Academia.eduAcademia.edu
TERRAKOTTA-MITHRASDARSTELLUNG AUS DEM SYMPHORUS-MITHRAEUM IN AQUINCUM P. ZSIDI Aquincum Museum, Záhony utca 4, H-1033 Budapest, Ungarn E-Mail: zsidi.paula@iif.hu Abstract: The Aquincum Museum houses the fragments of a terracotta object belonging to the finds unearthed in the so-called Symphorus Mithraeum. Careful study and following restoration of the object, previously identified as an architectural orna- ment in the museum inventory book, made it clear that the fragments belonged to a terracotta sculpture. The surviving parts of the hollow terracotta sculpture suggest that it was a representation of Mithras. This paper does research on which scene in Mithraic iconography this rare terracotta depiction of Mithras was an element of; whether the object can be connected to any other terracotta sculptures of gods originating from the cult place; and whether it was once part of the shrine equipment. Keywords: Aquincum Civil Town, Mithraeum, terracotta statue of Mithras, ex-voto Nahe der südlichen Stadtmauer der Zivilstadt von Aquincum legte Tibor Nagy 1941 das sog. Symphorus- Mithraeum frei (Abb. 1). Die Ergebnisse der im Eiltempo durchgeführten Freilegung erschienen 1943 in seinem vorläufigen Bericht,1 in dem er auch einige Funde vorstellte. Zur Veröffentlichung des gesamten Fundmaterials kam es jedoch nicht, ein beträchtlicher Teil davon ist bis heute unpubliziert.2 Anschließend an die Nachgrabung des Mithraeums im Jahr 20003 und parallel zur Daten erfassenden Aufarbeitung des Nachlasses von T. Nagy,4 begann das Museum auch die Veröffentlichung der bei der früheren Grabung geborgenen Funde vorzubereiten. Im Zuge der Revision der aus der Freilegung des Mithraeums von 1941 stammenden, in der Sammlung des Aquincum Mu- 1 NAGY 1943. 248), Steinkugel mit Votivinschrift, Prägestock (B. FEHÉR (cura): Tituli 2 Seit seiner Freilegung sind zwischenzeitlich einige Publi- Instrumenti domestici. Tituli Aquincenses III. Ed. by P. Kovács, Á. kationen erschienen, die den einen oder anderen Fund bzw. die eine Szabó. Budapest 2011, Kat.-Nr. 1409, 1439). Einige Gegenstände sind oder andere Fundgruppe aus dem Mithraeum veröffentlichen oder neu auch in der Ausstellung zu sehen (H. POLENZ (Hrsg.): Das römische publizieren: Fackelträger-Skulpturen (dadophor-Skulpturen) (T. Budapest. Münster/Lengerich 1986; P. ZSIDI (ed.): Gods, Soldiers, Ci- NAGY: A sárkeszi mithraeum és az aquincumi Mithra-emlékek [Le tizens. Budapest 1995; P. ZSIDI (ed.): Visual Store at Aquincum. Buda- mithréum de Sárkeszi et les monuments mithraiques d’Aquincum]. pest 2009) bzw. in den Sammlungskatalogen des Aquincum Museums BudRég 15 (1950) 46–103), Kultbild (NAGY 1971, 149–151), Münz- verzeichnet (A. R. FACSÁDY: Jewellery in Aquincum. Budapest 2009; prägestock (K. BÍRÓ-SEY: Roman die from the civilian city of Aquin- M. BÍRÓ–A. M. CHOYKE–L. VASS–Á. VECSEY: Bone Objects in Aquin- cum. In: Studia Paulo Naster oblata 1. Ed. by S. Scheers. Numismatica cum. Az Aquincumi Múzeum gyűjteménye 2. Budapest 2012). antiqua. Louvain 1982, 199–204), auf eine Prägestätte hinweisender 3 P. ZSIDI: Verifying excavation in the so-called Symphorus Fundkomplex (K. PÓCZY: Auf der Spur einer Münzstätte in Aquincum. mithraeum of the Aquincum Civil Town. Aquincumi füzetek 8 (2002) ActaArch 41 (1989) 495–508), Schlangengefäß (P. VÁMOS: Schlangen- 38–49. gefäße in Aquincum. In: Ex officina… Studia in honorem Dénes Gab- 4 P. ZSIDI: Nagy Tibor és az aquincumi Mithras-kutatás ler. Hrsg. von Sz. Bíró. Győr 2009, 537–557, Kat. 5.538, Abb. 3.1), (Tibor Nagy und die Mithras-Forschung von Aquincum). BudRég 44 Steinmaterial mit Inschriften (KOVÁCS–SZABÓ 2009, Kat.