zeit horizonte
Stefan Beck
Umgang mit
Technik
Kulturelle Praxen
und kulturwissenschaftliche
Forschungskonzepte
Akademie Verlag
Stefan Beck
Umgang mit Technik
zeithorizonte
Studien zu Theorien und Perspektiven
Europäischer Ethnologie
Schriften des Instituts für Europäische Ethnologie
der HumboldtUniversität zu Berlin herausgegeben von
Wolf gang Kaschuba
Band 4
Der Autor
Stefan Beck, Jg. 1960, Ausbildung als Diplom Verwaltungswirt (FH), dann
Studium der Empirischen Kulturwissenschaft und Neueren Geschichte in
Tübingen.
Arbeitsschwerpunkte: Sozial und Kulturgeschichte, Sachkulturforschung,
Wissenschaftstheorie, Medien und Kommunikationsanalyse.
Veröffentlichungen u.a.: Beiträge zu „Partykultur? Fragen an die Fünfziger",
Tübingen 1991; „Nachmoderne Zeiten. Über Zeiterfahrungen und Zeitum
gang bei flexibilisierter Schichtarbeit", Tübingen 1994; zusammen mit Anke
Bahl „Technogene Nähe. Bedingungen und Optionen computermediierter
Kommunikation", Tübinger Korrespondenzblatt 46/1996.
Stefan Beck
Umgang mit Technik
Kulturelle Praxen und
kulturwissenschaftliche Forschungskonzepte
Akademie Verlag
Die Deutsche Bibliothek CIPEinheitsaufnahme
Beck, Stefan:
Umgang mit Technik : kulturelle Praxen und kulturwissenschaftliche
Forschungsrezepte / Stefan Beck. Berlin : Akad. Verl., 1997
(Zeithorizonte ; Bd. 4)
Zugl.: Tübingen, Univ., Diss., 1996
ISBN 3050028602
NE: GT
© Akademie Verlag GmbH, Berlin 1997
Der Akademie Verlag ist ein Unternehmen der VCH Verlagsgruppe.
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tungsmaschinen, verwendbare Sprache übertragen oder übersetzt werden.
Satz: Stefan Beck, Tübingen
Druck: GAM Media GmbH, Berlin
Bindung: Verlagsbuchbinderei Mikolai GmbH, Berlin
Umschlaggestaltung: Hans Herschelmann, Berlin
Printed in the Federal Republic of Germany
Inhalt
Einleitung 9
Argumentationskontexte und Gang der Arbeit 15
I. Teil
1. Technik in der Volkskunde 23
Wissenschaftstheoretische Perspektiven 24
Annäherungen 31
Ulrich Bentzien: Jenseits der Untergangsstatistiken 31 Hermann
Bausinger: Volkskultur in der technischen Welt 40 Wilhelm Bre
pohl: Industrievolk im Ruhrgebiet 45 Rudolf Braun: Sozialer und
kultureller Wandel im ländlichen Industriegebiet 51
Vier Arten des Krisenmanagements 56
Volkskundekongreß 1981: Überwindung von Innovations und Diffu
sionsforschung 61 Martin Scharfe: Die ungebundene Circulation der
Individuen 67 Gudrun SilberzahnJandt: WaschMaschine 70
2. Die Produktion von Wissen und die Reproduktion von
Disziplinarität 72
Die Erkundung des wissenschaftlich Unbewußten 75
Debatten um „Wesen und Aufgaben" der Volkskunde 82
Definitorische Klärungen um 1900 84 Gesunkenes Kulturgut,
primitives Gemeinschaftsgut und Gruppengeistigkeiten 92
Wissenschaftliche Disziplinierungen nach 1945 /^104
(Un) Bedenklichkeitsbescheinigungen 104 Exakte historische Ar
beit als Weißwaschgang 110 Cultural Switch: Ein „Abschied" 116
Die erfolgreiche Verwandlung der Alchemisten in Chemiker 125
Technik gerät in den Beobachtungsbereich 127
6 Inhalt
3. Anmerkungen zur Sachkulturforschung 128
Konturen der Sachkulturforschung 129
Thesen zur Sachkulturforschung 133
Erforderliche Revisionen 160
II. Teil
Einleitung 165
1. Technikforschung als interdisziplinäre Veranstaltung 171
Die Uberwindung agnostischer Ergebenheit und vielerlei
Einäugigkeit 171
Soziologie 172 Philosophie und Cultural Anthropology/
Ethnologie 182
Die Ordnung der Dinge, die Verortung des Alltags 188
Anmerkungen zum Objektstatus der Technik 189 Anmerkungen
zum Status alltäglichen Handelns 193
2. Die Ordnung der Technik 197
Technik als Verlaufs souverän Handeln im stählernen Gehäuse 197
Revisionen: Weber Dürkheim Marx 199 Handlungsformali
sierung, strukturierung und Stabilisierung 206 Artifacts have
politics 213
Technik als Kontingenzmanagement Handeln als teilvariable
Sequenz 218
Technik als Medium? 223 Technik als Cyberfakt 229 Technik
als „harter" Text und die KonFiguration des Nutzers 238 Embodi
ment relations, hermeneutic relations und Heideggers Hammer 248
„Souverän ist, wer über den Ausschaltezustand entscheidet"
Handeln als Praxis 259
Habitus als generative Grammatik des Technikstils? 260 Der Kör
per als Depot der Verfahrensgeschichte 269 Die Soziologie auf Ent
deckungsfahrt Kultur als Trophäe 275 Technologypraxis und
Mikrologien 282
3. Praxis 294
Handlungstheorie und/als die Ordnung des Sozialen 299
Ordnung 300 Rationalität 304
Inhalt 7
Paradigm lost? Praxistheoretische Auswege 310
Praxistheoretische Wahlverwandtschaften 311 Ethnologische
Praxiskonzepte 315 Die soziologische Wiederentdeckung der
Kreativität des Handelns 329
Praxis als Beobachtungskategorie 339
Situationsanalytik, KonTexte und KoTexte 341
Technik als Ko(n)Text der Praxis 347
Ein Ausblick 357
Anhang 365
Literatur 365
Personenregister 393
Danksagung
Neben dem Evangelischen Studienwerk Villigst, das die finanziellen
Subsistenzmittel für diese als Dissertationsschrift am LudwigUhlandInsti
tut für Empirische Kulturwissenschaft, Tübingen, entstandene Arbeit zur
Verfügung stellte, und dem Graduiertenkolleg „Genese, Strukturen und
Folgen von Wissenschaft und Technik" an der Universität Bielefeld, das
ideelle Unterstützung anbot, schulde ich folgenden, alphabetisch aufgeführ
ten Personen vielfachen Dank für wichtige Anregungen, weiterführende
Gedanken und die kritische Lektüre von Teilen der Arbeit: Regina Bendix,
Gerhard Keim, Barbara KirshenblattGimblett, Gottfried Korff, Kaspar
Maase, Klaus Milich, Birgit Reinel, Andrea Wetterauer und Andreas Wittel.
Unverzichtbare sprachliche und orthographische Interventionen gingen aus
von Sieglinde und Günther Beck sowie vom umsichtigen Lektorat des
Akademie Verlages Berlin, Herrn Otto Matthies.
Besonderer Dank gebührt Wolfgang Kaschuba, der dieses Vorhaben von
der Planungsphase bis zur Veröffentlichung förderte und unterstützte,
Hermann Bausinger, dessen Arbeiten den Impuls für die vorliegende Un
tersuchung gaben und der nicht nur in der Anfangsphase ermutigte und
ommentierte, Bernd Jürgen Warneken, der einmal mehr auf zentrale
chwachstellen der Argumentation hinwies und damit weitere Begründun
gen einforderte, und schließlich Manfred Faßler, dem es immer wieder ge
ang, theoretische „Selbstverständlichkeiten" und mein wissenschaftliches
e stverständnis produktiv zu irritieren und durch wegweisende Gedan
en le Basis für neue Perspektiven herzustellen. Gisela Welz schließlich
an e ich für die stete Begleitung beim Denken, ihre Ideen und dafür, daß
sie mich stets zur Präzisierung von Argumenten anhielt; das hierdurch ent
standene Maß an „Intertextualität" läßt sich weder hier, noch in den Fußno
ten des folgenden Textes angemessen nachweisen.
Einleitung
Just as bushmen fear soulstealing cameras, we suspect that
tecbnology is sucking the humanity out of us. There are
those who say it'stime toput the brakes on tbis blindly
accelerating juggernaut of cbange before we're sucked dry.
Most of the loudest detractors are old hippies like myself
who are actually pretty comfortable with tools developed
before they were 25, but who have otherwise become as
obdurately suspicious of the new as the crankiest of their
dads. (God, how I love irony.) John Perry Barlow1
„Alte an die Knöpfe" lautet das Arbeitsmotto niederländischer Pädagogen,
die sich zum Ziel gesetzt haben, insbesondere älteren Menschen zu helfen,
ihre Unsicherheit im Umgang mit neuen technischen (Haushalts)Geräten
zu überwinden.2 Diese bemerkenswerte pädagogische Anstrengung, die
hinter komplexen Benutzer„Oberflächen" verborgene Funktionalität von
Videorecordern, Anrufbeantwortern und Mikrowellenherden auch bislang
ausgegrenzten Bevölkerungsgruppen zu erschließen, trägt nicht nur der tri
vialen Tatsache des beschleunigten Wandels in der technischen Ausstattung
der Haushalte Rechnung. Sie ist auch eine Reaktion auf die zunehmende
und komplexer werdende Technisierung des Alltags, die hohe oft zu hohe
Anforderungen an potentielle Benutzer stellt. Was allerdings auf den
ersten Blick als Generationsproblem erscheint, etwa wenn den Eltern die
Programmierung der Kindersicherung der Fernsehanlage größere Schwie
rigkeiten verursacht, als es den Kindern Probleme bereitet, die Sperren zu
umgehen, muß als Verweis auf komplexe sozialkulturelle Lern und Ver
gessensordnungen interpretiert werden, die technische Geräte denen aufer
legen, die mit ihnen umgehen wollen. Es ist der beschleunigte Generations
wechsel technischer Geräte, der das Bedienungswissen und die Kompeten
zen der Nutzer schneller vergreisen läßt, als Nutzergenerationen aufeinan
der folgen. Technologische Innovationen weisen unter dieser Perspektive
1 Barlow, John Perry: It's a Poor Workman Who Blames His Tools. What does Technolo
gy Threaten? What Is Human? In: WIRED scenarios 1.01, 1995, S. 120142, S. 126.
2 Vgl. hierzu Südwestpresse v. 9.11.1994.
10 Einleitung
vor allem eine Zumutungsqualität auf, gegenüber der mit (Konsum)Ver
weigerung nur unter Strafe des Ausschlusses aus der Gemeinschaft aller
Nutzer reagiert werden kann: ein Anlaß für Spott, ein Fall für die Pädagogik
oder ein bewußtes, distinktionskräftiges Zeichen eines konsum und tech
nikkritischen Lebensstils.
Technik, so besehen, entringt dem Alltag die Freiheit der Gewohnheit.
Aber alltägliche Praxen gewinnen der Technik betrachtet aus einer ande
ren Perspektive auch neue Freiheitsgrade ab. Tagtäglicher Einfallsreich
tum und (technische) Kreativität erweisen sich so etwa, wenn Holzknöpfe
an Kleidungsstücken vor dem technisierten Waschen mit Alufolie um
wickelt werden, um sie vor Abrieb und der bleichenden Wirkung der
Waschmittel zu schützen, oder wenn im amerikanischen Telefonsystem
„phone phreaks" zum Ortstarif Ferngespräche führten, indem sie mit
Spielzeugpfeifen, die als Überraschungsgeschenk CornflakesPackungen
beigelegt waren, genau jene 2600 HertzFrequenz in die Sprechmuschel des
Telefonhörers bliesen, die das automatische Vermittlungssystem von
AT&T veranlaßten, den Anruf an eine gewünschte Telefonnummer wei
terzuleiten.3 Technik greift wie nicht nur diese einfachen Beispiele ver
deutlichen ebenso tief in den Alltag der Menschen in der Moderne ein,
wie diese mit ihren Praxen in technologische Systeme eingreifen und so
aktiv in sie eingebunden sind: Technik stellt eine allgegenwärtige Bedin
gung des Alltagslebens in der Moderne dar, die kulturelle Ordnungen und
Gewohnheiten in vielfacher Weise prägt und durch sie geprägt wird.
So trivial dieser Zusammenhang erscheint, so erstaunlich ist das geringe
Maß wissenschaftlicher Aufmerksamkeit, das diesen lebensnahen Phäno
menen bislang gewidmet wurde. Hinter den gesellschaftsweit, mit viel En
gagement geführten Debatten um Technisierungsprozesse, unterhalb der
Ebene großangelegter, ressourcenreicher Studien über die „Technikfolgen"
einzelner Technologien und neben den Auseinandersetzungen um techni
sche Großrisiken fristen alltägliche, unspektakuläre technologische Praxen
eine weitgehend unbeobachtete, den Wissenschaften verborgene Existenz
dem Privaten zu und damit aus dem öffentlich interessierenden Bereich
weggeordnet. In das Blickfeld gerieten diese Praxisformen im Umgang mit
Technik höchstens indirekt, etwa in den Ingenieurwissenschaften als Quel
le von „Akzeptanz" und „Nutzungsproblemen" oder in der Soziologie als
weißer, „unformalisierter" Fleck auf der wohlvermessenen Landkarte mo
derner Formalisierungsprozesse in Produktion und Verwaltung. Diese ge
3 Zu den praktischen Haushalts und Techniktips, bei denen die Lösung eines Problems
immer aus der Küche kommt, vgl. die zweimal wöchentlich erscheinende Kolumne der
Bildzeitung „Frauen helfen Frauen" (vgl. hierzu auch die tageszeitung, vom 1.9.1995, S.
20); zu den Praxen USamerikanischer „phone phreaks" und dem Bemühen der Telefon
gesellschaften, die illegale, kostenlose Nutzung des Telefonsystems zu verhindern vgl.
Katie Hafner,John Markoff: Cyberpunk. Outlaws and Hackers on the Computer Fron
tier. New York 1991, Simon & Schuster, S. 13138, insbes. S. 18f.
Einleitung 11
ringe Aufmerksamkeit gegenüber konkreten, alltäglichen Gebrauchswei
sen von und Umgangsweisen mit meist unscheinbaren technischen Arte
fakten mag bei wissenschaftlichen Disziplinen, die vorrangig an technolo
gischer Perfektionierung oder der Analyse gesellschaftlicher Performanz
interessiert sind, wenig verwundern. Fragwürdig wird diese Beobachtungs
abstinenz gegenüber dem praktischen Umgang mit Technik jedoch bei
wissenschaftlichen Fächern, die sich explizit den kulturellen Aspekten des
Alltagslebens widmen: Weder die Volkskunde noch die Ethnologie thema
tisierten bis in die jüngste Vergangenheit in nennenswertem Umfang alltäg
liche technologische Praxen. Angesichts einer schon seit Jahrzehnten mas
senhaft telekommunizierenden, technomobilen, unter Technikeinsatz
produzierenden und konsumierenden Gesellschaft ein erstaunlicher Be
fund.
Insbesondere für die sich aus der deutschsprachigen Volkskunde ab den
70er Jahren entwickelnden Fächer „Empirische Kulturwissenschaft", „Kul
turanthropologie" und „Europäische Ethnologie", die sich explizit das Ziel
setzten, die historische und gegenwärtige Alltagskultur der Moderne zu
analysieren, muß damit ein bedeutendes Forschungsdesiderat festgestellt
werden. Für die Volkskunde war diese Vernachlässigung technologischer
Alltagspraxen noch eine durchaus folgerichtige Konsequenz ihrer for
schungsleitenden Unterscheidung zwischen angeblich ursprünglicher
Volkskultur dem erklärten Forschungsgegenstand des Faches und mo
derner, technisierter Lebenswelt dem erklärten Gegenbild volkskund
lichen Forschungsinteresses. Mit dieser Unterscheidung hatte sich die aka
demische Disziplin überwiegend auf die Suche nach angeblichen Survivals
und Relikten der Vormoderne in der Moderne verlegt. Ihre Forschungsthe
men fand das Fach damit trotz der gesellschaftlichen Modernisierung,
weshalb der „technologisch infizierte" Lebensstil der Moderne konsequent
aus dem Rahmen legitimer Forschungsanstrengungen exkommuniziert
wurde.
An diesem rückwärtsgewandten, oft romantisierenden und zivilisations
kritischen bis feindlichen Impuls volkskundlicher Arbeit wurde erst rela
tiv spät, Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre theoretische und praktische,
durch solide empirische Arbeit ausgewiesene Kritik formuliert. Sowohl in
der Schweiz, als auch in der DDR und der BRD erschienen volkskundliche
Monographien, die sich erstmals nicht nur explizit den Auswirkungen von
Technisierungsprozessen auf die angestammten Untersuchungsfelder
»volkskultureller" Phänomene annahmen, sondern daraus auch Vorschläge
für eine grundlegende theoretische Revision des Faches ableiteten. In die
sen Arbeiten beginnen sich bereits die Konturen der zur „Empirischen
Kulturwissenschaft" oder „Europäischen Ethnologie" reformierten älteren
Volkskunde abzuzeichnen, weshalb sie zu zentralen, vielzitierten Refe
renzpunkten dieses paradigmatischen Bruches avancierten.
12 Einleitung
Bemerkenswert ist jedoch, daß zwar der von diesen Studien gewiesene
Weg zur Redefinition des disziplinären Argumentationsstiles befolgt, die in
ihnen nahegelegte Orientierung an neuen gesellschafts oder geschichtswis
senschaftlichen Entwicklungen aufgegriffen und in den bisweilen stürmi
schen Reformprozessen der 70er Jahre noch radikalisiert wurde, daß aber
die von diesen Studien eingeforderte Analyse technologisch geprägter All
tagspraxen im Fach nicht weiter verfolgt wurde. Technik und der Ge
brauch, den gesellschaftliche Akteure von ihr machen, blieb aus den alltags
kulturellen Forschungsfeldern nach wie vor ausgeschlossen. Dieser Befund
trifft insbesondere auch auf eine traditionsreiche Domäne volkskundlicher
und empirisch kulturwissenschaftlicher Forschung zu: die Sachkulturfor
schung. Hier wird die historische und gegenwärtige materielle Kultur, der
Umgang mit Artefakten, ihre kulturelle Tradierung und Transformation,
zum Forschungsthema gemacht. Obwohl dieser Forschungszweig damit
zur Analyse auch technologischer Alltagspraxen prädestiniert ist, erlahmte
bis auf wenige Ausnahmen das Untersuchungsinteresse der Fachvertreter
an technischen Artefakten spätestens dann, wenn sie industriell erzeugt und
massenhaft vertrieben wurden also als Produkt der industriellen Moderne
anzusehen sind.
Im Ergebnis präsentiert sich damit auch die reformierte Volkskunde im
mer noch als eine weitgehend „technikfreie Veranstaltung". Allerdings ist
festzuhalten, daß diese Kritik auch auf jene, mit mehr Ressourcen ausgestat
teten wissenschaftlichen Fächer zutrifft, die der reformierten Volkskunde in
den 70er Jahren als Orientierungsdisziplinen dienten. Während die deutsch
sprachige Volkskunde und ihre Nachfolgefächer immerhin noch über eine
Sachkulturforschung verfügten, tendierte das Interesse an materieller Kul
tur und ihren Ausprägungen sowohl in der deutschen Ethnologie und der
amerikanischen Anthropology wie auch in der internationalen Soziologie
gegen Null. Zu Zeiten ihrer paradigmatischen Neuorientierung in den 70er
Jahren gingen von diesen Fächern daher kaum innovative Impulse aus, die
für die Sachkulturforschung fruchtbar gemacht werden konnten.
Diese disziplinübergreifende Agnosie gegenüber der materiellen Kultur der
Moderne und insbesondere hinsichtlich ihrer technischen Alltagsausstat
tung wurde schrittweise seit Mitte der 80er Jahre korrigiert — ohne daß dies
allerdings in den Nachfolgefächern der deutschsprachigen Volkskunde bis
lang ausreichend rezipiert wurde. So erwachte etwa in der amerikanischen
Cultural Anthropology das Interesse an Phänomenen der „material
culture" neu, die deutsche Soziologie fragte nach der „Technik im Alltag",
die amerikanische und britische Soziologie ging der Entwicklung und den
Auswirkungen von „sociotechnical systems" nach. Obwohl diese Ver
schiebungen im Beobachtungsfocus der Disziplinen weitgehend unabhän
gig voneinander entstanden, können sie doch auf eine gemeinsame Ursache
zurückgeführt werden. Die dynamische Entwicklung von Technik und
Einleitung 13
Technologie konnte angesichts ökonomischer Krisen und ökologischer
Gefährdungen nicht länger als „Fortschritts" und „Vervollständigungs
geschichte" entproblematisiert werden,4 sondern stellte sich zunehmend als
Querschnittproblem im doppelten Sinne dar: Von neuen Technologien gin
gen heterogene Wirkungen auf unterschiedliche Bereiche ihrer sozialen,
kulturellen und natürlichen Umwelt aus, Veränderungen, die darüber hin
aus quer zu den institutionalisierten Beobachtungsgrenzen wissenschaftli
cher Fächer lagen. Die Demarkationslinien universitärer Disziplinen, über
wiegend etabliert an der Wende zum 20. Jahrhundert, wandeln sich daher
folgerichtig in bezug auf die Analyse von Technik und Technologie am
Ende des 21. Jahrhunderts zu oftmals durchaus prekären Kooperations
linien zwischen den Fächern. Die beschleunigte technologische Entwick
lung verursacht damit nicht nur Risiken für den sozialen Bestand der Ge
sellschaft und ihrer natürlichen Grundlagen, sondern folgerichtig auch für
ihre institutionalisierte, nach hergebrachten Regeln der Arbeitsteilung ver
fahrende wissenschaftliche Beobachtung.
Diese nicht nur durch die technologische Entwicklung, sondern auch
durch eine modifizierte Wissenschaftsförderung und politik wie durch
eine veränderte Nachfragesituation für wissenschaftliche Expertise ausge
löste Dynamik interdisziplinärer und intensivierter internationaler Koope
ration beginnt hierbei die bislang wenig gefährdete theoretische und me
thodische Selbstgenügsamkeit akademischer Disziplinen zunehmend in
Frage zu stellen. Diese neuen, sich gegenwärtig vor allem in den USA in
Forschungsschwerpunkten und fächerübergreifenden Curricula institutio
nalisierenden Kooperationen erfordern jedoch eine Erweiterung akademi
scher Verstehensansprüche. Gefordert ist nicht mehr nur das Verständnis
des angestammten Gegenstandsbereiches und der zu seiner Analyse kon
ventionalisierten Theorien und Methoden eines Faches, sondern auch der
Einblick in die thematischen Felder der Kooperationsdisziplinen und das
Verständnis des dort herrschenden „Denkstiles".
Die epistemologische Herausforderung geglückter interdisziplinärer
Kooperationen besteht hierbei unter anderem in der Notwendigkeit, den
Verstehensprozeß in den jeweils anderen Disziplinen zu verstehen und so
zu erfassen, wie vor dem Hintergrund sehr unterschiedlicher Fachtraditio
nen, Fragestellungen und begrifflicher Apparate reale Phänomene in wis
senschaftliche Erkenntnisobjekte transformiert werden. In diesen Anforde
rungen interdisziplinärer Arbeit ist der Grund für eine neuerliche Re
naissance erkenntnistheoretischer Fragestellungen zu sehen, eine Konjunk
tur der Epistemologie und Wissenschaftstheorie, die allerdings nicht mehr
die „Wahrheit" wissenschaftlicher Befunde garantieren, sondern die „Gül
4 Zur Idee des Fortschrittes in der europäischen Geistesgeschichte seit dem 18. Jahrhun
dert vgl. Canguilhem, Georges: Fortschritt. Entfaltung und Dekadenz einer utopischen
Idee. In: Lettre International, 30/1995, S. 4044.
14 Einleitung
tigkeitsbedingungen" von Aussagen, ihre immer nur relative Geltung vor
dem Hintergrund (fach)spezifischer Vorannahmen und unter Berücksich
tigung ihrer „Produktionsbedingungen" beschreiben soll. Diese Entwick
lungen interpretiert der Wissenschaftstheoretiker Heinz von Foerster als
Übergang von der älteren Interdisziplinarität zur Transdisziplinarität.5 Die
Programmatik, mit der auf diese durchaus neue wissenschaftliche Problem
lage geantwortet wird, die durch Kooperationsnotwendigkeiten historisch
aus(einander)differenzierter Wissenschaften entstanden ist, kann etwa un
ter den Etiketten „Objekterkenntnis durch Selbsterkenntnis moderner
Wissenschaft" oder „antinarzißtische Reflexivität der Wissenschaften" ge
faßt werden.6
Eine Folge dieser Entwicklungen und gleichzeitig eine Antwort auf die
hierdurch entstehende Problemlage ist die inter oder besser transdis
ziplinäre Bündelung amerikanischer Forschungsanstrengungen in den Be
reichen Wissenschaftstheorie und Technikforschung: In „Science and
Technology Studies" genannten Programmen wurden in den letzten Jahren
philosophische, soziologische, anthropologische und naturwissenschaftli
che Expertise zusammengefaßt und gemeinsame Curricula verfaßt. Hier
soll nicht die Frage diskutiert werden, wie schnell vergleichbare Entwick
lungen im veränderungsresistenteren deutschen Universitätssystem umge
setzt werden. Wichtiger erscheint die Frage, wie „kleine" und traditionsrei
che Disziplinen wie die Volkskunde und ihre Nachfolgefächer auf diesen
Druck durch „tektonische" Verschiebungen akademischer Arbeitsfelder
reagieren sollen, eine Frage, die sich ja nicht nur in Bezug auf die Erfor
schung der Alltagsbedeutung von Technik und Technologie stellt: Ethno
logen forschen zunehmend in der eigenen Gesellschaft, Soziologen ent
decken Kultur als zentrale Beschreibungskategorie moderner Gesellschaf
ten, und Kognitionspsychologen wenden sich zur Datenerhebung qualita
tiven, ethnographischen Methoden der „dabeistehenden Beobachtung"
zu.7 Ein Rückzug jedenfalls auf angestammte „Sinnprovinzen" (Alfred
Schütz) oder vermeintlich gesicherte „Territorien des Selbst" (Erving Goff
man) erscheint kaum die angemessene Antwort auf solche Übergriffe
5 Von Foerster, Heinz: Verstehen verstehen. In: Ders.: Wissen und Gewissen (hrsg. von
Siegfried J. Schmidt). Frankfurt/M. 1993, Suhrkamp, S. 282298.
6 Krüger, HansPeter: Objekterkenntnis durch Selbsterkenntnis moderner Wissenschaft.
Vorwort. In: Ders. (Hg.): Obkjekt und Selbsterkenntnis. Zum Wandel im Verständnis
moderner Wissenschaften. Berlin 1991, Akademie Verlag, S. 711; Bourdieu, Pierre:
Narzißtische Reflexivität und wissenschaftliche Reflexivität. In: Eberhard Berg, Martin
Fuchs (Hg.): Kultur, soziale Praxis, Text. Die Krise der ethnographischen Repräsenta
tion. Frankfurt/M. 1993, Suhrkamp, S. 365374, S. 367f.
7 Zum Begriff der „dabeistehenden Beobachtung" vgl. van de Graaf, Jose Mulder, Richard
Rottenburg: Feldforschung in Unternehmen Ethnographische Explorationen in der ei
genen Gesellschaft. In: Reiner Aster, Hans Merkens, Michael Repp (Hg.): Teilnehmende
Beobachtung. Werkstattberichte und methodologische Reflexionen. Frankfurt/M.,
New York 1989, Campus, S. 1934.
Argumentationskontexte und Gang der Arbeit 15
„fremder" Wissenschaften auf „eigene" Theorien, Methoden und For
schungsfelder oder nach einer positiveren Sichtweise auf solche schmei
chelhaften Bestätigungen bereits geleisteter Arbeit.
In diesen Prozessen wird zwar nicht die „ererbte" disziplinäre Identität
und der kognitive Besitzstand des Faches in Frage gestellt, aber deren Zu
kunftsfähigkeit geprüft und die Transformation und Weiterentwicklung
des Denkstiles auf die akademische Tagesordnung gesetzt: Gefordert ist die
Reaktion auf veränderte gesellschaftliche und universitäre Umwelten. Das
gegenwärtig zu beobachtende Bemühen der Volkskunde und ihrer Nach
folgefächer um historischvolkskundliche Selbstvergewisserung, das sich
unter anderem in einer Vielzahl von neueren Publikationen und Seminar
veranstaltungen spiegelt, ist ein wichtiger Schritt, der jedoch nicht zur er
schreckten Kontraktion auf vergangenes „Eigenes", sondern zur Selbstdy
namisierung der Disziplin führen sollte. Beschränkte sich in der Vergan
genheit der Außenkontakt der Disziplin auf kurze, mitunter eklektische
Ausflüge in Nachbartheorien «and methoden, erscheint künftig die Eta
blierung längerfristig angelegter Forschungs, Ausbildungs und Vermitt
lungskooperationen geboten, wie sie etwa im Bereich der historischen For
schung zwischen der Geschichtswissenschaft und der Volkskunde seit län
gerem bemerkenswerte Erfolge erzielen.
Argumentationskontexte und Gang der Arbeit
Diese ansatzweise skizzierte wissenschaftspolitische Situation und die damit
verknüpften wissenschaftstheoretischen Herausforderungen bilden den
Hintergrund und Bezugspunkt des hier aufgegriffenen Themas „Umgang
mit Technik". Problematisiert wird darüber hinaus die in den Nachfolge
fächern der Volkskunde zu konstatierende geringe Beschäftigung mit mo
derner Alltagstechnik und den im Umgang mit ihr zu beobachtenden kultu
rellen Praxen. Verfolgt werden hierbei zwei komplexe Zusammenhänge: Im
ersten Teil greift die Studie fachinterne Entwicklungen der Volkskunde und
ihrer Nach folge fach er auf, im zweiten Teil werden einige der neueren, für
das Fach als wesentlich anzusehenden internationalen und interdisziplinären
Forschungen zu Technik(umgang) bzw. Technologie skizziert und mögliche
Perspektiven einer empirischkulturwissenschaftlichen Analyse technolo
gischer Praxen diskutiert. Die Arbeits schritte in beiden Teilen sind hierbei
parallel angeordnet: Das erste Kapitel des ersten Teils, Technik in der Volks
kunde, skizziert den Forschungsstand im Fach, das zweite Kapitel Die Pro
duktion von Wissen, die Reproduktion von Disziplinarität rekonstruiert die
historische Entwicklung der Denkstile in der Volkskunde und ihren Nach
folgefächern, die für die Vernachlässigung des Forschungsthemas Technik in
der Disziplin verantwortlich gemacht werden. Dieser erste Teil der Arbeit
wird mit einem dritten Kapitel Anmerkungen zur Sachkulturforschung ab
16 Einleitung
geschlossen, in dem Vorschläge zur Revision zentraler Vorannahmen bei der
Analyse der materiellen Kultur gemacht werden. Der zweite Teil der Studie
setzt ebenfalls mit einem Forschungsüberblick ein: Im ersten Kapitel
Technikforschung als interdisziplinäre Veranstaltung werden Umrisse der
internationalen, sozialwissenschaftlichen Technikforschung skizziert, bevor
im zweiten Kapitel Die Ordnung der Technik drei unterschiedliche Perspek
tiven auf Technik und Technologie herausgearbeitet werden, die wiederum
auf differente Denkstile bei der Konstitution der Untersuchungsfelder zu
rückgeführt werden. In einem abschließenden Kapitel zur Praxis wird in
Auseinandersetzung mit gängigen handlungstheoretischen Konzepten ein
alternativer, praxistheoretischer Zugang zu dem Phänomen des Umgangs
mit Technik entworfen.
Technik wird in der sozialwissenschaftlichen und philosophischen Lite
ratur meist in einem weiten Sinne verstanden als „Realtechnik", d.h. das
„abgeklärte Ganze der Verfahren und Hilfsmittel des naturbeherrschenden
Handelns"8; dieser Begriff wird von Günter Ropohl auf ein Technikver
ständnis erweitert, das drei Zusammenhänge umfaßt: (a) die nutzenorien
tierten, künstlichen und gegenständlichen Gebilde, Artefakte und Sachsy
steme, (b) die menschlichen Handlungen, in denen diese Sachsysteme ent
stehen, und (c) diejenigen Handlungen in denen diese Sachsysteme verwen
det werden.9 Im weiteren Verlauf der Arbeit wird präziser von technischen
Artefakten gesprochen, wenn konkrete Geräte und Apparate bezeichnet
werden sollen, während unter dem Begriff Technologie die komplexen
Kombinate von Artefakten, sozialen Regulativen und kulturellen Disposi
tive gefaßt werden, die zu Sachsystemen gebündelt sind. Die Herstellungs
kontexte technischer Artefakte bleiben somit aus der im folgenden vorge
legten Analyse weitgehend ausgeklammert. Der Begriff Technik wird hier
bei im Sinne GottlOttlilienfelds als „Realtechnik" verwandt.
Die Fragestellung dieser Studie wird auf drei Ebenen entfaltet: erstens
auf der Ebene disziplinarer Selbstreflexivität, zweitens auf der Ebene der
Rekonstruktion wichtiger Konzepte und Modelle zu Technik und Techno
logie in benachbarten Disziplinen, und drittens im Entwurf eines alternati
ven, durch die aufgewiesenen Kritikpunkte informierten theoretischanaly
tischen Zugangs zum Phänomen Technik im Alltag. Im Rahmen dieser Ar
gumentation wird damit auf sehr unterschiedliche Theoriebestände und
Wissenschaftstraditionen zurückgegriffen, die zu einem virtuellen Dialog
der wechselseitigen Kommentierung und Kritik geordnet werden. Einen
breiten Raum nehmen bei der kritischen (Selbst) Analyse der Volkskunde
neben thematisch einschlägigen Monographien Texte ein, die der deutsch
sprachigen Volkskunde in ihrer Fachgeschichte zur theoretischen Selbst
8 Von GottlOttlilienfeld, Friedrich: Wirtschaft und Technik. Tübingen 1923, Mohr, S.8.
9 Ropohl, Günter: Technologische Aufklärung. Beiträge zur Technikphilosophie. Frank
furt/M. 1991, S. 18
Argumentationskontexte und Gang der Arbeit 17
Verständigung dienten. Ergänzend werden theoretische Konzepte aufge
griffen, die von der Schwesterdisziplin der Volkskunde, den USamerikani
schen Folklore Studies, vor dem Hintergrund eines völlig anderen Fragein
teresses entwickelt wurden, jedoch einen wichtigen Beitrag zur Neuaus
richtung der volkskundlichen Sachkulturforschung leisten können.
Der Ausgangspunkt des ersten Teiles der Arbeit ist die Frage, wie die
neuere deutschsprachige Volkskunde und ihre Nachfolgefächer seit den
50er Jahren Technik im Alltag thematisierten. Hierzu werden einige pro
minente Fallstudien zum Thema Technik und (Volks)Kultur der 60er,
80er und 90er Jahre ausführlich vorgestellt und kritisch analysiert. Diese
Rekonstruktion des allerdings bescheidenen Forschungsstandes wird
im zweiten Kapitel des ersten Teiles auf die Entwicklung des für die Diszi
plin charakteristischen Denkstiles bezogen, also auf jene disziplinspezifi
schen Vorannahmen, theoretischen Konzepte und interpretativen Hinsich
ten, vor deren Hintergrund im Fach Technik als zentraler Bestandteil des
modernen Alltagslebens nur in sehr geringem Umfang thematisiert wurde.
Die Analyse volkskundlicher Denkstile, die für die wissenschaftliche
Sehfähigkeit der Disziplin ebenso verantwortlich zeichnen wie für partielle
Blindheiten gegenüber sozialen Phänomenen, erfolgt vor dem Hintergrund
wissenschaftstheoretischer und wissenschaftssoziologischer Theorien.
Durch die Musterung programmatischer Texte seit der Jahrhundert
wende, in denen der Gegenstandsbereich der Disziplin definiert, gegen
Nachbarfächer abgegrenzt und ihr spezifischer Erklärungsanspruch for
muliert wurde, werden die historisch wechselnden Beobachtungsfoci der
Volkskunde rekonstruiert. Im Gegensatz zu gängigen fachhistorischen
Darstellungen, in denen die Geschichte unterschiedlicher Disziplinen meist
als Prozeß des evolutionären Wissensfortschrittes konstruiert wird, kon
zentriert sich die vorliegende Arbeit auf einige zentrale, kontrovers geführ
te Debatten der Volkskunde, um an ihnen das „wissenschaftlich Unbewuß
te" (Pierre Bourdieu) herauszuarbeiten, also diejenigen stillschweigenden
Vorannahmen, die im wissenschaftlich legitimierten Diskurs zwischen or
thodoxen und heterodoxen Positionen unthematisiert bleiben. Gefragt
wird damit im Sinne der französischen Epistemologie Gaston Bachelards
und Georges Canguilhems nach den theoretischen Bedingungen der von
der Volkskunde und ihren Nachfolgefächern entwickelten Forschungsfra
gen und den theoretischen Ursachen für die FrageAbstinenz gegenüber
dem Phänomen alltäglicher Technik.
Diese Fragestellung knüpft damit an die in der Volkskunde bereits seit
den 60er Jahren verankerte, vor allem ideologiekritisch argumentierende
Wissenschaftliche Selbstreflexion an, die maßgeblich zur Modernisierung
der Volkskunde ab den 70er Jahren beitrug.10 Dieser kritische Impuls der
10 Vgl. hierzu als neuen Überblick dieser Entwicklungen Korff, Gottfried: Namenswechsel
als Paradigmenwechsel? Die Umbenennung des Faches Volkskunde an deutschen Uni
18 Einleitung
wissenschaftlichen Selbstreflexion wird jedoch nochmals radikalisiert: Ge
fragt wird nicht nach den ideologisch bedingten Verzerrungen wissen
schaftlicher Interpretationen von Phänomenen, die als objektiv gegeben an
gesehen werden, sondern danach, wie unter den je spezifischen Bedingun
gen des kooperativen Wissenschaftsbetriebes auf der Grundlage unthema
tisierter aber weitgehend geteilter theoretischer Vorannahmen und Er
klärungsabsichten soziale Phänomene kommunikativ in Forschungsobjekte
transformiert werden. Problematisiert werden damit die theoretischen
Konstruktionsbedingungen der Objektivität der Untersuchungsgegenstän
de und wie im Fall der unthematisiert bleibenden Alltagstechnik der
Ausschluß von als illegitim angesehenen Forschungsobjekten aus dem Be
reich volkskundlichwissenschaftlicher Beobachtung.
Vor dem Hintergrund dieser Rekonstruktion der Entwicklung des dis
ziplinaren Denk und Argumentationsstiles und der damit verbundenen, je
spezifischen Kombination von Sensibilität und Aufmerksamkeitsschwäche
gegenüber sozialen Phänomenen werden in einem letzten Arbeitsschritt
des ersten Teiles neuere Tendenzen, Konzepte und Methoden der volks
kundlichen Sachkulturforschung daraufhin gemustert, was bislang die The
matisierung moderner Alltagstechnik in diesem durchaus wissenschaftlich
zuständigen Forschungszweig der Volkskunde behinderte. In fünf Thesen
werden hierbei einige Revisionsnotwendigkeiten benannt, um den Um
gang mit Technik und technologische Alltagspraxen als Forschungsfeld zu
erschließen. Unter Rückgriff auf den „performance"Begriff der USameri
kanischen Folklore Studies und neuere Überlegungen der französischen
Schwesterdisziplin zu einer „ethnologie de la Performance"11 wird dafür
plädiert, neben der bislang überwiegend in der deutschen Sachforschung
thematisierten Bedeutungsdimension stärker die Materialität und die Ge
brauch sdimension sachkultureller Artefakte zu berücksichtigen. Metho
disch wird eine komplexe Situationsanalyse des Gebrauchs alltäglicher Ar
tefakte vorgeschlagen, theoretisch ist hierfür eine praxistheoretische Refor
mulierung des bislang in der Sachkulturforschung verwendeten, hermeneu
tischen Kontextbegriffes erforderlich. Diese Überlegungen werden am En
de des zweiten Teiles der Arbeit vertieft.
Mit den ersten beiden Kapiteln des zweiten Teiles der Arbeit wird vor
allem versucht, dem Problem zu begegnen, daß in der volkskundlichen
Fachtradition bislang kein ausreichend komplexer Technikbegriff entwik
kelt wurde. Im Rahmen einer Sichtung der in den Nachbarwissenschaften
versitäten als Versuch einer „Entnationalisierung". In: Sigrid Weigel, Birgit Erdle (Hg.):
Fünfzig Jahre danach. Zur Nachgeschichte des Nationalsozialismus. Züricher Hoch
schulforum, Bd. 23, Zürich 1996, S. 403^34.
11 Vgl. hierzu als Uberblick Fabre, Daniel: L'ethnologue et ses sources. In: Vers une ethno
logie du present. Sous la direction de Gerard Althabe, Daniel Fabre et Gerard Lenclud (=
Collection Ethnologie de la France, Cahier 7). Paris 1992, Editions de la Maison des sci
ences de l'homme Paris, S. 3955, S. 42f.
Argumentationskontexte und Gang der Arbeit 19
der Volkskunde und ihrer Nachfolgefächer entwickelten Konzepte und
Überlegungen zum Themenfeld Technik und Alltagskultur werden dabei
für eine empirischkulturwissenschaftliche Analyse relevante Bereiche ab
gesteckt und eigenständige Perspektiven entwickelt. Besondere Aufmerk
samkeit wird hierbei Konzepten der deutschen, britischen und amerikani
schen Soziologie, der deutschen, französischen und amerikanischen Philoso
phie und der amerikanischen Cultural Anthropology gewidmet, Diszipli
nen, von denen in den vergangenen Jahren eine bemerkenswerte Dynamik
und Innovationskraft für die Thematisierung von Technik, Technologie
und technologischen Praxen ausging. Ergänzend wird auf einige neuere
Ansätze der Kognitionspsychologie und der Computer Studies verwiesen, in
denen innovative Überlegungen zur Nutzung technischer Artefakte vorge
legt wurden.
Ziel ist es hierbei allerdings nicht, (end)gültige Definitionen des Phäno
menbereiches Technik zu gewinnen, ein Thema, für das bedingt durch die
situative Vieldeutigkeit der Technik im Alltag keine handlichen Theorien
in Sicht sind. Statt solcher Homogenisierungsversuche werden aus den
vielstimmigen und vor dem Hintergrund sehr unterschiedlicher Fachtradi
tionen geführten Debatten der jüngeren Vergangenheit unterschiedliche
Perspektiven auf Technik rekonstruiert, die für jeweils andere Erklä
rungsbereiche analytisch hilfreiche Instrumentarien bereitstellen. Drei
Denkstile werden hierbei herausgearbeitet, mit denen sehr verschiedene
Sichtweisen etabliert werden: Technik erscheint so erstens als weitgehend
kulturdeterminierender Faktor und Verlaufssouverän, zweitens als not
wendig unvollständiger Stabilisierungsversuch des Sozialen und Reaktion
auf Kontingenz, oder drittens als gleichzeitig kulturbildender und kultur
abhängiger Faktor alltäglicher Praxen. Folgerichtig werden in diesen drei
Sichtweisen von Technik und Technologie jeweils korrespondierende
Konzepte des Handelns der Nutzer entworfen: Ihr Handeln wird verstan
den entweder als eingespannt in das stählerne Gehäuse der Modernisierung,
°der als teilstabilisierte Abfolge festgelegter Handlungssequenzen, die
durch Kontingenzen jedoch immer wieder unterbrochen werden (können),
und schließlich als kreative Praxis.
Diesem unter Rückgriff auf die oben genannten Theorien und Konzepte
erarbeiteten sachtheoretischen Technikbegriff wird in einem letzten Ar
beitsschritt em praxistheoretisch es Konzept der Nutzung gegenübergestellt.
Diese akteurszentrierte Perspektive wird hierbei in kritischer Auseinander
setzung mit gängigen handlungstheoretischen Konzepten der Soziologie
entworfen, die Handeln vorwiegend unter dem Aspekt sozialer Ordnung
thematisieren und zudem auf Rationalitätskonzepte zurückgreifen, die für
uie empirischkulturwissenschaftliche Analyse alltäglicher Praxen im Urn
ing mit Technik nicht oder nur bedingt geeignet sind. Alternativ wird da
her vorgeschlagen, unter Rückgriff auf Überlegungen zur Praxis, wie sie
etwa in der Marxschen Philosophie der Praxis, dem amerikanischen Prag
20 Einleitung
matismus John Deweys oder der Cultural Anthropology entwickelt wur
den, die sich zwischen den extremen Polen von Routine und Kreativität be
wegenden Handlungsmuster der Nutzer technischer Artefakte als Praxis
zu analysieren.
Diese Perspektive schließt an einen gegenwärtigen Trend soziologischer
Theoriebildung an, der mit Alain Touraine als „retour de l'acteur" bezeich
net werden kann. Diese neue Theoriebewegung betont die potentielle Kre
ativität im Alltag und konzipiert alltägliches Routinehandeln nicht mehr
länger als defizienten Aktivitäts modus, wie dies die klassische Soziologie
tat; angestrebt wird darüber hinaus, den lange Zeit gültigen Gegensatz zwi
schen Mikro und Makrotheorien in einer neuen Synthese aufzuheben.
Diese neueren Überlegungen der Soziologie ebenso wie die vorgestellten
praxistheoretischen Konzepte können für die Nachfolgefächer der Volks
kunde eine wichtige Perspektive auf die Analyse des (routinisierten) Alltags
eröffnen. So erweist sich der hier vorgeschlagene Weg, Technik und Tech
nologie unter einer praxistheoretischen Perspektive zu interpretieren, nicht
nur für das Thema Technik im Alltag als gangbar, sondern ermöglicht auch
eine praxistheoretische Reformulierung der traditionsreichen Fragestellun
gen der Sachkulturforschung und damit diesem bedeutenden Forschungs
zweig der ehemaligen Volkskunde eine innovative Analyse der materiellen
Kultur der Moderne und der mit ihr entwickelten kulturellen Praxen.
I Teil
„ Institutionen erzeugen dunkle Stellen, an denen
nichts zu erkennen ist und keine Fragen gestellt
werden. Andere Bereiche dagegen zeigen sie in
feinsten Details, die genauestens untersucht und
geordnet werden."
Mary Douglas, Wie Institutionen denken, S. 114.
1. Technik in der Volkskunde
Der akademischen Disziplin Volkskunde und ihren Nachfolgefächern Eu
ropäische Ethnologie, Kulturanthropologie und Empirische Kulturwissen
schaft warf der Volkskundler Martin Scharfe 1991 vor, bislang zur Analyse
der „modernen, technologisch geprägten Alltagskultur" nur einen ungenü
genden Beitrag geleistet zu haben. Seine Kritik richtet sich insbesondere auf
die zu geringe Zahl der Studien aus dem Fach, die sich mit den Gegen
ständen des modernen Alltagslebens etwa mit Elektrogeräten, Autos und
CDPlayern auseinandersetzen.1 In den letzten Jahren entstandene Arbei
ten etwa zur Geschichte der Elektrifizierung auf dem Lande, des Rund
funks oder des Automobils2 seien zwar verdienstvoll, jedoch in keiner Wei
se mit Gesamtentwürfen wie etwa Sigfried Giedions „Herrschaft der Me
chanisierung"3 vergleichbar. Dieses Buch sei, so Scharfe, in der Volkskunde
bislang kaum zur Kenntnis genommen worden, ein Schicksal, das es mit den
Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre zum Thema „Technik und Moderni
sierung" entstandenen volkskundlichen Arbeiten von Wilhelm Brepohl,
Hermann Bausinger, Rudolf Braun und Ulrich Bentzien4 teile. Alle diese
1 Scharfe, Martin: Die Volkskunde und ihre narzißtische Utopie. In: Kuckuck Notizen
zu Alltagskultur und Volkskunde, Heft 2,1991, S. 3336, S. 33.
2 Böth, Gitta, et al.: Der Weg ans Licht. Zur Geschichte der Elektrifizierung des märki
schen Sauerlandes. Hagen 1989, Westfälisches Freilichtmuseum Hagen (Ausstellungs
katalog); Wetzel, Brigitte, et al.: Einschalten Ausschalten. Aspekte des Hörfunks in
Norddeutschland seit 1923. Schleswig 1989, SchleswigHolsteinisches Landesmuseum
(Ausstellungskatalog); Strübin, Eduard: Volkskundliches zum Automobil. In: Schwei
zer Volkskunde 1/1973. S. 113, und Scharfe, Martin: Ungebundene Circulation der In
dividuen. Aspekte des Automobilfahrens in der Frühzeit. In: Zeitschrift für Volks
kunde, Heft 2,1990, S. 216243.
3 Giedion, Sigfried: Herrschaft der Mechanisierung. Ein Beitrag zur anonymen Geschich
te. Frankfurt/M. 1982, Europäische Verlagsanstalt.
4 Brepohl, Wilhelm: Industrievolk im Wandel von der agraren zur industriellen Daseins
form dargestellt am Ruhrgebiet. Tübingen 1957, J.C.B. Mohr (Paul Siebeck); Bausinger,
Hermann: Volkskultur in der technischen Welt. Frankfurt/M., New York 1986, Cam
pus (erstmals Stuttgart 1961, W. Kohlhammer); Braun, Rudolf: Industrialisierung und
Volksleben. ErlenbachZürich, Stuttgart 1960, Eugen Rentsch Verlag, und Braun, Ru
dolf: Sozialer und kultureller Wandel in einem ländlichen Industriegebiet (Zürcher
24 Technik in der Volkskunde
Studien litten unter dem, „was man BrepohlEffekt nennen könnte: der
Ruhrgebietsvolkskundler und Soziologe wurde bekanntlich immer dann
zitiert, wenn man die Volkskunde als eine der technischen Moderne gegen
über aufgeschlossene Wissenschaft präsentieren, aber selbst nichts zu die
sem Ruf beitragen wollte; Brepohl wurde stets vorbeugend zitiert."5 Auf die
Gründe, die Scharfe für diesen „BrepohlEffekt" anführt und auf deren
Plausibilität , wird noch einzugehen sein. Festgehalten werden soll hier
zunächst die Diagnose, daß sich die akademische Volkskunde mit Technik
und deren Auswirkungen auf den Alltag bislang nur sehr ungenügend aus
einandergesetzt hat.
Wissenschaftstheoretische Perspektiven
Um diese Aussage zu überprüfen, werden im folgenden einige der wenigen
volkskundlichen Studien vorgestellt, in denen Technik in ihren Auswirkun
gen auf den Alltag oder die (Alltags) Kultur thematisiert wird. Ziel ist dabei
gleichzeitig, die „Leitdifferenzen" dieser Studien und den ihnen zugrunde
liegenden „style of reasoning" herauszuarbeiten. Der kanadische Wissen
schaftstheoretiker Ian Hacking bezeichnet mit dem Begriff „style of reason
ing" die spezifische, konventionalisierte Art der Argumentation und Be
gründung innerhalb einer wissenschaftlichen Disziplin.6 Mit ihm werden
nicht nur verbindliche Modelle, Erklärungsweisen und damit auch eine spe
Oberland) unter Einwirkung des Maschinen und Fabrikwesens im 19. und 20. Jahr
hundert. ErlenbachZürich, Stuttgart 1965, Eugen Rentsch Verlag; Bentzien, Ulrich:
Das Eindringen der Technik in die Lebenswelt der mecklenburgischen Landbevöl
kerung. Eine volkskundliche Untersuchung. Mschr., Berlin 1961.
5 Scharfe, Martin: Volkskunde in den Neunzigern. In: Hessische Blätter für Volks und
Kulturforschung, Bd. 28. Hessen und Thüringen. Kulturwissenschaftliche Bilanz und
Perspektive. Marburg 1992, Jonas Verlag, S. 6576, S. 69.
6 Hacking, Ian: Language, Truth and Reason. In: Martin Hollis, Steven Lukes (eds.): Ra
tionality and Relativism, Cambridge/Mass. 1982. MIT Press, S. 4866. Vgl. auch Hack
ing, Ian: Entdecken. In: Dialektik. Enzyklopädische Zeitschrift für Philosophie und
Wissenschaften, H. 3/1993: Natur, Naturwissenschaften, Kulturbegriffe, S. 3962; hier
ist der Begriff „style of reasoning" vereinfachend als „Denkstil" übersetzt worden, wo
mit wesentliche Konnotationen des englischen Begriffs ausgeblendet werden; die eben
falls angebotene Ubersetzung „Argumentationsstil" ist ebenfalls nicht sonderlich glück
lich, so daß im folgenden am Originalbegriff festgehalten wird. Der von Hacking ver
wendete Begriff „style of reasoning" greift ein Konzept des polnischen Mediziners Lud
wik Fleck (Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache. Einführung
in die Lehre vom Denkstil und Denkkollektiv. Mit einer Einleitung hrsg. von Lothar
Schäfer und Thomas Schnelle. Frankfurt/M 1980, Suhrkamp (erstmals veröff. Basel
1935) auf und entwickelt es weiter. Fleck definiert als Denkstil das „gerichtete Wahr
nehmen, mit entsprechendem gedanklichen und sachlichen Verarbeiten des Wahrge
nommenen ... Ihn charakterisieren gemeinsame Merkmale der Probleme, die ein Denk
kollektiv interessieren; der Urteile, die es als evident betrachtet; der Methoden, die es als
Erkenntnismittel anwendet." (Ebd., S. 130)
Wissenschaftstheoretische Perspektiven 25
zifische Perspektive auf „Wirklichkeit" etabliert, sondern auch bestimmt,
welche Phänomene zum Forschungsbereich zu rechnen sind und welche
nicht; darüber hinaus wird die Verwendung eines spezifischen methodi
schen Instrumentariums legitimiert und schließlich auch ein bindender Be
wertungsmaßstab für Wahrheit und Unwahrheit wissenschaftlicher Aussa
gen zur Verfügung gestellt. Der Begriff „style of reasoning" thematisiert da
mit einen ähnlichen Zusammenhang, wie ihn Foucault analysierte: Bevor
eine Aussage als wahr oder falsch bezeichnet werden kann, muß sie „dans le
vrai" eines historisch gebundenen, wissenschaftlichen Diskurses liegen.7
Paul Rabinow greift diese von Hacking und Foucault unabhängig vonein
ander entwickelten Überlegungen auf, in denen der absolute wissenschaftli
che Anspruch auf Objektivität zugunsten eines Konzeptes verabschiedet
wird, das der Relativität, Sozial und Machtgebundenheit wissenschaftli
cher Aussagen Rechnung trägt. Sein Ziel ist es, diese Ansätze für die Diskus
sion um wissenschaftliche Repräsentationen innerhalb der Anthropologie
fruchtbar zu machen.8
Im hier verfolgten Fragezusammenhang kann der Begriff „style of rea
soning" eine Perspektive zur Verfügung stellen, unter der die implizit blei
benden Vorannahmen der untersuchten Studien über ihre Forschungsge
genstände und die disziplinaren Regulative kenntlich gemacht werden kön
nen, mit denen spezifische Fragestellungen generiert und auf ein abgegrenz
tes Set von Forschungsgegenständen fokussiert werden.9 Dieses Fragepro
gramm ist damit einer Analyse volkskundlicher Diskurse und ihrer Ge
schichte verwandt,10 jedoch wird die Fragerichtung hier gewendet: Es soll
^ Michel Foucault (Die Ordnung des Diskurses. Inauguralvorlesung am College de
France 2. Dezember 1970, München 1974, Hanser, S. 24) greift damit auf Überlegun
gen von Georges Canguilhem (Zur Geschichte der Wissenschaften vom Leben seit Dar
win. In: Wolf Lepenies (Hg.): Georges Canguilhem Wissenschaftsgeschichte und Epi
stemologie. Gesammelte Aufsätze, Frankfurt/M. 1979, Suhrkamp, S. 134153) zur wis
senschaftsgeschichtlichen und theoretischen Entwicklung der Biologie zurück, wonach
die dort verwendeten Theorien nicht nur durch die Definition von Validitätsbedingun
gen festlegten, was als Datum einer wissenschaftlichen Praxis zähle, sondern auch die le
gitimen Forschungsgegenstände, das Forschungsmaterial etc. bestimmten (ebd., S. 145).
8 Rabinow, Paul: Repräsentationen sind soziale Tatsachen. Moderne und Postmoderne in
der Anthropologie. In: Eberhard Berg, Martin Fuchs (Hg.): Kultur, soziale Praxis, Text.
Die Krise der ethnographischen Repräsentation. Frankfurt/M. 1993, Suhrkamp, S. 158—
199.
9 Dieser Ansatz verortet sich damit sowohl in der kritischen Debatte zu anthropologi
schen Repräsentationskonzepten als auch in den wissenschaftstheoretischen Überle
gungen in der Tradition Gaston Bachelards und Georges Canguilhems, mit dem Ziel,
das hier interessierende Verhältnis zwischen angewandten Theorien bzw. den vorgängi
gen Annahmen über die Forschungsgegenstände einerseits und den in wissenschaftli
chen (Schreib) Praxen etablierten Repräsentationen zu erkunden. Zu einer detaillierte
ren Positionsbestimmung vgl. unten, Kapitel „Die Produktion von Wissen ..."
10 Vgl. hierzu etwa Hartmann, Andreas: Die Kulturanalyse des Diskurses eine Erkun
dung. In: Zeitschrift für Volkskunde, 87. Jg., 1/1991, S. 1928.
26 Technik in der Volkskunde
nicht gefragt werden, wie Diskurse auf der Basis eines gemeinsamen, eta
blierten Redegegenstandes entstehen und reguliert werden, sondern wie ein
wissenschaftlicher Gegenstandsbereich aufgrund eines bestehenden Dis
kurses interpretiert und kanonisiert wird und wie durch Modifikation eines
„style of reasoning" neue disziplinäre Selbst und Gegenstandsverständnis
se begründet werden können. Aufmerksamkeit soll hierbei auch darauf ge
richtet werden, wie in den Texten die Plausibilität der Thesen und die Auto
rität der Autoren hergestellt wird, eine Perspektive, die der selbstreflexiven
Wende vor allem der USamerikanischen Ethnographie,11 der „Anthropo
logie der Anthropologie" (P.Rabinow), entlehnt ist.
Als Bestandteil eines „style of reasoning" haben spezifische, für eine Dis
ziplin weitgehend verbindliche Leitdifferenzen eine zentrale Funktion.
Niklas Luhmann bezeichnet mit diesem Begriff das Ergebnis derjenigen
Unterscheidungen, die die Informationsverarbeitungsmöglichkeiten einer
Theorie steuern.12 In diesem Sinne wären etwa die in der Volkskunde des
ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts etablierten Leitdiffe
renzen „Volkskultur industrielle Massenkultur" oder die Gegenüberstel
lung von „Volksgeist" und „moderner Rationalität" Ergebnis der Unter
scheidung zwischen angeblich ursprünglicher und nichtursprünglicher
Kultur13 eine Unterscheidung, mit der sowohl spezifische Untersu
chungsfelder und perspektiven als auch für das Fach charakteristische In
terpretamente festgelegt wurden.
Luhmann verweist mit dem Begriff „Leitdifferenz" auf ein grundlegen
des Problem der nicht nur wissenschaftlichen Beobachtung und Be
schreibung von Phänomenen: Jegliche Beobachtung beruhe auf einer Un
terscheidung (etwa zwischen wahr/unwahr etc.), mit der bestimmte Infor
mationen über einen Phänomenbreich gewonnen werden können. Wesent
lich dabei ist, daß die beobachtungsleitenden und informationsproduzie
renden Unterscheidungen durch den Beobachter definiert werden und
nicht durch den Beobachtungsgegenstand vorgegeben sind. Erst die Beob
11 Vgl. hierzu als Überblick: Berg, Eberhard, Martin Fuchs: Einleitung. In: Dies. (Hg.):
Kultur, soziale Praxis, Text. Die Krise der ethnographischen Repräsentation. Frankfurt/
M. 1993, Suhrkamp, S. 11108.
12 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie. Frankfurt/M.
1987, Suhrkamp, insbesondere S. 19 und 100. Luhmann geht hierbei davon aus, daß
Voraussetzung jeglicher Beobachtungsfähigkeit eine DeHolisierung, Entganzung und
Einschränkung der Beobachtungsperspektive sei; so sei insbesondere auf umfassende
Begriffe zugunsten trennscharfer Unterscheidungen zu Verzichten. Die Volkskunde ver
fuhr in ihrer Geschichte oft umgekehrt hierauf wird im nächsten Kapitel einzugehen
sein.
13 Vgl. zu den zugrundeliegenden Konzepten der Volkskunde z.B. Bausinger, Hermann:
Volkskunde im Wandel. In: Bausinger, Hermann, Utz Jeggle, Gottfried Korff, Martin
Scharfe: Grundzüge der Volkskunde. Darmstadt 1978, Wissenschaftliche Buchgesell
schaft., S. 116, insbes. S. 410.
Wissenschaftstheoretische Perspektiven 27
achtung konstituiere für den Beobachter den Beobachtungsgegenstand.14
Unter Verweis auf George Spencer Brown geht Luhmann davon aus, daß
durch diese Logik der Beobachtung zweierlei „blinde Flecken" entstünden:
Einerseits würden die Phänomene durch die verwendeten Unterscheidun
gen in markierte (sieht und analysierbare) und unmarkierte (unsichtbare)
Bereiche aufgeteilt, andererseits bleibe die Operation des Unterscheidens
selbst unmarkiert: „Jeder Beobachter konstituiert dadurch, daß er unter
scheiden muß, um bezeichnen zu können, eine für ihn unsichtbare Welt, ei
nen unmarked space, aus dem heraus er operiert und dem er selbst mit sei
ner Operation angehört."15 Diese „blinden Flecken" der Beobachtung füh
ren dazu, daß das durch spezifische Unterscheidungen generierte „cognized
model" (R.A. Rappaport) der Welt für den Beobachter eine verbindliche
weil alternativlose Seinsqualität erhalte.16
Diese in die Operationslogik der (wissenschaftlichen) Beobachtung
selbst eingebauten Beschränkungen hält Luhmann durch einen „Schema
wechsel", durch die Beobachtung der Beobachter unter Verwendung ande
rer Unterscheidungen für teilweise überwindbar. Zwar produziere auch
eine solche „Beobachtung zweiter Ordnung" spezifische „blinde Flecke",
jedoch könnten hierdurch die sozialen, kulturellen und theoretischen aber
nicht mitgewußten Bedingungen der Produktion von Wissen thematisiert
werden, um bislang Unbeobachtbares beobachtbar zu machen.17 Gemäß
dieser Auffassung geht es nicht mehr nur um das Wissen des Nichtwissens
oder um die Einsicht in die Grenzen aller Erkenntnis, Fragen, die das Pro
gramm der klassischen „ontologischen Erkenntnistheorie" ausmachen, die
den Referenzpunkt von Wissen in einer allen vorgegebenen Realität veror
tete. Im Gegensatz hierzu gibt Luhmann solche Absolutheitsansprüche ge
genüber Realität und Erkenntnis auf: Die Beobachtung der Beobachter
14 Vgl. Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation. Kann die moderne Gesellschaft
sich auf ökologische Gefährdungen einstellen? Opladen 1986, Westdeutscher Verlag, S.
52f. Zusammenfassend und erläuternd hierzu: Willke, Helmut: Systemtheorie. Eine
Einführung in die Grundprobleme. 2., erweiterte Auflage. Stuttgart, New York 1987,
Gustav Fischer Verlag, S. 121 ff. Luhmann greift hierbei auf theoretische Positionen des
„Radikalen Konstruktivismus" zurück (vgl. zu den dort diskutierten Problemen und
Sichtweisen die Beiträge in Schmidt, Siegfried J., (Hg.): Der Diskurs des Radiakelen
Konstruktivismus. Franfurt/M. 1987, Suhrkamp).
15 Luhmann, Ökologie des Nichtwissens. In: Ders.: Beobachtungen der Moderne.
Opladen 1992, Westdeutscher Verlag, S. 149220, S. 157.
Luhmann, Ökologische Kommunikation, S. 52.
17 Luhmann sieht damit für seine Systemtheorie die Möglichkeit eröffnet, „zu beobachten
und zu beschreiben, was andere [Theorien] nicht beobachten können" (Luhmann, Nik
las: Die Wissenschaft der Gesellschaft. Frankfurt/M. 1990, Suhrkamp, S. 89). Hierbei
bandelt es sich mithin nicht um eine weitere Variante des üblichen wissenschaftlichen
Distinktionsspieles „Ich sehe was, was du nicht siehst"; im Gegenteil, nach Luhmann
wird dieses Problem zum „Zentralproblem der sozialen Produktion von Wissen, also
auch zum Zentralproblem all dessen, was die Gesellschaft als Wissenschaft veranstaltet"
(ebd., S. 91) und gilt mithin auch für die Veranstaltung Systemtheorie.
28 Technik in der Volkskunde
müsse diszipliniert also reflexiv erfolgen, sie trete nicht als „Besserwis
sen" auf, es gehe ihr um eine andere, nicht um eine bessere Art des Beobach
tens.18 Aufgegeben wird damit von Luhmann ebenso wie von Hacking,
Foucault und Rabinow das Bedürfnis nach einer Erkenntnistheorie, die ei
nen verbindlichen Rahmen, die „feste" Fundamente und Darstellungen zur
Verfügung stellt, die nicht bestritten werden können.19 Gemeinsam ist die
sen Konzepten, daß die These einer absoluten Gültigkeit von Wissen zwar
aufgegeben, jedoch durch Konzepte einer relativen Bestandsgarantie von
Wahrheit ersetzt wird, die an die sozialen, kulturellen und wissenschafts
theoretischen Bedingungen der Wissensproduktion gebunden ist.
Unter Verwendung dieser Frageperspektive soll im folgenden untersucht
werden, ob und in welchem Maße die in der Volkskunde zur Verfügung
stehenden Terminologien zur Analyse der „modernen, technologisch ge
prägten Alltagskultur" nicht mehr adäquat sind, oder anders und im Sinne
Luhmanns gewendet: ob die verwendeten Theorien nur über unzureichen
de „Informationsverarbeitungskapazitäten" verfügen. Geprüft wird damit,
ob es sich bei der von Scharfe beobachteten Vernachlässigung der Thematik
„Technik und Moderne" nur um eine leicht korrigierbare „Aufmerksam
keitsschwäche" bzw. mangelndes Interesse der Volkskunde handelt, dem
mit RelevanzAppellen beizukommen ist, oder ob die im Fach etablierten
Konzeptionen der Forschungsgegenstände „blinde Flecke" produzieren,
die die wissenschaftliche Beobachtung der alltagskulturellen Bedeutung von
Technik systematisch ausschließen.
Zur Klärung dieser Fragen werden die in den Einzelstudien herausgear
beiteten „Leitdifferenzen" und ihr spezifischer „style of reasoning" bei der
Thematisierung von Technik in einem zweiten Schritt mit den fachge
schichtlich entwickelten disziplinären Wissensbeständen und Methoden,
ihren zentralen Unterscheidungen und vorherrschenden Erkenntnisinteres
sen in Bezug gesetzt. Damit können die gängigen Terminologien, Theorien,
begrifflichen Konzepte und Verknüpfungen, die implizit mitgeführten Ver
laufsvorstellungen von „Kultur" oder „Gesellschaft" thematisiert werden,
die in ihrer Gesamtheit die kognitive Identität der Volkskunde konstituie
ren. Mit dem Begriff kognitive Identität wird in der Wissenschaftsfor
18 Vgl. Luhmann, Ökologische Kommunikation, S. 60. Dieser Ansatz unterscheidet sich
damit ebenfalls von der üblichen Ideologiekritik, die wie die klassische Erkenntnistheo
rie auf eine beobachtungsunabhängige „Wahrheit" oder „wirkliche" Realität rekurriert;
vgl. zur Kritik des Ideologiebegriffs Foucault, Michel: Truth and Power. Interview with
Alessandro Fontana and Pasquale Pasquino. In: Michel Foucault: Power/Knowledge.
Selected Interviews and Other Writings 19721977. Edited by Colin Gordon. New
York 1980, Pantheon Books, S. 109133, S. 118.
19 Vgl. zur Kritik der Herkunft der Erkenntnistheorie aus einem „Bedürfnis nach Ein
schränkung" Rorty, Richard: Der Spiegel der Natur. Eine Kritik der Philosophie.
Frankfurt/M. 1987, Suhrkamp, insbes. S. 149184.
Wissenschaftstheoretische Perspektiven 29
schung20 das je fachspezifische Set von Paradigmen, Problemstellungen und
Forschungsmethoden verstanden, das als Bedingung der Möglichkeit wis
senschaftlichen Fragens denjenigen Rahmen zur Verfügung stellt, in dem
wissenschaftliche Disziplinen ihre Gegenstände konstruieren und andere
aus ihrer Forschung exkommunizieren: Die Verwendung dieses diszi
plinspezifischen Vokabulars (R.Rorty) ermöglicht die Beobachtung be
stimmter Phänomene, erschwert die Analyse anderer und produziert spezi
fische „blinde Flecke" der Beobachtung. Anders gewendet: Durch die Be
obachtung der volkskundlichen Beobachter21 der Alltagskultur sollen einige
der Begründungszusammenhänge für die weitgehende Vernachlässigung
des Themas „Technik und Kultur" skizziert werden. Das hier angewandte
Verfahren folgt damit dem Plädoyer Rolf Lindners, der die selbstreflexive
Wendung des in der Volkskunde entwickelten „fremden Blicks" auf die ei
gene Forschungspraxis fordert22 und damit die Fragestellungen der soziolo
gischen Wissenschaftsforschung auch für die Volkskunde fruchtbar zu ma
chen sucht.
Um diesem modifizierten Interesse folgen zu können, muß allerdings der
enge Rahmen einer allein auf die kognitiven Gehalte gerichteten Fachge
schichtsschreibung überschritten werden, in der die Disziplinentwicklung
üblicherweise rein narrativ als kumulativer Verlaufsprozeß der Wissenser
weiterung dargestellt wird. Der Soziologe Wolf Lepenies kritisiert zu recht,
daß solche klassischen Wissenschaftsgeschichten die aktuelle Disziplinge
stalt durch ein chronologisches Arrangement von Dogmen und Theorien in
die Vergangenheit projizierten, ein Verfahren, das er als „Präsentismus"23
bezeichnet. Eine solche „WhigGeschichtsschreibung" der Fachentwick
lung verkenne meist den sozialen Kontext der jeweiligen Theorieproduk
tionen ebenso wie fachkonkurrentielle Auswirkungen auf die kognitiven
Gehalte einer Disziplin. Lepenies unterstreicht daher die Notwendigkeit,
neben der kognitiven auch die soziale und historische Identität eines Faches
zu thematisieren, die im Kampf um wissenschaftliche Reputation und gegen
eine zu starke Binnendifferenzierung eines Faches entstehen und als konsti
tuierend für seine wissenschaftliche Identität angesehen werden können.
Aus diesem umfassenden Frageprogramm der Wissenschaftsforschung
20 Vgl. zur Abgrenzung der Wissenschaftsforschung gegen traditionelle, rein fachge
schichtlich ausgerichtete Ansätze Lepenies, Wolf: Einleitung. Studien zur kognitiven,
sozialen und historischen Identität der Soziologie. In: Ders. (Hg.): Geschichte der So
ziologie. Studien zur kognitiven, sozialen und historischen Identität einer Disziplin. Bd.
1. Frankfurt/M. 1981, Suhrkamp, S. ixxxv, oder zur Programmatik der Wissenschafts
forschung Krohn, Wolfgang, Günter Küppers: Die Selbstorganisation der Wissenschaft.
Frankfurt/M. 1989, Suhrkamp.
21 Zu den Voraussetzungen dieser Operation einer „Beobachtung zweiter Ordnung" vgl.
Luhmann, Wissenschaft, insbes. S. 86ff.
22 Lindner, Rolf: Zur kognitiven Identität der Volkskunde. In: Österreichische Zeitschrift
für Volkskunde. Neue Serie Bd. XLI, Heft 1, 1987, S. 119, S. 15.
23 Lepenies, Studien, S. vii.
30 Technik in der Volkskunde
können hier allerdings nur einige wenige Fragen verfolgt werden, soweit sie
zur Bestimmung der „blinden Flecken" volkskundlicher Empirie und ihrer
Ursachen dienlich sind. Herausgearbeitet werden sollen sowohl die grund
legenden Unterscheidungen als auch diejenigen forschungsorientierenden
Faktoren, die das Erkenntnisinteresse der wissenschaftlichen Disziplin
Volkskunde leiten.
In einem dritten und abschließenden Arbeitsschritt schließlich soll ge
klärt werden, welche analytischen Potentiale in der volkskundlichen Sach
kulturforschung angelegt sind, die für den Fragekomplex „Technik und
Kultur" fruchtbar gemacht werden können. Thematisch zählt die Sach
(Kultur)Forschung zu den klassischen Sparten der Volkskunde, deren er
klärtes Ziel so Gottfried Korff24 die Analyse alltäglicher und profaner
Artefakte ist. Erklärtes Ziel dieses zentralen Forschungszweiges ist es dabei,
„die entsprechenden Objekte aus ihren jetzigen und historischen Verwen
dungszusammenhängen heraus zu verstehen und über die Objekte auf die
Realität des kulturellen Lebens zu schließen."25 Mit dieser weitgefaßten, auf
die Untersuchung historischen und gegenwärtigen „Umgangs mit Dingen"
ausgerichteten Programmatik erscheint die Sachkulturforschung in beson
derem Maße dazu berufen, auch alltägliche, technische Artefakte der Ana
lyse zugänglich zu machen.
Daß sie dies nicht oder nur ungenügend leistet und ihr historisches Fra
geinteresse gegenüber der Technik spätestens gegenüber industriegesell
schaftlichen Artefakten erlahmt, daß sie zwar Werkzeuge und Geräte der
bäuerlichen oder handwerklichen Produktion breit untersucht, jedoch die
fachwissenschaftliche Auseinandersetzung mit komplexerer Technik, wie
Maschinen und Fabriktechnik, weitgehend unterblieb, soll unter Rückgriff
auf die herausgearbeiteten erkenntnisleitenden Unterscheidungen und Ori
entierungen analysiert werden. Dabei sollen punktuelle Revisionen der an
gewandten Theorien und etablierten Perspektiven vorgeschlagen werden,
die eine Ausweitung der Sachkulturforschung auf technische Artefakte er
möglichen. Das herausgearbeitete theoretische Instrumentarium soll im ei
nem weiteren Schritt auf seine Anschlußfähigkeit gegenüber der Soziologie
oder Technikphilosophie überprüft werden, Disziplinen, die sich erst seit
neuerer Zeit allerdings vor einem anderen fachgeschichtlichen Hin
tergrund mit ähnlichen Fragestellungen auseinanderzusetzen beginnen.
24 Korff, Gottfried: Einige Bemerkungen zum Wandel des Bettes. In: Zeitschrift für
Volkskunde 77,1/1981, S. 116, S. 1.
25 Brednich, Rolf Wilhelm: Quellen und Methoden. In: Ders.: Grundriß der Volkskunde.
Einführung in die Forschungsfelder der Europäischen Ethnologie. Berlin 1988 Dietrich
Reimer Verlag, S. 7394, S. 77.
Annäherungen 31
Annäherungen
Die exemplarische und notwendig unzulängliche Vorstellung einiger
volkskundlicher Studien, die Technik in ihren Auswirkungen auf den All
tag oder die (Alltags)Kultur thematisieren, wird mit den auch von Martin
Scharfe als vorbildhaft charakterisierten Entwürfen von Ulrich Bentzien,
Hermann Bausinger, Rudolf Braun und Wilhelm Brepohl begonnen. Die
beiden erstgenannten Arbeiten lassen sich etwas vergröbernd als Streit
schriften gegen vorherrschende Interpretamente der Volkskunde charakte
risieren, mit denen die Volkskultur als „vortechnische Veranstaltung"26 de
finiert wurde. Das jeweilige Generalthema „Technik und Lebenswelt" bzw.
„Technik und Volks kultur" dient diesen Arbeiten als Ausgangspunkt, von
dem aus zentrale Vorannahmen revidiert werden sollen. Die Arbeiten von
Braun und Brepohl variieren dieses Thema, indem sie den Industrialisie
rungs und Modernisierungsprozeß in seinen Auswirkungen auf die Volks
kultur von der Durchsetzung der Fabrikarbeit her interpretieren; Technik
ist hier eher sekundäres Thema. Während Bentzien und Braun sich bei aller
Kritik noch weitgehend an den volkskundlichen Konventionen der
Themenfindung, vorherrschender Interpretamente und Schreibweisen ori
entieren, sind die Arbeiten Brepohls und vor allem Bausingers durch ein
konsequentes Revisionsinteresse gekennzeichnet. Mit der etwas ausführli
cheren Darstellung dieser vier Studien wird gleichzeitig einem „Minimum
an »historiographischer« Tätigkeit"27 Genüge geleistet, indem exemplarisch
der volkskundliche Forschungsstand bei der Thematisierung von Technik
um 1960 nachgezeichnet wird.28 Diese vier Studien werden dabei gleichzei
tig als Vorschläge interpretiert, den für das Fach charakteristischen „style of
reasoning" zu revidieren. Von diesen Arbeiten der deutschsprachigen
Volkskunde gingen in den 60er Jahren bedeutende Impulse aus, die zur Re
form der Volkskunde in den 70er wesentlich beitrugen, weshalb jeweils
kurz auf den fachtheoretischen Argumentationskontext eingegangen wird.
Ulrich Bentzien: Jenseits der Untergangsstatistiken
Bentziens Arbeit „Das Eindringen der Technik in die Lebenswelt der
mecklenburgischen Landbevölkerung" wurde 1961 beim Berliner Akade
26 Bausinger, Volkskultur, S. 3.
27 Krohn/Küppers, Selbstorganisation, S. 84.
28 Diese Rekonstruktion der Konturen der volkskundlichen Forschungslandschaft ge
schieht natürlich nicht interesselos: Sie ist eine Stilisierung, die die Anschlußfähigkeit
der hier vertretenen Thesen sowohl an den disziplinären Gegenstand der Volkskunde
als auch an einige Theorien und Konzepte der Soziologie sowie der Technikphilosophie
sicherstellen soll. Die Perspektive auf die untersuchten Studien wird also durch einen
modifizierten „style of reasoning" bestimmt, der v.a. in veränderten disziplinären Bezü
gen zum Ausdruck kommt.
32 Technik in der Volkskunde
mieInstitut für deutsche Volkskunde der DDR als Dissertation einge
reicht, das sich insbesondere die „Erforschung des werktätigen deutschen
Volkes in seiner materiellen und geistigen Kultur"29 zum Ziel gesetzt hatte.
Diese programmatische Ausrichtung des AkademieInstitutes war bereits
1952 von Wolfgang Steinitz auf dem 8. deutschen Volkskundetag in Passau
bzw. ein Jahr später auf dem ersten Volkskundekongreß der DDR in Berlin
formuliert worden.30 Die dort durchgeführten Untersuchungen waren vor
allem auf die beiden Forschungsschwerpunkte „demokratischrevolutionä
re und antifeudale Traditionen in der Volksdichtung" und den „Beitrag
ländlicher Sozialgruppen des werktätigen Volkes zur Entwicklung der agra
rischen Produktionsweisen" gerichtet.31 Durch die 1955 eingerichtete „For
schungsstelle für Agrarethnographie" bzw. die „Abteilung für die Erfor
schung der bäuerlichen Arbeit und Wirtschaft" am Berliner AkademieIn
stitut entstand auch ein institutioneller Rahmen, aus dem in den folgenden
Jahren eine Vielzahl von Arbeiten hervorgingen,32 deren zeitlicher Schwer
punkt überwiegend „bei Erscheinungen lag, die noch im Feudalismus wur
zelten."33 Diese Charakterisierung trifft auch auf die im folgenden vorge
stellte Arbeit Bentziens zu, der in seiner im 18. Jahrhundert einsetzenden
Analyse den Transformationsprozeß von der feudal geprägten Agrarstruk
tur zu einer agrarindustriellen Produktionsweise nachzeichnet. Der
Schwerpunkt der Darstellung liegt dabei auf der Mitte des 19. Jahrhunderts.
Allerdings trägt er den Forderungen W.Jacobeits nach einer mit komplexen
Methoden vorangetriebenen Erforschung der „Kulturgeschichte des werk
tätigen bäuerlichen Menschen von früheren Epochen bis zur Gegenwart"34
29 Steinitz, Wolfgang: Die volkskundliche Arbeit in der Deutschen Demokratischen Re
publik (= Studienmaterial für die Bildungs und Erziehungsarbeit der Volkskunstgrup
pen. Sonderreihe zur Volkskunstforschung, H. 1), 2. Aufl. Leipzig 1955, S. 30.
30 Vgl. hierzu Jacobeit, Wolfgang: Bäuerliche Arbeit und Wirtschaft. Ein Beitrag zur Wis
senschaftsgeschichte der deutschen Volkskunde. Berlin 1965, AkademieVerlag, S. 147.
31 Zur theoretischen und thematischen Ausrichtung dieser Arbeiten vgl. Jacobeit, Wolf
gang, Ute Mohrmann: Zum Gegenstand und zur Aufgabenstellung der Volkskunde in
der DDR. In: Gerndt, Helge (Hg.): Fach und Begriff „Volkskunde" in der Diskussion.
(= Wege der Forschung, Bd. 641) [erstmals in: L'etopis: Reihe C, Volkskunde 11/12
(1968/69), S. 94103.] Darmstadt 1988, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, S. 209222,
S. 209ff.
32 Jacobeit (Bäuerliche Arbeit, S. 148f.) listet ein ganze Reihe von Monographien auf, die
aus diesem Arbeitszusammenhang entstanden: neben der Dissertation von Bentzien u.a.
Friedrich Sieber (1959): Die bergmännische Lebenswelt als Forschungsgegenstand der
Volkskunde, Wolfgang Jacobeit (1961): Schafhaltung und Schäfer bis zum Beginn des
20. Jahrhunderts, Reinhard Peesch (1961): Die Fischerkommünen auf Rügen und Hid
densee, Rudolf Weinhold (1963): Stand und Aufgaben einer volkskundlichen Erfor
schung des Weinbaues im Saale und Unstrutgebiet.
33 So die Einschätzung von Jacobeit/Mohrmann (Zum Gegenstand, S. 211), die es vor al
lem als Verdienst Paul Nedos ansehen, ab Mitte der 1960er Jahre auch auf die volks
kundliche Untersuchung „der Werktätigen unter den Bedingungen des Kapitalismus"
hingewirkt zu haben.
34 Jacobeit, Bäuerliche Arbeit, S. 148.
Annäherungen 33
dadurch Rechnung, daß er auch aktuelle Entwicklungen, wie etwa die Aus
wirkungen der Bodenreform und die Gründung von LPGs in der DDR, in
seine Studie einbezieht.
Der weitaus größte Teil der Untersuchung Bentziens beruht auf der In
terpretation von empirischem Material, das Richard Wossidlo zwischen
1889 und 1939 in Mecklenburg erhoben hatte.35 Zusätzlich wird noch land
wirtschaftsgeschichtliche Literatur und Archivmaterial herangezogen; im
letzten Teil seiner Arbeit, der sich mit den Entwicklungen im 20. Jahrhun
dert beschäftigt, wertet er auch selbst erhobenes ethnographisches Material
aus.36 Bentzien ist sich der Problematik sehr bewußt, die bei der Arbeit mit
dem unter ganz anderen Fragestellungen entstandenen und nach traditio
nellen volkskundlichen Kategorien wie Sage, Märchen, Schwank etc. geglie
derten WossidloArchiv zu berücksichtigen war. So führt er die geringe
Menge des von ihm verwertbaren einschlägigen Materials aus dem Gesamt
bestand des Archivs auf Wossidlos „ausgesprochen romantisch beeinflußte
und stets auf das Alter des Uberlieferungsgutes bedachte Sammlernatur"
zurück, die „der Aufzeichnung moderner Ausformungen vielleicht doch
hier und da instinktiv widerstanden hat."37 Aber nicht nur quantitativ mel
det Bentzien Zweifel an seinem Material an: Auswirkungen der Technik
sind in dem zugrundeliegenden, traditionell volkskundlichen Material auch
deshalb kaum zu beobachten, weil die „Technik und ihre sozialökonomi
schen Begleiterscheinungen ... ihrerseits den Rahmen der Lebenswelt ge
sprengt [haben], in den die Sage, das Märchen, das Volkslied als verdichtete
Aussageformen gespannt waren".38 Das von ihm auswertbare Material ent
stammt daher einer schmalen „Grenzzone", in der sich Technik gerade
durchzusetzen beginnt, ohne daß die veränderten sozialökonomischen Be
dingungen die volkstümlichen Formen bereits völlig zerstört haben.39 For
schungen, die sich am traditionellen volkskundlichen Kanon orientieren,
35 Bentzien (Das Eindringen, S. 13) gibt wichtige Hinweise zu Herkunft und Charakter
des von ihm ausgewerteten Materials: „ohne daß [Wossidlo] systematisch nach der Stel
lung seines Landvolkes zur Technik geforscht hätte, notierte er doch gewissenhaft sol
che zwanglos gemachten Äußerungen von Landarbeitern und Bauern. Neben diesen
formlosen Aussagen registrierte Wossidlo getreu das Eindringen technischer Elemente
in die folkloristischen Gattungen (Sage, Schwank usw.) sowie die mundartlichen Be
zeichnungen der technischen Gegenstände und Vorgänge. Die vorliegende [und in der
Arbeit verwendete] Ausbeute des über das gesamte WossidloArchiv verstreuten Mate
rials entstammt im wesentlichen den WossidloKästen: Kulturhistorisches (bes. Land
wirtschaft); Sagen, Schwänke, Rätsel, Reime, Brauchtum; Sprachliches (hier auch Re
densarten und Lautausdeutungen)."
36 Hierbei handelt es sich sowohl um Interviews als auch „Gespräche und Beobachtun
gen", die „im Juli 1959 auf der LPG ... bei körperlicher Mitarbeit gemacht" (ebd., S.
355) wurden..
37 Ebd., S. 329.
38 Ebd., S. 331.
39 Mit Bedauern schränkt Bentzien daher ein, daß in seiner auf diesem durch das
volkskundliche Archiv Wossidlos vorgegebene Material beruhenden Arbeit nur
34 Technik in der Volkskunde
müssen sich laut Bentzien somit an dem Dilemma abarbeiten, daß der For
schungsgegenstand Technik die befragten Phänomenbereiche selbst in Fra
ge stellt oder sogar beseitigt.
Gleich zu Beginn seiner Dissertation weist Bentzien auf die Schwierig
keit hin, daß die von ihm untersuchte Fragestellung „Mensch und Technik"
bislang in der Volkskunde in bezug auf moderne Maschinentechnik nicht
untersucht worden sei40; die wenigen Untersuchungen auf diesem Gebiet
beschränkten sich überwiegend auf eine „Statistik des Untergangs volks
tümlicher Formen unter dem Einfluß technischer Erscheinungen".41 Wäh
rend jene Beschreibungen dazu tendierten, einzelne Maschinen isoliert für
das Aussterben dieses oder jenes Volksgutes verantwortlich zu machen,
versucht Bentzien solche Veränderungen des traditionellen Volkslebens als
Ergebnis der Durchsetzung „der modernen Produktionsweisen" zu inter
pretieren und damit als Teil eines folgerichtigen und letztlich notwendigen
(Anpassungs)Prozesses.42 So orientiert sich auch der Argumentationsgang
an einem allerdings nicht explizit formulierten ökonomisch begründeten
Verlaufsmodell: Der „entwicklungsgeschichtliche Fortschritt"43 im Um
gang mit Technik realisiert sich dabei in zwei Etappen als unmittelbare Re
aktion auf das „Eindringen" der Technik in die Lebenswelt der mecklen
burgischen Landbevölkerung. Nach einer ersten Phase, in der Technik vor
allem als „Fremdkörper" erfahren wird, gelingt in einer zweiten weitgehend
der „Einbau" in die Lebenswelt durch praktische, alltägliche Handhabung
technischer Errungenschaften.
„volkskundlich greifbare Äußerungen" (Ebd., S. 243) interpretiert und damit „nur ein
Ausschnitt der vielschichtigen Auswirkungen des Einbruches der Technik sichtbar ge
macht" (S. 361) werden könne.
40 Ebd., S. 3; für diese Vernachlässigung des Themas Technik macht er insbesondere „ro
mantische Sichtweisen" und das „verständliche Bemühen, in Sammlung und Forschung
bevorzugt das alte Überlieferungsgut zu bergen und zu deuten" (ebd., S. 7) verantwort
lich.
41 Ebd., S. 6. Diesen volkskundlichen Forschungsstand, der letztlich durch den Wegfall der
Untersuchungsgegenstände charakterisiert ist, referiert Bentzien lakonisch: „[...] die
durch den Automobilverkehr oder die elektrische Beleuchtung entzauberte Szenerie
nahm den Spukgeschichten den erzählerischen Reiz, Rhythmus und Lautstärke der Ma
schine töteten den Gesang bei der Arbeit; auch die Knechte sangen nicht mehr auf dem
Weg zur Feldarbeit, seitdem dieser mit dem Fahrrad zurückgelegt wurde. Mit dem Ver
fall des alten ländlichen Arbeitsgeräts starben auch deren volkssprachliche Benennun
gen aus, so daß die moderne Technik unmittelbar mundartzerstörend wirkte." (Ebd.)
42 Bentzien (Ebd., S. 6) verweist dabei auf Karl Marx, Das Kapital, Bd. 1, (MEW Bd. 23,
Berlin 1969, Dietz) insbes. Kapitel 13.1 „Maschinerie und große Industrie" (S. 391407).
Daß Bentzien hier auf den ersten Blick überraschend von der Durchsetzung moder
ner Produktionsweise« statt von der Durchsetzung der Produktionsweise „Waren
produktion" spricht, erklärt sich wohl als Hinweis auf Marxsche VerlaufsvoStellun
gen, nach denen die „Umwälzung in der Produktionsweise in einer Sphäre der Industrie
... ihre Umwälzung in der anderen [bedingt]." (Marx, Kapital, Bd. 1, S. 404)
43 Bentzien, Das Eindringen, S.ll.
Annäherungen 35
Bentzien geht in seiner Arbeit von der „elementaren Gegensätzlichkeit
von moderner Technik und tradierter Volks kultur"44 aus; diese Leitdiffe
renz von Gemeinschaftskultur und kapitalistischer Gesellschaft bestimmt
die für die Konzeption seiner Arbeit grundlegende Vorstellung eines allein
von externen Transformationsbedingungen induzierten Veränderungspro
zesses der traditionellen Lebenswelt. Dieses Konzept wirkt sich direkt auf
die sprachliche Ebene aus: Die Technik dringt in die statische Lebenswelt
der Agrargesellschaft ein, bricht dort traditionelle Strukturen auf. Technik
wirkt hier als externer, übermächtiger, unbeeinflußbarer Faktor, auf den
letztlich nur mit einer adäquaten Anpassungsleistung reagiert werden
kann. Dieser Gegensatz von Technik und untersuchter Lebenswelt wird
auch durch die verwendete Technikdefinition aufgebaut, unter der „die
praktische Anwendung der theoretischen Beherrschung der Natur durch
die moderne Naturwissenschaft"45 verstanden wird. Demgegenüber ist die
untersuchte Lebenswelt durch eine praktische Naturbeherrschung geprägt,
der die spezifisch ökonomische Rationalität fremd bleibt.
An dem oben skizzierten ökonomisch bestimmten Verlaufsmodell ist
auch die Gliederung der Arbeit ausgerichtet: Nachdem in einem ersten Ka
pitel („Die Grundlagen Abriß der Technikentwicklung in Mecklenburg")
die Entwicklung der Agrartechnik, der ländlichen Industrie, der Verkehrs
technik und der häuslichpersönlichen Technik chronologisch dargestellt
werden, verfolgt Bentzien in zwei weiteren Hauptteilen seine zentrale The
se eines zweiphasigen Modells der Wirkung, die Technik „auf den materiel
len und geistigen Lebensbereich"46 entfaltet. Im Kapitel „Die Technik als
Fremdkörper in der Lebenswelt" werden die „Hauptfaktoren des Ein
bruchs der Technik" dargestellt, ihre „Wirkung als bedrohendes Element
(im Spiegel abergläubischer Reaktionen), die Tatsache der anfänglichen
Nichtbeherrschung und des Nichtverstehens technischer Arbeitsvorgänge,
sowie die Auswirkungen im sozialökonomischen Bereich"47. Diesen drei
Punkten entsprechen die jeweiligen Unterkapitel. Die zweite Phase seines
Verlaufsmodelles skizziert er wiederum in drei Unterkapiteln: an der
„volkssprachliche[n] Verarbeitung der technischen Phänomene sowie
ihre[r] Hereinnahme in die folkloristischen Formen [... und an der] Frage
der Bewältigung der Technik in der Lebenswirklichkeit."48
Bemerkenswert an dieser Gliederung ist, daß Bentzien im ersten,
technikgeschichtlichen Teil chronologisch argumentiert, davon jedoch im
zweiten und dritten Teil abweichen muß, um seine These vom „entwick
lungsgeschichtlichen Prozeß" in den Reaktionen der Landbevölkerung auf
die sich durchsetzende Technik belegen zu können. In einer Fußnote weist
44 Ebd., S. 4 bzw. S. 6.
45 Ebd., S. 9.
46 Ebd., S.U.
47 Ebd., S. 12.
48 Ebd., S. 12.
36 Technik in der Volkskunde
er darauf hin, daß sich eine „chronologische Gesamtgliederung [...] für die
volkskundlichen Teile der Arbeit [verbot], da in diesem Falle etwa spät
greifbare negative Auswirkungen hinter bereits früher belegten Äußerun
gen eines positiven Verhältnisses o.ä. hätten behandelt werden müssen."49
Aber nicht allein der Hinweis, daß die erzählte „Entwicklungsgeschichte"
nur unter Verzicht auf die Chronologie der Entwicklung konstruiert wer
den kann ist in einer Fußnote versteckt. Auch die zentrale Begründung da
für, warum überhaupt von einer Höherentwicklung der Reaktionen ge
schrieben werden kann, findet sich an entlegener Stelle: „Für die Anord
nung der hier gewählten Aspekte [der Darstellung] war ... die ideologische
Qualität der betreffenden Äußerungen bestimmend."50
Woran Bentzien diese ideologische Qualität bemißt, wird dabei explizit
nicht geklärt; erst aus dem Zusammenhang seiner Argumentation wird
deutlich, daß dieser Maßstab in einer spezifischen Rationalitätsvorstellung
besteht. Nach dem von ihm konstruierten „Stufenschema" stellt die „objek
tiv unterste Stufe [der] Auseinandersetzung von Mensch und Technik"51 die
abergläubische Reaktion dar, die rational höchste Stufe der negativen Reak
tionen sind Proteste gegen die rationalisierenden Auswirkungen der Land
maschinentechnik. Diese negativen Reaktionen stehen jedoch in ihrer ideo
logischen Qualität wiederum unter den positiven Reaktionen, die in der ge
glückten „Bewältigung der Technik in der Lebens Wirklichkeit", d.h. in ei
nem rationalen Umgang ihre höchste Stufe erreichen, wobei rational hier
offenbar Einsicht in die ökonomischeNationalität und letztlich deren Ak
zeptanz meint. Erst unter Verzicht auf die Chronologie gelingt es Bent
zien somit, einen „Prozeß der Höherentwicklung" zu zeichnen, der „vom
Negativen (Furchtvorstellungen, Unverständnis, Ablehnung) zum Positi
ven (Beherrschung, Bejahung)"52 zwar mit Hindernissen und Verzögerun
gen verläuft, letztlich jedoch glattgeht: Furcht wandelt sich in Beherr
schung, Ablehnung in Bejahung, irrationale Reaktionen weichen einem ra
tionalen Umgang. Das von Bentzien konstruierte „entwicklungsgeschicht
liche Modell" organisiert als „organizational imagery"53 nicht nur den Ar
gumentationsverlauf des Textes, sondern auch die Interpretation seiner Da
49 Ebd., S. 12, Fußnote 1.
50 Ebd., S. 94, Fußnote 1 (Hervorhebung von mir, S.B.).
51 Ebd., S. 94.
52 Ebd., S. 361.
53 Auf diesen Zusammenhang durch die Analyse von Textualisierungsstrategien hingewie
sen zu haben, mit denen die Autorität und Plausibilität wissenschaftlicher Texte herge
stellt wird, ist das Verdienst der kritischen, selbstreflexiven Wendung in der USameri
kanischen Ethnologie seit den 70er Jahren. So formulieren etwa George E. Marcus und
Dick Cushman (Ethnographies as Texts. In: Annual Review of Anthropology, 11/1982,
S. 2569, S. 40): „An ethnographic text requires an overall conception in the form of
some kind of organizational imagery of its subject matter within which its concerns will
be confined. The authority of the ethnographic writer is thus ultimately bound to the
kind of story he sets for himself to teil." Für die Anwendung der in diesen Diskussionen
Annäherungen 37
ten. Dieses Ordnungsmodell, mit dem er Informationen über die Lebens
weise, Einstellungen und Reaktionen der Landbevölkerung textuell organi
siert und zugänglich macht, leitet seine Plausibilität direkt aus dem
Marxschen evolutionistischen Modell der Stufenfolge der Produktions
weisen ab, indem er zwar zeitverzögerte, doch letztlich adäquate Anpas
sungsleistungen der Landbevölkerung an die sich durchsetzende ökonomi
sche Rationalität der kapitalistischen Warenproduktion beschreibt.
Die Plausibilität und Stringenz dieser Darstellung hat jedoch spezifische
Kosten, da das zugrundeliegende Modell eine Lesart der Quellen privile
giert. Dies wird etwa an einer Passage deutlich, in der die Verdrängung des
Hakenpfluges durch den moderneren Wendepflug thematisiert wird. Die
Landarbeiter wandten gegen die neue Technik ein, daß das Unkraut nicht
mehr wie beim Haken abgerissen und vernichtet, sondern untergepflügt
wurde und so nach kurzer Zeit den Boden wieder überwuchern konnte.
Bentzien interpretiert die zahlreichen von ihm genannten negativen Bewer
tungen wie folgt:
„Die den Nachteil in der Queckenvertilgung bei weitem überwiegenden Vorteile der
Pflugarbeit (tiefere Furche usw. ...) konnten vom Landarbeiter nicht unbemerkt
bleiben. Er sah sie auch, ohne freilich das eine Negativum in der dann einseitig
werdenden Gesamtbeurteilung zu übergehen. Eine solche Einstellung, die bestimmte
Mängel rein sachlich hervorzuheben scheint, dabei aber nur die negative Seite erfaßt,
zeigt ein Unvermögen allseitiger Einschätzung und rationellen Abwägens von Vor
und Nachteilen und muß daher noch als Äußerung eines latenten Unverständnisses
gewertet werden."54
Für die Landarbeiter bedeutete die erschwerte Unkrautbekämpfung vor al
lem deutlich mehr Arbeit, während die durch den Einsatz der neuen Boden
bearbeitungstechnik deutlich gesteigerten Erträge für sie keinen Vorteil bo
ten. Ihren Widerstand gegen diese „Rationalisierung" kann Bentzien unter
seiner Frageperspektive nicht als Ausdruck eines spezifischen Interesses
werten, das den ökonomischen Rationalisierungsinteressen der Gutsbesit
zer gleichwertig entgegengesetzt war. Obwohl er in anderen Zusammen
hängen mit bemerkenswerter Sensibilität die hoffnungslose soziale Lage der
Landarbeiter, ihren erzwungen geringen Bildungsstand etc. beschreibt,
muß er hier um sein teleologisches Modell belegen zu können die popu
läre Rationalität delegitimieren und als irrationale Vorstufe zu wirklicher
Einsicht und Akzeptanz herrschender, ökonomischer Rationalität (abqua
lifizieren:55 Seine Entscheidung, keine reine „Untergangsstatistik" volks
tümlicher Formen zu schreiben, zieht die Wahl eines den Text und die
entwickelten Theorien und Problematisierungen für die Volkskunde vgl. Welz, Gisela:
Die Straße lebt. Bemerkungen zu einer Urbanen Taktik. In: Zeitschrift für Volkskunde
1/1991, S. 115, insbes. 915.
54 Bentzien, Das Eindringen, S. 179.
55 Vgl. hierzu die Kritik an gängigen handlungstheoretischen Rationalitätskonzepten un
ten, Teil II, Kapitel „Praxis".
38 Technik in der Volkskunde
Quelleninterpretation orientierenden, evolutionistischen Modells nach
sich, das zudem noch politisch konform ist/sein muß. Der Endpunkt des
von ihm gezeichneten bruchlosen Prozesses die Übernahme der ökono
mischen Rationalität durch die Landbevölkerung muß aber deren spezifi
sche Rationalität, die sie gegen die Einführung neuer Techniken protestie
ren ließ, unsichtbar machen; der Landbevölkerung wird der Diskurs der je
weils Herrschenden (Ökonomie) eingeschrieben. Die Feststellung des US
amerikanischen Ethnologen James Clifford trifft auch Bentziens Studie zu:
„Even the best ethnographic texts serious, true fictions are systems, or
economies of truth. Power and history work through them, in ways their
authors cannot fully control".56
Diese eher ideologiekritischen Einschränkungen sollen jedoch die Stärke
von Bentziens Arbeit nicht schmälern. Auch auf spärlicher Materialbasis
gelingt es ihm, zur Frage des alltäglichen, praktischen Umgangs der Land
arbeiter mit der neuen Technik wichtige Hinweise herauszudestillieren.
Hierbei argumentiert er ex negativo, indem er landwirtschaftsgeschichtli
ches Quellenmaterial interpretiert, in dem ein unproblematischer „Einbau
der Technik in die Lebenswelt" beschrieben wird; so analysiert er beispiels
weise zusammenfassend die insgesamt reibungslose Einführung der
Dreschmaschine:
„[Sie griff] von vornherein so nachhaltig in die Arbeitswelt der Trägerschicht ein, daß
sie mit ihrer dominierenden ökonomischen Wirksamkeit einer Ausbreitung abergläu
bischer Reaktionen keinen Rückhalt gab. [...] Die Landmaschine bestimmte von
Anfang an unmittelbar Inhalt und Form der täglichen Arbeit. Sie wurde von der Hand
des Arbeiters gelenkt und bedient [...]; das produktive Verhältnis [...], das ihn in der
Arbeit an sie band, ließ reale Fragen auftauchen, die rationale Antworten verlangten,
und schloß damit die Entstehung irrationaler Reaktionen weitgehend aus."57
Bemerkenswert an dieser Passage ist, daß bei dem hier beschriebenen Pro
zeß Bentziens für den Argumentationsgang der Arbeit so zentrale Ord
nungskategorie der „ideologischen Qualität" der Reaktionen der Landbe
völkerung auf die Technik keinerlei Rolle spielt. In dem Moment, da eine
tatsächliche, alltägliche Auseinandersetzung mit der Technik stattfindet,
können abergläubische, irrationale oder andere „ideologisch tieferstehen
de" Reaktionen nicht mehr festgestellt werden. Noch deutlicher wird er an
anderer Stelle: Abergläubischen Reaktionen wurde „die Grundlage entzo
gen, als [...] die Landbevölkerung mehr und mehr die Eisenbahn benutzte,
als die Landarbeiter sich selbst Fahrräder oder Fotoapparate kaufen konn
ten [...] Die eigenhändige Bedienung und später der Eigenbesitz ließen die
Auffassung der Technik als eines bedrohenden Elementes schwinden."58
56 Clifford, James: Introduction: Partial Truths. In: James Clifford, George E. Marcus
(eds.): Writing Culture. The Poetics and Politics of Ethnography. Berkeley, Los Angeles
1986. S. 126, S. 7.
57 Bentzien, Das Eindringen, S. 133.
58 Ebd., S. 134.
Annäherungen 39
Die Akzeptanz des Neuen wird somit, unter weitgehendem Ausschluß
kognitiver Prozesse, über den konkreten, praktischen Umgang hergestellt,
der zu einer adäquaten Reaktion führt, zur Bejahung der Technik wie er
einige Jahre später prägnant formulierte: „Was die Hände nicht verweiger
ten, wurde endlich auch durch den Verstand angenommen."59
Vor dem Hintergrund dieser Argumente ist es daher überraschend, daß
Bentzien nicht wie nach dieser Interpretation der Quellen eigentlich zu er
warten das Maß möglicher und tatsächlicher Praxis zur Systematisierung
seiner Befunde wählt, sondern die oben erwähnte „Stufenfolge" der „ideo
logischen Qualität" der Reaktionen der Landbevölkerung. Einen Hinweis
auf den Grund für diese Entscheidung vermag vielleicht das bereits oben er
wähnte Beispiel der Einführung des Wendepfluges geben. Dort determi
niert der praktische Umgang offenbar nicht die problemlose Akzeptanz der
Technik und der herrschenden ökonomischen Rationalität hier läßt sich
ein einfacher Kurzschluß von Hand und Kopf nicht vornehmen, wie das
Bentzien etwa bei der Dreschmaschine nahelegt. Es ist wie oben bereits
dargestellt letztlich seinem teleologischen Entwicklungsmodell zuzu
schreiben, daß er die durchaus eigenwillige Praxis und praktische Rationali
tät der Landarbeiter nicht berücksichtigen kann. Diese Perspektive bedingt
dann allerdings ein sehr reduziertes, deterministisches Konzept des „Um
gangs", das die Reflexionsfähigkeit seiner Forschungsobjekte negiert und
einen simplizistischen Zusammenhang zwischen Technik als Stimulus und
adäquater (= im ökonomischen Sinn rationaler) Reaktion konstruiert.
Die hier vorgebrachten Einwände richten sich damit vor allem gegen die
grundlegenden theoretischen Vorentscheidungen der Arbeit, die zu gravie
renden Widersprüchen bei der Interpretation des empirischen Materials
führen. Mit dieser Kritik an den zugrundeliegenden teleologischen Ver
lauf smodellen und der Verwendung einer rein ökonomisch ausgerichteten
Rationalitätsskala als Meßlatte der beschriebenen Reaktionsweisen soll je
doch die Bedeutung der sehr dicht an dem umfangreichen Material entlang
geführten Arbeit Bentziens für die hier verfolgte Fragestellung nicht ge
schmälert werden. Insbesondere der Befund, daß das nach traditionellen
Gesichtspunkten und zur Analyse von „Gemeinschaftskultur" gesammelte
volkskundliche Material eher die Auseinandersetzung mit technischen Phä
59 Bentzien, Ulrich: Landbevölkerung und agrartechnischer Fortschritt in Mecklenburg
vom Ende des 18. bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts. Eine volkskundliche Untersu
chung. Berlin 1983, S. 112; in dieser späteren Studie revidiert Bentzien einige der Befun
de hinsichtlich der Betonung irrationaler Reaktionen und vor allem den theoretischen
Ansatz seiner 1961er Arbeit als vorwiegend „einstellungspsychologisch". Martin Schar
fe (Technik und Volkskultur. In: König, Wolfgang, Marlene Landsch (Hrsg.): Kultur
und Technik. Zu ihrer Theorie und Praxis in der modernen Lebenswelt. Frankfurt/M.,
Berlin, Bern, New York, Paris, Wien 1993, Peter Lang, S. 4369, S. 57) verteidigt den
frühen gegen den späteren Bentzien, wenn er die auch hier referierten Zeugnisse irratio
naler Reaktionen gegenüber der Technik zum bedeutsameren Forschungssujet erklärt,
als dies der Blick auf die gelungene praktische Akzeptanz der Technik sei.
40 Technik in der Volkskunde
nomenen erschwert, und vor allem der Hinweis auf den zentralen Stellen
wert des praktischen Umgangs mit Technik sind als Merkposten zu ver
zeichnen.
Hermann Bausinger: Volkskultur in der technischen Welt
Während Bentzien in seiner Dissertation vor allem dagegen anschreibt, daß
volkskundliche Forschungen zum Thema Technik meist den Charakter rei
ner Untergangsstatistiken aufwiesen, formuliert Hermann Bausinger in sei
ner 1961 veröffentlichten Habilitationsschrift ein viel umfassenderes Re
visionsinteresse. Anläßlich der Neuausgabe seiner „Volkskultur in der tech
nischen Welt"60 im Jahr 1986 charakterisiert er sein Buch als „Streitschrift"
gegen die Ende der 1950er Jahre in der Volkskunde verbreiteten Konzepte
der Volkskultur, die als „traditionaler Teil der Gesamtkultur" konzipiert
wurde, „der von [...] der Modernisierung (noch) nicht erreicht war; die
Volkskunde als die dafür zuständige Wissenschaft verstand sich weithin als
konservative Hüterin dieses Erbes."61 Erklärtes Ziel seiner Analysen so
schreibt er 1961 sei es, neue, der „technischen Welt" angemessene und die
einzelnen Fachgebiete der Volkskunde übergreifende Kategorien zu bilden.
Hiermit soll dem zentralen Defizit der Nachkriegsvolkskunde begegnet
werden, die statt neue Begriffe und Kategorien zu bilden „neue Gegen
stände und Bevölkerungsgruppen an den alten Begriffen"62 gemessen habe.
Mit dieser Programmatik wird nun aber nichts weniger als ein „paradig
matischer" Sprung in der Nachkriegs Volkskunde eingeklagt und das For
schungsterrain neu vermessen: weg von der konservierenden Reliktfor
schung, hin zur Analyse gegenwärtiger Volkskultur, verstanden als die „re
ale Welt der kleinen Leute"63. Ansatzpunkt Bausingers ist dabei die Kritik
an der zentralen Vorannahme zahlreicher zeitgenössischer volkskundlicher
Arbeiten, daß zwischen Volkswelt und technischer Welt ein unüberbrück
barer Gegensatz bestehe. Um diesen Topos zurückweisen zu können, ver
sucht er als ersten Schritt „den Komplex theoretischer Vorstellungen" auf
zulösen und zu überprüfen, was hinter dieser Voraussetzung stehe.64 Im er
sten Kapitel „Die technische Welt als »natürliche« Lebenswelt" werden zu
diesem Zweck zentrale Begriffe und Kategorien der zeitgenössischen
Volkskunde kritisiert und Revisionen vorgeschlagen; gleichzeitig legiti
miert diese begrifflichtheoretische Arbeit die grundsätzliche Frage der Un
tersuchung nach Status und Substanz der Volkskultur in der Moderne. Mit
60 Erstmals erschienen Stuttgart 1961, W. Kohlhammer; die im folgenden angeführten Be
lege beziehen sich auf die um Vorbemerkung und Nachwort erweiterte Neuausgabe
1986.
61 Ebd., S. 3.
62 Ebd., S. 14.
63 Ebd., S. 9.
64 Ebd., S. 16f.
Annäherungen 41
den folgenden drei Kapiteln des Buches löst Bausinger den zweiten Schritt
seiner Programmatik ein. Seinem Ziel, eine Systematik des Verhältnisses
von Volkswelt und technischer Welt zu erstellen, nähert er sich, indem er
die durch Industrialisierungs und Modernisierungsprozesse ausgelösten
Transformationen der Volkskultur an der Auflösung ehemals gültiger
räumlicher, zeitlicher und sozialer Horizonte exemplarisch skizziert. Im
Kapitel „Räumliche Expansion" wird die Auflösung der relativen Abge
schlossenheit und Homogenität örtlicher Gemeinschaften durch die „Ver
fügbarkeit der Güter" in der Massenkonsumgesellschaft, Fremdenverkehr,
Medien etc. beschrieben. Im nächsten Abschnitt „Zeitliche Expansion"
skizziert Bausinger das für die Moderne charakteristische, ambivalente Ver
hältnis von Enthistorisierung und Rehistorisierung: Während „Flüchtigkeit
[...] die allgemeine Signatur vieler der heutigen volkstümlichen Kulturgü
ter"65 sei, könne gleichzeitig eine bewußte Historisierung der Volkskultur
beobachtet werden. In Volkstheateraufführungen, Fastnachtsumzügen, Ju
biläumsfeiern und Brauchtumsfeiern würde Historisches im doppelten Sinn
präsentiert, „es wird dargestellt und es wird vielfach ganz [...] aus der Di
mension der Zeit herausgenommen."66 Das letzte Kapitel „Soziale Expan
sion" thematisiert schließlich die Auflösung der für die traditionale Volks
kultur grundlegenden ständischen Differenzierungen, zu der nicht nur die
„Verfügbarkeit der Güter", sondern auch Bildungsangebote und Massen
medien beitrügen und so vormals exklusive Vorstellungswelten des Bürger
tums demokratisierten'. Als Materialbasis seiner Argumentation benutzt
Bausinger vorwiegend „die dem Germanisten zugänglichen"67 volkskundli
chen Quellen wie Volkslieder, Reime, Schwänke, Witze, Erzählungen; ne
ben diesem eher gängigen Quellenmaterial verwendet er jedoch auch „sehr
vielfältiges und buntes Material" etwa aus Tageszeitungen, um das von ihm
betretene wissenschaftliche Neuland erschließen zu können.68
65 Ebd., S. 97.
66 Ebd., S. 131.
67 Ebd., S.ll.
68 Diese Ausweitung der Forschungssujets und quellen wurde dabei durchaus als Provo
kation empfunden; so schrieb etwa der österreichische Volkskundler Leopold Schmidt,
der in Bausingers Buch keine Züge „wirklicher Volkskultur" zu finden meinte, pikiert:
„Man muß ja vielleicht alle jene Dinge, von denen die Illustrierten überquellen, nicht
unbedingt in unserer Wissenschaft unterzubringen suchen." (Schmidt, Leopold: Rezen
sion: Bausinger, Hermann: Volkskultur in der technischen Welt. In: Österreichische
Zeitschrift für Volkskunde, Neue Serie Bd. XV, 1961, S. 293295, S. 294.) Ein Verdikt,
das das Grundanliegen eines Buches kräftig verfehlte, das bei aller Ausweitung des Ana
lysebereiches doch „innerhalb der gezogenen methodischen Grenzen" (Bausinger,
Volkskultur, S. 5.) des Faches kritische Akzente setzen wollte. In anderen Stellungnah
men von Fachvertretern wurde dieses Ziel dagegen begrüßt, da hier ein „beengender
Bannkreis, der die Volkskunde thematisch und ideologisch immer noch einschließt,
durchbrochen" worden sei (Weiss, Richard: Rezension: Bausinger, Hermann: Volks
kultur in der technischen Welt. In: Schweizerisches Archiv für Volkskunde, 57. Bd.,
1961, S. 191192, S. 191; vgl. ähnlich positiv in der Beurteilung Bausingers auch Hans
Moser in: Zeitschrift für Volkskunde, 59. Jg., 1963, S. 99102.
42 Technik in der Volkskunde
Aus diesem Gesamtprogramm des Buches sollen im folgenden Überle
gungen aufgegriffen werden, die sich einerseits kritisch mit der volkskund
lichen Abstinenz gegenüber Phänomenen der „technischen Welt" und ihrer
Ursachen auseinandersetzen. Andererseits werden einige der von Bausinger
vorgeschlagenen Konzepte und Begriffe vorgestellt, die das Verhältnis von
Technik und Volkskultur zu erfassen suchen und damit direkt für die hier
verfolgte Fragestellung einschlägig sind.
Ausgangspunkt des ersten Kapitels der Studie ist eine wenig schmeichel
hafte Standortbestimmung der Volkskunde zu Beginn der 1960er Jahre.
Danach habe die bereits von Wilhelm Grimm entwickelte und von der
Volkskunde weitgehend unbefragt vom 19. Jahrhundert bis in die Gegen
wart mitgeführte Vorstellung, daß sich Volkswelt und „technische Welt" in
unversöhnlichem Gegensatz gegenüberstünden, zu einer Abgrenzung der
Forschungsfelder geführt. Die volkskundliche Forschungsarbeit würde auf
Reliktzonen verwiesen und das Fach mit der „Ausbreitung der Technik in
immer engere Winkel und was schlimmer ist in eine immer zwielichti
gere Haltung zur Wirklichkeit"69 gedrängt. Das Bild, das Bausinger hier
weitgehend unter Verzicht auf drastische Worte zeichnet, läßt sich pointiert
zusammenfassen: Der Wissenschaft, die sich ausschließlich mit immer mar
ginaler werdenden Marginalitäten beschäftigt, droht letztlich selbst die
Marginalisierung, die Substanzgefährdung der Untersuchungssujets schlägt
um in disziplinäre Bestandsgefährdung. Was mit diesen Überlegungen auf
die Tagesordnung der Fachdiskussion gesetzt wird, geht damit deutlich
über eine Ausweitung der Forschungsthemen hinaus; hier wird die „kogni
tive Identität" der Volkskunde zur Debatte gestellt, ihre Forschungsfelder,
ihre Theorien und Methoden, aber damit letztlich obwohl dies nur impli
zit bleibt auch die „soziale Identität" des Faches, das sich mit Hilfe dieser
zentralen Konzepte als Wissenschaft im sozialen Raum der Universitätsdis
ziplinen verortete.
Aus dieser geschilderten Krise führt für Bausinger nur eine grundlegende
Umorientierung heraus, die bei den Vorannahmen ansetzen muß, die das
Fach und seine Arbeitshypothesen konstituieren. Zum Zweck dieser wort
wörtlich radikalen Kritik rekonstruiert er vier Antinomien, die den in
volkskundlichen Arbeiten verbreiteten Gegensatz zwischen Volkskultur
und „technischer Welt" stützen: So werde die Volkswelt als ungeschicht
lich, die „technische Welt" dagegen als in höchstem Maße geschichtlich
konzipiert; die „beseelte Volkswelt" würde dem „mechanischen Charakter
der technischen Welt" gegenübergestellt; der von organischen Gemein
schaften bestimmten Volkskultur werde die Vorstellung der organisierten
Gesellschaft entgegengesetzt und schließlich werde die Opposition Irratio
nalitätRationalität zur Unterscheidung benutzt. „[I]n der technischen
Welt herrschte demnach die rationale Konstruktion, während die Volks
69 Bausinger, Volkskultur, S. 19.
Annäherungen 43
weit ihre stärksten Impulse aus nichtrationalen Tiefen erhielte."70 Bausinger
analysiert diese das Konzept „Volkskultur" bestimmenden Gegensatzpaare
als Bestandteile eines antimodernen, weitgehend in der Romantik entstan
denen Gegenbildes zur Industriegesellschaft. Durch Umkehrung dieser
Oppositionen oder durch deren Relativierung versucht er dieses Konzept
als unhaltbar zu widerlegen und setzt diesen Dichotomien seine These der
„Natürlichkeit des Technischen" entgegen. An zahlreichen empirischen Be
funden belegt er, daß nach einer kurzen Phase, in der Technik als Bedro
hung erfahren wird, sie schnell als selbstverständlicher Teil in die Alltags
kultur integriert und über Volkslieder, Reime, Erzählungen, Witze u.ä. in
alltägliche Vorstellungswelten eingebaut wird. Technik steht demzufolge
nicht länger in unversöhnlichem Gegensatz zur Volkskultur, sondern wird
einer ihrer bestimmenden Faktoren, womit die Volkskultur auch und gera
de in der „technischen Welt" zu einem volkskundlichen Forschungsfeld
wird.
Der Vektor der Argumentation ist damit auf eine Revision des Volkskul
turkonzeptes der Volkskunde gerichtet; Technik selbst wird hierbei jedoch
nur am Rande zum Thema und bleibt begrifflich weitgehend un(ter)be
stimmt. Als zusammenfassende Definition ergibt sich aus dem Text, daß
Technik vor allem angewandte Naturwissenschaft ist, die im Binnenraum
durch eine rationale Struktur gekennzeichnet ist, eine Rationalität, die je
doch die „technische Welt" bisweilen auf gefährliche Art vermissen ließe.
So sei die Benutzung der Technik oft nicht „bewußt" im eigentlichen Sinne,
sondern mehr „naives Tun",71 das sich nicht mit der Funktion der Appara
turen auseinandersetze. Aus der Beobachtung, daß Maschinen für ihre Nut
zer vorübergehend eine Erweiterung des Körperschemas bedingen und so
mit nicht mehr der Umwelt zugerechnet werden können,72 schließt Bausin
ger, „daß Erscheinungen der Technik durchaus nicht immun oder auch nur
spröde sind gegen vorrationale Verhaltens und Denkformen".73 Besonders
deutlich zeige sich dies an „»magischen« Haltungen und Reaktionen" ge
genüber der Technik, die bisweilen beim Versagen von Apparaturen zu be
obachten seien. Insbesondere bei Defekten erweise sich, daß die „Natür
lichkeit" des Technischen meist nur stets gefährdetes Ergebnis des Um
gangs und der Gewöhnung sei und nicht Ausdruck der Beherrschung von
Technik. Diese Reaktionen dürften jedoch nicht, wie vielfach geschehen, als
Relikte volkstümlichen Denkens interpretiert werden, da es sich hierbei um
„Regressionen, von der Technik selber ausgelöste Rückgriffe auf genetisch
70 Ebd., S. 20.
71 Ebd., S. 21.
72 Hierbei greift Bausinger auf eine These Max Mikoreys (Phantome und Doppelgänger,
München 1952, S. 44) zurück.
73 Bausinger, Volkskultur, S. 21.
44 Technik in der Volkskunde
frühere Stufen"74 bzw. auf „das genetisch Ältere und damit auf tiefere
Schichten des Seelischen"75 handele. Bausinger legt so nahe, daß es sich bei
spielweise bei „abergläubischen" Verhaltensweisen um eine durchaus mo
derne, kompensative Bewegung handelt, mit der die übergroße Komplexi
tät der technischen Welt reduziert werden soll.
Damit werden als künftige Forschungsrichtungen markiert: einerseits
das Thema „Natürlichkeit des Technischen" (besser: das Selbstverständ
lichWerden), das etwa an volkskundlich vertrauten Sujets wie populärem
Erzählen erforscht werden kann, und andererseits das Thema temporärer
Regressionen, bei deren Analyse ebenfalls spezifische Kompetenzen der
Volkskunde eingebracht werden können. Diese Beschränkung scheint sich
aus dem Versuch Bausingers zu ergeben, sich bei seinem Reformversuch
doch weitgehend innerhalb der von der Volkskunde besetzten Grenzen der
Forschungsfelder und ihrer Methodik zu bewegen. Bemerkenswert ist wei
ter, daß der individuelle und kollektive Prozeß der Aneignung von Technik
kaum problematisiert wird. Vor dem Hintergrund, daß im Buch ja gerade
der Beweis für eine „natürliche", d.h. unproblematische Aufnahme der
Technik in die Volkskultur geführt wird, ist dies jedoch nicht weiter ver
wunderlich. Ebensowenig in den Blick kommen konnte so die zwischen
als unproblematisch verstandener Aneignung und Regression liegende
Phase des alltäglichen Umgangs mit funktionierender Technik. Bausinger
selbst wies in einer späteren Kritik seines Buches auf ein damit eng ver
wandtes Problem hin. Die angenommene Verlaufsvorstellung „Bedrohung,
Aneignung, Regression" biete zwar erste Ordnungskategorien, doch han
dele es sich dabei um ein weitgehend mechanisches Konstrukt eines „Sti
mulusResponseModells", bei dem etwa sozialspezifische Faktoren bei der
Auseinandersetzung mit Technik vernachlässigt würden. Außerdem seien
die in seinem Buch herangezogenen Beispiele sowohl für Aneignungen
wie Regressionen meist von einer beträchtlichen „Technikdistanz" ge
kennzeichnet gewesen.76 Hierbei könnte es sich um ein ähnliches Problem
handeln, wie es auch schon von Bentzien angesprochen wurde, nämlich daß
sich im eher traditionellen volkskundlichen Material Spuren der realen, all
täglichen Auseinandersetzung mit Technik nur bedingt finden lassen.
Doch handelt es sich dabei um ein eher methodisches Problem, das ge
genüber Bausingers Studie kaum kritisch geltend gemacht werden kann, da
sie ihr Ziel, die Kritik volkskundlicher Reliktforschung und ein Plädoyer
für die Analyse gegenwärtiger Volkskultur, gerade auf der Grundlage des
verwendeten volkskundlichen Materials zu erreichen sucht. Die „Volkskul
74 Bausinger (Ebd., S. 42) setzt „magisch" hier und an anderen Stellen bewußt in Anfüh
rungszeichen, um anzudeuten, daß er diesen Begriff als unscharfen und nicht exakt
wissenschaftlichen Sammelbegriff verwendet.
75 Ebd., S. 45.
76 Bausinger, Hermann: Technik im Alltag. In: Zeitschrift für Volkskunde, 1981, Heft 2, S.
227242, S. 232.
Annäherungen 45
tur in der technischen Welt" legte damit den Grundstein für ein Verständnis
der Volkskunde als einer kritischen Gegenwartswissenschaft, die sich me
thodisch und theoretisch an den Sozialwissenschaften auszurichten beginnt.
Bausinger kann damit zurecht als „institution builder" (B. Kirshenblatt
Gimblett) bezeichnet werden, der die volkskundliche Forschung für die
Analyse auch technischer Phänomene zu öffnen versucht. Dieser Zusam
menhang erklärt auch, warum das angebotene theoretische Instrumentari
um noch die oben erwähnten Unzulänglichkeiten aufweist.
Wilhelm Brepohl: Industrievolk im Ruhrgebiet
1957 legte Wilhelm Brepohl seine Studie „Industrievolk im Wandel von der
agraren zur industriellen Daseinsform dargestellt am Ruhrgebiet" als Er
gebnis „jahrelanger Planung, Forschung und Menschenbeobachtung"77 vor;
genauere Angaben über Qualität und Entstehensprozeß seiner empirischen
Daten macht er allerdings nicht. Bei etwas genauerer Untersuchung, wel
cher Zeitraum mit den erwähnten „jahrelangen Forschungen" bezeichnet
ist, wird diese Formulierung schnell als Deckbegriff deutlich, der die Her
kunft dieser „Volkskunde des Ruhrgebietes" aus dem Geist des Nationalso
zialismus gnädig überspielt. Brepohl begann seine „Vorarbeiten" Mitte der
20er Jahre als Redakteur der Gelsenkirchener Allgemeinen Zeitung (deren
„Hauptschriftleiter" er 1933 wurde); ab 1935 gelang es ihm, seine Studien in
der von ihm gegründeten und geleiteten „Forschungsstelle für das Volks
tum im Ruhrgebiet" mit mehreren Mitarbeitern zu institutionalisieren und
professionalisieren. Nach einer kriegs(dienst)bedingten Unterbrechung
machte sich Brepohl unmittelbar nach Kriegsende an die Aufarbeitung des
zuvor erhobenen Materials, das unter dem Titel „Der Aufbau des Ruhrvol
kes im Zuge der OstWestWanderung"78 publiziert wurde. 1946 wurde die
77 Brepohl, Industrievolk, S. v.
78 Recklinghausen 1948, Verlag Bitter & Co. An dieser Stelle macht er auch präzisere An
gaben über die Art der von ihm auch in seinen weiteren Publikationen über das Ruhr
gebiet verwendeten Daten und deren „Erhebungstechniken". Dieses Material gehe auf
vier Quellen zurück: hauptsächlich auf Untersuchungen der Forschungsstelle zwischen
1935 und 1939 und weitere über die Herkunft der Gelsenkirchener Bevölkerung aus den
Jahren 193739. Als weitere „Quellen" benennt er „Erhebungen und Ermittlungen ei
ner [von ihm selbst ...] von 1935 bis 1939 und wieder seit 1946 geleiteten Arbeitsge
meinschaft von Volkspflegerinnen; hier wurden in regelmäßigen Aussprachen und
dauernden Beobachtungen an etwa 15 Stellen des Reviers jene Erkenntnisse ermittelt,
die den Urstoff" (ebd., S. 4) seiner Untersuchungen bildeten. Kurios ist seine vierte
Quelle: die „Tradition" seiner Familie, „in deren Bewußtsein die Wandlung der Zustän
de seit genau 100 Jahren erhalten ist [...] Es war also z.B. nicht nötig, die große Linie der
inneren Geschichte des Ruhrvolkes aus zusammengetragenem Material wissenschaftlich
zu rekonstruieren; ich konnte mich weitgehend den in [mjeiner Familie aufgespeicher
ten Kenntnissen anvertrauen." (Ebd., S. 4f.) Brepohls Sozialgeschichte erweist sich vor
dem Hintergrund der wenig kontrollierten und kontrollierbaren Datenerhebungen eher
als (Familien)Wille und Vorstellung.
46 Technik in der Volkskunde
formal immer noch bestehende „Forschungsstelle" von der neu gegründe
ten Sozialforschungsstelle Dortmund übernommen, in die Brepohl am
1.1.1947 noch vor seiner Entnazifizierung eintrat. 1957 wurde er zum
Honorarprofessor an der Universität Münster berufen; von 1949 bis 1964
war er darüber hinaus Redakteur der „Sozialen Welt".79
Ebenso können auch kaum sprachliche Brüche in der Arbeit Brepohls
festgestellt werden.80 Ahnlich konstant behielt er sein Generalthema, das
„im Werden begriffene Volkstum" des Ruhrgebietes, bei und die Frage
nach den Gründen für eine „Präferenz bestimmter Zuwanderergruppen für
spezifische Arbeitstätigkeiten". Am Beispiel dieser Fragestellung wird je
doch deutlich, daß Brepohl durchaus die Zeichen der Zeit erkennen konnte
und seine Positionen nach der Niederlage des Nationalsozialismus mo
difizierte: 1937 rechnete er zu den Aufgaben seiner „Forschungsstelle" noch
„rassekundliche Ermittlungen" mit der Aufgabe, der Großindustrie „die
Zuordnung von rassischen Sondereigenschaften und den erforschten psy
chologischen Berufserfordernissen"81 zu ermöglichen. Mit der Forschung
zu angeblich „rassisch gebundenen Eigenschaften" stellte Brepohl den
Geldgebern der Forschungsstelle öffentlichen Stellen wie den Landes
arbeitsämtern oder der Wirtschaft „wissenschaftliche Dienstleistungen"
im Sinne eines für das NSWirtschaftssystem funktionalen Rassismus (J.
Weyer) zur Verfügung und trug zur Legitimation der rassistischen Politik
des NS bei. Ob dies aus innerer Überzeugung oder opportunistisch aus
Gründen der materiellen Absicherung der Forschungsstelle geschah, kann
und braucht hier nicht geklärt zu werden.82
79 Die Angaben zur Biographie Brepohls und zur Entwicklung der „Forschungsstelle"
sind einem Aufsatz von Johannes Weyer (Die Forschungsstelle für das Volkstum im
Ruhrgebiet (19351941) Ein Beispiel für Soziologie im Faschismus. In: Soziale Welt,
35. Jg., H. 1/2, 1984, S. 124145) entnommen. Weyer klassifiziert die Arbeiten der
„Forschungsstelle" als Soziologie, da Brepohl sie öfter so bezeichnet habe und auch so
ziologische Erhebungstechniken (Fragebögen) und Methoden verwendet worden seien;
hieraus konstruiert er seinen Beweis für eine — immer wieder bestrittene — funktionie
rende, arbeitsfähige Soziologie während des Nationalsozialismus. Hier soll nicht die
schließlich recht zwiespältige Debatte geführt werden, welchem Fach Brepohl nun
„gehört", doch sind neben soziologischen auch starke volkskundliche Einflüsse in sei
nen Arbeiten feststellbar, die nach seinen eigenen Aussagen aus den 50er Jahren gerade
der Verschmelzung beider Wissenschaften dienen, um eine Volkskunde der Industrie
gesellschaft voranzutreiben. Nach Gerhard Lutz ((Hg.): Volkskunde. Ein Handbuch
zur Geschichte ihrer Probleme. Berlin 1958. Erich Schmidt Verlag, S. 229) jedenfalls
wäre der volkskundliche Ruf: „Denn er ist unser!" durchaus berechtigt: Für Lutz ist
Brepohl der Vertreter für die „Volkskunde der Industriegebiete".
80 Vgl. Maus, Heinz: Bericht über die Soziologie in Deutschland 1933 bis 1945. In: Kölner
Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 1959, S. 7290, hier S. 82.
81 Brepohl, Wilhelm: Das Ruhrvolk und die Volkstumsforschung. In: Rheinische Viertel
jahresblätter 1937, S. 345f., hier zitiert nach Weyer, Forschungsstelle, S. 132.
82 Johannes Weyer (Forschungsstelle, S. 139) prüft die Frage, ob aus einigen Äußerungen
Brepohls eine Distanzierung von einem „plumpen Rassismus" herausgelesen werden
könnte; gegen eine solche Annahme sprächen neben zahlreichen eindeutigen Stellung
Annäherungen 47
Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang lediglich, daß dieser biolo
gistische Rassismus nach 1945 aufgegeben, kulturologisch gewendet und
sprachlich etwas geglättet wird. Es gelte, so Brepohl 1957, den Zusammen
hang zwischen „Stammesnaturell und Berufsschicksal" aufzudecken, wobei
dieses Stammesnaturell nicht auf Vererbung beruhe, sondern auf geschicht
lich begründeten, regionalspezifisch angepaßten Mentalitäten womit bio
logisches in kulturelles Kapital umgemünzt wird. Die Vermutung, daß er
hierbei lediglich alten Wein in zeitgerechtere Schläuche füllt, kann sich vor
allem darauf stützen, daß sein Begriff der Anpassung in einem strikt mecha
nistischen, sozialdarwinistischen Modell steht, das nur zweierlei kennt:
Entweder passen sich die zugewanderten Menschen an die neue Situation
an, oder diejenigen, die zur Anpassung nicht fähig oder willig sind, ziehen
wieder fort.83 Mit diesem begrifflichen Konzept versucht Brepohl in seiner
„Volkskunde des Ruhrgebietes" die Anpassung der Arbeiter „an den Gang
der Maschine oder, richtiger und umfassender ausgedrückt, [...] die Einord
nung des Maschinenwesens in Eigenart und Mentalität des Menschen"84 zu
erklären und seine grundlegende These damit zu belegen, daß die Industria
lisierung zwar die Desintegration der traditionellen Volkskultur ausgelöst
habe, jedoch andererseits auch zu einer Reintegration zu „neuem Volks
tum" führe. Voraussetzung dieser schon in den 30er Jahren vertretenen
These Brepohls ist die Revision des überkommenen Volkstumskonzeptes
der Volkskunde, das durch Unwandelbarkeit und Statik bestimmt gewesen
sei. „Volkstum im Werden" ist die Formel, mit der er volkskundlichen Fra
gestellungen nicht nur das neue Forschungsterrain „Industrievolk" er
schließen will, sondern gleichzeitig in der Wirtschaftspolitik einen,Absatz
markt' volkskundlicher Forschungsergebnisse sichert. Außerdem versucht
er mit seiner Abkehr von „philologischen Methoden" die Volkskunde ge
genüber den Sozialwissenschaften zu öffnen.
Die Anwendbarkeit volkskundlicher Fragestellungen auf die Industrie
arbeiterschaft und die Notwendigkeit einer thematischen und methodi
schen Erweiterung in Richtung der Soziologie versuchte er in seinem theo
retisch angelegten Aufsatz „Das Soziologische in der Volkskunde"85 zu le
nahmen jedoch vor allem die umfangreichen und andauernden Kooperationen mit
NSRasseforschungsinstitutionen. Bemerkenswert ist ferner, daß Brepohl bereits in den
20er Jahren mit durchgängig biologistischrassistischen Äußerungen an die Öffentlich
keit trat, in denen er etwa die angeblich negativen Folgen der „Blutmischung" zwischen
Polen und Westfalen im Ruhrgebiet zu seinem Generalthema machte (vgl. Brepohl, Wil
helm: Über das Volkstum im Ruhrgebiet. In: Die Heimat. Monatsschrift für Land, Volk
und Kunst in Westfalen und am Niederrhein, Zeitschrift des Westfälischen Heimat
bundes, 8. Jg., Nr. 9/1926, S. 249252; ich danke Rolf Lindner, Berlin, für diesen Hin
weis).
83 Brepohl, Industrievolk, S. 107.
84 Ebd., S. 98.
85 Brepohl, Wilhelm: Das Soziologische in der Volkskunde. In: Rheinisches Jahrbuch für
Volkskunde, 4. Jg., 1953, S. 245275.
48 Technik in der Volkskunde
gitimieren. Sehr deutlich wird hier sein Ziel, dem drohenden Wegfall des
volkskundlichen Forschungsgegenstandes entgegenzuarbeiten:
„Die bisher verfolgte Methode in der Volkskunde, von den Volksgütern und ihrer
Geschichte auszugehen, ist selbstverständlich nur da möglich, wo es solche Elemente
[Bräuche, Sitten und Sagen, S.B.] gibt. [...] Der unausgesprochene, bis heute vorherr
schende Zug geht dabei dahin, daß es ein Volkstum ohne solche geformten Elemente
nicht geben kann. Auf unsere heutige Kultur angewendet, würde das bedeuten: Der in
älteren Formen, vielleicht sogar in einem erstarrten traditionellen Volkstum weiterle
bende Teil des Volkes ist zwar Gegenstand einer Kunde vom Volk, dagegen könnte der
größere Teil des heutigen Volkes, der industrielle, nicht dazugehören. Doch allen
Protesten, mit denen zu rechnen ist, zum Trotz sei bemerkt, daß wirkliches Volkstum
auch ohne solche festgeformten Elemente möglich ist. Der naive Schluß lautet sonst:
Arbeiterschaft ist »eigentlich« kein Gegenstand für die Volkskunde."*6
Indem Brepohl sein Konzept des „Wesens des Volkes" und dessen eigentli
che Substanz, die Volkskultur, von den traditionellen Indikatoren löst, ge
lingt es ihm, den Begriff des „Volkstums" und die mit ihm verknüpften zen
tralen Konzepte auch auf die Arbeiterschaft anzuwenden: Werdendes
Volkstum sei sie deshalb, weil „die sozialen Prozesse auch in der Industrie
bevölkerung eine Gleichrichtung haben, und ... nicht einzelne, sondern
heute schon große Teile dieser Industriebevölkerung in ihren Meinungen
wie in ihren Verhaltensweisen sich gleichartig darstellen".87 Rolf Lindner88
greift ähnliche Überlegungen Brepohls aus einem früheren Aufsatz auf, in
denen dieser die Grenzen der „Lebenseinheit" Ruhrgebiet bestimmt sieht
durch den Raum, in dem sich die Menschen wechselseitig als ihresgleichen
bezeichnen und in dem „die Menschen [materiell wie geistig, S.B.] zu Tech
nik, Maschine, Elektrizität im gleichen Verhältnis stehen."89 Mit alltagsso
ziologischem und mentalitätsgeschichtlichem Blick so Lindner argu
mentiere Brepohl hier beinahe konstruktivistisch, indem die geistige Ver
wandtschaft als Resultat wechselseitiger Zuschreibung erscheine.90
86 Ebd., S. 271.
87 Ebd., S. 272.
88 Lindner, Rolf: Das Ethos der Region. In: Zeitschrift für Volkskunde, 89. Jg., H. 2,1993,
S. 169190, hierS. 170f.
89 Brepohl, Das Ruhrvolk, S. 367.
90 Lindner argumentiert, daß sich hierin eine gewisse Nähe Brepohls zu Max Webers es
sentialistische Fehlschlüsse vermeidendem „EthnosKonzept" zeige. Weber (Wirtschaft
und Gesellschaft. Grundriß der verstehenden Soziologie. Fünfte revidierte Auflage
(Studienausgabe). Tübingen 1985, J.C.B. Mohr (Paul Siebeck), S. 234242, hier S. 237)
definiert »ethnische« Gruppe als subjektiv geglaubte tatsächliche oder imaginäre „Ab
stammungsgemeinsamkeit". Diese nur geglaubte ethnische Gemeinsamkeit grenzt er
gegen Gemeinschaft ab, deren Charakteristikum reales Gemeinschaftshandeln sei; die
geglaubte „Abstammungsgemeinsamkeit" erleichtere v.a. politische Vergemeinschaf
tungen (ohne schon selbst eine solche zu sein) und werde deshalb oft „künstlich" ge
weckt. Weber scheint dabei davon auszugehen, daß sich „ethnischer" Gemeinsamkeits
glaube vor allem unter „Bedingungen geringer Verbreitung rational versachlichten Ge
sellschaftshandelns" entwickele. Vor diesem Hintergrund vermag ich die Nähe Brepohl
Weber nicht zu sehen: Brepohl handelt von der Zuschreibung „geistiger Verwandt
Annäherungen 49
Genauso wie sich aus den widerspruchsreichen Schriften Brepohls ein
rassistischer und einantirassistischer Argumentationsstrang herauspräparie
ren läßt, kann auch ein mentalitätsgeschichtlich operierender herausdestil
liert werden. So fragt er etwa nach den Verschiebungen im „etat mental" der
bäuerlich geprägten Zuwanderer, die sich an Maschinen und Fabrikwesen
anpassen mußten.91 Sein Interesse gilt dabei nicht nur den soziaigt schicht
lich rekonstruierbaren „objektiven Gegebenheiten, auf die die Menschen
sich einstellen"92, sondern in besonderem Maße den subjektiven Einstellun
gen und Verhaltensweisen, die er in Anschluß an Ortega y Gasset als „Sy
stem von Uberzeugungen" thematisieren will. Brepohl schreibt von der
„Neuheit dieser Absicht" und versucht das Niemandsland zwischen Sozial
und Geistesgeschichte mit den Mitteln dieser beiden Teildisziplinen zu er
schließen.93 So faßt er etwa so unterschiedliche Faktoren wie die disziplinie
renden Wirkungen der preußischen Wirtschafts und Bildungspolitik und
die religiöse „Erweckungsbewegung" oder die Industrialisierung und den
Sozialismus unter dem Begriff „Modellerlebnisse", die „den ganzen inneren
Menschen mit neuen Strukturen durchwirkt"94 hätten.
Brepohls Konzept einer zugespitzt formuliert Mentalitätsmodellie
rung kann als durchaus innovativ beurteilt werden; da es jedoch als Beleg
maschine für seine Generalthese des entstehenden Volkstums dient, sind
spezifische Verwerfungen und Widersprüche unvermeidlich. So sieht er
sich einerseits mit dem Problem einer durch völlig unterschiedliche Arbeits
anforderungen und soziale Positionen verursachten, wachsenden sozialen
Differenzierung der Arbeiterschaft konfrontiert, „so daß im Ruhrvolk gro
ße Gegensätze in Temperament, Begabung und,Naturell' zu finden sind."95
Eine Beobachtung, die ihn zur Aufgabe der Annahme einer „Einartigkeit
des Volkes im Sinne der alten Volkskunde"96 zwingt. Andererseits führt ihn
die apriorische Annahme eines Volkstums im Werden dazu, gemäß der De
schaft"; außerdem und das ist der wichtigere Punkt ist diese Verwandtschaft nicht
nur geglaubt, sondern nach Brepohl ganz real, sie hat ihre Essenz im Erleben eines im ge
samten Ruhrgebiet weitgehend homogenen Alltags (es ließe sich ergänzen: die Arbeiter
leben in ähnlichen MachtOhnmachtsRelationen, mit vergleichbaren existentiellen
Problemlagen usf.), der eine weitgehend homogene Mentalität schafft.
91 Bezüge zu der sich in Frankreich um die AnnalesSchule etablierenden Mentalitätsge
schichte oder zu R.Weiss' „Volkskunde der Schweiz", die ebenfalls als Plädoyer für ei
nen mentalitätsgeschichtlichen Ansatz interpretiert werden kann (s.u.), sind dabei expli
zit in Brepohls „Volkskunde" nicht angelegt. Eine solche Verbindung läßt sich auch
nicht rekonstruieren.
92 Brepohl, Industrievolk, S. 33.
93 Vgl. zu dieser Positionsbestimmung der Mentalitätsgeschichte etwa Raulff, Ulrich: Vor
wort. MentalitätenGeschichte. In: Ders. (Hg.): MentalitätenGeschichte. Zur histori
schen Rekonstruktion geistiger Prozesse. Berlin 1987, Wagenbach, S. 717.
94 Brepohl, Industrievolk, S. 30.
95 Ebd., S. 102.
96 Ebd., S. 215.
50 Technik in der Volkskunde
finition des Volkes qua „Gemeinsamkeit" nach den gemeinsamen, „noch
vorhandenen Beständen alten Volksgutes zu forschen".97 Auf der Basis die
ses traditionellen Volksgutes schließlich würden sich durch das Modell
erlebnis Industrie „gleichsinnig aufeinander abgestimmte, von Einstellun
gen bestimmte Verhaltensweisen"98 ergeben. Um seine Hauptthese zu ret
ten, unterwirft Brepohl damit die von ihm durchaus zutreffend als hetero
gen beschriebenen Zuwanderergruppen (und deren unterschiedliche Men
talitäten) und die in ihren sozialen, kulturellen und mentalen Differenzie
rungen analysierte Arbeiterschaft einer unterschiedslosen Zwangshomoge
nisierung zum Industrievolk. So stellt er das alte Konzept völkischer Einar
tigkeit zwar zur Disposition, jedoch nur um eine neue durch Anpassung
an die industriellen Erfordernisse herbeigeführte Einheit zu postulieren.99
Die bisher vorgetragene Kritik richtete sich vor allem gegen die zentralen
Vorannahmen und Interpretationen Brepohls. Ungeachtet seines starren
und mechanistischen Anpassungsmodells, mit dem der bäuerlich geprägte
Zuwanderer zum Element des Ruhrvolkes umgeformt wurde, sind jedoch
einige Überlegungen positiv hervorzuheben. Für das Kapitel „Der Über
gang in die industrielle Daseinsform", in denen auch das im hier verfolgten
Zusammenhang besonders interessierende Thema „Mensch und Maschine"
abgehandelt wird, wählt er die „Erscheinung des Betriebes" als Ausgangs
punkt seiner Analyse und gleichzeitig als strukturierendes Element seiner
Darstellung. Damit finden soziale wie technische Faktoren gleichermaßen
Berücksichtigung, denn für Brepohl stellt neben der Anpassung an die Ma
schine die „Einstellung auf die fabrikmäßige Zusammenarbeit [...] für den
inneren wie den sozialen Menschen eine Revolution [dar], die nicht kleiner
ist als die politische von 1793 und die Jahrzehnte vorher teilweise durchge
führte Verlegung der Arbeit vom Handwerksbetrieb auf die Maschine."100
Durch die Notwendigkeiten des Produktionsprozesses ausgelöst sieht er
u.a. Verhaltensnormierungen wie Pünktlichkeit und Exaktheit, aber auch
97 Dieser Aufgabe unterzieht er sich, indem er strikt der Riehischen Einteilung nach Sied
lung, Sitte, Sprache und Sage folgt; vgl. ebd., S. 217ff.
98 Ebd., S. 329f.
99 Hier kann nicht diskutiert werden, in welchem Maße die von Rolf Lindner (Das Ethos)
diskutierten EthosKonzepte solchen homogenisierenden, einheitsanfälligen Tenden
zen entgehen können und inwieweit sie die Probleme und insbesondere das ideologische
Potential des hier diskutierten Ansatzes Brepohls vermeiden können. Hier sei nur kurz
auf die gegenüber der Mentalitätsgeschichte formulierten Forderungen Peter Burkes
(Stärken und Schwächen der Mentalitätengeschichte. In: Ulrich Raulff (Hg.): Mentalitä
tenGeschichte. Zur historischen Rekonstruktion geistiger Prozesse (erstmals: Streng
ths and Weaknesses of the History of Mentalities. In: History of European Ideas, Vol. 7,
No. 5,1986), S. 127145) verwiesen, der einen Verzicht auf Homogenitätsvorstellungen
und Vergegenständlichungen einklagt; außerdem müsse der in Nachfolge LevyBruhls
konzipierte, letztlich ethnozentrische Gegensatz zwischen prälogischen und logischen
oder traditionellen und modernen Mentalitäten überwunden werden. All diese Kritiken
sind gegenüber Brepohls Konzept einschlägig.
100 Brepohl, Industrievolk, S. 98.
Annäherungen 51
die Fähigkeit zur Arbeitskooperation, die schließlich die Grundlage der
„Betriebsgemeinschaft" bilde. Der Kernsatz Brepohls „Der Mensch wan
delt sich in seiner Anpassung an die Maschine und damit auch in seinem
sozialen Verhalten"101 bleibt jedoch, da er überwiegend ohne Belege und
Verweise auf empirisches Material arbeitet, weitgehend spekulativ. Seine
Aussage, daß die großen Fragen künftiger Untersuchungen darin lägen, das
„Wechselspiel von Mensch und Maschine" und „Mensch und Betriebsver
fassung" zu analysieren, erhält vor diesem Hintergrund auch gegenüber der
eigenen Arbeit seine Berechtigung.
Bei aller hier formulierten Kritik gegenüber der oft widersprüchlichen,
spekulativen bzw. wenig empirisch fundierten, ideologieträchtigen Darstel
lung Brepohls können einzelne Überlegungen durchaus Ansatzpunkte für
eine volkskundliche Thematisierung des „Verhältnisses Mensch und Ma
schine" abgeben, wenn sie aus dem Gesamtsystem seiner apologetischen
Theorie eines „Volkstums im Werden" herausgelöst werden. Insbesondere
die geforderte integrierte Betrachtung sozialer und technischer Faktoren in
einem konkreten Sozialzusammenhang kann als Brepohls originärer Bei
trag zu einer Industrievolkskunde verstanden werden. Diese Perspektive
eröffnet ihm grundsätzlich den Blick auf durch den konkreten Arbeits
prozeß und den Umgang mit Maschinentechnik ausgelöste habituelle Dif
ferenzierungen innerhalb der Arbeiterschaft, die Einfachkonzepten einer
angeblich nivellierenden Technik widersprechen. Aber auch wenn er damit
ein etwas komplexeres Technikkonzept zu etablieren versucht, in dem der
jeweilige soziale Nutzungskontext einer spezifischen Technik mit berück
sichtigt wird, hält er doch an einem strikten Determinismus fest: Technik
und betrieblichökonomische Organisationserfordernisse haben den „etat
mental" fest im Zangengriff und formen ihn total.
Rudolf Braun: Sozialer und kultureller Wandel im ländlichen Industriegebiet
Rudolf Braun untersucht in seiner 1965 vorgelegten Studie „Sozialer und
kultureller Wandel in einem ländlichen Industriegebiet (Zürcher Oberland)
unter Einwirkung des Maschinen und Fabrikwesens im 19. und 20. Jahr
hundert"102 die soziokulturellen Transformationsprozesse, die im Untersu
chungsgebiet durch die Expansion der Baumwollindustrie (Webereien und
Spinnereien) ausgelöst wurden. Konzipiert als Fortsetzung einer 1960 vor
gelegten Studie zur Durchsetzung des Verlagswesens vor 1800 in der glei
chen Region,103 gliedert sich die Arbeit in zwei Teile: Nachdem im ersten
Teil unter sozial und wirtschaftsgeschichtlicher Perspektive der Entwick
lungsprozeß der baumwollverarbeitenden Industrie im Zürcher Oberland
101 Ebd., S. 101.
102 ErlenbachZürich 1965, Eugen Rentsch Verlag.
103 Braun, Industrialisierung.
54 Technik in der Volkskunde
orientierte Verhaltensweisen eingeschränkt, wohl letztlich mit dem Ziel,
den volkskundlichen Tätigkeitsbereich von dem der Soziologie und Psy
chologie abzugrenzen. Weiss versucht damit, zwar neue Entwicklungen im
Zuge von Modernisierung und Industrialisierung zu berücksichtigen, das
Konzept des disziplinären Gegenstandes dabei aber weitgehend stabil zu
halten. Als Konsequenz dieser Operation wird jedoch die Chance verspielt,
durch das so gewonnene neue empirische Material zentrale Vorannahmen
der Disziplin in Frage zu stellen. Mit dem Ergebnis, daß dieses Modell einen
gegenwärtigen volkskundlichen Forschungsgegenstand verspricht, jedoch
die kanonisierten Konzepte fortschreibt.111
Die Konsequenzen eines solchen Vorgehens zeichnen sich in Brauns
Analysen deutlich ab: Die von R.Weiss revidierte volkskundliche Pro
grammatik konstituiert deren Forschungsgegenstand, und dessen zentrale
Konzepte leiten die Interpretation der Quellen. So sieht er ebenso wie
Weiss zwar Volksleben und Volkskultur als durch die Industrialisierung
verändert und neu gestaltet, jedoch nicht als zerstört an. Und er beschreibt
ausführlich wie von Weiss gefordert die soziale und materielle Bedingt
heit der Fabrikarbeiterinnen im Untersuchungsgebiet, auch wenn er dabei
nach eigener Einschätzung die wichtige Frage der „Habitualisierung des
Menschen an die technische Welt"112 nicht ausreichend klären kann. Da die
Interpretation dieser Verhaltensweisen jedoch von dem Ziel geleitet ist,
neue „Volkstümlichkeit" in ihnen zu entdecken, führt ihn dies u.a. dazu,
sein Material auf Hinweise nach neu entstandenen „Bräuchen" abzusuchen.
