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Informationen zur Raumentwicklung Heft 3.2015 233 Die informelle Stadt des 21. Jahrhunderts X-Town 2025 – Ein Szenario Stephanie Haury Stephan Willinger Zielte die Stadtentwicklung des 20. Jahrhunderts auf die Regulierung aller Aktivitäten, so stützt sich die Stadtentwicklung im noch jungen 21. Jahrhundert immer mehr auf die Stärkung und Freisetzung der Selbstorganisationskräfte und der Kreativität der Stadtgesellschaft. Schenkte die Industriegesellschaft der Regelung des Alltags, der Institutionalisierung des Sozialen und der Vermehrung und Sicherung des Eigentums die höchste Aufmerksamkeit, so konzentriert sich die postindustrielle Stadt der Wissensgesellschaft auf die Befreiung von Regeln, den Zugang zu Räumen und Möglichkeiten und die Nutzung von Flächen durch Viele. Das Phänomen der Zwischennutzungen ist dafür ein besonders prägnantes Zeichen, jedoch längst nicht das Einzige. Wie wird sich Stadtplanung in der Zukunft vollziehen? Welche Werte und Grundsätze und welche Akteure werden bei der Gestaltung und Aneignung von Räumen eine Rolle spielen? Wie wird das Verhältnis zwischen Bürgern und Verwaltung aussehen? Im folgenden Szenario für das Jahr 2025 wird deutlich, was es heißt, Planung stärker als Nicht-Planung sowie Nichtwissen und Unschärfe, Improvisation und Loslassen als wichtige Orientierungswerte zu begreifen. In X-Town, einer Stadt mitten in Europa, wurden alte Grundsätze der Planung revidiert und neue Modelle und Instrumente entwickelt, durch die informelle Aktivitäten und ihre Akteure stärker zu Trägern von Stadtentwicklungsprozessen geworden sind. 17. August 2025, X-Town, eine Stadt am Rande des Ruhrgebiets. Heiß steht die Luft in den Straßen. Erst spät am Abend wird es ein bisschen angenehmer werden. Ohne die großen Waldinseln wäre es hier unerträglich. Trotzdem sind auch jetzt, um drei Uhr nachmittags, die Straßen voller Menschen. In allen Erdgeschossen herrscht geschäftiges Treiben. Zwischen Wohn- und Gewerbegebieten, Innenstadt und Vororten breitet sich ein Kontinuum der Lebendigkeit aus, mal dichter, mal lockerer, mal ruhiger, mal wilder. Viele ältere Menschen prägen das Straßenbild, doch auch Kinder und Jugendliche sind in den autofreien Straßenräumen unterwegs. Eine andere Stadt ist das, eine offenere und informellere: eine Stadt, in der die Gemeinschaft zählt. Eine Stadt auch, die sich immer wieder neu definiert. Und das, obwohl die städtebauliche Grundstruktur kaum verändert wurde. Grundlegend geändert hat sich seit noch nicht einmal acht Jahren der Umgang mit den städtischen Räumen in X-Town. Die Vision, die in X-Town umgesetzt wurde, war Ende des 20. Jahrhunderts in Industrieländern Mitteleuropas und Nordamerikas entstanden und an kleinen Beispielprojek- ten erprobt worden. Über lange Zeit wurde das damit verbundene neue Verständnis allerdings nicht als Gesamtstrategie gesehen, sondern als punktuell eingesetztes Hilfsmittel, um Phasen der Krise zu überdauern. So nutzten vor allem stark schrumpfende Städte oder Städte mit großen Industriebrachen die Möglichkeiten des Informellen, ließen Akteure aus dem Kultur- und Kreativbereich einzelne leer stehende Industriehallen umnutzen, die diese Areale für die Stadtbewohner öffneten und daraus neue positiv besetzte Orte machten. Selbst als immer klarer wurde, dass viele Leerstände auch auf längere Sicht nicht mit konventionellen Mitteln zu aktivieren waren, scheuten die Regierungen noch davor zurück, diesen Weg zu einem Leitbild für die Stadtentwicklung zu erheben und systematisch zu verfolgen. Erst recht wurden Probleme wie die Integration von Migranten, die Flächeninanspruchnahme durch den Individualverkehr oder die mangelnde Erneuerung von Wirtschaftsstrukturen nicht mit den Potenzialen des Informellen Urbanismus in Verbindung gebracht. Gleichzeitig wurde schon seit geraumer Zeit der Eindruck immer stärker, dass die Stephanie Haury Referat Stadtentwicklung. Themen u. a. Jugend- und Subkultur, Bottom-Up-Ansätze und Zwischennutzung stephanie.haury@bbr.bund.de Stephan Willinger Referat Stadtentwicklung Themen u. a. Informeller Urbanismus, Partizipation, Planungsstrategien stephan.willinger@bbr.bund.de Bundesinstitut für Bau-, Stadtund Raumforschung (BBSR) im Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR) 234 Stephanie Haury, Stephan Willinger: Die informelle Stadt des 21. Jahrhunderts. X-Town 2025 – Ein Szenario Zivilgesellschaft in den Startlöchern stand. Gärtner, Radfahrer, Kreative, junge Familien und andere Bürger wurden aktiv, versuchten sich an Raumaneignungen oder politischer Mitsprache. Doch auch in diesen Gruppen wurde nicht ernsthaft über umfassende Lösungen diskutiert. Stattdessen verwies man immer weiter auf den Staat, der aber ein klares Signal für den Einstieg in einen Informellen Urbanismus vermissen ließ. Dies änderte sich erst, als die Region um X-Town im Herbst 2018 nach einem Bürgerentscheid zur Sonderzone „Experimentelle Raumnutzung“ erklärt und damit zum Partner im weltweiten Netzwerk von über 100 X-Towns wurde. Dieses Netzwerk besteht aus Städten des globalen Nordens und Südens, die sich hier über ihr ganz unterschiedliches Verständnis eines Informellen Urbanismus und über Instrumente einer zukunftsfähigen Stadtentwicklung austauschen. Lernen die Städte des Nordens von den Erfahrungen des Südens in Bezug auf eine breite Informalisierung des städtischen Lebens, so bringen sie selbst ihr Staatsverständnis im Sinne einer Governance des