-Nr. 246– (2011) 20–31. DOI: 10.1556/AArch.65.2014.1.4 Acta Archaeologica Academiae Scientiarum Hungaricae 65 (2014) 119–129 0001-5210/$ 20.00 © 2014 Akadémiai Kiadó, Budapest 120 P. ZSIDI Abb. 1. Stelle des Symphorus-Mithraeums in dem südöstlichen Teil der Zivilstadt von Aquincum Acta Archaeologica Academiae Scientiarum Hungaricae 65, 2014 TERRAKOTTA-MITHRASDARSTELLUNG IN AQUINCUM 121 Abb. 2. Die Fragmente des Terrakottagegenstands vor der erneuten Restaurierung seums aufbewahrten Gegenstände gerieten auch jene Terrakottafragmente in den Fokus des Interesses,5 die im In- ventarbuch als Gebäudeschmuck registriert sind (Abb. 2). Sechs Fragmente des Originalgegenstands wurden inventarisiert, die eindeutig keine vollständige Form ergeben. Nach der Freilegung hatte man die Stücke nur teilweise zusammengeleimt, und es passten auch nicht alle zueinander. Bei Fragmenten von figuralen Denkmalen ist es keine leichte Aufgabe, die richtige Ansicht des Gegen- stands zu bestimmen beziehungsweise zu entscheiden, wie dieser ursprünglich stand. Nach Einstellung der richtigen Ansicht jedoch war es selbst mehr als 70 Jahre nach der Freilegung möglich, alle erhalten gebliebenen Stücke an- einanderzupassen und zu restaurieren.6 Die zusammengeleimten Skulpturfragmente ließen sich dann schon leichter interpretieren. Wie sich herausstellte, waren dies nicht die Bruchstücke eines Gebäudeschmuckelements (Säulen- kopf), sondern sie gehörten zu einer hohl geformten, figuralen Rundplastik (Abb. 3). Der in einen Mantel gehüllte 5 Historisches Museum Budapest, Aquincum Museum, 6 Für diese Arbeit schulde ich der Restauratorin Beatrix Römische Sammlung, Inv.-Nr. 56.200.194. Oláh Dank. Acta Archaeologica Academiae Scientiarum Hungaricae 65, 2014 122 P. ZSIDI Abb. 3. Foto der erneut restaurierten Terrakottaskulptur: mehrere Ansichten Oberkörper und die Falten der kurzen Tunika zeigten eine Menschengestalt, allerdings in etwas ungewohnter Kör- perhaltung, die man weder als stehend noch als sitzend bezeichnen konnte. Die Lösung des Rätsels bot der Fundort, das Mithras-Heiligtum. Die häufigste Darstellung des Gottes ist die Stiertötungsszene (tauroktonie), das unabding- liche zentrale Bildelement jedes Mithraeums. In der Szene sieht man den Gott in typischer Pose: Mit dem linken Bein kniet er auf dem Rücken des Stiers, sein rechtes Bein steht ausgestreckt, die Muskeln angespannt, neben dem Tierkörper. Diese Haltung entsprach exakt den auf uns gekommenen Fragmenten der Terrakottastatuette (Abb. 4). Die hohle Rundplastik wurde aus ziegelrotem Ton guter Qualität geschaffen. Erhalten blieben von der Skulptur die Frontseite des Oberkörpers, der mit der Tunika bedeckte Teil des Unterkörpers sowie ein Teil