einher. Die meisten Menschen
begannen zu teilen, weil sie einen ökonomischen Vorteil sahen. Dann aber machten
viele die Erfahrung, dass der Wert des Teilens weit darüber hinausgeht: Das Soziale
daran erzeugt Verbundenheit, macht Freude und stiftet Sinn. Weil es bisherige Umgangsformen in Wirtschaft und Gesellschaft
radikal verändert, ist dieses Teilen nicht zuletzt auch ein politischer Akt – ohne sich im
traditionellen Parteienspektrum einordnen
zu lassen. Geld verliert an Wichtigkeit, und
statt des üblichen Misstrauens entsteht Vertrauen. So hat sich vom CID aus in X-Town
eine neue Kultur des Teilens herausgebildet, die die sozialen Medien, die technischen und partizipativen Möglichkeiten des
Web 2.0 und die ubiquitäre Verbreitung von
Smartphones nutzt, sich vor Ort aber ganz
untechnisch im Austausch von Gegenständen und Kompetenzen äußert – vom Bügeleisen bis zum Tanzkurs.
Und die so entstandenen Orte bieten nicht
nur die Gelegenheit zum Treffen und zum
Austausch. Ebenso wichtig ist, dass sie
durch ihre Offenheit zivilgesellschaftliches
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Engagement und Experimente abseits oder
in Ergänzung zu den traditionellen Versorgungsstrukturen zulassen. So ergibt sich
eine Verknüpfung mit produktiven Tätigkeiten, durch die sich Konsumenten zu
Produzenten entwickeln, die Waren herstellen, reparieren oder transformieren. Vom
Verbraucher werden sie zum Instandhalter,
Designer, Dienstleister, Vermittler. So sind
diese Räume zu Katalysatoren einer neuen
Stadtgesellschaft geworden. Und was am
Ende der konsum- und wachstumshungrigen Phase des lautstarken City-Marketings
Ende des 20. Jahrhunderts kaum vorstellbar erschien: Die leeren Ladenlokale und
Kaufhäuser in X-Town beginnen, sich zum
neuen Standortfaktor zu mausern. In recht
kurzer Zeit ist die Innenstadt wieder ein
beliebter und belebter Teil der Stadt geworden. Der innerstädtische Einzelhandel hat
seine Struktur stark verändert, es gibt mehr
inhabergeführte Geschäfte und Handwerksbetriebe, die von dem dynamischen Umfeld
profitieren. Und durch die gemeinschaftlichen Angebote ist die Innenstadt auch
wieder zu einem attraktiven Wohnstandort
geworden.
Optionsräume in Neubauten und
Neubaugebieten
Im Rahmen der Gesamtstrategie hat sich
in X-Town auch das Bauordnungsamt eine
Selbstbeschränkung auferlegt. Die Rolle der
Stadt geht immer mehr in Richtung Mediation und bewegt sich weg von Regeln und
Dogmen, hin zur diskursiven Behandlung
von Einzelfällen und der Vorgabe, diese im
Sinne der zivilgesellschaftlichen Akteure
zu lösen. Die Mitarbeiter des Amtes tragen
deshalb plakative T-Shirts mit dem neuen
Slogan des Amtes: „O.k., why not!“
Wenn ein neues Gebäude entstehen soll,
so befindet ein per Losentscheid besetzter,
halbjährlich wechselnder Gestaltungsrat,
der im Verhältnis 2:1 aus Nachbarn und
Fachleuten besteht, über die finale Erlaubnis. Auf Basis eines neu eingeführten Bonussystems haben Bauherren Anrecht auf
eine verminderte Grundsteuer, wenn sie in
ihren Gebäuden sogenannte Optionsräume
vorsehen, die für die informelle Aneignung
durch andere Bewohner X-Towns offenstehen. Die Höhe der Boni ist abhängig von
Umfang und Qualität der bereitgestellten
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Optionsräume. Was für Optionen eröffnet
werden, bleibt dem Einfallsreichtum der
Bauherren überlassen; die Möglichkeiten
reichen von der Öffnung des eigenen Gartens an bestimmten Tagen über die Nutzbarmachung kleiner Freiflächen für Kinderspiel, die Überlassung von Dachterrassen
für Urban Gardening oder die Bereitstellung von Ladestationen für E-Autos und
Mobiltelefone bis hin zur Einrichtung eines
Gästezimmers für kostenfreies Couchsurfing. Die Angebote werden eingespeist in
das vive-Modul (für Neubauten) des Revive-Katasters, über das sie für alle Bewohner zugänglich sind. Bei der Einrichtung
des Optionsraum-Systems hat sich X-Town
vom bestehenden System der Ausgleichsund Ersatzmaßnahmen im BauGB inspirieren lassen. Nun werden nicht mehr nur die
durch Neubauten verursachten Eingriffe in
Natur und Umwelt, sondern auch der damit verbundene Verlust an freien Räumen
gemessen und ausgeglichen. Das Bonussystem hat seither schon viele Hausbesitzer
dazu veranlasst, ihre Immobilie mit anderen zu teilen oder neue Angebote für das
Quartier zu schaffen.