Informellen in das Netzwerk ein. Unmittelbar nach Ausrufung der Sonderzone wurden in X-Town einige Verordnungen erlassen, Experimentierklauseln in Gesetze eingeführt (z. B. eine Aufhebung der Nutzungstypologie der Baunutzungsverordnung (BauNVO)), einengende Festlegungen in Plänen abgeschwächt, andere Regelungen verschärft und damit insgesamt die Sozialbindung des Eigentums gestärkt. Rasch wurde dann im Rahmen einer umfassenden Strategie eine Reihe neuer Instrumente eingeführt, um die Aneignung von städtischen Räumen durch die Zivilgesellschaft zu erleichtern. Dabei wurde das Eigentum an Grund und Boden nicht grundsätzlich in Frage gestellt. Der Gemeinschaft wurden aber konkrete Gelegenheiten zur Mitbestimmung und für einen leichteren Zugang eingeräumt. Von der Gemeinschaft definierte Ziele werden viel direkter als früher in Anreize zum Handeln übersetzt. Dieser Ansatz fördert selbstbestimmtes zivilgesellschaftliches Engagement und kommt so auch jenen Kommunen entgegen, die sich in schwierigen Finanzsituationen befinden. Sie gewährleisten nur noch die zentralen Infrastrukturangebote während die zivilgesellschaftlichen Träger über ihre Projekte selbst entscheiden. Ein wichtiger Aspekt in X-Town ist die Öffnung von Stadtentwicklungsprozessen für die Kreativität neuer Akteure aus der Zivilgesellschaft. Zwar war dem Titel nach „Kreativität“ schon seit Beginn des Jahrhunderts als Standortfaktor erkannt und so auch Richtschnur vieler Stadtentwicklungskonzepte. Doch wurde diese zumeist nicht bei den Bürgern gesucht, sondern im Umfeld von Künstlern und Medienschaffenden. Nach der Trendwende wird in X-Town nun ein breiteres Verständnis vom kulturellen Kapital einer Stadt verfolgt, das die kreativen Energien und den Pioniergeist beim Quartiersbewohner und beim lokalen Unternehmer sucht. Dies erforderte eine Neuorientierung vor allem auch der institutionellen Akteure: Ämter, Planungsgremien, Stadtbetriebe. Sie alle mussten ihre Stereotype von der passiven Bürgerschaft aufgeben – und ebenso die Macht der alleinigen Steuerung des Gemeinwesens. Für seine Mitwirkung in der Stadtgesellschaft steht jedem einzelnen Bürger von X-Town nun deutlich mehr Zeit für Engagement und Selbstentfaltung zur Verfügung als früher. Das beginnt schon in der Kindheit: Der Unterricht in den Schulen wurde auf ein Minimum verringert, die Anwesenheitspflicht nahezu vollständig aufgehoben. Dafür schwärmen junge Menschen jeden Morgen in die Stadtviertel aus, betätigen sich dort ganz praktisch und lernen im und am Alltag. In Unternehmen und Läden, in Gemeinschaftsräumen und Wohnungen treffen sie auf X-Coachs, die als Ansprechpartner fungieren, ihnen auf der Suche nach sinnvollen Einsatzfeldern weiterhelfen und die vielen entstehenden Projekte und Ideen bündeln und koordinieren. Aus Do-it-yourself-Projekten sind auf diese Weise schon vielfältige dezentrale Lernorte entstanden, an denen Fachleute ihr Wissen weitergeben und gemeinsam mit Interessierten weiterentwickeln. Diese Lernorte entstehen z. B. in gemeinschaftlich orientierten Projekten wie Allmenden oder Lernbauernhöfen. Aber auch unternehmerische Projekte wie ein Bioladen oder ein Marktforschungsinstitut sind geeignete Lernorte für Kinder und Jugendliche. Die Schüler von X-Town erwerben ihre Kompetenzen über das Mitwirken in den Projekten beiläufig und immer in Verbindung mit realen Anwendungen. Der Rest des Lernens läuft über das Internet – und auch hier ermöglicht die mediale Ver- Informationen zur Raumentwicklung Heft 3.2015 netzung, dass Austausch und Interaktion mittlerweile eine größere Rolle spielen als das Reproduzieren eines Lern-Kanons. Auf mobilen Geräten und in den auf die Stadt verteilten Lernoasen bestehen vielfältige Möglichkeiten für vertiefende Recherchen. Bildung ist mehr und mehr zu einer Sache Aller geworden, von Jung und Alt, verteilt über die ganze Stadt. Vermittelt werden bereits ganz früh die wichtigen Werte von X-Town: Verbundenheit mit der Gemeinschaft, Netzwerkfähigkeit, Lernintelligenz und Kreativität. Viele weitere Maßnahmen in unterschiedlichen Handlungsfeldern der Stadtentwicklung haben dazu geführt, dass sich das Leben und die Verfügbarkeit von städtischem Raum in X-Town grundlegend verändert haben. Dies betrifft u.a. die Beschränkung des motorisierten Individualverkehrs, die Einrichtung von dezentralen E-Mobilitätsstationen, Mitnutzungs- und Tauschzentralen für Wohnungen, Fahrzeuge und Werkzeuge, aber auch die Nutzung der Digitalisierung des täglichen Lebens für eine stärkere politische Teilhabe und neue Demokratiemodelle. Leerstand beleben: Reviver entwickeln Nutzungen Die Stadtentwicklung in X-Town profitiert und lebt von den Bewohnern, die in den letzten Jahren eine immer stärker werdende Community aufgebaut und eine Vielzahl gelebter Alternativen zur früheren Stadtentwicklung entwickelt haben. Damit hat sich eine Veränderung der Stadtgesellschaft vollzogen und es sind – ausgelöst durch einen neuen Umgang mit dem städtischen Raum – andere Lebens- und Arbeitsformen entstanden. Sichtbare Zeichen sind solidarische Ökonomien und neue Finanzierungsmodelle, die zivilgesellschaftlichen Gruppen die Möglichkeit zu eigenen Investitionen geben. Grundlegende ökonomische Prinzipien wie Gegenseitigkeit und Subsistenz wurden (wieder)entdeckt. Und viele Menschen öffnen ihr Eigentum auch für andere und erlauben den freien Zugang zu Raum, Informationen, Musik, Filmen und Infrastrukturen. Tauschbörsen und Regionalhandel verwandeln das Alltagsleben. Wichtigstes