So deutet er etwa die alljährlich an einem festen Termin abgehaltenen Be
triebsfeiern als „neues Brauchtum", das aus einer „gemeinschafts und tra
ditionsgebundenen Geisteshaltung" entstehe.113 Auch die verbreitete Praxis
der Fabrikanten, Gratifikationen für langjährige Betriebszugehörigkeit zu
gewähren, interpretiert er als „Brauch, mit dem die Fabrikarbeiter rech
nen"114 und in dem sich geistigseelische Bindungen zwischen Arbeitneh
111 Barbara KirshenblattGimblett analysiert diesen Zusammenhang an einem vergleichba
ren Versuch Richard M. Dorsons (Folklore and Folklife: An Introduction. Chicago
1972, University of Chicago Press) für die USamerikanische Volkskunde in den 1970er
Jahren, dessen Modell einer erweiterten Volkskunde „promised a contemporary folk
lore subject, but delivered a canonical one". (KirshenblattGimblett, Barbara: Bones of
Contention, Bodies of Knowledge: Folklore's Crisis. [Mschr. MS ihrer „Presidential
Address" anläßlich des Annual Meeting of the American Folklore Society, Jacksonville,
FL, 1992] New York 1992, S. 12.
112 Braun, Wandel, S. 250.
113 Ebd., S. 214.
114 Ebd., S. 216. Recht typisch ist hierbei Brauns Argumentation, mit der er seine These zu
belegen versucht: Unter Verzicht auf jegliche Quellenkritik gegenüber einem Schreiben
eines Fabrikbesitzers an seine Arbeiter interpretiert er dessen Dank für geleistete Dien
ste als ein „echtes menschliches Anliegen", das geistigseelische Bindungen offenbare;
bei diesen Gratifikationen handele es sich mithin nicht nur um ein Mittel der Fabrikan
ten zur Arbeiterstammbildung, sondern weil sie aus einem gegenseitigen Anerken
Annäherungen 55
mer und Arbeitgeber offenbarten. Diese geistigseelischen Bindungen po
stuliert Braun auch im Verhältnis der Arbeiter zu ihren Maschinen:
„Das Denkmuster von der »Entseelung« oder »Entfremdung« des Menschen durch die
Maschinen oder Fabrikarbeit sei es bürgerlichphilanthropischer oder sei es sozia
listischkommunistischer Herkunft wird der Erlebniswelt des Fabrikarbeiters nicht
gerecht. Von seinem subjektiven Bewußtsein her ist die Maschine keineswegs »entseelt«.
Der Fabrikarbeiter hat vielmehr geistigseelische Bindungen an seine Maschine und
seine Maschinenarbeit."115
Als Begründung dieser These führt Braun an, daß die Arbeit wie eintönig
sie auch immer sein möge trotzdem das Fundament der Existenz des Ar
beiters sei, „von der er sein Selbstwertgefühl und seine Sicherheit erhält."116
Bemerkenswert ist hierbei, wie er die Plausibilität seiner These herzustellen
versucht: Ausführlich zitiert er Verse eines „dichtenden Arbeiters", aus des
sen Texten ein „heiterer Stolz" gegenüber der eigenen Arbeit spreche und
die Kompetenz der Arbeiter bzw. die Beherrschung der Maschinerie her
ausgehoben sei. Aus der großen Popularität dieser Gedichte unter den We
bereiarbeitern schließt Braun, daß sie „zum Volksgut" werden; ein Ergeb
nis, das für seine Argumentation zentral ist, denn so kann er „die Lebens
stimmung und Werthaltung dieser Gedichte" als typisch für seine Untersu
chungsgruppe deklarieren: „Sie sprechen dem Oberländer Fabrikarbeiter
aus dem Herzen."117 Seine These der starken geistigseelischen Bindungen
der Arbeiter an ihre Maschine und die Maschinenarbeit leitet auch seine In
terpretation des einzigen Streiks in der Oberländer Textilindustrie und wird
so zu einer selffulfillingprophecy im Hintergrund der Widerstände ge
gen die Einführung neuer Maschinen stehe die geistigseelische Bindung an
die vertraute Maschine:
„[...] der Arbeiter kennt seine Maschine bis in jede Einzelheit; er hat sich eingestellt auf
die Freiheit und Bindung dieser Maschine; ja, er ist sogar fähig, die vorgegebenen
Freiheitsgrade der Maschine durch allerlei Kniffe und Tricks zu erweitern. Mit tech
nischbetrieblichen Veränderungen werden diese Bindungen und Sicherheiten gestört.
Der Arbeiter muß von neuem die Maschine kennenlernen; einen geistigseelischen
Bezug zu ihr finden; seinen Arbeitsrhythmus auf sie abstimmen, Kniffe suchen, welche
nungsverhältnis zwischen Fabrikherr und Arbeiterschaft hervorgingen um einen neu
en Brauch: Indem er den „Sehfehler des Klassenkampfes" überwinden will, der „Arbeit
nehmer und Arbeitgeber als getrennte Welten erscheinen" (ebd., S. 215.) lasse, etabliert
er ein Modell, das die Dynamik der sozialen Konflikte und Aushandelungsprozesse um
Lohnhöhen und Arbeitsanforderungen im Konzept „Neuer Brauch" stillstellt und ten
denziell unsichtbar macht.
115 Ebd., S. 230; die bemerkenswerte argumentative Drift von der „Entseelung durch die
Maschine" zu „Entseelung der Maschine" kann hier nicht weiter verfolgt werden, ob
wohl dies durchaus lohnend wäre, da sich an diesem und ähnlichen Beispielen die Argu
mentationsweisen und bezüge Brauns deutlicher herausarbeiten ließen. So weist diese
Passage, in der die Transformation geistigseelischer Bindungen an die Maschine zu ei
ner Beseelung der Maschine nahegelegt wird, eine enge Verwandtschaft zu Leopold
Schmidts These der Dingbeseelung auf.
116 Ebd., S. 230.
117 Ebd., S. 227.
56 Technik in der Volkskunde
die Arbeit erleichtern oder den Lohn erhöhen usf. Jede Veränderung der Arbeits und
Arbeitsplatzgestaltung führt zu dieser marginalen Unsicherheit. Gleichsam in negati
ver Beweisführung manifestiert sich darin die Verhaltensanpassung und geistigseeli
sche Bindung zur Maschine und zur Maschinenarbeit."118
Bemerkenswert an dieser Passage ist vor allem, daß hier zwar überwiegend
ganz pragmatische Gründe für den Widerstand aufgezählt werden (Redu
zierung der Freiheitsgrade, Durchbrechung der Routine, Beseitigung klei
ner Lohnvorteile etc.), dies aber nicht als Beleg für eine spezifische Rationa
lität der Arbeiter und ihres Umgangs mit der Maschinerie gewertet wird, die
der Profitmaximierung diametral entgegengesetzt ist. So werden zwar eige
ne Kalküle der Arbeiter registriert, ihnen aber nicht als wesentliche Hand
lungsorientierung zugestanden, sondern emotional gewendet und als gei
stigseelische Phänomene ausgegeben. Ob Braun hiermit v.a. die „Volks
tümlichkeit" seiner Untersuchungsgruppe „retten" will, mag dahingestellt
sein. Auffällig ist jedoch, daß er R.Weiss darin folgt, Zweckrationalität und
individuelle Verhaltensmotive explizit aus der Definition des „Volkstümli
chen" auszuschließen und auf diese Weise in seinen Interpretationen das
„kanonisierte Untersuchungsobjekt" (B.KirshenblattGimblett) der Volks
kunde auch in der Moderne findet.
Voraussetzung dieser Argumentation ist dabei das Aufgeben eines Be
griffs des „Volkstümlichen", der an Kontinuitätsvorstellungen geknüpft ist.
Brauns Ansatz ist damit weitgehend als Plädoyer für ein dynamisiertes
VolkskulturKonzept zu verstehen, das sich kritisch gegenüber früheren
Positionen absetzt. Indem er den Untersuchungsschwerpunkt auf die Ana
lyse von Mentalitäten und den Habitus seiner Untersuchungsgruppe legt,
werden gleichzeitig essentialistische und substanzhafte Vorstellungen ge
genüber dem Untersuchungsgegenstand „Volk" aufgegeben und die Ge
schichtlichkeit der Lebensweisen und Vorstellungswelten betont. Die be
deutendste Anregung Brauns besteht dabei darin, daß er sowohl die Tech
nik selbst als auch den sozialkulturellen Kontext für die spezifischen Um
gangsweisen mit Technik als ausschlaggebend ansieht. Diese differenzierte
Perspektive auf den Umgang mit Technik wird jedoch durch die Verwen
dung eines sehr unspezifischen, unbestimmten Technikbegriffs beeinträch
tigt.
Vier Arten des Krisenmanagements
Die hier vorgestellten Arbeiten Bentziens, Bausingers, Brepohls und Brauns
können als sehr unterschiedliche Versuche gewertet werden, die Krise des
Faches Ende der 50er Jahre zu überwinden. In allen Arbeiten wird das dro
hende Verschwinden des kanonisierten volkskundlichen Gegenstandes the
matisiert, alle vier Autoren beobachten, daß die durch Modernisierung und
118 Ebd., S. 231.
Vier Arten des Krisenmanagements 57
Industrialisierung ausgelösten Transformationsprozesse wesentliche Vor
annahmen gegenüber dem disziplinären Untersuchungsgegenstand als ob
solet erscheinen lassen. Die angebotenen Wege aus der Krise differieren je
doch stark sowohl im Maß ihres Revisionsinteresses gegenüber bestehen
den volkskundlichen Topoi als auch in ihren theoretischen, begrifflichen
und methodischen Angeboten. Um die sich darin abzeichnenden, differen
ten „styles of reasoning" herauszuarbeiten, war eine ausführlichere Darstel
lung der unterschiedlichen Ansätze geboten. Im folgenden soll versucht
werden, diese Revisionsvorschläge in ihren Implikationen auf die Ausrich
tung und Programmatik der Volkskunde zu systematisieren. Hierzu greife
ich auf Überlegungen Barbara KirshenblattGimbletts zurück, die am Bei
spiel der USamerikanischen „FolkloreStudies" drei „Überlebenstakti
ken" des Faches in der dort, aus ähnlichen Gründen wie in der deutschspra
chigen Volkskunde ausgelösten disziplinären Krise Ende der 1960er Jahre
beschreibt: Ausschluß von Themen, Erweiterung des Arbeitsbereiches bis
hin zur Aufweichung bislang disziplinkonstituierender Kategorien.
Konfrontiert mit der doppelten Herausforderung von bedeutenden ge
sellschaftlichen Veränderungen (Urbanisierung, Bürokratisierung, Massen
medien und der Verbreitung von Technologien) und modifizierten gesell
schaftlichen Selbstbeschreibungen, bestand spätestens in den 60er Jahren
nach KirshenblattGimblett die Gefahr des „Verschwindens" des Gegen
standes der „FolkloreStudies" und damit des Faches selbst aus den ameri
kanischen Universitäten. Die von der Disziplin bislang untersuchten „folk
groups" wurden zunehmend marginalisiert, so daß in der Öffentlichkeit mit
Folklore zunehmend konnotiert wurde: „granny women spinning traditio
nal tales in mountain cabins or gaily costumed peasants performing seasonal
dances".119 Da die Ursache dieser Krise außerhalb der Grenzen des Faches
lokalisiert wurde,120 boten sich folglich drei Möglichkeiten des Krisenma
nagements an:
~ Ein „ exclusionary approach ", der vor allem durch das Festhalten an alten
Definitionen des disziplinären Gegenstandes gekennzeichnet ist; dies im
pliziert jedoch, daß die diesen Ansatz vertretenden „Puristen" „must
search out ever smaller and more remote pockets of living folklore or re
treat to museum and archival collections for their material".121 Diese Kri
119 Dorson, Folklore, S. xi.
120 KirshenblattGimblett, Bones of Contention, S. 11: „the threat to the discipline [was lo
cated] outside itself in the disappearence of its canonical subject folkculture" (Hervor
hebung S.B.). Damit wird angedeutet, daß es zu dieser Diagnose eine Alternative gege
ben habe, die jedoch nicht weiter benannt wird. KirshenblattGimblett weist hier impli
zit darauf hin, daß auf diese Herausforderung sozialer (Transformationsprozesse der In
dustriegesellschaft) und theoretischer Art (veränderte Selbstbeschreibungen der Gesell
schaft) auch mit der Umstellung grundlegender Theorien und Gegenstandsdefinitionen
hätte geantwortet werden können; auf diesen Aspekt ist unten zurückzukommen.
121 Ebd., S. 13.
60 Technik in der Volkskunde
Volkskunde revidieren; außerdem versucht er Anschlußmöglichkeiten des
Faches an die Diskurse von Soziologie, Anthropologie und Sozialphiloso
phie herzustellen.
Auch Brepohl und in geringerem Maße Braun versuchen zwar, eine
„soziologischvolkskundliche Betrachtungsweise" zu etablieren, jedoch
bleibt dieser Ansatz überwiegend bei einem Austausch disziplinärer Etiket
ten stehen, da eine Auseinandersetzung mit anderen Sozialwissenschaften
auf theoretischer und methodischer Ebene unterbleibt. Insbesondere wer
den die dort methodisch etablierten Forschungsinstrumente der empiri
schen Sozialforschung sehr unreflektiert und eklektizistisch eingesetzt, ein
Urteil, das auch gegenüber den bei Braun und Bentzien teilweise ange
wandten ethnographischen Methoden seine Berechtigung erhält. Bausinger
hingegen beschränkt sich methodisch im empirischen Teil seiner Arbeit
sehr bewußt auf „Sprachbetrachtung"124 und bleibt damit weitgehend in
nerhalb des von der traditionellen Volkskunde gezogenen Rahmens.125
Während damit alle hier vorgestellten Arbeiten als bedeutende Versuche
zu werten sind, den fachkonstitutiven „style of reasoning" der Volkskunde
der ausgehenden 50er Jahre zu modifizieren, ist ihr Innovationspotential bei
der Konzeption von Technik und des Umgangs mit ihr nur sehr begrenzt.
Technik wird sehr eng als vergegenständlichte Naturwissenschaft oder/und
als Kulturdeterminierender Faktor konzipiert (Bausinger, Bentzien, Bre
pohl), dem weitgehend starre Anpassungsmodelle entsprechen. Die einzige
Ausnahme stellt der Ansatz von Braun dar, dessen Anspruch auf ein dialek
tisches Modell der Wechselwirkungen von Technik und Kultur jedoch em
pirisch nicht eingelöst wird. Alle Autoren mit Ausnahmen bei Bentzien
betonen jedoch, daß für die Analyse und Bewertung der Auswirkungen
moderner Maschinentechnik der entsprechende soziale und kulturelle
Kontext des Maschineneinsatzes zu berücksichtigen ist, wenn auch die kon
krete Umsetzung in den empirischen Analysen nicht immer überzeugend
gelingt. Das zentrale Verdienst dieser vier Studien bleibt damit, daß sie ne
ben der Kritik traditioneller volkskundlicher Positionen einen modifizier
ten „style of reasoning" vorschlagen, der überhaupt erst die Frage nach
124 Bausinger, Volkskultur, S. 174.
125 Bausinger begründet diese geistesgeschichtliche Ausrichtung der Arbeit in der Vorbe
merkung zur Neuausgabe im Jahre 1986: Dieser „Akzent des Buches hängt zusammen
mit der institutionellen Einbindung der Volkskunde an den Universitäten. Sie war dort
in aller Regel der Germanistik angegliedert, und im Umkreis dieser Wissenschaft stan
den damals sozialwissenschaftliche Ansätze nicht zur Diskussion. [...] Dies heißt nicht,
daß der gängige methodische Rahmen überhaupt nicht durchstoßen worden wäre. Das
Buch zehrt nicht nur vom alten germanistischen Erbe, sondern ist auch geprägt von ei
nem kräftigen neuen Interesse an soziologischen Fragen. Wenn die gesellschaftlichen
Tatbestände trotzdem nicht scharf genug gefaßt wurden, dann hing dies nicht nur mit
der eigenen Distanz, sondern auch mit dem Tenor der deutschen Soziologie jener Zeit
zusammen, die sich ihrerseits oft auf die Vorstellung einer in sich offenen Einheitsge
sellschaft („nivellierte Mittelstandsgesellschaft") zurückzog." (Ebd., S. 4f.)
Vier Arten des Krisenmanagements 61
Technik als einem kulturell und sozial relevanten und auch für die volks
kundliche Forschung wichtigen Faktor ermöglicht. Insbesondere Brepohl
und Braun versuchen dabei, das Forschungsinteresse auf die „Habitualisie
rung der Menschen durch die Maschine" bzw. die „Mentalitätsprägung
durch den Umgang mit Technik" näher zu untersuchen, während Bausin
ger v.a. in späteren Aufsätzen für die Untersuchung des „alltäglichen
Verhältnisses zur Technik"126 in seiner Sozial und Klassenspezifik eintritt.
Bemerkenswert ist, daß in der Folgezeit nur sehr wenige Arbeiten die The
matik des Umgangs mit Technik überhaupt aufgreifen und in konkrete Un
tersuchungen umsetzen; erst ab den 80er Jahren ist eine größere Aufmerk
samkeit für dieses Forschungsfeld festzustellen.
Volkskundekongreß 1981: Uberwindung von Innovations und
Diffusionsforschung
Exemplarisch läßt sich der zögernde Umgang der Volkskunde mit dem
Thema Technik an drei Referaten aufzeigen, die anläßlich des 23. Volkskun
deKongresses 1981 in Regensburg gehalten wurden. Auf dieser Tagung
wurde unter dem Titel „Umgang mit Sachen Zur Kulturgeschichte des
Dinggebrauchs" die Abkehr von einer „sachbesessen" sammelnden, vor
rangig von konservatorischen Interessen127 geleiteten, deskriptiven „Sach
kunde" und die Hinwendung zu einer historisch arbeitenden, auf die All
tagspraxis ausgerichteten und semiotisch analysierenden Sachkulturfor
schung dokumentiert, die sich verstärkt seit Anfang der 70er Jahre
durchzusetzen begann.128 In den Beiträgen von Helmut Paul Fielhauer,129
Peter Assion130 und Andreas Kuntz131 wird dabei eine beinahe gleichsinnige
Kritik an der volkskundlichen,, Geräteforschung" formuliert: In diesem Ar
126 Bausinger, Technik, S. 232; vgl. hierzu auch Bausinger, Hermann: Perspektiven des
Fortschritts. Eine kulturgeschichtliche KostenNutzenAnalyse. In: LTAForschungen
(Reihe des Landesmuseums für Technik und Arbeit in Mannheim) 8/1992, S. 425.
127 Vgl. hierzu die scharfe Polemik gegen diesen „SammelnundRetten"Ansatz der kon
servativen Volkskunde von Schock, Gustav: Sammeln und Retten. Anmerkungen zu
zwei Prinzipien volkskundlicher Empirie. In: Abschied vom Volksleben. Tübingen
1970, Tübinger Vereinigung für Volkskunde e.V., S. 85104.
128 Vgl. zu dieser Entwicklung und zu den in der modernisierten Sachkulturforschung ver
wendeten Konzepten und Theorien unten, Teil I, Kapitel „Anmerkungen zur Sachkul
turforschung".
129 Fielhauer, Helmut Paul: Industrielle Arbeitsmittel und Kultur. In: Köstlin, Konrad,
Hermann Bausinger (Hg.): Umgang mit Sachen. Zur Kulturgeschichte des Dingge
brauchs. 23. Deutscher VolkskundeKongreß in Regensburg vom 6.11. Oktober 1981.
Regensburg 1983. S. 191212.
130 Assion, Peter: Kulturelle Auswirkungen neuer landwirtschaftlicher Arbeitsmittel. In:
Ebd., S. 151166.
131 Kuntz, Andreas: Innovationen im handwerklichen Arbeitsbereich. Das Beispiel des
Schmiedehandwerks, besonders auf dem Lande. In: Ebd., S. 175187.
62 Technik in der Volkskunde
beitsfeld der Sachforschung sei zwar Produktions und Reproduktions
technik zum Thema geworden, jedoch der zeitliche und sachliche Bereich
der Untersuchungen auf vorindustrielle Agrar und Handwerkstechnik be
schränkt geblieben;132 zusätzlich sei das verwendete theoretische und me
thodische Instrumentarium zu undifferenziert und ermögliche keine den
sozialwissenschaftlichen Erfordernissen angemessene Analysen.133
Insbesondere H.P. Fielhauer plädierte in seinem Beitrag nachdrücklich
für eine Aufhebung der bisher zu verzeichnenden Beschränkung volks
kundlicher Untersuchungen zum Thema „(Produktions) Technik" auf das
„bäuerlichspätfeudale Umfeld". Dabei war er sich allerdings sehr bewußt,
daß seine Ausgangsthese, nach der nicht nur einfache „Geräte", sondern
auch industrielle Arbeitsmittel als Kultur anzusehen seien, nicht dem her
kömmlichen Fachverständnis entsprach. So stünde etwa Bausingers
„Volkskultur in der technischen Welt" bislang noch immer „etwas unver
mittelt in der Fachgeschichte",134 und gegenüber Versuchen, die Disziplin
etwa zu den Sozialwissenschaften zu öffnen oder auf die Analyse von Ge
genwartsfragen zu orientieren, werde immer wieder die skeptische Frage
laut, inwieweit „das alles noch Volkskunde"135 sei. Doch so Fielhauer
führe an einer Berücksichtigung sozialer, wirtschaftlicher und politischer
Bedingungen des „Volkslebens" kein Weg vorbei, solle das „Elend mancher
Sachforschung" überwunden werden, die oft keinen Blick „auf die einander
bedingenden Verhältnisse in Wirtschaft und Gesellschaft, geschweige denn
Politik"136 gewagt habe; der enge Bereich der Theorien und Erkenntnisse
des eigenen Faches müsse daher überschritten werden.
Um die Bedeutung der „industriellen Arbeitsmittel" für die Kultur der
Industriegesellschaft angemessen beschreiben zu können, schlägt Fielhauer
132 Vgl. hierzu etwa die Verweise zu volkskundlichen Untersuchungen zur Entwicklung
des landwirtschaftlichen Gerätes in: Assion, Auswirkungen, S. 159ff., oder als grund
sätzliche Arbeitsdefinition der 1965 auf dem Marburger Volkskundekongreß konstitu
ierten volkskundlichen Kommission für Geräteforschung bei Hansen, Wilhelm: Aufbau
und Zielsetzung einer Kommission für Geräteforschung. In: Gerhard Heilfurth, Inge
borg Web erKellermann (Hrsg.): Arbeit und Volksleben. Deutscher Volkskundekon
greß 1965 in Marburg. (= Veröffentlichungen des Institutes für mitteleuropäische
Volksforschung an der PhilippsUniversität MarburgLahn. Reihe A., Bd. 4) Göttingen
1967, Otto Schwarz Verlag, S. 100122. Hansen betont den Vorrang einer Bestandsauf
nahme landwirtschaftlicher und handwerklicher Geräte, da „in der Geräteforschung
künftige Generationen nur noch auf der Basis arbeiten können, die wir dinglich und do
kumentarisch fixiert haben" (ebd., S. 110).
133 Stellvertretend für diese kritisierte Forschungsrichtung sei hier etwa auf Ritz, Josef Ma
ria: Bäuerliche Geräteforschung. In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde 1952. S. 13—
18, verwiesen. Den Charakter einer theorielosen Bestandsaufnahme etwa hat der Beitrag
von Zaborsky, Oskar von: Ländliche Werke der Technik. In: Bayerisches Jahrbuch für
Volkskunde 1951. S. 167172.
134 Fielhauer, Arbeitsmittel, S. 192.
135 Ebd., S. 194.
136 Ebd., S. 195.
Vier Arten des Krisenmanagements 63
einen Perspektivenwechsel vor: So täusche der von den Veranstaltern des
Kongresses vorgegebene Titel seines Referates „»Industrielle Arbeitsmittel
und Kultur« ... durch das Bindewort »und« leicht etwas einander Aus
schließendes vor. Im Sinne neuerer [materialistischer, S.B.] Kulturtheorie
wäre richtiger zu sagen: Industrielle Arbeitsmittel sind auch Kultur."137 Eine
These, die gerade vor dem Hintergrund der volkskundlichen Gerätefor
schung, die schließlich zumindest landwirtschaftliche und teilweise hand
werkliche Technik als Kulturgüter verstanden habe, nicht völlig fremd sein
dürfte. Indem Fielhauer somit Technik nicht mehr als einen externen und
damit sozial und kulturfreien Bedingungsfaktor von Kultur versteht,
kann er die für ihn zentrale Frage nach den „Voraussetzungen und Wirk
samkeiten des Gebrauchs von Arbeitsgeräten" stellen, die Frage, „warum
die Werkzeuge den Menschen und die Menschen die Werkzeuge verän
dern."138 Er scheint damit von einem dialektischen Modell des Technikum
gangs auszugehen und sieht als den entscheidenden Ansatzpunkt künftiger
Untersuchungen die Analyse der Wechselwirkungen von Gebrauch und
Aneignung der (industriellen) Arbeitsmittel an.
Problematisch an seinem Modell ist jedoch, daß er die Begriffe Gebrauch
und Aneignung auf unterschiedlichen TheorieEbenen ansiedelt: Während
Gebrauch den realen, alltäglichen, praktischen ArbeitsUmgang der Arbei
ter mit der industriellen Maschinerie unter den arbeitsteiligen Bedingungen
fabrikmäßiger Produktion bezeichnet und damit handlungstheoretisch be
stimmt ist, versteht er Aneignung als einen rein ökonomischen Begriff, mit
dem er die Eigentumsfrage an den Produktionsmitteln thematisiert, letzt
lich eine herrschaftstheoretische Fragerichtung. Er schließt daraus: „An
eignung steht im Grunde nur dem Unternehmer zu".139 Zwar gebe es eine
Art Aneignung der Maschinen auch durch die Arbeiter, doch sei solche
»Dingbeseelung" etwa Namensgebung für Maschinen etc. nur schein
haft, eine Inbesitznahme auf Abruf, ein hilfloser Versuch der Vermenschli
chung des Arbeitsplatzes.140 Der Aneignung der Maschinen durch die Un
ternehmer entspräche in Wahrheit allein die Entfremdung der Arbeiter.
Durch diese sicherlich berechtigte, doch einseitige Fokussierung auf Herr
schafts aspekte verstellt sich Fielhauer selbst die Antwort auf seine ebenso
berechtigte Eingangsfrage: Wie die Arbeitenden sich ihre Arbeitsmittel in
tellektuell und manuell aneignen, wie sie folglich mit ihnen umzugehen ler
nen, und was dies kulturell bedeutet. Es ist daher nur folgerichtig, daß er
sich unter der Überschrift „Umgang mit Sachen im Kapitalismus" im weite
137 Ebd., S. 196.
138 Ebd., S. 196.
139 Ebd., S. 198.
140 Fielhauer bezieht sich hier nicht direkt auf die Arbeiten von R. Braun, doch läßt sich
m.E. die hier vorgebrachte Kritik als direkter Kommentar nicht nur auf Leopold
Schmidts These der Dingbeseelung, sondern auch auf die oben vorgestellte Untersu
chung Brauns verstehen.
64 Technik in der Volkskunde
ren ausschließlich mit Massenkonsumgütern auseinandersetzt, während
nur ein kurzer Hinweis auf die dringend erforderliche Untersuchung der
Auswirkungen etwa von Haushaltstechnologien auf die Volkskultur zu fin
den ist. Obwohl Fielhauer die Produktionstechnik zuvor eindeutig als Kul
tur gefaßt hatte, wird sie ausschließlich als Herrschaftsfaktor in Rechnung
gestellt, die von außen über die ökonomischen Bedingungen auf die Volks
kultur einwirkt. Für die Analyse des „Umgangs mit Technik" ist daher we
nig gewonnen.
Die Beiträge von P. Assion („Kulturelle Auswirkungen neuer landwirt
schaftlicher Arbeitsmittel") und das Referat von A. Kuntz („Innovationen
im handwerklichen Arbeitsbereich") betonen dagegen einen etwas anderen
Aspekt der Kritik an der volkskundlichen Geräteforschung. In beiden Bei
trägen wird eine Revision der gängigen, einfachen Innovations und Diffu
sionstheorien gefordert, die den sozialen, kulturellen und ökonomischen
Kontext bei der Einführung und Durchsetzung neuer Produktionstechni
ken nicht ausreichend berücksichtigten. Unter Beibehaltung der für die In
novationstheorie charakteristischen Grundfrage, wie die Technik in die Ge
sellschaft kommt, wird ein verändertes, weitergeführtes theoretisches In
strumentarium gefordert; Technik selbst und der individuelle und kollekti
ve Umgang damit wird hierbei allerdings nicht oder nur peripher behandelt.
Beide Ansätze sind damit als Kritik an der u.a. von G .Wiegelmann vertrete
nen Sachkulturforschung zu verstehen. Im Zentrum des Interesses stehen
dort v.a. Novationsphasen von Kulturgütern, insbesondere von landwirt
schaftlichen Geräten, deren Durchsetzung ausschließlich auf konjunkturel
le Faktoren zurückführt wird.141 Technik wird innerhalb des innovations
theoretischen Modells als „exogene Dominante" der Kultur verstanden, als
ein der Kultur äußerlich bleibender „Umweltfaktor"142; Technik wird damit
ausdrücklich auf der gleichen Ebene angesiedelt wie Natur.
Diese Vorstellung der Technik als einer „Regelungsumgebung" von Kul
tur143 wird von den beiden Autoren nicht völlig aufgegeben, sondern nur
leicht modifiziert, indem sie auf den sozialen und kulturellen Kontext tech
nischer Innovationen hinweisen: Technische Neuerungen träfen nicht nur
auf ein ökonomisch, sondern auch auf ein sozial und kulturell vorstruktu
141 Vgl. Wiegelmann, Günter: Die Sachkultur Mitteleuropas. In: Günter Wiegelmann, Mat
thias Zender, Gerhard Heilfurth: Volkskunde. Eine Einführung. (Grundlagen der Ger
manistik 12). Berlin 1977, Erich Schmidt Verlag, S. 97131, oder auch Ders.: Novations
phasen der ländlichen Sachkultur Nordwestdeutschlands seit 1500. In: Zeitschrift für
Volkskunde 72/1976, S. 177200. Zur Problematik dieses Ansatzes vgl. ausführlicher
auch unten, Kapitel „Anmerkungen zur Sachkulturforschung".
142 Vgl. Wiegelmann, Günter: Theorien und Methoden. In: Wiegelmann/Zender/Heilfurth,
Volkskunde, S. 3996, hier insbes. S. 4042.
143 Neuere Konzepte der Soziologie invertieren diese Perspektive, indem sie von der Tech
nik her fragen und Kultur als „Handlungsumgebung" der Technik thematisieren; vgl.
hierzu unten, Teil II.
Vier Arten des Krisenmanagements 65
riertes Gefüge, das über ihre jeweilige „Tauglichkeit" entscheide. Kuntz
thematisiert insbesondere die „außerökonomisch begründbaren Verhal
tensdispositionen" wie etwa tradierte Wertorientierungen (Vorstellungen
von „ehrlichem Handwerk") oder spezifische, nicht ausschließlich ökono
misch fundierte Rationalitäten, die die Einführung neuer Techniken im
Schmiedehandwerk des 19. Jh. verhindert oder zumindest verzögert hätten.
Wenn diese Bedingungen übersehen würden, dann gerieten Innovations
studien zu reinen „expostfacto" Theorien, die in ihrer Gegenstands
gebundenheit nur noch affirmativen Charakter aufwiesen.144
P. Assion kritisiert an der volkskundlichen Geräteforschung vor allem
die verbreiteten, deterministischen Vorstellungen, die monokausale Verein
fachungen nahelegten. Verkannt werde so, daß „Erfindungen" der sozialen
Kontrolle und der interessierten Bemächtigung unterliegen; nur so sei es
auch zu erklären, daß „verfrühte" Erfindungen wegen „sozialer Untaug
lichkeit" nicht angenommen worden seien.145 Da soziale und kulturelle
Strukturen immer schon vorgegeben seien, könne die Einführung und
Durchsetzung einer Technik nicht mit einer naturhaften Eigengesetzlich
keit ausgestattet werden. Am Beispiel der feudalen Landwirtschaft argu
mentiert Assion, daß die dort verwendeten handgeführten Geräte affirmativ
auf die gesellschaftlichen Verhältnisse wirkten. Sie banden durch ihre gerin
ge Leistungsfähigkeit eine Vielzahl von Menschen an die Landwirtschaft
und damit an die Grundherrschaft. Bemerkenswert an Assions Beitrag ist
aber, daß er von einer proportional zur technischen Entwicklung zuneh
menden Sachdominanz (H. Linde) auszugehen scheint: Die ab dem 18. Jh.
einsetzenden Neuerungen landwirtschaftlicher Geräte ermöglichten den
reicheren Bauern, die entsprechend mehr und spezialisiertere Geräte als die
armen Bauern besaßen, etwa den moderneren und effektiveren Pflug als
Herrschaftsinstrument einzusetzen die technische Innovation produziert
und festigt so nach Assion gesellschaftliche Differenzierung.
Dieser Determinismus steigere sich mit der Durchsetzung der Mechani
sierung der Landwirtschaft nochmals, denn in diesem Prozeß komme es
folgerichtig zu einer Auflösung patriarchalischer Produktionsweisen, einer
Umorganisation der Zeitbudgets und zu einer tendenziellen Auflösung der
geschlechtlichen Rollenteilung. Die besondere Qualität landwirtschaftli
cher Maschinen gegenüber vorindustriellen Gerätebeständen besteht nach
Assion v.a. darin, daß Geräte aus dem engeren dörflichen Umkreis stamm
ten und überschaubare Wirkungen entfalteten, während Maschinen als in
dustriell produzierte Fremdkörper in das Sozialgefüge Dorf einbrechen und
unüberschaubare Wirkungen entfalten. Sie würden den damit Arbeitenden
nicht nur ihre Bedienungs und Produktionsregeln diktieren, sondern auch
die Amortisation des eingesetzten Kapitals erzwingen und kulturelle Um
144 Kuntz, Innovationen, S. 183.
145 Assion, Auswirkungen, S. 153.
66 Technik in der Volkskunde
brüche auslösen: „Die Bindung an die Maschine und ihre Rentabilität und
das Verschwinden der früheren Zusammenarbeit von Menschen in der Ar
beitsgruppe erklärt sicher mit, was seit Jahren an Defiziten im Dorf regi
striert wird: Egoismus und Konsumkonkurrenz, mangelnde Bereitschaft zu
sozialen Kontakten, etwa in Vereinen, zunehmende politische Abstinenz,
allgemeines kulturelles Desinteresse."146 Thematisiert Assion bei den land
wirtschaftlichen Geräten deren symbolischästhetische Qualitäten oder
kulturelle und soziale Faktoren, die über den Einsatz von Technik entschei
den, fehlen solche Bemerkungen gegenüber der (agrar) industriellen Tech
nik; hier geht er von einem weitgehenden Determinismus der Technik aus,
der Soziales und Kulturelles bis in die Poren prägt.
Allen drei Ansätzen ist gemeinsam, daß sie das Modell der Gerätefor
schung zu modifizieren suchen, in dem Technik ausschließlich als externes,
weitgehend kultur und sozialfreies Regulativ und Dispositiv der Kultur
verstanden wurde. Assion und Kuntz argumentieren vor allem gegen mo
nokausale, deterministische Konzeptionen der Technik und mahnen die
Berücksichtigung weiterer Bedingungsfaktoren der Kultur an. Damit bleibt
Technik jedoch weiterhin in einer Opposition zum eigentlichen volkskund
lichen Untersuchungsgegenstand, der Alltagskultur die allerdings ergänzt
wird um weitere zu analysierende Faktoren. Fielhauer versucht dieses di
chotome Modell zu überwinden, indem er Technik als Kultur zu fassen ver
sucht, setzt diesen Anspruch allerdings dadurch um, daß er das Kulturelle
der Technik als Ökonomie und Herrschaft analysiert. In Bezug auf die von
ihm thematisierten „industriellen Arbeitsmittel" ist dies sicherlich plausibel,
entscheidet allerdings die Frage nach dem „Umgang mit Technik" vorab:
Dabei kann es sich folglich nur um Entfremdung handeln ein Konzept,
das auf andere Technikgattungen nur bedingt übertragbar erscheint. Kenn
zeichnend ist für alle drei Ansätze die Feststellung der Autoren, daß bislang
kein für das volkskundliche Frageinteresse geeigneter Begriff der Technik
entwickelt worden sei und daher dringender Forschungsbedarf bestehe.
Etwas erstaunlich ist dabei, daß die Autoren ihre,neuen' Fragestellungen
nicht an die oben vorgestellten Überlegungen etwa Bausingers, Brauns und
Bentziens anschließen, also an Arbeiten, in denen schließlich ebenfalls auf
die Notwendigkeit hingewiesen wurde, etwa den sozialen und kulturellen
Kontext des Maschineneinsatzes zu berücksichtigen. Beide Befunde unter
streichen die Wertung Fielhauers, der diesen oben vorgestellten Arbeiten
einen „singulären Charakter" in der Volkskunde zuschreibt, und belegen,
daß trotz der Revisionsversuche um 1960 der Problembereich Technik und
Alltagskultur in der volkskundlichen Geräteforschung auch seitdem eher
marginal blieb. Da die Innovationsforschung vor allem die Frage stellte, wie
Kulturgüter in die Gesellschaft kommen (Innovation) und wie sie sich
146 Ebd., S. 158.
Vier Arten des Krisenmanagements 67
wann verbreiten (Diffusion), wurde kaum problematisiert, was mit diesen
Kulturgütern geschieht, wenn sie in Gebrauch genommen werden dies
wären etwa mentalitätsgeschichtliche Aspekte. Vor diesem Hintergrund
stellten Bausinger, Braun, Bentzien und Brepohl ihre Fragen verfrüht und
erwiesen sich wie Assions Beispiel einer „sozial untauglichen", weil zur
Unzeit erfundenen Mähmaschine nahelegt als zwar sehr berechtigte, doch
wissenschaftlich „untaugliche" Fragestellungen. Um die in den 60er Jahren
aufgeworfenen Fragen für volkskundliche Forschungen wirklich fruchtbar
zu machen, mußte sich u.a. erst der Fachdiskurs ändern, es waren Bezüge zu
anderen sozialwissenschaftlichen Disziplinen herzustellen und auch in den
Nachbardisziplinen mußte das Thema Technik erst etabliert werden. Für
die Soziologie kann dieser Zeitpunkt um 1980 angenommen werden, als
sich im Zusammenhang mit den gesellschaftlichen Debatten um „Grenzen
des Fortschritts" mit der TechnikSoziologie eine weitere BindestrichSub
disziplin auch institutionell herausbildet.147
Martin Scharfe: Die ungebundene Circulation der Individuen
Eben diesen Aspekt thematisiert auch Martin Scharfe in seinem Aufsatz zu
»Aspekte[n] des Automobilfahrens in der Frühzeit". Das überwiegend
«antiquarische Interesse" der Volkskunde an der Moderne, die erkenntnis
leitende Frage, was denn an alten Strukturen trotz des Neuen erhalten ge
blieben sei, habe schließlich dazu geführt, daß „das Auto als neuer Reim im
Kindervers, aber nicht das Auto als Reim auf eine neue Melodie der Welt,
der modernen Welt"148 untersucht worden sei und deshalb Versuche,
genuin moderne Phänomene zum volkskundlichen Thema zu machen, von
der Disziplin lange Zeit nicht aufgegriffen wurden.149 Aus dieser Kritik er
gibt sich das Thema seines technikgeschichtlich angelegten Beitrages, in
dem das Aufkommen des Automobils im Sinne einer „kulturellen Sympto
matologie"150 der Moderne in drei Schritten analysiert wird: Als Struktur
147 Vgl. hierzu etwa Jokisch, Rodrigo: Einführung. In: Ders. (Hg.): Techniksoziologie.
Frankfurt/M. 1982, Suhrkamp, S. viixiv; vgl. zu den Veränderungen im volkskundli
chen Fachdiskurs unten, Kapitel "Die Produktion von Wissen ...11.
148 Scharfe, Circulation, S. 217.
149 Scharfe verweist auf die bereits 1973 erschienene Studie Eduard Strübins (Automobil),
die von der volkskundlichen Forschung nicht als Anregung zur Bearbeitung des Themas
Automobil als „Leitfossil unserer Zeit" aufgegriffen worden sei. Allerdings ist Strübins
Aufsatz eben gerade der von Scharfe kritisierten Fragestellung verpflichtet, indem er vor
allem „neue Bräuche" im und mit dem Automobil nachzuzeichnen versucht womit die
gegebene „Anregung" sich stark in Grenzen hält: eine neue Perspektive wird hierdurch
nicht etabliert, allenfalls ein neues Thema unter der alten Perspektive beschrieben. In ei
nem späteren Aufsatz versucht Scharfe eine wissenschaftsgeschichtliche Erklärung für
die weitgehende Exkommunikation moderner technischer Phänomene aus der Volks
kunde zu geben; auf diese Überlegungen ist im nächsten Kapitel genauer einzugehen.
130 Scharfe, Volkskunde, S. 73.
68 Technik in der Volkskunde
aspekt des Themas wird die „freie Zirkulation der Individuen als Moment
einer fortschreitenden Gesellschaft" beschrieben; der mentalitätsgeschicht
liche Aspekt wird unter Verweis v.a. auf literarische Quellen als „Erfahrung
großer und neuer Freiheit" thematisiert und schließlich die Regulierung der
neuen Freiheit in Zwängen und Selbstzwängen nachgezeichnet.151
Scharfe stellt in seinem ersten Arbeitsschritt heraus, daß dem für die Mo
derne gültigen Prinzip „allgemeiner Zirkulation des Wissens, der Gedan
ken, der Ideen [... der] Bewegbarkeit, Beweglichkeit und Bewegung von
Menschen, Waren, Geld"152 die Entwicklung der Verkehrstechnik völlig
entsprach: „das Automobil scheint schon vor seinem Erscheinen unent
behrlich, es tritt auf wie lang erwartet."153 Das Auto und die so ermöglichte
„Circulation der Individuen" erscheint als Pendant zur Kapital(istischen)
Zirkulation. Für Scharfe sind es die spezifischen Eigenschaften des Auto
mobils, die seine besondere Paßfertigkeit ausmachen: Verfügbarkeit durch
Emanzipation von animalischer Kraft, Eignung für Privatbesitz, individuel
le Bewegungsmöglichkeit auch fern der Großinfrastruktur (etwa der Eisen
bahn), Geschwindigkeit und Flexibilität des Tempos und schließlich indivi
duelle Lenkbarkeit. Es sind diese Eigenschaften, die den für scharfe zentra
len Erfahrungsaspekt des Automobilfahrens ermöglichen. Dem Struktur
aspekt der Zirkulation steht die individuelle Freiheitserfahrung gegenüber,
die er in zahlreichen Reiseberichten und erzählungen analysiert.
Diese Berichte werden jedoch nur als Quellen für die neuen Erfahrungs
möglichkeiten durch das automobile Reisen interpretiert, nicht jedoch als
die immer schon stilisierte, diskursive Einübung eines (bürgerlichen und an
distinktiven Praxen interessierten) Publikums in neue Sicht, Erfahrungs
und Umgangsweisen mit einer bislang unbekannten Individualtechnik.
Denn daß „individuelle Lenkbarkeit" Lust und nicht Last verspricht und
das Risiko, sich zu verfahren, abenteuerlichen Kitzel verursacht, daß in den
Reiseberichten immer wieder die Möglichkeit zu unvergleichlicher Natur
(und Selbst)Erfahrung gepriesen wird, sind durch gesellschaftliche v.a.
publizistische Institutionen geschaffene soziale und kulturelle Eigenschaf
ten eines technischen Artefaktes, die nicht im Bauplan enthalten sind.154 Die
diskursive Einbindung des Automobils wird von Scharfe somit zwar regi
striert, jedoch nicht in ihrer Bedeutung für die Prägung des Umgangs mit
151 Scharfe, Circulation, S. 218f.
152 Ebd., S. 223.
153 Ebd., S. 226.
154 Siegfried Reinecke (Mobile Zeiten. Eine Geschichte der AutoDichtung. Bochum 1986,
Germinal Verlag) weist im Zusammenhang der Verwendung des Autos als Kollektiv
symbol darauf hin, daß solche Deskriptionen neuer Erfahrungen Voraussetzung einer
praktischen Verankerung neuer Techniken im Alltag bilden. Demgemäß ginge es bei
solchen Reiseberichten also um die Analyse institutionalisierter Gebrauchs und Erfah
rungsAnweisungen, mit dem Nutzungs und NutzenKontexte neuer Techniken erst
definiert und etabliert werden; vgl. zu dieser Problematik unten, Kapitel „Praxis".
Vier Arten des Krisenmanagements 69
und für die Durchsetzung der neuen Technik analysiert. Da dies unter
bleibt, entsteht der Eindruck, das Auto setze sich Ergebnis der Moderne
und in dessen (Zirkulations) Logik passend quasi automatisch und fol
gerichtig samt den dazu passenden Erfahrungsweisen durch.
Besonders deutlich wird dieser schleichende Determinismus in Scharfes
Technikkonzept, wenn er unter dem Motto „Dialektik des Fortschritts" die
staatlichen und technischen Bemühungen skizziert, die neue Freiheit zu re
gulieren und zu kanalisieren und insbesondere die aus dem Aufeinander
prallen der unterschiedlichen Kultur und Fahrstile von Automobilisten
und Pferdekutschern resultierenden Konflikte beschreibt. Sehr präzise und
subtil analysiert er die laute Klage der Autofahrer über bei der Arbeit schla
fende und falsch reagierende Kutscher als Ausdruck sozialer Distanz und
Differenz: „[W]as den bürgerlichen Automobilisten als Lässigkeit, Laxheit,
Schlendrian, Willkür erschien, entsprach in Wirklichkeit traditionellem
Verhalten, das nun freilich unter den neuen Bedingungen ,ungebundener
Zirkulation' ganz rasch dysfunktional geworden war: schmerzhaft und
rasch mußte das seit Jahrhunderten überkommene und einsozialisierte Ver
halten abgelegt, mußte ein neues eintrainiert werden."155 Scharfe wertet die
durch staatliche Regulationen, polizeiliche Strafen etc. eingeleitete Umwer
tung bislang fraglos gültiger Werte und Verhaltensweisen als „zivilisatori
sche Wende, die das Automobil erzwingt."156 Indem so der technische Fort
schritt über die Etablierung einer neuen Balance zwischen Spontaneität und
Disziplin den sozialpsychischen Zivilisierungsfortschritt auslöst, wird
Technik als weitgehend autonomer, mit „rationaler" Eigendynamik ausge
statteter und das Verhalten determinierender Faktor konzeptualisiert
automobilisierende Technik verursacht so Autonomieverluste. Treibrie
men der von Scharfe nicht zu Unrecht kritisierten Dialektik des Fort
schritts' wird folglich die Technik selbst; Modernekritik gerät auf der
Grundlage dieser weitgehenden, theoretisch zugestandenen Potentialität
technischer Artefakte zur Technikkritik.
Scharfes Ansatz orientiert sich in seiner Kritik weitgehend an N. Elias'
Zivilisationstheorie, bewertet den sozialpsychischen Zivilisierungsfort
schritt, die neu entstehende Balance zwischen Spontaneität und Disziplin
jedoch eher negativ als Verlust von Freiheiten durch zunehmende Regle
mentierung. Ähnliche Überlegungen wurden in anderen sozialwissen
schaftlichen Theorien, insbesondere in den seit den frühen 80er Jahren diffe
renziert entwickelten Positionen der Techniksoziologie, aufgegriffen, in de
nen Technik als sozialer und kultureller Prozeß bzw. die Durchsetzung
neuer Techniken und ihre Alltagswirkungen thematisiert werden.157 Der in
diesen sozialwissenschaftlichen Theorien neuerdings angebotene komplexe
155 Scharfe, Circulation, S. 241.
156 Ebd., S. 241; Hervorhebung von mir, S.B..
157 Vgl. hierzu Teil II.
70 Technik in der Volkskunde
Technikbegriff könnte dazu beitragen, die von Scharfe vorgetragene
Modernekritik weiter zu differenzieren, ohne daß Technik dabei letztlich
wieder in Opposition zu der untersuchten (Alltags)Kultur gerät.
Gudrun SilberzahnJandt: WaschMaschine
SilberzahnJandt vermeidet in ihrer als Magisterarbeit am LudwigUh
landInstitut in Tübingen vorgelegten Studie zur „WaschMaschine" die
Annahme einer solch eindimensionalen Beziehung zwischen Technik und
Kultur. Die Technisierung des Waschens ist für sie Ursache und Folge einer
seit den 50er Jahren veränderten Bekleidungskultur.158 Mit diesem Konzept
folgt sie weitgehend dem Techniksoziologen Ingo Braun, der die Waschma
schine als „Kulturmaschine" versteht, die als technische Basis der Entfal
tung einer rationalen Bekleidungskultur dient und damit die Entwicklung
mitprägt. Allerdings wird die Fragerichtung umgedreht: Während Braun
nach den sozialen Akteuren, Institutionen und Regelungen fragt, „die dazu
beitragen, die Selbstverständlichkeit und Problemlosigkeit der Waschma
schinennutzung herzustellen und zu erhalten",159 stellt SilberzahnJandt die
Frage, wie „Hausfrauen sich die Technik zu eigen machen, wie sie Technik
erlebten und einschätzten",160 ein Problembereich, der in der gängigen
Techniksoziologie weitgehend vernachlässigt werde. Betrachtet Braun un
ter herrschaftssoziologischer Perspektive den „Technisierungsverlauf Wa
schen", so skizziert SilberzahnJandt diesen komplexen Prozeß unter einem
auf die Akteurinnen gerichteten Blickwinkel, indem sie nicht nur Verände
rungen der Hygienestandards beschreibt, sondern auch z.B. Veränderun
gen im häuslichen Arbeitszeitrhythmus, des Arbeitsortes (von der Wasch
küche in die Etagenwohnung) und diese Veränderungen in generellere Ent
wicklungen wie die Entkörperlichung der Arbeit, deren veränderte Bewer
tung oder den sich wandelnden Charakter der Familie einordnet.
Der zentralen Frage, welche Erfahrungen Frauen mit der neuen Wasch
technik machen, geht sie dabei in mehreren Interviews nach, wobei sie ins
158 SilberzahnJandt, Gudrun: WaschMaschine. Zum Wandel von Frauenarbeit im Haus
halt. Marburg 1991, Jonas Verlag.
159 Braun, Ingo: Stoff Wechsel Technik. Zur Soziologie und Ökologie der Waschma
schinen. Berlin 1988, edition sigma, S. 7. In einem gemeinsam mit Bernward Joerges ver
faßten Beitrag (Waschen Heizen Verkehren. Ausgewählte häusliche Technisierungs
verläufe im Vergleich. In: Biervert, Bernd, Kurt Monse (Hg.): Wandel durch Technik?
Institution, Organisation, Alltag. Opladen 1990, Westdeutscher Verlag, S. 181197)
wird dieser „artefaktzentrierte Ansatz" präzisiert, in dem die „Einlagerung von Geräte
technik in Alltagskontexte und [der] entsprechende Aufbau technischer Handlungs
und Kompetenzstrukturen" (ebd., 195) in ihren Auswirkungen auf die Differenzierung
von Lebensstilen verfolgt wird. Für diesen Zusammenhang prägen Braun/Joerges den
Begriff „technikbedingte »Perturbationen« der kulturellen Sphäre"; vgl. zu diesem An
satz unten, Teil II.
160 SilberzahnJandt, WaschMaschine, S. 12.
Vier Arten des Krisenmanagements 71
besondere „nach der privaten Aneignung der Waschmaschine und dem
gleichzeitig damit einsetzenden Wandel kultureller Verhaltensmuster"161
fragt. In der Analyse des empirischen Materials wird dieser komplexe Pro
zeß jedoch oft als Anpassungs und nicht als Aneignungs^roxo& interpre
tiert. Technik bleibt auch hier ein von außen in die Lebenswelt einbrechen
der Faktor, auf den die Frauen mit einer Umorganisation ihrer Reproduk
tionsarbeit reagieren. Ein Konzept der Aneignung müßte demgegenüber
den Umgang mit Technik als vermittelnden Produktionsprozeß konzeptu
alisieren, in dessen Verlauf die Techniknutzer sich und die benutzte Tech
nik verändern: ein Wechsel von Passiv zum Aktiv. Im Interviewmaterial
finden sich einige Hinweise darauf, wie die neue Maschine eigenwillig den
eigenen Bedürfnissen angepaßt wird (so wird etwa entgegen der Betriebsan
leitung das Spülwasser zum Putzen aufgefangen und wiederverwendet etc.).
Die Technik stellt hier zwar Handlungsofferten oder zwänge bereit (z.B.
unbeaufsichtigtes Waschen, Verschwendung von durchaus noch nutzbarer
Lauge), die jedoch von den Nutzerinnen nicht in jedem Fall realisiert wer
den (müssen). Die einfalls und trickreiche Um oder Zweitnutzung der
dazu eigentlich nicht ausgelegten Technik wird von SilberzahnJandt zwar
registriert, nicht jedoch als Spezifikum der Aneignung von Technik inter
pretiert. Auf diese generelle Bedeutung der im Technikumgang entstehen
den sozialen Praxen ist im zweiten Teil der Arbeit zurückzukommen.
Die Tugend von Arbeiten wie der SilberzahnJandts, die sehr dicht am
Untersuchungsgegenstand entlanggeführt werden, präzise analysieren und
auf wenig abgesicherte, verallgemeinerbare Aussagen verzichten, führt
gleichzeitig dazu, daß ein Anschluß volkskundlicher Forschungsergebnisse
an die seit einigen Jahren intensiv geführte Technikdebatte innerhalb der
Soziologie nur schwer möglich ist. Der originäre Beitrag volkskundlicher
Technikforschungen etwa der Perspektivenwechsel auf die Akteure und
deren spezifischen Umgang mit Technologien (G.SilberzahnJandt) oder
die Einordnung von Technisierungsverläufen in langfristig wirksame (Zivi
Hsations) Prozesse (M.Scharfe) hat so kaum Chancen, den TechnikDis
kurs der Sozialwissenschaften wirksam zu beeinflussen. Da darauf verzich
tet wird, aus empirischen Befunden auch theoretisches Kapital zu schlagen
und dies in der Auseinandersetzung mit den benachbarten Sozialwissen
schaften zu investieren, werden volkskundliche oder empirischkulturwis
senschaftliche Konzepte kaum zur Kenntnis genommen. Den Gründen für
diese Theorieabstinenz (oder feindlichkeit?) wird im folgenden ebenso
nachzugehen sein wie denjenigen, die für die bisher mehrfach konstatierte
Vernachlässigung des Themas Technik verantwortlich sind. Eine teilweise
Klärung dieser Zusammenhänge so die hier vertretene These kann unter
Rückgriff auf die kognitive, soziale und historische Identität der Volkskun
de/Empirische Kulturwissenschaft erreicht werden.
161 Ebd., S. 15, Hervorhebung von mir, S.B.
2. Die Produktion von Wissen, die
Reproduktion von Disziplinarität
Zu erklären, weshalb Anregungen, etwa das Auto als Leitfossil der Moder
ne zu untersuchen, durch die Volkskunde „nicht (oder: so lange nicht) auf
genommen worden" sind, so Martin Scharfe 1990, werde künftigen Histo
riographen der Volkskunde Schwierigkeiten bereiten.1 Trotzdem soll im fol
genden die These verfolgt werden, daß die Exkommunikation komplexer
Technik aus der volkskundlichen Forschung nicht zufällig erfolgte, daß es
sich dabei nicht um eine leicht korrigierbare Aufmerksamkeitsschwäche han
delt, sondern um einen systematischen blinden Fleck. Der Begriff systema
tisch verweist dabei auf einen komplexen Zusammenhang, in dem diszipli
näre Sehkraft und analytische Kompetenz konstituiert werden. Zwei Berei
che verdienen Beachtung: einerseits das intern wirksame System der diszi
plinär überwiegend verwendeten Modelle, Konzepte und Begriffe der Volks
kunde, ihr spezifischer „style of reasoning", andererseits generellere „zeitgei
stige", sozial, ideologie und theoriegeschichtliche Entwicklungen wis
senschaftsexterne Vorgänge, in denen thematische Felder abgesteckt werden.
Intern beeinflussen institutionalisierte Praxen und Machtbeziehungen
die Produktion wissenschaftlichen Wissens, herrschen die Konkurrenz
und Machtmechanismen des akademischen Feldes über den Marktwert von
Theorien und Theoretikern und werden Relationen zu anderen Fächern de
finiert. Doch die in diesen Prozessen etablierten spezifischen Bedeutungs
systeme sind so arbeitet MichelRolph Trouillot heraus abhängig von
disziplinextera definierten, thematischen „slots": „Changes in the types of
statements produced as »acceptable« within a discipline, regulated as they
are if only in part by these »electoral politics«, do not necessarily modify
the larger field of operation [...] of that discipline."2 So sei etwa die Ethno
1 Scharfe, Circulation, S. 218.
2 Trouillot, MichelRolph: Anthropology and the Savage Slot. The Poetics and Politics of
Otherness. In: Richard G. Fox (ed.): Recapturing Anthropology. Working in the Present.
Santa Fe 1991, School of American Research Press. S. 1744, S. 18 (Hervorhebung von
mir, S.B.); für ihn kann die „Last der Vergangenheit", die das für eine akademische Diszi
Die Produktion von Wissen, die Reproduktion von Disziplinarität 73
logie zu ihrer Geburtsstunde in ein zweites „Argumentationssystem" ein
gebettet gewesen, das im 19. Jahrhundert durch westeuropäische Aufklä
rungsphilosophie und utopisches Denken einen „savage slot" als Tätigkeits
feld schuf, eine Faszination gegenüber vermeintlich „Ursprünglichem" und
„Natürlichem", die von der Ethnologie bedient wurde.3 Wissenschaftsge
schichtliche Analysen müssen daher neben den Wandlungen des spezifi
schen „style of reasoning" auch Veränderungen in den gesellschaftlich kon
stituierten wissenschaftlichen „slots" berücksichtigen. Es sind Faktoren wie
theoretische Herkunft, Bezüge und Transformationen etwa des volkskund
lichen „Steckplatzes Volksseele", sein sozialer Status und seine gesellschaft
lichen „Funktionen", die neben wissenschaftsinternen Faktoren für die
Festlegung des Untersuchungsbereiches einer Disziplin verantwortlich
sind.
Für die Wissenschaftsgeschichte der Volkskunde schlägt Andreas Hart
mann drei analytische Kategorien vor, mit denen einige Aspekte dieser zwei
Systeme abgedeckt werden. Er unterscheidet zwischen den von einer Wis
senschaft eingesetzten Instrumenten (Begriffe und Kategorien), ihren Re
geln (Methoden, Theorien, Frageperspektiven) und den Instanzen (Welt
und Menschenbildern, Wissenschaftsbetrieb, soziale, politische und ökono
mische Faktoren) Kategorien also, denen Begriffsgeschichte, Methoden
geschichte und Institutionengeschichte zuzuordnen seien.4 Hartmann geht
dabei von einem diskursanalytischen Ansatz aus und konstatiert, daß Be
griffs, Methoden und Institutionengeschichte sich zwar gegenseitig be
dingen, jedoch ihre jeweils eigene historische Dynamik entfalten. Damit
wird von Hartmann die Beobachtung des von Trouillot angesprochenen
komplexen Zusammenhanges dieser unterschiedlichen Dynamiken tenden
ziell eher ausgeschlossen, eine Aussage, die auch für diejenigen Arbeiten
gilt, die den Entwurf einer Wissenschaftsgeschichte der Volkskunde zum
plin charakteristische „field of significance" bestimmt, erst in dem Moment abgeschüttelt
werden, „when the sociohistorical conditions that obtained at the time of emergence have
changed so much that practitioners face a choice between complete oblivion and funda
mental redirection. At one point in time, alchemists become chemists or cease to be but
the transformation is one that few alchemists can predict and fewer would wish." (Ebd.)
3 Vgl. zu einem ähnlichen Argument Heubach, Friedrich Wolfram: Das bedingte Leben.
Entwurf zu einer Theorie der psychologischen Gegenständlichkeit der Dinge. Ein Bei
trag zur Psychologie des Alltags. München 1987, Wilhelm Fink Verlag, der insbesonde
re ethnologische Diskussionen um den FetischBegriff als Reaktion auf die Durchsetzung
eines „rationalen Gegenstandsverhältnisses" in der Moderne interpretiert. Im Konzept des
Fetischismus werde eine „verkehrte" Gegenständlichkeit der Dinge thematisiert, wodurch
letztlich ein zivilisatorisch durchgesetztes objektives, rationales und funktionales
Gegenstandskonzept bekräftigt werde (vgl. ebd., insbes. S. 2429). Das Fetischismus
Konzept ist somit ein Theorieangebot, mit dem der „savage slot" bearbeitet und ausge
füllt wird.
4 Hartmann, Andreas: Die Anfänge der Volkskunde. In: Rolf W. Brednich (Hg.): Grund
riss der Volkskunde. Einführung in die Forschungsfelder der Europäischen Ethnologie.
Berlin 1988, Dieterich Reimer Verlag, S. 930, hier S. 16.
74 Die Produktion von Wissen, die Reproduktion von Disziplinarität
Ziel haben. Lediglich für einzelne Abschnitte der Fachgeschichte etwa
„Volkskunde im Nationalsozialismus" oder die „Romantische Volkskun
de" liegen Darstellungen vor, in denen die Disziplingeschichte in allge
meine gesellschaftliche Entwicklungen systematisch eingeordnet wird.5
Aufgrund fehlender Vorarbeiten kann hier die für die Volkskunde zu
verzeichnende Vernachlässigung der Frage nach Technik nichtwie eigent
lich erforderlich in gesellschafts, ideologie und theoriegeschichtliche
Entwicklungen eingeordnet werden. Wenn im folgenden die Ursachen die
ses „blinden Flecks" allein in bezug auf die von der Volkskunde verwende
ten Modelle, Konzepte, Begriffe und Methoden analysiert werden, sind da
mit wichtige wissenschaftsexterne Faktoren der Disziplinentwicklung ana
lytisch ausgeklammert. Deshalb sollen unter Rückgriff auf die in den letzten
Jahren innerhalb der (soziologischen) Wissenschaftsforschung6 etablierten
Perspektiven zumindest einige der Bedingungen thematisiert werden, die
Andreas Hartmann unter der Kategorie Instanzen faßt: etwa die diszipli
nären Abgrenzungsbemühungen im Wissenschaftsbetrieb, mit denen wich
tige definitorische Klärungen vorgenommen werden. Im bereits oben erläu
terten Begriff „style of reasoning" werden die Kategorien Instrumente und
Regeln zusammengefaßt, um anders als Hartmann dies tut den direkten
Zusammenhang zwischen den disziplinären Fragestellungen und den ver
wendeten begrifflichen Systemen zu betonen.
Auf ihre Leitunterscheidungen werden im folgenden programmatische
Texte befragt, die sich explizit mit den in der Volkskunde verwendeten
Theorien und Methoden, der Abgrenzung gegen andere Disziplinen bzw.
der Definition der bearbeiteten Gegenstandsbereiche auseinandersetzen.
Unterstellt wird dabei deren Einfluß auf die Forschungspraxzs, ohne daß
diese zentrale Problematik eigens untersucht werden könnte. Die Klä
rung einer solchen Frage muß einer umfassenden und systematischen wis
senschaftstheoretischen Untersuchung vorbehalten bleiben, die die Frage
nach dem stellen kann, was die sehr heterogenen Sachgebiete des Faches im
innersten (theoretisch) zusammenhält. Hier besteht lediglich die Absicht,
einige Zusammenhänge zwischen volkskundlicher Programmatik und je
nen Studien aufzuzeigen, die sich im engeren Sinne mit Technik auseinan
dersetzen. Zuvor jedoch sollen einige Positionen der neueren Wissen
schaftsforschung aufgegriffen werden, um die hier verfolgte Frageperspek
tive zu präzisieren.
5 Vgl. hierzu insbesondere die Arbeiten Hermann Bausingers (z.B. Volkskultur in der tech
nischen Welt, Kritik der Tradition).
6 Vgl. hierzu den Überblicksartikel von Wolfgang Bonß, Heinz Hartmann: Konstruierte
Gesellschaft, rationale Deutung. Zum Wirklichkeitscharakter soziologischer Diskurse. In:
Dies. (Hrsg.): Entzauberte Wissenschaft. Zur Relativität und Geltung soziologischer For
schung (Soziale Welt, Sonderband 3). Göttingen 1985, Otto Schwarz, S. 946, und die
Einzelfragen thematisierenden Artikel dieses Bandes.
Die Erkundung des wissenschaftlich Unbewußten 75
Die Erkundung des wissenschaftlich Unbewußten
Eine „gesicherte" Basis, also eine unbestrittene und damit bequeme Meta
Sicht auf Wissenschaft, auf ihre Regularien und Strukturen von einem theo
retisch errichteten FeldÄemzhügel oder einen „objektiv(er)en" Maßstab für
die Beurteilung des wissenschaftlich produzierten Wissens, vermag auch die
Wissenschaftsforschung nicht zu bieten. Dies ist vorauszuschicken, um
gleich die Reichweite dieser Perspektive einzuschränken; grundsätzlichen
Zweifeln an ihrem Programm Paul Feyerabend etwa bezeichnete die Wis
senschaftstheorie als eine „bisher unbekannte Form des Irrsinns" braucht
allerdings nicht nachgegeben zu werden.7 Entstanden als interdisziplinäres
Unternehmen, mit dem die „allseits verspürten Defizite" der disziplinären
Traditionen von Wissenschaftstheorie, Soziologie und geschichte über
wunden werden sollten8, bestehen unter ihrem Dach sehr heterogene, sich
widersprechende und teilweise in sich widersprüchliche Ansätze relativ un
verbunden nebeneinander: „Sie reichen von dem Versuch, über die Analyse
von Texten gesellschaftliche Einflüsse auf das wissenschaftliche Wissen her
zuleiten, bis hin zur teilnehmenden Beobachtung von Forschern an der
Stätte der materiellen Produktion wissenschaftlichen Wissens, dem natur
wissenschaftlichen Labor."9 Nach Wolfgang Bonß und Heinz Hartmann
verbindet diese sehr unterschiedlichen Frageprogramme der Wissenschafts
forschung, daß sie letztlich alle als Reaktion auf den Prozeß der „Verwissen
schaftlichung der Gesellschaft" interpretiert werden können, eine Entwick
lung, die den angestammten Ort der Wissensproduktion verschiebe und
damit die Privilegierung wissenschaftlichen Wissens systematisch untermi
niere.10 Auf diese Prozesse reagiere die Wissenschaft die sich nach der
Herausforderung durch die konstruktivistische Erkenntnistheorie nicht
länger auf eine vorgängig objektive Außenwelt berufen könne mit Selbst
reflexivisierung.11
Die „neuere" Wissenschaftsforschung grenzt sich hierbei gegen die von
Robert K. Merton begründete USamerikanische Wissenschaftssoziologie
ab, die unter Anbindung an die Theorie des Strukturfunktionalismus die
7 Feyerabend, Paul: Die Wissenschaftstheorie eine bisher unbekannte Form des Irrsinns.
In: K. Hübner, A. Menne (Hg.): Natur und Geschichte. Hamburg 1973, S. 88134.
8 Krohn/Küppers, Selbstorganisation, S. 7.
9 Hasse, Raimund, Georg Krücken, Peter Weingart: Laborkonstruktivismus. Eine wissen
schaftssoziologische Reflexion. In: Gebhard Rusch, Siegfried J. Schmidt (Hg.): Konstruk
tivismus und Sozialtheorie (Delfin 1993). Frankfurt/M. 1994, Suhrkamp, S. 220262, S. 220.
10 Vgl. Bonß/Hartmann, Konstruierte Gesellschaft, S. 13f.
11 Ebd., S. 17. Vgl. zur Problematik der „Verwissenschaftlichung des Protestes gegen die
Wissenschaft" und den folgenden „Remonopolisierungsbemühungen" der Wissenschaf
ten Beck, Ulrich: Risikogesellschaft. Frankfurt/M. 1986, Suhrkamp, insbes. S. 259280.
Zur Rolle der Wissenschaftsforschung als kritische Legitimationsinstanz der wenn auch
nur relativen Geltung wissenschaftlichen Wissens in diesem Prozeß vgl. unten.
76 Die Produktion von Wissen, die Reproduktion von Disziplinarität
„vielfältigen normativen und institutionellen Arrangements"12 des Wissen
schaftsbetriebes als Voraussetzungen der Generierung wissenschaftlichen
Wissens analysierte. Diese in der Regel auf naturwissenschaftliche Diszipli
nen ausgerichteten Untersuchungen konnten auf eine Problematisierung
der Genese der Inhalte wissenschaftlichen Wissens verzichten und damit
epistemologische Grundsatzfragen ausklammern13, da sie von der letztlich
positivistischen Annahme ausgingen, „daß die Natur selber die letzten
Antworten auf diese Fragen liefert, wobei Menschen nur Vermittler sind."14
Thomas S. Kuhns 1962 erschienene und 1969 durch ein Nachwort prä
zisierte Studie „Structure of Scientific Revolutions"15 thematisierte demge
genüber mit dem zentralen wenn auch unscharfen Begriff „Paradigma"
den bislang ausgeklammerten Bereich der Genese und Entwicklungslogik
des wissenschaftlichen Wissens selbst.16 Mit dem Konzept des Paradigmas
verstanden als eine disziplinspezifische, von einer WissenschaftlerGe
meinschaft fraglos geteilte Sicht und Erklärungsweise beobachteter Phäno
mene betonte Kuhn den dynamischen, nichtlinearen Charakter wissen
schaftlicher Theorieentwicklungen, hielt dabei jedoch weitgehend an der
Popperschen Vorstellung evolutionärkumulativen Wissensfortschrittes
fest.17 Gegen diese Position, die die Ursache wissenschaftlicher Revolutio
nen in internen Eigenschaften rivalisierender Paradigmen sah,18 entstand
vor allem in Großbritannien die „Soziologie des wissenschaftlichen Wis
sens", die ausgehend von der These der „Seinsbedingtheit des Denkens"
(K.Mannheim) mit der Betonung der grundsätzlichen (sozialen und kul
turellen) Relativität jeglicher Erkenntnis auch wissenschaftsexterne Fakto
ren der Wissensproduktion und Vermittlung berücksichtigte und vor allem
fragte, „was als wissenschaftliches Denken zählt und wie es Geltung er
langt."19 Diese Erweiterung der Frageperspektive auf epistemologische und
gesellschaftstheoretische Problembereiche führte jedoch nach Einschätzung
der Wissenschaftssoziologen Hasse, Krücken und Weingart zu einer
„Uberfrachtung" dieses Ansatzes, zu „zermürbenden Frustrationen aus
12 Collins, H.M.: Die Soziologie des wissenschaftlichen Wissens. In: Bonß/Hartmann, Ent
zauberte Wissenschaft, S. 129149, S. 130.
13 Hasse/Krücken/Weingart, Laborkonstruktivismus, S. 225.
14 Collins, Soziologie, S. 130.
15 Chicago 1970, University of Chicago Press; dt.: Die Struktur wissenschaftlicher Revolu
tionen. Zweite revidierte Auflage. Frankfurt/M. 1976, Suhrkamp.
16 Kuhns wissenschaftstheoretische Arbeiten wurden hierbei stark von Ludwik Flecks Un
tersuchungen aus den 30er Jahren zum Denkstil eines wissenschaftlichen Kollektivs be
einflußt, auf die allerdings nur im Vorwort von Kuhn verwiesen werden; vgl. Kuhn,
Struktur, S. 8.
17 Vgl. Kuhn, Struktur, S. 217, und Popper, Karl: Die Logik der Sozialwissenschaften. In:
Theodor W. Adorno et al.: Der Positivismusstreit in der deutschen Soziologie. Neuwied,
Berlin 1969, Luchterhand, S. 103124, S. 118f.
18 Hasse/Krücken/Weingart, Laborkonstruktivismus, S. 229.
19 Collins, Soziologie, S. 130.
Die Erkundung des wissenschaftlich Unbewußten 77
weglosen Theoretisierens", die schließlich in einer strikten Ausrichtung auf
empirische (Labor)Studien Erlösung finden sollten.20
Im Gegensatz zu den bisher erwähnten Ansätzen, die sich nahezu aus
schließlich auf die soziologische Analyse naturwissenschaftlicher Wissens
produktion richten, unterzieht Pierre Bourdieu in seinen Studien gerade die
„soziologische Vernunft einer soziologischen Kritik", indem er die soziale
Genese der sozialwissenschaftlichen Denkkategorien, die Herkunft der ver
wendeten Konzepte und die soziale Genese der Probleme untersucht, die
die Soziologie sich vorgibt.21 Sein Programm einer „Objektivierung des ob
jektivierenden Subjekts" besteht vor allem darin, „zwei Beziehungskomple
xe zusammen[zu]bringen: den Raum der Werke oder Diskurse im Sinne
unterschiedlicher [wissenschaftlicher] Stellungnahmen und den Raum der
Positionen"22 derjenigen im akademischen Betrieb, die diese Stellungnah
men abgeben. Bourdieu greift damit die zentralen Fragen der Wissen
schaftsforschung insbesondere die Probleme der „Produktionsstruktu
ren", der Genese und Geltung wissenschaftlichen Wissens auf. Er beruft
sich bei seinem Plädoyer für eine antinarzißtische Reflexivität der Wissen
schaften allerdings auf eine andere Wissenschaftstradition: die französische
Epistemologie, die in der angelsächsischen Wissenschaftsforschung bislang
kaum rezipiert wurde,23 und wendet deren Problematisierung der (natur
wissenschaftlichen) Erkenntnis auf die Sozialwissenschaften an.24
Von der Epistemologie Gaston Bachelards und von Georges Canguil
hem, dessen Nachfolger als Direktor des Instituts für Wissenschafts und
Technikgeschichte an der Pariser Sorbonne, übernimmt Bourdieu die Ein
sicht in die Diskursivität aller Erkenntnisprozesse und die Kritik an einer
20 Hasse/Krücken/Weingart, Laborkonstruktivismus, S. 230; vgl. dort auch die sehr kriti
sche Analyse der expliziten Programmatik und impliziten Theorien dieser Studien, die
durch eine Übernahme ethnomethodologischer und anthropologischer Zugangsweisen
zum Forschungsfeld bei gleichzeitig weitgehend unreflektierter Konstruktion des For
schungsgegenstandes gekennzeichnet seien. Hasse/Krücken/Weingart bemängeln vor
allem die unzulänglichen theoretischen Reflexionen dieses „going native", wodurch die
beanspruchte konstruktivistische Forschungsperspektive nicht eingelöst werde. Diese
harsche Kritik ist insbesondere gegenüber den Arbeiten Karin KnorrCetinas nicht be
rechtigt, die zumindest in ihren späteren Aufsätzen mit dem von Bourdieu entwickelten
Ansatz arbeitet (Knorr, Karin D.: Zur Produktion und Reproduktion von Wissen: Ein
deskriptiver oder ein konstruktiver Vorgang? In: Bonß/Hartmann, Entzauberte Wissen
schaft, S. 151177); vgl. zu Bourdieus Ansatz unten.
21 Vgl. Bourdieu, Pierre: Homo Academicus. Frankfurt/M. 1992, Suhrkamp, S. 10.
22 Ebd., S. 17.
23 Vgl. Lepenies, Wolf: Vorbemerkung. In: Wolf Lepenies (Hg.): Georges Canguilhem: Wis
senschaftsgeschichte und Epistemologie. Gesammelte Aufsätze. Frankfurt/M. 1979, Suhr
kamp, S. iiii, der in der ausgebliebene Rezeption der Werke von Bachelard und Can
guilhem den Grund für vermeidbare Umwege und Sackgassen der Wissenschaftsfor
schung sieht.
24 Vgl. Bourdieu, Reflexivität, S. 367f.
78 Die Produktion von Wissen, die Reproduktion von Disziplinarität
„kontinuistischen Wissenschaftsgeschichtsschreibung".25 Neben solchen
allgemeinen Bedingungen der Erkenntnis macht Bourdieu zusätzlich die
speziellen universitären Bedingungen der wissenschaftlichen Erkenntnis
zum Thema: „the scientific field is the locus of a competitive struggle, in
which the specific issue at stake is the monopoly of scientific authority, de
fined inseparably as technical capacity and social power, or, to put it another
way, the monopoly of scientific competence, in the sense of a particular
agent's socially recognised capacity to speak and act legitimately (i.e. in an
authorised and authoritative way) in scientific matters."26 Für Bourdieu sind
damit epistemologische Konflikte immer auch politische Konflikte, in de
nen um die Definitionsmacht über ein wissenschaftliches Teilgebiet „the
delimination of the field of problems, methods and theories, that may be re
garded as scientific"27 ebenso gerungen wird wie um das symbolische Ka
pital, also die Reputation der Forscher.28 Was Kuhn als „Paradigma" kenn
zeichnete, ist in Bourdieus Prozeßanalyse wissenschaftlicher (Konkur
renz)Praxis nur die zu einem bestimmten Zeitpunkt gültige „official fic
tion", mit der die „scientific Community" die je gültige wissenschaftliche
Orthodoxie legitimiert; Bourdieu ersetzt damit das Wahrheits durch ein
Gültigkeitskriterium.29
25 Vgl. hierzu insbes.: Canguilhem, Georges: Die Geschichte der Wissenschaften im episte
mologischen Werk Gaston Bachelards. In: Wolf Lepenies (Hg.): Georges Canguilhem:
Wissenschaftsgeschichte und Epistemologie. Gesammelte Aufsätze. Frankfurt/M. 1979,
Suhrkamp, S. 721. Sowohl Canguilhem als auch Bachelard beschränkten die Episte
mologie auf eine Analyse der Naturwissenschaften; eine Übertragung auf die Geisteswis
senschaften wurde von Bachelard explizit ausgeschlossen, da deren Fachgegenstand „poe
tische Sinneffekte" produziere: sie seien epistemologisierungsunfähig (vgl. hierzu und zu
einer wissenschaftstheoretischen Einordnung Bachelards Balke, Friedrich: Nachwort zur
Neuausgabe Das Ethos der Epistemologie. In: Bachelard, Gaston: Epistemologie. Neu
ausgabe. Frankfurt/M. 1993, Fischer, S. 235252, hier S. 236).
26 Bourdieu, Pierre: The specificity of the scientific field and the social conditions of the
progress of reason. In: Social Science Information 14/1975, S. 1947, S. 17 (kursiv i.O.).
27 Bourdieu, Specificity, S. 23.
28 Wolf Lepenies weist darauf hin, daß sich generell seit den 70er Jahren eine Tendenz ab
zeichne, Prozesse der Wissenschaftsentwicklung statt wie zuvor mit einer Metaphorik der
„naturnahen Schilderung von Wachstumsprozessen" mit einem Vokabular zu kennzeich
nen, „mit dessen Hilfe der Absolutismus oder das Ancien Regime etablierter Theorie
traditionen anprangernd beschrieben werden, deren Unfähigkeiten und Ungerechtigkei
ten nurmehr mit Staatsstreichen oder Revolutionen begegnet werden kann." (Studien,
S. vi) Bourdieu geht über solche metaphorische Kritik hinaus, da er Politik im akademi
schen Milieu als funktionale Kategorie analysiert.
29 Bourdieu teilt damit die wahrheitsrelativistischen Positionen der britischen „Soziologie
des wissenschaftlichen Wissens"; die stärkere Dominanz sozialer Faktoren bei der Beur
teilung der Gültigkeit wissenschaftlichen Wissens trägt ihm von Hasse/ Krücken/Wein
gart (Laborkonstruktivismus, S. 239, Fußmote 41) die Kritik ein, er lege letztlich ein „öko
nomisches Modell wissenschaftlichen Handelns" vor. Diese pauschale Kritik trifft sicher
lich nicht zu, enthält aber ihren wahren Kern in der Tatsache, daß Bourdieus Praxis
konzept (Entwurf einer Theorie der Praxis auf der ethnologischen Grundlage der kaby
lischen Gesellschaft. Frankfurt/M. 1979, Suhrkamp) von einem auf soziale und kulturelle
Die Erkundung des wissenschaftlich Unbewußten 79
Für den weiteren Gang dieser Untersuchung ist insbesondere eine dreifa
che Unterscheidung hilfreich, die Bourdieu vornimmt: Er differenziert zwi
schen wissenschaftlicher Orthodoxie der institutionell abgesicherten und
legitimierten Abgrenzung eines Gegenstandsbereiches, der verwendeten
Methoden und Theorien , der Heterodoxie revolutionären Herausforde
rungen der Orthodoxie und den Doxien „the aggregate of the presuppo
sitions which the antagonists regard as selfevident and outside the area of
argument, because they constitute the tacit condition of argument"30. Fach
konflikte sieht Bourdieu damit durch „epistemologische Paare" geprägt
für die Sozialwissenschaften Ende der 60er Jahre etwa Adorno und Popper
, die das Feld legitimer orthodoxer sowie heterodoxer wissenschaftlicher
Argumentation abstecken und damit eine Thematisierung der Doxien ver
hindern. Es ist eine „objective relationship between opposing accomplices
who, through their very antagonism, demarcate the field of legitimate argu
ment, excluding as absurd, eclectic, or simply unthinkable, any attempt to
take up an unforeseen position"31. Diese Thematisierung der Orthodoxien,
Heterodoxien und Doxien steht ganz in der Tradition von Bachelard, Can
guilhem und Foucault, die alle drei auf die ausgrenzende Macht von Diskur
sen hingewiesen haben. Insbesondere Bachelard thematisiert mit dem Be
griff des „epistemologischen Hindernisses"32 eben diesen Effekt der in den
offiziellen Diskursen nicht thematisierten und damit wissenschaftlich unbe
wußten, aber folgenreichen Vorannahmen über die Untersuchungsgegen
stände einer Wissenschaft. Bourdieu greift diese von Bachelard, Canguil
hem und Foucault verfolgte epistemologische Fragestellung auf und wendet
sie im Rahmen des Selbstreflexivitätsprojektes der Wissenschaftsforschung
auf die soziologische „Erforschung des wissenschaftlich Unbewußten" der
Gesellschaftswissenschaftler an.
Der Bourdieusche Ansatz eröffnet damit eine etwas andere Perspektive
auf die von Kuhn herausgearbeiteten Paradigmen eines wissenschaftlichen
Faches: Sie stellen demnach die je herrschende Orthodoxie einer Disziplin
dar, gegen die ebenso legitime heterodoxe Positionen Stellung beziehen
können. Mit diesen beiden Bereichen ist jedoch nur der Teil der Problem
abgrenzungen, Vorannahmen über den Forschungsgegenstand und Mo
Phänomene übertragenen und an die Spezifität sozialer und kultureller Prozesse angepaß
ten Marktmodell her argumentiert. Dieser Ansatz liegt auch den wissenschaftstheoreti
schen Überlegungen Bourdieus zugrunde, ohne daß dies expliziert würde.
30 Bourdieu, Specificity, S. 34 (kursiv von mir, S.B.); Bourdieu argumentiert hiermit sehr
ähnlich wie Michael Polanyi in seinem 1966 veröffentlichten Buch „The Tacit Dimen
sion" (dt.: Implizites Wissen. Frankfurt/M. 1985, Suhrkamp), in dem die Bedeutung des
«tacit knowledge" als Voraussetzung jeglicher wissenschaftlicher Arbeit beschrieben
wird.
31 Bourdieu, Specificity, S. 39f.
32 Vgl. etwa Bachelard, Gaston: Epistemologie. Neuausgabe. Frankfurt/M. 1993, Fischer
Verlag, S. 220.
80 Die Produktion von Wissen, die Reproduktion von Disziplinarität
dellvorstellungen bezeichnet, der im wissenschaftlichen Diskurs explizit
thematisiert wird. Die Doxien hingegen bleiben verdeckt, sie stellen das
stillschweigende Set an Vorannahmen einer Disziplin dar. Mit den Doxien
thematisiert Bourdieu die Ursache der „blinden Flecke" wissenschaftlicher
Beobachtung, die Erkenntnishindernisse, die im offiziellen Diskurs unbe
wußt bleiben. Für die weitere Untersuchung der wissenschaftlichen Kon
zepte und Vorannahmen der Volkskunde, die zu einer Vernachlässigung
der Thematisierung von Technik führten, ergibt sich aus diesen Überlegun
gen, daß neben den in den großen wissenschaftstheoretischen Debatten der
Volkskunde explizit benannten theoretischen und methodischen Konzep
ten auch deren Doxien zu untersuchen sind: Es soll im folgenden insbeson
dere auf mögliche „Erkenntnishindernisse" und die durch stillschweigende
Vorannahmen verursachten „blinden Flecke" geachtet werden.
Niklas Luhmann weist darauf hin, daß Paradigmen eine „Unterbrechung
von Selbstreferenz"33 einer Wissenschaft darstellen. Ein solcher „Systemzu
stand" ist für die von Kuhn beschriebene „normale Wissenschaft"34 kenn
zeichnend: So stellen etwa die in der Fachgeschichte der Volkskunde recht
zahlreichen Aufsätze „Die Volkskunde als Wissenschaft" Versuche dar, für
die Disziplin paradigmatischen Status zu erlangen und damit eine entlasten
de Unterbrechung der Selbstreferenz zu erreichen, um „normale", vom per
manenten selbstreflexiven Rekurs freigestellte Forschung zu ermöglichen.
Gleichzeitig sollen die Disziplin und die in ihr Arbeitenden im akademi
schen Milieu legitimiert und damit der wissenschaftliche Status der For
schungsergebnisse als Voraussetzung des geregelten interdisziplinären
Austausches' abgesichert werden.35 Dieser Zusammenhang kann mit den
von Wolf Lepenies36 entwickelten Begriffen der kognitiven, sozialen und
historischen Fachidentität verdeutlicht werden, mit denen diese disziplinä
ren Stabilisierungsbemühungen auf Zeit gefaßt werden können. Kognitive
Identität meint hierbei die Betonung der Kohärenz der Orientierungen,
Problemstellungen, Erklärungsweisen und Methoden, mit denen das jewei
lige Theorie oder Forschungsprogramm von konkurrierenden Program
33 Luhmann, Wissenschaft, S. 503.
34 Kuhn, Strukturen, S. 37ff.
35 Die Unterbrechung der wissenschaftlichen Selbstreferenz mittels Paradigmatisierung
hatte möglicherweise für die von Kuhn beschriebene „normale Wissenschaft" seine Be
rechtigung, ist m.E. jedoch unter den gegenwärtig gesellschaftlich erzwungenen Anfor
derungen an wissenschaftliche Selbstreflexivität nicht mehr adäquat. Insofern kann die
Wissenschaftsforschung positiv betrachtet als Beitrag zu der gegenwärtig notwendi
gen Entparadigmatisierung von Wissenschaft interpretiert werden. Bourdieus Arbeiten
sind sicherlich dieser Aufgabe verpflichtet. Allerdings lassen sich gegenwärtig auch Ten
denzen beobachten, die auf eine Indienstnahme der Wissenschaftsforschung zur Remono
polisierung des wissenschaftlichen Wahrheits und Herrschaftsanspruches deuten und sie
zu einer Rechtfertigungstheorie machen; vgl. Bourdieu, Specificity, S. 37, oder Beck, Risi
kogesellschaft, S. 278ff.
36 Vgl. hierzu Lepenies, Studien, S. iiii.
Die Erkundung des wissenschaftlich Unbewußten 81
men unterschieden wird. Soziale Identität soll mit organisatorischer und in
stitutioneller Stabilisierung erreicht werden, die dem Kampf um das Uber
leben und dem Erhalt akademischer Reputation dient. Historische Identität
besteht in der (Re)Konstruktion einer disziplinären Vergangenheit, mit der
gleichfalls die Distinktion gegenüber Konkurrenzdisziplinen sichergestellt
und die frühzeitige Binnendifferenzierung des Faches verhindert werden
soll.
Lepenies betont insbesondere die Bedeutung von „Immunisierungs und
Abwehrleistungen"37, die programmatische Definitionen eines Faches ge
genüber Konkurrenzdisziplinen besitzen. Hieraus leitet er ab, daß eine
Fachgeschichtsschreibung, die sich allein an den „kognitiven Gehalten" ei
ner Disziplin orientiere und von deren stetiger Erweiterung ausgehe38, prä
sentistische Verkürzungen produziere. Sie lasse nicht nur soziale Faktoren
der Produktion, Selektion und Speicherung wissenschaftlicher Alternativen
unberücksichtigt, sondern projiziere auch das gegenwärtige Bild einer Dis
ziplin unzulässigerweise in die Vergangenheit39, ein auch in den Wissen
schaftsgeschichtsschreibungen und Uberblicksartikeln der Volkskunde
vorherrschendes Verfahren, das Wolf gang Brückner als „unreflektierte
Dauerreflexion"40 kritisiert.
37 Lepenies, Studien, S. xx.
38 Als negatives Beispiel einer solchen „kontinuistischen" Konstruktion disziplinarer Ver
gangenheit und Gegenwart sei hier „Die Wissenschaftstheorie der deutschen Volkskun
de" Herbert Freudenthals (= Schriften des Niedersächsischen Heimatbundes, N.F., Bd.
25. Hannover 1955, Niedersächsischer Heimatbund e.V. Hannover, insbes. S. 7ff.) er
wähnt. Ein solches Verfahren, in dem die Fachkontinuität betont und die (epistemologi
schen) Brüche der Theorie und Problemkonstruktionen vernachlässigt werden, kann
auch unter kommunikationstheoretischen Gesichtspunkten kritisch analysiert werden.
Peter Fuchs (Moderne Kommunikation. Zur Theorie des operativen Displacements.
Frankfurt/M. 1993, Suhrkamp, S. 49ff.) weist auf die herausgehobene Position der „dritten
Zeitstelle" in Kommunikationssituationen hin: So reagiert etwa ein Sprecher an der dritten
Zeitstelle korrigierend auf die Äußerung seines Gegenübers (= zweite Zeitstelle), wenn
er fürchten muß, in seiner ersten Äußerung (erste Zeitstelle) mißverstanden oder nicht
völlig verstanden worden zu sein. Analog können traditionelle Fachgeschichtsschreibun
gen als Versuch gewertet werden, die „dritte Stelle" innerhalb der Fachdebatten zu beset
zen: Der Fachhistoriker konstruiert mit seiner Darstellung einen linearen Ablauf der
Fachdiskussionen (durch Berufung auf „Vorläufer" oder durch Ausschluß von „Irrtü
mern") und setzt sich selbst an die Pfeilspitze des beschworenen Vektors der Fachent
wicklung.
39 Vgl. hierzu in Bezug auf volkskundliche Fachgeschichtsschreibungen Gerndt, Helge:
Einleitung. In: Ders. (Hg.): Fach und Begriff „Volkskunde" in der Diskussion. Darmstadt
1988, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, S. 121, S. 5f.; Gerndt warnt insbesondere da
vor, Fachgeschichte unter der Prämisse der Sinnstiftung für die gegenwärtige Wissen
schaftspraxis zu rekonstruieren. Andererseits weist Gerndt explizit darauf hin, daß jede
historische Rekonstruktion notwendig Selektion sei das „Objektivitäts"problem wird
so zwar angesprochen, jedoch nur appellhaft problematisiert.
^0 Brückner, Wolfgang: Die Wissenschaftsgeschichte der Volkskunde und die Institutionen
Erforschung in den Geisteswissenschaften. In: Ders. (Hg.): Volkskunde als akademische
Disziplin. Studien zur Institutionenausbildung. Referate eines wissenschaftlichen Sympo
82 Die Produktion von Wissen, die Reproduktion von Disziplinarität
Im folgenden müssen daher disziplinkonkurrentielle ebenso wie institu
tionelle Kontexte der wissenschaftlichen Problem und Theorieproduktion
zumindest angedeutet werden.41 Dabei sind Fachkonflikte und debatten
eher auf die unstrittigen Doxien zu befragen, während Ortho und Hetero
doxien nur einen untergeordneten Stellenwert einnehmen. Diese Untersu
chungsperspektive weist damit Ähnlichkeiten mit der von Hermann Bau
singer vorgetragenen (Ideologie)Kritik der volkskundlichen Forschungen
auf, mit der er das Untersuchungsdesign volkskundlicher Studien kritisiert,
die die Kontinuitätsannahmen gegenüber volkskulturellen Erscheinungen
unbefragt ließen.42
Debatten um „Wesen und Aufgaben" der Volkskunde
Um die Reichweite der folgenden Überlegungen nochmals einzuschränken:
Es sollen lediglich mögliche Anhaltspunkte einer Erklärung für die weitge
hend ausgebliebene Thematisierung von Technik durch die deutsche Volks
kunde gesucht werden. Weitere Erklärungsansätze wären wünschenswert
und dringend geboten, da die hier angesprochene Problematik nicht zuletzt
die Rolle der Volkskunde und ihrer Nachfolgefächer bei der Interpretation
von Gegenwartsphänomenen betrifft. Wenn wovon hier ausgegangen
wird der Phänomenbereich „Umgang mit Technik" für das in den 60er
siums vom 8.10. Oktober 1982 in Würzburg (hrsg. unter Zusammenarbeit mit Klaus
Beitl) (= Mitteilungen des Institutes für Gegenwartsvolkskunde, Nr. 12). Wien 1983,
Verlag der Osterreichischen Akademie der Wissenschaften, S. 1332, S. 13.
41 Brückner (ebd.) weist darauf hin, daß reine ideen und ideologiegeschichtliche Zusam
menfassungen der Fachgeschichte in der Regel zu „selbstbestätigenden »Erkenntnissen«"
geführt hätten; als Alternative plädiert er für eine exakte (d.h. auf der Auswertung von
Instituts und Fakultätsakten beruhende) Geschichtsschreibung der Institutionalisie
rungsprozesse volkskundlicher Forschung und Lehre, wobei die Lebensläufe und Sozio
gramme der beteiligten Forscherpersönlichkeiten zu berücksichtigen seien. Brückner
verweist hierbei auf die Studien Lepenies', ohne jedoch dessen analytisches Kategoriensy
stem zu übernehmen. In einem späteren Aufsatz (Brückner, Wolf gang: Geschichte der
Volkskunde. Versuch einer Annäherung für Franzosen. In: Isaac Chiva, Utz Jeggle (Hg.):
Deutsche Volkskunde französische Ethnologie. Zwei Standortbestimmungen. Frank
furt/M., New York 1987, Campus, S. 105125) verfolgt er zwar einige dieser Institutio
nalisierungsprozesse, um dann jedoch recht überraschend zu folgender Einschätzung
zu kommen: „Wichtiger als diese [oben dargestellten, S.B.] kargen Daten äußerer Insti
tutionalisierung einer Disziplin sind die inhaltlichen Fachbestimmungen, das Selbstver
ständnis dieser Wissenschaft im Wandel der letzten hundert Jahre." (Ebd, S. 114) Dieses
Ausweichen auf die gut ausgetretenen Pfade der Ideengeschichte (i.w.S.) ist sicherlich auch
der schwierigen Quellensituation und fehlenden Vorläufern bei einer sozial und insti
tutionengeschichtlichen Analyse des Universitätsfaches Volkskunde geschuldet.
42 Vgl. hierzu etwa Bausinger, Hermann: Zur Algebra der Kontinuität. In: Hermann Bau
singer, Wolfgang Brückner: Kontinuität? Geschichtlichkeit und Dauer als volkskund
liches Problem. Berlin 1969, Erich Schmidt Verlag, S. 930. Im folgenden wird allerdings
nicht der Argumentationsrahmen der Ideologiekritik angewandt, sondern im Kontext der
Wissenschaftsforschung operiert.
Debatten um „ Wesen und Aufgaben" der Volkskunde 83
und 70er Jahren zu einer alltags(kultur)wissenschaftlichen Disziplin umge
baute Fach ein mittlerweile anerkannter und nicht nur marginaler Unter
suchungsbereich ist, bislang dazu aber kaum Studien vorgelegt wurden, ver
weist dies darauf, daß der traditionelle Gegenstandsbereich des Faches we
der im Sinne eines „inclusionary approach" (Barbara KirshenblattGim
blett) erweitert noch zentrale Theorien und Vorannahmen umgestellt wur
den, um eine Analyse dieser Phänomene zu ermöglichen. Ausgangspunkt
der Argumentation ist somit, daß die zahlreichen Diskussionen des Faches
um „Wesen und Aufgaben" bzw. die Konflikte um seine theoretische, me
thodische und inhaltliche Ausrichtung bis in die jüngere Vergangenheit so
fokussiert waren, daß der hier interessierende Problembereich nur marginal
thematisiert werden konnte. Der Ausschluß moderner Technik und des all
tagskulturellen Umgangs damit aus den Untersuchungsfeldern des Faches
blieb so eine fachintern weitgehend unthematisierte und unreflektierte Or
thodoxie, die weder durch die Konflikte um Fachgegenstände, etwa die De
batte um die Orientierung auf „geistige" oder „materielle" Volkskunde
bzw. um den fachkonstituierenden Volksbegriff, noch durch die spätere
(Ideologie)Kritik an der NSVolkskunde und die sozialwissenschaftliche
bzw. sozialhistorische Reform des Faches in den 60er und 70er Jahren
ernsthaft in Frage gestellt wurde.
Im folgenden soll daher exemplarisch verkürzend herausgearbeitet wer
den, welche (doxischen) Vorannahmen Fachorthodoxie und heterodoxie
teilten, die die Thematisierung des alltäglichen Umgangs mit Technik bis
lang so weitgehend und wirkungsvoll verhinderten. Dabei muß allerdings
weiter in die Fachgeschichte zurückgegriffen werden, da von einer teilweise
ungebrochenen Kontinuität in den theoretischen, methodischen und vor al
lem gegenstandsbezogenen Leitvorstellungen der Volkskunde seit der Jahr
hundertwende bis in die Mitte der 50er Jahre ausgegangen werden kann. Ein
Befund, der bei allerdings sehr unterschiedlicher Bewertung von zahlrei
chen fachgeschichtlichen Darstellungen geteilt wird und somit Teil der hi
storischen Identität der Disziplin ist.43
43 Vgl. etwa als positive Einschätzung der „Neubesinnung" der Volkskunde nach 1945 auf
die Debatten, Konzepte und Theorien der Vorkriegszeit Lutz, Gerhard: Volkskunde. Ein
Handbuch ihrer Probleme. Berlin 1958, Erich Schmidt Verlag, S. 5. Negativ bewertet wird
diese „Rückwendung" etwa bei Gerndt (Einleitung, insbes. S. 7ff.), der die gegenstands
bezogenen Kontinuitäten volkskundlicher Forschungen kritisiert, bei Ingeborg Weber
Kellermann (Deutsche Volkskunde zwischen Germanistik und Sozialwissenschaften.
Stuttgart 1969, Metzlersche Verlagsbuchhandlung, insbes. S. 85), die die weitgehend unge
brochene Vorherrschaft alter Denkkategorien in den Nachkriegsjahren thematisiert oder
auch bei Hermann Bausinger (Kritik, insbes. S. 234f.) in seiner Kritik der weitgehend
unveränderten „Interpretationserwartungen" der historisch arbeitenden Volkskunde,
oder in seiner Kritik an ihrem theoriearmen „enzyklopädischen Essentialismus" (Ders.:
Zur Problematik historischer Volkskunde. In: Hermann Bausinger, Gottfried Korff,
Martin Scharfe, Rudolf Schenda (Hrsg.): Abschied vom Volksleben. Tübingen 1970, Tü
binger Vereinigung für Volkskunde, S. 155172); allerdings hebt Bausinger für die Nach
84 Die Produktion von Wissen, die Reproduktion von Disziplinarität
Definitorische Klärungen um 1900
Als fachhistorischer Einstieg bieten sich die Diskussionen zwischen Eduard
HoffmannKrayer, Adolf Strack, Albrecht Dieterich und wenn auch eher
indirekt beteiligt Eugen Mogk an, nach dem Urteil von Ingeborg Weber
Kellermann „eine der interessantesten wissenschaftlichen Kontroversen in
der Geschichte der Volkskunde"44. Neben der analytischen Gelegenheit,
den eine solche pointierte Debatte bietet, liegt ein weiterer Vorzug dieser
Kontroverse darin, daß sie brennpunktartig die Richtungskämpfe, die die
Institutionalisierungsversuche der Volkskunde als Wissenschaft kennzeich
nen, abbildet und richtungweisend für die Disziplin wurde.45 Anlaß dieser
Kontroverse war die Antrittsvorlesung des Schweizer Germanisten Hoff
mannKrayer als Professor für Phonetik, Schweizer Mundarten und Volks
kunde an der Universität Basel, die er unter dem RiehlTitel „Die Volks
kunde als Wissenschaft" 1902 hielt. HoffmannKray er griff mit seinem pro
grammatischen Vortrag Überlegungen Karl Weinholds auf, in denen dieser
zwölf Jahre früher ebenfalls den Versuch unternommen hatte, die Volks
kunde als Wissenschaft vom unkritisch sammelnden, „modischen Sport"
der dilettierenden „Folkloristen" abzusetzen.46
Wie Weinhold betont HoffmannKrayer die prekäre Situation der
Volkskunde, die sich einerseits als Wissenschaft zu etablieren suche, ande
rerseits jedoch auf die „wertvollen Dienste" der dilettierenden Sammler
nicht verzichten könne; es bedeute eine große Gefahr für die beabsichtigte
Verwissenschaftlichung der Volkskunde, daß deren Gegenstände von aka
kriegszeit bis Mitte der 60er Jahre hervor, daß gegenüber den Forschungsgegenständen
eine „Versachlichung der (kultur)historischen Forschung" zu beobachten sei, in denen
das völkische Pathos grundsätzlich verabschiedet worden sei (Bausinger, Hermann: Un
gleichzeitigkeiten. Von der Volkskunde zur empirischen Kulturwissenschaft. In: Helmuth
Berking, Richard Faber (Hrsg.): Kultursoziologie Symptom des Zeitgeistes? Würzburg
1989, Königshausen und Neumann, S. 266285, S. 275).
44 WeberKellermann, Deutsche Volkskunde, S. 50; ähnlich Lutz, Volkskunde, S. 60, der die
Kontroverse als eines der „wichtigsten Ereignisse in der Geschichte der Volkskunde" be
urteilt.
45 Vgl. die gut belegte Einschätzung von Wolfgang Brückner: Das Museumswesen und die
Entwicklung der Volkskunde als Wissenschaft um die Jahre 1902/1904. Die Dingwelt der
Realien im Reiche der Ideen. In: Bernward Deneke, Rainer Kahsnitz (Hg.): Das kunst
und kulturgeschichtliche Museum im 19. Jahrhundert. Vorträge des Symposiums im Ger
manischen Nationalmuseum, Nürnberg. München 1977, PrestelVerlag, S. 133142.
46 Weinhold, Karl: Was soll die Volkskunde leisten? In: Zeitschrift für Völkerpsychologie
und Sprachwissenschaft, 20/1890, S. 15, hier S. 1; Weinhold veröffentlichte seinen grund
legenden Aufsatz in der letzten Ausgabe dieser Zeitschrift, die er 1891 in die neugegrün
dete „Zeitschrift des Vereins für Volkskunde" als zentrales Organ der deutschen Volks
kunde überführte (vgl. hierzu WeberKellermann, Deutsche Volkskunde, S. 47). Bemer
kenswert an dieser Passage ist, daß Weinhold hier in durchaus kalkulierter Polemik di
lettantische Sammler und die in den USA, in Großbritannien, den Niederlanden und
Skandinavien betriebene Folklore in einen Topf wirft und sie als „unwissenschaftlich"
etikettiert.
Debatten um „ Wesen und Aufgaben" der Volkskunde 85
demisch weitgehend ungebildeten Laien mit Beschlag belegt seien und da
mit das Bild des Faches bei anderen Disziplinen negativ prägten.47 Für Hoff
mannKrayer ergibt sich aus diesem „Imageproblem" die Forderung, das
entstehende Fach im wissenschaftlichen Kontext zu verorten, es durch defi
nitorische Klärungen der Begriffe, Theorien, Methoden und Forschungsge
genstände als Wissenschaft zu legitimieren und gegen bereits bestehende
Disziplinen abzugrenzen.
Neben der deutlichen Grenzziehung zwischen wissenschaftlicher und
nichtakademischer Volkskunde positioniert HoffmannKrayer das Fach
im universitären Feld der Disziplinen zwischen Landeskunde, Ethnogra
phie und Kulturgeschichte. Um diese Unterscheidungen vornehmen zu
können, definiert er als volkskundlichen Gegenstandsbereich das „vulgus in
populo", „die primitiven Anschauungen und die volkstümlichen Uberlie
ferungen: Sitte, Brauch, abergläubische Vorstellungen, Dichtung, bildende
Kunst, Musik, Tanz, Sprechweise usw. in ihren niederen, auf weite Schich
ten sich ausdehnenden Stufen."48 Demgegenüber seien „Faktoren einer hö
heren Civilisation" wie etwa Literatur und wirtschaftliche Kultur von der
Landeskunde zu behandeln oder fielen in den Gegenstandsbereich der
Kulturgeschichte, die sich mit jenen „Faktoren [beschäftigt], die eine
Entwicklung nach dem Höheren erstreben": Die Kulturgeschichte untersu
che somit das „individuellcivilisatorische Moment", die Volkskunde the
matisiere das „generellstagnierende".49 Während die Ethnographie sich mit
allen Lebensäußerungen der Völker „ausserhalb der Peripherie unserer mo
dernen Kulturstaaten" beschäftige und damit für die „exotischen Völker"
gleichzeitig Volkskunde und Kulturgeschichte sei, richte die Volkskunde
ihr Augenmerk auf das, „was unter den heutigen Kulturvölkern entweder
noch altertümlich, primitiv oder im volkstümlichen Sinne modifiziert" sei.50
Den so abgegrenzten Gegenstand differenziert HoffmannKrayer in zwei
Bereiche, in die stammheitliche und in die allgemeine Volkskunde. Während
die erste sich mit der Erforschung der „spezifischen Eigenart eines Stammes
oder Volkes"51 beschäftige, führe die zweite die beobachteten Erscheinun
47 Bemerkenswert ist die Kontinuität dieser Problemsicht, die anläßlich des „Sozialverwis
senschaftlichungsschubes" Ende der 1960er Jahre ebenfalls wieder intensiv diskutiert
wird; vgl. etwa Greverus, InaMaria: Zu einer nostalgischretrospektiven Bezugsrichtung
der Volkskunde. In: Hessische Blätter für Volkskunde, 80/1969, S. 1128, oder Scharfe,
Martin: Notizen zur Volkskunde. Versuch der Begründung eines Standpunktes. In: Würt
tembergisches Jahrbuch für Volkskunde 1970, S. 124139.
48 HoffmannKray er, Eduard: Die Volkskunde als Wissenschaft. Zürich 1902, S. 6.
49 Ebd., S. 10.
50 Ebd., S. 9.
**1 Ebd., S. 22; dabei warnt er jedoch davor, a priori von einem einheitlichen Charakter ei
nes Stammes auszugehen gerade die Verschiedenartigkeit einzelner Gruppen herauszu
arbeiten sei die Aufgabe der wissenschaftlichen Volkskunde. Auch hierdurch grenzt sich
HoffmannKrayer vom unwissenschaftlichen, mythisch orientierten Dilettantismus ab.
86 Die Produktion von Wissen, die Reproduktion von Disziplinarität
gen auf Ursachen zurück und abstrahiere aus den einzelnen Fällen allgemei
ne Gesetze.52
Relativ viel Raum gibt HoffmannKrayer Überlegungen, in denen er ge
gen „naturwissenschaftliche Erklärungen des Volkstums" argumentiert,
wie sie etwa innerhalb der Ethnologie Konjunktur hätten. So ignoriere etwa
die von Albert Hermann Post vorgeschlagene naturgesetzliche Erklärung
ähnlicher Verhaltensmuster räumlich und zeitlich weit voneinander ent
fernter Völker die wie sich in modernisiertem Sprachduktus zusammen
fassen läßt sozialen und kulturellen Kontexte. Zentral sei in der Volkskun
de demgegenüber die Vorstellung, „daß sich das Volk in seinen Lebensäus
serungen stets nach den Umständen richtet, in die es hineingestellt ist."53 In
dem HoffmannKrayer somit die sozialen und kulturellen Anpassungslei
stungen eines Kollektivs an dessen (Lebens) „Umstände" herausstreicht,
betont er gleichzeitig den aktiven Charakter, die „Agenden" des Volksle
bens und seine prinzipielle Wandlungsfähigkeit. Wohl unter Bezug auf
John Meiers Arbeiten zum Volkslied und dessen „Urheberschaft"54 geht
HoffmannKrayer von der grundsätzlichen Individualität aller Menschen
aus, die jedoch je nach Kulturstufe unterschiedlich zum Ausdruck komme:
„Je ungebildeter ein Volk, desto weniger starke Individualitäten", desto
mehr müsse mit „KollektivAnschauungen"55 gerechnet werden, so lautet
seine Formel.
HoffmannKrayer leistet damit nicht nur eine institutionelle und gegen
standsbezogene Abgrenzung gegenüber benachbarten Disziplinen, sondern
versucht außerdem, den wissenschaftstheoretischen Ort des jungen Faches
zu bestimmen, indem er einen spezifischen „style of reasoning" vorschlägt:
Die Volkskunde greife nicht auf naturwissenschaftliche Erklärungs und
Begründungsweisen zurück, sondern argumentiere wie eine Sozial und
Geisteswissenschaft, indem sie nach den historischen und sozialen Gründen
für die beobachteten Phänomene frage. Gegen diese definitorischen Aus
und Eingrenzungen des Philologen HoffmannKrayer bezog mit Adolf
Strack, dem Gießener Professor für Klassische und Germanische Philologie
und Volkskunde, ebenfalls ein Philologe Position. Beide bilden ein vorbild
liches „epistemologisches Paar", sowohl hinsichtlich des über mehrere
Runden scharf ausgetragenen Konfliktes, als auch in bezug auf die klärende
d.h. folgenreiche Definition dessen, was in der Folgezeit als Fach
Orthodoxie gelten konnte.
Strack wandte sich in einer Rezension der Antrittsvorlesung Hoffmann
Krayers vor allem gegen dessen Versuch, die Volkskunde auf das „vulgus"
52 Vgl. Ebd., S. 33.
53 Ebd., S. 30.
54 Vgl. etwa Meier, John: Kunstlieder im Volksmunde. Materialien und Untersuchungen.
Halle/Saale 1906. Vgl. zum Einfluß von John Meier auf HoffmannKrayer insbes. We
berKellermann, Deutsche Volkskunde, S. 48f.
55 Hoff mannKray er, Volkskunde, S. 31.
Debatten um „ Wesen und Aufgaben" der Volkskunde 87
zu beschränken. Zur Begründung verwies er vor allem darauf, daß sich
„Rudimente des alten Brauchs"56 und alter Anschauungen auch in der
Oberschicht vorfänden. Weitgehend einig ist Strack von einigen Korrek
turen in den Fachdefinitionen von Ethnographie und Kulturgeschichte ab
gesehen mit der Einschränkung volkskundlicher Arbeit auf „generell
stagnierende" Momente im Volksleben, mit der Nähe zur Philologie (eine
Zuordnung, die sich bei HoffmannKrayer allerdings nur zwischen den
Zeilen findet) und der Ferne zu jeglichem Dilettantismus. Den Hauptkon
fliktpunkt zwischen beiden bildet die unterschiedliche Auffassung über den
Charakter der volkskundlichen Gegenstände. Während für Hoffmann
Krayer die Formen des Volkslebens Ergebnis eines (geschichtlich sehr un
terschiedlich verlaufenden) Assimilationsprozesses darstellen, haben für
Strack die allgemeinen, verbreiteten Anschauungen eines Volkes „durchaus
etwas Ursprüngliches".57 Es sei gerade dieser ursprüngliche, kollektivge
bundene Teil des Wesens eines Volkes, der bei Gebildeten und Ungebil
deten gleichermaßen den Gegenstand volkskundlicher Forschungen aus
mache. Gegen HoffmannKrayers anthropologische Vorannahme einer
prinzipiellen Individualität aller Menschen schreibt Strack: „Das Volksle
ben zeigt uns, wo wir es wissenschaftlich erfassen können, immer dieselbe
Gleichmäßigkeit und Gebundenheit. [...] Die Fähigkeit und das Bedürfnis
des Individuums, in Sitte und Brauch, in Sprache, Kunstübung und Religion
seine Eigenart zur Geltung zu bringen, ist einfach noch nicht vorhanden."58
Bei etwas Distanz zu den Detailpolemiken der Auseinandersetzung er
weist sich, daß der Hauptkonflikt des „epistemologischen Paares" Strack
HoffmannKrayer in den verwendeten Leitunterscheidungen gesehen wer
den kann. Hoff mannKray er sucht das entstehende Fach mit der Leitunter
scheidung „ vormodernmodernff abzugrenzen und will damit die Disziplin
auf die Untersuchung traditioneller (= generellstagnierender), kollektiver
(= nichtindividualistischer), eher irrationaler (= primitiver Anschauungen)
und kultureller (= nicht zivilisatorischer59) Phänomene festlegen, wobei er
durchaus den Prozeßcharakter gesellschaftlicher Entwicklungen hin zur
»Moderne" im Auge behält und die Analyse historischer und sozialer Ent
wicklungen anmahnt. Strack hingegen unterscheidet zwischen „ ursprüngli
ch emnichtursprünglichem" Wesen der untersuchten Erscheinungen.
Hiermit korrespondiert die nicht weiter begründete Vorannahme, daß
Verhaltensweisen und Objektivationen des Volkslebens soweit sie nicht
Strack, Adolf: Buchbesprechung: E. HoffmannKrayer, Die Volkskunde als Wissenschaft.
In: Hessische Blätter für Volkskunde, 1/1902, S. 160166, S. 162.
57 Ebd., S. 164.
^8 Ebd., S. 164.
59 Vgl. zUr Verwendung der Unterscheidung KulturZivilisation im deutschen Sprachraum
Elias, Norbert: Über den Prozeß der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische
Untersuchungen, Bd. 1: Wandlungen des Verhaltens in den weltlichen Oberschichten des
Abendlandes. Frankfurt/M. 1976, Suhrkamp, S. 164, insbes. S. 110.
88 Die Produktion von Wissen, die Reproduktion von Disziplinarität
„zivilisiert" sind Ausdruck eines dahinterliegenden, ursprünglich gegebe
nen Wiesens seien, das aufzudecken Aufgabe der Volkskunde sei. Wie Hoff
mannKrayer gelangt er damit zu den Leitdifferenzen Tradition, Kollekti
vität, Irrationalität und Kultur (ebenfalls verstanden als Gegensatz zu mo
derner Industriezivilisation), die zur Fachabgrenzung herangezogen wer
den; allerdings verhindert der Rekurs auf „Ursprüngliches" ein (sozial)hi
storisches Verständnis der Disziplin. Für Strack geht es folglich um die Her
ausarbeitung der ?Mtargesetzlichen Konstitution des ursprünglichen Gei
steslebens eines Volkes.60 Unter dieser Prämisse ist es folgerichtig, daß er der
Volkskunde eine vermittelnde Stellung zwischen Natur und Geisteswis
senschaft zuweist.
Ingeborg Web erKellermann interpretiert den Konflikt zwischen beiden
Kontrahenten als Debatte um die Rolle von „Kollektivindividualität und
Einzelpersönlichkeit in Geschichte und kulturellem Leben".61 Doch ist da
mit nur der Konflikt zwischen Orthodoxie und Heterodoxie bezeichnet.
Nicht benannt ist, daß beide Streitparteien davon ausgehen, daß individuel
le, rationale, „zivilisierte" d.h. moderne Verhaltensweisen unbestreitbar
kein Gegenstand der Volkskunde seien. Die Untersuchungsgegenstände
werden von beiden Kontrahenten vorwiegend im bäuerlichen und althand
werklichen Bereich erblickt, die moderne Industriegesellschaft mit ihren
„zivilisatorischen" Errungenschaften, Lebensweisen, einstellungen und
spezifischen Rationalitäten auch und gerade im bäuerlichen und handwerk
lichen Sozialmilieu wird thematisch ausgeschlossen diese Themen werden
der Landeskunde, der Kulturgeschichte und der Soziologie zugewiesen.
Hinter beiden Konzeptionen läßt sich unschwer ein Modell gesellschaft
licher Entwicklung ausmachen, das durch einen simplen Verdrängungs
oder Kontaminationsmechanismus gekennzeichnet ist: Kultur (konstruiert
entweder als „ursprünglich" oder „primitiv/unentwickelt") wird durch In
dividualisierungs, Rationalisierungs, Institutionalisierungsprozesse und
gesellschaftliche Differenzierung zurückgedrängt und zu Zivilisation
(über) formt.62 Schon in ihrer institutionellen Geburtsstunde steht Volks
60 Die Debatte um die Dominanz der naturgesetzlichen oder sozial„gesetzlichen" Erklä
rungsweise in der Volkskunde dominiert die weiteren Wortmeldungen der Kontrahen
ten. So stellt HoffmannKrayer klar, daß nicht davon ausgegangen werden könne, „daß
die Erscheinungen des Volkslebens aus der Volksseele hervorgegangen seien, wie Früchte
an einem Baum (das wäre allerdings Naturgesetz), sondern daß sie, einmal individuell ent
standen, von großen Massen aufgenommen worden sind. Die Volksseele produziert nicht,
sie reproduziert." (HoffmannKrayer, Eduard: Naturgesetz im Volksleben? In: Hessische
Blätter für Volkskunde, 2/1903, S. 5764, S. 70; Hervorhebung i.O.) Aufgabe der Volks
kunde sei es daher, die Art und Weise dieser Reproduktion und ihre Beweggründe her
auszuarbeiten. Strack hingegen beharrte darauf, die „immanente Regelmäßigkeit" des
Volkslebens herauszuarbeiten (vgl. Strack, Adolf: Der Einzelne und das Volk. In: Hessi
sche Blätter für Volkskunde, 2/1903, S. 6476, S. 70).
61 WeberKellermann, Deutsche Volkskunde, S. 48.
62 Vgl. zu den, dem Kontaminationsmodell der (Volks)Kultur zugrundeliegenden Echt
heits und Ursprünglichkeitsverlangen der Volkskunde und der damit korrelierenden
Debatten um „ Wesen und Aufgaben " der Volkskunde 89
künde durch diese Definition ihres Gegenstandsbereiches vor der Alternati
ve, sich entweder auf „Reliktforschung" zu beschränken damit wird sie
wie ihre Gegenstände zum Auslaufmodell oder sich zu einer rein histori
schen Disziplin zu entwickeln.63 Dieser zweite Weg wird konsequent erst
nach 1945 eingeschlagen. Insbesondere für die 20er und 30er Jahre gilt daher
Hermann Bausingers Beschreibung der resultierenden theoretischen Pro
bleme: „[...] der hypostasierte Gegenstand wird in der Wirklichkeit immer
kleiner, der kompensatorische Überbau immer größer. [...] Je länger je
niehr [...] wird Volkskunde geprägt durch Versuche, die verlorene Einheit
lichkeit des [UntersuchungsJObjektes durch ganzheitliche Entwürfe wie
derherzustellen"64.
Diese zentrale Bestimmung des Faches wird durch die vermittelnden
und klärenden Wortmeldungen Albrecht Dieterichs und Eugen Mogks zu
sätzlich bekräftigt: Für Dieterich ist Volkskunde die Erforschung und Er
kenntnis der „Unterwelt" der Zivilisation, des „unbewußten natürlichen
Denken[s] und Empfinden[s]" des Volkes, worunter er alle Ungebildeten
(d.h. Unverbildeten) begreift.65 Das Erkenntnisinteresse der Volkskunde sei
daher wie das der Völkerpsychologie allein auf die „geistigen Funktionen"
gerichtet, die angewandten Methoden seien philologische. Für Dieterich er
übrigt es sich daher eigentlich auch, die Volkskunde zu einer eigenständigen
Wissenschaft zu machen, da sie unter dem weiten Dach der Philologie gut
aufgehoben sei. Auch Eugen Mogk verficht die Anbindung der Volkskunde
Fixierung auf mündliche Überlieferung der Volksgüter Bausinger, Tradition, S. 232.
James Clifford (On Collecting Art and Culture. In: The Predicament of Culture. Twen
tiethCentury Ethnography, Literature and Art. Cambridge/MA, London 1988, Cam
bridge University Press, S. 215251) hat darauf verwiesen, daß die für die Kulturwissen
schaften geltenden Sammlungskriterien für Kultur denen des Kunstsektors ähneln: „The
collection [of culture] contains what deserves to be kept, remembered and treasured. [...]
Anthropological culture collectors have typically gathered what seems »traditional«
what by definition is opposed to modernity. From a complex historical reality [...] they
select what gives form, structure, and continuity to a world." (Ebd., S. 231) Vgl. zu Sel
tenheit, Authentizität und Kohärenz als Selektionskriterium kulturwissenschaftlicher
Gegenstände auch Lindner, Rolf: Kulturtransfer. Zum Verhältnis von Alltags, Medien
und Wissenschaftskultur. In: Berliner Jahrbuch für Soziologie, Heft 2/1994, S. 193202.
^ Vgl. zur Problematisierung der parallelen Entwicklung in den USA Barbara Kirshenblatt
Gimblett, Bones of Contention; zu ähnlichen Entwicklungen in der Ethnologie, die durch
das Verschwinden der „Natur"Völker spätestens ab den 50er Jahren in eine vergleich
bare Krise geriet, vgl. Szalai, Miklos: Ethnologie auf dem Weg zur Historie? In: Heide
Nixdorff, Thomas Hauschild (Hg.): Europäische Ethnologie. Theorie und Methoden
diskussion aus ethnologischer und volkskundlicher Sicht. Berlin 1988, Dieterich Reimer
Verlag, S. 271289.
^4 Bausinger, Kritik, S. 232; als Indikatoren dieser Tendenz nennt Bausinger etwa „Volk",
»Nation", „Gemeinschaft", „Echtheit" oder „Ursprünglichkeit".
Dieterich, Albrecht: Über Wesen und Ziele der Volkskunde. In: Hessische Blätter für
Volkskunde, 1/1902, S. 169194 (Vortrag anläßlich der 1. Generalversammlung der Hes
sischen Vereinigung für Volkskunde in Frankfurt/M.), hier S. 171 ff.
90 Die Produktion von Wissen, die Reproduktion von Disziplinarität
an die Philologie66 und sieht ihre Bestimmung in der Untersuchung derjeni
gen Erscheinungen, die der „assoziativen Denkweise" entsprungen seien.
Ausgeschlossen sei alles, „was individuelle und reflektierende Geistesarbeit
bedingt"67. Mogk postuliert damit eine „Rückkehr zur Primitivenkunde des
19. Jhs, ohne daß die dynamische Bewegung volklicher Gruppen im Wech
selspiel epochaler Stile, sozialer Ideen und Leitbilder in Betracht gezogen
oder überhaupt nur gesehen wurde."68
Ingeborg Web erKellermann kritisiert Ende der 60er Jahre mit dieser
Formulierung die Festschreibung der Volkskunde als PsychoArchäologie
der Moderne, die sich nach Mogks Vorstellungen der Herausarbeitung an
geblicher Archaismen widmen solle. Im Zusammenhang mit dieser Suche
nach den „Ursprüngen" steht die „Enthistorisierung des Volksgutes"69 und
dessen Zuweisung an die Bauern und Landhandwerker, deren angeblich
statische Lebenswelt als Projektionsfläche der antimodernen, „konservati
ven Soziallehre" (Hermann Bausinger) Volkskunde diente. Es kann hier
nicht verfolgt werden, in welchem Maße diese EntTemporalisierung und
Ontologisierung der Forschungsgegenstände eine Reaktion der Volkskun
de auf die „Krise des Historismus" und des historischen Denkens über
haupt um die Jahrhundertwende darstellt.70 Bemerkenswert jedoch ist, daß
mit dem konstant gesetzten und entwicklungsunfähig konzipierten For
schungsgegenstand des „Volksgeistes" die Volkskunde ein „stationäres Sy
stem feststehender Wahrheiten" (H.Schnädelbach) verspricht ein Gegen
gift gegen die gesellschaftliche Dynamik und die damit verbundene radikale
Temporalisierungserfahrung in allen Lebensbereichen des Kaiserreiches,
einschließlich der Wissenschaften.71 Mit Hilfe der „konservativen Sozialleh
66 Vgl. hierzu insbesondere die detailreiche Darstellung der Kämpfe hinter den Kulissen des
„Gesamtvereins der deutschen Geschichts und Altertumsvereine" und dessen neu zu
gründender „5. Abteilung" für Volkskunde 1901 um die Ausrichtung der Arbeit auf „gei
stige" (= philologische) oder „allseitige" Volkskunde (Berücksichtigung materieller und
immaterieller Phänomene), die schließlich 1904 zur Gründung des philologisch orientier
ten „Verbandes deutscher Vereine für Volkskunde" unter Leitung von Adolf Strack führ
ten, bei Jacobeit, Bäuerliche Arbeit, insbes. S. 104111.
67 Mogk, Eugen: Wesen und Aufgaben der Volkskunde. In: Mitteilungen des Verbandes
deutscher Vereine für Volkskunde (Korrespondenzblatt), 6/1907, S. 19, S. 8
68 WeberKellermann, Deutsche Volkskunde, S. 53.
69 Bausinger, Volkskunde im Wandel, S. 9ff.; zu der nach 1950 einsetzenden und Ende der
60er Jahre kulminierenden Kritik in der Volkskunde an den zugrundeliegenden ideolo
gischen Vorannahmen und Instrumentalisierungen durch den Nationalsozialismus s. ebd.
und die dort angeführten Verweise.
70 Vgl. zu dem dieser Krise zugrundeliegenden „Wertrelativismusproblem" der historischen
Wissenschaften und zum Bedürfnis nach neuen normativen Sicherheiten Wittkau, Annet
te: Historismus. Zur Geschichte des Begriffs und des Problems. Göttingen 1989, Vanden
hoeck & Ruprecht, insbes. S. 108125.
71 Vgl. zum Problem der „Temporalisierung" der Wissenschaften im 19. Jahrhundert als
Reaktion auf die Expansion des Wissens und den Funktions bzw. Strukturwandel der
Wissenschaften Schnädelbach, Herbert: Philosophie in Deutschland 18311933. Frank
furt/M. 1983, Suhrkamp, insbes. S. 89117.
Debatten um „ Wesen und Aufgaben " der Volkskunde 91
re" Volkskunde wird eine rückwärts gewandte Utopie, ein Niemands und
Niemalsland konstruiert, mit dem eine konservative Bildungselite ihren
Kampf gegen die „Kulturlosigkeit" der modernen Zivilisation legitimiert.72
Die Problematisierung von Wandel und Entwicklung wird damit von
Strack, Dieterich und Mogk aus den Forschungsgegenständen der Volks
kunde thematisch ausgeschlossen. Aber auch für Hoff mannKray er gilt,
daß industriegesellschaftliche Entwicklungen ebenso wie rationale, kollek
tive und individuelle Verhaltensweisen in der Moderne durch die Fach
definitionen nicht erfaßt werden. Wichtig für den hier verfolgten Fragezu
sammenhang ist insbesondere, daß diese Ausschlüsse für beide Zweige der
Volkskunde gelten, die sich in der Folgezeit entwickeln: für die orthodoxe,
u.a. von Strack, Dieterich und Mogk vertretene „geistige" oder psychologi
stische Richtung und für die heterodoxe „allseitige" Volkskunde73, in der
auch materielle Phänomene Berücksichtigung finden sollten. Als Exponen
ten dieses zweiten Forschungszweiges nennt Wolfgang Jacobeit dem das
Verdienst zukommt, diesen weitgehend marginalisierten Bereich in seiner
Entwicklung erstmals dargestellt zu haben74 u.a. die schon oben erwähn
ten Karl Weinhold75 und Eduard HoffmannKrayer76. Während sich diese
Ansätze innerhalb der disziplinären Orthodoxie nicht entwickeln konnten,
wurde die Thematik der materiellen Volkskunde teilweise an den Rändern
der Disziplin aufgegriffen: Einerseits durch die von der akademischen
Volkskunde geschmähten in den Landesvereinen organisierten Sammler
und andererseits in der akademischen Sprachwissenschaft, v.a. durch Ru
dolf Meringer und seine „Wörter und Sachen"Schule, die sich der kultur
^2 Bernd Jürgen Warneken (Unterschichtenforschung in der Krise. Referat auf dem Bremer
Symposium „Traditionen und Visionen der Kulturwissenschaft". Juni 1994, Ms.) wies
kürzlich auf den spiegelbildlichen Zusammenhang enttäuschter linksintellektuellutopi
scher Projektionen anläßlich empirischkulturwissenschaftlicher Unterschichtenfor
schungen und der Krise solcher Forschungen seit Ende der 80er Jahre hin so sei der
Glaube fehlgegangen, in der dominierten Kultur sei Kraft und Herrlichkeit einer hege
moniefähigen Gegenkultur verborgen, die als Bündnispartner beim Kampf gegen die
herrschende Kultur tauge.
Vgl. zu dieser fachgeschichtlich etablierten und fachidentitätsstiftenden Unterschei
dung etwa Jacobeit, Bäuerliche Arbeit, S. 149ff., Bausinger, Kritik, S. 233, oder auch Kra
mer, KarlSigismund: Volkskunde jenseits der Philologie. In: Zeitschrift für Volkskunde,
64. Jg., 1/1968, S. 111.
4 Vgl. zur Geschichte dieser Forschungen im 19. Jahrhundert Jacobeit, Bäuerliche Arbeit,
S. 2277.
5 Vgl. Weinhold, Volkskunde, S. 3f, wo er sich dafür ausspricht, neben den inneren auch
die äußeren Zustände eines Volkes zu erforschen, worunter er etwa Hausbau, Kleidung
und Nahrung faßt.
" HoffmannKrayer setzte sich etwa für ein Museum für „menschliche Ergologie" ein, in
dem die Darstellung der „menschlichen Arbeit" einen zentralen Platz einnehmen sollte.
Neben Geräten der Landwirtschaft sollten dort Geräte für Fischerei und Jagd ebenso aus
gestellt werden wie solche der „volkstümlichen Industrie" allerdings nur, soweit sie sich
nicht „internationaler Maschinen" bediene; vgl. HoffmannKrayer, Eduard: Ideen über
ein Museum für primitive Ergologie. In: Museumskunde 6/1910, S. 113ff.
92 Die Produktion von Wissen, die Reproduktion von Disziplinarität
historischen Erforschung des Wortschatzes widmete und eine Integration
der Sprach und Sachforschung anstrebte.77 Charakteristisch für alle Arbei
ten, die aus diesem „WörterundSachen"Ansatz erwuchsen, ist jedoch ih
re Orientierung am Vergangenen, am bereits Untergegangenen oder gerade
Untergehenden: „ihre grundsätzlich konservative Einstellung zur Welt, ge
tragen von einem Gedanken zur Rettung der bäuerlichen Volkskultur, um
der gehaßten Moderne zu trotzen."78 Die oben beschriebenen Doxien be
halten damit, was die zeitliche und sachliche Eingrenzung der Forschungs
gegenstände angeht, sowohl für die „allgemeine" wie für die psychologisti
sche Volkskunde ihre Gültigkeit.
Gesunkenes Kulturgut, primitives Gemeinschaftsgut und
Gruppengeistigkeiten
Eine zweite „intensive Diskussionsphase um Wesen und Aufgaben der
Volkskunde"79 wurde Anfang der 20er Jahre durch die Thesen des Bonner
Germanisten Hans Naumann ausgelöst, in denen er unter Rückgriff auf
zentrale Diskussionslinien der Vorkriegszeit eine Art Synthese versuchte,
die die Volkskunde als akademische Disziplin definieren und gegenüber
den benachbarten Disziplinen abgrenzen sollte. Naumann wies der Volks
kunde eine Brücken oder Vermittlerfunktion zwischen Völkerkunde und
Geistes und Kulturgeschichte zu, eine Aufgabe, für die sie allerdings neue
Begriffe und Theorien zu entwickeln habe, da das theoretische Instrumen
tarium der romantischen Volkskunde durch neuere Erkenntnisse obsolet
geworden sei. Deren „Uberschätzung der Volksseele" beruhe auf einer fal
schen Einschätzung des „Zustand[es] der Primitivität [...] in psychischer,
geistiger, moralischer und kultureller Hinsicht. Wer den Zustand der Primi
tivität mit den Mitteln der Biologie, der Völkerkunde und der Psychologie
des Kindes, mit gesunder Erfahrung und unbefangener Beobachtung richtig
77 Vgl. hierzu Jacobeit, Bäuerliche Arbeit, S. 125ff., und Hauser, Andrea: Dinge des Alttags.
Studien zur historischen Sachkultur eines schwäbischen Dorfes. Tübingen 1994, Tübinger
Vereinigung für Volkskunde. Hauser schildert ausführlich die Wirkungsgeschichte der
von Meringer 1909 gegründeten Zeitschrift „Wörter und Sachen"; dieser Ansatz wurde
in Deutschland nicht aufgegriffen, in Österreich von Viktor von Geramb, Hanns Koren
und Oskar Moser z.T. weitergeführt und von Lucien Febvre für die französische Annales
Schule rezipiert, jedoch in seiner rein historischen Orientierung und wegen der Vernach
lässigung der sozialen Kontexte der Sachen kritisiert. (Hauser, Dinge, S. 44)
78 Ebd., S. 44. Vgl. zu einer wissenschaftsgeschichtlichen Einordnung dieser rückwärtsge
wandten Orientierung der „Wörter und Sachen"Forschung Roth, Martin: Volkskunde
der 20er und 30er Jahre. Ideologiegeschichtliche Implikationen. In: Klaus Beitl, Isac Chiva
(Hg.): Wörter und Sachen. Osterreichische und deutsche Beiräge zur Ethnographie und
Dialektologie Frankreichs. Ein französischdeutschösterreichisches Projekt ^Mitteilun
gen des Instituts für Gegenwartsvolkskunde, Bd. 20). Wien 1992, Verlag der Osterreichi
schen Akademie der Wissenschaften, S. 4557.
79 Gerndt, Einleitung, S. 4.
Debatten um „ Wesen und Aufgaben " der Volkskunde 93
einzuschätzen gelernt hat, der kann der romantischen Volkskunde nicht
verfallen."80 Naumanns Angriff richtete sich damit vor allem gegen die „ro
mantische" Volksseelenforschung, deren Annahme des „produktiven Vol
kes" er seine zentrale These entgegenhielt: „Volksgut wird in der Ober
schicht gemacht".81 Den verbreiteten romantischen Indentifikationsange
boten der Volkskunde setzte er den Versuch entgegen, das Fach zu einer
»strengen", systematisch verfahrenden Wissenschaft zu machen.
Der vorwiegend synthetisierende oder kompilierende Charakter der
Naumannschen Thesen82 wird vor allem in der Genese seiner Leitdifferenz
»primitives Gemeinschaftsgut gesunkenes Kulturgut" deutlich, die er pa
rallel zu den in der Volksliedforschung verwendeten Begriffen „Gemein
schaftslied gesunkenes Kunstlied" entwarf und als klassifizierende
Grundfrage auf alle Forschungsbereiche der Volkskunde ausweitete. „Die
Zerlegung und reinliche Scheidung" der „gewaltigen und bunten Menge"
volkskundlicher Objekte entlang dieser Unterscheidung versprach nach
seiner Auffassung schließlich „eine Art System der Volkskunde"83. Begriff
lich orientierte sich Naumann aber nicht nur an John Meiers Arbeiten zum
Volkslied, sondern auch an der These des ausschließlich reproduzierenden
Volkes von Eduard Hoff mannKray er. Er versimpelte diese jedoch, indem
er von einer allein die hochkulturellen Produkte der Oberschicht rezipie
renden primitiven, hauptsächlich agrarisch geformten (Volks) Gemein
schaft ausging. Diesen Überlegungen liegt ein dreigliedriges Kulturstufen
modell zugrunde, das von (1.) absoluter Primitivität (= Naturzustand) über
(2.) agrarische Orientierung (= bäuerliche und handwerkliche Gemein
schaft) zu (3.) heroischer Orientierung (= ausdifferenzierter Kultur und Ge
sellschaft) fortschreitet.84 Als Gegenstandsbereich volkskundlicher Arbeit
bestimmt Naumann gemäß der in der Soziologie der 20er Jahre gängigen
Unterscheidung von Gemeinschaft und Gesellschaft ausschließlich die
zweite Kulturstufe, die bäuerliche und handwerkliche Gemeinschaft, wäh
rend er wie HoffmannKrayer 20 Jahre zuvor die „individuellcivilisa
torischen", etwa durch Differenzierungs und Individualisierungsprozesse
charakterisierten Phänomene moderner Gesellschaften der Kultur und
Geistesgeschichte zuweist.
80 Naumann, Hans: Grundzüge der deutschen Volkskunde (= Wissenschaft und Bildung,
181). Leipzig 1922, Quelle & Meyer, S. 1.
81 Ebd., S. 5.
82 Viktor von Geramb etwa schreibt, daß Naumann in seinem Buch lediglich die Früchte
»pflücke", die aus den Debatten der Volkskunde seit der Jahrhundertwende erwachsen
seien (Die Volkskunde als Wissenschaft. In: Zeitschrift für Deutschkunde, 38/1924, S.
323341, S. 338).
83 Naumann, Grundzüge, S. 2. Im Vorwort zur zweiten Auflage 1929 bezeichnet Naumann
seine Grundzüge als „kühne(s) Büchlein, seines Verfassers Lieblingskind", dessen The
sen sich inzwischen allgemein durchgesetzt hätten; lediglich einige Volkskundler, die in
hoffnungsloser Romantik befangen seien, lehnten sie noch ab.
84 Ebd., S. 3f.
94 Die Produktion von Wissen, die Reproduktion von Disziplinarität
Naumanns Thesen lösten „sowohl begeisterte Zustimmung wie heftigste
Kritik"85 aus. Zustimmung vor allem deshalb, weil seine Theorie ein analyti
sches „System" für die Volkskunde zu liefern schien und so eine Abgren
zung gegen den unsystematischen Dilettantismus und eine „Läuterung der
wissenschaftlichen Volkskunde"86 versprach, indem sie sich wie selbst
Adolf Spamer, der Kritiker Naumanns, urteilte „merklich über die Hilf
und Haltlosigkeit der meisten unserer heutigen populären landschaftlichen
Volkskunden"87 erhob. Die Charakterisierung der Thesen Naumanns als
„wichtigste methodische Neuerscheinung"88 der Volkskunde seit der
Jahrhundertwende ist vor allem deshalb begründet, weil er die noch junge
Wissenschaft an die theoretischen Modelle benachbarter Disziplinen an
schließen und damit ihren eigenen wissenschaftlichen Anspruch festigen
wollte. Unter Rückgriff auf die vor allem in der deutschen Völkerkunde re
zipierte Theorie des französischen Philosophen und DürkheimSchülers
Lucien LevyBruhl zur „prälogischen Mentalität der Naturvölker"89 ver
suchte Naumann, die kognitive Identität der Volkskunde neu zu definieren
und sie durch die verwendeten Theorien und methodologische Strenge von
der „romantischen Volkskunde" abzugrenzen.
Gegen diesen Versuch, der volkskundlichen Praxis in den sehr heteroge
nen Untersuchungsfeldern eine „einheitliche", letztlich aus der Völkerkun
de entlehnte Theorie und Methodik „überzustülpen", formierte sich schnell
Widerstand. Zwei Richtungen der Kritik lassen sich dabei analytisch tren
nen: Einerseits wird eine differente historische Identität gegen diese kog
nitive Neubestimmung ins Feld geführt, andererseits wird herausgearbeitet,
daß die vorgeschlagene Theorie dem eigentlichen Aufgabenbereich der
Volkskunde kognitiv nicht adäquat sei. Als Vertreter des ersten Kritikan
satzes beschwor vor allem Viktor von Geramb eine historische Identität der
85 Lutz, Volkskunde, S. 102.
86 Von Geramb, Volkskunde, S. 339.
87 Spamer, Adolf: Um die Prinzipien der Volkskunde. Anmerkungen zu Hans Naumanns
Grundzügen der deutschen Volkskunde. In: Hessische Blätter für Volkskunde, 23/1924,
S. 67108, S. 67.
88 Von Geramb, Volkskunde, S. 338.
89 Vgl. v.a. Lucien LevyBruhl: Das Denken der Naturvölker. Ubersetzt und herausgege
ben von Wilhelm Jerusalem. Wien und Leipzig 1921. Zum Einfluß dieser Theorie beson
ders für die deutsche Völkerkunde der 20er Jahre als zugespitztes Gegenbild zum moder
nen Rationalismus Kramer, Fritz W.: Eskapistische und utopische Motive in der Früh
geschichte der deutschen Ethnologie. In: Hermann Pollig (Hg.): Exotische Welten Eu
ropäische Phantasien. Stuttgart 1987, Edition Cantz, S. 6671. Zur Dekonstruktion des
LevyBruhlschen Ansatzes siehe Gell, Alfred: The Anthropology of Time. Cultural Con
structions of Temporal Maps and Images. Oxford 1992, Berg, insbes. S. 5460; Gell sieht
LevyBruhls Theorie als „prime example of the tactic employed by postDurkheimians
of ,explaining' ethnographic facts which are anomalous in terms of our contingent belief
system, by constructing a methaphysical scenario which removes the contradiction at the
level of contingent beliefs by reformulating it as a contrast in implicit metaphysical cate
gories." (Ebd., S. 59)
Debatten um „ Wesen und Aufgaben" der Volkskunde 95
Volkskunde, die gerade in der Romantik ihre vielversprechendsten Wur
zeln habe, eine Basis, die nicht einfach aufgegeben werden dürfe. Insbeson
dere gegen die zahlreichen Biologismen der Naumannschen Theorie for
mulierte von Geramb: „Wer im »Volk« [...] nur das Herdenvieh sieht, wer
»vulgus« nur als »Rudel« übersetzt, würde von allen guten Geistern, wie sie
an der Quelle der Volkskunde standen, verlassen sein, mögen diese Geister
nun Herder oder Hegel, Grimm oder Savigny, Riehl oder Weinhold heißen.
Es darf nie vergessen werden, was Otto Lauffer erst neuerdings wieder an
den Schluß seiner »Niederdeutschen Volkskunde« gesetzt hat: »Wer ein
Buch von deutscher Volkskunde schreibt, schreibt ein Buch der Liebe.«"90
Uber weite Strecken ist der Aufsatz von Gerambs der aus seinem Ha
bilitationsvortrag in Graz 1924 hervorging der Konstruktion einer histori
schen Identität der Volkskunde auf der Basis der deutschen Romantik ge
widmet. Vor diesem Hintergrund kritisiert er das Naumannsche Theoriege
bäude, weil dort „unter dem Deckmantel stahlharter Wissenschaftlichkeit
über diese [für die Romantik der Gebrüder Grimm charakteristische, S.B.]
»Andacht zum Unbedeutenden« erhaben" gespöttelt werde. Im Gegensatz
zu von Geramb, der an der vorausgesetzten „Liebe zum Volk" festhält und
damit der „Volkskunde als notorische Schwärmerei"91 Vorschub leistet,
fordert Naumann professionelle Distanz zum Untersuchungsobjekt ein
und bestreitet dessen Autonomie, indem er die Entwicklung des Gemein
schaftsgutes als Reaktion auf die Hochkultur beschreibt.92 Dieser Respekt
losigkeit gegenüber den gängigen Topoi der Volkskunde bescheinigt Wolf
gang Emmerich große Attraktivität auf „nüchternere" Fachwissenschaftler.
Allerdings sieht er Naumanns Thesen, die auf jegliches dialektisches Ver
ständnis der Bezüge zwischen Ober und Unterschicht des von ihm kon
struierten Zweischichtenmodells der Gesellschaft verzichteten, letztlich als
»Vorbereitung der Herrenmenschentheorie"93.
Von Geramb, Volkskunde, S. 340 (Hervorhebungen i.O.).
Scharfe, Volkskunde, S. 34.
92 Vgl. Greverus, InaMaria: Kultur und Alltagswelt. München 1978, C.H. Beck, S. 165ff.;
Greverus stuft vor dem Hintergrund der Massenkulturdebatte die Thesen Naumanns zu
mindest als beachtenswert ein, da er „das »Volk« [als] vom Kulturträger zum Kulturem
pfänger" degradiert beschreibe; problematisch an dieser nicht unbedingt kritischen Be
wertung erscheint vor allem, daß Naumann diesen Prozeß positiv, Greverus ihn hingegen
negativ beurteilt, dies allerdings in den entsprechenden Passagen kaum transparent wird.
"3 Emmerich, Wolfgang: Zur Kritik der Volkstumsideologie. Frankfurt/M. 1971, Suhrkamp,
S. 101f.; Wolfgang Steinitz (Die volkskundliche Arbeit in der Deutschen Demokratischen
Republik. Zweite durchgesehene Auflage (= Kleine Beiträge zur Volkskunstforschung,
Heft 1). Leipzig 1955, VEB Friedrich Hofmeister, S. 15) beurteilt Naumanns Theorie
noch schärfer als „volksfeindliche, von frecher Überheblichkeit geprägte Herrenmen
schentheorie, deren Gefahr um so größer war, als es sich bei Naumann um einen ge
danken und kenntnisreichen Universitätslehrer handelte, dessen Theorie und Bücher die
volkskundliche Ausbildung der deutschen Lehrerschaft bestimmten." Eher positiv und
mit dessen Position zwischen allen (Nachkriegslehr)Stühlen sympathisierend beurteilt
Wolfgang Brückner (Geschichte, S. 122) den Einfluß Naumanns auf die Erforschung fast
aller Objektbereiche des volkskundlichen Kanons.
96 Die Produktion von Wissen, die Reproduktion von Disziplinarität
Während von Geramb vor allem sein Konstrukt der historischen Identi
tät der Volkskunde gegen Naumanns Theorie verteidigte, kritisierte der in
Gießen als Germanist ausgebildete Adolf Spamer vor allem Naumanns we
nig komplexes „Absinkmodell" kultureller Güter von der Oberschicht in
die ausschließlich rezipierende Unterschicht. Im Gegensatz dazu versuchte
Spamer für die Volkskunde durch Rückgriff auf andere Methoden und
Theorien bzw. durch die Abgrenzung eines anderen Gegenstandsbereiches
deren kognitive Identität zu definieren. Unter Bezug auf die Thesen Hoff
mannKrayers betonte Spamer die aktiven Auswahl und Veränderungs
prozesse, mit denen Kulturgut zum Gemeinschaftsgut umgeformt werde.
Die von Naumann als zentral herausgestellte Frage nach der sozialen Her
kunft der kulturellen Objektivationen sei lediglich eine sichtende Vorarbeit,
die auf das zentrale Problem der Volkskunde hinführe: die Klärung allge
meiner „Gesetze der Geistigkeit einer gemeinkulturellen Tief stufe"94.
Uber die vergleichende Untersuchung verschiedener „Mentalitätsgrup
pen" soll nach Spamer eine Typisierung unterschiedlicher, abgestufter
„Gruppengeistigkeiten" geleistet werden. Letztlich geht es dabei um die
Entdeckung „primitiver Elemente" in allen Schichten, auch in der nach
Naumann ausschließlich nach rationalen Kriterien strukturierten Ober
schicht. Daß Spamer vor allem „geistige" Objektivationen (Glauben, Sitte,
Brauch, Sang, Sage, Schrifttum, Geschmacksrichtung, Kunstfertigkeit,
ideologische Einstellung95) als Untersuchungsgegenstände ins Auge faßt,
wird durch die von ihm vorgeschlagenen Methoden deutlich. Mit den Mit
teln historischphilologischer Erklärungsweise werde Entstehung, Wande
rung, Motivverfärbung und Motivverwachsung geklärt; wo diese Methode
nicht weiterführe, werde auf die psychologische Betrachtung zurückgegrif
fen, die sich an den Forschungen der Biologie, Völkerkunde und Psycholo
gie des Kindes orientiere.96 Spamer verortet die Volkskunde damit in direk
ter Nachbarschaft zur (historischen) Philologie, die ergänzend Theorien
insbesondere der Völkerkunde heranzieht. Untersuchungsgegenstand ist
vor allem die „geistige" Kultur des „Volkes", während Phänomene der ma
teriellen Kultur hierdurch weitgehend ausgeschlossen werden.97
Mit Naumann, von Geramb und Spamer sind drei einflußreiche Zweige
volkskundlicher Theoriebildung in den 20er Jahren benannt, für die bei
94 Spamer, Prinzipien, S. 92.
95 Ebd., S. 97.
96 Hiermit bezieht sich Spamer auf die gleichen Disziplinen wie Naumann, also v.a. auf
LevyBruhls Theorien. Wolfgang Steinitz sieht in dieser methodischen Konzeption der
Spamerschen Volkskunde einen Beleg für deren rein idealistische Ausrichtung.
97 Ingeborg WeberKellermann (Deutsche Volkskunde, S. 68f.) sieht in dem Einfluß der
psychologistischen Konzeption Spamers auf die akademische Volkskunde letztlich den
Grund dafür, daß bei den Ende der 20er Jahre begonnenen Arbeiten zum „Atlas der deut
schen Volkskunde" die materielle Kultur kaum berücksichtigt wurde.
Debatten um „ Wesen und Aufgaben " der Volkskunde 97
allen konzeptuellen Unterschieden gemeinsam gilt, daß sie den Schwer
punkt volkskundlicher Forschungen letztlich auf die Aufdeckung mentaler
Kontinuitäten oder Ursprünglichkeiten legten. Ob Spamers primitive
»Gruppengeistigkeiten", von Gerambs „Urverbundenheit"98 oder Nau
manns „primitives Gemeinschafts gut": Letztlich steht hinter all diesen
Konzepten die Vorstellung eines ehemals Ganzen, Intakten, Autonomen
und Authentischen, das durch Modernisierungs und Differenzierungspro
zesse der Industriegesellschaft überschrieben und an den Rand gedrängt
wird. Der volkskundliche „slot", ihr Steckplatz, kann damit als das „Ande
re" der Moderne beschrieben werden. Da die Disziplin in ihrer Theorie,
Methode und Gegenstandsdefinition diesen „slot" akzeptierte und sie keine
Ausdehnung ihres Zuständigkeitsbereiches etwa durch einen „inclusionary
approach" anstrebte, blieb sie dauerhaft auf diesen thematischen Sektor
festgelegt.
Dies gilt in bemerkenswerter Weise auch für die heterodoxen Positionen,
die in den Debatten der 20er Jahre etwa von Otto Lauffer und Julius
Schwietering bezogen wurden. Beide griffen die dominante, orthodoxe
»psychologistische" Richtung der Volkskunde scharf an. Otto Lauffer,
Professor für Altertumskunde in Hamburg, schrieb despektierlich über
«Zwei Gespenster in Haus der Volkskunde", das kleine sei das Konstrukt
des „primitiven Menschen", das große die „Volksseele": „Ich will hier gar
nicht davon sprechen, was für ein hohles Gerede dabei herauskommt, wenn
die Fanatiker der,Volksseele' anfangen, die volkstümliche Gegenstandskul
tur ,volkspsychologisch4 auszuwerten. [...] Trotz allen voraussichtlichen
Widerspruchs muß es einmal mit voller Schärfe ausgesprochen werden, daß
es eine Volksseele überhaupt nicht gibt. [...] Die ,Volksseele' als Wirklich
keit, als Realität zu nehmen, wie es so oft gedankenlos geschieht, ist völlig
unzulässig und führt rettungslos in die Irre. Aber wie die Dinge heute lie
gen, wird es noch sehr große Mühe kosten, dieses Gespenst der für wirklich
gehaltenen Volksseele endlich zur wohlverdienten Ruhe zu bringen."99 Statt
Von Geramb, Viktor: Urverbundenheit. In: Hessische Blätter für Volkskunde 36/1937,
S 131; in diesem Aufsatz versucht er ausgehend von den Thesen Naumanns einen
Uberblick über die theoretischen Entwicklungen der Volkskunde in den 20er Jahren zu
geben. Statt des seiner Meinung nach mit falschen Konnotationen belasteten Begriffs
»Primitivität" schlägt er „Urverbundenheit" als Untersuchungskategorie vor (von Ge
ramb unterläßt allerdings bezeichnenderweise jeglichen Verweis auf die nationalsozia
listische Ideologie, in deren Zusammenhang ein Begriff wie „primitiv" den volkskund
lichen Forschungsgegenstand nicht mehr positiv bezeichnen konnte): Auch bei diesem
neuen Begriff geht es von Geramb vordringlich um die Rekonstruktion differenter „Gei
stesarten", von denen er die „primäre", „urverbundene" (= intuitivlogische) von einer
»primitiven" (= erstarrte Verkümmerungsform der ersteren), der „intellektuellen" (= „le
diglich diskursivlogisch") und schließlich „weisen" Geistesstufe (= diskursiv und intui
tivlogisch als Höchstform der Persönlichkeit) unterscheidet (vgl. S. 14f.).