In größeren Neubaugebieten wird ein ähnliches Modell umgesetzt. Von Beginn an
bilden Optionsräume unterschiedlichen
Maßstabs die Grundlage der Planung und
überlagern so die städtebauliche Struktur
mit einem System aus gemeinschaftlich
nutzbaren Räumen. Sie bilden die physische und stadtgesellschaftliche Grundlage,
die dann nach und nach durch Wohn- und
Arbeitsstandorte sowie Gemeinschaftseinrichtungen ergänzt wird. So prägen informelle Nutzungen von Anfang an den Charakter neuer Stadtteile, die hierdurch vor zu
starker Einheitlichkeit gefeit sind. Die Orte
mit ihren offenen Nutzungen bieten Anlässe für soziale Kontakte und Gemeinschaftsbildung. Die hieraus entstehenden neuen
zivilgesellschaftlichen Gruppen übernehmen Verantwortung für die Entwicklung
der Nachbarschaft und im Gestaltungsrat
sowie über die Entwicklung eigener Projekte zunehmend auch Steuerungsaufgaben.
Planung als Nicht-Planung: Just do it!
Während Bauleitpläne in X-Town inzwischen kaum noch Bedeutung haben, spielen weichere Instrumente eine große Rolle.
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Die informelle Stadt des 21. Jahrhunderts. X-Town 2025 – Ein Szenario
Nicht eine naiv verstandene Funktionalität
oder Konfliktarmut entscheidet darüber,
wie lebendig oder attraktiv ein Viertel ist.
Der Philosophie von X-Town entsprechend
übt sich die Planung daher in Zurückhaltung und versucht, das Unbestimmte zu erhalten und offene Räume zu schützen, weil
in ihnen die Grundlage zivilgesellschaftlicher Initiative gesehen wird. Fast kann man
nicht mehr von einer hoheitlichen Planung
sprechen, denn viele Nutzungen in X-Town
sind ja ständig in Bewegung. Eher sind es
Kraftfelder, die entstehen, wachsen, sich
verändern, an andere Orte wandern. Da
die Eignung von Räumen für bestimmte
Nutzungen stark mit ihrer Nachbarschaft
zusammenhängt, dient die Darstellung in
Planwerken weniger einer Festlegung für
die Zukunft als der Erschließung der Gegenwart. In X-Town haben sich die Planungspraxis und die Rolle der Stadtplanung
völlig geändert: Die Verantwortlichen in der
Stadtverwaltung regeln und planen nicht
mehr. Ihre Aufgabe ist es, Möglichkeiten
und Potenziale für lebendigere Raumnutzungen in der Stadt zu identifizieren. Diese
stellen sie in verschiedenen Eignungsplänen mit Potenzialflächen dar, die nach dem
Open Source-Prinzip mit den Bewohnern
von X-Town zusammen erarbeitet werden.
Diese aktuellen Informationen geben einen
Überblick über die Nutzbarkeit und die soziale Situation von Räumen, was die Möglichkeit der Raumaneignung verbessert.