neues Prinzip ist aber, dass die Menschen sich gegenseitig helfen und un- 235 terstützen, soweit es dem Einzelnen jeweils möglich ist. Was bedeutet das für den Umgang mit Raum? Das Verständnis von Eigentum hat sich gewandelt und man nimmt den Grundsatz, dass „Eigentum verpflichtet“ und dass jeder Bewohner eine soziale Verantwortung hat, sehr ernst. Darum wurde die Sozialpflichtigkeit des Eigentums in städtebaulicher Hinsicht z. B. durch den neuen „Revive-Paragraphen“ (BauGB, Besonderes Städtebaurecht, Städtebauliche Gebote, § 176b: Öffnungsgebot) konkretisiert: Stehen Gebäude oder Grundstücke mehr als drei Monate leer oder befinden sie sich in einem verwahrlosten Zustand, so können sie von „Revivern“ okkupiert werden. Alle Interessenten können sich auf einer Internet-Plattform registrieren und über das von der Community selbst gepflegte ReviveKataster für die Nutzung einer Fläche bewerben. Erhalten sie den Zuschlag, so sind sie legitime Zwischennutzer. Eine besondere Form des Revivements sind die Cross-Age-WGs, in denen Senioren ihre zu groß gewordenen Immobilien mit Interessenten teilen. Entgegen der ursprünglichen Erwartungen, wird die Aufnahme mindergenutzter Wohnungen in das Revive-Kataster von den meisten Senioren durchaus positiv interpretiert. Sie haben erkannt, dass die Öffnung von Teilen ihrer Wohnungen für andere Nutzer auch ihr Leben an andere (jüngere) soziale Gruppen anschließen kann. So entstanden aus dieser Verpflichtung schnell generationenübergreifende Raumnutzungen – mit ganz unterschiedlichen Facetten. Denn die Senioren haben die Chance, über die Angabe ihrer Fähigkeiten und Bedürftigkeiten auf der Internetplattform genau passende Mitbewohner zu finden. So zieht bei der Ziehharmonika-Spielerin eine Folk-Band ein, beim pensionierten Schreiner eine Designer-Gruppe und beim Gehbehinderten ein passionierter Jogger, der beim Training den Rollstuhl gleich mitschiebt. Die Einschränkung des Eigentumsrechts hat in X-Town also viel bewegt: Eigentümer übernehmen seither mehr Verantwortung für ihre Immobilien und investieren mehr in die Sanierung. Dies hat auch die lokale Bauwirtschaft angekurbelt. Zudem ist es in X-Town viel einfacher geworden, Leer- 236 Stephanie Haury, Stephan Willinger: Die informelle Stadt des 21. Jahrhunderts X-Town 2025 – Ein Szenario X-Town 2025 – Die informelle Stadt des 21. Jahrhunderts Quelle: Stephan Willinger/Stephanie Haury Informationen zur Raumentwicklung Heft 3.2015 237 238 Stephanie Haury, Stephan Willinger: Die informelle Stadt des 21. Jahrhunderts. X-Town 2025 – Ein Szenario stände zwischen zu nutzen. Dadurch hat vor allem die soziokulturelle Szene einen Aufschwung erhalten und es gibt nun viele Kulturveranstaltungen in Leerständen und auf Brachen. Kostengünstiger Wohnraum entsteht z. B. für Studenten, da in den Leerständen auch temporäres Wohnen ermöglicht wird. Diese neue Sichtweise auf städtischen Raum erfordert auch ein neues Planungsverständnis: die klassische Stadterneuerung hätte die ungeordneten Zwischenräume überplant und möglichst rasch einer neuen Verwertung zugeführt. Selbst angesichts fortschreitenden Klimawandels war das mühsam erkämpfte Leitbild der Innenentwicklung zu stark, um Leerräume freizuhalten und für Nutzungsexperimente und gemeinschaftliche Ansätze zu reservieren. Erst das in X-Town angewendete „Dornröschen-Prinzip“ erlaubt es nun vielen „Prinzen“, diese leeren Räume durch kreative Aneignungen „wach zu küssen“. Im leeren Zentrum: neue Räume für die Gemeinschaft Solche freien Räume gibt es nicht mehr nur in einigen schrumpfenden Städten, sie sind ein Phänomen, das seit ein paar Jahren auch in prosperierenden Städten das Bild prägt. Denn im Jahr 2015 hatte ein rasanter Strukturwandel in den Innenstädten begonnen: nach der Veröffentlichung einer Studie über die absehbaren Auswirkungen des Online-Handels war das Vertrauen der Banken in den innerstädtischen Einzelhandel endgültig geschwunden. Die Geldhähne wurden zugedreht … und wie beim Domino kippte ein Filialist nach dem anderen in die Pleite. Selbst in Nebenzentren standen schon nach wenigen Monaten mehr als die Hälfte aller Ladenlokale leer. Eigentümer und Stadtplaner suchten noch eine Zeit lang nach Lösungen, ohne sich eingestehen zu wollen, dass traditionelle Lösungen, die die eine rentable Lösung durch eine andere ersetzten, nicht mehr zu finden waren. Dies war auch in X-Town nicht anders. Erst die Wende drei Jahre später ermöglichte einen grundsätzlichen Wandel, der neue Ideen für die Innenstadt zuließ. Den Durchbruch ermöglichte schließlich eine Austauschveranstaltung des X-Town- Netzwerks in den USA, wo vor dem Hintergrund brachgefallener Shopping-Center in einer laborähnlichen Situation das neuartige Prinzip eines „Community Improvement Districts“ (CID) erprobt worden war. Schnell wurde auch die Innenstadt von X-Town als CID gewidmet, in dem leerstehende Großimmobilien von der Kommune übernommen wurden und die Eigentümer sich auf gemeinsame Leitlinien einigten. Bestehende planungsrechtliche Festlegungen wurden aufgehoben und so entstand ein vollkommen entwicklungsoffener Bereich, indem nur eine Regel gilt: Alle Umnutzungsprojekte müssen zumindest in der Erdgeschosszone einen gemeinschaftlichen Ansatz aufweisen. Der Bau gemeinschaftlich nutzbarer Küchen, offener Werkstätten, von Spielräumen und Co-Working Spaces und anderen Gemeinschafsträumen wird aus einem Community-Fonds gefördert. Alles kann hier geteilt werden. Und das Faszinierende an dem sich