des unter der Tunika beginnenden rechten Beins.7 Ihre Oberfläche ist geglättet, in den Faltenvertiefungen erkennt man Spuren eines hellen Überzugs. Auf der Innenseite ist die außen anspruchsvoll gestaltete Skulptur von ungleichmäßiger Wandstärke, unausgearbeitet und zeigt stellenweise den Fingerabdruck des Skulpteurs beziehungsweise Spuren eines Glättwerkzeugs. Zusammen mit einigen anderen, an den Mithraskult in Aquincum zu bindenden Tongegen- ständen wurde die Plastik einer Materialuntersuchung unterzogen.8 Diese ergab, dass die Materialbeschaffenheit der Gegenstände eine hochgradige Ähnlichkeit aufweist und es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um lokale Er- zeugnisse handelt. Bei der Untersuchung fanden sich zwar keine Farbspuren auf der Oberfläche der Fragmente, aber das kann auch von der mehrmaligen Restaurierung herrühren. 7 Die Maße des Fragments: Höhe: 18 cm, Breite: 11,5 cm, ren untersuchten Proben: Oberteil eines Lampenmodells mit Schlange Dicke: 12,8 cm. (Inv.-Nr. 51209; s. P. ZSIDI: Nicht alltägliches Lampenmodell-Negativ 8 Die Untersuchung mittels Röntgenstaubdiffraktionsme- aus Aquincum. In: Ex officina… Studia in honorem Dénes Gabler. thode wurde 2012 unter Leitung von Mária Tóth von der Forschungs- Hrsg. von Sz. Bíró. Győr 2009, 599–610) bzw. Tonaltar mit Schlange gruppe Archäometrie beim Geologischen und Geochemischen Institut und Swastikmotiv (Inv.-Nr. 50071; s. P. ZSIDI (ed.): Visual Store at des Forschungszentrums für Astronomie und Geologie der Ungari- Aquincum. Budapest 2009, Kat.-Nr. 1069, 166). schen Akademie der Wissenschaften vorgenommen. Die beiden ande- Acta Archaeologica Academiae Scientiarum Hungaricae 65, 2014 TERRAKOTTA-MITHRASDARSTELLUNG IN AQUINCUM 123 Abb. 4. Zeichnung der Terrakottaskulptur in Vorder- und Seitenansicht (Zeichnung: L. Illés) Die Fragmente erlauben es lediglich, einen Teil der Skulptur zusammenzustellen, was zur Bestimmung und Interpretation der ganzen Plastik allerdings nur eine unsichere Grundlage wäre. Wenn man jedoch als Ausgangs- punkt akzeptiert, dass das im Zuge der Freilegungen in einem Mithraeum zum Vorschein gelangte Werk die typi- sche, nur für Mithras charakteristische Körperhaltung zeigt, muss man das Skulpturfragment eindeutig den Mithrasdarstellungen zuordnen. Dann ergeben die uniformierte Ikonographie des Kults und die strengen Komposi- tionen der Darstellungen auch den Rahmen, innerhalb dessen sich eine Chance bietet, die ursprüngliche Form des Werks und damit auch seine Bedeutung zu bestimmen – ungeachtet der Tatsache, dass das Skulpturfragment in mehrerer Hinsicht von den gewohnten Mithrasdarstellungen abweicht. Zum einen wurden die plastischen Mithras- darstellungen, insbesondere die zentrale Szene des Kultbildes, überwiegend als Reliefs ausgeformt;9 für ähnliche Rundplastiken wie die Unserige gibt es nur einige wenige Beispiele.10 Als bedeutend anzusehen ist neben den zu- meist italischen Werken das aus demselben Heiligtum wie unsere Terrakottafigur stammende Kultbild von Aquin- cum, welche Skulpturengruppe die Stilmerkmale der lokalen Steinmetzkunst trägt.11 Ungewohnt unter den Götterdarstellungen der Mithras-Heiligtümer ist aber nicht nur die