Viele Nutzungswünsche gerade von jüngeren und älteren Bewohnern beziehen sich
auf einen konkreten Block oder ein Quartier. Hier hilft die App mit einem Augmented Reality-Modul, das die reale Situation
vor Ort mit Nutzungspotenzialen überlagert
und wichtige Zusatzinformationen bereitstellt. Diese neuen Möglichkeiten haben in
X-Town zu einer starken Nutzungskonzentration und Flächeneinsparung geführt und
außerdem die Unterhaltungskosten von
Gebäuden gesenkt. Entscheidend für die
Nutzbarkeit von Flächen ist aber, dass über
die Just do it-App auch nach Gleichgesinnten für ein Projekt gesucht werden kann.
Die App verfügt daher über eine Schnittstelle zum Vive/Revive-Kataster mit seinen vielfältigen Informationen über offene
Räume, zivilgesellschaftliche Gruppen und
ihre Aktivitäten im Raum. Die unproblematische Kontaktaufnahme über Videochat erlaubt einen unmittelbaren Abgleich von Interessen mit anderen engagierten Akteuren.
So sind vor allem auch informelle Aushandlungsprozesse beherrschende Elemente,
die die Garantie dafür bilden, dass die vielen unterschiedlichen sozialen Gruppen in
X-Town ihre Flächenansprüche möglichst
konfliktfrei umsetzen können.
Die Nutzung von Flächen wird von der Stadtverwaltung also nicht mehr über langwierige Genehmigungsverfahren geregelt und
beschieden. In der Vergangenheit hatte sich
gezeigt, dass dieser Weg zu zeitintensiv ist
und nicht flexibel genug auf die Bedürfnisse
der zivilgesellschaftlichen Akteure reagieren
kann. Aus diesem Grund ließ die Stadt über
eine Programmierer-Gemeinschaft die App
„Just do it“ entwickeln. Jeder Bürger, der an
einer Flächennutzung interessiert ist, kann
über die App schnell und einfach eine Auswahl an Grundstücken finden. Im Gegensatz
zu früher, kann er einen Zeitrahmen angeben, den er für die Flächennutzung benötigt
und zusätzlich auch, ob eine Mehrfachnutzung möglich ist. Eine Mehrfachnutzung
kann sich z. B. auf die Nutzung von Stellplätzen mit Time Slots beziehen oder auch
auf die Umwandlung von Flächen (morgens
Schule oder Büro, abends Sportflächen, Disko oder Bandproberäume etc.).
Etwa zeitgleich mit dem Paradigmenwechsel in X-Town hatte die EU ein neues städtisches Leitbild veröffentlicht, das
die Priorität von Lebensqualität, Persönlichkeitsentfaltung und Gesundheit vor
Wachstum und materiellem Wohlstand
formulierte. Darin wird Entwicklung von
Wachstum getrennt und eine integrative
Sicht auf Stadtentwicklung umgesetzt, in
der der soziale Wohlstand zum Hauptziel
erklärt und durch eine Reihe von Kriterien
messbar gemacht wurde. So gilt nun der
verfügbare informell aneigenbare Raum je
Einwohner, die creativity ratio one (CRO)
als zentrale Maßeinheit für die Erreichung
dieser Ziele. Ein hoher CRO signalisiert,
dass der Stadtgesellschaft viel nutzbarer
Freiraum zur Verfügung steht, was nach
mehreren wissenschaftlichen Studien unmittelbare Auswirkungen auf das persönliche Wohlbefinden und auf eine nachhaltige
Stadtentwicklung hat. Mit der Rückende-
Informalität wertschätzen: der
Informelle-Urbanitäts-Index und die
creativity ratio one
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ckung durch dieses Leitbild konnten die in
X-Town ergriffenen Maßnahmen zu einer
Gesamtstrategie zusammengefasst werden.
X-Town belegt seit der Einführung des CRO
bei entsprechenden Rankings immer Spitzenplätze. Die Stadt stellt so ihre Attraktivität im internationalen Maßstab unter
Beweis.
