Origines gentium, religious transformations and state building in the early medieval Caucasus: old sources, new methods, and many problems (in German)
Paper presented at the „Arbeitskreis zum christlichen Diskurs der Spätantike und des frühen Mittelalters“, University of Vienna, 4th of March 2011. Slides of the presentation online: http://oeaw.academia.edu/JohannesPreiserKapeller/Talks/39564/Origines_
(paper section of my academia.edu-site)
Einige zentrale Fragen sollen zur Diskussion gestellt werden, die sich aus einem Forschungsvorhaben zu den... more
Einige zentrale Fragen sollen zur Diskussion gestellt werden, die sich aus einem Forschungsvorhaben zu den armenisch-byzantinischen Beziehungen vom 4. („Christianisierung“ und „Teilung“ Armeniens) bis zum 9. Jh. („Wiederherstellung“ der armenischen Monarchie durch die Bagratidendynastie) ergeben haben; im Rahmen dieser Forschung soll Armenien sowohl in den breiteren Kontext der Entwicklung (Trans-)Kaukasiens als auch der spätantiken und frühmittelalterlichen Welt überhaupt gestellt werden (bislang ein Desiderat der Forschung). Am 4. März werde ich vor allem drei Fragenkomplexe vorstellen, wobei ich auf Hinweise, Ratschläge und Erfahrungen von Kolleginnen und Kollegen hoffe, die an ähnlichen Problematiken arbeiten:
1. Die einheimische historiographische Tradition in Armenien, (Ost-)Georgien und Kaukasisch-Albanien (heute Nordwestaserbeidschan) beginnt mit der Etablierung eigener Alphabete und Schriftsprachen im 5. Jh. n. Chr. (wiederum als Folge der „offiziellen“ Christianisierung dieser Königreiche in der 1. Hälfte des 4. Jh.s); die ersten Werke, die „origines gentium“ für die Jahrhunderte vor der Christianisierung bieten, datieren meist noch später. Die traditionelle, vor allem nationale Geschichtsschreibung für diese Staaten versucht aber, aus diesen Werken nationalhistorische Traditionen zu „rekonstruieren“, die (zumindest) bis zur ersten inschriftlichen Erwähnung der jeweiligen Ländernamen als Provinzen der achämenidischen Großkönige (6. Jh. v. Chr.) zurückverfolgt werden. Inwiefern können aber allfällige „einheimische Traditionskerne“ ethnischer Identität und Erinnerung überhaupt auf diese Weise erschlossen werden?
2. Entscheidendes Ereignis der frühmittelalterlichen transkaukasischen Geschichtswerke ist die „offizielle“ Christianisierung (verbunden mit der Taufe des jeweiligen Königs), auf die auch die Darstellung der vorangegangenen Geschichte hin ausgerichtet wird. Die frühesten schriftlichen Schilderungen dieser religiösen Transformationsprozesse lassen sich ein Jahrhundert nach den Ereignissen datieren und zeigen eine starke Anlehnung an hagiographische und andere literarische topoi und Vorbilder aus Nachbarliteraturen (Griechisch, Syrisch). Gleichzeitig existieren verschiedene Versionen sowohl der Christianisierung des 4. Jh.s als auch von Traditionen, die auf erste Bekehrungsversuche in apostolischer Zeit verweisen (Jean-Pierre Mahé spricht von „einer Historiographie mit doppeltem Boden“). Es lässt sich z. T. vermuten, dass hier verschiedene lokale Traditionen der „Christianisierung“ einzelner Regionen der politisch stark fragmentierten Königreiche bewusst zu einer gemeinsamen übergreifenden Christianisierungserzählung des jeweiligen Landes vereinheitlich werden sollten. Inwieweit lässt sich überhaupt ein historischer Verlauf der Etappen der Verbreitung des Christentums daraus erschließen?
3. Im Gegensatz etwa zu Entwicklungen des europäischen Frühmittelalters folgte auf die Christianisierung keine Herausbildung eines gestärkten „christlichen“ Königtums; unter dem Druck der angrenzenden Großmächte Byzanz und Persien kam es zu Teilungen in Einflusssphären und der Abschaffung der einheimischen Königtümer (428 in Armenien, 580 in Ostgeorgien, 510 in Albanien). Erhalten blieb aber z. T. die Macht der Häuser der Aristokratie, aus deren Reihen die byzantinischen oder persischen Oberherrn oft „vorsitzende Fürsten“ einsetzten bzw. anerkannten. Mit der arabischen Eroberung gelangten dann die transkaukasischen Länder Ende des 7. Jh.s unter eine einheitliche politischer Oberhoheit, nahmen aber eine ganz unterschiedliche Entwicklung: in Albanien verschwand die staatliche und kirchliche Tradition bis zum 10. Jh. fast vollständig; in Armenien kam es zu einer „Erneuerung“ der Monarchie durch die Bagratiden, denen aber nie eine Vereinigung aller armenischen Territorien gelang (vielmehr kam es zu einer neuerlichen Fragmentierung, die in die Annexion durch Byzanz im 10./11. Jh. und schließlich in die seldschukische Eroberung mündete); den „georgischen“ Bagratiden gelang hingegen im 11. Jh. erstmals die Herstellung der „Einheit“ der west- und ostgeorgischen Länder und die Etablierung einer relativ starken Monarchie bis zum Einfall der Mongolen im 13. Jh. Die stark aristokratisch geprägten Machtstrukturen dieser Jahrhunderte werden immer noch mit dem aus der westlichen Mediävistik entlehnten Terminus des „Feudalismus“ charakterisiert, während dieser Begriff in der Mediävistik inzwischen stark in die Diskussion geraten ist (vgl. etwa das Werk von Susan Reynolds). Welche Konzepte und neuen Modelle können uns helfen, die Entwicklung der transkaukasischen Länder zwischen Fragmentierung und Verdichtung der politischen Macht und dem Wechselspiel zwischen regionaler aristokratischer Tradition und imperialen Machtansprüchen der Großmächte in diesen Jahrhunderten im Rahmen der allgemeinen Forschungsdiskussion der frühmittelalterlichen Staatlichkeit zu erfassen und zu analysieren?
In die Betrachtung einbezogen werden sollen auch benachbarte kaukasische Ethnien und Staatsgebilde, insbesondere auch das Reich der Chasaren, wo die Bekehrung von Teilen der politisch führenden Gruppe zum Judentum (wohl Anfang des 9. Jh.s) einen besonders spannenden Vergleichsfall bietet.