Formgestaltung der untersuchten Skulptur, sondern auch ihr Terrakottamaterial. Denn „Wert und Rang“ der Gottheit definierten sich ebenso durch das zu seiner Darstellung verwendete Material.12 Deshalb wurden die Mithras darstellenden Kultbil- der, und ganz besonders das zentrale Kultbild – selbst wenn die Nebenszenen einfach auf die Wand gemalt waren–, nahezu ausnahmslos aus Stein gefertigt. Bekannt sind daneben sog. Komposit-Kultbilder, wo man dem Grundbild durch Metallapplikationen, im Allgemeinen Bronze, einen höheren Wert verlieh.13 Mithrasdarstellungen aus Terra- 9 CLAUSS 2012, 78–88. Neben einigen Rundplastiken der 12 CLAUSS 2012, 92–93. Tauroktonie sind es umrundbare Mithras-Skulpturen, die Mithras auf 13 Z. B. Mithraeum in Martigny (Schweiz): CLAUSS 2012, dem Rücken des Stiers mit diesem ringend (Transitus) sowie als Gott, 92, Abb. 62; F. WIBLÉ: Les petits objets du mithraeum de Martigny/ der aus dem Felsen geboren wird (Petra Genetrix), darstellen. Forum Claudii Vallensium. In: M. Martens–G. De Boe (eds): Roman 10 Allgemein: CLAUSS 2012, 92; am bekanntesten: CLAUSS Mithraism. The Evidence of the Small Finds. Brussel 2004, 143, Fig. 2012, 79, Abb. 46; MERKELBACH 1984, Roma – Abb. 66, Roma – Abb. 12; oder der von einem Helm stammende Mithras- (Attis?-) Kopf aus 67; L. László (Hrsg.): Mithras és misztériumai [Mithras und seine Bronze: M. MARQUART: Mithras aus Bronze. In: Roman Mithraism. Mysterien]. Budapest 2005, Ostia, Taf. IX. The Evidence of the Small Finds. Ed. by M. Martens, G. De Boe. 11 NAGY 1971, 150–151. Brussel 2004, 310–311, Abb. 13. Acta Archaeologica Academiae Scientiarum Hungaricae 65, 2014 124 P. ZSIDI kotta gelten als Ausnahmeerscheinung, bekannt sind nur fünf Exemplare aus Pantikapeé (Glinischtsche) an der Schwarzmeerküste, die bei verschiedenen Freilegungen und unter abweichenden Fundumständen zum Vorschein gelangten.14 Die Rundplastiken der in ein und derselben lokalen Werkstatt hergestellten Serie entstanden nach iden- tischem Schema, sie zeigen eine Stiertötungsszene aus der frühen Erscheinungsperiode des Mithraskults. Ihre Be- sonderheit ist, dass sie genau den Moment festhalten, als Mithras mit seinem Arm nach hinten ausholt, um den Stier niederzustechen. Die meisten Szenen der tauroktonie verewigen jenen Augenblick, in dem Mithras, mit dem rech- ten Arm vor dem Oberkörper, seinen Dolch gerade in den Stierhals stößt. Außergewöhnlich an den Terrakottastatu- etten vom Schwarzen Meer – die kaum kleiner als unser Exemplar, ja von nahezu identischer Größe sind – ist auch die Tracht der Gottheit, welche keinen Zweifel daran zulässt, dass man in der Darstellung eine synkretistische Er- scheinungsform von Mithras und Attis erkennen soll.15 Zur Gestaltung der Komposition unserer Terrakottaskulptur haben letztendlich nicht nur die strengen Vor- schriften und die Materialbeschaffenheit, sondern auch die Begabung und das fundierte Können des vor Ort tätigen Meisters beigetragen.16 Was ist also, bei Berücksichtigung dessen, von der ursprünglichen Komposition auf uns gekommen? Am Oberkörper war die fast unversehrt erhalten gebliebene linke Schulter mit einem Mantel bedeckt, der – auf Grund seiner Fältelung – auch