ausbreitenden Sharing ist die damit verbundene Veränderung der gesamten Lebensweise: Der Mensch rückte wieder in den Mittelpunkt. Um Dinge oder Dienstleistungen zu teilen, muss man miteinander kommunizieren und interagieren. Zudem geht der Austausch von Dingen meist mit ökonomischen und ökologischen Vorteilen einher. Die meisten Menschen begannen zu teilen, weil sie einen ökonomischen Vorteil sahen. Dann aber machten viele die Erfahrung, dass der Wert des Teilens weit darüber hinausgeht: Das Soziale daran erzeugt Verbundenheit, macht Freude und stiftet Sinn. Weil es bisherige Umgangsformen in Wirtschaft und Gesellschaft radikal verändert, ist dieses Teilen nicht zuletzt auch ein politischer Akt – ohne sich im traditionellen Parteienspektrum einordnen zu lassen. Geld verliert an Wichtigkeit, und statt des üblichen Misstrauens entsteht Vertrauen. So hat sich vom CID aus in X-Town eine neue Kultur des Teilens herausgebildet, die die sozialen Medien, die technischen und partizipativen Möglichkeiten des Web 2.0 und die ubiquitäre Verbreitung von Smartphones nutzt, sich vor Ort aber ganz untechnisch im Austausch von Gegenständen und Kompetenzen äußert – vom Bügeleisen bis zum Tanzkurs. Und die so entstandenen Orte bieten nicht nur die Gelegenheit zum Treffen und zum Austausch. Ebenso wichtig ist, dass sie durch ihre Offenheit zivilgesellschaftliches Informationen zur Raumentwicklung Heft 3.2015 Engagement und Experimente abseits oder in Ergänzung zu den traditionellen Versorgungsstrukturen zulassen. So ergibt sich eine Verknüpfung mit produktiven Tätigkeiten, durch die sich Konsumenten zu Produzenten entwickeln, die Waren herstellen, reparieren oder transformieren. Vom Verbraucher werden sie zum Instandhalter, Designer, Dienstleister, Vermittler. So sind diese Räume zu Katalysatoren einer neuen Stadtgesellschaft geworden. Und was am Ende der konsum- und wachstumshungrigen Phase des lautstarken City-Marketings Ende des 20. Jahrhunderts kaum vorstellbar erschien: Die leeren Ladenlokale und Kaufhäuser in X-Town beginnen, sich zum neuen Standortfaktor zu mausern. In recht kurzer Zeit ist die Innenstadt wieder ein beliebter und belebter Teil der Stadt geworden. Der innerstädtische Einzelhandel hat seine Struktur stark verändert, es gibt mehr inhabergeführte Geschäfte und Handwerksbetriebe, die von dem dynamischen Umfeld profitieren. Und durch die gemeinschaftlichen Angebote ist die Innenstadt auch wieder zu einem attraktiven Wohnstandort geworden. Optionsräume in Neubauten und Neubaugebieten Im Rahmen der Gesamtstrategie hat sich in X-Town auch das Bauordnungsamt eine Selbstbeschränkung auferlegt. Die Rolle der Stadt geht immer mehr in Richtung Mediation und bewegt sich weg von Regeln und Dogmen, hin zur diskursiven Behandlung von Einzelfällen und der Vorgabe, diese im Sinne der zivilgesellschaftlichen Akteure zu lösen. Die Mitarbeiter des Amtes tragen deshalb plakative T-Shirts mit dem neuen Slogan des Amtes: „O.k., why not!“ Wenn ein neues Gebäude entstehen soll, so befindet ein per Losentscheid besetzter, halbjährlich wechselnder Gestaltungsrat, der im Verhältnis 2:1 aus Nachbarn und Fachleuten besteht, über die finale Erlaubnis. Auf Basis eines neu eingeführten Bonussystems haben Bauherren Anrecht auf eine verminderte Grundsteuer, wenn sie in ihren Gebäuden sogenannte Optionsräume vorsehen, die für die informelle Aneignung durch andere Bewohner X-Towns offenstehen. Die Höhe der Boni ist abhängig von Umfang und Qualität der bereitgestellten 239 Optionsräume. Was für Optionen eröffnet werden, bleibt dem Einfallsreichtum der Bauherren überlassen; die Möglichkeiten reichen von der Öffnung des eigenen Gartens an bestimmten Tagen über die Nutzbarmachung kleiner Freiflächen für Kinderspiel, die Überlassung von Dachterrassen für Urban Gardening oder die Bereitstellung von Ladestationen für E-Autos und Mobiltelefone bis hin zur Einrichtung eines Gästezimmers für kostenfreies Couchsurfing. Die Angebote werden eingespeist in das vive-Modul (für Neubauten) des Revive-Katasters, über das sie für alle Bewohner zugänglich sind. Bei der Einrichtung des Optionsraum-Systems hat sich X-Town vom bestehenden System der Ausgleichsund Ersatzmaßnahmen im BauGB inspirieren lassen. Nun werden nicht mehr nur die durch Neubauten verursachten Eingriffe in Natur und Umwelt, sondern auch der damit verbundene Verlust an freien Räumen gemessen und ausgeglichen. Das Bonussystem hat seither schon viele Hausbesitzer dazu veranlasst, ihre Immobilie mit anderen zu teilen oder neue Angebote für das Quartier zu schaffen. In größeren Neubaugebieten wird ein ähnliches Modell umgesetzt. Von Beginn an bilden Optionsräume unterschiedlichen Maßstabs die Grundlage der Planung und überlagern so die städtebauliche Struktur mit einem System aus gemeinschaftlich nutzbaren Räumen. Sie bilden die physische und stadtgesellschaftliche Grundlage, die dann nach und nach durch Wohn- und Arbeitsstandorte sowie Gemeinschaftseinrichtungen ergänzt wird. So prägen informelle Nutzungen von Anfang an den Charakter neuer Stadtteile, die hierdurch vor zu starker Einheitlichkeit gefeit sind. Die Orte mit ihren offenen Nutzungen bieten Anlässe für soziale Kontakte und Gemeinschaftsbildung. Die hieraus entstehenden neuen zivilgesellschaftlichen Gruppen übernehmen Verantwortung für die Entwicklung der Nachbarschaft und im Gestaltungsrat sowie über die Entwicklung eigener Projekte zunehmend auch Steuerungsaufgaben. Planung als Nicht-Planung: Just do it! Während Bauleitpläne in X-Town inzwischen kaum noch Bedeutung haben, spielen weichere Instrumente eine große Rolle. 