Ein weiterer Maßstab für die Zielerreichung
in X-Town ist der Informelle-UrbanitätsIndex IUX. Er misst die Lebendigkeit eines
Stadtviertels anhand der Anzahl der realisierten Projekte des Informellen Urbanismus. Die Stadtverwaltung von X-Town
erstellt den IUX in Zusammenarbeit mit
Bewohnern, Projektinitiatoren und anderen
kreativen Akteuren. Der IUX funktioniert
nach dem Open Source-Prinzip: Neue und
bestehende Projekte des Informellen Urbanismus, ihre Projektträger, Nutzer, Räume
und Angebote, sind auf der Vive/RevivePlattform dargestellt. Im Hintergrund der
Webseite arbeitet ein Algorithmus, fabriziert
Projektstatistiken und generiert ständig den
aktuellen Stand des Indexes. Jedes zivilgesellschaftliche Projekt ist den Distrikten von
X-Town zugeordnet und wird von dem entsprechenden Gebiets-Sachbearbeiter, dem
X-Agent, fachkundig betreut. Die Projektakteure können die Qualität der Betreuung,
die sie durch ihren X-Agent erhalten, auf
der Webseite bewerten und kommentieren.
Gleichzeitig kann der X-Agent die Qualität
der Projekte bewerten und ihre jeweilige
Bedeutung für X-Town herausstellen. Der
X-Agent erhält eine monatliche Leistungszulage entsprechend der Höhe des IUX in
seinem Gebiet. Parallel dazu zeichnet die
Verwaltung von X-Town laufend den XAgent des Monats mit einem Preis aus.
Auch der IUX ist nach seiner Einführung
schnell zu einem wichtigen Markenzeichen
von X-Town geworden, das Vergleiche zwischen Stadtteilen ermöglicht, und wie der
CRO auch über die Stadtgrenzen hinaus
zur Wahrnehmung der Lebensqualität in
X-Town beiträgt. Mittlerweile orientieren
sich Alte und Junge, Familien und Kreative
bei der Wahl ihres Wohnstandorts an der
Höhe des Indexes. Auch viele Unternehmen
suchen Standorte mit hohem IUX, weil die
dynamische Atmosphäre, der Austausch
verschiedener Gruppen und das intensive
soziale Leben dieser Viertel ihre Innovationskraft stärkt.
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Viele andere Städte haben inzwischen den
IUX übernommen, sodass Rankings bis hin
zu internationalen Vergleichen möglich
sind. Die Auszeichnung des IUX mit dem
„Goldenen Elefanten“, dem Innovationspreis des X-Town-Netzwerks im Jahr 2020,
unterstrich die Bedeutung dieses Instruments für die informelle Stadtentwicklung
zusätzlich. Für die Stadtverwaltung von XTown geht der Nutzen des IUX weit über die
Leistungsmessung ihrer Mitarbeiter hinaus.
Er bietet die Möglichkeit, Stadtteile zu identifizieren, die bislang noch einen niedrigen
IUX haben und somit wenig Gelegenheiten
bieten zur Aneignung, zur Nutzungsintensivierung und zum sozialen Austausch. In
diesen Gebieten können nun gezielt die Instrumente eingesetzt, Investitionen gelenkt
und flächenbezogene Aktivitäten gestartet
werden. Nach einer Neuorganisation und
Bündelung von Stadtplanung, Bauordnung
und Liegenschaftsverwaltung werden gerade in solchen Entwicklungsbereichen
Gebäude strategisch geöffnet und weitere
Liegenschaften planerisch im Sinne des
Informellen Urbanismus gesichert. Die Vergabe städtischer Grundstücke und Gebäude ist fest an die Qualität der vorgelegten
Konzepte und deren zu erwartenden Auswirkungen auf die informelle Nutzbarkeit
geknüpft. Beim Verkauf privater Grundstücke wird regelmäßig das Vorkaufsrecht der
Kommune ausgeübt.
Wer steuert? Liquid democracy
Die räumliche Entwicklung in X-Town vollzieht sich zum einen durch die informellen
Aktivitäten zivilgesellschaftlicher Gruppen,
die sich mehr oder weniger spontan Räume
aneignen, umnutzen und wieder verlassen,
sobald ihre Ansprüche sich ändern. Diese
Entscheidungsform könnte man do-ocracy
nennen, also die Herrschaft derjenigen, die
eine Sache in die Hand nehmen und umsetzen. Die Steuerung dieser Aktivitäten erfolgt nicht mehr durch eine übergeordnete
Instanz per Satzung oder Genehmigung.