Lauffer, Otto: Deutsche Altertums und Volkskunde in ihren Beziehungen zur Anthro
pologie, Ethnologie und Urgeschichte. In: Tagungsbericht der deutschen Anthropologi
schen Gesellschaft, 1928, zit. nach Jacobeit, Bäuerliche Arbeit, S. 126.
98 Die Produktion von Wisseny die Reproduktion von Disziplinarität
„volkspsychologischer" Spekulationen empfahl Lauffer der Disziplin, eine
„Volkskunde der Gegenstandskultur" zu betreiben, die unter Zuhilfenah
me einer „komplexen Methodik" und Verwendung von Ansätzen der
Sprachwissenschaft, Ikonographie, Rechtsgeschichte und Völkerkunde
die Zusammenhänge zwischen materieller Kultur und deren Nutzung zu
klären habe.100 Als Gegenstandsbereich solcher Forschungen thematisierte
er jedoch ausschließlich die „Altertümer" der Kultur. Auch hier blieb der
prospektierte Gegenstandsbereich der Volkskunde also auf Vergangenes
und Untergehendes beschränkt.
Ahnlich scharf wie Otto Lauffer griff dessen Schüler, der Germanist Juli
us Schwietering, die Fachorthodoxie an: Der bislang betriebenen Volkskun
de fehle nicht nur das „wissenschaftliche Rückgrat", sondern es mangele ihr
an jeglicher Systematik und insbesondere an einem gut definierten Arbeits
zentrum.101 Für diesen desolaten Zustand des Faches sei vor allem die psy
chologistische Fragerichtung verantwortlich, deren Untersuchungskatego
rie „primitiver Gemeinschaftsgeist" zu gefährlichen Projektionen und zur
völligen Verkennung der Tatsache führe, daß die bäuerliche Gemeinschaft
nicht in irgendwie gearteten Archaismen, sondern in gemeinsamer Arbeit
wurzele.102 Gegenüber der Ausrichtung der Forschungen auf einen umfang
reichen, schlecht abgrenzbaren „Kanon" der Untersuchungsgegenstände
empfiehlt Schwietering die Konzentration auf die „Erforschung des natio
nal begrenzten, landschaftlich differenzierten Bauerntums"103, eine Aufga
be, die mit historischen und soziologischen Methoden und Theorien in An
griff zu nehmen sei. Vor dem Hintergrund dieser vorgeschlagenen Gegen
standsdefinition ist seine Forderung nach einer Abkehr von der bislang gül
tigen Dominanz der Philologie nur konsequent. Die Volkskunde, „die sich
nicht länger mit dem Phantom eines durch survivals aufgeputzten Kostüm
festbauern begnügen wird, [ist] in die Hand des Soziologen oder Histori
kers zurückzulegen [...], aus der sie der Philologe einst bekommen hat."104
100 Vgl. Lauffer, Otto: Quellen der Sachforschung. Wörter, Schriften, Bilder und Sachen. Ein
Beitrag zur Volkskunde der Gegenstandskultur. In: Oberdeutsche Zeitschrift für Volks
kunde, 17/1928, S. 106131.
101 Schwietering, Julius: Wesen und Aufgaben der deutschen Volkskunde. In: Deutsche Vier
teljahresschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte, 5/1927, S. 748765, S. 748.
102 Schwietering (Wesen, S. 750ff.) macht für diese Fehlinterpretation den Einfluß der „engli
schen, völkerkundlich orientierten Folklore" auf die deutsche Volkskunde verantwort
lich: Mit der Durchsetzung völkerkundlicher Theorie und Methodik, die zur Erforschung
der Primitivität angeblich geschichtsloser Völker entwickelt wurde, sei die ursprünglich
historisch arbeitende deutsche Volkskunde auf die Erkundung der ungeschichtlich konzi
pierten Volksseele gedrängt worden. Diese Kritik richtet sich implizit gegen Naumann
und dessen Rezeption LevyBruhischer Theorien und gleichzeitig gegen eine Orientie
rung des Faches auf völkerkundliche, ethnologische und anthropologische Ansätze.
103 Ebd., S. 753.
104 Ebd., S. 764f. Für Schwietering, der die Volkskunde als „geschichtlich soziologisch ori
entierte Disziplin" zu definieren suchte, schloß sich damit auch die von Naumann vorge
schlagene Definition aus, nach der die Volkskunde „das Spiel der Kräfte zwischen Ober
Debatten um „ Wesen und Aufgaben " der Volkskunde 99
„Wissenschaftliches Rückgrat" könne die Volkskunde nur erreichen, wenn
sie sich als „Archäologie" verstehe, die die bäuerliche materielle Kultur der
Vergangenheit als Zweckform untersuche, „die nicht den Ausdruck, son
dern die Bedeutung einer gegenständlichen Form ergründet".105 Schwiete
rings historisch orientierte Soziologie der Bauern zielte somit nicht auf eine
„hinter" den Erscheinungen aufzuspürende „Volksseele", sondern grenzte
die Forschungen auf die funktionale Analyse der materiellen und geistigen
Kultur im Kontext bäuerlicher Arbeit ein. Zu betonen ist allerdings, daß
Schwieterings „Bauernsoziologie" mit der als akademischen Disziplin be
triebenen Soziologie bis auf den Namen nur wenig gemein hatte: „Soziolo
gie" verweist bei Schwietering nur darauf, daß Einzelphänomene auf soziale
Größen wie „Volk" oder „Gemeinschaft" zu beziehen seien.106
Besonders provokativ an Schwieterings Aufsatz wurde nicht nur emp
funden, daß er in letzter Konsequenz der bisherigen Volkskunde wissen
schaftlichen Status weitgehend absprach und statt der bislang betriebenen
„Bauernpsychologie" (L'Houet) eine „Bauernsoziologie" forderte, son
dern daß er auch gegen eine künftige Eigenständigkeit des Faches votierte,
dessen Aufgaben weitgehend auf Soziologie und Geschichte verteilt werden
könnten. Der unverteilte „Rest", die von ihm vorgeschlagene „Archäolo
gie" der bäuerlichen Kultur, sollte unter dem Dach der Philologie betrieben
werden quasi als deren „Erdung" im Dieterichschen „Mutterboden der
Kultur". Mit diesem Definitionsversuch zur kognitiven und sozialen Iden
tität der Volkskunde stieß Schwietering nicht nur auf den harten Wider
stand der akademisch etablierten Vertreter des Faches,107 seine Vorschläge
liefen auch den tatsächlichen Institutionalisierungsprozessen zuwider und
hatten damit kaum Aussicht auf Erfolg. Denn seit Mitte der 20er Jahre er
langte die Volkskunde, die bislang meist nur unter dem Schirm der Germa
nistik betrieben worden war, einen zunehmend selbständigeren Status.108
und Unterschicht einer Volksgemeinschaft" analysieren sollte; eine solche Perspektive sei
schließlich jedem soziologischen Ansatz eigen und tauge daher nicht zu Fachdefinition.
105 Ebd., S. 765 (Hervorhebung von mir, S.B.)
106 Vgl. hierzu die sehr detaillierte kritische Würdigung Schwieterings durch Assion, Peter:
Julius Schwietering. In: Wolfgang Jacobeit, Hannsjost Lixfeld, Olaf Bockhorn, in Zusam
menarbeit mit James R. Dow (Hg.): Völkische Wissenschaft. Gestalten und Tendenzen
der deutschen und österreichischen Volkskunde in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Wien, Köln, Weimar 1994, Böhlau, S. 5061, insbes. S. 5257.
107 Als Beispiel sei hier nur erwähnt die Erwiderung Viktor von Gerambs (Grenzen, Aufga
ben und Methoden der deutschen Volkskunde. In: Zeitschrift des Vereins für Volkskunde
37/38 1927/28, S. 163181), der Schwietering Mäkelei vorhielt und dessen Vorwürfe der
Unwissenschaftlichkeit mit dem ganzen Selbstverständnis und Unverständnis einer In
stitution beantwortete, deren Daseinsberechtigung angezweifelt wird: „Der denkende
Menschengeist kreist nicht jahrhundertelang um eine Sache, hinter der schließlich nichts
ist." (S. 167)
108 Vgl. zu diesen Institutionalisierungsprozessen seit Ende des Ersten Weltkrieges Brückner,
Museumswesen, insbes. S. 133ff. Brückner bezeichnet die ab 1919 eingerichtete Profes
sur für Otto Lauffer als Direktor für Hamburgische Geschichte und Ordinarius für deut
100 Die Produktion von Wissen, die Reproduktion von Disziplinarität
Viktor von Geramb beschrieb 1928 auf sehr persönliche Art, was dies für
ihn und die noch junge Disziplin bedeutete: „Seit 21 Jahren betreibe ich
»deutsche Volkskunde«, 17 Jahre durfte ich es nur im Nebenfach, als Histo
riker, tun, erst seit 4 Jahren ist es mir gegönnt, »deutsche Volkskunde« als
akademisches Fach und ohne anderen Lehrauftrag zu dozieren."109 Im glei
chen Zeitraum wurde das Fach auch im Hauptstudium studierbar110, ab
1928 wurden die ersten Habilitationen im Fach vorgenommen, während
zuvor ausschließlich die Zusatzvenia für Volkskunde erteilt worden war111.
Obwohl Schwieterings pointiert vorgetragenen heterodoxen Positionen
angesichts der institutionellen Entwicklungen und der Widerstände der
Fachvertreter kein unmittelbarer Erfolg beschieden war, gingen langfristig
aus der von ihm in Leipzig, Berlin und Frankfurt angeregten „Schule" Ar
beiten hervor, die seine Überlegungen zu einer sozialanthropologisch ge
wendeten, auf funktionalistischer Analyse beruhenden Volkskunde umzu
setzen trachteten.112 Entgegen seinem eigenen Plädoyer für eine faktische
sehe Altertums und Volkskunde als erste wirkliche VolkskundeProfessur in Deutsch
land, obwohl auch er lediglich wie bei anderen AltgermanistikOrdinariaten üblich
nur mit Zusatzvenia „Volkskunde" lehrte.
109 von Geramb, Grenzen, S. 179. Vgl. als umfassenden Uberblick über die Arbeiten von
Gerambs und seiner „Schule" Eberhart, Helmut: Viktor Geramb und seine Erben. In:
Wolfgang Jacobeit, Hannsjost Lixfeld, Olaf Bockhorn, in Zusammenarbeit mit James R.
Dow (Hg.): Völkische Wissenschaft. Gestalten und Tendenzen der deutschen und öster
reichischen Volkskunde in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wien, Köln, Weimar
1994, Böhlau, S. 579587.
110 Brückner (Wissenschaftsgeschichte, S. 20f.) nennt als Motivation für diese Studierenden,
daß sie in der Regel selbst von Lande stammten, die dortigen Lebenszusammenhänge aus
eigener Anschauung kannten, aber sich durch die Theorien des „elitären Cheftheoreti
ker[s] Hans Naumann" in ihrer Identität verhöhnt fühlten; als Gewährsleute dieser Ein
schätzung erwähnt Brückner Gespräche mit den selbst betroffenen Professorinnen Hain,
Bringemeier, Dünninger und Zender.
111 Vgl. Brückner, Geschichte, S. 113.
112 Ingeborg WeberKellermann (Volkskunde, S. 64f.) erwähnt als Beispiele vor allem die
Arbeiten von Martha Bringemeier und Mathilde Hain, die Schwieterings Ansatz in Ein
zelstudien umsetzten. Auch WeberKellermann selbst (Erntebrauch in der ländlichen
Arbeitswelt des 19. Jahrhunderts, aufgrund der Mannhardtbefragung in Deutschland
1865. Marburg 1965, N.G.Elwert, oder Dies.: Betrachtungen zu Wilhelm Mannhardts
Umfrage von 1865 über Arbeitsgerät und bäuerliche Arbeit. In: Zeitschrift für Agrarge
schichte und Agrarsoziologie, 14. Jg., 1966, S. 4553) wandte in ihrer Sekundäranalyse des
von Wilhelm Mannhardt einem Zeitgenossen Riehls gesammelten Umfragematerials
zu Erntebräuchen einen funktionalstrukturalistischen Analyserahmen an, der sich theo
retisch auf die Arbeiten der angelsächsischen Kulturtheorie, insbes. die Anthropologie
Bronislaw Malinowskis und Alfred Reginald RadcliffeBrowns stützt (vgl. hierzu Korff,
Gottfried: Kultur. In: Hermann Bausinger, Utz Jeggle, Gottfried Korff, Martin Scharfe:
Grundzüge der Volkskunde. Darmstadt 1978, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, S. 17
80, S. 22f.). WeberKellermann gelingt es, Mannhardtsche Mythologisierungen zu entzau
bern, indem sie die Bräuche nicht auf „archaische Verhaltens und Glaubensweisen" zu
rückführt, sondern sie direkt aus den unmittelbaren Notwendigkeiten der Arbeitsvollzü
ge interpretiert.
Debatten um „ Wesen und Aufgaben " der Volkskunde 101
Auflösung der Volkskunde als selbständiger Disziplin stieß er damit wichti
ge Forschungen innerhalb des Faches an. Die von ihm geforderte Kombina
tion historischer und soziologischer Perspektiven wurde in vielen Studien
an den eingeführten KanonGegenständen der Volkskunde durchexerziert:
am Volkslied, der Sage, der Tracht, dem Sprichwort, indem hier nach dem
Singen, Erzählen, Sichkleiden gefragt und damit die vorherrschende, rein
positivistische Wahrnehmung der Objektbereiche durchbrochen wurde.113
Eine Bilanz dieser volkskundlichen Debatten in den 20er Jahren zeigt
eine weitgehende Wahlverwandtschaft der von Naumann, Spamer und von
Geramb eingenommenen Positionen, die alle ein „Primitivitäts" oder „Ur
sprungs"Paradigma für die Volkskunde einzuführen und zu begründen
suchen: Die Volkskunde wird auf die Erforschung des „NichtRationalen",
des „PräLogischen", „Primitiven" oder „Ursprünglichen" festgelegt, als
dessen Repräsentant vor allem das Bauerntum als „Mutterboden der Kul
tur" gilt. Im Gegensatz zu Naumann bestehen Spamer und von Geramb
jedoch auf einem gesellschaftsweiten Zuständigkeitsbereich des Faches, da
Spuren dieses Vorzivilisatorischen auch in anderen Schichten des „Volkes"
als Relikte aufgezeigt werden könnten. Bei allen Unterschieden der Ansätze
umschreiben diese drei Positionen weitgehend die für die 20er Jahre gelten
de Fachorthodoxie.
Demgegenüber ist mit der kategorischen Ablehnung des Konstruktes
der „Volksseele" durch Lauffer und Schwietering die heterodoxe Position
im Fachdiskurs bezeichnet, die sich um eine Entmythisierung und Versach
lichung bemüht um eine Ausnüchterung nach jahrzehntelanger Volks
trunkenheit mittels soziologischer und historischer Analysen und vor allem
durch eine stärkere Einbeziehung der Realien in die Forschung, die nicht
länger ausschließlich unter psychologisierenden, sondern unter funktiona
len Aspekten untersucht werden sollen. Die Ähnlichkeit der Positionen
Schwieterings und Naumanns ergibt sich vor allem durch die sehr kritische
Beurteilung des wissenschaftlichen Status' der Volkskunde, die durch die
Bearbeitung kanonisierter Gegenstandsbereiche nicht ausreichend als Wis
senschaft definiert sei. Beide versuchen daher, die kognitive Identität des
Faches neu zu fassen. Naumann durch Rückgriff auf Theorien der Völker
psychologie, Schwietering durch Anleihen bei historischen Methoden und
der Soziologie Tönnies'.
Vor allem in der Verwendung des Tönniesschen als Opposition zur
modernen Gesellschaft formulierten Gemeinschaftsbegriffes114 wird deut
113 Vgl. zur Einschätzung dieser Arbeiten u.a. Brückner, Wolfgang: Ruf nach dem Kanon.
In: Bayerische Blätter für Volkskunde. Mitteilungen und Materialien, 3. Jg., Heft 1,1976,
S. 316, S. 3f.
114 Vgl. Tönnies, Ferdinand: Gemeinschaft und Gesellschaft. Grundbegriffe der reinen So
ziologie. Fotomechanischer Nachdruck der 8., verbesserten Auflage, Leipzig 1935. Darm
stadt 1963, Wissenschaftliche Buchgesellschaft. In seiner 1887 erstmals erschienenen
Abhandlung unterscheidet Tönnies zwischen Gemeinschaft, die er als „reales und orga
102 Die Produktion von Wissen, die Reproduktion von Disziplinarität
lieh, daß auch Schwieterings Volkskunde wie die der Fachorthodoxie letzt
lich auf die Untersuchung anti oder vorgesellschaftlicher Phänomene fest
gelegt ist, aus der die Bearbeitung industriegesellschaftlicher Differenzie
rungs und Individualisierungsfolgen weitgehend ausgeklammert bleibt.115
Das Verdienst der durch Fachvertreter wie Schwietering und Lauffer ange
stoßenen Debatten besteht damit nicht in einer Ausweitung des For
schungsspektrums hin zu einer Gegenwartswissenschaft. Der definierte
Zuständigkeitsbereich des Faches wird durch ihre Kritik nicht angetastet
im Sinne eines exclusionary approach ist das Interesse vielmehr auf Relikte
und Survivals der Vormoderne in der Moderne beschränkt. Die Moderne
selbst und die durch sie hervorgerufenen Phänomene können durch das
Festhalten an alten Interpretamenten und theoretischen Modellen nicht
zum Thema werden.116
nisches Leben", als vertrautes, heimliches, ausschließliches Zusammenleben, als das „dau
ernde und echte Zusammenleben" faßt und Gesellschaft, worunter er die „Öffentlichkeit,
[...] die Welt", eine „ideelle und mechanische Bildung", ein „vorübergehendes und
scheinbares" Zusammenleben versteht (Ebd., S. 15). Während Gemeinschaft der vor
modernen Sozialform entspricht, stellt Gesellschaft die moderne, der arbeitsteiligen In
dustriegesellschaft adäquate Form des sozialen Lebens dar. Zu den eher unterirdischen
und meist auf Mißverständnissen beruhenden Wirkungen der Tönniesschen Theorie auf
volkskundliche Forschungen vgl. HarmPeer Zimmermann: Sitte und Konvention. Fer
dinand Tönnies Version einer Dichotomie von Uberlebenslogik und Herrschaftslogik
(Teil I). In: Zeitschrift für Volkskunde, 88. Jg., H. 1/1992, S. 6799, und Teil II, Ebd., H.
11/1992, S. 229247. In Tönnies' Unterscheidung wird damit implizit die auch für die
Volkskunde der 20er Jahre charakteristische Unterscheidung TraditionModerne mit
geführt, deren Starrheit etwa bei Weber bereits in ein dialektischeres Modell aufgelöst ist
(vgl. hierzu Lash, Scott: Sociology of Postmodernism. London, New York 1990, Rout
ledge, insbes. S. 123149).
115 Vgl. hierzu auch die Kritik an dem in der Volkskunde verwendeten unkritischen Funk
tionalismusbegriff, der nach Hermann Bausinger (Kritik, S. 235ff.) vor allem der Reinte
gration der im Kanon festgelegten Objektivationsbereiche diente. Die Frage nach den
Funktionen der Objektivationen habe zwar unzweifelhaft Erkenntnisfortschritte ge
bracht, doch sei zu fragen, ob nicht die Reduktion auf die Herausarbeitung jeweils einer
Funktion nur in relativ kleinen, abgeschlossen Einheiten Sinn mache; in differenzierten
Gesellschaften sei von sozial sehr unterschiedlichen Funktionen einzelner Objektivatio
nen auszugehen. Diese Kritik Bausingers verweist darauf, daß die Einführung des funk
tionalistischen Analyseansatzes durchaus nicht im Gegensatz zum Festhalten am Kon
strukt der Gemeinschaft stehen muß und damit die antimoderne Ausrichtung volkskund
licher Untersuchungsansätze zu stabilisieren vermag.
116 In dieser Beziehung stellt auch die Ende der 30er Jahre mit den Arbeiten von WillErich
Peuckert (Volkskunde des Proletariats. Frankfurt/M. 1931, Neuer Frankfurter Verlag)
und Max Rumpf (Deutsche Volkssoziologie im Rahmen einer sozialen Lebenslehre.
Nürnberg 1931, Verlag der Hochschulbuchhandlung Krische & Co.) einsetzende Volks
kunde der Industriearbeiterschaft bzw. Großstadtvolkskunde keine Ausnahme dar, da
hier im Sinne eines inclusionary approach die an Forschungen zum Bauerntum entwik
kelten Kategorien und Modellvorstellungen auf einen sehr unterschiedlichen Phänomen
bereich übertragen werden: Arbeiterkultur ist hier weitgehend „verkommene Bauern
oder Handwerkerkultur" (Korff, Gottfried: Bemerkungen zur Arbeitervolkskunde. In:
Tübinger Korrespondenzblatt, Nr. 2,1971, S. 38, S. 4; zur weiterführenden Kritik vgl.
Emmerich, Kritik, S. 103f.).
Debatten um „ Wesen und Aufgaben " der Volkskunde 103
Schwieterings Leistung besteht vielmehr darin, daß er bislang gültige,
doxische Kontinuitätsannahmen thematisiert: Die unhinterfragten Vorstel
lungen einer „ganzen", „intakten" oder „authentischen" Volksseele, die
hinter den zivilisatorischen Uberformungen verborgen und aufzudecken
sei, werden sowohl durch die vorgeschlagene Historisierung als auch durch
die Soziologisierung der beobachteten Phänomene radikal in Frage gestellt.
Seine Kritik ist jedoch insofern inkonsequent, als er zwar die analytische
Reichweite der gängigen volkskundlichen Gemeinschaftsvorstellungen für
die Gesamtgesellschaft bestreitet, eben diese Vorannahmen aber legiti
miert durch eine verkürzende Rezeption Tönniesscher Theorien für das
„Sonderphänomen" Bauerntum wieder etabliert. Die theoretische Fundie
rung dieser Forschungen auf der Kategorie Arbeit ermöglicht immerhin
langfristig die Überwindung ontologischer Vorannahmen und damit eine
Soziologisierung des bäuerlichen Lebens. Dadurch zeichnet sich in Schwie
terings Kritik die Möglichkeit einer heilsamen „DeHolisierung", einer
„Entganzung" (N. Luhmann) der leitenden Vorannahmen des Faches ab,
eine Entwicklung, die sich allerdings erst nach 1945 ausgelöst durch die
Ideologiekritik an der „undialektische(n) Ganzheitshypostase"117wirklich
durchsetzen konnte.
Bis dahin gilt uneingeschränkt die Einschätzung Hermann Bausingers,
daß die überwiegende Zahl der „Vertreter des Faches wie gelegentlich lo
bend hervorgehoben wurde auch nach 1933 »unbeirrt ihren Weg weiter
gingen«", da die tragenden Gedanken und leitenden Fragen der volkskund
lichen Orthodoxie der 20er Jahre „scheinbar bruchlos in den Wissenschafts
betrieb des Dritten Reiches übernommen" werden konnten.118 Die (Selbst)
Degradierung der Volkskunde zur „Hilfswissenschaft"119 des NS war durch
die Debatten der 20er Jahre mehr als nahegelegt, und so verwundert es
kaum, daß in den zwölf Jahren des „Tausendjährigen Reiches" keine sub
stantiellen Diskussionen mehr um „Wesen und Aufgaben" des Faches ge
führt wurden. Diese vom Pakt oder zumindest von einem Stillhalteab
117 Bausinger, Kritik, S. 246.
118 Bausinger, Volkskunde, S. 66f.
119 Jeggle, Utz: Volkskunde im 20. Jahrhundert. In: Brednich, Grundriss, S. 5171, insbes. S.
5964; Jeggle nennt hier auch die wenigen Fachvertreter, die als widerständig (etwa Kurt
Huber, WillErich Peuckert) oder weitgehend unangepaßt (etwa John Meier, Adolf Spa
mer) gelten. Auf die beiden letztgenannten Personen verweist auch Steinitz (Arbeit, S.
16f.) in seiner Würdigung politisch nicht durch den NS korrumpierter Volkskundler
(hierbei hebt er insbesondere die Beteiligung Spamers an der Münchner Räterepublik 1919
hervor, die beinahe zu seiner standrechtlichen Erschießung geführt habe). Viel nüchter
ner wird Spamers Rolle bei der nationalsozialistischen Indienstnahme der Volkskunde
von Peter Assion beurteilt: Zwar habe Spamers Lehre in wesentlichen Punkten der Volks
tumideologie nazistischer Prägung nicht entsprochen, doch müßte er „im Hinblick auf
sein bemühtes Einschwenken auf die NSIdeologie" durchaus als für die Braunen Macht
haber „nützliche Persönlichkeit" beurteilt werden (vgl. Assion, Peter: Adolf Spamer. In:
Jacobeit/Lixfeld/Bockhorn, Völkische Wissenschaft, S. 6185, S. 71).
104 Die Produktion von Wissen, die Reproduktion von Disziplinarität
kommen des Faches mit dem NSRegime geprägte Phase der Disziplinge
schichte wurde nach meist unproblematischer Entnazifizierung der Per
sonen, teilweise bruchloser Fortführung der Arbeit, teilweise praktischer
Entnazifizierung durch sachliche, historischexakte Forschungen erst ab
den 60er Jahren systematisch aufgearbeitet.120 Für die hier verfolgte Frage
stellung ergeben sich in dieser Phase der Fachgeschichte jedoch kaum neue
Ergebnisse, so daß sie hier wenn auch aus anderen Gründen einmal mehr
übergangen werden kann.
Wissenschaftliche Disziplinierungen nach 1945
„At one point in time, alchemists become chemists or cease to be" so wur
de oben MichelRolph Trouillot zitiert, und die Frage stellt sich, warum der
Sommer der Befreiung vom NSRegime für die Volkskunde nicht ebenfalls
die Befreiung von alten, politisch und wissenschaftlich desavouierten Vor
annahmen und Konzepten bedeutete, sondern im Fach damals weitgehende
programmatische und „gegenstandsbezogene Kontinuitäten" (H.Gerndt)
feststellbar sind. Den Gründen für diese etwas überraschende kognitive und
disziplinäre Stabilität des politisch belasteten, von der „Abwicklung" be
drohten Faches in den ersten Nachkriegs jähren soll im folgenden punktuell
nachgegangen werden, bevor in zwei weiteren Schritten die ab Mitte der
50er Jahre einsetzenden Revisionen der Gegenstandsbestimmungen und
theoretischen Orientierungen des Faches zu skizzieren sind.
(Un) Bedenklichkeitsbescheinigungen
Recht erhellend für den Stand der Selbstkritik in der Volkskunde unmittel
bar nach Kriegsende ist die Auseinandersetzung zwischen dem Soziologen
Heinz Maus und WillErich Peuckert, der unter dem NSRegime schika
niert in Göttingen nach 1945 einen Lehrstuhl für Vokskunde erhalten hat
te.121 Maus' Kritik an der Disziplin erschöpfte sich nicht in einer Analyse
ihrer Rolle während des NS, sondern er führte den Mißbrauch des Faches
letztlich auf den romantischen Kulturbegriff zurück, der seit Bestehen der
Disziplin immer wieder gegen die moderne Zivilisation ausgespielt worden
120 Vgl. zu diesen Einschätzungen Bausinger, Ungleichzeitigkeiten, S. 274f., oder Jeggle,
Volkskunde, S. 66; zur verspäteten Aufarbeitung des NS etwa Bausinger, Hermann:
Volksideologie und Volksforschung. Zur nationalsozialistischen Volkskunde. In: Zeit
schrift für Volkskunde, 61/1965, S. 177204, oder Emmerich, Kritik. Vgl. zu einem dis
kursanalytischen Uberblick über verschiedene Phasen der verspäteten volkskundlichen
Vergangenheitsbewältigung Stein, Mary Beth: Coming to Terms with the Past: The De
piction of Volkskunde in the Third Reich since 1945. In: Journal of Folklore Research,
Vol. 24., No. 2,1987, S. 157185.
121 Vgl. WeberKellermann, Volkskunde, S. 86f.
Wissenschaftliche Disziplinierungen nach 1945 105
sei: „Nicht daß die tradierten Vorstellungen der Volkskunde über ihr wis
senschaftliches Ziel so gründlich falsch gewesen, um sie nun samt und son
ders und unbesehen wegzuwerfen, aber sie waren angesichts der bedrän
genden Probleme einer hochindustrialisierten Gesellschaft bereits schief ge
worden. Dies unangepaßte Verharren bei schiefen, ja rückschrittlichen For
schungsneigungen erleichterte den Mißbrauch, den der Faschismus mit der
weitab gewandten Volkskunde trieb, und ließ diese wiederum verkennen,
daß sie mißbraucht wurde."122 Diese „ Weitab gewandtheit" habe im Verein
mit der alleinigen Konzentration der Forschungsinteressen auf Phänomene
wie Tradition, Uberlieferung oder Kontinuität, mit einer dezidiert unpoliti
schen Haltung und schließlich mit mangelnder wissenschaftlicher Selbstre
flexivität die Mißbrauchbarkeit des Faches bewirkt.
Für die Volkskunde, die sich gemäß dieser Kritik notorisch nicht im
Kontext der Gesellschaft dachte, die sie sich leistete, fordert Maus umfang
reiche Revisionen: Die Forschungsgebiete seien neu abzustecken, die Zu
sammenarbeit mit den benachbarten Kultur und Sozialwissenschaften sei
zu intensivieren. Substantiell empfahl er den Fachvertretern, eine histo
rischmaterialistische Sozialgeschichtsschreibung und Gegenwartswissen
schaft zu betreiben. Diese im Ton weitgehend moderat gehaltene Kritik, die
an mehreren Stellen immer wieder betonte, daß die Volkskunde eine im
Grunde durchaus respektable, auch international anerkannte Disziplin ge
wesen sei, die vor allem „von Außenseitern" auf die „schiefe" Bahn ge
bracht wurde, empfahl nicht die Auflösung des Faches, aber doch einen im
Wortsinne radikalen Umbau. Dieser müsse bei den grundlegenden Vor
annahmen, Modellen und Interpretamenten ansetzen und dürfe auch den
„Kanon" nicht unangetastet lassen. Nach Maus mußte die Volkskunde als
Lehre aus der nationalsozialistischen Vereinnahmung ihre kognitive, sozia
le und begründet durch seine fundierte Kritik der „romantischen Volks
kunde" auch ihre historische Identität neu definieren.
Diesen Aufsatz griff WillErich Peuckert scharf an: Maus gehe von fal
schen Voraussetzungen aus und berufe sich auf Positionen, die von der
„wirklichen Volkskunde" nie ernstgenommen worden seien. Gegen den
NichtVolkskundler Maus führt Peuckert Insiderwissen an, um dessen
Vorwürfe zu entkräften. So schreibt er, daß „abseits der vordergründigen
»Volkskunde des Dritten Reiches« die wirkliche wissenschaftliche Volks
kunde fortbestand. Und nicht nur fortbestand, sondern auch fortschritt.
Wenn diese ihre Fortschritte naturgemäß auch nur im Fachgespräch des
engsten Kreises laut geworden sind."123 Dieses merkwürdige und in sich in
122 Maus, Heinz: Zur Situation der deutschen Volkskunde. Die Umschau 1/1946, S. 349359;
im folgenden zitiert nach dem Wiederabdruck in: Gerndt, Helge (Hg.): Fach und Begriff
„Volkskunde" in der Diskussion. (= Wege der Forschung, Bd. 641), Darmstadt 1988,
Wissenschaftliche Buchgesellschaft, S. 2540, hier S. 35.
123 Peuckert, WillErich: Zur Situation der Volkskunde. In: Die Nachbarn 1/1948, S. 130—
135; im folgenden zitiert nach dem Wiederabdruck in: Gerndt, Helge (Hg.): Fach und
106 Die Produktion von Wissen, die Reproduktion von Disziplinarität
konsistente Argumentationsmuster, in dem die durch den NS zwangsweise
virtualisierte „wissenschaftliche Volkskunde" zur allein „wirklichen" er
klärt wird, setzt sich in der Replik Peuckerts am Beispiel seines eigenen wis
senschaftlichen Schicksals fort: „Eine »Deutsche Volkskunde«, die zum
ersten Male über das Bauerntum hinausgriff und in einer zusammenraffen
den Darstellung eine Gegenwartsvolkskunde zu sein versuchte, die den An
schluß an Ethnologie und Soziologie vollzogen hatte, wurde zu drucken
untersagt und dem Verleger aufgegeben, sie vor Drucklegung dem »Amt
Rosenberg« einzureichen. Wie meint H.Maus, daß unter solchen Umstän
den die wirkliche wissenschaftliche Volkskunde gedeihen und nach außen
sichtbar werden konnte?"124 Peuckerts Verteidigung der „Volkskunde als
Wissenschaft" bleibt hochgradig ambivalent, da er unter einer rhetori
schen Schicht polemischer Ablehnung der Mausschen Thesen zwar des
sen zentralen Einwänden etwa gegen die romantische Ausrichtung oder die
allein auf die Untersuchung der „Volksseele" ausgerichtete Forschung der
20er Jahre zustimmt, sich aber andererseits zur Bestimmung der Identität
der Volkskunde nach wie vor auf die Arbeiten Spamers, Dieterichs etc. be
ruft, die gerade für diese Ausrichtung der Forschung stehen.
Sicherlich ist es zu einfach, lediglich ein Mißverständnis oder „[a] lack of
historical and emotional distance"125 zur Volkskunde im NS darin zu sehen,
daß Peuckert nicht auf die wissenschaftstheoretischen Überlegungen von
Maus eingeht. Denn schließlich ist es gerade die hier angewandte, sich auf
disziplinäres (Besser)Wissen stützende Argumentation, die der Volkskun
de gegen externe Kritik das disziplinäre Überleben zu sichern sucht. So er
klären sich auch die zahlreichen, von Peuckert in seinen Text gestreuten Re
ferenzen auf „graue", nicht allgemein zugängliche Texte oder Diskussionen
als autoritativer Gestus, mit dem letztlich die alleinige Kompetenz der
Volkskunde für die Entscheidung über ihr weiteres Schicksal betont wird.
Entgegen Peuckerts wissenschaftlicher Position, die sich in vielen Punkten
mit der von Maus deckt, restituiert er in seiner AntiKritik, die die volks
kundlichen Theorien und deren folgerichtige Verlängerung in die NS
Ideologieproduktion in Schutz nimmt, die disziplinäre Autorität ein Un
Begriff „Volkskunde" in der Diskussion. (= Wege der Forschung, Bd. 641), Darmstadt
1988, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, S. 4152, hier S. 43.
124 Ebd., S. 44 (Hervorhebung von mir, S.B.); gerade diese Passage, in der Peuckert seinen
eigenen, innovativen Beitrag hin zu einer Soziologisierung und Historisierung der Volks
kunde hervorhebt, die auch Gegenwartsphänomene analysieren will, belegt letztlich die
Thesen von Maus, der ja gerade auf das völlige Fehlen einer solchen Perspektive in den
20er Jahren hingewiesen hatte.
125 Stein, Coming to Terms, S. 163; außer dieser etwas psychologisierenden Annahme ver
weist Stein aber auch darauf, daß die leitende Unterscheidung von Peuckerts „emplot
ment" der Geschichte der Volkskunde die unhaltbare Differenzierung zwischen „Volks
kunde of the Third Reich" and „Volkskunde in the Third Reich" (S. 160) gewesen sei, für
Stein ein Zeichen des „hilflosen Antifaschismus" des selbst durch das NSRegime verfolg
ten Peuckert.
Wissenschaftliche Disziplinierungen nach 1945 107
ternehmen, das sehr wohl als Versuch gewertet werden kann, dem Fach und
seinen Vertretern kollektiv einen Persilschein auszustellen, und geeignet
war, nur zu berechtigte Kritik abzuwürgen.126 Diese Selbstimmunisierung
des volkskundlichen Diskurses gegen externe Kritiken durch die Beschwö
rung disziplinärer Errungenschaften wurde mit dem von WillErich
Peuckert und Otto Lauffer 1951 veröffentlichten Forschungsüberblick wei
ter vorangetrieben.127 Im Ergebnis knüpfen die Autoren bruchlos an die
volkskundlichen Debatten Ende der 20er Jahre an und benennen als Ziel der
Forschung letztlich die historische und soziologischfnationalistische Un
tersuchung von „ Gemeinschaften" und „ Gruppengeistigkeiten". Vor allem
durch die Historisierung der untersuchten Gegenstandsbereiche und den
Verweis auf Schwieterings Forderungen nach einer funktionalistischen
Analyse der Bauernkultur wurde zwar der Grundstein dafür gelegt, mit
„dem mythischen Kram in der Volkskunde säuberlich aufzuräumen]"128,
doch blieb die Focussierung der Untersuchungen auf Geistiges durch Ver
wendung Spamerscher Kategorien nach wie vor bestehen und die psycholo
gistische Ausrichtung der Disziplin weitgehend unangetastet.129
Eine Unterbrechung der von Maus eingeklagten und „normale" Wissen
schaft behindernden Selbstreferenz wurde insbesondere auch durch den
Verweis auf Forschungen ermöglicht, die im „unbelasteten" Ausland ent
126 Ingeborg WeberKellermann (Volkskunde, S. 85) beurteilt zwar die Kritik von Maus als
„bis zu einem gewissen Grade berechtigt" ohne dieses pauschale Urteil allerdings zu
spezifizieren, sieht jedoch die von Maus angeregte Umorientierung letztlich als unzeit
gemäß an: „Aber dafür war wohl die Zeit noch nicht reif und manche traditionelle Sperre
im Wege." (Ebd., Hervorhebung von mir, S.B.) Eine Analyse der zugrundeliegenden
Zusammenhänge unterbleibt bei WeberKellermann.
127 Peuckert, WillErich, Otto Lauffer: Volkskunde. Quellen und Forschungen seit 1930 (=
Wissenschaftliche Forschungsberichte, Geisteswissenschaftliche Reihe, Bd. 14). Bern
1951, A. Franke AG; der Beitrag Lauffers der bereits 1949 gestorben war an diesem
vorwiegend als kommentierte Bibliographie angelegten und nur mit kurzen einleitenden
Passagen zu einzelnen Sachgebieten des Kanons versehenen Band wird allerdings nicht
transparent. Überhaupt erwecken die Ausführungen etwa zur Fachgeschichte eher den
Eindruck eines schnell und wenig systematisch zusammengeschriebenen Entwurfes, der
zwar allen Forschungszweigen in ihre Verästelungen folgt, bei dem jedoch ein wirklicher
Überblick verfehlt wird.
128 Jeggle, Volkskunde, S. 66.
129 Trotz dieser Einschränkungen ist Hermann Bausinger (Ungleichzeitigkeiten, S. 275) ohne
Abstriche zuzustimmen, der betont, daß die (kultur)historisch ausgerichteten Forschun
gen der unmittelbaren Nachkriegszeit zur Verabschiedung des völkischen Pathos nach
haltig beitrugen: „Wo vorher spekulative Kontinuitätsannahmen eine Verbindung zwi
schen der jüngeren Vergangenheit und den alten Germanen hergestellt hatten, versuch
te man jetzt, nachdem man in Archiven gesucht und gegraben hatte, die Befunde selber
sprechen zu lassen." Damit entstand jedoch unmittelbar das Problem eines positivisti
schen Verständnisses der aus Archiven gewonnenen „Fakten", ein Zusammenhang, der
erst später etwa durch die Arbeiten Hans Mosers thematisiert wurde (vgl. zur Kritik am
latenten Positivismus volkskundlicher Untersuchungen der 50er und 60er Jahre Bau
singer, Hermann: Zur Theoriefeindlichkeit in der Volkskunde. In: Ethnologia Europaea,
Vol. IIIII, 19681969, S. 5558).
108 Die Produktion von Wissen, die Reproduktion von Disziplinarität
standen waren und sich explizit als Volkskunde verstanden: die skandinavi
sche „Folklivsforskning" Sigurd Erixons und Richard Weiss' „Volkskunde
der Schweiz".130 Diese beiden Ansätze stehen für die soziologischfunktio
nalistisch orientierte Überwindung ehemals mythologischer Anfälligkeiten.
Und sie wurden vor allem deshalb als vorbildhaft für künftige Forschungen
angesehen, weil sie über die nüchterne Frage nach den Funktionen spezifi
scher „Objektivationen" des „Volkslebens" eine wissenschaftlichexakte
Methode anboten, mit deren Hilfe der angestammte Gegenstandsbereich
volkskundlicher Forschungspraxis aufgearbeitet werden konnte. Wie die
Studie von Richard Weiss zu belegen schien, versprach die funktiona
listische Methode darüber hinaus, den in den vergangenen Jahrzehnten an
gehäuften enzyklopädischen Wissensbestand über sehr heterogene Phäno
menbereiche erstmals mit einer einheitlichen, leitenden Fragestellung
durchforsten zu können.131 Damit versprach sie, auch gegenüber anderen
Disziplinen den Anspruch der Volkskunde auf wissenschaftliche Exaktheit
absicherte und damit die akademische Reputation ihrer Vertreter. Zudem
erlaubte die funktionalistische Methode durchaus die Ausweitung der Un
tersuchungsgegenstände bis in die Gegenwart im Sinne eines inclusionary
approach: Unter dieser Perspektive waren Volkslied und Schlager keine Ge
gensätze mehr, sondern stellten „Funktionsäquivalente"132 dar, für deren
Untersuchung die Volkskunde nun sogar besondere, disziplingeschichtlich
ausgewiesene Kompetenz beanspruchen konnte.133
Die Konzentration der Fachdiskussionen auf diese methodische Innova
tion unterband jedoch eine intensivere Debatte um die zugrundeliegenden
theoretischen Vorannahmen der Disziplin, da funktionalistische Erklä
rungsansätze weitgehend unabhängig von den etablierten Kultur und Ge
sellschaftsmodellen anwendbar sind. Durch die Anwendung dieser neuen
130 Peuckert und Lauffer (Volkskunde, S. 1317) räumen der Darstellung und Vereinnah
mung dieser Ansätze viel Raum in ihrem Forschungsüberblick ein. Zum Einfluß ins
besondere der „sachbezogenen und auf Entmythologisierung bedachten" Folkslivsforsk
ning vgl. WeberKellermann, S. 87ff.; zur Wirkung der Erixonschen funktionalistischen
Theorie für die deutsche Volkskunde vgl. Bausinger, Theoriefeindlichkeit, S. 58.
131 Vgl. hierzu Bausinger, Hermann: Zur Spezifik volkskundlicher Arbeit. In: Zeitschrift für
Volkskunde, 76. Jg., 1/1980, S. 121, S. 2; Bausinger weist darauf hin, daß durch die An
wendung dieser einheitlichen Methode in ganz unterschiedlichen, sehr spezialisierten
Forschungszweigen der Disziplin ein Auseinanderbrechen des Faches habe verhindert
werden können.
132 Zur Kritik der mit dem Begriff „Funktionsäquivalent" verknüpften reduktionistischen
Vorannahmen, die von einem letztlich feststehenden Bedürfnishaushalt ausgehen, bzw.
den hiermit möglichen „Anschlußmöglichkeiten" volkskundlicher Forschungen an die
Gegenwart (Stichwort: Der Schlager ist das Volkslied von heute) vgl. Bausinger, Volks
kunde, S. 228ff.
133 Anzumerken ist jedoch, daß Weiss die Volkskunde in seiner Programmatik auf die Ana
lyse der nichtrationalen Verhaltensweisen verpflichtete; vgl. zu der sich hieraus ergeben
den Problematik unten, Kapitel „Anmerkungen zur Sachkulturforschung" und Teil II,
Kapitel „Praxis".
Wissenschaftliche Disziplinierungen nach 1945 109
Methode war es ebenso möglich, weiterhin mit alten, überwiegend untheo
retisch verwendeten Begriffen wie Gemeinschaft, Gruppe oder Volk zu
operieren134, als auch den Kanon der Untersuchungsgegenstände beizube
halten und sogar unproblematisch zu erweitern. Indem so die theoretische
Auseinandersetzung über ein die Disziplin definierendes Kulturkonzept
unterblieb, war die Volkskunde darauf verwiesen, sich gegenüber anderen
Fächern allein durch den bearbeiteten Gegenstandsbereich abzugrenzen.
Problematisch an dieser Konstitution der disziplinären Identität als Kanon
Gemeinschaft wirkte sich jedoch vor allem aus, daß sie bedingt durch ge
sellschaftliche Wandlungsprozesse notwendig instabil war: Die „Identi
tätsschwierigkeiten" der Disziplin wurden so kaum gelöst, und müssen da
her an den auch in der Folgezeit immer wieder entflammenden „Kanon"
Debatten thematisiert werden.135
Der etwas verwirrte und verwirrende Eindruck, den die damals von
Peuckert und Lauffer vorgeschlagene Reform der Disziplin heute macht,
entsteht vor allem dadurch, daß mit der soziologischfunktionalistischen
Methode ein inclusionary approach verfolgt wird, bei dem bestehende Fach
konzepte auf neue Sachgebiete ausgedehnt werden, während die ebenfalls
vorgeschlagene konsequente historische Ausrichtung des Faches eher ei
nem exclusionary approach entspricht, bei dem der definierte Gegenstands
bereich des Faches nicht erweitert, sondern einer vertieften historischen
Analyse unterzogen wird. Beide Reformstrategien schließen sich nicht di
rekt aus, haben jedoch sehr unterschiedliche Folgerungen für die Fachdefi
nition: Zum einen hat eine Orientierung an der Soziologie eine Erweiterung
des Kanons in die Gegenwart zur Folge, wodurch sich auch die Chance er
gibt, die potentielle Kompetenz des Faches für „allgemeine Aufgaben der
Gegenwart Stichwort: Flüchtlingsprobleme zu erweisen".136 Aus einer
134 Vgl. Bausinger, Theoriefeindlichkeit, S. 57f.
135 Vgl. hierzu Bausinger, Spezifik, S. 4f. Daß der Kanon nach wie vor und zu Zeiten post
modernistischer Irritationen eher verstärkt als volkskundlicher Identitätsgarant dient,
hat neben der positiven Wirkung, recht unkompliziert und ohne Aufgabe einer durch fe
ste Theoriebestände definierten kognitiven Identität die Theorieangebote der Nachbar
wissenschaften wahrnehmen zu können, auch den Nachteil, daß sich der Kanon gerade
wegen seines Charakters als Rückfallwert der disziplinären Identität als weitgehend verän
derungsresistent erweisen muß, um seine identitätsstiftende Funktion zu behalten. Prekär
kann dies in Zeiten gesellschaftlichen Wandels werden, wenn mit den sich verändernden
Forschungsgegenständen auch die wissenschaftliche Identität des Faches bedroht wird
(vgl. zu den sich hieraus ergebenden Problemen Lindner, Identität), sich aber thematische
Innovationen gerade wegen der Veränderungsresistenz des Kanons nur schwer bewerk
stelligen lassen; auf diese Weise erklären sich auch die harten Auseinandersetzungen im
Fach während der frühen 70er Jahre, als am Kanon die notwendige Neuorientierung des
Faches diskutiert werden mußte (vgl. etwa Scharfe, Martin: Kritik des Kanons. In: Ab
schied vom Volksleben. Tübingen 1970, Tübinger Vereinigung für Volkskunde, S. 7484).
136 Vgl. Gerndt, Einleitung, S. 9. Die Absicht, volkskundliche Expertise in die Politikbera
tung einzubringen, verfolgt am klarsten Wilhelm Brepohl, indem er die Volkskunde zu
einer soziologisch argumentierenden Disziplin umzubauen sucht.
110 Die Produktion von Wissen, die Reproduktion von Disziplinarität
primär historischen Aufgabenstellung der Disziplin dagegen folgt die Ori
entierung an der Geschichtswissenschaft und die weitgehende Fixierung des
traditionalen Kanons. Da beide Fachdefinitionen gleichzeitig mit unter
schiedlichen historischen Identitäten etwa der Suche nach Vorläufern
abgesichert werden, ergeben sich aus den beiden möglichen Strategien, mit
denen auf die Krise der Volkskunde geantwortet wird, sehr unterschied
liche Orts und Zielbestimmungen des Faches. Da Peuckert und Lauffer
obwohl sie im Ergebnis der historischen Ausrichtung den Vorzug geben
beide Strategien als gleichwertig und berechtigt schildern, aber deren sehr
unterschiedliche Implikationen nicht diskutieren, bleiben wesentliche, die
künftige Aufgabenstellung des Faches definierende Fragen ungestellt. Die
Volkskunde wird auf ein frühes, aber unbefriedigendes „anything goes"
festgelegt.
Exakte historische Arbeit als Weißwaschgang
Im Gegensatz zu Peuckert und Lauffer versuchen Leopold Schmidt und
Hans Moser als Vertreter der „historischen Schule" in einflußreichen pro
grammatischen Entwürfen einige dieser Konsequenzen zu thematisieren,
die Aufgaben der Disziplin neu zu umschreiben und sie in den akademi
schen Kontext der Nachkriegs jähre einzuordnen. Leopold Schmidt knüpft
in seinem Aufsatz „Die Volkskunde als Geisteswissenschaft" an die zahlrei
chen ähnlich überschriebenen Klärungsversuche der 20er Jahre an. Sein Bei
trag hat insbesondere das Ziel, die politisch belastete Volkskunde ihrem
wirklichen „Wesen" nach bei den geisteswissenschaftlichen Nachbarfä
chern bekannt zu machen, um deren von ihm als schmerzlich empfunde
ner akademischer Mißachtung entgegenzuarbeiten.137 Die wissenschaftli
che Ehrenrettung des Faches versucht Schmidt dadurch zu bewerkstelligen,
daß er an das „Anschauungssystem"138 der älteren Volkskunde anknüpft,
die im 19. Jahrhundert „fast unbeabsichtigt" als wirkliche Wissenschaft aus
der aufklärerischen Kameralstatistik und deren Projekt der Volksbeschrei
137 Schmidt, Leopold: Die Volkskunde als Geisteswissenschaft. In: Mitteilungen der Öster
reichischen Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Prähistorie 73/77 (1947), S.
115137; im folgenden zitiert nach dem Wiederabdruck in: Gerndt, Helge (Hg.): Fach und
Begriff „Volkskunde" in der Diskussion. (= Wege der Forschung, Bd. 641) Darmstadt
1988, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, S. 5591, hier S. 55. Den Grund für diese Fehl
einschätzung sieht Schmidt in dem Fehler der Volkskunde der 20er Jahre, sich vor allem
über den Volksbegriff definiert zu haben. In dem Moment, als der wissenschaftliche Be
griff mit dem politischen VolksBegriff identifizierbar wurde und die Volkskunde sich
zunehmend für die „Sprachnation" zuständig erklärte, sei das Ende der „älteren Volks
kunde" eingeläutet worden, ein Vorgang, der schließlich zur Vernichtung der Volkskunde
als Wissenschaft geführt habe.
138 Schmidt merkt bissig an, daß die Volkskunde wegen „der mangelnden Definierfähigkeit
ihrer älteren Vertreter" (Ebd., S. 57) bislang keine wissenschaftlich brauchbaren Begrif
fe geprägt habe.
Wissenschaftliche Disziplinierungen nach 1945 111
bung einerseits und aus der Anwendung des englischen „Folklore"Begriffs
andererseits entstanden sei, mit dem der traditionale „Besitz der volkstümli
chen Schichten an Märchen, Liedern, Bräuchen usw."139 beschrieben wer
den sollte.
Vor dem Hintergrund dieser gegen die „romantische Volkskunde" ge
richteten Definition der historischen Identität des Faches versucht
Schmidt, der Volkskunde als „Grundwissenschaft" einen wissenschaftssy
stematischen Platz neben der Geschichtswissenschaft zuzuweisen, die
ebenfalls den menschlichen Geist thematisiere, jedoch die „wirkenden Kräf
te im Flusse des Geschehens [untersuche]. Die Volkskunde dagegen ist die
Wissenschaft vom Leben in überlieferten Ordnungen. Sie arbeitet die Be
deutung des statischen Momentes im Kultur geschehen heraus, wogegen die
Geschichte die dynamischen Anteile darzustellen berufen ist. Beide ergän
zen einander weitgehend, und zwar die Geschichte vor allem die Volks
kunde insoweit, als der Einfluß dynamischer Anstöße immer und überall
wirksam erscheint. Die Setzung von Anfängen vor allem gehört zu jenem
Gebiet, auf dem die Volkskunde am dringendsten die Hilfe der Geschichte
benötigt."140
Er bezieht sich damit ausdrücklich auf die Definition Hoffmann
Krayers, der ebenfalls die Zuständigkeit des Faches für die „statischen Mo
mente" des Volkslebens erklärt hatte. Schmidt versteht dabei unter dem Be
griff Leben in überlieferten Ordnungen „jene eigentümliche Möglichkeit zu
leben [...], welche jeden Menschen in jeder geschichtlichen Situation un
willkürlich als Hauptformungselement umfängt und erfüllt."141 Diese in der
Volkskunde schon im 19. Jahrhundert etablierte „Anschauungsweise" stelle
das einende Band zwischen den sehr heterogenen volkskundlichen Teilge
bieten dar, deren Untersuchung nicht Selbstzweck sei, sondern der histo
rischexakten Analyse der „überlieferten Ordnungen" diene. Schmidt hält
damit am etablierten Kanon fest, schlägt jedoch die systematische Untersu
chung der Gegenstände nach Erscheinung, Funktion und Geschichte vor.142
Ziel dieser Forschungen sei es, hierbei die nichtindividuellen Motivierun
gen alltäglicher Handlungen herauszuarbeiten, die durch unbewußt wir
kende, überlieferte kulturelle Muster determiniert seien; diese Muster seien
139 Schmidt, Volkskunde, S. 58.
140 Ebd., S. 61 f. (Hervorhebung i.O.) Bemerkenswert ist, daß Schmidt die Notwendigkeit der
Referenz auf geschichtswissenschaftliche Studien mit dem Problem der „Setzung von An
fängen" begründet und hiermit vor allem spekulativen Kontinuitätsannahmen eine kla
re Absage erteilt.
141 Ebd., S. 63.
142 Schmidt fordert nachdrücklich, daß vom rein Deskriptiven endlich abgerückt werden
müsse; die Erscheinungen seien „von ihrer Quellenuntersuchung ausgehend in die ihnen
eigentümlichen Zusammenhänge" zu rücken, womit er auf die Notwendigkeit historisch
exakten, wissenschaftlichen Arbeitens verweist, das resistent gegen jeglichen Romantizis
mus sein müsse. (Vgl. ebd., S. 80f.)
112 Die Produktion von Wissen, die Reproduktion von Disziplinarität
mit der Syntax der Sprache vergleichbar und nach funktionalen Kategorien
zu untersuchen.143
Während Schmidt in diesem programmatischen Aufsatz die Volkskunde
auf exakte, „objektive" historische Methoden festzulegen sucht, die der ro
mantischmythisierenden Orientierung der vergangenen Jahrzehnte entge
genarbeiten sollen, indem sie die kanonisierten Untersuchungsgegenstände
(etwa Tracht oder Arbeitsgerät) in alltäglichen Handlungszusammenhängen
analysiert, gerät sein fünf Jahre später erschienenes Buch zur „Gestalt
heiligkeit im bäuerlichen Arbeitsmythos" zu einem Gegenprojekt. Zwar
steht auch hier das „traditionelle Verhältnis der Menschen zur Heiligkeit der
Dinge, ihrer Stoffe und Gestalten im Vordergrund" der Analyse,144 doch tat
sächlich überwiegt in der Darstellung der Stellenwert der Dinge den ihrer
Nutzer, und die Formen der Dinge werden vor allem als Ergebnis „mythi
scher Vorstellungen" interpretiert. Damit endet Schmidt trotz gegenteiliger
Absicht in der praktischen Untersuchung der Realien da, wo die Volkskun
de in den 20er Jahren theoretisch aufgehört hatte: im Nachweis der Wirk
mächtigkeit von Mythen und einer Enttemporalisierung der Forschungsge
genstände. Gertraud Liesenfeld und Herbert Nikitsch werten denn auch die
se Konzeption Leopold Schmidts als „verfehlte Sachlichkeit".145
Gegenüber solchen Positionen, die er als „Uberdehnung der Geistesge
schichte" qualifiziert, bezieht Hans Moser dezidiert in seinem Forschungs
überblick „Gedanken zur heutigen Volkskunde" Stellung.146 Statt solcher
Suche nach „letzten Zusammenhängen" empfiehlt Moser dringend eine
methodische Konsolidierung der Volkskunde, eine konsequente Historisie
rung der Forschungsgegenstände147 und vor allem die Beschränkung auf
überschaubare, in exakter historischer Arbeit analysierbare Zeiträume.
Wenn sich die Volkskunde als Wissenschaft etablieren wolle, sei es notwen
dig, „von den uns noch naheliegenden Zeiträumen auszugehen und zu
nächst die quellenmäßig erfaßbare und doch nicht zureichend erfaßte Perio
de der letzten 500 Jahre in erschöpfender Auswertung aller Arten von Quel
143 Leopold Schmidt verwendet hiermit 20 Jahre vor Pierre Bourdieu (Entwurf) ebenfalls die
Begriffe Syntax und Wortschatz als Metaphern, um verhaltensprägende Handlungsmuster
zu beschreiben; allerdings handelt es sich hier nur um eine sehr oberflächliche Verwandt
schaft, da Bourdieus Habituskonzept anders als Schmidts Modell kultureller Aufbau
formen keinem rigiden kulturellen Determinismus unterliegt.
144 Schmidt, Leopold: Gestaltheiligkeit im bäuerlichen Arbeitsmythos. Wien 1952, S. 3 (Her
vorhebung von mir, S.B.).
145 Liesenfeld, Gertraud, Herbert Nikitsch: Neubeginn und verfehlte Sachlichkeit Zur
Volkskunde Leopold Schmidts. In: Wolfgang Jacobeit, Hannsjost Lixfeld, Olaf Bock
horn, in Zusammenarbeit mit James R. Dow (Hg.): Völkische Wissenschaft. Gestalten
und Tendenzen der deutschen und österreichischen Volkskunde in der ersten Hälfte des
20. Jahrhunderts. Wien, Köln, Weimar 1994, Böhlau, S. 603616.
146 Moser, Hans: Gedanken zur heutigen Volkskunde. Ihre Situation, ihre Problematik, ihre
Aufgaben. In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde 1954, S. 208234; zur Kritik an
Schmidts „Gestaltheiligkeit" S. 216.
147 Vgl. hierzu Bausinger, Einleitung, S. 11.
Wissenschaftliche Disziplinierungen nach 1945 113
len ganz systematisch zu durchforschen."148 Neben Quellenkritik sei die
Auswertung sehr unterschiedlicher Archivalien nötig, um zu differenzier
ten Bildern der historischen Vergangenheit zu gelangen; die Ergebnisse sol
cher Archivarbeit seien die besten Garanten gegen pauschale und generali
sierende Annahmen, die zu lange in der Volkskunde dominiert hätten. Den
Gegenstandsbereich des Faches sieht auch Moser vor allem im etablierten
Kanon. Die disziplinäre Abgrenzung der Gegenwartsvolkskunde gegen
über der Soziologie als „der systematischen Wissenschaft von den gesell
schaftlichen Sachverhalten" ist für ihn vor allem darin begründet, daß die
Volkskunde die „geistigseelischen Reaktionen auf jene Sachverhalte" un
tersuche. Gegenüber den historischen Kulturwissenschaften, die Kulturob
jekte in ihrer Entwicklung untersuchten, analysiere die Volkskunde Objek
te immer in Bezug auf deren funktionelle und geistige Bedeutung für die je
weiligen Trägerschichten.149
Obwohl diese Argumente für eine wissenschaftliche Konsolidierung des
Faches in den folgenden zehn Jahren kaum diskutiert werden,150 legte Hans
Moser zusammen mit seinem Mitarbeiter KarlSigismund Kramer in der
„Bayerischen Landesstelle für Volkskunde"151 die theoretischen und prakti
schen Fundamente für eine „exakte Geschichtsschreibung der Volkskultur"
Arbeiten, die unter dem Label „Münchner Schule" Vorbildcharakter für
die Disziplin erlangen sollten.152 Vor allem wurde die „Sinnhuberei vieler
Dilettanten, die in Bräuchen noch immer die Anfänge wesen hörten und sa
hen [...] empfindlich gestört, als man anfing, nicht mehr in Jahrtausenden,
sondern in Jahrzehnten zu rechnen"153 eine Veränderung des zeitlichen
Maßstabes, die die scharfe Grenze zwischen Volkskunde als akademischer
Disziplin und unwissenschaftlichem, immer noch „völkisch" infiziertem
Holismus nachhaltig befestigte. Neben dieser zeitlichen Beschränkung des
148 Moser, Gedanken, S. 218.
149 Ebd., S. 214.
150 Gerndt, Einleitung, S. 11.
151 Die „Landesstelle" wurde bald als „Institut für Volkskunde" der Kommission für Landes
geschichte der Bayerischen Akademie der Wissenschaften angegliedert; auch in dieser
institutionellen Anbindung zeigt sich die von Moser verfolgte Linie einer konsequenten
Umgestaltung der Volkskunde zu einer historischargumentierenden Disziplin. Vgl. hier
zu Schuhladen, Hans: Zum Gedenken an Hans Moser (19031990). In: Zeitschrift für
Volkskunde, 87. Jg., 1/1991, S. 106108.
152 Vgl. zur Würdigung dieser Arbeiten Korff, Kultur, S. 27ff.
153 Jeggle, Volkskunde, S. 66; in der von Hans Moser angestoßenen „FolklorismusDebat
te" wurde in den 60er Jahren das damit eng verknüpfte Problem der „Volkskultur aus
Zweiter Hand" und damit die unbesehene Authentizitätsannahme gegenüber volkskul
turellen Phänomenen diskutiert, eine Debatte, die erst auf der Grundlage sorgfältiger
historischer Analysen möglich geworden war. Vgl. Moser, Hans: Der Folklorismus als
Forschungsproblem der Volkskunde. In: Hessische Blätter für Volkskunde, Bd. 55,1964,
S. 957, oder die Weiterführung dieser Kritik durch Hermann Bausinger: Zur Kritik der
Folklorismuskritik. In: Populus Revisus. Beiträge zur Erforschung der Gegenwart. Volks
leben, Bd. 14, Tübingen 1966, Tübinger Vereinigung für Volkskunde, S. 6172.
114 Die Produktion von Wissen, die Reproduktion von Disziplinarität
Arbeitsfeldes bewirkte auch die von Moser geforderte „funktionalistische
Erklärungsweise" einen Verwissenschaftlichungsschub, da sie das Fach
zwang, die untersuchten volkskulturellen Objektivationen stets unter Ver
weis auf die je historisch spezifische Sozialstruktur und deren historische
Genese zu interpretieren. Diese Fokussierung auf historischen Wandel
führte in den folgenden Jahren nicht nur zu einer empirischen „Korrektur
der alten Kontinuitätshypothesen"154, sondern zersetzte auch die still
schweigende Annahme eines Gegensatzes zwischen statischer, dauerhaft
orientierter Kultur und dynamischer, kulturzerstörerischer Zivilisation, in
dem die Veränderbarkeit und historische Relativität der Volkskultur „in ih
rer jeweiligen zeitlichen und räumlichen Ausprägung"155 beobachtbar wur
de.
Mit seinem Plädoyer für methodische Strenge und für die Konzentration
auf exakte historische Analyse vor allem archivalischer Quellen trug Hans
Moser wesentlich dazu bei, die belastete Volkskunde zu einer respektablen
und respektierten historisch arbeitenden Wissenschaft zu disziplinieren. Al
lerdings wurden wesentliche Fragen in Mosers Beitrag nicht gestellt, teil
weise durch den Argumentationszusammenhang sogar verstellt: So setzt er
etwa gegen die romantische Volkskunde positiv Richard Weiss' „Volks
kunde der Schweiz" ab, der darin eine „wirklichkeitsnahe Bestandsaufnah
me ohne Werturteile"156 gleistet habe. In seiner Ablehnung der spekulativen
Konstruktionen der älteren Volkskunde verfält Moser damit auf ein positi
vistisches Forschungsethos: zu „zeigen, wie es wirklich gewesen" (Leopold
von Ranke)157 und „Werturteils" oder „deutungsfrei" die Vergangenheit
darzustellen, sieht er als ein wesentliches Charakteristikum seiner „exakten
historischen Methode". Dieser auch bereits in den 50er Jahren seit langem
wissenschaftstheoretisch überholte Positivismus verhindert nachhaltig die
theoretische (Selbst)Reflexion der historisch ausgerichteten Volkskunde
auch 15 Jahre nach dem Erscheinen von Mosers „Gedanken" sieht Karl
Sigismund Kramer bei der „Erforschung der historischen Volkskultur" den
Weg zu objektiver Erkenntnis des Forschungsgegenstandes durch Anwen
154 Scharfe, Technik, S. 48.
155 Kramer, KarlSigismund: Zur Erforschung der historischen Volkskultur. Prinzipielles
und Methodisches. In: Rheinisches Jahrbuch für Volkskunde, 19. Jg., 1969, S. 741, hier
S. 36; in diesem Aufsatz führt Kramer die von Moser begonnene Methodendiskussion
weiter und erläutert ausführlich, welche Anforderungen an eine „exakte historische"
Verfahrensweise der Volkskunde zu stellen seien. Durch solche Forschungen werde die
„Auffassung der Volkskultur als ein unbeweglicher, statischer Block [...] gewandelt zu
einer Auffassung der Volkskultur als eine ständig in Raum und Zeit sich wandelnde Grö
ße." (Ebd., S. 33)
156 Moser, Gedanken, S. 209.
157 Vgl. zum Positivismus in der Geschichtswissenschaft etwa Oexle, Otto Gerhard: Die
Geschichtswissenschaft im Zeichen des Historismus. Bemerkungen zum Standort der
Geschichtsforschung. In: Historische Zeitschrift, 238/1984, S. 1755, insbes. S. 24ff.
Wissenschaftliche Disziplinierungen nach 1945 115
dung der klassischen historischen Methode geebnet.158 Damit bleibt die
überfällige Historisierung auf die Forschungsgegenstände des Faches be
schränkt und wird nicht selbstreflexiv auf die Erkenntnisbedingungen der
Forschenden übertragen.159
Eine weitere Gefahr der von Moser vorgenommenen Festlegung der
volkskundlichen Forschungen auf die „historische Methode"160 wird 1969
unabhängig voneinander und mit sehr unterschiedlicher Intention von
KarlSigismund Kramer und InaMaria Greverus thematisiert. Beide kriti
sieren die in den 60er Jahren bestehende einseitige Dominanz der histori
schen Arbeit im Fach und damit eine Vernachlässigung der Gegenwarts
volkskunde. Sie sehen darin eine Tendenz, die auch durch Mosers einfluß
reiche Definition der Volkskunde befördert worden war, nach der das Fach
keine Kompetenz besitze für die Untersuchung gesellschaftlicher Sachver
halte (hierfür zeichne die Soziologie verantwortlich), sondern nur für „gei
stigseelische Reaktionen" darauf. Im Endeffekt sei die Disziplin dadurch
auf die schon in den 20er Jahren vorherrschende „PsychoArchäologie"
verpflichtet, allerdings modifiziert zu einer „(Kultur)Folgenforschung",
die Reaktionen auf historische gesellschaftliche Innovationen analysiert.
Kramer befürchtet durch diese Definition einen „retrospektiven Isolatio
nismus" des Faches.161 Greverus interpretiert die vorherrschende histori
158 Kramer, Erforschung. Kramers wohl als „Gebrauchsanweisung" der „exakten histori
schen Methode" für die Volkskunde konzipierter Aufsatz benennt als wesentliche
Voraussetzung aller Forschungen strikte Quellenkritik und die Anwendung des
mehrstufigen Interpretationsmodells Johann Gustav Droysens (ebd., S. 22f.). Unterschla
gen wird von Kramer hierbei allerdings der erkenntnistheoretische Ansatz in Droysens
„Grundriß der Historik" von 1858, der das „Subjekt des historischen Wissens vom Prin
zip der Geschichtlichkeit alles Kulturellen selbst [nicht] ausnimmt" (Schnädelbach, Phi
losophie, S. 73) und damit einen Relativismus der historischen Erkenntnis vertritt, der
Kramers objektivistischen Bestrebungen völlig zuwider läuft.
159 Kramer fällt mit dieser Position hinter Überlegungen zurück, die Hans Moser an etwas
entlegener Stelle im Zusammenhang mit volkskundlicher Quellenkritik in seinen „Gedan
ken zur heutigen Volkskunde" (S. 228) eher nebenbei dargelegt hatte: Nachdem er zu
einer kritischen Untersuchung des „geistigen Standortes problematischer Tradoren und
Interpreten" aufgerufen hatte, bevor sich die Forschung auf deren Interpretationen ein
fach berufen könne, schreibt er, daß es durchaus vielversprechend sei, diese Untersuchun
gen bis in die Gegenwart weiterzuverfolgen, indem die soziale Herkunft und der reale und
geistige Lebensweg von Volkskundlern als Voraussetzung ihres Verhältnisses zum For
schungsgegenstand analysiert werde. Hierdurch, so Moser, könne eine „Soziologie der
wissenschaftlichen Volkskunde oder eine Volkskunde der Volkskundler" entstehen.
160 Auch für die zwei von ihm benannten Felder der Gegenwartsvolkskunde — die Volks
kunde der Heimatvertriebenen und der Industriearbeiterschaft hielt Moser vor allem die
Erforschung der zugrundeliegenden historischen Prozesse für notwendig: ohne Klärung
des historischen Hintergrundes seien diese Phänomenbereiche nicht ausreichend und
wissenschaftlich abgesichert zu interpretieren. Auch bei den Themenbereichen der Ge
genwartsvolkskunde sieht damit Moser den Schwerpunkt volkskundlicher Arbeit in der
historischen Analyse.
161 Kramer, Erforschung, S. 11.
116 Die Produktion von Wissen, die Reproduktion von Disziplinarität
sehe Ausrichtung der Disziplin als ein Fortwirken der „nostalgischretro
spektiven Bezugsrichtung" der älteren Volkskunde, die durch Kompensa
tionsbemühungen einer gesellschaftlichen Elite angesichts kultureller Ver
lusterfahrungen162 gekennzeichnet gewesen sei.
Während Kramer mit seiner Kritik vor allem die „traditionelle" Kompe
tenz der Volkskunde auch und gerade für Gegenwartsfragen betont und
„methodische Vielfalt" einklagt, zielt Greverus mit ihrer Kritik auf eine
Neukonzeption der kognitiven Identität des Faches als allgemeine und kul
turelle Anthropologie. Damit greift sie Überlegungen von Gerhard Heil
furth auf, der wenige Jahre zuvor ebenfalls keine ausschließlich methodi
sche, sondern auch eine theoretische Neubestimmung des Faches zu errei
chen suchte. Mit dessen 1961 in Marburg gehaltener Antrittsvorlesung163
war eine zweite Phase der Versuche eingeleitet, nach 1945 die Fachidentität
neu zu bestimmen. Diese Versuche erreichen um 1970 in den programma
tischen und inhaltlichen Debatten um die Falkensteiner Tagung einen
Höhepunkt, in denen um den disziplinären und theoretischen (und nicht
mehr vorwiegend um den methodischen) Ort der Volkskunde gestritten
wird. Ihr Resultat wird schließlich ein radikaler Perspektivenwechsel sein.
Cultural Switch: Ein „ Abschied"
Heilfurths Marburger Antrittsvorlesung war nach eigener Aussage von vier
eng miteinander verknüpften Intentionen geprägt: dem Versuch, die Volks
kunde „auf vergleichende und übernationale Aspekte zu drängen, sie auf die
Notwendigkeit der intensiveren Gewinnung sozialgeschichtlicher Perspek
tiven hinzuweisen und ihre Forschung näher an die Kulturanthropologie
und Ethnologie heranzurücken mit der Absicht, das Problem, Theorie
und Methodenbewußtsein des Faches wachzurufen und zu einer Entideo
logisierung nach den makaberen Erfahrungen der NSZeit beizutragen."164
In dem hier erörterten Zusammenhang interessiert vor allem, daß Heilfurth
in seinem umfassenden Reformversuch des Faches erstmals systematisch ei
nen theoretischen Begriff von „Kultur" als grundlegender Forschungskate
gorie zu definieren sucht. Vor dieser Aufgabe hatte sich die Volkskunde bis
dahin „herumgedrückt" (Gottfried Korff). Als Definitionskategorie tauch
te bis zu diesem Zeitpunkt Kultur allenfalls in weitgehend theoretisch unbe
162 Greverus, Bezugsrichtung.
163 Heilfurth, Gerhard: Volkskunde jenseits der Ideologien. Zum Problemstand des Faches
im Blickfeld empirischer Forschung. In: Hessische Blätter für Volkskunde, 53/1962, S. 9—
28; im folgenden zitiert nach dem Wiederabdruck in: Helge Gerndt (Hg.): Fach und Be
griff „Volkskunde" in der Diskussion. Darmstadt 1988, Wissenschaftliche Buchgesell
schaft, S. 179204.
164 Nachtrag zum Wiederabdruck seiner Antrittsvorlesung: Heilfurth, Volkskunde, In: Hel
ge Gerndt (Hg.): Fach und Begriff „Volkskunde" in der Diskussion. Darmstadt 1988,
Wissenschaftliche Buchgesellschaft, S. 204205, S. 204.
Wissenschaftliche Disziplinierungen nach 1945 117
stimmten Zusammensetzungen wie „Volkskultur" auf,165 und auch in den
theoretisch ambitionierteren Arbeiten, wie etwa Richard Weiss' „Volks
kunde" oder Hans Mosers „Gedanken" bleibt Kultur ein kaum theoreti
sierter weißer Fleck auf der Karte volkskundlicher Forschungskategorien,
ein Undefinierter Platzhalter, in den somit zahlreiche doxische Annahmen
über die Forschungsgegenstände unbefragt eingehen konnten. Hiergegen
wendet sich Heilfurths Beitrag, indem er diesen weißen Fleck durch Anlei
hen bei der USamerikanischen Cultural Anthropology und deren ent
wickelteren Kulturbegriff näher bestimmt.
Ausgehend von einer Kritik des in der Disziplin verwendeten „Volks"
Begriffes und seiner unhistorischen Konnotationen definiert er als Aufgabe
der Volkskunde die Untersuchung von „Struktur und Funktion der
Grundformen sozialkulturellen Lebens".166 Die betreffenden Forschungen
seien empirisch durchzuführen, womit er allen spekulativen Tendenzen der
älteren Volkskunde entgegentritt und die historische Relativität aller Le
bensformen betont: „alle Fakten der sogenannten Volkskultur sie stehen
alle als geschichtliche Gebilde in Raum und Zeit und unterliegen den kultu
rellen Gegebenheiten des Werdens, Lebens und Vergehens."167 Die hieraus
abgeleitete Forderung nach einer sozialgeschichtlichen Ausrichtung der Ar
beit nimmt wesentliche Motive von Mosers „Gedanken" auf, dehnt dessen
Kritik am unhistorischen Charakter der älteren Volkskunde jedoch auf de
ren latenten Ethnozentrismus und Nationalismus aus. Als Heilmittel gegen
„hybride [...] Äußerungen des Chauvinismus, des Rassenwahns" empfiehlt
Heilfurth Anleihen bei der modernen Ethnologie und vor allem der US
amerikanischen Cultural Anthropology dies insbesondere in Abgrenzung
gegenüber jeglichen biologistischen und ontologischen Tendenzen inner
halb der Volkskunde.168 Von Ruth Benedict169 übernimmt er hierbei die
zentrale Formulierung „man molded by custom, not instinct" und definiert
als „Kultur" die je spezifischen historischen und regionalen Ausformungen
sozialen Lebens. Auf der Grundlage des Kulturbegriffs der Cultural Än
thropology gehe es daher in der modernen Volksforschung nicht um den
Versuch, die Wesenszüge und Bestandteile der menschlichen Kultur in ei
165 Vgl. zu dieser Kritik Korff, Kultur, S. 37.
166 Heilfurth, Volkskunde, S. 184.
167 Ebd., S. 185.
168 Trotz dieser klaren Absage an alte Kategorien wurde Heilfurth in den folgenden Jahren
immer wieder vorgeworfen, durch die Verwendung der Kategorie „Raum" besonders
in seinem Handbuchartikel „Volkskunde" (in: Rene König (Hg.): Handbuch der empi
rischen Sozialforschung, Bd. 1. Stuttgart 1962, Enke) in gefährliche Nähe zu alten „Blut
undBodenMythen" zu geraten; vgl. zu diesem angesichts seiner Antrittsvorlesung wohl
unberechtigten Vorwurf Utz Jeggle: Wertbedingungen der Volkskunde. In: Abschied
vom Volksleben. Tübingen 1970, Tübinger Vereinigung für Volkskunde, S. 1136, S. 33,
oder Martin Scharfe: Kritik des Kanons. In: Ebd., S. 7484, S. 82.
169 Benedict, Ruth: Patterns of Culture. London 1966, Routledge and Kegan Paul (erstmals
Boston 1934)
118 Die Produktion von Wissen, die Reproduktion von Disziplinarität
ner von evolutionistischen Kriterien bestimmten Stufenfolge zu klassifizie
ren, sondern „um Untersuchungen der Grundformen der Kultur in ihrer
sozialen Verflechtung"170.
Vor dem Hintergrund dieser begrifflichen Bestimmungen fordert er un
ter Verweis auf die Arbeiten von Norbert Elias die sozialgeschichtliche Un
tersuchung des Zivilisationsprozesses ein. In solchen Forschungen etwa
über das „Phänomen des homo technicus und oeconomicus" ließe sich
schließlich zeigen, „daß Rationalität, daß die Wesenselemente unserer Zeit
Planung, Technik und Organisation von jeher zum menschlichen Zusam
menwirken gehört haben."171 Damit kehrt Heilfurth die bislang im Fach
vorherrschende Frageperspektive radikal um: Erforscht werden soll nicht
mehr die Vergangenheit als Erklärung vermeintlicher oder tatsächlicher
vormoderner Relikte in der Moderne, vielmehr sind spezifisch moderne
Gegenwartsphänomene zur Klärung des Prozesses der Zivilisation in die
Vergangenheit zurückzuverfolgen.172 Damit verbunden ist ein Wechsel des
Beobachtungsfokus von Phänomenen, die vorrangig durch Irrationalität
bestimmt sind, auf durchaus rationale Verhaltensweisen. Es ist daher nur
konsequent, wenn Heilfurth, ausgehend von der These, daß es keine Reser
vate außerhalb „der Dynamik der industrielltechnischen Revolution mit
ihren einschneidenden sozialen und kulturellen Wandlungen des Volksle
bens"173 geben könne, das Ende der Erforschung von Relikten und Survivals
durch die Volkskunde fordert. Zeitgleich mit Hermann Bausinger, der in
seiner „Volkskultur in der technischen Welt" volkskulturelle Phänomene in
und nicht trotz der Moderne untersucht und damit der „immer zwielich
tigere [n] Haltung zur Wirklichkeit"174 in den Untersuchungen des Faches
entgegensteuert, fordert auch Heilfurth die Aufgabe der von Greverus be
klagten „nostalgischretrospektiven" Motive volkskundlicher Studien und
trägt damit zur Öffnung des Faches für Gegenwartsanalysen bei, die mehr
leisten wollen, als dem Untergang Geweihtes zu retten, zu sammeln und zu
interpretieren.
Bausinger und Heilfurth formulieren mit ihren Ansätzen zu Beginn der
60er Jahre zwei alternative, gegen die Fachorthodoxie gerichtete Fachdefini
tionen, denen bei aller Unterschiedlichkeit gemeinsam ist, daß sie den diszi
plinären Identitätsgaranten nicht mehr länger im Kanon oder in den haupt
sächlich angewandten Methoden sehen, sondern in der theoretischen und
170 Heilfurth, Volkskunde, S. 197.
171 Ebd, S. 198.
172 Direkt verknüpft mit diesem Perspektivenwechsel ist die positive Umwertung des bislang
stets negativ konnotierten Zivilisationsbegriffs; gleichzeitig wird die ebenfalls vorherr
schende Dichotomie KulturZivilisation aufgegeben: Kultur, verstanden als „Muster"
sozialhistorisch je spezifischer Lebensformen taugt nicht mehr länger als Wertbegnii,
sondern wird zur analytischen Kategorie.
173 Heilfurth, Volkskultur, S. 200.
174 Bausinger, Volkskultur, S. 19.
Wissenschaftliche Disziplinierungen nach 1945 119
begrifflichen Fundierung eines kultur analytischen Instrumentariums. Aus
der von Gerhard Heilfurth vorgeschlagenen kognitiven Identität des Faches
ergibt sich folgerichtig eine Orientierung an der modernisierten Ethnologie
und der USamerikanischen Cultural Anthropology und damit sowohl ein
radikaler Bruch mit der philologischen Tradition des Faches als auch mit
dessen sozialer Identität, wie sie sich in den Ausbildungswegen seiner Lehr
stuhlinhaber und der organisatorischen Einbindung in universitäre Fakultä
ten manifestiert hatte. Hermann Bausinger versucht dagegen in seiner
„Volkskultur in der technischen Welt" die Revision des Faches stärker als
Heilfurth an den bestehenden Forschungsfeldern und der philologischen
Forschungstradition zu orientieren175 und strebt einen Anschluß volks
kundlicher Diskussionen an die Soziologie allerdings skeptisch gegenüber
den dort vorherrschenden Interpretamenten wie etwa der „nivellierten Mit
telstandsgesellschaft" bzw. an die kritische Sozialwissenschaft an. In bei
den Fällen zieht der veränderte theoretische Argumentationsrahmen eine
radikale Kritik bisher in der Volkskunde verwendeter Unterscheidungen
(etwa KulturZivilisation oder modernvormodern) nach sich und führt zu
einer (ideologie)kritischen Durchsicht der etablierten historischen Identi
tät des Faches, einer Neubewertung der „Vorläufer" und einer Neuein
schätzung „maßgeblicher" Fachvertreter.
Auf der Grundlage dieser heterodoxen Ansätze wird aber nicht nur die
Thematisierung bisher implizit gültiger, doxischer Vorannahmen möglich,
sondern auch die Revision der identitätsgarantierenden Kanonizität der or
thodoxen volkskundlichen Forschung und damit eine grundlegende Kritik
der Autorität ihres Wissens und ihrer Forschungspraxis. Noch 1955 hatte
Jorge Dias auf dem Congres International d'Ethnologie Regionale in Arn
hem den je definitorischen Kern der in den Ländern Europas sehr unter
schiedlich benannten „Volkskunden" vor allem in der Abgrenzung eines
spezifischen Gegenstandsbereiches erblickt.176 Der so produzierte Kanon
»als einendes Band" zahlreicher sich spezialisierender und mit Autonomie
anspruch ausgestatteter Bereiche der Objektivationsforschung177 innerhalb
der deutschen Volkskunde wird als „Theoriesurrogat" (Martin Scharfe) erst
dann kritisierbar, wenn er als Orientierungs und Identitätsmittel durch die
175 Vgl. hierzu ausführlich oben, Kapitel "Technik in der Volskunde".
176 Dias, Jorge: Die Qintessenz des Problems: Nomenklatur und Gegenstand der Folklore/
Volkskunde. In: Gerndt, Helge (Hg.): Fach und Begriff „Volkskunde" in der Diskussi
on. (= Wege der Forschung, Bd. 641) [erstmals: The Quintessence of the Problem: No
menclature and Subjectmatter of Folklore. In: Actes du Congres International d'Ethno
logie Regionale, Arnhem 1955 (1956), S. 114.]. Darmstadt 1988, Wissenschaftliche Buch
gesellschaft, S. 158178. Dias klassifiziert etwa die deutsche Volkskunde dadurch, daß sie
ihren Forschungsbereich mit soziologischen und soziologischpsychologischen Kriterien
abgrenze: untersucht werde Leben und Kultur bäuerlicher Schichten (soziologisches
Kriterium) und „volkstümliche" Verhaltensformen, die sich in allen Schichten „erhalten"
hätten; als Beispiel hierfür führt er Richard Weiss' „Volkskunde der Schweiz" an.
177 Vgl. zu diesem Problem Bausinger, Spezifik, S. 2.
120 Die Produktion von Wissen, die Reproduktion von Disziplinarität
Etablierung eines die verschiedenen Fachbereiche vereinenden wiederum
Fachidentität versprechenden theoretischen Fundamentes „aufgehoben"
werden kann.178 Die in den folgenden Jahren sich zuspitzenden und in den
Diskussionen um die Falkensteiner Tagung kulminierenden Auseinander
setzungen um Aufgaben und Identität des Faches sind so von der doppelten
Maßgabe geprägt, die alte, Kanonbasierte Fachdefinition zu beseitigen und
gleichzeitig den Bestand der Disziplin durch die Stiftung einer neuen Fach
identität zu sichern. Warum dies dann offenbar nicht gelingt, sondern auch
bei der neuesten Einführung in das Fach die Gliederung nach alten und
neuen Kanongegenständen gewählt wird,179 womit der „kritisierte und
zunächst demonstrativ ad acta gelegte »Kanon« immer wieder durch
schlägt",180 kann und braucht hier nicht geklärt zu werden.
Es ist lediglich festzuhalten, daß diese Reformversuche des Faches seine
Identitätsschwierigkeiten nicht beseitigen, sondern durch die Kritik an zen
tralen doxischen, forschungsleitenden Annahmen die latente Kanonizität
der Volkskunde eher noch steigern, da es mißlingt, das Fach auf eine ein
heitliche (und einheitsstiftende) kognitive Identität festzulegen. Die nach
1970 einsetzende Debatte um eine entweder sozialwissenschaftliche oder
ethnologische bzw. kulturanthropologische Ausrichtung des Faches führt
zu keiner Einigung,181 sondern zu einer Diversifizierung, die sich u.a. darin
spiegelt, daß „Volkskunde" inzwischen unter verschiedenen Benennungen,
178 Vgl. als Beispiel hierfür Scharfe, Kritik.
179 Brednich, Rolf Wilhelm (Hg.): Grundriss der Volkskunde. Einführung in die Forschungs
felder der Europäischen Ethnologie. Berlin 1988, Dieterich Reimer Verlag; angefangen bei
der „Hausforschung" über „Geräteforschung", „Arbeiterforschung", „Frauenforschung"
und bis zu „Volksschauspielforschung" werden hier neue und alte Kanongegenstände in
einzelnen Aufsätzen und ohne Bezug zueinander abgehandelt. In diesem Band unterbleibt
nicht nur eine wissenschaftssystematische Einordnung der Disziplin, und damit ein Hin
weis auf die seit den 60er Jahren veränderten theoretischen und (inter)disziplinären Be
züge, sondern sogar ein Verweis auf die im Untertitel des Bandes thematisierte Namens
und Identitätsdebatte des Faches, die schließlich für die Entwicklung der letzten 30 Jah
re recht wirkungsreich war. So kann der Eindruck entstehen, daß allen Reformversuchen
zum Trotz das Selbstverständnis der Masse der Volkskundlerinnen wenig verändert
wurde in dieser Pauschalität sicher ein unzutreffender Eindruck.
180 Bausinger, Spezifik, S. 4.
181 Vgl. zu dieser Debatte Brückner, Wolfgang (Hg.): Falkensteiner Protokolle. Frankfurt/
M. 1971, insbes. S. 290298; einen komprimierten Überblick ermöglicht die in der Zeit
schrift für Volkskunde, 67. Jg., 1/1971, zwischen Gerhard Lutz (Volkskunde und Kul
turanthropologie. Zur Frage der Ortsbestimmung unseres Faches, S. 113), InaMaria
Greverus (Kulturanthropologie und Kulturethologie: „Wende zur Lebenswelt" und
„Wende zur Natur". S. 1326) und Utz Jeggle (Beharrung oder Wandel? Fragen an eine
kulturanthropologisch ausgerichtete Ethnologie, S. 2637) ausgetragene Debatte um die
kognitive Identität der zu reformierenden Volkskunde, bzw. der Versuch von Roland
Narr (Volkskunde als kritische Sozialwissenschaft. In: Abschied vom Volksleben, Tü
bingen 1970, Tübinger Vereinigung für Volkskunde, S. 3773), das Fach als „kritische
Sozialwissenschaft" zu bestimmen und von dieser Grundlage aus die konkurrierenden
(insbesondere die ethnologischen und anthropologischen Versuche) zu delegitimieren.
Wissenschaftliche Disziplinierungen nach 1945 121
mit je anderen disziplinären und theoretischen Bezügen und unterschied
lich weitgehend reformiert, betrieben wird etwa als „Volkskunde", „Em
pirische Kulturwissenschaft", „Europäische Ethnologie" und „Kulturan
thropologie".182 Eine einfache Identitätsbestimmung des Faches ist ange
sichts der Berufung auf divergierende kognitive, soziale und historische
Traditionen unmöglich, eine Situation, die auf unabgeschlossene Institutio
nalisierungsprozesse verweist183 und erklärt, weshalb auch in den letzten
Jahren wissenschaftlicher (und nicht nur fachdidaktischer) Bedarf an Auf
sätzen besteht, in denen Aufgaben, Methoden und Theoriebestände des Fa
ches definiert werden.184
Ziel dieser Bemühungen ist es insbesondere, die immer noch bestehende
Kanonizität, also die Definition des Faches über die bearbeiteten Gegen
standsbereiche, durch die Definition einer neuen, einheitlichen Fachortho
doxie zu überwinden. Damit soll auch den Anforderungen und Gefährdun
gen interdisziplinärer Arbeit begegnet werden, die eine wohldefinierte
Fachidentität als Ausgangspunkt disziplinübergreifender Forschung eben
so erfordern,185 wie sie diese Identität im Arbeitsprozeß in Frage stellen.
Diese Aufgabe kann eine auf den Forschungsgegenstand bezogene Fachde
finition naturgemäß nicht erfüllen: Interdisziplinarität läuft hier stets Ge
fahr, in einen „paranoiden" und lähmenden Zustand zu münden, der als
Angriff auf das „eigene" Forschungsterrain und damit als Bestandsgefähr
dung des Faches interpretiert wird.186 Wenig erfolgversprechend sind eben
falls Versuche, die Volkskunde/Empirische Kulturwissenschaft durch die
Festlegung auf eine spezifische Methodik als einheitliches Fach zu definie
182 Vgl. zu den Diskussionen um Falkenstein und der resultierenden heterogenen „Etiketten
lage" des Faches Gerndt, Einleitung, S. 1217.
183 Lepenies (Einleitung, S. ix) sieht als Errungenschaft dieser Institutionalisierungsprozesse
eine disziplinäre Stabilität, die nicht nur durch Berufung auf bestimmte Traditionen, son
dern auch durch die Distanzierung von Traditionsbeständen erreicht werde: „Im Verlauf
solcher Aneignungs und Abstoßungsprozesse sind Transformationsleistungen notwen
dig, durch die historische und aktuelle Problemstellungen, Erklärungs und Interpreta
tionsvarianten umformuliert werden, um die kognitive Identität eines bestimmten Theo
rieprogramms zu wahren." Nach diesen Kriterien haben die unter verschiedenen Etiket
ten firmierernden volkskundlichen (Nachfolge)Fächer keine übergreifende institutionelle
Stabilität erlangt.
184 Vgl. etwa Gerndt, Helge: Zur Perspektive Volkskundlicher Forschung. In: Zeitschrift für
Volkskunde, 76. Jg., 1/1980, S. 2236, Bausinger, Spezifik, oder auch Lindner, Identität.
185 Rolf Lindner (Identität, S. 6f.) weist darauf hin, daß von Seiten der Soziologie die Volks
kunde offenbar nicht als interdisziplinärer Arbeitspartner angesehen wird, eine Einschät
zung, die er auf die mit der hier dargestellten Problematik eng verwandte fehlende
Selbstreflexivität des Faches zurückführt.
186 Vgl. hier etwa die bis jetzt noch „unterschwelligen" Irritationen in den Folgedisziplinen
der Volkskunde, die durch die Gründung einer Sektion „Europäische Ethnologie" der
Deutschen Gesellschaft für Völkerkunde auf der Leipziger Tagung der DGV ausgelöst
wurden; vgl. zu dem als problematisch erfahrenen „Interaktionsfeld" zwischen Volks
kunde und Völkerkunde Welz, Gisela: Inszenierungen kultureller Vielfalt. New York
City und Frankfurt am Main. Berlin 1996, Akademie Verlag, im Druck.
122 Die Produktion von Wissen, die Reproduktion von Disziplinarität
ren. Solche Vorhaben, durch eine Ausweitung, Verfeinerung und Automa
tisierung der Methoden empirischer Forschung eine stabile Fachidentität zu
erreichen, scheitern an der Heterogenität der (traditionellen) Forschungs
felder und dem expliziten Forschungsinteresse, insbesondere die „Polyse
mantik" der beobachteten Phänomene herauszuarbeiten denn gerade
durch die Anwendung unterschiedlicher Methoden lassen sich unterschied
liche Wirklichkeiten (re) konstruieren.187
Auch wenn die von Bausinger, Heilfurth und anderen zu Beginn der 60er
Jahre begonnene Debatte um den theoretischen und wissenschaftssystema
tischen „Ort" des Faches nicht zu einer einheitlichen disziplinären Bestim
mung führte, so wurden trotzdem dringend notwendige Korrekturen am
Selbst und Fachverständnis vorgenommen. Hiermit reagierte die Volks
kunde auf Veränderungen sowohl der gesellschaftlichen Wirklichkeit als
auch des akademischen Feldes. Die angestammte Reliktforschung war
durch eine beschleunigte Dynamik der industriellen Modernisierung aller
Lebensbereiche mehr und mehr marginalisiert worden, und auch der gesell
schaftlich definierte wissenschaftliche „slot" des Faches hatte sich verscho
ben. InaMaria Greverus thematisierte dies 1969 als besorgniserregend ge
ringen „gesellschaftliche[n] Statuswert unseres Faches".188 Aber auch inner
wissenschaftliche Veränderungen wie zunehmende Professionalisierung
der Nachbardisziplinen und der Zwang zur „reflexiven Verwissenschaftli
chung"189 forderten eine theoretische Neuorientierung des Faches heraus,
187 Bonß/Hartmann (Wissenschaft, S. 20ff) diskutieren diesen Befund im Zusammenhang mit
der in der Wissenschaftstheorie dirkutierten „Entzauberung positivistischer Wissen
schaftsideale"; in der Volkskunde wird diese „Methodenpluralität" in ihren wissenschafts
theoretischen Implikationen weniger diskutiert, sondern vorwiegend praktiziert (vgl.
etwa Brednich, Quellen und Methoden).
188 Greverus, Bezugsrichtung, S. 17;
189 Vgl. hierzu Beck, Risikogesellschaft, S. 254ff., der als „reflexive Verwissenschaftlichung"
den Prozeß bezeichnet, in dem Wissenschaft, da sie in der Moderne zunehmend mit ih
ren eigenen Produkten, Mängeln und Folgeproblemen konfrontiert wird, ihre eigenen
Prinzipien der Erkenntnis und Aufklärung auch auf sich selbst anwenden muß. Dieser
Zusammenhang wurde in der Volkskunde erstmals Anfang der 60er Jahre von Hans Mo
ser (Vom Folklorismus in unserer Zeit. In: Zeitschrift für Volkskunde, 58. Jg., 2/1962, S.
177209, und Ders.: Der Folklorismus als Forschungsproblem der Volkskunde. In: Hessi
sche Blätter für Volkskunde, Bd. 55,1964, S. 957) unter dem Label Folklorismusproblem
thematisiert. Moser nimmt dieses Problem der „Volkskultur aus zweiter Hand" vor al
lem als Quellenproblem wahr: bei allen Feldforschungen müsse darauf geachtet werden,
ob es sich um originäre Volkskultur oder ein Rücklaufphänomen (Wissenschaft > Ge
sellschaft > Wissenschaft) handele, um keinen „Fälschungen" aufzusitzen. Damit hält
Moser nicht nur an einem substantialistischen, Authentizität garantierenden Volks kultur
begriff fest, sondern privilegiert letztlich den exklusiven Anspruch der Wissenschaft auf
„Repräsentation". Anthony Giddens (The Consequences of Modernity. Stanford 1990,
Stanford University Press, S. 15f.) dagegen weist wie Ulrich Beck darauf hin, daß dieses
Verhältnis durch einen dialektischen Prozeß bestimmt ist, bei dem wissenschaftliches
Wissen die Gesellschaft und gesellschaftliches Wissen die Wissenschaft in einem steten
Austausch beeinflußt, ein „reflexive ordering and reordering" beider Bereiche.
Wissenschaftliche Disziplinierungen nach 1945 123
die die eigenen Traditionen und Grundlagen einer kritischen Durchsicht
unterwarf.190 Auf diese komplexe Situation reagierten die „Reformer" des
Faches mit einer Wende zur Kultur(theorie), die das Fach aus seiner selbst
verschuldeten wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Marginalisierung
herausführen, eine Kritik der Fachtradition ermöglichen und gleichzeitig
emanzipatorische Ansprüche an wissenschaftliche Praxis191 erfüllen sollte.
Grob vereinfachend reagiert diese Perspektivenverschiebung hin zu ei
ner Beobachtung von Kultur darauf, daß der volkskundliche Gegenstands
bereich langsam marginalisiert wird: Die von den bäuerlichdörflichen Un
tersuchungsgruppen geschaffenen, als „authentisch" und „originär" konzi
pierten „Objektivationen im materiellen und geistigen Kulturbereich"192
werden von industriellen, massenhaft produzierten und daher keine „Origi
nalität" mehr besitzenden Gütern verdrängt. Konnten diese Objektbereiche
von der älteren Volkskunde wenn auch mit zweifelhaftem Recht als Ver
weisungszusammenhang interpretiert werden, bei dem auf die Wesenhaf
tigkeit (Volkstowlichkeit193) der Produzentenschichten geschlossen wurde,
ist dies bei industriell hergestellten Massen(konsum)gütern nicht mehr le
gitimierbar. Sie müssen als Handlungszusammenhang interpretiert werden,
um auf Eigenheiten und Eigenschaften derjenigen schließen zu können, die
mit ihnen umgehen. Unter dieser Perspektive wird schließlich auch dem
noch für die oben erwähnte, in den 60er Jahren in der Volkskunde geführte
„Folklorismusdebatte" grundlegenden Authentizitätsproblem die Grundla
ge entzogen: „In capitalist societies there is no socalled authentic folk cul
ture against which to measure the „inauthenticity" of mass culture, so be
moaning the loss of the authentic is a fruitless exercise in romantic nostal
gia."194
Der hier skizzierte Cultural Switch der Volkskunde basiert also auf ei
nem Wechsel des Beobachtungsfocus von den Dingen zum Umgang mit
Dingen, bei dem die Authentizitätsannahme gegenüber den materialisierten
Produkten aufgegeben und, zu einer Kreativitätsannahme gewandelt, auf
190 Daß diese „innerfachlichen" Gründe der Neuorientierung zusätzlich durch ein „Genera
tionenproblem" katalysiert wurden, darauf verweist nicht nur die Liste der Teilnehmer
an der Falkensteiner Tagung (abgedruckt in Brückner, Protokolle, S. 329331), bei der 11
institutionell dauerhaft Abgesicherten (7 Professoren, 4 Museumsbedienstete) 34 „Nach
wuchswissenschaftler" (16 Assistenten, 1 Rat, 1 Privatdozent; 2 Promovierte; 14 Unpro
movierte) gegenüberstanden, sondern auch eine von Utz Jeggle (Wertbedingungen, S. 33)
kolportierte Aussage eines Fachkollegen auf der 1969 stattfindenden Detmolder „Vor
läufertagung": „Ihr Tübinger braucht keine Theorie, euch gehört ganz praktisch der Hin
tern versohlt." Das sich in dieser Prügelordnung manifestierende, angestammte Autori
tätsgefälle wurde durch die Reformversuche notwendig ebenso delegitimiert wie die eta
blierte konzeptionelle Ausrichtung der Volkskunde.
191 Vgl. hierzu insbes. Jeggle, Wertbedingungen, oder Greverus, Bezugsrichtung.
192 Jacobeit/Mohrmann, Gegenstand, S. 214.
193 Vgl. hierzu Bimmer, Andreas C.: Vom „tum" in der Volkskunde. In: Österreichische
Zeitschrift für Volkskunde, Neue Serie, Bd. XLIV, 1990, S. 150173.
194 Fiske, John: Understanding Populär Culture. Boston 1989, Unwin Hyman, S. 27.
124 Die Produktion von Wissen, die Reproduktion von Disziplinarität
das sich nicht notwendig materialisierende Verhalten der untersuchten Be
völkerungsschichten übertragen wird.195 Dieser Perspektivenwechsel war
schon Ende der 20er Jahre eingeleitet worden. So betonte etwa Julius
Schwietering 1927 in seinem Aufsatz zu „Wesen und Aufgaben der deut
schen Volkskunde", daß künftig nicht mehr nach Volkslied, Sage oder
Tracht zu fragen sei, sondern nach Singen, Erzählen und Sichkleiden. Ri
chard Weiss führte in seiner „Volkskunde der Schweiz" diesen Ansatz wei
ter, beschränkte allerdings die Analyse auf die Untersuchung von kollek
tiven, nicht zweckrational motivierten und traditional orientierten Verhal
tensweisen. Eine direkte Folge dieser Verlagerung der Aufmerksamkeit auf
die Beobachtung von Verhalten und den Umgang mit Objekten ist, daß ab
den 60er Jahren nach einer kurzen, von Objektivierungswünschen getra
genen Phase „harter Quantifizierung"196 die „Rückgewinnung der ethno
graphischen Dimension" (Utz Jeggle) eingeklagt wird. Uber Anleihen beim
Feldforschungsparadigma der Ethnologie und unter Rückgriff auf ethno
methodologische Verfahren soll in der Volkskunde eine qualitative teil
nehmende oder zumindest dabeistehende197 Beobachtung von Verhalten
ermöglicht werden198, das je im sozialen und historischen Kontext interpre
tiert werden soll.199
195 Fiske (ebd., S. 28) formuliert diesen Bruch mit ehemals gültigen Annahmen sehr deutlich:
„The creativity of populär culture lies not in the production of commodities so much as
in theproductive use of industrial commodities." (Hervorhebung von mir, S.B.) Vgl. hier
zu die grundlegenden Bestimmung des Begriffspaares von „objektiver" (die Bedingun
gen der Industriegesellschaft und deren Güter) und „subjektiver" (Aneignung der „ob
jektiven") Kultur bei Jacobeit/Mohrmann, Gegenstand, S. 215ff.; Gottfried Korff greift
diese Definitionen auf und bestimmt Kultur als AMtagsprodukt und gleichzeitig Alltags
regulativ (Korff, Kultur, S. 74f.) und damit als wesentliche Kategorie zur Analyse des
Alltags, verstanden als „Schnittpunkt soziokultureller Prozesse" (ebd., S. 80).
196 So „bekennt" etwa Utz Jeggle (Zur Geschichte der Feldforschung in der Volkskunde. In:
Ders. (Hg.): Feldforschung. Qualitative Methoden in der Kulturanalyse. Tübingen 1984,
Tübinger Vereinigung für Volkskunde, S. 1146, S. 12) selbstironisch, daß es nach der hier
beschriebenen Wende lange Zeit sein Ziel gewesen sei, „eine volkskundliche Arbeit zu
veröffentlichen, die zu mehr als 50% aus Zahlen bestehen sollte."
197 Vgl. zu dem sehr treffenden Begriff „dabeistehende Beobachtung" van de Graf/Rotten
burg, Feldforschung.
198 Während gemäß der obigen Argumentation sich die „ethnographische" Wende der
Volkskunde folgerichtig aus dem „Cultural Switch" ergibt, und damit eher innerdis
ziplinäre Gründe thematisiert werden, erklärt Thomas Hauschild die in Ethnologie und
den volkskundlichen Nachfolgefächern zu beobachtende „Rückkehr des Ethnologen" in
die eigene Gesellschaft (Hauschild, Thomas: Zur Einführung Formen Europäischer
Ethnologie. In: Heide Nixdorf, Thomas Hauschild (Hg.): Europäische Ethnologie. Theo
rie und Methodendiskussion aus ethnologischer und volkskundlicher Sicht. Berlin 1982,
Dieterich Reimer Verlag, S. 1126, S. 21) einerseits durch die mit Ende des Kolonialismus
ausgelöste Krise der ethnologischen Feldforschung und andererseits mit dem Ende des
„soziologischen Jahrzehnts" in den Gesellschaftswissenschaften, dem ein „Ethnologie
Boom" gefolgt sei.
199 Vgl. zu einer auf diesen Merkmalen volkskundlicher Forschung beruhenden Definition
des Faches Bausinger, Spezifik.
Die erfolgreiche Verwandlung der Alchemisten in Chemiker 125
Die erfolgreiche Verwandlung der Alchemisten in Chemiker
An einem bestimmten Punkt der wissenschaftlichen Entwicklung so Mi
chelRolph Trouillot mußten sich die Alchemisten zu Chemikern wan
deln, um nicht einfach von der Bildfläche zu verschwinden. Für das wissen
schaftliche Fach Volkskunde kann ein paralleler Prozeß in den oben darge
stellten Entwicklungen des innerfachlichen Diskurses und des wissen
schaftlichen Selbstverständnisses beobachtet werden. Als kontinuierlicher
Prozeß des kumulierten Wissensfortschritts können diese Entwicklungen
aber schon allein deshalb nicht beschrieben werden, weil unter einer solchen
Perspektive die Dialektik von Anschluß und Distanzierungsleistungen ge
genüber den Wissensbeständen der jeweils herrschenden Fachorthodoxie
ebenso unsichtbar bliebe wie die Dekonstruktion und (Re)Konstruktion
von „Vorläufern" im Kampf um akademische Reputation. Angesichts sol
cher Diskontinuitäten wäre es im Rahmen dieses stichprobenartigen
Durchgangs durch volkskundliche Theorien, Modellvorstellungen und Ge
genstandskonzeptionen vermessen, einen „Umschlagspunkt" des fachwis
senschaftlichen Diskurses zu bestimmen, ab dem von „Alchemie" auf
„Chemie" umgeschaltet wurde. Trotzdem denke ich, daß ein zentraler
(Um) Schalter in der Entwicklung eines komplexen Kulturkonzeptes für
die Disziplin verortet werden kann. Allerdings setzt dieser Cultural Switch
die Verschiebung des Beobachtungsfocus von „volkskulturellen" Ob
jekt(ivations)bereichen auf „volkstümliches" und später „sozialspezifi
sches" Verhalten voraus dies soll im folgenden zusammenfassend präzi
siert werden.
Der Festlegung der Volkskunde in ihrer institutionellen Geburtsstunde
auf die Untersuchung des „generell stagnierenden Momentes" (Hoffmann
Krayer), des „ursprünglichen, kollektiv gebundenen Teiles des Wesens des
Volkes" (Strack) bzw. der Beschränkung auf die Erforschung der „Unter
welt der Zivilisation" (Dieterich) und der „Urverbundenheit" des Volkes
(von Geramb) liegt implizit ein „einfaches" Kulturmodell zugrunde. Cha
rakteristisch hierfür ist etwa die Vorstellung, daß die statische „Volkskul
tur" durch industriegesellschaftlich induzierte soziale Differenzierung
»zerstört" wird, „where somehow the noncultural [i.e. Zivilisation/Gesell
schaft] creates differentiation and often threatens with conflict and disinte
gration, while shared culture, whether through consensus or hegemony,
unites."200 Diese Modellvorstellung ist in besonderem Maße kleinen, ver
meintlich weitgehend abgeschlossenen und kaum arbeitsteilig organisierten
200 Hannerz, Ulf: Cultural Complexity. Studies in the social Organization of meaning. New
York, Chi ehester 1992, Columbia University Press, S. 15. Hannerz arbeitet heraus, daß
sich dieses Modell einer „shared culture" in der frühen Anthropologie bedingt durch
Untersuchungen in „smallscalesocieties" zu einer „intellectual default position" entwik
keln konnte, die auch heute noch Gültigkeit erlangt, wenn „there is no reason for thinking
otherwise". (Ebd. 11)
126 Die Produktion von Wissen, die Reproduktion von Disziplinarität
Forschungsfeldern angepaßt, wie sie die frühe Volkskunde bevorzugt un
tersuchte und in denen sozial ungeteilte Kultur201 die Einheit des Untersu
chungsobjektes „Volkskultur" zu gewährleisten schien. Im Gegensatz dazu
läßt sich „shared culture" in sozial stark differenzierten Forschungsfeldern
kaum konstruieren. Konsequenz dieser Vorannahme ist, daß die Volkskun
de für die Untersuchung komplexer Gesellschaften schlecht gerüstet ist und
sich daher auf deren Gegenbild verlegen muß.202 Die von diesem Einfach
modell der Kultur erzeugten leitenden Unterscheidungen wurden oben be
reits genannt: KulturZivilisation, ModerneVormoderne usw.
Ein Nachwirken dieses VolkskulturKonzeptes der frühen Volkskunde,
die Kultur lediglich als „shared culture" konzipierte und in dem Kultur
letztlich wie eine gemeinsame Sprache behandelt wird, läßt sich auch in den
Entwürfen von Julius Schwietering und Richard Weiss festmachen. Bei
Schwietering führt dieses Kulturkonzept folglich dazu, das Untersuchungs
feld auf das gering arbeitsteilige und schwach sozial gegliederte dörflich
bäuerliche Milieu zu beschränken, um die durch Differenzierungsprozesse
marginalisierte „shared culture" auch noch Ende der Weimarer Republik
beobachten zu können. Richard Weiss verfolgt den umgekehrten Weg der
Ausweitung des Untersuchungsfeldes auf die Gesamtgesellschaft, in deren
unterschiedlichen sozialen Schichten er überall „volkstümliche Reste",
„ständisch gebundene, brauchmäßige Lebensformen" auszumachen ver
meint, eine „Volkstümlichkeit", die letztlich den Zusammenhalt des Volkes
garantiert. Aufgegeben wird dieses Einfachkonzept einer Gemeinschaft
lichkeit garantierenden „shared culture" erst in den 60er Jahren durch An
sätze, wie sie von Hermann Bausinger und Gerhard Heilfurth vertreten
wurden. So grenzte sich etwa Bausinger deutlich gegen die im Fach vorherr
schende Vorstellung der Volkskultur als „traditionaler Teil der Gesamtkul
tur" ab; stattdessen definierte er als Forschungsfeld die „Kultur der kleinen
Leute", womit soziale Differenz den Ausgangspunkt seiner Reformulie
rung des Kulturkonzeptes bildete. Heilfurth sah die Erforschung des so
z^/kulturellen Lebens als Hauptaufgabe der Volkskunde an, wobei die „so
ziale Verflechtung" der jeweiligen Lebensformen zu berücksichtigen sei.
Anfang der 60er Jahre wurde so in der Volkskunde obwohl erst später
intensiv diskutiert die Ausgangsbasis für ein Kulturkonzept geschaffen,
das soziale Differenzierung nicht nur berücksichtigte, sondern die Vorstel
lung einer sozial differenzierten kulturellen Sphäre als Voraussetzung hat.
Dieses „distributive understanding of culture" (Ulf Hannerz) wurde durch
die Auseinandersetzungen um eine anthropologische oder (kritisch) sozial
201 Um möglichen Verwirrungen durch die deutsche Ubersetzung von „shared culture" als
„geteilte Kultur" zu entgehen und unpassende Konnotationen etwa von „gemeinsamer
Kultur" zu vermeiden, wird im folgenden am englischen Begriff festgehalten.
202 Hannerz (Complexity, S. 12) betont, daß im Ergebnis solche Kulturanalysen stets „aso
cial" geraten müssen, da sie ihren Gegenstand nicht unter den Bedingungen sozialer Diffe
renzierung beobachten können.
Die erfolgreiche Verwandlung der Alchemisten in Chemiker 127
wissenschaftliche Ausrichtung des Faches „Volkskunde" nochmals ge
stärkt, gerade weil der Streit zwischen „Kulturalisten" und „Sozialisten" im
Fach unentschieden endete. Im Fachdiskurs wurde damit sowohl die Kate
gorie „soziale Differenz" als auch die Kategorie „Kultur" fest verankert,
wobei die Kompromißformel ein Kulturkonzept bildet, das Kultur sowohl
als Organisationsprinzip sozialer Unterschiede als auch umgekehrt soziale
Unterschiede als Organisationsprinzip der Kultur thematisierbar macht.
Technik gerät in den Beobachtungsbereich
Mit dem hier beschriebenen Perspektivenwechsel auf die Beobachtung von
Verhalten und der Entwicklung eines komplexen, der Untersuchung der
Industriegesellschaft angemessenen Kulturbegriff es sind die Voraussetzun
gen benannt, unter denen der alltägliche Umgang mit Technik beobachtbar
und als kulturelle Leistung thematisierbar wird. Während unter der Maßga
be der „Volksseelenforschung" und ihres „Einfachmodells" der Kultur die
technikbasierte Zivilisation allein als Bedrohung des AuthentischVolks
tümlichen verstanden werden konnte oder allenfalls als Negativfolie diente,
um Reste von wahrer Volkstümlichkeit zu konturieren, wurden ab den 60er
Jahren auch kulturelle Industrialisierungsfolgen zu einem legitimen For
schungsgegenstand der Volkskunde. Es ist daher mehr als nur eine zeitliche
Koinzidenz, daß die Studien von Brepohl, Bausinger, Braun und Bentzien
um 1960 unterschiedliche Aspekte des Technikumgangs beschreiben, wo
bei es ihnen nicht mehr um die Herausarbeitung eines „ursprünglichen"
°der autonom konzipierten „Volkswesens" geht, sondern um die Beschrei
bung kultureller Prozesse, in denen sich durch die Technisierung des All
tags soziale und kulturelle Lebensbedingungen verändern. Gemeinsamer
Nenner dieser Studien ist die Beobachtung und Beschreibung von Verände
rungen der „objektiven Kultur" und der daraus resultierenden Modifikatio
nen der „subjektiven Kultur", der zwar nicht selbstbestimmten, aber zu
mindest von den „kleinen Leuten" selbst vorgenommenen Aneignungs
und Anpassungsleistungen an die veränderten Lebensbedingungen.
Der in der Disziplin Volkskunde seit den 60er Jahren sich langsam eta
blierende, veränderte „style of reasoning" trug zur Beseitigung ehemals be
stehender blinder Flecke des Faches bei und ermöglichte durch Veranke
rung eines komplexen Kulturbegriffs und qualitativer Methodiken, die die
Untersuchung von sozialem Verhalten ermöglichten eine Ausweitung sei
nes Gegenstandsbereiches von der Thematisierung der „shared culture" zur
Analyse kultureller Differenz. Erst auf der Grundlage dieses modifizierten
»style of reasoning" fällt auch die hier verfolgte Frage nach dem (alltags)
kulturellen Umgang mit Technik in den Bereich disziplinär akzeptablen
Frageinteresses so erklärt sich die geringe Zahl der bisher im Fach zu die
sem Thema veröffentlichten Studien.
3. Anmerkungen zur Sachkulturforschung
Die sich in den Studien von Ulrich Bentzien, Hermann Bausinger, Wilhelm
Brepohl und Rudof Braun abzeichnende wissenschaftliche Auseinander
setzung mit den alltäglichen Folgen der Technisierung erschien in den 60er
Jahren auch deswegen naheliegend, weil bereits die ältere Volkskunde
durch die „Beschäftigung mit profanen und alltäglichen Artefakten"1 ein
eigenes, traditionsreiches Forschungsfeld konstituiert hatte. Diese Sach
(kultur)forschung zählte seit langem zu den Spezifika der Disziplin und
bildete in ihren verschiedenen, oft heterogenen Themenbereichen auch
Grundlage für die Definition des fachidentitätsstiftenden Kanons. Nach
dem sozial und kulturwissenschaftlichen Umbau des Faches Anfang der
70er Jahre schien daher dieser Forschungszweig prädestiniert zur Erfor
schung der technischmateriellen Kultur der Moderne.
Der Volkskundekongreß des Jahres 1981 sollte mit dem Thema „Um
gang mit Sachen" diese sozial und kulturwissenschaftliche Reorientierung
des Faches auch auf dem Gebiet der Sachkulturforschung dokumentieren.
Dabei erwies sich jedoch, daß die Wende von einer sachbesessen sammeln
den, deskriptiven und vorwiegend antiquarische Interessen verfolgenden
Sachkunde hin zu einer historisch arbeitenden, auf die Alltags/?raxzs auch
moderner Gesellschaften ausgerichteten und semiotisch analysierenden
Kulturforschung zwar vollzogen worden war, diese Wende für die eigentli
che Sachkulturforschung jedoch nicht oder nur unvollkommen geglückt
war. Die bereits oben dargestellten Beiträge von Helmut Paul Fielhauer,
Peter Assion und Andreas Kuntz bilanzierten etwa eine Beschränkung der
Forschungen auf das bäuerlichspätfeudale Umfeld bzw. die dort verwen
deten Geräte und Werkzeuge und kritisierten die fehlende Berücksichti
gung sozialer, wirtschaftlicher oder politischer Bedingungen oder die An
wendung von Einfachtheorien wie etwa der Innovations oder Diffusions
forschung, die sozial und kulturwissenschaftlichen Interpretationserfor
dernissen nicht genügen konnten. Für die Sachkulturforschung und spe
ziell die volkskundliche Geräteforschung kann daher eine bedeutende
1 Korff, Bemerkungen zum Wandel, S. 1.
Konturen der Sachkulturforschung 129
praktische „Verspätung" gegenüber den im Fach theoretisch diskutierten
Positionen diagnostiziert werden, die auch für die Thematisierung von
Technik im Fach folgenreich war. Im hier verfolgten Fragezusammenhang
besteht kein Anlaß, den Gründen für dieses „time lag" systematisch nach
zugehen.2 Im folgenden werden lediglich thesenartig einige Sichtweisen
und Untersuchungsperspektiven der Sachkulturforschung herausgegriffen,
die für die in den folgenden Kapiteln vorzunehmende Thematisierung des
„Umgangs mit Technik" hilfreich sein können. Damit soll eine Präzisie
ning des zu erarbeitenden Theoriebestandes erreicht werden.
Konturen der Sachkulturforschung
In neueren programmatischen Bestimmungen wird als Ziel der volkskund
lichen Sachkulturforschung die Analyse der „materiellen Gegenstände" des
Alltagslebens3 in ihren „jetzigen und historischen Verwendungszusam
menhängen"4 benannt. Die untersuchten Sachgüter sollen dabei vor allem
als „Indikatoren (beobachtbare Merkmale) von kulturellen Prozessen und
gesellschaftlichen Zusammenhängen"5 interpretiert werden, indem die Sa
chen und der Umgang mit ihnen darauf befragt werden, wie sie „das Leben
der Menschen in ihren spezifischen regionalen, zeitlichen und sozialen
Umständen bestimmten"6. Der besondere sozial und kulturgeschichtliche
Quellenwert rekonstruierter alltäglicher Sachsysteme bzw. „persönliche(r)
°der familiäre(r) »Sachuniversa«"7 besteht hierbei für die Sachkulturfor
2 Vgl. zur fachgeschichtlichen Einordnung der Sachkulturforschung Uwe Meiners: For
schungen zur historischen Sachkultur. Zwischen Interpretation und Statistik. In: der
Deutschunterricht VI, 1987 (= Volkskunde als empirische Sozialwissenschaft, hg. von
Hermann Bausinger), S. 1736; NilsArvid Bringeus: Perspektiven des Studiums mate
rieller Kultur. In: Jahrbuch für Volkskunde und Kulturgeschichte, 29. Bd., 1986 (Neue
Folge: 14. Bd.), S. 159174; RuthE. Mohrmann: Perspektiven historischer Sachfor
schung. In: Schweizerisches Archiv für Volkskunde, 88. Jg., Heft 34, 1992, S. 142—160;
Hauser, Erben. Zum Potential der „mikroanalytischen Sachforschung" vgl. Tamäs Ho
fer: Gegenstände in dörflichem und städtischem Milieu. Zu einigen Grundfragen der
mikroanalytischen Sachforschung. In: Günter Wiegelmann (Hg.): Gemeinde im Wan
del. Volkskundliche Gemeindestudien in Europa (^Beiträge des 21. Deutschen Volks
kundekongresses in Braunschweig 1977. Münster 1979, Coppenrath Verlag, S. 113135.
Gerndt, Helge: Studienskript Volkskunde. Eine Handreichung für Studierende (=
Münchner Beiträge zur Volkskunde, Bd. 12). München 1990, MünchnerVereinigung
für Volkkunde, S. 111.
^ Brednich, Quellen, S. 77.
5 Ebd., S. 77.
6 Meiners, Uwe: Sachkulturforschung und Alltagsgeschichte. In: Gottfried Korff, Hans
Ulrich Roller (Hg.): Alltagskultur passe? Positionen und Perspektiven volkskundlicher
Museumsarbeit. Referate und Diskussionen der 10. Arbeitstagung der Arbeitsgruppe
«Kulturhistorisches Museum" in der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde in Stutt
gart/Waldenbuch vom 6. bis 9. Oktober 1992. Tübingen 1993, Tübinger Vereinigung
für Volkskunde, S. 5968, S. 66.
Hof er, Gegenstände, S. 120.
130 Anmerkungen zur Sachkulturforschung
schung vor allem darin, daß deren Analyse Einblicke in die „sozialen und
mentalen Strukturen" auch von Unterschichten erlaubt, die keine schriftli
chen „Eigenäußerungen und EgoDokumente"8 hinterlassen haben. Vor
allem in Form von „mikroanalytischen Sachforschungen" (Tamäs Hofer)
werden in neueren Arbeiten Sachsysteme „in ihrem funktionalen Lebens
zusammenhang" untersucht. Diese Forschungen sind unterschiedlich mo
tiviert und arbeiten etwa „die »Ordnung der Dinge« in einem Sachuniver
sum (kontextuelle Sicht), den Umgang mit Sachen im Arbeitsablauf (instru
mentelle Sicht), ihre Zeichenhaftigkeit (symbolkommunikative Sicht) und
personale Sinnbezüge (wertende Sicht)"9 heraus. Für Gottfried Korff stellt
die so definierte Sach(kultur)forschung vor allem ein „Klettergerüst in die
Geschichte sozialer und mentaler Strukturen [dar], deren Entschlüsselung
der Volkskundler in enger Korrespondenz mit den erprobten und neuen
Verfahren der Sozialgeschichte und der Soziologie"10 zu betreiben habe.
Diese Definitionen sind Ergebnis eines Prozesses, der aus Sicht der
akademischen Volkskunde und ihrer Nachfolgefächer pointiert als
„Wiederentdeckung des Verdrängten" charakterisiert werden kann. Hatte
noch um 1960 vor allem die Untersuchung der „substratgebundenen"
(Hermann Bausinger) kulturellen Objektivationen zu den Charakteristika
der Volkskunde gezählt, wandten sich die akademischen Diskussionen um
die 70er Jahre insbesondere gegen diese Sachkulturforschung. Sie wurde im
Zuge der sozial und kulturwissenschaftlichen Wende des Faches für ihre
„masochistische Sammelwut" und „mangelnde(s) wissenschaftliche(s) Pro
blembewußtsein" kritisiert; als deren zweifelhaftes Verdienst wurde allen
falls 150jähriges, eifriges „Sammeln, Registrieren, Archivieren, Numerieren
und Rubrizieren" anerkannt.11 Der sozial und kulturwissenschaftliche
Wert traditioneller, vorwiegend positivistischer Untersuchungsverfahren
wie etwa zur Haus, Geräte, Kleidungs, Nahrungsforschung oder zu
„Wohnen und Wirtschaften" wurde in diesen Diskussionen nachhaltig be
stritten.
Mit diesem wissenschaftlichen Reputationsverlust korrespondierte eine
„Abstimmung mit den Füßen", denn auch Lehrveranstaltungen zu sach
kulturellen Themen wurden nach Aussage des Sachforschers KarlSigis
mund Kramer Ende der 60er Jahre von einer „auf das Sozialwissenschaftli
che ausgerichteten Studentengeneration [...] nach und nach ignoriert oder
auch boykottiert".12 Dafür, daß die Beschäftigung mit „der gegenständli
8 Korff, Bemerkungen, S. 15.
9 Gerndt (Studienskript, S. 122) verweist damit auf die von Bringeus (Perspektiven) vor
genommene Systematik unterschiedlicher, meist in Kombination angewandter For
schungsperspektiven.
10 Korff, Bemerkungen, S. 16.
11 Vgl. Schock, Sammeln, S. 86, 101.
12 Kramer, KarlSigismund: „Materielle" und „geistige" Volkskultur. Torsten Gebhard
zum 60. Geburtstag. In: Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde 1969, S. 8084, S. 81.
Konturen der Sachkulturforschung 131
chen Volkskultur" Ende der 60er Jahre selbst den „musealen" Beige
schmack dauerhafter Stillegung angenommen hatte, macht Kramer jedoch
neben zeitgeistigstudentenrevolutionären Gründen ein ganzes Ursachen
bündel aus: Die Spezialisten für Sachkulturforschung seien außerhalb der
Universitäten, in den Museen zu finden und daher von der akademischen
Versozialwissenschaftlichung des Faches weniger berührt. Disziplinkon
kurrentielle Gründe macht er für universitäre Identitätsprobleme des Fa
ches verantwortlich, auf die mit einer Hinwendung zu den Sozialwissen
schaften geantwortet werde: In ihrer „»geisteswissenschaftlichen« Umge
bung wird die Volkskunde immer ein wenig über die Achsel angesehen
[...] und wird sich stärker darauf konzentrieren, [...] sich energisch von
dieser Tradition [der Volkskunde] distanzierend, sich als »Sozialwissen
schaft« zu proklamieren" .13 In dieser Situation sei es wenig verwunderlich,
wenn die Sachkulturforschung durch die sich reorganisiserende Volkskun
de ignoriert werde. Aber Kramer gesteht als Grund für diese Marginalisie
rung der Sachforschung im Fach auch ein, daß in der Vergangenheit falsche
Sammlungsstrategien der Museen, mit denen allein auf außergewöhnliche
und besondere Zeugnisse der Vergangenheit gezielt wurde, zu einer Ver
nachlässigung der Alltagskultur und der Moderne geführt hätten. Darüber
hinaus konstatiert er generell ein weitreichendes Reflexionsdefizit bei den
(Museums)Praktikern, das den Wert bisheriger Forschungen zur Sachkul
tur teilweise schwer beeinträchtigt habe.
Im Ergebnis kann spätestens ab den 70er Jahren ein rapider Reputa
tionsverlust der Sachkulturforschung im innerfachlichen, von sozial und
kulturwissenschaftlichen Theoriebezügen geprägten Diskurs festgestellt
Werden, der sie zunehmend als akademisch „illegitime Kunst" ohne wis
senschaftlichen und praktischen Wert erscheinen ließ. Diese Abwertung im
akademischen Diskurs bedeutete jedoch nicht ein Ende solcher Forschun
gen insgesamt. Vor allem in Museen, aber auch an weniger sozial und kul
turwissenschaftlich gewendeten VolkskundeInstituten, wurde nach wie
vor unter kaum modifizierten Frageperspektiven etwa Haus oder Trach
tenforschung betrieben. In dieser Situation bedeutete der Volkskundekon
greß 1981 unter dem Thema „Umgang mit Sachen" also auch einen Ver
such der akademischen, modernisierten Volkskunde, „das Gespräch voran
zutreiben mit Museumsleuten, die jene neue [sozialwissenschaftliche]
Wendung sehr mißtrauisch verfolgt"14 hatten. Das Anfang der 70er Jahre
Kramer, Volkskultur, S. 81.
Hermann Bausinger in „Diskussion", S. 104. Im gleichen Interview betonte Scharfe die
Notwendigkeit, daß sich die universitäre Volkskunde mit ihren Popularisierungen aus
einandersetzen müsse und zog damit für das Fach eine folgenreiche Lehre u.a. aus den
Diskussionen zum FolklorismusProblem: „Wissenschaftliche Erkenntnisse verbreiten
sich nach außen, werden benutzt und verändern sich, z.B. im Folklorismus, im Fleimat
bewußtsein, im Brauchtum. ... Bei unseren Diskussionen hat das eine große Rolle ge
spielt, weil wir meinen: wir können dieses Feld gar nicht so einfach räumen also die
132 Anmerkungen zur Sachkulturforschung
geräumte Feld der Sachkulturforschung wurde damit von der akademi
schen Volkskunde mit dem inzwischen entwickelten sozial und kultur
wissenschaftlichen Instrumentarium im Handgepäck wiederentdeckt und
gründlich umstrukturiert.
Von Seiten der Sachforschung wurde dies weniger als Kritik, denn posi
tiv als „Beginn einer Neubewertung, einer Aufwertung der Sachforschung"
oder als Ende der „unguten Hierarchisierung" erfahren, „die die Beschäfti
gung mit der geistigen Kultur ungleich höher ansetzte als die mit Realien
und Objekten".15 Die entgegengesetzte Bewertung erscheint allerdings zu
treffender: Durch den wissenschaftlichen Kongreß zum Thema Sachkul
turforschung wurde dieser traditionale Forschungszweig der alten Volks
kunde nach seiner weitgehenden Delegitimierung durch den universitären
Diskurs wieder akademisch „geadelt", indem sein „style of reasoning" ra
dikal modifiziert und vor allem sozial und kulturtheoretisch informierte
Fragestellungen etabliert wurden. Daß dieser Versuch einer sozialwissen
schaftlichen Ausrichtung der Sachkulturforschung in der akademischen
Volkskunde und der volkskundlichen Museologie immer noch nicht abge
schlossen ist, belegen etwa Diskussionen um zahlreiche Alltagskulturaus
stellungen, deren Tendenz „zum Hinstellen, zum Webkammer und Kü
chenfunktionalismus" Gottfried Korff 1993 kritisierte: „Wo der Alltag
vom großen Ganzen abgeschnitten wird, dominiert die funktionelle, in
strumentelle Perspektive; die Gebrauchswerteigenschaften der Dinge wer
den vorgeführt, aber weder der soziale Sinn noch die kulturelle Bedeutung
der Dinge erschlossen. Was präsentiert wird, ist eine Alzheimersche All
tagskultur, eine Alltagskultur, die gekennzeichnet ist von Zügen des Ge
dächtnisverlustes und der kulturellen Bedeutungsverkürzung."16
Beschäftigung mit den herkömmlichen Feldern der Volkskunde wie Volksliedfor
schung, Trachten, Brauchtum. Denn wenn wir uns nicht damit befassen, dann kommen
die großen Heimatideologen, die Brauchtumspfleger und die Folkloristen."
15 Mohrmann, Perspektiven, S. 153, die hier die schon von Kramer 1969 (Volkskultur) als
grundlegend für die Auseinandersetzungen gehaltene Dichotomie zwischen „materiel
ler" und „geistiger" Volkskultur aufnimmt, ohne jedoch die Berechtigung dieser Ana
lyse zu hinterfragen. Daß es sich hierbei um eine unzutreffende Interpretation handelt,
wird allein dadurch deutlich, daß es in den Diskussionen Ende der 60er und Anfang der
70er Jahre ja gerade nicht darum ging, etwa die „geistige" Volkskultur gegen die „mate
rielle" auszuspielen, sondern darum, die Kategorie „Volkskultur" durch Rückgriff auf
sozial und kulturwissenschaftliche Theorien ebenso zu beseitigen wie die Trennung in
„Materielles" und „Geistiges". Fatal ist diese Bewertung insbesondere, weil hierdurch
der Eindruck erweckt wird, lediglich die Wertschätzung der Sachkulturforschung sei
ungerechtfertigt diskontinuierlich, während sich die Forschungen selbst gerechtfer
tigt hoher Kontinuität erfreuen dürften. Stattdessen ist zu betonen, daß die For
schungskontinuität ungerechtfertigt, die zeitweilige Ablehnung der konservativen, auf
die Konstruktion einer ethnisch definierten „Volksseele" gerichteten Sachkulturfor
schung dagegen gerechtfertigt und ihr sozialwissenschaftlicher Umbau überfällig war.
16 Korff, Gottfried: Die Wonnen der Gewöhnung. Anmerkungen zu Positionen und Per
spektiven der musealen Alltagsdokumentation. In: Korff/Roller, Alltagskultur, S. 18
33, S. 28.
Thesen zur Sachkulturforschung 133
Thesen zur Sachkulturforschung
Diese und ähnliche Kritiken, in denen immer wieder die Beachtung der
„sozialen Zusammenhänge" der Dinge oder die Berücksichtigung ihres
Kontextes eingeklagt wird,17 belegen, daß die soziale und kulturelle Wende
in der Sachkulturforschung zwar eingeleitet und weit fortgeschritten, je
doch noch nicht soweit abgeschlossen ist, daß entsprechende Forderungen
obsolet geworden wären. Nach wie vor besteht also offenbar eine Diskre
panz zwischen den programmatischen Definitionen volkskundlicher Sach
kulturforschung und deren Forschungs und Repräsentationspraxis. Eine
Diskrepanz, die auch in der bislang weitgehend ausgebliebenen Auseinan
dersetzung mit moderner, komplexer Technik beobachtet werden kann:
Obwohl dieser Themenbereich eindeutig in den programmatisch definier
ten Forschungsbereich der Sachkulturforschung fällt und die Untersu
chung des „alltäglichen Verhältnisses zur Technik" (Hermann Bausinger)
in seiner Sozial und Klassenspezifik wiederholt angemahnt wurde, sind
bislang einschlägige Untersuchungen kaum durchgeführt worden.
Im folgenden sollen daher einige der Instrumentarien und Frageper
spektiven der Sachkulturforschung thesenartig daraufhin untersucht wer
den, welcher „bias of professional enculturation" (John Dorst) in der Sach
kulturforschung eine intensivere Analyse des ubiquitären sachkulturellen
Phänomens Technik bislang verhinderte. Die Sachkulturforschung wird im
folgenden als „professionelle Kultur" verstanden; sie verfügt über „its own
discourse/practices which determine the objects deemed worthy of atten
tion, legitimate critical and interpretive approaches, and police the Stan
dards according to which professional judgements are made."18 Einige die
ser „biases" sollen im folgenden ohne Anspruch auf Repräsentativität für
alle Zweige der Sachkulturforschung zu erheben unter der Perspektive
problematisiert werden, inwieweit sie hilfreich oder hinderlich für die Ana
lyse von „Technik im Alltag" sind.
17 VgL zu dieser eigentlich ganz selbstverständlichen Perspektive bei der Sachanalyse die
Forderungen an die Museumsvertreter etwa von Meiners, Sachkulturforschung; Foer
ster, Cornelia: Sammeln oder Nichtsammeln und was dann? Zur Aussagekraft histo
rischer Objekte. In: Korff/Roller, Alltagskultur, S. 3458; oder Beier, Rosemarie: Zur
Kontextualisierung des Alltags. Ansätze und Erfahrungen im Deutschen Historischen
Museum. In: Ebd., S. 171184. Auch in allgemeinen Beiträgen zur (akademischen)
Sachkulturforschung wird immer wieder auf die Notwendigkeit verwiesen, die unter
suchten Dinge im je spezifischen Kontext zu analysieren zur Kritik des in diesen Bei
trägen meist verwendeten unterkomplexen „Kontext"Begriffes vgl. unten.
18 Dorst, John: Tags and Burners, Cycles and Networks: Folklore in the Telectronic Age.
In: Journal of Folklore Research, Vol. 27, No. 3, 1990, S. 179190, S. 179; Dorst
thematisiert in seinem Aufsatz die „blind spots" gängiger „FolkloreKonzepte", die
durch die Curricula der universitären Ausbildung immer wieder neu bestätigt und so
festgeschrieben würden.
134 Anmerkungen zur Sachkulturforschung
These 1: Der in der Volkskunde und ihren Nach folge fächern nach 1970
etablierte „style of reasoning" und die Orientierung an den
Nachbardisziplinen Soziologie, Ethnologie und der amerikani
schen Cultural Anthropology erschwerten die Thematisierung
„ materieller Kultur
Fachhistorisch können für die Vernachlässigung der materiellen Kultur
durch die Volkskunde „wissenschaftsorganisatorische Gründe die enge
Verbindung volkskundlicher Bestrebungen mit der Germanistik, der ger
manischen Altertumskunde und Philologie"19 verantwortlich gemacht
werden. Dieser geisteswissenschaftliche Bias der Disziplin erscheint jedoch
ab den 1970er Jahren als überwunden, als sich das Fach sozial und kultur
wissenschaftlich umorientierte. Allerdings war mit dieser Wende des „style
of reasoning" keine Blüte sachkultureller Untersuchungen verbunden, son
dern eher deren Marginalisierung in dem durch die neue Fachorthodoxie
legitimierten Feld disziplinarer Forschungsgegenstände. Günter Wiegel
mann etwa bemerkte 1977 lakonisch: „In Westdeutschland hat der Einfluß
der Soziologie und Cultural Anthropology seit einigen Jahren zu einer ge
wissen Stagnation der Sachforschung geführt."20
Für diese Entwicklung in der Volkskunde und ihren Nachfolgefächern
sind auch die Debatten im Vorfeld und bei der eigentlichen Tagung in
Falkenstein 1970 symptomatisch.21 In den fast eine ganze Woche dauern
den Diskussionen wurde versucht, eine kompromißfähige, allgemein ver
bindliche Definition des Aufgabenbereiches des ehemaligen Faches Volks
kunde zu finden und dem Ganzen einen neuen Namen zu geben. Die
Falkensteiner KompromißFormel lautete schließlich:
„Sie [die „Volkskunde"] analysiert die Vermittlung (die sie bedingenden Ursachen
und die sie begleitenden Prozesse) von kulturalen Werten in Objektivationen und
Subjektivationen. Ziel ist es, an der Lösung soziokulturaler Probleme mitzuwir
ken."22
Dieser definitorischen Einigung waren, neben ausführlichen Debatten um
die Anwendung angemessener wissenschaftlicher Theorien und Methodo
logien bzw. um die zukünftige PraxisWirksamkeit der Forschungen, eine
Klärung der Begriffe Vermittlung, kulturaler Wert, Subjektivation und
Objektivation vorangegangen. Hierbei wurde auf vorbereitende Diskus
sionspapiere zurückgegriffen, in denen teilweise sehr unterschiedliche Posi
tionsbestimmungen für das zu reformierende Fach vorgeschlagen wurden.
Wolf gang Brückner etwa definierte als Gegenstandsbereich volkskund
licher Forschung die Analyse „kulturale[r] Objekte und Objektivationen
19 Bausinger, Volkskunde im Wandel, S. 5.
20 Wiegelmann, Sachkultur, S. 101.
21 Vgl. die Dokumentation der Diskussionspapiere und Tagungsprotokolle in Brückner,
Protokolle.
22 Ebd., S. 303 (Hervorhebung von mir, S.B.).
Thesen zur Sachkulturforschung 135
des täglichen Lebens mehrschichtiger Populationen im gesellschaftlichen
Kontext der jeweiligen Gesamtkultur", wobei „Objekte" danach „in Funk
tion genommene oder gesetzte Sachen und Naturdinge (res) oder von
Menschenhand gemachte Dinge oder Gebilde (res facta)" darstellten. „Ob
jektivationen" seien dagegen „Vergegenständlichungen des menschlichen
Geistes (»objektivierter Geist«), [sie] sind der konkretisierte Audruck der
Weltaneignung und Weltbewältigung durch die Sinne in Form von Spra
che, des Bildes und der Gebärde [...] (res gesta)".23 In einer alternativen
Formulierung hatte Martin Scharfe zusammenfassend das Fach als „kultur
wissenschaftliche Disziplin im Sinne einer kritischen Sozialwissenschaft
[bestimmt], die besonders den kulturalen Aspekt von Gesellschaft im Auge
behält. Sie analysiert kulturale Werte und die Vermittlung (und die Ursa
chen und die Begleitprozesse von Vermittlung) von kulturalen Werten in
Objektivationen und Subjektivationen [...]."24
In beiden Definitionen, die schließlich auch die Grundlage der
»Falkensteiner Formel" bildeten, wurden „Objektivationen" als Vergegen
ständlichungen kulturaler Werte gefaßt, mit deren Analyse wiederum Er
kenntnisse über diese Werte, ihre dynamischen Vermittlungsbedingungen
und deren Gründe (etwa Herrschaftsverhältnisse etc.) erzielt werden soll
ten. Als ein zentraler Forschungsgegenstand war damit die in „,Gütern',
Normen, Bräuche[n]"25 objektivierte Kultur bestimmt. Die von Brückner
als res und res facta bestimmten Objekte spielten damit im neu definierten
Forschungsfeld lediglich eine untergeordnete Rolle womit das für die
Volkskunde zentrale Forschungsfeld der traditionellen Sachkulturfor
schung letztlich zur Hilfswissenschaft degradiert wurde. Dinge sollten
demgemäß vor allem als Ausdruck von dahinterliegenden und verursach
enden kulturalen Werten, nicht jedoch vorrangig als Handlungsgegenstän
de interpretiert werden.
Für die bundesdeutsche Sachkulturforschung wirkte sich Anfang der
^Oer Jahre zusätzlich negativ aus, daß in den neuen „Orientierungsdiszipli
nen" der Volkskunde Soziologie, Ethnologie und Cultural Anthropolo
gy für die Analyse der materiellen Kultur wenig Orientierendes zu finden
war: Ahnlich wie für die amerikanische Anthropology26 galt spätestens ab
den 1960er Jahren auch in der deutschen Ethnologie, daß die Beschäftigung
mit greifbaren Dingen „nur die schwächer Begabten befriedigen könne.
23 Ebd., S. 38f.
24 Scharfe, Martin: Notizen zur Volkskunde. In: Württembergisches Jahrbuch für Volks
kunde 1970, S. 124139, S. 139.
25 Vgl. Ebd., S. 138f.
26 Pfaffenberger, Bryan: Social Anthropology of Technology. In: Annual Review of An
thropology, Vol. 21, S. 491516, S. 492; Pfaffenberger weist darauf hin, daß diese Muse
umswissenschaftler „ out of contact with the developments in social anthropology and
deprived of ethnographic experience — [...] lacked the resources to advance the field.
(Ebd.)
136 Anmerkungen zur Sachkulturforschung
[...] Sich mit der sogenannten materiellen Kultur zu beschäftigen, wurde zu
einer lächerlichen, obsoleten Tätigkeit erklärt."27 Und für die Soziologie
konstatierte Hans Linde 1972 eine „hartnäckig geübte systematische Absti
nenz"28 gegenüber Sachen und Sachverhältnissen, eine „Exkommunika
tion" aus den fachwissenschaftlichen Diskussionen, die noch bis in die Ge
genwart wirksam ist.29 Vor diesem Hintergrund überrascht die oben zitier
te Aussage Hermann Bausingers kaum, daß die eigentlichen Experten für
Sachkultur, die Museumswissenschaftler, der sozial und kulturwissen
schaftlichen Reorientierung der Disziplin „skeptisch" gegenüberstanden.
Sie waren entweder gezwungen, relativ unbeeindruckt jedoch delegiti
miert durch den akademischen Diskurs ihre kritisierten Konzepte beizu
behalten oder aber ihre analytischen Instrumentarien in theoretischer „Ei
genarbeit" umzustellen. Letzteres gelang offenbar nicht mit zufriedenstel
lendem Ergebnis. Als Bilanz des Volkskundekongresses 1981 etwa befand
der Sachforscher Hinrich Siuts, daß das „Verhältnis MenschDing" nach
wie vor in der Volkskunde völlig ungeklärt sei.
These 2: In der Sachkulturforschung speziell in der Geräteforschung
wurde bislang kein komplexer Technikbegriff erarbeitet, der für
die Analyse moderner, industriegesellschaftlicher Technik geeig
net wäre; dies v.a. deshalb, weil das „Recht der Stoffe" und die
„ Gesetze der Institutionen" diesen Arbeitsbereich vor allem auf
(kultur)historische Forschungen festlegten.
Der Bereich der volkskundlichen Sachkulturforschung, der der (Produk
tions)Technik gewidmet ist, wird unter dem zutreffenden Etikett „Ge
räteforschung" zusammengefaßt. Wie die Sachkulturforschung insgesamt
entwickelte sich auch die Geräteforschung im 19. Jahrhundert und kon
struierte ihre Gegenstände vor allem unter den Aspekten Kontinuität und
ethnische oder „stammheitliche" Spezifität. Neben diesen mythisierenden
Kontinuitätskonstruktionen wurde aber auch in enger Kooperation mit
Agrargeschichte, germanischer Altertumskunde, Landeskunde und Philo
logie Vorkommen und Verbreitung bäuerlicher Arbeitsgeräte erforscht.
27 Johannsen, Ulla: Materielle oder materialisierte Kultur? Zur Methodik von Vergleichs
formen. Vortragsmanuskript, 1990; zit. nach Alfred Janata: Technologie und Ergologie.
In: Thomas Schweizer, Margarete Schweizer und Waltraud Kokot (Hg.): Handbuch
der Ethnologie. Festschrift für Ulla Johansen. Berlin 1993, Dietrich Reimer Verlag, S.
375388, S. 375.
28 Linde, Hans: Sachdominanz in Sozialstrukturen. Tübingen 1972, J.C.B. Mohr (Paul
Siebeck), S. 12.
29 Vgl. hierzu etwa die Kritik und den Versuch, bislang Versäumtes nachzuholen bei
Hörning, Karl H.: Vom Umgang mit den Dingen. Eine techniksoziologische Zuspit
zung. In: Peter Weingart (Hg.): Technik als sozialer Prozeß. Frankfurt/M. 1989, Suhr
kamp, S. 90127.
Thesen zur Sachkulturforschung 137
Auf diese Tradition weitgehend positivistischer Forschungen zu zeitlichem
(Innovation) und räumlichem (Diffusion) Auftreten spezifischer Gerätety
pen konnte in den folgenden Jahren zurückgegriffen werden.30
Nach 1945 erlebte die entmythifizierte Geräteforschung einen Auf
schwung durch eine Vielzahl agrarhistorischer Arbeiten in der DDR und
der BRD wenn auch mit unterschiedlichem geschichtsphilosophischem
Bias und anders gerichteten Forschungsinteressen. Die oben vorgestellten
Arbeiten von Ulrich Bentzien und Günter Wiegelmann sind aus diesen
Entwicklungen hervorgegangen.31 Die für die bundesrepublikanische Ge
räteforschung kennzeichnende Konzentration auf historischregionale
Analysen von Innovations und Diffusionsprozessen32 im Rahmen der sog.
Kulturraumforschung wurde auch durch die nach 1945 in Bonn durch Mat
thias Zender geleiteten Arbeiten am „Atlas für Deutsche Volkskunde"
(Auswertung des bereits erhobenen Materials und Fortführung durch ver
schiedene Fragebogenaktionen) nahegelegt, ein auf Befragungen der Jahre
19291935 zurückgehender Versuch, einen geographischen Uberblick über
die Verteilung einzelner Elemente der „Volkskultur" zu gewinnen.33 Die
Herausarbeitung regionaler Spezifitäten ist bis in die Gegenwart hinein ein
bedeutendes Forschungsinteresse der Geräteforschung geblieben34 seit
1945 allerdings nicht mehr unter „ethnischen" Aspekten und seit den 70er
Jahren ergänzt um die für die gesamte Sachkulturforschung inzwischen
30 Vgl. hierzu den Handbuchartikel von Hinrich Siuts: Geräteforschung. In: Rolf Wil
helm Brednich (Hg.): Grundriß der Volkskunde. Einführung in die Forschungsfelder
der europäischen Ethnologie. Berlin 1988, Dietrich Reimer Verlag, S. 137152, S. 137f.
^1 Vgl. für einen Überblick über Traditionen der Geräteforschung, unterschiedliche Ent
wicklungen nach 1945 und gegenseitige Kritiken Jacobeit, Arbeit, Wiegelmann,
Sachkultur, oder Bentzien, Bauernarbeit. Für WillErich Peuckert, aus dessen „Göttin
ger Schule" nach 1945 eine Reihe von Einzelarbeiten zu bäuerlichen Geräten hervor
gingen, stellten diese Arbeiten die Wiederaufnahme der verdrängten, aber unbelasteten
Tradition volkskundlicher Arbeiten dar; die historischexakte Beschäftigung mit dieser
Sachkultur versprach für ihn auch eine praktische Rehabilitation des Faches (vgl. hierzu
Jacobeit, Arbeit, S. 144ff.).
32 Vgl. zur Kritik der angewandten Theorien und geltend gemachten Forschungsinteres
sen oben, Kapitel „Technik in der Volkskunde".
33 Vgl. hierzu Bausinger, Volkskunde; zur Geschichte und Kritik der bis ins 19. Jahrhun
dert zurückgehenden Sammlungsbestrebungen vgl. Jacobeit, Arbeit, und Schenda, Ru
dolf: Einheitlich urtümlich noch heute. Probleme volkskundlicher Befragung. In:
Abschied vom Volksleben, Tübingen 1970, Tübinger Vereinigung für Volkskunde, S.
124154, insbes. S. 136139.
34 Vgl. etwa Mohrmann, RuthE.: Wohnen und Wirtschaften. In: Rolf Wilhelm Brednich
(Hg.): Grundriß der Volkskunde. Einführung in die Forschungsfelder der europäischen
Ethnologie. Berlin 1988, Dietrich Reimer Verlag, S. 117135, S. 129, bzw. Dies.: Social
Transformation in Rural and Urban Societies in Modern Times methods, issues and
goals of German Folklore Schools (= Scripta Ethnologica, Vol. 39). Turku 1990, S. 16f.,
oder Ottenjann, Helmut: AlltagskulturDokumentation durch das Volkskundemuse
um. Zur Erforschung der historischen Sachkultur. In: Zeitschrift für Volkskunde, 85.
Jg., 1/1989, S. 118, S. 4.
138 Anmerkungen zur Sachkulturforschung
ebenfalls kennzeichnende Fragestellung nach der sozialen Spezifik unter
schiedlicher Sachgüter.35
Für die Sachkultur und Geräteforschung gilt daher in besonderem
Maße die von Ingeborg WeberKellermann vorgenommene Beurteilung
der Forschungen nach 1945: „Uberall fordern die Stoffe gebieterisch ihr
Recht."36 Diese Kontinuität der Gegenstandsbereiche hielt sich für die Ge
räteforschung noch bis in die 70er Jahre. So formulierte etwa Arnold Lüh
ning 1969 noch programmatisch, daß im Rahmen der Geräteforschung al
les zu sammeln sei, „was dem vorindustriellen, handwerklich geprägten
Zeitalter entstammt, Erzeugnisse einer überregionalen Industrie dagegen
nur insoweit, als sie den Prototyp (z.B. die erste Mähmaschine oder die er
ste Milchzentrifuge) einer neuen Ära, des Maschinenzeitalters, in einer
Landschaft repräsentieren. Was danach kommt, alles was die weitere Ent
wicklung der Landwirtschaft bis zu dem gegenwärtigen Zustand der Voll
mechanisierung verkörpert, betrachten wir dagegen nicht mehr als in den
Aufgaben und Sammelbereich der volkskundlichen Abteilung gehörig,
überlassen es darum anderen, überregional orientierten landbautechnischen
Museen."37 Vor dem Hintergrund eines auf die Herausarbeitung regionaler
Unterschiede im Sachbestand bäuerlicher Betriebe ausgerichteten volks
kundlichen Frageinteresses, dem letztlich eine „identification of folklore
with territory" (Roger D. Abrahams) zugrundeliegt,38 war es schließlich
nur konsequent, industriell für einen nationalen oder sogar internationalen
Markt hergestellte Maschinen aus der Betrachtung (und den entsprechen
den Sammlungen) auszuschließen. Angesichts industrieller Massenware
ließ sich Regionalspezifik und an Regionalität gebundene „Authentizität"
35 Vgl. etwa Siuts, Geräteforschung, S. 138, oder Mohrmann, Perspektiven, 157.
36 WeberKellermann, Volkskunde, S. 90.
37 Lühning, Arnold: Die volkskundliche Landesaufnahme und Gerätesammlung des
SchleswigHolsteinischen Landesmuseums. In: Wilhelm Hansen (Hg.): Arbeit und Ge
rät in volkskundlicher Dokumentation. Tagungsbericht der Kommission für Arbeits
und Geräteforschung der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde, Schleswig 5.8.
April 1967 (Schriften der Volkskundlichen Kommission des Landschaftsverbandes
WestfalenLippe, Bd. 19). Münster 1969, S. 7074. Hansen hatte als Vorsitzender der
1965 auf dem Marburger Volkskundekongreß gegründeten Kommission den absoluten
Vorrang einer Bestandsaufnahme landwirtschaftlicher und handwerklicher Geräte vor
sonstigen Forschungen damit begründet, daß die Gerätebestände vor ihrem Verschwin
den zu sichern seien; eine Ausweitung der Kommissionsarbeit auf Technikforschung
war damit ausgeschlossen worden (vgl. hierzu auch Kapitel „Technik in der Volks
kunde" und Hansen, Aufbau, S. 110).