auf der rechten Schulter lag und, nach der Mehrzahl der Darstellungen zu urteilen, vermutlich mit einer Scheibenfibel geschlossen wurde. Die künstlerisch gefältelte Tunika hält in der Taille ein dreifach gerippter Gürtel zusammen. Das unter der Tunika hervorreichende, gerade ausgestreckte rechte Bein und die das linke Bein verdeckende, wegen der knienden Haltung hochgeschobene Tunika deuten auf die charak- teristische Pose des den Stier tötenden Mithras. Mit dem höher befindlichen linken Bein kniet die Gestalt wahr- scheinlich, während sie das ausgestreckte rechte Bein neben dem Tierkörper anspannt. Diese typische Körperhaltung des Mithras mit kniendem linkem und ausgestrecktem rechtem Bein ist bei zwei Darstellungstypen zu beobachten. Der eine Typ – eine charakteristische, die Stiertötung darstellende Komposition – war bereits bei der Iden- tifizierung der Terrakottafragmente behilflich (Abb. 5). Hier handelt es sich um die häufigste Mithrasdarstellung, die aus keinem der Heiligtümer wegzudenken und oftmals sogar in mehreren Exemplaren anzutreffen ist. Bevor ich jedoch eindeutig Stellung beziehe, ob unsere Plastik eine Darstellung der Stiertötungsszene gewesen ist, möchte ich noch auf ein anderes winziges Detail hinweisen. Bemerkenswert an dieser Komposition ist, dass sie den Oberkörper der Gottheit frontal zeigt, der sich im Verhältnis zur Hüfte nicht in Richtung des Stierkopfs wendet. In erster Linie einfacher ausgeführte, lokale Reliefs bilden Mithras’ Oberkörper frontal ab;17 bei dieser leichter zu meißelnden Darstellungsweise musste man die Verkürzung der Schulter nicht berücksichtigen. Im Fall des Reliefs war die Ausarbeitung des rechten Arms vor dem Körper kein Problem, und oftmals fiel nicht einmal die daraus resultierende Unproportioniertheit auf. Doch an unserer Terrakottaskulptur findet sich vor dem Oberkörper keine Spur der Ge- staltung eines übergreifenden rechten Arms. In diesem Fall gibt es zwei Lösungsmöglichkeiten. Der Meister hat entweder den rechten Arm separat vom Oberkörper ausgeformt oder aber nicht den Moment des Zustechens fest- gehalten. Die erste Möglichkeit lässt sich technisch und künstlerisch gleichermaßen schwer realisieren, weil der frei stehende Tonarm ohne Stütze leicht zu beschädigen ist. Zudem musste wegen der Frontalansicht eine künstlerische Lösung dafür gefunden werden, dass der rechte nicht unproportional länger als der linke Arm erscheint. Für die zweite Lösung käme die eine oder andere Analogie in Betracht. Die Darstellung des Mithras-Attis mit ausholendem Arm vor der Stiertötung hatte ich oben schon in Verbindung mit den Terrakottastatuetten von Pantikapeé erwähnt.18 Eine weitere Möglichkeit bietet ein Fund aus der unteren Donauregion. Das bulgarische Relief hält den Moment nach dem Erstechen des Stiers fest, der Dolch steckt schon im Hals des Stiers, und Mithras’ Rechte schwingt trium- phierend nach hinten. Auch in diesem Fall zeigt die Komposition den Oberkörper frontal. Hinzufügen möchte ich, dass die atypische Haltung der Arme in den beiden selten dargestellten, an die Stiertötung zu bindenden Szenen für die Schwarzmeer- und untere Donauregion charakteristisch ist.19 In Anbetracht