Stattdessen wird durch maximale Transparenz und einen stetigen Kommunikationsfluss gewährleistet, dass Nutzungskonkurrenzen diskutiert und verhandelt werden
können und Lösungen nicht einseitig bestimmte Gruppen benachteiligen.
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Stephanie Haury, Stephan Willinger:
Die informelle Stadt des 21. Jahrhunderts. X-Town 2025 – Ein Szenario
Jenseits dieser spontanen Ebene, auf der
– dem neuen Leitbild entsprechend – Dynamik und Vielfalt im Dienste der Gemeinschaft die Hauptziele sind, werden auch
dauerhaftere Projekte kollaborativ entworfen und umgesetzt. Ein wichtiges Instrument dabei ist die gemeinschaftliche Projektentwicklung auf der offenen Plattform
X-liquid. Hier können zivilgesellschaftliche Akteure Vorschläge online einreichen.
Diese werden zur Diskussion freigegeben,
wenn genügend andere Nutzer die Initiative unterstützen. Es können Anregungen
formuliert und Gegeninitiativen entwickelt
werden. Die Plattform dient aber z. B. auch
der Bildung von Baugemeinschaften. Wenn
eine Initiative in der anschließenden Abstimmung eine bestimmte Stimmenzahl erhält, erreicht das Projekt die nächste Stufe
auf der dann die Machbarkeit und die Finanzierung geklärt werden. Zu diesem Zeitpunkt werden die Stadtplaner, die X-Agents,
aktiv übernehmen ihre Aufgabe als Mediatoren, die bei der Standortsuche und der
weiteren Projektentwicklung unterstützen.
Natürlich gibt es weiterhin auch in X-Town
größere Projekte, über deren Zulässigkeit
dann aufgrund ihrer weitreichenden Auswirkungen auf andere Weise entschieden
werden muss. Auch hierbei übernimmt die
Zivilgesellschaft umfassende Verantwortung. Deshalb wurden zwei grundlegend
neue Verfahrensweisen festgelegt: Zum
einen müssen sich alle größeren Projekte
im Vorfeld einer offenen Diskussion auf Xliquid und vor dem Gestaltungsrat stellen.
Zum anderen dürfen sie nie als Gesamtlösung vorgebracht werden, sondern immer
nur in überschaubaren Einzelbausteinen,
in Phasen und mit einer möglichst großen Offenheit für die Mitwirkung anderer
Gruppen und für Anschlussprojekte. Das
erste Element stellt sicher, dass alternative Ansätze und konkurrierende Ideen eine
Chance bekommen. Mit dem zweiten wird
gewährleistet, dass keine unerwünschten
Sachzwänge entstehen und entsprechend
der Planungsphilosophie von X-Town das
inkrementelle Vorgehen auch den Ausstieg
ermöglicht.
Sind beide Bedingungen erfüllt, so wird
auch in X-Town über die Zulässigkeit größerer Bauvorhaben, von Wohnsiedlungen,
Gewerbeansiedlungen oder Logistikstandorten entschieden. Dafür wurde ein Mo-
dell entwickelt, das sich an den Prinzipien
der liquid democracy oder adhocracy orientiert, größtmögliche Transparenz verspricht, ein schnelles Meinungsbild und
eine umfassende Einschätzung über die
Notwendigkeit von Projekten ermöglicht.
Die neuen Entscheidungsformen in X-Town
sind daher Mischformen aus repräsentativer und direkter Demokratie. In X-Town
geht es nicht darum, einfach mehr direktdemokratische Elemente – etwa durch
Volksabstimmungen – zu etablieren. Ziel
ist es vielmehr, die demokratische Teilhabe
zu erhöhen, also möglichst viele Menschen
am stadtentwicklungspolitischen Prozess
zu beteiligen – ohne sie zu überfordern
oder die Stadt Populisten anheimfallen zu
lassen. So wurden mehrere Versuche unternommen, um die Entscheidungswege in
diesem Sinne zu „verflüssigen“. Um bereits
in der Phase Null einer Projektentwicklung
Vorschläge von Bürgern, vor allem aber
von zivilgesellschaftlichen Initiativen aufnehmen zu können, haben diese nun das
Recht, formelle Anfragen an die Verwaltung
zu richten und sogar konkrete Planungsvorschläge einzubringen, wenn sie dafür
genügend Unterstützer auf X-liquid finden.