38 Diese Qualifizierung der USamerikanischen Folklore durch Roger D. Abrahams
(Phantoms of Romantic Nationalism in Folkloristics. In: Journal of American Folklore,
Vol. 106, No. 419, 1993, pp. 337) kann auch für die europäischen Volkskunden Gül
tigkeit beanspruchen, eine Traditionslinie, die bis in gegenwärtige Definitionen der
Volkskunde als „Sozialge schichte regionaler Kultur" fortwirkt (vgl. etwa Ottenjann,
Helmut: AlltagskulturDokumentation durch das Volkskundemuseum. In: Zeitschrift
für Volkskunde, 85. Jg., 1/1989, S. 118, S. 3).
Thesen zur Sachkulturforschung 139
der Objekte und damit ihre volkskundliche Relevanz nicht mehr plausi
bel konstruieren.39
Unter einer anderen Frageperspektive und Verwendung anderer theoreti
scher Grundlagen kam vor allem in der DDR die „Geräteforschung" zu et
was anderen Schwerpunktsetzungen: In dem etwa von Wolfgang Jacobeit
vorgeschlagenen sachkulturellen Forschungsansatz stand nicht die Unter
suchung regionaler Spezifika im Vordergrund, sondern die mit den Gerä
ten ausgeführte Arbeit und deren Bedingungen. Aus „dem Konglomerat
der dinglichen Kulturgüter" sollten hierbei die Arbeitsgeräte und Produk
tionsinstrumente als volkskundlicher Untersuchungsgegenstand privile
giert werden. Für diese Forschungen schlug Jacobeit den schon zuvor in
der Volkskunde gelegentlich benutzten Begriff „Ergologie" vor, den er je
doch im Gegensatz zu früheren Definitionen nicht allgemein als „Lehre
von den materiellen Kulturgütern" verstand. Ergologie wurde, ausgehend
vom „eigentlichen Sinngehalt des griechischen Wortes epyov = Arbeit,
Werk, auch Landarbeit, Gewerbe", als eine „Arbeits und Gerätekunde"
konzipiert.40 Dabei konnte Jacobeit an volkskundliche Traditionen, die
schon Ende der 20er Jahre von Julius Schwietering geforderte „funktionale
Analyse der materiellen und geistigen Kultur im Kontext bäuerlicher Ar
beit" anschließen und mit den in diesem Sinne durchgeführten Untersu
chungen gleichzeitig einen bedeutenden Beitrag zu einer historischmateri
alistisch konzipierten „Kulturgeschichte des Werktätigen Volkes"41 leisten.
Die oben vorgestellte Studie von Ulrich Bentzien ist für diese Forschun
gen des Berliner AkademieInstitutes für deutsche Volkskunde exempla
risch: Da hier die Arbeit der Landbevölkerung mit den unterschiedlichen
39 So begründet etwa Wiegelmann die Beschränkung auf die ländliche (bäuerliche und
handwerkliche) Arbeit und Arbeitsgeräte sowohl durch die institutionalisierte Koope
ration mit der Agrargeschichte als auch damit, daß „bei den Handgeräten der Anteil der
Eigenfertigung und bestimmung ungleich größer ist als bei Maschinen. Während re
gionale Unterschiede der Handgeräte Rückschlüsse auf historische Prozesse bieten, ist
Vergleichbares bei den Varianten der Maschinen kaum möglich." (Sachkultur, S. 104,
Hervorhebung von mir, S.B.) Die zentrale wenn auch nur implizit bleibende Vor
aussetzung dieser Argumentation ist, daß Authentizität (= Besonderheit, Eigenheit) der
Objekte durch je lokales Herstellen und Verwenden (das Hinterlassen von „Spuren"
am Material) entstanden ist, von der ausgehend dann auf regionale Spezifität geschlos
sen werden kann.
40 Jacobeit, Arbeit, S. 20.
41 Jacobeit, Arbeit, S. 20; Ulrich Bentzien (Bauernarbeit, S. 15f.) präzisierte den Untersu
chungsbereich 1980 als „die materiell objektivierten Kulturerscheinungen der Produkt
ions und Konsumtionssphäre nebst den damit verbundenen menschlichen Handlun
gen." Die Erforschung sowohl der materiellen Objekte als auch der Handlungen er
folgte allerdings innnerhalb eines evolutionistischen Theorierahmens, da insbesondere
die „schöpferische(n) Leistungen, die der Höherentwicklung der Menschen als gesell
schaftliche Wesen dienen, Leistungen, die menschlichen Fortschritt bewirken und si
chern", thematisiert werden sollten.
140 Anmerkungen zur Sachkulturforschung
Geräten und die Arbeitsbedingungen im Zentrum des Interesses stehen, ist
der Umgang mit moderner Maschinentechnik durch die Frageperspektive
ebenfalls abgedeckt. Hier ergibt sich eine Beschränkung des Gegenstands
bereiches der Untersuchung auf vorindustrielle Arbeitsgeräte nicht selbst
läufig aus dem verwendeten theoretischen Rahmen, sondern ist begrün
dungspflichtiges Ergebnis einer historischen Eingrenzung des Forschungs
themas. Nicht zuletzt angestoßen durch diese Entwicklungen der DDR
Volkskunde wurde die Berücksichtigung des Arbeitszusammenhanges in
der Geräteforschung der Bundesrepublik immer wieder angemahnt unter
anderem in den Beiträgen von Fielhauer, Assion, und Kuntz auf dem
Volkskundekongreß 1981. Inzwischen scheint sich diese Position allgemei
ner durchgesetzt zu haben: So betont etwa Siuts 1988, daß eine „Ausgren
zung moderner Fabrikware" für Forschungen zum 19. und 20. Jahrhundert
nicht akzeptabel sei, weil „die Menschen in ihren Arbeitsbereichen sowohl
mit alten als auch von großen Fabriken bezogenen neuen Geräten und Ma
schinen arbeiteten."42
Die Begründung dafür, daß weder in der DDR noch in der BRD syste
matisch Forschungen zur modernen Maschinentechnik durchgeführt wur
den, kann somit nicht mehr in den theoretischen Voraussetzungen gesucht
werden. Dafür sind eher institutionelle oder (wissenschafts)politische
Gründe verantwortlich: Die DDRVolkskunde war als strikt kulturhisto
risch arbeitendes Fach konzipiert und vor allem auf Agrar und Arbeiter
geschichte festgelegt, während in der Bundesrepublik insbesondere die Ge
räteforschung eine stark museumswissenschaftliche Orientierung aufwies.
Dieser sozialhistorische Schwerpunkt legte zwar die Ausdehnung der Ge
räteforschung vom bäuerlichen auch auf den handwerklichen Bereich nahe,
forderte jedoch durch die zeitliche Beschränkung auf vorindustrielle Un
tersuchungsbereiche kaum die Konzeptualisierung von Forschungen zu
komplexer Maschinentechnik.
Im Ergebnis ist festzustellen, daß innerhalb der volkskundlichen Geräte
forschung bislang kein komplexer Technikbegriff entwickelt wurde, der
für die Analyse des (Arbeits)Alltags in hochgradig technisierten Industrie
gesellschaften geeignet wäre. Zugespitzt gesagt wird in Ermangelung diffe
renzierterer Konzepte Technik wie andere Dinge behandelt im besten
Falle wie Geräte.43 Es ist symptomatisch, daß in allen neueren Einführun
42 Siuts, Geräteforschung, S. 139.
43 Zur Differenzierung ist hierbei eine Typisierung hilfreich, die Werkzeuge als technische
Artefakte versteht, die ausschließlich von Hand und Kopf der damit Arbeitenden in
Bewegung gesetzt und geführt werden (z.B. Hammer, Sichel, Meißel etc.); als Geräte
können komplexere Arbeitswerkzeuge gekennzeichnet werden, die aber immer noch
der weitgehenden Kontrolle und Mani\)\i\aXion durch die damit Arbeitenden unter
stellt sind (Pflug etc.); Maschinen schließlich können mit Lewis Mumford (Technics
and Civilization, New York 1963, Harcourt, Brace, Jovanovich, S. 10) durch ihr „de
gree of independence in the Operation from the skill and motive power of the operator"
Thesen zur Sachkulturforschung 141
gen in das Fach Stichworte wie Maschine, (industrielle) Technik oder Tech
nologie fehlen.44
These 3: Das Erkenntnisinteresse volkskundlicher Sachkulturforschung
war vor allem auf die Untersuchung des nichtzweckrationalen
Umgangs mit Dingen gerichtet; diese Tradition wirkt insofern
nach, als Dinge in der Sachkulturforschung eher als Verweisungs
zusammenhang denn als Handlungszusammenhang untersucht
werden.
Im vorangegangenen Kapitel wurde die Etablierung von historischen und
soziologischfunktionalistischen Erklärungsansätzen durch Julius Schwie
tering und die Fortführung dieses Ansatzes durch die Arbeiten WillErich
Peuckerts und seiner Schülerinnen als wichtiger Schritt interpretiert, mit
dem die mythisierende „Volksseelenforschung" der älteren Volkskunde
überwunden werden konnte. Diese Arbeiten trugen ebenso wie die For
derungen Hans Mosers nach historischexakter Analyse der volkskundli
chen Gegenstandsbereiche nach 1945 zu einem Trend historischfunktio
nalistischer Interpretationsweisen in der Sachkulturforschung bei, in denen
die alten mythisierenden Fragestellungen und Deutungsmuster kritisiert
wurden. Gottfried Korff faßt diese Forschungen unter dem Stichwort
»Antisymbolforschung" zusammen,45 um darauf hinzuweisen, daß diese
Arbeiten neben den heilsamen Wirkungen, die von ihnen ausgingen
auch dafür verantwortlich zu machen sind, daß der „Mut" zu neuen Ansät
zen in der volkskundlichen Symbolforschung nach 1945 fehlte.
Dieser von Korff hervorgehobene Trend zum „Antisymbolismus" setz
te sich allerdings nie ganz durch. Neben den oben genannten Arbeiten
"wurde auch immer wieder Kritik an einer rein historischfunktionalisti
schen Interpretation des Umganges mit Dingen geäußert. Speziell wurde
geltend gemacht, daß dieser Interpretationsansatz nicht zureichend für
charakterisiert werden. Während Werkzeuge benutzt und Geräte genutzt werden, müs
sen Maschinen bedient werden damit wird schon auf umgangssprachlicher Ebene eine
Umverteilung der Autonomien und Herrschaftsbezüge in der Relation Technik
Mensch reflektiert, der auch theoretisch Rechnung zu tragen wäre.
44 Eine Ausnahme stellt lediglich Siuts dar; er definiert: „Technologie ist schließlich die
Lehre von der Gewinnung und Verarbeitung von Roh und Werkstoffen, während
man unter Technik die Kenntnis und Beherrschung der Mittel zur Ausübung von Tä
tigkeiten versteht, mit denen Kräfte und Stoffe der Natur den Menschen nutzbar ge
macht werden." (Geräteforschung, S. 137)
45 Vgl. Korff, Gottfried: Volkskundliche Frömmigkeits und Symbolforschung nach
1945. In: Isac Chiva, Utz Jeggle (Hg.): Deutsche Volkskunde Französische Ethnolo
gie. Zwei Standortbestimmungen. Frankfurt/M., New York 1987, Campus; Paris 1987,
Editions de la Maison des Sciences de l'Homme, S. 244270., S. 254; Korff erwähnt als
Beispiele dieser Forschungen Arbeiten von Hermann Bausinger, Lenz KrissRetten
beck, Wolfgang Brückner oder Ingeborg WeberKellermann.
142 Anmerkungen zur Sachkulturforschung
volkskundliche Erkenntnisinteressen sei, die sich auf die Klärung der „ei
genartigen Beziehungen zwischen Mensch und Ding"46 richteten. Exem
plarisch hierfür sind etwa Arbeiten von Leopold Schmidt zur „volkstümli
chen Geltung" des Metalles Blei oder zur „Gestaltheiligkeit" der Sichel47,
deren erklärtes Ziel nicht die Untersuchung der Funktion der Dinge, son
dern vor allem der „irrationalen Beziehungen zwischen Mensch und
Ding"48 war. Die Vorannahme dieser Arbeiten ist, daß die Eigenart „volks
tümlichen" Dinggebrauchs gerade durch ihren angeblichen „Irrationalis
mus" charakterisiert sei, der mit rein funktionalistischen Interpretations
verfahren nicht zu erfassen wäre. Trotz aller Warnungen vor einem Rück
fall in mythische Erklärungskonstrukte Hans Moser etwa wandte sich
deutlich gegen die Arbeiten Leopold Schmidts, in denen „die konkreten,
zeitlich und räumlich fixierbaren Zusammenhänge hinter den großen ge
danklich spekulativen und symbolhaften Zusammenhängen"49 zurückträ
ten versuchte ein einflußreicher Teil der volkskundlichen Sachforschung
an dem angestammten „Slot" der Disziplin festzuhalten. Die „tieferen" Be
deutungen, die „Kontinuitäten" und auf „alte Mythen" verweisenden Sym
bole in der Analyse der Dinge herauszuarbeiten sollte Aufgabe der Volks
kunde bleiben.
KarlSigismund Kramer, als einer der führenden Sachkulturforscher,
unternahm den Versuch, dieses angestammte Erkenntnisziel volkskundli
cher Forschungen mit der Forderung nach historischexakter Arbeit und
der Kritik an spekulativen Mythisierungen zu versöhnen. So wendet er sich
etwa ausdrücklich gegen die quasi religiösen Konnotationen der von
Schmidt für die Sachanalyse entwickelten Untersuchungskategorien
„Stoff und Gestaltheiligkeit", erkennt aber dessen Erkenntnisziel grund
sätzlich an, die „Hauptelemente des irrationalen Verhältnisses zwischen
Mensch und Ding" herauszuarbeiten.50 Als Untersuchungskategorie
schlägt er deutlich neutraler formuliert die „Dingbedeutsamkeit" vor
und bestimmt als Untersuchungsfeld der Volkskunde insbesondere jene
Beziehungen zwischen Mensch und Ding, die „nicht in den äusserlichen
46 Kramer, KarlSigismund: Zum Verhältnis zwischen Mensch und Ding. Probleme der
volkskundlichen Terminologie. Otto Höfler zum 60. Geburtstag. In: Schweizerisches
Archiv für Volkskunde, 58/1962, S. 91101, S. 93 (Hervorhebung von mir, S.B.)
47 Schmidt, Leopold: Das Blei in seiner volkstümlichen Geltung. In: Mitteilungen des che
mischen Forschungsinstitutes der Industrie Österreichs 2/1948; Ders.: Gestaltheilig
keit.
48 Kramer, Verhältnis, S. 95; Gottfried Korff (Notizen zur Symbolbedeutung der Sichel
im 20. Jahrhundert. In: Silke Göttsch, Kai Detlev Sievers (Hg.): Forschungsfeld Muse
um. Festschrift für Arnold Lühning zum 65. Geburtstag (= Kieler Blätter zur Volks
kunde, 20/1988). Kiel 1988, Kommissionsverlag Walter G. Mühlau, S. 195255, S203f.)
vermerkt kritisch, daß Schmidt in seinen Betrachtungen die Gebrauchsgeschichte der
Sichel etwa ihre zentrale Rolle in der Frauen(land)arbeit völlig vernachlässigt.
49 Moser, Gedanken, S. 216.
50 Kramer, Verhältnis, S. 99.
Thesen zur Sachkulturforschung 143
Lebenskreis der rational, materiell und individuell bestimmten Daseins
form der modernen Welt [gehören], sondern zu jenem inneren Anteil am
gemeinschafts und traditionsbedingten Volksleben, der in jedem einzelnen
Menschen stärker oder schwächer wirksam ist."51
Mit dieser Definition berief sich Kramer auf Richard Weiss, der in seiner
einflußreichen, politisch und wissenschaftlich als unbedenklich geltenden
„Volkskunde der Schweiz" den Versuch unternommen hatte, Volkskunde
als „Gegenwartswissenschaft" gegen die „angewandte Volkskunde" (i.e.
Heimatschutz oder Trachtenbewegung) und die „antiquarische Muse
umswissenschaft"52 abzugrenzen. Als Gegenstandsbereich volkskundlicher
Forschungen hatte er volkstümliches Verhalten definiert, das „gewohn
heitsmäßig nach herkömmlichen Vorbildern und nicht nach eigener
zweckrationaler Überlegung ausgeführt wird"53. Damit wird der Zustän
digkeitsbereich volkskundlicher Untersuchungen einseitig auf einen analy
tischen Bereich eingeschränkt. Dies zeigt sich etwa deutlich bei einem Ver
gleich dieser Definition etwa mit den vier Kategorien sozialen Handelns bei
Max Weber, der differenziert zwischen:
»1. zweckrational: durch Erwartungen des Verhaltens von Gegenständen der Au
ßenwelt und von anderen Menschen und unter Benutzung dieser Erwartungen als
>Bedingungen< oder als >Mittel< für rational, als Erfolg, erstrebte und abgewogene
eigne Zwecke, 2. wertrational: durch bewußten Glauben an den ethischen, ästhe
tischen, religiösen oder wie immer sonst zu deutenden unbedingten Eigenwert ei
nes bestimmten Sich Verhaltens rein als solchen und unabhängig vom Erfolg, 3. af
fektuell, insbesondere emotional: durch aktuelle Affekte und Gefühlslagen, 4. tra
ditional: durch eingelebte Gewohnheit."54
Obwohl er sich nicht explizit auf diese Unterscheidungen Webers bezieht,
kann deren Kenntnis bei Richard Weiss vorausgesetzt werden. Hinter die
ser Beschränkung des volkskundlichen Zuständigkeitsbereiches auf die
Untersuchung allein wertrationalen und traditionalen Verhaltens kann
leicht die Leitünterscheidung zwischen ModerneVormoderne ausgemacht
Werden, die für die Volkskunde vor 1945 charakteristisch war. Die Volks
kunde untersucht demnach nur Verhalten, das gerade durch seinen Abwei
chungsgrad von modernzweckrationalem Verhalten charakterisiert ist.55
KarlSigismund Kramer präzisierte in seinem Aufsatz „Zum Verhältnis
Zwischen Mensch und Ding" die Weiss'sche Programmatik56 für den Pro
5* Ebd., S. 93.
52 Weiss, Volkskunde, S. ix.
53 Ebd., S. 102f.
^4 Weber, Wirtschaft, S. 12.
5 5 Wolfgang Schluchter hat darauf hingewiesen, daß die Webersche Typologie sich an ei
ner Rationalitätsskala ausrichtet, indem die von ihm benannten Handlungstypen in Ab
weichung zu rationalem Verhalten gebildet werden; vgl. hierzu Schluchter, Wolfgang:
Die Entwicklung des okzidentalen Rationalismus. Tübingen 1979, Siebeck, S. 192.
Kramer, Verhältnis, S. 91; er bezieht sich in seinem ersten Satz ausdrücklich auf Weiss'
Formulierung: „Den Menschen durch die Dinge und in seiner Beziehung zu den Din
144 Anmerkungen zur Sachkulturforschung
blembereich der Sachkulturforschung, die die „eigenartigen Beziehungen
zwischen Mensch und Ding"57 zu untersuchen habe, die nicht durch die
Analyse der Zweckbezogenheit oder Rationalität erfaßt werden könnten.
Das Erkenntnisinteresse bleibt so auf das Konstrukt eines auf vorratio
nale Verhaltensmotive, auf Relikte eines nicht der modernen Rationalität
unterworfenen Volkslebens gerichtet. Die Analysen zielen damit nicht auf
die Herausarbeitung spezifischer Handlungsrationalitäten, sondern auf den
Nachweis fortdauernder, „dahinterliegender Volkstümlichkeit". Dinge
werden somit nicht als Handlungs, sondern als Verweisungszusammen
hang untersucht; Handeln erscheint dabei als bloße Exekution vorgepräg
ter, internalisierter „volkstümlicher" Werte und Motive. Kramer bestimmt
damit vor dem Hintergrund eines manifesten Kulturkonservativismus
als Forschungsgegenstand der Volkskunde gerade diejenige „Residualkate
gorie", die durch die Durchsetzung der für die Moderne charakteristischen
rationalen, funktionalen Gegenständlichkeitsform der Dinge58 entstanden
ist: Die „andere" („dunkle") Seite des rationalen Umgangs mit Dingen.
Problematisch an diesen programmatischen Bestimmungen der Sachkul
turforschung nach 1945 ist vor allem, daß die Dichotomie „Rationalität
Irrationalität" die unbefragte Grundlage des Arbeitsprogrammes des Fa
ches abgab, mit der Folge, daß der spezifisch modernrationale Umgang
mit Dingen nicht oder nur als Negativfolie zum Thema volkskundlicher
Untersuchungen werden konnte. Im Widerspruch zu der sonst im Fach
nach 1945 konstatierbaren Historisierung der Forschungsgegenstände
wurde damit an einer ahistorischen Konstruktion des Untersuchungsfeldes
festgehalten und allein der „irrationale", quasi zeitlos „volkstümliche" Um
gang mit Dingen hervorgehoben. Verpaßt wurde damit die Chance, so
wohl die spezifisch moderne Rationalität im Dingumgang als auch die „Ir
rationalitäten" als Ergebnisse eines zivilisatorischen Lernprozesses deuten
zu können. Auf diesen Zusammenhang macht der Psychologe und Sach
theoretiker Friedrich Heubach aufmerksam. In seiner wissenschaftsge
schichtlich argumentierenden Untersuchung zur „psychologischen Ge
genständlichkeit der Dinge" versucht er zu erläutern, wie die „Gegen
ständlichkeit der Dinge [...] in einem historisch normativen Konzept ver
mittelt wird."59 Gemäß diesem im 19. Jahrhundert entstehenden Konzept
werden Dinge als „objektiv", „rational" und „funktional" konstruiert.
Diesen Prozeß verfolgt Heubach an der in verschiedenen wissenschaft
lichen Disziplinen erfolgenden Auseinandersetzung mit einem »verkehr
ten« Umgang mit Dingen, dem Fetischismus, der als nichtnormal und
gen zu erkennen, ist das Anliegen der Volkskunde" (Richard Weiss: Häuser und Land
schaften der Schweiz. ErlenbachZürich 1959, Eugen Rentsch Verlag, S. 292).
57 Kramer, Verhältnis, S. 93.
58 Heubach, Das bedingte Leben, S. 51.
59 Ebd., S. 15.
Thesen zur Sachkulturforschung 145
nichtrational aus dem den Dingen angemessenen Verhaltensrepertoire
ausgegrenzt wird, weil es gegen den allgemeinen Konsens verstößt (also
nicht objektiv ist), gegen die Vorannahme einer strikten SubjektObjekt
Trennung verstößt (also nichtrational ist) und nicht den herrschenden
Zwecken integriert ist (also nichtfunktional ist). Indem sich insbesondere
Ethnologie, Psychopathologie, die ökonomische Theorie und die entste
hende soziologische Handlungstheorie60 mit dieser „verkehrten Gegen
ständlichkeit" im Umgang mit Dingen auseinandersetzen, werden gängige
diskursive Vorannahmen über einen angemessenen Umgang mit Dingen
deutlich und gleichzeitig bekräftigt.
Heubach geht davon aus, daß sich dieses ,Rationalmodell des Handelns4
in allen Geisteswissenschaften durchsetzte. Bliebe anzufügen: auch in der
Volkskunde. Nur daß hier die „Residualkategorie" des nichtrationalen
Handelns zum alleinigen Untersuchungsgegenstand gemacht wurde, die
durch die Durchsetzung des rationalen Handlungsmodells entsteht. Auf
diese z.B. aus der Soziologie verbannten etwa symbolischen Aspekte
des menschlichen Umgangs mit Dingen hingewiesen zu haben, ist sicher
lich ein Verdienst etwa K.S. Kramers. Abgesehen von seinem aufs Tümli
che gerichteten Erkenntnisinteresse erweist sich allerdings die Vereinsei
tigung der Betrachtung aufs IrRationale und die fehlende Reflexion über
die Kulturrelativität des modernen Gegenstandskonzeptes als nachteilig für
eine komplexe Analyse des „Umgangs mit Dingen" in der Moderne. Die
spezifisch moderne Rationalität westlicher Industriegesellschaften kann so
nicht in ihrer Konstruktion als Verhaltensdispositiv und regulativ erkannt
und analysiert werden.61 Statt dessen sollten diejenigen Phänomene, die
Kramer unter dem Begriff „Dingbeseelung" faßt, als spezifische Rationali
tätsform symbolischer Ordnungen reinterpretiert werden.62
Das oben erwähnte Fehlen eines komplexen Technikbegriffs in der
Sach und Geräteforschung erweist sich in Kombination mit der Fokus
sierung auf irrationalsymbolisches Verhalten hierbei als besonders wirk
sam, die Thematisierung von Technik im Fach zu verhindern. Da techni
sche Artefakte als prototypische Gegenstände zweckrationalen Verhaltens
konzipiert werden (in Herstellung und Gebrauch), sind sie unbefragt aber
60 Weber orientiert sich in seiner Handlungstheorie u.a. an dem wirtschaftstheoretischen
Rationalmodell Carl Mengers; vgl. hierzu Joas, Hans: Die Kreativität des Handelns.
Frankfurt/M. 1992, Suhrkamp, S. 62.
61 Dies kann als eine spezifische Variante ethnozentrischen Verständnisses betrachtet
werden; H. Bausinger (Volkskunde, S. 9)weist etwa darauf hin, daß evolutionistische
Erwägungen zur Koordinierung von Völkerkunde und Volkskunde beitrugen — „in der
Erforschung ferner Naturvölker glaubte man gleichzeitig einer früheren Stufe des eige
nen Volkes auf die Spur zu kommen, und solche älteren Stufen sah man auch in der ei
genen Umgebung in die Gegenwart hineinragen." Dabei sieht er diese früheren Stufen
»in eine absolute Opposition zu der jüngeren kulturellen Entfaltung gebracht, die in
Deutschland stärker als anderswo als Zivilisation abgewertet wurde." (Ebd., S. 10)
62 Vgl. hierzu ausführlich unten, Teil II.
146 Anmerkungen zur Sachkulturforschung
nachhaltig aus dem Gegenstandsbereich volkskundlicher Analysen ausge
schlossen. Werden sie dennoch zum Thema, dann nur indirekt und an ih
ren irrationalen oder symbolischen „Rändern". Typisch hierfür ist etwa die
oben erwähnte Studie Eduard Strübins „Volkskundliches zum Automo
bil", in der vor allem „neue Bräuche" oder das Anbringen von Heiligenbil
dern an den Autos thematisiert wird.
These 4: Die semiotische und symboltheoretische Ausrichtung der volks
kundlichen Sachforschung, in der Dinge vor allem als Zeichen}
Ausdruck " Indikatoren oder Produkte symbolischen Handelns
untersucht werden, muß um die semantische Analyse von Hand
lungen ergänzt werdeny soll Umgang mit Technik thematisiert
werden.
Durch die in den Debatten um Falkenstein in der Volkskunde vorgenom
menen Schwerpunktsetzungen wurde ein Untersuchungstypus privilegiert,
mit dem Dinge vor allem als Ausdruck „darunterliegender", verursachender
kultureller Werte, Normen und (Herrschafts)Bedingungen analysierbar
werden sollten.63 Diese Betrachtungsweise, in der Dinge mehr als Objekti
vationen denn als (Handlungs)OZ?/e&£e untersucht werden, ist auch in den
gegenwärtig gängigen Untersuchungsprogrammatiken zur Sachkulturfor
schung dominierend. Dinge werden hier analysiert als „Indikatoren"64, als
„Schlüssel [...] für das Verständnis von Zeitströmungen, Tendenzen, Men
talitäten"65, als „zuverlässige Symbole für Lebensstile"66, als „Zeichen [...]
für komplexe Sachverhalte [, die] über das Objekt hinausweisen"67, oder als
„archäologischer" Zugang zu „Sinngebungen"68 im Umgang mit Dingen.
Hiermit wird insbesondere derjenige Aspekt im Umgang mit der ma
teriellen Kultur aufgegriffen, den KarlSigismund Kramer unter dem Be
griff der „Dingbedeutsamkeit" faßte,69 jedoch unter Verwendung eines völ
63 Vgl. hierzu oben, These 1.
64 Vgl. etwa in der Kleidungsforschung Gerndt, Helge: Kleidung als Indikator kultureller
Prozesse. Eine Problemskizze. In: Schweizerisches Archiv für Volkskunde, 70/1974, S.
8192; Böth, Gitta: Kleidungsforschung. In: Brednich, Grundriss, S. 153170; für die
Sachkulturforschung insgesamt vgl. etwa Mohrmann, Anmerkungen, S. 111.
65 Meiners, Sachkulturforschung, S. 67.
66 Korff, Umgang, S. 42.
67 Foerster, Sammeln, S. 53.
68 Jeggle, Utz: Vom Umgang mit Sachen. In: Konrad Köstlin, Hermann Bausinger (Hg.):
Umgang mit Sachen. Zur Kulturgeschichte des Dinggebrauchs. Regensburg 1983, S.
1126, S. 18.
69 Dafür, daß hiermit ein traditionaler thematischer „Slot" volkskundlicher Forschungen
unter veränderten Bedingungen besetzt wird, scheinen sowohl fachtraditionale (das
„Recht der Stoffe" als auch die Notwendigkeit, diesen während des NS diskreditierten
Forschungszweig kritisch zu „entrümpeln") als auch disziplinkonkurrentielle (diese
Aspekte wurden etwa von der Soziologie nicht aufgegriffen) und theorietechnische
Thesen zur Sachkulturforschung 147
lig anderen theoretischen Instrumentariums interpretiert. Ausschlaggebend
hierfür war neben anderen Faktoren sowohl die Rezeption der Studien der
französischen „AnnalesSchule" und des dort geprägten Begriffes der
»longue duree" insbesondere in der Symbolforschung, mit dem Phänome
ne der „Kontinuität im Wandel"70 beschrieben werden können, als auch die
Rezeption der Semiotik, wie sie u.a. von Roland Barthes geprägt wurde,
mit der der Zeichencharakter der Objekte analysiert wird.71 Mit diesen
theoretischen Instrumentarien wird in der gegenwärtigen volkskundlichen
Sachforschung die wissenschaftlich disziplinierte Analyse der „Dingbe
deutsamkeiten" vorangetrieben, die sich deutlich von früheren Versuchen
der älteren Volkskunde absetzt; insbesondere werden hierdurch Anfällig
keiten für mythisierende Interpretationen ausgeschlossen, denen die Sach
forschungen etwa Leopold Schmidts oder teilweise KarlSigismund Krä
mers noch erlegen waren. Für den hier interessierenden Zusammenhang
kann der symboltheoretische Zweig der Sachforschung im folgenden ver
nachlässigt werden. Statt dessen sollen einige der Implikationen problema
tisiert werden, die sich durch die Anwendung semiotischer Analyseverfah
ren und Interpretationsinstrumente bei der Untersuchung des „Umgangs
mit Dingen" ergeben. Hierfür werden punktuell Beispiele aus der Klei
dungsforschung herangezogen, da in diesem Zweig der volkskundlichen
Sachforschung die theoretischen Überlegungen sowohl zum semiotischen
Theorieangebot als auch zu den sich aus der Anwendung ergebenden Pro
blemen am weitesten fortgeschritten sind.72
Für die neuere Mode und Kleidungsforschung streicht Karen Ellwan
ger die zentrale Rolle der Semiotik heraus, die erst ermöglicht habe, die
kulturellen „Zuschreibungen in der Zeichenproduktion, die Analyse der
Bedeutungsunterlegung von Bekleidung in Medien wie Zeitschriften oder
Film" zu untersuchen.73 Kleidung wird in diesen semiotisch verfahrenden
Studien als „subjektiver Ausdruck kultureller Normen und Wertvorstel
Gründe (die Rezeption von Theorien, die insbesondere die Analyse von „Bedeutungs
gehalten" ermöglichen) verantwortlich zu sein. Zu einigen dieser Aspekte vgl. unten.
70 Vgl. hierzu insbesondere Korff, Frömmigkeits und Symbolforschung, S. 267, der aus
drücklich vor „essentialistischuniversalistischen Fehldeutungen" warnt, die mit dem
Begriff verbunden sein könnten; „longue duree" als Kategorie zur Beobachtung langsa
mer Wandlungsprozesse ist nach Korff insbesondere geeignet, typisch „deutsche" Ge
fahren einer essentialistischen Interpretation etwa der Volksfrömmigkeit zu begegnen,
wie sie die Volkskunde lange Zeit produziert hatte.
Vgl. etwa zur Rezeption semiotischer Ansätze in der volkskundlichen Kleidungsfor
schung Böth, Kleidungsforschung, S. 159f.
2 Vgl. hierzu Lipp, Carola: Alltagskulturforschung im Grenzbereich zwischen Volks
kunde, Soziologie und Geschichte. In: Zeitschrift für Volkskunde, 89. Jg., 1/1993, S. 1—
33, insbes. S. 1214.
Ellwanger, Karen: Blinde Flecken in der Bekleidungsforschung? In: LebensFormen.
Alltagsobjekte als Darstellung von Lebensstilveränderungen am Beispiel der Wohnung
und Bekleidung der „Neuen Mittelschichten". Berlin 1991, Hochschule der Künste, S.
91101, S. 97.
148 Anmerkungen zur Sachkulturforschung
lungen"74 und damit als Objektivation von Ideen, Werte, und Vorstel
lungssystemen75 untersucht. Dieser inzwischen „dominante semiologische
Zugang"76 zur Sachkultur erbrachte zwar einen beträchtlichen Erkenntnis
gewinn, erschwerte jedoch gleichzeitig die Thematisierung der materiellen
Seite der Kleidung, weil die Semiotik definitionsgemäß allein die Bedeu
tung der analysierten Gegenstände untersucht,77 ein Analyseverfahren, bei
dem die Materialität des Zeichens notwendig zum Verschwinden gebracht
werden muß.78 Das Tragen einer bestimmten Kleidung, die Kombination
verschiedener Kleidungsstücke wird hier allein als Realisation einer Bedeu
tung gewertet, die in vorgängigen Codesystemen bereits angelegt ist.
Es ist daher nur folgerichtig, wenn semiologische Analysen in der Sach
forschung nicht nur die Materialität der Kleidung vernachlässigen, sondern
auch die spezifische Alltagskompetenz der Nutzer „zur Entschlüsselung
sowie zur eigenständigen Generierung solcher Kommunikationscodes"79.
Auch Gitta Böth streicht heraus, daß eine sich sozialwissenschaftlich be
greifende Kleidungsforschung nicht auf eine Analyse des Systems der
Codes oder des symbolischen Gebrauchs der Kleidung beschränkt werden
dürfe, sondern Kleidung auch als Handlungsobjekt zu untersuchen habe
deren Herstellung, Gebrauch und Funktion. Auf eben dieses Problem ver
weist auch Carola Lipp in ihrer Forderung an künftige Studien zur Sach
kultur, die „sich in Zukunft mehr mit den objektbesitzenden Individuen,
[...] der aktuellen Nutzung und Weitergabe von Dingen" beschäftigen
müsse, wenn neben den Code und Bedeutungssystemen die Ebene des
Alltagshandelns thematisiert werden solle.80
In diesen Kritiken von Ellwanger, Böth und Lipp an gängigen Arbeiten
der Sachforschung werden zwei Probleme angesprochen jedoch kaum im
theoretischen Kontext analysiert , die sich aus der Herkunft der Semiotik
aus dem Saussureschen Modell der Sprachanalyse erklären. Neben der Ver
74 Lipp, Alltagskulturforschung, S. 12.
75 Böth, Kleidungsforschung, S. 163.
76 Ellwanger, Blinde Flecken, S. 96.
77 Vgl. Barthes, Roland: Elemente der Semiologie. Frankfurt/M. 1983, Suhrkamp, insbes.
S. 7981.
78 Aleida Assmann (Die Sprache der Dinge. Der lange Blick und die wilde Semiose. In:
Hans Ulrich Gumbrecht, K. Ludwig Pfeiffer (Hg.): Materialität der Kommunikation.
Frankfurt/M. 1988, Suhrkamp, S. 237251) verweist auf das einfache, aber grundlegen
de Gesetz semiotischer Analysen, die inverse Relation von Anwesenheit und Abwesen
heit: „ein Zeichen [muß], um semantisch erscheinen zu können, materiell verschwinden
[...] Der Blick muß die (gegenwärtige) Materialität des Zeichens durchstoßen, um zur
(abwesenden) Bedeutungsschicht gelangen zu können. Wer sich in die Materialität der
Zeichen verstrickt, kann sie nicht verstehen." (Ebd., S. 238)
79 Ellwanger, Blinde Flecken, S. 99.
80 Lipp, Alltagskulturforschung, S. 14; Lipp schlägt hierfür den mißverständlichen und
angesichts der in neueren Debatten diskutierten Dezentrierung des Subjekts unglück
lichen und wenig überzeugenden Begriff einer „subjektzentrierten Sachkulturfor
schung" vor.
Thesen zur Sachkulturforschung 149
nachlässigung der Materialität der Objekte neigt die Semiotik wie auch
andere strukturalistische Theorien zu einer latenten „Subjekt" und „Pro
zeßfeindlichkeit"81, Probleme einer „reductive fallacy" (Jörn Albrecht), die
sich durch die Übertragung eines zur Analyse sprachlicher Code und Be
deutungssysteme entwickelten theoretischen Instrumentariums auf anders
gelagerte Phänomenbereiche ergibt. Auf einige der sich hieraus ergebenden
Schwierigkeiten wird im folgenden kurz verwiesen, bevor unter Rückgriff
auf Ansätze der USamerikanischen Folklore Studies und der französi
schen „Ethnologie" mögliche Auswege aus diesem Dilemma skizziert wer
den sollen.
Insbesondere Umberto Eco hat darauf hingewiesen, daß die Semiotik, in
dem sie die Struktur der Zeichensysteme und die Strategie der Kommuni
kation untersuche, geschlossene semiotische Systeme konstruiere, aus de
nen die Akteure systematisch ausgeschlossen seien. Die Semiotik könne
demgemäß nicht sagen, „was mit der Botschaft geschieht, wenn sie empfan
gen worden ist"82 eine solche Frage sei nur zu beantworten, indem der
Kontext der jeweiligen Rezeption thematisiert werde.83 Eco schlägt daher
alternativ zum etablierten Verfahren der Semiotik vor, die Empfänger der
«Botschaften" als Akteure zu thematisieren, die Struktur der Rezeption
und die Taktik der Decodierung zu analysieren; hierzu müsse allerdings der
enge Rahmen strukturaler Theorien verlassen werden. Alain Touraine cha
rakterisiert aus sehr ähnlichen Gründen die semiologischen Ansätze etwa
Roland Barthes' als „Nullpunkt im Koordiatensystem des sozialen Den
kens", da sie sowohl die Akteure als auch ihr Handeln wegerklären wür
den.84
Auch Jean Baudrillard wies 1968 in seinem einflußreichen Buch „Le Sy
stem e des objets" auf diesen problematischen Aspekt einer rein struktura
ien Gegenstandsanalyse hin: Im Unterschied zur Sprache bildeten die Ge
genstände kein weitgehend stabiles System. So sei einerseits der Bereich der
Objekte permanenten Wandlungen und Revolutionen unterworfen, ande
rerseits könne das System der Dinge nicht ohne den praktischen Umgang
Untersucht werden weil dieses System auf Bedürfnisbefriedigung ausge
richtet sei, sich die Bedürfnisse aber im Umgang damit änderten. Bau
81 Albrecht, Jörn: Europäischer Strukturalismus. Ein forschungsgeschichtlicher Über
blick. Tübingen 1988, Francke Verlag, insbes. S. 205ff.; vgl. hierzu auch Sahlins, Mar
shall: Der Tod des Kapitän Cook. Geschichte als Metapher und Mythos als Wirklich
keit in der Frühgeschichte des Königreiches Hawaii. Berlin 1986, Wagenbach, S. 12.
82 Eco, Umberto: Einführung in die Semiotik. Autorisierte deutsche Ausgabe von Jürgen
Trabant. München 1972, Wilhelm Fink Verlag, S. 423.
II Ebd., S. 440f.
4 Touraine, Alain: Krise und Wandel des sozialen Denkens. In: Johannes Berger (Hg.):
E)ie Moderne — Kontinuitäten und Zäsuren. (=Soziale Welt, Sonderband 4) Göttingen
1986, S. 1539.
150 Anmerkungen zur Sachkulturforschung
drillard schließt hieraus, daß „im Gegensatz zur Sprache das System der
Gegenstände nur dann beschrieben werden kann, wenn es als Ergebnis ei
ner ununterbrochenen Interferenz eines praktischen und eines technischen
Systems betrachtet wird."85
Aus diesen Unzulänglichkeiten der Semiotik bei der Analyse des kon
kreten Alltagshandels leitet Anthony Giddens seine Forderung ab, daß der
„Semantik Vorrang vor der Semiotik" zukommen müsse. Der analytische
„Rückzug in den Code", wie er für strukturalistisch argumentierende Au
toren charakteristisch sei, verstelle die Einsicht, daß Zeichen nur als „das
Medium und Ergebnis kommunikativer Prozesse in der Interaktion"
existierten. Hieraus leitet er ab, daß selbst „noch die kompliziertesten se
miotischen Beziehungen [...] ihr Fundament in den semantischen Momen
ten [haben], die von den regelgeleiteten Momenten der Alltagsaktivitäten
hervorgebracht werden."86 Auf die hier interessierende Frage nach dem
„Umgang mit Dingen" gewendet, erlaubt die von Giddens vorgeschlagene
semantische Analyse des Handelns einige wichtige Modifikationen: Bedeu
tung kann als Ergebnis von Interaktionsprozessen statt lediglich als „Aus
druck" oder Realisation von vorgängigen Eigenschaften etablierter Codes
gedeutet werden; darüberhinaus kann in diesem interpretatorischen Rah
men der materiale Umgang mit Dingen ebenso wie dessen Handlungskon
text thematisiert werden. Blieb die alte volkskundliche Forderung, nicht
nur die Kleidung, sondern auch das Tragen der Kleidung oder das Singen
von Liedern zu untersuchen vorgetragen etwa von Julius Schwietering
oder Richard Weiss , durch die Dominanz semiotischer Analyseinstru
mentarien weitgehend hilf oder fruchtlos, ergeben sich durch eine se
mantische Analyse des konkreten Alltagshandelns neue Möglichkeiten, die
jeweiligen „Handlungsfelder"87 des Dinggebrauchs ebenso zu thematisie
ren wie dessen Dynamik über die Betonung der jeweiligen (Inter) Aktions
Situationen herauszuarbeiten.
In der Volkskunde wurde die hier angesprochene Problematik der in der
Sachkulturforschung dominierenden semiotischen Analyseverfahren bis
lang nicht systematisch diskutiert, obwohl die daraus entstehenden Proble
me etwa in den oben dargestellten Beiträgen von Böth, Ellwanger und
Lipp gelegentlich thematisiert wurden. Im Gegensatz zur bundesrepubli
kanischen Diskussion wurden sowohl in den USamerikanischen „Folk
lore Studies" als auch in der französischen „Ethnologie" solche Debatten
85 Baudrillard, Jean: Das System der Dinge. Über unser Verhältnis zu den alltäglichen
Gegenständen. Frankfurt/M., New York 1991, S. 17.
86 Giddens, Anthony: Die Konstitution der Gesellschaft. Grundzüge einer Theorie der
Strukturierung. Frankfurt/M., New York 1988, S. 84f.
87 Vgl. zu der Forderung an die volkskundliche Sachforschung, daß die Handlungsfelder
der „Sachen" in die Analysen einzubeziehen seien, Mohrmann, Anmerkungen, S. 108;
hier wird allerdings über das bloße Postulat hinaus kein Vorschlag unterbreitet, wie
dies zu geschehen habe.
Thesen zur Sachkulturforschung 151
begonnen und konkrete Vorschläge zur Überwindung dieser Schwierigkei
ten der am SprachParadigma orientierten Interpretationsmodelle im Rah
men poststrukturalistischer Theoriebildung erarbeitet. Einige dieser Über
legungen sollen im folgenden skizziert werden, da aus ihnen für die hier
verfolgte Fragestellung wichtige Hinweise gewonnen werden können.
In den USA wurde insbesondere durch das seit den 70er Jahren entwik
kelte „Performance"Konzept ein paradigmatischer Wechsel im Metho
den und TheorieBestand der Folklore Studies vollzogen. Verhalten wird
hier nicht mehr wie in strukturalistischen Arbeiten üblich textualisiert
und stillgestellt, indem die Sinnhaftigkeit von Handlungen als Reproduk
tion und Erfüllung vorgängiger Bedeutungssysteme konzeptualisiert wird,
sondern in einem aktivitäts und handlungszentrierten Modell der „Perfor
mance" interpretiert. Es richtet die Aufmerksamkeit insbesondere auf die je
individuelle, kreative und spielerische Praxis der Akteure in Interaktionen,
auf die Produktion neuer Bedeutungen.88 Der zentrale Stellenwert des
»Performance"Konzeptes als Forschungsinstrument und konstituieren
des, einheitsstiftendes Paradigma der Forschungspraxis der Folklore in den
folgenden Jahren wird auch von der einflußreichen Redefinition der
Folklore als „artistic communication in small groups"89 durch Dan Ben
Arnos aus dem Jahr 1971 unterstrichen.
Die Ausrichtung der Forschungen auf die Analyse von „communicative
events" und die zentrale Berücksichtigung des Interaktionskontextes wur
de insbesondere durch theoretischmethodologische Überlegungen des
Linguisten Roman Jacobson vorangetrieben, der das Saussuresche Modell,
bei dem Sprache als einfache Codierungs und Decodierungsinstanz zwi
schen Sender und Empfänger wirkt, um die Kategorie des situativen Kon
textes erweiterte, und den Focus semiotischer Untersuchungen von einer
reinen Analyse der Codesysteme auf die Dynamik der Sprachhandlungen
verschob.90 Janet L. Langlois verweist in ihrem einführenden Beitrag des
88 Vgl. grundlegend: Hymes, Dell H.: The Ethnography of Speaking. In: Thomas Glad
win, William Sturtevant (eds.): Anthropology and Human Behavior. Washington,
D.C., 1962, Anthropological Society of Washington, S. 1553; für diese Neuorientie
rung der Folklore Studies erlangte insbesondere der Sammelband von Americo Paredes
und Richard Bauman ((eds.): Toward New Perspectives in Folklore. Austin 1972, Uni
versity of Texas Press) große Bedeutung; vgl. zu den hierdurch eingeleiteten disziplina
ren Veränderungen Shuman, Amy, Charles L. Briggs: Introduction. In: Special Issue,
Western Folklore 52/1993, S. 109134, und BenAmos, Dan: „Context" in Context. In:
Special Issue, Western Folklore 52/1993, S. 209226.
89 BenAmos, Dan: Toward a Definition of Folklore in Context. In: Journal of American
Folklore 84/1971, pp. 315, p. 13.
v° Jacobson, Roman: Linguistics and poetics. In: David Lodge (ed.): Modern Criticism
and Theory. A Reader. London, New York 1988, Longman, S. 3256 (erstmals erschie
nen als: Closing Statement: Linguistics and poetics. In: Thomas A. Sebeok (ed.): Style in
Language. Cambridge, Mass. 1960, Cambridge University Press, S. 350373).
152 Anmerkungen zur Sachkulturforschung
Sonderheftes „Folklore and Semiotics" des Journal of Folklore Research91
auf die Bedeutung des Jacobsonschen Ansatzes von Sprache und Ereignis
sowohl für semiotische Analyseverfahren als auch für das „Performance
"Konzept in den Folklore Studies. Neben der von Jacobson hergestellten
einflußreichen Verknüpfung zwischen tschechischem Strukturalismus,
amerikanischem Pragmatismus und britischer Linguistik92 wurde das „Per
formance"Konzept der Folklore Studies aber auch von der Interaktions
theorie Gregory Batesons und Erving Goffmans beeinflußt. Beide strichen
die Bedeutung des „framings" für Kommunikationsverhalten heraus und
erhoben damit ebenfalls den jeweiligen Interaktionskontext zur zentralen
analytischen Kategorie.93
Diese leitenden Theorien des zentralen „Performance"Konzeptes leg
ten die Folklore Studies damit auf die Interpretation „[of] verbal, custo
mary and material folklife as signs in action"94 fest wobei allerdings kri
tisch anzumerken ist, daß entgegen dieser weiten Definition in den Studien
vor allem Analysen sprachlichkommunikativen Verhaltens in facetoface
Interaktionen überwiegen.95 Trotz dieser Einschränkung bieten diese stark
handlungs oder prozeßorientierten Analysen mit ihrer Betonung des spe
zifischen Handlungskontextes die Chance, die Verkürzungen rein struktu
raler, am Sprachmodell Saussures ausgerichteter Interpretationen zu über
winden, in denen die Praxis der Akteure, bedingt durch die oben darge
stellte „reductive fallacy" des Strukturalismus, systematisch dethematisiert
wird.
Parallel hierzu in ihrer theoretischen Bewegung sind Thesen, die
Claudine FabreVassas und Daniel Fabre in der französischen Ethnologie
zur Debatte stellten. Ausgehend von der Diagnose, daß in Frankreich die
Vorherrschaft der Semiotik in eine analytische Sackgasse geführt habe, weil
die durchgeführten Studien „etwas »liebedienerisch« einem phonologisch
orientierten Modell verbunden warfen]"96 und meist ausschließlich formale
Beschreibungen lieferten, fordern sie statt semiotischstrukturalistischer
Analysen die Konzentration auf semantische Aspekte, „wo der Sinn sich
91 Langlois, Janet L.: Folklore and Semiotics: An Introduction. In: Journal of Folklore Re
search, Special Double Issue „Folklore and Semiotics", Vol. 22, Nos. 2/3, 1985, S. 77
83.
92 Vgl. zu diesen theoriegeschichtlichen Bezügen BenArnos, Context, S. 217f.
93 Vgl. hierzu insbesondere Goodwin, Charles, Alessandro Duranti: Rethinking Context:
an Introduction. In: Dies, (eds.): Rethinking Context. Language as interactive pheno
menon. Cambridge 1992, Cambridge University Press, S. 142, insbes. S. 2225.
94 Langlois, Introduction, S. 80.
95 Zu dieser Kritik vgl. insbes. KirshenblattGimblett, Bones of Contention, S. 23ff.
96 FabreVassas, Claudine, Daniel Fabre: Die Ethnologie des Symbolischen in Frankreich.
Gegenwärtige Lage und Perspektiven. In: Isac Chiva, Utz Jeggle (Hg.): Deutsche
Volkskunde Französische Ethnologie. Zwei Standortbestimmungen. Frankfurt/M.,
New York 1987, Campus; Paris 1987, Editions de la Maison des Sciences de l'Homme,
S. 222243, S. 242.
Thesen zur Sachkulturforschung 153
nur in der Aktivierung aller Dimensionen einer Situation, eines Ge
dächtnisses, einer Kultur erschließt"97. Der Sinn von Handlungen dürfe
demnach nicht länger „dahinter" also in bezug auf kulturelle Codesy
steme , sondern müsse „daneben" im situativen Kontext gesucht wer
den. Gemäß diesem Konzept wird Sinn „als ein offenes Bezugssystem defi
niert, das mit der je besonderen Dynamik der Sozialbeziehungen unlösbar
verbunden ist."98 Der Focus der Analyse verschiebt sich damit von der
Analyse der kulturellen Strukturen und Systeme auf die je entfaltete kultu
relle Praxis, die zwar innerhalb dieser Strukturen operiert, aber darauf nicht
reduziert werden kann.
Aus diesen Überlegungen sowohl der französischen „Ethnologie" als
auch der USamerikanischen Folklore Studies können Hinweise gewonnen
Werden, wie auf das oft konstatierte Problem der in der Sachforschung
überwiegend verwendeten semiotischen Analyse verfahren reagiert werden
kann, die tendenziell sowohl die Materialität der Objekte als auch die Pra
xis der Akteure dethematisieren. In beiden Fächern wurde im Zuge einer
Poststrukturalistisch orientierten Revision bisheriger Konzepte der Hand
Wgsaspekt bei der Analyse des Objekt und Zeichengebrauchs wieder
entdeckt und die Kreativität der Akteure im Umgang mit vorgefundenen
Strukturen herausgestellt. Als zentrale Untersuchungskategorie wird hier
bei die Situativität des Handelns sein e^e^rCharakter verstanden, wo
bei der kontextuellen Bindung des jeweiligen Handelns besondere Auf
merksamkeit gewidmet wird. Diese, in den amerikanischen und französi
schen Nachbarfächern der Volkskunde vollzogene bzw. sich andeutende
Verlagerung der Arbeit von Strukturanalysen auf Prozeßanalysen kann für
die hier verfolgte Fragestellung fruchtbar gemacht werden; auf diese Beto
nung der Handlungspnms ist im zweiten Teil der Arbeit näher einzugehen,
^er zentrale Stellenwert des KontextBegriffes erfordert im folgenden je
doch noch einige Präzisierung.
These 5: Das in der volkskundlichen Sachforschung etablierte, einge
schränkte Verständnis des KontextBegriffes muß für die Analyse
von Handlungen umgestellt werden von einer bedeutungslimi
tierenden auf eine bedeutungsermöglichende Kategorie; hierzu
kann eine Differenzierung von KonText und KoText einen
wichtigen Beitrag leisten.
k*1 Gegensatz zu den USamerikanischen Foklore Studies, in denen der
KontextBegriff seit Mitte der 60er Jahre zu einem immer wieder auch
theoretisch diskutierten SchlüsselKonzept bei der empirischen Analyse des
l7 Ebd., s. 242.
98 Ebd., S. 243.
154 Anmerkungen zur Sachkulturforschung
Zusammenhanges von Sprache, Kultur und sozialer Organisation wurde,"
gelangte der Begriff des Kontextes erst sehr spät über die Erzählforschung
in die Diskussionen der deutschen Volkskunde100 und erfuhr bislang keine
vergleichbar breite konzeptuelle Klärung und Aufmerksamkeit. Dies ist
um so erstaunlicher, als spätestens seit den 70er Jahren die Spezifik der
Volkskunde gerade darin erblickt wurde, daß sie volkskundliche Phänome
ne nicht isoliert, sondern qualitativ im jeweiligen kulturellen, sozialen und
ökonomischen Zusammenhang interpretiere101 eine Interpretationsanfor
derung, der gerade ein ausgearbeitetes Konzept des (Handlungs^Kontex
tes nachkommen könnte. Eine solche theoretische Präzisierung des Kon
textBegriffes könnte gleichzeitig schärfer herausarbeiten, worin der seit
den 70er Jahren vollzogene Bruch gegenüber alten, die gesamte Geschichte
der Volkskunde seit Riehls „RockundKamisol"Formel102 durchziehen
den Forderungen nach der Beachtung größerer Zusammenhänge bei der
Analyse volkskundlicher Phänomene besteht eine Problematik, die hier
allerdings nur gestreift werden kann. Im folgenden soll zuerst eine Be
standsaufnahme aktueller sachkultureller Überlegungen zum KontextBe
griff erfolgen, bevor die Umrisse eines alternativen Verständnisses skizziert
werden.
Bedingt durch die überwiegend historische Ausrichtung der volkskund
lichen Sachforschung und der thematisch mit ihr eng verknüpften Museo
logie wird das Problem des Kontextes im Fach vor allem mit Blick auf die
Notwendigkeit diskutiert, die ehemaligen Verwendungszusammenhänge
der in Sammlungen vorliegenden, dekontextierten Objekte zu rekonstruie
ren. Kontext ist hierbei ein wesentliches Mittel, die „Bedeutungsdimen
sioncq03 der Dinge zu klären und sie in Ausstellungen in sinnvollen Zusam
menhängen präsentieren zu können. So muß etwa ein bemalter Kleider
schrank aus der zweiten Häfte des 19. Jahrhunderts je nach seinem Stand
ort etwa in einem wohlhabenden Bauernhaushalt des 19. Jahrhunderts oder
in einer Akademikerwohnung der 1960er Jahre hinsichtlich etwa seines
99 Vgl. Goodwin/Duranti, Rethinking Context, S. 32.
100 So fehlt das Stichwort Kontext etwa in den für die volkskundliche Reorientierung nach
1970 einflußreichen Bänden „Abschied vom Volksleben" (Bausinger, Korff, Scharfe,
Schenda (Hg.)) und „Grundzüge der Volkskunde" (Bausinger, Jeggle, Korff, Scharfe
(Hg.)).
101 Vgl. etwa Bausinger, Spezifik, S. 19f., der als Charakteristikum volkskundlicher For
schungsarbeit die Berücksichtigung synchroner { sozialer und kultureller) und dia
chroner (= biographischer) Zusammenhänge sieht.
102 Wilhelm Heinrich Riehl hatte 1858 (In: Die Volkskunde als Wissenschaft. In: Ders.:
Kulturstudien aus drei Jahrhunderten. 6. Aufl., Stuttgart, Berlin 1903, S. 225251, S.
236) konstatiert: „Diese Studien über oft höchst kindische und widersinnige Sitten und
Bräuche, über Haus und Hof, Rock und Kamisol und Küche und Keller sind in der Tat
für sich eitler Plunder, sie erhalten erst ihre wissenschaftliche wie poetische Weihe
durch ihre Beziehung auf den wunderbaren Organismus einer ganzen Volkspersönlich
keit".
103 Beier, Kontextualisierung, S. 177.
Thesen zur Sachkulturforschung 155
Distinktionswertes völlig anders beurteilt werden.104 Der Begriff des Kon
textes kann in diesem Falle helfen, die potentielle Vielfalt der sozialen und
kulturellen Bedeutungen des Gegenstandes „Bauernschrank, bemalt, [...]"
zu begrenzen und im Idealfall eindeutige Bestimmungen des jeweiligen so
zialen Sinns eines Dinges zu ermöglichen.105 Dieses im wesentlichen bedeu
tungslimitierende KontextKonzept stellt eine wesentliche Voraussetzung
sowohl vergleichender Analysen106 als auch der volkskundlichmusealen
Repräsentationspraxis dar.107 Dieser ältere, vorwiegend auf die Bedeutungs
dimension der Dinge gerichtete Begriff des Kontextes kann weitgehend mit
einer einfachen Beachtung sozialer, räumlicher und zeitlicher Zusammen
hänge der analysierten Objekte identifiziert werden, die in der Fachge
schichte der Volkskunde seit Riehl immer wieder eingeklagt wurde.108
Im Unterschied hierzu wurde ab den 80er Jahren verschiedentlich ein
modifizierter, umfassenderer KontextBegriff eingeführt, der neben der
Bedeutungsdimension auch die Handlungsdimension der Dinge themati
sierte und damit sowohl die symbolischästhetischen als auch die funktio
nalen Aspekte des Umganges mit Dingen beachtete. Insbesondere Gott
fried Korff plädierte in verschiedenen Aufsätzen immer wieder dafür, daß
die volkskundliche Sachkulturforschung „die Sachen im Kontext alltägli
cher Handlungsfelder"109 untersuchen müsse, um die „Beziehungsmecha
nismen von MenschSachUmweltGeschichte" zu klären; nur unter Be
rücksichtigung der Handlungsdimension könnten rein „kulturalistische"
°der „ethnografischstrukturalistische" Einseitigkeiten vermieden wer
den.110 Korff greift damit Überlegungen Hermann Bausingers auf, für den
die Spezifik der qualitativ arbeitenden Volks künde/empirischen Kultur
104 Vgl. zu diesem Beispiel Mohrmann, RuthE.: Anmerkungen zur Geschichte der Dinge.
Die ,Form der Zeit' als Instrument der Periodisierung. In: Günter Wiegelmann (Hg.):
Wandel der Alltagskultur seit dem Mittelalter (= Beiträge zur Volkskultur in Nord
Westdeutschland, Bd. 55). Münster 1987, S. 103116, S. 113.
*05 Diese Funktion des KontextBegriffes kann etwa auch bei Bourdieu, Entwurf, beob
achtet werden.
06 Vgl. Brednich, Quellen, S. 76; Gerndt, Helge: Die Anwendung der vergleichenden Me
thode in der Europäischen Ethnologie. In: Ethnologia Europaea, 10. Jg., H. 1/197778,
S. 232.
07 Vgl. hierzu etwa Foerster, Sammeln, S. 52ff., oder Korff, Gottfried: Zur Eigenart der
^useumsdinge. Einige auf neuere Museumstheorien achtende Schlußbemerkungen zu
einem wortreichen Bilderbuch. In: Rosemarie Beier, Gottfried Korff (Hg.): Zeitzeugen.
Ausgewählte Objekte aus dem Deutschen Historischen Museum. Baustein, Teil 6. Ber
lin 1992, DHM, S. 277281.
08 Vgl. hierzu etwa Mohrmann, Perspektiven, die das von Bringeus für die Feldforschung
entwickelte kontextuelle Modell (s. hierzu unten) weitgehend auf eine interne Relatio
nierung historischer und damit weitgehend handlungsfreier Sachbestände reduziert,
obwohl auch sie immer wieder betont, daß gerade der Umgang mit Dingen in histori
sehen Lebenswelten von der Volkskunde zu untersuchen sei (S. 147, 157).
11? Bemerkungen, S. 15.
110 Wf, Umgang,S. 50.
156 Anmerkungen zur Sachkulturforschung
Wissenschaft gegenüber etwa der Kultursoziologie gerade in der Berück
sichtigung synchroner und diachroner Kontexte der untersuchten Phäno
mene ihrer sozialen und historischen Einordnung besteht.111
Diese Forderung nach einer Einbindung der Sachanalysen in reale ge
sellschaftliche Handlungskontexte kann allerdings in der volkskundlichen
Sachforschung noch nicht als durchgesetzt gelten.112 Erste Schritte zu einer
Etablierung dieses Konzeptes wurden vor allem in den exemplarischen
volkskundlichen Untersuchungen des ungarischen Dorfes Atäny durch
Edit Fei und Tamäs Hof er113 oder in skandinavischen Studien114 vorgenom
men. Kennzeichnend ist bei allen diesen Studien, daß die „kontextuelle
Sachforschungsperspektive den Forscher hinaus ins Feld, in die Umwelt
[zwingt], in der die Geräte gebraucht und die Möbel benutzt"115 werden,
um mit der ethnographischen Methode der Feldforschung den konkreten
Umgang mit Dingen und ihre praktische Nutzung beobachten zu können.
Im Unterschied zur historischen Methode der Sachanalyse kann hier Han
deln in der Feldforschungssituation direkt beobachtet werden und muß
nicht unter Rückgriff etwa auf schriftliche Quellen oder Sachzeugnisse re
konstruiert werden. Aber auch in diesen Studien dient die Kategorie des
Kontextes und die Thematisierung des Gebrauchs vor allem der Limitie
rung der potentiellen Bedeutungsvielfalt von Dingen und Geräten. So
zeichnen etwa Fel/Hofer nach, daß eine Hacke mit zunehmendem Abnut
zungsgrad von einem Männer zu einem Frauen und schließlich zu einem
KinderGerät wird und durch den veränderten Kontext des Gebrauchs
auch in ihrer Bedeutung im dörflichen Sachuniversum kontinuierlich „ab
steigt".
Für die USamerikanischen Folklore Studies116 kann demgegenüber der
bedeutende Einfluß der „ethnography of speaking" dafür verantwortlich
gemacht werden, daß hier auf der Basis eines linguistisch geprägten Kon
textBegriffes seit den 70er Jahren ein erweitertes Verständnis des Hand
lungs bzw. Redekontextes entwickelt wurde. Dem Kontext kommt nach
diesen Konzeptionen nicht nur die Rolle zu, die Interpretationsmöglich
111 Vgl. hierzu etwa Bausinger, Spezifik, S. 19.
112 Vgl. etwa zur Kritik neuerer Arbeiten der Sachkulturforschung, bei denen der Perspek
tivwechsel auf eine komplexe Analyse des Alltags noch nicht gelungen sei, Lipp, All
tagskulturforschung, S. 13, oder auch Bringeus, Studium, S. 166.
113 Fei, Edit, Tamäs Hof er: Proper Peasants. Traditional Life in a Hungarian Village. Chi
cago 1969, Aldine.
114 Vgl. hierzu den Überblick bei Bringeus, Studium, S. 165f.
115 Ebd., S. 163.
116 Duranti/Goodwin, Context, S. 25f., verweisen insbesondere auf den Einfluß, die die
Arbeiten Dell Hymes' (u.a. Language in Culture and Society. New York 1964, Harper
and Row, oder Models of the Interaction of Language and Social Life. In: John J.
Gumperz, Dell Hymes (eds.): Directions in Sociolinguistics: The Ethnography of
Communication. New York 1972, Holt, Rinehart and Winston, S. 3571) auf die Studi
en von Richard Baumann, Joel Sherzer, Dan BenArnos u.a. ausübten.
Thesen zur Sachkulturforschung 157
keiten einer Äußerung zu limitieren und ihr damit sowohl in den jeweili
gen Interaktionssituationen als auch in deren Erforschung einen eindeuti
gen Bedeutungsgehalt zuschreiben zu können, sondern Kontext stellt hier
auch das notwendige Referenzsystem dar, vor dessen Hintergrund die In
teraktionspartner mit polyvalenten Bedeutungen einer Äußerung spielen
und so etablierte Bedeutungssysteme verändern können. Diese bedeu
tungsermöglichende Funktion des jeweiligen Interaktionskontextes wird
etwa von Deborah A. Kapchan am Beispiel des Feilschens auf einem ma
rokkanischen Markt präzise herausgearbeitet.
In der von ihr beschriebenen Situation handeln ein junger Mann und
eine ältere Verkäuferin zäh um den Preis einer Ware; untypischerweise be
findet sich hierbei eine Frau in der Rolle der Verkäuferin. Da sich die bei
den nicht einigen können, droht der Kunde, die Verhandlungen abzubre
chen. In diesem kritischen Moment stellt die Verkäuferin die rhetorische
Frage: „What's the matter with us [women vendors]? Aren't we all Mus
limsfCfl17 Die von ihr verwendete Redewendung „Sind wir nicht alle Mus
lims?" stellt hierbei ein „traditionelles" rhetorisches Mittel dar, „which has
been used historically to assert bonds of Community over ethnic and factio
nal differences, in particular between Berber and Arab men in the public
domain of postcolonial Morocco. In the mouth of a man, these words pass
effortlessly between vendor and client, effecting a minimum of intertextual
distance."118 Benutzt von einer Frau, verursacht diese Redewendung jedoch
eine gewünschte Irritation, auf die der Käufer mit Lachen reagiert: „The
laughter of the client registered his recognition, that these words, usually li
mited to monosexual communicative exchanges, were being used to effect
negotiation of goods across both gender and age boundaries. The woman
vendor had revoiced the terms of the sale by employing a traditional idiom
in a nontraditional context and by infusing the phrase with a new pragma
tic aura."119
Die von Kapchan beschriebene Situation verweist nicht nur auf die zen
trale Rolle des Kontextes dabei, welche Bedeutung eine Äußerung anneh
men kann, sondern auch auf die Fähigkeit der Handelnden, etablierte Be
deutungsrelationen und Werthierarchien hier zwischen Männern und
Frauen in Frage zu stellen und situativ zu verändern. Gerade die bedeu
tungslimitierende Funktion des Kontextes die traditionalen Konnotatio
nen des in einer Verhandlungssituation geäußerten Satzes „Sind wir nicht
alle Muslims?" ermöglicht die „falsche", illegitime Verwendung der Re
dewendung und damit das sehr ernste Spiel mit neuen, „hybriden" (M.M.
Bakhtin) Bedeutungen. Situativer Kontext wird in den USamerikanischen
117 Kapchan, Deborah A.: Hybridization and the Marketplace: Emerging Paradigms in
Folkloristics. In: Western Folklore, 52/1993, S. 303—326, S. 315.
118 Ebd., S. 316.
119 Ebd., S. 316.
158 Anmerkungen zur Sachkulturforschung
Folklore Studies damit konzipiert als „interactive arena in which the Spea
kers' age, status, and gender gain symbolic significance in their communica
tion"120, ein komplexer Zusammenhang, in dem Code, Stil, Intonation und
Dramatisierung, das gewählte Genre und seine Konventionen, Zeit und
Ort der „Performance" die Bedeutungen einer Äußerung bestimmen.
Dieses Verständnis weist damit gegenüber älteren, auch in der bundes
deutschen Sachforschung vorherrschenden Konzepten eine deutlich modi
fizierte Ausrichtung auf. In der deutschen Sachforschung wird Kontext
von der StrukturPerspektive aus quasi von außen nach innen konzi
piert. Dabei wird der vom Forscher (re)konstruierten kontextuellen Um
gebung volkskundlicher Phänomene eine formierende Rolle bezüglich Be
deutung und Funktion von Handlungen und Dingen zugestanden. Im Ge
gensatz dazu ist der KontextBegriff in den Folklore Studies ein Theorie
baustein eines akteurszentrierten Analysekonzeptes, bei dem von innen
nach außen aus der Perspektive der beobachteten kulturellen Praxen,
Kontext nur insofern thematisiert wird, als er aktiv jedoch nicht notwen
dig bewußt von den Handelnden als bedeutungsermöglichendes Refe
renzsystem in Interaktionssituationen genutzt wird.121
Während die Betonung der Akteursperspektive durchaus positive An
sätze für eine konzeptionelle Revision des KontextVerständnisses in der
Sachforschung bietet, sind in dieses Konzept theoretische und methodische
Vorannahmen „eingebaut", die einer unproblematischen Übertragung auf
nichtsprachliche Phänomene entgegenstehen. Besonders die Konzentrati
on auf „communicative events"122 legt eine Konzeption des Kontextes als
Ergebnis eines interaktiv zwischen Sprecher(n), Zuhörer(n) und Publikum
erzeugten Handlungsrahmens nahe, der durch „momentbymoment so
cial and cognitive work"123 in einem „progressive, emergent process"124 als
intersubjektives Referenzsystem aufgebaut wird. Vor dem Hintergrund
dieser Bestimmungen ist Kontext keine objektive Kategorie: „contexts do
not appear to participants in events in either a transparent or objective
form; rather, they are socially constructed through memory and desire."125
Problematisch an diesen Definitionen ist insbesondere, daß sie hochgra
dig auf die Interpretation von Interaktionssituationen zugeschnitten sind,
120 BenAmos, Context, S. 218.
121 Vgl. hierzu Bauman, Richard: Icelandic legends of the kraftaskäld. In: Charles Good
win, Alessandro Durand (eds.): Rethinking Context. Language as interactive phenome
non. Cambridge 1992, Cambridge University Press, S. 125145, S. 14lf.
122 Vgl. hierzu BenAmos, Context, S. 219, und Brenneis, Donald L.: Some Contributions
of Folklore to Social Theory: Aesthetics and Politics in a Translocal World. In: Western
Folklore 52/1993, S. 291303, S. 294ff.
123 Goodwin/Duranti, Context, S. 28.
124 Basso, Ellen B.: Contextualization in Kalapalo narratives. In: Charles Goodwin, Ales
sandro Durand (eds.): Rethinking Context. Language as interactive phenomenon.
Cambridge 1992, Cambridge University Press, S. 253269, S. 268.
125 Shuman/Briggs, Introduction, S. 119.
Thesen zur Sachkulturforschung 159
die durch KoPräsenz der Akteure bzw. Kommunikation von Angesicht
zuAngesicht charakterisiert sind. Wird an diesem, durch ein „faceto
face"Paradigma geprägten KontextBegriff festgehalten, können Praxen,
die sich durch fehlende KoPräsenz der Akteure auszeichnen, nicht oder
nicht zureichend interpretiert werden. Auf diese theorietechnischen Pro
bleme wurde in aktuellen Debatten der Folklore Studies insbesondere im
Zusammenhang mit der Analyse medial vermittelter Kommunikation etwa
durch EMail hingewiesen.126 Eine partielle Revision und Anpassung des
KontextBegriffs sei so wird argumentiert schon allein deshalb geboten,
weil in einer durch Globalisierung und „displacements" geprägten Welt
„shared place or physical context no longer defines those »folks« within
which we participate."127
Diese berechtigte Kritik muß allerdings noch erweitert werden, denn
nicht nur die KoPräsenz der Akteure in Interaktionssituationen, sondern
auch der Verhandlungscharakter des situativen Kontextes kann in kom
plexen, durch weitreichende Institutionalisierungs und Technisierungs
prozesse geprägten Gesellschaften nicht generell vorausgesetzt werden.
Während bei „communicative events" von einer hohen Flexibilität der Ak
teure ausgegangen werden kann, den Rahmen der jeweiligen Interaktion zu
bestimmen, stellen sowohl Institutionen als auch Technik harte, nur be
dingt „verhandelbare" Handlungsumgebungen bereit, mit denen die Dau
erhaftigkeit und Verläßlichkeit eben die NichtVerhandelbarkeit der In
teraktionsrahmen gewährleistet werden soll. Der Effekt sowohl von Insti
tutionalisierungs als auch Technisierungsprozessen besteht schließlich
nicht zuletzt gerade darin, feste ZweckMittelRelationen zu fixieren und
damit zu einer (Ver)Handlungsentlastung beizutragen. Diese Problematik
einer nicht determinierenden Handlungslimitierung ist ebenso bei der Ana
lyse zunehmend technisch mediierter Kommunikation als auch generell für
das Handeln in der „Technischen Welt" zu beachten. Bislang ist jedoch
weder in der deutschen Sachforschung noch in den in dieser Hinsicht dis
kussionsfreudigeren und problembewußteren Folklore Studies erkenn
bar, wie durch Umstellung theoretischer Konzepte auf diese Problematik
reagiert werden soll.
Für die Frage nach dem „Umgang mit Technik" erscheint es daher ge
boten, die konzeptuellen Einseitigkeiten der in Volkskunde und Folklore
Studies vorherrschenden KontextBegriffe zu meiden, die weitgehend auf
ein analytisches Instrument zur Bestimmung von DingBedeutungen oder
des HandlungsSinns beschränkt sind. Sowohl die in der Volkskunde im
nier wieder angemahnte Berücksichtigung der sozialen Handlungsfelder in
sachkulturellen Studien als auch die in den Folklore Studies etablierte
126 Vgl. zu diesen Kritiken insbesondere KirshenblattGimblett, Bones of Contention;
Shuman/Briggs, Introduction, S. 121, oder Brenneis, Contributions, S. 298.
127 Brenneis, Contributions, S. 298.
160 Anmerkungen zur Sachkulturforschung
Akteursperspektive erfordern demgegenüber ein Konzept des Kontextes,
das neben der Bedeutungsdimension auch die materielle Handlungsdi
mension im Umgang mit Sachen thematisieren kann. Um diese beiden,
miteinander verbundenen und aufeinander bezogenen, jedoch nicht dek
kungsgleichen Dimensionen analytisch trennen zu können, wird vorge
schlagen, eine Differenzierung zwischen „syntaktischen bzw. semantischen
KoTexten " und „pragmatischen KonTexten "128 in Handlungssituationen
vorzunehmen. Diese Unterscheidung, die der Kommunikationstheorie
HansPeter Krügers entstammt, wird hier modifiziert aufgenommen: Ko
Text wird verwendet, um auf die „Bedeutungsdimension" von Technik zu
verweisen, der Begriff KonText zielt dagegen auf die Handlungsdimen
sion im Umgang mit Technik.
Zentral für das Verständnis dieser beiden Kategorien ist dabei, daß sie
auf die Bedingungen moderner Gesellschaften zugeschnitten sind, die sich
durch eine erweiterte Ko bzw. KonTextBildung auszeichnen. Statt von
einem „facetoface"Paradigma und geringem Institutionalisierungsgrad
auszugehen, wie dies etwa im KontextBegriff der Folklore Studies üblich
ist, bezieht Krüger in seinem Modell die Auswirkungen gesellschaftlicher
Diskurse bzw. der medialen Vermittlung der KoTexte ebenso ein wie In
stitutionalisierungsprozesse, mit denen Handlungsoptionen der Akteure
die ihre Handlungen orientierenden KonTexte eingeschränkt werden.129
In diesem Sinne kann der Umgang mit Technik als kotextuell und kon
textuell gebunden verstanden werden, wobei sich die diskursive Bindung
oder die Vorgabe von Handlungsoptionen limitierend, jedoch nicht deter
minierend auf die jeweiligen Umgangsweisen auswirkt. Ausgehend von ei
ner akteurszentrierten Perspektive kann somit sowohl der Bedeutungs als
auch der Handlungsdimension technischer Artefakte Rechnung getragen
werden. Im weiteren Gang der Arbeit soll diese Differenzierung weiter
ausgearbeitet und auf ihre Nützlichkeit bei der Thematisierung des „Um
gangs mit Technik" überprüft werden.
Erforderliche Revisionen
Diese kurze, thesenhafte Skizze der volkskundlichen Sachkulturforschung
verweist auf die Notwendigkeit, sowohl einige der zentralen, durch die
Fachtradition geprägten theoretischen Vorannahmen und analytischen In
strumentarien zu revidieren, als auch darauf, daß neue Konzepte erarbeitet
werden müssen, wenn der Umgang mit Technik thematisiert werden soll.
Dieses Revisionsinteresse kann sich hierbei auf einige neuere Anstöße in
der volkskundlichen Sachforschung stützen, insbesondere auf Versuche,
128 Vgl. Krüger, Perspektivenwechsel, S. 84.
129 Ebd., S. 90f.
Erforderliche Revisionen 161
neben der Bedeutungsdimension die Materialität volkskundlicher Objekte
zu berücksichtigen, oder auf das Plädoyer, verstärkt die sozialen Hand
lungsfelder, den Gebrauch der Dinge in die Analysen einzubeziehen und
damit die bislang noch oft vorherrschenden sachzentrierten durch hand
lungszentrierte Interpretationsverfahren zu ersetzen.
Als problematisch muß insbesondere angesehen werden, daß in der
volkskundlichen Sachforschung übrigens ebenso wie in den Folklore
Studies bislang kein komplexer Begriff moderner Technik entwickelt
wurde. Wie in den fachhistorischen Analysen der beiden vorangegangenen
Kapitel erläutert wurde, erklärt sich dieses Defizit teilweise dadurch, daß
auch in den Nachbarwissenschaften Soziologie, Ethnologie bzw. Cultural
Anthropology Technik bis in die 80er Jahre hinein kaum thematisiert wur
de und damit entsprechendes Orientierungswissen nicht herangezogen
werden konnte. Diese Situation hat sich jedoch in den vergangenen Jahren
bedeutend verändert. Spätestens seit Beginn der 80er Jahre wird insbeson
dere in der deutschen Soziologie der Zusammenhang von Technik, Alltag
und Kultur mit zunehmender Intensität diskutiert.
Unter dem Stichwort der Techniksoziologie werden hierbei Fragestel
lungen aufgegriffen, die nicht nur anschlußfähig an die in der Volkskunde
etablierten Fragestellungen sind, sondern teilweise direkt in das disziplinär
ausgewiesene Forschungsfeld des Faches fallen. Diese soziologischen De
batten wurden allerdings bisher von der Volkskunde und ihren Nachfolge
fächern kaum rezipiert ganz zu schweigen davon, daß die spezifische wis
senschaftliche Expertise des Faches für die Problembereiche Kultur, Alltag
und Lebensweise in diesen Diskussionen geltend gemacht worden wäre.
Auch in der USamerikanischen Cultural Anthropology wurde inzwischen
die Frage nach der „Kulturbedeutsamkeit" von Technik aufgegriffen; ne
ben soziologischen Arbeiten wird hierbei auch auf neuere Überlegungen
der amerikanischen TechnikPhilosophie zurückgegriffen, ein Forschungs
feld, das sich seit den 70er Jahren herausdifferenzierte und in dem ebenfalls
die Frage nach dem Zusammenhang von KulturTechnikAlltag themati
siert wurde. Eine kritische Durchsicht der in diesen wissenschaftlichen Fel
dern entwickelten Konzepte kann dabei hilfreich sein, das oben angespro
chene theoretische Defizit der Volkskunde und ihrer Nachfolgefächer zu
überwinden, ein nur wenig komplexes, zur Analyse des Umganges mit mo
derner, industriegesellschaftlicher Technik nicht geeignetes theoretisches
Instrumentarium zu besitzen.
II. Teil
„ Technologie ist eine Art der Beobachtung,
die etwas unter dem Gesichtspunkt betrachtet,
daß es kaputt gehen kann."
Niklas Luhmann, Die Wissenschaft
der Gesellschaft
„ Technik ist leichter zu begreifen
als die männliche Psyche."
Pepa in: Frauen am Rande des Nervenzusammen
bruchs, Regie: Pedro Almodovar, Spanien 1987
Einleitung
Daß die Volkskunde und ihre Nachfolgefächer nach dem Urteil von Mar
tin Scharfe bislang nur einen ungenügenden Beitrag zur Analyse der mo
dernen, technologisch geprägten Alltagskultur leistete, dafür wurde im er
sten Teil dieser Arbeit ein komplexes Ursachenbündel haftbar gemacht.
Die Marginalisierung des Themas „Technik" war insbesondere der Ent
wicklung des disziplinspezifischen „style of reasoning" und den mit ihm
etablierten Leitunterscheidungen geschuldet, die die Beobachtung des all
tagskulturellen Umgangs mit moderner Technik tendenziell verhinderten.
Sowohl die Fachorthodoxie als auch die in der Disziplin formulierten hete
rodoxen Positionen arbeiteten mit den impliziten Unterscheidungen Zivili
sationKultur bzw. TechnikKultur, womit das Fach weitgehend auf die
Analyse von Relikten und Survivals der Vormoderne in der Moderne fest
gelegt wurde. Bei allen Unterschieden der im Fach zur Diskussion gestell
ten Positionen und Ansätze konnte damit eine weitgehende disziplinäre
Ignoranz hinsichtlich moderner (Alltags)Technik konstatiert werden, ein
«blinder Fleck", der auch durch die grundlegenden theoretischen, themati
schen und methodischen Reformen zwischen 1954 und 1970 dem Er
scheinen von Hans Mosers Aufsatz „Gedanken zur heutigen Volkskunde"
und den um die Falkensteiner Tagung gruppierten Debatten um Ausrich
tung und Identität des Faches nicht völlig beseitigt werden konnte.
Diese dringend notwendigen, aber erst spät eingeleiteten Revisionen der
Disziplin, mit der nicht nur die längst überfälligen Lehren aus dem Beitrag
des Faches zu Rassismus und Nationalismus gezogen werden sollten, son
dern auch eine im Wortsinn radikale Korrektur des vorwiegend antiquari
schen Forschungsinteresses der Volkskunde, ihrer Theorien, Themen und
Methoden erfolgen sollte, blieb unvollständig. Da es nicht gelang, diszipli
nare Homogenität und Identität auf neuer theoretischer und praktischer
Basis herzustellen, richtete sich das Fach in Unübersichtlichkeiten ein: Die
differente „Etikettenlage" (H.Gerndt) der in den 70er Jahren umbenannten
ehemaligen volkskundlichen Institute ist Symptom divergierender Ar
beitsprogramme und wissenschaftlicher Orientierungen des Faches, deren
Polyphonie durch eine gemeinsame organisatorische Klammer Verband
166 Einleitung
und Zeitschrift und den Bezug auf eine allerdings unterschiedlich bewer
tete Fachgeschichte orchestriert wird. In dieser Situation ist es wenig ver
wunderlich, daß der vermeintlich in den 70er Jahren ad acta gelegte thema
tische Kanon „immer wieder durchschlägt" (H.Bausinger) und nicht nur
zur Anrufungsinstanz disziplinärer Identität wird, sondern wenn auch in
durchaus kritischer Aufklärungs und Aufarbeitungsabsicht die themati
sche Arbeit vieler Institute noch (mit)bestimmt. Ergebnis der unvollstän
digen Reform der 70er Jahre jedenfalls ist, daß die oben vorgestellten Ar
beiten von Rudolf Braun, Ulrich Bentzien, Wilhelm Brepohl und Her
mann Bausinger aus den 60er Jahren das Schicksal der Anfang der 90er Jah
re entstandenen Studien von Martin Scharfe und Gudrun SilberzahnJandt
teilen:1 Sie stehen „unverbunden in der Fachgeschichte" (H.P. Fielhauer).
Weder konnten sie eine Forschungstradition zum Themenfeld Alltag
Technik Kultur begründen, noch gelang es ihnen, fachweite Diskussio
nen zu den analysierten Phänomenbereichen anzustoßen.
Zur fachwissenschaftlichen Vereinzelung dieser Arbeiten trug neben
den oben erwähnten Gründen auch bei, daß sich die Reformversuche im
Zuge der Debatten um die kognitive, soziale und historische Identität des
Faches Ende der 60er Jahre insbesondere an der Soziologie und der Ethno
logie orientierten, an Disziplinen also, die zu diesem Zeitpunkt ebenfalls
durch eine weitgehende Exkommunikation moderner (Alltags)Technik
charakterisiert waren. Sofern Technik etwa in der Soziologie überhaupt
zum Thema wurde, geschah dies ausgehend von deterministischen Ein
fachmodellen, bei denen technischer Fortschritt unmittelbar die Anpassung
der sozioökonomischen und soziopsychischen Strukturen erzwang.2 Diese
in der Soziologie dominierenden Konzepte konnten daher wenig zu einer
Revision der im Fach verwendeten niederkomplexen, deterministischen
Technikbegriffe beitragen, die die volkskundlichen PionierStudien der
60er Jahre theoretisch geleitet hatten. In der Volkskunde wurde moderne,
industriegesellschaftliche Technik konzipiert als angewandte Naturwissen
schaft (Bausinger) und damit als der Kultur externer Faktor, der etwa evo
lutionistischen Modellen zufolge als Stimulus die Herausbildung einer der
Moderne adäquaten Rationalität förderte (Bentzien), oder als strikt deter
minierender Faktor, der die (Industrie)Kultur total prägte (Brepohl).
Dieses deterministische Verständnis der Technik als einer Regelungsum
gebung der Kultur dominierte auch die im Fach etablierten Innovations
und Diffusionstheorien, die vorwiegend in der Sachkulturforschung Ver
1 Braun, Wandel; Bentzien, Das Eindringen; Brepohl, Industrievolk; Bausinger, Volks
kultur; Scharfe, Circulation; SilberzahnJandt, WaschMaschine.
2 Vgl. zu dieser Kritik Lutz, Burkart: Das Ende des Technikdeterminismus und die Fol
gen soziologische Technikforschung vor neuen Aufgaben und neuen Problemen. In:
Ders. (Hg.): Technik und sozialer Wandel. Verhandlungen des 23. Deutschen Soziolo
gentages in Hamburg 1986, Frankfurt/M., New York 1987, Campus, S. 3452; vgl.
hierzu ausführlich unten.
Einleitung 16 7
Wendung fanden, sei es bei der Analyse der Einführung neuer landwirt
schaftlicher Maschinen (Assion) oder negativ, als Ausschlußkriterium
moderner Technik als Begründung für die Beschränkung des volkskund
lichen Frageinteresses auf die Analyse der vorindustriellen, landwirt
schaftlichen Geräte, die vermeintlich Rückschlüsse auf kulturelle Authenti
zität und Regionalspezifik ermöglichten (Lühning). Die zugrundeliegende
Vorannahme war, daß Gerätetechnik (regional)kulturell geprägt, während
industrielle Technik als kulturfreier, externer Faktor anzusehen sei.3
Im Gegensatz zu den 70er Jahren, als die sich theoretisch neu orientie
rende Volkskunde von der Soziologie, der Ethnologie oder der Philosophie
kaum Anregungen für eine differenzierte Analyse der technologisch ge
prägten Alltagskultur erwarten durfte, begann in den 80er Jahren ein Dis
kussionsprozeß, durch den Technik und materielle Kultur der fachwissen
schaftlichen Reflexion dieser drei Disziplinen erschlossen wurde. Motiviert
nicht zuletzt durch den Plausibilitätsverlust technologischer Fortschritts
versprechen und die gesellschaftspolitische Kritik an der Technologieent
wicklung, wurden zentrale Prämissen der herkömmlichen Technikfor
schung kritisiert und revidiert. Im Zuge dieser Diskussionen wurden ver
einfachende Vorstellungen der Technik als „angewandter Naturwissen
schaft" oder der Technologie als folgerichtigem, autonomem Entwick
lungsfaktor kritisiert und statt dessen der soziale Charakter technologi
scher Entwicklungen betont. In zahlreichen Einzelstudien wurde der kul
turellen Prägung von Technikentwicklungen und implementierungen
nachgegangen und diese Prozesse im Rahmen des Modells der „sociotech
nical systems" (T.P. Hughes)4 interpretiert.
Gemeinsam ist einer Vielzahl dieser neueren Studien und Ansätze, daß
sie Kultur und Technik in einem dialektischen Modell verknüpfen, das bis
her gängige, forschungsleitende deterministische Modelle und Hypothesen
in der Soziologie und der Philosophie ablöst. Zeitlich parallel hierzu wurde
m einzelnen Zweigen der Ethnologie/Cultural Anthropology das lange
Zeit marginalisierte Thema der materiellen Kultur wiederentdeckt und
Zentrale Thesen der Forschungen zu „sociotechnical systems" aufgegriffen.
Charakteristisch ist, daß in allen drei Disziplinen diese vielfach noch vor
paradigmatischen Theorieentwicklungen von institutionellen Ausdiffe
renzierungsprozessen begleitet werden, die sich in allerdings umstrittenen
^ Vgl. hierzu insbes. Wiegelmann, Sachkultur, S. 104.
4 Vgl. den zur Etablierung dieses Konzeptes zentralen Aufsatz von Thomas P. Hughes:
The Electrification of America: the SystemBuilders. In: Technology and Culture, 20/
1979, S. 125139, und die im Sammelband „The Social Shaping of Technology. How
the refrigerator got its hum" (Donald MacKenzie, Judy Wajcman (eds.): Milton Keynes
1985, Open University Press) überblicksartig zusammengestellten Beiträge zu der von
Hughes angestoßenen Debatte; vgl. dort den Wiederabdruck des Aufsatzes von Hug
hes unter dem Titel „Edison and electric light", S. 3952. Auf das Konzept der „socio
technical systems" wird weiter unten detailliert eingegangen.
168 Einleitung
Bemühungen zur Etablierung von Subdisziplinen konkretisieren: „In
Gründung" befindet sich neben der TechnikSoziologie eine Technik/?/?z7o
sophie und eine Anthropology of Technology.
DieseTendenz zur Thematisierung der materiellen Ausstattung des in
dustriegesellschaftlichen Alltags in Techniksoziologie und Technikphilo
sophie bzw. zur Thematisierung von Veränderungen moderner Wahr
nehmungsstrukturen und Subjektivität durch Umgang mit Technik in
der Anthropology of Technology und der Technikphilosophie wurde je
doch bislang von der Volkskunde und ihren Nachfolgefächern nicht aufge
griffen. Ebenso wurde die spezifische volkskundliche Kompetenz für die
Analyse der Alltagskultur in diesen Diskussionen der Nachbardisziplinen
bislang nicht zur Geltung gebracht. Ergebnis dieser im doppelten Sinne ge
ringen Außenwahrnehmung der Volkskunde und ihrer Nachfolgefächer ist
damit folgerichtig, daß etwa neuere soziologische Studien zur Technisie
rung des Alltags auf ältere ethnologische Kulturkonzepte statt auf entspre
chende, den spezifischen Bedingungen komplexer Industriegesellschaften
besser angepaßte Konzepte der Empirischen Kulturwissenschaft zurück
greifen. Im Gegenzug werden aber auch konzeptionelle Überlegungen der
Soziologie zum Zusammenhang von Technik und Alltagskultur im Fach
kaum rezipiert und nicht zur Verfeinerung eigener sachkultureller Ansätze
genutzt.
Ziel der folgenden Überlegungen ist es, eine Sichtung der in den Nach
bar oder Orientierungsdisziplinen der Volkskunde entwickelten Konzep
te und Überlegungen zum Themenfeld „Technik und Alltag(skultur)"
vorzunehmen, um einen Beitrag zur Überwindung der reziproken Wahr
nehmungsschwäche der Fachdiskurse zumindest einseitig zu leisten. Dieser
Blick über den disziplinären Tellerrand wird keine endgültigen Definitio
nen des Phänomenbereiches Technik liefern. Hierfür sind, bedingt durch
die „situative Vieldeutigkeit" der Technik im Alltag, keine „handy theo
ries" (F.Rapp) in Sicht. Vielmehr werden die in Soziologie und Philosophie
oft kontrovers diskutierten Konzepte des „QuerschnittPhänomens"
Technik als Argumentationsfolie benutzt, vor deren Hintergrund sich für
die Empirische Kulturwissenschaft analytisch relevante Bereiche abstecken
und eigenständige Perspektiven entwickeln lassen.
Nebenbei könnte die Überprüfung interdisziplinärer Anschlußmöglich
keiten und die Konkretisierung von Abgrenzungsnotwendigkeiten die Ko
operation der Nachfolgefächer der Volkskunde mit anderen sozialwissen
schaftlichen Disziplinen erleichtern helfen. Dieser zukünftig forschungs
politisch geforderte und durch die Vergabe von Forschungsmitteln geför
derte dramatische „Sprung von der Disziplinarität zur Interdisziplinarität"
(H. von Foerster) erfordert jedoch eine Erweiterung akademischer Verste
hensansprüche: Hier ist nicht mehr nur das Verstehen des eigenen diszipli
nären Gegenstandsbereiches gefordert, sondern auch ein Verständnis der
Gegenstandsbereiche der Kooperationsdisziplinen und der in ihnen ver
Einleitung 169
wendeten Theorien und Methoden ihrer divergierenden „styles of reaso
ning".5
In einem ersten Schritt werden deshalb im folgenden verschiedene, vor
allem in der Soziologie, punktuell auch in Philosophie und Cultural An
thropology verwendete TechnikBegriffe präzisiert, sofern sie für die kul
turwissenschaftliche Analyse des „Umgangs mit Technik" operationalisier
bar sind. Besonderes Augenmerk gilt dabei den Konzepten, in denen die
soziale und kulturelle Verfassung der Nutzungsbedingungen und Nut
zungsanweisungen der Technik thematisiert werden. Der Begriff „soziale
und kulturelle Verfassung" verweist hierbei nicht nur auf die gesellschaftli
che, nichttechnische Prägung der Technik, sondern auch auf den prozes
sualen Charakter von Technikgenese, implementation und nutzung. Ich
unterscheide im folgenden zwischen den Nutzungsbedingungen, die durch
technische Gegenstände und ihre Einbindung in technologische Strukturen
geschaffen werden, und den sozialkulturellen Nutzungsanweisungen, die
den Nutzern diskursiv vorgegeben werden.
Technik und technologische Strukturen stellen nach diesem Konzept
sozial konstruierte, „harte" Handlungsumgebungen bereit, mit denen
Handlungsoptionen, Handlungszumutungen und Handlungsbeschrän
kungen materiell und institutionell ausgeformt werden. Diese Objektpoten
tiale spezifischer technischer Gegenstände werden im folgenden als Kon
Text der Nutzung bezeichnet. Dieser Konstruktion materieller und institu
tioneller KonTexte steht die soziale und kulturelle Etablierung vergleichs
weise „weicher" kultureller Orientierungen, Dispositive und Habitualisie
rungen gegenüber, mit denen das Feld sozial legitimer Nutzungsweisen ei
ner Technik diskursiv abgesteckt wird: Diese Nutzungsanweisungen (be
zogen auf die konkrete Handhabung) ebenso wie der angewiesene Nutzen
(bezogen auf die legitim verfolgbaren Zwecke) spezifischer technischer Ge
genstände werden von mir als KoText der Technik thematisiert.
Technik wird aber nicht schon durch die Verfertigung harter KonTexte
und weicher KoTexte zu einem sozialen und kulturellen Phänomen, son
dern erst im Zeitpunkt ihrer Nutzung, indem die Ko und KonTexte situ
ativ und pragmatisch von den Nutzern realisiert werden. In einem zweiten
Schritt sollen daher Überlegungen zur Praxis der Nutzer an diese sach
theoretischen Konzepte angeschlossen werden. Zu klären ist hierbei, wie
5 Vgl. grundlegend zu den epistemologischen Herausforderungen der Interdisziplinarität
bzw. deren Weiterentwicklung zur Trans disziplinarität von Foerster, Verstehen; von
Foerster klagt als Voraussetzung eines geglückten interdisziplinären Dialoges letztlich
das „Verstehen des Verstehens"(prozesses) in anderen Disziplinen ein. Hierdurch
sieht er eine Wissenschaftsentwicklung eingeleitet, die „von der Disziplinarität zur In
terdisziplinarität und nunmehr zur Transdisziplinarität" springe (Ebd. S. 285), ein Pro
zeß, den er für die neuerliche Konjunktur epistemologischer Fragestellungen verant
wortlich macht. Allerdings gehe es in diesen Diskussionen nicht mehr um die Wahrheit
wissenschaftlicher Aussagen, sondern um die Klärung von deren relativer Gültigkeit.
170 Einleitung
Technik als soziales und kulturelles Konstrukt durch die Praxis der
Nutzer zur „TatSache" (M. Faßler) wird. Praxis in diesem Sinne ist da
durch charakterisiert, daß sie sich einerseits mit den technologischen
Integrationsmodi arrangieren muß, sich jedoch andererseits mit der Kunst
des Eigensinns gegen die Affirmation auch Freiräume erkämpfen kann; sie
ist durch kulturelle Bedeutungssysteme und technische Objektpotentiale
orientiert, jedoch nicht durch sie determiniert. Diese Überlegungen zur
Theorie der Praxis werden in einem dritten Kapitel dieses zweiten Teils
dieser Arbeit verfolgt.
1. Technikforschung als interdisziplinäre
Veranstaltung
Bevor im nächsten Kapitel unterschiedliche, sozialwissenschaftliche Tech
nikKonzeptionen daraufhin gesichtet werden, welchen Beitrag sie zur
Analyse technischen Handelns zu leisten vermögen, erscheint es geboten,
kurz diejenigen fachgeschichtlichen Entwicklungen zu thematisieren, die
dafür verantwortlich zeichnen, daß in den letzten Jahren sowohl in der So
ziologie als auch in Ethnologie und Philosophie Diskussionen um Technik
und ihre Alltagswirkungen intensiviert wurden. Diese Disziplinen greifen
aus sehr unterschiedlicher Perspektive und ausgehend von differenten
theoretischen Vorannahmen einen lange Zeit vernachlässigten Phänomen
bereich auf eine Entwicklung, die erst durch teilweise radikale Brüche mit
den herrschenden Fachorthodoxien möglich wurde. In diesen internationa
len Debatten beginnt sich hierbei über traditionsreiche Fachgrenzen hin
weg eine vielversprechende interdisziplinäre Kooperation abzuzeichnen,
an der sich auch die Volkskunde und ihre Nachfolgefächer beteiligen soll
ten.
Die Überwindung agnostischer Ergebenheit und vielerlei
Einäugigkeit
Die wohl wichtigsten Fortschritte in der Thematisierung von Technik und
Technologie wurden durch die Revision bislang vorherrschender determi
nistischer Theorien eingeleitet. Aufgegeben wurde insbesondere die Voran
nahme, daß Technik als externer, sich nach eigengesetzlicher Dynamik ent
faltender Faktor oder als ein „nonsocialobject" anzusehen sei, das gesell
schaftliche Entwicklungsprozesse weitgehend determiniere, eine Kritik, die
in den vergangenen zwei Jahrzehnten vor allem in Soziologie, Philosophie
und der Cultural Anthropology aufgegriffen wurde. Damit wurde eine
Abkehr gegenüber den noch bis in die 70er Jahre in diesen Fächern domi
nierenden deterministischen Modellen vollzogen, die wie im ersten Teil
172 Technikforschung als interdisziplinäre Veranstaltung
dieser Studie herausgearbeitet wurde sehr einflußreich für die volkskund
liche Thematisierung von Technik und Technologie waren.
Soziologie
Ende der 70er Jahre zogen Hans Lenk und Günter Ropohl für die Soziolo
gie die Bilanz, daß von einer eigentlichen Soziologie der Technik nicht die
Rede sein könne. Zur Rolle der Technik im Alltag immerhin eines der
„lebensbestimmenden Phänomen[e] der Gegenwart" lägen „kaum empi
rische Erhebungen" vor, das theoretische Niveau der Technikforschung
lasse bislang sehr zu wünschen übrig, und es gebe keinerlei Versuche, die
Widersprüchlichkeit der wenigen vorliegenden Studien aufzuheben, da
sich „keine institutionalisierte Forschergemeinde dafür zuständig" fühle.1
Für diese „Exkommunikation" technischer Artefakte aus der sozialwissen
schaftlichen Theoriebildung und Forschungspraxis machte Hans Linde be
reits 1972 wissenschaftsgeschichtliche und theorietechnische Gründe haft
bar. Diese Sach und Technikabstinenz der Disziplin sei „die gemeinsame
Kehrseite der unterschiedlichen Versuche [...], die Soziologie als eine Ein
zelwissenschaft neben oder zwischen älteren Sozialwissenschaften zu eta
blieren, welche schließlich auf (a) analytisch formale, (b) interaktionistische
SocialSystemsKonzepte konvergierten."2 Linde warf den „jüngeren So
ziologien" insbesondere vor, ein fragwürdiges Soziabilitätskriterium ent
wickelt zu haben: Das Soziale sei „willkürlich auf das interpersonale Han
deln zwischen ego und alter und die darauf zurückführbare soziale Be
ziehung verengt"3 und der Forschungsgegenstand somit „durch fundamen
tale Mentalisierung und Psychologisierung der Interaktionsphänomene aus
der Praxis der menschlichen Daseinssicherung und Lebensführung"4 extra
hiert und formalisiert worden. Damit sei jedoch das Untersuchungsobjekt
der Soziologie ausgerechnet um einen zentralen Bereich beschnitten wor
den, in dem sich die soziale Realität konstituiere und reproduziere im
Handeln mit Sachen und Sachsystemen.
Ebenso wie Linde sieht auch Peter Weingart in reduktionistischen Ver
suchen, über die Handlungstheorie Marx' und Webers hinauszugelangen,
die Ursache dafür, daß Technik, Technologie oder technische Artefakte in
1 Lenk, Hans, Günter Ropohl: Technik im Alltag. In: Kurt Hammerich, Michael Klein
(Hg.): Materialien zur Soziologie des Alltags, Kölner Zeitschrift für Soziologie und So
zialpsychologie, Sonderheft 20/1978, S. 265298, S. 265.
2 Linde, Sachdominanz, S. 13.
3 Linde, Hans: Soziale Implikationen technischer Geräte, ihrer Entstehung und Verwen
dung. In: Rodrigo Jokisch (Hg.): Techniksoziologie, Frankfurt/M. 1982, Suhrkamp,
S. 131, S. 1.
4 Linde, Sachdominanz, S. 22.
Die Überwindung agnostischer Ergebenheit und vielerlei Einäugigkeit 173
der Soziologie keinen systematischen Platz besäßen.5 Die hieraus folgende
Konzeption der Technik als „nonsocialobject" habe deshalb zu einer
„agnostische[n] Ergebenheit gegenüber der Technik"6 geführt, bei der die
technische Entwicklung ausschließlich als folgerichtiger und unbeeinfluß
barer Prozeß interpretierbar sei und die Bedingungen technischen Han
delns unreflektiert bleiben müßten.
Obwohl seit den frühen 70er Jahren immer wieder auf dieses zentrale
Forschungsdesiderat der Soziologie hingewiesen wurde und ein differen
ziertes TechnikKonzept auf der Ebene der allgemeinen Soziologie einge
klagt wurde, konnte diesen erkannten Mängeln nicht ohne größere Schwie
rigkeiten abgeholfen werden. Einige der fundamentalen theorietechnischen
Probleme wurden bereits benannt: das auf Interpersonalität verengte, herr
schende Handlungskonzept der neueren Soziologien und die daraus resul
tierende Behandlung der Technik als ein dem Sozialen externer Faktor.
Dieser theoretischen Ausrichtung kann nicht durch eine einfache Auswei
tung des Handlungskonzeptes oder die Soziologisierung der Technik be
gegnet werden, da diese Konzepte in zwei grundlegende, konkurrierende
„kognitive Programme" eingebunden sind.
Manfred Faßler weist darauf hin, daß in der schwerindustriellen Moder
ne in deren Kontext sich auch die Soziologie als akademische Disziplin
formierte zwei zu unterschiedlichen Zeiten und für unterschiedliche Zei
ten formulierte kognitive Programme kulturell synchronisiert wurden: ei
nerseits die ingenieurtechnischen und ordnungspolitischen Entwicklungs
und „Vollständigkeitsversprechen", andererseits die ethische oder morali
sche Einbindung subjektiven Handelns. Die „ordentliche Trennung" die
ser gleichzeitig wirksamen Programme „konnte sozial und kulturell nur
gehalten werden durch die These, das technische Faktum habe »sein Eigen
leben«, »seine Eigendynamik« und müsse deshalb als nonsocialobject gel
ten."7 Diesem Konzept entsprach die „sachblinde These, soziales Handeln
bestehe ausschließlich in dem gemeinten Sinn, der in der Interaktion seine
Entfaltung und Bestätigung finde. Dies war zudem der Idee nachgeschrie
ben, Ethik sei mehr, sei prinzipiell und somit prinzipiell anderes als die
Niederungen der Gesellschaft. Letztlich ein fataler christlichabendländi
scher Vorbehalt gegenüber der »gefallenen Welt«."8
5 Weingart, Peter: Strukturen technologischen Wandels. Zu einer soziologischen Analyse
der Technik. In: Rodrigo Jokisch (Hg.): Techniksoziologie, Frankfurt/M. 1982, Suhr
kamp, S. 112141.
6 Weingart, Peter: Einleitung. In: Peter Weingart (Hg.): Technik als sozialer Prozeß.
Frankfurt/M. 1989, Suhrkamp, S. 814, S. 10.
7 Faßler, Manfred: Abschied von der Vollständigkeit. Technologiefolgenabschätzung im
Dilemma. In: Technik, Öffentlichkeit und Verantwortung (Wissensverarbeitung und
Gesellschaft, Bd. 3). Ulm 1992, Universitätsverlag, S. 3362, S. 33f.
8 Ebd., S. 34.
174 Technikforschung als interdisziplinäre Veranstaltung
Diese beiden, in der schwerindustriellen Moderne synchronisierten ko
gnitiven Programme fanden ihren akademisch institutionalisierten Nieder
schlag in der konzeptuellen Gegenüberstellung der „Natur und Technik
wissenschaften ohne Menschen [... und] einer Soziologie ohne Sachen".9
Diese säuberliche Trennung, die zwar spätestens seit den Debatten um die
Grenzen des technischen Fortschritts und seine soziale Gestaltbarkeit zu
nehmend unhaltbar wurde, weist trotzdem eine bemerkenswerte Stabilität
auf. Diese Diskussionen stellen denn auch den politischen, ökonomischen,
ökologischen und wissenschaftstheoretischen Kontext der seit den 70er
Jahren zunehmend in der Soziologie formulierten Kritik an der Technik
Abstinenz der Disziplin dar eine Kritik, in der nicht zuletzt auch die ge
sellschaftspolitische Verantwortung der Disziplin eingeklagt wird.10
Die konzeptionelle Abstammung der herrschenden Thesen „sachfreien
Handelns" und „sozialfreier Technik" aus konkurrierenden „kognitiven
Programmen" erklärt die großen Schwierigkeiten, mit denen die Soziologie
ihre Modelle in den folgenden Jahren umzustellen versuchte. Von den zahl
reichen Ansatzpunkten für eine Kritik bestehender doxischer Annahmen
seien hier vier erwähnt: (a) die Kritik deterministischer Konzepte, die statt
dessen Technik als sozialen Prozeß kenntlich zu machen versuchte; (b) die
Interpretation der Technik als spezifische Wissensform, die mit dem bereits
entwickelten wissenssoziologischen Instrumentarium analysiert werden
kann; (c) sachtheoretische Konzepte, in denen Sachen als „Teilhandlungen"
für die Soziologie interpretierbar gemacht werden sollen, und schließlich
(d) die „akribische Suche nach Hinweisen bei Klassikern wie Dürkheim,
Simmel oder Mead"11, mit denen die von Linde kritisierten Verkürzungen
der „jüngeren Soziologien" überwunden und die neuen Fragestellungen an
die disziplinär legitimierten Theorien und Gegenstandsdefinitionen ange
schlossen werden sollen.
Gemeinsam ist den hier typisierten Kritiklinien, daß sie Technik als „so
cial object" zu konzipieren suchen. Im Rahmen der fachgeschichtlichen
Entwicklungen sind insbesondere die beiden ersten Richtungen interessant:
Mit der Kritik an deterministischen Vorstellungen der Relation Technik
Gesellschaft wurde Ende der 70er Jahre erst die Voraussetzung einer Sozio
logisierung der Technik geschaffen, zugleich war die Orientierung an der
Wissenssoziologie folgenreich für die Institutionalisierung wissenschaftli
cher Kooperationen und die Etablierung von Frageperspektiven. Erst
9 Joerges, Bernward: Überlegungen zu einer Soziologie der Sachverhältnisse. »Die Macht
der Sachen über uns« oder »Die Prinzessin auf der Erbse«. In: Leviathan, 7. Jg., 1/1979,
S. 125137, S. 128.
10 Vgl. hierzu etwa Jokisch, Einführung, S. 38ff.
11 Eisendle, Reinhard, Elfie Miklautz: Technisierung des Alltags. In: Reinhard Eisendle,
KarlMichael Brunner, Ina P. Horn, Wolfgang Kellner, Elfie Miklautz: Maschinen im
Alltag. Studien zur Technikintegration als soziokulturellem Prozeß. München, Wien
1993, Profil, S. 726, S. 9.
Die Überwindung agnostischer Ergebenheit und vielerlei Einäugigkeit 175
durch diese Entwicklungen gelang es, die verengte Thematisierung der
Technik durch die Industrie oder Arbeitssoziologie zu überwinden und
Grundlagen für eine allgemeine Techniktheorie der Soziologie zu schaf
fen.12 Bis Ende der 70er Jahre so Burkart Lutz habe sowohl bei Wissen
schaftlern als auch bei Experten in der Industrie, den Gewerkschaften und
der Politik die von USamerikanischen Soziologen in den 20er Jahren for
mulierte These vorgeherrscht, wonach der technische Fortschritt als trei
bende Kraft des sozialen Wandels anzusehen sei.13
Als Beispiel für die dabei zugrundeliegenden Vorannahmen kann auf
das 1922 von William F. Ogburn veröffentlichte Buch „The Hypothesis of
Cultural Lag" verwiesen werden, in der er seine bereits einige Jahre zuvor
entwickelte Theorie zur Diskussion gestellt hatte.14 Ogburns grundlegende
These lautete, daß ein „cultural lag" dann eintritt, wenn „von zwei mitein
ander in Wechselbeziehungen stehenden Kulturelementen das eine sich
früher oder stärker verändert als das andere und dadurch das zwischen ih
nen bisher vorhandene Gleichgewicht stört."15 In den von ihm untersuch
ten Fallstudien nahm er jeweils eine technische Neuerung (etwa die
Dampfmaschine) als „unabhängige" Variable seiner beiden Kulturelemente
an, während die Produktionsweise (z.B. die soziale Organisation der Fa
brik) als „abhängige" Variable konzipiert wurde. Durch diese theoretische
Vorgabe erwiesen sich dabei für ihn in allen Fällen Technik und Wissen
schaft als die großen Beweger des sozialen Wandels in den westlichen
Industriegesellschaften, ein Erklärungsansatz, der in den folgenden Jahren
von Ökonomen, Historikern und Soziologen aufgegriffen wurde.16
Diese Theoriekonstruktion Ogburns kann als exemplarisch für die gän
gigen deterministischen Konzeptionen, den „Standard view of technolo
gy", angesehen werden: Der Prozeß der Technikentwicklung und durch
Setzung wird hierbei aus der Beobachtung ausgeklammert, technischer
Wandel erhält einen autonomen Status „outside of society, literally or me
taphorically."17 Das Muster des technischen Fortschritts gilt dabei als fest
12 Vgl. hierzu Balla, Bälint: Technik Gesellschaft Knappheit. Theoretische Perspekti
ven einer Techniksoziologie. In: Jokisch, Techniksoziologie, S. 82—111.
13 Lutz, Technikdeterminismus, S. 35.
14 Ogburn greift einige Aspekte der Entstehungs und Wirkungsgeschichte seines Buches
„The Hypothesis of Cultural Lag" in dem Aufsatz „Die Theorie des »Cultural Lag«"
(in: Dreitzel, Hans Peter (Hg.): Sozialer Wandel. Zivilisation und Fortschritt als Kate
gorien der soziologischen Theorie (= Soziologische Texte, Bd. 41). Neuwied und Berlin
1967, Luchterhand, S. 328338) auf.
15 Ebd., S. 328.
16 Vgl. zur Anwendung eines solchen deterministischen Erklärungsmodells in den Ge
schichtswissenschaften etwa die Theorie Lynn White Jr. zur Entstehung des feudalisti
schen Herrschaftssystems (Medieval Technology and Social Change. New York 1962,
Oxford University Press).
17 MacKenzie, Donald, Judy Wajcman: Introductory Essay: The social shaping of techno
logy. In: Donald MacKenzie, Judy Wajcman (eds.): „The Social Shaping of Technolo
176 Technikforschung als interdisziplinäre Veranstaltung
gelegt, es folgt einer inhärenten Logik, die letztlich von den (immer besser
verstandenen, beherrschten und umgesetzten) Naturgesetzen bestimmt ist,
ein Konzept, das Günter Ropohl als genetischen Determinismus bezeich
net.18 Die andere Seite dieses theoretischen Kleingeldes besteht in der An
nahme eines konsequentiellen Determinismus, nach dem sich die soziale
Organisation einer Gesellschaft dem technischen Fortschritt in jeder seiner
Phasen gemäß der imperativen Erfordernisse der jeweils angewandten
Technik anzupassen habe. Im Rahmen dieser kulturpessimistischen Sicht
weise, die letztlich die antitechnische Kulturkritik mit anderen theoreti
schen Mitteln fortsetzt,19 können kulturelle oder soziale Faktoren allenfalls
die Geschwindigkeit der Veränderungen beeinflussen, jedoch nicht die
Entwicklungslogik des technischen Fortschrittes selbst.20 Zwar sind die
theoretischen Schwächen dieses Konzeptes „the idea that technology de
velops as the sole result of an internal dynamic, and then, unmediated by
any other influence, molds society to fit its patterns"21 offensichtlich,
doch stellte dieses Einfachmodell „starke Sachzwangargumente"22 zur Ver
fügung, die „hohe Uberzeugungskraft besaßen, den Politiker von Entschei
dungsunsicherheit weitgehend entlasteten und für eine breite und zuverläs
sige Konsensbasis sorgten".23
gy. How the refrigerator got its hum", Milton Keynes 1985, Open University Press,
S. 225, S. 4.
18 Ropohl, Günter: Zum gesellschaftstheoretischen Verständnis soziotechnischen Han
delns im privaten Bereich. In: Bernward Joerges (Hg.): Technik im Alltag. Frankfurt/
M. 1988, Suhrkamp, S. 120144, S. 136.
19 Vgl. Lenk, Hans: Zur Sozialphilosophie der Technik. Frankfurt/M. 1982, Suhrkamp,
S. 35f.
20 Vgl. hierzu insbesondere die Analyse der theoretischen Vorannahmen des Determinis
mus bei Feenberg, Andrew: Critical Theory of Technology. New York, Oxford 1991,
Oxford University Press, S. 121127.
21 Winner, Langdon: Do artifacts have politics? In: MacKenzie/Wajcman, Social Shaping,
S. 2638, S. 26 (erstmals veröffentlicht in: Daedalus, 109/1980, S. 121136). Winner
setzt diesem „naive technological determinism" seine These der „social determination
of technology" entgegen, eine soziale „Determination", die sich in nichts von der der
staatlichen Wohlfahrts oder Steuerpolitik unterscheide. Auf Winners These komme
ich unten ausführlicher zurück.
22 Vgl. hierzu insbes. Schelsky, Helmut: Der Mensch in der wissenschaftlichen Zivilisati
on. Opladen 1961, Westdeutscher Verlag. Nach Schelsky stehen die von ihm geprägten
Begriffe „Sachgesetzlichkeiten", „Sachnotwendigkeiten" und „Sachzwänge" für die
Tendenz, daß politische Entscheidungen angesichts des autonomen Verlaufs des tech
nischen Fortschritts zur Fiktion werden und letztlich auch Ideologien unterlaufen: Po
litik könne nur noch den von technischen Experten ermittelten „one best way" umset
zen, jedoch nicht mehr bestimmen. Vgl. kritisch zu der von Schelskys Thesen ausgelö
sten „TechnokratieDebatte" etwa Linde, Sachdominanz, S. 63ff., und Rammert, Wer
ner: Konturen der Techniksoziologie. Begriffe, Entwicklungen und Forschungsfelder
einer neuen soziologischen Teildisziplin. In: Ders.: Technik aus soziologischer Per
spektive. Forschungsstand Theorieansätze Fallbeispiele. Ein Überblick. Opladen
1993, Westdeutscher Verlag, S. 928, S. 17ff.
23 Lutz, Technikdeterminismus, S. 36.
Die Überwindung agnostischer Ergebenheit und vielerlei Einäugigkeit 177
Die Konjunktur dieses Erklärungsmodells wird jedoch nicht nur aus der
politischen Nachfrage überzeugender Expertise begreiflich, sondern es bot
seinen Anwendern auch methodische Sicherheit. So konnte etwa die Indu
striesoziologie, in der dieses Modell Grundlage zahlreicher Studien wurde,
durch vergleichende Analyse der Arbeitsinhalte, Qualifikationsstrukturen,
Hierarchien oder des Arbeitsbewußtseins in technologisch „rückständi
gen" und „fortschrittlichen" Produktionsanlagen die festgestellten Diffe
renzen „ohne Vorbehalte als soziale Folgen der jeweils von den Fallbeispie
len abgedeckten technischen Entwicklung" interpretieren.24 Dieses in der
industriesoziologischen Forschung gängige „Imperialismustheorem"25, die
Annahme einer eindeutigen „Wirkungsrichtung" technischer Entwicklun
gen, war zudem durch einflußreiche Technikphilosophien gestützt, etwa
die Thesen Hans Freyers, der das „Dominantwerden technischer Katego
rien in der Lebenswelt"26 befürchtete, oder Jacques Elluls, der die Durch
setzung einer alle Bereiche erfassenden technologischen Rationalität der
„technique" als Charakteristikum der Moderne beschrieb.27 Günter Ro
pohl kritisiert zu recht, daß in diesen Thesen,28 die auch für die in den 60er
Jahren geführte „Technokratiedebatte" zentral waren, von einer „mechani
stischen Konzeption des Sozialisationsprozesses"29 ausgegangen wurde, bei
dem die angenommene Zweckrationalität der Technik unmittelbar auf die
Struktur der Nutzung und die Mentalität der Nutzer durchschlage.
Diese weitverbreiteten Modellvorstellungen des genetischen und konse
quentiellen Determinismus, die etwa auch den im ersten Teil vorgestellten
volkskundlichen Arbeiten Brepohls oder Bentziens zugrundeliegen und
später durch eine positive Rezeption der Thesen Ogburns in das theoreti
sche Instrumentarium der Volkskunde/Empirischen Kulturwissenschaft
Eingang fanden,30 wurden in den 70er Jahren sowohl theoretisch als auch
empirisch von der Soziologie in Frage gestellt. Stellvertretend für die Kritik
an der Behauptung, das Soziale werde in modernen Industriegesellschaften
Zunehmend durch „Sachzwänge" dominiert, kann hier nochmals auf die
Thesen Hans Lindes verwiesen werden. Für ihn mußte der aus der „philo
24 Ebd., S. 37.
25 Hörning, Karl H.: Technik im Alltag und die Widersprüche des Alltäglichen. In: Bern
ward Joerges (Hg.): Technik im Alltag. Frankfurt/M. 1988, Suhrkamp, S. 5194, S. 61.
26 Freyer, Hans: Über das Dominantwerden technischer Kategorien in der Lebenswelt
der industriellen Gesellschaft. Mainz 1960, Verlag der Akademie der Wissenschaften
und der Literatur.
27 Ellul, Jacques: The Technological Society. New York 1964, Alfred A. Knopf (original:
La Technique ou L'Enjeu du Siecle. Paris 1954, Colin).
28 Vgl. zur Kritik der theoretischen Vorannahmen beider Positionen etwa Balla, Technik,
S. 99101.
29 Ropohl, Verständnis, S. 137.
30 Vgl. hierzu etwa Scharfe, Martin: Geschichtlichkeit. In: Hermann Bausinger, Utz Jegg
le, Gottfried Korff, Martin Scharfe: Grundzüge der Volkskunde. Darmstadt 1978, Wis
senschaftliche Buchgesellschaft, S. 127203, S. 200f.
178 Technikforschung als interdisziplinäre Veranstaltung
sophischen Spekulation über das Wesen der modernen Technik" stammen
de und der Soziologie unter dem Begriff „Sachzwang" angediente Deter
minismus „soziologisch leer" bleiben, solange eine Untersuchung der so
zialen Prozesse unterbleibe, in denen sich die Macht der Sachen in konkre
ten Handlungszusammenhängen geltend mache.
Der Begriff „Sachzwang" sei deshalb so zu modifizieren, daß er nicht
mehr die „verhaltensdeterminierende Macht von Sachen schlechthin be
hauptet, sondern ihre Ubermacht gegen »Gesellschaft« und »Psyche« quasi
als historisches Drama unter den spezifischen Bedingungen der wissen
schaftlichtechnischindustriellen Zivilisation einführt und zur Diskussion
stellt".31 Zwar ging auch Linde davon aus, daß jedem technischen Gerät
spezifische Anforderungen seiner Verwendung eingeschrieben seien (er
spricht etwa von „festen ZweckMittelKombinationen"), die bei wach
sender Komplexität der Artefakte die Freiheitsgrade bei ihrer Verwendung
zunehmend reduzierten. Allerdings setze jede Verwendung eines techni
schen Gerätes, sei es zum persönlichen Gebrauch oder zu Erwerbszwek
ken, dessen Aneignung voraus eine Appropriation, die institutionell und
mithin sozial geregelt sei. Aus den so etablierten Appropriationsverhältnis
sen ließen „sich erste Modalitäten ableiten, über die Sachen, genauer die
[sozial geregelte] Sachverwendung, gesellschaftliche Verhältnisse determi
nieren."32 Linde schlägt damit vor, Technik, verstanden als Sachen und
Sachsysteme, als eine eigenständige „Klasse von Regelungskomplexen" ne
ben Institutionen und Ritualen zu untersuchen.33
Die insbesondere in der Industriesoziologie vorherrschenden determini
stischen Erklärungsmodelle wurden aber auch empirisch in Frage gestellt.
Ausgelöst wurde diese Kritik eher zufallsbedingt durch international
vergleichende industriesoziologische Forschungen, die zu dem Ergebnis
kamen, daß die Anwendung identischer Technologien in unterschiedlichen
Industriegesellschaften zu differenten Formen der Arbeitsteilung, der
Struktur des Arbeitsmarktes, der Ausbildungsmuster etc. führten. „A plau
sible interpretation of these findings made it necessary to accept that the re
lation between technology and work was far less rigid and far less determi
ned by technological demands than had been assumed."34 Die Aufgabe der
These, daß Industriearbeit und deren Organisation einem konsequentiellen
Determinismus unterworfen sei, hatte gravierende praktische und theoreti
sche Konsequenzen.
31 Linde, Sachdominanz, S. 65.
32 Linde, Implikationen, S. 22.
33 Linde greift hierbei grundlegende Elemente der Soziologie Emile Dürkheims auf und
integriert diese in seine sachtheoretischen Überlegungen; vgl. hierzu und zu der damit
verbundenen Absetzung von Positionen der Weberschen Soziologie unten.
34 Lutz, Burkart: Technology research and technology policy: Impacts of a paradigm
shift. In: Dierkes/Hoffmann, New Technology, S. 1427, S. 17.
Die Überwindung agnostischer Ergebenheit und vielerlei Einäugigkeit 179
Neben der Erkenntnis, daß die bestehende technologische Ausstattung
der Betriebe bedeutende Spielräume zur Verbesserung oder Humanisie
rung der Arbeitsbedingungen bot, verschob sich auch die Forschungsper
spektive. Nun wurden nicht mehr einzelne Linien technischer Entwick
lung und Innovation verfolgt, sondern es wuchs das Interesse „in the ways
in which technology is dealt with and used by social »actors«: individuals,
groups, or institutions."35 Diese Veränderung der Perspektive ermöglichte
eine Ausweitung der Forschungsgegenstände auch über das bislang abge
deckte Feld der Industrie oder Arbeitssoziologie hinaus. Während bis da
hin für die Industriesoziologie die Annahme galt: „Die Grenze zwischen
Ordnung und Chaos ist die Fabrikmauer"36, konnte nun auch die Frage
nach der „Technik im Alltag" außerhalb der Betriebe gestellt werden.
Diese empirische Revision des konsequentiellen Determinismus bedeu
tete jedoch nicht, daß die zweite „Einäugigkeit" (P.Weingart) technikso
ziologischer Modelle, die Idee des genetischen Determinismus aufgegeben
wurde, nach dem die technologische Entwicklung allein durch „innere Ge
setze" geleitet werde. Die Revision dieser „Internalismusthese" gelang erst
durch die Anwendung neuerer wissenssoziologischer Theorien und Frage
stellungen auf den Prozeß der Technikgenese37 und die hierdurch mögliche
Herausarbeitung nichttechnischer und nichtwissenschaftlicher Entschei
dungsfaktoren in der Entwicklung neuer Technologien.38 In solchen Studi
en wurde etwa auf die Bedeutung ökonomischer und ästhetischer „Orien
tierungskomplexe" hingewiesen, die in Prozessen der Technikgenese als
sozial und kulturell wirksame „äußere Referenzen" Entwicklung und Ge
staltung technischer Artefakte subtil beeinflussen.39 Ergänzend unterstri
35 Lutz, Technology, S. 17.
36 Hörning, Karl H.: Wie die Technik in die Gesellschaft kommt und was die Soziologie
dazu zu sagen hat. In: Werner Rammert, Gotthard Bechmann, Helga Nowotny (Hg.):
Technik und Gesellschaft,Jahrbuch 3, Frankfurt/M. 1985, Campus, S. 1335.
37 Vgl. hierzu Pinch, Trevor J., Wiebe E. Bijker: The Social Construction of Facts and Ar
tefacts: Or How the Sociology of Science and the Sociology of Technology Might Be
nefit Each Other. In: Bijker/Hughes/Pinch, Social Construction, S. 1750; vgl. als un
terhaltsame aber unnötig enthemmte und letztlich nur eigene (und andere) Urheber
rechte geltend machende Kritik an dem insbesondere von Bijker und Pinch vetretenen
Anspruch, die Technikgeneseforschung begründet zu haben Ropohl, Günter: Eine Mo
delltheorie soziotechnischer Systeme. In: Technik und Gesellschaft, Jahrbuch 8: Theo
riebausteine der Techniksoziologie (hrsg. von Jost Halfmann, Gotthard Bechmann,
Werner Rammert). Frankfurt/M., New York 1995, Campus, S. 185—210, S. 186.
38 Vgl. zu der hier nur angedeuteten Revision der Internalismusthese durch die Formulie
rung einer Alternativen oder Externalismusthese Faßler, Manfred: Abfall Moderne
Gegenwart. Beiträge zum evolutionären Eigenrecht der Gegenwart. Gießen 1991, Fo
cus, S. 109f., und die Studien des MaxPlanckInstitutes Starnberg (etwa: Gernot Böh
me, Wolfgang van den Daele, Wolfgang Krohn: Alternativen in der Wissenschaft. In:
Zeitschrift für Soziologie, 1. Jg., 4/1972, S. 302316.
39 Vgl. hierzu Rammert, Werner: Wer oder was steuert den technischen Fortschritt?
Technischer Wandel zwischen Steuerung und Evolution. In: Soziale Welt, 43. Jg.,
1/1992, S. 725.
180 Technikforschung als interdisziplinäre Veranstaltung
chen etwa Arbeiten wie die des Technikhistorikers Thomas P. Hughes die
zentrale Rolle ökonomischer, politischer und sozialer Faktoren für das
„shaping of technologies".40
Erst durch die Aufgabe beider Determinismen wurden in der Soziologie
die Voraussetzungen für eine umfassende Transformation der Technikstu
dien geschaffen, mit der die „analytische Verknüpfung zwischen Herstel
lungskontext und Verwendungskontext der Technik"41 möglich wird.
Technik kann so als „sozialer Prozeß" verstanden werden, indem betont
wird, daß Technik „is deeply affected by the context in which it is devel
oped and used."42 Diese „postKuhnian reevaluation of preconceptions
about technology"43 ermöglichte nicht nur Einblicke in den sozialen
Konstruktionsprozeß von Technologien wie dies bereits zuvor der Wis
senssoziologie in bezug auf die Produktion wissenschaftlicher Erkenntnis
se geglückt war44 sondern auch die Konzeption einer umfassenden Tech
niksoziologie, die Technik in allen Bereichen der modernen Industriege
sellschaft in Fabrik, Labors und Alltag untersucht. Als thematische
Schwerpunkte kristallisierten sich hierbei insbesondere „die sozialen Be
dingungen der Erfindung, Konstruktion und Entwicklung von Techniken
(Technikgenese) und die sozialen Wirkungen ihrer Ausbreitung, Institutio
nalisierung und Aneignung (Technikfolgenab Schätzung)"^ heraus; Unter
suchungen zu alltäglichen Verwendungszusammenhängen und den entste
henden Umgangsweisen mit Alltagstechnik wurden demgegenüber erst in
geringerem Umfang realisiert.
Die Verkürzungen eines simplen „inclusionary approach", bei dem in
ein konstant gehaltenes Theorie und Methodengebäude neue Untersu
chungsgegenstände integriert werden, konnten hierbei weitgehend vermie
den werden. Eine Ausweitung des Beobachtungsbereiches techniksoziolo
40 Grundlegend hierzu Hughes, Electric Light, der herausarbeitete, welche Fülle von au
ßertechnischen Faktoren und Zielvorgaben den Entwicklungsprozeß der elektrischen
Glühbirne durch Edisons LaborTeam beeinflußten und welche finanziellen und orga
nisatorischen Leistungen bzw. MarketingStrategien über die eigentliche Erfindung
hinaus die Voraussetzung für die erfolgreiche Durchsetzung des technischen Systems
der elektrischen Beleuchtung ab 1882 in New York bildeten. Edison wird hier zutref
fend als Manager eines kollektiven Erfindungsprozesses vorgestellt.
41 Weingart, Einleitung, S. 12.
42 Dierkes, Meinolf, Ute Hoffmann: Understanding technological development as a social
process: An introductory note. In: Dies., New Technology, S. 913, S. 9.
43 Woolgar, Steve: Reconstructing Man and Machine: A Note on Sociological Critiques of
Cognitivism. In: Bijker/Hughes/Pinch, Social Construction, S. 311328, S. 311.
44 Vgl. zu den theoretischen Entwicklungen der Wissenssoziologie oben, Teil I, Kapitel
„Technik in der Volkskunde"; als neuere Beispiele der inzwischen entwickelten, unter
schiedlichen Richtungen einer solchen „Soziologie wissenschaftlichen Wissens" etwa
KnorrCetina, Karin: Das naturwissenschaftliche Labor als Ort der „Verdichtung" von
Gesellschaft. In: Zeitschrift für Soziologie, 17. Jg., 2/1988, S. 85101, oder als poin
tierte Gegenposition Hasse/Krücken/Weingart: Laborkonstruktivismus.
45 Rammert, Konturen, S. 9.
Die Überwindung agnostischer Ergebenheit und vielerlei Einäugigkeit 181
gischer Studien wurde statt dessen dadurch erreicht, daß Technik und
Technologien selbst als „inclusive phenomena" interpretiert wurden: als (a)
physische Objekte und Artefakte, die sowohl materielle als auch nichtma
terielle Komponenten umfassen; (b) als systematisiertes und stillschweigen
des Wissen („tacit knowledge", M. Polanyi) und (c) als Praxis und Prozeß.
Obwohl derzeit die Debatten noch andauern, ob unter dem Oberbegriff
„Technik" eher gegenständliche Artefakte, geronnenes Wissen oder beson
dere Handlungsmuster gefaßt werden sollen,46 scheint sich gegenwärtig
eine integrative Sicht durchzusetzen. Wie Meinolf Dierkes und Ute Hoff
mann beschreiben, wird dabei eine Vielfalt unterschiedlicher Perspektiven
nicht nur akzeptiert, sondern auch befürwortet, um der Vielschichtigkeit
des Phänomenbereiches Technik analytisch gerecht werden zu können:
„[the] materially embedded technology, the cultural concepts, or the social
relations embodied within technical artifacts"47 stellen demnach abgrenzba
re Untersuchungsbereiche dar, bei deren Analyse jeweils leicht variierte
Theoriekonzepte Anwendung finden können.
Die somit versuchte „allgemeine Grundlegung" einer Techniksoziologie
zeichnet sich denn auch durch ihren Anspruch aus, bislang unverbundene
techniksoziologische Fragestellungen „in allerlei Bindestrichsoziologien"
etwa der Industriesoziologie, der Stadtsoziologie, der Entwicklungssozio
logie oder der Konsumsoziologie in einem institutionalisierten Diskus
sionszusammenhang zu integrieren und neue, übergreifende Modelle und
Theorien zu etablieren.48 Dieser Übergriff auf das Forschungsterrain be
reits etablierter soziologischer Subdisziplinen durch den Versuch, eine ei
genständige „Techniksoziologie" nicht nur als losen Diskussionszusam
menhang, sondern auch institutionell zu verankern, stieß jedoch seitens der
oben genannten „Bindestrichsoziologien" auf Widerstand. Ein Antrag auf
Zulassung einer westdeutschen Sektion „Techniksoziologie" anläßlich des
Zürcher Soziologentages 1988 wurde von der Deutschen Gesellschaft für
Soziologie abgelehnt. Als Ergebnis dieses fehlgeschlagenen Institutionali
sierungsversuches schlössen sich die interessierten Forscher „wegen der
großen Zahl inhaltlicher wie biographischer Überschneidungen"49 vor
läufig der bestehenden Sektion „Wissenschaftsforschung" an.50
46 Weingart, Einleitung, S. 12.
47 Dierkes/Hoffmann, Understanding, S. 11.
48 Vgl. zu dieser Programmatik der Errichtung eines theoretischen Feldherrnhügels etwa
Joerges, Bernward: Technik im Alltag. Annäherungen an ein schwieriges Thema. In:
Ders. (Hg.): Technik im Alltag, Frankfurt/M. 1988, Suhrkamp, S. 719, oder Rammert,
Konturen.
49 Tschiedel, Robert: Die technische Konstruktion der gesellschaftlichen Wirklichkeit. In:
Ders. (Hg.): Die technische Konstruktion der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Gestal
tungsperspektiven der Techniksoziologie (= Technik und Wissenschaftsforschung,
Bd. 11). München 1990, Profil, S. 79, S. 7.
50 Damit richtete sich die deutsche Techniksoziologie in einer ähnlichen Nähe zur Wis
senssoziologie ein, wie dies im angelsächsischen Sprachraum geschah; sowohl in der
182 Technikforschung als interdisziplinäre Veranstaltung
Ob allein schon diese organisatorische Entscheidung mit dazu beitrug,
den ,,beharrliche[n] Blick auf die gegenständliche Seite der Technik" zu
trüben, wie dies von einigen Autoren beklagt wird51, mag dahingestellt blei
ben. Auf die Problematik der durch die wissenssoziologische Orientierung
nahegelegten konzeptuellen „Dematerialisierung der Technik"52 und der
tendenziellen Schwächung sachtheoretischer Ansätze wird später ausführ
licher zurückzukommen sein. Peter Weingart jedenfalls macht diese bislang
wenig erfolgreichen Institutionalisierungsversuche der Techniksoziologie
auch dafür verantwortlich, daß bedeutende Strömungen in der Soziologie
weiterhin noch mit einem deterministischen Technikbild operierten und so
obwohl wissenschaftlich längst überholt nach wie vor zur Mystifizie
rung der Technik beitrügen.53
Philosophie und Cultural Anthropology/Ethnologie
Während die oben vorgestellten Entwicklungen der Techniksoziologie(n)
durch einen regen Austausch von Theorien, Modellen und Befunden zwi
schen europäischen und angloamerikanischen Forschungen geprägt sind,
erscheint die internationale Kooperation bei der Thematisierung von Tech
nik und Technisierungsphänomenen in der bundesdeutschen Technikphi
losophie und Ethnologie durchaus intensivierungsbedürftig. Das insbeson
dere in den USA in den letzten Jahren zu beobachtende „veritable theoreti
cal renewal"54 nicht nur in der Techniksoziologie, sondern auch in der
„Philosophy of Technology" und der sich bildenden „Social Anthropolo
gy of Technology" (B.Pfäffenberger), wurde von der bundesdeutschen
Technikphilosophie nur bedingt und von der Ethnologie bislang nicht rezi
USamerikanischen als auch in der deutschen Forschung wird jedoch immer wieder
darauf hingewiesen, daß die Unterschiede technischer und wissenschaftlicher Phäno
mene nicht durch Anwendung ähnlicher Theoriemodelle verwischt werden dürften:
Die Materialität der Technik sei ebenso wie ihr Bezug zu „human activities and prac
tices" zu betonen. (Vgl. hierzu aus Sicht feministischer Technikkritik Wajcman, Judy:
Feminism Confronts Technology. University Park, PA, 1991, The Pennsylvania State
University Press, S. 15; oder Pinch/Bijker, Construction) Demgegenüber fand in
Frankreich eine völlig andere Entwicklung statt, die nicht zuletzt in einer stärker ethno
logischanthropologischen Orientierung der Technikforschungen resultierte (vgl. hier
zu Perrin, Jacques: The „contextual" approach to technology in France. In: Dierkes/
Hoffmann, New Technology, Campus, S. 90118).
51 Joerges, Bernward, Ingo Braun: Große technische Systeme erzählt, gedeutet, model
liert. In: Ingo Braun, Bernward Joerges (Hg.): Technik ohne Grenzen. Frankfurt/M.
1994, Suhrkamp, S. 7—49, S. 37.
52 Joerges/Braun, Systeme, S. 36; diese Kritik richtet sich insbesondere gegen Konzepte,
die an neueren kybernetischen Modellen orientiert sind und Technik als Medium fas
sen, wie dies etwa von Werner Rammert vorgeschlagen wird (vgl. hierzu unten).
53 Weingart, Einleitung, S. 12.
54 Escobar, Arturo: Welcome to Cyberia. Notes on the Anthropology of Cyberculture.
In: Current Anthropology, Vol. 35, 3/1994, S. 211231, S. 212.
Die Üherwindung agnostischer Ergebenheit und vielerlei Einäugigkeit 183
piert. Über die Gründe dieses „discursive lag" braucht im folgenden nicht
spekuliert zu werden. Festzustellen ist lediglich, daß in den bundesdeut
schen Schwesterdisziplinen der „constructivist turn" der Philosophy of
Technology und der (Cultural) Anthropology nicht oder nur unvollstän
dig nachvollzogen wurde, der in den USA neue, fruchtbare Perspektiven
auf den Phänomenbereich Technik und Technologie eröffnete und vor al
lem eine radikale Kritik herrschender Episteme und Objektivitätsvorstel
lungen beförderte.55
Die Technikphilosophie blieb in Deutschland bisher überwiegend auf
ontologisierende Technikkonzepte oder Fragestellungen im Umfeld der
Debatten „Technik und Ethik" orientiert, während die Ethnologie Fragen
der materiellen Kultur weitgehend ausgeklammert und moderne Technik
in komplexen Gesellschaften nicht zum Beobachtungsfeld der Disziplin
gerechnet wird.56 Für die hier interessierende Thematik des „Umgangs mit
Technik" jedenfalls bieten im Gegensatz zu den bundesdeutschen Ansät
zen die Fragestellungen der Philosophy of Technology und der (Cultural/
Social) Anthropology of Technology die interessanteren und weiterführen
den Überlegungen. Zur disziplingeschichtlichen Kontextierung dieser An
sätze sollen jedoch zuvor kurz einige der neueren, einflußreichen Entwick
lungen in der Technikphilosophie (in der Bundesrepublik und den USA)
und der Anthropology (ausschließlich in den USA) skizziert werden.
Günter Ropohl konstatierte 1991, daß die bundesdeutsche Technikphi
losophie in den 70er und 80er Jahren durch akademische Professionalisie
rung, Kritik und Systematisierung älterer Ansätze in ein neues Entwick
lungsstadium eingetreten sei.57 Abgelöst worden sei hiermit eine Phase, die
charakterisiert war sowohl durch eine Vielzahl unverbundener „parathe
matischer" Arbeiten,58 in denen Technik nur am Rande problematisiert
wurde, als auch eine spekulatividealistische „thematische Technikphiloso
phie". Beginnend mit der 1877 veröffentlichten Studie von Ernst Kapp59
war diese „thematische Technikphilosophie" nach der polemischen Kritik
Ropohls hauptsächlich befaßt mit der „begriffsfetischistischen Suche nach
dem reinen Wesen der Technik", dem „kulturkritischen Räsonnement",
der „technokratischen Mystifikation der »Eigengesetzlichkeit« technischen
55 Vgl. zur Rezeption des „strong social constructionist argument" der Science and Tech
nology Studies etwa durch die feministische Wissenschaftsforschung Haraway, Donna
J.: Situated Knowledges: The Science Question in Feminism and the Privilege of Partial
Perspective. In: Dies.: Simians, Cyborgs, and Women. The Reinvention of Nature.
New York 1991, Routledge, S. 183202.
56 Vgl. hierzu oben, Kapitel „Anmerkungen zur Sachkulturforschung" und die Bewertun
gen von Johannsen, Kultur, und Janata, Technologie.
57 Ropohl, Aufklärung, S. 13.
58 Zu diesem Typus rechnet Ropohl etwa die Werke von Marx oder Überlegungen von
Bloch, Gehlen, Habermas, Marcuse oder Schelsky.
59 Kapp, Ernst: Grundlinien einer Philosophie der Technik. Düsseldorf 1978, Janssen
(erstmals Braunschweig 1877).
184 Technikforschung als interdisziplinäre Veranstaltung
Fortschritts" oder der „metaphysischen Spekulation über transzendente
Ursprünge der Technik".60 Diese „traditionelle", spekulatividealistische
Phase der Technikphilosophie, deren „EinFaktorTheorien" der Viel
schichtigkeit und Komplexität des Phänomenbereiches Technik nicht ge
recht werden konnten61, habe im Rahmen einer pragmatischen Wende
durch die Aufnahme empirischer Befunde aus anderen Disziplinen und in
terdisziplinäre Integration der Fragestellungen in den 70er Jahren über
wunden werden können.
Für diese Entwicklung kann auch die Konjunktur der politischen De
batten um die Krise des technischen Fortschritts verantwortlich gemacht
werden, in deren Folge Programme zur politischen Technikfolgenabschät
zung und Technikbewertung etabliert wurden.62 In diesem Feld erwuchs
der Technikphilosophie ein gesellschaftlicher „Geschäftspartner"63, eine
Nachfrage nach (meta) theoretischer Reflexion der politischen und sozial
wissenschaftlichen Technikdebatte64, die gemäß der gar nicht neuen Be
obachtung „Wes Brot ich eß', des Lied ich sing" u.a. mit philosophisch
informierten Versuchen einer Wiederbelebung ethischen Orientierungs
wissens in unübersichtlichen Zeiten bedient wird.65 Diese Diskussionen um
eine mögliche Ethik der Technik(entwicklung), die gegenwärtig als Domi
nante technikphilosophischer Reflexionen anzusehen sind, tragen jedoch
60 Ropohl, Aufklärung, S. 12.
61 Lenk, Sozialphilosophie, S. 19ff.
62 Vgl. hierzu als Überblick der verschiedenen Spielarten und Konzepte der sozialwissen
schaftlichen Technikfolgenabschätzung Leonhard Hennen: Technikkontroversen.
Technikfolgenabschätzung als öffentlicher Diskurs. In: Soziale Welt, 45. Jg., 4/1994,
S. 454^79.
63 Daniel Bertaux (Auf dem Weg zur Civil Society. Überlegungen anläßlich des XIII.
Weltkongresses für Soziologie. In: Soziale Welt, 45. Jg., 4/1994, S. 511519) weist im
Zusammenhang mit der etwas prekären Lage der internationalen Soziologie mit diesem
Begriff auf die Bedeutung der Marktlücken und wechselnder gesellschaftlicher Nach
frage für die Entwicklung wissenschaftlicher Expertise und theoretischer Programmati
ken hin.
64 Vgl. Ropohl, Aufklärung, S. 15ff.
65 Diese „gesteigerte Nachfrage nach ethischen Richtlinien mit möglichst weitgehend
operationalisierten und konkreten Aussagen" etwa in Form einer „Art Checkliste für
die Berücksichtigung außertechnischer Werte und Maßstäbe in technischen Projekten
und Objekten" (A. Hüning: Einleitung. In: Günter Ropohl et al.: Maßstäbe der Tech
nikbewertung. Vorträge und Diskussionen. Hrsg. vom VDI, Düsseldorf 1978, VDI
Verlag, S. 1 u. 3) stellt für die Philosophie natürlich ein schwieriges Marktsegment dar,
hat sie doch wenig Erfahrung mit der Erstellung solcher Rezeptbücher für konkretes
Handeln. Solche einfach gestrickten Anfragen werden denn auch als Weg in die „Repa
raturethik" abgelehnt (vgl. etwa Jürgen Mittelstraß: Auf dem Weg zu einer Reparatu
rethik? In: JeanPierre Wils, Dietmar Mieth (Hg.): Ethik ohne Chance? Erkundungen
im technologischen Zeitalter. Tübingen 1989, Attempto, S. 89108), die Nachfrage nach
Orientierung jedoch prinzipiell anerkannt und bedient. Vgl. etwa Walther Ch. Zim
merli: Was hat Ethik mit Technik zu tun? Der Mensch im technologischen Zeitalter. In:
Wils/Mieth, Ethik, S. 6988.
Die Überwindung agnostischer Ergebenheit und vielerlei Einäugigkeit 185
zu der hier verfolgten Fragestellung nur wenig bei;66 sie können daher im
folgenden unberücksichtigt bleiben.
Im Unterschied zu den ethischen Verengungen der bundesdeutschen
Technikphilosophie bearbeitet die USamerikanische Philosophy of Tech
nology ein breiteres Themenspektrum. Hierfür können einerseits eine an
dere „Nachfragesituation" und andererseits ein „constructivist turn" in den
angewandten Theoriemodellen verantwortlich gemacht werden. Zeitgleich
mit den von Ropohl für die bundesdeutsche Technikphilosophie beschrie
benen Entwicklungen setzte in den USA eine „virtual explosion of philoso
phical works on technology"67 ein. Diese Arbeiten entstanden von vorn
herein im Zusammenhang interdisziplinärer Bemühungen, Curricula für an
vielen Colleges und Universitäten eingerichtete „Science, Technology and
Society"Kurse zu entwickeln, mit denen auf die gesellschaftlichen Debat
ten um negative Technikfolgen reagiert werden sollte.68 Die Mitarbeit von
Philosophen in den hierfür gebildeten Institutionen „National Association
for Science, Technology, and Society" oder der „Society for Social Studies
of Science" führte nicht nur zur intensiveren Beschäftigung mit dem Phä
nomenbereich Technik und Technologie, sondern auch zur radikalen Ab
kehr von traditionsreichen Vorverständnissen, die die Beschäftigung mit
Technik als eine philosophisch inferiore Tätigkeit erscheinen ließen. Ver
worfen wurde insbesondere die Annahme, daß Technik nur als Anwen
dung der Naturwissenschaften anzusehen sei, als „the dumb brüte which is
to be the 'mere' [...] slave of science"69.
66 Ob diese Ethiken ihre Funktion, eine „Reflexionstheorie der Moral" zu sein, erfüllen
können, mag dahingestellt sein. Daß sie ihrer Funktion gemäß allerdings nicht vor
den Ausprägungen klassischer Moral und ihrer einfachen Unterscheidung in Gut und
Böse warnen können und damit der zu bearbeitenden Komplexität gesellschaftlicher
Technologisierungsprozesse wohl nur ungenügend Rechnung tragen, soll als Problem
allerdings zumindest benannt werden (vgl. hierzu Luhmann, Kommunikation, S.
262ff.). Erfolgversprechender bei allen Vorbehalten gegen das zugrundeliegende de
terministische TechnikKonzept erscheint demgegenüber der Vorschlag Jacques El
luls (The Power of Technique and The Ethics of NonPower. In: Kathleen Woodward
(ed.): The Myths of Information: Technology and PostIndustrial Culture. London,
Henley 1980, Routledge & Kegan Paul, S. 242247), eine transklassische Ethik als Wi
derstandspotential gegen die universalierenden und totalisierenden Tendenzen der
„technological morality" zu entwickeln, die sich etwa in bürgerlichen Sekundärtugen
den oder im moralisierenden Druck konkretisiert, Ressourcen und technische Optio
nen wenn vorhanden auch zu nutzen.
67 Ihde, Don: Philosophy of Technology. An Introduction. New York 1993, Paragon, S.
44.
68 Vgl. hierzu Escobar, Cyberia, S. 212, und Ihde, Philosophy, S. 45f.
69 Ihde, Don: Technics and Praxis. Dordrecht, Boston, London 1979, Reidel, S. xix; vgl.
hierzu als Überblick der entsprechenden Entwicklungen Friedrich Rapp: Introduction:
General Perspectives on the Complexity of Philosophy of Technology. In: Paul T.
Durbin (ed.): Philosophy of Technology. Practical, Historical and Other Dimensions
(Philosophy and Technology, Vol. 6). Dordrecht, Boston, London 1989, Kluwer, S. ix
xxiv).
186 Technikforschung als interdisziplinäre Veranstaltung
Aber auch durch die Rezeption der Phänomenologie und den dadurch
ausgelösten „perceptual turn" in den 70er Jahren, mit dem die alten Frage
stellungen der Philosophie refokussiert wurden, war die Aufgabe simpler,
deterministischer Konzepte und spekulatividealistischer Ansätze nahege
legt worden:70 „For phenomenology [...] lifeworld is fundamentally a prac
tical reality [...] Whatever sense and coherence this world might have is in
itially constituted at a prereflective level of existence that is primarily
»technological«. It is thus through the straightforward exercise of bodily
skills in tool and equipment use that the horizon of the world is grasped
and made explicit."71 Technik erhält aus dieser Perspektive einen „worldly
character" (T.Casey/L.Embree) und muß „made up of a variety of closely
connected, mutually dependent phenomena"72 als Alltags und Quer
schnittsphänomen in ihren komplexen, praktischen Bezügen interpretiert
werden.
Kennzeichnend für den Charakter der Diskussionen der in den letzten
Jahren entstehenden Philosophy of Technology „[a] field [...] still in the
making" (F.Rapp) ist das Eingeständnis, daß moderne Technologie in ih
rer Komplexität und Verwobenheit in Lebenswelt und gesellschaftliche
Strukturen nur in interdisziplinärer Zusammenarbeit mit Historikern, So
zialwissenschaftlern, Ökonomen und Politikwissenschaftlern angemessen
interpretiert werden kann. Neben den oben angeführten, nachfrageorien
tierten Gründen interdisziplinärer Zusammenarbeit im Feld der „Science
and Technology Studies" ergibt sich so auch eine inhaltlich breite, auf viel
fältige Kooperationen ausgerichtete Arbeit der Philosophy of Technology.
Diese interdisziplinäre Ausrichtung war auch ausschlaggebend für die Na
mensgebung des institutionellen Rahmens dieser Forschungen als „Society
for Philosophy and Technology", mit der jeder exklusive Charakter dieses
Arbeitszusammenhanges vermieden werden sollte.73 Die enge Kooperation
insbesondere mit Sozialwissenschaftlern und Wissenschaftssoziologen
führte letztlich auch dazu, daß nach dem „perceptual turn" der 70er Jahre
sich auch in den philosophischen Debatten die sozialkonstruktivistische
Vorstellung durchsetzte, daß sowohl Wissenschaft als auch Technik als so
70 Ihde, Technics, S. xvi.
71 Casey, Timothy, Lester Embree: Introduction. In: Timothy Casey, Lester Embree
(eds.): Lifeworld and Technology. Lanham, MD, London 1990, S. viixi.
72 Rapp, Introduction, S. xi.
73 Dieser offene Charakter der „Society for Philosophy and Technology" wird auch in
der von Paul T. Durbin herausgegebenen Veröffentlichungsreihe „Philosophy and
Technology" deutlich. Durbin weist ausdrücklich darauf hin, daß durch „and" im Na
men von Organisation und Zeitschrift bewußt eine inklusive Programmatik markiert
werden sollte, die auch Ingenieuren, Biomedizinern, Computerfachleuten etc. den Zu
gang zu den philosophischen Diskussionen ermöglichen soll (vgl. hierzu Durbin, Paul
T.: Introduction: Conflict over Philosophy of Technology As An Academic Field. In:
Ders. (Hg.): Broad and Narrow Interpretations of Philosophy of Technology ^Philo
sophy and Technology, Vol. 7). Dordrecht, Boston, London 1990, Kluwer, S. ixxvii).