dessen, dass die auf uns gekommenen Terrakottafragmente nur zur Gestalt der Gottheit gehörende Details enthüllen, empfiehlt es sich zu prüfen, ob die frontale Oberkörperansicht zusammen mit der 14 W. BLAWATSKY–G. KOCHELENKO: Le culte de Mithra sur 17 Z. B. MERKELBACH 1984: Nida-Hedderheim Abb. 130; la Côte Septentrionale de la Mer Noire. Leiden 1966, 14–22, fig. 8–10. Mauls im Eisacktal bei Innsbruck (Raetia) Abb. 132; Apulum (Dacia) 15 CLAUSS 2012, 148–149. Abb. 153; Micia (Dacia) Abb. 155; Kurtowo-Konare Abb. 164. 16 I. TÓTH: Mithras a misztériumok istene? [Mithras, Gott 18 Vgl. Anm. 14–15. der Mysterien?] In: Mithras Pannonicus. Ed. by M. Fekete, M. Kiss, 19 CLAUSS 2012, 91, Abb. 60, 149. I. Tóth, P. Vargyas, L. Vilmos, Zs. Visy. Budapest–Pécs 2003, 3. Acta Archaeologica Academiae Scientiarum Hungaricae 65, 2014 TERRAKOTTA-MITHRASDARSTELLUNG IN AQUINCUM 125 Abb. 5. Hypothetische Rekonstruktion der Originalkomposition der Terrakottaskulptur. Variante 1: die Stiertötungsszene (Zeichnung: L. Illés nach einer Rekonstruktion von Á. Németh) typischen Haltung mit kniendem linkem und ausgestrecktem rechtem Bein außer in der Stiertötungsszene noch in anderen Darstellungen der mithraischen Ikonographie auftaucht. Auf Darstellungen von Nebenszenen der zentralen Kultbilder erscheint eine Gestalt mit phrygischer Mütze, in der typischen knienden Haltung der „Stiertötung“, die mit ihrer linken Hand die Erde und mit ihrer rechten Hand das Himmelsgewölbe stützt.20 Nach R. Merkelbach zeigt diese Darstellung die sechste der Weihegrade, eine der Darstellungsweisen des Sonnenläufers (Heliodromus).21 20 MERKELBACH 1984: Rom, Barberini Mithraeum (ge- 21 Bekannt sind die Atlas-artige Darstellung der Szene malte Nebenszene) Abb. 52; Besigheim (rechter Arm stützt die Erde, sowie das Erscheinen des Globus in den Darstellungen: MERKELBACH linker Arm den Himmel) Abb. 111; Hedderheim Abb. 130; Mauls im 1984, 120–121. Eisacktal bei Innsbruck Abb. 132; Poetovio Abb. 136. Acta Archaeologica Academiae Scientiarum Hungaricae 65, 2014 126 P. ZSIDI Abb. 6. Hypothetische Rekonstruktion der Originalkomposition der Terrakottaskulptur. Variante 2: der Sonnengott trennt Himmel und Erde (Zeichnung: L. Illés) Mithras, der die Stiertötung hinter sich hat, macht als Sonnengott22 mit der Trennung von Himmelsgewölbe und Erde beziehungsweise dem Stützen des Himmelsgewölbes den Weg für die aufgehende Sonne frei, symbolisiert zugleich aber auch den sich täglich wiederholenden Weg der Sonne am Himmel.23 In diesen Szenen ist seine Dar- stellung als „Befestiger des Himmelgewölbes“ oder „Lichtbringer“ in der Stiertöterhaltung der Gottheit eindeutig als Hinweis auf die zentrale Kultszene zu verstehen. Theoretisch könnte unsere Terrakottaskulptur – sei es auf Grund ihrer Gestaltung – auch zu dieser Szene gehört haben (Abb. 6), wenngleich die Episode eher in den Neben- 22 Nach R. Merkelbach erscheint der Sonnengott bei die- 23 MERKELBACH 1984, 120. sem Darstellungstyp in Gestalt eines perischen Hirten: MERKELBACH 1984, 120. Acta Archaeologica Academiae Scientiarum Hungaricae 65, 2014 TERRAKOTTA-MITHRASDARSTELLUNG IN AQUINCUM 127 Abb. 7. Venus-Terrakotta: Foto aus dem Nachlass von T. Nagy