Bei grundlegenden Fragen der Stadtentwicklung, bei Haushaltsberatungen sowie
bei Entscheidungen über mittlere und größere Projekte steht jedem Einwohner über
zwölf Jahren eine Stimme zu. Dabei gilt das
delegated voting, bei dem eine Übertragung
von Stimmen zugelassen ist. Bürger können
also entweder selbst an Ratsentscheidungen teilnehmen oder ihre Stimme kurzzeitig und themenbezogen an andere Bürger
delegieren – weil sie ihnen vertrauen, ihnen
Sachverstand oder eine ähnliche Einstellung unterstellen. Noch vor wenigen Jahren
wäre ein derart flexibles Abstimmsystem
zu komplex gewesen, um es praktisch umzusetzen. Mit der Weiterentwicklung der
Informationstechnologie ist es heute möglich, auf diese Weise große Gruppen von
Menschen direkt an Debatten zu beteiligen.
Wer zahlt? Kreativitäts-Fonds und
Crowdfunding
Immer mehr Menschen in X-Town wollen
sich aktiv an der Mitgestaltung ihrer Stadt
beteiligen und dabei nicht auf die Initiative
der Stadt warten. Aufgrund akuter Finanzknappheit der Kommune im zweiten Jahr-
Informationen zur Raumentwicklung
Heft 3.2015
zehnt des 21. Jahrhunderts, waren bereits
damals neue Trägerschaften und Finanzierungsinstrumente für Stadtentwicklungsprojekte erprobt worden. Diese erfuhren
seit 2018 einen zusätzlichen Impuls, da die
Stadtverwaltung ihnen die Stadt sozusagen zu Füßen legte, verbunden allerdings
mit dem Wunsch, nun auch finanziell für
Bibliotheken, Schwimmbäder und andere
ehemals öffentliche Einrichtungen aufzukommen. Schnell mussten daher Wege gefunden werden, um diese Verantwortung
anzunehmen. Dabei konnte man sich an
Vorbildern aus dem Kulturbereich orientieren, wo sich schon seit den 2000er Jahren
Fans finanziell an Aufnahmen oder Ausstellungen von Bands und Künstlern beteiligten. Die Finanzierung eines Projekts durch
viele Menschen – die crowd – wurde als Lösung auf zivilgesellschaftliche Stadtentwicklungsprojekte übertragen. Dieses urban
crowdfunding ermöglicht mittlerweile nicht
mehr nur Mikroprojekte, sondern ebenso
Gutachten und Machbarkeitsstudien für
städtebauliche Großprojekte. Basis für diese
selbstorganisierte Form der Projektentwicklung und Finanzierung ist in X-Town die Xliquid-Plattform, eine Online-Plattform, auf
der Projektideen vorgestellt werden. Über
die dort stattfindende Diskussion und kollaborative Weiterentwicklung hinaus kann
über die Plattform auch versucht werden,
eine im Vorfeld definierte Mindestsumme
zu generieren, mit der ein Projekt dann realisiert werden kann.
Eine Vielzahl weiterer Modelle für einer
gemeinschaftlichen
Finanzierung
von
Stadtentwicklungsprojekten wird derzeit
in X-Town erprobt. Viele der Gemeinschaftsprojekte entstehen über crowdinvesting-Modelle. Für langfristige Projekte, wie
den Betrieb sozialer Infrastruktur, werden
Bürgerstiftungen aktiv, die in der Lage sind,
größere Flächen anzukaufen und an kreative Nutzer weiterzugeben. Auch die Stadtverwaltung von X-Town nutzt für Projekte
in öffentlicher Hand (Feuerwehr, Rettungswesen) das Instrument des crowdlending
und macht Bürger damit zu direkten Miteigentümern städtischer Infrastrukturen.