240 Stephanie Haury, Stephan Willinger: Die informelle Stadt des 21. Jahrhunderts. X-Town 2025 – Ein Szenario Nicht eine naiv verstandene Funktionalität oder Konfliktarmut entscheidet darüber, wie lebendig oder attraktiv ein Viertel ist. Der Philosophie von X-Town entsprechend übt sich die Planung daher in Zurückhaltung und versucht, das Unbestimmte zu erhalten und offene Räume zu schützen, weil in ihnen die Grundlage zivilgesellschaftlicher Initiative gesehen wird. Fast kann man nicht mehr von einer hoheitlichen Planung sprechen, denn viele Nutzungen in X-Town sind ja ständig in Bewegung. Eher sind es Kraftfelder, die entstehen, wachsen, sich verändern, an andere Orte wandern. Da die Eignung von Räumen für bestimmte Nutzungen stark mit ihrer Nachbarschaft zusammenhängt, dient die Darstellung in Planwerken weniger einer Festlegung für die Zukunft als der Erschließung der Gegenwart. In X-Town haben sich die Planungspraxis und die Rolle der Stadtplanung völlig geändert: Die Verantwortlichen in der Stadtverwaltung regeln und planen nicht mehr. Ihre Aufgabe ist es, Möglichkeiten und Potenziale für lebendigere Raumnutzungen in der Stadt zu identifizieren. Diese stellen sie in verschiedenen Eignungsplänen mit Potenzialflächen dar, die nach dem Open Source-Prinzip mit den Bewohnern von X-Town zusammen erarbeitet werden. Diese aktuellen Informationen geben einen Überblick über die Nutzbarkeit und die soziale Situation von Räumen, was die Möglichkeit der Raumaneignung verbessert. Viele Nutzungswünsche gerade von jüngeren und älteren Bewohnern beziehen sich auf einen konkreten Block oder ein Quartier. Hier hilft die App mit einem Augmented Reality-Modul, das die reale Situation vor Ort mit Nutzungspotenzialen überlagert und wichtige Zusatzinformationen bereitstellt. Diese neuen Möglichkeiten haben in X-Town zu einer starken Nutzungskonzentration und Flächeneinsparung geführt und außerdem die Unterhaltungskosten von Gebäuden gesenkt. Entscheidend für die Nutzbarkeit von Flächen ist aber, dass über die Just do it-App auch nach Gleichgesinnten für ein Projekt gesucht werden kann. Die App verfügt daher über eine Schnittstelle zum Vive/Revive-Kataster mit seinen vielfältigen Informationen über offene Räume, zivilgesellschaftliche Gruppen und ihre Aktivitäten im Raum. Die unproblematische Kontaktaufnahme über Videochat erlaubt einen unmittelbaren Abgleich von Interessen mit anderen engagierten Akteuren. So sind vor allem auch informelle Aushandlungsprozesse beherrschende Elemente, die die Garantie dafür bilden, dass die vielen unterschiedlichen sozialen Gruppen in X-Town ihre Flächenansprüche möglichst konfliktfrei umsetzen können. Die Nutzung von Flächen wird von der Stadtverwaltung also nicht mehr über langwierige Genehmigungsverfahren geregelt und beschieden. In der Vergangenheit hatte sich gezeigt, dass dieser Weg zu zeitintensiv ist und nicht flexibel genug auf die Bedürfnisse der zivilgesellschaftlichen Akteure reagieren kann. Aus diesem Grund ließ die Stadt über eine Programmierer-Gemeinschaft die App „Just do it“ entwickeln. Jeder Bürger, der an einer Flächennutzung interessiert ist, kann über die App schnell und einfach eine Auswahl an Grundstücken finden. Im Gegensatz zu früher, kann er einen Zeitrahmen angeben, den er für die Flächennutzung benötigt und zusätzlich auch, ob eine Mehrfachnutzung möglich ist. Eine Mehrfachnutzung kann sich z. B. auf die Nutzung von Stellplätzen mit Time Slots beziehen oder auch auf die Umwandlung von Flächen (morgens Schule oder Büro, abends Sportflächen, Disko oder Bandproberäume etc.). Etwa zeitgleich mit dem Paradigmenwechsel in X-Town hatte die EU ein neues städtisches Leitbild veröffentlicht, das die Priorität von Lebensqualität, Persönlichkeitsentfaltung und Gesundheit vor Wachstum und materiellem Wohlstand formulierte. Darin wird Entwicklung von Wachstum getrennt und eine integrative Sicht auf Stadtentwicklung umgesetzt, in der der soziale Wohlstand zum Hauptziel erklärt und durch eine Reihe von Kriterien messbar gemacht wurde. So gilt nun der verfügbare informell aneigenbare Raum je Einwohner, die creativity ratio one (CRO) als zentrale Maßeinheit für die Erreichung dieser Ziele. Ein hoher CRO signalisiert, dass der Stadtgesellschaft viel nutzbarer Freiraum zur Verfügung steht, was nach mehreren wissenschaftlichen Studien unmittelbare Auswirkungen auf das persönliche Wohlbefinden und auf eine nachhaltige Stadtentwicklung hat. Mit der Rückende- Informalität wertschätzen: der Informelle-Urbanitäts-Index und die creativity ratio one Informationen zur Raumentwicklung Heft 3.2015 ckung durch dieses Leitbild konnten die in X-Town ergriffenen Maßnahmen zu einer Gesamtstrategie zusammengefasst werden. X-Town belegt seit der Einführung des CRO bei entsprechenden Rankings immer Spitzenplätze. Die Stadt stellt so ihre Attraktivität im internationalen Maßstab unter Beweis. Ein weiterer Maßstab für die Zielerreichung in X-Town ist der Informelle-UrbanitätsIndex IUX. Er misst die Lebendigkeit eines Stadtviertels anhand der Anzahl der realisierten Projekte des Informellen Urbanismus. Die Stadtverwaltung von X-Town erstellt den IUX in Zusammenarbeit mit Bewohnern, Projektinitiatoren und anderen kreativen Akteuren. Der IUX funktioniert nach dem Open Source-Prinzip: Neue und bestehende Projekte des Informellen Urbanismus, ihre Projektträger, Nutzer, Räume