Acta Archaeologica Academiae Scientiarum Hungaricae 65, 2014 128 P. ZSIDI Abb. 8. Sich kämmende Venus: Skulptur des Materials aus dem Symphorus-Mithraeum szenen der zentralen Kultbilder vorkommt. Ihre gemalte oder Reliefversion in skulpturartiger Gestaltung ist mir noch nicht begegnet. Was wir bis jetzt über unsere Terrakottaskulptur wissen: Mit Sicherheit handelt es sich um ein ungewöhn- liches Werk lokaler Provenienz, das zu einer der häufig dargestellten zentralen Szenen des Kults gehört haben mag. Es ist aber auch nicht auszuschließen, dass sie als seltenere Darstellung eventuell Teil einer der Nebenszenen war. Hinsichtlich ihrer Funktion könnte sie sehr wohl zur Einrichtung des Heiligtums gehört haben oder auch als Weih- gabe in die Kultstätte gelangt sein. Die letztere Frage zu entscheiden ist schwierig, selbst die Fundumstände können nichts dazu beisteuern. Denn weder in der Publikation oder im Inventarbuch noch in dem bislang gesichteten Nach- lassmaterial habe ich einen Hinweis darauf gefunden, in welchem Teil des Heiligtums und in Gesellschaft welcher Begleitfunde die Fragmente zum Vorschein kamen. Der Ausgräber hat die im Inneren der Cella des Mithraeums geborgenen Funde in seinem vorläufigen Bericht24 und nach Abschluss der Freilegung in einem Vortrag25 ausführlicher beschrieben, den Terrakottagegen- stand jedoch nicht erwähnt. In beiden Schriften behandelt er aber die im Heiligtum zum Vorschein gelangte Venus- Terrakotta.26 T. Nagy erwähnt nur eine Skulptur der weiblichen Gottheit27 (Abb. 7), das Inventarbuch beschreibt dagegen auch eine andere Venusstatuette28 (Abb. 8). Die vom Ausgräber erwähnte Skulptur stellt eine nackte Göttin 24 NAGY 1943, 385–386. 27 Dieses Skulpturfragment aus Terrakotta ist heute nur 25 T. NAGY: Das neu entdeckte Mithraeum von Aquincum noch auf einem Foto des Nachlassmaterials zu sehen bzw. von einer (Vortrag, gehalten in dem klassisch-archäologischen Seminar am 15. Beschreibung des Ausgräbers bekannt. 11. 1941.), Historisches Museum Budapest, Archäologisches Archiv, 28 Da man die an diesem Fundort geborgenen Funde nicht Nachlass-Sammlung (HMB AA NS), Inv.-Nr. 2409–2012. zusammen inventarisiert hat, werden die Gegenstände an verschiedenen 26 NAGY 1943, 386; s. auch Anm. 25, 14–16. Stellen verstreut aufbewahrt. Von daher ist es nicht undenkbar, dass die in der Publikation beschriebene und auf einem im Nachlass des Ausgrä- bers befindlichen Foto festgehaltene Venusskulptur wieder auffindbar ist. Acta Archaeologica Academiae Scientiarum Hungaricae 65, 2014 TERRAKOTTA-MITHRASDARSTELLUNG IN AQUINCUM 129 dar, an ihrer rechten Seite ein einen Obstkorb tragendes Kind. Die andere, in der Sammlung befindliche Terrakotta- figur vertritt den sog. Typ der „sich kämmenden“ Venus.29 T. Nagy sieht eindeutig einen Zusammenhang zwischen der Fruchtbarkeit und der Szene dieser, die Göttin darstellenden Skulptur, die als Votivgabe in das Heiligtum gelangt ist.30 Unser Terrakotta-Mithras war auf Grund seiner Abmessung (Gesamtmaß: ca. 30×30 cm) zu groß, in seiner Gestaltung zu anspruchsvoll, um als einfaches (und billiges) ex voto zu dienen. Teil eines Weihgeschenks größeren Umfangs allerdings könnte die Plastik