Über eine Bündelung staatlicher Förderprogramme und Mittel aus dem X-TownProgramm der Unesco hat die Kommune
außerdem einen Kreativitäts-Fonds aufgelegt, mit dem besonders einfallsreiche Pro-
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jektideen unterstützt werden. Diese werden
schwerpunktmäßig zur Reaktivierung der
leer stehenden Einfamilienhäuser in den
suburbanen Gebieten um X-Town eingesetzt.
Zugang vor Eigentum, Gemeinsinn
durch Selbstverwirklichung
Der Abend senkt sich auf die Dächer von
X-Town. Rot leuchten die letzten Strahlen
der Sonne am Horizont und spiegeln sich
in den Solarpanelen der Dachlandschaft. In
anderen Städten schaltet sich nun die permanente Straßenbeleuchtung ein. Nicht so
in X-Town, dessen mit Bewegungsmeldern
versehene Straßenbeleuchtung nur bei Bedarf aufscheint. Im Erdgeschoss eines ehemaligen Kaufhauses im Zentrum treffen
sich gerade Stadtpolitiker, X-Agents und interessierte Bürger zu einer Videokonferenz
mit anderen Städten des X-Town-Netzwerks aus allen Kontinenten. Sie tauschen
sich heute über neue gesellschaftliche und
räumliche Entwicklungen aus und diskutieren über zukünftige Herausforderungen.
Dabei wird Folgendes festgehalten: In allen
X-Towns haben sich die Rollen von Staat
und von Bürgern stark verändert. Die gesellschaftliche Entwicklung beruht auf der Entfaltung des Einzelnen, auf einer Befreiung
von Regeln und auf offenen Möglichkeiten
für alle, aber auch auf einer stärkeren Verantwortung des Einzelnen für die Gemeinschaft. Dabei geht es den Städten nicht um
die Schaffung von Konsens und Ausgleich,
sondern um die Freisetzung sozialer Kreativität zum Besten der Gemeinschaft. Bisher
vertikal und zentral organisierte soziale Beziehungen wechseln in einen horizontalen
und dezentralen Modus. Dieser ist geprägt
durch einen enormen Bedeutungszuwachs
des Informellen, also all jener gesellschaftlichen Äußerungen, die jenseits von Erziehung, Regierung und Planung wildwüchsig
entstehen.
Stadträumlich hat dies in den X-Towns zu
einer Vervielfachung des informell nutzbaren Raums geführt. Zwischen den früher
ausschließlichen Kategorien des privaten
und des öffentlichen Raumes sind mannigfaltige Übergangszustände entstanden,
die sich in Einem gleichen: Diese neuen
Raumtypen werden nicht mehr durch Ver-
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Stephanie Haury, Stephan Willinger:
Die informelle Stadt des 21. Jahrhunderts. X-Town 2025 – Ein Szenario
bote definiert, sondern durch Möglichkeiten. Das alte Zweck- und Ordnungsdenken
ist aus ihnen gewichen und so fühlen sich
immer mehr Bewohner aufgefordert, die
sich bietenden Freiräume zu nutzen, sie
sich spielerisch oder auch ganz ernsthaft
zu erschließen und gestaltend anzueignen.
Viele dieser offenen Räume sind nun weit
geöffnet für das Unerwartete und Überraschende.
Das X-Town-Netzwerk beendet seine Konferenz um 22 Uhr mit dem Fazit, dass sich
alle X-Town-Städte seit der Ausrufung der
Sonderzonen im Jahr 2018 zum Positiven
verändert haben, was auch der stetige Anstieg von CRO und IUX bestätigt. Als größte
Aufgabe der kommenden Jahre sehen die
Städte es an, auch bei mittleren und großen Stadtentwicklungsprojekten weiter mit
den Mitbestimmungsregeln zu experimentieren, um allen sozialen Gruppen die Teilhabe an diesen weitreichenden Entscheidungen zu ermöglichen.
Die Stadt-Vision „X-Town 2025“ wurde angeregt durch folgende konzeptionelle Überlegungen und reale Beispielprojekte:
Adhocracy.de/Liquid Democracy e.V.
Altrock, Uwe: Manifest für eine Kultivierung des Vorläufigen. In: Jahrbuch
Stadterneuerung 1998, S. 25 –34
Bundesministerium für Verkehr, Bau und
Stadtentwicklung (Hrsg.): Pontonia.