und Angebote, sind auf der Vive/RevivePlattform dargestellt. Im Hintergrund der Webseite arbeitet ein Algorithmus, fabriziert Projektstatistiken und generiert ständig den aktuellen Stand des Indexes. Jedes zivilgesellschaftliche Projekt ist den Distrikten von X-Town zugeordnet und wird von dem entsprechenden Gebiets-Sachbearbeiter, dem X-Agent, fachkundig betreut. Die Projektakteure können die Qualität der Betreuung, die sie durch ihren X-Agent erhalten, auf der Webseite bewerten und kommentieren. Gleichzeitig kann der X-Agent die Qualität der Projekte bewerten und ihre jeweilige Bedeutung für X-Town herausstellen. Der X-Agent erhält eine monatliche Leistungszulage entsprechend der Höhe des IUX in seinem Gebiet. Parallel dazu zeichnet die Verwaltung von X-Town laufend den XAgent des Monats mit einem Preis aus. Auch der IUX ist nach seiner Einführung schnell zu einem wichtigen Markenzeichen von X-Town geworden, das Vergleiche zwischen Stadtteilen ermöglicht, und wie der CRO auch über die Stadtgrenzen hinaus zur Wahrnehmung der Lebensqualität in X-Town beiträgt. Mittlerweile orientieren sich Alte und Junge, Familien und Kreative bei der Wahl ihres Wohnstandorts an der Höhe des Indexes. Auch viele Unternehmen suchen Standorte mit hohem IUX, weil die dynamische Atmosphäre, der Austausch verschiedener Gruppen und das intensive soziale Leben dieser Viertel ihre Innovationskraft stärkt. 241 Viele andere Städte haben inzwischen den IUX übernommen, sodass Rankings bis hin zu internationalen Vergleichen möglich sind. Die Auszeichnung des IUX mit dem „Goldenen Elefanten“, dem Innovationspreis des X-Town-Netzwerks im Jahr 2020, unterstrich die Bedeutung dieses Instruments für die informelle Stadtentwicklung zusätzlich. Für die Stadtverwaltung von XTown geht der Nutzen des IUX weit über die Leistungsmessung ihrer Mitarbeiter hinaus. Er bietet die Möglichkeit, Stadtteile zu identifizieren, die bislang noch einen niedrigen IUX haben und somit wenig Gelegenheiten bieten zur Aneignung, zur Nutzungsintensivierung und zum sozialen Austausch. In diesen Gebieten können nun gezielt die Instrumente eingesetzt, Investitionen gelenkt und flächenbezogene Aktivitäten gestartet werden. Nach einer Neuorganisation und Bündelung von Stadtplanung, Bauordnung und Liegenschaftsverwaltung werden gerade in solchen Entwicklungsbereichen Gebäude strategisch geöffnet und weitere Liegenschaften planerisch im Sinne des Informellen Urbanismus gesichert. Die Vergabe städtischer Grundstücke und Gebäude ist fest an die Qualität der vorgelegten Konzepte und deren zu erwartenden Auswirkungen auf die informelle Nutzbarkeit geknüpft. Beim Verkauf privater Grundstücke wird regelmäßig das Vorkaufsrecht der Kommune ausgeübt. Wer steuert? Liquid democracy Die räumliche Entwicklung in X-Town vollzieht sich zum einen durch die informellen Aktivitäten zivilgesellschaftlicher Gruppen, die sich mehr oder weniger spontan Räume aneignen, umnutzen und wieder verlassen, sobald ihre Ansprüche sich ändern. Diese Entscheidungsform könnte man do-ocracy nennen, also die Herrschaft derjenigen, die eine Sache in die Hand nehmen und umsetzen. Die Steuerung dieser Aktivitäten erfolgt nicht mehr durch eine übergeordnete Instanz per Satzung oder Genehmigung. Stattdessen wird durch maximale Transparenz und einen stetigen Kommunikationsfluss gewährleistet, dass Nutzungskonkurrenzen diskutiert und verhandelt werden können und Lösungen nicht einseitig bestimmte Gruppen benachteiligen. 242 Stephanie Haury, Stephan Willinger: Die informelle Stadt des 21. Jahrhunderts. X-Town 2025 – Ein Szenario Jenseits dieser spontanen Ebene, auf der – dem neuen Leitbild entsprechend – Dynamik und Vielfalt im Dienste der Gemeinschaft die Hauptziele sind, werden auch dauerhaftere Projekte kollaborativ entworfen und umgesetzt. Ein wichtiges Instrument dabei ist die gemeinschaftliche Projektentwicklung auf der offenen Plattform X-liquid. Hier können zivilgesellschaftliche Akteure Vorschläge online einreichen. Diese werden zur Diskussion freigegeben, wenn genügend andere Nutzer die Initiative unterstützen. Es können Anregungen formuliert und Gegeninitiativen entwickelt werden. Die Plattform dient aber z. B. auch der Bildung von Baugemeinschaften. Wenn eine Initiative in der anschließenden Abstimmung eine bestimmte Stimmenzahl erhält, erreicht das Projekt die nächste Stufe auf der dann die Machbarkeit und die Finanzierung geklärt werden. Zu diesem Zeitpunkt werden die Stadtplaner, die X-Agents, aktiv übernehmen ihre Aufgabe als Mediatoren, die bei der Standortsuche und der weiteren Projektentwicklung unterstützen. Natürlich gibt es weiterhin auch in X-Town größere Projekte, über deren Zulässigkeit dann aufgrund ihrer weitreichenden Auswirkungen auf andere Weise entschieden werden muss. Auch hierbei übernimmt die Zivilgesellschaft umfassende Verantwortung. Deshalb wurden zwei grundlegend neue Verfahrensweisen festgelegt: Zum einen müssen sich alle größeren Projekte im Vorfeld einer offenen Diskussion auf Xliquid und vor dem Gestaltungsrat stellen. Zum anderen dürfen sie nie als Gesamtlösung vorgebracht werden, sondern immer nur in überschaubaren Einzelbausteinen, in Phasen und mit einer möglichst großen Offenheit für die Mitwirkung anderer Gruppen und für Anschlussprojekte. Das erste Element stellt sicher, dass alternative Ansätze und konkurrierende Ideen eine Chance bekommen. Mit dem zweiten wird gewährleistet, dass keine unerwünschten Sachzwänge entstehen und entsprechend der