Die Überwindung agnostischer Ergebenheit und vielerlei Einäugigkeit 187
ziale Konstrukte zu interpretieren seien.74 Im Rahmen dieses erneuten Per
spektivenwechsels, der als „constructivist turn" bezeichnet werden kann,
wird inzwischen Kontingenz und Flexibilität als Charakteristikum techno
logischen Wandels betont und damit jeglichen auch implizit bleibenden
Determinismen die theoretische Basis entzogen.
Im Gegensatz zu dieser Erfolgsgeschichte der „philosophy of technology
in the making" nehmen sich die ersten Ansätze einer „Social Anthropology
of Technology" noch eher bescheiden aus. Bryan Pfaffenberger macht
hierfür die gegenwärtig ungebrochene „hegemony of linguistic approaches
to the object world" in der Cultural Anthropology verantwortlich.75 Wäh
rend noch Anfang des 20. Jahrhunderts zu den Forschungsfeldern der An
thropologie „material culture, social Organization, and physical anthropo
logy" gerechnet wurden, ist im weiteren Verlauf der akademischen Profes
sionalisierung der Disziplin eine zunehmende Vernachlässigung der For
schungen zur materiellen Kultur zu beobachten.76 Dieser Prozeß kann vor
dem Hintergrund des Kampfes der Anthropology um wissenschaftliche
Reputation interpretiert werden, in dem sie sich unter anderem gegen laien
hafte Sammler und Interpreten abgrenzen mußte; in der Folge wurde die
Beschäftigung mit materieller Kultur als „dry, even intellectually arid and
boring"77 angesehen und an die Museen abgeschoben. Das Studium von
Technik und Artefakten wurde als Ablenkung von den wahren Aufgaben
der Anthropology angesehen, dem Studium der Kultur. Als Konsequenz
dieser Entwicklungen stellte Thomas Schlereth fest: „Folkloristic and an
thropological interest in material culture atrophied in the 1930s"78 eine
Zustandsbeschreibung, die auch noch bis weit über die 50er Jahre hinaus
Gültigkeit besaß. So schrieben etwa Alfred Kroeber und Clyde Kluckhohn
aus dem als Kulturanalyse definierten Tätigkeitsbereich der Disziplin mate
rielle Artefakte explizit heraus: „what is culture is the idea behind the arti
fact."79
In den 60er Jahren setzten zwar Versuche ein, Studien zur materiellen
Kultur wieder im Fach zu verankern80 „periodic attempts [...] to revive
74 Vgl. Escobar, Cyberia, S. 212.
75 Pfaffenberger, Anthropology, S. 492.
76 So beklagte etwa Clark Wissler 1914, daß das Studium der materiellen Kultur „has been,
quite out of fashion." Statt dessen würde Studien etwa zu „language, art, ceremonies,
and social Organization" der Vorzug gegeben. (Wissler, Clark: Material Cultures of the
North American Indians. American Anthropologist, Vol. 16, 3/1914, S. 447—505)
77 Pfaffenberger, Anthropology, S. 492.
78 Schlereth, Thomas J.: Material Culture and Cultural Research. In: Ders. (ed.): Material
Culture. A Research Guide. Lawrence 1985, University Press of Kansas, S. 134, S. 2.
79 Kroeber, Alfred L., Clyde Kluckhohn: Culture: A Critical Review of Concepts and
Definitions. Cambridge 1952, Harvard University Press, S. 65 (Hervorhebung von mir,
S.B.).
80 Vgl. den Überblick bei Schlereth, Culture.
188 Technikforschung als interdisziplinäre Veranstaltung
the seriously ill patient"81, die jedoch bislang erst ansatzweise von Erfolg
gekrönt wurden. Insbesondere moderne Technik blieb hierbei bis vor we
nigen Jahren aus der Beobachtung ausgeklammert. Inzwischen kann je
doch konstatiert werden, daß „[i]n just a few short years, studies of science
and technology within American anthropology have gone from a some
what backwater status to something of a fad."82 Ein recht plötzlich einset
zender „modischer Fimmel", dem allerdings die institutionelle Anerken
nung bislang verwehrt wurde. Die Bitte interessierter Forscher, auf den
jährlichen Kongressen der American Anthropological Association Arbeits
kreise zum Thema „Science and Technology" einzurichten, wurde von den
Organisationskomitees regelmäßig abgelehnt.83 Erst clevere Koalitionspoli
tik mit ähnlich marginalisierten Interessenten in den Bereichen Feminis
mus, Ethnizität und Cultural Studies und ein neues Label „cyberpanels"
machte es ab 1992 möglich, Foren für die inhaltliche Auseinandersetzung
mit „Science and Technology" auf den Kongressen der AAA einzurichten.
Versucht wird in diesen noch provisorischen und wenig überschaubaren
Arbeitszusammenhängen84, die fachwissenschaftliche Kompetenz zu bün
deln, um sie in die zahlreichen „Science and Technology Studies""Pro
gramme einzubringen85 etwa bei der Analyse der Gebrauchsformen neu
er Technologien, der durch computermediierte Kommunikation entste
henden neuen Interaktionsformen, der populären Technokultur in indu
strialisierten Gesellschaften oder bei Studien zu Technisierungsprozessen
in sog. Entwicklungsländern.86
Die Ordnung der Dinge, die Verortung des Alltags
Mit dem beginnenden Abschied der Soziologie sowohl von deterministi
schen Technik und TechnologieKonzepten als auch von der Annahme ei
ner einsinnigen Wirkungsrichtung technischer Artefakte werden gleichzei
tig ehemals kategoriale Sicherheiten der Theoriebildung aufgelöst. Die sta
bile Ordnung der technischen Dinge wird in Konzepten, in denen sich ein
relationales Verständnis von Technik und Nutzungskontexten durchzu
81 Pfaffenberger, Anthropology, S. 492.
82 Hess, David: Comment to Escobar, Cyberia, S. 223224, S. 223.
83 Ebd., S. 223.
84 Ein Schritt zur dauerhaften Institutionalisierung und Koordinierung dieser Zusammen
hänge wurde etwa durch den von David Hess herausgegebenen „Social/Cultural An
thropology of Science and Technology Newsletter" unternommen; vgl. auch Hess, Da
vid J.: Introduction: The New Ethnography and the Anthropology of Science and
Technology. In: Knowledge and Society: The Anthropology of Science and Technolo
gy, Vol. 9, 1992, S. 126.
85 Vgl. hierzu programmatisch Downey, Gary Lee, Joseph Dumit, Sarah Williams: Cy
borg Anthropology. In: Cultural Anthropology, Vol. 10, 1/1995, S. 264269.
86 Vgl. ausführlich zu den diskutierten Arbeitsfeldern Escobar, Cyberia, S. 217221.
Die Ordnung der Dinge, die Verortung des Alltags 189
setzen beginnt, ebenso fragwürdig wie sich das bislang vorherrschende
Verständnis des „Alltags" als Kolonie und ohnmächtige Ressource der in
dustriellen Kernsysteme als unzureichend erweist, die dynamischen Aneig
nungsprozesse von technischen Artefakten im Alltag analysieren zu kön
nen. Im folgenden wird diesen erforderlichen kategorialen Brüchen in eini
gen Anmerkungen zum Objektstatus der Technik und zum Status des All
tags als sozialwissenschaftliche (Residual)Kategorie nachgegangen.
Anmerkungen zum Objektstatus der Technik
Die meisten der gängigen technikphilosophischen oder techniksoziologi
schen Versuche, Technik konzeptionell zu fassen, arbeiten mit einer nur
implizit bleibenden Leitunterscheidung, bei der die Technik den handeln
den Menschen, dem Sozialen oder der Natur gegenübergestellt wird. Diese
Opposition Mensch Maschine liegt in jeweils leicht variierter Art so un
terschiedlichen Konzepten zugrunde wie etwa instrumentalistischen, sub
stantialistischen oder prothetischen Ansätzen.87 Instmmentalistische Kon
zepte88 interpretieren Technik als neutral gegenüber den mit ihr verfolgten
Zwecken und gehen davon aus, daß technische Artefakte eine universale
Rationalität verkörperten, die sich in allen sozialen Kontexten unweigerlich
durchsetze. Auch substantialistische Ansätze, bei denen Technik als neuer
Typus kultureller Systeme konzipiert wird, der das gesamte Sozialgefüge
seiner Herrschaft unterwirft,89 arbeiten mit der Gegenüberstellung Mensch
Maschine, ebenso wie prothetische Konzepte, bei denen technische Ar
tefakte als Organerweiterung, ersatz oder entlastung konzipiert werden.90
Diese Leitunterscheidung der MenschMaschineOpposition erweist
sich allerdings als wenig hilfreich, wenn Technik als sozial und kulturell
konstruiertes und „in Betrieb genommenes" Objekt untersucht werden
soll. Technik kann dann nicht mehr unproblematisch als das vergegen
ständlichte Andere der Kultur oder des Sozialen konstruiert werden. Insbe
sondere im Rahmen der hier verfolgten Fragestellung nach dem Handeln
87 Vgl. zu dieser Systematik möglicher analytischer Herangehensweisen an das Phänomen
Technik Borgmann, Albert: Technology and the Character of Contemporary Life.
Chicago 1984, University of Chicago Press, S. 9f.; Feenberg, Theory, greift diese Syste
matik erweiternd auf.
88 Feenberg, Theory, S. 5f., rechnet dieser instrumentellen Perspektive insbesondere die
politischen Wissenschaften und die auf deren Paradigmen beruhenden staatlichen Ent
wicklungs und TechnologiePolitiken zu.
89 Als klassische Version s. Ellul, Society.
90 Im deutschen Sprachraum wurde dieses Konzept wohl erstmals formuliert von Kapp,
Grundlinien, der eng an anthropologischen Fragestellungen orientiert die These vertrat,
daß Technik (Werkzeuge und Maschinen) als wirkungsverstärkende Organverlänge
rungen bzw. Organprojektionen des Menschen anzusehen sei. Zur Weiterführung die
ser Thesen vgl. insbes. Gehlen, Arnold: Die Seele im technischen Zeitalter. Sozialpsy
chologische Probleme der industriellen Gesellschaft. Hamburg 1957, Rowohlt.
192 Technikforschung als interdisziplinäre Veranstaltung
Umgang mit den Dingen Ende des 19. Jahrhunderts als nichtnormal und
nichtrational aus dem den Dingen angemessenen Objektumgang ausge
schlossen, weil der fetischistische Umgang mit Dingen gegen den in westli
chen Gesellschaften etablierten Konsens über die „object hypothesis" ver
stieß (also nicht objektiv war), von der Vorannahme einer strikten Subjekt
Objekt Trennung abwich (also nichtrational war) und nicht den herr
schenden Zwecken integriert war (also nichtfunktional bestimmt war).
Für Heubach stellt daher das in westlichen, industrialisierten Gesellschaf
ten etablierte „Rationalmodell des Handelns" und das korrespondierend
konstruierte Gegenstandskonzept nur eine mögliche, hochgradig kultur
spezifische Sicht des Verhältnisses ObjektSubjekt dar.
Ähnliche Überlegungen liegen der Phänomenologie Maurice Merleau
Pontys98 der die Gegenständlichkeit der Dinge als psychisches Konzept
auffaßt und dem Pragmatismus John Deweys zugrunde, wobei letzterer
allerdings nicht nur den KonzeptCharakter gängiger Objektvorstellungen
betont, sondern diese Vorstellungen auch in ihrer analytischen Angemes
senheit bezweifelt." Für Dewey wie für Bateson stellt etwa die menschliche
Haut keine geeignete Grenze dar, um zu bestimmen, wo der Organismus
endet und die Umwelt beginnt. Nach seinen Überlegungen verhindert das
gängige ObjektSubjektSchema eine angemessene Abgrenzung der „unit
of analysis": „There are things [...] outside [the body] that belong to it [...]
tools, whether the pen of the writer or the anvil of the blacksmith, Utensils
and furnishings [...] all the supports and sustenances without which a ci
vilized life cannot be."100
Autoren wie etwa Gregory Bateson und John Dewey verweisen damit
auf das grundlegende Problem der „moral order of representation" bei der
sozialwissenschaftlichen Analyse von Technik und technischem Handeln.
Die vermeintlich „gesicherte" Trennlinie zwischen Nutzer und genutzter
Technik, die bei der Untersuchung technischen Handelns gängigerweise
98 MerleauPonty, Maurice: Phänomenologie der Wahrnehmung. Berlin 1966, De Gruy
ter & Co. (insbes. S. 370f.)
99 Nach Dewey erlangen Dinge ihre Gegenständlichkeit in einem Prozeß der „objectifi
cation" dann, wenn „they are treated as means for the attainment of remote ends" (zit.
n. Hickman, Larry A.: John Dewey's Pragmatic Technology. Bloomington and India
napolis 1990, Indiana University Press, S. 87, der einen ausgezeichneten Überblick über
das nicht eben übersichtliche Werk Deweys gibt).
100 Dewey, John: Art as Experience. New York 1958, Capricorn Books, S. 64f. Umgekehrt
zu dieser Konzeption von Werkzeugen als quasi zum Organischen gehörend faßt De
wey die traditionelle Domäne der Innerlichkeit, Gedanken, als Werkzeuge der Weltan
eignung auf; vgl. hierzu Hickman, Technology, insbes. das Kapitel „Knowing as a
Technological Artifact", S. 1759. Ganz ähnlich beschreibt Emile Dürkheim (Die ele
mentaren Formen des religiösen Lebens. Frankfurt/M. 1981, Suhrkamp, S. 41f.) Kate
gorien als kollektiv, in einem langen Prozeß geschaffene „Denkinstrumente", die als an
gehäuftes „intellektuelles Kapital" angesehen werden könnten, ebenso wie Werkzeuge
aufgehäuftes „Materiekapital" darstellten.
Die Ordnung der Dinge, die Verortung des Alltags 193
zugrundegelegt wird und unproblematische Beobachtungsbereiche ver
spricht, ist alles andere als eindeutig markiert:
„[...] representations (descriptions, determinations of many kinds) of 'what the machine
is' take their sense from descriptions of 'the machine's context'; at the same time, an un
derstanding of 'the context' derives from a sense of the machine in its context. The sense
of context and machine mutually elaborate each other. For that aspect of context called
the user, the reflexive tie is especially marked. The capacity and boundedness of the ma
chine take their sense and meaning from the capacity and boundedness of the user."101
Diese von Steve Woolgar aufgeworfene Problematik benennt ein für die
hier verfolgte Fragestellung nach dem „Umgang mit Technik" zentrales
Dilemma: Sowohl Technik wie auch deren Nutzung können gemäß der
hier entwickelten Konzeption im Rahmen einer kulturwissenschaftlichen
Analyse sinnvoll nur relational, in ihren Bezügen zu dem jeweils anderen
Phänomenbereich bestimmt werden.102 Das Aufweisen solcher Bezüge im
weiteren Gang meiner Argumentation setzt jedoch zumindest kurzzeitig
eine feste Perspektive voraus, soll er nicht durch häufige Wechsel der
Beobachtungsrichtung entstellt werden; entweder muß von der „Technik"
her argumentiert oder aus der Perspektive der Nutzung geschrieben wer
den. Die notwendig lineare Darstellungsform des folgenden Textes wird
somit gerade das auseinanderschreiben, was eigentlich nur zusammengese
hen werden kann.
Anmerkungen zum Status alltäglichen Handelns
Wie bereits oben angemerkt, begann die Soziologie in Deutschland Ende
der 70er, Anfang der 80er Jahre die bis dahin vorherrschende Verengung
ihrer Untersuchungsperspektive auf Technisierungsphänomene in der Pro
duktionssphäre zu überwinden. Unter der neuen Fragestellung „Technik
im Alltag" wurde damit ein Untersuchungsfeld auf die wissenschaftliche
Tagesordnung gesetzt, das zuvor eine nur negativ bestimmte Residualkate
gorie gewesen war; dem begrifflich wohlgeordneten Interaktionsgefüge in
dustriellarbeitsteiliger Produktion stand, auch räumlich klar abgegrenzt,
der „Alltag" als begrifflich nicht gefaßter Phänomenbereich gegenüber. Die
Wahl der Fabrikmauer als „Grenze zwischen Ordnung und Chaos" (K.H.
Hörning), als Demarkationslinie begrifflicher Systeme und Systematisie
rungsversuche soziologischer Theoriebildung und empirischer Untersu
chungsstrategien blieb allerdings folgenreich auch für das überfällige Pro
jekt, die bislang ausgeklammerte Residualkategorie zum wissenschaftlichen
101 Woolgar, Configuring, S. 68.
102 Vgl. hierzu neuerdings auch Rammert, Werner: Regeln der technikgenetischen Metho
de. Die soziale Konstruktion der Technik und ihre evolutionäre Dynamik. In: Technik
und Gesellschaft, Jahrbuch 8: Theoriebausteine der Techniksoziologie (hrsg. von Jost
Halfmann, Gotthard Bechmann, Werner Rammert). Frankfurt/M., New York 1995,
Campus, S. 1330, S. 15f.
194 Technikforschung als interdisziplinäre Veranstaltung
Thema zu machen. Die Fabrik blieb in den zahlreichen sehr uneinheitli
chen Bestimmungen des Alltags103 der orientierende Gegenbegriff, der die
sen impliziten oder expliziten Definitionen erst „die Pointe" lieferte: Alltag
wird als das Andere institutionalisierter, formalisierter Praktiken und herr
schender ökonomischer Rationalitäten bestimmt.104 So behalten etwa Hans
Lenk und Günter Ropohl in ihrem als Pionierstudie verstandenen Auf
satz „Technik im Alltag" die residuale Definition des „Alltags" bei, indem
sie ihn schlicht von der „Arbeitswelt" abgrenzen.105 Auch Werner Ram
mert faßt als Alltag(sleben) den räumlich und zeitlich klar abgrenzbaren
Bereich, der nicht „Arbeitsalltag in Behörden und Betrieben" sei, das „so
ziale Leben außerhalb der Erwerbsarbeit".106
Diese vorwiegend negativen, auf zeitlichen und räumlichen Kriterien ba
sierenden Bestimmungen des Alltags wurden jedoch im Verlauf der 80er
Jahre als nur wenig tragfähig für die anstehende Analyse „alltäglicher Tech
nisierungsprozesse" kritisiert und positive Definitionen eingeklagt.107 Eine
einfache Gegenüberstellung alltäglicher, als weniger „rational gesteuert"
geltender Handlungsweisen und der „zweckrationalen" Organisation be
ruflicher Arbeit erwies sich im Lichte neuerer industrie und organisations
soziologischer Studien zudem als wenig haltbar. Empirische Untersuchun
gen zwangen sowohl dazu, anzuerkennen, daß sich auch in „alltäglichen
Situationen vielerlei Kontrollprobleme [stellen], und entsprechende Pro
blemlösungen [...] ihre eigene Rationalität" haben, als auch dazu, „betrieb
103 Vgl. als Überblick und Kritik der zahlreichen sozialwissenschaftlichen Alltagsdefi
nitionen Norbert Elias: Zum Begriff des Alltags. In: Kurt Hammerich, Michael Klein
(Hg.): Materialien zur Soziologie des Alltags. (= Kölner Zeitschrift für Soziologie und
Sozialpsychologie, Sonderheft 20/1978). Opladen 1978, Westdeutscher Verlag, S. 22
29.
104 Vgl. hierzu die Systematik gängiger „Kontrastfelder" bei der Bestimmung des Alltags
bei Waldenfels, Bernhard: Die verachtete Doxa. Husserl und die fortdauernde Krisis
der abendländischen Vernunft. In: Ders.: In den Netzen der Lebenswelt. Frankfurt/M.
21994, Suhrkamp, S. 3455.
105 Lenk/Ropohl, Technik; auch zehn Jahre später faßt Ropohl (Verständnis, S. 121) Alltag
nicht wesentlich präziser als „ubiquitäre Regelmäßigkeit im privaten Bereich".
106 Rammert, Werner: Technik und Alltagsleben. Sozialer Wandel durch Mechanisierung
und technische Medien. In: Ders.: Technik aus soziologischer Perspektive. Forschungs
stand Theorieansätze Fallbeispiele. Ein Überblick. Opladen 1993, Westdeutscher
Verlag, S. 178203, S. 179.
107 Vgl. hierzu insbes. Hennen, Leonhard: Technisierung des Alltags. Ein handlungstheo
retischer Beitrag zur Theorie technischer Vergesellschaftung. Opladen 1992, Westdeut
scher Verlag, der Alltag mit Alfred Schütz positiv definiert als „die Form und die Be
dingungen der subjektiven Organisation des Lebens" (ebd., S. 107); im Gegensatz zu
dieser weiten, aber durchaus handhabbaren Definition, die die ehemalige Residualkate
gorie 4Alltag' als analytischen Ausgangspunkt wählt, verzichten zahlreiche Studien völ
lig auf eine Präzisierung des Alltagsbegriffes (vgl. etwa Sackmann, Reinhold, Ansgar
Weymann: Die Technisierung des Alltags. Generationen und technische Innovationen.
Frankfurt/M., New York 1994, Campus).
Die Ordnung der Dinge, die Verortung des Alltags 195
liehe Strategien und Problemlösungen weniger schroff von »alltäglichen«
[... abzugrenzen], als das in der Vergangenheit der Fall war."108
Trotz dieser Einsichten wurde jedoch die „Fabrikmauer" als definitori
sche Grenzbestimmung des Alltags nicht aufgegeben. Dies kann exempla
risch an den Aufsätzen des von Berward Joerges herausgegebenen Bandes
„Technik im Alltag"109 gezeigt werden, in denen eine „Präparierung" der
Alltagsbegriffe unter spezifisch techniksoziologischen Aspekten vorge
nommen wurde. Alltag wurde auf drei Ebenen näher bestimmt: als (a) be
sondere Wissens und Handlungsform, (b) besondere Form der Institutio
nalisierung und (c) sozialräumlich umschriebener Lebens und Tätigkeits
bereich. Technisches Handeln im Alltag wird in den gegenwärtigen Debat
ten unter zwei, nicht immer klar voneinander geschiedenen Perspektiven
thematisiert: Einerseits ausgehend von der Analyse der spezifischen Struk
tur und Formalisierungsbedingungen des Alltags. Alltägliches Handeln
wird hierbei als spezifisch außerbetriebliche Form der Technikverwendung
interpretiert und fällt „mit laienhaften und häuslichen Verwendungszu
sammenhängen von Technik"110 zusammen. Aus der anderen Untersu
chungsperspektive wird Alltag weniger als institutionell oder sozialräum
lich abgrenzbares Teilsystem analysiert, sondern ausgehend „von den so
zialen Problemstellungen, Deutungen und Handlungsweisen der einzelnen
Gesellschaftsmitglieder"111 als ein Bereich, der charakterisiert ist durch
eigensinnige, vielsinnige oder widerständige Handlungsmöglichkeiten. Be
tont die erste Perspektive die besondere Form alltäglichen Handelns mit
Technik und hebt damit auf dessen strukturelle Bestimmung ab, wird im
zweiten Ansatz explizit eine Kulturperspektive eingenommen. Trotz der
Berücksichtigung aller durch Technik in den Alltag eingebauten und ge
schriebenen Handlungsanweisungen werden dabei besonders die oft er
heblichen Spielräume und Innovationspotentiale für die Nutzer hervorge
hoben.112
108 Joerges, Technik, S. 8.
109 Die Beiträge in diesem Band wurden als Vorträge im Rahmen einer zwischen 1984 und
1986 durchgeführten und von der DFG geförderten Kolloquiumsreihe am Wissen
schaftszentrum Berlin für Sozialforschung gehalten.
110 Joerges (Technik, S. 9) nennt als Vertreter dieses Ansatzes insbesondere Bernd Biervert,
Kurt Monse und Werner Rammert.
111 Hörning, Technik im Alltag.
112 Vgl. hierzu insbesondere Hörning, Technik im Alltag, S. 62ff.; bemerkenswert ist hier
bei, daß zur theoretischen und methodischen „Absicherung" dieser soziologischen
Kulturperspektive von Hörning auf die Ende der 70er Jahre entwickelte „neuere Ethno
logie" Clifford Geertz', speziell dessen „symbolische" oder „semantische Anthropolo
gie" (Dichte Beschreibung. Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme. Frankfurt/M.
1983, Suhrkamp), zurückgegriffen wird. Hörning leitet aus Geertz' Überlegungen „den
zentralen Auftrag [der Techniksoziologie ab] auch in einem so »materialistischen«
Feld wie der Technik deren symbolischen Formen nachzugehen, um so die Bedeu
tungen herauszufinden, die Menschen an die Dinge herantragen und diese an sie."
(Ebd., S. 67)
196 Technikforschung als interdisziplinäre Veranstaltung
Aber auch unter dieser Kulturperspektive führt Alltag sein begriffliches
Kontrastprogramm mit: die Fabrik und andere „ausdifferenzierte Funk
tionssysteme", die durch hochgradig formalisierbare und strukturierte
„kognitive und handlungsorganisatorische Zumutungen" (B.Joerges) be
stimmt sind. Gegenüber diesem konzeptuellen Widerlager ist der Alltag
gleichzeitig unterkomplex er hat den durch seine Technisierung ausgelö
sten Rationalisierungsprozessen „nicht allzuviel entgegenzusetzen" und
überkomplex er ist „partiell nicht formalisierbar".113 Bernward Joerges
konnte damit bilanzierend die techniksoziologische Diskussion am Ende
der 80er Jahre zusammenfassen: Es setze sich ein Alltagsbegriff durch, der
„auf organisatorisch und institutionell weniger verfestigte Handlungs
muster"114 abziele der Komparativ „weniger" verweist hierbei nach wie
vor auf Industriearbeit als Referenz. Festzuhalten ist in diesem Zusammen
hang, daß das in der Techniksoziologie etablierte Verständnis des Alltags
nur sehr bedingt mit der volkskundlich/empirischkulturwissenschaftli
chen Verwendung des Begriffes „Alltag" kompatibel ist,115 bei der unter
Verzicht auf die Herausarbeitung durchgängiger Strukturmerkmale und
einsinniger Charakterisierungen eine strikt akteurs und handlungszen
trierte Perspektive entworfen wird.116
Ob die Anwendung des soziologischen Theorieinstrumentariums die
Differenzierung in formalisierte und nichtformalisierte Gesellschaftsberei
che nahelegt oder ob hier lediglich alte Kategorien beibehalten werden und
unter Verwendung alter Leitunterscheidungen ehemals Residuales
sprachlich und theoretisch nur mäßig überzeugend „aufgepolstert" wird,
mag dahingestellt bleiben. Eine wechselseitige Abhängigkeit der Technik
und Alltagsdefinitionen ist jedenfalls in allen im folgenden skizzierten tech
niksoziologischen Ansätzen festzustellen: Der jeweils angenommene Ob
jektstatus technischer Artefakte und die ihnen zugeschriebene Wirkung
korrespondieren jeweils mit dem modellhaft vorgeschlagenen Status des
alltäglichen Handelns. Wird Technik „hart", als objektivierend, rationali
sierend oder institutionalisierend und damit als Vergesellschaftungsinstru
ment konzipiert, entspricht dem ein Verständnis des Alltagshandelns als
subjektiv, weniger rational und gering formalisiert, das der kolonisierenden
Macht der Technosphäre unterworfen wird. Demgegenüber erscheint
Technik in Konzepten, die vor allem an der Analyse alltäglicher Deutungs
und Handlungskontexte interessiert sind und Handeln als kreative Praxis
verstehen, eher „weich", als durch aktive Aneignungsprozesse der Nutzer
durchaus formbar und in eigensinnige Verwendungsweisen integrierbar.
113 Hörning, Technik im Alltag, S. 63; vgl. hierzu auch Joerges, Technik, S. 9.
114 Joerges, Technik im Alltag, S. 10.
115 Vgl. hierzu etwa Jeggle, Utz: Alltag. In: Hermann Bausinger, Utz Jeggle, Gottfried
Korff, Martin Scharfe: Grundzüge der Volkskunde. Darmstadt 1978, Wissenschaftliche
Buchgesellschaft, S. 81126.
116 Vgl. hierzu ausführlich unten, Kapitel „Praxis".
2. Die Ordnung der Technik
„ Alan Kay, father of the personal Computer (among
other things), likes to say that perspective is Worth 50
points of IQ (it may he worth more, Alan). Marvin
Minsky, father of artificial intelligence, says that you
don 't know something until you know it in more than
three ways. They're both quite right."
Nicholas Negroponte, Message 31: Where Do New
Ideas Come From?, WIRED 4.01,1996, S. 204
Bereits oben wurde darauf hingewiesen, daß bedingt durch die situative
Vieldeutigkeit der Technik im Alltag keine „handy theories" in Sicht seien,
die eine eindeutige und (end)gültige Definition erlaubten. Technik wird
daher im folgenden Kapitel als Verzweigung rekonstruiert, die sowohl auf
Struktur und System als auch auf Praxis verweist. Die Durchsicht soziolo
gischer, philosophischer, anthropologischer und kognitionspsychologi
scher Ansätze wird hierbei nach den ihnen zugrundeliegenden Denkstilen
geordnet: Konzepten, in denen Technik als Verlaufssouverän konzipiert
^ird, werden Ansätze gegenübergestellt, in denen Technik als Reaktion auf
situative Kontingenz, als Kontingenzmanagement verstanden, oder in de
nen Technik in einem dynamischen, praxisorientierten Modell gefaßt wird.
Technik als Verlaufssouverän Handeln im stählernen Gehäuse
Erst die Aufforderung einer kritischen Soziologie, Technikgenese als sozia
len Prozeß zu konzipieren, in dem eine Vielzahl sehr unterschiedlicher
Faktoren eine neue Technologie und ihre gesellschaftliche Verwendung
Pfägen, gewann Technik der soziologischen Analyse und der Soziologie
die Kritikfähigkeit zurück. Technik kann unter der Perspektive der Tech
ntkgeneseforschung als Ergebnis sozialer Prozesse und damit mit
soziologischem Instrumentarium untersucht werden; erst unter Aufgabe
198 Die Ordnung der Technik
des „genetischen Determinismus" wird Technik und Technologie als „so
cial product" entzifferbar und kritisierbar. Daß Technik als Ergebnis sozia
ler Handlungen thematisierbar wird, bedeutet jedoch nicht automatisch,
daß sie damit auch als soziales (Handlungs)Objekt in den Fokus der So
ziologie rückt. Nach den gängigen, handlungstheoretischen Lehrbuchdefi
nitionen ist dies explizit ausgeschlossen: Soziales Handeln ist Handeln in
einer egoalterBeziehung, da nur Personen der Status sozialer (Hand
lungs)Objekte zugestanden wird. Nichthumane Handlungsobjekte gel
ten demgegenüber als „nichtsoziale Objekte", und Handeln, das sich auf
sie bezieht, richtet sich „definitorisch nicht auf soziale Sachverhalte."1 Im
Licht dieser immer noch gängigen Bestimmung bleibt Technik damit ein
„nonsocialobject", das definitorisch aus dem direkten Untersuchungsbe
reich der Soziologie ausgeklammert bleibt: Der Analyse zugänglich ist
Technik und Technologie nur indirekt, als Ergebnis sozialen Handelns in
Technikgeneseprozessen und als Randbedingung sozialen Handelns zwi
schen Personen.
Es ist diese sehr grundsätzliche Exkommunikation der Technik aus der
Soziologie auf der Ebene kognitiver Programme und methodischer Verfah
ren, die Autoren wie etwa Linde, Joerges, Rammert u.a. seit den 70er Jah
ren einer intensiven Kritik unterzogen. Insbesondere Hans Linde wies dar
auf hin, daß der in der disziplinären Geburtsstunde der Soziologie etablier
te „style of reasoning" modifiziert werden müsse, der das Fach nach Max
Webers Definition primär auf die Analyse interpersonalen Handelns ver
pflichtete, ein Untersuchungsbereich, der für die Soziologie „als Wissen
schaft sozusagen konstitutiv"2 sei. Mit dieser Fachdefinition legte Weber
im Urteil von Linde den Grundstein für eine folgenreiche und langdau
ernde Diskriminierung der sozialen Sachverhältnisse in der Soziologie. Soll
Technik selbst zum Thema soziologischer Analyse werden, müssen daher
sehr grundlegende definitorische Festlegungen der disziplinären Identität
des Faches revidiert werden.
Hieraus erklären sich die großen Schwierigkeiten und Widerstände bei
der Etablierung der Techniksoziologie in Deutschland und die akribischen
Auseinandersetzungn mit den „Klassikern" der Soziologie. Letztere sind
durchaus ernster zu nehmen, als es allein die Suche nach „Anschlußmög
lichkeiten" eine von jedem Forscher neu zu erbringende Legitimationsar
beit bereits erfordert. Der Blick auf diesen Zweig der techniksoziologi
schen Theoriearbeit lohnt schon allein deshalb, weil sich im Zusammen
hang dieser für die Fachidentität durchaus risikoreichen Revisionen „theo
rietechnische" Entscheidungen eher verdeutlichen lassen, die die soziologi
schen Konzeptualisierungen des Phänomenbereiches Technik bestimmen.
1 Vgl. etwa Reimann, Horst, Bernhard Giesen, Dieter Goetze, Michael Schmid: Basale
Soziologie: Theoretische Modelle. 4., neubearbeitete und erweiterte Auflage. Opladen
1991, Westdeutscher Verlag, S. 149.
2 Weber, Wirtschaft, S. 12.
Technik als Verlaufssouverän Handeln im stählernen Gehäuse 199
Revisionen: Weher Dürkheim Marx
Im Rahmen seines Entwurfes einer Soziologie der Sachverhältnisse wies
Hans Linde bereits 1972 auf eine einseitige Orientierung des kognitiven
Programmes der deutschen Soziologie hin, die vor allem soziale Beziehun
gen, verstanden als „(inter) individuell begründete und/oder doch vom
subjektiven Sinn der Beteiligten artikulierte Verbindungen oder Hand
lungsorientierungen",3 analysiere. Demgegenüber postulierte Linde ein
verhältnisorientiertes kognitives Programm, bei dem „soziale Verhältnisse"
im Zentrum der Analyse stehen sollten, die „von vor oder überindividuell
gegebenen Regelungen [...] dominiert werden, welche die Individuen, die
in sie eintreten oder die ihnen durch Zuschreibung unterworfen sind",4
auch jenseits ihres subjektiven Handlungssinnes vergesellschaftenden Be
dingungen unterwerfen. Mit seiner Unterscheidung beziehungs und ver
hältnisorientierter kognitiver Programme in der Soziologie stellt Linde
demnach die Frage nach den ihnen jeweils zugrundeliegenden Gesell
schaftsKonzepten: Wird das Verständnis von Gesellschaft aus dem „sub
jektiv gemeinten Sinn" der sozialen Beziehungen zwischen ego und alter
entwickelt (wozu Weber tendierte), oder wird primär nach den normati
ven, die sozialen Handlungsmuster und Verhältnisse prägenden Determin
anten gefragt (wozu Dürkheim tendierte)?
Für Linde stellte diese Beziehungsorientierung der deutschen Soziologie
das zu überwindende Hindernis dar, sollten (technische) Sachen der Analy
se zugänglich gemacht werden. Aus der Fokussierung der Untersuchungen
auf die „motivierten menschlichen Beziehungen und Interaktionen zwi
schen ego und alter [...], in welchen die soziale Struktur sich als System von
genuin interindividuellen Beziehungsmustern (Rollen) darstellt"5 und in
teraktionsrelevante Situationen entscheidend durch die Erwartungen des
jeweiligen Gegenübers definiert seien, folge notwendig, daß „toten" Sachen
kein sozialer Stellenwert eingeräumt werden könne. Aus Sicht beziehungs
°nentierter kognitiver Programme seien „nonhumanobjects (weil weder
motiviertem Handeln noch zu Internalisierung und selektiven Geltend
machen und Variation von Erwartungen befähigt, kurz: weil nonpsychi
ealobjects) auch nonsocialobjects."6 Hintergrund dieser Verengung des
theoretischen Blickfeldes der Soziologie stellt nach Linde die „unglückliche
Scheidung in einerseits soziales Handeln [...] und andererseits nichtsozia
les Handeln"7 durch Weber dar; eine Unterscheidung, die eigentlich me
thodologisch motiviert gewesen sei, jedoch in ihrer Rezeption zu substan
üalistischen Fehlinterpretationen geführt habe. Pointiert formuliert ver
^ Linde, Sachdominanz, S. 36.
4 Ebd.
5 Ebd., S. 35.
6 Ebd., S. 34.
7 Ebd., S. 42.
200 Die Ordnung der Technik
sucht Linde mit seiner Argumentation, die unter der Perspektive einer So
ziologie der Sachverhältnisse vereinseitigte, sich auf Weber berufende
Fachdefinition durch Rückgang auf Weber zu überwinden.
Dies gelingt Linde, indem er nachweist, daß Webers Definition des dis
ziplinären Zuständigkeitsbereiches der Soziologie nicht auf die Analyse in
terpersonalen Handelns reduziert werden dürfe. Zwar bestimmte Weber
als primären Arbeitsbereich des Faches, „soziales Handeln deutend [zu]
verstehen und dadurch in seinem Ablauf und seinen Wirkungen ursächlich
[zu] erklären".8 Als soziales Handeln faßte er dabei dasjenige Handeln,
„welches seinem von dem oder den Handelnden gemeinten Sinn nach auf
das Verhalten anderer bezogen wird und daran in seinem Ablauf orientiert
ist."9 Neben diesem im engeren Sinne sozialen Handeln ist nach Weber je
doch außerdem Handeln zu untersuchen, das etwa am erwarteten Verhal
ten „sachlicher Objekte" orientiert sei, „einsame" religiöse Kontemplation
darstelle, als nachahmendes (rein reaktives), gewohnheitsmäßiges oder
massenbedingtes Verhalten zu charakterisieren sei.10 Diese Handlungsfor
men können nach Weber zwar nicht als soziales Handeln charakterisiert
werden, da bei ihnen das Handeln nicht sinnhaft am jeweiligen Gegenüber
orientiert sei. Trotz dieser Einschränkung sei solchem Handeln jedoch die
gleiche soziologische Tragweite zuzugestehen wie sozialem Handeln.
Nach Webers Systematik lassen sich also vier Klassen von soziologisch
relevanten Phänomenen bestimmen: (a) soziales Handeln; (b) nichtsoziales
aber reflektiertes Handeln, das etwa an als Mittel oder Zweck eingesetzten
Artefakten orientiert ist; (c) nichtsoziales, unreflektiertes Handeln etwa
triebhaftes oder gewohnheitsmäßiges Reagieren und (d) als Residualkate
gorie beobachtbare Verhaltensäußerungen, die dem soziologischen Verste
hen verschlossen bleiben.11 Zentral für Lindes Argumentation ist hierbei
die zweite Handlungskategorie der Weberschen Systematik, nach der jedes
„Artefakt, z.B. eine »Maschine«, [...] lediglich aus dem Sinn [soziologisch]
deutbar und verständlich [ist], den menschliches Handeln (von möglicher
weise sehr verschiedener Zielrichtung) der Herstellung und Verwendung
dieses Artefaktes verlieh (oder verleihen wollte); ohne Zurückgreifen auf
ihn bleibt sie gänzlich unverständlich."12 Damit gelingt es Linde, Max We
ber als Zeugen für sein Projekt der soziologischen Analyse der Sachverhält
nisse zu gewinnen.
Der von Weber hier gewiesene Weg zum soziologischen Verständnis
der Artefakte erweist sich jedoch unter zwei Aspekten als problematisch:
8 Weber, Max: Soziologische Grundbegriffe. In: Ders.: Gesammelte Aufsätze zur Wis
senschaftslehre (hrsgg. von Johannes Winckelmann). Tübingen 71988, J.C.B. Mohr
(Paul Siebeck), S. 541581, S. 542.
9 Ebd., S. 542.
10 Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, S. llf.
11 Vgl. hierzu ebd., und Linde, Sachdominanz, S. 41 f.
12 Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, S. 3.
Technik als Verlaufssouverän Handeln im stählernen Gehäuse 201
Einerseits ist deutlich, daß der Sachumgang am Paradigma interpersonellen,
sinnhaften Handelns erläutert wird, eine beziehungsorientierte Fragestel
lung, unter der Umgang mit Sachen letztlich defizitär erscheinen muß: eine
Handlung, der Sozialität mangelt. Andererseits wird hiermit ein strikt tele
ologisches, zweckrationales Handlungsmodell etabliert, bei dem ein einsa
mer Akteur in einer gegebenen Situation rational das erfolgversprechende
Mittel wählt und in geeigneter Weise zur Erreichung seiner Zwecke an
wendet. Jürgen Habermas wies zu Recht darauf hin, daß mit diesem Hand
lungsmodell eine spezifische Beziehung von Akteur und Welt konzipiert
wird: Vorausgesetzt ist hier das Konstrukt einer objektiven Welt, die vom
Handelnden nicht nur objektiv erkannt werden, sondern in der er sein
Handeln auch nach rationalen Kriterien ausrichten kann. Diese theoreti
schen Vorannahmen sind gleichzeitig Voraussetzung dafür, daß der sozio
logische Beobachter methodisch die Möglichkeit erhält, das Handeln des
Akteurs unter den Kriterien von Wahrheit und Wirksamkeit zu beurtei
len.13 Aus diesem Handlungsmodell leitet sich auch Webers sehr weiter,
nicht auf Artefakte eingeschränkter Technikbegriff her, der gleichsam den
Gegenbegriff des von ihm herausgestellten Handlungssinnes oder zwek
kes darstellt das zweckrational von einem Handelnden eingesetzte Mittel
zur Erreichung seiner Ziele: „Technik in diesem Sinn gibt es daher für alles
und jedes Handeln: Gebetstechnik, Technik der Askese, Denk und For
schungstechnik [...] Verwaltungstechnik, erotische Technik, Kriegstech
nik, musikalische Technik [...] sie alle sind eines höchst verschiedenen Ra
tionalitätsgrades fähig."14
Neben diesem von Weber etablierten beziehungsorientierten kognitiven
Programm der Soziologie, in der ein instrumentelles Verständnis von fa
chen' privilegiert wird, weist Linde jedoch auch auf eine verhältnisorien
tierte Nebenlinie der Weberschen Argumentation hin, in der er die institu
tionelle Funktion von Sachen und Artefakten betont. Im Zusammenhang
seiner Rationalisierungsthese unterstreicht Weber, daß sinnhaftes Handeln
durch die „immer weitergreifende zweckrationale Ordnung [...] durch Sat
zung und [...] immer weitere Umwandlung von Verbänden in zweckratio
nal geordnete Anstalten"15 überformt werde. Beim Handeln innerhalb die
ser institutionellen Zusammenhänge komme es nun aber nicht darauf an,
daß die Handelnden den Sinn von Regelungen nachvollziehen könnten,
13 Habermas, Jürgen: Theorie des kommunikativen Handelns. Band I: Handlungsrationa
lität und gesellschaftliche Rationalisierung. Frankfurt/M. 1995, Suhrkamp, hier S. 126
131; vgl. auch Habermas,Jürgen: Aspekte der Handlungsrationalität. In: Ders.: Vorstu
dien und Ergänzungen zur Theorie des kommunikativen Handelns. Frankfurt/M.
1995, Suhrkamp, S. 441472, insbesondere S. 444451.
14 Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, S. 32.
15 Weber, Max: Über einige Kategorien der verstehenden Soziologie. In: Ders.: Gesam
melte Aufsätze zur Wissenschaftslehre (hrsgg. von Johannes Winckelmann). Tübingen
71988, J.C.B. Mohr (Paul Siebeck), S. 427474, S. 471.
202 Die Ordnung der Technik
sondern allein darauf, daß die Akteure von der Geltung der Normen und
Verhaltensregelungen ausgehen könnten: „Kein normaler Konsument
weiß heute auch nur ungefähr um die Herstellungstechnik seiner Alltagsge
brauchsgüter, meist nicht einmal darum, aus welchen Stoffen und von wel
cher Industrie sie produziert werden. Ihn interessieren eben nur die für ihn
praktisch wichtigen Erwartungen des Verhaltens dieser Artefakte. Nicht
anders steht es aber mit sozialen Institutionen, wie etwa dem Gelde."16
Die ironische (R.Rorty) Pointe dieser Überlegungen besteht darin, daß
die für die Moderne charakteristische Rationalisierung der Lebensweise in
Webers Modell letztlich soziales Handeln zum Grenzfall werden läßt. Der
Aufbau zweckrationaler Ordnungen in Fabriken, der Wirtschaft, dem
Recht etc. untergräbt aber mit der Beseitigung sinnhafter Orientierungen
des Handelns nicht nur dessen Sozialität (zumindest gemäß Webers Defini
tion), sondern macht zweckrationales Handeln selbst zum Ausnahmefall.
Intentionalität als Voraussetzung dieser höchsten Handlungsform hat im
„stahlharten Gehäuse" des siegreichen, auf „mechanischer Grundlage" ru
henden Kapitalismus nur noch eine eingeschränkte Rolle.17 „Organisiert als
Rationalisierungsprozeß und materialisiert in Fabrik, Industrie, Verwal
tung und Infrastruktur wenden sich die Formen der Zweckrationalität ge
gen die Freiheit der [Handlungs] Absicht."18 Dieser Problematik im We
berschen Theorieaufbau, bei der ein beziehungsorientiertes kognitives Pro
gramm zur Handlungsanalyse einer verhältnisorientierten Ausrichtung sei
ner Rationalisierungsthese gegenübersteht, braucht im hier diskutierten
Zusammenhang nicht weiter nachgegangen werden.19 Festgehalten sei nur,
daß hiermit letztlich auf einem theoretischen Umweg ein starkes, hand
lungslimitierendes Strukturargument eingeführt wird: Handeln in der Mo
derne bedeutet für Weber, in seiner durchaus kulturpessimistischen Wen
dung, eher massenhaftes SichVerhaltenMüssen im stählernen Gehäuse
der durch zweckrationales Handeln entstandenen Institutionen Recht, Bü
rokratie, Betriebsverfassung, Geld und nicht zuletzt technische Artefakte
und Maschinen.
Diese Ambivalenz des Weberschen Konzeptes zwischen Beziehungs
und Verhältnisorientierung und sein wenig spezifischer Technikbegriff
sind denn auch Ursache dafür, daß Linde zur Begründung seiner Soziolo
16 Ebd., S. 471f.
17 Weber, Max: Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus. In: Ders.: Ge
sammelte Aufsätze zur Religionssoziologie I. Tübingen 1988, J.C.B. Mohr (Paul Sie
beck), S. 1206, S. 205f.
18 Faßler, Manfred: Interaktion, revisited. Zur Notwendigkeit einer methodologischen
Ausdifferenzierung des Interaktionsbegriffes. Unveröffentlichtes Vortragsmanuskript,
1995.
19 Anthony Giddens (Capitalism and modern social theory. An analysis of the writings of
Marx, Dürkheim and Max Weber. Cambridge 1971, Cambridge University Press, S.
183f.) analysiert diesen Widerspruch als Ergebnis eines immanenten Antagonismus
zwischen formaler und substantieller Rationalität in Webers Modernekonzept.
Technik als Verlaufssouverän Handeln im stählernen Gehäuse 203
gie der Sachverhältnisse auf den Ansatz Dürkheims zurückgreift, der im
Gegensatz zu Weber den Forschungsgegenstand der Soziologie nicht aus
gehend von individuellen, sinnhaften Handlungen definierte, sondern als
Ausgangspunkt die „kristallisierten Arten gesellschaftlichen Handelns" be
stimmte. Nach Dürkheim ist „ein soziales Phänomen [...] an der äußerlich
verbindlichen Macht zu erkennen, die es über die Einzelnen ausübt oder
auszuüben imstande ist; und das Vorhandensein dieser Macht zeigt sich
wiederum an entweder durch das Dasein einer bestimmten Sanktion oder
durch den Widerstand, den das Phänomen jedem Beginnen des Einzelnen
entgegensetzt".20 Damit werden gerade diejenigen Handlungsformen, die
Weber als durch das „stahlharte Gehäuse" der gesellschaftlichen Rationali
sierung prä und deformiert ansah, zum Gegenstand des Faches erklärt: die
„besonderen Arten des Handelns, Denkens, Fühlens, die außerhalb des
Einzelnen stehen und mit zwingender Gewalt ausgestattet sind"21, die
„Gußformen, in die wir unsere Handlungen gießen müssen."22
Um diese Gußformen von Dürkheim mißverständlich als „fait social"
bezeichnet und von Rene König als „soziologische Tatbestände" ins Deut
sche übersetzt23 analysieren zu können, müssen sie nach seiner „ersten
und grundlegendsten Regel" der soziologischen Methode wie fremde, un
bekannte „Dinge" behandelt werden. Diese methodische „Verfremdung"
vermeintlich wohlbekannter soziologischer Tatbestände soll dabei zum ei
nen die epistemologische Voraussetzung bieten, ideologische Vorverständ
nisse dieser Phänomene auszuschließen erst ihre neutrale, vorurteilsfreie
Behandlung als „Daten" gewährleiste eine wirklich wissenschaftliche Her
angehensweise.24 Zum anderen betont Dürkheim mit seiner Regel, soziolo
gische Tatbestände wie Dinge zu behandeln, daß diese eine von den indivi
duellen Realisationen der Handelnden unabhängige Existenz führen; eben
so wie Dinge seien diese „durch einen bloßen Willensentschluß nicht ver
änderlich".25
20 Dürkheim, Emile: Die Regeln der soziologischen Methode. In neuer Übersetzung her
ausgegeben und eingeleitet von Rene König. Neuwied 1961, Luchterhand, S. lllf.
21 Ebd., S. 107 (kursiv von mir, S.B.); vgl. zur Einordnung der Durkheimschen „Regeln"
auch Giddens, Capitalism, S. 86f.
22 Dürkheim, Regeln, S. 126.
23 Vgl. hierzu die Einleitung von Rene König, der ausführlich darstellt, daß Dürkheim un
ter dem Begriff „fait social" gemäß der Parsonschen Definition eine „empirisch verifi
zierbare Aussage über Erscheinungen in Termini eines begrifflichen Schemas" oder Sy
stems zu verstehen sei. Fait social verweist demnach nicht auf einen realen TatBestand,
sondern auf eine begriffliche Kategorie (vgl. Rene König: Einleitung. In: Ebd., S. 2182,
S. 38ff.).
24 Dürkheim, Regeln, S. 125; deutlich ist hierbei, daß sich Dürkheim in der Grundlegung
seiner soziologischen Methode an den Verfahrensweisen der Naturwissenschaft orien
tiert, um eine „realistische", an den tatsächlichen Phänomenen orientierte Soziologie zu
begründen, die nicht länger eine ausschließlich ideologisch orientierte BegriffsWissen
schaft sein dürfe (vgl. ebd., S. 115ff.).
25 Ebd., S. 126.
204 Die Ordnung der Technik
Dieser methodische Imperativ Dürkheims, soziologische Tatbestände
wie Dinge zu behandeln, unterscheidet damit bewußt nicht zwischen so
unterschiedlichen Phänomenen wie rechtlichen oder sittlichen Normen,
Werkzeugen, Wohnstätten oder Kleidung. Alle diese „Dinge" werden des
halb gleich behandelt, weil von ihnen determinierende, vergegenständlichte
Zwänge auf individuelle Handlungsoptionen und chancen ausgehen, die
durch individuellen Willensentschluß nicht hintergehbar seien. Dieses Po
stulat darf jedoch nicht so interpretiert werden, als sei damit die theoretisch
zentrale Unterscheidung zwischen materiellen und immateriellen Rege
lungsinstanzen aufgehoben, wie dies Dürkheim von einer Vielzahl von Re
zipienten vorgeworfen wurde. Dessen angeblicher „Chosisme" stellt ledig
lich ein substantialistisches Mißverständnis seiner methodischen Regeln so
ziologischer Beobachtung und Interpretation dar.26 Festzuhalten ist im hier
verfolgten Fragezusammenhang jedoch, daß in Dürkheims Verhältnis orien
tiertem Konzept soziologischer Analyse Akteure als Mitglieder sozialer
Verbände sich zweierlei „Welten" gegenübersehen, die ihr Handeln regu
lieren. Neben die objektive Welt existierender materieller Sachverhalte tritt
die ebenfalls objektive Welt sozialer Normen und Verhaltensregulative,27
wobei beide Welten durch ihre normative bzw. quasinormative Kraft die
Stabilität gesellschaftlicher Strukturen garantieren.28 Unter dieser Perspek
tive, die auf die Analyse des „Gerüstes personenunabhängigen Handelns"29
gerichtet ist, erscheint eine kategoriale Unterscheidung zwischen Artefak
ten und Normen methodisch nicht erforderlich.
Materielle Strukturen und Artefakte erhalten damit in Dürkheims So
ziologie einen ähnlichen konzeptionellen Rang wie immaterielle Faktoren
etwa Recht und sittliche Normen , die für die Soziologie einen unbe
strittenen Forschungsgegenstand darstellen. Es liegt daher nahe, daß Auto
ren wie Linde oder Joerges in ihren Überlegungen zur Soziologie der Sach
verhältnisse30 statt auf Webers beziehungsorientiertes eher auf Dürkheims
verhältnisorientiertes Konzept zurückgreifen, um die von ihnen beklagte
„Gegenstandsvergessenheit" der Soziologie zu überwinden. Aus eben die
sen Gründen nutzt Linde allerdings ohne dessen Folgerungen für die
„Geschichtsphilosophie des historischen Materialismus"31 zu teilen die
Marxsche Einsicht, daß das „Kapital nicht nur eine Sache ist, sondern ein
durch Sachen vermitteltes gesellschaftliches Verhältnis von Personen."32
26 Vgl. hierzu König, Einleitung, S. 46ff., und Dürkheim, Regeln, S. 8992, wo er sich in
seinem Vorwort zur zweiten Auflage mit diesen Vorwürfen auseinandersetzt.
27 Vgl. hierzu Habermas, Theorie, S. 127f. und S. 132f.
28 Vgl. hierzu auch Rammert, Regeln, S. 14, der betont, daß Dürkheim den Subjekten
hierbei durchaus Spielräume in der „Individualisierung" kollektiver Normen zugesteht.
29 Faßler, Abfall, S. 109.
30 Linde, Sachdominanz, und Joerges, Überlegungen.
31 Linde, Sachdominanz, S. 14.
32 Marx, Karl: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, I. Bd. Berlin 1980, Dietz, S.
793 (kursiv von mir, S.B.)
Technik als Verlaufssouverän Handeln im stählernen Gehäuse 205
Nach Linde ist es als bedeutendes Versäumnis der europäischen und ameri
kanischen Soziologien zu werten, daß diese „von Marx am industriellen
Kapital formulierte und [...] im Kontext der philosophischen Kategorien
der Verdinglichung, Entäußerung und Entfremdung differenzierte und va
riierte aufregende Einsicht zur gesellschaftlichen Natur und Funktion von
Sachen"33 in völliger Verkennung ihres theoretischen Ranges nicht auf ihre
empirische Validität und ihre Verallgemeinerungsfähigkeit überprüft wor
den sei.
Der Psychologisierung und Formalisierung der herrschenden Soziolo
gieKonzepte und nicht ihrem differenten „Klassenstandpunkt" sei es
geschuldet, daß zwei bedeutende Einsichten der Marxschen Theorie in der
Soziologie weitgehend unberücksichtigt geblieben seien: (a) Die Feststel
lung, daß gesellschaftliche Verhältnisse durch Sachen i.e. Produktions
mittel vermittelt sind und (b), daß diesen Produkten gesellschaftlicher Tä
tigkeit „gesellschaftsstrukturdeterminierende Funktion" zukomme. Sie
seien daher als Hauptmomente der geschichtlichen Entwicklung zu inter
pretieren: als „Konsolidation unseres eigenen Produktes zu einer sachli
chen Gewalt über uns, die unserer Kontrolle entwächst, unsere Erwartun
gen durchkreuzt [und ...] unsere Berechnungen zunichte macht."34
Gemeinsam ist den Entwürfen von Dürkheim und Marx damit bei allen
Unterschieden, daß beide die besondere Relevanz von Sachen bei Marx
eingeschränkt auf Produktionsmittel, bei Dürkheim ausgedehnt auf alle
Dinge der sozialen Umwelt für den Aufbau und die Stabilisierung gesell
schaftlicher Strukturen und sozialen Handelns herausarbeiten. Hieran
knüpft Linde seine Folgerung, daß Sachen in ihrer „struktur und hand
lungsbestimmenden Objektivität" einen für die soziologische Analyse be
sonders geeigneten, methodisch sicheren „Zugang zur Dimension des So
zialen" eröffnen, der der Soziologie eine „feste Basis bietet, von der aus es
schließlich möglich sein wird, die »mehr fließenden und flüchtigeren Reali
täten« (Dürkheim) der sozialen Einsicht zu erschließen."35 Das von Auto
ren wie Linde oder Joerges bevorzugte verhältnisorientierte Konzept der
soziologischen Analyse argumentiert damit ausgehend von der in Sachsy
stemen angelegten Handlungsstrukturierung und betont vor allem die der
„Willkür" der Handelnden entzogene Stabilität von Handlungsoptionen
33 Linde, Sachdominanz, S. 16.
34 Marx, Karl: Die deutsche Ideologie. I. Teil: Feuerbach (1845/46). Elaine Scarry (The
Body in Pain. The Making and Unmaking of the World. New York, Oxford 1985, Ox
ford University Press; S. 243277, hier S. 259) arbeitet heraus, daß die interne literari
sche Struktur des ersten Bandes des Kapitals diesen von Marx analysierten Prozeß auch
in seiner Kapitelfolge abbildet: „The large allembracing artifact, the capitalist economic
System, is itself generated out of smaller artifacts that continually disappear and reap
pear in new forms: out of the bodies of women and men, material objects emerge, out
of material objects, commodities emerge; out of commodities, money emerges; out of
money, capital emerges."
35 Linde, Sachdominanz, S. 18.
206 Die Ordnung der Technik
und chancen im Umgang mit Sachen und Artefakten. Handeln wird so aus
der Perspektive des „stahlharten Gehäuses" gesellschaftlich fortschreiten
der, durch Technisierung entscheidend mitgeprägter Handlungsrationali
sierung beschrieben, weshalb im Mittelpunkt der Untersuchungen folglich
nicht das Handeln selbst, sondern die Analyse des Gerüstes personenunab
hängiger Handlungsformierung steht.
Dieses bereits in den frühen 70er Jahren von Linde vorgeschlagene ko
gnitive Programm zur Untersuchung von Sachsystemen konnte zwar die
beklagte, theoretisch bedingte „Exkommunikation" der Sachen aus dem
Arbeitsbereich der Soziologie überwinden und den neuen Arbeitsbereich
durch Verweis auf die „Klassiker" legitimieren, gleichzeitig jedoch wurde
dadurch eine Perspektive auf den Phänomenbereich etabliert, mit dem ein
seitig der Regelungsgehalt von Sachen betont wurde. Die von Linde vorge
schlagene Behandlung von „Sachen der Kategorie Gerät" als eine „eigen
ständige Klasse von Regelungskomplexen", die in ihren wesentlichen Aus
wirkungen auf das Handeln sozialen Normen und Institutionen funktional
äquivalent und als eine materiell fixierte Form verbindlicher Verhaltensvor
schriften zu analysieren sei,36 wurde von zahlreichen, sich Anfang der 80er
Jahre entwickelnden techniksoziologischen Ansätzen im Grundsatz auf
gegriffen. Insbesondere das von Linde vorgegebene interpretative Muster,
Technik als „total vergegenständlichte, instrumenteile Institution, als den
Typ des perfekt institutionalisierten Handlungsmusters"37 zu analysieren,
wurde hierbei übernommen und weiterentwickelt.
Handlungsformalisierung, strukturierung und Stabilisierung
Daß die Nutzung technischer Artefakte strukturierende und stabilisierende
Auswirkungen auf Handlungsverläufe entfaltet, wird vor allem in sacht
heoretischen Ansätzen betont, die eng an Lindes Konzept einer Soziologie
der Sachverhältnisse angelehnt sind. Betont wird hier, daß Technik zur In
stitutionalisierung relativ stabiler, der Willkür des einzelnen entzogener,
überindividueller Wissens und Verhaltensformen beiträgt. Technische
Sachsysteme sind nach diesen Ansätzen insbesondere dadurch charakteri
siert, daß in ihnen „individuelles Können, Wissen und Wollen"38 von den
Handelnden abgelöst und in „normierten Geschehensabläufen" mit „regel
mäßig wiederkehrenden Ablaufmustern" vergegenständlicht seien, ein Zu
sammenhang, den Bernward Joerges mißverständlich als „die Naturseite
der Technik" bezeichnet.39 Dieser „Naturseite" besser wohl: den mecha
36 Linde, Implikationen, S. 28.
37 Ebd., S. 23.
38 Ropohl, Verständnis, S. 128.
39 Joerges, Bernward: Gerätetechnik und Alltagshandeln. Vorschläge zu einer Analyse der
Technisierung alltäglicher Handlungsstrukturen. In: Bernward Joerges (Hg.): Technik
im Alltag. Frankfurt/M. 1988, Suhrkamp, S. 2050, S. 34f.
Technik als Verlaufssouverän Handeln im stählernen Gehäuse 207
nischphysikalischen Funktionsabläufen im „Binnenraum" technischer
Artefakte stellt Joerges die „gesellschaftliche Seite der Technik" gegen
über, an die Handlungsanteile der Akteure übertragen würden.
Mit dem Konzept der „Handlungsübertragung" wird eine These Hans
Freyers aufgenommen, nach der Geräte als „Teilstücke von Zwecktätig
keit" anzusehen seien, als Form, in der ein „Handlungszusammenhang ein
Stück seiner selbst vorgetan [findet]. Er läuft durch das Gerät hindurch, er
läuft das betreffende Stück gleichsam auf Schienen".40 Ähnlich wie im Kon
zept Freyers wird im sachtheoretischen Ansatz von Joerges Technik damit
verstanden als Vergegenständlichung ehemals zweckrationaler (Teil)
Handlungen der Akteure in unpersönlichformalisierten Ablaufprogram
men und starren, normierten Operationen der Geräte. Der sachtheoreti
sche Ansatz betont darüber hinaus, daß mit der Gerätetechnik gleichzeitig
Handlungsanschlüsse vorausgesetzt werden, die ähnlich rigide normiert
seien, wie die internen Ablaufprogramme der Artefakte: „Schon ein eini
germaßen kompetentes maschinelles Waschen im Haushalt setzt die routi
nierte Abstimmung von Waschgängen, Waschmitteldosierung, Wäsche
charakteristiken und Füllmengen voraus. Unter Umständen muß auf die
Strom und Wasserversorgung sowie auf die Verfügbarkeit und Art von
Anschlußgeräten (Trockner, Bügeleisen, Fleckenmittel) Rücksicht genom
men werden, und so fort."41 Aus der Sicht des sachtheoretischen Ansatzes
impliziert der effektive Gebrauch von Gerätetechnik notwendig den Auf
bau einer rationalen, technischen Handlungsorganisation bei den Nutzern,
also eine Formalisierung ihres Handelns und eine mehr oder weniger subti
le Beeinflussung der Handlungsziele durch „weitreichend[e] Verengungen
von Problemdefinitionen und zur Produktion von Folgeproblemen in allen
möglichen vorgängigen und nachgängigen Handlungskontexten."42
Technik wird hierbei jedoch nicht nur unter Handlungsaspekten als
Produkt „der Überstellung bestimmter Handlungsmuster und abläufe,
samt ihrer Kalküle, an freistehende materiale Artefakte"43 interpretiert,
sondern darüber hinaus als Element eines für moderne, industrialisierte
Gesellschaften charakteristischen Technisierungsprozesses. Technisierung
bezeichnet dabei eine zivilisationsgeschichtliche Entwicklung, die als
„Übertragung, Verfremdung, Verfestigung oder »Objektivierung« von
realen Handlungen"44 verstanden wird und bei der „moderne Gesellschaf
40 Freyer, Hans: Theorie des objektiven Geistes. Darmstadt 1966, Wissenschaftliche
Buchgesellschaft, S. 62.
41 Joerges, Gerätetechnik, S. 35; vgl. zur sachtheoretischen Analyse von (Alltags)Geräte
technik Braun, Ingo: Stoffwechseltechnik. Zur Soziologie und Ökologie der Waschma
schinen. Berlin 1988, Edition Sigma.
42 Joerges, Gerätetechnik, S. 39.
43 Joerges, Computer, S. 201. .
44 Hochgerner, Josef: Die soziale Codierung technischer Systeme. In: Robert Tschiedel
(Hg.): Die technische Konstruktion der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Gestaltungs
208 Die Ordnung der Technik
ten große Teile ihrer Sozialstruktur in maschinentechnische Strukturen
[verlegen], die, mehr oder weniger erfolgreich versiegelt, dem Alltagsbe
wußtsein der Bürger entzogen werden. Sozialstruktur wird externali
siert."45 Durch Technisierung werden nach diesem Konzept soziale Trans
aktionen und soziales Handeln zunehmend über komplexe Maschinerien
abgewickelt, eine „Objektivation sozialer Strukturen und Prozesse".46
Technik und Technologie erscheinen im Rahmen dieser sachtheoreti
schen Konzepte damit nicht nur als „in Maschinen, Systemen und Verhal
tensweisen geronnene Sozialstruktur",47 sondern letztlich als Automatisie
rung des Sozialen: Nach diesem Entwicklungsmodell wird ein immer grö
ßerer Teil ehemals sozialer Handlungen technisiert und damit materiell in
Artefakten vergegenständlicht gegen die Bedürfnisse, Kalküle und Inten
tionen der Handelnden immunisiert.48 Handeln erscheint hier zunehmend
nur noch möglich als Abrufen vorprogrammierter, in den technischen Spe
zifikationen der Geräte zugelassener Optionen. Die Artefakte selbst sind
dabei mit einer kollektiven Handlungsanweisung ausgestattet, einer Benut
zeroberfläche, die nur „richtige" Bedienungs und Anschlußhandlungen
ermöglicht.49
In dieser „starken" Version sachtheoretischer Ansätze wird damit vor
allem der Entlastungseffekt der Technisierung als „evolutionäre Errungen
schaft" (B.Joerges) moderner, industrialisierter Gesellschaftssysteme her
vorgehoben, die sowohl durch die Substitution von menschlichen Hand
lungsfunktionen durch materielle Artefakte als auch durch das Anschließen
eindeutig bestimmter und gerichteter Handlungen an technische Systeme
zur Entlastung der Handelnden,50 zur Beschleunigung sozialer Transaktio
nen und zur Dynamisierung sozialer Strukturen beitrage. Technik als
„funktionierende Simplifikation"51 erzwingt unter dieser Perspektive die
Perspektiven der Techniksoziologie (= Technik und Wissenschaftsforschung, Bd. 11).
München 1990, Profil, S. 3548, S. 39.
45 Joerges, Bernward: Technische Normen soziale Normen. In: Soziale Welt, 40. Jg., 1/
2,1989, S. 242258, S. 242.
46 Ropohl, Verständnis, S. 144.
47 Siebel, Werner: Bürgerliches Subjekt und technische Zivilisation. Der Mensch als Stör
fall technischer Rationalität. In: Ästhetik & Kommunikation, 19. Jg., 75/1990, S. 1221,
S. 18.
48 Nach Bernward Joerges (Normen, S. 243) darf diese Externalisierung sozialer Struktu
ren in technischen Systemen jedoch nicht als „Verschwinden des Sozialen" interpretiert
werden, wie dies gegenwärtig in einigen Spielarten postmoderner Theoriebildung ge
schehe; soziale Strukturen würden in diesem Prozeß nicht beseitigt, sondern nur ten
denziell unsichtbar gemacht.
49 Vgl. hierzu Braun, Ingo: TechnikSpiralen. Vergleichende Studien zur Technik im All
tag. Berlin 1993, Sigma, insbes. S. 42f.
50 Von den sachtheoretischen Ansätzen wird damit eine zentrale Argumentation Gehlens
(Seele) aufgenommen.
51 Luhmann, Niklas: Das Moderne der modernen Gesellschaft. In: Wolf gang Zapf (Hg.):
Die Modernisierung moderner Gesellschaften. Verhandlungen des 25. Deutschen So
Technik als Verlaufssouverän Handeln im stählernen Gehäuse 209
Routinisierung von Bewegungen, die Rhythmisierung von Handlungszei
ten und die Algorithmisierung der geistigen Reaktionen und damit letzt
lich einen „technischen Habitus". Jost Halfmann sieht als den „Entla
stungseffekt" der Technik nicht nur den Aufbau fester „UrsacheWir
kung"Relationen, sondern vor allem die Automatisierung von im Han
deln notwendigen Selektionsleistungen. Damit sei eine Entlastung von
„sinnverarbeitenden Prozessen" verbunden, die durch die Schließung des
Operationsbereiches technischer Artefakte ihres definierten Wirkungsbe
reiches nochmals gesteigert werde.52
Gegen solche „Entlastungsthesen" ist jedoch vor allem einzuwenden,
daß die nach diesem Konzept durch Technisierung angeblich ausgelöste
Habitualisierung von Handlungsformen ein allzu einfaches stimulusre
sponseModell voraussetzt, in dem letztlich negiert wird, daß jede Habi
tualisierung notwendig die aktive Beteiligung der Handelnden zur Voraus
setzung hat. Die Frage nach den Bedingungen, unter denen soziale Akteure
sich technische Artefakte aneignen und in ihren alltäglichen Lebensstil ei
gensinnig einbauen können bzw. unter welchen Bedingungen sie den
Technisierungsprozessen alternativlos ausgeliefert sind, verschwindet so in
einer theoretisch hergestellten „black box".53 Die spezifische Schwäche
sachtheoretischer Konzepte besteht überdies darin, daß sie aus einer
„Maschinenperspektive" heraus argumentierend allein formalisierte (und
formalisierbare) Handlungsdimensionen thematisieren. Dadurch besteht
die Gefahr, daß die soziologisch zentrale Differenz technischer und nicht
technischer Phänomene tendenziell aufgehoben wird: Wenn zwischen dem
formalisierten Verhalten einer Maschine und dem formalisierten Anschluß
verhalten eines Nutzers beschrieben beide Male als algorithmisiertes Ver
halten eine „strukturelle Identität" angenommen wird, kann analytisch
kaum noch sinnvoll zwischen mechanischstabilen und soziallabilen
„Handlungs"Verläufen differenziert werden.54
ziologentages in Frankfurt am Main 1990. Frankfurt/M., New York 1991, Campus,
S. 87108, S. 91. Mit seiner Analyse der Technik als „funktionierender Simplifikation"
verweist Luhmann auf das nicht nur unter ökologischen Gesichtspunkten bedeu
tende Problem, daß Technik nicht nur bestimmte Handlungsoptionen ausschließt, son
dern nur durch Ausschaltung der Beachtung größerer Komplexität funktionieren kön
ne; diese unbeachtete Komplexität bliebe allerdings trotzdem real wirksam und kon
kretisiere sich in „Störungen" und Zusammenbrüchen (vgl. hierzu Luhmann, Wissen
schaft, S. 263267.
52 Halfmann, Jost: Kausale Simplifikationen. Grundlagenprobleme einer Soziologie der
Technik. In: Technik und Gesellschaft, Jahrbuch 8: Theoriebausteine der Technikso
ziologie (hrsg. von Jost Halfmann, Gotthard Bechmann, Werner Rammert). Frankfurt/
M., New York 1995, Campus, S. 211226, S. 216219.
53 Vgl. zu dieser Argumentation auch Rammert, Werner: Technisierung im Alltag. Theo
riestücke für eine spezielle soziologische Perspektive. In: Bernward Joerges (Hg.):
Technik im Alltag. Frankfurt/M. 1988, Suhrkamp, S. 165—197, insbes. S. 174—177.
54 Vgl. hierzu insbes. Feuerstein, Günter: Menschenbilder in der Informatik. Zur techni
schen Modellierung des Benutzers und zur Rolle der sozialwissenschaftlichen Technik
210 Die Ordnung der Technik
Mit diesen Einwänden ist auf ein Problem verwiesen, das sich aus der
Theoriekonstruktion „starker" sachtheoretischer Ansätze ergibt. Indem sie
dem kognitiven Programm Dürkheims und Lindes folgen, kommt nur der
durch externe Strukturen programmierte Handlungsanteil der Nutzer von
Technik in den Blick. Da das Handeln des Nutzers völlig von Kontingen
zen „befreit" erscheint, kann Technik als „störungsfrei funktionierendes"
stählernes Gehäuse beobachtet werden. Maschine und Nutzer stellen unter
dieser Perspektive nicht mehr länger ihren gegenseitigen Kontext dar wie
dies von Woolgar beschrieben wurde: „The capacity and boundedness of
the machine take their sense and meaning from the capacity and bounded
ness of the user"55, sondern Maschinen und Geräte arbeiten in diesem Mo
dell erstens dekontextierte, zweckrationale Teilhandlungen automatisiert
ab und definieren zweitens auch ihren NutzungsKontext, indem sie die
Handlungsoptionen der Nutzer formalisieren, seine Ziele lenken, seine
Kalküle beherrschen und sein Handeln in Zeit und Raum strukturieren.
Der Maschine steht unter dieser Perspektive letztlich ein Maschinen
mensch gegenüber, der in einer vorab nach ingenieurtechnischen Kriterien
definierten Situation „handelt". Kontingenzen sind damit in allen drei rele
vanten Bereichen ausgeschlossen: auf der Technikseite, auf der Nutzerseite
und bezüglich der konkreten HandlungsSituation. Nichts bleibt hier dem
Zufall überlassen.
Einzuwenden ist gegen dieses Konzept aus der Sicht des Handelns mit
Technik unter anderem der warnende Hinweis Pierre Bourdieus, sozial
wissenschaftliche Modelle der Praxis nicht mit möglichen Gründen dieser
Praxis zu verwechseln. Die durch Beobachtung rekonstruierte „Erzeu
gungsformel, welche die Reproduktion des wesentlichen der betreffenden
Praxis als opus operatum ermöglicht, ist [...] nicht Erzeugungsgrundlage
der Praktiken, modus operandi."56 Daß beobachtbares Handeln z\s formali
siert beschrieben und in einem logischen Modell gefaßt werden kann, be
deutet nicht, daß diesem Handeln eine Formel zugrundeliegt. Solche
Handlungsmodelle erklären zwar eine große Zahl realer „Fälle" auf eine
theoretisch sparsame Art, sie werden jedoch falsch und gefährlich, sobald
forschung. In: Robert Tschiedel (Hg.): Die technische Konstruktion der gesellschaftli
chen Wirklichkeit. Gestaltungsperspektiven der Techniksoziologie (= Technik und
Wissenschaftsforschung, Bd. 11). München 1990, Profil, S. 281301, S. 297; Feuerstein
betont so etwa: „»algorithmisiertes Verhalten«, eine Beschreibung, die gleichermaßen
für technischmaschinelle Vorgänge wie auch für Vorgänge, die durch menschliche Ak
tionen realisiert werden, gebraucht werden kann, verweist nur auf eine scheinbare Iden
tität. Die Maschine bestimmt sich aus den Algorithmen, nach deren Logik sie agiert. ...
Algorithmisiertes Verhalten, das in sozialen und psychischen Strukturen verankert ist,
kennzeichnet dagegen eine ebenfalls zweckgerichtete, aber mehr oder weniger labile
Formierung des komplexen Gefüges von inneren Beziehungen, die sich existentiell je
doch in der Art dieser spezifischen Formierung nicht erschöpfen." (Ebd., S. 297f.)
55 Woolgar, Configuring, S. 68.
56 Bourdieu, Pierre: Sozialer Sinn. Kritik der theoretischen Vernunft. Frankfurt/M. 1987,
Suhrkamp, S. 28.
Technik als Verlaufssouverän Handeln im stählernen Gehäuse 211
sie als reale Grundlagen der beobachteten Praxen behandelt werden; der
Wissenschaftstheoretiker Alfred N. Whitehead prägte hierfür den Aus
druck „fallacy of misplaced concreteness".57
Denn im Gegensatz zu abstraktlogischen Modellen sind Praktiken not
wendig durch Ungewißheit und Unschärfe charakterisiert, da sie nicht et
wa auf konstanten Regeln beruhen, sondern auf praktischen Schemata, die
je nach der Logik der Handlungssituation Schwankungen unterworfen
sind. Zudem setzt auch Handeln, das als formalisiert beschreibbar ist, ne
ben Einverständnissen auch Abweichungen voraus, etwa von Gebrauchs
anweisungen: Der Einsatz technischer Artefakte für andere Ziele als dem
angewiesenen Nutzen ist schließlich jederzeit möglich. Die „starke" sach
theoretische These, bei der Technik als „totale Institution" konzipiert wird,
führt damit zu einem theoretischen Kurzschluß zwischen Artefakt und
Nutzer, eine Relation, die nur mehr als stimulusresponseVerhältnis be
schreibbar ist. Der Nutzer kann sich nur noch verhalten, jedoch nicht mehr
handeln.58 Sämtliche, für reale Handlungssituationen charakteristischen
Kontingenzen und Entscheidungsspielräume werden hierdurch ausgeblen
det. Unklar bleibt zudem, wie die in diesem Ansatz vorausgesetzte „stö
rungsfreie" Situativität ausgerechnet im Alltag hergestellt werden kann, da
Alltag nach diesem Modell gerade durch Unübersichtlichkeiten und gerin
ge Formalisierbarkeit charakterisiert ist.
In einer „abgeschwächten" Version sachtheoretischer Ansätze wird da
her die These der Technik als „totaler Institution" zurückgenommen. So
wird etwa darauf hingewiesen, daß in unterschiedlichen sozialen Verwen
dungszusammenhängen jeweils andere Institutionalisierungsbedingungen
technischen Handelns bestünden oder verschiedene Modalitäten der Inte
gration technischer Artefakte beobachtet werden könnten. Technik und
die von ihr ausgehenden Formalisierungeseffekte werden damit zwar noch
als die Dominante des Handelns konzipiert, doch wird sozialen und kultu
rellen Faktoren durchaus Einfluß auf die Definition der jeweiligen techni
sierten Handlungskontexte zugestanden. So differenziert etwa Peter Wein
gart zwischen einerseits alltäglichen Verwendungszusammenhängen, in de
nen Technologien v.a. an laienhaftes Verwendungswissen und individuali
sierte Verwendungsimseft angepaßt werden müßten, und andererseits pro
fessionalisierten Verwendungszusammenhängen, in denen die betreffende
Technik von Spezialisten bedient werden müsse, die über ein institutionell
57 Whitehead, Alfred North: Science and the Modern World. Glasgow 1975, Collins (erst
mals 1925).
58 Vgl. zu der Unterscheidung in Verhalten (der Domäne der Psychologie) und Handeln
(dem disziplinären Gegenstand der Soziologie) Graumann, Carl F.: Verhalten und
Handeln. Probleme einer Unterscheidung. In: Wolfgang Schluchter (Hg.): Verhalten,
Handeln und System. Talcott Parsons' Beitrag zur Entwicklung der Sozialwissenschaf
ten. Frankfurt/M. 1980, Suhrkamp, S. 1631; nach Graumanns Unterscheidung läuft
der sachtheoretische Ansatz damit letztlich sogar Gefahr, den Erklärungsbereich der
Soziologie zu verlassen.
212 Die Ordnung der Technik
kontrolliertes Spezialwissen verfügten; in diesem Fall könnten Technologi
en durchgesetzt werden. In alltäglichen Verwendungszusammenhängen sei
daher der Anpassungszwang an kulturelle und soziale Orientierungen der
Nutzer ausgeprägter als in professionellen Kontexten.59 Ahnlich wie Wein
gart weist auch Joerges auf den nichttechnischen, weniger formalisierten
„sozialen Außenraum" der Technik hin, dem für die Integration techni
scher Artefakte in das Handeln eine wichtige Rolle zukäme. Neben der
handlungsregulierenden Funktion technischer Artefakte selbst wird damit
insbesondere auf den wichtigen Einfluß rechtlicher oder wirtschaftlicher
Regulative beim „Einbau" der Technik in das Handeln hingewiesen.60
Auch in diesen abgeschwächten Versionen sachtheoretischer Ansätze
bleibt Technik also Verlaufssouverän des Handelns, auch wenn auf „hinzu
tretende", soziale und kulturelle Regulative des Handelns hingewiesen
wird. Das Handeln der menschlichen Akteure wird hierbei beobachtet
aus der Maschinenperspektive als technisch stabilisiert und orientiert be
schrieben: Die technisch bedingte Existenz transformiert die Nutzer „in
eine Art Schaltier"61, options und alternativlos eingebunden in formalisier
te, vorprogrammierte Handlungsverläufe. Technik erscheint hierbei als we
sentlicher Garant sozialer Stabilität:62 Dethematisiert werden unter dieser
Perspektive die voraussetzungsreichen subjektiven und kollektiven Fähig
59 Weingart, Peter: Differenzierung der Technik oder Entdifferenzierung der Kultur. In:
Bernward Joerges (Hg.): Technik im Alltag. Frankfurt/M. 1988, Suhrkamp, S. 145164,
S. 148f. Das Konzept „Technik als Verlaufssouverän des Handelns" wird hierbei aller
dings nicht aufgegeben, sondern eher noch verstärkt: Unter einer auf die Analyse von
Prozessen der Technikgenese gerichteten Fragestellung wird betont, daß die spezifi
schen Verwendungsbedingungen bereits bei der Entwicklung neuer Techniken zu be
rücksichtigen sind, wenn ihre Einführung gelingen soll. Weingarts Hauptaugenmerk
gilt allerdings nicht der kulturellen Bedingtheit der Nutzung, sondern der Wirksamkeit
kultureller und sozialer Orientierungskomplexe in Technikgeneseprozessen; hierauf
braucht im hier verfolgten Fragezusammenhang nicht weiter eingegangen werden.
60 Joerges, Bernward: Soziologie und Maschinerie. Vorschläge zu einer »realistischen«
Techniksoziologie. In: Peter Weingart (Hg.): Technik als sozialer Prozeß. Frankfurt/M.
1989, Suhrkamp, S. 4489, S. 71 f. Neben diesen hochformalisierten Regelsystemen sei
en auch nichtformalisierte Ordnungen zu analysieren, mit denen Technik in das Han
deln integriert werde: „Maschinerien sind immer technisch und nichttechnisch inte
griert. ... Neben technischen können sie politische, moralische, ästhetische, magische
Funktionen wahrnehmen und in fast beliebigen anderen Bedeutungszusammenhängen
figurieren." Diese nur „bedingt als »rational«" zu beurteilenden Modi technischer In
tegration werden von Joerges in seinem sachtheoretischen Ansatz jedoch nicht weiter
verfolgt.
61 Arendt, Hannah: Vita Activa oder vom tätigen Leben. München, Zürich 1981, Piper, S.
139. Bei Arendt erscheint nur homo faber, das Dinge herstellende Wesen, als frei von
der selbstauferlegten Herrschaft der Dinge; Animal laborans, der Arbeitende, ist dem
gegenüber den im vorhinein entworfenen Zwecken alternativlos ausgeliefert und in die
Rhythmen des maschinisierten Produktionsprozesses hineingezwungen.
62 Vgl. hierzu auch Latour, Bruno: Technology is society made durable. In: John Law
(ed.): A Sociology of Monsters: Essays on Power, Technology and Domination (Socio
logical Review Monograph 38). London, New York 1991, Routledge, S. 103131.
Technik als Verlaufssouverän Handeln im stählernen Gehäuse 213
und Fertigkeiten der Nutzer technischer Artefakte, deren funktionale
Möglichkeiten zu erkennen und situativ angemessen realisieren zu können.
Diese Voraussetzungen des sachgemäßen, methodischen Gebrauchs, be
zeichnet Manfred Faßler als Objekt oder Aktualisierungsfähigkeit.63
Dieses unter einer Akteursperspektive zu konstatierende Defizit sacht
heoretischer Ansätze bedeutet jedoch nicht, daß sie als analytisches Instru
mentarium ungeeignet seien. Etwa im Rahmen von Fragestellungen, in de
nen Prozesse der Technikgenese untersucht werden, können sich die insbe
sondere in abgeschwächten sachtheoretischen Ansätzen verfolgten Tech
nikKonzepte als außerordentlich fruchtbar erweisen, wenn sie theoretisch
mit den in den USA verfolgten, meist historisch ausgerichteten „sociotech
nical systems"Ansätzen verbunden werden.
Artifacts have politics
Ähnlich wie die oben vorgestellten sachtheoretischen Ansätze argumentie
ren Studien zu „sociotechnical systems". Sie gehen von der These aus, daß
technische Artefakte in ihren Wirkungen nicht „neutral", sondern daß
Technik und Technologie als „Formen sozialer Ordnung" und damit als
Stabilisatoren des Sozialen zu interpretieren sind. Allerdings stehen nicht
die „Effekte" bestimmter technischer Artefakte im Zentrum dieser Unter
suchungen, sondern die oft sehr heterogenen Faktoren, die in den Prozes
sen der Technikgenese wirksam werden und durch dieses „shaping of tech
nologies" letztlich für Form und Funktion einer bestirnten Technik oder
Technologie verantwortlich zeichnen. Auch in diesen Ansätzen wird damit
Technisierung als sozialer Prozeß rekonstruiert, hier allerdings nicht primär
im Hinblick auf die Formalisierung und Rationalisierung der Handlungs
optionen der Nutzer, sondern vor allem fokussiert auf Erfindungs und
Durchsetzungsprozesse. Die Analyse sozialer Prozesse setzt hier zeitlich
vor Fertigstellung einer Technik an. Indem ökonomische, politische, kultu
relle und technische Einflußfaktoren auf die Technikgenese kenntlich ge
macht werden, lassen sich die in technischen Artefakten materialisierten
„Handlungsnormen" als soziale und technische Prägungen sozialen Han
delns rekonstruieren. In diesen Ansätzen wird damit die Gefahr des geneti
schen Determinismus ebenso vermieden wie eine, die materielle Seite tech
nischer Artefakte vernachlässigende, sozialreduktionistische Sichtweise,
die Technik allein als Ausdruck sozialer Beziehungen etwa unter herr
schaftssoziologischen Fragestellungen64 untersucht. Technisches und so
63 Faßler, Abfall, S. 100 und S. 126.
64 Bei aller Bedeutung herrschaftssoziologischer Studien gilt dieser Vorwurf etwa gegen
über den Arbeiten von Herbert Marcuse (Der eindimensionale Mensch. Darmstadt,
Neuwied 1967, Luchterhand) oder Jürgen Habermas (Technik und Wissenschaft als
»Ideologie«. In: Ders.: Technik und Wissenschaft als »Ideologie«. Frankfurt/M. 1969,
Suhrkamp, S. 48103).
214 Die Ordnung der Technik
ziales System werden als sich gegenseitig beeinflussende Größen betrach
tet, die nur als Ausdruck eines dialektischen Verhältnisses, als soziotechni
sches System adäquat analysiert werden können.
Die wohl einflußreichste Studie, die dieser Programmatik folgt, ist die
Analyse des Technikhistorikers Thomas Hughes zur Elektrifizierung
westlicher Industriegesellschaften, die den doppeldeutigprogrammati
schen Titel „Networks of Power" trägt.65 Am Beispiel der Erfindung, Kon
struktion, Optimierung und Marktdurchsetzung der elektrischen Beleuch
tung in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts in den USA zeichnet Hughes
die unterschiedlichen Faktoren nach, die von Thomas Edison und seinem
Team berücksichtigt werden mußten, um ihr Projekt zu einem ökonomi
schen Erfolg zu machen. Deutlich wird hierbei, daß nicht die eigentliche
„Erfindung" des physikalischtechnischen Prinzips der Glühlampe Edi
sons Erfolg begründete, sondern die Fähigkeit des von ihm gemanagten
Teams an Ingenieuren, Technikern, Mathematikern und Finanzfachleuten,
ein umfassendes technisches System zu planen, zu finanzieren und politisch
durchzusetzen, das erst die notwendige Infrastruktur der elektrischen
Beleuchtung zur Verfügung stellte. Neben Finanziers mußte Edison daher
etwa auch auf Stadträte und die Presse einwirken, um Unterstützung für
den Bau von zentralen Generatorenstationen zu erhalten ein Konzept,
das durch sein Team etwa einem alternativ vorgeschlagenen dezentralen
Modell vorgezogen wurde. Edison kann daher mit John Law als „heteroge
neous engineer"66 bezeichnet werden, der neben (vermeintlich) rein techni
schen Fragen eine Vielzahl ökonomischer, logistischer und politischer Pro
bleme zu lösen hatte. Am Ende dieses von Edison eingeleiteten, erfolgrei
chen Innovationsprozesses steht ein „sociotechnical system", in dem priva
te und öffentliche Nutzer, zentrale Stromerzeugungsanlagen, Stromversor
gungsunternehmen und eine vielseitige Zulieferindustrie für elektische Ge
räte teilweise staatlich reguliert komplex verbunden werden.67
65 Hughes, Networks.
66 Law, John: Technology and Heterogeneous Engineering: The Case of Portuguese Ex
pansion. In: Wiehe E. Bijker, Thomas P. Hughes, and Trevor J. Pinch (eds.): The Social
Construction of Technological Systems. New Directions in the Sociology and History
of Technology. Cambridge, London 1987, MIT Press, S. 111134.
67 Bereits 1935 wies S. Colum Gilfillan in seiner inzwischen klassischen Studie zur Tech
nikentwicklung (The Sociology of Invention. Chicago 1935, Follet) darauf hin, daß
technologische Innovationen komplexe Modifikationen sehr unterschiedlicher Be
reiche erfordern neue wissenschaftlichtechnische Einsichten müssen in materielle Ei
genschaften der Objekte umgesetzt, die entsprechenden neuen Bedienerkompetenzen
geschaffen und entsprechende Umgangsweisen etabliert werden; zudem muß der ganze
Transformationsprozeß finanziert und organisiert werden. Zu einigen Aspekten dieser
Prozesse allerdings unter weitgehender Ausklammerung der sozialen und kulturellen
Auswirkungen auf die Kommunikations und Interaktionsbeziehungen vgl. die Stu
die von Frank Thomas (Telefonieren in Deutschland. Organisatorische, technische und
räumliche Entwicklung eines großtechnischen Systems. Frankfurt/M., New York 1995,
Campus) zum Aufbau des staatlichen Telefonnetzes in Deutschland seit 1881.
Technik als Verlaufssouverän Handeln im stählernen Gehäuse 215
Diese Anfang des Jahrhunderts aufgebaute Infrastruktur weist gerade
durch ihre Komplexität eine hohe institutionelle Stabilität auf. Nutzungs
gewohnheiten, Konzerninteressen, eine kostspielige Infrastruktur und ge
setzliche Vorgaben sind optimierend so ineinander verzahnt, daß eine Ver
änderung dieses Systems ermöglicht etwa durch ökologischeres Verbrau
cherbewußtsein und die Entwicklung dezentraler Solarstromanlagen
auch trotz volkswirtschaftlicher Vorteile kaum gelingen kann. Für dieses
Dilemma wurden die Begriffe funktionales, politisches und kognitives
„lock in" geprägt, womit auf die Vielschichtigkeit dieser institutionellen
Verriegelungsprozesse von „socio technicalsystems" hingewiesen wird:
Erfolgreiche Innovationen setzten hier Transformationen in allen, komplex
miteinander verbundenen Bereichen voraus.68 Dieses institutionelle „lock
in" wird zusätzlich durch die Integration weiterer technischer Artefakte in
dieses System verstärkt. Nachdem mit dem Stromverteilungsnetz eine
funktionierende Alternative zur Gasversorgung geschaffen war, konnte die
geballte Marktmacht von Unternehmen wie General Electric, General Mo
tors und Westinghouse ihren reparaturanfälligeren elektrischen Kühl
schrank als Massenkonsumartikel gegen die zur selben Zeit entwickelten,
leiseren und billigeren und wie inzwischen bekannt ist: umweltfreundli
cheren Modelle durchsetzen, die Gas als Energiequelle nutzten.69
Solche inzwischen in den USA zahlreicher durchgeführten, technikhi
storischen Studien zu nicht realisierten Alternativen bei Haushaltstechno
logien70 oder der Belegung von Schreibmaschinentastaturen71 weisen nach
68 Vgl. Gravovetter, Mark: Economic Institutions as Social Constructions. A Framwork
for Analysis. In: Acta Sociologica, 1/1992; Günther Ortmann: Dark Stars Institutio
nelles Vergessen in der Industriesoziologie. In: Niels Beckenbach, Werner van Treeck
(Hg.): Umbrüche gesellschaftlicher Arbeit. (= Soziale Welt, Sonderband 9). Göttingen
1994, Otto Schwarz, S. 85118.
69 Vgl. zu dieser und weiteren, nicht aus technischen Gründen aufgegebenen alternati
ven Entwicklungen von Haushaltsgeräten (etwa Staubsaugeranlagen, deren Motor zen
tral im Keller installiert wurde, von dem aus in alle Wohnungen Vakuumleitungen
führten, an die der Saugschlauch angeschlossen werden konnte) in den USA Schwartz
Cowan, Ruth: How the refrigerator got its hum. In: Donald MacKenzie, Judy Wajc
man (eds.): The Social Shaping of Technology. How the refrigerator got its hum. Mil
ton Keynes 1985, Open University Press, S. 202218.
70 Vgl. grundlegend Hayden, Dolores: The Grand Domestic Revolution: A History of
Feminist Designs for American Homes, Neighborhoods, and Cities. Cambridge, MA,
London 1982, MIT Press; als Einordnung dieser Studie s. Doorly, Moyra: A woman's
place: Dolores Hayden on the »grand domestic revolution«. In: Donald MacKenzie,
Judy Wajcman (eds.): The Social Shaping of Technology. How the refrigerator got its
hum. Milton Keynes 1985, Open University Press, S. 219222.
71 Vgl. hierzu etwa David, Paul A.: Understanding the Economics of QWERTY: the Ne
cessity of History. In: "W.N. Parker (ed.): Economic History and the Modern Econo
mist. Oxford, New York 1986, Oxford University Press, oder Knie, Andreas: Yester
day's decisions determine tomorrow's options: The case of the mechanical typewriter.
In: Dierkes, Meinolf, Ute Hoffmann (Hg.): New Technology at the Outset. Social For
ces in the Shaping of Technological Innovations. Frankfurt/M., New York 1992, Cam
216 Die Ordnung der Technik
drücklich darauf hin, daß die technische Entwicklung alles andere als die
Verwirklichung des „one best way" anzusehen ist. Indem diese Studien die
Alternativen und Kontingenzen dieser Entwicklungsprozesse aufdecken,
die Festlegungen auf einzelne Techniklinien und die Zurückweisung von
anderen bedingen, gelingt es ihnen, profanen technischen Artefakten den
Schein von Selbstverständlichkeit zu nehmen. Die von diesen Geräten aus
gehenden Handlungsanweisungen werden nicht nur als sozial produzierte
kenntlich gemacht, sondern auch die resultierende Stabilisierung alltägli
cher Handlungsroutinen und letztlich die Verfestigung von Konsum und
Distinktionsmustern problematisiert.
Daß Artefakte mithin einen „politischen" Gehalt haben, der ebenso
wirksam die Bedingung sozialen Handelns darstellt wie etwa Sozial oder
Steuerpolitik, darauf haben insbesondere die Studien Langdon Winners
hingewiesen.72 In ihnen arbeitet er heraus, daß auch jenseits aller Annah
men eines prinzipiellen technologischen Determinismus einige Technolo
gien durchaus als soziale, aber materialisierte Zwangs und Sanktionsappa
raturen anzusehen sind.73 Seine These „artifacts have politics" ist daher
anzusehen als „necessary complement, rather than a replacement for, theo
ries of the social determination of technology, [for] this perspective identi
fies certain technologies as political phenomena in their own right."74 Win
ners These beugt insbesondere der sozialwissenschaftlichen Vernachlässi
gung der materiellen Qualität technischer Systeme vor, die bisweilen nicht
nur ein metaphorisches, sondern ein sehr reales „stahlhartes Gehäuse" sein
können.
Als Winners wohl prominentestes Beispiel dient hierbei die Analyse des
soziotechnischen Systems „HighwayPKWindividuelle Mobilität" am
pus, S. 161172. Beide Autoren zeichnen nach, daß der übliche, zu Beginn der Massen
produktion der Schreibmaschine etablierte Belegungsstandard, nach dem in der oberen
Reihe die Tasten für QWERTY (in der deutschen Belegung 2) angeordnet sind,
nicht etwa aus ergonomischen Gründen eingeführt wurde, sondern weil sich bei einer
anderen, optimierteren Anordnung die Schlaghebel zu oft verhakt hätten. Dieser Stan
dard wurde trotz Lösung dieser technischen Probleme etwa durch KugelkopfTechnik
oder bei Computertastaturen beibehalten, um ein Umlernen bei den Nutzern und die
dann notwendige Neufassung der Lehrbücher und Veränderung der Kurssysteme zu
vermeiden. Deutlich wird durch dieses Beispiel, daß auch Nutzungswissen und ge
wohnheiten der EndGebraucher technischer Artefakte zum „lock in" bestehender
Standards beitragen.
72 Winner, Langdon: The Whale and the Reactor: A Search for Limits in an Age of High
Technology. Chicago 1985, University of Chicago Press.
73 Obwohl einfache Kategorisierungen mehr als problematisch erscheinen, könnte provi
sorisch etwa mit Lewis Mumford zwischen demokratischen, autoritären und reaktionä
ren Technologien unterschieden werden (vgl. Mumford, Lewis: Authoritarian and De
mocratic Technics. In: Technology and Culture, 5/1964, S. 18, und Ders.: Technics
and Civilization. San Diego, New York, London 1934); „im wirklichen Leben" werden
aber wohl unterschiedliche „politische" Effekte von ein und derselben Technik ausge
hen, die je nach NutzungsSituation und GesellschaftsposzYzorc der Akteure differieren.
74 Winner, Artifacts, S. 27.
Technik als Verlaufssouverän Handeln im stählernen Gehäuse 217
Fall der ungewöhnlichen Gestaltung der Brücken der autobahnartigen
Parkways auf Long Island vor den Toren New Yorks. Zahlreiche dieser
Überführungen sind außergewöhnlich niedrig, eine Tatsache, die wohl nur
wenige Reisende auf dem Weg zum John F. Kennedy Airport überhaupt
bemerken. Was eher als nebensächliche Kuriosität erscheint, ist jedoch Teil
eines umfassenden und ausgeklügelten Raumordnungskonzepts des Stadt
planers Robert Moses, der für den Umbau New Yorks zwischen 1920 und
1970 verantwortlich zeichnete. Unter seiner Verantwortung wurden nicht
nur zahlreiche Brücken, Highways, Parks und öffentliche Gebäude errich
tet, sondern auch die räumliche Segregation sozialer Klassen in der Stadt
vorangetrieben. Als Teil dieses Projektes wurden unter Moses' Feder
führung ganze Stadtteile restrukturiert und die Rassen und Klassentren
nung architektonisch zementiert.
Um „rassische" Minderheiten und einkommensschwache Bevölke
rungsgruppen z.B. von dem am Rande der New Yorker Suburbs, auf der
Nehrung südlich von Long Island liegenden Strandpark „Jones Beach"
fernzuhalten, wurden die Brücken über die ihn erschließenden Parkways
so niedrig gebaut, daß die Durchfahrt nur für PKW, jedoch nicht für Busse
möglich war, auf die die unerwünschten ärmeren Bevölkerungsgruppen
angewiesen waren.75 Wie ein Planerkollege gegenüber Moses5 Biographen
Robert A. Caro zu Protokoll gab: „The old sonofagun had made sure
that buses would never be able to use this goddamned parkways."76 Um
ganz sicherzugehen, legte Moses zudem persönlich sein Veto gegen eine ge
plante Verlängerung der LongIslandRailroad zum „Jones Beach" ein. Die
tröstliche Pointe des Scheiterns von Moses' Apartheidspolitik die in den
folgenden Jahren einsetzende Massenautomobilisierung auch der ärmeren
Bevölkerungsgruppen unterlief die Sperren: Technikeinsatz siegte über
Technikeinsatz wiederholt sich allerdings nicht allzuoft.77
75 Der Hinweis mag wichtig sein, daß es sich bei diesem Beispiel nicht um eine einfache
räumliche Sperre handelt, so wie eine Mauer eben ein meist unüberwindliches Hinder
nis für den ist, dem sie sich in den Weg stellt. Im Gegensatz hierzu ist der von Moses
gewählte Ausschlußmechanismus ein ökonomischer, mit dem der Zugang zum sozio
technischen System „HighwayPKWindividuelle Mobilität" geregelt ist und der hoch
selektiv bestimmte soziale Gruppen ausschließt während die Durchlässigkeit für andere
gewährleistet wird.
76 Diese Informationen zur Gestaltung der Long Island Parkways sind entnommen aus
Caro, Robert A.: The Power Broker: Robert Moses and the Fall of New York. New
York 1974, Random House, hier S. 952; vgl. zum (stadt)politischen Hintergrund zu
der von R.Moses betriebenen Restrukturierungspolitik Fainstein, Norman I.: Transfor
mationen im industriellen New York: Politik, Gesellschaft und Ökonomie 18801973.
In: Hartmut Häußermann, Walter Siebel (Hg.): New York. Strukturen einer Metropo
le. Frankfurt/M. 1993, Suhrkamp, S. 5170.
77 „Einfachere" bauliche Veränderungen des öffentlichen Raumes erweisen sich dabei oft
als die stabileren Ausschlußmechanismen: etwa wenn die Wartzbänke an Haltestellen
des öffentlichen Nahverkehrs durch Sitz schalen ersetzt werden, eine Maßnahme, mit
der Obdachlosen die Schlafstätte zerstört wird. Vgl. als Beispiel der strategischen Kom
218 Die Ordnung der Technik
Winners prägnante Aussage „artifacts have politics", die sich allein auf
die direkte Wirkung der Materialität technischer Artefakte bezieht,78 kann
und muß in ihrer Aussagekraft allerdings erweitert werden. Denn sie gilt
für drei sozial und kulturwissenschaftlich relevante Analysebereiche: in
bezug auf (a) die Interessen, die im Prozeß der Technikgenese geltend ge
macht werden und die Struktur technischer Artefakte bzw. technischer Sy
steme bestimmen; (b) die unmittelbar von einer realisierten Technik oder
einem technischen System ausgehenden Handlungsanweisungen und re
striktionen, mögen sie intendiert oder unintendiert sein; und (c) die mögli
chen Gegenstrategien, dem in Technik und Technologie materialisierten
„stahlharten Gehäuse" zu entkommen oder zumindest auszuweichen.
Technische Artefakte und ihre Einbindung in „socio technicalsystems"
können so (a) als Quelle zur Analyse historischer Interessenkonstellationen
und deren Durchsetzung benutzt werden, (b) als Teil der handlungsleiten
den BeDingung des Alltagslebens untersucht werden, oder (c) als Mög
lichkeit dienen, den Erfindungsreichtum und die gegen die herrschenden
Strategien gerichteten Praxen der gesellschaftlichen Akteure zu rekonstru
ieren.
Technik als Kontingenzmanagement Handeln als teilvariable
Sequenz
Falls überhaupt die Rede vom „Charme" theoretischer Modelle ihre Be
rechtigung hat, ist sie bei den im letzten Abschnitt vorgestellten „verhältni
sorientierten" Ansätzen vor allem deshalb berechtigt, weil sie theoretisch
für klare Verhältnisse sorgen. Die gewählte Metaphorik dieser Modelle
technischen Handelns entstammt den schwerindustriellen Produktions räu
men und impliziert die dort vorherrschenden Sozialbezüge: Technik als
bination einer Vielzahl solcher „einfacher" baulicher Veränderungen mit dem Ziel, die
wohnsitzlose Bevölkerung aus dem Innenstadtbereich zu verdrängen, die Analyse der
Restrukturierungspolitik im Los Angeles der 80er Jahre von Mike Davis: Fortress Los
Angeles: The Militarization of Urban Space. In: Michael Sorkin (ed.): Variations on a
Theme Park. The New American City and the End of Public Space. New York 1992,
The Noonday Press, S. 154180.
78 Eine neuere Studie Langdon Winners (Silicon Valley Mystery House. In: Michael Sor
kin (ed.): Variations on a Theme Park. The New American City and the End of Public
Space. New York 1992, The Noonday Press, S. 3160) verweist auf die Problematik ei
nes Ansatzes, der die „Politik der Artefakte" eng an die Wirkung konkreträumlicher
Strukturen bindet. Am Beispiel der in SoftwareProgrammen (im)materialisierten Or
ganisationsstrukturen von Computerfirmen im SiliconValley weist Winner darauf hin,
daß zur Analyse dieses computertechnologisch hergestellten Hyperspace' „Standard
social theories and familiar categories of everyday experience" nur wenig beitragen
könnten sowohl „placeoriented theories" als auch „placeoriented sensibilities"
müßten aufgegeben werden, um etwa politische Aus und Einschlußmechanismen in
diesen immateriellen Strukturen aufzudecken.
Technik als Kontingenzmanagement Handeln als teilvariahle Sequenz 219
„stahlhartes Gehäuse" (M.Weber) oder als „Gußform" (E.Durkheim)
sorgt für eindeutige Handlungsvorgaben in einer asymmetrischen Sozial
beziehung. Technik dient hierbei der Austreibung von Ambivalenz, Ziel
freiheit und selbstbewußter Nutzung von Optionen durch die Handeln
den. Die sachtheoretische Metaphorik bildet so treffend die Funktionswei
se und Indienstnahme der erstmals militärisch erprobten „Mikrophysik der
Macht"79 in den Produktionsräumen ab, mit der die arbeitenden Körper
Zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zur Ausführung der vorge
schriebenen Bewegungen in Raum und Zeit gezwungen werden.80
Diese theoretisch hergestellten klaren Verhältnisse verlieren jedoch in ei
ner Zeit zunehmend an Uberzeugungskraft, in der die Ikonen der schwer
industriellen Moderne Hochöfen, Gußstahlwerke und Walzstraßen
ökonomisch lahmgelegt sind und nur noch industriearchäologisches Inter
esse oder das Erstaunen von Besuchern der Industriemuseen wecken. Die
in diesen Produktionsstrukturen herrschende Detailorganisation von Pro
duktionsraum und zeit ist zwar nicht obsolet geworden,81 doch hat sich
mit der Verschiebung der Entwicklungsdynamik vom sekundären auf den
tertiären Produktionssektor auch der Fokus des sozialwissenschaftlichen
Interesses an Technisierungsprozessen verlagert: Schwerindustrielle Meta
phoriken und die damit modellierbaren Eindeutigkeiten verlieren an Plau
sibilität zwar nicht schon, weil das „stahlharte Gehäuse" schwerindustri
eller Maschinerie inzwischen als programmierter Code von CNCMaschi
^9 Vgl. Foucault, Michel: Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses. Frank
furt/M. 1977, Suhrkamp.
Vgl. hierzu die grundlegenden Studien zur Raum/ZeitOptimierung der Produktions
abläufe des Ingenieurs Frederick Winslow Taylor (The Principle of Scientific Manage
ment. New York 1911) etwa am Beispiel des Kohleschaufelns und des Psychologen
Frank B. Gilbreth (Bricklaying System. New York 1909) am Beispiel der notwendigen
Hand und Körperbewegungen eines Maurers. Die von Gilbreth durchgeführten
Raum/ZeitStudien dienten der Detailanalyse komplexer Bewegungsabläufe in Zeit
und Raum mit dem Ziel ihrer Rationalisierung durch Verzicht auf unproduktive Bewe
gungen (vgl. Frank B. Gilbreth: Primer of Scientific Management. New York 1909); zur
Bedeutung dieser Studien für den Prozeß der Industrialisierung vgl. Giedion, Herr
schaft.
81 Vgl. Harvey, David: The Condition of Postmodernity. Oxford, Cambridge, MA, Basil
Blackwell 1989, der betont, daß der gegenwärtig von Ökonomen (vgl. etwa Piore, Mi
chael J., Charles F. Säbel: Das Ende der Massenproduktion. Studie über die Requalifi
zierung der Arbeit und die Rückkehr der Ökonomie in die Gesellschaft. Berlin 1985,
Wagenbach) beschriebene Trend des Niederganges der Massenproduktion mit allen
für den rigiden Fordismus beschriebenen sozialen Folgen nicht verabsolutiert werden
dürfe: Zu beobachten sei vielmehr einerseits die Zunahme flexibilisierter Produktions
formen, die eine deutliche Requalifizierung der Arbeitenden voraussetzten, und ande
rerseits eine Renaissance von SweatShopProduktion und verschärfter Ausbeutung in
anderen Sektoren der Ökonomie, die durch hohe Arbeitsteilung und rigide Kontroll
mechanismen geprägt seien. Vgl. hierzu ausführlicher in bezug auf die zweischneidigen
kulturellen Konsequenzen dieser Restrukturierungsprozesse Beck, Stefan: Nachmo
derne Zeiten. Über Zeiterfahrungen und Zeitumgang bei flexibilisierter Schichtarbeit.
Tübingen 1994, Tübinger Vereinigung für Volkskunde.
220 Die Ordnung der Technik
nen vorliegt oder die „Gußformen" des Sozialen jetzt aus den immateriel
len Benutzeroberflächen von Kommunikationssoftware rekonstruiert wer
den müssen. Aber für die Analyse komplexer technischer Synthesen aus
Verfahrenswissen, Organisation, nur gering formalisierbarer geistiger Ar
beit und angestellten Dienstleistern, die statt der bisherigen, vermeintlich
„einfachen" Verbindungen zwischen Maschine und proletarischem (Ar
beits)Körper zu untersuchen sind, taugen die bislang üblichen Metaphern
nicht.82
Im ehemals gesicherten Forschungsterrain der Industrie und Organisa
tionssoziologie ist damit die Problematik eines neuen Rationalisierungs
prinzips und dessen spezifische Dynamik zu bearbeiten,83 die durch das
Aufeinandertreffen eines formalisierten (technischsystemischen) und eines
gering formalisierten (eher lebensweltlichen Kategorien unterliegenden)
Problembereiches entstehen eine Problematik, die auch von der Technik
soziologie wahrgenommen wird, wenn Technisierungsprozesse im Alltag
untersucht werden.84 Dieser Wechsel hin zu einem neuen Beoachtungsbe
reich bei der Industriesoziologie von der Fabrik in die computerisierten
Büros, bei der allgemeinen Techniksoziologie von gesellschaftlicher Tech
nisierung auf Technisierungsprozesse im Alltag erfordert denn auch, daß
neue Theorien und Metaphoriken getestet werden, die diesen neuen Pro
blemstellungen angemessen sind. So wird etwa das klassische, mechanische
Verständnis der Maschine durch ein kybernetisches ersetzt, oder es ist die
Rede von Technik als Medium, als Interferenzproblem oder als Text. Da
mit wird gleichzeitig eine offenere, kontingentere, symmetrischere Bezie
hung zwischen Technik und Nutzungsmöglichkeiten angenommen, als
dies die Metaphern „Gehäuse" oder „Gußform" nahelegten.
Diese paradigmatische Umstellung der angewandten Theorien und Erklä
rungsmuster wird aber nicht nur durch den veränderten Beobachtungsbe
reich der sich mit Technik beschäftigenden soziologischen Subdisziplinen
82 Vgl. als Überblick über neuere organisationssoziologische Untersuchungen, in denen
die wachsende Bedeutung von „Autonomie" und „Selbststeuerung" im Arbeitsprozeß
bis hinunter zur Werkstattebene und damit nichttechnische Kontingenzen als Einfluß
faktor auf die technischorganisatorische Gestaltung moderner „informatisierter" Ar
beitsplätze betont wird Schmidt, Gert: Die »Neuen Technologien« Herausforderung
für ein verändertes Technikverständnis in der Industriesoziologie. In: Peter Weingart
(Hg.): Technik als sozialer Prozeß. Frankfurt/M. 1989, Suhrkamp, S. 231255.
83 Vgl. etwa zur Problematik dieser Rationalisierungsprozesse, die durch die Einführung
neuer, computergestützter Informationssysteme im Dienstleitungsbereich ausgelöst
werden Biervert, Bernd, Kurt Monse: Technik und Alltag Mittelbare und unmittelba
re Wirkungen der neuen Informations und Kommunikationstechniken für die priva
ten Haushalte. In: Ernst Kistler, Dieter Jauffmann (Hg.): Mensch Gesellschaft
Tech
nik. Orientierungspunkt in der Technikakzeptanzdebatte. Opladen 1990, Leske und
Budrich, S. 195214; vgl. zu den sich hieraus ergebenden theoretischen und empirischen
Herausforderungen an die Industriesoziologie etwa Ortmann, Dark Stars.
84 Vgl. hierzu oben, Abschnitt „Zum Status alltäglichen Handelns".
Technik als Kontingenzmanagement Handeln als teilvariable Sequenz 221
nahegelegt, sondern auch durch die „Entdeckung" der Kontingenz auf der
Ebene der allgemeinen Soziologie. Die Rede von Kontingenz ist dabei das
Ergebnis einer soziologischen Beobachtungsperspektive, mit der statt der
Notwendigkeit sozialen Handelns dessen Möglichkeit und statt der Gren
zen des Handelns dessen Optionen betont werden. Während etwa in der
Soziologie Dürkheims gerade die Bedeutung der „kristallisierten Hand
lungsformen" und damit des eindeutig geregelten Verhaltens betont
wird, reagieren diejenigen soziologischen Ansätze, in denen die Kontin
genz des Handelns herausgestellt wird, mit einer Umstellung ihres theore
tischen Instrumentariums auf die aus großer Komplexität resultierende
Unsicherheit und Unvorhersehbarkeit konkreter Handlungen und ihrer
Folgen. Das komplexe Zusammenspiel der gesellschaftlichen Subsysteme
Wissenschaft, Politik und Wirtschaft erzeuge nicht nur immer neue techni
sche Produkte, sondern beschleunige auch die gesellschaftliche Entwick
lung und steigere zivilisatorische Risiken85 in Form unbeabsichtigter Tech
nikfolgen. „Kontingenzerhöhung" wird dabei als direkte Modernisie
rungsfolge, als „Grundzug moderner Kulturentwicklung" verstanden,86
eine Tendenz, die unmittelbar aus dem Prozeß der „intellektuellen Ratio
nalisierung" (M.Weber) und der Bildung immer weiterer gesellschaftlicher
Subsysteme resultiere. Beseitigt werde damit die Geltung allgemein
verbindlicher Wertsysteme und ethischmoralischer Orientierungen, statt
dessen würden individuelle Handlungsfreiheit und die Orientierung an ei
genen Interessen möglich werde.87
Mit dem Begriff der Kontingenz wird damit auf drei Ebenen zentralen
Transformationen der Moderne begegnet: (a) auf der Ebene der allgemei
nen Soziologie werden die sich notwendig aus gesellschaftlicher Moderni
sierung und Differenzierung ergebenden, durch zunehmend unüberschau
bar gewordene Komplexität entstehenden Kontrollprobleme thematisiert;88
(b) auf einer erkenntnistheoretischen Ebene wird die postmoderne Einsicht
der standortgebundenen und damit notwendig relativen, kontingenten Be
obachtungsschärfe aufgenommen;89 und (c) wird versucht, ein theoreti
8 5 Vgl. hierzu insbesondere Beck, Risikogesellschaft.
86 Van den Daele, Wolfgang: Kontingenzerhöhung. Zur Dynamik von Naturbeherr
schung in modernen Gesellschaften. In: Wolfgang Zapf (Hg.): Die Modernisierung mo
derner Gesellschaften. Verhandlungen des 25. Deutschen Soziologentages in Frankfurt/
M. 1990. Frankfurt/M., New York 1991, Campus, S. 584603, S. 586; vgl. auch Luh
mann, Niklas: Kontingenz als Eigenwert der modernen Gesellschaft. In: Ders.: Beob
achtungen der Moderne. Opladen 1992, Westdeutscher Verlag, S. 93—128.
87 Vgl. Bechmann, Gotthard: Technik, Soziologie und soziale Kontingenz. In: Jürgen
Friedrichs (Hg.): 23. Deutscher Soziologentag 1986. Sektions und AdhocGruppen.
Opladen 1987, Westdeutscher Verlag, S. 512515.
88 Daraus ergibt sich die schöne Pointe, daß Kontingenz in der neueren soziologischen
Theoriebildung letztlich als das einzige nichtkontingente Phänomen der Moderne be
trachtet wird; dieser Problematik kann hier nicht weiter nachgegangen werden.
^ Vgl. hierzu als Überblick Bauman, Zygmunt: Moderne und Ambivalenz. Das Ende der
Eindeutigkeit. Hamburg 1992, Junius; vgl. hierzu auch Wagner, Peter: Sociology and
222 Die Ordnung der Technik
sches Instrumentarium bereitzustellen, mit dem auf diese Unsicherheiten
und Unvorhersehbarkeiten reagiert werden kann.90
Hier ist entscheidend, daß Technik und Technologie aus dieser Perspek
tive als Quelle und Ursache der Kontingenzerhöhung in den Blick soziolo
gischer Analysen kommen. Für moderne Technik und Technologie kann
diese Betrachtungsweise hohe Plausibilität beanspruchen. Technik als
„funktionierende Simplifikation" der industriellen Moderne ist schließlich
gerade dadurch charakterisiert, daß die Beachtung komplexerer Zusam
menhänge ausgeschlossen wird.91 Die Fabrik endet am Schornstein, Sicher
heit bedeutet Unwahrscheinlichkeit von Störfällen. Nicht erst seitdem die
Ozonschicht zunehmend angegriffen wird oder die Katastrophen von
Three Mile Island oder Tschernobyl die Unsicherheit von Kernkraftwer
ken belegten, erweist sich solcherart Komplexitätsreduktion als fatal.
Die Thematisierung von Kontingenz verweist jedoch nicht nur auf diese
inzwischen als unverantwortbar erkannte Negation ökologischer Zusam
menhänge durch Großtechnologien,92 sondern auch auf ähnliche Unsicher
heiten bei „kleiner" Technik, etwa im Alltagsbereich. Auch hier entsteht
durch wachsende Komplexität und Vielfältigkeit der Geräte und Maschi
nenparks Kontingenz. Technische Geräte, die für einen bestimmten Ver
wendungszweck konstruiert, produziert und vertrieben wurden, sind nicht
notwendig nur in den von den Herstellern intendierten Verwendungskon
texten zu gebrauchen. Zwar können technische Artefakte stets „sach
fremd" eingesetzt werden wie nicht erst das als Nußknacker eingesetzte
Mikroskop belegt , doch nehmen diese Konversionsmöglichkeiten in dem
Moment stark zu, wenn die Stabilität sozialer Verwendungskontexte nicht
mehr gewährleistet93 und/oder der Verwendungszweck technischer Geräte
contingency: historicizing epistemology. In: Social Science Information, Vol. 34, 2/
1995, S. 179204, der den seit den 90er Jahren zu beobachtenden Trend zur Betonung
von Kontingenz als theoretische und methodische Gegenreaktion auf die lange vor
herrschende Dominanz strukturdeterministischer Ansätze deutet. Aufgegeben werde
damit das sozialwissenschaftliche Bemühen um theoretische Aussagesicherheit und
Prognosefähigkeit, eine Tendenz, der er mit der verstärkten Berücksichtigung sozial
stabilisierter Phänomene begegnen möchte. Mit Lucien Thevenot (L'action qui convi
ent. In: Patrick Pharo, Louis Quere (eds.): Les formes de l'action (= Raisons pratiques.
Epistemologie, sociologie, theorie sociale, 1). Paris 1990, Editions de l'EHESS, S. 39
69) plädiert er deshalb dafür, den sozialen Objektumgang als Phänomen zu untersu
chen, das die Stabilität des Sozialen gegen die Kontingenz gewährleisten kann.
90 Zu den im Bereich der Wissenschaft geltenden Kontingenzformeln, mit denen Komple
xität wissenschaftlicher Beobachtungen reduziert wird/reduziert werden muß, und zur
Frage, wie dieser Zusammenhang für die Produktion wissenschaftlicher Erkenntnis
eingesetzt werden kann, vgl. Luhmann, Wissenschaft, S. 396f.
91 Vgl. Luhmann, Moderne, S. 91 f.
92 Vgl. zu den systematischen „blinden Flecken" gesellschaftlicher Teilsysteme bei der Be
obachtung ökologischer Gefährdungen Luhmann, Kommunikation.
93 Vgl. Faßler, Abfall, S. 128f.
Technik als Kontingenzmanagement Handeln als teilvariable Sequenz 223
allein durch frei reprogrammierbare Software bestimmt ist.94 Die Stabili
sierung alltäglichen Handelns ergibt sich hier nicht mehr quasi automa
tisch durch Nutzung der in die technischen Artefakte „ab Werk" einge
lassenen Funktionalitäten, sondern sie bedarf eines komplexeren Kontin
genzmanagements. Die in der soziologischen Theoriebildung etablierte,
herrschende Sicht der Technik als Quelle von Unsicherheit und Kontingenz
wird im folgenden jedoch nicht weiter verfolgt; statt dessen werden aus
der Perspektive des Umgangs mit Technik technische Artefakte selbst als
Mittel des Kontingenzmanagements betrachtet.
Damit greife ich zwar die Beobachtung auf, daß Technik vielfältige Ver
wendungsweisen ermöglicht, teile jedoch das theoretische Erschrecken
nicht, das in der kontingenzbedingten „Limitierung der Souveränität" (N.
Luhmann) von Technik und Technologie ausschließlich einen Kontroll
oder Stabilitätsverlust des Sozialen zu erblicken vermag. Mit dieser Per
spektive, unter der Technik und Technologie als materialisierte Form des
Kontingenzmanagements erscheinen, wird trotz aller Unvorhersagbarkeit
individuellen technischen Handelns hervorgehoben, daß Technik zwar
vielfältige, aber nicht beliebige Verwendungsmöglichkeiten erlaubt. Im
Gegensatz zu Konzeptualisierungen, in denen Technik als „Verlaufssouve
rän" des Handelns erscheint, wird im folgenden davon ausgegangen, daß
durch die Gestaltung und funktionale Spezifikation technischer Artefakte
innerhalb eines Spektrums Optionen bereitgestellt werden, die von den
Nutzern in einem kreativen Prozeß realisiert werden müssen. Zusätz
lich ist herauszustreichen, daß neben der Materialität der Artefakte auch
Gebrauchs und Nutzungsanweisungen die möglichen Nutzungsweisen
diskursiv stabilisieren. Kulturell und sozial gebundene Technik und Tech
nologie kann damit als materielle und immaterielle Beschränkung der Kon
tingenz des technischen Handelns konzipiert werden wobei Technik und
Nutzer hierbei in eine sozial/materielle Rückkopplungsstruktur eingebun
den sind.
Technik als Medium?
Wie oben angedeutet, kann gegenwärtig in der Technikforschung mit der
Verschiebung der empirischen Forschungsfelder auch eine Veränderung
des analytischen Vokabulars und der gewählten Metaphern beobachtet
Verden.95 Diese veränderten Sprachregelungen in denen Technik etwa als
94 Vgl. als eindrucksvolles Beispiel die von den Herstellern wohl unvorhersehbare, kreati
ve aber illegale „Umnutzung" von tragbaren Telefonen als „Scanner", mit denen je
derzeit der Aufenthaltsort anderer Nutzer tragbarer Telefone bestimmt werden kann:
Markoff, John: Cellular Phreaks & Code Dudes. Hacking Chips on Cellular Phones is
the Latest Thing in the Digital Underground. In: WIRED 1.1/1993, S. 60 u. 105.
95 Ältere Komplexitätsreduktionen, die etwa die schwerindustrielle Technisierung der Ar
beitswelt als Ursache der Maschinisierung der (Arbeits)Körper und Formalisierung/
224 Die Ordnung der Technik
Medium oder Schnittstelle konzipiert wird folgen nicht nur der Verschie
bung der Forschungsthemen, sondern auch der Einführung eines relationa
len Technikverständnisses. Dabei stehen nicht mehr die Materialität und
Funktionalität „freistehender technischer Artefakte" und die von ihnen
ausgehenden „Wirkungen" auf das Handeln im Zentrum der Analysen,
sondern die Untersuchung der Relation NutzerTechnik. Entscheidend ist
dabei die gegenüber sachtheoretischen Ansätzen modifizierte Abgrenzung
der „unit of analysis": Basis der Untersuchungen müsse so der Technik
philosoph Hans Lenk das im Gebrauch technischer Artefakte entstehen
de „soziotechnische Handlungssystem" sein, die „integrale Handlungsein
heit" von Mensch und technischem Gebilde.
Damit wird betont, daß Technik nicht als Mittel angesehen werden kön
ne, das den mit ihr verfolgten Handlungszielen äußerlich bliebe, sondern
einen konstitutiven Einfluß auf Handlungspläne und Vollzüge ausübe.
Unterstrichen wird aber auch, daß der Gebrauch jeder Technik zuerst eine
Auswahl aus den zahlreichen potentiellen Funktionen und dann „einen ak
klamativen Akt" voraussetze, mit dem die von technischen Artefakten an
gebotenen Zwecksetzungen übernommen werden müßten.96 Das Verhält
nis NutzerTechnik wird somit in der neueren Technikphilosophie als in
teraktiver Prozeß beschrieben, als „Rückkopplungsstruktur",97 bei dem die
Technik zwar Einfluß auf die möglichen Verwendungsweisen ausübt,98 die
Nutzer sich aber technische Artefakte in durchaus kreativer Weise für ihre
Zwecke nutzbar machen auch indem sie den eingebauten „NutzungsIm
perativen" nicht folgen.99 Da der relationale Technikbegriff den zentralen
analytischen Stellenwert des Verwendungs<2&£e5 oder des Gebrauchs be
tont, etabliert sich in neueren technikphilosophischen Ansätzen eine situa
tive Technikauffassung, mit der letztlich auch die Perspektive auf die kultu
rellen und sozialen Kontexte der Gebrauchsakte eröffnet wird.
Rationalisierung der (Arbeits) Handlungen interpretierten, lassen sich als Erklärungs
paradigma beispielsweise der Computerisierung der Büroarbeit nur unter großen Plau
sibilitätsverlusten aufrecht erhalten. Zu bedenken ist allerdings, daß auch in der Fabrik
durchaus komplexe Verbindungen zwischen Arbeitswissen, Organisation, etc. vorge
nommen werden mußten.
96 Lenk, Sozialphilosophie, S. 6770.
97 Zimmerli, Walter Ch.: Wieviel Akzeptanz erträgt der Mensch? Bemerkungen zu den
Hintergründen der Technikfolgenabschätzung. In: Ernst Kistler, Dieter Jaufmann
(Hg.): Mensch Gesellschaft Technik. Orientierungspunkte in der Technikakzep
tanzdebatte. Opladen 1990, Leske + Budrich, S. 247260.
98 Vgl. etwa Wallenfels, Bernhard: Umdenken der Technik. In: Walther Ch. Zimmerli
(Hg.): Technologisches Zeitalter oder Postmoderne? München 1991, Wilhelm Fink, S.
199211, der den Beitrag technischer Artefakte bei der „schöpferischen Aushandlung
von Zielen" hervorhebt, ein Zusammenhang, der bei instrumentalistischen Konzepten
der Technik vernachlässigt werde: für technisches Handeln sei demgegenüber die „Ver
fertigung von Zielen im Handeln" charakteristisch. (S. 206)
99 Vgl. hierzu Flusser, Vilem: Dinge und Undinge. Phänomenologische Skizzen. Mit ei
nem Nachwort von Florian Rötzer. München, Wien 1993, Hanser, insbes. S. 16f.
Technik als Kontingenzmanagement Handeln als teilvariable Sequenz 225
Für die Techniksoziologie greift Werner Rammert auf ähnliche Überle
gungen zurück und versucht, sie in ein medientheoretisches Technikkon
zept zu integrieren. Ausgehend von der These, daß das Technische „nicht
in der Materialität der Artefakte zu suchen [sei], sondern in der Funktiona
lität der Verknüpfung von sachlichen und nichtsachlichen Elementen zu
einem künstlichen Wirkzusammenhang",100 weist Rammert technischen
Artefakten eine vermittelnde, relationierende Rolle bei der Verknüpfung
unterschiedlicher Handlungssequenzen zu. Technik als Medium fassen zu
können setzt jedoch eine theoretisch kontrollierte Ausweitung des Me
dienbegriffs auf den gesamten Bereich technischer Artefakte voraus, eine
Operation, die Rammert unter Rückgriff auf die Medientheorien McLu
hans und Luhmanns allerdings nicht restlos überzeugend bewerkstelligt.
Das Hauptproblem ist dabei, daß Rammert die eine Hälfte seines
Medienbegriffes aus der Theorie Marshall McLuhans bezieht, in der Me
diennutzer lediglich als passive Nutzer der Medien und als Empfänger von
Nachrichten thematisiert werden, die den Eigengesetzlichkeiten der me
diengenerierten, akustischen und optischen Räume ausgeliefert sind.101 In
diesem unidirektionalen, letztlich deterministischen Modell McLuhans
spielen Mediennutzer nur die Rolle des Endempfangsgerätes, nicht die von
Interpreten der empfangenen Nachrichten.102 Dieser implizite Determinis
mus eingehandelt durch die leichtfertige Übernahme des einseitigen Mo
dells McLuhans kann von Rammert auch nicht grundsätzlich korrigiert
Verden, indem er die verbleibende zweite Hälfte seines medientheoreti
schen Technikbegriffes durch Anleihen bei Luhmanns Konzept der „sym
bolisch generalisierten Kommunikationsmedien" gewinnt.
Für Luhmann stellen „symbolisch generalisierte Kommunikationsme
dien" er führt als Beispiele etwa Wahrheit, Liebe, Geld/Eigentum,
Macht/Recht an evolutionäre Errungenschaften sozialer Systeme dar, mit
denen auf die Problematik „doppelter Kontingenz" in Interaktionen rea
giert wird.103 Doppelte Kontingenz bedeutet hier stark verkürzt nach
der Begriffsprägung von Talcott Parsons und Edward Shils, daß von zwei
Interaktionspartnern jeder in seinen Aktionen und Reaktionen jeweils aus
alternativen Handlungsmöglichkeiten wählen kann: „On the one hand,
*00 Rammert, Technisierung, S. 133 (kursiv von mir, S.B.).
lQl Rammert bezieht sich hierbei auf McLuhan, Marshall: Die magischen Kanäle „Under
standing Media." Düsseldorf 1968, Epon; vgl. auch McLuhan, Marshall, Bruce R. Po
wers: The Global Village. Transformations in World Life and Media in the 2Ist Cen
tury. Oxford, New York, Toronto 1989, Oxford University Press, ein Buch, in dem
Zwar ausführlich das StandardKommunikationsmodell Shannons als unterkomplex
kritisiert, den notwendigen Rezeptionsleistungen der Empfänger von Nachrichten je
doch keinerlei Raum gegeben wird.
102 Vgl. zu dieser Kritik an McLuhan ausführlich Poster, Mark: The Mode of Information.
Poststructuralism and Social Context. Cambridge 1990, Polity Press, insbes. S. 14f.
103 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie. Frankfurt/M.
1981, Suhrkamp, S. 148f., S. 217.
226 Die Ordnung der Technik
ego's gratifications are contingent on his selection among available alterna
tives. But in turn, alter's reaction will be contingent on ego's selection and
will result from a complementary selection on alter's part."104 Die Verwen
dung symbolisch generalisierter Kommunikationsmedien in Interaktions
situationen etwa die Einhaltung von Etikette verringert hierbei die
Wahrscheinlichkeit, daß Kommunikation an der doppelten Kontingenz
scheitert, indem sie „die Selektion der Kommunikation so [...] konditio
nieren, daß sie zugleich als Motivationsmittel wirken, also die Befolgung
des Selektionsvorschlages hinreichend sicherstellen".105 Medien in Luh
manns Sinne transformieren damit unwahrscheinliches in wahrscheinliches
Verhalten und/oder Handeln; sie stellen eine Form des Kontingenzma
nagements in sozialen Systemen dar, können Kontingenz jedoch nicht
grundsätzlich beseitigen.
Rammert greift dieses Konzept auf, verkürzt es jedoch in einem wesent
lichen Punkt: Er faßt technische Artefakte als „technologisch generalisierte
Operationsmedien"106, die ein verallgemeinertes Reservoir technischer Pro
blemlösungen, ihrer Elemente und Verknüpfungen darstellen, aus deren
Kombination schließlich umfassende technische Operationssysteme kon
struiert werden. Technik als Medium konstituiere damit neue materiale
Umwelten und neue Sinneswelten, die einer sozialen Aneignung nicht nur
bestimmte Spielregeln auferlegen und einer Kultivierung bestimmte Gren
zen vorzeichnen, sondern letztlich durch ihre materialen Eigenschaften die
sozial legitimierten Verwendungsweisen determinieren.107 Kontingenz
wird in Rammerts Konzept damit nur thematisiert im Prozeß der Technik
genese und eingeschränkt, weil starken Restriktionen unterworfen zu
dem Zeitpunkt, an dem eine neu eingeführte Technik noch nicht kollektiv
104 Parsons, Talcott, Edward Shils: Toward a General Theory of Action. Cambridge, MA,
1951 (hier zit. nach Luhmann, Systeme, S. 148); für Parsons und Shils ist aus Gründen
dieser doppelten Kontingenz geglückte Kommunikation nur möglich, wenn die Betei
ligten (a) von der konkreten Interaktionssituation abstrahieren und (b) auf die Stabilität
der kommunizierten Bedeutung vertrauen können, indem von beiden Parteien auf
Konventionen (letztlich kulturelle Muster) zurückgegriffen wird. Luhmann erweitert
diese Argumentation stark und bezieht sie allgemein auf soziale Systeme, die durch das
Phänomen der doppelten Kontingenz „autokatalysiert" würden ein Zusammenhang,
der letztlich ihre Dynamik sicherstelle.
105 Luhmann, Systeme, S. 222; vgl. als triviales Beispiel solchen Kontingenzmanagements
die Ratgeberliteratur der 50er Jahre und die dort formulierten EtiketteVorschriften für
„gesellige Anlässe": Beck, Stefan, Gabi Enßlin: Sonst drückt sich alles durch. Mit Eti
kettevorschriften gegen Peinlichkeit. In: Partykultur? Fragen an die Fünfziger (Projekt
gruppe: Partykultur der 50er Jahre). Tübingen 1991, Tübinger Vereinigung für Volks
kunde, S. 5370.
106 Rammert, Technisierung, S. 163 (kursiv von mir, S.B.).
107 Rammert, Werner: Materiell Immateriell Medial: Die verschlungenen Bande zwi
schen Technik und Alltagsleben. In: Ders.: Technik aus soziologischer Perspektive.
Forschungsstand Theorieansätze Fallbeispiele. Ein Überblick. Opladen 1993, West
deutscher Verlag, S. 291308, S. 306f.
Technik als Kontingenzmanagement Handeln als teilvariable Sequenz 227
oder individuell angeeignet und ihre Kultivierung noch nicht abgeschlossen
ist. Zum Zeitpunkt des Gebrauchs jedoch hat weder einfache, noch doppel
te Kontingenz in diesem Modell einen systematischen Platz. Der von Ram
mert angekündigte relationale Technikbegriff bleibt damit merkwürdig
halbiert, da er diese Relation allein aus der Maschinenperspektive be
schreibt. Durch diese theoretische Operation wird gerade das wieder aus
der Beobachtung ausgeklammert, was der wirkliche Gewinn eines medien
theoretischen Ansatzes sein könnte: die Einsicht in die trotz allen Kontin
genzmanagements unvermeidliche Freiheit des Nutzers, technisch zur
Verfügung gestellte Optionen situativ nach eigenen Kalkülen gebrauchen
und mißbrauchen zu können.
Unter dem rhetorischen Mäntelchen medientheoretischer Begriffe ver
birgt sich damit ein sachtheoretisches Konzept, bei dem Technik trotz al
ler Versuche, sie relational zu fassen nach wie vor Verlaufssouveränität
Zugestanden wird; den Nutzern kommt dabei allenfalls die Aufgabe zu, das
von technischen Artefakten gestiftete soziale Verhältnis „kulturell zu über
formen". Der Versuch Rammerts, aus dem empirischen Forschungsfeld
der Informations und Kommunikationsmedien Modelle zu entwickeln,
die quasi als „rückwärtsgerichtete Aufklärung" (G.Canguilhem) auch
bei der Analyse klassischer Techniken hilfreich sein können, kann zumin
dest im jetzigen Stadium nicht recht überzeugen.108 So bleibt auch der Ver
such, den klassischen kinematischen Maschinenbegriff der Techniksoziolo
gie durch den Maschinenbegriff der Kybernetik zu ersetzen, halbherzig.109
Zwar ist dem Hinweis nur zuzustimmen, daß etwa der Computer nicht als
Fortsetzung der Rechenmaschine mit elektronischen Mitteln interpretiert
Verden dürfe. Jedoch ist es kaum zureichend, die charakteristische neue
Qualität dieser Technologien allein darin zu erblicken, daß statt der Verar
beitung materieller Stoffe in Raum und Zeit jetzt immateriell Prozesse ge
steuert und Nachrichten übermittelt würden.
Die techniksoziologische Rede von kybernetischen Maschinen nimmt
dabei eine wesentliche Neuerung der Kybernetik, die Beobachtung und
Bearbeitung von Rückkopplungsprozessen unterschiedlicher, kooperieren
108 Zweifel sind insbesondere dann angebracht, wenn mit dieser Übertragung die Spezifika
unterschiedlicher Technologien verwischt werden: Die Nutzungsbedingungen klassi
scher Maschinerie können mit den Interaktionsbedingungen transklassischer Compu
tertechnologie nur bedingt verglichen werden. Der Hauptbeitrag solcher theoretischer
Versuche kann denn auch nicht darin erblickt werden, daß neue Konzepte für „klas
sische" technische Artefakte entwickelt werden, sondern daß bei der Analyse von I&K
Technologien neue Konzeptionen der Nutzung und der Nutzer ihrer Fähigkeiten
und der ihnen zugemuteten Fertigkeiten — entwickelt werden müssen.
109 Vgl. Rammert, Werner: Neue Technologien neue Begriffe? Lassen sich die Technolo
gien der Informatik mit den traditionellen Konzepten der Arbeits und Industriesozio
logie noch angemessen erfassen? In: Ders.: Technik aus soziologischer Perspektive.
Forschungsstand Theorieansätze Fallbeispiele. Ein Überblick. Opladen 1993, West
deutscher Verlag, S. 127150.
228 Die Ordnung der Technik
der Systeme (hier NutzerMaschine) nicht wirklich ernst.110 Damit wird
gleichzeitig der wesentliche Charakter dieser neuen Technologien analy
tisch verfehlt, bei denen Rückkoppelung oder Rekursivität zwischen Ma
schine und Nutzer durch ein Interface oder die „Benutzeroberfläche"
vermittelt zu den zentralen Funktionsprinzipien zählen.111 Fatal ist wei
ter, daß damit das in den ComputerSciences inzwischen etablierte, gegen
über hergebrachten Vorstellungen bedeutend modifizierte Konzept der
Nutzung und der Nutzer nicht für die allgemeine Techniksoziologie ange
wandt wird, bei dem die durch „Rekursion und Kommunikation" (Deleu
ze/Guattari) hergestellten „strukturellen Kopplungen" zwischen Maschine
und Nutzer analysiert werden.
Im folgenden sollen daher die Ansätze der Kybernetik und der hieraus
entwickelten Kognitionswissenschaft, die die Konzepte der ComputerSci
ences maßgeblich beeinflußten, daraufhin gemustert werden, was sie zu ei
nem neuen NutzerKonzept auch im Hinblick auf den Umgang mit „klas
sischer" Technik beizutragen vermögen. Dabei gehe ich entgegen den Ver
suchen Rammerts davon aus, daß der Beitrag der ComputerSciences für
die allgemeine Techniksoziologie darin erblickt werden kann, nicht nur
neue Modelle der Maschine, sondern auch ein neues Modell der Nutzung
und des Nutzers zu etablieren. Insbesondere interessiert die durch die
Computertechnologie ausgelöste Irritation bislang fraglosgültiger, instru
mentalistischer Modelle technischen Handelns. Uber eine reine Verschie
bung der Metaphorik112 hinaus kann dieser Ansatz damit zur Klärung des
in der Technikphilosophie angemahnten relationalen Technikkonzeptes
beitragen.
110 Vgl. grundlegend hierzu Wiener, Norbert: Kybernetik. Regelung und Nachrichten
übertragung im Lebewesen und in der Maschine. Düsseldorf, Wien, New York, Mos
kau 1992, Econ; in einem einleitenden Kapitel faßt Wiener die verschiedenen wissen
schaftlichen Einflüsse auf die Entstehung der Kybernetik als eigenständige Forschungs
richtung und die nicht minder weitreichenden Wirkungen auf verschiedenste Diszipli
nen kurz und prägnant zusammen. Zur Entwicklung der Regelungs und Nachrichten
theorie vgl. auch Georges Canguilhem (Die Herausbildung des Konzeptes der biologi
schen Regulation im 18. und 19. Jahrhundert. In: Ders.: Wissenschaftsgeschichte und
Epistemologie. Gesammelte Aufsätze. Frankfurt/M. 1979, Suhrkamp, S. 7588), dessen
Genealogie von den Biologen Claude Bernard, Walter B. Cannon, über den Neurophy
siologen Arturo Rosenblueth zum Mathematiker Norbert Wiener problemlos über die
Anthropologen Margaret Mead und Gregory Bateson zum Physiker und Epistemolo
gen Heinz von Foerster verlängert werden kann.
111 Vgl. hierzu insbes. Halbach, Wulf: Interfaces. Medien und kommunikationstheoreti
sche Elemente einer InterfaceTheorie. München 1994, Fink.
112 Dieser Zusammenhang ist bereits in den Anfängen der Computertechnologie zu erken
nen: Wie bereits im 17. und frühen 18. Jahrhundert menschliches Denken in Analogie
zur Uhr und ihrem mechanischen Federwerk, oder im 19. Jahrhundert zur Dampf und
HydraulikTechnik erklärt wurde, so wird auch im Falle der mit dem Computer revo
lutionierten Regel und Nachrichtentechnik „die biologische Funktionsweise des Den
kens (und die des Körpers) erklärt durch die Mechanik [des neuen] technologischen
Schlüsselbereiches" der Computertechnologien. (Halbach, Interfaces, S. 140)
Technik als Kontingenzmanagement Handeln als teilvariahle Sequenz 229
Technik als Cyberfakt
Bedeutsam ist in diesem Zusammenhang insbesondere die grundlegende
Kritik kybernetischer Modelle an instrumentalistischen Konzepten techni
schen Handelns. Anders als etwa Weber oder Dürkheim stellte die frühe
Kybernetik nicht die Frage nach dem Warum, sondern nach dem Wie der
Steuerung und Feinregulation des Handelns.113 Für diese Fragestellung war
es nicht mehr ausreichend, allein die mehr oder weniger „rationale" Se
lektion von Handlungszweck/motiv und Handlungsmittel/instrument
zu beobachten, ein Selektionsprozeß, bei dem das Erreichen des Hand
lungszieles folgerichtig und unproblematisch aus der richtigen Wahl der
Handlungsinstrumente resultiert und ein Einfluß dieser Instrumente auf
Handlungsmotive und verlauf weitgehend ausgeschlossen wird. Zu klären
war vielmehr, welche Regelungsmechanismen wirksam sind, um ein ge
setztes Ziel zu erreichen (und nicht über es hinauszuschießen). Für N.Wie
ner und seine Kollegen stellte sich dieses Problem zuerst auf einer „subjek
tivitätsfreien", neurophysiologischen Ebene.114 Um etwa die Operation
„einen Bleistift aufheben" erfolgreich ausführen zu können, bedarf es nicht
nur eines Nervenimpulses an die betreffenden Muskeln, sondern auch einer
ständigen Überprüfung des bereits eingetretenen Erfolges durch visuelle
und kinästhetische Sinnes eindrücke, die wiederum als „Ausgangsdaten"
für die weitere Steuerung der Muskeln dienen. Handeln setzt in diesem
(neurophysiologischen) Modell eine Folge von Kreis oder Rückkoppe
lungsprozessen zwischen dem Handelnden und seiner Umwelt voraus, in
denen die „Ausgangsdaten" der für die Handlungssteuerung erforderli
chen, internen „Rechenvorgänge" gewonnen werden.115 Fundamental in
113 Die Problemstellung der Forschungen Wieners und Rosenblueths war durch die Waf
fentechnik des 2. Weltkriegs vorgegeben: Die Geschwindigkeit der modernen Flugzeu
ge hatte die gängigen Mittel der Feuerleitung für Flugabwehrgeschütze unbrauchbar
gemacht; wie viele andere wurde Wiener vor dem Hintergrund der Bedrohung Eng
lands durch die deutsche Luftwaffe damit beauftragt, eine regelungstechnische Lösung
zu entwickeln, bei der das Flugabwehrgeschütz der vorausberechneten Flugbahn des
Zieles nachgeführt wurde und dessen Abweichungen wiederum als Daten für die Kor
rektur der Schußbahn dienten. Vgl. zu der Geburt der Kybernetik aus der Kriegstech
nik Wiener, Kybernetik, S. 28f.; als exzellenten, kritischen Uberblick der Interdepen
denzen technologischer Entwicklungen und der veränderten Logik der Kriegsführung
insbesondere auch in der Frühphase der Informations und Kommunikationstechnik
vgl. De Landa, Manuel: War in the Age of Intelligent Machines. New York 1991, Zone.
114 Vgl. hierzu als ausgezeichnete wissenschaftstheoretische Analyse der Vorannahmen der
frühen Kybernetik und dem theoretischen Transfer zwischen „Operations research",
„ergonomics" und „cybernetics" und den hieraus hervorgehenden, etwa für die Sozio
biologie einflußreichen Konzepte Haraway, Donna J.: The High Cost of Information
in PostWorld War II Evolutionary Biology: Ergonomics, Semiotics, and the Sociobio
logy of Communication Systems. In: The Phllosophical Forum, Vol. XIII, Nos. 2—3
(WinterSpring 198182), S. 244278.
^5 Vgl. hierzu programmatisch Rosenblueth, Arturo, Norbert Wiener, Julian H. Bigelow:
Behavior, Purpose, and Teleology. In: Philosophy of Science, 10/1943, S. 18—24.
230 Die Ordnung der Technik
Frage gestellt wird mit diesem Modell das auf einem ReizReaktions"Sche
ma beruhende behavioristische Konzept des Handelns: Erstens wird dem
äußerlich beobachtbaren Handlungsprozeß ein innerer kognitiver Prozeß
gegenübergestellt ein Verstoß gegen das wissenschaftliche Tabu des Be
haviorismus116 , und zweitens wird jede Handlung in eine Folge einzelner
Sequenzen aufgelöst, die sukzessive dem Ziel angenähert werden.
Dieses Modell der frühen Kybernetik beeinflußte in den folgenden Jah
ren eine Vielzahl sich neu herausbildender Theorien etwa in den Ingenieur
wissenschaften, der Biologie, den Sozialwissenschaften und der Ökono
mie.117 Als der wohl bedeutendste und einflußreichste Zweig der durch die
frühe Kybernetik angestoßenen Forschungsprogramme jedoch kann der
1956 begründete „Kognitivismus" gelten,118 in dem die noch vorsichtige
Annahme der frühen Kybernetik, Denken sei als Rechnen zu konzipieren,
zu einer starken Hypothese geformt wurde.119 Insbesondere in den frühen
Arbeiten zur „Künstlichen Intelligenz" (KI) wurde dieses Modell der Ko
gnitionsprozesse im Gehirn auch bezeichnet als „Computationalism"
bzw. „informationsverarbeitende Psychologie"120 aufgegriffen und wei
terentwickelt. Grundannahme dieser Forschungsprogramme ist, daß Ko
gnitionsprozesse als Anwendung formalisierbarer Regeln erklärt werden
können, die sich in geeigneten Programmen erfaßt und als Software „lauf
fähig" gemacht unter Einsatz von Computern überprüfen lassen. Diese
Hypothesenüberprüfung ist kennzeichnend für das Programm der „wei
chen KI", während die „harte KI"121 hierin die Grundlage für den Bau
künstlichintelligenter, zu Kognitionsprozessen fähiger Maschinen er
blickt.
116 Vgl. Barsalou, Lawrence W.: Cognitive Psychology. An Overview for Cognitive Scien
tists. Hillsdale, NJ, 1992, Erlbaum Associates, S. 5 f.
117 Vgl. zu diesen Einflüssen der Kybernetik in den genannten Feldern Varela, Francisco J.,
Evan Thompson, Eleanor Rosch: The Embodied Mind. Cognitive Science and Human
Experience. Cambridge 1993, MIT Press, insbes. S. 37ff.
118 1956 wurde auf zwei großen wissenschaftlichen Konferenzen in Dartmouth und Cam
bridge das Arbeitsprogramm dieser „Kognitionswissenschaft" durch Wissenschaftler
wie Herbert Simon, Noam Chomsky, Marvin Minsky und John McCarthy formuliert;
vgl. hierzu Varela/Thompson/Rosch, Mind, S. 40f.
119 Vgl. zu den Vorannahmen und Implikationen dieser Hypothese Varela, Francisco J.:
Kognitionswissenschaft Kognitionstechnik. Eine Skizze aktueller Perspektiven.
Frankfurt/M. 1990, Suhrkamp, S. 3846.
120 Vgl. zu den rationalistischen Grundannahmen beider Programme Winograd, Terry,
Fernando Flores: Erkenntnis Maschinen Verstehen. Berlin 1989, Rotbuch, insbes. S.
50f., deren Buch als „Kampfansage" gegenüber diesen Konzepten der Kognition konzi
piert ist. Vgl. zu Kritik auch Varela, Francisco J.: On the Conceptual Skeleton of Cur
rent Cognitive Science. In: Niklas Luhmann, Humberto Maturana, Mikio Namiki,
Volker Redder, Francisco J. Varela: Beobachter. Konvergenz der Erkenntnistheorien?
München 1990, Fink, S. 1324.
121 Zu dieser Unterscheidung vgl. Searle, John R.: Minds, Brains, and Programs. In: The
Behavioral and Brain Sciences 3/1980, S. 417457.
Technik als Kontingenzmanagement Handeln als teilvariahle Sequenz 231
Ausgegangen wird in beiden rationalistischen Modellen prinzipiell da
von, daß nach jeder Handlungssequenz der beobachtbare IstZustand der
Umwelt mit einem in „relativ stabilen Gedächtnisrepräsentationen" etwa
„Handlungsschemata", „skripts" oder „frames"122 vorliegenden SollZu
stand verglichen (i.e. verrechnet) wird, um danach das praktische Handeln
regulieren zu können.123 Dieses Verständnis „kognitiver Handlungsregula
tion" betont damit, daß in jeder Handlungssituation in Form von sequenti
ell organisierten „Schemata" adäquates Handlungs und Sachwissen ver
fügbar sein muß, das der Handelnde situativ aktualisiert; diese vorstruktu
rierten Schemata leiten hierbei die einzelnen Handlungssequenzen und
stellen gleichzeitig den Zusammenhang der einzelnen Handlungselemente
und die „wechselseitige Verschränkung von Wahrnehmung, Denken und
Handeln"124 her.
Problematisch an diesem Konzept der Kognitionswissenschaften ist je
doch, daß dabei letztlich nur die situationsangemessene Ausführung eines
vorab definierten „Handlungsprogrammes" möglich erscheint, ein stati
sches und mechanistisches Modell, in dem weder „Lernen" und „Selbst
Veränderung/Organisation" einen systematischen Platz haben. Ebenso
wird nicht geklärt, aufgrund welcher Sozialisationsprozesse dieses Hand
lungsprogramm entsteht. Zudem wird in diesem Modell „vollständiges"
und explizierbares Wissen als Voraussetzung jeglicher Handlungssteue
rung angenommen eine wenig lebensechte Vorannahme.125 Die theoreti
schen (fehlende Plausibilität dieses reduktionistischen Modells) und empi
rischen Defizite dieses Ansatzes (das Scheitern der Versuche, nach diesem
Modell künstlichintelligente Computer zu konstruieren) führten ab den
70er Jahren jedoch nicht dazu, die Grundgedanken der Kybernetik aufzu
geben, sondern zu deren Radikalisierung in verschiedenen Forschungsrich
tungen. Einerseits wurde das im Computationalismus vorherrschende
Konzepte starrer mentaler Repräsentationen frames, skripts etc. durch
neuere Ansätze der „Kognitiven Psychologie" kritisiert und zugunsten des
122 Vgl. etwa Schank, Roger C., A.P. Abelson: Scripts, Plans, Goals and Understanding.
An inquiry into Human Knowledge Structures. Hillsdale, New York 1977, Lawrence
Earlbaum, der hierfür den Begriff „scripts" prägte, oder Minsky, Marvin: A Framework
of Representing Knowledge. In: P.H. Winston: (ed.): The Psychology of Computer Vi
sion. New York 1975, MacGrawHill, die diese inneren Repräsentationen als „frames"
konzipierte; in diesen Ansätzen wurde ein „computational model of the brain" entwik
kelt mit dem Ziel, „intelligente" Systeme in Hard und Software nachzubilden; zur Kri
tik dieser, vor allem in der „strong KI" vertretenen Programmatik vgl. Searle, Minds.