Republic of Pontown – 30 young visionaries build the city of 2050. 2012
Bremer, Stefanie e.a.: Claiming Land. In:
archplus 173 „Shrinking Cities. Reinventing Urbanism“, 2005, S. 40 ff.
Cotter, Paul e.a.: COW – the udder way. In:
archplus 173 „Shrinking Cities. Reinventing Urbanism“, 2005, S. 36 ff.
Design Council UK: Ones to Watch. The next
generation of great designers
Dissmann, C.: Das „Dornröschenprinzip“.
Beitrag zur Internationalen Konferenz
„Leeres Land und bunte´Stadt? Räumliche
Differenzierung im Zeichen des demografischen Wandels“, 7.– 8. Mai 2009
in Berlin
Gutachterteam StadtNT: Eine Woche im
Quartier.plus. in: BMVBS/BBR (Hrsg.)/
urbanizers (Verf.): Stadtquartiere für Jung
und Alt. Das ExWoSt-Forschungsfeld
„Innovationen für familien- und altengerechte Stadtquartiere“, 2007, S. 33 –3 9
Haury, Stephanie, 2014: Der Mellowpark in
Berlin-Köpenick – eine informelle Nutzung
auf dem Weg ins formelle Leben. Informeller
Urbanismus. Informationen zur Raumentwicklung, Jg. 2014 (2), S. 113 –121
Haushalten Leipzig e.V.
Hasemann, O., Schnier, D., Oßwald, S., Ziehl,
M.: ZwischenZeitZentrale Bremen. Haustüren und Zeitfenster öffnen. In: Second
Hand Spaces. Über das Recyceln von Orten
im städtischen Wandel, 2012, S. 82 ff.
Heinrich-Böll-Stiftung (Hrsg.): Seitenwechsel.
Die Ökonomien des Gemeinsamen
(= böll Thema). 2014
Hidden Borough. Ich nutze das, was Du nicht
siehst. In: stadtaspekte 2/2013, S. 54– 59
Fiedler, Johannes e.a.: Exterritories. In:
archplus 173 „Shrinking Cities. Reinventing Urbanism“, 2005, S. 26 ff.
Jugend.Stadt.Labore des Experimentellen
Wohnungs- und Städtebaus: das PLATZprojekt aus Hannover und der Schwarzmarkt
aus Witten. www.jugend-stadt-labor.de
Flächendatenbank für grüne Zwischennutzungen von Brachflächen in Leipzig, www.freiraum-portal.de, Stadt
Leipzig/Stiftung Bürger für Leipzig
Le Content Agency (Hrsg.): A smart guide to
Utopia. 111 inspiring ideas for a better city.
Paris o.J.
Leerstandsmelder.de
OMA: Planung für Mélun-Senart (voids
als Ausgangspunkte des Entwurfs)
openberlin.org, ein Werkzeug für partizipative
Stadtentwicklung, Selbstverwaltung,
räumliche Transformation und Ideenproduktion
Rauterberg, Hanno: Wir sind die Stadt! Urbanes
Leben in der Digitalmoderne. 2013
Reinventer.paris
Rettich, Stefan: Public on Demand. Das
Erdgeschoss als verlängertes Wohnzimmer
der Stadt. In: Bauwelt 36, 2013, S. 52 ff.
Stadt säen, urbane Initialräume in MünchenFreiham von Agropolis/raumlaborberlin
urbanshit.de: diverse Beispiele für kreative
Projekte aus aller Welt
Willinger, Stephan, 2014: Governance
des Informellen. Informeller Urbanismus. Informationen zur Raumentwicklung, Jg. 2014 (2), S. 147–155
W.I.R.E. (Hrsg.): Die Zukunft ist unser.
Szenarien für den Alltag für Übermorgen. = Abstrakt. Taschenlabor
für Zukunftsfragen Nr. 13, 2014
Z-Punkt GmbH – Büro für Zukunftsgestaltung:
Deutschland und Europa 2020. Ein
Zukunfts-Szenario. In: brand eins 10/2003,
S. 108 –121