Planungsphilosophie von X-Town das inkrementelle Vorgehen auch den Ausstieg ermöglicht. Sind beide Bedingungen erfüllt, so wird auch in X-Town über die Zulässigkeit größerer Bauvorhaben, von Wohnsiedlungen, Gewerbeansiedlungen oder Logistikstandorten entschieden. Dafür wurde ein Mo- dell entwickelt, das sich an den Prinzipien der liquid democracy oder adhocracy orientiert, größtmögliche Transparenz verspricht, ein schnelles Meinungsbild und eine umfassende Einschätzung über die Notwendigkeit von Projekten ermöglicht. Die neuen Entscheidungsformen in X-Town sind daher Mischformen aus repräsentativer und direkter Demokratie. In X-Town geht es nicht darum, einfach mehr direktdemokratische Elemente – etwa durch Volksabstimmungen – zu etablieren. Ziel ist es vielmehr, die demokratische Teilhabe zu erhöhen, also möglichst viele Menschen am stadtentwicklungspolitischen Prozess zu beteiligen – ohne sie zu überfordern oder die Stadt Populisten anheimfallen zu lassen. So wurden mehrere Versuche unternommen, um die Entscheidungswege in diesem Sinne zu „verflüssigen“. Um bereits in der Phase Null einer Projektentwicklung Vorschläge von Bürgern, vor allem aber von zivilgesellschaftlichen Initiativen aufnehmen zu können, haben diese nun das Recht, formelle Anfragen an die Verwaltung zu richten und sogar konkrete Planungsvorschläge einzubringen, wenn sie dafür genügend Unterstützer auf X-liquid finden. Bei grundlegenden Fragen der Stadtentwicklung, bei Haushaltsberatungen sowie bei Entscheidungen über mittlere und größere Projekte steht jedem Einwohner über zwölf Jahren eine Stimme zu. Dabei gilt das delegated voting, bei dem eine Übertragung von Stimmen zugelassen ist. Bürger können also entweder selbst an Ratsentscheidungen teilnehmen oder ihre Stimme kurzzeitig und themenbezogen an andere Bürger delegieren – weil sie ihnen vertrauen, ihnen Sachverstand oder eine ähnliche Einstellung unterstellen. Noch vor wenigen Jahren wäre ein derart flexibles Abstimmsystem zu komplex gewesen, um es praktisch umzusetzen. Mit der Weiterentwicklung der Informationstechnologie ist es heute möglich, auf diese Weise große Gruppen von Menschen direkt an Debatten zu beteiligen. Wer zahlt? Kreativitäts-Fonds und Crowdfunding Immer mehr Menschen in X-Town wollen sich aktiv an der Mitgestaltung ihrer Stadt beteiligen und dabei nicht auf die Initiative der Stadt warten. Aufgrund akuter Finanzknappheit der Kommune im zweiten Jahr- Informationen zur Raumentwicklung Heft 3.2015 zehnt des 21. Jahrhunderts, waren bereits damals neue Trägerschaften und Finanzierungsinstrumente für Stadtentwicklungsprojekte erprobt worden. Diese erfuhren seit 2018 einen zusätzlichen Impuls, da die Stadtverwaltung ihnen die Stadt sozusagen zu Füßen legte, verbunden allerdings mit dem Wunsch, nun auch finanziell für Bibliotheken, Schwimmbäder und andere ehemals öffentliche Einrichtungen aufzukommen. Schnell mussten daher Wege gefunden werden, um diese Verantwortung anzunehmen. Dabei konnte man sich an Vorbildern aus dem Kulturbereich orientieren, wo sich schon seit den 2000er Jahren Fans finanziell an Aufnahmen oder Ausstellungen von Bands und Künstlern beteiligten. Die Finanzierung eines Projekts durch viele Menschen – die crowd – wurde als Lösung auf zivilgesellschaftliche Stadtentwicklungsprojekte übertragen. Dieses urban crowdfunding ermöglicht mittlerweile nicht mehr nur Mikroprojekte, sondern ebenso Gutachten und Machbarkeitsstudien für städtebauliche Großprojekte. Basis für diese selbstorganisierte Form der Projektentwicklung und Finanzierung ist in X-Town die Xliquid-Plattform, eine Online-Plattform, auf der Projektideen vorgestellt werden. Über die dort stattfindende Diskussion und kollaborative Weiterentwicklung hinaus kann über die Plattform auch versucht werden, eine im Vorfeld definierte Mindestsumme zu generieren, mit der ein Projekt dann realisiert werden kann. Eine Vielzahl weiterer Modelle für einer gemeinschaftlichen Finanzierung von Stadtentwicklungsprojekten wird derzeit in X-Town erprobt. Viele der Gemeinschaftsprojekte entstehen über crowdinvesting-Modelle. Für langfristige Projekte, wie den Betrieb sozialer Infrastruktur, werden Bürgerstiftungen aktiv, die in der Lage sind, größere Flächen anzukaufen und an kreative Nutzer weiterzugeben. Auch die Stadtverwaltung von X-Town nutzt für Projekte in öffentlicher Hand (Feuerwehr, Rettungswesen) das Instrument des crowdlending und macht Bürger damit zu direkten Miteigentümern städtischer Infrastrukturen. Über eine Bündelung staatlicher Förderprogramme und Mittel aus dem X-TownProgramm der Unesco hat die Kommune außerdem einen Kreativitäts-Fonds aufgelegt, mit dem besonders einfallsreiche Pro- 243 jektideen unterstützt werden. Diese werden schwerpunktmäßig zur Reaktivierung der leer stehenden Einfamilienhäuser in den suburbanen Gebieten um X-Town eingesetzt. Zugang vor Eigentum, Gemeinsinn durch Selbstverwirklichung Der Abend senkt sich auf die Dächer von X-Town. Rot leuchten die letzten Strahlen der Sonne am Horizont und spiegeln sich in den Solarpanelen der Dachlandschaft. In anderen Städten schaltet sich nun die permanente Straßenbeleuchtung ein. Nicht so in X-Town, dessen mit Bewegungsmeldern versehene Straßenbeleuchtung nur bei Bedarf aufscheint. Im Erdgeschoss eines ehemaligen Kaufhauses im Zentrum treffen sich gerade Stadtpolitiker, X-Agents und interessierte Bürger zu einer Videokonferenz mit anderen Städten des X-Town-Netzwerks aus allen Kontinenten. Sie tauschen sich