123 Vgl. Hacker, W.: Arbeitspsychologie. Psychische Regulation von Arbeitstätigkeiten.
Bern, Stuttgart, Toronto 1986, Huber.
124 Volpert, W.: MaschinenHandlungen und Handlungsmodelle ein Plädoyer gegen die
Normierung des Handelns. In: Gestalt Theory, Vol. 6, 1/1984, S. 70—100, hier S. 82.
125 Vgl. hierzu als durchaus generalisierbare Kritik an ethnologischen Konzepten „indi
genen" Wissens als explizites Regel und Formelwissen Bloch, Maurice: What goes wi
thout saying: the conceptualization of Zafimaniry society. In: Kuper, Adam (ed.) Con
ceptualizing Society. London, New York 1992, Routledge, S. 127—146.
232 Die Ordnung der Technik
Konzeptes flexiblerer, offenerer, aber auch unvollständigerer „mentaler
Modelle" aufgegeben.126 Andererseits wurden Rückkoppelungsprozesse
nicht mehr allein zwischen (Handlungs)System und Umwelt angenom
men, sondern auch als Selbstorganisation127 oder Selbstreferenz in das
(Handlungs)System selbst eingeführt.128
Die weitreichenden Konsequenzen des hiermit eingeleiteten paradigma
tischen Bruches in den Kognitionswissenschaften können hier übergangen
werden. Festzuhalten sind nur drei grundlegende Prämissen dieses Ansat
zes, der etwa im ausformulierten Programm des Radikalen Konstruktivis
mus zu einem konsistenten Konzept entwickelt wurde: (a) Kognitive Sy
steme werden als operational geschlossen betrachtet sie verfügen über
keinen direkten Zugang zur externen „Realität", sondern „interpretieren"
diese; (b) sie sind mit ihrer Umwelt „strukturell gekoppelt", d.h. auf Zu
standsänderung in der Umwelt reagiert das kognitive System mit internen
Anpassungsleistungen dies ist ein Prozeß der aktiven SelbstModellie
rung, keine externe „Steuerung"; (c) „innere Repräsentationen" müssen/
können nicht „objektiv" richtig sein, sondern sind allenfalls „praktikabel"
sie sind Ergebnis eines historischen Prozesses praktischer Erfahrungen.129
Entscheidend sind diese Überlegungen insbesondere, wenn sie für eine
konzeptionelle Fassung der Interaktionsbedingungen in der Relation Nut
zerComputer weiterentwickelt werden. Manfred Faßler bestimmt diese
Relation ausgehend vom Begriff der „strukturellen Koppelung" als
Ausformung medialer Koppelungen und betont damit die im Unterschied
zu „klassischen" Technologien neue Qualität der durch ComputerInterfa
ces bereitgestellten „sozialen Zusatzräume" und der damit verbundenen
(Selbst)Konstruktion formaler Akteure.130 Diese speziell für die Analyse
der spezifischen Interaktionsbedingungen des Informations und Kommu
nikationsmediums Computer entwickelte Theorie kann hier nicht weiter
verfolgt werden: Da das dort entwickelte Modell theoretisch gerade den
technologischen Bruch bearbeitet, der durch die I&KTechnologien gegen
über „klassischen" Technologien vollzogen wurde, sind die dort vorgeleg
ten Überlegungen für die hier verfolgten Fragestellungen nach dem „Um
126 Vgl. Barsalou, Psychology, insbes. S. 163170; zu diesem Konzept vgl. unten.
127 So in dem den Computationalismus in der KIForschung verdrängenden Konnek
tionismus, vgl. hierzu als Überblick Varela, Kognitionswissenschaft, S. 5487.
128 Vgl. grundlegend Maturana, Humberto R., Francisco J. Varela: Autopoiesis and Cogni
tion. Boston 1979, Reidel; als Überblick über das insbes. durch Maturana und Varela
begründete Forschungsprogramm des „Radikalen Konstruktivismus" vgl. Schmidt,
Siegfried J. (Hg.): Der Diskurs des radikalen Konstruktivismus. Frankfurt/M. 1987,
Suhrkamp.
129 Vgl. zu den zugrundeliegenden Konzepten ausführlich Maturana, Humberto R.: Ko
gnition. In: Schmidt, Siegfried J. (Hg.): Der Diskurs des radikalen Konstruktivismus.
Frankfurt/M. 1987, Suhrkamp, S. 89118.
130 Faßler, Manfred: Strukturen medialer Interaktion. Grundlegung einer Theorie interak
tiver computergestützter Phasenräume. München 1996, Fink, im Druck.
Technik als Kontingenzmanagement Handeln als teilvariable Sequenz 233
gang mit einfacher, klassischer Technik" schlicht überkomplex. Aussagefä
hig für den hier interessierenden Zusammenhang sind dagegen ironischer
weise gerade solche Überlegungen zur MenschComputerInteraktion, die
diesen technologischen Bruch nur unvollständig registrieren,131 insbeson
dere die eher ingenieurtechnischen Modelle der InterfaceTheorie bzw. der
MenschMaschineKommunikation, wie sie in den ComputerSciences
gängig sind.
Diese Modelle können als Paradebeispiel für den Versuch und die
Notwendigkeit interpretiert werden, technische Lösungen zu entwickeln,
mit denen dem Problem der Kontingenz im Umgang mit Technik begegnet
werden soll. War bislang die äußere Gestalt(ung) der Technik, ihre Benut
zeroberfläche, als eher praktisches theoretisch wenig anspruchsvolles
Aufgabenfeld von Ergonomen oder Industriedesignern angesehen worden,
in dem vor allem Produktionserfordernisse beachtet und erst in zweiter Li
nie Bedürfnisse der Nutzer durch Anwendung von Regeln des „gesunden
Menschenverstandes", des ähnlich qualifizierten „geschmacks" oder der
Erfahrung berücksichtigt wurden,132 so vollzog sich spätestens mit der mas
senhaften Verbreitung der Computertechnologie ein fundamentaler Wan
del. Seit Anfang der 80er Jahre entwickelten sich die Forschungen zu Hu
manComputerInterfaces (HCl) oder zur MenschMaschineKommuni
kation zu einem eigenständigen, interdisziplinären Forschungszweig der
ComputerSciences.133
Reagiert wurde damit auf die aus den oft gescheiterten Einführungs
versuchen von Computertechnologien erwachsende Erkenntnis, daß die
gelungene Nutzung einer neuen Technik komplexe technische, soziale und
kulturelle Voraussetzungen hat. Daß dieser eher triviale Zusammenhang
bei der Einführung des Computers auf den Massenmarkt als forschungsbe
gründendes Problemfeld erkannt wurde, ist den technischen Eigenschaften
des Computers geschuldet: Seine handlungsrelevante Funktionalität wird
erst durch Einsatz von Software ermöglicht. Erst diese Software bestimmt
seine Nutzungspotentiale etwa als Kommunikationsmedium, Zeichen
und Planungsinstrument, Spielplattform oder Textverarbeitungsgerät.
Ebenso wie die äußere Gestalt der „Hardware" keine Rückschlüsse auf die
131 Mißachtet wird hierbei insbes., daß es sich bei MenschComputerInteraktionen um in
klusive Interaktionen (vgl. Faßler, Strukturen, S. 36f.) handelt, bei denen der Nutzer,
etwa in „Virtuellen Realitäten", nicht mehr nur mit dem Computer, sondern was sei
ne sinnliche Wahrnehmung angeht im computererzeugten Raum handelt; diese Im
mersion des Nutzers (vgl. Halbach, Interfaces) stellt vorgängerlose Interaktionsbedin
gungen zur Verfügung.
132 Vgl. zu dieser Dominanz der Logik der Produktion über die Logik der Nutzung im In
dustriedesign Sparke, Penny: Design und Massenkultur in den USA 1860—1960. In:
Wolfgang Ruppert (Hg.): Chiffren des Alltags. Erkundungen zur Geschichte der indu
striellen Massenkultur. Marburg 1993, Jonas, S. 4960.
133 Vgl. als Überblick Paetau, Michael: MenschMaschineKommunikation. Software, Ge
staltungspotentiale, Sozialverträglichkeit. Frankfurt/M., New York 1990, Campus.
234 Die Ordnung der Technik
innere Funktionalität des Gerätes gestattet, sind die Operationen der Soft
und HardwareKomponenten sinnlich unzugänglich, eine fehlende Trans
parenz, die den sachgemäßen Gebrauch erschwert. So kann der Computer
zwar durch eine entsprechende TextverarbeitungsSoftware wie eine
Schreibmaschine genutzt werden, es kommt aber zu schwerwiegenden
Fehlnutzungen und Zusammenbrüchen, wenn er genau wie eine Schreib
maschine genutzt wird.134
Solche und ähnlich gelagerte NutzungsProbleme machten schnell deut
lich, daß das „Interface" des Computers nicht als eine unproblematische
„Grenze" bestehend aus einer Ansammlung von Ein und Ausgabegerä
ten (Tastatur, Maus, Bildschirm, Lautsprecher etc.) zwischen einer „In
formationsumgebung" und einem idealtypischen Nutzer konzipiert wer
den kann,135 sondern daß es sich hierbei um eine komplexe „physikalisch
perzeptive Vermittlungsarchitektur"136 zwischen elektronischer Maschine
rie und Nutzer handelt, die sorgfältig konstruiert werden muß. Anfängli
che Versuche, „harte" Benutzeroberflächen einzuführen, die nur „richtige"
Eingaben ermöglichen und „falsche" zurückweisen um damit aus Soft
ware ein stahlhartes Gehäuse zu errichten, ein Konzept geboren aus der
Angst der „Anwendungsprogrammierer [...] vor der Unberechenbarkeit
des Benutzers"137 , erwiesen sich schon bald als untaugliche Versuche.
Diese Verringerung der Kontingenz macht die eingesetzten Systeme nicht
nur unflexibel, sondern führt auch zu einer Dequalifizierung der Nutzer
und verringert damit deren Handlungskompetenz, etwa bei auftretenden
Problemen selbst kreativ Lösungswege zu entwickeln.138
Als größtes Hindernis bei der Gestaltung von ComputerInterfaces er
wies sich hierbei das vorherrschende, reduktionistische Konzept des Nut
zers und der Nutzung technischer Artefakte, das bislang die Konstruktion
der Nutzeroberflächen geleitet hatte. Um ein komplexeres Modell zu ent
wickeln, wurde daher auf die oben bereits angesprochenen neueren Ansät
134 Nicht erst der zweifelhafte Witz von TippExSpuren auf dem Bildschirm macht deut
lich, daß der Benutzer zum erfolgreichen Gebrauch neben Schreib und Lesefähigkeit
und dem unmittelbaren Bedienungswissen von Tastatur und Maus auch über ein adä
quates Modell der hinter der sichtbaren Simulation einer SchreibmaschinenFunktiona
lität ablaufenden Funktionszusammenhänge des Computers verfügen muß.
135 Vgl. Bricken, Meredith: Virtual Worlds: No Interface to Design. In: Michael Benedikt
(Ed.): Cyberspace: first steps. Cambridge, MA, London 1992, MIT Press, S. 363382,
hier S. 364.
136 Faßler, Strukturen, S. 35.
137 Feuerstein, Menschenbilder, S. 281.
138 Vgl. Bannon, Liam J.: Issues in Design: Some Notes. In: Donald A. Norman, Stephen
W. Draper (eds.): User Centered System Design. New Perspectives on HumanCom
puter Interaction. Hillsdale, NJ, 1986, Erlbaum Associates, S. 2629, der als Ergebnis
dieser Versuche, „idiotproof systems" zu konstruieren, zusammenfaßt: „any artifact
that we design embodies a theory of the human user at the other end. If we start out
with a theory of users that assumes mass idiocy, the likely result is an artifact that is sui
table for idiots." (S. 26)
Technik als Kontingenzmanagement Handeln als teilvariable Sequenz 235
ze der Cognitive Sciences und der Cognitive Psychology zurückgegrif
fen.139 Der damit vollzogene Bruch gegenüber hergebrachten Vorstellun
gen manifestiert sich erstens durch die Aufnahme des Konzeptes der „men
tal models" der Cognitive Psychology und zweitens durch ein strikt hand
lungszentriertes Konzept der Nutzung.
Ergebnis dieses Paradigmenwechsels ist insbesondere die Annahme, daß
der Nutzer im Prozeß der Nutzung eine innere Repräsentation ein men
tales Modell des technischen Artefaktes entwirft, das (a) nicht komplett,
korrekt oder konsistent sein muß, jedoch (b) angemessene Vorstellungen
der zentralen Funktionen beinhaltet, und (c) die wesentlichen Veränderun
gen und Wirkungen des technischen Artefaktes in einem dynamischen Zu
sammenhang abbildet. Mentale Modelle ermöglichen somit einen sachge
mäßen Gebrauch technischer Artefakte, „[by containing] knowledge that
can produce event sequences dynamically and explain how they occur
red."140 Als wesentlich für die Entwicklung nutzungsadäquater mentaler
Modelle werden die Eigenschaften des technischen Artefaktes selbst ange
sehen, seine „affordances" oder erkennbaren Objektpotentiale.141 Gerade
im Falle der „opaken" Technologie Computer erhalten diese Überlegun
gen eine besondere Brisanz, da hier erstmals eine vorläuferfreie, immateri
elle Technik nutzbar gemacht werden soll, bei der nicht nur alle Funktio
nen, sondern auch deren Benutzeroberfläche völlig frei gestaltbar sind
aber eben auch gestaltet werden müssen.142
Die Nützlichkeit des Konzeptes mentaler Modelle demonstriert Donald A.
Norman in seiner Psychologie der Alltagsgegenstände jedoch nicht nur für
das Design von Interfaces für Computer, sondern auch bei der Analyse von
139 Als wegweisend können die Forschungen des 1980 von Donald A. Norman gegründe
ten „Institute for Cognitive Psychology at the University of California at San Diego"
gelten; vgl. als Überblick den Sammelband von Norman, Donald A., Stephen W. Dra
per (eds.): User Centered System Design. New Perspectives on HumanComputer In
teraction. Hillsdale, NJ, 1986, Erlbaum Associates.
140 Barsalou, Psychology, S. 164.
141 Hiermit wird ein Begriff James J. Gibsons (The Theory of Affordances. In: Robert E.
Shaw, John Bransford (eds.): Perceiving, acting, and knowing. Toward an Ecological
Psychology. Hillsdale, NJ, 1977, Erlbaum Associates, S. 6782) aufgegriffen; Gibsons
Ansatz einer „Ecological Psychology" entwickelte sich hierbei aus Untersuchungen
zur visuellen Wahrnehmung, die er ebenso wie Husserl (insbes. Husserl, Edmund:
Phänomenologie der Lebenswelt. Ausgewählte Texte II. Stuttgart 1986, Reclam, S. 55
89) nicht als passiven, sondern als aktiven, körpergebundenen Prozeß der „visual ki
nestesis" beschrieb; wie die „visual kinestesis" verweist der Begriff affordance sowohl
auf die Umwelt als auch den Beobachter: „to perceive the world is to coperceive one
self." (Gibson, James J.: The Ecological Approach to Visual Perception. Boston 1979,
Mifflin Co., S. 129). Der Begriff der affordances wird unten aufgegriffen.
142 Vgl. Riley, Mary S.: User Understanding. In: Donald A. Norman, Stephen W. Draper
(eds.): User Centered System Design. New Perspectives on HumanComputer Inter
action. Hillsdale, NJ, 1986, Erlbaum Associates, S. 157169. Vgl. zu dieser Problematik
Laurel, Brenda: Computers as Theatre. Reading, MA, 1991, AddisonWesley.
236 Die Ordnung der Technik
ganz alltäglichen Schwierigkeiten im Umgang mit „einfacher" Haushalts
technik, etwa bei der unnötig erschwerten Bedienung von Kühlschrank
thermostaten oder der wenig erfreulichen Nutzung von Anrufbeantwor
tern. In allen diesen Fällen führt schlechtes Produktdesign d.h. mißver
ständliche affordances zur Ausbildung inadäquater mentaler Modelle und
damit zu vermeidbaren Nutzungsfehlern und Zusammenbrüchen.143 Das
von Norman und seiner Arbeitsgruppe entworfene Konzept einer erfolg
reichen KoOperation von Mensch und Maschine setzt dabei voraus, daß
sich drei unterschiedliche Konzeptualisierungen entsprechen: (a) das design
model, das beim Entwurf eines technischen Artefaktes leitende Konzept,
bei dem neben technischen Funktionalitäten insbesondere auch der Erfah
rungshintergrund der Nutzer, die (wahrscheinlich) verfolgten Ziele und
ihre Lernfähigkeit berücksichtigt werden müssen; (b) das system image, das
„Bild" des Artefaktes, das sich sowohl aus seiner im Designprozeß entwor
fenen physischen Struktur als auch aus den mitgelieferten Gebrauchsan
weisungen ergibt; und (c) das mental model des Nutzers, das sich aus sei
nen direkten Interaktionen mit dem technischen Artefakt (und gegebenen
falls indirekt, durch die Lektüre der Handbücher) ergibt.
Falls die so konzipierte KoOperation von Mensch und Maschine über
haupt als yienschyiaschinzKommunikation interpretiert werden kann,
dann als zeitlich und räumlich versetzte,144 nichtkopräsente Interaktion
zwischen Produzent und Nutzer im Medium des technischen Artefaktes.
Mental models sind damit Ergebnis eines Rückkoppelungszusammenhan
ges, indem im Prozeß der Nutzung eine anfangs „naive" Konzeptualisie
rung der Artefakte durch sehr konkrete Praxis des Gebrauchs zunehmend
komplexer und dem system image damit immer adäquater wird. Adä
quatheit verweist hierbei allerdings nur auf einen pragmatischen Zusam
menhang: Weder ist Vollständigkeit des Wissens erforderlich, noch müssen
die sich aus mental models ergebenden Erklärungen des Verhaltens techni
scher Artefakte „richtig" sein. Es ist ausreichend, wenn mit ihnen einiger
maßen zuverlässig Handlungsergebnisse vorhersagbar werden.145
143 Norman, Donald A.: Dinge des Alltags. Gutes Design und Psychologie für Gebrauchs
gegenstände. Frankfurt/M., New York 1989, Campus.
144 Vgl. Piepenburg, Ulrich: MenschMaschineInteraktion. Kommunikative Probleme ei
nes Menschen am Arbeitsplatz Rechner. Diplomarbeit. TUBerlin, 1985; Rachel Reich
man (Communication Paradigms for a Window System. In: Donald A. Norman, Ste
phen W. Draper (eds.): User Centered System Design. New Perspectives on Human
Computer Interaction. Hillsdale, NJ, 1986, Erlbaum Associates, S. 285313) stellt prin
zipiell in Frage, ob das KommunikationsParadigma für solche Interaktionen ein geeig
netes analytisches Raster zur Verfügung stellt. Vgl. hierzu ausführlich Suchman, Lucy
A.: Plans and Situated Action. The problem of human machine communication. Cam
bridge 1987, Cambridge University Press.
145 Vgl. hierzu als Beispiel das Phänomen „naiver physikalischer Erklärungen", bei denen
physikalisch zwar unzutreffende, aber erfolgreiche Annahmen über technische oder
„natürliche" Geschehensabläufe getroffen werden (vgl. Owen, David: Naive Theories
of Computation. In: Donald A. Norman, Stephen W. Draper (eds.): User Centered Sy
Technik als Kontingenzmanagement Handeln als teilvariahle Sequenz 237
Der konkrete Gebrauchsakt technischer Artefakte wird nach dem von
Norman und seinen Mitarbeitern entworfenen Modell ebenfalls als Rück
koppelungsstruktur entworfen, mit dem insbesondere instrumentelle
Theorien des Gebrauchs korrigiert werden. Jede technische (Teil)Hand
lung wird hierbei in sieben Sequenzen unterteilt, denen unterschiedliche
Aktivitätsmodi entsprechen. In ihrem handlungszentrierten Modell gehen
Norman et al. dabei von folgendem Grundproblem aus: „The user of the
System starts off with goals expressed in psychological terms. The system
however, presents its current State in physical terms. Goals and system State
differ significantly in form and content".146 Um ein technisches Artefakt ge
mäß seiner Intention nutzen zu können, muß der Nutzer deshalb einerseits
einen „gulf of execution" überwinden. Nachdem er seine Ziele gebildet hat,
muß der Handlungsentschluß gefaßt, die richtige „Handhabe" spezifiziert
und schließlich die Handlung ausgeführt werden (i.d.R. durch direkten
Kontakt mit den Bedienungselementen des Artefaktes). Andererseits muß
ein „gulf of evaluation" überwunden werden: Die Reaktion des Artefaktes
muß beobachtet, dann interpretiert und schließlich der eingetretene Erfolg
mit den Zielen verglichen werden.
Der Gebrauch technischer Artefakte nach dem von Norman et al. eta
blierten Modell impliziert damit, daß die Nutzer permanent zwischen ei
nem Handlungs und einem EvaluationsModus wechseln, wobei sowohl
die Handlungsplanung als auch die Interpretation der Handlungsergebnis
se durch mental models (an)geleitet wird. Auch wenn der Charme dieses
formalen Konzeptes sich nur schwer erschließt, liegen dessen Vorteile doch
darin, daß (a) ein strikt handlungs und nutzungszentriertes Modell ent
worfen wird, das (b) instrumentalistischen Kurzschlüssen vorbeugt, indem
die „blackbox" geöffnet wird, in der die Prozesse zwischen der Selektion
eines Artefaktes und dem Eintreten des Handlungserfolges verschwinden;
damit wird (c) theoretisch und analytisch ein Spielraum für die Handlungs
fähigkeit und notwendigkeit des Nutzers zurückgewonnen, wodurch (d)
technische Artefakte als TatSachen bestimmbar werden. Wird diese Per
spektive weiterentwickelt, erscheint Technik als Cyberfakt, als Ergebnis
der den Gebrauch bestimmenden Rückkoppelungen zwischen physischer
Struktur des Gerätes und psychischer Struktur des Nutzers. Wird in die
sem Sinne das Konzept der mental models konstruktivistisch gewendet,
stellen sie das Resultat zahlreicher TrialanderrorSituationen dar, in de
nen sich sowohl Gebrauchsw/sserc als auch individuelle Gebrauchsweisen
herausbilden.
stem Design. New Perspectives on HumanComputer Interaction. Hillsdale, NJ, 1986,
Erlbaum Associates, S. 187200).
146 Norman, Donald A.: Cognitive Engineering. In: Donald A. Norman, Stephen W. Dra
per (eds.): User Centered System Design. New Perspectives on HumanComputer In
teraction. Hillsdale, NJ, 1986, Erlbaum Associates, S. 3161, S. 38.
238 Die Ordnung der Technik
Festzuhalten ist insbesondere, daß die Relation TechnikNutzer nicht
als Determinationsbeziehung beschrieben, sondern der aktive Part des
Nutzers betont wird. Dieser Paradigmenwechsel in den die Konstruktion
technischer Artefakte leitenden Konzepten der ComputerSciences er
schöpft sich allerdings nicht nur in der Etablierung eines neuen, „aktiven"
NutzerBildes, sondern betrifft auch das Verständnis der im Umgang mit
Technik bedeutsamen Kognitionsprozesse. Kognition wird nicht mehr län
ger als „Rechnen" oder abstrakte „Symbolmanipulation" konzipiert, son
dern ihre Abhängigkeit von situativ und körperlich gebundenem Handeln
betont, ein Perspektivenwechsel, den Francisco Varela als „reenchantment
of the concrete" kennzeichnet.147 Bemerkenswert ist dabei auch die Kon
juktur von Begriffen der beziehungsorientierten Sozialwissenschaft wie
etwa „Interaktion" oder „Kommunikation" im natur und technowissen
schaftlichen Diskurs, mit denen seit einigen Jahren MenschMaschineRe
lationen beschrieben werden. Diese kommunikations und interaktions
theoretischen Begriffe werden gegenwärtig zusammen mit Metaphern wie
„Schnittstelle" oder „Interface" in die Sozialwissenschaften reimportiert.
Den bei einem solchen Phänomen der „Traveling Theory" (E. Said) zu be
obachtenden Transformationen und subtilen aber folgenreichen Bedeu
tungsverschiebungen148 kann im hier interessierenden Fragezusammenhang
nicht weiter nachgegangen werden.
Festzuhalten bleibt allerdings, daß bis Ende der 70er Jahre gerade das be
zieh ungsorientierte Programm soziologischer Erklärungsmuster nach der
Kritik von Autoren wie Linde eine Thematisierung der Technik als soziales
Phänomen weitgehend verhindert hatte, eine „Sachblindheit", die durch
Rückgriff auf verhältnisorientierte Erklärungsmuster überwunden werden
sollte. Demgegenüber zeichnet sich momentan ein gegenläufiger Prozeß
ab: Der Schwäche deterministischer oder instrumentalistischer Konzepte
der Technik wird sowohl in den Techno als auch in den Sozialwissen
schaften mit der Erprobung eines beziehungsorientierten Vokabulars ge
genüber dem Phänomen „Umgang mit Technik" und durch Rückgriff auf
kommunikations oder interaktionstheoretische Ansätze begegnet.
Technik als „ harter" Text und die KonFiguration des Nutzers
Die oben vertretene These, daß in technischen Artefakten vielfältige, aber
nicht beliebige Nutzungsoptionen bereitgestellt sind, findet ihre Entspre
chung in einigen neueren Ansätzen der Soziologie und Technikphiloso
phie, in denen vorgeschlagen wird, Technik als Text zu konzipieren. Die
147 Varela, Francisco J.: The Reenchantment of the Concrete. In: Jonathan Crary, Sanford
Kwinter (eds.): Incorporations (Zone 6). New York 1992, Zone, S. 320339.
148 Vgl. hierzu Said, Edward W.: The World, the Text, and the Critic. Cambridge, MA,
1983, Cambridge University Press, insbes. S. 226247.
Technik als Kontingenzmanagement Handeln als teilvariable Sequenz 239
Erprobung dieser TextMetapher zielt vor allem auf eine Revision determi
nistischer oder instrumenteller Interpretationsansätze. „Umgang" mit
Technik wird hierbei nicht mehr als Realisation eines vorprogrammierten
Handlungsverlaufes oder als unproblematische Anwendung einer vorgege
benen Funktionalität konzipiert, sondern als aktive, Wissen erfordernde,
selbständige Leistung des Nutzers, die in Analogie zur TextInterpretation
konzipiert wird. Technische Artefakte sind nach diesem Konzept durch
eine „interpretative Flexibilität"149 ausgezeichnet, die jedoch sowohl durch
ihre Materialität ihren KonText als auch durch ihre Einbindung in ge
sellschaftliche Diskurse ihre kulturellen und sozialen KoTexte eine
mehr oder weniger wohldefinierte Grenze findet: „the exploration of the
machine text metaphor deals with a particularly hard case in interpretati
on."150
Die analytische Produktivität der Interpretation technischer Artefakte
als Text wurde insbesondere von Steve Woolgar im Rahmen einer Ethno
graphie der Computernutzung erprobt.151 In einer über einen längeren
Zeitraum angelegten Forschung beobachtete er teilnehmend die Entwick
lung eines neuen Computermodells bis zur Marktreife und führte selbst die
sogenannten „usability trials" durch, Testreihen mit Laien, in denen die
Prototypen und die mitzuliefernden Handbücher auf Funktionalität und
Gebrauchseigenschaften respektive Verständlichkeit getestet werden. In
die konkrete Gestaltung der Prototypen ihre Fuktionalität und ihr Desi
gn beziehungsweise in den sie begleitenden Handbücher und Gebrauchs
anweisungen waren dabei eine Vielzahl sich häufig widersprechender Vor
annahmen der Konstrukteure, Projektmanager, Marketingbeauftragten,
Servicetechniker und Finanzmanager über die Fähigkeiten und Bedürfnisse
der Endnutzer eingegangen. Woolgar rekonstruiert den gesamten Ent
wicklungsprozeß der neuen Geräte als betriebsinterne Auseinanderset
zung, deren Ziel es ist, ausgehend von differenten Benutzerbildern Optio
nen und Beschränkungen für die Nutzer festzulegen und ihren Umgang
niit dem Gerät durch Vorgaben in der Produktkonstruktion weitgehend zu
determinieren. Diese Absicht, einen „Text" zu verfassen, der nur bestimm
te „Lesarten" zuläßt, andere jedoch ausschließt, wird von Woolgar als Ver
such beschrieben, die Konfiguration der Relation festzulegen, die die Nut
zer zu dem Gerät entwickeln können.
Dieses Konzept der Produktion technischer Artefakte als „writing" und
der Nutzung als „reading" kann generalisiert werden. Durch die Gestal
tung des Endproduktes und die in den Handbüchern mitgelieferten Ge
brauchsanweisungen werden den Nutzern nur bestimmte Formen des Zu
gangs zu und der Nutzung von technischen Artefakten nahegelegt, wäh
149 Woolg ar, Configuring, S. 60.
!50 Ebd., S. 61.
151 Ebd.
240 Die Ordnung der Technik
rend andere Umgangsformen ausgeschlossen werden sollen. Die Skala der
in diesem Konfigurationsprozeß gewählten Regularien reicht hierbei von
der einfachen physischen Begrenzung der Reichweite des Nutzers durch
„blackboxing" dem Verbergen zentraler Funktionselemente im Gehäuse
technischer Artefakte, die damit der Manipulation des Nutzers entzogen
werden über die Gestaltung von Anzeigeinstrumenten die dem Nutzer
gefilterte, in spezifischer Form aufbereitete Informationen bereitstellen,
womit Rückschlüsse auf „innere" Prozesse der Geräte ermöglicht und be
stimmte Interventionen nahegelegt werden bis hin zu im engeren Sinne
textuellen Vorschriften über die „richtige" Bedienung der Geräte in Ge
brauchsanleitungen und der Einbindung technischer Artefakte in institu
tionelle Arrangements.152
Die durch solche physischen, diskursiven und sozialinstitutionellen Re
gularien den Nutzern zu und vorgeschriebenen „Positionen"153 in der Re
lation zu technischen Artefakten grarantieren jedoch nicht „that some users
will not find unexpected and uninvited uses for the machine. But such be
havior will be categorised as bizarre, foreign, perhaps typical of mere
users."154 Von den Produzenten nicht vorgesehener Geräteumgang wird
daher nicht nur direkt, durch physische und diskursive Regularien be
grenzt, sondern unerwünschte Formen der Nutzung werden auch durch
negative Sanktionen geahndet. Dies geschieht etwa durch die Androhung
des Verlustes von Garantieleistungen bei „unsachgemäßem Gebrauch"
oder informell, auf gesellschaftlicher Ebene etwa durch Witze oder „Greu
elgeschichten" „tales of the nasty things that users have done to [the] ma
chines"155 , indem Praktiken, die den vorgegebenen Zwecksetzungen und
Umgangsweisen zuwiderlaufen, als Ergebnis von Inkompetenz und Igno
ranz der Nutzer dargestellt werden.
Mit der Konzeption der Technik als Text wird versucht, gerade diesen
komplexen Zusammenhang der kon und kotextuellen Beschränkung in
den möglichen Nutzungsweisen technischer Artefakte zu thematisieren,
ohne dabei erneut in das Fahrwasser deterministischer Erklärungsansätze
zu geraten. Die theorietechnische Pointe dieses Ansatzes besteht hierbei ei
nerseits darin, die physischen und diskursiven Regularien des Umgangs
analytisch auf der gleichen Ebene zu behandeln sowohl materielle als
auch immaterielle Faktoren werden damit als gleichrangige Elemente bei
der Konfiguration der Relation TechnikNutzer behandelt. Andererseits
152 Vgl. Burns, Tom R., Thomas Dietz: Technology, sociotechnical systems, technological
development: An evolutionary perspective. In: Dierkes/Hoffmann, New Technology,
S. 206238, und Woolgar, Configuring (insbes. zum Phänomen des blackboxing).
153 Vgl. hierzu Akrich, Madeleine: Beyond social construction of technology: The shaping
of people and things in the innovation process. In: Dierkes/Hoffmann, New Technolo
gy, S. 173190.
154 Woolgar, Configuring, S. 89.
155 Ebd., und Fußnote 14.
Technik als Kontingenzmanagement Handeln als teilvariable Sequenz 241
wird hiermit, ausgehend von der These, daß jede Nutzung eines „akklama
tiven Aktes" bedarf, die interpretative Flexibilität technischer Artefakte
und die nicht völlig determinierbare individuelle, notwendig situativge
bundene Nutzung technischer Artefakte betont: Wie „traditionelle Texte"
Schrift, Partituren oder architektonische Pläne seien auch solche instru
mentellen Texte prinzipiell durch interpretative Offenheit, fehlende Ein
deutigkeit und „Unabgeschlossenheit" geprägt. So betont etwa der Tech
nikphilosoph Albert Borgmann, daß alle technischen Artefakte wie „tradi
tionelle Texte" realisiert werden müssen. Dem Lesen, der Auf oder der
Ausführung entspricht nach diesem Konzept die situationsgebundene, in
dividuelle Nutzung des Artefaktes klassische wie instrumentelle Texte
seien daher „informed by contingency" ,156
Durch Anleihen bei rezeptionstheoretischen Ansätzen der Textinterpre
tation wird allerdings herausgestrichen, daß jeglicher Gebrauch wie die
Les und Interpretierbarkeit traditioneller Texte ein komplexes kulturel
les Wissen erfordert: Ebenso wie die „legibility of texts obviously requires
a living and continuous Community that sustains and hands down the skill
of reading [and interpreting, S.B.]"157, wird beim Umgang mit technischen
Artefakten stillschweigend das Wissen um kollektive, gesellschaftliche
Konventionen vorausgesetzt, mit denen legitim verfolgbare Zwecke und
adäquate Nutzungsweisen definiert werden. Dabei handelt es sich um ein
Gebrauchs und Kontextwissen, das sozial und kulturell ungleich verteilt
ist. Daß die Nutzung technischer Artefakte von kulturell spezifischem „ta
cit knowledge" abhängig ist, dafür können beispielhaft ethnographische
Berichte herangezogen werden, in denen der Umgang dekontextierter, in
dustriegesellschaftlicher Technik in sogenannten „einfachen" Gesellschaf
ten beschrieben wird Phänomene, die unter dem Stichwort „CargoKul
te" wissenschaftliche Prominenz erlangten.
Unter dem Begriff „CargoKulte" werden in der ethnographischen Li
teratur religiöscharismatische Bewegungen Melanesiens zusammengefaßt,
die Artefakte der Industriegesellschaft, die als Strand und Treibgut in die
betreffenden Regionen gelangt oder als Kriegsschrott nach dem Zweiten
Weltkrieg zurückgelassen worden waren, für kultische oder magische
Praktiken „zweckentfremdeten".158 Stephen Hill untersuchte als Soziologe
ausführlich solche und ähnliche Formen „unkontrollierten" Technologie
156 Borgmann, Albert: Texts and Things: Holding on to Reality. In: Timothy Casey, Lester
Embree (eds.): Lifeworld and Technology. Washington, D.C., 1990, University Press
of America, S. 93116, S. 98.
157 Ebd.
158 Vgl. grundlegend hierzu u.a.: Lawrence, Peter: Road Belong Cargo: A Study of the Ca
rgo Movement in the Southern Madang District, New Guinea. Melbourne 1964, Mel
bourne University Press; Worsley, Peter: The Trumpet Shall Sound: A Study of Cargo
Cults in Melanesia, 2nd edition. New York 1968, Schocken Books; Steinbauer, Frede
rich: Melanesian Cargo Cults: New Salvation Movements in the South Pacific. St. Lucia
1979, University of Queensland Press.
242 Die Ordnung der Technik
transfers,159 in denen durch kulturelle Dekontextierung technischer Arte
fakte „sachfremde" Umgangsweisen entstehen eine „cultural transmu
tation of technological meaning".160 Ausgelöst wird diese Verwandlung
durch die Störung des Zusammenhanges, des „alignment" zwischen dem
technologischen Text des einzelnen Artefaktes und dem komplexen kultu
rellen und sozialen Rahmen der jeweiligen „Herkunftsgesellschaft", in der
es in Produktions, Konsumtions und Obsoleszenzprozesse eingebunden
ist und seine ursprüngliche Funktionalität, Zweckgerichtetheit und symbo
lischen Dimensionen definiert wurde. Ohne dieses stillschweigende Wissen
um Produktions und Distributionsstrukturen moderner Industriegesell
schaften stellen etwa die nach dem Abzug USamerikanischer Truppen
nach dem Zweiten Weltkrieg von einer Gruppe auf Neu Guinea aus Bam
bus errichteten Nachbauten von Landepisten, Kontrolltürmen, Funkka
binen und Hangars, mit denen Flugzeuge und westliche Güter „angelockt"
werden sollten, magische, aus der Perspektive westlicher Industriegesell
schaften tragischdysfunktionale Praktiken dar.161 Solche Ethnographien
mißglückter Transfers von Technologien und technologischen Praxen kön
nen als Hinweis darauf interpretiert werden, daß bei konkreten Analysen
einzelner technischer Praxen der zu berücksichtigende technologische Ko
Text weit gefaßt werden muß und auch stillschweigendes, implizites Ver
wendungs und Gebrauchswissen einbezogen werden muß: das Wissen um
das soziotechnische System, dessen Bestandteil das jeweilige Artefakt ist
und aus dessen Bestand es seinen praktischen Sinn bezieht.
Mit einem Konzept, in dem Technik als Text konzipiert wird, in den mate
rielle und diskursive „Lese" und „Interpretationsanweisungen" eingelas
sen sind, die die Nutzer auch vor dem Hintergrund eines komplexen tacit
knowledge um die relevanten soziotechnischen Systeme entziffern müssen,
können einige objektivistische und ethnozentristische Verkürzungen kor
rigiert werden, wie sie tendenziell etwa im bereits oben erwähnten psy
chologischen Konzept der affordances angelegt sind. Eine kurze Analyse
dieses Begriffes, den Donald A. Norman für seine Untersuchungen des all
täglichen Umgangs mit profanen technischen Artefakten aus der „Ökolo
gischen Psychologie" von James J. Gibson übernimmt, dient nicht nur der
weiteren theoretischen Präzisierung der TextMetapher , sondern auch
indem dieses Konzept kritisch gewendet wird ihrer Erweiterung.
Gibson entwickelte sein Konzept der affordances in kritischer Ausein
andersetzung mit der Gestaltpsychologie, in der vom „Aufforderungscha
159 Hill, Stephen: Eighteen Cases of Technology Transfer to Asia/Pacific Region Coun
tries. In: Science and Public Policy, Vol. 13, 3/1986, S. 151170.
160 Vgl. insbes. Hill, Stephen: The Tragedy of Technology. Human Liberation versus Do
mination in the Late Twentieth Century. London 1988, Pluto Press, S. 43f.
161 Vgl. Harris, Marvin: Cows, Pigs, Wars and Witches. The Riddles of Culture. New
York 1975, Vintage, insbes. S. 133152.
Technik als Kontingenzmanagement Handeln als teilvariable Sequenz 243
rakter" phänomenaler Objekte ausgegangen wurde.162 Demgemäß besitzt
etwa ein Briefkasten so ein prominentes Beispiel K.Koffkas einen „de
mand character" dann (und nur dann), wenn er zum Briefeinwurf genutzt
werden soll. Mit anderen Worten: Die wahrgenommenen Eigenschaften
der alltäglichen Dinge ändern sich gemäß der Bedürfnislagen ihrer Beob
achter, nur der phänomenale Briefkasten lädt zum Einwerfen eines Briefes
ein, nicht der physikalische Briefkasten.163 Dieser im Grundsatz phänome
nologischen, Beobachter und nutzerabhängigen Betrachtungsweise ver
suchte Gibson eine beobachterunabhängige, objektivistische Perspektive
entgegenzusetzen, deren Originalität insbesondere darin gesehen werden
kann, daß sie die SubjektObjektTrennung gängiger Wahrnehmungstheo
rien aufzuheben versucht: „When an observer perceives edibility he percei
ves it in relation to his mouth and teeth and digestive system; when he per
ceives manipulability he perceives it in relation to his hands, to which the
object or tool is suited; [...] perception of the environment is inseparable
from proprioception of one's own body [...] egoreception and exterocep
tion are reciprocal."164
Auf diese enge Verknüpfung von Welt und Selbstwahrnehmung und
die Rolle technischer Artefakte in diesem Prozeß ist unten detaillierter zu
rückzukommen. Hier jedoch ist ein anderer Aspekt entscheidend: Die
wahrgenommenen affordances eines Gegenstandes, seine Objektpotentia
le, werden als objektiv im Hinblick sowohl auf die physiologischen Eigen
schaften des Beobachters wie auf die physischen des Objektes konzipiert:
»If an object that rests on the ground has a surface that is itself sufficiently
rigid, level, flat, and extended, and if this surface is raised approximately at
the hight of the knees of the human biped, then it affords sittingon. [...]
Now just as surfaces are standonable and sitonable so also they are
bumpintoable or getunderneathable, or climbonable, or fallofable.
Different layouts afford different kinds of behavior and different sorts of
encounters, some beneficial and some harmful."165 Im Ansatz Gibsons wer
den damit invariante, objektive „affordance relations"166 zwischen Nutzer
und Objekt direkt durch physischen Eigenschaften beider Elemente die
ggrRelation geschaffen.167
162 Vgl. grundlegend hierzu Lewin, Kurt: Vorsatz, Wille und Bedürfnis. In: Psychologi
sche Forschung, 7/1926, S. 274385, und Koffka, Kurt: Principles of Gestalt psycholo
gy. New York 1935, Harcourt, Brace, & World.
163 Koffka, Principles, S. 353f.
164 Gibson, Theory, S. 79; vgl. hierzu ausführlich Gibson, James J.: The Senses Considered
as Perceptual Systems. Boston, New York et al. 1966, Houghton Mifflin.
165 Ebd., S. 68 (kursiv i.O.).
166 Mace, William M.: James J. Gibson's Strategy for Perceiving: Ask not What's Inside
Your Head, but What Your Head's Inside of. In: Robert E. Shaw, John Bransford
(eds.): Perceiving, acting, and knowing. Toward an Ecological Psychology. Hillsdale,
NJ, 1977, Erlbaum Associates, S. 4365, S. 59.
167 Diese Betonung des objektiven Charakters der wahrgenommenen Welt in den Ansät
zen der „Ecological Psychology" scheint vor allem durch eine deutliche Grenzziehung
244 Die Ordnung der Technik
Problematisch an diesem Ansatz Gibsons ist jedoch, daß hier wie auch
in anderen objektivistischen Konzepten der „Ecological Psychology"168
die sozialen und kulturellen Voraussetzungen des „sachgemäßen" Ge
brauchs aus der Betrachtung weitgehend ausgeklammert werden. Ein
Briefkasten um das oben eingeführte Beispiel wieder aufzunehmen „af
fords lettermailing to a letterwriting human in a Community with a postal
system. This fact is perceived when the postbox is identified as such, and is
apprehended whether the postbox is in sight or out of sight."169 Spätestens
an diesem Beispiel wird deutlich, daß das Konzept der affordances, wie es
von Gibson entwickelt wurde, nur einen beschränkten analytischen Wert
für kultur und sozialwissenschaftliche Analysen besitzt. „Bumpintoabi
lity" und „standonability" mögen zwar alltäglich leid oder lustvoll er
fahrene affordances des Objektes Briefkasten sein, doch ohne das Wissen
um seine Einbindung in das soziotechnische System BriefschreiberPost
Empfänger und um die Probleme korrekter Adressierung oder korrekten
Portos bleibt sein Objektpotential „Briefkasten" ein leeres, zwar objekti
ves, aber individuell unaktualisierbares Versprechen. Wie voraussetzungs
reich die Wahrnehmung der affordances „Briefkasten" ist, erweist sich
schließlich auch an den durchaus gängigen Fehlnutzungen europäischer
oder japanischer Touristen, die New Yorker Briefkästen irrtümlich als
Mülleimer zweckentfremden.
Trotz der eklatanten Schwächen dieses objektivistischen Konzeptes von
Gibson können zwei Elemente seiner Theorie nutzbringend weiterentwik
kelt werden. Erstens sein Hinweis, daß Wahrnehmung unmittelbar an die
körperliche Bewegung, an die Handlungsfähigkeit der Akteure im Raum
ihre Kinästhetik gebunden ist; und zweitens, daß als maßgebliche „unit of
analysis" die Relation von Nutzer und Objekt anzusehen ist, charakteri
siert durch affordances, durch vielfältige und kaum eindeutig bestimmbare
Objektpotentiale. Insbesondere dieser Aspekt gewinnt im hier verfolgten
Fragezusammenhang dann einige Bedeutung, wenn vor dem Hinter
grund des oben beschriebenen, diskursiv gebundenen Gebrauchs von Arte
fakten das Konzept der affordances als Ansatzpunkt für widerständigen
gegen phänomenologische Konzepte der Wahrnehmung motiviert, eine Perspektive,
die den naturwissenschaftlichen Anspruch dieser psychologischen Schule untergraben
würde; vgl. hierzu etwa Robert Shaw, John Bransford: Introduction: Psychological Ap
proaches to the Problem of Knowledge. In: Dies, (eds.): Perceiving, acting, and kno
wing. Toward an Ecological Psychology. Hillsdale, NJ, 1977, Erlbaum Associates, S. 1
39.
168 Vgl. etwa das „behaviorsettings"Konzept des Ökopsychologen Roger E. Barker
(Ecological Psychology. Stanford 1968, Stanford University Press), der ähnlich wie
Gibson davon ausging, daß in der gebauten Umwelt objektive, invariante Strukturen
vorliegen, die letztlich feste Verhaltenskonstellationen hervorbringen, eine strukturelle
Kongruenz zwischen Verhalten und „Milieu", die er als Synomorphie bezeichnete.
169 Gibson, Theory, S. 78.
Technik als Kontingenzmanagement Handeln als teilvariable Sequenz 245
Objektumgang interpretiert wird: „Disciplinary power teils us that a chair
is for sitting on, but [...] perception permits us to see that it affords Standing
upon, throwing, lying over, scatching against, and so on."170 Mike Michael
und Arthur Still unterstrichen hiermit, daß im Gegensatz zu diskursiven
Regularien, wie Verboten, Vorschriften oder Gebrauchs(wert)anweisun
gen affordances als moralisch neutral anzusehen seien und, indem sie Be
schränkungen und Möglichkeiten etablieren, Ansatzpunkte für spielerische
Kreativität und Neugier, aber auch für bewußte und demonstrative Verlet
zungen der etablierten, mit Macht ausgestatteten Gebrauchsregeln bie
ten.171
Diese unvorhersehbaren Formen der Praxis, die durch affordances er
möglicht werden, interpretiert Michel De Certeau als „Lesen" eines vorge
gebenen (technologischen) Textes. Am Beispiel des Gehens in der Stadt
analysiert er so die je individuell eingeschlagenen Wege, mit denen durch
die gebaute Umwelt gebotene Möglichkeiten realisiert werden, auch gegen
Ge und Verbote „anzugehen", als Praxen, die gegen die Logik der herr
schenden Disziplinierungs und Überwachungssysteme gerichtet sind.172
Vor dem Flintergrund dieser Überlegungen wird auch deutlich, daß eine
vollständige Konfiguration der Relation NutzerTechnik im Sinne der Ge
staltung von Benutzeroberflächen spätestens an der unverzichtbaren
Handlungsfähigkeit der Nutzer scheitern muß. Jedes technische Artefakt
weist notwendig multiple Objektpotentiale auf, die auch durch strenge Ge
brauchsvorschriften und penible Überwachung der institutionellen Arran
gements ihres Gebrauchs nicht beseitigt werden können. Die oben vorge
stellte sachtheoretische These, daß technische Artefakte gegen sachfremde
Bedürfnisse, Kalküle und Interessen der Handelnden immunisiert seien
und so zum „Verlaufssouverän" des Handelns würden, erweist sich somit
als wenig haltbar.
In produktiver Weise kann das Konzept der affordances zudem weiter
entwickelt werden, wenn die implizite Prämisse des „einsamen" Akteurs
aufgegeben wird, also die reduktionistische Vorannahme der „Ecological
170 Michael, Mike, Athur Still: A resource for resistance: Powerknowledge and affordan
ce. In: Theory and Society, Vol. 21, 6/1992, S. 869—888, S. 881.
171 InaMaria Greverus (Zur kulturanthropologischen Relevanz des Behavior Setting
Konzeptes. In: Gerhard Kaminski (Hg.): Ordnung und Variabilität im Alltagsgesche
hen. Göttingen 1985, Verlag für Psychologie, S. 179189) argumentiert in ihrer Kritik
der behavior settingKonzepte ähnlich: Aus kulturanthropologischer Perspektive inter
essiere nicht die von Barker et al. beobachete Synomorphie zwischen Milieustruktur
und Verhalten, sondern gerade die Abweichung vom vorgeschriebenen Verhalten. Be
haviorsettings versteht Greverus damit als „Manifestationen einer intendierten gesell
schaftlichen Konstruktion der Wirklichkeit, deren Internalisierung eingeplant ist."
(Ebd., S. 188) Im Sinne der oben eingeführten Sprachregelung wären behavior settings
entgegen Barkers objektivistischen Konzept damit als Einheit kon und kotextueller
Vorgaben des Handelns zu verstehen, während sich affordances allein auf den kontex
tuellen Aspekt beziehen.
172 De Certeau, Michel: Kunst des Handelns. Berlin 1988, Merve, insbes. S. 179208.
246 Die Ordnung der Technik
Psychology", wonach sich Handelnde in einer durch.physische Eigenschaf
ten bestimmten Umwelt bewegen, in der intersubjektive, soziale und kul
turelle Faktoren zu vernachlässigen sind. Denn zahlreiche Objektpotentia
le können erst durch Interaktion, Kooperation und Kommunikation reali
siert werden und sind damit Ergebnis historisch wandelbarer „sozialer Fi
gurationen".173 Während bei Gibson affordances aus den physischen Ei
genschaften der Objekte und invarianten biologischen Merkmalen der Le
bewesen resultieren, ist der Prozeß der Zivilisation (N.Elias) gerade durch
historisch Variante Interdependenzen und zunehmend komplexere Formen
sozialer Arbeitsteilung gekennzeichnet. Diese Abhängigkeit der Objektpo
tentiale von sozialen Figurationen kann etwa unter dem Begriff „socially
mediated affordances"174 gefaßt werden, womit allerdings nur die eine Seite
der Relation Nutzer/GesellschaftArtefakt angesprochen wird. Nahelie
gender ist es daher, diesen komplexen Zusammenhang als KonFiguration
von technischen Artefakten und Gesellschaft zu konzipieren: Die techno
logische Entwicklung kann so als Ergebnis und Bedingung (nicht nur) mo
derner Gesellschaften verstanden werden, indem neue Objekte neue affor
dances bereitstellen, die wiederum andersartige soziale Figurationen er
möglichen, aus denen wiederum neue Objekte hervorgehen.
Die in die metaphorische Behandlung technischer Artefakte als Text ein
gehenden Vorannahmen können damit modifiziert und präzisiert werden.
Das Konzept, nach dem die „interpretatorische Flexibilität" technischer
Artefakte kontextuell durch ihre Materialität und kotextuell durch ihre
diskursive, soziale und kulturelle Bindung eingeschränkt wird, muß durch
den Hinweis erweitert werden, daß gerade ihre Materialität zugleich auch
Umnutzungen und Mißbrauch zuläßt. Es empfiehlt sich daher, etwa zwi
schen manifesten und latenten KonTexten zu differenzieren. Die Abhän
gigkeit der „affordance relations" von kotextuellen sozialen Figurationen
erlaubt zudem die Einführung einer kulturrelativistischen Perspektive.
„Relativistisch" verweist hierbei auf die Charakterisierung der dreifachen
Relation und Rückbezüglichkeit zwischen technischem Artefakt (Kon
Text) Praxen der Nutzer Kultur (KoText). So wird etwa durch ab
sichtliche und unabsichtliche Technologietransfers die Balance zwischen
manifesten und latenten affordances teilweise radikalen Veränderungen un
terworfen, so daß mit ungeplanten Gebrauchsformen zu rechnen ist; ein
Phänomen, das nicht nur im Falle der oben beschriebenen „CargoKulte",
sondern durchaus bei der Implementation technischer Artefakte zu beob
achten ist, wenn sie aus ihrem EntwicklungsKoText in den Alltags(ge
brauchs)KoText überführt werden.
173 Elias, Prozeß, hier insbes. Band 1, Einleitung, S. LXVILXIX.
174 Vgl. hierzu u.a. Reed, Edward S.: James Gibson's ecological approach to Cognition. In:
Arthur Still, Alan Costall (eds.): Against Cognitivism. Hemel Hempstead 1991, Härte
ster Wheatsheaf, S. 171197; Noble, William: Gibsonian theory and the pragmatist per
Technik als Kontingenzmanagement Handeln als teilvariahle Sequenz 247
Die Thematisierung profaner Artefakte des täglichen Gebrauchs als Ele
mente technologischer Texte ermöglicht damit v.a. dreierlei: (a) eine Per
spektive, die sowohl die Einschränkung als auch die Ermöglichung von
Kontingenz gleichzeitig im Blick behält; (b) eine Korrektur der gängigen
bipolaren, instrumentalistischen Interpretationsansätze, in denen lediglich
die Relation NutzerArtefakt thematisiert wird, durch einen Ansatz, in
dem die komplex verwobenen Relationen von Artefakt, Kultur und Nut
zer in den analytischen Fokus geraten; und schließlich (c) die Betonung des
aktiven Parts der Nutzer in den so konkretisierten Relationen.
Ausgehend von der modellhaften Annahme dieser dreifachen Relation
von Artefakt, Kultur und Nutzer lassen sich aber nicht nur sozialmediierte
Objektpotentiale rekonstruieren darstellbar etwa in dem Formalismus
Nutzer «soziale Figuration «Artefakt, sondern auch technologischme
diierte Objektpotentiale. Um ein triviales Beispiel anzuführen: Das Objekt
potential „toastbar" des morgendlichen Weißbrotes läßt sich erst durch
TechnikEinsatz realisieren als Relation
Nutzer «(soziale Figuration «Artefakte) «Artefakt, also als Verhältnis
Nutzer «(Frühstückssetting «Toaster etc.) «Weißbrot.
Diese Relationskette enthält nicht nur zahlreiche, durch „blackboxing"
verborgene Elemente wie EnergieInfrastrukturen und Bäckereibetriebe,
sondern ist etwa auch durch den Einsatz einer Zeitschaltuhr etc. beliebig
verlängerbar.
Mit dem Begriff technologischmediierter Objektpotentiale verweise ich
im folgenden auf die Bedeutung der Verknüpfung einzelner technischer
Artefakte zu soziotechnischen Komplexen und Systemen, die für die Ge
nese von Praxisformen entscheidende Bedeutung erlangen. Die hier sche
matisch durch einen Doppelpfeil (<=4 nochmals verdeutlichte Annahme,
daß technische Artefakte als Cyberfakte zu rekonstruieren sind so kann
das FrühstücksUnterprogramm „Toasten" etwa vorzeitig abgebrochen
werden, wenn der gewünschte Bräunungsgrad der Brotscheiben bereits er
reicht ist , ist allerdings nicht nur auf triviale Kontroll und Steuerungs
notwendigkeiten im Umgang mit Technik zu beziehen. Wie bereits oben
im Zusammenhang des affordanceKonzeptes von Gibson et al. erörtert
wurde, wird dort eine unlösbare Verbindung zwischen der Umweltwahr
nehmung und der Selbstwahrnehmung angenommen. Die Wahrnehmung
der Umwelt ist untrennbar mit der Selbstwahrnehmung des eigenen Kör
pers verbunden; Eigenwarnehmung und Außenwahrnehmung werden als
Rückkoppelungsbeziehung konzipiert.175
spective. In: Journal for the Theory of Social Behaviour, Vol. 11/1981, S. 65—85; vgl.
hierzu auch Michael/Still, Resource, S. 884.
175 Vgl. insbes. Gibson, Theory, S. 79.
248 Die Ordnung der Technik
Obwohl von Gibson die Frage technologischmediierter Objektpoten
tiale nicht erörtert wird, ist offensichtlich, daß die hiermit aufgeworfene
Frage des Zusammenhanges von Welt und Selbstwahrnehmung dann ei
nen weiteren, brisanten Stellenwert erhält, wenn wie das spätestens für
moderne Industriegesellschaften der Fall ist das Verhältnis von Selbst und
Welt umfassend technologischmediiert und moderiert wird. Dieser Frage
nach dem Zusammenhang technologischvermittelter Welt, Selbst und
Körpererfahrung wurde seit den 20er Jahren insbesondere in den Fragestel
lungen und Erklärungsansätzen der Phänomenologie nachgegangen. Eini
ge der wichtigsten, dort entwickelten Ansätze sollen im folgenden kurz ge
sichtet werden, um den möglichen Beitrag der Technik im Prozeß ihrer
Nutzung bei der KonFiguration von Selbst und Welt zu umreißen. Diese
Auseinandersetzung mit phänomenologischen Technikkonzepten soll da
bei allerdings aus der Perspektive der durch den Pragmatismus176 geprägten
USamerikanischen Technikphilosophie erfolgen, die transzendentalphilo
sophische Anstrengungen (E.Husserl) ebenso meidet wie existenzphiloso
phische Mythisierungen (M.Heidegger). Diese „gefilterte" Lesart der Phä
nomenologie greift europäische Denktraditionen „[in] a more 'American'
tribal language"177 unter praxistheoretischen wie unter ganz praktischen
Fragestellungen auf.
Embodiment relations, hermeneutic relations und Heideggers Hammer
Den wohl umfassendsten Versuch einer Synthese aus Phänomenologie,
Pragmatismus und dialektischmaterialistischen Philosophietraditionen im
Marxschen Sinne unternimmt der USamerikanische Technikphilosoph
Don Ihde in seinem schrittweise seit den 70er Jahren entwickelten Mo
dell der „humantechnology relations".178 Ausgangspunkt seiner Analysen
ist gemäß der Prämisse der phänomenologischen Methode, die Struktur
der Erscheinung der Phänomene zu untersuchen, wie sie sich in der kör
pergebundenen Wahrnehmung präsentieren, und sich Spekulationen über
das Wesen der Wahrnehmungsgegenstände zu enthalten179 ein strikt rela
tivistischer Ansatz, bei dem die möglichen Formen der „relationality of the
human experiencer to the field of experience"180 rekonstruiert werden. In
176 James, William: Pragmatism. Edited, with an introduction, by Bruce Kuklick. Indiana
polis, Cambridge 1981, Hackett (erstmals veröffentlicht: 1907).
177 Ihde, Technics, S. 5.
178 Vgl. hierzu insbes. Ihde, Technics (1979); Ders.: Technology and the Lifeworld. From
Garden to Earth. Bloomington, Indianapolis 1990, Indiana University Press; Ders.: In
strumental Realism: The Interface between Philosophy of Science and Philosophy of
Technology. Bloomington, Indianapolis 1991, Indiana University Press; Ders.: Philo
sophy (1993).
179 Vgl. hierzu als Uberblick Böhme, Gernot: Weltweisheit Lebensform Wissenschaft.
Eine Einführung in die Philosophie. Frankfurt/M. 1994, Suhrkamp, insbes. S. 227271.
180 Ihde, Lifeworld, S. 25 (kursiv von mir, S.B.).
Technik als Kontingenzmanagement Handeln als teilvariable Sequenz 249
zweifacher Hinsicht wird hierbei die „Tätigkeit der Akteure" im Rahmen
dieser MenschTechnikRelationen betont: erstens in der Analyse der
Wahrnehmung der Technik als eines aktiven, körpergebundenen Prozesses,
und zweitens in der Betonung der mit technischen Artefakten entfalteten
Praxis.
Der Ansatz von Ihde kann damit als exponiertes Beispiel der phänome
nologisch und praxistheoretisch orientierten USamerikanischen Technik
philosophie herangezogen werden, die sich vor allem der Untersuchung
der „embeddedness of technology in everyday life" verpflichtet sieht. Aus
gegangen wird hierbei von der Annahme, die Erfahrung von Welt und
Selbst sei „initially constituted at a prereflexive level of existence that is
primarily »technological«. It is thus through the straightforward exercise of
bodily skills in tool and equipment use that the horizon of the world is
grasped and made explicit,"181 Ihde greift diese Überlegungen auf, indem er
betont, daß im Gebrauch von Artefakten diese nicht nur als Objekt, son
dern auch als Mittel der Wahrnehmung erscheinen. Technik könne daher
nicht als „neutraler" Faktor konzipiert werden, sondern etabliere durch ih
ren Gebrauch sowohl einen spezifischen Zugang zur Welt als auch „reflexi
ve results for ourselves."182 Ihde setzt sich das Ziel, zwischen unterschiedli
chen Erfahrungsmodi und verschiedenartigen MenschTechnikRelatio
nen zu differenzieren; hierdurch versucht er insbesondere, reduktionisti
sche, monologische Technikkritiken zu korrigieren.
Ihde entwickelt sein Konzept der „humantechnology relations" in kri
tischer Auseinandersetzung mit der Phänomenologie Husserls, Heideggers
und MerleauPontys, deren Ansätze er für seine Analyse des Gebrauchs
technischer Artefakte modifiziert da dort allenfalls „prototypical analyses
of technological experience and its implications"183 entwickelt wurden. Ins
besondere greift er auf Martin Heideggers Überlegungen zur Zuhanden
heit der Dinge zurück, die dieser im Rahmen seiner „Fundamentalanalyse
des Daseins" vorlegte. In „Sein und Zeit" vertrat Heidegger die Grundthe
se, daß das alltägliche Dasein durch ein pragmatisches InderWeltsein
181 Timothy Casey und Lester Embree (Introduction, S. ix) fassen so bei aller Heterogeni
tät der Ansätze den zu verzeichnenden Konsens der Beiträge zusammen, die 1987 auf
der Konferenz „Lifeworld and Technology" des Centers for Advanced Research in
Phenomenology an der Duquesque University vorgestellt wurden.
182 Ihde, Technics, S. 4.
183 Ihde, Lifeworld, S. 31; zu einem anderen Ergebnis kommt die von Günter Seubold
(Heideggers Analyse der neuzeitlichen Technik. Freiburg, München 1986, Alber) vor
gelegte Exegese des Heideggerschen Gesamtwerkes: „für Heidegger [ist] die neuzeit
lichmoderne Technik eigentlich nicht ein, sondern ... das Thema seines Denkens."
(Ebd., S. 16) Diese Einschätzung ist zumindest vor dem Hintergrund des zentralen
Heideggerschen Existenzphilosophischen Bemühens zweifelhaft, da hier Technik nur
als eine Bedingung des Daseins unter anderen erscheint. Zudem entwickelt Heidegger
an keiner Stelle seines Werkes ein konsistentes und systematisches Konzept der Tech
nik oder gar der Technologie.
250 Die Ordnung der Technik
charakterisiert sei. Die Dinge würden als „Zeug" erfahren, als im Umgang
vorfindliches „Schreibzeug, Nähzeug, Werk, Fahr, Meßzeug"184, das rein
instrumentale Qualität habe: „Zeug ist Wesenhaft »etwas, um zu [...]«. Die
verschiedenen Weisen des »Umzu« wie Dienlichkeit, Beiträglichkeit, Ver
wendbarkeit, Handlichkeit konstituieren eine Zeugganzheit."185 Deutlich
wird hier der „Vorrang der Existenz vor der Essenz" (G.Böhme) der All
tagsdinge, eine der grundlegenden Prämissen der phänomenologischen
Methode, die Heidegger zu einer strikt gebrauchsorientierten Perspektive
entwickelt.
Diese Gebrauchgegenstände sind danach durch ihre Zuhandenheit
charakterisiert, die nicht nur jeglicher abstrakter Erkenntnis vorgängig ist,
sondern diese systematisch hintertreibt. Im Gebrauchsakt ist das „Zeug"
der Wahrnehmung entzogen. In den Status der Vorhandenheit, in dem es
der Wahrnehmung zugänglich ist, gelangt es erst dann, wenn es dem Ge
brauch entzogen ist, indem es etwa bricht: Das „Werkzeug stellt sich als be
schädigt heraus, das Material als ungeeignet."186 Wie Heidegger in seinem
berühmten Beispiel des Gebrauchs eines Hammers erläutert: „je weniger
das Hammerding nur begafft wird, je zugreifender es gebraucht wird, um
so ursprünglicher begegnet es als das, was es ist, als Zeug. Das Hämmern
selbst entdeckt die spezifische »Handlichkeit« des Hammers."187
Ubersetzt aus Heideggers sehr schwergängiger und nicht nur für ameri
kanische Leser „somewhat picturesque terminology" (J.Margolis) können
hier vier Punkte hervorgehoben werden: (a) Objekte müssen relativ zu ei
nem Verwendungskontext als Elemente einer Praxis analysiert werden; (b)
außerhalb dieser Zusammenhänge Heideggers „Umzu [...]"Relationen
sind Dinge lebensweltlich inexistent; (c) im Gebrauchsakt erhalten Dinge
in bezug auf die Wahrnehmung des Nutzers Mittelcharakter, d.h. ihre Zu
handenheit läßt sie aus dem Aufmerksamkeitsfokus des Nutzers ver
schwinden: Wahrgenommen wird beim Hämmern Nagel und Holz, nicht
der Hammer; (d) in den Wahrnehmungsfokus geraten Dinge erst, wenn sie
nach Heidegger vom Status der Zuhandenheit in den Status der Vorhan
denheit wechseln, also wenn ihr bestimmungsgemäßer Gebrauch gestört
ist: im Zusammenbruch der Routine.188 Ihde greift diese Überlegungen auf
184 Heidegger, Martin: Sein und Zeit. 17. Aufl. Tübingen 1993, Max Niemeyer, S. 68.
185 Ebd.
186 Ebd., S. 73.
187 Ebd., S. 69; auffällig an diesem und weiteren Beispielen Heideggers ist vor allem, daß sie
i.d.R. aus handwerklichen Kontexten entnommen sind, während industrielle Großtech
nik mit negativen Konnotationen belegt wird ein durchaus zivilisationskritischer oder
feindlicher Unterton.
188 Hier kann übergangen werden, daß nach Heidegger der Gebrauch der Dinge neben
dem hergestellten Produkt auch auf die verwendeten Materialien verweist, über deren
„Naturcharakter" als Stahl, Holz etc. indirekt gleichzeitig die Welt erfahren wird:
„In den Wegen, Straßen, Brücken, Gebäuden ist durch das Besorgen [d.h. die menschli
che Tätigkeit] die Natur in bestimmter Richtung entdeckt [d.i. aufgedeckt]." (Heideg
ger, Sein, S. 71)
Technik als Kontingenzmanagement Handeln als teilvariable Sequenz 251
und definiert für das von Heidegger beschriebene Phänomen der Zuhan
denheit der Dinge im unmittelbaren Gebrauchsakt den Begriff „ embodi
ment relations". Damit weist er insbesondere auf den Charakter techni
scher Artefakte hin, als Wahrnehmungsra/tte/ zu fungieren: „embodiment
relations are uses of technologies which enhance (and nonneutrally trans
form) our perceptualbodily experience of an environment or world."189
Ein einfaches, paradigmatisches Beispiel solcher embodiment relations
stellt danach die Nutzung optischer Hilfsmittel dar, etwa einer Brille. Das
technische Artefakt befindet sich hier zwischen Beobachter und Beobach
tetem in einer mediierenden Position. Ihde benennt zwei Voraussetzungen,
unter denen ein technisches Artefakt aus dem Wahrnehmungsfokus des
Handelnden verschwindet nach der Heideggerschen Terminologie „zu
handen" ist: Erstens müssen seine physikalischen Eigenschaften geeignet
sein es muß über adäquate „affordances" verfügen, um den Begriff von
JJ.Gibson aufzugreifen; zweitens setzt „embodying" als körperliche und
kognitive Aktivität einen Lernprozeß voraus hier die „Gewöhnung" an
die Brille und die von ihr verursachten Veränderungen des Gesichtsfeldes.
Sind diese Voraussetzungen erfüllt, wird die Brille „part of the way I ordi
Uarily experience my surroundings; [the glasses] »withdraw« and are barely
Uoticed, if at all. I have then actively embodied the technics of vision."190
Ihde verallgemeinert dieses Modell und analysiert damit embodiment
relations als „the symbiosis of artifact and user within a human action."191
technische Artefakte werden damit nicht isoliert, sondern eingebunden in
konkrete, körpergebundene Handlungs Vollzüge analysiert; je besser sie da
bei den Handlungsabsichten entsprechen, desto „transparenter" bzw.
»»durchsichtiger" erscheint Technik. Der Grad ihrer Zuhandenheit kann
hierbei soweit steigen, daß technische Artefakte ebenso wie der eigene Kör
Pfr aus dem Wahrnehmungsfokus geraten.192 Sind technische Artefakte in
diesem Sinne „embodied", entsteht dadurch die schematisch darstellbare
Delation (Nutzertechnisches Artefakt)Welt, wobei die Klammer die
Ausweitung des Körperschemas auf die Artefakte andeutet.
Mit diesem Begriff bezeichnet Maurice MerleauPonty die empfundene
Und wahrnehmbare Räumlichkeit des eigenen Leibes. In seiner „Phänome
nologie der Wahrnehmung" rekonstruierte er in subtilen phänomenologi
schen Analysen dieses Körperschema als kinästhetisch wahrgenommene,
dynamische Situationsräumlichkeit;193 „Halte ich, aufrecht stehend, in der
Ihde, Philosophy, S. 111.
1 ^ Ihde, Technology, S. 73.
191 Ebd.
^2 Hier besteht Ihde jedoch im Gegensatz zu Heidegger, der davon ausging, daß „Zeug
erst durch technisches Versagen in den Status der Vorhandenheit übergeht, darauf, daß
Technik wie der eigene Körper durch einen willentlichen Akt des Nutzers, nämlich
IG ^Urch den Wechsel des Wahrnehmungsfocus der bewußten Reflexion zugänglich ist.
3 MerleauPonty übernimmt mit dem Begriff „kinästhetische Empfindung offensicht
lich das Konzept Edmund Husserls; vgl. Husserl, Edmund: Ding und Raum. Vorlesun
254 Die Ordnung der Technik
Instrumentierung naturwissenschaftlicher Arbeit hin, die durch eine instru
mentelle Konstitution ihrer Untersuchungsobjekte charakterisiert sei. In
modernen Naturwissenschaften würden nahezu alle Beobachtungen in ei
nem instrumentellen Kontext gemacht, der nicht nur durch spezifische her
meneutic relations gekennzeichnet sei, sondern auch alle „Sinnesdaten" in
strumentell mediiere und/oder konstituiere, ein Zusammenhang, den Ihde
als „technological embodiment of science" faßt.200
Ebenso wie das wissenschaftliche „Welt"Bild damit als technologisch
und instrumentell konstituiert begriffen werden kann und muß, gilt in le
bensweltlichen Bezügen der gleiche Zusammenhang: „Unser Schreibzeug
arbeitet mit an unseren Gedanken", schrieb Friedrich Nietzsche Ende Fe
bruar 1882 in seine neue Schreibmaschine.201 Auch außerwissenschaftliche
Objekte wie etwa Papier und Text konstituieren sich je nach den verwen
deten „Aufschreibesystemen"202 signifikant anders für ihre Nutzer. Der
von Ihde in bezug auf die Wissenschaft gebrauchte doppeldeutige Begriff
des instrumenteilen Realismus der technisch erzeugten WahrNehmung
kann auch lebensweltliche Relevanz beanspruchen: Nicht nur in moder
nen Industriegesellschaften ist die Lebenswelt „technologically embodied",
wird der Zugang zur Welt auch und gerade von zuhandenen Instrumenten
vielfältig mediiert und moderiert. Ein Zusammenhang, den die Körperhi
storikerin Barbara Duden am Beispiel der Entwicklung des (natur)wissen
schaftlichtechnisch erzeugten Körperbildes und der daraus resultierenden,
historisch variablen SelbstVerständnisse und Konzepte als „technogene
Realitätsvermittlung" beschreibt.203
Diese These, von B.Duden anhand der „Geschichte des erlebten Kör
pers" entwickelt, kann präziser als technogene Konstitution der Realität ge
faßt werden und weist auf eine Form technischer „Vermittlung" der Wahr
nehmung hin, die generelle Bedeutung besitzt: Nicht nur im Bereich der
wissenschaftlichen, technogenen RealitätserTnzZt/^g und der alltäglichen
Anwendung dieses so generierten Wissens, sondern auch im alltäglichen
Umgang mit Technik. Im engeren Zusammenhang wissenschaftlichen Wis
sens ist die technogene Konstitution der Realität auf einer ersten Stufe
200 Ihde, Realism, insbes. S. 98114; vgl. hierzu auch Margolis, Joseph: Pragmatism, Praxis
and the Technological. In: Paul T. Durbin (ed.): Philosophy of Technology. Historical
and Other Dimensions (Philosophy and Technology, Vol. 6). Dordrecht, Boston, Lon
don 1989, Kluwer, S. 113130, insbes. S. 123f.
201 Nietzsche, Friedrich: Briefwechsel. Kritische Gesamtausgabe, hrsg. von Giorgio Colli,
Mazzino Montinari, Bd. III, S. 172, zit. nach Kittler, Friedrich: Grammophon, Film,
Typewriter. Berlin 1986, Brinkmann & Bose, S. 293, der dort im Rahmen seiner Archä
ologie der Medien u.a. die Instrumentierung des Schreibens einer detaillierten Analyse
unterzieht.
202 Kittler, Friedrich A.: Aufschreibesysteme 1800/1900. München 1987, Fink.
203 Duden, Barbara: Technogene Realitätsvermittlung. In: Gert Kaiser, Dirk Matejovski,
Jutta Fedrowitz (Hg.): Kultur und Technik im 21. Jahrhundert. Frankfurt/M., New
York 1993, S. 213218.
Technik als Kontingenzmanagement Handeln als teilvariable Sequenz 255
wirksam in der Abhängigkeit wissenschaftlichen Wissens von der „Instru
mentierung" in Experimenten; auf einer zweiten Stufe in der Ausbildung
konsistenter, durch einen „instrumental realism" charakterisierter wissen
schaftlicher Weltbilder; und drittens in der lebensweltlichen Aneignung
dieses wissenschaftlich„rationalen" Wissens und seiner Übernahme in
Konzepte, die das alltägliche Handeln ebenso anleiten wie sie etwa Selbst
konzepte des Körpers prägen.204
Analog zur These Ulrich Becks, der den Prozeß der reflexiven Verwis
senschaftlichung der Gesellschaft beschreibt, in dem sozialwissenschaftlich
generiertes Wissen von der Gesellschaft autonom aufgegriffen und umge
setzt wird wodurch der sozialwissenschaftliche Gegenstand wissen
schaftliche Expertise enteignet ,205 kann somit eine (re) flexive Verwissen
schaftlichung der Wahrnehmung konstatiert werden.206 Vor allem dieser
dritte Problembereich wird in den phänomenologischen Untersuchungen
MerleauPontys aufgegriffen, insbesondere in seinem unvollendeten Spät
Werk „Das Sichtbare und das Unsichtbare".207 Dieses Buch posthum zu
sammengestellt aus einem vielfach vom Autor überarbeiteten und in sei
nem Kapitelaufbau noch nicht eindeutig festgelegten Konvolut hand
schriftlicher Manuskripte kann u.a. als Versuch interpretiert werden, ur
sprüngliche, „wilde" Formen der Wahrnehmung aus einer Analyse der
»kultivierten" Wahrnehmungsformen zu rekonstruieren.
Insbesondere aus den Arbeitsnotizen MerleauPontys wird ersichtlich,
daß er hierbei die „wilde", kinästhetische Wahrnehmung des Sichtbaren ei
ner durch das Unsichtbare, durch kulturelle und wissenschaftliche Konzep
te geprägten und „informierten" Wahrnehmung entgegensetzte. So inter
pretiert er etwa die in der RenaissanceMalerei aufkommenden perspektivi
schen Darstellungsformen als „kulturelles Faktum": die Wahrnehmung,
die eigentlich „polymorph" sei, werde zu diesem Zeitpunkt „euklidisch
Vgl. hierzu etwa Böhme, Gernot: Natürlich Natur. Über Natur im Zeitalter ihrer tech
nischen Reproduzierbarkeit. Frankfurt/M. 1992, Suhrkamp, der etwa nachzeichnet,
Konzepte der Medizin, die den menschlichen Körper „im Modus der Fremdheit"
behandeln, zu einer subtilen Umstellung in den menschlichen SelbstVerständnissen
beitragen.
2^ ^§1 Beck, Risikogesellschaft.
Damit soll allerdings der immerhin gravierende theorietechnische Unterschied dieses
gesellschaftlich selbsttätigen Umgangs mit wissenschaftlich erzeugtem Wissen nicht
bestritten werden: Während im Falle der reflexiven Verwissenschaftlichung der Gesell
schaft auf die «Soz^/wissenschaften erhebliche methodische und theoretische Probleme
zukommen, die inzwischen unter verschiedensten postmodernen Etiketten und einer
^ssenschaftstheoretischen Wende in zahlreichen Disziplinen diskutiert werden, tritt
das veralltäglichte naturwissenschaftliche Wissen i.d.R. nicht in den wissenschaftlichen
207 Gegenstand ein.
^lerleauPonty, Maurice: Das Sichtbare und das Unsichtbare, gefolgt von Arbeitsnoti
zen, herausgegeben und mit einem Vor und Nachwort versehen von Claude Lefort.
München 1986, Fink.
258 Die Ordnung der Technik
TechnikVerhältnisses ist hier nicht Zuhandenheit, sondern Abwesenheit in
bezug auf die Wahrnehmung: „In the mundane context of the home, light
ning, heating, and cooling systems, and the plethora of semiautomatic ap
pliances are good examples. [...] Yet as a present absence, [...] [these tech
nologies become] part of the experienced field of the inhabitant, a piece of
the immediate environment."216 Was Ihde hier ausschließlich in bezug auf
direkt im Haushalt situierte technische Artefakte formuliert, erhält hin
sichtlich etwa des hinter der Steckdose verborgenen soziotechnischen Sy
stems „Energieversorgung" eine weitaus größere Bedeutung. Stärker noch
als bei den von Ihde thematisierten halbautomatischen Haushaltsmaschi
nen sind hier nicht nur technische Funktionalitäten dem Zugriff des Nut
zers entzogen, sondern die wesentlichen Teile des soziotechnischen Sy
stems sind verborgen. Trotzdem wird eine zumindest rudimentäre Kennt
nis etwa des Systems „Energieversorgung" vorausgesetzt, um die sich u.a.
die Systembetreiber im Rahmen eines „Deutungsmanagements" bemühen
müssen: Insbesondere wenn „neue Gebrauchstechnologien hervorgebracht
werden oder wo alte Orientierungen an technischen Artefakten dysfunk
tional werden, wird eine Kenntnis ihrer Funktionsbedingungen", die bis
lang marginales Hintergrundswissen darstellen konnten, funktional not
wendig.217
Ebenso wie davon ausgegangen werden kann, daß technische Artefakte
ein handlungsbezogenes Kontingenzmanagement leisten, indem sie einen
vielfältigen, aber keineswegs beliebigen Gebrauch ermöglichen, ist darauf
hinzuweisen, daß Geräte, Werkzeuge und Maschinen durch die in sie „ein
gebauten" Verweisungen mit Dewey und ihn ergänzend: ihre „sequential
bonds in nature" and culture ebenso wie die Betreiber großer soziotech
nischer Systeme durch ein komplexes Deutungsmanagement vielfältige,
aber keine beliebigen Wahrnehmungsmöglichkeiten technischer Artefakte
nahelegen. Auf dieses perzeptive Kontingenzmanagement wird unten im
Zusammenhang der Diskussion kulturalistischer Konzepte detaillierter zu
rückzukommen sein, in denen vor allem die symbolischen Verwendungs
weisen von Technik thematisiert werden. Besonders gegen Konzepte, in
denen technischen Artefakten uneingeschränkte Symbolfähigkeit zuge
standen wird, sind diese Aspekte geltend zu machen.
216 Ihde, Technology, S. 108f.
217 Von Grote, Claudia: Anschlüsse an den Alltag. Versuche zu einer Hermeneutik techni'
scher Infrastrukturen. In: Ingo Braun, Bernward Joerges (Hg.): Technik ohne Grenzen
Frankfurt/M. 1994, Suhrkamp, S. 251304, S. 299.
Souverän ist,... Handeln als Praxis 259
»Souverän ist, wer über den Ausschaltezustand entscheidet"
Handeln als Praxis
^aß das Recht auf Fernbedienung inzwischen auf dem besten Wege ist, als
2iyilisatorische Selbstverständlichkeit Anerkennung zu finden, darauf ver
^ies Mathias Bröckers vor dem Hintergrund USamerikanischer Umfrage
^gebnisse zum Fernsehkonsum: „Vor der nackten Glotze hilflos allen
Werbeblöcken ausgesetzt zu sein, kann mental gesunden Menschen einfach
nicht zugemutet werden. Souverän ist, wer mit Carl Schmitt zu sprechen
^7 über den Ausschaltezustand entscheidet."218 In diesem Sinne werden im
folgenden Ansätze vorgestellt, die im Gegensatz zu den oben vorgestell
ten Konzepten, in denen technischen Artefakten eine weitgehende hand
^ngsformierende Rolle zugemessen wird den Nutzern größere Wahlfrei
weiten im Umgang mit Technik zugestehen. Diesen Ansätzen ist grund
sätzlich gemeinsam, daß sie die partielle Autonomie der Kultur gegenüber
biotechnischen Strukturen betonen und das Handeln der Nutzer als ei
nen aktiven und kreativen Prozeß, als Praxis konzipieren.
Die hier unterschiedenen Perspektiven, in denen einerseits Technik als
eriaufssouverän, andererseits die Nutzer als Souverän des Handelns dar
stellt werden, sollten obwohl sie zwei sich diametral gegenüberste
hende Pole sozialwissenschaftlicher Theoriebildung bezeichnen und theo
^etechnisch weitgehend inkompatibel sind nicht alternativ, sondern
komplementär analytische Anwendung finden. Wie Jeffrey C. Alexander
etont: „We cannot understand culture without reference to subjective me
arilng, and we cannot understand it without reference to social structural
c°nstraints. w cannot interpret social behavior without acknowledging
e
it follows codes that it does not invent; at the same time, human inven
j^°n creates a changing environment for every cultural code."219 Die Text
ramaturgie wird im folgenden von dem gleichen Prinzip geleitet wie in
en vorangegangenen Kapiteln: Beginnend mit Konzepten, die die gesell
eh ungleiche Struktur der Technikverwendung im Rahmen ver
miedener LebensstilKonzepte thematisieren oder die Logik von Stilisie
|^ngs und Symbolisierungspraktiken gegenüber technischen Artefakten
^ausarbeiten, werden anschließend Ansätze vorgestellt, die zunehmend
^rker die Strukturperspektive durch eine handlungs oder praxistheoreti
e Perspektive ersetzen.
^ ^.r^c^ers, Mathias: Die nackte Glotze. In: taz, 6.12.1994, S. 20; Bröckers bezieht sich
Jjler auf den ersten Satz des ersten Kapitels der „Politischen Theologie" Carl Schmitts,
des reaktionären Juristen und „Apokalyptikers der Gegenrevolution" (Taubes, Jacob:
Schmitt. Gegenstrebige Fügung. Berlin, 1987, Merve, S. 16): „Souverän ist, wer
219 AI r ^en Ausnahmezustand entscheidet."
lexander, Jeffrey C.: Analytic Debates: Understanding the relative autonomy of cul
tUre. In: Jeffrey C. Alexander, Steven Seidman (eds.): Culture and society. Contempor
ar7 debates. Cambridge, New York 1990, Cambridge University Press, S. 127, S. 26.
260 Die Ordnung der Technik
Habitus als generative Grammatik des Technikstils?
Einen ersten, umfassend angelegten Versuch, unterschiedliche Stile des
Umgangs mit Technik zu rekonstruieren und im Zusammenhang differen
ter Lebensstile zu interpretieren, unternehmen Hartmut Lüdtke, Ingrid
Matthäi und Matthias UlbrichHerrmann im Rahmen einer qualitativen,
annährend repräsentativen Befragung von 386 Erwachsenen in 305 mittel
hessischen Haushalten. Das Ziel dieser noch nicht abgeschlossenen Stu
die besteht vor allem in der Rekonstruktion unterschiedlicher, von den
Nutzern realisierter Technikfunktionen, worunter „Akzeptanz, Kompe
tenz, Ausstattungs und Nutzungsdimensionen" privater Alltagstechnik
verstanden werden, die „in Wechselwirkung mit den Indikatoren der Le
benspraxis und den Steuerungsgrößen des sozioökonomischen Struktur
kontextes sowie der Mentalität, dem Komplex der Motivation, Interessen,
Wertbezügen und Identität" interpretiert werden.220 Darüber hinaus sollten
so der Projektansatz diese Technikfunktionen in quantifizierenden Ver
fahren mit vorgefundenen LebensstilKlassen korreliert werden.
Leitend für diesen Interpretationsansatz über das LebensstilKonzept
war hierbei die aus den Diskussionen der jüngeren Techniksoziologie ab
geleitete Annahme, daß Technik, insbesondere häusliche Alltagstechnik,
durch Multifunktionalität gekennzeichnet sei. Im Zusammenhang mit der
historisch gewachsenen Kompetenz der Nutzer bezüglich der Aneignung
und Funktionsbestimmung technischer Artefakte sei eine Aufgabe der äl
teren „instrumentelleinsinnigen", deterministischen Konzeptionen des
Wirkungszusammenhanges TechnikAlltag gefordert. Statt dessen müsse
davon ausgegangen werden, daß die „[alltägliche Technikaneignung [...]
im Rahmen bestehender Lebens und Technikstile [erfolge], die auf komp
lexe Weise soziokulturell differenziert sind. Sie verläuft daher nicht instru
mentaleinsinnig, sondern auch »eigensinnig« und im Zusammenhang ver
schiedener Handlungsorientierungen, so daß die »Technikkultur« privater
Haushalte einer komplexen Soziokultur untergeordnet ist."221 Technik
wird daher nach dem Modell von Lüdtke et al. in eher „diffuse private Ra
tionalitätsformen des Lebens" eingebunden und kann damit die strukturell
(habituell) angelegten Handlungsorientierungen sowohl verstärken, als
auch neutralisieren oder ergänzen. Durch diese speziellen Aneignungsbe
dingungen der Technik im Alltag könnten eindeutige Wirkungen nicht er
wartet werden; insbesondere sei davon auszugehen, daß die von techni
schen Artefakten ausgehenden Rationalisierungs, Effizienz und Profes
sionalisierungseffekte im häuslichen Alltag sehr begrenzt seien.
220 Lüdtke, Hartmut: Alltagstechnik im Kontext von Lebensstilen. In: Peter Noller, Walter
Prigge, Klaus Ronneberger (Hg.): StadtWelt. Über die Globalisierung städtischer Mi
lieus. Frankfurt/M., New York 1994, Campus, S. 158168, S. 161.
221 Lüdtke, Alltagstechnik, S. 161.
Souverän ist,... Handeln als Praxis 261
Als Ausgangspunkt der Analyse wurden in der Studie die subjektiv
wahrgenommenen Funktionen der Nutzung technischer Geräte und Arte
fakte im Haushalt gewählt bzw. der von den Befragten wahrgenommene
Grad ihres „praktischen Nutzens". Aus 14 vorgegebenen Funktionsbe
reichen222 konnten die Interviewten hierbei mehrere auswählen, die von
Lüdtke et al. in der Auswertung des empirischen Materials zu fünf Haupt
funktionen zusammengefaßt wurden.223 Parallel hierzu wurden anhand von
»Performanzmerkmalen, das heißt Dimensionen des konkreten Verhal
tens: Kleidungs und Wohnstil, Ernährungsweise, Freizeitverhalten und
kulturelle Praxis",224 acht Lebensstiltypen rekonstruiert. Die beabsichtigte
Zuordnung der erhobenen fünf Technikfunktionen zu diesen Lebensstilty
pen scheiterte jedoch, da sich hier nur schwache Koinzidenzen ergaben.
Als problematisch erschien insbesondere, daß die gebildete Typologie der
Lebensstile aus methodischen Gründen so allgemein gehalten werden
mußte, „daß ein bestimmter Typ meist mit verschiedenen Technikfunktio
nen vereinbar" war.225
Da somit keine Aussagen über die Lebensstilspezifik unterschiedlicher
Umgangsweisen mit Haushaltstechnik möglich waren, wurde ersatzweise
versucht, auf einer „handlungstheoretisch niedrigeren Ebene" differente
Technikstile zu rekonstruieren. Dabei wurden vier analytische Dimensio
nen eines Technikstils angenommen: Technikkompetenz, Einstellung zur
Technik, Intensität der Techniknutzung und die bereits rekonstruierten,
von den Nutzern wahrgenommenen Technikfunktionen. Diese somit aus
schließlich durch spezielle Kompetenz, Einstellungs und Verhaltensdi
mensionen definierten Technikstile226 konnten jedoch wiederum nicht ein
deutig spezifischen sozioökonomischen Lagen und Ressourcen etwa Ein
kommens und Bildungsstruktur, soziale Beziehungen etc. zugeordnet
Verden. Hieraus schließen Lüdtke et al., daß die beobachtete Differenzie
^ng in unterschiedliche Umgangsstile mit Technik „in hohem Maße ein
222 Die Befragten konnten beliebig viele Funktionen aus folgender Liste auswählen: 1. Ar
beitserleichterung, 2. Zeiteinsparung, 3. Gehört zu meinem Leben, 4. Teil des Hobbys,
5. Geldeinsparung, 6. Ausprobieren, neue Erfahrungen, 7. Freude am Gestalten, 8. Ent
wicklung eigener Fähigkeiten, 9. Doityourself, 10. Komfort für Besucher, 11. Ver
schönerung der Wohnung, 12. Wertbeständiger Besitz, 13. Um modern zu sein, 14. So
ziale Anerkennung (vgl. Lüdtke, Alltagstechnik, S. 162).
223 Zusammengefaßte Funktionen bildeten hierbei Arbeits und Zeitökonomie (Nr. 1,2),
Lebensweise und Gastlichkeit (3, 10), Persönliche Entwicklung (6, 7, 8), Ästhetik und
Doityourself (9, 11), Demonstration (12, 13, 14).
24 Lüdtke, Alltagstechnik, S. 163.
^25 Ebd., S. 163.
26 Insgesamt wurden acht differente Technikstile rekonstruiert: Technikkritische, mobile
Kreative (11%); immobile, passive Techniknaive (8%); in Hauswirtschaftstechnik akti
ve Apologeten (19%); naive Apologeten mit funktionskomplexer Techniknutzung
(9%); technikkritische, mobile Praktiker (11%); kritische, hauswirtschaftsaktive Tech
nikökonomen (15%), rationalisierende Medien und PCFreaks (15%); souveräne
Praktiker mit selektiver Techniknutzung (12%).
262 Die Ordnung der Technik
Ergebnis »individualistischer« Selektionsprozesse" darstellt, die nicht
durch die soziale Lage der befragten Personen determiniert seien.227 Tech
nikstile, als technikbezogener Ausschnitt des Musters der Lebensführung,
scheinen also auf relativ autonome, durch spezifische Logiken und Ratio
nalitäten gekennzeichnete, individuell bestimmte Selektionsprozesse zu
verweisen, die den Umgang mit (Haushalts)Technik prägen. Auszugehen
sei damit von „prinzipiell wahlfähigen Akteuren"228, die mit eigensinnigen
Logiken der Technikaneignung auf Anpassungszwänge reagieren.
Interessant im hier verfolgten Fragezusammenhang erscheint vor allem,
daß eine eindeutige Zuordnung differenter Umgangsstile mit Technik zu
spezifischen LebensstilTypen und damit zu sozial stratifizierten Merk
malen der Lebensführung in der Studie nicht gelang. Obwohl Lüdtke et
al. hierzu keine Angaben machen, können die Gründe für dieses unerwar
tete Ergebnis vor allem auf drei unterschiedlichen Ebenen angesiedelt sein:
(a) auf der Ebene der Praxisformen, die etwa in bezug auf Technik eine an
dere Logik aufweisen als in anderen Bereichen der Lebensführung; (b) auf
einer methodischen Ebene, verursacht durch das Untersuchungsdesign der
Studie; und schließlich könnte auch (c) der theoretische Zuschnitt des ver
wendeten LebensstilKonzeptes dafür verantwortlich sein, daß Technik
und Lebensstile nicht korreliert werden konnten. Die von Lüdtke et al. an
gebotene Lösung die „eigensinnige Logik" der Akteure im Umgang mit
Technik lasse sich nur sehr eingeschränkt in das Raster einer Typologie der
Lebensstile pressen siedelt das Problem damit auf der (a) Praxisebene an.
Dieser Befund erscheint plausibel, doch werden die Konsequenzen aus die
sem Ergebnis von den Autoren nicht weiter verfolgt. Die Frage, ob das Le
bensstilKonzept damit als analytisches Raster für die Rekonstruktion dif
ferenter Umgangsstile mit Technik generell als untauglich angesehen wer
den muß oder ob es durch methodische und theoretische Revisionen für
diesen Untersuchungszweck „gerettet" werden kann, wird nicht bearbei
tet.
Lebensstile werden von Lüdtke et al. verstanden als „unverwechselbare
Muster der Lebensführung", die als „Alltagsroutinen bewährte Lebenspra
xis" repräsentieren und „als »Habits« die Bewältigung neuer Situationen"
erleichtern. Sie sind „als »Frames« Identitätsanker und verknüpfen perso
nale und soziale Identität" und bilden darüber hinaus „als soziale Typen
der Ähnlichkeit [...] eine Dimension der sozialen Ungleichheit [... und] er
möglichen soziale Assimilation beziehungsweise Distinktion."229 Wie auch
in anderen Varianten des LebensstilKonzeptes wird hiermit auf komplexe
Weise soziale Struktur, soziales Handeln und soziale Distinktion zu einem
227 Lüdtke, Alltagstechnik, S. 167.
228 Ebd., S. 168.
229 Ebd., S. 163; mit diesem Konzept greift Lüdtke auf Definitionen von Hartmut Esser
(„Habits", „Frames" und „Rational Choice". In: Zeitschrift für Soziologie, 19/1990, S.
231247) zurück.
Souverän ist,... Handeln als Praxis 263
einheitlichen Modell verknüpft. Dieser Theoriearchitektur soll im folgen
den am Beispiel des ungleich einflußreicheren Konzeptes von Pierre Bour
dieu nachgegangen werden, um die sich hieraus ergebende Problemsicht
anschließend wieder auf die vorgestellte Studie von Lüdtke et al. zurückzu
beziehen.
Das „missing link" zwischen sozialstruktureller Lage, Praxisformen und
distinktiver Geschmackskultur bildet bei Bourdieu das theoretische Kon
strukt des Habitus, der, „in letzter Instanz [...] durch die ökonomischen
Grundlagen der jeweiligen Gesellschaftsformation"230 kla Genstruktur eil er
zeugt, selbst wiederum als „strukturierende Struktur" ein „Erzeugungs
und Strukturierungsprinzip von Praxisformen und Repräsentationen"231
darstellt. Die habituell strukturierten Praxisformen können hierdurch als
»objektiv geregelt" angesehen werden, ohne jedoch subjektiv Resultat einer
gehorsamen Erfüllung von Regeln zu sein. So konzipiert, stellt der Habitus
eine „generative Grammatik des Urteilens und Handelns"232 dar, die qua
si hinter dem Rücken der Akteure Lebensstil und Praxisformen hervor
bringt, welche wiederum die Klassenstruktur reproduzieren:233 „Da der
Habitus eine unbegrenzte Fähigkeit ist, in völliger (kontrollierter) Freiheit
Hervorbringungen Gedanken, Wahrnehmungen, Äußerungen, Hand
lungen zu erzeugen, die stets in den historischen und sozialen Grenzen
seiner eigenen Erzeugung liegen, steht die konditionierte und bedingte
Freiheit, die er bietet, der unvorhergesehenen Neuschöpfung ebenso fern
wie der simplen mechanischen Reproduktion ursprünglicher Konditionie
rungen."234
Dieser von Bourdieu im Rahmen seiner ethnographischen Studien235
entwickelte praxeologische Interpretationsansatz236 grenzt sich somit gegen
mechanistische wie voluntaristische Handlungsmodelle ab und etabliert
mit dem Konzept des Habitus eine Sicht auf den Regelkreis zwischen
Struktur und Praxis. HansPeter Müller interpretiert Bourdieus Theorie
deshalb auch als „kybernetische Handlungstheorie"237, die in der Formel
230 Bourdieu, Entwurf, S. 183.
Bourdieu, Theorie, S. 165.
232 Miller, Max: Systematisch verzerrte Legitimationsdiskurse. Einige kritische Überlegun
gen zu Bourdieus Habitustheorie. In: Klaus Eder (Hg.): Klassenlage, Lebensstil und
kulturelle Praxis. Beiträge zur Auseinandersetzung mit Pierre Bourdieus Klassentheo
rie. Frankfurt/M. 1989, Suhrkamp, S. 191219, S. 197.
233 Vgl. hierzu Janning, Frank: Pierre Bourdieus Theorie der Praxis. Analyse und Kritik
der konzeptionellen Grundlegung einer praxeologischen Soziologie. Opladen 1991,
Westdeutscher Verlag, insbes. S. 2940.
2^4 Bourdieu, Sinn, S. 103.
35 Vgl. insbes. Bourdieu, Entwurf.
236 Auf dieses PraxisKonzept Bourdieus wird im folgenden Kapitel ausführlich eingegan
gen
237 Müller, HansPeter: Sozialstruktur und Lebensstile. Der neuere theoretische Diskurs
über soziale Ungleichheit. Frankfurt/M. 1992, Suhrkamp, S. 255.
264 Die Ordnung der Technik
Struktur Habitus Praxis vier Momente betont: Der Habitus repräsen
tiert in der Sozialisation verinnerlichte Gesellschaftsstrukturen; die von
ihm generierten dauerhaften Dispositionen leiten unbewußt Praxisformen
an, wobei die Individuen Strategien befolgen, die ihren objektiven Interes
sen entsprechen.238
Ende der 70er Jahre wird dieses am Beispiel einer gering arbeitsteilig or
ganisierten Gesellschaft entwickelte ethnologische Modell von Bourdieu für
die sozialwissenschaftliche Analyse moderner Industriegesellschaften wei
terentwickelt. Ansatzpunkt dieser in den „feinen Unterschieden"239 vor
gestellten Überlegungen war der Versuch, Homologien zwischen der Klas
senstruktur und der Geschmackskultur im Frankreich der 60er Jahre nach
zuweisen. Dafür wurde ein komplexes Integrationsmodell des theoretischen
Instrumentariums aus Kapital und Feldtheorie, einer modifizierten Klassen
theorie und schließlich einer ästhetischen Theorie der Distinktion entwik
kelt.240 Für die hier aufgeworfene Frage nach der Tauglichkeit des Lebensstil
Konzeptes für die Analyse des Umgangs mit Technik ist vor allem das letz
te Element, Bourdieus Distinktionstheorem, entscheidend, das theoretisch auf
die Revision herrschender ÄsthetikKonzepte und historischempirisch auf
die Rekonstruktion jener symbolischkulturellen Transformationsarbeit zielt,
mit der „gesellschaftliche Klassenunterschiede [...] unter dem Deckmantel
ästhetischer Klassifikationsunterschiede"241 verborgen werden.
Ansatzpunkt der Distinktionstheorie ist, daß die vom Habitus erzeug
ten sozial unterschiedlichen Praxisformen von Bourdieu als systematische
Konfigurationen von Eigenschaften und Merkmalen angesehen werden, als
Lebensstile, die ein „System von Differenzen" darstellen. Indem dieser
„Raum der Lebensstile" damit die „soziale Welt" repräsentiert, können Le
bensstile zur sozialwissenschaftlichen Klassifikation herangezogen werden.
Darüber hinaus stellen Lebensstile aber auch ein Feld symbolischer Kämp
fe dar: Da der Habitus nicht nur unterschiedliche Praxisformen hervor
bringt, sondern auch mit dem „Geschmack" ein Kriteriensystem sozial
differente „Wahrnehmungs und Beurteilungsschemata zum Erkennen, In
terpretieren und Bewerten"242 relevanter Lebensstilmerkmale , mit dem
238 Auf diese vierfache Implikation des HabitusKonzeptes, die Inkorporations, Unbe
wußtheits Strategie und Stabilitätsannahme verweist Müller, Sozialstruktur, S. 258.
239 Bourdieu, Pierre: Die feinen Unterschiede. Zur Kritik der gesellschaftlichen Urteils
kraft. Frankfurt/M. 1987, Suhrkamp.
240 Vgl. hierzu als Uberblick etwa Fröhlich, Gerhard: Kapital, Habitus, Feld, Symbol.
Grundbegriffe der Kulturtheorie bei Pierre Bourdieu. In: Ingo Mörth, Gerhard Fröh
lich (Hg.): Das symbolische Kapital der Lebensstile. Zur Kultursoziologie der Moderne
nach Pierre Bourdieu. Frankfurt/M., New York 1994, Campus, S. 3154.
241 Müller, HansPeter: Kultur und soziale Ungleichheit. Von der klassischen zur neueren
Kultursoziologie. In: Mörth/Fröhlich, Das symbolische Kapital, S. 5574, S. 69 (kursiv
von mir, S.B.).
242 Bourdieu, Unterschiede, S. 279; vgl. ausführlich zum Problem der sozial differenten
Wahrnehmung Müller, Sozialstruktur, S. 298351.
Souverän ist,... Handeln als Praxis 265
diese Unterschiede von den sozialen Akteuren beobachtbar sind, bildet der
Geschmack einen „praktischen Operator für die Umwandlung der Dinge
in distinkte und distinktive Zeichen [...] [DJurch ihn geraten die Unter
schiede aus der physischen Ordnung der Dinge in die symbolische Ord
nung signifikanter Unterscheidungen."243 Lebensstile können somit als
strukturierte Zeichensysteme verstanden werden, die sowohl distinktive
wie integrative Funktion besitzen: indem sie wahrnehmbare Ähnlichkeiten
oder Fremdheiten des Geschmacks repräsentieren und damit soziale Nähe
oder Distanz bezeichnen. Hierbei besitzen vor allem jene alltagsweltlichen
Objektklassen oder Handlungsformen einen hohen semiotischen Wert, die
neben ihrer direkten Funktion einen zeichentauglichen Überschuß besitzen
etwa die Wohnungseinrichtung, Kunstobjekte, Kleidung und Automo
kilmarken oder die Kenntnis von EtiketteVorschriften.244
Diese Theoriearchitektur erlaubt es Bourdieu, im Konzept des Habitus
Zwei in anderen Theorien säuberlich getrennte Bereiche zu integrieren die
Frage der Logik von Handlungsformen (Praxis) ebenso wie die Logik der
Geschmacksurteile (Ästhetik) und zu komplexen, sozial hochgradig spe
zifischen Lebensstilen zu aggregieren. Diese theoretische Integration be
deutet allerdings nicht, daß in beiden Bereichen eine identische Logik ani
Werke sei. Distinktion verweist auf einen semiotisch und ästhetisch vor
aussetzungsreichen Prozeß, in dem auf der Basis von Praxisformen produ
zierte und wahrgenommene Zeichensysteme zur sozialen Unterschei
dungsfähigkeit mobilisiert werden. Praxis hingegen unterliegt insofern ei
nem „habituellen Schicksal"245, als sie auf soziale und ökonomische Not
Wendigkeiten antwortet und vom Prinzip der Nützlichkeit geleitet ist. Bei
de Bereiche gehorchen damit unterschiedlichen Logiken der Performanz,
obwohl beide durch einen einheitlichen, sozial je spezifischen HabitusTyp
strukturiert werden. Insbesondere die Distinktion erfordert da es hierbei
um die Unterscheidung von Unterscheidungen und deren „Kommunikati
°n" durch symbolfähige Handlungen und Objekte geht gesellschaftliche
Interaktion im „Raum der Lebensstile".246
Vor diesem Hintergrund können mehrere Vorannahmen des von Lüdtke
et al. vorgeschlagenen Untersuchungsdesigns problematisiert werden. Auf
der methodischen Ebene ist bemerkenswert, daß in der Studie die Praxis
Ebene gleich zweifach „übersprungen" wurde: erstens, indem die Lebens
243 Bourdieu, Unterschiede, S. 284.
244 Vgl. hierzu Janning, Theorie, S. 41f.
245 Ebd., S. 31.
246 Helmuth Berking und Sieghard Neckel (Die Politik der Lebensstile in einem Berliner
Bezirk. Zu einigen Formen nachtraditionaler Vergemeinschaftungen. In: Peter A. Ber
ger, Stefan Hradil (Hg.): Lebenslagen, Lebensläufe, Lebensstile. Soziale Welt, Sonder
band 7. Göttingen 1990, Otto Schwarz, S. 481500) argumentieren, daß die Vergesell
schaftungsleistungen der Lebensstile notwendig an Ort und Zeit gebunden seien und
266 Die Ordnung der Technik
stilTypen ausschließlich auf der Grundlage distinktiver Merkmale etwa
Wohn und Kleidungsstil etc. erhoben wurden und die reale soziale Lage
unbefragt blieb; hierdurch ergibt sich das Problem der „Konstrukthaftig
keit<c der Merkmalsabgrenzungen.247 Zweitens, und dies ist im hier interes
sierenden Zusammenhang bedeutsamer, wurde unter „Technikfunktio
nen" der Funktionsüberschuß gegenüber dem „tatsächlichen praktischen
Nutzen" verstanden248, wodurch die Ebene des Umgangs mit Technik
selbst unproblematisiert blieb. Dies ist offenbar darin begründet, daß Lüdt
ke et al. zwar von einer „Multifunktionalität" der Technik ausgehen, damit
jedoch allein auf die Symbolfähigkeit der Technik abzielen. Der direkte
„Nutzen" selbst, den Akteure aus technischen Artefakten herausschlagen,
erscheint ihnen demgegenüber als wenig attraktiver Ansatzpunkt soziolo
gischer Analysen.
Daß sich hinter dieser Annahme ein objektivistisches, utilitaristisch ver
kürztes Konzept verbirgt, kann nochmals mit Bourdieu deutlich gemacht
werden. Er bestimmt als Aufgabe soziologischer Untersuchungen u.a. die
„Ermittlung der Objektivität des Objekts, die sich aus der Beziehung zwi
schen einem Objekt [...] und den Einstellungen eines Akteurs oder einer
Klasse von Akteuren ergeben; d.h. den [habituell strukturierten, S.B.] Wahr
nehmungs, Bewertungs und Handlungsschemata, die deren objektive
Nützlichkeit im praktischen Gebrauch überhaupt erst konstituieren."249
Deutlich wird hier, daß sich für Bourdieu die objektive Nützlichkeit eines
(technischen) Objektes erst relativ zur Position des Nutzers im Raum der
Lebensstile bestimmen läßt. Erst im konkreten Gebrauchsakt konstituiert
sich dessen Funktion/är einen Nutzer. Dabei sei ähnlich wie dies oben im
modifizierten Konzept der affordances vorgeschlagen wurde davon auszu
gehen, daß technische Artefakte die Gebrauchsweisen nicht positiv bestim
men, sondern allenfalls negativ, durch ihre konstruktionsbedingten, materiell
„eingebauten" Grenzen.
Diese These, daß mit Ausnahme seiner „harten" Grenzen nichts von den
technischen Eigenschaften eines Objektes auf dessen sozialen Gebrauch
schließen läßt, versuchte Bourdieu u.a. an der Gebrauchsweise der Photogra
phie zu belegen.250 So arbeitet er etwa in subtilen Analysen die unterschied
lichen Gebrauchsformen und NutzWerte des Photoapparates bzw. der Pra
sich nur in „symbolisch gesicherten Territorien" entfalten können. Konsequent unter
suchen sie daher Lebensstile in einem räumlich abgrenzbaren, angesichtige Interaktio
nen ermöglichenden Bezirksausschnitt. Ausgeschlossen werden von ihnen damit medi
alvermittelte Interaktionsformen, denen Angesichtigkeit mangelt, ein etwas nostalgi
scher Impetus.
247 Vgl. zu dieser Problematik Berger, Peter A., Stefan Hradil: Die Modernisierung sozialer
Ungleichheit und die neuen Konturen ihrer Erforschung. In: Ebd., S. 324.
248 Lüdtke, Alltagstechnik, S. 161.
249 Bourdieu, Unterschiede, S. 173.
250 Vgl. Bourdieu, Pierre, u.a.: Eine illegitime Kunst. Die sozialen Gebrauchsweisen der
Photographie. Frankfurt/M. 1981, Europäische Verlagsanstalt, insbes. S. 25109.
Ii
Souverän ist,... Handeln als Praxis 26 7
xis der Photographie von Arbeitern, Angestellten oder Bauern heraus und
belegt sowohl deren Abhängigkeit von klassenspezifischen ökonomischen
wie ästhetischen Logiken als auch deren „Einbau" in spezifische soziale
Interaktionsformen. Die von Lüdtke et al. gestellte, reduzierte Frage nach den
„Funktionen jenseits des unmittelbaren Nutzens" technischer Artefakte be
gibt sich damit gerade der Chance, unterschiedliche Gebrauchsweisen und
deren praktische Logiken herauszuarbeiten.251 Wird analytisch direkt am
Symbol oder Zeichenaspekt der Praxisformen angesetzt, bleibt eine wesent
liche Dimension des Umgangs mit Technik ausgeblendet: die sozial und kul
turell spezifischen Gebrauchsweisen und deren praktische Logik, auf deren
Basis sich das ernste Gesellschaftsspiel der Distinktion erst entfalten kann.
Für die hier verfolgte Frage nach dem Umgang mit Technik empfiehlt es
sich daher, eine analytische Unterscheidung zwischen (a) einer umfassenden,
praxeologischen Untersuchung sowohl der realen wie der symbolischen
Verwendungsweisen von Technik und (b) Analysen zu treffen, in denen
vorwiegend der Teilausschnitt der symbolischdistinktiven Gebrauchswei
sen technischer Artefakte thematisiert wird. Zur ersten Kategorie wären ne
ben den praxistheoretisch angeleiteten Arbeiten Bourdieus etwa Ansätze zu
wählen, die sozial differente Umgangsweisen mit Technik im komplexen Zu
sammenhang der Lebensweise analysieren.252 Charakteristisch für solche Un
tersuchungen ist, daß in ihnen sowohl die realen Gebrauchsweisen, das hier
für erforderliche Wissen und die diskursiv geregelten Legitimationen dieser
unterschiedlichen Praktiken ebenso analysiert werden wie die Fähigkeit
oder Unfähigkeit , diese Praxen in das Spiel der Distinktion einzubringen.
In der zweiten Kategorie interessiert hingegen vor allem dieser letzte Aspekt.
Als Indikator sozialer Ungleichheit wird dabei nicht die gesamte Lebenspra
xis gewählt, sondern vor allem die distinktive Komponente des Lebensstils;
em besonders geeigneter Untersuchungsbereich ist hier etwa die Verwendung
funktionsgleicher, aber symbolisch unterscheidbarer Dinge, z.B. die sozial
spezifische Vorliebe für unterschiedliche Marken oder Modelle (von Autos
bis Zigaretten).253 Insbesondere das Konsumverhalten bietet sich damit als
251 Die theoretischen Implikationen dieses Zusammenhanges werden im folgenden Kapitel
aufgegriffen.
252 Vgl. hierzu etwa die Arbeiten von Victor Scardigli, PierreAlain Mercier und Roland
Tourreau (Neue Technologien und Lebensweise. Einige laufende Untersuchungen in
Frankreich. In: Bernd Biervert, Kurt Monse (Hg.): Wandel durch Technik? Institution,
Organisation, Alltag. Opladen 1990, Westdeutscher Verlag, S. 165179). Die Autoren
definieren als Lebensweise dabei über Bourdieu hinausgehend die hergestellte Ko
härenz der Praktiken, Diskurse, Vorstellungen und Werte einer Gruppe, die ein Denk
und Handlungssystem bereitsstelle, das seinen Sinn aus der Geschichte und Kultur be
ziehe. Nach ihrem praxistheoretisch formulierten Modell können hierbei alle gesell
schaftlichen Akteure auch die vermeintlich passiven Verbraucher wichtige Beiträge
zur „Erfindung neuer Alltagspraktiken" leisten.
253 Auffällig ist etwa, daß Bourdieu die von ihm analysierten „feinen Unterschiede" an
Objektklassen herausarbeitet, deren Funktionswert ihrem symbolischen Wert klar un
268 Die Ordnung der Technik
methodisch gut erfaßbarer, leicht zu klassifizierender und mit objektiven,
ökonomischen Daten gut korrelierbarer analytischer Bereich an.254 Auf der
Basis qualitativer Untersuchungen gelingt es etwa KarlMichael Brunner,
Präferenzen in Bezug auf Marken, Qualität und Ausstattung häuslicher Ge
räteparks als Belege sozial differenzierter „konsumptiver Abgrenzungs und
Orientierungsmuster" zu interpretieren.255
Diese idealtypische Unterscheidung beider Perspektiven auf den Umgang
mit Technik kann damit das Untersuchungsfeld der empirischen Kulturwis
senschaft/Europäischen Ethnologie gegenüber etwa demjenigen der Kon
sumsoziologie präziser abgrenzen und das hierfür erforderliche theoretische
Instrumentarium bestimmen. Insbesondere darf für praxeologische Analy
sen die Ebene des unmittelbaren Gebrauchs technischer Artefakte nicht ver
nachlässigt werden, da sich erst hierdurch Fragen des Nutzens alltäglicher
Geräte, der Legitimation entwickelter Umgangsweisen und der symbolischen
Transformationsarbeit zum Zwecke der Distinktion beantworten lassen.
Dieses praxistheoretische Instrumentarium wird im folgenden Kapitel
entwickelt. Damit werden Fragen nach der symbolischen Dimension des
Umgangs mit Technik ebensowenig ausgeschlossen wie die Frage nach der
„Produktion von Sinn beim Konsum der Dinge";256 sie werden jedoch in ein
umfassenderes, praxeologisches Fragekonzept eingebunden, das die symbo
lischen oder sinnhaften Dimensionen der Technik integriert. Zuvor werden
allerdings noch ergänzende Überlegungen zum Habituskonzept vorgestellt,
mit denen der Zusammenhang von individueller Erfahrung und Routinisie
rung technischer Praxen als eine weitere Form des „embodiment" konzep
tualisiert werden kann.
tergeordnet ist; charakteristischerweise wird hier im Gegensatz zu seinen Untersu
chungen zur Photographie Alltagstechnik kaum thematisiert.
254 Vgl. als Uberblick über die jüngeren Entwicklungen der Konsumsoziologie und ihre
Bezüge zu den neueren LebensstilForschungen Brunner, KarlMichael: Konsum und
soziale Differenzierung. Distinktionsprozesse im Konsumverhalten. In: Reinhard Ei
sendle, KarlMichael Brunner, Ina P. Horn, Wolgang Kellner, Elfie Miklautz: Maschi
nen im Alltag. Studien zur Technikintegration als soziokulturellem Prozeß. München,
Wien 1993, Profil, S. 233286.
255 Brunner (Konsum) unterscheidet zwischen drei Typen des Technikumgangs durch (a)
vernünftige Individualisten, die eigene Bedürfnisse kritisch reflektieren und hohe Qua
litätsansprüche stellen hierzu zählen Angehörige prestigeträchtiger Berufe mit relativ
hohem Einkommen und hoher formaler Schulbildung ; (b) notwendig Bescheidene,
die aus ökonomischem Zwang meist Billigangebote nutzen, jedoch besonderen Wert
auf die Langlebigkeit von Geräten legen hierzu zählen Repräsentanten der traditio
nellen Arbeiter oder der Handwerkerschicht, z.T. durchaus mit höherem Einkommen,
aber geringerer Schulbildung ; (c) ambivalente Aufsteiger, die distinktiven Werten
technischer Geräte eine große Bedeutung zumessen, Prestigekonsum aber ablehnen
und der Qualität gegenüber günstigen Preisen den Vorzug geben hierzu zählen ins
bes. Personen mit mittlerem Bildungsniveau.
256 Sabean, David: Die Produktion von Sinn beim Konsum der Dinge. In: Wolfgang Rup
pert (Hg.): Fahrrad, Auto, Fernsehschrank. Zur Kulturgeschichte der Alltagsdinge.
Frankfurt/M. 1993, Fischer, S. 3751.
Souverän ist,... Handeln als Praxis 269
Der Körper als Depot der Verfahrensgeschichte
Wie oben bereits dargestellt, revidiert Bourdieu mit seiner Formel Struktur
Habitus Praxis die problematischen Vorannahmen eines „naiven Struk
turalismus" ä la Dürkheim oder LeviStrauss, in denen das Verhältnis von
Kultur und konkretem Handeln als Zusammenhang von Programm und
Ausführung konzipiert wird.257 Praxis wird aber nicht nur als strukturiert
Und damit als teilvariabel verstanden, sondern auch als Ergebnis kollekti
ver, historischer Erfahrungen. Damit gelingt es Bourdieu, ein weiteres Pro
blem des französischen Strukturalismus elegant zu lösen: Die einflußreiche
»strukturale Anthropologie" von LeviSrauss verfolgte das Ziel, die zeitlos
invarianten Strukturen unterschiedlicher Gesellschaften aufzudecken, und
privilegierte daher die synchrone gegenüber der diachronen Perspektive.
Dies führte zu einer, wenn auch nicht direkt geschichtsfeindlichen, so doch
Zumindest geschichts/ose« Betrachtungsweise.258 Für Bourdieu dagegen
stellt der Habitus als strukturierende Struktur das Ergebnis kollektiver ge
schichtlicher Prozesse und Erfahrungen dar, womit die antihistorische
Grundierung des Strukturalismus und dessen methodischanalytische
Opposition zwischen Diachronie und Synchronie überwunden wird.
Diese theorietechnische Modifikation, die in beiderlei Sinn als Gewinn
der historischen Dimension bezeichnet werden könnte, verweist bei Bour
dieu allerdings weniger auf Veränderung und Dynamik als auf Stabilität und
Statik: Der Klassenhabitus ist zwar Produkt historischer Erfahrungen, ge
schichtlichvariabler Macht/OhnmachtRelationen und ungleicher Res
sourcenverteilung, aber gerade durch diese historische Dimension weitge
hend veränderungsresistent.259 Unter dem Begriff „HysteresisEffekt" the
matisiert Bourdieu diese strukturkonservative Wirkung des Habitus, der
auch in grundlegend veränderten Situationen noch diejenigen Praxisformen
oder Wahrnehmungs und Bewertungskategorien nahelege, die einem frü
heren Stand der sozialen Chancen entsprechen.260 Über den Habitus wird
damit ein statisches und unflexibles Element in die Praxistheorie Bourdieus
Angeführt, das in letzter Konsequenz zu einer „Selbstimmunisierung des
257 Vgl. hierzu Müller, Sozialstruktur, S. 248f.
258 Vgl. zur Abgrenzung seines Projektes gegenüber den Zielen der Geschichtswissen
schaft insbes. LeviStrauss, Claude: Das wilde Denken. Frankfurt/M. 1968, Suhrkamp,
insbes. das Kapitel „Geschichte und Dialektik". Vgl. zu den hieraus entstehenden Pro
blemen, sollen die Konzepte der „strukturalen Anthropologie" für die kultur und so
zialwissenschaftliche Analyse moderner (historischhochdynamischer) Gesellschaften
nutzbar gemacht werden, Hall, Stuart: Cultural Studies and the Centre: some proble
matics and problems. In: Stuart Hall et al. (eds.): Culture, Media, Language. London
1984, Hutchinson, S. 1647, S. 3lf.
^59 Insofern erweist sich Bourdieu als gelehriger Schüler LeviStrauss' und legitimer Erbe
des Strukturalismus, indem er dessen Aufmerksamkeit für die „Stabilitäten" teilt, alte
Naivitäten jedoch überwindet.
260 Vgl. Bourdieu, Unterschiede, S. 238
270 Die Ordnung der Technik
Habitus" gegen Veränderungen und „selbstreferentielle Habituskritik"
führt.261
Diese tendenzielle Lern und Entwicklungsunfähigkeit des Habitus wird
auch nicht dadurch beseitigt, daß Bourdieu in späteren Publikationen den
Klassenhdb'itvis von einem individuellen Habitus unterscheidet. Dieser „ei
gene Stil" sei als „System individueller Dispositionen [...] eine strukturale
Variante der anderen Systeme, in der die Einzigartigkeit der Stellung inner
halb der Klasse und des Lebenslaufs zum Ausdruck kommt."262 Somit sor
gen zwar die individuell spezifischen Lebensläufe und die in ihnen angeleg
ten vielfältigen Erfahrungs und Lernmöglichkeiten für Varianten, sie seien
jedoch ihrem „habituellen Schicksal" nach wie vor untergeordnet der indi
viduelle Habitus ist damit nur eine oberflächlich modifizierte Variante des
einsozialisierten Klassenhabitus.263 Daß die kollektive, individuell oft nicht
gewußte Klassengeschichte die individuell bewußten Erfahrungen des Le
benslaufs in Bourdieus Konzept radikal überschreibt, ist seinem sowohl in
den ethnographischen Studien Kabyliens als auch den soziologischen Un
tersuchungen Frankreichs verfolgten Frageinteresse nach den Strukturen
des Handelns geschuldet. Für die hier interessierende Fragestellung er
scheint demgegenüber wie bereits oben argumentiert wurde eine praxis
theoretisch modifizierte Verwendung des Bourdieuschen Konzeptes des
(individuellen) Habitus geboten, um das Übergewicht ererbter Dispositio
nen über die Praxis abzuschwächen und die strukturdeterministische Ein
färbung dieses Konzeptes zu verringern.
261 Für Miller, Legitimationsdiskurse, stellt dieses Konzept Bourdieus damit nur eine wei
tere Variante des „oversocialized man" dar; Nicholas Garnham und Raymond Williams
(Pierre Bourdieu and the Sociology of Culture. In: Richard Collins et al. (eds.): Media,
Culture and Society. London 1986, Routledge) kritisieren analog, daß damit von Bour
dieu den „possibilities of real change and innovation" weniger Aufmerksamkeit gewid
met werde, als seine Theorie oder auch seine Empirie ermöglichen würden.
262 Bourdieu, Sinn, S. 113.
263 Diese Dominanz der Klassenlage über alle Ausdrucks und Erfahrungsmöglichkeiten
in Bourdieus Konzept kritisiert John R. Hall (The Capital(s) of Cultures: A Nonholi
stic Approach to Status Situations, Class, Gender and Ethnicity. In: Michele Lamont,
Marcel Fournier (eds.): Cultivating Differences. Symbolic Boundaries and the Making
of Inequality. Chicago, London 1992, University of Chicago Press, S. 257285, S. 258)
als holistischen Ansatz, der offenbar in der Tradition Dürkheims stehe, indem auch bei
Bourdieu „[the] social order has an overall systemic (in this case, cultural) pattern that
gives definition to its parts and their interrelations." Dieses Ziel, eindeutig bestimmte
und bestimmbare soziale Positionen zu rekonstruieren, wird insbes. in der neueren fe
ministischen Theoriebildung verworfen; so argumentiert etwa Donna Haraway (The
Actors Are Cyborg, Nature Is Coyote, and the Geography Is Elsewhere: Postscript to
„Cyborgs at Large". In: Constance Penley, Andrew Ross (eds.): Technoculture. Min
neapolis, Oxford 1991, University of Minnesota Press, S. 2127, S. 22): „There is no
way to »be« simultaneously in all, or wholly in any, of the privileged ... positions struc
tured by gender, race, nation and class. And that is a short list of critical positions."
(Hervorhebung von mir, S.B.)
Souverän ist,... Handeln als Praxis 271
In dieser Hinsicht kann insbesondere das von Bourdieu formulierte Kon
zept der körperlichen Hexis weiterentwickelt werden, mit der er die habitu
ell generierten Ordnungsschemata bezeichnet, die die spezifischen Formen
der Körperlichkeit, die „Art und Weise der Körperhaltung, des Redens
[und] Gehens"264 anleiten. In seinen ethnographischen Studien analysierte er
u.a. den sich in verschiedenen Arten der Körperbewegungen und haltun
gen manifestierenden Gegensatz zwischen dem Männlichen und Weibli
chen als dauerhafte, einverleibte und damit quasi „naturalisierte" Dispo
sitionen bzw. verkörperlichte Wertsysteme. Er erweiterte diesen Ansatz in
seinen „Feinen Unterschieden", wo er argumentiert, daß der Habitus
ebenso wie er klassenspezifische Praxisformen erzeuge auch „klassenspe
zifische Körper" generiere, die mit Ausnahme biologischer Zufälligkeiten
durch je eigene Körperschemata, haltungen und sogar formen bestimmt
seien. Der sozial klassenspezifische, habituell erzeugte Geschmack schaffe,
indem er bestimme, was der Körper physiologisch und psychisch aufnehme,
verdaue und assimiliere, sozial eindeutig zuzuordnende „Klassenkörper".265
Der Körper ist bei Bourdieu aber nicht nur Symptom, an dem sich die ob
jektive Lage seines Besitzers im sozialen System ablesen läßt, sondern auch
verkörp erlichtes Depot sozialspezifischer Handlungsnormen: „Man könnte
m Abwandlung eines Worts von Proust sagen, Arme und Beine seien voller
verborgener Imperative. Und man fände kein Ende beim Aufzählen der
Werte, die durch jene Substanzverwandlung verleiblicht worden sind, wie
sie die heimliche Überredung durch eine stille Pädagogik bewirkt, die es ver
mag, eine komplette Kosmologie, Ethik, Metaphysik und Politik über so
unscheinbare Ermahnungen wie »Halt dich gerade!« oder »Nimm das Mes
ser nicht in die linke Hand!« beizubringen und über die scheinbar unbedeu
tendsten Einzelheiten von Haltung, Betragen oder körperliche und verbale
Manieren den Grundprinzipien des kulturell Willkürlichen Geltung zu ver
schaffen, die damit Bewußtsein und Erklärung entzogen sind."266 Der Kör
per, seine motorischen Schemata und „automatisierten" Reaktionen fungie
ren hierbei ebenso wie die Sprache als Gedächtnisstütze. In eine spezifi
sche Situation gebracht, reagiert der Körper quasi automatisch und vorre
flexiv im Sinne der einsozialisierten Motorik, womit die geschlechts und
klassenspezifischen Ordnungsschemata reproduziert werden, die dem je
weiligen Habitus zugrundeliegen. Die körperliche Hexis wird damit wie
der Habitus bei Bourdieu letztlich im Hinblick auf Strukturen und nicht
auf die Praxis analysiert.
Unter dieser Perspektive erscheint der Körper als Depot einverleibter Er
fahrungen der kollektiven Klassen und Geschlechtergeschichte. Unter dem
hier gegen das strukturdeterministische Konzept Bourdieus vertretenen
264 Bourdieu, Sinn, S. 129.
265 Bourdieu, Unterschiede, insbes. S. 307311.
266 Bourdieu, Sinn, S. 128.
272 Die Ordnung der Technik
praxistheoretischen Blickwinkel jedoch kann der Körper zusätzlich auch als
„Speicher" individueller sensomotorischer Erfahrungen und als subjektiv
verfügbare „Gedächtnisstütze" für den Gebrauch technischer Artefakte in
terpretiert werden. Ebenso wie sich EtiketteNormen durch das Training
einer „stillen Pädagogik" in den Körper einschreiben, verkörpert sich wie
derholtes Tun in routinisierten, kaum mehr bewußt ablaufenden Hand
lungssequenzen. Bernhard Waldenfels weist etwa darauf hin, daß jede Ding
beherrschung notwendig eine spezifische Körperbeherrschung und die
Routinisierung körperlicher Vollzugstechniken voraussetze; hierdurch rük
ke der Mensch, „der hantiert und lenkt, zu sich selbst als Körperwesen in ein
technisch infiziertes Verhältnis."267 Im Gegensatz zu technik und zivilisa
tionspessimistischen Wertungen, die in der zunehmenden Technisierung
des Alltags eine Denaturierung einer heilen, vortechnischen Körperlichkeit
erblicken,268 erscheint es angemessener, diese „Infizierung" analog zu den
Prozessen der Kultivierung und Zivilisierung des Körpers269 zu analysieren:
als Technologie des Selbst und damit als eine verkörperte Form historisch
spezifischer KonFigurationen von Nutzer und Technik, von Rationalität
und Praxis, von Denken und Körper.270
Diese Bedeutung des Körpers als sensomotorischer Speicher für Hand
lungs und Verfahrenswissen im Umgang mit technischen Artefakten und
damit auch als Beurteilungsinstanz für die Adäquatheit technischer Hand
lungen soll im folgenden an einem extremen Beispiel verdeutlicht werden:
am naturwissenschaftlichen Labor, das in besonderer Weise die „Denaturie
rung" unvermittelter Körperlichkeit zu implizieren scheint. Das naturwis
senschaftliche Labor ist (a) durch einen „instrumental realism" und somit
die technogene Konstitution der Untersuchungsobjekte charakterisiert, die
nur technischmediiert der Erfahrung und Manipulation zugänglich sind;
darüber hinaus ist (b) diese Form wissenschaftlicher Arbeit in besonderem
Maße durch Objektivierungsanstrengungen gekennzeichnet, die sich in
Standardisierung der Verfahren, der Schriftlichkeit (und damit Externalisie
rung) von Wissen, der Objektivierung (Messung) subjektiver Einschätzun
gen etc. ausprägen. Der Körper des Forschers erscheint hier als Störfaktor,
dessen Einflüsse auf Untersuchungsobjekte wie ergebnisse möglichst mini
miert werden müssen.
Im Rahmen ihrer ethnographischen Studien naturwissenschaftlicher La
bors wies Karin Knorr Cetina jedoch darauf hin, daß entgegen dieser pro
267 Waldenfels, Umdenken, S. 207 (kursiv i.O.).
268 Vgl. etwa Andre LeroiGourhan: Hand und Wort. Die Evolution von Technik, Spra
che und Kunst. Frankfurt/M. 1980, Suhrkamp; oder Ellul, Society.
269 Vgl. Zur Lippe, Rudolf: Vom Leib zum Körper. Naturbeherrschung am Menschen in
der Renaissance. Reinbek bei Hamburg 1988, Rowohlt; oder Elias, Zivilisation.
270 Vgl. hierzu Foucault, Michel: Technologien des Selbst. In: Michel Foucault u.a.: Tech
nologien des Selbst. Frankfurt/M. 1993, Fischer, S. 2462.
Souverän ist,... Handeln als Praxis 273
grammatischen Wissenschaftsideale das naturwissenschaftliche Labor den
Körper des Forschers in vielfältiger Weise in Dienst nimmt und ihn in zu
gerichteter Weise gezielt für die Zwecke der Wissensproduktion einsetzt.
Dies gilt nicht nur im engeren Sinne für die apparative Erzeugung wissen
schaftlicher Beobachtungen, sondern auch für ihre Beurteilung auch „die
Objektivität der erzielten Resultate, d.h. ihre Bewertung als Vertrauens und
glaubwürdig, [erscheint] an körperliche Erfahrung gebunden."271 Neben
dem „einfachen" Einsatz des Körpers als Bedienungsinstrument technischer
Apparaturen verweist Knorr Cetina damit auf zwei weitere Bereiche, auf die
„Verwendung des Körpers als Meßinstrument und Datenverarbeitungsmit
tel" und auf seinen Einsatz „als Archiv und Depot von Erfahrung". Ent
scheidend ist dabei, daß das verkörperlichte, als sensomotorische Erinne
rung vorliegende Wissen vor allem dann mobilisiert werden kann, wenn der
Körper in die „richtige" Situation gebracht wird: „Im Falle einer selbstge
bauten physikalischen Apparatur kann das benötigte, [im Körper] depo
nierte Wissen etwa erst dann mobilisiert werden, wenn sich dessen Träger in
diese Apparatur »eingeklinkt« hat, sich an ihren Ort und vielfach in ihren
Innenraum begeben hat. [...] Es ist, als ob der Körper als Gedächtnis und
Informationsverarbeitungssystem nur als Teil des Apparats, dessen »Mit
glied« er durch wiederholten Umgang geworden ist, bestehen könnte."272
Die Beobachtung von Knorr Cetina, daß technisches Verfahrens und
Bedienungswissen „embodied" vorliegt und nur situativ, „eingespannt" in
den jeweiligen Gebrauchszusammenhang problemlos mobilisiert wird,
kann generalisiert werden. Auch für die routinierte Verwendung alltäglicher
Artefakte gilt, daß das hierfür notwendige Wissen weniger abstrakt als
Konzept und AblaufWissen , denn konkret als sensomotorisches Be
WegungsWissen verfügbar ist. Dies erweist sich nicht erst dann, wenn
verbal vermittelt werden soll, wie ein Auto vom ersten in den zweiten Gang
Zu schalten ist: den rechten Fuß vom Gas nehmen, mit dem linken Fuß ...
Spätestens hier wird deutlich, daß damit über die zeitliche Feinkoordinie
rung von mindestens drei unterschiedlichen Bewegungsabläufen ebensowe
nig gesagt ist wie über den erforderlichen Kraftaufwand etc. Solches, zur
Nutzung auch ganz einfacher „Maschinen" wie etwa Schnürsenkel erfor
derliches Bedienungswissen muß kinästhetisch erworben und körperlich
»gemerkt" werden und ist daher außerhalb der betreffenden, konkreten
technischen Verwendungssituation kaum oder nur ,mit einem komischen
Gefühl' abrufbar.273
271 Knorr Cetina, Labor, S. 97.
272 Ebd., S. 99.
273 Vgl. zur Konzeption der Schnürsenkel als „Maschine" bzw. der Schuhe als erste von
Kindern in ihrer Bedienung zu erlernende „Erwachsenenmaschine" Baker, Nicholson:
Rolltreppe oder die Herkunft der Dinge. Roman. Reinbek bei Hamburg 1991, Ro
wohlt, insbes. S. 27f. Das betreffende „komische Gefühl" kann sehr einfach hergestellt
werden, wenn etwa versucht wird, die Gesten des „SchuheZubindens" frei, ohne
Schuh und Schnürsenkel, auszuführen.
274 Die Ordnung der Technik
Es ist daher davon auszugehen, daß neben Einflüssen einer „ererbten",
kollektiven Klassengeschichte auch routinisierte, im Rahmen einer indivi
duellen Körpergeschichte gelernte Bewegungsmuster und dispositionen zur
Formierung der körperlichen Hexis beitragen. Inwieweit es zwischen den
kollektiven und individuellen Anteilen der körperlichen Hexis zu Uberlage
rungen, Widersprüchen oder Konflikten kommt, müßte ebenso empirisch
überprüft werden wie Grenzen und Möglichkeiten der Umschulung der
Körperhaltung und des Selbstverhältnisses zum eigenen Körper. Aus einer
praxistheoretischen Perspektive erscheint es jedoch plausibel, hier größere
Spielräume anzunehmen, als dies Bourdieu in seinen Konzepten vorsieht.
Für John Dewey etwa sind es verschiedene, in unterschiedlichen Berufen
oder in alltäglichen Situationen relevante Modi körperlicher Aktivität, die
differente „habits" formieren. Dabei entsprechen die habits in Deweys
Terminologie in etwa dem individuellen Habitus in Bourdieus Konzepten,
ohne jedoch eine ähnliche Stabilität aufzuweisen: „[Habits] furnish the wor
king classifications and definitions of value; they control the desire proces
ses. Moreover, they decide the sets of objects and relations that are im
portant, and thereby provide the content or material of attention, and the
qualities that are interestingly significant."274
Damit werden gegenüber dem Bourdieuschen HabitusKonzept drei
wichtige Modifikationen eingeführt: (a) neben klassenkulturellen sind
durchaus auch individuelle Varianten des Habitus anzunehmen; (b) der Ha
bitus unterliegt nicht nur langsamen, generationsübergreifenden Ver
änderungen, sondern auch solchen im Verlaufe einer individuellen Biogra
phie; (c) der Habitus und die mit ihm verbundenen sozialkulturellen Dis
positive werden daher nicht nur vererbt, sondern zumindest teilweise in
der praktischen Auseinandersetzung mit der sozialen Umwelt auch erwor
ben. Bezogen auf die hier verfolgte Fragestellung kann der Körper somit als
Depot eines individuell erworbenen, relativ stabilen Bedienungswissens in
terpretiert werden, als Speicher sensomotischer Erfahrungen und empirisch
gesichertem „ tacit knowledge ", das vorwiegend situationistisch mobilisierbar
ist. Anzumerken ist allerdings, daß der Zugang zu Erfahrungsmöglichkeiten
allerdings in oft hohem Maße klassenstrukturell moderiert ist.
Die sich hieraus ergebende, weiterführende Frage, ob die Nutzung stan
dardisierter Alltagstechnologien etwa zu einer tendenziellen Nivellierung
sozial und geschlechtsspezifischer Körperlichkeit beitragen kann, ist hier
nicht zu klären. Zu betonen ist aber, daß in den Körper nicht nur Kultur in
Form von sozialen und/oder geschlechtlichen Differenzen bzw. einer habi
tusspezifischen „Haltung" eingeschrieben ist, sondern auch in Form unter
schiedlicher technologischer Praxen und routinisierter, „embodied" vorlie
gender Umgangsweisen.
274 Dewey, John: Philosophy and Civilization. New York 1931, Minton Balch & Co.,
S. 176.
Souverän ist,... Handeln als Praxis 275
Die Soziologie auf Entdeckungsfahrt Kultur als Trophäe
Die oben dargestellte vorherrschende soziologische Perspektive auf Technik
als Element der Handlungsformalisierung, strukturierung und Stabilisie
rung, die überwiegende Thematisierung von Technik im Bereich der Indu
strie und Organisationssoziologie und die Dominanz von Interpretationen,
die Technik fast ausschließlich im Kontext von Rationalisierungs, Funktio
nalisierungs und Enttraditionalisierungsprozessen betrachten,275 führt fol
gerichtig zur Ausbildung von „blinden Flecken". So galt Technik in „wei
chen Bereichen" im außerbetrieblichen Alltag wie etwa in Familie, Freizeit
etc. als eher marginales Phänomen, weshalb den für diese Alltagsbereiche
charakteristischen „eigensinnigen Aneignungsweisen" ebensowenig theore
tische und empirische Beachtung geschenkt wurde wie den über die Funk
tionalität technischer Artefakte im engeren Sinne hinausweisenden „Ge
brauchsdimensionen". Erst in den letzten Jahren wurden vereinzelte Versu
che unternommen, diese Residualbereiche bei der Thematisierung von
Technik theoretisch kontrolliert aufzulösen; am konsequentesten unter
nahm dies Karl H. Hörning.
Bemerkenswert ist dabei, daß Hörning die Frageperspektive der neueren
Techniksoziologie wendet: Nicht ausgehend von (technischen) Strukturen
müsse gefragt werden, sondern erst aus einer Akteursperspektive ließen sich
die für Technisierungsprozesse insbesondere im Alltag charakteristischen
Wechselwirkungen zwischen Anpassungszwängen und Chancen zum Ei
gensinn adäquat analysieren. Unter Hinweis auf theoretische Überlegungen
Anthony Giddens' konstatiert Hörning, daß die Perspektive auf die Hand
Wgsmöglichkeiten und zwänge der sozialen Akteure die in der Soziologie
traditionsreiche, jedoch unangemessene Dichotomie zwischen „sozialem
und dingbezogenem Handeln obsolet"276 erscheinen lasse und die Kategorie
der Nutzung oder Verwendung „ihre Rolle als (irrationales) Anhängsel an
ein »rationalindustrielles Kernsystem«" verliere.277 Diese umfassende, am
konkreten Umgang mit Technik ansetzende Perspektive wird von Hörning
jedoch erstaunlicherweise nicht in einer praxistheoretischen Richtung aufge
griffen, in der soziales (hier: technisches) Handeln in bezug auf andere Han
delnde, materielle Objekte und Kultur in einem umfassenden Sinne analy
sierbar wäre, sondern verkürzt allein auf die Frage des Sinnes oder der Be
deutung, die technische Artefakte für die Akteure annehmen können.278
275 Vgl. Hörning, Karl H.: Technik und Alltag: Plädoyer für eine Kulturperspektive in der
Techniksoziologie. In: Burkart Lutz (Hg.): Technik und sozialer Wandel. Verhandlun
gen des 23. Deutschen Soziologentages in Hamburg 1986. Frankfurt/M., New York
1987, Campus, S. 310314.
2^6 Hörnine, Umgang, S. 97.
277 Ebd., S.110.
278 Hörning, Karl H.: Technik und Symbol. Ein Beitrag zur Soziologie alltäglichen Tech
nikumgangs. In: Soziale Welt, 26. Jg., 2/1985, S. 186207.
276 Die Ordnung der Technik
Mit dieser „Kulturperspektive" möchte Hörning betonen, daß (a) techni
sche Artefakte als Medien vielfältiger Sinnsetzungen zu verstehen seien, die
in unterschiedlichen Handlungskontexten und für unterschiedliche Akteu
re durchaus Spielraum für einen mehrsinnigen Umgang bieten, und daß (b)
technische Artefakte nicht als (bedeutungs)neutral anzusehen seien, son
dern als „Kulturobjekte"1™ neben ihren technischfunktionalen Inhalten
„selbst codierte »Bedeutungen« sind"2m Die zentrale Aufgabe dieser Per
spektive bestehe insbesondere darin, den „symbolischen Formen [der Tech
nik] nachzugehen, um so die Bedeutungen herauszufinden, die Menschen
an die Dinge herantragen und diese an sie."281 Kultur von Hörning unter
Rückgriff auf Clifford Geertz definiert als komplexe Muster gemeinsamer
Deutungen und Bewertungen, die in Symbol und Zeichensystemen codiert
sind282 dient damit einem doppelten analytischen Zweck: erstens der Un
tersuchung „ästhetischexpressiver" und „kommunikativer" Handlungsbe
züge, die Nutzer gegenüber der Technik entwickeln, und zweitens der Ana
lyse der Technik als Teil der „interpretativen Ordnung" einer Gesellschaft,
die neben den durch Monetarisierungs, Bürokratisierungs, Verrechtli
chungs und Professionalisierungsprozessen etablierten Ordnungsnetzen
entscheidend zu einer „Kultur der technischen Rationalität" beiträgt.283
Bedeutsam ist insbesondere der Hinweis, daß technische Artefakte durch
ihre routinisierte Verwendung im Alltag zur Entproblematisierung von Ra
tionalitätsstrukturen beitragen können. Während neue Techniken oder
Technologien noch voraussetzungsvoll oder problematisch erscheinen und
durch „Rationalitätsübergriffe" auf gewohnte Handlungsmuster charakteri
siert seien, trügen technische Artefakte, die veralltäglicht und in unpro
blematisch erfahrene Alltagsroutinen eingebaut seien, zum Glauben an tech
nische Zuverlässigkeit bei: „Hierüber wirkt Technik; hierüber ist sie Teil ei
ner »Kultur der technischen Rationalität«. Dies ist nicht die Kultur einer
279 Hiermit greift Hörning u.a. auf lange Zeit in der Soziologie verschüttete Überlegungen
von Werner Sombart zurück, der ein nichtdeterministisches, rückbezügliches Modell
des Verhältnisses zwischen Technik und Kultur zu etablieren suchte (Technik und Kul
tur. In: Verhandlungen des 1. Deutschen Soziologentages, Tübingen 1911, S. 6383).
Dieser Ansatz wurde jedoch bereits in Diskussionsbeiträgen der Tagung scharf kriti
siert, und auch der Versuch Sombarts, diese Überlegungen schriftlich zu präzisieren
(Technik und Kultur. In: Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik, 33/1911, S.
305347), blieb für die Soziologie in den folgenden Jahren weitgehend folgenlos. Ledig
lich Ferdinand Tönnies griff diese Überlegungen auf: Maschinen, so Tönnies, dürften
nicht allein daraufhin interpretiert werden, was sie materiell darstellten, sondern seien
auch daraufhin zu analysieren, „was sie für die Menschen bedeuten." (Tönnies, Ferdi
nand: Zweck und Mittel im sozialen Leben. In: Melchior Palyi (Hg.): Hauptprobleme
der Soziologie. Erinnerungsgabe für Max Weber, Bd. 1. München, Leipzig 1923, Dunc
ker & Humblot, S. 235270, S. 251).
280 Hörning, Umgang, S. 99.
281 Hörning, Technik, S. 67.
282 Vgl. hierzu Geertz, Beschreibung.
283 Vgl. Hörning, Symbol, S. 193f., S. 199.
Souverän ist,... Handeln als Praxis 2 77
durch und durch rationalisierten, ja durchindustrialisierten Gesellschaft, in
der Alltag zunehmend der Fabrik gleicht, sondern ein Kulturmuster (neben
anderen), in dem Technik einen mächtigen Code darstellt, der die Vorstel
Wgs und Bewertungsmuster des modernen Menschen formt, feiert und le
gitimiert."284 Hervorzuheben an dem von Hörning vertretenen Ansatz ist
dabei vor allem sein Hinweis auf den widerspruchsvollen Aneignungspro
zeß technischer Artefakte zwischen Alltagsrationalisierung und Alltagsresi
stenz. Damit gelingt es ihm, die totalisierende Tendenz der oben vorgestell
ten techniksoziologischen Konzepte zu umgehen, in denen die Nutzer dem
technologischen Programm der Artefakte nicht entkommen können; statt
dessen betont er die Dynamik von Fremdzwängen und Selbsttätigkeit im
Umgang mit Technik.
Problematisch ist allerdings, daß Hörning bedingt nicht zuletzt durch
den Rückgriff auf das Kulturkonzept Clifford Geertz' die eigentlich anvi
sierte, umfassende Perspektive auf die Praxen der Nutzer unnötig auf die
symbolische Dimension ihres Handelns eingeengt. Moderne (Alltags)
Technik stellt für Hörning einen machtvollen symbolischen Code dar, mit
dem zentrale Werte und Normen der Moderne durchgesetzt werden. Aller
dings seien hierbei die Fallstricke rein semiotischer Interpretationen zu mei
den, in denen die Akteure zum Verschwinden gebracht würden.285 Deshalb
gelte es, eine handlungstheoretisch ausgearbeitete Kategorie des Umgangs
*u etablieren, die „zwischen der potentiell kulturdeterministischen Macht
kultureller Zeichensysteme und der kulturrelativistischen Beliebigkeit jegli
chen Sinns in Interpretation und Nutzung"286 vermitteln könne. Diese For
derung Hörnings die von ihm selbst allerdings nicht weiter verfolgt wird
^ ist ebenso berechtigt wie sein Hinweis auf die unhintergehbare Materiali
st des technischen bzw. technologischen Systems und die herrschenden, ge
sellschaftlichen Interpretationsvorgaben, die den symbolischen und sinnhaf
ten Umgang mit Technik limitieren.
Hörning gelingt es mit seinem Modell, jenen Bereich des „Umgangs mit
fingen" theoretisch kontrolliert zu thematisieren, der in der volkskundli
chen Forschungstradition mit dem von Karl:Sigismund Kramer geprägten
.egriff der „Dingbedeutsamkeit" belegt ist. Ähnliche Impulse für die empi
rischkulturwissenschaftliche Sachkulturforschung können aus Überlegun
gen des Designtheoretikers Gert Seile gewonnen werden, der ein komple
xes, kulturhistorisch fundiertes Aneignungskonzept industrieller Massen
Produkte entwickelt, das auch für die Thematisierung technischer Ge
brauchskulturen „adaptiert" werden kann. Ebenso wie Hörning argumen
tiert Seile ausgehend von einer Akteursperspektive: Indem er die Nutzer in
dustriell erzeugter Produkte als „Kulturproduzenten" thematisiert, fragt er
Technik, S. 85.
85 Vgl. hierzu ausführlich oben, Teil I., Kapitel „Anmerkungen zur Sachkulturfor
schung".
86 Hörning, Umgang, S. 102.
278 Die Ordnung der Technik
nach den „real in Geschichte und Gegenwart gelebten Alltagsästhetiken und
GegenstandsGebrauchskulturen",287 die sich als Ergebnis alltäglicher An
eignungsprozesse herausbilden.
Auf drei Ebenen verfolgt er dabei die Aneignung von industriellen Pro
dukten: (a) auf einer gesellschaftlichallgemeinen, epochalen Ebene durch
die Etablierung eines historisch spezifischen Grundtypus' der „Rationalisie
rung allgemeiner Verhaltensmuster und Befindlichkeitsfigu^en bis in das
Körperbewußtsein hinein"; diese Ebene wird (b) durch sozial spezifische
„InGebrauchnahmeweisen<( der produzierten Güter gebrochen, kollektive
Praxen, mit denen auf die Vorgaben der industriellen Matrix reagiert wird;
auf einer letzten Ebene schließlich können (c) individuelle Aneignungsge
schichten und produktbezogene Erfahrungsbiographien rekonstruiert wer
den, mit denen weitgehend im Verborgenen ablaufende, individuelle Diffe
renzierungen gegenüber den sozial spezifischen Aneignungsweisen sichtbar
werden.288
Diesen drei Ebenen der industriellen „Matrix", der sozial spezifischen
Dispositionen und der individuellen Präferenzen entsprechen hierbei sehr
unterschiedliche historische Reichweiten. Seile entwirft ein Modell, in dem
drei, von Spannungen und Verwerfungen gekennzeichnete Dimensionen
kultureller Aneignung durch den konkreten Gebrauchsakt integriert wer
den, ein Konzept, in dem „Produktionsgeschichte, Sozialgeschichte und in
dividuelle Lebensgeschichte sich in der Schnittstelle ein und desselben An
eignungsaktes vollziehen." In der Aneignung industrieller Produkte kumu
liert damit „alle historische Erfahrung am Werkzeug und Ding unter leicht
veränderten Bedingungen, schießen spezifische Auslegungen des Grund
musters zu sozialen Handlungsformen, Gebrauchsweisenerinnerungen und
symbolischen Ausdrucksbedürfnissen zusammen, um ein momentanes,
auch traditionsstiftendes Beziehungsgeflecht zu bilden, und wird an unzäh
ligen persönlichen Erfahrungsgeschichten der intimen Gegenstandsver
trautheit weitergearbeitet."289
Empirisch nutzbar gemacht wurde von Seile dieses komplexe, historisier
te Modell der Aneignung im Rahmen einer Pilotstudie,290 in der das „indivi
duelle Ingebrauchnehmen" von Konsumgütern exemplarisch an Gegen
ständen der Wohnumwelt nachgezeichnet wurde. Wegen des hierbei ver
287 Seile, Gert: Produktkultur als Aneignungsereignis zwischen industrieller Matrix, sozia
len Normen und individuellem Gebrauch. Überlegungen eines kulturarchäologischen
Amateurs. In: Wolfgang Ruppert (Hg.): Chiffren des Alltags. Erkundungen zur Ge
schichte der industriellen Massenkultur. Marburg 1993, Jonas, S. 23^8, S. 23.
288 Ebd., S. 24f.
289 Ebd., S. 27.
290 Vgl. Seile, Gert, Jutta Boehe: Leben mit den schönen Dingen. Anpassung und Eigen
sinn im Alltag des Wohnens. Reinbek bei Hamburg 1986, Rowohlt. In einer späteren
Studie (Seile, Gert: Die eigenen vier Wände. Zur verborgenen Geschichte des Wohnens.
Frankfurt/M., New York 1993, Campus) versucht Seile noch stärker kollektiv und W
dividuell unbewußte Determinanten der Wohnkultur herauszuarbeiten.
Souverän ist,... Handeln als Praxis 279
folgten Zieles, vor allem „Beziehungsgeschichten zu Gegenständen" in Er
fahrung zu bringen, orientierte sich dieses Projekt jedoch eher in Richtung
einer Aneignungspsychologie denn hin auf eine Untersuchung sozialer Spe
^ifika der Aneignungs oder gar der Gebrauchsweisen. Das Fallmaterial
^ird hauptsächlich im Hinblick auf die Rekonstruktion sozialer Distinkti
°n, biographischer Erfahrungen und ästhetischer Identitätsorganisation in
terpretiert. Einen „Mangel" stellt dieses Vorgehen jedoch nur vor dem Hin
tergrund des hier verfolgten Frageinteresses dar der theoretische Entwurf
Celles läßt durchaus eine umfassendere Interpretation der Gebrauchs und
^utzungsweisen alltäglicher Artefakte zu. Dies unterscheidet seinen Ansatz
positiv von Studien, in denen der Umgang mit Technik entweder aus
schließlich im Spiegel von Produktgeschichten thematisiert wird oder ver
engt auf symbolischsinnhafte Dimensionen der Technik.291
Den wohl am weitesten theoretisch ausgearbeiteten Ansatz, den „Sinn
der Dinge" zu analysieren, stellt die auf umfangreichem empirischem Mate
rial beruhende Studie von Mihaly Csikszentmihalyi und Eugene Rochberg
Halton zur psychosozialen Bedeutung der Dinge des Wohnbereiches dar.292
^ie Autoren entwickeln ein komplexes Modell der sinnhaften und symboli
schen Objektbeziehungen, indem sie heterogene Theorietraditionen der
Psychologie, der Anthropologie, des Pragmatismus und der Interaktions
theorie aufgreifen und kritisch weiterentwickeln;293 hierbei verfolgen sie ihre
Grundthese, daß Dinge zur Kultivation des Selbst beitragen, „wann immer
Sle helfen, bewußtseinsmäßig Ordnung zu stiften auf der Ebene des Indivi
duums, der sozialen Gemeinschaft und der naturgegebenen Strukturen."294
Auf drei Ebenen in persönlichen, sozialen und MenschUmweltBezie
hungen werden Objekte aller Art von Csikszentmihalyi und Rochberg
^alton als Zeichen und Symbole interpretiert, die Teil eines umfassenden
2^1 Damit stellt Seiles Ansatz insbesondere eine Alternative zu den gängigen technikhisto
rischen Studien dar, in denen technikzentriert sog. „innere Entwicklungsgeschich
ten" technischer Artefakte als logische und folgerichtige Entwicklungsprozesse kon
struiert werden, in denen Alternativen in der Entwicklung soziotechnischer Systeme
id.R. unproblematisiert bleiben; vgl. hierzu Beck, Stefan: St(h)enographie im imaginä
ren Parlament der Dinge. In: kritische berichte 2/1994, S. 9396.