durchaus gewesen sein.31 Solch ein größeres, kostspieligeres Votivgeschenk war der rote, bemalte Altarstein mit Inschrift, der bei der südlichen Podiumsmauer des Heiligtums ans Licht kam.32 Eine kurze Überlegung verdient dennoch auch die Frage, ob es möglich wäre, unsere Skulptur als Aus- druck einer zum zentralen Kultbild gehörenden Nebenszene zu interpretieren. Im Manuskript seines nach Abschluss der Grabung gehaltenen Vortrags führt T. Nagy in Verbindung mit dem Kultbild und dessen Kontext aus: „Es fehlt aber jede Spur, ob die Szenen der Mithras-Vita hier in der Malerei zur Darstellung gekommen waren. Es kam also nur das Hauptereignis des Mythos in Aquincum zur Darstellung, die geschichtlichen Nebenszenen fehlen gänz- lich.“33 Ich sehe keinen Grund, die Feststellung des Ausgräbers anzuzweifeln. Zusammenfassend hier nun eine Übersicht, zu welchen Ergebnissen die Untersuchung der aus dem sog. Symphorus-Mithraeum der Zivilstadt von Aquincum stammenden Terrakottafragmente geführt hat. 1. Die im Mithraeum freigelegten Terrakottafragmente gehören nicht zu diversem Gebäudeschmuck, son- dern zu einer figuralen Rundplastik. 2. Die Körperhaltung des erneut restaurierten Skulpturfragments ist typisch und nur für Mithras charakte- ristisch, gleichzeitig handelt es sich um eine unter den Mithrasdarstellungen seltenere Rundplastik; die Verwendung von Terrakottamaterial ist auch ungewohnt. 3. Auf Grund der untersuchten Komposition lässt sich die Skulptur mit zwei möglichen Szenen der mith- raischen Ikonographie in Zusammenhang bringen: a) mit der zentralen Szene eines Kultbildes mit Darstellung der Stiertötung bzw. b) einer Nebenszene der zentralen Kultbilder, in welcher der Sonnengott Himmel und Erde trennt. 4. Abschließend konnte festgestellt werden, dass die Skulptur, da die Nebenszenen des zentralen Kultbildes im Symphorus-Mithraeum nicht bekannt sind, eventuell als größerer, anspruchsvollerer Votivgegenstand in das Heiligtum gelangte und somit Teil des Kultinventars gewesen sein dürfte. LITERATUR CLAUSS 2012 = M. CLAUSS: Mithras. Kult und Mysterium. Frankfurt am Main 2012. KOVÁCS–SZABÓ 2009 = P. KOVÁCS–Á. SZABÓ (cura): Tituli Aquincenses I–II. Budapest 2009. MERKELBACH 1984 = R. MERKELBACH: Mithras. Hain 1984. NAGY 1943 = T. NAGY: A Fővárosi Régészeti és Ásatási Intézet jelentése az 1938–1942. évek között végzett ku- tatásairól [Bericht des Archäologischen Instituts von Budapest über die Forschungen der Jahre 1938–1942]. BudRég 13 (1943) 360–399 [537–558]. NAGY 1971 = T. NAGY: Kőfaragás és szobrászat Aquincumban (Taille de pierre et sculpture à Aquincum). BudRég 22 (1971) 103–157. 29 Inv.-Nr. 56.200.78. 31 Die Tauroktonie-Szene ist ein häufiges Thema der in den 30 Wie man weiß, kam der Göttin Venus in den Mithras- Mithraeen zum Vorschein gelangten ex votos: z. B. Stockstadt: CLAUSS Mysterien auch in kosmologischer Hinsicht Bedeutung zu, was ihre 2012, Abb. 16; Brigetio: CLAUSS 2012, Abb. 51. Anwesenheit in den Mithras-Heiligtümern ebenfalls begründet. MER- 32 KOVÁCS–SZABÓ 2009, Kat.-Nr. 247. KELBACH 1984, Abb. 60, Abb. 79; CLAUSS 2012, 152. 33 HMB AA NS, Inv.-Nr. 2409–2012, S. 31. Acta Archaeologica Academiae Scientiarum Hungaricae 65, 2014