heute über neue gesellschaftliche und räumliche Entwicklungen aus und diskutieren über zukünftige Herausforderungen. Dabei wird Folgendes festgehalten: In allen X-Towns haben sich die Rollen von Staat und von Bürgern stark verändert. Die gesellschaftliche Entwicklung beruht auf der Entfaltung des Einzelnen, auf einer Befreiung von Regeln und auf offenen Möglichkeiten für alle, aber auch auf einer stärkeren Verantwortung des Einzelnen für die Gemeinschaft. Dabei geht es den Städten nicht um die Schaffung von Konsens und Ausgleich, sondern um die Freisetzung sozialer Kreativität zum Besten der Gemeinschaft. Bisher vertikal und zentral organisierte soziale Beziehungen wechseln in einen horizontalen und dezentralen Modus. Dieser ist geprägt durch einen enormen Bedeutungszuwachs des Informellen, also all jener gesellschaftlichen Äußerungen, die jenseits von Erziehung, Regierung und Planung wildwüchsig entstehen. Stadträumlich hat dies in den X-Towns zu einer Vervielfachung des informell nutzbaren Raums geführt. Zwischen den früher ausschließlichen Kategorien des privaten und des öffentlichen Raumes sind mannigfaltige Übergangszustände entstanden, die sich in Einem gleichen: Diese neuen Raumtypen werden nicht mehr durch Ver- 244 Stephanie Haury, Stephan Willinger: Die informelle Stadt des 21. Jahrhunderts. X-Town 2025 – Ein Szenario bote definiert, sondern durch Möglichkeiten. Das alte Zweck- und Ordnungsdenken ist aus ihnen gewichen und so fühlen sich immer mehr Bewohner aufgefordert, die sich bietenden Freiräume zu nutzen, sie sich spielerisch oder auch ganz ernsthaft zu erschließen und gestaltend anzueignen. Viele dieser offenen Räume sind nun weit geöffnet für das Unerwartete und Überraschende. Das X-Town-Netzwerk beendet seine Konferenz um 22 Uhr mit dem Fazit, dass sich alle X-Town-Städte seit der Ausrufung der Sonderzonen im Jahr 2018 zum Positiven verändert haben, was auch der stetige Anstieg von CRO und IUX bestätigt. Als größte Aufgabe der kommenden Jahre sehen die Städte es an, auch bei mittleren und großen Stadtentwicklungsprojekten weiter mit den Mitbestimmungsregeln zu experimentieren, um allen sozialen Gruppen die Teilhabe an diesen weitreichenden Entscheidungen zu ermöglichen. Die Stadt-Vision „X-Town 2025“ wurde angeregt durch folgende konzeptionelle Überlegungen und reale Beispielprojekte: Adhocracy.de/Liquid Democracy e.V. Altrock, Uwe: Manifest für eine Kultivierung des Vorläufigen. In: Jahrbuch Stadterneuerung 1998, S. 25 –34 Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (Hrsg.): Pontonia. Republic of Pontown – 30 young visionaries build the city of 2050. 2012 Bremer, Stefanie e.a.: Claiming Land. In: archplus 173 „Shrinking Cities. Reinventing Urbanism“, 2005, S. 40 ff. Cotter, Paul e.a.: COW – the udder way. In: archplus 173 „Shrinking Cities. Reinventing Urbanism“, 2005, S. 36 ff. Design Council UK: Ones to Watch. The next generation of great designers Dissmann, C.: Das „Dornröschenprinzip“. Beitrag zur Internationalen Konferenz „Leeres Land und bunte´Stadt? Räumliche Differenzierung im Zeichen des demografischen Wandels“, 7.– 8. Mai 2009 in Berlin Gutachterteam StadtNT: Eine Woche im Quartier.plus. in: BMVBS/BBR (Hrsg.)/ urbanizers (Verf.): Stadtquartiere für Jung und Alt. Das ExWoSt-Forschungsfeld „Innovationen für familien- und altengerechte Stadtquartiere“, 2007, S. 33 –3 9 Haury, Stephanie, 2014: Der Mellowpark in Berlin-Köpenick – eine informelle Nutzung auf dem Weg ins formelle Leben. Informeller Urbanismus. Informationen zur Raumentwicklung, Jg. 2014 (2), S. 113 –121 Haushalten Leipzig e.V. Hasemann, O., Schnier, D., Oßwald, S., Ziehl, M.: ZwischenZeitZentrale Bremen. Haustüren und Zeitfenster öffnen. In: Second Hand Spaces. Über das Recyceln von Orten im städtischen Wandel, 2012, S. 82 ff. Heinrich-Böll-Stiftung (Hrsg.): Seitenwechsel. Die Ökonomien des Gemeinsamen (= böll Thema). 2014 Hidden Borough. Ich nutze das, was Du nicht siehst. In: stadtaspekte 2/2013, S. 54– 59 Fiedler, Johannes e.a.: Exterritories. In: archplus 173 „Shrinking Cities. Reinventing Urbanism“, 2005, S. 26 ff. Jugend.Stadt.Labore des Experimentellen Wohnungs- und Städtebaus: das PLATZprojekt aus Hannover und der Schwarzmarkt aus Witten. www.jugend-stadt-labor.de Flächendatenbank für grüne Zwischennutzungen von Brachflächen in Leipzig, www.freiraum-portal.de, Stadt Leipzig/Stiftung Bürger für Leipzig Le Content Agency (Hrsg.): A smart guide to Utopia. 111 inspiring ideas for a better city. Paris o.J. Leerstandsmelder.de OMA: Planung für Mélun-Senart (voids als Ausgangspunkte des Entwurfs) openberlin.org, ein Werkzeug für partizipative Stadtentwicklung, Selbstverwaltung, räumliche Transformation und Ideenproduktion Rauterberg, Hanno: Wir sind die Stadt! Urbanes Leben in der Digitalmoderne. 2013 Reinventer.paris Rettich, Stefan: Public on Demand. Das Erdgeschoss als verlängertes Wohnzimmer der Stadt. In: Bauwelt 36, 2013, S. 52 ff. Stadt säen, urbane Initialräume in MünchenFreiham von Agropolis/raumlaborberlin urbanshit.de: diverse Beispiele für kreative Projekte aus aller Welt Willinger, Stephan, 2014: Governance des Informellen. Informeller Urbanismus. Informationen zur Raumentwicklung, Jg. 2014 (2), S. 147–155 W.I.R.E. (Hrsg.): Die Zukunft ist unser. Szenarien für den Alltag für Übermorgen. = Abstrakt. Taschenlabor für Zukunftsfragen Nr. 13, 2014 Z-Punkt GmbH – Büro für Zukunftsgestaltung: Deutschland und Europa 2020. Ein Zukunfts-Szenario. In: brand eins 10/2003, S. 108 –121