2^2 Csikszentmihalyi, Mihaly, Eugene RochbergHalton: Der Sinn der Dinge. Das Selbst
und die Symbole des Wohnbereiches. München, Weinheim 1989, Psychologie Verlags
Union (i.O. veröffentlicht als „The meaning of things. Domestic symbols and the seif.
Cambridge 1981, Cambridge University Press). Die Autoren befragten im Jahr 1974
300 Personen aus 82 großstädtischen Haushalten in Chicago mit dem Ziel, in leitfaden
gestützten Interviews die Dinge zu ermitteln, die aus den betreffenden Haushalten für
die Respondenten „besonders bedeutsam" erschienen. (Vgl. ebd., S. 13f.)
293 Vgl. zu den theoretischen Bezügen der Studie von Csikszentmihalyi/RochbergHalton
insbes. zum amerikanischen Pragmatismus Hickman, Larry: The Phenomenology of
the Quotidian Artifact. In: Paul T. Durbin (ed.): Technology and Contemporary Life.
Philosophy and Technology, Vol 4. Dordrecht, Boston, Lancaster, Tokyo 1988, Reidel,
S. 161176.
4 Csikszentmihalyi/RochbergHalton, Sinn, S. 35.
280 Die Ordnung der Technik
„Orientierungsschemas" sind, welches die Beziehung des Menschen zu sich
selbst, zur sozialen und zur natürlichen Welt vermittelt. Alltäglichen Din
gen wird damit nicht nur eine „sozialisierende" Rolle zugewiesen, sondern
sie werden auch als Indikator der Persönlichkeitsentwicklung interpretier
bar, da sie „ein ökologisches Zeichensystem [darstellen], welches die Per
sönlichkeit ihres Besitzers sowohl abbildet wi e formt"295
Dabei sind es allerdings nicht nur die Objekte allein, die dieses „ökologi
sche Zeichensystem" konstituieren, sondern es tritt ein diskursiver Raum
hinzu, in dem die interpretative Freiheit des Objektumgangs beschränkt
wird: „Wann immer wir einem Ding begegnen, tun wir dies normalerweise
im Kontext kultureller Sinnstrukturen, die uns bei der »Deutung« des Ob
jektes behilflich sind. Um es mit einer Lieblingsformulierung der Existen
tialphilosophen auszudrücken: Das Bedeutungsgeflecht der kulturellen In
halte ist »immer schon da«".296 Damit werde nicht nur der kulturkonforme
Gebrauch der Dinge nahegelegt, sondern gleichzeitig die Kultur selbst er
fahrbar. Csikszentmihalyi und RochbergHalton argumentieren hierbei mit
George Herbert Mead, der betont hatte, daß „[j]eder Gegenstand [...], im
Hinblick auf den der Mensch handelt oder auf den er gesellschaftlich rea
giert [...] für ihn ein Element des verallgemeinerten Anderen [sei]; indem er
dessen Haltungen ihm gegenüber übernimmt, wird er sich seiner selbst als
Objekt oder Individuum bewußt und entwickelt somit eine Identität oder
Persönlichkeit."297
Diese Kultivation des Selbst im Umgang mit kulturell bereits definier
ten Objekten setzt im Modell von Csikszentmihalyi und RochbergHal
ton aber mehr voraus, als eine passive Übernahme kultureller Muster oder
konventionalisierter Bedeutungsstrukturen. Vor allem im Gegensatz zu
strukturalistischen Ansätzen betonen sie in der Tradition des amerikani
schen Pragmatismus den interaktionistischen, auf konkretem Handeln ba
sierenden Erfahrungs und Konstruktionsprozeß,298 in dem sich spezifische
Umgangsweisen mit Objekten ebenso verfestigen wie durchaus eigenwilli
ge Bedeutungszuweisungen.299 Gleichzeitig beziehen sie damit Position ge
genüber den psychologischen Modellen des Objektumgangs etwa von
Freud oder Jung, in denen Dinge lediglich als Projektionsflächen vorgängi
295 Ebd., S. 36.
296 Ebd., S. 66.
297 Mead, George Herbert: Geist, Identität und Gesellschaft. Frankfurt/M. 1973, Suhr
kamp, S. 96.
298 Konkret verweisen Csikszentmihalyi und RochbergHalton hierbei auf die ästhetische
Theorie John Deweys (Kunst als Erfahrung. Frankfurt/M. 1980, Suhrkamp); vgl. hier
zu ausführlich unten.
299 Im Gegensatz zur Semiotik der europäischen, sich auf Saussure berufenden Tradition
greifen Csikszentmihalyi und RochbergHalton auf das Modell der semiotischen Trids
Charles Sanders Peirce' (vgl. u.a. Peirce, Charles Sanders: The Collected Works of
Charles S. Peirce, Vol. 2. C. Hartshorne, P. Weiss (eds.). Cambridge, MA, 1932, Har
vard University Press, S. 228f.) aus Zeichen, Referent und Interpretant zurück, ein Mo
dell, das den Akteuren einen aktiven und bedeutungsmodifizierenden Part einräumt.
Souverän ist,... Handeln als Praxis 281
ger, in den Subjekten bereits vorhandener Erfahrungen thematisiert wer
den.300 Dinge sind damit für Csikszentmihalyi und RochbergHalton nicht
nur „Kulturobjekte" um diesen Begriff Hörnings aufzugreifen , sondern
auch Aktionsmittel im Dienste der Selbstkonstruktion.
Hörning, Seile, Csikszentmihalyi und RochbergHalton arbeiten damit in
Aren Konzepten unabhängig voneinander und unter Berufung auf unter
schiedliche Theorietraditionen eine ähnliche Perspektive heraus. Dinge stel
len hier gleichsam die Schnittstelle zwischen unterschiedlichen Logiken dar:
tischen Systemintegration und Eigensinn bei Hörning, zwischen Kultur
geschichte und Biographie bei Seile, zwischen Kultur als System und indivi
dueller Bedeutungskonstruktion bei Csikszentmihalyi und RochbergHal
ton. In allen drei Konzepten wird vorgeschlagen, die Integration dieser dif
lerenten Logiken aus einer Akteursperspektive zu analysieren, als interakti
ven Prozeß zwischen Nutzern und Dingen. Es ist naheliegend, daß diese
Betonung der Akteursperspektive insbesondere in solchen Ansätzen einen
Zentralen Stellenwert einnimmt, in denen die sinn und bedeutungshaften
°der symbolischen Dimensionen des Umgangs mit Dingen thematisiert
Verden sollen ohne Bezug auf Handelnde ließen sich diese Fragen kaum
»sinnvoll" beantworten.
Doch dieser Perspektivenwechsel darauf geben alle drei Ansätze zahl
reiche Hinweise kann auch für umfassendere Modelle des „Umgangs"
fruchtbar weiterentwickelt werden, die sich nicht auf sinnhafte oder symbo
|lsche Dimensionen beschränken. Hierzu ist es allerdings erforderlich ana
Aog zu den etwa bei Csikszentmihalyi und RochbergHalton entwickelten
tymbolisierungstheorien , ein umfassendes handlungs oder praxistheore
^sches Konzept des Umgangs zu entwerfen. Dadurch könnten technische
Artefakte nicht nur als Bestandteile des gesellschaftlichen, diskursiv etablier
en Bedeutungssystems analysiert werden, die in ihrem Gebrauch je indivi
duell spezifische Bedeutungen erlangen, die „zwischen Fetischisierung, am
nestischer Verlebendigung und funktionalem Gebrauchswert oszillie
ren"30^ sondern sie ließen sich in einem umfassenden Sinn als „nonverbal
Medium for the human creative faculty"302 interpretieren. Diese unhinter
gehbare Fähigkeit der Nutzer zu kreativem Objektumgang praktisch wie
symbolischsinnhaft wird insbesondere in Studien der Cultural Anthro
P°l°gy, der USamerikanischen Ethnologie und den „science and technolo
Sy studies" thematisiert.
00 Csikszentmihalyi/RochbergHalton, Sinn, S. 60.
^ Miklautz, Elfie: Die Sprache der Dinge soziale und individuelle Bedeutungsdimensio
nen von Produkten. In: Reinhard Eisendle, KarlMichael Brunner, Ina P. Horn, Wol
gang Kellner, Elfie Miklautz: Maschinen im Alltag. Studien zur Technikintegration als
soziokulturellem Prozeß. München, Wien 1993, Profil, S. 221232, S. 227.
2 Douglas, Mary, Baron Isherwood: The World of Goods. Towards an Anthropology of
Consumption. New York 1981, Basic Books, S. 62.
282 Die Ordnung der Technik
Technologypraxis und Mikrologien
Oben wurde bereits darauf verwiesen, daß insbesondere in der USamerika
nischen Cultural Anthropology nach langer theoretischer und empirischer
Vernachlässigung sich in den letzten Jahren ein wachsendes Interesse an
Studien zur materiellen oder technischen Kultur auch in modernen Gesell
schaften abzuzeichnen beginnt.303 Stärker noch als für die Philosophy of
Technology gilt für eine solche Anthropology of Technology die Charakte
risierung als „field still in the making" (F.Rapp). Sie stellt umstrittenes For
schungsterrain nicht nur bezüglich der dort angewandten Theorien und
Modelle dar, sondern es wird auch grundsätzlich die Frage nach Notwen
digkeit und Berechtigung solcher Studien aufgeworfen. Auffällig ist dabei
ein sich abzeichnender Methoden und TheorieTransfer zwischen der
neueren USamerikanischen Wissenssoziologie, der Wissenschaftssoziolo
gie und der Anthropologie. In den soziologischen Subdisziplinen werden
zunehmend ethnographische Beobachtungsmethoden angewandt, während
in der Anthropology auf durch konstruktivistische Modelle grundierte
Konzepte der Wissens oder Wissenschaftssoziologie zurückgegriffen wird,
um für eine kulturtheoretische Analyse von Technik und Technologie ein
geeignetes theoretisches Instrumentarium zu gewinnen. Für die hier ver
folgte Fragestellung sind diese Entwicklungen insbesondere deshalb interes
sant, weil sich in diesen unterschiedlichen Ansätzen eine gemeinsame Per
spektive abzuzeichnen beginnt, die als methodische und theoretische Prä
misse das Motto „follow the actors"304 propagiert.
Dabei wird das oben vorgestellte Konzept der socio technical systems auf
gegriffen und in Richtung auf eine eher praxistheoretisch orientierte Analy
se von Handlungsmöglichkeiten und dynamiken in technologischen Syste
men weiterentwickelt. Betont werden in diesen Studien insbesondere drei
Aspekte: (a) Soziotechnische Systeme werden als heterogene Netzwerke
konzipiert, deren verschiedenartige, materielle, soziale, kulturelle und dis
kursive Bestandteile in komplexen Synthesen immer wieder neu stabilisiert
werden müssen; (b) soziotechnische Systeme weisen damit eine dynami
sche Struktur auf, in denen die sozialen Positionen der Akteure steten Ver
änderungen unterworfen sind; (c) diese Akteurspositionen werden als Ergeb
nis sozialer Relationen beschrieben „[which] are heterogeneous, partly soci
al, partly technical, partly textual"305, wobei diese dynamische Verknüpfung
unterschiedlicher „Materialien" unterschiedliche Machteffekte erzeugt, aber
auch Widerstandspotentiale birgt.
303 Vgl. Pfaffenberger, Anthropology; Escobar, Cyberia.
304 Vgl. insbes. Latour, Bruno: Science in Action: How to follow Engineers and Scientists
Through Society. Milton Keynes 1987, Open University Press.
305 Law, John: Power, discretion and strategy. In: John Law (ed.): A Sociology of Mon
sters: Essays on Power, Technology and Domination (Sociological Review Monograph
38). London, New York 1991, Routledge, S. 165191, S. 173.
Souverän ist,... Handeln als Praxis 283
Neben dem bereits erwähnten Arturo Escobar plädiert insbesondere
Bryan Pfaffenberger dafür, bei der Entwicklung einer Anthropology of
Technology an das von Thomas P. Hughes vorgeschlagene Konzept der so
ciotechnical systems anzuknüpfen.306 Problematisch an Ansätzen wie dem
Langdon Winners sei jedoch, daß sie wie etwa im berühmten Beispiel der
Long Island ParkwayBrücken einseitig auf den Zwangscharakter der
Technik fokussiert seien, wodurch soziale und kulturelle Herrschaftstechni
ken tendenziell dethematisiert würden: „What has not been adequately re
cognized in technology studies [...] is that the use of naked force alone to
compel obedience and suppress deviance has its limitations: It is [...] »effec
üve in the short run«, but »unworkable over the long haul«."307 Erst die dis
kursive Einhindung technischer Artefaktsysteme ermögliche die Transfor
mation einfachen technischen Zwangs in soziotechnische, technologische
Autorität. Ein besonderes Gewicht komme hierbei den symbolischen Dis
kursen des Mythos, des Rituals und der Klassifikation zu, die gerade durch
ihre „Feindlichkeit" gegenüber rationaler Argumentation besondere Über
zeugungskraft entfalten können.308 Hieraus ergeben sich jedoch nicht nur
Konsequenzen für die Thematisierung des Aufbaus und der Durchsetzung
technologischer Systeme und konformer Praxen, sondern auch für die Ana
lyse eigensinniger Gebrauchsweisen: Auch sie bedürfen zu ihrer Stabilisie
rung einer diskursiven, vorzugsweise symbolischen Legitimation.
Pfaffenberger versucht die widerspruchsvollen Prozesse von Systemsta
bilisierung und eigensinniger Widerständigkeit der Nutzer mit seinem Mo
dell des „technological drama" zu konzeptualisieren. Er richtet die Auf
merksamkeit nicht nur auf technologische Innovationen, ihre Träger und
Promotoren, sondern zusätzlich auf die Aktivitäten der Nutzer „such as
user appropriation, user modifications, Sabotage, and revolutionary alterati
°ns", Praxen also, die als „counterstatements" zum Versuch der „technolo
gical domination" verstanden werden können.309 Mit dem von Victor Tur
306 Pfaffenberger, Bryan: The Hindu Temple as a Machine, or, The Western Machine as
Temple. In: Techniques et culture, Vol. 16, 1990, S. 183202.
Pfaffenberger, Bryan: Technological Dramas. In: Science, Technology, & Human Vahl
es, Vol. 17, 3/1992, S. 282312, S. 284; Pfaffenberger greift hierbei auf Überlegungen
von Bruce Lincoln (Discourse and the Construction of Society. New York 1989, Ox
ford University Press, S. 4f.) zurück, der an gängigen herrschaftstheoretischen Erklä
rungsansätzen kritisiert, daß die zur Stabilisierung von Gesellschaft notwendigen legiti
matorischen Wirkungen von Diskursen vernachlässigt würden.
^8 Maurice Bloch etwa formuliert prägnant: „You cannot argue with a song." (Symbol,
song, dance, and the features of argumentation. In: Man, 15/1974, S. 5581); vgl. hierzu
auch die Studien von Roland Barthes (Mythen des Alltags. Frankfurt/M. 1964, Suhr
kamp), der darauf hinweist, daß in den entpolitisierten Mythen die Dinge „die Erinne
rung an ihre Herstellung" verlieren, indem sozial Hergestelltes in den Rang des Natür
lichen erhoben werde — wodurch es der rationalen Argumentation tendenziell entzogen
wird (vgl. insbes. S. 130133).
Pfaffenberger, Dramas, S. 285.
284 Die Ordnung der Technik
ner entliehenen Begriff des „drama"310 verweist Pfaffenberger darauf, daß
sowohl die technologischen Statements der Systemarchitekten als auch die
Counterstatements der Nutzer nur innerhalb eines dynamischen Zusam
menhanges interpretiert werden können und jeweils auf kulturelle Basis
Muster und soziale Axiome der betreffenden Gesellschaft bezogen sind.311
Technological dramas werden hierbei als dreistufiger Prozeß aus (a) tech
nological regularization, (b) technological adjustment und (c) technological
reconstitution konzipiert. Auf der ersten etwa von Hughes, Winner u.a.
beschriebenen Stufe der technological regularization wird ein technologi
scher Innovationsprozeß von einer mit Macht ausgestatteten Gruppe mit
dem Ziel eingeleitet „to alter the allocation of power, prestige, or wealth in
a social formation."312 Hierzu bedarf es nicht nur des Herstellens neuer tech
nischer Artefakte, sondern auch eines „heterogeneous engineering" (Tho
mas P. Hughes), mit dem gleichzeitig soziale Kontexte und symbolische
Ordnungen geschaffen werden. Unter diese Regulationsstrategien fallen
etwa Exklusionsordnungen, die die Zugangsberechtigung zu bestimmten
Techniken an die Erfüllung sozialer, ethnischer oder kultureller Kriterien
knüpfen (wie etwa in Winners Beispiel die Nutzung der Long Island Park
ways nur Besitzern eines eigenen Autos möglich ist); oder Standardisierun
gen, mit denen die Anpassung technischer Artefakte an lokale oder spezifi
sche Bedingungen negiert werden und statt dessen die Anpassung der Pra
xen an das Artefakt gefordert ist, oder auch „Delegation", also technische
Sicherungen, die den Nutzern ein bestimmtes Verhalten abfordern oder
„falsche" Gebrauchsweisen unterbinden sollen wie etwa die penetranten
Warntöne, die in Autos zum Anlegen der Sicherheitsgurte mahnen.313
Die zweite Stufe des technological drama die Phase des technological
adjustment ist durch den Versuch derjenigen Gruppen gekennzeichnet,
die von der technologischen Regulierung durch Zumutungen, Ausschluß
mechanismen, Verschlechterung ihres Status, restriktive Gebrauchsvorga
ben etc. betroffen sind, technische Artefakte nach den eigenen Bedürfnissen
anzueignen, indem sie sich Unbestimmtheiten oder „Lücken" der Regula
tionen zunutze machen. Pfaffenberger entwirft hiermit eine ähnliche Per
spektive auf die Praxen der Akteure wie etwa Michel de Certeau, der die
Möglichkeit der Marginalisierten und Ohnmächtigen betont, kreative Tak
tiken den herrschenden Strategien entgegenzusetzen.314 Oder Sally Falk
310 Turner, Victor: Dramas, Fields, and Metaphors: Symbolic Action in Human Society
Ithaca 1974, Cornell University Press, insbes. S. 32f.
311 Pfaffenberger, Anthropology, S. 506f.
312 Pfaffenberger, Dramas, S. 285.
313 Vgl. ausführlich hierzu ebd., S. 291294; der amerikanische Begriff delegation bzw.
technical delegate „a technical feature that seeks to compensate for the moral deficien
cies of users by technical means" (ebd. S. 303) wird im folgenden aus Gründen fehlen
der Prägnanz deutscher Begriffe beibehalten.
314 De Certeau, Kunst.
Souverän ist,... Handeln als Praxis 285
Moore, die die Chance der Handelnden herausstreicht „[to] arrange their
immediate situations [...] by exploiting the indeterminacies in the Situation,
0r by generating such indeterminacies, or by reinterpreting or redefining the
rules or relationships. They use whatever areas there are of inconsistency,
contradiction, conflict, ambiguity, or open areas that are normatively inde
terminate to achieve immediate situational ends."315
Pfaffenberger differenziert zwischen drei unterschiedlichen Formen sol
cher situativen Taktiken, wie sie von De Certeau und Moore beschrieben
^urden: (a) countersignification, ein Prozeß, in dem insbesondere Nutzer,
die durch technische Innovationen einen Statusverlust erlitten haben, den
Versuch unternehmen „to Substitute a more favorable frame of meaning, in
^hich their selfesteem does not suffer"; (b) counterappropriation, den Ver
such ausgeschlossener Nutzergruppen, in den Besitz der verwehrten techni
schen Artefakte zu gelangen; und (c) counterdelegation, den Versuch der
Nutzer, technische Sicherungen oder Sperren zu überwinden, mit denen ein
systemkonformes Verhalten erzwungen werden soll.316
Dieses Modell der Dynamik von technologischen Strategien und den da
gegen gerichteten Taktiken der „Endnutzer" von technischen Artefakten
liefert einen brauchbaren analytischen Rahmen zur Interpretation von un
angepaßten Aneignungsprozessen, die von „einfachen", mechanischen Ma
nipulationen technischer Sicherungen etwa der counterdelegation des
Warntones, der zum Anschnallen im Auto auffordert bis hin zu komple
xen Veränderungen reichen, wie sie Shoshana Zuboff bei Feldforschungen
an computerisierten Fabrikarbeitsplätzen beobachtete. Dort waren Arbeiter
den Besitz von Paßwörtern gelangt, die ihnen die Manipulation der vom
Computer errechneten Arbeitsleistung ermöglichten.317 In beiden Beispielen
müssen die Nutzer das zur Manipulation erforderliche Wissen erwerben
uud ihr Verhalten auch auf einer symbolischen oder diskursiven Ebene ge
gen die Regulationsbemühungen der Systemarchitekten legitimieren: im
Falle der Sicherheitsgurte in amerikanischen Autos unter Verweis auf „[the]
r°ot paradigms of individual freedom, which are interpreted to suggest that
an individual should be free to engage in dangerous behaviors as long as they
do not harm others",318 im Falle der computerisierten Messungen von Ar
beitsleistungen durch Einklagen von mehr Menschlichkeit wie ein von
Zuboff befragter Vorarbeiter, der diese illegalen Praxen der Arbeiter dulde
te, zu Protokoll gab: „If we let the Computer run us, we look bad, so we ma
^15 Moore, Sally Falk: Epilogue: Uncertainties in situations, indeterminacies in culture. In:
Sally F. Moore, Barbara Myerhoff (eds.): Symbol and politics in communal ritual. Itha
ca 1975, Cornell University Press, S. 210245, S. 234f.
16 Pfaffenberger, Dramas, S. 300.
317 Zuboff, Shoshana: In the Age of the Smart Machine. The Future of Work and Power.
New York 1988, Basic Books, S. 353f.
18 Pfaffenberger, Dramas, S. 303.
286 Die Ordnung der Technik
nipulate the Computer. We are not trying to cheat anybody or steal. We are
trying to deal with the human element involved."319
Obwohl für die meisten technischen Innovationsprozesse das „technolo
gical drama" hiermit zu einem vorläufigen Abschluß gelangt, kann in selte
nen Fällen eine weitere Stufe der technological reConstitution beobachtet
werden. Mit diesem Begiff kennzeichnet Pfaffenberger jene Fälle, in denen
entweder eine erfolgreiche antisignification durch die Nutzer stattfindet, die
Etablierung neuer, ihren Bedürfnissen angepaßterer Technologien und ent
sprechender „countercontexts" der Nutzung, oder/und die Reintegration
dieser Modifikationen in die technologischen Regulationsstrategien. Pfaf
fenberger führt als Beispiel für diese Prozesse die Entwicklung und soziale
Kontextierung des Personal Computers an. Ursprünglich entwickelt von
Garagenfirmen als „counterartifact" gegen die Dominanz von Mainframe
Computern, die ausschließlich von BüromaschinenMultis für professionel
le Anwender hergestellt wurden, und mit dem demokratischen Ideal, auch
für interessierte Laien den Zugang zu Computern und ihrer Rechenleistung
zu ermöglichen, entstand schnell eine soziale Subkultur der PCNutzer, in
denen sich völlig neue Gebrauchsweisen herausbildeten: Im Zentrum stand
hier nicht mehr Datenverarbeitung, sondern Kreativität, Lernen und die
Nutzung des Computers als Kommunikationsmedium.320 Erst nach erfolg
reicher Institutionalisierung des soziotechnischen Systems PC setzten Ver
suche alter und neuer in diesem Prozeß entstandener Firmen ein, den PC
als problematisches, weil nur unzureichend kommerzialisierbares counter
artifact wiederum in den „controlled and ordered space of regularization"
zu integrieren. Dabei wurden natürlich technische Modifikationen ebenso
notwendig wie die Rekontextierung dieses Artefaktes in neue soziale Ge
brauchszusammenhänge und symbolische Umwertungen Maßnahme die
den anfänglich revolutionären Impetus der neuen Technik321 verwässerten.
Bemerkenswert ist, daß Pfaffenberger mit seiner Amalgamierung des
Turnerschen Symbolansatzes mit praxistheoretischen Überlegungen der
Anthropologie und dem Konzept der sociotechnical systems zu einer ähn
lichen Modellbildung gelangt, wie dies die Wissenschafts und Technikso
ziologen Bruno Latour und Michel Callon in ihrem „actornetworkmo
319 Zuboff, Age, S. 354. Der hier von Zuboff geschilderte Fall eines Überwachungssystems
weist noch zahlreiche weitere, interessante Aspekte auf, so etwa das Paradox, daß dieses
System zum Abbau von Planungsunsicherheiten eingeführt wurde, um objektive Fak
ten des Produktionsprozesses an das Management zu liefern; trotz des Wissens um sol
che Manipulationen „beschloß" das Management, diese Daten als objektiv anzusehen,
„because [they] could fulfill... their emotional and pragmatic requirements for certaini
ty." (Ebd.)
320 Vgl. zu den Anfängen dieser Subkultur in den USA etwa Rheingold, Howard: Virtual
Reality. New York, London, Toronto, Sydney, Tokyo, Singapore 1991, Simon & Schu
ster.
321 Vgl. zu dieser vielleicht doch etwas optimistischen Darstellung der Geburtsphase
des Personal Computers Pfaffenberger, Dramas, S. 305307.
Souverän ist,... Handeln als Praxis 287
del" vorschlagen.322 Ebenso wie Pfaffenberger stellen Latour und Callon die
Frage, in welcher Weise und in welcher Form soziotechnische Systeme als
Ergebnis von Aktionen und Gegenaktionen unterschiedlicher Akteure sta
bilisiert, destabilisiert und schließlich restabilisiert werden oder scheitern.
Anders als der Anthropologe Pfaffenberger treiben Latour und Callon vor
dem Hintergrund wissenschaftstheoretischer Ansätze die Dezentrierung
der Subjekte jedoch weiter. Im Unterschied zu den inzwischen klassischen
Studien über sociotechnical systems, die trotz aller Relativierungen wie
etwa im oben dargestellten Fall Thomas Edisons immer noch von einer
»heroic theory of agency" beeinflußt sind,323 beschreibt z.B. Bruno Latour
*n seiner Studie zu Luis Pasteur den Wissenschaftler als Effekt oder Produkt
von Allianzen und der Koordination unterschiedlichster, menschlicher und
ftichtmenschlicher „Materialien" in einem Netzwerk.324
Ein Netzwerk besteht nach diesem Konzept in der erfolgreichen Verbin
dung unterschiedlicher Akteure oder intermediaries wie etwa Texten (wis
senschaftliche Artikel, Forschungsberichte, Patente, schriftliche Anweisun
gen etc.), technischen Artefakten (wissenschaftliche Instrumente, Maschi
nen, Konsumgüter), Menschen (samt ihren Fähig und Fertigkeiten, ihrem
expliziten und impliziten Wissen) und ökonomischen Ressourcen. Hier wird
bewußt die traditionelle Unterscheidung zwischen menschlichen Akteuren
und „Dingen" aufgegeben: Menschen und technische Artefakte werden aus
heuristischen Gründen gleichrangig behandelt,325 eine Symmetrieannahme,
die zwar durchaus analytisch produktiv auf die zunehmend unsicherer wer
dende Grenze zwischen technischen und menschlichen Handlungsanteilen
Verweist, jedoch auch theoretisch zentrale Differenzen unterschiedlicher
Handlungstypen und ihrer verschiedenen (politischmoralischen) Begrün
dungspflicht verflacht. Latour verweist zwar selbst auf die empirische Be
deutung der Differenz, hält ihre Aufhebung jedoch für erforderlich, um
»reified boundaries" zu überwinden „that prevent us from seeing the ways
xn which humans and machines are intermingled".326 Demgegenüber besteht
322 Vgl. Latour, Science; Callon, Michel: Technoeconomic networks and irreversibility.
In: John Law (ed.): A Sociology of Monsters: Essays on Power, Technology and Domi
nation (Sociological Review Monograph 38). London, New York 1991, Routledge, S.
132161.
^23 Vgl. zu dieser Kritik Law, John: Introduction: monsters, machines and sociotechnical
relations. In: John Law (ed.): A Sociology of Monsters: Essays on Power, Technology
and Domination (Sociological Review Monograph 38). London, New York 1991,
Routledge, S. 123, S. 12.
**24 Latour, Bruno: The Pasteurization of France. Cambridge, MA, 1988, Harvard Univer
sity Press; vgl. auch Ders.: Wir sind nie modern gewesen. Versuch einer symmetrischen
Anthropologie. Berlin 1995, Akademie Verlag.
325 Vgl. hierzu etwa die Anwendung dieses Konzeptes für die Analyse des komplexen
Gestaltungsprozesses eines französischen KabelTVProjektes Akrich, Construction,
die sowohl für menschliche wie nichtmenschliche Akteure den Begriff „actant" prägt.
26 Leigh Star, Susan: Power, technology and the phenomenology of Conventions: on being
allergic to onions. In: John Law (ed.): A Sociology of Monsters: Essays on Power,
288 Die Ordnung der Technik
Bernward Joerges gerade auf der Notwendigkeit, die Differenz zwischen
menschlichen und technischen Akteuren theoretisch zu bearbeiten, weil die
se Grenzziehung vor dem Hintergrund etwa informationstechnologischer
Entwicklungen immer problematischer erscheine.327
Macht wird in diesen actornetworkModellen zwar thematisiert: Sie er
scheint als Definitionsmacht für Relationen zwischen menschlichen und
nichtmenschlichen Akteuren oder intermediaries. Ohnmacht jedoch bleibt
weitgehend unsichtbar sie kann sich nicht in beobachtbaren Relationen in
diesen Netzwerken niederschlagen. Die methodische und theoretische Auf
merksamkeit gilt in diesen Untersuchungen ausschließlich der jeweils Netz
werkspezifischen Verknüpfung heterogener Faktoren. Michel Callon er
läutert dies am soziotechnischen System „Pauschalurlaub" in treffender
Weise: „The product sold by Club Med [...] is a mixture of humans and
nonhumans, texts, financial products that have been put together in a pre
cisely coordinated sequence. [...] Computers, alloys, jet engines, research
departments, market studies, advertisements, welcoming hostesses, natives
who have suppressed their desire for independence and learned to smile as
they carry luggage, bank loans and currency exchanges all of these and
many more have been aligned."328 Ergebnis dieses AlignmentProzesses ist
die Zuweisung spezifischer, stabiler Rollen für alle menschlichen und nicht
menschlichen Akteure dieses Netzwerkes und die Schaffung eines weitge
hend veränderungsresistenten sozialen Kontextes für alle Handlungen. Für
den Pauschaltouristen bedeutet dies ein wohldefiniertes Set von Rechten
und Pflichten und die relative Sicherheit, daß seine Erwartungen an „Ur
laub" erfüllt werden.
Dieses Modell bewährt sich jedoch nicht nur methodisch und theoretisch
zur Analyse stabiler Netzwerke, sondern auch zur Untersuchung dynami
scher Interaktionsprozesse, in denen solche Netzwerke aufgebaut werden.
Bruno Latour erläutert dies an dem trivialen Beispiel der (technischen) Ge
staltung europäischer Hotelschlüssel. Sie stellen das Ergebnis eines poin
tiert formuliert soziotechnischen Eskalationsprozesses dar, der mit dem
Problem des Hotelmanagements beginnt, daß die Zimmerschlüssel von den
Gästen nach Beendigung ihres Aufenthaltes nicht an der Rezeption abgege
Technology and Domination (Sociological Review Monograph 38). London, New
York 1991, Routledge, S. 2656, S. 43.
327 Joerges, Bernward: Prosopopoietische Systeme. Probleme konstruktivistischer Tech
nikforschung. In: Technik und Gesellschaft, Jahrbuch 8: Theoriebausteine der Technik
soziologie (hrsg. von Jost Halfmann, Gotthard Bechmann, Werner Rammert). Frank
furt/M., New York 1995, S. 3148, S. 40f. Hierbei böten allerdings Einfachunterschei
dungen, wie sie etwa der Technikphilosoph Harry Collins (Artificial Experts: Social
Knowledge and Intelligent Machines. Cambridge 1990, MIT Press) vornimmt, der zwi
schen Handlungen unterscheidet, die auf technische Artefakte „übertragbar" oder
„nichtübertragbar" sind, kein zureichendes weil hilflos essentialistisches Differen
zierungskriterium.
328 Callon, Networks, S. 139 (kursiv von mir, S.B.).
Souverän ist,... Handeln als Praxis 289
t>en werden. Da die freundliche Aufforderung an die Gäste und der Appell
an ihre Moral oder ihr gutes Benehmen allein wenig erfolgversprechend ist
dieser pädagogische Weg kann als Versuch der Inkorporation des Pro
gramms „Schlüssel abgeben" interpretiert werden empfiehlt sich der dia
metral entgegengesetzte Weg der Exkorporation dieses Programmes: Unter
Zuhilfenahme größerer Gewichte, die am Schlüssel angebracht werden,
yird versucht, den Antiprogrammen der Gäste „Vergessen" des Schlüssels
m der Tasche, Unwilligkeit, den freundlichen Aufforderungen des Hotel
personals zu folgen etc. zu begegnen. Einfallsreiche Gäste werden darauf
hin versuchen, das lästige Gewicht von den Zimmerschlüsseln zu entfernen,
Was unweigerlich die Maßnahme des Managements nach sich zieht, unter
Weiterem Technikeinsatz eine unlösbare Verbindung zwischen Gewicht
und Schlüssel herzustellen.329
Bereits an diesem trivialen Beispiel eines einfachen soziotechnischen Sy
stems können mehrere Vorannahmen der „actornetwork"Analysen ver
deutlicht werden: Das Eingangsstatement unabhängig davon, ob es ein
Verbaler oder technischer Text ist reicht i.d.R. nicht aus „to predict the
Path that the statemant will follow. This path depends on what successive
^steners do with the Statement. [...] the £first principle' of any study of in
n°vation in science and technology [is]: the fate of a Statement is in the hands
°f others."330 Die Durchsetzungskraft des Statements kann durch diskursive
°der nichtdiskursive Strategien durch incorporation oder excorporation
erhöht werden, mit denen auf die Gegenstatements der Nutzer reagiert
^ird. Dadurch werden jedoch sowohl die Statements komplexer als auch
[jer Charakter des Ursprungsprogramms subtil verändert: Die Nutzer ge
be*1 nicht mehr den Schlüssel ab, sondern entledigen sich an der Rezeption
eines lästigen Gewichtes. In die anfänglich rein soziale Interaktion zwischen
^ezeptionsbediensteten und Gästen werden damit nichtmenschliche Ak
teure (Gewichte und deren Befestigungen) einbezogen. So wird nicht nur
?er «Text" des Eingangsstatements verändert, sondern auch der soziale
Handlungskontext, indem zunehmend komplexere Relationsketten zwi
schen heterogenen ElementenTexten, Schlüsseln, Metallgewichten, Kon
tr°lleinrichtungen, Gästen und Hotelpersonal aufgebaut werden.
^ diesen wissens und techniksoziologischen „actornetwork"Studien, die
uen Dynamiken, Widersprüchlichkeiten und provisorisch stabilisierten Re
ationierungen heterogener Bestandteile nachgehen, wird mit dem metho
^schinterpretativen Imperativ „follow the actors" eine sehr ähnliche Um
stellung des Beobachtungsfokus vorgenommen wie in neueren kultur und
s°zialanthropologischen KonsumStudien. Auch dort wird in den letzten
Jähren unter dem komplementären Motto „follow the commodities" für
^9 Latour, Technology, insbes. S. 104110.
30 Ebd., S. 104 und 105f. (kursiv von mir, S.B.).
290 Die Ordnung der Technik
eine „Mikrologie"331 plädiert. Dieser neue „methodological fetishism" (A.
Appadurai) in der Cultural Anthropology, mit dem die Dinge selbst, ihr
Gebrauch und Konsum wieder in das Zentrum der Aufmerksamkeit ge
rückt werden sollen, charakterisiert eine wissenschaftliche Perspektive in
den Studien zur materiellen Kultur „[which] is in part a corrective to the
tendency to excessively sociologize transactions in things, a tendency we
owe to [Marcel] Mauss".332
Gleichzeitig ist zu beobachten, daß sich hiermit ein Paradigmenwechsel
in sachkulturellen Studien andeutet, indem nicht mehr die (zirkulierenden)
Artefakte, sondern ihr Gebrauch ins Zentrum des Interesses gerückt wird.
Ausgangspunkt dieser Ansätze ist die Annahme, daß die Bedeutungen der
Dinge „are inscribed in their forms, their uses, their trajectories".333 Ihre Be
deutung könne damit nur in Relation zum jeweiligen Gebrauchs Zusammen
hang rekonstruiert werden, weshalb der konkreten, historischen Zirkulation
der Dinge nachgegangen werden müsse, der „total trajectory from producti
on, through exchange/distribution, to consumption."334 Insbesondere Igor
Kopytoff wies darauf hin, daß es in Konsumstudien aus einer kulturellen
Perspektive unzureichend sei, den Warencharakter der Dinge einfach als ge
geben hinzunehmen. Es komme im Gegenteil darauf an, jene sozialen und
kulturellen Prozesse zu analysieren, als deren Ergebnis einige Dinge die Ei
genschaft „Ware" erhielten, während andere dafür als ungeeignet angesehen
würden: „Moreover, the same thing may be treated as commodity at one
time and not at another. And finally, the same thing may, at the same time,
be seen as a commodity by one person and as something eise by another.
Such shifts and differences in whether and when a thing is a commodity re
veal a moral economy that stands behind the objective economy of visible
transactions."335 Diese Frage, „whether and when" sich ein Ding im commo
331 Vgl. zu dieser Begriffsprägung u.a. Waldenfels, Umdenken, S. 200.
332 Appadurai, Arjun: Introduction: commodities and the politics of value. In: Arjun Ap'
padurai (ed.): The social life of things. Commodities in cultural perspective. Cambridge
New York 1986, Cambridge University Press, S. 363, S. 5, kursiv von mir, S.B. Vgl*
zum Einfluß der Ethnologie Mauss' auf die Vernachlässigung der (materiellen) Ge
brauchsdimension im Umgang mit Dingen zugunsten der Rekonstruktion der Struktur
von Tauschbeziehungen Frith, Raymond: Magnitudes and values in Kula exchange. In:
J.W. Leach, E. Leach (eds.): The kula: New perspectives on Massim exchange. Cam
bridge 1983, Cambridge University Press, S. 89102, S. 89f.
333 Appadurai, Commodities, S. 5.
334 Ebd., S. 13.
335 Kopytoff, Igor: The cultural biography of things: commodization as process. In: Arjun
Appadurai (ed.): The social life of things. Commodities in cultural perspective. Cam
bridge, New York 1986, Cambridge University Press, S. 6491. Kopytoff analysierte
am Beispiel der Sklaverei solche Prozesse der „commodization", in denen lebende We~
sen und sogar Menschen erzwungen Warencharakter annehmen: Mit der Gefangennah'
me eines Sklaven ist die Auslöschung seiner bisherigen sozialen und kulturellen Identi'
tät verbunden, unter Aberkennung seines Status als Mensch wird er zu einer potentielj
len oder realen „Ware" degradiert. Nach seinem „Kauf" durch einen neuen „Besitzer
jedoch wird er „resocialized" und „rehumanized", indem er eine neue soziale Identität
Souverän ist,... Handeln als Praxis 291
dity status (I.Kopytoff) befindet, führt notwendig zu einer prozessualen und
s}tuativen Sicht auf ILonsumpraxen und die Gründe für ihre Abwesenheit
*n Kontexten, in denen sie als illegitim gelten.
Obwohl die Konzentration dieser Untersuchungen auf die als umfassen
des Phänomen verstandene Konsumprzxis bislang eine Differenzierung in
Unterschiedliche Objektklassen weitgehend verhinderte und insbesondere
die Spezifität technischer Konsum und Gebrauchsobjekte nicht zum The
kla gemacht wurde, kann diese neue praxistheoretische Perspektive frucht
bar auch auf die Analyse des Umgangs mit Technik erweitert werden. Der
blondere Beitrag dieser inzwischen auch in die Europäische Ethnologie
^ngeführten Ansätze besteht vor allem darin, unterschiedliche Phasen in
^er „Biographie" der Dinge und ihrer Nutzer herauszuarbeiten. So rekon
struiert etwa Orvar Löfgren vier Warenphasen, die jeweils von einer eigenen
kulturellen Logik bestimmt seien: (a) die Innovation eines neuen Konsum
gutes, die durch eine Periode „of happy experimentation and a multitude of
utopian schemes" bestimmt sei; (b) einer Phase der Routinisierung oder Tri
Yfalisierung der entwickelten Umgangsweisen und (c) eine die normale Ge
brauchsphase abschließende Periode der kulturellen Alterung der Artefakte,
oft schneller verläuft als der physische „wear and tear". Auf diese letzte
* nase kann dabei (d) ein Redefinitionsprozeß folgen, ein kulturelles Recyc
:lng5 in dem die Artefakte aus ihrem Status als anachronistisch und veraltet
einen Status als nostalgisch wertvolle Antiquitäten transformiert wer
ben.336 Alle vier idealtypisch rekonstruierten Phasen der Warenbiographie
^nd durch Prozesse des „learning and unlearning" von Fähig und Fertig
keiten der Konsumenten begleitet, die zur kontextadäquaten Realisierung
^er jeweiligen Objektpotentiale der Artefakte erforderlich sind.
In diesem Zusammenhang ist bedeutsam, daß diese Objektpotentiale
^War wie oben beschrieben moralisch neutral sind, ihre Nutzung jedoch
1X1 Unterschiedlichen kulturellen Phasen der Dingbiographien jeweils ande
rn Legitimations bzw. DelegitimierungsOrdnungen unterworfen sind.337
£ hezug auf technische Artefaktsysteme gilt daher, daß sie unter einer dia
cnronen Perspektive die Subjektpositionen der Nutzer steten Veränderun
gen unterwerfen. Aber auch unter einer synchronen Perspektive ändern sich
zugewiesen bekommt, wodurch gleichzeitig sein „Warenstatus" aufgehoben wird al
lerdings nur auf Zeit, denn er ist jederzeit davon bedroht, wieder zur Ware erklärt zu
Verden; vgl. hierzu Kopytoff, Igor: Slavery. Annual Review of Anthropology, 11/1982,
S. 207230. Kopytoff nutzt hier Grenzfälle in der Zuerkennung des commodity status
innerhalb einer Gesellschaft ebenso wie durch Kulturkonflikte und Macht zwischen
Gesellschaften entstehende „Unregelmäßigkeiten", um die Logik der commodities zu
erlautern.
337 ^°^ren> Orvar: Consuming Interests. In: Culture & History 1990, S. 736, S. 15.
^gl. zu einigen Aspekten der Auswirkung dieser diskursiv hergestellten Ordnungen
auf die Handlungsmöglichkeiten der Nutzer Campbell, Colin: Character and Con
sumption: An Historical Action Theory Approach to the Understanding of Consumer
Behaviour. In: Culture & History 1990, S. 3748.
292 Die Ordnung der Technik
die Subjektpositionen eines Akteurs jeweils mit seiner Integration in unter
schiedliche soziotechnische Systeme: So mag etwa ein Arbeitstag mit der
Nutzung des heterogenen Netzwerkes „Öffentlicher Nahverkehr" oder mit
der Fahrt im eigenen Auto beginnen wobei der Nutzer die (allerdings
nicht ganz freie) Wahl hat zwischen den Subjektpositionen „transportierter
Fahrgast" oder „mündiger Autofahrer". Er wird dann mit dem Betreten des
Betriebes in die Inklusions und Exklusionsordnung organisierter Hierar
chien, apparativer Arbeitsplatzausstattungen und kollegialer Beziehungen
übergehen eine Produktionsordnung, in der eine Vielzahl unterschiedli
cher technischer, sozialer und kultureller Netzwerke zu einem Gesamtkom
plex dynamisch verbunden sind. Im Tagesverlauf werden Akteure somit
stets wechselnden Anforderungen und Zumutungen unterworfen, mit de
nen sie auf die durch Nutzung unterschiedlicher soziotechnischer Systeme
veränderten Subjektpositionen reagieren müssen.
Dieser Blick auf die Folgen der Nutzerintegration in „actornetworks"
oder soziotechnische Systeme und die damit verbundenen, synchronisch
oder diachronisch wechselnden Subjektpositionen produziert jedoch auch
„blinde Flecke" der Beobachtung. Nur unzureichend geraten in solchen
Analysen die Exklusionsmechanismen der Systeme in den Wahrnehmungs
fokus, mit denen ganz unterschiedlichen, potentiellen Nutzergruppen eine
erfolgreiche Systemintegration und partizipation verwehrt wird die Fra
ge nach der „Politik" der heterogenen Systeme aus „humans" und „nonhu
mans". Es ist gerade die heuristische Prämisse des „follow the actors"/„fol
low the commodities" dieser Studien, die tendenziell eine Thematisierung
von NichtAkteuren und NichtKonsumenten verstellt. So gelingt es etwa
Bruno Latour in seiner erhellenden „Soziologie" eines automatischen Tür
schließmechanismus, die technischen Umverteilungen von Handlungs
Sequenzen, pflichten und moralischen Anforderungen zwischen „humans"
und „nonhumans" zu rekonstruieren: Die sich automatisch schließende
Türe entlastet etwa Menschen nicht nur praktisch, sondern auch moralisch,
indem Appelle etwa zur Energieeinsparung (Bitte Türe geschlossen halten
...) überflüssig werden.338
Seine Analyse der geglückten Konventionalisierung und „networkstabi'
lization" tendiert jedoch dazu, zu übersehen, daß die Stabilität eines solchen
Systems nur Gültigkeit besitzt „for those who are members of the Commu
nity ofpractice who form/use/maintain it."339 Im Falle automatischer Türen
338 Latour, Bruno: Mixing Humans and NonHumans Together: The Sociology of a
DoorCloser. In: Social Problems, Vol. 35, 3/1988, S. 298310. Dieser Artikel erschieß
unter dem Pseudonym „Jim Johnson", womit Latour ironisch auf amerikanischeuro
päische Fremclheitsgefühle anspielt: „The reason for this use of pseudonym was the
opinion of the editors that no American sociologist is willing to read things that refer t°
specific places and times which are not American. Thus I inscribed in my text Americaij
scenes so as to decrease the gap between the prescribed reader and the preinscribed
one." (Ebd., S. 304)
339 Leigh Star, Power, S. 43 (kursiv von mir, S.B.).
Souverän ist,... Handeln als Praxis 293
erläutert Susan Leigh Star dieses implizite Marginalisierungspotential stabi
lisierter „actornetworks" an den oft unüberwindbaren Problemen Behin
derter mit solchen technischen Vorrichtungen, und noch eindrucksvoller
an den Problemen, die der Wunsch eines gegen Zwiebeln allergischen
Kunden eines MacDonaldsRestaurants nach einem „Hamburger ohne
Zwiebeln" in dieser fordistischen FastFoodProduktion auslöst: Ergebnis
*st nicht nur die Irritation des Personals, sondern auch der Zusammenbruch
der Produktionsroutinen. Der unstandardisierte Hamburger ist „slow
food" fast unzumutbare Wartezeiten müssen bei einer solchen Bestellung
Kauf genommen werden. Zumindest für „ZwiebelAllergiker" ist die
Subjektposition „zufriedener Kunde eines /^sJFoodRestaurants" kaum
Zu errreichen.
Diese Berücksichtigung von Ausschluß und Marginalisierungsmecha
nismen Susan Leigh Star prägt dafür die Begriffe „network externalities"
°der „ barriers of entry "340 muß damit als komplementäre Perspektive und
Korrektiv zur Rekonstruktion geglückter Systemstabilisierungsprozesse
etabliert werden.341 Erst hierdurch gelingt es, technische Artefaktsysteme als
soziale Operatoren342 zu analysieren, die Subjektpositionen von Nutzern
und Ausgeschlossenen und die ungleich verteilten Chancen zu bestimmen,
Objektpotentiale soziotechnischer Systeme aktualisieren zu können. Und
nur unter dieser Perspektive, die die SystemInklusion und Exklusion glei
chermaßen berücksichtigt, ist eine differenzierte Analyse sozial und kultu
rell differenter „technologypractices"343 möglich.
340 Ebd.
Hl Vgl. hierzu neuerdings ebenfalls die sich etwas überraschend abzeichnende Umstel
lung von der Beobachtung von Inklusions auf Exklusionsmechanismen in der „allge
meinen Systemtheorie" Luhmann, Niklas: Gesellschaftsstruktur und Semantik. Studien
zur Wissenssoziologie. Band 4. Frankfurt/M. 1995, Suhrkamp.
, ^ Vgl. zu diesem Begriff Roquelpo, Philippe: Penser la Technique. Paris 1983, Seuil.
3 Vgl.
2U dieser Begriffsprägung Pacey, Arnold: The Culture of Technology. Cambridge,
MA, 1983, MIT Press, S. 6f.
3. Praxis
Gegen die Welt zu handeln erfordert
Zeit, Energie und Wissen.
Jeffrey C. Alexander
In den vorangegangenen Kapiteln wurden verschiedenste Modelle und
Konzepte daraufhin befragt, wie in ihnen technische Artefakte als soziale
und kulturelle „Sachen" konzipiert werden. Technik und Technologie er
scheinen in diesen sozialwissenschaftlichen Konzepten in zweifacher Hin
sicht als Regelungskomplex und Form: einerseits als soziokulturell geform
te sachliche Ausstattung der Industriemoderne, anderseits als formender
Faktor des Alltagslebens. Technische Sachen, so wurde argumentiert, führen
über die Bereitstellung harter, materieller KonTexte ihrer Objektpoten
tiale und weicher, diskursiver KoTexte Gebrauchsanweisungen, Ge
brauchs^ertanweisungen etc. zu einer Konfiguration der Nutzer. Aller
dings ist mit diesen Bestimmungen vor dem Hintergrund der spezifischen
Fragestellungen der Empirischen Kulturwissenschaft, Europäischen Ethno
logie und Kulturanthropologie1 bislang nur die eine Hälfte der Relation
TechnikNutzer näher erläutert: das sachtheoretische Konzept der Technik
Die hier verfolgte Fragestellung nach dem „Umgang mit Technik" erfordert
über die Frage hinaus, wie technische Artefakte die Nutzer konfigurieren,
die Thematisierung technischer Artefakte als TatSachen: Technik und
Technologie müssen daher zusätzlich als Nutzungskomplex und figuration
untersucht werden.
Wurden in den vorangegangenen Kapiteln vorwiegend die Nutzungs/?£
dingungen rekonstruiert, stehen im folgenden die Möglichkeiten der Nutzer
technischer Artefakte im Zentrum des Interesses, deren Handlungsoptionen
durch technologische Regelungskomplexe zwar orientiert, jedoch nicht de
terminiert sind. Hierzu wird die Beobachtungsperspektive erneut gewech
selt: Im Mittelpunkt des Frageinteresses stehen in den folgenden Überlegun
gen nicht mehr die technischen Artefakte, sondern die menschlichen Akteu
re und die von ihnen entfaltete Praxis. Praxis wird dabei verstanden als die
1 Vgl. Bausinger, Spezifik.
Praxis 295
Zwischen den extremen Polen von Routine und Kreativität liegenden, alltäg
lichen Handlungsmuster der Nutzer technischer Artefakte. In der hiermit
verfolgten akteurszentrierten Perspektive wird Technik allerdings nicht in
den Zusammenhang soziologischer, handlungstheoretischer Fragestellungen
gestellt. Denn Handlungstheorien bearbeiten anders als ihre begriffliche
Etikettierung nahelegt primär entweder das Problem der Integration von
mdividuellem Handeln in gesellschaftliche Strukturen oder die Frage nach
der Emergenz stabiler Strukturen aus individuellstrategischem Handeln ge
sellschaftlicher Akteure zwei grundsätzliche „Rätsel der Soziologie"2, die
sich letztlich unter die Frage „Wie ist Gesellschaft möglich?" subsumieren
lassen.
Der Anschluß an diese grundlegende Fragestellung soziologischer Theo
riebildung, die mit Niklas Luhmann insofern als klassisch bezeichnet wer
den kann, als hiermit eine noch immer analytisch produktive Problemfor
mulierung vorliegt, würde dem spezifischen Frageinteresse dieser Studie
mcht gerecht werden: Denn damit ist eine analytische Ebene angesprochen,
die von den formulierten Erklärungszielen der Volkskunde und ihren
Nachfolgefächern nicht abgedeckt ist. Die Frage nach gesellschaftlicher
Ordnung fungiert lediglich als allerdings unverzichtbare, wenngleich
meist nur implizit thematisierte Randbedingung kulturwissenschaftlicher
Analysen. Der fachtheoretisch und methodisch abgesteckte „claim" empi
rischkulturwissenschaftlicher Analysen ist statt dessen auf der Ebene der
Problematik individueller oder kollektiver Praxis angesiedelt. Deswegen
^ird im folgenden kein handlungstheoretischer, sondern ein praxistheore
tischer Ansatz entwickelt. Die Ausgangsthese lautet hierbei, daß erst die si
tuative, pragmatische Realisation der technischen Kon und KoTexte
durch die Nutzer Technik als soziales und kulturelles Konstrukt zur Tat
sache transformiert.
Angeknüpft werden kann an eine klassische Problemdefinition des Fa
ches: die bereits die Gründungsphase der Volkskunde als akademischer Dis
^plin prägenden, durch Eduard HoffmannKrayer, John Meier oder Adolf
Spanier in Reaktion auf Hans Naumanns Thesen des „gesunkenen Kultur
gutes" aufgeworfene Kreativitätsdebatte eine Debatte allerdings, deren
Vorgeschichte und deren Niederschlag in Theorien und Methoden der
Volkskunde bislang noch nicht nachgezeichnet wurde.3 In ganz unter
schiedlichen Zusammenhängen wurde in dieser vergessenen Diskussion ge
sagt nach dem „schöpferischen Anteil" des „Volkes" am Entstehen der
2 Weyer, Johannes: System und Akteur. Zum Nutzen zweier soziologischer Paradigmen
bei der Erklärung erfolgreichen Scheiterns. In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und So
zialpsychologie, 45. Jg., 1/1993, S. 122, insbes. S. 4f.
Vgl. hierzu Vorüberlegungen bei Assion, Peter, mit einem Beitrag von Reinhard
Schmook: Von der Weimarer Republik ins „Dritte Reich". Befunde zur Volkskunde der
1920er und 1930er Jahre. In: Jacobeit/Lixfeld/Bockhorn, Völkische Wissenschaft, S. 33
85, hier S. 4244.
296 Praxis
Volkskultur,4 nach den „individuellen Agenden" der Kulturproduktion im
„Volk"5 oder nach der „eigenschöpferischen Tätigkeit der Unterschicht" ge
genüber „hochkulturellen" Vorgaben.6
In ein modernes Vokabular transponiert und für den hiesigen Untersu
chungszweck zugespitzt wurde damit die Problematik diskutiert, welche
Kreativitäts und Handlungsspielräume gegen kulturelle Hegemonie und
soziale Handlungsvorgaben von den Akteuren geltend gemacht werden
können. Auch wenn die theoretischen Vorannahmen dieser Debatte in
zwischen ebenso unannehmbar sind wie die dort angebotenen Lösungen,
kann die im Zuge dieser Diskussionen erfolgte Problemdefinition jedoch
immer noch einige Gültigkeit beanspruchen. Die Frage jedenfalls nach der
theoretischen Klärung der Relation von Kreativität und Determination des
Handelns besitzt eine größere akademische Halbwertszeit als die wissen
schaftsgeschichtlich ausgewiesenen Antworten der volkskundlichen Theo
riebildung ebenso wie die Frage nach dem Verhältnis von Struktur und
Handlung in der Soziologie.
Diese in aktuellen Fachdiskursen weitgehend in den Hintergrund getre
tene klassische volkskundliche Problemdefinition wird im folgenden aufge
griffen und als zweigliedriger Problemkomplex reformuliert: Gefragt wird
sowohl nach der Stabilisierung des Handelns durch Technik als auch nach
der Entstabilisierung der Technik durch (kreatives) Handeln. Damit nehme
ich zwar die soziologische Frage nach der Integration in und der Emergens
von (Handlungs)Än/&taren analog auf, versuche jedoch, keine hand
lungstheoretische, sondern eine sach und praxistheoretische Antwort zu
skizzieren. Ausgehend von der These, daß die Dinge des Alltags als Stabili
satoren des Sozialen anzusehen sind, ohne jedoch (De)Terminatoren von
Kultur zu sein, verstehe ich Technik und Technologie als Faktoren soziaT
kulturellen Kontingenzmanagements, als individuell und kollektiv wirksa
4 Vgl. etwa Meier, John: Wege und Ziele der deutschen Volkskunde. In: Deutsche For
schung. Aus der Arbeit der Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft. Heft 6: Deut
sche Volkskunde. Berlin 1988, S. 1543, S. 28f., der unter Verweis auf seine Thesen des
schöpferischen Anteils des „Volkes" im Umgestaltungsprozeß vom „hochkulturellen
oder bürgerlichen „Individuallied" zum „Gemeinschaftslied" als „das wichtigste Pro
blem volkskundlicher Forschungsarbeit" das Verhältnis zwischen der Rezeption frem
der kultureller Muster einerseits und der autogenen Kulturschöpfung des „Volkes" an
dererseits definierte.
5 Eduard HoffmannKrayer (Individuelle Triebkräfte im Volksleben. In: Schweizerisches
Archiv für Volkskunde, 30/1930, S. 169182, S. 182) betonte gegen Naumanns Positio
nen insbesondere, daß schöpferische Fähigkeiten keinesfalls auf bürgerliche Individuen
beschränkt seien, sondern auch im „Volk" kreative, schöpferische Individuen hervorträ
ten und „das »Volk« nach sich ziehen."
6 Adolf Spamer (Prinzipien, S. 9lf.) etwa kritisierte Naumanns Thesen vor allem deshalb?
weil in ihnen ausschließlich die passive Rezeption der aus der „Oberschicht empfangt'
nen Geistesgüter" durch die Unterschicht thematisiert würde; Naumann übersehe damit
systematisch die Fähigkeit des „Volkes" zur Reproduktion der Kulturgüter: ihre Umge'
staltung und Rekombination gemäß der eigenen Bedürfnisse.
Praxis 297
me Bedingung und Ermöglichung des alltäglichen Handelns. Vorläufig und
provisorisch formuliert findet sich „Kultur" hierbei auf beiden Seiten dieser
Unterscheidung wieder: sowohl auf Seiten der Technik als auch auf Seiten
des Handelns ein Konzept, das unten zu präzisieren ist.
Darüber hinaus verfolgt die in dieser Arbeit vorgeschlagene Sichtweise
das doppelte Ziel, sowohl die oben beschriebene „Handlungsfreiheit" der
volkskundlichen Sachkulturforschung zu überwinden, als auch dazu beizu
tragen, die „Sachfreiheit" gängiger, sozialwissenschaftlicher Handlungsmo
delle zu verringern. Im hier interessierenden Zusammenhang besteht aller
dings weder Anlaß noch Gelegenheit, dieses zweite Ziel systematisch zu ver
folgen. Die im folgenden vorgenommene, stark vereinfachende und unsy
stematische Problematisierung einiger gegenwärtig in der Soziologie vor
herrschender Handlungstheorien ist jedoch durch zwei Überlegungen ge
rechtfertigt: So können einerseits die eher theoriepolitischen Gründe, die im
Zusammenhang mit der Frage nach dem „Umgang mit Technik" für die
Anwendung des hier vorgeschlagenen, alternativen praxistheoretischen An
satzes sprechen, durch Verweis auf einige Schwächen handlungs theoreti
scher Konzepte deutlicher erläutert werden; andererseits erlaubt dieses kon
trastive Verfahren eine präzisere Konturierung des im folgenden entwickel
ten Begriffs der Praxis. Dazu muß jedoch weitgehend Neuland beschritten
^erden, denn erstaunlicherweise wurden bislang kaum sozialwissenschaft
uche Studien vorgestellt, in denen die scheinbar so eng benachbarten Kon
zepte von Handeln und Praxis einer vergleichenden Prüfung ihrer Voran
nahmen und Implikationen unterzogen wurden.7
Ich werde mich im folgenden daher auf einige wenige zentrale Fragen
uandlungstheoretischer Konzepte beschränken. Verfolgt werden soll insbe
sondere die Frage, wie menschliches Tun in den etablierten soziologischen
Schulen als wissenschaftlicher Beobachtungsgegenstand konstituiert wird
bzw. wie menschliches Tun durch wissenschaftliche Praxis in eine struktu
rierte, wohldefinierte, operationable Untersuchungskategorie (soziales)
handeln transformiert wird. Damit sollen diejenigen handlungstheoreti
schen Vorannahmen und Restriktionen sichtbar gemacht werden, die die
I hematisierung wichtiger Aspekte des „Umgangs mit Technik" tendenziell
erschweren. Diese Beobachtung der soziologischen Beobachtung von
«Handlung" wird auf zwei Probleme konzentriert: (a) auf die Präokkupati
°n gängiger Handlungstheorien mit dem Problem der „gesellschaftlichen
Ordnung" und damit verbunden auf die Frage, wie der Zusammenhang
tischen Handlung und (übergeordneten) Strukturen konzipiert wird; (b)
auf die Frage, welche Rationalitätsvorstellungen dem Konzept von Handeln
7 Richard J. Bernstein (Praxis and Action. Philadelphia 1971, University of Pennsylvania
Press) unternahm einen ersten Versuch, die philosophischen Konzeptualisierungen von
Handeln und Praxis in unterschiedlichen Traditionen vergleichend herauszuarbeiten; ein
ähnlich umfassender und systematischer sozialwissenschaftlicher Versuch wurde bislang
nicht unternommen.
298 Praxis
unterlegt sind und wie der Zusammenhang von Intentionalität, Zwecken
und Mitteln konzipiert wird.
Bei dieser kritischen Musterung soziologischer Handlungstheorien sind
neuere theoretische Überlegungen hilfreich, die sich unter dem programma
tischen Stichwort der „Rückkehr der Akteure" (Alain Touraine) in die So
zialtheorie subsumieren lassen.8 Diese seit Beginn der 80er Jahre etwa in der
Soziologie, der Ökonomie, der Anthropologie oder der Psychologie ent
wickelten Konzepte kritisieren insbesondere ältere Erklärungsmodelle, in
denen vorwiegend mit Begriffen wie Struktur oder System gearbeitet wird.
Zwar kann noch keine Rede davon sein, daß sich in dieser Kritik an den lan
ge vorherrschenden Funktionalismen oder Strukturalismen ein neues sozial
wissenschaftliches jetzt akteurszentriertes Paradigma abzuzeichnen be
ginnt.9 Auch ist die Zeit für eine Neuformulierung einer handlungs theoreti
schen „KonvergenzThese" ä la Parsons10 noch lange nicht reif. Doch kann
fraglos eine Koinzidenz unterschiedlicher, akteurszentrierter Perspektiven
in verschiedenen sozialwissenschaftlichen Disziplinen beobachtet werden.
Die traditionelle Frage danach, wie soziale Ordnung oder Stabilität, wie also
Gesellschaft möglich ist, wird in diesen neueren Ansätzen ergänzt oder ver
drängt von der Frage danach, wie Kreativität oder Innovation, wie den Ak
teuren Entscheidungen möglich sind. Diese Interessenverlagerung soll im
folgenden an älteren praxistheoretischen Konzepten der Anthropologie, der
Philosophie und der Soziologie sowie an neueren Handlungskonzepten der
Soziologie und eingeschränkt der Psychologie nachgezeichnet werden,
in denen die Kreativität und Variabilität des Handelns herausgearbeitet
wird.
Ausgehend von diesen Überlegungen wird abschließend ein praxistheo
retisches Konzept entwickelt, das im Gegensatz zu dem vereinseitigenden,
reduktionistischen Verständnis menschlichen Tuns in den gängigen Hand
lungstheorien den konstituierten wie konstituierenden, den produktiven
wie reproduktiven, den aneignenden wie kommunikativen Charakter der
Praxis betont. Praxis verstanden als körper und situationsgebunden, als
prozessual und reflexiv, als handelndes und erkennendes Tätigsein in der all
täglichen Lebenswelt wird dabei verknüpft mit den im vorangegangenen
Kapitel entwickelten Konzepten von Technik und Technologie, um ein
komplexes Modell des „Umgangs mit Technik" zu entwerfen. Aufzugreifen
8 Vgl. hierzu grundlegend Touraine, Alain: Le retour de l'acteur. Essai de sociologie. Pa
ris 1984, Fayard, oder Ders., Krise.
9 Für die Bundesrepublik erweist sich etwa die Luhmannsche Systemtheorie als veritables
Gegengift.
10 Talcott Parsons versuchte in seinem Buch The Structure of Social Action (New York
1964, The Free Press [erstmals 1937]) die Konvergenz der unabhängig voneinander ent
standenen Theorien des britischen Ökonomen Alfred Marshall und der soziologischen
Klassiker Vilfredo Pareto, Emile Dürkheim und Max Weber nachzuweisen und hieraus
den Entwurf einer allgemeinen Systematik des Handelns/des Handlungssystems zu ent
wickeln.
Handlungstheorie und/als die Ordnung des Sozialen 299
sind hier insbesondere die im Zusammenhang mit der Diskussion sachkul
tureller Forschungen in der Volkskunde entwickelten Konzepte von Kon
und KoText, die als orientierende Bedingungen dieser Praxis interpretiert
Werden.
Handlungstheorie und/als die Ordnung des Sozialen
Als Ausgangspunkt des folgenden, punktuellen Durchgangs durch einige
prominente handlungstheoretische Positionen wird die Frage gewählt, wie
beobachtbares menschliches Tun als Handeln und damit als strukturierte,
Wohldefinierte und operationable Untersuchungskategorie in soziologischen
Modellen konzipiert wird. Handeln und einzelne Handlungen werden da
mit als Ergebnisse einer analytischen Operation, nämlich als Konstitution
yon in sozialwissenschaftlicher Praxis befrag und überprüfbaren „social
technical objects" verstanden: „Handeln" und „Handlungen" stellen aus
dieser wissenschaftstheoretischen Sicht Beobachtungskategorien und nicht
empirisch vorfindbare Phänomene dar.11
Drei Phasen dieser Konstitutionsprozesse können hierbei grob nach ih
rer internen Logik unterschieden werden, für die ein jeweils spezifisches
Theorie und Problemdesign wirksam ist:12 (a) eine Phase des „ orthodoxen
Konsensus",13 zu der u.a. die soziologischen Klassiker Weber, Dürkheim
Und Parsons zu rechnen sind die theorieleitende Fragestellung lautete hier,
^ie soziale Ordnung auf der Basis des Handelns autonomer Subjekte mög
lich ist;14 (b) eine „mikrosoziologische" Phase (J.C.Alexander), die in den
60er Jahren zur Auflösung des orthodoxen Konsensus der Sozialtheorie
führte und etwa individualistische Theorien wie den symbolischen Interak
tionismus und die Ethnomethodologie hervorbrachte hier lautete die
theorieleitende Problemstellung eher, wie Handeln intern und interaktiv
orientiert wird, weshalb mehr Aufmerksamkeit für Mikroprozesse gefor
Vgl. zur analytischen Fruchtbarkeit einer solchen Perspektive etwa die Arbeiten von
Donna Haraway, die in ihren wissenschaftstheoretischen Studien zu den Konzepten der
Biologie verfolgt, wie dort „natural objects" in wissenschaftlich operationable „techni
calnatural objects" transformiert werden (Haraway, Donna J.: High Cost).
^2 Vgl. hierzu das DreiPhasenModell soziologischer Theoriebildung nach 1945 bei Alex
ander, Jeffrey C.: Twenty Lectures: Sociological Theory since 1945. London 1987, Hut
chinson, und Alexander, Jeffrey C.: Die neue Theoriebewegung: Eine ihrer Erschei
nungsformen. In: Ders.: Soziale Differenzierung und kultureller Wandel. Essays zur
neofunktionalistischen Gesellschaftstheorie. Mit einer Einleitung von Harald Wenzel (=
Theorie und Gesellschaft. Hrsgg. von Axel Honneth, Hans Joas und Claus Offe, Bd.
27). Frankfurt/M., New York 1993, Campus, S. 3147.
^ Vgl. zu dieser Begriffsprägung Atkinson, Dick: Orthodox Consensus and Radical Alter
native. A Study in Sociological Theory. London 1972, Heinemann.
^ Vgl. hierzu insbes. Münch, Richard: Theorie des Handelns. Zur Rekonstruktion der
Beiträge von Talcott Parsons, Emile Dürkheim und Max Weber. Frankfurt/M. 1988,
Suhrkamp.
300 Praxis
dert wurde;15 (c) eine sich seit etwa Mitte der 80er Jahre andeutende neue
Phase soziologischer Theorieentwicklung, in der die durch die vorangegan
genen Phasen erzeugten Dichotomien zwischen Struktur und Handlung
oder Makro und MikroPerspektive in einer.neuen Synthese aufgehoben
werden sollen hierzu können etwa Arbeiten von Jeffrey C. Alexander,
Anthony Giddens und Hans Joas gerechnet werden.
So setzt sich etwa Anthony Giddens das Ziel, die „duality of structure"
herauszuarbeiten Struktur wird hier nicht mehr nur als Restriktion des
Handelns, sondern auch als dessen Ermöglichung konzipiert, als Medium
und gleichzeitig als Resultat von Praxis.16 Sehr ähnlich in seinem theoreti
schen Impuls ist der Ansatz, den Jeffrey C. Alexander bei allen Unter
schieden zu und Unvereinbarkeiten mit Giddens' Konzept vorschlägt: Die
Umwelt inspiriert und begrenzt das Handeln gleichzeitig, wobei Umwelten
wiederum Produkte kontingenter Handlungsprozesse darstellen.17 Hans
Joas dagegen entwirft unter Rückgriff auf den USamerikanischen Pragma
tismus das Modell des „kreativen Handelns" als Konzept, mit dem sich an
dere Handlungsmodelle einordnen und ganz unterschiedliche hand
lungstheoretische Begriffe wie Intention, Norm, Identität, Rolle, Situations
definition, Institution und Routine konsistent und adäquat bestimmen las
sen.18 Auf diese neueren, systematisierenden Theoriebildungen ist unten de
taillierter einzugehen.
Ordnung
Bereits oben wurde kurz angesprochen, daß die Konstitution der Soziologie
als akademische Disziplin eng mit der Klärung des Problems verknüpft war,
wie angesichts der Auflösung traditionaler Lebensweisen und der Dynamik
der industriellen Produktionsweise gesellschaftliche Integration zu formu
lieren sei.19 Die Soziologie, so Alain Touraine, ist „aus dem Nachdenken
15 Diese Phase wurde insbes. von Autoren wie Goffman, Garfinkel oder Schütz geprägt
(vgl. als systematisierenden Uberblick zu diesen Ansätzen Miebach, Bernhard: Soziolo
gische Handlungstheorie. Eine Einführung. Opladen 1991, Westdeutscher Verlag, ins
bes. das Kapitel „Soziales Handeln im Alltag", S. 66182); als bundesrepublikanische
Vertreter dieser TheorieRichtung sind etwa Thomas Luckmann und HansGeorg
Soeffner anzusehen (vgl. etwa Soeffner, HansGeorg: Auslegung des Alltags der Alltag
der Auslegung. Zur wissenschaftssoziologischen Konzeption einer sozialwissenschaft
lichen Hermeneutik. Frankfurt/M. 1989, Suhrkamp).
16 Vgl. insbes. Giddens, Konstitution.
17 Vgl. insbes. Alexander, Jeffrey C.: Handeln und seine Umwelten. In: Ders.: Soziale Dif
ferenzierung und kultureller Wandel. Essays zur neofunktionalistischen Gesellschafts
theorie. Mit einer Einleitung von Harald Wenzel (= Theorie und Gesellschaft. Hrsgg
von Axel Honneth, Hans Joas und Claus Offe, Bd. 27). Frankfurt/M., New York 1993,
Campus, S. 196227.
18 Joas, Kreativität.
19 Vgl. Faßler, Abfall, S. 144.
Handlungstheorie und/als die Ordnung des Sozialen 301
über die Revolution, den ständigen Wandel in der ökonomischen und poli
tischen Organisation entstanden: Wie die Ordnung in der Bewegung, wie
die Einheit der Gesellschaft in der schneller werdenden Modernisierung er
halten?"20 Für die hier interessierende erste Phase der soziologischen Theo
riebildung, die mit Parsons' handlungstheoretischer Synthese der Werke
von Weber, Dürkheim, Pareto und Marshall ihren Zenit erreichte, ist dabei
eine wichtige Modifikation der von Thomas Hobbes formulierten Problem
stellung zu konstatieren: Während Hobbes in seiner Sozialphilosophie zu
klären suchte, wie sich aus dem von ihm unterstellten Naturzustand egoi
stisch handelnder Subjekte eine friedliche soziale Ordnung entwickeln kön
fle eine Frage, die er mit der Notwendigkeit der kollektiven Unterwerfung
Unter den Leviathan beantwortete, d.h. unter staatliche Institutionen, die
nicht der Disposition der Bürger unterstehen , gehen Weber, Dürkheim
°der Parsons von der Vorannahme eines Kulturzustandes aus. Der Wechsel
von Natur auf Kultur als argumentativer Basis bei prinzipiell unveränderter
Fragestellung manifestiert sich bei allen drei soziologischen Klassikern in
der Annahme, daß neben äußerem, institutionalisiertem Zwang inter
Aalisierte Normen und Werte die Ordnung des Handelns garantieren.
Daß die anthropologischen Prämissen der Hobbesschen Sozialphiloso
phie, die von einem Naturzustand der individualistischen Akteure ausgeht,
Verworfen wurden, ist zwei fundamentalen Schwächen dieser utilitaristi
schen Konzepte geschuldet. Wie insbesondere Talcott Parsons in seiner
»Structure of Social Action" argumentierte, kann der Utilitarismus nicht zu
ziehend erklären, wie Handlungsziele von den Akteuren gebildet werden:
Entweder erscheinen sie als Resultat deterministischer Prozesse, etwa wenn
Dünsche als Ergebnis sozialer Vererbung oder prägender Einflüsse von
»Milieu" oder „Umwelt" betrachtet werden; oder den Akteuren wird eine
»rationale Wahl" und damit völlige Transparenz der Handlungsbedingun
gen und prinzipielle Wahlfreiheit unterstellt, wobei eine suboptimale Wahl
flotwendig als Ausfluß von Irrationalismen konzipiert wird. Nach Parsons
Produzieren utilitaristische Theorieansätze damit logisch zwingend entwe
der einen „antiintellektualistischen Positivismus", in dem Handlungsoptio
flen auf einen Erbe oder Umweltdeterminismus reduziert werden, oder ei
flen „rationalistischen Positivismus", der Handeln auf das Verständnis von
Situationsanpassung und „rational choice" reduziere.21 Die von Parsons
^°rgeschlagene Theoriealternative besteht darin, daß er den Ursprung sozia
Ier Ordnung nicht oder nicht nur in Zwang oder Anpassung, sondern auch
fli der Bildung gemeinsamer Werte in Interaktionsprozessen sah. Neben die
Vom Utilitarismus ausschließlich betonten rationalen Handlungsmotive tre
ten damit kollektiv erzeugte Werte und Normen als normative Orientierun
gen der Handelnden.
^ Touraine, Krise, S. 19.
* Vgl. hierzu Münch, Theorie, S. 625636, und Joas, Kreativität, S. 2228.
302 Praxis
Dieser „Theoriekern" des Parsonsschen Strukturfunktionalismus, die
Betonung der normativen Integration sozialer Handlungszusammenhän
ge,22 war explizit auf die Handlungskonzeptionen von Weber und Dürk
heim bezogen. So ist es für Weber die Geltung einer legitimen Ordnung,, an
der sich die Handelnden orientieren und mit der die soziale Kohäsion
sichergestellt ist, bei Dürkheim entsteht durch normative Bindung der Indi
viduen eine „organische Solidarität". Uber die sozialen bzw. sozialpsycho
logischen Mechanismen der Sozialisation und Internalisierung von Normen
wird somit die orientierende Instanz des Handelns in die Individuen selbst
verlegt; hierdurch wird sowohl das virulente Problem gelöst, den Akteuren
prinzipielle Willensfreiheit und Autonomie zuzugestehen eine Anpassung
an die bürgerlichen Selbstkonzepte , als auch die empirisch evidente Tatsa
che sozialer Ordnung erklärbar eine Anpassung an die Selbstkonzepte der
Industriegesellschaft. Somit kann zwar das Individuum „theoriefunktional
zur Erklärung individuellen Handelns [dienen] wie eine Art qualitas oc
culta in der älteren Physik"23, doch der ordnende Faktor seines Verhaltens
ist jenseits des handelnden Subjekts angesiedelt: „[Le] sens d'une Situation
sociale est ä chercher en dehors d'elle."24 Dieses Konzept der normativen
Orientierung des Handelns bietet vor allem den Vorteil, sowohl bei beob
achtbaren Verstößen gegen die geltende Ordnung analytisch anwendbar zu
sein, als auch die Geltung sich widersprechender Ordnungen anzuerken
nen.25 Ein als Handeln und damit als normativ orientiert klassifiziertes
Tun bleibt damit auch dann Handeln, wenn es gegen eine Norm verstößt
oder seinen Zweck nicht erreicht.26 Ein Fall, der in „rationalchoice"Theo
rien nur unter die Residualkategorie „irrationales Verhalten" einzuordnen
wäre.
Diesem Begriff des normativ integrierten Handelns, der seit Weber,
Dürkheim und Parsons den Theoriekern der dominierenden Handlungs
22 Vgl. hierzu Wenzel, Harald: Die Ordnung des Handelns. Talcott Parsons' Theorie des
allgemeinen Handlungssystems. Frankfurt/M. 1991, Suhrkamp, S. 17f.
23 Luhmann, Niklas: Die Soziologie des Wissens: Probleme ihrer theoretischen Konstruk
tion. In: Ders.: Gesellschaftsstruktur und Semantik. Studien zur Wissenssoziologie der
modernen Gesellschaft, Bd. 4. Frankfurt/M. 1995, Suhrkamp, S. 151180, S. 153.
24 Touraine, Retour, S. 138.
25 Vgl. hierzu Weber, Wirtschaft, S. 16: „An der Geltung einer Ordnung »orientieren«
kann man sein Handeln nicht nur durch »Befolgung« ihres (durchschnittlich verstande
nen) Sinnes. Auch im Falle der »Umgehung« oder »Verletzung« ihres (durchschnittlich
verstandenen) Sinnes kann [... sie] wirken. Zunächst rein zweckrational. Der Dieb ori
entiert an der »Geltung« des Strafgesetzes sein Handeln: indem er es verhehlt. [...] Es
macht der Soziologie keine Schwierigkeiten, das Nebeneinandergelten verschiedener,
einander widersprechender Ordnungen innerhalb des gleichen Menschenkreises anzu
erkennen. Denn sogar der Einzelne kann sein Handeln an einander widersprechenden
Ordnungen orientieren." (Hervorhebung i.O.)
26 Vgl. hierzu auch Habermas, Jürgen: Handlungen, Operationen, körperliche Bewegun
gen. In: Ders.: Vorstudien und Ergänzungen zur Theorie des kommunikativen Han
delns. Frankfurt/M. 1995, Suhrkamp, S. 273306, insbes. S. 280283.
Tlandlungstheorie und/als die Ordnung des Sozialen 303
theorien der Soziologie darstellt, verdankt die Disziplin so Niklas Luh
niann ihre identitätsstiftende Fähigkeit, „über das Verhältnis von Indivi
duum und Gesellschaft zu räsonnieren; denn der Begriff ist ambivalent ge
nug, um sowohl einen handelnden Menschen als auch einen sozialen Bezug
des Handelns, also Individuum und Gesellschaft vorauszusetzen."27 Ent
scheidend für die hier interessierende Fragestellung sind jedoch zwei Zu
sammenhänge. Erstens ist darauf hinzuweisen, daß in die Konstitution der
Beobachtungskategorien Handeln und Handlung das Erklärungsziel der
soziologischen Handlungstheorien von Weber, Dürkheim und insbesonde
re Parsons, soziale Ordnung zu erklären, implizit aber folgenreich einge
lassen ist: Nach der Weberschen Definition etwa stellt menschliches Tun
dann und nur dann Handeln dar, wenn die Akteure mit ihm einen Sinn ver
binden, d.h. wenn es auf eine geltende Ordnung bezogen ist.28 Deutlich wird
Zweitens, daß die Handlungsfähigkeit der Akteure in diesem Modell damit
yon den vorgängigen Normen im doppelten Wortsinne weg oder ihnen
Untergeordnet wird: Definitorisches Kriterium der Handlung ist dessen
Normativität, nicht etwa dessen Kreativität. Handlungstheorien, in denen
Zuerst nach den Voraussetzungen sozialer Ordnung gefragt wird, tendieren
demnach zu einer theoretischen Diskriminierung innovativen, unkonven
tionellen oder einfach nur abweichenden Verhaltens.29
Diese Probleme werden insbesondere dann virulent, wenn danach ge
fragt wird, wie in diesen Handlungskonzepten der Umgang mit Sachen oder
technischen Artefakten konzipiert wird. Oben wurde bereits ausführlich
dargestellt, wie Dürkheims „chosisme", seine methodische Forderung, Sa
chen den gleichen konzeptionellen Rang wie Normen einzuräumen, zwar
die Sachfreiheit vieler soziologischer Theorien zu überwinden vermag, wie
damit jedoch gleichzeitig die Beobachtung von Spezifitäten im Norm und
Sachumgang verhindert wird: Materielley körperexterne Handlungso/?£zo
nen werden wie ideelle, internalisierte Handlungsgehilfe behandelt im Er
gebnis eine idealistische Konzeption. Im Gegensatz dazu wurde im voran
gegangenen Kapitel gerade betont, daß die Materialität technischer Artefak
te multiple Handlungsoptionen bereitstellt ihre affordances , die erst ko
textuell, also diskursiv/normativ eingeschränkt werden. Eine theoretische
J7 Luhmann, Soziologie, S. 155.
Vgl. Weber, Wirtschaft, S. lf. und insbes. S. 16: „Einen Sinngehalt einer sozialen Bezie
hung wollen wir a) nur dann eine »Ordnung« nennen, wenn das Handeln an angebbaren
»Maximen« (durchschnittlich und annähernd) orientiert wird. Wir wollen b) nur dann
von einem »Gelten« dieser Ordnung sprechen, wenn diese tatsächliche Orientierung an
diesen Maximen mindestens auch (also in einem praktisch ins Gewicht fallenden Maß)
deshalb erfolgt, weil sie als irgendwie für das Handeln geltend: verbindlich oder vorbild
lich, angesehen werden." (Hervorhebung i.O.)
9 Vgl. hierzu Arnason, Johann P.: Praxis und Interpretation. Sozialphilosophische Studi
en. Frankfurt/M. 1988, Suhrkamp, S. 254, der herausarbeitet, daß solche Theorien folg
lich zur Analyse revolutionärer Prozesse selbst dann wenig beitragen können, wenn die
Problematik sozialer Konflikte in diese Theorien einbezogen wird.
304 Praxis
Gleichbehandlung von affordances und diskursiven Normen verwischt die
sen zentralen Unterschied und trägt dazu bei, die Möglichkeiten der Akteu
re auszublenden, die multiplen Optionen technischer Artefakte zur „Erfin
dung" neuer Gebrauchsweisen zu nutzen, Chancen allerdings, die sich in
einem zweiten Schritt stets sozial legitimieren müssen. Das Durkheimsche
Handlungsmodell erhält dadurch einen hyperstabilen Charakter.
Weber dagegen argumentiert im Gegensatz zu Dürkheim, daß der Um
gang mit einer Maschine nur dann analysierbar sei, wenn er in Bezug auf sei
nen Sinn, verstanden als ihre Verwendung als „Mittel" oder „Zweck" und
damit innerhalb einer instrumentalistischen Ordnung interpretiert werden
könne.30 Der Umgang mit technischen Artefakten kann somit nicht als sinn
konstituierend interpretiert werden, sondern Sinn ist konstitutiv für die
Handlung, er ist das entscheidende Kriterium, wodurch Handeln von
NichtHandeln unterschieden wird. Auf die Rationalitätsimplikationen die
ser und weiterer handlungstheoretischer Konzepte ist im folgenden einzu
gehen.
Rationalität
Die Wahl eines Handlungsmodells impliziert nicht nur spezifische Ord
nungsvorstellungen, sondern auch die Frage, welches Maß und welcher Typ
von Rationalität dem Handelnden durch den mit handlungstheoretischen
Beobachtungskriterien ausgestatteten, sozialwissenschaftlichen Interpreten
zugestanden wird. Prägnant weist auf diesen Zusammenhang Edward P.
Thompson in seiner polemischen Kritik funktionalistischer und struktura
listischer Konzepte hin: Indem diese Modelle die Relation von Struktur und
Handlung als Zusammenhang von Programm und Ausführung konzipier
ten, gingen sie „von der gleichen latenten Anthropologie^ von der gleichen
Grundannahme vom >Menschen< aus daß nämlich alle Männer und Frau
en (sie selbst ausgenommen) verdammt dämlich sind."31 Etwas zurückhal
tender, aber in seiner Kritik nicht weniger deutlich, fordert Anthony Gid
dens, daß die in den Sozialtheorien des orthodoxen Konsensus herrschende
Tendenz, „das menschliche Verhalten als ein Ergebnis von Kräften zu be
trachten, welche die Handelnden weder kontrollieren noch verstehen" kön
nen, überwunden werden müsse.32
Differenzierter als Giddens oder Thompson, jedoch ebenfalls mit der In
tention, reduktionistische Rationalitätskonzepte in den gängigen Hand
lungsmodellen zu überwinden, unterscheidet Jürgen Habermas vier typi
sche Handlungskonzepte nach ihren Implikationen für die den Handelnden
unterstellten Rationalitätsformen: (a) teleologisches Handeln zu diesem
30 Weber, Wirtschaft, S. 3.
31 Thompson, Edward P.: Das Elend der Theorie. Frankfurt/M. 1980, Campus, S. 207.
32 Giddens, Konstitution, S. 29.
Handlungstheorie und/als die Ordnung des Sozialen 305
Theorietyp rechnet v.a. Max Webers Handlungskonzept; (b) normenregu
liertes Handeln Emile Dürkheims und Talcott Parsons' Modelle sind hier
zu zu zählen; (c) dramaturgisches Handeln dazu rechnet etwa Erving
Goffmans Interaktionsmodell; und schließlich (d) kommunikatives Han
deln als typische Vertreter nennt Habermas Harold Garfinkel und Geor
ge Herbert Mead.33 Wichtig im hier diskutierten Zusammenhang ist, daß die
mit diesen Modellen implizierten unterschiedlichen Bezüge der Handeln
den zur „Welt" nicht nur eine jeweils spezifische Form der Handlungsratio
nalität vorgeben, sondern daß eben diese Rationalitätsaspekte gleichzeitig als
wissenschaftliches Beurteilungskriterium herangezogen werden, mit der die
Interpreten die beobachtete Handlung qualifizieren können. Dieser Zusam
menhang wird im folgenden am Konzept der Zweckrationalität Max We
bers verdeutlicht, dessen teleologisches Handlungsmodell sich für die The
matisierung des Gebrauchs technischer Artefakte in besonderer Weise an
zubieten scheint. An den dabei allerdings auch deutlich werdenden Schwä
chen dieses Konzeptes können gleichzeitig zentrale Vorannahmen einer zu
entwickelnden praxistheoretischen Alternative verdeutlicht werden.
Vorab ist jedoch zu klären, warum Webers Handlungssoziologie im vor
angegangenen Abschnitt unter der Kategorie „normenreguliertes Handeln"
gefaßt wurde, während sie in der Systematik von Habermas nicht als die
Analyse normenregulierten, sondern teleologischen Handelns erscheint.
Dieser Widerspruch löst sich bei einer genaueren, kritischen Bestandsauf
nahme der von Weber eingeführten Unterscheidung von Wert und Zweck
rationalität jedoch auf: Einerseits handelt es sich bei beiden Rationalitätsfor
men um idealtypische Konstrukte, von denen selbst Weber annahm, daß sie
empirisch kaum jemals in Reinform beobachtet werden könnten; anderer
seits kann zweckrationales Verhalten als eine spezifische, für westliche
Industriegesellschaften typische Form der Wer/rationalität analysiert wer
den.
Wie bereits oben ausgeführt, unterscheidet Weber zwischen den vier
^ealtypischen Formen der Handlungsorientierung (a) zweckrational, (b)
Wertrational, (c) affektuell und (d) traditional. Mit dieser Systematik wird
eine „Rationalitätsskala" (W. Schluchter) etabliert, bei der Handeln gemäß
einem zunehmenden Abweichungsgrad von zweckrationalem Handeln
klassifiziert wird. Während im zweckrationalen Handeln Zwecke ebenso
Wie Mittel rational ausgewählt werden, um einen bestimmten Erfolg zu er
zielen, werden im wertrationalen Handeln Zwecke und Mittel unabhängig
v°m Erfolg ausgewählt, weil ein Handeln einen ästhetischen, ethischen oder
religiösen Eigenwert besitzt. Affektuelles Handeln, das durch emotionale
Gefühlslagen, oder traditionales Handeln, das allein durch „eingelebte Ge
wohnheit" bestimmt ist, ist hierbei durch eine jeweils größere „Störung" ra
Vgl. Habermas, Theorie, Band 1, insbes. das Kapitel 3: „Weltbezüge und Rationalitäts
aspekte des Handelns in vier soziologischen Handlungsbegriffen", S. 114151.
306 Praxis
tionalen Handelns gekenzeichnet.34 Diese Systematik begründet Weber aus
schließlich methodologisch, wobei er explizit auf den (re)konstruktiven
Charakter zweckrationalen Handelns hinweist:
„Für die typenbildende wissenschaftliche Betrachtung werden ... alle irrationalen, af
fektuell bedingten, Sinnzusammenhänge des Sichverhaltens, die das Handeln beein
flussen, am übersehbarsten als „Ablenkungen" von einem konstruierten rein zweck
rationalen Verlauf desselben erforscht und dargestellt. Z.B. wird bei einer Erklärung
einer »Börsenpanik« zweckmäßigerweise zunächst festgestellt: wie ohne Beeinflus
sung durch irrationale Affekte das Handeln abgelaufen wäre, und dann werden jene
irrationalen Komponenten als »Störungen« eingetragen. ... Die Konstruktion eines
streng zweckrationalen Handelns also dient in diesen Fällen der Soziologie, seiner evi
denten Verständlichkeit und seiner an der Rationalität haftenden Eindeutigkeit
wegen, als Typus (»Idealtypus«), um das reale, durch Irrationalitäten aller Art (Affek
te, Irrtümer) beeinflußte Handeln als „Abweichung" von dem bei rein rationalem
Verhalten zu gegenwärtigenden Verlaufe zu verstehen."35
In dieser Typologie erscheint zweckrationales Handeln damit als extremer,
„im wesentlichen konstruktiver Grenzfall"36 des Handelns, der in Reinform
kaum empirisch zu beobachten ist. Zudem betont Weber, daß der häufige
Fall, daß im Handeln Zwecke und Folgen konkurrieren oder kollidieren, in
der Regel wiederum nach wertrationalen Kriterien entschieden wird. Somit
erweist sich die Unterscheidung in Zweckrationalität und Wertrationalität
allein als methodologisch hilfreich für das Projekt einer „verstehenden So
ziologie", da hiermit wissenschaftlich überprüfbare Beurteilungskriterien
(die Abweichung des beobachteten Handelns von Rationalitätsstandards)
eingeführt werden. In der sozialen Realität ist Handeln jedoch stets vielfäl
tig orientiert nicht nur über Normen, d.h. wertrational, sondern auch tra
ditional (z.B. in der durchaus nicht seltenen Handlungsbegründung „das
haben wir immer schon so gemacht", in Alltagsroutinen), oder affektuell.
Diese methodisch und theoretisch durchaus brilliante Innovation, mit
der Weber die Basis für ein wissenschaftlich kontrollierbares Interpreta
tionsverfahren der verstehenden Soziologie und damit ihrer disziplinären
Identität legte, weist jedoch einige Schwächen auf. So betont etwa Seyla
Benhabib, daß Webers Methodologie die spezifische, erst durch die indu
striegesellschaftliche Rationalisierung der sozialen Welt mögliche Form des
„okzidentalen Rationalismus" zur transzendentalen Vorannahme seiner So
ziologie machte.37 Daß dieser besondere Rationalitätstyp schließlich alles
andere als wertfrei ist, hat Weber selbst in seinen empirischen Studien herau
gesarbeitet: So entsteht auf der Grundlage des protestantischen Ethik der
„Geist des Kapitalismus" mit seinen Forderungen nach Effizienz, Effektivi
tät und rationaler Allokation ökonomischer Ressourcen,38 während gleich
34 Vgl. Weber, Wirtschaft, S. 12f.
35 Ebd., S. 2f. (Hervorhebung i.O.).
36 Ebd., S. 13 (Hervorhebung von mir, S.B.).
37 Benhabib, Seyla: Rationality and Social Action: Critical Reflections on Weber's Methodo
logical Writings. In: The Philosophical Forum, Vol. XII, No. 4, Summer 1981, S. 356374.
38 Vgl. Weber, Ethik.
Handlungstheorie und/als die Ordnung des Sozialen 307
Zeitig eben jene spezifische Rationalität das Normensystem der puritani
schen Ethik aufrecht erhält.39
Entscheidender als dieser Hinweis auf die normative Grundierung der
Zweckrationalität ist jedoch das spezifische Verhältnis des Handelnden zur
Welt, das mit dem Idealtyp des zweckrationalen Handelns etabliert wird:
Ausgegangen wird mit dem ZweckMittelSchema erstens von einer „kon
templativen Beziehung eines erkennenden Subjekts zu einer Welt von Tat
sachen",40 indem in einem ersten Schritt im Erkennen der Welt Orientierun
gen gefunden werden, die dann in einem zweiten Schritt, nachdem „Zwek
kecc gegenüber der Welt gebildet wurden, mit den adäquaten Mitteln ver
folgt werden. Gegen ein solches, in der cartesianischen Tradition stehendes
Konzept kann mit John Dewey eingewandt werden, daß zwischen Hand
lungszielen und Handlungsmitteln eine reziproke Beziehung besteht erst
die in einer Handlungssituation zur Verfügung stehenden Mittel entschei
den darüber, welche Ziele realistisch gebildet werden können.41 Im An
schluß daran formuliert Hans Joas, daß erst die Berücksichtigung des konsti
tutiven und nicht nur des kontingenten Situationsbezuges des Handelns
über die reduktionistischen Vorannahmen teleologischer Modelle hinaus
führen könne.42 Auf diesen Charakter des Handelns als erkennendes Tun
^ird im Zusammenhang des PraxisKonzeptes detaillierter zurückzukom
men sein.
Weitgehend unthematisiert bleiben in teleologischen Handlungsmodel
*en und ihrem Begriffssystem aus Intention, Zweck, Mittel und Erfolg zwei
tens „unintendierte Nebenfolgen" des Handelns. Sie geraten allenfalls als
Kesidualkategorie in den Beobachtungsfocus: als Fehler des Handelnden,
der entweder die Handlungssituation falsch einschätzte und ein für den ver
folgten Zweck unpassendes Mittel wählte, oder indem der erreichte Erfolg
uubeabsichtigte Wirkungen entfaltet. Anthony Giddens prägt hierfür den
Begriff „Ziehharmonikaeffekt" des Handelns: etwa wenn das Anschalten
des Lichtes in einem Raum einen Einbrecher verjage, dessen Anwesenheit
Vorher unbemerkt geblieben war.43 Der ungleich brisantere Fall von Neben
jolgen des Handelns kann jedoch etwa in ökologischen Folgeschäden gese
hen werden, die zwar unbeabsichtigt sein, jedoch nicht unberücksichtigt
9 Vgl. Weber, Max: Die protestantischen Sekten und der Geist des Kapitalismus. In: Ders.:
Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, Bd. I. Tübingen 91988, J.C.B. Mohr, S.
207236; vgl. hierzu auch Müller, Kultur, der auf diesen „causal switch" Webers hin
weist, bei dem eine kulturelle Erklärung einer Entwicklung (die puritanische Ethik als
zentrale ideelle Grundlage des Kapitalismus) zur strukturellen Erklärung der Bestands
zrbaltung wird (das puritanische Ethos dient der Aufrechterhaltung der marktförmigen
Organisation von Tauschprozessen in Raum und Zeit).
Joas, Kreativität, S. 231.
* Vgl. hierzu Dewey, John: Demokratie und Erziehung. Hamburg 1949, Rowohlt, S. 137f.
1* Joas, Kreativität, S. 235.
Giddens, Soziologie, S. 93.
308 Praxis
bleiben können. Spätestens hier erweist sich eine folgenreiche Aufmerksam
keitsschwäche teleologischer Handlungskonzepte. Die wichtigste Kategorie
unbeabsichtigter Handlungsfolgen stellt für Giddens jedoch die im Handeln
„nebenbei" erfolgende Reproduktion gesellschaftlicher Strukturen dar.
Der zentrale Stellenwert, den der Begriff der Intention in teleologischen
Handlungsmodellen annimmt, erweist sich jedoch nicht nur als problema
tisch, weil damit die Residualkategorie „unintendierte Nebenfolgen" ge
schaffen wird, sondern drittens und für den diskutierten Zusammenhang
am bedeutsamsten , weil auch die Masse des Alltagshandelns residualen
Status annimmt. Insbesondere Handlungsroutinisierungen, habitualisie
rungen oder traditionales Handeln erscheinen vor dem Hintergrund des te
leologischen Rationalmodells des Handelns als defizitär eine mißliche,
aber konsequente Folge aus theoretischen Vorannahmen. So rangiert in We
bers Typologie die Kategorie der „traditionalen Handlungsorientierung"
ganz am Ende der Handlungsarten, die im Rahmen seiner verstehenden So
ziologie zu bearbeiten sind: Traditionales Verhalten steht demgemäß „ganz
und gar an der Grenze und oft jenseits dessen, was man »sinnhaft« orientier
tes Handeln überhaupt nennen kann. Denn es ist sehr oft nur ein dumpfes,
in der Richtung der einmal eingelebten Einstellung ablaufendes Reagieren
auf gewohnte Reize."44
Deutlich wird hier, daß die theoretischen Festlegungen Webers in Rich
tung auf eine methodische Privilegierung des Rationalmodells des Handelns
eine wirkmächtige definitorische Grenze zwischen Handeln und Verhalten
errichtet: Menschliches Tun kann demnach nur dann als Handeln klassifi
ziert werden, wenn eine Intention unterstellt werden kann, ein gesetztes Ziel
zu erreichen.45 Dieses cartesianische Moment des „Cogito" aber entfällt bei
der „Reaktion auf Reize", dem „eingelebten" habitualisierten oder routini
sierten Handeln. Nach Webers Definition ist daher die „Masse alles einge
lebten Alltagshandelns"46 nicht durch sein Handlungsmodell erfaßt. Interes
sant ist dabei, daß diese begriffliche Grenze zwischen Handlung und Ver
halten mit einer disziplinären Grenze zusamenfällt und ihre definitorische
Macht damit noch steigert: 1913, im selben Jahr, als Max Weber erstmals
„Handeln" zum Grundbegriff der Soziologie erklärte,47 bestimmte der Psy
chologe John B. Watson „Verhalten" als das zentrale Arbeitsgebiet der „be
havioristischen", naturwissenschaftlich orientierten Psychologie.48
44 Weber, Wirtschaft, S. 12 (Hervorhebung von mir, S.B.).
45 Vgl. hierzu von Wright, Georg Henrik: Determinism and the Study of Man. In: J. Man
ninen, R. Tuomela (eds.): Essays on Explanation and Understanding. Dordrecht 1976,
Reidel, S. 415435, S. 423: „[Action is] normally behaviour understood, 'seen', or descri
bed under the aspect of intentionality, i.e. as meaning something or as goaldirected."
46 Weber, Wirtschaft, S. 12.
47 Weber, Max: Über einige Kategorien der verstehenden Soziologie. In: Logos, 4/1913, S*
253280.
48 Watson, John B.: Psychology as the behaviorist views it. In: Psychological Review, 20/
1913, S. 158177.
Handlungstheorie und/als die Ordnung des Sozialen 309
Während bei Weber damit menschliches Tun nur dann in den Gegen
standsbereich der Disziplin fällt, wenn die Handelnden damit einen „Sinn"
verbinden d.h. wenn eine Intention als Grund ihres Tun rekonstruiert
Verden kann , sind es für Watson allein die äußerlich beobachtbaren Ursa
chen und Wirkungen des Verhaltens, mit denen sich die Psychologie zu be
schäftigen habe. Diese zwei Beobachtungskategorien schließen sich ge
genseitig aus: Erklärungen nach Gründen sind Erklärungen durch Angabe
des Handlungszze/es; Erklärungen nach Ursachen versuchen nachzuweisen,
»daß die Änderung eines antecedens die zureichende Bedingung für die
Veränderung eines nachfolgenden Zustandes ist".49 „Traditionales Verhal
ten", also routinisiertes, habitualisiertes oder nach traditionalen Mustern
°nentiertes Alltagshandeln, ist nach Webers Definition da es unter das
Muster eines ReizReaktionsSchemas fällt als Grenzfall des Handelns an
zusehen, weil es nicht nach Gründen, sondern nur nach Ursachen erklärt
^erden kann; deshalb könne es kaum noch zum Erklärungsbereich der So
ziologie gerechnet werden.
Daß diese kategorialen Differenzen in der Konstruktion ihres Untersu
chungsgegenstandes bislang alle Versuche verhinderten, die Fragestellungen
^er Soziologie und der behavioristischen Psychologie zu integrieren, unter
leicht in zahlreichen Publikationen der Psychologe Carl F. Graumann.
Lösung dieses Problems schlägt er vor, Intentionalität nicht von einem
angenommenen Bewußtseinsgrad abhängig zu machen, sondern einen phä
nomenologisch verstandenen Begriff der Intentionalität zu entwickeln, um
^le Analyse eines spezifischen PersonUmweltVerhältnisses an die Stelle der
Rekonstruktion von Gründen oder Ursachen zu setzen: „Dasjenige, worauf
eine Person (ein Subjekt) jeweils in einem intentionalen Akt (z.B. wahrneh
mend, redend oder handelnd) bezogen ist, wird durch eben diesen Akt als
»Objekt" gesetzt, d.h. als etwas, das unabhängig von diesem Akt existiert
j^der nicht existiert. Das gilt ebenso für die Wahrnehmung eines Baumes wie
b ] für die Handlung des NägelEinschlagens. Alles sind Modalitäten des
^ichzurWeltVerhaltens eines leiblichen Subjekts."50
Diese von Graumann alternativ vorgeschlagene „Situationsanalytik" er
^etzt nicht nur das handlungstheoretische Konzept der Intentionalität durch
^en umfassenderen, phänomenologischen Begriff des intentionalen Aktes,
^°mit Routinehandeln nicht aus dem Beobachtungsfocus ausgeschlossen
^ Graumann, Verhalten, S. 21f. Vgl. als Kritik dieser Unerscheidung in Ursachen und
Gründe Donald Davidson (Handlungen, Gründe und Ursachen. In: Bernhard Giesen,
Michael Schmid (Hg.): Theorie, Handeln, Geschichte. Erklärungsprobleme in den So
zialwissenschaften. Hamburg 1975, Hoffmann und Campe, S. 310352), der aus der
Perspektive der analytischen Philosophie nachzuweisen sucht, daß Gründe als „Rationa
> üsierungen" von Handlungen anzusehen sind.
Graumann, Carl F.: Bewußtsein und Verhalten. Gedanken zu Sprachspielen der Psycho
l°gie. In: Hans Lenk (Hg.): Handlungstheorien interdisziplinär III. Verhaltenswissen
schaftliche und psychologische Handlungstheorien. Zweiter Halbband. München 1984,
Wilhelm Fink, S. 547573, S. 568.
310 Praxis
wird, sondern betont ausdrücklich, daß Personen sowohl zur Situation als
auch zu sich selbst ein reflexives Verhältnis herstellen können. „Traditiona
les SichVerhalten", das in Webers teleologischem Konzept weitgehend ra
tionalitätsfrei verbleibt, erscheint hier als prinzipiell durchaus von den Han
delnden reflektierbar eine theoretische Konstruktion, die auch den empi
risch nicht seltenen Fall berücksichtigt, daß Routinen am Widerstand der
Welt zusammenbrechen51 und Handlungspläne innerhalb eines „kyberneti
schen" Situationsbezuges modifiziert werden müssen.
Wichtig an dieser Stelle ist zudem der Hinweis, daß Analysen des komp
lexen PersonUmweltVerhältnisses, die den Handelnden potentiell stets
Rationalität und Reflexivität zugestehen, die Vereinseitigungen gängiger
Handlungsmodelle zu überwinden vermögen. Während im Konzept des
normenregulierten Handelns die Akteure auf die Ausführung eines vorab
definierten Programms festgelegt werden, im dramaturgischen oder im
kommunikativen Handlungsmodell sprachmediierte Interaktionen und
Selbstbezüge im Mittelpunkt der Analyse stehen oder in teleologischen
Konzepten das Schema Intention, Mittelauswahl und Erfolgsgrad der
Handlung zu alleinigen Beurteilungskriterien werden, bietet eine komplexe
Situationsanalyse einen umfassenderen Interpretationsansatz. Insbesondere
wird Rationalität hier nicht auf „rational choice" eines Handlungsmittels
begrenzt, sondern um die Möglichkeit zur Selbstreflexivität erweitert. Zu'
dem kann der konstitutive Situationsbezug des Handelns in zweifacher Wei
se betont werden: durch die Berücksichtigung der Tatsache, daß die Hand
lungsmittel über die Zielbildung mitbestimmen, und dadurch, daß Erkennt
nisprozesse als Teil der Handlung verstanden werden. Die für die Handeln'
den maßgeblichen Weltbezüge werden hierbei nicht auf Einzelaspekte, wie
etwa in bezug auf Normen oder im teleologischen Modell auf die „ob
jektive" Welt, reduziert, sondern soziale (interaktive), normative, „objekti
ve" und reflexive Orientierungen des Handelnden gleichzeitig berücksich
tigt. Aus dieser Argumentation wird deutlich, daß eine hier vorgeschlagene?
umfassende Analyse von PersonUmweltRelationen auf der Basis her'
kömmlicher handlungstheoretischer Konzepte nicht geleistet werden kann?
sondern im Rahmen eines praxistheoretischen Ansatzes erfolgen muß.
Paradigm lost? Praxistheoretische Auswege
Der Begriff „Praxis" und sein Adjektiv „praktisch" weisen, wie Richard J*
Bernstein treffend schrieb, eine semantische Ambiguität auf: Einerseits ver
weise Praxis wie in den deutschen Zusammensetzungen Schreib oder
51 Vgl. hierzu etwa die Krisenexperimente Harold Garfinkeis (A Concept of, and Exper1'
ments with, „Trust" as a Condition of Stahle Concerted Actions. In: O.J. Harvey (e"'^
Motivation and Social Interaction. New York 1963, S. 187238; oder Ders.: Studies o
Routine Grounds of Everyday Activities. In: Social Problems, 11/1964, S. 225250).
^radigm lostf Praxistheoretische Auswege 311
Fahrpraxis auf „some mundane [... or] breadandbutter activity"; ande
rerseits jedoch besitze dieser Begriff den „distinctive Aristotelian flavor",
mit dem im Gegensatz zur „theoria", die auf Wissen oder Weisheit zielte
""" diejenigen menschlichen Aktivitäten der griechischen Polis bezeichnet sei
en, die praktisches Wissen und Weisheit im ethischen und politischen Kon
text zum Ziel des guten Lebens einsetzen.52 Allerdings besteht hier kein An
*aß, mit Bernstein zwischen einem „hohen" und einem „gewöhnlichen"
^fortsinn zu unterscheiden. Der Aristotelische „flavor" bezieht sich auf eine
historische Phase, die sowohl durch von „breadandbutter" Aktivitäten
entlasteten freien Bürgern der Polis als auch durch politik„entlastete" Ar
beitsmenschen geprägt war. Im Gegensatz dazu setzt gutes Leben in der
Moderne oft ebenso Fahrpraxis wie die richtige Entscheidung am Wahltag
v°raus. Praxis kann in der Moderne damit als integrativer Begriff verwendet
Werden, in dem die vermeintlich „gewöhnliche" Konnotation auf „Höhe
res f zielt, ebenso wie der „hohe" Wortsinn durchaus „Gewöhnliches" im
pliziert. Auch fern solcher Wortspiele kann konstatiert werden, daß Praxis
m ganz unterschiedlichen wissenschaftlichen Diskursen dazu dient, bislang
theoretisch Getrenntes zusammenzudenken.
Praxistheoretische Wahlverwandtschaften
Obwohl natürlich keine Einigkeit darüber besteht, welche philosophi
schen Traditionen sich um das Konzept der Praxis verdient gemacht haben,
°der ob es überhaupt ein legitimes Unterfangen darstellt, unterschiedliche
^Schulen" unter diesem Aspekt einer vergleichenden Prüfung zu unterzie
hen, erweist sich eine solche Sichtung als fruchtbar. Für Richard Bernstein
etwa sind es Marxismus, Existentialismus, Pragmatismus und analytische
1 hilosophie, die zu den Praxisphilosophien gerechnet werden können, weil
»the concern with man as agent has been a primary focal point of each of
hese movements and further, that each contributes something permanent
and important to our understanding of the nature and context of human ac
tlvjty."53 Für Don Ihde dagegen sind Praxisphilosophien dadurch gekenn
zeichnet, daß sie „in some way make a theory of action primary. Theory of
^ction precedes or grounds a theory of knowledge."54 Immerhin bemer
kenswert ist, daß Ihde mit einem anderen Unterscheidungskriterium zur
gleichen Liste gelangt wie Bernstein. Für Ihde ist jedoch zusätzlich die Phä
nomenologie Husserls und Heideggers als Praxisphilosophie einzuschätzen,
*e durch ihre Betonung des aktiven, körpergebundenen Charakters der
. ahrnehmung einen zentralen Beitrag zum Verständnis menschlicher Pra
^ls geleistet habe. Dieser Einschätzung ist vor allem auch deshalb zuzustim
^ Bernstein, Praxis, S. xf.
54 ^d., S. 1 (Hervorhebung von mir, S.B.).
Ihde, Technics, S. xv (Hervorhebung von mir, S.B.).
312 Praxis
men, weil die Phänomenologie Wahrnehmung und Handeln strikt situativ
interpretiert; so werden etwa technische Objekte relativ zu einem Verwen
dungskontext als Elemente einer lebensweltlichen Praxis beobachtet.
Problematisch erscheint die phänomenologische Philosophie jedoch im
Hinblick darauf, daß sie Intersubjektivität und Sozialität zwar nicht igno
riert, ihnen jedoch nur wenig Aufmerksamkeit widmet. Ebenso wie der Exi
stentialismus, der in der Version von Kierkegaard oder Sartre individuelleY
Freiheit, Wahl, Engagement und Handeln einen hohen Stellenwert ein
räumt, ist die Phänomenologie von einem individualistischen Bias ge
kennzeichnet ein schwer zu überwindender Mangel, soll aus einer
sozialwissenschaftlichen Perspektive an diese Theorien angeschlossen wer
den.55 Eben dieses Defizit weist auch die analytische Philosophie auf, die
zum Verständnis menschlichen Handelns und seiner Prägung durch Situa
tionen und Institiutionen wichtige Erkenntnisse beitrug, jedoch nur wenig
Aufmerksamkeit richtete auf „the dynamics of social change and to the
factors that shape those practices and institutions which are the medium of
our lives."56 Das Hauptverdienst der analytischen Philosophie liegt eher in
ihrer Kritik einfacher oder reduktionistischer Handlungsmodelle,57 weshalb
sie nur einen indirekten, wenn auch wichtigen Beitrag zu sozialwissen
schaftlichen Praxiskonzepten leisten kann.
Als bedeutsamer ist hingegen das Potential des amerikanischen Pragma
tismus und des Marxismus zu veranschlagen, ein für sozialwissenschaftliche
Fragestellungen handhabbares Instrumentarium zur Verfügung zu stellen
Insbesondere sind es die anthropologischen Vorannahmen beider Traditio
nen, auf die sozial oder kulturwissenschaftliche Praxiskonzepte zurück
greifen können. Sowohl der Pragmatismus etwa John Deweys als auch die
Konzepte des frühen Marx betonen die essentiell soziale Natur menschli'
eher Praxis und Aktivität. Interessant ist, daß Dewey seine theoretischen
Ansatzpunkte ebenso wie Marx jedoch unabhängig von dessen Überle
gungen in der Auseinandersetzung mit der Hegeischen Philosophie ge
wann.58 Ahnlich wie Marx entwirft er ein Bild des Menschen „as a crafts
55 Dies erweist sich auch in Alfred Schütz' phänomenologischer Analyse der Lebensweg
(vgl. etwa Schütz, Alfred, Thomas Luckmann: Strukturen der Lebenswelt, Bd. I. Frank'
furt/M 1979, Suhrkamp, insbes. S. 87123), da er Sozialbeziehungen ausgehend von e1'
ner phänomenologischen Reduktion konstruieren muß: Eine Sozialbeziehung stellt sich
so als Fall je einseitiger allerdings wechselseitig einseitiger Orientierung des jeweilig^
Selbst auf ein Gegenüber dar. Anthony Giddens bemängelt daran, daß damit die So*
zialwelt nicht als gegenständliche Welt konzipiert werden könne (vgl. Giddens, Soziok>'
gie, S. 2839), ein bei allen Vorzügen des Schützschen Ansatzes für soziologische Be
dürfnisse kaum auszugleichender Mangel.
56 Bernstein, Praxis, S. 303.
57 Vgl. zu den Einflüssen der „Philosophie der natürlichen Sprache" als Vertreter kann
hier etwa auf Donald Davidson verwiesen werden oder Ansätzen, die in der Tradition
des späten Wittgenstein stehen, auf neuere Entwicklungen in der Soziologie, wie etwa
der Ethnomethodologie, Giddens, Soziologie, S. 17 u. 40.
58 Vgl. hierzu Bernstein, Praxis, S. 170f.
fjwadigm lost f Praxistheoretische Auswege 313
man, as an active manipulator advancing new hypotheses, actively testing
them, always open to ongoing criticism, and reconstructing himself and his
Environment ."59 Im Zentrum des pragmatistischen Interesses steht daher
keine unproblematisch als sicher, reguliert oder abgeschlossen konzipierte
soziale Realität, sondern gerade ihr Wandel und ihre Kontingenz als Hand
wngsumgebung. Für Dewey ist diese Dialektik von Stabilität und Verände
rung auch gegenüber der dinghaften Umwelt zu beachten, die zwar „move
ment and change" auszuschließen scheine, adäquat jedoch nur als „phases of
things" innerhalb eines durch Handlungen veränderbaren Ereignisstromes
konzipiert werden könne.60
Diese für den Pragmatismus charakteristische Berücksichtigung zeitlich/
historischer und sozialer Kontexte in dem grundlegenden Begriff „events"
erklärt, warum die Philosophie der Pragmatisten aus einer kontinentaleuro
Paischen und insbesondere deutschen Perspektive als „schäbiger Relati
Vlsmus" erscheinen konnte: „Die Grundidee des Pragmatismus, nämlich die
Umstellung von der fundierenden Rolle des Bewußtseins auf die fundieren
de Rolle des Handelns"61, disqualifizierte in den Augen bewußtseinsphilo
Sophischer Schulen diesen Ansatz völlig. Anstatt von einer relativistischen
Ausrichtung des Pragmatismus sollte nicht zuletzt wegen dieser immer
noch dominanten Mißverständnisse eher um einen treffenden Begriff von
Lewis Edwin Hahn aufzugreifen62 vom Pragmatismus als einer kontextua
ytischen Philosophie gesprochen werden, die den situativen ebenso wie den
historischen Kontext des menschlichen Handelns zur entscheidenden analy
tischen Kategorie macht.
Diese Charakterisierung trifft natürlich erst recht zu für die von Marx
entwickelte Philosophie der Praxis. Für Marx ist der Begriff der Praxis, den
er in den politischideologischen Kämpfen des deutschen Vormärz „gleich
kam im Handgemenge"63 entwickelte, ein zentrales Element seiner weiteren
Studien. Die besondere Leistung der in den „Thesen über Feuerbach" ent
worfenen Konzeption64 besteht darin, daß einerseits die von Ludwig Feuer
bach vertretene Kritik an der Hegeischen Transzendentalphilosophie in eine
* hilosophie der Praxis, verstanden als das „gegenständliche Tätigsein" des
^ Bernstein, Praxis, S. 313 (Hervorhebung von mir, S.B.).
Vgl. Dewey, John: Experience and Nature. Chicago 1925, Open Court Publishing Com
pany, S. 28f.
Joas, Hans: Amerikanischer Pragmatismus und deutsches Denken. Zur Geschichte eines
Mißverständnisses. In: Ders.: Pragmatismus und Gesellschaftstheorie. Frankfurt/M
1992, Suhrkamp, S. 114145, S. 116.
Vgl. Hahn, Lewis Edwin: A Contextualistic Theory of Perception (= University of Cali
fornia Publications in Philosophy, ed. George P. Adams, J. Loewenberg, Stephen C.
Pepper, Vol. 22). Berkeley, Ca., 1942, University of California Press, S. 59.
Schmidt, Alfred: Praxis. In: H.G. Backhaus et al. (Hg.): Gesellschaft. Beiträge zur
Marxschen Theorie 2. Frankfurt/M. 1974, Suhrkamp, S. 264307, S. 271.
Marx, Karl: Die Deutsche Ideologie. I. Teil: Feuerbach. MEW, Bd. 3, Berlin 1969, Dietz,
314 Praxis
Menschen, überführt und andererseits die sensualistische Anthropologie
Feuerbachs in den historischen Materialismus transformiert wird.65 Ent
scheidend ist dabei die Kritik, die Marx an Feuerbachs Konzept einer passi
ven, nur „anschauenden" Sinnlichkeit formuliert: Diese verkenne, daß die
sinnlich erfahrenen Gegenstände Produkte der aktiven Auseinandersetzung
des Menschen mit seiner Welt seien.66 Gleichzeitig versteht Marx die sinn
lichkognitiven Fähigkeiten des Menschen als Leistungen, die selbst wiede
rum aus dem Prozeß gegenständlicher Tätigkeit hervorgehen: „[D]ie
menschliche Gattung erschließt sich einen Zugang zur Natur daher nur in
dem Praxiszusammenhang, in dem sie sich in gesellschaftlich organisierter
Arbeit auch von der Ubermacht der Natur emanzipiert."67 Praxis im Marx
schen Sinne stellt damit gleichzeitig sowohl „gegenständliches Tätigsein
gegenüber der äußeren Natur als auch einen subjektivitätsformenden Selbst
bildungsprozeß des Menschen dar, die Schaffung seiner inneren Natur.
Dieser anthropologische Ausgangspunkt der Marxschen Theorie tritt je
doch in den weiteren Studien zur Politischen Ökonomie völlig in den Hin
tergrund. Allerdings führte nicht nur die Tatsache, daß das im doppelten
Wortsinne revolutionäre Marxsche AnthropologieKonzept in seinem
Spätwerk weitgehend verschüttet war, dazu, daß hiervon lange Zeit keiner
lei Einfluß auf die akademische Disziplin der Anthropologie ausging. Mau
rice Bloch führt noch zwei weitere Gründe an: erstens den Status der An
thropologie als einer hochgradig apolitischen Disziplin, zweitens die Ver
wendung anthropologischen Materials durch Marx und Engels, das in ihrer
Argumentation eine Doppelfunktion einnahm. Einerseits sollten anthropo
logische Studien die Thesen über historische Prozesse absichern, anderer
seits suchten sie darin nach Beschreibungen von Institutionensystemen, die
kontrastiv gegen diejenigen des Kapitalismus gestellt werden konnten.
Die rhetorische Funktion dieser Exempel bestand somit sowohl darin,
die Einheit des Geschichtsprozesses als auch die Verschiedenartigkeit und
die Diskontinuität in der Geschichte zu demonstrieren: „This conflict led
Marx, and especially Engels, to a disastrous attempt to combine both ap
proaches by arguing that there really had been an early stage in human hi
story which was a mirror image of capitalism. ... In pointing out that the
specific forms of marriage, familiy, property, and gender relations which
existed in their time had not always existed, Marx and Engels were comple
65 Vgl. hierzu Honneth, Axel, Hans Joas: Soziales Handeln und menschliche Natur. An'
thropologische Grundlagen der Sozialwissenschaften. Frankfurt/M., New York 1980,
Campus, insbes. S. 2429.
66 So sehe Feuerbach nicht, daß „die ihn umgebende sinnliche Welt nicht ein unmittelbar
von Ewigkeit her gegebenes, sich stets gleiches Ding ist, sondern das Produkt der Indu
strie und des Gesellschaftszustandes,... daß sie ein historisches Produkt ist." (MEW 3, S*
43, Hervorhebung von mir, S.B.) Die Differenz zu Feuerbach besteht hier vor allem nj
der doppelten Einführung des Zeitfaktors einerseits im Sinne von Prozessualität und
Veränderung, andererseits als Referenz auf eine historische Stufenfolge.
67 Honneth/Joas, Handeln, S. 25.
^aradigm lost? Praxistheoretische Auswege 315
tely right, but in arguing positively that these things were totally absent in
Primitive society, they were ... almost totally wrong."68 Dieses Postulat ei
ner primitiven, ursprünglich klassenlosen und ausbeutungsfreien Gesell
schaft machte jene „einfachen" Gesellschaftsformen damit für den Marxis
mus zu einem unanalysierbaren Phänomen, da der Marxsche Theorieansatz
gerade um den Begriff der Klasse organisiert ist. Bloch schließt daraus: „This
type of simplistic explanation of primitive societies has dogged Marxist an
thropology since Engels's time. In a sense, Marxists stopped being Marxist
^hen they turned to primitive society."69
Es ist deutlich, daß ein so verstandener Marxismus für die Ethnowissen
schaften kaum attraktiv erscheinen konnte. Dies sollte sich erst zu ändern
beginnen, als der radikale, praxisphilosophische Kern des marxistischen
Konzeptes wiederentdeckt wurde. Als Anwärter auf die gebührende Ber
gungsprämie kann hier insbesondere die Ende der 60er Jahre in Frankreich
von der MarxInterpretation Louis Althussers ausgelöste und in den folgen
den Jahren auch in anderen Ländern sehr einflußreiche Debatte um Stärken
nnd Schwächen des Marxismus genannt werden.70 In Althussers Interpreta
tion besteht die Stärke des Marxismus in der Rekonstruktion der internen
Mechanismen des Kapitalismus der spezifischen Produktionsweise und
der strukturellen Kausalität, mit der die beobachtbaren Oberflächenphäno
niene erzeugt werden. Dabei seien jedoch stets mehrere, unterschiedliche
Produktionsweisen in einer Gesellschaft wirksam, die verschiedene Struktu
ren hervorbringen, von denen jedoch eine dominant ist. Die Herausarbei
P^ng dieser Interrelationen ist nach diesem Ansatz für die Erklärung der
inneren Dynamik einer Gesellschaft und der sozialen Phänomene wesent
lich. Dieses von Althusser modifizierte Theoriedesign des Marxismus erwies
Slch auch für ethnologische Studien als geeignet: Es wurde zu einem einfluß
reichen Konzept für eine Vielzahl anthropologischer Ansätze.71
Ethnologische Praxiskonzepte
glitte der 80er Jahre vertrat Sherry B. Ortner in einem ausgezeichneten
Überblick jüngerer theoretischer Entwicklungen der USamerikanischen
^nthropology die These, daß die sich seit Anfang der 80er Jahre entwik
^elnden heterogenen und oft konkurrierenden Ansätze im Fach durch eine
^ Bloch, Maurice: Marxism and Anthropology: The History of a Relationship. Oxford
1983, Clarendon Press, S. 16.
^ Bloch, Marxism, S. 19.
Vgl. hierzu ausführlich Honneth/Joas, Handeln, S. 3043; vgl. zur Althussers Ansatz
insbes. Althusser, Louis, Etienne Balibar: Das Kapital lesen. Bd. 1 und 2. Reinbek bei
Hamburg 1972, Rowohlt.
Vgl. hierzu die ausführliche Darstellung des Einflusses von Althusser und Godelier ins
besondere auf die britische und französische, aber auch die USamerikanische Ethnolo
gie von Bloch, Marxism, S. 141172.
316 Praxis
gemeinsame, neue Orientierung hin auf die Problematisierung von Praxis,
Handeln oder allgemeiner die Tätigkeit von gesellschaftlichen Akteuren
gekennzeichnet seien.72 Diese beginnende praxistheoretische Ausrichtung
sei als dritte Phase eines seit den 50er Jahren zu beobachtenden Abschiedes
von der kanonisierten „theoretical bricoleur's kit" anthropologischer Para
digmen und Instrumentarien zu interpretieren: Ende der 50er Jahre so
Ortner seien die „erschöpften" Theorien des britischen Strukturfunktio
nalismus (verbunden mit A.R. RadcliffeBrown und Bronislaw Malinows
ki), der amerikanischen Kulturanthropologie (etwa Margaret Mead, Ruth
Benedict) und der amerikanischen evolutionistischen Anthropologie (ver
treten etwa durch Leslie White und Julian Steward) durch drei mit viel Ag
gressivität und Innovationskraft plazierte theoretische Bewegungen abgelöst
worden: (a) durch die symbolische Anthropologie von Clifford Geertz und
Victor Turner,73 (b) durch die Kulturökologie, ausgearbeitet etwa von Mars
hall Sahlins oder Roy Rappaport74 und schließlich (c) durch die Rezeption
der strukturalen Anthropologie LeviStrauss'.75
In den 70er Jahren kann zeitgleich mit dem Entstehen neuer sozialer
Bewegungen insbesondere in Frankreich und den USA ein wachsender
Einfluß des von Louis Althusser et al. konzipierten strukturellen Marxismus
auf die Anthropologie festgestellt werden. Für Ortner erklärt sich der Ein
fluß dieses theoretischen Programms nicht zuletzt daraus, „[that it] offered
an explicit mediation between the »materialist« and »idealist« camps of six
ties anthropology".76 Indem „Ideologie" ebenso wie die „materiellen Bedin
gungen" sozialen Lebens Berücksichtigung fanden, konnten Fragestellun
gen der symbolischen Anthropologie ebenso aufgegriffen werden wie die
72 Ortner, Sherry B.: Theory in Anthropology since the Sixties. In: Comparative Studies lfl
Society and History, 26/1984, S. 126166.
73 Vgl. insbes. Geertz, Clifford: The Interpretation of Cultures. Selected Essays. New York
1973, Basic Books, und Turner, Victor: The Forest of Symbols. Ithaka, New York 1967,
Cornell University Press. Während Geertz via Parsons eher von der Soziologie Ma*
Webers beeinflußt war und Kultur als in Symbolen verkörpert konzipierte, durch die
Menschen ihre Weltsicht, Werturteile und ihr Ethos kommunizierten, vertrat Turner
in der Tradition Dürkheims die Position, daß Symbole als soziale Operatoren anzuse
hen seien, und untersuchte deren Funktionsweise im Kontext von Ritualen.
74 Vgl. etwa Sahlins, Marshall, Elman R. Service (eds.): Evolution and Culture. Ann Arbof
1960, University of Michigan Press; Rappaport, Roy A.: Pigs for the Ancestors. Ne^
Häven 1967, Yale University Press. Die zentrale Frage dieser Studien lautete, wie sozia
le und kulturelle Formen jeweils die notwendige Umweltanpassung einer Gesellschaft
aufrechterhalten. Maurice Bloch kritisiert an diesen Konzepten insbesondere die um
weltdeterministischen Vorannahmen und ihren „mechanischen Materialismus", der da
von ausgehe, daß die „explanation of people's beliefs and values is to be found directlyirl
the nature of the technoenvironmental combination." (Bloch, Marxism, S. 133)
75 Vgl. hierzu etwa Douglas, Mary: Purity and Danger. New York 1966, Frederick A Prae
ger, die etwa die Dynamik von Struktur und Gegenstruktur am Beispiel der definitori
schen Produktion von „Abfall" herausarbeitete.
76 Ortner, Theory, S. 140.
Paradigm lost? Praxistheoretische Auswege 317
Problemformulierungen der materialistisch argumentierenden Kulturöko
logie und im Rahmen einer Theorie interpretiert werden. Gleichzeitig wur
den wieder soziologische Kategorien in die Anthropology eingeführt, was
einen Anknüpfungspunkt an die Arbeiten der britischen Social Anthropo
logy ermöglichte.77 Nicht zuletzt wegen dieser integrativen Funktion konn
te der „strukturelle Marxismus" seinen Einfluß auf die Theoriebildung der
Anthropology bis Ende der 70er Jahre erhalten und damit ein Interpreta
tionsmuster stabilisieren, das soziale und kulturelle Phänomene weitgehend
durch Verweis auf systemische oder strukturelle Mechanismen erklärte.
Diese Dominanz wurde erst Anfang der 80er Jahre in der amerikanischen
Anthropology erschüttert, nicht zuletzt mitverursacht durch die Publika
tion der englischen Ubersetzung von Pierre Bourdieus „Esquisse d'une
Theorie de la Pratique",78 einer fundierten und radikalen Polemik gegen na
hezu alle herrschenden Theorien der Ethnologie, vor allem aber gegen
strukturalistische Ansätze und die symbolische Anthropologie. Dieser sorg
fältig wissenschaitstheoretisch gearbeitete und teilweise scharf bis ent
hemmt wissenschahspolitisch argumentierende Text mündet schließlich in
das Plädoyer für einen alternativen praxistheoretischen Ansatz in der Eth
nologie.
Bourdieus Argument gegen die strukturalistische Anthropologie ebenso
^ie gegen das Durkheimsche Normativitätskonzept des Handelns oder die
symbolische Anthropologie ist dabei nahezu identisch: Diese Konzepte
könnten Handeln stets nur „negativ, d.h. als Ausübung/Ausführung" ent
werfen und brächten verdinglichte Abstraktionen dank eines Fehlschlusses
hervor, „der darin besteht, die von der Wissenschaft konstruierten Objekte
Me »Kultur«, »Struktur«, »soziale Klassen«, »Produktionsweisen« usw. wie
autonome Realitäten zu behandeln, denen gesellschaftliche Wirksamkeit
eignet".79 Alle diese Spielarten einer „fallacy of false concreteness" (A.N.
^hitehead) kritisiert Bourdieu als grundlegende Fehler einer objektivisti
schen Ethnologie, die eine wirkliche Theorie der Praxis verhindere: „Die
heorie des Handelns als einer einfachen Ausübung des Modells [...] stellt
nur ein Beispiel unter anderen für jene imaginäre Anthropologie dar, die der
Phjektivismus erschafft, wenn er, in Marx' Worten »die Sache der Logik«
*ür die »Logik der Sache« ausgebend, die objektive Bedeutung der Praxis
lorrnen und Werke zum subjektiven Zweck des Handelns der Produzenten
dieser Praxisformen, Praktiken und Werke erhebt, mitsamt seinem unmög
^chen homo oeconomicus, der seine Entscheidungen dem rationalen Kalkül
Unterwirft, seinen Akteuren, die bloße Rollen ausführen oder Modellen ge
mäß handeln, oder endlich seinen Phoneme auswählenden Hörern."80
^ Vgl. hierzu ebd., S. 139144, und Bloch, Marxism, S. 170f.
^ Bourdieu, Pierre: Esquisse d'une Theorie de la Pratique, precede de trois etudes d'ethol
ogie kabyle. Genf 1972, Droz S.A.; die englische Übersetzung erschien 1978.
^ Bourdieu, Entwurf, S. 159.
^ Ebd., S. 164 (Hervorhebung i.O.).
318 Praxis
Besonders genüßlich zerpflückt Bourdieu die impliziten Vorannahmen
der auf der Saussureschen Linguistik basierenden Konzepte der Vertreter
von Semiologie und des Strukturalismus, die als „Erben eines intellektuellen
Gutes, das sie selbst nicht gebildet haben und dessen Produktionsbedingun
gen sie zuweilen nicht zu reproduzieren vermögen",81 sich epistemologi
scher Reflexionen über die Grenzen einer Übertragbarkeit des Saussure
schen Modells zumeist enthielten: „Es ist zum Beispiel bezeichnend, daß ...
kein Anthropologe den Versuch unternahm, die umfassenden Implikatio
nen der Homologie zwischen den beiden Gegensatzpaaren ...: zwischen
Sprachsystem und Sprechen einerseits und Kultur und Verhalten oder Werk
andererseits, ans Licht zu ziehen."82 Damit ist der epistemologische und
wissenschaftspolitische Ausgangspunkt der Bourdieuschen Praxistheorie
grob umrissen, die er in Absetzung gegen herrschende Konzepte formuliert.
Als Ziel seines Ansatzes formuliert Bourdieu unter Verweis auf die
FeuerbachThesen von Marx, eine Theorie der Praxis zu erarbeiten, „die die
Praxis als Praxis konstituiert".83 Hierzu müssten alle Theorien aufgegeben
werden, „die explizit oder implizit die Praxis zu einer mechanischen, durch
die vorhergehenden Bedingungen unmittelbar determinierten Reaktions
form stempeln".84 Damit wird ein Rückgriff auf Konzepte wie Normen
oder Rollen, die dem konkreten Handeln vorgängig sind, explizit ausge
schlossen. Ausgeschlossen werden muß jedoch gleichzeitig auch ein rein
voluntaristisches Konzept des Handelns, mit dem ausschließlich der freie
schöpferische Wille des Handelnden herausgestrichen würde eine Pro
blemsicht, die Bourdieu mit den oben dargestellten handlungstheoretischen
Positionen etwa Dürkheims oder Parsons' teilt. Bourdieu löst dieses zweifa
che Problem von ausreichender aber nicht überschießender Handlungs
freiheit durch eine doppelte Operation: einerseits durch die konzeptuelle
Einführung des Habitus als einer die Praxis strukturierenden Struktur, mit
der dauerhafte Dispositionen erzeugt werden,85 andererseits durch die Be
rücksichtigung „der dialektischen Beziehung zwischen Dispositionen und
Ereignis".86 Damit betont Bourdieu den zentralen Stellenwert der jeweiligen
81 Ebd., S. 153.
82 Ebd.
83 Ebd., S. 143.
84 Ebd., S. 169; bemerkenswert ist, daß Bourdieu hiermit für die Praxis das gleiche Abgren
zungskriterium wählt, das Weber in seinen methodischen Überlegungen für Handeln
benannte: die Abwesenheit eines reinen ReizReaktionsSchemas (s. hierzu oben, Unter
kapitel „Rationalität"). Allerdings spielt das für Weber so zentrale Konzept der Intentio
nalität bei Bourdieu keine Rolle diese Funktion der Handlungsausrichtung übernimmt
hier der Habitus.
85 Vgl. zu dieser Konzeption des Habitus ausführlich oben, das Kapitel „»Souverän ist, wer
über den Ausschaltezustand verfügt« Handeln als Praxis".
86 Bourdieu, Entwurf, S. 183; unklar bleibt hierbei, ob sich Bourdieu hierbei auf das prag
matistische Konzept des Ereignisses bezieht, wie es etwa Dewey seinem Praxiskonzept
zugrundelegt, in dessen Rahmen die „habits" modifiziert werden können. Bis auf einen
Paradigm lostf Praxistheoretische Auswege 319
Handlungssituation für die Praxen, in denen sich aus dem Spannungsver
hältnis zwischen objektiven, situativ gegebenen Ylandlungsoptionen einem
ereignishaften, kontingenten Element und dauerhaften, durch den Habitus
erzeugten YLandlungsdispositionen dem strukturellen, statischen Element
eine „Konjunktur" ergebe, somit Handlungsumstände, die von den Han
delnden genützt werden könnten. Praxis in diesem Sinne benötigt mithin
Zweierlei, wenn sie ans Licht treten soll: Situation und Disposition.
Im Hintergrund dieses praxeologischen Modells des Habitus als struktu
rierende Struktur der Dispositionen, die jedoch selbst wiederum durch die
objektiven Bedingungen der Klassenlage strukturiert ist (durch die Produk
tionsweise, „d.h. in letzter Instanz also durch die ökonomischen Grundla
gen der jeweiligen Gesellschaftsformation"87), scheint damit das Althusser
sche Konzept der strukturellen Kausalität auf.88 Folgenreich, wie zu zeigen
ist. Denn statt das situative Element der von ihm herausgearbeiteten dialek
tischen Beziehung von Disposition und Ereignis weiter auszuarbeiten, be
schäftigt sich Bourdieu im folgenden Text ausschließlich mit einer Verfeine
rung und Präzisierung des HabitusKonzeptes. Habitus wird dabei als
Klassenhabitus konzipiert, als die von einer Population, die den gleichen
objektiven (Klassen)Bedingungen unterworfen ist, geteilten dauerhaften
Dispositionen. Damit wendet Bourdieu das Praxiskonzept hin auf ein In
strumentarium zur Analyse der (Klassen)Ordnung von PraxisformenDer
Klassenhabitus erhält hierdurch den Charakter einer „generativen Gramma
tik" der Praxen von Lebensstilgruppen.89 Zugespitzt formuliert ist mit der
Betonung der habituellen zulasten der situativen Komponente der Praxis
der Umschlagpunkt erreicht, an dem Bourdieu vom ethnologischen Praxis
theoretiker zum Soziologen mutiert, der vor allem an der Ordnung und
Klassifikation der Praxisformen interessiert ist. Spätestens mit seiner Studie
den „Feinen Unterschieden" scheint diese Verwandlung abgeschlossen.
In seinen späteren Studien legt Bourdieu nach der Kritik von Nicholas
9arnham und Raymond Williams damit „less emphasis on the possibili
ties of real change and innovation than either his theory or his empirical re
search makes necessary."90 Unter der von Bourdieu selbst formulierten Auf
gabenstellung einer Praxeologie erweist sich diese Aufmerksamkeitsveren
gung auf die strukturellen Vorgaben der Praxis als höchst problematisch.
Verweis auf G.H. Mead jedenfalls ist Bourdieus „Entwurf" in Bezug auf den amerikani
schen Pragmatismus referenzfrei.
? Bourdieu, Entwurf, S. 183.
^ Dies, obwohl Althusser und dessen MarxInterpretation, die immerhin einige Berüh
rungspunkte mit Bourdieus Konzept aufweist, im „Entwurf" an keiner Stelle namentlich
erwähnt werden (lediglich in einer entlegeneren Fußnote wird ironisch auf einige nicht
näher benannte „strukturalistische MarxLeser" verwiesen).
^ Vgl. zu dieser Problematik Beck, Zeiten, S. 6972.
^ Garnham/Williams, Bourdieu; bezeichnender und zutreffenderweise wird hier Bour
dieu als Soziologe eingeschätzt, eine Einordnung, die seine ethnologischen Arbeiten
kaum noch sichtbar werden läßt.
320 Praxis
Ausgeblendet werden hierbei nicht nur die für das Handeln konstitutive Si
tuativität, sondern gleichzeitig Unsicherheiten und Unbestimmtheiten in
Handlungssituationen. Diesen zentralen Stellenwert solcher Kontingenzen
als Ansatzpunkt für ethnographische Analysen betont demgegenüber die
amerikanische Kulturanthropologin und Schülerin von Victor Turner
Sally Falk Moore: „Order never fully takes over, nor could it. The cultural,
contractual, and technical imperatives leave gaps, require adjustments and
interpretations to be applicable to particular situations, and are themselves
füll of ambiguities, inconsistencies, and often contradictions."91 Neben den
für die klassische Ethnographie typischen Focus auf Regelmäßigkeit, Kon
sistenz und Übereinstimmung des Handelns mit „Ordnung" müsse daher
„a focus on change, or process over time, and on paradox, conflict, inconsi
stency, contradiction, multiplicity and manipulability in social life"92 treten.
Unter einer akteurszentrierten Perspektive könnten somit zwei sich ergän
zende Handlungsmuster untersucht werden: erstens der Versuch der Ak
teure „to control their situations by struggling against indeterminacy, by
trying to fix social reality, to harden it, to give it form and order and pre
dictability"93 und zweitens gegenläufige Prozesse „by means of which peop
le arrange their immediate situations ... by exploiting the indeterminacies in
the Situation, or by generating such indeterminacies, or by reinterpreting or
redefining the rules or relationships."94
Im Gegensatz zu Bourdieu, der zumindest in seinen soziologischen Ar
beiten die geordnete, klassenhabituell geregelte Produktion von Praxisfor
men analysiert, argumentiert Moore also ausgehend von der Annahme von
Kontingenz und unvollständiger, unsicherer Ordnung. Hierdurch kann sie
Ordnung als eine Strategie der Praxis analysieren: Ordnung stellt sich aus
dieser Perspektive nicht als ein vorgängiges, alle Praxisformen bis ins letzte
Detail prägendes, holistisches Konstrukt dar, sondern als ein von den Ak
teuren ausgehender, provisorischer und notwendig unvollständiger Stabili
sierungsversuch des Sozialen. Diesem „ordnungsstiftenden" Akteur stellt
Moore den Handelnden gegenüber, der günstige Gelegenheiten durchaus
zu ergreifen weiß, indem er entweder Kontingenzen und Unbestimmtheiten
in den gesellschaftlichen Ordnungssystemen im eigenen Interesse nutzt
oder solche rechtsfreien Räume zum eigenen Vorteil aktiv schafft.
Eben diese Unsicherheit und Unbestimmtheit der Ordnung, die durch ihre
„Abhängigkeit von der alltäglichen Realität"95 allenfalls einen fiktiven Cha
rakter aufweise, macht auch Michel de Certeau zum Ausgangspunkt seiner
Rekonstruktion der Logik alltäglicher Praktiken. Für ihn sind die Handeln
91 Moore, Uncertainties, S. 220.
92 Ebd., S. 217.
93 Ebd., S. 234.
94 Ebd., S. 234.
95 de Certeau, Michel: Kunst des Handelns. Berlin 1988, Merve, S. 352
Paradigm lost? Praxistheoretische Auswege 321
den durch die kreative Fähigkeit ausgezeichnet, die Ordnung zu entstellen,
ohne sie zu verlassen. Während „ein mit Willen und Macht versehenes Sub
jekt (ein Unternehmen, eine Armee, eine Stadt oder eine wissenschaftliche
Institution)"96 Strategien entwickeln oder berechnend und über längere
Zeiträume planend Ressourcen einsetzen und Gewinne anhäufen könne,
seien die Aktivitätsformen der „machtlosen" Konsumenten durch eine Lo
gik der Taktik bestimmt. Im Gegensatz zu den Strategien versteht de Cer
teau Taktik als „ein Handeln aus Berechnung, das durch das Fehlen von et
was Eigenem bestimmt ist Sie profitiert von »Gelegenheiten« und ist von
ihnen abhängig [... sie] muß wachsam die Lücken nutzen, die sich in beson
deren Situationen der Überwachung durch die Macht der Eigentümer auf
tun. Sie wildert darin und sorgt für Überraschungen. Sie kann dort auftre
ten, wo man sie nicht erwartet. Sie ist die List selber."97
Dieses Konzept der Praxis, dem John Frow vorwirft, es sei von einem
„pathos of resistance"98 dominiert, wird erst dann verständlich, wenn es als
pointierter Gegenentwurf zu den strukturdominierten Theorien von Michel
Foucault und Pierre Bourdieu gelesen wird. Während bei Bourdieu der Ha
bitus der Marmor ist, in den von den herrschenden ökonomischen Struktu
ren die Regulative der Praxisformen eingemeißelt werden, oder bei Foucault
in der Interpretation von de Certeau die „Mikrophysik der Macht" in
ein totales „Disziplinierungs und Überwachungssystem" mündet, bevöl
kert de Certeau diese strukturale Versteinerung des Alltagslebens mit listi
gen, flexiblen und einfallsreichen Lichtgestalten, die sich mit den Funktions
anforderungen und Integrationsmodi der Gesellschaftsordnung zwar arran
gieren müssen, sich aber mit der Kunst des Eigensinns und kreativer List ge
gen die Affirmation auch Freiräume erkämpfen können.99 Michel De Cer
teau betont so wie Sally Falk Moore die konstitutive Rolle der Situation
für die Praxen und damit den Aspekt, den Bourdieu in seiner Theorie der
Praxis zwar erwähnt, den er jedoch theoretisch nicht durchformuliert.
Diese drei Praxiskonzepte stehen nur stellvertretend für eine ganze Reihe
ähnlicher Ansätze der USamerikanischen Anthropology, in denen auf der
Grundlage praxistheoretischer Modelle die Genese, Reproduktion und
Transformation von Handlungsmustern analysiert wird, ein Wandel des
«style of reasoning", der wie oben beschrieben auch in den benachbarten
96 Ebd., S. 87.
97 Ebd., S. 89.
98 Frow, John: Michel de Certeau and the practice of representation. In: PostColonial Li
terature and Advanced Literary Theory: English Department Study Guide. St. Lucia
1991, University of Queensland, S. 58; zit.n. Schirato, Tony: My Space or Yours?: De
Certeau, Frow and the Meaning of Populär Culture. In: Cultural Studies, Vol. 7,2/1993,
S. 282291, S. 285.
99 Vgl. zu dieser Kritik de Certeaus an den Entwürfen von Foucault und Bourdieu: de Cer
teau, Kunst, S. 105129.
322 Praxis
FolkloreStudies zu beobachten ist. Bei aller Heterogenität der Ansätze gilt
generell, daß sie „the relationship(s) that obtain between human action, on
the one hand, and some global entity which we may call »the system«, on
the other"100 aus einer eher akteurszentrierten Perspektive thematisieren.
Gefragt wird hierbei sowohl danach, in welcher Weise und in welchen
Grenzen Strukturen, Systeme oder kulturelle Determinanten einen formie
renden Effekt auf die Praxis entfalten, als auch danach, in welcher Weise
Praxen Strukturen zu reproduzieren und vor allem zu modifizieren vermö
gen. Das lange vorherrschende Frageinteresse, kulturelle Ordnungen oder
Muster zu rekonstruieren, wird damit ergänzt oder ersetzt durch das Inter
esse, Variabilitäten herauszuarbeiten und Transformationsprozesse zu re
konstruieren.
Typisch für solche Untersuchungen, die diese doppelte Fragestellung
gleichzeitig im Blick zu halten versuchen, ist etwa eine neuere Studie von
Marshall Sahlins zu den Mißverständnissen und tödlich endenden Kon
flikten anläßlich der Eroberung Hawaiis durch die Flotte des Kapitän Cook.
Sahlins gelingt es nachzuweisen, daß die Hawaiianer im Kontakt mit der
englischen (Seefahrer) Kultur neue Praxisformen entwickeln mußten, für
die sie jedoch innerhalb ihres Kultursystems über keine adäquate Repräsen
tationsform verfügen konnten. In dieser Situation seien Kultur und Praxis
zueinander in ein dialektisches Verhältnis getreten, ein Konflikt, der schließ
lich gewaltsam mit der Ermordung Cooks „bereinigt" wurde. Dieses Span
nungsverhältnis von überkommenem, kulturellem System und notwendig
innovativer Praxis ist so Sahlins nicht nur in solchen kolonialistischen
Extremsituationen zu beobachten, sondern wenn auch in geringerer In
tensität ein gesellschaftlicher Normalfall. Die Aufgabe der Anthropolo
gie sei es daher, sowohl zu beschreiben, wie Praxis durch ein kulturelles Sy
stem jeweils geregelt und geordnet werde, als auch zu fragen: „[W]ie verän
dert sich die Kultur selbst im Verlaufe eines solchen Prozesses, wie reorga
nisiert sie sich? Wie entsteht aus der Reproduktion einer Struktur deren
Veränderung und Transformation?"101
Diese Frage nach der Relation von Struktur und Handlung wird unten
im Zusammenhang mit neueren soziologischen Praxiskonzepten nochmals
aufgenommen. Festzuhalten ist an dieser Stelle, daß seit den 70er Jahren und
verstärkt in den 80er Jahren in den Ethnowissenschaften ein Trend beob
achtet werden kann, ältere strukturdominierte Modelle und Konzepte ak
teurs und praxistheoretisch zu reformulieren. Insbesondere werden Mo
dellvorstellungen zunehmend aufgegeben, nach denen Handeln reduktioni
stisch als Ausführung normativer Vorgaben oder als Befolgung strukturel
100 Ortner, Theory, S. 148.
101 Sahlins, Marshall: Der Tod des Kapitän Cook. Geschichte als Metapher und Mythos als
Wirklichkeit in der Frühgeschichte des Königreiches Hawaii. Berlin 1986, Wagenbach,
S. 19; vgl. auch die erweiterte und präzisierte Argumentation in Sahlins, Marshall: Is
lands of History. Chicago 1985, University of Chicago Press.
Paradigm lostf Praxistheoretische Auswege 323
ler Muster verstanden wird. Während Bourdieus Ansatz für die Phase der
Kritik an den „ objektivistischen " Konzepten etwa des Strukturalismus steht
oder an Modellen, die Kultur als „normatives" oder „symbolisches System"
interpretieren, wird seit Anfang der 80er Jahre verstärkt auf die durch Un
sicherheiten und Kontingenzen geprägte konstitutive Situativitat der Praxis
hingewiesen. Hiermit werden zwei zentrale Elemente der soziologischen
Handlungstheorie aufgegeben, die lange Zeit auch für die Ethnowissen
schaften prägend waren: erstens die Präokkupation mit dem Problem, „ge
sellschaftliche Ordnung" zu erklären, zweitens die implizite Vorannah
me, daß etwa normative Vorgaben die situationsunabhängige, zeitstabile
(Re)Produktion des individuellen Handelns nach legitimen kulturellen
Mustern garantieren.
Seit Beginn der 90er Jahre revidieren ethnographische Studien den hand
lungstheoretischen „common sense" zusätzlich durch ihre Kritik der in der
Handlungstheorie implizit verwendeten Rationalitätskonzepte. Diese jüng
ste Entwicklung stellt einerseits eine konsequente Weiterentwicklung des
Praxisansatzes und des Versuches dar, die konstitutive Bedeutung der Situa
tivität des Handelns in unterschiedlichen Aspekten zu thematisieren. Ande
rerseits wird hiermit die seit Mitte der 80er Jahre eingeleitete „selbstreflexive
Wende" der USamerikanischen Anthropology, in deren Rahmen zentrale
Konzepte der Disziplin und ihre Repräsentationsweisen kritisch analysiert
Wurden,102 auf bislang unbefragt gebliebene Vorannahmen nicht nur der ei
genen Disziplin, sondern der Sozialwissenschaften generell ausgeweitet. Im
hier diskutierten Zusammenhang sind insbesondere Überlegungen interes
sant, in denen bisherige objektivistische Konzepte von kulturellem Wissen
oder von Rationalität ebenso relativiert werden wie das für Sozialwissen
schaften seit Weber grundlegende hermeneutische Prinzip teilweise aufge
geben wird, „[to isolate] intentional acts or intentional states from the larger
contexts and activities within which acts of intentionality are realized".103
Für diese kritische Revision hergebrachter Konzepte wird u.a. zurückge
griffen auf Überlegungen der analytischen Philosophie und der „Cognitive
Sciences", eines interdisziplinären Projektes, an dem u.a. Kognitionspsycho
logen, Linguisten, Neurophysiologen und Computerwissenschaftler betei
ligt sind. Der in diesem Diskussionskontext durchaus erwünschte Beitrag
yon Anthropologen blieb bislang allerdings eher „schattenhaft", weshalb
dringend eine Auseinandersetzung mit diesem Themenfeld eingeklagt
wird.104 In diesen allerdings erst in den Anfängen stehenden Debatten
*02 Vgl. hierzu insbes. Clifford/Marcus, Culture; Clifford, James: The Predicament of Cul
ture: TwentiethCentury Ethnography, Literature, and Art. Cambridge, Mass., 1988,
Cambridge University Press.
103 Durand, Alessandro: Truth and Intentionality: An Ethnographic Critique. In: Cultural
Anthropology, Vol. 8, 2/1993, S. 214245, S. 221.
^04 Vgl. Bloch, Maurice: Language, Anthropology and Cognitive Science (Frazer Lecture
1990). In: Man (New Series), Vol. 26, 2/1991, S. 183198.
324 Praxis
wird ein Trend sichtbar, Wissen und Rationalität bzw. Intentionalität nicht
mehr länger sprachanalog und damit objektivistisch und kontextfrei zu kon
zipieren, sondern durch ein Verständnis zu ersetzen, in dem der situative,
lokale oder performative Charakter des Wissens und der praktische, d.h. in
die Praxen direkt eingelassene Charakter von Rationalität und Intentionali
tät betont wird.
Dieses in Konturen sichtbar werdende Konzept praktischen, situativen
kulturellen Wissens könnte somit drei Leerstellen des Bourdieuschen Praxis
konzepts füllen helfen: Wie oben skizziert, ist die konkrete, beobachtbare
Praxis bei Bourdieu ein Ergebnis der Dialektik von habituell erzeugten Dis
positionen und der Kontingenz von HandlungsSituationen, eine Dialektik,
aus der „Konjunkturen" entstehen, objektive und subjektive Handlungs
umstände, in deren Rahmen den Akteuren geregelte Improvisationen mög
lich sind. Drei Aspekte dieser Konstruktion erscheinen dabei problema
tisch: Erstens bleibt in diesem Konzept der Begriff der „Situation" weitge
hend unbestimmt; zweitens wird der „Habitus" nur formal definiert als
strukturierende Struktur , doch was diese „black box" enthält (kulturelles
Wissen, Konzepte, Modelle etc.), bleibt vage. Sicher ist nur, daß dieser unbe
stimmte „Inhalt" gelernt und inkorporiert sein will, soll er die Dispositionen
strukturieren. Drittens, und hier am wichtigsten, ist in Bourdieus praxeolo
gischem Modell völlig unklar, nach welcher Logik die situations/mspezifi
schen und zeitstabilen Dispositionen und das generalisierte, kulturelle Wis
sen von den Handelnden auf konkrete, situative Handlungsprobleme ange
wandt werden. Denn es kann, wie unter Verweis auf die Studien von Mar
shall Sahlins erläutert wurde, schließlich nicht davon ausgegangen werden,
daß jede neue Handlungssituation mit altem, bewährtem Wissen oder „ver
erbten" Handlungsdispositionen problemlos bewältigt werden kann. Ein
präziseres Verständnis der Form und Spezifität kulturellen Wissens und der
Art, wie es in konkreten Situationen von den handelnden Akteuren kreativ
angepasst und umgesetzt wird, könnte diese Schwachstellen in Bourdieus
Konzept überwinden helfen.
Die Frage, wie kulturelles Wissen zu konzeptualisieren sei, ist für die
Disziplinen der Ethnowissenschaften natürlich alles andere als ein neues
Problem. Die klassische wenn auch oft nur implizit thematisierte Lösung
besteht dabei stark vereinfacht in der Annahme, daß kulturelles Wissen ana
log zu Sprache zu verstehen sei:105 als strukturierte, miteinander relationier
te Konzepte, abstrakte Modelle oder explizierbare Normensysteme. Daß
dieser fachhistorisch durchaus erfolgreiche Erklärungstyp kultureller Syste
105 Vgl. hierzu Hannerz, Complexity, S. 12; als Uberblick über ältere und neuere, haupt
sächlich an allerdings höchst problematische (vgl. hierzu unten) Konzepte der Com
puterwissenschaften wie „skripts" und „Schemata" angelehnte Ansätze der Kognitions
ethnologie Kokot, Waltraud: Kognition als Gegenstand der Ethnologie. In: Thomas
Schweizer, Margarete Schweizer, Waltraud Kokot (Hg.): Handbuch der Ethnologie.
Berlin 1993, S. 331344.
J
Paradigm lostf Praxistheoretische Auswege 325
me seine Anwender allerdings nicht restlos befriedigt, ist mit einem Problem
verbunden, das versteckt in den Einleitungen der meisten ethnologischen
Monographien thematisiert wird: „[T]he way anthropologists conceptuali
ze the societies they have studied in their ethnographic accounts almost al
Ways seems alien, bizarre, or impossibly complicated to the people of those
societies."106 Für Maurice Bloch stellt dieses Problem, daß sich die Beschrie
benen in der Beschreibung nicht wiederfinden, nicht lediglich ein bedauerli
ches, doch letztlich behebbares Kommunikationsproblem dar. Vielmehr
verweist es auf grundsätzlichere Schwierigkeiten, die in der Anwendung of
fensichtlich unzutreffender Konzepte kulturellen Wissens und inadäquater
Modelle von Kognitionsprozessen begründet sind. Indem Ethnographen
von einem Kognitionsmodell ausgingen, nach dem kulturelles Wissen als
»logicsentential and languagelike" konzipiert werde, würde der tatsächli
che Charakter des für die untersuchten Menschen entscheidenden, im Alltag
praktisch angewandten Wissens regelmäßig verfehlt, weswegen die Ergeb
nisse dieser Studien nicht an sie zurückvermittelt werden könnten.
Dieses dem Alltagsverständnis weitgehend entsprechende Modell, mit
dem Wissen und Kognition konzipiert werden, deckt sich hierbei weitge
hend mit den bereits oben vorgestellten, älteren Modellen, in denen Kogni
tionsprozesse als Anwendung formalisierbarer Regeln und/oder die Aus
führung von abstrakten „Skripts" oder Schemata verstanden werden. We
gen offensichtlicher Schwierigkeiten dieser sprach analogen Konzepte, etwa
die situative Improvisationsfähigkeit der Handelnden, die Geschwindigkeit
ihrer Entscheidungen oder den zentralen Stellenwert des körpergebundenen
Handlungs und Ablaufwissens zu erklären,107 wurden in den letzten Jahren
*n den Kognitionswissenschaften komplexere Konzepte von „Wissen" und
»Kognition" entwickelt. So werden inzwischen etwa auch nichtsprachliche
Wissensformen (etwa visuelles oder haptisches Wissen) berücksichtigt und
die Umweltabhängigkeit von Kognitionen und ihrer unhintergehbaren Ver
knüpfung mit körpergebundenen Erfahrungen in einer strukturierten, ma
teriellen Umgebung erkannt.108
Solche neueren Konzepte können gerade für ethnographische Untersu
chungen einen wichtigen Ansatzpunkt darstellen. Während westliche Ge
sellschaften mit ihrer langen Tradition, Wissen in körpen/wgebundenen
Speichermedien „vorrätig" zu halten (Bücher, Bibliotheken, Datenbanken),
in komplexen Sachsynthesen (Fabriken, Infrastrukturen) produktiv zu „re
investieren"109 und in ihren Ausbildungssystemen formalisierte, explizier
106 Bloch, What goes without saying, S. 127.
107 Vgl. hierzu oben, Teil II, Kapitel „Die Ordnung der Technik".
108 Vgl. D'Andrade, Roy G.: Some propositions about the relations between culture and
Cognition. In: James W. Stigler, Richard A. Schweder, Robert Herdt (eds.): Cultural Psy
chology. Essays in comparative human development. Cambridge 1990, Cambridge Uni
versity Press, S. 65129.
109 Vgl. hierzu Faßler, Strukturen, S. 263266.
326 Praxis
bare und damit externalisierbare Wissensformen zu privilegieren, sind viele
der von Ethnologen untersuchten Gesellschaften durch ein differentes Wis
sensmanagement und Verständnis charakterisiert. Für diese Gesellschaften
gilt ebenso übrigens wie im weniger in offizielle Wissenssysteme integrier
ten Alltag der Industriegesellschaften daß Wissen in Form eines „appren
ticeship learning"110 weitergegeben wird: in der zutreffenden Annahme, daß
Wissen, Denken und Verständnis für praktische Arbeits aufgaben allein in
der Praxis, im Umgang mit Materialien und konkreten Situationen erwor
ben werden. Es ist dabei nur folgerichtig, daß die meist im Wortsinne still
schweigende Vermittlung von den Institutionen des Wissens ebenso igno
riert wird wie dieses „tacit knowledge" in ihren gebauten (Bibliotheken)
und neuerdings elektrifizierten (Datenbanken) Kathedralen unbevorratet
bleibt.
Für Maurice Bloch ergeben sich aus der Revision des vorherrschenden
sprachanalogen Wissenskonzeptes mehrere Folgerungen für die For
schungspraxis der Ethnographie. Wenn es zutreffe, daß „the knowledge or
ganised for efficiency in daytoday practice is not only nonlinguistic, but
also not languagelike in that it does not take a sentential form"111, sei die in
Ethnographien oft angewandte rhetorische Figur, eine Argumentation
durch Rückgriff auf InterviewZitate plausibel zu machen, problematisch:
„This apparently innocent procedure is, however,... potentially misleading,
since people's explanations probably involve post hoc rationalizations of
either a conventional or an innovative character."112 Zweitens müssten vor
dem Hintergrund kognitionswissenschaftlicher Konzepte, nach denen das
im Alltag angewandte, stillschweigende Wissen als „chunked networks of
loose procedures and understandings" verstanden werde, „which enables us
to deal with Standard and recurring situations, for example cgetting the bre
akfast ready'"113, die Grenzen wissenschaftlicher Repräsentationsweisen neu
diskutiert werden. Die für Alltagswissen charakteristische Heterogenität
(visuelle, taktile etc. Formen) könne im Medium der Sprache nur unzurei
chend erfaßt werden; Bloch plädiert daher dafür, „[to] make much more use
of description of the way things look, sound, feel, smell, taste and so on
drawing on the realm of bodily experience simply for heuristic purpo
ses".114
Die Problematik unangemessener Repräsentationsweisen alltäglichen
Wissens kann eindrucksvoll an den vielfältigen Ironien verdeutlicht werden,
wenn die „Raumorientierung" von Probanden mit der Methode sog. „ko
gnitiven Karten" erhoben werden soll ein Problem, das pointiert als ethno
110 Lave, Jean: Cognition in Practice. Cambridge 1988, Cambridge University Press.
111 Bloch, Language, S. 189f.
112 Bloch, Conceptualization, S. 131.
113 Bloch, Language, S. 185.
114 Ebd., S. 193.
A
Paradigm lost f Praxistheoretische Auswege 32 7
graphische Gegenübertragung gefaßt werden könnte. Für den Feldforscher
stellen Karten ein bewährtes Darstellungsmittel seiner erhobenen Daten dar,
das sich zudem problemlos in den produzierten Text einpassen läßt. Diese
hochgradig kulturspezifische Repräsentationsweise, aus dem dreidimensio
nalen Raum geeignete Kriterien zu abstrahieren und in einer konventionali
sierten Form zweidimensional und „maßstäblich" in einer Karte darzustel
len, setzt nicht nur eine mit Macht ausgestattete, privilegierte Perspektive,115
sondern auch kulturell/professionell gelernte Codierungs und auf Seiten
der Leser Decodierungsfähigkeiten voraus, die der „Raumorientierung" im
Alltag fremd sind. Die Bitte des empirischen Sozialforschers an seinen Pro
banden, eine „kognitive Karte" zu erstellen,116 beinhaltet damit die Auffor
derung, der Orientierung dienendes „tacit knowledge" in einer fremden und
zudem der Alltagsform dieses Wissens inadäquaten Repräsentationsart dar
zustellen.
Wird dieses Verfahren eingesetzt, ohne daß die spezielle Logik dieser Re
präsentationsform in Rechnung gestellt wird, und wie es meist zu beob
achten ist die vom Probanden erstellten Karten vom Forscher mit der von
ihm erstellten „idealen" oder „objektiven" Karte verglichen, um aus den
Abweichungen Informationen zu gewinnen, ergeben sich zwei eng mitein
ander verknüpfte Probleme: Die so gewonnenen Daten haben zwar hohe
Aussagekraft bezüglich der Codierungs oder Übersetzungsfähigkeit der
Probanden, sich in einer artifiziellen Repräsentationsweise auszudrücken,
doch über ihre tatsächlichen Orientierungsleistungen im Raum ist damit
ebenso wenig ausgesagt wie über die Form ihres Orientierungswissens. In
dem das objektivierende Verfahren der Kartenproduktion diejenigen Wis
sensformen diskriminiert, die in dem Genre der Kartographie nicht reprä
sentiert werden können (etwa die Körpergebundenheit der Raumorientie
rung, Gerüche, haptische Informationen etc.), bestätigt die Karte scheinbar
die Vorannahme des Forschers, daß sich Menschen mit Hilfe innerer, kogni
tiver Karten im Raum orientieren.
Dieser Effekt der sich durch die eingesetzte Forschungsmethode selbst
erfüllenden Forschungshypothesen gilt analog auch für die von Bloch kriti
115 Vgl. hierzu etwa Wood, Denis: The world of maps. In: Ausstellungsführer der Ausstel
lung „The Power of Maps", CooperHewitt National Museum of Design, Smithsonian
Institution, New York, October 6, 1992 March 7, 1993.
116 „Kognitive Karten" wurden insbesondere von Umweltpsychologen und Wahrneh
mungsgeographen als Erhebungsmethode entwickelt und fanden in den letzten Jahren
vereinzelt auch in der Ethnologie Verwendung. Vgl. etwa Antweiler, Christoph: Univer
selle Erhebungsmethoden und lokale Kognition am Beispiel urbaner Umweltkognition
in SüdSulawesi/Indonesien. In: Zeitschrift für Ethnologie, Vol. 118, S. 251287. Roger
M. Downs und David Stea (Kognitive Karten und Verhalten im Raum. Verfahren und
Resultate der kognitiven Kartographie. In: Harro Schweizer (Hg.): Sprache und Raum.
Stuttgart 1985, S. 1843) weisen zwar darauf hin, daß der Begriff „Karte" nur auf eine
funktionale Analogie hinweise, doch schlagen sie zur Datenerhebung gerade vor, die
„Abweichung der jeweiligen subjektiven Geometrie von der euklidischen Abbildung
der wirklichen (sie!) Welt" zu erfassen (S. 32).
328 Praxis
sierten Versuche, mittels Interviews das „tacit knowledge" der Handelnden
zu rekonstruieren. Sein methodischer Vorschlag, stärker als bisher auf das in
der ethnographischen Feldforschung bewährte Verfahren der „teilnehmen
den Beobachtung" zurückzugreifen, löst zwar das Problem angemessener
Repräsentationsweisen nicht, kann jedoch die fälschliche Bestätigung des
„folk models" der Kognition vermeiden helfen. Der Einsatz dieser Metho
de vermag darüber hinaus auch dazu beizutragen, die Bedeutung des in
Handlungstheorien vorherrschenden, cartesianischen Konzeptes der Inten
tionalität für alltägliche Praxen zu relativieren.
Mit Hilfe teilnehmender Beobachtung konnte Jean Lave so etwa rekon
struieren, wie Entscheidungsprozesse in Alltagsroutinen getroffen werden.
Sie begleitete eine Hausfrau bei ihrem Einkauf im Supermarkt, die u.a. mit
dem Problem konfrontiert war, wie viele Apfel sie kaufen sollte. Sie hatte
nicht, wie nach dem Einfachmodell der Kognition zu erwarten oder von
Konsumpädagogen dringend gefordert, vor dem Einkauf die Anzahl in ei
nem Hamletschen Akt des „Cogito" festgelegt, sondern entschied situativ
und körpergebunden über die zu kaufende Menge. Während sie die Apfel
einen nach dem anderen in ihren Einkaufswagen legte, äußerte sie ihre
Überlegungen laut gegenüber der anwesenden Forscherin: „There's only
about three or four [apples] at home, and I have four kids, so you figure at
least two apiece in the next three days. These are the kind of things I have to
resupply. I only have a certain amount of storage space in the refrigerator, so
I can't load it up totally.... Now that I'm home in the summertime, this is a
good snack food. And I like an apple sometimes at lunchtime when I come
home."117 Die Entscheidung über die nötige Anzahl der Apfel wird somit
nicht abstrakt, sondern im Prozeß des Aufnehmens der Ware getroffen,
wobei der „Bedarf" ebenfalls rückgebunden an konkrete Konsumsituatio
nen ermittelt wird. Die in den Wagen gelegte Menge wird gleichzeitig abge
glichen mit dem zur Verfügung stehenden Raum im Kühlschrank, ebenfalls
kein abstraktes, sondern visuelles Wissen.
Ebenso wie Kaufentscheidungen damit der Einkaufpraxis nicht voraus
gehen müssen, sondern Teil der routinisierten Praxis sind, beobachtete
Lave, daß Kunden schnelle und zutreffende Rechnungen anstellten, wenn
sie etwa Preis und Inhalt unterschiedlicher Packungen und Marken direkt
am Einkaufsregal verglichen. Sie waren jedoch nicht in der Lage, diese ma
thematischen Operationen abstrakt, in einer Laborsituation an einer Tafel
auszuführen. Lave schließt aus diesen Beobachtungen auf die kognitive Be
deutung des situativen Kontextes der routinisierten Praxen: Der Supermarkt
könne als „arena" der Praxen verstanden werden, aus der ein spezifisches,
individuell erlebtes „setting" entstehe, eine „repeatedly experienced, perso
nally ordered and edited version of the arena."118 Dieses „setting" weist nach
117 Lave, Cognition, S. 2.
118 Ebd., S. 151.
Paradigm lost? Praxistheoretische Auswege 329
Lave einen objektiven, physischen Bestandteil die Materialität des Hand
lungskontextes und ein subjektives Aktualisierungspotential auf: „[A] set
ting is not simply a mental map in the mind of the shopper. Instead it has
simultaneously an independent, physical character and a potential for reali
zation only in relation to shoppers' activity.um
Lave löst hier recht überzeugend das von Bourdieu übergangene Pro
blem der Dialektik von Kognition/Disposition und Situation. Die Stärke
ihres Vorschlages, Kognition strikt situationistisch zu fassen John Fiske
spricht analog von „localized ... ways of knowing"120 ist jedoch gleichzei
tig seine Schwäche: Die „arena" der Praxis ist gleichsam nur und ausschließ
lich die Welt in „unmittelbarer Reichweite" der jeweiligen Routine, eine Be
obachtungsperspektive, die gesellschaftliche KoTexte ebensowenig einbe
zieht wie die materiellen KonTexte der Dinge, die über die räumliche Aus
dehnung der jeweiligen Situation hinausreichen. Beide Aspekte sind jedoch
für den hier interessierenden „Umgang mit Technik" essentiell. Im folgen
den wird daher vorgeschlagen, dieses situationistische Konzept der Praxis
und der praktischen Wissensformen ko und kontextuell zu erweitern.
Die soziologische Wiederentdeckung der Kreativität des Handelns
Auf die Bedeutung dieses praktischen Wissens für die Bewältigung alltägli
cher Routinen hat insbesondere Anthony Giddens in zahlreichen Publika
tionen hingewiesen. Dabei greift er u.a. zentrale Ergebnisse „mikrosoziolo
gischer" Studien etwa von Herbert Blumer, Harold Garfinkel oder Erving
Goffman121 auf, entwickelt sie jedoch zu einem neuen Ansatz, seiner „Theo
rie der Strukturierung", weiter, die nicht zuletzt den die soziologischen
Theoriediskussionen der vergangenen Jahrzehnte prägenden Gegensatz mi
kro und makrosoziologischer bzw. struktur und handlungstheoretischer
Ansätze „aufzuheben" versucht.122 Ziel dieser von ihm nicht auf den Wir
kungsbereich der Soziologie beschränkten Sozialtheone der Strukturie
rung des sozialen Alltags ist es, grundlegende „Konzepte des Wesens
menschlichen sozialen Handelns und des menschlichen Akteurs zu erarbei
ten, die für die empirische Forschung fruchtbar gemacht werden können."123
119 Ebd., S. 152f. (Hervorhebung von mir, S.B.).
120 Fiske, John: Power Plays, Power Works. London, New York 1993, S. 221.
121 Vgl. insbes. Blumer, Herbert: Symbolic Interactionism: Perspectives and Method. Eng
lewood Cliffs 1969, PrenticeHall; Garfinkel, Harold: Studies in Ethnomethodology.
Englewood Cliffs 1967, PrenticeHall; Goffman, Erving: RahmenAnalyse. Ein Versuch
über die Organisation von Alltagserfahrungen. Frankfurt/M. 1980, Suhrkamp.
122 Vgl. als kritische Würdigung dieser integrativen Reinterpretation im weiteren Sinne
„ethnomethodologischer" Arbeiten Cohen, Ira J.: Structuration Theory. Anthony Gid
dens and the Constitution of Social Life. New York 1989, St. Martin's Press, insbes. S.
3247.
123 Giddens, Konstitution, S. 31.
330 Praxis
Als grundlegenden Baustein seines Ansatzes entwickelt Giddens ein
Konzept der Praxis, das nicht nur die Formen des Verhaltens oder der In
teraktion sozialer Akteure umfaßt, sondern auch „the Constitution of social
life, i.e. the manner in which all aspects, elements, and dimensions of social
life ... are generated in and through the Performance of social conduct".124
Mit dieser Formulierung ist der Kerngedanke der Theorie Giddens' recht
präzise gefaßt. Im Gegensatz zu den oben skizzierten funktionalistischen
oder strukturalistischen Handlungstheorien, in denen „Struktur" auf eine
„äußere", dauerhafte Regulation oder Begrenzung der Handlungsmöglich
keiten verweist und damit dem Handeln vorgesetzt ist, betont Giddens mit
seinem Konzept der „duality of structure" sowohl den rege/haften Charak
ter der Praxis, als auch die Tatsache, daß eben diese Strukturen erst durch die
Praxis reproduziert und potentiell transformiert werden müssen: „struc
ture is both medium and outcome of the reproduction of practices. Structu
re enters simultaneously into the Constitution of... social practices, and cexi
sts' [only, S.B.] in the generating moments of this Constitution."125 In Gid
dens' bisweilen recht eigenwilliger Terminologie stellt „Struktur" damit eine
„virtuelle Ordnung"126 aus geltenden Regeln und verfügbaren Ressourcen
dar, die erst in dem Moment existieren, wenn sie von den Handelnden
„praktiziert" und in die Tat umgesetzt werden.
Dieser Gedanke wurde oben in Bezug auf die Nutzung technischer
Artefakte ganz ähnlich formuliert: Unter einer kulturwissenschaftlichen
Perspektive sollten Maschinen, Geräte und technische Sachsysteme als Tat
Sachen analysiert werden, deren „affordances" im Moment des Gebrauchs
von den Nutzern in je spezifischer Weise aktualisiert werden müssen. Gid
dens' Theorie bietet hier einen Ansatzpunkt, die struktur erhaltenden und
affirmativen Aspekte dieser situierten, die Potentialität technischer Artefak
te aktualisierenden Praxen der Nutzer zu thematisieren. Diesen gesell
schaftstheoretischen Implikationen seines dynamischen, praxistheoretischen
Strukturkonzeptes soll hier jedoch nicht weiter nachgegangen werden.
Interessant ist jedoch, daß Giddens Praxis als komplexen Aktivitätsmo
dus definiert, eine Definition, die in vielfacher Hinsicht von klassischen
Handlungskonzepten abweicht. Entscheidend ist insbesondere, daß er in
Umkehrung der Weberschen Typologie des Handelns gerade Routine
handeln als Grundelement sozialen Handelns bestimmt. Dieser zentrale
Stellenwert alltäglicher Routinen ergibt sich hierbei folgerichtig aus dem
Gedanken der „duality of structure". Nur routinisierte, regelhaft verlaufen
de Praxen garantieren über ihren strukturaffirmativen Charakter die relative
Stabilität gesellschaftlicher Systeme: „Der Wiederholungscharaker von
Handlungen, die in gleicher Weise Tag für Tag vollzogen werden, ist die
124 Cohen, Structuration, S. 12.
125 Giddensy Anthony: Central Problems in Social Theory: Action, Structure and Contra
diction in Social Analysis. London 1979, Macmillan, S. 5.
126 Giddens, Konstitution, S. 69.
Paradigm lost? Praxistheoretische Auswege 331
materiale Grundlage für das, was ich das rekursive Wesen des gesellschaftli
chen Lebens nenne. (Unter rekursivem Wesen verstehe ich, daß die Struk
turmomente des sozialen Handelns mittels der Dualität von Struktur aus
eben den Ressourcen, die sie konstituieren, fortwährend neu geschaffen
werden.)"127 Diese Reproduktion der Strukturen im Handeln ist hierbei eine
unintendierte Nebenfolge der Praxen, ein Begriff, mit dem eine weitere, ra
dikale Absetzung von klassischen, insbesondere teleologischen Handlungs
modellen markiert ist. Wie bereits oben erläutert, bleiben in den Ansätzen
von Weber, Dürkheim oder Parsons gerade die für alltägliches Handeln be
deutsamen unintendierten Folgen unberücksichtigt. Giddens überwindet
dieses Defizit teleologischer Handlungsmodelle und ihres „Hamlet model
of decision making" durch die theoretische Revision der klassischen Ratio
nalitäts und Intentionalitätskonzepte sowie durch die Berücksichtigung des
konstitutiven Situationsbezuges der Praxis.
Anders als im teleologischen Handlungskonzept mit seinem zentralen
Element des „Cogito" ist der Haupttypus sozialen Handelns nach Giddens
durch die Dominanz praktischen Bewußtseins charakterisiert, das scharf
vom diskursiven Bewußtsein> aber auch dem Unbewußten zu unterscheiden
sei: „Was die Handelnden über ihr Handeln und die entsprechenden Hand
lungsgründe wissen ihre Bewußtheit (knowledgeability) als Handelnde ,
ist ihnen weitgehend in der Form des praktischen Bewußtseins präsent. Die
ses praktische Bewußtsein (practical consciousness) umfaßt all das, was Han
delnde stillschweigend darüber wissen, wie in den Kontexten des sozialen
Lebens zu verfahren ist, ohne daß sie in der Lage sein müßten, all dem einen
direkten diskursiven Ausdruck zu verleihen."128 Daß der Aktivitätsmodus
alltäglicher Routinen überwiegend durch die Anwendung von „tacit know
ledge" gekennzeichnet ist, bedeutet jedoch nicht, daß routinisierte Tätigkei
ten „gedankenlos" ausgeführt würden. Giddens betont unter Verweis auf
die Arbeiten Goffmans, „daß der Routinecharakter der meisten sozialen
Aktivitäten etwas ist, »woran« diejenigen, die diese Aktivitäten in ihrem
Alltagsverhalten immer wieder produzieren, andauernd »arbeiten« müs
sen."129 Ist routinisiertes Alltagshandeln für Weber durch „dumpfe Ge
wohnheit", so ist es für Giddens durch eine selbst den Akteuren oft verbor
gen bleibende Kreativität charakterisiert, mit der sie ihre praktischen Inter
aktionen mit der materiellen und sozialen Umwelt veränderten Bedingun
gen ebenso anpassen wie sie ihre Praxen in einem kontinuierlichen Prozeß
«verfeinern".
Durch die Betonung des stillschweigenden Wissens der Akteure um die
Bedingungen ihres Handelns und ihrer Fähig und Fertigkeiten entwickelt
Giddens aber nicht nur ein neues Verständnis von Handlungsrationalität,
sondern auch von Intentionalität. Praxen müssen weder explizierbar moti
127 Ebd., S. 37.
128 Ebd., S. 36.
129 Ebd., S. 140.
332 Praxis
viert sein, noch muß ein isolierter Akt der Intentionalität vom Beobachter
rekonstruiert werden, damit ein Verhalten als „Handeln" gelten kann auch
hier ist die Feststellung einer stillschweigenden Intentionalität ausreichend.
Giddens formuliert mit dieser Konzeption routinisierter, alltäglicher Praxen
ein Modell, das einer, sozialwissenschaftliche Standards möglicherweise ir
ritierenden, „fuzzy logic" gehorcht womit aber gerade die Alltagsadäqua
theit dieser Beobachtungsperspektive sichergestellt wird. Weder müssen die
Handelnden explizite Intentionen bilden, noch müssen sie die Handlungssi
tuation voll durchschauen oder sich über alle Ergebnisse ihres Tuns im kla
ren sein. Solche Vorannahmen gängiger Modelle mögen dänischen Prinzen,
aber nicht in „Echtzeit" handelnden, praktische Probleme lösenden Men
schen angemessen sein. Was in klassischen Handlungskonzepten vor Be
ginn der Handlung stattfindet, verlagert Giddens wesentlich plausibler in
den Handlungsproze/? selbst: das „reflexive monitoring of action"130, mit
dem die Handelnden sich, ihre Interaktionspartner und die sich verändern
de Umwelt kontinuierlich beobachten, ohne sich dessen diskursiv bewußt
sein zu müssen. Berücksichtigt wird damit auch, daß Handelnde in ihrem
Tun „in Raum und Zeit »situiert«"131 sind, womit der konstitutive Situati
onsbezug der Praxis hervorgehoben wird.
Mit dieser hier in Ausschnitten vorgestellten Theoriekonstruktion stellt
Giddens ein Beobachtungsinstrumentarium bereit, mit dem sich der für den
alltäglichen, routinisierten „Umgang mit Technik" charakteristische Aktivi
tätsmodus, der ein waches Bewußtsein, aber oft nur stillschweigendes Wis
sen erfordert, treffend beschreiben läßt. Ebenso wie Bloch weist Giddens
auf die Forschungsprobleme hin, die entstehen, wenn das „tacit knowledge"
diskursiviert und damit sprachlich repräsentiert werden soll ohne aller
dings auf die sich hieraus ergebende methodische Bedeutung der teilneh
menden Beobachtung hinzuweisen. Wichtig ist weiter der Hinweis, daß
auch am routinisierten Umgang mit technischen Artefakten stets weiter ge
arbeitet wird, daß beständige Anpassungsleistungen des erworbenen Wis
sens und erlernter Fähig und Fertigkeiten an immer neue Handlungssitu
ationen zu erbringen sind und daß spätestens im Zeitpunkt, wenn Routi
nen am Widerstand der Welt zusammenbrechen kreative Lösungen in re
kursiver Auseinandersetzung mit der Situation gefunden werden müssen.
Diese Routinen besitzen jedoch nicht nur eine zentrale Funktion für die
(Re)Produktion gesellschaftlicher Strukturen, sondern auch als „personales
Sicherheitssystem",132 das der Aufrechterhaltung von SelbstSicherheit und
Bewußtsein dient.
Erstaunlich ist hingegen, daß Giddens „Sinn" und „Sinnproduktion"
durch routinisiertes Tun in seinem Modell nicht berücksichtigt. Meines Er
achtens kann Sinn gemäß diesem Ansatz jedoch durchaus berücksichtigt
130 Cohen, Structuration, S. 49.
131 Giddens, Konstitution, S. 137.
132 Ebd., S. 112.
Paradigm lostf Praxistheoretische Auswege 333
werden, und zwar als unintendierte Nebenfolge der praktischen Auseinan
dersetzung mit der materiellen und sozialen Umwelt der Akteure. Wie oben
etwa im Zusammenhang der Studien von Mihaly Csikszentmihalyi und
Eugene RochbergHalton erläutert wurde, sind technische Artefakte nicht
nur Teil eines umfassenden „Orientierungsschemas", das die Beziehung des
Menschen zu sich selbst, zur sozialen und natürlichen Umwelt vermittelt.
Vielmehr sind sie in kulturelle, konventionalisierte Bedeutungsstrukturen
eingebunden. Im Zusammenhang mit dem unter den Stichworten sozial
und technologischmediierter Objektpotentiale angesprochenen Problem
komplex weisen technische Artefakte unter einer sachtheoretischen Per
spektive damit nicht nur ein Koordinations, sondern auch ein Sinnpotenti
al auf,133 durch das auch die Rede vom Menschen als „sensemaking animal"
eine wahrscheinlich unintendierte neue Bedeutung erhält.
Hans Joas positioniert ganz ähnlich wie Anthony Giddens seinen nicht
minder umfassenden und komplex angelegten Theorieentwurf des „kreati
ven Handelns" in Abgrenzung zu klassischen Handlungstheorien. Mit Gid
dens teilt er die Kritik, daß deren theoretischer Ausgangspunkt, in je spezi
fischer Weise die „Rationalität des Handelns" in den Vordergrund zu stel
len, zu problematischen Reduktionismen führe und den Charakter sozialen
Handelns nicht adäquat fassen könne. Für Joas löst schon allein der Begriff
»Handlung" das soziale Phänomen der Einzelhandlung aus ihrem Kontext
heraus, und dies in zweifacher Weise: Theoretisch unterbewertet würden
hierdurch sowohl die komplexe Situativität jeder Handlung als auch die bio
graphischen Zusammenhänge des Handelnden. Als gravierender sei jedoch
das Problem einzuschätzen, daß durch die Fokussierung auf die Rationalität
des Handelns in klassischen Sozialtheorien das „Gegenbild des NichtRa
tionalen" und damit ein „wertendes Raster" produziert werde.134 Der Kon
struktion „rationales Handeln" lägen hierbei in den ganz unterschiedlichen
Ansätzen teleologischen, normativen oder kommunikativen Handelns min
destens drei problematische Vorannahmen zugrunde: Diese Handlungs
theorien „unterstellen den Handelnden erstens als fähig zum zielgerichteten
Handeln, zweitens als seinen Körper beherrschend, und drittens als auto
nom gegenüber seinen Mitmenschen und seiner Umwelt."135 Aus der kriti
schen Analyse dieser stillschweigenden Vorannahmen gängiger Handlungs
theorien von Weber über Parsons bis Habermas sowie unter Rückgriff auf
die Kreativitätsideen des Pragmatismus und Überlegungen der Ausdrucks
133 Vgl. hierzu oben, Unterkapitel „Technik als »harter« Text und die Konfiguration des
Nutzers"; vgl. zu dem in Sachsystemen eingelassenen Koordinationspotential als Stabi
lisierungsfaktor vor allem in Interaktionen Thevenot, Laurent: Agir avec d'autres. Con
ventions et objets dans l'action coordonne. In: Paul Ladriere, Patrick Pharo, Louis
Quere (eds.): La theroie de l'action. Le sujet pratique en debat. Paris 1993, CNRS Editi
ons, S. 275289.
134 Joas, Kreativität, S. 214.
135 Ebd., S. 217.
334 Praxis
anthropologie entwickelt Joas ein alternatives „Bild des menschlichen Han
delns in seiner Kreativität."136
Ebenso wie Giddens legt auch Joas sein Konzept explizit integrativ an,
indem er für das „kreative Handeln" reklamiert, den Widerspruch der vor
herrschenden, konkurrierenden Modelle rationalen, normativen und kom
munikativen Handelns in einer Synthese aufzuheben. Er schließt sein Kon
zept allerdings nicht wie die oben vorgestellten Ansätze an praxistheoreti
sche Traditionslinien an, sondern nimmt philosophischanthropologische
Überlegungen auf, in denen die Kreativität menschlichen Handelns in teil
weise sehr unterschiedlicher Weise thematisiert wird. Joas greift insbesonde
re die wegen der teilweise geringen Präzision der Konzepte vorsichtig als
„Metaphern der Kreativität" bezeichneten Überlegungen der Herder
schen AusdrucksphilosophieU7 und die Marxschen Begriffe der Produktion
und Revolution auf; in diesen Konzepten erscheine Kreativität als eine irre
duzible, in konkreten Situationsbezügen beobachtbare menschliche Lei
stung, die jedoch jeweils auf nur einen Handlungstyp verengt werde. „Ganz
eindeutig ist dies bei Marx' Begriffen der Produktion und der Revolution;
bei Herders Anthropologie des Ausdrucks findet sich dieser Mangel mehr
in der Rezeption als in Herders eigenen Intentionen. Als kreativ erscheinen
dann die Poesie, selbstbestimmte handwerkliche Tätigkeit oder der revolu
tionäre Akt."138 Eine direkte Folge dieser „konkretistischen Gleichsetzung
eines Handlungstyps mit der Bestimmung »Kreativität«"139 führe hierbei
folgerichtig zur Abwertung anderer Handlungstypen. Um diese „fallacy of
false concreteness" (A.N.Whitehead) zu vermeiden, führt Joas Kreativität
als analytische Dimension allen Handelns in seine Theorie ein, wobei ersieh
insbesondere auf die Tradition des amerikanischen Pragmatismus stützt.
Dieser Rückgriff bietet sich vor allem deshalb an, weil nicht ausgehend
von einem Handlungstyp eine sehr spezifische Kreativitätsform verallge
meinert und verklärt wird, sondern Kreativität eine zentrale Dimension jeg
lichen Handelns darstellt. Zugleich kann das pragmatische Verständnis da
136 Ebd., S. 218.
137 Joas stützt sich vor allem auf Herders Sprachtheorie, die dieser 1769 anläßlich eines
Wettbewerbes der Berliner Akademie der Wissenschaften verfaßt hatte (vgl. Herder, Jo
hann Gottfried: Abhandlung über den Ursprung der Sprache [Berlin 1772]. In: Ders.:
Gesamtausgabe in fünf Bänden, Bd. 2. Berlin, Weimar 1982, S. 89200), und auf dessen
Kunsttheorie. Joas arbeitet heraus, daß Herder seine Überlegungen in ein Verständnis
der Kultur (Sprache, Dichtung, Religion, Institutionen) münden läßt, die „Ausdruck"
des Lebens eines Volkes sei; direkt damit sei verbunden, daß „ein Verständnis für die Ei
genart jeder einzelnen Kultur" entwickelt werde (Joas, Kreativität, S. 123). Vgl. zu der
verzweigten Wirkungsgeschichte dieser Überlegungen, die sich über Hegels Begriff des
„Geistes", Marx' Arbeitsverständnis, Diltheys Hermeneutik und Plessners Anthropolo
gie erstrecken, Joas, Hans: Die Kreativität des Handelns und die Intersubjektivität der
Vernunft. Meads Pragmatismus und die Gesellschaftstheorie. In: Hans Joas: Pragmatis
mus und Gesellschaftstheorie. Frankfurt/M. 1992, Suhrkamp, S. 281308.
138 Joas, Kreativität, S. 172.
139 Ebd., S. 173.
Paradigm lost? Praxistheoretische Auswege 335
mit deutlich gegen die „GenieIdeologie" europäischer Traditionen abge
setzt werden, da hier Kreativität nicht übersteigert, sondern konzeptionell
»veralltäglicht" und „normalisiert" erscheint. Den Ausgangspunkt des Prag
matismus sieht Joas in einer grundlegenden Kritik des erkenntnistheoreti
schen Programms von Descartes und der in seiner Nachfolge entwickelten
Theorien, die „aus der Selbstgewißheit des zweifelnden, des denkenden Ich
das feste Fundament einer neuen Philosophie" errichteten.140 Es ist gerade
die Hypostasierung dieses weltsetzenden und die Philosophie des 19. Jahr
hunderts erzeugenden Selbstzweifels, an dem die Pragmatisten den Kern
gedanken ihrer Theorie entwickeln. Insbesondere Charles S. Peirce betonte,
daß die Grundlage des Erkennens nicht im prinzipiellen, quasi kontextfreien
Zweifeln gesucht werden dürfe in einem „VonvornhereinSkeptizis
mus"141 , sondern allein im realen Zweifel, für den sich aus einer konkreten
Situation ein „positiver Grund" ergibt. Im Pragmatismus tritt daher „an die
Stelle der Leitvorstellung vom einsam zweifelnden Ich ... vom Beginn des
Pragmatismus an die Idee einer kooperativen Wahrheitssuche zur Bewälti
gung realer Handlungsprobleme."142
In der pragmatistischen Handlungskonzeption ist alltägliches Handeln
ähnlich wie in der Soziologie von Schütz durch den unreflektierten Glau
ben an selbstverständliche Gegebenheiten und erfolgreiche Gewohnheiten
geprägt, eine „Normalität", die jedoch notwendig immer wieder zusam
menbricht, indem Handlungsroutinen am Widerstand der (sozialen und
materiellen) Welt scheitern. Ausgehend von dieser veränderten Problemstel
lung kann es etwa Dewey oder Mead in ihren Handlungskonzepten weder
darum gehen, ein Idealmodell teleologischen Handelns zu entwerfen, noch
die Bewußtseinsfähigkeit der Menschenlere zu betonen. Vielmehr versu
chen sie die aus solchen alltäglichen Krisen und Irritationen erwachsende,
gesteigerte „Erfindungsfähigkeit oder Kreativität" herauszuarbeiten, mit der
auf unerwartete Handlungssituationen durch Geistesgegenwart zu reagie
ren ist. Diese Vorannahme ließ Kritiker abfällig vom nur „augenblicksge
bundenen Charakter des Bewußtseins im Handlungsmodell des Pragmatis
mus" schreiben.143
Solcherart Geistesgegenwarten jedoch waren für Dewey alles andere als
em „minderwertiger" Bewußtseinsmodus. Im Gegenteil sah er darin den
Ausdruck praktischer, für die Bewältigung nicht nur des Alltags sondern
ftwa auch wissenschaftlicher Probleme notwendiger Intelligenz: „[T]he ad
justment of habits to ends, through the medium of a problematic, doubtful,
140 Ebd., S. 188.
141 Peirce, Charles S.: Einige Konsequenzen aus vier Unvermögen. In: Ders.: Schriften 1
(hrsg. von KarlOtto Apel). Frankfurt/M. 1967, Suhrkamp, S. 184224. Vgl. hierzu Joas,
Hans: Von der Philosophie des Pragmatismus zu einer soziologischen Forschungstra
dition. In: Hans Joas: Pragmatismus und Gesellschaftstheorie. Frankfurt/M. 1992, Suhr
kamp, S. 2365.
*42 Joas, Kreativität, S. 189 (Hervorhebung von mir, S.B.).
143 Vgl. hierzu Joas, Philosophie, S. 32.
336 Praxis
precarious Situation, is the structural form upon which present intelligence
ancl emotion are built."144 Das kreative Potential einer so verstandenen prak
tischen Intelligenz besteht nach Dewey insbesondere darin, „to project new
and more complex ends to free experience from routine and caprice. Not
the use of thought to accomplish purposes already given ..., but the use of
intelligence to liberate and liberalize action, is the pragmatic lesson."145 Für
Joas realisiert sich in solchen Überlegungen der fundamental antidetermi
nistische Impuls der pragmatistischen Handlungstheorie,146 die vor volunta
ristischen Vereinfachungen allerdings dadurch gefeit ist, daß jede Handlung
stets in einem konstitutiven Situationsbezug interpretiert wird.
Damit gelingt es dem Pragmatismus, ein Handlungsmodell zu entwerfen,
das den Reduktionismus teleologischer oder rein instrumentalistischer Kon
zepte hinter sich läßt, in denen allein die situativen Bedingungen und die
vorhandenen Handlungsmittel analytisch als Elemente der Handlungsregu
lation in Betracht gezogen werden. Im Gegenstaz zu Weber oder Parsons'
gehen die pragmatistischen Handlungstheorien nicht nur von einem kontin
genten, sondern von einem konstitutiven Situationsbezug menschlichen
Handelns aus. Joas schlägt im Anschluß an diese Überlegungen vor, das
Zweck/MittelSchema durch einen komplexen Begriff der Situation zu er
setzen, mit dem Handlung und Situation als „quasidialogische" Einheit
analysiert werden könnten.147 Unter dieser Perspektive lösen Situationen
weder wie etwa in behavioristischen Konzepten Handlungen innerhalb
eines ReizReaktionsSchemas einfach aus, noch stellen sie ein unproblema
tisches Exerzierfeld für vorab gebildete Intentionen dar: „Unsere Wahrneh
mung der Situation ist vorgeformt in unseren Handlungsfähigkeiten und
unseren aktuellen Handlungsdispositionen; welche Handlung realisiert
wird, entscheidet sich dann durch eine reflexive Beziehung auf die in der Si
tuation erlebte Herausforderung."148
Interessant ist, daß Jeffrey C. Alexander im Rahmen seiner neofunktionali
stischen Theoriebildung also in einer völlig anderen Argumentationstradi
tion als Anthony Giddens oder Hans Joas nicht nur ebenso wie diese bei
144 Dewey, John: Interpretation of Savage Mind. In: Ders.: Philosophy and Civilization.
New York 1931, Minton, Balch and Co., S. 173187, S. 187.
145 Dewey, John: The need for a recovery in philosophy. In: Ders. et al.: Creative Intelligen
ce. Essays in the Pragmatic attitude. New York 1917, Henry Holt and Co., S. 369, S. 63,
hier zit. n. Joas, Kreativität, S. 196f.
146 Joas, Hans: Einleitung: Schritte zu einer pragmatistischen Handlungstheorie. In: Ders.:
Pragmatismus und Gesellschaftstheorie. Frankfurt/M. 1992, S. 722, S. 10.
147 Vgl. Joas, Kreativität, S. 235f.; Joas greift hier auf einen Begriff Dietrich Böhlers (Rekon
struktive Pragmatik. Von der Bewußtseinsphilosophie zur Kommunikationsreflexion:
Neubegründung der praktischen Wissenschaften und Philosophie. Frankfurt/M. 1985,
Suhrkamp) zurück, nach dem Handlungen als „Antworten" auf Situationen zu konzi
pieren seien.
148 Joas, Kreativität, S. 236.
Paradigm lostf Praxistheoretische Auswege 337
den Autoren das Problem der Situativität des Handelns aufgreift, sondern
daß er auch eine ganz ähnliche theoretischanalytische Lösung vorschlägt.
Für ihn sind zwei Grunddimensionen des Handelns zentral: Interpretation
und Strategisierung Dimensionen, die als „analytische Elemente im Strom
des Bewußtseins aufgefaßt werden" sollen.149 Für die Handlungsdimension
der Interpretation seien zwei Prozesse zentral: (a) die Typisierung, d.h. die
Wahrnehmung der (Um)Welt vor dem Hintergrund bereits gemachter Er
fahrungen und ihre Einordnung als im Normalfall natürlich gegeben;
und (b) kreative Erfindung, ein Handlungselement, das nicht nur für die ty
pisierende Klassifikation der Wahrnehmung erforderlich sei, sondern auch
deshalb, weil „die Realität, mit der wir in unserer Kontingenz konfrontiert
sind,... nicht ganz dieselbe [ist], der wir zuvor schon begegneten."150
In Alexanders Konzept bezieht sich Kreativität damit ganz ähnlich wie
bei Joas oder Giddens auf die Fähigkeit der Akteure, auftretende Kontin
genz mit Handlungsroutinen und Wahrnehmungsgewohnheiten zu koordi
nieren ein dialektischer Prozeß, aus dem Neues entstehen kann. Stärker
noch kommt dieses dynamische Moment im Begriff der „Strategisierung"
zum Ausdruck, mit dem Alexander die Umsetzung von Intentionen durch
die Praxis bezeichnet, mit der Akteure „mit und gegen andere Menschen
und Dinge tätig werden."151 Ganz ähnlich wie für Joas ist auch für Alexan
der entscheidend, den konstitutiven Situationsbezug des Handelns heraus
zuarbeiten. So betont er, daß kontingentes Handeln „nichtkontingente Um
welten impliziert, in denen es sich vollzieht. Kontingenz zu begreifen heißt,
die Variation zu verstehen, die in solcherart Zwang ausübenden Umwelten
besteht."152
Spätestens hier werden die unterschiedlichen Perspektiven auf die Hand
lungssituation deutlich, die Joas, Giddens und Alexander vorschlagen. Wäh
rend Joas das Handeln der Akteure ausgehend von der Rekonstruktion ih
rer Kreativität beobachtet, mit denen sie die sich bietenden Möglichkeiten
nutzen, sind Giddens und stärker noch Alexander an der Rekonstruktion
der limitierenden Faktoren des Handelns interessiert. Während Alexander
seine neofunktionalistische Theorie eher von der Position des Kontingenz
managements her entwirft, greifen Joas und Giddens allerdings, indem sie
den Handelnden unterschiedlich große Freiheitsgrade einräumen eher
praxistheoretische Argumentationslinien auf. Gemeinsam ist allen drei
Theorien hierbei ihr Bemühen (a) um die Integration makro und mikroso
ziologischer (oder ethnomethodologischer) Forschungsergebnisse und (b)
um die Aufhebung des Widerspruchs zwischen Struktur und Handlung.
*49 Alexander, Handeln, S. 208; Alexander benutzt damit ebenso wie Giddens das phäno
menologische Konzept des „Bewiißtseinsstromes", ein Konzept, das auch im Pragmatis
mus Deweys oder Meads entwickelt wurde und dort einen zentralen Stellenwert besitzt.
1^0 Ebd., S. 210.
151 Ebd., S. 211.
152 Ebd., S. 213.
338 Praxis
Bemerkenswert ist dabei, daß von allen drei Autoren nicht nur ein umfas
sender Entwurf einer Sozialtheorie vorgelegt wird, sondern daß sowohl
Giddens mit seiner „Theorie der Strukturierung" als auch Joas im Konzept
der „Kreativen Demokratie" und Alexander in seiner „mikroempirischen
Theorie der Ordnung" eine Gesellschaftstheorie auf handlungstheoretischer
Grundlage entwerfen und damit ein einheitliches, mikro und makrotheore
tische Ansätze integrierendes analytisches Instrumentarium erarbeiten.
Ob sich in diesen innerhalb der letzten zehn Jahre vorgelegten theoreti
schen Entwürfen auch bereits ein Trend zu einer Reintegration der in den
vergangenen Jahrzehnten disziplinär aus differenzierten sozialwissenschaft
lichen Fachrichtungen andeutet, sei dahingestellt; die theoretische „Anstren
gung" (J.C.Alexander) jedenfalls ist durchaus spürbar. Für die eher kleine
akademische Disziplin der Volkskunde und ihre Nachfolgefächer jedenfalls
ergeben sich hieraus zwei positive Folgerungen: Erstens können unter die
ser stärker integrativen, sozialtheoretischen Perspektive Forschungsergeb
nisse leichter an die Diskussionen anderer sozialwissenschaftlicher Diszipli
nen angeschlossen werden, ohne den spezifischen, mikroanalytischen Blick
aufgeben zu müssen. Zweitens kann eben dieser Blick vor der Folie dieser
Theorieentwürfe weiter geschärft und der Arbeitsbereich des Faches präzi
siert werden. Vermieden werden könnte hierdurch insbesondere das wech
selseitige Problem der „fallacy of false concreteness" der Fehlschluß ma
kro und sozialtheoretischer Theorien, die Aussagen über die Relation ab
strakter, gesellschaftlicher Kategorien implizit als Aussagen über konkrete
soziale Phänomene ausgeben und der nicht minder fatalen „fallacy of fal
se abstraction" der Fehlschluß mikrotheoretischer Ansätze, wie sie oft
auch in den Nachfolgefächern der Volkskunde Verwendung finden, die oft
implizite Aussagen über gesellschaftstheoretische Zusammenhänge durch
Generalisierung von Beobachtungen auf der Mikroebene enthalten.
Neben diesen eher generellen Folgerungen ist diese „neue Theoriebewe
gung" (J.C. Alexander) in der Sozialtheorie unter fünf Aspekten für eine Re
fokussierung der Forschungsperspektive der Volkskunde hilfreich:
(a) Die gleichlautende Kritik an teleologischen oder instrumentalistischen
Reduktionismen älterer Handlungstheorien öffnet den Blick für den
konstitutiven Situationsbezug des Handelns, in dem kontingente ebenso
wie nichtkontingente Faktoren zu berücksichtigen sind.
(b) Die mit diesen Theorien dokumentierte Rückkehr der Akteure in die So
zialwissenschaft eröffnet eine praxistheoretische Perspektive, mit der bis
lang verengende Interpretationen und eingeschränkte Handlungskon
zepte überwunden werden können, die die sozialwissenschaftliche The
matisierung der für Alltagshandeln charakteristischen Routinisierungen
ausschlössen oder marginalisierten.
(c) Hiermit rücken gleichzeitig auch AktivitätsBewußtseins und Koope
rationsmodi in den Fokus sozialwissenschaftlicher Beobachtung, die bis
lang nur als „ tacit" (knowledge, consciousness etc.), d.h. als durch die
Praxis als Beobachtungskategorie 339
leitenden Kategorien „intentionales Handeln", „sprachanaloges Wissen"
oder „soziale Regulation" erzeugte Residualkategorien wahrgenommen
werden konnten.
(d) Die sich in diesen Konzepten manifestierende Rekontextualisierung des
in klassischen Handlungstheorien nur auf Zwecke, Mittel und unmittel
bare Wirkungen interpretierten Handelns führt auch den Körper der
Handelnden und dessen spezifische Räumlich und Zeitlichkeit wieder
in die Handlungstheorie ein als Erfahrung, Körpergedächtnis oder Bio
graphie.
(e) Die in diesen neueren Ansätzen betonte Reflexivität des Handelns kann
nicht nur auf bewußtes Handeln in konstitutiven Situationen bezogen
werden, sondern muß auch auf ein Konzept der situativen Konstitution
des Handelnden erweitert werden mit jeweils bleibenden Wirkungen
auf Handlungsroutinen, Selbstverständnisse oder Selbstsicherheiten.
Praxis als Beobachtungskategorie
Ausgehend von diesen Konzepten wird hier vorgeschlagen, menschliches
Tun nicht als teleologisches, instrumentelles oder normenreguliertes Han
deln zu beobachten, sondern in einem umfassenden Sinne als Praxis: als
(inter)aktives und gegenständliches Tätigsein gegenüber der sozialen und
Materiellen Umwelt einerseits, und andererseits als subjektivitätsformender
Selbstbildungs und kulturformender Gesellschaftsprozeß. Praxis wird hier
mit im Sinne der Marxschen Anthropologie und des pragmatistischen
Handlungskonzeptes Deweys unter dem Aspekt der Selbst und Weltein
wirkung konzipiert, wobei ihre Prozessualität und Situativität zwei ent
scheidende analytische Kategorien darstellen: Sowohl die Marxsche Praxis
theorie als auch der USamerikanische Pragmatismus berücksichtigen als
kontextualistische Philosophien zugleich die situativen/gesellschaftlichen wie
biographischen/historischen Kontexte der Praxis als Schnittpunkt synchro
ner Relationen der Akteure zu ihrer Umwelt und diachroner Entwicklun
gen. Durch diese doppelte Perspektive wird besonderes Augenmerk auf das
alltägliche Praxen in besonderer Weise prägende Spannungsverhältnis von
Stabilität und Variation gerichtet. Ob konzipiert als Dialektik von Disposi
tion und Situation (Bourdieu), von Erfindung und sich in Situationen erge
benden, realen Problemen (Dewey) oder als strukturverändernde Repro
duktion von Strukturen (Sahlins, Giddens): In allen diesen Ansätzen wird
raxis als vielfältige, sozial, kulturell und materiell orientierte Aktivität be
schrieben, die die oben kritisierten Reduktionismen klassischer, handlungs
theoretischer Konzepte überwindet.
. Eine Umstellung von der Beobachtungskategorie „Handeln" auf „Pra
xis c bietet sich für die Volkskunde vor dem Hintergrund ihrer spezifischen,
auf Alltagsleben und Routinehandeln gerichteten Frage und Forschungsin
340 Praxis
teressen aber auch deshalb an, weil eine praxistheoretische Perspektive
menschliches Routinehandeln theoretisch entdiskriminiert, wissenschaftlich
entmarginalisiert und konzeptuell entnormalisiert. Wie oben ausführlich er
örtert, erzeugte die handlungstheoretische Fixierung auf rationales, teleolo
gisches Handeln folgerichtig die Residualkategorie dumpfen, unreflektier
ten Alltagshandelns und der in tumbem „Weiterso" befangenen Routinen.
Der weitaus größte Teil des Alltagshandelns nahm durch diese theoreti
schen Vorannahmen den Charakter einer inferioren, nicht besonders an
spruchsvollen und daher sozialwissenschaftlich wenig reizvollen Aktivitäts
form an, der zudem auch theoretisch kaum anregende Bewußtseinszustän
de auf Seiten der Akteure entsprechen. So konzeptuell diskriminiert wurde
Routine oder Alltagshandeln seit Weber als Forschungsfeld aus der sozio
logischen Beobachtung weitgehend mit dem Diktum ausgeschlossen, es ge
horche überwiegend einem ReizReaktionsSchema.
Wie oben herausgearbeitet wurde, definierte die deutschsprachige Volks
kunde in ihrer Gründungsphase just diese soziologisch für uninteressant
gehaltenen Aktivitätsformen zu ihrem Arbeitsgebiet: Thema der Volkskun
de, so etwa Eugen Mogk in einer Bilanz der volkskundlichen TheorieDe
batten vor 1914, seien diejenigen Aktivitäten, die durch die Abwesenheit
„individueller und reflektierender Geistesarbeit" charakterisiert seien. Die
Volkskunde kaprizierte sich damit auf residualkategoriale Felder, womit
zwar die soziologische „blackbox" des routinisierten Alltagshandelns zum
disziplinären Thema wird, ein Phänomenbereich, der jedoch durch die theo
retische Adaption des ReizReaktionsSchemas weiterhin nur als „Ver
schlußsache" behandelt werden kann: Diese auch in der Volkskunde lange
Zeit verbreitete Beobachtungsweise des Routinehandelns kann die aktiven
und kreativen Anteile der Akteure am Alltagsgeschehen nicht angemessen
thematisieren. Die mit dieser thematischen Orientierung zudem verbunde
nen Hypostasierungen des angeblich Authentischen oder Ursprünglichen
und der sich hieraus nicht irrtümlich ergebende Weg in antihistorische,
kulturpessimistische Theorien und nationalsozialistische Anfälligkeiten
braucht hier nicht nochmals aufgegriffen werden.
Wichtiger ist in diesem Zusammenhang, daß eine praxistheoretische Per
spektive Routinehandeln aus dem handlungstbieoretisch erzeugten, wissen
schaftlichen Windschatten herausführt und damit den für den Alltag über
wiegend prägenden Aktivitäts und Bewußtseinsmodus nicht nur als Resi
dualkategorie thematisierbar macht. Hierdurch wird es gleichzeitig möglich,
die handlungstheoretisch erzeugte „black box" zu erhellen, die mit der Vor
annahme eines ReizReaktionsSchemas ebenso erzeugt wird wie in der An
nahme der unproblematischen Bildung von Intentionen, der rationalen
Auswahl von Handlungsmitteln etc. Unter einer praxistheoretischen Per
spektive kann dieses vermeintlich unproblematische Konzept in mehrfacher
Hinsicht hinterfragt werden: Der Begriff „Rationalität" verliert hier seinen
objektivistischen Klang, und sprachanaloge Konzepte des Wissens oder das
Praxis als Beobachtungskategorie 341
»folk model" von Kognitionsprozessen werden ersetzt durch komplexere
Modelle.
Grundlegend für diese Möglichkeit, die vermeintlich unproblematische
Handlungsnormalität im Alltag zu problematisieren, sind insbesondere
Zwei Vorannahmen des Praxismodells: Erstens wird in bezug auf die einzel
ne Handlungssituation betont, daß Strukturen, Normen, Regulative oder
Dispositionen von den Handelnden nicht einfach ausgeführt, sondern im
Handeln aktualisiert werden müssen. Zweitens wird unter einer kogni
üonstheoretischen oder konstruktivistischen Perspektive davon ausgegan
gen, daß von den Handelnden die Wirklichkeit in einem aktiven Prozeß
konstruiert werden muß. Durch diese, die Aktivität der Handelnden beto
nende Theoriekonstruktion wird ein systematischer Ort für Kreativität und
Innovationsfähigkeit der Akteure geschaffen, ein Modell, das durch die Be
tonung der Situativität der Praxis jedoch voluntaristische Weltfremdheiten
vermeiden kann. Praxis als Beobachtungskategorie stellt damit ein ana
lytisches Instrumentarium bereits, das in besonderer Weise zur Untersu
chung moderner, alltagskultureller Praxen geeignet ist.
Situationsanalytik, KonTexte und KoTexte
Dieses Verständnis des für die Praxis konstitutiven Situationsbezuges ver
weist auf die Kontextiertheit jeglichen Tuns und betont die einschränken
den ebenso wie die ermöglichenden Bedingungen des jeweiligen Kontextes.
Oben wurde bereits ausführlich darauf hingewiesen, daß dieses Kontext
Konzept sowohl von dem in der deutschsprachigen Volkskunde und ihren
^achfolgefächern seit den 80er Jahren eingeführten als auch von dem in den
ÜSamerikanischen Folklore Studies verwendeten Begriff des Kontextes
deutlich zu unterscheiden ist. In der deutschen Sachkulturforschung wird
. Begriff „Kontext" vor allem als hermeneutisches Instrument eingesetzt,
niit der vor dem Hintergrund der potentiellen Vielfalt möglicher sozialer
und kultureller Bedeutungen eines Objektes die für eine spezifische Situati
on gültige Bedeutung rekonstruiert werden soll. „Kontext" stellt hier eine
Bedeutungslimitierende Kategorie dar.
Im Gegensatz hierzu wurde der Begriff „context" in den USamerikani
schen Folklore Studies angeregt durch neuere Entwicklungen der Lingui
stik seit den 70er Jahren als analytische Kategorie entwickelt, „[which] re
ictred to the system of expressive genres carried by a group as part of its
>>equipment for living«".153 Der Ausdruck „equipment for living" weist dar
^3 Abrahams, Roger D,: After New Perspectives: Folklore Study in the Late Twentieth
Century. In: Western Folklore, Vol. 52, April 1993, S. 378400, S. 387; Abrahams gibt
hier einen komprimierten Überblick der theoretischen Entwicklungen, die zu dem als
Meilenstein der USamerikanischen Folklore Studies gerechneten Band von Paredes und
Bauman Toward New Perspectives in Folklore führten.
342 Praxis
auf hin, daß Kontext hier nicht wie in der deutschsprachigen Volkskunde
hermeneutisch, sondern als zentrales Element des in den Folklore Studies
etablierten PerformanceKonzeptes anzusehen ist: Kontext stellt in diesem
Ansatz das Referenzsystem der Interaktionspartner dar, vor dessen Hinter
grund sie mit den polyvalenten Bedeutungsebenen einer Äußerung spielen
und so auch konventionalisierte Bedeutungssysteme verändern können.154
„Kontext" stellt somit eine bedeutungsermöglichende Kategorie dar.
Dieses erweiterte KontextVerständnis so wurde oben argumentiert
sollte auch für die Sachkulturforschung und insbesondere für die Erfor
schung des Umgangs mit Technik aufgegriffen werden. Hierbei werden al
lerdings einige Modifikationen notwendig, da imPerformanceKonzept der
KontextBegriff zu eng auf die Analyse von sprachlichen oder nicht
sprachlichen, immer jedoch kopräsenten Interaktionssituationen zuge
schnitten ist. Insbesondere der in Grenzen zu konstatierende Verhandlungs
charakter des Kontextes in interaktiv hergestellten Kommunikationssitua
tionen ist für sachkulturelle Analysen nur eingeschränkt zutreffend. Oben
wurde daher vorgeschlagen, zwischen dem situativen KoText der Bedeu
tungsdimension und dem situativen KonText der Handlungsdimension
im Umgang mit materiellen Artefakten zu unterscheiden. Den Begriff Ko
Text verwende ich hierbei teilweise deckungsgleich mit dem contextBegriff
der Folklore Studies; der Begriff KonText verweist demgegenüber auf die
konkrete, „gegenständliche" Dimension der Praxis, die Handlungsoptionen
in Situationen nutzt. In bezug auf den Umgang mit Technik rechnen zum
KonText insbesondere die „ Anschlußhandlungen" (B.Joerges), mit denen
die unmittelbaren, in technische Artefakte eingelassenen affordances reali
siert werden. Anders jedoch als imPerformanceKonzept, bei dem context
ausschließlich auf die unmittelbare, in der Regel durch einen geringen Insti
tutionalisierungsgrad charakterisierte „facetoface"Situation bezogen ist,
muß bei der Nutzung technischer Artefakte in modernen Gesellschaften in
zweifacher Hinsicht von einer „erweiterten Ko und KonTextbildung"
ausgegangen werden: Mit diesem Begriff verweist HansPeter Krüger auf
die Auswirkungen gesellschaftlicher Diskurse und medial vermittelter Ko
Texte ebenso wie auf die Effekte von Institutionalisierungsprozessen auf die
kontextuell bestimmten Handlungsmöglichkeiten der Akteure, zwei Di
mensionen, die über die unmittelbare Handlungssituation hinausreichen.
Den Begriff KoText verstehe ich in einem umfassenden Sinn: Hiermit
wird nicht nur auf sprachliche Diskurssysteme verwiesen, sondern auch auf
nichtsprachliche „meaningmaking resources" (Jay L. Lemke): „the Con
ventions of gesture and depiction, the symbolic and functional values of
actions, the typical patterns of action that other members of our Communi
ty will recognize and respond to."155 Entscheidend ist dabei, daß in unter
154 Vgl. hierzu insbes. Kapchan, Hybridization.
155 Lemke, Jay L.: Textual Politics. Discourse and Social Dynamics. London 1995, Taylor &
Francis, S. 19.
Praxis als Beobachtungskategorie 343
schiedlichen historischen Situationen, in unterschiedlichen kulturellen Tra
ditionen, für Menschen verschiedenen Alters, Geschlechts und sozialer Po
sition jeweils unterschiedliche „meaningmaking resources" Gültigkeit be
sitzen und auf verschiedene Art genutzt werden. Mit Mikhail Bakhtin muß
daher davon ausgegangen werden, daß jeder situative KoText durch Hete
roglossie, durch Vielstimmigkeit, charakterisiert ist: In jeder Situation kann
auf ganz unterschiedliche Diskurse zurückgegriffen werden. Diese paralle
len diskursiven Systeme „are specific points of view on the world, forms for
eonceptualizing the world, specific worldviews, each characterized by its
own objects, meanings, and values. As such they may all be juxtaposed to
°ne another, mutually Supplement one another, contradict one another, and
be interrelated dialogically."156
Jay L. Lemke betont die sozialen und politischen Konflikte, die im Rah
men dieser „dialogischen Interrelation" unterschiedlicher Diskurssysteme
ausgetragen werden, und prägt hierfür den Begriff „textual politics". Er un
terscheidet zwischen drei Bedeutungsdimensionen diskursiver Systeme: (a)
einerpräsentativen Ebene, Repräsentationen der „objektiven" Welt, mit de
nen soziale und natürliche Sachverhalte beschrieben, ihre Relationen zuein
ander definiert und ihre Bedeutung festgelegt werden; (b) einer orientieren
den Ebene, mit der u.a. das Verhältnis der Akteure zu den diskursiv festge
legten Repräsentationsweisen der „objektiven" Welt näher bestimmt wird,
also etwa ihre Emotionalität oder Rationalität im Umgang mit Ausschnitten
der Welt oder Wertsystemen; und schließlich (c) einer organisierenden Ebe
des Diskurses, mit der einzelne Elemente des Diskurses zueinander, aber
auch gegenüber konkurrierenden Diskursen näher bestimmt werden.157 Das
^°n Lemke eingeführte DiskursKonzept betont die aktive Rolle, die Dis
kurse bei der Redefinition sozialer Zusammenhänge, dem Entstehen neuer
Bedeutungen und der Genese innovativer Verhaltensweisen besitzen. Ziel
lst es hierbei, „[to] understand how the discourse habits of the Community
around us both shape our own discourses and viewpoints and provide us
^ith resources for saying and doing things that are new but still make sense
to others."158
Diskurse in diesem Sinne dürfen somit nicht als determinierende Instan
ten verstanden werden, da sie als „meaningmaking resources" in konkreten
Situationen von den Handelnden aktualisiert, d.h. bestätigt, verworfen oder
^Kodifiziert und ihren Bedürfnissen angepaßt werden. Diesem dynamischen
Konzept des situativen KoTextes ist analog der hier verwendete Begriff des
Situativen KonTextes zugeordnet, denn die konkreten, vielfältigen Hand
*uugsmöglichkeiten müssen situativ von den Handelnden unter Rückgriff
auf ihre Fähig und Fertigkeiten realisiert werden. In bezug etwa auf den
1^6 Bakhtin, Mikhail: Discourse in the Novel. In: M. Holquist (ed.): The Dialogic Imagina
tion. Austin 1981, University of Texas Press, S. 291f.
, 7 Vgl. Lemke, Politics, S. 41 f.
58 Lemke, Politics, S. 19.
344 Praxis
Umgang mit Technik fallen neben den einfachen affordances technischer
Artefakte unter die Kategorie KonText auch sozialmediierte Objektpoten
tiale also affordances, die nur in sozialer, nicht notwendig kopräsent orga
nisierter Kooperation realisiert werden können oder technologischmedi
ierte Objektpotentiale affordances, deren Realisation erst durch weiteren
Technikeinsatz möglich ist. Die Begriffe Ko und KonText konzeptualisie
ren diejenigen Faktoren, die weder situativ entstanden noch situativ kon
trollierbar sind, und beziehen auch „Institutionalisierungen" als Hand
lungsbedingungen wie etwa gesellschaftliche Diskurse, kulturelle Systeme
und „Technostrukturen" (G.Böhme) in die Situationsanalyse ein. Damit
wird eine historische, prozessuale Sicht der Ko und KonTextbildung eta
bliert: Kulturelle, also sowohl diskursive wie materielle Handlungsum
welten sind kulturell und wie Norbert Elias in anderem Zusammenhang
formulierte als „das Ergebnis eines langen, anfangslosen Lernprozesses der
Menschheit" zu verstehen.159
Aber konkrete Praxen sind nicht nur von situativ gültigen Ko und Kon
Texten abhängig. Das aus dem Pragmatismus entlehnte Konzept des konsti
tutiven Situationsbezuges der Praxis betont darüber hinaus, daß die Situa
tionsWahrnehmung, die Dispositionen der Akteure und ihre Fähig und Fer
tigkeiten ko und kontextuell gebunden sind. Damit wird eine „starke"
Version der Kontexttheorie vertreten,160 die nicht nur annimmt, daß die Ak
teure „Konstrukteure der Wirklichkeit sind, in der und auf die bezogen sie
handeln",161 sondern auch, daß ihre Wahrnehmungsfähigkeiten und kogni
tiven Modelle „kulturell eingeformt" (M.MerleauPonty) sind. Der histori
schen Perspektive auf die Ko(n)Textbildung wird damit eine biographische
Perspektive auf die Akteure und ihre Kompetenzen, Fertig und Fähigkei
ten zur Seite gestellt. Den vielfältigen, aber nicht beliebigen Handlungsop
tionen etwa von technischen Artefakten stehen somit durchaus vielfältige,
aber ebenfalls nicht beliebige Handlungsmöglichkeiten der Akteure gegen
über.
159 Elias, Norbert: Über die Zeit. Arbeiten zur Wissensoziologie II. Frankfurt/M. 21989,
Suhrkamp, S. xi.
160 Vgl. die am Beispiel der Produktion wissenschaftlichen Wissens vorgenommene Unter
scheidung von Kontexttheorien in schwache Versionen, die von der eher konventionel
len Annahme ausgehen, daß Handlungsergebnisse immer auch von Handlungssituatio
nen abhängen, und starke Versionen, in denen zusätzlich eine Kontextbezogenheit unter
kognitiven und epistemologischen Gesichtspunkten angenommen wird, bei Bonß,
Wolf gang, Rainer Hohlfeld, Regine Kollek: Kontextualität ein neues Paradigma der
Wissenschaftsanalyse? In: Wolfgang Bonß, Rainer Hohlfeld, Regine Kollek (Hg.): Wis
senschaft als Kontext Kontexte der Wissenschaft. Hamburg 1993, Junius, S. 171191.
161 Stenger, Horst: Kulturelle Kontexte und die Konstruktion von Sinnstrukturen. In;
Wolfgang Bonß, Rainer Hohlfeld, Regine Kollek (Hg.): Wissenschaft als Kontext
Kontexte der Wissenschaft. Hamburg 1993, Junius, S. 135147, S. 136; vgl. zu den sozial
konstruktivistischen Vorannahmen dieser These ausführlich Stenger, Horst: Die soziale
Konstruktion okkulter Wirklichkeit. Eine Soziologie des „New Age". Opladen 1993,
Westdeutscher Verlag, insbes. S. 55111.
Praxis als Beobachtungskategorie 345
Dieser Zusammenhang wurde in den oben skizzierten praxistheoreti
schen Ansätzen etwa als „Habitus" (P.Bourdieu), „habits" Q. Dewey), „ko
gnitive Modelle" (D.A.Norman) oder in Verbindung mit den Konzepten
des „tacit knowledge" oder „tacit consciousness" (A.Giddens, M.Bloch)
thematisiert. Entscheidend ist dabei, daß das hier vertretene praxistheoreti
sche Konzept in zweifacher Weise „Unvollständigkeit" zuläßt: erstens in
der Annahme, daß Akteure in Handlungssituationen weder alle Hand
hings^edingungen völlig überschauen, noch zweitens über alle Hand
lungsfolgen vollständig informiert sein müssen, bevor sie handeln. So sind
etwa kognitive Modelle technischer Artefakte eher durch „Arbeitshypothe
sen" charakterisiert, in denen die objektiven Bedingungen und Folgen eines
Tuns nicht adäquat repräsentiert sind, sondern die allenfalls die Vorhersage
der wesentlichen Handlungsergebnisse ermöglichen. Es ist gerade diese
»Unschärfe" alltäglicher Handlungspläne und Strategien,162 die es der Pra
xis ermöglicht, auch unsichere und widersprüchliche Situationen zu mei
stern; eine Kontingenzannahme, die mit Sally Falk Moore als typisch für all
tägliche Anforderungen praktischen Tuns angesehen werden kann.163 Erst
ausgehend von dieser Annahme, daß die Praxis keinem „Hamletmodel of
Cognition" folgt, kann ihr „taktischer" Charakter erklärt werden, der es ihr
ermöglicht, „günstige Gelegenheiten" (M. de Certeau) oder „Konjunktu
ren" (P.Bourdieu) zu ergreifen und kurzfristige Vorteile daraus zu ziehen.
Praxistheoretische Ansätze gehen damit für alltägliches Routinehandeln
von einem erweiterten Wissenskonzept aus, bei dem Wissen nicht aus
schließlich sprachanalog, objektiv und kontextfrei konzipiert wird, son
dern gerade sein meist situativer, lokaler und performativer Charakter her
ausgearbeitet wird. Dieses „stillschweigende" Wissen, dem auch eine still
schweigende Rationalität und Intentionalität (A.Giddens) entspricht, ist nur
bedingt diskursivierbar. Insbesondere dann, wenn es in der Form des Kör
Pergedächtnisses als „Hexis" (P.Bourdieu) oder „embodied" (D.Ihde)
yorliegt, das nur eingespannt in die jeweiligen Handlungsvollzüge abrufbar
Jst. Alltägliche Praxen, wie sie etwa von Maurice Bloch am Beispiel des „get
txng the breakfast ready" oder von Jean Lave am Beispiel des Einkaufens ge
schildert werden, entziehen sich daher der hergebrachten Klassifikation in
entweder rational oder irrational, die für die frühe Soziologie und kom
162 Für Peter Burke ist daher konzeptionell in den Sozialwissenschaften der Abschied vom
»buchstabengetreuen Denken" zu vollziehen, d.h. die Aufgabe von Konzepten, in denen
die Widersprüche des lokalen, kulturellen, sozialen und politischen Kontextes zugun
sten vereinheitlichender, eindeutiger Erklärungen vernachlässigt würden (vgl. hierzu
Burke, Peter: Historiker, Anthropologen und Symbole. In: Rebekka Habermas, Nils
Minkmar (Hg.): Das Schwein des Häuptlings. Sechs Aufsätze zur historischen Anthro
pologie. Berlin 1992, Klaus Wagenbach, S. 2141).
63 Vgl. hierzu die gleichlautende Position von Turner, Victor: Prozeß, System, Symbol:
Eine neue anthropologische Synthese. In: In: Rebekka Habermas, Nils Minkmar (Hg.):
Das Schwein des Häuptlings. Sechs Aufsätze zur historischen Anthropologie. Berlin
1992, Klaus Wagenbach, S. 130146.
346 Praxis
plementär für die Volkskunde zur Abgrenzung ihrer Forschungsthemen
diente.
Statt solcher unangemessener Einordnungen wird hier Routinehandeln
verstanden als durch „enacted knowledge" orientiert.164 Als Aktivitätsmo
dus sind alltägliche Routinen damit in erster Linie durch „Zuhandenheit"
(M.Heidegger) der Situation gekennzeichnet, eine „Normalität", die jedoch
durch Irritationen oder auftretende reale Probleme zusammenbrechen
kann. Um die Terminologie Martin Heideggers nochmals aufzugreifen,
wechseln Handlungsobjekte im Zeitpunkt einer Störung der Routine in den
Status der „Vorhandenheit", ein Bruch der „Normalität", der die Akteure
zur (Selbst)Reflexion zwingt. Erst in solchen außernormalen Handlungssi
tuationen oder wenn die Handelnden etwa von Sozialforschern gebeten
werden, über ihr Tun Rechenschaft abzulegen wird der von klassischen
Handlungstheorien vorausgesetzte, diskursivierbare Rationalitäts und Re
flexionstyp zentral.
Aus diesen Vorannahmen ergeben sich wichtige methodische Folgerun
gen für eine sozialwissenschaftliche d.h.: auch eine volkskundliche Ana
lyse alltäglicher Praxen: Notwendig ist (a) eine komplexe Situationsanalytik,
mit der die jeweils relevanten Ko und KonTexte der beobachteten Praxis
und ihr Raum und Zeitbezug rekonstruiert werden; diese Überlegungen
werden unten aufgegriffen, (b) Die Methode der Wahl für ein solches Vor
gehen ist die teilnehmende und nicht nur dabeistehende Beobachtung, da
sich nur so angemessen die komplexen, für Praxen charakteristischen still
schweigenden Fähig und Fertigkeiten der Akteure beurteilen lassen, (c)
Werden ergänzend Interviews durchgeführt, ist zu beachten, daß die Akteu
re sich hierbei diskursiver Repräsentationsweisen bedienen, die dem prakti
schen Bewußtseinsmodus der „Zuhandenheit" nicht entsprechen. Somit ist
mit „Ubersetzungsfehlern" zu rechnen, die nur teilweise durch den Ab
gleich mit den Ergebnissen der teilnehmenden Beobachtung korrigiert wer
den können.165 (d) Besonderes Augenmerk sollte auf die Variations und
Innovationspotentiale von Routinehandeln gerichtet werden, einmal im
Hinblick auf die Arbeit, die Akteure zur „Verfeinerung" (A.Giddens) ihrer
Routinen aufwenden, andererseits bezogen auf die längerfristigen, bleiben
164 Vgl. hierzu Varela, Reenchantment, S. 329f.
165 Die Befragten werden in Interviewsituationen in einem doppelten Sinne zu „Experten4
ihres Handelns gemacht: einerseits wird ihre Expertise anerkannt wie Anthony Gid
dens formuliert, wird ihnen zugestanden, daß sie wissen, was sie tun , andererseits er
folgt diese Auskunft in einem praxisfernen Genre, dem diskursiven Modus der (meist
wissenschaftlichen) Experten; problematisch hieran erscheint, daß die Befragten durch
den Wechsel des diskursiven Systems gezwungen werden, sich von ihren Praxen zu
mindest kurzzeitig zu entfremden, damit sie sich dem fragenden Experten annähern
und verständlich machen können. Diese von Interviewpartnern geforderte momentane
Selbstdistanzierungsfähigkeit im Interview kann nachhaltige Wirkungen für die Befrag
ten entfalten wenn auch kaum bleibende Schäden. Vgl. hierzu Beck, Nachmoderne
Zeiten, S. 106, FN 15.
Technik als Ko(n)Text der Praxis 347
den Veränderungen des Ko und KonTextes, die etwa im Rahmen von
»technological dramas" (B.Pfaffenberger) zu beobachten sind, (e) Neben
dem konstitutiven Situationsbezug der Praxis ist auch die situative Konstitu
tion des Handelnden zu beachten, die „reflexive results" (J.Dewey) der Pra
xis für den Handelnden, seine Körperlichkeit, sein Selbstverständnis und
seine Selbstsicherheit. Diese Überlegungen werden im folgenden im Hin
blick auf die Problematik des Umgangs mit Technik konkretisiert.
Technik als Ko(n)Text der Praxis
Mein Ausgangspunkt war, daß das alltägliche Phänomen „Umgang mit
Technik" analytisch als zweifache Problemstellung reformuliert werden
sollte: Aus einer praxistheoretischen Perspektive kommen technische Arte
fakte und ihre zu Sachsystemen verknüpften Kombinate als TatSachen in
den Blick, als Nutzungskomplexe, deren Handlungspotentiale erst in kon
kreten Gebrauchsakten aktualisiert werden müssen. In einer sachtheoreti
schen Perspektive erscheinen technische Artefakte und „socio technical sy
stems" als starke, mit der Macht des Faktischen ausgestattete sozialkultu
relle Orientierungskomplexe und somit als wirkungsvolle Form des Kon
togenzmanagements. Werden beide Aspekte gleichzeitig im Blick behalten,
kann sowohl ein deterministisches als auch ein voluntaristisches Konzept
der Praxis vermieden werden, da sowohl die kreativen Potentiale der Praxis
als auch ihre Situationsabhängigkeit in den Beobachtungsfokus gerückt
^erden. Als methodisch geeignetes Untersuchungsverfahren erscheint dabei
die oben erörterte komplexe Situationsanalytik, die als ihren Ausgangs
Punkt den konstitutiven Situationsbezug der Praxis nimmt. Die konkrete
Handlungssituation wird so als Schnittpunkt vielfältiger Bedingungen und
Aktualisierungsnotwendigkeiten analysierbar.
Dem konkreten Umgang mit Technik sind in dieser Perspektive sowohl
Ko als auch KonTexte vorausgesetzt. Damit werden Formierungsprozes
se berücksichtigt, die in den gängigen Mikrostudien der Sozialwissenschaf
ten meist vernachlässigt werden, die ausschließlich den interaktiv verhan
delbaren Situationskontext beobachten. Die scheinbare Normalität der
unmittelbar in Situationen zu beobachtenden manifesten affordances eines
technischen Artefaktes und seine gebrauchsanweisungsgemäße Nutzung
kann erst hinterfragt werden, wenn sowohl diejenigen Formierungprozesse
thematisiert werden, aus denen die ko und kontextuelle Bindung der Ar
tefakte hervorgegangen ist, als auch die vom Nutzer zu leistende Aktualisie
^ngsarbeit gegenüber den ko und kontextuellen Vorgaben und ihrer An
passung gemäß der jeweiligen Handlungssituation berücksichtigt wird.
Die Thematisierung technischer Artefakte als Orientierungskomplexe er
fordert somit einerseits, daß zeitliche Prozesse und räumliche Zusammen
hange in die Untersuchung einbezogen werden, die den Rahmen einer
348 Praxis
wörtlich verstandenen Situationsanalytik überschreiten. So muß davon aus
gegangen werden, daß in Artefaktsystemen zwar vielfältige, latente affor
dances bereitgestellt werden, die jedoch kon und kotextuell so gebunden
werden, daß etwa durch die Konventionalisierung bestimmter legitimer Ge
brauchsweisen aus der Vielzahl potentieller Handlungsoptionen einige we
nige manifeste, legitime Nutzungsoptionen sozial und kulturell privilegiert
werden. Dieser sehr dauerhaften, oft durch ein „institutionelles lockin" sta
bilisierten Figuration der Technik entspricht auf der anderen Seite eine nicht
minder dauerhafte KonFigur ation der Nutzer und ihrer Praxen, die nicht
nur in einer Einschränkung ihrer Wandlungsoptionen besteht, sondern den
Körper der Akteure nachhaltig einer technologischen, zeitlichräumlichen
Ordnung unterwirft und die „habits" und Wahrnehmungs weisen der Nut
zer „technologisch infiziert" (B.Waldenfels).
Der Begriff der „technologischen Infizierung" der Praxen ist jedoch
deutlich von deterministischen Verständnissen der Relation NutzerTech
nik zu unterscheiden. Dieses Konzept der Technik als Orientierungskom
plex benennt nur die eine Hälfte der Relation TechnikNutzer. Im Gegen
satz etwa zu Ansätzen, in denen Technik als „Verlaufssouverän des Han
delns" begriffen wird, besteht ein praxistheoretischer Ansatz auf dem un
verzichtbaren Handlungsanteil der Nutzer: Schon allein der „bestimmungs
gemäße", routinisierte Gebrauch technischer Artefakte setzt in hohem
Maße Bedienungswissen und fähigkeiten ebenso voraus wie komplexes
kulturelles Wissen über konventionalisierte Gebrauchsweisen und legitime
Nutzungsarten.166 Diese Kompetenzen werden erst recht vorausgesetzt,
wenn neben der bestimmungsgemäßen Nutzung der manifesten affordances
bewußt auch latente affordances aktualisiert und/oder entgegen den kon
ventionalisierten Gebrauchswrtanweisungen andere Gebrauchswerte reali
siert werden. Neben der situativen KonFiguration der Nutzer und ihrer
Nutzungspraxen muß daher auch die durch die Nutzer erfolgende Refigu
ration der genutzten technischen Artefakte gemäß ihrer momentanen bis
weilen auch abweichenden Bedürfnisse berücksichtigt werden.
Dieses komplementäre Verständnis technischer Artefakte als Orientie
rungs und Nutzungskomplex richtet somit die Aufmerksamkeit ebenso
auf die konstruktiven Anteile der Nutzer bei der situativen Aktualisierung
der von technischen Artefakten zur Verfügung gestellten Handlungsoptio
nen (die Nutzung technischer Artefakte) wie auf die technologische, sozia
le und kulturelle Figuration der „socio technical systems" (die Orientierung
der Nutzer durch Artefakte). Im folgenden soll der Versuch unternommen
werden, diesen Ansatz einer komplexen Situationsanalytik zu systematisie
ren, wobei sich die Dimensionen von Ko und KonText einerseits und die
166 Vgl. hierzu die Diskussion der ohne solches „adäquates" kulturelles Wissen entstehen
den, aus der Perspektive westlichindustrialisierter Gesellschaften als „bizarr" erschei
nenden Nutzungsweisen technischer Artefakte im Rahmen der „CargoKulte" oben.
Technik als Ko(n)Text der Praxis 349
Einführung der Unterscheidung von Technik als Nutzungs und Orientie
ningskomplex andererseits als hilfreich erweisen, die im vorangegangenen
Kapitel herausgearbeiteten Technikkonzepte in die Situationsanalyse einzu
beziehen.
Als Orientierungskomplex kann Technik unter drei Aspekten themati
siert werden: (a) als „objektives", materielles Konstrukt; (b) als räum und
Zeitkonstituierendes Dispositiv; und schließlich (c) als symbolische und dis
kursive Ordnung. Im Gegensatz hierzu muß Technik als Nutzungskomplex
vor allem unter drei Aspekten thematisiert werden: (a) als TatSache oder
Aneignungsereignis; (b) als phänomenales Artefakt und schließlich (c) als
lmaginäres Konstrukt.167 Diese Systematik wird in der nachfolgenden Grafik
dargestellt.
Technik als ^ ^ Technik als
^utzungskomplex ^ ^ Orientierungskomplex
KonText
Technik als TatSache Technik als objektives Konstrukt
Technik als phänomenales Artefakt Technische RaumZeitDispositive
Technik als imaginäres Konstrukt Technik als diskursive Ordnung
V
KoText
Dimensionen einer praxistheoretischen Situationsanalytik des Umgangs mit Technik
Drei Aspekte des sachtheoretischen Konzeptes der Technik als Orientie
rungskomplex werden so unterschieden:
(a) Unter dem Verständnis der Technik als objektives Konstrukt fasse ich
den Versuch von mit Macht ausgestatteten gesellschaftlichen Akteuren, im
Rahmen eines „heterogeneous engineering" (Th.P.Hughes) soziotechni
sche Systeme aufzubauen und durch ein institutionelles „lockin" zu fixie
ren. Dieses Bemühen, starke, mit der Macht des Faktischen ausgestattete
1^7 Mit dieser Systematik wandle ich das sachtheoretische Modell technischer Artefakte
Manfred Faßlers leicht ab, der Technik in einem „kulturellen Dreierbezug" als (a) imagi
näres Konstrukt, (b) phänomenales Artefakt und (c) objektives Konstrukt interpretiert,
und entwickle es für die hier verfolgte Fragestellung weiter; vgl. Faßler, Abfall, S. 75f.
350 Praxis
Verknüpfungen unterschiedlicher Elemente in heterogenen Netzwerken zu
konstruieren und über Zeit und Raum zu stabilisieren, wurde in den vor
angegangenen Kapitel etwa unter den Stichworten „actornetwork models"
(B.Latour und M.Callon), „sociotechnical systems" (D.MacKenzie,
J.Wajcman) oder der „Dekontextiereinrichtungen" (B.Joerges) diskutiert.
Diese sozialwissenschaftlichen Konzepte spiegeln treffend das ingenieur
technische Bemühen wider, Technik als „Verlaufssouverän" des Handelns
zu konstruieren, ein Phantasma, das allerdings bislang stets an der Wirk
lichkeit scheiterte.
Realitätsfern erscheint jedoch nur der Anspruch auf totale Steuerung,
während der Einschätzung ohne Zweifel zuzustimmen ist, daß Artefakte,
wie etwa die Arbeiten Langdon Winners überzeugend herausarbeiteten,
über politische Effekte verfügen: Soziotechnische Systeme sind in der Re
gel so konstruiert, daß sie ihre Nutzer in einer zuvor festgelegten Weise
nicht nur in Raum und Zeit zu positionieren trachten, sondern auch soziale
Positionen für sie festzuschreiben versuchen.168 Diese Systeme zeichnen sich
ferner durch die konstruktionsbedingte Vorgabe einer möglichst weitge
henden Fixierung von Mitteln und Zwecken aus. Technische Artefakte er
scheinen in dieser Perspektive als Cyberfakte, als „vollzogene Steuerung"
des Nutzers und seiner Gebräuche. Dieses enge, reduzierte Verständnis der
Technik als Wille und Vorstellung ihrer Konstrukteure scheitert jedoch an
den in technische Artefakte eingelassenen multiplen affordances (J.J.Gib
son), die auch durch die im Rahmen von soziotechnischen Systemen erfol
gende Definition manifester affordances nicht beseitigt werden können. Auf
diese notwendige Kontingenz im Umgang mit Technik ist unten zurückzu
kommen, wenn Technik als Nutzungskomplex thematisiert wird.
(b) Technik muß wie oben ausführlich erörtert wurde daher zusätzlich
als Cyberfakt im Sinne der Kybernetik, als Rückkoppelungsereignis zwi
schen technischen Dispositiven und Dispositionen der Nutzer konzipiert
werden. Die räum und zeitkonstituierenden Dispositive der Technik, die
oben unter dem Stichwort Cyberfakt diskutiert wurden, kommen in dieser
Betrachtungsweise, die Technik als Orientierungskomplex thematisiert, als
„Figuration " in den Blick. Sie ist Teil eines komplexen Kontingenzmanage
ments und zielt auf die „ KonFiguration" ihrer Nutzer. Das Verhältnis zwi
schen (technischer) Figuration und (nutzender) KonFiguration ist jedoch
nicht als Determinationsbeziehung, sondern als rückbezügliche Relation zu
konzipieren: Unter Verweis auf die Arbeiten des Psychologen Friedrich W.
Heubach oder des Phänomenologen Maurice MerleauPonty wurde das
auch den Umgang mit Technik bestimmende SubjektObjektVerhältnis
allgemein als kulturell geprägtes regulatives oder psychisches Konzept rekon
168 Etwa den Stromverbraucher als Kunden und Empfänger zentral und damit für ihn un
kontrollierbar
erzeugter Energie oder den Strandbenutzer als Autofahrer, vgl. zu die
sen Beispielen oben, Unterkapitel „Artifacts have politics".
Technik als Ko(n)Text der Praxis 351
struiert, das als Ergebnis eines praktischen Lernprozesses anzusehen ist, in
dem eine spezifische, für die westliche Moderne charakteristische Subjekti
vität der Handelnden und eine Objektivität der Dinge aufgebaut wird.
Im Umgang mit Technik liegt jedoch weder diese Subjektivität noch die
Objektivität technischer Artefakte kontextfrei oder unveränderlich vor.
Dies wurde oben etwa unter Verweis auf Ansätze herausgearbeitet, in denen
Technik metaphorisch als „Text" gefaßt wurde, um auf die bisweilen aller
dings an „harte" Grenzen stoßenden interpretatorischen Freiheiten der
Nutzer hinzuweisen. Wie etwa an den Arbeiten Donald A. Normans ge
zeigt werden konnte, wird mit der äußeren Formgebung technischer Arte
fakte zudem ein „system image" aufgebaut, das wenn es über die geeigne
ten „contextualization cues"169 verfügt die zur Ausbildung adäquater, die
unproblematische Bedienung ermöglichender kognitiver Modelle bei den
Nutzern beiträgt. Damit können technische Artefakte nicht nur als Versuch
interpretiert werden, die Positionen der Nutzer zu definieren, sondern sie
arbeiten auch an ihrer Haltung nicht nur Subjektivität ist unter den tech
nologischen Bedingungen der Moderne immer schon technisch infiziert,
sondern auch Raum und Zeitkonzepte wurden durch die Moderne „indu
strialisiert".
(c) Im Gegensatz zu diesen sprachlichen oder nichtsprachlichen Ge
brauchsanweisungen thematisiere ich unter der analytischen Dimension
« Technik als diskursive Ordnung" vor allem den Aspekt der technologi
schen Orientierungskomplexe, der sich auf die Vermittlung von Gebrauchs
^Manweisungen bezieht. Wie oben erläutert, rechne ich unter den erwei
terten DiskursBegriff sowohl sprachliche als auch nichtsprachliche „mea
ningmaking resources", Bedeutungssysteme also, mit denen spezifische
Repräsentation und Sichtweisen, Bewertungen und normative Orientie
rungen technischer Artefakte etabliert werden. Diskursiv werden so zum
Beispiel legitime Gebrauchsweisen technischer Artefakte festgelegt, abwei
chende Umgangsformen marginalisiert bzw. sanktioniert oder innovative
Nutzungsarten technischer Artefakte Um oder Fehlnutzungen bewer
tet. Diese TechnoDiskurse sind weder anonyme noch stabile Institutionen.
169 Dieser Begriff des KommunikationsAnthropologen John J. Gumperz verweist auf die
sprachlichen und nichtsprachlichen Zeichen, mit denen sich Kommunikationspartner
auf einer MetaEbene über ihre Interaktionen verständigen, etwa durch Einsatz von
sprachlichen Betonungen, Gesten etc. (vgl. hierzu Gumperz, John J.: Contextualization
and Understanding. In: Alessandro Duranti, Charles Goodwin (eds.): Rethinking Con
text. Language as interactive phenomenon. (= Studies in the Social and Cultural Founda
tions of Language No. 11) Cambridge 1992, Cambridge University Press, S. 229252)
Analog verweise ich mit den Begriff contextualization cues sowohl auf sprachliche (Ge
brauchsanweisungen, Einweisungen usw.) als auch auf nichtsprachliche (Anordnung
von Bedienungselementen, wie sie von Norman geschildert werden) Hinweise für den
Nutzer, die den Umgang des Nutzers mit technischen Artefakten implizit oder explizit
steuern sollen.
352 Praxis
Vielmehr sind sie Ergebnis sozialkultureller, kollektiver Prozesse und be
finden sich in ständiger Auseinandersetzung mit konkurrierenden, alterna
tiven Bedeutungssystemen. Bryan Pfaffenberger, der diese gesellschaftlichen
Auseinandersetzungen als „technological dramas" bezeichnet, faßt diese
diskursiven Definitionsprozesse legitimer Gebrauchsweisen als „significa
tion" und die dagegen gerichteten Versuche von Nutzerkollektiven, ihre al
ternativen Umgangsweisen mit Techniken diskursiv abzusichern und zu le
gitimieren, als „antisignification".
Ebenso wie soziotechnische Systeme produzieren aber auch diese Dis
kurs und Signifikationssysteme ganz reale, handfeste Ausschlußmechanis
men und definieren Zugangsvoraussetzungen zu technischen Artefakten:
zum Beispiel die rechtliche, kulturspezifische Definition eines Mindestalters,
das zum Fahren eines Autos erreicht sein muß, die normative Ächtung PS
starker Automobile in ÖkoKreisen oder die ökonomische Zugangsbe
rechtigung zu internationalen Kommunikationsnetzen durch Gebühren
ordnungen. Diese diskursiv hergestellten Ordnungen sind jedoch nie un
strittig: Es bilden sich Gruppen jugendlicher Schwarzfahrer, ökobewußte
Menschen kaufen bisweilen doch schnelle Autos, und Flacker versuchen,
den Gebührenzählern der Telefonkonzerne ein Schippchen zu schlagen
Praxen, die bisweilen wiederum durch den Aufbau alternativer Diskurssy
steme legitimiert werden sollen. Die gewöhnlicheren Auseinandersetzungen
um die symbolischen und diskursiven Ordnungen im Umgang mit Technik
finden jedoch auf der Ebene der Distinktion statt, d.h. auf der Ebene sozial
und kulturell differenter Technikstile. Unterhalb der Schwelle rechtlicher,
normativer oder ökonomischer Exklusion oder Inklusion in Nutzerkollek
tive werden durch den distinkten, d.h. den als soziales und kulturelles Zei
chen eingesetzten und entzifferten Gebrauch technischer Artefakte soziale
Lagen markiert und kulturell differente Positionen bezeichnet.
Technische Artefakte können unter diesem Aspekt nicht nur wie Miha
lyi Csikszentmihalyi und Eugene RochbergHalton herausarbeiten als
„Aktionsmittel im Dienste der Selbstkonstruktion' verstanden werden,
sondern auch als Mittel zur Konstruktion distinkter, kollektiver Technik
und Lebensstile, die als nichtsprachliche Diskurssysteme aufzufassen sind.
Neben dieserpräsentativen Ebene, der Etablierung spezifischer Sicht oder
Interpretationsweisen von Umgangsstilen mit technischen Artefakten, wei
sen Diskurse jedoch auch eine organisierende Ebene auf, auf der einzelne
Repräsentationen verknüpft und gegenüber konkurrierenden Diskursen
abgegrenzt werden.170 Diese diskursiven Verknüpfungen und etablierten
Sichtweisen stellen konkurrierende Sinnangebote zur Verfügung, auf die
sich die Akteure in ihrem Umgang mit Technik beziehen. Handlungssinn
entsteht hier gleichsam als unintendierte Nebenfolge der Praxis.
170 Vgl. hierzu oben (Unterkapitel „Situationsanalytik, KonTexte und KoTexte") die ana
lytischen Unterscheidungen diskursiver Dimensionen bei Jay L. Lemke.
Technik als Ko(n)Text der Praxis 353
Technik als Nutzungskomplex dagegen muß vor allem unter drei Aspekten
thematisiert werden: (a) als TatSache oder Aneignungsereignis, (b) als
phänomenales Artefakt und schließlich (c) als imaginäres Konstrukt.
(a) Die Sichtweise technischer Artefakte als TatSachen betont dabei die si
tuative Nutzung der KonTexte durch die Akteure, ein Aneignungsereignis,
das von einer Reziprozität von Handlungsmitteln und zwecken geprägt ist.
Diese grundlegende Einsicht des Pragmatismus verweist insbesondere dar
auf, daß Handlungssituationen nicht als unproblematisches Exerzierfeld
von vorab gebildeten Intentionen verstanden werden können. Um die oben
angeführte Formulierung Friedrich Nietzsches zu generalisieren: Techni
sche Artefakte arbeiten mit an unseren Gedanken. Die Ablehnung instru
nientalistischer Einfachkonzepte bedeutet jedoch nicht, daß den Nutzern
die Möglichkeit abgesprochen wird, im Spiel der Taktik gegen die technolo
gischen Strategien eigene Zwecke zu verfolgen, die den konventionalisierten
und legitimen Nutzungsweisen technischer Artefakte zuwiderlaufen. Tech
nik als Aneignungsereignis zu konzipieren bedeutet, das spannungsreiche
Verhältnis zwischen dem Versuch, die Positionen der Nutzer in soziotech
nischen Systemen exakt zu definieren und den durch die „systembuilder"
unvorhersehbaren Fehl oder Umnutzungen zu thematisieren, mit denen
die Nutzer sich unbewußt oder bewußt gegenüber technologischen System
vorgaben neu positionieren. Dieser dynamische Zusammenhang von Posi
tionierung der Nutzer und deren Versuch, sich diesen Definitionen zu ent
ziehen, wurde oben im Zusammenhang der „actornetwork models" disku
tiert.
Das Verständnis von Technik als T^rSache geht zudem davon aus, daß
»Umgang mit Technik" überwiegend routinisiert verläuft und durch einen
Bewußtseinsmodus gekennzeichnet ist, der dem „hamletmodel of decision
rnaking" diametral entgegengesetzt ist. Dies wurde bereits unter den Stich
Worten „tacit knowledge" oder „tacit intentionality" diskutiert und darauf
verwiesen, welche entscheidende Bedeutung nichtsprachanalogen Wissens
formen im Zusammenhang mit Routinehandeln zukommt. Für den alltägli
chen Umgang mit Technik ist somit ein pragmatischer Wissenstyp charak
teristisch, etwa in Form des situativ verfügbaren Körpergedächtnisses oder
ln Form von adäquaten kognitiven Modellen, die im naturwissenschaftli
chen Sinne naiv erscheinen mögen, jedoch die Vorhersage der für die kon
krete Nutzung technischer Artefakte wesentlichen Handlungsergebnisse er
möglichen. Ein Vorteil dieses pragmatischen Konzeptes des Umgangs mit
Technik ist, daß Erkenntnisprozesse als Bestandteil der praktischen Ausein
andersetzung mit der technisierten Umwelt verstanden werden können.
(b) Dieser letzte Punkt ist zentral für die Thematisierung der Technik als
Phänomenales Artefakt. Aufgegriffen wird damit die Perspektive der Phä
nomenologie, die den aktiven, körpergebundenen Charakter der Wahrneh
354 Praxis
mung betont und in Richtung auf ein Konzept technisch geprägter Welt
und Selbsterfahrung zugespitzt. Betont werden die für den Umgang mit
Technik charakteristischen um Begriffe von Don Ihde aufzugreifen „em
bodiment relations", die weitgehend problemlose „Zuhandenheit" (M.Hei
degger) technischer Artefakte im Handeln, und der damit direkt verbunde
ne „instrumental realism", die technogene Realitätswahrnehmung. Die in
der Nutzung technischer Artefakte zu beobachtende KonFiguration von
Technik und Körper führt hier zum dauerhaften Aufbau von Körpersche
mata und raumzeitlich stabilisierten Verfahrensabläufen, die von Bourdieu
als Hexis oder von Dewey als habits thematisiert werden. Das Verständnis
der Technik als phänomenales Artefakt verweist somit auf die im Umgang
mit technischen Artefakten entstehende, „technologisch infizierte" Raum,
Zeit und Körpererfahrung der Nutzer und damit auf sozial und kulturell
differente Technikstile.
(c) Während unter den bislang thematisierten Aspekten vor allem die mate
rielle Form der technischen Artefakte ihre kontextuelle Bindung als ent
scheidend angesehen wurde, wird in der dritten Perspektive vor allem die
kotextuelle Dimension des Nutzungskomplexes Technik thematisiert: Das
Verständnis der Technik als imaginäres Konstrukt verweist auf die zentrale
Rolle, die Diskurse für den Umgang mit Technik spielen.171 Ebenso wie für
die kontextuelle Bindung technischer Artefakte, mit der zwar die Nutzung
einiger affordances privilegiert und anderer diskriminiert werden kann,
ohne jedoch nichtlegitime Nutzungsweisen völlig ausschließen zu können,
muß von einer diskursiven Vielstimmigkeit ausgegangen werden, von kon
kurrierenden und alternativen „meaningmaking resources", mit denen sehr
unterschiedliche Nutzungsweisen technischer Artefakte legitimiert oder
delegitimiert werden. So kann das Auto entweder als Garant des Wirt
schaftsstandortes Deutschland, als unverzichtbares, arbeitsplatzsicherndes
Massenprodukt, als Vehikel individueller Freiheit oder als KlimaKiller the
matisiert werden. Jede dieser konkurrierenden Bedeutungen ist in andere
DiskursKontexte eingebunden, durch die jeweils sehr unterschiedliche
Umgangsweisen mit dem Auto nahegelegt werden: Appell zum Verzicht,
Freispruch von schlechtem Gewissen, Aufforderung zur „freien Entfaltung
der Persönlichkeit" etc.
171 Cornelius Castoriadis (Gesellschaft als imaginäre Institution. Entwurf einer politischen
Philosophie. Frankfurt/M. 1990, Suhrkamp) verweist mit dem Begriff imaginär auf die
jenigen gesellschaftlichen Einstellungen und Vorannahmen, die grundlegende regulative
Funktionen für Bewußtsein und Handeln der Gesellschaftsmitglieder entfalten, jedoch
als Vorannahmen gesellschaftlich unbewußt bleiben. Vgl. hierzu auch Cornelius Casto
riadis, Agnes Heller, Bernhard Waldenfels u.a.: Die Institution des Imaginären. Zur Phi
losophie von Cornelius Castoriadis (hrsgg. von Alice Pechriggl, Karl Reitter). Wien,
Berlin 1991, Turia & Kant.
Technik als Ko(n)Text der Praxis 355
In diesen Diskursen werden jedoch nicht nur verschiedene Sichtweisen
und Deutungen der technologisch durchgeformten Welt angeboten, son
dern mit ihnen sind gleichzeitig Distinktionssysteme verknüpft, die bewußt
oder unbewußt aktualisiert werden. Neben den politischen Auseinanderset
zungen unterschiedlicher Diskurssysteme finden somit auch auf der Nut
zungsebene symbolische Kämpfe statt, in denen unterschiedliche Umgangs
weisen mit Technik zu sozial und kulturell bedeutsamen Praxen transfor
miert werden. Umgang mit Technik erfordert deshalb nicht nur Kompe
tenz, Fähig und Fertigkeiten in der Nutzung der materiellen Bestandteile
technischer Artefakte, sondern auch ein komplexes Wissen um deren oft
umstrittene Bedeutungsdimension. Im praktischen Umgang werden je
doch nicht nur vorgängige Bedeutungssysteme aktualisiert, sondern auch
verworfen, modifiziert und alternative Diskurse etabliert. Bryan Pfaffenber
ger etwa thematisiert diese dynamischen Prozesse als „technological dra
mas", in Pierre Bourdieus Ansatz kommt dieser Aspekt als „Spiel der Di
stinktion" in den Blick.
Ein Ausblick
Ausgangspunkt dieser Arbeit war die Diskussion der bemerkenswerten Zu
rückhaltung, mit der sich die deutschsprachige Volkskunde und ihre Nach
folgefächer Empirische Kulturwissenschaft, Kulturanthropologie und Eu
ropäische Ethnologie in ihrer immerhin über hundertjährigen Fachge
schichte der Analyse des modernen, technologisch geprägten Bereiches der
Alltagskultur angenommen haben. Bei der Diagnose der Ursachen wurde
die Frage aufgeworfen, ob es sich bei der Vernachlässigung des Zusammen
hanges zwischen Technik und Alltagskultur um eine leicht korrigierbare
Aufmerksamkeitsschwäche handelt, der mit forschungspolitischen Rele
vanzappellen beizukommen ist, oder ob die etablierte kognitive, historische
und soziale Identität der Disziplin und die daraus abgeleitete Konstruktion
ihrer Forschungsgegenstände entsprechende „blinde Flecke" produzierten,
die die wissenschaftliche Beobachtung der alltagskulturellen Bedeutung von
Technik tendenziell verhindern ein Befund, der grundlegendere Modifika
tionen des disziplinär etablierten „style of reasoning" nahelegen würde.
Eine Klärung dieser Problemstellung wurde unter Rückgriff auf wissen
schaftstheoretische Konzepte im ersten Teil der Arbeit versucht. Ziel dieser
Beobachtung der volkskundlichen Beobachtung war es, die stillschweigen
den Vorannahmen, disziplinären Regulative, spezifischen Fragestellungen
und forschungsleitenden Unterscheidungen herauszuarbeiten, mit denen
die Volkskunde und ihre Nachfolgefächer ihre Untersuchungsobjekte kon
struierten. Ein erster Ansatzpunkt waren die Ende der 50er Jahre von Ulrich
Bentzien, Wilhelm Brepohl, Rudolf Braun und Hermann Bausinger vorge
legten Arbeiten, in denen auf die durch gesellschaftliche Transformationen
ausgelöste Krise des Faches reagiert wurde: Angesichts durchgreifender
Modernisierungs und Industrialisierungsprozesse drohten die bislang fach
geschichtlich kanonisierten volkskundlichen Forschungsgegenstände zu
verschwinden.
Obwohl die angebotenen Auswege aus der Krise des Faches stark diffe
rieren, wird in diesen vier Arbeiten gleichlautend eine Revision der überwie
gend auf Reliktforschung ausgerichteten Untersuchungen des Faches ange
358 Ein Ausblick
mahnt. Die weitreichendste Modifikation des Denkstiles der Volkskunde
schlägt damals Hermann Bausinger vor: Statt alte „Volkstümlichkeit" trotz
gesellschaftlicher Modernisierung zu untersuchen, solle die Disziplin die
„Kultur der kleinen Leute" unter den Bedingungen der Massenkultur analy
sieren, wozu allerdings zentrale Modelle und Konzepte umzustellen seien.
Als Orientierungsdisziplinen dieser vier Studien erscheinen dabei Ge
schichtwissenschaft, Soziologie und Anthropologie, womit sich die späte
stens in den 70er Jahren vollziehende Ablösung der bislang dominierenden
sprachwissenschaftlichgermanistischen Ausrichtung des Faches durch eine
sozialwissenschaftliche Orientierung bereits ankündigt.
Diese bedeutende Revision des disziplinkonstitutiven Denkstiles der äl
teren Volkskunde führte jedoch nicht zu einer stärkeren Berücksichtigung
von Technisierungsphänomenen. Als mitverantwortlich dafür sind die in
den Studien verwendeten Technikkonzepte anzusehen, in denen Technik
sehr eng als vergegenständlichte Natur und/oder als kulturdeterminierender
Faktor gefaßt wird; Umgang mit Technik erscheint vor diesem Hintergrund
überwiegend als Anpassung. Dieses Modell, das natürlich auch durch die in
der Philosophie und Soziologie der 60er Jahre herrschenden deterministi
schen Auffassungen von Technik und Technisierung nahegelegt wurde,
schreibt somit die alte Leitunterscheidung volkskundlicher Studien zwi
schen Technik und Kultur unterschwellig fort. Alltagskultur wird stets in
Opposition zu Technik in Reaktion auf ihre „modernisierende" Wirkung
untersucht. Diesem zeitgleich auch in den neuen Orientierungsdisziplinen
der Volkskunde der 60er und 70er Jahre vorherrschenden, wenig komple
xen Begriff von Technik und Technisierung ist es auch zuzuschreiben, daß
in den folgenden Jahren der Umgang mit Technik kaum als lohnendes For
schungssujet erscheinen konnte: Unter der Maßgabe der verwendeten Sti
mulusresponseModelle erscheint der Umgang mit industriegesellschaftli
cher Technik lediglich als unproblematische, aber uninteressante Realisation
vorgegebener Optionen. „Volkstümlichkeit" kommt hier vor allem als Rest
und an den Rändern technischen Handelns in den Blick: als eigensinnige
Verspätung von Umgangsweisen mit Technik oder als irrationales Verhal
ten.
Auffällig ist, daß in diesen vier großen Studien zu Technisierungsphäno
menen der Volkskunde am Anfang der 60er Jahre die sehr unterschiedlichen
Forschungsgegenstände auf eine ganz ähnliche Weise konstruiert werden:
Der Beobachtungsbereich wird entlang der Unterscheidung rationales ir
rationales Handeln ab und eingegrenzt. Ulrich Bentzien organisiert sein
Untersuchungsmaterial vor dem Hintergrund eines ökomischen Rationali
tätsmodells; Rudolf Braun arbeitet mit der Unterscheidung von Richard
Weiss, der zweckrationales Handeln aus dem volkskundlichen Untersu
chungsbereich ausschloß; und Wilhelm Brepohl sucht den Gemeinsam
keitsstiftungen und überkommenen Einstellungen auch im „Ruhrvolk"
nachzugehen. Selbst Hermann Bausinger, der die volkskundliche Suche
Ein Ausblick 359
nach nichtrationalen, angeblich auf ursprüngliche Kulturformen zurückzu
führende „Tiefen" der Volkskultur scharf kritisiert, analysiert ausführlich
nichtrationale Verhaltensweisen im Umgang mit Technik, die allerdings bei
ihm nicht mehr auf angeblich „Ursprüngliches" verweisen, sondern durch
Technik selbst ausgelöst seien: Irrationalität ist hier Kennzeichen einer stets
prekären und brüchigen Moderne.
Auch in diesen bedeutenden Reformansätzen der 60er Jahre ist damit ein
grundlegendes Element des spezifisch volkskundlichen Denkstiles nach wie
vor wenn auch abgeschwächt oder stark modifiziert wirksam: Wie in der
ausführlichen Analyse der Diskussionen der Weimarer Zeit herausgearbei
tet wurde, hatte sich die entstehende akademische Disziplin Volkskunde
weitgehend auf die Untersuchung des „NichtRationalen", „PräLogi
schen" oder „Primitiven" in der Moderne verlegt. Soziale Phänomene wur
den auf der Grundlage des etablierten wissenschaftlichen d.h. objektivie
renden Diskurses der Volkskunde auf eine Weise als Forschungsgegen
stände konstruiert, daß sie als Referenzmaschine für vorzivilisatorische
Mythen und angeblich Ursprüngliches dienen konnten. Das so geschaffene
disziplinäre Selbst und Gegenstandsverständnis brachte die Volkskunde,
die nach Resten alter Gemeinschaft suchte, folgerichtig in Gegensatz zur
Moderne und ihrer Beobachtung als Gesellschaft. Rationalität und Rationa
lisierung, verstanden als typisch moderne Phänomene, blieben damit konse
quent auf der anderen Seite der Unterscheidung, mit der sich die Volkskun
de von der fast zeitgleich akademisch institutionalisierenden Soziologie ab
grenzte.
Ein grundlegender Perspektivenwechsel konnte erst erfolgen, nachdem
die volkskundliche Beobachtung von gemeinschafts und traditionsbeding
tem Verhalten durch die Beobachtung von sozialem Handeln bzw. geteilter
oder abweichender Kultur ersetzt wurde. Dieser Wechsel des analytischen
Instrumentariums, insbesondere die Rezeption komplexer, der Untersu
chung industriegesellschaftlicher Phänomene angemessener sozialwissen
schaftlicher Theorien, erschloß der Volkskunde und den sich in diesem Re
formprozeß der 70er Jahre bildenden Nachfolgefächern nicht nur die mo
derne Gesellschaft als Untersuchungsfeld, sondern ermöglichte auch eine
grundlegende Kritik des „Kanons": Die „Kanonizität" der Untersuchungs
gegenstände, die bislang das „einende Band" der zahlreichen spezialisierten
und mit Autonomieanspruch ausgestatteten Bereiche der volkskundlichen
Objektivationsforschung dargestellt hatte, wurde erst zu dem Zeitpunkt als
»Theoriesurrogat" kritisierbar, an dem sie als Orientierungsmittel und Iden
titätsgarant durch die Etablierung eines wiederum Fachidentität verspre
chenden theoretischen Fundamentes „aufgehoben" werden konnte. So wa
ren die um die Falkensteiner Tagung herum gruppierten Diskussionen, in
denen Anfang der 70er Jahre kontrovers um die künftige wissenschaftlich
theoretische Ausrichtung der Volkskunde gerungen wurde, denn auch von
der doppelten Maßgabe geprägt, die alte, Kanonbasierte Fachdefinition zu
360 Ein Ausblick
beseitigen und gleichzeitig die Einheit der Disziplin durch einen gemeinsa
men theoretischen Bezugsrahmen zu sichern.
Dieser Versuch des Identitätsmanagements ist jedoch nur unvollständig
gelungen: Da zwar die Kritik an alten, forschungsleitenden doxischen An
nahmen der Volkskunde erfolgreich war, es gleichzeitig jedoch mißlang, das
Fach auf eine einheitliche kognitive Identität festzulegen wie nicht zuletzt
die uneinheitliche „Etikettenlage" ehemals volkskundlicher Institute belegt
, schlägt auch in den 90er Jahren der eigentlich ad acta gelegte Kanon im
mer wieder durch.
Keine Ab, doch zumindest eine Orientierungshilfe bietet in dieser, die
disziplinäre Identität im Vagen lassenden Situation die seit den 80er Jahren
zu beobachtende Entwicklung eines Kulturbegriffes, der auf die Analyse
„komplexer", industrialisierter Gesellschaften zugeschnitten ist. Im Gegen
satz zum Kulturbegriff der älteren Volkskunde, der als Gegenbild (techni
scher) Zivilisation entworfen wurde, ist Kultur hier als übergeordnete Kate
gorie anzusehen, die etwa so unterschiedliche Phänomene wie Technik,
Diskurse und soziale Praxen umfaßt. Dabei wird die Unterscheidung von
Technik und Kultur ebenso obsolet wie die Unterscheidung von Rationali
tät und Irrationalität, die als Effekt machtvoller Diskurse dekonstruiert wer
den kann: Statt Kalküle, die den Rationalitätsanforderungen gesellschaftli
cher Systeme widersprechen, als „irrational" zu klassifizieren, eröffnet die
Beobachtung kultureller Praxen den Blick auf divergierende und konkurrie
rende Rationalitätsformen. Erst vor dem Hintergrund eines modernen Kul
turbegriffes konnte in dieser Arbeit die Frage nach dem Umgang mit Tech
nik als empirischkulturwissenschaftliche Frage gestellt und die Analyse der
im Umgang mit Technik entwickelten kulturellen Praxen eingeklagt wer
den.
Diese durch den Rückgriff auf ein komplexes Kulturkonzept entstehen
de Perspektive auf die kulturelle Praxis von sozialen Akteuren kann auch
einen bedeutenden Beitrag zur Weiterentwicklung der volkskundlichen
Sachkulturforschung leisten. Dabei teilt dieser traditionsreiche Forschungs
zweig des Faches, der zur Analyse der materiellen Kultur der Moderne prä
destiniert ist, jedoch die insgesamt für das Fach zu konstatierende Auf
merksamkeitsschwäche gegenüber dem Umgang mit Technik. Sollen tech
nische Praxen zum Thema werden so wurde herausgearbeitet , müssen
daher einige Revisionen in der thematischen und theoretischen Ausrichtung
dieses Forschungsbereichs vorgenommen werden. Wirkte bislang in der
Sachkulturforschung das alte volkskundliche Erkenntnisinteresse am nicht
zweckrationalen Umgang mit Dingen insofern nach, als Dinge vor allem als
Verweisungszusammenhang untersucht wurden, sollen sie unter der hier
vorgeschlagenen Perspektive nun als Handlungszusammenhang untersucht
werden. Damit wird neben der Bedeutungsdimension gleichzeitig die Ge
brauch sdimension alltäglicher Artefakte analysierbar. An die Stelle der in
den letzten Jahren entwickelten Erklärungsansätze, die durch die Rezeption
Ein Ausblick 361
der französischen Semiotik und Symboltheorie geprägt waren und Bedeu
tung als Ausdruck oder Realisation vorgängiger Codes interpretieren, hätte
eine semantische Analyse des Handelns zu treten, die Bedeutung als Ergeb
nis von komplexen, nicht notwendig angesichtig verlaufenden Interaktions
prozessen deutet.
Ermöglicht wird diese an neueren Entwicklungen der französischen
Ethnologie und der amerikanischen Folklore Studies orientierte Umstel
lung der Beobachtung durch eine komplexe Situationsanalyse, bei der das
eingeschränkte, rein hermeneutische Verständnis des bislang in der Sachfor
schung etablierten KontextBegriff es praxistheoretisch redefiniert wird: Statt
als bedeutungslimitierende, interpretative Kategorie sollte Kontext als eine
bedeutungsermöglichende Kategorie gefaßt werden. Hierzu wurde vorge
schlagen, zwischen situativen KonTexten der Handlungsdimension
und situativen KoTexten der Bedeutungsdimension im Umgang mit
Artefakten zu unterscheiden, womit materielle ebenso wie diskursive Be
dingungsfaktoren des Umgangs mit Artefakten unter einer integrativen Per
spektive gleichzeitig thematisiert werden können.
Im zweiten Teil der Arbeit wurde vor allem versucht, dem Problem zu
begegnen, daß weder in den Nachfolgefächern der Volkskunde noch in der
volkskundlichen Sachkulturforschung ein komplexer Technikbegriff ent
wickelt wurde. Dazu wurden neuere theoretische und konzeptionelle Ent
wicklungen der deutschen, britischen und amerikanischen Techniksoziolo
gie, der deutschen und amerikanischen Technikphilosophie und der ameri
kanischen Cultural Anthropology aufgegriffen und vor dem Hintergrund
der dort etablierten Denkstile auf ihren möglichen Beitrag für eine empi
rischkulturwissenschaftliche Analyse von Technik und technologischen
Praxen gemustert. Technische Artefakte wurden dabei als „Verzweigung"
rekonstruiert, die einerseits auf System und Struktur, andererseits auf Praxis
verweisen; Technik erscheint so unter drei verschiedenen Perspektiven
(a) als strukturierte, systematische Sache, (b) als Versuch, situative Kontin
genz einzuschränken oder (c) als TatSache. Alle drei Aspekte gilt es gleich
Zeitig im Blick zu behalten, soll die situative Vieldeutigkeit von Technik im
Alltag nicht verfehlt werden, ein Zusammenhang, der eindeutigere, lineare
Definitionen von technischen Artefakten im Rahmen einer empirischkul
turwissenschaftlichen Analyse verbietet: So weist etwa das entwickelte Kon
zept der multiplen affordances technischer Artefakte darauf hin, daß situativ
Handlungsoptionen weder materiell eindeutig festgelegt, noch diskursiv
eindeutige Gebrauchs(wert)anweisungen vorgegeben werden können. Be
tont wurde allerdings, daß in soziotechnische Systeme starke politische Dis
positive eingelassen sind, die einer individuellen Aneignung oder einem
selbstbestimmten Umgang harte Grenzen setzen. Grenzen allerdings, die in
sozialen Auseinandersetzungen etwa in „technological dramas" immer
wieder in Frage gestellt werden können. Technische Artefakte und ihre zu
soziotechnischen Systemen verdichteten Kombinate können so etwa als
362 Ein Ausblick
„actornetworkmodels" analysiert werden, als Ergebnisse eines institutio
nalisierten und institutionell vermittelten „Kommunikationsprozesses" un
terschiedlicher, menschlicher und nichtmenschlicher Akteure.
Technische Artefakte wurden somit, in zweifacher Hinsicht als Rege
lungskomplex und Form konstruiert: einerseits als soziokulturell geform
te sachliche Ausstattung der Industriemoderne, andererseits als formender
Faktor des Alltagslebens. Technische Sachen führen unter dieser Perspekti
ve über die Bereitstellung „harter", materieller KonTexte ihrer Objektpo
tentiale und „weicher", diskursiver KoTexte ihrer Gebrauchsanweisun
gen, Gebrauchswrtanweisungen etc. zu einer Konfiguration der Nutzer.
Diese sachtheoretische Definition technischer Artefakte als stets unvoll
ständiger und situativer Kontingenz unterliegender Regelungskomplex
wurde in einem abschließenden Schritt um ein Modell technischer Artefak
te als Nutzungskomplex ergänzt. Erst durch die situative, pragmatische
Realisation der technischen Kon und KoTexte durch die Nutzer so die
hier vertretene These wird Technik als soziales und kulturelles Konstrukt
zur TatSache transformiert und damit zu einem empirischkulturwissen
schaftlichen Forschungsgegenstand.
Vorgeschlagen wurde, den technisch infizierten Lebensstil der Moderne
unter einer praxistheoretischen Perspektive zu analysieren. Damit wurde
in Absetzung von gängigen handlungstheoretischen Ansätzen eine ak
teurszentrierte Sichtweise vorgeschlagen und neuere Entwicklungen der
amerikanischen, französischen und deutschen Sozialtheorie aufgenommen,
die unter dem Stichwort der „Rückkehr der Akteure" in die Sozialwissen
schaft diskutiert werden. Ein solcher praxistheoretischer Zugang vermag
nicht nur das traditionsreiche Problem der Inkompatibilität zwischen Mi
kro und Makrotheorien zu überwinden, sondern gleichzeitig ein analyti
sches Instrumentarium bereitzustellen, mit dem alltägliche Routinen zwi
schen den Polen von Handlungs zwängen und Handlungs Optionen unter
einer kulturwissenschaftlichen Perspektive beobachtbar sind.
Das hier vorgeschlagene Modell der Praxis vermeidet die Verkürzungen
kulturalistischer Konzepte, die allein an der Bedeutungsdimension des Han
delns interessiert sind, ebenso wie diejenigen Reduktionismen von Ansät
zen, die sich allein auf das äußerlich beobachtbare Verhalten von Akteuren
konzentrieren: Die vorgeschlagene praxistheoretische Reformulierung des
klassischen, auch in der Volkskunde und ihren Nachfolgefächern verwende
ten Kontextbegriffes in einerseits KonTexte, mit denen die Handlungsdi
mension der Praxis erfaßt wird, und anderseits KoTexte, mit denen die dis
kursiven Prägungen und die Bedeutungsdimension des alltäglichen Han
delns konzeptualisiert werden, ermöglicht gleichzeitig eine komplexe Situa
tionsanalytik des Umgangs mit alltäglichen technischen Artefakten.
Es wurde vorgeschlagen, dieses Konzept der komplexen, praxistheore
tisch informierten Situationsanalytik auch für die traditionsreiche volks
kundliche Sachkulturforschung nutzbar zu machen. Hiermit könnten eini
Bin Ausblick 363
ge der oft kritisierten Schwächen der bislang verwendeten sachkulturellen
Methoden und theoretischen Konzepte überwunden werden. Dieses Praxis
konzept bietet nicht nur einen analytischen Rahmen, der den spezifischen
Frageinteressen der Empirischen Kulturwissenschaft oder Europäischen
Ethnologie angemessen ist, sondern könnte auch einen Beitrag zu den sich
gegenwärtig in der allgemeinen Sozialtheorie entwickelnden Debatten lei
sten, die unter dem Stichwort der „Rückkehr der Akteure" gefaßt werden
können.
Anhang
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Personenregister 393
Personenregister
A Bernard, Claude 228
Abelson, A.P. 231 Bernstein, Richard J. 297, 310313
Abrahams, Roger D. 138, 341 Bertaux, Daniel 184
Adorno, Theodor W. 79 Biervert, Bernd 195,220
Akrich, Madeleine 240, 287 Bigelow, Julian H. 229
Albrecht, Jörn 149 Bijker, Wiebe E. 179
Alexander, Jeffrey C. 259, 294, 299, 300, 336 Bimmer, Andreas C. 123
338 Bloch, Ernst 183
Althusser, Louis 315,316,319 Bloch, Maurice 231, 283, 314317, 323327,
Antweiler, Christoph 327 332, 345
Appadurai, Arjun 290 Blumer, Herbert 329
Arendt, Hannah 212 Bockhorn, Olaf 295
Arnason, Johann P. 303 Boehe, Jutta 278
Assion, Peter 6166, 99, 103, 128, 140, 167, Böhler, Dietrich 336
295 Böhme, Gernot 179, 248, 250, 255, 344
Atkinson, Dick 299 Bonß, Wolfgang 74, 75, 77, 122, 344
Borgmann, Albert 189, 241
B Böth, Gitta 23, 146148, 150
Bachelard, Gaston 7779 Bourdieu, Pierre 7780, 155, 210, 256, 263
Baker, Nicholson 273 271, 274, 317324, 329, 339, 345, 354,
Bakhtin, Mikhail 157,343 355
Balibar, Etienne 315 Bransford, John 244
Balke, Friedrich 78 Braun, Rudolf 23, 31, 5161, 66, 67, 70, 127,
Balla, Bälint 175, 177 128, 166, 357, 358
Bannon, Liam J. 234 Braun, Ingo 70, 182, 207, 208
Barker, Roger E. 244, 245 Brednich, RoIfWilhelm 30, 103, 120, 122,
Barsalou, Lawrence W. 230, 232, 235 129, 155
Barthes, Roland 147149,283 Brenneis, Donald L. 158, 159
Basso, Ellen B. 158 Brepohl, Wilhelm 23, 24, 31, 4552, 56, 58
Bateson, Gregory 152, 190192, 228, 252 61, 67, 127, 128, 166, 177, 357, 358
Baudrillard, Jean 149,150 Bricken, Meredith 234
Bauman, Richard 151, 156, 158, 341 Briggs, Charles L. 151, 158, 159
Bauman, Zygmunt 221 Bringemeier, Martha 100
Bausinger, Hermann 23, 26, 31, 4045, 56, Bringeus, NilsArvid 129, 130, 155, 156
5962, 66, 67, 74, 82, 83, 8991, 102 Bröckers, Mathias 259
104, 107109, 112, 113, 118134, 136, Brückner, Wolfgang 81, 82, 84, 95, 99101,
137, 141, 145, 154,156, 166, 294, 357, 120, 123, 134, 135, 141
358 Brunner, KarlMichael 268
Bechmann, Gotthard 221 Burke, Peter 50, 345
Beck, Stefan 219, 226, 319, 346
Beck, Ulrich 75, 80, 122, 221 c
Beier, Rosemarie 154 Callon, Michel 286, 287, 288, 350
Beitl, Klaus 82 Campbell, Colin 291
BenAmos, Dan 151, 152, 156, 158 Canguilhem, Georges 25, 7779, 227, 228
Benedict, Ruth 117,316 Cannon, Walter B. 228
Benhabib, Seyla 306 Caro, Robert A. 217
Bentzien, Ulrich 23, 24, 3140, 44, 56, 59, 60, Casey, Timothy 186, 249
66, 67, 127, 128, 137, 139, 166, 177, 357, Cassirer, Ernst 256
358 Castoriadis, Cornelius 354
Berg, Eberhard 25, 26 Chomsky, Noam 230
Berger, Peter A. 266 Clifford, James 38, 89, 323
Berking, Helmuth 265 Cohen, IraJ. 329,330,332
394 Anhang
Collins, Harry M. 76 F
Crary, Jonathan 256 Fabre, Daniel 152
Csikszentmihalyi, Mihaly 279281, 333, 352 FabreVassas, Claudine 152
Cushman, Dick 36 Fainstein, Norman I. 217
Faßler, Manfred 170, 173, 179, 202, 204,
D 213, 222, 232234, 300, 325, 349
D'Andrade, Roy G. 325 Febvre, Lucien 92
David, Paul A. 215 Feenberg, Andrew 176,189
Davidson, Donald 309, 312 Fei, Edit 156
Davis, Mike 218 Feuerbach, Ludwig 313, 314, 318
De Certeau, Michel 245, 284, 285, 320, 321, Feuerstein, Günter 209, 234
345 Feyerabend, Paul 75
De Landa, Manuel 229 Fielhauer, Helmut Paul 6166, 128, 140, 166
Deleuze, Gilles 190, 191, 228 Fiske, John 123, 124,329
Descartes, Rene 335 Fleck, Ludwik 24, 76
Dewey, John 192, 257, 258, 274, 280, 307, Flores, Fernando 230
312, 313, 318, 335339, 345, 347, 354 Flusser, Vilem 224
Dias, Jorge 119 Foerster, Cornelia 133, 146,155
Dierkes, Meinolf 180,181 Foucault, Michel 25, 28, 79, 219, 272, 321
Dieterich, Albrecht 84, 89, 91, 99, 106, 125 Freud, Sigmund 280
Dietz, Thomas 240 Freudenthal, Herbert 81
Dilthey, Wilhelm 334 Freyer, Hans 177, 207
Doorly, Moyra 215 Frith, Raymond 290
Dorson, Richard 57, 58 Fröhlich, Gerhard 264
Dorst, John 133 Frow, John 321
Douglas, Mary 281, 316 Fuchs, Martin 25, 26
Downey, Gary Lee 188 Fuchs, Peter 81
Downs, Roger M. 327
Draper, Stephen W. 235 G
Droysen, Johann Gustav 115 Garfinkel, Harold 300, 305, 310, 329
Duden, Barbara 254 Garnham, Nicholas 270, 319
Dumit, Joseph 188 Geertz, Clifford 195, 276, 277, 316
Dünninger, Josef 100 Gehlen, Arnold 183,189,208
Durand, Alessandro 152, 154, 156, 158,323 Gell, Alfred 94
Durbin, Paul T. 186 Gerndt, Helge 32, 81, 83, 92, 104, 109, 113,
Dürkheim, Emile 174, 178, 192, 199, 203 119,121,129,130,146, 155,165
205, 210, 219, 221, 229, 269, 270, 298 Gibson, James J. 235, 242248, 251, 350
305,316318, 331 Giddens, Anthony 122, 150, 202, 203, 275,
300, 304, 307, 308, 312, 329339, 345,
E 346
Eberhart, Helmut 100 Giedion, Sigfried 23, 219
Eco, Umberto 149 Giesen, Bernhard 198
Edison, Thomas 214, 287 Gilbreth, Frank B. 219
Eisendle, Reinhard 174 Gilfillan, S. Colum 214
Elias, Norbert 69, 87, 118, 194, 246, 272, 344 Goetze, Dieter 198
Ellul, Jacques 177,185,189,272 Goffman, Erving 152, 300, 305, 329, 331
Ellwanger, Karen 147, 148, 150 Goodwin, Charles 152, 154, 156, 158
Embree, Lester 186, 249 Göttsch, Silke 142
Emmerich, Wolfgang 95, 102, 104 Graumann, Carl F. 211, 309
Engels, Friedrich 314 Gravovetter, Mark 215
Enßlin, Gabi 226 Greverus, InaMaria 85, 95, 115, 116, 118,
Erixon, Sigurd 108 120, 122, 123, 245
Escobar, Arturo 182, 185, 187, 188, 282, 283 Grimm, Jacob 42
Esser, Hartmut 262 Guattari, Felix 190, 191, 228
Gumperz, John J. 351
Personenregister 395
H /
Habermas, Jürgen 183, 201, 204, 213, 302, Ihde, Don 185, 186, 248258, 311, 345, 354
304, 305, 333 Isherwood, Baron 281
Hacker, W. 231
Hacking, Ian 24, 25, 28
Hahn, Lewis Edwin 313 Jacobeit, Wolfgang 32, 9092, 97, 123, 124,
Hain, Mathilde 100 137, 139, 295
Halbach, Wulf 228, 233 Jacobson, Roman 151, 152
Halfmann, Jost 209 James, William 248
Hall, John R. 270 Janata, Alfred 136,183
Hall, Stuart 269 Janning, Frank 263, 265
Hannerz, Ulf 125, 126, 324 Jeggle, Utz 26, 103, 107, 113, 117, 120, 123,
Hansen, Wilhelm 62, 138 124, 146, 154, 196
Haraway, Donna J. 183,229,270,299 Joas, Hans 145, 300, 301, 307, 313315,
Harris, Marvin 242 333338
Hartmann, Andreas 25, 73 Joerges, Bernward 174, 181, 182, 191, 195,
Hartmann, Heinz 74, 75, 77, 122 196, 198, 204208, 212, 288, 342, 350
Harvey, David 219 Johannsen, Ulla 136, 183
Hasse, Raimund 7578 Jokisch, Rodrigo 67, 174
Hauschild, Thomas 124 Jung, Robert 280
Hauser, Andrea 92
Hayden, Dolores 215 K
Hegel, Georg Wilhelm Friedrich 312, 313, Kapchan, Deborah A. 157, 342
334 Kapp, Ernst 183
Heidegger, Martin 248252, 257, 311, 346, Kierkegaard, Soren 312
354 KirshenblattGimblett, Barbara 45, 54, 5659,
Heilfurth, Gerhard 62, 64, 116119, 122, 126 83,89,152,159
Heller, Agnes 354 Kittler, Friedrich A. 254
Hennen, Leonhard 184, 194 Kluckhohn, Clyde 187
Herder, Johann Gottfried 334 Knie, Andreas 215
Hess, David 188 KnorrCetina, Karin 77, 180, 272, 273
Heubach, Friedrich Wolfram 73, 144, 145, Koffka, Kurt 243
191,192,350 Kokot, Waltraud 136, 324
Hickman, Larry A. 192,279 Kollek, Regine 344
Hill, Steph en 241,242 König, Rene 203, 204
Hobbes, Thomas 301 König, Wolfgang 39
Hochgerner, Josef 207 Kopytoff, Igor 290, 291
Hofer, Tamäs 129, 130, 156 Koren, Hanns 92
Hoffmann, Ute 180, 181 Korff, Gottfried 26, 30, 100, 102, 113, 116,
HoffmannKrayer, Eduard 8488, 91, 93, 96, 117, 124, 128, 130, 132, 141, 142, 146,
111, 125,295,296 147, 154, 155,257
Hohlfeld, Rainer 344 Köstlin, Konrad 61
Hollis, Martin 24 Kramer, KarlSigismund 91, 113116, 130
Honneth, Axel 314,315 132, 142147, 277
Hörning, Karl H. 136, 177, 179, 193196, Kramer, Fritz W. 94
275277, 281 KrissRettenbeck, Lenz 141
Hradil, Stefan 266 Kroeber, Alfred L. 187
Huber, Kurt 103 Krohn, Wolfgang 29, 31, 75, 179
Hughes, Thomas P. 167, 180, 214, 283, 284, Krücken, Georg 7578
349 Krüger, HansPeter 160, 342
Hüning, A. 184 Kuhn, Thomas S. 76, 7880
Husserl, Edmund 235, 248, 249, 251, 256, Kuntz, Andreas 61,6466, 128, 140
311 Küppers, Günter 29, 31, 75
Hymes, Dell H. 151,156
396 Anhang^
L Mead, Margaret 228
Landsch, Marlene 39 Meier, John 86, 93, 103, 295, 296
Langlois, Janet L. 151, 152 Meiners, Uwe 129, 133, 146
Lash, Scott 102 Mercier, PierreAlain 267
Latour, Bruno 212, 282, 286289, 292, 350 Meringer, Rudolf 91
Lauffer, Otto 97102, 107, 108, 109, 110 MerleauPonty, Maurice 192, 249, 251, 252,
Laurel, Brenda 235 255, 256, 344, 350
Lave, Jean 326, 328, 329, 345 Merton, Robert K. 75
Law, John 214,282,287 Michael, Mike 245, 247
Lawrence, Peter 241 Miebach, Bernhard 300
Leigh Star, Susan 287, 292, 293 Miklautz, Elfie 174, 281
Lemke, Jay L. 342, 343, 352 Mikorey, Max 43
Lenk, Hans 172, 176, 184, 194, 224 Miller, Max 263, 270
Lepenies, Wolf 25, 29, 7782, 121 Minsky, Marvin 230, 231
LeroiGourhan, Andre 272 Mitchell, William J. 256
LeviStrauss, Claude 269, 316 Mittelstraß, Jürgen 184
LevyBruhl, Lucien 50, 94, 96, 98 Mogk, Eugen 84, 8991, 340
Lewin, Kurt 243 Mohrmann, RuthE. 129, 132, 137, 138, 146,
Liesenfeld, Gertraud 112 150, 155
Lincoln, Bruce 283 Mohrmann, Ute 32, 123, 124
Linde, Hans 65, 136, 172, 174, 176202, Monse, Kurt 195, 220
204206, 210, 238 Moore, Sally Falk 285, 320, 321, 345
Lindner, Rolf 29, 48, 50, 89, 109, 121 Moser, Hans 41, 110117, 122, 141, 142,
Lipp, Carola 147, 148, 150, 156 165
Lixfeld, Hannsjost 295 Moser, Oskar 92
Löfgren, Orvar 291 Moses, Robert 217
Luckmann, Thomas 300, 312 Müller, HansPeter 263, 264, 269, 307
Lüdtke, Hartmut 260267 Mumford, Lewis 140, 216
Luhmann, Niklas 2629, 80, 103, 185, 190, Münch, Richard 299, 301
208, 222226, 293, 295, 298, 302, 303
Lühning, Arnold 138, 167 N
Lukes, Steven 24 Narr, Roland 120
Lutz, Burkart 166, 175179 Naumann, Hans 92101,295,296
Lutz, Gerhard 46, 83, 84, 94, 120 Neckel, Sieghard 265
Nedo, Paul 32
M Negroponte, Nicholas 197
Mace, William M. 243 Nietzsche, Friedrich 254, 353
MacKenzie, Donald 175, 350 Nikitsch, Herbert 112
Malinowski, Bronislaw 100, 316 Noble, William 246
Mannhardt, Wilhelm 100 Norman, Donald A. 235—237, 242, 345, 351
Mannheim, Karl 76
Marcus, George E. 36, 38, 323 o
Marcuse, Herbert 183,213 Oexle, Otto Gerhard 114
Margolis, Joseph 250, 254 Ogburn, William F. 175
Markoff, John 223 Ortmann, Günter 215
Marshall, Alfred 298, 301 Ortner, Sherry B. 315,316, 322
Marx, Karl 34, 37, 172, 183, 204, 205, 248, Ottenjann, Helmut 137, 138
312315,334, 339 Owen, David 236
Matthäi, Ingrid 260
Maturana, Humberto R. 232 P
Maus, Heinz 46, 104107 Pacey, Arnold 293
Mauss, Marcel 290 Paetau, Michael 233
McCarthy, John 230 Paredes, Americo 151, 341
McLuhan, Marshall 225 Pareto, Vilfredo 298, 301
Mead, George Herbert 174, 280, 305, 316, Parsons, Talcott 225, 226, 298305, 316, 31&
319,335,337 331,333, 336
Personenregister 397
Pasteur, Luis 287 166, 177
Peirce, Charles Sanders 280,335 Schelsky, Helmut 176, 183
Perrin, Jacques 182 Schenda, Rudolf 137, 154
Peuckert, WillErich 102110, 137, 141 Schirato, Tony 321
Pfaffenberger, Bryan 135, 182, 187, 188, 282 Schlereth, Thomas J. 187
287, 347, 352, 355 Schluchter, Wolfgang 143, 305
Piepenburg, Ulrich 236 Schmid, Michael 198
Pinch, Trevor J. 179 Schmidt, Alfred 313
Piore, Michael J. 219 Schmidt, Gert 220
Plessner, Helmut 334 Schmidt, Leopold 41, 63, 110112, 142, 147
Polanyi, Michael 79, 181 Schmidt, Siegfried J. 27, 232
Popper, Karl 76, 79 Schmitt, Carl 259
Poster, Mark 225 Schmook, Reinhard 295
Powers, Bruce R. 225 Schnädelbach, Herbert 90, 115
Schnelle, Thomas 24
R Schock, Gustav 61, 130
Rabinow, Paul 25, 26, 28 Schuhladen, Hans 113
RadcliffeBrown, Alfred Reginald 100, 316 Schütz, Alfred 194, 300, 312, 335
Rammert, Werner 176, 179, 180182, 193, Schwartz Cowan, Ruth 215
194,198,204, 209, 225228 Schweizer, Margarete 136
Rapp, Friedrich 168, 185, 186, 282 Schweizer, Thomas 136
Rappaport, Roy A. 27,316 Schwietering, Julius 97103, 124, 126, 139,
Raulff, Ulrich 49 141, 150
Reed, Edward S. 246 Searle, John R. 230
Reimann, Horst 198 Seile, Gert 277279, 281
Reinecke, Siegfried 68 Service, Elman R. 316
Rheingold, Howard 286 Seubold, Günter 249
Riehl, Wilhelm Heinrich 84, 100, 154, 155 Shannon, Claude E. 225
Riley, MaryS. 235 Shaw, Robert 244
Ritz, Josef Maria 62 Sherzer, Joel 156
RochbergHalton, Eugene 279281, 333, 352 Shils, Edward 225, 226
Ropohl, Günter 172, 176179, 183185, 194, Shuman, Amy 151,158,159
206, 208 Siebel, Werner 208
Roquelpo, Philippe 293 Sievers, Kai Detlev 142
Rorty, Richard 28, 29, 202 SilberzahnJandt, Gudrun 70, 71, 166
Rosch, Eleanor 230 Simmel, Georg 174
Rosenblueth, Arturo 228, 229 Simon, Herbert 230
Roth, Martin 92 Siuts, Hinrich 136138, 140, 141
Rottenburg, Richard 124 Soeffner, HansGeorg 300
Rumpf, Max 102 Sombart, Werner 276
Spamer, Adolf 9497, 101, 103, 106, 295,
S 296
Sabean, David 268 Sparke, Penny 233
Säbel, Charles F. 219 Spencer Brown, George 27
Sackmann, Reinhold 194 Stea, David 327
Sacks, Oliver 252 Stein, Mary Beth 104, 106
Sahlins, Marshall 149, 316, 322, 324, 339 Steinbauer, Friederich 241
Said, Edward W. 238 Steinitz, Wolfgang 32, 95, 96, 103
Sartre, Jean Paul 312 Stenger, Horst 344
Saussure, Ferdinand 148, 151, 152, 280, 318 Steward, Julian 316
Scardigli, Victor 267 Still, Arthur 245, 247
Scarry, Elaine 205 Strack, Adolf 84, 8691, 125
Schäfer, Lothar 24 Strübin, Eduard 23, 67, 146
Schank, Roger C. 231 Suchman, LucyA. 236
Scharfe, Martin 2328, 31, 6772, 85, 95, Szalai, Miklos 89
109,114, 117120, 131, 135, 154, 165,
398 Anhang
T Wiegelmann, Günter 64, 129, 134, 137, 139,
Taubes, Jacob 259 167
Taylor, Frederick Winslow 219 Wiener, Norbert 228, 229
Thevenot, Laurent 333 Williams, Raymond 270, 319
Thevenot, Lucien 222 Williams, Sarah 188
Thomas, Frank 214 .Winner, Langdon 176, 216, 218, 283, 284,
Thompson, Edward P. 230, 304 350
Thompson, Evan 230 Winograd, Terry 230
Tönnies, Ferdinand 101, 103, 276 Wissler, Clark 187
Touraine, Alain 149,298302 Wittgenstein, Ludwig 312
Tourreau, Roland 267 Wood, Denis 327
Trouillot, MichelRolph 72, 73, 104, 125 Woolgar, Steve 180, 191, 193, 210, 239, 240
Tschiedel, Robert 181 Worsley, Peter 241
Turner, Victor 283286, 316, 320, 345 Wossidlo, Richard 33
Wright, E. 191
U
UlbrichHerrmann, Matthias 260 Y
Y Gasset, Ortega 49
V
Van de Graf, Jose 124 z
Van den Daele, Wolfgang 179, 221 Zaborsky, Oskar von 62
Varela, Francisco J. 230, 232, 238, 346 Zender, Matthias 64, 100, 137
Volpert, W. 231 Zimmerli, Walther Ch. 184, 224
Von Foerster, Heinz 168, 169, 228 Zimmermann, HarmPeer 102
Von Geramb, Viktor 9297, 99101, 125 Zuboff, Shoshana 285, 286
Von Grote, Claudia 258 Zur Lippe, Rudolf 272
Von Ranke, Leopold 114
Von Wright, Georg Henrik 308
W
Wagner, Peter 221
Wajcman, Judy 175,182,350
Waldenfels, Bernhard 194, 224, 272, 290,
348, 354
Warneken, Bernd Jürgen 91
Watson 308, 309
Watson, John B. 308,309
Weber, Max 48, 102, 143, 145, 172, 178,
198204, 219, 221, 229, 298310, 316,
318, 323, 330333, 336, 340
WeberKellermann, Ingeborg 62, 83, 84, 86,
88, 90, 96, 100, 104, 107, 108, 138, 141
Weingart, Peter 7578, 172, 173, 179182,
211,212
Weinhold, Karl 84, 91
Weiss, Richard 41, 49, 5356, 108, 114, 117,
119, 124, 126, 143, 144, 150, 358
Welz, Gisela 37, 121
Wenzel, Harald 302
Wetzel, Brigitte 23
Weyer, Johannes 46, 295
Weymann, Ansgar 194
White, Leslie 316
White Jr., Lynn 175
Whitehead, Alfred North 211,317, 334
In der Reihe Zeithorizonte sind bisher erschienen:
Band 1
Kulturen Identitäten Diskurse
Perspektiven Europäischer Ethnologie
Wolfgang Kaschuba (Hg.)
1995. 250 Seiten 3 Abbildungen Pb, DM/sFr 64, / öS 467,
ISBN 3050026707
Band 2
Sabine Kienitz
Sexualität, Macht und Moral
Prostitution und Geschlechterbeziehungen Anfang des
19. Jahrhunderts in Württemberg
Ein Beitrag zur Mentalitätsgeschichte
1995. 336 Seiten 11 Abbildungen Pb, DM/sFr 48, / öS 350
ISBN 3050027592
Band 3
Barbara Wolbert
Der getötete Paß
Rückkehr in die Türkei. Eine ethnologische Migrationsstudie
1995. 192 Seiten 1 Abbildungen Pb, DM/sFr 48, / öS 350,
ISBN 3050027606
Band 5
Gisela Welz;
Inszenierungen kultureller Vielfalt
Frankfurt am Main und New York City
1996. 415 Seiten Pb, DM 74, / öS 540, / sFr 67,
ISBN 3050029099
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BERNHARD J. DOTZLER
Papiermaschinen
Versuch über COMMUNICATION & CONTROL
in Literatur und Technik
(Reihe: LiteraturForschung)
701 Seiten 47 Abbildungen
Hc, DM/sFr 98 / öS 715,—
ISBN 3050029137
Alan Turings Begriff papermachines in Besitz nehmend skizziert Dotzler
eine Geschichte der Rechenmaschine von den ersten Anfängen bei Wilhelm
Schickard (1623) bis zur letzten vorindustriellen mechanischen Rechenma
schine von Johann Helfrich Müller (1786). Diese technikgeschichtlich stets
nur als „Vorgeschichte" gestreifte Periode wird hier als eigenständige
Wissensformation vorgestellt, um so zu einer positiv umgrenzten Beschrei
bung der Machinae arithmeticae und ihres wissenschaftlichtechnischen
und literarischen Orts im 17. und 18. Jahrhundert zu kommen. Texte zur
Mathematik und Logik, Physiologie und Physiognomik sowie zur Poetik
und ausgewählte Beispiele aus Literatur und Dichtung werden zu diesem
Zweck unter den Leitbegriffen der Kybernetik Communication & Control
betrachtet.
Zum einen bezieht Dotzler technik und medienhistorische Erkenntnisse in
den literaturgeschichtlichen Diskurs mit ein, zum anderen werden von ihm
Leistungen der Literaturanalyse für die und zugleich als Technikanalyse
vorgeführt. Fixpunkte seiner Konstruktion sind u. a. Schickard, Pascal und
Leibniz, Cyrano de Bergerac, Kleist, Goethe und Wieland, Poe und Babbage.
Dotzlers Text wird zudem lebendig durch Exkurse, Notate und Geschichten
von Bleistift, Radiergummi, Schiefertafel und Endlospapier, Maschinen
wesen und Automatenkunst.
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zeit horizonte
Umgang mit Technik das meint alltägliche Praxisfor
men in modernen Gesellschaften, die angesichts eines
beschleunigten technischen Wandels durch ständig
neue Lern und Vergessensordnungen charakterisiert
sind. Von der Waschmaschine bis zum Computer ver
langt jede neue Gerätegeneration ein neues Begriffs,
Funktions und Bedienungswissen, und jedes zusätz
liche Technikelement greift tief in lebens weltliche
Gewohnheiten und kulturelle Ordnungen ein. Obwohl
damit also ein zentrales Moment kognitiver und
kultureller Veränderung in unserer Gesellschaft
beschrieben ist, hat gerade die „Alltagswissenschaft"
Volkskunde/Europäische Ethnologie bislang diese
Wirkungen moderner Technik kaum thematisiert.
Das Buch rekonstruiert in kritischer Auseinandersetzung
mit der Fachgeschichte die Gründe für diesen erstaun
lichen „blinden Fleck". Es beschreibt ihn als Ergebnis
von kulturellen Leittheoremen, in denen die moderne
Alltagstechnik systematisch aus dem volkskundlichen
Forschungskanon ausgeschlossen blieb. Und es dis
kutiert unter Einbeziehung neuer Arbeiten aus der
Techniksoziologie, ethnologie und philosophie eine
Forschungsperspektive, die den Umgang mit Technik
nunmehr systematisch und praxistheoretisch zu kon
zeptualisieren sucht. Der Autor fragt also insbesondere
nach den funktionalen, kognitiven und symbolischen
Strategien, mit denen Menschen sich Technik „aneig
nen" oft auch gegen deren „Gebrauchsanleitung".
ISBN 3050028602
I II IUI I
9 783050"028606'